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Philosophie 14.01.

2011
Herr Hilsmann Steffen Sundermann

Das Ich in der eigenen Weltauslegung


Dieser philosophische Essay beschäftigt sich mit dem Themenkomplex „Ich, Identität und
Willensfreiheit“, wobei Ich eine These zur Bildung des Ich formulieren und untersuchen
werde, ohne dabei wissenschaftliche Ansprüche zu erheben.
Der Essay soll weniger die genaue Beschaffenheit des Ich als die Bedeutung der Sicht des
Einzelnen auf sein Ich im Zusammenhang mit der Willensfreiheit und den Thesen der
modernen Gehirnforschung behandeln.

Ich möchte zunächst einige Behauptungen aufstellen:

1. Jeder Mensch hat eine eigene Vorstellung seines eigenen Ichs, im Folgenden auch
Selbstauslegung genannt.
2. Jeder Mensch hat eine Vorstellung des Ichs der mit ihm interagierenden Personen
3. Die Selbstauslegung, sowie die Auslegung des Ichs der Anderen bilden eine
Weltauslegung

Die oben erwähnte Selbstauslegung des Ich soll im Folgenden erläutert werden:
Das Bild des eigenen Ichs wird durch drei Kernmerkmale bestimmt:

– Dem eigenen „Mythos“


– Den eigenen Taten
– Den eigenen Gedanken

Das Ich ist hierbei das Symposium dieser Kernmerkmale.


Als „Mythos“ soll die Geschichte, die wir für uns selbst ausgesucht haben bezeichnet
werden. Das bedeutet, dass jeder Einzelne eine konkrete Vorstellung davon hat, was er oder
sie darstellt, sozusagen eine Lebensgeschichte nach der man zu leben glaubt oder es
zumindest versucht; dieser persönliche Mythos muss nicht zwingend bewusst gelebt
werden, doch denke ich, dass er bei jedem Menschen in gewisser Weise als eine Art
sinnstiftendes Grundelement vorhanden ist.
Beispielhaft wäre der Film „Memento“ zu nennen, in welchem das Leben des an
Erinnerungsverlust leidenden Protagonisten nur durch seine selbst erdachte
Lebensgeschichte zusammengehalten wird. Der Sinn seines Lebens ergibt sich aus seinen
Rachegedanken, die um die Peiniger seiner Frau kreisen und ihn veranlassen Tag für Tag
nach ihnen zu suchen.
Ob dieser Mythos Wahrheit oder Lüge ist, ist zunächst irrelevant, relevant ist einzig ob der
Mythos mit den anderen Charakteristika des Ich vereinbar ist und bleiben kann.
Sowohl Taten wie auch Gedanken können selbstverständlich erst im Nachhinein in das
Gesamtgefüge des Ich eingefügt werden, sie bestimmen jedoch maßgeblich, wie wir unsere
eigene Persönlichkeit sehen und wie sie von anderen wahrgenommen wird.
Diese beiden Merkmale sind offensichtliche Kriterien zur Bestimmung des eigenen Ichs,
interessant ist jedoch die eigene Auslegung dieser im Nachhinein, denn sie sollten möglichst
den Anforderungen des persönlichen „Mythos“ entsprechen.
Ebenso wie die Reflektion des eigenen Ichs findet auch die Erschließung der
Persönlichkeiten der Personen, mit denen interagiert wird, statt.
Aus der Summe dieser Erschließungen ergibt sich ein Netz aus Ansichten über sich selbst
und die eigene Umgebung, die zu einer Weltauslegung zusammengefasst werden können.
Dieses Weltauslegung muss nun ständig im Bezug auf die Realität überprüft werden und
verändert sich mit den korrespondierenden eigenen Taten und Gedanken, sowie den
Handlungen anderer.
Das Ich kann also umschrieben werden als die Stellung, die man in der eigenen
Weltauslegung einnimmt.
Wie die vorausgegangen Überlegungen zeigen, basiert das eigene Ich also auf einem eigens
geschaffenen Konstrukt, es bewegt sich in der eigenen Weltsicht und beeinflusst diese dabei.
Wichtig für das eigene Selbst ist nun weniger wodurch das Ich im Detail entsteht, sondern
sein Platz in der eigenen Weltauslegung. Passt das Selbst in die geschaffene Weltauslegung,
so scheint es sinnvoll und richtig zu sein, dabei ist es meiner Meinung nach weniger ein
Kriterium für die eigene Identität, ob das eigene Ich mit dem Ich der vergangen Handlungen
übereinstimmt, denn das eigene Ich verändert sich ebenso wie die Weltauslegung
zwangsweise mit der Zeit, schon durch die Interaktion mit anderen.
Bezogen auf die gern gebrauchte „Gehirn in einem anderen Körper“ Metapher bedeutet
dies, dass das eigene Ich erhalten bleibt, solange es in die Weltauslegung passt, was bei
einer Umwälzung der körperlichen Gegebenheiten sicherlich fragwürdig sein dürfte.
Bei der Frage nach der Identität und dem Ich ist es nicht möglich, die moderne
Gehirnforschung außer Acht zu lassen.
Ihr zu Folge, glaubt man zumindest einigen Vertretern, spielt sich die gesamte Identität und
die damit einhergehende Willensbildung im Gehirn ab.
Unser Ich wäre somit einzig auf neuronale Prozesse zurück zu führen, wodurch die
Vorstellung von der Entscheidungsfreiheit des „freien Menschen“ sicherlich einen herben
Rückschlag erleiden würde.
Von meinen Annahmen ausgehend könnte die These einiger Gehirnforscher, unser Gehirn
sei die Quelle unseres Ich und wir demnach „Sklaven“ neuronaler Prozesse durchaus
stimmen, da das „subjektive Ich“ letztlich ein Konstrukt ist, unser Gehirn würde uns
demnach lediglich die Illusion freier Entscheidungsgewalt vorgaukeln.
Diese These kann schwerlich widerlegt werden, Ich sehe hierin jedoch keine grundsätzliche
Gefährdung oder Einschränkung für die freie Lebensgestaltung des Menschen, da meine
oben geschilderte These den Fokus auf die subjektive Sicht des Einzelnen auf sein Ich legt
und solange dieses in die eigene Vorstellung der Welt passt, so ist es letztlich irrelevant ob
wir wirklich frei sind, da unsere Entscheidungen innerhalb unseres selbstgewählten
Schemas sinnvoll und daher zumindest scheinbar frei erscheinen.
Solange wir also selbst erfolgreich die Illusion, wobei es nicht zwingend eine Illusion sein
muss, der Entscheidungsfreiheit aufrecht erhalten können ist der Unterschied für uns nicht
bemerkbar und daher nicht von Bedeutung.
Dieses „subjektive Konzept“ zur Beschreibung der Identitätsproblematik ist nur
befriedigend, betrachtet man die Sichtweise des Einzelnen, es kann nicht erklären, in
welchem Verhältnis Leib und Seele zu einander stehen oder ob der Mensch objektiv
betrachtet wirklich frei ist.
Es soll vielmehr meine Annahme, welche davon ausgeht, dass der Einzelne auch ohne die
Lösung dieser Probleme zu leben vermag, untermauern, denn diese Fragen sind zwar von
Bedeutung für die Philosophie und es ist sinnvoll sie zu bedenken, sie sind jedoch nicht
philosophisch abschließend beantwortbar und deshalb nicht von Relevanz für die
Lebensgestaltung des Einzelnen. Antworten auf diese Fragen bietet zu meist nur die
Naturwissenschaft, wobei diese Antworten zumeist nicht ausreichend für die Philosophie
sind, wie das Beispiel der Gehirnforschung zeigt.
Gerade in der Postmoderne in der es an festen Systemen zu mangeln scheint ist es wichtig
eine feste Vorstellung des eigenen Selbst zu haben, denn ist man gezwungen auch das
anzweifeln zu müssen, wovon man eigentlich am meisten überzeugt sein sollte, der eigenen
Identität, so könnte der Einzelne wohl kaum einen Glauben an irgendetwas rechtfertigen.

Die obigen Ausführungen sollen verdeutlichen, dass die Identitätsproblematik die


Menschheit und die Philosophie im speziellen vermutlich für immer begleiten wird.
Diese Problematik stellt sich für den Einzelnen jedoch meiner Meinung nach nur bedingt, da
er konkrete Werkzeuge zur Bestimmung seines Ichs besitzt und die Verwirklichung seiner
an sich gestellten Vorgaben anhand der Maßstäbe, die seine eigene Weltauslegung ihm
vorgibt, misst.
Das von mir formulierte Fazit fällt demnach positiv für den Menschen im Bezug auf seine
Entscheidungsfreiheit aus, denn letztlich glaubt er zumindest seine Entscheidungen auf einer
freien von ihm selbst geschaffenen Basis, der des eigenen Ichs, zu treffen, weshalb auch
keine Notwendigkeit für den Einzelnen besteht, daran zu zweifeln.
Ob wir nun Gehirne in einem Tank, Sklaven unserer neuronalen Strukturen oder tatsächlich
willensfrei sind spielt im Endeffekt für das Individuum keine entscheidende Rolle, solange
unsere Vorstellung der eigenen Identität in unser Weltauslegung passt; so erscheint die Welt
sinnvoll und da wir in allen drei Fällen nicht herausfinden können, wie die tatsächliche
Beschaffenheit unseres Ichs ist, so können wir doch dank Descartes davon ausgehen, dass
wir existieren und können auf Basis unserer eigenen Auslegungen leben und entscheiden.