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Fachthemen

Nguyen Viet Tue


Jörg Dietz
Abid Ali Shah

Vorschlag für die Bemessung der Deckenknoten


mit Stützen aus hochfestem Beton
Die derzeit gültigen Deutschen Massivbaunormen enthalten kein Die Lösung mit der Deckenaussparung ist nachteilig für
Bemessungskonzept für die Durchleitung der Stützenlast aus den Bauablauf, da der Knotenbereich mit Streckmetall ab-
hochfestem Beton (HPC) durch Decken aus Normalbeton (NSC). gestellt werden muß und erst in einem zweiten Arbeits-
Basierend auf Versuchsergebnissen mit hoher Deckenbelastung gang mit hochfestem Beton hergestellt werden kann. Wei-
wird in diesem Beitrag ein Bemessungsvorschlag präsentiert. terhin weist die Deckenunterseite unterschiedliche Farben
Wegen der geringen Anzahl der auswertbaren Versuche liegt der auf. Die zweite Variante ist in der Herstellung einfacher
Vorschlag auf der sicheren Seite. Im Gegensatz dazu liegt der und kostengünstiger. Es stellt sich hierbei jedoch die Frage
Bemessungsvorschlag im ACI-Code, der auf Versuchen ohne nach der Knotentragfähigkeit unter Berücksichtigung der
Deckenbelastung beruht, in einzelnen Fällen auf der unsicheren Umschnürung durch die Decke, da die Übertragung des
Seite.
Bemessungskonzeptes der Teilflächenbelastung gemäß
DIN 1045-1 [1] wegen der Zugbeanspruchung der Biege-
Design Approach for effective Strength of Column-Slab Joints
zugzone streng genommen nicht zulässig ist.
between Columns of High-Strength Concrete
At present the German concrete construction standard contains
no approach for the prediction of the load transfer mechanism Bemessungsansätze für normalfeste Deckenknoten
from columns of high strength concrete (HPC) through floor slabs
zwischen Stützen aus hochfestem Beton sind in Europa
of normal strength concrete (NSC). In this paper a design ap-
proach due to test results with high slab loads is presented. Be- nicht geregelt.
cause of the small amount of the conducted tests in this and in
other published programs, the proposed equation appears to be
on the safe side, compared with the design approach in the ACI In diesem Beitrag werden Ergebnisse von neuen
code, that is based on experiments with unloaded slabs. Deckenknotenversuchen dargestellt und zusammenfas-
send erläutert. Basierend auf eigenen und einer Auswahl
1 Einleitung der aus der Literatur bekannten Versuchsergebnisse wird
ein Vorschlag für die Bemessung der Innendeckenknoten
Die Anwendung von hochfesten Betonen mit einer präsentiert.
Zylinderfestigkeit bis zu 100 N/mm2 bei Hochhäusern ist
in Deutschland inzwischen der Regelfall geworden. Hier- 2 Eigene Deckenknotenversuche
bei wird hochfester Beton für Stützen bzw. Wände ver-
wendet, während für die Decken weiterhin normalfester Insgesamt wurden neun Versuchskörper gemäß Bild 2 ge-
Beton ausreichend ist. Für die Verbindung Decken/Stüt- testet. Die Versuche V5 und V6 dienen sowohl dem Ver-
zen (nachfolgend Deckenknoten genannt) stehen im all- gleich als auch der Erkundung der Einflüsse von umge-
gemeinen zwei Alternativen gemäß Bild 1 zur Verfügung. benden Decken. Während der Versuchskörper V5 eine

Bild 1. Varianten für die Weiterleitung der Stützenlast


Fig. 1. Common versions of column slab joints

132 © 2005 Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin · Beton- und Stahlbetonbau 100 (2005), Heft 2
N. V. Tue/J. Dietz/A. A. Shah · Vorschlag für die Bemessung der Deckenknoten mit Stützen aus hochfestem Beton

Bild. 2. Übersicht Versuchskörper


Fig. 2. Overview of test specimens

Zwischenschicht aus normalfestem Beton erhält, besteht Betons entsprachen einem Beton C 30/37 für die Decken
der Versuchskörper V6 nur aus hochfestem Beton. Die und einem C 80/95 für die Stützen.
Deckenbewehrung in den Versuchen V1 und V 3 ist nur
halb so groß wie in den Versuchen V2 und V4 und beträgt 2.1 Belastungsgeschichte und Versagensart
0,5 %. Bei Versuch V7 wird die Deckendicke auf 18 cm
und bei V8 auf 24 cm erhöht. Um die Umschnürungswir- In Bild 3 sind der Versuchsaufbau und ein typischer Bela-
kung innerhalb des Knotenbereichs durch Bügelbeweh- stungspfad dargestellt. Zuerst wurde der Versuchskörper
rung zu testen, wurde im Versuch V3 und V4 zusätzliche bis zur Gebrauchslast der Stütze belastet. Bei diesem Last-
Bügelbewehrung im Deckenbereich angeordnet (2 Ø 6 mm). niveau wurde in der Regel bereits die einaxiale Druck-
V9 ist ein Vorversuch mit einer Deckenstärke von 15 cm. festigkeit des Deckenbetons erreicht. Danach wurde die
Für die Stützen wurde ein Bewehrungsgrad ρl = 2 % ge- Decke stufenweise bis zum Fließen der Zugbewehrung be-
wählt. Die Stützen wurden entsprechend [2] verbügelt. lastet. Anschließend wird die Stütze verformungsgesteuert
Die untere Stütze, die Deckenplatte und die obere Stütze bis zum Bruch gefahren. Zwischen den einzelnen Stufen
wurden im Abstand von 24 Stunden betoniert, sodaß wurde die Last jeweils 30 Minuten konstant gehalten, um
echte Arbeitsfugen entstanden. Die Druckfestigkeiten des die Zunahme der Knotenverformung infolge des nichtli-

Bild 3. Versuchsaufbau und prinzipielle Belastungsgeschichte


Fig. 3. Test setup and typical load history

Beton- und Stahlbetonbau 100 (2005), Heft 2 133


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nearen Kriechens feststellen zu können. Einzelheiten zum stanzens bereits vor Erreichen der maximalen Stützelast
Meßprogramm können [3] entnommen werden. versagte. Die Umschnürung des Knotens ist dadurch ge-
ringer, obwohl die Deckenlast nach dem Durchstanzver-
sagen praktisch Null war. Der Unterschied bezüglich der
Die Deckenplatte wird bis zur Fließgrenze Knotenfestigkeit in beiden Versuchen wäre sicherlich
der Bewehrung belastet. höher ausgefallen, wenn die Tragfähigkeit der unteren
Stütze bei Versuch V3 nicht erreicht worden wäre. Dies
stimmt ebenfalls mit den Versuchsbeobachtungen von
Mit Ausnahme des Versuchs V1 wurde die Traglast Ospina und Alexander [5] überein.
bei den einzelnen Versuchskörpern durch das Versagen Weiterhin lassen die Unterschiede zwischen V4 und
der unteren bzw. oberen Stützen bestimmt. Bei V1 wurde V2 gegenüber V3 erkennen, daß die Umschnürung durch
die maximale Traglast durch das vorzeitige Durchstanzen die Decke auch vom Bewehrungsgrad beeinflußt wird. Je
der Deckenplatte nicht erreicht. Beim Versagen der obe- höher der Bewehrungsgrad in der Decke ist, umso besser
ren Stütze kann die spaltende Wirkung infolge der ist die Umschnürung. Da bei allen Versuchen dieser Ver-
Deckenbelastung beobachtet werden. Längsrisse in der suchsreihe die Bewehrung bereits fließt, bevor die Stüt-
Stütze ausgehend vom Übergangsbereich Stütze/Decke zenlast weiter gesteigert wird, läßt die oben beschriebene
führen zum allmählichen Ablösen der Betondeckung. Im Beobachtung den Schluß zu, daß nicht das absolute Ver-
Gegensatz dazu versagt die untere Stütze schlagartig. hältnis h/c zwischen Stützen- und Deckendicke, sondern
Bild 4 zeigt die beiden Versagensarten. eher das Verhältnis zwischen Druck- bzw. Zugzonenhöhe
und Stützenabmessung entscheidend für die Erhöhung
2.2 Umschnürung des Knotens durch den umgebenden der Knotenfestigkeit ist. Mit den Versuchen V7 und V8
Deckenbeton sollte der Einfluß des Verhältnisses h/c untersucht wer-
den. Infolge der relativ hohen Deckenlast erreicht die un-
Die Querdehnungsbehinderung des normalfesten Betons tere Stütze bei diesen Versuchen ihre Tragkapazität und
durch den hochfesten Beton führt zu einer deutlichen Er- versagt, so daß eine Aussage über den Einfluß des Verhält-
höhung der Tragfähigkeit des normalfesten Deckenbetons nisses h/c mit diesen beiden Versuchen nur bedingt mög-
[4]. Gleichzeitig wird die Stütze aus hochfestem Beton auf lich ist.
Querzug beansprucht. Je größer der Festigkeitsunterschied Insgesamt haben die eigenen Versuche den Einfluß
ist, umso größer ist die zu erwartende Querzugbeanspru- der Deckenbelastung auf die Knotenfestigkeit bestätigt.
chung im Knotenbereich. Dies bedeutet, daß mit zuneh- Die dabei festgestellte Auswirkung ist jedoch deutlich ge-
mendem Festigkeitsunterschied mit einer relativen Abnah- ringer als in den Versuchen von Ospina und Alexander.
me der Tragfähigkeitserhöhung des normalfesten Ele- Dieser Unterschied ist auf die sehr geringen Bewehrungs-
ments zu rechnen ist. Die Versuchsergebnisse von Ospina grade bei den Versuchen von Ospina und Alexander
und Alexander [5] bestätigen diese Einschätzung ein- zurückzuführen.
drucksvoll.
Vergleicht man die Lasterhöhung bei V5 mit den an- 2.3 Erläuterung der Versuchsergebnisse
deren Versuchen, so ist der Einfluß der Umschnürung
durch die Deckenplatte deutlich zu erkennen; die effekti- Zur Charakterisierung des Trag- und Verformungsver-
ve Knotenfestigkeit ist deutlich höher als bei Versuch V5. haltens der Versuchskörper können die erreichten
Weiterhin ist zu erkennen, daß der Zustand der Decken- Lasten und die Verformung der Knoten herangezogen
platte einen deutlichen Einfluß auf die Knotenfestigkeit werden. Weiterhin kann mit der Verformungszunahme
hat. Die Versuche V1 und V3 sind ähnlich (Abmessung der Zugbewehrung in der Decke eine Aussage über den
und Bewehrungsanordnung), der einzige Unterschied be- Einfluß der Bewehrung auf die erreichte Traglast getroffen
steht darin, daß die Deckenplatte von V1 infolge Durch- werden.
a) b)

Bild 4. Typisches Versagensbild der oberen (a) bzw. unteren (b) Stütze
Fig. 4. Typical failure of top column (a) and bottom column (b)

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Tabelle 1. Übersicht über Versuchslasten, Geometrie und Materialeigenschaften


Table 1. Ultimate loads, geometrie and material properties

Versuch Kenngrößen Bewehrungs- Druckfestigkeit


Gehalt (%) fck [N/mm2]
Bez. Po,max PDecke Pu h/c Stütze Decke Stütze Decke fc,eff fc,eff / fc,eff /
[kN] [kN] [kN] [MPa] fc,Stütze fc,Decke
V1* 2058 348 2860 0,6 2.00 0,53 85 32 40,45 0,52 1,40
V2 3180 442 3490 0,6 2,00 1,00 83 30 68,50 0,91 2,54
V3 2729 300 3073 0,6 2,00 0,53 70 28 57,22 0,91 2,27
V4 3191 451 3590 0,6 2,00 1,00 84 29 68,78 0,91 2,63
V5 2060 − 1989 0,6 2,00 − 84 29 40,50 0,53 1,55
V6 3430 − 3430 – 2,00 − 84 − 74,75 1,00 −
V7 2821 624 3236 0,9 2,00 0,36 83 28 59,63 0,79 2,36
V8 2713 871 3436 1,2 2,00 0,43 80 32 56,82 0,78 1,97
V9* 2672 639 3342 0,75 4,60 1,45 63 30 41,50 0,73 1,54

* Versuchskörper versagte infolge Durchstanzversagens der Decke

In Tabelle 1 sind die Daten für die Auswertung der er- sehr hohe Belastung erfährt. Die Verformung der Knoten
reichten Knotenfestigkeit zusammengestellt, wobei die ist deshalb für die Beurteilung der Gebrauchstauglichkeit
Knotenfestigkeit fc,eff gemäß Gl. (1) ermittelt wird. Sie ist und Standsicherheit von großer Bedeutung. In Bild 5 sind
ein Maß für die Lastdurchleitung durch die Decke mit nie- die Stauchungen der Knoten dargestellt. Wie erwartet ist
derfestem Beton. ein ausgeprägtes plastisches Verformungsvermögen der
Knoten zu erkennen. Hierbei spielen der Bewehrungsgrad
Po − Ps in der Decke und die zusätzliche Umschnürung der Stüt-
fc,eff = (1)
Ac zen im Knotenbereich durch die Bügelbewehrung kaum
eine Rolle, da die Deckenbewehrung bereits fließt. Der
mit Einfluß der Umschnürung der Deckenplatte auf die Kno-
Po maximale Last in der oberen Stütze tenstauchung ist deutlich zu erkennen. Im Vergleich zu
Ps Lastanteil der Bewehrung in der oberen Stütze (er- Versuch V5 zeigen alle anderen Versuche eine kleinere
mittelt mit fy = 550 N/mm2) Stauchung bei entsprechender Stützenbelastung, obwohl
Ac Stützenquerschnittfläche bei diesem Versuch keine Querzugbeanspruchung infolge
der Deckenbelastung vorhanden ist. Weiterhin ist festzu-
Zur Verdeutlichung der Einflüsse der Decken auf die Um- stellen, daß der Einfluß der Dauerlast auf die Verfor-
schnürung werden weiterhin die Verhältnisse zwischen mungszunahme im Bereich höherer Stauchungen größer
fc,eff und Betonfestigkeit der Stützen bzw. fc,eff und Beton- ist als im Bereich mit geringerer Belastung.
festigkeit der Decken ermittelt, wobei hierfür der Dauer- Im Gebrauchslastbereich (ca. 1000 kN) der Stützen
standfaktor mit 0,9 eingesetzt wird. Der Faktor 0,9 wurde beträgt die Stauchung der Knoten bei allen Versuchen mit
so ermittelt, daß für Versuch V6 (Stütze aus hochfestem Deckenplatte ca. 1 ‰. Durch Kriechen nimmt diese Ver-
Beton ohne Zwischenschicht) das Verhältnis fc,eff / fc,Stütze formung um ca. 20 % zu. Die Kriechverformungen im Ge-
genau 1,0 beträgt. brauchslastbereich klingen aber rasch ab (Bild 6) und blei-
ben nach ca. 30 Minuten annähernd konstant. Aus den
Der Beton im Knotenbereich versagt duktil,
im Stützenbereich jedoch schlagartig.

Die Ergebnisse in Tabelle 1 deuten darauf hin, daß


die Erhöhung der Knotenfestigkeit im Vergleich zur
Deckenfestigkeit hauptsächlich auf zwei Faktoren zurück-
zuführen ist:
– Behinderung der Querdehnung durch die Um-
schnürung der Deckenplatte
– Behinderung der Querdehnung im Bereich der Kon-
taktflächen zwischen hochfestem und normalfestem
Beton

Die wesentliche Charakteristik der gewählten Konstruk- Bild 5. Knotenstauchung bei verschiedenen Versuchen
tion ist, daß der normalfeste Beton im Knotenbereich eine Fig. 5. Measured data of joint compression

Beton- und Stahlbetonbau 100 (2005), Heft 2 135


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Bild 6. Zeitabhängige Kriechverformung im Gebrauchslast- Bild 7. Dehnung der oberen Bewehrung der Decken
bereich Fig. 7. Strain of top reinforcement in the slab
Fig. 6. Creep deformations of the joint after application of
service load
von der Schlankheit h/d des Deckenknotens und dem Be-
wehrungsgehalt ρ der Deckenplatte ab. Bei den bisherigen
genannten Gründen kann festgestellt werden, daß die Bemessungsmodellen wurde der Deckenbewehrungsgrad
Knotenstauchung keinen negativen Einfluß auf die Ge- nicht berücksichtigt.
brauchstauglichkeit der Konstruktion hat. Im Bruchzu- Das empirische Modell wurde auf der Grundlage ei-
stand beträgt die Knotenstauchung ca. 6 ‰. Dies ist deut- ner Auswahl bisher durchgeführter Versuche von unter-
lich größer als bei durchlaufenden Stützen aus hochfe- schiedlichen Autoren entwickelt.
stem Beton. Dies könnte zu negativen Einflüssen auf die Kriterien für die Auswahl sind:
Standsicherheit führen, wenn sehr spröde und durchlau- – Die Decke muß belastet sein.
fende Druckglieder gemeinsam mit weichen Deckenkno- – Die Dehnung der Zugbewehrung in der Decke muß
ten in einem Bauwerk vorhanden sind. Dies sollte vermie- mindestens 2 ‰ sein.
den werden. Infolge der großen Verformung des normalfe- – Das Verhältnis h/d muß im Bereich 0,25 < h/c < 1,25
sten Betons im Knotenbereich ist zu befürchten, daß die liegen.
Rißbildung und Tragfähigkeit der Decken deutlich von – Das Festigkeitsverhältnis zwischen Stützen und Decken
der Stützenbelastung beeinflußt wird. Im Bild 7 sind die muß fc,Stütze/fc,Decke ≤ 4,0 sein.
Dehnungen der Zugbewehrung der Deckenplatte in Ab-
hängigkeit von der aufgebrachten Last der oberen Stütze
Große Verformungen der Deckenknoten im GZT
dargestellt. Es ist zu erkennen, daß die Stützenlast nur zu
müssen berücksichtigt werden
einer vernachlässigbaren Dehnungszunahme in den
Decken führt, wenn keine Risse in den Decken aufgetre-
ten sind. Nach der Rißbildung durch Aufbringen der Wegen des empirischen Charakters des Modells und der
Deckenlast ist der Einfluß der Stützenlast auf die Deh- Parametervielfalt in Verbindung mit der geringen Anzahl
nungszunahme deutlich zu erkennen. Die Zunahme ist je- der bisher durchgeführten Versuche erscheint eine Vor-
doch sehr moderat, sofern die Fließgrenze der Deckenbe- auswahl der zu berücksichtigenden Versuche sinnvoll zu
wehrung noch nicht erreicht wird. Nach Fließen der Be- sein, um einen gezielten Bemessungsvorschlag zu formu-
wehrung führt die Lastzunahme bei den Stützen zu einer lieren. Mit den Auswahlkriterien wird der übliche Anwen-
deutlichen Dehnungszunahme in den Decken. derbereich des Hochbaus abgedeckt. Die ausgewählten
Ähnliche Ergebnisse wurden von Ospina und Alex- Versuche können Tabelle 2 entnommen werden. Der we-
ander [5] in ihren Versuchen festgestellt. Die Dehnungs- sentliche Einflußfaktor bei der Ermittlung der Knotenfe-
zunahme infolge der Stützenbelastung deutet auf einen stigkeit ist die Schlankheit des Deckenknotens. Ähnlich
negativen Einfluß auf die Deckentragfähigkeit hin, insbe- den Untersuchungen an prismatischen Probenkörpern
sondere der Durchstanztragfähigkeit. Ob dieser Einfluß nimmt die Festigkeit bei geringer Schlankheit infolge der
generell zu vernachlässigen ist, kann im Rahmen dieser Querdehnungsbehinderung durch die anschließenden
Untersuchung wegen der geringen Anzahl der Versuche Bauteile höherer Festigkeit deutlich zu. Je kleiner das Ver-
und noch unzureichender theoretischer Untersuchungen hältnis h/d ist, desto größer ist die Festigkeitszunahme. Im
nicht beantwortet werden. Gegensatz zum Bemessungsmodell von [5] wird die Stüt-
zenfestigkeit nicht zwangsläufig erreicht. Dies gilt insbe-
3 Bemessungsvorschlag sondere wenn:
fck,Stütze
Das im folgenden vorgestellte Bemessungskonzept ermit- > 3
fck,Decke
telt ähnlich den bereits vorliegenden Konzepten [5], [6],
[7] eine Mischfestigkeit zur Bestimmung der effektiven Ab diesem Verhältniswert kann keine volle Ausnut-
Knotenfestigkeit. Dabei wird die effektive Knotenfestig- zung der Stützen erreicht werden. Für geringere Verhält-
keit hauptsächlich aus der vorhandenen Betondruckfe- niswerte bildet die Stützenfestigkeit den oberen Grenz-
stigkeit der Decke fck,Decke ermittelt. Dieser Anteil hängt wert der effektiven Knotenfestigkeit. Dies trägt der Tatsa-

136 Beton- und Stahlbetonbau 100 (2005), Heft 2


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che Rechnung, daß bei großem Festigkeitsunterschied die  


Querzugbeanspruchung zunimmt, da die relative plasti-  ρ+ 4,0 
fck,eff = 0.25fck,Stütze +0.55⋅   ⋅ fck,Decke ≤ fck,Stütze (2)
sche Verformung des niederfesten Betons im Deckenbe-  h +1,5 
reich größer wird. c
Im Gegensatz zur Knotenschlankheit ist der Einfluß mit
der Bewehrung der Deckenplatte eher gering. Versuchser- 0,25 ≤ h/c ≤ 1,25 Verhältnis Plattendicke h zu mittlerer
gebnisse der Untersuchungen von [5] haben jedoch ge- Stützenbreite c
zeigt, daß vor allem bei Deckenplatten mit sehr geringen 0,5 ≤ ρ ≤ 2,0 mittlerer Bewehrungsgehalt der
Bewehrungsgehalten eine deutliche Abnahme der Kno- Deckenplatte in Prozent
f
tenfestigkeit bei gleichzeitiger Belastung der Decke zu be- 1,4 ≤ ck,Stütze ≤ 4 für das Verhältnis der charakteristi-
fck,Decke
obachten war. Dies läßt sich durch die verringerte Um- schen Werte der Druckfestigkeit
schnürungswirkung in der gesamten Zugzone der Platte
erklären. Bei geringen Bewehrungsgraden der Platte be- Die vorgestellte Bemessungsformel stellt einen Ansatz auf
trägt die Zugzone über 90 % der statischen Höhe des Grundlage der gewählten Versuchsergebnisse dar, der je-
Querschnitts. Zusätzlich zur Zugbeanspruchung wirken doch durch weitere Untersuchungen verbessert werden
sich große Rißbreiten ungünstig auf das Knotentragver- kann. Das genaue mechanische Tragverhalten des
halten aus. Mit zunehmendem Bewehrungsgrad werden Deckenknotens kann allein aufgrund der bisherigen Ver-
sowohl die Druckzone, und somit der umschnürte Bereich suche nicht genau erfaßt werden. Dieser empirische An-
der Stütze, als auch die Rißbreite positiv beeinflußt. Die satz bildet jedoch eine sinnvolle und notwendige Erweite-
Knotenfestigkeit nimmt daher mit zunehmendem Beweh- rung zu den bestehenden Ansätzen der DIN 1045-1 [1].
rungsgrad zu. Da ein Bewehrungsgrad von mehr als 2 % Der Ansatz liegt auf der sicheren Seite.
bei Platten konstruktiv nicht mehr sinnvoll erscheint, wird
in diesem Vorschlag der anrechenbare Bewehrungsgrad 4 Zusammenfassung und Ausblick
auf 2 % begrenzt.
Stützen aus hochfestem Beton und Decken aus normalfe-
Nur Modelle von Versuchsergebnissen mit belasteten stem Beton stellen eine wirtschaftliche Lösung für Hoch-
Decken liefern realistische Ergebnisse. baukonstruktionen dar. Für die Bemessung der Knoten
fehlt bisher in den deutschen und europäischen Massiv-
baunormen ein Bemessungsansatz. Die in ACI [5] angege-
Der entwickelte Ansatz erlaubt die Ausnutzung der bene Bemessungsgleichung basiert auf Versuchen ohne
Knoten unter optimalen Bedingungen mit der 2,9fachen Deckenbelastung und liegt somit auf der unsicheren Seite.
einaxialen Druckfestigkeit des Deckenbetons. Bis zu ei- Basierend auf Versuchsergebnissen mit Deckenbelastung
nem Verhältnis der charakteristischen Druckfestigkeiten wurde in diesem Beitrag ein neuer Bemessungsvorschlag
von 2,5 erreicht mit h/d = 0,25 und ρ = 2 % die effektive präsentiert. Wegen der geringen Anzahl der Versuche
Knotenfestigkeit gerade den Wert der Stützenfestigkeit. konnte der Einfluß einzelner Parametern nicht vollständig

Tabelle 2. Übersicht der ausgewählten Versuche für das Bemessungsmodell


Table 2. Selected test data for design approach

Modell nach [5] Bemessungsvorschlag


Autoren Versuch fck,eff fck,eff / fck,eff fck,eff / fck,eff / fck,eff /
fck,eff Test fck,eff Test fck,Stütze fck,Decke
[Bez] [MN/m2] [MN/m2]
Ospina, Alexander A-2c 88,2 0,98 84,0 0,93 0,75 1,83
Ospina, Alexander A-1c 80,5 0,92 76,6 0,88 0,73 1,92
Ospina, Alexander A-3c 53,0 1,06 48,8 0,98 0,55 1,95
König, Tue V1 62,8 0,86 60,0 0,83 0,68 1,87
König, Tue V2 59,9 0,65 60,5 0,66 0,71 2,02
König, Tue V3 52,0 0,66 50,7 0,64 0,72 1,81
König, Tue V4 59,5 0,63 59,5 0,63 0,69 2,05
König, Tue V7 53,2 0,63 50,5 0,60 0,59 1,74
König, Tue V8 51,9 0,58 48,6 0,54 0,62 1,52
König, Tue V9 57,5 0,80 64,0 0,89 0,80 1,94
McHarg et al. NU 56,3 0,90 57,6 0,93 0,72 1,92
McHarg et al. NB 56,3 0,83 57,6 0,85 0,72 1,92

Beton- und Stahlbetonbau 100 (2005), Heft 2 137


N. V. Tue/J. Dietz/A. A. Shah · Vorschlag für die Bemessung der Deckenknoten mit Stützen aus hochfestem Beton

untersucht werden. Der hier vorgeschlagene Ansatz wurde [6] ACI 318-02 Building Code Requirements for Structural
dementsprechend auf der sicheren Seite ausgelegt. Eine Concrete and Commentary, American Concrete Institute, De-
abschließende Klärung der tatsächlichen Knotenfestigkeit troit, Michigan, 2002.
der hier beschriebenen Konstruktion ist nur durch ergän- [7] Canadian Standards Association, CSA A23.3-94: Design of
Concrete Structures for Buildings, Rexdale, Ontario, Canada,
zende Versuche und umfangreiche theoretische Untersu-
1994, 220 S.
chen möglich. Eine Anwendung nichtlinearer FE-Model-
lierung ist in diesem Fall unverzichtbar.

Die Praxis fordert ein Bemessungsmodell


für wirtschaftliche Bauweisen.

Der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) sei


an dieser Stelle für die finanzielle Unterstützung dieses
Forschungsvorhabens herzlich gedankt.
Univ. Prof. Dr.-Ing. habil. Nguyen Viet Tue
tue@massivbau.uni-leipzig.de
Literatur

[1] DIN 1045-1, Tragwerke aus Beton, Stahlbeton und Spann-


beton, Abschnitt 10.7, Berlin, November 1998.
[2] DAfStb-Richtlinie für hochfesten Beton, DAfStb, Berlin,
August 1995.
[3] Shah, Abid A.: Experimental Investigation of High Perfor-
mance/High Strength Concrete Columns with Intervening
Normal Strength Concrete Slabs, Universität Leipzig, Disser-
tation, 2004.
[4] Minnert, J.: Tragverhalten von stumpf gestoßenen Fertigteil- Dipl.-Ing. Jörg Dietz Dr.-Ing. Abid A. Shah
stützen aus hochfestem Beton. Heft 499 DAfStb, 2000. dietz@massivbau.uni-leipzig.de alishah@massivbau.uni-leipzig.de
[5] Ospina, C. E., and Alexander, S. D. B.: Transmission of
Interior Concrete Column Loads Through Floors, Journal Universität Leipzig
of Structural Engineering-ASCE (1998) V. 124, No. 6, Institut für Massivbau und Baustofftechnologie
S. 602–610. 04109 Leipzig

Aktuelles

Schwerathletik-Stadion

Beim Bau des Schwerathletik-Stadions


für Olympia 2004 war eine wirtschaft-
liche Traggerüstlösung für die Montage-
unterstützung mächtiger Stahlfachwerk-
träger der Dachkonstruktion gefordert.
Die Höhe der Unterstützung, die hohen
einzuleitenden Lasten und die starken
Windkräfte, die in dieser Region zu
berücksichtigen sind, machten ebenso
wie die komplizierte Aufstandsfläche
des künftigen Tribünenbereichs umfang- Schwerathletik-Stadion, Athen (Photo: Peri)
reiche statische Berechnungen notwen-
dig. Mit dem Einsatz einer Kombination nieure die Vorgaben des Kunden nach ganzer Einheiten mit dem Kran zur Un-
von Schwerlaststützen HD 200 und dem einer schnellen Montage- und Demon- terstützung weiterer Fachwerkträger
Multiprop-System erfüllten die Inge- tagemöglichkeit. Auch das Umsetzen half, den engen Terminplan einzuhalten.

138 Beton- und Stahlbetonbau 100 (2005), Heft 2