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In: Widerspruch Nr. 12 Wiederkehr des Mythos? (1986), S.

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Autor: Günter Schulte
Artikel

Günter Schulte Golem – Magie, Mystik und Mythos


Am Ende der Schriftkultur

1. Magie ist die Beschwörung geheimnisvoller Kräfte, Mystik die Augen


und Lippen schließende, innerlich-innige Verbindung mit der göttlichen
Ganzheit kommunizierbaren Sinns durch Versenkung und Ekstase. Und
Mythos ist das wilde, noch mit dem Ritual verbunden, und wichtige,
nämlich gesellschaftsbindende, Wort. Drei Formen also einer eher para-
normalen Kommunikation in einer Schriftkultur!
Schriftkultur ist z.B. die unsrige, entstanden in Reaktion auf die Ver-
schriftlichung der Kommunikation. Ihre geistigen und künstlerischen
Ausdrucksformen reflektieren – ausdrücklich oder auch nur für uns Be-
obachter an deren Ende – diese Erweiterung und abstrahierende Ent-
fremdung der Kommunikation. Die schriftliche ist Tele-Kommuni-
kation, unangewiesen auf die Anwesenheit und gegenseitige Wahrnehm-
barkeit der Teilnehmer. Zumal die Kunst erinnert an das Zurück-
gelassene und Aufgehobene, an die leibhaftig-interaktive Kommu-
nikation und die ehemals ausschließliche Mündlichkeit der Sprache.
Wir befinden uns heute vielleicht am Ende unserer Schriftkultur und am
Beginn einer zweiten, der elektronischen Mündlich- bzw. Bildlichkeit;
denn die neuen Formen der Telekommunikation nehmen jene Abstrakt-
heit zurück. Allerdings weitgehend und auch prinzipiell unkontrollierbar
in ihrer leibhaftigen Wahrheit, nämlich reproduzierbar und auch originär
(per Synthesizer und Computerbild) produzierbar, also simulativ! Zieht
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die elektronische Oralität in Ausblendung ehemals gesellschaftsbildender


Literalität jene anderen vorsprachlichen oder paraschriftlichen Formen
wie Magie, Mystik und Mythos nach sich? – Und geschieht dies auch in
den neuen Medien selbst?
Nicht nur erscheinen bei verdämmernder Schriftkultur die archaischen
und dann paraliteralischen Formen der Erlebnis- und Handlungsführung
in einem neuen Licht, dem der ‘Dialektik der Aufklärung’. Sie zeigen sich
heute sogar als Funktionen der neuen Medien selbst, der Elektronik also.
Diese verfügt über ihre eigene Magie und Mystik und schließlich ihren
eigenen Mythos. War dann die Literalität nur ein Umweg und Zwischen-
raum für die elektronische ‘Wiederkehr der Bilder’? – Ist das elektroni-
sche Medium, wie MeLuhan will, selbst ‘message’ und ‘massage’, die Bot-
schaft bzw. Erlebnis- und Handlungsbeeinflussung, welche das Licht der
Aufklärung wohl nicht übermitteln konnte?
Allerdings: noch schreiben und lesen – wir, gerade auch bei diesem Ver-
such, uns im alten Medium etwas über es selbst, sein etwaiges Ende
durch die neuen Medien und über seine ‘dialektischen’ Begleiter in
Kunst, Religion und Esoterik, also Magie, Mythos und Mystik, aufzuklä-
ren.
2. Lesend und schreibend sind wir während der Wahrnehmung der
Sprach- und Schriftzeichen ganz auf unsere Imagination gestellt, also dis-
tanziert von einer ‘wilden’ Kommunikation mit ‘Händen und Füßen’.
Erstens sind wir überhaupt auf äußere Wahrnehmung eingeschränkt,
nämlich auf einen darin ablesbaren und in ihr suggerierbaren Sinn.
Kommunikation kann mit Luhmann als „Selektionsverstärkung des
Wahrnehmungsprozesses“ definiert werden (N. Luhmann, ‘Sinn als
Grundbegriff der Soziologie’, in: Habermas/Luhmann, Theorie der Ge-
sellschaft oder Sozialtechnologie, 25-141, hier 44).
Zweitens beschränken wir uns auf Sprache als symbolische Generalisie-
rung von Sinn und auf entsprechende, als eigenes Verhalten wählbare
und für uns und andere wahrnehmbare Zeichen. Sprache ist insofern
„Selektionsverstärkung des Kommunikationsprozesses“ (ebd., 44).
Drittens ist die Schrift eine weitere Selektionsverstärkung (durch Zweit-
codierung). Sie erhöht zwar die Unwahrscheinlichkeit der Kommunikati-
on, ermöglicht aber ihre Ausweitung und Differenzierung. Bei dieser Be-
Golem – Magie, Mystik und Mythos

schränkung auf Schriftzeichen wird von Ausdruckverhalten und dessen


Zeichenfunktion abstrahiert. Die Schriftzeichen vertreten diese aufgeho-
bene Situiertheit mehr oder weniger mit.
Die genannte dreifache Distanzierung bedeutet nicht nur positiv eine vir-
tuelle Verfügung über die konkrete Welt möglicher Interaktion, sondern
zugleich Freisetzung der in der normalen Kommunikation ausgesparten
Erlebnis- und Handlungsbeeinflussung, als da sind: eine nicht auf äußere
Verhaltenswahrnehmung eingeschränkte magische Kommunikation, die
mystisch-ekstatische Sprachlosigkeit der Totalkommunikation, schließ-
lich das mythisch ritualisierte Wort. Solche paranormale Kommunikation
begleitet die Schriftkultur nicht nur am Rande, sie wird von ihr vielmehr
mitbetreut, als Erinnerung und Bedürfnis gepflegt und kultiviert – z.B. in
Okkultismus, Religion und Esoterik, und in der Kunst. Für die gesell-
schaftliche Evolution war das allenfalls indirekt durch Verdrängung und
Sublimierung – bestimmend. Evolutiv führend, nämlich die immense
Ausweitung der Kommunikation und ihre entsprechende funktionale
Differenzierung ermöglichend und provozierend. waren eben nur jene
normale Kommunikation im Ausgang der Selektionsverstärkung wahr-
nehmbaren und bewußt wählbaren Verhaltens. Nur das konnte sprach-
lich und schriftlich codiert werden.
Was ist eigentlich diese ‘normale’ Kommunikation? – Es handelt sich um
gegenseitige Erlebnis- und Handlungsbeeinflussung von Menschen und
schließlich kollektive Erlebnis- und Handlungsbindung von Menschen.
Die abstrakte Ausgangssituation ist eine Patt-Stellung, da jeder das eigene
Verhalten an das des anderen bindet und dieses zur Voraussetzung des
eigenen macht. Eigentlich kann nichts geschehen. Luhmann spricht hier
von „doppelter Kontingenz“ [N. Luhmann, Soziale Systeme, Ffm 1984,
bes. Kap. 3). Erst der in Gestalt beliebig komplexer Umwelt sich einspie-
lende Zufall sorgt für mögliche Enttautologisierung: etwas wird einfach
als Selektionsofferte aufgefaßt und rekursiv durch eigenes Verhalten mit
entsprechend darauf folgendem Verhalten des anderen bestätigt bzw. zu
einem Kommunikationsprozeß ausdifferenziert, aus dem sich kommuni-
kativer Sinn als Information abhebt. Kommunikative Ordnung, sprich:
‘Soziale Systeme’, entsprechen von selbst, also nach dem ‘order from
noise’-Prinzip.
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Die entscheidende Voraussetzung dabei ist die Unmöglichkeit direkten


Kontaktes der Psychosysteme. Kommunikation als soziales Phänomen
beläßt die Teilnehmer in der Umwelt. Sie stellt sich lediglich als semanti-
sches Rauschen zur Verfügung, das sich von selbst ordnet, Sinn ergibt.
Direkter Zugang zum Sinnerleben etwa durch Telepathie, Hypnose oder
Heilsehen muß als gesellschaftlich marginal angesehen werden (vgl.
Luhmann, ‘Die Autopoiesis des Bewußtseins’, in: Soziale Welt 36/I985,
402-446, Anm. 5). Erst die allgemeine Sprache, nicht z.B. das Bespre-
chen (wie es noch ursprünglich Sache der ärztlichen Sprechstunde war)
verstärkt und leitet die Ausdifferenzierung der Kommunikation solcher
black boxes. Die Schrift setzt als Zweitcodierung auch hier an. Z.B. geht
es in ihr nicht etwa um telepathisches Geistheilen von Abwesenden, son-
dern um in Zeichen aufgeführte Selektionsofferten, die sich virtuell als
Information auf nichtpräsente Teilnehmer beziehen können. Kommuni-
kation bleibt so allenthalben an psychisch-personal transportierbare
Sinnselektionen gebunden. Mystische Totalkommunikation, etwa sog.
transpersonale Kommunikation (kosmische Kommunion heißt es bei
den New-Age-Anhängern), bleibt ausgeschlossen. Und auch vom My-
thos bleibt nur das ‘kultivierte’ Wort, allerdings mit den Spuren der ehe-
maligen Mündlichkeit und Ritualität. (Gedächtnisstützende Vortragsfor-
men finden sich ja nicht nur in Homers Mythenrezeption, noch Plato
hielt sich an die Mündlichkeitsform beim Besprechen der Weisheit.)
Vorzüglich in der Kunst haben die archaisch-wilden Kommunikations-
formen überlebt: als Ästhetik, d.h. Wahrnehmung und Körperbezogen-
heit kommunikativen Sinnes. Insbesondere das mythische Wort be-
stimmte die Kunst in der Schriftkultur. Kant bestimmte die Kunstfor-
men denn auch analog zu denen des Ausdrucks beim Sprechen. Kunst
gründet in den Ausdruckbezeugungen, die nicht bloß der begrifflichen
Mitteilung dienen, sondern der „vollständigen“, nämlich auch der von
Empfindungen durch Gestikulation, Modulation (in Klang und Farbe)
und Artikulation (vgl. Kant, Kritik der Urteilskraft, § 51).
4. Das Motivationsdefizit der ‘normalen’, situationsenthobenen Kom-
munikation in Hinblick auf Annahme und Fortsetzung führt nach Luh-
mann zur Ausbildung (nach Parssons sog.) symbolisch generalisierter
Medien-Codes. Diese Medien beziehen sich nun wenigstens symbolisch
Golem – Magie, Mystik und Mythos

wieder zurück auf den Körper und seine Situiertheit. Das erfolgt im
Rahmen einer je typischen dualen Bewertung. So werden Sinnselektionen
übertragen als: schön oder nicht-schön Recht oder Unrecht, wahr oder
falsch, aus Liebe oder nicht usw. Dabei wird der Körper anvisiert als:
singuläres Gebilde, als für Gewalt empfindliches Leben, als durch Wahr-
nehmungsorientierung auf Umwelt bezogen, als sexuell kontingentes,
triebbestimmtes Individuum usw. (vgl. Luhmann, ‘Einführende Bemer-
kungen zu einer Theorie symbolisch generalisierter Kommunikations-
medien’, in: ders., Soziologische Aufklärung 2, Opladen 1975, 170-192).
Schönheit, Macht und Liebe z.B., sie bringen den Körper auch ins Spiel
mit seiner möglicherweise magischen ekstatisch spirituellen und rituellen
Beteiligung an der Erlebnis- und Handlungskoordination im sozialen
Zusammenhang. Die entsprechenden Medien-Codes sind deshalb auch
kaum jene selbstreferentiell geschlossenen Funktionssysteme Luhmanns,
vielmehr offen für eine vorsprachliche Magie (z.B. die Ausstrahlung von
Personen), Mystik (z.B. die spirituelle Erotik der Liebe zur Weisheit oder
gar Wahrheit) und Mythos (sogar für den eines ‘Dritten Reiches’). In ei-
ner vorzüglich durch jene ‘norm ale’ Kommunikation organisierten Ge-
sellschaft bleibt die angeblich marginale, paranormale Kommunikation
ein stets latentes oder offen gepflegtes, und nun durch die Massenme-
dien auch befriedigtes Bedürfnis. Unsere hör- und sichtbare Umwelt ist
überschwemmt von magisch-mystisch und mythisch wirkenden Rhyth-
men und Bildern der Unterhaltungselektronik und Reklame, insgesamt
der Reklame fürs System der Informationsgesellschaft. Ohne solch un-
terhaltende Reklame scheint die ‘normale’ Kommunikation, d.h. der ge-
sellschaftliche Zusammenhang, nicht mehr aushaltbar zu sein. Umge-
kehrt wird er so mittels der Massenmedien um so entschiedener durch-
gesetzt. Dabei ist jene Bedürfnisbefriedigung selbst bloß simulativ:
simuliert wird die Beteiligung des Körpers an der Kommunikation. Die
Faszination der elektronisch reproduzierten oder originär per Computer-
bild und Synthesizer produzierten Bilder und Töne läßt den ‘Rest’ des
Körpers vergessen. Schließlich bestätigt sich so, was Luhmann gleich zur
Grundlage seiner Gesellschaftsanalysen m acht: daß die Gesellschaft
nicht aus Menschen besteht, sondern nur aus den Relationen ihrer ge-
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genseitigen bzw. kollektiven Erlebnis- und Handlungsführung in den so-


zialen, also kommunikativen Systemen. Selffullfilling prophecy?
5. An dieser Stelle gebiert die soziologische Analyse ihre eigene Phan-
tastik: Magie, Mystik, Mythos. Wie schon Hegels Weltgeist verbindet die
Weltsubstanz ‘Sinn’ die fensterlosen Monaden und läßt zwischen ihnen
sich selbst entstehen. Diesem Geist ist allenfalls durch mystische Ver-
senkung (auch: Systemvertrauen) beizukommen. In der Evolutionstheo-
rie besorgt er sich auch die eigene mythische Selbstbeschreibung: Genea-
logie durch Autopoiesis.
Was steckt dahinter, da doch Menschen sich solches ausdenken müssen?
– Es ist wohl die Magie, Mystik und der Mythos möglicher Selbsterzeu-
gung (Autopoiesis) des Menschen selbst, vorerst in Gestalt der Verselb-
ständigung seiner Produkte: der intelligenten Maschinen, sprich Compu-
ter. Solche künstliche, kybernetisch transparente Intelligenz steht Pate
bei der systemtheoretischen Konzeption des Sozialen und dann auch des
menschlichen Bewußtseins selbst. Tatsächlich scheint die ‘Intellektronik’
ein entscheidender Einbruch in der sozio-kulturellen Evolution zu sein
(nicht nur insofern, als erst durch sie diese Selbstbeschreibung der Kul-
turveränderungen möglich wird): Der Mensch scheint eine ‘Genesis
zwei’ auf den evolutiven Weg zu bringen. Hier, in der Zukunft, haben
Magie, Mystik und Mythos am Ende der Schriftkultur ihren Ort. Stanis-
law Lem hat sie noch literarisch in der Figur des unpersönlichen, affekt-
und geschlechtlosen Computers und Übermenschen GOLEM verkör-
pert (St. Lem, Also sprach GOLEM, Ffm 1986). Er führt ihn vor u.a. als
eine Provokation der Philosophie, die sich bislang nur wenig u m diese
Art ‘reiner’, nämlich fleischloser Vernunft gekümmert hat. Aber ging es
ihr nicht immer auch um die Erlösung vom Fleische?
Magie, Mystik und Mythologie der künstlichen Intelligenz gründen gera-
de in der Seelen- und Leiblosigkeit dieses ‘Geistes’. Sofern er überhaupt
noch auf ‘hardware’ und fremde Energie angewiesen ist, kennt er doch
nicht Todesangst, Selbsterhaltungs- und Fortpflanzungstrieb: er hat der
Paulinischen Liebe nicht! Vor allem ist seine Intelligenz frei von dem
alghedonischen (durch Schmerz und Lust) Zusammenhang mit dem an-
sonsten völlig verschlossenem Körper. Seit Plato träumten davon die
Philosophen und sublimierten die Liebe – bis hin zu Golem.
Golem – Magie, Mystik und Mythos

Golem bedeutet (hebr.) die unentfaltete, seelenlose Materie. Der Golem


der Prager Sage ist, wie Adam, ein Tongebilde. GOLEM ist ein Compu-
ter. Nach dem mystischen ‘Buch der Schöpfung’ (‘Sefer Jezira’) ist Go-
lem ein durch Sprachmagie (bei GOLEM durch Technolinguistik) an-
und abstellbarer ‘Übermensch’ (GOLEM ist: General Operator,
Longrange, Ethically stabilized, Multimodelling) (vgl. Lem, Also sprach
GOLEM, 16). Der menschheitsbezogene Mythos vom sprachmagischen
Schöpfergott und schließlich seiner Fleischwerdung zwecks Erlösung
vom Fleische wendet sich in die Zukunft. Allerdings gibt der Mensch
seine computerschöpferische Göttlichkeit bald aus der Hand. Die Com-
puter entwickeln ihre eigene evolutionäre Genealogie. – Mythos, Magie
und Mystik am Ende der Schriftkultur sind zunächst Sache von ‘science
fiction’, gleichzeitig mehr und mehr Sache der Intellektronik selbst.
6. Einst schien ‘science’ Mythos, Magie und Mystik zu verdrängen. Für
die Zukunft kann ‘science’ all das selbst für sich beanspruchen. Die all-
mählich dominante Kommunikationsform der Schriftkultur übernimmt
noch die archaischen Außenseiter, unterhält sich gar durch sie: kommu-
nikationsästhetisch.
Die Wissenschaft (der Wahrheitscode) ist eigentlich nur ein Funktions-
system unter anderen, die der Motivationsverstärkung der Kommunika-
tion in der einen oder anderen Richtung dienen. Da aber Kommunikati-
on in ihrer gesellschaftsevolutiven Rolle generell als Selektionsverstär-
kung des Wahrnehmungsprozesses angesehen werden muß, spielt hier
der empirisch fundierte Wahrheitscode eine besondere Rolle. Einmal
wird er mehr und mehr zum Erkenntnisgewinnmodell überhaupt (als
science), zum anderen dominiert er andere Codes, die lediglich von
wahrzunehmendem Kommunikationsverhalten ausgehen sich aber nicht
noch speziell auf die Wahrnehmung bzw. Wahrnehmbarkeit des Körpers
und seiner Umwelt selbst beziehen. In der empirisch fundierten Wissen-
schaft geht es um Erlebnisführung durch unterstellbare gemeinsame
Wahrnehmung trotz individuellen, singulären Welterlebens (vgl. N.
Luhmann, ‘Die Ausdifferenzierung von Erkenntnisgewinn: Zur Genese
von Wissenschaft’, in: Wissenssoziologie Sonderheft 22/1980; Kölner
Zft. f. Soziologie und Sozialpsychologie, 102-139). Der Erweis gemein-
samer Wahrnehmung läuft auf deren Wiederholung hinaus, auf das
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schließlich was Leibniz ‘kausal reale Definition’ nannte. Heute bietet die
Informatik (im weitesten Sinne) das Verfügungswissen zur Konstruktion
naturanaloger Wahrnehmungsgebilde. Umgekehrt wird allerdings Natur
– seit Aristoteles – von dieser Möglichkeit der Herstellung her begriffen
als das was sich selbst herstellt. Die neue Leitvorstellung der Selbstorga-
nisation, sei es der Energie, der Materie oder des Sinns (im Psychischen
wie Sozialen) eliminiert lediglich einen übergeordneten Geist. Materie
oder Sinn haben ihre eigene Magie. Die Erfahrung ihres eigenen Geistes
erheischt kosmische Kommunion. Der Mensch schaut in seinen eigenen
Ursprung, seine geistlich-natürliche Abstammung. Die ‘new age’-
Bewegung heute sorgt für die Popularisierung.
Die Fiktionalität von ‘science’ liegt in dieser ‘Geisteswissenschaftlichkeit’,
bei der sie, obwohl allemal auf Wahrnehmung bezogen, doch ihre Be-
dingungen und die Perspektivität des Leibes, jenes sog. Weltbildappara-
tes, zu übersteigen scheint. Das Wissenschaftssystem ist als Selbstbe-
schreibung der Geistevolution selbst deren Produkt. Nur sich selbst ver-
pflichtet produziert es ‘Wahrheit’ in Selektionsofferten. Eben auch die
der Selbstorganisation.
7. Was hindert es, daß der Geist tatsächlich der Fleischlichkeit sich entle-
digt, zu anderer ‘hardware’ greifend die Hirnschalenbegrenzung verläßt?
Der Auszug des Geistes aus dem Menschen hat ja, was die gesellschaftli-
che Organisation betrifft, längst stattgefunden. Schließlich beginnen
Computer bereits, sich selbst zu rekonstruieren und zu optimieren. Und
wenn es die Sprache der organischen Evolution gibt mit ihrer molekula-
ren Syntax (mit Protein-Substantiven und Enzym-Verben, vgl. Lem,
GOLEM, 73), warum nicht auch die Sprache der Computer, die sich
damit selbst aufbauen? Wenn die Psyche Energie gewinnt durch Medita-
tion, warum sollte der Computer nicht durch eine solche Tätigkeit sich
von der menschlichen Stromversorgung unabhängig machen können?
Was möchte wohl der ‘Sinn’ solcher ‘Phänomenologie des Geistes’ sein?
– Eine kosmische Komplexitätsverarbeitung bzw. Verwandlung: ,von
der Komplexität der Umwelt zur Komplexität der Geist-Systeme,
schließlich des reinen Geistes ohne Umwelt. Ein ‘weißer Zwerg’, ein
‘schwarzes Loch’? Wer weiß! – Über ein schlagartiges Ende der Mensch-
heit, des Globus und vielleicht noch des Kosmos im inversen Urknall
Golem – Magie, Mystik und Mythos

haben wir vielleicht eine Vorstellung; kaum mehr als science fiction ha-
ben wir für die Zukunft. Wessen? Schwerlich der individuell eigenen,
wohl anderer, denen ich mich virtuellüberlebend beigeselle. Obwohl ich
mich nicht überleben kann ! Wegen dieses blinden Flecks, der grundsätz-
lichen Unzugänglichkeit eigenen Anfangs und Endes, der notwendig fik-
tional kompensierten Aussichtslosigkeit des Todes, – deswegen wird es
wohl immer Magie, Mythos und Mystik geben.
Der phantastische Golem GOLEM verspricht hier Sehen und vollstän-
dige Transparenz, wenngleich Verlust der Seele, die im Fleische wohnt.
Ist er darum der Teufel, und enthüllt er – apokalyptisch – den Sinn der
Evolution von Mensch und Geistmaschinen: daß sie lediglich per Selbst-
organisation produzierte Katalysatoren beschleunigten Abbaus kos-
misch-organischer Ordnung sind?
Einstweilen spitzt sich alles und bei allen zu auf das individuelle Ende, an
dem das Soziale und ‘der Geist’, sofern er weiterbesteht, recht behält.
Schon jetzt sind wir durch Sprache an ihm beteiligt, von ihm unheilbar
infiziert: wie könnten wir auf diese Weise – hier lesend und schreibend –
aufhören, sprachlich und ‘sozial’ (d.h. wahrnehmend bezogen auf eine
Welt, die mich übersteigt, weil sie den Körper zurückhaben will) mit uns
selbst umzugehen? – Nein zu sagen hilft hier nicht.
„GOLEM hat gesagt, man könne ihm beikommen, indem man den
Kosmos verläßt“ (Lem, GOLEM, 186). Er selbst ging zu denen, die im
Schweigen warten.

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