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Kranich-Gymnasium Salzgitter

Fred Lorenz
Kurs PO4G1
Demokratie und sozialer Rechtsstaat
5 Thema: WikiLeaks – kommt der gläserne Staat?
14.01.2011

M1: Mehr WikiLeaks wagen!


Transparenz ist gut. Aber sie braucht Regeln. Und die Politik muss erkennen, dass Offenheit es
leichter macht, ein Land zu regieren.
5Lassen wir Julian Assange beiseite, seine Geheimniskrämerei, seine Profilierungssucht. Was
bleibt übrig? Eine Idee: Alle Informationen müssen frei zugänglich sein, versteckte aufgedeckt
werden. Wenn dann alles offen liegt, können wir endlich diese Welt und ihre Machtstrukturen
verstehen und zum Besseren wenden. Diese Idee muss einem nicht gefallen. Aber die Welt kann
nicht mehr ohne sie gedacht werden. Wie also gehen wir mit ihr um?
10Die Politik könnte sich darauf besinnen, dass Deutschland ein Land ist, das nur wenige echte
Geheimnisse hat. Und darauf, dass diese Republik längst gute Erfahrungen mit neuen Formen
der Transparenz gemacht hat und schnell bereit ist, weitere zu erproben. Das zeigt das
Schlichterverfahren um Stuttgart 21 ebenso wie die vielen Bürgerhaushalte und
Konsultationsverfahren im Netz. „Es gibt ein wachsendes Bedürfnis nach Offenheit“, sagt
15Hamburgs oberster Datenschützer und Informationsfreiheitsbeauftragter Johannes Caspar.
„Und es ist sinnvoll, seitens der Politik darauf einzugehen. Denn erst so gewinnen politische
Projekte an Akzeptanz.“ Letztlich wird entlang der Idee von WikiLeaks abermals der klassische
Diskurs darüber fortgeführt, wie eine Balance herzustellen ist zwischen Transparenz und
Geheimnis, zwischen Freiheit und Sicherheit. Dazu gehört die Frage, wie weit die
20Meinungsfreiheit reichen darf, damit sich auch einzelne Warner gegen etablierte
Machtstrukturen behaupten können. Oder wie dagegen die Privatsphäre des Einzelnen zu
sichern ist und das Betriebsgeheimnis eines Unternehmens. Vielleicht muss es auch eine Art
Datenschutz für den Staat geben? Ein erster Schritt, diese Debatte fruchtbar zu machen, wäre,
Organisationen wie WikiLeaks zu fördern, statt sie anzugreifen, damit sie ihren Platz im
25bestehenden System finden können. Die WikiLeaks-Aussteiger Daniel Domscheit-Berg und
Herberg Snorrason haben gerade einen weiteren Vorschlag gemacht. Ihre neue Plattform
OpenlLeaks will Medien, Menschenrechtsgruppen oder Gewerkschaften anbieten, für sie
anonyme Briefkästen im Netz einzurichten. Wer dort geheime Dokumente hinterlässt, kann sich
aussuchen, an wen er sie weitergeben will. Der Empfänger wertet das Material entsprechend
30seinen Fachkenntnissen aus und veröffentlicht, was er für wichtig hält. Nach einer gewissen
Frist stehen die Daten dann allen Besitzern solcher Briefkästen zur Verfügung.
Thilo Weichert vom Unabhängigen Landeszentrum für Datenschutz in Schleswig-Holstein findet
die Idee gut. Schließlich sei Transparenz das Lebenselixier der Demokratie. „Die Plattformen
müssen nur gut reguliert werden.“ Das könnte heißen, den Betreibern würden
35Informantenschutz und Zeugnisverweigerungsrecht zugebilligt, wie sie auch für Journalisten
gelten. Außerdem müssten diejenigen, die auf Missstände aufmerksam machen, Whistleblower
also, arbeitsrechtlich geschützt werden. Im Gegenzug, so Weichert, könne man dann auch einen
verantwortlichen Umgang mit brisanten und möglicherweise gefährlichen Daten verlangen. Die
Grenzen der Transparenz gebe das Recht längst vor: Datenschutz, innere und äußere Sicherheit,
40Schutz des Betriebsgeheimnisses. Allerdings wird es nicht ausreichen, lediglich bessere
WikiLeaks zu fördern. Ein zweiter Schritt ist nötig. „Die Politik muss Transparenz als ein neues
und effektvolles Instrument des Regierungshandelns erkennen und nutzen“, sagt der
Verwaltungswissenschaftler Philipp Müller. Denn überall dort, wo über einen gesamten
politischen Prozess hin mit offenen Karten gespielt werde, wachse dem Verfahren eine
45Legitimität zu, die es durchsetzungsfähig mache – wenn die Bürger mitreden dürften und
relevante Einwände erkennbar gehört würden. Der Lohn einer solchen neuen Offenheit könnte
sein, dass verloren gegangenes Vertrauen wiederhergestellt wird. Das böte auch eine Chance, bei
den größten Skeptikern Verständnis für die Vertraulichkeit zu gewinnen, die mitunter
notwendig ist, damit Institutionen funktionieren.
50Quelle: Karsten Polke-Majewski, ZEIT ONLINE, 15.12.2010 (gekürzt),
http://www.zeit.de/politik/deutschland/2010-12/wikileaks-openleaks-transparenz-deutschland
Kranich-Gymnasium Salzgitter
Fred Lorenz
10 Kurs PO4G1
Demokratie und sozialer Rechtsstaat
Thema: WikiLeaks – kommt der gläserne Staat?
14.01.2011

M2: Demokratie will Öffentlichkeit


In seiner Spätschrift „Zum Ewigen Frieden“ (1795) hat Immanuel Kant seine Theorie des
55demokratischen Friedens begründet. Darin führt er aus, dass Demokratien („Republiken“)
gegeneinander keinen Krieg führen werden, da die Interessen der Regierungen mit den
Interessen der Regierten weitgehend identisch seien, da die Würde des Individuums Teil des
Staatsverständnisses geworden sei und weil – und dies ist für uns der ausschlaggebende Punkt –
die internationalen Beziehungen in Demokratien öffentlich seien: Es gebe keine geheimen
60Nebenabsprachen zu internationalen Verträgen, alles sei für alle Staatsbürger jederzeit
transparent und kontrollierbar, die Regierenden vermieden jede Doppelzüngigkeit und
verzichteten auf Geheimstrategien. Nur wenn Ziele und Praxis der Regierungen in der
internationalen Politik transparent und öffentlich sind, sichert nach Kant die demokratische
Staatsform den Frieden zwischen Republiken, unabhängig von ihren jeweiligen Interessenlagen.
65Rund 200 Jahre nach der Entstehung von Kants Theorie kommen Wissenschaftler, die sich mit
internationalen Beziehungen befassen, zu dem Ergebnis, dass sie sich als zutreffend
herausgestellt hat. Bislang hat es noch nie einen Krieg zwischen zwei Demokratien gegeben. Das
war eine Überraschung. Denn die vorherrschende Theorie des Realismus postulierte, dass sich
Staaten in ihrem außenpolitischen Agieren ausschließlich an den eigenen nationalen Interessen
70orientieren und Konflikte je nach Interessenlagen zu Kriegen eskalieren, unabhängig von der
Staatsverfassung der beteiligten Länder. Zwei weitere Theorien internationaler Konflikte
konnten durch die Forschung ebenfalls widerlegt werden: Weder gegenseitige wirtschaftliche
Abhängigkeit sichert den Frieden, wie das Beispiel der Balkankriege, aber auch der Kriege in
Afrika zeigt. Noch reichten gemeinsame Wertvorstellungen sowie kulturelle Nähe hin, um
75Kriege zu verhindern. Kants Hypothese, dass die Staatsform das entscheidende Kriterium für
Frieden sei und Demokratien ihre Konflikte ohne Gewalt austrügen, wurde inzwischen
empirisch bestätigt. Dennoch: Nach Kant ist eine Voraussetzung für den Fortbestand des
demokratischen Friedens, dass sich die außenpolitische Praxis von Demokratien deutlich von
der Geheimdiplomatie der Diktaturen unterscheidet. Diesen fundamentalen Unterschied ziehen
80die WikiLeaks-Dokumente in Zweifel. Es ist an der Zeit, die Außenpolitik demokratischer
Staaten an den Prinzipien der Klarheit und Wahrheit zu orientieren. Die Bürger eines
demokratischen Staates haben Anspruch darauf, die Strategien ihrer Regierung und deren
Motive zu kennen.
Quelle: Julian Nida-Rümelin, DIE ZEIT Nr. 51, 16.12.2010 (Auszug), http://www.zeit.de/2010/51/Wikileaks
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M3: „Geheimnisverrat ist notwendig“
Regierungen und Unternehmen halten mehr geheim, als für unsere Gesellschaft gut ist, zumal
die Entscheidungen des Einzelnen Einfluss auf immer weitere Teile der Welt haben. Wenn ich
Turnschuhe kaufe, ist auch der betroffen, der sie zusammenklebt. Gerade die Geheimnisse der
90Wirtschaft müssen aufgedeckt werden, damit ich mich richtig verhalten kann. Nehmen Sie die
Bankenkrise. Da passierte so viel hinter verschlossenen Türen, das vielleicht verhindert worden
wäre, wenn ein paar Sekretärinnen als „Whistleblower“ agiert hätten. Das ist der wichtigste
Effekt von WikiLeaks: dass wir uns als Gesellschaft fragen, wie viel Geheimhaltung nötig und
wie viel schädlich ist. Auch für das Leaken muss es aber künftig eine demokratische
95Legitimation geben.
Zitat: Ex-WikiLeaker Daniel Domscheit-Berg im Interview mit Evelyn Finger, DIE ZEIT Nr. 50, 9.12.2010,
http://www.zeit.de/2010/50/WikiLeaks-Interview