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Dieter Dinkler

Grundlagen
der Baustatik
Modelle und Berechnungsmethoden
für ebene Stabtragwerke
4. Auflage
Grundlagen der Baustatik
Dieter Dinkler

Grundlagen der Baustatik


Modelle und Berechnungsmethoden
für ebene Stabtragwerke
4. Auflage
Dieter Dinkler
Braunschweig, Deutschland

ISBN 978-3-658-13849-3 ISBN 978-3-658-13850-9 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-658-13850-9
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V

Vorwort zur vierten Auflage

Mit der vierten Auflage des Lehrbuches ist eine redaktionelle Überarbeitung
möglich, die verschiedene Anregungen von Studierenden aufgreift. So sind ver-
schiedene komplexe Zusammenhänge mit ergänzenden Beispielen veranschau-
licht. Im Anhang sind zahlreiche Fragen zum Verständnis der für Studierende
oft wenig greifbaren Zusammenhänge angegeben.
Großer Dank dem Verlag Springer-Vieweg für die wiederum gute Zusammen-
arbeit und die sehr ansprechende Gestaltung des Neudruckes.

Braunschweig, 1. April 2016 Dieter Dinkler

Vorwort zur dritten Auflage

Die erfreulich große Nachfrage nach den Grundlagen der Baustatik gibt mir die
Möglichkeit, das Lehrbuch inhaltlich zu ergänzen und mich bei allen denen zu
bedanken, die mir mit vielen Hinweisen und guten Ratschlägen bei der redak-
tionellen Überarbeitung geholfen haben. Besonderer Dank gilt Herrn Marten
Eickhoff und Herrn Sebastian Krooß für ihre große Geduld bei der Überar-
beitung der vielen zeichnerischen Darstellungen. Dem Verlag Springer-Vieweg
möchte ich für die gute Zusammenarbeit bei der Gestaltung und der Vorberei-
tung des Neudruckes danken.

Braunschweig, 1. Februar 2014 Dieter Dinkler

Vorwort zur zweiten Auflage

Aufgrund der sehr erfreulichen Resonanz auf die Erstausgabe des Lehrbuches
ist es möglich, mit der hier vorliegenden zweiten Auflage eine redaktionelle
Überarbeitung und Ergänzung des Lehrbuches vorzunehmen. Dies betrifft die
Qualität der Abbildungen, verschiedene ergänzende Beispiele sowie einen An-
hang, in dem grundlegende statische Systeme tabelliert sind.
Dem Verlag Springer-Vieweg möchte ich für die konstruktiven Hinweise und die
gute Zusammenarbeit bei der Gestaltung und der Vorbereitung des Neudruckes
danken.

Braunschweig, 1. Februar 2012 Dieter Dinkler


VI

Vorwort zur ersten Auflage


Das vorliegende Lehrbuch ist aus den Lehrveranstaltungen für das Fachgebiet
Baustatik im Bachelorstudiengang Bauingenieurwesen an der Technischen Uni-
versität Braunschweig entstanden.
Es zielt auf die Darstellung und Vermittlung der Grundlagen der Baustatik für
Studierende des Bauingenieurwesens und nahestehender Studiengänge. Vor-
ausgesetzt werden die Grundlagen der Technischen Mechanik für Ingenieurstu-
diengänge, sodass Spannungen, Kräfte und Momente bekannt sind und erste
Erfahrungen in der Berechnung von Schnittgrößen für Balken und Fachwerke
vorliegen.

Das Lehrbuch ist in drei größere Abschnitte unterteilt, in denen die baustati-
schen Methoden anschaulich und grundlegend dargestellt sind. Der erste Teil
behandelt die Modellierung statischer Systeme und bietet eine Einführung in
die Berechnung der Zustandslinien von Tragwerken. Im zweiten und dritten
Teil stehen statisch bestimmte und unbestimmte Systeme mit der Ermittlung
von Zustandslinien und Einflusslinien im Vordergrund.
Die Spannungstheorie II. Ordnung und eine Einführung in die Fachwerkmodelle
ergänzen die vorangehenden Abschnitte und bereiten die Studierenden auf die
anderen Fachgebiete des Konstruktiven Ingenieurbaus vor.

Das Lehrbuch wäre in dieser Form ohne die Unterstützung meiner Mitarbeiter
nicht möglich gewesen. Besonders bedanken möchte ich mich bei Frau cand.
BSc. Corinna Mai, die die vielen Bilder mit großer Sorgfalt gezeichnet hat, und
bei Herrn cand. BSc. Andreas Janzen, der die vielen Skizzen zur Modellbildung
mit großer Anschauung von Hand angefertigt hat.
Ganz herzlichen Dank an Herrn Prof. Dr.-Ing. Hermann Ahrens und Frau Dr.-
Ing. Ursula Kowalsky, die in vielen fachlichen Diskussionen wesentliche Impulse
für die Auswahl der Inhalte und die Art der Darstellung gegeben haben.

Braunschweig, 1. September 2010 Dieter Dinkler


Inhaltsverzeichnis VII

Inhaltsverzeichnis

GRUNDLAGEN 1
1 Einführung 3
1.1 Historische Entwicklung der Baustatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2 Aufgaben der Baustatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.3 Der Tragwerksentwurf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.4 Die Tragwerksmodellierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.5 Die Tragwerksberechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
2 Tragwerksmodelle der Stabstatik 15
2.1 Einordnung der Tragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
2.2 Idealisierung der Tragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
2.3 Idealisierung der Einwirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2.4 Beispiele für Tragwerksmodellierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.5 Modellierungsfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
3 Grundlagen der Berechnungsverfahren 33
3.1 Das Schnittprinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
3.2 Vorzeichendefinitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
3.3 Statische Bestimmtheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
3.5 Analytische Lösung der Grundgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.6 Vorgehensweise der Baustatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
STATISCH BESTIMMTE SYSTEME 69
4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme 71
4.1 Fachwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
4.2 Rahmentragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
4.3 Bogentragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
4.4 Seiltragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken 100
5.1 Begriffsbildung für Polpläne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
5.2 Vorgehen beim Aufstellen von Polplänen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
5.3 Anwendungsgebiete von Polplänen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
5.4 Untersuchung der Gleichgewichtsbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
6 Arbeitssätze 114
6.1 Begriffe zur Formulierung der Arbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
6.2 Der Arbeitssatz für elastische Stabtragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
6.3 Verschiedene Formulierungen des Arbeitssatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
VIII Inhaltsverzeichnis

7 Virtuelle Arbeiten 121


7.1 Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen (PvV) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
7.2 Das Prinzip der virtuellen Kräfte (PvK) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
8 Berechnung von Schnittgrößen mit dem PvV 130
9 Einflusslinien für Kraftgrößen 134
9.1 Statische Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
9.2 Kinematische Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
9.3 Beispiele zur kinematischen Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
9.4 Auswertung von Einflusslinien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
10 Berechnung von Weggrößen mit dem PvK 154
10.1 Die Grundfälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
10.2 Umformung der Arbeitsgleichung des PvK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
10.3 Auswertung der Integrale der Inneren Arbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
11 Berechnung von Biegelinien 165
11.1 Baustatische Methode mit ω–Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
11.2 Rechnerorientiertes Vorgehen mit Teilbiegelinien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
12 Einflusslinien für Weggrößen 172
12.1 Sätze von Betti und Maxwell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
12.2 Berechnung von Einflusslinien für Weggrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
12.3 Dualität der Einflusslinien für Weg- und Kraftgrößen . . . . . . . . . . . . . . 178
STATISCH UNBESTIMMTE SYSTEME 179
13 Eigenschaften statisch unbestimmter Systeme 181
13.1 Tragverhalten statischer unbestimmter Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
13.2 Berechnungsansätze für statisch unbestimmte Systeme . . . . . . . . . . . . 185
13.3 Dualität von Kraft- und Weggrößenverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
14 Das Kraftgrößenverfahren 192
14.1 Rückführung auf statisch bestimmte Hauptsysteme . . . . . . . . . . . . . . . 193
14.2 Die Gleichgewichtsbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
14.3 Die Verformungsbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
14.4 Die Berechnung der Weggrößen am Hauptsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
14.5 Zustandslinien des statisch unbestimmten Systems . . . . . . . . . . . . . . . . 198
14.6 Anwendungsbeispiele für das Kraftgrößenverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . 199
14.7 Fehlerquellen und Rechenkontrollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
15 Verallgemeinerung des Kraftgrößenverfahrens 218
15.1 Folgerungen aus dem PvK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
15.2 Beispiel für die Wahl unterschiedlicher Hauptsysteme . . . . . . . . . . . . . 222
15.3 Grenzen des Kraftgrößenverfahrens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
Inhaltsverzeichnis IX

16 Berechnung von Weggrößen 225


16.1 Herleitung des Reduktionssatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
16.2 Anwendungsbeispiel für den Reduktionssatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
17 Das Drehwinkelverfahren 228
17.1 Kinematisch unbestimmte Tragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
17.2 Kinematisch bestimmte Hauptsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
17.3 Grundlagen des Drehwinkelverfahrens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
17.4 Lösungsweg des Drehwinkelverfahrens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
17.5 Anwendungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
17.6 Aufstellen der Gleichgewichtsbedingungen mit dem PvV . . . . . . . . . . . 250
17.7 Eingeprägte Weggrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
17.8 Berechnung von Biegelinien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
17.9 Kontrollen beim Drehwinkelverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
18 Anmerkungen zu den Berechnungsverfahren 266
18.1 Analogie zwischen Kraftgrößen- und Drehwinkelverfahren . . . . . . . . . 266
18.2 Kontrolle des Spannungs- und Verformungszustandes . . . . . . . . . . . . . 268
19 Einflusslinien statisch unbestimmter Systeme 274
19.1 Einflusslinien für Weggrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
19.2 Einflusslinien für Kraftgrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
19.3 Analogie der Einflusslinien für Weg- und Kraftgrößen . . . . . . . . . . . . . 281
19.4 Einflusslinien bei Durchlaufträgern und deren Auswertung . . . . . . . . . 282
SPANNUNGSTHEORIE II. ORDNUNG 285
20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung 287
20.1 Einführung in die Theorie II. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
20.2 Stabendmomente nach Theorie II. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
20.3 Einfluss der Knotenverschiebungen auf das Gleichgewicht . . . . . . . . . 302
20.4 Abschätzen der Stabsteifigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
FACHWERKMODELLE 315
21 Fachwerkmodelle 317
21.1 Fachwerkmodelle für Stabtragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318
21.2 Fachwerkmodelle für gedrungene Tragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
21.3 Lastabtrag über Stützlinien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
TABELLEN 327
VERSTÄNDNISFRAGEN 335
LITERATUR 339
BILDNACHWEIS 341
STICHWORTVERZEICHNIS 343
GRUNDLAGEN
3

1 Einführung

Die Statik ist ursprünglich ein Teilgebiet der Mechanik. Mit dem Entwurf
von immer komplexeren Tragsystemen hat sie sich jedoch unabhängig von
der Mechanik weiterentwickelt. Heute ist die Baustatik als Folge der auch
in Grenzbereichen der Tragfähigkeit geplanten modernen Konstruktionswei-
sen und mit den hierfür notwendigen weitentwickelten Berechnungsverfahren
als eigenständiges Fachgebiet für das Bauwesen unentbehrlich.
Die Statik ist die Lehre von den Kräften, die ohne Bewegung vorhanden sind.
Kraft- und Verformungszustände sind zeitlich konstant, sodass alle bewegungs-
abhängigen Kräfte und Massenträgheiten verschwinden. Zeitkonstante Lasten
und daraus folgende Kräfte im Bauwerk sind praktisch bei allen Tragwerken
des Bauingenieurwesens vorhanden, sei es als Eigengewicht, Erd- oder Was-
serdruck. Setzungen, Verkehrslasten, Wind oder vergleichbare Einwirkungen
können in der Regel ebenfalls als zeitkonstant aufgefasst werden, wenn die
Beschleunigungen klein sind. Sogar wenn die Zeitveränderlichkeit von Einwir-
kungen auf Tragwerke beachtet werden muss, reicht es oft aus, mit Hilfe von
Schwingbeiwerten oder Lastvergrößerungsfaktoren eine Tragwerksanalyse un-
ter zeitkonstanten Einwirkungen durchzuführen.
Weil der Schwerpunkt der Baustatik in der Tragwerksanalyse und nicht in der
Anwendung und Entwicklung von werkstoffabhängigen Konstruktionsweisen
und Bemessungsregeln liegt, hat die Baustatik die Aufgabe, Tragwerke werk-
stoffübergreifend zu untersuchen und auf den Tragwerksentwurf und die Bau-
ausführung einzuwirken. Wie im folgenden Bild dargestellt, nimmt die Bausta-
tik zwischen vielen anderen Disziplinen eine integrierende Schlüsselposition ein
und ist Grundlage für alle Fachgebiete des Konstruktiven Ingenieurbaus.

Baustatik
✏✏ PP
✏✏✏ ❅ PP
PP
✏ ❅
✏✏ PP
✮✏
✏ ✠ ❅❘
❅ PP
q
Holzbau Stahlbau Massivbau Grundbau

Balken, Stützen, Bögen, Seile, Anker, Pfähle, Spundwände ...

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D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_1
4 1 Einführung

Die Tragwerksanalyse umfasst jedoch nicht nur das fertiggestellte Bauwerk,


sondern auch alle während der Bauzeit auftretenden Bauzustände, die Hilfs-
konstruktionen während der Bauphase und sämtliche am Bauwerk vorhandenen
Detailkonstruktionen.
Nebenstehendes Bild zeigt das Lehrge-
rüst einer Spannbetonbrücke über die
Wümme bei Rotenburg. Für die Beto-
nierung der Brücke ist ein aufwändi-
ges Schalgerüst erforderlich, das den
untenliegenden Flusslauf überbrückt.
Die tragende Konstruktion ist als räum-
lich komplexes und vielfach ausgesteif-
tes Fachwerk ausgeführt. Auf den in
Brückenlängsrichtung liegenden stäh-
lernen Fachwerkträgern sind querlie-
Bild 1-1
gende Holzfachwerke angeordnet, die
Lehrgerüst einer Spannbetonbrücke
wiederum die Schalelemente tragen.

Das Bürogebäude in Bild 1-2 ist


Teil eines größeren Gebäudekomple-
xes und sticht hier aufgrund der fili-
granen Bauweise besonders heraus.
Das Tragwerk des Bauwerks ist von
außen zwar nicht sichtbar, wird aber
mit der Fassade angedeutet. Die ver-
tikalen Lasten werden über schlan-
ke Stahlbetonstützen in hochfestem
Beton getragen. Die Geschossdecken
sind als Stahlbetonflachdecken aus-
geführt und horizontal an den
das gesamte Gebäude aussteifen-
den Treppenhauskern angeschlos-
sen. Die filigrane Fassade besteht
aus einer an die Flachdecken an-
geflaschten Metallkonstruktion mit
Bild 1-2 Bürogebäude in Braunschweig gläsernen Füllelementen.
1.1 Historische Entwicklung der Baustatik 5

1.1 Historische Entwicklung der Baustatik


Einen einführenden Überblick der Entwicklung der mechanischen Prinzipi-

en“ gibt Istvan Szabo in seinem 1987 erschienenen Werk [21]. Weiterführend
und umfassender ist die historische Entwicklung der Baustatik von Karl-Eugen
Kurrer [13] in seinem Buch Geschichte der Baustatik“ dargestellt. Mit viel

Übersicht und Detailwissen wird der Leser in die Entwicklung der Modelle,
Prinzipien und Lösungsverfahren der Baustatik eingeführt und mit vielen Hin-
tergrundinformationen versorgt, die nachfolgend zusammengefasst sind.

Bereits in der Antike entwickeln sich bei der Errichtung großartiger Bauwer-
ke ein großer Erfahrungsschatz und erste Erkenntnisse über Tragwirkungen in
Bauwerken. Ästhetik in der Form, Zweck und Tragwirkung bilden eine Einheit,
wenn die Gewölbewirkung beim Bau von Brücken oder Kuppeln ausgenutzt
wird, oder wenn schlanke Säulen die Dächer von Tempelanlagen tragen. Metal-
lische Verbindungsmittel werden zur Lagesicherung von Bauteilen verwendet,
auch um einen Widerstand gegen Erdbebeneinwirkungen zu entwickeln. Trotz
der vielen praktischen Erfahrungen sind jedoch nur wenige Kenntnisse über die
Gesetzmäßigkeiten des Bauens bekannt. So sind zwar mit den Arbeiten von
Archimedes (287–212 v. Chr.) Schwerpunktsätze, Hebelgesetze und Betrach-
tungen zum Gleichgewicht überliefert, die aber in den folgenden Jahrhunderten
zum Teil wieder verloren gehen.

Erst in der Renaissance erwacht das Interesse


an den Zusammenhängen zwischen Bauwerk,
Belastung und Verformung von neuem. Leo-
nardo da Vinci (1452–1519) untersucht u. a.
die Gewölbetragwirkung, statische Momente
und die Balkenbiegung. Newton veröffentlicht
seine Axiome über die Mechanik des Punktes
1687 und legt die Grundlagen über die Wir-
kung von Kräften und die Bewegung von Mas-
sen. Weiterführende Arbeiten sind von Hoo-
ke (1635–1703) über die Proportionalität von Biegung um die Kante B gibt
Kraft und Verschiebung und von Bernoulli
(1654–1705) über die Verkrümmung und die σ = 0,5 Eb h2 .
Hypothese vom Ebenbleiben der Querschnitte
Bild 1-3 Galileis Ansatz für die
bei der Balkenbiegung bekannt. Euler (1707–
Balkenbiegung, Szabo [21]
1783) entwickelt das Schnittprinzip und den
Momentensatz und untersucht die Biegelinie sowie die Stabilität von Stäben.
Coulomb (1736–1806) arbeitet u. a. an der Erddrucktheorie.
6 1 Einführung

Trotz des nun stark erweiterten Wissens erfolgte das Bauen jedoch bis zum
Beginn des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen empirisch mit Hilfe von Erfah-
rungswerten. Die Grundlagen der Baustatik der Stabtragwerke werden erst re-
lativ spät zunächst von Navier (1785–1836) gelegt. Später entwickelt Culmann
(1821–1881) die Fachwerktheorie und zeichnerische Lösungsverfahren. Mohr
(1835–1918) arbeitet auf dem Gebiet der Festigkeitslehre, Ritter (1847–1906)
vervollständigt die graphischen Verfahren, und Müller-Breslau (1851–1925) sy-
stematisiert und verfeinert die Berechnungsmethoden für Stabtragwerke.

Flächentragwerke sind besonders kostengünstige Bauteile, wenn sie raumab-


schließend wirken und gleichzeitig Tragfunktionen übernehmen. Deckenplatten
und Wandscheiben sind heute so selbstverständlich, dass sie kaum noch als
besonderes Tragwerk wahrgenommen werden. Die sytematische Untersuchung
von Flächentragwerken beginnt mit der Darstellung von Klangfiguren mit Hilfe
der Eigenschwingungsformen von Platten durch Chladni (1756–1827). Laplace
(1749–1827) und Sophie Germain (1776–1831) entwickeln nach 1810 eine erste
noch fehlerhafte Plattenbiegetheorie. Kirchhoff (1824–1887) korrigiert den An-
satz und stellt 1850 die heute gültige Biegetheorie dünner Platten vor.

Gekrümmte Flächentragwerke werden als Schalen bezeichnet, wenn sie die Ein-
wirkungen überwiegend als Membrantragwerk tragen können. Hierbei sind be-
sonders schlanke und materialsparende Bauwerke möglich, die im Kühlturmbau
und im Behälterbau sowie in der Luftfahrt- und Fahrzeugtechnik eingestzt wer-
den. Eine erste Approximation der Schalenbiegetheorie wird von Love um 1888
veröffentlicht. Ergänzungen und Lösungen, vor allem auch für das nichtlineare
Tragverhalten, werden erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts erarbeitet.

Ein Paradigmenwechsel der Baustatik erfolgt parallel zur Entwicklung moder-


ner Rechenmaschinen. War ursprünglich die Entwicklung von vereinfachenden
Modellen und Berechnungsverfahren wichtig, die nur wenig Handarbeit erfor-
derten, so ist die Modellbildung heute oft sehr komplex, da mit modernen
Berechnungsprogrammen alles berechenbar ist, was dem Anwender wichtig er-
scheint. Gerade deshalb sind die Grundlagen so wichtig, da sie auf fehlerhafte
Modellbildung hinweisen und die Ergebnisse zu interpretieren helfen.

Grundlage moderner Programmsysteme ist heute die in allen Bereichen des


Ingenieurwesens, der Technik und sogar der Biomechanik eingesetzte Finite-
Element-Methode [3], [25]. Sie wird ab 1955 in der Statik und Strukturmecha-
nik ursprünglich zur Berechnung des Tragverhaltens von Flächentragwerken
entwickelt und ist die am weitesten verbreitete Methode für die Untersuchung
physikalischer und technischer Phänomene und Prozesse.
1.2 Aufgaben der Baustatik 7

1.2 Aufgaben der Baustatik


Alle Bauwerke des Ingenieurwesens müssen die mit der speziellen Nutzung ver-
bundenen Rahmenbedingungen erfüllen. Dies sind u. a. die Raumanordnung
und die Bauphysik. Dazu sind weitere Kriterien wesentlich, da sie die Qualität
und Akzeptanz eines Bauwerks beeinflussen können. Hierzu gehören
• ideelle Werte: Ästhetik, Harmonie, Innovation des Entwurfs mit neuen
Bauweisen oder Materialien

• Umweltverträglichkeit: Baustoffe, Emissionen, Landschaftsschutz, Recyc-


ling von Baustoffen, Entsorgung von Schadstoffen

• Technik: Bauweisen- und Konstruktion, Lastabtrag im Tragwerk, Quer-


schnitte, Stützweiten und Werkstoffe

• Sicherheit: Trag- und Gebrauchssicherheit, Betriebssicherheit, Zuverläs-


sigkeit, Robustheit, Dauerhaftigkeit

• Wirtschaftlichkeit: direkte Baukosten, Bauwerkserhaltung und Sanierung,


Lebensdauer, volkswirtschaftlicher Gewinn als Folge des Bauwerks.
Alle im Einzelfall vorliegenden Rahmenbedingungen können in der Regel kaum
gleichzeitig eingehalten werden, sodass man Vor- und Nachteile der jeweils
möglichen Entwurfsvarianten gegeneinander abwägen muss. Optimale Entwürfe
kann man jedoch nicht ohne weiteres finden, wenn Kosten mit Ästhetik oder Le-
bensdauer mit Landschaftsschutz verglichen werden müssen. Oft werden Kom-
promisse ausgearbeitet. Ganz entscheidend sind der technische Aspekt des Ent-
wurfs sowie die Sicherheit. Hierbei sind zunächst geeignete Tragsysteme zu
finden, die die vorliegenden Einwirkungen tragen können und damit auch die
Bauteilabmessungen festlegen. Diese hängen auch vom Werkstoff, vom Bauab-
lauf und anderen Randbedingungen ab.

Für den jeweiligen Zweck eines Bauwerks gibt es in der Regel mehrere Ent-
wurfsmöglichkeiten, siehe Tabelle 1.1. Brücken können z. B. aus Holz, Stahl
oder Stahlbeton gebaut und fallabhängig als Balken-, Fachwerk-, Bogen- oder
Hängetragwerk entworfen werden. Baustoff, Konstruktion und Tragwerk sind
dabei nicht beliebig kombinierbar, sondern müssen aufeinander abgestimmt
sein, um ein ansprechendes Bauwerk errichten zu können. Schlanke Hänge-
brücken, deren Haupttragglieder auf Zug beansprucht sind, besitzen einen an-
deren Einsatzbereich und ein anderes Tragverhalten als gedrungene auf Biegung
beanspruchte Balkenbrücken. Bogenbrücken sind auf Druck beansprucht und
daher auch in ihrer Stabilität gefährdet.
8 1 Einführung

Tabelle 1.1 Bauwerk und Tragwerk

Bauwerkszweck Bauwerk Tragwerk Einwirkungen


Straßenüber- Brücke Balken (Biegung) Eigengewicht
führung Hängebrücke (Zug) Verkehr
Bogenbrücke (Druck) Wind
Fachwerk Wärme, ...
Wetterschutz Tribünendach Biegestäbe, ... , Schnee, ...
Membran, Seile
Fachwerkbinder
Wasserkühlung Kühlturm Stahlbetonschale Wasserdampf,
verkleidetes Fachwerk Säuren, ...
abgehängtes Seilnetz

Die Tribünenüberdachung eines Stadions kann z. B. als filigranes Zeltdach oder


Seilnetzwerk an Pylonen aufgehängt und am Boden verankert sein. Auch Bal-
ken oder Fachwerkträger, die auf Stützen aufliegen oder rückwärtig an Pylonen
abgespannt sind, sind als Tragwerk denkbar.

Bild 1-4 Dachkonstruktionen: Hannover – Messehalle, München – Olympiastadion

Als Tragwerk sind die Teile des Bauwerks bezeichnet, die die Einwirkungen
tragen und weiterleiten. Sie müssen so bemessen sein, dass das Bauwerk stand-
sicher ist, und dürfen sich nur so verformen, dass die Gebrauchsfähigkeit des
Bauwerks nicht beeinträchtigt wird. Die wesentlichen Aufgaben der Bausta-
tik sind daher die Untersuchung der Tragwirkungen und die Berechnung des
1.3 Der Tragwerksentwurf 9

Tragverhaltens der Bauwerke. Sie umfassen im weiteren Sinn auch die Dimen-
sionierung sowie die Standsicherheits- und Gebrauchstauglichkeitsnachweise.
Teilaufgaben sind
• der Tragwerksentwurf,

• die Tragwerksmodellierung

• und die Tragwerksberechnung mit Dimensionierung und Nachweisen.


Wenn der erste Entwurf eines Tragwerkes nicht gleich zu einer ansprechenden
Lösung führt, sind die Teilaufgaben oft mehrmals zu bearbeiten. Hier ist eine
enge Zusammenarbeit mit anderen Gebieten des Ingenieurbaus erforderlich, da
erst so die Details über Steifigkeiten, Einspanngrade, Lager- und Gelenkreali-
sierungen festgelegt werden können.

1.3 Der Tragwerksentwurf


Der Tragwerksentwurf ist ein schöpferischer Prozess, an dem alle am Projekt
beteiligten Ingenieurdisziplinen gemeinsam arbeiten. Bei der Tragwerksopti-
mierung einer Brücke sind z. B. ganz erhebliche Kenntnisse auf den Gebie-
ten des Stahlbaues, des Stahlbeton-, Spannbeton- und Massivbaues sowie des
Grundbaues erforderlich, um die Machbarkeit des gewählten Tragwerks beur-
teilen zu können und um Spannweiten, Bauhöhen oder Gründungen abschätzen
zu können. Die Statik stellt hierbei das Wissen über Tragsysteme (Stabtrag-
werke, Flächentragwerke) sowie über das Tragverhalten (z. B. Biege-, Torsions-,
Druck- oder Zugtragwirkungen) zur Verfügung.

Ziel des Tragwerksentwurfes ist es, bei Vorgabe der geometrischen Abmessun-
gen, des Einsatzbereiches des Bauwerkes, der geplanten Lebensdauer und ande-
rer Randbedingungen zu einer sicheren, wirtschaftlichen und ästhetisch anspre-
chenden Lösung zu gelangen. Am Beispiel der Elbebrücke bei Pirna kann die
Vielfalt möglicher Tragwerksentwürfe für Straßenbrücken verdeutlicht werden.

Der obere Entwurf in Bild 1-5 sieht eine in sich verankerte Bogenbrücke vor.
Die rechts und links vom jeweiligen Lager angeordneten Bogensegmente sind
über ein in die obenliegende Fahrbahn integriertes Zugband gehalten. Hiermit
gelingt es, den Horizontalschub im Lager und damit eine aufwändige Gründung
zu vermeiden. Der mittlere Entwurf sieht einen auf einen Bogen aufgelagerten
Durchlaufträger vor. Aufgrund des Horizontalschubes ist die Gründung sehr
aufwändig. Im unteren Entwurf ist eine Bogenbrücke mit abgehängter Fahr-
bahn gewählt. Hier wird ein Teil des Horizontalschubes mit einem Zugband in
10 1 Einführung

der Fahrbahn aufgenommen. Nachteilig ist die Bauhöhe, mit der die Brücke das
Elbetal dominiert hätte. Die Entwurfsrandbedingungen führten hier zur Wahl
der in sich verankerten Bogenbrücke.

Bild 1-5 Entwürfe für eine Brücke über die Elbe bei Pirna [6], Einheiten in [m]

Zum Tragwerksentwurf gehört auch die Querschnittsgestaltung, da hier letzt-


endlich der Nachweis der Schnittgrößen erfolgt. In der Regel sind mehrere Ent-
wurfvarianten möglich, die an die Anforderungen des Tragwerks angepasst wer-
den müssen. Bild 1-5-rechts zeigt die in [6] untersuchten Querschnitte.

Nach der Entscheidung über den endgültigen Entwurf sind der Bauablauf und
die unterschiedlichen Bauzustände im Detail zu planen und zu untersuchen.
Diese sind in der Regel genauso wichtig wie das fertige Bauwerk, da andere
statische Systeme vorliegen können, die teilweise mit Hilfsgerüsten versehen
sind und entsprechend bewertet werden müssen. Nicht ohne Grund ereignen
sich die meisten Unfälle in der Bauphase.

Für die hier beschriebene Brücke sind die verschiedenen Bauphasen in Bild 1-6
gezeigt. Nach Bau der Fundamente und der Pfeiler werden Hilfsstützen errich-
tet, um die innenliegenden Bogenabschnitte während der Bauphase zu halten.
Dies ist erforderlich, solange das obenliegende Zugband noch nicht wirksam
1.3 Der Tragwerksentwurf 11

ist. Die Bogenabschnitte werden zuerst zum Ufer hin eingebaut, siehe Bau-
phase zwei, und dann mit Rückverankerung über die Elbe, Bauphasen drei,
vier und fünf. Im Bauzustand nach Bauphase fünf werden die Zugbänder über
den Hauptpfeilern eingesetzt. Jetzt kann das Schlussstück eingehängt sowie die
Rückverankerungen und Hilfsstützen entfernt werden.

Bild 1-6 Bauablauf der Elbebrücke bei Pirna [6]


12 1 Einführung

1.4 Die Tragwerksmodellierung

Die tatsächlich vorhandenen Verformungen und Spannungen können nur am


wirklichen System (Dachbinder, Stützen, Fahrbahnplatten) gemessen werden,
wenn das Tragwerk ein einmalig hergestelltes Bauwerk ist. Die für die Bemes-
sung benötigten Spannungen und Verformungen können aber vorweg mit Hilfe
von experimentellen oder theoretischen Modellen ermittelt werden. Wirklich-
keitsnahe Experimente sind in der Regel sehr aufwändig, sodass man schon früh
vereinfachende mathematische Modelle entwickelt hat, die nur die wesentlichen
physikalischen Eigenschaften der Tragwerke erfassen. Hiermit sind mit gerin-
gem Aufwand rechnerisch Parameterstudien und Optimierungen durchführbar.

Nach erfolgtem Tragwerksentwurf ist das Tragwerk mit einem Berechnungsmo-


dell idealisiert zu beschreiben. Zunächst sind die wirklich vorhandenen Einwir-
kungen wie Eigengewicht, Verkehr, Wind, Wärme und Baugrundverschiebun-
gen in Größe und Richtung festzulegen. Die Beschreibung des Tragverhaltens
erfolgt der Geometrie entsprechend vereinfachend mit Stab- sowie Platten-,
Scheiben- oder Schalenmodellen. Hierbei ist entscheidend, dass der gewählte
Tragwerkstyp die festgelegten Einwirkungen tragen kann. Auch für die Über-
gangsbereiche zwischen einzelnen Tragwerksteilen und für die Lagerung oder
Gründung des Bauwerks müssen fallabhängig vereinfachende Modelle wie z. B.
gelenkige Lagerung, elastische oder starre Einspannung gewählt werden.

Die Berechnung des Spannungs- und Verformungszustandes des Tragwerks er-


folgt mit Hilfe von Modellgleichungen, die das Tragverhalten analytisch be-
schreiben, siehe Bild 1-7. Hier kann man die Grundgleichungen, die Arbeitssätze
sowie weitere hier nicht angegebene Prinzipe unterscheiden. Die Grundgleichun-
gen sind Differentialgleichungen oder algebraische Gleichungen, die am differen-
tiellen Element entwickelt werden. Bei allen denkbaren Tragwerken der Statik
und des Ingenieurwesens ganz allgemein ist die Struktur der Grundgleichungen
identisch.
V Die Verformungsgeometrie bzw. Kinematik definiert die Verformungsmög-
lichkeiten des Tragwerks sowie die Verschiebungen auf dem Tragwerksrand.
G Die Gleichgewichtsbedingungen beschreiben den Spannungszustand im
Tragwerk und auf dem Tragwerksrand.
W Die Werkstoffgleichungen oder Werkstoffmodelle beschreiben den Zusam-
menhang zwischen dem Verzerrungs- und dem Spannungszustand.
Die Verformungsgeometrie und die Gleichgewichtsbedingungen sind vonein-
ander völlig unabhängig. Sie gelten für beliebige Materialien, da werkstoff-
1.4 Die Tragwerksmodellierung 13

spezifische Parameter erst in den Werkstoffgleichungen vorhanden sind. Daher


vervollständigen erst die Werkstoffgleichungen das Modell.

Modellentwicklung
Zweck → Form → Einwirkungen → Tragwerk

Beschreibungsvariable des Modells → Kräfte, Spannungen, Momente,
Verschiebungen, Verzerrrungen, Verkrümmungen

Modellgleichungen
❄ ❄
Grundgleichungen Arbeitssätze
• Kinematik • Prinzip der virtuellen Kräfte
• Gleichgewicht • Prinzip der virtuellen
• Werkstoffverhalten Verschiebungen

❄ ❄
Lösung mit den Verfahren der Baustatik
• Schnittprinzip
• Kraftgrößenverfahren
• Weggrößenverfahren

Bild 1-7 Übersicht der Modellgleichungen für die Tragwerksmodellierung

Völlig unabhängig von den Grundgleichungen ist die Beschreibung des Trag-
und Verformungsverhaltens mit Hilfe der Arbeitssätze möglich. Im Gegensatz
zu den am differentiellen Element entwickelten Grundgleichungen enthalten
die Arbeitssätze integrale Aussagen für das gesamte Tragwerk und sind mit
übergeordneten physikalischen Aussagen verknüpft. Man kann zeigen, dass die
Grundgleichungen und die Arbeitssätze unter bestimmten Bedingungen inein-
ander überführbar sind. Auch die Arbeitssätze sind unabhängig vom Werkstoff
und können für beliebige Tragwerke angegeben werden.
Die Lösung der Grundgleichungen bzw. der Arbeitssätze erfolgt hier mit den
Verfahren der Baustatik, die ursprünglich für eine effiziente Berechnung des
Tragverhaltens entwickelt wurden. Heute werden sie in der Regel für die an-
schauliche Kontrolle elektronischer Berechnungen eingesetzt.
14 1 Einführung

1.5 Die Tragwerksberechnung


Ziel der Baustatik ist die schnelle Ermittlung des für die Bemessung erfor-
derlichen Spannungs- und Verformungszustandes. Die analytische Lösung der
Grundgleichungen ist mit den aus der Mathematik und Mechanik bekannten
Vorgehensweisen grundsätzlich möglich – Ansatz für die Lösung der Differen-
tialgleichung, Anpassen der allgemeinen Lösung an die Rand- und Übergangs-
bedingungen, Interpretation der Lösung.
Für Tragwerke, die aus mehreren Teilgebieten bestehen, wie Fachwerke und
Rahmen, führt dieses Vorgehen zu einem wenig anschaulichen und sehr rechen-
intensiven Lösungsschema. Deshalb sind in der Baustatik Lösungsverfahren
entstanden, die die Analyse komplexer Tragwerke mit großer Anschauung, ver-
tretbarem Aufwand und wenig fehleranfällig zulassen, siehe Bild 1-7.
Grundlage aller Lösungsverfahren ist das Schnittprinzip nach Abschnitt 3, mit
dem eine Aufteilung komplexer Systeme in überschaubare Teilsysteme möglich
ist, die getrennt analysiert werden können. Hiermit können die Gleichgewichts-
bedingungen und die Arbeitssätze schnell und übersichtlich zur Berechnung der
Zustandslinien eingesetzt werden.

Für statisch bestimmte Systeme kann der Spannungszustand allein mit den
Gleichgewichtsbedingungen berechnet werden, siehe Abschnitt 4. Falls erfor-
derlich, kann man den Verformungszustand in einem zweiten Schritt mit dem
jetzt bekannten Spannungszustand ermitteln, siehe Abschnitte 10 und 11.
Bei statisch unbestimmten Systemen reichen die Gleichgewichtsbedingungen
nicht aus, um den Spannungszustand zu berechnen. Hier müssen zusätzlich
Verformungsbedingungen formuliert werden, damit die Zahl der Gleichungen
und die Zahl der Unbekannten übereinstimmt und die Aufgabe lösbar ist.
Wenn Spannungszustand und Verformungszustand jedoch gemeinsam betrach-
tet werden müssen, bedeutet dies, dass der Spannungszustand von den Werk-
stoffeigenschaften und damit von den Steifigkeiten des Tragwerks abhängt.
Hiermit erhält man die Möglichkeit, den Spannungszustand durch geschickte
Wahl der Steifigkeiten zu optimieren.
Die Lösung der Gleichungen ist in der Regel mit einem erheblichen Rechenauf-
wand verbunden, sodass eine Systematisierung der Lösungsschritte erforderlich
ist. Aus der Anschauung heraus sind so das Kraftgrößenverfahren und das Weg-
größenverfahren zur Berechnung statisch unbestimmter Systeme entstanden.

Die Verallgemeinerung dieser Verfahren mit Hilfe der Arbeitsprinzipe führt


auf die Matrizenmethoden der Baustatik [1], [2] und zu den Finite-Element-
Methoden [3], [25], die heute in allen Ingenieurdisziplinen weiterentwickelt und
eingesetzt werden.
15

2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Reale Bauwerke sind immer drei-dimensionale Körper. Die Beschreibung der


Eigenschaften und die Untersuchung des Verhaltens räumlicher Körper unter
äußeren Einwirkungen ist jedoch sehr aufwändig, sodass in der Regel Vereinfa-
chungen erforderlich und sinnvoll sind, die eine effiziente Berechnung zulassen.
Die Beschreibung der wesentlichen Eigenschaften eines Bauwerks mit physika-
lisch begründeten Ansätzen heißt Modellbildung.
In der Baustatik interessiert in der Regel das Trag- und Verformungsverhal-
ten der tragenden Teile der Bauwerke, sodass die Modelle die Einwirkungen,
das Tragwerk und seine Steifigkeiten erfassen müssen. Die in der Baustatik
zu analysierenden Tragwerke sind oft so gestaltet, dass ihr Trag- und Verfor-
mungsverhalten ausreichend genau über das Verhalten einer Referenzachse bei
Stabtragwerken oder einer Referenzfläche bei Flächentragwerken beschrieben
werden kann. Die für die Berechnung zulässigen Vereinfachungen und Ersatz-
modelle richten sich nach den Einwirkungen und dem hieraus zu erwartenden
Spannungs- und Verformungszustand.

2.1 Einordnung der Tragwerke


Die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale der Tragwerke folgen aus der geo-
metrischen Form, den Einwirkungen und dem Tragverhalten.

Gerade Stabtragwerke
sind Balken (Biegung), Stützen (Druck) und Seile (Zug). Die aus Einzelstäben
zusammengesetzten Tragwerke sind Fachwerke (Druck- und Zugstäbe), biege-
steife Rahmen (Biegung mit Druck oder Zug) sowie Trägerroste (Biegung und
Torsion). Trägerroste sind ebene gekreuzte Balkensysteme, die senkrecht zur
Tragwerksebene belastet sind.

Trägerrost aus Biege- und


Torsionsstäben Rahmentragwerk
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_2
16 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Gekrümmte Stabtragwerke
sind Bogentragwerke, die große Druck- und Zugkräfte, aber nur geringe Biege-
beanspruchungen aufnehmen können. In der Regel sind sie mit anderen Bautei-
len kombiniert, um die jeweiligen Vorteile im Tragverhalten oder in der Funk-
tion möglichst gut einsetzen zu können. Nachfolgend ist eine Stabbogenbrücke
skizziert, siehe [24], bei der der unten angeordnete Bogen bei geringem Mate-
rialeinsatz große Stützweiten überbrücken kann, und die darauf angeordneten
Stützen die Lagerkräfte der als Durchlaufträger ausgebildeten Fahrbahn nach
unten leiten.

Ebene Flächentragwerke
sind Tragwerke mit zwei ausgezeichneten Tragrichtungen. Wenn sie in ihrer
Ebene belastet sind, werden sie als Scheiben bezeichnet, die eine Membran-
beanspruchung mit Zug-, Druck-, und Schubkräften erfahren, und als wand-
artige Träger eingesetzt. Wirkt die Belastung senkrecht zur Tragwerksebene,
entwickelt das Tragwerk ein Biegetragverhalten mit Biege- und Torsionsmo-
menten in beiden Richtungen und wird als Platte bezeichnet.

Platte Scheibe
2.1 Einordnung der Tragwerke 17

Gekrümmte Flächentragwerke
werden als Schalen bezeichnet. Wenn
die Einwirkungen flächig verteilt wir-
ken, sind Schalen vorwiegend auf Druck
und Zug in der Tragwerksfläche bean-
sprucht. Sie können dann mit geringer
Wandstärke und großer Schlankheit
konstruiert werden. Im Randbereich
und unter Einzellasten erfahren Scha-
len auch Biegebeanspruchungen, die
jedoch nur örtlich begrenzt und für
den Lastabtrag nicht wesentlich sein
dürfen. Gekrümmte Flächentragwerke,
die ihre Einwirkungen vorwiegend über
Kühlturm
Biegung tragen, können daher nicht als
Schalen bezeichnet werden.
Schalen vereinigen mit ihrer ansprechenden Form und ihrem günstigen Tragver-
halten zwei wesentliche Bauwerkseigenschaften. Ungünstig ist die aufwändige
Herstellung, sodass Schalentragwerke im Wesentlichen auf repräsentative Bau-
werke oder regelmäßige Geometrien beschränkt sind.

Kuppeln

Gedrungene Bauwerke
sind z. B. Fundamente, Staudämme oder Reaktordruckbehälter. Sie weisen in
der Regel einen räumlich stark veränderlichen Verformungszustand auf, der
nur schwer auf eine Tragwerksachse oder -fläche reduziert werden kann. Die
Berechnungsmodelle müssen hier den drei-dimensionalen Spannungs- und Ver-
formungszustand beschreiben können.

Stützen-
fundament

Staudamm
18 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

2.2 Idealisierung der Tragwerke


Das idealisierte Tragwerk mit Lagerung und Einwirkung wird im weiteren als
statisches System bezeichnet. Nachfolgend sind die wesentlichen Idealisierungen
der Stabstatik angegeben, mit denen die Geometrie, das Werkstoff- und das
Tragverhalten vereinfachend beschrieben werden können.

2.2.1 Stabtragwerke
Die Stabstatik befasst sich mit Tragwerken, deren Verformungszustand mit
Hilfe kinematischer Annahmen vereinfachend durch die Weggrößen einer Trag-
werksachse beschrieben werden kann. Hier wird die Bernoulli-Hypothese ent-
sprechend Abschnitt 3.4 angesetzt. Gleichzeitig wird der Spannungszustand in-
tegral durch diejenigen Kräfte und Momente der Tragwerksachse beschrieben,
die auf den Weggrößen der Stabachse Arbeit leisten können.
Mit der Reduktion des Verformungs- und Spannungszustandes auf die Trag-
werksachse werden aus dem drei-dimensionalen Stabkontinuum zwei Koordina-
ten eliminiert, sodass eine Berechnung des Tragwerks analytisch möglich wird.
Der Einfluss der hierbei gemachten Vereinfachungen hängt von den Bauwerks-
abmessungen ab, ist aber bei geometrischen Verhältnissen von Länge zu Dicke
und Länge zu Breite > 4 vernachlässigbar.
Nachfolgend werden ebene Stabtragwerke untersucht. Räumliches Tragverhal-
ten kann vereinfachend mit ebenen Tragwerken beschrieben werden, vergleiche
Bild 2-1. Federsteifigkeiten, wie für den Stab 2 in Ebene 2-5 angedeutet, werden
vernachlässigt. Ebene Tragwerke liegen auf der sicheren Seite, wenn räumlich
vorhandene Tragwirkungen und Steifigkeiten nicht berücksichtigt sind.

2 6

1 5

x x x

z 1 4 z 1 2 3 2
z

Ebene 1 - 4 Ebene 1 - 2 - 3 Ebene 2 - 5

Bild 2-1 Statische Systeme für ein räumliches Rahmentragwerk


2.2 Idealisierung der Tragwerke 19

2.2.2 Lager und Gelenke


Die Lagersteifigkeit von Tragwerken ist in der Realität oft nicht genau fest-
stellbar. Ein in den Baugrund gebettetes Fundament ist weder fest eingespannt
noch gelenkig gelagert. Entscheidend für den Grad der Einspannung ist das
Verhältnis der Steifigkeiten des Tragwerks und des angrenzenden Bodens oder
Bauwerks. Für die Berechnung der Tragwerke werden vereinfachend die Lage-
rungsarten nach Bild 2-2 gewählt, in der auch die vom jeweiligen Lager auf-
nehmbaren Kräfte und Momente angegeben sind.

Bild 2-2 Lagerungsarten und Reaktionskräfte im Lager

Auch die Verbindungen von Tragwerksteilen untereinander sind in der Regel


weder starr noch vollständig gelenkig. Hier setzt man entsprechend Bild 2-3
Gelenke für Momente und Querkräfte sowie Schiebehülsen für Normalkräfte
an, wenn die Konstruktion entsprechend ausgebildet ist oder die Steifgkeiten
geschwächt sind.

Schiebehülse Querkraftgelenk Momentengelenk


N=0 Q=0 M=0
Q 6= 0 N 6= 0 Q 6= 0
M 6= 0 M 6= 0 N 6= 0
Bild 2-3 Verbindungselemente

Aufgrund der in der Wirklichkeit vorhandenen Lagersteifigkeiten, der Reibung


oder der Maßungenauigkeiten sind fast immer Nebenspannungen vorhanden,
die zwar für das Systemtragverhalten unbedeutend sind, örtlich aber konstruk-
tiv berücksichtigt werden müssen. Gelenke oder verschiebliche Lager sind in
der Realität in der Regel nicht perfekt ausgebildet, sondern als Querschnitts-
schwächung konstruiert. Für die Modellbildung sind die Steifigkeitsverhältnisse
benachbarter Bauteile entscheidend. In Bild 2-4 sind den idealisierten Lagern
und Gelenken wirkliche Konstruktionen gegenübergestellt.
20 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

verschiebliches
Lager

w = 0, M = 0
N=0

Rollenlager Neoprenlager

festes Lager

w = 0, M = 0

Stützenfuß Mauerwerkssturz

Einspannung

w = 0, j = 0

Kragbalken Köcherfundament

Gelenk

M=0

Balkengelenk Fachwerkknoten

Schiebehülse

N=0
Rollenkäfig Rohrhülse

Bild 2-4 Reale Stützungen und Anschlüsse des konstruktiven Ingenieurbaus


2.2 Idealisierung der Tragwerke 21

2.2.3 Werkstoffe
Reale Werkstoffe zeigen im einaxialen Zug- und Druckversuch ein mehr oder we-
niger ausgeprägt nichtlineares Spannungs-Dehnungsverhalten. Baustahl weist
unter Zug- und Druckspannungen einen nahezu linear-elastischen Verformungs-
bereich unterhalb der Fließspannung auf, vergleiche Bild 2-5-links. Spannungs-
steigerungen oberhalb der Fließspannung sind wegen des ausgeprägt duktilen
Verhaltens mit sehr großen Dehnungen oder Stauchungen verbunden. Beton
verhält sich im Druck und Zugbereich sehr unterschiedlich und stark nichtline-
ar. Unter Druckbeanspruchung kann Beton sehr große Spannungen bei geringer
Duktilität aufnehmen. Im Zugbereich zeigt der Werkstoff bei geringen Span-
nungen Sprödbruchversagen. Weiterhin sind unter Last in der Zeit anwachsende
Verformungen infolge Kriechen vorhanden.

s s
Baustahl Beton

Verfestigung Druckversagen

Fließplateau

Hooke’sche Gerade
e arctan E
e

Sprödbruch

Bild 2-5 Reales Werkstoffverhalten: Baustahl (links) – Beton (rechts)

Für die Berechnung eignen sich nichtlineare Werkstoffkennlinien nur bedingt,


da sie spezielle iterative Lösungsverfahren erfordern. Häufig setzt man daher
vereinfachend Linearisierungen an. Im Rahmen der Elastizitätstheorie wird das
Hooke’sche Gesetz verwendet, solange die Dehnungen genügend klein sind. Im
Stahlbau ist das Plastifizieren des Werkstoffs in die Bemessungskonzepte einge-
bunden. So wird das Materialverhalten beim Traglastverfahren vereinfachend
als elastisch-plastisch entsprechend Bild 2-6 berücksichtigt.

Bild 2-6 Idealisiertes Werkstoffverhalten


22 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Aus verschiedenen Komponenten hergestellte Werkstoffe bezeichnet man als


Verbundwerkstoffe (z. B. Stahlbeton, faserverstärkte Kunststoffe). Hierbei über-
nimmt die Faser (z. B. Stahl, Glas, Kohle) die Zugspannungen. Der Matrix-
werkstoff (z. B. Beton, Kunststoff) gibt die äußere Form, wirkt für die Fa-
sern stabilisierend und übernimmt teilweise die Druckspannungen. In moder-
nen Konstruktionen wird Glas auch als Konstruktionswerkstoff für tragende
Bauteile verwendet.

2.3 Idealisierung der Einwirkungen


Bauwerke erfahren je nach Verwendungszweck unterschiedliche Wechselwir-
kungen mit der Umwelt. Dies sind die Einwirkungen, die von außen auf das
Tragwerk wirken und den Spannungs- und Verformungszustand des Tragwerks
verändern. Die im Regelfall anzusetzenden Einwirkungen sind in der Normen-
reihe DIN 1055 [26] und im Eurocode EC 1 [28] angegeben. Einwirkungen
können zeitkonstante oder zeitveränderliche Kraft- und Wegwirkungen sein.
Sie können auf das Tragwerk räumlich (z. B. Volumenkräfte, Erwärmung) oder
flächig (an der Oberfläche) einwirken. Im statischen System werden sie über den
Querschnitt integriert und als Einwirkungen der Tragwerksachse bzw. -fläche
beschrieben.
Einwirkungen können oft nur relativ ungenau quantifiziert werden, da sie in der
Regel erst im Gebrauch des Bauwerks auftreten. In den Regelwerken sind daher
auf der sicheren Seite liegende Werte gewählt, um die unzureichende Kenntnis
im Einzelfall kompensieren zu können.

2.3.1 Lasten
Kraftwirkungen sind im weiteren als Lasten bezeichnet. Sie werden im Berech-
nungsmodell im Gleichgewicht berücksichtigt.
a) Das Eigengewicht ist ständige Last. Es entsteht aus der Gravitationswirkung
und ist im realen Tragwerk räumlich verteilt. Im Berechnungsmodell wird es
als äußere Last auf das unbelastete statische System aufgebracht.
b) Nutz- u. Verkehrslasten können räumlich und zeitlich veränderlich sein. Dies
sind z. B. Personen, Lagerstoffe, Fahrzeuge, Kranlasten, auch Ersatzlasten für
nicht näher definierte Einwirkungen. Nutzlasten sind vorwiegend ruhend (z. B.
Lagerstoffe). Verkehrslasten sind nicht vorwiegend ruhend (z. B. Fahrzeugla-
sten, Bremskräfte, Massenträgheiten).
In Bild 2-7 ist ein Lastmodell für die Einwirkungen auf Straßenbrücken dar-
gestellt. Das Modell enthält für die einzelnen Fahrstreifen Einzel- und Gleich-
2.3 Idealisierung der Einwirkungen 23

lasten unterschiedlicher Größe, die den Schwerlastwagen sowie die Personen-


kraftwagen erfassen.

Bild 2-7 Lastmodell 1 aus DIN Fachbericht 101 [27]

c) Windlasten sind stochastisch in Raum und Zeit veränderlich. Sie hängen


vom Staudruck, den Umgebungsbedingungen sowie den geometrischen Abmes-
sungen und der Form des Bauwerks ab. Im statischen System werden sie ver-
einfachend als zeitkonstante Lasten angesetzt, wobei die Größe der Windlast
mit Hilfe des Geschwindigkeitdrucks q und dem tragwerksabhängigen Druck-
beiwert cp bestimmt ist.
d) Schneelasten sind mit extremen Wetterlagen für unterschiedliche Wetterzo-
nen quantifiziert. Sie hängen von der Dachneigung und der jeweiligen Situation
am Bauwerk ab. Einflussparameter wie Feuchte, Dichte und Art des Schnees
werden nicht unterschieden.
e) Für Silos und Behälter sind besondere Lastannahmen erforderlich, die den
jeweiligen Beanspruchungszustand beim Füllen, bei der Lagerung und beim
Entleeren von Flüssigkeiten und Schüttgütern erfassen.
So hängen die Einwirkungen auf die Si-
lowand u. a. vom Bewegungszustand
und von der Dichte des Füllgutes ab.
Infolge Massenträgheit des Schüttgu-
tes sind die Vertikalkräfte pv beim
Füllen am größten. Beim Entleeren tre-
ten die größten Horizontallasten ph
und Wandreibungslasten pw auf, wenn
sich eine Gewölbewirkung einstellt und
sich das Schüttgut an der Silowand
Entleeren Einfüllen
abstützt.
24 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Getreide, Kies, Zement Flüssigkeiten

p p p
h h h
p
he

p p
w hf Entleerungs-
kurve
Füllkurve p =g · z
h
pv

z z

f) Baugrundlasten entstehen aus Erddruck. Der Erddruck e wird mit den Ein-
wirkungen γ, p und dem Erddruckbeiwert k bestimmt. Bei aktivem Erddruck
ea , ka drückt das Erdreich auf das nachgebende Tragwerk. Beim Erdruhedruck
(ungestörter Zustand) eo , ko sind keine Verschiebungen des Erdreichs und des
Tragwerks vorhanden. Passiver Erddruck ep , kp entsteht, wenn das Tragwerk
gegen das Erdreich drückt.
Beispiel Spundwand Der Erddruck ist mit der Last festge-
pv legt. So ist der Erddruck aus Eigenge-
wicht mit der Dichte γ
-s +s e = γ · h · kg
und aus Verkehrslast mit
ev = pv · kp
festgelegt. Die Erddruckbeiwerte sind
vom Winkel der inneren Reibung ϕ des
ep ev ea Baugrunds und damit vom jeweils vor-
liegenden, in der Regel geschichteten
k
Material abhängig. Richtwerte sind
kgo = 0, 5
kp kgp = 3 . . . 5
kga = tan2 (45 o − ϕ/2)
ka ko
Der Winkel der inneren Reibung ist z.
-s +s B. für Kies ϕ = 35 o .
g) Dynamische Effekte aus Stoßeinwirkung, Erdbeben, Maschinenschwingun-
gen bewirken eine Veränderung des Spannungs- und Verformungszustandes
gegenüber einer statischen Betrachtung. Sie werden in der Regel mit einem
Schwingbeiwert ϕ und statischen Ersatzlasten erfasst.
2.3 Idealisierung der Einwirkungen 25

2.3.2 Verformungen
Analog zu Kraftwirkungen auf ein Tragwerk sind auch Wegwirkungen möglich.
Dies sind z. B. Lagersetzungen und -verdrehungen oder Dehnungen und Ver-
krümmungen aus Erwärmung. Sie führen zu Zwängungen und inneren Eigen-
spannungszuständen (bzw. Kräften, Momenten) bei Tragwerken, die sich nicht
spannungsfrei verformen können. Eingeprägte Wegwirkungen werden in der
Verformungsgeometrie berücksichtigt.
a) Ein Wärmezu- oder -abfluss bewirkt im Bauwerk Temperaturänderungen, die
über die Tragwerksdicke konstant oder nichtkonstant sein können. Wenn z. B.
auf der Außenseite eines Tragwerks andere Temperaturen vorliegen als auf der
Innenseite, ist ein Dehnungsgradient die Folge, der das Tragwerk verkrümmt.
Die Größe der bei der Erwärmung im Tragwerk auftretenden Dehnungen bzw.
Stauchungen εT hängt vom Wärmeausdehnungskoeffizienten αT ab:
) (
εT = + αT · (T1 − T0 ) = 10−5 [1/ o C] Beton,
αT
κT = − αT · (Tu − To )/h = 1, 2 · 10−5 [1/ o C] Stahl.
Kann sich das Tragwerk ungezwängt verformen, ist der Spannungszustand
null, siehe Bild 2-8 oben. Liegt eine Dehnungsbehinderung vor, stellt sich ein
Eigenspannungszustand ein. Zu beachten ist, dass die Dehnungen bei Voll-
einspannung schon bei ca. 50 o C Temperaturdifferenz die Größenordnung der
Dehnungen aus planmäßigen Lasten erreichen können. In der Regel sind die
Zwänge infolge der Nachgiebigkeit der Anschlüsse jedoch geringer.

gleichmäßige Erwärmung ungleichmäßige Erwärmung

To so
T0 T1 DT = Tu - To
s su
Tu

σ = −E · αT (T1 − T0 ) σo/u = ± E · αT 12 ∆T 

N = −EA · αT (T1 − T0 ) N =0 w = 0.


M =0 M = −EI · αT ∆T /h

Bild 2-8 Stabtragwerke bei Erwärmung - hier ohne Querrichtung

b) Lagerverschiebungen oder -verdrehungen können als Folge von Setzungen


26 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

oder Hebungen des Baugrundes erfolgen. Dies kann beim Einbrechen von unter-
irdischen Hohlräumen in Bergbaugebieten auftreten, bei ungleichmäßig nachge-
bendem Baugrund und auch bei Erdbeben. Hebungen treten z. B. beim Quellen
von bindigen Böden infolge von Wasseraufnahme auf, oder beim Gefrieren des
Baugrundes, wenn keine frostsichere Gründung vorliegt.

d1 d2 d3
d

Hohlraum Quelle

c) Schwinden ist die Verkürzung des Betons beim Erhärten. Das Schwinden
führt zu Schwindrissen, wenn die inneren Spannungen im Betonbauteil die
Zugfestigkeit des Betons überschreiten. Dies kann auftreten, wenn die Tem-
peratur im Betonbauteil beim Erhärten sehr ungleichmäßig ist, oder wenn die
Verkürzung durch angrenzende Lagerung behindert wird.

Schwindrisse

d) Kriechen ist eine in der Zeit anwachsende Verformung des Werkstoffs infol-
ge eines ständig wirkenden Spannungszustandes. Die Verformungsgeschwindig-
keiten sind sehr gering, sodass man im Bauwesen in der Regel die Endwerte
ansetzen kann. Kriechen ist bei Holz, Beton und Kunststoffen zu beachten, bei
Metallen nur bei höheren Temperaturen.

In gezwängten Bauteilen, deren Spannungszustand z. B. aus Lagerverschie-


bungen, Lagerverdrehungen oder Erwärmung entsteht, kann der umgekehrte
Prozess ablaufen. Bleibt der Verformungszustand zeitlich konstant, verringern
sich die Spannungen mit der Zeit, der Werkstoff relaxiert.
2.4 Beispiele für Tragwerksmodellierungen 27

2.4 Beispiele für Tragwerksmodellierungen


Brückentragwerk
Das obere Bild zeigt die Letziwaldbrücke, die der Schweizer Ingenieur Chri-
stian Menn 1959 entworfen und gebaut hat, siehe [24]. Die Brücke erscheint
aufgrund des flachen Bogens extrem schlank und ist ästhetisch sehr anspre-
chend ausgeführt. Der Werkstoff Beton ist dem Felsgestein angepasst.

Bild 2-9 Letziwaldbrücke [24]

Im unteren Bild ist das statische System angegeben, das aus den tragenden
Elementen Balken, Bogen und Fundament entsprechend den vorhandenen Ein-
wirkungen besteht. Aufgrund der großen Steifigkeit des Baugrundes kann der
untenliegende Tragwerksteil große Normalkräfte aufnehmen. Er ist als Dreige-
lenkbogen ausgeführt, sodass eine mögliche Lagersetzung keine weiteren Bean-
spruchungen bewirkt. Die seitlich angeordneten Verbindungselemente zwischen
Balken und Bogen versteifen das Tragwerk zusätzlich.

Bild 2-10 Statisches System der Letziwaldbrücke

An den Lagern sind Querschotte angeordnet, die als Torsionseinspanungen wir-


ken. Aufgrund der großen Steifigkeit und Festigkeit des Bogens und des anste-
henden Felsgesteins ist das Tragwerk extrem schlank.
28 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Hallenrahmen mit Kranbahn (Stahl)


Das obere Bild zeigt einen Ausschnitt der Versuchshalle im Leichtweiß-Institut
für Wasserbau der Technischen Universität Braunschweig. Unten ist das stati-
sche System der tragenden Elemente angegeben.

Bild 2-11 Versuchshalle im Leichtweiß-Institut für Wasserbau

Der Dachbinder ist als Fachwerk mit steigenden und fallenden Streben aus-
gebildet. Die Stahlstützen sind in Höhe der Kranbahn abgesetzt und fest mit
dem Dachbinder verbunden. Die Lagerkraft der Kranbahn lastet direkt auf dem
Flansch des unten angeordneten I-Profils.

Kranbahn auf Flansch

Bild 2-12 Statisches System des Hallenrahmens


2.4 Beispiele für Tragwerksmodellierungen 29

Klappbrücke über den Peenestrom (Stahl)


Im Bild ist die Klappbrücke über den Peenestrom in Wolgast gezeigt. Die kom-
binierte Straßen- und Eisenbahnbrücke wird mehrmals am Tag für den Schiffs-
verkehr geöffnet und muss daher filigran und beweglich gebaut sein. Die Brücke
ist einflügelig und mit Waagebalken mit hochliegendem Gegengewicht versehen.

Bild 2-13 Klappbrücke mit Waagebalken in Wolgast

Die Brückenkonstruktion ist aus Stahl, da der Werkstoff im Druck und Zug-
bereich gleiche Festigkeiten aufweist sowie bei Wechselbeanspruchungen eine
hohe Lastspielzahl zulässt. Außerdem ist mit der Stahlkonstruktion eine rela-
tiv filigrane Konstruktion möglich.

Infolge der unterschiedlichen Hebepositionen ändern sich die statischen Systeme


und die Einwirkungen, sodass im Einzelfall sehr unterschiedliche Lastfallkom-
binationen und Spannungszustände zu untersuchen sind.
An dem beweglichen Brückenbauwerk wird deutlich, dass das Tragwerk nicht
nur für statische Einwirkungen nachzuweisen ist, sondern dass aufgrund der
speziellen Nutzung auch die Dynamik sowie die Kinematik eines Bauwerks
entscheidend für den Entwurf sein können.
30 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Trockendock mit unterschiedlichen Tragwerken und Baustoffen


Das im Bild gezeigte überdachte Trockendock der Meyer–Werft in Papenburg
ist ca. 360 m lang und ca. 40 m breit, die Halle ist ca. 60 m hoch. Das Bauwerk
besitzt eine große Zahl unterschiedlicher Tragwerke, die in der Regel einzeln
untersucht werden können.

Die unten liegende Bodenplatte ist ein flächiges Stahlbetontragwerk, das mit
Ortbetonrammpfählen im Boden verankert ist, um dem Auftrieb infolge Grund-
wasser entgegen zu wirken. Als Anker könnten auch stählerne Stäbe mit Be-
tonplomben an den Enden verwendet werden. Die an den Seiten aufstrebenden
Spundwände sind als Balken beschreibbar und aufgrund des Erddrucks seit-
lich im Boden verankert. Die Kranbahnen müssen ebenfalls gegründet werden,
wobei neben statischen Einwirkungen auch horizontal und vertikal wirkende
Stöße angesetzt werden. Das Trockendock ist von einer Hallenkonstruktion
überdacht, die im wesentlichen aus einem Stahlrahmentragwerk mit ausstei-
fenden Windverbänden besteht. Die Ausfahrt in das offene Gewässer ist mit
einem stählernen Tor gesichert.

Bild 2-14 Trockendock der Meyer–Werft in Papenburg


2.4 Beispiele für Tragwerksmodellierungen 31

Bild 2-15 zeigt einen Schnitt durch das Trockendock einer Werftanlage mit typi-
schen Tragwerkselementen. Dies sind Pfahlböcke, Spundwände, Bodenplatten
und Verankerungselemente, die in der Regel verplombt werden. Die Elastizität
des Bodens kann man mit Hilfe einer Bettung berücksichtigen, die als kontinu-
ierliche Verteilung von Federn interpretierbar ist. Als wesentliche Einwirkungen
sind hier Kranlasten, Wasser- und Erddruck angegeben, der von den Bodenei-
genschaften sowie den Verformungen der Spundwand abhängt.

Kranlast
Pfahlbock

Spundwand

Bodenplatte

Anker

Anker

Belastung der Spundwand Belastung der Bodenplatte

Erddruck Wasserdruck

Auftrieb

Verankerung

Bild 2-15 Einwirkungen und statische Systeme eines Trockendocks


32 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

2.5 Modellierungsfehler
Die Idealisierung des Tragwerks muss so erfolgen, dass die in der Regel erforder-
lichen Vereinfachungen das Tragverhalten nicht verfälschen, sondern lediglich in
der Größenordnung von Nebenspannungen beeinflussen. Zu beachten ist, dass
die hierbei gemachten Fehler in keiner Berechnung nachweisbar sind. Nach jeder
Berechnung sind daher die Ergebnisse zunächst mit der eigenen Anschauung
sorgfältig zu überprüfen und dann zusätzlich mit dem wirklichen Tragwerk zu
verifizieren. Ungenauigkeiten in der Modellbildung können an unterschiedlicher
Stelle entstehen:
a) Das Tragwerksmodell kann zu ungenau gewählt sein, wenn man z. B. eine
Scheiben– oder Plattentragwirkung mit einem Balkenmodell beschreibt. Dies
kann eine sehr ungenaue Beschreibung des Spannungs- und Verformungszustan-
des zur Folge haben, was im Einzelfall zur Rissbildung oder zum Plastifizieren
führen kann.
Die Übergänge zwischen angrenzenden Bauteilen müssen richtig modelliert wer-
den. Dies ist z. B. bei der Verbindung einer Platte mit einem Unterzug oder
einer Stütze zu beachten.
Lager sind in der Regel immer elastische Einspannungen. Das hieraus folgende
Moment wird bei gelenkiger Lagerung vernachlässigt und bei fester Einspan-
nung überschätzt.
b) Bei ebenen Tragwerken wird die Torsion nicht berücksichtigt. Zu beachten
ist, dass Lasten oder Anschlüsse, die bezüglich der Tragwerksachse exzentrisch
sind, Torsion hervorrufen und im Einzelfall eine Er- e P
weiterung des Modells erfordern. Ebenso wird beim
Verspringen von Tragwerksachsen Torsion geweckt.
Torsion ist für das globale Gleichgewicht wichtig,
wenn keine aussteifenden Elemente vorgesehen sind.
c) Nebenspannungen sind Spannungen, die aus nicht berücksichtigten Zwängun-
gen und Tragwirkungen entstehen, aber in der Regel vernachlässigbar sind. So
können Fachwerkstäbe als gelenkig angeschlossen an-
H
gesetzt werden, da die Biegespannungen im An-
schluss vernachlässigbar sind. Bremslasten von Fahr- e
zeugen bewirken nicht nur Normalkräfte in Stäben,
sondern durch ihren exzentrischen Lastangriffspunkt
bezüglich der Tragwerksachse auch verteilte Momen-
te, die lokal zu Nebenspannungen führen.
Fehler in der Modellbildung können in der Berechnung nicht mehr bemerkt und
korrigiert werden und sind daher besonders gefährlich.
33

3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Für die Berechnung des Trag- und Verformungsverhaltens von Tragwerken


müssen Modellgleichungen für die einzelnen Tragwerkstypen formuliert werden.
Ziel der baustatischen Verfahren ist, die Modellgleichungen möglichst effizient
zu lösen, um die für die Sicherheitsnachweise erforderlichen Zustandsgrößen
schnell zu erhalten. Hierfür sind vereinfachende Annahmen erforderlich, die für
ebene Stabtragwerke nachfolgend zusammengestellt sind.
a) Ebene Stabtragwerke bestehen aus geraden oder gekrümmten Stäben, die in
einer Ebene angeordnet sind. Ihre Abmessungen betragen h, b < ℓ/4.
b) Die Einwirkungen ebener Stabtragwerke liegen in der Tragwerksebene.
c) Die Verformungen des Tragwerks finden in der Tragwerksebene statt. Der
Verformungszustand des Stabquerschnitts ist mit den Weggrößen u, w, ϕ der
Tragwerksachse beschreibbar. Die Weggrößen sind messbare Größen.
d) Der Spannungszustand wird bei
Stabtragwerken integral mit den
Zustandsgrößen M, Q, N der Trag-
N
werksachse beschrieben. Der Einfluss
Q
anderer Spannungen auf den Verfor- M
mungszustand wird vernachlässigt. Der
Spannungszustand ist Modellvorstel-
lung und nicht direkt messbar.
e) Es gilt das Prinzip von St. Venant: h
In hinreichender Entfernung von der s M, N
Krafteinleitungsstelle hängt die Wir- h

kung von Kräften nicht mehr von der


örtlichen Verteilung der Spannungen
im Krafteinleitungsbereich ab, sondern
nur noch von den Resultierenden. s M, N

Hiermit ist der jeweilige lokale Span-


nungszustand nicht entscheidend für
das Tragverhalten des Tragwerks.
f) Für Biegestäbe wird die Bernoulli-Hypothese für schubstarre Balken ange-
setzt. Die Querschnitte bleiben bei der Verformung eben und senkrecht zur
Stabachse. Dies bedeutet, dass die Verformung des Balkens allein aus Ver-
krümmungen κ entsteht. Timoshenko erweitert die Theorie für schubsteife Bal-
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_3
34 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

ken um den Schubwinkel γ, dessen Einfluss auf den Verformungszustand für die
hier vorliegenden Fälle vernachlässigbar ist. Mit einer genauen 3D-Analyse des
Balkens können weitere Verformungsanteile bestimmt werden, die aber eben-
falls nur Störungen der Bernoulli-Theorie sind.

Bernoulli Theorie Timoshenko Theorie genaue Theorie


g=0 g = konst. exz ≠ konst.
g) Es wird eine lineare Theorie I. Ordnung verwendet. Dies bedeutet, dass die
Verformungen der Tragwerke so klein sind, dass ihr Einfluss auf die Verfor-
mungsgeometrie und das Gleichgewicht vernachlässigbar ist. Die lineare Theo-
rie ist in Abschnitt 20 um die nichtlinearen Anteile einer Theorie II. Ordnung
ergänzt, sodass auch Stabilitätsfälle untersucht werden können. Im Bild zeigt
der Kragarm ein lineares Tragverhalten, wenn die Biegelinie w keinen Einfluss
auf das Gleichgewicht hat. Nichtlineares Tragverhalten entsteht, wenn das Ver-
satzmoment aus Normalkraft P und Biegelinie berücksichtigt wird.

P linear
P, H
w Knicklast
H

nichtlinear

h) Das Werkstoffverhalten ist linear elastisch und mit dem Hooke’schen Ge-
setz beschreibbar. Das Plastifizieren von Stahl kann mit dem Traglastverfah-
ren berücksichtigt werden, das jedoch eine ganz andere Bemessungsphilosophie
verfolgt. Bei Stahlbetontragwerken kann die Rissbildung beim Übergang vom
ungerissenen Zustand I zum gerissenen Zustand II vernachlässigt werden, wenn
die Biegesteifigkeit vereinfachend nach Zustand II angesetzt wird.
i) Im linearen Fall gilt das Superpositionsprinzip. Damit können Lastfälle ge-
trennt berechnet und anschließend additiv überlagert werden. Mit den hier
getroffenen Annahmen sind die Lösung der Modellgleichungen und damit das
Tragverhalten nach Theorie I. Ordnung eindeutig. Mehrere Lösungen der Mo-
dellgleichungen können nur existieren, wenn das Tragverhalten nichtlinear ist,
z. B. nach Theorie II. Ordnung.
3.1 Das Schnittprinzip 35

3.1 Das Schnittprinzip


Grundlage aller Berechnungsverfahren der Baustatik ist das Schnittprinzip.
Erst hiermit ist es möglich, komplexe Tragwerke in überschaubare Teile zu
zerlegen und einer Berechnung zugänglich zu machen. Hier wird es für die
Berechnung der Schnittgrößen M, Q, N eingesetzt.

Das Schnittprinzip enthält folgende Gedanken: An beliebigen Stellen eines


Tragwerks können gedanklich Schnitte gemacht werden. Damit die Schnitte
das Trag- und Verformungsverhalten des Tragwerks auch in der Vorstellung
nicht verändern, müssen die im Inneren des Tragwerks vorhandenen Kraftwir-
kungen an den Schnittufern als äußere Kraftwirkungen angesetzt werden, siehe
Bild 3-1. Sie werden im weiteren als Schnittgrößen bezeichnet.

d d
a

a b

c c
b

Bild 3-1 Schnitte an beliebigen Stellen eines Tragwerks

Sind in einem Schnitt Gelenke“ vorhanden, so sind die entsprechenden Schnitt-



größen null. In Stabtragwerken unterscheidet man zwischen Momenten-, Quer-
kraft- und Normalkraft gelenken“, vergleiche Bild 3-2.

N,Q,M N,Q Q,M N

Bild 3-2 Zwischenreaktionen in Schnitten

Pendelstäbe haben an beiden Stabenden Momentengelenke und können daher


nur Normalkräfte übertragen, sofern sie selbst unbelastet sind.
36 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Für die richtige Verwendung der Begriffe der Kraftwirkungen ist es wichtig,
zwischen den Einwirkungen q, P, M e , die von außen auf das Tragwerk wirken
(Index e , falls nicht eindeutig), den Schnittgrößen M, Q, N sowie den inneren
Kraftwirkungen zu unterscheiden, siehe Bild 3-3. Hiermit gelingt es, das Gleich-
gewicht zwischen den äußeren Einwirkungen“ und den inneren Kräften“ an-
” ”
schaulich zu verstehen.
q

N, Q, M M, Q, N

| {z }| {z }| {z }
Schnittgrößen innere Kraftwirkungen Schnittgrößen

Bild 3-3 Äußere und innere Kräfte, Schnittgrößen

Die inneren Kraftwirkungen sind als Reaktion auf die Schnittgrößen und die
äußeren Einwirkungen interpretierbar. Sie sind für das Schnittprinzip ohne wei-
tere Bedeutung, werden aber später bei den Arbeitssätzen benötigt.

3.2 Vorzeichendefinitionen
Nach Durchschneiden“ der Tragwerksachse werden die im Tragwerk vorhande-

nen nach außen nicht beobachtbaren Spannungen bzw. Kräfte und Momente zu
äußeren Schnittgrößen. Beim Schnitt der Tragwerksachse zeigt die Normale des
positiven Schnittufers in die positive Richtung der x-Koordinate, das negative
Schnittufer liegt auf der anderen Seite des Schnitts.
Normalenrichtung
x

positives negatives
Schnittufer

Die in der Baustatik verwendeten Kraftgrößen und Weggrößen sind einander


zugeordnet (N → u, Q → w, M → ϕ). Kraftgrößen sind die Lasten und die
Schnittgrößen, Weggrößen sind die Wege aus Last und die Schnittuferwege. Im
weiteren werden folgende Vorzeichendefinitionen für die Weggrößen und Kraft-
größen der Tragwerksachse verwendet, die hier auf in der x-z-Ebene liegende
ebene Stabtragwerke beschränkt sind.
3.2 Vorzeichendefinitionen 37

1. Die Verschiebungen u, v, w [m] sind positiv in Richtung der positiven Koor-


dinaten x, y, z. Die x-Koordinate ist die Tragwerksachse. Für die Verdrehung
ϕ[rad] gibt es verschiedene Definitionen. Hier ist ϕ positiv in Richtung w′ .
x
y x
v u j=w
z z
+w
w
Weggrößen aus Einwirkungen

2. Klaffungen (Schnittuferwege) δN = ∆u, δQ = ∆w, δM = ∆ϕ sind positiv,


wenn sie in Richtung der positiven Schnittgrößen am Schnittufer zeigen.

dN Dj
dQ j1 j2

dM = Dj = j1 + j2
Schnittuferwege

3. Eine Schnittkraft N [kN ], Q [kN ] ist positiv, wenn der zugehörige Kraftvek-
tor am positiven Schnittufer in die positive Koordinatenrichtung x, z zeigt.
Ein Moment M [kN m] ist positiv, wenn der Momentenvektor am positiven
Schnittufer in die positive Koordinatenrichtung y zeigt. Am negativen Schnitt-
ufer zeigen die positiven Schnittgrößen in die entgegengesetzte Richtung.
N
Q
M
Damit das positive Moment auch bei komplexen Tragwerken eindeutig definiert
ist, wird an jedem Stab eine gestrichelte Linie in die Tragwerksskizze einge-
zeichnet. Ein positives Moment erzeugt auf der gestrichelten Seite des Stabes
Zugspannungen.
P2

P1 - - -
- + - +
pos. M
M

+ + -

Bild 3-4 Vorzeichenregelung für Momente


38 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Die Momente aus Einwirkungen werden immer auf der Seite des Systems ab-
getragen, auf der das Moment Zugspannungen erzeugt. Das Vorzeichen des
Momentes richtet sich dann nur noch nach der gestrichelten Linie. Positive
Querkräfte und Normalkräfte werden auf der gestrichelten Seite abgetragen.
4. Äußere Lasten“ P [kN ], q [kN/m], M e [kN m] sind positiv, wenn sie in Rich-

tung der konjugierten positiven Weggrößen u, w, ϕ zeigen.
5. Für Lagerkräfte und -momente gibt es keine spezielle Vorzeichenregelung.

3.3 Statische Bestimmtheit


An jedem aus dem Gesamttragwerk herausgeschnittenen Teilsystem (differen-
tielle Elemente, Einzelstäbe, Knoten ...) gelten die gleichen Bedingungen wie
am Gesamttragwerk. Ist das Gesamttragwerk im Gleichgewicht, ist auch jedes
Teilsystem im Gleichgewicht. Für jedes freigeschnittene ebene Teilsystem gilt
Σ H = 0, Σ V = 0, Σ M = 0.
Mit den Gleichgewichtsbedingungen können die Schnittgrößen berechnet wer-
den, wenn die Zahl der Schnittgrößen und die Zahl der Gleichgewichtsbedingun-
gen übereinstimmt. Da dies nicht für alle Systeme möglich ist, müssen Statische
Systeme unterschieden werden in:

Statisch unterbestimmte Systeme


Wenn es für beliebige äußere Belastungen keinen Gleichgewichtszustand gibt,
dann ist das System lokal oder global verschieblich bzw. kinematisch. Dies ist
z. B. der Fall, wenn zu wenige Lager oder zu viele Gelenke vorhanden sind.
Ψ d

d Ψ

Bild 3-5 Statisch unterbestimmte Systeme

Die Verschieblichkeit ist eine Systemeigenschaft und damit unabhängig von den
Einwirkungen.
3.3 Statische Bestimmtheit 39

Statisch bestimmte Systeme


Der Spannungszustand kann bei statisch bestimmten Systemen allein mit den
Gleichgewichtsbedingungen ermittelt werden. Auch die statische Bestimmt-
heit ist eine Systemeigenschaft. Verschiedene grundlegende statisch bestimmte
Systeme sind in Bild 3-6 angegeben. Zu beachten ist, dass ein Drei-Gelenk-
Rahmen nicht immer drei Momentengelenke besitzen muss, sondern im Einzel-
fall auch andere Schnittgrößen null sein können.
M=0 N=0 Q=0
Kragarm

Balken
M=0 M=0 M=0

Drei-Gelenk-Rahmen Drei-Gelenk-Rahmen

Bild 3-6 Statisch bestimmte Grundsysteme

Statisch unbestimmte Systeme


Bei statisch unbestimmten Systemen kann der Spannungszustand nur mit den
Gleichgewichts- und mit den Verformungsbedingungen berechnet werden, so-
dass alle Grundgleichungen gemeinsam gelöst werden müssen.
Geschlossene Rahmen oder Tragwerksteile sind innerlich statisch unbestimmt,
da man die Schnittgrößen nicht allein mit Gleichgewichtsbedingungen bestim-
men kann, siehe hierzu die beiden rechten Systeme in Bild 3-7.
Sind mehr Lagerkräfte und -momente als Gleichgewichtsbedingungen vorhan-
den, ist das System wie im rechten und im linken System äußerlich statisch
unbestimmt.

Bild 3-7 Innere und äußere statische Unbestimmtheit

Der Grad n der statischen Unbestimmtheit ist eine Systemeigenschaft und kann
auf verschiedenen Wegen ermitteln werden.
40 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

3.3.1 Aufbauprinzip für ebene Rahmentragwerke


Der Grad der statischen Unbestimmtheit kann anschaulich ermittelt werden,
wenn man das wirkliche statisch unbestimmte System von den Lagern aus so
aufbaut, wie man es in der Realität auch bauen könnte. Ausgehend von einem
statisch bestimmten Grundsystem wird so das wirkliche System durch sukzes-
sives Anfügen von Scheiben und Bindungen entwickelt. Die Zahl der statisch
wirsamen Anschlussgrößen gibt den Grad der statischen Unbestimmtheit an.

Beispiel 1: Stockwerkrahmen
Das Grundsystem ist ein Drei-Gelenk-Rahmen. Auf den statisch bestimmten
Stockwerkrahmen wird ein zweites Stockwerk errichtet, das für sich ebenfalls
ein statisch bestimmter Drei-Gelenk-Rahmen ist. Danach werden drei Gelenke
geschlossen, sodass ein dreifach unbestimmtes System vorliegt.

n=0 n=0 n=3

Bild 3-8 Statisch unbestimmtes Rahmentragwerk

Beispiel 2: Talbrücke
Ausgangssystem sind die zwei Pylone, die als Kragarme statisch bestimmt sind.
Danach wird die Fahrbahn als Balken auf die Pylone gelegt und in einem zwei-
ten Schritt fest mit den Pylonen verbunden. Zuletzt werden die äußeren Lager
angesetzt. Insgesamt liegt ein dreifach statisch unbestimmtes System vor.

n=0 n=0

n=1 n=3

Bild 3-9 Statisch unbestimmte Talbrücke


3.3 Statische Bestimmtheit 41

Beispiel 3: Abgehängte Brücke


Der Drei-Gelenk-Bogen in Bild 3-10-links ist statisch bestimmt. An den Bogen
können jetzt sukzessive vom linken oder rechten Lager ausgehend jeweils ein
Hänger und ein untenliegender Balken gelenkig und damit statisch bestimmt
angebracht werden. Der letzte Balken führt auf ein einfach unbestimmtes Sy-
stem. Die biegesteife Verbindung der untenliegenden Balken führt auf ein ins-
gesamt fünffach unbestimmtes System.

n=0

n=1 n=5

Bild 3-10 Statisch unbestimmte Bogenbrücke

Beispiel 4: Vierendeel-Träger
Vierendeel-Träger sind geschlossene Rahmentragwerke, die aus biegesteif ver-
bundenen Einzelstäben bestehen. Im Gegensatz zu Fachwerken, die ihre große
Steifigkeit bei vernachlässigbarer Biegung aus den im Dreieck angeordneten
Druck- bzw. Zugstäben beziehen, tragen Vierendeel-Träger auf Biegung und
sind daher viel weniger steif.
n=0

n=0

n=2

Bild 3-11 Statisch unbestimmter Vierendeel-Träger

Der untenliegende Balken mit den biegesteif angebrachten Stützen ist statisch
bestimmt. Nach Anbringen des linken und rechten Drei-Gelenk-Rahmens ist das
System weiterhin statisch bestimmt. Das Schließen des inneren oberen Riegels
bewirkt eine zweifache Unbestimmtheit.
42 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

3.3.2 Abzählkriterium für Rahmentragwerke


Besteht ein statisches System aus einem einfach zusammenhängenden Gebiet,
das im weiteren als Scheibe bezeichnet wird, so kann man alle Schnittgrößen
und die Lagerreaktionen allein mit den Gleichgewichtsbedingungen berechnen.
Einfach zusammenhängende Scheiben besitzen eine zusammenhängende Ober-
fläche, die man ohne Schnitt umfahren kann. Beispiele sind in Bild 3-12 ge-
geben. Der Vierendeel-Träger nach Abschnitt 3.4.3 ist z. B. mehrfach zusam-
menhängend.

Balken

Kragarm M=0 Q=0


M=0
Pendelstab Drei-Gelenk-Rahmen

Bild 3-12 Einfach zusammenhängende Scheiben

Besteht ein statisches System aus mehreren Scheiben, so wird es als Schei-

benverband“ bezeichnet. Ein aus zwei Scheiben bestehendes System ist der
Dreigelenkrahmen nach Bild 3-13. Der Rahmen ist äußerlich und innerlich sta-
tisch bestimmt. Nach Freischneiden der einzelnen Scheiben können die Gleich-
gewichtsbedingungen an beiden Scheiben so angesetzt werden, dass alle Lager-
reaktionen a und alle Zwischenreaktionen z berechenbar sind.

b Hb
Vb

a c
Ha Hc
Va Vc

unbekannt z = 2, a = 4
Gleichungen 2 · 3 = 6 .

Bild 3-13 Scheibenverband: n = 0

Bei komplexen Scheibenverbänden bestehen die einzelnen Scheiben aus statisch


bestimmten Untersystemen, die selbst Fachwerke oder Rahmen sein können.
3.3 Statische Bestimmtheit 43

Zerlegt man ein komplexes statisches System mit Hilfe von Schnitten in ein-
fach zusammenhängende Scheiben und vergleicht die Zahl der Schnittgrößen
in den Schnitten und die Zahl der Lagerreaktionen mit der Zahl der Gleich-
gewichtsbedingungen, so erhält man den Grad der statischen Unbestimmtheit,
siehe Bild 3-14.

Bild 3-14 Statisch unbestimmtes System: n = 3

Bei der Bestimmung der Zwischenreaktionen in Schnitten ist darauf zu ach-


ten, dass die Zahl der Reaktionen durch bereits vorhandene Gelenke verringert
wird. Pendelstäbe können durch einwertige Schnitte bzw. Lager ersetzt werden,
zählen aber dann nicht mehr als Scheibe. Mit
a Zahl der Lagerreaktionen
z Zahl der Zwischenreaktionen (Schnittgrößen in Schnitten)
p Zahl der einfach zusammenhängenden Scheiben
n Grad der statischen Unbestimmtheit
ist die Zahl der Unbekannten a+z und die Zahl der Gleichgewichtsbedingungen
3 p. Damit ist der Grad der statischen Unbestimmtheit bei ebenen Systemen
<0 statisch unterbestimmt, verschieblich,
n = a+z −3p =0 statisch bestimmt,
>0 statisch unbestimmt.
Bei räumlichen Systemen gibt es sechs Gleichgewichtsbedingungen, sodass hier
n = a + z − 6 p anzusetzen ist.

Satz
Ein System ist n-fach statisch unbestimmt, wenn die Zahl der unbe-
kannten Lager- und Kraftgrößen in Schnitten, die zu einfach zusam-
menhängenden Scheiben führen, um n größer ist als die Zahl der Gleich-
gewichtsbedingungen.
44 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Beispiele zur Berechnung der statischen Unbestimmtheit

2
1 1

3 3
3 3
a = 6, z = 0, p = 1, n = 3 a = 8, z = 2, p = 2 , n = 4

1 2 2 1
4

3 3 2 3 3

a = 8, z = 4, p = 3, n = 3 a = 8, z = 4, p = 3, n = 3

3 3 3

1 3

3 3 3 3 1

a = 6, z = 4, p = 2, n = 4 a = 7, z = 9, p = 2 , n = 10

Anmerkungen
In der Literatur wird manchmal der Begriff statisch unterbestimmtes System“

für die in unserem Sinne statisch unbestimmten Systeme verwendet. Hiermit
ist gemeint, dass die Zahl der Gleichgewichtsbedingungen kleiner als die Zahl
der unbekannten Schnitt- bzw. Lagergrößen ist.

Zu beachten ist, dass mit dem Abzählkriterium nicht alle verschieblichen Sy-
steme identifiziert werden können, da auch statisch bestimmte oder unbestimm-
te Systeme teilweise verschieblich sein können. Hinreichende Kriterien für die
Verschieblichkeit von statischen Systemen geben allein die Untersuchungsme-
thoden für kinematische Systeme nach Abschnitt 5.
3.3 Statische Bestimmtheit 45

3.3.3 Aufbauprinzip für ebene Fachwerke


Das wirkliche Fachwerk wird aus einem bekannten statisch bestimmten Grund-
system sukzessive durch Anbindung neuer Knoten entwickelt. Hierbei gelten
folgende Regeln:
a) Zwei Stäbe schließen einen neuen Knoten statisch bestimmt und unverschieb-
lich an, wenn die Stäbe nicht auf einer Geraden liegen.
verschieblich

fest

b) Zwei Stäbe schließen eine neue Scheibe immer gelenkig an, wenn die ange-
schlossene Scheibe nicht ausreichend gelagert ist. Es entsteht ein verschiebliches
Gelenkviereck.

Drehpol

verschieblich

c) Drei Stäbe schließen eine neue Scheibe statisch bestimmt und unverschieblich
an, wenn sich die Geraden, auf denen die Stäbe liegen, nicht in einem Punkt
schneiden. Wenn sich die Richtungen der drei Stäbe in einem Punkt schneiden
oder parallel sind, sind beide Scheiben gegeneinander verschieblich.

Drehpol

verschieblich

fest
46 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Beispiel 1: Ein statisch bestimmtes Fachwerk


Das statisch bestimmte Fachwerk mit den Knoten 1–7 und der Lagerung in
den Knoten 1 und 7 kann wie folgt aufgebaut werden. Ausgangssystem ist
die Scheibe mit den Knoten 1–3 und dem Lager in Knoten 1. Das System ist
zunächst verschieblich.
2 4 6

1 3 5 7

Hilfslager

Nach Einbau eines Hilfslagers am Knoten 3 folgt ein erstes statisch bestimm-
tes, nicht verschiebliches System 1–2–3. Das Anbinden der Knoten 4–7 erfolgt
sukzessive jeweils mit Hilfe zweier Stäbe bis alle Knoten angeschlossen sind.
Nach Anbinden des zweiten Lagers am Knoten 7 und Entfernen des Hilfslagers
liegt das statisch bestimmte und nicht verschiebliche System vor.
2 4 6

1 3 5 7
a b

Beispiel 2: Ein statisch unterbestimmtes Fachwerk


Nachfolgendes System ist statisch unterbestimmt und damit verschieblich bzw.
kinematisch. Da eine einzige Verschiebungsmöglichkeit vorhanden ist, ist das
System einfach verschieblich.
2

4
1

Die Scheiben 1 und 4 besitzen jeweils nur ein Lager und sind durch zwei andere
Scheiben, dies sind hier die parallelen Stäbe 2 und 3, miteinander verbunden.
Damit bilden die Scheiben 1, 2, 3 und 4 ein verschiebliches Gelenkviereck. Die
Pfeile deuten die Bewegungsmöglichkeiten der Scheiben 1 und 4 an.
3.3 Statische Bestimmtheit 47

Beispiel 3: Ein statisch unbestimmtes Fachwerk


Das System ist äußerlich und innerlich statisch unbestimmt, da die Zahl der
Lagerkräfte größer als die Zahl der Gleichgewichtsbedingungen ist und nach
dem Aufbauprinzip mehr Stäbe vorhanden sind als zum Anbinden der Knoten
erforderlich.

n=0

n=4

Im unteren Bild ist ein möglicher statisch bestimmter Teil des Tragwerks grau
hinterlegt. Drei zusätzliche Stäbe sowie eine zusätzliche Lagerkraft kennzeich-
nen die statische Unbestimmtheit des Systems.

Bild 3-15 zeigt eine Zweifeld-Straßenbrücke über die Elbe in Hamburg, die als
statisch unbestimmt gelagertes Stahlfachwerk ausgeführt ist.

Bild 3-15 Fachwerkbrücke über die Elbe - Überseeallee in Hamburg


48 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

3.3.4 Abzählkriterium für Fachwerke


Das Abzählkriterium für Rahmen gilt auch für Fachwerke, wenn die gelenkige
Verbindung der Fachwerkstäbe beachtet wird. Einfacher ist das folgende, spe-
ziell für Fachwerke gültige Kriterium.
Bei Fachwerken sind die Momente aprioi zu null gesetzt, sodass nur die Lagerre-
aktionen und die Stabkräfte unbekannt sind. Zur Berechnung der unbekannten
Stab- und Lagerkräfte stehen an jedem Fachwerkknoten und an jedem La-
ger zwei Kraftgleichgewichtsbedingungen zur Verfügung. Es werden daher alle
Fachwerkknoten frei geschnitten. Mit
a Zahl der Lagerreaktionen
s Zahl der Stabkräfte
k Zahl der Fachwerkknoten
n Grad der statischen Unbestimmtheit
ist die Zahl der Unbekannten a+s und die Zahl der Gleichgewichtsbedingungen
2 k. Hiermit gilt in der Ebene
<0 statisch unterbestimmt, verschieblich,
n = a +s−2k =0 statisch bestimmt,
>0 statisch unbestimmt.
n ist der Grad der statischen Unbestimmtheit bei ebenen Fachwerken. Bei
räumlichen Fachwerken gibt es drei Gleichgewichtsbedingungen je Knoten
n = a + s − 3 k.
Der Kran in Bild 3-16 ist in der Ebene 1-fach statisch unbestimmt. Die grau
angelegte Fläche ist nach dem Aufbauprinzip statisch bestimmt, wenn von den
beiden Lagern ausgehend jeder Knoten mit zwei Stäben angeschlossen wird.
Der zusätzliche Stab bewirkt die Unbestimmtheit.

a=3
s = 28
k = 15
} n = 3 + 28 2 * 15 = 1

a b

Bild 3-16 Statisch unbestimmter Kran

Die Fachwerkbrücke in Bild 3-17 ist 2-fach statisch unbestimmt. Auch hier ist
3.3 Statische Bestimmtheit 49

der grau angelegte Bereich mit dem Aufbauprinzip als statisch bestimmt iden-
tifizierbar. Ausgehend von einem Lager und einem Hilfslager kann man suk-
zessive alle Knoten mit zwei Fachwerkstäben anschließen. Das Hilfslager wird
entfernt, sobald das Fachwerk auf beiden Lagern ruht. Die zwei zusätzlichen
Stäbe bewirken die statische Unbestimmtheit des Systems.

a=3
s = 35
k = 18
} n = 3 + 35 2 * 18 = 2

a b
Bild 3-17 Statisch unbestimmte Fachwerkbrücke

Bild 3-18 zeigt eine räumliche Stahlfachwerkkonstruktion des Schiffshebewerks


in Niederfinow. Die Konstruktion dient dazu, einen Höhenunterschied von ca.
36 m auf dem Oder-Havel-Kanal zu überwinden. Zurzeit wird ein neues, für
größere Schiffe nutzbares Schiffshebewerk in Stahlbetonbauweise errichtet.

Bild 3-18 Schiffshebewerk in Niederfinow


50 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke


Die Modellierung von beliebigen Tragwerken des Ingenieurwesens umfasst ne-
ben der Idealisierung des Tragwerks auch immer die mathematische Beschrei-
bung des Trag- und Verformungsverhaltens mit den Grundgleichungen und den
zugehörigen Randbedingungen. Die Grundgleichungen werden für kontinuierli-
che Tragwerke (Stäbe, Flächentragwerke, 3-D-Kontinua) am differentiellen Ele-
ment aufgestellt. Im einzelnen gibt es folgende Grundgleichungen:

V Die Verformungsgeometrie oder Kinematik beschreibt den Verformungs-


zustand im Gebiet und auf dem Rand. Beschreibungsvariable sind Weg-
größen und Verzerrungen.
G Die Statik beschreibt das Gleichgewicht im Gebiet und die Kraftrand-
bedingungen. Beschreibungsvariable sind Spannungen sowie Kräfte und
Momente.
W Die Werkstoffgleichungen beschreiben unabhängig von Kinematik und
Statik das Werkstoffverhalten mit den Spannungen und Verzerrungen.

Die Grundgleichungen kann man übersichtlich in das Tonti-Schema nach Bild


3-19 einordnen. Die Gleichungen für die Kinematik und das Gleichgewicht sind
Differentialgleichungen, deren Integrationskonstanten an die Randbedingungen
des jeweiligen Gebietes angepasst werden. Sie gelten unabhängig voneinander
und müssen gleichzeitig erfüllt sein.
Die Werkstoffgleichung ist im einfachsten Fall eine algebraische Gleichung, die
werkstoffunabhängig mit Hilfe vergleichbarer Materialparameter wie dem Ela-
stizitätsmodul und der Querdehnzahl formuliert werden kann. So wird die Bie-
gesteifigkeit EI und die Dehnsteifigkeit EA für Stahl, Holz und Stahlbetonquer-
schnitte angesetzt und das Materialverhalten als linear elastisch beschrieben.

Lasten P, q Verschiebungen u

✓ ✻ ✏ ✓ ✻ ✏
Gleichgewicht Kinematik
✒ ✑ ✒ ✑
❄ ✓ ✏ ❄
Spannungen σ ✛ Werkstoffgleichungen ✲ Verzerrungen ε
✒ ✑

Bild 3-19 Tonti-Schema der Grundgleichungen [22]


3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke 51

Die Werkstoffgleichungen verknüpfen die Beschreibungsvariablen der Kinema-


tik und der Statik. Der Werkstoff legt fest, wie sich das Tragwerk bei gegebenem
Spannungszustand verformt: σ → ε → u. Der Werkstoff legt damit auch fest,
wie sich der Spannungszustand bei gegebenem Verformungszustand einstellt:
u → ε → σ. Wie groß die Verformungen bei gegebenem Spannungszustand
sind, ist mit der Steifigkeit des Werkstoffs festgelegt. Man unterscheidet gene-
rell zwischen starren“ Tragwerken mit unendlich großen Steifigkeiten, stei-
” ”
fen“ Tragwerken mit endlichen Steifigkeiten und schlaffen“ Tragwerken mit

verschwindender Steifgkeit. Die in der Baustatik untersuchten Stabtragwerke
sind als schubstarr, dehnstarr und biegesteif“ vorausgesetzt.

Die Grundgleichungen sind linear, wenn die Verformungen in der Tragwerksbe-
rechnung als infinitesimal klein angenommen werden und das Werkstoffverhal-
ten als linear elastisch angesetzt wird. In desem Fall ist die Lösung der Grund-
gleichungen nach Kirchhoff eindeutig, sodass die Lösungen für unterschiedliche
Lastfälle superponiert werden können.
Wenn die Stabilität von Tragwerken (Kippen, Knicken, Beulen) untersucht wer-
den soll, sind die Verformungen endlich groß und müssen in den Grundgleichun-
gen zusätzlich berücksichtigt werden. Hierbei kann es mehrere unterschiedliche
Lösungen der Grundgleichungen zu gleichen Einwirkungen geben. Aufgrund
der Nichtlinearität gilt das Superpositionsprinzip dann nicht mehr.
Nachfolgend sind die Grundgleichungen für Stabtragwerke in einer Form zu-
sammengestellt, die im Bauwesen ausreichend ist.

3.4.1 Das differentielle Element


Die Grundgleichungen werden am differentiellen Element aufgestellt, das aus
dem jeweiligen Tragwerk an der Stelle x ± dx/2 entsprechend Bild 3-20 heraus-
geschnitten wird. Mit der speziellen Wahl des differentiellen Elementes lassen
sich die Grundgleichungen widerspruchsfrei herleiten.

q
e
M P

dx

j x

z, w

Bild 3-20 Das differentielle Element


52 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Zusätzlich zu den Grundgleichungen sind die Randbedingungen des Tragwerks


angegeben, da sie die Integrationskonstanten der Lösung der Grundgleichungen
festlegen. In der hier zunächst gewählten Theorie I. Ordnung sind die Tragwir-
kungen des Balkens und des Dehnstabes nicht gekoppelt, sodass die Grundglei-
chungen getrennt entwickelt werden können.

3.4.2 Biegestäbe
Biegestäbe bzw. Balken sind in z-Richtung belastete Stäbe, sodass die Ver-
formungen des Tragwerks in der x-z-Ebene stattfinden. Nachfolgend sind die
Grundgleichungen unter Annahme der Bernoulli–Hypothese angegeben. Für
Einzelstäbe gilt:
Raumkoordinaten : x, z q(x)
Verschiebung : w(x)
e
Verdrehung : ϕ(x) M
Verkrümmung : κ(x) x P
j
Lasten : q(x), P, M e
z,w
Biegesteifigkeit : EI
I beschreibt das Flächenträgheitsmoment des Balkenquerschnitts. P, M e sind
eingeprägte Kräfte und Momente am Rand des Balkens.

Verformungsgeometrie
Die Verformungsgeometrie beschreibt den Zusammenhang zwischen der Ver-
schiebung w, der Neigung der Stabachse ϕ und der Verkrümmung κ.

dx

z w – dw/2
w
w + dw/2

j j
j – dj/2
x

j + dj/2

Bild 3-21 Kinematik am differentiellen Balkenelement

Am differentiellen Element nach Bild 3-21-links ist die Neigung ϕ der Balken-
achse mit der Biegelinie w verknüpft. Im Bild rechts folgt die positive Ver-
3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke 53

krümmung aus der positiven Änderung der Verdrehung.


dw
tan ϕ = dx
= w′ ,
ϕ = arctan w′ ,
dϕ w ′′
κ= dx
= (1 + w ′2 )3/2
.

Die Gleichungen sind stark nichtlinear, wenn die Verdrehung ϕ groß ist. Wenn
ϕ klein ist, kann man die Gleichungen vereinfachen. Es gilt dann
ϕ − w′ = 0 im Gebiet und we − w = 0 auf dem Rand.
κ − ϕ′ = 0 ϕe − ϕ = 0
we ist eine eingeprägte Lagerverschiebung und ϕe eine eingeprägte Lagerver-
drehung. Hiermit sind die Weggrößen am Rand des Biegestabes festgelegt.

Gleichgewicht
Die Gleichgewichtsbedingungen im Gebiet werden am differentiellen Element
an der Stelle x aufgestellt. Berücksichtigt werden die Schnittgrößen sowie die
Streckenlast q [N/m]. Äußere Streckenmomente m(x) [N m/m] z. B. aus Brems-
wirkung werden hier vernachlässigt.
q

M dM/2 M + dM/2
Q dQ/2 Q + dQ/2

dx/2 dx/2

x
Für die Summe der Kräfte in Richtung z gilt
− ( Q − dQ/2 ) + ( Q + dQ/2 ) + q dx = 0.
Mit dQ = Q′ dx kann man die Gleichung vereinfachen
( Q′ + q ) dx = 0.
Die Gleichgewichtsbedingung für die Momente an der Stelle x liefert
( Q − dQ/2 ) · dx/2 + ( Q + dQ/2 ) · dx/2 + ( M − dM/2 ) − ( M + dM/2 ) = 0.
Auch hier kann man die Gleichung mit dM = M ′ dx vereinfachen
( M ′ − Q ) dx = 0.
54 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Zusätzlich zu den Gebietsgleichungen muss das Gleichgewicht auf dem Rand


erfüllt werden. Der Rand hat in x-Richtung keine räumliche Ausdehnung, so-
dass kein differentielles Element erforderlich ist. Hier wird das Gleichgewicht
zwischen den Einwirkungen P, M e und den inneren Reaktionen Q, M gefordert.
Rand
x
M Q
z M
e
P
l

Damit sind die Gleichgewichtsbedingungen wie folgt anzusetzen:

Q′ + q = 0 im Gebiet und P −Q=0 auf dem Rand.


M′ − Q = 0 Me + M = 0

Werkstoffgleichungen
Das Werkstoffverhalten wird hier als linear elastisch angesetzt. Plastische Ver-
formungen und Rissbildung erfordern zusätzliche Annahmen und Bedingungs-
gleichungen, die erst bei weiterführenden Modellen eingesetzt werden.
Im Rahmen der Bernoulli-Theorie werden die Verkrümmungen aus Elastizität
und Erwärmung mit dem Biegemoment sowie dem Temperaturgradienten ∆T
in Dickenrichtung verknüpft. Es gilt

κel = −M/EI
κT = −αT (Tu − To )/h = −αT ∆T /h

+k
+M
Die Verformungsbedingung verknüpft die Verkrümmungen aus Elastizität und
Erwärmung mit der Verformungsgeometrie

κ − κel − κT = 0.

Die Querkräfte sind mit den Biegemomenten nur über die Gleichgewichtsbedin-
gungen verknüpft. Eine Werkstoffgleichung für die Querkraft kann im Rahmen
der Bernoulli–Hypothese mit schubstarren Querschnitten nicht angesetzt wer-
den, da die Schubverformungen verschwinden.
3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke 55

3.4.3 Dehnstäbe
Dehnstäbe sind in Längsrichtung des Stabes (x-Achse) belastet und können
Druck- und Zugkräfte aufnehmen. Sie werden in der Baustatik als dehnstarr
angesetzt, da die Dehnsteifigkeiten in der Regel erheblich größer als die Biege-
steifigkeiten sind. Streckenlasten können über den Stab integriert und an den
Stabenden als Einzellasten aufgebracht werden.
Bei statisch unbestimmten Systemen sind die Steifigkeiten wesentlich für den
Lastabtrag, sodass die Stäbe im Einzelfall als dehnsteif angesetzt werden müs-
sen. Am Einzelstab gilt zunächst allgemein:
Koordinate : x
p(x)
Verschiebung : u(x) P
Dehnung : ε(x)
Lasten : p(x), P x,u
Dehnsteifigkeit : EA
A beschreibt die Querschnittsfläche des Dehnstabes. p(x) ist eine Streckenlast
und P eine Einzellast.
Die Grundgleichungen des Dehnstabes werden analog zum Biegestab am diffe-
rentiellen Element aufgestellt.

Verformungsgeometrie
Die Verformungsgeometrie bzw. Kinematik definiert den Zusammenhang zwi-
schen den Verschiebungen u(x) und den Verzerrungen ε(x). In der Mechanik
und der Statik sind verschiedene Verzerrungsmaße bekannt, die je nach An-
wendungsgebiet unterschiedlich definiert sind. Hier wird die anschauliche In-
genieurverzerrung verwendet, bei der die Länge des verformten differentiellen
Elementes auf die unverformte Länge bezogen ist.
dx/2 dx/2

x u

u du/2 u + du/2

Entsprechend der Abbildung sind die Ingenieurverzerrungen wie folgt definiert


(u + du/2) − (u − du/2)
ε = .
dx
56 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Mit du = u′ dx folgen die Grundgleichung und die zugehörige Randbedingung


für u. Es gilt

u′ − ε = 0 im Gebiet und
e
u −u=0 auf dem Rand.
e
u ist eine eingeprägte Lagerverschiebung, die die Randverschiebung festlegt.

Gleichgewicht
Das Gleichgewicht der Kräfte liefert am differentiellen Element
− ( N − dN/2 ) + ( N + dN/2 ) + p dx = 0.
P

N dN/2 N + dN/2

dx/2 dx/2

Mit dN = N ′ dx kann man die Gleichung umformen zu


( N ′ + p ) dx = 0.
Außerdem sind die Kraftrandbedingungen zu erfüllen. Damit gilt

N′ + p = 0 im Gebiet und
P −N =0 auf dem Rand.

Werkstoffgleichungen
Die Werkstoffgleichungen verknüpfen die Verzerrungen εel , εT mit den Normal-
kräften N sowie der Erwärmung von T0 auf T1 . Vereinbarungsgemäß ist lineares
Werkstoffverhalten angesetzt. Hierfür gilt

εel = N/EA
εT = αT (T1 − T0 )

Die Verformungsbedingung verknüpft die Werkstoffgleichungen mit der Verfor-


mungsgeometrie
ε − εel − εT = 0.
3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke 57

3.4.4 Torsion
Torsionsstäbe erfahren eine um die Längsachse (x-Achse) wirkende Momenten-
belastung, die zu einer Verdrillung des Stabes führt. In der St. Venant Torsi-
onstheorie setzt man voraus, dass die Querschnitte bei der Verformung eben
bleiben und keine Verwölbung auftritt. Dies ist für die Torsion von Kreisring-
querschnitten exakt.
Bei beliebigen Querschnitten treten jedoch Verwölbungen auf, die man nur
mit einer genaueren Theorie beschreiben kann. Hierfür gelten die folgenden
Grundgleichungen daher nur, wenn als Randbedingungen der freie Rand mit
vorgegebenem Torsionsmoment oder die Gabellagerung zugelassen sind. Die
Gabellagerung nimmt das Torsionseinspannmoment auf, ist jedoch keine Fest-
einspannung, sodass eine ungehinderte spannungsfreie Verwölbung möglich ist,
die in den Grundgleichungen nicht berücksichtigt werden muss. Für die Be-
schreibung des Tragverhaltens von Torsionsstäben gilt:
Raumkoordinate : x
Drillwinkel : ϑ(x) mT e
MT
J
Verdrillung : d(x) x
Einwirkungen : mT (x), MTe
Drillsteifigkeit : GIT
G ist der Schubmodul und IT beschreibt das polare Flächenträgheitsmoment
des Querschnitts.

Verformungsgeometrie
Die Verformungsgeometrie beschreibt nicht die Dehnungsverteilung im Quer-
schnitt, sondern ausschließlich die Verdrillung d in Stablängsrichtung, die einem
Schubwinkel entspricht. Hierfür gilt

dJ/2 J

(ϑ + dϑ/2) − (ϑ − dϑ/2) dx/2


d = . x
dx dx/2
dJ/2

Mit dϑ = ϑ′ dx folgen die Grundgleichung und die zugehörige Randbedingung


ϑ′ − d = 0 im Gebiet und
ϑe − ϑ = 0 auf dem Rand.
e
ϑ ist ein eingeprägter Drillwinkel am Lager, analog zu einer Lagerverdrehung
bei einem Biegestab.
58 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Gleichgewicht
Torsionsstäbe können von Einzelmomenten MTe und von Streckenmomenten
mT belastet werden. Momentengleichgewicht um die Längsachse liefert
−(MT − dMT /2) + (MT + dMT /2) + mT dx = 0.
mT

MT dMT /2 MT + dMT /2

dx/2 dx/2

x
Mit dMT = MT′ dx sowie dem einwirkenden Torsionsmoment MTe folgt

MT′ + mT = 0 im Gebiet und


MTe − MT = 0 auf dem Rand.

Werkstoffgleichung
Auch für die Torsion wird elastisches Werkstoffverhalten angesetzt. Erwärmung
liefert jedoch keinen Beitrag. Damit gilt die Werkstoffgleichung
del = MT /GIT
sowie die Verformungsbedingung
d − del = 0.

Anmerkung
In der Bemessung der Tragwerke unterscheidet man Gleichgewichtstorsion und
Verträglichkeitstorsion. Die Unterscheidung ist nicht zwangsläufig erforderlich,
sondern in unterschiedlichem Systemtragverhalten begründet.

Gleichgewichtstorsion Verträglichkeitstorsion
3.5 Analytische Lösung der Grundgleichungen 59

1. Gleichgewichtstorsion muss nachgewiesen werden, da das Tragwerk einstürzt,


wenn die Torsionsmomente nicht aufgenommen werden können. Dies bedeutet
für das im Bild links dargestellte Tragwerk, dass der Längsträger torsionssteif
und eine Gabellagerung vorhanden sein muss.
2. Verträglichkeitstorsion liegt vor, wenn die Einwirkungen zwar zur Torsion
eines Stabes führen, aber zusätzliche Tragwirkungen vorhanden sind, die die
Standsicherheit auf anderem Wege sicherstellen können. Das im Bild rechts
dargestellte System trägt die Lasten auch über Biegung ab.

3.5 Analytische Lösung der Grundgleichungen


Hier wird die analytische Vorgehensweise für Biegestäbe allgemein erläutert,
ohne die im Einzelfall möglichen Vereinfachungen zu berücksichtigen. Für den
auf Biegung beanspruchten Einzelstab mit konstanter Biegesteifigkeit gilt nach
Zusammenfassung der Grundgleichungen
EIw′′′′ = q(x).
Die Gleichung beschreibt das Kräftegleichgewicht in z-Richtung. Die Gleichge-
wichtsbedingung enthält folgende Teillösungen, die superponiert werden.
• Die Lösung der homogenen Differentialgleichung
EIw′′′′ = 0 −→ wh = ao + a1 x + a2 x2 + a3 x3

• und die Partikularlösung, hier für konstante Belastung


qx4
EIw′′′′ = q −→ wp = .
24EI
Damit ist die Gesamtlösung
qx4
w = wh + wp = ao + a1 x + a2 x2 + a3 x3 + .
24EI
Die Anpassung der Konstanten ai der Gesamtlösung an die Randbedingungen
erfolgt für den jeweils vorliegenden Einzelfall. Für das im Bild gewählte System
gilt:

w(0) = 0
x q(x)
j
w(l) = 0
a b
z,w l
M (0) = −EIw′′ (0) = 0
M (ℓ) = −EIw′′ (ℓ) = 0
60 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Damit folgt die an die Randbedingungen angepasste Gesamtlösung


q
w = ( l3 x − 2 lx3 + x4 ) .
24 EI
Mit der Gesamtlösung der Differentialgleichung ist die Biegelinie w bekannt.
Im Nachlauf kann man mit den Grundgleichungen auch die anderen Zustandsli-
nien (ϕ, M, Q) nach Differentiation der Biegelinie berechnen. Für den gelenkig
gelagerten Balken mit konstanter Belastung erhält man den Verlauf der Zu-
standslinien wie im Bild dargestellt.
Wenn die Biegelinie w(x) ein Polynom
vierter Ordnung ist, ist die Neigung
ϕ(x) dritter Ordnung. Beide Zustands- w w=j
linien sind hier nur der Vollständigkeit
halber angegeben. Primär interessieren j j=-M
das Moment und die Querkraft. Wenn EI
w(x) ein Polynom vierter Ordnung ist,
folgt ein quadratischer Verlauf der Mo- M M=Q
mentenlinie und ein linearer Verlauf der
Querkraftlinie. Am gelenkigen Lager ist
die Momentenlinie null. Der Extrem- Q Q=-q

wert der M-Linie gibt wegen M = Q
den Nulldurchgang der Querkraftlinie
an.
Für eine anschauliche Kontrolle des Ergebnisses kann man den Zusammenhang
zwischen Moment, Verkrümmung und Einwirkung verwenden.

Die Berechnung der Lagerkräfte ist in der Regel nicht erforderlich, kann aber
in einer nachfolgenden Berechnung mit den Zustandslinien M und Q erfolgen.
Entsprechend Bild 3-22 können die Lagerkräfte für das vorliegende Beispiel mit
den Querkräften ermittelt werden.

Qa Qb

A B

A = Qa B = - Qb

Bild 3-22 Schnitt am Lager

Bei mehreren Feldern und bei Rahmentragwerken sind die Grenzen der analyti-
schen Vorgehensweisen schnell erreicht, sodass hier immer die viel effizienteren
Verfahren der Baustatik eingesetzt werden.
3.6 Vorgehensweise der Baustatik 61

3.6 Vorgehensweise der Baustatik


In der Baustatik berechnet man grundsätzlich zuerst die Momentenlinie. Erst
danach werden alle anderen Zustandslinien mit Hilfe der Grundgleichungen und
danach eventuell die Lagergrößen ermittelt. Hierbei gelten folgende Regeln:

1. Die Momentenordinaten werden nur an ausgezeichneten Stellen des Trag-


werks ermittelt. Dies sind vorzugsweise die Grenzen der Integrationsbereiche
der Grundgleichungen, also z. B. Lager und Rahmenecken.
2. Der Verlauf der Momentenlinie zwischen den berechneten Einzelordinaten
wird mit Hilfe der nachfolgenden Tabellen für den Zusammenhang der Zu-
standslinien ermittelt.
3. Die genaue Momentenlinie zwischen Einzelordinaten wird mit Hilfe der
Schlusslinie und der Momentenlinie am Einzelfeld bestimmt, was nachfolgend
ebenfalls erläutert ist.

3.6.1 Zusammenhang der Zustandslinien


Für vorhandene Lasten q(x) erhält man die analytische Lösung der Zustands-
linien nach Differentiation der Gesamtlösung, siehe Abschnitt 3.4.2 und Ab-
schnitt 3.5. Bei Einzellasten und Einzelmomenten weisen die Zustandslinien
Knicke und Sprünge auf, siehe Bild 3-23.

M li P M re e
M
M li M re
Q re Q li Q re
Q li

M M

Qre = Qli − P Qre = Qli


Mre = Mli Mre = Mli + M e

Bild 3-23 Einzellast und Einzelmoment

Für die qualitative Beschreibung der Zustandslinien ist der Zusammenhang zwi-
schen den Zustandsgrößen in Tabelle 3.1 angegeben. Hiermit sind der Verlauf
der Zustandsgrößen sowie Nulldurchgänge, Knicke und Sprünge ohne weitere
Berechnung qualitativ angebbar, wenn eine einzige Zustandslinie bekannt ist.
In nachfolgender Tabelle ist auch die Zuordnung von Nullstellen, Extremwerten
62 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

und Wendepunkten der Zustandslinien angegeben, sodass man mit gegebener


Momentenlinie M die Biegelinie w qualitativ zeichnen und damit die Momen-
tenlinie anschaulich kontrollieren kann.

Tabelle 3.1 Verlauf der Zustandslinien bei gegebener Last

q(x) Q M w
0 0 konstant
0 konstant linear
konstant linear Parabel 2. Ordnung
linear Parabel 2. Ordnung Parabel 3. Ordnung
... ... ...
Einzellast Sprung Knick
Einzelmoment unverändert Sprung
0 max/min
0 Wendepunkt

Nachfolgendes Beispiel zeigt, wie die Momentenlinie von der Art der Last
abhängt. Die Gleichlast q bewirkt eine quadratische Momentenlinie. Im unbe-
lasteten Teil des Balkens ist die Momentenlinie linear. An der Stelle des rechten
Lagers ist ein Knick vorhanden. Der Verlauf der Querkraft ist als Neigung der
Momentenlinie ablesbar. Die Krümmung der Biegelinie entspricht direkt der
Momentenlinie. Der Momentennullpunkt ist Wendepunkt der Biegelinie.

q P

WP
w

min

Q
3.6 Vorgehensweise der Baustatik 63

Beispiel 1
Das Moment und die Querkraft im Pendelstab b − c sind null. Das Moment
links neben dem Gelenk b erhält man als Schnittmoment im Kragarm b − d.
Weil die Querkraft im Gelenk b und die Normalkraft im Stab b − d null sind,
ist die Querkraft Qa−b ebenfalls null und die M-Linie vom Gelenk bis zur
Einspannung konstant. Die Querkraft ist die Neigung der M-Linie. Die hier
nicht dargestellte Normalkraft Nb−c ist null, und die Normalkraft im Stab a − b
konstant, Na−b = −P .
P
d

a b c

P
w

M
M=0
Q=0
Q N=0

Wichtig für das anschauliche Verstehen des Tragverhaltens ist der Zusammen-
hang von Biegelinie w und Momentenlinie M . Besonders bei modernen Be-
rechnungsprogrammen ist eine schnelle und effiziente Kontrolle möglich, wenn
man die berechnete Biegelinie mit der Anschauung überprüft. Wenn M auf der
Zugseite abgetragen wird, ist die Verkrümmung des entsprechenden Balkenab-
schnitts vorgegeben. Hiermit verschiebt sich der Stab b − d nach oben und der
Knoten d nach links. Stab b − c ist nicht gekrümmt. Die aus der Momentenlinie
entwickelte Biegelinie entspricht der Anschauung.

Beispiel 2
In c und d ist ein Momentengelenk angeordnet, damit ist die Momenten-Linie
im Bereich c − d null, da der Stab unbelastet ist. In c−links springt die M-Linie
auf M e . Die Neigung der M-Linie bleibt von c nach b null, weil die Querkraft
bei einem Momentensprung unverändert ist. Von b nach a ist keine Belastung
vorhanden, sodass die M-Linie linear auf null in a abnimmt. Die Querkraft folgt
aus der Neigung der M-Linie.
64 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Auch hier kann man die Momentenlinie mit der Biegelinie anschaulich kontrol-
lieren. Stab c−d ist nicht gekrümmt, Stab a−c ist einsinnig mit untenliegender
Zugseite gekrümmt.
e
M

a b c d

Mb e
M
M=0
Q
Qc = 0

Beispiel 3
In c ist das Moment null. Rechts und links von c springt die M-Linie auf M e .
Im Bereich c − d verläuft die M-Linie linear bis auf null in d. Von c nach b
bleibt die Neigung der M-Linie unverändert, sodass Mb direkt ermittelt werden
kann. Von b nach a nimmt die M-Linie linear auf null ab. Die Querkraft folgt
aus der Neigung der M-Linie. Die Biegelinie weist in c einen Knickwinkel auf,
wobei die Biegelinien links und rechts vom Knick gleich gekrümmt sind.
e
M

a b c d

Mb e
M
M=0
Q e
Qc = – M /lcd
3.6 Vorgehensweise der Baustatik 65

Beispiel 4
In c ist das Moment null. Rechts von c springt das Moment um −M e . Im
Bereich c − d nimmt die M-linie linear auf null in d ab. Da das Einzelmoment
in c die Neigung der M-Linie unverändert lässt, steigt das Moment von null in
c linear und parallel zum Verlauf in c − d auf Mb an. Schnitt in b und a sowie
Σ M = 0 um b gibt die Querkraft rechts von a und damit die Neigung der
M-Linie von a bis zur Einzellast. Damit ist auch die M-Linie von der Einzellast
nach b bekannt. Die Querkraft ist die Neigung der M-Linie.
P e
M

a b c d

WP
w

3.6.2 Schlusslinien
Das in Abschnitt 3.1 erläuterte Schnittprinzip wird zur Berechnung der Schnitt-
größen eingesetzt, ohne die Grundgleichungen explizit zu lösen. Aufgrund des
Superpositionsprinzips kann man am gelenkig gelagerten Balken die Momen-
tenlinien aus Stabendmomenten sowie aus Last getrennt berechnen und danach
addieren. Hierbei wird vorausgesetzt, dass die Momentenlinien am gelenkig ge-
lagerten Einfeldbalken unter beliebiger Einwirkung bekannt sind.
P
Mli
M
Mre
Mre
Mli
P · l/4

Bei komplexen Tragwerken kann man entsprechend verfahren. Wenn an beliebi-


gen Stellen eines Tragwerks Schnitte gelegt werden können, so kann man durch
66 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

geschickte Wahl der Schnitte die Schnittgrößen an besonders ausgezeichneten


Stellen im Tragwerk direkt berechnen. Für alle freigeschnitten Teilsysteme gilt
Σ H = 0, Σ V = 0, Σ M = 0.
Sind die Momentenordinaten an ausgezeichneten Schnitten bekannt, so kann
man den Verlauf der Momentenlinie und der Querkraftlinie zwischen benach-
barten Schnitten mit Hilfe einfacher Regeln analog zum links und rechts gelen-
kig gelagerten Balken bestimmen.

Sind in einem beliebigen Stababschnitt eines Stabtragwerks die Momenten-


ordinaten am linken und am rechten Rand mit Hilfe des Schnittprinzips be-
rechnet, so wird die geradlinige Verbindung zwischen den Ordinaten der Stab-
endmomente als Schlusslinie bezeichnet.

Beispiel 1
Wenn der Stababschnitt unbelastet ist,
muss die Momentenlinie wegen Q li Q re
M li M re
M (x) = Mli + Qli · x x
l
linear zwischen den Randwerten verlau-
fen. Wegen M +

Q = M = (Mre − Mli )/l
Q +
wird die Querkraft mit den Randwerten
der Momentenlinie berechnet.

Beispiel 2
Steht eine Einzellast in Feldmitte, muss P
die lineare Momentenlinie des unbela-
steten Stababschnitts um den Anteil
x
aus Einzellast ergänzt werden. Dies er- l
folgt so, dass die Momentenlinie aus
Einzellast am gelenkig gelagerten Ein- Pl
4 Schlusslinie
feldbalken auf die Schlusslinie addiert
wird. M
M li M re
Die Querkräfte erhält man mit Q = M ′
oder aus Addition der Querkraftlinie in-
Q
folge Einzellast und der Querkraftlinie Q li Q re
P
des unbelasteten Stababschnitts.
3.6 Vorgehensweise der Baustatik 67

Beispiel 3
Im Stababschnitt sind die Momenten-
ordinaten am linken und rechten Rand
gegeben. Bei konstanter Belastung x
muss die Momentenlinie wegen l
M (x) = Mli + Qli · x − q · x2 /2 Schlusslinie ql 2
8
zwischen den Randwerten quadratisch
- -
verlaufen. Wegen M +
M li M re
Q(x) = M ′ = Qli − q · x
ist die Querkraftlinie linear. Analog -
Q +
ist vorzugehen, wenn die Belastung Q li
Q re
beliebig verteilt ist oder Einzelkräfte
oder Einzelmomente vorhanden sind.
Damit ist es grundsätzlich von Vorteil, bei beliebigen Tragwerken nur die Ordi-
naten in ausgezeichneten Schnitten zu berechnen und die Zustandslinien M (x)
und Q(x) des gelenkig gelagerten Balkens zwischen den Schnitten einzuhängen.

Beispiel 4
Die Berechnung der Momentenlinie des Durchlaufträgers erfolgt in zwei Schrit-
ten. Zuerst wird die Schlusslinie feldweise bestimmt. Momentengleichgewicht
am Abschnitt c − d um die Stelle c gibt das Stützmoment an der Stelle c. Nach
Freischneiden der Lager des Balkens folgt aus dem Momentengleichgewicht um
die Stelle c die Querkraft am linken Rand a. Mit Q = M ′ in Abschnitt a − b
folgt das Schnittmoment in b. Damit ist die Schlusslinie gegeben. Die Momen-
tenparabel im Abschnitt b − c wird nur noch eingehängt.

q P
x,u
a b c d

z,w
WP
w

M
max

Q
STATISCH BESTIMMTE SYSTEME
71

4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

In diesem Abschnitt werden die Vorgehensweisen zur Berechnung von Zustands-


linien von statisch bestimmten Tragwerken erläutert und an ausgewählten Bei-
spielen gezeigt. Das Vorgehen der Baustatik ist für Durchlaufträger bereits in
Abschnitt 3.3 gezeigt. Im folgenden Abschnitt stehen die M, Q, N -Verläufe in
ebenen Fachwerken sowie Rahmen- und Bogentragwerken im Vordergrund.

4.1 Fachwerke
Beim Entwurf von Fachwerken und der Berechnung der Stabkräfte erleich-
tern einige Grundregeln die Analyse des Tragverhaltens. Fachwerkknoten sind
Schnittpunkte der idealen Stabachsen. Die Stäbe sind gerade und gewichtslos,
Lasten greifen nur in Fachwerkknoten an. Fachwerkstäbe sind im Berechnungs-
modell grundsätzlich gelenkig miteinander verbunden. Die in der Wirklichkeit
vorhandenen Einspannwirkungen sind vernachlässigbar, da sie für das Tragver-
halten unwesentlich sind.
Zeigt bei einem Stab-Dreieck eine
Knotenlast in Richtung der Winkel-
halbierenden zweier Stäbe, sind die
Stabkräfte gleich groß.
Zeigt bei einem Stab-Dreieck eine
Knotenlast senkrecht zur Winkel-
halbierenden zweier Stäbe, sind die
Stabkräfte entgegengesetzt gleich
groß (Druck bzw. Zug).
Stehen zwei Stäbe senkrecht aufeinander, so übertragen sie keine Kraftwirkun-
gen untereinander. Liegen an einem Knoten zwei Stäbe auf einer Geraden und
ist ein dritter in einem beliebigen Winkel dazu angeordnet, so ist die dritte
Stabkraft null. P P

D D
P Z
Z 0
0 0
≠0 ≠0

Die Berechnung der Stabkräfte von statisch bestimmten Fachwerken erfolgt


mit dem Schnittprinzip. Wenn die Verschiebungen der Fachwerkknoten von
Interesse sind, müssen die Stäbe als dehnsteif angesetzt werden.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_4
72 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.1.1 Anwendung des Schnittprinzips


Bei der Berechnung der Stabkräfte mit Hilfe des Schnittprinzips herrscht an je-
dem freigeschnittenen System Gleichgewicht (Ritter-Schnitt). Die Berechnung
statisch bestimmter Fachwerke erfolgt dann in folgender Reihenfolge.
1. Zuerst sind die Lagerkräfte des Gesamtsystems zu berechnen.
2. Danach ist das Schnittprinzip sukzessive so anzuwenden, dass in jedem
Schnitt maximal drei Stabkräfte unbekannt sind. Die Stabkräfte kann man
dann mit den Gleichgewichtsbedingungen berechnen.
3. Die Gleichgewichtsbedingungen sind am freigeschnittenen Teilsystem so anzu-
setzen, dass je Gleichung nur eine unbekannte Stabkraft vorhanden ist, und die
Gleichgewichtsbedingungen damit entkoppelt sind. Hierbei kann auch ΣM = 0
für verschiedene Drehpunkte angesetzt werden.

P
2 4 6

1 3 5 7

A B

P S42
ΣM3 = 0 → S42
34
S

HA ΣM4 = 0 → S35
ΣV = 0 → S34
S35
VA VB

4.1.2 Vergleich dreier Fachwerkbrücken


Auf den nachfolgenden Seiten werden drei Brücken mit unterschiedlichem Fach-
werk aber sonst gleichen Bedingungen verglichen. Die Lagerkräfte sind in allen
Fällen:
ΣH = 0 = HA → HA = 0
ΣM1 = 0 = VB 4ℓ − P ( ℓ + 2ℓ + 3ℓ ) → VB = 1, 5P
ΣV = 0 = VA + VB − 3P → VA = 1, 5P
Mit bekannten Lagerkräften kann man jetzt sukzessive alle Stabkräfte nachein-
ander mit jeweils einer Gleichung berechnen.
4.1 Fachwerke 73

Schräge Druck- und Zugstreben


Das nachfolgende Fachwerk besitzt 15 Stäbe und ist insgesamt viel weniger auf-
wändig hergestellt als das zweite und das dritte Fachwerk. Besonders vorteil-
haft ist, dass alle Knotenverbindungen gleichartig sind und die Stablängen auf
maximal zwei Varianten beschränkt sind. Außerdem ist das optische Erschei-
nungsbild ausgewogener. Es gilt a2 = h2 + ℓ2 /4, sin α = h/a, cos α = ℓ/2a.
2 4 6 8
15 Stäbe
h

1 a 3 5 7 9
Ha a b
P P P
Va l l l l Vb

geschnittene Stäbe Gleichgewicht Stabkraft P/h

S12 − S13 ΣV S12 −1, 5 a


S12 − S13 ΣH S13 +0, 75 ℓ
S13 − S23 − S24 ΣV S23 +1, 5 a
S13 − S23 − S24 ΣH S24 −1, 5 ℓ
S24 − S34 − S35 ΣV S34 −0, 5 a
S24 − S34 − S35 ΣH S35 +1, 75 ℓ
S35 − S45 − S46 ΣV S45 +0, 5 a
S35 − S45 − S46 ΣH S46 −2 ℓ
S46 − S56 − S57 ΣV S56 +0, 5 a
S46 − S56 − S57 ΣH S57 +1, 75 ℓ
S57 − S67 − S68 ΣV S67 −0, 5 a
S57 − S67 − S68 ΣH S68 −1, 5 ℓ
S68 − S78 − S79 ΣV S78 +1, 5 a
S68 − S78 − S79 ΣH S79 +0, 75 ℓ
S79 − S89 ΣV S89 −1, 5 a
74 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

Schräge Druckstreben und vertikale Zugstäbe


Das zweite Fachwerk besitzt 13 Stäbe, ist jedoch schwieriger herzustellen, da
die Knotenverbindungen sehr vielfältig sind. Nachteilig ist auch, dass die Stab-
kräfte teilweise größer und die Druckstreben länger sind als im ersten Fall.
Damit erfordert der Knicksicherheitsnachweis größere Querschnitte. Vorteil-
haft ist nur, dass hier der mittlere obere Druckstab des ersten Beispiels nicht
vorhanden ist. Aus der Geometrie des Fachwerks folgen die Stablängen und
Winkel b2 = h2 + ℓ2 , sin β = h/b, cos β = ℓ/b.
2 4 6

13 Stäbe
h

1 b 3 5 7 8
Ha a b
P P P
Va l l l l Vb

geschnittene Stäbe Gleichgewicht Stabkraft P/h

S12 − S13 ΣV S12 −1, 5 b


S12 − S13 ΣH S13 +1, 5 ℓ
S13 − S23 − S24 ΣV S23 +1, 5 h
S13 − S23 − S24 ΣH S24 −1, 5 ℓ
S24 − S34 − S35 ΣV S34 −0, 5 b
S24 − S34 − S35 ΣH S35 +2 ℓ
S35 − S45 − S57 ΣV S45 1, 0 h
S35 − S45 − S57 ΣH S57 +2 ℓ
S78 − S68 ΣV S68 −1, 5 b
S78 − S68 ΣH S78 +1, 5 ℓ
S46 − S67 − S78 ΣV S67 +1, 5 h
S46 − S67 − S78 ΣH S46 −1, 5 ℓ
S46 − S47 − S57 ΣV S47 −0, 5 b
4.1 Fachwerke 75

Schräge Zugstreben und vertikale Druckstäbe


Das Tragverhalten des dritten Fachwerks entspricht der Umkehrung des zweiten
Fachwerks, wenn Druckstäbe und Zugstäbe verglichen werden. Nachteilig ist,
dass die Druckkräfte teilweise größer sind. Vorteilhaft ist, dass die Druckstäbe
kürzer sind als im zweiten Fall, was sich günstig auf den Knicksicherheitsnach-
weis auswirkt. Von Nachteil sind auch die drei Nullstäbe S13 , S79 und S56 ,
wobei der Stab S56 die Knicklänge des Obergurtes verkürzt. Aus der Geome-
trie folgen die Stablängen und Winkel b2 = h2 + ℓ2 , sin γ = h/b, cos γ = ℓ/b.
2 4 6 8 10
17 Stäbe
h

1 3 5 g 7 9
Ha a b
P P P
Va Vb
l l l l

geschnittene Stäbe Gleichgewicht Stabkraft P/h

S12 − S13 ΣV S12 −1, 5 h


S13 − S23 − S24 ΣV S23 +1, 5 b
S13 − S23 − S24 ΣH S24 −1, 5 ℓ
S24 − S34 − S35 ΣV S34 −0, 5 h
S24 − S34 − S35 ΣH S35 +1, 5 ℓ
S35 − S45 − S46 ΣV S45 +0, 5 b
S35 − S45 − S46 ΣH S46 −2 ℓ
S46 − S56 − S68 ΣH S68 −2 ℓ
S58 − S57 − S68 ΣV S58 +0, 5 b
S58 − S57 − S68 ΣH S57 +1, 5 ℓ
S57 − S78 − S810 ΣV S78 −0, 5 h
S57 − S78 − S810 ΣH S810 −1, 5 ℓ
S810 − S710 − S79 ΣV S710 +1, 5 b
S910 − S79 ΣV S910 −1, 5 h
76 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.1.3 Analogie zwischen Fachwerk und Ersatzbalken


Wenn Fachwerke in ihrem Gesamttragverhalten wie Biegestäbe wirken, kann
man die Stabkräfte mit Hilfe von Ersatzbalkensystemen interpretieren und be-
rechnen.

Fachwerk Ersatzrahmen
Gegeben sei das nachfolgend im Bild dargestellte Fachwerk – z. B. eine Ei-
senbahnbrücke – mit den Knoten 1–12. Das Fachwerk mit der untenliegenden
Fahrbahn ist in den Knoten 3, 5, 7, 9 und 11 belastet. Idealisiert man die
gesamte Brücke als Ersatzbalken ohne genaue Aufgliederung in die einzelnen
Fachwerkstäbe, so kann man die Schnittgrößen M und Q am Ersatzbalken
ermitteln. Die Achse des Ersatzbalkens ist hier im Untergurt angeordnet.

2 4 6 8 10

Fachwerk
1 3 5 7 9 11 12
a b
6Dl

P P P P P

Ersatzbalken
Q

Die beim Freischneiden anzusetzenden Schnittgrößen M und Q des Ersatz-


balkens müssen den beim Schnitt des Fachwerks vorhandenen Stabkräften Sij
statisch äquivalent sein, sodass die Stabkräfte aus Äquivalenzbedingungen be-
rechnet werden können. Für das gewählte Beispiel können z. B. die Stabkräfte
S56 , S46 und S57 aus nachfolgenden drei Bedingungen ermittelt werden.
4.1 Fachwerke 77

Die Summe der vertikal wirkenden Anteile der Stabkräfte entspricht der Quer-
kraft, die Summe der horizontal wirkenden Anteile der Stabkräfte entspricht
der Normalkraft und die Gurtkräfte entsprechen den Druck- und Zugkräften
aus Biegetragwirkung. Die Äquivalenzbedingungen sind
ΣV : S56 sin α = −Qi ,
S46
ΣH : S46 + S57 + S56 cos α = Ni , 2 4
S56
ΣM : S46 · h + S56 · sin α∆x = −Mi (x). 1 a 3 5
S57
Wendet man die Vorgehensweise auf al- a P P
le Schnitte an, so entsprechen die stück-
weise konstante Querkraft“- und die
” P P M
stückweise lineare Momenten“-Linie Q
” N
des Fachwerks den Zustandslinien des
Dl Dl
Ersatzbalkens. Dx

Ist der Untergurt der Fachwerkbrücke aus Eigengewicht und Verkehr gleich-
mäßig belastet, so kann man als Ersatzbalken einen gleichmäßig belasteten
Balken wählen. Hierbei verändern sich die Querkraft- und die Momenten-Linie
gegenüber dem ersten Fall.
q = P / Dl

Ersatzbalken

DQ

Versatz

Weil die Gleichlasten beim Fachwerk direkt zu Knotenlasten integriert werden,


muss die Differenz ∆Q infolge feldweise konstanter Querkraft bei Belastung in
den Fachwerkknoten und der linearen Querkraftlinie des Ersatzbalkens beachtet
werden. Damit ist bei linearer Querkraftlinie für die Berechnung der Stabkräfte
des Fachwerks in jedem Schnitt ein Versatzmaß von 0, 5 ∆l vorzusehen, das den
stabweisen Lastabtrag auf die Knoten des Fachwerks berücksichtigt.
78 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.2 Rahmentragwerke
Ebene Rahmentragwerke sind aus Stäben zusammengesetzt, die gleichzeitig
das Tragverhalten von Dehnstäben (Membrantragwirkung) und Biegestäben
(Biegetragwirkung) aufweisen. Für den Einzelstab zwischen den Rahmenknoten
gelten die in Abschnitt 3.4 angegebenen Grundgleichungen. Die Einzelstäbe
räumlicher Rahmen tragen zusätzlich auf zweiachsige Biegung und Torsion.
Im Vergleich zur Biegesteifigkeit sind die Dehnsteifigkeiten der Stäbe sehr groß,
sodass die Verformungen aus Dehnung oder Stauchung der Stäbe in der hier
vereinfachenden Berechnung vernachlässigt werden können. Die Stäbe sind da-
her als dehnstarr angesetzt.
Lasten in Richtung der Stabachsen werden in den Stabenden angesetzt.

Bild 4-1 Rahmentragwerke

Analog zu Balkentragwerken wird auch bei Rahmentragwerken zuerst die Mo-


mentenlinie ermittelt. Hierbei bietet es sich an, zunächst die Stabendordinaten
der Momentenlinie mit Hilfe des Schnittprinzips zu berechnen und zwischen
den Stabenden die Schlusslinie mit den Momentenlinien des gelenkig gelager-
ten Balkens einzuhängen. Die Querkräfte werden weiterhin aus der Neigung
der Momentenlinie bestimmt und die Normalkräfte in einem dritten Schritt
mit Knotengleichgewichten berechnet.

Kräftegleichgewicht an Rahmenknoten
An jedem Rahmenknoten gilt ΣH = 0 und ΣV = 0. Bei nicht rechtwinklig
angeordneten Stäben können die Schnittkräfte mit einer Transformationsvor-
schrift in eine andere Richtung transformiert werden.
a
N = +H cos α + V sin α
Es gilt
Q = −H sin α + V cos α
Q
H = +N cos α − Q sin α x N
oder invertiert
V = +N sin α + Q cos α z
H
V
4.2 Rahmentragwerke 79

Momentengleichgewicht an Rahmenknoten
An jedem Rahmenknoten muss ΣM = 0, ΣH = 0 und ΣV = 0 erfüllt sein.
Da sich die Momente und die Kräfte wegen der Schnittufer-Definition nicht
vorzeichengerecht addieren lassen, müssen Momente und Kräfte entsprechend
ihrer Wirkungsrichtung angesetzt werden.
Nl
Qo
Mo Ql
Ml
No Rahmenmittelknoten
Mu
Mr
Qu
Rahmenecke Qr
Mu
Nr
Nu Qu
Nu

4.2.1 Anschauliches Finden der Zustandslinien


Der Zusammenhang der Zustandslinien von Balkentragwerken ist aus Abschnitt
3.6.1 bekannt. Bei Rahmentragwerken gelten für den Biegeanteil die gleichen
Zusammenhänge, hinzu kommen die Normalkräfte.
Die anschauliche Kontrolle der Zustandslinien gelingt daher analog zu Balken-
tragwerken mit der Verformungsfigur des Rahmentragwerks. Setzt man dehn-
starre Stäbe und kleine Verschiebungen voraus, kann man die Verformungen
eines Rahmens mit Hilfe des Sehnenpolygons anschaulich entwickeln.

Hierbei gibt man die Verschiebung eines Rahmenknotens entsprechend der Ein-
wirkungen vor und zeichnet die daraus folgenden Verschiebungen der anderen
Rahmenknoten. Die geradlinige Verbindung der Rahmenknoten bezeichnet man
als Sehnenpolygon. In einem zweiten Schritt ergänzt man den Sehnenpolygon
um die aus dem Sehnenpolygon folgenden Knotenverdrehungen und Stabver-
krümmungen sowie um die aus den Einwirkungen folgenden Verkrümmungen.
Mit den Verkrümmungen der Einzelstäbe kann man die Biegelinie und die Mo-
mentenlinie vereinfachend skizzieren.

P Sehnenpolygon
q
80 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

Beispiel
Für das folgende System lassen sich die Biegelinie und die Zustandslinien für
M, Q, N ohne direkte Berechnung der Ordinaten qualitativ entwickeln.
1. Anschauliche Bestimmung des Sehnenpolygons und der Biegelinie.
Wenn die Stäbe dehnstarr sind, verschiebt sich Knoten b infolge Last horizontal
und der Knoten d senkrecht zum Stab e–d nach oben. Damit ist der Sehnen-
polygon bekannt.
Die Biegung der Einzelstäbe folgt jetzt aus der Streckenlast und der Konti-
nuität der Verformungen in den Rahmenecken, wenn dort die Winkel bei der
Verformung erhalten bleiben. Mit der Biegelinie liegt auch das Vorzeichen der
Verkrümmung fest.

Sehnenpolygon
-
+ -
b c d

w M
e
a

2. Mit dem Verkrümmungsverlauf und den Wendepunkten der Biegelinie ist


der Verlauf der Schlusslinie qualitativ bekannt. Mit der Schlusslinie und der
Belastung der Einzelstäbe kann man die Momentenlinie vervollständigen.
3. Aus der Momentenlinie folgt die Querkraftlinie mit Q = M ′ .
4. Aus der Querkraftlinie folgen die Normalkräfte mit Kräftegleichgewicht am
Knoten.

- -

+ -
Q + N

Die qualitative Bestimmung der Zustandsgrößen mit Hilfe der Biegelinie ist
weniger für die Vorabanalyse des Tragverhaltens oder die Bemessung geeignet
als vielmehr für eine Kontrolle der Ergebnisse eines modernen Berechnungspro-
gramms.
4.2 Rahmentragwerke 81

4.2.2 Direkte Berechnung von Zustandslinien


Die Berechnung der Momentenlinie erfolgt mit Hilfe des Schnittprinzips. Hier-
bei werden in einem ersten Schritt die wesentlichen Schnittgrößen – dies sind
M und Q – in ausgezeichneten Schnitten ermittelt, sodass die Momentenli-
nie bestimmt werden kann. Bei der Lösung sollten möglichst wenig Schnitte
und Schnittgrößen verarbeitet werden, damit die Fehlermöglichkeiten gering
bleiben. Abschließend werden die Zustandslinien analog zu Abschnitt 3.6 be-
rechnet.

Beispiel 1
Im gesamten System a–b–c sind nur Vertikalkräfte vorhanden, da aus ΣH = 0
sofort Qb−c = 0 folgt. Da zusätzlich das Lagermoment Mc null ist, ist die
Momentenlinie im gesamten Stab b − c null. Damit bleibt der Stab bei der Ver-
formung gerade. Der Stab a − b trägt die Einzellast wie ein gelenkig gelagerter
Einfeldbalken.

P
a b

h
w
c
l

-P/2
-
+ +
Pl/4 P/2
M Q

Beispiel 2
Pendelstäbe, die nicht direkt belastet werden, nehmen nur Normalkräfte auf.
Stab c − d wirkt daher wie ein horizontal verschiebliches Lager. Das Moment
an der Stelle b kann damit wie bei einem Kragarm berechnet werden. Mit dem
Eckmoment Mb = p · h und den Momentengelenken in a und c ist bereits die
gesamte Momentenlinie gegeben.
82 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

a b

h
w
c P

h/2
d
l

-
Ph -Ph/l

M Q P +

Beispiel 3
Die Momentenlinie im Stab a − b ist mit dem Einzelmoment M e in b und dem
Gelenk in a gegeben. In einem Horizontalschnitt durch die Stäbe a− b und c− d
müssen die Horizontalkräfte entgegengesetzt gleich sein, sodass das Moment in
c und damit auch die M-Linie in b − c bekannt sind.
e
M b c

h
w
a d
l l
e
-M /2l
e
M /2 -
e
M
e -M / h² + l ²
-
M Q +
e
M /2h

Die Biegelinie lässt sich mit Hilfe der Rahmenecke b − c − d konstruieren. Wenn
auf der Außenseite der Rahmenecke die Zugseite liegt, muss Punkt b nach innen
verschoben werden.
4.2 Rahmentragwerke 83

4.2.3 Berechnung von Zustandslinien mit dem Aufbauprinzip


Das Aufbauprinzip wird bisher zur Bestimmung des Grades der statischen Un-
bestimmtheit verwendet. Hierbei entwickelt man das Tragwerk vom Fundament
her kommend sukzessive bis zum obersten Bauteil. Besonders vorteilhaft lässt
sich das Aufbauprinzip jedoch für die effiziente Berechnung der Zustandslinien
komplexer Systeme einsetzen.
Grundidee ist hierbei, das Tragwerk sukzessive von der Last her kommend so
in Teilsysteme aufzuschneiden, dass die Schnittgrößen zwischen den einzelnen
Bauteilen von oben“ nach unten“ schnell und möglichst einfach berechnet
” ”
werden können. Mit den Schnittgrößen können danach die fehlenden Momen-
tenordinaten z. B. in Rahmenecken ermittelt werden. Das Aufbauprinzip ist vor
allem bei geschlossenen Rahmen oft die einzige Möglichkeit, die Momentenlinie
effizient zu berechnen.

Beispiel 1
Nachfolgendes System wird zunächst entsprechend dem Aufbauprinzip so ge-
schnitten, dass der Balken c − d in einem ersten Schritt berechnet werden kann
und die Schnittgrößen in c und d nachfolgend als Last“ auf die unten liegenden

Bauteile wirken.

q
q

b c d
Qc , Nc
q Qd , Nd

h d
b

a e M

Q Q
0,5 l l N N

1. Die Momentenlinie am Stab c − d ist eine quadratische Parabel. Die Quer-


kräfte Qc = +q ℓ/2 und Qd = −q ℓ/2 folgen aus dem Momentengleichgewicht
um c bzw. d am freigeschnittenen Balken c − d.
2. Die Momentenordinate in b kann jetzt am Kragarm b−c des unteren Systems
berechnet werden. Hiermit folgt Mb = −Qc · ℓ/2 − q (ℓ2 /4)/2 = −3q ℓ2 /8. Die
Querkraft in b ist mit der Summe der Vertikalkräfte am Stab b − c gegeben:
Qb−c = Qc + q ℓ/2.
84 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

3. Die Momentenlinie und damit auch die Querkraftlinie sind im Pendelstab


d − e null. Kräftegleichgewicht am Horizontalschnitt durch die Stäbe a − b und
d − e liefert Qa−b = 0 und damit Ma−b = konst. Damit sind die Momenten-
linie und die Querkraftlinie im gesamten System bestimmt.
2
3ql
2 q(1,5l)
1
8 ql 1
8 - 2 - ql
2
+ +
2
ql
ql
-
8
M Q

4. Die Normalkräfte N sind stabweise konstant und erfüllen das Kräftegleich-


gewicht in den Knoten b und d. Hiermit folgen Nb−a = −Qb−c , Nb−c = Qb−a ,
Nd−e = Qd−c und Nd−c = −Qd−e .
Qb-c Qd-c

1 Nb-c Nd-c
- ql - ql
2
N Qb-a Qd-e

Nb-a Nd-e

Falls benötigt können die Lagerkräfte und Einspannmomente direkt aus den
Zustandslinien abgelesen werden.
Die Verformungen des Rahmens können
abschließend mit Hilfe der Momentenli-
nie skizziert werden, um eine anschau-
liche Kontrolle der Berechnung zu w
ermöglichen. Ausgehend von Lager a
verbiegt sich die Stütze a − b nach
rechts, sodass die Zugseite des Stabes
links liegt.
Damit verschiebt sich der Riegel nach rechts. Alle horizontalen Verschiebungen
des Riegels sind bei Dehnstarrheit gleich, die vertikalen Verschiebungen und
die Verkrümmungen folgen der Momentenlinie. Im Gelenk c ist wegen M = 0
ein Wendepunkt vorhanden. Die rechte Stütze verdreht sich nach rechts, bleibt
aber wegen M = 0 gerade.
4.2 Rahmentragwerke 85

Beispiel 2

Liegt ein geschlossener Rahmen vor, so kann man die Momentenlinie nur mit
Hilfe des Aufbauprinzips bestimmen. Das nachfolgende Tragwerk wird daher
so geschnitten, dass im ersten Schritt die Schnittkräfte in a und c sowie de-
ren Verlauf im oberen Drei-Gelenk-Rahmen berechnet werden können. Mit den
dann bekannten Schnittkräften in a und c wird der untere Teil des Tragwerks
im zweiten Schritt berechnet.
P P

b
2h
a a
a c
h

4·l
Aufschneiden des oberen Systems in den Gelenken a und c liefert mit ΣMc = 0
die Schnittkraft Va = −P und mit ΣV = 0 die Schnittkraft Vc = −P . Ein
zweiter Schnitt durch die Gelenke a und b liefert mit ΣMb = 0 die Schnittkraft
Ha = −P ℓ/2h und damit auch sofort Hc = −P ℓ/2h.
P P P
Hb
b
Vb

Ha Hc Ha
Va Vc Va

Mit den Schnittkräften können die Momentenordinaten in den Rahmenecken


direkt ermittelt werden, sodass die Schlusslinie und damit auch die Momenten-
linie bekannt sind.
0 0 0 0

0 0 0 0
M Q

- l ·P l
2h ·P +
lP/2 2h
0

Die Momentenlinie ist im oberen Bereich null, da sie symmetrisch ist und das
Gelenk auf der Symmetrieachse liegt. Außerdem entspricht die Tragwerksgeo-
86 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

metrie des oberen Drei-Gelenk-Rahmens der Stützlinie, vergleiche Abschnitt


4.3.3. Die Momente in den Rahmenecken an den Lagern im unteren Bereich
werden mit den Schnittkräften Ha und Hc bestimmt. Mit M ′ = Q ist die Quer-
kraftlinie und mit Knotengleichgewicht auch die Normalkraftlinie bestimmt.
-lP/2h
-
Nb = Na · cos a
Na = P / sin a
- -P/sin a = P / tan a
- Q a
N -P/sin a
P
-P Na
- -
+ lP/2h
-P

Das Tragverhalten des oberen Teilsystems weist nur Normalkräfte auf, da die
Einzellasten in die Rahmenknoten geleitet werden. Damit werden die Stäbe
a − b und b − c verdreht aber nicht verkrümmt und die Knoten a und c nach
außen gedrückt. Aufgrund der Dehnstarrheit verschieben sich die Rahmenecken
vertikal nach unten. Die Biegelinie des unteren Tragwerkteiles ist mit den La-
gern und den Verkrümmungen der Stäbe infolge der Momentenlinie gegeben.

Beispiel 3
Auch das nachfolgende System kann mit dem Aufbauprinzip effizient analysiert
werden.
q

6 4 7
5 3
c
1 2
c

a b b a
4.2 Rahmentragwerke 87

Analog zum vorhergehenden Beispiel entspricht der obere Teil des Tragwerks
einem Drei-Gelenkrahmen, sodass dieser Tragwerksteil zuerst berechnet wird.
Der Schnitt durch die Gelenke 1 und 2 (im Bild links) gibt zunächst

ΣH = 0 Q1 = −Q2 ,
a2 +4ab+3b2
ΣM2 = 0 N1 = −q 4b
.

q q

N3
Q3
Q1 Q2 Q1

N1 N2 N1

Danach erfolgt der Schnitt durch die Gelenke 1 und 3 (im Bild rechts)
2 −b2
ΣM3 = 0 Q1 = q a 4c
.

Mit den Querkräften Q1 und Q2 ist die Neigung der Momentenlinie in der
linken und rechten Stütze bekannt, sodass die Momentenordinaten in den Rah-
menecken und damit auch im unteren Riegel berechnet werden können. Der
Kragarm im rechten oberen Riegel ist unbelastet, sodass die Momentenlinie
null ist. Damit fällt die Momentenline von M7 in Punkt 7 nach Punkt 3 linear
auf null ab.
Da außerdem das Moment M6 = q a2 /2 mit Hilfe des Kragarms direkt bere-
chenbar ist, folgt mit dem Momentengleichgewicht in der linken oberen Rah-
menecke das noch fehlende Moment M4 = −q (a2 + b2 )/4. Damit sind die
Schlusslinie und die Momentenlinie bestimmt. Im Bereich der Streckenlast ist
die Momentenlinie parabolisch, sonst linear.

– q · a2/2 – q · (a2+b2)/4
- - -
– q · (b2–a2)/4 - - – q · (b2–a2)/4

Die Querkraftlinie ist mit Q1 und Q2 bereits teilweise berechnet. Die noch
fehlenden Querkräfte und Normalkräfte können mit Q = M ′ sowie aus dem
88 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

Kräftegleichgewicht an den Rahmenecken berechnet werden.

M4 Q6 Q4 Q3 Q=0
4 7
N6 = 0 N4 N3 N=0
M6
M5 Q1 Q2
N1 N2

– qa – q · (b2–a2)/4b
- -
+
q · (a2+3b2)/4b
q · (b2–a2)/4c
Q - +

– q · (b2–a2)/4c 0

Die Normalkraft N1 ist bereits bekannt. Die fehlenden Normalkräfte folgen aus
dem Kräftegleichgewicht in den Rahmenecken.

-
– q · (b2–a2)/4c
2 2

N - N1 - – q · (b –a )/4b

+
q · (b2–a2)/4c

Auch in diesem Fall kann man die Biegelinie von den Lagern ausgehend ent-
wickeln. Der untere Tragwerksteil verkrümmt sich der Momentenlinie entspre-
chend symmetrisch. Die Punkte 1 und 2 verschieben sich nach außen und be-
wirken die Verdrehung der darüber liegenden T –förmigen Bauteile. Die Ver-
krümmung der oben angeordneten Stäbe folgt der Momentenlinie. Im Fall b > a
verschiebt sich der Riegel nach links.

w
4.2 Rahmentragwerke 89

4.2.4 Besonderheiten bei symmetrischen Systemen


Symmetrische Systeme weisen Besonderheiten auf, die bei einer Handberech-
nung der Zustandslinien zu Vereinfachungen führen können und bei einer Com-
puteranalyse eine Verringerung des Rechenaufwandes bewirken. Außerdem las-
sen sich hiermit die Ergebnisse zum Teil kontrollieren.

Zunächst können beliebige Belastungen eines symmetrischen Systems in einen


symmetrischen und einen antisymmetrischen Anteil aufgeteilt werden. Beide
Lastfälle können getrennt berechnet und danach superponiert werden. Bei ei-
nem gelenkig gelagerten Einfeld-Balken kann man die Last wie folgt aufteilen.

= +

b b a b b a b

Bei der Berechnung von symmetrischen Systemen können danach die folgenden
Zusammenhänge zwischen der Belastung und den Zustandsgrößen ( s: symme-
trisch, a: antisymmetrisch) verwendet werden.

q s a

Q a s Q′ = − q

M s a M′ = Q

j M
a s ϕ′ = − EI

w s a w′ = ϕ

Die Zusammenhänge lassen sich auf geometrisch beliebig komplexe symmetri-


sche Systeme übertragen. Wesentlich ist, dass bei symmetrischen und antisym-
metrischen Einwirkungen jeweils ein Teil der Zustandsgrößen auf der Symme-
trieachse den Wert null hat. Dies kann man verwenden, um die Ermittlung der
Zustandslinien am halben System durchzuführen, wenn entsprechende Zwangs-
bedingungen auf der Symmetrieachse gesetzt sind. Das Vorgehen ist jedoch nur
90 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

für sehr große Systeme sinnvoll und wird in der Regel nur bei Computeranaly-
sen verwendet, um hier den Rechenaufwand zu reduzieren.
Symmetrie kann man mit einer verschieblichen Einspannung realisieren, Anti-
symmetrie mit einem gelenkigen Lager.

Symmetriebedingungen
ϕ = 0, Q = 0.
l l
2

Antisymmetriebedingungen
w = 0, M = 0.

Anwendungsbeispiel für Systemsymmetrien


Die Last auf dem symmetrischen Rahmen kann in ein symmetrisches und ein
antisymmetrisches Lastbild aufgeteilt werden. Die symmetrische Last bewirkt
eine symmetrische Momentenlinie und eine antisymmetrische Querkraftlinie.
Die antisymmetrische Last bewirkt eine antisymmetrische Momentenlinie und
ein symmetrische Querkraftlinie.
P Q=0
2P symmetrisches
System

l
P N=0
antisymmetrisches
System
6 · l/2

Symmetrisches System
Im mittleren Riegelstab ist die Querkraft null und wegen des Gelenkes auch die
Momentenlinie. Da die Momentenlinie außerdem im Pendelstab null ist, tragen
die äußeren Riegelstäbe die Einzellasten als Einfeld-Balken der Länge ℓ.

Antisymmetrisches System
Im gesamten Riegel ist die Normalkraft null und damit auch in den Pen-
delstäben. Der Riegel trägt die Einzellast als Einfeld-Balken der Länge 3ℓ/2.
4.2 Rahmentragwerke 91

P P P P

- -
+ + P/2
Pl/4 Pl/4 P/2
Ms Qs

P P P P
- 1/3 Pl - 1/3 P
- -
+ + +
Pl/6 2/3 P 2/3 P
1/3 Pl
Ma Qa

Superposition der Zustandslinien


Nach Superposition der symmetrischen und der antisymmetrischen Zustands-
linien folgt die Momentenlinie und die Querkraftlinie des ursprünglichen Sy-
stems.
- 5/6 P
- Pl/6 - P/3
- -
+
- Pl/12 + P/6
Pl/6
7/12 Pl 7/6 P
Mges Qges

Die Normalkräfte werden am Gesamtsystem mit dem Kräftegleichgewicht in


den Rahmenecken bestimmt.
Q = -5/6 P Q = -P/3 Q = -P/3 Q = P/6

N=0 N = -0,25 P N=0


N = -0,25 P
Q=0 Q=0 N = -0,56 P
N = -0,56 P
0,25 P
-
0,56 P 0,56 P
-

Nges
92 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.3 Bogentragwerke

Bogentragwerke eignen sich hervorragend für das Überspannen großer Spann-


weiten, da die Verformungen trotz großer Lasten klein sind. Ein besonders
anschauliches Beispiel hierfür ist die Bogenbrücke nach Bild 4-2.

Bild 4-2 Bogenbrücke im oberen Rheintal [24]

Im unteren Bild ist das statische System gegeben, das aus den tragenden Ele-
menten Balken, Stütze, Bogen und Fundament entsprechend den vorhandenen
Einwirkungen besteht.
West Ost

Rhein

Trotz der großen Spannweite und der insgesamt hohen Verkehrslasten können
die einzelnen Bauteile relativ schlank gestaltet werden, was zu einem sehr
ansprechenden Gesamteindruck führt. Die Ursache hierfür ist das besondere
Tragverhalten von Bogentragwerken, das nachfolgend erläutert wird, sowie die
großen Steifigkeiten und Festigkeiten von Stützen und Bogen verbunden mit
der Gründung auf dem anstehenden Fels.
4.3 Bogentragwerke 93

4.3.1 Schnittgrößen in Bogentragwerken


Die bisher untersuchten Tragwerke bestehen aus geraden Stäben. Hierbei ist
das Tragverhalten von Dehnstäben und Biegestäben am differentiellen Element
und damit am Einzelstab entkoppelt. Eine Kopplung im Tragwerk entsteht erst
infolge der Gleichgewichtsbedingungen an Rahmenknoten, wenn Längs- und
Querkräfte im Gleichgewicht sind.

Bei gekrümmten Stabtragwerken ist die Kopplung bereits am differentiellen


Element vorhanden. Ursache hierfür ist die Stabkrümmung, die die Tragwir-
kungen entlang der Stabachse und senkrecht dazu miteinander koppelt, siehe
Bild 4-3. Ganz entscheidend für das Tragverhalten gekrümmter Stäbe ist, dass
bei Querbelastung ps nicht nur Querkräfte und Biegemomente geweckt werden,
sondern auch Normalkräfte. Diesen Anteil bezeichnet man als Gewölbetragwir-
kung. Nebeneffekt oder sogar Ziel des Entwurfs von Bogentragwerken ist die
Aktivierung der Gewölbetragwirkung, da hierbei mit relativ wenig Materialauf-
wand große Lasten aufgenommen und in die Lager geleitet werden können (die
Membransteifigkeit ist größer als die Biegesteifigkeit). Aufgrund der schlanken
auf Druck beanspruchten Bauteile ist allerdings die Stabilitätsgefährdung zu
beachten, sodass entsprechende Sicherheitsnachweise erforderlich sind.

Das Biegemoment sowie die Längs- und


Querkräfte sind im gekrümmten t–s– M-dM/2 P
N-dN/2 t
Koordinatensystem entsprechend Bild t

4-3 definiert, also tangential und senk- Q-dQ/2 s Ps

recht zur gekrümmten Stabachse. Die t0

Belastung kann man ebenfalls im t–s– M+dM/2


Koordinatensystem angeben oder ein-
N+dN/2
facher im globalen Koordinatensystem Q+dQ/2
als horizontal und vertikal wirkende La- Bild 4-3
sten. Schnittgrößen am Bogenelement
Die Grundgleichungen für Bogentragwerke werden hier nicht angegeben, da sie
sehr komplex sind.

4.3.2 Berechnung der Zustandslinien für Bogentragwerke


Die Berechnung der Zustandslinien von statisch bestimmten Bogentragwerken
erfolgt hier anschaulich mit dem Schnittprinzip und nicht über die Lösung der
Grundgleichungen. Nachfolgend wird der Brückenbogen nach Bild 4-2 verein-
fachend als Drei-Gelenk-Bogen idealisiert, dessen vertikale Lasten Pi aus den
darüber angeordneten Stützen eingeleitet werden.
94 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

Als Lagerkräfte werden die Vertikalkräfte Va und Vb sowie die in der Verbin-
dungsgeraden a − b liegenden Kräfte Fa und Fb gewählt. Mit den auf einer
Geraden liegenden Kräften Fa und Fb gelingt es, die Wirkung des Horizon-
talschubes besser zu verdeutlichen, als dies mit den Horizontalkomponenten
H = F · cos α möglich ist.

a2
a1
Ha = Fa cos a
P2 c
Fa P1 P3
=
Va Va + Fa sin a
hc Fb
hx b

a a
Vb
x
Fa
Va
l
c b

Bild 4-4 Drei-Gelenk-Bogen unter Einzellasten

Die Berechnung der vertikalen Lager-


kräfte des Drei-Gelenk-Bogens erfolgt c ai
mit den Gleichgewichtsbedingungen am
Gesamtsystem a − b. Es gilt allgemein Pi

1. ΣMa = 0 : Vb = ΣPi · ai /ℓ,


hc
2. ΣV = 0 : Va = ΣPi · (1 − ai /ℓ),
3. ΣH = 0 : Fa = Fb . a a
Wendet man das Schnittprinzip auf den Fa
Va
linken Bogenabschnitt a − c an, erhält x ai
man den Horizontalschub
Pi M(x)
4. ΣMc = 0 :

Fa · hc cos α = Va · c − ΣPi · (c − ai ), hx
(1 − c/ℓ)
Fa = ΣPi · ai .
hc cos α a
x
Erst mit bekanntem Horizontalschub Fa
sowie den Vertikalkräften lässt sich die Va
Momentenlinie M (x) berechnen.
4.3 Bogentragwerke 95

Die Momentenlinie wird jetzt in jedem Schnitt der x–Koordinate ermittelt


M (x) = Va · x − ΣPi · (x − ai ) − Fa · h(x) cos α.
Trennt man die Anteile, die von den Vertikalkräften verursacht werden, von
den Anteilen, die der Horizontalschub bewirkt, so gilt
M (x) = Mo (x) − Fa · h(x) cos α.
Man erkennt, dass die beiden ersten Anteile einer Momentenlinie Mo (x) ent-
sprechen, die an einem horizontal liegenden geraden Balken a–b ohne Gelenk
in c ermittelt ist. Der zweite Anteil beschreibt den Einfluss des Horizontal-
schubes, der die Bogentragwirkung aktiviert. In Bild 4-5 sind beide Anteile
getrennt dargestellt. Die Momentenordinaten entsprechen der Momentenlinie
des Einfeldbalkens unter gleicher Last. Erst in der Überlagerung wird deutlich,
dass sich beide Anteile bis auf relativ kleine Momentenordinaten kompensieren,
siehe Bild 4-6. Dies verdeutlicht das besondere Tragverhalten von Bogentrag-
werken im Vergleich zu geraden Balken.
c
Fb
Pi hx

a b
c Fa
x

M0 MF
+ Fa. h x cos a

Bild 4-5 Teilmomentenlinien aus Vertikalkräften und Horizontalschub

Die Gesamtmomentenlinie des Bogens ist wegen h(x) von der Form des Bogens
abhängig. Wenn die Form der Momentenlinie des Balkens entspricht, ist die
Momentenlinie M (x) null, siehe Abschnittt 4.3.3.

Bild 4-6 Momentenlinie am Bogen infolge der Einzelkräfte Pi

Aus den Momentenlinien M0 und MF kann man mit M ′ = Q jeweils die Quer-
kraft berechnen und zur Querkraftlinie superponieren. Wenn M klein ist, gilt
dies ebenfalls für Q. Die Normalkraft N kann danach mit dem Knotengleich-
gewicht bestimmt werden.
96 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.3.3 Stützlinien
Die Momentenlinie Mo des Einfeld-Balkens im letzten Beispiel wird um die
Anteile aus Horizontalschub vermindert. Ist der Anteil aus Horizontalschub H
gerade so groß wie die Momentenlinie am Ersatzbalken, so ist die Gesamtmo-
mentenlinie M (x) identisch null. Dieser Fall tritt genau dann ein, wenn der
Hebelarm die Bedingung

h(x) cos α = Mo (x)/Fa

erfüllt. Diese spezielle geometrische Form des Tragwerks bezeichnet man als
Stützlinie. Die Form der Stützlinie erhält man daher aus der Momentlinie des
Einfeld-Balkens. Einige Beispiele für Stützlinien sind im Bild dargestellt, links
ist jeweils die Stützlinie angegeben, rechts der Ersatzbalken mit der Last.

M
1,5 P
P

P 1,5 P

M
q

Stützlinien sind besonders günstige Tragwerksformen, da sie die Lasten bei ver-
schwindender Biegung allein über Druckkräfte tragen. Wenn die Biegung gering
ist, sind auch die bei Werkstoffen mit geringer Zugfestigkeit auftretenden Risse
vermeidbar, z. B. bei Naturstein, Mauerwerk oder Beton. Mit der Stützlinie
sind große Stützweiten bei relativ kleinen Querschnitten realisierbar, sodass sie
für viele schlanke Bauwerke formgebend ist, so z. B. für Kirchendächer und Bo-
genbrücken. Zu beachten ist allerdings, dass die Druckkräfte von der Neigung
der Stäbe abhängen und mit sinkender Neigung überproportional anwachsen.
4.3 Bogentragwerke 97

Das Prinzip der Stützlinien kann man auf Flächentragwerke erweitern, wenn
man den Lastabtrag auf Druck in verschiedene Richtungen zulässt. So können z.
B. moderne Dachtragwerke als Kuppel- oder Schalentragwerk in Stützflächen-
form (Gewölbe) hergestellt werden, siehe hierzu die zusammenfassende Dar-
stellung von Heinle und Schlaich [7].

Bild 4-7 Bogenstaumauer

Bild 4-7 zeigt eine Bogenstaumauer, bei der aufgrund des Wasserdrucks eine
perfekte Kreisform die Stützfläche horizontal beschreibt. In Bild 4-8 ist ei-
ne Vierpunkt-gelagerte Freiformfläche als Dachtragwerk dargestellt. Die Form
entspricht der Stützfläche aus Eigengewicht, die man z. B. mit Hilfe einer
Vierpunkt-gelagerten Zugmembran erhält. Aufgrund der geringen Biegestei-
figkeit sind die freien Ränder aus der Schalenfläche herausgebogen.

Bild 4-8 Dachtragwerk in Stützflächenform – Naturtheater in Grötzingen [7]


98 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.4 Seiltragwerke
Seiltragwerke zeichnen sich im Vergleich zu Bogentragwerken durch eine noch
größere Tragfähigkeit aus, da sie ausschließlich auf Zug beansprucht werden
und die Stabilitätsgefährdung entfällt. Hiermit sind noch größere Spannweiten
bei geringerem Materialeinsatz möglich.

Bild 4-9 Golden Gate Bridge [14], Max-Eyth-See Brücke [9]

Am Beispiel der Golden Gate“-Brücke ist das Tragverhalten von Hängebrücken



anschaulich erkennbar. Das über die Pylone gespannte Seil ist an festen Wider-
lagern verankert, die in der Regel mit massiven Betonblöcken sowie Erdankern
realisiert werden. Die Belastung des Tragseiles erfolgt durch Eigengewicht sowie
über die Hänger, an denen die Haupttragelemente der Fahrbahn als Durchlauf-
träger aufgehängt sind.

345 m 1280 m 345 m

Bild 4-10 Statisches System der Golden Gate Bridge

Die Tragseile und die Hänger erhalten ihre Steifigkeit gegen Querlasten allein
aus der Vorspannung infolge Eigengewicht des Brückenträgers, sodass derartige
Tragwerke in der Regel empfindlich gegen Windeinwirkung sind. Zur Verringe-
rung der Gefährdung aus Wind sind die Fahrbahnträger von Hängebrücken als
filigranes torsionssteifes Fachwerk und ohne Windangriffsflächen entworfen.
4.4 Seiltragwerke 99

Am Beispiel der Brücke über den Max-Eyth-See nach Bild 4-9 rechts wird deut-
lich, dass auch geometrisch komplexe Tragwerke möglich sind und die Pylone
bei gelenkiger Lagerung mit Abspannseilen stabilisiert werden können.
Die verschiedenen Bauweisen und das Tragverhalten von Brücken aller Art wer-
den u. a. von Troyano [23], Leonhardt [14] und Holgate [9] umfassend dargestellt
und diskutiert.

Seillinien
In Seiltragwerken wird die Biegesteifigkeit apriori zu null angesetzt, sodass
die Seile biegeschlaff sind und keine Biegemomente und Querkräfte aufnehmen
können. Wenn Seile belastet sind, spannen und stabilisieren sie sich, sodass
sie den Einwirkungen Widerstand entgegensetzen können. Wegen der kleinen
Querschnitte und der in der Regel großen Zugkräfte müssen jedoch die Dehn-
steifigkeiten berücksichtigt werden, sodass Seillänge und -form im belasteten
Zustand verändert sind. Der Seildurchhang unter Belastung wird als Seillinie
bezeichnet, deren Form analog zur Stützlinie von der Laststellung und der
Lastgröße abhängig ist.

Berechnung der Seilkräfte


Seile und Hänger sind auf Zug beansprucht, wobei Nebenspannungen aus Bie-
gung für das globale Tragverhalten vernachlässigbar sind. Die Seilkräfte müssen
daher nur das Kräftegleichgewicht erfüllen.
Wenn sich die Form der Seillinie wegen verschwin-
dender Biegesteifigkeit entsprechend der Lasten frei SN
aN aN+1
einstellen kann, kann man die Seilkräfte nicht di-
rekt berechnen, sondern muss die Verformungen im SN+1
Gleichgewicht berücksichtigen. Die Berechnung der VN
Seilkräfte kann daher nicht mit einer Theorie I.
Ordnung erfolgen, sondern muss mit einer geome-
trisch nichtlinearen Theorie durchgeführt werden,
siehe Abschnitt 20.
Zusätzlich ist die Dehnung der Seile zu berücksichtigen, da bei kleinen Quer-
schnitten und den großen Seillängen beträchtliche Verschiebungen der Kraft-
angriffspunkte die Folge sind. Die Verschiebungen aus Dehnung müssen im
Gleichgewicht berücksichtigt werden, können aber teilweise beim Einbau ent-
sprechend verkürzter Seile vorweg kompensiert werden.
100 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

Bisher ist die Berechnung der Zustandslinien M, Q und N von statisch be-
stimmten Stabtragwerken erfolgt. Dies ist mit dem Schnittprinzip möglich,
wenn die Gleichgewichtsbedingungen eingesetzt werden. Statische Systeme kön-
nen nur dann im Gleichgewicht sein, wenn sie nicht verschieblich sind. Dies ist
bei komplexen, insbesondere räumlichen Systemen nicht immer deutlich sicht-
bar, sodass hierfür Entscheidungshilfen vorhanden sein müssen. Ob und wie
ein System als ganzes oder örtlich verschieblich ist, kann man zeichnerisch mit
Hilfe von Polplänen oder rechnerisch mit den Gleichgewichtsbedingungen un-
tersuchen. Ziel der Untersuchungen ist daher:
1. Feststellen der Unverschieblichkeit des Tragwerks. Alle ausgeführten Trag-
werke müssen unverschieblich sein, da die Lasten sonst nicht in den Baugrund
abgeleitet werden können.
2. Finden aller möglichen Verschiebungsfelder eines verschieblichen Systems.
Dies kann man dazu verwenden, das System gezielt dort mit Steifigkeiten zu
versehen, wo die größten Verschiebungen auftreten.
Ψ d

d Ψ

Für die Untersuchung der Verschieblichkeit werden folgende Annahmen und


Voraussetzungen getroffen:
1. Es wird eine Theorie I. Ordnung vorausgesetzt. Dies bedeutet, dass die Ver-
schiebungsfelder eines verschieblichen Systems infinitesimal klein angenommen
sind. Zur Verdeutlichung der Verschiebungsmöglichkeiten eines Systems wer-
den sie in Polplänen endlich groß dargestellt.
2. Verschieblichkeit ist eine Systemeigenschaft und unabhängig von den Ein-
wirkungen. Sie wird daher stets am unbelasteten System untersucht.
3. Elastische Verformungen werden nicht berücksichtigt, da sie erst als Folge
von äußeren Einwirkungen auftreten. Die Systeme sind daher aus kinematisch
starren Teilsystemen zusammengesetzt.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_5
5.1 Begriffsbildung für Polpläne 101

5.1 Begriffsbildung für Polpläne

Die zeichnerische Untersuchung der Verschieblichkeit eines statischen Systems


erfolgt mit Polplänen“. Hierbei geht man davon aus, dass das System ver-

schieblich ist. Tritt im Polplan ein Widerspruch auf, so ist das System nicht
verschieblich. Bei der Entwicklung eines Polplanes werden folgende Begriffe
verwendet:
Scheibe Eine Scheibe ist ein kinematisch starres Teilsystem. Bei einem Schei-
benverband sind mehrere Scheiben gelenkig, aber unverschieblich miteinander
verbunden.
a

1 1
b a
c
b
Kinematische Kette Eine Kinematische Kette ist ein Scheibenverband, des-
sen Scheiben Starrkörperverschiebungen oder Rotationen ausführen können.
Eine zwangsläufige kinematische Kette ist eine Kette mit einem Freiheitsgrad.

2
1 d 2 3
1 J

Pol Ein Pol ist ein Punkt der Tragwerksebene, um den sich eine Scheibe
drehen kann. Ist der Pol von der Scheibe endlich weit entfernt, erfolgt eine
Drehung ϑ der Scheibe um den Pol, liegt der Pol im Unendlichen, so findet
eine Translation statt.
a
ra J da
da ≠ db
Pol rb
b
J db

Polstrahl Die Verbindung von einem Pol zu einem Punkt (i) einer Scheibe
wird Polstrahl ri genannt. Die Verschiebung δi eines Scheibenpunktes (i) erfolgt
senkrecht zum Polstrahl ri , solange infinitesimal kleine Drehungen angesetzt
werden. Zwei bekannte Polstrahlen legen einen Pol fest, hier ra und rb .
102 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

Absolutpol (Hauptpol) Ein Absolutpol


(n) ist ein nicht verschieblicher Punkt
der Tragwerksebene, um den sich die d
(1)
Scheibe n drehen kann. Absolutpole
sind z. B. feste Lager, hier Lager (1). 1
Dies können auch Verbindungspunkte
zu festen Tragwerksteilen sein.
Relativpol (Nebenpol) Ein Relativ-
1 2
pol (n/m) ist ein Pol, um den sich
(1/2)
die Scheiben (n) und (m) relativ
zueinander verdrehen. Ein Momen-
d2
tengelenk (M = 0) gibt direkt den
(1/2)

8
Relativpol an, hier Relativpol (1/2).
Bei Schiebehülsen (N = 0) und bei 1 2
Querkraftgelenken (Q = 0) liegt der d1
Relativpol senkrecht zur Bewegungs-
richtung im Unendlichen. Bei nicht d1 d2
benachbarten Scheiben liegt der Rela- 1 2
tivpol irgendwo in der Tragwerksebene.
(1/2)

8
Momentanpol Momentanpole sind
verschiebliche Pole, die ihre Lage bei
Annahme endlich großer Verschiebun-
gen des Systems verändern.

Pollinie Eine Pollinie ist die Verbindungsgerade dreier Pole, die die Rela-
tivbewegung der beteiligten Scheiben festlegen. Bei verschieblichen Systemen
liegen immer mindestens drei Pole auf einer Pollinie.
Absolut-Pollinie Auf einer Absolut-Pollinie liegen immer zwei Absolutpole
und der zu den beteiligten Scheiben gehörende Relativpol, z. B. (1)−(1/2)−(2).
Dies bedeutet, dass die beiden Scheiben – im Bild die Scheiben 1 und 2 – ge-
geneinander verschieblich sind, und sich bezüglich des Relativpoles bewegen.

1 d 2
(1) (2)
(1) (1/2) (2)
(1/2)

Relativ-Pollinie Auf einer Relativ-Pollinie liegen immer drei Relativpole. Bei


drei Scheiben 1,2 und 3 ist dies die Relativpollinie (1/2) − (2/3) − (1/3), die
anzeigt, dass die drei beteiligten Scheiben gegeneinander verschieblich sind.
5.2 Vorgehen beim Aufstellen von Polplänen 103

5.2 Vorgehen beim Aufstellen von Polplänen

Das Aufstellen von Polplänen sollte immer systematisch erfolgen, da sonst we-
sentliche Eigenschaften des Systems übersehen werden können. Damit auch bei
großen Systemen überprüfbar ist, ob der Polplan alle Informationen enthält,
muss die Zahl der Pole und der Pollinien bekannt sein. Ein verschiebliches sta-
tisches System mit p kinematisch starren Scheiben hat genau
• p Absolutpole,
p p(p − 1)
•( )= Relativpole,
2 1·2
p
•( ) Absolutpollinien, z. B. (1) − (1/2) − (2),
2
p p(p − 1)(p − 2)
•( )= Relativpollinien, z. B. (1/2) − (1/3) − (2/3).
3 1·2·3
Mit diesen Vorweginformationen kann man einen Polplan wie folgt entwickeln:
1. Benennen aller Scheiben des Systems.
2. Benennen aller sofort erkennbaren Absolutpole (feste Lager) und Relativpole
(Momentengelenke, Schiebehülsen und Querkraftgelenke).
3. Zeichnen der unmittelbar erkennbaren Polstrahlen senkrecht zu verschiebli-
chen Lagern, zu Schiebehülsen und Querkraftgelenken.
4. Sukzessives Suchen von weiteren Polen mit Hilfe von Absolut- und Relativ-
pollinien. Für jeden weiteren Pol werden zwei geometrische Orte bzw. Richtun-
gen benötigt, in deren Schnittpunkt der Pol liegt.
In einem Gelenkviereck bestimmen die
Relativpollinien der gegenüberliegen-
1 (2/4)
den Scheiben den Relativpol der ande- (1/4) (1/2)
ren beiden Scheiben. Hier legen die Re-
lativpollinien
4 2
(1/4) − (1/2) sowie (3/4) − (2/3)
(2/4)
den Relativpol (2/4) fest. Der Relativ- (3/4) (2/3)
3
pol (2/4) liegt im Unendlichen, da bei-
de Polstrahlen parallel zueinander sind (1/3) (1/3)
und sich nicht schneiden. Völlig analog
kann man den Relativpol (1/3) finden.
In nachfolgendem Bild links sind die Pole (1) und (1/2) gegeben. Der Pol (2)
muss auf der Geraden (1) − (1/2) liegen, wenn das System verschieblich ist.
104 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

Wenn der Pol (2) außerdem senkrecht zum verschieblichen Lager zu suchen ist,
bestimmt der Schnittpunkt dieser beiden Polstrahlen den Absolutpol (2). Im
Bild rechts ist eine zusätzliche Scheibe 3 vorhanden, sodass zwei Absolutpole
(2) zum Widerspruch im Polplan führen.

(2)
(2)
(2/3)
3
(1/3)
(1/2)
(1/2)

1 2
1 2
(1)
(1) (2)
d2
(1) - (1/2) (2)
5. Wenn der Polplan vollständig ist und alle Pole und Polstrahlen gefunden
sind, kann man überprüfen, ob der Polplan Widersprüche enthält. Ein Wider-
spruch liegt z. B. vor, wenn zu einer Scheibe mehrere Absolutpole oder zu zwei
Scheiben mehrere Relativpole vorhanden sind. Sind Widersprüche vorhanden,
sind Teile des Systems oder das gesamte System unverschieblich. Liegt kein
Widerspruch vor, ist das System verschieblich.
6. Mit viel Erfahrung kann man die Entwicklung des Polplanes im Einzelfall auf
das Wesentliche konzentrieren. So reicht es bei der Überprüfung der Verschieb-
lichkeit in der Regel aus, einen beliebigen Widerspruch zu finden und dann die
weitere Entwicklung des Polplanes abzubrechen. Sind Verschiebungsfelder für
einen Scheibenverband gesucht, so reicht es in der Regel aus, die Absolutpole
zu finden, um die sich die Scheiben drehen.

Beispiel 1
Das gegebene System mit vier Scheiben ist statisch bestimmt (a = 4, z = 8,
p = 4 bzw. a = 4, z = 2, p = 2). Es existieren vier Absolutpole (1), (2),
(3) und (4), sechs Relativpole (1/2), (1/3), (1/4), (2/3), (2/4) und (3/4), sechs
Absolutpollinien und vier Relativpollinien. Die Pollinien sind:
Absolutpollinien Relativpollinien
(1) − (1/2) − (2) (1/2) − (2/3) − (1/3)
(1) − (1/3) − (3) (1/2) − (2/4) − (1/4)
(1) − (1/4) − (4) (1/3) − (3/4) − (1/4)
(2) − (2/3) − (3) (2/3) − (3/4) − (2/4)
(2) − (2/4) − (4)
(3) − (3/4) − (4)
5.2 Vorgehen beim Aufstellen von Polplänen 105

Der Polplan wird wie folgt bestimmt.


1. Alle Scheiben und alle unmittelbar gegebenen Absolutpole und Relativpole
werden gekennzeichnet.
2. Der Absolutpol von Scheibe 1 ist das linke Lager a. Das rechte Lager b ist
Absolutpol von Scheibe 2.
3. Es gilt weiterhin
 
(1) − (1/3) (1) − (1/4)
→ (3)∞ → (4)∞
(2) − (2/3) (2) − (2/4)
 
(1) − (2) (2/3) − (2/4)
→ (1/2) → (3/4)∞
(1/3) − (2/3) (1/3) − (1/4)
(3/4)

(3) ∞
(4) ∞
(2/4)
(1/4)
4

1 (2/3)

3
2
(1/3)

(1/2) (1) (2)


a b

Damit sind alle Absolutpole und alle Relativpole zunächst ohne Widerspruch
bekannt.
Der Polplan kann jetzt mit den restlichen Absolut- und Relativpollinien kon-
trolliert werden. Von den Pollinien sind die Absolutpollinie (3)∞−(4)∞−(3/4)∞
sowie die Relativpollinie (1/4) − (2/4) − (1/2) noch nicht verwendet. Die Abso-
lutpollinie führt zu keinem Widerspruch. Allerdings platziert die Relativpollinie
den Relativpol (1/2) rechts von Scheibe 4, sodass ein Widerspruch vorliegt. Dies
bedeutet, dass die Scheiben 1 und 2 zueinander unverschieblich sind und wie
eine Scheibe wirken. Damit sind auch die Scheiben 3 und 4 fest, sodass das
System insgesamt unverschieblich ist.
Fragen:
Gibt es eine Lage von Scheibe 3, bei der das System verschieblich ist?
Unter der Annahme, dass es sich um elastische biegesteife Stäbe handelt, gibt
es eine Lage von Scheibe 3, bei der das System besonders steif ist, welche?
106 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

Beispiel 2
Der aus drei Scheiben bestehende Rahmen ist statisch bestimmt(a = 5, z = 4).
Die Lager a und c sind Absolutpole, die Gelenke sind die Relativpole (1/2) und
(2/3).
Der Relativpol (1/3) folgt mit (2/3)
 (2)
(1) − (3)
→ (1/3)
(1/2) − (2/3)

und der Absolutpol (2) mit 2


(1/2) 3

(1) − (1/2) 
1
(3) − (2/3) → (2)
senkrecht Lager b
 (1/3)
(1) (3)
a b c
→ Widerspruch: Scheibe 2 ist fest.

Wenn Scheibe 2 fest ist, so werden die Relativpole (1/2) und (2/3) zu Abso-
lutpolen (1) und (3). Damit müssen auch die Scheiben 1 und 3 fest sein, da die
unverschieblichen Lager a und c ebenfalls Absolutpole (1) und (3) sind.

Beispiel 3
Nach Verlagerung des Gelenkes (1/2) ändert sich die Kinematik des Systems.
Das System ist nach Abzählkriterium (a = 5, z = 4) weiterhin statisch bestimmt.
Für Absolutpol (2) gilt (2)
 (2/3)
(1) − (1/2) 
(3) − (2/3) → (2)

senkrecht Lager b
(1/2)
→ hier liegt kein Widerspruch vor 2
1 3
Für den fehlenden Relativpol (1/3) gilt
(1) (3)
 (1/3)
(1/2) − (2/3)
→ (1/3) a b c
(1) − (3)
Der Relativpol (1/3) liegt in Lager a. Damit sind alle drei Absolut- und die
einzige Relativpollinie berücksichtigt. Wenn ein Absolutpol und ein zugehöriger
Relativpol in einem Punkt liegen, liegt auch der zweite Absolutpol in diesem
Punkt, hier (2) − (2/3) → (3). Damit ist Scheibe 3 fest. Scheiben 1 und 2 sind
dagegen verschieblich.
5.2 Vorgehen beim Aufstellen von Polplänen 107

Beispiel 4
Für das im Bild dargestellte Tragwerk können mit Hilfe des Aufbauprinzips vier
in sich starre Scheiben festgestellt werden. Dies bedeutet, dass insgesamt vier
Absolut- und sechs Relativpole sowie sechs Absolut- und vier Relativpollinien
vorhanden sind. Das System ist statisch bestimmt (a = 4, z = 8).

1 2

a 3 4 c
b
Direkt gegeben sind der Absolutpol (1) sowie die Relativpole (1/2), (1/3), (2/4)
und (3/4). Die anderen Pole können wie folgt bestimmt werden.
 
(1) − (1/2) (1/2) − (2/4)
(2) (1/4)
senkrecht Lager c (1/3) − (3/4)
 
(2) − (2/4) (2) − (3)
(4) (2/3)
senkrecht Lager b (1/3) − (1/2)

(1) − (1/3)
(3)
senkrecht Lager b
(2)

(1/2)

1 2
(3)
(1/3) (2/4)
(1) 3 4
(2/3) (4), (3/4)

(1/4)

Die fehlende Absolutpollinie (3) − (4) − (3/4) liegt in Lager b, was ein Wider-
spruch bezüglich des Absolutpoles (3) ist. Auch die Absolutpollinie (1) − (4) −
(1/4) sowie die Relativpollinie (2/4) − (3/4) − (2/3) führen zu Widersprüchen:
doppelte Nebenpole (1/4) und (2/3). Damit sind die Scheiben 1 und 4 sowie 2
und 3 gegeneinander unverschieblich, und damit das gesamte System.
Frage: Gibt es eine Lage von Lager b, bei der das System verschieblich ist?
108 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

5.3 Anwendungsgebiete von Polplänen


Das Ziel von Polplänen ist der Nachweis der Verschieblichkeit eines Systems.
Ist ein System nicht verschieblich, so ist es fest. Es gelten folgende Sätze:

• Der Polplan ist ein hinreichendes Kriterium zum Nachweis der Verschieb-
lichkeit eines Systems.
• Ein System oder ein Teilsystem ist verschieblich, wenn der zugehörige
Polplan widerspruchsfrei und vollständig ist.
• Ein Widerspruch im Polplan weist auf eine oder mehrere feste Scheiben.
• Ein Widerspruch liegt vor, wenn die drei Pole einer Pollinie nicht auf ei-
ner Geraden liegen.
• Ein Widerspruch liegt vor, wenn eine einzelne Scheibe mehr als einen
Absolutpol aufweist. Sie ist dann unverschieblich.

Kinematisch starre Systeme, bei denen die Widersprüche schwach ausgeprägt


sind, sind fast“ kinematisch und müssen ebenfalls vermieden werden. Dies ist

z. B. der Fall, wenn bei einer festen Scheibe die Absolutpole dicht zusammen
liegen oder die Pole einer Pollinie nur wenig von einer Geraden abweichen.
Mit Hilfe von Polplänen kann man auch
gewünschte Verschieblichkeiten finden
oder kontrollieren. Dies ist z.B. der Fall,
wenn statische Systeme so gelagert sein
sollen, dass Zwänge aus Erwärmung nur a
geringe Spannungen bewirken. So wer-
den im Brückenbau Pollagerungen ver-
wendet, um unerwünschte Zwangsbean-
spruchungen klein zuhalten. Im Bild ist
Lager a ein Festpunkt. Die anderen La-
ger sind so angeordnet, dass sie sich in
Richtung des festen Lagers frei und da- Pollagerung einer Brücke
mit spannungslos verschieben können.
Bild 5-1 zeigt ein für die Pollagerung erforderliches Festlager und ein verschieb-
liches Rollenlager.

Bild 5-1 Festlager und Rollenlager


5.3 Anwendungsgebiete von Polplänen 109

Um Missverständnisse zu vermeiden, muss man folgende Begriffe unterschei-


den:
a) Ein System heißt verschieblich, wenn es eine kinematische Kette ist.
b) Ein System heißt verschiebbar, wenn es keine kinematischen Mechanismen
besitzt, aber die materiellen Punkte des Systems infolge Einwirkungen verscho-
ben werden können.

5.3.1 Verschiebungspläne
Für einige Anwendungen ist nicht nur wichtig, zu entscheiden, ob eine Schei-
be verschieblich ist, sondern auch wie groß die Verschiebungen der Scheibe
oder einer kinematischen Kette sind. Dies kann rechnerisch über die oben an-
gegebenen Beziehungen zwischen Polstrahl r, Verschiebung δ und Drehwinkel
ϑ geschehen. Die rechnerische Bestimmung des Verschiebungsfeldes und der
Stabverdrehungen kann bei Systemen mit nicht rechtwinklig angeschlossenen
Stäben sehr aufwändig sein. Eine anschauliche Untersuchung der Verschiebun-
gen erfolgt mithilfe eines Verschiebungsplanes, siehe Bild 5-2.

(2) (2)

h
d=1 1 d=1 1 1
l/h
h 1 2
h
2 2
(1) (3) (1)

l l l l

Bild 5-2 Verschiebungsfelder bei Vorgabe einer Verschiebung δ = 1

Beim Aufstellen von Verschiebungsplänen wird Folgendes vorausgesetzt:

• Die Bewegungen der Scheiben sind infinitesimale Drehungen um die Ab-


solutpole, sodass man die Winkelbeziehungen linearisieren kann. Liegt
der Absolutpol einer Scheibe im unendlichen, erfolgt eine Parallelver-
schiebung der Scheibe.
• Die Verschiebung δi eines Scheibenpunktes (i) steht senkrecht zum Pol-
strahl ri und ist infinitesimal klein.
• Die Verschiebung δi ist proportional zur Polstrahllänge (Strahlensatz).
110 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

• Bei der Entwicklung des Verschiebungsfeldes einer einfach kinematischen


Kette wird die Verschiebung eines Punktes oder der Drehwinkel einer
Scheibe zu 1 vorgegeben. Infolge des Verschiebungsfeldes der Scheibe kann
man die Verschiebungen und Verdrehungen der anderen Scheiben sukzes-
sive ermitteln, siehe Bild 5-2.

Eine weiteres Anwendungsgebiet von Verschiebungsplänen ist die Untersuchung


von beweglichen Tragwerken. Bild 5-3 zeigt die vom Büro Schlaich, Bergermann
und Partner konstruierte Fußgängerklappbrücke in Kiel-Hörn, deren Kinematik
aufgrund der Faltkonstruktion sehr komplex ist. Hier ist nicht nur die Verschieb-
lichkeit einer gegebenen Stabanordnung von Interesse, sondern insbesondere die
beim Hochfahren der Brücke auftretende Nichtlinearität infolge großer Wege
und der Veränderung der Lage der Momentanpole.

Bild 5-3 Klappbrücke in Kiel-Hörn [9, 23]

5.3.2 Aussteifung von Systemen


Pol- und Verschiebungspläne kann man dazu verwenden, verschiebliche oder na-
hezu verschiebliche Systeme gezielt auszusteifen. Hierzu setzt man in Richtung
der größten Verschiebungen Lagerbedingungen oder zusätzliche Bauteile an,
die die Verschiebungen behindern. Beispiele hierfür sind z. B. Windverbände,
entweder als zusätzliche Maßnahme bei bereits vorhandenen Biegesteifigkeiten
von Rahmentragwerken oder aber als zwingend erforderliche Aussteifung bei
Gelenkverbänden. In der Praxis müssen alle verschieblichen und fast“ ver-

schieblichen Systeme unbedingt vermieden werden.
Beim Aussteifen eines Scheibenverbandes legt man gedanklich in alle biegestei-
fen Knoten des Systems Momentengelenke, sodass das System zur kinemati-
schen Kette wird. Danach werden so viele Aussteifungselemente angeordnet, bis
5.3 Anwendungsgebiete von Polplänen 111

das System unverschieblich ist. Dies können Windverbände, Lager oder biege-
steife Verbindungen sein. Ein Zuviel an Aussteifungselementen kann auch zu ge-
wollt statisch unbestimmten Systemen führen, die Zwängungen aus Erwärmung
oder Lagersetzungen bewirken. Je höher der Grad der statischen Unbestimmt-
heit, desto höher die Redundanz im Lastabtrag.

In Bild 5-4 sind die zur Stabilisierung einer Halle erforderlichen Aussteifungs-
verbände V1 in den Giebelwänden A − A, V2 in den Seitenwänden B − B und
V3 , V4 in den Dachebenen C − C angeordnet.

V4
V3

B
A
C

V2
A
V1
B
V1 A
B

Bild 5-4 Aussteifung einer Halle mit Windverbänden

Der Dachverband V3 wirkt als oberes Lager für den Wind auf die Giebelwände
und leitet die Kräfte über die Verbände V2 in das Fundament. Der Dachverband
V4 leitet die Windlasten auf die Seitenwände in die Giebelwände, wo sie von den
Verbänden V1 in das Fundament geleitet werden. An Stelle des Dachverbandes
V4 können die Hallenrahmen die Windlast auch über Biegetragwirkung direkt
in das Fundament leiten, dann wird auch V1 nicht benötigt.

5.3.3 Anmerkungen
Generell ist zu beachten, dass bei statisch bestimmten Tragwerken eine einzi-
ge Fehlstelle z. B. in den Verbindungsmitteln der Bauteile ausreicht, um ein
Tragwerk zur kinematischen Kette werden zu lassen. Dies ist auch bei Fertig-
teilkonstruktionen zu beachten, wenn die Verbindungen durch nachträgliches
Betonieren hergestellt werden und damit eine Schwachstelle aufweisen können.
112 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

Besonders sorgfältig sind Montagezustände von Bauwerken z. B. bei Brücken


oder Hallenrahmen zu untersuchen, wenn die Tragfähigkeit des Tragwerks noch
nicht ausgebildet ist. Hier werden in der Regel räumliche Lehrgerüste einge-
setzt, die in den Standsicherheitsnachweisen nicht immer aufgeführt sind.
Tragwerke, die nur zeitweise in Gebrauch sind und häufig auf- und abgebaut
werden, unterliegen besonderen Beanspruchungen, die zur Ermüdung von Ver-
bindungsmitteln führen können. Wenn diese Tragwerke statisch bestimmt sind,
kann durch Werkstoffversagen eine kinematische Kette entstehen.

5.4 Untersuchung der Gleichgewichtsbedingungen


Ein rechnerischer Nachweis der Verschieb-
P
lichkeit ist möglich, wenn man die Gleich- c
gewichtsbedingungen zur Berechnung der d
Lager- und Schnittgrößen als Gleichungs- Vc
l
system aufstellt. Dies ist immer der Fall,
auch wenn man ein Berechnungsprogramm e 30° b Hb
einsetzt und nicht das in Abschnitt 4 ge- b
zeigte Vorgehen wählt. Nachfolgend wird l Vb
das Determinantenkriterium für die Ver-
schieblichkeit an einem statisch bestimm- a
A
ten System mit den unbekannten Lager-
b
kräften A, Vb , Hb , Vc erläutert.
Die Gleichgewichtsbedingungen lassen √ sich in Matrizenschreibweise angeben,
wobei sin 30o = 1/2 und tan 30o = 1/ 3 eingesetzt sind,
 
ΣV 1 0 cos β 1 Vb
 
P

ΣH  0 1 sin β 0 

 Hb 
= √
 0 
.
 o 
ΣMb  0 0 2ℓ cos(β − 30 ) 0   A   P 3ℓ 
ΣMe √ Vc 0
0 0 0 3ℓ

Die Koeffizientenmatrix ist nicht invertierbar, wenn die Determinante null ist.
Wenn das Gleichungssystem nicht lösbar ist, bedeutet dies, dass kein Gleichge-
wicht möglich und das System verschieblich ist. Für den vorliegenden Fall ist
die Determinante √
det = 2 3 ℓ2 cos(β − 30o )
identisch null, wenn das Lager A mit β = − 60o ausgerichtet ist. Auf der ande-
ren Seite ist das System kinematisch besonders stabil, wenn die Determinante
maximal wird. Dies ist der Fall für β = +30o. Allerdings ist das Tragwerk für
5.4 Untersuchung der Gleichgewichtsbedingungen 113

diese Lagerrichtung sehr nachgiebig, da der untere Rahmen a − e − b im we-


sentlichen auf Biegung trägt. Betrachtet man das Tragverhalten des Systems
unter der vorgegebenen Belastung, so ist das System besonders steif, wenn die
Last P direkt in das Lager A geleitet wird. Dies ist für β = 0 der Fall.
Das hier für ein statisch bestimmtes System gezeigte Vorgehen und die Inter-
pretation der Determinante des Gleichungssystems sind auf moderne Berech-
nungsverfahren übertragbar. Auch wenn die Herleitung der für einen Einsatz
auf einem Computer entwickelten Verfahren völlig unterschiedlich ist, stellen sie
ebenfalls Gleichgewichtsbedingungen auf. Wenn die Determinante verschwin-
det, weist dies in der Regel auf ein kinematisches System hin oder aber auf eine
fehlerhafte Systembeschreibung.
114 6 Arbeitssätze

6 Arbeitssätze

Grundlage der bisher gewählten Berechnungsverfahren für Zustandslinien sind


der Kraft- und der Momentenbegriff. Wenn ein statisches System nicht ver-
schieblich ist, dann sind bei beliebiger Anwendung des Schnittprinzips alle
am System angreifenden Schnittgrößen und Lasten im Gleichgewicht. Dies ist
sichergestellt, wenn die Gleichgewichtsbedingungen zur Berechnung der Zu-
standslinien für M, Q und N erfüllt sind.

Eine ganz andere Betrachtungsweise von statischen Systemen ist möglich, wenn
integrale Bedingungen für das gesamte System formuliert werden. Hierbei be-
trachtet man nicht mehr das Gleichgewicht am differentiellen Element oder an
jedem Schnitt, das natürlich weiterhin erfüllt sein muss, sondern die im System
geleistete Gesamtarbeit aller Lasten und Schnittgrößen.
Was bisher die Gleichgewichtsbedingungen leisten, wird jetzt unabhängig hier-
von mit Hilfe von Forderungen an die Gesamtarbeit erfüllt. Die Beschreibung
dieser integralen Systemgröße erfolgt mit Hilfe der bereits bekannten Kräfte
und Momente sowie der konjugierten Verschiebungen und Verdrehungen.

6.1 Begriffe zur Formulierung der Arbeiten


Arbeit wird von Kräften auf konjugierten Wegen geleistet. Wenn Kraft und
konjugierte Verschiebung nicht in die gleiche Richtung zeigen, darf nur die
Projektion der Verschiebung in Richtung der Kraft betrachtet werden.
Arbeit einer Kraft: A = F · u · cos α
Arbeit eines Momentes für kleine Drehungen ϕ: A = M · ϕ · cos α

u1 . F
Projektion
u u.cos a .
j . cos a M
a u
a
u2 . j

Kraftgrößen und Weggrößen sind zueinander über die Arbeiten konjugiert. Bei
den hier untersuchten ebenen Stabtragwerken sind die in Tabelle 6.1 aufgeführ-
ten Arbeiten möglich. Die Kraftgrößen sind positiv definiert, wenn sie auf den
konjugierten Wegen positive Arbeit leisten. Die Einheit der Arbeit ist nach
Integration über den Raum immer [A] = kN m.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_6
6.1 Begriffe zur Formulierung der Arbeiten 115

Tabelle 6.1 Arbeitskonjugierte Kraft- und Weggrößen

Kraftgröße [ ] Weggröße [ ]
Einzelkraft F, P kN Verschiebung u, w m
Streckenlast q, p kN/m Verschiebung u, w m
Einzelmoment Me kN m Verdrehung ϕ rad
innere Spannungen σ kN/m2 Verzerrung ε 1
innere Normalkraft N kN Verzerrung ε 1
innere Querkraft Q kN Gleitung γ 1
inneres Biegemoment M kN m Verkrümmung κ 1/m
Schnittlängskraft N kN Spreizung δN = ∆u m
Schnittquerkraft Q kN Sprung δQ = ∆w m
Schnittmoment M kN m Knickwinkel δM = ∆ϕ rad

Definition der Arbeiten


Bei der Formulierung der Arbeiten ist zu beachten, dass Kräfte nur auf den
Wegen Arbeit leisten können, die in die Richtung der Kraft zeigen.
R
In der Statik gilt A = F du,
wenn F die Kraft und u die zu F konjugierte Verschiebung ist. Bei konstanter
Kraft wird Verschiebungsarbeit geleistet. Kräfte, die von den Verschiebungen
selbst abhängig sind, leisten Eigenarbeit.
F F

u u
Verschiebungsarbeit Eigenarbeit
F = konstant F = kF · u

Verschiebungsarbeiten
Die Arbeit, die eine Kraftgröße auf den Wegen leistet, die von einer anderen
Kraftgröße verursacht werden, heißt Verschiebungsarbeit. Dies ist z. B. bei Ge-
wichtskräften der Fall, deren Kraftangriffspunkt verschoben wird. Hierbei ist
116 6 Arbeitssätze

die Kraft F längs des Weges u konstant


Z
A = F du = F u|uu10 = F (u1 − u0 ).

Die Arbeit ist in diesem Fall nur vom Anfangs- und vom Endzustand abhängig
und hat damit Potentialeigenschaften. Analog gilt für die Momente
Z
A = M dϕ = M ϕ|ϕ ϕ0 = M (ϕ1 − ϕ0 ).
1

Eigenarbeiten
Die Arbeit, die eine Kraftgröße auf den von ihr selbst verursachten Wegen
leistet, heißt Eigenarbeit. Wenn eine Kraft den Weg, auf dem sie Arbeit leistet,
selbst erzeugt, muss ein Zusammenhang zwischen Kraft und Weg existieren.
Vereinfachend kann man zunächst

F = kF u

ansetzen, was einem linearen Federgesetz mit der Federsteifigkeit kF entspricht.


Für die Arbeiten gilt jetzt
Z Z
1 1
A = F du = kF u du = kF u2 |uu10 = kF [ (u1 )2 − (u0 )2 ],
2 2
sodass sie ebenfalls nur vom Anfangs- und Endzustand abhängt und damit
Potentialeigenschaften hat. Für Momente gilt analog
Z Z
1 1
A = M dϕ = kM ϕ dϕ = kM ϕ2 |ϕ ϕ0 =
1
kM [ (ϕ1 )2 − (ϕ0 )2 ].
2 2

Energie
Unter der Voraussetzung, dass die geleisteten Arbeiten Potentialeigenschaften
besitzen, kann die Arbeit gespeichert und wiedergewonnen werden. Gespeicher-
te Arbeit wird als potentielle Energie oder Energie der Lage definiert. Es gilt

Energie = – Arbeit.
Leistung
Eine weitere wichtige, aber in der Statik weniger gebräuchliche Systemgröße ist
die Leistung. Die Leistung ist die zeitliche Änderung der Arbeit. Es gilt
d
Leistung = dt
Arbeit.
6.2 Der Arbeitssatz für elastische Stabtragwerke 117

6.2 Der Arbeitssatz für elastische Stabtragwerke


Für abgeschlossene Systeme gilt der Arbeitssatz. Er sagt aus, dass die Summe
aller am System geleisteten inneren und äußeren Arbeiten verschwindet. In der
Baustatik werden alle bewegungsabhängigen Wirkungen vernachlässigt, da die
Geschwindigkeiten und die Beschleunigungen null sein sollen. Die Belastung der
Systeme erfolgt daher unendlich langsam“. Dies bedeutet, dass nur die äußeren

Lasten und die inneren Reaktionen des Tragwerks Arbeit leisten können.
ΣA = Aa + Ai = 0.
Der Arbeitssatz ist eine der wichtigsten Aussagen der Physik und der Mechanik,
da er die unmittelbare Erfahrung und Anschauung ohne weitere Annahmen
wiedergibt.
Mit dem Arbeitssatz wird nicht mehr zwischen Arbeiten von Horizontal- und
Vertikalkräften oder von Momenten unterschieden, sondern es wird eine Bedin-
gung für die Summe aller Arbeiten formuliert. Der Arbeitssatz ist damit eine
integrale Aussage für das gesamte Tragwerk.
Der Arbeitssatz kann in verschiedenen Formulierungen angeschrieben werden.
Nachfolgend wird er für die Arbeiten angeschrieben, die bei der Verformung
eines Tragwerks geleistet werden, wenn es von der unverformten in die verformte
Lage wandert. Diese Arbeiten werden als Formänderungsarbeiten bezeichnet.

Äußere Formänderungsarbeiten
Äußere Formänderungsarbeiten sind die Arbeiten aller am Tragwerk angreifen-
den Lasten auf den konjugierten Wegen. Die Arbeiten enthalten Eigenarbeiten,
wenn die Wege von den Lasten selbst erzeugt werden, aber auch Verschiebungs-
arbeiten, wenn die Lasten auf Wegen Arbeit leisten können, die von anderen
Lasten verursacht werden. Exemplarisch werden die Arbeiten für zwei Einzel-
lasten P1 und P2 angegeben.

P1 P2

d1,eig d2,eig
d1,fremd

Wenn zuerst P1 aufgegeben wird und danach P2 , gilt


1 1
Aa = P1 ( δ1 ,eig + δ1 ,fremd ) + P2 δ2 ,eig .
2 2
δ1 ,eig : selbstverursachte, eigene Wege
δ1 ,fremd : fremdverursachter Weg von P2 an der Stelle 1
118 6 Arbeitssätze

In Bild 6-1 sind die äußeren Arbeiten der Kräfte Pj auf den Verschiebungen δj
als schraffierte Flächen sichtbar.

P1 P2

d1,eig d1,fremd d d2,eig d

Bild 6-1 Formänderungsarbeiten

In Analogie können die Arbeiten von Streckenlasten und von Einzelmomenten


angegeben werden.

Innere Formänderungsarbeiten
Innere Formänderungsarbeiten sind die Arbeiten, die in den differentiellen Ele-
menten des Tragwerks bei der Verformung geleistet werden. Dies sind auf unter-
ster Ebene eines Materialteilchens die Arbeiten von Spannungen auf Dehnun-
gen und bei Stabtragwerken die Arbeiten der integralen Schnittgrößen M, Q
und N auf den konjugierten Verzerrungsgrößen κ, γ und ε. Bei schubstarren
Stabtragwerken der Bernoulli-Theorie sind die Schubverzerrungen γ identisch
null, sodass die zugehörigen Arbeiten verschwinden.
dx + du
Die Vorzeichen der inneren Arbeiten
sind negativ, wenn die positiven inne-
ren Reaktionsspannungen (Zug) im dif- +e
ferentiellen Element nach innen zeigen
und damit auf positiven Dehnungen ne- dx
gative Arbeit leisten. Bei Stabtragwer-
N N
ken kann man dies direkt auf die Arbei- Ni
ten der Normalkräfte übertragen

dAi (N ) = − Ni · du = − Ni · ε dx.
M M
+Mi
Das Vorzeichen der inneren Arbeiten
der Momente ist jedoch positiv, da die
inneren Momente und die konjugierten
dj
Verkrümmungen gleichgerichtet sind

dAi (M ) = + Mi · dϕ = Mi · κ dx.
+k
6.3 Verschiedene Formulierungen des Arbeitssatzes 119

Wenn die Normalkräfte und die Momente von den Verzerrungen bzw. den Ver-
krümmungen abhängen, sind die Arbeiten über die Verzerrungen bzw. die Ver-
krümmungen zu integrieren. Am differentiellen Element dx werden dann die
inneren Arbeiten
Z Z
dAi = {− N d ε + M d κ } dx

geleistet und am Gesamttragwerk nach Integration über dx


Z Z Z
Ai = {− N d ε + M d κ } dx.

Die inneren Arbeiten sind Eigenarbeiten, wenn die Spannungen gemeinsam mit
den Verzerrungen anwachsen, und Verschiebungsarbeiten, wenn sie bei Anwach-
sen der Verzerrungen konstant sind.

Nachfolgend steht der Biegeanteil stellvertretend für alle inneren Arbeiten.


Wenn, wie oben gezeigt, zwei Lasten P1 und P2 nacheinander auf das Tragwerk
aufgebracht werden, können die inneren Arbeiten für die Spannungszustände
M1 und M2 entsprechend formuliert werden. Hiermit folgt
Z
1 1
Ai = { M1 ( κ1 ,eig +κ1 ,fremd ) + M2 κ2 ,eig } dx.
2 2

κ1 ,eig : von M1 selbstverursachte, eigene Verkrümmungen


κ1 ,fremd : von M2 fremdverursachte Verkrümmungen

6.3 Verschiedene Formulierungen des Arbeitssatzes


Für die bei der Formänderung geleisteten Gesamtarbeiten von Einzellasten und
zugehörigen inneren Spannungszuständen gilt damit
1 1
ΣA = P1 ( δ1 ,eig + δ1 ,fremd ) + P2 δ2 ,eig
2 2
Z
1 1
+ { M1 ( κ1 ,eig +κ1 ,fremd ) + M2 κ2 ,eig } dx = 0. (6.1)
2 2
Die beiden nacheinander aufgebrachten, unterschiedlichen Einzellasten kann
man auch als Lastzustände deuten, sodass eine Verallgemeinerung auf beliebi-
ge Lastanordnungen einfach möglich ist. Der Arbeitssatz 6.1 betrachtet zwei
unterschiedliche Systemzustände, sodass er in dieser Form noch nicht für die
Berechnung eines der beteiligten Spannungszustände eingesetzt werden kann.
120 6 Arbeitssätze

Wenn nur der Lastzustand P1 aufgebracht wird und P2 verschwindet, gilt


Z
1 1
ΣA = P1 δ1 ,eig + { M1 κ1 ,eig } dx = 0. (6.2)
2 2
Damit kann aber ebenfalls
Z
ΣA = P1 δ1 ,fremd + { M1 κ1 ,fremd } dx = 0 (6.3)

angesetzt werden, da die Eigenarbeiten des Zustandes P1 und auch die Eigenar-
beiten des Zustandes P2 den Arbeitssatz erfüllen müssen. Mit den Gleichungen
(6.1), (6.2) und (6.3) liegen verschiedene Formulierungen des Arbeitssatzes vor,
die im weiteren für unterschiedliche Anwendungen zur Verfügung stehen.

Forderungen an den Spannungs- und den Verzerrungszustand


In der Arbeitsgleichung wird die Arbeit eines Spannungszustandes auf einem
Verformungszustand betrachtet. Es wird dabei implizit vorausgesetzt, dass bei-
de Zustände am jeweils betrachteten System möglich sind.
Das wirkliche System muss die Gleichgewichtsbedingungen, die Gleichungen
der Verformungsgeometrie und die Werkstoffgleichungen erfüllen. Dies bedeu-
tet, dass der Spannungszustand im Arbeitssatz die Gleichgewichtsbedingun-
gen und der Verformungszustand die Gleichungen der Verformungsgeometrie
erfüllen muss. Dies ist wesentlich und die Grundlage für alle weiteren Betrach-
tungen. Die Erfüllung der Werkstoffgleichungen erfolgt implizit, z. B. wenn mit
dem Spannungszustand in einem weiteren Schritt die Biegelinie des wirklichen
Systems berechnet wird.
Hiermit sind zwei grundsätzliche Aussagen für das jeweils betrachtete System
möglich:

Satz
Wenn ein beliebiger Verformungszustand δ, κ die Gleichungen und die
Randbedingungen der Verformungsgeometrie erfüllt, ist der Arbeitssatz
eine Bedingung für den Spannungszustand P, M .
Und umgekehrt:
Wenn ein beliebiger Spannungszustand P, M die Gleichgewichtsbedin-
gungen im Gebiet und auf dem Rand erfüllt, ist der Arbeitssatz eine
Bedingung für den Verformungszustand δ, κ.
121

7 Virtuelle Arbeiten

Die bisher im Arbeitssatz angesetzten Terme sind die Arbeiten wirklicher Kraft-
größen auf konjugierten wirklichen Wegen, wobei die möglichen Systeme starr
– ohne innere Arbeiten – oder elastisch sein können. Spannungs- und Verfor-
mungszustand sind zunächst in ihrer Größe und Verteilung unbekannt.

Zusätzlich zu den wirklichen Lasten können virtuelle Lasten oder virtuelle Wege
auf das System gebracht werden, die zugehörige innere Zustandsgrößen und
Verformungen erzeugen. Für den virtuellen Zustand gelten grundsätzlich die
gleichen Grundgleichungen wie für den wirklichen Zustand.

Virtuell bedeutet: Die virtuell aufgebrachten Lasten oder Wege sind nicht wirk-
lich, sondern nur gedanklich vorhanden. Sie sind infinitesimal klein, können
aber in einer linearen Theorie passend gewählt werden, da der Skalierungsfak-
tor für virtuelle Einwirkungen und daraus folgende virtuelle Tragwerksreaktio-
nen gleich ist. Er kann daher in der Arbeitsgleichung gekürzt werden. Virtuelle
Größen werden im weiteren immer mit einem Querstrich gekennzeichnet.
virtuelle Kraft P : P̄ ,
virtuelle Verschiebung u : ū,
virtuelle Arbeit A : Ā.
Virtuelle Verformungen und virtuelle Spannungszustände sind unabhängig vom
wirklichen Zustand und damit fremderzeugt, sodass die hiermit formulierten
Arbeiten immer Verschiebungsarbeiten sind, die den Arbeitssatz entsprechend
Gleichung (6.3) erfüllen müssen.

7.1 Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen (PvV)


In Abschnitt 6.1 führt der Arbeitssatz u. a. auf die Formulierung von Verschie-
bungsarbeiten nach Gleichung (6.3). Es gilt, wenn der jetzt unnötige Index 1
weggelassen wird sowie die Normalkräfte und äußere Einzelmomente ergänzt
werden,
Z
A = P δfremd + M e ϕfremd + { M κfremd − N εfremd } dx = 0.

Bisher ist der im Arbeitssatz verwendete Verformungszustand aus einer vor-


gegebenen wirklichen Last entstanden, die nachträglich auf das mit der Last
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_7
122 7 Virtuelle Arbeiten

P1 belastete System gebracht wird. Da die nachträglich auf das System ge-
brachte Last P2 nicht mehr im Arbeitssatz auftaucht, braucht sie nicht weiter
betrachtet zu werden.
Der Verformungszustand kann daher auch beliebig gewählt werden (zu einem
nicht mehr interessierenden Lastzustand gehörig), ohne dass sich die Aussage
des Arbeitssatzes ändert. Er muss aber auf jeden Fall die Verformungsgeometrie
im Gebiet und auf dem Rand erfüllen, denn sonst kann er kein Verformungs-
zustand des wirklichen Systems sein.

Jetzt wird der Verformungszustand als virtuell angenommen. Er wird dann


nicht mehr als Folge einer Last verstanden, sondern kann völlig unabhängig
gewählt werden. Die hieraus folgende Form des Arbeitssatzes
Z
e
Ā = P δ̄ + M ϕ̄ + { M κ̄ − N ε̄ } dx = 0. (7.1)

wird als Prinzip der virtuellen Verschiebungen bezeichnet. Andere Bezeich-


nungen sind Prinzip der virtuellen Verrückungen oder Prinzip der virtuellen
Weggrößen.

Die Bedeutung dieses Prinzips ergibt sich aus den Bedingungen, die an den
Spannungszustand und den virtuellen Verformungszustand gestellt werden.

• Der virtuelle Verformungszustand wird nicht berechnet, sondern kann


beliebig gewählt werden. Er muss aber die Verformungsgeometrie des un-
tersuchten Systems erfüllen.
Dies bedeutet für die Biegearbeiten
im Gebiet κ̄ = w̄′′ ,
auf festem Rand w̄ = 0,
auf eingespanntem Rand ϕ̄ = 0
und für die Dehnarbeiten
im Gebiet ε̄ = ū′ ,
auf festem Rand ū = 0.
• Der wirkliche Spannungszustand muss die Gleichgewichtsbedingungen
des Systems unter der wirklichen Last erfüllen.

Dies bedeutet, dass der wirkliche Spannungszustand ein Gleichgewichtszustand


ist, wenn die Summe der am Tragwerk geleisteten virtuellen Arbeiten auf be-
liebigen, kinematisch zulässigen virtuellen Verschiebungen verschwindet.
Damit ist das Prinzip der virtuellen Verschiebungen eine andere Formulierung
des Gleichgewichts des wirklichen Spannungszustands.
7.1 Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen (PvV) 123

Satz
Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen ist den Gleichgewichtsbedin-
gungen des wirklichen Systems äquivalent, wenn die virtuellen Verschie-
bungen die Verformungsbedingungen erfüllen.

Beispiel
In nachfolgendem Bild ist ein im Gleichgewicht befindliches System freige-
schnitten. Im linken Fall sind die Lagerkräfte Fa und Fb freigeschnitten und
eine virtuelle Verschiebung w̄ senkrecht zum Balken gewählt. Die Summe der
virtuellen Arbeiten der Lagerkräfte und der Last P auf w̄ verschwindet, wenn
die Kräfte im Gleichgewicht sind. Die Arbeitsgleichung entspricht dem Gleich-
gewicht der Kräfte in Richtung w̄.

Im rechten Fall ist eine virtuelle Verdrehung ϕ̄ des Balkens um Lager a gewählt.
Auch hier müssen die virtuellen Arbeiten der Last P und der Lagerkraft Fb auf
den virtuellen Verschiebungen verschwinden. Klammert man im Arbeitssatz
die virtuelle Verdrehung ϕ̄ aus, wird deutlich, dass Lagerkraft Fb und Last P
mit dem jeweiligen Hebelarm multipliziert werden. Die Arbeitsgleichung ent-
spricht dem Gleichgewicht der Momente um Lager a. Hiermit könnte man die
Lagerkraft Fb bei gegebenen Lasten direkt berechnen.

P P
a b a b

l l

P P

a
Fa Fb Fb

j
w


−Fa · w̄ − Fb · w̄ + P · w̄ = 0 Fb · ℓ · ϕ̄ − P · 2
· ϕ̄ = 0

(−Fa − Fb + P ) · w̄ = 0 (Fb · ℓ − P · 2ℓ ) · ϕ̄ = 0

Bild 7-1 Anwendung des Prinzips der virtuellen Verschiebungen


124 7 Virtuelle Arbeiten

Ergänzungen

Die Erweiterung des PvV um die virtuelle Arbeit weiterer Kraftgrößen ist ein-
fach möglich, da die Arbeiten skalar addiert werden können. Nachfolgend ist
das PvV um die Arbeit von Streckenlasten q sowie Lagerkräften Fa und La-
germomenten Ma ergänzt, die nach dem Freischneiden wie äußere Kraftgrößen
angesetzt werden, siehe Bild 7-2. Die Richtung von virtuellen Verschiebungen
und konjugierten Kraftgrößen ist so gewählt, dass von den Lagerkräften und
Einspannmomenten positive Arbeit geleistet wird. Wenn im Einzelfall virtu-

-
j q
a P
x Ma a b c
-
j M
e

- Fa
z,w -
da

Bild 7-2 Arbeit auf virtuellen Lagerweggrößen

elle Wege und wirkliche Kräfte entgegengesetzt wirken, ist das Vorzeichen zu
wechseln. Insgesamt liegen damit folgende virtuelle Arbeiten vor

Z
Ā = { −N ε̄ + M κ̄ } dx
Z
+ P · δ̄ + M e · ϕ̄ + q · w̄ dx + Σ Fa · δ̄a + Σ Ma · ϕ̄a = 0.

Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen ist ein ganz grundlegendes Prinzip
der modernen Berechnungsverfahren für Tragwerke. Es wird hier eingesetzt, um
Lagerkräfte, Schnittgrößen und Einflusslinien für Schnittgrößen zu berechnen.

Eine Ergänzung der Arbeitsgleichung des PvV um Arbeitsterme infolge Erwär-


mungen, Lagerverschiebungen und Lagerverdrehungen ist nicht möglich. Der
tiefere Hintergrund des Fehlens von Erwärmungen und Lagerwegen im PvV
liegt darin, dass das PvV eine andere Formulierung der Gleichgewichtsbedin-
gungen ist und Erwärmungen und Lagerwege nur in den Verformungsbedingun-
gen berücksichtigt werden können und nicht in den Gleichgewichtsbedingungen.
Wirkliche Lagerwege und virtuelle Lagerwege dürfen hierbei nicht verwechselt
werden. Zu beachten ist auch, dass Temperaturänderungen Einwirkungen sind
und daher keine virtuellen Temperaturdehnungen vorhanden sein können.
7.2 Das Prinzip der virtuellen Kräfte (PvK) 125

7.2 Das Prinzip der virtuellen Kräfte (PvK)


In vollständiger Analogie zum Prinzip der virtuellen Verschiebungen kann aus
dem Arbeitssatz Gl.(6.3) ein Prinzip der virtuellen Kräfte entwickelt werden.
Es gilt zunächst wie in Abschnitt 6
Z
e
ΣA = P δfremd + M ϕfremd + { M κfremd − N εfremd } dx = 0.

Die Verformungen δ, ϕ, κ, ε werden jetzt als Verformungszustand gedeutet, der


als Folge der wirklichen Belastung eintritt. Der Verformungszustand erfüllt
damit alle Verformungsbedingungen des wirklichen Systems.
Der Spannungszustand P, M e , M, N ist ein nicht von den Einwirkungen her-
vorgerufener Gleichgewichtszustand. Die hierzu gehörenden Verformungen in-
teressieren nicht, da sie im Arbeitssatz nicht verwendet werden.

Der im Arbeitssatz vorhandene Spannungszustand wird jetzt als virtuell ange-


nommen. Er ist dann kein wirklicher Gleichgewichtszustand, sondern nur noch
ein gedachter. Die hieraus folgende Form des Arbeitssatzes
Z
ΣĀ = P̄ δ + M̄ e ϕ + { M̄ κ − N̄ ε } dx = 0. (7.2)

wird als Prinzip der virtuellen Kräfte bezeichnet. Die Bedeutung des Prinzips
folgt aus den Bedingungen, die an den virtuellen Spannungszustand und den
wirklichen Verformungszustand gestellt werden.

• Der wirkliche Verformungszustand ist Folge der wirklichen Last. Er erfülllt


daher die Verformungsbedingungen des wirklichen Systems.

• Der virtuelle Spannungszustand muss die Gleichgewichtsbedingungen er-


füllen. Die daraus folgenden virtuellen Verformungen interessieren nicht.

Dies bedeutet, dass das Prinzip der virtuellen Kräfte eine andere Formulierung
der Verformungsbedingungen des wirklichen Tragwerks ist, wenn der gewähl-
te virtuelle Spannungszustand im Gleichgewicht ist. Das PvK kann daher als
Forderung an die Verformungen des wirklichen Systems gedeutet werden:
Der wirkliche Verformungszustand erfüllt alle kinematischen Bedingungen, wenn
die Summe der am Tragwerk geleisteten virtuellen Arbeiten beliebiger, statisch
zulässiger virtueller Spannungszustände auf den wirklichen Verschiebungen ver-
schwindet.
126 7 Virtuelle Arbeiten

7.2.1 Virtuelle Arbeiten bei Erwärmung


In Abschnitt 7.2 ist die Arbeitsgleichung des PvK gegeben. Bei Erwärmung
verformen sich die Tragwerke, sodass entsprechende zusätzliche Arbeiten von
virtuellen Spannungen auf wirklichen Wegen geleistet werden können. Der vir-
tuelle Spannungszustand im PvK ist bereits erklärt, sodass nachfolgend die
Verformungen aus Erwärmung sowie die entsprechenden Arbeiten angegeben
werden.

Bisher sind die inneren Arbeiten der virtuellen Normalkräfte N̄ und der virtu-
ellen Momente M̄ auf wirklichen Dehnungen und Verkrümmungen berücksich-
tigt:
Z
Āi = {M̄ · κ − N̄ · ε } dx.

Wenn Tragwerke erwärmt werden, treten neben den Dehnungen aus Elastizität
auch Dehnungen aus Temperaturänderungen auf. Es gilt für Elastizität und
Erwärmung

ε = εel + εT . N dx
T

e el dx
e dx
e T dx

ε sind wirkliche Dehnungen, sodass die Arbeit infolge virtueller Normalkraft


wie folgt geschrieben werden kann:
Z
Āi (N̄ ) = − N̄ · ( εel + εT ) dx.

Die Werkstoffgleichung“ für die Temperaturdehnung kann, falls erforderlich,



in die Arbeitsgleichung eingesetzt werden. Hierfür gilt

αT [1/K] Wärmeausdehnungskoeffizient
εT = αT · T0
T0 [K] Temperaturänderung in Kelvin

Die Verkümmungen κ können ebenfalls Folge elastischer Verformungen und


Erwärmung sein. Bei unterschiedlicher Erwärmung der Ober- und der Unter-
seite eines Balkens verkrümmt sich der Stab, wenn sich die einzelnen Fasern
7.2 Das Prinzip der virtuellen Kräfte (PvK) 127

unterschiedlich dehnen. Mit εT o = αT · To und εT u = αT · Tu sowie


∆T = Tu − To (unten wärmer) kann die Verkrümmung κT aus Erwärmung
berechnet werden:

To
κT = − ( εT u − εT o )/h
M
= − αT · ∆T /h.
Tu k = kel + kT

Das Vorzeichen folgt aus der Definition positiver Momente und positiver Ver-
krümmungen. Damit leisten die virtuellen Momente innere Arbeiten auf den
Verkrümmungen aus Elastizität und Erwärmung
Z
Āi (M̄ ) = + M̄ · ( κel + κT ) dx.

7.2.2 Virtuelle Arbeiten bei Lagerwegen


Bisher sind die äußeren Arbeiten von virtuellen Einzelkräften und Einzelmo-
menten auf wirklichen Wegen erfasst

Āa = ΣP̄ · δ + ΣM̄ · ϕ.

Zusätzlich können eingeprägte Verschiebungen und Verdrehungen z. B. als La-


gerverschiebung δa oder Lagerverdrehung ϕa vorhanden sein, sodass die zum
virtuellen Spannungszustand gehörenden virtuellen Lagerkräfte und -momente
ebenfalls Arbeit leisten.

ja -
P
x - a b c
Ma
j -
- M
Fa
z,w da

Die Richtung der virtuellen Kraftgrößen ist im Bild so angesetzt, dass sie auf
den wirklichen Wegen positive Arbeit leisten. Falls die virtuellen Kräfte und die
wirklichen Wege entgegengesetzt wirken, ist ein Vorzeichenwechsel zu berück-
sichtigen. Insgesamt liegen damit folgende äußere Arbeiten vor

Āa = Σ P̄ · δ + Σ M̄ · ϕ + Σ F̄a · δa + Σ M̄a · ϕa .


128 7 Virtuelle Arbeiten

7.2.3 Arbeitsgleichung des Prinzips der virtuellen Kräfte


Die Erweiterung des Prinzips der virtuellen Kräfte um die in den Abschnitten
7.2.1 und 7.2.2 betrachteten Terme gibt
Z
Ā = {−N̄ (εel + εT ) + M̄ (κel + κT ) } dx

+ Σ P̄ · δ + Σ M̄ · ϕ + Σ F̄a · δa + Σ M̄a · ϕa = 0.

Der virtuelle Spannungszustand muss im Gleichgewicht sein, damit der Ar-


beitssatz eine Bedingung für die Erfüllung der Verformungsbedingungen des
wirklichen Systems ist.
Neben den Verformungsbedingungen muss das wirkliche Tragwerk auch die
Gleichgewichtsbedingungen und die Werkstoffgleichungen erfüllen. Daher müs-
sen beide Gleichungen ebenfalls in das PvK einfließen, da sonst der Verfor-
mungszustand in keinem Zusammenhang mit den Einwirkungen des wirklichen
Tragwerks steht. Mit den Werkstoffgleichungen

N M
εel = , κel = − ,
EA EI
∆T
εT = αT T0 , κT = −αT ,
h
kann das PvK in der Form
Z
N M ∆T
Ā = {− N̄ ( + αT T0 ) − M̄ ( + αT ) } dx
EA EI h
+ Σ P̄ · δ + Σ M̄ · ϕ + Σ F̄a · δa + Σ M̄a · ϕa = 0 (7.3)

geschrieben werden. Die Gleichgewichtsbedingungen des wirklichen Zustands


können nicht direkt im Arbeitsprinzip erfasst werden, sondern sind bereits vor-
weg bei der Berechnung der N, M infolge der wirklichen Einwirkungen erfüllt.

Satz
Das Prinzip der virtuellen Kräfte ist den Verformungsbedingungen des
wirklichen Systems äquivalent, wenn die virtuellen Kräfte und Momente
die Gleichgewichtsbedingungen erfüllen.

Das Prinzip der virtuellen Kräfte ist ein ganz grundlegendes Prinzip der Bausta-
tik. Es wird hier eingesetzt, um einzelne Weggrößen zu berechnen.
7.2 Das Prinzip der virtuellen Kräfte (PvK) 129

Beispiel
Die Bedeutung des P vK als Verformungsbedingung des wirklichen Systems
wird mit folgendem Beispiel deutlich. Der Kragarm ist mit einem Einzelmoment
M e am Ende belastet. Gesucht ist die Verdrehung ϕb am freien Ende. Im
Bild links sind die Momentenlinie und die Biegelinie skizziert. Die analytische
Berechnung der Verdrehung erfolgt mit
Z ℓ Z
Me Me · ℓ
ϕb = κ dx = − dx = − .
0 EI EI
Die Verdrehung ist hier entsprechend der Vereinbarungen nach Abschnitt 3.4
positiv im Uhrzeigersinn.

a b e
M M=1

M + M
e
1 + M

j
w b
+ j

Für die Anwendung des Prinzips der virtuellen Kräfte muss ein virtuelles Ein-
zelmoment 1̄ in Richtung der Verdrehung aufgegeben werden. Die virtuelle
Momentenline ist im Bild rechts gegeben. Die Auswertung des P vK erfolgt
mit
Z
M
Ā = M̄ · ϕb − M̄ dx = 0
EI
Me
1̄ · ϕb = 1̄ · ℓ.
EI
Im Vergleich mit der analytischen Lösung bestätigt sich die Aussage des P vK.
Das positive Vorzeichen besagt, dass die Verdrehung ϕb in Richtung des virtu-
ellen Einzelmomentes M̄ zeigt.
130 8 Berechnung von Schnittgrößen mit dem PvV

8 Berechnung von Schnittgrößen mit dem PvV

Der wesentliche Gedanke des Prinzips der virtuellen Verschiebungen ist in Ab-
schnitt 7.1 herausgearbeitet:

Die virtuellen Arbeiten des wirklichen Gleichgewichtszustands auf einem


beliebigen, kinematisch zulässigen virtuellen Verschiebungszustand sind
im Integral über das gesamte Tragwerk identisch null.

Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen wird hier zur Berechnung von Lager-
kräften und Schnittgrößen eingesetzt. Die Berechnung erfolgt in drei Schritten.

1. An der Stelle im Tragwerk, an der die Schnittgröße für eine gegebene Ein-
wirkung gesucht ist, wird die zugehörige Bindung gelöst und die inneren Span-
nungen werden als äußere“ an den Schnittufern wirkende Schnittgröße aufge-

bracht. Als Folge des Schnitts verringert sich der Grad der statischen Bestimmt-
oder Unbestimmtheit um eins. Statisch bestimmte Systeme werden zur kinema-
tischen Kette, statisch unbestimmte Systeme vom Grad n werden zu statisch
unbestimmten Systemen vom Grad n − 1.
Dieses Vorgehen wird als Lagrange’sche Befreiung bezeichnet.
2. Es wird eine kinematisch zulässige virtuelle Verschiebung −1̄ vorgegeben,
auf der die Schnittgröße negative virtuelle Arbeit leistet. Für die Zuordnungen
von Kraft- und konjugierten Weggrößen sind Tabellen 6.1 und 9.1 zu beachten.
Die angesetzten virtuellen Verschiebungen sind infinitesimal kl