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Information Orthodoxie, Nr. 66, 21.

Juli 2020

Ausgabe Nr. 66, 21. Juli 2020


In dieser Ausgabe …..
ÖSTERREICH
Orthodoxer Theologe: Hagia Sophia ist Erbe des ganzen Christentums

Prof. Larentzakis im Kathpress-Interview: Unverständnis und


Enttäuschung, dass der Westen so tut, als ob ihn Hagia Sophia nichts
anginge

Graz, 21.07.2020 (KAP) Was jetzt in Istanbul mit der Hagia Sophia
passiert, betrifft nicht nur die Griechisch-orthodoxe Kirche und es ist
auch sicher kein Konflikt bloß zwischen der Türkei und Griechenland,
sondern es betrifft die gesamte Christenheit. Das hat der Grazer
orthodoxe Theologe Prof. Grigorios Larentzakis im Interview mit der
Nachrichtenagentur Kathpress betont. Die Hagia Sophia sei nicht nur
der eigentliche Sitz des Ökumenischen Patriarchats, sondern das
gemeinsame christliche Symbol und Erbe des ganzen einheitlichen
Christentums.
Umso unverständlicher und enttäuschender sei es, dass die nunmehrige
Umwandlung in eine Moschee durch den türkischen Präsidenten Recep
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Tayyip Erdogan im Westen bis auf einige diplomatisch vorgetragen
Worte der Besorgnis kaum auf Widerspruch stoße. Der Westen
rechtfertige sich wohl damit, "dass ihn das alles gar nicht direkt betrifft",
doch das sei falsch, so Larentzakis: "Die Hagia Sophia ist unsere
gemeinsame Geschichte und unser gemeinsames Erbe."
Im Übrigen gebe es auch islamische Stimmen, die die Umwandlung in
eine Moschee als illegal bezeichnen würden. Der Theologe verwies in
diesem Zusammenhang auf den Großmufti von Ägypten und
Islamvertreter in Nordamerika.
Prof. Larentzakis erläuterte, dass die Hagia Sophia in einer Zeit errichtet
wurde, als die Gesamtkirche des Ostens und des Westens im
Bewusstsein der einen einheitlichen Kirche Christi lebte. Wenn immer
wieder in westlichen Darstellungen erwähnt wird, dass diese große und
prächtige Kirche im Bereich der "Griechisch-Orthodoxen Kirche des
Byzantinischen Reiches" gebaut wurde, dann sei das nicht richtig.
Damals sei Konstantinopel die Hauptstadt des einen Imperium
Romanum des Ostens und des Westens gewesen. "Die damalige
Reichskirche umfasste nicht nur die Ostkirche, wie manche meinen,
sondern die Gesamtkirche."
Die in Konstantinopel residierenden Kai-ser hätten etwa die bis heute
gemeinsamen gültigen ersten sieben Ökumenischen Konzilien der
Gesamtkirche einberufen. Larentzakis: "Das waren keine reinen
Angelegenheiten der Griechen." Kaiser Justinian, der von 527 bis 565
regierte und von 532 bis 537 die Hagia Sophia erbauen ließ, habe etwa
das fünfte gemeinsame Ökume-nische Konzil für den Osten und den
Westen (553) einberufen. Auch Papst Vigilius akzeptierte schließlich die
Beschlüsse des Konzils.
Larentzakis wörtlich: "Die Entscheidungen in Konstantinopel, die
politischen und kirchlichen Handlungen der Kaiser, vor allem auch
Justinians, symbolisiert und manifestiert im Bau des großartigen
christlichen Gotteshauses der Kirche Hagia Sophia, haben nicht nur für
den Osten, sondern auch für den Westen und schließlich für das heutige

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gemeinsame Europa enorme Bedeutung, auch wenn Vieles vergessen
wurde." Mehr tatkräftiges Interesse der Gesamtchristenheit an der Hagia
Sophia wäre insofern auch ein wichtiger und vertrauensfördernder
ökumenischer Schritt hin zur Verwirklichung der vollen kirchlichen
Gemeinschaft.

Kein endgültiges Schisma


Der orthodoxe Theologe bekräftigte in diesem Zusammenhang auch
einmal mehr seine Überzeugung, dass zwischen katholischer und
orthodoxer Kirche "nie ein großes endgültiges Schisma, keine
gegenseitige gültige kirchliche Verurteilung, keine große Spaltung
vollzogen wurde"; auch nicht im Jahr 1054, als sich Kardinal Hubert von
Silva Candida und Patriarch Michael Kerullarios in Konstantinopel
gegenseitig exkommunizierten. Zum einen habe Hubert von Silva
Candida, Berater Papst Leos IX. und dessen Gesandter an Kaiser und
Patriarch in Konstantinopel, am 16. Juli 1054, drei Monate nach dem Tod
seines Auftraggebers, wohl kein Recht mehr gehabt, die Bannbulle auf
dem Altar der Hagia Sophia niederzulegen. Zweitens habe sich die
Bannbulle nur gegen den Patriarchen und dessen Anhang, nicht gegen
den Kaiser oder die ganze östliche Kirche gerichtet. Drittens: Auch der
Patriarch exkommunizierte nicht die ganze abendländische Kirche,
sondern nur Kardinal Humbert und seine Hintermänner.
Diese Fakten waren den Kirchenverantwortlichen in Ost und West
durchaus bekannt. So wurden folgerichtig am 7. Dezember 1965 beim
gemeinsamen ökumenischen Akt in Rom und Konstantinopel die
Exkommunikationen aus dem Jahre 1054 wörtlich "aus der Mitte und
dem Gedächtnis der Kirche entfernt". Die Exkommunikationen wurden
nicht aufgehoben, weil es nichts aufzuheben gab.
Nachdem also 1054 als Datum für die Kirchenspaltung von Ost und
West nicht taugt, stellt sich die Frage, wann denn dieses Schisma
vollzogen wurde. Laut Prof. Larentzakis lässt sich aber eine solches
"zwingendes und endgültiges Datum für das radikale große Schisma

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zwischen Ost- und Westkirche - vorher volle Kirchengemeinschaft,
nachher absolut keine Kirchengemeinschaft" - nicht finden.
Und deshalb müsse man sich dringend der Frage stellen, was das für die
Beziehungen der Kirchen heute bedeute. Dass es eine Entfremdung
zwischen Ost- und Westkirche gegeben hat und gibt, sei nicht zu
leugnen, auf jeden Fall aber sei Ökumene kein Geschehen bzw. Dia-log
zwischen Kirchen, sondern innerhalb einer Kirche. "Wir gehören alle zu
einer Kirche, bei allen Problemen. Wir gehören zu einer einzigen
Familie."

Vorkämpfer für Aussöhnung


Vor gut 50 Jahren war Grigorios Larentzakis der erste orthodoxe Christ,
der an einer Katholisch-Theologischen Fakultät in Österreich - in Inns-
bruck - ein Theologie-Doktorat erlangte. Der 1942 auf Kreta geborene
Larentzakis hatte in Folge (seit 1970) Lehraufträge in orthodoxer und
ökumenischer Theologie in Wien und Graz. 1982 wurde er an der
Universität Graz habilitiert, 1983 an der Aristoteles-Universität
Thessaloniki zum Doktor der orthodoxen Theologie promo-viert und
1987 in Graz zum Universitätsprofes-sor ernannt und blieb dies 20 Jahre
lang bis zu seiner Emeritierung.
1990 wurde an der Theologischen Fakul-tät der Universität Graz eine
eigene Abteilung für Ostkirchliche Orthodoxie (seit 2001 "Sektion für
Orthodoxe Theologie") errichtet und Prof. Larentzakis zu deren Leiter
bestellt. Von 1995 bis 1997 nahm Larentzakis auch die Agenden des
Vorstands des Instituts für Ökumenische Theologie und Patrologie wahr.
Er war wesentlich daran beteiligt, dass die Zweite Europäische
Ökumenische Versammlung (EÖV2) 1997 in Graz stattfand.
Der orthodoxe Theologe ist bis heute ökumenisch hoch engagiert:
Larentzakis ist u.a. Vizevorsitzender der Grazer Sektion von "Pro
Oriente", Mitglied des "Ökumenischen Forums christlicher Kirchen in
der Steiermark" und verschiedener Gremien der "Konferenz Europäi-
scher Kirchen" (CEC).