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Mischa Meier

Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes


Tyrtaios (flor. 630/20 v. Chr.) genießt als Dichter kein besonders hohes Ansehen in der
modernen deutschsprachigen Forschung. Zu befremdlich wirken in der heutigen Zeit seine
blutigen und zumeist in leuchtenden Farben drastisch ausgemalten Kampfparänesen, als
geradezu gefährlich muß sein Postulat einer bedingungslosen Unterordnung des einzelnen
unter die Belange des Kollektivs gelten, und das auf Tyrtaios zurückgehende, vielfach
aufgegriffene und häufig mißverstandene Diktum vom schönen Tod im Kampf für die
Heimatpolis kann heute im besten Fall noch ein mißbilligendes Kopfschütteln hervor-
rufen.
So ist es kaum verwunderlich, daß Tyrtaios mitunter zum Inbegriff eines als totalitär
und militaristisch stigmatisierten spartanischen Gemeinwesens stilisiert wurde, zu einem
Dichter, in dessen rüden Kriegsliedern sich all das, was man für gewöhnlich ohnehin mit
Sparta verbindet, in deutlichster Weise manifestiere. Wer eine konzise Einführung in das
spartanische Kriegerethos suche, der solle eben schlicht Tyrtaios lesen. 1 Eine im engeren
Sinne politische, d. h. auf die Belange einer spezifischen Polis hin ausgerichtete, Normen
und Pflichten ihrer Angehörigen umschreibende Dichtung, beginne dagegen erst mit
Solon.
A. Dihle etwa faßt die Verse des Tyrtaios unter den Begriff der «Kriegspropaganda»
und bricht kurzerhand über sie den Stab, wenn er festhält: «Zur hohen Dichtung sind sie
jedoch nicht zu rechnen». 2 J. Latacz zufolge bietet «Tyrtaios gegenüber Kallinos nichts
Neues», 3 und St. Müller gibt zu bedenken: «Bei Tyrtaios handelt es sich um eine ausgespro-
chen problematische Gestalt. Problematisch sind nicht nur seine genauen Lebensdaten
und -umstände, problematisch (und zwar vor allem für deutsche Leser) ist auch die ideolo-
gische Ausrichtung seines Werkes: Tyrtaios verfaßte hauptsächlich Kampfparänesen, Auf-
forderungen zum Kampf, die für moderne Leser immer etwas Faschistisches in sich tra-
gen». 4 Auch für C. W. Müller weisen die Kampflieder dieses Dichters immerhin etwas
Faschistoides auf. 5 Sieht man einmal von den überlieferten Tyrtaios-Versen selbst ab, so
können Urteile dieser Art umso weniger verwundern angesichts der Absonderlichkeiten,
die mit dem Dichter im Laufe der Jahrhunderte getrieben wurden und die sich z. B. in
einem Fazit spiegeln, das R. Harder in einer Flugschrift aus dem Jahr 1945 zog: «Sein
Eigenstes aber ist jenes Hinstellen schlichter Seinstatsachen, die ohne alles Räsonnement
den Widerhall im Wertwillen der Mannschaft suchen und finden. Nicht umsonst erinnert

1 Vgl. etwa Müller 62: «[...] die pointierte Formulierung eines besonderen Ethos der spartanischen Wehr-
gemeinde [...]». Diese Ansicht findet sich auch in dem bekannten Aufsatz von W. Jaeger, hier 92.
2 A. Dihle, Griechische Literaturgeschichte, Darmstadt 21991, 48 f.
3 Latacz 162. Zu Kallinos vgl. R. Leimbach, Kallinos und die Polis, Hermes 106 (1978), 265-279.
4 St. Müller, Das Volk der Athleten. Untersuchungen zur Ideologie und Kritik des Sports in der griechisch-
römischen Antike, Trier 1995, 72.
5 Müller 62, Anm. 23.
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so vieles im Tyrtaios ans Germanische. Was hier spricht, ist nicht Zurückgebliebenheit,
auch nicht die ängstliche Erstarrung des späteren Sparta, sondern glücklich bewahrte alte
Kraft». 6
Natürlich ist überhaupt nicht zu bestreiten, daß die negativen modernen Urteile gegen-
über Tyrtaios bereits in dessen erhaltenem Werk angelegt sind und daß jede Stimme, die
ihn als maßlosen Kriegstreiber kritisiert, ohne Schwierigkeiten Belege aus seinen Versen
heranzuziehen vermag. Das Problem liegt jedoch in der Gewichtung der skizzierten Punkte
gegenüber anderen Aspekten, die das Werk des Tyrtaios möglicherweise auch bietet, sowie
in ihrer Bewertung innerhalb eines angemessenen historischen Kontextes. Es soll im fol-
genden gezeigt werden, daß sich die Bedeutung dieses Dichters nicht in Schlachtengesän-
gen und Kriegstreiberei erschöpft, 7 sondern daß Tyrtaios bereits Gedanken geäußert hat,
die im Rahmen des Entwicklungsprozesses der griechischen Polis von fundamentaler Be-
deutung sind, deren Valenz jedoch bislang zumeist unterschätzt worden ist. Dies liegt zum
einen daran, daß die Dichtungen des Tyrtaios in der modernen - namentlich philologi-
schen - Forschung in der Regel im Schatten Solons stehen. Zum anderen muß das mo-
derne Tyrtaiosbild als Ergebnis eines langwierigen selektiven Rezeptionsprozesses verstan-
den werden, der sich bis in die Antike zurückverfolgen läßt. 8

Um zu einem konsistenteren und im Hinblick auf das Corpus der erhaltenen Fragmente
angemesseneren Tyrtaios-Bild zu gelangen, erscheint es sinnvoll, einen Zugriff zu wählen,
der zunächst einmal von den unmittelbar kampfparänetischen Passagen (die etwa 2/3 des
erhaltenen Corpus einnehmen) abstrahiert und andere für das Werk des Dichters charakte-
ristische Aspekte in den Mittelpunkt rückt, um erst nach deren Analyse zu den Kampfparä-
nesen zurückzukehren und sie in einem Kontext zu bewerten, der möglicherweise eher
adäquat erscheint. Dabei ist an erster Stelle danach zu fragen, ob sich in den Fragmenten
neben den ebenso berüchtigten wie drastischen Aufrufen zum Kampf überhaupt Elemente
aufweisen lassen, die einen solchen Ansatz rechtfertigen. Ich denke, dies ist durchaus der
Fall, und ich möchte diese Elemente in denjenigen Passagen sehen, die sich allgemein
mit dem ‹Politischen› befassen, wobei der Begriff des Politischen in unserem konkreten
Zusammenhang verstanden werden soll als ein Komplex von Denk- und Handlungsweisen,
die sich um die Definition, die Konstituierung und Erhaltung eines spezifischen Gemein-
wesens sowie um die Bestimmung der Rolle, Bedeutung und Funktion der diesem Gemein-
wesen zugehörigen Individuen gruppieren. Zugrundegelegt werden soll also eine Fragestel-
lung, die in der Forschung u. a. an Homer, Solon und Herodot angelegt worden ist und
die - wie sich zeigen wird (und auch schon gezeigt wurde) 9 - auch und gerade bei
Tyrtaios zu greifen vermag. 10
6 Harder 202.
7 In diesem Sinne auch Lesky 146: «Wir haben jedoch keinen Grund zu der Annahme, Tyrtaios hätte nur
unter den Waffen gesungen».
8 Dies deutet auch Latacz 162 kurz an.
9 Z. B. Ottmann 60 ff. (mit weiterer Literatur).
10 Vgl. etwa K. Raaflaub, Die Anfänge des politischen Denkens bei den Griechen, in: I. Fetscher/H. Mün-
kler (Hgg.), Pipers Handbuch der politischen Ideen, Bd. 1, München/Zürich 1988, 189-271; ders., Die
Anfänge des politischen Denkens bei den Griechen, HZ 248 (1989), 1-32; Ottmann 19 ff.; 122 ff.
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Ausgehend von einer solchen Zugangsweise kann man sich zunächst auf eine fest ein-
grenzbare Gruppe von Fragmenten konzentrieren: Es handelt sich dabei zum einen um
diejenigen Verse, die sich unter dem Schlagwort der tyrtäischen Eunomia (der Begriff geht
kaum auf Tyrtaios selbst zurück) fassen lassen, d. h. fr. 1a-b-5 und ∞14 G/P (= fr. 2-5
D); zum anderen um das sog. Areté-Gedicht fr. 9 G/P (= fr. 9 D). Während die erstge-
nannte Versgruppe als zentrale Quelle für die spartanische Frühgeschichte namentlich in
der althistorischen Forschung vielfach behandelt worden, ihre fundamentale Bedeutung für
die politische Organisation dieses Gemeinwesens unumstritten ist und insbesondere die
auf Bestimmungen der Großen Rhetra Bezug nehmenden Fragmente 1b G/P (= fr. 3b D)
und fr. ∞14 G/P (= fr. 3a D) auch als beredte Zeugnisse eines beachtlichen politischen
Reflexionsniveaus des Tyrtaios anerkannt sind, 11 hat das Areté-Gedicht - trotz häufiger
Beachtung - in der Frage nach seinem politischen Gehalt bislang erstaunlich wenig Auf-
merksamkeit erfahren 12 - auch die jüngste Behandlung dieses Textes streift die politischen
Inhalte und Intentionen der Elegie nur marginal. 13
Obwohl sich gerade an den Eunomia-Fragmenten das grundsätzliche Anliegen des Dich-
ters sowie zentrale Aspekte seines politischen Denkens präzise herausarbeiten lassen,
möchte ich an dieser Stelle auf ein näheres Eingehen auf diese Texte verzichten, da die für
unsere Fragestellung relevanten Punkte in der neueren Forschung gut aufgearbeitet sind. 14
Stattdessen möchte ich mich kurz dem Areté-Gedicht zuwenden und gerade anhand dieses
Textes, der immer wieder als Paradigma einer tyrtäischen Kampfparänese fungierte (s. u.),
auf einige Elemente hinweisen, die vom oben skizzierten Tyrtaios-Bild m. E. nicht erfaßt
werden. 15
Vergleicht man die Eunomia-Fragmente mit dem Areté-Gedicht, so zeigt sich, daß die
Texte komplementär zueinander stehen: Während in den erstgenannten Versen nach den

11 Aus der Vielzahl der althistorischen Arbeiten seien lediglich einige zentrale Titel genannt: K. Bringmann,
Die Große Rhetra und die Entstehung des spartanischen Kosmos, in: Christ 351-386; K.-W. Welwei,
Die spartanische Phylenordnung im Spiegel der Großen Rhetra und des Tyrtaios, ebd. 426-447, ND
in: Welwei, Polis und Arché, 42-63; M. Nafissi, La nascita del kosmos. Studi sulla storia e la società di
Sparta, Neapel 1991, 71 ff.; Walter 150 ff.; L. Thommen, Lakedaimonion Politeia. Die Entstehung der
spartanischen Verfassung, Stuttgart 1996, 30 ff.; Meier 243 ff.; H. van Wees, Tyrtaeus’ Eunomia: Nothing
to Do with the Great Rhetra, in: St. Hodkinson/A. Powell (Hgg.), Sparta. New Perspectives, London
1999, 1-41; St. Link, Das frühe Sparta, St. Katharinen 2000, 19 ff. Allerdings will M. Clauss, Sparta.
Eine Einführung in seine Geschichte und Zivilisation, München 1983, 22, auch in 1b G/P (= fr. 3b D)
bzw. fr. ∞14 G/P (= fr. 3a D) nichts anderes als Kampfparänesen sehen.
12 Eine erfreuliche Ausnahme stellt Walter 169 ff. dar. - Die wichtigsten (vorwiegend philologischen)
Arbeiten zum Areté-Gedicht seien an dieser Stelle kurz angeführt: Jaeger, 75-114 (mit überzeugenden
Argumenten für die wiederholt angezweifelte Echtheit der Elegie); C. del Grande, Tirteo, Elegia 9 Diehl,
in: ders., Filologia minore. Studi di poesia e storia nella Grecia antica da Omero a Bisanzio, Mailand/
Neapel 21967, 63-80; 424-426; Prato 116 ff.; Snell 27 ff.; Shey 5-28; Fuqua 215-226; G. Tarditi,
Parenesi e Areté nel Corpus Tirtaico, RFIC 110 (1982), 257-276; Th. A. Tarkow, Tyrtaeus, 9 D.: The
Role of Poetry in the New Sparta, AC 52 (1983), 48-69; Schwinge 387-395.
13 Schwinge, passim.
14 Ich selbst habe vor kurzem eine Interpretation der Verse vorgelegt (Meier 243 ff.; dort auch weitere
Literatur).
15 Die nachfolgenden Überlegungen basieren auf einer Interpretation des Textes, die ich an anderer Stelle
bereits vorgenommen habe: Meier 272 ff. (dort auch weiterführende Belege und Literatur, auf deren
Vollständigkeit im folgenden aus Raumgründen verzichtet sei).
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für ein Gemeinwesen konstituierenden Faktoren, nach Zugehörigkeitskriterien sowie dem


idealen, institutionell geregelten Zusammenspiel unterschiedlicher Interessengruppen in-
nerhalb der Bevölkerung gefragt wird, richtet fr. 9 den Blick auf das Individuum innerhalb
dieses Gemeinwesens, auf seine Bedeutung und insbesondere auf seine Funktion. Tyrtaios
entwickelt dabei das Paradigma des aœnh¡r aœgaqo¬w , der sich durch eine ganz spezifische
Form der aœreth¬ definiert. Diese aœreth¬ wiederum kennt nur einen Maßstab: Das gemein-
schaftliche Gut ( jyno¡n eœsqlo¬n ), d. h. den Nutzen für die Polis (wir würden das heute
als ‹Gemeinwohl› bezeichnen). Damit grenzt sich der Dichter rigoros von homerischen
Normvorstellungen ab - er artikuliert das ja auch zu Beginn des Gedichtes in deutlichster
Weise (v. 1-9) - und bezieht in einer Wertediskussion Stellung, die seit dem späten 8. Jh.
offenbar auf breiterer Ebene geführt wurde. 16 Von der expliziten Kritik adliger Werte bei
Archilochos kann hier abgesehen werden. Wichtiger ist, daß bereits Hesiod in Abgrenzung
von homerischen aristokratischen Idealen aœreth¬ als Lohn für anständige Arbeit definiert
und somit auch für Handwerker und Bauern erreichbar gemacht hatte. Auf dieser Enthe-
roisierung der aœreth¬ baut Tyrtaios auf, indem er sie nunmehr zusätzlich politisiert: Jedes
Mitglied der Gemeinschaft kann in seinen Augen durch ein strikt auf die Belange der
Polis ausgerichtetes Verhalten zum aœnh¡r aœgaqo¬w werden. Das Areté-Gedicht erklärt und
exemplifiziert diese Ansicht. Daß sich Tyrtaios’ aœreth¬-Begriff dabei vor allem im Bereich
des Kampfes und des Krieges kristallisiert, wird durch die historischen Rahmenbedingun-
gen, in welche die Dichtungen des Tyrtaios eingebunden sind, hinreichend erklärt: Der
Aufstand der Messenier (2. Messenischer Krieg) gefährdete das spartanische Gemeinwesen
bis an den Rand seiner Existenz und erforderte den Einsatz aller zur Verfügung stehenden
Mittel und Kräfte, um eine Katastrophe, nämlich die Vernichtung der Polis Sparta, zu
vermeiden. Kampfaufrufe, die den Krieg als Selbstzweck verherrlichen, wird man bei Tyr-
taios dagegen nirgendwo finden.
Die klar gegliederte Kompositionsweise des Gedichtes 17 mit deutlich erkennbaren
Unterabschnitten legt es dem Interpreten nahe, die einzelnen Verseinheiten jeweils geson-
dert zu betrachten. Der Text gliedert sich grob in zwei Hauptteile: Im ersten Teil wird der
tyrtäische aœreth¬-Begriff entwickelt, die zweite Gedichthälfte beschreibt den Lohn, den das
Erreichen dieser aœreth¬ verspricht. Beide Hauptteile lassen sich jeweils in zwei Unterab-
schnitte aufgliedern:
1a (v. 1-12): Negative Bestimmung der aœreth¬.
1b (v. 13-22): Positive Bestimmung der aœreth¬.
2a (v. 23-34): Lohn für den gefallenen aœnh¡r aœgaqo¬w.
2b (v. 35-42): Lohn für den überlebenden aœnh¡r aœgaqo¬w.
Eine eigenständige Sinneinheit bildet das Schlußdistichon (v. 43-44), in dem der Dichter
dazu aufruft, den Gipfel der zuvor beschriebenen aœreth¬ zu erklimmen.

V. 1-12:
Das Gedicht beginnt markant mit einer Priamel (v. 2-9), in der ein Katalog von Werten
entfaltet wird, die bis dahin große Anerkennung genossen hatten, nun aber durch das

16 H. Munding, Ein nachhomerischer Streit um die wahre areté, AU 27.5 (1984), 5-19.
17 Schon Jaeger 84 bemängelte an der älteren Forschung zu fr. 9: «Die Elegie [...] ist [...] von der grossen
Mehrzahl ihrer Kritiker als ein vollkommenes Meisterstück anerkannt und gepriesen. Aber dem Tyrtaios
und überhaupt der archaischen Poesie traut man diese Form nicht zu».
Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 161

viermalige oyœdÅ eiœ jeweils zu Beginn eines Distichons (v. 3,5,7,9) sämtlich negiert werden.
Der Dichter macht sich weder etwas aus Schnelligkeit und Stärke im Ringen (v. 2-4) noch
aus Schönheit (v. 5), Reichtum (v. 6), einer autoritären Erscheinung ( basiley¬terow: v. 7)
oder auch Redegwandtheit (v. 8), d. h. aus zentralen Elementen des archaisch-aristokrati-
schen Wertekanons. All diese traditionellen Vorzüge ( pãsa do¬ja ) können für ihn nicht
bestehen im Vergleich mit der qoỹriw aœlkh¬, der stürmischen Wehrkraft (v. 9). Sie allein
gibt die Möglichkeit, aœreth¬ zu erwerben: «Das eben ist Areté» ( hÕdÅ aœreth¬, v. 13).
Die intendierte Distanzierung von den überkommenen Normen spiegelt sich darüber
hinaus auch in einem subtil gestalteten Subtext. Denn all die genannten traditionellen
Werte werden jeweils anhand eines mythischen Exemplums veranschaulicht, doch wirkt
ausgerechnet die Auswahl dieses Beispielkataloges reichlich sonderbar: So werden zur Illu-
stration physischer Überlegenheit die Kyklopen genannt (v. 3), seit der Odyssee eher als
Paradigma unzivilisierten Barbarentums bekannt (Hom. Od. IX 105 ff.); zum Inbegriff der
Schnelligkeit avanciert nicht - wie man wohl erwartete hätte - der homerische Achilleus,
sondern der barbarische Thraker Boreas (v. 4), 18 und als Beispiel für Schönheit wird ausge-
rechnet Tithonos herangezogen (v. 5), der zwar Unsterblichkeit erhielt, aber keine ewige
Jugend, und der aus diesem Grund reichlich unansehnlich verschrumpelte; Midas und
Kinyras fungieren als Repräsentanten des Ideals sagenhaften Reichtums (v. 6) - ihr Schick-
sal war jedoch kaum vorbildlich; 19 Pelops wird als Sohn des Tantalos vorgestellt (v. 7), der
die Götter provozierte und dessen Erwähnung somit auch einen Schatten auf Pelops selbst
wirft; 20 Adrastos, dessen Leben von furchtbaren Schicksalsschlägen gezeichnet war, er-
scheint als Beispiel für Redekunst (v. 8) - warum nennt Tyrtaios hier nicht den viel
berühmteren Nestor? 21
Der Auswahl dieser Exempla liegt unverkennbar eine Intention zugrunde, die sich über
die Gemeinsamkeit der genannten Personen erschließt: Sie alle verkörpern in unterschied-
lichster Weise maßloses, hybrides Verhalten. 22 Als Repräsentanten individueller Tugenden
scheiterten sie alle letztlich an der eigenen Maßlosigkeit - anders gesagt: Individualität
bedarf grundsätzlich eines regulierenden Moments, und dieses wiederum sieht Tyrtaios in
der Polis. Denn einzig die Orientierung am jyno¡n eœsqlo¬n, am gemeinschaftlichen Gut (v.
15), garantiert aœreth¬. Das Individuelle vermag gegenüber dem Kollektiv nicht zu bestehen,
nicht nur, weil es sich letzterem prinzipiell unterzuordnen hat, sondern allein schon des-
halb, weil es ohne dieses versagen und unaufhaltsam ins Unglück abgleiten würde. 23

18 Snell 34 f.
19 Vgl. W. Kroll, RE XI 1 (1921), 484-486, s. v. Kinyras, bes. 485.
20 Snell 35.
21 Adrastos, legendärer König von Argos, wurde mit dem Zug der Sieben gegen Theben und dem katastro-
phalen Ausgang dieses Unternehmens in Verbindung gebracht, vgl. E. Bethe, RE I 1 (1893), 411-416,
s. v. Adrastos (1), bes. 413-415; Shey 10 ff.; ferner Snell 35.
22 Snell 35.
23 Insofern erscheint mir Schwinges Interpretation der Elegie, wonach die Absetzung des Dichters von
homerischen Tugenden auf einer poetologischen Metaebene zugleich auch eine Distanzierung von epi-
scher Dichtung impliziere, überpointiert zu sein (vgl. bes. ebd. 390). Denn bei den beschriebenen
Exempla handelt es sich ja gerade nicht um die bekannten homerischen Helden, sondern vorwiegend um
anderweitig prominente Gestalten. Schwinge geht freilich davon aus, daß es sich bei all den Personen
um epische Heroen gehandelt habe, und konstatiert 390, Anm. 8 lediglich: «Daß wir das kaum verifizie-
ren können, besagt nichts».
162 Mischa Meier

V. 13-22:
Hatte Tyrtaios in den ersten Versen dargelegt, was er nicht unter aœreth¬ versteht und wie
der Spartaner nicht zum aœnh¡r aœgaqo¬w werden kann (vgl. v. 10: oyœ ga¡r aœnh¡r aœgaqo¡w
gi¬gnetai ), so erfolgt im zweiten Abschnitt des ersten Hauptteils die Entwicklung seiner
eigenen Vorstellungen (vgl. v. 20: oy√tow aœnh¡r aœgaqo¡w gi¬gnetai ), programmatisch eingelei-
tet durch das fanfarenartige hÕdÅ aœreth¬ (v. 13). Dabei wird rasch der markante Unterschied
zwischen dem herkömmlichen homerischen sowie dem tyrtäischen aœreth¬-Konzept deut-
lich: Tyrtaios knüpft an das soziale Statussymbol eine ethische Wertkategorie; Adel als
Ausdrucksform hohen sozialen Ranges muß fortan im Dienst für die Gemeinschaft ver-
dient werden. Die Qualität des aœgaqo¬w ist dabei nicht mehr auf einen kleinen Kreis ausge-
wählter Helden beschränkt, sondern steht jetzt jedem Mitglied des spartanischen Gemein-
wesens grundsätzlich offen, sofern er sein Handeln strikt am jyno¡n eœsqlo¬n der Polis
orientiert, wie es Tyrtaios v. 13-15 prägnant formuliert:
hÕdÅ aœreth¬, to¬dÅ aeqlon eœn aœnqrv¬poisin ariston
ka¬llisto¬n te fe¬rein gi¬gnetai aœndri¡ ne¬ì.
jyno¡n dÅ eœsqlo¡n toỹto po¬lhi¬ te panti¬ te dh¬mì, [...].
Das ist Leistung, das ist bei den Leuten der beste und schönste Kampfpreis, den ein
junger Mann davontragen kann. Ein gemeinschaftliches Gut für die ganze Gemeinde
und Bürgerschaft, [...].
Dieser Aufruf zur Ausrichtung jeglichen Handelns am Nutzen für die Polis hat grundsätzli-
che Bedeutung, denn er erfordert eine radikale Absage an traditionelle und insbesondere
individuelle Werte in Form von deren Unterordnung unter die Polis. 24 Damit wird er zur
politischen Maxime. Der aktuellen Situation Spartas hingegen ist es geschuldet, daß die
konkrete Umsetzung dieser Vorgaben zunächst in einer ganz spezifischen Weise erfolgen
muß, nämlich durch die bedingungslose Einfügung des Einzelnen in die Phalanx der
Kämpfer für die Existenz der Polis (v. 16-19; 21-22). Mit Recht hatte bereits Jaeger im
Hinblick auf Tyrtaios konstatiert: «Die Eunomie führt ja eindringlich vor Augen, dass die
kriegerische Elegie nur eine einzelne Species der politischen Dichtung des Tyrtaios ist,
wenn auch wohl seine grösste Stärke». 25 Erst Solon, dessen Polis nicht am Rande einer
militärischen Katastrophe stand, konnte es sich erlauben, prinzipiell dieselbe Haltung wie
schon Tyrtaios einzufordern, diese aber nicht lediglich auf den Bereich des Kampfes und
des Krieges zu beschränken. 26

V. 23-34:
Im Zentrum der zweiten Hälfte der Elegie (mit Ausnahme der Schlußverse 43-44)
steht der aœnh¡r aœgaqo¬w. Beschrieben wird, wie sich die aœreth¬, die dieser aufgrund seiner
qoỹriw aœlkh¬ (bzw. - allgemeiner gesprochen - aufgrund der Ausrichtung seines qymo¬w
auf die Belange der Polis) erworben hat, in Form höchster gesellschaftlicher Anerkennung
innerhalb seines Gemeinwesens manifestiert. Dabei sind die Verse 23-34 dem gefallenen
Krieger gewidmet, während sich die folgende Versgruppe 35-42 auf den Überlebenden
bezieht. Dies mag wiederum zunächst befremden, denn Tyrtaios scheint sowohl durch

24 Vgl. so auch schon Jaeger 92 f.


25 Jaeger 87.
26 Bes. Sol. fr. 3 G/P (= fr. 3 D). Dazu vgl. Stahl 385-408.
Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 163

diese Reihenfolge als auch durch die unterschiedliche Ausführlichkeit beider Passagen klar
seine Präferenzen auszudrücken. Man hat daher nicht nur von Lebensverachtung gespro-
chen (was zutreffend ist), sondern geradezu von Todesverliebtheit und Todesmystik. 27
Dabei wird jedoch zumeist übersehen, daß der Tod auf dem Schlachtfeld keineswegs das
Telos im Denken des Tyrtaios darstellt. Der Dichter fordert niemanden dazu auf, in den
Kampf zu ziehen, nur um dort zu sterben 28 - damit wäre seiner Polis nicht im geringsten
gedient. Vielmehr wird der Spartiat dazu angehalten, im Kampf möglichst zu siegen ( nikh¬-
saw , v. 36), dabei aber seine Person gänzlich der «überindividuellen Seinsform der Gemein-
schaft» unterzuordnen, 29 d. h. konkret, selbst dem eigenen Leben vor dem Hintergrund
der Polis eine möglichst geringe Bedeutung beizumessen, ein Appell, der grundsätzlich
ebenso für Friedenszeiten gilt.
Daß dem gefallenen Krieger dabei eine derart herausragende Bedeutung zukommt, er-
klärt sich allein schon aus dem Umstand, daß dieser auch das höchste Opfer gebracht hat.
Um eine Haltung bei den Spartanern zu erwirken, die diese äußerste Konsequenz eines
Einsatzes für das Gemeinwesen akzeptiert, muß daher der Lohn in besonderer Weise
herausgestellt werden. Der gefallene Krieger erlangt nicht nur persönlichen Ruhm (v. 31),
sondern er verleiht diesen auch seiner gesamten Polis, den Mannschaften und seinem Vater
(v. 24: asty te kai¡ laoy¡w kai¡ pate¬rÅ eyœklei¬saw ). 30 Nicht nur seine Familie beklagt ihn,
sondern die Polis insgesamt (v. 28: pãsa ke¬khde po¬liw ) - die Totenklage wird zum
Politikum; der öffentliche Epitaphios kündigt sich an. Die Grabstätte des Toten wird -
weit über den Ahnenkult hinaus - sogar von den nachfolgenden Generationen noch
geehrt (v. 29-30) und entwickelt sich somit vom demonstrativen Denkmal, das nur das
individuelle kle¬ow des Helden symbolisiert, zu einem integrativen Kristallisationspunkt
einer neugeschaffenen Polisidentität (allerdings noch nicht in Form eines Heroengrabes,
wie sie vor allem in hellenistischer Zeit häufig wurden). Am Grab des Kriegers, der im
Kampf für die Polis gefallen ist, erfahren die Mitglieder des Gemeinwesens ihre gemein-
same Zugehörigkeit zu einem fest definierten Verband. Mit dem Toten ehren sie zugleich
auch dessen Haltung gegenüber der Polis und erkennen diese an. 31 Anders als der homeri-
sche Held, dessen Nachruhm sich lediglich auf fh¬mh und lo¬gow beschränkte, bleibt der
Gefallene im kollektiven Gedächtnis der Polis lebendig, und erst das bedeutet wirkliche
Unsterblichkeit, wie Tyrtaios v. 31-32 anschaulich formuliert:
oyœde¬ pote kle¬ow eœsqlo¡n aœpo¬llytai oyœdÅ onomÅ ayœtoỹ,
aœllÅ y«po¡ gh̃w per eœv¡n gi¬gnetai aœqa¬natow, [...]. 32
Niemals gehen sein edler Ruhm und sein Name unter, sondern auch unter der Erde
ruhend wird er unsterblich, [...].

27 Müller 61-65 mit besonderem Blick auf die Verse fr. 8,5-6 G/P (= fr. 8,5-6 D) und 7,18 G/P (=
fr. 7,18 D).
28 So aber Müller 62: «Überwindung der Todesfurcht durch Todessehnsucht; nicht um zu siegen, sondern
um zu sterben, zieht der Krieger in den Kampf».
29 K.-W. Welwei, Heroenkult und Gefallenenehrung im antiken Griechenland, in: G. Binder/B. Effe (Hgg.),
Tod und Jenseits im Altertum, Trier 1991, 50-70, bes. 51 = Welwei, Polis und Arché, 134-154, hier
155.
30 Nicht zufällig stellt dieser Vers den frühesten Beleg des transitiven Verbums eyœklei¬zein dar, vgl. Prato
133.
31 Vgl. auch Fuqua 215 ff.
32 Vgl. ähnlich später Thuk. II 43,2.
164 Mischa Meier

Es handelt sich dabei - wie schon vor langer Zeit gesehen wurde - um eine «Politisierung
der Ruhmesidee» bzw. um eine Funktionalisierung des Ruhmesgedankens im Dienst der
Polis. 33 Auch für den homerischen Helden hatte der Tod auf dem Schlachtfeld individuel-
len Ruhm bedeutet. Tyrtaios verlangt von den Spartanern jedoch, primär nicht für das
eigene kle¬ow , sondern für die Polis in den Kampf zu ziehen. Dementsprechend kann auch
nur diese ewigen Ruhm als Gegenleistung garantieren. Auf diese Weise werden die Interes-
sen des einzelnen und des Gemeinwesens subtil miteinander verbunden: Der Spartaner
stirbt - wenn nötig - im Kampf für die Polis, kann aber dadurch gewiß sein, daß ihm
ewiges kle¬ow eœsqlo¬n im homerischen Sinne garantiert ist. Das Aristieideal epischer Tradi-
tion wird damit in den Dienst für die Polis eingebettet und geschickt instrumentalisiert.
Folgerichtig erscheinen v. 33-34 Aristieideal und Einsatz für das Gemeinwesen in harmo-
nischer Verbindung: 34
[...] oÕntinÅ aœristey¬onta me¬nonta¬ te marna¬meno¬n te
gh̃w pe¬ri kai¡ pai¬dvn qoỹrow ÔArhw oœle¬sñ.
[...] wenn ihn, der Leistung bewiesen hat, ausharrte und kämpfte für Land und Kinder,
der stürmische Ares vernichtet hat.

V. 35-42:
Die folgenden Verse sind den Ehrungen für den überlebenden Krieger gewidmet. Sein
Ansehen ist nicht minder hoch als dasjenige des Gefallenen, denn Tyrtaios fordert ja
grundsätzlich - wie gesagt - nicht den Tod auf dem Schlachtfeld, sondern lediglich eine
Grundhaltung des qymo¬w , die diesen als äußersten Fall einkalkuliert und akzeptiert. Inso-
fern ist der Überlebende in gleicher Weise wie der Gefallene zu ehren, denn seine Einstel-
lung ist bzw. war dieselbe. Die ähnlich lautenden Verse 27 (für den Gefallenen) und 37 (für
den Überlebenden) verdeutlichen dies: Sämtliche Angehörige des Gemeinwesens beklagen
( oœlofy¬rontai, v. 27) den toten Soldaten und ehren ( timṽsin, v. 37) denjenigen, der davon-
gekommen ist. 35 Lediglich der Einsatz für das Kollektiv verspricht also Ehre ( timh¬ ). Dem
Geehrten werden polla¡ [...] terpna¬ (v. 38) zuteil; selbst als alter Mann ( ghra¬skvn, v. 39)
steht er in höchstem Ansehen ( aiœdv¬w und di¬kh, v. 40), und auf den Ehrensitzen ( eœn
qv¬koisin, v. 41) macht jeder ( pa¬ntew ) ihm Platz.

V. 43-44:
In den beiden Schlußversen ruft Tyrtaios die Spartaner noch einmal entschlossen dazu
auf, den Gipfel dieser aœreth¬ zu erklimmen. Da die gegenwärtige Situation dies vor allem
in Form unbedingten militärischen Einsatzes verlangt, schließt die Elegie programmatisch
mit dem Wort pole¬moy.

Es sind insbesondere drei wesentliche Aspekte, die mir in unserem Zusammenhang von
Bedeutung erscheinen:
1.) Tyrtaios zentriert erstmals jegliches Denken und Handeln einzig auf den Nutzen für
die Polis. Er bestreitet vehement den Wert herkömmlicher aristokratischer Tugenden und

33 Jaeger 94.
34 Meier 284 f.
35 Vgl. Jaeger 98 f.
Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 165

läßt als einzige aœreth¬ den unbedingten Einsatz für das Gemeinwesen gelten. Allein die
Polis ist dementsprechend in der Lage, das Prädikat aœnh¡r aœgaqo¬w und damit aœreth¬ im
Sinne hohen gesellschaftlichen Ansehens überhaupt zu verleihen.
2.) Tyrtaios verherrlicht nicht den Krieg als solchen, sondern seine Elegien sind vom
drohenden Desaster in der Auseinandersetzung mit den aufständischen Messeniern nicht
zu trennen. Er dichtete in einer existentiell bedrohlichen Situation, und diese Situation
erforderte es, die Umsetzung der postulierten Orientierung des einzelnen am Nutzen für
das Kollektiv auf den Bereich des Militärischen zu beschränken. Das Beispiel Solons zeigt
jedoch, daß in Zeiten geringerer äußerer Bedrohungen auch andere Aspekte dieser Polis-
verbundenheit betont werden konnten.
3.) Tyrtaios fordert niemanden auf, gezielt für die Polis zu sterben, und auch sein berühm-
tes Diktum vom schönen Totsein nach dem Untergang in der Reihe der Vorkämpfer, auf
das im Rahmen der Rezeptionsfrage noch zurückzukommen sein wird, ist nicht so zu
verstehen. Der Dichter fordert vielmehr - ganz im Sinne seiner Polis - den Sieg im
Kampf. Dabei muß der Krieger allerdings eine mentale Grundhaltung mitbringen, die den
möglichen Tod auf dem Schlachtfeld als Maximum persönlichen Engagements einkalku-
liert. Um dies zu gewährleisten, werden die Ehrungen des Gefallenen in besonderer Aus-
führlichkeit beschrieben und sogar über das Maß, das zu erreichen einem homerischen
Helden möglich war, gestellt. Nur vor diesem Hintergrund kann der Tod durch den Kampf
«schön» ( kalo¬n ) sein. Bei der Beurteilung dieses Diktums wird immer wieder ein zentraler
Punkt übersehen: Tyrtaios spricht bezeichnenderweise nicht vom «Sterben», sondern vom
«Totsein» ( teqna¬menai, v. 6,1 G/P (= fr. 6,1 D)). 36 Denn es geht ihm nicht in grundsätz-
lich todesverherrlichender Weise um den Vorgang des Sterbens, sondern darum, daß dem-
jenigen, der nun einmal im Kampf sein Leben lassen mußte, später höchste Ehren zuteil
werden.

II

Wie sehr unser modernes Tyrtaios-Bild von der Überlieferungsgeschichte bestimmt wird,
geht bereits aus einem kurzen Blick in die Suda hervor; dabei zeigt sich, daß der Dichter
wesentlich mehr Material hinterlassen hat als die gut 200 Verse, die heute noch vorliegen.
Der Suda zufolge umfaßte das Werk des Tyrtaios immerhin 5 Bücher, darunter eine poli-
tei¬a Lakedaimoni¬oiw , y«poqh̃kai diÅ eœlegei¬aw sowie me¬lh polemisth¬ria. 37 Bei der poli-
tei¬a wird es sich am ehesten um einen Komplex politischer Lyrik gehandelt haben, den
wir unter das Stichwort Eunomia subsumieren können und der u. a. Aristoteles noch vorlag.
Ob diese politische Dichtung ein einzelnes Werk war oder ob man mit verschiedenen
Elegien rechnen muß, ist allerdings unklar. Eine Reihe von Fragmenten (s. o.) läßt aber
zumindest noch Umrisse derjenigen Gedanken erkennen, die in diesen Bereich tyrtäischer
Lyrik Eingang gefunden haben. Es ging hier offenbar hauptsächlich um die Geschichte
und innere Ordnung Spartas sowie um Wege zur Erhaltung der inneren Einheit und Stabili-
tät des Gemeinwesens. Die y«poqh̃kai wurden vor allem unmittelbar vor einer Schlacht
oder im Anschluß an eine Niederlage rezitiert, um den Mut der Soldaten zu stärken.

36 Darauf hat bereits Hommel 237, hingewiesen. Vgl. auch Meier 283, Anm. 202.
37 Suda s. v. Tyrtaĩow = Tyrt. testim. 19 G/P.
166 Mischa Meier

Die z. T. recht allgemein gefaßten Inhalte dieser Elegien deuten aber darauf hin, daß ihre
Verbreitung sich nicht auf den engeren Kreis der Soldaten beschränkte. Die me¬lh polemi-
sth¬ria schließlich wurden während des Vormarsches des Heeres zur Flötenbegleitung
gesungen; sie dienten in erster Linie dazu, den rhythmischen Bewegungsablauf der Phalanx
im Gleichtakt zu halten. 38
Man wird darüber hinaus damit zu rechnen haben, daß Dichtungen des Tyrtaios auch
auf Symposien vorgetragen wurden, wo Themen aus dem Bereich der Kriegführung keine
Seltenheit darstellten. 39 Zumindest indirekt lassen sich aus den Fragmenten Bezüge zum
sympotischen Rahmen herstellen. 40 Der allgemein politische Charakter einer Reihe von
Versen (wie z. B. des oben behandelten Areté-Gedichtes) weist zudem darauf hin, daß
Gedichte des Tyrtaios auch im Rahmen öffentlicher Veranstaltungen der Polis rezitiert
worden sind; damit waren sie direkt in das politische Leben des Gemeinwesens eingebun-
den, ein Umstand, der nicht ohne Parallelen ist: Auch die Salamis-Elegie Solons, eine
Kampfparänese, in der die Athener zur Eroberung der Insel Salamis aufgerufen werden,
wurde nach den eigenen Worten des Dichters auf der athenischen Agora vorgetragen (Sol.
fr. 2,2 G/P [= fr. 2,2 D]); in gleicher Weise richteten sich weitere Dichtungen Solons an
die gesamte athenische Bürgerschaft (vgl. fr. 3,1 G/P [= fr. 3,1 D]: h«mete¬ra de¡ po¬liw; fr.
3,30 G/P [= fr. 3,30 D]: taỹta dida¬jai [...] ¢Aqhnai¬oyw ).
Der Vergleich zwischen Solon und Tyrtaios zeigt im übrigen noch ein weiteres: Auch der
Athener, dessen Dichtungen heute ein weitaus höheres Ansehen genießen, komponierte
Kampfparänesen. In der Salamis-Elegie wird ebenso wie bei Tyrtaios 41 (von dessen Ein-
flüssen Solon - wie schon W. Jaeger plausibel gemacht hat - nicht frei ist) 42 die unbe-
dingte Identifikation des Einzelnen mit der Polis gefordert und der Stolz des ÅAttiko¡w
aœnh¬r angesprochen (Sol. fr. 2,3-6 G/P [= fr. 2,3-6 D]). Ähnliche Gedanken, die letzt-
lich auf eine Unterordnung des persönlichen Wohles Einzelner unter die Belange des Koi-
non zielen, prägen auch das berühmte Eunomia-Gedicht Solons, das unter dieser Perspek-
tive ausführlich von M. Stahl analysiert worden ist. 43 Eunomia ist für Solon geradezu eine
Chiffre für ein strikt polis-orientiertes Denken und Handeln der Athener. Während Tyr-
taios diese Haltung in Zeiten äußerer Bedrängnis in Form bedingungsloser militärischer
Gefolgsamkeit eingefordert hat, präsentiert Solon diejenigen Aspekte, die zur Erreichung
und Aufrechterhaltung des inneren Friedens der Polis erforderlich sind. Anders als Tyrtaios,
der fr. 1b G/P (= fr. 3b D) bzw. fr. ∞14 G/P (= 3a D) ebenfalls Idealvorstellungen eines
funktionierenden Gemeinwesens geäußert hatte, kommt bei Solon allerdings nunmehr der
Appell an das eigenverantwortliche Handeln der Athener hinzu (bes. Sol. fr. 1 G/P [= fr.
1 D]) 44 - in diesem Punkt besteht durchaus ein bedeutsamer qualitativer Unterschied
zwischen den beiden Dichtern. Trotzdem verbindet sie - wie gesagt - das gemeinsame
Anliegen, eine Identifikation der Spartaner bzw. Athener mit ihrer Polis sowie die Unter-
ordnung des einzelnen unter ihre Belange zu erreichen.

38 Prato 6*-8*; Meier 239 f.


39 E. L. Bowie, Early Greek Elegy, Symposium and Public Festival, JHS 106 (1986), 13-35, bes. 15 f.
40 Vgl. Meier 173 f.
41 Vgl. Lesky 150: «[...] mit tyrtäischen Tönen».
42 Jaeger 75; 92; 96; 103; Prato 66* (direkte Belege) sowie Meier 312-316.
43 Stahl, passim.
44 K. Matthiessen, Solons Musenelegie und die Entwicklung des griechischen Rechtsdenkens, Gymnasium
101 (1994), 385-407.
Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 167

Im Altertum lassen sich hauptsächlich drei wesentliche Rezeptionsstränge tyrtäischer


Dichtung erkennen. 45 Zum einen wurden Maximen, Wendungen und Floskeln des Elegi-
kers in späterer Dichtung aufgegriffen, variiert, in neue Kontexte gefügt und somit weiter-
tradiert. So weist z. B. auch Xenophanes von Kolophon in einer an Tyrt. fr. 9 erinnernden
Weise 46 den traditionellen athletischen Tugendkanon zurück und konfrontiert ihn mit dem
Ideal seiner aœgaqh¡ sofi¬a. 47 Die vielfachen Ähnlichkeiten beider Elegien auf der einen
Seite sowie das geringe Zutrauen in die dichterischen Fähigkeiten eines Tyrtaios auf der
anderen Seite haben dazu geführt, daß Tyrt. fr. 9 fälschlich als das Werk eines anonymen
Dichters aus der Zeit des Xenophanes gedeutet wurde. 48 Auch Solon wird kaum in Un-
kenntnis tyrtäischer Elegien gedichtet haben (s. o.), und insbesondere in die Theognidea hat
Tyrtaios Eingang gefunden. 49
Daneben wurde Tyrtaios bereits in der Antike immer wieder als zentrale Quelle für die
spartanische Frühgeschichte herangezogen. Aristoteles etwa schloß aus den tyrtäischen
Eunomia-Versen auf innere Konflikte und die Forderung nach einer Neuaufteilung des
Landes in Sparta. 50 Diodor und Strabon haben bei ihrer Behandlung von Episoden der
spartanischen Frühgeschichte (über Kallisthenes und Ephoros als Zwischenquellen?) eben-
falls Tyrtaios zitiert. 51 Plutarch benutzte ihn in seiner Lykurg-Vita, 52 und auch Pausanias,
dessen Beschreibung Messeniens (Buch 4) aufgrund des Mangels an visuellen Anknüp-
fungspunkten eher ein Konglomerat historisierender Digressionen darstellt, zitiert mehr-
fach Tyrtaios. 53
Als entscheidend für das moderne Tyrtaios-Bild erwies sich indessen der dritte Rezep-
tionsstrang. Er ist gekennzeichnet von einer generellen Bewunderung spartanischer Tugen-
den sowie von Hochachtung gegenüber dem spartanischen Kriegerethos und stellt seiner-
seits bereits einen Aspekt der antiken Sparta-Legende dar. Vor allem athenische Autoren
des 4. Jahrhunderts v. Chr., wie Platon, Isokrates und Lykurg, aber auch nachfolgende
Generationen (Horaz, Stobaios) bewunderten die Elegien des Tyrtaios und zogen sie wie-
derholt heran. 54 Bezeichnenderweise haben sich die mehr oder weniger vollständig überlie-
ferten Tyrtaios-Gedichte gerade über diesen Rezeptionsstrang erhalten. Anders als die von
Historikern, Biographen und Periegeten überlieferten Fragmente enthalten diese Texte

45 Es geht im folgenden lediglich um die wichtigsten Traditionslinien der Tyrtaiosrezeption; zu den Überlie-
ferungswegen der Fragmente vgl. im einzelnen die Apparate der Edition von Gentili/Prato. Aspekte der
Nachwirkung des Tyrtaios (unabhängig von wörtlichen Zitaten) im Altertum diskutieren Jaeger 99 ff.,
Meier 312 ff. sowie Müller, passim.
46 Vgl. Jaeger 100: «offenbar von ihm inspiriert».
47 Xenoph. fr. 2 G/P (= fr. 2 D/K).
48 H. Fränkel, Dichtung und Philosophie des frühen Griechentums, München 41993, 384-386.
49 Belege bei Prato 66*f. Vgl. auch H. Patzer, Der archaische areté-Kanon im Corpus Theognideum, in:
G. Kurz/D. Müller/W. Nicolai (Hgg.), Gnomosyne. Menschliches Denken und Handeln in der frühgrie-
chischen Literatur. Festschrift für Walter Marg zum 70. Geburtstag, München 1981, 197-226.
50 Aristot. pol. V 7 1306b37-1307a2.
51 Diod. VII 12,6; Strab. VI 3,3; VIII 4,10; VIII 5,6. Jacoby 11 zufolge wurde Tyrtaios erstmals von
Kallisthenes historisch ausgewertet; von seinem Werk seien dann auch Aristoteles und Ephoros abhängig
gewesen; ähnlich bereits von Wilamowitz-Moellendorff 103 ff., sowie Tigerstedt 206 ff.; 212 ff.; 225 und
Prato 68*f.
52 Plut. Lyk. 6.
53 Paus. IV 6,5; IV 13,6; IV 14,5; IV15,2.
54 Zur Tyrtaios-Rezeption im Athen des 4. Jh. vgl. Tigerstedt 46.
168 Mischa Meier

kaum konkret historisch verwertbares Material. Doch «gerade diese Gedichte waren im
Altertum die eigentlich berühmten». 55 So zitierte der athenische Politiker Lykurg 331
v. Chr. in seiner patriotischen Rede gegen Leokrates ausführlich Tyrtaios und sicherte damit
ungewollt die Überlieferung von fr. 6-7 G/P (= fr. 6-7 D). 56 Die ausführliche Kampf-
paränese, in der die Spartaner als Abkömmlinge des «unbesiegten Herakles» tituliert werden
(fr. 8 G/P [= fr. 8 D]), findet sich in der Anthologie des Johannes Stobaios (5. Jh. n. Chr.)
unter der Kapitelüberschrift peri¡ pole¬moy. 57 Ebenfalls nur durch Stobaios ist auch das
oben behandelte Areté-Gedicht vollständig überliefert, in zwei Teilen unter dem Stichwort
epainow to¬lmhw. 58
Im Rahmen dieses Rezeptionsstranges ist zum ersten Mal der allmählich fortschreitende
Prozeß einer Stereotypisierung des Tyrtaios-Bildes erkennbar. Der Dichter wird mehr und
mehr zum Kristallisationspunkt eines bunten Konglomerats von Vorstellungen, die sich
mehr oder weniger plausibel mit seinem Werk assoziieren lassen. Während dabei diejenigen
(wenigen) Autoren, die noch authentische Tyrtaios-Verse zitieren, immerhin die Möglich-
keit eines unverfälschten Blickes auf den Dichter gewähren, kommt es bei anderen, die
den Namen ‹Tyrtaios› nur noch als Chiffre verwenden, zunehmend zu Verzerrungen. Das
prominenteste Beispiel hierfür dürfte Horaz darstellen. In seiner Ars poetica stellt er Tyrtaios
als Schlachtensänger an die Seite Homers. 59 Wesentlich problematischer und ihrerseits
wiederum offen für weitere rezeptionsgeschichtliche Mißverständnisse ist jedoch seine
Auslegung des berühmten teqna¬menai ga¡r kalo¬n (Tyrt. fr. 6,1 G/P [= fr. 6,1 D]) in carm.
III 2,13:
dulce et decorum est pro patria mori.
Das zentrale Problem dieses Verses besteht darin, daß er keineswegs einen direkten oder
sogar wörtlichen Rückgriff auf Tyrtaios darstellt, in dieser Weise aber oft mißverstanden
wurde. 60 Zum einen spaltet der Römer nämlich das tyrtäische kalo¬n in die - vorangestell-
ten - Adjektive dulce und decorum auf, unterwirft es damit also einer spezifischen Interpreta-
tion, die das subjektive Gefühl (dulce) neben einen sozialen Normbegriff stellt (decorum). 61
Zum anderen ersetzt Horaz das griechische Perfekt teqna¬menai durch ein Präsens; aus
einem Zustand wird damit ein Vorgang, aus Totsein wird Sterben. Wenn überhaupt ir-
gendwo Ansätze einer Todesmystik diskutiert werden können, dann erst seit dieser Refor-
mulierung, insbesondere aber in ihrem neuzeitlichen rezeptionsgeschichtlichen Gefolge.
Insofern war ein verzerrtes Tyrtaios-Bild bereits durch die indirekte Rezeption des Sparta-
ners über den wesentlich prominenteren Horaz angelegt. Hinzu kommt, daß auch der
Horaz-Vers selbst wiederholt aus dem Kontext gelöst und erheblich mißverstanden wurde.
So wurde Horaz - und mit ihm Tyrtaios - zum Archegeten einer staatskonformen Ideo-
logie, die sich in Kriegsverherrlichung und Todesmystik gefiel und u. a. in Bert Brechts

55 Jaeger 77.
56 Lykurg. Leokr. 107.
57 Stob. IV 9,16.
58 Stob. IV 10,1 (v. 1-14); IV 10,6 (v. 15-44).
59 Hor. Ars. poet. 401-403: post hos insignis Homerus / Tyrtaeusque mares animos in Martia bella / versibus exacuit.
Schon Platon hatte Homer und Tyrtaios nebeneinander genannt (leg. 858e).
60 So zuletzt von Binder, Kriegsdienst und Friedensdienst, 68: «Angesichts des unausweichlichen Todes in
einem ungleichen [...] Kampf zitiert er den Dichter Tyrtaios [...]».
61 Vgl. Hommel 236 ff.
Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 169

berühmtem Schulaufsatz bissig getadelt wurde, 62 bis schließlich im Jahr 1987 Marcel Reich-
Ranicki sein Verdikt über den «Schreibtischtäter» Horaz verhängen konnte. 63 Erst D. Loh-
mann versuchte 1989 dem Fehlverständnis des Verses und dem daraus entwachsenen ei-
genständigen Diskurs entgegenzusteuern und schlug einen Weg vor, dem Text seine heut-
zutage peinlich anmutende Wirkung zu nehmen. Indem er die Verse carm. III 2,6-12 und
die unmittelbar nachfolgende prekäre Sentenz als «pubertäre[n] Traum eines Jungen» deu-
tete und (mit Hilfe einer den Rahmen einer bloß interpretierenden Übersetzung verlassen-
den Übertragung des Textes ins Deutsche) in das semantische Umfeld von Parodie und
Ironie verwies, schoß er allerdings über das Ziel hinaus. 64 Horaz dürfte - dies geht aus
zahlreichen Parallelstellen innerhalb seines Werkes hervor - sein Diktum durchaus ernst
gemeint haben, doch darf der Kontext seiner Aussage nicht aus den Augen verloren wer-
den. Der Vers erschließt sich nur vor dem Hintergrund der epikureischen Philosophie in
Verbindung mit altrömischen Wertvorstellungen und zeitgenössischen Weltreichsgedan-
ken. 65 Auch er verherrlicht nicht den Krieg als Selbstzweck und vor allem nicht das Sterben
in ihm.
Die Verengung des Tyrtaios-Bildes hatte jedoch schon lange vor Horaz eingesetzt. So
weisen bereits eine Reihe von Grabepigrammen sowie insbesondere der attische Epita-
phios, mittelbar und auch unmittelbar, deutliche Einflüsse des Tyrtaios auf. 66 Um die Mitte
des 4. Jahrhunderts v. Chr. zog Platon in den Nomoi den Dichter als ein Beispiel dafür

62 W. Hecht (Hg.), Bertolt Brecht. Sein Leben in Bildern und Texten, Frankfurt a. M. 1978, 21.
63 F.A.Z. vom 27. Juni 1987, zit. nach Müller 54.
64 Lohmann, bes. 352 ff. Die in meinen Augen problematische Übersetzung des Textes, die Lohmanns
Interpretation durch individuelle Zusätze und Umdeutungen erst ermöglicht, findet sich ebd., 363-365.
Daß seine Studie dennoch eine Reihe zentraler, bislang kaum beachteter Aspekte bietet (insbesondere
der Hinweis auf den gleitenden Übergang zwischen carm. III 1 und II 2), sei trotz meiner grundsätzlichen
Skepsis im Hinblick auf die Hauptthese ausdrücklich betont. Zustimmend gegenüber Lohmann vgl. Bin-
der, Pallida Mors, 215-217; ablehnend E. Lefèvre, Horaz. Dichter im augusteischen Rom, München
1993, 159; H. Funke, Dulce et decorum, SCI 16 (1997), 77-90, bes. 82 ff.
65 Dies zu zeigen, ist Ziel der Untersuchung von K.-W. Welwei/M. Meier, Der Topos des ruhmvollen
Todes in der zweiten Römerode des Horaz, Klio 79 (1997), 107-116. Sie wird kritisiert von Binder,
Kriegsdienst und Friedensdienst, bes. 61 ff. Binder geht aus von «Lohmanns Versuch, Verkrustungen im
Umgang mit dem Gedicht und dem berühmten Vers aufzubrechen» (62), hält dessen abschließenden
Deutungsvorschlag jedoch - zu recht - für zu kurz gegriffen (62). Stattdessen bemüht er sich darum,
zu zeigen, daß eine schlichte Kampfparänese im Werk des Horaz und seinem zeithistorischen Umfeld
kaum denkbar sei: «Das dulce et decorum est pro patria mori im Rom des Jahres 27 als hohen Wert zu preisen,
hätte Horaz als atavistischen Rückfall empfunden» (69, vgl. auch 71). Vielmehr habe der Dichter die
umstrittene Sentenz angeführt, um sie mit seinem eigenen virtus-Ideal zu konfrontieren, das in der indivi-
duellen sittlichen Selbstverwirklichung des abgeklärten, (im Gegensatz zum puer, mit dem v. 13 in Verbin-
dung gebracht wird) gereiften Mannes bestanden habe. Als «Kampfparänese» wird der umstrittene Vers
- entgegen Binders Eindruck (62) - jedoch auch von Welwei/Meier nicht gedeutet (vgl. dezidiert ebd.
116). Vielmehr wird dort einmal mehr die vieldiskutierte Spannung zwischen politischen und unpoliti-
schen Aspekten bei Horaz hervorgehoben und dabei betont, daß der Dichter für sich selbst eine unkrie-
gerische Lebensweise klar präferiert (115) - ein Ergebnis, zu dem letztlich auch Binder auf dem Wege
seiner Interpretation der 2. Gedichthälfte (v. 17-32) gelangt und für dessen Plausibilität die auf Loh-
mann fußende, wenig einleuchtende Negierung eines politischen Kontextes von v. III 2,13 gar nicht
erforderlich ist. Erstaunlicherweise vermeidet G. Maurach, Horaz. Werk und Leben, Heidelberg 2001,
229-232 eine Stellungnahme zu dieser Kontroverse.
66 Nähere Hinweise und Belege hierzu finden sich bei Jaeger 108 ff.; Müller 65 f., mit Anm. 34 (Epitaphien)
sowie bei B. Gentili, Epigramma ed elegia, in: Fondation Hardt, Entretiens 14: L’épigramme grecque,
Genf 1968, 37-90; vgl. ferner auch Prato 68*.
170 Mischa Meier

heran, wie tapfere Kämpfer in Kriegen gegen auswärtige Gegner hochgeachtet und geprie-
sen werden konnten. Aus dem Kontext geht klar hervor, daß ein solches Tyrtaios-Verständ-
nis den Zeitgenossen vollkommen geläufig war. 67 Einige Jahre zuvor (366) hatte Isokrates
seinen Archidamos verfaßt, der nicht nur Kenntnis des Tyrtaios verrät, sondern auch in
tyrtäischer Manier Kampf und Tod für die Heimat thematisiert, 68 wobei der Tod nunmehr
bereits als absoluter Wert erscheint. 69 Ein solcher Befund wirft die Frage nach der Existenz
einer Tyrtaios-Ausgabe im 4. Jahrhundert auf, die möglicherweise bereits eine feste Aus-
wahl von Gedichten bot und damit zu deren Kanonisierung beitrug. In der Forschung
wurde diese Frage positiv beantwortet. Schon Wilamowitz postulierte ein Tyrtaios-Buch
im Athen des 4. Jahrhunderts. 70 Auch Jacoby deutete die damalige ‹Tyrtaiosmode› als Indiz
für die Existenz dieser Sammlung, die seiner These zufolge vorwiegend in lakonophilen
Kreisen zirkulierte und u. a. die Eunomia und das «Messeniergedicht» enthielt. 71 Prato
schloß sich dieser These prinzipiell an, indem er ebenfalls von einer Sammlung ta¡ Tyrtai¬oy
ausging, die u. a. noch von Chrysipp im 3. Jahrhundert v. Chr. benutzt worden sei. 72
Auf diesem Wege konnte sich allmählich ein Tyrtaios-Bild verfestigen, das auf spezifi-
schen Versatzstücken basierte und auch heute noch nachwirkt. Die Art und Weise, wie
entsprechende Vorstellungen durch die Antike tradiert wurden, läßt sich den Testimonia
der Tyrtaios-Edition von Gentili/Prato anschaulich entnehmen, auf die an dieser Stelle nur
verwiesen werden kann.

III

Für die neuzeitliche Tyrtaios-Rezeption im deutschsprachigen Raum 73 ist - wie bereits


ausgeführt - der Umstand von besonderer Bedeutung, daß das Bild des Dichters in der
Regel durch die bereits diskutierte Horaz-Sentenz geprägt wurde. Unabhängig davon lassen
sich gewisse Phasen ausmachen, in denen der Elegiker offensichtlich verstärkt gelesen
wurde. So verdichtet sich die Tyrtaios-Rezeption in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts
und erhält wenig später durch die Befreiungskriege gegen Napoleon (1813-1815) weitere
Impulse. Von nationalistisch-pathetischen Dichtern um die Mitte des 19. Jahrhunderts
wurde Tyrtaios ebenfalls herangezogen, eine letzte Phase verstärkter Rezeption stellt

67 Plat. leg. 629a-630c. Vgl. É. des Places, Platon et Tyrtée, REG 55 (1942), 14-24; Tigerstedt 244 ff.;
Müller 67.
68 Isokr. or. VI 57. 88-90 mit Prato 67* f. Einfluß des Tyrtaios macht sich besonders bemerkbar in dem
Hinweis auf ein Leben in aœtimi¬ai für den Fall, ohne Gegenwehr auswärtigen Forderungen nachzugeben
(Isokr. or. VI 89; vgl. die Beschreibung des atimow Tyrt. fr. 6,3-10 G/P [= fr. 6,3-10 D]), in der
Bezeichnung des Todes (gesehen als Alternative zu einem Leben in Schande) als kalh¡ teleyth¡ toỹ bi¬oy
(Isokr. or. VI 89; vgl. Tyrt. fr. 6,1 G/P [= fr. 6,1D]) sowie dem Aufruf, nicht am Leben zu hängen
(Isokr. or. VI 90 [ mh¡ filocyxeĩn ]; vgl. Tyrt. fr. 7,18 G/P [= fr. 7,18 D]).
69 Vgl. Isokr. or. VI 89.
70 Wilamowitz-Moellendorff 97.
71 Jacoby 9 mit Anm. 1. Allerdings ging Jacoby (ebenso wie Wilamowitz) auch davon aus, daß diese Vers-
sammlung nur noch Bruchstücke authentischen Materials enthalten habe, da der Tyrtaios-Text durch
Interpolationen, Überarbeitungen und spätere Hinzufügungen entstellt worden sei (11).
72 Prato 66*; 69*.
73 Zur generellen Frage der Rezeption Spartas und des Sparta-Mythos in der Neuzeit sei verwiesen auf das
Standardwerk von E. Rawson, The Spartan Tradition in European Thought, Oxford 1969, sowie auf die
anschauliche Darstellung von K. Christ, Spartaforschung und Spartabild, in: Christ, 1-72.
Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 171

schließlich der Nationalsozialismus dar. Ich möchte den so skizzierten Sachverhalt abschlie-
ßend durch einige m. E. besonders charakteristische Rezeptionsbeispiele illustrieren. Voll-
ständigkeit der Belege ist dabei nicht angestrebt. 74
Einen anschaulichen Überblick über die Tyrtaiosrezeption bis in die 30er Jahre des 19.
Jahrhunderts vermittelt eine 1835 publizierte Arbeit über Kallinos und Tyrtaios des belgi-
schen Literaturwissenschaftlers A. Baron. Dieser führt allein für den Zeitraum von 1762
bis 1810 nicht weniger als neun deutsche Tyrtaios-Übersetzungen an, von denen ich aller-
dings nur einen Teil nachzuweisen bzw. einzusehen vermochte. 75 Trotzdem zeichnet sich
bereits für die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts ein signifikantes Bild ab: Die Tyrtaios-
Rezeption erfolgte schon in dieser Zeit weitgehend selektiv. Der Elegiker, regelmäßig in
Anthologien antiker Dichter präsent, fungierte dabei als Verfasser von vier «Kriegsliedern»,
die gleichsam einen festen Kanon bildeten. Exemplarisch läßt sich dies an der 1782 erschie-
nenen Auswahl griechischer Dichtungen von Christian Graf zu Stolberg (1748-1821)
ablesen, der u. a. auch Verse des Tyrtaios übertrug, «dessen Gesänge selbst Spartanern den
Muth zu erhöhen vermochten». 76 Stolberg übersetzt Tyrt. fr. 6-7 G/P (= fr. 6-7 D) als
«Tyrtäos erstes Kriegslied»; es folgen fr. 8 G/P (= fr. 8 D) («Tyrtäos zweites Kriegslied.
An die Spartaner»), fr. 9 G/P (= fr. 9 D) («Tyrtäos drittes Kriegslied») sowie - dies ist
bemerkenswert - Kallin. fr. 1 G/P (= fr. 1 D) als «Tyrtäos viertes Kriegslied». Die
übrigen (durchaus bekannten) Fragmente des Tyrtaios, insbesondere der Komplex der
Eunomia-Verse, finden bezeichnenderweise keine Erwähnung. Die Übersetzung betont vor
allem die heroisch-pathetischen Züge, eine Tendenz, die fortan den meisten deutschen Tyr-
taios-Übertragungen bis in die Zeit des Nationalsozialismus eigen ist. Als Beispiel gebe ich
Stolbergs Übersetzung des berühmten Einleitungsdistichons zu fr. 6 G/P (= fr. 6 D):
teqna¬menai ga¡r kalo¡n eœni¡ proma¬xoisi peso¬nta
andrÅ aœgaqo¡n peri¡ ñ√ patri¬di marna¬menon.
Schön ist der Tod wenn der edle Krieger im vordersten Treffen
Für das Vaterland ficht, und für das Vaterland stirbt.
Die markante Voranstellung des «schön»/kalo¬n im Deutschen ist auffällig. Hingewiesen
sei ferner auf die Wiedergabe von aœnh¡r aœgaqo¬w als «edler Krieger» (und die damit verbun-
dene Reduzierung des im Griechischen grundsätzlich viel weiteren Begriffs 77 auf das rein
Kriegerische) sowie auf die zweimalige Verwendung des Wortes ‹Vaterland›. 78

74 Hingewiesen sei an dieser Stelle auf Müller 77 ff., der eine Reihe hier nicht diskutierter Beispiele für die
neuzeitliche Rezeption des tyrtäisch-horazischen Topos vom schönen Tod für die Heimatgemeinde an-
führt; weiterhin vgl. auch Binder, Pallida Mors, 212 ff.
75 Baron 138 f.
76 Chr. Graf zu Stolberg, Gedichte aus dem Griechischen übersetzt, Hamburg 1782, III. Stolbergs Überset-
zungen finden sich noch in neueren Anthologien antiker Dichtung, vgl. etwa C. Fischer (Hg.), Antike
Lyrik, Stuttgart/Zürich/Salzburg o. J.
77 J. Gerlach, ANHR AGAUOS, Diss. München 1932.
78 Einen Vorläufer dieser Kanonbildung der vier «Kriegslieder» findet man bereits in Christian Felix Weiße
(1726-1804), dessen 1762 in 2. Auflage erschienenen «Amazonen-Lieder» einen Anhang über «Kriegs-
lieder des Tyrtäus. Aus dem Griechischen» enthalten. Weiße präsentiert dort in sehr freier Übertragung
die vier Fragmente, allerdings noch nicht in der später üblichen Reihung, sondern in der Abfolge Tyrt.
fr. 9 (I), Kallin. fr. 1 (II), Tyrt. fr. 8 (III) sowie Tyrt. fr. 6/7 (IV), dessen Einleitungsdistichon er wie
folgt übersetzt: Wie schön! Wenn für das Vaterland / Ein Mann kämpft und als Held / Mit blankem Schwert in
hoher Hand / Im Vordertreffen fällt! - Vgl. Chr. F. Weiße, Amazonen-Lieder, Leipzig 21762. Daß auch die
weiteren Tyrtaios-Fragmente damals schon durchaus bekannt waren, belegt u. a. ein kleines Büchlein mit
172 Mischa Meier

Nur ein Jahr nach Stolberg publizierte der Gelehrte Carl Philipp Conz († 1827) im
Rahmen einer Tibull-Ausgabe eine eigene Tyrtaiosübersetzung. Auch Conz kennt vier ‹tyr-
täische› Kriegslieder und breitet sie in gleicher Reihenfolge wie Stolberg aus. Seine Überset-
zung von fr. 6,1-2 lenkt den Blick bereits unverkennbar - und gegen den griechischen
Text des Tyrtaios - auf den Prozeß des Sterbens: 79
Edel ja wol ists, sinken im Vordertreffen und sterben,
Für sein Vaterland kühn streitend, ein wackerer Held!

Auch der Jurist Franz Karl Leopold von Seckendorff (1775-1809) hat Tyrtaios in eine (auf
Anregung Goethes, Schillers und Herders ausgearbeitete) griechische Anthologie (1800)
aufgenommen und dabei direkt zwischen den Froschmäusekrieg und den Dichter Bion pla-
ziert. Ebenfalls in derselben Reihenfolge wie Stolberg und Conz präsentiert er mit fr. 6-
7, fr. 8 und fr. 9 drei tyrtäische «Kriegslieder», verzichtet jedoch auf die Wiedergabe von
Kallin. fr. 1 als dem vierten Gedicht des Tyrtaios. 80 Von Seckendorff betont wie Conz den
Vorgang des Sterbens im Kampf. Dabei übersetzt er das kalo¬n Tyrt. fr. 6,1 G/P (= fr.
6,1 D) in gesteigerter Form als «herrlich» und stilisiert den aœnh¡r aœgaqo¬w nunmehr zum
«edleren Mann». Der Kämpfer für die Polis wird für ihn also geradezu zum Adligen:
Herrlich ist es fürwahr dem ädleren Manne zu sterben,
Kämpft er für Vaterland, fallend im Vordergewühl.

Der Greifswalder Ästhetikprofessor und Doktor der Theologie Johann Erichson (1777-
1856) hat das dritte Buch seiner 1810 publizierten Anthologie griechischer Dichtungen
den «Schlachtgesänge[n] des Tyrtaios» gewidmet - eine Bezeichnung, die für das in seiner
Zeit vorherrschende Tyrtaios-Bild signifikant ist. Auch er kennt den Elegiker nur als Krie-
gerpoeten und präsentiert die nunmehr bereits bekannte Reihe der vier tyrtäischen Ge-
dichte, d. h. wiederum unter Einbeziehung von Kallin. fr. 1 G/P (= fr. 1 D) als vierter
Elegie des Tyrtaios - allerdings mit der Besonderheit, «Tyrtaios II» (= fr. 8) dem Gedicht
«Tyrtaios I» (= fr. 6-7) voranzustellen. In seiner Übersetzung von fr. 6,1-2 steht einmal
mehr klar der Vorgang des Sterbens bzw. des «Hinsinkens» im Zentrum: 81

dem Titel: Des Tyrtaeus und Kallinus Kriegslieder, griechisch, mit erklärenden Anmerkungen von I. G.
Brieger, Zittau/Leipzig 1790. Brieger (* 1764) bietet zunächst einen Auszug aus der «Abhandlung über
die Kriegslieder einiger Völker» aus der Feder des von ihm heftig als zu ausschweifend kritisierten
Tyrtaios-Herausgebers Christian Adolph Klotz (1738-1771; vgl. Tyrtai¬oy ta¡ svzo¬mena. Tyrtaei quae
supersunt omnia collegit commentario illustravit edidit Christianus Adolphus Klotzius, Altenburg 1767),
an die er Übersetzungen der drei «Kriegslieder» fr. 6-7, fr. 8 und fr. 9 (also in der auch von Stolberg
gewählten Reihenfolge) sowie des großen Kallinos-Fragments anfügt (wobei er ausdrücklich anmerkt,
Kallinos - anders als Stolberg und andere - als eigenständigen Autor behandeln zu wollen), um schließ-
lich auch kleinere Tyrtaios-Fragmente im griechischen Wortlaut mit kurzen Erläuterungen zu präsentie-
ren. Bei den Übersetzungen greift Brieger auf H. H. Cludius (1754-1835) zurück (19 ff.); ich gebe
wiederum Tyrt. fr. 6,1-2 als Beispiel: Schön ists ja, wenn ein tapferer Mann im vordersten Treffen / Fällt, fürs
Vaterland kämpfend mit edelem Mut.
79 C. P. Conz, Alb. Tibullus. Nebst einer Probe aus dem Properz, und den Kriegsliedern des Tyrtäus. In
der Versart der Urschrift übersetzt. Mit einem Anhang von eigenen Elegien, Zürich 1783.
80 F. K. L. von Seckendorff, Blüthen griechischer Dichter, Weimar 1800.
81 J. Erichson, Griechischer Blumenkranz, eine Auswahl aus der lyrischen Poesie der Griechen, Wien/Triest
1810 (zweisprachige deutsch-griechische Ausgabe).
Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 173

Sterben, und schön ist’s, wann hinsinkt im Gefechte der vorderen


Reihen ein Held, für das Land streitend, das väterliche.

Die Menge von Übersetzungen griechischer Texte im skizzierten Zeitraum wird als Folge
einer sich verstärkenden Hinwendung zur griechischen Kultur seit der Mitte des 18. Jahr-
hunderts kaum verwundern. Die griechischen Anthologien jener Jahre dürften als Reflexe
der zeitgenössischen deutschen Griechenlandbegeisterung sowie der damit verbundenen
Abwendung vom Römischen und Romanischen, d. h. vor allem von Frankreich, leicht
erklärbar sein. Sie standen besonders unter dem Einfluß eines Winckelmann (1717-1768)
sowie Herders (1744-1803), aber u. a. auch Lessings (1729-1781), Wielands (1733-
1813), Goethes (1749-1832) und Schillers (1759-1805). 82 So erschien z. B. in den 80er/
90er Jahren des 18. Jahrhunderts die berühmte Homer-Übersetzung Johann Heinrich Voß’
(1751-1826; Odyssee: 1781, 21793, Ilias: 1793). 83 Interessanter ist allerdings die Frage,
warum in diesen Sammlungen griechischer Dichter gerade Tyrtaios in derart prominenter
Position als Verfasser von «Kriegsliedern» erscheint - auch wenn man in diesem Punkt
kaum über Vermutungen hinausgelangen wird. Es ist jedoch mit gutem Grund anzuneh-
men, daß dieser Umstand in Zusammenhang zu sehen ist mit einer zunehmend positiven
Konnotation von Krieg in breiteren bürgerlichen Kreisen seit Mitte des 18. Jahrhunderts,
die insbesondere als Folge des Siebenjährigen Krieges (1756-1763) verstanden werden
kann. 84
In diesem Zusammenhang überrascht daher die 1826 erschienene Tyrtaios-Übersetzung
des Frankfurter Gymnasiallehrers Wilhelm Ernst Weber, denn sie stellt angesichts der im
18. und dann besonders im 19. Jahrhundert vorherrschenden Tyrtaios-Stereotypen eine
bemerkenswerte Ausnahme dar. Weber publizierte seine Übertragung als Teil einer umfas-
senden kommentierten (auch für den Schulgebrauch verfaßten) Anthologie griechischer
elegischer Dichtung, die bis in die Spätantike reicht. 85 Dabei präsentierte er nicht nur den
üblichen Kanon der drei bzw. vier Kampfparänesen, sondern widmete sich ebenso auch
den übrigen Fragmenten und übersetzte dabei sogar Textfetzen, die nur aus einem Vers

82 Zu diesen Personen und ihrer Auseinandersetzung mit der Antike vgl. Riedel 140 f. (Winckelmann);
153 ff. (Herder); 135 ff. (Lessing); 144 ff. (Wieland); 156 ff. (Goethe); 178 ff. (Schiller).
83 Der geistesgeschichtliche Hintergrund dieser Entwicklungen sowie die historischen Rahmenbedingungen
sind jetzt anschaulich aufgearbeitet worden von S. Fornaro, Der Neue Pauly 13 (1999), 792-805, s. v.
Deutschland III sowie von Riedel 109 ff. (dort jeweils auch weitere Lit.). Speziell zu Voß vgl. auch G.
Häntzschel, Johann Heinrich Voß. Seine Homer-Übersetzung als sprachschöpferische Leistung, München
1977; H. J. Schneider, Johann Heinrich Voß und der Neuhumanismus, in: F. Baudach/G. Häntzschel
(Hgg.), Johann Heinrich Voß (1751-1826). Beiträge zum Eutiner Symposium im Oktober 1994, Eutin
1997, 207-218; Riedel 173 ff.
84 Diesen Hinweis verdanke ich Herrn PD Dr. Stefan Brakensiek. Vgl. dazu auch F. Brüggemann (Hg.),
Der siebenjährige Krieg im Spiegel der zeitgenössischen Literatur, Leipzig 1935, ND Darmstadt 1966;
K. Latzel, Vom Sterben im Krieg. Wandlungen in der Einstellung zum Soldatentod vom Siebenjährigen
Krieg bis zum II. Weltkrieg, Warendorf 1988, 20 ff., sowie bes. Riedel 116 f.: «In der Zeit des Siebenjähri-
gen Krieges dann entstand eine patriotische Dichtung, die entweder zu einer Bevorzugung kriegerischer
Motive aus der Antike führte - namentlich zu einer an den sogenannten ‹Römeroden› des Horaz
geschulten Verherrlichung des Todes fürs Vaterland - oder in ein Übertrumpfen des Altertums mündete
(«Achill war nicht so groß als Friedrich»): bis hin zu dem Nachweis, daß Patriotismus in den modernen
Monarchien noch wichtiger sei als in den antiken Republiken»; ferner ebd. 128 f.
85 W. E. Weber, Die elegischen Dichter der Hellenen nach ihren Überresten übersetzt und erläutert, Frank-
furt a. M. 1826.
174 Mischa Meier

bestehen. 86 In seiner Einführung hebt er insbesondere die politische Dimension tyrtäischer


Dichtung hervor und stellt Kallinos und Tyrtaios als politische Dichter ausdrücklich an die
Seite Solons: «Die hier bezeichneten Werke dieser drei Dichter [sc. Kallinos, Tyrtaios,
Solon, Verf.] aber sind es, was wir im engeren Sinne als Denkmäler der politischen Elegie
ansprechen müssen [...]». 87 Diese sachliche Haltung schlägt sich auch in seiner Übersetzung
von fr. 6,1-2 nieder, die eine für die Tyrtaios-Übertragungen des 18. und 19. Jahrhunderts
bemerkenswerte Textnähe und Einfühlungsgabe aufweist:
Ja, ruhmwürdig erlag, wer ein tapferer Mann bei der Streiter
Vordersten fiel, in dem Kampf schirmend das heimische Land.

Einen späten Ableger jener Anthologien antiker Dichtung möchte ich in der 1840 erschie-
nenen «Klassischen Blumenlese» Eduard Mörikes (1804-1875) sehen. 88 In dieser Samm-
lung nimmt Tyrtaios wiederum eine auffällig prominente Stellung ein: Mörike präsentiert
in deutscher Übersetzung Homerische Hymnen, Kallinos und Tyrtaios, Theognis, Theokrit,
Bion und Moschos sowie Beispiele aus Catull, Horaz und Tibull. 89 Die Auswahl der
«Kriegslieder» des Tyrtaios beschränkt sich auf fr. 6-7 sowie fr. 8 - das Areté-Gedicht
bleibt also ausgespart. Die Übersetzung von fr. 6,1-2 folgt der Übertragung Webers.
In den Kontext der Freiheitskriege gehört demgegenüber die Tyrtaios-Übersetzung von
Ernst Moritz Arndt (1769-1860). Der Dichter operiert mit dem bekannten Corpus tyrtäi-
scher Verse; er präsentiert im Anschluß an die Kampfparänese des Kallinos die drei kano-
nischen Tyrtaiosfragmente in der geläufigen Reihenfolge fr. 6-7, fr. 8 und fr. 9 und läßt
diesen ein Gedicht auf die Gefallenen der Thermopylenschlacht folgen. Seine Übertragung
von fr. 6,1-2 versucht dabei in besonderer Weise den Aspekt des tyrtäischen kalo¬n her-
vorzuheben (durch zweifache Übersetzung) und verleiht dem Distichon durch die Überset-
zung von ga¬r als «wahrlich» eine ganz eigentümliche, klar auf das Sterben als besonderem
Wert hin orientierte Valenz. Auch für Arndt steht das Sterben als Vorgang («erliegend»)
im Zentrum: 90
Sterben ist wahrlich schön, bei den vordersten Streitern erliegend,
Schön dem tapferen Mann, welcher fürs Vaterland ficht.

86 Weber übersetzte folgende Fragmente: fr. 6-7 G/P (= fr. 6-7 D) - fr. 8 G/P (= fr. 8 D) - fr. 9
G/P (= fr. 9 D) (d. h. zunächst die bis dahin übliche Reihe); er fährt dann jedoch fort mit fr. 4 G/P
(= fr. 4,4-8 D) - fr. 5 G/P (= fr. 5 D) - fr. 12 G/P (= fr. 11 D) - fr. 11 G/P (= fr. 10 D) -
fr. 1a,12-15 G/P (= fr. 2 D) - fr. 2-3 G/P (= fr. 4,1-3 D) - fr. 1b G/P (= 3b D).
87 Weber, a. a. O. 419.
88 Eduard Mörike. Werke und Briefe. Historisch-kritische Gesamtausgabe, hg. von H.-H. Krummacher/H.
Meyer/B. Zeller, Bd. VIII.1, hg. von U. Hötzer, Stuttgart 1976, 11 ff., bes. 55 ff. Mörike hebt in seiner
Vorrede ausdrücklich hervor, sich bei der deutschen Wiedergabe der antiken Dichter auf verschiedene
ältere Übersetzungen gestützt zu haben (12), bei Tyrtaios auf Übertragungen von Weber, Jakobs (auf
den auch Baron 178 ff. zurückgegriffen hatte) und Bach. Zu Mörikes Antikenrezeption vgl. Riedel 239 f.
89 Sein Auswahlkriterium nennt Mörike in der Vorrede (13): «Was die Auswahl der Gedichte betrifft [...],
so wird die Frage nach dem Sittlichen, wie billig, nicht die letzte seyn».
90 E. M. Arndt, Geist der Zeit. Zweiter Theil, London 21813, 64 ff.; Arndt hat seine Kallinos- und Tyrtaio-
sübersetzungen später noch einmal in einer Anthologie europäischer Dichtung publiziert, in der - unter
den griechischen Dichtern - Kallinos und Tyrtaios eine bevorzugte Stellung einnehmen: E. M. Arndt,
Blütenlese aus Altem und Neuem, Leipzig 1857.
Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 175

Tyrtaios wirkte jedoch nicht nur auf dem Wege direkter deutscher Übertragungen nach.
Deutlicher, wenngleich im einzelnen schwerer zu fassen, ist die indirekte Rezeption. Der
Traditionsstrang des dulce et decorum est pro patria mori, der sich von Tyrtaios/Horaz über
Friedrich Klopstock (1724-1803) 91 und den von den Aufständen der Griechen gegen die
Türken 1770 begeisterten Friedrich Hölderlin (1770-1843) 92 bis hin zu den Dichtern der
Freiheitskriege zieht, ist hinlänglich bekannt und braucht an dieser Stelle nicht näher erläu-
tert zu werden. 93 Selbst ein Friedrich Schlegel (1772-1829) ließ sich von derartigen Ge-
danken beeinflussen und setzte als erster «die poetische Sehnsucht nach Liebes- und To-
desvereinigung in eine politische Hoffnung» um, wie aus seinem Gedicht «Gelübde» (1809)
unmißverständlich hervorgeht. 94 Achim von Arnim (1781-1831) pries in vielfältiger Weise
den Soldatentod und reduzierte die ursprünglich tyrtäische Vorstellung vom Tod als maxi-
malem Einsatz in einem ansonsten auf Sieg ausgerichteten Kampf auf die Alternative des
Siegens oder Sterbens, 95 und Ernst Moritz Arndt dichtete voll Pathos: «Tod, du süßer, für
das Vaterland, süßer als der Brautgruß [...] sei mir willkommen». 96 Entsprechende Gedan-
ken, gepaart mit einer romantischen Todessehnsucht und nationalem Pathos, fanden ihre
intensivste Ausprägung in den Schlachtengesängen Theodor Körners (1791-1813), 97 der
selbst am Abend jenes Tages gefallen sein soll, an dem er sein berühmtes «Schwertlied»
niedergeschrieben hatte, eine poetisch-mystisch-erotische Vereinigung des Kriegers mit sei-
nem Schwert, allegorisch als Verbindung von Braut und Bräutigam aufgefaßt. 98 Nicht
mehr der Sieg der eigenen Gemeinschaft, sondern der individuelle Opfertod des einzelnen
ist nunmehr das Ziel; das horazische dulce verdrängt den Aspekt des eher noch tyrtäischen
decorum. Entsprechend räsonniert der Oberleutnant in Körners «Joseph Heiderich oder
Deutsche Treue» aus dem Februar 1813: 99
91 F. Klopstock, Das neue Jahrhundert, in: K.-H. Hahn (Hg.), Klopstocks Werke in einem Band, Berlin/
Weimar 1971, 49 ff. (bes. v. 29).
92 F. Hölderlin, Der Tod fürs Vaterland, in: Friedrich Hölderlin. Sämtliche Gedichte. Studienausgabe in
zwei Bänden, hg. und kommentiert von D. Lüders, Wiesbaden 21989, Bd. 1, 208 (entstanden 1797-
1799); von Bedeutung sind in unserem Zusammenhang besonders die Strophen 3-4: O nimmt mich,
nimmt mich mit in die Reihen auf, / Damit ich einst nicht sterbe gemeinen Tods! / Umsonst zu sterben, lieb’ ich nicht,
doch / Lieb’ ich, zu fallen am Opferhügel - Fürs Vaterland, zu bluten des Herzens Blut / Fürs Vaterland - und
bald ist’s geschehn! Zu euch / Ihr Teuern! Komm’ ich, die mich leben / Lehrten und sterben, zu euch hinunter!
Hölderlins Anteilnahme am Freiheitskampf der Griechen spiegelt sich besonders in seinem 1797-1799
erschienenen Briefroman «Hyperion»; dazu vgl. F. Löbker, Antike Topoi in der deutschen Philhellenenli-
teratur. Untersuchungen zur Antikerezeption in der Zeit des griechischen Unabhängigkeitskrieges
(1821-1829), München 2000, 25. Allgemein zu Hölderlin und der Antike vgl. Riedel 190 ff.
93 Zum folgenden vgl. etwa E. Stemplinger, Das Fortleben der horazischen Lyrik seit der Renaissance,
Leipzig 1906, ND Hildesheim 1976, bes. 296 ff.; Portmann-Tinguely, bes. 149 ff.; 202 ff.; 334 ff.
94 «Gelübde», in: Friedrich Schlegel. Dichtungen, hg. und eingeleitet von H. Eichner, München u. a. 1962
(= Kritische Friedrich-Schlegel-Ausgabe, hg. von E. Behler, Bd. 5), 397 f.; Lämmert 342. Zu Schlegels
Auseinandersetzung mit der Antike vgl. Riedel 203 ff.
95 Vgl. Portmann-Tinguely 202 ff. mit Beispielen.
96 Zit. aus Lämmert 343.
97 Vgl. etwa die Dichtungen aus der 1814 posthum erschienenen Sammlung «Leier und Schwert», darunter
bes. «Zueignung», «Auf dem Schlachtfelde von Aspern», «Bundeslied vor der Schlacht», «Letzter Trost»,
«Gebet während der Schlacht», «Abschied vom Leben», «Trinklied vor der Schlacht». Ausführlich dazu
Portmann-Tinguely 334 ff. mit zahlreichen Beispielen.
98 Lämmert 346; E. Jöst, Der Heldentod des Dichters Theodor Körner. Der Einfluß eines Mythos auf die
Rezeption seiner Lyrik und ihre literarische Kritik, Orbis Litterarum 32 (1977), 310-340.
99 Körners Werke, hg. von H. Zimmer. Zweite, kritisch durchgesehene und erläuterte Ausgabe, Bd. 2,
Leipzig o. J., 325 f. Vgl. Portmann-Tinguely 335 f.
176 Mischa Meier

«Hab’ es nicht gedacht, als ich in der Schule den Horaz übersetzte, daß ich das «dulce
pro patria mori» an mir selber prüfen könnte. - Ja, bei dem Allmächtigen, der unsterbli-
che Sänger hat recht, es ist süß, für sein Vaterland zu sterben! O könnt’ ich jetzt vor
allen jungen treuen Herzen meines Volkes stehn und es ihnen mit der letzten Kraft
meines fliehenden Lebens in die Seelen donnern: es ist süß, für sein Vaterland zu sterben!
Der Tod hat nichts Schreckliches, wenn er die blutigen Lorbeern um die bleichen Schlä-
fen windet. - Wüßten das die kalten Egoisten, die sich hinter den Ofen verkriechen,
wenn das Vaterland seine Söhne zu seinen Fahnen ruft, wüßten das die feigen, niedrigen
Seelen, [...] - ahndeten sie die Seligkeit, die ein braver Soldat fühlt, wenn er für die
gerechte Sache blutet: sie drängten sich in die Reihen.
Zu recht folgert Portmann-Tinguely vor dem Hintergrund dieses und ähnlicher Texte: «Bei
der Verherrlichung und Verharmlosung des Todes zieht Körner alle Register. Es werden
politische, moralische, religiöse und erotische Momente ins Spiel gebracht, die Todesver-
herrlichung trägt mystische, euphorische, ekstatische, rauschhafte ja hysterische Züge. [...]
Diese Opfertodmanie [...] zieht sich wie ein roter Faden durch Körners Werk, richtet sich
zuerst auf die Geliebte, dann auf ein nebulöses Vaterland und wird schliesslich Selbstzweck
[...]». 100 Mit Tyrtaios hat dies alles allerdings kaum mehr etwas zu tun.
Das Bemühen um Vollständigkeit ist immerhin der 1859 erschienenen kommentierten
Tyrtaios-Übersetzung des Büdinger Gymnasialdirektors Georg Thudichum († 1873) und
der im selben Jahr publizierten zweisprachigen, ebenfalls kommentierten Edition von Jo-
hann Adam Hartung (1801-1867) zu entnehmen. Thudichum erkannte, wie vor ihm
schon Weber, daß der Elegiker auch über die Kampfparänesen hinaus Bedeutsames verfaßt
hat, und gliederte seine Präsentation der Fragmente daher in drei Abschnitte: Unter der
Rubrik «Aus der Staatsordnung» finden sich neben manchem Unechten die Fragmente aus
dem Eunomia-Kontext, d. h. fr. 1a,12-15 G/P (= fr. 2 D), fr. 1b G/P (= fr. 3b D) bzw.
fr. ∞14 G/P (= 3a D), fr. 2-4 G/P (= fr. 4,1-8 D) sowie fr. 5 G/P (= fr. 5 D). Die
Überschrift «Aus den Ermahnungen» bietet fr. 6-7 («Antrieb zur Tapferkeit»), fr. 8 («Ge-
übte Kämpfer»), fr. 9 («Tapferkeit die höchste Tugend») sowie - und das ist erstaunlich
- darüber hinaus auch fr. 11 G/P (= fr. 10 D) («Ein Held») und fr. 12 G/P (= fr. 11
D) («Nicht ruhend»), die jeweils nur einen Vers umfassen. Die abschließende Rubrik «Aus
den Marschliedern» beinhaltet schließlich noch zwei Texte, die heute allgemein nicht mehr
als tyrtäisch anerkannt werden. Trotz dieser differenzierenden Anordnung der Fragmente
ist Thudichums Übersetzung von fr. 6,1-2 wieder älteren Stereotypen verpflichtet, indem
erneut der Vorgang des Sterbens ins Zentrum gerückt wird: 101
Ja es ist schön, wer sterbend im Vordergefechte dahinsank,
Als hochherziger Mann kämpfend ums Vatergefild.
Auch Hartung, der im übrigen wieder das große Kallinos-Fragment dem Tyrtaios zuspricht
und insofern abermals von vier ausführlich erhaltenen Kampfparänesen ausgeht, zielt in
seiner Übersetzung auf ähnliches: 102

100 Portmann-Tinguely 342.


101 G. Thudichum, Die griechischen Lyriker oder Elegiker, Jambographen und Meliker. Ausgewählte Proben,
im Versmaß der Urschrift übersetzt und durch Einleitungen und Anmerkungen erläutert, Stuttgart 1859.
102 Die griechischen Elegiker. Griechisch mit metrischer Übersetzung und prüfenden und erklärenden An-

merkungen von J. A. Hartung, Bd. 1: Die Elegiker bis auf Alexander’s Zeit, Leipzig 1859. Hartung
beginnt mit Kallin fr. 1, dann folgen unter dem Stichwort «Hypothekai» die kanonischen drei Elegien
(fr. 6-7, fr. 8, fr. 9) sowie fr. 11 G/P (= fr. 10 D) und fr. 12 G/P (= fr. 11 D). Unter der Überschrift
Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 177

Schön für den wackeren Mann ist der Tod im Kampf für die Heimath,
Wird er im vorderen Glied ringend zu Boden gestreckt.

Im Jahr 1877 erschien eine längere Abhandlung «Ueber Tyrtäus und seine Kriegslieder»
von Cajetan Hoffmann (1840-1907) im Jahresbericht des kaiserlich-königlichen ersten
Staats-Gymnasiums in Graz, d. h. unmittelbar an Gymnasiasten gerichtet. 103 Der mit gro-
ßer antiquarischer Sorgfalt verfaßte Traktat mündet in die zweisprachige Präsentation der
«drei größeren Lehrgedichte» (32) in der geläufigen Reihenfolge. Hoffmann betrachtet
diese Texte als Vorbilder für die zeitgenössische Jugend, als Elegien, «in denen die spartani-
schen Jünglinge zum muthigen Kampfe gegen die Feinde des Staates aufgemuntert werden,
ein so beredter Ausdruck einer hingebenden Vaterlandsliebe [...], daß sie schon deshalb
besonders unter der Jugend genannt zu sein verdienen [...]» (3). Dementsprechend wählte
Hoffmann zur Illustration die Übersetzung von K. Seidenadel: 104
Schön ist’s traun, im vordersten Glied hinsinkend zu sterben,
Als kampfmuthiger Mann streitend um’s heimische Land.

Nur zwei Jahre zuvor, 1875 hatte der national-konservativ gesinnte Emanuel Geibel
(1815-1884) sein «Klassisches Liederbuch der Griechen und Römer» publiziert. 105 Geibel,
der u. a. mit Felix Dahn, dem Verfasser germanisierend-pathetischer Historienromane, ver-
kehrte, war bereits vor diesem Zeitpunkt als Dichter formal gefälliger Lyrik hervorgetreten
und einem breiten bürgerlichen Publikum vertraut. 106 Das griechischer Dichtung gewid-
mete 1. Buch seiner Anthologie setzt programmatisch ein mit Kallin. fr. 1 G/P (= fr. 1
D). Es folgt dann mit «Tyrtäos aus Attika. Schlachtgesang aus den Elegien zusammenge-
stellt» ein reichlich sonderbares Elaborat; denn der von Geibel präsentierte Tyrtaiostext
stellt eine willkürliche Kompilation von Textbruchstücken dar, die ohne Rücksicht auf
Zugehörigkeit und Kontexte miteinander kombiniert worden sind und somit eine durchge-
hende Reihe martialischer Kriegslieder ergeben. Der auf diese Weise neu komponierte

«Eunomia» erscheinen neben erzählenden Partien aus Strabon fr. 1a,12-15 G/P (= fr. 2 D), fr. 2-4
G/P (= fr. 4,1-8 D), fr. 5 G/P (= fr. 5 D) sowie fr. 1b G/P (= fr. 3b D) bzw. fr. ∞14 G/P (= fr. 3a
D).
103 C. Hoffmann, Ueber Tyrtäus und seine Kriegslieder, Jahresbericht des kaiserlich-königlichen ersten

Staats-Gymnasiums in Graz, Graz 1877, 3-44.


104 Kallinos, Tyrtaeos und Solon. In den Versmaßen der Urschrift übersetzt von K. Seidenadel, Beigabe

zum Programme des Gymnasiums in Bruchsal, Bruchsal 1868. Auch der Altphilologe J. Mähly, Griechi-
sche Lyriker, Leipzig 1881, XII konstatiert, «daß ‹niemals in der Welt den Jünglingen eines Volks die
Pflicht und die Ehre der Tapferkeit so schön und dringend, zugleich mit so naiven, rührenden Motiven
ans Herz gelegt worden› » sei. In seiner kleinen Lyrikerauswahl gibt Mähly (1828-1902) von den tyrtäi-
schen Dichtungen dann fr. 6-7, fr. 9 und fr. 8 (vgl. die Übersetzung von fr. 6,1-2: Schön ist’s wahrlich,
zu fallen in vorderster Reihe als tapfrer / Kriegsmann, wenn es den Kampf gilt um das heimische Land). Die für den
Schulgebrauch konzipierte Textausgabe von H. W. Stoll, Anthologie griechischer Lyriker für die obersten
Classen der Gymnasien mit litterarhistorischen Einleitungen und erklärenden Anmerkungen, I. Abthei-
lung: Elegien und Epigramme, Hannover 1851, 9-17, veranschaulicht, daß im zeitgenössischen gymna-
sialen Griechischunterricht unter dem Stichwort Tyrtaios weiterhin vornehmlich die ‹klassische› Trias der
drei «Kriegslieder» behandelt wurde.
105 Nachgedruckt Essen 1984. Geibels Übersetzungen genossen lange Zeit hohe Popularität und wurden

wiederholt nachgedruckt, vgl. etwa H. Kleinstück (Hg.), Griechisch-römische Lyrik in klassischen und
neuen Übersetzungen, Wiesbaden/Berlin 1958, 13 f.
106 E. Alker, Die deutsche Literatur im 19. Jahrhundert (1832-1914), Stuttgart 21962, 418 ff.; Riedel 245 f.
178 Mischa Meier

«Schlachtgesang» setzt ein mit dem markanten Aufruf an die Abkömmlinge des unbesieg-
baren Herakles-Stammes, mit dem Tyrt. fr. 8 G/P (= fr. 8 D) begonnen hatte. Geibel
bietet die ersten drei Distichen dieses Fragmentes, fügt dann aber übergangslos das be-
rühmte Distichon über den schönen Tod für die Heimatpolis an (fr. 6,1-2 G/P [= fr.
6,1-2 D]) und fährt im Anschluß daran genauso abrupt fort mit fr. 8,17-26 G/P (= fr.
8,17-26 D). Auch die in Geibels Übersetzung folgenden Verse sind diesem Fragment
entnommen (fr. 8,31-34 G/P [= fr. 8,31-34 D]), bevor der Dichter dann zum Areté-
Gedicht übergeht und nahtlos die Passage fr. 9,21-32 G/P (= fr. 9,21-32 D) anfügt, so
daß sein «Schlachtgesang» wirkungsvoll mit dem oben behandelten Vers über das ewige
Fortleben der begrabenen Krieger enden kann.
Ich gebe auch hier wieder zur Illustration die Übertragung von fr. 6,1-2, die sich bei
Geibel als eine Mischung aus Verherrlichung des Sterbens (als Vorgang) und aus falsch
verstandener, den Germanenstereotypen des 19. Jahrhunderts verpflichteter Heldenroman-
tik (Kampf für den «heimischen Herd») darstellt:
Denn schön ist’s für den Tapfern, im vordersten Gliede zu fallen,
Wenn er, den Seinen ein Hort, kämpft für den heimischen Herd.

Ein solcher Zugriff auf Tyrtaios braucht nicht weiter kommentiert zu werden. Er zeigt
recht deutlich, daß der Elegiker im späteren 19. Jahrhundert, spätestens seit der Reichs-
gründung, als Reservoir bequem zugänglicher Kampflied-Versatzstücke betrachtet wurde,
die sich willkürlich auswählen, kombinieren, interpretieren und aktualisieren ließen. 107 Es
verwundert nicht, daß Tyrtaios so auch für nationalsozialistische Propaganda leicht instru-
mentalisiert werden konnte. 108 So rühmte H. Berve 1937 Tyrtaios als beispielhaften Reprä-
sentanten des spartanischen todesverachtenden Kriegerethos: 109
Hier ward Dienst zur Ehre, Hingabe zur Selbstvollendung, und der Tod verlor seine
Schrecken, wurde er männlich im Kampf gefunden. Als höchste Bewährung der Mann-
heit, als Krönung aller jener Tugenden und Leistungen [...] war er eher zu suchen als zu
fliehen. Wer ihn erlitt, hatte an dem wahren Leben, dem Leben im Gesetz, mehr Anteil
als der, den ruhmloser Strohtod entraffte. Dieser Geist, schon von Tyrtaios in unver-
gleichlichen Elegien den Kämpfern um Messenien eingehaucht, [...] hat in seiner unbeug-
samen Starrheit die Idee eines höheren Lebens bis zuletzt aufrechterhalten.

Gegen Ende des Jahres 1939 erschien dann in den «Neuen Jahrbüchern für antike und
deutsche Bildung», seit 1938 ein wichtiges Organ zur Vermittlung nationalsozialistischen

107 Auch J. M. Stowasser, Griechische Lyrik in deutsche Verse übertragen, Heidelberg 1910, geht mit großer
Beliebigkeit vor, wenn er als Beispiele tyrtäischer Dichtung neben einem unechten «Marschlied» nur
noch ausgewählte und willkürlich gekürzte Versatzstücke in deutschen Reimen bietet, vgl. fr. 6,1-2: Der
schönste Tod von allen ist es, von Feindes Hand / Als tapfrer Mann zu fallen im Streit fürs Heimatland.
108 Bereits im 1. Weltkrieg war Tyrtaios bemüht worden: Reinhold Wagner publizierte im Jahr 1916 unter

dem Stichwort «Kriegslyrik» neben Texten u. a. des Archilochos und des Sophokles auch eine (sehr
freie) Übersetzung von Tyrt. fr. 6-7 (R. Wagner, Aus der altgriechischen Kriegslyrik, Wochenschrift für
Klassische Philologie 33 (1916), 980-984). Ich gebe auch hier wieder die Übertragung des ersten Disti-
chons wieder: Ja! Es ist schön: tot liegen, / In vorderster Reihe gefallen, /Fechtend als tapferer Mann, / Eigener
Heimat zulieb.
109 H. Berve, Sparta, in: ders., Gestaltende Kräfte der Antike. Aufsätze und Vorträge zur griechischen und

römischen Geschichte, München 1966 (erstmals 1937), 58-207, hier 95.


Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 179

Gedankenguts im Schulunterricht, 110 ein Beitrag mit dem Titel «Tyrtaios. Altspartanische
Kampfreden», verfaßt von dem Gräzisten Richard Harder (1896-1957). 111 Die Arbeit
präsentiert kommentarlos die drei schon im 18. Jahrhundert kanonischen tyrtäischen
Kampfparänesen in der bekannten Reihenfolge, d. h. zunächst fr. 6-7, dann fr. 8 und
schließlich fr. 9. Die Übersetzung ist beeinflußt von nationalsozialistischem Sprachge-
brauch, wie z. B. in der Übertragung des Passus aiœsxy¬nei te ge¬now (fr. 6,9 G/P [= fr. 6,9
D]) als «Schande macht er der Sippe» abzulesen ist. Auch die Übersetzung des Einleitungs-
distichons von fr. 6 weist klare Zeitbezüge auf: 112
Sterben vorm Feind ist Ehre, im vorderen Feld bei den Ersten
Fallen, als tapferer Mann streitend um Heimat und Land.

Im April 1945, in den letzten Kriegstagen, versandte Harder seinen Aufsatz «Die geschicht-
liche Stellung des Tyrtaios» als ‹Institutsbrief 4› des 1940 gegründeten Instituts für indoger-
manische Geistesgeschichte in München in ca. 100 Exemplaren an «Forscher des In- und
Auslandes». 113 Der Beitrag, dem Harders bereits 1939 erschienene Tyrtaios-Übersetzung
(ergänzt um die Eunomia-Fragmente) beigefügt war, ist getragen von vermeintlichen Paral-
lelen zwischen dem ‹Germanischen› und den Inhalten tyrtäischer Dichtung. Harder betont,
daß es sich bei den Elegien des Tyrtaios um «wirklich gehaltene alte Kampfreden» handele
(181), die «elementar wie der Krieg selber» seien (ebd.). Auch die Eunomia sei ein solches
«Kampfgedicht [...], in Sachen der staatlichen Grundordnung» (182). Harders Ziel war,
anhand des Tyrtaios und seines spartanischen Publikums beispielhaft die Einheit von «füh-
render Persönlichkeit» und «Gesamtheit» aufzuzeigen und für die eigene Zeit zu beschwö-
ren (185):
Der Einklang zwischen Redner und Gemeinde, das eben ist das Geschenk jener Redege-
walt, die im griechischen Bewußtsein unerläßliche Gabe des Volksführers ist. Die Welt
des spartanischen Kriegertums wird angesprochen; zugleich spricht sie aus den Worten
des Redners. Führende Persönlichkeit und tragende Gesamtheit sind hier eins. Wir hören
den Sprecher und hören zugleich den Atem einer Gruppe. Darin beruht die gesammelte
Kraft, die unvergleichliche Geradheit und schlichte Erfülltheit dieser Reden.

110 Vgl. das Vorwort der Herausgeber D. Bohne und H. Berve im 1. Band (1938), S. 1 f.
111 R. Harder, Tyrtaios. Altspartanische Kampfreden, Neue Jahrbücher für antike und deutsche Bildung 2
(1939), 353-357. Zwei Jahre später versuchte H. Färber, Tyrtaios’ aœreth¬-Begriff für den Schulunterricht
nutzbar zu machen, vgl. dens., Griechische politische Lyrik im Unterricht, Neue Jahrbücher für antike
und deutsche Bildung 4 (1941), 141-151, bes. 143-145; auch hier sei die Übersetzung von Tyrt. fr.
6,1-2 zitiert: Denn herrlich ist es im Kampf als Held zu fallen, und Held ist, wer um das Vaterland kämpft (144).
112 Die Harderschen Tyrtaiosübersetzungen wurden mit geringfügigen Modifikationen nach dem Krieg noch

einmal von einem Schüler des Übersetzers aufgegriffen: W. Marg (Hg.), Griechische Lyrik in deutschen
Übertragungen, Stuttgart 1964.
113 R. Harder, zit. bei W. Marg, Nachwort, in: Marg, 484. Der Institutsbrief ist wiederabgedruckt ebd. 180-

207, allerdings in einer vom Herausgeber gekürzten Form, vgl. ebd. 180, Anm.: «Die Einleitung über
Ernst Moritz Arndt, die deutsche Kriegspoesie des 18. Jh. und deren falsche Aktualisierung des Tyrtaios
[...] ist hier, späteren Bemerkungen Harders folgend, fortgelassen [...]. Aus diesem Entwurf sollte einmal
[...] ein Buch werden». - Zum Münchener Institut für indogermanische Geistesgeschichte und der Rolle
seines Leiters Richard Harder vgl. die ausgewogene Darstellung bei V. Losemann, Nationalsozialismus
und Antike. Studien zur Entwicklung des Faches Alte Geschichte 1933-1945, Hamburg 1977, 142 ff.;
zu Harders Arbeiten über Tyrtaios und deren zeitgeschichtlichen Kontext vgl. ebd. 172; 256, Anm. 200.
180 Mischa Meier

Harders Tyrtaios-Übersetzung und -Interpretation stellt den Höhepunkt eines selektiven


Wahrnehmungs-, Rezeptions- und Instrumentalisierungsprozesses dar, der bereits im
Altertum eingesetzt hat. Dieser Prozeß ist wesentlich mitverantwortlich für das moderne
Tyrtaios-Bild, das - abgesehen von seiner Hochschätzung als wichtigem Quellenautor für
die spartanische Frühgeschichte - den Elegiker weiterhin vor allem als Dichter bloßer
Kampfparänesen und Lobredner des Krieges als absolutem Wert präsentiert.
Nach der vielfachen Instrumentalisierung des Tyrtaios zur Glorifizierung von Krieg und
Schlachtentod beschritt man nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs vorerst vorsichtigere
Pfade. Es folgte jedoch zunächst noch immer nicht die längst überfällige, bis dahin nur in
vereinzelten Ansätzen (Jaeger) realisierte sachliche Auseinandersetzung mit dem Autor,
sondern der selektive Wahrnehmungsprozeß fand nun lediglich unter gewandelten Vorzei-
chen statt. In die Anthologie «Lyrik des Abendlandes» (deren 1948 erschienene Erstauflage
mir nicht zugänglich war) wurde von den Herausgebern wiederum auch Tyrtaios aufge-
nommen, und zwar in der Übersetzung Richard Harders. Allerdings setzt die Auswahl
tyrtäischer Dichtungen nunmehr mit Versen aus dem Eunomia-Komplex ein. Unter der
Überschrift «Aus den Kampfreden» folgen dann nur noch Bruchstücke der einstmals kano-
nischen «Kriegslieder»: fr. 7,21-32, fr. 8,1-20 sowie der erste Teil des Areté-Gedichts fr.
9,1-12. Bezeichnenderweise fehlt das berühmte Distichon über das schöne Totsein nach
dem Schlachtentod. 114 Diese Verse sind lediglich im Nachwort noch gegenwärtig, wenn
die Herausgeber konstatieren: «Mit dem Gedanken, daß der Tod fürs Vaterland alle andern
Verdienste, Ehren und Tugenden übertreffe, schlug er [sc. Tyrtaios] ein unausrottbares
Thema an». 115
Auch in der ehemaligen DDR war man um neue Zugänge bemüht. In der 1976 erschie-
nenen Anthologie «Griechische Lyrik» übersetzte Dietrich Ebener unter der neutraler ge-
wählten Überschrift «Kampfaufrufe» zwar auch die altbekannten «Kriegslieder» fr. 6-7,
fr. 8 und fr. 9 (in dieser Reihenfolge), doch setzte auch er nun vor diese längeren Texte
ebenfalls kürzere Fragmente aus dem Eunomia-Kontext: fr. 1a,12-15 G/P (= fr. 2 D), fr.
∞14 G/P (= fr. 3a D), fr. 2-4 G/P (= fr. 4,1-8 D), fr. 5 G/P (= fr. 5 D). Das Bemühen
um nüchterne Sachlichkeit geht auch aus seiner Übersetzung von fr. 6,1-2 hervor: 116
Unter den Vorkämpfern auf dem Schlachtfeld zu fallen, bedeutet
Ruhm dem wackeren Mann, der für sein Vaterland ficht.

Es ist schwierig, vor dem Hintergrund einer derart problematischen Rezeptionsgeschichte


noch einen unvoreingenommenen Zugang zu Tyrtaios zu finden. Möglicherweise stellt der
Versuch, das komplizierte Geflecht von Interpretamenten, Vorurteilen, Stereotypen und
tatsächlichen Inhalten seiner Lyrik zu entwirren, aber einen ersten Ansatz dar. Es sollte
jedenfalls deutlich geworden sein, daß eine sachgerechte Analyse der erhaltenen Tyrtaios-
Fragmente sich zunächst von rezeptionsgeschichtlich bedingten Vorurteilen zu lösen hat.
Erst dann kann ihr spezifischer Beitrag zum komplexen Prozeß der Polisbildung untersucht
werden, ein Prozeß, der nicht nur auf der institutionellen Ebene anzusiedeln ist, sondern

114 Lyrik des Abendlands. Gemeinsam mit H. Hennecke, C. Hohoff und K. Vossler ausgewählt von G.
Britting, München 41963, 10-12. Den Hinweis auf diese Sammlung verdanke ich Fabian Goldbeck.
115 Ebd. 746.
116 D. Ebener (Hg.), Griechische Lyrik in einem Band, Berlin/Weimar 1976, 21980 (danach zitiert), 50-55.
Tyrtaios - Die Entstehung eines Bildes 181

auch mit der Frage nach Wegen und Möglichkeiten der Identifikation von Bevölkerungen
mit ihren Gemeinwesen verknüpft ist. Daß Tyrtaios dabei als wichtige Station innerhalb
einer Entwicklung gesehen werden kann, die literarisch über Homer, Kallinos und Solon
bis in die Ideologie der Polis des 5. Jahrhunderts v. Chr. greifbar ist, wurde bereits an
anderer Stelle angedeutet. 117
Ich möchte nicht schließen, ohne eine eigene Übersetzung des bereits vielfach angeführ-
ten berühmten Distichons fr. 6,1-2 anzubieten:
Tot zu sein ist nämlich schön, gefallen unter den Vorkämpfern, als tüchtiger Mann im
Kampf für die Heimat.

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117 Meier 303-322.


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