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25 | Michaeli 2011

PUNKT und

KREIS
Zeitschrift für anthroposophische Heilpädagogik, individuelle Entwicklung und Sozialkunst

Recht auf Wahlen


brk

Herr Weidinger reist


nach Ameland
mittelpunkt

SEKEM: Soziale Arbeit in Ägypten


gesellschaft & recht

Autismus
inhalt


editorial Internationale Ausbildungstagung
Ingeborg Woitsch 3 in Kassel
Andreas Fischer 30
thema
eltern & angehörige
Autismus
Bernhard Schmalenbach 4 Wo ist der Lebensort für meine Tochter?
Interview mit Veronika Carle 31
Kleinkinder mit Autismus-Spektrum-
Störungen in der Frühförderung In einer Lebensgemeinschaft wohnen:
Sibylle Grimm 9 Ja! – aber arbeiten?
Walter Kirchner 34
Selmas Welt
Interview von Johannes Denger 12 Projekt Nische
Gerd und Ulrike Meier 36
Ich sehe was, was du nicht siehst
Katharina Dietz 18 Autismus und die Stille
Ein Erfahrungsbericht 37
recht & gesellschaft
aktuell notiert
Soziale Einbeziehung in SEKEM
Bijan Kafi 20 Wirksam werden für Mensch,
Gemeinschaft und Gesellschaft
BRK-aktuell 22
Johannes Denger 39

mittelpunkt
bücher 41
Reiseeindrücke Ameland 23
impressum 41
mensch
angebot & nachfrage 42
Ich suche Dich 26

cabaretorte 46
themen & termine 27

bildung

»Nicht ausbilden sollt ihr,


sondern einhören!«
Cornelia Wiemers 28

2 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

auch ein stummer will sich artikulieren Autismus und ihrer Angehörigen. Er betreibt umfassende
auch er hat ein recht auf sprache Aufklärung über das autistische Syndrom und wissen-
ohne sprache sind wir tote, isolierte, ausgestoßene apparaturen schaftliche Erkenntnisse, veranstaltet ­ Kongresse und
Fachtagungen und gibt Bücher sowie Broschüren heraus.
ich liebe die sprache über alles Wir haben neben den Themenbeiträgen für unser Heft
sie vermittelt zwischen den menschen auch Mitteilungen Betroffener eingeholt:
eine sprache gibt uns würde und individualität »Über Autisten sagt man, sie wollten mit den Men-
ich bin ohne sprache nichts schen nix zu tun haben. Stimmt nicht, sie wollen mit
Ingeborg Woitsch,
den Menschen auskommen – und zwar mit allen – und Schreibwerkstatt in
ich liebe sprache sind traurig, es nicht zu schaffen«, berichtet Selma, ein Berlin für Poesie­
sie bringt das innere zum blühen besonderes Mädchen mit Asperger-Autismus, im Inter- therapie und Biografie­
arbeit. Redakteurin der
sie schickt gedanken mit der kühnheit eines adlers in dimensionen view »Selmas Welt« (S. 12). ­BundesElternVereinigung
deiner innersten innigsten träume Auf den mittelpunkt-Seiten berichtet Horst Egmont für PUNKT und KREIS.
sie verbindet uns die wir eingesperrt sind in unsre einsamkeit Weidinger von seiner »Reise nach Ameland.« Der P­ rojektleitung der
mittelpunkt-
­Reisende ist Autist. Schreibwerkstätten.
Diese Sätze veränderten die Sicht auf Autismus! 1993 Und in die Kraft der Stille im autistischen Wahrnehmen
erschien das Buch »Ich will kein inmich mehr sein« von führt der Beitrag »Autismus und die Stille« (S. 37):
Birger Sellin. Erstmals gab ein schwer autistisch behin- »Nach Jahren machte ich mich wieder auf den Weg und
derter, nicht sprechender Mensch durch gestützte Kom- suchte die verloren gegangene Stille, quer durch Europa
munikation Auskunft aus seiner Innenwelt. und fand sie erst im Zentralmassiv in Frankreich.
»Im vergangenen Jahrzehnt ist die Situation von Men- Doch dort war ich allein und bedauerte es, sie nicht
schen mit Autismus einer breiteren Öffentlichkeit be- wieder gemeinsam zu erleben.
wusster geworden: durch Filme und Romane, durch Do- Ich fand heraus, dass die gemeinsame Stille eine
kumentationen, Autobiografien und durch Auftritte von ­Brücke ist.
Betroffenen in Talk-Shows. Auf diese Weise ­fanden vor Sie kennt keine Diagnosen. Und das wünsche ich uns
allem Personen mit speziellen und hohen Be­gabungen allen.«
Beachtung. Wenngleich diese Gruppe nicht alle Men-
schen mit Autismus repräsentiert, so hat sich durch die Ihre
autobiografischen Schilderungen das Verständnis für
Menschen mit Autismus grundlegend erweitert und
vertieft«, schreibt Bernhard Schmalenbach in seinem,
unser Schwerpunktheft einleitenden Artikel (S. 4).
Zu verdanken ist dies u.a. dem Bundesverband »autismus
Deutschland e.V.« (www.autismus.de). Als Elternselbst-
hilfeverband vertritt er die Interessen von Menschen mit Ingeborg Woitsch

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thema

Phänomene, Stärken, Nöte und Hilfen – Menschen im Autismus-Spektrum

Autismus
Von Bernhard Schmalenbach

Im vergangenen Jahrzehnt ist die Situation von Menschen mit Autismus einer breiteren Öffentlichkeit bewusster
geworden: Durch Filme und Romane, durch Dokumentationen, Autobiografien und durch Auftritte von Be-
troffenen in Talk-Shows. Auf diese Weise fanden vor allem Personen mit speziellen und hohen Begabungen
Beachtung. Wenngleich diese Gruppe nicht alle Menschen mit Autismus repräsentiert, so hat sich durch de-
ren autobiografische Schilderungen das Verständnis für Menschen mit Autismus grundlegend erweitert und
vertieft. Dies gilt für Pädagogen und Therapeuten ebenso wie für Forscher, für Angehörige und nicht zuletzt
für die Betroffenen selbst, welche oft zum ersten Mal die eigene Situation in den Berichten anderer gespiegelt
fanden. So tragen diese Berichte wesentlich zur Aufhellung des seit seiner Entdeckung vor 70 Jahren als Rätsel
­empfundenen Autismus bei.

Symptome stereotype Verwendung von Worten oder Lauten, des


Lange Zeit wurden die von Autismus Betroffenen Weiteren eine wenig variierte Sprachmelodie und die
in zwei Gruppen unterteilt: Personen mit ›Asperger- Vertauschung von Personalpronomen.
Autismus‹, welche über ein hohes Sprachniveau und • Der dritte Bereich betrifft sich wiederholende und
besondere intellektuelle Fähigkeiten verfügen und sol- begrenzte Verhaltensmuster und Interessen, das
che mit ›Frühkindlichem Autismus‹. Diese Kinder und ­Bestehen auf bestimmten Ritualen oder Routinen.
Erwachsenen zeigen u.a. starke Beeinträchtigungen Das Spektrum erstreckt sich hier von immer wieder
in ihrer sprachlichen und kognitiven Entwicklung, in- ausgeführten Bewegungen, wie etwa Hüpfen oder
Bernhard Schmalenbach,
Prof. Dr., ist tätig im soweit sie in Handlungen und Sprache zum Ausdruck Wedeln, bis hin zu einer unablässigen Beschäftigung
Institut für Heilpädagogik kommt, und zudem sehr eingeschränkte Verhaltens- mit einem Thema, etwa Dinosauriern, Fahrplänen
und Sozialtherapie an weisen. Gegenwärtig kommt man mehr und mehr oder Sternen.
der Alanus Hochschule,
Alfter und verantwortlich dazu, diese Unterscheidung zugunsten eines Spek-
für den dort angebote­ trums oder Kontinuums autistischer Störungen (ASS) Die Kinder zeigen kaum Als-Ob-Spiele und verwenden
nen ­Masterstudiengang: aufzugeben. Das Spektrum umfasst dabei extreme Spielzeuge oder Gegenstände nicht ihrer Funktion ge-
Leitung, Forschung und
Bildung in heilpäda­ Ausprägungen wie auch F­ ormen, welche sich dem an- mäß, sondern beklopfen sie z.B. oder lassen sie kreisen.
gogischen Arbeitsfeldern. nähern, was man gemeinhin als ­Normalität akzeptiert. Die Diagnose Autismus wird gestellt, wenn eine gewisse
Zum Thema sei verwiesen
Diese Entwicklung bildet eine der Ursachen dafür, dass Anzahl der hier beschriebenen Symptome vorliegt.
auf den von ihm und
Dieter Schulz herausgege­ man gegenwärtig von 20 Be­troffenen bei 10.000 Ein-
benen Band mit Vorträgen wohnern ausgeht, während es vor 20 Jahren lediglich Phänomene
und Aufsätzen von Hans
5 bis 10 waren. Mit den oben beschriebenen Auffälligkeiten sind
Müller-­Wiedemann:
­Autismus verstehen. bei weitem nicht alle Phänomene erfasst, die in
Edition lionardo. Allen gemeinsam sind auffällige Verhaltensweisen, Ver­bindung mit Autismus auftreten. Gerade die auto­
welche unter drei Bereiche gefasst werden: biografischen Berichte rückten die schon lange be-
• Eine qualitative Auffälligkeit der gegenseitigen sozi- schriebenen, aber nicht genug beachteten Besonder-
alen Interaktion findet sich etwa in fehlendem oder heiten in der Sinneswahrnehmung von Personen mit
ungewöhnlichem Blickkontakt, Mimik und Gestik, ASS in den Vordergrund: Eine besondere Empfind-
ferner in sozialem Rückzug und fehlender Gegensei- samkeit für visuelle oder akustische Wahrnehmungen,
tigkeit, Anteilnahme und gemeinsamem Handeln. eine starke, oder auch wechselnde Empfindlichkeit im
• Damit in Verbindung stehen Beeinträchtigungen in taktilen Bereich, Probleme in der Wahrnehmung der
der Sprachentwicklung, bzw. eine ungewöhnliche eigenen Bewegungen und des Gleichgewichtes. Damit
Sprache, welche kaum durch Mimik und Gestik be- in Verbindung steht eine besondere Konzentration auf
gleitet wird, Wortneuschöpfungen enthält und eine Einzelheiten, isolierten Eindrücken, Impressionen – aus

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thema

denen kein Gesamtbild entsteht. Bestimmte Eindrücke


können eine faszinierende, aber auch bedrängende und
gar schmerzende Wirkung haben.

Aus den Selbstberichten lassen sich auch Besonder­


heiten im Verhältnis zum eigenen Leib entnehmen,
ein Bereich, auf welchen die anthroposophisch orien-
tierte Forschung des Autismus schon lange hinge­wiesen
hat: Probleme im Erleben der leiblichen Begrenztheit
und des leiblichen Wohlbefindens, ein f­ehlendes Gefühl
von ­Wärme/Kälte oder von Hunger und ­Sattheit, das
Gefühl, die eigenen Bewegungen nicht selbstverständ-
lich ­steuern zu können u.v.a.m. In dem beunruhigten
Körper­ erleben und den Spannungszuständen spie-
gelt sich, dass vegetative Prozesse und physio­logische
Rhythmen nicht im Gleichgewicht ­stehen, wie etwa die
Rhythmen des Ernährungsprozesses, von Schlafen und
Wachen, von Aktivität und Ruhe. Im Hinblick auf die
Begegnung mit anderen M ­ enschen berichten Betrof-
fene im Rückblick, dass ­ihnen der Sinn von Gestik und
Mimik, von sprachlichen Äußerungen und Handlungen
anderer Menschen lange verschlossen geblieben ist, in
manchem auch bleibt.

Nöte
Schon in diesen wenigen Beschreibungen d­eutet
sich an, dass für viele Betroffene die ›autistische
Situa­tion‹ mit gravierenden Nöten in Verbindung steht.
Man sieht dies alleine schon an dem hohen Ausmaß
Foto: Charlotte Fischer
von psychiatrischen ›Störungen‹, die mit Autismus als
›Doppel- oder Mehrfachdiagnosen‹ einhergehen. So
schätzt man, dass etwa 45 % aller Betroffenen unter
Phobien leiden und über die Hälfte an Zwängen. Eine e­ igene Situation äußern können, bleibt vieles verborgen.
Studie fand bei einem Drittel affektive Störungen, bei In diesem Zusammenhang ist auch zu bedenken, dass
Jugendlichen und Erwachsenen vermutet man einen bei einem Drittel der autistischen Kinder ein Rückgang
hohen Anteil an Depressionen. Auch Schlafstörungen im Entwicklungsniveau beobachtet wird. Diese Kinder
sind besonders häufig. Bei Patienten mit Magersucht erleben einen Verlust von Fähigkeiten und Ausdrucks-
fand eine Untersuchung 18 % Erkrankte aus dem Spek- möglichkeiten, ohne dies verstehen und kompensieren
trum der autistischen Störungen. zu können. Dieser Verlust trifft auch ihre Angehörigen.

Weiter seien Verbindungen mit ADHS, aggressivem Zusammenhänge


und autoaggressivem Verhalten genannt. Letzte- Eine Auflistung von Verhaltensweisen allein ergibt
re zum Beispiel findet man schätzungsweise bei mehr kein Bild. Die Beschäftigung mit dem Autismus ver-
als der Hälfte der Autisten im Kindesalter. Gründliche bindet sich seit Beginn mit der Frage nach Zusam-
Fallberichte und Selbstaussagen weisen darauf hin, dass menhängen: Nach den Ursachen, nach dem inneren
aggressive und selbstverletzende Handlungen oft mit Zusammenhang der Symptome und nach der Ent­faltung
Momenten der Spannung und des Bedrängtseins ein- des Autismus in der kindlichen Entwicklung. Spätestens
hergehen. Da es hierbei ja um Menschen geht, von de- seitdem Zwillingsstudien eine deutlich höhere Autismus-
nen viele sich weder sprachlich noch nonverbal über ihre Rate bei eineiigen Zwillingen ergaben, weiß man um die

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thema

organische Bedingtheit des Autismus. In einer geringen verschiedene Wurzeln haben: Es mag sein, dass die Per-
Zahl der ­Fälle lassen sich bestimmte genetische Ursachen son mit Autismus den Sinn einer Handlung nicht ver-
feststellen, für das Gros er­mittelte die Forschung mit stehen kann, vielleicht gelingt es ihr aber auch bereits
Hilfe statistischer Analysen genetische Risikofaktoren, nicht, sich innerlich mit dem Prozess zu ver­binden und
dabei bleibt aber offen, wie und unter welchen Bedin- die Handlung selbst aus ihren einzelnen Stufen zusam-
gungen es zu den sehr verschiedenen Erscheinungsbil- menzufügen. Vielleicht entwickelt die Person ein inne-
dern kommt und auch, inwieweit sich starke oder milde res Bild der Handlung, ist aber nicht imstande, diese
Ausprägungen ergeben. In einigen Fällen führen auch selbst auszuführen. Oder sie ist mit einer anderen Sache
äußere Ursachen zum Autismus, z.B. im Zuge einer Rö- so befasst, dass sie sich nicht auf die Situation konzen-
telinfektion der Mutter in der Schwangerschaft oder in trieren kann. So viel dafür spricht, die verschiedenen
extremen Situationen langjähriger Verwahrlosung. und gut begründeten Erklärungsan­sätze zu verbinden,
entscheidend ist es, für die jeweilige Person, oder auch
Eine eindeutige Korrelation mit spezifischen hirn­ nur für eine konkrete Situation herauszufinden, was
an­atomischen, bzw. hirnphysiologischen Faktoren lässt hier vorliegt. Dabei sollte man zwei Aspekte hinzuneh-
sich bisher auf der Ebene einzelner, spezifischer Sym- men, welche oft weniger beachtet werden, weil sie sich
ptome vermuten, nicht aber im Hinblick auf das Ge- schwerer erfassen und erforschen lassen: Das Erleben
samtbild. In engem Bezug zu neurowissenschaftlichen des eigenen Körpers und die Beziehung zum Selbst.
Befunden wurden drei Theorien entwickelt, welche die
Entstehung des Autismus erklären sollen. Dabei w ­ erden Genese
jeweils unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt: Retrospektive Berichte von Eltern, Videoaufnahmen
• Viele Forscher sehen als wesentliches Problem und Dokumentationen im Rahmen früh gestellter
die Beeinträchtigung der Fähigkeit, sich in andere Diagnosen zeigen, dass die Kinder von Beginn an
Menschen hineinzuversetzen und die Emotionen, ein auffälliges Verhältnis zu den Äußerungen an­
Gedanken und Absichten zu erkennen. Damit in derer Menschen zeigen: Sie reagieren kaum auf i­hren
­Verbindung sieht man auch Probleme im Verstehen Namen, interessieren sich scheinbar nicht für Ge-
­
von ­Metaphern und symbolischen Handlungen. sichter, strecken die Arme nicht aus, um aufgenommen
• Eine andere Auffassung sieht die zentrale Problema- zu werden und zeigen kein soziales Lächeln. Der Autor
tik in einer Schwäche, Handlungen zu planen, Vor- Axel Brauns schildert im Rückblick, wie ihm die Ge-
stellungen und Tätigkeiten flexibel zu verändern und sichter der Menschen wie ›Pfützen‹ erschienen, deren
neue zu bilden. Regungen er nicht entziffern konnte. Aus der Beobach-
• Eine sehr einflussreiche Theorie befasst sich mit der tung der kindlichen Entwicklung weiß man, wie wich-
Neigung autistischer Menschen, die Aufmerksamkeit tig der primäre Bezug zu anderen Menschen für die
auf Einzelheiten und Elemente zu richten, ohne zu gesamte Entwicklung ist. Die fortwährende, physische
einem Gesamtzusammenhang zu finden, wie dies für wie seelische Abstimmung des Säuglings mit seinen
das Wahrnehmen von Gesichtern, das Verstehen von Bezugspersonen bildet die Grundlage für das Verhältnis
Geschichten, Situationen und Handlungszusammen- zu sich wie zur Umwelt. All diese Erfahrungen schrei-
hängen erforderlich ist. ben sich in die Struktur und Physiologie des Gehirns
ein. Die Grundlage der Erfahrungen bilden die Wahr-
Diese – und weitere – Theorien lassen sich gut nach­ nehmung und Nachahmung von mimischen und ges-
vollziehen, wobei man im Hinblick auf die einzelnen tischen Äußerungen, Lauten und Worten, Bewegungen
Personen, aber auch bezüglich bestimmter Fähig­keiten und Handlungen. Was bedeutet es, dies wahrzu­
sehr differenzieren muss. Bei der Empathie etwa zeigt nehmen? In all diesen Äußerungen manifes­tieren sich
sich, dass Personen mit ASS die Empfindungen und seelisch-geistige (mentale) Erlebnisse und Intentionen
Gedanken anderer Menschen nicht erkennen k­ önnen, auf physischem Wege als Bewegungsgestalten, ­welche
wenn sie aber doch eine Situation nachvoll­ ziehen sich im Fluss der Zeit entwickeln.
­können, zeigen sie sich berührt und betroffen. Ein an-
deres Beispiel betrifft die Beeinträchtigung in der Nach- Wer diese ›Metamorphosen‹ aufnimmt – Gesten
ahmung, wie man sie im kindlichen Spiel, beim Lernen und Bewegungen, die im Sprechen sich wan­
oder im Arbeitsprozess antreffen kann. Diese kann sehr delnde Stimme – registriert zugleich Bleibendes

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thema

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schäden der Haut; Insektenstiche.
Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker.
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2011 Michaeli
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thema

und sich Veränderndes. Die Grundlage dafür bildet Stärken verfügen, welche es zu erkennen und zu
das Er­fassen von Strukturen, welche den einzelnen würdigen gilt: Stärken, die sich aus ihrer besonderen
Sinnes­kanälen übergeordnet sind, z.B. Gestalten, In- Wahrnehmungssituation und ihrer hohen Aufnah-
tensitäten und Rhythmen. Das kleine Kind nimmt mefähigkeit ergeben wie etwa solche, die sie sich in
diese Äußerungen auf, indem es sie gleichsam in der Auseinandersetzung mit einer sehr belastenden
sich resonieren lässt, es schwingt sich ein und ver- Lebenssituation erarbeitet haben. Diese sind schon
­
mag sie in sich zu spiegeln. Sein Tun ist zugleich weniger greifbar, wie auch andere Fähigkeiten, ­Stärken
ein unbewusstes Verstehen, getragen von Rhythmen. oder Neigungen, welche sich abseits der ›neuroty-
Von diesem Bezug aus taucht das Kind in eine mit pischen‹ Wege ergeben haben: Hier wäre zum Beispiel
anderen geteilte Welt ein. Diese Verbindung hilft ihm ein sehr feines Gespür für Menschen und Stimmungen
aber auch, seine eigenen Gefühle zu erkennen und zu zu nennen, eine besondere Offenheit, eine starke Per-
regulieren. In diesen frühen ­Phasen der Kindheit ist sönlichkeit – und vieles andere mehr.
die Erfahrung von Eigenem und ­Fremden noch nicht
vollständig getrennt. Erst mit der Zeit, in Verbindung Hilfestellungen
mit dem Erleben und Beherrschen des eigenen Kör- In der Förderung und Therapie von Personen mit ASS
pers, wird diese Unterscheidung deutlich. Die Äuße- sind viele wesentliche Fortschritte erzielt ­worden. Lei-
rungen der anderen Menschen, zuvor gespürt, können tend ist der Gedanke, sich auf die individuelle Situation
nun auch bewusst verstanden werden. Zugleich kann der Kinder und Erwachsenen einzustellen und ihre beson-
das Kind nun Gestalten und Bilder innerlich bewegen. dere Weise zu verstehen, die Welt und sich selbst wahrzu-
Diese Fähigkeit erscheint am reinsten im kindlichen nehmen. Eine große Bedeutung hat die klare zeitliche und
Phantasiespiel, später im freien Denken und in der räumliche Strukturierung, die vielfältigen Methoden der
Vorstellung eines Selbstes, welches von bleibendem Unterstützten Kommunikation und das Zusammensein
Charakter ist und sich doch verändert. mit einfühlsamen und Halt gebenden Bezugspersonen.
Angehörige, Pädagogen wie auch Betroffene betonen
Diese hier skizzierte Entwicklung kommt beim autis­ die Bedeutung eines konsequenten und zugleich sinnvoll
tischen Kind nicht zustande, oder sie bricht ab. In sehr aufgebauten Übens von sozialen und kommunikativen
berührender Weise findet es Strategien, um mit dieser Handlungen sowie von alltagspraktischen Tätigkeiten
Situation zurande zu kommen. So berichten Betroffene, und schulischen Inhalten. Dies kann in durchaus inten-
dass sie mithilfe ihres kombinierenden ­Denkens und siver Weise erfolgen. Von großer Bedeutung ist des Wei-
durch die Erstellung kausaler »Wenn-Dann-Regeln« die teren die Anregung eines positiven Körpererlebens, oft
Äußerungen anderer Menschen, welche sich der unmit- in Verbindung mit der Rhythmisierung physiologischer
telbaren Wahrnehmung nicht erschließen, zu erkennen Prozesse und dem Anregen von Handlungen, welche als
versuchen. Anstelle einer geteilten Welt, entsteht zu- selbst hervorgebracht erfahren werden.
nächst eine Eigenwelt aus ›Systemen‹, in denen sie sich
mit besonderen Fähigkeiten bewegen: Solche Systeme Noch ganz in den Anfängen stehen psychothera­
sind etwa Kalender, technische Geräte oder biologische peutische Hilfen. Auch gibt es eine beträchtliche Zahl
Gattungen. Auf einer einfachen Stufe erscheinen diese von schwer betroffenen Jugendlichen und Erwachse-
als Handlungsroutinen und Wahrnehmungs­sequenzen, nen, für die noch keine befriedigende – und befrie-
als wiederkehrende Lautfolgen oder Rituale. All dies gibt dende – Situation gefunden wurde. Für die Betroffenen
Halt. In diesen in sich ruhenden und in sich zusammen­ wie für ihre Begleiter wird es sich oft darum handeln,
hängenden Systemen liegt etwas abstrakt Geistiges, das rechte Verhältnis von ›Eigenwelt‹ und Partizipation
jenseits von Zeit und Entwicklung. Hier beeindruckt die zu finden. Manche Betroffene, etwa Temple Grandin,
starke Energie und Intelligenz, welche die Kinder auf- wählen Arbeits- und Lebensformen, welche sie von
wenden – und nicht nur die­jenigen Kinder, welche sich vorneherein gegen eine soziale Überflutung schützen,
sprachlich gut ausdrücken können. andere wiederum suchen und finden kleine und größe-
re Gemeinschaften um sich. Voraussehen lassen sich
Stärken die Entwicklungen nicht; auch darin zeigt sich, wie in-
Damit deutet sich schon an, dass Menschen mit dividuell die Wege sind, die in der Auseinandersetzung
Autismus über besondere und höchst individuelle mit dem Autismus entstehen.

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thema

Frühzeitige Hilfe ist nötig

Kleinkinder mit Autismus-Spektrum-­


Störungen in der Frühförderung
Von Sibylle Grimm

Anas trennt sich ohne Zögern von seiner Mutter. Er schaut mich verzweifelt an, hält sich die Ohren zu, als ich
leise zu ihm spreche und entspannt sich erst, als ich in einer Zimmerecke still die Murmelbahn aufbaue. Er ist
gerade drei geworden, sehnig und klein, ohne kindliche Rundungen. Wie alle anderen Kinder, die in die Früh-
förderung kommen, ist er noch nicht im Kindergarten. Er spricht nicht, äußert sich auch sonst mit keinem Laut.
In seiner Mimik ein leidender Ausdruck. Plötzlich wirft er den Stuhl um, spuckt auf den Teppich, steigt blitzschnell
auf den Tisch und ergreift den Fenstergriff.

Frühkindlicher Autismus ist eines der drei Störungs- als Kontakt zu initiieren und hat wenig Bedürfnis, Ver-
bilder des Autismus-Spektrums, deren Diagnose am gnügen, Interessen oder Erfolge mit anderen zu teilen.
Beginn der Heilpädagogischen Frühförderung steht. Es hat Probleme beim Perspektivenwechsel.
Autismus-Spektrum-Störung (ASS) wird als tief- Wir spielen auf dem Boden. Enzo entreißt Yasmin
greifende Entwicklungsstörung bezeichnet, deren ohne ›Vorwarnung‹ grob ein Spielzeugauto. Es stört
sichere Diagnose erst ab frühestens zweieinhalb sie nicht, sie steht auf, sucht sich einen Bändel, um
Jahren möglich ist. Ein ressourcenorientiertes Ver- ihn gegen das Licht zu drehen. Enzo beachtet sie
ständnis der K
­ inder mit ASS wird im pädagogisch- nicht, er schiebt konzentriert und mit unveränderter
Sibylle Grimm,
therapeutischen Alltag förderdiagnostisch aufge- Mimik sein Lieblingsauto hin und her. MA. Dipl.-Heilpädagogin,
griffen und gelebt. 3. Die eingeschränkte Wahrnehmungs- und Informati- Schwerpunkt Heilpäda­
onsverarbeitung (Vorstellungskraft), die sich z.B. in gogische Früherziehung
(Schweiz), Mitarbeit
Autismus umfasst eine Triade von Beeinträchtigungen: rigiden sich wiederholenden Tätigkeiten und Verhal- im interdisziplinären
1. Die qualitative Beeinträchtigung der Kommunikation tensweisen äußert. Es fehlen Symbol- und Rollen­ Team eines Projektes für
(verbal und nonverbal), wie z.B. fehlender kommu- spiel sowie spezielle Interessen. Details ­ werden autistische Kleinkinder
und deren Lebensumfeld,
nikativer Blick, Begrüßung, Wiedersehensfreude. Die beachtet, während die Ganzheitswahrnehmung Basel.
Erwartungshaltung vor einem Ereignis aufzu­bauen (zentrale ­Kohärenz) fehlt. Das Kind hat Probleme,
Kontakt:
ist erschwert, ebenso eine bedürfnisorientierte mehrere Informationen gleichzeitig aufzunehmen sibylle.grimm@
­Kommunikation. bzw. komplexe Handlungen auszuführen. Bei sen- khsdornach.org
Stephan liebt Musik über alles, so auch im Anfangs- sorischer Unter- bzw. Überempfindlichkeit, zeigt es
kreis am Morgen. In innigen Momenten singt er sogar keine Angst vor realen Gefahren.
selbstvergessen Phrasen mit. Verändere ich den Ab- Der großgewachsene, dunkelhäutige Jorge hat Basket-
lauf, greift er bestimmend ein. Kaum nehme ich die ball bei einem Computerspiel seines älteren Bruders
Kinderleier in die Hand, fordert Stephan: »­Fallende gesehen. Jetzt wird alles, was rund ist, auch in der För-
Töne!« Wie kommt er auf die Umschreibung des derstunde mit entsprechend sportlich-sprungbereiter
Liedes, das mit absteigender Tonfolge beginnt? Haltung exakt fünf mal auf den Boden geprellt und
2. Die qualitative Beeinträchtigung der sozialen, rezi- dann – laut »aah« schreiend – mit Wucht in den Korb
proken Interaktion und des Kontaktverhaltens, wie geschmettert (im Zimmer ist es die herabhängende
Besonderheiten in Blickkontakt, Mimik und Gestik; die teure Leuchte). Seine begeisterte Mimik veranlasst
fehlende Nachahmung. Objekte sind bedeutungsvoller mich, das Spiel dialogisch aufzugreifen. Ich schaue ihn
als Menschen, es wird wenig Interesse an Kindern ge- auffordernd an, prelle breitbeinig in sportlich-sprung-
zeigt, die Form der Kontaktaufnahme ist ungeschickt. bereiter Haltung den Ball fünfmal auf den Boden und
Es fehlt Verständnis für soziale Abläufe, dazu kommt schmettere ihn – begeistert laut »aah« rufend – mit
oft selbst- oder fremdverletzendes Verhalten. Das Wucht gegen die Wand. Heftiges Protestgeschrei
Kind zeigt kein soziales Lächeln, spielt lieber alleine, ­hinter mir! Jorge läuft schreiend aus dem Zimmer.

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 9


Foto: Wolfgang Schmidt
thema

Fotos: Charlotte
Fotos: Charlotte Fischer
Fischer

Das Autismusspektrum wird derzeit in drei Formen wechseln noch zum Hund werden, also protestiert er
untergliedert: Das Asperger-Syndrom (ca. 0,02 %), wieder: »Stephan ist kein Hund!!!« – Zeit für die Heil-
der Frühkindliche Autismus (ca. 0,1 – 0,4 %) und der pädagogin: Sie kommt bellend unter dem Tisch hervor,
­atypische Autismus (0,2 – 0,7 %). bellt ihn so lange aufmunternd an, bis er auf alle
Kleinkinder, bei denen das Asperger-Syndrom diag­ Viere geht und mit bellt. Kurz darauf verschwindet
nostiziert wird, fallen neben dem Auftreten einzelner die Wurst von der Pizza.
genannter Symptome eventuell durch frühe Sprachent- Das Kind mit frühkindlichem Autismus zeigt die
wicklung auf. Sie sind intelligent, verstehen hingegen autis­ mustypischen Symptome bereits sehr früh.
Aussagen, die im übertragenen Sinn gemeint sind, ­wenig ­Aufmerksame Eltern schildern dem Kinderarzt in den
und nehmen vieles wörtlich. Manche S­ ymptome sind in ersten Monaten bereits Auffälligkeiten ihres Kindes.
dem frühen Alter denen des ADHS ähnlich, auch wenn Ein meist anstrengender Weg steht ihnen bevor. Früh-
sie ursächlich anders begründet sind. Von den weltweit zeitige Hilfe ist dringend nötig, um weitere Beeinträch-
etwa hundert bekannten jugendlichen und erwachsenen tigungen am Kind und im Familienleben möglichst ge-
»Savants« (Inselbegabten) ist jeder Z­ weite autistisch. ring zu halten. Frühkindlicher Autismus tritt häufig in
Stephan besucht, weil er schon Viereinhalbjährig ist, Verbindung mit kognitiver Beeinträchtigung auf.
wöchentlich mit der Heilpädagogin den Dorfkinder­ Der dreijährige Lorenzo ist von seiner Mutter noch nie
garten. Sie wird das Kind auf dem Weg zur Integra- weiter als 20 cm entfernt gewesen. Jede Abwendung
tion durch eventuelle und tatsächliche Hindernisse verunsichert ihn derart, dass er Stunden anhaltend
begleiten. Ihre weitere Aufgabe ist die Kooperation panisch schreit. Er wird noch gestillt sowie mit süßer
zwischen der Kindergärtnerin, den Eltern des Kindes Breinahrung ernährt, an fester Nahrung nimmt er nur
und dem Austausch im eigenen interdisziplinären Milchschnitten und Kinderriegel an.
Team. Im Kinder­garten hält sie sich soweit zurück als Im ersten Vierteljahr ist seine Mutter konstant neben
es die Situation erlaubt, damit das dynamische Spiel ihm. Er entwickelt langsam Vertrauen in die Mitarbei-
der Kinder untereinander durch die Anwesenheit einer ter, sein Interesse für elementares Spiel wird geweckt,
Erwachsenen möglichst wenig irritiert wird. Stephan er erfährt sich in kleinen Schritten als aktiv Handeln-
sammelt Erfahrungen im Umgang mit Gleichaltrigen. der, die Wahrnehmung seiner Selbst (zunächst phy-
Soweit es ihm möglich ist, wird er eigene Konzepte sisch, später emotional) beginnt. Ab dem Moment kann
und Lösungsstrategien entwickeln. Sobald sie sieht, sich seine Mutter schrittweise von Lorenzo entfernen:
dass er nicht mithalten kann, unterstützt sie ihn auf In den ersten zwei Wochen 50 cm, in der folgenden
verschiedenen Ebenen. Stephan ist nervös, er freut Woche einen Meter, nach vier Wochen war sie an der
sich sehr, seinen Gleichaltrigen zu begegnen. Sie Zimmertüre angelangt. Nun geht alles sehr schnell. Als
spielen zu viert ein Geburtstagsfest mit Hund. Ste- Lorenzo vier Monate bei uns ist, kann seine Mutter
phan bereitet – wie immer – verschiedene Teller mit zum ersten Mal vors Haus gehen, um eine Zigarette
Obst und Gemüse vor. Roman ist begeistert von den zu rauchen. Um auch ihr die Lösung aus der symbio-
›Pizzen‹ und gibt noch etwas ›Reibekäse‹ (Holzperlen) tischen Beziehung leichter zu machen, bitten wir ihren
darüber. Lauter Protest von Stephan: »Nein, nicht Mann, in der Zeit bei ihr zu sein. Später im Jahr kann
Reibekäse! Das sind Holzperlen!« Roman ignoriert den sie zeitgleich einen Deutschkurs belegen.
Einwand, lässt flink die Rollen wechseln und Stephan Die Hauptgruppe der Kinder und Jugendlichen mit
wird der Hund. Stephan kann weder schnell die Rollen atypischem Autismus unterscheiden sich entweder

10 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


thema

durch einen späteren Beginn oder eine schwächer aus- • Zeitlich und räumlich klare Strukturen ermöglichen
geprägte Symptomatik, die nur in einem oder zwei der den eigenen Lernweg.
drei den Autismus definierenden Bereiche liegt. • Ist die Individuationsentwicklung soweit, dass das
Marco kommt zum ersten Mal und strahlend an Kind von sich zumindest in der dritten Person spricht
der Hand seiner Mama herein. Dunkelbraune Augen, (das nichtsprechende Kind sich im Spiegel wieder er-
­blonde Locken, großer Kopf, ein richtiger Wonneprop- kennt), kann es ins gemeinsame Spielen mit anderen
pen. Er spricht nicht, erwidert lächelnd meinen Blick, Kindern geführt werden.
springt auf mich zu, denn schon hat er die Seifen- Zwei Grundrichtungen haben sich bewährt, die viele
blasen hinter mir auf dem Tisch entdeckt! Prima, die Methoden der Förderung bei ASS einschließen: Die
Seifenblasen sind fest verschlossen, was macht er? erste geht in der Entwicklung des Kleinkindes zurück.
Er leckt den Behälter ab. Sein Interesse ist bereits Es erlebt sich bei Kose- und Kleinkindspielen noch
befriedigt. Ich öffne die Dose, blase demonstrativ ein einmal intensiv (Fingerspiele, guck-guck-da, Knierei-
paar Seifenblasen an ihm vorbei. Marco schaut ihnen ter, auf dem Boden liegend, fangen). Bei täglich hoch
nicht nach, das Interesse an der Dose ist ungebro- engagiertem Einsatz der Frühförderin berührt es sehr,
chen. Nachdem sie fest verschraubt ist, bekommt er wenn eines der Kinder Monate später diese Lieder
sie wieder. Nun möchte er an die Flüssigkeit, fragt summt und Spielelemente aufgreift!
jedoch (z.B. gestisch) wieder nicht nach Hilfe. Seine Die zweite geht auf die Fähigkeiten und Vorlieben des
Mutter möchte ihn mir erklären: »Gell, Marco möchte Kindes ein. Es wird bestätigt, angenommen im eigenen
die Seifenblasen?« – Er bekommt sie vorerst nicht, Handeln (positiv bestärkt). Es erfährt Sicherheit durch
ich erwarte mehr Aktivität. Die soziale Interaktion ist kontinuierliche, eindeutige Begleitung des Erwachse-
offensichtlich seine Stärke und wird als solche seine nen (Voraussetzung für sichere Bindung). Dann werden
umfassende Förderung durchziehen. Variationen entwickelt, wie etwa: Die Bewegung des
Der Weg, sich in seinem Leib und im Dasein zu be­ Kindes liebevoll zu spiegeln, aus echtem Interesse kurz
heimaten, ist für das kleine Kind mit Autismus ganz mit seinem Bändel zu wedeln; dann Bänder aus ande-
eigen. rem Material zu verwenden, schließlich statt des Bän-
Literatur:
• Besonderheiten der Wahrnehmung vermitteln ihm dels Kordel mit Glocke etc. Das Kind erkennt es noch
Freitag, Christine 2008:
verzerrte Informationen. Diese zu verstehen und da- immer als eigenes, seine Toleranz zur Veränderung Autismus-Spektrum-
raus ein Gesamtverständnis zu bilden, verlangt Kraft wächst. Zwischen Spielsequenzen kommen Übungs­ Störungen; München.
Deutsches Institut für Medi-
und Zeit. Vorhandene Ressourcen werden bestätigt, elemente, Alltagshandlungen werden in Einzelschrit-
zinische Dokumentation
weniger zur Verfügung stehende gestärkt. ten erübt: Anziehen, aufräumen, backen, Tisch abräu- und Information (Hrsg.)
• Es lernt aus dem anfänglichen Chaos der Sinnesein- men u.a.m., die mit wachsender Kompetenz erweitert 2005: ICF: Internationale
Klassifikation der Funkti-
drücke zu unterscheiden, was im Moment wichtig ist. werden. Durchgängig ist man mit dem kleinen Kind im onsfähigkeit, Behinderung
• Seine emotionale Entwicklung benötigt deutlich Dialog, konkret, sprachlich und nonverbal. In dieser Si- und Gesundheit / hrsg.
mehr Halt als die anderer Gleichaltriger. Bevorzugte tuation erfährt es, dass seine Äußerungen erkannt und vom Deutschen Institut für
­Medizinische Dokumen-
basale Erfahrung seiner Selbst werden zu wechsel- aufgegriffen werden. Unerfüllte Bedürfnisse drängen tation und Information.
seitigem, responsiven Verhalten geführt. Man muss es, Kontakt zur nun vertrauten Erwachsenen zu su- World Health Organization,
seine Emotionen beachten, bei was freut es sich, chen. Erscheinen dann plötzlich während des Spielens Genf; Neu-Isenburg
Schirmer, Brita 2006:
wann lacht es? Etwa in Rückzugsmomenten, die es Momente der gemeinsam geteilten Freude, ist für das Elternleitfaden Autismus;
dringend benötigt, wie wedeln, stapeln, drehen. Kind ein Meilenstein seiner Entwicklung erreicht! Stuttgart

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 11


thema

»Man kann bei Autisten nicht verallgemeinern.« Selma

Selmas Welt
Ein Interview mit Selma* von Johannes Denger

Selma kam am 2. Dezember 1998 als ein ausgespro-


chen liebenswertes, sehr besonderes Mädchen mit
der Diagnose Asperger-Autismus aus der heilpäda-
gogischen Schule in die laufende vierte Waldorf-Re-
gelklasse, deren Klassenlehrer ich damals war. Für sie
war es eine gewaltige soziale Umstellung, die schu-
lischen Inhalte hingegen waren kein Problem: Nach
sechs Wochen schrieb sie die besten Arbeiten! Für die
anderen Schüler­Innen war es eine Zumutung: Was
Leistung anbelangte, ›verdarb‹ sie die Preise – und
gleichzeitig verlangte sie durch ihre besondere Art
große Rücksichtnahme im Sozialen.
Drei Jahre begleitete ich sie in dieser Situation und
erlebte diese – bei allen Schwierigkeiten – sowohl für
Selma als auch für die ganze Klasse und für mich als
Gewinn. Ein Jahr nach meinem Weggang als Klas-
senlehrer und der Übernahme durch einen Ober-
stufenbetreuer ging es nicht mehr weiter und Selma
wechselte in die Kleinklasse, in der sie ihr schulisches
Zeichnung: Selma
Zuhause fand.

Als ich sie im vergangenen Jahr wieder traf, war ich dachte bis vor kurzem, dass Diabetiker immer beten …
gespannt darauf, wie es ihr geht und auf ihre Ent- Und das mit dem Perfektionismus … aus Angst wegen
wicklung seit damals. Auch war sie für mich ein frühes eines Fehlers; und dann mit den Menschen nicht aus-
Beispiel für versuchte ›Inklusion‹ in einer Regelklasse. zukommen … Meine Freundin Tina hat bis vor kurzem
Heute lebt Selma in einer Lebens- und Arbeitsgemein- zu sich ›Du‹ gesagt und zu anderen in der dritten Per-
schaft. Es entstand die Idee zu diesem Interview: Wie son gesprochen. Jeden Mittwoch telefonieren wir und
lebt sie heute? Was beschäftigt sie innerlich? Wie sieht ich schreibe ihr auch Briefe.
sie die Zeit damals?
JD: Schreibt sie Dir dann auch zurück?
Johannes Denger: Hallo Selma, ich freue mich sehr,
Dich ­wieder zu sehen! Wie geht es Dir!? S: Nein, das kann sie nicht. Ihre Mutter versucht he-
rauszufinden, was sie sagen will und schreibt mir das
Selma: Ja, … hm … äh … dann in der Ich-Form, ja. Als ich sie zum ersten Mal
sah, hörte ich von hinten eine Stimme: ›Willst du dich
JD: Wie dumm von mir. Verzeih! Ich stelle Dir tatsäch- wirklich verlieben?‹
lich gleich zu Beginn die einzige Frage, die Du nicht
beantworten kannst, nicht wahr? JD: Wie meinst Du das, von hinten? Eine Art Einge-
bung?
S: (lachend) Ja!!!
S: Ja, das war meine frühere Mitschülerin aus Tscher-
JD: Was beschäftigt Dich zurzeit? nobyl, die verstorben war.
* Name von der Redaktion
geändert S: Mh … ja … Das mit dem Dinge wörtlich nehmen – ich JD: Und zu ihr hast Du Kontakt, zu der Verstorbenen?

12 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


thema

S: Ja. Geistig, im Geistigen. Sie hieß Tatjana, ja, sehr


klangähnlich mit Tina!

JD: Wie lange war Tatjana in Deiner Klasse?

S: Sie kam aus der Ukraine und wurde mit acht ­Jah­ren
in die Kleinklasse eingeschult. Mit 12 Jahren ist sie
erkrankt und mit dreizehneinhalb Jahren, am 10. Ja-
nuar 2008, ist sie gestorben, weil sie das gespendete
Knochen­mark nicht annehmen konnte.

JD: Weißt Du, Selma, ich musste sehr an Dich denken,


als der GAU in Fukushima passierte. Letzten Herbst, auf
der Tagung, die wir gemeinsam besuchten, hast Du Dich
dauernd im Plenum gemeldet und vor einer möglichen
Atomkatastrophe gewarnt, obwohl wir ganz andere The-
men besprochen hatten. Da dachte ich, na, Selma hat
mal wieder einen Spleen! (Selma lacht hell auf.) Als dann
der GAU passierte, fragte ich mich: Was ist eigentlich
verrückter, Deine Angst oder unsere Verdrängung?

S: Ja, ich habe es vorher gespürt. Das ist bei meiner


Form des Autismus so, dass sich die Sachen anmelden.

JD: Weißt Du noch, wie es sich angemeldet hat?

S: Also, mir ist meine verstorbene Mitschülerin im- dazwischen gemeldet: ›Achtung! Achtung!‹ Ich kam
mer mal wieder erschienen und ich muss auch genau in Panik, weil ich nicht wusste, was gemeint war. Ich
gespürt haben, wo es passieren wird, denn wenn ich ­hatte Angst und wieder dieses Leibesbrummen …
das Japanische aktiviert habe und wenn ich Monster
gemalt habe – denn Tina kann, bei ihrer japanischen JD: Leibesbrummen?
Art mit Gefühlen umzugehen, Geschichten besser
aufnehmen, wenn man sie als Mangas (= japanischer S: Der Körper schmerzt dann an undefinierbaren
Begriff für Comics) malt – und als ich versucht habe, ­Stellen. Und als dann der Unfall in Fukushima geschah,
meine Geschichte so zu verarbeiten, um Tina so meine da war die Nachricht für mich erst Mal wie eine Er­
Lebensgeschichte als interautistische Raumfrau ver- lösung, weil ich dann endlich wusste, warum.
ständlich zu machen, da habe ich gemerkt, dass mir
das gar nicht geholfen hat. Da ist so ein Gefühl ge­ JD: Eine schreckliche Katastrophe für die Menschen
kommen, so als ob ich bald sterben müsste. Ich fühlte dort! – Ich fand erstaunlich, dass unsere Bundeskanz-
mich dabei jedes Mal ganz schwach. lerin dann so schnell umschwenkte und sagte, sie habe
früher nicht geglaubt, dass so etwas tatsächlich pas-
(Selmas ebenfalls anwesende Begleiterin bestätigt die sieren könne. Das fand ich für eine Wissenschaftlerin
Manga-Malversuche und erzählt, dass Selma zu ­Beginn eine verblüffende Aussage …
des Jahres plötzlich den Wunsch äußerte, Japanisch zu
lernen, was ihr dann aber für ihre Verhältnisse unge- S: Ja, ich habe Frau Merkel einen Brief geschrieben und
wöhnlich schwer fiel.) mich dafür bedankt, dass sie die Kernkraftwerke ab-
schalten will. Ich habe auch eine Antwort be­kommen,
S: Ja, irgendwie hatte ich da so eine Lernblockade. Es in der sie sich für meine Unterstützung, für meine
hat sich ständig meine Mitschülerin aus Tschernobyl ­Solidarität bedankt hat. Ich habe meinen Brief beendet

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 13


thema

mit ›weiter so!‹ – wie das ein Lehrer macht, wenn er dann eine Autisten-Phobie. Ich dachte, ich darf nicht
einen Schüler lobt! (lacht) – damit habe ich gemeint, behindert sein … Meine leibliche Mutter wollte das
es kann nicht bei dem Moratorium bleiben, das war nur Abi für mich und dachte, dass ich dann für sie sorge.
der erste Schritt in die richtige Richtung. Deshalb war sie dagegen, dass ich dann später in die
Kleinklasse kam.
JD: Das finde ich toll, auch dass Du Antwort er­halten
hast! Bist Du selbst auf die Idee gekommen, Frau JD: Erinnerst Du Dich noch, was schwierig war für Dich
­Merkel zu schreiben? in der Großklasse?
Johannes Denger,
Bildung, Ethik,
­Öffentlichkeit. S: Ja, ich hatte auch auf Englisch an das Parlament S: Mhm, das Mobbing wegen des Autismus. Ich hatte
Referent des Verbandes in London geschrieben, als die am 10. Januar 2008 - das Gefühl, gar keine Behinderung haben zu dürfen.
für anthroposophische
unverschämter Weise genau am Todestag meiner
Heilpädagogik, Sozial-
therapie und soziale Mitschülerin aus Tschernobyl – den Bau von zwanzig JD: Das ist eine interessante Formulierung … Du mein-
Arbeit e.V. und Redaktion neuen Atomkraftwerken beschlossen haben. Ich habe test, da Du von lauter nicht behinderten Mitschülern
PUNKT und KREIS.
ihnen von Tatjanas Schicksal erzählt. umgeben warst, Dich anpassen zu müssen?

JD: Da hast Du wohl keine Antwort bekommen? S: Ja, genau. Es war dadurch eine behindertenfeind-
liche Atmosphäre …
S: Vierzehn Tage später, doch. Sie haben geschrieben,
dass sie es sorgfältig gelesen haben (lacht). Aber was JD: Du sprichst von Mobbing. Hast Du da konkrete Bei-
daraus geworden ist, weiß man nicht. Die halten ja spiele?
auch jetzt an der Atomkraft fest.
S: Nein. Die haben mich, wie ich bin, einfach nicht an-
JD: Wie verlief eigentlich dein Leben, bevor Du zu uns erkannt. Sie haben gesagt: ›Du gehörst in die Sonder-
in die Klasse kamst? schule. Du gehörst in die Kleinklasse … Du alte Strebe-
rin, Du willst immer die Beste sein!‹
S: Als ich drei Jahre alt war, versuchte sich meine psy-
chisch erkrankte Mutter zusammen mit mir das Leben zu JD: Hattest Du denn das Gefühl, dass ich als Klassen-
nehmen. Als dann – tatütata – die Polizei kam, dachte lehrer das genügend mitbekommen habe? Konnte ich
ich, ich werde verhaftet wegen Kindesmisshandlung, weil Dir auch helfen?
ich mich gewehrt und meine Mutter geschlagen hatte.
Ich habe nämlich mit drei Jahren gedacht, ich sei erwach- S: Die hätten es lieber gehabt, wenn Du nicht so dran
sen und deshalb habe ich mich halb als Pferd, halb als gewesen wärst. Aber gleichzeitig hätten sie dann mehr
Mensch gemalt. Ich kam dann zu meiner Großmutter, bei Verantwortung übernehmen müssen …
der ich weiter aufgewachsen bin und in den Kindergarten
einer heilpädagogischen Schule, in die ich mit 7 Jahren JD: Das war wahrscheinlich eine Überforderung für
eingeschult wurde. Am 2. Dezember 1998 kam ich dann beide Seiten …
zu Dir, da war mein erster Schultag in der Großklasse.
S: Ja, ich hätte einfach eine Assistenz gebraucht, eine
JD: Wie war das dann für Dich, kannst Du Dich noch Schulassistenz!
erinnern?
JD: Da hast Du sicher Recht. Jemand an der Seite, der
S: Ich bin wohin gekommen, wo ich nicht hingehört Dir beisteht – auch in den Fachunterrichten.
habe … Plötzlich konnte ich es mir nicht mehr vor­
stellen, dass ich eine Behinderung hatte. S: Ja, jemand der übersetzt! – Ich hatte auch keine
Gleichgesinnten in der Klasse, weil die anderen nicht
JD: Das wäre ja nichts Schlimmes, oder? behindert waren. Ich merke einfach jetzt noch, dass
mich die Erinnerung überfordert …
S: Sich das nicht vorstellen zu können? – Na, ich hatte (Selma macht fahrige Bewegungen und verstummt.)

14 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


thema

JD: Ein Jahr nach meinem Weggang hast Du dann in


die Kleinklasse gewechselt. Wie kam es dazu?

S: Das war in der Projektwoche, da habe ich mit ei-


ner Lehrerin und Schülerinnen aus der Kleinklasse ge­
backen. Da hat sie gesagt: Du gehörst zu uns. Und das
war auch so, da habe ich meinen Platz gefunden!
Im Lebenshilfe-Kindergarten früher war es auch schwie-
rig … Die Mitarbeiterinnen haben nicht richtig Deutsch
gesprochen, die redeten so in Baby-Sprache mit mir.

JD: Na, und später kamst Du dann zu mir als Schweizer,


da war das mit dem Deutsch sprechen bestimmt auch
nicht immer exakt richtig, nicht wahr!

S: (lacht hell auf) Ja!


Zeichnung: Selma
JD: Ich habe sicher ab und zu Helvetismen verwendet …

S: Was ist das denn? S: Ja. Ich konnte das damals einfach nicht verstehen
und galt daher als behinderungs-uneinsichtig. Nach
JD: Das sind Wörter, die Schweizer für Deutsch halten, der Schule kam ich zur beruflichen Orientierung in
obwohl sie es nicht sind. Zum Beispiel das Wort ›Unter- eine staatliche Einrichtung. Da haben sie meine Be-
bruch‹ statt ›Unterbrechung‹ … hinderung auch nicht verstanden und versuchten, mich
für den ersten Arbeitsmarkt fit zu machen. Ja, hm, das
S: (lacht) Als ich ein kleines Kind war, dachte man, ich ging aber nicht wegen meiner Wortfindungsstörung.
könne nicht sprechen. Dabei habe ich mit dem Spre- Zu ­wenig gesprochen, haben sie gesagt, am Telefon
chen einfach gewartet, bis ich sicher war, dass ich rich- ’ne Katastrophe … Ich müsse Tabletten nehmen, da-
tig sprechen kann … mit angeblich meine Gefühle mich nicht behindern. Ich
­konnte mich auf diese Einrichtung nicht einlassen.
JD: Einmal jede Woche bin ich mit Dir auf der Weiden-
allee hinter unserer Schule spazieren gegangen und wir JD: Wie würdest Du denn den Unterschied zu der
haben miteinander die Woche besprochen, erinnerst ­Lebensgemeinschaft hier, in der Du jetzt lebst, be-
Du Dich? Eines Tages kam einer Deiner Mitschüler, mit schreiben?
dem Du seit etwa zwei Jahren in einer Klasse warst, auf
dem Fahrrad angefahren. Du konntest ihn erst nicht S: Hier wird auf mein Gewissen mehr Rücksicht ge-
erkennen, bis er dann anfing zu sprechen … nommen. Mein emotionales Wissen ertragen aber
nicht alle Mitarbeiter.
S: Ja, mit Gesichtern ist es so, dass die sich manchmal
sehr ähnlich sind. Wir Autisten leben in einer Klang- JD: Das kann ich mir gut vorstellen! Das ist manch-
welt. mal eine richtige Herausforderung. – Liebe Selma, ich
Mir haben später auch für viele Sachen die Worte ge- ­danke Dir für dieses berührende, interessante und für
fehlt. Als ich mit 13 auf einem Rezept die Diagnose mich lehrreiche Gespräch!
›Autismus‹ gelesen habe, da wusste ich nicht, ob es der
schwere oder der leichte ist … Während des Interviews war Selmas Betreuerin an­
wesend und beteiligte sich ab und an zurückhaltend
JD: Du meinst, Du hast überhaupt erst erfahren, dass als ›Übersetzungshilfe‹. Sie erlebt es als große, interes-
Du eine Behinderung hast und musstest das sozusagen sante und auch fordernde Aufgabe, mit Selma fortge-
lernen? setzt im Gespräch zu sein.

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 15


thema

Selma zeichnet und schreibt viel

Manchmal geht ihr das Papier aus und sie beschreibt zum Beispiel die ­Innenseite von leeren Zahnpastakartons …
Ich darf einen fünf Zentimeter hohen Stapel mit solchen kurzen und längeren Texten leihweise mit nach Hause
nehmen. Hier einige Auszüge:

Selma schreibt über Autismus

Der Autismus selbst ist ein Schicksalsparadox: Du kannst jeweils nur einen Teil deines Schicksals an­nehmen …
Um das Schicksal richtig annehmen zu können, musst du erst aus dem deutschen Grundgesetz lernen, dass dein
Schicksal aus drei geteilten Gewalten besteht und es eine Gewaltenteilung gibt: Legislative, Exekutive, Judikative.
Die Regierung muss weit weg sein! Dann ist die Anthroposophie deine Exekutive, da sie deine Gefühle mit einbe-
zieht und Seelenpflege betreibt. Nur unter Liebe kannst du dich entwickeln. – Wer richtet? Der ist der Legislative
unterworfen: Der Staat! (…)
Diagnose ›Autismus‹ bedeutet einen Rücksichts­mangel von Eltern und Staat auf die Entwicklungsverzögerungen
in der linken Gehirnhälfte und die Gefühle zusammen! Alterszahlen sind Nachrichten über einen Durchlässigkeits-
mangel im Staatssystem. Durchlässigkeitsmängel sind eine Benachteiligung wegen der Entwicklungsverzögerung,
die die wahren Entwicklungsmöglichkeiten willkürlich einschränken.
Diese Erfahrungen – wann auch immer – bringen Erkenntnisse, die zurzeit den ganzen Autistenkreis schmerzen! »Als
es geschah zu dieser Stund, da ward der ganze Kreis verwundt.« Durchlässigkeit ist das Wichtigste für einen sauberen
Zeitenübergang. Es kann erst später rauskommen, was man wann braucht – und der Staat bereut jeden Autisten, den
er irgendwo teuer unterbringen muss!!!

Ja, meine innere Welt als Autistin hat sogar ihre eigene Weltgeschichte!

Autisten sind ja in ihrer eigenen Welt … Videospieler aber auch. Einziger Unterschied ist: Autisten bauten ihre ei-
gene innere Welt selber auf! Videospielsüchtige und Autisten stehen einander in gar nichts nach. B­ eide sind süch-
tig nach ihrer eigenen Welt und kommen nur mit viel Liebe und Hilfe wieder raus! Und auch die ­Ursachen waren
schon immer dieselben: Zu hohe ­Anforderungen ans Lernen und ans Kopfdenken, gefühlsunterdrückende Normen,
ungeklärte Konflikte und nicht gut tuende Eltern. Kurz: Videospielsucht ist ein künstlich eingerichteter Autismus!
Wer die autistische Veranlagung hat, kann erst später anfangen mit dem Kopfdenken als andere Kinder. Und
­unterdrückte Gefühle behindern dauerhaft.
Folge einer zu frühen Denkanforderung in Kombination mit unterdrückten Gefühlen: Autismus!
Die Phase der Normübernahme begann 1999 bei mir und ich leide oft unter der Überbewertung der Übernahme
von ›falschen Normen‹ und der zeitgleich aufgebürdeten Verantwortung für diese, obwohl Erwachsene die auf-
gestellt haben. Mein langjähriges Ziel und Bedürfnis ist, über meine Gefühle sprechen und sie zeigen zu können.
Über Autisten sagt man, sie wollten mit den Menschen nix zu tun haben. Stimmt nicht, sie wollen mit den Men-
schen auskommen – und zwar mit allen – und sind traurig, es nicht zu schaffen.
Es ist fast immer um das Verhalten gegangen. Die Gefühle kann man vor anderen – aber konnte keiner vor mir –
hinter gutem Verhalten verstecken. Schlechte Gefühle lassen jedes Kind mit ›autistischer‹ Veranlagung immer
das dazu gehörende schlechte Verhalten erwarten: ›Na bitte, warum nicht vorhin? Endlich sind die Gefühle raus­
gekommen!‹

16 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


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thema

Was ist akku? akku steht für Autismus, Kunst und


­Kultur und war zunächst eine Initiative. Mit ihrem
Initiator Volker Elsen, dessen Bruder Matthias autisti-
scher Künstler ist, und Autismus Deutschland e.V., dem
Bundes­verband von Menschen mit Autismus, wurde sie
anlässlich des 40-jährigen Bestehens des Verbandes
ins Leben gerufen, nicht zuletzt, um dem negativen
öffentlichen Bild von Menschen mit Autismus durch
die Ausstellung eine Stärkenposition gegenüberzu-
stellen. Schnell wurde deutlich, dass es nicht bei einer
einzelnen Veranstaltung bleiben kann; Bedarf für eine
Fortsetzung der Aktivitäten besteht. akku e.V. gründe-
te sich im Sommer 2010, der sich als Förder­verband
für KünstlerInnen mit Autismus versteht. Seither or-
ganisiert er bundesweit Ausstellungen und Kulturver-
anstaltungen, an denen KünstlerInnen mit Autismus
beteiligt sind.
Sich dem Kunstbetrieb annähern: Der Achtungs­erfolg,
den akku bisher erreichte, lässt sich auch durch die An-
Philipp Wewerka, o. T.,
­undatiert (ca. 1990 – 2000), näherung an das etablierte Kunstumfeld, mittels entspre-
Foto: Alexander Verlag chender Präsentationsbedingungen erklären. Kuratorik,
Ausstellungspartner und Botschafter, Vermittlungskon-
zepte, Internetauftritt und nicht zuletzt ein umfang-
akku e.V. unterstützt KünstlerInnen mit Autismus
reicher Katalog sorgten dafür. Auch der Ausstellungstitel,

Ich sehe was,


aus dem selbstbewussten Blick­winkel der KünstlerInnen
formuliert, bot Gesprächsstoff. Er spielte bewusst mit den
sehr unterschiedlichen Vorurteilen über Autismus und
was du nicht siehst regte damit das Nachdenken über Diversität an.
Diversität in Kunst und Gesellschaft: »Bisher war es
Von Katharina Dietz wichtig, dass jeder, der anders ist, die gleichen Rech-
te hat. In Zukunft wird es wichtig sein, dass jeder das
Im Sommer 2010 zog eine Ausstellung in nur drei Wo- gleiche Recht hat, anders zu sein.« sagte Willem de
chen 7.000 BesucherInnen an. Es war eine Ausstellung Klerk, Friedensnobelpreisträger und einstiger Präsident
mit Werken autistischer KünstlerInnen, ohne etablierte Südafrikas. In diesem Sinne diskutiert akku e.V. das
Namen. Wie kam ein so großes Echo für eine Veran- Thema Diversität: Welche Rolle spielt der Hinweis auf
staltung zustande, die üblicherweise eher wenig Be- den Umstand, dass ein/e KünstlerIn mit Autismus ein
achtung gefunden hätte? Ich sehe was, was du nicht Werk geschaffen hat? Welche Veränderungen bringt
siehst. Eine Werkschau von KünstlerInnen mit Autismus die Behinderung mit sich und haben diese Auswir-
in der Kasseler documenta-Halle wurde in den Medien kungen auf die Kunstproduktion? Kann Kunstrezeption
vergleichsweise häufig besprochen, durchweg positiv. unabhängig vom biografischen Hintergrund gesehen
Der Tenor: Drei Wochen mit selten gesehener, neu-
werden? Wie können KünstlerInnen mit Autismus oder
er und qualitativ hochwertiger Kunst, präsentiert an
akku – Autismus, Kunst anderen Behinderungen am etablierten Kunstbetrieb
einem renommierten Kunstort und einem vielseitigen
und Kultur e.V. teilhaben, ohne dass Mitleid den Ausschlag gibt?
Verband zur Förderung von Rahmenprogramm zum Thema Kunst und Diversität.
Künstlerinnen und Gleichzeitig war die Ausstellung vor allem ein großes Welche Bedeutung hat die Kunst für die autistischen
Künstlern mit Autismus selbstbewusstes Fest für Menschen des autistischen KünstlerInnen selbst? So äußert sich die Künstlerin Gee
Schildern 15 Vero bspw.: »Wie ich als ein autistischer Mensch genau
Spektrums. Die documenta-Halle war ein öffentlicher
33098 Paderborn
Ort, an dem Menschen mit ­Autismus willkommen wa- fühle […], kann letztendlich nur ich selbst wissen. […]
info@akku-ev.org
www.akku-ev.org ren und sich »normal« fühlen durften. Hinter diesem Ich wünsche mir deshalb, dass Verstehen autistischer
www.ichsehewas.de Ausstellungskonzept steht akku e.V. Menschen und das Begreifen unserer Welt mittels der

18 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


thema
CA alle3-Ausbild. P&K_Layout 1 06.04.10 17:58 Seite 1

uns möglichen Kommunikationsmittel mehr Beach- CAMPHILL


tung finden würde.« – Kunst als Kommunikationsmittel AUSBILDUNGEN gGmbH
mit identitätsstiftender Wirkung.
Wie weiter? Nach der Ausstellung in Kassel reist »Ich
Heilerziehungs-

Aus- und Weiterbildungen


sehe was, was du nicht siehst« in verschiedenen künst-
lerischen Zusammenstellungen und mit unterschied- pfleger/-in
Fachschule für Sozialwesen,
lichen inhaltlichen Aspekten in drei deutsche Museen: Camphill Seminar am Bodensee
Die Kunsthalle Faust in Hannover präsentierte nieder­
sächsische KünstlerInnen mit und ohne Autismus. Altenpfleger/-in
Hier wurde Inklusion gelebt: Alle acht KünstlerInnen Berufsfachschule für Altenpflege
Verkürzte Ausbildung u.a. für Heiler-
­wurden ebenbürtig behandelt, an niemandem klebte ziehungs- und Krankenpfleger/-in
das Stigma der Behinderung. Es wurde nicht kenntlich
gemacht, welche/r KünstlerIn aus dem autistischen Geprüfte Fachkraft
Spektrum stammt. Ein solches Konzept ist erstrebens- zur Arbeits- und Berufs-
wert und nur mit Unterstützung offener Strukturen förderung in Werkstätten
und beweglichen Köpfen möglich. für behinderte Menschen
Im Forum für Kunst und Spiel der Städtischen Galerie Zusatzqualifikation

Am Abdinghof in Paderborn wurde der Fokus auf die Er-


zählung in einzelnen Werken und auf spielerische Kunst-
vermittlung gelegt. Die Veranstaltung »Ich z­ eige Dir, was
ich sehe« ermöglichte es jungen Künstlern, Kontakt mit
dem Publikum aufzunehmen und ihm auf Augenhöhe zu
begegnen. Die Wahrnehmung über das Werk bedeutete
für die Künstler Zustimmung und Bestätigung. Leitung einer
Im Jungen Museum im Osthaus Museum ­Hagen w ­ erden Station oder Einheit
noch bis zum 6.11.2011 vergleichende ­Betrachtungen Dauer: 18 Monate, 15 Blockwochen (Mo.-Fr.)

zwischen Arbeiten der Klassischen Moderne, wie


­Jawlensky, Renoir oder Feiniger und einigen Künstle-
Sprachgestaltung
Hören - Sprechen - Gestalten
rInnen mit Autismus gezogen. Eine mutige Entschei- Dauer: 12 Monate, 5 Blockwochen (Mo.-Sa.)
dung, wenn man sich vor Augen führt, dass die soge-
nannte Outsider Art längst nicht etabliert ist und im Anthroposophie
Kunstkanon nach wie vor marginalisiert wird. Der Mut Ein Weg mit Menschen
hat sich gelohnt. Der Knabenbrunnen von Georges Dauer: 9 Monate, 5 Module (Mi.-Fr.)

­Minne korrespondiert mit vier Plastiken von Max ­Klocke, www.camphill-ausbildungen.org


Hagen Reinhard, Ingolf Zoller und Michael ­Neugebauer D-88699 Frickingen · Tel. 07554 9899840
sowie einer Skulptur von Anselm Kiefer. Diese kurato-
rische Entscheidung ist nicht nur visueller Genuss, sie
wurde am Eröffnungstag von den Bildhauern Klocke Eltern
Sie suchen den Lebensort für Ihr erwachsenes Kind mit Behinderung?
und Zoller mit Zufriedenheit entdeckt. Buchen Sie gemeinsamen Schnupperurlaub in

Die nächsten Projekte: In Bremen ist seit Mitte August Seewalde


Sie wohnen zum Schnupperpreis in Ferienhaus oder -wohnung am See in herrlicher Natur
in der Kulturambulanz eine Werkschau unter dem As- zu jeder Jahreszeit mit Biohof und -laden am Ort und erfahren das Leben in Wohngruppen
und Werkstätten hautnah, nach individueller Vereinbarung.

pekt von Zeichen und Sprache mit dem Titel »Durchgang


zum Vielleicht« nach einer Gedichtzeile der autistischen
Lyrikerin Karita Guzik realisiert. Im Berliner Kleisthaus
werden ab Ende September fünf ZeichnerInnen vorge-
stellt. ­Internationale Projekte stehen für 2013/14 auf
der Tätigkeitsliste. All diese Aktivitäten verfolgt akku Wir erweitern unsere Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auf Grundlage des anthroposophischen Menschenbildes
mit z.Zt. 35 Plätzen im schönsten Teil der Mecklenburger Seenplatte, 100 km nördlich Berlins, Landwirtschaft,
verschiedene Werkstätten und Individualarbeitsplätze bieten sinnvolle Arbeitsmöglichkeiten für unsere Betreuten.
e.V., um dem Fernziel näher zu kommen, Diversität nicht Sprechen Sie gerne vorab mit unserem Heimleiter, wie weit Seewalde für Ihr Kind in Frage kommt
(Hr. Fischer 01 73 | 3 08 79 76 oder 03 98 28 | 2 02 75)
nur zu thematisieren, sondern einfach zu leben. Dorf Seewalde gGmbH, Seewalde 2, 17255 Wustrow, www.seewalde.de

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 19


recht & gesellschaft

Blick nach Ägypten

Soziale Einbeziehung in SEKEM


Von Bijan Kafi

In SEKEM haben in einer fruchtbaren Verbindung von Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft auch behinderte
Mitmenschen ihren selbstbewussten Platz gefunden. Eine Rarität in Ägypten.

Bijan Kafi, Zu den bemerkenswerten Besonderheiten der ägyp­ Bevölkerungsschichten, gut gestellte und benachtei-
­Studium der Germanis­ tischen Revolution gehört die große Rolle der ­Jugend. ligte Kinder gleichermaßen ein. Sie umfassen unter
tik und Philosophie
in Heidelberg. Arbeit Die junge Generation unter 26, die im Land rund 40 % anderem einen Kindergarten für 60 Kinder, von denen
an medienkritischen der Bevölkerung stellt, hatte unter den Fehlentwick- viele ­später die SEKEM-Schule besuchen. In ihr erhalten
­Themen, Publika­
lungen der vergangenen drei Jahrzehnte in besonderer 400 SchülerInnen in 12 Klassen eine schulische Aus-
tionen in verschie-
denen Zeitschriften. Weise zu leiden. Unter Notstandsgesetzen aufzuwach- bildung bis zum Abitur. Beide bieten ihnen zudem Ent-
sen, schaffte ständige Angst und Unsicherheit der ei- faltungsmöglichkeiten, die im öffentlichen Schul­system
genen Zukunft gegenüber. Arbeitsplätze sind rar und ­Ägyptens rar sind, wie einen erweiterten Kunst- und
jedes Jahr drängen sich etwa 1 Mio. Menschen mehr um Instrumentalunterricht und praxisorientierte Einbezie-
die wenigen, die es gibt. Die Nahrungsmittelknappheit hung in die Betriebe. Eine Gemeinschaftsschule wendet
erlaubt nur Begüterten einen angemessenen Lebensstil. sich an besonders arme Kinder. Dazu kommen Bildungs­
Mehr als 50 % des ägyptischen Staatshaushalts wird für programme gegen Kinderarbeit und Analphabetismus,
Lebensmittelimporte verwendet, da nur 4 % der Landes- ein Berufsbildungszentrum, ein Institut für Erwachse-
fläche landwirtschaftlich nutzbar sind. Das öffentliche nenbildung und andere Einrichtungen.
Bildungssystem kann den Ansprüchen, vor allem junger Ebenso wichtig sind die den Tageslauf prägenden sozi-
Ägypter, nicht mehr genügen. Aus SEKEMs Sicht haben alen Institutionen wie die bekannt gewordenen »Mor-
die Schwierigkeiten – nicht nur junger Ägypter – ihre genkreise«, gemeinsamen Feste und viele soziale und
Wurzeln vorrangig in mangelnden Möglichkeiten per- kulturelle Identifikationsmöglichkeiten, die eine Sozial-
sönlicher Entwicklung und den wenigen Chancen auf gemeinschaft gestalten, die sowohl Freiheit fördert, als
gestalterische Einbeziehung. Daher stellt SEKEM dieser auch Verantwortung fordert.
Entwicklung bereits seit 1977 einen Lösungsvorschlag
entgegen, der sich besonders um Einbeziehung und Ak- Einbeziehung von Menschen mit Behinderungen in
tivierung Einzelner bemüht und sich an deren Freiheits- SEKEM: Alle Mitglieder der Gemeinschaft finden in
und Verantwortungspotenzial orientiert. den SEKEM-Einrichtungen einen ihren Möglichkeiten
entsprechenden Raum zur Selbstentfaltung und ge-
Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft: Ibrahim Abou- meinschaftlichen Mitgestaltung. Das ist vor allem
leishs Gestaltungsanspruch im Rahmen SEKEMs war bei Kindern und Erwachsenen mit Behinderungen in
von Anfang an nicht nur auf die Landwirtschaft, s­ ondern ­Ägypten immer noch eine Rarität, denn der Umgang
auf die Gesellschaft als Ganzes bezogen. So entstanden mit ihnen ist von vielen Tabus geprägt. Vor allem in
zunächst acht Betriebe für Bio-Produkte, welche die ärmeren Bevölkerungsschichten bestehen soziale Vor-
wirtschaftliche Grundlage für die Arbeit einer gemein- behalte; ein geistig behindertes Kind zu haben, ist
nützigen Organisation legten. Mit 10 % ihres Profits weiterhin ein gesellschaftliches Stigma. Daher werden
unterstützen sie die sozialen und kulturellen Projekte viele Kinder noch immer versteckt und sind oft über-
der SEKEM-Stiftung für Entwicklung (SDF), die auch proportional von Kinderarbeit betroffen.
Menschen mit Behinderungen, durch Kinderarbeit be- SEKEM betreibt in einer solchen Umgebung eine heil-
nachteiligte Kinder und Frauen stärken wollen. pädagogische Einrichtung in Verbindung zu Kinder-
Die durch nationale Fördervereine zusätzlich unter- garten und Schule. Fünf Betreuer, zwei davon Frauen,
stützten Projekte binden arme und wohlhabendere kümmern sich hier um derzeit 32 Kinder. Ihre Zahl

20 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


recht & gesellschaft

Foto: Bijan Kafi

wächst kontinuierlich. Diesen Sommer konnten eine behinderten und behinderten Mitarbeiter­Innen. Nahezu
neue Klasse mit acht Kindern und zwei neue Klassen- alle Mitgestaltungs- und Erlebnisräume für behinder-
zimmer eröffnet werden. Der Unterrichtsstoff wird vom te SEKEM-MitarbeiterInnen sind eng in das Gemein-
Ministerium vorge­geben. Die Betreuer nutzen die en- schaftsleben eingebunden. Künstlerische ­Angebote wie
gen Spielräume und füllen sie mit Waldorf-Elementen. Gesang oder Eurythmie finden oft d­ irekt in den Firmen
Die letzten drei Jahre erhalten die Jugendlichen eine statt und kommen auch ihnen zugute oder beziehen
Ausbildung, die ihnen einen staatlichen Abschluss in sie ein. Sie nehmen auch an den »­Morgenkreisen« teil
Landwirtschaft oder Schreinerei sichert. Danach wech- und führen selbst einmal jährlich ein Theaterstück auf.
seln sie in SEKEMs Betriebe oder die landwirtschaft- So erleben alle SEKEM-Mitarbeiter­Innen den gegensei-
liche Produktion, wo sie erst von einem Lehrer, später tigen Entwicklungsfortschritt.
von einem Betriebsmitarbeiter angeleitet werden. 15 Dahinter steht auch eine anthroposophisch motivierte
Erwachsene arbeiten derzeit so. Sicht auf menschliche Entwicklung. Denn SEKEMs
Anspruch, die Heilung von natürlicher Umwelt und
Die Eltern finanzieren die Betreuung ihrer Kinder durch menschlicher Sozialgemeinschaft stets als integralen,
ein individuell ermitteltes Schulgeld. Sarah Abouleish, in Wechselwirkung stehenden Prozess zu betrachten,
die die Heilpädagogik betreut, weiß über den Erfolg der fordert nicht nur, die Natur in allen ihren Dimensionen
Einrichtung zu berichten, die sehr gut aufgenommen ernst zu nehmen, wie im biologisch-­dynamischen Land-
wird: »Es gibt eine große Nachfrage nach Plätzen. Das In- bau. Auch der Mensch soll nicht nur am Schluss der
teresse der Eltern an der Entwicklung der Kinder ist jedoch Wertschöpfungskette von mehr kulturellen und sozia-
sehr unterschiedlich. Leider interessieren sich nur weni- len Entfaltungsmöglichkeiten profitieren. Er soll auch
ge dafür und halten engen Kontakt zur Schule.« SEKEM an ihrem Beginn durch seine Freiheits- und Verant-
wirkt dem entgegen, indem zweimal jährlich die Lehrer wortungsfähigkeit für sich und die Gemeinschaft im
die Eltern zu Hause besuchen. Ausgebildete Sozialpäda- Mittelpunkt von Entwicklung stehen, nämlich als ihre
gogInnen sind in Ägypten selten. SEKEM-BetreuerInnen Grundbedingung. In SEKEM tritt der Einzelne in den
verfügen meist über eine psychologische Ausbildung oder Dialog nicht nur mit der Gemeinschaft, sondern auch
waren bisher in der Sozialarbeit tätig. Während des Som- mit seiner natürlichen und tierischen Umwelt. Denn ihre
mers nehmen sie an Weiterbildungen in Kairo und SEKEM Pflege bedarf des Einzelnen und aller seiner Fähigkeiten.
selbst teil. Dahinter steht die Überzeugung, dass ein umfassendes
Verständnis für Mensch und Welt zu allererst im sozi-
Soziales Tun schafft Verständnis: SEKEM macht, soweit alen Tun selbst entsteht. Zu diesem können alle Mit-
möglich, nur in der Betreuung, nicht jedoch im gemein- menschen ihren besonderen Beitrag leisten und machen
schaftlichen Leben einen Unterschied zwischen nicht- Entwicklung so erst möglich.

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 21


recht & gesellschaft

Foto: UN-Photo | John Isaac

UN-BRK und BWahlG

Zum Recht auf Wahlen


Von Ina Krause-Trapp

Das Übereinkommen der Vereinten Nationen über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (Behinderten-
rechtskonvention: BRK) statuiert in Art. 29 »Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben« das Recht behin-
derter Menschen auf gleichberechtigte Ausübung des aktiven und passiven Wahlrechts, während das deutsche
Bundes­wahlgesetz (BWahlG) in § 13 Nr. 2 vorsieht, dass derjenige, für den zur Besorgung aller seiner Angelegen-
heiten ein Betreuer bestellt ist, vom Wahlrecht ausgeschlossen ist.
Die Monitoring-Stelle zur BRK im Deutschen Institut für Menschenrechte, Berlin hat diesen Konflikt auf­
gegriffen und eine Umfrage an ausgewählte Organisationen der Selbsthilfe behinderter Menschen und der Be-
hindertenhilfe – darunter der Verband für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit
e.V. – gerichtet, um Auskünfte darüber zu erhalten, mit welchen praktischen Schwierigkeiten (z.B. Barrierefreiheit
der Wahllokale, Zugänglichkeit der Briefwahl, Informationsbeschaffung vor der Wahl, assistierte Stimmabgabe,
Häufigkeit und Dauer umfassender Betreuung) Menschen mit Behinderung bei der Ausübung des aktiven und
passiven Wahlrechts in Deutschland konfrontiert sind. Die Ergebnisse der Untersuchung sollen in einer Publikation
festgehalten werden, die darauf zielt, auf der Grundlage gefestigter Erkenntnisse konkrete Handlungsempfeh-
lungen gegenüber staatlichen Stellen auszusprechen.
Die innerverbandliche Befragung von Fachleuten in eigener Sache, Angehörigen und MitarbeiterInnen der
Mitgliedsorganisationen hat ergeben, dass die kontinuierliche und begleitete Beschäftigung und Auseinander-
setzung mit (tages-)politischen Ereignissen wesentlich dazu beitragen kann, dass Menschen mit geistiger oder
mehrfacher Behinderung gleichberechtigt am politischen und öffentlichen Leben und insbesondere an Wahlen
teilhaben. Dieser Personenkreis braucht in der Regel Unterstützung bei der Meinungsbildung in politischen Fra-
gen. Für die Grundlagenarbeit, die mit der täglichen Zeitungslektüre, der Teilhabe an Nachrichtensendungen etc.
im jeweiligen Lebenskontext des behinderten Menschen beginnt, bedarf es aber personeller Ressourcen und Zeit!
Das Thema »Politische Bildung« in den Ausbildungen für die Berufsfelder der Behindertenhilfe zu verorten, könnte
Bewusstsein und Fachlichkeit schaffen. Je mehr Erfahrung ein Mensch mit kognitiven Einschränkungen im Um-
gang mit politischen Inhalten besitzt, desto weniger wird er der Einflussnahme durch Dritte ausgesetzt sein. Die
Rückmeldungen einzelner Eltern geben Anlass zu dem Hinweis, dass das Wahlrecht ein höchstpersönliches Recht
ist und nicht stellvertretend durch den rechtlichen Betreuer ausgeübt werden darf! Die Informationen zu einer
Wahl sollten in leicht verständlicher Sprache abgefasst und anschaulich präsentiert sein. Die Vermittlung der
programmatischen Aussagen der KandidatInnen bzw. ihrer Parteien gelingt zudem dort leichter, wo persönliche
Begegnung möglich und hiermit der Abstraktionsgrad der Wahl niedrig ist.
Auch auf internationaler Ebene ist das Recht auf Wahlen Gegenstand der Untersuchung. Inclusion Europe, eine
gemeinnützige Organisation, die sich für die Rechte und Interessen von Menschen mit geistiger Behinderung und ihren
Familien in Europa einsetzt, hat im Mai 2011 Empfehlungen zu zugänglicheren Wahlen in Europa veröffentlicht*; und
die Weltallianz der Selbsthilfeverbände behinderter Menschen IDA (International Disability Alliance) führt derzeit eine
* http://www.inclusion- Mitgliederbefragung zu Gesetzgebung, Politik und Praxis in Bezug auf das Wahlrecht behinderter Menschen durch.
europe.org/uploads/doc/
ADAP/Policy_Recommen-
Die Teilhabe am politischen und öffentlichen Leben ist ein Menschenrecht! Deshalb muss der in § 13 Nr. 2 BWahlG
dations_DE.pdf statuierte Ausschluss vom Wahlrecht entfallen.

22 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


Im Juni 2011 fuhr die Goldbach Werkstatt Nürnberg für 8 Tage zur
Freizeit nach Ameland in Holland. Ameland ist eine Insel und liegt in
der Nordsee.
Die Reisenden wohnten in einem Hotel in den Dünen, ganz nahe am
Strand.
Von dort gab es Strandspaziergänge und Ausflüge: Mit der Inselbahn,
zum Naturkundemuseum, zum Leuchtturm und zum Einkaufen.
Horst Egmont Weidinger hat seine Reiseeindrücke in der mittelpunkt-
Schreibwerkstatt der Goldbach Werkstatt Nürnberg aufgeschrieben.

Horst Egmont Weidinger ist Autist.

Auch Sie können eine mittelpunkt-Schreibwerkstatt an Ihren LebensOrt


einladen!

Ihre Ingeborg Woitsch


0 30|84 41 92 85 | woitsch@bev-ev.de

G ldbach Werkstatt
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mittelpunkt
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Foto: Ohneski/Photocase.com
mensch

ICH suche DICH


Ich bin ein waschechter Ich heiße Mathias
Saarländer, noch nicht ganz 30 Jahre und heiße Nor- und bin 39 Jahre alt. lch lebe auf dem Johannishag,
man. Ich wohne hier sehr schön auf einem Bauernhof, das ist bei Bremen und arbeite 3x in der Woche in der
leider etwas zu abgelegen, um viele neue Menschen Hauswirtschaft. Die restliche Zeit bin ich in der Küche
kennen zu lernen. Musik, Tanzen und Eurythmie tätig. Und ich suche eine Freundin für eine glückliche
mag ich unheimlich gern. ­Partys feiern und verreisen und liebevolle Partnerschaft. Ich bin Werder-Bremen
könnte ich ständig. Außerdem fahre ich gern Rad. Ich Fan und interessiere mich für Politik. Für meine
suche schon seit ­längerem einen Partner fürs Leben. Er Freundin würde ich alles tun. Wenn es geht, solltest
darf gern älter als ich sein. Kräftige Männer mag ich Du zwischen 28 und 39 Jahre alt sein. Es wäre schön,
besonders gern. Norman wenn Du mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fahren
kannst, damit wir uns besuchen können. Ich bin auf-

Ich heiße Sabine richtig und treu. Du solltest aus Bremen, der Bremer
­Umgegend oder Niedersachsen kommen.

Brieffreundin
bin 35 Jahre alt, wohne in einer Wohngruppe in Ham-
burg Bergstedt und suche einen Freund. ­Meine Hobbys
sind: Ich reise gerne, fahre gerne ans Meer und bin ein
Naturfreund. Gehe gerne lecker essen und in Zoos. Ich suche eine neue Brieffreundin ganz ganz dringend,
Tierparks besuche ich auch gerne, zeichnen und ma- mit der ich mir weiterhin regelmäßig schreiben kann.
len tue ich auch gerne. Falls Du Interesse an ähnlichen Meine Hobbys sind viel laufen und jedes Jahr Volks-
Dingen hast und Du auch so ein Naturfreund bist, läufe mit zu machen und mir da Siege einzufahren.
dann schreibe mir mal. Oder falls Du andere Hobbys Und auch jedes Jahr auf den Hamburger Dom zu gehen,
hast, schreibe mir einfach auch. Vielleicht werden wir und natürlich viele Briefe schreiben. Ich fotografiere
ja zusammen passen. Ich würde mich sehr über eine gerne und musiziere sehr gerne. Ich bin Gärtner auf
Antwort freuen. dem Eichenhof in Alveslohe nahe Henstedt-Ulzburg
und bin da fleißig im Garten. Ich bin 19 Jahre alt. Ich
hoffe, dass sich jemand Neues findet, mit dem ich dann
weiter schreiben kann. Sie soll maximal 20 bis 21 Jahre
alt sein und aller jüngstens 15 Jahre alt. Michael

Ich heiße Carolin


bin 30 Jahre alt, habe kurze blonde Strähnen in meinem
Haar. Ich bin 1,40 m groß und trage eine Brille.
Ich suche einen Freund der an meiner Seite steht. Er
Möchten Sie antworten? sollte 24 bis 33 Jahre alt sein, frech und wild und allen
Dann schreiben Sie bitte einen Brief an: Quatsch mitmachen und sollte lustig und witzig und
abenteuerlustig sein und viel Humor haben. Was ich
Redaktion PUNKT und KREIS
gerne mache ist Quatsch machen, viel lachen, mich
Ich suche Dich: NAME
mit Freunden treffen, laute Disko Musik hören, Partys
(Hier kommt der Name der Person hin, die Sie feiern, ausschlafen, lange aufbleiben, bin abenteuer-
gerne kennenlernen möchten) lustig, habe viel Humor, ich sammle leidenschaftlich
Schloßstraße 9 Bravo Hefte und die Poster, die kleben alle an meiner
61209 Echzell-Bingenheim Wand und CDs stapeln sich auch schon und DVDs. Ich
Wir leiten die Briefe ungeöffnet weiter! kann viele Sachen selber machen im Haushalt.

26 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


Wettbewerb themen & termine

Was tut mir gut?


Liebe mittelpunkt-LeserInnen,

inzwischen ist unser Weihnachtswett-


bewerb eine schöne Gewohnheit ge­
worden. In diesem Jahr stellen wir die
Frage: Was tut mir gut?
Der Kreativität sind keine Grenzen
gesetzt: m­ alen, schreiben, basteln
oder f­otografieren Sie, alleine oder mit
­Freunden und Kollegen ­zusammen.
Eine Auswahl an Gut-tu-Ideen werden
im Weihnachtsheft 2011 vorgestellt.
Unter allen EinsenderInnen verlosen wir
für Rätselbegeisterte 10 Exemplare des
Buches »Noch mehr einsame Hunde.
Die schönsten Sudokus aus Japan« und
für alle Bastelfreunde 10 Exemplare des Einsendungen bitte an:
Buches »Leuchtende Fenstersterne«. Redaktion PUNKT und KREIS
Schloßstraße 9 in 61209 Bingenheim
Herzliche Grüße oder per E-Mail an: redaktion@verband-anthro.de
Die PUNKT und KREIS-Redaktion Einsendeschluss ist der 20. Oktober 2011

Themen & Termine 2011 Heilpädagogik im Verband für anthroposophische Heilpädago-


gik, Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V.
Ort: Harfe e.V., Oldenburg
Informationen und Kontakt: kontakt@harfe-oldenburg.de
03. – 06. Oktober 2011 www.harfe-oldenburg.de
Sinne und Sprache
Ort: Rudolf-Steiner-Seminar, Bad Boll 17. - 19. November 2011
Informationen und Kontakt: Tel.: 0 71 64|9 40 20 Tagung Heilen und Erziehen 16:
badboll@heilpaed-sem-boll.de | www.heilpaed-sem-boll.de Heilen und Erziehen – Gestern, Heute und Morgen
Veranstalter: Konferenz für Heilpädagogik und Sozialtherapie
18. – 20. Oktober 2011 Ort: Camphill-Schulgemeinschaft Brachenreuthe, Überlingen
Tagung des Fachbereichs LebensOrte 2011: Informationen und Kontakt: Tel.: 0 41 61|7 01 84 85
UMDENKEN? Inklusiv denken, fühlen, wollen, leben! khs@khsdornach.org | www.khsdornach.org
Ort: Lebens- und Arbeitsgemeinschaft Lautenbach e.V.,
Herdwangen-Schönach 18. November 2011
Informationen und Kontakt: 0 60 35|8 11 90 Sexualpädagogik und -agogik für Menschen
www.verband-anthro.de mit einer geistigen Behinderung
Ort: Camphill Ausbildungen gGmbH, Frickingen
21. Oktober 2011 Informationen und Kontakt: Tel.: 0 75 54|9 89 98 40
Lehrerbildung auf dem Prüfstand – info@camphill-seminar.de | www.camphill-ausbildungen.org
Welche Fähigkeiten braucht die inklusive Schule?
Fachtag 25. November 2011
Ort: Freie Hochschule Mannheim (Hochschule i. Gr.) Biografiearbeit mit Älteren Menschen
Informationen und Kontakt: Tel.: 06 21|30 94 80 Fortbildung in 4 Modulen
info@freie-hochschule-mannheim.de Ort: AKADEMIESOZIAL GmbH, Wuppertal
www.freie-hochschule-mannheim.de Informationen und Kontakt: Tel.: 02 02|61 20 34
info@akademiesozial.de | www.akademiesozial.de
24. - 28. Oktober 2011
Weiterbildung zum Referenten des Elterntrainings
­Wahrnehmen üben – Verstehen lernen – Entscheiden können Weitere Termine finden Sie unter:
Weiterbildung des Fachbereichs Frühförderung und ambulante www.verband-anthro.de

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 27


bildung

Drei musikalische Momente auf Scorlewald

»Nicht ausbilden sollt ihr,


sondern einhören!« Julius Knierim
Von Cornelia Wiemers

»Poooom, pom – poooom, pom« klingt es mehrmals aus dem kleinen Saal von Kanvoleis, dem Gebäude
auf Scorlewald, in dem jeden Donnerstagabend ein Angebot der »Academie« (einer Art Volkshochschule für
­Bewohner) stattfindet.
Und wieder: »Poooom, pom – poooom, pom«, nun ist auch Klatschen des selben Rhythmus zu hören. Kommt
man näher, kann man hören, dass ein Name dazu in Silben gesprochen wird: »Ly-die Meij-er«. In der Mitte
des Stuhlkreises steht eine Pauke, auf der sich jeder erst einmal hören lässt. Jede/r TeilnehmerIn geht kurz in die
Mitte, spielt ihren/seinen Namen auf der Pauke und alle klatschen ihn nach: Die Singgruppe im Rahmen der
»Academie« hat angefangen. Auf Scorlewald – einer sozialtherapeutischen Gemeinschaft in den Niederlanden
gibt es neben der Sing­gruppe noch weitere musikalische Aktivitäten. Die A ­ utorin, Cornelia Wiemers, gibt einen
lebendigen Einblick in ihre musikalische – man kann auch sagen musiktherapeutische – Arbeit:

Cornelia Wiemers, »Salie-bo-nani … sa-li-bo-nanie« – Die Singgruppe: Stunde, um miteinander zu üben. Die Bewohner dür-
Heilpädagogin, Rhythmik­
Salie-bo-nani … sa-li-bo-nanie! Klingt nun als Be- fen für diese frei gewählte Aktivität früher von ­ihrem
lehrerin; a­ rbeitet als
Musik­therapeutin auf grüßungslied durch den Saal. Alle stehen, verlagern Arbeitsplatz weg. Gilt es, ein Jahresfest vorzubereiten,
Scorlewald (Sozial­ ihr Gleichgewicht von einem Fuß auf den anderen. bilden wir einen Teil des Orchesters.
therapeutische Einrich­
tung in Nord-Holland). Sie
Wie könnten wir uns noch zu diesem Lied bewegen? Caspar wirft den Stock von seiner rechten Hand in
ist Mitorganisatorin der Margot will gerne auf die Oberschenkel klatschen …, einem Bogen in die linke. Nicht ganz einfach für je-
Inter­na­tionalen Musikwo- das macht Spaß und klingt wieder ganz anders als das den, aber wir können das Metrum direkt aufgreifen, um
chen für Heilpädagogik
und Soziale Arbeit und
Stampfen auf den Boden. In die Hände klatschen und wieder unser Menuett zu singen. Jetzt haben wir die
gehört zum Lehrerkreis gleichzeitig mit beiden Füßen auf den Boden stampfen, Melodie gut im Ohr. Wir greifen zu den Flöten. Mit den
der ­Freien Musik Schule. ist die Idee von Tom. Dafür müssen wir uns erst mal Flöten klopfen wir auf die Handfläche im Kreis rund,
Kunst – Pädagogik –
Therapie. hinsetzen. Das dauert eben, da manche Teilnehmer mit wiederum im Metrum zu unserer Melodie. Jetzt sind
Rollator gekommen sind. wir bereit, um zu spielen. Wir spielen gleich die ganze
Gesagt, getan, – ups! -, das ist nicht so einfach, gleich- Melodie... und... es wird noch erstaunlich viel erinnert
zeitig zu klatschen und zu stampfen! Das üben wir vom letzten Mal. »Gerda, willst Du eben den Einsatz
eben trocken, – nacheinander und anschließend wieder geben, dann beginnen wir noch mal?«.
gleichzeitig. Jetzt geht es schon viel besser: Es fängt an Caspar: «Das war nicht gleichzeitig!« … Aber wie ge-
zu klingen. Es ist schön zu erleben, wie wir zusammen lingt es uns, gleichzeitig zu beginnen? Was müssen
klingen. wir tun? Frank: «Aufeinander hören und zueinander
»mh … mh.mmmh«: Es sitzt eine kleine Gruppe im ­schauen« … «Gerda, sei auch deutlich in deiner Art zu
Kreis und gibt einen dicken, einen Meter langen beginnen. Willst Du einen Tipp?« – »Ja«. »Du kannst
Stock aufrecht im Kreis herum, dazu summen alle ein zum Beispiel deutlich einatmen und den Kopf heben
­Menuett. Hier und da wird noch gezögert, die Über­ und beim Senken des Kopfes beginnen« Jetzt klappt es!
gabe von e­ iner zur anderen Hand ist nicht immer ein- Alle beginnen genau im selben Moment. Ein Glücks-
fach. Dann zum Nachbarn weitergeben – der guckt moment für uns alle!
nicht; Mann, wir müssen doch zusammmen arbeiten, »Was machen wir hier?« Ein großer gelber Ball wird
sonst geht’s nicht! Die Melodie, die wir sonst auf der von den im Kreis sitzenden TeilnehmerInnen herum ge-
Flöte spielen, hilft, dass wir letztendlich in einen Strom geben. – Da kommt noch Marianne mit Krücken lau-
von Geben und Nehmen, zum Zupacken und wieder fend, ihr Rollator steht schon im Saal bereit für die
Loslassen kommen. Rhythmikstunde. Sie setzt sich, mit tastenden Bewe-
Die Flötengruppe trifft sich jeden Dienstag für eine 3/4 gungen glückt es ihr letztendlich, den Ball weiter an

28 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


bildung

Fotos: Cornelia Wiemers

den Nachbarn zu geben. Im Kreis haben alle etwas der Freien Musik Schule war das Hauptmotiv, der mu-
gemeinsam: alle TeilnehmerInnen sind schon etwas sikalische Übweg, dem anderen vor allem lauschend
älter, arbeiten nur noch teilweise oder gar nicht mehr musikalisch zu begegnen. Dankbar bin ich für die Er-
in einer Werkstatt. Einmal in der Woche kommen sie fahrung, dies damals bei Dozenten auf vielseitige Weise
zusammen, um sich gemeinsam zur Musik zu bewegen. in der Praxis erlebt zu haben, selbst zu erfahren und
Der Ball wandert nun immer gleichmäßiger durch den schließlich zu individualisieren. Dankbar bin ich auch
Kreis, es wird ganz still und doch scheint es stumm für die Arbeitsweise, die mir unter anderem durch das
zwischen uns zu klingen durch dieses rhythmische Ge- Wanderstudium in Fleisch und Blut übergegangen ist,
schehen. Nachdem der Ball in flüssigem Tempo durch- aus der Bewegung Musik zu erfassen, nicht nach Rezep-
gegeben wird, suchen wir verschiedene Möglichkeiten ten zu suchen, sondern mit musikalischen Phäno­menen
ihn durchzugeben: Über dem Kopf; knapp über dem auf Entdeckungsreise zu gehen. Sich trauen loszulassen
Boden; mit einem Zwischenwurf. Schließlich singen und immer wieder gut hin zu schauen und den Moment
wir ein Lied dazu. Simone will gerne laufen, sie führt zu erfassen. Das Wanderstudium in dem Sinne gibt es
heute als erste durch den Saal während des Lieds. leider nicht mehr. Berufsbegleitend wird aber von der
Wenn das Lied zu Ende ist, probieren alle wieder auf Freien Musik Schule e.V., Bad Boll ein Kurs über ein bis
ihrem Platz zu sitzen. Bei drei TeilnehmerInnen mit zwei Jahre angeboten, in dem sowohl die Grundlagen
Rollator ist das eine schöne Herausforderung … Beim schöpferischen Musizierens als auch "Musik in Päda-
nächsten Mal, wenn das Lied fertig ist, sitzen alle auf gogik und Heilpädagogik" vermittelt werden. Ein neuer
einem anderen Stuhl. »Weißt Du, auf wessen Stuhl Du Kurs soll im Januar 2013 beginnen.
sitzt?« – Jetzt läuft Joop ganz alleine. Sein Laufen Aus dem Kollegium der Freien Musik Schule, vor allem
wird vom Cello begleitet. Er probiert schnelle Schritte, aus diesem Arbeitsansatz heraus, hat sich auch die seit
langsame große Schritte, das Cello spiegelt stets seine 14 Jahren im Zwei-Jahres-Rhythmus stattfindende
Bewegungen. Das animiert ihn, und er beginnt zu »Internationale Tagung für Musik in Heilpädagogik und
rennen. Das hat er schon lange nicht mehr gemacht. sozialer Arbeit« entwickelt. Diesen Herbst ist es wieder
»Ich höre mich« ruft er freudig. soweit, zum 7. Mal treffen sich vom 16. – 22. Okto-
Die Bewegung und schließlich die Stille, das in-den- ber 2011 alle Interessierten in der Lebensgemeinschaft
anderen-Einhören, um ihm zu begegnen, um zusammen Bingenheim, Echzell, die im Rahmen von Heilpäda­
zu klingen, zusammen musikalisch unterwegs zu sein, gogik und sozialer Arbeit mit Musik zu tun haben, um Mehr Informationen über:
sind nicht weg zu denken aus der musikalischen Tä- miteinander zu musizieren, zu singen, sich zu bewegen, www.musikwoche-­
tigkeit. Damals in meinem Wanderstudium im ­Rahmen zu üben und sich auszutauschen. heilpaedagogik.de

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 29


bildung

11. – 14. Mai 2011

Internationale Ausbildungstagung
in Kassel
Von Andreas Fischer

Bereits zum fünfzehnten Mal trafen sich VertreterInnen der Mehrheit der gut fünfzig Ausbildungsstätten für Heil-
pädagogik und Sozialtherapie weltweit in Kassel zur gemeinsamen Fortbildung und zum Austausch.

»Das Studium der Anthroposophie – Unterstützung von Rudolf Steiner. Dr. Heinz Zimmermann aus Dornach
eigener Zugangswege in der Ausbildung« wurde in eröffnete mit einem lebendigen Kurzvortrag den Abend
diesem Jahr als inhaltlicher Fokus gewählt. Die Art des und veranschaulichte die Aktualität der gespielten
Studiums der Anthroposophie im Rahmen der Aus­ ­Szenen. Als sehr bereichernd werden in der Tagung auch
bildungen hat sich in den letzten Jahren sehr stark ver- immer wieder die Berichte aus verschiedenen Ländern
ändert und muss sich auch neuen Herausforderungen erlebt, dieses Jahr durften wir unter anderem auch einen
stellen. So sind heute viele Ausbildungsstätten Teil des berührenden Bericht aus Thailand entgegennehmen.
öffentlichen Bildungsangebotes und müssen im R ­ ahmen Die im Ausbildungskreis zusammengeschlossenen
Andreas Fischer, ihrer Anerkennung Auflagen und Bestimmungen er­ Ausbildungsstätten für Heilpädagogik und Sozial­
Dipl.-Heilpädagoge,
Lehrer, Supervisor. füllen. Deutlicher wird zudem, dass die Zugangswege therapie weltweit haben sich schon früh verbind-
Über zwanzig Jahre zur Anthroposophie für Studierende viel individueller liche Formen der Zusammenarbeit geschaffen. Die
praktische Tätigkeit in
geworden sind und es heute eine gemeinsame Such­ neu revidierten Grundlagenpapiere dazu wurden an
einem Sonderschul­
heim in der Ostschweiz. bewegung von Auszubildenden und Ausbildern braucht. dieser Tagung in Kassel verabschiedet. Kernstück der
1995 – 2006 Leiter der Als Vorbereitung befassten sich die Teilnehmenden mit Zusammenarbeit ist die gegenseitige Anerkennung im
Koordinationsstelle des
Verbandes für anthropo-
dem Dreischritt aus der meditativ erarbeiteten Men­ Rahmen einer Peer-Evaluation. Das heißt, dass eine
sophische Heilpädagogik schenkunde Rudolf Steiners: Menschenkunde aufneh- Ausbildungsstätte die Bereitschaft hat, sich einer ex-
und Sozialtherapie in men, Menschenkunde verstehen und aus Menschenkun- ternen Evaluation durch Anerkennungsbegleiter aus
der Schweiz und seit
2006 Leiter der Höheren
de schöpferisch handeln. In einem inneren Bezug dazu dem Ausbildungskreis zu stellen, um das Zertifikat
Fachschule für anthropo- standen die Hauptvorträge der Tagung von John Burnett der Konferenz in Dornach zu bekommen. Die korrekte
sophische Heilpädagogik, (Universität Plymouth), Rüdiger Janisch (Ausbildungs- Durchführung des Verfahrens wird von einer durch den
Sozialpädagogik und
Sozialtherapie (HFHS) in stätte Beaver Run, USA), Johannes Denger (Bildungsbe- Ausbildungskreis mandatierten Gruppe verantwortet.
Dornach, 2011 Promo­ auftragter des deutschen Verbandes) und Andreas Fischer Dieser jährliche Austausch in Kassel ist sehr wichtig,
tion an der Universität (Ausbildungsstätte Dornach). An die Vorträge schlossen öffnet er doch den Blick über die Grenzen der e­ igenen
Siegen.
sich jeweils Gesprächsgruppen an, in denen die Inhalte der Ausbildungsstätte hinaus. Gleichzeitig wird auch er-
Vorträge vertieft und w­ eiter bearbeitet wurden. In fünf lebbar, in welch verschiedener Weise die G ­ rundlagen
verschiedenen künstlerischen Arbeitsgruppen fand eine der anthroposophischen Heilpädagogik in Ausbildungs-
weitere Auseinandersetzung mit dem Tagungsthema statt. stätten weltweit vermittelt und umgesetzt werden. So
Das Vertreten der Anthroposophie in der Öffentlich­ ergibt sich ein durch Vertrauen und Akzeptanz ermög­
keit stand auch im Mittelpunkt des künstlerischen lichtes gegenseitiges Wahrnehmen und Lernen. Die
Abends: Zwei Schauspielerinnen, Agnes ­Zehnter und Gastfreundschaft im anthroposophischen Zentrum in
Friederike Lögters, gaben eine Darstellung des Gesprä- Kassel trägt jeweils noch das ihrige zum guten Gelingen
ches von Sophia und Estella aus dem Mysteriendrama dieser Tagung bei.

30 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


eltern & angehörige

Foto: Tim Toppik / photocase.com

Wohnformen für Menschen mit Autismus?

Wo ist der Lebensort für meine Tochter?


Interview mit Veronika Carle. Die Fragen stellte Ingeborg Woitsch.

»Wo ist der Lebensort, der meiner Tochter gerecht wird?«, fragte Veronika Carle in ihrem Mutter-Erfahrungs­
bericht im Sommerheft 2010 unserer Zeitschrift. Inzwischen ist ihre Tochter Judith auf eigenen Wunsch hin aus
einer anthroposophischen Einrichtung in eine nicht anthroposophische WG für Menschen mit Autismus ge­
zogen. Während Tochter Judith mit ihrer neuen Wohn- und Arbeitssituation ganz einverstanden ist, wird Mutter
Carle von ambivalenten Gefühlen und auch Zweifeln bewegt.

Ingeborg Woitsch: Wie geht es Ihnen als Mutter mit tion. Aber auch dieser Weg ist schmerzhaft, weil viele
einer »autistischen« Tochter? Wie erleben Sie die so kleine Trennungen vonnöten sind.
andere Beziehung?
IW: Welche Ideale hatten Sie bezüglich der Wohn- und
Veronika Carle: Andere Beziehung? Da will ich gleich Arbeitssituation für Ihre Tochter?
Judith zitieren: »Bin ich anders?« »Hab ich meine eige-
ne Vorstellung?« »Will ich es auf meine Art machen?« VC: Judith ist jetzt 42 Jahre alt und hat seit Kinder­gartenzeit
Mich versteht keiner.« in anthroposophischen Einrichtungen gelebt. Ich wollte
Veronika Carle,
Es dauert, bis man begreift, was denn eigentlich immer die emotionale Seite stärken; dass sie in einer Ge-
Jahrgang 1943.
»­anders« ist. Man erkennt, dass sehr wohl Beziehung meinschaft lebt, die ihr hilft, ein Zuhause zu finden, eine 3 Kinder, 5 Enkel, gute
gewünscht, gebraucht, sich danach gesehnt wird, aber Arbeit, die Spaß und Sinn macht, dass sie Freundschaf- Freunde – das Leben
ist reich. Jetzt in ­Rente,
es kann nicht »normal« eingefordert werden und nicht ten findet, Kultur angeboten bekommt und daran lernt. Frauenakademie,
im üblichen Sinne gepflegt werden. Für Mütter ist das Das war auch alles im Angebot! Ich habe aber im Laufe Märchen, Weltinteresse,
sehr schmerzhaft, sie wollen alles, was fehlt, ersetzen. ihres Erwachsenwerdens gemerkt, dass sie mit den Ge- als Hobby Reisen und
Kultur – das Leben ist
Ein Instrument dazu ist die Sprache. Wenn keiner ­Judith meinschaftsansprüchen überfordert war. Ihre autis­tische interessant.
verstand, ich konnte sie immer »übersetzen«. Das hat Individualität braucht soviel Extra-Begleitung, die schwer
natürlich zu einer sehr engen Beziehung beigetragen. zu leisten ist. Ich habe einsehen müssen, dass eine Lebens-
Die dann auch irgendwie überdimensioniert ist. gemeinschaft für Judith zwar wünschenswert wäre, dass
Im Moment macht sie sich davon frei. Ich glaube, wir sie das gemeinschaftliche »Wir« aber oft schlichtweg nicht
sind auf dem Weg zu einer autonomeren Lebenssitua- erträgt. Sie war in ihren Wahrnehmungsfähigkeiten viel-

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 31


eltern & angehörige

»Ein normales Haus und keins mit


solchen Farben und mit Ecken
fach schon damit überfordert, am Tisch mit vielen Leuten IW: Wie sonst erwachsene Kinder auch!
und mit vielen Gesprächen zu sitzen. Da wäre ein Tisch für
zwei oder drei Personen für Judith ein Segen gewesen, aber VC: Richtig. Eigentlich ist das ja gut so. Ich muss
fordern sie so was mal als Mutter! ­lernen, dass sich mein Wollen mit ihrem Wollen nicht
deckt und ich es dann stehen lassen kann. Das ist sehr
IW: Judith ist vor zwei Jahren in eine Wohngemein- schwer. Neulich, nach einer Besichtigung eines ande-
schaft für Menschen mit Autismus gezogen – was hat ren Wohnheims sage ich, hier ist es doch sehr schön,
sich verändert? was sagst du dazu?
Ingeborg Woitsch,
Schreibwerkstatt in
Berlin für Poesie­ VC: In der WG, in der Judith jetzt lebt, haben die Be- IW: Was sagt Judith?
therapie und Biografie­ treuer viel Wissen über Autismus bzw. bekommen
arbeit. Redakteurin der
­BundesElternVereinigung Schulungen darin. Judith hat eine Bezugsbetreuerin, VC: »Nein!« Sie sagt: »Weißt Du, ich will normal ­leben, –
für PUNKT und KREIS. also eine Person, die sie in all ihren Angelegenheiten zwar behindert, aber normal.« Ich frage: »Was ist nor-
­Projektleitung der begleitet. Diese gegenseitige Aufmerksamkeit scheint mal?« – Sie antwortet: »Ein normales Haus und keins
mittelpunkt-
Schreibwerkstätten. für Judith eine stressfreiere Variante im Umgang mit mit solchen Farben und mit Ecken in den Fenstern!«
zu regelnden Tagesabläufen zu sein. Sie wird gefragt,
was sie will und wenn das nicht geht, werden die Dinge IW: Das heißt also, Judith ist mit ihrem Leben zufrie-
ausgehandelt. Und darauf kann sie sich einstellen! den, auch wenn Mama nicht einverstanden ist.
Aktuell erlebe ich, dass sie mich in diesem Umfeld nicht
mehr so braucht und nicht mehr so will. Und das ist gut so. VC: So scheint es. Aber: Wenn einer immer nur Sah-
netorte isst und dicker und dicker wird, und seine Zu-
IW: Was gefällt Ihnen nicht und wie hat sich die Mut- friedenheit darüber äußert, lässt man ihn dann weiter
ter-Tochter-Beziehung verändert? essen?
Ist das die Selbstbestimmung? Da habe ich mein Un-
VC: Im anthroposophischen Rahmen hat das Wohnen behagen.
und Arbeiten sehr viel mehr Gestaltung, innen und Judith arbeitet jetzt in einer Montagewerkstatt,
­außen! Es gibt Jahresfeste, es wird gesungen, musiziert schneidet Gummis in 10 Zentimeterabständen ab, ich
und vorgelesen, es gibt eine Pflege der gemeinschaft- weiß nicht, wie viele Hundert und sagt, es geht ihr gut.
lichen Atmosphäre. Es gibt eine gemischte Bewoh- Die Werkstatt meint, wenn sie das sagt, kann man es
nerschar. Vieles davon vermisse ich jetzt. Ob es Judith lassen. Und Mama findet, dass hier nur ihr Autismus
auch vermisst, kann ich nicht beantworten. Ob ein befriedigt wird. Mama kann sich nicht vorstellen, dass
Miteinander nur autistischer Menschen gut ist, kann ihr diese Tätigkeit gut tut. Sie, Judith, kann doch so viel
ich auch noch nicht beantworten, aber der Einzelne mehr. Also lasse ich das Thema oder mische ich mich
wird auf jeden Fall besser begleitet. wieder ein?
Ich kann Judith gegenüber nicht verbergen, dass mir so
manches nicht gefällt und das wiederum gefällt Judith IW: Warum müssen beide zufrieden sein?
nicht.
VC: Ja, das macht das Leben einfach harmonischer.
IW: Und wie reagiert Judith? Aber ehrlich gesagt, habe ich für mich noch keine
Best-Lösung gefunden. Der Weg zur gegenseitigen Ak-
VC: Sie kommt im Moment nur nach Hause, wenn es zeptanz und damit Zufriedenheit ist leider sehr oft mit
etwas Attraktives im Angebot gibt! Konflikten übersät.

32 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


eltern & angehörige

CAMPHILL
SCHUL-
in den Fenstern!« GEMEINSCHAFTEN
AM BODENSEE

Der Camphill Schulgemeinschaften e. V. ist Träger einer


Heimsonderschule an drei Standorten im westlichen Bo-
denseekreis sowie weiterer Initiativen und Einrichtungen
für Menschen mit und ohne Behinderung. In den Camphill
Schulgemeinschaften leben und lernen über 270 Kinder
IW: Können Sie als Mutter sich einen Lösungsweg vor- und Jugendliche in Brachenreuthe bei Überlingen, in
Bruckfelden bei Frickingen und in Föhrenbühl bei Hei-
stellen? ligenberg. Über 40 junge Erwachsene werden in Überlin-
gen bei SKID, den SozialKulturellen IntegrationsDiensten,
in den Bereichen Wohnen, Arbeit und Freizeit begleitet.
VC: Ein bisschen erzählt dieses Interview ja vom Kon-
Das Angebot der Camphill Schulgemeinschaften umfasst:
flikt zwischen Tochter und Mutter. Aber eigentlich sind Frühförderung
es doch auch die noch nicht optimierten Verhältnisse, Kleinkindgruppen
die unzufrieden machen. Und das ist der Grund, warum Waldorfkindergarten mit integrativem Konzept
Schulkindergarten, Schule und Berufsschulstufe für
ich mich hier engagiere. Kinder und Jugendliche mit geistigen, körperlichen
und mehrfachen Behinderungen
Assistenzangebote im nachschulischen Lebensalter
Ich sage:
Jede Einrichtung braucht einen professionellen »Au- Mit dem Lagerhäusle und dem Dorfladen in Frickingen-
Altheim sind Orte der Integration geschaffen worden. Ein
tismuskenner«, der für das autistische Klientel Berater weiterer Begegnungsort ist das Naturatelier Frickingen,
wird und der sich dafür einsetzt, dass für jeden Grad das von und mit Menschen mit Behinderung betrieben
wird. Hier werden künstlerische, kulturelle und soziale
der Behinderung oder der Besonderheit (vom Kanner Projekte realisiert.
Autisten bis zum Asperger) die optimale Hilfe gefunden
www.camphill-schulgemeinschaften.de
wird. Das ist das Erkennen und Ernstnehmen der Wahr- info@camphill-schulgemeinschaften.de
nehmungsstörungen, das sind Verständnis fördernde
Hilfestellungen in den Wohn- und Arbeitsgruppen, das
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Abwägen der Gruppenbedürfnisse mit dem Leistungs-
vermögen der Anpassung oder der Abgrenzung, alle
Hilfen zur besseren Kommunikation, im besonderen FC,
und sicher auch die Vertretung des Mehrbedarfs zu den
Sozialämtern. „klingendes Kupfer“
Auch das neuere Gefühl des selbstbestimmteren Lebens
und der Teilhabe gilt für Menschen mit Autismus. Sie
sind eigenwilliger und nicht so einordenbar. Sie haben Glockenspiele
pentatonisch
ähnliche Defizite und sind doch sehr verschieden. Das diatonisch
ist für die Begleiter dieser Menschen eine besondere chromatisch
Herausforderung. Darin brauchen diese kompetente
Unterstützung. Einzelglocken
für das gemeinschaftliche Spiel
Es gibt einen Bundesverband für den autistischen Töne und Musik werden erlebbar
Menschen (www.Autismus.de), es gibt Regionalver-
bände und diverse Einrichtungen nur für Autisten. Dort Eurythmiegeräte
erfährt man alles über die Behinderung und ihre The- Eurythmiekugeln
rapien nach dem heutigen Wissensstand. Eurythmiestäbe Augenstäbe
Fußrollen
Schwungkugeln
Wenn wir nun das anthroposophische Menschen­
bild mit einer individuellen Lebensbegleitung und
diesem Wissen zusammenbrächten, dann hätten
wir eine gemeinsame Ebene, die sicher frucht­ Vertrieb der Weckelweiler Werkstätten
Heimstrasse 10 74592 Kirchberg/Jagst
bar wäre für unsere Kinder. Das wäre mir ein fon 07954/970-200 fax 07954/970-259
Anliegen. vertrieb@weckelweiler-gemeinschaften.de

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 33


eltern & angehörige

Die Kreativ-Werkstatt der Lebensgemeinschaft Eichhof

In einer Lebensgemeinschaft wohnen:


Ja! – aber arbeiten?
Von Walter Kirchner

Walter Kirchner, Vater eines Autisten, berichtet von den Schwierigkeiten einer Integration seines Sohnes in das
Werkstatt-Leben. Sein Bericht gibt Einblick in die Besonderheit der »Kreativ-Werkstatt« der Lebensgemeinschaft
Eichhof.

Als im Januar 2000 unser damals 25-jähriger autisti- Bedürfnis, sich abzusondern und sich an einen Platz zu-
scher Sohn Tobias in Haus 6 der Lebensgemeinschaft rückzuziehen, wo er ungestört ist. Ein großer Werkstatt­
Eichhof im Bergischen Land einen lange erwarteten raum mit vielen Personen und Geräuschen wäre für ihn
Wohnplatz erhielt, waren meine Frau und ich von sehr über einen längeren Zeitraum nicht erträglich. Sein
gemischten Gefühlen erfüllt. Einerseits waren wir sehr Nachahmungstrieb – eine wichtige Voraussetzung für
glücklich, dass wir endlich für ihn, nachdem er als das Erlernen irgendwelcher Fähigkeiten – beschränkt
­Jugendlicher 14 Jahre lang in weit entfernten Einrich- sich bevorzugt auf solche Tätigkeiten, die er als für ihn
tungen betreut worden war, eine Erwachsenen-Bleibe notwendig und nützlich erkennt. Erschwerend kommt
in einer uns näher gelegenen Gemeinschaft gefun- hinzu, dass er nicht in der Lage ist, eine bestimmte Tä-
den hatten, an deren Aufbau wir zudem im Rahmen tigkeit – und sei sie noch so einfach – über längere Zeit
unserer bescheidenen Möglichkeiten beteiligt waren. ausdauernd auszuführen. Er benötigt immer wieder
Dass das für Tobias verantwortliche Hauselternpaar – Pausen – obgleich er körperlich voll leistungsfähig ist
das gab es damals noch auf dem Eichhof – unseren und keine Handicaps in diesem Bereich besitzt.
Sohn trotz seiner schweren Behinderung voll akzep- Andererseits zeigt er in vielerlei Situationen die Be-
tierte, minderte nicht unerheblich unsere Sorge um reitschaft, vielleicht sogar das Bedürfnis, sich an be-
Tobias` Zukunft. stimmten Arbeiten (z.B. Tisch decken oder abräumen)
Eine Frage freilich bewegte uns immer wieder: W ­ ürde zu beteiligen. Fast immer bedarf er dabei aber der kon-
Tobias aufgrund seiner Autismus-bedingten D ­ efizite trollierenden Begleitung und Anleitung. Wenn er dann
jemals in der Lage sein, eine sinnvolle Tätigkeit aus- nach erledigter Aufgabe ein Lob erhält, freut er sich
zuüben, wie es das Konzept der Lebensgemeinschaft darüber.
Eichhof – »Gemeinsam wohnen und arbeiten« – vor- Wegen der oben genannten Schwierigkeiten wurde
sieht? Die Voraussetzungen dafür waren mehr als Tobias – zusammen mit anderen betreuungsintensiven
schlecht: Tobias hat noch nie in seinem Leben auch nur Dorfbewohnern – in seinen ersten Eichhof-Jahren in
ein einziges Wort gesprochen – nicht einmal «ja« oder einer relativ großen Fördergruppe betreut. Dieser Be-
»nein«. Er besitzt allerdings ein gewisses wachsendes reich hatte lange Zeit unter einer völlig unzureichenden
Sprachverständnis. Und er verfügt über die Fähigkeit, und ständig wechselnden personellen Besetzung zu
auf einer nicht verbalen Ebene mit ihm vertrauten leiden – eine gezielte Förderung der bescheidenen
­
Kontakt:
kreativwerkstatt Menschen seiner Umwelt zu kommunizieren. Fähigkeiten von Tobias war unter diesen Umständen
@eichhof.org Wie für viele Autisten typisch, hat er oft ein starkes kaum möglich.

34 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


eltern & angehörige

Fotos: Elfriede Kirchner & Kreativ-Werkstatt

Arbeitszimmer von Tobias mit Arbeitstisch und Ruheplatz Tobias beim Schreddern von Papier

Die Wende im Arbeitsleben von Tobias kam, als sich ­ ruppe von Betreuten. Die WerkstattmitarbeiterInnen,
G
die Lebensgemeinschaft Eichhof entschloss, im Jahr die ihm zur Seite stehen, bemühen sich sehr, auf seine
2007 eine Kreativ- und Dienstleistungs-Werkstatt Verhaltenseigentümlichkeiten einzugehen und für ihn
einzu­richten, in der Tobias ab Ende des gleichen Jahres Tätigkeiten zu finden, die er ausüben kann, z.B. das
einen Platz erhielt. Dieser neue Arbeitsbereich wurde Schreddern von Papier. Er lernt, sich an Gemeinschafts-
speziell für solche Eichhofbewohner geschaffen, die arbeiten zu beteiligen, wie das Holen von Sprudel­
aufgrund einer meist mehr oder minder ausgeprägten wasser am Automaten, das Wegbringen von Müll und
autistischen Behinderung nur in einer Kleingruppe mit das Abholen von Post. Ein durchdacht strukturierter
Prof. Dr. Walter Kirchner,
ruhiger Atmosphäre und intensiver Einzelbetreuung Tagesablauf gibt ihm Sicherheit.
emeritierter Hochschul­
gefördert werden können. Die Zahl der Betreuten Besonders wichtig: Wie alle anderen Betreuten seiner lehrer (RWTH Aachen,
wurde auf zunächst fünf, jetzt sechs Dorfbewohner Werkstattgruppe hat er einen eigenen Arbeitsplatz, Fachgebiet Biologie). Ver­
heiratet, vier Kinder. ­Autor
beschränkt, so dass die Gruppenmitglieder eine in- der sich in einem ruhigen Raum befindet, den To- eines Videofilmes über
tensive Beziehung zu ihren BetreuerInnen (insgesamt bias nur mit einem einzigen anderen, mit ihm gut die Lebensgemeinschaft
stehen drei Vollzeitstellen zur Verfügung) aufbauen harmonierenden Betreuten teilt. Einer ablenkenden Eichhof (eine aktualisierte
Fassung dieses Filmes ist
können. Diese sind – nicht zuletzt durch Fortbildungs- und verwirrenden Reizüberflutung wird so wirksam zz. in Vorbereitung).
maßnahmen und B ­ eratung durch das Autismus-The- vorgebeugt.
rapie-Zentrum Köln – für den Umgang mit Autisten Seine BetreuerInnen sind sehr darauf bedacht, Tobias
besonders geschult und sensibilisiert. Die vielleicht nicht zu überfordern – insbesondere nicht an Tagen, an
wichtigste Aufgabe der BetreuerInnen besteht darin, denen seine Befindlichkeit schlecht ist. Wie viele ande-
für die einzelnen Gruppenmitglieder Aufgaben zu re Autisten leidet er unter Stimmungsschwankungen.
finden, die einfach und überschaubar und von ihren Zwang wäre in kritischen Situationen sicher kontra-
Anforderungen her zu leisten sind. Dies wird nicht produktiv. Wenn er eine Ruhepause benötigt, kann er
zuletzt dadurch erreicht, dass Arbeitsgänge – z.B. sich auf einen speziell für ihn eingerichteten Ruheplatz
die Tee-Zubereitung für die in den anderen Eichhof- zurückziehen und sich dort hinlegen oder er darf in das
Werkstätten arbeitenden Dorf­ bewohner – in kleine vor der Werkstatt gelegene Freigelände, wo er sich
Einzelschritte zerlegt werden. besonders gerne aufhält und »wedelt«, wahrschein-
Der neue Arbeitsbereich kommt den Bedürfnissen lich, um irgendwelche nicht näher definierbare innere
von Tobias in hohem Maße entgegen. Er befindet sich Erregungszustände abzubauen. Er bekommt auch die
jetzt in einer nur kleinen, für ihn gut überschaubaren Möglichkeit, auf einer Gitarre oder auf einem Xylofon

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 35


eltern & angehörige

Töne zu erzeugen – eine, wenn auch sehr bescheidene lichkeiten von Tobias und deren möglichen Ursachen.
Art musischer Betätigung. Dieses neue Miteinander scheint mir ein besonders
Selbstverständlich nimmt Tobias auch an der Morgen­ bemerkenswerter Fortschritt gegenüber früheren
runde, am gemeinsamen Essen und an der nachmit- Jahren zu sein, als Hausgemeinschaft und Werkstatt
täglichen Abschlussrunde teil – für ihn ist dies ein noch getrennte Welten waren, die wenig voneinander
­wichtiger Teil seiner sozialen Förderung, da er, wie wussten.
bereits erwähnt, eher kontaktscheu ist. Nach der Mor- Alles in allem: Tobias scheint in der Kreativ-Werkstatt
genrunde geht Tobias oft von selbst an seinen Arbeits- eine neue Heimat gefunden zu haben, in der er sich
platz – ein deutliches Anzeichen dafür, dass Betätigung wohlfühlt und die es ihm ermöglicht, etwas zu »­leisten«.
in der Werkstatt einen festen Platz in seinem Tagesab- In zunehmendem Maße ist er in der Lage, kleinere Ar-
lauf gefunden hat. beiten selbstständig, d.h. ohne Begleitung und Aufsicht
Am Morgen wird er von einem Betreuer des Wohn- durchzuführen. Auch sein Sprachverständnis macht
hauses zur Werkstatt gebracht. Nach Arbeitsende deutliche Fortschritte. Wenn er an ­seinen freien Wo-
wird er durch einen Betreuer auf dem Rückweg zum chenenden bei uns zu Hause ist, dann kann er uns zwar
Wohnhaus begleitet, wo ein Informationsaustausch nicht von seinen Eichhof-Erlebnissen erzählen, aber er
zwischen Werkstatt und Hausgemeinschaft erfolgt,
­ sieht uns oft voller Fröhlichkeit mit solch strahlenden
z.B. über die manchmal stark wechselnden Befind- Augen an, dass wir wissen: Es geht ihm gut.

Konzepte für Menschen mit hohem Assistenzbedarf

Projekt »Nische«
Von Gerd und Ulrike Meier

Ulrike Meier, langjährige Das Projekt »Nische« entwickelt Ideen und Konzepte zur »Gestaltung von Lebens-, Arbeits- und Entwicklungs­
Mitarbeit bei Autismus räumen für Menschen mit hohem Assistenzbedarf im Rahmen der Eingliederungshilfe«. Im Fokus des Projektes
Deutschland.
Gerd Meier, stehen Menschen, die herausforderndes Verhalten zeigen. Sei es, dass sie sich durch monotones, Hospitalismus-
Vorsitzender des artiges Verhalten entziehen oder sich auf Wünsche oder Forderungen von außen hin nicht angemessen verhalten.
Freundeskreises Camphill.
Sei es, dass sie durch aggressive und autoaggressive Züge auffallen. In der Mehrzahl der Fälle handelt es sich um
Eltern von autistischen
Drillingen mit hohem Menschen mit einer Diagnose aus dem autistischen Spektrum. Ein weiteres Charakteristikum ist häufig das Fehlen
Unterstützungsbedarf. von aktiver Sprache, ein zusätzliches Kommunikationsproblem. Zielgruppe der »Nische« sind die Menschen, die in
Gefahr sind, wegen ihres Soseins psychiatrisiert zu werden.
Der Wunsch, diese Initiative ins Leben zu rufen, ging aus von der Pfingsttagung 2010 des Freundeskreises
­Camphill. Dort beschäftigte man sich mit dem Umgang mit Menschen mit hohem Hilfebedarf in anthroposophi-
schen ­Zusammenhängen.
Es bildete sich eine Initiativgruppe, die im Mai 2011 zu einer Ideenkonferenz eingeladen hat. Adressaten waren
Menschen, die in verantwortungsvollen und/oder leitenden Positionen in heilpädagogischen Einrichtungen in
ganz Deutschland tätig sind und Eltern, die sich ein gelingendes Leben für ihre besonderen Kinder in einer anthro-
posophischen Einrichtung wünschen. Der Fachtag endete mit der Gründung von Arbeitsgruppen, die sich konkret
beschäftigen mit Fragen des Leitbildes, der Konzeption, des Persönlichen Budgets sowie Fragen der Transparenz in
Bezug auf bereits existierende Initiativen sowie Fragen der Aus- und Fortbildung von Heilpädagogen.
Zugleich wurde dem Projekt die Unterstützung des Verbandes für anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie
Projekt »Nische«
Kontakt: und soziale Arbeit e.V. in Bezug auf die fachliche Begleitung des Vorhabens zugesagt. Die in diesen Arbeitsgruppen
meier_camphill@gmx.de tätigen Menschen freuen sich auf Unterstützung. Interessenten und Mitstreiter sind herzlich eingeladen!

36 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


eltern & angehörige

Ein Erfahrungsbericht

Autismus und die Stille

Autismus ist ein Puzzle


Außengefangenschaft
Vor Jahren zog ich von Berlin weg.
Nur knapp entkam ich dem Chaos.
Damals wusste ich bereits einiges
über Autismus, wusste aber nicht,
was mich daran so fesselte.
enges leben
Die erste Begegnung mit einem Autisten war in einem integrativen Café.
Dort saß ein junger Mann auf einer Couch und schaukelte. Ich setzte mich
kleiner raum
neben ihn und wartete ab. Nichts veränderte sich. Das nächste Mal brachte
ich ein Gedicht mit und gab es ihm. Ein weiteres Mal ein Foto. Er nahm es,
nahm mich bei der Hand und ging nach draußen. Er hielt das Foto vor sich,
tiefes wesen
schaute mich an und gab es mir zurück.

Vor Jahren zog ich in ein Camphill.


kein vertraun
Ich wollte mit diesen Menschen zusammen sein,
unter einem Dach leben, ihnen nahe sein.
Autismus hat ein breites Spektrum,
laute ohren
von jederzeit auf Unterstützung angewiesen,
bis hin zu persönlicher und beruflicher Selbstständigkeit.
Ein langer Weg noch bis zur eigenen Diagnose – Asperger Autismus.
wirres aug
Das Camphill war ein kleines, beschauliches Dorf, überschaubar.
Obwohl ich Mitte dreißig war, brauchte es einige Zeit, bis ich
handverloren
die sozialen Strukturen entdeckte und mich versuchte einzuordnen.
Es gab Mitarbeiter sowie die »Betreuten« des Dorfes, Dörfler genannt.
Ein paar Tage später saß ich wieder neben jemandem auf der Couch.
wortberaubt
Und diesmal sah ich, was sie vor ihren Augen hatte. Ihre Hausschuhe
hatten im Sonnenlicht den gleichen rostbraunen Ton wie die Blumen
auf dem Tisch. Alles glitzerte und ich sagte ihr, was ich sah. bin stetig
Eine Aufregung, kurzes Schnaufen und dann ein Lächeln und ein Lied.
Wir beide waren gemeinsam und wussten voneinander. Eine Freude.
lebe da
Doch das größere und auffälligere Wunder waren die Sonntagmorgen.
In einem kleinen Saal wurde die Opferfeier gehalten.
Man kommt in den Raum, leise Geräusche und findet einen Platz. sehe ewig
Spürbare Gewohnheiten und zugleich feierliche Stimmung.
Dann kam sie, die Stille.
Vielleicht hundert Menschen in dem kleinen Raum, Menschen, liebe wahr
die in der Woche manchmal von Unruhe gepackt werden, die
nicht aufhören können zu reden, die sich schubsen, sich ärgern
oder auch laut freuen können, die in klaren Abläufen ihre Arbeit, Gedicht des Verfassers

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 37


eltern & angehörige

Hallo, machen ihre Feste feiern, Mahlzeiten teilen und Schleichend verlor ich die Stille,
liebes Redaktionsteam! Wünsche haben. da meine Gedanken immer Neues
Was könnte ich zu mir
schreiben? Ich finde es Jetzt sitzen sie hier in einem Raum und mit ihnen fanden, was zu bedenken war.
schon recht umfang­ diese Stille. Viele Aufgaben veränderten mich.
reich, was zwischen den
Zeilen steht. Alle Kom­
munikation entspringt Was mich so faszinierte: die Stille kam ganz von selbst, Inmitten des Dorfes stand eine Bank
einer gemeinsamen keiner der sie einforderte, der Psst! sagte oder streng zwischen zwei alten Apfelbäumen.
­stillen Präsenz. Solche
Momente waren für mich
schaute. Wer auf ihr saß, war angekommen.
Wendepunkte, Wagnis Die Stille kam von selbst. Was ich in Berlin so Von hier aus gab es keinen Weg weg,
und Zugang in die Welt ver­geblich suchte, hier blieb man viele, viele Momente,
der ­Kommunikation. Es
klingt sehr einfach und
Angst hatte, sie nie mehr zu finden, hier war sie, auf einer Uhr vielleicht nur Minuten.
viele Menschen kennen abgelegen Im Dorf wurde gebaut, Gräben gezogen
das vielleicht. Darum von Straßen, Stress und Alltag, es war einfach Stille und dann kam ein mächtiger Sturm.
habe ich gleich mal einen
Text geschrieben, der das im Raum. Die beiden Apfelbäume fielen.
veranschaulichen soll. Sie Die knarrenden Dielen hoben sie hervor, als drei
boten mir an, anonym zu ­Mitarbeiter an Nach Jahren machte ich mich wieder auf den Weg
schreiben. Das wäre so
ein Fall. einen kleinen einfachen Altar traten und zu sprechen und suchte die verloren gegangene Stille, quer durch
begannen. Europa und fand sie erst im Zentralmassiv in Frank-
Trotz der Worte, die Stille blieb. reich.
Doch dort war ich allein und bedauerte es, sie nicht
Doch die Zeit veränderte mich, über die Jahre. wieder
Nach der Ausbildung wurde ich Mitarbeiter. gemeinsam zu erleben.
Der Alltag bekam seine Verantwortung. Ich fand heraus, dass die gemeinsame Stille eine
Versteckt spürte ich, wie die Verantwortung mich Brücke ist.
zwingt zu wissen, was für andere gut sein soll. Sie kennt keine Diagnosen. Und das wünsche ich uns
Die Aufsichtspflicht gesellte sich dazu. allen.

Die Stille ist etwas Anrührendes, etwas Bewegendes – wenn sie sich offenbart.
Sie ist eine Offenbarung. Sie ist offen und gehaltvoll. Gleichzeitig ist sie nichts,
vollkommen ohne etwas.
Dafür gäb' ich mehr als was ich besitze
Und doch ist das rein gar nichts.
Ihr zu begegnen werde ich wieder losziehen
Und doch ist sie hier und allgegenwärtig
Sie zu bewahren tät ich jedes Versprechen
Und keines braucht es, da sie frei ist.
Aus dem Reisetagebuch

38 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


aktuell notiert

Mitgliederversammlung 2011

Wirksam werden für Mensch,


­Gemeinschaft und Gesellschaft
Von Johannes Denger

»Wirksam werden für Mensch, Gemeinschaft und Gesellschaft«, unter diesem Titel trafen sich über 160 Ver-
treterInnen der Mitgliedsorganisationen sowie hauptamtliche MitarbeiterInnen und Gäste des Verbandes für
anthroposophische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V. in der Tobias Schule Bremen zur
Mitgliederversammlung und Jahrestagung 2011. Wie werden wir als Heilpädagogen und Sozialtherapeuten
wirksam?

Die inhaltlichen Beiträge verband das Prinzip der des Verbandes sowie bei den Beratungen über die
Umstülpung: Prof. Dr. Walter Kugler zeigte unter Bezug Stärkung der sozialpolitischen Arbeit des Verbandes
auf die Ausstellung ›Rudolf Steiner und die Kunst der und einen in diesem Zusammenhang anzustrebenden
Gegenwart‹, dass verschiedene zeitgenössische Künst- möglichen zukünftigen Standort der Geschäftsstelle
ler an das Motiv ›das Äußere wird Inneres, das Innere in Berlin. Im Verlauf der Diskussion wurde sowohl im
wird Äußeres‹ anknüpfen, das die ganze Anthro­posophie Plenum als auch in der damit befassten Arbeitsgruppe
durchzieht. Es geht dabei um die Korrespondenz, um das u.a. empfohlen, nicht nur die sozialpolitische Außen-
Verhältnis von Geist und Materie. Rudolf Steiner hatte vertretung des Verbandes und einen etwaigen damit
zu diesem Prinzip der Inversion eine Denk- und Fühlme- verbundenen Umzug der Geschäftsstelle in die Bun-
thode entwickelt. Dass es genau um solche neuen und deshauptstadt im Blick zu haben, sondern gleichzeitig
individuellen Zugänge zum anderen Menschen geht, dafür Sorge zu tragen, dass ein innerverbandlicher,
das machte Prof. Dr. em. G ­ eorg Feusers eindrucksvoller anthroposophisch und fachlich fundierter Meinungs-
Beitrag ›Selbstbestimmt als Teil des Ganzen leben‹ ge- bildungsprozess stattfinden kann. Damit haben der
rade auch an Menschen mit schwerer und mehrfacher Vorstand und die hauptamtlichen MitarbeiterInnen
Behinderung deutlich. ­Leben im menschlichen Sinne des Verbandes ein deutliches Votum erhalten, das
werde durch den Dialog geschaffen, der Mensch werde Thema »Verstärkung der Wirksamkeit des Verbandes«
am Du zum Ich. ›Inklusion erreicht, wer kommunizie- weiter zu verfolgen und zur Standortfrage eine Be-
ren kann, was man kommunizieren kann‹, so zitierte er schlussvorlage für die Mitgliederversammlung 2012
­Niklas Luhmann und wies darauf hin, dass die zentralen zu erarbeiten.
Aussagen der UN-Konvention über die Rechte von Men-
schen mit Behinderungen als Erkenntnis der Human- Die Mitgliederversammlung 2011 bestätigte da­
wissenschaften über hundert Jahre alt seien und dass es rüber hinaus die Aufnahme sechs neuer Träger­
jetzt wirklich an der Zeit sei, sie wirksam umzusetzen. organisationen in den Verband, darunter die Freunde
In feiner Weise griff Prof. Dr. Rüdiger Grimm die Frage der Erziehungskunst Rudolf Steiners, die ab dem
nach dem Ich in seinem Beitrag ›Ich schaue in die Fins­ ­Sommer 2011 den neuen Bundesfreiwilligendienst und
ternis …‹, die Erfahrung von Einsamkeit und Ungewiss- das Freiwillige Soziale Jahr für die Einrichtungen des
heit auf dem Weg der Begegnung mit sich selbst auf Verbandes koordinieren werden (s. dazu auch S. 40).
und entwickelte, dass das Ich des Menschen (neben dem Mit der AkademieSozial, dem Ita Wegman Berufskolleg
sozialen Konstrukt) ein zentral geistig Wesenhaftes ist. und dem Verein Geist&Natur (Kaspar-Hauser Forum) ist
Diese allgemein menschlichen und fachlichen Inhalte das Spektrum der anthroposophischen Ausbildungs-
wurden in themenspezifischen Arbeitsgruppen vertieft. und Studienangebote innerhalb des Verbandes weiter
gewachsen. Durch die Bestätigung der neuen Region
Konkret um die Verstärkung der Wirksamkeit des Saarland/Rheinland-Pfalz gibt es nun insgesamt neun
Verbandes ging es – neben den Regularien – bei Regionalkonferenzen, in denen die Mitglieder des Ver-
der Suche nach einer neuen Gesichtslinie im Auftritt bandes eng zusammenarbeiten.

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 39


aktuell notiert

Ein Jahr Fachstelle Nord für Gewaltprävention


Von Katrin von Kamen

Die Fachstelle für Gewaltprävention der Region Nord Konzept zur Prävention von Gewalt zugestimmt. Mit
im Verband für anthroposophische Heilpädagogik, dieser Zustimmung begibt sich jedes Kollegium auf den
­Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V. berät und un- Weg der kollegialen Weiterentwicklung. Das entsteht
terstützt Kinder und erwachsene Menschen mit schon dadurch, dass aus jeder Einrichtung ein bis zwei
Hilfe­bedarf aus den Einrichtungen der Region Nord. Personen sich darin schulen und befähigen, Hinweise
Anfragen aus anderen Regionen werden zurzeit ange- über Gewaltvorkommnisse in Einrichtungen anzuneh-
nommen und weitergeleitet. Arbeitsschwerpunkte der men, ihre Aufklärung zu koordinieren und zu bearbei-
Fachstelle sind: ten. Dafür werden sechs Tage Fortbildung durchge-
• Unterstützung der Einrichtungen bei der Bearbei- führt. Dadurch entwickelt sich eine ganz neue Kultur
Neben der Fachstelle Nord tung von Fällen, in denen Menschen mit Hilfebedarf der Aufmerksamkeit und Transparenz in den Einrich-
hat auch im Süden eine Opfer oder Täter von Gewalt sind. tungen und in deren Umfeld, bezüglich des Umgangs
Fachstelle ihre Arbeit auf­
genommen. • Beratung und Unterstützung der Einrichtungen der mit Gewalt. Durch die erhöhte Aufmerksamkeit in den
Sie erreichen Sie unter: Region Nord bei Implementierung und Umsetzung Einrichtungen werden zurzeit erhöht Fälle von Gewalt
Fachstelle Süd: eines gemeinsamen Gewaltpräventionskonzeptes. auf verschiedenen Ebenen sichtbar und gemeldet. Es
Fachstelle für Prävention, • Fort- und Weiterbildung für MitarbeiterInnen und sind in der Regel Fälle von verbaler, struktureller, phy-
Beratung und ­Schlichtung
(Bayern und Baden-­ Vertrauenspersonen in den Einrichtungen. sischer und sexualisierter Gewalt, die den Menschen
Württemberg) • Schutz, Unterstützung und Beratung für Einrich- mit Hilfebedarf als Opfer oder Täter betreffen. Es ist
Hotline: 01 51|40 74 16 54
tungen, die auf Grund von Gewalt an oder durch erlebbar, dass jeder geklärte Vorfall für alle Beteiligten,
E-Mail: fachstelle-sued@
verband-anthro.de Menschen mit Hilfebedarf im Fokus öffentlichen auch wenn es schmerzhaft ist, zu einer Heilung und
Region Nord: ­Interessens stehen. Verbesserung im Persönlichen und im Sozialen führt.
Fachstelle für Prävention • Die Fachstelle interveniert, wenn durch Grenzen ver- Die Fachstelle hat mit ihrer Arbeit gerade erst begon-
von Gewalt und sexuellen
Übergriffen
letzendes Handeln in einer Einrichtung der Ruf des nen und es ist erkennbar, welche Bedeutung sie für die
Tel.: 0 58 03|9 64 77 Verbandes in Gefahr gerät. Einrichtungen hat. Es wird außerdem deutlich, wie viel
Mobil: 01 60|7 01 35 48 und noch zu tun ist, um die Fachlichkeit, die wir schon er-
01 51|52 72 84 55
E-Mail: K.von.kamen@ Die Mitgliedseinrichtungen der Region Nord haben im folgreich praktizieren, durch diese Qualität weiter pro-
gewaltpraevention-nord.de Rahmen der Regionalkonferenz einem gemeinsamen fessionell zu ergänzen.

Freunde der Erziehungskunst


bauen Arbeitsbereiche der Freiwilligendienste aus

Michaela Mezger Seit 1993 sind die Freunde der Er- Jahren, ohne Altersgrenze nach oben aus Deutschland
ziehungskunst Rudolf Steiners e.V. im Bereich der in- sowie internationale Freiwillige aus dem Ausland. Wal-
ternationalen Freiwilligendienste tätig. Auf Initiative dorfschulen, -kindergärten und -horte sowie heilpäda-
des Verbandes für anthroposophische Heilpädagogik, gogische und sozialtherapeutische Einrichtungen, Pro-
Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V. hin arbeitet seit jekte der Jugendarbeit und der bio­logisch-dynamischen
März 2011 ein engagiertes Team der »Freunde« am Auf- Landwirtschaft sowie Kliniken und Einrichtungen der
bau einer anthroposophischen Trägerstruktur für den Altenhilfe können mit Unterstützung der »Freunde« ei-
neuen Bundesfreiwilligendienst des Bundesministeri- nen Antrag auf Anerkennung als Einsatzstellen im Bun-
ums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und das desfreiwilligendienst stellen.
bewährte Freiwillige Soziale Jahr. Ange­sprochen ­werden
mit dem Dienst motivierte Männer und Frauen ab 18 Kontakt: u.decker@freunde-waldorf.de

40 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


bücher

Dissertation bietet Einblick in das Leben und Arbeiten a


­ nthroposophischer Gemeinschaften

Terra Incognita: Anthroposophische Lebensgemeinschaften


Von Daniela Steinel

Zunächst erscheint der gewählte Forschungsansatz Stamms recht ungewöhnlich: Statt einer ›ordentlichen‹ sozial­
wissenschaftlichen quantitativen Studie begibt sich der Autor auf eine Forschungs- und Entdeckungsreise und spürt
Handlungsmotiven, Lebensweisen und Zielen der Menschen in anthroposophischen Lebensgemeinschaften mit-
tels ­ethnografischer Methode nach. Dabei herausgekommen ist eine gelungene Kombination aus wissenschaftlicher
­Dokumentation der Zusammenlebensweise in den erforschten anthroposophischen Lebensgemeinschaften, ihrer profes-
sionellen Grundlagen sowie des aktuellen Forschungsstandes innerhalb der noch jungen Disziplin der wissenschaftlich
arbeitenden anthroposophischen Heilpädagogik. Das Buch gibt zudem einen guten Überblick über die Entwicklung der
anthroposophischen Heilpädagogik seit ihrer Begründung vor gut neunzig Jahren.
Dabei fällt die angenehme Schreibweise und unaufgeregte Loslösung von anthroposophisch geprägten Begrifflichkeiten
und Formulierungen auf, ohne jedoch die spezifischen Handlungsansätze und -motive inhaltlich zu verwässern. Die
vorliegende Dissertation kann (und will) damit eine Brückenfunktion zwischen der wissenschaftlichen Fachwelt und
akademisch orientierter anthroposophischer Heilpädagogik sein. Hierbei konnte der Autor auch auf die gute (Vor-)Arbeit
von Rüdiger Grimm und Bernhard Schmalenbach zurückgreifen, die seit Jahren diesen Weg beschreiten. Christof Stamm
Anthroposophische
Die Wahl der Forschungsmethode lässt trotz wissenschaftlicher Objektivität und Überprüfbarkeit die Individualität (i.S.v.
Sozialtherapie im Spiegel
Wesen und Motiven) der Interviewpartner als auch die spezifische Atmosphäre der beschriebenen Lebensorte durch- ausgewählter Lebens­
scheinen – selbstverständlich wurde alles entsprechend anonymisiert. Die Form der ethnografischen Beschreibung lies gemeinschaften.
dem Autor zudem die Möglichkeit, auch subjektive Empfindungen und Einschätzungen zu formulieren, denen er in den Eine qualitativ-
jeweiligen Reflexionen zu den Hauptkategorien ›Rituale und Rhythmus‹, ›Zusammenleben‹, ›Innen und Außen‹ sowie empirische Studie
298 Seiten, 39,95 EURO
›Individuum und Gesellschaft‹ eine kritische Diskussion seiner objektivierten Ergebnisse folgen lässt und sie in den aktu-
ISBN: 978-3-531-18244-5
ellen wissenschaftlichen Diskurs stellt; z.B. zu Fragen der Teilhabe, Inklusion und Selbstbestimmung.
Dieses Buch ist einerseits ein Glücksfall für die Lehre und Ausbildung anthroposophischer Heilpädagogik – denn solch über-
sichtliche, einführende, den aktuellen Forschungs- und Kenntnisstand zusammenfassende Texte zur anthropo­sophischen
Heilpädagogik und ihren Grundlagen wird man zz. nicht finden – andererseits bietet es eine gute Grundlage für die anthro-
posophischen Lebensgemeinschaften, sich drängender Zeitfragen und Veränderungen anzunehmen. Stamm beschreibt sie
als »einen dritten Weg«, nicht klassische Institution der Behindertenhilfe (Komplexeinrichtung), aber auch kein 100-pro-
zentiges Modell des zz. verfolgten Ideals des Community Care. Die anthroposophischen Lebensgemeinschaften haben alle
Potenziale zur Weiterentwicklung in ihrem Schatzkästchen, sie müssen sie nur in die heutige Zeit transformieren.

Herausgeber: Verband für anthroposophische Heilpädagogik,


Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V., Schloßstraße 9,
Anzeigen: Verlag Freies Geistesleben | Anzeigen & Marketing
T. 07 11|2 85 32 34, F. 07 11|2 85 32 11
26 | Weihnachten 2010

PUNKT UNd KREIS



Zeitschrift für anthroposophische Heilpädagogik, individuelle Entwicklung und Sozialkunst

61209 Echzell-Bingenheim, T. 0 60 35|8 11 90 christiane.woltmann@geistesleben.com


www.verband-anthro.de | info@verband-anthro.de Beilagen: keine
In Kooperation mit: BundesElternVereinigung Aboauflage: teilw. »Mitteilungen für Angehörige« der BEV, Vivanda
für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie e.V., Titelfoto: Charlotte Fischer
Argentinische Allee 25, 14163 Berlin, T. 0 30|80 10 85 18 Angabe zum U4-Zitat: Dichter möchte anonym bleiben
www.bev-ev.de | info@bev-ev.de Auflage: 20.000 Exemplare
Redaktion: Johannes Denger (V.i.S.d.P.), Daniela Steinel Erscheinungsweise: vierteljährlich
  
Für die Rubrik eltern & angehörige: Alfred Leuthold, Redaktionsschluss: Heft No. 26: 20. Oktober 2011
Wolf Tutein, Ingeborg Woitsch Anzeigenschluss: Heft No. 26: 01. November 2011
Jeder Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder; eine Über­ Preise: Einzelversand 4,– Euro, Gruppenverteilung 2,– Euro.
einstimmung mit der Meinung der Redaktion kann aus seiner Kosten der Zeitschrift werden durch die Beiträge der Weihnachten 2011
­Veröffentlichung nicht abgeleitet werden. Titel und Bildunter- Mitgliedsorganisationen getragen. Gesundheit
schriften verantwortet die Redaktion, sinnwahrende Kürzungen Vertrieb: Neben einer Vielzahl von Multiplikatoren, Geschäftspartnern und Behinderung
vorbehalten. Beiträge ohne Autorenhinweis sind aus der Redaktion. und Verantwortlichen aus dem öffentlichen Raum
Nachdruck nur mit schriftlicher Genehmigung der Redaktion. erhalten Angehörige und Mitarbeiter von über 220 Einrichtungen
Anschrift: Redaktion PUNKT und KREIS, Schloßstraße 9, und Mitgliedsorganisationen des Verbandes diese Zeitschrift: Heilpäda­
61209 Echzell-Bingenheim, T. 0 60 35|8 11 90 gogische Schulen, Lebensorte und Werkstätten für Menschen mit
F. 0 60 35|8 12 17, redaktion@verband-anthro.de Behinderungen, heilpädagogische und sozialpsychiatrische Wohn-
Teilredaktion BEV: Redaktion PUNKT und KREIS› und Therapieanbieter, Frühförderstellen und Einrichtungen der Kinder-
Rubrik »eltern & angehörige« BundesElternVereinigung und Jugendhilfe.
für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie e.V., Bezug: Über die Anschriften der Redaktionen.
Argentinische Allee 25, 14163 Berlin, T. 0 30|80 10 85 18 Sie möchten das Projekt PUNKT und KREIS unterstützen?
redaktion@bev-ev.de Freiwillige Spenden: Sparkasse Oberhessen,
Verlag: Verlag Freies Geistesleben, Landhausstraße 82, Kto.Nr.: 86000180, BLZ 518 500 79,
70190 Stuttgart, T. 07 11|2 85 32 00 | info@geistesleben.com Stichwort »PUNKT und KREIS«
Herstellung: Bianca Bonfert

2011 Michaeli PUNKT und KREIS 41


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wird praxisintegriert durchgeführt:
Praxiseinrichtungen im gesamten Bundesgebiet
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• Neun einwöchige Blockwochen pro
während der Vorbereitungszeit oder mehr-
Ausbildungsjahr für den fachtheoretischen
jährige Mitarbeit in der Behindertenhilfe und künstlerischen Unterricht
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der Kinder- und Jugendhilfe

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42 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


angebot & nachfrage


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 eine Sozialpädagogin oder Erzieherin
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Wir sind eine kleine Lebensgemeinschaft
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 Buschberghof · Patricia Riederer · 21493 Fuhlenhagen
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Tel. 0 41 56|2 70 · E-mail: buschberghof@t-online.de
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Hiram Haus
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
 Fachtagung der internationalen Vereinigung
 für anthroposophisch orientierte Suchthilfe

 Thema Vom heilsamen Umgang mit Gefühlen.


 Aktiv Gefühle gestalten!
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 Veranstalter Hiram Haus e.V.
 Alt Tempelhof 28 · 12103 Berlin
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Infos über Programm, Kosten etc. unter
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www.hiram-haus.de · E-Mail: tagung@hiram-haus.de
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HOHENFRIED ist Heimat


für 46 Kinder und Jugendliche sowie 150 Erwachsene mit individuellen Biographien einer
geistigen Behinderung, in vielfältigen Wohnformen, im Alpenvorland, auf einem Anwesen
von 32 ha mit Wohnhäusern, Werkstätten, einer Schule und Landwirtschaft.

Wir suchen ab sofort eine neue

Leitung Wohnen Erwachsene (m/w)


An dieser Position leiten und verantworten Sie den Bereich Wohnen Erwachsene im Einver-
nehmen mit dem Vorstand. Sie erarbeiten als Mitglied der Gesamtleitung strategische Ziele
und verwirklichen diese anhand unseres Leitbildes in Ihrem Bereich. Sie führen die Leiter
(m/w) der Segmente und stehen ihnen als unmittelbar vorgesetzte Führungskraft (m/w)
anleitend und beratend zur Seite.

Wir erwarten
ein erfolgreich abgeschlossenes einschlägiges Hochschul- oder Fachhochschulstudium,
angemessene einschlägige Berufs- und Führungserfahrung sowie Interesse an Biographien
und am anthroposophischen Menschenbild.

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neben einer angemessenen Vergütung interessante Aufgaben und Herausforderungen in
einer sich ständig entwickelnden Einrichtung mit 250 engagierten und qualifizierten
Mitarbeitern (m/w), eine gute Infrastruktur für Familien sowie die Nähe der Städte Salzburg
(20 km) und München (130 km).

Wir setzen uns für den Schutz der in HOHENFRIED lebenden Menschen vor Gewalt und
Missbrauch ein und verlangen vor jeder Einstellung und später in regelmäßigen Abständen
ein aktuelles erweitertes Führungszeugnis.

Ihre Bewerbung
senden Sie bitte an das Vorstandssekretariat oder per E-Mail an info@hohenfried.de. Bitte
fügen Sie Ihrem aussagekräftigen Anschreiben die üblichen Unterlagen bei.
Weitere Details zu dieser Position finden Sie unter http://www.hohenfried.de/mitarbeiten.

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2011 Michaeli PUNKT und KREIS 43


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HOHENFRIED ist Heimat


für 46 Kinder und Jugendliche sowie 150 Erwachsene mit
AKADEMIESOZIAL
Ort der Bildung, der Begegnung und des Dialogs in Wuppertal

Ort der Bildung, der Begegnung und des Dialogs in Wuppertal


individuellen Biographien einer geistigen Behinderung in viel­ Zentrum
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fältigen Wohnformen, im Alpenvorland, auf einem Anwesen von Ort Ort
der Bildung, der Begegnung
der Bildung,
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der Begegnung Dialogs
desinDialogs
Wuppertal
in Wuppertal
Seminare in den Bereichen Dialog, Biografiearbeit, gFAB und weitere
32 ha mit Wohnhäusern, Werkstätten, Schule und Landwirtschaft. Ort der Bildung, der Begegnung und des Dialogs in Wuppertal
berufsbezogene, qualifizierende und persÄnlichkeitsbildende Seminare
 an:Seminare in den Bereichen Dialog, Biografiearbeit, gFAB und weitere
Wir bieten
 Organisation
Wir bieten an: und DurchfÄhrung von Bildungsangeboten (bundesweit)
HOHENFRIED ist Campus berufsbezogene, qualifizierende und persÄnlichkeitsbildende Seminare
Wir Beratung
bieten
 Seminare an:in denvon Einrichtungen,
Bereichen Teams und Gruppen
Dialog, Biografiearbeit, zu Fort- und Weiterbildungen
gFAB und weitere
der IPF Multiversity, die das Ziel verfolgt, wissenschaftliche  Organisation und DurchfÄhrung von Bildungsangeboten (bundesweit)
 Seminare inqualifizierende
berufsbezogene, den BereichenundDialog, Biografiearbeit,Seminare
persÄnlichkeitsbildende gFAB und weitere
Theorie, berufliche Praxis und Lebenslernen zu verbinden. Beratung von Einrichtungen, TeamsBiografiearbeit,
und Gruppen zugFAB Fort-und
undweitere
Weiterbildungen
 Seminare
 Organisation undinDurchfÄhrung
den
berufsbezogene, BereichenvonDialog,
qualifizierende und persÄnlichkeitsbildende
Bildungsangeboten (bundesweit) Seminare
Vernetzt mit anderen Bildungseinrichtungen werden zahlreiche berufsbezogene,
 Beratung
 Organisation
Unsere aktuellen undqualifizierende
von Einrichtungen,
Angebote Teams
Sieund
DurchfÄhrung
finden und
von persÄnlichkeitsbildende
aufGruppenBildungsangeboten
unserer Internetseite. Seminare
zu Fort- und Weiterbildungen
(bundesweit)
Ausbildungs­ und Abschlussmöglichkeiten angeboten, Organisation
 Beratung von und DurchfÄhrung
Einrichtungen, vonund
Teams Bildungsangeboten
Gruppen zu Fort-(bundesweit)
und Weiterbildunge
auf HOHENFRIED der Master in Heilpädagogik. Unsere aktuellen Angebote
 Beratung finden Sie auf
von Einrichtungen, unserer
Teams undInternetseite.
Gruppen zu Fort- und Weiterbildunge
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Wir setzen uns für den Schutz der in HOHENFRIED lebenden
Menschen vor Gewalt und Missbrauch ein und verlangen vor jeder
Einstellung und später in regelmäßigen Abständen ein aktuelles aus sozialtherapeutischen Werkstätten
erweitertes Führungszeugnis.
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Ihre Bewerbung senden Sie bitte an den jeweiligen Ansprech­ Den neuen Katalog erhalten sie unter:
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Haus HOHENFRIED e.V. tel: 07631-1799951 Fax: 07631-176522
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Gegenwart, Geschichte, Stadtkunde, Literatur, Sport
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Landwirtschaftsepochen
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und Radfahren, Projekte für Naturschutz oder Museen
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www.versum.cz

Sei es das Prag Karls IV. oder Rudolfs II., sei es


Romanik, Jugendstil oder Kubismus, sei es Besuch
in den Mozart- oder Kafka-Zeiten, sei es die
Gegenwart mit Václav Havels Aufgabe – wir sind
für Sie da, diesen Spuren mit Ihnen gemeinsam
nachzugehen.
Wir unterstützen freie Schulen
und alternative Theaterbühne in Tschechien.

Weitere Auskünfte bei:


VERSUM Studienreisen
K Chabům 7, CZ – 155 00 Praha 5
Telefon (+420) 233 324 205, (+420) 603 572 145
Telefax (+420) 233 324 205, e-mail: info@versum.cz

44 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


angebot & nachfrage

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Die Qualifizierung ist notwendige Voraussetzung für die Erlangung
des Titels «Expertin für Anthroposophische Pflege» (IFAP)

Kontakt:
L.Jung@heilpaedagogische-gemeinschaft.de 
www.heilpaedagogische-gemeinschaft.de –

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2011 Michaeli PUNKT und KREIS 45


cabaretorte

Das Orientierungslos
Von CabaRetorte

Wer bin ich, woher komme ich, wohin gehe ich? kehrsbedingte Abweichung von der Ankunftszeit im
Während die Antwort auf die erste Frage nach wie vor vor Ihnen liegenden Streckenabschnitt: zwei Minuten.«
rätselhaft erscheint und eigentlich (mindestens) ein Nicht, dass mir das beim alten ›TickTick‹ wirklich ge-
ganzes Leben zur Klärung braucht, wird uns für die fehlt hätte, aber man nimmt diese modernen Erleich-
Frage nach dem Woher und Wohin seit einigen Jahren terungen des Lebens ja gerne an.
Hilfe zu teil: Meine hat einen zweisilbigen Kunstnamen Dann kamen wir sehr rechtzeitig beim Fähranleger an
wie ›BlingBling‹ oder ›TockTock‹, hat mich schon oft ge- und mussten knapp zwei Stunden auf die Überfahrt
leitet auf sicherer Bahn und gab mir Orientierung im auf die nordfriesische Insel warten. »Sie befinden sich
Leben. Aber nicht immer. noch immer auf der schnellsten, kürzesten Route …«,
Mein erstes ›BamBam› wurde mir vor wenigen Wochen wieder­holte mein neues ›WamWam‹ alle zehn Minuten
durch einen offensichtlich orientierungslosen Zeit­ im stehenden Auto ungerührt. Da wurde ich zum ers­
genossen geklaut. Dafür hatte ich zwar Verständnis – ten Mal misstrauisch … Als wir endlich auf die Fähre
wer bräuchte keine Orientierung heutzutage –, dass er auffuhren, sagte es: »Sie befinden sich auf einer Fähre.«
mir aber zu dem Zwecke an einem helllichten Sonn- Das fand ich bemerkenswert und fasste wieder Ver-
tagnachmittag, während ich einen Krankenbesuch (!) trauen, aber dann kam: »Wenn möglich, bitte wenden!«
machte, die Seitenscheibe einschlug, habe ich dann Als nächstes fragte es mich, ob es den Landweg auf
doch irgendwie persönlich genommen. Mein neues die Insel berechnen solle …! Ich stelle mir die Route
›ZackZack‹ trage ich jetzt immer bei mir, so weiß ich durchs Watt vor: Schon nach kurzer Zeit bleiben wir
auch zu Fuß, wo ich bin. stecken und unser Wagen versinkt langsam im Schlick.
Natürlich kann das Neue noch mehr als das Alte. Auf Wir sitzen frohgemut im Auto und freuen uns auf den
unserer letzten Ferienreise sagte es mit einer mir kommenden Urlaub. Der Tidenhub lässt das Wasser
nicht wirklich sympathischen Stimme in regel­mäßigen steigen, das langsam eindringt, während mein ›Plem-
Abständen: »Sie befinden sich noch immer auf der Plem‹ vermeldet: »Sie befinden sich noch immer auf
schnellsten, kürzesten Route. Voraussichtliche ver- der schnellsten, kürzesten Route …«

Weiterbildungszentrum für

antHroposopHiscHes Inklusion und Social Care

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46 PUNKT und KREIS Michaeli 2011


«In meinem Innern werde ich manchmal so müde – ihr habt so seltsame Regeln
in eurer Welt! Und ich muss immerzu daran denken und denken und denken.»
Gunilla Gerland

Leben mit Autismus – Betroffene erzählen


Susanne Schäfer

Sterne, Äpfel und rundes Glas


Mein Leben mit Autismus
www.geistesleben.com

Verlag Freies Geistesleben

Gunilla Gerland Susanne Schäfer


Ein richtiger Mensch sein Sterne, Äpfel und rundes Glas
Autismus – das Leben von der anderen Seite. Mein Leben mit Autismus.
291 Seiten, gebunden mit SU 272 Seiten, kartoniert
€ 19,90 (D) | ISBN 978-3-7725-1667-2 € 9,90 (D) | ISBN 978-3-7725-1814-0

Gunilla Gerland hatte von Kind an « Susanne, es ist nun faktisch klar,
Eigenheiten, die keiner verstand, du hast eindeutig Autismus.» Jener
aber auch keiner recht ernst nahm. kurze Satz fasste Susanne Schäfers
Verzweifelt bemühte sie sich, den ganzes ‹25-jähriges Leben im Chaos›
Erwartungen nachzukommen, die zusammen und war gleichsam ein
ihre Umgebung an sie stellte. Befreiungsschlag, der die Einsamkeit
des Nicht-Wissens durchbrach.
Ihre genaue, sensible, dichte Schilde-
rung gibt die einzigartige Gelegenheit, « Susanne gibt auf eine begreiflichere
etwas von der Wahrnehmung und Weise als irgendein Lehrbuch einen
dem Selbsterleben zu spüren, die tiefen Einblick dahinein, wie es ist,
für Menschen mit Autismus charakte- Autismus zu haben.»
ristisch sind, und unseren gewohnten Christopher Gillberg,
Standpunkt in der Welt mit ‹fremden Professor für Kinder- und
Augen› zu betrachten. Jugendpsychiatrie, Göteborg

Verlag Freies Geistesleben : Wissenschaft und Lebenskunst


Verband für anthroposphische Heilpädagogik, Sozialtherapie und soziale Arbeit e.V.
BundesElternVereinigung für anthroposophische Heilpädagogik und Sozialtherapie e.V.


»Außengefangenschaft«

enges leben
kleiner raum
tiefes wesen
kein vertraun
laute ohren
wirres aug
handverloren
wortberaubt
bin stetig
lebe da
sehe ewig
liebe wahr



Anonym