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FRIAS School of History

Herausgegeben von
Ulrich Herbert und Jörn Leonhard

Band 5

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Moral für die Welt?
Menschenrechtspolitik in den 1970er Jahren

Herausgegeben von
Jan Eckel und Samuel Moyn

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Ned Richardson-Little

»Erkämpft das Menschenrecht«


Sozialismus und Menschenrechte in der DDR1

In den meisten Darstellungen des »Aufschwungs« der Menschenrechte


in der DDR gelten die Helsinki-Verträge von 1975 als der entscheidende
Wendepunkt – als der historische Moment, in dem die Bedingungen für die
Ereignisse an der Berliner Mauer im Herbst 1989 geschaffen worden seien.
Mit der Unterzeichnung eines bedeutenden internationalen Vertrags, der
Menschenrechtsbestimmungen enthielt, entfachte die SED demnach unwil-
lentlich jene Dissidentenbewegung, die 1989 mit einer friedlichen Revo-
lution das Ende des kommunistischen Systems in Ostdeutschland herbei-
führte.2 Doch so wichtig die Helsinki-Verträge und die Verbreitung des
Menschenrechtsgedankens in den 1970er Jahren auch waren, in der DDR
brachten sie weder regimekritischen Agitatoren noch der allgemeinen Idee
der Menschenrechte den entscheidenden Durchbruch.
Entgegen dieser weitverbreiteten Darstellung griff die SED die Sprache
der Menschenrechte in Wirklichkeit vor den 1970er Jahren auf: zunächst als
propagandistisches Instrument im unmittelbar nach dem Kriegsende auf-

1 Die Forschungsarbeiten für den vorliegenden Beitrag wurden durch das Berlin Pro-
gram for Advanced German and European Studies (German Studies Association/Freie
Universität Berlin) ermöglicht. Großen Dank schulde ich zudem Kurt Sittmann für seine
Anmerkungen zu mehreren Fassungen des Textes.
2 Eine journalistische Version dieser Darstellung bietet Ulrich Schwarz, »Die Spreng-
kraft der Menschenrechte«, in: Spiegel Special Geschichte 3 (2008), 106–109. Dass die Hel-
sinki-Verträge einen Einschnitt für den Ostblock bedeuteten, behaupten vor allem Daniel
Thomas, The Helsinki Effect. International Norms, Human Rights, and the Demise of Com-
munism, Princeton 2001, und Michael Ignatieff, Human Rights as Politics and Idolatry,
Princeton 2001, 19. Ignatieff argumentiert, dass der Ostblock vor den Verträgen die poli-
tischen und zivilen Menschenrechte nicht anerkannt habe. Zu den Arbeiten, denen zu-
folge Menschenrechte in der Politik der DDR bis 1975 irrelevant waren, zählen Christian
Joppke, East German Dissidents and the Revolution of 1989. Social Movement in a Leninist
Regime, New York 1995, 116; Jürgen Wüst, Menschenrechtsarbeit im Zwielicht. Zwischen
Staatssicherheit und Antifaschismus, Bonn 1999, 32; Steven Pfaff, »The Politics Of Peace in
the GDR: The Independent Peace Movement, The Church, And The Origins Of The East
German Opposition«, in: Peace & Change 26 (2001) 3, 287.

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»Erkämpft das Menschenrecht« 121

kommenden Konflikt mit dem westdeutschen Staat, dann in den 1960er Jah-
ren als Mittel, um sich in der internationalen Gemeinschaft Legitimität
zu verschaffen. Auch ostdeutsche Bürger bedienten sich bereits vor den
1970er Jahren dieser Sprache, um ihre Forderungen nach größeren religiö-
sen Freiheiten und nach Meinungs- und Reisefreiheit zu untermauern, etwa
im von der UNO ausgerufenen Internationalen Jahr der Menschenrechte
1968. Dennoch existierte noch 1980 keine einzige unabhängige Menschen-
rechtsgruppe in der DDR, und Dissidenten stützten ihre Forderungen an
den Staat kaum auf den Menschenrechtsdiskurs. Erst Mitte der 1980er Jahre,
ein volles Jahrzehnt nach der Unterzeichnung der Helsinki-Verträge, ent-
stand eine unabhängige Menschenrechtsbewegung in der DDR.
Zurückzuführen ist diese Verzögerung vor allem auf die frühzeitige An-
eignung des Menschenrechtsdiskurses durch die SED. Bis in die 1980er Jahre
agierten Dissidenten, die sich die Sprache der Menschenrechte oder inter-
nationale Menschenrechtsabkommen zunutze machen wollten, nicht in
einem diskursiven Vakuum, sondern mussten sich mit der vorherrschenden
Konzeption sozialistischer Menschenrechte auseinandersetzen, die die SED-
Diktatur legitimierte und die die Autonomie des Individuums negierte.
Während die Menschenrechtsbewegung Ende der 1970er Jahre einen inter-
nationalen Aufschwung erlebte, war die SED de facto in der Lage, jegliche
Infragestellung der staatlichen Politik und ihres hegemonialen Menschen-
rechtsdiskurses zu kooptieren oder zu unterdrücken.
In der DDR beschrieb der Begriff der Menschenrechte keine feststehende
Idee, die sich gleichsam natürlich zu ihrem Endziel der liberalen Demokratie
entfaltet hätte, sondern ein Nebeneinander konkurrierender universalisti-
scher Diskurse. Anstatt eines entscheidenden Durchbruchs oder Moments
der Diskontinuität lassen sich in der vierzigjährigen Geschichte Ostdeutsch-
lands vier Entwicklungsphasen des Menschenrechtsdiskurses unterschei-
den. Zuerst die anfänglichen Bemühungen der SED, die »wahren« Men-
schenrechte im Gegensatz zu den verlogenen des westlichen Kapitalismus
für sich zu reklamieren. Zweitens ihre Ausarbeitung einer eigenständigen
Darstellung »sozialistischer Menschenrechte«, die ihre Zugehörigkeit zur
internationalen Gemeinschaft begründen sollte, als neues hegemoniales
Verständnis jedoch Ende der 1960er Jahre Einspruch provozierte. Drittens
die Zunahme solchen Einspruchs in der ersten Hälfte der 1970er Jahre und
das kurzzeitige Aufflackern von Widerspruch in der Folge von Helsinki. Und
viertens die Entstehung einer unabhängigen Menschenrechtsbewegung
Mitte der 1980er Jahre, die direkt zu den Massenprotesten von 1989 führte,
die der SED-Herrschaft das Ende bereiteten.

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1. Eine Diktatur für Menschenrechte

Die SED pflegte unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg eine Rhetorik der
Menschenrechte mit dem Ziel, ihre Alleinherrschaft und die Einführung
des Sozialismus in der sowjetischen Besatzungszone zu rechtfertigen. Diese
Taktik stand jedoch vor dem Problem, dass zwischen Rhetorik und politi-
scher Realität ein Abgrund klaffte. Die SED-Führung hatte keinerlei Absicht,
freie Wahlen zuzulassen oder ein System aufzubauen, in dem auch rechtlich
geschützt war, wer den Übergang zum Sozialismus ablehnte. Wie Walter
Ulbricht bei der Rückkehr aus dem Exil zu seinen Genossen sagte: »Es muss
demokratisch aussehen, aber wir müssen alles in der Hand haben.«3 Die Par-
tei wollte sich den Menschenrechtsgedanken und seine legitimierende Kraft
zu eigen machen, vereitelte aber zugleich sämtliche Bemühungen der Bevöl-
kerung, eine liberale, demokratische Gesellschaft zu schaffen.
Bei ihrem Versuch, den Begriff der Menschenrechte mit dem Aufbau
einer sozialistischen Diktatur zu vereinbaren, konnte die SED kaum auf
historische Vorbilder zurückgreifen. Karl Marx hatte sich in seiner Theorie
nirgends über die Menschenrechte im Sozialismus geäußert; in den einzi-
gen Passagen zum Thema verurteilte er die liberale Begeisterung für die
Menschenrechte als rhetorischen Trick der Bourgeoisie, die ihre Klassenin-
teressen als Rechte der gesamten Menschheit auszugeben versuche.4 Ebenso
wenig war Lenin eine Hilfe, da er die Menschenrechte in seinen Schriften
kein einziges Mal erwähnte.5 Auch die deutsche kommunistische Tradition
bot keine Anschlussmöglichkeit. Die 1919 ermordete KPD-Gründerin Rosa
Luxemburg hatte zwar die Auffassung vertreten, dass bürgerlich-demokra-
tische Rechte ein integraler Bestandteil der sozialistischen Demokratie
seien; aufgrund ihrer Kritik an Lenin und der Russischen Revolution waren
ihre Werke aber stark zensiert worden und in der DDR weitgehend unzu-
gänglich. Auch hatten die Kommunisten in der Weimarer Republik zwar
für demokratische Rechte und Freiheiten gekämpft, die sie aber lediglich als
ein Mittel im Dienst der Revolution verstanden, um das bürgerliche politi-
sche System zu stürzen.6 Am ehesten entsprach noch die Zeile »die Inter-
nationale erkämpft das Menschenrecht« aus der »Internationale« dem ideo-
logisch akzeptablen Menschenrechtsbezug, nach dem die SED suchte – eine
Zeile, die sich allein in der deutschen Fassung der sozialistischen Hymne

3 Zit. n. Wolfgang Leonhard, Die Revolution entlässt ihre Kinder, Leipzig 1990, 406.
4 Allen E Buchanan, Marx and Justice. The Radical Critique of Liberalism, Totowa/NJ
1982, 68.
5 Jürgen Kuczynski, Menschenrechte und Klassenrechte, Berlin 1978, 20.
6 Alexander Schwitanski, Die Freiheit des Volksstaats. Die Entwicklung der Grund- und
Menschenrechte und die deutsche Sozialdemokratie bis zum Ende der Weimarer Republik,
Essen 2008.

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»Erkämpft das Menschenrecht« 123

aus dem späten 19. Jahrhundert fand, und dies vermutlich nur, weil sie sich
reimte.7
Anstatt sich an das Beispiel ihrer ideologischen Ahnen zu klammern, im-
provisierte die SED anfangs in der Entwicklung ihrer eigenen Menschen-
rechtskonzeption, um auf den politischen Druck und die Krise zu reagieren,
die der Wettstreit um Legitimität mit den politischen Parteien in den drei
westlichen Besatzungszonen und später mit der neu gegründeten Bundes-
republik nach sich zog. Der Begriff der Menschenrechte kam dabei zuerst
1946 ins Spiel, als sich die kurz zuvor gegründete SED bei den ersten – und
letzten – Gesamtberliner Wahlen bewähren musste. Durch die Zwangs-
vereinigung von SPD und KPD in der sowjetischen Besatzungszone, musste
die SED gegen den weiterhin bestehenden SPD-Verband in den westlichen
Besatzungszonen Berlins antreten, der ebenso wie sie die Arbeiterklasse und
antifaschistische Wähler aus der Mittelschicht im Blick hatte. Mit dem Slo-
gan »Kein Sozialismus ohne Menschenrechte« gewann die SPD knapp
49 Prozent der Stimmen und war damit klare Wahlsiegerin, während die
SED trotz voller Unterstützung seitens der sowjetischen Machthaber im Ost-
teil der Stadt nur ernüchternde 19,8 Prozent erhielt.8
Nach dieser beschämenden Niederlage versuchte der ostdeutsche Rechts-
theoretiker Karl Polak in der SED-Theoriezeitschrift Einheit, die Angriffe
auf die SED und ihre Spielart des Sozialismus zurückzuweisen. Polak bezog
sich direkt auf den Wahlkampfslogan der SPD, indem er das exakte Gegen-
teil behauptete: »Keine Menschenrechte ohne Sozialismus«. So schrieb er:
»Der Sozialismus ist begrifflich die Verwirklichung der Menschenrechte;
und die Menschenrechte werden – sollen sie nicht leere Prinzipien bleiben –
nur in dem Maße verwirklicht, wie der Sozialismus Wirklichkeit wird.«9
Dabei bezog sich Polak zwar auf Marx’ Denunziation der Menschenrechte
als rhetorischen Trick der Bourgeoisie, argumentierte aber zugleich, anstelle
der von westdeutschen Politikern angepriesenen trügerischen Rechte könn-
ten unter dem Sozialismus die »wahren« Menschenrechte aufblühen.
Diese simple Gleichsetzung von Sozialismus und Menschenrechten und
die Denunziation liberal-demokratischer Rechte als bloßes Instrument bür-
gerlicher Hegemonie bildeten in den folgenden zwei Jahrzehnten die Grund-
achsen der offiziellen Ideologie. Der SED-Mitbegründer und spätere Minis-
terpräsident Otto Grotewohl griff den Slogan »Keine Menschenrechte ohne

7 Leszek Kolakowski, »Marxism and Human Rights«, in: Daedalus 112 (1983) 4, 81.
8 Archiv der Sozialen Demokratie, Bonn. 6/PLKA000150, »Kein Sozialismus ohne
Menschenrechte« (20. 10. 1946) sowie Arthur Schlegelmilch, Hauptstadt in Zonendeutsch-
land. Die Entstehung der Berliner Nachkriegsdemokratie, 1945–1949, Berlin 1993, 363.
9 Karl Polak. »Gewaltteilung, Menschenrechte, Rechtsstaat: Begriffsformalismus
und Demokratie«, in: Einheit 7 (1946), auch in: Ders., Zur Entwicklung der Arbeiter- und
Bauern-Macht, Berlin 1968, 139–140.

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Sozialismus« im Zuge der Propaganda für den Verfassungsentwurf auf, der


zum politischen Fundament der neuen Deutschen Demokratischen Repu-
blik werden sollte. Darin wurden zahlreiche Grundrechte, insbesondere
traditionelle soziale Rechte wie das Recht auf Arbeit und auf Freizeit, aufge-
führt. Obwohl dies in den ersten Jahren der DDR keinerlei juristische Impli-
kationen für die Bevölkerung hatte, verkündete Grotewohl stolz: »[D]ie
Grundrechte, die wir an die Spitze des Verfassungsentwurfs stellen, sind
daher sehr viel mehr als bloße ›Individualrechte‹, juristische Ansprüche, die
der Einzelne gegen den Staat hätte. Sie sind die fundamentalen Prinzipien
der zukünftigen Deutschen Staatspolitik.«10 Das Gründungsdokument der
DDR folgte der Linie von Karl Polak, indem es einerseits liberal-demokrati-
sche Prinzipien ablehnte und sich andererseits der Sprache der Menschen-
rechte bediente.11
Nachdem die Menschenrechte in den frühen 1950er Jahren wenig Kon-
junktur hatten, begannen das Bundesministerium für gesamtdeutsche Fra-
gen und westdeutsche antikommunistische Organisationen in der zweiten
Hälfte der Dekade, Berichte über Menschenrechtsverletzungen in der DDR
zu veröffentlichen. Hinzu kamen Spannungen aufgrund des KPD-Verbots
in der Bundesrepublik. Die SED versuchte, beide Probleme mit einem Hand-
streich zu lösen: 1959 schuf sie das sogenannte DDR-Komitee für Menschen-
rechte, das Öffentlichkeitsarbeit leisten und zugleich inhaftierte Kommunis-
ten und Linke in Westdeutschland materiell unterstützen sollte.12 Allerdings
verfügte die zwanzigköpfige Gruppe von Juristen, bekannten Kulturschaf-
fenden und Vertretern diverser Parteiorganisationen, die das Zentral-
komitee der SED zur Unterstützung der »Opfer des Kalten Krieges« zusam-
mengestellt hatte, anfangs weder über einen klaren Auftrag für praktische
Maßnahmen noch über nennenswerte Mittel.13
Nach diesen bescheidenen Anfängen nahm die Bedeutung des Komitees
nach dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961 schlagartig zu. In West-

10 Otto Grotewohl, Deutsche Verfassungspläne, Berlin 1947, 68. Grotewohl führte diese
Losung auch in einer Parteitagsrede im selben Jahr an: Otto Grotewohl, Im Kampf um
Deutschland. Rede auf dem 2. Parteitag der SED, 1947, 33.
11 Über die vielfältige Entwicklung der Menschenrechtsdiskurse in der UdSSR vgl.
Jennifer Amos, »Embracing and Contesting: The Soviet Union and the Universal Decla-
ration of Human Rights, 1948–1958,« in: Stefan-Ludwig Hoffmann (Hg.), Human Rights
in the Twentieth Century, Cambridge 2010.
12 Das Komitee hieß ursprünglich Komitee zum Schutz der Menschenrechte, gegen
militaristische Willkür und Klassenjustiz in Westdeutschland, kurz darauf schlicht Komi-
tee zum Schutze der Menschenrechte und ab 1969 DDR-Komitee für Menschenrechte.
Aus Gründen der Klarheit wird im vorliegenden Text durchgängig letztere Bezeichnung
verwendet.
13 Siegfried Forberger, Das DDR-Komitee für Menschenrechte, Teil 2, Kapitel 1
(1959–1967), Berlin 1997, 25.

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deutschland reagierten Vertreter aller politischen Strömungen auf die Tei-


lung der Stadt, indem sie die SED in der Sprache der Menschenrechte atta-
ckierten. Der West-Berliner SPD-Bürgermeister und spätere Bundeskanzler
Willy Brandt erklärte, dass »vor allem eine Initiative ergriffen werden müsste,
um die flagrante Verletzung der Menschenrechte international zu brandmar-
ken«.14 Das Ministerium für Gesamtdeutsche Fragen und konservative ge-
sellschaftliche Organisationen wie der Mitteldeutsche Kulturrat gaben in ho-
hen Auflagen Broschüren heraus, in denen der DDR massenhafte Verstöße
gegen internationale Normen und Gesetze vorgeworfen wurden.15 Verstärkt
wurde dieser Druck durch die Gründung der westdeutschen Sektion von
Amnesty International im Jahr 1961 sowie die Neuorganisation der in Frank-
furt ansässigen Deutschen Liga für Menschenrechte, die eine von chroni-
scher Misswirtschaft und Korruption geprägte Dekade hinter sich hatte.16
In Reaktion auf diesen äußeren Druck wurde das Budget des DDR-Komi-
tees von 1961 bis 1962 verdreifacht, und seine Aktivitäten nahmen erheblich
zu.17 Während sein kleiner Mitarbeiterstab Propagandamaterial für die
DDR und das Ausland erstellte, bildeten Freiwillige in Fabriken und Betrie-
ben Gruppen, um gemeinsam Petitionen zu schreiben und Spendenkampa-
gnen für die Angehörigen inhaftierter Kommunisten und ihrer Sympathi-
santen in der Bundesrepublik zu unterstützen.18 Am 10. Dezember jedes
Jahres, dem Internationalen Tag der Menschenrechte, organisierte das Ko-
mitee das Solidaritätskonzert »Dem Frieden die Freiheit«, das im Rundfunk
übertragen wurde; bei anderen Kulturveranstaltungen wartete es gewöhn-
lich mit namhaften Gästen aus dem Ausland sowie allerhand Poesie des
kürzlich verstorbenen Bertolt Brecht auf.19
Obwohl weder die Bundesrepublik noch die DDR Mitglieder der Verein-
ten Nationen waren, wandte sich das DDR-Komitee immer wieder mit Peti-
tionen an die UNO-Menschenrechtskommission, in denen es sie zur Unter-
suchung von Menschenrechtsverletzungen in Westdeutschland aufforderte.
In etlichen Broschüren bat es »angesichts der Gefahren, die sich aus der

14 »Rede des Regierenden Bürgermeisters von Berlin vor dem Deutschen Bundestag,
18. August 1961«, in: Das Parlament 11 (1961) 35, 3.
15 Bundesminister für Gesamtdeutsche Fragen, »Verletzungen der Menschenrechte,
Unrechtshandlungen und Zwischenfälle an der Berliner Sektorengrenze seit Errichtung
der Mauer (13. August 1961–15. August 1962)«, Bonn 1962; Kurt Rabl, Die Menschen-
rechte und die SBZ, Bonn 1965.
16 Lora Wildenthal, »Human Rights Activism in Occupied and Early West Germany:
The Case of the German League for Human Rights«, in: The Journal of Modern History 80
(2008) 3, 517.
17 Akademie der Künste (AdK), Pauls Wiens Archiv 2349, Zusammengefasster Fi-
nanzplan 1961 des Komitees zum Schutze der Menschenrechte.
18 BArch Lichterfelde DY 46/394, Brief von Paul Fabian an Friedel Malter, 10. 2. 1964.
19 BArch Lichterfelde. DZ 7/10. Presseveröffentlichung/Presseausschnitte 1965.

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Verletzung und der drohenden Vernichtung der Menschenrechte in der


Deutschen Bundesrepublik für den Frieden ergeben«, die UNO-Menschen-
rechtskommission um Unterstützung.20 Laut des Komitees verfolgte die
Bundesrepublik »das Ziel, im Interesse der ungestörten Atomaufrüstung
eine innenpolitische Friedhofsruhe zu schaffen, die Verbreitung der Wahr-
heit über ihre aggressiven und revanchistischen Pläne nach Möglichkeit zu
verhindern und den rechtmäßigen Widerstand der Bevölkerung gegen die
Durchführung dieser Pläne zu lähmen«.21 Abgeschlossen wurden die Peti-
tionen stets mit detaillierten Listen inhaftierter Aktivisten in der Bundesre-
publik, die mitunter über 200 Namen enthielten.
Die Kampagnen für die Freilassung inhaftierter »antifaschistischer« und
kommunistischer Aktivisten in Westdeutschland lösten in der DDR selbst
nicht etwa Einspruch gegen die Scheinheiligkeit solcher Menschenrechts-
forderungen der SED aus, sondern fanden bei überzeugten Anhängern des
Sozialismus durchaus Anklang. Manche beteiligten sich an ihnen, um sich in
die glorreichen Zeiten des Kampfes der Arbeiterklasse gegen die Verfolgung
durch das Nazi-Regime zurückzuversetzen, anderen boten sie die Gelegen-
heit, den Taten derer nachzueifern, die heldenhaft Widerstand gegen den
Faschismus geleistet und nun in der DDR politische und wirtschaftliche
Machtpositionen innehatten.22 Anstatt die Kluft zwischen der Rhetorik des
Staates und seinen Taten aufzuzeigen, bildeten sich an vielen Arbeitsplätzen
Gruppen, um gemeinsam Protestbriefe zugunsten politischer Gefangener in
der Bundesrepublik zu schreiben.23

2. Sozialistische Menschenrechte

Während überzeugte Sozialisten die Menschenrechtsrhetorik der SED ein-


leuchtend fanden, bereitete es Diplomaten im Außenministerium und
ZK-Mitgliedern Sorge, dass es der DDR im Konflikt mit Westdeutschland an
einer kohärenten positiven Menschenrechtskonzeption mangelte.24 Außer

20 Denkschrift des Komitees zum Schutze der Menschenrechte in der Deutschen Demo-
kratischen Republik über die Verletzung der Menschenrechte in Westdeutschland, Berlin
1961, 5.
21 Ebd., 3.
22 Wie zentral eine antifaschistische Biografie für politische Legitimität in der DDR
war, zeigt Catherine Epstein, The Last Revolutionaries. German Communists and Their
Century, Cambridge/MA 2003.
23 Akademie der Künste Archiv Pauls Wiens Archiv 2349; BArch Lichterfelde DY 46/394.
24 Archiv Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten A 9706. Informationen,
Schriftwechsel, Vorlagen zu Fragen des Völkerrechts und der Menschenrechte. BArch
Lichterfelde DY 30/IV A 2/2.028/109 Arne Rehahn, Westkommission, an Gen. Albert
Norden, 28. 3. 63.

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»Erkämpft das Menschenrecht« 127

unter treuen Parteianhängern besaß Polaks schlichte Formel vom Sozialis-


mus als Verwirklichung der Menschenrechte wenig Überzeugungskraft. Wie
man die westdeutsche Menschenrechtsbilanz verurteilen konnte, während es
in der DDR keine freien Wahlen, keine Redefreiheit und nur sehr begrenzte
Religionsfreiheit gab, konnte die Propaganda nicht plausibel erklären.
Dieses Problem mangelnder Kohärenz fand 1964 seine Lösung, als der
junge und eher unorthodoxe Rechtsphilosoph Hermann Klenner eine
Konzeption der Menschenrechte ausarbeitete, die internationale Normen,
marxistische Theorie und die politischen Bedürfnisse der SED im Lot hielt.
Klenner argumentierte, dass die bürgerlichen Menschenrechte zwar zweifel-
los Trug seien, die Abschaffung des Kapitalismus und die daraus resultie-
rende Befreiung der Menschen indes eine neue Phase in der Geschichte der
Menschenrechte eröffnet hätten. In einer sozialistischen Gesellschaft gingen
die Menschenrechte über das von den Gesetzen der liberalen Demokratie
geförderte destruktive egoistische Recht, nur dem eigenen Interesse folgend
zu handeln, hinaus. Diese sozialistischen Menschenrechte waren Klenner
zufolge das natürliche Ergebnis der neuen sozialistischen Wirtschafts- und
Gesellschaftsordnung, die die SED in Ostdeutschland aufgebaut hatte.25 Das
bedeutete nicht, dass die Ostdeutschen frei wählen und sich nach Belieben
organisieren durften, sondern dass sie durch volle Teilhabe an der sozialisti-
schen Ökonomie und Gesellschaft automatisch in den Genuss ihrer Men-
schenrechte kämen.26 Da kapitalistische Staaten sich noch in der bürgerlichen
Phase ihrer Geschichte befanden, konnten Vorenthaltung des Wahlrechts
und Zensur demnach in ihrem Fall als Verstoß gegen die Menschenrechte
attackiert, unter einem kommunistischen Regime dagegen als notwendiger
Schutz der Errungenschaften des Sozialismus und der wahren Interessen des
Volkes gerechtfertigt werden.
Anstatt ausschließlich das Vokabular der marxistischen Ideologie zu ver-
wenden, versuchte Klenner die vermeintlichen Vorzüge der SED-Herrschaft
mit zwei Grundpfeilern des UNO-Rechtssystems zu verknüpfen – Selbst-
bestimmung und Frieden. Er behauptete, die ostdeutsche Bevölkerung
habe ihre Selbstbestimmung verwirklicht und besitze aufgrund des Erfolgs
des Sozialismus die vollständige Kontrolle über Staat und Gesellschaft;
das daraus resultierende Ende von Klassenunterschieden und -konflikten im
Inland sei zugleich ein wichtiger Schritt zu Frieden und Harmonie auf der
Welt.27 Klenner zufolge stützten sich Menschenrechte, Frieden, Sozialis-
mus und Selbstbestimmung wechselseitig und bildeten letztlich eine einzige

25 Hermann Klenner, Studien über die Grundrechte. Mit Dokumentenanhang, Berlin


1964, 19–35.
26 Ebd., 78–88, 117–120.
27 Ebd., 108–116.

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Zielvorstellung: »Wo immer auf der Welt das Volk sich gegen seine Ausbeu-
tung, Verdummung und Unterdrückung durch die Imperialisten zusam-
menschließt, kämpft es den gerechten Kampf um sein Selbstbestimmungs-
recht. Wo immer auf der Welt der Kampf gegen die Kriegsgefahr geführt
wird, geht es um das wichtigste Menschenrecht, das Recht auf ein friedliches
Leben!«28
Die SED bediente sich Klenners sozialistischer Menschenrechtskonzep-
tion nicht nur, um in der DDR-Öffentlichkeit die westdeutschen Angriffe
abzuwehren, sondern auch um breite Anerkennung und Legitimität auf der
internationalen Bühne zu erlangen. Seit Ende der 1940er Jahre drohte die
Bundesrepublik Dritte-Welt-Ländern und blockfreien Staaten mit Abbruch
der diplomatischen Beziehungen und Einstellung der Wirtschaftshilfe, falls
sie die DDR diplomatisch anerkennen sollten.29 In den späten 1960er Jah-
ren jedoch bot die wachsende Macht des afroasiatischen Blocks in der UNO
der DDR die Chance, aus ihrer diplomatischen Isolation auszubrechen
und möglicherweise selbst UNO-Mitglied zu werden. Klenners Betonung
von Antiimperialismus und nationaler Selbstbestimmung als Kernprinzi-
pien der sozialistischen Menschenrechte ermöglichte es der SED, eine
Verwandtschaft mit den neuen afrikanischen und asiatischen Mitgliedern
der internationalen Gemeinschaft vorzugeben, indem sie deren Forderung
nach Unabhängigkeit von den Kolonialmächten mit ihrem Kampf um einen
eigenständigen ostdeutschen Staat gleichsetzte, der gegen westeuropäische
und US-amerikanische Widerstände geführt werden müsse.
Um sich als entschiedene Verfechterin der Menschenrechte zu profilieren,
führte die SED 1968 anlässlich des von der UNO ausgerufenen Internatio-
nalen Jahres der Menschenrechte eine massive Propagandakampagne durch.
Neben einer Flut von Broschüren, Reden und Gedenkbriefmarken umfasste
diese Kampagne auch eine neue Verfassung und ein neues Strafgesetzbuch,
die von der SED als Beweis für den Triumph der Menschenrechte im Sozia-
lismus gefeiert wurden. Das neue Strafgesetzbuch erwähnte Menschen-
rechte über ein Dutzend Mal; Verstöße gegen sie sollten streng bis hin zur
Todesstrafe geahndet werden. Die neue Verfassung wiederum, die mehrere
1949 noch berücksichtigte Grundrechte wie Religions-, Meinungs- und Rei-
sefreiheit nun nicht mehr enthielt, wurde in der DDR-Presse von Klenner
selbst als historische Verwirklichung der Menschenrechte in Deutschland
präsentiert.30 Neben diesen innenpolitischen Maßnahmen erklärte die SED

28 Ebd., 13.
29 William Glenn Gray, Germany’s Cold War. The Global Campaign to Isolate East Ger-
many, 1949–1969, Chapel Hill 2003.
30 Hermann Klenner, »Frei von dreifacher Bürde. Eine Betrachtung über die Men-
schenrechte in unserer sozialistischen Verfassung«, in: Neues Deutschland, 30. 3. 1968, 12.

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»Erkämpft das Menschenrecht« 129

öffentlich ihre Bereitschaft, die UNO-Menschenrechtskonvention von 1966


zu unterzeichnen.31
Auf der internationalen Bühne harmonierte der Anspruch der SED, eine
höhere Form der Menschenrechte zu vertreten, mit dem Ansatz afrikani-
scher und asiatischer Staaten, das Recht auf Selbstbestimmung zu betonen.
An der UNO-Menschenrechtskonferenz 1968 in Teheran, deren Gastgeber,
der Schah von Persien, selbst ein antidemokratischer Diktator war, nahmen
neben der DDR zahlreiche Staaten teil, in denen revolutionäre nationalisti-
sche Bewegungen an die Macht gekommen waren. Wie Roland Burke über
die Konferenz bemerkt hat: »Die Konzentration staatlicher Macht wurde als
Weg zur Freiheit gesehen, nicht als ernsthafte Bedrohung für sie.«32 Wie die
DDR traten die meisten Delegierten für Antiimperialismus und Selbstbe-
stimmung ein und lehnten liberal-demokratische Normen im Namen allge-
meiner wirtschaftlicher Wohlfahrt ab.33
Diese breiten Bemühungen, durch ein Bekenntnis zu den Menschenrech-
ten internationale Anerkennung zu erlangen, riefen schließlich Reaktionen
der ostdeutschen Bevölkerung hervor. Diese blieben allerdings auf offizielle
Beschwerdekanäle beschränkt und mündeten nicht in öffentliche Kritik
oder Opposition. Im Rahmen einer »Volksaussprache« über die neue »So-
zialistische Verfassung« fanden 1968 auf Beschluss der SED Tausende von
Versammlungen im Land statt, bei denen Bürger Änderungsvorschläge ma-
chen durften, bevor eine Volksabstimmung über die Verfassung stattfand.
Die Funktionäre sahen darin eine Möglichkeit, das Volk zu erziehen und für
die neue Verfassung zu gewinnen, um dem Staat mehr Legitimation zu ver-
schaffen. Auch wenn die Bürger es dabei sorgsam vermieden, die politische
Herrschaft der SED oder den Sozialismus generell anzugreifen, nutzten viele
Gruppen die Versammlungen, um ihre Interessen oder bestimmte Freihei-
ten zu verteidigen. Eine kleine Minderheit von mehreren Hundert Bürgern
berief sich dabei auch auf internationale Menschenrechtsdokumente, zu
denen sich die SED offiziell bekannte.
Insbesondere die katholischen und evangelischen Gemeinden versuchten,
ihre religiösen Freiheiten unter Berufung auf das Menschenrechtssystem der

31 BArch Lichterfelde DA 5/660. »Beschluss des Staatsrates der DDR zur Erklärung der
Bereitschaft der DDR zum Beitritt zu den UNO Menschenrechtskonventionen. 17. Juli
1968«. Die DDR bewarb sich 1966 offiziell um die UN-Mitgliedschaft und wurde 1973 zu-
sammen mit der Bundesrepublik aufgenommen.
32 Roland Burke, »From Individual Rights to National Development. The First UN
International Conference on Human Rights, Tehran, 1968«, in: Journal of World History
(2008) 19, 296.
33 BArch Lichterfelde. DY 30/J IV 2/2/116. Erklärung der Regierung der DDR an
die Internationale Konferenz über Menschenrechte vom 22. April bis 13. Mai 1968 in
Teheran.

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UNO zu wahren. Denn während die Verfassung von 1949 acht Abschnitte
über die Rechte der Kirche und Glaubensfreiheit enthielt, war es im Entwurf
von 1968 nur noch einer. Um eine weitere Verschlechterung ihrer Position
abzuwenden, initiierten die Kirchen eine große Kampagne. In weitverbreite-
ten Briefen appellierten der Bischof von Berlin und eine Gruppe evangeli-
scher Pfarrer an den Staat, die in der alten Verfassung garantierten Freiheiten
zu wahren, und beriefen sich auf die Versprechen, die die SED anlässlich des
Internationalen Jahres der Menschenrechte gegenüber der UNO gemacht
hatte.34 Hunderte von Kirchenvertretern unteren Ranges und einfache Bür-
ger folgten diesem Beispiel und forderten im Namen der Allgemeinen Erklä-
rung der Menschenrechte sowie der UNO-Konventionen ihre Rechte ein.
Selbst kleinere Gemeinden übergaben der Regierung Petitionen mit über
zweihundert Unterschriften.35 Zwar gelang es den Kirchen nicht, sämtliche
Rechte aus der alten Verfassung zu retten; die SED sah sich durch ihre Mas-
senkampagne aber veranlasst, zwei Artikel in der neuen Verfassung um
Bestimmungen zum Schutz religiöser Gemeinden und der Glaubensfreiheit
zu erweitern.36 Fernerhin versuchten andere Bürger, das staatliche Bekennt-
nis zu den Menschenrechten als Hebel für größere Reise- und Meinungsfrei-
heit einzusetzen. Während manche von ihnen in Protestbriefen einen streit-
baren Ton anschlugen, trug die Mehrheit ihre Menschenrechtsforderungen
als konstruktiven Vorschlag oder freundlichen Hinweis vor. Ein Bürger, der
auswandern wollte, betonte zunächst seine Wertschätzung des Rechts auf
Arbeit und des Lebensstandards in der DDR, bevor er höflich darauf hin-
wies, wenn es kein Recht auf Ausreise gebe, könne im Westen der falsche
Eindruck entstehen, es sei in der »DDR ähnlich wie in einem Gefängnis, das
auch niemand verlassen darf«.37 In offiziellen Berichten über die Reaktionen
aus der Bevölkerung wurden solche an den Menschenrechten orientierten
Kritiken nicht als problematisch oder gar provokativ gewertet. Die Sprache
der Menschenrechte war um diese Zeit nicht etwa deshalb wirkungsvoll, weil
sie in deutlichem Gegensatz zur Politik des Staates gestanden hätte, sondern
weil sie das Selbstbild der SED als Verfechterin der Menschenrechte und der
DDR als respektablem Mitglied der internationalen Gemeinschaft stärkte.
Bereits vor den 1970er Jahren hatte die SED somit den Menschenrechts-
gedanken in ihre Ideologie integriert und als diskursives Instrument ein-
gesetzt, um internationale Anerkennung und Legitimation zu erlangen.

34 BArch Lichterfelde DY 30/IV A2/13/46. Vgl. Brief von Bengsch, 5. 2. 1968. EZA
104/687 sowie Brief von Schönherr u.a., 15. 2. 1968.
35 BArch Lichterfelde DA 1/4157. 218 Katholiken aus Lenterode unterzeichneten die
Briefe 9669 und 9670, 10. 3. 1968.
36 Mark Allinson, Politics and Popular Opinion in East Germany, 1945–1968, Manches-
ter 2000, 143.
37 BArch Lichterfelde DA 1/4079. Brief 1839, 18. 2. 1968.

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Ebenso hatte eine kleine Minderheit von DDR-Bürgern erkannt, dass inter-
nationale Menschenrechtsnormen ein zwar begrenztes, aber hilfreiches
Mittel sein konnten, um für Veränderungen einzutreten und persönliche
Freiheiten zu schützen. Die Verbreitung des Menschenrechtsdiskurses war
keine explosive oder revolutionäre Entwicklung, denn in den meisten Fällen
wurde er rein instrumentell aufgegriffen. In Reaktion auf westlichen Druck
entwickelte die SED in dieser Phase eine spezielle Konzeption sozialistischer
Menschenrechte, die sie immer dann zur Geltung brachte, wenn es in der
internationalen Gemeinschaft politisch von Vorteil war. DDR-Bürger wie-
derum bedienten sich der Sprache der Menschenrechte, wenn drohende
Einschränkungen ihrer persönlichen Freiheiten den zunehmenden Beteue-
rungen der SED widersprachen, internationale Normen zu respektieren. Die
Idee der Menschenrechte bewirkte kaum eine Veränderung des politischen
Diskurses in der DDR – vielmehr diente sie SED wie Bürgern dazu, ihre For-
derungen zu legitimieren und ihre eigenen Interessen zu fördern.

3. Menschenrechte in den 1970er Jahren

Nachdem die DDR 1975 die Helsinki-Verträge unterzeichnet hatte, gewann


die Sprache der Menschenrechte große Verbreitung im Land, auch wenn
dies in vieler Hinsicht lediglich eine Verstärkung der Menschenrechts-
diskurse der späten 1960er Jahre darstellte. DDR-Bürger, die in den Westen
reisen wollten oder in der Religion einen Freiraum außerhalb der offiziellen
Ideologie suchten, griffen nun entschlossen auf die Sprache der Menschen-
rechte zurück, da sie über die offiziellen Beschwerdekanäle nichts erreichten.
Der Menschenrechtsgedanke war weniger ein Anstoß zu Dissidenz als ein
letztes Mittel, das zum Einsatz kam, wenn alle anderen Strategien, wie Peti-
tionen an den Staat, gescheitert waren. Obwohl er als Ausdruck von Dissens
an Verbreitung gewann, blieb er vor allem ein Druckmittel gegenüber dem
Staat, das einzelne Bürger bei spezifischen Fragen wie der Auswanderung
einsetzten. Im Unterschied zu den meisten anderen Ostblockstaaten ent-
standen in der DDR der 1970er Jahre keine Menschenrechtsorganisationen,
und selbst die für demokratische Reformen eintretenden Intellektuellen ver-
mieden es, ihre Anliegen durch den Diskurs der Menschenrechte zu legiti-
mieren. Die 1970er Jahre bedeuteten somit keinen Durchbruch für die Men-
schenrechte in der DDR. Vielmehr war die Lage zwiespältig.
Während es in historischen Darstellungen häufig als ein auf westdeut-
schen Druck hin erfolgtes wichtiges Zugeständnis gilt, dass die SED die
Menschenrechtsbestimmungen der Helsinki-Verträge unterzeichnete, stell-
ten diese aus Sicht der Partei selbst lediglich eine Umschreibung ihrer eige-
nen Position und keine bedeutende Verschiebung dar. Tatsächlich vertraten

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westdeutsche politische Analysten zu Beginn der 1970er Jahre die Ansicht,


dass die DDR in der internationalen Arena im Vorteil sei, was die Menschen-
rechtsfrage betraf. So wurde in einem Bericht der CSU beklagt: »Mit dem
Wandel der Mehrheitsverhältnisse in den Gremien der Weltorganisationen –
insbesondere in der Generalversammlung – haben die sozialistischen Staa-
ten die Möglichkeit der Politisierung der Menschenrechte erkannt, und die
freie Welt hat das Feld beinahe kampflos geräumt: die USA durch men-
schenrechtliche Abstinenz, die westeuropäischen Staaten durch ihren Regio-
nalismus. Vor allem die DDR hat von Anbeginn mit großer Aggressivität
ihre Menschenrechtskonzeption in ihre Außenpolitik eingegliedert.«38
Die SED selbst war in der Tat überzeugt, dass sie von einem Konflikt mit
der Bundesrepublik hinsichtlich der Menschenrechte nichts zu befürchten
hatte. In Direktiven des Politbüros für die Delegierten der KSZE-Verhand-
lungen wurde zwar angemahnt, in Sachen Meinungsfreiheit zweideutige
Formulierungen zu vermeiden, doch solange Verträge mit dem Sprach-
gebrauch von UNO-Dokumenten übereinstimmten, galten sie als unbe-
denklich.39 In einer Einschätzung der Helsinki-Verträge bezeichnete das ZK
der SED die Menschenrechtsbestimmungen zwar als einen Kompromiss,
erklärte aber zugleich, durch die Betonung von Selbstbestimmung und in-
ternationaler Zusammenarbeit habe die DDR-Delegation Bestrebungen
»vereitelt«, »bürgerliche Freiheiten« an oberste Stelle zu setzen. Die Ab-
schnitte über Menschenrechte seien so formuliert worden, dass »sie für die
westlichen Staaten keine Grundlage für die Einmischung oder Diffamierung
der inneren Ordnung der sozialistischen Staaten darstellen«.40 Die SED war
überzeugt, ein Dokument unterzeichnet zu haben, das keine Zugeständnisse
an die Prinzipien liberaler Demokratie beinhalte, sondern die Souveränität
der DDR und ihre sozialistische Menschenrechtsvision stärke.
Doch während die SED offenbar keine Bedenken hatte, ihre Verpflichtung
auf die Menschenrechte zu unterstreichen, nahm die Zahl der Ausreise-
anträge unter Verweis auf die Helsinki-Verträge sprunghaft zu. Im Herbst
1975 stieg sie um 40 Prozent, und jeder vierte Antrag bezog sich ausdrück-
lich auf die Verträge.41 1976 wuchs sie erneut um 40 Prozent auf knapp 8000,

38 BArch Koblenz B 137/10780. Dieter Blumenwitz, »Selbstbestimmung und Men-


schenrechte im Geteilten Deutschland aus der Sicht der Konferenz für Sicherheit und Zu-
sammenarbeit in Europa«, 11.
39 BArch Lichterfelde DY 30/J IV 2/2/1501. Bericht über die zweite Phase der Konfe-
renz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa und Direktive für das weitere Auftre-
ten der Delegation der DDR.
40 BArch Lichterfelde DY 30/IV B 2/20/614. Einschätzungen der Schlußdokumente
der KSZE, 7.
41 BArch Lichterfelde DA 5/9026. Bericht über den Hauptinhalt der an die Volkskam-
mer und den Staatsrat gerichteten Eingaben im III. Quartal 1975.

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sodass die zuständige Behörde eine »verstärkt organisierte subversive Tätig-


keit des Klassengegners« vermutete.42 Zu der Flut von Anträgen auf offi-
ziellem Weg kamen einige Petitionen, die DDR-Bürger über westdeutsche
Medien veröffentlichten, um mehr Druck auf die SED auszuüben. Im Juli
1976 schmuggelte der Arzt Karl-Heinz Nitschke ein von mehr als hundert
Einwohnern der Kleinstadt Riesa – darunter vielen Arbeitern – unterzeich-
netes Dokument aus dem Land, das die DDR-Politik vernichtend kritisierte
und die Forderung nach freier Ausreise in den Westen erhob. Mit diesen öf-
fentlichen Beschwerden von DDR-Bürgern kam es in der Folge der Helsinki-
Verträge zum ersten Mal seit dem Aufstand von 1953 zu einem relevanten
offenen Dissens.
Das war sicherlich eine bedeutende Verschiebung; allerdings weniger ein
Bruch mit der Vergangenheit als vielmehr der Höhepunkte von Frustration
und Enttäuschung aufseiten jener DDR-Bürger, die in die Bundesrepublik
reisen wollten, um Familie und Freunde zu besuchen, von denen sie seit dem
Bau der Berliner Mauer getrennt waren. Nachdem bereits bei der Volksaus-
sprache über den Verfassungsentwurf von 1968 die Forderung nach Reise-
freiheit aufgekommen war, stieg die Zahl der Anträge 1972 nach der Locke-
rung der Ausreisebestimmungen an. Die Meisten wurden abgelehnt.43 Als
die DDR im Jahr darauf UNO-Mitglied und somit Vertragsstaat der Men-
schenrechtskonvention von 1966 wurde, schoss die Zahl der Visumanträge
erneut in die Höhe, wobei immer häufiger auf die Konvention verwiesen
oder sogar damit gedroht wurde, die UNO-Menschenrechtskommission
einzuschalten. Vor allem Bürger, deren Anträge – mitunter wiederholte
Male – abgelehnt worden waren, beriefen sich nun auf Menschenrechtsnor-
men. Die Frustration angesichts der Unnachgiebigkeit des Staates war so
groß, dass 1973 rund 15 Prozent der Antragsteller die Behörden wissen lie-
ßen, falls sie kein Ausreisevisum erhielten, seien sie zur illegalen Ausreise ge-
zwungen.44
Die schnelle Zunahme von menschenrechtlich begründeten Ausreisean-
trägen nach Helsinki war indes kurzlebig; bereits gegen Ende der Dekade
ging ihre Zahl drastisch zurück. Zwar genehmigte die SED einigen Bürgern
schließlich die Ausreise; die meisten Antragsteller wurden jedoch weiterhin
abgewiesen und mit Schikanen wie Arbeitsplatzverlust und sogar Fest-
nahme bedroht. So wurden 1978 beinahe 50 Prozent weniger Ausreisean-

42 BArch DA 5/11383. Bericht über die an den Staatsrat gerichteten Eingaben der Bür-
ger im Jahre 1976, 10.
43 BA DA 5/9026. Bericht über den Hauptinhalt der an die Volkskammer und den
Staatsrat gerichteten Eingaben im III. Quartal 1972 und Bericht über den Hauptinhalt der
an die Volkskammer und den Staatsrat gerichteten Eingaben im IV. Quartal 1972.
44 BA DA 5/9026. Bericht über den Hauptinhalt der an die Volkskammer und den
Staatsrat gerichteten Eingaben im IV. Quartal 1973.

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träge als im Vorjahr gestellt, obwohl die SED nun von der rasch wachsenden
Zahl westeuropäischer und US-amerikanischer Menschenrechtsorganisa-
tionen mit Briefen bombardiert wurde, die diese Anträge unterstützten.45
Als sich die Sprache der Menschenrechte als unwirksames Druckmittel ge-
gen die SED erwies, wurde sie weitgehend aufgegeben.
Zudem hatte auch das wachsende Menschenrechtsengagement der Kir-
chen ambivalente Auswirkungen. Vor allem die evangelische Kirche setzte in
der ersten Hälfte der 1970er Jahre den Vorstoß fort, den sie bei der Volksaus-
sprache von 1968 gemacht hatte, und versuchte, die Ideale der Menschen-
rechte in ihre Theologie zu integrieren. Angespornt durch ihre Mitglied-
schaft in menschenrechtsfreundlichen internationalen Gremien wie dem
Lutherischen Weltbund und dem Ökumenischen Weltkirchenrat überwan-
den ostdeutsche Protestanten allmählich ihre traditionelle Ablehnung des
Menschenrechtsgedankens, den sie bislang eher mit antiklerikalem Libera-
lismus oder atheistischem Sozialismus als mit Theologie assoziiert hatten.46
Dabei wies die Kirche weder die Kernpunkte der Menschenrechtskonzep-
tion der SED noch deren Recht auf uneingeschränkte politische Herrschaft
zurück. Stattdessen begrüßte und legitimierte sie den Anspruch des Staates,
die Menschenrechte zu verwirklichen. So konnte sie doch einzelne Maßnah-
men der SED kritisieren und Betroffenen helfen.
Kirchenvertreter begriffen die Menschenrechte nun als ein moralisch
dringliches Thema und zugleich als politische Chance. 1973 erklärte das Na-
tionalkomitee des Lutherischen Weltbundes in der DDR: »Im Eintreten für
den Menschen und die Menschenrechte gewinnt unser Handeln seine Legi-
timität […]. Gerade um der Durchsetzung der Menschenrechte willen kann
Illegalität unumgänglich sein.«47
Nach der Unterzeichnung der Helsinki-Verträge entdeckte die Führung
der evangelischen Kirche in den Menschenrechten ein wirkungsvolles Mit-
tel, um auf internationaler Ebene für Frieden und gegen Rassismus einzutre-
ten und in der DDR Gläubige und Wehrdienstverweigerer zu schützen. Sie
verteilte Exemplare der Helsinki-Verträge und anderer internationaler Men-

45 Zur Bedeutung des Jahres 1977 als Durchbruch für die internationale Menschen-
rechtsbewegung vgl. Samuel Moyn, The Last Utopia. Human Rights in History, Cambridge/
MA 2010; BA DA 5/11385. Bericht über den Hauptinhalt der an den Staatsrat gerichteten
Eingaben im Jahre 1978. Anlage 1. Von 1977 bis 1978 stieg die Zahl der Briefe aus dem
Ausland um 176 Prozent.
46 EZA 687/48 Thesen zum Menschenrechte. Juli 1978. BArch Lichterfelde. BA
DY 08/246. Bund Evangelischer Pfarrer in der DDR. Eine Dokumentation über ihr Ver-
ständnis innerhalb des Ökumenischen Rates der Kirchen.
47 Nationalkomitee des Lutherischen Weltbundes in der Deutschen Demokratischen
Republik, Sorge um eine menschliche Welt. Normativität und Relativität der Menschen-
rechte, 1973, 42–43.

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schenrechtsdokumente an die Gemeinden im Land und organisierte Bil-


dungsseminare für ihre Pastoren über den Zusammenhang von Menschen-
rechten und evangelischer Theologie.48
Dieses neue Menschenrechtsengagement war äußerst versöhnlich gegen-
über der SED und ihrer Politik. Hochrangige Kirchenvertreter waren um ih-
rer Stellung im SED-Staat besorgt und darum bemüht, der SED zu versi-
chern, dass sie ihre politische Legitimation nicht infrage stellen würden. In
einem Beitrag zur Menschenrechtspolitik der Kirche erklärte Manfred
Stolpe, Leiter des Sekretariats des Bundes der evangelischen Kirche, dass
die DDR ihre aus dem internationalen Recht erwachsenden Menschen-
rechtsverpflichtungen vollständig erfüllt habe und Kritiken an der SED »in
der Regel von einem einseitig individualistischen Menschenrechtsverständ-
nis ausgehen«.49 Ebenso unterstützte die evangelische Kirche zwar Kriegs-
dienstverweigerer in der DDR, lehnte aber die Zusammenarbeit mit auslän-
dischen Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International ab, die
ähnliche Ziele verfolgten.50 Zudem bestrafte die Kirchenspitze Pfarrer, deren
Menschenrechtsrhetorik ihr zu provokativ erschien oder die ohne ihr vorhe-
riges Einverständnis öffentliche Erklärungen zum Thema abgaben.51
Mit der Aneignung des Menschenrechtsdiskurses wich die evangelische
Kirche in den 1970er Jahren zwar von der theologischen Tradition ab; ihre
öffentlichen Bemühungen um die Förderung der Menschenrechte wurden
jedoch vom Staat so übernommen, dass sie die Legitimität der sozialisti-
schen Position zum Thema stärkten. Positive Äußerungen der Kirche über
die Vereinbarkeit von Staatssozialismus und Menschenrechten griffen die
SED-Propagandisten zu diesem Zweck rasch auf. Das Justizministerium
etwa zitierte in seinen Richtlinien für die Bekämpfung des Pazifismus
Kirchenpublikationen, die der staatlichen Verteidigungspolitik religiöse
Rückendeckung gaben.52 So konnte sich die Kirche zwar Raum für eine nicht
sozialistische, in der christlichen Ethik wurzelnde Menschenrechtskonzep-
tion verschaffen; allerdings nur um den Preis einer Verstärkung und Legiti-
mierung des vorherrschenden staatlichen Menschenrechtsdiskurses.53

48 EZA 687/47. Niederschrift über die Sitzung der Ad-hoc-Gruppe Menschenrechte


am 14. 10. 1976 in Berlin.
49 EZA 687/46. Manfred Stolpe, »Universale Menschenrechte«, Potsdam, 27. 6. 1976, 13.
50 EZA 101/683. Arbeitsgruppe Menschenrechte beim BEK 1975–1976. Auszug aus
dem Protokoll der 55. Sitzung des Vorstandes der Konferenz der Ev. Kirchenleitungen in
der DDR in Berlin am 30. Juli 1975.
51 Vgl. Lothar Tautz (Hg.), Friede und Gerechtigkeit heute. Das »Querfurter Papier« –
ein politisches Manifest für die Einhaltung der Menschenrechte in der DDR, Magdeburg 2002.
52 BA DP 1/21439. Argumentation zur Auseinandersetzung mit politischen Provoka-
tionen pazifistischer Gruppen in den protestantischen Kirchen der DDR. Juli 1982.
53 Zur Neutralisierung der Menschenrechtsdebatte der Kirche vgl. Erhart Neubert,
Die Geschichte der Opposition in der DDR, 1949–1989, Berlin 1998, 356–359.

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Wie in anderen Ländern des Ostblocks zeigten sich auch Intellektuelle


in der DDR in den 1970er Jahren mehr und mehr enttäuscht über den »real
existierenden Sozialismus«. Sie griffen aber nicht wie die Intelligenzija in
Moskau, Prag und Warschau auf die Sprache der Menschenrechte zurück.
Vielmehr versuchten die ostdeutschen Dissidenten, die DDR von innen zu
reformieren und hielten an der Notwendigkeit fest, in Abgrenzung zur
»bürgerlichen« liberalen Demokratie des Westens einen echten antifaschis-
tischen Sozialismus zu schaffen. Als der Liedermacher Wolf Biermann
wegen kritischer Äußerungen über die SED ausgebürgert wurde, baten
DDR-Intellektuelle den Staat in einem offenen Brief, diese Entscheidung
zu überdenken, verwiesen dabei aber nicht etwa auf ein abstraktes Recht
auf freie Meinungsäußerung, sondern auf Biermanns Loyalität zur DDR.54
Der Chemiker Robert Havemann, Verfolgter des Nazi-Regimes und ehe-
mals überzeugter Stalinist, ging ab den 1960er Jahren zu offenem Dissens
über und forderte mehr Meinungsfreiheit und offenen Gedankenaus-
tausch; wenn auch nur zu dem Zweck, die Ziele des utopischen Sozialismus
zu fördern.55 Rudolf Bahro, ein SED-Funktionär, der inhaftiert und aus der
DDR ausgewiesen wurde, nachdem seine Öko-Utopie Die Alternative in
der Bundesrepublik erschienen war, ging noch weiter und lehnte die wach-
sende internationale Menschenrechtsbewegung rundweg ab. Er kritisierte,
dass sich »das Gros der oppositionellen Elemente erst einmal auf rein libe-
raldemokratische Forderungen, auf eine Menschenrechtskampagne, zu-
rückgeworfen sieht, auf eine Position also, die zugleich die breiteste und die
platteste, konstruktiv gehaltloseste ist«.56 Für Bahro war es vollkommen
unannehmbar, dass sich sozialistische Aktivisten der Forderung von US-
Präsident Jimmy Carter nach liberal-demokratischen Menschenrechten
anschlossen.
Die SED sah in diesem aufbrechenden Dissens nicht die logische Folge der
Versprechen des Staates, die von Bürgern lediglich beim Wort genommen
wurden, sondern ein Resultat kapitalistischer, gegen den Geist von Frie-
den und internationaler Zusammenarbeit gerichteter Agitation. So wertete
etwa DDR-Außenminister Oskar Fischer westliche Forderungen nach mehr
Offenheit als einen Trick, um die Souveränität der DDR zu schwächen und
in die Helsinki-Verträge »absolute Freiheiten« hineinzulesen, die die unter-

54 Brief einiger DDR-Schriftsteller gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns, doku-


mentiert in Klaus Wagenbach u.a. (Hg.), Vaterland, Muttersprache. Deutsche Schriftsteller
und ihr Staat von 1945 bis heute, Berlin 1979, 303.
55 Robert Havemann, Ein deutscher Kommunist. Rückblicke und Perspektiven aus der
Isolation, Reinbek 1978, 102.
56 Rudolf Bahro, »Ich werde meinen Weg fortsetzen«. Eine Dokumentation, Frank-
furt a. M. 1977, 13.

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zeichnenden Staaten nicht im Sinn gehabt hätten.57 Dabei versuchte die SED
nicht, das Thema Menschenrechte zu meiden, war sie doch davon über-
zeugt, die Bürger nur weiter aufklären zu müssen, um ein Ende ihrer Be-
schwerden zu erreichen. Nach Auffassung loyaler Intellektueller bestand das
eigentliche Problem darin, dass über grundlegende Rechte und Pflichten in
der sozialistischen Gesellschaft häufig weiterhin alte bürgerliche Vorstellun-
gen bestanden.58 In Menschenrechtsbeschwerden sahen SED-Funktionäre
ein rein ideologisches Problem, das sich durch eine überzeugendere Recht-
fertigung der sozialistischen Menschenrechte lösen lasse.
Am Ende der 1970er Jahre hatte der sozialistische Menschenrechtsdiskurs
der SED seine dominante Stellung behauptet, während alternative Interpre-
tationen vereinnahmt oder marginalisiert worden waren. Ausreisewillige
DDR-Bürger bekamen nun zwar deutlich mehr Unterstützung durch die
internationale Menschenrechtsbewegung, alle Bestrebungen im Land, das
Recht auf Auswanderung durch öffentliche Berufung auf die Helsinki-V-
erträge durchzusetzen, hatte der Staatssicherheitsapparat jedoch faktisch
zerschlagen. Unterdessen hatte sich die evangelische Kirche des Themas an-
genommen, drängte aber bewusst nicht auf politische oder rechtliche Refor-
men, die die SED-Diktatur hätten gefährden können, da sie einen Konflikt
mit dem Staat vermeiden wollte. Die Intelligenzija wiederum begann auf
mehr Offenheit und Meinungsfreiheit zu drängen, blieb jedoch dem Ziel
verpflichtet durch Antifaschismus und Sozialismus ein »besseres Deutsch-
land« zu schaffen und lehnte die vom Individuum ausgehende liberal-de-
mokratische Sprache der wachsenden internationalen Menschenrechtsbe-
wegung folglich ab. So verbreitete sich der Menschenrechtsgedanke indieser
Phase, doch durch eine Mischung aus Zwang, Drohung und ideologischer
Trägheit konnte die SED sicherstellen, dass die etablierte staatssozialistische
Menschenrechtskonzeption im öffentlichen Diskurs nicht wirklich infrage
gestellt wurde.

4. Die 1980er Jahre und die Hinwendung der Dissidenten


zu den Menschenrechten

Selbst in den frühen 1980er Jahren, als in Reaktion auf die Spannungen im
Kalten Krieg Friedensgruppen in der DDR entstanden, artikulierte sich der
Dissens kaum unter Berufung auf die Menschenrechte. Während Polen nach
der Gründung der unabhängigen Gewerkschaft Solidarność in Aufruhr war,

57 BArch Lichterfelde DY 30/11642. Fischer und Winkelmann an das Sekretariat des


Zentralkomitees der SED, 12. 3. 1980.
58 Vgl. Thomas, Helsinki Effect, 110.

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gründeten DDR-Bürger kleine Gruppen, die für Abrüstung, einen Atom-


waffenstopp und eine allgemeine Entmilitarisierung der Gesellschaft eintra-
ten. Die ostdeutschen Friedensaktivisten stellten nicht die SED-Herrschaft
infrage, sondern richteten ihren Blick vor allem auf das nukleare Wettrüsten
und die drohende Stationierung von Mittelstreckenraketen in der Bundes-
republik. 1982 riefen der Dissident Robert Havemann und der evangelische
Pfarrer Rainer Eppelmann mit dem sogenannten Berliner Appell eine unab-
hängige Friedensbewegung ins Leben. Der Berliner Appell forderte einen
Dialog mit der Bundesrepublik sowie die Einstellung von Militärparaden
und des Wehrkundeunterrichts an den Schulen und schließlich die Einfüh-
rung eines sozialen Friedensdienstes.59 Der Menschenrechtsdiskurs spielte
dabei aber keine Rolle, da die DDR-Aktivisten vermeintlich apolitische und
offiziell gutgeheißene Anliegen wie Frieden und Umweltschutz in den Vor-
dergrund rückten, um staatlichen Sanktionen zu entgehen.
Obwohl die Friedensbewegung eine betont unpolitische Haltung ein-
nahm, schienen der SED ihre offenkundig unbedrohlichen Bemühungen,
zivilgesellschaftliche Organisationen außerhalb der Reichweite des Staates
zu gründen, nicht annehmbar. Aktivisten wurden von den Sicherheitsorga-
nen des Staates verhaftet und ausgewiesen, Gruppen von Agenten wurden
unterwandert und in ihrer Arbeit gestört.60 Mitte der 1980er Jahre waren
viele Friedensaktivisten zu dem Schluss gekommen, dass selbst eine rein mo-
ralische Bewegung für Frieden und Abrüstung zum Scheitern verurteilt sei,
solange das politische System den Bürgern die Rede-, Organisations- und
Reisefreiheit vorenthielt.61 Frank Eigenfeld, Friedensaktivist aus Halle, erin-
nerte sich später: »Uns wurde klar, dass die Machthaber uns nicht akzeptie-
ren und dass wir kaum Möglichkeiten hatten, uns in der Öffentlichkeit
zu artikulieren […]. Der Schwerpunkt verschob sich vom Wettrüsten zu den
Menschenrechten.«62
Diese Verschiebung zur Forderung nach politischen Reformen im Namen
der Menschenrechte zeigte sich 1985, als eine Gruppe bekannter Friedens-
aktivisten eine Menschenrechtsorganisation außerhalb der evangelischen
Kirche gründete, um die SED direkt herauszufordern. Im Januar 1986
gaben die Dissidenten Ralf Hirsch, Wolfgang Templin und Peter Grimm mit
einer Erklärung die Gründung der Initiative für Frieden und Menschen-

59 Zit. n. Roger Woods, Opposition in the GDR under Honecker, 1971–85, New York
1986, 196.
60 Wolfgang Rüddenklau (Hg.), Störenfried. DDR-Opposition 1986–1989, Berlin 1992,
37.
61 Ebd., 51.
62 Dirk Philipsen, We Were the People. Voices from East Germany’s Revolutionary
Autumn of 1989, Durham 1993, 54.

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»Erkämpft das Menschenrecht« 139

rechte bekannt, der ersten Menschenrechtsorganisation in der DDR.63 Darin


stellten sie fest, dass »die Ziele von Friedensarbeit von der Durchsetzung de-
mokratischer Grundrechte und -freiheiten abhängig sind«, und riefen die
unterschiedlichen Dissidentenkreise sowie die Friedensbewegung dazu auf,
die Idee der Menschenrechte im Hinblick auf soziale Gerechtigkeit, das
Recht auf Arbeit, Umweltschutz und die Ablehnung von militärischem
Zwangsdienst zu entwickeln.64
Das Menschenrechtsverständnis der Initiative Frieden und Menschen-
rechte (IFM) war eine wichtige Synthese politischer Ziele und Ideologien.
Mit ihrem Gründungsdokument rief sie Aktivisten dazu auf, breit gefächerte
Probleme wie Frieden, Erziehung, Religionsfreiheit, Umweltschutz, Wehr-
pflicht und Recht auf Arbeit zu diskutieren. Anstatt sich im Namen der
Menschenrechte auf ein einzelnes Thema zu konzentrieren, brachte die IFM
unter dem Oberbegriff Menschenrechte die Anliegen der Friedensbewe-
gung, gläubiger Menschen, der wachsenden Umweltbewegung, von Wehr-
dienstverweigerern und Arbeitern zusammen. Dabei betonten ihre Mitglie-
der, wie wichtig staatlich garantierte politische und zivile Rechte seien, um
diese breit angelegten Ziele zu erreichen, die eher soziale Wohlfahrt und
Harmonie als die Autonomie des Individuums beinhalteten. Diese Dissiden-
ten (wie so viele andere in Osteuropa) hofften nicht auf eine liberal-kapita-
listische Umwandlung, sondern forderten demokratische Rechte und die
Fortsetzung eines sozialen Bekenntnisses zu ökonomischen Rechten und
materiellen Ansprüchen.65 Insbesondere argumentierte die IFM, dass das
Menschenrecht auf Frieden, das seit langer Zeit das Hauptanliegen der SED-
Propaganda bildete, in Wirklichkeit der Einparteienherrschaft zuwiderlaufe,
da es die demokratische Beteiligung des gesamten Volkes erfordere. In einer
Petition an den 11. Parteitag der SED schrieb die IFM 1986: »Friedens- und
Sicherheitspolitik kann nicht allein eine Angelegenheit von Partei und Re-
gierung sein. Denn Frieden ist Menschenrecht, und folglich muss alles, was
dieses Recht berührt, von jedem Mitglied der Gesellschaft diskutiert und
mitbestimmt werden können.«66 Während die SED argumentierte, dass
Menschenrechte und Frieden das natürliche Ergebnis des Sozialismus seien,
erklärte die IFM die Menschenrechte – und nicht nur den Sozialismus – zur
Voraussetzung für eine gerechte Gesellschaft und Frieden.

63 Nachgedruckt in Rüddenklau, Störenfried, 56.


64 Ebd., 55.
65 Vgl. Benjamin Nathans, »Soviet Rights-Talk in the Post-Stalin Era«, in: Hoffmann,
Human Rights, 187.
66 Petition an den XI. Parteitag 2. 4. 1986. Nachgedruckt in Ferdinand Kroh (Hg.),
»Freiheit ist immer Freiheit …«. Die Andersdenkenden in der DDR, Frankfurt a. M. 1988,
222.

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140 Ned Richardson-Little

In den folgenden Jahren fand diese neue Generation von Menschen-


rechtsaktivisten Zuspruch bei Bürgern aus allen Teilen der Gesellschaft.
Menschenrechtsgruppen wuchsen in Großstädten wie Berlin und Leipzig,
in denen es starke dissidente Strömungen gab. Aber auch in kleineren
Städten trafen sich Bürger in Wohnzimmern und in den Kellerräumen der
Kirchen, um ihre Probleme zu diskutieren und Demonstrationen zu orga-
nisieren. Der Begriff der Menschenrechte war für die Entstehung einer
erfolgreichen Dissidentenbewegung entscheidend, schuf er doch einen
politischen Raum, in dem sich ein heterogenes Bündnis gegen die Einpar-
teienherrschaft der SED bilden konnte. Die von der IFM und anderen
DDR-Menschenrechtsgruppen vertretene Mischung aus Frieden, Arbeiter-
rechten und staatlich garantierten Rechten auf politische Teilnahme sprach
sowohl diejenigen an, die politische und zivile Rechte nach dem Vorbild der
westlichen liberalen Demokratie anstrebten, als auch Idealisten, die vom
»real existierenden Sozialismus« genug hatten, aber nicht das sozialistische
Projekt als solches aufgeben mochten.67 Vor allem aber war es auch für frus-
trierte Parteifunktionäre der unteren Ränge sowie für hochrangige kom-
munistische Reformer attraktiv, die sich von der bisherigen Politik distan-
zieren, sie aber nicht vollkommen ablehnen wollten. Politische und zivile
Rechte einzuführen, um der Bevölkerung die volle Teilnahme an staatlichen
Angelegenheiten zu ermöglichen, schien die Chance zu bieten, das uner-
füllte Versprechen des Sozialismus als einer menschlicheren Alternative
zum westlichen Kapitalismus zu verwirklichen, anstatt vor diesem zu kapi-
tulieren.
Diese Verschiebung in den 1980er Jahren war insofern ein wichtiger
Bruch mit der Vergangenheit, als DDR-Bürger nun nicht länger Forderun-
gen im Namen der Menschenrechte erhoben, sondern kurzerhand so agier-
ten, als besäßen sie bereits das unveräußerliche Recht, sich frei zu äußern,
zu versammeln und politisch zu organisieren. Von den mehreren Hundert
Bürgergruppen, die im Vorfeld von 1989 entstanden, befassten sich zwar
nur wenige speziell mit Menschenrechten, aber in der Praxis beanspruch-
ten alle das Recht, beispielsweise für Umweltschutz und Frieden einzutre-
ten, obwohl dies weiterhin gesetzlich verboten war. Anders als im Großteil
des Westens bedeutete dieses neue Menschenrechtsbewusstsein keine voll-
ständige Verdrängung des Sozialismus als utopisches Projekt.68 Viele Dissi-
denten und SED-Mitglieder hofften, eine Hinwendung zu den Menschen-
rechten des Einzelnen könne für den ermatteten und verknöcherten

67 Im Vergleich mit der UdSSR waren die Dissidenten in der DDR nicht so enttäuscht
von den Idealen des Sozialismus vgl. Celia Donert, »Charter 77 and the Roma: Human
Rights and Dissent in Socialist Czechoslovakia«, in: Hoffmann, Human Rights, 193.
68 Moyn, Last Utopia.

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»Erkämpft das Menschenrecht« 141

Staatssozialismus der DDR eine Quelle der Erneuerung sein.69 Die neue
Utopie der Menschenrechte sollte das bisherige utopische Projekt retten,
nicht ersetzen.
In Reaktion auf diese destabilisierende Verschiebung von unten verdop-
pelte die SED ihre Anstrengungen, die DDR als Vorkämpferin der inter-
nationalen Menschenrechte zu profilieren. Auf einem Treffen der für ideolo-
gische Fragen zuständigen Ministern der sozialistischen Staaten rief der
DDR-Vertreter Kurt Hager dazu auf, dem Westen in der Menschenrechts-
frage die Stirn zu bieten und eine sozialistische Menschenrechtskonvention
oder -erklärung als Gegenstück zu derjenigen des Westens auszuarbeiten.70
Obwohl die SED zu diesem Zweck ein Expertengremium ins Leben rief, den
Multilateralen Wissenschaftlichen Problemrat von Bruderparteien sozialis-
tischer Länder zu Fragen der Menschenrechte, endeten die Bemühungen,
bei diesem Thema Fortschritte zu erzielen, gleichzeitig aber den politischen
Status Quo aufrechtzuerhalten, nach anfänglicher Begeisterung in einem
völligen Debakel. Die sozialistischen Bruderparteien lehnten den Entwurf
für eine Menschenrechtserklärung allesamt ab, da sie in bestimmten Arti-
keln eine Gefahr für die Stabilität ihrer jeweiligen Länder entdeckten.71 1988
wurde das Projekt auf unbestimmte Zeit verschoben, nachdem das SED-
Politbüro zu dem Schluss gekommen war, angesichts wachsender Unruhe
im Land sei die Veröffentlichung des vorgesehenen Abschnitts über die Reise-
freiheit zu gefährlich.72 Als Menschenrechtsaktivisten im Frühjahr 1989 in
Berlin, Leipzig und anderen ostdeutschen Städten auf die Straße gingen,
wandte sich der Expertenrat gegen das herrschende Parteidogma und er-
klärte, die sozialistischen Länder müssten wieder Rechtsstaatlichkeit und
eine unabhängige Judikative einführen und sich von dem Irrtum befreien,
dass der Übergang zum Sozialismus automatisch ein den »bürgerlichen«
Gesellschaften überlegenes Menschenrechtssystem hervorbringe.73

69 Repräsentativ für diesen Optimismus loyaler SED-Anhänger ist das Interview mit
Jürgen Kuczynski: »This Country is Having a Revolution at Last«, in: Bulletin – GDR Com-
mittee for Human Rights 15 (1989) 3, 6.
70 BArch Lichterfelde DY 30/11887. Die politische-ideologische Arbeit für Frieden
und Abrüstung nach dem Genfer Gipfeltreffen. (19. 12. 1985).
71 BArch Lichterfelde DY 30/7495. Brief von Hörnig an Kurt Hager. 3. 3. 1987.
72 Heinz Mohnhaupt (Hg.), Normdurchsetzung in osteuropäischen Nachkriegsgesell-
schaften, Bd. 5: Deutsche Demokratische Republik (1958–1989) Recht und Juristen im
Spiegel der Beschlüsse des Politbüros und Sekretariats des Zentralkomittees der SED, Frank-
furt a. M. 2003, 597.
73 Archiv demokratischer Sozialismus. Bestand Reißig-Berg Band 1. Multilateraler
Wissenschaftlicher Problemrat von Bruderparteien sozialistischer Länder zu Fragen
der Menschenrechte: Konzeptionelle Grundlagen der gegenwärtigen Politik der Bruder-
parteien sozialistischer Länder auf dem Gebiet der Menschenrechte. Studie, April 1989.

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Angesichts riesiger Demonstrationen und des Massenexodus von Bür-


gern im Herbst 1989 akzeptierten viele SED-Mitglieder – nicht immer mit
Begeisterung – den Gedanken, dass der Sozialismus politische und zivile
Rechte umfassen müsse, wenn die DDR als eigenständiger Staat überleben
solle. Die ungeheure Zahl Ostdeutscher, die aus dem Land flohen oder auf
den Straßen Protestparolen rief, widerlegten die Behauptung, dass nach der
Abschaffung des Kapitalismus eine wahre Harmonie von Staat und Gesell-
schaft existiere. Nach monatelangen wachsenden Protesten im Namen der
Menschenrechte wurde am 9. November 1989 die Berliner Mauer geöffnet,
das Symbol schlechthin für die Menschenrechtsmissachtung in der DDR,
und eine Reihe von Reformen durchgeführt, die den Bürgern liberal-demo-
kratische Rechte gaben. Nachdem die Mitglieder der SED-Spitze abgesetzt
oder zurückgetreten waren, führte Hans Modrow als bekanntester Reformer
der Partei die DDR. Modrow beendete das Machtmonopol der SED, indem
er die Gründung unabhängiger Zeitungen und Verlage legalisierte und die
ersten (und letzten) freien Wahlen in der DDR anordnete. Als er im Dezem-
ber 1989 für seine Reformen warb, forderte er »vor allem die strikte und aus-
nahmslose Achtung der Menschenrechte, was zugleich eine […] neue Hal-
tung des Staates gegenüber dem Individuum, der Persönlichkeit des
Einzelnen bedingt«.74 Nach vierzig Jahren an der Macht glaubte die SED
selbst nicht mehr an ihre Menschenrechtsrhetorik.75
Die 1970er Jahre waren eine wichtige Phase für die Entwicklung des
Menschenrechtsgedankens in der DDR, aber nicht der entscheidende Wen-
depunkt in ihrer politischen Geschichte. Indem sie sich die Sprache der
Menschenrechte frühzeitig zu eigen machte und ihre sozialistische Men-
schenrechtsdoktrin beständig weiterentwickelte, stählte sich die SED gegen
die potenziell destabilisierenden Auswirkungen der Helsinki-Verträge und
das explosive Wachstum des Menschenrechtsaktivismus in den 1970er Jah-
ren. Lange bevor sich ihre eigenen Bürger auf die Menschenrechte beriefen,
um ihre Forderungen nach mehr Freiheiten und politischer Partizipation zu
rechtfertigen, hatte die SED bereits gegen ausländische Gegner auf diskursi-
vem Terrain ihren Anspruch behauptet, die Ideale der Menschenrechte zu
vertreten. Die Anfechtungen, die ihrer Menschenrechtskonzeption in den
1970er Jahren erwuchsen, wurden rasch unterdrückt oder kooptiert. Die
frühzeitige Aneignung des Menschenrechtsgedankens durch die SED verzö-
gerte zwar das Aufkommen eines reformorientierten Menschenrechtsdis-

74 Zit. n. Frank Berg, Menschenrechte. Der Autor im Gespräch mit Jürgen Weidlich, Ber-
lin 1990, 8.
75 Vgl. Konrad Jarausch, »Kollaps des Kommunismus oder Aufbruch der Zivilgesell-
schaft? Zur Einordnung der friedlichen Revolution von 1989«, in: Eckart Conze u.a.
(Hg.), Die demokratische Revolution 1989 in der DDR, Böhlau/Köln 2009.

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kurses in den 1970er Jahren; als er dann aber in den 1980er Jahren schließ-
lich entstand, konnte er den Anspruch erheben, die höchsten Ideale des
Sozialismus zu vertreten. Die Menschenrechtsideale, die Dissidenten der
SED-Diktatur entgegenhielten, entstammten nicht nur westlichen liberal-
demokratischen Quellen, sondern auch dem vorherrschenden offiziellen
Menschenrechtsdiskurs, mit dem die SED seit jeher ihre diktatorische Herr-
schaft gerechtfertigt hatte.

Aus dem Kanadischen von Felix Kurz.

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