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Freie Universität Berlin, Kunsthistorisches Institut

Sommersemester 2020
Seminar 13407: Mittelalterliche illuminierte Manuskripte
Dr. Tina Bawden

DER BERNER PHYSIOLOGUS


(Bern, Burgerbibliothek, Cod. 318 )

Schriftliche Prüfungsleistung

eingereicht von:

Niklas Gerber
Karl-Liebknecht-Str. 21
10178 Berlin
Matr.-Nr.: 5114943
Kunstgeschichte Hauptfach
Fachsemester 4
Inhaltsverzeichnis

1. Katalogeintrag: Bern, Burgerbibliothek, Cod. 318 ........................................................ S. 1


1.1 Geschichte
1.2 Beschreibung des Äußeren
1.3 Inhalt
1.4 Ausstattung
2. Schriftanalyse: Text im Berner Physiologus …..................…....................................... S. 3
3. Medienanalyse: Text und Bild im Berner Physiologus.................................................. S. 5
4. Bedeutungsanalyse: Text, Bild und Tier im Berner Physiologus................................... S. 8
Literaturverzeichnis …....................................................................................................... S. 16
Abbildungen …................................................................................…............................... S. 18
Selbstständigkeitserklärung …............................................................................................ S. 25
1. Katalogeintrag: .

Bern, Burgerbibliothek, Cod. 318

Sammelband: Physiologus Bernensis et al.


Darin (f. 7r–22v): Physiologus latinus

1.1 Geschichte

Kloster Hautvillers OSB bei Reims, um 830. Schreibercolophon eines Haecpertus [= Egbert] (f.
130r).
Eigentums- und Leservermerke: Petri Danielis Aurel[ii] und Bongarsii (1r); Ce livre appartient a
Ragonde Bachelier (f. 131v, frühes 15. Jhdt.). Schenkung Bongars’ Erben Jakob Graviseths 1632 an
die Berner Bibliothek.
1946 durch Buchbinder Johann Lindt, Stadtbibliothek Bern, vollständig restauriert
(Restaurierungsvermerk auf Spiegelblatt des Hinterdeckels). Die Blätter der zweiten bis vierten
Lage (f. 3–26, wesentlich den Physiologus enthaltend) wurden von Lindt herausgelöst und werden
seitdem separat aufbewahrt. An ihrer statt nach f. 2 ein Vermerkblatt Lindts zur Herauslösung.

1.2 Äußeres

Pergament, teils wasserfleckig und besonders im Bereich des Physiologus stark gebräunt und z.T.
Rissig. 131 Blätter, 25,5 x 18 cm, (IV-6)² + 15 IV¹²² + (IV+1)¹³¹. Zwischen fol. 1 und 2 fehlen die
inneren drei Doppelblätter der ersten Lage (Textverlust). Einspaltig, Schriftspiegel 18 × 10,5–11
cm, im Physiologus je 23 mit Griffel gezogene Zeilen und seitliche Begrenzung durch vertikale
Doppellinien, Zeilenpunktierung am Rand sichtbar. Karolingische Minuskel. Teilweise rubrizierte,
teilweise schwarze Unzialis für Werk- und Kapitelüberschriften, z.T. Versalien ebenfalls in
schwarzer Unzialis; Capitalis rustica für den Nachtrag (f. 41r), das Explicit (f. 96r, 121v, 123v)

.Anm.: Der Katalogeintrag stützt sich auf die Beschreibung nach Steiger, Christoph von / Homburger, Otto: Physiologus
Bernensis, Basel 1964. Redigiert und ergänzt von Florian Mittenhuber, Juni 2012. https://www.e-
codices.unifr.ch/en/description/bbb/0318/ (abgerufen 23.07.2020)

1
sowie für das Schreiberkolophon (f. 130r). Der ganze Band ist von der Haupthand geschrieben. Drei
Einbände sind nachweisbar: Ein mittelalterlicher Einband, auf den durch Rostspuren geschlossen
werden kann, ein Einband aus dem frühen 18. Jhdt., auf den J. Lindt im hinteren Spiegelblatt
hinweist, und der aktuelle, moderne Einband von der Restaurierung 1946 (Kalbsleder auf
Holzdeckel, Messingschließe, ausführliche Rückentitel von J. Lindt).

1.3 Inhalt

F. 1r-5r Vita Sancti Symeonis (Textverlust, siehe oben); f. 5r-6v De ortu et orbitu patrum; f. 7r-22v
Physiologus latinus; f. 23r-125r Fredegarii Chronicon, mit Einschub f. 41r Dies Aegyptiaci; f.125r
Lectio S. Evangelii secundum Matthaeum; f. 125v-130r Sermo S. Effrem monachem in
transfigurationem Domini; f. 131v Praecepta medica; f. 131R-v De septem miraculis mundi.

1.4 Ausstattung

Eine Initiale f. 1r (<S>anctus Symeon…); 35 Illustrationen f. 7r-22v im Physiologus latinus.


Initiale (f. 1r): Ornamentierte Initiale mit Randbandverflechtung (zwei Cornua, zwei Eckgeflechte),
Flächen violett, grün und gelb eingefärbt. In der vom oberen S-Bogen umgebenen Fläche ein
späterer schwarzer Stempel BIBLIOTHECA BERNENSIS.
Illustrationen (f. 7r-22v): 35 Miniaturen, meist mit rotem und blauem Rahmen umgeben, der
teilweise verletzt wird, über den Abschnittsüberschriften jeweils Tiere Pflanzen oder Steine oft in
natürlichem Lebensraum abbildend.

2
2. Schriftanalyse: Text im Berner Physiologus
(Bern, Burgerbibliothek, Cod. 318, fol. 7r-22v)

Der Berner Physiologus, genauso wie die übrigen im Kodex Cod. 318 der Berner Stadtbibliothek
enthaltenen Werke, stammen m.E. von einer Hand und sind in einer frühen karolingischen Minuskel
verfasst. Lediglich die zum Teil zur Hervorhebung rubrizierten Überschriften und einige Versalien
wurden in Auszeichnungsschrift, einer Unziale, niedergeschrieben (vgl. f. 9r). Obwohl der Kodex
mit einer Initiale auf f. 1r beginnt, gibt es im ganzen weiteren Verlauf und so auch im Physiologus
(f. 7r-22v) keine Illuminationen außer den 35 Abbildungen der Tiere, Pflanzen etc. Es finden sich
keine anderen Interpunktionen als Punkte, die die Satzenden markieren. Das Schriftbild, wiewohl
gut lesbar, weist einige Unregelmäßigkeiten auf, wie etwa eine teilweise auftretende Kursivität der
Schrift, die für eine klassische karolingische Minuskel untypisch ist, da diese sich ja gerade durch
zunehmende kalligraphische Ausarbeitung von den älteren Kursiven absetzte. Während sich die
Schreiberin/der Schreiber des Physiologus an der linken Reglierung recht genau orientierte, dient
die rechte eher der groben Markierung der jeweiligen Zeilenumbrüche, über die gelegentlich weit
hinausgeschrieben wird, so etwa im Fließtext f. 15v (Abb. 1) oder sogar in Überschriften, z.B. f.
17v (Abb. 2). - Interessant wird unter diesem Gesichtspunkt auch zum ersten Mal der
Zusammenhang zwischen den Illustrationen und dem Textteil: Während die genannten
Zeilenüberlängen etwa auf f. 15v (Abb. 1) oder auf f. 8v (Abb. 3) eindeutig um das Bild angeordnet
werden und ihm offensichtlich nachträglich sind, erscheinen die Bilder insgesamt in ihrer Verteilung
im Schriftspiegel wiederum den Längen der Absätze und den Überschriften präzise angepasst. Dazu
mehr im dritten Teil.
Der Kodex wird auf ca. 830 nach Christus datiert 1 und fällt damit in die Zeit, in der die
karolingische Minuskel zunehmend kanonisch wurde,2 auch wenn die Entstehung oder Erfindung
der Schrift neueren Forschungen zufolge wohl bereits in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts zu
verorten ist.3 Dass es sich bei der Hauptschrift um eine recht frühe Karolingische Minuskel handelt,
lässt sich direkt am Schriftbild ablesen. Insgesamt stehen sowohl Wörter als auch Einzelbuchstaben
noch relativ dicht beieinander und gehen sogar oft ineinander über. In der Formentwicklung der

1 Vgl. Katalogeintrag: Steiger/Homburger (1964/2012).


2 Clemens, Raymond / Graham, Timothy: Introduction to Manuscript Studies. New York 2007, S. 143
3 Vgl. Licht, Tino: Die älteste karolingische Minuskel. In: Mittellateinisches Jahrbuch. Internationale Zeitschrift für
Mediävistik und Humanismusforschung, 47 (2012), S. 337-346

3
karolingischen Minuskel weist dies auf ein relativ frühes Stadium hin, in der auch noch Ligaturen
aus früheren Minuskelschriften wiederzufinden sind. Während sich die or-, die st- und die et-
Ligatur länger halten, sterben rt-, nt- und ct-Ligatur bald aus, 4 die im Physiologus aber alle noch
erkennbar sind.
Die Abbildungen 4 und 5 zeigen Ausschnitte der Seiten f. 9r und f. 12v mit einigen
gekennzeichneten rt-Ligaturen (grün), nt-Ligaturen (rot), ct-Ligaturen (blau) und Transkriptionen.

4 Schneider, Karin: Paläographie und Handschriftenkunde für Germanisten. 3. Aufl., Berlin 2014, S. 21

4
3. Medienanalyse: Text und Bild im Berner Physiologus
(Bern, Burgerbibliothek, Cod. 318, fol. 7r-22v)

Bei Cod. 318 handelt es sich um die älteste erhaltene Handschrift des Physiologus, die mit
Illustrationen versehen ist.5 Insgesamt werden die 35 Miniaturen, die Abschnitt für Abschnitt
begleiten, stilistisch als typisch für die karolingische Buchmalerei, besonders um die Gegend von
Reims, angesehen.6 Helen Woodruff vermutete darüber hinaus inhaltliche und stilistische
Anlehnungen an illuminierte Manuskripte aus dem vierten Jhdt. n. Chr., der Zeit, in der man die
ersten Übersetzungen des Physiologus aus dem Griechischen vermutet, und verfolgte diese Spur
weiter bis zu Vergleichen mit möglichen Vorbildern alexandrinischer Illumination, also aus dem
mutmaßlichen Entstehungsraum der ursprünglichen Textgrundlage. 7 Ein anderes Erbe meinte später
Dimitri Tselos in den Miniaturen des Cod. 318 zu erkennen, nämlich stilistische Einflüsse
griechisch-italienischer Malerei, die über Rom in den karolingischen nordalpinen Raum gelangt und
in illuminierten Manuskripten wie dem Utrecht Psalter wiederzufinden seien, der ebenfalls der
Reimser Schule zugeordnet wird und dem Berner Physiologus in vielerlei Hinsicht ähnelt.8
Auffällig fallen die Berner Miniaturen in zwei wenn auch nicht stilistisch unterschiedene
Malweisen, so doch unterschiedliche Illustrationsweisen des Textes: Während die meisten der
Abbildungen in breiten rot-blauen Rahmen, die ganzfläch in pastoser Farbtechnik ausgefüllt sind,
den Schriftspiegel über den Überschriftszeilen der Kapitel (manchmal auf der vorhergehenden
Seite) vollständig unterbrechen, finden sich auf einigen Seiten (f.11v, 12v, 13r, 17v, 18r und 21r)
freie, fast zeichnerisch anmutende Miniaturen mitten im Textraum. Diese zweite Gruppe ähnelt eher
Illuminationen, die älteren Techniken entsprechen, welche Beschreibstoffe wie Papyrusrollen nötig
machten, auf denen dicke Farbschichten und -flächen durch Material und Aufbewahrungsform
brüchig geworden wären.9

5 Hassig, Debra: Beauty in the Beasts A Study of Medieval Aesthetics. In: Anthropology and Aesthetics, 1990/1991,
No. 19/20, Chicago, 1990/1991. S. 137-161, hier: S. 140
6 Woodruff, Helen: The Physiologus of Bern. A Survival of Alexandrian Style in a Ninth Century Manuscript, In: The
Art Bulletin, Bd. 12. New York, 1930, S. 226-254, hier: S. 230
7 Ebd., S. 237-238; – Vgl. McCulloch, Florence: Mediaeval Latin and French Bestiaries. Chapel Hill, 1962, S. 21, 24
und Henkel, Nikolaus: Studien zum Physiologus im Mittelalter. (Hermea: N.F. ; Bd. 38), Tübingen, 1976, S. 14 und
S. 22 ff.
8 Tselos, Dimitri: A Greco-Italian School of Illuminators and Fresco Painters. Its Relation to the Principal Reims
Manuscripts and to the Greek Frescoes in Rome and Castelseprio. In: The Art Bulletin, Bd. 38. New York 1956, S.
1-30, hier: S. 4-6
9 Vgl. Gebert, Bent: Der Satyr im Bad. Textsinn und Bildsinn in der Physiologus-Handschrift Cod. Bongarsianus 318
der Burgerbibliothek Bern. In: Mittellateinisches Jahrbuch, Bd. 45. Suttgart, 2010, S. 353-403, hier: S. 355 und

5
In den Libri Carolini (ca. 790-792), sozusagen der karolingischen Stellungnahme zum Zweiten
Konzil von Nicaea, das die Bilderverehrung wieder einführte, wurde eindeutig die moderate
Haltung zum Bilderstreit eingenommen, dass Bilder zwar als Ornamente oder Erklärungen einen
Wert hätten, aber niemals angebetet werden dürften.10 Eine gewisse Bilder- oder Medienskepsis
lässt sich also auch für den Berner Physiologus erwarten, besonders wenn wir von einigen der
allegorischen Erzählungen der Textgrundlage ausgehen. Gerade auf der Seite (f. 12v), auf der
besonders deutlich die gerahmte Illustrationsweise zugunsten der freien zurücktritt und auf die ich
hier genauer eingehen möchte, finden sich zwei Kapitel, die man als 'mediendiskreditierend'
beschreien könnte: das Kapitel DE QUARTA NATURA SERPENTIS (Von der vierten Natur der
Schlange) und das Kapitel DE NATURA FORMICAE (Von der Natur der Ameisen).11 In dem
Kapitel über die vierte Natur der Schlange wird beschrieben, wie die Schlange bei Bedrohung ihren
ganzen Körper abwirft und nur ihren Kopf behält. Ebenso, so die moralisierende Analogie, sollten
wir uns in 'Zeiten der Verführung' unseres ganzen Körpers entledigen, aber unseren Kopf behalten,
was heißt, an Christus festzuhalten, 'denn Christus ist das Haupt von allem'. 12 Noch drastischer wird
in dem darauffolgenden Ameisenkapitel eine wertende Unterscheidung zwischen dem Nexus
Körper-Buchstabe-Medium und dem Nexus Geist-Kern-Sinn getroffen: Wie die Ameise
Weizenkerne auftrennt, damit sie nicht zufällig zur Winterzeit im Regen keimen und ungenießbar
werden, sodass die Ameisen an Hunger sterben, soll man (in Bezug auf den allegorischen
Schriftsinn) den 'geistigen Sinn' des Alten Testaments vom 'tödlichen Buchstaben' trennen. 13 Die
freien Miniaturen zu den beiden Kapiteln sind zwischen ihren textlichen Bereichen angeordnet und
brechen auf dieser Seite auffälligerweise die sonst strenge Reihenfolge
(Rahmen-)Illustration/Überschrift/Kapiteltext auf (Abb.6). Wir sehen, links und gewissermaßen im
Vordergrund (denn die beiden Miniaturen überlagern sich), wie ein detailliert ausgearbeiteter
Schlangenjäger mit einem Speer eine sich windende Schlange aufspießt (interessant, dass er gerade
den 'Hals' der Schlange durchbohrt), und im Hintergrund Ameisen, die von einem Ameisenhaufen
aus nach rechts in ein Weizenfeld ausschwärmen, offensichtlich um dort die Weizenkörner zu
sammeln, die sie im Bau aufspalten werden. Die Zeilen-Überlängen, auf die ich in Abschnitt 2.
(Schriftanalyse: Text im Berner Physiologus) bereits aufmerksam gemacht habe, erscheinen hier, im
Gegensatz zu den genannten Ausweichungen vor den und um die gerahmten Illustrationen, fast

Weitzmann, Kurt: Illustrations in Roll and Codex. A Study of the Origin and Method of Text Illustration (Studies in
Manuscript Illustration 2). Princeton, 1947, S. 52-53.
10 Shahan, Thomas: Caroline Books. In: The Catholic Encyclopedia, New York 1913, Bd. 3, S. 371 f.
11 Vgl. Gebert (2010), S. 359-364
12 Quando uenerit homo et uoluerit occidere eum totum corpus tradit caput autem custodit. Debemus et nos in tempore
temptationis totum corpus tradere caput autem custodire id est xpistum non negantes sicut fecerunt sancti martyres
omnis enim caput xpistus est. (f. 12v)
13 Siehe Transkription des Kapitels im Abbildungsteil (Abb. 5). Vgl. Gebert (2010), S. 361.

6
vorsätzlich: das caput xpistus est entspricht rechts genau der Breite der Weizenfeld-Miniatur, die
rubrizierte Überschrift des Schlangenkapitels überschreibt links deutlich die Schlangenjäger-
Ilustration mit.
Text, Bild und moralisierender Schriftsinn werden hier also in ein Dreieck gespannt, in dem sich
das eine jeweils vom anderen lösen will, aber doch nicht ohne es auszukommen scheint. Der
'geistige Sinn' ist auf Signifikanten angewiesen, die durch die, wenn auch 'tödlichen' Buchstaben –
das materielle Medium der Schrift – bereitgestellt werden. Die Illustration – das materielle Medium
der Bebilderung – schafft es nun, dieses prekäre binäre Paradox, das zwischen Schrift und
Schriftsinn aufzuklaffen droht, durch eine dritte, räumliche Beziehungsebene abzumildern oder in
einen Kreislauf zu bringen, indem sie die beiden Kapitel einerseits dadurch verbindet, dass sie
zwischen ihnen verortet ist, und andererseits, dass sie in sich überlagert ist: Damit trägt sie sogar
etwas zum (Schrift-)Sinn selbst bei, indem sie den potentiell vom Körper abtrennbaren Kopf der
Schlange (der Christus allegorisch entspricht) und die trennende Tätigkeit der Ameisen, die explizit
mit der Trennung von Sinn und Buchstabe bzw. Sinn und Medium gleichgesetzt wird, in direkte
Verbindung bringt, als würde hier ein bildlicher Satz geschrieben, der verwerfliche Buchstaben
(respektive Abbildungen) in einen wertvollen, sinntragenden Zusammenhang bringt. Gerade der
Teil der Ameisen-Szene, in dem die Aufspaltung der Kerne stattfindet (nämlich der Ameisenhaufen,
quando recondit triticum in terra), befindet sich jenseits der vom Speer im Hals getroffenen
Schlange – im anderen Bild. Dieser Einschlagpunkt des Speeres markiert eine Vertikale, um die sich
der bereits mit Bedeutung aufgeladene Schlangenkörper mehrmals herumschlingt, und die sich
sogar in der Schriftanlage der Seite niederschlägt: Der Text des oben liegenden Schlangenkapitels,
rechts der gedachten Linie, scheint fast eher der Illustration des Weizenfeldes zugeordnet zu sein,
als der Abbildung des Schlangenjägers, die, als Vordergrund der Konstellation, auf der Höhe (Zeile)
der Überschrift des Ameisenkapitels ruht.
Die Abbildungen von Tieren (Pflanzen und Steinen) könnten also mehr sein, als nur ornamentales
oder instruktives Beiwerk, wie die Libri Carolini es vorschrieben. Der Physiologus ist schon
textlich, aber wohl auch bildlich nur in einem sehr weiten Verständnis ein 'Sachbuch': Auch wenn
der Text im ersten Moment von den Tierbildern und von medialer Eigenständigkeit und
Intentionalität ablenken mag, sie sich sogar vordergründig verweist, zeigen sich auf den zweiten
Blick Literalität und bildliche Medialität als überraschend präsent und sogar raffiniert. 14 Inwiefern
aber gerade Tiere vielleicht, wie heimlich, über ihre Rolle in der Inferiorität bloßer körperlicher
Medien oder arbiträrer allegorischer Versetzbarkeiten hinaus für Bedeutung konstitutiv
mitverantwortlich sind, darauf versuche ich im nächsten Abschnitt einzugehen.

14 Vgl. Gebert (2010), S. 364

7
4. Bedeutungsanalyse: Text, Bild und Tier im Berner Physiologus
(Bern, Burgerbibliothek, Cod. 318, fol. 7r-22v)

Der zugeschriebene Titel Physiologus bezeichnet einen vielfach überlieferten und übersetzten, im
Mittelalter extrem populären griechischen Grundtext, dessen Entstehung ca. im zweiten bis vierten
Jahrhundert nach Christus vermutet wird.15 In diesem Text zitiert ein unbekannter Autor einen
'Physiologen', d.h. einen Arzt oder besser Naturforscher, gibt dessen Erklärungen und Erzählungen
über die Natur verschiedener Tiere, auch einiger Pflanzen und Steine wieder und versetzt sie mit
christlichen Allegoresen.16 Schon der griechische Urtext eines Palimpsestes, an dem noch
jahrhundertelang weitergeschrieben werden sollte, hat also zumindest gewissermaßen zwei
referentielle Ebenen.
Bei dem Physiologus, mit dem wir es im Berner Cod. 318 zu tun haben, handelt es sich um eine der
ersten erhaltenen lateinischen Versionen, die in der Literatur meist als Fassung C bezeichnet wird. 17
Schon in diesem frühen Stadium der Überlieferung finden sich Zusätze, die nicht auf den
ursprünglichen Physiologus-Text zurückzuführen sind: Das Kapitel 25 (DE GALLI CANTU, Vom
Gesang des Hahns, f. 21v-22r) stammt aus Ambrosius' Hexaemeron, einem Genesis-Kommentar aus
dem späten vierten Jahrhundert; das Kapitel 26 (Vom Pferd, Überschrift fehlt, f. 22v) folgt den für
das Mittelalter so grundlegenden Etymologiae des Isidor von Sevilla aus dem frühen siebten
Jahrhundert.18 Aus der späteren Entfaltung der Bestiarien-Literatur ist die Erweiterung des
Grundtextes dann nicht mehr wegzudenken.19
Wenn ich mich mit dem Physiologus oder mit Bestiarien beschäftige, betreibe ich also Philologie
zumindest zweiter Ordnung: ein angenommener anonymer christlicher Autor liest oder hört vor ca.
1700 Jahren einen Naturforscher und gibt zoologische Inhalte in Verbindung mit christlicher
Morallehre zum Besten. Spätere Schreiber_innen oder Illustrator_innen erweitern den Grundtext
um weitere (Bild-)Quellen und (bildliche) Interpretationen, die jeweils wie versiegelt scheinen: Ich
kann den stilistischen oder motivischen Vorbildern tentativ philologisch-kunstgeschichtlich
nachspüren, mögliche Eindrücke oder explizite Originalität aus erster Hand bleiben aber jeweils
15 Zur Datierung vgl. Scott, Alan: The Date of the Physiologus. In: Vigiliae Christianae, Bd. 52. Leiden, 1998, S. 430-
441. Scott kommt zu dem Schluss, dass der Physiologus ägiptischen, wenn auch nicht unbedingt alexandrinischen
Ursprungs ist und ca. 300 bis 350 n. Chr. Entstanden sein muss.
16 Vgl. Henkel (1976), S. 12. – S. 13 bemerkt Henkel allerdings, dass diese doppelte Verfasserschaft von sekundärer
Bedeutung sei und durchaus ein einziger Autor den Text in dieser Form entwickelt haben könnte.
17 Vgl. McCulloch (1962), S. 24; Henkel (1976), S. 26f.
18 Henkel (1976), ebd.
19 Zur Abgrenzung von Physiologus und Bestiarien vgl. Henkel (1976), S. 24

8
unterdrückt, weil die mittelalterliche philologische Praxis, zumindest in diesem Fall, rein
referentiell20 vorgeht und die unmittelbareren Dimensionen, die auf den Text von 'menschlicher'
oder 'tierischer' Seite gewirkt haben könnten, oft anonym bleiben. Angesichts dessen, dass es sich
dem philologischen und kunstgeschichtlichen Material zufolge, das uns zur Verfügung steht, beim
Berner Physiologus um eine der frühesten erhaltenen lateinischen Übersetzungen des griechischen
'Urtextes' und um die früheste erhaltene illuminierte Physiologus-Fassung überhaupt handelt, aber
auch angesichts ihrer Allgegenwärtigkeit in Bild und Text, drängt sich die Frage nach den Tieren
auf. Woher mögen die Vorlagen und Motive für die Darstellung einer so reichen Tierwelt
genommen worden sein? Welche Rolle spielen Tiere (für sich) in diesem schriftlich-sinnlich-
bildlichen Palimpsest? Wo ist ihr Platz innerhalb und außerhalb der philologischen Versiegelung?
Schon Fritz Hommel argumentierte im 19. Jahrhundert anhand der „ägyptische[n] heimat so
mancher im Physiologus vorkommende[r] thiere“21 für die alexandrinische Herkunft des Urtextes
und bezog sich dabei auf Tiere und ihre Verbreitungsgebiete 'außerphilologisch'. Auch zu Zeiten der
Entstehung der Berner Handschrift und in ihrem größeren Entstehungsraum hätten sich
möglicherweise reale Eindrücke für die abgebildeten Tiere bieten können: Immerhin hielt Karl der
Große zwischen 802 und 810, womöglich also zu Lebzeiten unserer/unseres Illustratorin/Illustrators
den Elefanten Abul Abaz in Aachen.22
Innerhalb – oder auf den ersten Blick innerhalb – von philologischen Beziehungen finden wir aber
ungleich zahlreichere Anhaltspunkte, um die Rolle nicht-menschlicher Tiere in der Physiologus-
Überlieferung zu beleuchten. Sarah Kay hat 2014 in einem Aufsatz das Auftauchen solcher Tiere in
den philologischen Zusammenhängen mittelalterlicher Bestiarien aus einem posthumanistischem
Ansatz heraus untersucht.23 In Rückgriff auf Edward Said und Giorgio Agamben zeigt sie, dass was
wir im letzten Abschnitt (3.) in Bezug auf die Medialität feststellen konnten – nämlich dass trotz der
für sie feindlichen Anlage sich die Medien von Schrift und Bild nicht nur erhalten, sondern
geradezu in den Vordergrund drängen – sich aus dem Bezug auf die Tiere selbst heraus wiederholt,
die die schrift- und bildlichen Bedeutungsfelder der Bestiarien als irreduzible, intensive Größen
immer wieder heimsuchen, auch wenn deren Anlage ihre Eigenständigkeit oder ihren
'Anthropomorphismus' scheinbar von vornherein verunmöglicht. 24 Kay stellt dar, „that bestiaries are
books that turn philology against itself, since their exclusion from it of animals other than human

20 Im Sinne Jakobsons, vgl. Jakobson, Roman: Poetik. Ausgewählte Aufsätze 1921-1971. Frankfurt a. M, 1979, S. 88f.
21 Hommel, Fritz: Die Aethiopische Uebersetzung des Physiologus. Leipzig, 1877, S. XV
22 Scholz, Walter Bernhart / Rogers, Barbara (Übers.): Carolingian Chronicles. Ann Arbor, 1972, S. 82, 92. –
Allgemein zu Karls Verhältnis zu Tieren vgl. Dutton, Paul E.: Charlemagne, King of Beasts. In: Ders.:
Charlemagne’s Mustache and other Cultural Clusters of a Dark Age. New York, 2004, S. 43-68
23 Kay, Sarah: Post-human Philology and the Ends of Time in Medieval Bestiaries. In: Postmedieval. A Journal of
Medieval Cultural Studies, Bd. 5. Basingstoke, 2014, S.473–485
24 Vgl. Fußnote 24.

9
beings is at the same time an inclusion.“25 Die Rolle nicht-menschlicher Tiere hat innerhalb der
christlichen Tradition (der christlichen Heilsgeschichte), die auch für den Berner Physiologus als
maßgeblich angenommenen werden kann, historisch einen Anfangs- und einen Endpunkt: Die
Benennung der Tiere durch Adam nach dem Sündenfall, die sich von der Eintracht aller Tiere
(inklusive Adam und Eva) im gewissermaßen außerhistorischen Garten Eden absetzt, und die
wiederkehrende Vermischung des Menschen mit nicht-menschlichen Tieren am Ende der Zeiten,
wie sie der Evangelist Johannes für die Apokalypse voraussagt. 26 In der Spanne, die sich zwischen
diesen zeitlosen Endpunkten erstreckt, arbeitet laut Agamben eine 'anthropologische Maschine', zu
der für Kay nicht zuletzt die philologische Praxis der Bestiarien einen entscheidenden Beitrag leistet
– eine Maschine, die durch „constantly bungled but nevertheless ceaselessly renewed attempts“
daran arbeitet, „to distinguish the human creature from all others“.27
Kay versucht nun den in Bestiarien eingeschlossenen, aber durch den philologisch-anthroplogischen
Blick des Menschen abgestoßenen nicht-menschlichen Tieren nachzuspüren und stößt dabei auf
eine in Hinsicht auf unsere Betrachtungen im letzten Abschnitt (3.) augenfällige Einordnung nicht-
menschlicher Tiere Augustinus'. Über Löwen und Steine schreibt er: „Discite sic intellegere, cum
figurate ista dicuntur […]. Significat alia atque alia, sicut littera quo loco ponatur vide, ibi intellegis
eius vim.“28 Nicht-menschliche Tiere waren damit ausschließlich in jenen inferioren Bereich
arbiträrer Zeichen verbannt, in jene buchstäbliche Literalität, die die Ameisen-Erzählung auf f. 12v
unseres Manuskripts so verteufelte, von der wir aber zeigen konnten, dass der Schriftsinn durch sie
gemeinsam mit der bildlichen Dimension angereichert wird. Es ginge nun aber darum, zu zeigen,
dass dieser Mehrwert einer möglichen (inter)medialen Kombinatorik oder Grammatik, die einen
'schriftlich-bildlichen Satz' zu bilden imstande war, gerade nicht allein auf einer völligen Arbitrarität
seiner Elemente fußt, auf der absoluten Beweglichkeit von Lettern und Miniaturen auf Pergament,
die nur durch ihre Zusammenstellung auf einen unsichtbaren Sinn verweisen können. Welche
semantischen Ebenen verschieben oder verkeilen sich hier jenseits der allgegenwärtigen materiellen
und medialen Verfügbarkeit, oder direkter gefragt: Was bedeuten die (nicht-menschlichen) Tiere?
In der Folge beschreibt Sarah Kay eine philologische Technik, die eine erste und fast zu
25 Kay (2014), S.474
26 Ebd. – In diesem Sinn könnte man von der christlichen Heilsgeschichte in Bezug auf ihren 'human exceptionalism'
von einem eigenen Anthropozän sprechen, vgl. Freud, Sigmund: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse. In: Imago.
Zeitschrift für Anwendung der Psychoanalyse auf die Geisteswissenschaften. Bd. V, Leipzig/Wien, 1917-1919. S. 1–
7, hier: S. 4 und Parikka, Jussi: Anthropocene. In: Braidotti, Rosi / Hlavajova Maria (Hrsg.) Posthuman Glossary.
London/New York, 2018, S. 51-53.
27 Kay (2014), ebd. In den Worten Agambens: „[P]recisely because the human is already presupposed every time, the
machine actually produces a kind of state of exception, a zone of indeterminacy in which the outside is nothing but
the exclusion of an inside and the inside is in turn only the inclusion of an outside.“ Agamben, Giorgio: The Open.
Man and Animal. Stanford, 2004, S. 37.
28 Augustinus von Hippo: Enarratio in Psalmos. Nuova Biblioteca Agostiniana, Ps. 103, 3:22.
http://www.augustinus.it/latino/esposizioni_salmi/esposizione_salmo_127_testo.htm (abgerufen 22.07.2020)

10
offensichtliche Antwort auf diese Fragen gibt – ein Verfahren, das besonders in späteren Bestiarien
in ständigem Rückgriff auf den uns bereits begegneten Isidor von Sevilla explizit verwendet wird,
um den Tieren mutwillig semantische Tiefe zu verleihen: das der Etymologie. Die vis, die Kraft
eines Wortes wird nun nicht mehr wie noch bei Augustinus allein durch seine Positionierung und
den beigelegten Imperativ eines intellegere generiert, sondern erfährt durch die Beigabe eines
Ursprungs eine Eigenbewegung und Beschleunigung – das Wort erhält eine Originalität. 29 Die
Verbindung zwischen dem Namen (nicht mehr so sehr dem Wort) und dem animalischen Signifikat
wird enger und ausgebauter und auf philologischem Wege „satisfies a widespread desire to touch
[…] a seeming identity of form and watch it pour out a variety of meanings, creating the illusion, if
not the reality, of a deeper and more authentic encounter with the thing“ 30 Die adamitische
Namensgebung aller Tiere klingt hier nach. Sowohl Augustinus' Komposit-Technik als auch Isidors
etymologische Untermauerung bleiben aber Mutilationen im Dienste der Distinktions-Maschine,
wie Agamben sie beschrieben hat. Nichtmenschliches hat innerhalb der philologischen Versiegelung
einen Platz und sogar scheinbare Originalität, aber dadurch, dass auf es nur referiert wird, und diese
Referenzierung nichts von ihm zu befürchten hat, bleibt der Platz zuschreibbar und die Originalität
eine nahezu beliebige Projektion des menschlichen Tiers (hier: zōon philologon)31 auf ein 'anderes'.
Sei diese Projektion nun Glorifizierung oder Verleumdung, sie scheint nicht auf Antwort zu
warten.32 Zumindest vor diesem Hintergrund wäre der Eindruck etwa eines Abul Abaz für so
manches karolingisches Tier in philologisch-zoologischer Einigelung sicher wünschenswert.
Sarah Kay beantwortet in einem dritten Schritt die Frage nach der Rolle der Tiere in Bestiarien
historisch: In späteren illuminierten Handschriften wie etwa dem Aberdeen Bestiary 33 werden
Genesis und Apokalypse bildlich und textlich deutlich verbunden und geben den Tieren damit eine
die Heilsgeschichte, wenn auch an ihren Rändern, überspannende Funktion:

Readers are provoked to imagine themselves back before history was instituted in order,
thereby, to project themselves forward to when it will have ceased. Animals […] are
indispensable to this process because even if they are not part of salvation history, they
nevertheless define it by the fact of their initial exclusion and their ultimate return. 34

Den in den Bestiarien gefundenen Bedeutungen bzw. Beziehungen zwischen menschlichen und
nicht-menschlichen Tieren bescheinigt Kay vor diesem Hintergrund eine fast wehmütige Tendenz:
„the impulse […] of reaching beyond and outside the time of zōon philologon, in the hope of
29 So Isidor: „... for when you have seen whence a word has originated, you understand its force more quickly“, zitiert
nach Kay (2014) S.477
30 Ebd.
31 Ebd., S. 474
32 Vgl. Fußnote 43.
33 Vgl. Aberdeen University Library, MS 24, f. 4v-5r., vgl. Kay (2014), S. 482
34 Kay (2014), Ebd.

11
recovering the innocence of Eden at its end.“35
Auch wenn sie den Phylologus und spätere Bestiarien damit aus einer posthumanistischen
Perspektive ein Stück weit verwerfen muss,36 stößt sie schließlich auf Spuren, die uns in unserer
Betrachtung und Erweiterung der philologischen (textlichen und bildlichen) Phänomenalität von
nicht-menschlichen Tieren im Physiologus weiterhelfen kann. „[T]he beasts’ senefiance“37 erschöpft
sich nicht ausschließlich in der variablen Heranziehung zum Zwecke der Erbaulichkeit, für den sie
in allegorische Bedeutungs-Käfige gezwungen werden, sondern sie haben mitunter eine Präsenz,
die gerade ihre prekäre Situation an der Grenze anthropologischer inclusion/exclusion herausstellt
und in einigen Fällen die Einseitigkeit der Vergleiche und Bedeutungs-Vektoren geradezu
umzukehren imstande ist:

For example, the formula ‘this beast signifies every man’ (of the antelope: Gervaise, 1996,
ll. 473–474) is reversed to include ‘man is this beast’ (of the elephant: Philippe de Thaun,
1996, ll. 799–800) or ‘we signify the beasts’ (of the lion: Philippe de Thaun, 1996, ll. 119–
120). In a strange development, this latter passage then says that when a lion is distressed, it
paints an image of itself on the ground with its paw (‘Leüns quant est irez/il se peint od ses
peiz, / en terre se peindrat/quant il mariz serat’) (Philippe de Thaun, 1996, ll. 121–124). 38

Dass sich diese Reversion nicht auf die textliche Ebene beschränkt und in Illuminationen sogar
explizit werden kann, zeigt eine Miniatur aus einer Handschrift des Bestiariums Philipp de Thauns
aus dem frühen 13. Jahrhundert (Abb. 8).39 Die lateinisch-altfranzösische Textpassage, die die
Illustration einleitet, erklärt, dass der Löwe, wenn er erzürnt, ein Bild seiner selbst in den Sand malt
– wie zu sehen, ist das Bild seiner selbst ein menschliches Tier. Kay bemerkt:

„Amazingly, a beast […] now appears as a post-human artist who can imagine himself as
human. This passage not only confirms Philippe’s theme of the reversibility of man and
35 Ebd., S. 475 – Agamben kommt in seinen stark ontologisierenden Betrachtungen über 'Man and Animal' zu einem
ähnlich pessimistischen Ergebnis. Im ersten Kapitel von The Open referiert er eine Apokalypsen-Miniatur auf der
letzten Seite des dritten Codexes der 'Ambrosian Bible' (Milan: Biblioteca Ambrosiana MSS B 30-32), einer
hebräischen Bibel aus dem frühen 13. Jahrhundert (siehe Abb. 7). Agamben schreibt der Szene, in der das
„messianic banquet of the righteous on the last day“ abgebildet wird, wobei allerdings die Rechtschaffenen mit
Tierköpfen versehen sind, die Prophezeiung zu, dass am Ende der Geschichte der Menschheit „the relations between
animals and men will take on a new form.“ (Agamben (2004), S.1) – Zum Ende, auf der letzten Seite seines eigenen
Buches, greift er dann diesen Faden gewissermaßen ernüchtert wieder auf: „Perhaps there is still a way in which
living beings can sit at the messianic banquet of the righteous without taking on a historical task and without setting
the anthropological machine into action.“(Ebd. S. 92). Es handelt sich aber m.E. eher um eine ein wenig
theatralische letzte Anrufung der 'Offenheit', auf die er im Laufe seiner Untersuchung zwischen 'Man and Animal'
gestoßen war: „To render inoperative the machine that governs our conception of man will therefore mean no longer
to seek new—more effective or more authentic—articulations, but rather to show the central emptiness, the hiatus
that—within man—separates man and animal, and to risk ourselves in this emptiness: the suspension of the
suspension, Shabbat of both animal and man.“ (Ebd.)
36 „[A]nimals are merely represented by the texts as objects for […] edification.“ (Kay (2014), S. 482)
37 Ebd.
38 Ebd., S. 483. Die Zitate beziehen sich auf Gervaise: Bestiaire. In: Bestiari Medievali, ed. L. Morini. Turin 1996, S.
287–361 und Thaun, Philippe de: Bestiaire. In: Bestiari Medievali, ed. L. Morini. Turin 1996, S. 103–285.
39 Oxford: Merton College MS 249, f. 2r – Vgl. Kay (2014), S. 483.

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beast; it also displays the reversal of exclusion into inclusion and the bewildering space of
exception to which it gives rise.“40

Wir haben es hier also mit einer Situation zu tun, in der ein nicht-menschliches Tier einen
Menschen betrachtet und sogar (be)zeichnet, und nicht ein Mensch ein nicht-menschliches Tier –
und damit mit einer Situation, die in der Diskussion zwischen beiden spätestens Jacques Derrida
bemerkt und zum Ausdruck gebracht hat. In L'Animal que donc je suis (à suivre) teilt er den Diskurs
über nicht-menschliche Tiere in zwei Arten (interessanterweise präsentiert der Physiologus sie
gewissermaßen beide zugleich) und kritisiert sie dahingehend, dass sie der Möglichkeit oder
Tatsache, dass Tiere auf Menschen zurückblicken, keine Rechnung tragen: (1)„d'abord les textes
signés par des gens qui ont sans doute vu, observé, analysé, réfléchi l'animal mais ne se sont jamais
vus vus par l'animal“41 und (2)„l'autre catégorie de discours, du côté des signataires qui sont d'entrée
de jeu des poètes ou des prophètes, en situation de poésie ou de prophétie, du côté de ceux et de
celles qui avouent prendre sur eux l'adresse que l'animal leur adresse, avant même d'avoir le temps
et le pouvoir de s'y dèrober.“42
Während diese Formulierung den Akzent noch auf innerphilologische Bezüge setzt, arbeitete Donna
Haraway in ihrem Buch When Species Meet an dem Punkt weiter, an dem Derrida ihrer Meinung
nach philologischerweise stoppte.43 Der Ausgangspunkt von Derridas Aufsatz war bekanntlich die
Scham, die er nackt vor einer ('seiner') Katze empfand. Haraway räumt ein, dass er die Katze zwar
als jemanden präsenten anerkennt („comme ce vivant irremplaçable qui entre un jour dans mon
espace, en ce lieu où il a pu me rencontrer, me voir, voire me voir nu“ 44), aber Derrida „failed a
simple obligation of companion species; he did not become curious about what the cat might
actually be doing, feeling, thinking, or perhaps making available to him in looking back at him that
morning.“45 Genau von diesem dezidiert außerphilologischen Standpunkt aus untersucht Haraway in
When species meet die theoretischen und ethischen Dimensionen von Blick, 'Responsibilität' und
Interaktion zwischen Tieren – menschlichen und nicht-menschlichen – und schreibt, wenn man so
will, einen ebenso wissenschaftlichen wie moralischen posthumanistischen 'Physiologus'. Einer der
Terme, mit dem sie die wenn auch nicht unmittelbare, so doch verlinkte Weise zu fassen versucht,

40 Kay (2014), Ebd.


41 Derrida, Jacques: L'Animal que donc je suis (à suivre). In: Mallet, Marie-Louise: L'Animal autobiographque. Autour
de Jacques Derrida. Paris, 1999, S. 251-301, hier: S. 264.
42 Ebd., S. 265
43 Dieser Punkt oder diese Frage wird bei Derrida wie folgt beschrieben: „Toute ladite question dudit animal reviendra
à savoir non pas si l'animal parle mais si on peut savoir ce que veut dire répondre. Et distinguer une réponse d'une
réaction.“ (Ebd., S. 258) – Dazu Haraway: „He came right to the edge of respect, of the move to respecere, but he
was sidetracked by his textual canon of Western philosophy and literature and by his own linked worries about being
naked in front of his cat.“ (Haraway, Donna J.: When Species meet. Minneapolis, 2008, S. 20)
44 Derida (1999), S. 260
45 Haraway (2008), S. 20

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in der wir Tiere uns gemeinsam betrachten, berühren und miteinander umgehen könnten, ist das
'becoming with' und 'becoming worldly'.46
Anstatt das Offene zoologistisch zu zergliedern, imaginativ aufzuladen oder vitalistisch
heraufzubeschwören,47 müssten wir also versuchen, trotz der Verschiedenheit die Nähe und
Möglichkeit von Gegenseitigkeiten nicht aus den Augen zu verlieren. So könnte der Karolinger
Abul Abbaz zwar nicht persönlich, aber zumindest sozusagen heuristisch Eingang in den Umgang
mit Bestiarien-Literatur finden. Es gälte also, dafür möchte ich zum Abschluss dieser Arbeit
plädieren, das Erscheinen nicht-menschlicher Tiere im Berner Physiologus und vielleicht in allen
mittelalterlichen Bestiarien vor dem Hintergrund des malenden Löwen, dieser Umkehrbarkeit zu
sehen, und das einleuchtende Konzept der 'anthropological machine' weniger als einen Beweis für
universelle Unüberbrückbarkeiten heranzuziehen, als von ihm ausgehend die semiotischen und
nicht zuletzt medialen Zwischen- und Antworträume zu erkunden, die die Tiergestalten und
-geschichten in Bestiarien bevölkern.
Diese nicht-menschlichen Tier-'Versionen' entsprechen, so die These, mindestens dem, was Donna
Haraway in der Einleitung zu ihrem Buch als 'figures' bezeichnet:

Figures help me grapple inside the flesh of mortal world-making entanglements that I call
contact zones. The Oxford English Dictionary records the meaning of “chimerical vision”
for “figuration” in an eighteenth-century source, and that meaning is still implicit in my
sense of figure. Figures collect the people through their invitation to inhabit the corporeal
story told in their lineaments. Figures are not representations or didactic illustrations, but
rather material–semiotic nodes or knots in which diverse bodies and meanings coshape one
another. For me, figures have always been where the biological and literary or artistic come
together with all of the force of lived reality. My body itself is just such a figure, literally. 48

Im Vorwort zu Les Mots et les choses zitiert Michel Foucault Borges, der eine Übersicht über Tiere
(Tierarten) aus einer 'gewissen chinesischen Enzyklopädie' wiedergibt:

„« les animaux se divisent en : a) appartenant à l'Empereur, b) embaumés, c) apprivoisés,


d) cochons de lait ,e) sirènes, f) fabuleux, g) chiens en liberté, h) inclus dans la présente
classification, i) qui s'agitent comme des fous, j) innombrables, k) dessinés avec un
pinceau très fin en poils de chameauf l) et cætera, m) qui viennent de casser la cruche, n)
qui de loin semblent des mouches ».“49

Dessiné avec un pinceau très fin en poils de chameauf...: Sobald wir die Distinktionen der

46 „If we appreciate the foolishness of human exceptionalism, then we know that becoming is always becoming with—
in a contact zone where the outcome, where who is in the world, is at stake.“ (Ebd., S. 244). In der Einleitung
schreibt Haraway: „Two questions guide this book: (1) Whom and what do I touch when I touch my dog? and (2)
How is “becoming with” a practice of becoming worldly?“ (Ebd., S.3)
47 Vgl. Fußnote 35.
48 Haraway (2008), S. 4
49 Foucault, Michel: Les Mots et les choses. Une archéologie des sciences humaines. Paris, 1966, S. 7

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anthropologischen Maschine ebenso wie die Hierarchie von Materialien, Medien und 'geistigem
Sinn',50 die 'philologische Versiegelung', wie ich sie genannt habe, abwerfen, ordnen sich die
medialen und Rollen-Zusammenhänge in ein breites Nebeneinander, das sich jeweils, wie wir
gesehen haben, am Material nachvollziehen lässt. Die gemalten und beschriebenen Tierfiguren sind
auch jenseits von wie 'realen' Ähnlichkeiten auch immer Tiere:
Aquilae volant (f. 10v), elefanti ambulant (f. 19r), serenae in mare clamitant (f. 13v).
Vulpis esurierit (f. 14v), vipera semen effundit et bibit (f. 11v), unicornis tripudiando discurrit (f.
15v).
Serpens totum corpus tradit caput autem custodit ( f. 12v), formica dividit grana in duas partes (f.
12v), leo quando irascitur se in terram pingit.51
Vielleicht geht es also darum, die Quellen dieser aufgeregten Gegenständlichkeit und erstaunlich
'offenen' Vielfalt der Tierwelt in mittelalterlichen Bestiarien weniger vor dem Hintergrund eines
rigide postulierten Abgrenzungsversuches des zōon philologon aufzulesen, als in dem Vordergrund
einer von allen Seiten betriebenen und von allen Seiten medialen und imaginären Annäherung.

50 Vgl. oben, S. 6
51 Oxford: Merton College MS 249, f. 2r

15
5. Literaturverzeichnis

Manuskripte

Bern: Burgerbibliothek, Cod. 318

Aberdeen University Library, MS 24

Milan: Biblioteca Ambrosiana MSS B 30-32

Oxford: Merton College MS 249

Literatur

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17
6. Abbildungen
Abbildungen 1-6 aus Bern, Burgerbibliothek, Cod. 318,
nach dem Digitalisat: https://www.e-codices.unifr.ch/en/bbb/0318 (abgerufen 23.07.2020)

Abb.1: Cod. 318, f. 15v, Detail


(https://www.e-codices.unifr.ch/en/bbb/0318/15v)

Abb.2: Cod. 318, f. 17v, Detail


(https://www.e-codices.unifr.ch/en/bbb/0318/17v)

Abb.3: Cod. 318, f. 8v, Detail


(https://www.e-codices.unifr.ch/en/bbb/0318/8v)

18
Abb.4: Cod. 318, f. 9r, Detail (https://www.e-codices.unifr.ch/en/bbb/0318/9r)

(DE NA TURA UOLATILE QUAE DICITUR CALATRIUS


Sicut in deuteronomio scriptum est. Physiolocus narrat de ipso quoniam totus albus est nullam
partem habens nigram. Interiora eius foeimatam curam puram oculi quorum caliginant oculi etiam
tres regum inuenitur. Et si quis infirmus est ex eo calatrius cognoscitur si uiuat aut moriatur. Et si
est infirmitas hominis ad mortem. Auertit faciem suam calatrius et omnes cognoscunt quia
morietur... )

Abb.5: Cod. 318, f. 12v, Detail (https://www.e-codices.unifr.ch/en/bbb/0318/12v)

DE NATURA FORMICAE
Quando recondit triticum in terra diuid<i>t grana eius in duas partes ne forte hiems conprehendit
eam et infundens pluuia et germinent grana et fame pereant. Et tu uerba ueteris testamenti ad
spiritalem intellectum ne quando littera occidit. Paulus dixit quoniam lex spiritalis est. Solum enim
carnaliter adtendentes iudaei fame ne<c>ati sunt et homicide facti sunt prophetarum.

19
Abb.6: Cod. 318, f. 12v, Detail (https://www.e-codices.unifr.ch/en/bbb/0318/12v)

20
Abb. 7: Milan: Biblioteca Ambrosiana, MS B 32, fol. 136r. Digitalisat des Center for Jewish Art der
Hebräischen Universität Jerusalem (https://cja.huji.ac.il/sch/browser.php?mode=alone&id=220076)

21
Abb. 8: Oxford: Merton College MS 249, f. 2r, Detail. Digitalisat der Bodleian Libraries der
Universität Oxford (https://digital.bodleian.ox.ac.uk/inquire/p/efa7cb1c-ad4d-4850-ad45-
b6e655fc9282)

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