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Literaturen

REZENSIONEN

Veröffentlicht am 19. Januar 2014 ̶ Kommentare 5

Luigi Pirandello – Sechs Personen suchen einen Autor


von Sophie

Es gibt viele Romane, die auf einer höher geordneten Ebene ihre eigene Existenz thematisieren. Ein
Klassiker dieses Fachs dürfte noch heute Laurence Sternes Tristram Shandy sein, das als
Lebensgeschichte, auf epische Breite angelegt, bereits die ersten hundert Seiten kaum über die
Geburt des Tristram Shandy hinauskommt. Immer wieder mischt der Erzähler sich ein, wird als
Erzähler erkennbar. Das aktuellste Beispiel eines solchen literarisch-erzählerischen Verwirrspiels
lieferte Tilman Rammstedts ,Die Abenteuer meines ehemaligen Bankberatersʻ. Die faszinierende
Lust am Spiel mit Realitäten ist beinahe mit bloßen Händen greifbar, es macht Freude, sich von
Autoren um den Finger wickeln zu lassen.
Luigi Pirandello war ein Meister auf diesem Gebiet. 1867 in
Agrigent geboren, gilt er heute als einer der bedeutendsten
Dramatiker des 20. Jahrhunderts. 1934 erhielt er für Einer,
Keiner, Hunderttausend den Literaturnobelpreis. Sechs
Personen suchen einen Autor gehört zu den meistinszenierten
Stücken an großen Häusern, enthält es doch ganz zentrale
Punkte Pirandellos philosophischer Überlegungen.

Seit vielen Jahren ‒ und doch, so scheint es, erst seit


gestern ‒ steht eine sehr geschwätzige, des Handwerks
aber darum nicht weniger kundige Magd im Dienste
meiner Kunst. Sie heißt Phantasie.

So heißt es im Vorwort zu ,Sechs Personen suchen einen Autorʻ, Luigi Pirandello, 1934
das gleichzeitig einer der wichtigsten theatertheoretischen
Schriften Pirandellos darstellt. Ihm drängten sich unangekündigt und mit größter Vehmenz, von der
Phantasie heraufbeschworen, sechs Personen auf, die ihm ihr Drama offenbarten. Es war tragisch,
sensationell, herzerweichend, doch Pirandello vermochte diese sechs Personen in kein Stück
einzupassen. Er verweigerte ihnen rundweg die Autorenschaft ‒ und konzipierte ein anderes Drama:
Das Drama des fehlenden Autors und damit der fehlenden Existenzgrundlage seiner Figuren.

Dieses Paradoxon allein wäre als literaturhistorische Besonderheit erwähnenswert, dreht sich doch
dieses Stück oberflächlich betrachtet ausschließlich darum, dass sechs Personen eine recht
mittelmäßig geführte Theaterprobe unterbrechen ‒ auf der Suche nach einem Autor. Der
Theaterdirektor persönlich führt Regie und ist zunächst geneigt, die sechs, ein Ehepaar sowie zwei
große und zwei kleinere Kinder, des Saals zu verweisen. Er habe keine Zeit für Verrückte.

DER VATER: Ich behaupte, daß es wirklich als eine Verrücktheit anzusehen wäre, jawohl,
wenn man sich um das Gegenteil bemühte und wahrscheinliche Verrücktheiten erschaffen
wollte, auf daß sie wahr erscheinen mögen. Aber erlauben Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu
machen, daß, wenn es Verrücktheit gibt, diese immerhin die einzige Rechtfertigung Ihres
Berufes ist.
(Die Schauspieler reagieren empört)
DER THEATERDIREKTOR (erhebt sich und mustert ihn): Ach, ja? Unser Beruf ist etwas für
Verrückte, meinen Sie?
DER VATER: Nun, etwas als wirklich erscheinen zu lassen, was nicht existiert, ohne
Notwendigkeit, mein Herr, einfach aus Vergnügen am Spiel …Ist es nicht Ihre Aufgabe,
Phantasiegestalten auf der Bühne zum Leben zu erwecken?

Stetig wiederkehrende Themen in Pirandellos Stücken und Romanen waren die Wirklichkeit und das
Individuum. Oder besser: Das Nichtvorhandenseins des Individuums. Pirandello war der
Überzeugung, dass es ein festgelegtes, ein immer gleiches Ich nicht gäbe. Viel mehr seien wir alle
vieleʻ,
, je nachdem wo und in wessen Gesellschaft wir uns befänden. Je nachdem, welche
Erfahrungen uns veränderten. Das Ich sei in stetem Wandel, zerlegt in viele einzelne
Mosaiksteinchen. Niemand kann wissen, wer der andere ist, wozu er womöglich fähig ist, welche
Gesichter und Geschichten er in sich trägt. Und so geriet manch ein Pirandello-Stück unversehens
zum Happening für das Publikum.

Unwissend, welcher der Akteure des Abends zum Stück gehört und wer sich aus
Publikumsperspektive über ein Stück ereiferte, flossen die Grenzen von Wirklichkeit und Fiktion
ineinander. In der Pause gab es Tumulte, die sich auf die Handlung des Stücks bezogen, der
Regisseur griff ein, Schauspieler tauchten auf und mischten sich ein. Die Beständigkeit der
Kunstform, die klare Trennung zwischen Bühne und Publikum war aufgehoben. Hinter Pirandellos
Stücken liegt eine ganze Weltanschauung, eine komplexe Philosophie, mit der er sich
kulturhistorisch in bester Gesellschaft befindet.Auf einer Wellenlänge gewissermaßen mit
Schopenhauer und Nietzsche.

Auch in der Kunst war die Fragmentierung des Ichs unter Zeitgenossen zu beobachten. Hinfort war
das Ideal des standfesten und vernunftgeleiteten Menschen. Pirandello hat im Hinblick auf das
Theater und die Literatur maßgeblich dazu beigetragen, eine neue Perspektive auf das Menschsein,
auf die Wirklichkeit zu etablieren. Der Theaterdirektor in , Sechs Personen suchen einen Autorʻ zeigt
sich willens, das Stück aufzuführen und auszuarbeiten, das die Bühnenfiguren ihm darbieten ‒ ohne
in Gänze zu begreifen, dass sie nicht etwa Laiendarsteller, sondern der Phantasie entsprungene
Kunstfiguren sind. Figuren, deren einziger (Lebens)Zweck das Drama ist, in dem sie stattfinden. Sie
sind keinem Wandel unterworfen, sie sind immer dieselben, weil sie von Vornherein so “gemacht”
sind.

Die tatsächliche Inszenierung des Stücks jedoch ist zum Scheitern verurteilt, ‒ nicht, weil die
Personen gar am Talent der anwesenden Schauspieler zweifeln, sondern weil sie in ihrer Darstellung
nur ein schales Abbild ihrer selbst erblicken. Nur die Interpretation ihrer selbst. Die sechs Personen,
schreibt Hanspeter Plocher im Nachwort, verlangen Unmögliches. Sie verlangen, dass die
Wandelbarkeit, die Vielfalt des menschlichen Ichs und seines Erlebens, in der starren Form der
Kunst widergespiegelt wird. Pirandellos Stück steckt nicht nur voll kluger Ideen und Denkansätze,
voll subtilem Humor (spielen die Schauspieler doch anfangs ein Pirandello Stück!) ‒ es ist ein
Spiegelkabinett menschlichen Seins. Der Mensch als Träger unzähliger Masken.

DER DIREKTOR: (entschließt sich, es ins Lächerliche zu ziehen) Na ausgezeichnet! Und jetzt
sagen Sie bloß noch daß Sie mit diesem Stück, das Sie mir hier vorführen, wahrer und
wirklicher sind als ich!
DER VATER: (mit dem größten Ernst) Aber daran besteht doch kein Zweifel, Herr Direktor!
DER DIREKTOR: Ach nein?
DER VATER: Ich dachte, das hätten Sie schon von Anfang an begriffen.
DER DIREKTOR: Wirklicher als ich?
DER VATER: Wenn Ihre Wirklichkeit sich von heute auf morgen ändern kann…

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S C H L A G W O R T : expressionismus, ich, luigi pirandello, sechs personen suchen einen autor, theater, wirklichkeit

5 Kommentare

Louisa Winkler
19. Januar 2014
Was für ein bereichernder Artikel, wundervoll zu lesen!

Antworten

literaturen
19. Januar 2014
Vielen Dank, das freut mich.

Antworten

caterina
24. Januar 2014
Von Pirandello habe ich damals im Studium den Roman Einer, Keiner, Hunderttausend gelesen, der genau um die
Fragen kreist, die du hier aufwirfst: die der Identität bzw. genauer gesagt der Identitäten, damit einhergehend die
Unfähigkeit des Individuums, einen Platz in der Welt zu finden, und schließlich die Verdammung zur Lethargie. Hast
du dich mit Pirandello über die Lektüre von Sechs Personen… ausgiebiger befasst? Deine Rezension lässt das
vermuten ‒ Chapeau!

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