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Reviews / Vigiliae Christianae 63 (2009) 189-210 195

Romolo Perotta, Hairéseis. Gruppi, movimenti e fazioni del giudaismo antico


e del cristianesimo (da Filone Alessandrino a Egesippo) (Fondazione Bruno
Kessler—Pubblicazioni dell’Istituto di Scienze Religiose in Trento, series
maior 11), Bologna: Edizioni Dehoniane 2008, 832 pp., ISBN 978-88-
10-41508-5, € 60 (gebunden mit Schutzumschlag).

Das Buch will ein Nachschlagewerk für jüdische und christliche Personen
und Gruppen der Zeit zwischen Jesus und der Mitte des zweiten Jahrhun-
derts sein, die sich in Praxis oder Denkweise nicht in Übereinstimmung
mit der Gemeinschaft befinden, der sie angehören wollen. Es möchte über
Entstehung, Zeitstellung, Lehre, Leben, Quellenlage, historischen Kon-
text usw. der “häretischen” Gruppen des Frühjudentums und des frühen
Christentums dadurch informieren, daß es im Unterschied zu einer “Ket-
zergeschichte des Urchristentums” (A. Hilgenfeld, 1884) die diesbezüglichen
Informationen der Quellen in Lexikonform sammelt.
Das Werk ist in drei Teile gegliedert: Der erste Teil (S. 51-175) führt
in drei Schritten an das Verständnis des Autors von “Häresie” heran,
und zwar phänomenologisch (es werden etwa “Häresie” und “Schisma”,
“Orthodoxie” und “Heterodoxie” voneinander abgegrenzt, die Rolle der
“Häresiologie” angesprochen, das Problem der Vollständigkeit der Über-
lieferung bedacht, etc.), historisch (das Häresiephänomen wird im Kon-
text einer frühchristlichen Literaturgeschichte bis Hegesipp skizziert) und
schließlich forschungsgeschichtlich. Es wird Bekanntes referiert, die Sach-
verhalte aber nicht genauer analysiert. Der Überblick über die Forschungs-
geschichte zum Beispiel, der sich auf die für Perotta (im folgenden: P.)
noch nicht gelöste Frage W. Bauers aus dem Jahre 1934 konzentriert, ob
am Anfang des Christentums “Rechtgläubigkeit” oder “Ketzerei” stehe,
führt die auf Bauers Thesen folgende Diskussion nur in einem kleinen
Ausschnitt vor (es fehlt z.B. der Hinweis auf Th.A. Robinson, The Bauer
Thesis Examined, Lewiston/Queenston 1988). Mit welchem Modell des
Verhältnisses von “Häresie” und “Orthodoxie” P. selbst arbeitet, bleibt
verschwommen: Er hält zwar das Christentum seit den Anfängen für inho-
mogen und die Grenzen zwischen Orthodoxie und Heterodoxie für flie-
ßender als Bauer und neigt daher offenbar wie A. Le Boulluec, La notion
d’hérésie, Paris 1985, der Gleichursprünglichkeit von “Orthodoxie” und
“Häresie” zu, aber das Urteil P.s beruht nicht auf einer historischen Analyse
und einer Diskussion der durch andere Modelle aufgeworfenen Fragen, ob
z.B. ein leitendes Motiv der Entwicklung des Christentums die Bewahrung
der Einheit als einziges Volk Jesu gewesen ist (H. von Campenhausen,
© Koninklijke Brill NV, Leiden, 2009 DOI: 10.1163/157007208X363107

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‘Einheit und Einigkeit in der Alten Kirche’, Evangelische Theologie 33


[1973] 280-293) oder ob Hilfestellung von einem systemtheoretischen
Ansatz zur Erklärung der Vielfalt zu erwarten ist (vgl. J.E. Hafner, Selbst-
definition des Christentums, Freiburg 2003). Auch ist noch nicht im Blick,
daß im deutschen Sprachraum gegenwärtig der Versuch unternommen
wird, das Konzept “Häresie und Orthodoxie” durch das Modell “Identität
und Pluralität” zu ersetzen (P. scheint unbewußt in diese Richtung zu ten-
dieren, wenn er Begriffe wie “polidossia” und “pluridossia” [S. 174f ] ins
Spiel bringt). Es ist schade, daß P. nicht mehr Ch. Markschies, Kaiserzeit-
liche christliche Theologie und ihre Institutionen, Tübingen 2007, 337-383,
dem solche Überlegungen zu verdanken sind, konsultieren konnte. Auch
zum Problem des quantitativen Verhältnisses von “Orthodoxie” und “Häre-
sie”, das sich im Begriff “Großkirche”—seit einiger Zeit durch den Begriff
“Mehrheitskirche” abgelöst—niedergeschlagen hat, erfährt man nichts.
P. hätte solche Fragen nicht selbst lösen müssen, aber in einem Nachschla-
gewerk doch auf solche historischen Ungewißheiten hinweisen können.
Das Zentrum des Buches ist der zweite Teil. Er dokumentiert die “Häre-
sien” durch das Zusammentragen der Quellenaussagen und möchte auf
diese Weise Materialien auch für eine Klärung der Fragestellung Bauers
bereitstellen. Im Stile eines Einleitungswerkes werden zunächst die nach
P.s Ansicht maßgeblichen antiken Informanten und ihre Werke vorgestellt:
Das sind Philo, Flavius Josephus, Justin und Hegesipp; was das Ägypterevan-
gelium an dieser Stelle zu suchen hat, erschließt sich nicht, warum die
klassischen Häresiologen fehlen, auch nicht. Anschließend folgt das Herz-
stück: eine alphabetisch geordnete Liste von kürzeren und längeren Arti-
keln zu 44 “Häresien” des betreffenden Zeitraums (S. 199-600). Die
Namensliste reicht von “Apollo (di Alessandria)” bis “Zeloti (o Cananei)”
und beinhaltet bekannte Personen und Gruppen wie Basilides, Karpokra-
tes, die Essener, die Therapeuten oder weniger bekannte wie “Atrongeo”,
“Banno”, “Egizio (l’)”, “Rivolti di Beth-horon”, aber auch Artikel wie
“Giovanni il Battista (e discepoli)” oder “Scribi (o uomini e maestri della
Lege)”. Es gibt sogar einen Artikel “Gesù il Nazareno, detto il Messia/Cri-
sto, e i Cristiani”. Daß Jesus als Häretiker geführt wird, erklärt sich wohl
daraus, daß auch jüdische “Häresien” verzeichnet sind. Freilich ist es ein
Versäumnis, daß das Verhältnis von Judentum und Christentum im ersten
Teil nicht intensiver theoretisch bedacht, sondern nur historisch-genetisch
skizziert wurde. Warum der Autor jüdische und christliche “Häresien”
gemeinsam behandelt, hätte schon genauer erläutert werden müssen,
gerade weil der Streit zwischen “Häresien” im Judentum nicht die gleiche

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Schärfe entwickelt hat wie im Christentum. Pharisäer, Essener, Sadduzäer


usw. bleiben bei aller Verschiedenheit aus jüdischer Sicht Juden und sind
keine “Häretiker” wie die Christen. Zwar bestätigt sich auf diese Weise
nochmals, daß P. einen breiten, deskriptiven Zugang wählen möchte,
“Häresie” zu erfassen, aber damit passen wiederum die bei der historischen
Darstellung benutzten Kategorien der christlichen Dogmengeschichte
“apostolisches/nachapostolisches Zeitalter”, “Apologetik”, “Häresiologie”
und die dann doch faktisch in traditioneller Wahrnehmungsweise verwen-
deten Begriffe “Orthodoxie” und “Häresie” nicht recht zusammen. Daß es
außerdem fast unmöglich ist, die orthodoxen (?) Christen, ihre Theologie,
Institutionen und Lebenspraxis usw. in das lexikalische Schema des Buches
zu pressen, macht die Lektüre der “Notizie e fatti storici salienti” (S. 364-
372) des Artikels “Gesù il Nazareno” unmittelbar anschaulich: Katalogi-
sierte Quellenstücke bringen ohne Deutungsmuster historisch komplexe
Vorgänge der Anfänge des Christentums nicht zum Sprechen.
Da sich für P. das Phänomen “Häresie” zwischen der Mitte des ersten
und Mitte des zweiten Jahrhunderts etabliert hat (was für das Judentum
so nicht ganz zutrifft), werden nur die “Häretiker/Häresien” in der Zeit
vor Hegesipp (ca. 180) als Artikelstichworte erfaßt, und zwar mit der
Begründung, daß dieser als erster mit häresiologischer Intention listenartig
jüdische und christliche “Häresien” dokumentiert habe (und damit der
Ahnherr P.s ist). Ob das zutrifft oder nicht, sei dahingestellt, die Entschei-
dung, keine Artikel für “Häretiker” zu vergeben, die erst Irenäus von Lyon
und seine Nachfolger nennen, ist willkürlich: Datierungen im betreffen-
den Zeitraum sind selten hieb- und stichfest, und die wichtigsten Informa-
tionslieferanten sind meist ohnehin die “klassischen” Häresiologen auch
im Falle der behandelten Stichwörter. Der Autor hält sich selbst insofern
auch nicht an seine Grenzziehung, als er unbedenklich das geschichtliche
Wirksamwerden der “Häretiker” mit einbezieht: Der Artikel “Valentin und
die Valentinianer” z.B. bezieht die Schüler Valentins mit ein, hätte aber in
dem Umfang gar nicht geschrieben werden müssen, da Hegesipp Valenti-
nianer wie Herakleon oder Theodot noch nicht gekannt haben dürfte. Oder
die von Origenes erwähnten “Entychiten”, eine Spielart der Simonianer,
hätte man als späteres Phänomen auch nicht nennen müssen, usw. Wer
allerdings nach Personen und Gruppen aus der Zeit nach Hegesipp sucht,
ist ausschließlich auf den Personenindex des Buches angewiesen; die Anlage
des Werkes als Quellendokumentation bringt es außerdem mit sich, daß
an den Verweisorten keine lexikalischen Informationen zu diesen Personen
zu erhalten sind, was Benutzer, die nicht mit den historischen Gegebenheiten

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vertraut sind, nicht zufriedenstellen wird. Welchen Sinn macht es, Quel-
leninformationen über die Valentinianer zusammenzustellen, wenn nicht,
konzentriert an einer Stelle des Buches, in Erfahrung zu bringen ist, was
Herakleon, Markos oder Theodot gelehrt und praktiziert haben, oder nicht
einmal die Information zu finden ist, daß Ptolemäus einen Brief an Flora
geschrieben hat? Die zeitliche Grenzziehung bei Hegesipp ist auch deshalb
nicht gerechtfertigt, weil sich die historische Entwicklung von “Häresie”
nicht an P.s Kriterium gehalten hat: Das Aufgehen des freien Lehrertums
in das bischöflich dominierte Gemeindechristentum hat sich bis ins dritte
Jahrhundert hingezogen, das freie Lehrertum des zweiten Jahrhunderts
aber ist maßgeblich dafür verantwortlich gewesen, daß sich “Häresie”
lehrmäßig verfestigt hat und Gegenstand von Häresiologie geworden ist,
weil es ein wissenschaftlich-exegetisches Instrumentarium, wie es in der
antiken Philosophenschule benutzt wurde, angewendet und im Christen-
tum heimisch gemacht hat. Daß der Beginn der Verwissenschaftlichung
der Theologie im Kontext der Philosophenschule als Katalysator von “Häre-
sie” im zweiten Jahrhundert ein wichtiges Thema der Forschung des letz-
ten guten Jahrzehnts war, ist im Werk von P. jedoch noch nicht präsent;
ebenso wenig werden die damit zusammenhängenden literatur- und
gattungsgeschichtlichen Fragen gründlich bedacht, die die Quellen auf-
werfen; auch deren redaktionskritische Probleme werden meist nur am
Rande erwähnt (z.B. S. 613 Anm. 7). Entwicklungen im Judentum des
zweiten Jahrhunderts werden höchstens gestreift, aber nicht aus den Quel-
len (Mischna, Talmud usw.) erhoben, Verflechtungen von christlich-häre-
tischen mit paganen religiösen Phänomenen wie z.B. der Hermetik
(Poimandres) nicht unter Beobachtung gestellt.
Vermissen wird der Leser aber nicht nur Artikel zu “Häretikern”, von
denen erst die Autoren nach Hegesipp berichten (z.B. Kainiten, Ophiten).
Vielmehr wird ihn auch das Fehlen eigener Artikel zu Personen aus der
Zeit vor Hegesipp überraschen, die üblicherweise in jeder “Ketzerge-
schichte” vorkommen: Das ist eine Folge einer weiteren Entscheidung P.s,
nämlich nur solche Häretiker zu behandeln, die im Untersuchungszeitraum
feststellbare Wirkungen hinterlassen haben. Kerdo und Montanus z.B.
kommen aus diesem Grund als eigenes Stichwort nicht vor. Warum aber
haben dann “der Ägypter” oder Satornil einen eigenen Artikel bekommen,
warum Elkesai wiederum nicht? Die diesbezüglichen Erläuterungen hierzu
bleiben genauso unscharf wie im Falle des Fehlens von Artikeln zu Isidor
oder Epiphanes (S. 29).

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Anonyme “Häretiker” und “apokryphe” Schriften werden ebenfalls nicht


eigens geführt. Welche Beziehung “apokryphe” Schriften zu “Häretikern”
haben könnten, läßt sich dem Lexikonteil daher nicht entnehmen. Des-
halb kommt auch ein Gegenstand wie der sogenannte “Sethianismus”
nicht in den Blick, den die Forschung im Anschluß an die Nag-Hammadi-
Texte immer noch diskutiert. Auch einen Artikel “Gnosis/Gnostiker” gibt
es nicht, obwohl das Phänomen häufiger anklingt. Das Fehlen des Stich-
wortes mag einen guten Grund haben; wenn aber ein eigenes Kapitel
der Bibliographie “Gnosis und Gnostizismus” gewidmet ist, erführe man
gerne, was es mit dem Charakter dieser Bewegung als “Häresie” bzw. mit
der Beziehung dieses Phänomens zu Stellen wie 1Tim. 6,20 oder Personen
wie Markion, Valentin und anderen auf sich hat. Das sind ohne Frage
Informationsdefizite des Werkes.
Schlägt man unvoreingenommen einen der verständlicherweise unter-
schiedlich lang geratenen Artikel auf, wird man sich wegen der ausgeklü-
gelten formalen Präsentationstechnik ohne die Anleitung im Vorspann
(bes. S. 38-50) nicht auf Anhieb zurechtfinden. Wenigstens sollte der Leser
sich vorab bewußt gemacht haben: Jeder Artikel folgt demselben Schema,
das im Idealfall die folgenden Punkte beinhaltet, die aber (mangels Quel-
len) nicht alle vorkommen müssen: a) Herkunft des Namens; b) Verweise
auf Verwandtes; c) Quellen (die Unterscheidung zwischen “direkten” und
“indirekten Quellen” ist anfechtbar); d) Entstehungsort und Verbreitungs-
gebiet; e) Entstehungszeit und Verbreitungsdauer; f ) Notizen über den
Gründer und Bemerkungen zu den wichtigsten Merkmalen seiner Gemein-
schaft und ihrer Lebenspraxis; g) Lehre (in der Reihenfolge Kosmologie,
Angelologie, Anthropologie/Psychologie, Theologie, Christologie, Soteriolo-
gie, Pneumatologie, Sonstiges); h) Ritus und Kult; i) Historisch Bemerkens-
wertes; l) Fragen zur Quelleninterpretation; m) Bibliographie.
Auch wenn somit der lexikalische Teil insgesamt wie ein Stück Häresiolo-
gie anmutet, liegt die eigentliche Leistung P.s und somit der anerkennswerte
Vorzug des Werkes gerade darin, daß in jedem Abschnitt die Quellenstücke
durch die systematische Ordnung und die Numerierung bequem zusammen-
gestellt sind, meist in—italienisch übersetzten—wörtlichen Zitaten, gele-
gentlich auch in kurzen, ins Präsens gesetzten Paraphrasen oder Synthesen
der Quellen. Ein Anspruch auf Vollständigkeit wird nicht erhoben. Manchmal
sind einem Abschnitt hilfreiche Erläuterungen vorangestellt. Die Ordnung
innerhalb eines Abschnitts ist eher eine logische als eine chronologische.
Wer es möchte, hat jedenfalls jetzt die Möglichkeit, direkte Vergleiche zwischen

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den Stichworten in den Punkten a) bis m) anzustellen. Für weniger Infor-


mierte nützlich ist sicher auch, daß jeder Artikel mit einer Karte versehen ist,
mag auch manchmal dieselbe Karte mehrfach verwendet sein.
Die Handhabung der Verweise (Punkt b) ist gewöhnungsbedürftig: Im
einen Fall zielen sie auf andere Artikel (so etwa “Sicari” im Artikel “Egi-
zio”), im anderen lassen sich nur über das Personenregister Stellen finden,
an denen die betreffende Person in irgendeinem Zusammenhang erwähnt
ist (so die Verweise im Artikel “Valentino e i Valentiniani”).
Von Bedeutung hätte sicher der Punkt “Fragen zur Quelleninterpreta-
tion” sein können, könnte er doch Aufschluß geben, ob und wie P. die For-
schung rezipiert, eigene Akzente setzt und Desiderate beschreibt: Freilich
steht in dieser Rubrik Wichtiges und Unwichtiges nebeneinander. Um nur
ein Beispiel zu nennen: Beim Valentinianismus wird als Interpretations-
problem genannt, ob die Zahl 30 der Äonen den Einfluß des Parsismus zeige
(S. 590). Das mag interessant sein, scheint aber die Forschung momentan
nicht vordringlich zu beschäftigen. Wichtiger sind schon die Hinweise auf
den Monismus oder Dualismus des Systems, auf die Art der Beschäftigung
Valentins mit den evangelischen Traditionen oder auf die Frage, wer der
“andere berühmte Lehrer” (Irenaeus, adv. haer. 1,11,3) ist, als offene Probleme.
Auf zentrale Fragen aber, welche die Quelleninterpretation zuletzt beschäf-
tigt haben, wird man nicht aufmerksam gemacht: So vermißt man eine
Notiz zu den Diskussionen über die platonischen und nicht-gnostischen Ele-
mente der Valentintexte, zu den Anstrengungen, das unterschiedliche Profil
Valentins und seiner Schüler herauszuarbeiten oder zu den Schwierigkeiten der
Zuschreibung der “Grande Notice” (Irenaeus, adv. haer. 1,1/8) an Ptolemäus.
Die Literaturhinweise (Punkt m) sind, obwohl P. anerkennenswerter-
weise auch neuere deutsche, englische und französische Literatur einzube-
ziehen bemüht ist, lückenhaft und lassen viele wichtige neuere Literatur
vermissen.
Der dritte, aufwendig gestaltete Teil des Buches (S. 601-83) ist unent-
behrlich: Er enthält Abkürzungsverzeichnisse, chronologische Tabellen,
Übersichtskarten, eine Bibliographie der Quellen und der Sekundärlitera-
tur sowie die Register, davon besonders wichtig der Werktitelindex, die
Register griechischer und lateinischer Begriffe und das Personen- und Sach-
register. Die chronologischen Angaben sind natürlich mit großen Unsi-
cherheiten belastet, die man allerdings gerade Nichtfachleuten nicht hätte
vorenthalten dürfen; z.B. werden NHC III,3/V,1 “Eugnostos” und NHC
V,3 “1ApcJac” apodiktisch einfach ins erste Jahrhundert datiert.

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Der Klappentext hatte ein Nachschlagewerk für Anfänger und Studen-


ten angekündigt und das Vorwort versprochen, das Phänomen “Häresie”
systematisierend zu erfassen und nach Möglichkeit den neuesten Stand der
Forschung zu präsentieren (S. 17). Realistisch besehen, liegt der Nutzen
eines solchen Typs Lexikon darin, ein Hilfsmittel für eigene Quellenstu-
dien zu sein.

Universität zu Köln Clemens Scholten


Philosophische Fakultät
clemens.scholten@uni-koeln.de

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