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Doris Weininger

Bernie

Idyllen aus dem Mäandertal


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Wie Marilyn Monroes Kleid wirbelt der Föhn ins Gesicht

Über der Stadt lagen Puffreiswölkchen, die sich - nicht jugendfrei geformt - als
Stripteasetänzerinnen über den Türmen der Frauenkirche lasziv gehen ließen
und alle existentielle Bindung vermieden. Ohne penible Ordnung ließen sie sich
treiben. Auch die Isar schien zu schweben. Die asiatischen Touristen in der
Marienklause dachten - nachdem sie sich bei den obligatorischen Floßfahrten
ziemlich rund gesoffen hatten -, den weltberühmten Shinto-Schrein Itsukushima
mit seinem rot glänzendem Eingangstor über dem Münchner Gewässer tänzeln
zu sehen. Ein freundliches Nicken inmitten fernöstlicher Reize, die Bavaria
wurde zur Yoko Ono, die als göttliches Vorsehungsflaggschiff mitsamt der BMW-
Welt aus ihren Stadtplankoordinaten flog.

Föhnzeit war keine Schonzeit. Abgebrühtheit und Boshaftigkeit, die sich


gewöhnlich hinter einem Hofbräuhauscharme und Bier(garten)seligkeit
versteckten, waberten offen als beredtes Zeugnis eines brüllenden
Maschinenraumkopfes. Die stadttypische Lässigkeit wurde mit Launigkeit
unterlegt, die mit verbundenen Augen Dartpfeile und dabei triumphierend die
Triple Twenty werfen konnte. Ein trefflich Zeitpunkt, um unumwoben
Beziehungen zu beenden: „Du bist zu dick geworden, du lässt dich gehen und in
deine Gefühlswelt passen nur noch Prozac, Valium und ein Schumann-
Cocktail.“ Man löste sich aus dem Liebes-Miteinander, ging wieder auf die
Suche, hob die Schwerkraft auf und drehte sich als Billarkugel im jeweiligen
maßgeschneiderten cosmic strip.

Ja, an diesen Tagen nahm man für gewöhnlich anders Abschied, man
verschickte SMS oder kommentarlos ein Bild mit der neuen, unbekleideten oder
nur leicht bezwirnten Freundin – im Bewusstsein von Neil Young, der herzlich
verkrampft säuselte, dass man ihm auch noch Atomwaffenprogramme,
Kriegsmaschinen und die mit Bombenkratern übersäten Landschaften
nachsehen könne, wäre er der diabolische Geist dahinter. Im Vorteil war bei
einem hochsensiblen Terrain, wie es ein Beziehungsfinale ist, derjenige, der
eine solide musikalische Erziehung aufzuweisen hatte. Denn der konnte seiner
Verabschiedung ein „Don’t let it bring you down“ anhängen, was die abservierte
Hälfte womöglich selbstbewusst durch das matschige Feld der früheren
Beschwörungen und Liebeseinseifungen gleiten ließ, um sich ein inneres, mit
unzerstörbaren Regenwäldern versehenes Guayana anzulegen. Unzerstörbar.
Mir doch egal. Leben geht weiter.

Dabei war es ratsam, jegliche introvertierte Selbstbefragung zugunsten


triumphaler Gesangs- und Siegergesten aufzugeben. Und bei funktionierendem
Neukontakt von Mann-Frau im Stegreif das Gemächt oder die Titten erstrahlen
zu lassen, um jederzeit eine Nacht orchestraler Klanggewitter an Körperteilen zu
verheißen, den Austausch „verborgener ästhetischer Erfahrungen“ einbegriffen.
Später würde man danken, dass manche Körperteile glücklicherweise kein
eigenes Gedächtnis aufwiesen. Manchmal aber blieb man auch aus sexueller
Notwendigkeit zusammen.
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So bahnte sich die Liebe mit geöffneten Mündern ihren Weg, mit lodernden
Strähnen und sprengenden Affektentladungen. Einige Zeit danach würde aus
dem furiosen Abtasten aller Körperteile ein ungelenkes, stoßförmiges
Betatschen werden. Die ins Gesicht geschriebene Schwärmerei würde einer
verhärmt-rationalen Physiognomik der Stirnfalten und Zornesgruben weichen.
Soziale Netzwerke und schnelle Begegnungen würden Nähewünsche erfüllen.
Und noch später würden Anti-Aging-Cremedöschen und das Hämorrhoiden-Set,
Hörgeräte sowie Prostatabeschwerden die körperlichen Bedürfnisse
zufriedenstellend erfüllen.

Der Föhn war ein Fluch des Alpsegens, den die Stadt gewohnt war.
Rührseligkeit und sentimentales Eintauchen in die Natur lagen in der Luft und
entsprachen den schönen Seiten, die durch Garstigkeit und Petzerei nivelliert
wurden. Der Föhn öffnete die Seelen. Mit unerbittlich finsterem Ernst wurde
getuschelt, wurden mentale Gegensätze ausgetauscht, wurde Harmonie
angekratzt. Nicht einmal aus Boshaftigkeit, sondern weil das verstörende grelle
Licht, das der Föhn in magischer Potenz mitbrachte, die harten Schlaglichter der
Sonne wie auch die durch die Heliummassen ausgebleichten Wolkenwände das
Leben hin und her warfen und eine Zeit des Petzens anbrechen ließ.

Pardon, „petzen“, ein anachronistisches Wort mit allzu niedlichem Sprachklang.


Es sollte lieber „mobben“ heißen. Das „Verpetzen“ stand vormals in einer Garde
mit verpfeifen, anschwärzen und ans Messer liefern. Wilhelm Hogarthsche
Grafik und Gulbranssons „Simplicissimus“ gaben in ihren Radierungen und
Illustrationen den sicher sehr weit von „schneeweißer Unschuld“ entfernten
Worten den malerischen Klang, sodass bei aller Dramatik der süffisante Humor
nicht zu kurz kam. Im „Verpetzen“ lag eine Art Alleingang, ein verdruckstes
Schulterzucken und „Autsch, tut mir leid, es musste sein, zu feig war ich, doch
ich lass es nun sein, verzeih“. Petzen hinterlässt oftmals an der Zungenspitze
eines kleinen Feiglings eine Brandspur, die den Wicht kleinlauter und vor allem
zum Außenseiter macht. Daher wurde früher nur ganz verhuscht verpetzt.

Bernie waren die Auswirkungen des Föhns wohlbekannt. Wenn also die
täglichen Aufregeübungen aus teilweise lapidaren Gründen aufblühten, der
Zeitungsausträger eine halbe Stunde zu spät „Schöner Wohnen“ brachte oder
ein Apfel sich nur durch eine pollockartige Wurmstichigkeit auszeichnete. Aber
die Petzerei interessierte ihn nicht. Er war vielmehr ein Träumer mit Visionen, in
denen er beispielsweise Geld ohne Mühe verdiente. Seine Tante Genoveva
hatte ihn einmal lachend als frechen und dreisten Eierdieb bezeichnet. Er hatte
ihr schon am Wickeltisch alle Energie aus dem Körper geleiert. Bernie wollte
sich den Arbeits- und Alltagsmechanismen nicht beugen. So vertraute er auf Rio
Reisers „Lass uns ein Wunder sein“ und gab sich langen Phasen der Verortung
seines Ichs hin, in denen die Welt weiter rastlos um die Sonne kreiselte.
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Sein Kopf war ein Wolkenkuckucksheim und ihn beschlich die Hoffnung, dass
irgendwann eine Puppe auftauchen und die Mäuse fangen würde. Er brauchte
einfach eine »Sie«, die ihre Bestimmung darin finden würde, ihn zu verwöhnen,
sich dabei nur mit Andeutungen und leisen Tönen verständlich machen und mit
verruchtem Wispern dafür sorgen würde, dass er sich täglich unrettbar in sie
verlieren könnte. Am besten geeignet kamen ihm Mädchen mit lilienlangen
Armen vor, die bei aller schmutzigen Ereignishaftigkeit noch rätselhaft
anziehend blieben, auch wenn sie längst schon die Mädchensphäre verlassen
hatten.

Bernie schätzte seine Tante Genoveva, die jeden Tag im Bewusstsein ihres
ansehnlichen Vermögens beginnen konnte. Er kannte betuliche Rentnerinnen,
die sich bei Lodenfrey wöchentlich neu einkleideten und bei Dallmayr in
bauschig silbriger Umgebung ihr Mittagsmenue – daneben das
Blutzuckermessgerät – einverleibten. Alte Damen, die sich einer besonderen
kulinarischen Intelligenz rühmten und angaben, dass sie die verwickeltsten
Gerichte wie Saibling mit Dörrbirne auf Aspirinsud jederzeit als mathematische
Formel präsentieren konnten. Doch dafür fehlte Tante Genoveva die Zeit. Und er
wusste, dass das auch an ihm, dem Neffen, lag, den eine komplexe Beziehung
zur Entspannung, Frauen und chronische Geldnot auszeichneten.

Er hatte eine unaufgeregte Schulzeit gehabt. Mit der einzigen Ausnahme, dass
ihn in der 11. Klasse ob einiger spektakulärer Mafiafilme die Profession des
Zuhälters nachhaltig fasziniert hatte. Wochenlang hatte er vor dem Spiegel die
breitbeinige Pose geübt, die er dann im Rauchereck auf dem Pausenhof
perfektionierte. Schon damals hatte er sich unverwundbar gefühlt, war zuweilen
als großmäulig bekannt geworden und hatte seine dicke Lippe immer im
Anschlag geführt. Mädchen hatten ihn mit ambivalenten Blicken betrachtet, da
er zwar nicht unansehnlich war und seine Attitüde interessant erschien, dazu
aber ein Schneckentempo aufwies, das ihn wie einen extrem sedierten James
Dean oder ein Dachs in Winterruhe anmuten ließ. Auch das baute er zur einer
Attitüde aus. In einem von Bernies Tagträumen war er der Vertreter des „großen
Schlummerns“, fünf Herzschläge pro Minute, mit der alleinigen Pflicht,
sukzessive Tante Genovevas Futtervorrat zu leeren.
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Zweimal Fleischeslust - Pater Anselm und Betty

Bernie erinnerte sich, dass er als Jugendlicher einmal die Beichte hatte ablegen
sollen. Er war mit notwendiger Ernsthaftigkeit in den Beichtstuhl eingetreten,
womit ihn vom Seelsorger nur ein Samtvorhänglein - kein Gitter oder ein elegant
geschmiedetes Schiebetürchen - trennte. So begann er, sich zunächst
langsam, dann aber immer vernehmbarer zu räuspern, wie es Tante Genoveva
tat, wenn sie an der Wursttheke stand und dem abseits stehenden Personal in
der Warenannahme ihren Bedienungswunsch signalisierte. Es geschah nichts.
Bernie wurde unsicher, ob er jetzt wieder aus der Bußbox unverbüßt
hinaustreten durfte. Aus dieser nervösen Anspannung heraus zog er jäh an dem
Vorhänglein. Zwei angespannt und strafend blickende Augen starrten ihn an, in
Pater Anselms Mund steckte eine Leberkassemmel von der Größe einer
Terrazzo-Bodenplatte. An seinen Ohren klebten die schaumstoffisolierten
Kopfhörer eines großformatigen Walkman, die er sich sofort vom Kopf riss und
aus denen der enigmatische, körperbetonte, Frauen um den Verstand bringende
Prince stöhnte: „I really get a dirty mind, I just wanna lay you down in my daddys
car. I'll give you some money to buy a dirty mind.“

Während Pater Anselm überlegte, was zu tun sei, legte er die Semmel auf die
kleine Ablage zurück in die Alufolie und fingerte Wurstfetzen zwischen den
Zähnen heraus. Er ahnte, dass diese Episode, ausgeschmückt zu einer Oper,
demnächst Thema der Pausengespräche werden könnte. Er versprach Bernie,
dass dieses freche, unanständige Verhalten Konsequenzen habe würde, sollte
er über den Zwischenfall berichten, und es daher auch sehr schwierig werden
würde mit seinem Sündenerlass, während Senfreste sich in seinen Mundwinkeln
verdickten. Pater Anselm fehlte generell jegliche Ironie, zudem sah er sich als
Meisterdirigent eines spielstarken Ensembles an Heiligen und Krippenfiguren.

Seit dieser Episode hatte ihn Pater Anselm auf dem Kieker. Was umso
schlimmer war, da der Pater Mathematik und Religion an seiner Schule lehrte
und Bernie in beiden Fächern sein Schüler war. Wann immer er zu viel lachte
oder ansetzte, seine kabaretttauglichen Witzchen über das Lehrerpersonal zu
machen, war er „fällig“ und musste unter Aufsicht des gestrengen Paters
Kaukummipapier, Haribo-Tütchen, Zigarettenpapier und anderen Müll mit einer
Pieke einsammeln.

Bevorzugt musste dies in der großen Schulpause geschehen, wobei Bernie


gerne auch in die Schneewittchen-Ecke geschickt wurde, die so hieß, weil es
der Treff- und Sammelpunkt einiger zukünftiger Damen war, Regentinnen im
Klassenzimmer, übereifrig, ehrgeizig, nicht dumm. Und überaus begehrenswert.
Mittendrin die Betty. Für Bernie wurde der Gang in die Schneewittchen-Ecke zu
einer Parforcetour, die er mit betont lässigen Gesichtszügen und Bewegungen
zu bewältigen vorgab. Die dummen kleinen Weiber kicherten natürlich nur blöd.
Als er nahe genug war, fragte Betty: „Hey Bernie, stimmt es, dass Dummheit
und Arbeit glücklich machen?“
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Abends befestigte Bernie zwei Namenskärtchen an der Dartscheibe, auf dem
einen stand „Betty“, auf dem anderen „Pater Anselm“. Er spielte voller Zorn bis
Mitternacht.

Ja, die Pubertät. Er hatte eigentlich bis heute nicht gelernt, seinen Wünschen
gegenüber enthaltsam zu sein. Damals war in ihm aus unerfindlichen Gründen
der Wunsch nach Betty aufgestiegen, den ja letztlich Pater Anselm zu
verantworten hatte. Das sich als unerreichbare, angriffslustige Festung
positionierende, das so verbotene wie verruchte Apothekerflittchen Betty war
bald darauf eingenommen.

Die Dosis macht das Gift

Betty hatte schon immer eine Aversion gegen praktische Tätigkeiten, was sich
manchmal ganz gut mit Bernies Aversion gegen jegliche Tätigkeit vertrug. Betty
begründete das mit ihrer Unlust auf „soziokulturelle Verschiebungen“, schließlich
bräuchten Handwerker auch eine Beschäftigung. Nachhaltig war nur ihr Parfum,
das man noch Minuten später in der Luft zu riechen vermeinte. Es waren
besondere Parfums mit zum Teil Lüsternheit versprechenden Essenzen und
Substanzen. Vielleicht fühlte sich Bernie daher in Bettys Wohnung stets mit den
besten Raumdüften scharfgemacht, die ihm, auf der Récamière liegend, die
Sinne vernebelten und Betty zum Zentrum einer Begegnung machten, die ihn
jedes Mal völlig erschöpfte

Betty hatte ihre Umwelt im Griff. Dazu gehörte, dass sie im Laufe ihres Lebens
zu einer Petzspezialisten geworden war. Nach ihrer Schulzeit hatte sie diese
Kunst noch verfeinert und ihr Petzmodell nach gewissen Gesichtspunkten
angeordnet, wie dies ein Architekt mit Hilfe der Kriterien Ort, Licht, Farbe, Weg,
Proportion getan hätte. Sie wartete nach getaner Arbeit in aller Sanftmut die
Energiebilanz ab. Für sie war das Petzen Opus magnum“ des Lebens. Und wer
nicht zeitig genug das Fluchtwägelchen anwarf, war bereits in ihren Fängen, mit
denen sie Material sammelte. Und das fast so effizient, wie es eine Armada an
Apps und Messgeräten erledigen würde.

Dabei war sie keine typische Denunziantin, kein Monster. Sie baute sich nur ihr
eigenes Theaterstück auf und vergab die Nebenrollen an diejenigen, die genug
Potential besaßen. Betty war eine Art Ibsen’sche Dienstmaid, die gern die Lulu
gewesen wäre. Ihr gefiel es, wenn sich andere unbeobachtet, oft auch zu
siegessicher fühlten und nicht bemerkten, dass sie sich wie eine Katze
samtweich über sie beugte, mit ihrem Schnurren ein Gefühl der Behaglichkeit
verströmte und dabei ausgesprochene und nicht ausgesprochene
Befindlichkeiten in sich aufsog.

Diese manipulative und misanthrope Fähigkeit hatte ihre Begründung in einem


Betty prägenden Ereignis. Sie hatte sich früher ein Zeit lang im Punk-Mod-Lager
herumgetrieben, war aber aus der Szene unehrenhaft entlassen worden. Mit
den begehrtesten Scheiben von Siouxie and the Banshees und den Vibrators
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war sie in einer Punkrumpelkammer aufgetaucht, die gleich in Aubing an der S-
Bahn lag. Sie hatte sich nett hergerichtet, mit Lederjacke, zerrissener
Netzstrumpfhose sowie den klobigen, schwarz gestrichenen Bundeswehrstiefeln
ihres Bruders. Beim Tanzen war sie mit ihrer „zombie-like blankness“
aufgefallen, was von neidischen Eingesessenen als „idiotische
Ausdruckslosigkeit“ kommentiert wurde und ihr in wenigen Tagen einen auf
Intrigen beruhenden Rausschmiss einbrachte. Nach der Abfuhr war Betty
verdrossen in ihr Untermenzinger Kinderzimmer gestapft, hatte wütend die
Schwarz-Weiß-Aufnahmen von Jim Rakete mit der unsterblich schönen Debbie
Harry und Patti Smith von der Wand gerissen und sich, schweißgebadet vor
Zorn, den Alice Cooper-Bravo-Starschnitt und das Gruselskelett von Black
Sabbath zusammengebastelt.

Sie würde sich rächen. Und ihrer Stärken besinnen. Seitdem betrieb sie die
Petzerei wie einen Finanzmarkt oder eine Geldanlage. Es verschaffte ihr
Befriedigung, wenn die ruhigen Wellen des Systems wütend aufbrausten. Damit
war sie eigentlich die Vorreiterin für das zänkische, schamgrenzensprengende
Privatfernsehen, wo sich Menschen am helllichten Nachmittag mit Perversionen
und Intimitäten vor einem „Mediator-Moderator“ profilieren. Selbst im
Berufsleben war Betty damit halbwegs erfolgreich, weil die Geschäftsführung
dank ihrer dahinterkam, was sich in der ach so wichtigen Marketingabteilung
abspielte, der Betty als Senior-Marketing-Managerin mit Karrierewünschen
angehörte. Aber Bettys Geschäft war ähnlich wie die Spekulationen am
Gasmarkt: mit hohem Risiko und einem heftigen Auf und Ab verbunden.
Weswegen sich ihre Karrierewünsche nicht direkt erfüllten.

Bernie stand dem gemischt gegenüber. Einerseits waren ihm Karrieristen


zutiefst zuwider, auf der andere Seite brauchte er als chronischer Pleitier,
Schlendrian und selbstgewählte Dysfunktion im Gesellschaftsgefüge jemanden,
der ihm die Lebensschwere des Broterwerbs abnahm. Einstweilen musste er
das zumindest partiell selbst tun, indem er Chauffeurdienste für Tante
Genovevas Limousinenservice versah.
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Limousin au chocolat – Tante Genoveva

Tante Genoveva war zufrieden, denn das Geschäft lief gut, was nicht zuletzt an
ihr selbst lag. Sie hatte profunde Ideen und beispielsweise herausgefunden,
dass schwarze Wagen durch schwarze Beleuchtung noch besser zur Geltung
kämen. Dabei glimmten die Autos in einem unbestimmten Raum, in dem sich
Greifbares entzog, was die Präsentation geheimnisvoll machte und die
Spannung multiplizierte. Hier und folgend zeigten sich verschiedene psychische
Dispositionen der Kunden. Manchmal musste ein Schoßhündchen im Fond
Platz nehmen, wenn es dann ungehemmt bellte, war der Wagen nichts. Ein
andermal gab der Kunde vor, mit dem Oldtimer seine Reiselust befriedigen zu
wollen. In Wahrheit brauchte er eine Prothese für sein Ich, wie so viele
materialistische Menschen.

Tante Genoveva musste zugeben, dass sie sehr erfreut wäre, wenn diese
Menschen alle geradewegs in die Verrücktheit stürzten und sich so wieder ein
Stück Normalwelt etablierte. War doch die ganze Welt ein Gruselkabinett
geworden. Würde Cäsar sich heute liften und Hamlet sich Botox in die Lippen
spritzen lassen? Die Lust auf Protz und die Angst vorm Alter, hing das etwa
zusammen? Manch Midlife-Crisis bot dafür genügend Anschauungsmaterial.

Tja, das Alter. Die Damen ihres Alters, deren innigste Beziehung die mit dem
Hausarzt war und auf ihrer Stirn Kreiselchen vom vielen Grübeln zeichnete,
waren ihr selten ein spektakulärer Gewinn. Ihr Neffe Bernie, den ihre
Freundinnen schon argwöhnisch beäugten und über den sie hinter
vorgehaltener Hand tuschelten, ob es sich vielleicht nicht um eine dieser
unmöglichen Liaisons handeln könnte, wie sie von Demi Moore und Ashton
Kutcher bekannt war, stellte sich als Jungbrunnen heraus. Sie war froh, dass sie
ihn hatte. Einen„Gegner, an dem sie ihre geschliffenen Sätze schärfen und ihre
ironisch-überlegenen Kommentare anwenden konnte. Von ihrem Schreibtisch
konnte sie ihn gerade vorbeischleichen sehen.

Bernie schloss sanft die Tür des Rolls Royce Silver Shadow. Er würde das recht
angespannte Hochzeitspaar wie gewünscht zum Königssee chauffieren. Auch
wenn alles dafür sprach, dass es sehr anstrengend werden würde, da die Braut
unentwegt nörgelte. Der Anzug des Bräutigams, das gemächliche Tempo der
Limousine, die vielen Baustellen etc. Sie ärgerte sich zudem, dass sich mehrere
Hochzeitsgäste nicht an ihren Geschenkvorschlag, die Beteiligung an einer
Weltreise, gehalten, sondern nur Pakete mit Schnickschnack überreicht hatten.
Etwas Persönliches. Darauf pfiff sie.

Außerdem hatte sie ihre Tabletten vergessen. Diese blöden Tabletten. Sie hatte
sie lange ihrem Bräutigam verschwiegen, der nun damit leben musste, dass
seine Braut mit Borderline zu kämpfen hatte. Und sofort rächte sich die
Nichteinnahme der Tabletten. Auf der Deutschen Alpenstraße bei Siegsdorf
initiierte sie einen totalen Zusammenbruch und sägte kompromisslos mit das
Rückenmark zerteilender Stimme, dass sie jetzt gar keine Lust mehr auf
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Hochzeit habe. Er, der Bräutigam, sei lustlos und so klar lesbar, er mache sich ja
nicht mal die Mühe, seine Achillesferse zu tarnen und seine Schwachpunkte zu
verschleiern. Liebe sei ja eigentlich ein spannendes Spiel für zwei Personen. Sie
sähe für sich allerdings eine Wüstenlandschaft, in der sie selbst wie eine rostige
Petrolstation im Wüstensand ausdörren würde. Denn der bürgerliche Alltag sei
ja eine Abfolge von langweiligen Haushaltstätigkeiten und gähnenden Charity-
Veranstaltungen, in dem jeder Exzess zu vermeiden wäre. Sie würde jetzt schon
auf einen Bandido wie Machete hoffen, der sie als Geisel entführen und damit
dem Ganzen ein vorzeitiges Ende bescheren könne.

Langweilig würde es mit der Irrsinnigen nicht werden, dachte Bernie, während er
dezent, aber neugierig den Silver Shadow nach einem durchwachsenen
Aufenthalt am Königssee in die Stadt zurücksteuerte. Bernie schwankte
zwischen Unbehagen und Abscheu gegenüber der Braut, deren Verlangen nach
Selbstvernichtung und Selbstverklärung grenzenlos war. Eine von den Ladies,
die in ihrer Unterwäsche ein Werkzeug für Wohlstand sahen und ihre
narzisstischen Phantasien mit ihrer halbnackten Reklame schmückten. Die
würde sich ihren nächsten Hochzeitspartner wohl genauso ungehemmt und
rasch anschaffen wie ein flauschiges Plüschsofa oder einen hochflorigen
Shaggy-Teppich, damit sie sich weiterhin atemlos an jegliche
Lebensverhältnisse „anpassen“könne: Konsum als Lebensstil.

Und tatsächlich, Bernie brauchte nicht lange zu warten. Mit einem „Jetzt reicht
es mir endgültig“ durchbrach die Braut die Stille. Sie brauche Amüsement und
werde in den kommenden Wochen mehr ficken als während ihrer ganzen
Beziehung. Den Verlobungsdiamanten von de Beers behalte sie als
Abfindungsprämie. Und er, der Bräutigam, möge sich wieder seiner Mutter
zuwenden und dem Squashcenter Feldmoching, sie wisse schon lange, dass er
ein Auge auf die resche Bedienung Trudi geworfen habe. Sky-TV und
Schnitzelbratfett, so sehe jetzt seine Zukunft aus.

Der Rest der Fahrt verlief leider schweigend. Der Bräutigam – besser Ex-
Bräutigam – ließ am Mittleren Ring anhalten, seine Ex stöckelte mit einem
neckischen „Tschüss“ in Richtung Bayerischer Hof, wo sie im Blue Spa mit
Obstteller und Negroni und weiteren fancy Drinks entspannen wollte. Bernie
überlegte, während er sie davonflattern sah, ob sie vielleicht Barbara Vinkens
Worte „Die Ehe ist sowieso in der Krise“ kennen würde. Wobei sich die
Wissenschaftlerin selbst in einem erfreulich guten Ehe-Zustand befand. Es war
immer gleich. Man kutschierte gemächlich zur Hochzeitsbrause nach Rottach
oder zum Brautstraußwerfen an den Wendelstein. Aber früher oder später
würden die Gefühle abstumpfen und aus jeder Seele ein geplündertes,
chaotisches Land werden, bis das Personal getauscht werden würde.

Zum Glück hatte das Ex-Brautpaar bereits gezahlt und Bernie seiner Tante
Genoveva im Vorhinein den Fahrerlohn abgeschwatzt.
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Dionysisches Herannahen – Brightside Fred

Bernie ließ sich generell nicht leicht irritieren. Positionen und Stellungen
interessierten ihn nicht, sondern nur das Wesen desjenigen, mit dem er sprach.
Ob man also mit dem Gegenüber seine Freude haben konnte. Oder ob es eher
Figuren von pathologisch-pathetischer Ernsthaftigkeit waren, die sich in alle
Lebenslagen einmischten und ihre Urteils- und Verurteilsgabe wie ein
Vitrinenstück ausstellten. Die waren nichts für ihn, denn Bernie hatte sich in
seiner Nische der latenten Verantwortungslosigkeit eingerichtet, was ihm
ermöglichte, ja nichts ernst zu nehmen und in den Tag hinein zu
experimentieren.

Meist begannen seine Tage mit einem Frühstück. Aber nicht mit irgendeinem
Frühstück irgendwo. Nein, es durfte gerne das Vier Jahreszeiten oder das
Arabella-Hotel sein, wo manchmal auch noch verlorene Geister aus dem
nahegelegenen Kafe Kult auftauchten, mit Mascara und dickem Lippenstift
sowie Tätowierungen auf den Augenlidern, auf dem einen „This is the end", auf
dem anderen „My beautiful friend". Die wurden zwar zu Anfang von den Kellnern
geringschätzig beäugt. Aber nur bis die dunkle Armada ihre schweren
Geldtaschen zückte, die Rechnung problemlos bewältigte und sich der Ehrgeiz
lautstark bemerkbar machte, am besten die Zeche für alle zahlen zu wollen.
Manche der in Schwarz gehüllten Herrschaften kamen gleich in einer Latex-
Ritterrüstung und mit einer Streitaxt, die kein Plastikimitat war. Man diskutierte,
angetrunken wie beflügelt blickend, den Broterwerb und profane Arbeit. Wer sich
so auffallend kleidete, mit Ketten, Zwirbelgeschirr, Nietenbändern, die so breit
wie Schubladen waren, der musste sich das auch leisten können. Lautes
Aussehen, doch leises, gepflegtes Auftreten, mit Body-Art und manch extremer
Erfahrung gezeichnet. So segelten die schwarzen Gestalten zwischen ihren
persönlichen Felsen, Skylla und Charybdis, vom Pulvertur zur X-Bar sowie zum
abschließenden Verlotterungsdrink in die Milchbar und genossen die Blitze des
DJ-Pults. Mit ordentlichem Heißhunger fielen sie später über die üppigen
Frühstücksteller her.

Darunter auch Freddy, den Bernie kannte. Freddy trieb sich ansonsten an der
Kunstakademie herum und war gar nicht mal so unbegabt. Er war ein
einmaliges lebendes Kunstwerk. Manchmal war er ein Friedhofsgärtner, mitsamt
schmaler, emaillierter und kunsthandwerklich gearbeiteter Schaufel und einem
schwarzen Anzug, den er sich damals über den feinen, zeitgeistnahen Couturier
Helmut Lang sicherte. New York- und London-Style: Die Stoffe glitten leicht von
den Schultern, die Schwere ging über in eine geometrische Genauigkeit, die
gerade noch so viel körperliche Reize versprühte, dass man genauer hinsah,
wenn man die dürre Figur hatte, die solch ein enger Anzug verlangte. Morrissey,
Paul Weller, Bowie, Jarvis Cocker, das waren die Helden. Freddy trug dazu oft
ein Köfferchen worauf, von Joseph Beuys inspiriert. in Großbuchstaben zu lesen
war: „Das Schweigen der Tierschützer wird überbewertet.“
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Manchmal klebte daneben auch ein Kopf des Hannibal Lector, der mit
Jokermiene grinste. Dazu steckte sich Freddy gerne eine Blume ans Revers.
Ganz besonders hatte es ihm die Kamelie angetan.

So setzte er sich bevorzugt zu wildfremden Menschen an den Tisch, gerne zu


Paaren. Dann stellte er seine etwas zu vollen Tellerchen aus dem Buffetbereich
ab. Einmal hatte er der Tischdame, einem niedlichen Ding, die ihrem Liebsten
an Ellbogen und Speiche hing und ihm verliebte Blicke zuwarf, aber doch bereits
auf Treulosigkeit programmiert war, ein Lachsscheibchen auf ihren Toast gelegt,
ohne dass sie danach verlangt hätte. Dann legte er der Dame seine Kamelie auf
den Schoß. „Wussten Sie, dass die Kamelie fünfundzwanzig Tage lang weiß ist
und fünf Tage herrlich rote Blüten hat? Das Farbenspiel signalisiert diskret die
Verfügbarkeit. Sie können in die brillante Farbigkeit der Blüten eintauchen und
werden so zur begehrtesten und teuersten Frau. 1808 schenkten die Holländer
der Kaiserin Joséphine, der ersten Frau Napoleons, ein weißes und ein rotes
Kamelienbäumchen, der Beginn einer kostbaren Kameliensammlung im Schloss
von Malmaison.“

In dem Moment verschluckte sich der Begleiter der Dame an seinem


ungeliebten Eiergericht und bekam einen roten Kopf, der auch eine Testosteron-
Zorneswallung gewesen sein konnte. Mit recht lauter Stimme erwiderte er:
„Kamelien hatten die Holländer bei der Fußball-EM 1988 dabei, als sie das
ganze Park Café in München unter Oranje setzten.“ Dabei zitterte sein
Oberlippenbart mit den rausgedrehten Enden, wie er sich generell nur noch in
fränkischen Orten bei Beamten des gehobenen Dienstes findet. „Verzupf dich,“
fügte er an, während „Sie“ die Kamelie so zu legen versuchte, dass es
unwiderstehlich wirken würde, und dies mit „Ach ja, wie schön" begleitete,
worauf der Begleiter umso erzürnter Meerrettich auf seinem Teller verteilte. Die
Meerrettichflecken erinnerten an die Malerei Emil Schumachers, der noch die
schönsten, beruhigendsten Farben mit etwas Dreckigem überlagern musste.

Freddy wedelte unschuldig mit der gelben Serviette. Während für den einen
Gelb Lieblingsfarbe ist, die schmeichelnde Reize birgt, denkt der andere bei
Gelb an Gift, an verschlagene Süße, den Neid und das Böse. Kandinsky sah in
Gelb eine aggressive Kraft, die er mit dem Wahnsinn in Verbindung brachte.
Wohingegen sein Freund Marc in Gelb „das weibliche Prinzip, sanft, heiter und
sinnlich" erblickte. So verursachten manche Farbströmungen unterschiedliche
Stimmungen und sicher machten sich diverse Therapeuten darüber Gedanken,
wie der Farbengesang manchen sturmreif überwältigen konnte.

Die Stimme des Begleiters verzerrte sich jedenfalls immer mehr, während die
schöne, junge Frau mit ihren dichten, brünetten Haaren in Zwiespalt kam.
Bernie, der diese unterhaltsame Episode an einem der Nachbartische verfolgt
und dabei betont gelangweilt in der New York Times geblättert hatte, wusste
sofort, dass er sich mit diesem Typen, bald einer seiner engsten Freunde,
verstehen würde.
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Freddy, das laufende Kunstwerk, verkaufte Kunst. Meistens Bilder, die er
irgendwo sah, für gut befand und dann dem Eigentümer abschwatzte. Freddys
eigene Bilder berücksichtigten zumeist den Leitsatz von Paul Cézanne, dass
sich alles in der Natur nach dem Muster von Kugel, Kegel und Zylinder bildete.
Freddy malte runde, kegelförmige und zylindrische Autos, Bäume, Häuser und...
Brüste. Brüste, die keinen Mann mehr auf dem Sitz halten sollten.

Brüste bewegen die Welt, das war Freddys Leitspruch. Dabei konnte er als
Besucher von landwirtschaftlichen Ausstellungen mit ihren dort gekürten
Produktprinzessinnen durchaus auf die eigene Erfahrung zurückgreifen. Freddy
legte manchen Modellmädchen, die für das Experiment nicht mehr als eine
Stunde gebucht waren, eine dicke Körpercreme auf die Brust, auf den Kopf
setzte er ihnen dann so etwas wie schwarze Angoramützchen mit
Nerzpommelchen. Dann tupfte oder karrierte er die Brüste. Oder formte
Gipsbrüste, die so voluminös gerieten, dass man, hätten sie einer das Zugabteil
betretenden Reisenden gehört, man den Kopf hinter eine Zeitung hätte senken
müssen, da man dieser Präsentation der Üppigkeit ansonsten sichtlich zu viel
Aufmerksamkeit geschenkt hätte. Jeder verstohlene Blick wäre einer sexuellen
Aufforderung gleichgekommen. Es würde dann „sexuelle Belästigung" und
„unhaltbares Schwein" heißen, was die vorbeiziehenden schönen Landschaften,
die freundlichen Hügel mit den Würzburger Weinhöhen und romanischen
Kirchlein direkt entwerten könnte. Riesige GAME OVER-Lettern würden sich in
das Gedächtnis brennen, mitsamt der Befürchtung, sich demnächst als Sex-
Täter des Monats, mit dem eigenen Bild unterlegt, im Speisewagen ausgehängt
zu sehen.

Ein Großteil der Freundschaft zwischen Bernie und Freddy bestand darin,
gemeinsam gegen das Bleierne, gegen die oberflächlichen und starrsinnigen
Urteile der Mitmenschen anzukämpfen. Sie standen beide für eine gewisse
Schwerelosigkeit Die erfüllendste Herausforderung war für beide, mit allen
Wassern gewaschene Verweigerungen herauszuholen und trotzdem die Nase
vorn zu haben. Das würde chronische Überarbeitung und eine Verbrennung der
Pupillen ob des gleißend hellen Lichts der Großraumbüros verhindern. Bernie
und Freddy waren nicht für die Werktage geboren. Für die anderen wichen sie
von der Norm ab, waren schon fast gleichbedeutend mit dem Abnormalen.
Wobei die so urteilenden Geschäftigen ihrerseits nicht an die Fremdheit des
Nichtstuns gewohnt waren.

Freddy sah sich in seinen Tagträumen als eine Art Gottheit, meist Dionysos.
Kaum greifbar wollte er sein, mit einer Maske, einem Efeukranz auf dem Kopf
und einem magischen Thyrsosstab ausgestattet. Gleichzeitig sanft wie eine
Frau, die langen Haare ins Gesicht gekämmt, aber auch schrecklich und wild.
Bevorzugt ließ er das zarte Geschlecht wahnsinnig werden, indem er eine
Neugier säte, mit der ein gesunder Menschenverstand nicht mehr ganz so
einwandfrei arbeiten konnte.
13
Freddy und Bernie konnten ein rauschhaftes Naturell mit der nüchternen
Wahrnehmung der Dinge vereinen. Beide waren natürlich nicht so normal, wie
es die Normalos wünschten. Aber was hatten die denn vorzuweisen?
Ehescheidungen, Unterhaltszahlungen, Unterschlagungen, allerhand
schmutzige Geschäfte. Bernie, mit abgebrochenem BWL-Studium, hatte kapiert,
dass man die Geheimnisse, Abgründe und Potentiale, die in jedem Menschen
steckten, nur dann wahrnehmen und würdigen konnte, wenn man aufhörte, nur
nach normalen Eigenschaften abzugleichen und zu messen.

Manchmal war Bernie der Fehler im System, der das Kommunikationsgetöse


belächelte und die multioptionalen Freundschaftsverbindungen hinter einer
Staubwolke an Verachtung in den Himmel fahren ließ. Dass man von Bernie
dachte, er habe nicht alle Tassen im Schrank, war ihm nur recht.
14
Zeit ist Zierrat für Langweiler

Freddy klingelte Sturm. Tante Genoveva probierte gerade ihre zweihundert Euro
teure Gesichtsmaske aus, die sie sich im Kosmetikstudio neben dem
Hofbräuhaus von ihrer Stammkosmetikerin hatte aufschwatzen lassen. Bernie
war es gewohnt, die Tante nachmals abzuholen. Wobei die Damen in ihrer
professionellen Schönheitsbereitschaft ihm auch gleich noch die Finger
maniküren wollten, zumal sie ahnten, dass die Tante für den Umstand gerne
bezahlen würde, damit ihr Neffe ihre sehr angenehme Außenwirkung
unterstrich. Eigentlich war er ja ihr Anti-Aging-Experiment, das sie wachhielt,
zum Schimpfen und Kichern brachte, aber – ob seiner Flegeleien und
Unverschämtheiten – auch zum Staunen.

Kaum eingelassen, tänzelte Freddy aufgeregt, wippte in hypnotischer Monotonie


mit der Ferse, spreizte sich hoch, dehnte sich und wippte erneut, als wollte er
gleich davonfliegen. Die Tante rollte mit den Augen: „Hühner können nicht
fliegen, Freddy.“ „Ich wollte nur schauen“, erwiderte Freddy, „ob eine
Atomexplosion direkt mit Haarverlust einhergeht.“ Ach ja, sie hatte ja noch ihre
Wundercreme aufgetragen. Tante Genoveva wischte sich mit einem erwärmten
Handtuch über das Gesicht, während Freddy und Bernie eilig verschwanden.

Diese elende Pampe, dachte sie. Gleich sollten mal wieder ihre
Kaffeefreundinnen zum Flötenstudium kommen. Die hatten die Angewohnheit,
sich immer sehr in Schale zu werfen, da ein kurzes Röckchen, dort ein tiefer,
flatterhafter Ausschnitt und Stiefelchen hoch bis zum Oberschenkel, alles nur
wegen des neues Rhythmus-Zeremonienmeisters. Tante Genoveva passierten
zwar manchmal Preisunfälle mit Schönheitslügenttuben, aber mit ihrer doch
recht beachtlichen Vernunft ließ sie sich auf modische Sperenzchen nicht mehr
ein. Perlenkette und Marlene Dietrich-Hose vom besten Damenausstatter der
Stadt. Oder ein kurzes Kostüm, weil schließlich sogar der Bernie meinte, dass
sie immer noch ganz ansehnliche lange Beine hätte.

Während ihre Damen sich unbequeme G-Strings um ihre Fleischrouladen


zogen, bevorzugte die Tante einen sich unter der Kleidung abzeichnenden Slip
mit einer visible panty line. Sie sei ja nicht mehr in dem Alter, wo man negiere,
dass man Unterwäsche anziehe, fügte sie auf Nachfrage gerne an. Und solche
Nachfragen gab es tatsächlich. Jüngst bei einer Privatführung in den Sales-
Räumen von Prada und Armani hatte ihr eine Bekannte zugeflüstert: „Hab
gerade gesehen, dass du gar keinen G-String trägst, wir kaufen jetzt mal was
schönes Knappes für dich." Augenrollend hatte sie zurückgegeben: „Schnüre
sind was für Eingeschnürte.“ Damit war sie aus dem Geschäft auf die
Theatinerstraße getreten; der Himmel hatte sein bewölktes Vintagetuch
abgelegt, mit dem sonst mittlere Beamte der Forstdienstaufsichtsbehörde ihren
Charme versprühten, und strahlende Carré-Hermès-Farben aufgelegt.
15
Zwischen Rauch, Rausch und Scherenschnitthimmel

Der Frühling drehte gurrend seine Runden und befreite die wichtigsten
Ausdrucksmittel - schielende Seitenblicke und kurze Röcke - aus dem
Winterschlaf. Bernie und Freddy hatten dem allzu schönen Wetter getrotzt und
es stattdessen auf eine beeindruckende Longdrinkbatterie im Edelweiß
gebracht. Der Barkeeper einer noblen Cocktailbar hatte ihnen einmal einbläuen
wollen, dass ein echter Mann nicht saufen dürfe, sondern mit Sachverstand
genießen solle. In dem Fall, beschlossen Bernie und Freddy, wollten sie dann
lieber keine echten Männer sein. Das Edelweiß war dann auch eher keine
Cocktailbar, sondern eine Kaschemme in Mittersendling, wo die Häuser ohne
kapriziöse Arabesken und daher auch ohne Winkeladvokaten und
Großinvestoren auskommen mussten, die es ja gewohnt waren, Häuser wie
hungrige Wölfe zu erbeuten. Hinter der Theke war ein Plakat angebracht:
„Erledigen von Zahlungspflichten nach Konsum sofort. Kein Anschreiben mehr.“.
Dazu hatte ein Witzbold einen Bierdeckel mit vielen Strichen und einen dicken
Mann mit Knarre gemalt und ergänzt: „Ansonsten Schusswaffengebrauch.“

Am Eingang der Bar musste der schwere Vorhang zur Seite geschoben werden,
sodass der Eintretende auftrat wie eine Theaterfigur. Neue Barbesucher fühlten
sich daher schnell klaustrophobisch von Blicken bedrängt. Eine große
Kuckucksuhr mit Schwarzwalddesign an der dem Eingang gegenüberliegenden
Wand unterstrich den „High Noon“-Charakter. Wer als Neuling eintrat, tat gut
daran, das Beklemmungsszenario mit möglichst wenigen
Verhaltensabweichungen zu goutieren.

Wortloses Einverständnis, Austausch von Belanglosigkeiten und monotones


Starren waren die Regel im Edelweiß. Dennoch geschah an manchen Abenden
das Wunder, dass sich die abseitigen Blicke sammelten und die Stummen, die
wie Regale mit leeren Akten voller Schweigelettern herumstanden, durch eine
Brise in hellwache Gespräche verfielen. Die Zombiestille der aus der Norm
Gefallenen wechselte in ein Discoflackern. Plötzlich gab es
Langmonologisierende, die die Freuden des Kollektivs empfahlen. Und
gescheiterte Genies, die statt der jaulenden Sirenen ihrer Selbstauflösung ein
süßliches Zirpen ertönen ließen, das die Minzfrische für neue Taten versprühte
und in einem geschmeidigen Sophismus gipfelte. Die Stimmung schlug elegante
Räder und geneigte Worte hoben sich in den Handstand.

Heute aber beherrschten Bernie und Freddy die Kunst des elegischen
Schweigens, gegen das ungehemmtes Dampfplaudern wie ein Sieben-Uhr-
Metallkantenschneider wirkte. Sie hatten mit Pernod, Scotch und einigen
anderen Ingredienzen einen Zustand der Entrücktheit erreicht, in dem sie zwei
unter der Erde versenkten Hohlkörpern glichen. Eine Männerfreundschaft, ein
wenig old fashioned wie der 1880 gemischte Ur-Cocktail, der in alten,
begehrten, zumeist englischen Barbüchern auftauchte. Der „Old Fashioned“
hatte ein überschaubares Rezept: Whiskey und Wasser. Mehr war nicht nötig.
16
„Manche Momente“, elegierte Bernie, „sind so zuwider, die mag man sich nicht
mal besoffen vorstellen, weil man nüchtern auch schon genug mit den
Ganzkörperzombies zu tun hat.“ Freddy deutete nur wortlos auf den Aushang,
den sie eine Zeit lang schweigend betrachteten, bis Freddy irgendwann einwarf:
„Ganz genau. Wie weit ist es eigentlich mit dem Edelweiß gekommen, dass man
gleich zahlen muss? Ich bekomme gleich meinen Mario-Moment.“

Manche mögen‘s heiß...

Vor Monaten hatten sich Japaner mit Schlumpfmützen in die Kaschemme verirrt.
Das Blau der Mützen war die reinste Farberuption vor der rußgeschwärzten
Decke. Als sie nach wenigen Schlucken Bier mit Karaoke und „I did it my way“
angefangen hatten, wurde Stammgast Mario Pellegrino vom Hafer gestochen. In
seinem Irrsinnseifer, den größere Mengen Oldesloher Doppelkorn beflügelten,
hatte er wild Brennspiritus um sich gegossen und angezündet, um zu sehen, ob
die Japaner, von denen ihm die Kamikazepiloten präsent waren, tatsächlich
krisentauglicher als andere Völker seien. Dabei hatte er „Das Seiende wird sich
vom Wesentlichen nun trennen“ gebrüllt. Einige Stammgäste hatten Mario
ziemlich schnell überwältigt, während die Szenerie durch ein groteskes
Glibbergelb des Halbmondes, der mit Gewalt durch das rückwärtige
Fensterchen schien, erhellt worden war.

Mario war ein nichtrauchender Neurotiker, der ständig darüber brütete, dass die
Welt überbevölkert sei, und zeitweise den Raum unangefordert mit lauten
Ausführungen darüber füllte, als wollte ein Parkettbodenschleifer übertönen. Er
war bei Stammgästen aufgrund seiner Verbrüderungsniederungen gefürchtet.
Selbst wenn man recht fix ein Schlupfloch in der überschaubaren Bar entdeckt
hatte, es gab kein Entkommen. Weswegen man im Anschluss so gerädert war,
als hätte man sich stundenlang Kunstblutfontänen und wabernden
Nebelschwaden ausgesetzt, aus denen von Zeit zu Zeit Till Lindemann in einem
Plastikboot aufgetaucht war, um mit dem Ruder die Hirnmasse umzurühren.

Letztlich hatte Marios Reaktion niemanden überrascht. Er hatte ein kochendes


Gemüt und war Meister darin, Beschaulichkeitsprozesse in einen Bankrott
münden zu lassen. Wenn er geistig klar war, dann saßen seine kleinen
Demütigungen so gut wie Hackett-Maßanzüge aus der Sloane Street. Und so
etwas kannte Mario. Er war mal wer gewesen, mit Festanstellung, Mailand,
Paris. Auf dem Höhepunkt hatte er sich mit der Idee verspekuliert, neue
Erfahrungswelten innerhalb einer Symbiose von Zirkus und Bordell zu schaffen.
Um sich Geschäftskompetenz zu holen, hatte er sich die Hilfe der „Familie“
geholt - keine gute Idee. Und dann waren auch noch die Tierschützer
gekommen. Weil er Tiger, Reptilien und Panther in Gehegen auf- und
abspazieren ließ, während die Damen ihre Dienste verrichteten und die
Proseccoschalen klirrten. Freud und Adler hatten ihn auf die Idee gebracht, dass
man mit der käuflichen Liebe bessere Geschäfte machen würde, wenn blühende
Angstschauer die erotische Aufladung und damit die letzten konvulsivischen
Zuckungen verstärken würden. Sein Betrieb war schließlich auf Veranlassung
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des Justizministeriums geschlossen worden. Marios Prinz-Myschkin-Lächeln
endete in einem versoffenen Torkeln.

Nichts ist zu wenig

Zu den Stammgästen des Edelweiß gehörte auch die einstmals prominente


Slapstickdarstellerin Ingrid Keller, die hier ihre Homebase aufgeschlagen hatte.
Ingrid war meist in Ballkleider früherer Galas gehüllt und fühlte sich im Edelweiß
wie eine Edelkurtisane. Eigentlich war sie eine wirklich anspruchsvolle
Künstlerin, mit den Relikten ihrer untergegangenen Filmwelt angefüllt. Vom
Untergang zeugte auch der Blick in den Spiegel, sie würde wohl kein
verludertes, nacktes Bondage-Schneewittchen oder ein verhängnisvolles
Klimtsches Weib mehr spielen können. Die Zeit, in der ihr Körper die Männer in
Sinnesverzückung versetzte und um den Verstand gebracht hatte, Auffahrunfälle
und Prügeleien eingeschlossen, schien vorbei.

Kürzlich hatte sie in der Pasinger Fabrik noch einen Auftritt als Puffmutter in
einer trashig inszenierten Verdi-Oper. Als sie sich in der Garderobe
zurechtmachen wollte, schien eine kratzige Stimme aus dem Schminkspiegel zu
sprechen: „Oh Ingridlein, wie kess du bist...“ Die Künstlerin quietschte spitz auf,
als sich die Stimme plötzlich verkörperte und als Mann mit transparentem
Plastikmäntelchen herausstellte. Der Jim Jarmusch-Film „The Limits of Control“
mit einem wortkargen Killer und einer ihn verführenden nackten
Wahnsinnskörperfrau hatte ihn wohl inspiriert. Der Exhibitionist säuselte, dass
sie sich beide so ähnlich seien und das könne man doch jetzt gemeinsam
nutzen. Während Ingrid fast unmenschliche Tonhöhen erreichte, Tonhöhen, die
selbst mit magnetischem Feld, Kondensator und hohen Stromstärken nur
schwer herzustellen wären, versuchte „Er“ Ingrid zu verdeutlichen, dass sie ja
beide von den Yanomami-Indianern im Amazonasbecken schwärmen würden,
die seien schließlich auch wenig bekleidet.

Der Exhibitionist war bekannt, oder berüchtigt und hatte sich des Öfteren schon
am Landgericht verteidigen müssen, wobei er stets behauptete, dass Nacktheit
ein Geschenk der Demokratie sei. Dabei verwies er immer auf die berühmten
Freikörperkulturkünstler Karl Wilhelm Diefenbach und August Engelhardt, die
durch Nacktheit die Welt ent-entfremdet hatten. Ingrids Schock und den auf sie
einwirkenden Redeschwall hatte glücklicherweise die rasch eintreffende Polizei
lindern können. Nach der Vorstellung hatte sich Ingrid direkt ins Edelweiß
bringen und sich von Bogdan, dem Wirt, trösten lassen.

Bogdan war ein gutmütiger, herzensguter Mensch mit respektablen


Knasterfahrungen und einem Bauch von imposanten Ausmaßen. Er wäre
beinahe einmal von einem berühmten Münchner Maler porträtiert worden, wenn
den nicht eine New Yorker Galeristin für den Kunst-Superbowl entdeckt hätte.
Bogdan war so menschenfreundlich, dass er anschreiben ließ und sich im Laufe
der Zeit viele Deckel mit dreistelligen Beträgen angesammelt hatten. Zu seinen
Stammgästen zählte auch Tierarzt Dr. Gründler, durch zahlreiche Scheidungen
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und Affären besitzlos. Gründler hangelte sich von einer Notunterkunft zur
nächsten und war ständig in den Miesen, aber ein gern gesehener Gast bei
Bogdan, da er Bogdans Hundezucht betreute. Die wurde gerne für illegale
Jagden oder Hundekämpfe verwendet. Da war es nicht unwichtig, dass sich
jemand auskannte, auch mit nicht ganz legalen Ingredienzen und Substanzen.

Bogdans Lieblingshund Ayrton, nach dem Rennfahrer benannt, war ein


pfeilschneller Jagdhund, durchtrainiert, kein Gramm Speck an den fedrigen
Rippen. Das war das Verdienst von Gründel, der einen Weg gefunden hatte,
Ayrton vegan zu ernähren. Bogdan schrie anfangs Zeter und Mordio: auf einen
im rosa Plüschbettchen residierenden, veganen Hund könne er verzichten.
Niemals würde er Ayrton diesen treuen, auf Kommando abrufbaren
Aggressionssprüher, mit Soja, Seitan und Roten Beeten ernähren, dem würden
doch die Zähne ausfallen und wahrscheinlich würde er gleich schwul werden.
Doch der Tierarzt bestätigte, dass die vegan ernährten Viecher die Konstitution
von Triathleten bekommen würden.

Die vegane Ernährung seines Lieblingshundes schlug Bogdan allerdings


schwer aufs Gemüt. Als dann noch ein zufällig in der Bar Gestrandeter der
Polizei Bescheid gab, dass bei den Dartautomaten gleich neben der Toilette
hemmungslos geraucht wurde, als kurz darauf zudem Mario Pellegrino die
Japaner flambierte und danach ein Bier mit dem Zusatz „Schreib an, zahl eh
bald“ bestellte, griff Bogdan zur Waffe, die er für Notfälle unter dem Smirnoff-
Karton versteckt hielt, und verwarnte Mario mit einem Fangschuss. Der war
nicht lebensgefährlich verletzt, musste aber für einige Zeit sein Wohnzimmer im
Edelweiß mit der eher kühlen Einrichtung des Klinkums rechts der Isar
tauschen.

Bernie und Freddy schauten durch das beschlagene Fenster auf den dunklen
Himmel mit Blattgoldverzierungen. Auffallend hell flackerten zwei nicht weit
entfernte Sterne. „Die treiben es doch miteinander“, sagte Freddy und kümmerte
sich sofort wieder um sein Getränk. „Ja“, erwiderte Bernie sichtlich ergriffen, „ob
das was kostet weiß ich nicht. Wir sollten aber zahlen. Wer nicht zahlt, der wird
erschossen.“ Dr. Gründel und Ayrton würden bis zu Bogdans Freilassung die
Bar führen.
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Theresienwiese – München on speed

Der Himmel war launisch und phlegmatisch träge, als kämpfte er wie die heutige
Gesellschaft mit einem zu niedrigen Serotoninspiegel. Tage, an denen man nur
vor sich hinschaute und der brodelnde Wahnsinn auf einen Kurzauftritt wartete.
Eine sonore Bassstimme hätte vielleicht die in der Luft liegende aufgekratzte
Hitzigkeit beruhigen können. Stattdessen ein Rauschen kryptischer Monologe,
Worte, Sätze, Ungereimtheiten, Schmähungen, Beleidigungen, die man
einander nicht zu sagen traute, die aber brabbelnd ein Ventil fanden, und sei es
im Wasserkocher der Psychotherapie. Die Wolken durchpflügte ein
pflaumenblauer Zeppelin mit Werbung für Peoples` Friendship University in
Moskau. Ja, es brauchte wohl eine Universität für Freundschaftsbildung.

Der leergefegte öffentliche Raum zeigte sich als aufgerissenes Herz, das keine
Nah- und Fernziele mehr verwahrte. Welche großen Ziele sollte es überhaupt
noch geben? Die meisten Gespräche waren Verkaufsgespräche, das
Eigenkapital betreffend; die Präsentation lobenswerter Charakteristika wurde zur
Strategie, das Unerwünschte zu verbergen. Jeder wollte dazugehören und
stattfinden! Unbeherrschte Kaufattacken unter animierenden Werbebannern, der
Gang zum Kühlschrank und die schlichte Ausübung der Sexualität beruhigten
die angespannten Gemüter. Es gab immer mehr Tage, die wie gemacht waren
für Satellitenschüsseln, passend zum Diktum Peter Sloterdijks, das Fernsehen
sei die Ausbildungsstätte der Verlierer.

Bernie war in sein eigenes Universum versunken und wartete auf der
schmucklosen Theresienwiese auf den Graukopf-Edelsittich Doktor Landtmann.
Doktor Landtmann gehörte einer Sittichart an, die auf der Inselgrupe der
Nikobaren lebte und Mangrovenwälder bewohnte. Grüne Grundfärbung, Kopf
grau, Latz, Kinn und Stirnband schwarz, Oberschnabel rot. Der Papagei hieß
nach Tante Genovevas verstorbenem Gemahl, dem Oldtimerspezialisten und
promovierten Ingenieur. Der war einst inmitten strenger Nachhilfestunden, die er
Tante Genoveva alias Posy, der „kleinen Schlampe aus dem Nachbarort“, geben
musste, verstorben. Er hatte schon lange an Schlafmangel und diffusen
Herzrhythmusstörungen gelitten. Übrig blieb sein Papagei, den er zwei Tage
zuvor seiner Frau geschenkt hatte. Er war damals noch nicht getauft worden
und sie empfand es durchaus pietätvoll, das Tier Doktor Landtmann zu nennen.

Sie ließ eine hübsche Voliere gestalten und sorgte dafür, dass Doktor
Landtmann von Zeit zu Zeit seine hellen Flügelspitzen in Freiheit auszubreiten
vermochte. Ihr gefiel seine grüne Färbung, die so lebensquellerweckend war wie
ein sündhaftes Valentino-Kleid. Diese Freiheit nutzte Doktor Landtmann
allerdings auch manchmal zur Flucht. Er schwebte in diesen Fällen auf die
Theresienwiese, ließ sich auf den Stufen der Bavaria nieder und sang –
höchstwahrscheinlich Lieder seiner Heimat, Seemannslieder. Ähnlich wie Bert
Brecht, der sich aus seiner Stadt am Lech mit Wellen von Worten ans Meer
manövrierte.
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Bernie, im noch von den Traumspuren der Nacht eingesäumten Himmel, blickte
stoisch vor sich hin. In ein paar Wochen würde wieder die Erlebnisbühne mit
Blasmusik eröffnet werden, mit vernebelten Gemütern und Kollektivrausch. Ein
regelmäßig wiederkehrendes Ereignis, das Halt in einer komplizierten Welt
versprach. All das innerhalb eines raumgreifenden, schwülstigen Films
bayerischer Seligkeit. Bernie wollte nicht zu kritisch sein, denn es gab auch
Zeiten, in denen er sich sehr wohl auf dem Oktoberfest fühlte. Die Frauen
gingen noch leichter her als sonst und ihn und Freddy würde das eine oder
andere gebauschte Dirndl schon locken. Das Oktoberfest war eine sanft-
rustikale Wolke auf halbem Weg der Himmelfahrtsleiter, mit Biergeruch und
Brathähnchenfingern und einer Liturgie von Schunkeln, Brüsten und
Maßkrugheben, mit deren Hilfe schwankende Körper und fettige rote Lippen
zueinander fanden. Ein zweites Graceland mit Blasmusik, eine
Touristenattraktionen von hochstilisierter Künstlichkeit unter dem
Deckmäntelchen der Tradition.

Gerade aber wirkte die Theresienwiese gar nicht wie eine Flanierebene. Auf
einen Papagei zu warten und Blasmusik zu hören, die es noch gar nicht gab, ist
wenig erfüllend, dachte Bernie. Der Himmel drückte grau, als wollte er die Welt
durch eine Kartoffelpresse quetschen; es war ein zur Beherrschung zwingendes
Grau, das geradezu nach höherstufiger schlechter Laune drängte. Bernie war
vom vielen Dahinstarren schon etwas übel. Der Graukopfsittich ließ sich nicht
blicken und jetzt war auch noch der Akku seines iPods leer. Bernie stand mit
halb geöffnetem Mund, die Hände in eine Wasserflasche verkrallt da und fühlte
sich wie eine nationale Peinlichkeit. Hoffentlich sah ihn niemand. Wie seltsam
wäre es wohl, wenn er auf Nachfrage hätte antworten müssen, dass er auf
einen Vogel warte. Da würde wohl im Gesicht des Gegenübers scharf eingefräst
stehen: Wart nicht, du hast ihn schon!

Aus einer Wolke reckte sich schlangenförmig eine utopisch schöne Frauenfigur.
Kate Moss nahm ihr androgynes, laszives Spiel zwischen Mann und Frau auf.
Teilnahmslos warf sie dem gescheiterten Helden der Papageiensuche kleine
weiße Kussmündchen zu. Er wähnte sich schon in den arkadischen Gefilden
einer pastorellen Lüsternheit, als sich die herausragende Repräsentantin des
Hedonismus der 90er mit dem alterslosen Gesicht wie von vielen ihrer
Beischlafbegleiter abwandte. Kate Moss zerfiel und nahm Kurs auf Richtung Ko
Samui, wo ein Thaigericht und Barbiturate im Armani-Pillendöschen auf sie
warteten.

Am meisten bringen einen die Träume durcheinander, die zwischen der


Gegenwart mit ihren Anforderungen und einem entrückten, nicht fassbaren
Zustand angesiedelt sind, dachte Bernie, da kann man fast an sich selbst
ausrutschen. Vielleicht müsste er wie ein Karl May durch verschlammte, finstere
Kanäle in einen Palast des Abrahim Mamur kriechen, um ein geraubtes
Mädchen, am besten dann aber wirklich Kate Moss, zu befreien. Aber er hatte ja
Betty, eine Art bayerische Jahrmarktspezialität, resch und fesch, formal schön.
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Aber Betty war die Frau für die Zeit vor dem Sündenfall, Kate Moss dagegen
das dramatische Körpergedicht, das geradezu nach eruptivem Sturz schrie.

Unweit von Bernie baute sich ein Gitarrist auf, scheinbar ein Hippiezeitgenosse
mit Persönlichkeitsstörung. Er trug eine Baseballkappe, auf der in großen
wuchtigen Lettern der OBI-Baumarkt angepriesen wurde. Um seinen Hals
baumelte ein pharaonisches Geschmeide, ein Kabelgeflecht mit
Glühlampengloriette, die sich vom Bauch bis über die Stirn wand.
Selbstversunken rezitierte er seinen überschaubaren Text mit schneidender
Stimme: „Wir sind Kometen – in einer heilen und geilen Welt. Wir sind Kometen
– in einer heilen und geilen Welt.“ Dazwischen schrie er: „Und jetzt alle!“ Ein
flüchtiger Gedanke, aufgebauscht zu einem Wolkenkratzer, dachte Bernie. Dann
eine ungeschliffene Krachkaskade mit stumpfem Herumgerupfe auf den Saiten,
gepaart mit hektischen Animationsbewegungen, als bekäme der Darbietende
von seinen Leuchtkörperchen regelmäßig einen Stromschlag, eine psychotische
Klangerfahrung oder einen Epileptikeralbtraum. Die Skater verzogen sich bereits
kopfschüttelnd Richtung Mozartstraße.

Die Rechtsanwälte der benachbarten Kanzleien strömten aus ihren


Patrizierbauten der Pettenkofer- und Lessingstraße ins Freie und verfielen in
einen peripatetischen Gang auf dem Weg in ihre Stammtrattoria, zu krossem
Wachtelchen mit Linguine al truffo und erlesenen Weinen. Bernie rückte ein
wenig von dem Musiker ab. Denn die im ordentlichen Zwirn Dahinschreitenden
hielten ihn sicher für den Manager oder psychologischen Betreuer des
Hippiebarden. Vielleicht war alles der unergründliche Plan eines im Hintergrund
sitzenden Zaubermeisters, der nicht nur das Wetter steuerte, sondern auch den
Sex-Pop-Hippie sandte. Bernies Blick streifte zufrieden seine eigentlich
unerschwinglichen Gucci-Slipper aus malvenfarbenem Chagrinleder.

Der Papagei, dachte Bernie, ist doch nur verschwunden, weil Tante Annabelle,
die Schwester von Tante Genoveva, dem Tier stundenlang Elton John auf dem
Klavier vorgespielt hatte, in der Hoffnung, dass der Papagei den Lady Di-
Todesfeiersong bald komplett wiedergeben würde. Annabelle hatte meist eine
unwirsche, von schlechter Laune tätowierte Stimme, bei der Bernie das Gefühl
hatte, wie ein fröstelndes Lamm an einem Fleischerhaken zu hängen. Sie hatte
ein Gesicht, aus dem nie eine verhängnisvolle Nacht leuchtete, eine typische
Peggy Bundy-Toupierfrisur und einen bürokratisch starrenden
Gesichtsausdruck. Außerdem war sie in ihre Porzellansammlung verliebt und
eine Anhängerin sich in die Ohren hineinschleifender Laubbläser. Ihren
schweren viertürigen Jahreswagen fuhr sie verbissen an das
Multifunktionslenkrad gepresst. Sie verfolgte als Immobilienmaklerin noch
immer, das Wallstreet-Motto „Gier ist gut“. Ihr Fakename in den einschlägigen
Partnerschaftsvermittlungsplattformen war Melody und insofern eine gute
Tarnung und Täuschung für die älteren, weißhaarigen Männer, bevorzugt mit
Strandhut, champagnerfarbener Hose und einer Maximilian-Schell-Lässigkeit,
die sie zu erobern trachtete. So einer wie der Bernie war für die Schwester nur
ein Herumsitzer, der sich mit seinem Charme und einem Baukasten an
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Ausreden aus allen schweißverursachenden Tätigkeiten herausstahl, ein
Pragmatiker des Zeitvergeudens. Ihr gefiel zudem nicht, dass Bernie es mit
Tante Genoveva hielt, die sich gern auf die sechste Satire von Juvenal berief:
„Tod ist besser als Bindung.“

Zum Glück war Tante Annabelle nicht lange zu Besuch geblieben. Sie hatte
eines Morgens ein künstlich aufgebauschtes New York-Abschiedsspektakel
zelebriert und war verschwunden. Ein letztes Mal war ein stechender
Aromanebel aus Pfefferminzkaugummi, Hygiene- und Haarspray durch die
Wohnung gewabert, dann war die personifizierte Mittelmäßigkeit draußen. Tante
Genoveva und Bernie hatten augenblicklich wieder zu fluchen begonnen.
Fluchen war ja Einsicht ins Inkongruente, höchste Erkenntnisstufe, Durchblick
ins Unreine. Das missionarische „Think positive!“ nervte gegen die
entspannende Kraft des Fluchens, das kein Qi Gong benötigte, mit dem man
womöglich den Himmel beugen oder das Qi um den Bauch einsammeln konnte.
Tante Genoveva hatte zur Feier des Tages ihre Jane Birkin-Hotpants angezogen
und erklärt, sie sei der Kosmos und fühle sich wie eine Ketaminqueen, ein
Pilzbaby oder eine fleischgewordene Serotoninwiederaufnahmehemmung.

Glück, offensichtlich suchten das einige auf der Theresienwiese. Meist im


Herbst. Früher war die Wiesn noch ein kleines Venedig, zu dem man sich eine
Auszeit nahm, heute glich sie Las Vegas, so ausgenutzt und überlaufen, dass
kein Halm mehr hineinpassen würde. Und überall gewöhnungsbedürftige Dirndl
mit neuen Schnitten und Aufforderungen wie „Visit the Fun Fair Attractions“ und
„Amusement Entrepreneurs on stage“. Bernie schloss die Augen und ließ die
vergangene Wiesn Revue passieren.

Der Septemberhimmel, für den sich das Tourismusamt ein internationales


Patent gesichert hatte, schüttelte geplusterte Wolken, die sich wie Venus und
Apollo übereinanderwarfen und die menschliche Fleischessehnsucht zusätzlich
zu den 500.000 Oktoberfest-Grillhendln anheizten. Die Blaskapelle tuschte und
posaunte, als gelte es mit seziermesserscharfen Takten auch den letzten
Verlorenen in die gnadenlose Gemeinschaft der Biergläubigen zu überführen.
Die Anzapfmannschaft defilierte mit der bedächtigen Ausdauer eines Geschwürs
auf die Bühne, die Aggressionen schwappten hoch, weil das Anzapfen wieder so
lange dauerte. Zwei kulturpessimistische Trinker drohten einander Prügel an,
während das schweißnasse Ambiente die Taylorisierung des Trinkens
ankündigte, gefolgt von Freundschaftsschwüren, Eheversprechen,
Treuebrüchen und allseitigem Erforschen des internationalen Fummelterroirs.

Die Lederhosen der männlichen Wiesnbesucher spannten sich, während die


Frauen versuchten, die Emanzipation mit wechselhaftem Oberstübchen und
überragender Oberweite zu verbinden. So manche Dame, die während des
Jahres als erloschener Vesuv gegolten hatte, begann in den zwei
Septemberwochen zu brausen, als wollte sie ein neues Weibsteufelkonglomerat
aus Salome, Elektra, Ibsens Neurotikerinnen und einer gottverdammten Nico
bilden.
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Sie mutierte zur ehrgeizigen Killerbiene und Muse, die ihr Gegenüber erblassen
ließ und mit einer geradezu flamboyanten Energie den zechenden Herrn zu
revolutionären Umgestaltungen seines Lebens animieren konnte. Dabei geriet
die beeindruckende Auslegeware zum irdischen Hochstaplerführerschein, mit
dem die junge Wiedergängerin der Lola Montez Zutritt zu lustkranken
Bierkönigen zu erlangen vermochte. Das Ziel aller war ein Platz in einem Zelt,
einer Box mit aufreizendem Gegenüber, erfüllt von der Hoffnung auf einen
liebestollen Nahkampf. Arthur Schnitzler und Jeff Koons standen Pate, damit
auch die jüngsten Wiesnschönheiten die Chance hatten, möglichst früh und
problemlos ihre Unschuld zu verlieren.

Bernie erinnerte sich, wie ein Bierseliger ständig „Holy Fuck!“ gebrüllt und
wiederholte Male dabei seine herunterrutschende Hose über das flache Gesäß
gezogen hatte, um den fleckigen Schlüpfer zu verbergen. Die nachlässige
Kontrolle der Körperfunktionen war für die mit ausgezeichnetem Geruchssinn
Ausgestatteten durchaus ein Desaster. Ein Mann im Polyesteranzug, der noch
nicht mal mit einem auf Aggro getrimmten Vorschulbübchen zurechtkommen
würde, hatte sich neugierig wie eine dumme Katze ins Bierzelt gedrängt.
Wenige Stunden später war er in einem DRK-Zelt aufgewacht, von einer
Infusion gestützt, auf einer Bahre liegend, weil er, wie fast immer, seine
Kompetenzen überschätzt hatte. Anders als die japanische Familie mit
emaillierten Hüten auf den Häuptern und Augen, groß wie Sushirollen. Die
hatten mit einer souveräne Bestimmtheit ausströmenden Körpersprache auf den
Bierbänken gesessen, als hätten sie nie etwas anderes gemacht. Die
Einheimischen staunten, bewunderten, es wurden Kameras gezückt, furioser
Applaus bei jeder neuen Maß, man feierte die frohe Botschaft aus fernen
Gefilden und reihte sich ein in die fast exorzistisch anmutende Trinkergilde. Ein
Beauftragter fotografierte und schickte das Dokument der Münchner
Freiheitsvorstellungen in sein Heimatland, währenddessen ein amerikanischer
Zigarettenproduzent Bierdiplome als Prämien an seine Mitarbeiter verteilte.

Doch rund um den Reigen der moralischen Freizügigkeit galten Regeln und
Richtlinien, die bei Zuwiderhandlung den Einlass verwehrten oder den Auslass
beschleunigten. Gedisst und von Peinlichkeit berührt mussten die Aussortierten
wie Hunde vor der Metzgerei verharren. Das löste unter ihnen so manche
Empörung, Tumulte, Hetzkampagnen, Prügeleien aus. Während die einen
unbedingt rein wollten, hatten es die anderen gerade noch rausgeschafft. Sie
entleerten sich unter der immer unbewegt schauenden Bavaria. Schlafende
Frauen mit auseinanderquellenden Körpern zierten das Schlachtfeld der
Verlierer, die wie ihre Eroberungen inmitten verschiedenster Körperflüssigkeiten
schliefen und dadurch mit dem Maßkonsum ihrer Peergroup ins Hintertreffen
gerieten.

Eine Bier- und Festexistenz zu führen, bedeutete eben, sich wiederholt dem
Glase zu nähern und nicht nur zu trinken, wenn es schmeckt, keine Ausfälle zu
dulden und das Elend nach dem Festglanz als Kollateralschaden und
Auszeichnung vorauszumemorieren. Zu dieser Vorwegnahme des Kommenden
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gehörte selbstverständlich auch der Nachvollzug des Abends gegenüber der
sowieso schon angespannten Ehefrau. Man war ja nur dienstlich mit den
Veterinärkollegen auf der Wiesn gewesen, zwecks Überprüfung der Milchvorräte
auf Listerien, bevor ganze Galonen von verdorbenem Milchschaum auf
Espressotässchen ausgeschenkt worden wären. Ja, die vorfreudige
Euterfixierung nahm zeitweise interessante Abzweigungen.

Irgendwann, dachte Bernie, würde sowieso jemand auf die Idee kommen, ein
ganzhähriges Oktoberfest zu etablieren und statt Trinkwasser untergäriges Bier
durch die Leitungen fließen zu lassen, der Rausch ist eben ein
Menschenbedürfnis. Bernie wurde aus seinen Tagträumen gerissen, als ihn ein
Lufthauch oder etwas Zartes im Gesicht streifte.

Der Papagei Doktor Landtmann setzte sich ruhig neben ihn; es war, als wären
sich beide sprachlos einig. Offensichtlich war der Papagei erfreut, in der Fremde
Bekannte zu sehen. Wahrscheinlich klebte an Bernie die Verheißung geordneter
Mahlzeiten und komfortabler Wohnraumverhältnisse. Ein paar Federn ragten in
die Höhe, der Ausflug hatte ihm wohl in manchen Stadtteilen recht zugesetzt.
Gab es auch für Tiere No go-Aereas? Bernie fiel der Ausspruch Flauberts ein:
„Ich ziehe Tiere und Verrückte an. Bedingungslos.“

Als Bernie zu Hause anlangte und Doktor Landtmann versorgt der Voliere
überlassen hatte, fand er auf einem Bierfilz notiert: „Bin kurz zum Arzt.“
25
Die Wege des Herrn...

Pater Alberto, Diakon im Dom, zerrte ein Schmuddelheftchen aus dem


Beichtstuhl. Das Heft musste ein gehetzter Mensch nach dem Bußakt
vergessen haben. Mit spitzen Fingern brachte er es zum Abfalleimer, nicht ohne
es mehrmals zu wenden und wohlig zu schaudern angesichts des explizit
verschiedene Körperteile vorführenden Models Giselle, das, von einer
Fledermaus überwältigt, auf einem nietenbeschlagenen, von Gitterstäben
umgebenen Bett lag und sich dem Tier und einem Mann mit Gasmaske
entgegenbäumte. Pater Alberto nahm sich vor, im sechsten Kapitel des
Matthäus-Evangeliums zu lesen, um die Schmuddelbildchen aus seinem Kopf
zu verbannen. Schließlich hatte er heute noch einen Taekwondowettkampf, für
den er fokussiert sein musste. Martial-Arts das war sein Hobby. Er war es
gewohnt, sich die Nacht regelmäßig mit Kampfkunstfilmen um die Ohren zu
schlagen, mit denen er sich zähen Siegergeist wie durch eine Eucharistiefeier
einzuverleiben hoffte. Überpünktlich stieg er in seinen 911er GT3-Porsche, der
als Dienstwagen der Erzbischöflichen Finanzkammer gemeldet war, um
pünktlich an den Wettkampfort zu gelangen. Auf der A92 brachte er seinen
Wagen auf Speed. Wobei sein Geschwindigkeitsrausch heute durch eine
Mercedesfahrerin getrübt wurde, deren Hände wild um eine Beifahrerin
herumfuchtelten.

Die Fahrerin, Tante Genoveva, war sehr aufgebracht, was sich besonders am
barschen Herumreißen des Lenkrads zeigte. Eine ihrer Kaffeefreundinnen
begleitete sie zu einem Facharztbesuch, hatte sie sich doch vor Kurzem
anhören müssen, dass ihr Taillenumfang und der Triglyceridspiegel im Blut recht
bedenklich seien und daher eine Gewichtsreduktion angezeigt wäre. Sie war
nicht sehr weit von einer überaus ansehnlichen Figur entfernt, an der alle
Kleidchen durchaus körperbetont und höchst sexy sitzen würden. Aber nach
manch anstrengenden Finanzdebatten mit ihren Freundinnen, die ja alle keine
Ahnung hatten und nur von ihren wohlhabenden Männern lebten, wurde
regelmäßig ein Haschpfeifchen herumgereicht. Wobei die THC-Moleküle die
Gehirnrezeptoren dermaßen anspornten, dass Genoveva immer wieder das
Phänomen des Heißhungers überfiel, der ihre Kleidergröße ein wenig gesprengt
hatte.

Das Erproben von Appetitblockern hatte dabei keine Erfolge gebracht. Und für
sportliche Maßnahmen blieb keine Zeit. Wobei ein Fitnesscenter wie am
Stiglmaierplatz sowieso nicht infrage gekommen wäre. Dort wurden im vierten
Stock unter schonungsloser Ausleuchtung und für alle Passanten sichtbar
Unmengen an Körperfett ausgestellt, dazu arthritische Gelenke und
rheumatische Beckenschwünge, die mit Hilfe eines Screens direkt auf die
Straße übertragen wurden. Daneben Gummipüppchen, die ihr Fahrgestell zu
einem wenig anstrengenden, aber videotauglichen Pilatestraining ausstellten.
Für solchen Firlefanz war keine Zeit.
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Tante Genoveva redete eifrig auf ihre Beifahrerin ein, dass der sie
einbestellende Arzt ein Stümper sei, der in ihr sowieso eine Säuferin mit
schwerer Leber- und Niereninsuffizienz sehe, nur weil sie mal erwähnt hatte,
dass sie statt Schlaftabletten lieber ein Glas Rotwein zu sich nehme. Der Arzt
hatte ihr daraufhin heiße Milch mit Honig und Weihrauchtabletten empfohlen,
zur Stimulierung der Schlafbereitschaft. Worauf sie ihn entrüstet angeblafft
hatte, ob sie mitten in der Nacht aufstehen und in aller Gemütsruhe den Ofen für
eine heiße, womöglich noch laktosefreie, Milch anstellen und mit Weihrauch sich
den Magen verderben solle. Sie brauche, so hatte sie weiter ausgeführt, ihr
Oberstübchen klar wie einen Gebirgssee. Und Weihrauch wäre auch nichts für
das Studium von Börsen und Derivaten, das würde ihr nur das Hirn vernebeln,
was sie schon bei diversen Messen beobachtet habe, die sie aufgrund des
Weihrauchs wie auf Inlineskates erlebt habe. Danach, so Genoveva, hätte der
Arzt sie seinerseits angesehen, als hätten sie die typischen Alkoholiker-
Ausfallerscheinungen übermannt und als fiele ihm als Therapie nur kalter Enzug
ein.

Woher sollte sie überhaupt die Zeit nehmen, sich um Ernährung, Straffung des
Bindegewebes mit Dinkelkuren und die Traktion verklebter Faszien zu kümmern,
wie es ihr Arzt salbungsvoll empfahl? Die Geschäfte mussten weiterverfolgt
werden, gerade angesichts volatiler Börsen, die ihr Dagobert Duck-Händchen
zeitweise an schlafwandlerischem Geschick verlieren ließen. Zeitweise hatte sie
sich schon am Blackjack-Tisch im Miesbacher Kasino oder als verschrumpeltes
Weiblein bei der Selbsthilfegruppe Gamblers Anonymous gesehen.
Wahrscheinlich hätten dann ihre Hexenzähnchen unablässig Zahlen gebrabbelt
und nach einer Palette Jägermeister verlangt. Jetzt aber schädigte auch noch so
ein blöder Porschefatzke ihre Retina durch dauerndes Aufblenden...

Der rücksichtslose Porschefahrer hinter ihr trieb seinen Wagen an wie ein
radikalisierter Imam opferwillige, auf paradiesische Belohnung hoffende
Gläubige. Als Tante Genoveva wutentbrannt ihre Fahrspur räumte, dem
Porschefahrer den Vogel zeigte und dazwischen den Mittelfinger streckte,
schreckte Pater Alberto auf. Er war geistig nicht beim Autofahren gewesen und
hatte gedanklich und geistig Kampfkombinationen vorweggenommen. Beim
verkrampften Fingertippen der bis eben noch als Verkehrshindernis
einzustufenden Dame dachte er: „Oje, ein Schlaganfall, möge jemand der
armen Seele helfen.“ Er bekreuzigte sich so formvollendet und mit
weitausholenden Schwüngen von der Stirn zur Brust, dass es einem honorigen
Burg- und Residenztheaterschauspieler zur Ehre gereicht hätte.

Die Tante fauchte ihrer geduldigen Begleitung zu: „Schau dir den Fatzke an, der
macht sich auch noch lustig. So was gehört angezeigt oder gleich ins
Irrenhaus.“ Sie klopfte aufs Lenkrad, auf das einer von Bernies Freunden ein
Bildchen gemalt hatte. Es zeigte die Apostel Matthias und Simon, die mit den
Martyriumsattributen Beil und Säge den Zimmermannsberuf des Heiligen
Joseph andeuten.
27
Bernies begabter Freund war zwar eigentlich Sprayer, ein heidnischer noch
dazu. Aber er hatte damals geäußert, dass das Bild nicht nur schützen, sondern
auch dafür sorgen würde, die „fucking assholes“ leicht von der Rennbahn zu
schieben.

Ob es an diesem Bildchen lag? Der nach hohen sportlichen Weihen strebende


Pater Alberto scheiterte bereits am ersten Taekwondogegner. Ein Drehstoßtritt
zum Kopf ereilte ihn just in dem Moment, in dem er sich selbst in einem Spiegel
in Kampfstellung sah und bewunderte, wie nobel er die Räume mit Schönheit
durchflutete. Seine Selbstgefälligkeit erhielt wenige Wochen später einen
weiteren Knacks, als ihn der Kardinal hochnotpeinlich befragte, warum er denn
auf Torpedospuren des Erzengel Michael überhole und sich dabei bekreuzige.
Pater Alberto war danach lange Zeit nur ein halber Mensch, da der Porsche
flensburgpunktbedingt ruhen musste.
28
Body-Art

Die Touristen an der Feldherrnhalle beschäftigten sich mit ihrem Konditor-Eis


und den Fotos der Theatinerkirche. Einer setzte sich jubelnd auf einen der
steinernen Löwen des Bildhauers Wilhelm von Rümann und gebärdete sich so,
wie sich seiner Ansicht nach Helden auf lebensechten Löwen zu geben hätten,
Typus Südamerikanischer Kolonialherr. Während andere den Löwenaufstieg
mehr als Teil eines täglichen Fitnessprogramms einzuordnen schienen. Andere
wiederum veredelten ihr Löwenklettern, indem sie sich die frisch erstandenen,
handgenähten Schühchen aus der Residenzstraße überstreiften, das Jackett
geraderückten und eine betonte Gelassenheit aufsetzten, die den kurzen
Augenblick ohne Rendite und Wertzuwächse unterstreichen sollte. Einige saßen
wie Wächter des Genfer Zollfreilagers auf den Löwenrücken, schwitzend, mit
einer Miene, als wären sie einem Bild von George Stubbs entfallen. Dazu
diejenigen, die ein Hauch von Lässigkeit und Rotzigkeit umgab, Salzkrümel,
Schinkenfetzchen, Tabakflausen an den Lippen, verschlissene Ästhetik, Typen,
die eine emanzipierte Frauencombo ohne Aufwand in Lynchgelüste versetzen
konnten. Wieder andere saßen auf dem Löwen wie Hans im Glück oder glichen
Goethe in der römischen Campagna, von Johann H.W.Tischbein gemalt.

Bernie fuhr mit einer Oldtimerlimousine ein Hochzeitspaar von der Mandlstraße
zur Feldherrnhalle. Das Paar wünschte sich die Löwen dort als Kulisse und
Schutzpatrone ihrer Ehe, bevor es zum Empfang ins Aquarium der Residenz
gehen würde. Die Braut fühlte sich wohl als Madame de Pompadour. Sie trug
ein Brautkleidchen, einen einzigen geflochtenen Knoten, den man im
Überschwang einfach herunterreißen konnte und eine Pelzbesatzbordüre krönte
den Fummel. Die Frisur „en grand négligé; Ohrringe groß wie Salatköpfe und
Schmuck, der mehr Haut abzudecken schien als das Kleidchen. Die Braut
becherte ohne Unterlass Champagner. „Ein erquickendes Getränk, aber
matschbirnig macht es auch“, dachte Bernie, als er das Paar über die Stufen zu
den Löwen begleitete. Die Frau stolperte und krähte, dass ihr Ehemann sie doch
tragen solle. Nun gut, dieses Vergnügen, von Herren über Flüsse oder die
Spanische Treppe getragen oder aus brennenden Häusern etc. gehoben zu
werden, mag denjenigen vergönnt sein, die grazil und geheimnisvol sindl und
wie Kate Moss Untergewicht aufweisen. Aber die Braut mit ihrer spärlichen
Kostümierung und den „Fick-mich!“-Stiefelchen war bei Weitem nicht die
Zierlichste.

Man benötigte Hilfe. Bernie schüttelte den Kopf. Was die Menschen sich alles
antun, um zu vermeiden, nicht allein in ihre Wohnung zurückgehen zu müssen.
Gegen das Schinkenröllchen hatte selbst Tante Genoveva eine dermaßen
getunte Figur, dass sie damit jeden Dopaminspiegel hochschnellen lassen
könnte. Aber gut, die Braut musste auf den Löwen gehievt werden. Das
kümmerliche Männchen mit den Playmobilmaßen zitterte dabei wie ein
tollpatschiges Hündchen im Tierheim, in dessen Nebenzwinger sich
kampferprobte Straßenhunde balgen.
29
Die Braut erwies sich als Schauspielerin. Sie war seit langen Jahren Teil einer
Vorabendserie, deren Rollen nicht so anspruchsvoll waren. Ihr einziger großer
Erfolg war die Leonie aus dem Heinrich Mann-Stück „Die Schauspielerin“, die
sie eine Zeit lang auf der Bühne in St. Pölten gegeben hatte. Der Zukünftige,
dachte Bernie, würde all jene Gefühle bekommen, die sie tagtäglich gewohnt
war zu spielen. Wobei es die Möglichkeiten der eindeutigen Selbstdarstellung
einschränken würde, sollte ihr Mann aufgrund eines Berufs nur morgens oder
abends zum Publikum taugen.

Bernie erinnerte sich, dass der Braut beim Einsteigen in den Rolls Royce ein
Tablettenröhrchen heruntergefallen war, offensichtlich Psycho-Enhancer. Das
Gegengift gegen Ausbrennen, Hektik und Stress, gegen den Schleifstein einer
ungeliebten Arbeit, gegen die verhasste Patchworkfamilie des geliebten
Lebensgefährten. Polarisation des Unbehagens an der Kultur, schwüle Glocke,
die erst erlaubte, das Kammerspiel der Auseinandersetzungen mit den
Erwartungshaltungen der Umwelt aufzuführen, ohne zu starke
Gefühlsausschläge zu riskieren. Pharmaprodukte waren die neue Haute
Couture, die das Lifestyle-Gemüt schaffte, ikonische Modelle der
Selbstoptimierung, durchaus zu einer neuen Pharma-Biennale fähig,
kunstgemäß präsentiert, limitiert, geheimnisvoll. Irgendwie musste das
Unbehagen an der Kultur ja passend gemacht werden.

In diesem Augenblick erreichte ein Mann mit Speer und Lendenschurz die
Szenerie und machte Anstalten, sich direkt hinter die auf den Löwen gehievte
Braut zu setzen. Die schrie ihrerseits spitz, wie das Bräute nun mal so machen.
Der Gatte wollte sich nicht einmischen, da er just in diesem Moment
schmerzhaft sein Wirbelgleiten fühlte. Der Mann mit dem Lendenschurz hatte
einen langen Marsch hinter sich und wollte sich nur ein wenig setzen und
anlehnen. Wankelmütig, auf der Suche nach einer Aufgabe in den für ihn
zerrissenen Tagen, da sich seine Geliebte mit einem Kaffeequalitätsprüfer
davongemacht hatte, war er dem Rat eines Schamanen im Hamburger
Jenischpark gefolgt, der ihm zu Ayahuascasud und den Fußweg nach München
empfohlen hatte, dort würde eine Frau auf ihn warten. Der Jenischpark wurde
einst von Caspar Voght im englischen Stil angelegt, inklusive Mustergut, das
den Armen und Arbeitslosen den Lebensunterhalt sichern sollte. Daher war der
Park für Ratlose wie geschaffen, sich eines neuen Sinns zu versichern. War die
vor ihm sitzende kleine Babyspeckmaus also sein Schicksal?
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Glänzend im Sumpf der Unverträglichkeiten

Tante Genoveva wartete zu Hause bei einer Tasse Yogi-Tee. Gleich würde noch
die Flötengruppe ihres Damenkränzchens klingeln. Man hatte sich einen
Trommler hinzubestellt, das würde gut harmonieren. Bernie kommentierte
belustigt: „Ach ja, die Flötendamen. Die Flöte aus dem Knochen eines
Singschwans, gut zwölf Zentimeter lang und vermutlich neununddreißig Jahre
alt. Und ihr nehmt so etwas in den Mund und habt Spaß dabei.“ Als es
tatsächlich klingelte, begrüßte Tante Genoveva verdutzt einen Mann mit Speer
und Lendenschurz, der sich bei ihr erkundigte, ob sie die einzige Frau sei, die
hier wohne. Als sie das bejahte, machte er grußlos kehrt, um zum nächsten
Haus zu gehen.

Der spärlich bekleidete Mann erinnerte Tante Genoveva an Regionen, die sie
kürzlich für sich geschäftlich für sich entdeckt hatte. Vielleicht ein Kaffeebauer?
Sie hatte auf steigende Kakao- und Kaffeepreise spekuliert und riesige Mengen
Kakao- und Kaffeebohnen aus Afrika eingekauft. Tatsächlich war der Kaffeepreis
in die Höhe geschnellt. Doch dann stellte sich heraus, dass ihre Chargen auf
feuchten Böden gelagert worden und die Bohnen somit vom Pilz befallen waren.

Darum sollte sich ein befreundeter Anwalt kümmern, der zwar einen
preisgekrönten Stundensatz verlangte, den man aber mit einem bis in die
Haarwurzeln durchdringenden Ossobuco mit Safranrisotto und einer Crème
brûlée rabattfreundlich bekochen konnte. Den Rest würde die
Rechtsschutzversicherung leisten, die dem Anwalt die begehrten und lukrativen
nächsten Instanzen leichter machte. Und das war auch nötig. Schließlich trug
der Anwalt Verantwortung für die ins Internat abgeschobene Tochter und die
Gattin, die häufig Ayurvedakuren gegen ihren stressigen Alltag brauchte und
den jungen, mit Lotusblüten einfühlsam balsamierenden Therapeuten daher
regelmäßig aufsuchen musste. Es gab schon genug gescheiterte Anwälte, den
zum Beispiel, der etwas zu geschäftstüchtig gewesen war und gleichzeitig
Rechtsschutzversicherungen verkauft und die Dinge nicht so eng gesehen
hatte. Das hatte ihn seine Zulassung gekostet. Mit dem Ergebnis, dass er sich
täglich mit ehemaligen Corpsbrüdern durch die Studentennächte feierte und im
Park Cafe und dem Schwabinger Wolkenkratzer zechte. Wenn er seine
Kollegen antraf, dann reichte es nur zum Blickkontakt; einen Handschlag
vermieden alle, als hätte man es mit einem Aussätzigen zu tun oder als drohte
Satan, die in Weihwasser und ewige Unschuld getauchten Hände zu
beschmutzen.

Bernie hatte sich inzwischen mit seinem Teil des von Tante Genoveva gebrauten
Yogi-Tees ins Wohnzimmer verzogen. Er rührte den nach Kardamom duftenden
Tee so vehement, als wollte er wie ein neugeborener Schuhbeck den Schaum
auf Höhe der Frauenkirchtürme schlagen und mit dem firmeneigenen Logo
verzieren. Bei solchen Sachen konnte Bernie große Ausdauer entwickeln, das
Gegenteil traf dann auf ordentliche Arbeit zu.
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Bernie hatte die Befürchtung, das viele Geld könnte ihn womöglich zu
ekelhaften Handlungen oder schrankenloser Unterwerfung verleiten und damit
seinen links-anarchistischen Impetus verdrängen, der sicht mit dem
Warholschen Gefühl von Dekadenz und Anarchie, mischte. So blieb er ein
charmanter Verweigerer von Leistung und Fähnchen-nach-dem-Winde-Hängen,
sein chronischer Nihilismus konnte auf andere zersplitternd wirken.

Mit einem langen Stöhnen ließ sich Bernie auf Tante Genovevas Sofa nieder, als
wäre er von einer langen Odyssee zurückgekehrt. Sein Lederoutfit und das
Bandana ließen vermuten, dass er beim Truderinger Harley-Händler für die
Aufnahme bei den Hells Angels vorsprechen wollte. Weit gefehlt. Er nahm sich
den Dalí, später andere Drucke, die ihn nach Orientierungspunkten und
Essenzen suchen ließen und aus den von der Zeit diktierten Gedanken und
Unterhaltungsschleifen reißen sollten. Eigentlich gab es für ihn kaum Realität,
nur Illusionen ohne Gewissheiten. Die Jahre schienen nur aus Verzicht zu
bestehen, auch wenn alles im Angebot war. Lauter Optionen, die ihn ob ihrer
Fülle noch nicht einmal zu einer Prüfung oder Machbarkeitsstudie reizten. Alles
nur Beschäftigungstherapie von sinnloser Zerstörungskraft. Tante Genoveva
hatte das erst kürzlich nach ihrer Wüstensafari bestätigt. Selbst das
vermeintliche Nichts aus Sand sei dem Massentourismus zum Opfer gefallen,
Hotelketten hatten die Wasservorkommen unter sich aufgeteilt, unendliche
Quad- und Wüstensurfer-Karawanen die Stille und Leere begraben.

Bernies Gedanken schweiften ab. Er hing innerlich noch ein wenig der MVV-
Kontrolleurin der U6 nach Freimann nach, die ihn vor wenigen Stunden mit ihrer
gepolsterten und gut ausgestellten Figur zu weiterer sinnlicher Betrachtung
angeregt hatte. Verborgenes Mustern und Erheischen der Details ihres
Machetenkörpers hatte bei Bernie den Reiz des Heimlichen und Verbotenen
befeuert und in ihm den Wunsch nach einem Sündenfall mit pikantem
Sekundentod angefacht. Seine Vor-Stellungen hatte sie allerdings jäh durch das
Vorzeigen eines Dienstausweises unterbrochen, wobei der direkt vor ihm
platzierte Astralleib zu einem ausführenden Organ niederträchtiger Kontrollarbeit
mutierte. Aber jetzt, hier auf dem Sofa, hatte er sie für sich...

Im Nebenzimmer führte Tante Genoveva ein Gespräch mit einem Rotarier, der
ihr finanzielle Unterstützung für eine Charity-Gala abschwatzen wollte. Der
Rotarier war mit einem flammendrotem Kostüm bekleidet, um seine Körpermitte
war eine wuchtige Kette geschlungen. Bernie lächelte süffisant; in diesem Outfit
würde der Besucher seiner Tante Geld nie abspenstig machen können. Bernie
versank weiter in seinen Träumereien und musste erleben, wie sich die
Kontrolleurin von jeglicher Scham befreite und – da er keine gültige Fahrkarte
hatte - sich bereitmachte für das Abtasten von Bernies verborgenen niederen
Beweggründen. Rau bearbeitete sie seine Körperpartien, als sie beide, statt auf
die Sitze der U-Bahn, in zerwühlte Baumwollbettwäsche fielen. Plötzlich stürmte
seine on/off-Freundin Betty herein, zückte ihren brummenden Blackberry und
schlug wie eine hysterische Furie der Eifersucht um sich.
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Das brummende Geräusch riss Bernie aus seiner Phantasie, denn es kam
immer näher und rührte offenbar von einer verirrten Mönchszikade her, die wie
ein angeschossener Kampfhubschrauber durch die Luft torkelte, bis sie Kurs auf
den welken Nelkenstrauß nahm, dort ihre letzte Regung zeigte und von einem
Kronblatt herabstürzte. Er war kaum zu Betty und der Kontrolleurin
zurückgekehrt, als ein weiteres Insekt sich auf die moribunden Blüten stürzte
und wie vom Zehnmeterbrett im Freibad auf die Tischplatte fiel. Möglicherweise
waren diese Gliederfüßer von Übernahme- oder Verschmelzungsgelüsten
getrieben oder hatten eine Ahnung von fehlenden Zukunftsperspektiven. Es
musste wohl etwas mit den Blumen des Bösen auf sich haben.

Plötzlich stand Tante Genoveva in der Tür. „Wie ich sehe“, hub sie an, „hat dich
die Erschöpfung überwältigt. Und das nach einem Tag, der wie immer die
Ereignislosigkeit des früheren Zonenrandgebiets für dich hatte. Wir müssen den
von meinem Rotarier empfohlenen Oldtimer aus Aying abholen. Nimm zur
Sicherheit einen Werkzeugkoffer mit. Abfahrt jetzt.“ Bernie musste seinen
Einwand, dass er auf einen Anruf wartete, noch nicht mal aussprechen, denn
Tante Genovevas Werner Herzog-Blick machte jede Widerrede zwecklos.

Auf dem Anwesen einer Metzgerei in Aying wartete auf Tante Genoveva und
Bernie ein 600er Mercedes. Goldener Stern, goldene Türgriffe, weißer Lack und
bordeauxrote Innenausstattung. Das Geschmacksspektrum des Persischen
Golfs. Den Wagen hatte der Rotarier neben der Wurstküche einer Metzgerei in
Aying entdeckt, er hatte den Großeltern des Metzgers gehört. Sie hatten sich
regelmäßig sonntagnachmittags in den Wagen gesetzt – von dem zur Sicherheit
die Räder abmontiert waren, falls einer der beiden Betagten auf die Idee einer
Spritztour gekommen wäre. Der Großvater, steif, im Maßanzug, auf dem
Fahrersitz, die Großmutter, von schlanker Statur, daneben. Sie hatte ihm
unablässig Zigaretten mit einem Maschinchen gedreht und stets den
bodenlangen Rock etwas nach oben gestreift, damit ihr Mann, während er
bedächtig und ernst wie zu Adenauers Zeiten rauchte, über ihre
krampfadernfreien Waden und schlanken Füßchen hatte staunen können. Sie
waren kurz nacheinander verstorben.

Der Metzgerenkel wollte daher den Mercedes 600 an einen Liebhaber


verkaufen. Wobei eigentlich sein Bruder, der Zöllix, den Wagen für sich
vorgesehen hatte, woran er die Großeltern regelmäßig mit Geschenkkörbchen
an Geburtstagen und Feiertagen erinnert hatte. Zöllix war ein bekannter
Zuhälter, der sich in Moosach und Feldmoching ein kleines Lasterimperium
aufgebaut hatte.

Bernie kannte diesen Zöllix und hatte fast einmal Prügel von ihm bezogen. An
einem Tag, als der Himmel mehr die Tönung eines Steppenzebras annahm und
die Bürger der Stadt nicht unbedingt mit cremefarbener Milde dahinströmten,
hatten Freddy und er in einer Kneipe kickern wollen.
33
Das Spielgerät war eine Pleite, es war keine präzise Ballführung möglich, der
Ball pendelte unkontrolliert hin und her, so dass sich die beiden am Tresen
integrierten. Dort wurde mit militärischem Drill Bier getrunken. Erfreulicherweise
fand sich eine Flasche Gin für die beiden. Neben ihnen hing eine Lederjacke mit
geschmacklosen Applikationen. Nicht Rockabilly oder Vintage, eher so ein
Monstrum, wie es die harten Besucher eines Vicky Leandros-Konzerts tragen
würden. Auf der Lederjacke prangten niedlich herumtollende Hündchen und
über der Idylle thronte ein Pandabärchen. Lauthals zollten sie dem schlechten
Geschmack des Besitzers Komplimente und bewarfen die speckige Lederjacke
mit grimmigem Beavis and Butt-Head-Schabernack und Bierfilzkügelchen. Der
Lederjackenbesitzer war augenblicklich elektrisiert wie ein Stromkraftwerk am
Fuße eines künstlichen Wasserfalls. Freddy spürte einen dumpfen Knall auf
seiner Wange. Bernie erkannte sofort den Ernst der Situation, trieb Freddy
fluchend vor sich her und betete, dass der Golf anspringen würde.

Zöllix, der Lederjackenbesitzer, war durch die Mitarbeiter seiner Bordelle


devoteres Verhalten gewöhnt. Dreißig Jahre zuvor war er Sänger einer
gescheiterten Hitparadenkapelle und mit ihr sogar mal Vorgruppe von Trio
gewesen. Mit seinen kantigen Gesichtszügen hatte Stephan Remmler neben
den ernsthaften Capri-Pizzeria-Musikern, zu denen Zöllix gehörte, wie das
Porsche Carrera RS-Modell ausgesehen. Nach gescheiterter Gesangskarriere
hatte man ihm auf dem Arbeitsamt empfohlen, Aufgießer in der Kneippanlage
des Kurpavillons Bad Endorf zu werden, worauf er kopfschüttelnd und ohne
langes Fackeln ins Zuhälterdasein wechselte. Hier hatte er sich einen Namen
machen können. Nicht zuletzt durch seine Suiten, die thematisch mit Kunst von
Maurizio Cattelan oder Jeff Koons dekoriert waren. Er hatte auch einige hohe
Herren des Bayerischen Landesamts für Steuern als Kunden. Für die hatte
Zöllix ein Boudoir mit Eichenlaubkranz und kunstvollem Staatswappen
eingerichtet. Über den Himmelbetten schwebte ein weiß-blauer Adler, der die
steuerbedienstete Manneskraft mit dem Symbol der Sonne und des höchsten
altnordischen Gottes stärken sollte. Analog zum Heiligen Benno, dem
Schutzpatron Münchens, wurde der Zuhälter Schutzpatron ausgewogener
Beischlafproportionen und aufgrund seiner Kundschaft Liebeszöllner oder
einfach Zöllix genannt.

So ging es Zöllix und seinem Metzgerbruder beiden um die Fleischeslust, aber


beide waren schon lange zerstritten. Regelmäßig kaufte Zöllix bei seinem
Bruder provozierend einhundert Gramm Aufschnitt, wofüri er seine Ludenbrille
und die eisenbeschlagenen Cowboystiefel anzog und sich stets vordrängelte,
während aus seinem direkt vor dem Laden abgestellten Wagen die aktuelle
Prinzessin blinzelte. Insofern wunderte es niemanden, dass zwischen dem
Metzger und seinem Bruder nach dem Tod der Großeltern ein deftiger Erbstreit
entbrannt war.
34
Während Tante Genoveva den vom Metzger angebotenen kleinen Imbiss mit
Carpaccio und Roastbeefhäppchen zu sich nahm und glucksend Prosecco Rosé
schlürfte, kontrollierte Bernie die Fahrbereitschaft des mittlerweile mit Rädern
versehenen Wagens. Er probierte die Zündung des Daimlers, schaute unter die
Motorhaube und hupte schlussendlich die Tante heran, die vom Metzger locker
zwitschernd gebracht wurde. Bernie würde in nächster Zeit nicht viel Gegenwehr
bleiben, wenn Tante Genoveva ihn um Chauffeurdienste mit dem royalweißen
Mercedes 600 bitten würde. Während Brian Wilson mit seinem Sonnengesang
Aying in ein kalifornisches Meer der guten Laune verwandelte, sahen beide
einen immer kleiner werdenden Mann im Rückspiegel, der mit verzerrtem
Gesicht wie von Bacon durchgepinselt hinter ihnen herlief.

Zwei Tage später las Tante Genoveva in der Zeitung, dass ein Gestörter das
Gartengrundstück des Metzgers mit den Profilreifen seines SUV sadistisch
umgepflügt und auf Metzgereikunden mit Schweinehälften einzuschlagen
versucht hatte, worauf er ins Bezirkskrankenhaus geschafft worden war.
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Bernie unterm Teppich

Bernie kämpfte sich unter seiner Bettdecke hervor und taumelte durch sein
Schlafzimmer wie ein dissoziativer und von Morphium benebelter Wanderer. Die
Nacht hatte Freddy bei ihm auf dem Sofa verbracht, da der Abend mehrere
Rieslingflaschen beinhaltet hatte. Tante Genoveva hatte nämlich jüngst einen
ganzen Jahrgang davon bei ihrem Lieblingswinzer gekauft. Der Riesling
entsprach genau ihrem Geschmack, ohne Herbizide und Insektizide. Zwischen
den Rebstöcken durften Kamille, Rauke, Schafgarbe und wilde Erdbeeren
wachsen, sodass naturbelassene Weine entstanden, die zum Genuss Köpfchen
brauchten und ab einer gewissen Menge Köpfchen kosteten. Deshalb hatte
Freddy übernachtet. Er war sofort nach Bezug seines Sofas in ein Schnarchen
übergegangen, dessen Dröhnen bald von einem rasselnden Atem verstärkt
wurde. Mit Hacken und Schaufeln pulverisierte Freddy die Hirnschale des
bemitleidenswerten Bernie, bis das Schnarchen erst einer Bläsergruppe, dann
einem lauten Grunzen wich. Freddys Schnarchen und der Riesling, das war eine
tödliche Kombination.

Als Bernie durch die Wohnung tappte, war Freddy schon gegangen. In der
Küche stach ihm eine merkwürdige Schüssel ins Auge, daneben eine leere
Flasche. Mist. Sie hatten den tschechischen grünen Schnaps mit einer Tüte
Lakritz gemischt und als Digestiv gesoffen. Kein Wunder, dass er sterbenskrank
war, einen scheußlichen Geschmack im Mund hatte und in seinem Kopf eine
Tsunami-Druckwelle tobte. Als er Wasser in das Spülbecken ließ, bildete sich
sein Selbstportrait mit Kater ab. Er sah etwas verloren den Seifenblasen
hinterher und mimte mit dem mittlerweile übergeworfenen schwarzen
Rollkragenpullover den Existentialisten am Spülfeld, als wäre es ein DJ-Pult.
Bernie machte sich in kreisförmigen Bewegungen an den Tellern zu schaffen
und musste zugeben, dass er dieses Schaumbad sogar genoss. Die
Seifenblasen des Spülwassers bauten die Farbabschlüsse prismatisch wie ein
Feininger-Bild in ihren luftigen Hohlräumen auf. Abspülen war wie ein
Museumsbesuch mit viel Zeit und großer Stille. Bernie tänzelte zu „Sloop John
B“ mit Brian Wilson und dem Drumkiller Dennis Wilson die Teller und Gläser in
den Schrank, während die Seifenblasen von der Morgensonne mit Goldfolie
umwickelt wurden.

Wohl oder übel musste Bernie den Staubsauger hervorzerren, denn


Damenbesuch hatte sich angekündigt. Aber nicht von dem Kaliber, bei dem man
hingebungsvoll die Augen schloss und sich in ein wollüstiges Palmenparadies
mit saftigen Ananas treiben lassen konnte, eher von der jener Art,, bei der man
wie im Hitchcock-Film mit weit aufgerissenen Augen den rabiaten Sturzflug der
Vögel erwartete. Er tat sich selbst ein wenig leid und war gleichzeitig wütend auf
sich. Tante Annabelle hatte bereits ein Gastgeschenk avisiert, eine kitschige
»griechische« Vase, so groß wie Henry Moores „Liegende“.
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Der Radiomoderator, den er nach Abschalten des Saugers wieder vernahm,
schnatterte frech, dass die Privatinsolvenzen jährlich um zehn Prozent steigen
würden. Das Kabel des Staubsaugers hatte sich wohl verknotet und je länger er
sich darin vertiefte, umso mehr erkannte er, dass der Teppich noch die
Geschichte des Vorabends erzählte. Aus den ungekämmten Fransen lugten
kleine Apfel- und Weintraubenkerne, die den Teppich wie Perlen einer
Rastafrisur umgaben.

Tante Annabelle, so fürchtete er, würde die wahrscheinlich extrem


geschmacklose Vase stolz positionieren, dreißig Bilder mit ihrem iPhone
machen und genüsslich schnalzen: „Weißt du, was das für ein Aufwand war,
diese Vase aus Kreta rauszubringen? Wie die mich am Flughafen durchsucht
haben? Als hätte ich Verbotenes in der Vase.“ Bernie stellte sich vor, welche
heißen Schauer der Tante über den Rücken gerieselt sein mochten, während sie
die prinzipienverdrossene Musterung des schnurrbärtigen
Flugsicherungsbeamten mit dem mediterranen Teint als Annäherungsversuch
interpretiert hatte. Zugegeben, sie hatte immer noch blondes Haar, ungefärbt,
und konnte in ihrer Altersgruppe, ähnlich wie Tante Genoveva, als „queen of
beauty and suspense“ gelten. Aber das überall empfangbare Kabelfernsehen
und diverse Internetforen hatten schon lange sehr junge Schönheiten mit
stählernem, unzerstörbarem Körperbau in den Fokus der männlichen Begierde
gerückt. Auch Annabelles Lebensgefährte war, wie der von Tante Genoveva,
früh gestorben. Seitdem klopfte ihr täglich das einsame Leben auf die Schulter.

Keiner wusste dieses Alleinsein besser nachzuempfinden als Bernie, den die
Einsamkeit trotz der immer wieder mal heftig aufflammenden Beziehung zu
Betty umgab. Betty vor Kurzem einen Kinderwunsch angedeutet, mit allem
drum und dran und der dafür scheinbar unabdingbaren, allumfassenden
Inbesitznahme. Betty war trotz aller Unstetigkeit fixiert auf die Liebe, mit der sie
die Welt verklärte, während alles in Bernie nach Unerreichbarkei“ und Freiheit
lechzte. Bei dem Gedanken an Heimat, Dirndl-Akkordeon-Gesang, Milchschnitte
und Überraschungseier wurde ihm schlecht. Er war froh, wenn er für die
wenigen Limousinendienste guten Gegenwert erhielt, mit dem er sein Konto für
die eine oder andere Eskapade aufpolstern und in den Tag hineinleben konnte.
Er träumte von einem lebenslangen Privatierdasein ohne große Verantwortung.
Kinder? Nein, eher nicht. Für die genetische Replikation würde wohl Ähnliches
gelten wie für die körperliche Vereinigung, nämlich der Wunsch, der eigenen
Landkarte etwas Vielschichtiges einzuhauchen, dem Ich etwas Schillerndes zu
verleihen, einen Kampf gegen Langeweile zu führen, bei dem man einander
wechselweise Fluchthelfer wäre.

Familie, das klang nach Satellitenschüsseln am Balkon, coupon-Schnittchen,


geöffneten ebay-Tabs mit Handtäschchen, einer Legoland-Einrichtung mit
goldenen Buddhas, Seidenblumen und Tonschüsselchen, im Bad einen Gauguin
mit hübschem Pont-Aven-Blick. Wobei die Betty ja eigentlich nicht zu diesen
Frauen gehörte. Schlau wie sie war, bot sie neben ihrem Job im Marketing
Lebens-Coachings und Yoga auf der Rapunzelwiese mit
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Klangschalengeklimpere an, um Profit aus der „Diktatur der Angepassten“ und
ihren vorgezeichneten Ausstiegswegen zu schöpfen. Zudem konnte Betty mit
ihrem Bleistiftrock und den hauchzarten schwarzen Mikronetzstrümpfen nicht
nur seine sexuelle Begierde bis an den Rand des Wahnsinns treiben. Was sollte
er tun?

Um den Zwiespalt zu lösen, hatte ihm Tante Genoveva empfohlen, den Rat
einer Psychologin einzuholen. Und er hatte Freddy gefragt, ob er denn eine gute
Psychologin zur Hand habe – hatte er! Als Bernie zur Praxis kam, öffnete ihm
eine honigblonde, schlanke und großgewachsene Frau. Was er nicht wusste,
aber Freddy schon: Das Psychologiestudium und der Abschluss als Therapeutin
waren Fake, wie sich mit ein wenig Suchmaschinenrecherche herausfinden ließ.
Schon Abraham a Sancta Clara, der Augustinermönch, hatte vor über
dreihundert Jahren gewusst: „Wer heucheln und schmeicheln kann, der ist
heute ein gemachter Mann.“ Anfangs wunderte es Bernie, dass seine
Therapeutin, während er erzählte, sehr viel „Raum für einen Diskurs“ ließ, dabei
zwei sehr saftige Brüste in einem sorgfältig dekorierten Dekolletee präsentierte
und versonnen einen Brieföffner phallisch in der offenen Hand hin und her
schob. Bald wurde ihm aber durchaus bewusst, dass sie das Zeug dazu hatte,
ihm bei der Entscheidung zu helfen. Seitdem war er von Zeit zu Zeit, manchmal
auch nur in Gedanken, in Behandlung, einer Therapie, bei der die Körper
tanzten und wenig gesprochen wurde.
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Chione und Sisyphos

„Erinnerung ist wie eine schwere Mehlspeise, die dir im Magen liegt und dir den
Tag verdirbt.“ Tante Genoveva nahm bereits um sieben Uhr früh Fahrt auf, um
dem noch von der Nacht geschundenen Bernie auf der Nase herumzutanzen. Er
hörte ihre aus unsichtbaren Schornsteinen rauchende, sich immer höher
schraubende Stimme, die keine Antwort erwartete. Bernie schippte Schnee, der
sich über Nacht aufgetürmt hatte. Er wollte Ruhe, seine Drinks abarbeiten und in
einer Art Runner‘s High robotergleich die weiße Pracht erledigen. Die Tante
stocherte martialisch mit der Stiefelspitze in einem Schneeberg, der von Bernie
am Gartentor angehäuft worden war, sodass sich ein großer Ballen löste und
auf die frisch geräumte Fläche flog. „Kannst du nicht aufpassen? Das Stück hab
ich grad vor einer Minute geräumt, soweit ich mich erinnern kann“, pflaumte
Bernie zurück. Da stand sie, ohne eine Spur von Scham, und präsentierte sich
in ihrem Blaufuchsmantel. Geradezu unverfroren, erst recht in diesen Zeiten, in
denen es aus jeder Ritze nur so nach Klimawandel, Kleinsparertum und
Flugscham roch. Aber gerade das war für sie ein Ansporn: jetzt erst recht.

Tante Genoveva, wie eine Bavaria in ihren Pelz eingehüllt, bewegte sich
geradezu magistral. In den Mantel waren ihre mindestens vier Persönlichkeiten
eingearbeitet. Vor allem eine war ständig ersichtlich: ihre glamouröse Arroganz,
die im Überfluss daherkam und an manchen Tagen wie ein Panorama
auffächerte, sodass die Symptome in einem medizinischen Lehrbuch eigentlich
ihren Namen hätten tragen müssen. Es war keine allzu überzogene, sondern
eminent musikalische Arroganz, die zeigte, dass Tante Genoveva ihr Anderssein
genoss. Sie durfte das auch, hatte sie doch ihr Vermögen ohne große Hilfe
alleine erwirtschaftet. Sie hatte sich klugerweise schon nach ihrem zweiten
Ehemann mit dessen Finanzwelt und -können verschränkt. Sie war es gewohnt,
das zu bekommen, was sie begehrte. Ihr war jedes Zaudern und langes
Herumgenippe an zeitverschwendenden Aktivitäten zuwider. Ganz im
Gegensatz zu Bernie.

Der wünschte sich einen Orkan, der Haus und Auto sowie die Tante samt
Pelzmantel und hohen Stiefeln wegblasen würde. Wenn sie wenigstens
Fellschühchen mit Lammfelleinlagen übergezogen hätte, wie sie ehrenamtliche
Damen bei der Ganztagsbekochung in Waldorfschulen oder frühpensionierte
Lehrerinnen trugen. Bernie hing der Schal vor etwas übertrieben zur Schau
gestellter Schaufelarbeit bis an die Schuhspitzen. Das Fußball-Wappen der
Sechzger wirkte ganz gewiss nicht mehr wie eine Trophäe. Er stand mit seinem
Fuß drauf, zerfetzte es und bemerkte das noch nicht einmal. Über ihm kreiste
eine Krähe. „Du hast wohl nichts zu tun, du Vogelvieh“, dachte Bernie neidisch.
Er schippte und wurde zunehmend zufriedener. Er hatte an der Sisyphosarbeit
machte ihm Freude und er hatte sein Zentrum gefunden, wie jemand, der sich
nicht durch den Alltag zappte und auch nicht großsprecherisch ständig seinen
Status kommunizieren musste. Während Bernie den Schnee von Mauer zu
Mauer schob, fühlte er kurz ein Glück, das man vielleicht nur auf Dach der Welt
erleben konnte.
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Tante Genoveva straffte ihren Blaufuchs um den Hals und raunte: „Bind dir doch
den Schal um. Ist kalt hier.“ Sie, die nur ausnahmsweise mal ein nettes, liebes,
herzerwärmendes Wort über die Lippen brachte, hatte ihm jetzt schon eine
direkte Herzensbekundung zuteil werden lassen. Gerade in ihrem „doch“ war
ungemein viel Zuneigung enthalten gewesen, eine Manifestation von Sorge,
geradezu überschäumendes Wohlwollen.

Tante Genoveva eilte ins Haus und kehrte wenig später frisch herausgeputzt
zurück. Sie trug jetzt ein kleines, enganliegendes Pelzcape, wie es auch das für
Prügelwettbewerbe taugliche Ewigkeits-mdel Naomi Campbell bei ihren
Freifahrten in Liebesparadiese trug, wenn sie nicht gerade mit der Präsentation
von Unterwäsche zu tun hatte. Tante Genovevas Füße steckten in texanischen
Cowboystiefeln mit Stahlspitzen, und um den Hals trug sie ein gerüschtes Tuch,
das den wenig den türkisfarbenen Eidechsenanhänger streifte, der auf ihrem
nackten Dekolletee prangte. Das ist unmöglich altersgemäß, dachte Bernie,
aber irgendwie so heiß, dass der Schnee gleich ohne mein Zutun verdampft.
Bald würde die Faschingszeit beginnen, offensichtlich hatte sich Tante
Genoveva einiges vorgenommen...
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Aschermittwoch am Rosenmontag

Bernie saß müde und mit glasigen Augen inmitten seiner recht intensiven
Mojitoausdünstung auf der Treppe des Gärtnerplatztheaters. Die
Lustvagabunden des Rosenmontags waren zu dieser Zeit schon geküsst ins
Bett gefallen. Oder mussten sich produktiver Tätigkeit hingeben, damit sie das
wimmernde Ächzen der Musen nicht vernahmen. Das rote Paillettenkleidchen,
das um seine Hüften spannte und mit dem sich Bernie als Hetero lächerlich
machen sollte, hatte ihm Freddy aufgeschwatzt.

In der Ferne sah er den kleinen Trottel, den er vor wenigen Stunden in einer Bar
kennengelernt hatte, Kurs auf den Gärtnerplatz nehmen. Es war einer dieser
Typen, die sich mal als Professor für Mathematik, Geologie oder Sinologie, mals
als vereidigter Psychiater für verliebte Homosexuelle ausgaben, nebenbei noch
Mannschaftsarzt beim FC Bayern waren und mit elf Jahren ihren ersten
vollzogenen Liebesakt mit der unersättlichen Sexbombe und Frau eines
Kinobesitzers aus Rosenheim hatten. Solch ein Narr stolperte heran mit seiner
Puschtra-Kinderharmonika Strolchi, aus der sich Töne herauswanden, die an
furchtzerfressene, zitternde Ferkelchen oder fragile Phantasiepflanzen
erinnerten, denen man boshaft mit Stecknadeln Löcher in die Blütenkelche
gestochen hatte. Der Narr trampelte über den Gärtnerplatz, wuchtete sich auf
eine der Bänke, rasierte vorher mit seinen klobigen Schuhen einigen
hingetupften, zartrosanen Alpenveilchen und den Dahlienkunstwerken Baby Bell
die Köpfe ab, bis er, angetan von seiner Freiheit, jegliche in den Frühmorgen
hineinschnurrende Sinnlichkeit der Despotie seiner Schnarchtöne unterwarf.

Die verbliebenen Ko-Existenzen der Blumenbeete ließen ihre Köpfe hängen und
sehnten sich nach dem passionierten Stadtgärtner, einem ehemaligen Sträfling,
der seine Freundinnen gerne mal grün und blau schlug, sich aber jedes
Blümchens wie ein aufmerksames Kindermädchen im Waisenhaus annahm, es
hätschelte und päppelte, dass die Gundi aus der Schankstube Tamino und
Pamina beim Pilseinschenken für die gestressten Bühnentechniker oder
Solisten des benachbarten Theaters verliebt aus der nach Reinigung
schreienden, kamelhaarfarben verrauchten Fensterscheibe schaute und sich
überlegte, ob sie die kitschige und grauselige Seidenblumendekoration und die
venezianischen Masken durch wöchentliche Blumengestecke austauschen
lassen sollte. Da würde der Stadtgärtner nicht Nein sagen, da es ein dickes
Geschäft wäre. Noch hatte der passionierte Landschaftsgärtner Gundis Avancen
ignoriert, weswegen sie auch seinen Prügeleskapaden entging, die er nur
anzettelte, wenn nach der Liebelei die Frauen übermütig wurden. Wenn sie
beispielsweise ausgiebig bestätigten, dass sie ja Pflanzen, Tiere etc., das ganze
liebreizende Programm, über alles liebten. Und im nächsten Moment, ohne mit
der Wimper zu zucken, eine Spinne totschlugen, weil sich deren filigranes, wie
von Renaissancekünstlern gepinseltes Netzkunstwerk über ihren
Schminkspiegel spannte.
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Bernie war angespannt, denn das betrunkene Etwas, das gegenüber den Schlaf
der Seligen genoss, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen. Bernies Gedanken
kobolzten wie Gaukler in seinem Kopf. Dieser abgerissene Mann, den er in einer
Boazn aufgegabelt hatte, musste einer sein, der sich mit seiner Kirmesmusik als
potentiell Wandernder ausgab, aber für das Weiterziehen zu lahm war. Jemand,
der die Gelöstheit von Kommen und Gehen torpedierte und sich mit
hinreichender geistiger Disziplinlosigkeit in alle Ecken des Gesprächs zu
drängen verstand.

Bernie stocherte nach einer letzten Zigarette und riss seinen Mund so weit auf,
dass mühelos das ganze verschnörkelte, von den Erdinger VHS-Besuchern
verehrte Gärtnerplatztheater hätte einrücken können. Er fuhr sich unkoordiniert
die Backenzähne entlang und bemerkte, dass ein struppiger Pelz auf seiner
Zunge lag. Er fingerte nach dem Übeltäter und entlarvte eine Sprossenachse
der Mojitominze. Dieses kleine Staudenelement hatte sich unter seine Brücke
geschoben. Das Zungenbein, der einzige Knochen des normalerweise zum
Schmecken ausgebildeten Muskellappens, lieferte sich nun ein Kräftemessen
mit dem Pfeiler des Keramikzahnersatzes, um die störrische Pflanze zu
entfernen. Bis Bernie, dem Feinmotorik nicht in die Wiege gelegt war, die
Nerven durchgingen und er die Brücke mitsamt Pflanzenschleim auf den
Straßenbelag feuerte.

Er hatte kaum bemerkt, dass der lautstarke Schläfer mit dem quietschigen
Kinderharmonium mittlerweile angetorkelt gekommen war, um seinem Bruder
der Nacht einen Tusch zu spielen. „Hast du Zahnschmerzen?“, fragte er
dümmlich, als Bernie entsetzt mit dem Finger seinen Kiefer abtastete. Es
knirschte, als der Trottel unbeabsichtigt den teuren Zahnersatz unter seinen
derben Profilen zermalmte. „Dann hör mal zu“, hob er an, „da musst du dir
Gewürznelken zwischen die schmerzenden Zähne stecken. Oder noch besser:
Übergieße Steinklee mit einem Liter Wasser und gurgele damit. Und wenn du
noch Kreide dabei hast, musst du die reiben und in das Nasenloch der
schmerzenden Seite ziehen. Da geht’s dir gleich besser. Wenn du weiter so viel
Schnaps trinkst, kannst du gleich alle Zähne beerdigen.“ Dabei lachte er so
unangenehm metallisch laut, dass Bernie an die Max Goldt-Zeichnung
„Onanierende Dame, die in einem Anfall van Goghschen Wahnsinns
durchgestrichen wird“ denken musste. Der Wahnsinn begann auch an ihm zu
kritzeln und zu kratzen. Die beiden sich gegenüberstehenden
Streithanselbüsten von Gärtner und Klenze zuckten zusammen,
sympathisierten für einen kurzen Moment und begruben die Kampfaxt. Bernie
wusste nicht, was schlimmer war: die Kälte des täglichen Lebens oder die
Vulgarität; die fröhliche Ausschweifung oder die endlosen stumpfen Litaneien
der Volksredner, die sich enthemmt und genussvoll zu jedem Thema äußerten,
wie hier die Witzfigur mit der Faschingsharmonika.

Eine Bar wurde noch leergefegt und eine neu aufgepumpte Windböe staubte
Bernies Ingrid Steeger-Perücke mit pinkfarbenem Konfetti ein, an dem
grobkörniger Händlmaier- und scharfer Duschl Bräu-Hausmacher-Senf klebten.
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Der Barkeeper schäkerte vor der Tür mit seinem letzten Gast, der
erstaunlicherweise noch recht gut aussah, aber er trug auch einen
medizinischen Notfallkoffer, hatte sich also nicht mit vollem Ehrgeiz mit dem
Rausch vereinigen können. Sie sangen gemeinsam Fischerspooner: „I’m
looking for a pill, something to ease my will, a kick in the teeth.“ Den Kick konnte
Bernie gleich haben, denn mit den letzten Tönen schlugen sich die Schmerzen
in seinem Kiefer wie die stärksten Wrestler um den ersten Platz. Es wurde Zeit,
dass Bernie endlich ein akkurates Pain-Management ausarbeitete. Die
Zahnschmerzen waren das geringste Problem. Die Geldbörse war so gut wie
leer, aber für Wichtiges würde es noch reichen. Über ihm klimperte jemand ganz
annehmbar auf dem Klavier. Der Pianist des Theaters hatte sich am
Rosenmontag unglücklich in einen sensiblen Hundefriseur verliebt und spielte
das Adagio sostenuto der Mondscheinsonate mit Tränen in den Augen. Andere
hatten auch ihre Probleme.

Eigentlich, dachte Bernie, sollte ich schon lange über das Alter der
Drogenexzesse hinaus sein. Ein alternder, zum Gutmenschen weichgespülter
Punkrebell, der vor dem Abitur im Ratinger Hof sein erstes rhythmisches
Schreien mit provokanten Texten eingeübt hatte, schlaumeierte vor Kurzem,
dass die aktuellen Pop-Heroen mit ihren Heroin- und Kokain- und Reha-
Erfahrungen völlig überbewertet seien. Den speziellen Heroin Chic habe es
schon in den Siebzigern gegeben. Vielleicht stimmte das. Aber das wäre
genauso, als ob man bei jedem neuen Sportwagen herumbesserwisserte, dass
es doch auch so schöne Kutschen wie Pony Marathonwage K305, den
Landauer und vierspännrige Wagonetten gegeben habe. Es gibt zu viele
weichgekochte Knallnasen und durchgemogelte Lutschbonbons mit künstlichem
Vitamineinsatz, dachte sich Bernie grimmig. Seine Gedanken wurde jäh
unterbrochen, als jemand auf der Parkbank gegenüber Kämpfe mit störrischen
Kröten in seiner Speiseröhre ausfocht und mit dem Ergebnis sicher den Unmut
des passionierten Stadtgärtners erregt hätte.

Der Abend, so Bernies Resümee, war mal wieder überhaupt nicht von Erfolg
gekrönt gewesen. Irgendwann war Betty verschwunden und dann hatte sich
eine Mittdreißigerin an seinen Barhocker geklemmt, den sie ihm abluchste,
indem sie selbstmitleidig über ihre schweren Beine stöhnte. Sie, die sich von
ihrem Monatshoroskop günstige Ereignisse versprach, hatte ein Auge auf ihn
geworfen, ihn, Bernie, den vom Himmel herabgestoßenen Zauderer
erwerbspraktischer Tätigkeiten. Spontan und ungefragt fing sie an, ihre kleine
Welt vor ihm auszubreiten. So gebe es eine zwölfjährige Tochter, die in der
fünften Klasse nicht zurechtkomme, von allen gemobbt werde, auch von den
Lehrern schonunglos behandelt werde und keine einzige Freundin habe. Sie
habe gerade den Antrag auf Schulwechsel gestellt, für den sie mehrere
psychologische Gutachten gebraucht habe. Dieses vor sich hin brabbelnde
Weib in seiner Röhrenjeans, die in fünfzehn Zentimeter hohen Stiefeln steckten,
mit seinem schrillen, am Trommelfell nagenden Klagegesang und seinem
flatternden Shirt wäre eine wunderbare Vorlage für eine Kitschfigur von Jeff
Koons gewesen.
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Glucksend sog sie den dritten Mojito ein, den Bernie ihr mit „very frozen mood“
hinstellte und gleich bezahlte. Dabei schlabberte sie wie ein Nutztier an der
Tränke, während ihr üppiger braunroter Lippenstift die Glaswand einstrich.

Wie hatte er nur so blöd sein können? Tante Genoveva, seine edle Gönnerin,
die überhaupt keine Geldsorgen plagten, die sich eher damit befasste, warum
die Golfklubs in Gauting und Seefeld immer noch so günstige
Aufnahmegebühren hatten, ja, Tante Genoveva hätte er mitnehmen sollen. Die
hätte wohl verhindert, dass er der Jammersuse Drinks ausgab.

Bernie schlenzte in die Blumenhandlung am Bahnhof und kaufte für Tante


Genoveva die sündhaft teure Provence-Duftrose „Andre le Notre“. Obwohl er
weder von Aromatherapie noch von Krisenpsychologie etwas verstand, wusste
er, dass dieses Edelrose Parfum de Grasse Verstimmungen vertreiben würde.
Wie oft hatte er sich mit Tante Genoveva gestritten. Aber sobald er eine für
seine Tante so wichtige Nebensächlichkeit unangewiesen erledigte –
Blumenvasen geometrisch verschob, Platzdeckchen geradezupfte, die
Fernbedienung ausrichtete, das Teesieb reinigte, also dem bürgerlichen
Anspruch nachkam –, ahnte er, dass er sie wohl auch liebte und ihre Nähe
genoss. Er bejahte das Fremde, sie den ungestillten Rest des Ungeschliffenen.
Obwohl sie beide unterschiedliche Charaktere hatten, unvereinbar wie Puccinis
Lyrismus und Mussorgskys Klarheit, gab es eine tiefe, von innen kommende
Form des Respekts und der Zuneigung.

Langsam schlenderte Bernie nach Hause.


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Nachruf auf Doris Weininger (1966-2019)


von Andreas Heckmann

Mag die Katze auch neun Leben haben: Menschen haben nur eins, doch
manche vermögen es so zu füllen, dass man staunt, woher sie die womöglich
neunfache Kraft, Intensität, Gegenwärtigkeit dazu nehmen. Zu diesen Menschen
gehörte Doris Weininger. Unsere Zeitschrift hat sie seit Nr. 54 (2007) mit
fünfzehn wunderbaren Prosabeiträgen unter eigenem Namen und einem
Surplus als Miss Harmlos bereichert. Am 1. Mai ist sie mit nur 53 Jahren in
München gestorben.

Als Archivpflegerin firmierte sie in der Mitarbeiterliste von Am Erker - ein


Brotberuf, in dem sie für den Bayerischen Rundfunk tätig war, für das Erzbistum
München und Freising, für eine Tierschutzorganisation. Darüber hinaus aber war
sie eine begeisterte Theater- und Operngängerin, die über Johan Simons'
Kammerspielintendanz (2010-15) schwärmen konnte, eine leidenschaftliche
Konzertbesucherin (wobei ihr Bruckner-Messen so lieb waren wie Metal-
Konzerte), eine große Reisende, die herrliche Ansichtskarten aus Wien,
Lissabon, Sizilien schrieb, eine Kalligrafin, die etwa im Café Käthe
Ausstellungen hatte. Und sie pflegte enge Kontakte in die verschiedensten
Szenen, hatte donnerstags jour fixe mit Staatsanwälten, arbeitete ehrenamtlich
in der telefonischen Betreuung von Menschen in psychischen Krisen (wofür sie
eine komplexe Ausbildung absolvieren musste), war bekennende Katholikin, die
den Aschermittwoch der Künstler in der Frauenkirche praktisch jedes Jahr
besuchte, hatte gute Kontakte zu den Punkern von Soylent Gelb und hat immer
wieder ihre Punk-Sozialisation betont. Auch als Schöffin hat sie zehn Jahre bei
Gericht amtiert.

Um die Jahrtausendwende hatte Doris eine intensive Poetry-Slam-Phase, die


sie ganz Deutschland bereisen und in Chemnitz mal den zweiten Platz hinter
Jochen Schmidt belegen ließ. Und fast bis zuletzt hat sie sprudelnde,
arabeskenhafte, detailverliebte, stets zu Abschweifungen neigende Kurzprosa
verfasst, die voller Witz und Bosheit, Scharfzüngigkeit und Sarkasmus ist, neben
bösen Breitseiten auf saturierte Pfahlbürger aber auch immer wieder von
größter Empathie getragene Porträts von randständigen, marginalisierten,
kranken, wunderlichen Menschen enthält, von schrulligen Herzgewinnlern und
passioniert Scheiternden. Und oft hat sie ihren kritischen Blick auf das allzu
wohlig prosperierende München gerichtet, das fast besinnungslos in eine
(Innen)Stadt der Reichen und Schönen verwandelt wird, während
Krankenpfleger, Busfahrerinnen, Müllwerker, Erzieherinnen an die auch kaum
mehr bezahlbare Peripherie verbannt werden, genau wie Künstler und
Kulturarbeiter, denen immer öfter gekündigt wird, ohne dass ihnen noch
Ausweichplätze zur Verfügung stehen.
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"Die MS und ich, wir hatten uns arrangiert, aber der Krebs nimmt mir alles, was
die MS mir gelassen hat", hat sie ein Jahr vor ihrem Tod zu mir gesagt.
Tatsächlich ist zu der sehr kämpferisch ertragenen MS vor zwei Jahren ein
Krebs hinzugekommen, der sich schnell ausbreitete und dem nur mehr palliativ
zu begegnen Doris Weininger sich früh entschieden hat, um sich den schmalen
Lebensrest nicht mit den Nebenwirkungen von Chemotherapie oder
Bestrahlung, deren Erfolgsaussichten ohnehin verschwindend waren, zu
vergällen. Mit Doris Weininger ist ein Mensch gestorben, der jedenfalls in
München schon zu Lebzeiten eine - sehr nahbare - Legende war. Die Stadt ist
ärmer ohne sie, das fühlen alle, die sie kannten.