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Dieter Dinkler

Grundlagen
der Baustatik
Modelle und Berechnungsmethoden
für ebene Stabtragwerke
4. Auflage
Grundlagen der Baustatik
Dieter Dinkler

Grundlagen der Baustatik


Modelle und Berechnungsmethoden
für ebene Stabtragwerke
4. Auflage
Dieter Dinkler
Braunschweig, Deutschland

ISBN 978-3-658-13849-3 ISBN 978-3-658-13850-9 (eBook)


DOI 10.1007/978-3-658-13850-9
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V

Vorwort zur vierten Auflage

Mit der vierten Auflage des Lehrbuches ist eine redaktionelle Überarbeitung
möglich, die verschiedene Anregungen von Studierenden aufgreift. So sind ver-
schiedene komplexe Zusammenhänge mit ergänzenden Beispielen veranschau-
licht. Im Anhang sind zahlreiche Fragen zum Verständnis der für Studierende
oft wenig greifbaren Zusammenhänge angegeben.
Großer Dank dem Verlag Springer-Vieweg für die wiederum gute Zusammen-
arbeit und die sehr ansprechende Gestaltung des Neudruckes.

Braunschweig, 1. April 2016 Dieter Dinkler

Vorwort zur dritten Auflage

Die erfreulich große Nachfrage nach den Grundlagen der Baustatik gibt mir die
Möglichkeit, das Lehrbuch inhaltlich zu ergänzen und mich bei allen denen zu
bedanken, die mir mit vielen Hinweisen und guten Ratschlägen bei der redak-
tionellen Überarbeitung geholfen haben. Besonderer Dank gilt Herrn Marten
Eickhoff und Herrn Sebastian Krooß für ihre große Geduld bei der Überar-
beitung der vielen zeichnerischen Darstellungen. Dem Verlag Springer-Vieweg
möchte ich für die gute Zusammenarbeit bei der Gestaltung und der Vorberei-
tung des Neudruckes danken.

Braunschweig, 1. Februar 2014 Dieter Dinkler

Vorwort zur zweiten Auflage

Aufgrund der sehr erfreulichen Resonanz auf die Erstausgabe des Lehrbuches
ist es möglich, mit der hier vorliegenden zweiten Auflage eine redaktionelle
Überarbeitung und Ergänzung des Lehrbuches vorzunehmen. Dies betrifft die
Qualität der Abbildungen, verschiedene ergänzende Beispiele sowie einen An-
hang, in dem grundlegende statische Systeme tabelliert sind.
Dem Verlag Springer-Vieweg möchte ich für die konstruktiven Hinweise und die
gute Zusammenarbeit bei der Gestaltung und der Vorbereitung des Neudruckes
danken.

Braunschweig, 1. Februar 2012 Dieter Dinkler


VI

Vorwort zur ersten Auflage


Das vorliegende Lehrbuch ist aus den Lehrveranstaltungen für das Fachgebiet
Baustatik im Bachelorstudiengang Bauingenieurwesen an der Technischen Uni-
versität Braunschweig entstanden.
Es zielt auf die Darstellung und Vermittlung der Grundlagen der Baustatik für
Studierende des Bauingenieurwesens und nahestehender Studiengänge. Vor-
ausgesetzt werden die Grundlagen der Technischen Mechanik für Ingenieurstu-
diengänge, sodass Spannungen, Kräfte und Momente bekannt sind und erste
Erfahrungen in der Berechnung von Schnittgrößen für Balken und Fachwerke
vorliegen.

Das Lehrbuch ist in drei größere Abschnitte unterteilt, in denen die baustati-
schen Methoden anschaulich und grundlegend dargestellt sind. Der erste Teil
behandelt die Modellierung statischer Systeme und bietet eine Einführung in
die Berechnung der Zustandslinien von Tragwerken. Im zweiten und dritten
Teil stehen statisch bestimmte und unbestimmte Systeme mit der Ermittlung
von Zustandslinien und Einflusslinien im Vordergrund.
Die Spannungstheorie II. Ordnung und eine Einführung in die Fachwerkmodelle
ergänzen die vorangehenden Abschnitte und bereiten die Studierenden auf die
anderen Fachgebiete des Konstruktiven Ingenieurbaus vor.

Das Lehrbuch wäre in dieser Form ohne die Unterstützung meiner Mitarbeiter
nicht möglich gewesen. Besonders bedanken möchte ich mich bei Frau cand.
BSc. Corinna Mai, die die vielen Bilder mit großer Sorgfalt gezeichnet hat, und
bei Herrn cand. BSc. Andreas Janzen, der die vielen Skizzen zur Modellbildung
mit großer Anschauung von Hand angefertigt hat.
Ganz herzlichen Dank an Herrn Prof. Dr.-Ing. Hermann Ahrens und Frau Dr.-
Ing. Ursula Kowalsky, die in vielen fachlichen Diskussionen wesentliche Impulse
für die Auswahl der Inhalte und die Art der Darstellung gegeben haben.

Braunschweig, 1. September 2010 Dieter Dinkler


Inhaltsverzeichnis VII

Inhaltsverzeichnis

GRUNDLAGEN 1
1 Einführung 3
1.1 Historische Entwicklung der Baustatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
1.2 Aufgaben der Baustatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7
1.3 Der Tragwerksentwurf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9
1.4 Die Tragwerksmodellierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
1.5 Die Tragwerksberechnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14
2 Tragwerksmodelle der Stabstatik 15
2.1 Einordnung der Tragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
2.2 Idealisierung der Tragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18
2.3 Idealisierung der Einwirkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
2.4 Beispiele für Tragwerksmodellierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
2.5 Modellierungsfehler . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32
3 Grundlagen der Berechnungsverfahren 33
3.1 Das Schnittprinzip . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
3.2 Vorzeichendefinitionen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
3.3 Statische Bestimmtheit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
3.5 Analytische Lösung der Grundgleichungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
3.6 Vorgehensweise der Baustatik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 61
STATISCH BESTIMMTE SYSTEME 69
4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme 71
4.1 Fachwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 71
4.2 Rahmentragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 78
4.3 Bogentragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
4.4 Seiltragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken 100
5.1 Begriffsbildung für Polpläne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 101
5.2 Vorgehen beim Aufstellen von Polplänen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 103
5.3 Anwendungsgebiete von Polplänen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 108
5.4 Untersuchung der Gleichgewichtsbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 112
6 Arbeitssätze 114
6.1 Begriffe zur Formulierung der Arbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 114
6.2 Der Arbeitssatz für elastische Stabtragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
6.3 Verschiedene Formulierungen des Arbeitssatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 119
VIII Inhaltsverzeichnis

7 Virtuelle Arbeiten 121


7.1 Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen (PvV) . . . . . . . . . . . . . . . . . . 121
7.2 Das Prinzip der virtuellen Kräfte (PvK) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 125
8 Berechnung von Schnittgrößen mit dem PvV 130
9 Einflusslinien für Kraftgrößen 134
9.1 Statische Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 135
9.2 Kinematische Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 137
9.3 Beispiele zur kinematischen Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 139
9.4 Auswertung von Einflusslinien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151
10 Berechnung von Weggrößen mit dem PvK 154
10.1 Die Grundfälle . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 154
10.2 Umformung der Arbeitsgleichung des PvK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 160
10.3 Auswertung der Integrale der Inneren Arbeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 161
11 Berechnung von Biegelinien 165
11.1 Baustatische Methode mit ω–Zahlen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166
11.2 Rechnerorientiertes Vorgehen mit Teilbiegelinien . . . . . . . . . . . . . . . . . . 170
12 Einflusslinien für Weggrößen 172
12.1 Sätze von Betti und Maxwell . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172
12.2 Berechnung von Einflusslinien für Weggrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 176
12.3 Dualität der Einflusslinien für Weg- und Kraftgrößen . . . . . . . . . . . . . . 178
STATISCH UNBESTIMMTE SYSTEME 179
13 Eigenschaften statisch unbestimmter Systeme 181
13.1 Tragverhalten statischer unbestimmter Systeme . . . . . . . . . . . . . . . . . . 182
13.2 Berechnungsansätze für statisch unbestimmte Systeme . . . . . . . . . . . . 185
13.3 Dualität von Kraft- und Weggrößenverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 190
14 Das Kraftgrößenverfahren 192
14.1 Rückführung auf statisch bestimmte Hauptsysteme . . . . . . . . . . . . . . . 193
14.2 Die Gleichgewichtsbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 194
14.3 Die Verformungsbedingungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
14.4 Die Berechnung der Weggrößen am Hauptsystem . . . . . . . . . . . . . . . . . 196
14.5 Zustandslinien des statisch unbestimmten Systems . . . . . . . . . . . . . . . . 198
14.6 Anwendungsbeispiele für das Kraftgrößenverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . 199
14.7 Fehlerquellen und Rechenkontrollen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213
15 Verallgemeinerung des Kraftgrößenverfahrens 218
15.1 Folgerungen aus dem PvK . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 220
15.2 Beispiel für die Wahl unterschiedlicher Hauptsysteme . . . . . . . . . . . . . 222
15.3 Grenzen des Kraftgrößenverfahrens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 224
Inhaltsverzeichnis IX

16 Berechnung von Weggrößen 225


16.1 Herleitung des Reduktionssatzes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 225
16.2 Anwendungsbeispiel für den Reduktionssatz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 227
17 Das Drehwinkelverfahren 228
17.1 Kinematisch unbestimmte Tragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 228
17.2 Kinematisch bestimmte Hauptsysteme . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231
17.3 Grundlagen des Drehwinkelverfahrens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 233
17.4 Lösungsweg des Drehwinkelverfahrens . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 239
17.5 Anwendungsbeispiele . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 242
17.6 Aufstellen der Gleichgewichtsbedingungen mit dem PvV . . . . . . . . . . . 250
17.7 Eingeprägte Weggrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 258
17.8 Berechnung von Biegelinien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 264
17.9 Kontrollen beim Drehwinkelverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 265
18 Anmerkungen zu den Berechnungsverfahren 266
18.1 Analogie zwischen Kraftgrößen- und Drehwinkelverfahren . . . . . . . . . 266
18.2 Kontrolle des Spannungs- und Verformungszustandes . . . . . . . . . . . . . 268
19 Einflusslinien statisch unbestimmter Systeme 274
19.1 Einflusslinien für Weggrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 275
19.2 Einflusslinien für Kraftgrößen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 277
19.3 Analogie der Einflusslinien für Weg- und Kraftgrößen . . . . . . . . . . . . . 281
19.4 Einflusslinien bei Durchlaufträgern und deren Auswertung . . . . . . . . . 282
SPANNUNGSTHEORIE II. ORDNUNG 285
20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung 287
20.1 Einführung in die Theorie II. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 289
20.2 Stabendmomente nach Theorie II. Ordnung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 292
20.3 Einfluss der Knotenverschiebungen auf das Gleichgewicht . . . . . . . . . 302
20.4 Abschätzen der Stabsteifigkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 313
FACHWERKMODELLE 315
21 Fachwerkmodelle 317
21.1 Fachwerkmodelle für Stabtragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 318
21.2 Fachwerkmodelle für gedrungene Tragwerke . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 322
21.3 Lastabtrag über Stützlinien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 324
TABELLEN 327
VERSTÄNDNISFRAGEN 335
LITERATUR 339
BILDNACHWEIS 341
STICHWORTVERZEICHNIS 343
GRUNDLAGEN
3

1 Einführung

Die Statik ist ursprünglich ein Teilgebiet der Mechanik. Mit dem Entwurf
von immer komplexeren Tragsystemen hat sie sich jedoch unabhängig von
der Mechanik weiterentwickelt. Heute ist die Baustatik als Folge der auch
in Grenzbereichen der Tragfähigkeit geplanten modernen Konstruktionswei-
sen und mit den hierfür notwendigen weitentwickelten Berechnungsverfahren
als eigenständiges Fachgebiet für das Bauwesen unentbehrlich.
Die Statik ist die Lehre von den Kräften, die ohne Bewegung vorhanden sind.
Kraft- und Verformungszustände sind zeitlich konstant, sodass alle bewegungs-
abhängigen Kräfte und Massenträgheiten verschwinden. Zeitkonstante Lasten
und daraus folgende Kräfte im Bauwerk sind praktisch bei allen Tragwerken
des Bauingenieurwesens vorhanden, sei es als Eigengewicht, Erd- oder Was-
serdruck. Setzungen, Verkehrslasten, Wind oder vergleichbare Einwirkungen
können in der Regel ebenfalls als zeitkonstant aufgefasst werden, wenn die
Beschleunigungen klein sind. Sogar wenn die Zeitveränderlichkeit von Einwir-
kungen auf Tragwerke beachtet werden muss, reicht es oft aus, mit Hilfe von
Schwingbeiwerten oder Lastvergrößerungsfaktoren eine Tragwerksanalyse un-
ter zeitkonstanten Einwirkungen durchzuführen.
Weil der Schwerpunkt der Baustatik in der Tragwerksanalyse und nicht in der
Anwendung und Entwicklung von werkstoffabhängigen Konstruktionsweisen
und Bemessungsregeln liegt, hat die Baustatik die Aufgabe, Tragwerke werk-
stoffübergreifend zu untersuchen und auf den Tragwerksentwurf und die Bau-
ausführung einzuwirken. Wie im folgenden Bild dargestellt, nimmt die Bausta-
tik zwischen vielen anderen Disziplinen eine integrierende Schlüsselposition ein
und ist Grundlage für alle Fachgebiete des Konstruktiven Ingenieurbaus.

Baustatik
✏✏ PP
✏✏✏ ❅ PP
PP
✏ ❅
✏✏ PP
✮✏
✏ ✠ ❅❘
❅ PP
q
Holzbau Stahlbau Massivbau Grundbau

Balken, Stützen, Bögen, Seile, Anker, Pfähle, Spundwände ...

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D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_1
4 1 Einführung

Die Tragwerksanalyse umfasst jedoch nicht nur das fertiggestellte Bauwerk,


sondern auch alle während der Bauzeit auftretenden Bauzustände, die Hilfs-
konstruktionen während der Bauphase und sämtliche am Bauwerk vorhandenen
Detailkonstruktionen.
Nebenstehendes Bild zeigt das Lehrge-
rüst einer Spannbetonbrücke über die
Wümme bei Rotenburg. Für die Beto-
nierung der Brücke ist ein aufwändi-
ges Schalgerüst erforderlich, das den
untenliegenden Flusslauf überbrückt.
Die tragende Konstruktion ist als räum-
lich komplexes und vielfach ausgesteif-
tes Fachwerk ausgeführt. Auf den in
Brückenlängsrichtung liegenden stäh-
lernen Fachwerkträgern sind querlie-
Bild 1-1
gende Holzfachwerke angeordnet, die
Lehrgerüst einer Spannbetonbrücke
wiederum die Schalelemente tragen.

Das Bürogebäude in Bild 1-2 ist


Teil eines größeren Gebäudekomple-
xes und sticht hier aufgrund der fili-
granen Bauweise besonders heraus.
Das Tragwerk des Bauwerks ist von
außen zwar nicht sichtbar, wird aber
mit der Fassade angedeutet. Die ver-
tikalen Lasten werden über schlan-
ke Stahlbetonstützen in hochfestem
Beton getragen. Die Geschossdecken
sind als Stahlbetonflachdecken aus-
geführt und horizontal an den
das gesamte Gebäude aussteifen-
den Treppenhauskern angeschlos-
sen. Die filigrane Fassade besteht
aus einer an die Flachdecken an-
geflaschten Metallkonstruktion mit
Bild 1-2 Bürogebäude in Braunschweig gläsernen Füllelementen.
1.1 Historische Entwicklung der Baustatik 5

1.1 Historische Entwicklung der Baustatik


Einen einführenden Überblick der Entwicklung der mechanischen Prinzipi-

en“ gibt Istvan Szabo in seinem 1987 erschienenen Werk [21]. Weiterführend
und umfassender ist die historische Entwicklung der Baustatik von Karl-Eugen
Kurrer [13] in seinem Buch Geschichte der Baustatik“ dargestellt. Mit viel

Übersicht und Detailwissen wird der Leser in die Entwicklung der Modelle,
Prinzipien und Lösungsverfahren der Baustatik eingeführt und mit vielen Hin-
tergrundinformationen versorgt, die nachfolgend zusammengefasst sind.

Bereits in der Antike entwickeln sich bei der Errichtung großartiger Bauwer-
ke ein großer Erfahrungsschatz und erste Erkenntnisse über Tragwirkungen in
Bauwerken. Ästhetik in der Form, Zweck und Tragwirkung bilden eine Einheit,
wenn die Gewölbewirkung beim Bau von Brücken oder Kuppeln ausgenutzt
wird, oder wenn schlanke Säulen die Dächer von Tempelanlagen tragen. Metal-
lische Verbindungsmittel werden zur Lagesicherung von Bauteilen verwendet,
auch um einen Widerstand gegen Erdbebeneinwirkungen zu entwickeln. Trotz
der vielen praktischen Erfahrungen sind jedoch nur wenige Kenntnisse über die
Gesetzmäßigkeiten des Bauens bekannt. So sind zwar mit den Arbeiten von
Archimedes (287–212 v. Chr.) Schwerpunktsätze, Hebelgesetze und Betrach-
tungen zum Gleichgewicht überliefert, die aber in den folgenden Jahrhunderten
zum Teil wieder verloren gehen.

Erst in der Renaissance erwacht das Interesse


an den Zusammenhängen zwischen Bauwerk,
Belastung und Verformung von neuem. Leo-
nardo da Vinci (1452–1519) untersucht u. a.
die Gewölbetragwirkung, statische Momente
und die Balkenbiegung. Newton veröffentlicht
seine Axiome über die Mechanik des Punktes
1687 und legt die Grundlagen über die Wir-
kung von Kräften und die Bewegung von Mas-
sen. Weiterführende Arbeiten sind von Hoo-
ke (1635–1703) über die Proportionalität von Biegung um die Kante B gibt
Kraft und Verschiebung und von Bernoulli
(1654–1705) über die Verkrümmung und die σ = 0,5 Eb h2 .
Hypothese vom Ebenbleiben der Querschnitte
Bild 1-3 Galileis Ansatz für die
bei der Balkenbiegung bekannt. Euler (1707–
Balkenbiegung, Szabo [21]
1783) entwickelt das Schnittprinzip und den
Momentensatz und untersucht die Biegelinie sowie die Stabilität von Stäben.
Coulomb (1736–1806) arbeitet u. a. an der Erddrucktheorie.
6 1 Einführung

Trotz des nun stark erweiterten Wissens erfolgte das Bauen jedoch bis zum
Beginn des 19. Jahrhunderts im Wesentlichen empirisch mit Hilfe von Erfah-
rungswerten. Die Grundlagen der Baustatik der Stabtragwerke werden erst re-
lativ spät zunächst von Navier (1785–1836) gelegt. Später entwickelt Culmann
(1821–1881) die Fachwerktheorie und zeichnerische Lösungsverfahren. Mohr
(1835–1918) arbeitet auf dem Gebiet der Festigkeitslehre, Ritter (1847–1906)
vervollständigt die graphischen Verfahren, und Müller-Breslau (1851–1925) sy-
stematisiert und verfeinert die Berechnungsmethoden für Stabtragwerke.

Flächentragwerke sind besonders kostengünstige Bauteile, wenn sie raumab-


schließend wirken und gleichzeitig Tragfunktionen übernehmen. Deckenplatten
und Wandscheiben sind heute so selbstverständlich, dass sie kaum noch als
besonderes Tragwerk wahrgenommen werden. Die sytematische Untersuchung
von Flächentragwerken beginnt mit der Darstellung von Klangfiguren mit Hilfe
der Eigenschwingungsformen von Platten durch Chladni (1756–1827). Laplace
(1749–1827) und Sophie Germain (1776–1831) entwickeln nach 1810 eine erste
noch fehlerhafte Plattenbiegetheorie. Kirchhoff (1824–1887) korrigiert den An-
satz und stellt 1850 die heute gültige Biegetheorie dünner Platten vor.

Gekrümmte Flächentragwerke werden als Schalen bezeichnet, wenn sie die Ein-
wirkungen überwiegend als Membrantragwerk tragen können. Hierbei sind be-
sonders schlanke und materialsparende Bauwerke möglich, die im Kühlturmbau
und im Behälterbau sowie in der Luftfahrt- und Fahrzeugtechnik eingestzt wer-
den. Eine erste Approximation der Schalenbiegetheorie wird von Love um 1888
veröffentlicht. Ergänzungen und Lösungen, vor allem auch für das nichtlineare
Tragverhalten, werden erst mit dem Beginn des 20. Jahrhunderts erarbeitet.

Ein Paradigmenwechsel der Baustatik erfolgt parallel zur Entwicklung moder-


ner Rechenmaschinen. War ursprünglich die Entwicklung von vereinfachenden
Modellen und Berechnungsverfahren wichtig, die nur wenig Handarbeit erfor-
derten, so ist die Modellbildung heute oft sehr komplex, da mit modernen
Berechnungsprogrammen alles berechenbar ist, was dem Anwender wichtig er-
scheint. Gerade deshalb sind die Grundlagen so wichtig, da sie auf fehlerhafte
Modellbildung hinweisen und die Ergebnisse zu interpretieren helfen.

Grundlage moderner Programmsysteme ist heute die in allen Bereichen des


Ingenieurwesens, der Technik und sogar der Biomechanik eingesetzte Finite-
Element-Methode [3], [25]. Sie wird ab 1955 in der Statik und Strukturmecha-
nik ursprünglich zur Berechnung des Tragverhaltens von Flächentragwerken
entwickelt und ist die am weitesten verbreitete Methode für die Untersuchung
physikalischer und technischer Phänomene und Prozesse.
1.2 Aufgaben der Baustatik 7

1.2 Aufgaben der Baustatik


Alle Bauwerke des Ingenieurwesens müssen die mit der speziellen Nutzung ver-
bundenen Rahmenbedingungen erfüllen. Dies sind u. a. die Raumanordnung
und die Bauphysik. Dazu sind weitere Kriterien wesentlich, da sie die Qualität
und Akzeptanz eines Bauwerks beeinflussen können. Hierzu gehören
• ideelle Werte: Ästhetik, Harmonie, Innovation des Entwurfs mit neuen
Bauweisen oder Materialien

• Umweltverträglichkeit: Baustoffe, Emissionen, Landschaftsschutz, Recyc-


ling von Baustoffen, Entsorgung von Schadstoffen

• Technik: Bauweisen- und Konstruktion, Lastabtrag im Tragwerk, Quer-


schnitte, Stützweiten und Werkstoffe

• Sicherheit: Trag- und Gebrauchssicherheit, Betriebssicherheit, Zuverläs-


sigkeit, Robustheit, Dauerhaftigkeit

• Wirtschaftlichkeit: direkte Baukosten, Bauwerkserhaltung und Sanierung,


Lebensdauer, volkswirtschaftlicher Gewinn als Folge des Bauwerks.
Alle im Einzelfall vorliegenden Rahmenbedingungen können in der Regel kaum
gleichzeitig eingehalten werden, sodass man Vor- und Nachteile der jeweils
möglichen Entwurfsvarianten gegeneinander abwägen muss. Optimale Entwürfe
kann man jedoch nicht ohne weiteres finden, wenn Kosten mit Ästhetik oder Le-
bensdauer mit Landschaftsschutz verglichen werden müssen. Oft werden Kom-
promisse ausgearbeitet. Ganz entscheidend sind der technische Aspekt des Ent-
wurfs sowie die Sicherheit. Hierbei sind zunächst geeignete Tragsysteme zu
finden, die die vorliegenden Einwirkungen tragen können und damit auch die
Bauteilabmessungen festlegen. Diese hängen auch vom Werkstoff, vom Bauab-
lauf und anderen Randbedingungen ab.

Für den jeweiligen Zweck eines Bauwerks gibt es in der Regel mehrere Ent-
wurfsmöglichkeiten, siehe Tabelle 1.1. Brücken können z. B. aus Holz, Stahl
oder Stahlbeton gebaut und fallabhängig als Balken-, Fachwerk-, Bogen- oder
Hängetragwerk entworfen werden. Baustoff, Konstruktion und Tragwerk sind
dabei nicht beliebig kombinierbar, sondern müssen aufeinander abgestimmt
sein, um ein ansprechendes Bauwerk errichten zu können. Schlanke Hänge-
brücken, deren Haupttragglieder auf Zug beansprucht sind, besitzen einen an-
deren Einsatzbereich und ein anderes Tragverhalten als gedrungene auf Biegung
beanspruchte Balkenbrücken. Bogenbrücken sind auf Druck beansprucht und
daher auch in ihrer Stabilität gefährdet.
8 1 Einführung

Tabelle 1.1 Bauwerk und Tragwerk

Bauwerkszweck Bauwerk Tragwerk Einwirkungen


Straßenüber- Brücke Balken (Biegung) Eigengewicht
führung Hängebrücke (Zug) Verkehr
Bogenbrücke (Druck) Wind
Fachwerk Wärme, ...
Wetterschutz Tribünendach Biegestäbe, ... , Schnee, ...
Membran, Seile
Fachwerkbinder
Wasserkühlung Kühlturm Stahlbetonschale Wasserdampf,
verkleidetes Fachwerk Säuren, ...
abgehängtes Seilnetz

Die Tribünenüberdachung eines Stadions kann z. B. als filigranes Zeltdach oder


Seilnetzwerk an Pylonen aufgehängt und am Boden verankert sein. Auch Bal-
ken oder Fachwerkträger, die auf Stützen aufliegen oder rückwärtig an Pylonen
abgespannt sind, sind als Tragwerk denkbar.

Bild 1-4 Dachkonstruktionen: Hannover – Messehalle, München – Olympiastadion

Als Tragwerk sind die Teile des Bauwerks bezeichnet, die die Einwirkungen
tragen und weiterleiten. Sie müssen so bemessen sein, dass das Bauwerk stand-
sicher ist, und dürfen sich nur so verformen, dass die Gebrauchsfähigkeit des
Bauwerks nicht beeinträchtigt wird. Die wesentlichen Aufgaben der Bausta-
tik sind daher die Untersuchung der Tragwirkungen und die Berechnung des
1.3 Der Tragwerksentwurf 9

Tragverhaltens der Bauwerke. Sie umfassen im weiteren Sinn auch die Dimen-
sionierung sowie die Standsicherheits- und Gebrauchstauglichkeitsnachweise.
Teilaufgaben sind
• der Tragwerksentwurf,

• die Tragwerksmodellierung

• und die Tragwerksberechnung mit Dimensionierung und Nachweisen.


Wenn der erste Entwurf eines Tragwerkes nicht gleich zu einer ansprechenden
Lösung führt, sind die Teilaufgaben oft mehrmals zu bearbeiten. Hier ist eine
enge Zusammenarbeit mit anderen Gebieten des Ingenieurbaus erforderlich, da
erst so die Details über Steifigkeiten, Einspanngrade, Lager- und Gelenkreali-
sierungen festgelegt werden können.

1.3 Der Tragwerksentwurf


Der Tragwerksentwurf ist ein schöpferischer Prozess, an dem alle am Projekt
beteiligten Ingenieurdisziplinen gemeinsam arbeiten. Bei der Tragwerksopti-
mierung einer Brücke sind z. B. ganz erhebliche Kenntnisse auf den Gebie-
ten des Stahlbaues, des Stahlbeton-, Spannbeton- und Massivbaues sowie des
Grundbaues erforderlich, um die Machbarkeit des gewählten Tragwerks beur-
teilen zu können und um Spannweiten, Bauhöhen oder Gründungen abschätzen
zu können. Die Statik stellt hierbei das Wissen über Tragsysteme (Stabtrag-
werke, Flächentragwerke) sowie über das Tragverhalten (z. B. Biege-, Torsions-,
Druck- oder Zugtragwirkungen) zur Verfügung.

Ziel des Tragwerksentwurfes ist es, bei Vorgabe der geometrischen Abmessun-
gen, des Einsatzbereiches des Bauwerkes, der geplanten Lebensdauer und ande-
rer Randbedingungen zu einer sicheren, wirtschaftlichen und ästhetisch anspre-
chenden Lösung zu gelangen. Am Beispiel der Elbebrücke bei Pirna kann die
Vielfalt möglicher Tragwerksentwürfe für Straßenbrücken verdeutlicht werden.

Der obere Entwurf in Bild 1-5 sieht eine in sich verankerte Bogenbrücke vor.
Die rechts und links vom jeweiligen Lager angeordneten Bogensegmente sind
über ein in die obenliegende Fahrbahn integriertes Zugband gehalten. Hiermit
gelingt es, den Horizontalschub im Lager und damit eine aufwändige Gründung
zu vermeiden. Der mittlere Entwurf sieht einen auf einen Bogen aufgelagerten
Durchlaufträger vor. Aufgrund des Horizontalschubes ist die Gründung sehr
aufwändig. Im unteren Entwurf ist eine Bogenbrücke mit abgehängter Fahr-
bahn gewählt. Hier wird ein Teil des Horizontalschubes mit einem Zugband in
10 1 Einführung

der Fahrbahn aufgenommen. Nachteilig ist die Bauhöhe, mit der die Brücke das
Elbetal dominiert hätte. Die Entwurfsrandbedingungen führten hier zur Wahl
der in sich verankerten Bogenbrücke.

Bild 1-5 Entwürfe für eine Brücke über die Elbe bei Pirna [6], Einheiten in [m]

Zum Tragwerksentwurf gehört auch die Querschnittsgestaltung, da hier letzt-


endlich der Nachweis der Schnittgrößen erfolgt. In der Regel sind mehrere Ent-
wurfvarianten möglich, die an die Anforderungen des Tragwerks angepasst wer-
den müssen. Bild 1-5-rechts zeigt die in [6] untersuchten Querschnitte.

Nach der Entscheidung über den endgültigen Entwurf sind der Bauablauf und
die unterschiedlichen Bauzustände im Detail zu planen und zu untersuchen.
Diese sind in der Regel genauso wichtig wie das fertige Bauwerk, da andere
statische Systeme vorliegen können, die teilweise mit Hilfsgerüsten versehen
sind und entsprechend bewertet werden müssen. Nicht ohne Grund ereignen
sich die meisten Unfälle in der Bauphase.

Für die hier beschriebene Brücke sind die verschiedenen Bauphasen in Bild 1-6
gezeigt. Nach Bau der Fundamente und der Pfeiler werden Hilfsstützen errich-
tet, um die innenliegenden Bogenabschnitte während der Bauphase zu halten.
Dies ist erforderlich, solange das obenliegende Zugband noch nicht wirksam
1.3 Der Tragwerksentwurf 11

ist. Die Bogenabschnitte werden zuerst zum Ufer hin eingebaut, siehe Bau-
phase zwei, und dann mit Rückverankerung über die Elbe, Bauphasen drei,
vier und fünf. Im Bauzustand nach Bauphase fünf werden die Zugbänder über
den Hauptpfeilern eingesetzt. Jetzt kann das Schlussstück eingehängt sowie die
Rückverankerungen und Hilfsstützen entfernt werden.

Bild 1-6 Bauablauf der Elbebrücke bei Pirna [6]


12 1 Einführung

1.4 Die Tragwerksmodellierung

Die tatsächlich vorhandenen Verformungen und Spannungen können nur am


wirklichen System (Dachbinder, Stützen, Fahrbahnplatten) gemessen werden,
wenn das Tragwerk ein einmalig hergestelltes Bauwerk ist. Die für die Bemes-
sung benötigten Spannungen und Verformungen können aber vorweg mit Hilfe
von experimentellen oder theoretischen Modellen ermittelt werden. Wirklich-
keitsnahe Experimente sind in der Regel sehr aufwändig, sodass man schon früh
vereinfachende mathematische Modelle entwickelt hat, die nur die wesentlichen
physikalischen Eigenschaften der Tragwerke erfassen. Hiermit sind mit gerin-
gem Aufwand rechnerisch Parameterstudien und Optimierungen durchführbar.

Nach erfolgtem Tragwerksentwurf ist das Tragwerk mit einem Berechnungsmo-


dell idealisiert zu beschreiben. Zunächst sind die wirklich vorhandenen Einwir-
kungen wie Eigengewicht, Verkehr, Wind, Wärme und Baugrundverschiebun-
gen in Größe und Richtung festzulegen. Die Beschreibung des Tragverhaltens
erfolgt der Geometrie entsprechend vereinfachend mit Stab- sowie Platten-,
Scheiben- oder Schalenmodellen. Hierbei ist entscheidend, dass der gewählte
Tragwerkstyp die festgelegten Einwirkungen tragen kann. Auch für die Über-
gangsbereiche zwischen einzelnen Tragwerksteilen und für die Lagerung oder
Gründung des Bauwerks müssen fallabhängig vereinfachende Modelle wie z. B.
gelenkige Lagerung, elastische oder starre Einspannung gewählt werden.

Die Berechnung des Spannungs- und Verformungszustandes des Tragwerks er-


folgt mit Hilfe von Modellgleichungen, die das Tragverhalten analytisch be-
schreiben, siehe Bild 1-7. Hier kann man die Grundgleichungen, die Arbeitssätze
sowie weitere hier nicht angegebene Prinzipe unterscheiden. Die Grundgleichun-
gen sind Differentialgleichungen oder algebraische Gleichungen, die am differen-
tiellen Element entwickelt werden. Bei allen denkbaren Tragwerken der Statik
und des Ingenieurwesens ganz allgemein ist die Struktur der Grundgleichungen
identisch.
V Die Verformungsgeometrie bzw. Kinematik definiert die Verformungsmög-
lichkeiten des Tragwerks sowie die Verschiebungen auf dem Tragwerksrand.
G Die Gleichgewichtsbedingungen beschreiben den Spannungszustand im
Tragwerk und auf dem Tragwerksrand.
W Die Werkstoffgleichungen oder Werkstoffmodelle beschreiben den Zusam-
menhang zwischen dem Verzerrungs- und dem Spannungszustand.
Die Verformungsgeometrie und die Gleichgewichtsbedingungen sind vonein-
ander völlig unabhängig. Sie gelten für beliebige Materialien, da werkstoff-
1.4 Die Tragwerksmodellierung 13

spezifische Parameter erst in den Werkstoffgleichungen vorhanden sind. Daher


vervollständigen erst die Werkstoffgleichungen das Modell.

Modellentwicklung
Zweck → Form → Einwirkungen → Tragwerk

Beschreibungsvariable des Modells → Kräfte, Spannungen, Momente,
Verschiebungen, Verzerrrungen, Verkrümmungen

Modellgleichungen
❄ ❄
Grundgleichungen Arbeitssätze
• Kinematik • Prinzip der virtuellen Kräfte
• Gleichgewicht • Prinzip der virtuellen
• Werkstoffverhalten Verschiebungen

❄ ❄
Lösung mit den Verfahren der Baustatik
• Schnittprinzip
• Kraftgrößenverfahren
• Weggrößenverfahren

Bild 1-7 Übersicht der Modellgleichungen für die Tragwerksmodellierung

Völlig unabhängig von den Grundgleichungen ist die Beschreibung des Trag-
und Verformungsverhaltens mit Hilfe der Arbeitssätze möglich. Im Gegensatz
zu den am differentiellen Element entwickelten Grundgleichungen enthalten
die Arbeitssätze integrale Aussagen für das gesamte Tragwerk und sind mit
übergeordneten physikalischen Aussagen verknüpft. Man kann zeigen, dass die
Grundgleichungen und die Arbeitssätze unter bestimmten Bedingungen inein-
ander überführbar sind. Auch die Arbeitssätze sind unabhängig vom Werkstoff
und können für beliebige Tragwerke angegeben werden.
Die Lösung der Grundgleichungen bzw. der Arbeitssätze erfolgt hier mit den
Verfahren der Baustatik, die ursprünglich für eine effiziente Berechnung des
Tragverhaltens entwickelt wurden. Heute werden sie in der Regel für die an-
schauliche Kontrolle elektronischer Berechnungen eingesetzt.
14 1 Einführung

1.5 Die Tragwerksberechnung


Ziel der Baustatik ist die schnelle Ermittlung des für die Bemessung erfor-
derlichen Spannungs- und Verformungszustandes. Die analytische Lösung der
Grundgleichungen ist mit den aus der Mathematik und Mechanik bekannten
Vorgehensweisen grundsätzlich möglich – Ansatz für die Lösung der Differen-
tialgleichung, Anpassen der allgemeinen Lösung an die Rand- und Übergangs-
bedingungen, Interpretation der Lösung.
Für Tragwerke, die aus mehreren Teilgebieten bestehen, wie Fachwerke und
Rahmen, führt dieses Vorgehen zu einem wenig anschaulichen und sehr rechen-
intensiven Lösungsschema. Deshalb sind in der Baustatik Lösungsverfahren
entstanden, die die Analyse komplexer Tragwerke mit großer Anschauung, ver-
tretbarem Aufwand und wenig fehleranfällig zulassen, siehe Bild 1-7.
Grundlage aller Lösungsverfahren ist das Schnittprinzip nach Abschnitt 3, mit
dem eine Aufteilung komplexer Systeme in überschaubare Teilsysteme möglich
ist, die getrennt analysiert werden können. Hiermit können die Gleichgewichts-
bedingungen und die Arbeitssätze schnell und übersichtlich zur Berechnung der
Zustandslinien eingesetzt werden.

Für statisch bestimmte Systeme kann der Spannungszustand allein mit den
Gleichgewichtsbedingungen berechnet werden, siehe Abschnitt 4. Falls erfor-
derlich, kann man den Verformungszustand in einem zweiten Schritt mit dem
jetzt bekannten Spannungszustand ermitteln, siehe Abschnitte 10 und 11.
Bei statisch unbestimmten Systemen reichen die Gleichgewichtsbedingungen
nicht aus, um den Spannungszustand zu berechnen. Hier müssen zusätzlich
Verformungsbedingungen formuliert werden, damit die Zahl der Gleichungen
und die Zahl der Unbekannten übereinstimmt und die Aufgabe lösbar ist.
Wenn Spannungszustand und Verformungszustand jedoch gemeinsam betrach-
tet werden müssen, bedeutet dies, dass der Spannungszustand von den Werk-
stoffeigenschaften und damit von den Steifigkeiten des Tragwerks abhängt.
Hiermit erhält man die Möglichkeit, den Spannungszustand durch geschickte
Wahl der Steifigkeiten zu optimieren.
Die Lösung der Gleichungen ist in der Regel mit einem erheblichen Rechenauf-
wand verbunden, sodass eine Systematisierung der Lösungsschritte erforderlich
ist. Aus der Anschauung heraus sind so das Kraftgrößenverfahren und das Weg-
größenverfahren zur Berechnung statisch unbestimmter Systeme entstanden.

Die Verallgemeinerung dieser Verfahren mit Hilfe der Arbeitsprinzipe führt


auf die Matrizenmethoden der Baustatik [1], [2] und zu den Finite-Element-
Methoden [3], [25], die heute in allen Ingenieurdisziplinen weiterentwickelt und
eingesetzt werden.
15

2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Reale Bauwerke sind immer drei-dimensionale Körper. Die Beschreibung der


Eigenschaften und die Untersuchung des Verhaltens räumlicher Körper unter
äußeren Einwirkungen ist jedoch sehr aufwändig, sodass in der Regel Vereinfa-
chungen erforderlich und sinnvoll sind, die eine effiziente Berechnung zulassen.
Die Beschreibung der wesentlichen Eigenschaften eines Bauwerks mit physika-
lisch begründeten Ansätzen heißt Modellbildung.
In der Baustatik interessiert in der Regel das Trag- und Verformungsverhal-
ten der tragenden Teile der Bauwerke, sodass die Modelle die Einwirkungen,
das Tragwerk und seine Steifigkeiten erfassen müssen. Die in der Baustatik
zu analysierenden Tragwerke sind oft so gestaltet, dass ihr Trag- und Verfor-
mungsverhalten ausreichend genau über das Verhalten einer Referenzachse bei
Stabtragwerken oder einer Referenzfläche bei Flächentragwerken beschrieben
werden kann. Die für die Berechnung zulässigen Vereinfachungen und Ersatz-
modelle richten sich nach den Einwirkungen und dem hieraus zu erwartenden
Spannungs- und Verformungszustand.

2.1 Einordnung der Tragwerke


Die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale der Tragwerke folgen aus der geo-
metrischen Form, den Einwirkungen und dem Tragverhalten.

Gerade Stabtragwerke
sind Balken (Biegung), Stützen (Druck) und Seile (Zug). Die aus Einzelstäben
zusammengesetzten Tragwerke sind Fachwerke (Druck- und Zugstäbe), biege-
steife Rahmen (Biegung mit Druck oder Zug) sowie Trägerroste (Biegung und
Torsion). Trägerroste sind ebene gekreuzte Balkensysteme, die senkrecht zur
Tragwerksebene belastet sind.

Trägerrost aus Biege- und


Torsionsstäben Rahmentragwerk
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_2
16 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Gekrümmte Stabtragwerke
sind Bogentragwerke, die große Druck- und Zugkräfte, aber nur geringe Biege-
beanspruchungen aufnehmen können. In der Regel sind sie mit anderen Bautei-
len kombiniert, um die jeweiligen Vorteile im Tragverhalten oder in der Funk-
tion möglichst gut einsetzen zu können. Nachfolgend ist eine Stabbogenbrücke
skizziert, siehe [24], bei der der unten angeordnete Bogen bei geringem Mate-
rialeinsatz große Stützweiten überbrücken kann, und die darauf angeordneten
Stützen die Lagerkräfte der als Durchlaufträger ausgebildeten Fahrbahn nach
unten leiten.

Ebene Flächentragwerke
sind Tragwerke mit zwei ausgezeichneten Tragrichtungen. Wenn sie in ihrer
Ebene belastet sind, werden sie als Scheiben bezeichnet, die eine Membran-
beanspruchung mit Zug-, Druck-, und Schubkräften erfahren, und als wand-
artige Träger eingesetzt. Wirkt die Belastung senkrecht zur Tragwerksebene,
entwickelt das Tragwerk ein Biegetragverhalten mit Biege- und Torsionsmo-
menten in beiden Richtungen und wird als Platte bezeichnet.

Platte Scheibe
2.1 Einordnung der Tragwerke 17

Gekrümmte Flächentragwerke
werden als Schalen bezeichnet. Wenn
die Einwirkungen flächig verteilt wir-
ken, sind Schalen vorwiegend auf Druck
und Zug in der Tragwerksfläche bean-
sprucht. Sie können dann mit geringer
Wandstärke und großer Schlankheit
konstruiert werden. Im Randbereich
und unter Einzellasten erfahren Scha-
len auch Biegebeanspruchungen, die
jedoch nur örtlich begrenzt und für
den Lastabtrag nicht wesentlich sein
dürfen. Gekrümmte Flächentragwerke,
die ihre Einwirkungen vorwiegend über
Kühlturm
Biegung tragen, können daher nicht als
Schalen bezeichnet werden.
Schalen vereinigen mit ihrer ansprechenden Form und ihrem günstigen Tragver-
halten zwei wesentliche Bauwerkseigenschaften. Ungünstig ist die aufwändige
Herstellung, sodass Schalentragwerke im Wesentlichen auf repräsentative Bau-
werke oder regelmäßige Geometrien beschränkt sind.

Kuppeln

Gedrungene Bauwerke
sind z. B. Fundamente, Staudämme oder Reaktordruckbehälter. Sie weisen in
der Regel einen räumlich stark veränderlichen Verformungszustand auf, der
nur schwer auf eine Tragwerksachse oder -fläche reduziert werden kann. Die
Berechnungsmodelle müssen hier den drei-dimensionalen Spannungs- und Ver-
formungszustand beschreiben können.

Stützen-
fundament

Staudamm
18 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

2.2 Idealisierung der Tragwerke


Das idealisierte Tragwerk mit Lagerung und Einwirkung wird im weiteren als
statisches System bezeichnet. Nachfolgend sind die wesentlichen Idealisierungen
der Stabstatik angegeben, mit denen die Geometrie, das Werkstoff- und das
Tragverhalten vereinfachend beschrieben werden können.

2.2.1 Stabtragwerke
Die Stabstatik befasst sich mit Tragwerken, deren Verformungszustand mit
Hilfe kinematischer Annahmen vereinfachend durch die Weggrößen einer Trag-
werksachse beschrieben werden kann. Hier wird die Bernoulli-Hypothese ent-
sprechend Abschnitt 3.4 angesetzt. Gleichzeitig wird der Spannungszustand in-
tegral durch diejenigen Kräfte und Momente der Tragwerksachse beschrieben,
die auf den Weggrößen der Stabachse Arbeit leisten können.
Mit der Reduktion des Verformungs- und Spannungszustandes auf die Trag-
werksachse werden aus dem drei-dimensionalen Stabkontinuum zwei Koordina-
ten eliminiert, sodass eine Berechnung des Tragwerks analytisch möglich wird.
Der Einfluss der hierbei gemachten Vereinfachungen hängt von den Bauwerks-
abmessungen ab, ist aber bei geometrischen Verhältnissen von Länge zu Dicke
und Länge zu Breite > 4 vernachlässigbar.
Nachfolgend werden ebene Stabtragwerke untersucht. Räumliches Tragverhal-
ten kann vereinfachend mit ebenen Tragwerken beschrieben werden, vergleiche
Bild 2-1. Federsteifigkeiten, wie für den Stab 2 in Ebene 2-5 angedeutet, werden
vernachlässigt. Ebene Tragwerke liegen auf der sicheren Seite, wenn räumlich
vorhandene Tragwirkungen und Steifigkeiten nicht berücksichtigt sind.

2 6

1 5

x x x

z 1 4 z 1 2 3 2
z

Ebene 1 - 4 Ebene 1 - 2 - 3 Ebene 2 - 5

Bild 2-1 Statische Systeme für ein räumliches Rahmentragwerk


2.2 Idealisierung der Tragwerke 19

2.2.2 Lager und Gelenke


Die Lagersteifigkeit von Tragwerken ist in der Realität oft nicht genau fest-
stellbar. Ein in den Baugrund gebettetes Fundament ist weder fest eingespannt
noch gelenkig gelagert. Entscheidend für den Grad der Einspannung ist das
Verhältnis der Steifigkeiten des Tragwerks und des angrenzenden Bodens oder
Bauwerks. Für die Berechnung der Tragwerke werden vereinfachend die Lage-
rungsarten nach Bild 2-2 gewählt, in der auch die vom jeweiligen Lager auf-
nehmbaren Kräfte und Momente angegeben sind.

Bild 2-2 Lagerungsarten und Reaktionskräfte im Lager

Auch die Verbindungen von Tragwerksteilen untereinander sind in der Regel


weder starr noch vollständig gelenkig. Hier setzt man entsprechend Bild 2-3
Gelenke für Momente und Querkräfte sowie Schiebehülsen für Normalkräfte
an, wenn die Konstruktion entsprechend ausgebildet ist oder die Steifgkeiten
geschwächt sind.

Schiebehülse Querkraftgelenk Momentengelenk


N=0 Q=0 M=0
Q 6= 0 N 6= 0 Q 6= 0
M 6= 0 M 6= 0 N 6= 0
Bild 2-3 Verbindungselemente

Aufgrund der in der Wirklichkeit vorhandenen Lagersteifigkeiten, der Reibung


oder der Maßungenauigkeiten sind fast immer Nebenspannungen vorhanden,
die zwar für das Systemtragverhalten unbedeutend sind, örtlich aber konstruk-
tiv berücksichtigt werden müssen. Gelenke oder verschiebliche Lager sind in
der Realität in der Regel nicht perfekt ausgebildet, sondern als Querschnitts-
schwächung konstruiert. Für die Modellbildung sind die Steifigkeitsverhältnisse
benachbarter Bauteile entscheidend. In Bild 2-4 sind den idealisierten Lagern
und Gelenken wirkliche Konstruktionen gegenübergestellt.
20 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

verschiebliches
Lager

w = 0, M = 0
N=0

Rollenlager Neoprenlager

festes Lager

w = 0, M = 0

Stützenfuß Mauerwerkssturz

Einspannung

w = 0, j = 0

Kragbalken Köcherfundament

Gelenk

M=0

Balkengelenk Fachwerkknoten

Schiebehülse

N=0
Rollenkäfig Rohrhülse

Bild 2-4 Reale Stützungen und Anschlüsse des konstruktiven Ingenieurbaus


2.2 Idealisierung der Tragwerke 21

2.2.3 Werkstoffe
Reale Werkstoffe zeigen im einaxialen Zug- und Druckversuch ein mehr oder we-
niger ausgeprägt nichtlineares Spannungs-Dehnungsverhalten. Baustahl weist
unter Zug- und Druckspannungen einen nahezu linear-elastischen Verformungs-
bereich unterhalb der Fließspannung auf, vergleiche Bild 2-5-links. Spannungs-
steigerungen oberhalb der Fließspannung sind wegen des ausgeprägt duktilen
Verhaltens mit sehr großen Dehnungen oder Stauchungen verbunden. Beton
verhält sich im Druck und Zugbereich sehr unterschiedlich und stark nichtline-
ar. Unter Druckbeanspruchung kann Beton sehr große Spannungen bei geringer
Duktilität aufnehmen. Im Zugbereich zeigt der Werkstoff bei geringen Span-
nungen Sprödbruchversagen. Weiterhin sind unter Last in der Zeit anwachsende
Verformungen infolge Kriechen vorhanden.

s s
Baustahl Beton

Verfestigung Druckversagen

Fließplateau

Hooke’sche Gerade
e arctan E
e

Sprödbruch

Bild 2-5 Reales Werkstoffverhalten: Baustahl (links) – Beton (rechts)

Für die Berechnung eignen sich nichtlineare Werkstoffkennlinien nur bedingt,


da sie spezielle iterative Lösungsverfahren erfordern. Häufig setzt man daher
vereinfachend Linearisierungen an. Im Rahmen der Elastizitätstheorie wird das
Hooke’sche Gesetz verwendet, solange die Dehnungen genügend klein sind. Im
Stahlbau ist das Plastifizieren des Werkstoffs in die Bemessungskonzepte einge-
bunden. So wird das Materialverhalten beim Traglastverfahren vereinfachend
als elastisch-plastisch entsprechend Bild 2-6 berücksichtigt.

Bild 2-6 Idealisiertes Werkstoffverhalten


22 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Aus verschiedenen Komponenten hergestellte Werkstoffe bezeichnet man als


Verbundwerkstoffe (z. B. Stahlbeton, faserverstärkte Kunststoffe). Hierbei über-
nimmt die Faser (z. B. Stahl, Glas, Kohle) die Zugspannungen. Der Matrix-
werkstoff (z. B. Beton, Kunststoff) gibt die äußere Form, wirkt für die Fa-
sern stabilisierend und übernimmt teilweise die Druckspannungen. In moder-
nen Konstruktionen wird Glas auch als Konstruktionswerkstoff für tragende
Bauteile verwendet.

2.3 Idealisierung der Einwirkungen


Bauwerke erfahren je nach Verwendungszweck unterschiedliche Wechselwir-
kungen mit der Umwelt. Dies sind die Einwirkungen, die von außen auf das
Tragwerk wirken und den Spannungs- und Verformungszustand des Tragwerks
verändern. Die im Regelfall anzusetzenden Einwirkungen sind in der Normen-
reihe DIN 1055 [26] und im Eurocode EC 1 [28] angegeben. Einwirkungen
können zeitkonstante oder zeitveränderliche Kraft- und Wegwirkungen sein.
Sie können auf das Tragwerk räumlich (z. B. Volumenkräfte, Erwärmung) oder
flächig (an der Oberfläche) einwirken. Im statischen System werden sie über den
Querschnitt integriert und als Einwirkungen der Tragwerksachse bzw. -fläche
beschrieben.
Einwirkungen können oft nur relativ ungenau quantifiziert werden, da sie in der
Regel erst im Gebrauch des Bauwerks auftreten. In den Regelwerken sind daher
auf der sicheren Seite liegende Werte gewählt, um die unzureichende Kenntnis
im Einzelfall kompensieren zu können.

2.3.1 Lasten
Kraftwirkungen sind im weiteren als Lasten bezeichnet. Sie werden im Berech-
nungsmodell im Gleichgewicht berücksichtigt.
a) Das Eigengewicht ist ständige Last. Es entsteht aus der Gravitationswirkung
und ist im realen Tragwerk räumlich verteilt. Im Berechnungsmodell wird es
als äußere Last auf das unbelastete statische System aufgebracht.
b) Nutz- u. Verkehrslasten können räumlich und zeitlich veränderlich sein. Dies
sind z. B. Personen, Lagerstoffe, Fahrzeuge, Kranlasten, auch Ersatzlasten für
nicht näher definierte Einwirkungen. Nutzlasten sind vorwiegend ruhend (z. B.
Lagerstoffe). Verkehrslasten sind nicht vorwiegend ruhend (z. B. Fahrzeugla-
sten, Bremskräfte, Massenträgheiten).
In Bild 2-7 ist ein Lastmodell für die Einwirkungen auf Straßenbrücken dar-
gestellt. Das Modell enthält für die einzelnen Fahrstreifen Einzel- und Gleich-
2.3 Idealisierung der Einwirkungen 23

lasten unterschiedlicher Größe, die den Schwerlastwagen sowie die Personen-


kraftwagen erfassen.

Bild 2-7 Lastmodell 1 aus DIN Fachbericht 101 [27]

c) Windlasten sind stochastisch in Raum und Zeit veränderlich. Sie hängen


vom Staudruck, den Umgebungsbedingungen sowie den geometrischen Abmes-
sungen und der Form des Bauwerks ab. Im statischen System werden sie ver-
einfachend als zeitkonstante Lasten angesetzt, wobei die Größe der Windlast
mit Hilfe des Geschwindigkeitdrucks q und dem tragwerksabhängigen Druck-
beiwert cp bestimmt ist.
d) Schneelasten sind mit extremen Wetterlagen für unterschiedliche Wetterzo-
nen quantifiziert. Sie hängen von der Dachneigung und der jeweiligen Situation
am Bauwerk ab. Einflussparameter wie Feuchte, Dichte und Art des Schnees
werden nicht unterschieden.
e) Für Silos und Behälter sind besondere Lastannahmen erforderlich, die den
jeweiligen Beanspruchungszustand beim Füllen, bei der Lagerung und beim
Entleeren von Flüssigkeiten und Schüttgütern erfassen.
So hängen die Einwirkungen auf die Si-
lowand u. a. vom Bewegungszustand
und von der Dichte des Füllgutes ab.
Infolge Massenträgheit des Schüttgu-
tes sind die Vertikalkräfte pv beim
Füllen am größten. Beim Entleeren tre-
ten die größten Horizontallasten ph
und Wandreibungslasten pw auf, wenn
sich eine Gewölbewirkung einstellt und
sich das Schüttgut an der Silowand
Entleeren Einfüllen
abstützt.
24 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Getreide, Kies, Zement Flüssigkeiten

p p p
h h h
p
he

p p
w hf Entleerungs-
kurve
Füllkurve p =g · z
h
pv

z z

f) Baugrundlasten entstehen aus Erddruck. Der Erddruck e wird mit den Ein-
wirkungen γ, p und dem Erddruckbeiwert k bestimmt. Bei aktivem Erddruck
ea , ka drückt das Erdreich auf das nachgebende Tragwerk. Beim Erdruhedruck
(ungestörter Zustand) eo , ko sind keine Verschiebungen des Erdreichs und des
Tragwerks vorhanden. Passiver Erddruck ep , kp entsteht, wenn das Tragwerk
gegen das Erdreich drückt.
Beispiel Spundwand Der Erddruck ist mit der Last festge-
pv legt. So ist der Erddruck aus Eigenge-
wicht mit der Dichte γ
-s +s e = γ · h · kg
und aus Verkehrslast mit
ev = pv · kp
festgelegt. Die Erddruckbeiwerte sind
vom Winkel der inneren Reibung ϕ des
ep ev ea Baugrunds und damit vom jeweils vor-
liegenden, in der Regel geschichteten
k
Material abhängig. Richtwerte sind
kgo = 0, 5
kp kgp = 3 . . . 5
kga = tan2 (45 o − ϕ/2)
ka ko
Der Winkel der inneren Reibung ist z.
-s +s B. für Kies ϕ = 35 o .
g) Dynamische Effekte aus Stoßeinwirkung, Erdbeben, Maschinenschwingun-
gen bewirken eine Veränderung des Spannungs- und Verformungszustandes
gegenüber einer statischen Betrachtung. Sie werden in der Regel mit einem
Schwingbeiwert ϕ und statischen Ersatzlasten erfasst.
2.3 Idealisierung der Einwirkungen 25

2.3.2 Verformungen
Analog zu Kraftwirkungen auf ein Tragwerk sind auch Wegwirkungen möglich.
Dies sind z. B. Lagersetzungen und -verdrehungen oder Dehnungen und Ver-
krümmungen aus Erwärmung. Sie führen zu Zwängungen und inneren Eigen-
spannungszuständen (bzw. Kräften, Momenten) bei Tragwerken, die sich nicht
spannungsfrei verformen können. Eingeprägte Wegwirkungen werden in der
Verformungsgeometrie berücksichtigt.
a) Ein Wärmezu- oder -abfluss bewirkt im Bauwerk Temperaturänderungen, die
über die Tragwerksdicke konstant oder nichtkonstant sein können. Wenn z. B.
auf der Außenseite eines Tragwerks andere Temperaturen vorliegen als auf der
Innenseite, ist ein Dehnungsgradient die Folge, der das Tragwerk verkrümmt.
Die Größe der bei der Erwärmung im Tragwerk auftretenden Dehnungen bzw.
Stauchungen εT hängt vom Wärmeausdehnungskoeffizienten αT ab:
) (
εT = + αT · (T1 − T0 ) = 10−5 [1/ o C] Beton,
αT
κT = − αT · (Tu − To )/h = 1, 2 · 10−5 [1/ o C] Stahl.
Kann sich das Tragwerk ungezwängt verformen, ist der Spannungszustand
null, siehe Bild 2-8 oben. Liegt eine Dehnungsbehinderung vor, stellt sich ein
Eigenspannungszustand ein. Zu beachten ist, dass die Dehnungen bei Voll-
einspannung schon bei ca. 50 o C Temperaturdifferenz die Größenordnung der
Dehnungen aus planmäßigen Lasten erreichen können. In der Regel sind die
Zwänge infolge der Nachgiebigkeit der Anschlüsse jedoch geringer.

gleichmäßige Erwärmung ungleichmäßige Erwärmung

To so
T0 T1 DT = Tu - To
s su
Tu

σ = −E · αT (T1 − T0 ) σo/u = ± E · αT 12 ∆T 

N = −EA · αT (T1 − T0 ) N =0 w = 0.


M =0 M = −EI · αT ∆T /h

Bild 2-8 Stabtragwerke bei Erwärmung - hier ohne Querrichtung

b) Lagerverschiebungen oder -verdrehungen können als Folge von Setzungen


26 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

oder Hebungen des Baugrundes erfolgen. Dies kann beim Einbrechen von unter-
irdischen Hohlräumen in Bergbaugebieten auftreten, bei ungleichmäßig nachge-
bendem Baugrund und auch bei Erdbeben. Hebungen treten z. B. beim Quellen
von bindigen Böden infolge von Wasseraufnahme auf, oder beim Gefrieren des
Baugrundes, wenn keine frostsichere Gründung vorliegt.

d1 d2 d3
d

Hohlraum Quelle

c) Schwinden ist die Verkürzung des Betons beim Erhärten. Das Schwinden
führt zu Schwindrissen, wenn die inneren Spannungen im Betonbauteil die
Zugfestigkeit des Betons überschreiten. Dies kann auftreten, wenn die Tem-
peratur im Betonbauteil beim Erhärten sehr ungleichmäßig ist, oder wenn die
Verkürzung durch angrenzende Lagerung behindert wird.

Schwindrisse

d) Kriechen ist eine in der Zeit anwachsende Verformung des Werkstoffs infol-
ge eines ständig wirkenden Spannungszustandes. Die Verformungsgeschwindig-
keiten sind sehr gering, sodass man im Bauwesen in der Regel die Endwerte
ansetzen kann. Kriechen ist bei Holz, Beton und Kunststoffen zu beachten, bei
Metallen nur bei höheren Temperaturen.

In gezwängten Bauteilen, deren Spannungszustand z. B. aus Lagerverschie-


bungen, Lagerverdrehungen oder Erwärmung entsteht, kann der umgekehrte
Prozess ablaufen. Bleibt der Verformungszustand zeitlich konstant, verringern
sich die Spannungen mit der Zeit, der Werkstoff relaxiert.
2.4 Beispiele für Tragwerksmodellierungen 27

2.4 Beispiele für Tragwerksmodellierungen


Brückentragwerk
Das obere Bild zeigt die Letziwaldbrücke, die der Schweizer Ingenieur Chri-
stian Menn 1959 entworfen und gebaut hat, siehe [24]. Die Brücke erscheint
aufgrund des flachen Bogens extrem schlank und ist ästhetisch sehr anspre-
chend ausgeführt. Der Werkstoff Beton ist dem Felsgestein angepasst.

Bild 2-9 Letziwaldbrücke [24]

Im unteren Bild ist das statische System angegeben, das aus den tragenden
Elementen Balken, Bogen und Fundament entsprechend den vorhandenen Ein-
wirkungen besteht. Aufgrund der großen Steifigkeit des Baugrundes kann der
untenliegende Tragwerksteil große Normalkräfte aufnehmen. Er ist als Dreige-
lenkbogen ausgeführt, sodass eine mögliche Lagersetzung keine weiteren Bean-
spruchungen bewirkt. Die seitlich angeordneten Verbindungselemente zwischen
Balken und Bogen versteifen das Tragwerk zusätzlich.

Bild 2-10 Statisches System der Letziwaldbrücke

An den Lagern sind Querschotte angeordnet, die als Torsionseinspanungen wir-


ken. Aufgrund der großen Steifigkeit und Festigkeit des Bogens und des anste-
henden Felsgesteins ist das Tragwerk extrem schlank.
28 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Hallenrahmen mit Kranbahn (Stahl)


Das obere Bild zeigt einen Ausschnitt der Versuchshalle im Leichtweiß-Institut
für Wasserbau der Technischen Universität Braunschweig. Unten ist das stati-
sche System der tragenden Elemente angegeben.

Bild 2-11 Versuchshalle im Leichtweiß-Institut für Wasserbau

Der Dachbinder ist als Fachwerk mit steigenden und fallenden Streben aus-
gebildet. Die Stahlstützen sind in Höhe der Kranbahn abgesetzt und fest mit
dem Dachbinder verbunden. Die Lagerkraft der Kranbahn lastet direkt auf dem
Flansch des unten angeordneten I-Profils.

Kranbahn auf Flansch

Bild 2-12 Statisches System des Hallenrahmens


2.4 Beispiele für Tragwerksmodellierungen 29

Klappbrücke über den Peenestrom (Stahl)


Im Bild ist die Klappbrücke über den Peenestrom in Wolgast gezeigt. Die kom-
binierte Straßen- und Eisenbahnbrücke wird mehrmals am Tag für den Schiffs-
verkehr geöffnet und muss daher filigran und beweglich gebaut sein. Die Brücke
ist einflügelig und mit Waagebalken mit hochliegendem Gegengewicht versehen.

Bild 2-13 Klappbrücke mit Waagebalken in Wolgast

Die Brückenkonstruktion ist aus Stahl, da der Werkstoff im Druck und Zug-
bereich gleiche Festigkeiten aufweist sowie bei Wechselbeanspruchungen eine
hohe Lastspielzahl zulässt. Außerdem ist mit der Stahlkonstruktion eine rela-
tiv filigrane Konstruktion möglich.

Infolge der unterschiedlichen Hebepositionen ändern sich die statischen Systeme


und die Einwirkungen, sodass im Einzelfall sehr unterschiedliche Lastfallkom-
binationen und Spannungszustände zu untersuchen sind.
An dem beweglichen Brückenbauwerk wird deutlich, dass das Tragwerk nicht
nur für statische Einwirkungen nachzuweisen ist, sondern dass aufgrund der
speziellen Nutzung auch die Dynamik sowie die Kinematik eines Bauwerks
entscheidend für den Entwurf sein können.
30 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

Trockendock mit unterschiedlichen Tragwerken und Baustoffen


Das im Bild gezeigte überdachte Trockendock der Meyer–Werft in Papenburg
ist ca. 360 m lang und ca. 40 m breit, die Halle ist ca. 60 m hoch. Das Bauwerk
besitzt eine große Zahl unterschiedlicher Tragwerke, die in der Regel einzeln
untersucht werden können.

Die unten liegende Bodenplatte ist ein flächiges Stahlbetontragwerk, das mit
Ortbetonrammpfählen im Boden verankert ist, um dem Auftrieb infolge Grund-
wasser entgegen zu wirken. Als Anker könnten auch stählerne Stäbe mit Be-
tonplomben an den Enden verwendet werden. Die an den Seiten aufstrebenden
Spundwände sind als Balken beschreibbar und aufgrund des Erddrucks seit-
lich im Boden verankert. Die Kranbahnen müssen ebenfalls gegründet werden,
wobei neben statischen Einwirkungen auch horizontal und vertikal wirkende
Stöße angesetzt werden. Das Trockendock ist von einer Hallenkonstruktion
überdacht, die im wesentlichen aus einem Stahlrahmentragwerk mit ausstei-
fenden Windverbänden besteht. Die Ausfahrt in das offene Gewässer ist mit
einem stählernen Tor gesichert.

Bild 2-14 Trockendock der Meyer–Werft in Papenburg


2.4 Beispiele für Tragwerksmodellierungen 31

Bild 2-15 zeigt einen Schnitt durch das Trockendock einer Werftanlage mit typi-
schen Tragwerkselementen. Dies sind Pfahlböcke, Spundwände, Bodenplatten
und Verankerungselemente, die in der Regel verplombt werden. Die Elastizität
des Bodens kann man mit Hilfe einer Bettung berücksichtigen, die als kontinu-
ierliche Verteilung von Federn interpretierbar ist. Als wesentliche Einwirkungen
sind hier Kranlasten, Wasser- und Erddruck angegeben, der von den Bodenei-
genschaften sowie den Verformungen der Spundwand abhängt.

Kranlast
Pfahlbock

Spundwand

Bodenplatte

Anker

Anker

Belastung der Spundwand Belastung der Bodenplatte

Erddruck Wasserdruck

Auftrieb

Verankerung

Bild 2-15 Einwirkungen und statische Systeme eines Trockendocks


32 2 Tragwerksmodelle der Stabstatik

2.5 Modellierungsfehler
Die Idealisierung des Tragwerks muss so erfolgen, dass die in der Regel erforder-
lichen Vereinfachungen das Tragverhalten nicht verfälschen, sondern lediglich in
der Größenordnung von Nebenspannungen beeinflussen. Zu beachten ist, dass
die hierbei gemachten Fehler in keiner Berechnung nachweisbar sind. Nach jeder
Berechnung sind daher die Ergebnisse zunächst mit der eigenen Anschauung
sorgfältig zu überprüfen und dann zusätzlich mit dem wirklichen Tragwerk zu
verifizieren. Ungenauigkeiten in der Modellbildung können an unterschiedlicher
Stelle entstehen:
a) Das Tragwerksmodell kann zu ungenau gewählt sein, wenn man z. B. eine
Scheiben– oder Plattentragwirkung mit einem Balkenmodell beschreibt. Dies
kann eine sehr ungenaue Beschreibung des Spannungs- und Verformungszustan-
des zur Folge haben, was im Einzelfall zur Rissbildung oder zum Plastifizieren
führen kann.
Die Übergänge zwischen angrenzenden Bauteilen müssen richtig modelliert wer-
den. Dies ist z. B. bei der Verbindung einer Platte mit einem Unterzug oder
einer Stütze zu beachten.
Lager sind in der Regel immer elastische Einspannungen. Das hieraus folgende
Moment wird bei gelenkiger Lagerung vernachlässigt und bei fester Einspan-
nung überschätzt.
b) Bei ebenen Tragwerken wird die Torsion nicht berücksichtigt. Zu beachten
ist, dass Lasten oder Anschlüsse, die bezüglich der Tragwerksachse exzentrisch
sind, Torsion hervorrufen und im Einzelfall eine Er- e P
weiterung des Modells erfordern. Ebenso wird beim
Verspringen von Tragwerksachsen Torsion geweckt.
Torsion ist für das globale Gleichgewicht wichtig,
wenn keine aussteifenden Elemente vorgesehen sind.
c) Nebenspannungen sind Spannungen, die aus nicht berücksichtigten Zwängun-
gen und Tragwirkungen entstehen, aber in der Regel vernachlässigbar sind. So
können Fachwerkstäbe als gelenkig angeschlossen an-
H
gesetzt werden, da die Biegespannungen im An-
schluss vernachlässigbar sind. Bremslasten von Fahr- e
zeugen bewirken nicht nur Normalkräfte in Stäben,
sondern durch ihren exzentrischen Lastangriffspunkt
bezüglich der Tragwerksachse auch verteilte Momen-
te, die lokal zu Nebenspannungen führen.
Fehler in der Modellbildung können in der Berechnung nicht mehr bemerkt und
korrigiert werden und sind daher besonders gefährlich.
33

3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Für die Berechnung des Trag- und Verformungsverhaltens von Tragwerken


müssen Modellgleichungen für die einzelnen Tragwerkstypen formuliert werden.
Ziel der baustatischen Verfahren ist, die Modellgleichungen möglichst effizient
zu lösen, um die für die Sicherheitsnachweise erforderlichen Zustandsgrößen
schnell zu erhalten. Hierfür sind vereinfachende Annahmen erforderlich, die für
ebene Stabtragwerke nachfolgend zusammengestellt sind.
a) Ebene Stabtragwerke bestehen aus geraden oder gekrümmten Stäben, die in
einer Ebene angeordnet sind. Ihre Abmessungen betragen h, b < ℓ/4.
b) Die Einwirkungen ebener Stabtragwerke liegen in der Tragwerksebene.
c) Die Verformungen des Tragwerks finden in der Tragwerksebene statt. Der
Verformungszustand des Stabquerschnitts ist mit den Weggrößen u, w, ϕ der
Tragwerksachse beschreibbar. Die Weggrößen sind messbare Größen.
d) Der Spannungszustand wird bei
Stabtragwerken integral mit den
Zustandsgrößen M, Q, N der Trag-
N
werksachse beschrieben. Der Einfluss
Q
anderer Spannungen auf den Verfor- M
mungszustand wird vernachlässigt. Der
Spannungszustand ist Modellvorstel-
lung und nicht direkt messbar.
e) Es gilt das Prinzip von St. Venant: h
In hinreichender Entfernung von der s M, N
Krafteinleitungsstelle hängt die Wir- h

kung von Kräften nicht mehr von der


örtlichen Verteilung der Spannungen
im Krafteinleitungsbereich ab, sondern
nur noch von den Resultierenden. s M, N

Hiermit ist der jeweilige lokale Span-


nungszustand nicht entscheidend für
das Tragverhalten des Tragwerks.
f) Für Biegestäbe wird die Bernoulli-Hypothese für schubstarre Balken ange-
setzt. Die Querschnitte bleiben bei der Verformung eben und senkrecht zur
Stabachse. Dies bedeutet, dass die Verformung des Balkens allein aus Ver-
krümmungen κ entsteht. Timoshenko erweitert die Theorie für schubsteife Bal-
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_3
34 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

ken um den Schubwinkel γ, dessen Einfluss auf den Verformungszustand für die
hier vorliegenden Fälle vernachlässigbar ist. Mit einer genauen 3D-Analyse des
Balkens können weitere Verformungsanteile bestimmt werden, die aber eben-
falls nur Störungen der Bernoulli-Theorie sind.

Bernoulli Theorie Timoshenko Theorie genaue Theorie


g=0 g = konst. exz ≠ konst.
g) Es wird eine lineare Theorie I. Ordnung verwendet. Dies bedeutet, dass die
Verformungen der Tragwerke so klein sind, dass ihr Einfluss auf die Verfor-
mungsgeometrie und das Gleichgewicht vernachlässigbar ist. Die lineare Theo-
rie ist in Abschnitt 20 um die nichtlinearen Anteile einer Theorie II. Ordnung
ergänzt, sodass auch Stabilitätsfälle untersucht werden können. Im Bild zeigt
der Kragarm ein lineares Tragverhalten, wenn die Biegelinie w keinen Einfluss
auf das Gleichgewicht hat. Nichtlineares Tragverhalten entsteht, wenn das Ver-
satzmoment aus Normalkraft P und Biegelinie berücksichtigt wird.

P linear
P, H
w Knicklast
H

nichtlinear

h) Das Werkstoffverhalten ist linear elastisch und mit dem Hooke’schen Ge-
setz beschreibbar. Das Plastifizieren von Stahl kann mit dem Traglastverfah-
ren berücksichtigt werden, das jedoch eine ganz andere Bemessungsphilosophie
verfolgt. Bei Stahlbetontragwerken kann die Rissbildung beim Übergang vom
ungerissenen Zustand I zum gerissenen Zustand II vernachlässigt werden, wenn
die Biegesteifigkeit vereinfachend nach Zustand II angesetzt wird.
i) Im linearen Fall gilt das Superpositionsprinzip. Damit können Lastfälle ge-
trennt berechnet und anschließend additiv überlagert werden. Mit den hier
getroffenen Annahmen sind die Lösung der Modellgleichungen und damit das
Tragverhalten nach Theorie I. Ordnung eindeutig. Mehrere Lösungen der Mo-
dellgleichungen können nur existieren, wenn das Tragverhalten nichtlinear ist,
z. B. nach Theorie II. Ordnung.
3.1 Das Schnittprinzip 35

3.1 Das Schnittprinzip


Grundlage aller Berechnungsverfahren der Baustatik ist das Schnittprinzip.
Erst hiermit ist es möglich, komplexe Tragwerke in überschaubare Teile zu
zerlegen und einer Berechnung zugänglich zu machen. Hier wird es für die
Berechnung der Schnittgrößen M, Q, N eingesetzt.

Das Schnittprinzip enthält folgende Gedanken: An beliebigen Stellen eines


Tragwerks können gedanklich Schnitte gemacht werden. Damit die Schnitte
das Trag- und Verformungsverhalten des Tragwerks auch in der Vorstellung
nicht verändern, müssen die im Inneren des Tragwerks vorhandenen Kraftwir-
kungen an den Schnittufern als äußere Kraftwirkungen angesetzt werden, siehe
Bild 3-1. Sie werden im weiteren als Schnittgrößen bezeichnet.

d d
a

a b

c c
b

Bild 3-1 Schnitte an beliebigen Stellen eines Tragwerks

Sind in einem Schnitt Gelenke“ vorhanden, so sind die entsprechenden Schnitt-



größen null. In Stabtragwerken unterscheidet man zwischen Momenten-, Quer-
kraft- und Normalkraft gelenken“, vergleiche Bild 3-2.

N,Q,M N,Q Q,M N

Bild 3-2 Zwischenreaktionen in Schnitten

Pendelstäbe haben an beiden Stabenden Momentengelenke und können daher


nur Normalkräfte übertragen, sofern sie selbst unbelastet sind.
36 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Für die richtige Verwendung der Begriffe der Kraftwirkungen ist es wichtig,
zwischen den Einwirkungen q, P, M e , die von außen auf das Tragwerk wirken
(Index e , falls nicht eindeutig), den Schnittgrößen M, Q, N sowie den inneren
Kraftwirkungen zu unterscheiden, siehe Bild 3-3. Hiermit gelingt es, das Gleich-
gewicht zwischen den äußeren Einwirkungen“ und den inneren Kräften“ an-
” ”
schaulich zu verstehen.
q

N, Q, M M, Q, N

| {z }| {z }| {z }
Schnittgrößen innere Kraftwirkungen Schnittgrößen

Bild 3-3 Äußere und innere Kräfte, Schnittgrößen

Die inneren Kraftwirkungen sind als Reaktion auf die Schnittgrößen und die
äußeren Einwirkungen interpretierbar. Sie sind für das Schnittprinzip ohne wei-
tere Bedeutung, werden aber später bei den Arbeitssätzen benötigt.

3.2 Vorzeichendefinitionen
Nach Durchschneiden“ der Tragwerksachse werden die im Tragwerk vorhande-

nen nach außen nicht beobachtbaren Spannungen bzw. Kräfte und Momente zu
äußeren Schnittgrößen. Beim Schnitt der Tragwerksachse zeigt die Normale des
positiven Schnittufers in die positive Richtung der x-Koordinate, das negative
Schnittufer liegt auf der anderen Seite des Schnitts.
Normalenrichtung
x

positives negatives
Schnittufer

Die in der Baustatik verwendeten Kraftgrößen und Weggrößen sind einander


zugeordnet (N → u, Q → w, M → ϕ). Kraftgrößen sind die Lasten und die
Schnittgrößen, Weggrößen sind die Wege aus Last und die Schnittuferwege. Im
weiteren werden folgende Vorzeichendefinitionen für die Weggrößen und Kraft-
größen der Tragwerksachse verwendet, die hier auf in der x-z-Ebene liegende
ebene Stabtragwerke beschränkt sind.
3.2 Vorzeichendefinitionen 37

1. Die Verschiebungen u, v, w [m] sind positiv in Richtung der positiven Koor-


dinaten x, y, z. Die x-Koordinate ist die Tragwerksachse. Für die Verdrehung
ϕ[rad] gibt es verschiedene Definitionen. Hier ist ϕ positiv in Richtung w′ .
x
y x
v u j=w
z z
+w
w
Weggrößen aus Einwirkungen

2. Klaffungen (Schnittuferwege) δN = ∆u, δQ = ∆w, δM = ∆ϕ sind positiv,


wenn sie in Richtung der positiven Schnittgrößen am Schnittufer zeigen.

dN Dj
dQ j1 j2

dM = Dj = j1 + j2
Schnittuferwege

3. Eine Schnittkraft N [kN ], Q [kN ] ist positiv, wenn der zugehörige Kraftvek-
tor am positiven Schnittufer in die positive Koordinatenrichtung x, z zeigt.
Ein Moment M [kN m] ist positiv, wenn der Momentenvektor am positiven
Schnittufer in die positive Koordinatenrichtung y zeigt. Am negativen Schnitt-
ufer zeigen die positiven Schnittgrößen in die entgegengesetzte Richtung.
N
Q
M
Damit das positive Moment auch bei komplexen Tragwerken eindeutig definiert
ist, wird an jedem Stab eine gestrichelte Linie in die Tragwerksskizze einge-
zeichnet. Ein positives Moment erzeugt auf der gestrichelten Seite des Stabes
Zugspannungen.
P2

P1 - - -
- + - +
pos. M
M

+ + -

Bild 3-4 Vorzeichenregelung für Momente


38 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Die Momente aus Einwirkungen werden immer auf der Seite des Systems ab-
getragen, auf der das Moment Zugspannungen erzeugt. Das Vorzeichen des
Momentes richtet sich dann nur noch nach der gestrichelten Linie. Positive
Querkräfte und Normalkräfte werden auf der gestrichelten Seite abgetragen.
4. Äußere Lasten“ P [kN ], q [kN/m], M e [kN m] sind positiv, wenn sie in Rich-

tung der konjugierten positiven Weggrößen u, w, ϕ zeigen.
5. Für Lagerkräfte und -momente gibt es keine spezielle Vorzeichenregelung.

3.3 Statische Bestimmtheit


An jedem aus dem Gesamttragwerk herausgeschnittenen Teilsystem (differen-
tielle Elemente, Einzelstäbe, Knoten ...) gelten die gleichen Bedingungen wie
am Gesamttragwerk. Ist das Gesamttragwerk im Gleichgewicht, ist auch jedes
Teilsystem im Gleichgewicht. Für jedes freigeschnittene ebene Teilsystem gilt
Σ H = 0, Σ V = 0, Σ M = 0.
Mit den Gleichgewichtsbedingungen können die Schnittgrößen berechnet wer-
den, wenn die Zahl der Schnittgrößen und die Zahl der Gleichgewichtsbedingun-
gen übereinstimmt. Da dies nicht für alle Systeme möglich ist, müssen Statische
Systeme unterschieden werden in:

Statisch unterbestimmte Systeme


Wenn es für beliebige äußere Belastungen keinen Gleichgewichtszustand gibt,
dann ist das System lokal oder global verschieblich bzw. kinematisch. Dies ist
z. B. der Fall, wenn zu wenige Lager oder zu viele Gelenke vorhanden sind.
Ψ d

d Ψ

Bild 3-5 Statisch unterbestimmte Systeme

Die Verschieblichkeit ist eine Systemeigenschaft und damit unabhängig von den
Einwirkungen.
3.3 Statische Bestimmtheit 39

Statisch bestimmte Systeme


Der Spannungszustand kann bei statisch bestimmten Systemen allein mit den
Gleichgewichtsbedingungen ermittelt werden. Auch die statische Bestimmt-
heit ist eine Systemeigenschaft. Verschiedene grundlegende statisch bestimmte
Systeme sind in Bild 3-6 angegeben. Zu beachten ist, dass ein Drei-Gelenk-
Rahmen nicht immer drei Momentengelenke besitzen muss, sondern im Einzel-
fall auch andere Schnittgrößen null sein können.
M=0 N=0 Q=0
Kragarm

Balken
M=0 M=0 M=0

Drei-Gelenk-Rahmen Drei-Gelenk-Rahmen

Bild 3-6 Statisch bestimmte Grundsysteme

Statisch unbestimmte Systeme


Bei statisch unbestimmten Systemen kann der Spannungszustand nur mit den
Gleichgewichts- und mit den Verformungsbedingungen berechnet werden, so-
dass alle Grundgleichungen gemeinsam gelöst werden müssen.
Geschlossene Rahmen oder Tragwerksteile sind innerlich statisch unbestimmt,
da man die Schnittgrößen nicht allein mit Gleichgewichtsbedingungen bestim-
men kann, siehe hierzu die beiden rechten Systeme in Bild 3-7.
Sind mehr Lagerkräfte und -momente als Gleichgewichtsbedingungen vorhan-
den, ist das System wie im rechten und im linken System äußerlich statisch
unbestimmt.

Bild 3-7 Innere und äußere statische Unbestimmtheit

Der Grad n der statischen Unbestimmtheit ist eine Systemeigenschaft und kann
auf verschiedenen Wegen ermitteln werden.
40 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

3.3.1 Aufbauprinzip für ebene Rahmentragwerke


Der Grad der statischen Unbestimmtheit kann anschaulich ermittelt werden,
wenn man das wirkliche statisch unbestimmte System von den Lagern aus so
aufbaut, wie man es in der Realität auch bauen könnte. Ausgehend von einem
statisch bestimmten Grundsystem wird so das wirkliche System durch sukzes-
sives Anfügen von Scheiben und Bindungen entwickelt. Die Zahl der statisch
wirsamen Anschlussgrößen gibt den Grad der statischen Unbestimmtheit an.

Beispiel 1: Stockwerkrahmen
Das Grundsystem ist ein Drei-Gelenk-Rahmen. Auf den statisch bestimmten
Stockwerkrahmen wird ein zweites Stockwerk errichtet, das für sich ebenfalls
ein statisch bestimmter Drei-Gelenk-Rahmen ist. Danach werden drei Gelenke
geschlossen, sodass ein dreifach unbestimmtes System vorliegt.

n=0 n=0 n=3

Bild 3-8 Statisch unbestimmtes Rahmentragwerk

Beispiel 2: Talbrücke
Ausgangssystem sind die zwei Pylone, die als Kragarme statisch bestimmt sind.
Danach wird die Fahrbahn als Balken auf die Pylone gelegt und in einem zwei-
ten Schritt fest mit den Pylonen verbunden. Zuletzt werden die äußeren Lager
angesetzt. Insgesamt liegt ein dreifach statisch unbestimmtes System vor.

n=0 n=0

n=1 n=3

Bild 3-9 Statisch unbestimmte Talbrücke


3.3 Statische Bestimmtheit 41

Beispiel 3: Abgehängte Brücke


Der Drei-Gelenk-Bogen in Bild 3-10-links ist statisch bestimmt. An den Bogen
können jetzt sukzessive vom linken oder rechten Lager ausgehend jeweils ein
Hänger und ein untenliegender Balken gelenkig und damit statisch bestimmt
angebracht werden. Der letzte Balken führt auf ein einfach unbestimmtes Sy-
stem. Die biegesteife Verbindung der untenliegenden Balken führt auf ein ins-
gesamt fünffach unbestimmtes System.

n=0

n=1 n=5

Bild 3-10 Statisch unbestimmte Bogenbrücke

Beispiel 4: Vierendeel-Träger
Vierendeel-Träger sind geschlossene Rahmentragwerke, die aus biegesteif ver-
bundenen Einzelstäben bestehen. Im Gegensatz zu Fachwerken, die ihre große
Steifigkeit bei vernachlässigbarer Biegung aus den im Dreieck angeordneten
Druck- bzw. Zugstäben beziehen, tragen Vierendeel-Träger auf Biegung und
sind daher viel weniger steif.
n=0

n=0

n=2

Bild 3-11 Statisch unbestimmter Vierendeel-Träger

Der untenliegende Balken mit den biegesteif angebrachten Stützen ist statisch
bestimmt. Nach Anbringen des linken und rechten Drei-Gelenk-Rahmens ist das
System weiterhin statisch bestimmt. Das Schließen des inneren oberen Riegels
bewirkt eine zweifache Unbestimmtheit.
42 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

3.3.2 Abzählkriterium für Rahmentragwerke


Besteht ein statisches System aus einem einfach zusammenhängenden Gebiet,
das im weiteren als Scheibe bezeichnet wird, so kann man alle Schnittgrößen
und die Lagerreaktionen allein mit den Gleichgewichtsbedingungen berechnen.
Einfach zusammenhängende Scheiben besitzen eine zusammenhängende Ober-
fläche, die man ohne Schnitt umfahren kann. Beispiele sind in Bild 3-12 ge-
geben. Der Vierendeel-Träger nach Abschnitt 3.4.3 ist z. B. mehrfach zusam-
menhängend.

Balken

Kragarm M=0 Q=0


M=0
Pendelstab Drei-Gelenk-Rahmen

Bild 3-12 Einfach zusammenhängende Scheiben

Besteht ein statisches System aus mehreren Scheiben, so wird es als Schei-

benverband“ bezeichnet. Ein aus zwei Scheiben bestehendes System ist der
Dreigelenkrahmen nach Bild 3-13. Der Rahmen ist äußerlich und innerlich sta-
tisch bestimmt. Nach Freischneiden der einzelnen Scheiben können die Gleich-
gewichtsbedingungen an beiden Scheiben so angesetzt werden, dass alle Lager-
reaktionen a und alle Zwischenreaktionen z berechenbar sind.

b Hb
Vb

a c
Ha Hc
Va Vc

unbekannt z = 2, a = 4
Gleichungen 2 · 3 = 6 .

Bild 3-13 Scheibenverband: n = 0

Bei komplexen Scheibenverbänden bestehen die einzelnen Scheiben aus statisch


bestimmten Untersystemen, die selbst Fachwerke oder Rahmen sein können.
3.3 Statische Bestimmtheit 43

Zerlegt man ein komplexes statisches System mit Hilfe von Schnitten in ein-
fach zusammenhängende Scheiben und vergleicht die Zahl der Schnittgrößen
in den Schnitten und die Zahl der Lagerreaktionen mit der Zahl der Gleich-
gewichtsbedingungen, so erhält man den Grad der statischen Unbestimmtheit,
siehe Bild 3-14.

Bild 3-14 Statisch unbestimmtes System: n = 3

Bei der Bestimmung der Zwischenreaktionen in Schnitten ist darauf zu ach-


ten, dass die Zahl der Reaktionen durch bereits vorhandene Gelenke verringert
wird. Pendelstäbe können durch einwertige Schnitte bzw. Lager ersetzt werden,
zählen aber dann nicht mehr als Scheibe. Mit
a Zahl der Lagerreaktionen
z Zahl der Zwischenreaktionen (Schnittgrößen in Schnitten)
p Zahl der einfach zusammenhängenden Scheiben
n Grad der statischen Unbestimmtheit
ist die Zahl der Unbekannten a+z und die Zahl der Gleichgewichtsbedingungen
3 p. Damit ist der Grad der statischen Unbestimmtheit bei ebenen Systemen
<0 statisch unterbestimmt, verschieblich,
n = a+z −3p =0 statisch bestimmt,
>0 statisch unbestimmt.
Bei räumlichen Systemen gibt es sechs Gleichgewichtsbedingungen, sodass hier
n = a + z − 6 p anzusetzen ist.

Satz
Ein System ist n-fach statisch unbestimmt, wenn die Zahl der unbe-
kannten Lager- und Kraftgrößen in Schnitten, die zu einfach zusam-
menhängenden Scheiben führen, um n größer ist als die Zahl der Gleich-
gewichtsbedingungen.
44 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Beispiele zur Berechnung der statischen Unbestimmtheit

2
1 1

3 3
3 3
a = 6, z = 0, p = 1, n = 3 a = 8, z = 2, p = 2 , n = 4

1 2 2 1
4

3 3 2 3 3

a = 8, z = 4, p = 3, n = 3 a = 8, z = 4, p = 3, n = 3

3 3 3

1 3

3 3 3 3 1

a = 6, z = 4, p = 2, n = 4 a = 7, z = 9, p = 2 , n = 10

Anmerkungen
In der Literatur wird manchmal der Begriff statisch unterbestimmtes System“

für die in unserem Sinne statisch unbestimmten Systeme verwendet. Hiermit
ist gemeint, dass die Zahl der Gleichgewichtsbedingungen kleiner als die Zahl
der unbekannten Schnitt- bzw. Lagergrößen ist.

Zu beachten ist, dass mit dem Abzählkriterium nicht alle verschieblichen Sy-
steme identifiziert werden können, da auch statisch bestimmte oder unbestimm-
te Systeme teilweise verschieblich sein können. Hinreichende Kriterien für die
Verschieblichkeit von statischen Systemen geben allein die Untersuchungsme-
thoden für kinematische Systeme nach Abschnitt 5.
3.3 Statische Bestimmtheit 45

3.3.3 Aufbauprinzip für ebene Fachwerke


Das wirkliche Fachwerk wird aus einem bekannten statisch bestimmten Grund-
system sukzessive durch Anbindung neuer Knoten entwickelt. Hierbei gelten
folgende Regeln:
a) Zwei Stäbe schließen einen neuen Knoten statisch bestimmt und unverschieb-
lich an, wenn die Stäbe nicht auf einer Geraden liegen.
verschieblich

fest

b) Zwei Stäbe schließen eine neue Scheibe immer gelenkig an, wenn die ange-
schlossene Scheibe nicht ausreichend gelagert ist. Es entsteht ein verschiebliches
Gelenkviereck.

Drehpol

verschieblich

c) Drei Stäbe schließen eine neue Scheibe statisch bestimmt und unverschieblich
an, wenn sich die Geraden, auf denen die Stäbe liegen, nicht in einem Punkt
schneiden. Wenn sich die Richtungen der drei Stäbe in einem Punkt schneiden
oder parallel sind, sind beide Scheiben gegeneinander verschieblich.

Drehpol

verschieblich

fest
46 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Beispiel 1: Ein statisch bestimmtes Fachwerk


Das statisch bestimmte Fachwerk mit den Knoten 1–7 und der Lagerung in
den Knoten 1 und 7 kann wie folgt aufgebaut werden. Ausgangssystem ist
die Scheibe mit den Knoten 1–3 und dem Lager in Knoten 1. Das System ist
zunächst verschieblich.
2 4 6

1 3 5 7

Hilfslager

Nach Einbau eines Hilfslagers am Knoten 3 folgt ein erstes statisch bestimm-
tes, nicht verschiebliches System 1–2–3. Das Anbinden der Knoten 4–7 erfolgt
sukzessive jeweils mit Hilfe zweier Stäbe bis alle Knoten angeschlossen sind.
Nach Anbinden des zweiten Lagers am Knoten 7 und Entfernen des Hilfslagers
liegt das statisch bestimmte und nicht verschiebliche System vor.
2 4 6

1 3 5 7
a b

Beispiel 2: Ein statisch unterbestimmtes Fachwerk


Nachfolgendes System ist statisch unterbestimmt und damit verschieblich bzw.
kinematisch. Da eine einzige Verschiebungsmöglichkeit vorhanden ist, ist das
System einfach verschieblich.
2

4
1

Die Scheiben 1 und 4 besitzen jeweils nur ein Lager und sind durch zwei andere
Scheiben, dies sind hier die parallelen Stäbe 2 und 3, miteinander verbunden.
Damit bilden die Scheiben 1, 2, 3 und 4 ein verschiebliches Gelenkviereck. Die
Pfeile deuten die Bewegungsmöglichkeiten der Scheiben 1 und 4 an.
3.3 Statische Bestimmtheit 47

Beispiel 3: Ein statisch unbestimmtes Fachwerk


Das System ist äußerlich und innerlich statisch unbestimmt, da die Zahl der
Lagerkräfte größer als die Zahl der Gleichgewichtsbedingungen ist und nach
dem Aufbauprinzip mehr Stäbe vorhanden sind als zum Anbinden der Knoten
erforderlich.

n=0

n=4

Im unteren Bild ist ein möglicher statisch bestimmter Teil des Tragwerks grau
hinterlegt. Drei zusätzliche Stäbe sowie eine zusätzliche Lagerkraft kennzeich-
nen die statische Unbestimmtheit des Systems.

Bild 3-15 zeigt eine Zweifeld-Straßenbrücke über die Elbe in Hamburg, die als
statisch unbestimmt gelagertes Stahlfachwerk ausgeführt ist.

Bild 3-15 Fachwerkbrücke über die Elbe - Überseeallee in Hamburg


48 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

3.3.4 Abzählkriterium für Fachwerke


Das Abzählkriterium für Rahmen gilt auch für Fachwerke, wenn die gelenkige
Verbindung der Fachwerkstäbe beachtet wird. Einfacher ist das folgende, spe-
ziell für Fachwerke gültige Kriterium.
Bei Fachwerken sind die Momente aprioi zu null gesetzt, sodass nur die Lagerre-
aktionen und die Stabkräfte unbekannt sind. Zur Berechnung der unbekannten
Stab- und Lagerkräfte stehen an jedem Fachwerkknoten und an jedem La-
ger zwei Kraftgleichgewichtsbedingungen zur Verfügung. Es werden daher alle
Fachwerkknoten frei geschnitten. Mit
a Zahl der Lagerreaktionen
s Zahl der Stabkräfte
k Zahl der Fachwerkknoten
n Grad der statischen Unbestimmtheit
ist die Zahl der Unbekannten a+s und die Zahl der Gleichgewichtsbedingungen
2 k. Hiermit gilt in der Ebene
<0 statisch unterbestimmt, verschieblich,
n = a +s−2k =0 statisch bestimmt,
>0 statisch unbestimmt.
n ist der Grad der statischen Unbestimmtheit bei ebenen Fachwerken. Bei
räumlichen Fachwerken gibt es drei Gleichgewichtsbedingungen je Knoten
n = a + s − 3 k.
Der Kran in Bild 3-16 ist in der Ebene 1-fach statisch unbestimmt. Die grau
angelegte Fläche ist nach dem Aufbauprinzip statisch bestimmt, wenn von den
beiden Lagern ausgehend jeder Knoten mit zwei Stäben angeschlossen wird.
Der zusätzliche Stab bewirkt die Unbestimmtheit.

a=3
s = 28
k = 15
} n = 3 + 28 2 * 15 = 1

a b

Bild 3-16 Statisch unbestimmter Kran

Die Fachwerkbrücke in Bild 3-17 ist 2-fach statisch unbestimmt. Auch hier ist
3.3 Statische Bestimmtheit 49

der grau angelegte Bereich mit dem Aufbauprinzip als statisch bestimmt iden-
tifizierbar. Ausgehend von einem Lager und einem Hilfslager kann man suk-
zessive alle Knoten mit zwei Fachwerkstäben anschließen. Das Hilfslager wird
entfernt, sobald das Fachwerk auf beiden Lagern ruht. Die zwei zusätzlichen
Stäbe bewirken die statische Unbestimmtheit des Systems.

a=3
s = 35
k = 18
} n = 3 + 35 2 * 18 = 2

a b
Bild 3-17 Statisch unbestimmte Fachwerkbrücke

Bild 3-18 zeigt eine räumliche Stahlfachwerkkonstruktion des Schiffshebewerks


in Niederfinow. Die Konstruktion dient dazu, einen Höhenunterschied von ca.
36 m auf dem Oder-Havel-Kanal zu überwinden. Zurzeit wird ein neues, für
größere Schiffe nutzbares Schiffshebewerk in Stahlbetonbauweise errichtet.

Bild 3-18 Schiffshebewerk in Niederfinow


50 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke


Die Modellierung von beliebigen Tragwerken des Ingenieurwesens umfasst ne-
ben der Idealisierung des Tragwerks auch immer die mathematische Beschrei-
bung des Trag- und Verformungsverhaltens mit den Grundgleichungen und den
zugehörigen Randbedingungen. Die Grundgleichungen werden für kontinuierli-
che Tragwerke (Stäbe, Flächentragwerke, 3-D-Kontinua) am differentiellen Ele-
ment aufgestellt. Im einzelnen gibt es folgende Grundgleichungen:

V Die Verformungsgeometrie oder Kinematik beschreibt den Verformungs-


zustand im Gebiet und auf dem Rand. Beschreibungsvariable sind Weg-
größen und Verzerrungen.
G Die Statik beschreibt das Gleichgewicht im Gebiet und die Kraftrand-
bedingungen. Beschreibungsvariable sind Spannungen sowie Kräfte und
Momente.
W Die Werkstoffgleichungen beschreiben unabhängig von Kinematik und
Statik das Werkstoffverhalten mit den Spannungen und Verzerrungen.

Die Grundgleichungen kann man übersichtlich in das Tonti-Schema nach Bild


3-19 einordnen. Die Gleichungen für die Kinematik und das Gleichgewicht sind
Differentialgleichungen, deren Integrationskonstanten an die Randbedingungen
des jeweiligen Gebietes angepasst werden. Sie gelten unabhängig voneinander
und müssen gleichzeitig erfüllt sein.
Die Werkstoffgleichung ist im einfachsten Fall eine algebraische Gleichung, die
werkstoffunabhängig mit Hilfe vergleichbarer Materialparameter wie dem Ela-
stizitätsmodul und der Querdehnzahl formuliert werden kann. So wird die Bie-
gesteifigkeit EI und die Dehnsteifigkeit EA für Stahl, Holz und Stahlbetonquer-
schnitte angesetzt und das Materialverhalten als linear elastisch beschrieben.

Lasten P, q Verschiebungen u

✓ ✻ ✏ ✓ ✻ ✏
Gleichgewicht Kinematik
✒ ✑ ✒ ✑
❄ ✓ ✏ ❄
Spannungen σ ✛ Werkstoffgleichungen ✲ Verzerrungen ε
✒ ✑

Bild 3-19 Tonti-Schema der Grundgleichungen [22]


3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke 51

Die Werkstoffgleichungen verknüpfen die Beschreibungsvariablen der Kinema-


tik und der Statik. Der Werkstoff legt fest, wie sich das Tragwerk bei gegebenem
Spannungszustand verformt: σ → ε → u. Der Werkstoff legt damit auch fest,
wie sich der Spannungszustand bei gegebenem Verformungszustand einstellt:
u → ε → σ. Wie groß die Verformungen bei gegebenem Spannungszustand
sind, ist mit der Steifigkeit des Werkstoffs festgelegt. Man unterscheidet gene-
rell zwischen starren“ Tragwerken mit unendlich großen Steifigkeiten, stei-
” ”
fen“ Tragwerken mit endlichen Steifigkeiten und schlaffen“ Tragwerken mit

verschwindender Steifgkeit. Die in der Baustatik untersuchten Stabtragwerke
sind als schubstarr, dehnstarr und biegesteif“ vorausgesetzt.

Die Grundgleichungen sind linear, wenn die Verformungen in der Tragwerksbe-
rechnung als infinitesimal klein angenommen werden und das Werkstoffverhal-
ten als linear elastisch angesetzt wird. In desem Fall ist die Lösung der Grund-
gleichungen nach Kirchhoff eindeutig, sodass die Lösungen für unterschiedliche
Lastfälle superponiert werden können.
Wenn die Stabilität von Tragwerken (Kippen, Knicken, Beulen) untersucht wer-
den soll, sind die Verformungen endlich groß und müssen in den Grundgleichun-
gen zusätzlich berücksichtigt werden. Hierbei kann es mehrere unterschiedliche
Lösungen der Grundgleichungen zu gleichen Einwirkungen geben. Aufgrund
der Nichtlinearität gilt das Superpositionsprinzip dann nicht mehr.
Nachfolgend sind die Grundgleichungen für Stabtragwerke in einer Form zu-
sammengestellt, die im Bauwesen ausreichend ist.

3.4.1 Das differentielle Element


Die Grundgleichungen werden am differentiellen Element aufgestellt, das aus
dem jeweiligen Tragwerk an der Stelle x ± dx/2 entsprechend Bild 3-20 heraus-
geschnitten wird. Mit der speziellen Wahl des differentiellen Elementes lassen
sich die Grundgleichungen widerspruchsfrei herleiten.

q
e
M P

dx

j x

z, w

Bild 3-20 Das differentielle Element


52 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Zusätzlich zu den Grundgleichungen sind die Randbedingungen des Tragwerks


angegeben, da sie die Integrationskonstanten der Lösung der Grundgleichungen
festlegen. In der hier zunächst gewählten Theorie I. Ordnung sind die Tragwir-
kungen des Balkens und des Dehnstabes nicht gekoppelt, sodass die Grundglei-
chungen getrennt entwickelt werden können.

3.4.2 Biegestäbe
Biegestäbe bzw. Balken sind in z-Richtung belastete Stäbe, sodass die Ver-
formungen des Tragwerks in der x-z-Ebene stattfinden. Nachfolgend sind die
Grundgleichungen unter Annahme der Bernoulli–Hypothese angegeben. Für
Einzelstäbe gilt:
Raumkoordinaten : x, z q(x)
Verschiebung : w(x)
e
Verdrehung : ϕ(x) M
Verkrümmung : κ(x) x P
j
Lasten : q(x), P, M e
z,w
Biegesteifigkeit : EI
I beschreibt das Flächenträgheitsmoment des Balkenquerschnitts. P, M e sind
eingeprägte Kräfte und Momente am Rand des Balkens.

Verformungsgeometrie
Die Verformungsgeometrie beschreibt den Zusammenhang zwischen der Ver-
schiebung w, der Neigung der Stabachse ϕ und der Verkrümmung κ.

dx

z w – dw/2
w
w + dw/2

j j
j – dj/2
x

j + dj/2

Bild 3-21 Kinematik am differentiellen Balkenelement

Am differentiellen Element nach Bild 3-21-links ist die Neigung ϕ der Balken-
achse mit der Biegelinie w verknüpft. Im Bild rechts folgt die positive Ver-
3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke 53

krümmung aus der positiven Änderung der Verdrehung.


dw
tan ϕ = dx
= w′ ,
ϕ = arctan w′ ,
dϕ w ′′
κ= dx
= (1 + w ′2 )3/2
.

Die Gleichungen sind stark nichtlinear, wenn die Verdrehung ϕ groß ist. Wenn
ϕ klein ist, kann man die Gleichungen vereinfachen. Es gilt dann
ϕ − w′ = 0 im Gebiet und we − w = 0 auf dem Rand.
κ − ϕ′ = 0 ϕe − ϕ = 0
we ist eine eingeprägte Lagerverschiebung und ϕe eine eingeprägte Lagerver-
drehung. Hiermit sind die Weggrößen am Rand des Biegestabes festgelegt.

Gleichgewicht
Die Gleichgewichtsbedingungen im Gebiet werden am differentiellen Element
an der Stelle x aufgestellt. Berücksichtigt werden die Schnittgrößen sowie die
Streckenlast q [N/m]. Äußere Streckenmomente m(x) [N m/m] z. B. aus Brems-
wirkung werden hier vernachlässigt.
q

M dM/2 M + dM/2
Q dQ/2 Q + dQ/2

dx/2 dx/2

x
Für die Summe der Kräfte in Richtung z gilt
− ( Q − dQ/2 ) + ( Q + dQ/2 ) + q dx = 0.
Mit dQ = Q′ dx kann man die Gleichung vereinfachen
( Q′ + q ) dx = 0.
Die Gleichgewichtsbedingung für die Momente an der Stelle x liefert
( Q − dQ/2 ) · dx/2 + ( Q + dQ/2 ) · dx/2 + ( M − dM/2 ) − ( M + dM/2 ) = 0.
Auch hier kann man die Gleichung mit dM = M ′ dx vereinfachen
( M ′ − Q ) dx = 0.
54 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Zusätzlich zu den Gebietsgleichungen muss das Gleichgewicht auf dem Rand


erfüllt werden. Der Rand hat in x-Richtung keine räumliche Ausdehnung, so-
dass kein differentielles Element erforderlich ist. Hier wird das Gleichgewicht
zwischen den Einwirkungen P, M e und den inneren Reaktionen Q, M gefordert.
Rand
x
M Q
z M
e
P
l

Damit sind die Gleichgewichtsbedingungen wie folgt anzusetzen:

Q′ + q = 0 im Gebiet und P −Q=0 auf dem Rand.


M′ − Q = 0 Me + M = 0

Werkstoffgleichungen
Das Werkstoffverhalten wird hier als linear elastisch angesetzt. Plastische Ver-
formungen und Rissbildung erfordern zusätzliche Annahmen und Bedingungs-
gleichungen, die erst bei weiterführenden Modellen eingesetzt werden.
Im Rahmen der Bernoulli-Theorie werden die Verkrümmungen aus Elastizität
und Erwärmung mit dem Biegemoment sowie dem Temperaturgradienten ∆T
in Dickenrichtung verknüpft. Es gilt

κel = −M/EI
κT = −αT (Tu − To )/h = −αT ∆T /h

+k
+M
Die Verformungsbedingung verknüpft die Verkrümmungen aus Elastizität und
Erwärmung mit der Verformungsgeometrie

κ − κel − κT = 0.

Die Querkräfte sind mit den Biegemomenten nur über die Gleichgewichtsbedin-
gungen verknüpft. Eine Werkstoffgleichung für die Querkraft kann im Rahmen
der Bernoulli–Hypothese mit schubstarren Querschnitten nicht angesetzt wer-
den, da die Schubverformungen verschwinden.
3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke 55

3.4.3 Dehnstäbe
Dehnstäbe sind in Längsrichtung des Stabes (x-Achse) belastet und können
Druck- und Zugkräfte aufnehmen. Sie werden in der Baustatik als dehnstarr
angesetzt, da die Dehnsteifigkeiten in der Regel erheblich größer als die Biege-
steifigkeiten sind. Streckenlasten können über den Stab integriert und an den
Stabenden als Einzellasten aufgebracht werden.
Bei statisch unbestimmten Systemen sind die Steifigkeiten wesentlich für den
Lastabtrag, sodass die Stäbe im Einzelfall als dehnsteif angesetzt werden müs-
sen. Am Einzelstab gilt zunächst allgemein:
Koordinate : x
p(x)
Verschiebung : u(x) P
Dehnung : ε(x)
Lasten : p(x), P x,u
Dehnsteifigkeit : EA
A beschreibt die Querschnittsfläche des Dehnstabes. p(x) ist eine Streckenlast
und P eine Einzellast.
Die Grundgleichungen des Dehnstabes werden analog zum Biegestab am diffe-
rentiellen Element aufgestellt.

Verformungsgeometrie
Die Verformungsgeometrie bzw. Kinematik definiert den Zusammenhang zwi-
schen den Verschiebungen u(x) und den Verzerrungen ε(x). In der Mechanik
und der Statik sind verschiedene Verzerrungsmaße bekannt, die je nach An-
wendungsgebiet unterschiedlich definiert sind. Hier wird die anschauliche In-
genieurverzerrung verwendet, bei der die Länge des verformten differentiellen
Elementes auf die unverformte Länge bezogen ist.
dx/2 dx/2

x u

u du/2 u + du/2

Entsprechend der Abbildung sind die Ingenieurverzerrungen wie folgt definiert


(u + du/2) − (u − du/2)
ε = .
dx
56 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Mit du = u′ dx folgen die Grundgleichung und die zugehörige Randbedingung


für u. Es gilt

u′ − ε = 0 im Gebiet und
e
u −u=0 auf dem Rand.
e
u ist eine eingeprägte Lagerverschiebung, die die Randverschiebung festlegt.

Gleichgewicht
Das Gleichgewicht der Kräfte liefert am differentiellen Element
− ( N − dN/2 ) + ( N + dN/2 ) + p dx = 0.
P

N dN/2 N + dN/2

dx/2 dx/2

Mit dN = N ′ dx kann man die Gleichung umformen zu


( N ′ + p ) dx = 0.
Außerdem sind die Kraftrandbedingungen zu erfüllen. Damit gilt

N′ + p = 0 im Gebiet und
P −N =0 auf dem Rand.

Werkstoffgleichungen
Die Werkstoffgleichungen verknüpfen die Verzerrungen εel , εT mit den Normal-
kräften N sowie der Erwärmung von T0 auf T1 . Vereinbarungsgemäß ist lineares
Werkstoffverhalten angesetzt. Hierfür gilt

εel = N/EA
εT = αT (T1 − T0 )

Die Verformungsbedingung verknüpft die Werkstoffgleichungen mit der Verfor-


mungsgeometrie
ε − εel − εT = 0.
3.4 Grundgleichungen für Stabtragwerke 57

3.4.4 Torsion
Torsionsstäbe erfahren eine um die Längsachse (x-Achse) wirkende Momenten-
belastung, die zu einer Verdrillung des Stabes führt. In der St. Venant Torsi-
onstheorie setzt man voraus, dass die Querschnitte bei der Verformung eben
bleiben und keine Verwölbung auftritt. Dies ist für die Torsion von Kreisring-
querschnitten exakt.
Bei beliebigen Querschnitten treten jedoch Verwölbungen auf, die man nur
mit einer genaueren Theorie beschreiben kann. Hierfür gelten die folgenden
Grundgleichungen daher nur, wenn als Randbedingungen der freie Rand mit
vorgegebenem Torsionsmoment oder die Gabellagerung zugelassen sind. Die
Gabellagerung nimmt das Torsionseinspannmoment auf, ist jedoch keine Fest-
einspannung, sodass eine ungehinderte spannungsfreie Verwölbung möglich ist,
die in den Grundgleichungen nicht berücksichtigt werden muss. Für die Be-
schreibung des Tragverhaltens von Torsionsstäben gilt:
Raumkoordinate : x
Drillwinkel : ϑ(x) mT e
MT
J
Verdrillung : d(x) x
Einwirkungen : mT (x), MTe
Drillsteifigkeit : GIT
G ist der Schubmodul und IT beschreibt das polare Flächenträgheitsmoment
des Querschnitts.

Verformungsgeometrie
Die Verformungsgeometrie beschreibt nicht die Dehnungsverteilung im Quer-
schnitt, sondern ausschließlich die Verdrillung d in Stablängsrichtung, die einem
Schubwinkel entspricht. Hierfür gilt

dJ/2 J

(ϑ + dϑ/2) − (ϑ − dϑ/2) dx/2


d = . x
dx dx/2
dJ/2

Mit dϑ = ϑ′ dx folgen die Grundgleichung und die zugehörige Randbedingung


ϑ′ − d = 0 im Gebiet und
ϑe − ϑ = 0 auf dem Rand.
e
ϑ ist ein eingeprägter Drillwinkel am Lager, analog zu einer Lagerverdrehung
bei einem Biegestab.
58 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Gleichgewicht
Torsionsstäbe können von Einzelmomenten MTe und von Streckenmomenten
mT belastet werden. Momentengleichgewicht um die Längsachse liefert
−(MT − dMT /2) + (MT + dMT /2) + mT dx = 0.
mT

MT dMT /2 MT + dMT /2

dx/2 dx/2

x
Mit dMT = MT′ dx sowie dem einwirkenden Torsionsmoment MTe folgt

MT′ + mT = 0 im Gebiet und


MTe − MT = 0 auf dem Rand.

Werkstoffgleichung
Auch für die Torsion wird elastisches Werkstoffverhalten angesetzt. Erwärmung
liefert jedoch keinen Beitrag. Damit gilt die Werkstoffgleichung
del = MT /GIT
sowie die Verformungsbedingung
d − del = 0.

Anmerkung
In der Bemessung der Tragwerke unterscheidet man Gleichgewichtstorsion und
Verträglichkeitstorsion. Die Unterscheidung ist nicht zwangsläufig erforderlich,
sondern in unterschiedlichem Systemtragverhalten begründet.

Gleichgewichtstorsion Verträglichkeitstorsion
3.5 Analytische Lösung der Grundgleichungen 59

1. Gleichgewichtstorsion muss nachgewiesen werden, da das Tragwerk einstürzt,


wenn die Torsionsmomente nicht aufgenommen werden können. Dies bedeutet
für das im Bild links dargestellte Tragwerk, dass der Längsträger torsionssteif
und eine Gabellagerung vorhanden sein muss.
2. Verträglichkeitstorsion liegt vor, wenn die Einwirkungen zwar zur Torsion
eines Stabes führen, aber zusätzliche Tragwirkungen vorhanden sind, die die
Standsicherheit auf anderem Wege sicherstellen können. Das im Bild rechts
dargestellte System trägt die Lasten auch über Biegung ab.

3.5 Analytische Lösung der Grundgleichungen


Hier wird die analytische Vorgehensweise für Biegestäbe allgemein erläutert,
ohne die im Einzelfall möglichen Vereinfachungen zu berücksichtigen. Für den
auf Biegung beanspruchten Einzelstab mit konstanter Biegesteifigkeit gilt nach
Zusammenfassung der Grundgleichungen
EIw′′′′ = q(x).
Die Gleichung beschreibt das Kräftegleichgewicht in z-Richtung. Die Gleichge-
wichtsbedingung enthält folgende Teillösungen, die superponiert werden.
• Die Lösung der homogenen Differentialgleichung
EIw′′′′ = 0 −→ wh = ao + a1 x + a2 x2 + a3 x3

• und die Partikularlösung, hier für konstante Belastung


qx4
EIw′′′′ = q −→ wp = .
24EI
Damit ist die Gesamtlösung
qx4
w = wh + wp = ao + a1 x + a2 x2 + a3 x3 + .
24EI
Die Anpassung der Konstanten ai der Gesamtlösung an die Randbedingungen
erfolgt für den jeweils vorliegenden Einzelfall. Für das im Bild gewählte System
gilt:

w(0) = 0
x q(x)
j
w(l) = 0
a b
z,w l
M (0) = −EIw′′ (0) = 0
M (ℓ) = −EIw′′ (ℓ) = 0
60 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Damit folgt die an die Randbedingungen angepasste Gesamtlösung


q
w = ( l3 x − 2 lx3 + x4 ) .
24 EI
Mit der Gesamtlösung der Differentialgleichung ist die Biegelinie w bekannt.
Im Nachlauf kann man mit den Grundgleichungen auch die anderen Zustandsli-
nien (ϕ, M, Q) nach Differentiation der Biegelinie berechnen. Für den gelenkig
gelagerten Balken mit konstanter Belastung erhält man den Verlauf der Zu-
standslinien wie im Bild dargestellt.
Wenn die Biegelinie w(x) ein Polynom
vierter Ordnung ist, ist die Neigung
ϕ(x) dritter Ordnung. Beide Zustands- w w=j
linien sind hier nur der Vollständigkeit
halber angegeben. Primär interessieren j j=-M
das Moment und die Querkraft. Wenn EI
w(x) ein Polynom vierter Ordnung ist,
folgt ein quadratischer Verlauf der Mo- M M=Q
mentenlinie und ein linearer Verlauf der
Querkraftlinie. Am gelenkigen Lager ist
die Momentenlinie null. Der Extrem- Q Q=-q

wert der M-Linie gibt wegen M = Q
den Nulldurchgang der Querkraftlinie
an.
Für eine anschauliche Kontrolle des Ergebnisses kann man den Zusammenhang
zwischen Moment, Verkrümmung und Einwirkung verwenden.

Die Berechnung der Lagerkräfte ist in der Regel nicht erforderlich, kann aber
in einer nachfolgenden Berechnung mit den Zustandslinien M und Q erfolgen.
Entsprechend Bild 3-22 können die Lagerkräfte für das vorliegende Beispiel mit
den Querkräften ermittelt werden.

Qa Qb

A B

A = Qa B = - Qb

Bild 3-22 Schnitt am Lager

Bei mehreren Feldern und bei Rahmentragwerken sind die Grenzen der analyti-
schen Vorgehensweisen schnell erreicht, sodass hier immer die viel effizienteren
Verfahren der Baustatik eingesetzt werden.
3.6 Vorgehensweise der Baustatik 61

3.6 Vorgehensweise der Baustatik


In der Baustatik berechnet man grundsätzlich zuerst die Momentenlinie. Erst
danach werden alle anderen Zustandslinien mit Hilfe der Grundgleichungen und
danach eventuell die Lagergrößen ermittelt. Hierbei gelten folgende Regeln:

1. Die Momentenordinaten werden nur an ausgezeichneten Stellen des Trag-


werks ermittelt. Dies sind vorzugsweise die Grenzen der Integrationsbereiche
der Grundgleichungen, also z. B. Lager und Rahmenecken.
2. Der Verlauf der Momentenlinie zwischen den berechneten Einzelordinaten
wird mit Hilfe der nachfolgenden Tabellen für den Zusammenhang der Zu-
standslinien ermittelt.
3. Die genaue Momentenlinie zwischen Einzelordinaten wird mit Hilfe der
Schlusslinie und der Momentenlinie am Einzelfeld bestimmt, was nachfolgend
ebenfalls erläutert ist.

3.6.1 Zusammenhang der Zustandslinien


Für vorhandene Lasten q(x) erhält man die analytische Lösung der Zustands-
linien nach Differentiation der Gesamtlösung, siehe Abschnitt 3.4.2 und Ab-
schnitt 3.5. Bei Einzellasten und Einzelmomenten weisen die Zustandslinien
Knicke und Sprünge auf, siehe Bild 3-23.

M li P M re e
M
M li M re
Q re Q li Q re
Q li

M M

Qre = Qli − P Qre = Qli


Mre = Mli Mre = Mli + M e

Bild 3-23 Einzellast und Einzelmoment

Für die qualitative Beschreibung der Zustandslinien ist der Zusammenhang zwi-
schen den Zustandsgrößen in Tabelle 3.1 angegeben. Hiermit sind der Verlauf
der Zustandsgrößen sowie Nulldurchgänge, Knicke und Sprünge ohne weitere
Berechnung qualitativ angebbar, wenn eine einzige Zustandslinie bekannt ist.
In nachfolgender Tabelle ist auch die Zuordnung von Nullstellen, Extremwerten
62 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

und Wendepunkten der Zustandslinien angegeben, sodass man mit gegebener


Momentenlinie M die Biegelinie w qualitativ zeichnen und damit die Momen-
tenlinie anschaulich kontrollieren kann.

Tabelle 3.1 Verlauf der Zustandslinien bei gegebener Last

q(x) Q M w
0 0 konstant
0 konstant linear
konstant linear Parabel 2. Ordnung
linear Parabel 2. Ordnung Parabel 3. Ordnung
... ... ...
Einzellast Sprung Knick
Einzelmoment unverändert Sprung
0 max/min
0 Wendepunkt

Nachfolgendes Beispiel zeigt, wie die Momentenlinie von der Art der Last
abhängt. Die Gleichlast q bewirkt eine quadratische Momentenlinie. Im unbe-
lasteten Teil des Balkens ist die Momentenlinie linear. An der Stelle des rechten
Lagers ist ein Knick vorhanden. Der Verlauf der Querkraft ist als Neigung der
Momentenlinie ablesbar. Die Krümmung der Biegelinie entspricht direkt der
Momentenlinie. Der Momentennullpunkt ist Wendepunkt der Biegelinie.

q P

WP
w

min

Q
3.6 Vorgehensweise der Baustatik 63

Beispiel 1
Das Moment und die Querkraft im Pendelstab b − c sind null. Das Moment
links neben dem Gelenk b erhält man als Schnittmoment im Kragarm b − d.
Weil die Querkraft im Gelenk b und die Normalkraft im Stab b − d null sind,
ist die Querkraft Qa−b ebenfalls null und die M-Linie vom Gelenk bis zur
Einspannung konstant. Die Querkraft ist die Neigung der M-Linie. Die hier
nicht dargestellte Normalkraft Nb−c ist null, und die Normalkraft im Stab a − b
konstant, Na−b = −P .
P
d

a b c

P
w

M
M=0
Q=0
Q N=0

Wichtig für das anschauliche Verstehen des Tragverhaltens ist der Zusammen-
hang von Biegelinie w und Momentenlinie M . Besonders bei modernen Be-
rechnungsprogrammen ist eine schnelle und effiziente Kontrolle möglich, wenn
man die berechnete Biegelinie mit der Anschauung überprüft. Wenn M auf der
Zugseite abgetragen wird, ist die Verkrümmung des entsprechenden Balkenab-
schnitts vorgegeben. Hiermit verschiebt sich der Stab b − d nach oben und der
Knoten d nach links. Stab b − c ist nicht gekrümmt. Die aus der Momentenlinie
entwickelte Biegelinie entspricht der Anschauung.

Beispiel 2
In c und d ist ein Momentengelenk angeordnet, damit ist die Momenten-Linie
im Bereich c − d null, da der Stab unbelastet ist. In c−links springt die M-Linie
auf M e . Die Neigung der M-Linie bleibt von c nach b null, weil die Querkraft
bei einem Momentensprung unverändert ist. Von b nach a ist keine Belastung
vorhanden, sodass die M-Linie linear auf null in a abnimmt. Die Querkraft folgt
aus der Neigung der M-Linie.
64 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

Auch hier kann man die Momentenlinie mit der Biegelinie anschaulich kontrol-
lieren. Stab c−d ist nicht gekrümmt, Stab a−c ist einsinnig mit untenliegender
Zugseite gekrümmt.
e
M

a b c d

Mb e
M
M=0
Q
Qc = 0

Beispiel 3
In c ist das Moment null. Rechts und links von c springt die M-Linie auf M e .
Im Bereich c − d verläuft die M-Linie linear bis auf null in d. Von c nach b
bleibt die Neigung der M-Linie unverändert, sodass Mb direkt ermittelt werden
kann. Von b nach a nimmt die M-Linie linear auf null ab. Die Querkraft folgt
aus der Neigung der M-Linie. Die Biegelinie weist in c einen Knickwinkel auf,
wobei die Biegelinien links und rechts vom Knick gleich gekrümmt sind.
e
M

a b c d

Mb e
M
M=0
Q e
Qc = – M /lcd
3.6 Vorgehensweise der Baustatik 65

Beispiel 4
In c ist das Moment null. Rechts von c springt das Moment um −M e . Im
Bereich c − d nimmt die M-linie linear auf null in d ab. Da das Einzelmoment
in c die Neigung der M-Linie unverändert lässt, steigt das Moment von null in
c linear und parallel zum Verlauf in c − d auf Mb an. Schnitt in b und a sowie
Σ M = 0 um b gibt die Querkraft rechts von a und damit die Neigung der
M-Linie von a bis zur Einzellast. Damit ist auch die M-Linie von der Einzellast
nach b bekannt. Die Querkraft ist die Neigung der M-Linie.
P e
M

a b c d

WP
w

3.6.2 Schlusslinien
Das in Abschnitt 3.1 erläuterte Schnittprinzip wird zur Berechnung der Schnitt-
größen eingesetzt, ohne die Grundgleichungen explizit zu lösen. Aufgrund des
Superpositionsprinzips kann man am gelenkig gelagerten Balken die Momen-
tenlinien aus Stabendmomenten sowie aus Last getrennt berechnen und danach
addieren. Hierbei wird vorausgesetzt, dass die Momentenlinien am gelenkig ge-
lagerten Einfeldbalken unter beliebiger Einwirkung bekannt sind.
P
Mli
M
Mre
Mre
Mli
P · l/4

Bei komplexen Tragwerken kann man entsprechend verfahren. Wenn an beliebi-


gen Stellen eines Tragwerks Schnitte gelegt werden können, so kann man durch
66 3 Grundlagen der Berechnungsverfahren

geschickte Wahl der Schnitte die Schnittgrößen an besonders ausgezeichneten


Stellen im Tragwerk direkt berechnen. Für alle freigeschnitten Teilsysteme gilt
Σ H = 0, Σ V = 0, Σ M = 0.
Sind die Momentenordinaten an ausgezeichneten Schnitten bekannt, so kann
man den Verlauf der Momentenlinie und der Querkraftlinie zwischen benach-
barten Schnitten mit Hilfe einfacher Regeln analog zum links und rechts gelen-
kig gelagerten Balken bestimmen.

Sind in einem beliebigen Stababschnitt eines Stabtragwerks die Momenten-


ordinaten am linken und am rechten Rand mit Hilfe des Schnittprinzips be-
rechnet, so wird die geradlinige Verbindung zwischen den Ordinaten der Stab-
endmomente als Schlusslinie bezeichnet.

Beispiel 1
Wenn der Stababschnitt unbelastet ist,
muss die Momentenlinie wegen Q li Q re
M li M re
M (x) = Mli + Qli · x x
l
linear zwischen den Randwerten verlau-
fen. Wegen M +

Q = M = (Mre − Mli )/l
Q +
wird die Querkraft mit den Randwerten
der Momentenlinie berechnet.

Beispiel 2
Steht eine Einzellast in Feldmitte, muss P
die lineare Momentenlinie des unbela-
steten Stababschnitts um den Anteil
x
aus Einzellast ergänzt werden. Dies er- l
folgt so, dass die Momentenlinie aus
Einzellast am gelenkig gelagerten Ein- Pl
4 Schlusslinie
feldbalken auf die Schlusslinie addiert
wird. M
M li M re
Die Querkräfte erhält man mit Q = M ′
oder aus Addition der Querkraftlinie in-
Q
folge Einzellast und der Querkraftlinie Q li Q re
P
des unbelasteten Stababschnitts.
3.6 Vorgehensweise der Baustatik 67

Beispiel 3
Im Stababschnitt sind die Momenten-
ordinaten am linken und rechten Rand
gegeben. Bei konstanter Belastung x
muss die Momentenlinie wegen l
M (x) = Mli + Qli · x − q · x2 /2 Schlusslinie ql 2
8
zwischen den Randwerten quadratisch
- -
verlaufen. Wegen M +
M li M re
Q(x) = M ′ = Qli − q · x
ist die Querkraftlinie linear. Analog -
Q +
ist vorzugehen, wenn die Belastung Q li
Q re
beliebig verteilt ist oder Einzelkräfte
oder Einzelmomente vorhanden sind.
Damit ist es grundsätzlich von Vorteil, bei beliebigen Tragwerken nur die Ordi-
naten in ausgezeichneten Schnitten zu berechnen und die Zustandslinien M (x)
und Q(x) des gelenkig gelagerten Balkens zwischen den Schnitten einzuhängen.

Beispiel 4
Die Berechnung der Momentenlinie des Durchlaufträgers erfolgt in zwei Schrit-
ten. Zuerst wird die Schlusslinie feldweise bestimmt. Momentengleichgewicht
am Abschnitt c − d um die Stelle c gibt das Stützmoment an der Stelle c. Nach
Freischneiden der Lager des Balkens folgt aus dem Momentengleichgewicht um
die Stelle c die Querkraft am linken Rand a. Mit Q = M ′ in Abschnitt a − b
folgt das Schnittmoment in b. Damit ist die Schlusslinie gegeben. Die Momen-
tenparabel im Abschnitt b − c wird nur noch eingehängt.

q P
x,u
a b c d

z,w
WP
w

M
max

Q
STATISCH BESTIMMTE SYSTEME
71

4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

In diesem Abschnitt werden die Vorgehensweisen zur Berechnung von Zustands-


linien von statisch bestimmten Tragwerken erläutert und an ausgewählten Bei-
spielen gezeigt. Das Vorgehen der Baustatik ist für Durchlaufträger bereits in
Abschnitt 3.3 gezeigt. Im folgenden Abschnitt stehen die M, Q, N -Verläufe in
ebenen Fachwerken sowie Rahmen- und Bogentragwerken im Vordergrund.

4.1 Fachwerke
Beim Entwurf von Fachwerken und der Berechnung der Stabkräfte erleich-
tern einige Grundregeln die Analyse des Tragverhaltens. Fachwerkknoten sind
Schnittpunkte der idealen Stabachsen. Die Stäbe sind gerade und gewichtslos,
Lasten greifen nur in Fachwerkknoten an. Fachwerkstäbe sind im Berechnungs-
modell grundsätzlich gelenkig miteinander verbunden. Die in der Wirklichkeit
vorhandenen Einspannwirkungen sind vernachlässigbar, da sie für das Tragver-
halten unwesentlich sind.
Zeigt bei einem Stab-Dreieck eine
Knotenlast in Richtung der Winkel-
halbierenden zweier Stäbe, sind die
Stabkräfte gleich groß.
Zeigt bei einem Stab-Dreieck eine
Knotenlast senkrecht zur Winkel-
halbierenden zweier Stäbe, sind die
Stabkräfte entgegengesetzt gleich
groß (Druck bzw. Zug).
Stehen zwei Stäbe senkrecht aufeinander, so übertragen sie keine Kraftwirkun-
gen untereinander. Liegen an einem Knoten zwei Stäbe auf einer Geraden und
ist ein dritter in einem beliebigen Winkel dazu angeordnet, so ist die dritte
Stabkraft null. P P

D D
P Z
Z 0
0 0
≠0 ≠0

Die Berechnung der Stabkräfte von statisch bestimmten Fachwerken erfolgt


mit dem Schnittprinzip. Wenn die Verschiebungen der Fachwerkknoten von
Interesse sind, müssen die Stäbe als dehnsteif angesetzt werden.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_4
72 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.1.1 Anwendung des Schnittprinzips


Bei der Berechnung der Stabkräfte mit Hilfe des Schnittprinzips herrscht an je-
dem freigeschnittenen System Gleichgewicht (Ritter-Schnitt). Die Berechnung
statisch bestimmter Fachwerke erfolgt dann in folgender Reihenfolge.
1. Zuerst sind die Lagerkräfte des Gesamtsystems zu berechnen.
2. Danach ist das Schnittprinzip sukzessive so anzuwenden, dass in jedem
Schnitt maximal drei Stabkräfte unbekannt sind. Die Stabkräfte kann man
dann mit den Gleichgewichtsbedingungen berechnen.
3. Die Gleichgewichtsbedingungen sind am freigeschnittenen Teilsystem so anzu-
setzen, dass je Gleichung nur eine unbekannte Stabkraft vorhanden ist, und die
Gleichgewichtsbedingungen damit entkoppelt sind. Hierbei kann auch ΣM = 0
für verschiedene Drehpunkte angesetzt werden.

P
2 4 6

1 3 5 7

A B

P S42
ΣM3 = 0 → S42
34
S

HA ΣM4 = 0 → S35
ΣV = 0 → S34
S35
VA VB

4.1.2 Vergleich dreier Fachwerkbrücken


Auf den nachfolgenden Seiten werden drei Brücken mit unterschiedlichem Fach-
werk aber sonst gleichen Bedingungen verglichen. Die Lagerkräfte sind in allen
Fällen:
ΣH = 0 = HA → HA = 0
ΣM1 = 0 = VB 4ℓ − P ( ℓ + 2ℓ + 3ℓ ) → VB = 1, 5P
ΣV = 0 = VA + VB − 3P → VA = 1, 5P
Mit bekannten Lagerkräften kann man jetzt sukzessive alle Stabkräfte nachein-
ander mit jeweils einer Gleichung berechnen.
4.1 Fachwerke 73

Schräge Druck- und Zugstreben


Das nachfolgende Fachwerk besitzt 15 Stäbe und ist insgesamt viel weniger auf-
wändig hergestellt als das zweite und das dritte Fachwerk. Besonders vorteil-
haft ist, dass alle Knotenverbindungen gleichartig sind und die Stablängen auf
maximal zwei Varianten beschränkt sind. Außerdem ist das optische Erschei-
nungsbild ausgewogener. Es gilt a2 = h2 + ℓ2 /4, sin α = h/a, cos α = ℓ/2a.
2 4 6 8
15 Stäbe
h

1 a 3 5 7 9
Ha a b
P P P
Va l l l l Vb

geschnittene Stäbe Gleichgewicht Stabkraft P/h

S12 − S13 ΣV S12 −1, 5 a


S12 − S13 ΣH S13 +0, 75 ℓ
S13 − S23 − S24 ΣV S23 +1, 5 a
S13 − S23 − S24 ΣH S24 −1, 5 ℓ
S24 − S34 − S35 ΣV S34 −0, 5 a
S24 − S34 − S35 ΣH S35 +1, 75 ℓ
S35 − S45 − S46 ΣV S45 +0, 5 a
S35 − S45 − S46 ΣH S46 −2 ℓ
S46 − S56 − S57 ΣV S56 +0, 5 a
S46 − S56 − S57 ΣH S57 +1, 75 ℓ
S57 − S67 − S68 ΣV S67 −0, 5 a
S57 − S67 − S68 ΣH S68 −1, 5 ℓ
S68 − S78 − S79 ΣV S78 +1, 5 a
S68 − S78 − S79 ΣH S79 +0, 75 ℓ
S79 − S89 ΣV S89 −1, 5 a
74 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

Schräge Druckstreben und vertikale Zugstäbe


Das zweite Fachwerk besitzt 13 Stäbe, ist jedoch schwieriger herzustellen, da
die Knotenverbindungen sehr vielfältig sind. Nachteilig ist auch, dass die Stab-
kräfte teilweise größer und die Druckstreben länger sind als im ersten Fall.
Damit erfordert der Knicksicherheitsnachweis größere Querschnitte. Vorteil-
haft ist nur, dass hier der mittlere obere Druckstab des ersten Beispiels nicht
vorhanden ist. Aus der Geometrie des Fachwerks folgen die Stablängen und
Winkel b2 = h2 + ℓ2 , sin β = h/b, cos β = ℓ/b.
2 4 6

13 Stäbe
h

1 b 3 5 7 8
Ha a b
P P P
Va l l l l Vb

geschnittene Stäbe Gleichgewicht Stabkraft P/h

S12 − S13 ΣV S12 −1, 5 b


S12 − S13 ΣH S13 +1, 5 ℓ
S13 − S23 − S24 ΣV S23 +1, 5 h
S13 − S23 − S24 ΣH S24 −1, 5 ℓ
S24 − S34 − S35 ΣV S34 −0, 5 b
S24 − S34 − S35 ΣH S35 +2 ℓ
S35 − S45 − S57 ΣV S45 1, 0 h
S35 − S45 − S57 ΣH S57 +2 ℓ
S78 − S68 ΣV S68 −1, 5 b
S78 − S68 ΣH S78 +1, 5 ℓ
S46 − S67 − S78 ΣV S67 +1, 5 h
S46 − S67 − S78 ΣH S46 −1, 5 ℓ
S46 − S47 − S57 ΣV S47 −0, 5 b
4.1 Fachwerke 75

Schräge Zugstreben und vertikale Druckstäbe


Das Tragverhalten des dritten Fachwerks entspricht der Umkehrung des zweiten
Fachwerks, wenn Druckstäbe und Zugstäbe verglichen werden. Nachteilig ist,
dass die Druckkräfte teilweise größer sind. Vorteilhaft ist, dass die Druckstäbe
kürzer sind als im zweiten Fall, was sich günstig auf den Knicksicherheitsnach-
weis auswirkt. Von Nachteil sind auch die drei Nullstäbe S13 , S79 und S56 ,
wobei der Stab S56 die Knicklänge des Obergurtes verkürzt. Aus der Geome-
trie folgen die Stablängen und Winkel b2 = h2 + ℓ2 , sin γ = h/b, cos γ = ℓ/b.
2 4 6 8 10
17 Stäbe
h

1 3 5 g 7 9
Ha a b
P P P
Va Vb
l l l l

geschnittene Stäbe Gleichgewicht Stabkraft P/h

S12 − S13 ΣV S12 −1, 5 h


S13 − S23 − S24 ΣV S23 +1, 5 b
S13 − S23 − S24 ΣH S24 −1, 5 ℓ
S24 − S34 − S35 ΣV S34 −0, 5 h
S24 − S34 − S35 ΣH S35 +1, 5 ℓ
S35 − S45 − S46 ΣV S45 +0, 5 b
S35 − S45 − S46 ΣH S46 −2 ℓ
S46 − S56 − S68 ΣH S68 −2 ℓ
S58 − S57 − S68 ΣV S58 +0, 5 b
S58 − S57 − S68 ΣH S57 +1, 5 ℓ
S57 − S78 − S810 ΣV S78 −0, 5 h
S57 − S78 − S810 ΣH S810 −1, 5 ℓ
S810 − S710 − S79 ΣV S710 +1, 5 b
S910 − S79 ΣV S910 −1, 5 h
76 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.1.3 Analogie zwischen Fachwerk und Ersatzbalken


Wenn Fachwerke in ihrem Gesamttragverhalten wie Biegestäbe wirken, kann
man die Stabkräfte mit Hilfe von Ersatzbalkensystemen interpretieren und be-
rechnen.

Fachwerk Ersatzrahmen
Gegeben sei das nachfolgend im Bild dargestellte Fachwerk – z. B. eine Ei-
senbahnbrücke – mit den Knoten 1–12. Das Fachwerk mit der untenliegenden
Fahrbahn ist in den Knoten 3, 5, 7, 9 und 11 belastet. Idealisiert man die
gesamte Brücke als Ersatzbalken ohne genaue Aufgliederung in die einzelnen
Fachwerkstäbe, so kann man die Schnittgrößen M und Q am Ersatzbalken
ermitteln. Die Achse des Ersatzbalkens ist hier im Untergurt angeordnet.

2 4 6 8 10

Fachwerk
1 3 5 7 9 11 12
a b
6Dl

P P P P P

Ersatzbalken
Q

Die beim Freischneiden anzusetzenden Schnittgrößen M und Q des Ersatz-


balkens müssen den beim Schnitt des Fachwerks vorhandenen Stabkräften Sij
statisch äquivalent sein, sodass die Stabkräfte aus Äquivalenzbedingungen be-
rechnet werden können. Für das gewählte Beispiel können z. B. die Stabkräfte
S56 , S46 und S57 aus nachfolgenden drei Bedingungen ermittelt werden.
4.1 Fachwerke 77

Die Summe der vertikal wirkenden Anteile der Stabkräfte entspricht der Quer-
kraft, die Summe der horizontal wirkenden Anteile der Stabkräfte entspricht
der Normalkraft und die Gurtkräfte entsprechen den Druck- und Zugkräften
aus Biegetragwirkung. Die Äquivalenzbedingungen sind
ΣV : S56 sin α = −Qi ,
S46
ΣH : S46 + S57 + S56 cos α = Ni , 2 4
S56
ΣM : S46 · h + S56 · sin α∆x = −Mi (x). 1 a 3 5
S57
Wendet man die Vorgehensweise auf al- a P P
le Schnitte an, so entsprechen die stück-
weise konstante Querkraft“- und die
” P P M
stückweise lineare Momenten“-Linie Q
” N
des Fachwerks den Zustandslinien des
Dl Dl
Ersatzbalkens. Dx

Ist der Untergurt der Fachwerkbrücke aus Eigengewicht und Verkehr gleich-
mäßig belastet, so kann man als Ersatzbalken einen gleichmäßig belasteten
Balken wählen. Hierbei verändern sich die Querkraft- und die Momenten-Linie
gegenüber dem ersten Fall.
q = P / Dl

Ersatzbalken

DQ

Versatz

Weil die Gleichlasten beim Fachwerk direkt zu Knotenlasten integriert werden,


muss die Differenz ∆Q infolge feldweise konstanter Querkraft bei Belastung in
den Fachwerkknoten und der linearen Querkraftlinie des Ersatzbalkens beachtet
werden. Damit ist bei linearer Querkraftlinie für die Berechnung der Stabkräfte
des Fachwerks in jedem Schnitt ein Versatzmaß von 0, 5 ∆l vorzusehen, das den
stabweisen Lastabtrag auf die Knoten des Fachwerks berücksichtigt.
78 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.2 Rahmentragwerke
Ebene Rahmentragwerke sind aus Stäben zusammengesetzt, die gleichzeitig
das Tragverhalten von Dehnstäben (Membrantragwirkung) und Biegestäben
(Biegetragwirkung) aufweisen. Für den Einzelstab zwischen den Rahmenknoten
gelten die in Abschnitt 3.4 angegebenen Grundgleichungen. Die Einzelstäbe
räumlicher Rahmen tragen zusätzlich auf zweiachsige Biegung und Torsion.
Im Vergleich zur Biegesteifigkeit sind die Dehnsteifigkeiten der Stäbe sehr groß,
sodass die Verformungen aus Dehnung oder Stauchung der Stäbe in der hier
vereinfachenden Berechnung vernachlässigt werden können. Die Stäbe sind da-
her als dehnstarr angesetzt.
Lasten in Richtung der Stabachsen werden in den Stabenden angesetzt.

Bild 4-1 Rahmentragwerke

Analog zu Balkentragwerken wird auch bei Rahmentragwerken zuerst die Mo-


mentenlinie ermittelt. Hierbei bietet es sich an, zunächst die Stabendordinaten
der Momentenlinie mit Hilfe des Schnittprinzips zu berechnen und zwischen
den Stabenden die Schlusslinie mit den Momentenlinien des gelenkig gelager-
ten Balkens einzuhängen. Die Querkräfte werden weiterhin aus der Neigung
der Momentenlinie bestimmt und die Normalkräfte in einem dritten Schritt
mit Knotengleichgewichten berechnet.

Kräftegleichgewicht an Rahmenknoten
An jedem Rahmenknoten gilt ΣH = 0 und ΣV = 0. Bei nicht rechtwinklig
angeordneten Stäben können die Schnittkräfte mit einer Transformationsvor-
schrift in eine andere Richtung transformiert werden.
a
N = +H cos α + V sin α
Es gilt
Q = −H sin α + V cos α
Q
H = +N cos α − Q sin α x N
oder invertiert
V = +N sin α + Q cos α z
H
V
4.2 Rahmentragwerke 79

Momentengleichgewicht an Rahmenknoten
An jedem Rahmenknoten muss ΣM = 0, ΣH = 0 und ΣV = 0 erfüllt sein.
Da sich die Momente und die Kräfte wegen der Schnittufer-Definition nicht
vorzeichengerecht addieren lassen, müssen Momente und Kräfte entsprechend
ihrer Wirkungsrichtung angesetzt werden.
Nl
Qo
Mo Ql
Ml
No Rahmenmittelknoten
Mu
Mr
Qu
Rahmenecke Qr
Mu
Nr
Nu Qu
Nu

4.2.1 Anschauliches Finden der Zustandslinien


Der Zusammenhang der Zustandslinien von Balkentragwerken ist aus Abschnitt
3.6.1 bekannt. Bei Rahmentragwerken gelten für den Biegeanteil die gleichen
Zusammenhänge, hinzu kommen die Normalkräfte.
Die anschauliche Kontrolle der Zustandslinien gelingt daher analog zu Balken-
tragwerken mit der Verformungsfigur des Rahmentragwerks. Setzt man dehn-
starre Stäbe und kleine Verschiebungen voraus, kann man die Verformungen
eines Rahmens mit Hilfe des Sehnenpolygons anschaulich entwickeln.

Hierbei gibt man die Verschiebung eines Rahmenknotens entsprechend der Ein-
wirkungen vor und zeichnet die daraus folgenden Verschiebungen der anderen
Rahmenknoten. Die geradlinige Verbindung der Rahmenknoten bezeichnet man
als Sehnenpolygon. In einem zweiten Schritt ergänzt man den Sehnenpolygon
um die aus dem Sehnenpolygon folgenden Knotenverdrehungen und Stabver-
krümmungen sowie um die aus den Einwirkungen folgenden Verkrümmungen.
Mit den Verkrümmungen der Einzelstäbe kann man die Biegelinie und die Mo-
mentenlinie vereinfachend skizzieren.

P Sehnenpolygon
q
80 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

Beispiel
Für das folgende System lassen sich die Biegelinie und die Zustandslinien für
M, Q, N ohne direkte Berechnung der Ordinaten qualitativ entwickeln.
1. Anschauliche Bestimmung des Sehnenpolygons und der Biegelinie.
Wenn die Stäbe dehnstarr sind, verschiebt sich Knoten b infolge Last horizontal
und der Knoten d senkrecht zum Stab e–d nach oben. Damit ist der Sehnen-
polygon bekannt.
Die Biegung der Einzelstäbe folgt jetzt aus der Streckenlast und der Konti-
nuität der Verformungen in den Rahmenecken, wenn dort die Winkel bei der
Verformung erhalten bleiben. Mit der Biegelinie liegt auch das Vorzeichen der
Verkrümmung fest.

Sehnenpolygon
-
+ -
b c d

w M
e
a

2. Mit dem Verkrümmungsverlauf und den Wendepunkten der Biegelinie ist


der Verlauf der Schlusslinie qualitativ bekannt. Mit der Schlusslinie und der
Belastung der Einzelstäbe kann man die Momentenlinie vervollständigen.
3. Aus der Momentenlinie folgt die Querkraftlinie mit Q = M ′ .
4. Aus der Querkraftlinie folgen die Normalkräfte mit Kräftegleichgewicht am
Knoten.

- -

+ -
Q + N

Die qualitative Bestimmung der Zustandsgrößen mit Hilfe der Biegelinie ist
weniger für die Vorabanalyse des Tragverhaltens oder die Bemessung geeignet
als vielmehr für eine Kontrolle der Ergebnisse eines modernen Berechnungspro-
gramms.
4.2 Rahmentragwerke 81

4.2.2 Direkte Berechnung von Zustandslinien


Die Berechnung der Momentenlinie erfolgt mit Hilfe des Schnittprinzips. Hier-
bei werden in einem ersten Schritt die wesentlichen Schnittgrößen – dies sind
M und Q – in ausgezeichneten Schnitten ermittelt, sodass die Momentenli-
nie bestimmt werden kann. Bei der Lösung sollten möglichst wenig Schnitte
und Schnittgrößen verarbeitet werden, damit die Fehlermöglichkeiten gering
bleiben. Abschließend werden die Zustandslinien analog zu Abschnitt 3.6 be-
rechnet.

Beispiel 1
Im gesamten System a–b–c sind nur Vertikalkräfte vorhanden, da aus ΣH = 0
sofort Qb−c = 0 folgt. Da zusätzlich das Lagermoment Mc null ist, ist die
Momentenlinie im gesamten Stab b − c null. Damit bleibt der Stab bei der Ver-
formung gerade. Der Stab a − b trägt die Einzellast wie ein gelenkig gelagerter
Einfeldbalken.

P
a b

h
w
c
l

-P/2
-
+ +
Pl/4 P/2
M Q

Beispiel 2
Pendelstäbe, die nicht direkt belastet werden, nehmen nur Normalkräfte auf.
Stab c − d wirkt daher wie ein horizontal verschiebliches Lager. Das Moment
an der Stelle b kann damit wie bei einem Kragarm berechnet werden. Mit dem
Eckmoment Mb = p · h und den Momentengelenken in a und c ist bereits die
gesamte Momentenlinie gegeben.
82 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

a b

h
w
c P

h/2
d
l

-
Ph -Ph/l

M Q P +

Beispiel 3
Die Momentenlinie im Stab a − b ist mit dem Einzelmoment M e in b und dem
Gelenk in a gegeben. In einem Horizontalschnitt durch die Stäbe a− b und c− d
müssen die Horizontalkräfte entgegengesetzt gleich sein, sodass das Moment in
c und damit auch die M-Linie in b − c bekannt sind.
e
M b c

h
w
a d
l l
e
-M /2l
e
M /2 -
e
M
e -M / h² + l ²
-
M Q +
e
M /2h

Die Biegelinie lässt sich mit Hilfe der Rahmenecke b − c − d konstruieren. Wenn
auf der Außenseite der Rahmenecke die Zugseite liegt, muss Punkt b nach innen
verschoben werden.
4.2 Rahmentragwerke 83

4.2.3 Berechnung von Zustandslinien mit dem Aufbauprinzip


Das Aufbauprinzip wird bisher zur Bestimmung des Grades der statischen Un-
bestimmtheit verwendet. Hierbei entwickelt man das Tragwerk vom Fundament
her kommend sukzessive bis zum obersten Bauteil. Besonders vorteilhaft lässt
sich das Aufbauprinzip jedoch für die effiziente Berechnung der Zustandslinien
komplexer Systeme einsetzen.
Grundidee ist hierbei, das Tragwerk sukzessive von der Last her kommend so
in Teilsysteme aufzuschneiden, dass die Schnittgrößen zwischen den einzelnen
Bauteilen von oben“ nach unten“ schnell und möglichst einfach berechnet
” ”
werden können. Mit den Schnittgrößen können danach die fehlenden Momen-
tenordinaten z. B. in Rahmenecken ermittelt werden. Das Aufbauprinzip ist vor
allem bei geschlossenen Rahmen oft die einzige Möglichkeit, die Momentenlinie
effizient zu berechnen.

Beispiel 1
Nachfolgendes System wird zunächst entsprechend dem Aufbauprinzip so ge-
schnitten, dass der Balken c − d in einem ersten Schritt berechnet werden kann
und die Schnittgrößen in c und d nachfolgend als Last“ auf die unten liegenden

Bauteile wirken.

q
q

b c d
Qc , Nc
q Qd , Nd

h d
b

a e M

Q Q
0,5 l l N N

1. Die Momentenlinie am Stab c − d ist eine quadratische Parabel. Die Quer-


kräfte Qc = +q ℓ/2 und Qd = −q ℓ/2 folgen aus dem Momentengleichgewicht
um c bzw. d am freigeschnittenen Balken c − d.
2. Die Momentenordinate in b kann jetzt am Kragarm b−c des unteren Systems
berechnet werden. Hiermit folgt Mb = −Qc · ℓ/2 − q (ℓ2 /4)/2 = −3q ℓ2 /8. Die
Querkraft in b ist mit der Summe der Vertikalkräfte am Stab b − c gegeben:
Qb−c = Qc + q ℓ/2.
84 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

3. Die Momentenlinie und damit auch die Querkraftlinie sind im Pendelstab


d − e null. Kräftegleichgewicht am Horizontalschnitt durch die Stäbe a − b und
d − e liefert Qa−b = 0 und damit Ma−b = konst. Damit sind die Momenten-
linie und die Querkraftlinie im gesamten System bestimmt.
2
3ql
2 q(1,5l)
1
8 ql 1
8 - 2 - ql
2
+ +
2
ql
ql
-
8
M Q

4. Die Normalkräfte N sind stabweise konstant und erfüllen das Kräftegleich-


gewicht in den Knoten b und d. Hiermit folgen Nb−a = −Qb−c , Nb−c = Qb−a ,
Nd−e = Qd−c und Nd−c = −Qd−e .
Qb-c Qd-c

1 Nb-c Nd-c
- ql - ql
2
N Qb-a Qd-e

Nb-a Nd-e

Falls benötigt können die Lagerkräfte und Einspannmomente direkt aus den
Zustandslinien abgelesen werden.
Die Verformungen des Rahmens können
abschließend mit Hilfe der Momentenli-
nie skizziert werden, um eine anschau-
liche Kontrolle der Berechnung zu w
ermöglichen. Ausgehend von Lager a
verbiegt sich die Stütze a − b nach
rechts, sodass die Zugseite des Stabes
links liegt.
Damit verschiebt sich der Riegel nach rechts. Alle horizontalen Verschiebungen
des Riegels sind bei Dehnstarrheit gleich, die vertikalen Verschiebungen und
die Verkrümmungen folgen der Momentenlinie. Im Gelenk c ist wegen M = 0
ein Wendepunkt vorhanden. Die rechte Stütze verdreht sich nach rechts, bleibt
aber wegen M = 0 gerade.
4.2 Rahmentragwerke 85

Beispiel 2

Liegt ein geschlossener Rahmen vor, so kann man die Momentenlinie nur mit
Hilfe des Aufbauprinzips bestimmen. Das nachfolgende Tragwerk wird daher
so geschnitten, dass im ersten Schritt die Schnittkräfte in a und c sowie de-
ren Verlauf im oberen Drei-Gelenk-Rahmen berechnet werden können. Mit den
dann bekannten Schnittkräften in a und c wird der untere Teil des Tragwerks
im zweiten Schritt berechnet.
P P

b
2h
a a
a c
h

4·l
Aufschneiden des oberen Systems in den Gelenken a und c liefert mit ΣMc = 0
die Schnittkraft Va = −P und mit ΣV = 0 die Schnittkraft Vc = −P . Ein
zweiter Schnitt durch die Gelenke a und b liefert mit ΣMb = 0 die Schnittkraft
Ha = −P ℓ/2h und damit auch sofort Hc = −P ℓ/2h.
P P P
Hb
b
Vb

Ha Hc Ha
Va Vc Va

Mit den Schnittkräften können die Momentenordinaten in den Rahmenecken


direkt ermittelt werden, sodass die Schlusslinie und damit auch die Momenten-
linie bekannt sind.
0 0 0 0

0 0 0 0
M Q

- l ·P l
2h ·P +
lP/2 2h
0

Die Momentenlinie ist im oberen Bereich null, da sie symmetrisch ist und das
Gelenk auf der Symmetrieachse liegt. Außerdem entspricht die Tragwerksgeo-
86 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

metrie des oberen Drei-Gelenk-Rahmens der Stützlinie, vergleiche Abschnitt


4.3.3. Die Momente in den Rahmenecken an den Lagern im unteren Bereich
werden mit den Schnittkräften Ha und Hc bestimmt. Mit M ′ = Q ist die Quer-
kraftlinie und mit Knotengleichgewicht auch die Normalkraftlinie bestimmt.
-lP/2h
-
Nb = Na · cos a
Na = P / sin a
- -P/sin a = P / tan a
- Q a
N -P/sin a
P
-P Na
- -
+ lP/2h
-P

Das Tragverhalten des oberen Teilsystems weist nur Normalkräfte auf, da die
Einzellasten in die Rahmenknoten geleitet werden. Damit werden die Stäbe
a − b und b − c verdreht aber nicht verkrümmt und die Knoten a und c nach
außen gedrückt. Aufgrund der Dehnstarrheit verschieben sich die Rahmenecken
vertikal nach unten. Die Biegelinie des unteren Tragwerkteiles ist mit den La-
gern und den Verkrümmungen der Stäbe infolge der Momentenlinie gegeben.

Beispiel 3
Auch das nachfolgende System kann mit dem Aufbauprinzip effizient analysiert
werden.
q

6 4 7
5 3
c
1 2
c

a b b a
4.2 Rahmentragwerke 87

Analog zum vorhergehenden Beispiel entspricht der obere Teil des Tragwerks
einem Drei-Gelenkrahmen, sodass dieser Tragwerksteil zuerst berechnet wird.
Der Schnitt durch die Gelenke 1 und 2 (im Bild links) gibt zunächst

ΣH = 0 Q1 = −Q2 ,
a2 +4ab+3b2
ΣM2 = 0 N1 = −q 4b
.

q q

N3
Q3
Q1 Q2 Q1

N1 N2 N1

Danach erfolgt der Schnitt durch die Gelenke 1 und 3 (im Bild rechts)
2 −b2
ΣM3 = 0 Q1 = q a 4c
.

Mit den Querkräften Q1 und Q2 ist die Neigung der Momentenlinie in der
linken und rechten Stütze bekannt, sodass die Momentenordinaten in den Rah-
menecken und damit auch im unteren Riegel berechnet werden können. Der
Kragarm im rechten oberen Riegel ist unbelastet, sodass die Momentenlinie
null ist. Damit fällt die Momentenline von M7 in Punkt 7 nach Punkt 3 linear
auf null ab.
Da außerdem das Moment M6 = q a2 /2 mit Hilfe des Kragarms direkt bere-
chenbar ist, folgt mit dem Momentengleichgewicht in der linken oberen Rah-
menecke das noch fehlende Moment M4 = −q (a2 + b2 )/4. Damit sind die
Schlusslinie und die Momentenlinie bestimmt. Im Bereich der Streckenlast ist
die Momentenlinie parabolisch, sonst linear.

– q · a2/2 – q · (a2+b2)/4
- - -
– q · (b2–a2)/4 - - – q · (b2–a2)/4

Die Querkraftlinie ist mit Q1 und Q2 bereits teilweise berechnet. Die noch
fehlenden Querkräfte und Normalkräfte können mit Q = M ′ sowie aus dem
88 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

Kräftegleichgewicht an den Rahmenecken berechnet werden.

M4 Q6 Q4 Q3 Q=0
4 7
N6 = 0 N4 N3 N=0
M6
M5 Q1 Q2
N1 N2

– qa – q · (b2–a2)/4b
- -
+
q · (a2+3b2)/4b
q · (b2–a2)/4c
Q - +

– q · (b2–a2)/4c 0

Die Normalkraft N1 ist bereits bekannt. Die fehlenden Normalkräfte folgen aus
dem Kräftegleichgewicht in den Rahmenecken.

-
– q · (b2–a2)/4c
2 2

N - N1 - – q · (b –a )/4b

+
q · (b2–a2)/4c

Auch in diesem Fall kann man die Biegelinie von den Lagern ausgehend ent-
wickeln. Der untere Tragwerksteil verkrümmt sich der Momentenlinie entspre-
chend symmetrisch. Die Punkte 1 und 2 verschieben sich nach außen und be-
wirken die Verdrehung der darüber liegenden T –förmigen Bauteile. Die Ver-
krümmung der oben angeordneten Stäbe folgt der Momentenlinie. Im Fall b > a
verschiebt sich der Riegel nach links.

w
4.2 Rahmentragwerke 89

4.2.4 Besonderheiten bei symmetrischen Systemen


Symmetrische Systeme weisen Besonderheiten auf, die bei einer Handberech-
nung der Zustandslinien zu Vereinfachungen führen können und bei einer Com-
puteranalyse eine Verringerung des Rechenaufwandes bewirken. Außerdem las-
sen sich hiermit die Ergebnisse zum Teil kontrollieren.

Zunächst können beliebige Belastungen eines symmetrischen Systems in einen


symmetrischen und einen antisymmetrischen Anteil aufgeteilt werden. Beide
Lastfälle können getrennt berechnet und danach superponiert werden. Bei ei-
nem gelenkig gelagerten Einfeld-Balken kann man die Last wie folgt aufteilen.

= +

b b a b b a b

Bei der Berechnung von symmetrischen Systemen können danach die folgenden
Zusammenhänge zwischen der Belastung und den Zustandsgrößen ( s: symme-
trisch, a: antisymmetrisch) verwendet werden.

q s a

Q a s Q′ = − q

M s a M′ = Q

j M
a s ϕ′ = − EI

w s a w′ = ϕ

Die Zusammenhänge lassen sich auf geometrisch beliebig komplexe symmetri-


sche Systeme übertragen. Wesentlich ist, dass bei symmetrischen und antisym-
metrischen Einwirkungen jeweils ein Teil der Zustandsgrößen auf der Symme-
trieachse den Wert null hat. Dies kann man verwenden, um die Ermittlung der
Zustandslinien am halben System durchzuführen, wenn entsprechende Zwangs-
bedingungen auf der Symmetrieachse gesetzt sind. Das Vorgehen ist jedoch nur
90 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

für sehr große Systeme sinnvoll und wird in der Regel nur bei Computeranaly-
sen verwendet, um hier den Rechenaufwand zu reduzieren.
Symmetrie kann man mit einer verschieblichen Einspannung realisieren, Anti-
symmetrie mit einem gelenkigen Lager.

Symmetriebedingungen
ϕ = 0, Q = 0.
l l
2

Antisymmetriebedingungen
w = 0, M = 0.

Anwendungsbeispiel für Systemsymmetrien


Die Last auf dem symmetrischen Rahmen kann in ein symmetrisches und ein
antisymmetrisches Lastbild aufgeteilt werden. Die symmetrische Last bewirkt
eine symmetrische Momentenlinie und eine antisymmetrische Querkraftlinie.
Die antisymmetrische Last bewirkt eine antisymmetrische Momentenlinie und
ein symmetrische Querkraftlinie.
P Q=0
2P symmetrisches
System

l
P N=0
antisymmetrisches
System
6 · l/2

Symmetrisches System
Im mittleren Riegelstab ist die Querkraft null und wegen des Gelenkes auch die
Momentenlinie. Da die Momentenlinie außerdem im Pendelstab null ist, tragen
die äußeren Riegelstäbe die Einzellasten als Einfeld-Balken der Länge ℓ.

Antisymmetrisches System
Im gesamten Riegel ist die Normalkraft null und damit auch in den Pen-
delstäben. Der Riegel trägt die Einzellast als Einfeld-Balken der Länge 3ℓ/2.
4.2 Rahmentragwerke 91

P P P P

- -
+ + P/2
Pl/4 Pl/4 P/2
Ms Qs

P P P P
- 1/3 Pl - 1/3 P
- -
+ + +
Pl/6 2/3 P 2/3 P
1/3 Pl
Ma Qa

Superposition der Zustandslinien


Nach Superposition der symmetrischen und der antisymmetrischen Zustands-
linien folgt die Momentenlinie und die Querkraftlinie des ursprünglichen Sy-
stems.
- 5/6 P
- Pl/6 - P/3
- -
+
- Pl/12 + P/6
Pl/6
7/12 Pl 7/6 P
Mges Qges

Die Normalkräfte werden am Gesamtsystem mit dem Kräftegleichgewicht in


den Rahmenecken bestimmt.
Q = -5/6 P Q = -P/3 Q = -P/3 Q = P/6

N=0 N = -0,25 P N=0


N = -0,25 P
Q=0 Q=0 N = -0,56 P
N = -0,56 P
0,25 P
-
0,56 P 0,56 P
-

Nges
92 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.3 Bogentragwerke

Bogentragwerke eignen sich hervorragend für das Überspannen großer Spann-


weiten, da die Verformungen trotz großer Lasten klein sind. Ein besonders
anschauliches Beispiel hierfür ist die Bogenbrücke nach Bild 4-2.

Bild 4-2 Bogenbrücke im oberen Rheintal [24]

Im unteren Bild ist das statische System gegeben, das aus den tragenden Ele-
menten Balken, Stütze, Bogen und Fundament entsprechend den vorhandenen
Einwirkungen besteht.
West Ost

Rhein

Trotz der großen Spannweite und der insgesamt hohen Verkehrslasten können
die einzelnen Bauteile relativ schlank gestaltet werden, was zu einem sehr
ansprechenden Gesamteindruck führt. Die Ursache hierfür ist das besondere
Tragverhalten von Bogentragwerken, das nachfolgend erläutert wird, sowie die
großen Steifigkeiten und Festigkeiten von Stützen und Bogen verbunden mit
der Gründung auf dem anstehenden Fels.
4.3 Bogentragwerke 93

4.3.1 Schnittgrößen in Bogentragwerken


Die bisher untersuchten Tragwerke bestehen aus geraden Stäben. Hierbei ist
das Tragverhalten von Dehnstäben und Biegestäben am differentiellen Element
und damit am Einzelstab entkoppelt. Eine Kopplung im Tragwerk entsteht erst
infolge der Gleichgewichtsbedingungen an Rahmenknoten, wenn Längs- und
Querkräfte im Gleichgewicht sind.

Bei gekrümmten Stabtragwerken ist die Kopplung bereits am differentiellen


Element vorhanden. Ursache hierfür ist die Stabkrümmung, die die Tragwir-
kungen entlang der Stabachse und senkrecht dazu miteinander koppelt, siehe
Bild 4-3. Ganz entscheidend für das Tragverhalten gekrümmter Stäbe ist, dass
bei Querbelastung ps nicht nur Querkräfte und Biegemomente geweckt werden,
sondern auch Normalkräfte. Diesen Anteil bezeichnet man als Gewölbetragwir-
kung. Nebeneffekt oder sogar Ziel des Entwurfs von Bogentragwerken ist die
Aktivierung der Gewölbetragwirkung, da hierbei mit relativ wenig Materialauf-
wand große Lasten aufgenommen und in die Lager geleitet werden können (die
Membransteifigkeit ist größer als die Biegesteifigkeit). Aufgrund der schlanken
auf Druck beanspruchten Bauteile ist allerdings die Stabilitätsgefährdung zu
beachten, sodass entsprechende Sicherheitsnachweise erforderlich sind.

Das Biegemoment sowie die Längs- und


Querkräfte sind im gekrümmten t–s– M-dM/2 P
N-dN/2 t
Koordinatensystem entsprechend Bild t

4-3 definiert, also tangential und senk- Q-dQ/2 s Ps

recht zur gekrümmten Stabachse. Die t0

Belastung kann man ebenfalls im t–s– M+dM/2


Koordinatensystem angeben oder ein-
N+dN/2
facher im globalen Koordinatensystem Q+dQ/2
als horizontal und vertikal wirkende La- Bild 4-3
sten. Schnittgrößen am Bogenelement
Die Grundgleichungen für Bogentragwerke werden hier nicht angegeben, da sie
sehr komplex sind.

4.3.2 Berechnung der Zustandslinien für Bogentragwerke


Die Berechnung der Zustandslinien von statisch bestimmten Bogentragwerken
erfolgt hier anschaulich mit dem Schnittprinzip und nicht über die Lösung der
Grundgleichungen. Nachfolgend wird der Brückenbogen nach Bild 4-2 verein-
fachend als Drei-Gelenk-Bogen idealisiert, dessen vertikale Lasten Pi aus den
darüber angeordneten Stützen eingeleitet werden.
94 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

Als Lagerkräfte werden die Vertikalkräfte Va und Vb sowie die in der Verbin-
dungsgeraden a − b liegenden Kräfte Fa und Fb gewählt. Mit den auf einer
Geraden liegenden Kräften Fa und Fb gelingt es, die Wirkung des Horizon-
talschubes besser zu verdeutlichen, als dies mit den Horizontalkomponenten
H = F · cos α möglich ist.

a2
a1
Ha = Fa cos a
P2 c
Fa P1 P3
=
Va Va + Fa sin a
hc Fb
hx b

a a
Vb
x
Fa
Va
l
c b

Bild 4-4 Drei-Gelenk-Bogen unter Einzellasten

Die Berechnung der vertikalen Lager-


kräfte des Drei-Gelenk-Bogens erfolgt c ai
mit den Gleichgewichtsbedingungen am
Gesamtsystem a − b. Es gilt allgemein Pi

1. ΣMa = 0 : Vb = ΣPi · ai /ℓ,


hc
2. ΣV = 0 : Va = ΣPi · (1 − ai /ℓ),
3. ΣH = 0 : Fa = Fb . a a
Wendet man das Schnittprinzip auf den Fa
Va
linken Bogenabschnitt a − c an, erhält x ai
man den Horizontalschub
Pi M(x)
4. ΣMc = 0 :

Fa · hc cos α = Va · c − ΣPi · (c − ai ), hx
(1 − c/ℓ)
Fa = ΣPi · ai .
hc cos α a
x
Erst mit bekanntem Horizontalschub Fa
sowie den Vertikalkräften lässt sich die Va
Momentenlinie M (x) berechnen.
4.3 Bogentragwerke 95

Die Momentenlinie wird jetzt in jedem Schnitt der x–Koordinate ermittelt


M (x) = Va · x − ΣPi · (x − ai ) − Fa · h(x) cos α.
Trennt man die Anteile, die von den Vertikalkräften verursacht werden, von
den Anteilen, die der Horizontalschub bewirkt, so gilt
M (x) = Mo (x) − Fa · h(x) cos α.
Man erkennt, dass die beiden ersten Anteile einer Momentenlinie Mo (x) ent-
sprechen, die an einem horizontal liegenden geraden Balken a–b ohne Gelenk
in c ermittelt ist. Der zweite Anteil beschreibt den Einfluss des Horizontal-
schubes, der die Bogentragwirkung aktiviert. In Bild 4-5 sind beide Anteile
getrennt dargestellt. Die Momentenordinaten entsprechen der Momentenlinie
des Einfeldbalkens unter gleicher Last. Erst in der Überlagerung wird deutlich,
dass sich beide Anteile bis auf relativ kleine Momentenordinaten kompensieren,
siehe Bild 4-6. Dies verdeutlicht das besondere Tragverhalten von Bogentrag-
werken im Vergleich zu geraden Balken.
c
Fb
Pi hx

a b
c Fa
x

M0 MF
+ Fa. h x cos a

Bild 4-5 Teilmomentenlinien aus Vertikalkräften und Horizontalschub

Die Gesamtmomentenlinie des Bogens ist wegen h(x) von der Form des Bogens
abhängig. Wenn die Form der Momentenlinie des Balkens entspricht, ist die
Momentenlinie M (x) null, siehe Abschnittt 4.3.3.

Bild 4-6 Momentenlinie am Bogen infolge der Einzelkräfte Pi

Aus den Momentenlinien M0 und MF kann man mit M ′ = Q jeweils die Quer-
kraft berechnen und zur Querkraftlinie superponieren. Wenn M klein ist, gilt
dies ebenfalls für Q. Die Normalkraft N kann danach mit dem Knotengleich-
gewicht bestimmt werden.
96 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.3.3 Stützlinien
Die Momentenlinie Mo des Einfeld-Balkens im letzten Beispiel wird um die
Anteile aus Horizontalschub vermindert. Ist der Anteil aus Horizontalschub H
gerade so groß wie die Momentenlinie am Ersatzbalken, so ist die Gesamtmo-
mentenlinie M (x) identisch null. Dieser Fall tritt genau dann ein, wenn der
Hebelarm die Bedingung

h(x) cos α = Mo (x)/Fa

erfüllt. Diese spezielle geometrische Form des Tragwerks bezeichnet man als
Stützlinie. Die Form der Stützlinie erhält man daher aus der Momentlinie des
Einfeld-Balkens. Einige Beispiele für Stützlinien sind im Bild dargestellt, links
ist jeweils die Stützlinie angegeben, rechts der Ersatzbalken mit der Last.

M
1,5 P
P

P 1,5 P

M
q

Stützlinien sind besonders günstige Tragwerksformen, da sie die Lasten bei ver-
schwindender Biegung allein über Druckkräfte tragen. Wenn die Biegung gering
ist, sind auch die bei Werkstoffen mit geringer Zugfestigkeit auftretenden Risse
vermeidbar, z. B. bei Naturstein, Mauerwerk oder Beton. Mit der Stützlinie
sind große Stützweiten bei relativ kleinen Querschnitten realisierbar, sodass sie
für viele schlanke Bauwerke formgebend ist, so z. B. für Kirchendächer und Bo-
genbrücken. Zu beachten ist allerdings, dass die Druckkräfte von der Neigung
der Stäbe abhängen und mit sinkender Neigung überproportional anwachsen.
4.3 Bogentragwerke 97

Das Prinzip der Stützlinien kann man auf Flächentragwerke erweitern, wenn
man den Lastabtrag auf Druck in verschiedene Richtungen zulässt. So können z.
B. moderne Dachtragwerke als Kuppel- oder Schalentragwerk in Stützflächen-
form (Gewölbe) hergestellt werden, siehe hierzu die zusammenfassende Dar-
stellung von Heinle und Schlaich [7].

Bild 4-7 Bogenstaumauer

Bild 4-7 zeigt eine Bogenstaumauer, bei der aufgrund des Wasserdrucks eine
perfekte Kreisform die Stützfläche horizontal beschreibt. In Bild 4-8 ist ei-
ne Vierpunkt-gelagerte Freiformfläche als Dachtragwerk dargestellt. Die Form
entspricht der Stützfläche aus Eigengewicht, die man z. B. mit Hilfe einer
Vierpunkt-gelagerten Zugmembran erhält. Aufgrund der geringen Biegestei-
figkeit sind die freien Ränder aus der Schalenfläche herausgebogen.

Bild 4-8 Dachtragwerk in Stützflächenform – Naturtheater in Grötzingen [7]


98 4 Zustandslinien statisch bestimmter Systeme

4.4 Seiltragwerke
Seiltragwerke zeichnen sich im Vergleich zu Bogentragwerken durch eine noch
größere Tragfähigkeit aus, da sie ausschließlich auf Zug beansprucht werden
und die Stabilitätsgefährdung entfällt. Hiermit sind noch größere Spannweiten
bei geringerem Materialeinsatz möglich.

Bild 4-9 Golden Gate Bridge [14], Max-Eyth-See Brücke [9]

Am Beispiel der Golden Gate“-Brücke ist das Tragverhalten von Hängebrücken



anschaulich erkennbar. Das über die Pylone gespannte Seil ist an festen Wider-
lagern verankert, die in der Regel mit massiven Betonblöcken sowie Erdankern
realisiert werden. Die Belastung des Tragseiles erfolgt durch Eigengewicht sowie
über die Hänger, an denen die Haupttragelemente der Fahrbahn als Durchlauf-
träger aufgehängt sind.

345 m 1280 m 345 m

Bild 4-10 Statisches System der Golden Gate Bridge

Die Tragseile und die Hänger erhalten ihre Steifigkeit gegen Querlasten allein
aus der Vorspannung infolge Eigengewicht des Brückenträgers, sodass derartige
Tragwerke in der Regel empfindlich gegen Windeinwirkung sind. Zur Verringe-
rung der Gefährdung aus Wind sind die Fahrbahnträger von Hängebrücken als
filigranes torsionssteifes Fachwerk und ohne Windangriffsflächen entworfen.
4.4 Seiltragwerke 99

Am Beispiel der Brücke über den Max-Eyth-See nach Bild 4-9 rechts wird deut-
lich, dass auch geometrisch komplexe Tragwerke möglich sind und die Pylone
bei gelenkiger Lagerung mit Abspannseilen stabilisiert werden können.
Die verschiedenen Bauweisen und das Tragverhalten von Brücken aller Art wer-
den u. a. von Troyano [23], Leonhardt [14] und Holgate [9] umfassend dargestellt
und diskutiert.

Seillinien
In Seiltragwerken wird die Biegesteifigkeit apriori zu null angesetzt, sodass
die Seile biegeschlaff sind und keine Biegemomente und Querkräfte aufnehmen
können. Wenn Seile belastet sind, spannen und stabilisieren sie sich, sodass
sie den Einwirkungen Widerstand entgegensetzen können. Wegen der kleinen
Querschnitte und der in der Regel großen Zugkräfte müssen jedoch die Dehn-
steifigkeiten berücksichtigt werden, sodass Seillänge und -form im belasteten
Zustand verändert sind. Der Seildurchhang unter Belastung wird als Seillinie
bezeichnet, deren Form analog zur Stützlinie von der Laststellung und der
Lastgröße abhängig ist.

Berechnung der Seilkräfte


Seile und Hänger sind auf Zug beansprucht, wobei Nebenspannungen aus Bie-
gung für das globale Tragverhalten vernachlässigbar sind. Die Seilkräfte müssen
daher nur das Kräftegleichgewicht erfüllen.
Wenn sich die Form der Seillinie wegen verschwin-
dender Biegesteifigkeit entsprechend der Lasten frei SN
aN aN+1
einstellen kann, kann man die Seilkräfte nicht di-
rekt berechnen, sondern muss die Verformungen im SN+1
Gleichgewicht berücksichtigen. Die Berechnung der VN
Seilkräfte kann daher nicht mit einer Theorie I.
Ordnung erfolgen, sondern muss mit einer geome-
trisch nichtlinearen Theorie durchgeführt werden,
siehe Abschnitt 20.
Zusätzlich ist die Dehnung der Seile zu berücksichtigen, da bei kleinen Quer-
schnitten und den großen Seillängen beträchtliche Verschiebungen der Kraft-
angriffspunkte die Folge sind. Die Verschiebungen aus Dehnung müssen im
Gleichgewicht berücksichtigt werden, können aber teilweise beim Einbau ent-
sprechend verkürzter Seile vorweg kompensiert werden.
100 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

Bisher ist die Berechnung der Zustandslinien M, Q und N von statisch be-
stimmten Stabtragwerken erfolgt. Dies ist mit dem Schnittprinzip möglich,
wenn die Gleichgewichtsbedingungen eingesetzt werden. Statische Systeme kön-
nen nur dann im Gleichgewicht sein, wenn sie nicht verschieblich sind. Dies ist
bei komplexen, insbesondere räumlichen Systemen nicht immer deutlich sicht-
bar, sodass hierfür Entscheidungshilfen vorhanden sein müssen. Ob und wie
ein System als ganzes oder örtlich verschieblich ist, kann man zeichnerisch mit
Hilfe von Polplänen oder rechnerisch mit den Gleichgewichtsbedingungen un-
tersuchen. Ziel der Untersuchungen ist daher:
1. Feststellen der Unverschieblichkeit des Tragwerks. Alle ausgeführten Trag-
werke müssen unverschieblich sein, da die Lasten sonst nicht in den Baugrund
abgeleitet werden können.
2. Finden aller möglichen Verschiebungsfelder eines verschieblichen Systems.
Dies kann man dazu verwenden, das System gezielt dort mit Steifigkeiten zu
versehen, wo die größten Verschiebungen auftreten.
Ψ d

d Ψ

Für die Untersuchung der Verschieblichkeit werden folgende Annahmen und


Voraussetzungen getroffen:
1. Es wird eine Theorie I. Ordnung vorausgesetzt. Dies bedeutet, dass die Ver-
schiebungsfelder eines verschieblichen Systems infinitesimal klein angenommen
sind. Zur Verdeutlichung der Verschiebungsmöglichkeiten eines Systems wer-
den sie in Polplänen endlich groß dargestellt.
2. Verschieblichkeit ist eine Systemeigenschaft und unabhängig von den Ein-
wirkungen. Sie wird daher stets am unbelasteten System untersucht.
3. Elastische Verformungen werden nicht berücksichtigt, da sie erst als Folge
von äußeren Einwirkungen auftreten. Die Systeme sind daher aus kinematisch
starren Teilsystemen zusammengesetzt.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_5
5.1 Begriffsbildung für Polpläne 101

5.1 Begriffsbildung für Polpläne

Die zeichnerische Untersuchung der Verschieblichkeit eines statischen Systems


erfolgt mit Polplänen“. Hierbei geht man davon aus, dass das System ver-

schieblich ist. Tritt im Polplan ein Widerspruch auf, so ist das System nicht
verschieblich. Bei der Entwicklung eines Polplanes werden folgende Begriffe
verwendet:
Scheibe Eine Scheibe ist ein kinematisch starres Teilsystem. Bei einem Schei-
benverband sind mehrere Scheiben gelenkig, aber unverschieblich miteinander
verbunden.
a

1 1
b a
c
b
Kinematische Kette Eine Kinematische Kette ist ein Scheibenverband, des-
sen Scheiben Starrkörperverschiebungen oder Rotationen ausführen können.
Eine zwangsläufige kinematische Kette ist eine Kette mit einem Freiheitsgrad.

2
1 d 2 3
1 J

Pol Ein Pol ist ein Punkt der Tragwerksebene, um den sich eine Scheibe
drehen kann. Ist der Pol von der Scheibe endlich weit entfernt, erfolgt eine
Drehung ϑ der Scheibe um den Pol, liegt der Pol im Unendlichen, so findet
eine Translation statt.
a
ra J da
da ≠ db
Pol rb
b
J db

Polstrahl Die Verbindung von einem Pol zu einem Punkt (i) einer Scheibe
wird Polstrahl ri genannt. Die Verschiebung δi eines Scheibenpunktes (i) erfolgt
senkrecht zum Polstrahl ri , solange infinitesimal kleine Drehungen angesetzt
werden. Zwei bekannte Polstrahlen legen einen Pol fest, hier ra und rb .
102 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

Absolutpol (Hauptpol) Ein Absolutpol


(n) ist ein nicht verschieblicher Punkt
der Tragwerksebene, um den sich die d
(1)
Scheibe n drehen kann. Absolutpole
sind z. B. feste Lager, hier Lager (1). 1
Dies können auch Verbindungspunkte
zu festen Tragwerksteilen sein.
Relativpol (Nebenpol) Ein Relativ-
1 2
pol (n/m) ist ein Pol, um den sich
(1/2)
die Scheiben (n) und (m) relativ
zueinander verdrehen. Ein Momen-
d2
tengelenk (M = 0) gibt direkt den
(1/2)

8
Relativpol an, hier Relativpol (1/2).
Bei Schiebehülsen (N = 0) und bei 1 2
Querkraftgelenken (Q = 0) liegt der d1
Relativpol senkrecht zur Bewegungs-
richtung im Unendlichen. Bei nicht d1 d2
benachbarten Scheiben liegt der Rela- 1 2
tivpol irgendwo in der Tragwerksebene.
(1/2)

8
Momentanpol Momentanpole sind
verschiebliche Pole, die ihre Lage bei
Annahme endlich großer Verschiebun-
gen des Systems verändern.

Pollinie Eine Pollinie ist die Verbindungsgerade dreier Pole, die die Rela-
tivbewegung der beteiligten Scheiben festlegen. Bei verschieblichen Systemen
liegen immer mindestens drei Pole auf einer Pollinie.
Absolut-Pollinie Auf einer Absolut-Pollinie liegen immer zwei Absolutpole
und der zu den beteiligten Scheiben gehörende Relativpol, z. B. (1)−(1/2)−(2).
Dies bedeutet, dass die beiden Scheiben – im Bild die Scheiben 1 und 2 – ge-
geneinander verschieblich sind, und sich bezüglich des Relativpoles bewegen.

1 d 2
(1) (2)
(1) (1/2) (2)
(1/2)

Relativ-Pollinie Auf einer Relativ-Pollinie liegen immer drei Relativpole. Bei


drei Scheiben 1,2 und 3 ist dies die Relativpollinie (1/2) − (2/3) − (1/3), die
anzeigt, dass die drei beteiligten Scheiben gegeneinander verschieblich sind.
5.2 Vorgehen beim Aufstellen von Polplänen 103

5.2 Vorgehen beim Aufstellen von Polplänen

Das Aufstellen von Polplänen sollte immer systematisch erfolgen, da sonst we-
sentliche Eigenschaften des Systems übersehen werden können. Damit auch bei
großen Systemen überprüfbar ist, ob der Polplan alle Informationen enthält,
muss die Zahl der Pole und der Pollinien bekannt sein. Ein verschiebliches sta-
tisches System mit p kinematisch starren Scheiben hat genau
• p Absolutpole,
p p(p − 1)
•( )= Relativpole,
2 1·2
p
•( ) Absolutpollinien, z. B. (1) − (1/2) − (2),
2
p p(p − 1)(p − 2)
•( )= Relativpollinien, z. B. (1/2) − (1/3) − (2/3).
3 1·2·3
Mit diesen Vorweginformationen kann man einen Polplan wie folgt entwickeln:
1. Benennen aller Scheiben des Systems.
2. Benennen aller sofort erkennbaren Absolutpole (feste Lager) und Relativpole
(Momentengelenke, Schiebehülsen und Querkraftgelenke).
3. Zeichnen der unmittelbar erkennbaren Polstrahlen senkrecht zu verschiebli-
chen Lagern, zu Schiebehülsen und Querkraftgelenken.
4. Sukzessives Suchen von weiteren Polen mit Hilfe von Absolut- und Relativ-
pollinien. Für jeden weiteren Pol werden zwei geometrische Orte bzw. Richtun-
gen benötigt, in deren Schnittpunkt der Pol liegt.
In einem Gelenkviereck bestimmen die
Relativpollinien der gegenüberliegen-
1 (2/4)
den Scheiben den Relativpol der ande- (1/4) (1/2)
ren beiden Scheiben. Hier legen die Re-
lativpollinien
4 2
(1/4) − (1/2) sowie (3/4) − (2/3)
(2/4)
den Relativpol (2/4) fest. Der Relativ- (3/4) (2/3)
3
pol (2/4) liegt im Unendlichen, da bei-
de Polstrahlen parallel zueinander sind (1/3) (1/3)
und sich nicht schneiden. Völlig analog
kann man den Relativpol (1/3) finden.
In nachfolgendem Bild links sind die Pole (1) und (1/2) gegeben. Der Pol (2)
muss auf der Geraden (1) − (1/2) liegen, wenn das System verschieblich ist.
104 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

Wenn der Pol (2) außerdem senkrecht zum verschieblichen Lager zu suchen ist,
bestimmt der Schnittpunkt dieser beiden Polstrahlen den Absolutpol (2). Im
Bild rechts ist eine zusätzliche Scheibe 3 vorhanden, sodass zwei Absolutpole
(2) zum Widerspruch im Polplan führen.

(2)
(2)
(2/3)
3
(1/3)
(1/2)
(1/2)

1 2
1 2
(1)
(1) (2)
d2
(1) - (1/2) (2)
5. Wenn der Polplan vollständig ist und alle Pole und Polstrahlen gefunden
sind, kann man überprüfen, ob der Polplan Widersprüche enthält. Ein Wider-
spruch liegt z. B. vor, wenn zu einer Scheibe mehrere Absolutpole oder zu zwei
Scheiben mehrere Relativpole vorhanden sind. Sind Widersprüche vorhanden,
sind Teile des Systems oder das gesamte System unverschieblich. Liegt kein
Widerspruch vor, ist das System verschieblich.
6. Mit viel Erfahrung kann man die Entwicklung des Polplanes im Einzelfall auf
das Wesentliche konzentrieren. So reicht es bei der Überprüfung der Verschieb-
lichkeit in der Regel aus, einen beliebigen Widerspruch zu finden und dann die
weitere Entwicklung des Polplanes abzubrechen. Sind Verschiebungsfelder für
einen Scheibenverband gesucht, so reicht es in der Regel aus, die Absolutpole
zu finden, um die sich die Scheiben drehen.

Beispiel 1
Das gegebene System mit vier Scheiben ist statisch bestimmt (a = 4, z = 8,
p = 4 bzw. a = 4, z = 2, p = 2). Es existieren vier Absolutpole (1), (2),
(3) und (4), sechs Relativpole (1/2), (1/3), (1/4), (2/3), (2/4) und (3/4), sechs
Absolutpollinien und vier Relativpollinien. Die Pollinien sind:
Absolutpollinien Relativpollinien
(1) − (1/2) − (2) (1/2) − (2/3) − (1/3)
(1) − (1/3) − (3) (1/2) − (2/4) − (1/4)
(1) − (1/4) − (4) (1/3) − (3/4) − (1/4)
(2) − (2/3) − (3) (2/3) − (3/4) − (2/4)
(2) − (2/4) − (4)
(3) − (3/4) − (4)
5.2 Vorgehen beim Aufstellen von Polplänen 105

Der Polplan wird wie folgt bestimmt.


1. Alle Scheiben und alle unmittelbar gegebenen Absolutpole und Relativpole
werden gekennzeichnet.
2. Der Absolutpol von Scheibe 1 ist das linke Lager a. Das rechte Lager b ist
Absolutpol von Scheibe 2.
3. Es gilt weiterhin
 
(1) − (1/3) (1) − (1/4)
→ (3)∞ → (4)∞
(2) − (2/3) (2) − (2/4)
 
(1) − (2) (2/3) − (2/4)
→ (1/2) → (3/4)∞
(1/3) − (2/3) (1/3) − (1/4)
(3/4)

(3) ∞
(4) ∞
(2/4)
(1/4)
4

1 (2/3)

3
2
(1/3)

(1/2) (1) (2)


a b

Damit sind alle Absolutpole und alle Relativpole zunächst ohne Widerspruch
bekannt.
Der Polplan kann jetzt mit den restlichen Absolut- und Relativpollinien kon-
trolliert werden. Von den Pollinien sind die Absolutpollinie (3)∞−(4)∞−(3/4)∞
sowie die Relativpollinie (1/4) − (2/4) − (1/2) noch nicht verwendet. Die Abso-
lutpollinie führt zu keinem Widerspruch. Allerdings platziert die Relativpollinie
den Relativpol (1/2) rechts von Scheibe 4, sodass ein Widerspruch vorliegt. Dies
bedeutet, dass die Scheiben 1 und 2 zueinander unverschieblich sind und wie
eine Scheibe wirken. Damit sind auch die Scheiben 3 und 4 fest, sodass das
System insgesamt unverschieblich ist.
Fragen:
Gibt es eine Lage von Scheibe 3, bei der das System verschieblich ist?
Unter der Annahme, dass es sich um elastische biegesteife Stäbe handelt, gibt
es eine Lage von Scheibe 3, bei der das System besonders steif ist, welche?
106 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

Beispiel 2
Der aus drei Scheiben bestehende Rahmen ist statisch bestimmt(a = 5, z = 4).
Die Lager a und c sind Absolutpole, die Gelenke sind die Relativpole (1/2) und
(2/3).
Der Relativpol (1/3) folgt mit (2/3)
 (2)
(1) − (3)
→ (1/3)
(1/2) − (2/3)

und der Absolutpol (2) mit 2


(1/2) 3

(1) − (1/2) 
1
(3) − (2/3) → (2)
senkrecht Lager b
 (1/3)
(1) (3)
a b c
→ Widerspruch: Scheibe 2 ist fest.

Wenn Scheibe 2 fest ist, so werden die Relativpole (1/2) und (2/3) zu Abso-
lutpolen (1) und (3). Damit müssen auch die Scheiben 1 und 3 fest sein, da die
unverschieblichen Lager a und c ebenfalls Absolutpole (1) und (3) sind.

Beispiel 3
Nach Verlagerung des Gelenkes (1/2) ändert sich die Kinematik des Systems.
Das System ist nach Abzählkriterium (a = 5, z = 4) weiterhin statisch bestimmt.
Für Absolutpol (2) gilt (2)
 (2/3)
(1) − (1/2) 
(3) − (2/3) → (2)

senkrecht Lager b
(1/2)
→ hier liegt kein Widerspruch vor 2
1 3
Für den fehlenden Relativpol (1/3) gilt
(1) (3)
 (1/3)
(1/2) − (2/3)
→ (1/3) a b c
(1) − (3)
Der Relativpol (1/3) liegt in Lager a. Damit sind alle drei Absolut- und die
einzige Relativpollinie berücksichtigt. Wenn ein Absolutpol und ein zugehöriger
Relativpol in einem Punkt liegen, liegt auch der zweite Absolutpol in diesem
Punkt, hier (2) − (2/3) → (3). Damit ist Scheibe 3 fest. Scheiben 1 und 2 sind
dagegen verschieblich.
5.2 Vorgehen beim Aufstellen von Polplänen 107

Beispiel 4
Für das im Bild dargestellte Tragwerk können mit Hilfe des Aufbauprinzips vier
in sich starre Scheiben festgestellt werden. Dies bedeutet, dass insgesamt vier
Absolut- und sechs Relativpole sowie sechs Absolut- und vier Relativpollinien
vorhanden sind. Das System ist statisch bestimmt (a = 4, z = 8).

1 2

a 3 4 c
b
Direkt gegeben sind der Absolutpol (1) sowie die Relativpole (1/2), (1/3), (2/4)
und (3/4). Die anderen Pole können wie folgt bestimmt werden.
 
(1) − (1/2) (1/2) − (2/4)
(2) (1/4)
senkrecht Lager c (1/3) − (3/4)
 
(2) − (2/4) (2) − (3)
(4) (2/3)
senkrecht Lager b (1/3) − (1/2)

(1) − (1/3)
(3)
senkrecht Lager b
(2)

(1/2)

1 2
(3)
(1/3) (2/4)
(1) 3 4
(2/3) (4), (3/4)

(1/4)

Die fehlende Absolutpollinie (3) − (4) − (3/4) liegt in Lager b, was ein Wider-
spruch bezüglich des Absolutpoles (3) ist. Auch die Absolutpollinie (1) − (4) −
(1/4) sowie die Relativpollinie (2/4) − (3/4) − (2/3) führen zu Widersprüchen:
doppelte Nebenpole (1/4) und (2/3). Damit sind die Scheiben 1 und 4 sowie 2
und 3 gegeneinander unverschieblich, und damit das gesamte System.
Frage: Gibt es eine Lage von Lager b, bei der das System verschieblich ist?
108 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

5.3 Anwendungsgebiete von Polplänen


Das Ziel von Polplänen ist der Nachweis der Verschieblichkeit eines Systems.
Ist ein System nicht verschieblich, so ist es fest. Es gelten folgende Sätze:

• Der Polplan ist ein hinreichendes Kriterium zum Nachweis der Verschieb-
lichkeit eines Systems.
• Ein System oder ein Teilsystem ist verschieblich, wenn der zugehörige
Polplan widerspruchsfrei und vollständig ist.
• Ein Widerspruch im Polplan weist auf eine oder mehrere feste Scheiben.
• Ein Widerspruch liegt vor, wenn die drei Pole einer Pollinie nicht auf ei-
ner Geraden liegen.
• Ein Widerspruch liegt vor, wenn eine einzelne Scheibe mehr als einen
Absolutpol aufweist. Sie ist dann unverschieblich.

Kinematisch starre Systeme, bei denen die Widersprüche schwach ausgeprägt


sind, sind fast“ kinematisch und müssen ebenfalls vermieden werden. Dies ist

z. B. der Fall, wenn bei einer festen Scheibe die Absolutpole dicht zusammen
liegen oder die Pole einer Pollinie nur wenig von einer Geraden abweichen.
Mit Hilfe von Polplänen kann man auch
gewünschte Verschieblichkeiten finden
oder kontrollieren. Dies ist z.B. der Fall,
wenn statische Systeme so gelagert sein
sollen, dass Zwänge aus Erwärmung nur a
geringe Spannungen bewirken. So wer-
den im Brückenbau Pollagerungen ver-
wendet, um unerwünschte Zwangsbean-
spruchungen klein zuhalten. Im Bild ist
Lager a ein Festpunkt. Die anderen La-
ger sind so angeordnet, dass sie sich in
Richtung des festen Lagers frei und da- Pollagerung einer Brücke
mit spannungslos verschieben können.
Bild 5-1 zeigt ein für die Pollagerung erforderliches Festlager und ein verschieb-
liches Rollenlager.

Bild 5-1 Festlager und Rollenlager


5.3 Anwendungsgebiete von Polplänen 109

Um Missverständnisse zu vermeiden, muss man folgende Begriffe unterschei-


den:
a) Ein System heißt verschieblich, wenn es eine kinematische Kette ist.
b) Ein System heißt verschiebbar, wenn es keine kinematischen Mechanismen
besitzt, aber die materiellen Punkte des Systems infolge Einwirkungen verscho-
ben werden können.

5.3.1 Verschiebungspläne
Für einige Anwendungen ist nicht nur wichtig, zu entscheiden, ob eine Schei-
be verschieblich ist, sondern auch wie groß die Verschiebungen der Scheibe
oder einer kinematischen Kette sind. Dies kann rechnerisch über die oben an-
gegebenen Beziehungen zwischen Polstrahl r, Verschiebung δ und Drehwinkel
ϑ geschehen. Die rechnerische Bestimmung des Verschiebungsfeldes und der
Stabverdrehungen kann bei Systemen mit nicht rechtwinklig angeschlossenen
Stäben sehr aufwändig sein. Eine anschauliche Untersuchung der Verschiebun-
gen erfolgt mithilfe eines Verschiebungsplanes, siehe Bild 5-2.

(2) (2)

h
d=1 1 d=1 1 1
l/h
h 1 2
h
2 2
(1) (3) (1)

l l l l

Bild 5-2 Verschiebungsfelder bei Vorgabe einer Verschiebung δ = 1

Beim Aufstellen von Verschiebungsplänen wird Folgendes vorausgesetzt:

• Die Bewegungen der Scheiben sind infinitesimale Drehungen um die Ab-


solutpole, sodass man die Winkelbeziehungen linearisieren kann. Liegt
der Absolutpol einer Scheibe im unendlichen, erfolgt eine Parallelver-
schiebung der Scheibe.
• Die Verschiebung δi eines Scheibenpunktes (i) steht senkrecht zum Pol-
strahl ri und ist infinitesimal klein.
• Die Verschiebung δi ist proportional zur Polstrahllänge (Strahlensatz).
110 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

• Bei der Entwicklung des Verschiebungsfeldes einer einfach kinematischen


Kette wird die Verschiebung eines Punktes oder der Drehwinkel einer
Scheibe zu 1 vorgegeben. Infolge des Verschiebungsfeldes der Scheibe kann
man die Verschiebungen und Verdrehungen der anderen Scheiben sukzes-
sive ermitteln, siehe Bild 5-2.

Eine weiteres Anwendungsgebiet von Verschiebungsplänen ist die Untersuchung


von beweglichen Tragwerken. Bild 5-3 zeigt die vom Büro Schlaich, Bergermann
und Partner konstruierte Fußgängerklappbrücke in Kiel-Hörn, deren Kinematik
aufgrund der Faltkonstruktion sehr komplex ist. Hier ist nicht nur die Verschieb-
lichkeit einer gegebenen Stabanordnung von Interesse, sondern insbesondere die
beim Hochfahren der Brücke auftretende Nichtlinearität infolge großer Wege
und der Veränderung der Lage der Momentanpole.

Bild 5-3 Klappbrücke in Kiel-Hörn [9, 23]

5.3.2 Aussteifung von Systemen


Pol- und Verschiebungspläne kann man dazu verwenden, verschiebliche oder na-
hezu verschiebliche Systeme gezielt auszusteifen. Hierzu setzt man in Richtung
der größten Verschiebungen Lagerbedingungen oder zusätzliche Bauteile an,
die die Verschiebungen behindern. Beispiele hierfür sind z. B. Windverbände,
entweder als zusätzliche Maßnahme bei bereits vorhandenen Biegesteifigkeiten
von Rahmentragwerken oder aber als zwingend erforderliche Aussteifung bei
Gelenkverbänden. In der Praxis müssen alle verschieblichen und fast“ ver-

schieblichen Systeme unbedingt vermieden werden.
Beim Aussteifen eines Scheibenverbandes legt man gedanklich in alle biegestei-
fen Knoten des Systems Momentengelenke, sodass das System zur kinemati-
schen Kette wird. Danach werden so viele Aussteifungselemente angeordnet, bis
5.3 Anwendungsgebiete von Polplänen 111

das System unverschieblich ist. Dies können Windverbände, Lager oder biege-
steife Verbindungen sein. Ein Zuviel an Aussteifungselementen kann auch zu ge-
wollt statisch unbestimmten Systemen führen, die Zwängungen aus Erwärmung
oder Lagersetzungen bewirken. Je höher der Grad der statischen Unbestimmt-
heit, desto höher die Redundanz im Lastabtrag.

In Bild 5-4 sind die zur Stabilisierung einer Halle erforderlichen Aussteifungs-
verbände V1 in den Giebelwänden A − A, V2 in den Seitenwänden B − B und
V3 , V4 in den Dachebenen C − C angeordnet.

V4
V3

B
A
C

V2
A
V1
B
V1 A
B

Bild 5-4 Aussteifung einer Halle mit Windverbänden

Der Dachverband V3 wirkt als oberes Lager für den Wind auf die Giebelwände
und leitet die Kräfte über die Verbände V2 in das Fundament. Der Dachverband
V4 leitet die Windlasten auf die Seitenwände in die Giebelwände, wo sie von den
Verbänden V1 in das Fundament geleitet werden. An Stelle des Dachverbandes
V4 können die Hallenrahmen die Windlast auch über Biegetragwirkung direkt
in das Fundament leiten, dann wird auch V1 nicht benötigt.

5.3.3 Anmerkungen
Generell ist zu beachten, dass bei statisch bestimmten Tragwerken eine einzi-
ge Fehlstelle z. B. in den Verbindungsmitteln der Bauteile ausreicht, um ein
Tragwerk zur kinematischen Kette werden zu lassen. Dies ist auch bei Fertig-
teilkonstruktionen zu beachten, wenn die Verbindungen durch nachträgliches
Betonieren hergestellt werden und damit eine Schwachstelle aufweisen können.
112 5 Kinematik von ebenen Stabtragwerken

Besonders sorgfältig sind Montagezustände von Bauwerken z. B. bei Brücken


oder Hallenrahmen zu untersuchen, wenn die Tragfähigkeit des Tragwerks noch
nicht ausgebildet ist. Hier werden in der Regel räumliche Lehrgerüste einge-
setzt, die in den Standsicherheitsnachweisen nicht immer aufgeführt sind.
Tragwerke, die nur zeitweise in Gebrauch sind und häufig auf- und abgebaut
werden, unterliegen besonderen Beanspruchungen, die zur Ermüdung von Ver-
bindungsmitteln führen können. Wenn diese Tragwerke statisch bestimmt sind,
kann durch Werkstoffversagen eine kinematische Kette entstehen.

5.4 Untersuchung der Gleichgewichtsbedingungen


Ein rechnerischer Nachweis der Verschieb-
P
lichkeit ist möglich, wenn man die Gleich- c
gewichtsbedingungen zur Berechnung der d
Lager- und Schnittgrößen als Gleichungs- Vc
l
system aufstellt. Dies ist immer der Fall,
auch wenn man ein Berechnungsprogramm e 30° b Hb
einsetzt und nicht das in Abschnitt 4 ge- b
zeigte Vorgehen wählt. Nachfolgend wird l Vb
das Determinantenkriterium für die Ver-
schieblichkeit an einem statisch bestimm- a
A
ten System mit den unbekannten Lager-
b
kräften A, Vb , Hb , Vc erläutert.
Die Gleichgewichtsbedingungen lassen √ sich in Matrizenschreibweise angeben,
wobei sin 30o = 1/2 und tan 30o = 1/ 3 eingesetzt sind,
 
ΣV 1 0 cos β 1 Vb
 
P

ΣH  0 1 sin β 0 

 Hb 
= √
 0 
.
 o 
ΣMb  0 0 2ℓ cos(β − 30 ) 0   A   P 3ℓ 
ΣMe √ Vc 0
0 0 0 3ℓ

Die Koeffizientenmatrix ist nicht invertierbar, wenn die Determinante null ist.
Wenn das Gleichungssystem nicht lösbar ist, bedeutet dies, dass kein Gleichge-
wicht möglich und das System verschieblich ist. Für den vorliegenden Fall ist
die Determinante √
det = 2 3 ℓ2 cos(β − 30o )
identisch null, wenn das Lager A mit β = − 60o ausgerichtet ist. Auf der ande-
ren Seite ist das System kinematisch besonders stabil, wenn die Determinante
maximal wird. Dies ist der Fall für β = +30o. Allerdings ist das Tragwerk für
5.4 Untersuchung der Gleichgewichtsbedingungen 113

diese Lagerrichtung sehr nachgiebig, da der untere Rahmen a − e − b im we-


sentlichen auf Biegung trägt. Betrachtet man das Tragverhalten des Systems
unter der vorgegebenen Belastung, so ist das System besonders steif, wenn die
Last P direkt in das Lager A geleitet wird. Dies ist für β = 0 der Fall.
Das hier für ein statisch bestimmtes System gezeigte Vorgehen und die Inter-
pretation der Determinante des Gleichungssystems sind auf moderne Berech-
nungsverfahren übertragbar. Auch wenn die Herleitung der für einen Einsatz
auf einem Computer entwickelten Verfahren völlig unterschiedlich ist, stellen sie
ebenfalls Gleichgewichtsbedingungen auf. Wenn die Determinante verschwin-
det, weist dies in der Regel auf ein kinematisches System hin oder aber auf eine
fehlerhafte Systembeschreibung.
114 6 Arbeitssätze

6 Arbeitssätze

Grundlage der bisher gewählten Berechnungsverfahren für Zustandslinien sind


der Kraft- und der Momentenbegriff. Wenn ein statisches System nicht ver-
schieblich ist, dann sind bei beliebiger Anwendung des Schnittprinzips alle
am System angreifenden Schnittgrößen und Lasten im Gleichgewicht. Dies ist
sichergestellt, wenn die Gleichgewichtsbedingungen zur Berechnung der Zu-
standslinien für M, Q und N erfüllt sind.

Eine ganz andere Betrachtungsweise von statischen Systemen ist möglich, wenn
integrale Bedingungen für das gesamte System formuliert werden. Hierbei be-
trachtet man nicht mehr das Gleichgewicht am differentiellen Element oder an
jedem Schnitt, das natürlich weiterhin erfüllt sein muss, sondern die im System
geleistete Gesamtarbeit aller Lasten und Schnittgrößen.
Was bisher die Gleichgewichtsbedingungen leisten, wird jetzt unabhängig hier-
von mit Hilfe von Forderungen an die Gesamtarbeit erfüllt. Die Beschreibung
dieser integralen Systemgröße erfolgt mit Hilfe der bereits bekannten Kräfte
und Momente sowie der konjugierten Verschiebungen und Verdrehungen.

6.1 Begriffe zur Formulierung der Arbeiten


Arbeit wird von Kräften auf konjugierten Wegen geleistet. Wenn Kraft und
konjugierte Verschiebung nicht in die gleiche Richtung zeigen, darf nur die
Projektion der Verschiebung in Richtung der Kraft betrachtet werden.
Arbeit einer Kraft: A = F · u · cos α
Arbeit eines Momentes für kleine Drehungen ϕ: A = M · ϕ · cos α

u1 . F
Projektion
u u.cos a .
j . cos a M
a u
a
u2 . j

Kraftgrößen und Weggrößen sind zueinander über die Arbeiten konjugiert. Bei
den hier untersuchten ebenen Stabtragwerken sind die in Tabelle 6.1 aufgeführ-
ten Arbeiten möglich. Die Kraftgrößen sind positiv definiert, wenn sie auf den
konjugierten Wegen positive Arbeit leisten. Die Einheit der Arbeit ist nach
Integration über den Raum immer [A] = kN m.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_6
6.1 Begriffe zur Formulierung der Arbeiten 115

Tabelle 6.1 Arbeitskonjugierte Kraft- und Weggrößen

Kraftgröße [ ] Weggröße [ ]
Einzelkraft F, P kN Verschiebung u, w m
Streckenlast q, p kN/m Verschiebung u, w m
Einzelmoment Me kN m Verdrehung ϕ rad
innere Spannungen σ kN/m2 Verzerrung ε 1
innere Normalkraft N kN Verzerrung ε 1
innere Querkraft Q kN Gleitung γ 1
inneres Biegemoment M kN m Verkrümmung κ 1/m
Schnittlängskraft N kN Spreizung δN = ∆u m
Schnittquerkraft Q kN Sprung δQ = ∆w m
Schnittmoment M kN m Knickwinkel δM = ∆ϕ rad

Definition der Arbeiten


Bei der Formulierung der Arbeiten ist zu beachten, dass Kräfte nur auf den
Wegen Arbeit leisten können, die in die Richtung der Kraft zeigen.
R
In der Statik gilt A = F du,
wenn F die Kraft und u die zu F konjugierte Verschiebung ist. Bei konstanter
Kraft wird Verschiebungsarbeit geleistet. Kräfte, die von den Verschiebungen
selbst abhängig sind, leisten Eigenarbeit.
F F

u u
Verschiebungsarbeit Eigenarbeit
F = konstant F = kF · u

Verschiebungsarbeiten
Die Arbeit, die eine Kraftgröße auf den Wegen leistet, die von einer anderen
Kraftgröße verursacht werden, heißt Verschiebungsarbeit. Dies ist z. B. bei Ge-
wichtskräften der Fall, deren Kraftangriffspunkt verschoben wird. Hierbei ist
116 6 Arbeitssätze

die Kraft F längs des Weges u konstant


Z
A = F du = F u|uu10 = F (u1 − u0 ).

Die Arbeit ist in diesem Fall nur vom Anfangs- und vom Endzustand abhängig
und hat damit Potentialeigenschaften. Analog gilt für die Momente
Z
A = M dϕ = M ϕ|ϕ ϕ0 = M (ϕ1 − ϕ0 ).
1

Eigenarbeiten
Die Arbeit, die eine Kraftgröße auf den von ihr selbst verursachten Wegen
leistet, heißt Eigenarbeit. Wenn eine Kraft den Weg, auf dem sie Arbeit leistet,
selbst erzeugt, muss ein Zusammenhang zwischen Kraft und Weg existieren.
Vereinfachend kann man zunächst

F = kF u

ansetzen, was einem linearen Federgesetz mit der Federsteifigkeit kF entspricht.


Für die Arbeiten gilt jetzt
Z Z
1 1
A = F du = kF u du = kF u2 |uu10 = kF [ (u1 )2 − (u0 )2 ],
2 2
sodass sie ebenfalls nur vom Anfangs- und Endzustand abhängt und damit
Potentialeigenschaften hat. Für Momente gilt analog
Z Z
1 1
A = M dϕ = kM ϕ dϕ = kM ϕ2 |ϕ ϕ0 =
1
kM [ (ϕ1 )2 − (ϕ0 )2 ].
2 2

Energie
Unter der Voraussetzung, dass die geleisteten Arbeiten Potentialeigenschaften
besitzen, kann die Arbeit gespeichert und wiedergewonnen werden. Gespeicher-
te Arbeit wird als potentielle Energie oder Energie der Lage definiert. Es gilt

Energie = – Arbeit.
Leistung
Eine weitere wichtige, aber in der Statik weniger gebräuchliche Systemgröße ist
die Leistung. Die Leistung ist die zeitliche Änderung der Arbeit. Es gilt
d
Leistung = dt
Arbeit.
6.2 Der Arbeitssatz für elastische Stabtragwerke 117

6.2 Der Arbeitssatz für elastische Stabtragwerke


Für abgeschlossene Systeme gilt der Arbeitssatz. Er sagt aus, dass die Summe
aller am System geleisteten inneren und äußeren Arbeiten verschwindet. In der
Baustatik werden alle bewegungsabhängigen Wirkungen vernachlässigt, da die
Geschwindigkeiten und die Beschleunigungen null sein sollen. Die Belastung der
Systeme erfolgt daher unendlich langsam“. Dies bedeutet, dass nur die äußeren

Lasten und die inneren Reaktionen des Tragwerks Arbeit leisten können.
ΣA = Aa + Ai = 0.
Der Arbeitssatz ist eine der wichtigsten Aussagen der Physik und der Mechanik,
da er die unmittelbare Erfahrung und Anschauung ohne weitere Annahmen
wiedergibt.
Mit dem Arbeitssatz wird nicht mehr zwischen Arbeiten von Horizontal- und
Vertikalkräften oder von Momenten unterschieden, sondern es wird eine Bedin-
gung für die Summe aller Arbeiten formuliert. Der Arbeitssatz ist damit eine
integrale Aussage für das gesamte Tragwerk.
Der Arbeitssatz kann in verschiedenen Formulierungen angeschrieben werden.
Nachfolgend wird er für die Arbeiten angeschrieben, die bei der Verformung
eines Tragwerks geleistet werden, wenn es von der unverformten in die verformte
Lage wandert. Diese Arbeiten werden als Formänderungsarbeiten bezeichnet.

Äußere Formänderungsarbeiten
Äußere Formänderungsarbeiten sind die Arbeiten aller am Tragwerk angreifen-
den Lasten auf den konjugierten Wegen. Die Arbeiten enthalten Eigenarbeiten,
wenn die Wege von den Lasten selbst erzeugt werden, aber auch Verschiebungs-
arbeiten, wenn die Lasten auf Wegen Arbeit leisten können, die von anderen
Lasten verursacht werden. Exemplarisch werden die Arbeiten für zwei Einzel-
lasten P1 und P2 angegeben.

P1 P2

d1,eig d2,eig
d1,fremd

Wenn zuerst P1 aufgegeben wird und danach P2 , gilt


1 1
Aa = P1 ( δ1 ,eig + δ1 ,fremd ) + P2 δ2 ,eig .
2 2
δ1 ,eig : selbstverursachte, eigene Wege
δ1 ,fremd : fremdverursachter Weg von P2 an der Stelle 1
118 6 Arbeitssätze

In Bild 6-1 sind die äußeren Arbeiten der Kräfte Pj auf den Verschiebungen δj
als schraffierte Flächen sichtbar.

P1 P2

d1,eig d1,fremd d d2,eig d

Bild 6-1 Formänderungsarbeiten

In Analogie können die Arbeiten von Streckenlasten und von Einzelmomenten


angegeben werden.

Innere Formänderungsarbeiten
Innere Formänderungsarbeiten sind die Arbeiten, die in den differentiellen Ele-
menten des Tragwerks bei der Verformung geleistet werden. Dies sind auf unter-
ster Ebene eines Materialteilchens die Arbeiten von Spannungen auf Dehnun-
gen und bei Stabtragwerken die Arbeiten der integralen Schnittgrößen M, Q
und N auf den konjugierten Verzerrungsgrößen κ, γ und ε. Bei schubstarren
Stabtragwerken der Bernoulli-Theorie sind die Schubverzerrungen γ identisch
null, sodass die zugehörigen Arbeiten verschwinden.
dx + du
Die Vorzeichen der inneren Arbeiten
sind negativ, wenn die positiven inne-
ren Reaktionsspannungen (Zug) im dif- +e
ferentiellen Element nach innen zeigen
und damit auf positiven Dehnungen ne- dx
gative Arbeit leisten. Bei Stabtragwer-
N N
ken kann man dies direkt auf die Arbei- Ni
ten der Normalkräfte übertragen

dAi (N ) = − Ni · du = − Ni · ε dx.
M M
+Mi
Das Vorzeichen der inneren Arbeiten
der Momente ist jedoch positiv, da die
inneren Momente und die konjugierten
dj
Verkrümmungen gleichgerichtet sind

dAi (M ) = + Mi · dϕ = Mi · κ dx.
+k
6.3 Verschiedene Formulierungen des Arbeitssatzes 119

Wenn die Normalkräfte und die Momente von den Verzerrungen bzw. den Ver-
krümmungen abhängen, sind die Arbeiten über die Verzerrungen bzw. die Ver-
krümmungen zu integrieren. Am differentiellen Element dx werden dann die
inneren Arbeiten
Z Z
dAi = {− N d ε + M d κ } dx

geleistet und am Gesamttragwerk nach Integration über dx


Z Z Z
Ai = {− N d ε + M d κ } dx.

Die inneren Arbeiten sind Eigenarbeiten, wenn die Spannungen gemeinsam mit
den Verzerrungen anwachsen, und Verschiebungsarbeiten, wenn sie bei Anwach-
sen der Verzerrungen konstant sind.

Nachfolgend steht der Biegeanteil stellvertretend für alle inneren Arbeiten.


Wenn, wie oben gezeigt, zwei Lasten P1 und P2 nacheinander auf das Tragwerk
aufgebracht werden, können die inneren Arbeiten für die Spannungszustände
M1 und M2 entsprechend formuliert werden. Hiermit folgt
Z
1 1
Ai = { M1 ( κ1 ,eig +κ1 ,fremd ) + M2 κ2 ,eig } dx.
2 2

κ1 ,eig : von M1 selbstverursachte, eigene Verkrümmungen


κ1 ,fremd : von M2 fremdverursachte Verkrümmungen

6.3 Verschiedene Formulierungen des Arbeitssatzes


Für die bei der Formänderung geleisteten Gesamtarbeiten von Einzellasten und
zugehörigen inneren Spannungszuständen gilt damit
1 1
ΣA = P1 ( δ1 ,eig + δ1 ,fremd ) + P2 δ2 ,eig
2 2
Z
1 1
+ { M1 ( κ1 ,eig +κ1 ,fremd ) + M2 κ2 ,eig } dx = 0. (6.1)
2 2
Die beiden nacheinander aufgebrachten, unterschiedlichen Einzellasten kann
man auch als Lastzustände deuten, sodass eine Verallgemeinerung auf beliebi-
ge Lastanordnungen einfach möglich ist. Der Arbeitssatz 6.1 betrachtet zwei
unterschiedliche Systemzustände, sodass er in dieser Form noch nicht für die
Berechnung eines der beteiligten Spannungszustände eingesetzt werden kann.
120 6 Arbeitssätze

Wenn nur der Lastzustand P1 aufgebracht wird und P2 verschwindet, gilt


Z
1 1
ΣA = P1 δ1 ,eig + { M1 κ1 ,eig } dx = 0. (6.2)
2 2
Damit kann aber ebenfalls
Z
ΣA = P1 δ1 ,fremd + { M1 κ1 ,fremd } dx = 0 (6.3)

angesetzt werden, da die Eigenarbeiten des Zustandes P1 und auch die Eigenar-
beiten des Zustandes P2 den Arbeitssatz erfüllen müssen. Mit den Gleichungen
(6.1), (6.2) und (6.3) liegen verschiedene Formulierungen des Arbeitssatzes vor,
die im weiteren für unterschiedliche Anwendungen zur Verfügung stehen.

Forderungen an den Spannungs- und den Verzerrungszustand


In der Arbeitsgleichung wird die Arbeit eines Spannungszustandes auf einem
Verformungszustand betrachtet. Es wird dabei implizit vorausgesetzt, dass bei-
de Zustände am jeweils betrachteten System möglich sind.
Das wirkliche System muss die Gleichgewichtsbedingungen, die Gleichungen
der Verformungsgeometrie und die Werkstoffgleichungen erfüllen. Dies bedeu-
tet, dass der Spannungszustand im Arbeitssatz die Gleichgewichtsbedingun-
gen und der Verformungszustand die Gleichungen der Verformungsgeometrie
erfüllen muss. Dies ist wesentlich und die Grundlage für alle weiteren Betrach-
tungen. Die Erfüllung der Werkstoffgleichungen erfolgt implizit, z. B. wenn mit
dem Spannungszustand in einem weiteren Schritt die Biegelinie des wirklichen
Systems berechnet wird.
Hiermit sind zwei grundsätzliche Aussagen für das jeweils betrachtete System
möglich:

Satz
Wenn ein beliebiger Verformungszustand δ, κ die Gleichungen und die
Randbedingungen der Verformungsgeometrie erfüllt, ist der Arbeitssatz
eine Bedingung für den Spannungszustand P, M .
Und umgekehrt:
Wenn ein beliebiger Spannungszustand P, M die Gleichgewichtsbedin-
gungen im Gebiet und auf dem Rand erfüllt, ist der Arbeitssatz eine
Bedingung für den Verformungszustand δ, κ.
121

7 Virtuelle Arbeiten

Die bisher im Arbeitssatz angesetzten Terme sind die Arbeiten wirklicher Kraft-
größen auf konjugierten wirklichen Wegen, wobei die möglichen Systeme starr
– ohne innere Arbeiten – oder elastisch sein können. Spannungs- und Verfor-
mungszustand sind zunächst in ihrer Größe und Verteilung unbekannt.

Zusätzlich zu den wirklichen Lasten können virtuelle Lasten oder virtuelle Wege
auf das System gebracht werden, die zugehörige innere Zustandsgrößen und
Verformungen erzeugen. Für den virtuellen Zustand gelten grundsätzlich die
gleichen Grundgleichungen wie für den wirklichen Zustand.

Virtuell bedeutet: Die virtuell aufgebrachten Lasten oder Wege sind nicht wirk-
lich, sondern nur gedanklich vorhanden. Sie sind infinitesimal klein, können
aber in einer linearen Theorie passend gewählt werden, da der Skalierungsfak-
tor für virtuelle Einwirkungen und daraus folgende virtuelle Tragwerksreaktio-
nen gleich ist. Er kann daher in der Arbeitsgleichung gekürzt werden. Virtuelle
Größen werden im weiteren immer mit einem Querstrich gekennzeichnet.
virtuelle Kraft P : P̄ ,
virtuelle Verschiebung u : ū,
virtuelle Arbeit A : Ā.
Virtuelle Verformungen und virtuelle Spannungszustände sind unabhängig vom
wirklichen Zustand und damit fremderzeugt, sodass die hiermit formulierten
Arbeiten immer Verschiebungsarbeiten sind, die den Arbeitssatz entsprechend
Gleichung (6.3) erfüllen müssen.

7.1 Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen (PvV)


In Abschnitt 6.1 führt der Arbeitssatz u. a. auf die Formulierung von Verschie-
bungsarbeiten nach Gleichung (6.3). Es gilt, wenn der jetzt unnötige Index 1
weggelassen wird sowie die Normalkräfte und äußere Einzelmomente ergänzt
werden,
Z
A = P δfremd + M e ϕfremd + { M κfremd − N εfremd } dx = 0.

Bisher ist der im Arbeitssatz verwendete Verformungszustand aus einer vor-


gegebenen wirklichen Last entstanden, die nachträglich auf das mit der Last
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D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_7
122 7 Virtuelle Arbeiten

P1 belastete System gebracht wird. Da die nachträglich auf das System ge-
brachte Last P2 nicht mehr im Arbeitssatz auftaucht, braucht sie nicht weiter
betrachtet zu werden.
Der Verformungszustand kann daher auch beliebig gewählt werden (zu einem
nicht mehr interessierenden Lastzustand gehörig), ohne dass sich die Aussage
des Arbeitssatzes ändert. Er muss aber auf jeden Fall die Verformungsgeometrie
im Gebiet und auf dem Rand erfüllen, denn sonst kann er kein Verformungs-
zustand des wirklichen Systems sein.

Jetzt wird der Verformungszustand als virtuell angenommen. Er wird dann


nicht mehr als Folge einer Last verstanden, sondern kann völlig unabhängig
gewählt werden. Die hieraus folgende Form des Arbeitssatzes
Z
e
Ā = P δ̄ + M ϕ̄ + { M κ̄ − N ε̄ } dx = 0. (7.1)

wird als Prinzip der virtuellen Verschiebungen bezeichnet. Andere Bezeich-


nungen sind Prinzip der virtuellen Verrückungen oder Prinzip der virtuellen
Weggrößen.

Die Bedeutung dieses Prinzips ergibt sich aus den Bedingungen, die an den
Spannungszustand und den virtuellen Verformungszustand gestellt werden.

• Der virtuelle Verformungszustand wird nicht berechnet, sondern kann


beliebig gewählt werden. Er muss aber die Verformungsgeometrie des un-
tersuchten Systems erfüllen.
Dies bedeutet für die Biegearbeiten
im Gebiet κ̄ = w̄′′ ,
auf festem Rand w̄ = 0,
auf eingespanntem Rand ϕ̄ = 0
und für die Dehnarbeiten
im Gebiet ε̄ = ū′ ,
auf festem Rand ū = 0.
• Der wirkliche Spannungszustand muss die Gleichgewichtsbedingungen
des Systems unter der wirklichen Last erfüllen.

Dies bedeutet, dass der wirkliche Spannungszustand ein Gleichgewichtszustand


ist, wenn die Summe der am Tragwerk geleisteten virtuellen Arbeiten auf be-
liebigen, kinematisch zulässigen virtuellen Verschiebungen verschwindet.
Damit ist das Prinzip der virtuellen Verschiebungen eine andere Formulierung
des Gleichgewichts des wirklichen Spannungszustands.
7.1 Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen (PvV) 123

Satz
Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen ist den Gleichgewichtsbedin-
gungen des wirklichen Systems äquivalent, wenn die virtuellen Verschie-
bungen die Verformungsbedingungen erfüllen.

Beispiel
In nachfolgendem Bild ist ein im Gleichgewicht befindliches System freige-
schnitten. Im linken Fall sind die Lagerkräfte Fa und Fb freigeschnitten und
eine virtuelle Verschiebung w̄ senkrecht zum Balken gewählt. Die Summe der
virtuellen Arbeiten der Lagerkräfte und der Last P auf w̄ verschwindet, wenn
die Kräfte im Gleichgewicht sind. Die Arbeitsgleichung entspricht dem Gleich-
gewicht der Kräfte in Richtung w̄.

Im rechten Fall ist eine virtuelle Verdrehung ϕ̄ des Balkens um Lager a gewählt.
Auch hier müssen die virtuellen Arbeiten der Last P und der Lagerkraft Fb auf
den virtuellen Verschiebungen verschwinden. Klammert man im Arbeitssatz
die virtuelle Verdrehung ϕ̄ aus, wird deutlich, dass Lagerkraft Fb und Last P
mit dem jeweiligen Hebelarm multipliziert werden. Die Arbeitsgleichung ent-
spricht dem Gleichgewicht der Momente um Lager a. Hiermit könnte man die
Lagerkraft Fb bei gegebenen Lasten direkt berechnen.

P P
a b a b

l l

P P

a
Fa Fb Fb

j
w


−Fa · w̄ − Fb · w̄ + P · w̄ = 0 Fb · ℓ · ϕ̄ − P · 2
· ϕ̄ = 0

(−Fa − Fb + P ) · w̄ = 0 (Fb · ℓ − P · 2ℓ ) · ϕ̄ = 0

Bild 7-1 Anwendung des Prinzips der virtuellen Verschiebungen


124 7 Virtuelle Arbeiten

Ergänzungen

Die Erweiterung des PvV um die virtuelle Arbeit weiterer Kraftgrößen ist ein-
fach möglich, da die Arbeiten skalar addiert werden können. Nachfolgend ist
das PvV um die Arbeit von Streckenlasten q sowie Lagerkräften Fa und La-
germomenten Ma ergänzt, die nach dem Freischneiden wie äußere Kraftgrößen
angesetzt werden, siehe Bild 7-2. Die Richtung von virtuellen Verschiebungen
und konjugierten Kraftgrößen ist so gewählt, dass von den Lagerkräften und
Einspannmomenten positive Arbeit geleistet wird. Wenn im Einzelfall virtu-

-
j q
a P
x Ma a b c
-
j M
e

- Fa
z,w -
da

Bild 7-2 Arbeit auf virtuellen Lagerweggrößen

elle Wege und wirkliche Kräfte entgegengesetzt wirken, ist das Vorzeichen zu
wechseln. Insgesamt liegen damit folgende virtuelle Arbeiten vor

Z
Ā = { −N ε̄ + M κ̄ } dx
Z
+ P · δ̄ + M e · ϕ̄ + q · w̄ dx + Σ Fa · δ̄a + Σ Ma · ϕ̄a = 0.

Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen ist ein ganz grundlegendes Prinzip
der modernen Berechnungsverfahren für Tragwerke. Es wird hier eingesetzt, um
Lagerkräfte, Schnittgrößen und Einflusslinien für Schnittgrößen zu berechnen.

Eine Ergänzung der Arbeitsgleichung des PvV um Arbeitsterme infolge Erwär-


mungen, Lagerverschiebungen und Lagerverdrehungen ist nicht möglich. Der
tiefere Hintergrund des Fehlens von Erwärmungen und Lagerwegen im PvV
liegt darin, dass das PvV eine andere Formulierung der Gleichgewichtsbedin-
gungen ist und Erwärmungen und Lagerwege nur in den Verformungsbedingun-
gen berücksichtigt werden können und nicht in den Gleichgewichtsbedingungen.
Wirkliche Lagerwege und virtuelle Lagerwege dürfen hierbei nicht verwechselt
werden. Zu beachten ist auch, dass Temperaturänderungen Einwirkungen sind
und daher keine virtuellen Temperaturdehnungen vorhanden sein können.
7.2 Das Prinzip der virtuellen Kräfte (PvK) 125

7.2 Das Prinzip der virtuellen Kräfte (PvK)


In vollständiger Analogie zum Prinzip der virtuellen Verschiebungen kann aus
dem Arbeitssatz Gl.(6.3) ein Prinzip der virtuellen Kräfte entwickelt werden.
Es gilt zunächst wie in Abschnitt 6
Z
e
ΣA = P δfremd + M ϕfremd + { M κfremd − N εfremd } dx = 0.

Die Verformungen δ, ϕ, κ, ε werden jetzt als Verformungszustand gedeutet, der


als Folge der wirklichen Belastung eintritt. Der Verformungszustand erfüllt
damit alle Verformungsbedingungen des wirklichen Systems.
Der Spannungszustand P, M e , M, N ist ein nicht von den Einwirkungen her-
vorgerufener Gleichgewichtszustand. Die hierzu gehörenden Verformungen in-
teressieren nicht, da sie im Arbeitssatz nicht verwendet werden.

Der im Arbeitssatz vorhandene Spannungszustand wird jetzt als virtuell ange-


nommen. Er ist dann kein wirklicher Gleichgewichtszustand, sondern nur noch
ein gedachter. Die hieraus folgende Form des Arbeitssatzes
Z
ΣĀ = P̄ δ + M̄ e ϕ + { M̄ κ − N̄ ε } dx = 0. (7.2)

wird als Prinzip der virtuellen Kräfte bezeichnet. Die Bedeutung des Prinzips
folgt aus den Bedingungen, die an den virtuellen Spannungszustand und den
wirklichen Verformungszustand gestellt werden.

• Der wirkliche Verformungszustand ist Folge der wirklichen Last. Er erfülllt


daher die Verformungsbedingungen des wirklichen Systems.

• Der virtuelle Spannungszustand muss die Gleichgewichtsbedingungen er-


füllen. Die daraus folgenden virtuellen Verformungen interessieren nicht.

Dies bedeutet, dass das Prinzip der virtuellen Kräfte eine andere Formulierung
der Verformungsbedingungen des wirklichen Tragwerks ist, wenn der gewähl-
te virtuelle Spannungszustand im Gleichgewicht ist. Das PvK kann daher als
Forderung an die Verformungen des wirklichen Systems gedeutet werden:
Der wirkliche Verformungszustand erfüllt alle kinematischen Bedingungen, wenn
die Summe der am Tragwerk geleisteten virtuellen Arbeiten beliebiger, statisch
zulässiger virtueller Spannungszustände auf den wirklichen Verschiebungen ver-
schwindet.
126 7 Virtuelle Arbeiten

7.2.1 Virtuelle Arbeiten bei Erwärmung


In Abschnitt 7.2 ist die Arbeitsgleichung des PvK gegeben. Bei Erwärmung
verformen sich die Tragwerke, sodass entsprechende zusätzliche Arbeiten von
virtuellen Spannungen auf wirklichen Wegen geleistet werden können. Der vir-
tuelle Spannungszustand im PvK ist bereits erklärt, sodass nachfolgend die
Verformungen aus Erwärmung sowie die entsprechenden Arbeiten angegeben
werden.

Bisher sind die inneren Arbeiten der virtuellen Normalkräfte N̄ und der virtu-
ellen Momente M̄ auf wirklichen Dehnungen und Verkrümmungen berücksich-
tigt:
Z
Āi = {M̄ · κ − N̄ · ε } dx.

Wenn Tragwerke erwärmt werden, treten neben den Dehnungen aus Elastizität
auch Dehnungen aus Temperaturänderungen auf. Es gilt für Elastizität und
Erwärmung

ε = εel + εT . N dx
T

e el dx
e dx
e T dx

ε sind wirkliche Dehnungen, sodass die Arbeit infolge virtueller Normalkraft


wie folgt geschrieben werden kann:
Z
Āi (N̄ ) = − N̄ · ( εel + εT ) dx.

Die Werkstoffgleichung“ für die Temperaturdehnung kann, falls erforderlich,



in die Arbeitsgleichung eingesetzt werden. Hierfür gilt

αT [1/K] Wärmeausdehnungskoeffizient
εT = αT · T0
T0 [K] Temperaturänderung in Kelvin

Die Verkümmungen κ können ebenfalls Folge elastischer Verformungen und


Erwärmung sein. Bei unterschiedlicher Erwärmung der Ober- und der Unter-
seite eines Balkens verkrümmt sich der Stab, wenn sich die einzelnen Fasern
7.2 Das Prinzip der virtuellen Kräfte (PvK) 127

unterschiedlich dehnen. Mit εT o = αT · To und εT u = αT · Tu sowie


∆T = Tu − To (unten wärmer) kann die Verkrümmung κT aus Erwärmung
berechnet werden:

To
κT = − ( εT u − εT o )/h
M
= − αT · ∆T /h.
Tu k = kel + kT

Das Vorzeichen folgt aus der Definition positiver Momente und positiver Ver-
krümmungen. Damit leisten die virtuellen Momente innere Arbeiten auf den
Verkrümmungen aus Elastizität und Erwärmung
Z
Āi (M̄ ) = + M̄ · ( κel + κT ) dx.

7.2.2 Virtuelle Arbeiten bei Lagerwegen


Bisher sind die äußeren Arbeiten von virtuellen Einzelkräften und Einzelmo-
menten auf wirklichen Wegen erfasst

Āa = ΣP̄ · δ + ΣM̄ · ϕ.

Zusätzlich können eingeprägte Verschiebungen und Verdrehungen z. B. als La-


gerverschiebung δa oder Lagerverdrehung ϕa vorhanden sein, sodass die zum
virtuellen Spannungszustand gehörenden virtuellen Lagerkräfte und -momente
ebenfalls Arbeit leisten.

ja -
P
x - a b c
Ma
j -
- M
Fa
z,w da

Die Richtung der virtuellen Kraftgrößen ist im Bild so angesetzt, dass sie auf
den wirklichen Wegen positive Arbeit leisten. Falls die virtuellen Kräfte und die
wirklichen Wege entgegengesetzt wirken, ist ein Vorzeichenwechsel zu berück-
sichtigen. Insgesamt liegen damit folgende äußere Arbeiten vor

Āa = Σ P̄ · δ + Σ M̄ · ϕ + Σ F̄a · δa + Σ M̄a · ϕa .


128 7 Virtuelle Arbeiten

7.2.3 Arbeitsgleichung des Prinzips der virtuellen Kräfte


Die Erweiterung des Prinzips der virtuellen Kräfte um die in den Abschnitten
7.2.1 und 7.2.2 betrachteten Terme gibt
Z
Ā = {−N̄ (εel + εT ) + M̄ (κel + κT ) } dx

+ Σ P̄ · δ + Σ M̄ · ϕ + Σ F̄a · δa + Σ M̄a · ϕa = 0.

Der virtuelle Spannungszustand muss im Gleichgewicht sein, damit der Ar-


beitssatz eine Bedingung für die Erfüllung der Verformungsbedingungen des
wirklichen Systems ist.
Neben den Verformungsbedingungen muss das wirkliche Tragwerk auch die
Gleichgewichtsbedingungen und die Werkstoffgleichungen erfüllen. Daher müs-
sen beide Gleichungen ebenfalls in das PvK einfließen, da sonst der Verfor-
mungszustand in keinem Zusammenhang mit den Einwirkungen des wirklichen
Tragwerks steht. Mit den Werkstoffgleichungen

N M
εel = , κel = − ,
EA EI
∆T
εT = αT T0 , κT = −αT ,
h
kann das PvK in der Form
Z
N M ∆T
Ā = {− N̄ ( + αT T0 ) − M̄ ( + αT ) } dx
EA EI h
+ Σ P̄ · δ + Σ M̄ · ϕ + Σ F̄a · δa + Σ M̄a · ϕa = 0 (7.3)

geschrieben werden. Die Gleichgewichtsbedingungen des wirklichen Zustands


können nicht direkt im Arbeitsprinzip erfasst werden, sondern sind bereits vor-
weg bei der Berechnung der N, M infolge der wirklichen Einwirkungen erfüllt.

Satz
Das Prinzip der virtuellen Kräfte ist den Verformungsbedingungen des
wirklichen Systems äquivalent, wenn die virtuellen Kräfte und Momente
die Gleichgewichtsbedingungen erfüllen.

Das Prinzip der virtuellen Kräfte ist ein ganz grundlegendes Prinzip der Bausta-
tik. Es wird hier eingesetzt, um einzelne Weggrößen zu berechnen.
7.2 Das Prinzip der virtuellen Kräfte (PvK) 129

Beispiel
Die Bedeutung des P vK als Verformungsbedingung des wirklichen Systems
wird mit folgendem Beispiel deutlich. Der Kragarm ist mit einem Einzelmoment
M e am Ende belastet. Gesucht ist die Verdrehung ϕb am freien Ende. Im
Bild links sind die Momentenlinie und die Biegelinie skizziert. Die analytische
Berechnung der Verdrehung erfolgt mit
Z ℓ Z
Me Me · ℓ
ϕb = κ dx = − dx = − .
0 EI EI
Die Verdrehung ist hier entsprechend der Vereinbarungen nach Abschnitt 3.4
positiv im Uhrzeigersinn.

a b e
M M=1

M + M
e
1 + M

j
w b
+ j

Für die Anwendung des Prinzips der virtuellen Kräfte muss ein virtuelles Ein-
zelmoment 1̄ in Richtung der Verdrehung aufgegeben werden. Die virtuelle
Momentenline ist im Bild rechts gegeben. Die Auswertung des P vK erfolgt
mit
Z
M
Ā = M̄ · ϕb − M̄ dx = 0
EI
Me
1̄ · ϕb = 1̄ · ℓ.
EI
Im Vergleich mit der analytischen Lösung bestätigt sich die Aussage des P vK.
Das positive Vorzeichen besagt, dass die Verdrehung ϕb in Richtung des virtu-
ellen Einzelmomentes M̄ zeigt.
130 8 Berechnung von Schnittgrößen mit dem PvV

8 Berechnung von Schnittgrößen mit dem PvV

Der wesentliche Gedanke des Prinzips der virtuellen Verschiebungen ist in Ab-
schnitt 7.1 herausgearbeitet:

Die virtuellen Arbeiten des wirklichen Gleichgewichtszustands auf einem


beliebigen, kinematisch zulässigen virtuellen Verschiebungszustand sind
im Integral über das gesamte Tragwerk identisch null.

Das Prinzip der virtuellen Verschiebungen wird hier zur Berechnung von Lager-
kräften und Schnittgrößen eingesetzt. Die Berechnung erfolgt in drei Schritten.

1. An der Stelle im Tragwerk, an der die Schnittgröße für eine gegebene Ein-
wirkung gesucht ist, wird die zugehörige Bindung gelöst und die inneren Span-
nungen werden als äußere“ an den Schnittufern wirkende Schnittgröße aufge-

bracht. Als Folge des Schnitts verringert sich der Grad der statischen Bestimmt-
oder Unbestimmtheit um eins. Statisch bestimmte Systeme werden zur kinema-
tischen Kette, statisch unbestimmte Systeme vom Grad n werden zu statisch
unbestimmten Systemen vom Grad n − 1.
Dieses Vorgehen wird als Lagrange’sche Befreiung bezeichnet.
2. Es wird eine kinematisch zulässige virtuelle Verschiebung −1̄ vorgegeben,
auf der die Schnittgröße negative virtuelle Arbeit leistet. Für die Zuordnungen
von Kraft- und konjugierten Weggrößen sind Tabellen 6.1 und 9.1 zu beachten.
Die angesetzten virtuellen Verschiebungen sind infinitesimal klein, werden in
der Verschiebungsfigur aber endlich groß dargestellt.
3. Es wird der Arbeitssatz des PvV mit dem Spannungszustand nach 1. und
dem virtuellen Verformungszustand nach 2. ausgewertet. Die einzige Unbe-
kannte ist die gesuchte Schnittgröße. Bei einer kinematischen Kette entstehen
hierbei keine inneren Arbeiten, da sich die Einzelstäbe starr verschieben und
die virtuellen Verzerrungen und Verkrümmungen verschwinden. Die Auswer-
tung der Arbeitsgleichung wird hierdurch erheblich vereinfacht.

In den nachfolgenden Beispielen sind die Lager- und Schnittgrößen stets an sta-
tisch bestimmten Systemen gesucht. Die Lagrange’sche Befreiung führt daher
immer zu einer kinematischen Kette mit starren Tragwerksteilen. Nach Vorga-
be einer virtuellen Weggröße kann das gesamte virtuelle Verschiebungsfeld mit
Hilfe des Polplanes bestimmt werden.
Der Arbeitssatz des P vV gilt ganz allgemein für beliebige Stab- und Flächen-
tragwerke und kann entsprechend eingesetzt werden.
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D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_8
8 Berechnung von Schnittgrößen mit dem PvV 131

Beispiel 1
1. Das gegebene Tragwerk ist statisch
bestimmt. Gesucht ist die Lagerkraft q M
Va . Nach Entfernen der zu Va konjugier-
ten Bindung wird die unbekannte La- a b c
gerkraft Va als äußere Kraft angesetzt. l/2 l/2 l/2 l/2

2. Jetzt wird das Tragwerk im Punkt a q M


virtuell um δ̄ = −1̄ verschoben.
b c
3. Die auf den virtuellen Verschiebun- Va
gen geleisteten Arbeiten müssen nach
dem PvV in der Summe verschwinden.
Dies liefert eine Bestimmungsgleichung b d
für die Lagerkraft. d l
1d
2
ℓ 1 δ̄ δ̄
Ā = −Va δ̄ + (q ) · ( ) − M = 0,
2 22 l
1 1
Va = q l − M .
8 l
Beispiel 2
1. Das gegebene Tragwerk ist statisch q
bestimmt. Gesucht ist das Biegemo- a b c d
ment Mb . Nach Entfernen der zu Mb
konjugierten Bindung wird das unbe- l/4 3l/4 l/4 l/4
kannte Biegemoment Mb als Schnittmo-
ment angesetzt.
1
2. Das Tragwerk wird virtuell so ver-
Mb 3d 2
3d
schoben, dass das Schnittmoment Mb
virtuelle Arbeit auf dem virtuellen
d
Knickwinkel ∆ϕ̄ leistet. Für kleine Dj = 16 d
3l
Winkel gilt tan ϕ̄ = ϕ̄ und damit
16 16 δ̄ ℓ δ̄ δ̄
∆ϕ̄ = −δ̄/(ℓ/4) − δ̄/(3ℓ/4) = − δ̄. Ā = − Mb − q ( + )=0
3ℓ 3ℓ 4 3 6
16 ℓ1
3. Die auf den virtuellen Verschiebun- { − Mb −q } δ̄ = 0
3ℓ 42
gen geleisteten Arbeiten müssen nach
3
dem PvV in der Summe verschwinden. Mb = − q ℓ2
128
Dies liefert eine Bestimmungsgleichung
für das Schnittmoment Mb .
132 8 Berechnung von Schnittgrößen mit dem PvV

Beispiel 3
1. Das gegebene Tragwerk ist statisch
q P
bestimmt. Gesucht ist die Querkraft Q
links vom Lager c. a b c
Nach Entfernen der zu Q konjugier-
2l/3 l/3 l/2
ten Bindung wird die unbekannte Quer-
kraft Q als Schnittkraft angesetzt.
dQ
3
2. Das Tragwerk wird virtuell so ver- 2d
3
schoben, dass die Querkraft Q virtuelle Ql ld
Qr
Arbeit auf der virtuellen Spreizung δ̄Q
leistet. l 3
Ā = −Q δ̄ − q δ̄ − P δ̄ = 0
6 2
3. Die auf den virtuellen Verschiebun-
l 3
gen geleisteten Arbeiten müssen nach −{ Q + q + P } δ̄ = 0
6 2
dem PvV in der Summe verschwinden.
Dies liefert eine Bestimmungsgleichung l 3
Q = −q − P
für die Querkraft Q. 6 2

Beispiel 4 P
1. Der Drei-Gelenk-Rahmen ist statisch
bestimmt. Gesucht ist das Moment Mb . b c d
Nach Entfernen der zu Mb konjugier-
ten Bindung wird Mb als Schnittmo- q
ment angesetzt. h

a e
2. Das Tragwerk wird virtuell verscho-
ben, sodass Mb virtuelle Arbeit auf dem
Knickwinkel ϕ̄ = 4 δ̄/3 h leistet. 3l/4 l/4

3. Das PvV liefert die Bestimmungsglei- d .l. 4


chung für Mb . Mb h 4 3l d
δ̄ δ̄ l δ̄ δ̄
Ā = −q h + P + Mb ( + )
2 h 4 h 3h d .l
h l 4 h 4
= { −q + P + Mb } δ̄ = 0, d d
2 4h 3h h h
3 3
M b = + q h2 − P l.
8 16
8 Berechnung von Schnittgrößen mit dem PvV 133

Beispiel 5
1. Für den Drei-Gelenk-Rahmen ist die
P
Normalkraft N im rechten Stiel an der
Stelle d gesucht.
b c d
Nach Entfernen der zu N konjugierten
Bindung wird die unbekannte Normal-
q

h
kraft N als Schnittkraft angesetzt.

2. Die virtuelle Verschiebungsfigur kann a e


hier mit Hilfe eines Polplans bestimmt
werden. Die festen Lager sind die Abso- 3l/4 l/4
lutpole der Scheiben 1 und 3. Der Re-
lativpol (1/2) liegt im Gelenk und der
Relativpol (2/3) im Unendlichen.
Mit den Absolutpollinien (1)−(1/2)−(2) 2
sowie (3)−(2/3)−(2) ist der Absolutpol
(2) im linken Lager bestimmt, sodass ) (2/3)∞
(2
sich die Scheiben 1 und 2 wie eine ein- 1 / 2)
(1
zige Scheibe verschieben. 3
( 1)
Das Tragwerk wird jetzt virtuell so ver-
schoben, dass die Normalkraft N virtu- (1)
elle Arbeit auf der Spreizung δ̄L leistet. (2) (3) (2/3)∞ (2) (3)

3. Die auf den virtuellen Verschiebun-


gen geleisteten Arbeiten müssen nach d
dem PvV in der Summe verschwin-
den. Hiermit folgt die Bestimmungsglei- d
h l
chung für die Normalkraft N .
d d d N
d . 3l
δ̄ δ̄ 3 l δ̄ h h 4
Ā = − (q h) − P −N l
2 h 4 h d d
h h
h 3l l
= { −q − P − N } δ̄ = 0,
2 4h h
h2 3
N= − q − P.
2l 4
134 9 Einflusslinien für Kraftgrößen

9 Einflusslinien für Kraftgrößen

Die Schnittgrößen M, Q, N werden bisher in Zustandslinien dargestellt:


Zustandslinien
Die Funktion, die die Größe einer Schnittgröße an veränderlichem Ort
x infolge einer festen Lastanordnung beschreibt, heißt Zustandslinie. Zu-
standslinien werden so dargestellt, dass die Schnittgröße an der jeweiligen
Stelle x angetragen wird.

Nach der Berechnung der Zustands-


linien erfolgt die Bemessung der tra-
genden Konstruktion in der Regel an
einzelnen, maßgebenden Querschnitten M
1 P1
des Tragwerks. Hierfür werden jeweils
die maximalen und minimalen Schnitt-
größen aus allen Lastfällen benötigt, P2
2
um die ungünstigste Kombination der M
Schnittgrößen zu bestimmen.
Ist die Zahl der Lastfälle gering, so
kann man die Berechnung der Zu- M
3 P3
standslinien für jeden Lastfall mit
dem bisherigen Vorgehen durchführen
und erhält so obere und untere
Grenzwerte der Zustandslinien, siehe M
grenz
nebenstehendes Beispiel. Damit können
die ungünstigsten Stabschnittgrößen
gezielt ausgewählt werden.
Sind viele Lastfälle zu berücksichtigen oder sind bewegliche Verkehrslasten mit
unendlich vielen möglichen Laststellungen, z. B. bei Eisenbahnzügen, vorhan-
den, so kann das Finden oberer und unterer Grenzwerte der Zustandslinien sehr
aufwändig sein. Der Aufwand kann in Grenzen gehalten werden, wenn nicht die
Extremwerte der Schnittgrößen im gesamten Tragwerk gesucht sind, sondern
nur an wenigen für die Bemessung maßgebenden Stellen.
Da die maximalen und minimalen Schnittgrößen von der Lastanordnung auf
dem Tragwerk abhängen, ist die ungünstigste Lastanordnung gesucht. Zur Ver-
einfachung kann man statt verschiedener Lastanordnungen zunächst auch ei-
ne wandernde Einzellast ansetzen und beliebige Lastanordnungen gedanklich
aus Einzellasten zusammensetzen. Im weiteren wird die Wanderlast immer als
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9.1 Statische Methode 135

Einheitslast P = 1 gewählt und mit dem Zeichen ··↓·· dargestellt. Um die


ungünstigste Laststellung zu finden, muss der Einfluss des Ortes der Wander-
last auf die gesuchte Schnittgröße am festen Ort bekannt sein.
Einflusslinien
Die Funktion, die den Einfluss des veränderlichen Ortes x einer Wander-
last P auf eine vorgegebene Schnittgröße an einem festen Ort a beschreibt,
heißt Einflusslinie. Sie wird so dargestellt, dass die Schnittgröße infolge
der Wanderlast als Ordinate an der jeweiligen Stelle x der Wanderlast
angetragen wird, vergleiche Bild 9-1.
Die Einflusslinie für eine Schnitt- oder Lagergröße erhält die Bezeichnung η. Die
Ordinaten der Einflusslinien sind positiv, wenn sie in Richtung der Wanderlast
zeigen. Ihre Einheit richtet sich nach der gesuchten Schnittgröße. Im Beispiel
Pl

.. .. P
a M
x=l

x
Pl
2 P
M
x = l/2

h P
Ma M
x=0

Bild 9-1 Einflusslinie für das Einspannmoment Ma

nach Bild 9-1 kann man das gesuchte Einspannmoment am festen Ort a mit
Ma = P |x · ηM (x)
berechnen, wenn ηM (x) bekannt ist. Die Ermittlung der Einflusslinien η für
Kraftgrößen wird nachfolgend erläutert.

9.1 Statische Methode


Die Berechnung der Einflusslinie für eine Schnittgröße erfolgt mit der sta-

tischen Methode“ durch mehrmalige Berechnung der gesuchten Schnitt- oder
Lagergröße für verschiedene Laststellungen. Im Regelfall kann man die Ein-
flusslinie bestimmen, indem man an ausgezeichneten Stellen des Tragwerks die
Ordinaten bestimmt und dazwischen eine lineare Verbindung vorgibt. Für Son-
derfälle gelingt es, die Einflusslinie geschlossen zu berechnen.
136 9 Einflusslinien für Kraftgrößen

Beispiel 1
Gesucht ist die Einflusslinie η(ξ) für die
Querkraft Qf . Das Momentengleichge-
wicht um Lager b gibt die Lagerkraft P=1
x .. ..
l−x a f b
Va = P · = P · ( 1 − ξ ).
l
l1 l2 l3
Für P an einer Stelle x < ℓ1 gilt
l
Qf = Va − P = − P · ξ.
x= x
l
Wenn Qf = P · ηQf ist, folgt ηQf = −ξ .

Für P an einer Stelle x ≥ ℓ1 gilt x c


l
Qf = Va = P · ( 1 − ξ )
1
und damit ηQf = ( 1 − ξ ). 1 x hQ

Der Sprung ∆η = 1 an der Stelle f h


ist charakteristisch und entspricht einer
Spreizung δQ = −1.

Beispiel 2
Gesucht ist die Einflusslinie für das
Feldmoment Mf . Mit Hilfe des Schnitt-
P=1
prinzips erhält man für x ≤ ℓ1 .. ..
a f b
Mf = Va · ℓ1 − P · ( ℓ1 − x )
l −x l1 l2 l3
= P· · ℓ1 − P · ( ℓ1 − x )
l
l
= P · ξ · ( ℓ − ℓ1 )
x= x
l
und die Einflusslinie ηM f = ξ ( ℓ − ℓ1 ) .
Für x ≥ ℓ1 gilt
Mf = Va · ℓ1
= P · ( 1 − ξ ) · ℓ1
l1 h hM l2
ηM f = ( 1 − ξ ) · ℓ1 .
Dj = -1

Zu beachten ist der Knick ∆ϕ = −1 an


der Stelle des gesuchten Feldmomentes.
9.2 Kinematische Methode 137

9.2 Kinematische Methode


Die statische Methode zur Ermittlung von Einflusslinien verwendet das Schnitt-
prinzip zur Berechnung der Schnitt- oder Lagergrößen. Dieses Vorgehen kann
im Einzelfall sehr aufwändig werden und ist daher nicht zu empfehlen. Ein
sehr viel übersichtlicheres und weniger aufwändiges Vorgehen ist mit Hilfe des
Prinzips der virtuellen Verschiebungen möglich.
Mit dem PvV können nach Abschnitt
7 Lager- und Schnittgrößen mit Hilfe
x . . .P. = 1
der Lagrange’schen Befreiung bestimmt a b
werden. Für die Berechnung der Lager-
kraft Va des nebenstehenden Systems l c
wird die zur Lagerkraft konjugierte Bin- Va
dung am Lager a gelöst und eine virtu-
elle Verschiebung δ̄ so vorgegeben, dass
die freigeschnittene Lagerkraft virtuelle da
d(x)
Arbeit auf der Verschiebung leistet.

Setzt man statt der festen Lastanordnung wie in Abschnitt 7 jetzt eine Wan-
derlast P |x = 1 an, so kann der Arbeitssatz völlig analog ausgewertet werden.
Aufgrund der geradlinigen virtuellen Verschiebung verschwinden die inneren
Arbeiten, sodass mit Āi = 0

Ā = Āa + Āi = Va · δ̄a + P |x · δ̄(x) = 0

folgt. Hieraus berechnet man die Lagerkraft Va zu


δ̄(x)
Va = − P |x · .
δ̄a
Wählt man die virtuelle Verschiebung, auf der die gesuchte Lagerkraft virtuelle
Arbeit leistet, zu δ̄a = − 1̄, so gilt
δ̄(x)
Va = − P |x · = P |x · ηV a .
− 1̄
Diese Schreibweise der Berechnung der Lagerkraft entspricht aber völlig der
in Abschnitt 9.1 beschriebenen Bedeutung der Einflusslinie. Die Einflusslinie
für die Lagerkraft kann damit analog zur virtuellen Verschiebungsfigur infolge
einer Verschiebung von δ̄a = − 1̄ ermittelt werden, wobei 1̄ entgegengesetzt zur
Lagerkraft aufgebracht ist
δ̄(x)
ηV a = .

138 9 Einflusslinien für Kraftgrößen

Die Berechnung der Einflusslinie für be-


liebige andere Lager- und Schnittgrößen P=1
.. ..
kann jetzt völlig analog erfolgen. Die zu f
der gesuchten Schnittgröße konjugierte
Bindung wird gelöst und eine virtuelle
Weggröße von δ̄ = − 1̄ entgegengesetzt x= x
l
zur Schnittgröße aufgebracht.
Mit nebenstehenden Bild erfolgt die Be-
d(x)
rechnung der Einflusslinie für das Feld-
moment Mf nach Vorgabe eines Knick-
winkels ∆ϕ̄ = − 1̄. Wenn das System
statisch bestimmt ist, ist die Einflussli- Mf
nie bereichsweise geradlinig. Djf = 1

Die virtuellen Arbeiten auf der vorgegebenen virtuellen Verschiebung sind

Ā = Mf · ∆ϕ̄f + P |x · δ̄(x) = 0.

Mit ∆ϕ̄f = −1̄ gilt


δ̄(x)
M f = − P |x · = P |x · ηM ,
−1̄
womit die Einflusslinie wie oben mit ηM festgelegt ist.
Obwohl δ̄ beliebig klein angesetzt ist, ist η endlich groß, da sich die virtuel-
len Verschiebungen bei der Bestimmung der Einflusslinie herauskürzen. Damit
kann man anstelle virtueller Weggrößen −1̄ auch von vornherein endliche Weg-
größen −1 ansetzen, vergleiche Abschnitt 8.

Satz von Land


Eine Einflusslinie für eine Lager- oder Schnittgröße ist identisch mit
der Verschiebungsfigur infolge der zur Kraftgröße konjugierten Weggröße
−1“, wenn die Verschiebungen des Lastgurtes auf die Lastrichtung pro-

jiziert werden.
η = δ(x).

Vorzeichendefinition und Einheiten


Unabhängig von der aufgebrachten Weggröße −1“ sind Einflusslinien positiv

definiert, wenn sie in Richtung der Wanderlast zeigen. Die Einheit der Einflus-
slinie richtet sich nach der gesuchten Schnittgröße. Damit folgt ηKraft = [ 1 ]
und ηMoment = [ m ].
9.3 Beispiele zur kinematischen Methode 139

9.3 Beispiele zur kinematischen Methode


Einflusslinien für Schnittgrößen von statisch bestimmten Tragwerken bestehen
aus geraden Streckenabschnitten, da nach Lösen der zur Schnittgröße gehören-
den Bindung eine kinematische Kette entsteht. Für die Bestimmung der Ein-
flusslinie mit der kinematischen Methode sind folgende Punkte zu bearbeiten.
1. Lösen der zur Lager- oder Schnittgröße gehörenden Bindung.
2. Vorgeben der zur Lager- oder Schnittgröße konjugierten Weggröße −1“.

3. Bestimmung der Verschiebungsfigur infolge der Weggröße −1“ mit dem Pol-

plan. Hierbei sind folgende Zusammenhänge mit dem Polplan zu beachten.
a) Im Bereich einer Scheibe ist die Einflusslinie geradlinig.
b) Unter einem Absolutpol ist η = 0.
c) Liegt der Absolutpol im Unendlichen gilt η = konstant.
d) Unter einem Relativpol ist ein Knick in η vorhanden.
e) Liegt ein Relativpol im Unendlichen ist ein Sprung in η vorhanden.
4. Bestimmung der Projektion der Verschiebungsfigur in Richtung der Wan-
derlast, da nach dem Arbeitssatz nur die Projektion der Verschiebungen in
Richtung der Last Arbeit leistet.
5. Bestimmung des Maßstabes der Einflusslinie, falls erforderlich.

Tabelle 9.1 Vorzeichenregelung für die Weggrößen −1“


Schnittgröße Weggröße
Lagerkraft d= 1
V

Einspannmoment
M
j= 1

d= 1
Querkraft
Q

Normalkraft N
d= 1

Schnittmoment
M Dj = 1
140 9 Einflusslinien für Kraftgrößen

9.3.1 Einflusslinien bei Durchlaufträgern


Durchlaufträger bei direkter Belastung
Wenn die Wanderlast direkt auf dem Träger läuft, für den die Einflusslinien
bestimmt werden, spricht man von direkter Belastung.
Im nachfolgenden Beispiel kann man die Einflusslinien relativ effizient ermit-
teln, wenn die oben angeführten Zusammenhänge mit dem jeweiligen Polplan
beachtet werden. Die Polpläne werden hier allerdings nicht gezeichnet, da die
Lage der Absolut- und Relativpole eindeutig ist. So sind die Lager a, b, d in al-
len Fällen Absolutpole und damit Nullstellen der Einflusslinien. Lager b ist bis
auf den ersten Fall, wenn die Lagerkraft bestimmt wird, ebenfalls Absolutpol.
Die Momentengelenke sind Relativpole und damit Knicke der Einflusslinie. Bei
einer Querkraftspreizung liegen die benachbarten Scheiben parallel.

Im ersten Fall ist die Einflusslinie für die Lagerkraft Vb gesucht, sodass eine
Lagerabsenkung in b von −1“ erfolgt. Im zweiten Fall ist die Einflusslinie für

die Querkraft Qs (Spreizung −1“) und im dritten Fall die Einflusslinie für das

Moment Ms (Knick −1“) gesucht.

a b c d
s t
l1 l1 l1

hVb 1

1
hQs

hMs
1

Durchlaufträger bei indirekter Belastung


Eine indirekte Belastung liegt vor, wenn die Last über ein auf dem untersuch-
ten Träger angeordnetem Hilfstragwerk eingeleitet wird. Dies ist z.B. der Fall,
wenn eine Brückenfahrbahn auf Querträgern gelagert ist, die wiederum auf den
Hauptträgern ruhen.
9.3 Beispiele zur kinematischen Methode 141

Hierbei sind mehrere Fälle möglich. Im Bild ist eine Fahrbahn gewählt, deren
Träger als Einfeldbalken gelenkig auf den Querträgern gelagert sind.
P=1

s t
a b c d

Die Einflusslinien für die Schnittgrößen des untenliegenden Trägers sind bei di-
rekter Belastung bekannt. Bei indirekter Belastung wird die Last über die Zwi-
schenlager auf den untenliegenden Träger weitergeleitet. Damit müssen an den
Zwischenlagern die Ordinaten ηi der Einflusslinien bei indirekter und direkter
Belastung übereinstimmen. Für die Ordinaten η(ξ) zwischen diesen Stützstel-
len gilt Folgendes:
Im gelenkig gelagerten Einzelfeld sind
x P
die Schnittkräfte Vn und Vn+1 bei wan-
dernder Last P (x) vom Ort der Last
abhängig. Für ein Einzelfeld gilt daher
l−x x Vn Vn+1
Vn = P (x) und Vn+1 = P (x) .
l l
Auf den untenliegenden Träger wirken hn hn+1
jetzt die Einzelkräfte Vn und Vn+1 .
Bei der Formulierung des Arbeitssat-
x
zes kann jetzt die Arbeit der Wander-
last mit der Arbeit der Schnittkräfte hn h(x) hn+1
beschrieben werden. Mit dem P vV gilt

Ā = P · δ̄(x) − Vn · δ̄n − Vn+1 · δ̄n+1 = 0.

Wenn δ̄ = η · 1̄ angesetzt ist, folgt P (x) · η(x) = Vn · ηn + Vn+1 · ηn+1


sowie
l−x x
P (x) · η(x) = P (x) · ( · ηn + · ηn+1 ) .
l l
Hiermit ist die Einflusslinie zwischen den Stützstellen festgelegt
η(ξ) = ( 1 − ξ ) ηn + ξ ηn+1 .
Damit weisen die Einflusslinien für Schnittgrößen bei indirekter Lasteinleitung
zwischen den Stützstellen einen linearen Verlauf auf.
142 9 Einflusslinien für Kraftgrößen

Für nachfolgenden Durchlaufträger mit indirekter Belastung sind die Einflussli-


nien bei direkter Belastung gestrichelt angegeben, sodass die Änderung infolge
indirekter Belastung gut zu erkennen ist. Stützstellen der Einflusslinie sind die
Ordinaten an den Querträgern. Dazwischen verläuft die Einflusslinie linear.
P=1

s t
a b c d

hQs 1

hMs

hQt
1

hMt 1

Auch wenn die Fahrbahnbalken über die Querträger hinausreichen, aber wei-
terhin gelenkig miteinander verbunden sind, werden die Werte der Einflusslinie
bei direkter Belastung als Stützwerte verwendet.
P=1

s
a b c d

hQs 1

hMs
1
9.3 Beispiele zur kinematischen Methode 143

Hierbei wird die direkte Verbindung der Stützwerte an den Querträgern jeweils
bis zum nächsten Gelenk verlängert und von dort linear auf die nächste ge-
gebene Ordinate weitergeführt. Entsprechend ist vorzugehen, wenn die oben
liegenden Balken Querkraftgelenke aufweisen oder ohne direkte Verbindung
hintereinander liegen.

9.3.2 Einflusslinien bei schräg angreifender Last


Wenn die Richtung der Wanderlast nicht senkrecht zur gewählten Stabachse
zeigt, muss die Einflusslinie aus der Projektion der Verschiebungsfigur in Rich-
tung der Wanderlast bestimmt werden, da im Arbeitssatz P (ξ) · η(ξ) ausgewer-
tet wird.
Die Bestimmung der Einflusslinie für das Moment Ms im unten dargestell-
ten Tragwerk erfolgt in zwei Schritten. Zunächst wird die Verschiebungsfigur
δ(y) infolge Knickwinkel ϑ = −1“ wie bisher ermittelt. Hiermit sollte auch

der Maßstab festliegen. Im zweiten Schritt wird die Verschiebungsfigur in die
Richtung der Wanderlast projeziert. Die Projektion der Verschiebungsfigur gibt
dann die Einflusslinie ηMs für vertikale Wanderlasten.

Ms J= 1
s

y
a
d(y)
x

s
h M(x)

Für das Beispiel gilt damit ηMs(x) = cos α · δ(y) .

Bei der Auswertung der Einflusslinie für Streckenlasten ist darauf zu achten,
dass die Wanderlast auf dem schrägen“ Balken läuft, und damit die Auf-

standslänge ∆y gegenüber der horizontalen Projektion ∆x vergrößert ist.
144 9 Einflusslinien für Kraftgrößen

9.3.3 Einflusslinien bei Fachwerken


Beispiel 1
Gesucht ist die Einflusslinie für die Stabkraft O3 . Das oben beschriebene Vor-
gehen zur Bestimmung der Einflusslinie ist auch hier anwendbar, wobei die
Stabkraft die Arbeit −O3 · 1 leisten muss. Die Hauptpole (1) und (2) sind
Nullstellen der Einflusslinie. Die Scheiben 1, 2 sind in der Einflusslinie gerade
Linien, die sich um die Hauptpole drehen. Im Nebenpol (1/2) ist ein Knick
ϕ1/2 = −1/h einzuprägen. d= 1
O3

h
1 2

(1) (2)
(1/2)
P=1
l l l l
2
1 1
h
h

Beispiel 2
Bei der Einflusslinie für die Stabkraft U3 ist zu beachten, dass die Wanderlast
nicht an allen Orten direkt auf die Scheiben 1 und 2 wirkt. Damit liegt hier
teilweise eine indirekte Belastung vor.
(2)
(1/2)
h

1 2
U3
(1)
d= 1
P=1
l l l l

h 1
1
h
2
9.3 Beispiele zur kinematischen Methode 145

Beispiel 3
Bei der Einflusslinie für die Stabkraft D sind die Scheiben 1, 2, 4 gerade Linien.

r (3)

(1/3) (2/3)
3
D (1/2)

8
1 2
d= 1
(1) (2)
(1/4) (4) 4 (2/4)
(3/4) P=1
8

1
1
r

h 4
2

Die Relativpole (1/4) und (4/2) kennzeichnen die Knicke der Verschiebungsfi-
gur. Die qualitative Bestimmung der Einflusslinie ist bereits mit der Lage der
Absolut- und Relativpole möglich. Bei der Bestimmung der wirklichen Ordina-
ten muss beachtet werden, dass sich Scheibe 1 und Scheibe 4 relativ zueinander
um ϕ1/4 = −1/r verdrehen sollen. Wenn der Winkel nicht eingehalten ist, muss
die qualitative Einflusslinie mit einem Maßstabsfaktor multipliziert werden.

9.3.4 Einflusslinien bei Rahmentragwerken


Einflusslinien für M, Q oder N sind eigentlich für Rahmentragwerke nicht sinn-
voll, da der Spannungsnachweis immer mit den Extremwerten von Spannungen
aus einer Kombination von M, Q und N erfolgt. Um die Problematik zu ver-
einfachen, wird im weiteren das Vorgehen nur für Einflusslinien von einzelnen
Schnittgrößen gezeigt.
Einflusslinien sind bei Rahmentragwerken nicht so einfach zu ermitteln wie bei
Durchlaufträgern, da die Scheiben in beliebigem Winkel zueinander angeord-
net sein können und Absolut- und Relativpole in der gesamten Tragwerksebene
verteilt sind. Deshalb ist Folgendes zu beachten.
1. Vor der Bestimmung der Verschiebungsfigur ist immer festzulegen, welche
Scheiben und welche Absolut- und Relativpole für die Verschiebungsfigur und
damit für die Einflusslinie benötigt werden. Pole, die für die Einflusslinie nicht
benötigt werden, müssen auch nicht bestimmt werden.
146 9 Einflusslinien für Kraftgrößen

2. Die Einflusslinie ist weiterhin die Verschiebungsfigur infolge einer Weggröße


−1“. Das bedeutet, dass alle geometrischen Zuordnungen zwischen den Schei-

ben, wie Längenverhältnisse und Winkel zwischen den Scheiben, bei der Pro-
jektion der Verschiebungsfigur zur Einflusslinie erhalten bleiben.
3. Bei Rahmentragwerken kann man die Verschiebungsfigur auf verschiedene
Geraden in der Tragwerksebene projizieren, sodass Einflusslinien für horizonta-
le und vertikale Wanderlasten bestimmt werden können. Dies wird erforderlich,
wenn z. B. Wind oder horizontale Stoßlasten berücksichtigt werden müssen.

Beispiel 1
Für den nachfolgenden Rahmen ist die Einflusslinie für das Moment Ms im
Riegel gesucht. Die Wanderlast ist auf dem gesamten Riegel angesetzt, sodass
die Verschiebungsfigur für die am Riegel beteiligten Scheiben ermittelt werden
muss. Dies sind zufällig alle Scheiben. Die Scheiben sowie die Absolut- und
Relativpole sind im Bild angegeben. Punkt s ist gleichzeitig Relativpol (1/2),
sodass der Absolutpol (2) bestimmt werden kann. Damit sind alle Absolutpo-
le der Riegelscheiben bekannt, sodass das Verschiebungsfeld bei Vorgabe eines
Knickes −1“ in s gezeichnet werden kann. Damit ist die Einflusslinie als Po-

lygonzug gegeben.

(2)

s (2/3) (3/4)
2
1 3 4

(1) (3)
a
(1) (2)
s
a
h 1

Die Konstruktion des Knickes erfolgt am besten so, dass der horizontale Ab-
stand s − (2) unter dem Absolutpol (2) der Einflusslinie abgetragen wird und
dieser Punkt mit dem Absolutpol (1) der Einflusslinie verbunden wird. Die
anderen Knicke und damit der Streckenzug der Einflusslinie liegen mit den
Nebenpolen (2/3) und (3/4) fest.
9.3 Beispiele zur kinematischen Methode 147

Beispiel 2

Gesucht ist die Einflusslinie für das Schnittmoment Ms in der Stütze. Hier ist zu
beachten, dass der Knickwinkel −1“ nicht zwischen den Scheiben des Riegels

auftritt, also nicht durch die Scheiben dargestellt werden kann, auf denen die
Wanderlast läuft. Deshalb müssen die Verschiebungen der Riegelscheiben und
die der mittleren Stütze in der Einflusslinie bestimmt werden.

(2)

2
h
(1/2) (2/4)
1
1 (2/3) s 4
b
3
(3/4)
(1) (3) a (4)

(3/4)
a/h

h 1 2 1 4
3

Zuerst werden die Absolutpole der Scheiben 1, 2, 3 und 4 bestimmt. (3) wird
hier benötigt, da der Knickwinkel −1“ zwischen Scheibe 2 und 3 aufgebracht

wird. Hierzu werden auch die Relativpole (1/2), (2/3) und (2/4) benötigt.
Nach Vorgabe der Verschiebung eines Punktes des Riegels kann die Einflusslinie
für die Scheiben 1, 2 und 4 qualitativ ermittelt werden.
Obwohl die Scheibe 3 nicht Teil der Einflusslinie ist, muss der Maßstab der
Einflusslinie mit Hilfe der Scheibe 3 festgelegt werden, da der Knickwinkel −1“

zwischen Scheibe 2 und 3 liegt. Verschiebt man den Punkt s nach rechts, sodass
sich die Scheibe 2 dreht und die Basislänge a entsteht, ist der Drehwinkel der
Scheibe 2 mit a/h festgelegt. Damit kann man die Scheibe 2 der Einflusslinie
um den gleichen Winkel a/h drehen, um den Polygonzug zu normieren. Der
Knickwinkel zwischen den Scheiben 2 und 3 wird abschließend mit Hilfe von a
und b auf die Größe −1“ normiert, sodass hiermit auch der Maßstab festliegt.

148 9 Einflusslinien für Kraftgrößen

Beispiel 3

Für den gleichen Rahmen wie in Beispiel 2 ist die gleiche Einflusslinie für das
Schnittmoment Ms in der Stütze gesucht. Jetzt wird allerdings die horizontale
Projektion der Verschiebungsfigur zur Bestimmung des Knickwinkels verwen-
det. Diese ist gleichzeitig die Einflusslinie für horizontale Wanderlasten auf der
mittleren Stütze.

!
b=a
(2)

2
3 a
2 4
(1/2) (2/4)
1
1 s (2/3)
3
hM
(1) (3) (4)

hV 1 1 4
3

Zuerst ist die Horizontalprojektion der Verschiebungsfigur zu ermitteln. Dies


ist wie bisher mit den Absolutpolen (2) und (3) sowie dem Relativpol (2/3)
möglich, der dem Punkt s entspricht. Der Knickwinkel −1“ wird mit den

Längen a = b konstruiert.
Jetzt kann die Vertikalprojektion bestimmt werden. Hierbei ist zu beachten,
dass die Längenverhältnisse und die Winkel erhalten bleiben. Dies bedeutet,
dass die Scheiben 2 und 3 der Vertikalprojektion senkrecht zu den Scheiben
2 und 3 der Horizontalprojektion liegen müssen. Ihre genaue Lage ist mit
den Absolutpolen (2) und (3) der Vertikalprojektion gegeben. Damit ist auch
der Knickwinkel −1“ der Vertikalprojektion festgelegt. Die Scheiben 1 und 4

können wie bisher bestimmt werden.
9.3 Beispiele zur kinematischen Methode 149

Beispiel 4
(2)
Gesucht ist die Einflusslinie für
die Querkraft Qs in der Stütze
der Tribünenüberdachung.

2 1
S 2
(1/2) h

1 3
3

1
h

1
(1) (3)

h 2 1
1 h 1

Auch hier wird die Spreizung −1“ in der Horizontalprojektion aufgebracht.



Die Scheiben 2 und 3 sind parallel, sodass die Verschiebungsfigur mit den Ab-
solutpolen (2) und (3) sowie der Spreizung bestimmt ist. In der Vertikalpro-
jektion liegt Scheibe 2 senkrecht zu Scheibe 2 der Horizontalprojektion, sodass
die Einflusslinie mit (1/2) und (1) bereits maßstabsgerecht gegeben ist.

9.3.5 Einflusslinien bei Bogentragwerken


Für die Einflusslinien von Bogentragwerken gelten die gleichen Bemerkungen
wie für Rahmentragwerke. Die Verschiebungsfigur infolge δ = −1 besteht auch
hier aus geraden Linien, sodass auch die Einflusslinien trotz der Tragwerks-
krümmung Geraden sind. Wenn die Einflusslinie der Projektion der Verschie-
bungsfigur in Richtung der Wanderlast entspricht, sind mit den Absolutpolen
die Nullstellen und mit den Nebenpolen die Knicke der Einflusslinie gegeben.

Beispiel 1
Die Einflusslinie für das Schnittmoment Ms eines Drei-Gelenk-Bogens kann
man über die Verschiebungsfigur infolge eines Knickwinkels −1“ ermitteln.

Nach Lösen der Momentenbindung gibt die vertikale Projektion der Verschie-
bungsfigur infolge Knick −1“ die Einflusslinie. Die Einflusslinie ist ein Strecken-

zug, der die Scheiben 1, 2, 3 als gerade Linien enthält. Bei der Auswertung für
150 9 Einflusslinien für Kraftgrößen

Streckenlasten ist zu beachten, dass die Lastaufstandslänge auf dem Bogen an-
ders ist, als die vertikale Projektion.
(2)

s
2
3
1

a
(1) (3)

hM 1 a
s

Beispiel 2
Die Einflusslinie für die horizontale Lagerkraft Hs kann man über die Ver-
schiebungsfigur infolge einer Horizontalverschiebung δ = −1 ermitteln. Infolge
δ = −1 dreht sich Scheibe 1 um den Absolutpol (1) mit dem Winkel −1/h.
Damit dreht sich Scheibe 1 auch in der vertikalen Projektion um den gleichen
Winkel, sodass mit dem Nebenpol (1/2) die gesamte Einflusslinie festliegt. An-
stelle des Winkels −1/h kann man auch den Knickwinkel −1/f zwischen Schei-
be 1 und Scheibe 2 im Nebenpol (1/2) ansetzen.
(1)

(1/2)
h
1
h
1 2
f

Ha 1
a
(2)

1
.

h
hH
a 1
f
9.4 Auswertung von Einflusslinien 151

9.4 Auswertung von Einflusslinien

Die Einflusslinien werden bei der kinematischen Methode mit Hilfe des Prin-
zips der virtuellen Verschiebungen als Verschiebungsfigur interpretiert. Bei der
Verwendung des PvV zur Berechnung von Lager- und Schnittgrößen können
im Arbeitssatz aber nicht nur Wanderlasten, sondern auch beliebige Lasten
berücksichtigt werden. Daher ist es möglich, Einflusslinien auch für Streckenla-
sten und Einzelmomente auszuwerten, um die jeweils gesuchte Schnittgröße zu
berechnen. Wenn Einzelmomente vorhanden sind, ist der Neigungswinkel η ′ (ξi )
der jeweiligen Scheibe aus der Einflusslinie zu berechnen.
Die Auswertung der Einflusslinie erfolgt entsprechend dem PvV jeweils mit

X X Zl

Schnittgröße = P (ξi ) η(ξi ) + M (ξi ) η (ξi ) + q(ξ) η(ξ) dx. (9.1)
i i 0

Der Index i gibt jeweils den Ort der Einzellast bzw. des Einzelmomentes an.

9.4.1 Auswertung für feste Laststellung


Für nachfolgenden Balken ist die Einflusslinie für die Lagerkraft Va gegeben.
2 kN/m
5 kNm 3 kN
a b

Va

4m 4m 1,5 m 1,5 m

h 1 3
1 1
16
2 8

Die Auswertung der Einflusslinie erfolgt mit Gleichung (9.1), wobei die Neigung
mit η ′ = −1/8 und die Verschiebung der Resultierenden der Gleichlast mit
ηR = 1/2 · 1/2 berücksichtigt sind. Hiermit folgt

Va = P · η + (q · ℓ) · ηR + M · η ′
3 1 1 1 13
Va = 3 · (− ) + (2 · 4) · ( · ) − 5 · = kN.
16 2 2 8 16
152 9 Einflusslinien für Kraftgrößen

9.4.2 Bewegte Laststellungen


Bewegte Lasten sind zum Beispiel bei Straßen- und Eisenbahnbrücken vorhan-
den. Hierbei werden die vorgeschriebenen Lastanordnungen gedanklich über die
Brücke geschoben, um die ungünstigste Laststellung für eine gesuchte Lager-
oder Schnittgröße zu erhalten. Zusätzlich sind Schwingbeiwerte ϕ als Vergröße-
rungsfaktoren der gesuchten Schnittgröße zu berücksichtigen.
Bei der Berechnung der Schnittgröße mit Hilfe der Einflusslinie wird das jewei-
lige Lastbild so über die Einflusslinie gestellt, dass die für eine Bemessung wich-
tigen Extremwerte der gesuchten Schnittgröße direkt ermittelt werden können.

Beispiel Straßenbrücke
Nach DIN-Fachbericht 101 [27] – Lastmodell 1 ist für Straßenbrücken nach-
folgendes Lastbild für den am stärksten belasteten Fahrstreifen anzusetzen,
vergleiche Abschnitt 2.2,
kN
q = 9 2 Flächenlast und P = 240 kN Achslast
m
P P
q

beliebige Länge 1,2 m beliebige Länge

Auswertung der Einflusslinie


Für nachfolgenden Durchlaufträger sind die Extremwerte für das Schnittmo-
ment Ms gesucht. Die Einflusslinie für Ms entspricht der Verschiebungsfigur
infolge des Knickes −1“ an der Stelle s.

s

8m 2m 10 m 2m 8m

1 1
2,5

hM
1 5
9.4 Auswertung von Einflusslinien 153

Die Auswertung erfolgt mit Gleichung (9.1), wobei das Integral wegen der kon-
stanten Streckenlast jeweils mit
Z Z
1
q η dx = q η dx = q ηmax ℓ
2
vorweg integriert wird.
Die Laststellung für das maximale Moment ist dabei so anzusetzen, dass nur
positive Arbeiten der Lasten auf der Einflusslinie geleistet werden. Die Breite
des Fahrstreifens ist zu b = 3 m gewählt.
P P

s
2,5

3,8 m 1,2 m

3,8 1
Ms,max = 240 · (2, 5 + 5,0 · 2, 5) + ( 9 · 2 · 2, 5 · 10 ) · b
= 1056 + 112, 5 · 3
= 1393, 5 kN m.
Die Laststellung für das minimale Moment ist so anzusetzen, dass nur negative
Arbeiten der Lasten auf der Einflusslinie geleistet werden. Auch hier ist die
Breite des Fahrstreifens zu b = 3 m gewählt.
P P

q q

1 1

6,8 m 1,2 m

6,8 1
Ms,min = −240 · (1 + 8,0 · 1) − ( 9 · 2 · 1 · 10 ) · b · 2
= −444 − 45 · 3 · 2
= −714 kN m.
154 10 Berechnung von Weggrößen mit dem PvK

10 Berechnung von Weggrößen mit dem PvK

Bisher stand die Berechnung der Zustandsgrößen für den Nachweis der Stand-
sicherheit im Vordergrund der Tragwerksanalyse. Hierfür werden allein die
Gleichgewichtsbedingungen eingesetzt, da die bisher untersuchten Tragwer-
ke statisch bestimmt sind. In der Praxis ist in der Regel jedoch auch die
Gebrauchstauglichkeit zu untersuchen und gegebenenfalls nachzuweisen. Hierzu
müssen die Verformungen des belasteten Tragwerks bekannt sein. Die Berech-
nung der Verformungen ist möglich, wenn der Spannungszustand bekannt ist
und die anderen Grundgleichungen – Verformungsgeometrie und Werkstoffglei-
chungen – in der Analyse berücksichtigt werden.
Grundsätzlich ist die gesamte Verformungsfigur von Interesse. Oft reicht es
jedoch aus, die Knotenverschiebungen oder andere ausgezeichnete Ordinaten zu
bestimmen, um die Verformungen des Gesamttragwerks einordnen zu können.
Daher werden zunächst die Berechnungsverfahren für Einzelweggrößen gezeigt.

10.1 Die Grundfälle


Mit dem PvK liegt ein Prinzip vor, mit dem beliebige Einzelweggrößen be-
rechnet werden können, wenn die zur Einzelweggröße konjugierte Kraftgröße
als virtuelle Einheitskraft 1̄ angesetzt wird. Von praktischem Interesse sind die
vier Grundfälle
• Verschiebung eines Punktes,
• Drehung einer Tangente,
• Relativverschiebung (Abstandsänderung) zweier Punkte,
• Relativverdrehung zweier Tangenten.
Für die Berechnung der Einzelweggrößen wird die Arbeitsgleichung des PvK
nach Abschnitt 7.2.3 entsprechend der Aufgabenstellung so umgestellt, dass die
jeweils gesuchten Weggrößen auf der linken Seite der Arbeitsgleichung stehen
Z
N M ∆T
Σ P̄ · δ + Σ M̄ · ϕ = {N̄ ( + αT T0 ) + M̄ ( + αT ) } dx
EA EI h
− Σ F̄a · δa − Σ M̄a · ϕa .

Wenn eine einzelne Weggröße gesucht ist, kann man die linke Seite vereinfa-
chend durch 1̄ · δ ersetzen, wobei 1̄ fallabhängig für eine virtuelle Kraft oder
ein virtuelles Moment stehen kann.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_10
10.1 Die Grundfälle 155

10.1.1 Verschiebung eines Punktes


Ist die Verschiebung δ eines Tragwerkpunktes in bestimmter Richtung gesucht,
muss die zur Verschiebung konjugierte virtuelle Kraft P̄ = 1̄ auf das unbelastete
System gebracht und die zugehörige
virtuelle Momentenlinie ermittelt wer-
den. Wenn die virtuelle Momentenli-
ne bekannt ist, kann der Arbeitssatz
des PvK zur Berechnung der wirklichen
Verschiebung δ ausgewertet werden.
Die Gesamtverschiebung δ eines Punktes in der Ebene kann man nur mit zwei
unabhängigen z. B. horizontalen und vertikalen oder beliebig zueinander an-
geordneten Anteilen bestimmen. Deshalb sind in der Regel zwei unabhängige
virtuelle Zustände erforderlich.
dH
d

d .
.
dV d1 d2

Die Gesamtverschiebung ist dann mit dem Schnittpunkt der Senkrechten auf
die Endpunkte der Teilverschiebungen gegeben, was nur im Sonderfall auf ein
Parallelogramm führt.

Beispiel
Die Momentenlinie für den Drei-Gelenk-Rahmen ist berechnet, sodass die Ver-
formungsfigur entsprechend Abschnitt 4.2 abgeschätzt werden kann. In einer
Nachlaufrechnung können jetzt auch einzelne Weggrößen in ihrer Größe berech-
net werden.
q

b c d e

H w
h
f

a g

l
156 10 Berechnung von Weggrößen mit dem PvK

Für die Berechnung der horizontalen Verschiebung in b wird eine horizontale


virtuelle Einzelkraft in b aufgebracht, und für die vertikale Verschiebung in
c wird in einer weiteren Berechnung eine vertikale virtuelle Einzelkraft in c
aufgebracht.

1
b h/2 l/8 l/8
1 c
h/2

Mb Mc

M für horizontale Verschiebung db M für vertikale Verschiebung dc

Die Berechnung der virtuellen Momentenlinie erfolgt mit den gleichen Regeln
wie für wirkliche Systeme. Die virtuellen Momentenlinen sind immer geradlinig,
da nur virtuelle Einzelkräfte angesetzt werden. Die Berechnung der Verschie-
bungen erfolgt in einem zweiten Schritt mit dem Prinzip der virtuellen Kräfte.

Für die Gesamtverschiebung von d müssen zwei virtuelle Spannungszustände


bekannt sein. So berechnet man zunächst eine horizontale und eine vertikale
Verschiebung entsprechend folgender virtueller Momentenlinien.

1
l/4 1 h/2
l/4
d d
h/2

MV MH

M für vertikale Verschiebung ddv M für horizontale Verschiebung ddh

Die senkrechte Projektion beider Teil-


verschiebungen liefert im Schnittpunkt ddH
die Gesamtverschiebung δd . Auch wenn
zwei beliebige andere Verschiebungen dd
von d bekannt sind, kann man Größe
ddV
und Richtung der Gesamtverschiebung
wie oben gezeigt bestimmen.
10.1 Die Grundfälle 157

10.1.2 Drehung einer Tangente an die Biegelinie


Ist die Drehung einer Geraden gesucht, so muss das zur Drehung konjugierte
virtuelle Moment M̄ = 1̄ auf das System wirken. Geraden sind im statischen
System als Tangenten an die Biegelinie
oder als Sekanten des Sehnenpolygons 1

denkbar. Das virtuelle Moment wird bei j


Tangenten in dem Punkt aufgebracht,
in dem die Verdrehung gesucht ist. Die Tangente
Sekantendrehung interessiert hier nicht.

Beispiel
Die Momentenlinie für den Drei-Gelenk-Rahmen ist berechnet und die Verfor-
mungsfigur entsprechend Abschnitt 4.2 abgeschätzt.
q
b c d

h w

a e

Die Drehung der Tangente ϕb ist festgelegt durch die Drehung des Rahmenk-
notens b, sodass hierfür ein virtuelles Einzelmoment in b anzusetzen ist. Die
Drehung der Tangente an die Biegelinie oberhalb von e wird mit einem virtu-
ellen Einzelmoment in e bestimmt.
1 1
b
1

Mb Me

M für Drehung von b M für Drehung von e

Bei der Bestimmung des Drehsinns der Verdrehungen ist darauf zu achten, wie
das jeweilige Moment auf das Tragwerk wirkt.
158 10 Berechnung von Weggrößen mit dem PvK

10.1.3 Relativverschiebung zweier Punkte


Abstandsänderungen zweier Punkte können mit Hilfe eines virtuellen Kräfte-
paares berechnet werden, das entgegengesetzt aber auf gleicher Wirkungslinie
angesetzt wird. Abstandsänderungen können die Verschiebungen zweier vonein-
ander weit entfernt liegender Tragwerkspunkte sein, aber auch die gegenseitigen
Verschiebungen in einer Schiebehülse oder einem Querkraftgelenk.
dN
1 a
b 1

da db
dQ

Für die direkte Berechnung der Abstandsänderung sind die virtuellen Einzel-
kräfte gleichzeitig in entgegengesetzter Richtung aufzubringen. Berechnet man
z. B. die Gesamtarbeiten als Differenz der Arbeiten der virtuellen Einzelkräfte
in a und b

1̄ δb − 1̄ δa = 1̄ ∆δba ,

so erhält man die gegenseitige Verschiebung mit dem Prinzip der virtuellen
Kräfte, wenn man die virtuelle Momentenlinie infolge des Kräftepaares ansetzt.

Beispiel
Für den Drei-Gelenk-Rahmen sollen die Klaffung im Querkraftgelenk e und die
gegenseitige Verschiebung der Punkte b und e oberhalb des Querkraftgelenkes
bestimmt werden.
q
c d
h/2

b w
e
h/2

a f

Für die Berechnung der Klaffung im Querkraftgelenk ist ein Kräftepaar ent-
sprechend einer Querkraft in e aufzubringen, und für die Berechnung der ge-
genseitigen Verschiebung von b und e ein Kräftepaar in b und e. Wenn die
Momentenlinien bekannt sind, erfolgt die Berechnung der gegenseitigen Ver-
schiebungen mit dem Arbeitssatz des PvK jeweils in einem Schritt.
10.1 Die Grundfälle 159

h/2 h/2 h h

1 1 1
M M
1

M für Abstandsänderung D dbe M für Spreizung D de

10.1.4 Relativverdrehung zweier Tangenten


Eine Relativverdrehung oder einen Knickwinkel zweier Tangenten kann mit
dem Arbeitssatz direkt berechnet werden, wenn zwei entgegengesetzt wirkende
virtuelle Momente gleicher Größe auf den Verdrehungen Arbeit leisten.
Ist der Knickwinkel in einem Gelenk
gesucht, sind die virtuellen Einzelmo- 1
mente 1̄ gleichzeitig an den Schnitt-
ufern der Stabenden in entgegengesetz-
ter Richtung aufzubringen. Jedes Ein- Dj
zelmoment ist der Verdrehung des zu-
gehörigen Schnittufers konjugiert.
Berechnet man die Differenz der Arbeiten beider virtuellen Momente

1̄ ϕlinks − 1̄ ϕrechts = 1̄ ∆ϕ,

so erhält man den Knickwinkel mit dem Arbeitssatz direkt, wenn die virtuelle
Momentenlinie des Gesamtzustandes angesetzt wird.

Beispiel
Für den Drei-Gelenk-Rahmen unter Windlast soll der Knickwinkel im Momen-
tengelenk c berechnet werden.
q
b c d

a e
160 10 Berechnung von Weggrößen mit dem PvK

Der virtuelle Spannungszustand wird 1


jetzt mit einem virtuellen Doppelmo-
ment im Gelenk c bestimmt. Bei der Be-
1 1
stimmung des Vorzeichens des Knick-
winkels ist auf den Drehsinn der virtu- Mj
ellen Momente zu achten.
Ist die gegenseitige Verdrehung der
Tangenten in a und e gesucht, so sind
die virtuellen Momente in a und e an-
M für Relativverdrehung Djc
zusetzen.

10.2 Umformung der Arbeitsgleichung des PvK


Die Arbeitsgleichung des PvK zur Berechnung von Einzelweggrößen umfasst
nach Abschnitt 7.2.3 folgende äußere Arbeiten der virtuellen Kräfte und Mo-
mente.

A¯a = P̄ · δ + M̄ · ϕ + P̄ · ∆δ + M̄ · ∆ϕ
| {z } | {z }
aus Einzellastgrößen aus Doppellastgrößen

Wenn immer nur eine einzige virtuelle Lastgröße angesetzt wird, kann man
grundsätzlich einfacher schreiben

A¯a = 1̄ · δ [kNm].

1̄ ist dann immer die virtuelle Einheitslastgröße.


δ ist dann immer die zu 1̄ konjugierte Weggröße.

Außerdem kann man die Arbeitsgleichung des PvK nach der gesuchten Weg-
größe auflösen
Z
N M ∆T
1̄ · δ = {N̄ ( + αT T0 ) + M̄ ( + αT ) } dx − Σ F̄a · δa − Σ M̄a · ϕa .
EA EI h

Für die Berechnung der Weggröße δ ist es vorteilhaft, den Faktor 1̄ grundsätz-
lich zu kürzen“, da er in allen Termen auftaucht, und die Weggröße δ auf

δ ′ = δ · EIc

zu skalieren, damit die Zahlenrechnung in einer vernünftigen Größenordnung


erfolgt. EIc ist hierbei eine Vergleichsbiegesteifigkeit, die in komplexen Biege-
tragwerken außerdem den Einfluss unterschiedlicher Stabsteifigkeiten auf die
10.3 Auswertung der Integrale der Inneren Arbeiten 161

Weggröße widerspiegelt. Mit stabweise konstantem EI gilt dann


Z
′ Ic ∆T Ic
δ = {M̄ · M + M̄ · EIc · αT + N̄ · N + N̄ · EIc · αT T0 } dx
I h A
− EIc · Σ F̄a · δa − EIc · Σ M̄a · ϕa . (10.1)

Diese Form der Arbeitsgleichung wird für alle weiteren Untersuchungen ver-
wendet.

10.3 Auswertung der Integrale der Inneren Arbeiten


In der Arbeitsgleichung des PvK treten bei den Inneren Arbeiten Integrale der
Form Z Z
M̄ (x) · M (x) dx =
ˆ f¯(x) · f (x) dx

auf, wenn die Stabeigenschaften EI, αT , h als konstant angesetzt sind. Die vir-
tuelle Funktion f¯(x) ist wegen der Einzellastgrößen immer linear und kann aus
zwei Grundfunktionen additiv zusammengesetzt werden.

a b = a + b
x x x

Die Funktion f (x) kann lastabhängig auch quadratisch (M-Linie bei Gleichlast)
oder höherer Ordnung sein.
c
c
a b = a b +
x x x

Beim Multiplizieren der virtuellen und der wirklichen Momentenlinie kann


das Gesamtintegral in eine Summe von Einzelintegralen aufgeteilt werden, die
schnell ausgewertet sind:
c
a b a b dx

. c
a a + b+

c
+ b . a + b+ dx
162 10 Berechnung von Weggrößen mit dem PvK

Die Produkte der Funktionen M̄i · Mj lassen sich getrennt integrieren, sodass
die Auswertung der Integrale auf wenige GrundintegraleR zurückführbar ist, die
tabellarisch aufbereitet sind, siehe Tabelle 10.1. Die für Mi · M̄j dx angegebe-
ne Tabelle lässt sich sinngemäß auch für alle anderen Arbeitsterme auswerten.
Bei Anwendung der Tabelle ist zu beachten, dass die virtuellen Momentenlinien
spaltenweise geordnet sind.

Zeilen 8 bis 10 gelten für Parabeln, die in der Mitte oder an einem Rand einen
Scheitelpunkt aufweisen (M ′ = 0).
R
Tabelle 10.1 Integraltabelle: Mi M̄j dx = l ·Tabellenwert

-k k 2
k k k 2 j dx
l k k

j jk 1 jk 1 jk
1 2 0 4 j
2

j 1 jk 1 jk 1 jk 1 j2
2 2 3 6 0 3

j 1 jk 1 jk 1 jk 1 jk 1 j2
3 2 6 6 4 3

-j 1 jk 1 jk 1 jk 1 j2
4 j
0 6 3 4 3

j 1 jk 1 jk 1 jk 1 j2
5 j
-
2 4 0 4 4 4

j
- 1 jk 1 jk 1 jk 1 jk 1 j2
6 2 j 4 4 4 8 4

gl dl
1 jk 1 jk(1+g) 1 jk(1-2g) 1 jkd 1 j2
7 2 6 6 4 3
j

j 2 jk 1 jk 1 jk 8 2
8 3 3 0 6 15 j
Quadr. Parabel

j 1 jk 1 jk 1 jk 1 jk 1 j2
9 3 4 6 24 5
Quadr. Parabel

j 1 jk 1 jk 1 jk 5 jk 1 j2
10 3 12 6 24 5
Quadr. Parabel
10.3 Auswertung der Integrale der Inneren Arbeiten 163

Beispiel für die Berechnung von Einzelverschiebungen


Für nachfolgendes statisch bestimmtes Rahmentragwerk ist die Momentenlinie
gegeben. Die Einheiten sind kN und m. Gesucht sind die horizontale Verschie-
bung des Riegels und die vertikale Verschiebung des Gelenkes in Punkt d.
q = 0,2

0,9 3,9
Stab Ic /I b d e +
2,1
a−b 0, 5 P=3
b−e 1, 0 4m M
4,95
e−g 0, 5
a g
EIc = 2.000
6m

Die Berechnung der Verschiebungen erfolgt mit dem PvK, sodass die virtuellen
Momentenlinien infolge der entsprechenden virtuellen Einzelkräfte bestimmt
werden müssen.
1
b 2,0 1,5 1,5
1 + d
2,0

Mb Md

M für horizontale Verschiebung db M für vertikale Verschiebung ddv

Für die Berechnung der Verschiebungen wird der Arbeitssatz des PvK nach
Gleichung (10.1) auf die wesentlichen Terme reduziert. Es bleibt
Z
′ Ic
1̄ · δ = M̄ · M dx .
I
Die Auswertung des Arbeitssatzes erfolgt bei größeren Systemen tabellarisch.

a) Die Berechnung der Horizontalverschiebung des Riegels erfolgt mit der im


Bild linken Momentenlinie M̄b . Die systematische Auswertung der mit EIc
normierten Arbeitsintegrale ist in Tabelle 10.2 zusammengestellt. Damit folgt
die Verschiebung zu

δHb = δHb /EIc = 56, 00/2.000 = 0, 028 m .
164 10 Berechnung von Weggrößen mit dem PvK

b) Die Berechnung der Vertikalverschiebung des Gelenkes in d erfolgt mit der


im Bild rechten Momentenlinie M̄d und Tabelle 10.3.

δV d = δV′ d /EIc = 18, 47/2.000 = 0, 0092 m .

Tabelle 10.2 Berechnung der Riegelverschiebung δHb


R
Stab M̄ M Ic /I ℓ dx = f · M̄i ·Mj ·Ic /I ·ℓ δ′
1
a-b 2 4 3 · 2, 0 · 2, 1 · 2 · 4 +11,20
1
b-e 1 6 6 · 2, 0 · 2, 1 · 1 · 6 +4,20
1
b-e 1 6 6 · (−2, 0)·(−3, 9) · 1 · 6 +7,80
b-e 1 6 0 · 2, 0 · 0, 9 · 1 · 6 0,00
1
e-g 2 4 3 · (−2, 0)·(−3, 9) · 2 · 4 +20,80
1
e-g 2 4 4 · (−2, 0)·(−3, 0) · 2 · 4 +12,00


δHb = +56, 00

Tabelle 10.3 Berechnung der Gelenkverschiebung δV d


R
Stab M̄ M Ic /I ℓ dx = f · M̄i ·Mj ·Ic /I ·ℓ δ′
1
a-b 2 4 3 · (−1, 5) · 2, 1 · 2 · 4 –8,40
1
b-e 1 6 2 · (−1, 5) · 2, 1 · 1 · 6 –9,45
1
b-e 1 6 2 · (−1, 5)·(−3, 9) · 1 · 6 +17,55
2
b-e 1 6 3 · (−1, 5) · 0, 9 · 1 · 6 –5,40
1
b-e 1 6 4 · 1, 5 · 2, 1 · 1 · 6 +4,97
1
b-e 1 6 4 · 1, 5 · (−3, 9) · 1 · 6 –8,77
5
b-e 1 6 12 · 1, 5 · 0, 9 · 1 · 6 +3,37
1
e-g 2 4 3 · (−1, 5)·(−3, 9) · 2 · 4 +15,60
1
e-g 2 4 4 · (−1, 5)·(−3, 0) · 2 · 4 +9,00

δV′ d = +18, 47
165

11 Berechnung von Biegelinien

Bisher können mit dem PvK einzelne Verschiebungen oder Verdrehungen be-
rechnet werden. Für verschiedene Aufgabenstellungen werden jedoch nicht nur
einzelne Weggrößen, sondern die gesamte Biegelinie eines Tragwerks benötigt.
Die Biegelinie eines komplexen Rahmentragwerkes kann man additiv aus un-
terschiedlichen Anteilen zusammensetzen. Es sind dies
• Knotenverschiebungen des Sehnenpolygons, dies sind auch Lagersetzun-
gen und -verdrehungen,
• Verkrümmungen und Dehnungen der Einzelstäbe aus Last und Erwär-
mung.
Lagersetzungen und Lagerverdrehungen führen bei statisch bestimmten Trag-
werken zu geradlinigen Stabverschiebungen
j
a

x
w(x) w(x)

z,w cA

Die Dehnungen aus Normalkraft bewirken in der Regel nur geringe Längenände-
rungen der Einzelstäbe und werden daher bei der Verschiebungsfigur vernach-
lässigt. Wesentliche Anteile folgen dagegen aus den Verkrümmungen infolge
Erwärmung, da sie mit der Biegeline w(x) verknüpft sind. Für die Berechnung
von Biegelinien stehen damit folgende Gleichungen zur Verfügung, wenn die
Werkstoffgleichungen in die Gleichungen der Verformungsgeometrie eingesetzt
sind:
M ∆T
Verformungsbedingung : w′′ = − − αT ,
EI h
Gleichgewicht : M ′′ = − q.
Die Differentialgleichungen können bereichsweise integriert werden. wobei die
Integrationsbereiche mit den Unstetigkeiten der Belastung und der Steifigkei-
ten sowie Lager- und Randbedingungen begrenzt sind. Die Anpassung der Bie-
gelinie an Rand- und Übergangsbedingungen kann allerdings sehr aufwändig
und unübersichtlich sein, wenn Tragwerke mit mehreren Bereichen analysiert
werden müssen. In der Baustatik sind daher andere, effizientere Lösungswege
entwickelt worden, um die Biegelinie w zu berechnen.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_11
166 11 Berechnung von Biegelinien

11.1 Baustatische Methode mit ω–Zahlen


Die Biegelinie eines Tragwerks kann man näherungsweise als Sehnenpolygon
δ (x) aus einzelnen Verschiebungen bestimmen, die jeweils mit dem PvK be-
rechnet werden. Die Stützstellen der Einzelverschiebungen sollten die Orte mit

P q

a b c d e

db
dd

Unstetigkeiten in Geometrie, Steifigkeiten oder Belastung sein, da dies die Inte-


grationsgrenzen bei Lösung der Grundgleichungen sind. Zwischen den Stützstel-
len der Einzelverschiebungen sowie den End- und Zwischenlagern muss zusätz-
lich die Verkrümmung κ der Stababschnitte berücksichtigt werden, damit die
Gesamt-Biegelinie w(x) alle Verformungsbedingungen erfüllt.
a b c d e

db dd

Die Biegelinie w(M, ∆T ) aus Verkrümmung ist mit M/EI bzw. αT ∆T /h fest-
gelegt und kann dem Sehnenpolygon δ(x) additiv überlagert werden. w(M, ∆T )
kann man am zwischen den Stützstellen liegenden Balkenabschnitt analytisch
berechnen und für verschiedene Momentenlinien tabellarisch aufbereiten.
x x

da d(x) db
a b
w(M,DT)
w(M,DT)

Wenn w(M, ∆T ) bekannt ist, wird die Gesamt-Biegelinie feldweise berechnet:

w(x) = δ(x) + w(M, ∆T ).


11.1 Baustatische Methode mit ω–Zahlen 167

Berechnung der ω–Zahlen


Für gerade Balken mit konstantem EI gilt
M
w′′ = − .
EI
Bei linearem Momentenverlauf und gelenkiger Lagerung
x
M = Mb
l Mb

a b
x
x =
l
0 1
folgt nach Integration
Mb x3
w = − ( + a1 x + a2 ).
l · EI 6
Die Anpassung der allgemeinen Lösung der Grundgleichung an die Randbedin-
gungen wa = 0, wb = 0 gibt a2 = 0 und a1 = −l2 /6. Damit ist die Biegelinie
gegeben
Mb
w = − ( x3 − l2 x ).
6 · l · EI
Die normierte Darstellung
Mb 2 Mb 2
w = + l ( ξ − ξ3 ) = + l ωD .
6 · EI 6 · EI
ist Grundlage der tabellarischen Auswertung in den ω–Tabellen. In den ω–
Tabellen sind die Biegelinien infolge beliebiger M und ∆T so aufbereitet, dass
man die Ordinaten an gegebenen Stützstellen ξ direkt als Zahlenwerte vorliegen
hat. Im Prinzip benötigt man für eine beliebige lineare Momentenlinie nur die
ωD –Werte für Dreiecke und kann alle anderen Verteilungen hieraus überlagern.
Für Streckenlasten ist zusätzlich ein parabolischer Anteil der Momentenline
mit ωP zu berücksichtigen.
2
ql
8
M wD M wP
1

Zur Verringerung des Aufwandes sind häufig vorkommende Momentenbilder


tabelliert. Heute ist dieses Vorgehen weniger wichtig, da Biegelinien effizient
und schnell mit dem Computer berechnet werden können.
168 11 Berechnung von Biegelinien

Tabelle 11.1 gibt die ω–Funktionen für unterschiedliche Momentenlinien in Ab-


hängigkeit von der dimensionslosen Koordinate ξ an. Bei Erwärmung kann man
die Tabellen sinngemäß verwenden, wenn man anstelle von M/EI den Faktor
αT ∆T /h einsetzt.
Tabelle 11.1 ω–Funktionen für die Grundfälle der M-Linie

M M M M
M-Verlauf l l M M
2 2

2
ℓ 1 1 1 1 1
w = M EI · ... 2 ωR 6 ωD 12 ω∆ 3 ωP 1 12 ωP 2

ω-Funktion ωR = ξ − ξ 2 ωD = ξ − ξ 3 ω∆ = 3ξ − 4ξ 3 ωP 1 = ξ − 2ξ 3 + ξ 4 ωP 2 = ξ − ξ 4

In Tabelle 11.2 sind die ω-Funktionen für eine Unterteilung des Balkenabschnit-
tes in n = 10 gleiche Teile ausgewertet. Die Zahlen geben die 104 –fachen Werte
der ω–Funktionen an den Stützstellen m an. Hierbei läuft die Koordinate ξ von
links nach rechts und die Koordinate ξ ′ von rechts nach links.

Tabelle 11.2 Tabelle der ω-Zahlen für die Grundfälle der M-Linie, 104 -fache Werte

M-Verlauf m 1 2 3 4 5 6 7 8 9

ωR 900 1600 2100 2400 2500 2400 2100 1600 900

ωD 990 1920 2730 3360 3750 3840 3570 2880 1710

ω∆ 2960 5680 7920 9440 10000 9440 7920 5680 2960

ωP 1 981 1856 2541 2976 3125 2976 2541 1856 981

ωP 2 999 1984 2919 3744 4375 4704 4599 3904 2439

Wenn Momentenlinien vorliegen, die den Zeilen 2 und 5 entsprechen, jedoch ge-
spiegelt sind, kann man die Zahlenwerte der Funktionen ωD sowie ωP 2 spiegeln

und als ωD sowie ωP′ 2 entsprechend der Koordinate ξ ′ verwenden.
11.1 Baustatische Methode mit ω–Zahlen 169

Beispiel
An einem Durchlaufträger unter Teilstreckenlast wird die Anwendung des Kon-
zeptes gezeigt. Hierbei werden die Systemwerte wie folgt angesetzt.
ℓ = 6, 0 m, q = 0, 5 kN/m, EI = 200 kN m2.
q

d
a b c
l l/3 2l/3
2
ql /9 2
ql /18
M

ql/9 ql/3
Q
ql/3

Die Zustandslinien für M und Q werden wie bisher berechnet. Für den Po-
lygonzug δ(x) benötigt man hier nur die Verschiebung wc , die mit dem PvK
berechnet wird
4 qℓ4
wc = = 0, 0133 m.
243 EI
Damit sind die linearen Verschiebungslinien des Polygonzuges δ(x) bestimmt.
Die zusätzlichen Verschiebungen aus Verkrümmungen werden mit der Momen-
tenlinie und den ω-Funktionen ermittelt.
Bei der Berechnung der Biegelinie w(M ) kommt der Quotient q ℓ4 /EI = 0, 81 m
in mehreren Termen vor. Damit gilt bereichsweise:

qℓ2 ℓ2 1 qℓ4 ωD
Bereich a − b : w(M ) = · · ωD = · = 0, 015 ωD ,
9 EI 6 EI 54
qℓ2 ℓ2 1 ′ qℓ4 ωD


Bereich b − c : w(M ) = · · ωD = · = 0, 015 ωD ,
9 EI 6 EI 54
qℓ2 ℓ2 1 qℓ4 ωD
Bereich c − d : w(M ) = · · ωP 1 = · = 0, 015 ωP 1 .
18 EI 3 EI 54
Hierbei ist der Faktor 0, 015 für alle Bereiche zufällig gleich. Wertet man die ω-
Funktionen punktweise entsprechend Tabelle 11.2 aus, kann man die Biegelinie
anschließend skizzieren. Beide Abschnitte a − b und b − d werden in jeweils
fünf gleiche Abschnitte unterteilt, sodass aus Tabelle 11.2 nicht alle Werte der
entsprechenden Zeilen verwendet werden.
170 11 Berechnung von Biegelinien

In nachfolgender Tabelle sind die Verschiebungen wi an den Stützstellen 1


bis 9 berechnet. Hierbei sind i die äquidistanten Stützstellen des gesamten
Durchlaufträgers. Für jeden Bereich wird die Unterteilung so gewählt, dass die
Stützstelle i mit einer entsprechenden Stützstelle m der ω-Tabelle des jeweiligen
Bereiches übereinstimmt. ωm sind die entsprechenden Zahlen aus Tabelle 11.2
und w(M ) die hiermit berechneten Verschiebungen aus Verkrümmung. δ(x)
gibt die entsprechenden Verschiebungen des Polygonzuges an. Mit w(M )i und
δi können die Verschiebungen wi bestimmt werden.

i Bereich Funktion m ωm w(M ) δm wi [m]


1 a−b ωD 2 0,1920 0,0288 0,000 0,0288
2 4 0,3360 0,0504 0,000 0,0504
3 6 0,3840 0,0576 0,000 0,0576
4 8 0,2880 0,0432 0,000 0,0432

6 b−c ωD 6 0,3360 0,0504 0,008 0,0584
7 c−d ωP 1 1 0,2919 0,0438 0,012 0,0558
8 4 0,4704 0,0705 0,008 0,0785
9 7 0,2439 0,0366 0,004 0,0404

Mit den Verschiebungen wi an den Stützstellen kann die Biegelinie skizziert


werden.

10 · 0,2 l
0 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10

11.2 Rechnerorientiertes Vorgehen mit Teilbiegelinien


Eine ganz andere und sehr schematische Vorgehensweise ist in den modernen
Berechnungsprogrammen für Stabtragwerke verwirklicht. Die Programme be-
schreiben die Biegelinie intern mit Hilfe der Verschiebungen und Verdrehungen
der Knoten des Stabtragwerkes. Den einzelnen Knotenweggrößen sind Verlaufs-
funktionen zugeordnet, die den Einfluss der jeweiligen Knotenweggröße auf die
Verschiebungen des Stabes zwischen den Knoten beschreiben.
11.2 Rechnerorientiertes Vorgehen mit Teilbiegelinien 171

Die Biegelinie des Stababschnittes a −


b kann man damit aus Teilbiegelinien
x
f1 (x) − f4 (x) überlagern, die den Ver- a b
schiebungen und den Verdrehungen der wb
Ränder a und b zugeordnet sind. Die- wa
se vier Polynome entsprechen – nur an- j
b
ders geordnet – der Lösung der homo- j
a
genen Differentialgleichung in 3.5, die
ebenfalls vier Anteile besitzt. Die vier
wa 1
Polynome gehören zu einer besonderen f1(x)
Polynomart, die in der Literatur als
Hermite-Polynome bezeichnet werden. j
a
Die Polynome sind normiert und wer-
den mit der jeweiligen Knotenweggröße f2(x)
multipliziert. 1
Zusätzlich zu den Teilbiegelinien aus
Randverschiebung und -verdrehung in 1 wb
f3(x)
a und b wird zwischen den Rändern die
lastabhängige Partikularlösung wP ad-
diert. j
b

wP
f4(x) 1

Wenn die Gesamtbiegelinie eines Stabes zu bestimmen ist, sind daher zunächst
die Einzelweggrößen wa , ϕa , wb , ϕb sowie wP zu berechnen. Die Gesamtbiegeli-
nie folgt dann zu

w(x) = wa · f1 (x) + ϕa · f2 (x) + wb · f3 (x) + ϕb · f4 (x) + wP (x).

Die Teilbiegelinien für den Einfluss der jeweiligen Knotenweggrößen können


auch mit den ω-Funktionen verknüpft werden, da diese den entsprechenden
Momentenlinien zugeordnet sind. Hierbei ist ξ = x/l die normierte Stabkoor-
dinate.
f1 (x) = 1 − 3ξ 2 + 2ξ 3 ′
→ − ωD + ωD + ( 1 − ξ)
f2 (x) = l ( ξ − 2ξ 2 + ξ 3 ) → l · (ωD

− ωR )
f3 (x) = 3ξ 2 − 2ξ 3 ′
→ + ωD − ωD +ξ
f4 (x) = l (− ξ 2 + ξ 3 ) → l · (− ωD + ωR )
Aufgrund der in der Regel unbekannten Knotenweggrößen ist das Vorgehen für
die Handrechnung nicht praktikabel.
172 12 Einflusslinien für Weggrößen

12 Einflusslinien für Weggrößen

Die Arbeitssätze nach Abschnitt 6 sind integrale Aussagen für das gesamte
Tragwerk. Ergänzt man die Verschiebungsarbeiten nach Gleichung (6.3) um
die Arbeiten entsprechend Abschnitt 7.2.3, so folgt
Z Z
A = {−N (εel + εT ) + M (κel + κT ) } dx + q · w dx

+ Σ P · δ + Σ M e · ϕ + Σ Fa · δa + Σ Ma · ϕa = 0.
Der Arbeitssatz in dieser Form bedeutet, dass die Arbeiten eines statisch zulässi-
gen (im Gleichgewicht befindlichen) Spannungszustandes auf einem kinema-
tisch zulässigen (die Verformungsbedingungen erfüllenden) Verformungszustand
im Integral über das Tragwerk verschwinden. Spannungszustand und Verfor-
mungszustand müssen nicht voneinander abhängen, sondern können beliebig
sein, insbesondere sind sie keine virtuellen, sondern zwei unterschiedliche wirk-
liche Zustände. Dies kann man mit Hilfe der Indizes j und k beschreiben.
Z Z
Ajk = {−Nj (εel + εT )k + Mj (κel + κT )k } dx + qj · wk dx

+ Σ Pj · δk + Σ Mje · ϕk + Σ Fa,j · δa,k + Σ Ma,j · ϕa,k = 0. (12.1)


Es wird vereinbart, dass der erste Index den Ort angibt, an dem die Arbeit
geleistet wird, und der zweite Index die Ursache der geleisteten Arbeit.

1. Index : Ort (der Kraftgröße j)
Ajk
2. Index : Ursache (Weg infolge Zustand k)
Der Arbeitssatz nach Gleichung (12.1) ist grundlegend und wird nachfolgend
für die Berechnung von Einflusslinien für Weggrößen verwendet.

12.1 Sätze von Betti und Maxwell


Die oben gegebene Formulierung des Arbeitssatzes ist Grundlage für die Sätze
von Betti und Maxwell. Stellvertretend für beliebige Lastanordnungen werden
Einzellasten an zwei unterschiedlichen Stellen j und k betrachtet, die nachein-
ander auf das System aufgebracht werden. Weil die inneren und die äußeren
Arbeiten entgegengesetzt gleich groß sind, werden außerdem nur die äußeren
explizit angeschrieben.
Aa = −Ai
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D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_12
12.1 Sätze von Betti und Maxwell 173

System 1
Die Reihenfolge der Belastung ist: zuerst Pj , dann Pk . Infolge Pj werden an
der Stelle j Eigenarbeiten auf δjj und Verschiebungsarbeiten auf δjk geleistet.
Infolge Pk werden an der Stelle k nur Eigenarbeiten auf δkk geleistet.
Pj
Pk

d jj

d jk d kk

Die Gesamtarbeiten sind:


A1 = Ai1 + Aa1
1 1
= Ai1 + Pj · δjj + Pk · δkk + Pj · δjk
2 2
= Ai1 + Aajj + Aakk + Aajk
| {z } | {z }
Eigenarbeiten Verschiebungsarbeiten

System 2
Bei Vertauschung der Reihenfolge gilt: zuerst Pk , dann Pj . Infolge Pj werden
an der Stelle j nur Eigenarbeiten auf δjj geleistet. Infolge Pk werden an der
Stelle k Eigenarbeiten auf δkk und Verschiebungsarbeiten auf δkj geleistet.

Pj Pk

d kk
d jj
d kj
Die Gesamtarbeiten sind:
A2 = Ai2 + Aa2
1 1
= Ai2 + Pj · δjj + Pk · δkk + Pk · δkj
2 2
= Ai2 + Aajj + Aakk + Aakj
| {z } | {z }
Eigenarbeiten Verschiebungsarbeiten
Der Endzustand ist in System 1 und System 2 gleich, wenn er unabhängig von
der Reihenfolge der Belastung ist. Dies ist für elastisches Materialverhalten
und richtungstreue Lasten erfüllt, da in diesem Fall keine Arbeit dissipiert
174 12 Einflusslinien für Weggrößen

wird. Wenn der Endzustand gleich ist, sind auch die gespeicherten inneren und
äußeren Arbeiten jeweils gleich, sodass
Ai1 = Ai2 und Aa1 = Aa2
gilt. Weil die Eigenarbeiten in beiden Systemen identisch sind, sind auch die
Verschiebungsarbeiten gleich groß
Pj · δjk = Pk · δkj .
Der oben für Einzellasten hergeleitete Satz gilt auch, wenn in System 1 eine
Kraft und in System 2 ein Moment angesetzt sind
Pj · δjk = Mk · δkj .
Die konjugierten Weggrößen sind dann Verschiebungen und Verdrehungen. Die-
se ganz grundlegende Aussage ist im Satz von Betti für beliebige Lastzustände
– mit Kraftgruppen, Einzelmomenten und Streckenlasten – verallgemeinert an-
gegeben.

Satz von Betti


Die Verschiebungsarbeit Ajk eines ersten Lastzustandes j auf den Wegen
eines zweiten Lastzustandes k ist gleich der Verschiebungsarbeit Akj des
zweiten Lastzustandes k auf den Wegen des ersten Lastzustandes j:
Akj = Ajk .

Wählt man anstelle beliebiger Lastzustände Einheitskräfte und Einheitsmo-


mente, so folgt der ebenfalls ganz grundlegende Satz von Maxwell.

Satz von Maxwell


Die Weggrößen δ zweier beliebiger Einheitslastzustände j und k in Rich-
tung des jeweils anderen Lastzustandes k bzw. j sind gleich groß. Ort
und Ursache dürfen vertauscht werden.
1 · δkj = 1 · δjk .

Wesentlich ist, dass die Sätze von Betti und Maxwell die Gleichheit der Ver-
schiebungsarbeiten – Einheit kN m – ansetzen, und erst danach die Deutung für
unterschiedliche Lasten und Weggrößen erfolgt. Dies bedeutet, dass die Einhei-
ten der Lasten und Weggrößen bei der Interpretation der Sätze beachtet werden
müssen.
12.1 Sätze von Betti und Maxwell 175

Beispiel 1
In Beispiel 1 ist zu beachten, dass die Einheit der Arbeit immer [Nm] ist, die
Einheit von δjk aber damit von der Arbeit leistenden Last abhängt. Mit den
Verschiebungsarbeiten für Einheitslasten

A12 [Nm] = P1 · δ12 = 1 [N] · δ12 [m]


A21 [Nm] = M2 · δ21 = 1 [Nm] · δ21 [1]

gilt für den Zahlenwert der Weggrößen δ12 = δ21 .

P1 M2
d21

d12

Beispiel 2
In Beispiel 2 sind der Knickwinkel δ21 infolge P1 = 1 und die Verschiebung δ12
infolge M2 = 1 gleich groß.
d d
21
P1
12 M2

Beispiel 3
Für die Kraftgrößen P1 und P2 sind die Spreizung δ12 infolge P2 = 1 und die
Verschiebung δ21 infolge P1 = 1 gleich groß.

P1 P2

d12
d21
P1
176 12 Einflusslinien für Weggrößen

12.2 Berechnung von Einflusslinien für Weggrößen


In Analogie zu den Einflusslinien für Schnittgrößen nach Abschnitt 9 können
auch Einflusslinien für Weggrößen definiert werden:
Definition
Die Einflusslinie ηδ für eine Weggröße δkj an einer festen Stelle k infolge
Wanderlast an der Stelle j gibt an jeder Stelle j eines Tragwerks den Wert
der Weggröße δkj an.
P=1
k
j
x d kj

Die Einflusslinie für eine Weggröße kann man auf verschiedenen Wegen ermit-
teln.
a) Die punktweise Bestimmung der Einflusslinie für eine Weggröße, hier wkj =
δkj , ist zwar anschaulich, erfordert aber die wiederholte Berechnung der Ein-
zelweggröße wkj . Im Bild sind drei verschiedene Ordinaten von ηw berechnet
und entsprechend der Definition an der Stelle der Wanderlast abgetragen.

1
1
j=1
wk1 = h1

1
2
j=2
wk2 = h2

1
3
j=3
wk3 = h3

hWk
hW
h1 h2 h3

Als Ergebnis dieser Vorgehensweise ist die Einflusslinie ηw für die Verschiebung
kontinuierlich und gekrümmt. Der anschauliche Lösungsweg ist natürlich viel
zu aufwändig, sodass der nachfolgende Weg gewählt wird, der zudem auf eine
allgemeingültige Aussage führt.
12.2 Berechnung von Einflusslinien für Weggrößen 177

b) Mit dem Satz von Betti gilt zunächst


Pk · δkj = Pj · δjk .
Wenn der Lastzustand j als Wanderlast Pj = 1 interpretiert wird, ist δkj die
gesuchte Weggröße wkj an der festen Stelle k infolge der Wanderlast an der
Stelle j, die hier den wirklichen Lastzustand repräsentiert.
Setzt man an der festen Stelle k eine Last Pk = 1 an, so geben die Weggrößen
δjk an der Stelle j der Wanderlast infolge der gedachten“ Last Pk = 1 direkt

die gesuchte Weggröße δkj an. Dies entspricht der Definition der Einflusslinie:
ηδkj = δjk .

Satz
Die Einflusslinie für eine Weggröße an fester Stelle k entspricht der Bie-
gelinie für die zu der Weggröße konjugierten gedachten Kraftgröße Pk =
1. Die Einflusslinien für Weggrößen werden also mit einer gedachten“

Kraftgröße 1“ an der Stelle der gesuchten Weggröße berechnet.

ηδk (x) = w(x) infolge Pk = 1.

Dieser Satz gilt entsprechend für alle elastischen Tragwerke – auch für statisch
unbestimmte Stabtragwerke und Flächentragwerke – und für alle möglichen
Weggrößen, also für Verschiebungen, Verdrehungen, gegenseitige Verschiebun-
gen, gegenseitige Verdrehungen.

Anmerkungen
Im Gegensatz zu Einflusslinien für Schnittgrößen sind Einflusslinien für Weg-
größen auch an statisch bestimmten Systemen gekrümmt. Dies bedeutet, dass
die Biegelinie im Einzelfall detailliert ermittelt werden muss – z. B. mit Hilfe
des Sehnenpolygonzuges und der ω–Funktionen.
Die Auswertung der Einflusslinien für gegebene Laststellungen erfolgt mit dem
Satz von Betti. Es gilt für die Weggröße δk = δkj an fester Stelle k infolge Last
an der Stelle j
Z
1 · δk = ΣPj · ηj + ΣMj · ηj′ + qj (x) · ηj (x)dx.

Da der Betti-Satz die Gleichheit der Arbeiten fordert, können auch Einzel-
momente auf der Neigung η ′ der Einflusslinie Arbeit leisten. Die Einheit der
Einflusslinie für eine Weggröße ist [m], wobei die Einheit der Kraftgröße 1“ auf

der linken Seite der Gleichung zu beachten ist. Das Vorzeichen der Einflusslinie
ist positiv, wenn die Ordinaten in Richtung der Wanderlast zeigen.
178 12 Einflusslinien für Weggrößen

Beispiel
Gesucht ist die Einflusslinie für die vertikale Verschiebung δ1 .

d1

Die zur konjugierten gedachten Einzellast 1“ gehörende Momentenlinie ist:



1
M

Die Biegelinie infolge P = 1 wird wie in Abschnitt 11 berechnet, also z. B.


mit ω-Zahlen oder mit dem rechnerorientierten Vorgehen. Damit ist auch die
Einflusslinie für die Verschiebung δ1 gegeben.

w = h d1
=
hd1

12.3 Dualität der Einflusslinien für Weg- und Kraftgrößen


Die Bedeutung von Einflusslinien für das Verständnis des Systemtragverhal-
tens bei vielen Lastfällen ist ganz fundamental. Erst hiermit wird deutlich, wie
ungünstigste Lastanordnungen aussehen und wo das Tragwerk gezielt verstärkt
werden muss.
Bei der Berechnung von Einflusslinien zeigt sich noch einmal der duale Aufbau
aller Berechnungsverfahren der Statik. Die Dualität von Kraftgrößen, die die
Gleichgewichtsbedingungen erfüllen müssen, und Weggrößen, die die Verfor-
mungsbedingungen erfüllen müssen, wird hierbei ganz deutlich.

Einflusslinien für Kraftgrößen werden mit dem PvV begründet. Die Einflusslinie
für eine Kraftgröße ist die Verformungsfigur infolge einer gedachten“ Weggröße

−1“.

Einflusslinien für Weggrößen werden mit dem Satz von Betti begründet. Die
Einflusslinie für eine Weggröße ist die Verformungsfigur infolge einer gedach-

ten“ Kraftgröße 1“.

STATISCH UNBESTIMMTE SYSTEME
181

13 Eigenschaften statisch unbestimmter Systeme

Bisher wurde das Trag- und Verformungsverhalten an statisch bestimmten Sy-


stemen untersucht sowie die Berechnungsverfahren für Schnittgrößen und Weg-
größen grundlegend entwickelt. Statisch bestimmte Systeme besitzen für die
Baupraxis verschiedene Vor- aber auch viele Nachteile, sodass man sie dort
vermeidet, wo man auch andere Bauweisen wählen kann.

Die Vorteile sind:


1. Der Zusammenbau vorgefertigter Bauteile zu einem Tragwerk ist mit rela-
tiv geringem Aufwand möglich, wenn die Verbindungen der Bauteile nicht die
volle Querschnittstragfähigkeit der Bauteile aufweisen müssen, z. B. gelenkige
Verbindung anstelle voller Biegesteifigkeit. Diese Bauweise eignet sich beson-
ders für Tragwerke aus Holz oder Stahl. Die Herstellung einer nachträglichen
biegesteifen Verbindung ist teilweise möglich, aber in der Regel aufwändig.
2. Das Ersetzen einzelner Bauteile ist möglich, wenn die Verbindungen der Bau-
teile dies zulassen, z. B. Momentengelenk, Querkraftgelenk, Lager. Dies kann
entscheidend sein, wenn z. B. ein Träger einer Mehrfeldbrücke in kurzer Zeit
ausgewechselt werden muss.

Die Nachteile statisch bestimmter Systeme sind gleichzeitig die Vorteile sta-
tisch unbestimmter Systeme. Wesentlich ist:
1. Statisch bestimmte Tragwerke sind in der Regel nicht robust. Sobald ein
Querschnitt eine reduzierte Festigkeit z. B. aus Schädigung aufweist, können
weite Teile des gesamten Tragwerks vom Einsturz bedroht sein.
2. Statisch bestimmte Tragwerke haben keine Systemtragreserven, die bei nicht
vorhersehbaren Einwirkungen oder Überbeanspruchungen den Kraftfluss über
andere Tragwerksteile ermöglichen.
3. Die Bemessungsschnittgrößen sind in statisch bestimmten Systemen in der
Regel größer als in vergleichbaren unbestimmten Systemen. Dies bewirkt un-
wirtschaftliche Systeme, bei denen der Werkstoff und die Querschnitte nur an
wenigen Stellen im Tragwerk voll ausgenutzt sind.
4. Die Verformungen statisch bestimmter Tragwerke sind in der Regel größer
als bei unbestimmten Systemen, da die Systemsteifigkeiten geringer sind.

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D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_13
182 13 Eigenschaften statisch unbestimmter Systeme

13.1 Tragverhalten statischer unbestimmter Systeme


Damit Tragwerke robuster gegenüber nicht geplanten Systemänderungen z. B.
aus Alterung oder Umnutzung eines Bauwerks sind oder Tragreserven bei Über-
beanspruchung heranziehen können, sollte man vorrangig statisch unbestimmte
Systeme entwerfen. Nachfolgende Beispiele sollen verdeutlichen, wie man den
Kraftfluss bei gegebener Last aber unterschiedlichen statisch bestimmten und
unbestimmten Systemen beeinflussen kann.

Beispiel 1
Durchlaufträger eines Dachtragwerks oder einer Brücke kann man mit unter-
schiedlichen statischen Systemen realisieren, siehe Bild 13-1. Ist das System
statisch bestimmt, kann man die Momentenlinie und die Bemessungsmomente
mit der Lage der Gelenke gezielt beeinflussen. Besonders unwirtschaftlich ist
der Durchlaufträger, wenn die Gelenke direkt über den Lagern angeordnet und
daher die Feldmomente maximal sind. Eine gleichmäßigere Ausnutzung des
Durchlaufträgers ist sinnvoll und kann mit einer Veränderung des Systems er-
reicht werden. Dies gelingt, wenn die Lage der Gelenke so gewählt wird, dass die
Feldmomente verringert und die Stützmomente vergrößert werden. Außerdem
kann man mit der Wahl der Gelenke und der Steifigkeiten andere Eigenschaften
des statischen Systems beeinflussen.

P
a b c d e f
M1
Pl/4
4l

Pl/6
M2
Pl/6
l/4

0,0067 Pl 0,1 Pl
M3
0,027 Pl 0,2 Pl

Bild 13-1 Durchlaufträger

Das erste in Bild 13-1 dargestellte System ist statisch bestimmt. Aufgrund
der speziellen Anordnung der Gelenke verringern sich die Feldmomente für die
13.1 Tragverhalten statischer unbestimmter Systeme 183

überwiegende Zahl der Lastfälle, wobei die Stützmomente anwachsen. Für die
im Bild gezeigte Laststellung ist das System wenig robust, da ein Versagen des
Querschnitts an der Stelle e infolge Mmax = pℓ/4 ausreicht, um das gesamte
System zur kinematischen Kette werden zu lassen.
Im zweiten System bewirkt die spezielle Lage der Gelenke gleich große Feld–
und Stützmomente. Das System ist weiterhin statisch bestimmt, weist aber
kleinere Bemessungsmomente auf und ist robuster, da bei einer Querschnitts-
schwächung in e nur Feld e − f gefährdet ist.
Wenn der Durchlaufträger wie in System 3 durchgehend biegesteif verbunden
ist, bleibt die Systemtragfähigkeit auch bei Querschnittsschwächung in e erhal-
ten. Infolge der statischen Unbestimmtheit sind die Extremwerte der Momen-
tenlinie in der Regel kleiner und gleichmäßiger verteilt, sodass das Material
besser ausgenutzt ist. Aufgrund der kleineren Momente und der über die ge-
samte Länge durchgeführten Steifigkeiten ist die Biegelinie stetig, ohne Knicke
und mit kleineren Maximalwerten versehen.

Beispiel 2
Im zweiten Beispiel soll gezeigt werden, wie man die Momentenlinie und damit
das Tragverhalten eines Rahmentragwerks mit geeigneter Wahl der Steifigkei-
ten und Verbindungen zwischen den Stäben gezielt beeinflussen kann. Hiermit
gelingt es, Tragreserven zu aktivieren und den Kraftfluss unabhängig von der
Stabanordnung des Tragwerks zu optimieren.

Das im Bild dargestellte Rahmentragwerk ist statisch bestimmt. Die Momen-


tenlinie infolge Wind von links weist große Ordinaten in Feldmitte m der Stütze
a−b und in der Rahmenecke c auf. Der Lastabtrag ist hier besonders ungünstig,
da eine Hälfte der Windlast über den Riegel b − c und die Stütze c − d in das
rechte Lager geleitet wird und die Querkraft in d einen großen Wert annimmt:
Qd = 0, 5 qh.

0,50
c
q b

h m 0,125 2
M/qh

a d
EI
l = 1,6 h

Bild 13-2 Statisch bestimmtes Rahmentragwerk


184 13 Eigenschaften statisch unbestimmter Systeme

Das System ist einfach statisch unbestimmt, wenn das Gelenk in der Rahmen-
ecke b geschlossen ist. Mit diesem System wird ein erheblich kleinerer Teil der
Windlast in das rechte Lager geleitet: Qd = 0, 39 qh. Die Folge ist eine stark
veränderte Momentenlinie, bei der das Eckmoment Mc erheblich kleiner ist als
im ersten Fall und das Feldmoment Mm nur geringfügig größer. Außerdem ist
das System robuster, da eine Schwächung eines Querschnitts nicht zwangsläufig
zum Einsturz des gesamten Systems führt.

0,11 0,39
q

h 0,18 2
M/qh

EI
l = 1,6 h

Bild 13-3 Einfach statisch unbestimmtes Rahmentragwerk

Im dritten System ist die Biegesteifigkeit der linken Stütze verdoppelt und das
Gelenk in Lager a geschlossen. Das Trag– und Verformungsverhalten ist jetzt
völlig verändert, da ein großer Teil der Windlast über die Stütze in das linke
Lager geleitet wird. Die horizontale Lagerkraft in a beträgt jetzt Qa = 0, 72 qh,
in der Rahmenecke c halbiert sich das Eckmoment Mc gegenüber dem statisch
bestimmten System und das Feldmoment Mm verschwindet fast vollständig.

0,28
q EI

h 2EI EI 2
M/qh

0,22

l = 1,6 h

Bild 13-4 Versteiftes statisch unbestimmtes Rahmentragwerk

Die Momentenlinie deutet an, dass eine weitere Optimierung der Biegesteifig-
keiten sinnvoll ist, da der Riegel und die rechte Stütze im Verhältnis zur linken
Stütze kleinere Biegesteifigkeiten aber größere Momente aufweisen.
13.2 Berechnungsansätze für statisch unbestimmte Systeme 185

Anmerkungen
Ein Tragwerk sollte in der Regel so entworfen werden, dass die Lasten auf
kürzestem Weg und, wenn möglich, redundant in die Lager geleitet werden
können. Beide Beispiele verdeutlichen die Möglichkeiten und Vorteile statisch
unbestimmter Systeme, sodass dies der Regelfall des Tragwerkentwurfs sein
sollte. Je unbestimmter ein System ist, desto mehr Gestaltungsraum für den
Kraftfluss und die Sicherheitskonzepte sind vorhanden.
Bei statisch unbestimmten Systemen sind die Schnittgrößen von den Steifig-
keitsverhältnissen im Tragwerk abhängig. Dort, wo große Steifigkeiten angeord-
net sind, werden die Einwirkungen in die Lager geleitet: Steifigkeiten ziehen

Schnittgrößen an“. Wesentlich ist, dass der Werkstoff bei statisch unbestimmten
Systemen im Mittel besser ausgenutzt ist und die Tragwerke robuster sind. Für
die Berechnung der Schnittgrößen in statisch unbestimmten Systemen bedeutet
dies, dass der Kraftfluss im System von den Gleichgewichts- und Verformungs-
bedingungen sowie von den Werkstoffgleichungen bestimmt wird. Damit sind
spezielle Berechnungsverfahren erforderlich, die alle Bedingungsgleichungen mit
wenig Aufwand lösen können.

13.2 Berechnungsansätze für statisch unbestimmte Systeme


Das Verständnis für das Tragverhalten und die Berechnungsverfahren von sta-
tisch bestimmten Systemen ist Grundlage für die Analyse statisch unbestimm-
ter Systeme. Für die Berechnung der Schnittgrößen und Weggrößen von statisch
unbestimmten Systemen sind jedoch Erweiterungen in den Vorgehensweisen er-
forderlich, da die bisherige Trennung in die Berechnung der Schnittgrößen und
die nachfolgende Berechnung der Weggrößen nicht mehr eingehalten werden
kann. Warum nicht?

Generell müssen alle Tragwerke die Gleichgewichtsbedingungen (Statik), die


Verformungsgeometrie (Kinematik) und die Werkstoffgleichungen erfüllen, wo-
bei hier die geometrisch lineare Theorie I. Ordnung sowie das lineare Werk-
stoffverhalten nach Hooke angesetzt sind.

Bei statisch bestimmten Systemen kann man mit dem Schnittprinzip die Schnitt-
größen allein aus Gleichgewichtsbedingungen ermitteln. Die Berechnung der
Weggrößen und der Biegelinie ist hiervon entkoppelt und kann in einem zwei-
ten Schritt mit der Verformungsgeometrie und den Werkstoffgleichungen mit
einer Nachlaufrechnung erfolgen.

Bei n-fach statisch unbestimmten System sind mehr unbekannte Schnitt- und
186 13 Eigenschaften statisch unbestimmter Systeme

Lagergrößen zu bestimmen als Gleichgewichtsbedingungen vorhanden sind,

n = a + z − 3p.

Die n zusätzlich erforderlichen Gleichungen können als Verformungsbedingun-


gen formuliert werden, sodass die Bilanz (Anzahl der Unbekannten = Anzahl
der Gleichungen) wieder erfüllt ist. Das gleichzeitige Erfüllen der Gleichge-
wichtsbedingungen und der Verformungsbedingungen erfordert besondere Vor-
gehensweisen, wenn der Berechnungsaufwand klein bleiben soll. In der Bausta-
tik sind daher zur Berechnung statisch unbestimmter Systeme

• das Kraftgrößenverfahren und


• das Weggrößenverfahren

entwickelt worden. Nachfolgend sind die Grundideen beider Berechnungsver-


fahren an einem einführenden Beispiel erläutert.

13.2.1 Einführungsbeispiel
Gegeben ist das folgende einfach statisch unbestimmte System mit konstantem
EI und einer Einzellast im rechten Feld.
P
a b c
m

l l

Momentenlinien, die die Gleichgewichtsbedingungen erfüllen, gibt es unendlich


viele, da eine Schnitt- oder Lagergröße unbestimmt ist und damit frei gewählt
werden kann. Im Bild unten ist jeweils die mittlere Lagerkraft vorgegeben, so-
dass man mit Σ Ma = 0 die anderen Lagerkräfte und damit die Momentenlinie
berechnen kann. Zu jeder Momentenlinie gehört eine Biegelinie, die jedoch nicht
die Verformungsbedingungen erfüllt.

M
G1
0 P/2 P/2

M
G2
1/8 P 3/4 P 3/8 P
13.2 Berechnungsansätze für statisch unbestimmte Systeme 187

Biegelinien, die die Stetigkeitsbedingungen und die Randbedingungen erfüllen,


gibt es ebenfalls unendlich viele. Zu den im Bild willkürlich gewählten Biege-
linien gehört jeweils eine Momentenlinie, die jeweils nicht die Gleichgewichts-
bedingungen erfüllt.

w
V1

w
V2

Im linearen Fall gibt es jedoch nur eine einzige Momentenlinie und die dazu
gehörige Biegelinie, die die Gleichgewichts- und die Verformungsbedingungen
gleichzeitig erfüllen. Dies ist bei Annahme einer Theorie I. Ordnung und li-
nearem Materialverhalten der einzig richtige Zustand des Tragwerks unter den
gegebenen Bedingungen. Die Aufgabe ist nun, die richtige Momentenlinie und
die dazu gehörende Biegelinie zu finden.

Das wirkliche Tragverhalten kann man einschranken, wenn man das System
künstlich verändert. Ordnet man über dem Lager b ein Momentengelenk an,
erhält man eine untere Grenze für das Stützmoment, da die Balken keine Ein-
spannwirkung erfahren (System A). Hält man den Balken am Lager b gegen
Verdrehen fest (System B), so erhält man eine obere Grenze für das Stützmo-
ment, da die Balken voll eingespannt sind. Beide Systeme liefern Grenzwerte
für die Momentenlinie. Für die Korrektur des künstlich verfälschten Systems
gibt es die beiden nachfolgenden Lösungswege.

13.2.2 Lösungsweg mit unbekannten Kraftgrößen – System A


Wenn am Lager b ein Gelenk angeordnet wird, ist das System statisch bestimmt.
Das unbekannte Stützmoment Mb ist zunächst null gesetzt. Die Momentenlinie
M (P ) kann wie bisher an einem statisch bestimmten System berechnet werden
und erfüllt damit die Gleichgewichtsbedingungen von vornherein.

M(P)

P l/4

Die Biegelinie w(P ) erfüllt jedoch nicht die Verformungsbedingungen des wirk-
188 13 Eigenschaften statisch unbestimmter Systeme

lichen Systems, da sie in b einen Knick aufweist.


P
Djb (P)
w(P)

wm

In Knoten b ist die Verformungsbedingung des wirklichen Systems verletzt, da


ein Knick in der Biegelinie auftritt, der am wirklichen System nicht vorhanden
ist. Den Knick kann man beseitigen, wenn man in dem künstlichen“ Gelenk

ein Doppelmoment M vorgibt, das die Größe des wirklichen Momentes Mb hat
und den Knickwinkel korrigiert, siehe nachfolgendes Bild.
Mb
Djb (M)
w(Mb)

M(Mb)
Mb

Die Größe des Doppelmomentes ist zunächst noch unbekannt. Sie wird aus der
Verformungsbedingung an der Stelle des künstlichen“ Gelenkes berechnet:

∆ϕ(P ) + ∆ϕ(Mb ) = 0.
Die Berechnung der Verdrehungen ∆ϕ kann mit dem PvK erfolgen. Hierbei
werden auch die Werkstoffgleichungen verwendet. Beide Teilbiegelinien erfüllen
die Verformungsbedingung für ∆ϕb nicht. Die Gesamtbiegelinie erfüllt jedoch
alle Verformungsbedingungen.
w = w(P ) + w(Mb ).
Die Gesamtmomentenlinie folgt aus der Überlagerung der Teilmomentenlinien:
M = M (P ) + M (Mb ).
Die Gesamtmomentenlinie ist im Gleichgewicht, wenn beide Teilmomentenlini-
en im Gleichgewicht sind. Dies ist eine Vorbedingung, ohne die dieses Konzept
nicht anwendbar ist.

Die Verallgemeinerung dieses Vorgehens führt auf das Kraftgrößenverfahren.


Unbekannt sind die Kraftgrößen an den Orten der künstlich“ gelösten Bin-

dungen.
13.2 Berechnungsansätze für statisch unbestimmte Systeme 189

13.2.3 Lösungsweg mit unbekannten Weggrößen – System B


Wenn am Lager b eine feste Einspannung angeordnet wird, wird der linke Bie-
gestab vollständig gegen die Verformungen des rechten Stabes unter Einzellast
abgeschottet. w(P ) erfüllt jetzt die Verformungsbedingungen des wirklichen
Systems, da keine Knicke und keine Sprünge vorhanden sind.
Die Momentenlinie M (P ) verletzt jedoch am Lager b die Gleichgewichtsbedin-
gungen, da hier ein Sprung ∆Mb vorhanden ist. Am wirklichen System ist die
Momentenlinie jedoch stetig, wenn kein Einzelmoment vorhanden ist. Hier ent-
steht der Sprung durch die künstliche Festhaltung des Systems am Knoten b.
___.
7 __
Pl ³
768 EI
w(P)

DM b= 3/16 Pl

M(P)

5/32 Pl

Am wirklichen System verdreht sich der Balken in b jedoch um ϕb , sodass die


Knotenverdrehung nachträglich auf das zunächst festgehaltene System gebracht
werden muss. Die aus der Knotendrehung ϕb folgende Biegelinie erfüllt eben-
falls die Verformungsbedingungen, die Momentenlinie jedoch nicht die Gleich-
gewichtsbedingungen.
jb
w(jb)

DMb
M(jb)

Die Gesamtmomentenlinie muss jedoch im Gleichgewicht sein. Überlagert man


die M -Linie aus Last und die M -Linie aus Verdrehung ϕb so, dass der Sprung
gerade verschwindet, so kann man die Größe der noch unbekannten Verdrehung
mit der Gleichgewichtsbedingung
∆M (P ) + ∆M (ϕb ) = 0
berechnen. Auch die Werkstoffgleichung ist berücksichtigt, da die Momenten-
linie aus Verdrehung ϕb von den Steifigkeiten abhängt. Die Gesamtmomenten-
190 13 Eigenschaften statisch unbestimmter Systeme

linie folgt aus Überlagerung beider Teilmomentenlinien.

M = M (P ) + M (ϕb ).
Beide Teilmomentenlinien sind nicht im Gleichgewicht. Der Fehler wird durch
die zusätzliche Gleichgewichtsbedingung am Knoten behoben, sodass die Ge-
samtmomentenlinie im Gleichgewicht ist.
Die Gesamtbiegelinie folgt aus der Superposition beider Teilbiegelinien

w = w(P ) + w(ϕb ).
Beide Teilbiegelinien erfüllen von vornherein alle Verformungsbedingungen, da-
mit erfüllt auch die Gesamtbiegelinie die Verformungsbedingungen.

Die Verallgemeinerung des Vorgehens führt auf das Weggrößenverfahren. Un-


bekannt sind die Weggrößen an den Orten der künstlichen“ Festhaltungen.

13.3 Dualität von Kraft- und Weggrößenverfahren


Die Gleichgewichtsbedingungen und die Verformungsgeometrie beschreiben un-
terschiedliche physikalische Zusammenhänge und sind daher unabhängig von-
einander und mit Kraft– bzw. Weggrößen getrennt formuliert, siehe Abschnitt
3.4. Dennoch müssen alle statischen Systeme beide Bedingungen gleichzei-
tig erfüllen, was mithilfe der Werkstoffgleichungen für die jeweils zugeordne-
ten Kraft– und Weggrößen gelingt. Die in den Abschnitten 13.2.2 und13.2.3
entwickelten Vorgehensweisen zur Berechnung statisch unbestimmter Systeme
greifen diese Dualität der Grundgleichungen und der Zustandsvariablen auf,
um den Spannungs– und Verformungszustand statisch unbestimmter Systeme
zu bestimmen.

Die Dualität von Grundgleichungen und Zustandsvariablen wird in verschiede-


ner Hinsicht deutlich. So wie die Gleichgewichtsbedingungen der Statik und die
Verformungsbedingungen der Kinematik völlig unabhängig voneinander und
gleichwertig formuliert sind, stehen auch die Arbeitsprinzipien des PvV und
des PvK gleichwertig nebeneinander, da das PvV den Gleichgewichtsbedingun-
gen und das PvK den Verformungsbedingungen äquivalent ist. Setzt man die
Werkstoffgleichungen in das PvV bzw. in das PvK ein, kann man die unbekann-
ten Wege mit dem PvK bzw. die unbekannten Kräfte mit dem PvV berechnen.

Aus der Dualität von Kraft- und Weggrößen lassen sich die beiden Lösungswege
für statisch bzw. kinematisch unbestimmte Systeme entwickeln und interpre-
tieren.
13.3 Dualität von Kraft- und Weggrößenverfahren 191

Das Kraftgrößenverfahren entsprechend System A arbeitet mit unbekannten


Kraftgrößen, dem Stützmoment Mb im einführenden Beispiel, und setzt statisch
zulässige Momentenlinien bzw. Spannungszustände voraus. Die Verformungs-
bedingungen werden zur Berechnung der unbekannten Kraftgrößen eingesetzt
und müssen zusätzlich zu den Gleichgewichtsbedingungen erfüllt werden, damit
der Knick ∆ϕ in System A verschwindet.
Das Weggrößenverfahren entsprechend System B arbeitet mit unbekannten
Weggrößen, der Knotenverdrehung ϕb im einführenden Beispiel, und setzt ki-
nematisch zulässige Verformungszustände voraus. Die Gleichgewichtsbedingun-
gen werden zur Berechnung der unbekannten Weggrößen eingestzt und müssen
zusätzlich zu den Verformungsbedingungen erfüllt sein, damit der Momenten-
sprung ∆M in System B verschwindet.

Beide Vorgehensweisen führen auf den gleichen Spannungs- und Verformungs-


zustand, der alle Grundgleichungen erfüllt, siehe Bild 13-5. Im linearen Fall ist
dieser Gesamtzustand eindeutig.

P
0,094 Pl

M
+
0,094 P 0,688 P 0,406 P
0,203 Pl

WP.

Bild 13-5 Momentenlinie und Biegelinie des Zweifeldträgers


192 14 Das Kraftgrößenverfahren

14 Das Kraftgrößenverfahren

Die Zustandslinien von statisch unbestimmten Systemen können nicht allein


mit den (bei ebenen Systemen) drei Gleichgewichtsbedingungen berechnet wer-
den. Es werden zusätzliche Gleichungen benötigt, um die Gesamtbilanz

Zahl der unbekannten Lagergrößen und Schnittgrößen bei einfach zusam-


menhängenden Scheiben

= Zahl der zur Verfügung stehenden Gleichungen

zu befriedigen. Die zusätzlich erforderlichen Gleichungen sind beim Kraftgrößen-


verfahren die Verformungsbedingungen.

Beispiel
P P a = 5, z = 0, p=1
n= 5+0−3·1 =2

Das System ist 2-fach statisch unbestimmt. Damit müssen zusätzlich zu den
3 Gleichgewichtsbedingungen 2 Verformungsbedingungen formuliert werden.
Hieraus ergeben sich folgende Fragen:

Wie werden die Gleichgewichtsbedingungen eingesetzt?


Wie und wo werden die Verformungsbedingungen formuliert?

Die Gleichgewichtsbedingungen werden eingesetzt, um statisch zulässige Zu-


standslinien (M, N, Q) zu berechnen. Die Zustandslinien können

• am statisch unbestimmten System nach Vorgabe von n Lager- oder Schnitt-


größen ermittelt werden oder

• nach Lösen von n Lager- oder Schnittgrößenbindungen an einem (unver-


schieblichen) statisch bestimmten System.

In beiden Fällen werden n Verformungsbedingungen verletzt und müssen in


einem zweiten Schritt nachträglich korrigiert werden. Hier wird der zweite Weg
gewählt, da er anschaulicher ist.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_14
14.1 Rückführung auf statisch bestimmte Hauptsysteme 193

14.1 Rückführung auf statisch bestimmte Hauptsysteme

Mit den Gleichgewichtsbedingungen allein können Zustandslinien (M, N, Q)


berechnet werden, wenn das System statisch bestimmt ist. Werden an einem
statisch unbestimmten System zunächst genau so viele Bindungen gelöst, wie
der Grad der statischen Unbestimmtheit beträgt, dann liegt ein statisch be-
stimmtes System vor. Dieses System wird als

statisch bestimmtes Hauptsystem (HS)

bezeichnet. Das statisch bestimmte Hauptsystem ist das Ausgangssystem für


die Berechnung der Zustandsgrößen mit dem Kraftgrößenverfahren. Statisch
bestimmte Hauptsysteme gibt es für jedes n-fach statisch unbestimmte System
n · ∞-viele, da man die Bindungen an jeder beliebigen Stelle des Tragwerks
lösen kann. Beim Kraftgrößenverfahren besteht Wahlfreiheit für das statisch
bestimmte Hauptsystem. Bei geschickter Ausnutzung dieser Möglichkeit kann
man Rechenumfang und Rechengenauigkeit günstig beeinflussen.

Mit ein wenig Erfahrung kann man besonders geeignete Hauptsysteme schnell
identifizieren und genau die Bindungen lösen, bei denen die nachfolgende Be-
rechnung möglichst effizient ist und die Fehlermöglichkeiten klein sind. Bei der
Wahl des statisch bestimmten Hauptsystem ist Folgendes zu beachten:
1. Beim Lösen von n Bindungen werden n unbekannte Schnittgrößen freige-
schnitten. Die unbekannten Schnittgrößen werden zunächst zu null gesetzt.
2. Alle Stäbe des statisch unbestimmten Systems müssen im statisch bestimm-
ten Hauptsystem enthalten sein.
3. Das statisch bestimmte Hauptsystem darf nicht verschieblich sein.
4. Die Momentenlinien sollten am Hauptsystem möglichst schnell und einfach
ermittelt werden können. Dies erreicht man, wenn man möglichst nur Momen-
tenbindungen löst, da mit Momentengelenken unterschiedliche Bereiche des
Tragwerks voneinander entkoppelt werden können.
Außerdem sind bei der Überlagerung des Last- und der Einheitsspannungs-
zustände zur Gesamtmomentenlinie die Momentenordinaten an den Stellen der
unbekannten Momente direkt gegeben.
Besonders vorteilhaft sind hierbei Momentenbindungen in Rahmenecken oder
über einem Lager, da mit den unbekannten Momentenordinaten gleichzeitig ein
Teil der Schlusslinie festliegt.

Der Durchlaufträger im Bild ist 2-fach unbestimmt. Das unbestimmte System


wird durch gezieltes Entfernen von jeweils 2 Bindungen auf unterschiedliche sta-
194 14 Das Kraftgrößenverfahren

tisch bestimmte Hauptsysteme zurückgeführt. Als unbekannte Schnittgrößen


sind Momente M und Lagerkräfte F gewählt.

P P

a b c
HS infolge gelöste Bindung

   
w0 Ma ϕa
=0 =0
ja Fb wb
wb

   
w0 Fb wb
=0 =0
wb
wc
Fc wc

Djb
   
w0 Ma ϕa
ja =0 =0
Mb ∆ϕb

Aufgrund der oben beschriebenen Vorteile ist das Hauptsystem am besten


geeignet, bei dem zwei Momentenbindungen gelöst sind. Daher werden die
Lösungsschritte des Kraftgrößenverfahrens am unteren Hauptsystem 3 erläutert.

14.2 Die Gleichgewichtsbedingungen


Die zunächst zu null gesetzten Lager- und Schnittgrößen sind die Unbekannten
des Kraftgrößenverfahrens. Sie müssen nachträglich auf die im wirklichen Sy-
stem vorhandenen Werte korrigiert werden. Hierzu ist der Einfluss der Last und
der unbekannten Schnittgrößen auf den Spannungs- und Verformungszustand
zu berücksichtigen. Dies erfolgt mit Last- und Einheitsspannungszuständen.

Der Lastspannungszustand – LSZ


Der Lastspannungszustand ist der Gleichgewichtszustand am HS unter der Wir-
kung der äußeren Belastung. Der Lastspannungszustand ist mit dem unteren
Index 0 gekennzeichnet. Hierzu gehören die Momentenlinie M0 und die Bie-
gelinie w0 . Der Lastspannungszustand erfüllt die Gleichgewichtsbedingungen,
14.2 Die Gleichgewichtsbedingungen 195

aber nicht die Verformungsbedingungen. Für das Hauptsystem 3 ist der LSZ
nachfolgend angegeben.
P P
M0

w0
ja0 Djb0

Die Einheitsspannungszustände – ESZj


Die Einheitsspannungszustände sind Gleichgewichtszustände am Hauptsystem
infolge der zu 1“ gesetzten Schnittgröße am Ort der jeweils gelösten Bindung.

Hierzu gehören die Momentenlinie Mj und die Biegelinie wj . Alle Einheits-
spannungszustände erfüllen die Gleichgewichtsbedingungen, jedoch nicht die
Verformungsbedingungen. Für das Hauptsystem 3 sind die Einheitsspannungs-
zustände nachfolgend gegeben.

1
M1
1

w1
ja1 Djb1

1
M2

Djb2
w2
ja2

Die Einheitsspannungszustände entstehen stets aus Doppelwirkungen 1“ an



beiden Schnittufern, bei Lagergrößen im Schnitt zwischen Konstruktion und
Fundament. Wenn die noch unbekannten Schnittgrößen am wirklichen System
den Wert Xj haben, ist der gesamte Einheitsspannungszustand aus der jewei-
ligen Schnittgröße 1“ mit dem Faktor Xj zu multiplizieren.

196 14 Das Kraftgrößenverfahren

14.3 Die Verformungsbedingungen


Am Hauptsystem sind die unbekannten Kraftgrößen zunächst zu null gesetzt,
wenn die entsprechenden Bindungen gelöst sind. Wenn die Last- und Einheits-
spannungszustände am Hauptsystem berechnet werden, erfüllen sie daher die
Verformungsbedingungen des wirklichen, statisch unbestimmten Systems nicht.
Die Verformungsbedingungen des wirklichen Systems werden nachträglich so
erfüllt, dass die Summe der Weggrößen aus Einwirkungen und aus allen Schnitt-
bzw. Lagergrößen in den gelösten Bindungen verschwindet.
ϕa (Ma ) + ϕa (Mb ) + ϕa (P ) = 0,
∆ϕb (Ma ) + ∆ϕb (Mb ) + ∆ϕb (P ) = 0.
Wenn Ma und Mb als Einheitsgrößen zu 1 mit noch unbekannten Multiplika-
toren Xj gesetzt sind, gilt auch
ϕa (Ma = 1) · X1 + ϕa (Mb = 1) · X2 + ϕa (P ) = 0,
∆ϕb (Ma = 1) · X1 + ∆ϕb (Mb = 1) · X2 + ∆ϕb (P ) = 0.
Dies sind die Bestimmungsgleichungen des Kraftgrößenverfahrens. In allgemei-
ner Form kann man die Verformungsbedingungen auch mit
δij · Xj + δi0 = 0
schreiben, wenn die δij die Weggrößen an der Stelle der gelösten Bindung i
infolge der unbekannten Schnittgrößen Xj sind und δi0 die Weggrößen aus
Einwirkungen. Der erste Index gibt den Ort, der zweite Index die Ursache an.

14.4 Die Berechnung der Weggrößen am Hauptsystem


Gegeben ist das System nach Abschnitt 14.2 mit konstanter Biegesteifigkeit
EI. Die Momentenlinien des Lastspannungszustandes M0 und der Einheits-
spannungszustände M1 , M2 sind bereits berechnet.
Die Berechnung der Weggrößen δj0 und δjk erfolgt mit dem PvK. Anstelle der
δ können auch die EIc -fachen Werte berechnet werden. Damit gilt
Z
Ic ∆T
1̄ · δ ′ = 1̄ · δ · EIc = {M̄ · M · + M̄ · EIc · αT · } dx
I h
−EIc · Σ F̄a · δa − EIc · Σ M̄a · ϕa .
Für die Berechnung der Weggrößen müssen die zu den Weggrößen konjugierten
virtuellen Kraftgrößen 1̄ auf das System gebracht und die virtuellen Momen-
tenlinien berechnet werden. Zu beachten ist, dass die virtuellen Spannungs-
zustände mit den Einheitsspannungszuständen identisch sind, und damit die
14.4 Die Berechnung der Weggrößen am Hauptsystem 197

Berechnung der virtuellen Momentenlinien nicht mehr explizit erfolgen muss.

1
M1

1
M2

Wenn die Last- und Einheitsspannungszustände sowie die virtuellen Momen-


tenlinien bekannt sind, kann der Arbeitssatz ausgewertet werden. Im hier vor-
liegenden Beispiel sind nur die Integrale mit den Momentenlinien M und M̄
auszuwerten. Damit folgt für die Weggrößen aus Lastspannungszustand
Z
′ Ic 1 Pℓ
1̄ · δ10 = M̄1 · M0 · dx = · 1̄ · ·1·ℓ
I 4 4
Z
′ Ic 1 Pℓ
1̄ · δ20 = M̄2 · M0 · dx = 2 ( · 1̄ · ·1·ℓ )
I 4 4
und für die Weggrößen aus Einheitsspannungszuständen
Z
′ Ic 1
1̄ · δ11 = M̄1 · M1 · dx = · 1̄ · 1 · 1 · ℓ
I 3
Z
′ Ic 1
1̄ · δ12 = M̄1 · M2 · dx = · 1̄ · 1 · 1 · ℓ
I 6
Z
′ Ic 1
1̄ · δ21 = M̄2 · M1 · dx = · 1̄ · 1 · 1 · ℓ
I 6
Z
′ Ic 1
1̄ · δ22 = M̄2 · M2 · dx = 2 · ( · 1̄ · 1 · 1 · ℓ )
I 3
In der üblichen verkürzten Darstellung der Berechnung der Weggrößen ver-
zichtet man auf die virtuelle Einheitskraft 1̄ und die Kennzeichnung (¯) der
virtuellen Momentenlinien und formuliert die Verformungsbedingungen direkt
mit EIc –fachen Werten
′ ′ ′
δ11 X1 + δ12 X2 + δ10 = 0,
′ ′ ′
δ21 X1 + δ22 X2 + δ20 = 0.
Anschließend werden die unbekannten Faktoren Xj der Einheitsspannungs-
zustände berechnet.
198 14 Das Kraftgrößenverfahren

14.5 Zustandslinien des statisch unbestimmten Systems


Nach Lösung der Verformungsbedingungen sind die zunächst unbekannten Fak-
toren Xj bekannt, sodass die Berechnung der Momentenlinie des unbestimm-
ten Systems erfolgen kann. Die Überlagerung der Teilmomentenlinien aus dem
Lastspannungszustand und den Einheitsspannungszuständen zur Gesamtmo-
mentenlinie erfolgt mit den berechneten Unbekannten Xj zu

M = M 0 + X1 · M 1 + X2 · M 2 .

Die anderen Zustandslinien Q, N des wirklichen Systems können in einem zwei-


ten Schritt aus der Momentenlinie berechnet werden. Wenn alle Mj und M0 das
Gleichgewicht erfüllen, erfüllen M und damit auch die anderen Zustandslinien
die Gleichgewichtsbedingungen. Mit Hilfe der Zustandslinien können bei Be-
darf die Lagerkräfte Fa , Fb , Fc sowie das Einspannmoment berechnet werden.

Die Berechnung der Biegelinie w erfolgt völlig analog zu statisch bestimmten


Systemen. Zunächst wird der Sehnenpolygon wS mit Hilfe von Einzelweggrößen
ermittelt und anschließend die Anteile aus Verkrümmung infolge M und ∆ T
mit Hilfe der ω-Tafeln superponiert. Es gilt

w = wS + w(M ) + w(∆ T ).

Alternativ kann man die Biegelinie mit den Last- und Einheitsspannungs-
zuständen ermitteln.

w = w0 + X1 · w1 + X2 · w2 .

Dieser Weg ist in der Regel aufwändiger, bietet aber die Möglichkeit, die Mo-
mentenlinie mit den Verkrümmungen unabhängig, aber nur qualitativ zu kon-
trollieren.
Ma

M
Fa Fb Fc

P P

Der Gesamtzustand M, w erfüllt als wirklicher Zustand alle Gleichgewichts-


und Verformungsbedingungen.
14.6 Anwendungsbeispiele für das Kraftgrößenverfahren 199

14.6 Anwendungsbeispiele für das Kraftgrößenverfahren

Die Berechnung der Zustandslinien von statisch unbestimmten Systemen er-


folgt mit dem Kraftgrößenverfahren mit folgenden Schritten:
1. Übersetzen des wirklichen Tragwerks in ein statisches System (hier statisch
unbestimmt) mit Wahl der Systemabmessungen, Stabanordnung, Randbedin-
gungen und Gelenke. Vorgabe der Steifigkeiten und Einwirkungen.
2. Ermittlung des Grades n der statischen Unbestimmtheit. Wahl des statisch
bestimmten Hauptsystems durch Lösen von n Bindungen.
3. Berechnung des Lastspannungszustandes LSZ. Hierbei sind alle freigeschnit-
tenen Lager- und Schnittgrößen zu null gesetzt. Der LSZ ist im Gleichgewicht.
4. Berechnung der Einheitsspannungszustände ESZ. Hierbei wird jeweils eine
Schnittgröße zu 1 und alle anderen unbekannten Schnittgrößen zu null gesetzt.
Die ESZ sind im Gleichgewicht.
5. Berechnung der Weggrößen δij und δi0 mit dem PvK. Ursache der Weggrößen
am Ort i der gelösten Bindungen sind der LSZ sowie die ESZ j.
6. Formulierung der Verformungsbedingungen am Ort i

n
X
δij · Xj + δi0 = 0 , i = 1, ...n
j=1

und Lösen des Gleichungssystems für die unbekannten Faktoren Xj der ESZ.
7. Überlagerung der Last- und der Einheitsspannungszustände zur Momenten-
linie.
n
X
M = M0 + Xj · M j .
j=1

Berechnung der Querkräfte Q und der Normalkräfte N aus der Momentenlinie.


8. Berechnung von Einzelweggrößen des unbestimmten Systems und Berech-
nung der Biegelinie w mit Hilfe der Momentenlinie M .

w = wS + w(∆ T ) + w(M ).

9. Gleichgewichts- und Verformungskontrollen.


Nachfolgend sind zunächst die Punkte 1 bis 7 für Durchlaufträger und Rah-
mentragwerke detailliert aufgeführt.
200 14 Das Kraftgrößenverfahren

14.6.1 Durchlaufträger
1. System
Der statisch unbestimmte Durchlaufträger ist mit einer Einzellast P = 10 kN
und einer Lagerverdrehung ϕa = 0, 002 rad belastet. Gesucht sind die Momen-
tenlinie und die Biegelinie.
ja
P
a b c d

4,5 1,5 3 3

Die Steifigkeitsverhältnisse sind im linken Stab a − b Ic /I1 = 1 und im rechten


Stab b − d Ic /I2 = 1, 5. Die Biegesteifigkeit beträgt EIc = 1, 5 · 104 kN m2 .

2. Hauptsystem
Das System ist 1-fach statisch unbestimmt. Es wird die Momenten-Bindung
in c gelöst, da dies eine übersichtliche Bestimmung der Spannungszustände
und der Weggrößen δi0 ermöglicht. Die Lösung der Momentenbindung in a
ist ebenfalls möglich. Aufgrund der Lagerdrehung ϕa ist die Auswertung der
Arbeitsgleichung für die Berechnung der Weggrößen dann aber schwierig zu
interpretieren.

3. Lastspannungszustand LSZ
Der Lastspannungszustand bewirkt am Hauptsystem eine Momentenlinie, die
von der Einzellast bestimmt ist. Die Lagerverdrehung ϕa hat am statisch be-
timmten Hauptsystem keinen Einfluss auf die Momentenlinie.

M0
15
ja
w0
d10

Die Biegelinie w0 enthält damit den Anteil entsprechend der Momentenlinie M0


sowie den Anteil aus Lagerdrehung ϕa , der die Verdrehung der Stäbe a − b und
14.6 Anwendungsbeispiele für das Kraftgrößenverfahren 201

b − c bewirkt. Infolge der Einwirkungen entsteht am Hauptsysem ein Knick-


winkel δ10 , der mit dem Einheitsspannungszustand korrigiert werden muss.

4. Einheitsspannungszustand ESZ
Der Einheitsspannungszustand ist mit dem Doppelmoment 1“ an der Stelle

c sowie den Momentennullpunkten in den Gelenken festgelegt. Die Biegelinie
ist mit den Verkrümmungen entsprechend M1 bestimmt. Infolge des Einheits-

3
1
M1

w1
d11

spannungszustandes entsteht der Knickwinkel δ11 , der den Knickwinkel δ10


kompensieren muss.

5. Weggrößen aus Last- und Einheitsspannungszuständen



Die Berechnung der δj0 Werte erfolgt mit dem PvK. Hier gilt
Z
Ic
1̄ · δ ′ = {M̄ · M · } dx − EIc · Σ M̄a · ϕa .
I
Die beim PvK anzusetzenden virtuellen Spannungszustände aus Einheitskräften
bzw. Einheitsmomenten sind beim Kraftgrößenverfahren identisch den Ein-
heitsspannungszuständen, da die Weggrößen jeweils an den Stellen der gelösten
Bindungen berechnet werden müssen. Mit M̄ = Mj gilt:
Z
′ Ic
δ10 = M1 · M0 · dx − EIc · Σ M1a · ϕa
I
1
= · 1, 0 · 15 · 1, 5 · 6 − 1, 5 · 104 · 3, 0 · ( −0, 002 ) = +123, 75
4

Die Berechnung des δ11 Wertes erfolgt ebenfalls mit dem PvK.
Z
′ Ic
δ11 = M1 · M1 · dx =
I
1 1 1
· 3 · 3 · 1 · 4, 5 + · 1 · 1 · 1, 5 · 1, 5 + · 1 · 1 · 1, 5 · 6, 0 = 17, 25
3 3 3
202 14 Das Kraftgrößenverfahren

6. Verformungsbedingungen
Die Verformungsbedingung ist direkt mit EIc -fachen Werten formuliert
′ ′
δ11 X1 + δ10 = 0.

In Zahlen folgt das Gleichungssystem für die Berechnung von X1


    
17, 25 X1 = − 123, 75 .

Die Lösung der Gleichung liefert


   
X1 = − 7, 174 ,

womit gleichzeitig das Stützmoment Mc = 1 · X1 gegeben ist.

7. Momentenlinie des statisch unbestimmten Systems


Die Momentenlinie folgt aus der Überlagerung der Teilmomentenlinien.

M = M 0 + M 1 · X1 .

Mit der Momentenlinie kann auch die Querkraftlinie berechnet werden.


7,17
21,52
M
11,41

4,78 3,80
Q
+ 6,20

8. Biegelinie
Die Biegelinie enthält verschiedene Anteile. Dies sind die Teilbiegelinie w0 (ϕa )
aus der Lagerverdrehung ϕa , die am Hauptsystem keinen Einfluss auf die Mo-
mentenlinie hat, und die Teilbiegelinie w = w(M ) aus der Verkrümmung, die
mit den ω-Tabellen punktweise bestimmt werden kann.

w = w0 (ϕa ) + w(M )
j
a
wP
w
wM wjA
14.6 Anwendungsbeispiele für das Kraftgrößenverfahren 203

14.6.2 Durchlaufträger bei eingeprägter Weggröße


Sind Einzelweggrößen als Einwirkung vorgegeben – z. B. als Lagerverschiebung
oder als Knick an beliebiger Stelle im System, so bewirkt das im statisch un-
bestimmten System einen Spannungszustand und damit auch eine Biegelinie.
Nachfolgend ist der Lösungsweg für die Berechnung der Momentenlinie und der
Biegelinie infolge eines Knickes gezeigt.

1. System und Einwirkung


Das System ist zweifach statisch unbestimmt. Der Knick ∆ϕ = −1 wird an der
Stelle k am statisch unbestimmten System aufgebracht.

ℓ = 10 m, a k b c

EIc = 8.000 kN m2 (HEB 180),


Ic /Ij = 1, 0. 2/3 l 1/3 l l

2. Hauptsystem
Für das Hauptsystem werden die Momentenbindungen in a und b gelöst. Hier-
mit vereinfacht sich die Berechnung der Einheitsspannungszustände und die
Berechnung der Verformungsbedingungen.

3. Lastspannungszustand
Am statisch bestimmten Hauptsystem wird der Knick ∆ϕ = −1 wie eine einge-
prägte Weggröße behandelt. Die hieraus folgende Verformungsfigur ist geradli-
nig, da sich das System ohne weiteren kinematischen Zwang verformen kann.
Bei geradliniger Verformung ist die Momentenlinie M0 identisch null.
d10 d20
w0
Dj = 1

4. Einheitsspannungszustände
Die Einheitsspannungszustände M1 und M2 sind geradlinig und schnell be-
rechnet, da an jedem Stabende entweder der Wert 1 oder 0 gegeben ist. Da
das wirkliche Moment Mk des statisch unbestimmten Systems an der Stelle k
204 14 Das Kraftgrößenverfahren

Arbeit auf dem Knick leistet, müssen die entsprechenden Ordinaten der Ein-
heitsspannungszustände bekannt sein.

M1
1 1/3

M2
2/3 1

5. Berechnung der Weggrößen



Die δj0 -Werte können entweder sofort anschaulich aus w0 oder formal über die
Arbeitsgleichung berechnet werden. Hier leisten die Momentenordinaten der
Einheitsspannungszustände an der Stelle k Arbeit.
Z
Mj · M0 X
1 · δj0 = dx − Mj · ∆ϕ = −Mjk · ∆ϕk ,
EI
′ ′ 1 ′ 2
δj0 = δj0 · EIc , δ10 = · EIc , δ20 = · EIc .
3 3

Die δjk -Werte werden mit der Arbeitsgleichung berechnet.

′ 1 10
δ11 = · 1 · 1 · 1 · 10 =
3 3
′ 1 20
δ22 = 2 · ( · 1 · 1 · 1 · 10) =
3 3
′ 1 10
δ12 = · 1 · 1 · 1 · 10 =
6 6

6. Verformungsbedingungen
Die Verformungsbedingungen werden wie bisher aufgestellt. Es gilt allgemein
′ ′
δjk · Xk + δj0 = 0 und mit den Zahlenwerten
      
3, 333 1, 667 X1 0, 333 · EIc 0
+ = .
1, 667 6, 667 X2 0, 667 · EIc 0

Die Lösung des Gleichungssystems gibt

X1 = −0, 0572 EIc , X2 = −0, 0857 EIc .


14.6 Anwendungsbeispiele für das Kraftgrößenverfahren 205

7. Momentenlinie
Mit den berechneten Xj folgt die Momentenlinie infolge ∆ϕ = −1

0,0572 EI c 0,0857 EI c

M
P
M =0+ Xj · M j .
j 0,00285 EIc 0,00857 EIc
0,0114 EIc

Die Momentenlinie erfüllt alle Gleichgewichtsbedingungen.

8. Biegelinie
Die Gesamtbiegelinie ist die Superposition der Teilbiegelinien aus Sehnenpoly-
gon, Einzelweggrößen und Verkrümmungen. Dies ergibt im Einzelnen

w = wS + w0 (∆ϕ) + w(M ).

Hierbei steht wS für den Sehnenpolygon, der hier entfällt. w0 (∆ϕ) beschreibt
die Biegelinie am statisch bestimmten Hauptsystem infolge vorgegebener Ein-
zelweggröße ∆ϕ und w(M ) die Biegelinie am gelenkig gelagerten Balken“, die

mit Hilfe der ω-Tabellen bestimmt werden kann. w(M ) weist über dem Lager
b einen Knick auf, der nur mit w0 (∆ϕ) beseitigt werden kann.

w(M)

k w0(Dj)

Dj= 1

Dj= 1

Die Biegelinie erfüllt alle Verformungsbedingungen. Der Knick −1“ ist einge-

prägt.
206 14 Das Kraftgrößenverfahren

14.6.3 Rahmentragwerk
1. System und Belastung
Der statisch unbestimmte Rahmen ist mit einer Einzellast P und einer Strecken-
last q belastet. Die Biegesteifigkeiten sind konstant und betragen für alle Stäbe
EI = 20.000 kNm2 . Gesucht ist die Momentenlinie.

P
q = 0,5 kN/m
b c d ℓ = 5,0 m
h = 3,0 m
3m EI = 20.000 kNm2
P = 5,0 kN
q = 0,5 kN/m
a e

5m

2. Hauptsystem
Das System ist 2-fach statisch unbestimmt. Es werden die Momenten-Bindun-
gen in a und b gelöst, da hiermit verschiedene Vorteile verbunden sind. So sind
bei der Berechnung des Last- und der Einheitsspannungszustände die Momen-
tenlinien der Stäbe a − b und b − d voneinander entkoppelt, und die Momen-
tenordinaten in a und b jeweils direkt
gegeben. Hiermit ist gleichzeitig die
Schlusslinie für alle Spannungszustände
in diesem Bereich bekannt. Außerdem
werden mit den unbekannten Schnitt-
größen Xj in a und b die endgültigen
Momentenordinaten direkt berechnet.

3. Lastspannungszustand LSZ
Der Lastspannungszustand wird am Hauptsystem berechnet. Die Momenten-
linie im Stab a − b wird mit Hilfe der Schlusslinie a − b berechnet, sodass in
b eine Horizontalkraft q h/2 in den rechten Bereich geleitet wird und in Lager
e eine gleich große horizontale Reaktionskraft bewirkt. Mit der Momentenor-
dinate Md = h q h/2 ist bereits die gesamte Schlusslinie und damit auch die
Momentenlinie bestimmt. Die Biegelinie w0 weist in a und in b jeweils einen
Knickwinkel ∆ϕ0 auf, der am wirklichen System nicht gegeben ist, aber mit
den Einheitsspannungszuständen korrigiert werden kann.
14.6 Anwendungsbeispiele für das Kraftgrößenverfahren 207

6,25 Djb0
2,25

5,125
0,56
ja0 w0
M0

4. Einheitsspannungszustände ESZ
Die Einheitsspannungszustände sind mit den Einheitsmomenten im Schnitt a
und im Schnitt b zu berechnen. Die Momentenlinien sind im Stab a − b mit
den Stabendordinaten direkt gegeben. Im Stab d − e erhält man die Querkraft
Q = ±1/h mit einem Schnitt durch die Stäbe a − b und d − e, sodass die
Momentenlinie auch in d − e bestimmt ist.

Einheitsspannungszustand 1

Djb1
1

ja1 w1
M1
1

Die Biegelinie w1 weist in a und in b jeweils einen Knickwinkel ∆ϕ1 auf, der
am wirklichen System nicht gegeben ist.

Einheitsspannungszustand 2

Djb2

1 1

ja2
M2 w2
208 14 Das Kraftgrößenverfahren

Die Biegelinie w2 weist in a und in b jeweils einen Knickwinkel ∆ϕ2 auf, der
am wirklichen System nicht gegeben ist.

5. Weggrößen aus Last- und Einheitsspannungszuständen


Die Berechnung der Weggrößen erfolgt mit Hilfe des PvK. Die beim PvK anzu-
setzenden virtuellen Spannungszustände aus virtuellen Einheitsmomenten sind
beim Kraftgrößenverfahren identisch mit den Einheitsspannungszuständen, da
die Weggrößen jeweils an den Stellen der gelösten Bindungen berechnet werden
müssen. Im weiteren wird daher nicht mehr zwischen den virtuellen Spannungs-
zuständen und den Einheitsspannungszuständen unterschieden.

Mit M̄j = Mj gilt für die Weggrößen δj0 aus Belastung
Z
′ Ic 1
δ10 = M1 · M0 · dx = · 1 · 0, 56 · 1 · 3
I 3
1 1 1
+ · 1 · 2, 25 · 1 · 5 − · 1 · 6, 25 · 1 · 5 + · 1 · 2, 25 · 1 · 3 = −1, 24
3 4 3
Z
′ Ic 1
δ20 = M2 · M0 · dx = · 1 · 0, 56 · 1 · 3
I 3
1 1 1
− · 1 · 2, 25 · 1 · 5 + · 1 · 6, 25 · 1 · 5 − · 1 · 2, 25 · 1 · 3 = +8, 31
2 2 3

Die Berechnung der Weggrößen δjk erfolgt ebenfalls mit M̄j = Mj .
Z
′ Ic 1 1 11
δ11 = dx = 2 ( · 1 · 1 · 1 · 3 ) + · 1 · 1 · 1 · 5 =
M1 · M1 ·
I 3 3 3
Z
′ Ic 1 1 1
δ12 = M1 · M2 · dx = · 1 · 1 · 1 · 3 − · 1 · 1 · 1 · 5 − · 1 · 1 · 1 · 3 = −3
I 6 2 3
Z
′ Ic 1
δ22 = M2 · M2 · dx = 2 ( · 1 · 1 · 1 · 3 ) + 1 · 1 · 1 · 1 · 5 = 7
I 3
′ ′
δ21 = δ12

6. Verformungsbedingungen
Die Verformungsbedingungen sind direkt mit EIc -fachen Werten formuliert
′ ′ ′
δ11 X1 + δ12 X2 + δ10 = 0,
′ ′ ′
δ21 X1 + δ22 X2 + δ20 = 0.
14.6 Anwendungsbeispiele für das Kraftgrößenverfahren 209

In Zahlen folgt das Gleichungssystem für die Berechnung der unbekannten


Kraftgrößen zu
" #" # " #
3, 667 −3, 0 X1 1, 24
= .
−3, 0 7, 0 X2 −8, 31
Die Lösung des Gleichungssystems liefert die unbekannten Kraftgrößen
" # " #
X1 −0, 975
= ,
X2 −1, 605
die direkt die Momentenordinaten Ma bzw. Mb angeben.

7. Momentenlinie und Biegelinie


Die Momentenlinie folgt aus der Überlagerung der Teilmomentenlinien
M = M 0 + X1 · M 1 + X2 · M 2 .
Die Momentenlinie ist im Gleichgewicht, wenn die Teilmomentenlinien im Gleich-
gewicht sind.

1,60 2,88

4,16

M w

0,975

Die Biegelinie erfüllt alle Verformungsbedingungen. Die Bestimmung des Seh-


nenpolygons erfolgt mit den Horizontalverschiebungen der Punkte b und d.

8. Riegel mit doppelter Steifigkeit


Wenn der Riegel b − d mit Ic /IR = 0, 5 doppelt so steif ist, ändern sich die
Unbekannten
" # " #
X1 −0, 96
= ,
X2 −1, 11
sodass die Eckmomente Mb = −1, 11 und Md = −2, 40 kleiner und das Feld-
moment Mc = 4, 50 größer werden. Damit wird die geringere Einspannwirkung
des steiferen Riegels in die weicheren Stützen deutlich.
210 14 Das Kraftgrößenverfahren

14.6.4 Rahmentragwerk bei Erwärmung und Stützensenkung


1. System
Das statisch unbestimmte Rahmentragwerk ist mit Wind q sowie mit einer
Temperaturdifferenz ∆T und einer Stützensenkung δd belastet. Gesucht sind
die Momentenlinie und die Biegelinie.

EIc = 1, 5 · 104 kN m2
h = 0, 30 m DT
q
αT = 10−5 1/K
b c d
q = 0, 2 kN/m
4m
δd = 0, 05 m
∆T = 15 K a
Stab a − b : Ic /I1 = 1, 0
Stab b − c : Ic /I2 = 1, 5 4m 6m
Stab c − d : Ic /I3 = 1, 0

2. Hauptsystem
Das System ist 2-fach statisch unbe-
stimmt. Es werden die Momenten-Bin- Hauptsystem
dungen in b und c gelöst.

3. Lastspannungszustand LSZ
Der Lastspannungszustand enthält die Momentenlinie M0 infolge Wind q sowie
die Biegelinie w0 infolge Temperatur ∆T und Stützensenkung δd .

d10 d20
0,05
2
ql /8 = 0,4
M0 w0

Die Knickwinkel δ10 und δ20 können am wirklichen System nicht auftreten und
müssen daher mit Hilfe der Einheitsspannungszustände korrigiert werden.
14.6 Anwendungsbeispiele für das Kraftgrößenverfahren 211

4. Einheitsspannungszustände ESZ
Infolge des ersten Einheitsspannungszustandes mit Einheitsmoment in b treten
die Knickwinkel δ11 und δ21 auf. Der zweite Einheitsspannungszustand mit
Einheitsmoment in c bewirkt die Knickwinkel δ12 und δ22 .

d11 d21

1
M1 w1

1 d12 d22

0,167
M2 w2

Die vertikale Lagerkraft in d leistet Arbeit auf der Lagersetzung δd . Ihr Wert
kann mit der Querkraft im Stab c − d ermittelt werden.

5. Weggrößen aus Last- und Einheitsspannungszuständen


Die Berechnung der δ ′ Werte erfolgt mit Hilfe des PvK. Hier gilt
Z
Ic ∆T
1̄ · δ ′ = {M̄ · M · + M̄ · EIc · αT · } dx − EIc · Σ F̄d · δd .
I h
Die beim PvK anzusetzenden virtuellen Spannungszustände sind identisch mit

den Einheitsspannungszuständen. Mit M̄j = Mj gilt für die δj0 Werte:
Z
′ Ic ∆T
δ10 = ( M1 · M0 · + M1 · EIc · αT · ) dx − EIc · Vd1 · δd
I h
1 1 15
= · 1 · 0, 4 · 1 · 4 + · 1 · 1, 5 · 104 · 10−5 · · 4 = 15, 533
3 2 0, 3
Z
′ Ic ∆T
δ20 = ( M2 · M0 · + M2 · EIc · αT · ) dx − EIc · Vd2 · δd
I h
1 15
= · 1 · 1, 5 · 104 · 10−5 · · (4 + 6) − 1, 5 · 104 · 0, 167 · (−0, 05) = 162, 5
2 0, 3
212 14 Das Kraftgrößenverfahren


Die Berechnung der δjk -Werte erfolgt ebenfalls mit dem PvK.
Z
′ Ic 1 1
δ11 = M1 · M1 · dx = · 1 · 1 · 1 · 4 + · 1 · 1 · 1, 5 · 4 = 3, 333
I 3 3
Z
′ ′ Ic 1
δ12 = δ21 = M1 · M2 · dx = · 1 · 1 · 1, 5 · 4 = 1, 0
I 6
Z
′ I c 1 1
δ22 = M2 · M2 · dx = · 1 · 1 · 1, 5 · 4 + · 1 · 1 · 1 · 6 = 4, 0
I 3 3

6. Verformungsbedingungen
Die Verformungsbedingungen sind direkt mit EIc -fachen Werten formuliert
′ ′ ′
δ11 X1 + δ12 X2 + δ10 = 0,
′ ′ ′
δ21 X1 + δ22 X2 + δ10 = 0.
Das Gleichungssystem für die Berechnung der unbekannten Kraftgrößen Xj
und die Lösung des Gleichungssystems sind nachfolgend gegeben.
" #" # " # " # " #
3, 333 1, 0 X1 15, 533 X1 8, 15
= − → = .
1, 0 4, 0 X2 162, 5 X2 −42, 66

7. Momentenlinie und Biegelinie


Die Momentenlinie folgt aus Überlagerung der Teilmomentenlinien. Die unbe-
kannten Xi geben zugleich die Schlusslinie an.

dM dT dM dT
8,15 -42,66
0,05

4,47 M w

Die Biegelinie enthält verschiedene Anteile. Dies sind die Verkrümmungen aus
der Momentenlinie wM = w(M ) sowie die Verkrümmungen aus der Tempera-
turdifferenz wT = wo (∆T ) und die geradlinige Verschiebung wc = wo (δd ) aus
Lagerverschiebung am Hauptsystem.
w = w(M ) + w0 (δd ) + w0 (∆T )
14.7 Fehlerquellen und Rechenkontrollen 213

14.7 Fehlerquellen und Rechenkontrollen


Während und nach der Berechnung müssen Kontrollen durchgeführt werden.
Grundsätzlich sollte man die Momentenlinie und die Biegelinie auf ihre Plau-
sibilität überprüfen. Dies bedeutet, dass man das Tragverhalten des Systems
unter den gegebenen Einwirkungen zuerst anschaulich versteht und danach
mit der Momentenlinie und der Biegelinie vergleicht. Dies ist mit der Verfor-
mungsfigur besonders schnell und einsichtig möglich. Wenn die Ergebnisse nicht
plausibel sind, sind detaillierte Kontrollen erforderlich.

14.7.1 Fehlerquellen in der Berechnung


Die entscheidenden und mit Rechenkontrollen nicht auffindbaren Fehler wer-
den häufig beim Übersetzen des Bauwerks in ein Berechnungsmodell gemacht.
Daran sollte man denken, wenn nachfolgend einige Fehlermöglichkeiten im ei-
gentlichen Rechenablauf behandelt werden.

Rechenfehler
1. Wenn nur die Last– und Einheitsspannungszustände M0 , Mj fehlerhaft sind,
können unabhängige Gleichgewichtskontrollen auf den Fehler hinweisen. Fehler
im Gleichgewicht können durch die am Ende der Rechnung üblichen Verfor-
mungskontrollen nicht aufgedeckt werden.
′ ′
2. Wenn die Weggrößen δjk , δj0 falsch berechnet sind, kann die Verformungs-
kontrolle I nach Abschnitt 14.7.3 den Ort ()j des Fehlers aufdecken. Hierbei
sind Fehler bei den Steifigkeitsverhältnissen Ic /I, den Vorzeichen der Momen-
tenlinien und bei der Tafel der Arbeitsintegrale möglich.
3. Fehler beim Lösen des Gleichungssystems sind in der Regel Eingabefehler
für das Programm. So kann z. B. ein Vorzeichenfehler in der rechten Seite auf-
treten, wenn A · X = B mit A · X + B = 0 vertauscht ist.
4. Wenn die Superposition der M0 , Mj zur Momentenlinie M = M0 + Xj · Mj
falsch ist, kann man falsche Momentenordinaten mit unabhängigen Gleichge-
wichtskontrollen aufgedecken. Wenn falsche Xj verwendet werden, deckt die
Verformungskontrolle I den Fehler auf.

Verfahrensfehler
Verfahrensfehler äußern sich in Schwierigkeiten bei der Auflösung des Glei-
chungssystems. Maßgebend ist hier der Aufbau der δjk -Matrix:
1. det δjk = 0 : Die Einheitsspannungszustände sind linear abhängig, z. B.
214 14 Das Kraftgrößenverfahren

wenn M3 = a · M1 + b · M2 . Damit sind die Gleichungen linear abhängig und


das Gleichungssystem ist nicht eindeutig lösbar.
2. det δjk ≈ 0 : Das Gleichungssystem ist schlecht konditioniert“, d. h.

die Zahlenrechnung führt auf kleine Differenzen großer Zahlen. Abhilfe ist mit
Wahl eines anderen Hauptsystems möglich.

14.7.2 Gleichgewichtskontrollen
Last- und Einheitsspannungszustände werden aus Gleichgewichtsbedingungen
berechnet und erfüllen damit alle Gleichgewichtsbedingungen. Da der endgülti-
ge Spannungszustand aus der Superposition dieser Teilzustände folgt, ist auch
er im Gleichgewicht. Gleichgewichtskontrollen für die Last- und Einheitsspan-
nungszustände sollten deshalb bereits vor Beginn der statisch unbestimmten
Berechnung erfolgen.
Das Gleichgewicht kann man auch nachträglich mit allen angreifenden Lasten
und allen Lagerreaktionen mit ΣM = 0, ΣH = 0 und ΣV = 0 am Gesamt-
tragwerk unabhängig kontrollieren.

14.7.3 Verformungskontrollen
Die Verformungsbedingungen können nur für den endgültigen Spannungszu-
stand überprüft werden. Die Verformungen, die zur endgültigen Momentenlinie
gehören, dürfen keine Verletzungen der Verformungsbedingungen des statisch
unbestimmten Systems aufweisen. Speziell an den Stellen j, an denen beim
Hauptsystem Bindungen gelöst werden, gilt am unbestimmten System die Ver-
formungsbedingung

δj = δj1 · X1 + δj2 · X2 + · · · + δjn · Xn + δj0 = 0.

δj = 0 ist hierbei z. B. der Knickwinkel an der Stelle einer gelösten Momenten-


bindung. δj0 folgt wie bisher aus Last, Temperatur und Lagerweggrößen
Z
Mj · M0
δj0 = δjL + δjT + δj∆ = dx + δj(T,∆)
EI

Z
Mj · Mk
und δjk = dx, j, k = 1, ... n
EI
wie bisher aus den Einheitsspannungszuständen. Die Weggrößen δj0 und δjk
werden jetzt nicht betragsmäßig berechnet, da dies direkt auf die bereits ver-
wendeten Verformungsbedingungen führen würde.
14.7 Fehlerquellen und Rechenkontrollen 215

Nach Einsetzen der δjk in die Verformungsbedingung folgt


Z Z Z
Mj · M1 Mj · Mn Mj · M0
δj = X 1 dx + ... + Xn dx + dx + δj(T,∆) = 0
EI EI EI
oder umgeschrieben
Z
1
δj = Mj · (X1 · M1 + ... + Xn · Mn + M0 ) dx + δj(T,∆) = 0.
| {z } EI
endgültiger Spannungszustand M

Dies ist die Kontrollformel I, die mit Normalkraftanteilen folgende Form


erhält:
Z Z
M ∆T N
δj = Mj ( + αT ) dx + Nj ( + αT · T0 ) dx
EI h EA
X X
− Faj · δa − Maj · ϕa = 0.
a a

Satz
Die Verschiebungsarbeit eines jeden Einheitsspannungszustandes j auf
den Wegen des wirklichen Spannungszustandes am statisch unbestimmten
System ist gleich null.

Für die Arbeitsanteile der Lagerkräfte auf eingeprägten Weggrößen gilt wie
bisher folgende Regelung: δa sind eingeprägte Verschiebungen an der Stelle a,
Faj sind Lagerkräfte aus Mj an der Stelle a, ϕa sind eingeprägte Verdrehungen
an der Stelle a, Maj sind Einspannmomente aus Mj an der Stelle a.
Die Bedeutung der Kontrollformel wird noch einmal mit nachfolgender Biege-
linie verdeutlicht. M und w sind bekannt. Eine Momentenlinie Mj infolge einer
Doppelwirkung an beliebiger Stelle j bewirkt nur innere Arbeiten, da an der
Stelle des Doppelmomentes in der Biegelinie w kein Knickwinkel δj vorhanden
sein darf. Die Arbeit des Einspannmomentes auf der Verdrehung ϕa wird in
Kontrolle I dagegen explizit berücksichtigt.
ja P
j
w

1
Mj
216 14 Das Kraftgrößenverfahren

Kontrollformel I ist eine sehr effektive Kontrolle, wenn sie nacheinander für alle
j = 1, 2, ... n eingesetzt wird. Sofern die Kontrolle selbst fehlerfrei durchgeführt
wird, kann man hiermit feststellen, welcher Einheitsspannungszustand fehler-
haft ist. Jede Kontrolle erstreckt sich nur über die von dem ESZ j erfassten
Teile des Systems und ist daher leicht überschaubar.

Beispiel 1
Zunächst wird der Knickwinkel ∆ϕc über dem mittleren Lager im Beispiel nach
Abschnitt 14.6.1 kontrolliert. Das System und die Momentenlinie sind gegeben.
ja
P
a b c d

4,5 1,5 3 3

7,17
21,52
M
11,41

Mit dem Spannungszustand aus Doppelmoment entsprechend M1 aus Ab-


schnitt 14.6.1 gilt mit δ1 = ∆ϕc :
R
δ1 = M1 · M · IIc dx − EIc · M1a · ϕa = 0.

3
1
M1

Die Auswertung der Arbeitsgleichung gibt


1 1 1
∆ϕc = − · 3 · 21, 52 · 1 · 4, 5 − · 1 · 7, 17 · 1, 5 · 1, 5 − · 1 · 7, 17 · 1, 5 · 6
3 3 3
1 4
+ · 1 · 15, 0 · 1, 5 · 6 − 1, 5 · 10 · 3 · ( −0, 002 ) = 0, 02.
4
Damit liegt der Fehler unter 1 % des größten Teilwertes.

Beispiel 2
Das Beispiel aus Abschnitt 14.6.4 ist 2-fach statisch unbestimmt. Nachfolgend
werden daher die Knickwinkel in beiden Momentenbindungen bestimmt. Sy-
stem, Belastung und Momentenlinie sind im Bild gegeben.
14.7 Fehlerquellen und Rechenkontrollen 217

DT
q 8,15 42,66
b c d
4m
4,47 M
a

4m 6m

Für beide Zustände gilt die Arbeitsgleichung


Z Z
Ic ∆T
δj = Mj · M dx + EIc · Mj · αT dx − EIc · Fdj · δd = 0.
I h
Die Spannungszustände aus Doppelmomenten sind aus Abschnitt 14.6.4 be-
kannt.
1

1
0,167
M1 M2

Die Anwendung der Kontrollformel für Zustand j = 1 liefert


1 1 1
∆ϕ1 = · 1 · 8, 15 · 1 · 4, 0 + · 1 · 0, 40 · 1 · 4, 0 + · 1 · 8, 15 · 1, 5 · 4, 0
3 3 3
1 4 1 −5 15
+ · 1 · (−42, 66) · 1, 5 · 4, 0 + 1, 5 · 10 · · 1 · 10 · · 4, 0 = +0, 04.
6 2 0, 30
Damit liegt der Fehler für den Spannungszustand 1 unter 1 %.
Bei der Anwendung der Kontrollformel für den Zustand j = 2 ist zu beachten,
dass sowohl die Erwärmung des Riegels als auch die Stützensenkung in der
Arbeitsgleichung zu berücksichtigen sind.
1 1
∆ϕ2 = · 1 · 8, 15 · 1, 5 · 4, 0 + · 1 · (−42, 66) · 1, 5 · 4, 0
6 3
1 1 15
+ · 1 · (−42, 66) · 1 · 6, 0 + 1, 5 · 104 · · 1 · 10−5 · · 10, 0
3 2 0, 30
−1, 5 · 104 · 0, 167 · ( − 0, 05 ) = +0, 01.

Auch für den Spannungszustand 2 ist der Fehler kleiner als 1 % des größten
Teilwertes.
218 15 Verallgemeinerung des Kraftgrößenverfahrens

15 Verallgemeinerung des Kraftgrößenverfahrens

In einem abgeschlossenen elastischen System gilt nach Abschnitt 6.2 sowohl für
Eigen- als auch für Verschiebungsarbeiten
X
A = Aa + Ai = 0.

Als Prinzip der virtuellen Kräfte interpretiert gilt ebenso

Āa + Āi = 0,
X X
mit Āajk = P̄j · wk + M̄ja · ϕk
Z Z
M̄j · Mk
und Āijk = M̄j · κk dx = − dx,
EI
wobei P̄j und M̄ja äußere virtuelle Kraftgrößen sind. Wenn der virtuelle Span-
nungszustand im Gleichgewicht ist, ist das PvK eine Verformungsbedingung
des wirklichen Systems.
Nachfolgend wird die Verschiebungsarbeit betrachtet, die ein virtueller Span-
nungszustand j“ auf den Wegen eines wirklichen Zustandes k“ leistet.
” ”
j“ Der virtuelle Gleichgewichtszustand M̄j soll aus beliebigen virtuellen Dop-

pelschnittgrößen entsprechend den Schnittgrößen in gelösten Bindungen
entstanden sein. M̄j entspricht damit den virtuellen Spannungszuständen,
mit denen die δj0 -,δjk -Werte berechnet werden. Es sollen sonst keine vir-
tuellen Lasten vorhanden sein. Der virtuelle Spannungszustand ist im
Gleichgewicht und damit ein statisch zulässiger Zustand“.

k“ Der wirkliche Verformungszustand ist mit M/EI (hier Mk /EI) beschrie-

ben. Er erfüllt alle Verformungsbedingungen des wirklichen Systems.
Mit dieser Annahme ist Āajk = 0, denn die Doppelwirkungen des virtuellen Zu-
standes leisten auf den Wegen des endgültigen Systems keine Verschiebungsar-
beiten, wenn die Verformungsbedingungen des wirklichen Systems erfüllt sind,
vergleiche Verformungskontrolle I nach Abschnitt 14.7.3. Wenn also ein virtu-
elles Doppelmoment an beliebiger Stelle angesetzt wird, leistet es keine Arbeit,
wenn es an dieser Stelle keinen Knickwinkel gibt.
Damit bleibt Āi = 0 für spezielle M̄j aus Doppelwirkungen
Z
i M̄j · M
Ā = dx = 0. (15.1)
EI
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_15
219

Entwickelt man den endgültigen Zustand M nach beliebigen statisch zulässigen


Teilmomentenlinien
n
X
M = M0 + Xk · M k ,
k=1

wobei M0 und die Mk Gleichgewichtszustände sind und die Mk außerdem linear


unabhängig sein müssen, so kann man die Arbeiten abgekürzt schreiben
Z Z
M̄j · M0 M̄j · Mk
δ̄j0 = dx, δ̄jk = dx.
EI EI
Mit Gleichung (15.1) folgt die verallgemeinerte Form der Verformungsbedin-

gung“. Sie ist hier eine Bedingung für die virtuellen Arbeiten
n
X
δ̄j0 + Xk · δ̄jk = 0.
k=1

Die δ̄jk sind hier nicht mehr Einzelweggrößen, sondern virtuelle Arbeiten. Die
M̄j sowie Mk sind beliebige, jeweils linear unabhängige Gleichgewichtszustände.

Anmerkungen
1. Unter Voraussetzung einer linearen Theorie, kann man den wirklichen Span-
nungszustand eines n-fach statisch unbestimmten Systems aus einem Last-
spannungszustand M0 und n linear unabhängigen Spannungszuständen Mk
additiv zusammensetzen.
2. Alle Zustände müssen Gleichgewichtszustände sein. Die Xk sind Maßstabs-
faktoren der gewählten Spannungszustände Mk . Gesucht sind nicht wie bisher
einzelne Schnittgrößen an den Stellen gelöster Bindungen, sondern die Gleich-
gewichtszustände Xk · Mk .
3. Die virtuellen Gleichgewichtszustände M̄j sind beliebig aber linear unabhän-
gig. Die Berechnung wird jedoch einfacher, wenn man für die virtuellen M̄j die
wirklichen Spannungszustände Mk wählt. Der virtuelle Charakter der M̄j kann
dann in der Berechnung unberücksichtigt bleiben.
4. Ähnlich wie die Arbeitsgleichung des Prinzips der virtuellen Verschiebungen
eine Verallgemeinerung der Gleichgewichtsbedingungen ist, ist die Arbeitsglei-
chung des Prinzips der virtuellen Kräfte eine Verallgemeinerung der Verfor-
mungsbedingungen.
5. Die Verformungsbedingung ist hier nicht mehr wie in Abschnitt 14.3 als
Verformungsbedingung in einer speziellen gelösten Bindung zu verstehen. Sie
220 15 Verallgemeinerung des Kraftgrößenverfahrens

besagt ganz allgemein, dass ein beliebiger virtueller Gleichgewichtszustand auf


den Wegen des wirklichen – auch die Verformungsbedingungen erfüllenden -
Spannungszustandes keine Verschiebungsarbeit leisten darf. Also muss
Z
i M̄j · M
Ā = dx = 0, j = 1 . . . n.
EI
für beliebige Spannungszustände M̄j erfüllt sein.

15.1 Folgerungen aus dem PvK


Mit der Verallgemeinerung des Kraftgrößenverfahrens sind verschiedene In-
terpretationen der Arbeitsintegrale möglich, die beträchtliche Rechenvereinfa-
chungen bewirken können und an nachfolgendem System verdeutlicht werden.
P

l l

HS

1. Wahl verallgemeinerter Lastspannungszustände


Ein Lastspannungszustand darf auch Kombinationen aus beliebig großen, aber
fest angenommenen Einheitsspannungszuständen enthalten, wenn die Zustände
im Gleichgewicht sind. Insbesondere kann das Hauptsystem auch statisch un-
bestimmt sein.

LSZ wie bisher LSZ verallgemeinert

P Pl/8 P

+ +
M10 Pl/4 M0

X
Allgemein gilt M0 = M01 + Xj1 · Mj ,
j

wobei hier die Xj1 geeignete Faktoren zur Vorgabe von M0 sind. Hiermit kann
man u. a. den Berechnungsaufwand der δj0 -Werte gezielt verringern.
15.1 Folgerungen aus dem PvK 221

2. Wahl verallgemeinerter Einheitsspannungszustände


Ein Einheitsspannungszustand kann aus einer beliebigen Kombination mehre-
rer Doppelschnittgrößen berechnet werden.

ESZ wie bisher ESZ verallgemeinert

1 0,5
1

+ + + +

1 1
+ +

Hierbei muss man darauf achten, dass die Einheitsspannungszustände linear


unabhängig sind, da das Gleichungssystem für die Berechnung der Xj sonst
wegen det = 0 nicht lösbar ist. Mit geschickter Wahl der ESZ kann man viele
δjk –Werte von vorn herein auf null bringen, sodass der Rechenaufwand verrin-
gert wird.

3. Wahl unterschiedlicher Hauptsysteme


Der Lastzustand und die linear unabhängigen Einheitsspannungszustände kön-
nen an jeweils anderen statisch bestimmten Hauptsystemen ermittelt werden,
da ein statisch zulässiger Zustand nur die Gleichgewichtsbedingungen erfüllen
muss, sonst aber beliebig ist.
P

M0
+
Pl/4

0,5
M1 M2
+ + +
1l 1
1

Vorteilhaft ist, wenn sich die M -Linien nur über Teilbereiche des Systems er-
strecken und damit die Berechnung der δjk erleichtert wird.
Wenn beliebige Hauptsysteme verwendet werden können, kann man durch spe-
zielle Wahl der Einheitsspannungszustände den Berechnungsaufwand für die
Weggrößen stark reduzieren, wenn δjk = 0 für j 6= k ist.
222 15 Verallgemeinerung des Kraftgrößenverfahrens

15.2 Beispiel für die Wahl unterschiedlicher Hauptsysteme

1. System
Die Berechnung des nebenstehenden
symmetrischen Systems erfolgt für den
P = 5 kN
Sonderfall IR = IS = konstant, so- W = 10 kN IR
dass Ic /I = 1, 0 für alle Stäbe gilt. b c d
Weil das System in der Anordnung der
Stäbe und Lager sowie in den Steifig- h=4m
IS IS
keiten symmetrisch ist, kann man die
Symmetrien bei der Wahl der Einheits-
a e
spannungszustände ausnutzen. Insge-
samt verringert sich der Rechenauf-
l=6m
wand, sodass weniger Fehlermöglichkei-
ten vorhanden sind.

2. Lastspannungszustand 5 kN
10 kN
Wenn die Einwirkungen unsymmetrisch
verteilt sind, macht es wenig Sinn, die 7,5
Systemsymmetrien auszunutzen. Das
Ziel bei der Wahl des Hauptsystems ist M0
daher, einfache Momentenlinien auf we-
nigen Bereichen zu erhalten. 40

3. Einheitsspannungszustände
Das Ziel für die Wahl unterschiedlicher Hauptsysteme ist hier, ein entkoppel-
tes Gleichungssystem zu erhalten. Dies erreicht man durch spezielle Wahl von
symmetrischen und antisymmetrischen ESZ.
1
3 3
+ + +
1

M1 M2 M3
1 1
0,5 0,5

Obwohl hier nicht nur Momentenbindungen gelöst werden, gibt es verschiedene


Vorteile bei Wahl von symmetrischen und antisymmetrischen Einheitsspan-
nungszuständen:
15.2 Beispiel für die Wahl unterschiedlicher Hauptsysteme 223

1. Die Momentenlinien der Einheitsspannungszustände müssen jeweils nur für


das halbe System berechnet werden, da jeweils die andere Hälfte aus Symme-
trie bzw. Antisymmetrie folgt.
2. Es sind weniger Weggrößen zu berechnen, da das Integral über das Produkt
von symmetrischen und antisymmetrischen Momentenlinien verschwindet und
die Weggrößen δjk damit null sind.
3. Die Koeffizientenmatrix des Gleichungssy-  
sym. 0
stems zerfällt in zwei voneinander entkoppelte
0 antisym.
Blöcke, die jeweils für sich lösbar sind.

′ ′
Damit folgen die Arbeitswerte δj0 und δjk
′ 1
δ10 = 2 · 1 · 7, 5 · 1 · 6 = 22, 5,

δ20 = − 31 · 1 · 40 · 1 · 4 = −53, 3,
′ 1
δ30 = 2 · 3 · 40 · 1 · 4 = 240,

δ11 = 2 · ( 41 · 1 · 1 · 1 · 4) + 1· 1·1·1· 6 = 8,

δ22 = 2 · ( 13 · 1 · 1 · 1 · 4) = 8/3,
′ 1
δ33 = 2 · (1 · 3 · 3 · 1 · 4) + 2 · ( 3 · 3 · 3 · 1 · 3 ) = 90.
′ ′ ′
δ12 = 0, δ13 = 0, δ23 = 0.

Aufgrund der hier gewählten Einheitsspannungszustände sind alle Nebendiago-


nalterme der Koeffizientenmatrix null. Diese Orthogonalisierung der Einheits-
spannungszustände ist immer möglich, erfordert aber bei wenigen Unbekannten
einen zu großen Aufwand.

4. Verformungsbedingungen
Die Verformungsbedingungen sind hier durch die spezielle Wahl der Hauptsy-
′ ′
steme entkoppelt, sodass die Xj jeweils aus Xj = − δj0 /δjj berechnet werden
können.
     
8 0 0 X1
 22, 5 0
     
 0 8/3 0   X2  +  −53, 3  =  0  .
0 0 90 X3 240 0

Die Lösung des Gleichungssystems ist

X1 = −2, 81, X2 = +20, X3 = −2, 66.


224 15 Verallgemeinerung des Kraftgrößenverfahrens

5. Momentenlinie
Die Momentenlinie des statisch unbestimmten Systems folgt aus der Superpo-
sition der Einzelzustände
X
M = M0 + M j · Xj .
j

Ma = −40 + (−0, 5) · (−2, 81) + 1, 0 · 20 + (−3, 0) · (−2, 66) = −10, 6 kNm


Me = 0 + (−0, 5) · (−2, 81) + 1, 0 · 20 + (+3, 0) · (−2, 66) = +13, 4 kNm
Mb = 0 + (+1, 0) · (−2, 81) + 0, 0 · 20 + (−3, 0) · (−2, 66) = +5, 2 kNm
Mc = 7, 5 + (+1, 0) · (−2, 81) + 0, 0 · 20 + (+0, 0) · (−2, 66) = +4, 7 kNm
Md = 0 + (+1, 0) · (−2, 81) + 0, 0 · 20 + (+3, 0) · (−2, 66) = −10, 8 kNm

10,8
+
5,2 4,7

+
10,6 13,4

15.3 Grenzen des Kraftgrößenverfahrens


Das Kraftgrößenverfahren ist ein grundlegendes Berechnungsverfahren für sta-
tisch unbestimmte Systeme, das mit den Vorteilen der Verallgemeinerung auch
die Berechnung größerer Systeme zulässt. Dies erfordert allerdings ein tieferes
Verständnis für die Vorgehensweisen bei der Orthogonalisierung der Einheits-
spannungszustände. Infolge der umfangreichen Zahlenrechnung steigt der Auf-
wand bei Systemen n > 2 jedoch stark an.

Der große Nachteil des Kraftgrößenverfahrens ist die mangelnde Systemati-


sierung der Berechnung der Last- und Einheitsspannungszustände für unter-
schiedliche statische Systeme. So ist das Verfahren für den Einsatz auf einem
Computer wenig geeignet, da die Berechnung der Momentenlinien jeweils am
Gesamtsystem erfolgen muss und hierbei das Schnittprinzip variabel eingesetzt
wird.
225

16 Berechnung von Weggrößen

Die Berechnung von Biegelinien von statisch unbestimmten Systemen ist – so-
fern man die M -Linie kennt – analog zu statisch bestimmten Systemen durch-
führbar. Die Gesamtbiegelinie aus vorgegebenen Einwirkungen ist die Superpo-
sition der Teilbiegelinien aus Sehnenpolygon wS , der Einzelweggrößen w0 (δ, ∆ϕ)
am Hauptsystem sowie der Verkrümmungen aus der Momentenlinie (ω-Tafeln)
und aus Erwärmung (ω-Tafeln). Damit gilt

w = wS + w0 (δ, ∆ϕ) + w(M ).

Die Berechnung von Einzelweggrößen am statisch unbestimmten System kann


mit dem Reduktionssatz vereinfachend durchgeführt werden.

16.1 Herleitung des Reduktionssatzes


Einzelweggrößen können mit dem Prinzip der virtuellen Kräfte berechnet wer-
den. Das Vorgehen richtet sich hier nach dem bekannten Berechnungsweg von
Einzelweggrößen an statisch bestimmten Systemen. Mit dem PvK gilt
Z
M
1̄ · δa = M̄ · dx + . . . .
EI
Für nachstehenden Balken ist die Verschiebung δ an der Stelle a gesucht.

q
a
M
+
a

l w da

Wenn die Momentenlinie M bekannt


ist, muss die virtuelle Momentenlinie M̄
infolge einer Einzellast P̄ = 1̄ im Punkt P= 1
a berechnet werden. Zunächst wären M P
und M̄ jeweils am statisch unbestimm-
ten System zu berechnen, wobei M und
M̄ prinzipiell mit einem jeweils ande- a
M +
ren statisch bestimmten Hauptsystem
ermittelt werden können.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_16
226 16 Berechnung von Weggrößen

Wenn jeder der unbestimmten Zustände bei der Berechnung nach dem Kraft-
größenverfahren aus der Superposition von LSZ und Xj -fachen ESZ entsteht,
kann man die Momentenlinien M̄ und M auch umschreiben. Zunächst gilt
M̄ = M̄0 + X̄1 · M̄1 + X̄2 · M̄2 + . . .
Setzt man M̄ in die Arbeitsgleichung ein, so folgt
Z Z Z
M̄0 · M M̄1 · M M̄2 · M
1̄ · δa = dx + X̄1 · dx + X̄2 · dx + . . .
EI EI EI
| {z } | {z }
= 0 = 0
Hierbei verschwinden jeweils die den Xj zugeordneten Integrale, da eine belie-
bige Doppelwirkung auf der Biegelinie keine Arbeit leistet, vergleiche Kontrolle
I in Abschnitt 14.7.3. Damit bleibt
Z
M̄0 · M
1̄ · δa = dx
EI
und vollständig mit Berücksichtigung der Normalkräfte sowie eingeprägter Ver-
formungen und Weggrößen
Z Z
M̄0 · M ∆T N̄0 · N
1̄ · δa = { + M̄0 · αT · } dx + { dx + N̄0 · αT · T0 } dx
EI h EA
X X
− F̄a0 · δa − M̄a0 · ϕa . (16.1)
a a
Hier wird also der tatsächliche Zustand für das statisch unbestimmte System
und der virtuelle Zustand an einem beliebigen vorteilhaften Hauptsystem er-
mittelt. Diese Art der Berechnung stellt den Regelfall dar, weil im allgemeinen
der tatsächliche Spannungszustand am unbestimmten System für die Bemes-
sung erforderlich ist und damit vorliegt.

Es ist natürlich denkbar, den virtuellen Zustand am statisch unbestimmten


System zu ermitteln. Dann braucht der tatsächliche Lastzustand nur an ei-
nem beliebigen statisch bestimmten Hauptsystem berechnet zu werden. Dieser
Lösungsweg wird in der Regel nicht gewählt, wenn die wirkliche Momentenlinie
bereits bestimmt ist.

Reduktionssatz
Bei der Berechnung von Einzelweggrößen statisch unbestimmter Systeme
mit dem PvK muss nur einer der beiden Spannungszustände am statisch
unbestimmten System ermittelt zu werden. Der andere Zustand kann an
einem beliebigen statisch bestimmten Hauptsystem aufgestellt werden.
16.2 Anwendungsbeispiel für den Reduktionssatz 227

16.2 Anwendungsbeispiel für den Reduktionssatz


Bei der Berechnung von Weggrößen in statisch unbestimmten Systemen ist
nachfolgender Lösungsweg sinnvoll.
1. Die Momentenlinie aus Einwirkungen ist bekannt.
2. Entsprechend dem PvK ist die virtuelle Kraftgröße 1̄ am Ort und in Rich-
tung der gesuchten Weggröße anzusetzen.
3. An einem beliebigen statisch bestimmten Hauptsystem ist die virtuelle Mo-
mentenlinie M̄0 zu 2. zu berechnen.
4. Die Auswertung des Arbeitssatzes (16.1) liefert die gesuchte Einzelweggröße.

Beispiel
Die Momentenlinie für nachfolgenden Durchlaufträger unter Lagerverdrehung
ϕa ist gegeben, siehe Abschnitt 14.6.1. Gesucht ist die Verdrehung des Balkens
am Lager c. Das Hauptsystem ist mit einem Momentengelenk in c so gewählt,
dass die Auswertung der Arbeitsgleichung möglichst einfach ist.
j j P
a C
w

7,17
M
11,41
21,52
1
M0

Der virtuelle Lastspannungszustand M̄0 am Hauptsystem folgt hier aus einem


virtuellen Einzelmoment 1̄ in Richtung von ϕc . Hierbei ist es gleichwertig, ob
das virtuelle Moment rechts oder links vom Gelenk in c angesetzt wird. Auch
hier gilt die Regel, die Momentenlinie so zu wählen, dass der Rechenaufwand
möglichst klein ist.
Z
M 1 1 1 1 8, 16
1̄ · ϕc = M̄0 dx = · 1 · (−7, 17) · 6 · + · 1 · (15, 0) · 6 · =
EI 3 EI 4 EI EI
228 17 Das Drehwinkelverfahren

17 Das Drehwinkelverfahren

In vollständiger Analogie zum Kraftgrößenverfaren kann man ein Berechnungs-


verfahren für die Momentenlinie entwickeln, das Weggrößen als Unbekannte
verwendet, siehe System B in Abschnitt 13.2. Hierbei werden die Grundglei-
chungen wie folgt erfüllt.
1. Der Verformungszustand ist additiv überlagerbar aus (1 + m) Verformungs-
zuständen, die alle die Verformungsbedingungen erfüllen. Dies sind 1 Lastver-
formungszustand und m Einheitsverformungszustände. Damit sind die Verfor-
mungsbedingungen im Gebiet und auf dem Rand vorweg erfüllt.
2. Unbekannt sind die Vergrößerungsfaktoren Yj für die Einheitsverformungs-
zustände.
3. Die Unbekannten Yj werden mit Hilfe von Gleichgewichtsbedingungen be-
rechnet. Damit werden die Gleichgewichtsbedingungen des statischen Systems
erst nachträglich beim Lösen des Gleichungssystems für die Yj erfüllt.
4. Die Werkstoffgleichungen werden bei der Berechnung der Momentenlinien
aus Einheitsverformungszuständen implizit berücksichtigt.
Nachfolgend wird das für Handrechnungen besonders effektive Drehwinkelver-
fahren vorgestellt. Unbekannte sind hierbei nur Knotendrehungen und Stab-
drehungen. Das Verfahren eignet sich in dieser Form für Durchlaufträger und
Rahmentragwerke, kann aber auf beliebige Tragwerke erweitert werden.

17.1 Kinematisch unbestimmte Tragwerke

Verformbare Tragwerke sind generell kinematisch unbestimmt. Erst wenn die


Verschiebungen aller Materialteilchen eines Tragwerks bekannt sind, ist ein
statisches System kinematisch bestimmt. Dies bedeutet, dass die Grundglei-
chungen der Verfomungsgeometrie des einzelnen Stabes gelöst sind und die
Gesamtlösung an die Wegrandbedingungen oder an die Übergangsbedingun-
gen zu den benachbarten Stäben angepasst ist.

Beim Drehwinkelverfahren reicht es aus, die Verschiebungen und Verdrehungen


der Tragwerksknoten zu kennen, wenn damit auch die Verschiebungen zwischen
den Knoten eindeutig festgelegt sind. Dies ist bei Stabtragwerken erfüllt, wenn
die Biegelinien der Einzelstäbe für beliebige Lasten und Knotenweggrößen von
vornherein bekannt sind.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_17
17.1 Kinematisch unbestimmte Tragwerke 229

Bei ebenen Stabtragwerken besitzt jeder Knoten 3 Freiheitsgrade, bei räumli-


chen Stabtragwerken 6 Freiheitsgrade. Dies sind die Verschiebungen u, v, w in
Richtung der Koordinaten sowie die Verdrehungen ϕ1 , ϕ2 , ϕ3 um die Koordi-
natenachsen.

Ebene x, u x

z, w j z

Raum x, u j
1
y, v j
2
z, w j
3

Dies bedeutet für den Einzelstab eines ebenen Stabtragwerks, dass er an je-
dem Stabende drei freie Weggrößen u, w, ϕ besitzt. Sind die Knotenweggrößen
bekannt, ist der Stab kinematisch bestimmt. Der Grad der kinematischen Un-
bestimmtheit ist damit über die Zahl der freien Weggrößen an den Knoten
festgelegt.

kinematisch unbestimmter Stab kinematisch bestimmter Stab


P
ub a b
a wb
jb
wa ua u u
w =0 w =0
ja j j
a b

Sind die Knotenweggrößen unbekannt, Sind alle Knotenweggrößen bekannt,


ist der Stab in der Ebene 6-fach kine- ist der Stab kinematisch bestimmt.
matisch unbestimmt.

Ein Stabtragwerk ist damit m-fach kinematisch unbestimmt, wenn das Stab-
tragwerk m unbekannte Knotenweggrößen aus elastischer Verformung des Sy-
stems besitzt. Wenn alle Knotenweggrößen eines Tragwerks null oder fest vor-
gegeben sind, ist das System kinematisch bestimmt.
Am kinematisch bestimmten System sind die Zustandsgrößen der einzelnen
Stäbe eines komplexen Stabtragwerks aufgrund der Knotenfesthaltungen weit-
gehend entkoppelt, was erhebliche Vereinfachungen bei der Berechnung der
unbekannten Weggrößen bewirkt. Damit bleiben die Verformungen und Span-
nungszustände aus Einwirkungen auf Einzelstäbe beschränkt.
230 17 Das Drehwinkelverfahren

Beispiel 1
Beim nachfolgenden ebenen Rahmentragwerk besitzen die Knoten b, d, f je 3
Freiheitsgrade aus elastischen Verformungen des Systems. Das System ist da-
mit 3·3 = 9–fach kinematisch unbestimmt. Setzt man dehnstarre Stäbe voraus,
sind die vertikalen Verschiebungen der Knoten b, d, f null. Außerdem sind die
horizontalen Verschiebungen der Knoten b, d, f gleich groß. Damit sind beim
ebenen System nur die horizontale Riegelverschiebung sowie die drei Knoten-
verdrehungen in den Rahmenecken b, d, f unbestimmt.
u u u
w P w w
j j j
b d f

a c e

Im räumlichen Fall besitzen die Knoten b, d, f jeweils 6 Freiheitsgrade. Das


System ist dann 3·6 = 18–fach und bei dehnstarren Stäben 13–fach kinematisch
unbestimmt.

Beispiel 2
Für nachfolgendes System sind im ebenen Fall die Knotenweggrößen u, ϕ in
Knoten e und u, w, ϕ in Knoten b und d sowie die Verdrehung ϕ in Knoten c
unbekannt. Das System ist 9-fach kinematisch unbestimmt. Setzt man, wie in
der Stabstatik üblich, dehnstarre Stäbe voraus, so sind die vertikalen Verschie-
bungen der Knoten b, d, e null und die horizontalen Verschiebungen der Knoten
b, d gleich groß. Damit ist das System 5–fach kinematisch unbestimmt.
u
e j Wenn außerdem die Verdrehungen der
u Stabenden in den Knoten c und e mit
w entsprechenden Tabellen für den Ein-
q j d u zelstab aus der Berechnung eliminiert
w
b j werden können, ist das System nur noch
3-fach kinematisch unbestimmt.
In diesem Fall sind die horizontale Ver-
c j schiebung des Riegels sowie die Knoten-
verdrehungen in b und d unbekannt.
a
17.2 Kinematisch bestimmte Hauptsysteme 231

17.2 Kinematisch bestimmte Hauptsysteme

Eine wesentliche Voraussetzung für die Anwendung des Drehwinkelverfahrens


ist, dass die Verformungsbedingungen des Systems von vornherein erfüllt und
die Einzelstäbe kinematisch bestimmt sind. Dies ist erreicht, wenn das zu be-
rechnende Tragwerk in allen Tragwerksknoten künstlich gegen Verdrehen und
Verschieben festgehalten wird. Das künstlich festgehaltene Tragwerk wird als
kinematisch bestimmtes Hauptsystem bezeichnet, siehe Abschnitt 17.1.

An einem kinematisch bestimmten Hauptsystem sind alle Knoten so gegen Ver-


drehen und Verschieben festgehalten, dass sich die Zustandslinien benachbarter
Stäbe nicht mehr gegenseitig beeinflussen können. Man erhält das Hauptsy-
stem, indem nach Einteilen des Systems in Einzelstäbe alle Weggrößen der
Knoten unterdrückt werden. Gelenke sind dabei nicht zu schließen, da sie die
Einzelstäbe ohnehin voneinander trennen. Die Zahl der für diese Festhaltungen
erforderlichen zusätzlichen Bindungen ist der Grad der kinematischen Unbe-
stimmtheit. Die Symbole für die unterdrückten Weggrößen sind
Symbol für die Volleinspannung eines Knotens gegen Verdrehen sowie
Symbol für die Festhaltung eines Knotens gegen Verschieben.
Beim Drehwinkelverfahren sind die Stäbe dehnstarr, sodass sich die Zahl der
erforderlichen Knotenfesthaltungen von vornherein verringert. Das Drehwinkel-
verfahren setzt weiterhin voraus, dass alle Zustandsgrößen Q, M, ϕ, w für Ein-
zelstäbe infolge aller möglichen Einwirkungen aus Last- und Knotenweggrößen
tabellarisch zur Verfügung stehen. Sind die Tabellen auch für Einzelstäbe mit
Momenten- und Querkraftgelenken an den Stabenden aufbereitet, so sind im
kinematisch bestimmten Hauptsystem nachfolgende Einzelstäbe zugelassen.

Diese Ergänzung ist sinnvoll, da mit den Momenten- und Querkraftgelenken


zusätzliche Informationen über die Momentenlinie vorliegen, die im Berech-
nungsablauf direkt verarbeitet werden können. Die Erweiterung der kinema-
tisch bestimmten Einzelstäbe auf Stäbe mit gelenkigen Anschlüssen an die
Knoten verringert nicht nur den Grad der kinematischen Unbestimmtheit und
damit den Berechnungsaufwand, sondern ermöglicht auch eine Systematisie-
rung des Berechnungsablaufes ohne Sonderfälle.
232 17 Das Drehwinkelverfahren

Beispiele
Aufgrund der Annahmen ist die Bestimmung der kinematischen Unbestimmt-
heit besonders einfach. Lediglich die Zahl der unbekannten Knotenverschiebun-
gen ist nicht immer sofort ersichtlich. Für dehnstarre Systeme kann man die
Verschiebefesthaltungen jedoch systematisch ermitteln.
Legt man in alle Rahmenknoten und in alle Einspannungen künstliche Gelenke,
so kann eine künstliche kinematische Kette entstehen. Die zur Stabilisierung der
kinematischen Kette erforderlichen Festhaltungen sind die Verschiebefesthal-
tungen des kinematisch bestimmten Hauptsystems. Jeder Riegel kann einzeln
verschoben werden. Für nachfolgendes System sind hiermit die Verschiebefest-
haltungen mψ = 3 schnell und übersichtlich bestimmbar.

mΨ = 3

Das nachfolgende rechte System ist m = 3-fach kinematisch unbestimmt. Es


besitzt zwei unbekannte Knotendrehungen in b, c und eine unbekannte Ver-
schiebung in b.
b c

m=1 m=3
a d
a

Das linke System besitzt nur einen Verdrehfreiheitsgrad, da der Knoten a bei
dehnstarren Stäben keine Verschiebungen erfahren kann.
Nebenstehendes zweistöckiges Rahmen- f
tragwerk besitzt vier unbekannte Kno- c
tenverdrehungen in b, c, e, f und zwei
unbekannte Riegel- bzw. Stockwerks-
verschiebungen in b und c. Alternativ e
kann man die Verschiebefesthaltungen b
auch in den Knoten e und f anordnen. m=6
Das System ist damit m = 6-fach kine- a d
matisch unbestimmt.
17.3 Grundlagen des Drehwinkelverfahrens 233

Bei Annahme dehnstarrer Stäbe reicht es beim nachfolgendem System aus,


nur einen der Riegelknoten horizontal und den Knoten c vertikal festzuhalten.
Wenn auch die möglichen drei Knotendrehungen in b, d, f zu null gesetzt wer-
den, entsteht das kinematisch bestimmte Hauptsystem.

b c d f

m=5

a e g

Bei dehnstarren Stäben ist das statische System m = 5–fach kinematisch un-
bestimmt.

17.3 Grundlagen des Drehwinkelverfahrens


Für die hier mit dem Drehwinkelverfahren untersuchten Tragwerke wird zu-
nächst eine lineare Stabwerkstheorie entsprechend einer Theorie I. Ordnung
und dem Hooke’schen Gesetz vorausgesetzt. Später wird das Verfahren auf die
nichtlineare Theorie II. Ordnung erweitert.

Wie beim Kraftgrößenverfahren werden nur ebene Rahmensysteme untersucht,


was aber keine Einschränkung für die Möglichkeiten des Verfahrens bedeutet.
Mit Einschluss von Torsion ist das Drehwinkelverfahren auch auf räumliche
Systeme erweiterbar. Alle Einzelstäbe besitzen eine näherungsweise konstante
Biegesteifigkeit EI. Das Drehwinkelverfahren ist auf EI(x) erweiterbar.

Die Stabverformungen aus den Spannungszuständen N und Q sind vernach-


lässigbar klein, sodass die Stäbe als dehn- und schubstarr angesetzt werden
dürfen. Allerdings dürfen Längenänderungen infolge eingeprägter Verformun-
gen aus Erwärmung, Vorspannung oder Kriechen nicht vernachlässigt werden,
da sie Einwirkungen auf das Tragwerk sind.

+T eT Pv ev

wT wV

Bild 17-1 Biegelinien bei Erwärmung und Vorspannung des Riegels


234 17 Das Drehwinkelverfahren

Die Momentenlinien aus äußeren Einwirkungen an den Einzelstäben und aus


den noch unbekannten Drehwinkeln“ müssen bekannt sein, entweder aus Ta-

bellen oder aus eigener statisch unbestimmter Vorab-Berechnung. In der Be-
rechnung werden nur die Stabendmomente der Einzelstäbe verwendet.

Die Unbekannten des Drehwinkelverfahrens sind die Knotendrehungen sowie


die Knotenverschiebungen des wirklichen Systems. Ausgehend vom kinema-
tisch bestimmten Hauptsystem kann der Einfluss der unbekannten Weggrößen
auf das Trag– und Verformungsverhalten systematisch berücksichtigt werden,
wenn die Unbekannten zunächst getrennt und als Einheitsweggrößen angesetzt
werden, siehe Bild 17-2 und Bild 17-3.

j=1
b c

h w1

Bild 17-2 Unbekannter Knotendrehwinkel

Anstelle der unbekannten Knotenverschiebungen w kann man besser unbekann-


te Stabdrehwinkel ψ ansetzen, da hiermit die Schiefstellung eines Tragwerks di-
rekt und dimensionslos beschrieben wird. Setzt man die Stabdrehwinkel eben-
falls als Einheitsweggröße an, gelingt es, das Verfahren weiter zu systematisie-
ren.
wb wb

wb
=
h

Bild 17-3 Unbekannter Stabdrehwinkel

Knotendrehungen haben immer die Größe 1“, Stabdrehungen können abhängig



vom statischem System auch andere Werte annehmen.
17.3 Grundlagen des Drehwinkelverfahrens 235

17.3.1 Vorzeichendefinitionen
Das Drehwinkelverfahren verwendet andere Vorzeichenregelungen als die sonst
üblichen Vorzeichen der Baustatik. Die Vorzeichendefinition für die Stabend-
momente und die Drehwinkel ist hier ohne gestrichelte Linie so gewählt, dass
das Verfahren möglichst fehlerunanfällig eingesetzt werden kann. Die Momen-
tenlinien werden aber weiter auf der Zugseite der Stäbe angetragen, sodass die
Drehrichtung der Momente sofort erkennbar ist.

Schnittgrößen-Vorzeichen
Es ist sinnvoll, das positive Vorzeichen der Stabendmomente im Uhrzeigersinn
festzulegen, damit die Gleichgewichtsbedingungen sofort vorzeichengerecht hin-
geschrieben werden können. Damit drehen die positiven Momente am Knoten
entgegengesetzt, aber unabhängig von Orientierung und Zahl der angeschlos-
senen Stäbe.

+M Stabende

+M Knoten

Weggrößen-Vorzeichen
Beim Drehwinkelverfahren sind die j
Knotendrehungen und die Stabdrehun- +
gen unbekannt. Der positive Drehsinn
j
wird so gewählt, dass die hieraus folgen-
den Stabendmomente ebenfalls positiv
sind. Positive Knotendrehungen drehen +ϕ im Uhrzeigersinn
daher im Uhrzeigersinn.
Positive Relativknotenverschiebungen ∆w bewirken eine gegen den Uhrzeiger-
sinn drehende positive Stabverdrehung ψ, die ebenfalls zu positiven Stabend-
momenten führt.
l

+ Dw +ψ entgegen dem Uhrzeigersinn


Ψ = Dw / l

Positive Drehwinkel ϕ bzw. ψ erzeugen stets positive Stabendmomente. Nega-


tive Stabdrehwinkel erzeugen negative Stabendmomente.
236 17 Das Drehwinkelverfahren

17.3.2 Die Zustandsgrößen am Einzelstab


Die Momentenlinie zwischen den Knoten des kinematisch bestimmten Hauptsy-
stems lässt sich bei dehnstarren Stäben sowie beidseitiger Einspannung grund-
sätzlich aus nachfolgenden vier Anteilen überlagern.

1. Momente aus Einwirkungen

a b
+
Ma< 0 Mb > 0

2. Momente aus Einheitsverdrehung ϕa des Knotens a


a b Ma +
+ Mb
ja

3. Momente aus Einheitsverdrehung ϕb des Knotens b


jb
a b Ma
+
+
Mb

4. Momente aus Relativverschiebung ∆w der Knoten a und b (Stabdrehung ψ)

a Ψ = Dw/l b
Ma +
Dw +
Mb

Alle Einheitsverdrehungen sind so angesetzt, dass die Stabendmomente Ma


und Mb positiv im Sinne der hier verwendeten Vorzeichendefinition sind.

Die Knotendrehwinkel und die Stabdrehwinkel sind die Unbekannten des Dreh-
winkelverfahrens. Sie können zunächst als Einheitsgrößen zu 1 angesetzt wer-
den. Für die Zahlenrechnung ist es jedoch zweckmäßig, nicht mit Einheitsdreh-
winkeln, sondern wie im Bild mit ϕj = 1/EIc bzw. ψj = 1/EIc zu rechnen,
wobei EIc eine Vergleichsbiegesteifigkeit ist. Außerdem ist es bei Systemen mit
unterschiedlichen Flächenträgheitsmomenten I in den einzelnen Stäben vor-
teilhaft, die Stabendmomente mit der bezogenen Stablänge l′ = l · Ic /I zu
berechnen, da so der Berechnungsaufwand und die Fehlermöglichkeiten weiter
verringert werden.
17.3 Grundlagen des Drehwinkelverfahrens 237

w1 M1

1 6EI 1 6 6
Ψ=1• • = =
EIC l EIC l IC l’
I

Tabellen mit den für das Verfahren benötigten Momentenlinien am Einzel-


stab sind in vielen Taschenbüchern vorhanden. Tabelle 17.1 gibt die Stab-
endmomente für verschiedene Einwirkungen am Einzelstab an. Sie werden für
die Lastverformungszustände benötigt.

Tabelle 17.1 Stabendmomente infolge der Einwirkungen auf den Einzelstab

Lastfall

2 2 2
ql +ql ql
12 12 8

P
l/2 l/2

Pl + Pl 3
8 8 Pl
16

Stützensenkung +3EJ
Ψw =(wa wb)/l Ma l Ψw

Mb
Ψw
wa wb M a = M b = 6EJ Ψ w
l

Temperatur
DT

h Ma Mb 3 EJ a DT
2 T h
DT
M a = M b = EJ a T
h

Tabelle 17.2 gibt die Momente für die hier benötigten Einheitsweggrößen an.
Hierbei gilt ψ = ∆w/l sowie l′ = l · Ic /I
238 17 Das Drehwinkelverfahren

Tabelle 17.2 Stabendmomente infolge der Einheitsverformungszustände

Stabelement j = 1/EIc, y = 1/EIc Stabendmomente


17.4 Lösungsweg des Drehwinkelverfahrens 239

17.4 Lösungsweg des Drehwinkelverfahrens


Das Drehwinkelverfahren ist ein für die Handrechnung optimiertes Verfahren
zur Berechnung der Momentenlinie. Ausgehend vom statischen System und den
Einwirkungen sind folgende Schritte zu bearbeiten.
1. Ermittlung des Grades der kinematischen Unbestimmtheit, Festlegen des ki-
nematisch bestimmten Hauptsystems.
2. Berechnung des Lastverformungszustandes LVZ.
3. Berechnung der Einheitsverformungszustände EVZ.
4. Aufstellen der Gleichgewichtsbedingungen zur Berechnung der Vergröße-
rungsfaktoren Yi der Einheitsverformungszustände.
5. Lösen der Gleichgewichtsbedingungen. Hiermit sind die Knotendrehwinkel
ϕj = Yj /EIc sowie die Stabdrehwinkel ψk = Yk /EIc bekannt.
6. Überlagerung der Teilmomentenlinien zur Gesamtmomentenlinie und Be-
rechnung der Querkräfte und Normalkräfte aus der Momentenlinie.
7. Falls erforderlich kann die Biegelinie z. B. aus Überlagerung von Last- und
Einheitsverformungszuständen ermittelt werden.
Am Beispiel werden die einzelnen Schritte zunächst ohne Zahlen erläutert. Um
Verwechselungen mit dem Kraftgrößenverfahren zu vermeiden, werden die In-
dizes für die Last- und die Einheitsverformungszustände hochgestellt.

Das kinematisch bestimmte Hauptsystem


Als äußere Einwirkungen sind hier P sowie T0 in Stab a − b angesetzt.
P

b c

h T0 m=2

a
l

Bei dehnstarren Stäben ist das System 2-fach kinematisch unbestimmt. Nach
Hinzufügen von 2 Bindungen liegt das kinematisch bestimmte Hauptsystem
vor. Die unterdrückten Weggrößen sind die Einspannung von Knoten b gegen
Verdrehen ϕb (Symbol ) sowie die Festhaltung des Riegels gegen Verschieben
bzw. gegen Stabdrehung ψa−b (Symbol ).
240 17 Das Drehwinkelverfahren

Die Lastverformungszustände LVZ

Am kinematisch bestimmten Hauptsystem treten unter Einwirkungen Verfor-


mungen und als Folge davon Biegemomente, Normalkräfte und Querkräfte auf.
Die Verformungen werden als Lastverformungszustand bezeichnet. Er erfüllt al-
le Verformungsbedingungen an den Übergängen zu den benachbarten Stäben,
sodass hier keine Knicke und keine Sprünge möglich sind. Im Gebiet zwischen
den Knoten sind die Biegelinien apriori stetig und stetig differenzierbar ange-
setzt.

Die Gleichgewichtsbedingungen sind bei den Lastverformungszuständen an den


Knoten verletzt, da am Übergang zu den Nachbarstäben infolge der Abschot-
tung durch die Festhaltungen Sprünge in der Momentenlinie auftreten. Das
Sprungmoment wird hierbei von der Festhaltung aufgenommen.
Auch das Kräftegleichgewicht ΣH = 0, ΣV = 0
am System und in den Rahmenecken ist nicht F N
erfüllt, da die Einzelstäbe voneinander abgeschot-
tet sind. Die Lagerkraft F in der Verschiebe- Q
festhaltung wird jeweils mit dem Knotengleich-
gewicht berechnet, siehe Abbildung rechts.
Der Lastverformungszustand für P gibt MP0 sowie FP0 = 0 :

F0
P

w0 M0
P P

Der Lastverformungszustand für T0 gibt MT0 sowie FT0 = 0 :


Dh
Ψ= l

Dh = eT• h F0
T

T0
w0 M0
T T
17.4 Lösungsweg des Drehwinkelverfahrens 241

Die Einheitsverformungszustände EVZ


Die Einheitsverformungszustände werden so eingeprägt, dass jeweils eine Fest-
haltung gelöst und die konjugierte Weggröße vorgegeben wird. Die Verfor-
mungszustände infolge der Einheitsweggrößen erfüllen ebenfalls alle Verfor-
mungsbedingungen. Es treten auch hier keine Sprünge und keine Knicke auf.
Es ist zweckmäßig, mit den 1/EIc -fachen Weggrößen als Einheits-Weggrößen
zu rechnen, da so die Zahlenrechnung einfacher wird.

1
j1= EI
C 1 DM
F =
h
+ +

w1 M1

DM
F2 =
h
1 +
Ψ2= EI
C

w2 M2

Die Gleichgewichtsbedingungen sind nur an den Knoten verletzt, die von den je-
weiligen Drehwinkeln beeinflusst werden. Dies ist grundsätzlich anders als beim
Kraftgrößenverfahren, wo sich die Momentenlinien aus Einheitskraftgrößen über
das gesamte System erstrecken können.

Die Gleichgewichtsbedingungen
Anschaulich sind die Knoten des wirklichen Systems unter Einwirkungen so
verdreht und verschoben, dass in allen in der Berechnung angesetzten Festhal-
tungen die Kraftgrößen und Momente null und die Bindungen damit überflüssig
sind. Da die wirklichen Drehwinkel zunächst noch unbekannt sind, werden die
Einheitsverformungszustände mit unbekannten Faktoren Yj multipliziert. Ge-
sucht sind diejenigen Werte von ϕ1 · Y1 und ψ2 · Y2 , mit denen auch die Gleich-
gewichtsbedingungen erfüllt sind.
242 17 Das Drehwinkelverfahren

Bei allen Last- und Einheitsverformungszuständen sind die Gleichgewichtsbe-


dingungen nur an den Orten der Festhaltungen verletzt, sodass auch nur hier
die Gleichgewichtsbedingungen für die Berechnung der unbekannten Drehwin-
kel formuliert werden können. Hierzu müssen die Momentensprünge und La-
gerkräfte der Einheitsverformungszustände mit den Faktoren Yi multipliziert
werden. Wenn die Gesamtmomentenlinie aus der Überlagerung der Teilmo-
mentenlinien folgt, gilt dies auch für die Kräfte und Momentensprünge in den
Festhaltungen.
Gleichgewicht für die Momente am Knoten b gibt
X j
Mb = ∆Mb0 + ∆Mb1 Y1 + ∆Mb2 Y2 = 0,
Am wirklichen System ist die Lagerkraft F = 0. Damit muss auch
X j
Fb = Fb0 + Fb1 Y1 + Fb2 Y2 = 0.
erfüllt sein. Dies sind die zwei Bestimmungsgleichungen für Y1 , Y2 . Nach Be-
rechnung der Unbekannten Yi erhält man die Momentenlinie des wirklichen
Systems mit
M = M 0 + Y1 · M 1 + Y2 · M 2 .
Die anderen Schnitt- und Weggrößen werden mit der Momentenlinie berechnet.

17.5 Anwendungsbeispiele
Nachfolgend werden Gleichgewichtsbedingungen des Drehwinkelverfahrens mit
dem Schnittprinzip zunächst anschaulich als Momenten- und Kräftegleichge-
wicht formuliert.
Anschließend wird das Prinzip der virtuellen Verschiebungen zur Formulierung
der Gleichgewichtsbedingungen des Drehwinkelverfahrens in Abschnitt 17.6 er-
läutert. Mit den Arbeitssätzen kann man besonders das Kräftegleichgewicht
sehr elegant und weniger fehleranfällig aufstellen.

17.5.1 Momentengleichgewicht des Drehwinkelverfahrens


Das kinematisch bestimmte Hauptsystem weist Bindungen auf, die am wirkli-
chen System nicht vorhanden sind. Dies sind die Drehfesthaltungen der Kno-
ten. Die wirklichen Verdrehungen der einzelnen Knoten sind identisch mit den
Einheitverdrehungen, jeweils multipliziert mit den Vergrößerungsfaktoren Yj .
Die wirklichen Drehungen der Knoten sind gerade so groß, dass die Momen-
tengleichgewichtsbedingungen an den Knoten erfüllt sind. Um dies im Berech-
nungsverfahren sicherzustellen, sind an jedem Knoten Rundschnitte um den
Knoten zu führen und das Verschwinden der Momentensumme zu fordern.
17.5 Anwendungsbeispiele 243

Bei der Momentensumme sind die Momente Mi0 aus dem Lastverformungszu-
stand und alle Momente Mij aus den Einheitsverformungszuständen zu berück-
sichtigen, die am jeweiligen Momentengleichgewicht am Knoten i beteiligt sind:
P
Mi0 + Mij · Yj = 0.
j

Bei der Formulierung des Momentengleichgewichtes sind die Vorzeichen des


Drehwinkelverfahrens zu beachten.

pos. Stabendmoment pos. Knotenmoment

Beispiel
Das horizontal unverschiebliche Rahmentragwerk ist auf dem Stab b − c mit
einer Streckenlast q = 2 kN/m sowie im Knoten c mit einem Knotenmoment
M = 3 kN m belastet. Die Biegesteifigkeit beträgt EIc = 4.000 kN m2 (IP E −
200), wird aber für die Berechnung der Momentenlinie nicht benötigt. We-
sentlich sind jedoch die Steifigkeitsverhältnisse Ic /I, da sie den Lastabtrag
beeinflussen. Zur Vorbereitung der Berechnung müssen daher die effektiven
Stablängen l′ für jeden Einzelstab ermittelt werden.

2 kN/m
Ic Ic
Stab l I l′ = l · I
3 kNm
b c
a−b 4 1,5 6
3
b−c 6 1 6
d e
c−d 3 1 3
1 a
c−e 4,23 1 4,23
6 3

1. Das kinematisch bestimmte Hauptsystem


Das vorliegende System besitzt zwei un-
bekannte Knotendrehwinkel in b und
c, sodass hier die Verdrehfesthaltun-
m=2
gen angebracht werden. Der Riegel wird
durch den dehnstarren Stab c − e fest-
gehalten.
244 17 Das Drehwinkelverfahren

2. Der Lastverformungszustand

Der Lastverformungszustand wird stabweise berechnet, da die Knotenverdre-


hungen null gesetzt sind. Die Momentenline in Stab b − c folgt für die Strecken-
last aus Tabelle 17.1. Das Knotenmoment wirkt nur am Knoten und hat damit
keinen Einfluss auf die Momentenlinien der Einzelstäbe.
2 kN/m 2
ql /12 = 6 +6
3 kNm 3
3

0
w0 M

3. Einheitsverformungszustände

Die Einheitsverformungszustände folgen mit den Drehwinkeln 1/EIc in Knoten


b und c. Die Stabendmomente infolge der Knotendrehungen können aus Tabelle
17.2 entnommen werden. Sie sind alle positiv im Sinne des Drehwinkelverfah-
rens.

1/EIc 2/l = 0,33


4/l = 0,67 4/l = 0,67

1
w1 2/l = 0,33 M

1/EIc 4/l = 0,67


2/l = 0,33

1,33

2/l = 0,67
2
w2 M
17.5 Anwendungsbeispiele 245

4. Knotengleichgewicht
Die Momentengleichgewichtsbedingungen müssen dort aufgestellt werden, wo
die Verdrehfesthaltungen angebracht sind. Die Stabendmomente aus Last- und
Einheitsverformungszuständen können dabei mit gleichem Vorzeichen, aber ge-
gendrehend als Knotenmoment angesetzt werden. Die Stabendmomente aus
Einheitsverformungszuständen werden mit dem jeweiligen Multiplikator Yj ver-
sehen. Zusätzlich ist das Knotenmoment aus Last in Knoten c anzusetzen.
X X
1 1 2 2
Mb = ( Mba + Mbc ) Y1 + ( Mba + Mbc ) Y2 + Mb0 = 0
X
Mb = ( 0, 67 + 0, 67 ) Y1 + ( 0 + 0, 33 ) Y2 − 6, 0 = 0
X X
1 1 1 2 2 2
Mc = ( Mcb + Mcd + Mce ) Y1 + ( Mcb + Mcd + Mce ) Y2 + Mc0 = 0
X
Mc = ( 0, 33 + 0 + 0 ) Y1 + ( 0, 67 + 1, 33 + 0 ) Y2 + ( 6, 0 − 3, 0 ) = 0

5. Lösung des Gleichungssystems


Die Lösung des Gleichungssystems für die unbekannten Faktoren Yj erfolgt in
Matrizenschreibweise.
      
1, 33 0, 333 Y1 −6, 0 0
+ = .
0, 333 2, 00 Y2 +3, 0 0
Mit den Faktoren Yj
Y1 = 5, 10, Y2 = −2, 34
sind gleichzeitig die unbekannten Knotendrehungen
ϕb = Y1 /EIc = 0, 00127, ϕc = Y2 /EIc = −0, 00058
sowie die hiermit verknüpfte Biegelinie festgelegt.

6. Momentenlinie am unbestimmten System


Die Berechnung der Momentenlinie erfolgt mit den Teilmomentenlinien. Vor-
zugsweise werden die Stabendmomente superponiert, sodass die Schlusslinie
festliegt.
X j
0
Mkl = Mkl + Yj · Mkl
j

k = betrachteter Knoten
l = abgelegener Knoten
246 17 Das Drehwinkelverfahren

Hierbei werden die Stabendmomente entsprechend der Vorzeichen des Dreh-


winkelverfahrens superponiert. Damit gilt

Mba = 0, 0 + 0, 67 · 5, 10 + 0, 0 · (−2, 34) = 3,40


Mbc = −6, 0 + 0, 67 · 5, 10 + 0, 33 · (−2, 34) = 3,38
Mcb = 6, 0 + 0, 33 · 5, 10 + 0, 67 · (−2, 34) = 6,12
Mcd = 0, 0 + 0, 0 · 5, 10 + 1, 33 · (−2, 34) = 3,12

Im Bild ist die Momentenlinie so dargestellt, dass die Momente ohne Vorzeichen
auf der Zugseite abgetragen sind. Die Biegelinie ist entsprechend der Knoten-
verdrehungen und der Verkrümmungen aus Momentenlinie skizziert.
6,12
3,40 3,12
4,24

1,56
1,70
M w

17.5.2 Gleichgewicht gegen Verschieben


Beim Drehwinkelverfahren können nicht nur Knotendrehungen unbekannt sein,
sondern auch Verschiebungen von Knoten, die als Stabdrehungen deutbar sind.
Auch aus den Stabdrehungen folgen Stabendmomente und entsprechende Kno-
tenmomente, die im Momentengleichgewicht um den jeweiligen Knoten berück-
sichtigt werden müssen.
Wenn verschiebbare Knoten am kinematisch bestimmten Hauptsystem gegen
Verschieben festgehalten sind, sind im Last- und in den Einheitsverformungs-
zuständen in der zugehörigen Festhaltung Lagerkräfte vorhanden. Die Summe
der Lagerkräfte F j muss am wirklichen System verschwinden, da das Lager am
wirklichen System nicht vorhanden ist. Es gilt dann
X j
Fi0 + Fi · Yj = 0.
j

Die Berechnung der Lagerkräfte erfolgt fallabhängig mit den Quer- und Nor-
malkräften der angrenzenden Stäbe. Hierbei sind die Querkräfte mit den Mo-
mentenlinien der Einzelstäbe und die Normalkräfte mit dem Knotengleichge-
wicht gegeben.
17.5 Anwendungsbeispiele 247

Beispiel
Nachfolgendes Beispiel verdeutlicht die Berechnung der Lagerkräfte und das
Aufstellen der entsprechenden Gleichgewichtsbedingung.

1. System und kinematisch bestimmtes Hauptsystem


Das Rahmentragwerk ist mit einer horizontal wirkenden Einzelkraft P = 5 kN
belastet. Die Abmessungen sind ℓ = 5,0 m, h = 3,0 m. Alle Stäbe besitzen die
gleiche Biegesteifigkeit EIc = 2.000 kN m2 (IPE 160), sodass die Ersatzlängen
ℓ′ wie die wirklichen Längen ℓ anzusetzen sind. Das System ist 3-fach kinema-
tisch unbestimmt. Am Hauptsystem sind die Knoten b und c gegen Verdrehen
und der Riegel b − c gegen horizontale Verschiebungen festgehalten.

b c

h m=3
P

a d

2. Lastverformungszustand
Der Lastverformungszustand mit der Momentenlinie M 0 folgt Tabelle 17.1.
Zusätzlich zum Momentensprung an der Knotenverdrehfesthaltung ist jetzt ei-
ne Lagerkraft F 0 = P/2 in der Verschiebefesthaltung vorhanden, die am wirk-
lichen System verschwindet. Die Lagerkraft kann mit dem Knotengleichgewicht
für die Horizontalkräfte aus der Querkraft Q = M ′ berechnet werden.
Ph/8
F 0 +

0
P w0 M

-Ph /8

3. Einheitsverformungszustände
Die Einheitsverformungszustände und die Stabendmomente folgen aus den Kno-
tendrehungen in b und c sowie der Stabdrehung ψ = 1/EIc , siehe Tabelle 17.2.
248 17 Das Drehwinkelverfahren

1
EIC F1
4/l 2/l
4/h

w1 M1

2/h

1 F2 4/l
2/l
EIC
3/h

w2 M
2

F3

1 6/h 3/h
EIC
w3 M
3

6/h

In allen Einheitsverformungszuständen sind Lagerkräfte F j vorhanden, die je-


weils mit dem Schnittprinzip und dem Gleichgewicht für die horizontal wirken-
den Kräfte berechnet werden können. Die Lagerkräfte F j können mit Q = M ′
und entsprechenden Horizontalschnitten am Gesamttragwerk ermittelt werden.
F 1 = ( 4/h + 2/h ) /h = 6/h2
F 2 = ( 3/h ) /h = 3/h2
F 3 = ( 6/h + 6/h ) /h + ( 3/h ) /h = 15/h2

4. Gleichgewichtsbedingungen
Die Momentengleichgewichtsbedingungen an den Knoten b und c sind
X P ·h 4 4 2 6
Mb = + ( + ) · Y1 + · Y2 + · Y3 = 0,
8 h l l h
5·3 4 4 2 6
= + ( + ) · Y1 + · Y2 + · Y3 = 0,
8 3 5 5 3
17.5 Anwendungsbeispiele 249

X 2 4 3 3
Mc = 0 + · Y1 + ( + ) Y2 + · Y3 = 0,
l l h h
2 4 3 3
= 0 + · Y1 + ( + ) · Y2 + · Y3 = 0.
5 5 3 3
Die unbekannten Knoten- und Stabdrehwinkel ϕj · Yj bzw. ψ j · Yj müssen auch
die Bedingung erfüllen, dass die Lagerkraft F in der künstlichen
P Verschiebe-
festhaltung am wirklichen System null sein muss: F = F 0 + F j · Yj = 0.
Damit gilt
X P 6 3 15
F = + 2 · Y1 + 2 · Y2 + 2 · Y3 = 0,
2 h h h
5 6 3 15
= + · Y1 + · Y2 + · Y3 = 0.
2 9 9 9

5. Gleichungssystem
Damit folgt das Gleichungssystem in Matrizenschreibweise
      
2, 133 0, 40 2, 0 Y1 1, 875 0
 0, 40 1, 80 1, 0   Y2  +  0  =  0  .
0, 66 0, 33 1, 66 Y3 2, 50 0

Zu beachten ist hier die Unsymmetrie der Koeffizientenmatrix. Die Lösung des
Gleichungssystems ist

Y1 = 0, 85, Y2 = 0, 94, Y3 = − 2, 03.

Damit sind gleichzeitig die unbekannten Knotendrehungen

ϕb = Y1 /EIc = 0, 000425, ϕc = Y2 /EIc = 0, 00047

sowie die horizontale Verschiebung des Riegels festgelegt

ub = Y3 /EIc · h = −2, 03/2.000 · 3, 0 = − 0, 0030 m.

6. Momentenlinie am unbestimmten System


Die Berechnung der Momentenlinie erfolgt mit der Superposition der Stabend-
momente sowie der Schlusslinie. Hierbei werden die Stabendmomente entspre-
chend der Vorzeichen des Drehwinkelverfahrens superponiert. Damit gilt
X j
0
Mkl = Mkl + Yj · Mkl .
j
250 17 Das Drehwinkelverfahren

Mab = − 1, 875 + 0, 67 · 0, 85 + 0, 0 · 0, 94 + 2, 0 · (−2, 03) = −5, 37


Mba = + 1, 875 + 1, 33 · 0, 85 + 0, 0 · 0, 94 + 2, 0 · (−2, 03) = −1, 06
Mbc = 0, 0 + 0, 8 · 0, 85 + 0, 4 · 0, 94 + 0, 0 · (−2, 03) = 1, 06
Mcb = 0, 0 + 0, 4 · 0, 85 + 0, 8 · 0, 94 + 0, 0 · (−2, 03) = 1, 09
Mcd = 0, 0 + 0, 0 · 0, 85 + 1, 0 · 0, 94 + 1, 0 · (−2, 03) = −1, 09

Im Bild ist die Momentenlinie ohne Vorzeichen auf der Zugseite abgetragen.
Die Biegelinie ist entsprechend der Knotendrehungen, der horizontalen Ver-
schiebung des Riegels sowie den Verkrümmungen aus Momentenlinie skizziert.

1,06 1,09

1,60 M w

5,37

17.6 Aufstellen der Gleichgewichtsbedingungen mit dem PvV

In Abschnitt 8 ist das Prinzip der virtuellen Verschiebungen zur Berechnung


von Einzelschnittgrößen und Lagerkräften eingesetzt. Das Vorgehen umfasst
im Wesentlichen folgende Schritte:
1. Lagrange’sche Befreiung: Lösung der zu der gesuchten Schnittgröße konju-
gierten Bindung und Ansetzen der Doppelschnittgröße als Einwirkung.
2. Virtuelle Verschiebung: Vorgabe eines virtuellen Verschiebungsfeldes, auf
dem die gesuchte Schnittgröße Arbeit leistet.
3. PvV: Aufstellen der virtuellen Arbeiten und Berechnung der gesuchten Schnitt-
größe mit dem Arbeitssatz.
Die Anwendung des PvV für die Formulierung der Gleichgewichtsbedingungen
des Drehwinkelverfahrens kann völlig analog erfolgen.
Beim Drehwinkelverfahren sind die gesuchten Schnittgrößen die Stabendmo-
mente des wirklichen Systems. Diese können jedoch nicht direkt ermittelt wer-
den, wenn an einem Knoten mehrere Stäbe angeschlossen sind, sondern nur
implizit über die Knoten- und Stockwerksgleichgewichtsbedingungen.
17.6 Aufstellen der Gleichgewichtsbedingungen mit dem PvV 251

17.6.1 Knotengleichgewicht
Die Lagrange’sche Befreiung wird auf alle an einem Knoten angeschlossenen
Stäbe so angewendet, dass die angreifenden Stabendmomente bzw. die Kno-
tenmomente virtuelle Arbeit leisten können.

kinematisch bestimmtes HS Lagrange’sche Befreiung


der Stabendmomente
Die virtuellen Knotendrehungen ϕ̄ werden entgegengesetzt zur wirklichen Kno-
tendrehung angesetzt, damit positive Arbeit geleistet wird. Die virtuelle Ver-
schiebungsfigur ist geradlinig mit verschwindenden Auslenkungen, da die Ge-
lenke der Lagrange’schen Befreiung direkt neben den Knoten liegen und die
virtuellen Knotendrehungen damit keine Biegewirkung auf die angrenzenden
Stäbe übertragen können.

jb
jc

w1 w2

In der Arbeitsgleichung werden die virtuellen Arbeiten der Knotenmomente auf


den virtuellen Knotendrehungen ausgewertet. Aufgrund der gewählten Dreh-
richtungen sind diese Arbeiten immer positiv.
jc
jb

Für die beiden jeweils getrennt anzusetzenden virtuellen Knotendrehungen fol-


gen mit dem Arbeitssatz des PvV die Gleichungen
X P ·h 4 4 2 6
Āb = · ϕ̄b + ( + ) Y1 · ϕ̄b + · Y2 · ϕ̄b + · Y3 · ϕ̄b = 0
8 h l l h
252 17 Das Drehwinkelverfahren

P ·h 4 4 2 6
= { + ( + ) Y1 + · Y2 + · Y3 } · ϕ̄b = 0
8 h l l h
X 2 4 3 3
Āc = 0 + · Y1 · ϕ̄c + ( + ) Y2 · ϕ̄c + · Y3 · ϕ̄c = 0
l l h h
2 4 3 3
= { 0 + · Y1 + ( + ) Y2 + · Y3 } · ϕ̄c = 0
l l h h
Nach Ausklammern“ der virtuellen Verrückungen sind die beiden Gleichungen

den Momentengleichgewichtsbedingungen nach Abschnitt 17.5.2 gleichwertig.

17.6.2 Stockwerkgleichgewicht
Mit dem Prinzip der virtuellen Verschiebungen können auch Einzelkräfte be-
rechnet werden, dies sind hier die Lagerkräfte F . Das System ist dabei so zu
befreien, dass ein virtuelles Verschiebungsfeld entsteht, bei dem die Stockwerks-
festhaltungen verschoben werden und die Lagerkräfte F virtuelle Arbeit leisten.
Möglich sind die im Bild angegebenen virtuellen Verschiebungen.
w w
F F
Q Q

w w

Nachteilig ist, dass entweder die inneren Arbeiten aufgrund der virtuellen Ver-
krümmungen nicht verschwinden oder die Querkräfte berechnet werden müssen.
Da die virtuellen Verschiebungen beliebig wählbar sind, bietet es sich jedoch
an, die Lagrange’sche Befreiung so zu wählen, dass die Stäbe gerade bleiben
und damit keine inneren virtuellen Arbeiten ausgewertet werden müssen.
Dies erfolgt so, dass zusätzliche künst-
liche Gelenke an den Stabenden ange-
w
setzt werden, und das System in Rich-
tung der Verschiebefesthaltung ver- F
schoben wird. Hierbei bleiben die Stäbe Jb Jc
gerade.
w3
Ψ
Ja
virtuelle Drehung ψ̄
mit positivem ϑ̄

Die virtuelle Verschiebung ist so zu wählen, dass die positiven Stabendmomente


17.6 Aufstellen der Gleichgewichtsbedingungen mit dem PvV 253

positive Arbeit leisten. Daraus folgt, dass die virtuelle Drehung ψ̄ entgegenge-
setzt zur wirklichen Stabdrehung ψ aufgebracht werden muss.

Aufstellen der Arbeitsgleichung:


Wenn die Lagerkraft F am wirklichen System verschwindet, müssen auch die
zugehörigen virtuellen Arbeiten verschwinden. Es bleiben die Arbeiten aller
äußeren Lasten auf den zugehörigen Verschiebungen und die Arbeiten der frei-
geschnittenen Stabendmomente auf den zugehörigen Stabendknickwinkeln.
X h Ph Ph 4 2
Ā = P · ψ̄ ·+ (− ) · ϑ̄a + ( ) · ϑ̄b + Y1 · ( · ϑ̄b ) + Y1 · ( · ϑ̄a )
2 8 8 h h
3 6 6 3
+Y2 · · ϑ̄c + Y3 · · ϑ̄a + Y3 · · ϑ̄b + Y3 · · ϑ̄c = 0.
h h h h
Hier vereinfacht sich die Gleichung wegen ϑ̄a = ϑ̄b = ϑ̄c = ψ̄ zu
X h 6 3 15
Ā = { P · + Y1 · + Y2 · + Y3 · } ψ̄ = 0.
2 h h h
Auch hier ist die Arbeitsgleichung der Gleichgewichtsbedingung nach Abschnitt
17.5.2 gleichwertig, was nach dem Ausklammern“ des virtuellen Stabdrehwin-

kels ψ̄ besonders deutlich wird. Im Vergleich zu Abschnitt 17.5.2 ist hier die
Koeffizientenmatrix symmetrisch, was in dem besonderen Charakter des PvV
begründet ist, wenn wirkliche und virtuelle Weggrößen gleich gewählt werden.

17.6.3 Anwendungsbeispiel
Das Rahmentragwerk ist mit einem Knotenmoment M e = 4 kN m, einer Ein-
zelkraft F = 3 kN sowie einer Streckenlast q = 2 kN/m belastet. Zur Vorberei-
tung der Berechnung müssen die effektiven Stablängen l′ für jeden Einzelstab
ermittelt werden, da die Steifigkeitsverhältnisse Ic /I für die in der Tabelle 17.1
angegebenen Stabendmomente wesentlich sind. Die Vergleichssteifigkeit beträgt
EIc = 4.000 kN m2 (IPE 200). Die Abmessungen sind in [m] angegeben.

e
q
M
b c F
Ic Ic
Stab l I l′ = l · I
4 a−b 5,0 1,0 5,0
b−c 5,0 0,5 2,5
a

3 5
254 17 Das Drehwinkelverfahren

1. Das kinematisch bestimmte Hauptsystem


Das vorliegende System besitzt einen
unbekannten Knotendrehwinkel in b so-
wie eine unbekannte Knotenverschie-
bung bzw. einen unbekannten Stab-
drehwinkel, sodass das System 2-fach
kinematisch unbestimmt ist.

2. Der Lastverformungszustand (LVZ)


Einzelmoment und Einzelkraft haben keinen Einfluss auf die Biegelinie und die
Momentenlinie des Lastverformungszustandes, da beide Einwirkungen direkt
auf die Festhaltungen wirken. Die Streckenlast bewirkt am Stabende in Knoten
b ein negatives Stabendmoment.
2
e ql /8 = 6,25
M
F

M0 w0

3. Einheitsverformungszustände (EVZ)
Der Einheitsverformungszustand infolge Knotendrehung 1/EIc in Knoten b
kann wie bisher ermittelt werden.
1/EI c

4/l’ = 0,8 F
3/l’ = 1,2

M1 w1

2/l’ = 0,4

Für den Einheitsverformungszustand aus Stabdrehung ψ = 1/EIc in Stab a − b


muss die Kinematik genauer untersucht werden. Aufgrund der Stabanordnung
verschiebt sich der Knoten b bei einer Drehung des Stabes a − b um 5/EIc
nach links oben. Dies bewirkt eine horizontale Verschiebung von Knoten b um
17.6 Aufstellen der Gleichgewichtsbedingungen mit dem PvV 255

4/EIc nach links und um 3/EIc nach oben. Hieraus folgt ein negativer Stab-
drehwinkel für den Stab b − c, was entsprechend Tabelle 17.2 auch negative
Stabendmomente bewirkt. Infolge der Stabdrehung ψb−c = −3/5EIc sind die
Stabendmomente nach Tabelle 17.2 mit dem Faktor −3/5 zu multiplizieren.
4/EIc

3/l’• 3/5 = 0,72


3/EI c
6/l’ = 1,2 3/5EI c

M2 1/EI c w2

6/l’ = 1,2

Die virtuellen Stabdrehungen sind ent- 4Ψ

gegengesetzt zum Einheitsverformungs-


zustand angesetzt, weisen aber die glei-
3/5 Ψ
chen Größenverhältnisse auf. Auch hier
sind positive und negative Stabdreh- Ψ
winkel vorhanden. Die horizontale Ver-
schiebung des Riegels beträgt ψ̄a−b · 4.

4. Die Gleichgewichtsbedingungen
Die Momentengleichgewichtsbedingung wird in Knoten b aufgestellt, wobei die
Stabendmomente aus Einheitsverformungszuständen mit dem jeweiligen Multi-
plikator Yj versehen werden. Zusätzlich sind das Knotenmoment aus Last sowie
das Stabendmoment aus Streckenlast in Knoten b anzusetzen.
X
Mb = ( 0, 8 + 1, 2 ) Y1 + ( 1, 2 − 0, 72 ) Y2 + ( −4, 0 − 6, 25 ) = 0.

Für das Kräftegleichgewicht am Stockwerk wird die Arbeitsgleichung des PvV


angesetzt. Bei der Arbeit der Stabendmomente des Stabes b − c auf den vir-
tuellen Stabenddrehwinkeln müssen die Vorzeichen beachtet werden. Weil die
Stabendmomente und auch die virtuellen Stabenddrehwinkel negativ sind, ist
die virtuelle Arbeit positiv. Dies gilt grundsätzlich auch bei anderen Staban-
ordnungen.
Außerdem leisten die Streckenlast und die horizontale Einzellast sowie die Stab-
endmomente des Lastverformungszustandes virtuelle Arbeit auf dem virtuellen
Verschiebungszustand.
256 17 Das Drehwinkelverfahren

Insgesamt folgt
X
Ā2 = [ 0, 8 + 0, 4 + 1, 2(−3/5) ] ψ̄ Y1
+ [( 1, 2 + 1, 2 ) ψ̄ + (−0, 72) · (−3/5 ψ̄)] Y2
+3, 0 · 4 ψ̄ + (2 · 5, 0) · (2, 5 · 3/5 ψ̄) + (−6, 25) · (−3/5 ψ̄) = 0
= 0, 48 ψ̄ Y1 + 2, 832 ψ̄ Y2 + 30, 75 ψ̄ = 0.

5. Lösung des Gleichungssystems


Die Lösung des Gleichungssystems für die unbekannten Faktoren Yj erfolgt in
Matrizenschreibweise
" #" # " # " #
2, 0 0, 48 Y1 −10, 25 0
+ = ,
0, 48 2, 832 Y2 +30, 75 0
mit den Faktoren Yj
Y1 = 8, 07, Y2 = −12, 23.

6. Berechnung der Momente aus Superposition


Die Momentenlinie erfolgt mit Superposition der Teilmomentenlinien
M = M 0 + M 1 · Y1 + M 2 · Y2 .
Zuerst werden die Stabendmomente mit dem Vorzeichen des Drehwinkelver-
fahrens berechnet. Hierfür gilt
Mab = 0 + 0, 4 · 8, 07 + 1, 2 · (−12, 23) = −11, 45
Mba = 0 + 0, 8 · 8, 07 + 1, 2 · (−12, 23) = −8, 22
Mbc = −6, 25 + 1, 2 · 8, 07 + (−0, 72) · (−12, 23) = +12, 22
Die Stabendmomente werden ohne Vorzeichen auf der Zugseite der Stäbe ab-
getragen. Damit liegt bereits die Schlusslinie fest.
Auf die Schlusslinie wird die Parabel im
Stab b − c eingehängt. Der Sprung am 8,22
Knoten b folgt aus dem Einzelmoment. 12,22 6,25
Falls die Vorzeichen der Baustatik er-
M
forderlich sind, wird eine gestrichel-
te Linie vorgegeben. Eine unabhängige
Gleichgewichtskontrolle kann mit den 11,45
Lagergrößen erfolgen.
17.6 Aufstellen der Gleichgewichtsbedingungen mit dem PvV 257

Mit der Momentenlinie sind auch die Querkräfte und mit Knotengleichgewicht
die Normalkräfte berechenbar.

+2,55 -7,44
+3

-0,24
Q N
+3,96

7. Berechnung der Biegelinie


Mit der Lösung des Gleichungssystems sind gleichzeitig die unbekannte Kno-
tendrehung

ϕb = Y1 /EIc = 0, 00202

sowie die horizontale Riegelverschiebung nach rechts festgelegt.


4
ub,H = ℓ · Y2 (−1/EIc ) = 0, 0122 m.

Die vertikale Verschiebung von Knoten b nach unten folgt mit der Kinematik
des Sehnenpolygons
3
ub,V = ℓ · Y2 (−1/EIc ) = 0, 0092 m.

Die Biegelinie folgt mit dem Sehnen-
polygon wS aus den Verschiebungen 0,0108
der Systemknoten, vergleiche Abschnitt
17.5, und den Verkrümmungen entspre-
chend der Momentenlinie. Die Verschie-
bungen des Sehnenpolygons sind be- w
reits ohne weitere Berechnung mit dem
Stabdrehwinkel ψ2 Y2 gegeben.

w = wS (ψi Yi ) + w(M )

Der Teil w(M ) aus Verkrümmung kann wie bereits gezeigt mit den ω–Tabellen
berechnet werden.
258 17 Das Drehwinkelverfahren

8. Momentenordinaten für konstantes EI


Bei statisch unbestimmten Systemen ist die Momentenlinie von der Verteilung
der Stabsteifigkeiten abhängig. Wenn beide Stäbe als IPE 200 ausgeführt wer-
den, folgen die Momentenordinaten zu Ma = 13, 8 k N m, Mba = 6, 72 k N m und
Mbc = 10, 72 k N m. Dies bedeutet, dass der im Vergleich zum ersten Fall jetzt
weichere Riegel b − c stärker in den Stab a − b eingespannt ist, sich der Stab
a − b stärker verdrehen kann und daher größere Einspannmomente aufweist.

17.7 Eingeprägte Weggrößen


Analog zu statisch bestimmten Systemen sollen auch für statisch unbestimmte
Systeme Einflusslinien für Kraftgrößen bestimmt werden, siehe Abschnitt 19.
Einflusslinien für Kraftgrößen entsprechen den Biegelinien infolge von Einzel-
weggrößen. Die Einzelweggröße ist beim Drehwinkelverfahren als Einwirkung
dem kinematisch bestimmten Hauptsystem einzuprägen. Die für den Last-
verformungszustand erforderliche Momentenlinie M 0 sowie die Biegelinie w0
müssen daher in einer Tabelle vorliegen.

Die in der Tabelle 17.3 angegebenen Stabendmomente aus Einzelweggrößen


kann man folgendermaßen anschaulich erklären.

jb0 jc0
w0 M0

-1
jb0
w1 M1

jc0
w2 M2

w M
-1

Betrachtet man den im Bild dargestellten beidseitig gelenkig gelagerten Bal-


ken mit einem Knick ∆ϕ = −1 im Gebiet, so ist die Momentenlinie identisch
null. Aus dem Zurückdrehen der beiden Ränder um ϕ0b bzw. ϕ0c auf die Posi-
17.7 Eingeprägte Weggrößen 259

tion des links oder/und rechts eingespannten Balkens entstehen die in Tabelle
17.3 angegebenen Stabendmomente. Ebenfalls angegeben sind die Stabendmo-
mente infolge einer Spreizung in einem Querkraftgelenk. Spreizungen in einer
Schiebehülse bewirken keine Stabendmomente am Einzelstab, jedoch Verschie-
bungen der Knoten in Stablängsrichtung.

Tabelle 17.3 Stabendmomente aus Knickwinkel und Spreizungen

l´ = l . Jc / J a + b
+
l
a. l b.l Ma / EJc M b / EJc

-2(3 b - 1) / l´ 2(3 a - 1 ) / l´
-1

-3 b / l´ 0
-1

-1
-4 / l´ -2 / l´
-1
-3 / l´ 0

-1
6/( l . l´) 6/( l . l´)

-1
3/( l . l´) 0

Der Lösungsweg zur Berechnung der Gesamtmomentenlinie und der Gesamt-


biegelinie des kinematisch unbestimmten Systems infolge Einzelweggröße ist
völlig analog zur Berechnung eines Systems unter den sonst üblichen Einwir-
kungen. Die Momentenlinie am kinematisch bestimmten Hauptsystem infolge
eingeprägter Weggröße sowie der Knickwinkel sind im Lastverformungszustand
zu berücksichtigen. Lagersetzungen oder -verdrehungen sind dagegen als vor-
gegebene Stabdrehwinkel oder Knotendrehwinkel zu behandeln.
260 17 Das Drehwinkelverfahren

Beispiel
Das Rahmentragwerk erfährt an der Stelle k einen Knick der Größe −1“ im

Viertelspunkt des Stabes a − b. Wesentlich für die Momentenlinie sind die Stei-
figkeitsverhältnisse Ic /I der einzelnen Stäbe, die in der Tabelle angegeben sind.
Hier wird EIc = 4.000 kN m2 (IPE 200) angesetzt. Zur Vorbereitung der Be-
rechnung müssen die effektiven Stablängen l′ für jeden Stab ermittelt werden.

1 b d f
Ic
k Stab l I l′ = l IIc
3
a−b 4,0 1,5 6,0
3 c e
c−d 3,0 1,5 4,5
a
e−f 3,0 1,5 4,5
4 4 b−d 4,0 1,25 5,0
d−f 4,0 1,25 5,0
Die Abmessungen sind in [m] angegeben.

1. Das kinematisch bestimmte Hauptsystem

Das vorliegende System besitzt zwei un-


bekannte Knotendrehwinkel in b und d
sowie eine unbekannte Riegelverschie-
bung, sodass das System 3-fach kinema-
tisch unbestimmt ist.

2. Der Lastverformungszustand
Der Lastverformungszustand infolge Knick −1“ wird für den Stab a − b nach

Tabelle 17.3 berechnet. Die Stabendmomente sind positiv und auf den Stab
a − b beschränkt.
4.000 • 2,5/6,0

-1
w0 M0

4.000 • 0,5/6,0
17.7 Eingeprägte Weggrößen 261

3. Einheitsverformungszustände

Die Einheitsverformungszustände infolge Knotendrehungen 1/EIc in Knoten


b und d können aus Tabelle 17.2 entnommen werden. Sie sind alle positiv im
Sinne des Drehwinkelverfahrens.

1/EIc
4/5 2/5
4/6

w1 M1
2/6

1/EI c 4/5
2/5
4/4,5 3/5

w2 2/4,5 M2

Der 3. Einheitsverformungszustand entsteht infolge Stabdrehung ψ = 1/EIc .


Weil die Stäbe d − c und f − e kürzer sind, sind die entsprechenden Stabdre-
hungen und Stabendmomente größer.

6/6 1,778
4/3EIc 4/3EI c
1/EI c
6/4,5 • 4/3
w3 = 1,778 M3
3/4,5 • 4/3
6/6 = 0,889

Die virtuellen Stabdrehungen sind entgegengesetzt angesetzt und weisen die


gleichen Größenverhältnisse auf.

4/3Ψ
Ψ 4/3Ψ
Ψ

w3
262 17 Das Drehwinkelverfahren

4. Knotengleichgewicht
Die Momentengleichgewichtsbedingungen werden in den Knoten b und d auf-
gestellt. Die Stabendmomente aus Einheitsverformungszuständen werden mit
dem jeweiligen Multiplikator Yj versehen. Zusätzlich ist das Knotenmoment
aus Last in Knoten b anzusetzen.
X
Mb = ( 4, 0/6, 0 + 4, 0/5, 0 ) Y1 + 2, 0/5, 0 Y2
+6, 0/6, 0 Y3 + 4.000 · 2, 5/6, 0 = 0,
X
Md = 2, 0/5, 0 Y1 + ( 4, 0/5, 0 + 4, 0/4, 5 + 3, 0/5, 0 ) Y2
4
+6, 0/4, 5 · Y3 + 0 = 0.
3
Die Arbeitsgleichung des PvV wird für das Stockwerksgleichgewicht angesetzt.
Es gilt
X 4
Ā3 = ( 4, 0/6, 0 + 2, 0/6, 0 ) Y1 ψ̄ + ( 4, 0/4, 5 + 2, 0/4, 5 ) Y2 ψ̄
3
4 4
+[( 6, 0/6, 0 + 6, 0/6, 0 ) ψ̄ + ( 6, 0/4, 5 + 6, 0/4, 5 ) · ψ̄
3 3
4 4
+ 3, 0/4, 5 · · ψ̄] · Y3 + 4.000 · (0, 5 + 2, 5)/6, 0 · ψ̄ = 0.
3 3

5. Lösung des Gleichungssystems


Die Lösung des Gleichungssystems für die unbekannten Faktorn Yj erfolgt in
Matrizenschreibweise:
      
1, 467 0, 40 1, 0 Y1 1.667 0
      
 0, 40 2, 288 1, 778   Y2  +  0  =  0 
1, 0 1, 778 7, 926 Y3 2000 0
Mit den Faktoren Yj
Y1 = −1100, Y2 = 340, Y3 = −190
sind gleichzeitig die unbekannten Knotendrehungen
ϕb = Y1 /EIc = −0, 275, ϕc = Y2 /EIc = 0, 085
sowie die Riegelverschiebung
ub = h · Y3 /EIc = 0, 19
nach rechts festgelegt.
17.7 Eingeprägte Weggrößen 263

6. Momentenlinie am unbestimmten System


Die Berechnung der Momentenlinie erfolgt mit den Stabendmomenten. Damit
gilt

Mab = 333 + 0, 33 · (−1100) + 0, 0 · 340 + 1, 0 · (−190) = −220


Mba = 1.667 + 0, 67 · (−1100) + 0, 0 · 340 + 1, 0 · (−190) = 740
Mbd = 0, 0 + 0, 8 · (−1100) + 0, 4 · 340 + 0, 0 · (−190) = −744
Mdb = 0, 0 + 0, 4 · (−1100) + 0, 8 · 340 + 0, 0 · (−190) = −168
Mcd = 0, 0 + 0, 0 · (−1100) + 0, 44 · 340 + 1, 778 · (−190) = −188
Mdc = 0, 0 + 0, 0 · (−1100) + 0, 88 · 340 + 1, 778 · (−190) = −39
Mdf = 0, 0 + 0, 0 · (−1100) + 0, 6 · 340 + 0, 0 · (−190) = 204
Mef = 0, 0 + 0, 0 · (−1100) + 0, 0 · 340 + 0, 889 · (−190) = −169

Im Bild ist die Momentenlinie so dargestellt, dass die Momente ohne Vorzeichen
auf der Zugseite abgetragen sind. Kleine Rundungsfehler sind am Momenten-
gleichgewicht in den Knoten erkennbar. Eine unabhängige Gleichgewichtskon-
trolle kann mit den Lagergrößen erfolgen.

740 168 204


39

-1
M w
188 169
220

7. Biegelinie
Die Biegelinie folgt aus dem Sehnenpolygon wS (ψi Yi ) aus den Verschiebun-
gen der Systemknoten, vergleiche Abschnitt 17.5, der Biegelinie wg0 (−1) am
gelenkig gelagerten Balken und dem Anteil infolge Verkrümmungen aus der
Momentenlinie:

w = wS (ψi Yi ) + wg0 (−1) + w(M ).

Die Knotenverschiebunen für den Sehnenpolygon sind wie bereits oben erläutert
mit den Stabdrehwinkeln festgelegt. Die Biegelinie zwischen den Knoten ist
entsprechend der Knotenverdrehungen und den Verkrümmungen aus Momen-
tenlinie skizziert.
264 17 Das Drehwinkelverfahren

17.8 Berechnung von Biegelinien


Biegelinien sind für Gebrauchstauglichkeitsnachweise sowie für eine anschauli-
che Kontrolle der Ergebnisse wichtig. Außerdem ist die Berechnung von Ein-
flusslinien auf die Berechnung von Biegelinien zurückgeführt.
Beim Drehwinkelverfahren sind Biegelinien mit wenig zusätzlichem Aufwand
auf zwei Wegen berechenbar. Hierbei liegen jedoch im Vergleich zum Kraft-
größenverfahren mit der Momentenlinie bereits alle Informationen vor, sodass
keine zusätzlichen Berechnungsschritte mit dem P vK erforderlich sind.

1. Überlagerung von Teilbiegelinien


Die Gesamtbiegelinie folgt aus der Überlagerung der Teilbiegelinien der Last-
und Einheitsverformungszustände wie die Gesamtmomentenlinie aus der Über-
lagerung der Teilmomentenlinien
m
X
0
w=w + Yi · wi .
i=1

Die Biegelinie w0 erhält man aus Tabellenwerken analog zu M 0 . Die Teilbiege-


linien infolge eingeprägter Knotendrehwinkel ϕa , ϕb sowie Stabdrehwinkel ψab
entsprechen den Hermite-Polynomen nach Abschnitt 11.2 und sind mit Hilfe
der ω-Funktionen darstellbar.

2. Berechnung mit Sehnenpolygon und Momentenlinie


Im Vergleich zum ersten Lösungsweg erfolgt hier keine Superposition der Teil-
biegelinien der Einheitsverformungszustände, sondern eine strikte Aufteilung
der Gesamtbiegelinie in den Sehnenpolygon aus Knotenverschiebungen und in
die Verkrümmungen infolge Momentenlinie.
Die Knotenverschiebungen sind direkt mit den Stabdrehwinkeln ohne P vK be-
rechenbar. Hiermit liegt der Sehnenpolygon wS (ψi Yi ) fest, da diese Verschie-
bungsanteile zwischen den Knoten linear verlaufen. Die zusätzlichen Verschie-
bungen infolge Momentenlinie sind mit den ω-Tabellen berechenbar, wenn die
endgültige Momentenlinie entsprechend der ω-Tabellen anteilig aufgespalten
wird.
Wenn Einzelweggrößen im Feld der Einzelstäbe vorhanden sind, ist zusätzlich
der Anteil wg0 am gelenkig gelagerten Balken zu berücksichtigen, siehe Ab-
schnitt 17.7.

w = wS (ψi Yi ) + w(M ) + wg0 .


17.9 Kontrollen beim Drehwinkelverfahren 265

17.9 Kontrollen beim Drehwinkelverfahren


Das Drehwinkelverfahren ist so aufbereitet, dass die Berechnungsschritte effizi-
ent und die Fehlermöglichkeiten sehr gering sind. Mit der Schematisierung des
Verfahrens geht natürlich ein großer Teil der Anschauung verloren, sodass eine
direkte Kontrolle der einzelnen Berechnungsschritte kaum möglich ist.

Eine nachträgliche Kontrolle der Ergebnisse kann beim Drehwinkelverfahren


am Gesamtsystem erfolgen. Zunächst sollten die Knotengleichgewichte und die
Stockwerksgleichgewichte erfüllt sein, da hiermit die Überlagerung der Ein-
heitsverformungszustände sowie die Lösung des Gleichungssystems kontrolliert
werden können. Am Gesamtsystem muss außerdem das Gleichgewicht für die
einwirkenden Kräfte und die Lagerreaktionen erfüllt sein, sodass der Kraftfluss
von der Einwirkung in die Lager sichergestellt ist und das Tragwerk als stand-
sicher nachgewiesen werden kann.

Die Verformungsbedingungen kann man nicht direkt kontrollieren, da sie im Be-


rechnungsverfahen bereits vorweg erfüllt sein müssen. So wirkt sich ein falsches
Gelenk am Einzelstab bei der Gleichgewichtskontrolle nicht mehr aus. Falls
erforderlich, kann man mit Verformungskontrolle I mögliche Fehler sukzessive
dort aufdecken, wo die Verformungsbedingungen vorweg erfüllt sein sollten.
Sinn macht dies allerdings nur für die Stabdrehwinkel, da falsch berechne-
te Schiefstellungen von Stockwerken zu zusätzlichen Abtriebskräften führen
können, die den Einfluss aus Theorie II. Ordnung verstärken, siehe Abschnitt
20. Eine Kontrolle der Knotenverschiebungen des Drehwinkelverfahrens ist
möglich, wenn die Knotenverschiebungen unabhängig und vergleichend mit
dem Reduktionssatz berechnet werden.
266 18 Anmerkungen zu den Berechnungsverfahren

18 Anmerkungen zu den Berechnungsverfahren

18.1 Analogie zwischen Kraftgrößen- und Drehwinkelverfahren


Nachfolgend ist die Analogie bei der Berechnung der Momentenlinie mit dem
Kraftgrößen– und dem Drehwinkelverfahren gezeigt. Ist die Momentenlinie be-
kannt, können Querkräfte und Normalkräfte sowie die Biegelinie in einer Nach-
laufrechnung bestimmt werden. Beide Verfahren sind dual aufgebaut und un-
terscheiden sich in der Art und Weise, wie die Grundgleichungen erfüllt werden.

Kraftgrößenverfahren
1. n-fach statisch unbestimmtes System
2. Statisch bestimmtes Hauptsystem wählen und n-Bindungen freigeben. Es
besteht Wahlfreiheit für das Hauptsystem.
3. Lastspannungszustand am HS berechnen.
Der LSZ erfüllt die Gleichgewichtsbedingungen.
Der LSZ verletzt die Verformungsbedingungen.
4. n linear unabhängige Einheitsspannungszustände am HS ansetzen
Die ESZ erfüllen die Gleichgewichtsbedingungen.
Die ESZ verletzen die Verformungsbedingungen.
Die n Unbekannten Xk sind die Faktoren der Einheitsspannungszustände, mit
denen die Verformungsbedingungen des Systems nachträglich erfüllt werden.
5. Das Gleichungssystem enthält die Verformungsbedingungen des wirklichen
Systems in den zunächst gelösten Bindungen:
Xn
δjk · Xk + δj0 = 0, j = 1, ...n
k=1
6. Momentenlinie: Superposition der Last- und der Einheitsspannungszustände:
Xn
M = M0 + M k · Xk .
k=1
Allein der endgültige Zustand erfüllt die Verformungsbedingungen nach 5. und
die Gleichgewichtsbedingungen.
7. Kontrollen: Verformungsbedingungen, Gleichgewicht am Gesamtsystem.
8. Nachlaufrechnung für die Querkräfte und die Normalkräfte.
9. Berechnung der Knotenverschiebungen für den Sehnenpolygonzug mit dem
P vK. Berechnung der Biegelinie aus Verkrümmungen mit ω-Tabellen.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_18
18.1 Analogie zwischen Kraftgrößen- und Drehwinkelverfahren 267

Drehwinkelverfahren
1. Das statisch unbestimmte System ist ein m-fach kinematisch unbestimmtes
System.
2. Kinematisch bestimmtes Hauptsystem festlegen, indem m Bindungen zusätz-
lich angesetzt werden. Dabei sind die Einzelbalken gegenseitig abgeschirmt. Es
besteht (fast) keine Wahlfreiheit für das HS.
3. Lastverformungszustand am HS.
Der LVZ erfüllt die Verformungsbedingungen.
Der LVZ verletzt die Gleichgewichtsbedingungen.
Die Momentenlinie M 0 wird aus Tabellen entnommen.
4. m linear unabhängige Einheitsverformungszustände am HS ansetzen
Die EVZ erfüllen die Verformungsbedingungen.
Die EVZ verletzen die Gleichgewichtsbedingungen. Die m Unbekannten Yi
sind die Faktoren der Einheitsverformungszustände, mit denen die Gleichge-
wichtsbedingungen des wirklichen Systems nachträglich erfüllt werden.
5. Das Gleichungssystem enthält die Momenten- bzw. Kräftegleichgewichtsbe-
dingungen des wirklichen Systems an den Orten der Festhaltungen j
X
∆Mjk · Yk + ∆Mj0 = 0,
k
X
Fjk · Yk + Fj0 = 0.
k

Alternativ hierzu können die Gleichgewichtsbedingungen mit dem PvV formu-


liert werden.
6. Die Momentenlinie des statisch unbestimmten Systems wird mit der Überla-
gerung der Last- und Einheitsverformungszustände berechnet. Allein der end-
gültige Zustand erfüllt die Gleichgewichtsbedingungen und die Verformungsbe-
dingungen. Für die Momentenlinie gilt:
m
X
M = M0 + M k · Yk .
k=1

7. Kontrollen: vorzugsweise Gleichgewichtsbedingungen, Riegelverschiebungen


mit dem Reduktionssatz.
8. Nachlaufrechnung für die Querkräfte und die Normalkräfte.
9. Berechnung der Knotenverschiebungen für den Sehnenpolygonzug mit den
Stabdrehwinkeln ψ. Berechnung der Biegelinie aus Verkrümmungen mit ω-
Tabellen.
268 18 Anmerkungen zu den Berechnungsverfahren

18.2 Kontrolle des Spannungs- und Verformungszustandes

In der Baupraxis werden die Handrechenverfahren nur für kleine Systeme und
für erste Entwürfe eingesetzt. Neben dem Verständnis für methodische Vor-
gehensweisen und die jeweils zu erfüllenden Grundgleichungen, bieten sie die
Möglichkeit, auch komplexe Tragwerke auf die wesentlichen Trag– und Ver-
formungseigenschaften zu untersuchen. Die Nachteile der Handrechenverfahren
sind die Beschränkung auf Systeme mit wenigen Unbekannten und die Feh-
leranfälligkeit, die jeweils unabhängige Gleichgewichts– und Verformungskon-
trollen erfordert.

Elektronische Berechnungsverfahren überwinden diese Nachteile, da sie die


Möglichkeit schaffen, beliebig komplexe Systeme ohne Rechenfehler schnell und
zuverlässig zu untersuchen. Allerdings werden hierbei oft wichtige Dinge in den
Hintergrund gedrängt, die bei Handrechenverfahren unbewusst bereits im Re-
chenablauf mehrfach kontrolliert werden. Dies sind die Einwirkungen, die Stei-
figkeiten, Systemabmessungen und die Anordnung der Stäbe, die Gelenke, die
Randbedingungen und anderes. Wenn all diese Systeminformationen als Ein-
gangsdaten der elektronischen Berechnung festgelegt werden, so ist ihr Einfluss
auf das Endergebnis zunächst diffus, wenn man das Tragverhalten noch nicht
richtig einschätzen kann. Allzu oft nimmt man daher das Endergebnis als fest-
gegeben hin und beginnt mit der Bemessung. Die Reflektion und Kontrolle der
Eingangsdaten ist jedoch ganz wesentlich und für einen guten Tragwerksent-
wurf entscheidend.

Es bleibt die Frage nach möglichen Fehlern und den zur Aufdeckung erfor-
derlichen Kontrollmöglichkeiten. Die Berechnung des Gleichgewichts und der
Verformungen des Tragwerks kann grundsätzlich als richtig angenommen wer-
den, wenn es sich um ein erprobtes Berechnungsprogramm handelt. Hier, wo
bei der Handrechnung die meisten Fehler auftreten, ist das Berechnungspro-
gramm unfehlbar. Aber, was kann und muss man dann kontrollieren, und wie?

Berechnungsergebnisse hängen ursächlich von den Eingangsdaten ab, sodass


auch nur diese kontrolliert werden sollten. Oft helfen graphische Hilfsmittel,
mit denen eine Visualisierung des Systems und der Einwirkungen und somit
eine augenscheinliche Kontrolle möglich ist. Wenn diese Informationen nicht
oder nur vereinfachend zur Verfügung stehen, ist man auf andere Vorgehens-
weisen angewiesen. Zur Veranschaulichung des grundsätzlichen Vorgehens wer-
den mögliche Kontrollen an dem statischen System nach Bild 18-1 entwickelt.
Wesentlich ist, dass das System unabhängig vom Ergebnisausdruck der elek-
tronischen Berechnung vorliegt, damit eine unabhängige Kontrolle möglich ist.
18.2 Kontrolle des Spannungs- und Verformungszustandes 269

4 kN/m
2 kN/m

c
f i
EI2 EI2

EI1 EI1 EI1 3,0 m

10 kN
e h
b
EI2 EI2

EI1 EI1 EI1 5 kNm 3,0 m

a d g
3 kN/m Ha Hd
Ma Md
Va Vd Vg

5,0 m 5,0 m

Bild 18-1 Statisches System und Einwirkungen

Bild 18-1 zeigt einen statisch unbestimmten zweigeschossigen Rahmen mit un-
terschiedlichen Lasten und Stabsteifigkeiten. Die mit dem Kraftgrößenverfah-
ren, dem Drehwinkelverfahren oder einem Berechnungsprogramm ermittelte
Verformungsfigur w und die Zustandsgrößen M, Q, N sind in Bild 18-2 gege-
ben.

Eine erste grundlegende jedoch nur qualitative Kontrolle erfolgt anschaulich,


ohne die konkreten Zahlenwerte zu überprüfen. Hierbei können grobe Fehler
aufgedeckt werden, wenn die Plausibilität der Ergebnisse hinterfragt wird.

1. Passt die Biegelinie zu den Einwirkungen, den Lagerbedingungen sowie


den angesetzten Gelenkbedingungen: Kontrolle der Lastrichtung, der La-
ger, der Stabverkrümmungen und der Durchlaufwirkungen.
2. Passt die Momentenlinie zu den Einwirkungen: Gleichlast – Parabel, Ein-
zellast – Dreieck, Einzelmoment – Sprung.
3. Passt die Momentenlinie zur Biegelinie. Dies ist bei einem Berechnungs-
programm zwar von vornherein erfüllt, gibt jedoch eine weitere Möglich-
keit, die Einwirkungen zu kontrollieren.

Eine detaillierte und quantitative Kontrolle der Ergebnisse ist mit den Gleich-
gewichtsbedingungen und den Verformungen möglich.
270 18 Anmerkungen zu den Berechnungsverfahren

8,676,33
1,05 6,45
3,86 6,25 2,34
12,50
3,38
11,82
7,10
0,90 0,09 3,37 12,51
2,66 3,46 3,59 2,10
4,27 5,00
12,50
w 3,38 M

-1,24 11,71
12,91

4,82 2,85
6,52 10,02
4,82
3,48
9,98
1,97 2,85 3,48 16,50 10,02

2,27 3,65
4,18 8,05
1,95 2,85

8,47 Q 5,42 22,28 N 12,30

9,53

Bild 18-2 Verformungsfigur in [cm] und Zustandsgrößen in [kN, kN m]

18.2.1 Gleichgewichtskontrollen
Gleichgewichtskontrollen sind besonders wichtig, da mit den Schnittgrößen die
Standsicherheit der Tragwerke nachgewiesen wird. Das Kraftgrößenverfahren
setzt voraus, dass die Last– und Einheitsspannungszustände im Gleichgewicht
sind. Das Drehwinkelverfahren setzt voraus, dass die Verformungsbedingun-
gen erfüllt sind und die virtuellen Arbeiten richtig angesetzt werden, was den
Gleichgewichtsbedingungen äquivalent ist. Bei beiden Verfahren ist daher eine
unabhängige Gleichgewichtskontrolle erforderlich.
Bei einer elektronischen Berechnung mit einem erprobten Programm sind das
Gleichgewicht und die Verformungsbedingungen von vornherein erfüllt. Fehler
können jedoch bei der Eingabe der Daten auftreten und hier speziell bei den
angesetzten Lasten und den Steifigkeiten, die im Einzelfall kontrolliert werden
müssen.

Für umfassende und unabhängige Gleichgewichtskontrollen müssen die Lager-


reaktionen bekannt sein. Bei einer elektronischen Berechnung des Systems wer-
den die Lagerreaktionen in der Regel dem Ergebnis beigefügt. Falls nicht, ist
18.2 Kontrolle des Spannungs- und Verformungszustandes 271

die Berechnung der Lagerreaktionen mit der Momenten– und der Querkraftli-
nie möglich. Die Berechnung der Lagerkräfte und Lagermomente liefert für das
oben angegebene System:

Va = −Na = 5, 42 kN , Ha = Qa = 9, 53 kN , Ma = 11, 71 kN m ,
Vd = −Nd = 22, 26 kN , Hd = Qd = 8, 47 kN , Md = 12, 91 kN m ,
Vg = −Ng = 12, 30 kN , Hg = 0 , Mg = 0 .

Mit den Lagerreaktionen kann man die Lagerbedingungen qualitativ kontrol-


lieren, dies sind Gelenke, verschiebliche Lager, Einspannungen, Festhaltungen.

Mit den Lagerreaktionen sind jedoch auch globale Gleichgewichtskontrollen


möglich, die unabhängig vom Berechnungsverfahren angesetzt werden können.
Erst wenn die globalen und lokalen Gleichgewichtskontrollen erfüllt sind, kann
das Tragwerk als standsicher bemessen werden. Dies bedeutet jedoch nicht,
dass hiermit auch die Stabsteifigkeiten überprüft sind.

Globale Kontrollen
Mit den Gleichgewichtsbedingungen am Gesamtsystem kann die Kontrolle für
den jeweiligen Lastfall in der Form
X X X
H = 0, V = 0, M =0

mit den Lagerkräften, den Lagermomenten und den äußeren Lasten erfolgen.
Hiermit ist in der Regel sichergestellt, dass die Systemabmessungen, die Lager-
bedingungen sowie die Lasten mit dem richtigen Vorzeichen und der richtigen
Größe berücksichtigt sind. Für das Gleichgewicht der Kräfte gilt im oben an-
gegebenen Beispiel:
X
H = 3 · (3, 0 + 3, 0) − 9, 53 − 8, 47 = 0, 0 ,
X
V = 2 · 5, 0 + 4 · 5, 0 + 10 − 5, 42 − 22, 28 − 12, 30 = 0, 0 .

Das Momentengleichgewicht muss für jeden beliebigen Punkt erfüllt sein. Hier
ist Lager g gewählt:
X
Mg = 3 · (3, 0 + 3, 0) · 3, 0 − 2 · 5, 0 · (5, 0 + 2, 5) − 4 · 5, 0 · 2, 5 − 10 · 7, 5
+ 5, 0 + 5, 42 · 10, 0 + 22, 28 · 5, 0 − 11, 71 − 12, 91 = −0, 02 .

Die globalen Kontrollen sind damit im Rahmen der Rechengenauigkeit erfüllt.


272 18 Anmerkungen zu den Berechnungsverfahren

Lokale Kontrollen
Lokale Gleichgewichtskontrollen sind am Einzelstab sinnvoll. Mit Hilfe der
Schlussline kann man am Einzelstab Größe und Richtung der auf dem Stab
angesetzten Lasten kontrollieren.
qℓ2 4 · 52
Parabelstich f – i : = = 12, 50 ≈ 0, 5 · (6, 33 + 6, 45) + 6, 11
8 8
pℓ 10 · 5
Dreieckstich b – e : = = 12, 50 ≈ 0, 5 · (3, 46 − 11, 82) + 8, 32
4 4
X
Momentensprung g – h : M = + 5, 0 − 5, 0 = 0, 0
Auch die lokalen Kontrollen sind am hier vorliegenden Rahmentragwerk erfüllt.

18.2.2 Verformungskontrollen
Die Kontrolle der Verformungsbedingungen ist von nachrangiger Bedeutung,
da hiermit zwar der Rechenablauf kontrolliert werden kann, jedoch nicht die
für die Bemessung erforderlichen Schnittgrößen. Hierzu sei auch auf das hier
nicht dargestellte Traglastverfahren hingewiesen.
Verformungskontrollen, wie sie beim Kraftgrößenverfahren eingesetzt werden,
machen beim Drehwinkelverfahren und bei einer elektronischen Berechnung
wenig Sinn, da das Drehwinkelverfahren davon ausgeht, das die Verformungs-
bedingungen erfüllt sind und bei einer elektronischen Berechnung keine nu-
merischen Fehler auftreten. Dagegen kann es sinnvoll sein einzelne Weggrößen
nachträglich zu berechnen oder zu kontrollieren, um Fehler bei der Eingabe
der Steifigkeiten oder der Stockwerkskinematik beim Drehwinkelverfahren zu
entdecken.
Mit dem Prinzip der virtuellen Kräfte ist es möglich Einzelweggrößen zu be-
rechnen und Stabsteifigkeiten zu identifizieren. Es gilt
Z
M
1̄ · δ = M̄0 dx + . . .
EI
Wenn M und EI bekannt sind und M̄0 mit dem Reduktionssatz an einem
passenden statisch bestimmten Hauptsystem ermittelt wird, ist δ die einzige
Unbekannte. Wenn M und δ bekannt sind, ist EI die Unbekannte.

Die Berechnung von Einzelweggrößen oder die Kontrolle der Steifigkeiten mit
dem P vK ist sinnvoll, wenn der Berechnungsaufwand klein gehalten werden
kann. Dies gelingt, wenn das statisch bestimmte System für den virtuellen Zu-
stand so gewählt wird, dass die virtuelle Momentenlinie M̄0 schnell ermittelt
werden kann.
18.2 Kontrolle des Spannungs- und Verformungszustandes 273

• Fall 1: Kontrolle der Stabsteifigkeit EIa−b mit der Horizontalverschiebung δb


und M̄0 nach Abbildung 18-3–links. Mit dem PvK folgt zunächst
1 1 1 1 1 1 19, 9
1̄ · δb = · 3̄ · 11, 7 · · 3 − · 3̄ · 3, 37 · · 3 − · 3̄ · 3, 37 · ·3=
3 EI 6 EI 3 EI EI
und mit bekannter Horizontalverschiebung δb = 0, 00266 m die Biegesteifigkeit
EI = 7.481 N m2. Die so ermittelte Biegesteifigkeit stimmt im Rahmen der
Rechengenauigkeit mit der angesetzten Biegesteifigkeit überein.

1/2

M M

1 1
1·2h
4

1/2
1·h

Bild 18-3 Virtueller Zustand M̄0 am statisch bestimmten System

Mit der virtuellen Momentenlinie nach Abbildung 18-3–rechts kann die Diffe-
renzverschiebung des Knotens b gegenüber Knoten a, c und damit die Stabstei-
figkeit der Stütze a − c kontrolliert werden.

• Fall 2: Die Berechnung von Einzelweggrößen kann für Stabschiefstellungen


oder für Mittendurchbiegungen von Einzelstäben sinnvoll sein. Hierfür eignen
sich am besten solche Hauptsysteme, bei denen die virtuelle Momentenlinie M̄0
auf einen oder sehr wenige Stäbe beschränkt ist. Dies erreicht man, wenn für
den virtuellen Zustand Gleichgewichtsgruppen angesetzt werden.
Die Berechnung der Mittendurchbiegung eines Einzelstabes kann mit der vir-
tuellen Momentenlinie M̄0 entsprechend Bild 18-4–rechts erfolgen, die Berech-
nung der Stabschiefstellung nach Bild 18-4–links.
1

M M
1

1/2 1/2
1l
4

1Z2h

Bild 18-4 Virtueller Zustand M̄0 am statisch bestimmten System


274 19 Einflusslinien statisch unbestimmter Systeme

19 Einflusslinien statisch unbestimmter Systeme

Die Bedeutung von Einflusslinien wird am Beispiel von mehrfeldrigen Straßen–


oder Eisenbahnbrücken besonders deutlich. Bild 19-1 zeigt die im Zuge des
Neubaus der Autobahn A45 im Jahr 1969 fertiggestellte Siegtalbrücke, die als
Durchlaufträger in Spannbetonbauweise ausgeführt ist. Aufgrund der Durch-
laufwirkung kann die Stützwirkung über den Pfeilern ausgenutzt werden, sodass
eine Bauhöhe von < 6 m möglich ist. Die Brücke besteht aus 12 Feldern mit
einer maximalen Stützweite von ca. 105 m und einer maximalen Pfeilerhöhe
von ca. 106 m .

Anstelle von beliebig vielen unterschiedlichen Laststellungen aus Lkw– und


Pkw–Verkehr, die einer systematischen Auswertung nur mit großem Aufwand
zugänglich sind, können die für die Bemessung ungünstigsten Laststellungen
des fliessenden Verkehrs mithilfe von Einflusslinien ermittelt werden. Hierbei
reicht in der Regel eine qualitative Bestimmung der Einflusslinien aus, wenn
im Nachgang eine explizite Berechnung der Bemessungswerte für ausgewählte
Laststellungen erfolgt.

Bild 19-1 Siegtalbrücke

Einflusslinien für Schnitt– oder Weggrößen sind für statisch bestimmte Sy-
steme in den Abschnitten 9 sowie 12 definiert: An der Stelle j“ der wirklichen

Wanderlast wird die Ordinate der Schnitt– oder Weggröße an fester Stelle k“

infolge der Wanderlast abgetragen.

Die Berechnung der Einflusslinien für Schnittgrößen wird mit dem PvV be-
gründet, die der Weggrößen mit den Sätzen von Maxwell und Betti. Da die Ar-
beitsprinzipe allgemein für beliebige Tragwerke und der entsprechenden Schnitt–
und Weggrößen gültig sind, können sie auch für statisch unbestimmte Stab-
tragwerke verwendet werden. Offen bleiben zunächst nur die im Einzelfall zu
berücksichtigen Arbeiten.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_19
19.1 Einflusslinien für Weggrößen 275

19.1 Einflusslinien für Weggrößen


Die Berechnung von Einflusslinien für Weggrößen verläuft bei statisch bestimm-
ten und statisch unbestimmten Systemen völlig analog.

Beispiel
Gesucht ist die Einflusslinie für die Durchbiegung wk an der Stelle k für eine
Wanderlast P = 1 an der Stelle j.
P=1
k
a j b c d
wkj
Stellt man die Wanderlast P = 1 an eine beliebige Stelle j (hier 1,2,3),
1 1 1

1 wk1 2 wk2 3 wk3

so sind die Durchbiegungen wkj die jeweiligen Einflussordinaten η an der Stelle


j = 1, 2, 3.
P=1

-
k
+ +
1 2 3 d
h
h1 = wk1 h2= w k2 h3= w k3

Den Lösungsweg zur Berechnung der Einflusslinien für Weggrößen kann man
aus den Arbeitssätzen ableiten. Nach dem Satz von Maxwell sind die Arbeiten
der Last Pk = 1 auf der Verschiebung wkj gleich den Arbeiten der Last Pj = 1
auf der Verschiebung wjk . Hierbei kennzeichnet der erste Index jeweils den Ort,
an dem die Arbeit geleistet wird, und der zweite Index jeweils die Ursache der
Verschiebung:

1k · wkj = 1j · wjk .

P=1 P=1

j wkj wjk k

k fester Ort der Weggröße j wandernder Ort der Weggröße


j wandernde Ursache k fester Ort der Ursache
276 19 Einflusslinien statisch unbestimmter Systeme

Wenn hiermit die gesuchte ortsfeste Verschiebung wkj gleich der Verschiebung
wjk ist, ist wjk identisch mit der Einflusslinie η(wkj ). Damit wird die Einfluss-
linie als die Biegelinie wjk infolge der ortsfesten Last Pk = 1k berechnet.

Der Satz von Maxwell gilt ganz allgemein für beliebige Weggrößen δkj und
konjugierte Einheitskraftgrößen. Kraft- und Weggrößen sind konjugiert, wenn
die Kraftgröße auf der Weggröße Arbeit leistet, z. B. P −→ w und M −→ ϕ.
Damit folgt der

Satz
Die Einflusslinie η für eine Weggröße an der Stelle k“ ist gleich der Bie-

gelinie infolge der konjugierten Kraftgröße 1“ an der Stelle k“.
” ”
Einflusslinie η(wkj ) = Biegelinie wjk
Pk = 1
w1k = wk1= h
2 d
w,h 1 3 k

Lösungsweg zur Berechnung der Einflusslinien für Weggrößen


Die Berechnung einer Einflusslinie für eine Weggröße reduziert sich auf die Be-
rechnung einer Biegelinie infolge der konjugierten Kraftgröße. Damit folgt der
Lösungsweg:
1. Einheitskraftgröße 1“ konjugiert zur gesuchten Weggröße auf das statische

System geben. Hierbei gilt Tabelle 19.1.
2. Momentenlinie M infolge der Einheitskraftgröße berechnen.
3. Biegelinie infolge der Einheitskraftgröße für die von der Wanderlast berühr-
ten Stäbe berechnen.

Tabelle 19.1 Einflusslinien für Weggrößen an der Stelle k

Einflusslinie vorgeben
Verschiebung ηw −→ Einzellast 1“ in k

Verdrehung ηϕ −→ Einzelmoment 1“ in k

Spreizung η∆w −→ gegenwirkendes Kräftepaar 1“ in k

Knick η∆ϕ −→ gegenwirkendes Doppelmoment 1“ in k

19.2 Einflusslinien für Kraftgrößen 277

Beispiele für die Berechnung der Biegelinie von Stabtragwerken unter Ein-

heitslasten“ sind für das Kraftgrößenverfahren in Abschnitt 14 und für das
Drehwinkelverfahren in Abschnitt 17 gegeben.

Die gedachte Kraftgröße 1“ für die Berechnung der Einflusslinien für Weg-

größen hat nichts mit dem Prinzip der virtuellen Kräfte gemeinsam, da beim
Satz von Betti beide Zustände die Gleichgewichts- und die Verformungsbedin-
gungen erfüllen müssen. Dagegen muss der virtuelle Spannungszustand beim
PvK nur das Gleichgewicht erfüllen.

Auswertung von Einflusslinien für Weggrößen


Der Satz von Betti ist eine allgemeinere Aussage als der Satz von Maxwell, da er
die Arbeiten zweier beliebiger Laststellungen betrachtet. Damit gilt allgemeiner
für beliebige Weggrößen und Lastbilder auch
1k · δkj = ( beliebiges Lastbild j ) · wjk ,
sodass die Einflusslinie η = wjk auch für beliebige Lastbilder verwendet werden
kann.
Die Auswertung von Einflusslinien für Weggrößen für beliebige Laststellungen
folgt daher aus dem Satz von Betti:
δkj = ( beliebiges Lastbild j ) · η.
Hiermit müssen die Arbeiten“ der Lasten auf der Einflusslinie η berechnet

werden, siehe auch Abschnitt 19.4.

19.2 Einflusslinien für Kraftgrößen


Die Definition und der Berechnungsweg von Einflusslinien für Kraftgrößen sind
bei statisch bestimmten und bei statisch unbestimmten Systemen identisch. Die
Berechnung erfolgt am einfachsten mit der kinematischen Methode auf Grund-
lage des Prinzips der virtuellen Verschiebungen.

Satz von Land


Man erhält die Einflusslinie für eine Kraftgröße an der Stelle k“, indem

man die zur gesuchten Kraftgröße konjugierte Weggröße −1“ an der

Stelle k“ als Verformungsfall einprägt. Die Biegelinie infolge −1“ ist
” ”
mit der Einflusslinie für die Kraftgröße identisch.
Dieser Satz gilt sowohl für das Kraft- als auch für das Weggrößenverfahren. Nur
der Weg zur Ermittlung der Einflusslinie η ist bei beiden Verfahren verschieden.
278 19 Einflusslinien statisch unbestimmter Systeme

19.2.1 Statisch bestimmte Systeme


Bei statisch bestimmten Systemen ist die Verschiebungsfigur infolge einer Weg-
größe −1“ vergleichbar der Verschiebung einer kinematischen Kette mit ei-

nem Freiheitsgrad. Sie setzt sich aus geraden Linienzügen zusammen, siehe
Abschnitt 9.

Beispiel
Gesucht ist die Einflusslinie für das Moment M an der Stelle k. Mit dem Prinzip
der virtuellen Verschiebungen folgt:
1. Lösung der Bindung in k, die
Pj = 1
zum gesuchten Biegemoment gehört.
Das Schnittmoment Mk ist als äußeres k j
Doppelmoment aufzubringen.
2. Vorgabe der virtuellen Verschiebun- Pj = 1
gen infolge Knick ∆ϕ̄ = −1̄.
Mk
3. Anschreiben der virtuellen Arbeiten
Pj = 1
des Schnittmomentes an der Stelle k“

und der Wanderlast an der Stelle j“.

Die inneren Arbeiten sind null.
X Dj = 1
Mk
Ā = Pj · δ̄j + Mk · ∆ϕ̄k = 0.

Mit ∆ϕ̄k = −1̄ und Pj = 1 folgt aus dem PvV zunächst


Pj · δ̄j = Mk · 1̄ sowie Pj δj (−1) = Mk ,
wenn der virtuelle Charakter des Knicks gekürzt“ wird, siehe Abschnitt 9.

Damit ist die Verschiebungsfigur δj (−1) mit der Einflusslinie ηMk identisch,
wenn die Einflusslinie an der Stelle j jeweils die Größe des Momentes Mk angibt
ηMk = δj (−1).

19.2.2 Statisch unbestimmte Systeme


Wenn bei statisch unbestimmten Systemen eine Bindung gelöst wird, bleibt
mindestens ein statisch bestimmtes System, auf das die Weggröße ∆ϕ = −1
eingeprägt wird. Dies bedeutet, dass bei statisch unbestimmten Systemen die
Verschiebungsfigur infolge einer Weggröße −1“ eine Biegelinie bzw. Einflussli-

nie aus gekrümmten Linienzügen ist. Die Motivation für die Einflusslinie erfolgt
auch hier zunächst über das PvV.
19.2 Einflusslinien für Kraftgrößen 279

Beispiel
Gesucht ist die Einflusslinie für das Moment Mk für nachfolgendes statisch
unbestimmtes System. Die Anwendung des Prinzips der virtuellen Verschie-
bungen gibt:
1. Lösen der Bindung in k, die zur ge- P=1
suchten Kraftgröße gehört. Das Schnitt-
moment Mk ist als äußere Kraftgröße k j
aufzubringen.
P=1
2. Vorgabe der virtuellen Verschiebun-
gen infolge des Knicks ∆ϕ̄k = −1̄. j
Mk
3. Aufschreiben der virtuellen Arbei-
P=1
ten, die der Spannungszustand infolge
Pj = 1 auf den virtuellen Verschiebun- dj
gen infolge ∆ϕ̄ = −1̄ leistet. Hier sind h
Dj = 1
zunächst auch innere Arbeiten infolge
Verkrümmungen zu beachten.
Es gilt zunächst allgemein

Ā = Āa + Āi = 0.

Die äußeren virtuellen Arbeiten sind wie bisher

Āa = Pj · δ̄j + Mk · ∆ϕ̄k .

Hier ist Mk das Moment im Punkt k infolge der Wanderlast Pj = 1. Für die
inneren virtuellen Arbeiten gilt zunächst
Z
Āi = M (Pj = 1) κ̄(∆ϕ̄k = −1̄) dx

und mit der Werkstoffgleichung


Z
M̄ (∆ϕ̄k = −1̄)
Āi = − M (Pj = 1) dx.
EI
Hierbei sind
M (Pj ) die Momentenlinie am statisch unbestimmten System
infolge Wanderlast Pj = 1.
Die Momentenlinie ist im Gleichgewicht.
M̄ (∆ϕ̄k )/EI die virtuelle Verkrümmung des statisch unbestimmten
Systems infolge des virtuellen Knicks ∆ϕ̄ = −1̄ im Punkt k.
280 19 Einflusslinien statisch unbestimmter Systeme

Entsprechend Verformungskontrolle I nach Abschnitt 14.7.3 kann man die in-


neren Arbeiten mit den Arbeiten der Last– und Einheitsspannungszustände
beschreiben. Damit gilt
Z Z
M̄0 M̄j
Āi = − M dx, da M dx = 0.
EI EI

κ̄0 = −M̄0 /EI beschreibt die Verkrümmung des statisch bestimmten Hauptsy-
stems. Da die Verschiebungen des Hauptsystems infolge des Knicks ∆ϕ̄ = −1̄
geradlinig sind, ist die Verkrümmung κ̄0 identisch null. Damit verschwinden
die inneren Arbeiten insgesamt

Āi = 0.

Damit kann der Arbeitssatz des PvV wie bei statisch bestimmten Systemen
ausgewertet werden
Ā = Pj · δ̄j + Mk · ∆ϕ̄ = 0.

Mit Pj = 1 und ∆ϕ̄ = −1̄ folgt direkt Pj δj (−1) − Mk = 0, sodass die Einfluss-
linie analog zu statisch bestimmten Systemen mit

ηMk = δj (−1)

gegeben ist. Die Einflusslinie für das Biegemoment Mk ist damit identisch mit
der Biegelinie infolge eines Knicks ∆ϕk = −1. Im Unterschied zu statisch be-
stimmten Systemen ist die Einflusslinie bei statisch unbestimmten Systemen
gekrümmt.

Lösungsweg zur Berechnung der Einflusslinien für Kraftgrößen


Der Lösungsweg für die Berechnung von Einflusslinien für Kraftgrößen ist da-
mit analog zu dem Lösungsweg für die Berechnung von Einflusslinien für Weg-
größen. Beispiele sind für das Kraftgrößenverfahren in Abschnitt 14 und für
das Drehwinkelverfahren in Abschnitt 17 gegeben.
1. Einheitsweggröße −1“ konjugiert zur gesuchten Kraftgröße vorgeben, siehe

Tabelle 19.2.
2. Momentenlinie M infolge Einheitsweggröße berechnen.
3. Biegelinie infolge Einheitsweggröße für die von der Wanderlast P berührten
Stäbe berechnen.
19.3 Analogie der Einflusslinien für Weg- und Kraftgrößen 281

Tabelle 19.2 Einflusslinien für Kraftgrößen an der Stelle k

Einflusslinie vorgeben
Biegemoment ηM −→ Knick ∆ϕ = −1 in k
Querkraft ηQ −→ Spreizung ∆w = −1 in k
Normalkraft ηN −→ Klaffung ∆u = −1 in k

19.3 Analogie der Einflusslinien für Weg- und Kraftgrößen


Einflusslinien für Weggrößen Einflusslinien für Kraftgrößen
Die Einflusslinie einer Weggröße folgt Die Einflusslinie einer Kraftgröße
aus den Sätzen von Maxwell und Bet- folgt aus dem Prinzip der virtuellen
ti (Pj δjk = Pk δkj ) und wird mit ei- Verschiebungen (Ā = 0). Die zu der
ner gedachten Kraftgröße 1“ berech- gesuchten Kraftgröße konjugierte ge-

net. Die zu der Weggröße konjugierte dachte Weggröße −1“ wird an der

gedachte Kraftgröße wird an der Stel- Stelle der gesuchten Kraftgröße ange-
le der gesuchten Weggröße angesetzt. setzt.

Die Einflusslinie für die Verdrehung Die Einflusslinie für die Lagerkraft Fa
ϕc ist die Biegelinie infolge Mc = 1. ist die Biegelinie infolge δa = −1.

Mc = 1
a b c
-
+ da = 1 +
hj
hv

Damit gilt für beliebige statische Systeme:

Satz
Die Einflusslinie einer Weg- bzw. Kraftgröße ist gleich der Biegelinie in-
folge der konjugierten Kraft– bzw. Weggröße 1“ bzw. −1“, die mit der
” ”
gesuchten Zustandsgröße Arbeit leistet.

Anzumerken bleibt, dass die gedachten“ Weg– bzw. Kraftgrößen keine vir-

tuellen Einwirkungen sind, sondern wie wirkliche“ Weg– bzw. Kraftgrößen

behandelt werden.
282 19 Einflusslinien statisch unbestimmter Systeme

19.4 Einflusslinien bei Durchlaufträgern und deren Auswertung

Einflusslinien können für die Ermittlung der Extremwerte von Schnitt– und
Weggrößen eingesetzt werden. Anstelle einer ausführlichen Berechnung begnügt
man sich in der Regel mit der qualitativen Bestimmung von Einflusslinien. Für
nachfolgenden Durchlaufträger werden die Einflusslinien daher für verschiedene
Kraft- und Weggrößen nur qualitativ angegeben.
1 2 3 4 5

a b c d e f

Die Einflusslinien kann man in der Regel anschaulich ermitteln und für die
Festlegung ungünstiger Laststellungen verwenden.

r WP
EL für Mr
J= 1

WP WP
EL für Mc
J= 1

dQ = 1
r
EL für Qr
WP

WP dQ = 1 WP
EL für Qc links

1
r
EL für wr

1
EL für ϕa

Die qualitativ ermittelten Einflusslinien kann man dazu verwenden, in einem


zweiten Schritt die tatsächlichen Schnitt- und Weggrößen infolge ungünstiger
19.4 Einflusslinien bei Durchlaufträgern und deren Auswertung 283

Laststellungen mit einem Berechnungsprogramm zu bestimmen oder zu kon-


trollieren. Mit den so berechneten Schnittgrößen kann dann die Bemessung
erfolgen.

Ungünstige Laststellungen bei Durchlaufträgern


In der Regel werden Nutzlasten bei Durchlaufträgern in Lagerhäusern, Park-
häusern u. ä. feldweise variiert, sodass man ungünstige Laststellungen für Ex-
tremwerte der Zustandsgrößen mit dem Vorzeichen der Einflusslinie feststellen
kann.

Mmax in Feld 1,3,5 und Mmin in Feld 2,4

Mmax in Feld 2,4 und Mmin in Feld 1,3,5

(Mc )min und (Qc links )min

(Mc )max und (Qc links )min

Auswertung für bewegte Lastbilder


Die Auswertung von Einflusslinien für eine Kraftgröße F erfolgt analog zum
PvV mit
Xn Xn Z
F = Pj · ηj + Mj · ηj′ + q · η(x)dx.
j=1 j=1 l

P sind Einzellasten, M sind Einzelmomente und q ist eine Streckenlast. Die


Neigung η ′ der Einflusslinie ist für die Arbeit der Einzelmomente wesentlich.
284 19 Einflusslinien statisch unbestimmter Systeme

Im Bild ist die Einflusslinie für die Lagerkraft Fc eines Durchlaufträgers gege-
ben. Die Einflusslinie ist gleich der Biegelinie infolge Lagerverschiebung −1“.

Bei Eisenbahnbrücken erfolgt die Auswertung von Einflusslinien mit Lasten-
zügen gemäß den Vorschriften der Deutschen Bahn. Für den Lastenzug UIC
71 [27] wird dabei P = 250 kN und q = 80 kN/m angesetzt. Die Einzellasten
P entsprechen den Radlasten der Zugmaschine, die Streckenlasten q den Wag-
gons. Der Zug muss so über die Brücke geführt werden, dass der ungünstigste
Wert der gesuchten Schnittgröße bestimmt werden kann.

1 2 3 4
q P q

c
x x0 l3 l5

dc= 1 WP

+ +
WP WP
h(x)c hj

Die Berechnung der maximalen Lagerkraft Fc erfolgt mit den positiven Werten
der Einflusslinie
4
X Z Z
Fc = 250 · ηj + 80 · η(x) dx + 80 · η(x) dx.
j=1 l3 l5

Da die Ordinaten ηj der Einflusslinie von der Laststellung x0 abhängig sind,


müssen in der Regel mehrere Berechnungen mit verschiedenen x0 durchgeführt
werden.
SPANNUNGSTHEORIE II. ORDNUNG
287

20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

Stäbe unter hoher Längsbelastung können zur Seite ausweichen, wenn die
Längsbelastung bestimmte Grenzwerte erreicht oder überschreitet. Bei perfek-
ten, ideal geraden Stäben wird dies als Knicken bezeichnet. Knicken beschreibt
einen Vorgang, bei dem sich das Tragverhalten des Stabes schlagartig verändert.
Unterhalb der Knicklast trägt der Stab die Längsbelastung als Druckstab. Beim
Knicken verkrümmt sich der Stab, sodass zusätzlich die Biegetragwirkung akti-
viert wird. Dieser Vorgang tritt plötzlich und ohne Vorankündigung ein und ist
in der Regel mit großen Verformungen verbunden. Bei der Bemessung knick-
gefährdeter Stabtragwerke sind daher die Sicherheiten für

• die Spannungen gegen Erreichen der zulässigen Spannungen,


• die Stabilität gegen Erreichen der Knicklast und
• die Gebrauchstauglichkeit gegen Erreichen großer Verformungen

nachzuweisen. An Stelle des Stabilitätsnachweises kann man nach DIN 18 800


auch den Nachweis nach Spannungstheorie II. Ordnung (Theorie II. Ordnung)
durchführen, und hat hiermit die Möglichkeit, alle drei Nachweise mit einem
Berechnungsschritt zu erfüllen.
Bei Anwendung der Theorie II. Ordnung werden oft Last-Weg-Diagramme zur
Veranschaulichung des Tragverhaltens verwendet, da hier die Steifigkeiten und
die Grenzlasten des Systems deutlich zu erkennen sind, siehe Bild 20-1.

Th. II. O. Zug

Theorie I. O.

Th. II. O. Druck

l E : Eulersche Knicklast

Bild 20-1 Geometrisch nichtlineares Tragverhalten von Knickstäben


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_20
288 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

Die Theorie II. Ordnung setzt realitätsnahe imperfekte Systeme mit Vorver-
formungen und Querlasten an, sodass die Biegetragwirkung grundsätzlich auch
unterhalb der Knicklast vorhanden ist. Bei Längsdruck λ P entstehen Biege-
verformungen allerdings nicht nur durch die Querbelastung λ H, sondern auch
durch Umlenkung der Normalkräfte N entlang der verformten Stabachse. Dies
bedeutet, dass die Verformungen des Tragwerks im Gleichgewicht berücksich-
tigt werden müssen.
Wenn der Stab unter Druck zur Seite ausweicht, wächst die Umlenkwirkung mit
steigendem Längsdruck überproportional an. Ein nichtlineares Tragverhalten
ist die Folge. Man bezeichnet die Theorie II. Ordnung daher auch als geome-
trisch nichtlineare Theorie. Stäbe unter steigendem Längsdruck nähern sich
so mit anwachsenden Durchbiegungen von unten der Knicklast. Gleichzeitig
wachsen die Spannungen aus Längsdruck und Biegung. Damit sind die Verfor-
mungen und die Spannungen für jedes Lastniveau berechenbar und bekannt,
und die Sicherheitsnachweise können direkt ohne Umweg“ über die Knicklast

durchgeführt werden. Entsprechend Bild 20-1 gilt für den Fall eines gezogenen
oder gedrückten Einzelstabes Folgendes:

1. Die Theorie I. Ordnung ist geometrisch linear und beschreibt das linea-
re Tragverhalten des Stabes unter Druck, Zug oder Biegung. Die Theorie II.
Ordnung beschreibt das realitätsnähere nichtlineare Tragverhalten, bei dem
Druck/Zug und Biegung gekoppelt sind.
2. Bei Druck ohne Querbiegung (H = 0) liegt für perfekte, gerade Stäbe ein
Verzweigungsproblem vor, wenn die Knicklast erreicht ist. Für die Knicklast
existieren infinitesimal benachbarte Gleichgewichtszustände mit Biegeverfor-
mungen. Die Spannungen werden nach Theorie I. Ordnung berechnet. Zusätz-
lich ist die Knicklast mit der linearen Stabilitätstheorie zu bestimmen.
3. Bei Zug mit Querbiegung (H 6= 0) versteift das System, der Stab wird ge-

rade“ gezogen, sodass sich die Verkrümmungen aus Querlast verringern. Die
Theorie I. Ordnung ist hierfür eine gute Näherung.
4. Bei Druck mit Querbiegung (H 6= 0) wachsen die Biegeverformungen be-
reits unterhalb der Knicklast überproportional an, sodass der hierzu gehörende
Spannungszustand direkt für den Sicherheitsnachweis berücksichtigt werden
kann. Das Knicken des Stabes ist hier implizit erfasst.

Die Theorie II. Ordnung beschreibt das Trag- und Verformungsverhalten von
Rahmentragwerken realitätsnah und kann den Knicksicherheitsnachweis er-
setzen, wenn die Biegeverformung aus Einwirkung der Knickfigur aus Stab-
knickung entspricht.
20.1 Einführung in die Theorie II. Ordnung 289

20.1 Einführung in die Theorie II. Ordnung


Wenn die Verformungen im Gleichgewicht berücksichtigt werden sollen, unter-
scheidet man je nach Größe der Verformungen unterschiedlich genaue Theo-
rien. Für die Anwendung der unterschiedlichen Tragwerkstheorien ist es ganz
wesentlich, die Grenzen der Modelle zu kennen, da die Tragwerksanalyse sonst
zu völlig falschen Ergebnissen gelangen kann.

Theorie I. Ordnung
Die Grundgleichungen nach Theorie
I. Ordnung dürfen am unverformten
System aufgestellt werden, wenn der
Einfluss der Systemverformungen auf
den Trag- und Verformungszustand
vernachlässigbar ist. Dies bedeutet für
nebenstehendes System, dass sich das l
Kragarmende horizontal verschiebt und
das Versatzmoment aus Längskraft P
und Verschiebung w0 keinen Einfluss u
auf die Momentenlinie M hat. l

Damit gilt Mu = H · ℓ und N = P .

Geometrisch nichtlineare Theorie


Wenn die Verformungen des Tragwerks groß sind, müssen alle Grundgleichun-
gen am verformten System aufgestellt und gelöst werden, was jedoch nur für
Einzelfälle gelingt. Dies bedeutet für die Gleichgewichtsbedingungen, dass die
Versatzmomente infolge w0 und ∆ℓ in der Größenordnung der Momente nach
Theorie I. Ordnung liegen können und nicht vernachlässigbar sind.
Die Berücksichtigung beliebiger Verfor-
mungen in den Grundgleichungen führt
auf sehr komplexe Zusammenhänge l
zwischen allen Zustandsgrößen:
ε = f (u′ , w′ ...),
l
κ = f (u′ , w′ , w′′ , ...),
∆ℓ = f (ε, κ, ...),
Mu = H · (ℓ − ∆ℓ) + P · w0 , u
N = f (P, H, w). l l
290 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

Theorie II. Ordnung


Für baupraktische Fälle sind die Verformungen zwar endlich, aber so klein,
dass nur die wesentlichen Anteile beachtet werden müssen. Vernachlässigbare
Anteile höherer Ordnung sind u. a. die Längenänderungen aus Normalkräften
und die Absenkungen ∆l von Knoten infolge Stabdrehungen sowie die genauen
Verkrümmungen aus Durchbiegung. Die einzig wichtigen Anteile sind dann die
Versatzmomente aus Normalkräften und Biegeverformungen. Hiermit vereinfa-
chen sich die Gleichgewichtsbedingungen zu

Mu = H · l + P · w0 , N = P.

Genaue Berechnungen mit aufwändigen numerischen Verfahren zeigen, dass bei


Stabtragwerken zwei Anteile aus Theorie II. Ordnung in den Gleichgewichts-
bedingungen von Bedeutung sind.

1. Die Versatzmomente aus Normalkraft und Biegelinie w(x) verändern die


Trageigenschaften der Einzelstäbe.

2. Die Schiefstellungen ψ von Tragwerksstäben bewirken Versatzmomente


P · ψ · ℓ, die eine wesentliche Änderung des globalen Tragverhaltens be-
wirken können.

Die Einwirkungen sind von vornherein mit einem Sicherheitsbeiwert γ zu ver-


sehen, da das Last-Verschiebungsverhalten nichtlinear ist und das Superposi-
tionsgesetz nicht mehr gilt, siehe Bild 20-1. Wenn die Schnittgrößen M, Q, N
mit den γ-fachen Einwirkungen berechnet sind, darf der Spannungsnachweis
entsprechend den Sicherheitskonzepten z. B. nach DIN 18 800 erfolgen.

Anwendungsbereiche der Theorie II. Ordnung


Die Spannungstheorie II. Ordnung kann man für die Berechnung von Tragwer-
ken mit großen Zug- oder Druckkräften einsetzen, da sie hier realitätsnähere
Ergebnisse liefert. Dies sind
1. bei Zug: Genauere Berechnung von stark verformbaren Tragwerken
(Seilnetze, Hängebrücken). Hier ist im Einzelfall eine noch
genauere Theorie erforderlich, wenn sich die Seile stark
dehnen können.
2. bei Druck: Ersatz des Stabilitätsnachweises nach DIN 18 800 Teil 2
(Rahmentragwerke mit schlanken Stützen).
Der Stabilitätsnachweis darf durch eine Berechnung nach Theorie II. Ordnung
ersetzt werden, wenn die Verformungsfigur des Tragwerks die zur niedrigsten
20.1 Einführung in die Theorie II. Ordnung 291

Knicklast gehörende Knickfigur enthält. Mit kleiner Störlast Ps oder einer


Vorverformung ψo als Imperfektion wird das Verzweigungsproblem zum Span-
nungsproblem, und die Theorie II. Ordnung führt zum richtigen Ergebnis.

Nachfolgender symmetrischer Rahmen ist symmetrisch belastet. Die Last be-


wirkt eine symmetrische Biegelinie, die dem Verformungszustand nach Theorie
I. Ordnung entspricht. Trotz Biegeverformung aus symmetrischer Last liegt hier
ein Knickfall vor, da das System mit Erreichen der 1. Knicklast vom symmetri-
schen Verformungszustand in die erste antisymmetrische Knickfigur umspringt.

P P P P
q q

y y

Der ungestörte symmetrische Verfor- Mit einer Anfangsschiefstellung ψ0 als


mungszustand bewirkt einen Span- Ersatzimperfektion weicht das System
nungszustand entsprechend der Theo- auch unterhalb der Knicklast zur Seite
rie I. Ordnung, die das Ausknicken des aus. Die Theorie II. Ordnung kann so
Systems nicht erfassen kann. Dieser den unsymmetrischen Verformungszu-
Ansatz führt am symmetrischen Sy- stand ψ = ψ0 +ψLast entsprechend der
stem zum falschen Spannungszustand. 1. Knickfigur richtig erfassen.

Prinzipielle Lösungswege durch Iteration


Nichtlineare Aufgabenstellungen müssen in der Regel iterativ mit wiederhol-
ter Linearisierung der Aufgabe gelöst werden. Die Iteration beginnt mit dem
Ergebnis nach Theorie I. Ordnung: N1 , w1 . In jedem Iterationsschritt wird ent-
weder N oder w aus dem vorangegangenen Lösungsschritt übernommen und
sukzessive verbessert.

1. Variante nach dem Kraftgrößen-Verfahren (KV)


Die Biegelinie w wird iterativ ermittelt. Die Konvergenz der Iteration ist lang-
samer als bei der 2. Variante, da sich die Verschiebungen in der Iteration stark
ändern. Außerdem ist die Berechnung der Knotenweggrößen relativ aufwändig.
292 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

Die Knotenweggrößen werden mit dem


P P
PvK und dem Reduktionssatz in je-
H
dem Iterationsschritt berechnet, sodass
die Versatzmomente Pj · δj im Last-
spannungszustand zusätzlich berück-
sichtigt werden können. Die Iteration
endet, wenn mit der richtigen Biege-
w1 linie Gleichgewicht am verformten Sy-
w2
stem erreicht ist.
2. Variante nach dem Drehwinkel-Verfahren (DV)
Die Normalkräfte N werden iterativ berechnet, bis mit den richtigen Längs-
kräften Gleichgewicht am verformten System erreicht ist.
Die Konvergenz ist schneller als bei der
1. Variante, da sich die Normalkräfte
in der Iteration nur wenig ändern und
die Biegelinie mit den Knotenverdre-
y y hungen und der Stabschiefstellung ψ in
den Gleichgewichtsbedingungen als Un-
bekannte direkt berücksichtigt ist. Vor-
teilhaft ist, dass das Drehwinkelverfah-
ren nach Theorie I. Ordnung nur ge-
ringfügig erweitert werden muss.
Hier erfolgt die Berechnung nach Theorie II. Ordnung mit dem Drehwinkelver-
fahren. Die sukzessive Erweiterung auf das Weggrößenverfahren ist möglich.

20.2 Stabendmomente nach Theorie II. Ordnung


Nachfolgend werden die Anteile aus Verbiegung des Einzelstabes beschrieben,
siehe auch Beton-Kalender I (1991) [5]. Die Herleitung gilt für schub- und
dehnstarre Stäbe, sowie endliche aber kleine Drehungen. Falls diese Bedingun-
gen nicht erfüllt sind, müssen in der Regel numerische Verfahren eingesetzt
werden, die die Aufgabe näherungsweise lösen können.

20.2.1 Grundgleichungen am verformten Stab


Die Änderung der Grundgleichungen am differentiellen Element ist bei Theorie
II. Ordnung auf die Gleichgewichtsbedingungen beschränkt. Die Grundglei-
chungen gelten für gerade Balken, EI = konst. und N als Druckkraft positiv.
20.2 Stabendmomente nach Theorie II. Ordnung 293

Die Grundgleichungen der Verformungsgeometrie sind wie bei Theorie I. Ord-


nung definiert, siehe Abschnitt 3.4.2:
Drehung : ϕ = w′ ,
Verkrümmung : κ = ϕ′ .
Die Werkstoffgleichung gilt ebenfalls wie bei Theorie I. Ordnung
nach Hooke : κ = −M/EI.
Die Gleichgewichtsbedingungen am verformten System sind entsprechend Bild
20-2 gegeben. Hierbei ist N als Druckkraft positiv angesetzt.
ΣM = 0 : M ′ = Q,
ΣV = 0 : Q′ − (N · ϕ) ′ = −q(x).

q
x
j x
z,w
Nj d(Nj)/2

Nj + d(Nj)/2

Bild 20-2 Normalkräfte am differentiellen Element bei Theorie II. Ordnung


Mit konstanter Normalkraft N und konstantem EI kann man die Grundglei-
chungen zusammenfassen:
EIw′′′′ + N · w′′ = q(x).
Die Gesamtlösung w(x) der Differentialgleichung kann für gegebene Normal-
kraft N wie gewohnt analytisch berechnet werden. Ohne explizite Herleitung
gilt für Druckkräfte
p
w(x) = wp + c1 + c2 · x + c3 · sin λx + c4 · cos λx mit λ = N / EI.
Die Geamtlösung enthält die Partikularlösung wp für die rechte Seite und die
homogene Lösung bei verschwindender rechter Seite zur Anpassung der Ge-
samtlösung an die Randbedingungen des Einzelstabes.
Beim Drehwinkelverfahren wird jedoch nicht die Biegelinie benötigt, sondern
die Stabendmomente Ma , Mb aus Last und Knotenweggrößen. Diese kann man
mit den Grundgleichungen aus der analytischen Lösung w(x) für gegebene Nor-
malkraft berechnen.
294 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

20.2.2 Lösungsweg beim Drehwinkelverfahren


In der Theorie II. Ordnung besteht zwischen den Einwirkungen und den Zu-
standsgrößen ein nichtlinearer Zusammenhang. Das Superpositionsgesetz gilt
also nicht mehr. Dennoch kann das Drehwinkelverfahren für γ–fache Einwir-
kungen zur Berechnung der Tragwerksverformungen eingesetzt und die Mo-
mentenlinie M des Einzelstabes additiv aus M 0 und allen M i · Yi berechnet
werden. Dies ist möglich, weil die Normalkraft im Iterationsschritt konstant ist,
und weil die Nichtlinearitäten infolge N direkt in den Gleichgewichtsbedingun-
gen des Drehwinkelverfahrens berücksichtigt werden. Daher müssen
– die Stabendmomente M 0 aus Last und
– die Stabendmomente M i aus den Drehwinkeln ϕa , ϕb sowie ψ = ∆w/l
nach Theorie II. Ordnung am Einzelstab zur Verfügung stehen, siehe nachfol-
gende Abbildung.

Die Stabendmomente infolge Drehwinkel kann man wie folgt ansetzen:


EI EI EI
Ma = Ma0 + α ϕa + β ϕb + (α + β) ψ
ℓ ℓ ℓ
EI EI EI
Mb = Mb0 + β ϕa + α ϕb + (α + β) ψ.
ℓ ℓ ℓ
Die Steifigkeitskoeffizienten nehmen in der linearen Theorie I. Ordnung die
Werte α = 4, 0 und β = 2, 0 sowie γ = 3, 0 an. In der nichtlinearen Theorie II.
Ordnung sind sie abhängig von der Stabschlankheit l/i und der Druckkraft
N , die in einem dimensionslosen Schlankheitsgrad ε zusammengefasst sind. ε
ist definiert zu
r r r
|N | l |N | I
ε=l· oder ε = · mit dem Trägheitsradius i = .
EI i EA A
Nachfolgend sind die Steifigkeitskoeffizienten α(ε), β(ε), γ(ε) für Druckkräfte
als Tabelle angegeben, die für eine Handrechnung ausreichend genau ist. In
der Literatur sind zusätzlich auch analytische und graphische Darstellungen
angegeben, siehe z. B. [5].
20.2 Stabendmomente nach Theorie II. Ordnung 295

Tabelle 20.1 Steifigkeitskoeffizienten für die Stabendmomente [5]

Infolge Längsdruckkraft mit ε = 1, 20 verändert sich die Momentenlinie aus


Knotendrehung ϕa wie im Bild dargestellt. Anschaulich wird der Stab nach un-
ten herausgedrückt, sodass die Verkrümmung und damit das Stabendmoment
am linken Stabende verringert werden und am rechten Stabende zunehmen.

genaue Theorie II. Ordnung Theorie I. Ordnung


296 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

Aus dem Verlauf der Steifigkeitskoeffizienten in Abhängigkeit von ε kann man


folgende Hinweise für die Anwendung des Drehwinkelverfahrens ableiten.
1. Bei gedrungenen Stäben mit ε < 1, 2 kann man näherungsweise α = 4, 0
und β = 2, 0 ansetzen, da der Fehler bei ε = 1, 2 kleiner als 5 % ist. Der Fehler
am Gesamtsystem ist in der Regel noch kleiner, wenn Anteile aus Knotenver-
schiebungen hinzukommen. Dies gilt für fast alle Stahlbetonrahmen, zumal die
Biegesteifigkeit von Stahlbetonquerschnitten nicht genau erfassbar ist, z. B. im
gerissenen Zustand.
2. Bei schlanken Stäben unter Druck mit ε > 1, 2 sind die genauen Steifigkeits-
koeffizienten mit kleineren α- und größeren β-Werten anzusetzen. Dies betrifft
vor allem die in der Regel schlanken Stahlstützen mit großen Druckkräften.
3. Bei Zugkräften sind größere α-, γ- und kleinere β-Werte vorhanden, da die
Stäbe unter Zug versteifen“. Hier können die Werte nach Theorie I. Ordnung

verwendet werden.

Last- und Einheitsverformungszustände


In der nachfolgenden Tabelle 20.2 sind die Stabendmomente am Einzelstab für
den Lastverformungszustand angegeben, siehe [5].

Tabelle 20.2 Stabendmomente aus Einwirkungen

+ + +
a EJ b a EJ b

b
(1+ a )
20.2 Stabendmomente nach Theorie II. Ordnung 297

In Tabelle 20.3 folgen die Stabendmomente am Einzelstab für die Einheitsver-


formungszustände ϕ = 1/EIc und ψ = 1/EIc .

Tabelle 20.3 Stabendmomente aus Einheitsverformungen

Stabgeometrie 1/EJ c , 1/EJc , =l J c /J

1 1

Die Momentenlinien am Einzelstab sind infolge der Drucknormalkraft nichtli-


near, werden aber in der Regel vereinfachend linear dargestellt.

20.2.3 Einfluss von Stabimperfektionen


Reale Stäbe sind niemals perfekt und besitzen mehr oder weniger große Imper-
fektionen, die aus dem Herstellprozess folgen aber in ihrer Größe beschränkt
sind. Die Berücksichtigunmg beliebiger Imperfektionen in Geometrie und Werk-
stoff erfolgt in der Berechnung in der Regel mit geometrischen Ersatzimperfek-
tionen w0 (x), die die geometrische Form des Tragwerks bereits im unbelasteten
Zustand gedanklich verändern.
298 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

Wenn geometrische Nichtlinearitäten nach Theorie II. Ordnung im Gleichge-


wicht berücksichtigt sind, müssen auch die Ersatzimperfektionen im Gleichge-
wicht an gleicher Stelle berücksichtigt werden, damit die Theorie konsistent ist.
Die Gleichgewichtsbedingungen am verformten System sind entsprechend Bild
20-2 gegeben. Hierbei ist N als Druckkraft positiv angesetzt. Die Ersatzimper-
fektionen w0 (x) sind entsprechend w(x) zu berücksichtigen, sodass

ΣM = 0 : M ′ = Q,
ΣV = 0 : Q′ − (N · (ϕ + w0′ )) ′ = −q(x).

folgt. w0 ist hier additiv berücksichtigt, sodass w(x) von w0 aus zählt. Wichtig
ist, dass w0 keine Spannungen erzeugt, also weiterhin M = −EI · w′′ gilt.
Mit konstanter Normalkraft N , konstantem EI und bekannter Ersatzimper-
fektion kann man die Gleichgewichtsbedingungen sowie die anderen Grundglei-
chungen zusammenfassen. Es folgt
EIw′′′′ + N · w′′ = q(x) − N · w0′′ .
Der Term aus Ersatzimperfektion kann jetzt als Ersatzlast q0 = −N · w0′′ ge-
deutet werden und wird in der Berechnung wie eine Streckenlast verarbeitet.
Bei Annahme einer quadratischen Ersatzimperfektion
x x2
w0 = ŵ0 (4 − 4 2 )
ℓ ℓ
mit der Amplitude ŵ0 folgt die konstante Ersatzlast zu
−8 ŵ0
q0 = N · .
ℓ2
Hiermit ist die Bedingung q0 ℓ2 /8 = −N ŵ0 für das Versatzmoment implizit
erfüllt. Die Ersatzlast ist in ungünstiger Richtung anzusetzen, damit der Ein-
fluss aus Theorie II. Ordnung die aus Einwirkungen vorhandenen Verformun-
gen des Stabes verstärkt. Die Ersatzlast ist gemeinsam mit den daraus folgen-
den Lagerreaktionen anzusetzen, sodass die Ersatzlastgruppe am Einzelstab im
Gleichgewicht ist und das Gesamttragwerk keine zusätzlichen Lasten aufneh-
men muss, siehe Bild 20-3.
q0
w0
N N
q0 l/2 q0 l/2

Bild 20-3 Quadratische Ersatzimperfektion (links) und Ersatzlastgruppe (rechts)


20.2 Stabendmomente nach Theorie II. Ordnung 299

20.2.4 Beispiel 1: Knickstab


Am nachfolgend berechneten Knickstab soll gezeigt werden, wie sich die Stab-
endmomente aus Theorie II. Ornung auf die Momentenlinie auswirken. Die
Berechnung erfolgt für γ-fache Lasten, da das Superpositionsprinzip nicht gilt.
Stabimperfektionen sind hier nicht angesetzt.

1. System und Belastung


Das System ist mit einer Streckenlast γ · q = 0, 6 kN/m sowie zwei Verti-
kalkräften mit γ · P = 300 kN belastet. Die Steifigkeiten und die Geometrie
sind in untenstehender Tabelle angegeben. Das System ist 1-fach kinematisch
unbestimmt.
P

Ic / I2 = 1,5 l m=1
P
b
q

Ic / I1 = 1,0 l

Stab 1 Stab 2 [ ]

Profil HE − B 200 HE − B 180 -


EI 12.000 8.000 kN m2
Imperfektion ψ0 0 0 -
Länge 6, 0 6, 0 m
Ic /I 1, 0 1, 5 -
l′ = l · Ic /I 6, 0 9, 0 m
geschätzte N 600 300 kN
p
ε = l · N/EI 1, 34 1, 16 -
300 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

2. Stabendmomente
Die Abweichungen der α, β, γ-Werte von denen nach Theorie I. Ordnung sind
hier berücksichtigt, da der Einfluss aus Stabbiegung wesentlich ist (ε > 1, 2).

Stab 1 Stab 2 [ ]

α 3, 751 3, 819 -
β 2, 064 2, 048 -
γ 2, 615 2, 719 -

3. Last- und Einheitsverformungszustände


Die Last- und Einheitsverformungszustände sind nachfolgend für die Theorie II.
Ordnung aufbereitet. Hierbei sind die genauen Stabendmomente entsprechend
der jeweiligen Normalkraft angesetzt. Das Stabendmoment des oberen Stabes
im Lastverformungszustand ist entsprechend Tabelle 20.2
Mb2 = −qℓ2 /2α = −2, 88
und die Stabendmomente des Einheitsverformungszustandes aus Tabelle 20.3
Ma1 = β/ℓ′ = +0, 344, Mb1 = α/ℓ′ = +0, 625, Mb2 = γ/ℓ′ = +0, 302.

1
jb =
EIc
0,625
2,88 0,302

1 1
w⁰ M⁰ w M

0,334

Lastverformungszustand Einheitsverformungszustand

4. Gleichgewichtsbedingung
Das Momentengleichgewicht ist am Knoten b verletzt. Damit ist anzusetzen:
X X X
Mb = 0 = Mb0 + Mb1 · Y1 = −2, 88 + (0, 625 + 0, 302) · Y1
20.2 Stabendmomente nach Theorie II. Ordnung 301

5. Auflösung des linearen Gleichungssystems


       
0, 927 · Y1 + − 2, 88 = 0 → Y1 = 3, 11

6. Ergebnis und Kontrolle


Die Momentenlinie folgt aus der Überlagerung der Teilmomentenlinien

M = M 0 + Y1 · M 1 .

Mit Vorzeichen des Drehwinkelverfahrens beträgt das Stützmoment


Mb2 = −2, 88 + 0, 302 · 3, 11 = −1, 94 kN m
und das Einspannmoment
Ma1 = 0, 344 · 3, 11 = 1, 07 kN m.
Die Theorie I. Ordnung gibt Mb2 = −1, 80 kN m und Ma1 = 0, 90 kN m. Nach-
folgende Schnittkräfte sind mit den Vorzeichen der Baustatik ermittelt. Hierbei
kennzeichnen die Indizes den jeweiligen Knoten und Stab.
a) Querkräfte näherungsweise mit ∆ M/ℓ
Qa = −(1, 07 + 1, 94)/6, 0 = −0, 50 kN
C
Qb1 = Qa = −0, 50 kN
Qb2 = 1, 94/6, 0 + 0, 6 · 6, 0/2 = 2, 12 kN
Qc = 1, 94/6, 0 − 0, 6 · 6, 0/2 = −1, 48 kN

1,94 B
b) Normalkräfte aus Gleichgewicht in c und b
N1 = 600 kN
M N2 = 300 kN
c) horizontale Lagerkräfte
A A = Qa = −0, 50 kN
1,04
B = −Qb1 + Qb2 = 2, 62 kN
C = −Qc = 1, 48 kN

Die Summe der Horizontalkräfte: A + B + C − q · ℓ = 0, 00.


Die Summe der Momente um Punkt a: C · 2ℓ + B · ℓ + Ma − qℓ · 1, 5ℓ = 0, 01.

Bei dem vorliegenden System ist keine weitere Iteration erforderlich, da die am
Anfang der Berechnung geschätzten Normalkräfte unverändert bleiben.
302 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

20.3 Einfluss der Knotenverschiebungen auf das Gleichgewicht


Bei Theorie II. Ordnung haben die Anteile aus den Knotenverschiebungen einen
sehr viel größeren Einfluss auf die Gesamtlösung als die Anteile aus den Ver-
krümmungen der Einzelstäbe. Dies liegt daran, dass Rahmentragwerke gegen
horizontale Lasten relativ nachgiebig sind.

Gleichgewicht bei Stabschrägstellung


Normalkräfte auf schräg stehenden Stäben erzeugen ein die Schrägstellung ver
stärkendes Moment H · ∆w, das von der Stablängskraft H und den Knoten-
verschiebungen ∆w bzw. den Stabdrehwinkeln ψ abhängt, siehe Bild 20-4.
Dies führt dazu, dass die in der Festhaltung wirkende Kraft V entsprechend
verändert wird. Mit dem Momentengleichgewicht am Einzelstab folgt die La-
gerkraft
Mo − Mu
V = + H · ψ,

die im Stockwerksgleichgewicht entsprechend berücksichtigt werden muss. Das
am verformten Stab wirkende Moment H · ψ · ℓ kann statisch äquivalent am
unverformten Stab mit dem Kräftepaar H · ψ im Abstand ℓ an den Stabenden
beschrieben werden. Die Kräftepaare (Ersatzkräfte, Umlenkkräfte) sind senk-
recht auf alle Stäbe anzusetzen, die einen Stabdrehwinkel ψ aufweisen, wobei
die ψ die noch unbekannten Stabdrehwinkel sind.

Dw H
H

DM V H·Ψ
V= +H·Ψ
l

l Ψ Ψ

DM
V= +H·Ψ V H·Ψ
l

H H

links: Kräfte am verformten System


rechts: Kräfte statisch äquivalent am unverformten System

Bild 20-4 Gleichgewicht am Einzelstab


20.3 Einfluss der Knotenverschiebungen auf das Gleichgewicht 303

Die Formulierung des Gleichgewichts mit dem PvV erfordert eine zusätzliche
Überlegung. Wenn das Gleichgewicht am verformten System erfüllt sein soll,
müssen die virtuellen Verschiebungen auf das verformte System aufgebracht
werden. Da die virtuellen Verschiebungen dehnstarr erfolgen, verschiebt sich
der obere Knoten horizontal um w̄ und vertikal um ū, sodass die Vertikalkräfte
H die Arbeit −H · ū leisten.
w w w

H H l
u Ψ·l u Ψ· Ψ·l·Ψ
Ψ Ψ
N
Ψ
Ψ
Ψ Ψ Ψ
Ψ

Ψ Ψ

H H

links: ohne Schiebehülse


rechts: mit Schiebehülse

Bild 20-5 Virtuelle Verschiebungen am verformten System

Die virtuelle Vertikalverschiebung kann man vermeiden, wenn im Stab eine


virtuelle Schiebehülse so angeordnet wird, dass sich die Schnittufer bei einer
reinen Horizontalverschiebung gegeneinander verschieben und die Stabkraft N
Arbeit leistet. Die virtuelle Schnittuferverschiebung folgt aus der Kinematik zu

ψ̄ · ℓ · ψ

und damit auch die virtuellen Arbeiten in der Schiebehülse

Ās = −N · ψ · ℓ · ψ̄.

Diese Arbeiten kann man jedoch statisch äquivalent als die Arbeiten des Kräfte-
paares N · ψ auf dem virtuellen Weg ψ̄ · ℓ am unverformten System deuten,
sodass die anschauliche Herleitung nach Bild 20-4 mit dem PvV übereinstimmt.
Das Konzept der Schiebehülse in der virtuellen Verschiebungsfigur ist umfas-
send im Betonkalender 1976 [4] dargestellt.

Bei der Anwendung des PvV setzt man daher die Kräftepaare N · ψ am un-
verformten System an und setzt die virtuelle Verschiebung wie bei Theorie I.
304 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

Ordnung ebenfalls am unverformten System an. Hierbei wird die Schiebehülse


nicht weiter benötigt, siehe Bild 20-6.
H y

N y

w w

N y

Bild 20-6 Virtuelle Verschiebungen am unverformten System

Systemimperfektionen ψ0
Nach DIN 18 800 sind Vorverformungen ψ0 sowie w0 als Imperfektionen des
Systems in Stäben mit Druckkräften so zu berücksichtigen, dass die Spannungs-
theorie II. Ordnung das Knickproblem ersetzen kann. Die Stabimperfektionen
w0 können als Ersatzlastgruppe entsprechend Abschnitt 20.2.3 berücksichtigt
werden. Die Anfangsverdrehungen ψ0 werden im Lastverformungszustand als
an den Stabenden wirkende Umlenkkräfte
N · ψ0
angesetzt. Mit den Umlenkkräften aus Stabdrehungen ψ und Vorverformungen
ψ0 kann die Berechnung der unbekannten Drehwinkel wie bei Theorie I. Ord-
nung erfolgen, wenn die Kräftepaare im Stockwerkgleichgewicht analog zu Bild
20-6 angesetzt werden. Dies bedeutet, dass die Normalkräfte N beim Aufstel-
len der Arbeitsgleichung im Gleichungssystem für die unbekannten Drehwinkel
direkt – ohne weitere Nebenrechnung – berücksichtigt werden.
Auch wenn die Normalkräfte zunächst noch unbekannt sind, und daher erst
iterativ ermittelt werden müssen, deutet sich hier bereits an, dass nur wenige
Iterationsschritte erforderlich sind, da sich die Normalkräfte während der Ite-
ration in der Regel nur wenig ändern. Zur Beschleunigung der Iteration kann
man im ersten Iterationsschritt die Normalkräfte N z. B. unter Einhaltung des
vertikalen Gleichgewichts abschätzen oder einer Berechnung nach Theorie I.
Ordnung entnehmen. Da die Iteration selbstkorrigierend ist, hat dies keinen
Einfluss auf das Endergebnis.
20.3 Einfluss der Knotenverschiebungen auf das Gleichgewicht 305

20.3.1 Beispiel 2: Hallenrahmen


Am Beispiel eines Hallenrahmens wird gezeigt, wie der Einfluss der Stabschief-
stellung auf die Gleichgewichtsbedingungen nach Theorie II. Ordnung berück-
sichtigt wird.

1. System und Belastung


Das System ist mit einer Horizontallast γ · 0, 1P = 20 kN sowie mit Vertikal-
kräften γ · P = 200 kN belastet. Die Steifigkeiten und die Geometrie sind in
untenstehender Tabelle angegeben. Das System ist 1-fach kinematisch unbe-
stimmt.
P 2P P
0,1 P
3 3

4 1 2 1 m=1

6 6

Stab 1 / 2 Stab 3 [ ]

Profil HE − B 180 HE − B 200 -


EI 8.000 12.000 kN m2
Imperfektion Ψ0 1/200 0 -
Länge 4, 0 6, 0 m
Ic /I 1, 5 1, 0 -
l′ = l · Ic /I 6, 0 6, 0 m
geschätzte N 200 / 400 0 kN
p
ε = l · N/EI < 1, 2 < 1, 2 -

2. Steifigkeiten und Stabendmomente


Die Abweichungen der α, β, γ-Werte von denen nach Theorie I. Ordnung wer-
den hier nicht berücksichtigt, da der Einfluss aus Stabbiegung bei ε < 1, 2
unwesentlich ist, siehe auch Abschnitt 20.2.
306 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

3. Last- und Einheitsverformungszustände


Der Lastverformungszustand muss die Vorverformungen berücksichtigen, da
diese unabhängig vom tatsächlichen Spannungszustand sind und den Einzel-
stäben als konstante Schiefstellung zugeordnet werden. Schätzt man zunächst
die Normalkräfte in den vertikalen Stäben aus Knotengleichgewichten, so kann
man die Umlenkkräfte N · ψ0 infolge der Anfangsschiefstellung der vertikalen
Stäbe bereits im ersten Iterationsschritt berücksichtigen. Weil alle Stäbe die
gleiche Anfangsschiefstellung haben, wird die Umlenkkraft mit der Summe aller
vertikalen Kräfte berechnet

ΣN ψ0 = ( 200 + 400 + 200 )ψ0 = 800 ψ0 = 4 kN.

P 2P P
0,1 P
N · Ψ₀ = 4,0

Ψ₀ Ψ₀ Ψ₀
4,0
w⁰ M⁰

Auch im Einheitsverformungszustand können die Umlenkkräfte N · ψ abge-


schätzt, zusammengefasst und zusätzlich zur Momentenlinie berücksichtigt wer-
den. Da alle Stabdrehwinkel gleich groß sind, gilt vereinfachend

ΣN ψ = ( 200 + 400 + 200 )/ EIc = 800/ 12.000 = 2/30 = 0, 067 kN.

Die Stabendmomente infolge Stabdrehung ψ werden hier wie bei Theorie I.


Ordnung mit γ = 3, 0 berechnet.
Ψ1 = 1/EIc
N · Ψ = 0,067

0,067
w
1
0,5 M1 0,5 3/h’ = 0,5

4. Virtuelle Verschiebungsfigur
Die virtuelle Verschiebungsfigur wird entgegengesetzt zur wirklichen Verschie-
bung mit dem virtuellen Stabdrehwinkel ψ̄ aufgebracht. Da hier das Gleich-
gewicht am verformten System mit den Umlenkkräften statisch äquivalent am
20.3 Einfluss der Knotenverschiebungen auf das Gleichgewicht 307

unverformten System erfüllt wird, kann die virtuelle Verschiebungsfigur wie


bei Theorie I. Ordnung und ohne Schiebehülse angesetzt werden. Die für die

4,0 · Ψ


Ψ
–1
w

virtuellen Arbeiten wichtige Horizontalverschiebung des Riegels ist für alle Um-
lenkkräfte gleich groß.

5. Gleichgewichtsbedingung
Das Stockwerkgleichgewicht wird mit dem PvV formuliert. Hierbei wird die
Arbeit der Stabendmomente auf den konjugierten Knickwinkeln ψ̄ wie bisher
berechnet. Die Arbeit der Umlenkkräfte N · ψ0 und N · ψ auf der entspre-
chenden virtuellen Verschiebung h · ψ̄ = 4, 0 · ψ̄ muss zusätzlich berücksichtigt
werden, damit das PvV am unverformten System angesetzt werden kann. Diese
zusätzlichen Arbeiten sind bei Druckkräften grundsätzlich negativ.

(ΣM − ΣN · ψ · h) · ψ̄ + (0, 1 · P + ΣN · ψ0 ) · h · ψ̄ = 0
( 3 · 0, 5 Y1 − 0, 067 Y1 · 4 ) · ψ̄ + ( 20, 0 + 4 ) · 4, 0 · ψ̄ = 0
→ Y1 = − 77, 8.

An der Gleichgewichtsbedingung kann man die Wirkung der Umlenkkräfte aus


Theorie II. Ordnung anschaulich verstehen. Der Koeffizient auf der linken Seite
beschreibt die Steifigkeit des Systems, die infolge der Umlenkkräfte bei Druck
verringert wird und damit direkt die Schiefstellung ψ · Y1 vergrößert. Auf der
rechten Seite bewirkt die Anfangsschiefstellung ψ0 eine Vergrößerung der Ein-
wirkungen, sodass die Schiefstellung des Systems in ungünstiger Richtung wei-
ter vergrößert wird.
Ganz wesentlich ist, dass die nichtlinearen Terme aus Theorie II. Ordnung
direkt in der Gleichgewichtsbedingung berücksichtigt sind und keine weitere
Nebenrechnung erforderlich ist.

6. Momentenlinie und Biegelinie


Die Einspannmomente am unteren Ende der Stützen sind hier alle gleich:
M = 0, 5 · Y1 = 0, 5 · (−77, 8) = −38, 9 kN m.
308 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

Damit sind auch die Querkräfte in den Stützen gegeben:


Q = ∆M/ℓ = 38, 9/4 = 9, 5 kN.
Die Normalkräfte ändern sich gegenüber den Anfangsschätzwerten nicht, da
die Riegel gelenkig auf den Stützen liegen und damit den vertikalen Lastabtrag
bei Schiefstellung nicht beeinflussen.
2,6 cm
0 0

M w
38,9 38,9 38,9

Die Schiefstellung des Systems aus Einwirkungen beträgt ψ · Y1 = 0, 065, und


die Horizontalverschiebung des Riegels w = ψ · Y1 · ℓ = 0, 026 m.

Die Berücksichtigung der Imperfektion ψ0 bei der Biegelinie ist nicht sinnvoll,
da ψ0 eine geometrische Ersatzimperfektion ist und andere Imperfektionen in
Geometrie, Werkstoff und Einwirkungen integral berücksichtigt.

20.3.2 Beispiel 3: Rahmen


1. System und Belastung
Das System ist mit einer Windlast γ ·q = 0, 6 kN/m sowie zwei Vertikalkräften
mit γ ·P = 600 kN belastet. Die Steifigkeiten und die Geometrie sind in unten-
stehender Tabelle angegeben. Das System ist 2-fach kinematisch unbestimmt.

2P P
2
b c

3 1
4 3 m=2
a
d
q
4

Das System wird nachfolgend unter γ-facher Belastung berechnet, die in der
20.3 Einfluss der Knotenverschiebungen auf das Gleichgewicht 309

Tabelle in den Normalkräften bereits berücksichtigt ist. Die Normalkräfte des


ersten Iterationsschrittes werden mit dem Knotengleichgewicht am unverform-
ten Tragwerk abgeschätzt.

Stab 1 Stab 2 Stab 3 [ ]

Profil HE–B 180 HE–B 200 HE–B 180 -


EI 8.000 12.000 8.000 kN m2
Imperfektion Ψ0 1/200 0 1/200 -
Länge 3, 0 4, 0 4, 0 m
Ic /I 1, 50 1, 0 1, 50 -
l′ = l · Ic /I 4, 50 4, 0 6, 0 m
geschätzte N 1200 0 600 kN
p
ε = l · N/EI < 1, 20 < 1, 20 < 1, 20 -

Das Systemtragverhalten nach Theorie II. Ordnung wird im Wesentlichen von


den Umlenkkräften bestimmt, die vom jeweiligen Stabdrehwinkel ψ und den
Normalkräften abhängen. Zu beachten ist, dass die Umlenkkräfte in Stab a − b
größer sind, wenn Stab a − b kürzer wird, also die Umlenkwirkung mit kleinerer
Länge ansteigt.

2. Steifigkeiten
Die Abweichungen der α, β, γ-Werte von denen nach Theorie I. Ordnung sind
so gering, dass dieser Einfluss aus Stabbiegung bei einer Berechnung nach Theo-
rie II. Ordnung vernachlässigt werden kann (ε < 1, 2, siehe Abschnitt 20.2).

3. Last- und Einheitsverformungszustände


Die Last- und Einheitsverformungszustände sind nachfolgend für die Theorie II.
Ordnung aufbereitet. Im Lastverformungszustand müssen die Umlenkkräfte aus
Imperfektion berücksichtigt werden. Wegen ungewollter Schrägstellung als Im-
perfektion werden die Umlenkkräfte mit geschätztem N zu N · ψ0 = 600/200 =
3, 0 kN bzw. N · ψ0 = 1200/200 = 6, 0 kN angesetzt. Die Imperfektion wirkt
ungünstig, sodass die Umlenkkräfte in Richtung der Horizontallast anzusetzen
sind.
310 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

6,0 N · Ψ₀ = 3,0

0,8

Ψ₀ w⁰ M⁰
6,0
Ψ₀ 0,8 3,0

Der erste Einheitsverformungszustand ist die Knotendrehung in Knoten c. Die


Stabendmomente werden wie bei Theorie I. Ordnung berechnet.
3/l’ = 0,75

4/l’ = 0,67

1 1
w M
2/l’ = 0,33

Der zweite Einheitsverformungszustand ist für die Theorie II. Ordnung ent-
scheidend. Bei Stabschrägstellung entstehen zusätzliche Umlenkkräfte, die von
der Größe des Stabdrehwinkels ψ abhängen. Als zusätzliche Kräftepaare aus
Stabschrägstellung sind N · ψ = 1200/EIc bzw. N · ψ = 600/EIc anzusetzen.
N · Ψ · h2/h1 = 0,133 N · Ψ = 0,05

6/l’ = 1,0

Ψ
2 2
w 0,133 M
6/l’ = 1,0
Ψ1 = Ψ · h2/h1
0,05

4. Gleichgewichtsbedingungen
1. Das Momentengleichgewicht ist am Knoten c verletzt. Damit gilt
X X X X
Mc = 0 = Mc0 + Mc1 · Y1 + Mc2 · Y2
= − 0, 8 + (0, 75 + 0, 67) · Y1 + 1, 0 · Y2
20.3 Einfluss der Knotenverschiebungen auf das Gleichgewicht 311

2. Das Kräftegleichgewicht (Stock-


werkgleichgewicht) istPam Knoten b
verletzt. Damit gilt FbP= 0 oder b c
geschickter mit dem PvV Ā = 0. – –
Ψ · h2/h1 Ψ
3. Nach Anordnen von zwei zusätz-
lichen Gelenken in c und d kann man –2
w
a
die virtuelle Verschiebungsfigur infolge
ψ̄ mit geraden Stäben angeben. ψ̄ d
entgegengesetzt zu ψ angesetzt, liefert
positive virtuelle Arbeit.
4. Virtuelle Arbeit wird in Gelenken an den Knoten c und d sowie auf Verschie-
bungen des Stabes c − d und des Riegels geleistet.
4ψ̄
Ā = − 0, 6 · 4 · − (6, 0 + 3, 0) · 4 ψ̄ − (0, 8 − 0, 8) ψ̄
2
+ (0, 67 + 0, 33) · Y1 · ψ̄ + (1, 0 + 1, 0 − 0, 133 · 4 − 0, 05 · 4) · Y2 · ψ̄
= { −40, 8 + 1, 0 · Y1 + 1, 267 · Y2 } ψ̄ = 0.

5. Auflösung des linearen Gleichungssystems


Die Gleichgewichtsbedingungen werden in Matrizenschreibweise angegeben und
gelöst. Der Einfluss aus Theorie II. Ordnung erscheint auf der Hauptdiagonalen
für Y2 und in der rechten Seite der zweiten Gleichung, jeweils in ungünstiger
Richtung wirkend.
" # " # " # " #
1, 417 1, 0 Y1 −0, 8 0 Y1 = −50, 02,
· + = −→
1, 0 1, 267 Y2 −40, 8 0 Y2 = +71, 68.

6. Ergebnis und Kontrolle


Die Momentenlinie folgt aus der Überlagerung der Teilmomentenlinien

M = M 0 + Y1 · M 1 + Y2 · M 2 .

Die Momentenordinaten an den Stabenden werden mit den Vorzeichen des


Drehwinkelverfahrens berechnet:
Mc2 = − 0, 75 · 50, 0 = − 37, 5 kN m
Mc3 = − 0, 8 − 0, 667 · 50, 0 + 1, 0 · 71, 7 = + 37, 5 kN m
Md = + 0, 8 − 0, 333 · 50, 0 + 1, 0 · 71, 7 = + 55, 8 kN m
312 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

Die Momentenlinie ist in der Abbildung ohne Vorzeichen auf der Zugseite der
Stäbe angetragen.
37,5

M w

55,8
Die Biegelinie ist hier nicht exakt berechnet, sondern mit den Stabdrehwinkeln
als Sehnenpolygon und den Verkrümmungen aus der Momentenlinie anschau-
lich entwickelt. Die Schiefstellung von Stab c − d beträgt
ψc−d = Y2 /EIc + ψ0 = 71, 7/12.000 + 1/200 = 0, 01098 = 0, 011
und von Stab a − b
ψa−b = Y2 /EIc · 4/3 + ψ0 = 71, 7/12.000 · 4/3 + 1/200 = 0, 01297 = 0, 013.
Die Horizontalverschiebung des Riegels aus Einwirkungen beträgt
δHb = Y2 /EIc · ℓ = 0, 024 m.
Die Imperfektion ist eine Anfangsschiefstellung und kann hier nicht mitgerech-
net werden, da sie für die Knoten b und c auf verschiedene Werte führt.

In der Nachlaufrechnung werden die Querkräfte wie bei Theorie I. Ordnung


und die Normalkräfte aus Knotengleichgewicht berechnet.

22,1 a) Die Querkräfte werden näherungsweise mit


9,4
∆ M/ℓ ± γqℓ/2 berechnet:
Q1 = 0
Q2 = 37, 5/4 = 9, 4 kN
Q Qc3 = −(55, 8+37, 5)/4+0, 6·4/2 = −22, 1 kN
Qd3 = −(55, 8+37, 5)/4−0, 6·4/2 = −24, 5 kN
24,5
b) Die verbesserten Normalkräfte der vertika-
len Stäbe folgen aus Gleichgewicht in b und c:
15
N1 = 2γP + Q2 = 1209, 4 kN
+ 1209 N3 = γP − Q2 = 590, 6 kN
590 +
Die Normalkraft N2 im oberen Riegel ist eine
N Zugkraft, da die Umlenkkräfte in Stab a − b
größer sind als in Stab c − d.
20.4 Abschätzen der Stabsteifigkeiten 313

Die Berechnung der Normalkräfte an den Stabenden von Stab 2 ergibt mit den
Eingangswerten für N (als Druckkraft positiv) am verformten System:
Nc2 = γP · ψ3 + Qc3 = 600 · 0, 011 − 22, 1 = −15, 5 kN
Nb2 = −N1 · ψ1 = −1200 · 0, 013 = −15, 6 kN
Kleine Abweichungen in den Nachkommastellen sind in Rundungsfehlern be-
gründet. Da die Normalkräfte im ersten Iterationsschritt mit N1 = 1200 kN
und N3 = 600 kN angesetzt waren, beträgt der Fehler des 1. Iterationsschrittes
∆N1 = 9, 4 kN und damit weniger als 1 %.

Die horizontalen Lagerkräfte werden 2P P


am verformten System berechnet und Q2 N2
sind positiv nach rechts gerichtet. Mit b c
N2 Q2
verbesserten Normalkräften folgt
Ψ1 Q3
Ha = −N1 · ψ1 = −15, 7 kN ,
N1 N3
Hd = −Qd3 − N3 · ψ3 = +18, 0 kN .
N3
Damit ist das Gleichgewicht am ver- N1 Ψ3
Ψ1 Q3
formten System bis auf einen kleinen
Iterationsfehler erfüllt:
Ha + Hd − γq · ℓ = −0, 10 kN. Ha Hd

Dieser Fehler nimmt jedoch bei weiteren Iterationen ab. Ein 2. Iterationsschritt
könnte mit den verbesserten Normalkräften durchgeführt werden. Aufgrund der
guten Konvergenz des Verfahrens lohnt sich der Aufwand in der Regel nicht.

20.4 Abschätzen der Stabsteifigkeiten


Bei Ansatz der Theorie II. Ordnung wird das Gleichgewicht am verformten Sy-
stem erfüllt, sodass eine Rückkopplung des Verformungszustandes in die Gleich-
gewichtsbedingung erfolgt. Wenn der Verformungszustand von den Stabsteifig-
keiten abhängt, bestimmen die Stabsteifigkeiten auch den Einfluss der Theorie
II. Ordnung auf den Spannungszustand. Will man diesen Effekt begrenzen, so
kann man die hierzu erforderlichen Steifigkeiten wie folgt abschätzen.
In der Stockwerksgleichgewichtsbedingung steht vereinfachend
X X ℓ X X
Ψ̄( ME V Z − N· ) Y II + . . . = Ψ̄( MLast + N · ℓ · Ψ0 ) ,
EIc
wenn N als Druckkraft positiv eingesetzt wird. Vernachlässigt man die Ein-
heitsverformungszustände der Knotendrehungen auf der sicheren Seite liegend,
314 20 Stabtragwerke nach Theorie II. Ordnung

so kann man den Stabdrehwinkel ΨII = Y II /EIc mit dem Stabdrehwinkel ΨI


nach Theorie I. Ordnung wie folgt vergleichen.
Die prozentuale Abweichung infolge Theorie II. Ordnung folgt vereinfachend
ohne Stabimperfektionen Ψ0 zu
P P P
ΨII − ΨI MLast MLast M
ε= ≈ ( P P − P ) · P EV Z
ΨI ME V Z − N · ℓ/EIc ME V Z MLast
P
MEV Z
≈ P P −1
ME V Z − N · ℓ/EIc
P
N ·ℓ
≈ P P .
EIc · ME V Z − N · ℓ
Berücksichtigt man, dass die Stabendmomente u. a. mit ME V Z = 6/ℓ′ bzw.
EIc · ME V Z = 6 EI/ℓ angesetzt sind, so ist die jeweilige Abweichung ε direkt
mit den Stabsteifigkeiten EI sowie den Stabnormalkräften N korreliert.
FACHWERKMODELLE
317

21 Fachwerkmodelle

Reale Tragwerke besitzen Ausdehnungen in allen drei Raumrichtungen. Wenn


ein oder zwei Tragwerksabmessungen klein sind gegen die verbleibenden Ab-
messungen, kann man zur Vereinfachung der Berechnung Ersatzmodelle ver-
wenden, bei denen das Trag- und Verformungsverhalten des gesamten Trag-
werkkontinuums mit den Weg- und Schnittgrößen einer Referenzfläche oder
-achse beschrieben wird.
Das Tragverhalten von Stabtragwerken wird mit der Bernoulli-Hypothese auf
die Stabachse reduziert, wenn der Verformungs- und Spannungszustand in
Dickenrichtung mit den Variablen der Stabachse beschrieben werden kann.

sx (x,y,z) j
x x,u
y
z z,w u , w ,j
t (x,y,z) N,M,Q
e , k ,g
} (x)

Ein anderer Weg, das Tragverhalten anschaulich zu beschreiben und zu verste-


hen, ist mit Hilfe von Fachwerkmodellen möglich. Hierbei werden die Tragwir-
kungen allein mit Fachwerkstäben (Druck und Zug) beschrieben. Dies erlaubt
auch eine Trennung unterschiedlicher Werkstoffe in Verbundtragwerken. Die
Vorteile von Fachwerkmodellen sind kurz erläutert.
1. In Fachwerkmodellen sind nur Druck- und Zugstäbe vorhanden. Alle Kraft-
wirkungen werden nur mit Fachwerkstäben beschrieben.
2. Mit Fachwerkmodellen werden alle Kraftwirkungen anschaulich interpretiert.
3. Nach Bündelung des Spannungsflusses auf die Fachwerkstäbe kann mit ein-
fachen Mitteln kontrolliert werden, ob und wie das Gleichgewicht erfüllt wird.
4. Das Vorgehen kann auf alle Tragwerke des Bauwesens erweitert werden.
Hiermit ist auch das Tragverhalten von 3D-Kontinua und Flächentragwerken
interpretierbar.
Wesentlich ist, dass Fachwerkmodelle nicht von vornherein festliegen, sondern
dass Sie für die jeweils vorhandenen Tragwerke und Kraftwirkungen neu ent-
wickelt werden müssen. Sie können dazu verwendet werden, das Tragverhalten
anschaulich zu interpretieren oder Kraftwirkungen gezielt festzulegen, wenn z.
B. in Stahlbetonbauteilen die Bewehrungsführung konstruiert wird.
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9_21
318 21 Fachwerkmodelle

21.1 Fachwerkmodelle für Stabtragwerke


Die Beschreibung des Tragverhaltens von Dehn- und Biegestäben erfolgt mit
den integralen Schnittgrößen N, M und Q. Hierbei wird die Spannungsvertei-
lung im Stabquerschnitt auf die Stabachse reduziert.
Für Biegung und Normalkraft kann man am differentiellen Element nachfol-
gendes Fachwerkmodell entwickeln.

x N

M
s, e dx

Anstelle einer einzigen Stabachse mit den Schnittgrößen N und M können


auch zwei Normalkräfte NO und NU verwendet werden. Sie beschreiben die
unterschiedlichen Tragwirkungen in der Druck- und Zugzone. Im Inneren des
Biegeträgers werden die Normalkräfte gedanklich von zwei Fachwerkstäben auf-
genommen (nur Modellvorstellung, keine realen Stäbe). Die Lage der Stäbe
kann z. B. in den Schwerpunkten der Druck- und der Zugzone gewählt werden.
No
N o = N/2 M/h
h
x
N u = N/2 + M/h
Nu

Das Modell mit zwei Kraftwirkungen NO und NU erscheint komplexer als das
differentielle Element der bisherigen Betrachtungsweise, beschreibt aber das
Tragverhalten des Tragwerks ebenso gut wie das Balkenmodell mit M und N .

Ein Fachwerkmodell für Querkraftwirkung kann man wie folgt entwickeln. Zu-
nächst gilt am Element ∆x des Balkens Q ∆x = ∆M . Das Fachwerkmodell
muss also die Wirkung der Querkraft gemeinsam mit dem Momentenzuwuchs
beschreiben. Ersetzt man den Biegemomentenanteil durch ein Kräftepaar, so
wirken an den Schnittflächen die Kräfte Q, D und Z. Sie müssen mit Hilfe eines
innenliegenden Fachwerks aufgenommen werden.

D
DM Q Q h
Q Q Z

DM DM
Dx Q . Dx = D . h , D = , Z = +
h h

Die Querkraft repräsentiert die in Dickenrichtung wirkenden Schubspannungen.


21.1 Fachwerkmodelle für Stabtragwerke 319

In einem Fachwerkmodell müssen daher zunächst die Schubspannungen mit


Hilfe eines vertikalen Stabes in das Fachwerk eingeleitet werden. Das Gleichge-
wicht zwischen der Stabkraft aus Querkraftwirkung und der Druck- und Zug-
kraft aus Momentenwirkung muss mit weiteren Fachwerkstäben sichergestellt
werden. Die Anordnung des Fachwerks ist auf verschiedene Arten möglich.

a) Zugdiagonale
Es wird angenommen, dass die Schubspannungen von Punkt a bzw. c ausgehend
entlang der vertikalen Stäbe integriert werden. In a bzw. c sind die Stabkräfte
null, in b bzw. d ist jeweils die gesamte Querkraft im Stab vorhanden. Gleich-
gewicht ist im Punkt b und d noch verletzt, sodass eine Zugdiagonale bzw.
Zugstrebe b − d angeordnet werden muss. Mit den Stabkräften V, S1 , S2 sind
die Gleichgewichtsbedingungen zwischen den inneren Kraftwirkungen und den
Schnittgrößen an allen Knoten erfüllt.
b c
D
a S2
Vmax = Q (Druck), S1
Q Q a d Q Z
S2 = D = (Druck),
tan α
Z Q S2 . D
S1 = = (Zug).
cos α sin α Vmax S1 Vmax

Z
b) Druckdiagonale
Es wird angenommen, dass die Schubspannungen von Punkt b bzw. d ausgehend
entlang der vertikalen Stäbe integriert werden. In b bzw. d sind die Stabkräfte
null, in a bzw. c ist jeweils die gesamte Querkraft im Stab vorhanden. Gleich-
gewicht ist im Punkt a und c noch verletzt, sodass eine Druckdiagonale bzw.
Druckstrebe a − c angeordnet werden muss. Mit den Stabkräften V, S3 , S4 sind
auch hier die Gleichgewichtsbedingungen an allen Knoten erfüllt.
b c D
S3
Vmax = Q (Zug),
a S4
Q Q a d Q Z
S4 = Z = (Zug),
tan α
D Q D
S3 = = (Druck).
cos α sin α S3
Vmax

Vmax .
S4 Z
320 21 Fachwerkmodelle

Mit der Überlagerung der Fachwerke für Normalkraft, Querkraft und Momen-
tentragwirkung können die Tragwirkungen innerhalb eines Biegestabes mit Hil-
fe eines Fachwerkes integral beschrieben werden. Für Einfeldträger unter mit-
tiger Einzellast sind folgende Modelle möglich.

a) Bei Fachwerken mit Zugdiagonalen stellen sich örtlich und global Hänge-
tragwerke ein. Dargestellt sind nur die Zugdiagonalen.

a
h

b) Bei Fachwerken mit Druckdiagonalen können sich örtlich und global Gewölbe-
tragwirkungen einstellen. Hierdurch kann die Last direkt in die Lager geleitet
werden. Dargestellt sind nur die Druckdiagonalen.

h
a

Zu beachten ist, dass im Fachwerkmodell die im Zuggurt vorhandenen Zug-


kräfte Z über die Länge der Einzelstäbe jeweils konstant sind. Dies führt da-
zu, dass bei einer Bemessung nach Fachwerkmodellen ein Versatzmaß v der
Zugkräfte gegenüber der Momentenlinie vorhanden ist und im Einzelfall auch
nachgewiesen werden muss. Hierfür gilt
P

v = h · cot α. M
ZM

v
21.1 Fachwerkmodelle für Stabtragwerke 321

Tragwirkungen in einem Lager


Bei gelenkigen Lagern werden gedank-
lich Einzelkräfte in die Unterstützung V
geleitet und dort auf den zur Verfügung H
stehenden Querschnitt verteilt. Hier-
bei entsteht bei vertikaler Lagerkraft V
eine Sprengwerkwirkung, die bei Ein-
haltung der Gleichgewichtsbedingun-
gen auch horizontal wirkende Spaltzug-
kräfte Z bewirkt. Diese Kraftwirkung V
ist grundsätzlich bei allen Punktlasten H
vorhanden und muss im Einzelfall nach- D
gewiesen werden. Z
Horizontale Lagerkräfte H werden wie Z Z
Querkräfte weitergeleitet.

Abgesetzte Lager
Zur Verringerung der Bauhöhe und aus ästhetischen Gründen können im La-
gerbereich von Biegeträgern Querschnittsanteile ausgeklinkt werden, die auf-
grund von Fachwerkanalogien nichttragend sind. Wie beim Querkraftmodell
können auch hier im Wesentlichen zwei Varianten gewählt werden. Wenn das
Fachwerkmodell mit Zugdiagonalen verwendet wird, stellt sich der links ange-
gebene Kraftverlauf ein. Gegenüber dem Biegeträger ist der Nullstab am Lager
weggelassen.

Wird das Fachwerkmodell mit Druckstreben verwendet, wird die Druckdiago-


nale aus Querkraftwirkung mit vertikalen Zugstäben nach oben aufgehängt.
Die als Folge im oberen Bereich des Balkens angreifende vertikale Zugkraft
verursacht hier lokal eine Sprengwerkwirkung, sodass eine weitere horizontale
Zugkomponente Z auftritt. Die aus Gleichgewicht erforderlichen Kräfte müssen
bis zum nächsten Vertikalstab geleitet werden, wo sie in der Zugzone verankert
werden können.
322 21 Fachwerkmodelle

Rahmenecken
Der Kräftefluss in Rahmenecken kann mit Überlagerung der Momenten- sowie
Normalkraft- und Querkraftwirkungen interpretiert werden. Auch hier muss
das Kräftegleichgewicht in allen Schnittpunkten der Kraftwirkungslinien erfüllt
sein. Hierfür können u. a. nachfolgende Fachwerkmodelle entwickelt werden.
Bei reiner Biegung müssen die Druck-
und die Zugkraft an der Rahmenecke
umgeleitet werden. Dies ist aus Gleich- D
Z
gewichtsgründen nur möglich, wenn
Umlenkkräfte berücksichtigt werden, Z

die in der Rahmenecke diagonal wirken.


D Z
Bei positivem Moment (oben) sind dies
Zugkräfte, bei negativem Moment (un-
ten) sind dies Druckkräfte. Diese Kräfte
müssen in der Bemessung nachgewie-
sen werden, da die Rahmenecken sonst
geschädigt werden können. Insbeson- Z

dere sind bei Betonbauteilen die Zug- D

kräfte mit Bewehrungseisen aufzuneh- D

men und bei dünnwandigen Stahlbau-


Z D
teilen die Druckzonen durch zusätzliche
Aussteifungen gegen Beulen nachzuwei-
sen.
Bei Querkraft und Momentenzuwuchs
D
im Riegelanschnitt ist nebenstehende
Gleichgewichtsgruppe in der Rahmen- Q
ecke zu verfolgen. Hierbei kann sich Z
ein Fachwerk vergleichbar der Quer-
kraftwirkung am Einfeldträger ausbil-
den. Die Normalkraft in der Stütze wird
hierbei auf zwei Kraftwirkungen aufge- N
teilt.

21.2 Fachwerkmodelle für gedrungene Tragwerke


Die Analyse des Tragverhaltens von gedrungenen scheibenartigen Tragwerken
ist mit den bisher verwendeten Stabtragwerksmodellen nicht möglich. Erst bei
Anwendung von Fachwerkmodellen kann das Tragverhalten mit einfachen Mit-
teln untersucht werden.
21.2 Fachwerkmodelle für gedrungene Tragwerke 323

Konsolen
Konsolen werden z. B. als Lager für Einfeldträger verwendet, die in Rahmen-
tragwerke eingebunden werden sollen. Die Entwicklung von Fachwerkmodellen
zur Beschreibung des Tragverhaltens ist auf verschiedene Arten möglich. Die
äußere Belastung der Konsole ist z. B. eine vertikal wirkende Einzelkraft. Die
inneren Reaktionen aus Rahmentragwirkung sind Normalkräfte und Biegemo-
mente in der Stütze, die, wie oben gezeigt, durch eine Druck- und eine Zugkraft
ersetzt werden können.
Konsole mit Zugdiagonale
Die auf die Konsole wirkende Einzel-
P
kraft P wird über die Druckkraft Do im
unteren Bereich der Konsole aufgenom-
men. Zum Gleichgewicht ist eine unter Z1
D0
dem Winkel γ schräg wirkende Zugkraft
Z1 und eine horizontale Druckkraft D1 D1 g

erforderlich. Z1 und D1 werden so in Z


D
das Tragwerk geleitet, dass an jedem
Knoten Gleichgewicht erfüllt ist.
Konsole mit Druckdiagonale
In Analogie zum Fachwerkmodell mit P

Zugdiagonale ist ein Modell mit Druck-


Z
diagonale möglich. Hierbei steht die
Z
Einzelkraft P direkt im Krafteinlei- D D
tungsbereich mit einer schrägen Druck- D
kraft und einer Zugkraft im Gleichge-
Z D
wicht.
Ein anderes Modell ist möglich, wenn
die Zugkraft auf die gegenüberliegende
Seite der Stütze und hier um 90o umge-
leitet wird. Die zum Gleichgewicht er- P
forderliche Druckkraft D wird wieder-
um auf die andere Seite geleitet, sodass Z
auch hier Gleichgewicht möglich ist. Je Z
D
D
nach Geometrie ist eine Druck- oder
Zugkraft H erforderlich. Dieser Kraft- H

fluss kann vorteilhaft sein, wenn die Z D


konstruktive Auslegung des Tragwerks
und die Bemessung erfolgen.
324 21 Fachwerkmodelle

21.3 Lastabtrag über Stützlinien


Eine andere Möglichkeit, Tragwirkungen in 3-D-Kontinua zu beschreiben, ist
mit Hilfe von Stützlinien gegeben. Hierbei wird innerhalb des Tragwerks eine
Stützlinientragwirkung entworfen, die die Lasten in die Lager weiterleiten kann.
Dies kann die Interpretation des Lastabtrags gegenüber einem Fachwerkmodell
weiter vereinfachen.
Balken
q
Die Stützlinie für eine Gleichlast ist
D
ein Parabelbogen. Der Bogen kann sich
innerhalb eines Biegeträgers ausbilden, Z

wenn die horizontale Schubkraft mit


Hilfe eines Zugbandes aufgenommen P P
wird. Liegen Einzellasten vor, so be-
steht die Stützlinie aus Geraden. Auch
D
hier ist ein Zugband für das Gleichge-
Z
wicht erforderlich.
Wandscheiben
Wenn Wandscheiben wie Biegeträger q
gelagert sind, können je nach Art der
Belastung unterschiedliche Modelle ent-
D
wickelt werden. Bei einer Streckenlast,
die aus einer obenliegenden Decken-
platte resultiert, stellt sich ein Druck-
gewölbe in der Scheibe ein. Die Hori-
zontalkomponente der im Lagerbereich Z
schräg angreifenden Druckkraft wird
mit einem Zugband ins Gleichgewicht
gesetzt. Die Vertikalkomponente wird
direkt ins Lager geleitet.
Greift eine untenliegende Einzelkraft
als Zugkraft an, so muss diese inner-
halb der Scheibe aufgehängt werden, z.
D D
B. mit einer vertikalen Zugkraft. Die Z
Zugkraft wird mit Druckdiagonalen ins
Lager geleitet, wo wiederum ein Zug- Z
band für das Gleichgewicht in horizon-
taler Richtung sorgt. P
Tabellen 327

Tabellen

In den nachfolgenden Tabellen für Einfeldbalken und eingespannte symmetri-


sche Rahmentragwerke sind jeweils die Momentenlinie und die Querkraftlinie
für die wesentlichen Einwirkungen angegeben. Die Darstellung ist an die Ta-
bellenwerke von Kleinlogel und Haselbach [10] sowie Duddeck und Ahrens [5]
angelehnt, in denen sehr viele weitere Lastfälle sowie Durchlaufträger und un-
terschiedliche Rahmentragwerke, teilweise mit mehreren Feldern, angegeben
sind.

In den Tabellen werden die folgenden Abkürzungen werwendet


x a I2 h
ξ= , α= , k=
ℓ ℓ I1 ℓ
Links im Bild sind die statischen Systeme für die Einfeldbalken und rechts im
Bild die Bezeichnungen für das Rahmentragwerk angegeben.
x

A B
l
C I2 D

I1 I1 h

A B
HA HB
l

VA VB

Bild 21-1 Statische Systeme und Bezeichnungen für nachfolgende Tabellen

© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016


D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9
328 Tabellen

Tabelle A.1 Kragarm und gelenkig gelagerte Einfeldbalken

System M-Linie Q-Linie

P
1.
A B QA = P
l MA = -Pl

2. e
0
e
M M = -M Q=0

q
3. 2
MA = -ql /2
QA = ql

qA
4.
MA = -qAl 2 /6
QA = qA l/2

P QA = (1-a)P
5.
a Q B= -a P
Mmax= Pl (a- a2)

e Mo
M
6. Mu e
a e Q = -M /l
e
Mo = -a M , Mu = (1-a)M

q
x m=0,5
7.
2 QA = ql /2
Mmax = ql /8

qA Q A= qA l/3
xm=0,423
8.
2 QB = qAl /6
Mmax= qAl /15,6
ql 2
q QA = (2a-a )
xm= a (1-0,5a) 2
9.
a
ql 2 2 ql 2
Mmax = (a-2a)
2 Q B= a
8 2

0,5
qAl 2
qA xm= a-a (a/3) QA = (3a-a )
6
10. qAl
a qAl 2 1,5 QB = a
2
Mmax = a (1-a+2(a/3) ) 6
2
Tabellen 329

Tabelle A.2 Einseitig gelenkig gelagert - einseitig eingespannte Einfeldbalken

System M-Linie Q-Linie

3 11
P MA = Pl QA = P
A
16 16
B
11.
l/2 5
5 QB = P
M1 = Pl 16
32
e 2
M =M (-1+3a-1,5a )
e A
e 2 3
M Ma-=M (-1+3a-4,5a +1,5a )
12. e
a 3M 2
e Q= (a -2a)
2
Ma+=1,5a (a -3a+2)M 2l
2 5
q MA = -ql /8 QA = ql
8
13.
9 2 3
M1 = ql QB= ql
128 8
2
qA MA = -qAl /15 2
QA = qAl
5
14. 2
qAl 1
M1 = QB= ql
33,54 10 A
ql 2 2 2 ql 4 3
q MA = (2a-a ) QA= (a -4a +8a)
8 8
15.
a ql 4
QB= (a -4)
8
qAl2 2 2
qAl 3 4
qA MA= a (2-1,5a+0,3a ) QA= (4a-a +0,2a )
12 8
16.
a qAl 4 3
QB= (0,2a -a )
8
e
M
e MA=
M 2
17. e
e 3M
MB= M Q=
2l
jA 3EI
MA= j
l A
18.
3EI
Q= j
l2 A

3EI
MA= d
l2 A
19.
dA 3EI
Q= d
l3 A
3 EI DT
DT Q =+ a
2 l T d
20.
3 DT
MA= EIaT
2 d
330 Tabellen

Tabelle A.3 Beidseitig eingespannte Einfeldbalken

System M-Linie Q-Linie

Pl P
P MA = MB = 8 QA = = QB
l
A B
21.
l/2
Pl
maxM =
8
e 2
e MA =M (-3a +4a-1)
M
22. e
a e 2 6M 2
MB =M (3a -2a) Q= (a -a)
l
ql 2
q MA = MB = MA ql
12 QA = 2 = QB
23. 2
ql
maxM =
24
2 2
qA qAl qAl 3
MA = MB = QB= ql
20 30 20 A
24.
qAl2 QA =
7
ql
maxM = 20 A
46,6
ql 2 2 3 ql 3 4
q MA = 6 (3a-4a +1,5a ) QA = (4a-a -a )
4
25.
a ql 2 3 4 ql 3 4
MB = 6 (2a -1,5a ) QB = 4 (a +a )
2
ql 2 3 ql 4
qA MA= 6A (a-a +0,3a ) QA = 2A (a-0,1a )
26.
a 2
qAl 3 4 4
MB= (a -0,6a ) QB = 0,05 qAla
12
2
P P MA= Pl(a-a )
QB = P
27. QA = P
a a MB = MA

jA EI
MB =2 j
l A
28.
EI 6EI
MA = 4 j Q= j
l A l2 A

29. 6EI
dA MA = M B= dA 12EI
l2 Q= dA
l3

DT
30. 0
DT
M = EIa
T d
Tabellen 331

Tabelle A.4 Gelenkig gelagerte symmetrische Rahmentragwerke I

System M-Linie Lagerkräfte

MC
P HA = HB =
h
a b
C I2 D b
41. I1 I1 VA = P
l
A B
a
Pab 3 VB = P
MC = MD = l
l 2(2k+3)

P P
a a MC
HA = HB =
h
42.
VA = V B = P

3Pa(1-a)
MC = MD =
2k+3

q MC
HA = HB =
h
43. ql
VA = VB =
2
2
ql
MC = MD =
4(2k+3)

P P
HA = H B=
2
44.
h
h VA = VB = P
MC = P l
2
MD = MC

qh 5k+6
H A=
8 2k+3
q
qh 11k+18
HB =
45. 2
8 2k+3
qh 5k+6 qh
2
MC = VA = VB =
8 2k+3 2l
2
qh 3k+6
MD =
8 2k+3
332 Tabellen

Tabelle A.5 Gelenkig gelagerte symmetrische Rahmentragwerke II

System M-Linie Lagerkräfte

MC
HA = HB =
h

46. T0
VA = VB = 0

EI2 3
MC = MD= aT T0 h 2k+3

MC
HA = HB =
DT2,d2 h

47. DT1,d1

VA = VB = 0
EI 2 DT1 DT 3
MC = MD = aT
l
( d1
h+ 2 l
d2
) 2k+3

MC
HA = HB =
h

48.
d
VA = VB = 0
EI 2 3
MC = MD= d hl 2k+3

MC
HA = HB =
h

49. e e 3k+3 M
e
M MC = M VA = VB =
4k+6 l
e k+3
MD = M
4k+6

MC
HA = HB =
h

e
50. M
a 2 M
e
e 3+3k (1-a ) VA = VB =
MC = M l
4k+6
a 2
a= e 3+k (1+3a )
h MD = M
4k+6
Tabellen 333

Tabelle A.6 Eingespannte symmetrische Rahmentragwerke I

System M-Linie Lagerkräfte

Pab l(5k-1)+2a(k+2)
MA = 3P ab
P 2l 2 (k+2)(6k+1) HA = HB =
2h l (k+2)
a b Pab l(7k+3)+2a(k+2)
MB = 2
C I2 D 2l (k+2)(6k+1) Pb a(b-a)
31. I1 I1 VA =
l
(1+ 2
l (6k+1) )
A B Pab 2a(k+2)-l (13k+k)
MC =
2l 2 (k+2)(6k+1) VB = P - VA
Pab 2a(k+2)-11kl
MD =
2l 2 (k+2)(6k+1)

P P
a a 3P a(l -a)
HA = HB =
h l (k+2)
32. P a(l-a)
MA = MB = VA = V B = P
l (k+2)
2P a(l -a)
MC = MD =
l (k+2)

q ql2
HA = HB =
4h(k+2)
33. q l2 ql
MA = MB = VA = VB =
12(k+2) 2
q l2
MC = MD =
6(k+2)

P P
HA = H B=
2
34. 3P h k
P h 3k+1 VA = VB =
MA = M B = l (6k+1)
2 6k+1
P h 3k
MC = MD =
2 6k+1
2 2
qh 18k +3k+9
MA = qh 2k+3
24 (k+2) (6k+1) H A= 8
2 2 k+2
q qh 30k +73k+15
MB = qh 6k+13
24 (k+2) (6k+1) HB =
35. 8 k+2
2 2
qh 18k +23k 2
MC = q h k
24 (k+2) (6k+1) VA = VB =
l (6k+1)
2 2
qh 6k +23k
MD =
24 (k+2) (6k+1)
334 Tabellen

Tabelle A.7 Eingespannte symmetrische Rahmentragwerke II

System M-Linie Lagerkräfte

H A= HB =
3(2k+1)
a T T0 EI22
h k(k+2)
36. T0
EI2 3(k+1) VA = VB = 0
MA = MB = a T0
T h k(k+1)

EI2 3
MC = MD= a T T0 h k+2

HA =HB =
EI 2 DT2 DT 3
DT2 ,d2 aT
l
( d2
k l- 1 )
d1 k(k+2)
37. DT1 ,d1
VA = VB = 0
EI 2 DT2 DT1 1
MA = MB =aT
l
(
d2
kl
d1
h(k+3) )
k(k+2)
EI DT2 DT1 1
MC = MD =aT 2 2
l
(
d2
l
d1
h
k+2)

EI 2 3(2k+1)
H =H = d
h2 l k(k+2)

38. d
EI 2 3(k+1) VA = VB = 0
MA =MB = d
hl k(k+2)
EI 2 3
MC =MD =d
hl k+2

HA = HB = 0

39.
EI 2 12
VA = VB =d
l 3 6k+1
dx EI 2 6
MA = MC = MB = MD = d
l 2 6k+1

2
EI 2 9k+14k+3 EI 2 3(k+1)
MA= j HA = HB = j
l k(k+2)(6k+1) hl k(k+2)
2
EI 2 15k+26k+3
MB= j
40. j l k(k+2)(6k+1)
EI 2 EI 6
MC= j
9k+7 VA = VB = j 22
l (k+2)(6k+1) l 6k+1
EI 2 3k-5
MD= j
l (k+2)(6k+1)
Verständnisfragen 335

Verständnisfragen

Zu den Abschnitten 1 - 3
Was ist der Unterschied zwischen einem Bauwerk und einem Tragwerk?
Was ist der Unterschied zwischen Tragwerk und Konstruktion?
Was ist ein Tragwerksmodell?
Warum sind die Tragwerksmodelle der Statik für beliebige Baustoffe verwend-
bar?
Welche Schritte umfasst der Tragwerksentwurf?
Welche Grundgleichungen gibt es für Stabtragwerke?
Unter welchen Voraussetzungen darf man das Superpositionsprinzip verwen-
den?
Welche Annahmen umfasst die Bernoulli-Hypothese?
Wann ist es zulässig, die Dehnstarrheit und Schubstarrheit von Balkentragwer-
ken anzusetzen?
Was ist der Unterschied zwischen Schnittgrößen und inneren Kraftwirkungen?
Wie oft kann man das Schnittprinzip bei einem statisch bestimmten Ein–Feld–
Balken einsetzen, um die Schnittgrößen zu berechnen?
Warum kann man bei statisch bestimmten Systemen den Spannungszustand
allein mit Gleichgewichtsbedingungen ermitteln?
Was ist eine Schlusslinie?
Welche Grundgleichungen werden bei der Berechnung der Schlusslinie verwen-
det?
Warum und wie kann man mit dem Aufbauprinzip den Grad der statischen
Unbestimmtheit von Rahmentragwerken und von Fachwerken ermitteln?
Was sind Symmetriebedingungen?
Welche Besonderheiten weisen die Zustandslinien symmetrischer Systeme auf?

Zu den Abschnitten 4 - 5
Welcher Zusammenhang besteht zwischen Last und Momentenlinie?
Welcher Zusammenhang besteht zwischen Momentenlinie und Biegelinie?
Warum setzt man in den Knoten eines Fachwerks Gelenke an, auch wenn eine
biegesteife Einspannung vorliegt?
Was sind verschiebliche Systeme?
Was ist eine einfach kinematische Kette?
Aus welchen Elementen besteht ein Polplan?
Welche Widersprüche sind in einem Polplan möglich?
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9
336 Verständnisfragen

Welche Bedeutung hat ein Widerspruch in einem Polplan?


Liefern Polpläne hinreichende Aussagen über die Verschieblichkeit von Syste-
men?
Welche Auswirkungen hat die Verschieblichkeit eines Systems auf das Gleich-
gewicht?
Welche Systemeigenschaften kann man mit den Aussagen eines Polplanes ver-
bessern?

Zu den Abschnitten 6 - 10
Was ist der wesentliche Unterschied zwischen den Grundgleichungen und den
Arbeitsgleichungen?
Was unterscheidet die Eigenarbeiten von den Verschiebungsarbeiten?
Womit sind die Vorzeichen der inneren und äußeren Arbeiten begründet?
Was sind virtuelle Verschiebungen?
Welche Bedingungen erfüllt der Arbeitssatz des Prinzips der virtuellen Ver-
schiebungen in schwacher Form?
Warum müssen die virtuellen Verschiebungen nur die Grundgleichungen der
Kinematik erfüllen?
Warum wird eine Erwärmung im PvV nicht berücksichtigt, warum jedoch im
PvK?
Warum kann man mit dem PvV einzelne Schnittgrößen berechnen?
Was ist eine Lagrange’sche Befreiung?
Was sind virtuelle Kräfte?
Welche Bedingungen erfüllt der Arbeitssatz des Prinzips der virtuellen Kräfte
in schwacher Form?
Warum müssen die virtuellen Kräfte die Gleichgewichtsbedingungen erfüllen,
nicht jedoch die Gleichungen der Kinematik?
Warum und wie kann man mit dem PvK einzelne Weggrößen berechnen?
Was ist der Unterschied zwischen einer Zustandslinie und einer Einflusslinie?
Welche Einheiten haben die Einflusslinien für Kraftgrößen und für Momente?
Welche Einheiten haben die Einflusslinien für Verschiebungen und für Verdre-
hungen?

Zu den Abschnitten 11 - 12
Mit welchem Arbeitsprinzip kann man Einzelweggrößen berechnen?
Warum müssen beim PvK auch die inneren Arbeiten berechnet werden?
Warum müssen bei der Weggrößenberechnung die Erwärmungen berücksichtigt
werden?
Verständnisfragen 337

Warum müssen bei der Berechnung von Weggrößen eines Rahmentragwerks


auch die Werkstoffgleichungen berücksichtigt werden?
Warum muss man bei der Weggrößenberechnung eines Fachwerks die Dehnstei-
figkeit der Stäbe berücksichtigen?
Aus welchen getrennt berechenbaren Teilen setzt sich die Biegelinie eines Rah-
mens zusammen?
Welche Arbeiten werden in den Sätzen von Maxwell und Betti betrachtet?
Welche Grundgleichungen müssen die Kraft– und Weggrößen in den Sätzen von
Maxwell und Betti erfüllen?

Zu den Abschnitten 13 - 19
Warum müssen in statisch unbestimmten Systemen zusätzlich zu den Gleich-
gewichtsbedingungen weitere Gleichungen zur Verfügung stehen?
Welche Bedingungen müssen beim Kraftgrößenverfahren von vornherein erfüllt
sein?
Welche und wieviele Bedingungen werden beim Kraftgrößenverfahren zusätz-
lich zu den Gleichgewichtsbedingungen angesetzt?
Wieviele Gleichgewichtszustände gibt es in statisch unbestimmten Systemen?
Wieviele Gleichgewichtszustände erfüllen in statisch unbestimmten Systemen
auch die Verformungsbedingungen?
Warum müssen die Einheits– und die Lastspannungszustände des Kraftgrößen-
verfahrens die Gleichgewichtsbedingungen erfüllen?
Warum dürfen die Einheitsspannungszustände des Kraftgrößenverfahrens die
Verformungsbedingungen verletzen?
Warum darf man das PvK für die Verallgemeinerung des Kraftgrößenverfahrens
verwenden?
Warum darf man für die Berechnung der Momentenlinie eines n–fach statisch
unbestimmten Systems mit dem Kraftgrößenverfahren genau n linear
unabhängige und statisch zulässige aber sonst beliebige Momentenlinien
verwenden?
Was ist ein kinematisch bestimmtes Hauptsystem?
Welche Bedingungen müssen beim Drehwinkelverfahren von vornherein erfüllt
sein?
Welche Bedingungen werden beim Drehwinkelverfahren zusätzlich zu den Ver-
formungsbedingungen angesetzt?
Warum darf man das PvV für die Verallgemeinerung des Drehwinkelverfahrens
verwenden?
Welche Kontrollmöglichkeiten gibt es bei der Berechnung statisch unbestimm-
ter Systeme?
338 Verständnisfragen

Zu Abschnitt 20
Welche Nichtlinearitäten werden bei der Spannungstheorie II. Ordnung berück-
sichtigt?
Welche Nichtlinearitäten können bei der Spannungstheorie II. Ordnung ver-
nachlässigt werden?
Welche Vorteile bietet die Spannungstheorie II. Ordnung gegenüber der linearen
Stabilitätstheorie?
Was sind Imperfektionen?
Warum und wie müssen bei der Spannungstheorie II. Ordnung Imperfektionen
angesetzt werden?
Welche Imperfektionen sind für das Tragverhalten von Rahmentragwerken we-
sentlich?
Welche Systemeigenschaften kann man in Last–Weg–Diagrammen erkennen?
Warum und wie kann man das Gleichgewicht am verformten System mit der
Geometrie des unverformten Systems formulieren?
Warum muss man die Momentenlinie nach Spannungstheorie II. Ordnung ite-
rativ berechnen?

Zu Abschnitt 21
Was ist ein Fachwerkmodell?
Was ist der Unterschied zwischen einem Fachwerkmodell und einem klassi-

schen“ Balkenmodell?
Welche Bedingungen muss ein Fachwerkmodell erfüllen?
Für welche Tragwerke kann man Fachwerkmodelle einsetzen?
Für welche Baustoffe eignen sich Fachwerkmodelle besonders gut?
Was ist der Unterschied zwischen einem Fachwerkmodell und einem Modell mit
Stützlinie?
Warum kann man Balkenmodelle, Fachwerkmodelle und Stützlinienmodelle bei
der Berechnung von Balkentragwerken alternativ einsetzen?
Warum sind Balkenmodelle bei der Berechnung des Spannungszustandes in
Konsolen, Rahmenecken, Scheiben und vergleichbaren Tragwerken zu
ungenau?
Literaturverzeichnis 339

Literaturverzeichnis

[1] H. AHRENS, H. DUDDECK: Berechnung von Stabtragwerken. In: Be-


tonkalender 1980 – Teil II, Ernst & Sohn, Berlin (1980)

[2] J. ARGYRIS: Die Matrizentheorie der Statik. Ingenieurarchiv 25 (1957)

[3] K. J. BATHE: Finite Element Procedures. Prentice Hall, Englewood Cliffs


(1996)

[4] H. DUDDECK, H. AHRENS: Statik der Stabtragwerke. In: Betonkalender


– Teil I, Ernst & Sohn, Berlin (1976)

[5] H. DUDDECK, H. AHRENS: Statik der Stabtragwerke. In: Betonkalender


– Teil I, Ernst & Sohn, Berlin (1991), (1994), (1998)

[6] W. EILZER, S. KOBSCH, R. ARLOTH, R. JUNG: Entwurf, Ausschrei-


bung und Vergabe der neuen Elbebrücke Pirna. Der Stahlbau 66 (1997)

[7] E. HEINLE, J. SCHLAICH: Kuppeln aller Zeiten – aller Kulturen. Deut-


sche Verlags-Anstalt, Stuttgart (1996)

[8] K. HIRSCHFELD: Baustatik – Theorie und Beispiele. 4. Auflage, Sprin-


ger-Verlag, Berlin (1998)

[9] A. HOLGATE: The work of Jörg Schlaich and his team. Edition Axel
Menges, Stuttgart-London (1997)

[10] A. KLEINLOGEL, W. HASELBACH: Rahmenformeln 17. Auflage, Ernst


& Sohn, Berlin-München (1993)

[11] W. B. KRÄTZIG, U. WITTEK: Tragwerke 1 – Theorie und Berech-


nungsmethoden statisch bestimmter Stabtragwerke. Springer-Verlag, Ber-
lin (1990)

[12] W. B. KRÄTZIG: Tragwerke 2 – Theorie und Berechnungsmethoden sta-


tisch unbestimmter Stabtragwerke. Springer-Verlag, Berlin (1994)

[13] K.-E. KURRER: Geschichte der Baustatik. Ernst & Sohn, Berlin (2002)
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9
340 Literaturverzeichnis

[14] F. LEONHARDT: Brücken/Bridges. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart


(1994)

[15] K. MESKOURIS, E. HAKE: Statik der Stabtragwerke. Springer-Verlag,


Berlin (1999)

[16] A. PFLÜGER: Statik der Stabtragwerke. Springer-Verlag, Berlin (1984)

[17] E. RAMM, T. J. HOFMANN: Stabtragwerke. In: Der Ingenieurbau –


Baustatik, Baudynamik, Ernst & Sohn, Berlin (1995)

[18] C. PETERSEN: Statik und Stabilität der Baukonstruktionen. Vieweg-


Verlag, Braunschweig (1982)

[19] I. SZABO: Einführung in die Technische Mechanik. Springer-Verlag, Ber-


lin (1984)

[20] I. SZABO: Höhere Technische Mechanik. Springer-Verlag, Berlin (2001)

[21] I. SZABO: Geschichte der mechanischen Prinzipien. Birkhäuser Verlag,


Basel (1987)

[22] E. TONTI: The Mathematical Structure of Classical and Relativistic Phy-


sics. Birkhuser (Springer) (2013)

[23] L. F. TROYANO: Bridge Engineering – A Global Perspective. Thomas


Telford LtD, London (2003)

[24] T. VOGEL u. P. MARTI: Christian Menn – Brückenbauer. Hrsg. Gesell-


schaft für Ingenieurbaukunst, Birkhäuser-Verlag, Basel (1997)

[25] O. C. ZIENKIEWICZ, R. L. TAYLOR: The Finite Element Method. Vol.


1: The Basis. Butterworth-Heinemann, Oxford (2000)

[26] DIN 1055 – Einwirkungen auf Tragwerke. Deutsches Institut für Normung
e.V., Verlag Beuth, Berlin, vergleiche [28]

[27] DIN-Fachbericht 101, Einwirkungen auf Brücken, Verlag Beuth, Berlin


(2009)

[28] EUROCODE 1 – Einwirkungen. Deutsches Institut für Normung e.V.,


Verlag Beuth, Berlin (2010)
Bildnachweis 341

Bildnachweis

Bild 1-1 Lehrgerüst einer Spannbetonbrücke, Institut für Statik, Technische


Universität Braunschweig

Bild 1-2 Bürogebäude in Braunschweig, Institut für Statik, Technische Univer-


sität Braunschweig

Bild 1-3 Galileis Ansatz für die Balkenbiegung, I. Szabo [21]

Bild 1-5 Entwürfe für eine Brücke über die Elbe bei Pirna, W. Eilzer, S.
Kobsch, R. Arloth, R. Jung [6]

Bild 1-6 Bauablauf der Elbebrücke bei Pirna, W. Eilzer, S. Kobsch, R. Arloth,
R. Jung [6]

Bild 2-9 Letziwaldbrücke, C. Menn [24]

Bild 2-12 Versuchshalle im Leichtweiß–Institut für Wasserbau, Institut für Sta-


tik, Technische Universität Braunschweig

Bild 2-13 Klappbrücke mit Waagebalken in Wolgast, wikipedia

Bild 2-14 Trockendock der Meyer–Werft in Papenburg, Institut für Statik,


Technische Universität Braunschweig

Bild 3-15 Fachwerkbrücke über die Elbe – Überseeallee in Hamburg, Institut


für Statik, Technische Universität Braunschweig

Bild 3-18 Schiffshebewerk in Niederfinow, Institut für Statik, Technische Uni-


versität Braunschweig

Bild 4-2 Bogenbrücke im oberen Rheintal, C. Menn [24]

Bild 4-8 Dachtragwerk in Stützflächenform – Naturtheater in Grötzingen, E.


Heinle, J. Schlaich [7]

Bild 4-9 Golden Gate Bridge, F. Leonhardt [14], Max-Eyth-See Brücke, A.


Holgate [9]

Bild 5-1 Festlager und Rollenlager, Institut für Statik, Technische Universität
Braunschweig
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9
342 Bildnachweis

Bild 5-3 Klappbrücke in Kiel–Hörn, A. Holgate [9], L. F. Troyano [23]

Bild 19-1 Siegtalbrücke, Institut für Statik, Technische Universität Braun-


schweig
Stichwortverzeichnis 343

Stichwortverzeichnis

Abzählkriterium, 42, 48 Einflusslinien bei Fachwerken, 144


analytische Lösung, 59, 293 Einflusslinien bei indirekter Belastung,
Arbeitsgleichung, 154, 160, 253 140
arbeitskonjugiert, 115 Einflusslinien bei Rahmentragwerken,
Arbeitssatz, 13, 114, 117, 119 145
Aufbauprinzip, 40, 45, 83 Einflusslinien bei schräg angreifen-
Aussteifungsverband, 110 der Wanderlast, 143
Auswertung von Einflusslinien, 151, Einflusslinien für Kraftgrößen, 134,
152, 282 140, 151, 277, 280
Einflusslinien für Weggrößen, 172, 177,
Balkenbiegung, 5, 52, 292 275
Bauwerk, 7 Eingeprägte Weggröße, 203, 258
Berechnungsmodell, 12 Einheitsspannungszustand, 195
Bernoulli-Hypothese, 33, 52 Einheitsverformungszustand, 241, 297
bewegte Lasten, 152 Einwirkungen, 22
Biegelinie, 60, 61, 79, 165, 170, 264 Entwurf, 7
Biegestab, 52 Ersatzbalken, 76
biegesteif, 51 Ersatzimperfektion, 291, 297, 304, 306
Bogenbrücke, 10, 27 Erwärmung, 25, 126
Bogentragwerk, 16, 27, 92, 149
Brücke, 4, 10, 27, 29, 40, 73, 110, 152 Fachwerk, 45–47, 71, 76
Fachwerkbrücke, 72
Dehnstab, 55 Fachwerkmodell, 317, 321
dehnstarr, 51, 55, 78, 230, 233, 236 Fehlerkontrolle, 213, 270
Determinantenkriterium, 112 Fehlerquelle, 213, 270
differentielles Element, 51, 292 Finite-Element-Methode, 6
direkte Belastung, 140 Flächentragwerk, 6, 16, 97
Drehwinkelverfahren, 228, 233, 266, Formänderungsarbeit, 117, 118
267, 294
Druckdiagonale, 319, 323 Gelenk, 19, 20
Druckstrebe, 73–75, 319, 321 Gleichgewicht, 50, 53, 56, 293, 298
Dualität von Kraft- und Weggrößen, Gleichgewichtsbedingung, 12, 194, 241
190, 266 Grundgleichung, 12, 13, 50, 59, 292
Durchlaufträger, 140, 282
Hermite-Polynom, 171
Eigenarbeiten, 116 Hooke’sches Gesetz, 21, 34
Einflusslinien bei Bogentragwerken,
149 Imperfektion, 297, 304, 308, 309
© Springer Fachmedien Wiesbaden 2016
D. Dinkler, Grundlagen der Baustatik,
DOI 10.1007/978-3-658-13850-9
344 Stichwortverzeichnis

Iteration, 291, 294 Nebenspannungen, 32

Kinematik, 12, 100 Pfahlbock, 30


kinematisch bestimmt, 228 Pol, 102
kinematisch bestimmtes Hauptsystem, Pollagerung, 108
231, 239 Pollinie, 102
kinematisch unbestimmt, 228 Polplan, 100, 103, 108
kinematische Kette, 101 Prinzip der virtuellen Kräfte, 125,
kinematische Methode, 137, 139 128, 129, 154, 160, 218
Knicklast, 287 Prinzip der virtuellen Verschiebun-
Knickstab, 287, 299 gen, 121, 124, 130, 250, 302
Knotenverdrehung, 230 Prinzip von St. Venant, 33
Knotenverschiebung, 230
Knotenweggrößen, 229 Rückführung auf statisch bestimmte
Konsole, 323 Hauptsysteme, 193
Kontrolle der Gleichgewichtsbedin- Rahmenecke, 78, 322
gungen, 214, 265, 268, 270, Rahmentragwerk, 28, 40, 78, 145, 183,
313 206, 210, 222, 305
Kontrolle der Verformungsbedingun- Randbedingung, 50, 59
gen, 214, 265, 268, 272 Reduktionssatz, 225, 226
Kontrolle I, 215 Relativverdrehung, 159
Konvergenz, 292 Relativverschiebung, 158
Kraftfluss, 182, 317, 322
Kraftgröße, 36 Satz von Betti, 174, 277
Kraftgrößenverfahren, 14, 192, 199, Satz von Land, 138, 277
224, 266 Satz von Maxwell, 174, 277
Kraftgrößenverfahren, verallgemeinert, Schale, 17, 97
218 Scheibe, 40, 101, 324
Schiebehülse, 19, 20, 303
Lager, 19, 20 Schlusslinie, 65
Lagerkräfte, 60 Schnittgröße, 35
Lagrange’sche Befreiung, 130, 137, Schnittprinzip, 35, 72, 78
250, 252 schubstarr, 33, 51, 54, 118, 233
Lasten, 22 Sehnenpolygon, 79, 157, 165, 225, 257,
Lastspannungszustand, 194 264
Lastverformungszustand, 240, 296 Seiltragwerk, 98
Setzung, 25, 127
Modellbildung, 15, 20, 50 Spannungstheorie II. Ordnung, 287
Modellgleichung, 12, 13 Spannungszustand, 14, 33, 120
Momentengleichgewicht, 79, 242, 251 Stützfläche, 97
Momentenlinie, 61 Stützlinie, 96, 324
Stichwortverzeichnis 345

Stabendmomente, 236, 292, 295 Tragwerksmodell, 9, 12, 15, 27, 32,


Stabilität, 287 317
Stabimperfektion, 297 Trockendock, 30
Stabsteifigkeiten, 313
Stabtragwerk, 15, 33, 50 Umlenkkraft, 302, 304
statisch bestimmt, 39, 43, 71
statisch bestimmtes Hauptsystem, 193, Verdrehung, 154
222 Verformungsbedingung, 196
statisch unbestimmt, 39, 44, 181, 185 Verformungsgeometrie, 12, 50, 52, 55,
statisch unterbestimmt, 38 57, 293
statische Methode, 135 Verformungskontrolle, 214, 226, 280
statisches System, 18 Verformungszustand, 14, 33, 120
Steifigkeitskoeffizient, 295 Verschieblichkeit, 108, 112
Verschiebung, 154
Stockwerkgleichgewicht, 246, 252, 302
Verschiebungsarbeiten, 115
Superpositionsprinzip, 34
Verschiebungsplan, 109
Symmetrie, 89
virtuelle Arbeiten, 121
Tabelle der ω-Funktionen, 168 virtuelle Kraft, 125, 128
Tabelle der ω-Zahlen, 168 virtuelle Verschiebung, 123, 137, 303
Vorgehensweise der Baustatik, 61
Tabelle der Arbeitsintegrale, 162
Vorzeichen der Baustatik, 36
Tabelle der Einfeldbalken, 328–330
Vorzeichen des Drehwinkelverfahrens,
Tabelle der Rahmentragwerke, 331–
235
334
Tabelle der Stabendmomente aus Ein- Wärmeausdehnungskoeffizient, 25, 54,
heitsverformungszuständen, 238 126, 165
Tabelle der Stabendmomente aus Ein- Wanderlast, 135
heitsverformungszuständen – Weggrößenverfahren, 14
Theorie II. Ordnung, 297 Weggröße, 36
Tabelle der Stabendmomente aus Ein- Weggrößenberechnung, 154, 196, 225
wirkungen, 237 Werkstoffgleichung, 12, 21, 50, 54,
Tabelle der Stabendmomente aus Ein- 56, 58, 293
wirkungen – Theorie II. Ord- Werkstoffverhalten, 21, 34
nung, 296 Widerspruch im Polplan, 101, 104,
Temperaturänderung, 25, 54, 126, 165 108
Theorie II. Ordnung, 289, 293, 298
Tonti-Schema, 50 Zugdiagonale, 319, 323
Torsionsstab, 57 Zugstrebe, 73–75, 319
Tragwerk, 8 Zustandslinie, 61, 71, 79, 81, 83, 93,
Tragwerksanalyse, 3, 182 134, 198
Tragwerksberechnung, 9 Zwängung, 25
Tragwerksentwurf, 9