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Titel

Der gemeinsame Vater


Juden, Christen und Muslime nehmen ihn in ihre Gebete auf, jede der drei
Religionen reklamiert ihn für sich. Wer war dieser Abraham,
den Gott zu seinem ersten Jünger erkor – und der jetzt im Streit der Kulturen
als biblische Figur der Versöhnung dienen soll?

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er jüdische Kalender zeigte den
Monat Ijar des Jahres 5727 an, als
Abraham bei der Opferung seines Sohnes Isaak im Heiligen Land ein Feldzug ge-
auf einem Gemälde Caravaggios, um 1600 führt wurde, den die Sieger später Sechs-
Tage-Krieg nannten. In jener Woche, die
der weltliche Kalender als den 5. bis 10.
Juni 1967 ausweist, fühlte sich Israel an das
Sechs-Tage-Wunder der biblischen Schöp-
fungsgeschichte erinnert.
Am Anfang herrschte ein großes Tohu-
wabohu. Ägyptens Präsident Gamal Abd
al-Nasser hatte sich mit Syrien und Jorda-
nien verbündet und bedrohte den jüdischen
Staat. Am Ende der Woche aber, nachdem
die israelische Armee ein Territorium er-
obert hatte, das zweimal so groß war wie
das ursprüngliche Staatsgebiet, wähnte sich
so mancher Jude an der Schwelle zum Pa-
radies. Von „göttlicher Vorsehung“ spra-
chen fromme Juden und vom Beginn des
„messianischen Zeitalters“.
Der Messias, der den jüdischen Staat
von seinen Existenzängsten erlöste, trug
eine Augenklappe und eine Khaki-Uni-
form, die über dem Bauch etwas spannte:
Sein Name war Mosche Dajan. Mit einem
Präventivschlag gegen die ägyptische Luft-
waffe zwang der General die feindlichen
arabischen Heere in die Knie. Er errang
einen der spektakulärsten Siege in der an
Schlachten nicht armen Geschichte des jü-
dischen Volkes.
Obwohl Dajan kein gläubiger Jude war,
bewegte ihn eine geradezu biblische Mis-
sion: „Ich wollte die Vergangenheit, die
unter Ruinen und Hügeln verborgen liegt,
zum Leben erwecken – das Israel unserer
Erzväter, Richter, Könige und Propheten.“
So war die Einnahme des Westjordan-
lands mehr als nur ein strategischer Land-
gewinn. Für viele Juden kam sie der Rück-
kehr in ihre biblische Heimat Judäa und
Samaria gleich.
Nur wenige Stunden nach der Einnahme
Ost-Jerusalems rückten die Panzer 30 Ki-
lometer weiter südlich auf die arabische
Ortschaft Hebron vor. An Symbolkraft
steht dieser Ort der Heiligen Stadt in nichts
nach.
Von der Hügelkette, die sich rings um
Hebron zieht, konnte Dajan sein Ziel klar
erkennen: einen Monumentalbau, hoch wie
ein fünfstöckiges Wohnhaus, der sich über
die Fläche eines halben Fußballfelds er-
streckt. Mächtige Sandsteinquader leuch-
ten golden im Licht der Sonne. Die meter-
dicken Blöcke ähneln, nicht zufällig, denen
der Klagemauer in Jerusalem. Beide Hei-
ligtümer wurden vom selben Bauherrn in
Auftrag gegeben: dem jüdischen König
Herodes, der um die Zeitenwende als Vasall
Roms Palästina regierte.
Eingebettet in ein Tal mit jahrhunderte-
alten Olivenhainen, setzte Herodes der
Große im Herzen Hebrons jenem Mann
ein Denkmal, dessen Geschichte die
Menschheit bis heute in ihren Bann zieht,
dessen Glauben und Denken über alle
AKG

Epochen hinweg Künstler, Philosophen


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und Politiker fasziniert. In dessen Namen Hier leben wenige hundert israelische tionen abzuwenden. Selbst eher zurück-
Kriege geführt und Frieden gesucht wurde. Siedler unter rund 170 000 Palästinensern. haltende Theologen wie der Mainzer Bi-
Hinter Hebrons mächtigen Mauern ruht Kaum eine Siedlergruppe im Westjordan- schof Kardinal Karl Lehmann schreiben
für viele der biblische Urvater Abraham. land ist radikaler als die der Juden von He- Abraham eine wachsende „politische Be-
Der wohl erste Mensch, der an den Einen bron. Erst im Dezember kam es zu schwe- deutung“ zu „für den Frieden in der Welt“.
Gott glaubte. Der Vorfahr der Propheten ren Ausschreitungen, als ein von ihnen Die neue Heilsbotschaft ist so über-
Mose, Jesus und Mohammed. Der Stamm- besetztes Gebäude geräumt wurde, das sie zeugend wie revolutionär. Anstatt die
vater der drei monotheistischen Religionen angeblich legal erworben hatten. Aus Pro- Geschichte des Urvaters exklusiv für den
Judentum, Christentum und Islam. „Ge- test gegen die Evakuierung zündeten Ex- eigenen Glauben zu deuten, fordern libe-
priesen seist Du, Herr, Schild Abrahams“, tremisten mehrere palästinensische Häu- rale Juden und Christen, aber auch aufge-
heißt es im Schacharit, dem Morgengebet ser und Moscheen an, sprühten „Moham- schlossene Muslime die Besinnung auf das
der Juden. Das Abendgebet der Christen en- med ist ein Schwein“ auf Häuserwände. Verbindende in der Abraham-Geschichte.
det mit dem Dank an Gott für dessen Gna- Nicht nur der Nahe Osten, die gesamte „Abrahamische Ökumene“ heißt für den
de gegenüber „Abraham und seinen Nach- Welt ist bis heute geprägt vom Streit Tübinger Theologen Karl-Josef Kuschel
kommen auf ewig“. Fünfmal am Tag beten der drei monotheistischen Religionen. das Zauberwort. Der Professor, dessen
die Muslime für Ibrahim, wie Abraham auf Al-Qaida führt Abraham sogar als Alibi Abraham-Bücher heimliche Bestseller
Arabisch heißt: „Oh, Gott, segne Moham- für den Krieg gegen den Westen an. Aus- sind, kann es auch plakativer formulieren:
med und seine Nachfolger, wie Du Ibrahim drücklich begründete der Anführer bei den „Abraham ist der kostbarste Schatz un-
und seine Nachfolger gesegnet hast.“ Anschlägen vom 11. September 2001, Mo- serer gemeinsamen Religionsgeschichte.“
Drei Religionen, ein Urvater. Als wären sie plötzlich alle
Das konnte nicht gutgehen. Das Nathan der Weise, erkennen Füh-
Grabmal ist getränkt mit dem Blut rer aller drei Religionen, dass sie
von Anhängern der monotheisti- in Abraham mehr gemeinsam
schen Glaubensrichtungen. haben, als den meisten Gläubi-
Erst wurden die Juden von den gen im Westen gegenwärtig ist.
Römern verjagt, die Hebron bis Heute verweist sogar Papst Bene-
auf das Grabmal niederbrannten dikt XVI. auf die Chance, die
und das Christentum später zur sich den Religionen in der Gestalt
Staatsreligion erhoben. 638 nah- des Mannes aus Mesopotamien
men dann die Muslime unter Kalif dar-in bietet, „ihre Abstammung
Omar die Stadt ein und errichte- auf Abraham zurückzuführen“.
ten innerhalb der Mauern eine Diese „menschliche und geistige
Moschee. 1099 steckte der Kreuz- Einheit in unseren Ursprüngen
fahrer Gottfried von Bouillon und unserer Bestimmung“, er-
seine Fahne mit dem roten Kreuz klärte das Oberhaupt der katholi-
auf weißem Grund auf den schen Kirche während eines Tür-
Herodes-Bau. Zum Zeichen ihrer kei-Besuchs vor frommen Musli-
Verehrung gaben die christlichen men, fordere die Gottgläubigen
Krieger der Stadt den Namen heraus, „einen gemeinsamen Weg
Abraham. Inmitten des Grabmals zu suchen“. So tagte im Novem-
AMIT SHABI / LAIF

errichteten sie ein Kirchenschiff, ber in Rom ein neugegründetes


dessen Dach bis heute über die „Katholisch-Muslimisches Forum“,
Mauern hinausragt. um den interreligiösen Dialog zu
Nach der Wiedereroberung befördern.
Hebrons durch muslimische Sul- Abraham-Grabmal in Hebron: Boden von Blut getränkt Auch im Judentum wird die
tane war der Ort tabu für Juden Klage laut, dass Abraham als
und Christen. Demonstrativ setzten die hammed Atta, seine Tat mit dessen Erbe. gemeinsamer Vater verlorenging. Juden,
Mamluken vor 700 Jahren dem Herodes- Alle Muslime sollten sich „zu meinem An- Christen und Muslime seien doch alle
Bau zwei kantige Minarette auf. Von dort denken“ verhalten, schrieb der Terrorpilot „Bnei Avraham“ – Söhne Abrahams –,
rief der Muezzin die Gläubigen zum Gebet in sein Testament, und zwar „nach dem sagt der israelische Oberrabbiner Jona
in die „Ibrahim-Moschee“. Vorbild Abrahams, der seinem Sohn auf- Metzger. „Wie jeder Vater würde Abraham
Fromme Juden konnten nicht einmal in trug, als guter Muslim zu sterben“. erwarten, dass sich seine Söhne an einen
der Nähe ihres Stammvaters unbehelligt Ebendiesen Abraham, den „ältesten Tisch setzen, anstatt sich gegenseitig umzu-
siedeln: 1929 stürmte ein Mob die Häuser Streitfall der Glaubensgeschichte“, so der bringen.“ Wann immer Metzger es schafft,
und Synagogen der kleinen jüdischen Ge- Mainzer Religionswissenschaftler Thomas reist er zu interreligiösen Konferenzen.
meinde, die trotz aller Anfeindungen in der Hieke, entdecken immer mehr Gläubige Unter den sunnitischen Muslimen, die
Nähe des Grabmals lebte. Aufgestachelt als neuen Friedensstifter. Ausgerechnet in mit mehr als einer Milliarde die Mehrzahl
von ihrem geistlichen Führer, metzelten die dieser Konfliktfigur sehen Vordenker unter ihrer Religionsgemeinschaft stellen, gehört
arabischen Fanatiker 67 Juden nieder. den mehr als drei Milliarden Juden, Chris- der jordanische Prinz Hassan Bin Talal
Auch die Muslime von Hebron haben ten und Muslimen die vielleicht größte zu den einflussreichsten Förderern eines
ihre Märtyrer – bis in die jüngste Zeit: 1994 Chance, den Zusammenprall der Zivilisa- neuen Abraham-Bildes. Auch wenn Has-
drang der jüdische Siedler Baruch Gold- sans Neffe Abdullah II. mit Jordanien nur
stein in die Ibrahim-Moschee ein. Mit ei- 1. Buch Mose, Kapitel 17, Vers 7 ein kleines Reich regiert, reicht der Einfluss
nem Sturmgewehr mähte er 29 Gläubige der Königsfamilie über die Grenzen des
nieder, die sich zum Gebet am Schrein „Ich schließe meinen Bund Landes hinaus. Ihr Ansehen verdanken die
Abrahams versammelt hatten. 150 weitere zwischen mir und dir Haschemiten ihrer direkten Abstammung
Palästinenser wurden verletzt. samt deinen Nachkommen.“ vom Propheten Mohammed. Prinz Has-
Hebron heute, das ist eine Stadt im per- sans „Königliches Institut für interreligiö-
manenten Ausnahmezustand. se Studien“ macht es sich zur Aufgabe,
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„den hässlichen Ballast der Vergangenheit
abzuwerfen und uns der gemeinsamen
Werte Abrahams zu erinnern“.
Sogar in Regionen, die nicht gerade
für ihre Aufgeschlossenheit bekannt sind,
findet eine Besinnung auf die Gemein-
samkeiten der Religionen Gehör. So er-
klingen aus dem fundamentalistischen
Iran, mit seinen fast 65 Millionen Schiiten
mächtiger Wortführer der zweiten großen
islamischen Konfession, moderate Töne.
Zu den prominentesten Vertretern eines
Dialogs im Namen Abrahams gehört der

BRUNO MORANDI / LAIF


frühere Präsident Mohammed Chatami.
Die „abrahamischen Religionen“, so der
hohe Religionsgelehrte, besäßen „die glei-
che Wurzel“ und „eine einzige Substanz“,
die es zu nutzen gelte.
Orthodoxe Juden vor der Klagemauer in Jerusalem: Lobpreisung für „unseren Vater Abraham“ Es ist ja wahr, dass Abraham in allen
drei Religionen eine zentrale Rolle spielt.
„Avraham Avinu“ nennen die Juden den
Patriarchen voller Ehrfurcht: „Unser Vater
Abraham“. Denn ihm gab Gott – nach jü-
discher Lesart – ein doppeltes Versprechen,
ohne das es weder das „auserwählte Volk“
noch den Staat Israel gäbe. „Ich schließe
meinen Bund zwischen mir und dir samt
deinen Nachkommen“, heißt es im 1. Buch
Mose, auch Genesis genannt, mit dem die
Bibel beginnt.
Außer einer großen Zukunft schenkt
Gott Abraham auch eine neue Heimat:
„Dir und deinen Nachkommen gebe ich
ganz Kanaan.“ Jair Zakovitch, Bibelwis-
senschaftler an der Hebräischen Univer-
sität in Jerusalem, sieht in Abraham daher
„den ersten Zionisten“. Dass viele Juden
diese Bibelstelle heute wie eine Eintragung
ins Grundbuch Palästinas lesen, ist einer
der Gründe für den Dauerkrieg zwischen
Israelis und Palästinensern.
SINTESI / VISUM

Auch die Christen nennen den Mann aus


Mesopotamien ihr Eigen: „Dies ist das
Buch von der Geschichte Jesu Christi, des
Kardinäle auf dem Petersplatz in Rom: „Suche nach gemeinsamem Weg“ Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams.“ So
beginnt das Neue Testament. Deutlicher
lässt sich der Anspruch auf Abraham nicht
formulieren. Wie der Evangelist Matthäus
in akribischer Genealogie aufführt, ist der
Zimmermannssohn Jesus ein vielfacher Ab-
kömmling Abrahams. Ohne die Familien-
gründung des Urvaters also keine Geburt
Jesu. „Ihr Söhne aus dem Geschlecht
Abrahams und ihr Gottesfürchtigen“, heißt
es in der katholischen Weihnachtsliturgie,
„uns wurde das Wort dieses Heils gesandt.“
Der Prophet Mohammed steht dem Mes-
sias der Christen nicht nach. Auch er ist
laut seinem Biografen Ibn Ishaq ein direk-
ter Nachfahre des Urvaters. In „Ibrahim“
sehen die Anhänger des Islam einen ihrer
Stammväter. Im Koran beziehen sich rund
245 Verse in 25 Suren auf ihn. „Millat Ibra-
him“ sei der Islam, heißt es im heiligen
Buch der Muslime: „Religion Abrahams“.
ABACA / REFLEX

Doch was wissen wir eigentlich über die-


sen Vater der drei Religionen? War er wirk-
lich ein reicher Karawanen-Kaufmann und
Muslime vor der Kaaba in Mekka: Stolz auf die Religion ihres Propheten Ibrahim Eselszüchter, der im zweiten Jahrtausend
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vor Christus den „fruchtbaren Halbmond“ Volk“), steigt Hagar zu Kopf und treibt Gehorsam zieht Abraham los, den Berg
durchzog? So sah ihn William Albright, der Sara auf die Palme. Um seine Ehe zu ret- Morija hinauf, den Juden, Christen und Mus-
im vergangenen Jahrhundert die moderne ten, soll Abraham die Nebenfrau samt lime in der heutigen Jerusalemer Altstadt
Bibel-Archäologie begründete. Oder hat Sprössling in die Wüste schicken – und verorten. Die Spitze des Felsens, auf dem er
es den legendären Urvater vielleicht nie damit in den so gut wie sicheren Tod. seinen Isaak töten soll, wurde laut Bibel spä-
gegeben? „Abraham ist nicht zu bewei- Abraham findet sich damit ab, hat er doch ter zum Standort des ersten jüdischen Tem-
sen“, sagt der Archäologe Israel Finkel- endlich mit seiner Frau Sara, auch schon pels. Hier, so heißt es, fesselte Abraham sei-
stein von der Universität Tel Aviv. 90, den ersehnten Sohn bekommen. „Gott nen Sohn auf das Feuerholz, „streckte seine
Nach den Angaben der heiligen Schrif- ließ mich lachen“, freut sich die späte Hand aus und nahm das Messer, um seinen
ten war Abraham ein wahrer Supermann. Mutter und nennt ihren Sohn Isaak, he- Sohn zu schlachten“. Erst in letzter Sekunde
Mehr als tausend Kilometer brachte er bräisch Jizchak, in Anlehnung an das Wort stoppt ihn „der Engel des Herrn“.
hinter sich. Wenn er Glück hatte, saß er auf „lachen“. Der Opfergang war nur ein Test. Solche
einem Kamel, meistens war er zu Fuß Aber ausgerechnet dem schwergeprüf- Gläubigen braucht das Land, mag Gott
unterwegs und vollbrachte dabei Taten, die ten Abraham, auch er bereits weit über gedacht haben und erneuerte sein Ver-
reif wären für ein biblisches Guinness- hundert Jahre alt, verlangt Gott die härtes- sprechen: „dir Segen schenken in Fülle und
Buch. So war Abraham ein großer Er- te Glaubensprüfung ab. Er soll seinen Sohn deine Nachkommen zahlreich machen wie
finder, dem die damalige Landwirtschaft Isaak als Brandopfer darbringen. die Sterne am Himmel und den Sand am
die Sämaschine zu verdanken hat; Meeresstrand“. „In Abraham hat
als Architekt von Gottes Gnaden Gottergebenheit ein Gesicht be-
erbaute er die Kaaba in Mekka; kommen“, sagt der Alttestament-
als berühmter Astrologe konnte ler Hermann Spieckermann aus
er am Stand der Sterne ablesen, Hannover.
wann der nächste Regen fallen Ist das vorbildlich? Immanuel
würde. Weil er die Götzenbilder Kant verurteilte Abrahams Gott,
zerstörte, von deren Verkauf sein der mit der Opferung des Sohnes
Vater lebte, sollte er den Feuer- etwas zutiefst Unanständiges ver-
tod sterben – doch die Flammen lange. Auch Gott, so Kant, müsse
konnten ihm nichts anhaben. den Maßstäben der Sittlichkeit
„Keine andere Figur in den entsprechen. Der Däne Søren
drei monotheistischen Religio- Kierkegaard wiederum kritisierte
nen“, sagt der Experte Kuschel, dafür den deutschen Aufklärer:
„muss so viele Prüfungen beste- Der habe nicht verstanden, so
hen und wird hin- und hergerissen schrieb er in seinem Werk „Furcht
zwischen unglaublichen Verhei- und Zittern“, dass Gott nicht
ßungen und bittersten Enttäu- auf menschlich-moralische Kate-
schungen.“ Die Story vom Abra- gorien beschränkt werden dürfe.
ham-Clan enthält alles, was heute Ob die Story eigentlich histo-
im Fernsehen einen Quotenhit risch stimmte, interessierte weder
auszeichnet: Sex und Gewalt, Lug Kant noch Kierkegaard. Doch was
und Trug, Neid und Eifersucht. ist wahr an der Geschichte des
Dabei fing sein Leben erst mit Abraham, wie weit können wir
75 Jahren richtig an. 800 Kilome- den heiligen Schriften der Juden,
ter hatte der Alte da schon hinter Christen und Muslime überhaupt
sich gebracht, er war aus seiner Glauben schenken?
Heimatstadt Ur im Süden des Manche Experten behaupten,
ADPC / KEYSTONE-FRANCE / LAIF

heutigen Irak nach Haran im Süd- es ganz genau zu wissen. Mit Hilfe
osten der Türkei gezogen und der Altersangaben der Bibel und
dort hängengeblieben, bis Gott den Regierungszeiten berühmter
ihm Beine machte: „Zieh weg aus Könige datieren sie Abrahams
deinem Land von deiner Ver- Geburt auf 2166 vor Christus.
wandtschaft und aus deinem Va- Ausgangspunkt für die Rechnung
terhaus in das Land, das ich dir ist der Feldzug des Pharaos
zeigen werde.“ Zur Belohnung Islamische Darstellung der Opferszene*: Nach Mekka verlegt Schischak, der im fünften Regie-
sollte es endlich mit dem Nach- rungsjahr des Königs Rehabeam
wuchs klappen, den Abraham von Juda aus gegen Jerusalem
und seine Frau Sara längst abge- zog. Dieser Krieg im Jahr 926 sei,
schrieben hatten. sagt der Bamberger Alttestament-
Weil Gott sich mit der Ein- ler Klaus Bieberstein, das „frühes-
lösung seines Versprechens Zeit te innerbiblisch und außerbiblisch
lässt, setzt das Paar auf die zugleich sicher datierbare Ereignis
Leihmutterschaft, ein schon zu der Geschichte Israels“.
biblischen Zeiten praktiziertes Der Rest ist reines Rückwärts-
Verfahren. Die Ägypterin Hagar, rechnen: 480 Jahre vor dem Be-
Saras Dienerin, schenkt Abraham ginn des salomonischen Tempel-
ERICH LESSING / AKG

den Sohn Ismael („Gott hört“), baus (966) endete die Sklavenzeit
und damit geht der Ärger los. der Juden in Ägypten. Das Exil
Denn dass Gott dem Kleinen
eine steile Karriere verspricht * Oben: Malerei aus Persien, um 1600; unten:
(„Ich mache ihn zu einem großen Jüdisches Aquarell der Isaak-Opferung*: Völlige Gottergebenheit aus Palästina, 19. Jahrhundert.
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Beerscheba schar, Sebulon jamin
Rotes 12 Söhne 12 Stämme Israels
V

Meer
E

G nachbiblisch
N E Frühes Judentum
30 km
Islam Judentum Christentum 200 km

Mekka

im Pharaonenland dauerte 430 Jahre und „Tall Mardich“, eines Hügels im Norden Sy- sahen sie den Beweis, dass die Bibel kein
begann mit Jakob, dem Enkel, und Josef, riens, stießen sie auf eine vollständig erhal- Buch der Geschichten, sondern ein Ge-
dem Urenkel Abrahams. Weil die Bibel tene Bibliothek mit über 14 000 Tontafeln. schichtsbuch ist. Und manche sehen es bis
Abrahams Stammbaum mit genauen Al- Nach ersten Übersetzungen wurde klar, heute so – obgleich die Wissenschaft die
tersangaben versieht, landet man schließ- dass es sich bei dem Ort um das sagenum- Theorie inzwischen mit Distanz betrachtet.
lich im Jahr 2166 vor Christus. wobene Ebla handelt, das zwischen 2400 Denn die Personennamen waren seiner-
Diese Angaben füllen noch immer un- und 1600 vor Christus florierte. In einer zeit ziemlich weit verbreitet. Ähnlichkeiten
gezählte Bücher. Daran glauben aber heu- bislang unbekannten semitischen Sprache zu Figuren aus dem biblischen Umfeld des
te nur noch jüdische Traditionalisten und war zum Beispiel die Rede von „Ischmail“. Urvaters hielten einer genauen Überprü-
christliche Evangelikale, die auch davon Ein Beweis für die Existenz Ismaels? Einen fung nicht stand. Aus akkadischen Keil-
überzeugt sind, dass Abraham tatsächlich König „Ebrum“ wollten die italienischen schriften des 19. Jahrhunderts vor Christus
erst im hohen Alter von „hundertfünf- Forscher als „Eber“, den Ururururgroßva- mit der Zeichenfolge „A-ba-am-ra-ma“ oder
undsiebzig Jahren“ starb, „betagt und le- ter Abrahams, identifiziert haben. „A-ba-ra-ma“ den Namen Abraham und
benssatt“, wie es im 1. Buch Mose, Kapitel Zumindest jüdische und christliche Fun- dessen Existenz herzuleiten, hält der Theo-
25, heißt. Die moderne Forschung indes damentalisten jubelten. In den Funden loge Hieke für „höchst problematisch“.
erklärt die enormen Lebensspannen von Atheisten haben dennoch keinen Grund
Abraham & Co. mit einem Kunstgriff. Das Brief des Paulus an die Römer, zur Schadenfreude. Aus dem Grenzbereich
„biblische“ Alter soll die Bedeutung des Kapitel 4, Vers 11 zwischen Theologie und Archäologie, zwi-
Erzvaters unterstreichen. schen Glauben und Wissen, schimmert
Den Beleg für eine historisch verbürgte „Also ist es der Vater durchaus die Existenz eines Abraham auf.
Existenz Abrahams glaubten die italie- aller, die als Seriöse Bibel-Archäologen wie Dieter Vie-
nischen Professoren Paolo Matthiae und Unbeschnittene glauben.“ weger, Direktor des Deutschen Evangeli-
Giovanni Pettinato in den siebziger Jahren schen Instituts für Altertumswissenschaft
gefunden zu haben. Bei der Freilegung des in Jerusalem, glauben allerdings, der Ur-
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vater gehöre in eine jüngere Epoche: Die in Ausgerüstet mit Kladde, Bleistift und
der Bibel geschilderten Verhältnisse seien einer Kamera, schwebt die junge Michal
typisch für die Zeit um 1100 vor Christus. etwa fünf Meter nach unten, dann steht
Vieweger: „So wie Abraham umherzieht sie auf dem Boden einer Kammer. An der
als Nomade, um dann sesshaft zu werden, einen Wand entdeckt sie drei Grabsteine.
haben tatsächlich zu jener Zeit Kleinvieh- Auf der anderen Seite befindet sich eine
nomaden gelebt. Sie wurden zwischen kleine viereckige Öffnung. Michal kriecht
1200 und 1000 im Bergland westlich des hindurch und krabbelt durch einen niedri-
Jordans in kleinen Siedlungen sesshaft.“ gen Gang, der zu einer Steintreppe führt.
Darauf deuten nicht nur Viewegers 15 Stufen zählt sie, dann versperren ihr
eigene Grabungen in „Tall Zeraa“ nahe Steine den Weg. Sie klopft an die Decke
der israelisch-jordanischen Grenze hin. In und hört, wie die Männer ihr antworten.
Nuzi, einem Dorf am Ufer des Tigris im Dann krabbelt sie zurück zur Öffnung und

PICTURE-ALLIANCE / DPA
Nord-irak, fanden Altertumsforscher rund wird nach oben gezogen.
20 000 Tontafeln in Keilschrift. Die Scher- Michals Vater ist froh, seine Tochter
ben aus der Zeit um 1400 vor Christus of- wieder in die Arme schließen zu können.
fenbaren eine Lebensweise, wie sie die Bi- Dajan aber ist enttäuscht, dass dieses
bel auch Abraham zuschreibt. Die gefun- Mädchen nicht mehr findet als ein paar
denen Verträge und Urkunden belegen Zettel und Münzen, die Gläubige irgend- Feldherr Dajan (1973), Höhlensucherin Arbel (1968
etwa, dass Männer ein Kind mit ihrer Magd wann durch die Öffnung geworfen haben.
zeugen konnten, wenn die eigene Ehefrau Trotzdem sei er sicher, schreibt Dajan spä- ge anstimmt, um die muslimischen Wäch-
nicht schwanger wurde. Die Menage à tro- ter in seinem Buch „Leben mit der Bibel“, ter abzulenken, schieben die anderen am
is Abrahams mit Sara und Hagar ist dem- dass Michals Aktion „einmal mit Stolz in südlichen Ende der Halle die islamischen
nach kein Phantasieprodukt. Der Urvater den Chroniken Israels verzeichnet wird“. Gebetsteppiche zur Seite. Aufgrund der
ist, sagt nicht nur Vieweger, eine „durchaus Einen zweiten Eingang in den Unter- Aufzeichnungen von Michal Arbel vermu-
historische Gestalt, nicht erfunden, aber im grund findet 1981 ein Trupp jüdischer ten sie, dass darunter ein verschlossener
Laufe der Zeit sehr ausgeschmückt“. Siedler. Im Monat vor dem jüdischen Neu- Zugang zum Grab verborgen ist. Und tat-
Während der halbe Nahe Osten auf der jahrsfest versammeln sie sich wie gewöhn-
Suche nach Abraham umgegraben wurde, lich zum Mitternachtsgottesdienst. Wäh-
blieb das Grabmal des Urvaters von der rend ein Teil der Gruppe religiöse Gesän-
Wissenschaft nahezu unberührt. Auch der
Hobby-Archäologe Mosche Dajan konnte Minarett
das Geheimnis der „Machpela“ nicht lüf- Osteingang
ten. Die „Doppel“-Höhle in Hebron, so
die Übersetzung, wird im Alten Testament
viermal erwähnt. Seite an Seite mit dem Dschaulija-
Moschee
Patriarchen ruhen hier laut Bibel dessen
Frau Sara, der gemeinsame Sohn Isaak mit Saras
seiner Frau Rebekka sowie Abrahams En- Grabmarkierung Isaak-Halle ehemalige
kel Jakob mit seiner Frau Lea. Leas Kreuzfahrerkirche
Die Höhle liegt unter einem schweren Grabmarkierung
Steinboden. Die einzige Verbindung nach
unten befindet sich an der nördlichen Seite Abraham-Halle
der zentralen „Isaak“-Halle: ein kreisrun-
des Loch von 28 Zentimeter Durchmesser, Innenhof
eingefasst von einem achteckigen Sandstein, Jakob-Halle
gerade groß genug, um eine Lampe in den Abrahams
Raum darunter hängen zu lassen, wie es Grabmarkierung
die Muslime seit Jahrhunderten zu tun Minarett Herodianische
pflegten. Viel zu klein, als dass sich ein Er- Grundmauer
wachsener hätte hindurchzwängen können. Jakobs
Getrieben von brennender Neugier Grab-
nimmt Dajan einen befreundeten Offizier
in die Pflicht – und dessen Tochter Michal,
markierung Zugang zur
Synagoge
Die Gruft der
gerade 13 Jahre alt, erlebt das größte Aben- Gründerväter?
teuer ihres Lebens. In der Nacht auf den Das Heiligtum Machpela in Hebron
10. Oktober 1968 wird das schlanke Mäd- Zugang zur
Moschee jüdisch muslimisch
chen mit den langen schwarzen Haaren in
eine Decke gewickelt und heimlich in die Die Machpela gilt vielen als Ruhestätte der alt-
Gebetshalle getragen. Mit einem dünnen Festungsmauer aus testamentlichen Erzväter Abraham, Isaak und
Seil um den Bauch schlängelt sie sich durch der Zeit der Kreuzritter Jakob sowie ihrer Frauen. Die mit einer fes-
die kleine Öffnung, wird langsam in die tungsartigen Anlage überbaute Stätte ist
Tiefe hinabgelassen. Juden wie Muslimen gleichermaßen heilig. Mit
„Es war sehr eng, selbst für mich“, sagt dem israelischen Sieg im Sechs-Tage-Krieg von 1967
Michal Arbel heute, „ich hatte Angst zu Nord erhielten Juden nach langer Zeit erstmals wieder
ersticken.“ Sie sitzt im Wohnzimmer ihres Zugang zur Machpela und zum unteridischen Lampen-
Stadthauses im schicken Norden von Tel raum. Seitdem ein jüdischer Extremist 1994 ein
Aviv, serviert Cappuccino und erinnert Massaker unter frommen Muslimen anrichtete,
sich an die Nacht vor 40 Jahren. beten Juden und Muslime streng getrennt.

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FOTOS: AMIT SHABI / LAIF
und heute): „Es war sehr eng, selbst für mich, ich hatte Angst zu ersticken“

sächlich kommt ein großer Steinquader Die heimliche Operation blieb den Es war dann ein Unglück, das Abraham
zum Vorschein, eingefasst von alten Me- Muslimen nicht lange verborgen, auch die zur Kultfigur erhob. Im Jahr 587 vor
tallbügeln. Mit einem Stemmeisen heben israelische Antikenbehörde schreckte auf. Christus fiel König Nebukadnezar II. über
sie die Platte hoch. Sie gibt den Blick frei Ihr Chef, Seev Jevin, reiste nach Hebron. Jerusalem her und zerstörte den Tempel.
auf die Steintreppe. Ein letztes Mal wurden die Gebetsteppiche Etwa 20 000 Judäer marschierten nach
Gebückt gehen die Israelis durch den beiseitegeräumt, für eine staatliche Inspek- Babylon ins Exil. In der Fremde, ihres Hei-
Korridor in den Raum mit der kleinen tion. Dann versiegelten die Israelis den Ab- ligtums beraubt, stürzte so mancher in eine
Öffnung in der Decke, durch die Michal gang. Nicht schlimm, sagt der 82-jährige tiefe Glaubenskrise. Wie konnten sie ohne
hinabgelassen worden war. Von irgend- Jevin heute, denn „es gibt keinerlei Bewei- ihren Tempel gute Juden sein? Wie sollten
woher spüren sie einen leichten Luftzug, se, dass Abraham dort begraben wurde“. sie Gott nahekommen ohne Kultstätte?
aber er kommt nicht von dem Loch oben, Wie aber konnte ein lokaler Nomaden- Um den Abfall von Gott zu verhindern,
sondern aus dem Boden. Tatsächlich, die führer so sehr im Gedächtnis der Mensch- diktierten die Jerusalemer Tempelpriester
Steine lassen sich anheben. Die Siedler heit bleiben? Wer die Entstehung des My- eine Kulturrevolution von oben: Sie lösten
steigen durch die Öffnung, hocken nun in thos Abraham verstehen will, muss tief in die Beziehung zwischen Gott und Mensch
einem Raum mit nackten Felswänden. Da- die Historie des Volkes Israel eintauchen. von der Bindung an einen festen Ort. Wer
neben entdecken sie eine zweite, kleinere Denn die Abraham-Vita ist zugleich die fortan ein guter Gläubiger sein wollte, der
Höhle. Geschichte des jüdischen Volkes. Als König brauchte, statt des Tempels, Gesetzestreue
Die Männer hatten die Doppelhöhle David um das Jahr 1000 vor Christus die und Glaubensstärke. Um die neue Theo-
von Machpela gefunden, über der Herodes hebräischen Stämme einte und Jerusalem logie ihren Anhängern nahezubringen,
einst das Heiligtum erbauen ließ. „Wir zum Regierungs- und Kultzentrum auf- griffen die Priester auf Geschichten zurück,
konnten unseren Herzschlag hören“, er- stieg, gab es die Heilige Schrift noch nicht. die teilweise schon aufgeschrieben waren
zählt Noam Arnon, 46, der heute als jüdi- Die Beziehung zu Gott bedurfte nicht des und Helden hatten.
scher Siedler in Hebron lebt. Es gab in sei- Umwegs über alte Geschichten. Es gab Mose war der eine große Held. Ihn
nem Leben keinen bewegenderen Augen- schließlich einen Ort, wo Gott geehrt wur- ließen die jüdischen Dramaturgen auf den
blick: „Für ein paar Momente waren wir de: den Tempel, den Davids Sohn Salomo Berg Sinai steigen, um von Gott die Zehn
vereint wie Söhne mit ihrem Vater.“ in Jerusalem bauen ließ. Gebote in Empfang zu nehmen. Abraham
war der andere Held. Ihn machten sie zum
Im Inneren der Isaak-Halle Rebekkas Symbol für bedingungsloses Gottvertrauen
bekannte unterirdische Grabmarkierung – durch eine der dramatischsten Szenen
Kammern und Gänge der ganzen Bibel, der Beinahe-Opferung
des eigenen Sohnes.
Die Bibelautoren beschreiben mit sei-
nem Schicksal auch, welche Zukunft sie
sich für ihr gepeinigtes Volk wünschen: die
Rückkehr in die alte Heimat Kanaan, die
dann unverbrüchlich ihr Eigen sein wird.
Wie ließe sich das besser dokumentieren,
Öffnung für Isaaks
Öllampe Grabmarkierung als Abraham vom Nomaden zum Grund-
besitzer aufsteigen zu lassen?
Um den immerwährenden Anspruch auf
unterirdischer
das Land festzuschreiben, erwirbt Abra-
Lampenraum Verbindungsgang ham von dem Hetiter Efron in Hebron die
Durch eine Höhle von Machpela zum Preis von „vier-
geschmückte Öffnung seilen Gläubige seit langem hundert Silberstücken“. Hier will Abra-
eine kleine Öllampe in einen unter dem Fußboden gelegenen ham seine Sara bestatten, hier will er spä-
Raum ab. Ein Verbindungsgang verläuft von hier aus längs unter ter selbst ruhen. Das ist die Botschaft der
der Halle. Eine noch tiefer gelegene Doppelhöhle, fast ganz mit Bibelverfasser an ihr Volk im Exil: So, wie
Doppelhöhle Erdresten gefüllt, wurde von jüdischen Siedlern 1981 entdeckt. die Frau des Patriarchen in Hebron ihre
letzte Ruhe findet, sollen die Juden im
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AMIT SHABI / LAIF
Gläubige in der Synagoge des Abraham-Grabmals: „Wenn der Friede kommt, wird er von Hebron ausgehen“

Land Kanaan sesshaft werden. „Die Ver- mengetragen über Jahrhunderte. Wenn ein weiter. Dort gaben die Gläubigen Gott
staatlichung einer Familiengeschichte“ Werk die Auszeichnung als erster Fortset- bereits einen Eigennamen. Sie beteten zu
nennt das der Göttinger Alttestamentler zungsroman der Literaturgeschichte ver- „Jahwe“, zu Deutsch: Ich bin, der ich bin.
Reinhard Kratz. dient, dann sind es die fünf Bücher Mose. „Jahwist“ heißen daher die Schriftstücke
Um Abraham historische Größe zu ge- Der Erste, der den Kompositionscode der Autoren aus diesem Gebiet.
ben, schrieben sie ihm nicht nur allerlei der Bibel knackte, war ein Theologe, der Erst als die Israeliten aus dem Norden
Heldentaten zu, sondern verlegten ihn auch unter Magengeschwüren litt und – wie Ende des 8. Jahrhunderts vor Christus, nach
weit in die Vergangenheit. In einer Zeit, in zunächst auch Abraham – kinderlos blieb. der Zerstörung ihres Reichs durch die As-
der ein Leben zumeist wenige Jahrzehnte In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts syrer, in Scharen nach Jerusalem flohen,
währte, in der viele Kinder kaum je ihre zog sich der Deutsche Julius Wellhausen verschmolzen auch die Texte beider Schu-
Großeltern kennenlernten, schrieben die den Zorn des frommen Kirchenvolks zu, len. Eine dritte Schule waren schließlich die
jüdischen Religionsführer ihrem Abraham weil er mit den Methoden der Textkritik Priester des Babylonischen Exils. Sie polier-
einen unvorstellbar großen Stammbaum zu die Heilige Schrift sezierte – als wäre sie ten das Ganze kräftig auf und verpassten
– damit sich auch wirklich jeder Jude auf irgendein Roman. Mit Hilfe von Wortana- den Büchern den großen Spannungsbogen.
ihn berufen konnte. So wurde aus einem lysen und Stilvergleichen identifizierte der Etwa ein halbes Jahrtausend verging zwi-
Clan-Führer der Urvater. protestantische Theologe verschiedene schen den ältesten und den jüngsten Texten.
Beim Entwurf der Heldengeschichte Schreibschulen, die zu unterschiedlichen Die dramaturgische Grundfunktion
Abrahams machten die frommen Schreiber Zeiten und Orten an dem Gesamtwerk ge- Abrahams ist bei allen Bibelautoren gleich:
allerdings so manchen Fehler. So tauchen arbeitet hatten. Der Alte aus Ur glaubt als erster Mensch
in Abrahams Leben Dinge, Orte und Völ- an nur einen Gott. Ob spätes Vaterglück
ker auf, die es in der ihm zugeschriebenen oder Opferszene: Abrahams Schicksal soll
Koran, Sure 3, Vers 67
Urzeit noch gar nicht gab. den Gläubigen erklären, dass dieser Gott
Ein Klassiker ist die Sache mit den „Abraham war weder Jude ihnen am Ende immer zu Hilfe eilt – auch
Kamelen, auf denen er angeblich ritt. Für noch Christ, sondern ein aus wenn es manchmal etwas länger dauert.
die heutige Forschung ist klar, dass die innerstem Wesen Gläubiger.“ Wem allerdings Gottes Segen verspro-
Höckertiere erst um 1000 vor Christus do- chen wird, hängt sehr von den Interessen
mestiziert waren und als Lastenträger erst der jeweiligen Autoren ab. In den frühen
weit danach benutzt wurden. Den Bruch Texten, als das Volk Israels unter David
erklärt die Wissenschaft heute so schlicht Die beiden ältesten Schulen stammen und Salomo zu voller Blüte kommt, küm-
wie überzeugend: Für die Autoren der aus der Zeit, als die hebräischen Stämme mert sich Gott durch Abraham großzügig
Abraham-Geschichte waren Kamele als noch in zwei Reichen lebten, nördlich und um die gesamte Menschheit: „Durch dich
Nutztiere selbstverständlich. Einen Alltag südlich von Jerusalem. Das Nordreich sollen alle Geschlechter der Erde Segen
ohne die Lastentiere konnten sie sich bei nannte sich Israel, das Südreich Juda. In erlangen.“
aller Phantasie nicht vorstellen. beiden Gebieten beteten die Gläubigen Doch nach der Zerstörung des Tempels
Das Copyright auf Abraham steht aller- zu dem Einen Gott. Nur: Die im Norden und dem Marsch ins Babylonische Exil
dings nicht allein den Priestern im Baby- nannten ihn „Elohim“ – was schlicht igeln sich die Tora-Texter ein. Isaak wird
lonischen Exil zu, sie gaben der Story nur „Gott“ heißt. Daher wird das Werk der zum Begründer des auserwählten Volkes.
die politische Bedeutung. Viele Teile, sogar nördlichen Bibelautoren „Elohist“ ge- Zum Zeichen dieses Bundes ließ Gott
ganze Kapitel, lagen bereits vor, zusam- nannt. Im Süden waren sie einen Schritt Abraham bluten: „Abraham war neun-
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Titel

DMITRY BELIAKOV
Muslimische Gläubige beim Opferfest-Gebet (in Pakistan): „Vater, tu, was dir befohlen wird“

undneunzig Jahre alt, als er am Fleisch sei- Die Toleranz gegenüber Juden und send Jahren am Ende der Pilgerfahrt mit
ner Vorhaut beschnitten wurde.“ Christen hat einen einfachen Grund: Mo- dem Opferfest „Id al-Adha“.
Für die jüdischen Geschichtenschreiber hammed bekämpft in erster Linie die An- Auch den Ort der Handlung hat der Ko-
stand außer Frage, dass Abraham, als er hänger der Vielgötterei – wie laut Koran ran vom Berg Morija in Jerusalem an die
laut Bibel in Sichem und Bet-El „dem auch Abraham als junger Mann. „Strate- heiligste Stätte des Islam verlegt, nach Mek-
Herrn einen Altar“ baute, Jude war. Was gisch klug“, sagt der international renom- ka. Hier soll Abraham mit Ismael die Kaa-
sonst? Christentum und Islam sollten ihnen mierte Göttinger Mohammed-Biograf Til- ba gebaut haben, den mit Gold bestickten
erst viele Jahrhunderte später Konkurrenz man Nagel, stilisiert der Prophet den Urva- Tüchern umhüllten heiligen Kubus, den die
machen. Wie sich deren Propheten Jesus ter „zu seinem frühzeitlichen Alter Ego“. Pilger siebenmal umrunden. Auch vor dem
und Mohammed des Alten aus Ur bemäch- Später jedoch, als die Juden in Medina Grab Ismaels wird Andacht gehalten. Und
tigten, ist von beispielloser Raffinesse. Mohammed nicht als Propheten anerken- im Hof der Großen Moschee verehren sie
Bei den Christen ist es der Apostel Pau- nen, wird der Ton schärfer. Von der Wie- einen Stein mit einer Vertiefung, angeblich
lus, der Großtheologe und wohl erfolg- derherstellung der „Religion Abrahams“ ist es Abrahams Fußabdruck.
reichste Missionar der Zeitenwende, der spricht der Koran. Juden und Christen – so Wie viel Hoffnung aber darf die Welt in
Abraham für die neue Religion reklamiert. die bis heute dominierende islamische Auf- einen Abraham setzen, der über Jahrtau-
Geschickt beruft er sich auf jene Stellen fassung – hätten den Glauben verfremdet. sende der Spielball der Religionen war?
im 1. Buch Mose, in denen der „Segen „Ihr Leute der Schrift“, heißt es in einer Kann ein so Vereinnahmter überhaupt zur
Abrahams“ noch ein Universalversprechen jüngeren Sure, „warum streitet ihr über Galionsfigur einer neuen Ökumene werden?
ist. Hatte Abraham selbst nicht lange vor Abraham, wo die Tora und das Evangelium „Nein, Abraham taugt nicht zum Tria-
seiner Beschneidung zu dem Einen Gott erst nach ihm herabgesandt worden sind?“ log“, meint der in Tel Aviv geborene deut-
gebetet? „Also“, folgert Paulus im Brief Abraham sei weder Jude noch Christ ge- sche Historiker Michael Wolffsohn. Juden,
an die Römer, „ist er der Vater aller, die als wesen, so der Koran, sondern ein „Gott- Christen und Muslime hätten nicht mehr
Unbeschnittene glauben“ – und damit auch ergebener“, soll heißen: ein „Muslim“. gemeinsam als den Glauben an den Einen
der Christen. Voilà. Und so, wie die Muslime den Urvater zu Gott – das sei zu wenig.
Dank Paulus hatten die Juden ihr Mono- einem der Ihren machen, so bemächtigen Ja, die Abraham-Brücke habe Schwach-
pol auf Abraham verloren. sie sich auch der Opferszene. Zwar wird im stellen, aber „sie bietet sich an wie keine
Der Islam und sein Prophet Mohammed Koran nur von einem „braven Jungen“ andere“, glaubt hingegen Hans Küng, 80,
halten sich mit der Exegese der Mose- erzählt, den Abraham „schlachten“ wollte. einer der Ideenspender der abrahamischen
Bücher gar nicht erst auf. Der Koran of- Für die Muslime ist dies Ismael, der mit der Ökumene. „Abraham mag nicht unbedingt
fenbart einen Abraham wie maßgeschnei- Ägypterin Hagar gezeugte erste Sohn, und der ideale Mittler sein“, sagt der Mann mit
dert für die jüngste der drei Religionen. nicht Isaak. Dass dies ein „dramaturgischer dem milden Blick und dem festen Hände-
Allerdings tendiert auch der Koran dazu, Kniff“ des Propheten Mohammed ist, wie druck, „aber er ist ein sehr realer.“ Der
Abraham im Laufe der 20 Jahre währen- der Tübinger Kuschel sagt, um Ismael zum langjährige Tübinger Theologieprofessor
den Offenbarung mehr und mehr für sich „bevorzugten Sohn“ zu erklären, weisen war vor vielen Jahrzehnten der erste
zu reklamieren. Anfangs betont der Koran gläubige Muslime empört zurück. Für sie katholische Theologe, der öffentlich die
noch die Gemeinsamkeiten mit Juden und ist der Koran das Wort Gottes und ihr Unfehlbarkeit des Papstes in Frage stellte.
Christen. „Siehe, wahrlich, dies stand in Ismael der Auserwählte. Dessen Gotterge- Dafür wurde ihm von der katholischen
den alten Büchern, den Büchern von Abra- benheit („Vater, tu, was dir befohlen wird“) Kirche die Lehrerlaubnis entzogen – für
ham und Mose“, heißt es in Sure 87. gedenken die Muslime seit weit über tau- viele Gläubige zu Unrecht. Heute glaubt
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Titel

Im Nahen Osten, wo die Religionen im-


mer wieder zu politischen Zwecken miss-
braucht werden, wird im Namen des ge-
meinsamen Urvaters bereits gehandelt. 2007
wurde der „Abraham-Weg“ eröffnet, eine
jüdisch-christlich-muslimische Nichtregie-
rungsorganisation, die den biblischen Wan-
derweg des Propheten nachzeichnet. Nach
und nach werden die Etappen dieses ersten
ökumenischen Pilgerwegs eingeweiht, am
Ende geht die Strecke über 1200 Kilometer
von Haran bis Hebron. In Israel versucht
die „Abraham-Stiftung“, das friedliche Zu-
sammenleben von Juden, Christen und
Muslimen zu fördern. Im palästinensischen
Betlehem lädt die „Abraham-Herberge“
Pilger der drei Religionen zum Kennenler-
nen ein.
Sogar in Hebron, einem Epizentrum
des Nahost-Konflikts, gelang eine erste
Annäherung zwischen jüdischen Siedlern
und Palästinensern. Trotz Stacheldraht und
Straßensperren trafen sich der Siedler-
Sprecher Noam Arnon und Scheich Abu
Chadir, das Oberhaupt der einflussreichen
Hebroner Dschabari-Familie. „Die meisten
Juden und Araber in Hebron wollen Seite
an Seite in Frieden leben“, erklärte der
Siedler anschließend. Und der Scheich pro-
phezeit: „Wenn der Frieden kommt, wird
er von Hebron ausgehen.“
Noch allerdings siegt beinahe täglich die

AP
Muslimische Würdenträger, Gast*: Dialog der Religionen statt Kampf Gewalt über die Vernunft, wie zuletzt bei
den Ausschreitungen Anfang Dezember.
Küng wieder, nicht falschzuliegen, sondern rechnet das saudische Königshaus, Vertre- Noch gehen der Jude Arnon und der
allenfalls seiner Zeit voraus zu sein. In ter einer besonders strengen Glaubens- Muslim Dschabari getrennten Weges zum
Sachen Abraham ist Küng ein gefragter richtung des Islam. Ganz im Sinne der neu- Grabmal Abrahams. Von Westen her, über
Mann. Mal spricht er zu den Volksvertre- en Abraham-Bewegung appellierte König die großen Stufen, nähert sich Arnon sei-
tern im Londoner Unterhaus, mal zu Hun- Abdullah persönlich an seine Gäste: „Lasst ner Synagoge, wickelt die Gebetsriemen
derten Honoratioren in der syrischen As- unseren Dialog einen Triumph werden des um Arm und Kopf. Dann wippt er mit dem
sad-Bibliothek. Auch in Saudi-Arabien ist Friedens über Konflikte und Kriege, der Oberkörper vor und zurück und spricht
er gern gesehen, und aus Kairo kommt er Brüderlichkeit über den Rassismus.“ das jüdische Glaubensbekenntnis Schma
ebenso wie aus Damaskus voller Zuver- Auch von höchster jüdischer Stelle Israel („Höre, Israel“). Nur wenige Meter
sicht zurück: „Es gibt einen Öffnungspro- kommt ein Vorstoß, so etwas wie die Fort- entfernt sammelt sich der fromme Muslim
zess, auch auf muslimischer Seite.“ setzung des Glaubens mit anderen Mitteln. Dschabari zum Gebet in seiner Moschee,
Überall auf der Welt entstehen Initiati- Parallel zu den Vereinten Nationen sollte rafft sein Gewand und fällt auf die Knie. Er
ven, die dem „Kampf der Kulturen“ einen eine Organisation der „Vereinten Religio- flüstert das Mittagsgebet, in dem Abraham
„Dialog der Religionen“ entgegensetzen, im nen“ gegründet werden, schlägt der israe- zwölfmal gepriesen wird.
Namen Abrahams als gemeinsamem Vater Juden und Muslime trennt ein Raum,
von Juden, Christen und Muslimen. Die ver- 1. Buch Mose, Kapitel 25, Vers 8 der genau über der Höhle von Machpela
söhnliche Botschaft geht von der spanischen liegt. Hier errichtete Herodes dem Urvater
Metropole Madrid ebenso aus wie vom „Er starb in hohem ein Scheingrab, ein Kenotaph. Es ist mit
Ruhrgebietsstädtchen Marl. Bereits zum ach- Alter, betagt und lebenssatt, einem reichverzierten grünen Stoff be-
ten Mal feierten die Bürger an der Lippe in und wurde mit deckt. Durch vergitterte Fenster können
diesem Herbst ihr großes „Abrahamsfest“. seinen Vorfahren vereint.“ Arnon und Dschabari auf das Abraham-
„Mindestens drei Dutzend weitere Frie- Denkmal schauen, jeder von seiner Seite.
densfestivals“, glaubt der Geschäftsführer Die einzige Verbindung zwischen Synago-
der Christlich-Islamischen Gesellschaft, Tho- ge und Moschee, eine schwere Eisentür,
mas Lemmen, werden allein in Deutschland lische Oberrabbiner Metzger vor. Wenn wird von Soldaten bewacht.
jährlich im Namen des Patriarchen gefeiert. man sich die vielen Kriege ansehe, argu- Noam Arnon und Abu Chadir Dscha-
Als „Brückenbauer zwischen den Reli- mentiert der Gelehrte, müsse man zu dem bari glauben fest daran, dass sich die Tür
gionen“, so Lemmen, sei Abraham auch Schluss kommen, dass Diplomaten und Po- eines Tages öffnen wird. Und dass sie, der
bei der „Weltkonferenz für den Dialog“ in litiker keinen Frieden zustande brächten. Jude und der Muslim, es den beiden
Madrid „immer wieder angeklungen“. Ein- Die Grundlage für eine Aussöhnung könn- Söhnen Abrahams gleichtun werden. Denn
geladen hatte den Deutschen und 300 wei- te ein Weltparlament der Religionsvertre- trotz allen Neids und Streits – so endet die
tere Gläubige aller Konfessionen ausge- ter schaffen, in dem auch nichtabrahami- Geschichte des Patriarchen – fanden die
tische Gläubige wie Hindus und Buddhis- Brüder Isaak und Ismael in Hebron wie-
* Papst Benedikt XVI. (M.) beim Türkei-Besuch im No- ten ihren Platz hätten. Metzger: „Wir der zusammen. Beim Begräbnis ihres Va-
vember 2006 in Istanbul. Frommen sprechen dieselbe Sprache.“ ters. Dieter Bednarz, Christoph Schult

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