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März 2018, 12:14 Uhr

Immer mehr Klagen gegen Schulen


Mit dem Anwalt zur Elternsprechstunde
Von Lena Greiner und Carola Padtberg

Wegen einer angeblich falschen Sportbewertung, einer Strafarbeit oder eines Wandertags: Immer mehr
Eltern verklagen Lehrer und die Schulen ihrer Kinder. Hier berichten Anwälte von ihren absurdesten Fällen.

Wenn es in der Schulkarriere ihrer Kinder nicht so läuft, wie sie es sich vorstellen, gibt es für Eltern mehrere
Möglichkeiten: Sie können sich über das schlechte Zeugnis oder den Schulverweis ärgern - in dem Wissen, dass
die Wut verklingen und es schon irgendwie weitergehen wird.

Oder sie setzen die Lehrer und Schulleitungen unter Druck, mit allen Mitteln: "Häufig wenden sich Eltern gar
nicht mehr an die Schule, sondern sofort an das Kultusministerium", berichtet eine Lehrkraft. "Es werden
Drohszenarien aufgebaut, und mit den vielen Dienstaufsichtsbeschwerden könnte man sicher die
Ministeriumskantine tapezieren. Gern wird darauf hingewiesen, wer man sei und wen man kenne. Erpressung
scheint vielen Eltern ein probates Mittel zu sein, um ihre Kinder irgendwie zum gewünschten Schulabschluss
zu bringen."

Manche Eltern kennen dabei keine Grenzen: In Bayern ist vor ein paar Jahren ein Vater vor der Grundschule
seiner Tochter auf eine Leiter gestiegen, um heimlich ins Klassenzimmer zu filmen. Die Aufnahmen sollten
beweisen, dass der Lehrer ein schlechter Pädagoge sei - damit wollte der Vater ihn erpressen, so dass seine
Tochter eine Gymnasialempfehlung bekommt.

"Es ist schon tragisch"

Andere Helikopter-Eltern ziehen gleich vor Gericht, und es werden immer mehr: "In den letzten zehn Jahren
haben sich die Fallzahlen verdoppelt", berichtet Andreas Gleim, der die Rechtsabteilung der Hamburger
Schulbehörde leitet. Auch in Bayern sind so viele Eltern klagewütig, dass die Rechtsabteilung mittlerweile die
größte Abteilung des Bayerischen Lehrerverbands ist. "Es ist schon tragisch, dass dies in einem pädagogischen
Verband so ist", sagt Abteilungsleiter Hans-Peter Etter.

Bestimmte Noten juristisch zu erzwingen, ist allerdings gar nicht so einfach. Denn Richter entscheiden nicht
darüber, ob ein Aufsatz mit einer Zwei oder Drei richtig bewertet ist. Es geht vor Gericht nur um Formalitäten.
Und deshalb versucht diese Art von Eltern, die Lehrer zu überlisten und systematisch fertigzumachen. "Sie
passen genau auf, ob ein Lehrer zum Beispiel im Unterricht mit dem Handy telefoniert hat oder ob er
Probearbeiten oder andere Aufgaben rechtzeitig angekündigt hat", sagt Chefjustiziar Etter.

Neben Klagen vor Verwaltungsgerichten nutzen die Eltern dann diverse weitere Möglichkeiten, um juristisch
gegen die Lehrer ihrer Kinder vorzugehen: Rechtsbehelfe, Beschwerden, Dienstaufsichtsbeschwerden,
Strafanzeigen. Einige bringen sogar bereits zur Elternsprechstunde einen Anwalt mit.
Wie Erziehungsberechtigte nicht nur in der Schule, sondern schon in der Schwangerschaft und bis zum
Studium ihren Kindern und dem Rest der Welt das Leben zur Hölle machen, davon erzählen die gesammelten
Anekdoten in dem Buch "Verschieben Sie die Deutscharbeit - mein Sohn hat Geburtstag" der SPIEGEL-
ONLINE-Redakteurinnen Lena Greiner und Carola Padtberg. Hebammen, Erzieher, Lehrer, Sporttrainer,
Professoren, Anwälte, Ärzte, Studienberater und Kinder packen aus, was sie mit übermotivierten Eltern erlebt
haben. Spleenig, grotesk - und leider wahr.

Lesen Sie hier Buchauszüge aus dem Kapitel "Wir sehen uns vor Gericht: Papi muss mit zum Klassenausflug"

Auch in den Kanzleien treten einige Eltern dann sehr fordernd auf. Teilweise haben die Anwälte echte
Probleme damit, den Müttern und Vätern klarzumachen, warum sie einen Fall nicht annehmen - zum Beispiel,
weil sie merken, dass die Eltern sich einfach nur in den Unterricht einmischen wollen und die Lehrer für
Idioten halten. Oder wenn eine Klage einfach keine Aussicht auf Erfolg hat. "Es gibt Mütter, die zu uns
kommen, weil ihr Kind eine bestimmte bilinguale Klasse nicht erreicht hat und die sagen: 'Wenn mein Kind
nicht in der Grundschule Chinesisch lernt, was soll dann aus ihm werden?'", berichtet ein Jurist.

"Eine Mutter sagte neulich zu mir: 'Ich bin so sauer, klagen Sie!'", berichtet ein anderer. Aber Wut sei ein
schlechter Ratgeber. Denn: Die Kinder müssen am nächsten Tag noch im Unterricht sitzen - und eine gestörte
Beziehung zum Lehrer hat schlimmere Folgen als eine Drei minus.

URL:

 http://www.spiegel.de/lebenundlernen/schule/helikopter-eltern-beim-anwalt-die-absurdesten-faelle-
a-1197106.html

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