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Geistesgeschichte

O Laura, geliebter
Lorbeer
Der Romanist Karlheinz Stierle windet
dem Dichter Petrarca schönste
Kränze

Von Rolf-Bernhard Essig


11. Dezember 2003 / Quelle: (c) DIE ZEIT 11.12.2003
Nr.51

AUS DER ZEIT NR. 51/2003

Sein Selbstbewusstsein war gut


entwickelt, obwohl er das Jura-Studium
nach zehn Jahren ohne Abschluss
abgebrochen hatte. In einem offenen
Brief warf er Karl IV. vor, er sei
furchtsam und träge, weil er seine Reise
nach Rom immer nur ankündige, nie
aber in die Tat umsetze. Die Kritik
gipfelte in der frechen Frage: "Denn was
wartest Du weiter? Dass der Po zu seiner
Quelle zurückkehrt?" Zwar hatte
Francesco Petrarca (1304 bis 1374)
damals schon als Kardinalssekretär,
Diplomat und Poeta laureatus Ruhm
erlangt, dennoch überrascht der
Freimut, mit dem er lebenslang Papst,
König und Kaiser beratend, ermahnend,
kritisierend gegenübertrat.
Unwillkürlich muss man an den Typus
des Intellektuellen denken, obwohl das
Konzept erst um 1900 entwickelt
wurde.

Groß ist die Versuchung, Petrarca als


den "frühesten vollständig modernen
Menschen" (Jacob Burckhardt) zu
bezeichnen, ihn für unsere Zeit zu
reklamieren, hat er doch die Dichtkunst
wie die Sicht auf die Welt verändert.
Erstaunlich modern erscheint seine
geistige Freiheit, sein Plädoyer für die
Widersprüchlichkeit im Konzept einer
veritas multiplex, seine fast schon
gehetzte Zeitökonomie, die ihn noch im
Reiten lesen ließ, sein Drang, mit
eigenen Augen die Welt zu sehen, seine
kühne Metaphorik, sein Faible für das
Fragmentarische.

Petrarca, der kaum ein Werk vollendete,


seine Arbeiten vielmehr immer wieder
revidierte, reorganisierte und
weitertrieb, war es auch, der das Wort
fragmentum zuerst auf Kunst und
Literatur anwendete. Dass er die Einheit
Italiens in Brandbriefen forderte und in
beinahe jakobinischer Begeisterung den
humanistischen Staatsmann Cola di
Rienzi unterstützte, ließ ihn als einen
pater patriae erscheinen. Dazu gilt er als
Vater des Humanismus, und einige
meinen, er habe quasi allein das dunkle
Mittelalter mit seiner luziden Kritik
erleuchtet; eine Auffassung, die Petrarca
gleichzeitig unter- und überschätzt.

Unbezweifelbar ist die Tatsache, dass


sich bereits zwei Dutzend Generationen
von ihm inspirieren ließen. Literaten
und Philosophen sind darunter,
bildende Künstler und natürlich
Musiker: Man denke nur an die
leidenschaftliche Klangrede Claudio
Monteverdis in den Vertonungen der
Sonette. Besonders die Lyriker ahmten
in den folgenden Jahrhunderten – teils
simplifizierend und als Manier – seinen
Dichtungsstil nach, was als
Petrarkismus bekannt und selbst noch
in der Parodie als Antipetrarkismus
wirkmächtig wurde. Übereifrig arbeitete
die Nachwelt weiter am Mythos
Petrarca, den zu schaffen er selbst sein
Leben lang bemüht gewesen war.

Die Einzigartigkeit Petrarcas zu preisen


wird Karlheinz Stierle, Professor für
Romanische Literaturen an der
Universität Konstanz, in seinem
fundamentalen Werk nicht müde, und
doch will er mehr, als ein weiteres
Denkmal für den geistigen Großfürsten
zu errichten. Keine Biografie, ein Dialog
und eine topografische Studie ist sein
Buch.

Wer sich auf die Erkundung dieser


europäischen Geisteslandschaft einlässt,
sollte sich eine Woche Zeit und mit
Vorfreude ernst nehmen, was Petrarca
einmal in einem Brief verlangte: "Ich
will, dass mein Leser, wer er auch sei,
nur mich, nicht die Hochzeit seiner
Tochter, nicht die Nacht mit der
Freundin, nicht die Fallstricke des
Feindes, nicht die Bürgschaft, nicht das
Haus, nicht seinen Acker oder seinen
Schatz im Sinn hat, und zumindest
solange er liest, will ich, daß er bei mir
ist. (…) Wenn dieser Pakt keine
Zustimmung findet, soll er sich von den
überflüssig gewordenen Texten
fernhalten; ich will nicht, daß er
gleichzeitig Geschäfte treibt und
studiert, ich will nicht, daß er ohne
Mühe aufnimmt, was ich nicht ohne
Mühe schrieb."

Begabt zur Freundschaft,


berechtigt zu furchtloser Kritik
Nein, weder Petrarca noch Stierle
biedern sich an. Sie wissen, wie sehr
sich die Lektüre lohnt, geschieht sie
ernsthaft und mit Muße. In diesem Fall
lernt der Leser eine Persönlichkeit und
ein Werk kennen, die etwas
Hochwillkommenes bieten:
unerschöpfliche Sinnreserven.Stierle tut
in der Regel nicht so, als stünden sie
direkt zur Verfügung, als sei die
historische Distanz im Sprung aus dem
Stand zu überwinden. Vielmehr geht er
viele Wege, um Petrarcas Projekt der
"Selbstermächtigung", im Verlaufe
dessen er zum fictor sui ipsius wird, zu
schildern.

Er klärt die vom Dichter-Diplomaten


stets unterschlagene besondere
Bedeutung von Avignon als
europäischer Geisteshauptstadt. Er
belegt durch ausführliche, gut gewählte,
stets zweisprachige Zitate, wie
Petrarcas Leben als ständiges Studieren,
Denken und Schreiben verstanden
werden kann und damit als Bio-Grafie.
In seinem Epos Africa, in seinen Briefen
und Dialogen, in seinen Dichtungen, die
heute unter dem unzutreffenden Titel
Canzoniere bekannt sind, stilisiert sich
der Schöpfer seiner selbst unentwegt
und stets neu. Noch die Epoche
machende Offenheit, mit der er sich als
widersprüchliches Wesen, als "Petrarca
multiplex" präsentiert, gehört dazu.

Treu bleibt Petrarca sich darin, dass er


stets nach Ruhm, nach dem Lorbeer
strebt, dessen italienische Synonyme er
mit dem Namen seiner unerreichbaren
Liebe Laura amalgamiert und in
tausend Formen seinen Versen
einschreibt. Das wichtigste Motiv der
vielen hundert Liebesgedichte wird bei
Stierle klar erkennbar, die Ruhmesliebe.

Obwohl er aber Petrarca als einen


Intellektuellen charakterisiert, der die
lebendige Antikerezeption des
Mittelalters selbstbewusst auf eine
ungekannte Höhe trieb und um neue
Denkweisen erweiterte, erwähnt er
nicht, wie sehr Grundfesten seines
Daseins auf einem antiken Werte-Kanon
beruhten, den gebildete Zeitgenossen
achteten. Die Liebe zum Ruhm
(philotimia) zierte schon seit der
griechischen Antike jeden großen Mann,
der Wunsch nach und die Fähigkeit zur
Freundschaft (philophronesis)
ermöglichte Petrarcas europaweites
Korrespondenz-Netz. Und das Vorrecht
des Rhetors, über alle Themen zu
sprechen (parrhesia), erlaubte ihm,
furchtlos Mächtige zu kritisieren.

Indem Stierle die Geisteslandschaft


Petrarca durchwandert, erschließt er
auch eine Topografie des 14.
Jahrhunderts: Das benachbarte Dante-
Massiv erkennt man, die
nominalistische Ebene, das Meer der
klassischen Texte, den Hain der Malerei,
den Kaiser-Papst-Sumpf, die Macchia
italienischer Stadtrivalitäten. Weil das
Buch so viel Raum bietet, überrascht es
aber, dass er den Wald der Historie wie
die Colli di Boccaccio nur streift, die
Quellen der Musik und das Dickicht des
Sozialen meist links liegen lässt.

Von Gedanke zu Gedanke, von


Berg zu Berg
Stierle hätte Lieblingsgegenden weniger
häufig aufsuchen sollen. Er hätte lange
Zitate nicht immer wieder (und jedes
Mal zweisprachig) aufführen,
Tatsachenkomplexe nicht Dutzende
Male erwähnen, seine originellen
Interpretationen nicht durch
Wiederholungen schwächen,
dekonstruktivistische und literarische
Assoziationen nicht ins Kraut schießen
lassen sollen. Verstehen kann man
allerdings Stierles Liebe zur mindestens
zwanzigmal erwähnten Formulierung
"di pensier in pensier, di monte in monte",
charakterisiert sie doch treffend
Petrarcas rastlosen Gang von einem
Gedanken zum anderen, von einem
Berg zum nächsten.

Ähnlich geht es denn auch Stierle, und


dann und wann hebt er gar, Dädalus
gleich, vom sicheren philologischen
Boden ab in spekulative Höhen, sodass
sich Widerspruch gegen seine Thesen
an mehr als einer Stelle regt. Aber auch
das spricht für ihn, lässt er doch
nirgends kalt: Ob er sich ausführlich –
manchmal etwas zu polemisch – mit der
Forschung auseinander setzt und sie
erweitert um neue Thesen, ob er in
einem großen Kapitel zur Rezeption
erklärt, wie Petrarca die europäische
Dichtung prägte, aber mehr und mehr
zu einem Klischee wurde, ob er die
Besteigung des Mont Ventoux als
geistiges Abenteuer neu bewertet.

Grundsätzlich folgt man Stierle sehr


gern, weil ihn seine Liebe nicht blind
macht, kritisiert er doch verfehlte
Werke und spöttelt über Petrarcas gut
entwickeltes Selbstbewusstsein, mehr
noch, weil er die Augen öffnet für die
unerhörten Schönheiten dieser Geistes-
Gegend. An jeder Stelle zeichnet seine
achtunggebietende Studie etwas aus,
das sich unmittelbar auf den Leser
überträgt: tiefes Staunen über einen
Menschen, dessen Werkleben bis heute
unerschöpfliche Sinnreserven birgt.

Karlheinz Stierle: Francesco Petrarca

Ein Intellektueller im Europa des 14.


Jahrhunderts; Hanser Verlag, München
2003; 973 S., 45,– Euro