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In: Widerspruch Nr. 12 Wiederkehr des Mythos? (1986), S.

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106
Autoren: Jürgen Kocka, Reinhard Kühn, Michael Stürmer
Artikel

Stellungnahmen zu drei Fragen


zum Verständnis der Geschichte

1. Die Konzeption eines Museums für deutsche Geschichte entfachte


eine Diskussion um die deutsche Identität. Zeigt sich nach Ihrer Mei-
nung in dieser Diskussion eine Indienstnahme der Historie durch
neokonservative Politik und Ideologie, um in der Bundesrepublik ein
nationales Selbstbewußtsein zu installieren?

2. Inwiefern sehen Sie einen Zusammenhang zwischen der propagierten


Aufwertung von Begriffen wie „Nation“, „Heimat“ oder „Vaterland“
und dem wachsenden Bedürfnis in der Öffentlichkeit nach sinnstif-
tender Einheit?

3. Welche Funktion kommt Ihrer Ansicht nach der Geschichtswissenschaft


in diesem Prozeß zu?
Stellungnahmen

Professor Dr. Jürgen Kocka (Bielefeld):

Die vorliegende Konzeption eines Deutschen Historischen Museums


(nicht: Museums für deutsche Geschichte) in Berlin ist ein offener, libe-
raler, Gedanken der Aufklärung verpflichteter Entwurf, der zu einem
pluralistischen und kritischen Umgang mit unserer Geschichte auffor-
dert. Er ist kein Produkt neokonservativer Einseitigkeit.
Die Diskussion um die deutsche Identität ist viel älter als die Museums-
pläne der Regierung. Sie bewegt mehr eine kleine Gruppe professioneller
Sinndeuter als die breitere Bevölkerung. Sie muß nicht zu neokonservati-
ven Ergebnissen führen und auch nicht zur Hervorhebung des nationalen
Selbstbewußtseins. Schließlich sind wir nicht nur Deutsche, sondern et-
wa auch Bürger der Bundesrepublik und Europäer, oftmals auch stark
verwurzelt in einer Region, einer sozialen Bewegung, einer Kirche etc.
All diese Identitäten haben etwas mit Geschichte zu tun. Es ist normal,
mehrere Loyalitäten und Identitäten zu haben. Nichts spricht dafür, die
nationale Identität, deren Belastungen bekannt sind und deren Sinn
einstmals klarer war, besonders zu privilegieren (ebenso wie es falsch wä-
re, sie zu leugnen und zu verdrängen).
Die Geschichtswissenschaft hat unter anderem die Aufgabe, diese Zu-
sammenhänge aufzuklären. Von verschiedenen politischen und ideologi-
schen Positionen her wird man Verschiedenes von ihr erwarten, und in
ihr bestehen verschiedene Strömungen. Die Verpflichtung auf wissen-
schaftliche Standards hält sie zusammen und schützt sie, im Prinzip, ge-
gen ideologische Instrumentalisierung von außen. Eine neokonservative
Indienstnahme der bundesdeutschen Geschichtswissenschaft zeichnet
sich nicht ab.
Durch Information und Kritik kann die Geschichtswissenschaft zur
Sinndiskussion indirekt beitragen. Direkte Antworten auf Sinnfragen
kann sie keinesfalls bieten. Aber sie kann vielleicht zeigen, daß einheitli-
che Lösungen der Sinnfragen in komplexen Gesellschaften nur um den
Preis der Freiheit zu haben sind und daß „Bedürfnis nach sinnstiftender
Einheit“ – wie stark ist es eigentlich wirklich? – selbst in Frage zu stellen
ist.
Stellungnahmen

Professor Dr. Michael Stürmer (Erlangen):

Zu Ihren drei Fragen darf ich mich wie folgt äußern:

1. Die Antwort lautet: Nein.

2. „Europas Lebensfähigkeit hängt davon ab, daß der Faden der Erin-
nerung nicht zerrissen, daß die Baudenkmäler, Bilder und Grundrisse
der Vergangenheit nicht zerstört, die Produkte der europäischen Kul-
tur nicht verdrängt und vergessen werden, mit einem Wort, daß Eu-
ropa als Gedächtnis dieser gefährdeten Welt erhalten bleibt. Zur so-
zialen Demokratie gehört deshalb untrennbar die Idee von Ge-
schichtlichkeit und Identität.“ Diesen Worten von Peter Glotz, SPD-
Manager, ist zuzustimmen, mit dem Zusatz, daß die Idee von Ge-
schichtlichkeit und Identität auch zur liberalen Demokratie gehört.
„Die Debatte um die deutsche Geschichte als ‘Identität’ wird in der
Bundesrepublik von einer neo-konservativen Stimmung beherrscht.“
Dieser Aussage von Peter Glotz ist nicht zuzustimmen, verrät aber
einen interessanten Defätismus des Mannes, der mit Gramsci der eu-
ropäischen Linken die geistige Hegemonie zurückgewinnen will, die
sie verloren hat, seitdem ihr der Fortschritt abhanden kam.

3. Erlauben Sie mir, mich selbst zu zitieren (Dissonanzen des Fort-


schritts, 1986): „Die Historie muß von allem Anfang der Legende,
dem Mythos, der parteiischen Verkürzung entgegentreten. Das bleibt
ihr Dilemma: Sie wird vorangetrieben durch kollektive, großenteils
unbewußte Bedürfnisse nach innerweltlicher Sinnstiftung, muß diese
aber in wissenschaftlicher Methodik abarbeiten.“ Abschließend hat
dazu Max Weber bereits 1904 gesagt, was Soziologen und Sozialphi-
losophen seitdem überwiegend durch Mißachtung honorieren: „Eine
empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll,
sondern nur, was er kann und – unter Umständen – was er will.“
Stellungnahmen

Professor Dr. Reinhard Kühnl (Marburg):

1. Ja. Ich meine allerdings, daß diese „neokonservative Ideologie“ auch


weit in die Sozialdemokratie reicht. Mir erscheint es besser, von ei-
nem „neuen Nationalismus“ zu reden der diese neuen Museumspro-
jekte in Gang gesetzt hat und fördert.

2. Ohne Zweifel besteht ein Zusammenhang. Das „Unbehagen“‘ über


die sog. „Uniformierungstendenzen der industriellen Weltzivilisati-
on“, die viele nationale Eigenheiten zerstört hat, ist sicherlich weit-
verbreitet. Es stellen sich aber einige Fragen, die über diese Feststel-
lung hinausgehen. Es müßte nämlich genauer nachgeforscht werden,
auf welche Probleme hier von wem auf welche Weise geantwortet
wird. Ausschlaggebend ist, wie der Begriff der „Nation“, der „natio-
nalen Identität“ und der „nationalen Frage“ inhaltlich bestimmt wird
von denen, die davon reden, und mit welchen politischen Zielen die-
se Begriffe verbunden sind.

3. Die Aufgabe der Politikwissenschaft, von der ich hier nur reden
kann, ist es, diese verwendeten Begriffe und die politischen Ziele zu
analysieren und verständlich zu machen. Die „Probleme der Deut-
schen“, auf die die Diskussion über die „nationale Frage“ immer wie-
der zu sprechen kommt, sind eine Fiktion. Die Politikwissenschaft
hat die bestimmten Problemlagen und Bedürfnisse zu unterscheiden;
denn diese entspringen nicht spontan dem Innenleben der Individu-
en, sondern bilden sich heraus in einer Wechselbeziehung mit den In-
formationen und Interpretationen, die ihnen präsentiert werden. Und
diese werden konzipiert unter dem Aspekt der Sicherung und der
Förderung der herrschenden Kräfte. Deren Lage und Interessen
müssen also in jede Diskussion über eine „nationale Identität“ usw.
einbezogen werden wenn die gegenwärtigen Entwicklungen verständ-
lich werden sollen.