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Ultrafeinkörnige Hartmetalle

mit Co-Binder und alternativen Bindersystemen -


Korrelation von Mikrostruktur und mechanischem Verhalten
unter monoton ansteigender und zyklisch wechselnder
Beanspruchung

Der Technischen Fakultät der


Universität Erlangen-Nürnberg
zur Erlangung des Grades

DOKTOR-INGENIEUR

vorgelegt von
Thomas Sailer
Erlangen 2002
Als Dissertation genehmigt von
der Technischen Fakultät der
Universität Erlangen-Nürnberg

Tag der Einreichung: 17. Januar 2002


Tag der Promotion: 25. April 2002
Dekan: Prof. Dr. A. Winnacker
Berichterstatter: Prof. Dr. H.-G. Sockel
Prof. Dr. R. Weißmann
INHALTSVERZEICHNIS I

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ....................................................................................1

2 Zielsetzung ..................................................................................4

3 Grundlagen und Kenntnisstand ...............................................6


3.1 Herstellung von ultrafeinkörnigen Hartmetallen .......................................................6
3.2 Aufbau und Zusammensetzung von Hartmetallen...................................................10
3.2.1 Gefügeaufbau...................................................................................................10
3.2.2 Wolframkarbidkorngröße ................................................................................13
3.2.3 Bindephasengehalt ...........................................................................................15
3.2.4 Bindephasenzusammensetzung........................................................................16
3.3 Versagensmechanismen in Hartmetallen.................................................................19
3.3.1 Überkritische Rißausbreitung ..........................................................................21
3.3.2 Unterkritische Rißausbreitung .........................................................................23
3.3.3 Ermüdung.........................................................................................................25

4 Experimentelle Methoden .......................................................27


4.1 Untersuchte ultrafeinkörnige Hartmetalle................................................................27
4.2 Mikrocharakterisierung............................................................................................31
4.2.1 Lichtmikroskopie .............................................................................................31
4.2.2 Rasterelektronenmikroskopie ..........................................................................32
4.2.3 Transmissionselektronenmikroskopie..............................................................35
4.2.4 Quantitative Gefügeanalyse .............................................................................38
4.3 Mechanische Messungen .........................................................................................40
4.3.1 Bestimmung von Vickershärte und Rißzähigkeit ............................................40
4.3.2 Dreipunktbiegeversuche ..................................................................................43
4.3.3 Monoton ansteigende und zyklisch wechselnde Belastung.............................44
4.3.3.1 Versuchsaufbau............................................................................................44
4.3.3.2 Probengeometrie ..........................................................................................46
4.3.3.3 Oberflächenrauhigkeit..................................................................................48
4.3.3.4 Kalibrierung .................................................................................................49
II INHALTSVERZEICHNIS

4.3.3.5 Versuche unter monoton ansteigender Biegebeanspruchung...................... 51


4.3.3.6 Versuche unter zyklisch wechselnder Biegebeanspruchung ....................... 52

5 Ergebnisse ................................................................................. 54
5.1 Charakterisierung der Wolframkarbidpulver........................................................... 54
5.2 Mikrostrukturelle Untersuchungen der ultrafeinkörnigen Hartmetalle ................... 57
5.2.1 Gefügecharakterisierung.................................................................................. 57
5.2.2 Quantitative Gefügeanalyse............................................................................. 66
5.2.3 Fraktographie................................................................................................... 76
5.2.4 Transmissionselektronenmikroskopie ............................................................. 79
5.3 Mechanische Untersuchungen................................................................................. 86
5.3.1 Härte und Rißzähigkeit.................................................................................... 86
5.3.2 Oberflächenrauhigkeit ..................................................................................... 88
5.3.3 Dreipunktbiegeversuche .................................................................................. 89
5.3.4 Monoton ansteigende Biegebeanspruchung .................................................... 90
5.3.5 Zyklisch wechselnde Biegebeanspruchung ..................................................... 92

6 Diskussion ................................................................................. 95
6.1 Gefügeaufbau der ultrafeinkörnigen Hartmetalle.................................................... 95
6.2 Mechanische Eigenschaften und deren Korrelation mit der Mikrostruktur ............ 98
6.2.1 Härte ................................................................................................................ 98
6.2.2 Rißzähigkeit................................................................................................... 103
6.2.3 Monoton ansteigende Biegebeanspruchung .................................................. 107
6.2.4 Zyklisch wechselnde Biegebeanspruchung ................................................... 111

7 Zusammenfassung .................................................................121

8 Anhang ....................................................................................123
8.1 Streuung von Festigkeitsdaten............................................................................... 123
8.1.1 Weibullverteilung .......................................................................................... 123
8.1.2 Maximum-Likelihood-Methode .................................................................... 124

9 Literaturverzeichnis ..............................................................126
1 EINLEITUNG 1

1 Einleitung

Die Bezeichnung Hartmetall steht ganz allgemein für eine Werkstoffgruppe, die durch ho-
he Härte und metallische Eigenschaften gekennzeichnet ist. Im engeren Sinne versteht man
jedoch unter Hartmetallen einen Verbund von Hartstoffen mit weichen, zähen Metallen der
Eisengruppe (Fe, Co, Ni), den sogenannten Bindern oder Bindermetallen [Sche88]. Für die
Hartmetalle sind vor allem Hartstoffe wie Karbide, Nitride und Boride von Bedeutung. Die
mengenmäßig überwiegenden Hartstoffe werden zu einem Skelett zusammengesintert, in
das die Bindephase eingelagert ist. Die einzelnen Phasen treten im Hartmetall als deutlich
getrennte Gefügebestandteile auf, so daß von einem Verbundwerkstoff gesprochen werden
kann. Das Hartmetall als Verbundwerkstoff vereint somit die hohe Härte und Verschleißfe-
stigkeit des Hartstoffs mit der Zähigkeit des metallischen Binders [Sche88]. Aufgrund der
Kombination von positiven Eigenschaften kommen Hartmetalle in einem großen und sich
immer noch ausweitendem Anwendungsbereich zum Einsatz. Sie finden Anwendung in
der spangebenden und spanlosen Formgebung, im Berg- und Tunnelbau, im Verschleiß-
schutzsektor und als Konstruktionsteile, wobei das Hauptanwendungsgebiet bei den Werk-
zeugen für die spanende Bearbeitung liegt [Sche88, Broo96].
Die Eigenschaften von Hartmetallen werden bestimmt durch deren Zusammensetzung, die
Eigenschaften und Größe der einzelnen Phasen, ihrer Wechselwirkung untereinander und
den Gefügeaufbau. Durch Einflußnahme auf die Eigenschaften von Hartmetallen lassen
sich diese für die Anforderungen einer breiten Anwendungspalette optimieren.
Nach Einführung der Hartmetalle in den zwanziger Jahren konzentrierten sich die ersten
Entwicklungsbemühungen vornehmlich auf die Zusammensetzung, wobei bis heute Hart-
metalle mit Wolframkarbid (WC) als Hartstoffphase und Kobalt (Co) als Bindermetall eine
sehr bedeutende Rolle spielen [Gill00]. Die Korngröße der Hartstoffe spielte hingegen lan-
ge Zeit eine eher unbedeutende Rolle und bewegte sich im Mikrometerbereich. Ende der
sechziger Jahre kam das erste Hartmetall auf der Basis von WC-Co mit einer Hartstoff-
korngröße unter 1 µm auf den Markt und löste den bis heute andauernden Trend zur Ent-
wicklung immer feinkörnigerer Gefüge aus [Spri95, Rich97]. Die mittlere Korngröße der
Hartstoffphase in WC-Co-Hartmetallen veränderte sich von den klassischen Hartmetallen
(> 1 µm) über die „submikron“ Hartmetalle (0,5 – 1 µm) zu den „ultrafeinen“ Hartmetallen
(0,1 – 0,5 µm) hin zu den „nanokristallinen“ Hartmetallen (< 0,1 µm) [Roeb95, Spri95].
Die Bezeichnungen und Einteilung der Hartmetalle nach Korngrößen ist in der Literatur
2 1 EINLEITUNG

jedoch nicht eindeutig definiert. Den derzeitigen Stand der Technik bilden WC-Co-
Hartmetalle, die eine mittlere WC-Sehnenlänge bis zu 0,2 µm aufweisen [Gill00].
Seit Beginn der Entwicklung der Hartmetalle auf der Basis von Wolframkarbid dominiert
bis heute Kobalt als Bindermetall [Gill00]. Da das Bindermetall entscheidenden Einfluß
auf die Eigenschaften der Hartmetalle hat, gibt es immer wieder Versuche Kobalt durch
noch leistungsfähigere Bindermetalle zu ersetzen. Dabei spielen die begrenzten Kobaltvor-
räte und der daraus resultierende hohe Preis für Kobalt eine nicht unwesentliche Rolle. Um
wenigstens einen Teil des Kobalts durch andere Legierungselemente zu ersetzten und so-
mit den Kostenanteil des Binders am Hartmetall zu senken, bieten die Fe-Co-Ni-
Bindersysteme eine Alternative für weitere Entwicklungspotentiale. Die ersten systemati-
schen Untersuchungen von Hartmetallen mit Fe-Co-Ni-Bindersystemen wurden Ende der
siebziger Jahre von Prakash durchgeführt und verdeutlichten die Leistungsfähigkeit dieser
Hartmetallgeneration [Prak79].
Versuche ultrafeinkörnige Hartmetalle in Kombination mit Fe-Co-Ni-Bindersystemen zu
entwickeln, um die derzeitigen Trends in der Hartmetallentwicklung – Feinkörnigkeit und
Einsatz von neuen Bindersystemen – zu vereinen, wurden in der Literatur bislang kaum
beschrieben.
Ultrafeinkörnige WC-Co-Hartmetalle zeichnen sich durch hohe Härte bei gleichzeitig ho-
her Zähigkeit aus, was im Kontrast zur gegenläufigen Beziehung von Härte und Biegefe-
stigkeit bei konventionellen Hartmetallen steht [Fuka91, Daub95, Rich97]. Die hohe Härte
wirkt sich auch positiv auf die Verschleißfestigkeit dieser Hartmetalle aus [Jia96,
Kamm00]. Dieses hervorragende Leistungspotential der ultrafeinkörnigen Hartmetalle ist
auch heute noch eine Quelle für Innovationen bei den Hartmetallwerkzeugen. Aufgrund
ihrer Feinkörnigkeit wurden sie zunächst als Mikrobohrer und -fräser zum Bohren und
Bearbeiten von Leiterplatten im Bereich der Mikroelektronik eingesetzt [Daub95, Spri95].
Die zunehmende Feinheit der Hartmetallgefüge erlaubte eine stetige Miniaturisierung der
Werkzeuge, sowie die Ausbildung extrem scharfkantiger Schneiden, bei gleichzeitig hoher
Kantenstabilität. Aber auch bei der Hartbearbeitung, also dem Fräsen, Drehen und Bohren
gehärteter und hoch vergüteter Werkstoffe sowie der Bearbeitung abrasiv wirkender Werk-
stoffe haben ultrafeinkörnige Hartmetalle immer größere Bedeutung erlangt [Daub95,
Kamm00].
Die Eigenschaften von Hartmetallen mit Fe-Co-Ni-Bindersystemen werden wesentlich
durch die Zusammensetzung der Bindephase bestimmt. Im Vergleich zu WC-Co-
Hartmetallen besitzen Hartmetalle mit Fe-reichen Fe-Co-Ni-Bindern höhere Härten und
Verschleißfestigkeiten [Prak79], während Co-reiche Fe-Co-Ni-Binder etwas niedrigere
Härten, statt dessen bessere Bruchzähigkeiten und Ermüdungsempfindlichkeiten
[Kamm00] aufweisen. Dies macht deutlich, daß Hartmetalle mit Fe-Co-Ni-Bindersystemen
nicht nur aus Kostengründen, sondern auch im Hinblick auf ihr Leistungspotential ein
ähnlich großes Anwendungsspektrum wie Co-gebundene Hartmetalle erwarten lassen. Da
1 EINLEITUNG 3

die Entwicklung dieser Gruppe von Hartmetallen noch am Anfang steht, finden sie bisher
in begrenztem Umfang Anwendung. Ende der neunziger Jahre kamen erste Werkzeuge für
die Holzbearbeitung auf den Markt [Gill00]. Auch bei der Gesteinsbearbeitung mit ihren
hohen dynamischen Belastungen zeigen erste Untersuchungen die Überlegenheit der Co-
reichen Fe-Co-Ni-Hartmetalle gegenüber herkömmlichen Hartmetallen [Kamm00].
Gelingt es ultrafeinkörnige Hartmetalle mit Fe-Co-Ni-Bindersystemen zu entwickeln, so
steht diesen Werkstoffen aufgrund der zu erwartenden Kombination von positiven Eigen-
schaften ein immenses Leistungspotential zur Verfügung, welches ihnen ein breites An-
wendungsgebiet eröffnet.
4 2 ZIELSETZUNG

2 Zielsetzung

Hartmetalle sind typische Vertreter der Schneidwerkstoffe und haben ihren Hauptanwen-
dungsbereich bei den Werkzeugen der spanenden Formgebung. Im Unterschied zur spa-
nenden Bearbeitung von Metallen, wo die mechanischen Belastungen durch thermische
und chemische Prozesse überlagert werden, sind in der Holz- und Kunststoffbearbeitung
für die Belastungen eines Schneidwerkstoffs die relativ hohen Bearbeitungsgeschwindig-
keiten von bis zu 100 m/s ausschlaggebend [Feld93, Prak95]. Diese spezifischen Anforde-
rungen stellen an die Werkstoffe höchste Ansprüche hinsichtlich des Festigkeitsverhaltens
unter Fliehkrafteinwirkung sowie der Verschleißbeständigkeit, aufgrund von erosiv wir-
kenden Spänen. Daneben haben die in der Holzbearbeitung auftretenden Wechselbean-
spruchungen aufgrund des in der Regel vorliegenden unterbrochenen Schnitts und durch
die in Holz und Holzwerkstoffen vorkommenden Inhomogenitäten große Bedeutung für
die Ermüdungsfestigkeit der Hartmetalle [Feld93, Prak95].
Die in der Hartmetallentwicklung bestehenden Trends hin zu immer feinkörnigeren Gefü-
gen sowie der Einsatz von alternativen Bindersystemen haben auch Einzug bei der Ent-
wicklung von Hartmetallschneidwerkstoffen für die Holz- und Kunststoffbearbeitung ge-
halten. Im Vergleich zur Metallzerspanung werden in diesem Anwendungssektor jedoch
ausschließlich Hartmetalle mit Wolframkarbid als Hartstoffphase, also ohne Titankarbid,
und reinem Kobalt als Bindemetall, gegebenenfalls mit geringen Beimengungen von Eisen
und Nickel, verwendet.
Diese Arbeit war eingegliedert in ein Projekt, gefördert durch die Bayerische Forschungs-
stiftung, zur „Erforschung und Entwicklung eines Schneidwerkstoffs auf der Basis feiner
und extrem feiner Vormaterialien für die Holz- und Kunststoffbearbeitung unter Anwen-
dung neuer Verfahrenstechniken zur Granulatherstellung, Sinterung und Bearbeitung“.
Beteiligt an dem Projekt war die Firma Tigra Hartstoff GmbH und der Lehrstuhl Allge-
meine Werkstoffeigenschaften der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Ziel dieser Arbeit ist es, die entwickelten ultrafeinkörnigen Hartmetalle mit unterschiedli-
chen Bindersystemen hinsichtlich ihrer Mikrostruktur und ihren mechanischen Eigen-
schaften zu charakterisieren. Dabei sollen die mechanischen Eigenschaften, insbesondere
die Ermüdungsfestigkeit, mit mikrostrukturellen Parametern und den in der Mikrostruktur
ablaufenden Schädigungsmechanismen korreliert werden. Hierzu ist eine umfassende Mi-
krocharakterisierung im Ausgangszustand und nach mechanischer Beanspruchung not-
wendig. Um den Einfluß der Mikrostruktur auf die mechanischen Eigenschaften zu analy-
2 ZIELSETZUNG 5

sieren, wurden ultrafeinkörnige Hartmetalle mit unterschiedlichen Wolframkarbidaus-


gangspulvern, unterschiedlichen Bindergehalten und unterschiedlichen Binderzusammen-
setzungen hergestellt. Im Rahmen dieser Arbeit wurden somit erstmals ultrafeinkörnige
Hartmetalle mit alternativen Fe-Co-Ni-Bindern entwickelt und erforscht.
Das wissenschaftliche Verständnis der phänomenologischen Zusammenhänge zwischen
Mikrostruktur und mechanischen Eigenschaften soll Ansatzpunkte für eine gezielte Werk-
stoffverbesserung von Hartmetallen für die Holz- und Kunststoffbearbeitung liefern.

Im Rahmen einer weiteren Dissertation [Herr02] wurde das Verschleißverhalten der ent-
wickelten ultrafeinkörnigen Hartmetalle in einem an die technische Problemstellung ange-
paßten Tribosystem untersucht.
6 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

3 Grundlagen und Kenntnisstand

Im folgenden Kapitel wird der untersuchte Werkstoff Hartmetall vorgestellt. Hierzu wer-
den die Grundlagen und der derzeitige Kenntnisstand zur Herstellung, zum Aufbau und zu
den mechanischen Eigenschaften von Hartmetallen dargestellt. Besonderes Augenmerk
wird hierbei auf ultrafeinkörnige Hartmetalle gelegt.

3.1 Herstellung von ultrafeinkörnigen Hartmetallen


Unter dem Begriff Hartmetall versteht man einen Verbundwerkstoff aus einer Hartstoff-
phase (Karbide, Nitride, Boride) und einer metallischen Bindephase (Fe, Co, Ni), der auf
pulvermetallurgischem Weg hergestellt wird [Sche88]. In der technischen Anwendung
werden im wesentlichen Hartmetalle mit auf Wolframkarbid basierenden Hartstoffphasen
und auf Kobalt basierenden Bindephasen eingesetzt. Daher soll die Herstellung von Hart-
metallen anhand von ultrafeinkörnigen WC-Co-Hartmetallen erläutert werden.
Die Ausgangsmaterialien für die Herstellung von Hartmetallen, Wolframkarbid als Hart-
stoff und Kobalt als metallischer Binder, liegen in der Regel in Pulverform vor. Das für die
Hartmetallerzeugung benötigte Wolframkarbid wird vorrangig auf dem traditionellen Weg
aus wolframhaltigen Erzen, wie z.B. Wolframit ((Fe,Mn)WO4) und Scheelit (CaWO4),
gewonnen. Dazu werden die Erze aufgeschlossen und in ihre oxidische Form überführt.
Bei Temperaturen von 800 bis 1000°C erfolgt eine Reduktion unter Wasserstoff zu Wolf-
rampulver. Während der anschließenden Karburierung wird das höchst reine Wolframpul-
ver mit Ruß oder Graphit vermischt und bei Temperaturen von 1500 bis 2000°C geglüht,
wobei Wolframkarbidpulver entsteht. Durch geeignete Wahl der Korngröße und Reinheit
der Ausgangsstoffe sowie technologische Veränderungen in den letzten Jahren lassen sich
sehr feinkörnige Wolframkarbidpulver mit Korngrößen von bis zu 0,2 µm herstellen
[Sche88, Schu95, Zeil97].
Da die Bedeutung von Hartmetallen mit sehr kleinen Wolframkarbidkorngrößen stetig zu-
nimmt, hat es in den vorangegangenen Jahren vielfältige Anstrengungen gegeben Prozesse
zu entwickeln, die die Herstellung von sehr feinen Wolframkarbidpulvern erlauben. Eine
Möglichkeit ultrafeinkörnige Wolframkarbidpulver herzustellen ist die direkte Karburie-
rung von Wolframoxid. Dazu wird eine Pulvermischung aus Wolframoxid (WO3) und
Kohlenstoff in einem Drehrohrofen zunächst unter Stickstoff- und anschließend unter
Wasserstoffatmosphäre zu feinem Wolframkarbid karburisiert. Das Verfahren liefert Wolf-
ramkarbid mit Korngrößen bis unter 0,2 µm [Yama97].
3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND 7

Die Herstellung der Metallpulver für die Bindephase erfolgt durch Wasserstoffreduktion
der entsprechenden metallischen Oxide. An die Pulver werden höchste Ansprüche hin-
sichtlich Reinheit und Feinkörnigkeit gestellt, da diese entscheidend für die Qualität der
Sinterwerkstoffe sind [Sche88].
Die so gewonnenen Pulver für die Hartstoff- und Bindephase werden entsprechend der
späteren Zusammensetzung des Hartmetalls eingewogen. Dieser Pulvermischung werden
zudem kohlenstoffregulierende Zusätze und Preßhilfsmittel hinzugefügt. Bei der Herstel-
lung von ultrafeinkörnigen Hartmetallen werden der Einwaage geringe Mengen (ca. 1
Gew.%) an kornwachstumshemmenden Zusätzen, den sogenannten „Inhibitoren“, wie Va-
nadiumkarbid (VC) und Chromkarbid (Cr3C2) zugegeben [Egam89, Gill97, Rich97]. Sie
sollen das Kornwachstum der Wolframkarbide während des Sinterns weitestgehend unter-
drücken. Die anschließende Naßmahlung des Pulvergemisches dient einer Zerkleinerung
von Pulveragglomeraten und der Zertrümmerung von Einzelkörnern, so daß es zu einer
gleichmäßigen und intensiven Durchmischung der Komponenten kommt. Als Mahlmedi-
um werden organische Flüssigkeiten, wie z.B. Ethanol, eingesetzt, die ein Zusammenkle-
ben und Oxidieren der Pulver während des Mahlprozesses verhindern sollen. Die so ge-
wonnene Pulversuspension muß anschließend getrocknet und granuliert werden. Die Gra-
nulierung der getrockneten Pulver dient dazu die Rieselfähigkeit und das Formfüllungs-
vermögen der Pulver zu verbessern [Sche88].
Zum Granulieren von getrockneten Hartmetallpulvern stehen mehrere Verfahren zur Ver-
fügung, wie z.B. das Taumelbankgranulierverfahren, bei dem das Pulver in ein rotierendes
Behältnis gefüllt wird und durch abrollen an der Behälterwand granuliert wird. Ein weite-
res Verfahren ist die Wirbelschichtgranulation, die darauf beruht, daß das Hartmetallpulver
bei Temperaturen oberhalb des Schmelzbereichs des Preßhilfsmittels in einem Luftstrom
verwirbelt wird. Durch Stöße der Pulverpartikel untereinander und mit der Behälterwand
wird die im Mahlprozeß eingebrachte Oberflächenenergie durch Verrundung und Vergrö-
ßerung der Pulveragglomerate abgebaut.
Das am weitesten verbreitete Verfahren Hartmetallpulversuspensionen gleichzeitig zu
trocknen und zu granulieren ist das Sprühtrocknen. Hierbei wird die Hartmetallsuspension
durch Sprühen in einem heißen Luftstrom getrocknet und in viele kleine, im optimalen Fall
gleich große kugelförmige Teilchen, überführt.
Die granulierten Pulvergemische stellen die preßfertigen Hartmetallansätze dar, die unter
Zuhilfenahme verschiedener Preßmethoden (Direktpressen, Strangpressen, kaltisostati-
sches Pressen) die erforderliche Formgebung erfahren. Es entsteht ein Preßling nahe der
Endform des zu fertigenden Hartmetallteils, wobei berücksichtigt werden muß, daß der
Preßling aufgrund der vorhandenen Poren während des anschließenden Sinterns ein Volu-
menschwund von 40 bis zu 60 % erleidet [Sche88, Broo96].
Der letzte Verfahrensschritt bei der Hartmetallherstellung ist das Sintern, bei dem der po-
röse Preßling zu einem kompakten und porenfreien Material durch geeignete Wär-
8 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

me(Druck)behandlungen verdichtet wird. Der Sintervorgang läßt sich in die zwei Verfah-
rensschritte, das Vor- und das Fertigsintern, unterteilen. Das Vorsintern erfolgt bei Tempe-
raturen unter 800°C und dient im wesentlichen der Entfernung von Preß- und Mahlhilfs-
mitteln. Beim anschließenden Fertigsintern unter Vakuum, bei typischen Temperaturen für
ultrafeinkörnige Hartmetalle um 1400°C [Schu95, Gill97], erfolgt die Verminderung des
Porenvolumens und der damit verbundene Materialschwund. Die exakte Sintertemperatur
ist jedoch abhängig von der Feinkörnigkeit des WC-Ausgangspulvers, der Zusammenset-
zung des Binders und dem Bindephasenanteil sowie den Zusätzen an Inhibitoren. Ziel des
Sinterns ist es poren- und defektfreie Sinterkörper mit möglichst kleiner und enger WC-
Korngrößenverteilung, gleichmäßiger Hartstoff- und Bindephasenverteilung und ohne das
Auftreten unerwünschter Phasen (freier Kohlenstoff, kohlenstoffverarmte η-Phase) herzu-
stellen.
Trotz sorgfältigster Vorgehensweise bei den Verfahrensschritten der Hartmetallherstellung
ist eine gewisse Restporosität des Hartmetalls nicht auszuschließen. Eine Möglichkeit,
vorhandene Restporosität in vakuumgesinterten Hartmetallteilen zu beseitigen und dadurch
die mechanischen Eigenschaften zu verbessern, stellt das heißisostatische Pressen (HIP)
dar [Attw81]. Hierbei unterscheidet man zwei Vorgehensweisen:

• das heißisostatische Nachverdichten (NV)


Der Hartmetallpreßling wird konventionell in einem Vakuumofen entwachst und so
dicht gesintert, daß keine nach außen offene Porosität mehr besteht. Die Beseitigung
der Restporosität erfolgt anschließend in einer HIP-Anlage bei Drücken zwischen 1000
und 2000 bar in einer Argon-Atmosphäre durch plastische Verformung des Binders in
die Poren.
• das Drucksintern (Sinter-HIP)
Der Preßling wird in einem Drucksinterofen unter Vakuum entwachst und durch Flüs-
sigphasensintern verdichtet. Nach dem Verschwinden der offenen Porosität wird ein
Argon-Überdruck von 20 - 100 bar aufgebaut und der Rohling vollständig verdichtet.

Ultrafeinkörnige Hartmetalle können ab einem Bindephasengehalt von 4 Gew.% durch


Vakuumsintern hergestellt werden. Der Sinterprozeß kann sowohl einstufig mit einem auf
den Entwachsungsprozeß angepaßten Aufheizzyklus, als auch zweistufig mit Vor- und
Fertigsinterung erfolgen. Um das Kornwachstum des Wolframkarbids während des Sin-
terns zu begrenzen, sollte in Abhängigkeit von der geforderten Porosität und Gleichmäßig-
keit der Verteilung der Bindephase die Sintertemperatur so niedrig wie möglich und die
Haltezeit bei Sintertemperatur so lange wie nötig, gewählt werden. Der Abbau der ge-
schlossenen Porosität kann durch Drucksintern bzw. heißisostatisches Nachverdichten ver-
bessert werden. Ultrafeinkörnige Hartmetalle mit einem Bindephasengehalt unter 4 Gew.%
können nur durch heißisostatisches Nachverdichten ausreichend dicht gesintert werden.
3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND 9

Für die Gefügeausbildung von WC-Co-Hartmetallen ist die Wechselwirkung von Wolf-
ramkarbid und Kobalt im Bereich der Sintertemperatur von entscheidender Bedeutung.
Abb. 1 zeigt den isothermen Schnitt bei 1260°C durch das für WC-Co-Hartmetalle rele-
vante Dreistoffsystem W-C-Co. Das ternäre W-C-Co-System bildet ein Eutektikum, das
bei einer Temperatur knapp unterhalb von 1300°C schmilzt. Die Schmelze besteht zu ca.
50 Gew.% aus Kobalt und zu 50 Gew.% aus gelöstem Wolfram (W) und Kohlenstoff (C)
[Exne79, Sche88]. Beim Abkühlen der Schmelze sinkt die Löslichkeit von Wolfram und
Kohlenstoff in Kobalt und es kommt zur Ausscheidung von Wolframkarbid, meist an be-
reits vorhandenen WC-Kristallen. Durch Variation der Abkühlgeschwindigkeit kann die
Konzentration von Wolfram und Kohlenstoff in der Bindephase beeinflußt werden. Es
zeigt sich, daß das Gefüge von Hartmetallen nicht nur von den Korngrößen der verwende-
ten Ausgangspulver bestimmt wird, da Sintertemperatur, Sinterhaltezeit und Abkühlge-
schwindigkeit entscheidenden Einfluß auf die Feinkörnigkeit des Gefüges haben. Zu hohe
Sintertemperturen und zu lange Haltenzeiten führen zu unerwünschtem Kornwachsum des
Wolframkarbids, zu niedrige Sintertemperaturen und zu kurze Haltezeiten führen dagegen
zu einer inhomogenen Verteilung der Phasen. Aufgrund des ausgeprägten Trends von
feinstkörnigen Ausgangspulvern zum Kornwachstum in allen Sinterphasen können derarti-
ge Pulver nur unter Zugabe von kornwachstumshemmenden Zusätzen verarbeitet werden.
Als besonders günstig hat sich die Zugabe von VC und Cr3C2 erwiesen [Spri95], wobei VC
zusätzlich die Härte steigert und Cr3C2 die Festigkeit [Egam89].
Das unerwünschte Wachstum der Wolframkarbidphase ist also eng mit der Auswahl ge-
eigneter Wachstumsinhibitoren (VC, Cr3C2), deren Einbringung in das WC-
Ausgangspulver bereits während der Karburierung oder erst vor der Mahlung erfolgt, und
der Inhibitormenge im Verhältnis zum Bindergehalt (ausreichende Verfügbarkeit des Inhi-
bitors im Binder) korreliert. Der Grund für die starke Tendenz der feinstkörnigen Pulver
zur Kornvergröberung liegt in der starken Reaktivität, die durch die große spezifische
Oberfläche dieser Pulver hervorgerufen wird. Eine Konsequenz ist die Reaktion mit Sauer-
stoff und anderen Verunreinigungen aus der Umgebungsluft. Während der Sinterung be-
wirkt die Sauerstoffbelegung eine Reaktion mit dem Kohlenstoff im Pulver zu Kohlen-
monoxid (CO) bzw. zu Kohlendioxid (CO2) was im Extremfall zu Änderungen im Kohlen-
stoffhaushalt führen kann.
Die Existenz des Gebiets, wo die drei Phasen WC (α-Phase), Co (β-Phase) und Schmelze
thermodynamisch stabil sind, ist sehr begrenzt (Abb. 1). Daher kommt der Kontrolle des
Kohlenstoffgehalts eine entscheidende Bedeutung zu. Bei Kohlenstoffüberschuß scheidet
sich beim Abkühlen der Schmelze neben Wolframkarbid auch Kohlenstoff in Form von
Graphit aus. Bei Mangel an Kohlenstoff kommt es dagegen zur Bildung von kohlenstoff-
verarmten, spröden Doppelkarbiden (z.B. Co3W3C), der sogenannten „η-Phase“. Sowohl
die Bildung von Graphit, als auch die Entstehung der spröden η-Phase ist bei Hartmetallen
unerwünscht, da beide zu einem Verlust an Festigkeit führen [Bern57, Suzu66].
10 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

Abb. 1: Isothermer Schnitt bei 1260°C des kobaltreichen Teils des Zustandschaubilds
W-C-Co [Uhre76].

Zusammenfassend ist zu sagen, daß bei der Verarbeitung von feinstkörnigen Pulvern zur
Herstellung von ultrafeinkörnigen Hartmetallen höchste Anforderungen an die Reinheit
und Homogenität der Pulvermischungen sowie an die Kontrolle des Kohlenstoffgehalts,
gestellt werden. Verunreinigungsgehalte von wenigen ppm können lokal zu ausgeprägtem
Kornwachstum führen und eine der wichtigsten Eigenschaften von ultrafeinkörnigen
Hartmetallen, die hohe Festigkeit bei gleichzeitig hoher Härte, stark beeinträchtigen
[Rich97].

3.2 Aufbau und Zusammensetzung von Hartmetallen


3.2.1 Gefügeaufbau
Der Gefügeaufbau von Hartmetallen ist charakterisiert durch den Verbund aus Hartstoff-
phase und metallischem Binder. In Abb. 2 ist der Gefügeaufbau eines ultrafeinkörnigen
WC-Co-Hartmetalls anhand einer mittels Rasterelektronenmikroskopie (REM) erstellten
Aufnahme dargestellt. Die Hartstoffphase erscheint im REM hell, die Bindephase dagegen
dunkel.
Als Hartstoffphase in Hartmetallen hat Wolframkarbid die größte Bedeutung erlangt. Diese
Bedeutung verdankt es seiner hohen Härte und dem im Vergleich zu anderen Karbiden
ausgeprägten metallischen Charakter. Aufgrund des metallischen Charakters besitzt Wolf-
ramkarbid ein gute Benetzbarkeit durch schmelzflüssige Metalle, eine begrenzte plastische
Verformbarkeit, eine hohe Wärmeleitfähigkeit und eine gute elektrische Leitfähigkeit
[Sche88]. Wolframkarbid hat eine hexagonal dichtest gepackte (hdp) Kristallstruktur und
3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND 11

während des Sinterns entstehen Kristalle, die versuchen ihre kristallographisch günstigste
Form, im allgemeinen dreiseitige Prismen, auszubilden. Im Querschliff des Gefüges wei-
sen Wolframkarbide daher die typischen drei- und viereckigen Formen auf [Exne79]. In
feinkörnigen und binderarmen Hartmetallen ist die Ausbildung der Gleichgewichtsform
der Wolframkarbidkristallite weniger ausgeprägt, aufgrund von gegenseitiger Behinderung
beim Kristallwachstum.

Bindephase
(Kobalt)
Hartstoffphase
(Wolframkarbid)

Abb. 2: Gefügeaufbau eines ultrafeinkörnigen WC-Co-Hartmetalls im Querschliff (ra-


sterelektronenmikroskopische Aufnahme).

Als Bindephase bei Hartmetallen auf WC-Basis hat Kobalt wegen seiner hervorragenden
Benetzungseigenschaften von Wolframkarbid und den hohen Adhäsionskräften zwischen
Kobalt und Wolframkarbid eine bisher unübertroffene Stellung eingenommen [Exne79,
Sche88]. Reines Kobalt kommt in zwei Modifikationen vor: Bei Raumtemperatur besitzt es
eine hexagonale (hdp) Kristallstruktur und wandelt sich bei 417°C martensitisch in seine
kubisch flächenzentrierte (kfz) Hochtemperaturmodifikation um [Giam68]. In WC-Co-
Hartmetallen liegt jedoch die Co-Bindephase bei Raumtemperatur überwiegend in der ku-
bisch flächenzentrierten Modifikation vor. Während des Sinterprozesses werden in Kobalt
Fremdatome, wie W und C, gelöst, die die Hochtemperaturmodifikation stabilisieren [Ro-
eb84]. Es ist bekannt, daß hohe Konzentrationen von W- und C-Atomen in Kobalt die
Martensitumwandlungstemperatur von 417°C hin zu 750°C verschieben [Jia98]. Dies führt
nach Jia et al. [Jia98] dazu, daß die Bildung und Expansion der spröden hexagonal dichtest
gepackten Co-Phase bei niedrigen Temperaturen unterdrückt wird, was sich günstig auf die
Festigkeit und Zähigkeit der Bindephase auswirkt. In nanokristallinen Hartmetallen fand
Jia et al. [Jia98] einen erhöhten Wolframgehalt im Binder und einen Anstieg des Verhält-
nisses von kfz/hdp in der Bindephase. Eine Erklärung hierfür ist, daß in Hartmetallen mit
kleiner werdender WC-Korngröße die Löslichkeit von W-C, sowohl im flüssigen, als auch
im festen Kobalt ansteigt, wodurch die kfz-Phase des Kobalts während des Abkühlens
beim Sintern stabilisiert wird.
12 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

Die Bindephase bildet je nach Bindephasengehalt im Hartmetall unterschiedlich große,


zusammenhängende Bereiche aus, die sogenannten „Bindephaseninseln“. Dabei kann die
Korngröße der Bindephase bis zu einem Millimeter betragen [Sche88]. Daher wird für die
mikrostrukturelle Charakterisierung der Bindephase nicht deren Korngröße, sondern die
mittlere Länge des Binders zwischen zwei Karbiden, die sogenannte „mittlere freie
Weglänge an Binder“, bestimmt.
Charakteristisch für den Gefügeaufbau von Hartmetallen ist die während des Sinterns ent-
stehende Skelettstruktur für die Hartstoff- und Bindephase, bestehend aus zwei kontinuier-
lich sich durchdringenden dreidimensionalen Skeletten (siehe Abb. 3). Der Grad der Ske-
lettausbildung wird bestimmt durch die jeweiligen Anteile an Hartstoff- und Bindephase,
die Karbidkorngröße, die Karbidkorngrößenverteilung und die Herstellungsbedingungen.
Der Skelettbildungsgrad des Hartstoffskeletts wird als Kontiguität bezeichnet und ist defi-
niert als das Verhältnis der Karbid-Karbid-Korngrenzflächen zur gesamten Korngrenzflä-
che [Gurl58]. Dabei ist bis heute die Frage, ob zwischen den Karbidteilchen auch dort, wo
sie scheinbar direkt aneinanderstoßen, eine Kobaltzwischenschicht existiert, noch nicht
eindeutig geklärt. In WC-Co-Hartmetallen wurden zwar wenige Atomlagen von Kobalt
zwischen Wolframkarbidkörnern gefunden [Henj86, Engq98], aber die Relevanz und das
Vorhandensein dieser Schichten auf die mechanischen Eigenschaften von Hartmetallen ist
noch offen.

Abb. 3: Schematische Darstellung der kontinuierlichen Skelettstruktur von Bindephase


(oben) und Hartstoffphase (unten) nach Cutard et al. [Cuta96].

Es kann jedoch gezeigt werden, daß der Grad der Skelettausbildung wesentlichen Einfluß
auf die mechanischen Eigenschaften von Hartmetallen hat. Mit zunehmendem Skelettie-
3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND 13

rungsgrad der Hartstoffphase ist eine Steigerung der Härte sowie eine Verbesserung der
Verschleißbeständigkeit von Hartmetallen verbunden [Jia96]. Mit wachsendem Binderge-
halt nimmt die freie Weglänge an Binder zu, was in einer Abnahme des Skelettierungs-
grads resultiert und zu einer Zunahme der Rißzähigkeit führt [Cher76].
In WC-Co-Hartmetallen kommt es infolge der unterschiedlichen Wärmeausdehnungs-
koeffizienten der beiden Phasen beim Abkühlen auf Raumtemperatur nach dem Sintern zu
inneren Spannungen. Der Wärmeausdehnungskoeffizient von Wolframkarbid (5,2⋅10-6 K-1)
ist deutlich niedriger als der von Kobalt (12,4⋅10-6 K-1) [Sche88, Stöc00]. Dies hat zur Fol-
ge, daß bei Raumtemperatur die Bindephase unter Zugspannungen und die Wolframkar-
bidphase unter Druckspannungen steht, wobei die Höhe der Spannungen von der Zusam-
mensetzung und der Korngröße der Hartmetalle abhängig ist. Mit steigendem Kobaltgehalt
und der damit verbundenen Zunahme der Binderweglänge nehmen die Zugspannungen im
Kobalt ab, dafür steigen die Druckspannungen in der Wolframkarbidphase [Exne79].

3.2.2 Wolframkarbidkorngröße
Die Wolframkarbidkorngröße und deren Größenverteilung in Hartmetallen wird entschei-
dend durch die Ausgangsmaterialien, die Zusammensetzung und die Herstellungsbedin-
gungen, wie Mahl- und Sinterbedingungen, beeinflußt. Die mittlere Korngröße und die
Korngrößenverteilung bestimmen in hohem Maße die mechanischen Eigenschaften der
Hartmetalle. Da sich Härte und Verschleißbeständigkeit mit kleiner werdender Korngröße
erhöhen [Jia96, Kamm00, Herr02], gibt es in den letzten Jahren große Anstrengungen
Hartmetalle mit immer feineren Gefügen zu entwickeln. Die rasterelektronenmikroskopi-
schen Aufnahmen eines konventionellen Hartmetalls im Vergleich zu einem ultrafeinkör-
nigen Hartmetall in Abb. 4 machen die Unterschiede in den Korngrößen deutlich sichtbar.

Abb. 4: Hartmetallgefüge im Querschliff (rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen):


a) konventionelles Hartmetall (mittlere WC-Korngröße 1 - 2 µm),
b) ultrafeinkörniges Hartmetall (mittlere WC-Korngröße 0,1 - 0,5 µm).
14 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

Die klassischen Untersuchungen von Gurland et al. [Gurl55] über Härte und Biegefestig-
keit von WC-Co-Hartmetallen in Abhängigkeit von WC-Korngröße und Bindergehalt ha-
ben gezeigt, daß es unterhalb eines Mindestwerts der freien Weglänge an Binder zu einem
Abfall der Biegebruchfestigkeit kommt. Die sich daraus ergebende alte Faustregel der
Hartmetalltechnologie, die besagt, daß eine Härtesteigerung nur mit einer Abnahme der
Festigkeit erkauft werden kann, steht im Widerspruch zu Untersuchungen an feinkörnigen
Hartmetallen. Eine Verminderung der mittleren WC-Korngröße unter 1 µm bei gleichblei-
bendem Bindergehalt hat eine Steigerung der Härte und der Biege(bruch)festigkeit zur
Folge [Kola93, Daub95], wie in Abb. 5 zu sehen ist. Das Interesse an der Entwicklung von
ultrafeinkörnigen Hartmetallen mit mittleren Korngrößen von 0,5 bis hinzu 0,1 µm beruht
also auf deren hervorragender Eigenschaftskombination von hoher Härte bei gleichzeitig
hoher Biegebruchfestigkeit.
Eine weitere wichtige Kenngröße zur Beurteilung des Zähigkeitsverhalten von ultrafein-
körnigen Hartmetallen ist neben der Biegebruchfestigkeit die Bruchzähigkeit. Im Gegen-
satz zur Biegebruchfestigkeit nimmt mit abnehmender WC-Korngröße die Bruchzähigkeit
nicht zu, sie fällt aber mit sinkender Korngröße nur noch langsam ab [Rich97, Jia98]. Der
Einfluß der Korngrößenverteilung auf die Bruchzähigkeit zeigt sich bei gröberen Hartme-
tallen. Hartmetalle mit einer engeren Korngrößenverteilung zeigen deutlich höhere Bruch-
zähigkeiten, als Hartmetalle mit einer breiteren Verteilung [Drey00].

2000 4500
1900 Härte HV30 4000
Biegefestigkeit [N/mm ]
Biegefestigkeit 2
1800
3500
Härte HV30

1700
3000
1600
2500
1500
2000
1400
1300 1500

1200 1000
0 1 2 3 4 5 6 7
WC-Korngröße [µm]

Abb. 5: Härte und Biegefestigkeit von WC-Co-Hartmetallen (6 Gew.% Binder) mit unter-
schiedlichen WC-Korngrößen nach Kolaska et al. [Kola93].

Die ansteigende Härte der ultrafeinkörnigen Hartmetalle mit abnehmender WC-Korngröße


und die damit verbundene Abnahme der freien Weglänge an Binder bei gegebenem Bin-
3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND 15

dergehalt, resultiert aus deren feinkörniger Mikrostruktur. Die Behinderung der Verset-
zungsbewegung, beruhend auf dem Hall-Petch-Effekt, wird hierzu gewöhnlich als Erklä-
rung für eine Härtesteigerung mit sinkender Teilchengröße herangezogen [Hall51, Petc53,
Rich99]. Der bei ultrafeinkörnigen Hartmetallen erhöhte Wolframgehalt in der Bindephase
im Vergleich zu konventinonellen Hartmetallen wirkt legierungshärtend und trägt somit
ebenfalls zur Härtesteigerung bei [Jia98]. Zusätzlich stabilisiert der hohe Wolframgehalt
die kfz-Struktur der Bindephase und erhöht das Verhältnis von kfz/hdp im Binder, was sich
positiv auf die Festigkeit und Zähigkeit von ultrafeinkörnigen Hartmetallen auswirkt
[Jia98].
Ein weiterer Vorteil der feinkörnigen Hartmetallgefüge liegt in der Miniaturisierung von
Werkzeugen. Heute werden bereits Mikrobohrer mit Durchmessern zwischen 500 µm und
75 µm eingesetzt [Gill00]. Bei diesen geringen Werkzeugdurchmessern würde der Einsatz
von konventionellen Hartmetallen dazu führen, daß die Schneidkante nur aus wenigen
Hartstoffkörnern besteht, woraus die Gefahr des Werkzeugbruchs und einer undefinierten
Schneidkante entsteht. Die Verwendung von ultrafeinkörnigen Hartmetallen ermöglicht
daher die Ausbildung extrem scharfkantiger Schneiden sowie eine hohe Kantenstabilität,
aufgrund der Feinkörnigkeit und der günstigen Festigkeitseigenschaften dieser Hartmetalle
[Kamm00].

3.2.3 Bindephasengehalt
Der Bindephasengehalt von Hartmetallen wird bei der Herstellung durch Einwaage der
entsprechenden Pulveranteile der Hartstoff- und Bindephase eingestellt. Neben der WC-
Korngröße bestimmt der Bindergehalt wesentlich die freie Weglänge an Binder und hat
daher starken Einfluß auf die Eigenschaften der Hartmetalle. Mit steigendem Bindergehalt
nimmt bei gleichbleibender WC-Korngröße die freie Weglänge des Binders zu. Die Härte
sowie der Verschleißwiderstand nehmen mit größer werdender freier Weglänge an Binder
ab, wobei die Zusammensetzung der Bindephase und die WC-Korngröße konstant gehalten
werden müssen. Die Biegebruchfestigkeit dagegen durchläuft ein Maximum bei einer be-
stimmten Weglänge des Binders [Gurl55]. Auch hier muß für einen eindeutigen Zusam-
menhang die Zusammensetzung und die WC-Korngröße genauer spezifiziert werden. Die
physikalischen Eigenschaften der Hartmetalle sind ebenfalls vom Bindergehalt abhängig.
Mit steigendem Bindergehalt nehmen sowohl die Koerzitivfeldstärke, die thermische Leit-
fähigkeit und die elastischen Konstanten ab [Prak79].
Der Bindephasengehalt hat auch entscheidenden Einfluß auf den Gefügeaufbau der Hart-
metalle und damit auf deren Skelettierungsgrad. Bei hohen Bindergehalten kann das Hart-
metallgefüge als Bindermetall-Matrix, in die die Wolframkarbide dispersiv eingelagert und
vollständig von Kobalt umhüllt sind, angesehen werden. Bei niedrigen Bindergehalten
kann von einem Karbidskelett, in dessen Lücken die Bindephase eingelagert ist, gespro-
16 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

chen werden. Je nach Bindephasengehalt ist der Gefügeaufbau von Hartmetallen als ein
Kompromiß zwischen beiden Extremen zu sehen.

3.2.4 Bindephasenzusammensetzung
Als Bindephase wird bei Hartmetallen auf Wolframkarbidbasis bis auf den heutigen Tag
überwiegend Kobalt eingesetzt [Sche88, Gill00]. Dies resultiert aus der hervorragenden
Benetzbarkeit von Wolframkarbid durch das flüssige Kobalt während des Sinterns, der
temperaturabhängigen Löslichkeit von Wolframkarbid in Kobalt, der Unlöslichkeit von
Kobalt in Wolframkarbid und den guten mechanischen Eigenschaften von Kobalt
[Voig74]. Das ternäre W-C-Co-Phasendiagramm in Abb. 1 zeigt, daß das Zweiphasengbiet
WC-Co nur in einem sehr engen Bereich an Kohlenstoffgehalt stabil ist. Bei einem Atom-
verhältnis W : C von ca. 1 scheidet sich während des Sinterns beim Abkühlen aus der
Schmelze Wolframkarbid aus. Liegt ein Atomverhältnis W : C von unter 1 vor, so wird
Wolframkarbid und Kohlenstoff in Form von Graphit ausgeschieden und bei einem Atom-
verhältnis W : C über 1 kommt es zur Ausscheidung von Wolframkarbid und der spröden
η-Phase. Der Kohlenstoffgehalt im Zweiphasengebiet WC-Co bei Raumtemperatur wurde
von Exner und Gurland [Exne70] über den folgenden Zusammenhang quantitativ beschrie-
ben:
50 - 0,533 Atom% Co < Atom% C < 50
bzw. 6,13 - 0,0735 Gew.% Co < Gew.% Kohlenstoff < 6,13,

dabei gibt der Wert auf der linken Seite der Ungleichung den auf Wolframkarbid bezoge-
nen Kohlenstoffgehalt in Atom% bzw. Gew.% an der Grenze zwischen dem Zweiphasen-
gebiet WC-Co und dem Dreiphasengebiet WC-Co-η an. Der Wert auf der rechten Seite der
Ungleichung bestimmt den auf Wolframkarbid bezogenen Kohlenstoffgehalt an der Gren-
ze des Zweiphasengebiets WC-Co zum Dreiphasengebiet WC-Co-C (siehe Abb. 1).
Es ist jedoch zu beachten, daß die Zusammensetzung der Bindephase selbst im Zweipha-
sengebiet WC-Co noch erheblich variieren kann. Während des Sinterprozesses können bis
zu 50 Gew.% Wolframkarbid in der Bindephasenschmelze in Lösung gehen [Exne79,
Sche88]. Beim anschließenden Abkühlen scheidet sich der größte Anteil an Wolframkar-
bid an bereits vorhandenen WC-Kristallen aus. Je nach Abkühlgeschwindigkeit bleiben
unterschiedlich hohe Konzentrationen an Wolfram und Kohlenstoff in der Bindephase ge-
löst, wobei die Löslichkeit des Wolframs in Kobalt umgekehrt proportional zum Kohlen-
stoffgehalt ist [Exne79, Prak79].
Die mechanischen Eigenschaften von konventionellen WC-Co-Hartmetallen sind in Abb. 6
in Abhängigkeit vom Kohlenstoffgehalt dargestellt. Die Härte nimmt mit zunehmendem
Kohlenstoffgehalt geringfügig ab. Dagegen reagiert die Biegebruchfestigkeit sehr emp-
findlich auf Änderungen im Kohlenstoffhaushalt. Der Abfall der Biegebruchfestigkeit mit
zunehmender Entkohlung im Dreiphasengebiet WC-Co-η kann durch die Bildung der
3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND 17

spröden η-Phase (z.B. Co3W3C), die mit einer lokalen Verarmung an Bindephase verbun-
den ist, erklärt werden [Pete78]. Dagegen ist die abnehmende Biegebruchfestigkeit mit
zunehmender Überkohlung im Dreiphasengebiet WC-Co-C auf die Ausscheidung von frei-
em Graphit zurückzuführen. Innerhalb des Zweiphasengebiets WC-Co hat der Kohlen-
stoffgehalt, der indirekt proportional zum Gehalt an gelöstem Wolfram im Binder ist, eben-
falls Einfluß auf die Biegebruchfestigkeit, aufgrund der sich ändernden Bindephasenzu-
sammensetzung.

Biegebruchfestigkeit
Biegebruchfestigkeit

Härte
Härte

WC + Co + η WC + Co WC + Co + C

5,9 6,0 6,1 6,2 6,3 6,4


Kohlenstoffgehalt (bezogen auf WC)
in Gew. %

Abb. 6: Schematische Darstellung des Einflusses des Kohlenstoffgehalts auf die mechani-
schen Eigenschaften eines konventionellen WC-Co-Hartmetalls (10 Gew.% Bin-
der) nach Suzuki et al. [Suzu66].

Suzuki et al. [Suzu66] führt die Zunahme der Biegebruchfestigkeit mit steigendem Koh-
lenstoffgehalt im Zweiphasengebiet bei konventionellen Hartmetallen auf den abnehmen-
den Wolframgehalt im Binder zurück. Dagegen führt Jia et al. [Jia98] die hohen Härten
und gleichzeitig hohen Biegebruchfestigkeiten von ultrafeinkörnigen Hartmetallen unter
anderem auf den hohen Wolframgehalt in der Bindephase zurück. Daraus ist zu sehen, daß
die Zusammenhänge kompliziert und nicht vollständig geklärt sind. Hinzu kommt, daß der
Wolframgehalt in der Bindephase vom Kohlenstoffgehalt des Hartmetalls, der Korngröße
des Wolframkarbids, aber auch vom Bindephasengehalt und den Sinter- und Abkühlbedin-
gungen abhängig ist.
Die Motivation für den Einsatz von alternativen Fe-Co-Ni-Bindersystemen in WC-
Hartmetallen liegt darin begründet Kobalt als Bindermetall ganz oder zumindest teilweise
18 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

zu ersetzen. Ursache hierfür ist, daß man sich von Hartmetallen mit alternativen Bindersy-
stemen bessere Korrosions- und Verschleißbeständigkeiten erhofft. Außerdem bieten diese
Hartmetalle die Möglichkeit der Wärmebehandlung zur Optimierung der Eigenschaften
[Prak79]. Zudem soll das relativ teuere Kobalt, wenigstens zu einem Teil, durch billigere
Bindermetalle ersetzt werden. Die ersten systematischen Untersuchungen von Hartmetal-
len mit Fe-reichen Fe-Co-Ni-Bindersystemen hat Prakash [Prak79] bereits Ende der 70er
Jahre durchgeführt. Dennoch ist das Wissen über komplexer aufgebaute Hartmetalle noch
nicht besonders umfassend [Sche88].
Bei der Herstellung von Hartmetallen mit alternativen Bindersystemen ist die Einhaltung
der richtigen Kohlenstoffbilanz zur Vermeidung von η-Phase und freiem Graphit noch
schwieriger, als bei konventionellen WC-Co-Hartmetallen. Die Lage und Breite des Be-
reichs im Phasendiagramm, wo Wolframkarbid und Schmelze thermodynamisch stabil
sind, ist eng verbunden mit der Löslichkeit von Wolframkarbid in der Schmelzphase. In
Eisen ist die Löslichkeit von Wolframkarbid (ca. 7 Gew.%) bei Temperaturen um 1250°C
am geringsten, gefolgt von Nickel (ca. 12 Gew.%) und Kobalt (ca. 22 Gew.%) [Prak79].
Eine geringe Löslichkeit von Wolframkarbid in der Schmelzphase wirkt der Neigung zur
Kornvergröberung während des Sinterns entgegen. Dies bewirkt, daß Hartmetalle mit Fe-
Co-Ni-Bindersystemen, insbesondere diejenigen mit hohem Fe-Gehalt im Binder, bei
Verwendung von gleichem Wolframkarbidausgangspulver, eine kleinere mittlere WC-
Korngröße besitzen, als Hartmetalle mit Co-Binder [Prak79].
In Hartmetallen mit Fe-Co-Ni-Bindersystemen ist die Struktur der Bindephase abhängig
von deren Zusammensetzung (siehe Abb. 7), was entscheidenden Einfluß auf die Eigen-
schaften der Hartmetalle hat. Hartmetalle mit einer kubisch raumzentrierten (krz) Binder-
struktur besitzen vergleichbare bzw. höhere Härtewerte als konventionelle WC-Co-
Hartmetalle. Dagegen weisen Hartmetalle mit einer kubisch flächenzentrierten (kfz) Bin-
derstruktur geringere Härtewerte auf [Prak79]. Die Hartmetalle auf Wolframkarbidbasis
mit Fe-, Fe-Ni-, Fe-Co- und Fe-Co-Ni-Bindersystemen sind den konventionellen Hartme-
tallen hinsichtlich ihres Verschleißwiderstandes überlegen. Nur WC-Ni-Hartmetalle zeig-
ten eine ähnliche Verschleißbeständigkeit wie konventionelle WC-Co-Hartmetalle
[Prak79].
Die Biegebruchfestigkeit der Hartmetalle mit Fe-reichen alternativen Bindersystemen zeigt
keine ausgeprägte Abhängigkeit von der Bindephasenzusammensetzung. Hartmetalle mit
Fe-, Ni-, Fe-Co- und Fe-Ni-gebundenen Bindern mit geringen Ni-Gehalten sind den kon-
ventionellen WC-Co-Hartmetallen hinsichtlich ihrer Biegebruchfestigkeit unterlegen. Die
Hartmetalle mit Fe-Co-Ni-Bindersystemen weisen, unabhängig von der Struktur der Bin-
dephase, Biegebruchfestigkeiten auf, die vergleichbar mit denen der WC-Co-Hartmetalle
sind [Prak79].
Im Unterschied zu diesen Hartmetallen mit Fe-reichen Bindern wurden von Heinrich et al.
[Kamm00] Hartmetalle mit Co-reichen Fe-Co-Ni-Bindersystemen mit rein kfz-Struktur
3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND 19

entwickelt. Diese Hartmetalle besitzen neben ausgezeichneten Korrosions- und Oxidati-


onsbeständigkeiten gute Bruch- bzw. Rißzähigkeiten [Gill00, Kamm00]. Aufgrund der
Bindereigenschaften weisen diese Hartmetalle einen erhöhten Widerstand gegen Rißaus-
breitung innerhalb der Bindephase auf, was sich günstig auf das Ermüdungsverhalten aus-
wirkt [Kamm00]. Im Vergleich zu WC-Co-Hartmetallen haben Hartmetalle mit Co-reichen
Fe-Co-Ni-Bindersystemen jedoch etwas geringere Härten.

Bindephasenstruktur Co
krz 100%
krz > 50%

kfz 100%
kfz > 50%

Ge
Co

w
w. %

.%
Ni
Ge

Ni

Co

Fe

Fe Gew.% Fe Ni

Abb. 7: Bindephasenstruktur der von Prakash [Prak79] untersuchten WC-Hartmetalle.

3.3 Versagensmechanismen in Hartmetallen


Im folgenden Kapitel sollen die für diese Arbeit relevanten Versagensmechanismen in
Hartmetallen unter mechanischer Beanspruchung erläutert werden. Die Darstellung der
Versagensmechanismen in Hartmetallen erfolgt dabei in Anlehnung an die Ausführungen
zu diesem Gebiet von Kindermann [Kind99].
Das Versagen von Bauteilen aus Hartmetall wird überwiegend durch bereits vorhandene
Defekte an der Oberfläche oder im Volumen eingeleitet. Eingebracht werden solche De-
fekte bei der Werkstoffherstellung (Poren, Risse, Fremdphaseneinschlüsse, Grobkörner,
Bindephaseninhomogenitäten) oder während der Oberflächenbehandlung (Kerben, Risse).
Ausgehend von diesen Defekten erfolgt das Versagen der Hartmetalle über Rißbildung und
Rißausbreitung [Munz89]. Die Beschreibung des Rißausbreitungsverhaltens kann mit Hilfe
20 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

des Spannungsintensitätsfaktors KI erfolgen und basiert auf der Betrachtung des Span-
nungszustands vor der Rißspitze (Gl. 1). Der Spannungsintensitätsfaktor KI (für den Bela-
stungsmodus I: Zugspannung senkrecht zur Rißebene) ist von der Höhe der Belastung, der
Größe des Risses und der Geometrie des beanspruchten Bauteils abhängig und ist definiert
als:
æaö
K I = σ ⋅ a ⋅Y ç ÷ Gl. 1
èW ø
Dabei ist σ die von außen angelegte Spannung, a die Rißlänge und Y eine von der Bauteil-
größe W abhängige Geometriefunktion. Wird von einem ideal spröden Werkstoffverhalten
ausgegangen, so nimmt mit zunehmender Belastung der Spannungsintensitätsfaktor bis zu
einem kritischen Wert zu. Dieser kritische Wert ist die Rißzähigkeit KIc, auch Bruchzähig-
keit genannt, welche eine Werkstoffkenngröße ist. Bei Überschreiten des KIc-Werts kommt
es zu einem schnellen instabilen Rißwachstum mit Schallgeschwindigkeit bei konstantem
Werkstoffwiderstand und damit letztendlich zum Bruch des Bauteils. Bei vielen Werkstof-
fen, wie auch bei den Hartmetallen, wurde jedoch mit zunehmender Rißverlängerung ein
Anstieg des Werkstoffwiderstands beobachtet, was in einer ansteigenden Rißzähigkeit mit
steigender Rißlänge resultiert. Dieses wird als R-Kurvenverhalten bezeichnet und auf in-
trinsische und extrinsische Mechanismen (Abb. 8) zurückgeführt [Sure91, Fett92].

Mikrorißbildung Ligamente

Plastische Zone Verkeilen der Rißflanken

Phasentransformation Faserbrücken

intrinsische extrinsische
Mechanismen

Abb. 8: Schematische Darstellung von intrinsischen und extrinsischen Mechanismen im


Bereich der Rißspitze [Ritc88, Sure91].
3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND 21

Intrinsische Mechanismen sind Vorgänge, die vor der Rißspitze ablaufen, wie Mikrorißbil-
dung, die Ausbildung einer plastischen Zone oder Phasenumwandlungen. Extrinsische
Mechanismen, wie das Verkeilen von Rißflanken, die Ausbildung von Faserbrücken oder
von Ligamenten, laufen dagegen hinter der Rißspitze ab [Ritc88, Sure91].
Bei Spannungsintensitätswerten KI ≥ KIc kommt es zu einer schnellen Rißausbreitung, was
als überkritische Rißausbreitung bzw. katastrophales Bruchversagen bezeichnet wird. Er-
folgt das Rißwachstum langsam unter stetiger Energiezufuhr, bei Spannungsintensitäts-
werten KI < KIc, so spricht man von unterkritischer Rißausbreitung.

3.3.1 Überkritische Rißausbreitung


Das mechanische Verhalten von Hartmetallen ist geprägt durch deren zweiphasigen Gefü-
geaufbau, bestehend aus einem relativ spröden Hartstoffskelett und einer duktilen metalli-
schen Bindephase. Aufgrund dieses Gefügeaufbaus ist die Anzahl der inneren Grenzflä-
chen gegenüber einem einphasigen Werkstoffs erhöht. Daher ergeben sich in WC-Co-
Hartmetallen bei einem Versagen mittels Rißausbreitung vier mögliche Bruchpfade
[Sigl86]:
B: Transkristalliner Bruch durch die Bindephase
B/C: Bruch entlang der Phasengrenze Binde-/Hartstoffphase
C: Transkistalliner Bruch durch die Hartstoffphase
C/C: Bruch entlang Hartstoff/Hartstoff-Grenzflächen

Die beim Bruchvorgang dissipierte Gesamtenergie (entspricht dem Rißwiderstand Rw) setzt
sich additiv aus den während der verschiedenen Bruchpfaden dissipierten Energien Rwi
zusammen (siehe Gl. 2). Die für einen Bruchpfad dissipierte Energie Rwi bestimmt sich
nach Gl. 3 aus der spezifischen Bruchenergie wi (verbrauchte Energie pro Einheitsfläche)
gewichtet mit dem Flächenanteil Ai für die einzelnen Bruchpfade i [Sigl86].
Rw = å Rwi = RwB + RwB / C + RwC + RwC / C Gl. 2

Rwi = 2 ⋅ wi ⋅ Ai Gl. 3

Wird auf den Verbundwerkstoff Hartmetall eine äußere Last aufgebracht, so kommt es
zunächst zur gleichzeitigen, rein elastischen Verformung beider Gefügebestandteile. Dabei
wird der größte Teil der Verformung aufgrund des höheren Volumenanteils und des höhe-
ren elastischen Moduls von der Hartstoffphase getragen [Sigl86]. Erst dann wird Rißbil-
dung und -wachstum, meist an Defekten bzw. an Schwachstellen im Hartstoffgerüst, wie
z.B. den Kontiguitätspunkten, initiiert [Sigl86]. Der Riß verläuft zunächst trans- oder in-
terkristallin entlang der Bruchpfade C und C/C. Nach dem lokalen Aufbrechen des Hart-
stoffskeletts kommt es vor der Rißspitze zu einer Verlagerung der Beanspruchung auf die
Bindephase. Wird hierbei die Streckgrenze des Bindemetalls überschritten, so beginnt die-
22 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

ses plastisch zu fließen. Aufgrund des an der Rißspitze und im Hartstoffskelett vorliegen-
den ebenen Dehnungszustands sowie den ausgezeichneten Adhäsionskräften zwischen
Wolframkarbid und Kobalt kommt es nicht zum Versagen der Bindephase durch Ablösung
vom Hartstoffskelett und gleichzeitiger Einschnürung [Sigl86, Schm90]. Unter der Vor-
aussetzung der Volumenkonstanz muß die plastische Verformung der Bindephase verbun-
den sein mit Porenbildung, Porenwachstum und Porenkoaleszenz. Die entstehende Prozeß-
zone, die sogenannte „Multiligamentzone“ (Abb. 9), ist charakteristisch für die Rißaus-
breitung in Hartmetallen und zeichnet sich durch Bindephasenstege aus, die die Rißflanken
zusammenhalten [Sigl86]. Erst das Versagen der Ligamente führt zu getrennten Rißflanken
und hinterläßt auf den Bruchflächen eine charakteristische Näpfchen- und Grübchenstruk-
tur. Die Bildung von Ligamenten und die mit fortschreitendem Rißwachstum größer wer-
dende Multiligamentzone, die als extrinsische Mechanismen gelten, sind für den R-
Kurvenverlauf von Hartmetallen verantwortlich [Sure91].

gebrochener Multiligamentzone elastisch verformter


Bereich Bereich
Abb. 9: Rißausbreitung unter Bildung einer Multiligamentzone in WC-Co-Hartmetallen
[Sigl86].

Die Bildung von Poren in der Multiligamentzone, die zum Versagen der Bindephase führt,
wird auf einen Mechanismus ähnlich einer martensitischen Umwandlung zurückgeführt,
bei der sich die kubisch flächenzentrierte Co-Phase in ihre hexagonale Modifikation um-
wandelt [Sigl86].
Da die plastische Verformung der Ligamente auf sehr kleine Bereiche konzentriert ist,
kann die technische Dehnung der Ligamente bis zu 65 % betragen [Sigl96]. Aufgrund die-
ser plastischen Verformung der Ligamente wird die Spannung an der Rißspitze reduziert
und es kommt zu einem Rißabschirmeffekt (crack tip shielding). Die plastische Verfor-
mung der Bindephase zu den angesprochenen Ligamenten dissipiert den Hauptanteil der
Bruchenergie des Gesamtverbunds. Je nach Bindergehalt der Hartmetalle (6 - 15 Gew.%
3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND 23

Co) können dies 80 - 90 % der Bruchenergie sein [Schm90], obwohl der Volumenanteil
der Hartstoffphase meist deutlich höher ist, als der Volumenanteil der Bindephase. Die
plastische Verformung der Bindephase ist also im wesentlichen für die Zähigkeit von
Hartmetallen verantwortlich. Daher bieten Modifikationen in der chemischen Zusammen-
setzung und im Volumenbruchteil der Bindephase Möglichkeiten zur Zähigkeitssteigerung
von Hartmetallen.
Der Einfluß der Hartstoffphase auf das Bruchverhalten von Hartmetallen darf dennoch
nicht unterschätzt werden. Der plastischen Verformung des Binders geht das Aufbrechen
des Hartstoffskeletts voraus. Zudem beeinflußt der Rißfortschritt in der Hartstoffphase
durch seine Geometrie und Orientierung den weiteren Rißverlauf und damit den Rißwider-
stand. Ob der Riß weiter durch die Bindephase oder entlang der Phasengrenze Hartstoff-
/Bindephase verläuft, ist abhängig vom Winkel ϕ zwischen der Hauptrißebene in der Hart-
stoffphase und der Phasengrenzfläche zwischen Hartstoff-/Bindephase. Es existiert ein
kritischer Winkel ϕkrit = 25° ± 3°, wobei für ϕ < 25° die Wahrscheinlichkeit für einen Riß-
fortschritt entlang der Phasengrenze Hartstoff-/Bindephase am höchsten ist, für ϕ > 25°
erfolgt voraussichtlich die Rißausbreitung in der Bindephase [Spie92].
Aufgrund der ausgezeichneten Adhäsionskräfte zwischen Wolframkarbid und Kobalt
kommt es nicht nur zur Ausbildung der Multiligamentzone auf dem Bruchpfad B, sondern
auch entlang der Phasengrenze Binde-/Hartstoffphase, also auf dem Bruchpfad B/C. Das
Vorhandensein der Multiligamentzone bei katastrophalem Bruchversagen spiegelt sich in
der Ausbildung der Näpfchen- und Grübchenstruktur auf den Bruchflächen im Bereich der
Bindephase. Der Nachweis der Näpfchenstruktur auf Bruchflächen gilt als ein Indiz für
einen duktilen Bruch der Bindephase [Almo80].

3.3.2 Unterkritische Rißausbreitung


Dem katastrophalen Bruchversagen geht oft eine unterkritische Rißausbreitung voraus, wie
es von Metallen bekannt ist, aber auch bei vielen spröden Werkstoffen, wie Keramiken und
Hartmetallen, bereits beobachtet wurde [Munz89]. Bei unterkritischer Rißausbreitung
kommt es, ausgehend von einem Riß der Ausgangsrißlänge ai, zu stückweisem Rißfort-
schritt bei stetiger Energiezufuhr. Erreicht der Riß eine kritische Rißlänge ac, welche von
der Belastung abhängig ist, so erfolgt überkritische bzw. instabile Rißausbreitung und es
kommt zum Bruch des Bauteils. Während der unterkritischen Rißausbreitung verbringt der
Riß die größte Zeit der Bauteillebensdauer in diesem Stadium [Gude95]. Unterkritische
Rißausbreitung kann unter beliebigen Belastungsarten auftreten, hat aber besondere Rele-
vanz bei der Ermüdung von Werkstoffen.
Bei der Bildung von unterkritischen Rissen kommen die gleichen Ausgangsdefekte wie bei
der Bildung von überkritischen Rissen in Frage. Hierzu gehören Defekte im Volumen, wie
Poren, Risse, Fremdphaseneinschlüsse, Grobkörner und Bindephaseninhomogenitäten oder
Oberflächendefekte, wie Risse und Kerben. Dennoch kommt kleinen Oberflächendefekten
24 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

in der Größenordnung der Mikrostruktur des Werkstoffs bei der unterkritischen Rißaus-
breitung und damit auch bei der Ermüdung von Hartmetallen eine besondere Bedeutung
zu. Diese kleinen Risse zeigen im Vergleich zu großen, künstlich eingebrachten Rissen ein
erhöhtes unterkritisches Rißwachstum [Sure91]. Ein Grund hierfür ist, daß die Rißlänge
kleiner ist als der Bereich, in dem eine Rißabschirmung, z.B. durch eine Multiligamentzo-
ne, erfolgen kann. Zudem kann eine Erhöhung der Spannungsintensität durch oberflächen-
nahe Defekte und Eigenspannungen ein schnelleres Wachstum von kleinen Rissen zur Fol-
ge haben [Ritc88].
Für die Beschreibung der unterkritischen Rißausbreitung bei zyklisch wechselnder Biege-
beanspruchung wird die Belastung selbst als Schwingbreite des Spannungsintensitätsfak-
tors ∆KI = KI,max - KI,min ausgedrückt. KI,max und KI,min sind die maximalen und minimalen
Spannungsintensitätsfaktoren entsprechend der maximal und minimal auftretenden Span-
nungen innerhalb eines Zyklus bei wechselnder Beanspruchung. Im Bereich der Gültigkeit
der linear-elastischen Bruchmechanik kann die Rißwachstumsgeschwindigkeit v eines
Werkstoffs dann als Funktion der Schwingbreite des Spannungsintensitätsfaktors beschrie-
ben werden [Munz89]. In Abb. 10 ist die Rißgeschwindigkeit, die definiert ist als Ände-
rung der Rißlänge da in Abhängigkeit von der Zyklenzahl dN, aufgetragen über der
Schwingbreite des Spannungsintensitätsfaktors ∆KI. Bei dieser Auftragung, log(da/dN)
gegen log(∆KI), ergibt sich für die meisten technischen Werkstoffe ein sigmoidaler Kur-
venverlauf [Sure91].
Unterhalb eines Schwellenwerts ∆KI0 erfolgt an vorhandenen, langen Rissen kein Wachs-
tum oder zumindest ist ihre Rißwachstumsgeschwindigkeit meßtechnisch nicht mehr zu
erfassen (siehe Abb. 10). Dieser Schwellenwert der Schwingbreite des Spannungsintensi-
tätsfaktors wird bei Rißgeschwindigkeiten kleiner als 10-8 mm/Zyklus erreicht. Bei sehr
kleinen Rissen (a ≈ 1 µm) kann in bestimmten Werkstoffen auch unterhalb der Schwelle
∆KI ≤ ∆KI0 Rißwachstum erfolgen, wobei sich die Risse mit relativ hohen Geschwindig-
keiten von 10-5 - 10-6 mm/Zyklus ausbreiten [Voll89]. Oberhalb des Schwellenwerts ∆KI0
steigt die Rißwachstumsgeschwindigkeit stetig an, und die Kurve mündet in einen Bereich,
in dem die unterkritische Rißgeschwindigkeit in exponentiellem Zusammenhang mit der
Schwingbreite des Spannungsintensitätsfaktors steht. Dieser Zusammenhang wird durch
das sogenannte „Parisgesetz“ beschrieben [Pari61, Pari98] (Gl. 4):
da
= A ⋅ (∆K I )
n
v= Gl. 4
dN
mit den temperaturabhängigen Materialkonstanten A und n. Der Spannungsexponent n gilt
als Indikator für den vorliegenden Rißausbreitungsmechanismus. Mit zunehmendem Span-
nungsexponent n wird der Gültigkeitsbereich des Parisgesetzes schmäler und somit der
Bereich einer möglichen unterkritischen Rißausbreitung [Fett92]. Für n → ∞ strebt ∆KI
gegen ∆KIc und es gibt kein unterkritisches Rißwachstum. Für unterkritische, stabile Riß-
ausbreitung in Hartmetallen liegt n in der Größenordnung von 10 - 30 [Evan76, Fry82].
3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND 25

unterkritische Rißausbreitung

überkritische Rißausbreitung
log (da/dN)
n

da
= A(∆K I ) n
dN

∆KI0 ∆KIc
∆KI)
log (∆

Abb. 10: Schematische Darstellung des Verlaufs der Rißwachstumsgeschwindigkeit in


Abhängigkeit von der Schwingbreite des Spannungsintensitätsfaktors ∆KI
[Sure91].

Kommt es in Abb. 10 zu einer weiteren Zunahme der Schwingbreite des Spannungsinten-


sitätsfaktors, so beschleunigt der Riß immer weiter, bis er sich mit der vorhandenen Ener-
gie innerhalb eines Belastungszyklus überkritisch ausbreitet und somit der Bruch der Probe
erfolgt.

3.3.3 Ermüdung
Unter Ermüdung werden ganz allgemein die Veränderungen der Eigenschaften verstanden,
welche in Werkstoffen durch wiederholte Dehnungs- oder Spannungsbeanspruchungen
entstehen [Sure91]. Diese können sich unter zyklisch wechselnder Beanspruchung, z.B. im
Abfall der ertragbaren Spannungsamplitude ∆σ/2 mit zunehmender Bruchlastspielzahl Nb,
äußern. Die Änderungen der Eigenschaften werden auf Risse im Werkstoff zurückgeführt,
die letztendlich zum Bruch des Werkstücks führen. Unterkritische Rißausbreitung ist seit
langem bei der Ermüdung von metallischen Werkstoffen unter zyklisch wechselnder Bean-
spruchung bekannt. Auch bei Hartmetallen wird unterkritisches Rißwachstum als Hauptur-
sache für die Ermüdungseffekte bei Raumtemperatur angesehen [Almo80, Sure91, Schl95,
Schl96].
Es hat sich gezeigt, daß Hartmetalle unter zyklisch wechselnder Belastung bei Spannun-
gen, die weit unter dem Niveau einer statischen oder monoton ansteigenden Beanspru-
chung liegen, versagen und somit eine deutliche Ermüdungsanfälligkeit aufweisen. Diese
26 3 GRUNDLAGEN UND KENNTNISSTAND

Abnahme der ertragbaren Spannung mit zunehmender Zyklenzahl wird bei Hartmetallen
auf Ermüdungseffekte in der Bindephase zurückgeführt [Fry82, Schl95]. Durch die plasti-
sche Dehnung der Bindephasenstege von bis zu 65 % [Sigl96] bei Rißöffnung und der an-
schließenden Stauchung bei Rißschließung kommt es zu versetzungsbedingten Ermü-
dungsmechanismen der Bindephase hinter der Rißspitze. Bei einem Versagen der Binde-
phasenstege kann sich der Riß somit stückweise fortbewegen.
Während des Verformumgsprozesses kann es in WC-Co-Hartmetallen zu einer Phasen-
transformation der bei Raumtemperatur stabilisierten kubisch flächenzentrierten Hochtem-
peraturmodifikation des Kobalts in seine hexagonale Raumtemperaturmodifikation im Be-
reich der Rißspitze kommen [Almo80, Roeb84, Schl95]. Aufgrund der Phasentransforma-
tion des Kobalts reduziert sich somit die Anzahl der möglichen Gleitsysteme von 12, für
kubisch flächenzentrierte Strukturen, auf 3, für hexagonale Strukturen. Dies hat eine Ab-
nahme der Plastizität des Kobalts zur Folge und führt zu einer Versprödung der Bindepha-
se im Bereich der Rißspitze. Durch die Bindephasenversprödung wird die Möglichkeit der
Rißabstumpfung an der Rißspitze herabgesetzt. Die verformungsinduzierte Phasenum-
wandlung ist dafür verantwortlich, daß unterkritisches Rißwachstum in WC-Co-
Hartmetallen erheblich beschleunigt wird und die Lebensdauer unter zyklisch wechselnder
Belastung, im Vergleich zur statischen Belastung, deutlich geringer ist [Schl95].
Die allotrope Phasenumwandlung von kubisch flächenzentriertem Kobalt in seine hexago-
nale Modifikation kann durch einen Versetzungsmechanismus beschrieben werden
[Seeg53]. In den {111}-Ebenen des kubisch flächenzentrierten Gitters kann es zur Ausbil-
dung von sogenannten vollständigen Versetzungen mit Burgersvektor 1/2 á110ñ kommen,
die sich aus je zwei Halbversetzungen mit Burgersvektor 1/6 á211ñ zusammensetzen, zwi-
schen denen sich ein bandförmiger Stapelfehler erstreckt [Seeg56]. Bei Annäherung an den
Umwandlungspunkt nimmt die Stapelfehlerenergie ab und dementsprechend die Stapel-
fehlerbreite zu. Die beiden Halbversetzungen spreizen sich auseinander und wandeln zu-
nächst nur eine aus wenigen Netzebenenabständen bestehende Schicht in die hexagonale
Modifikation des Kobalts um [Seeg56].
Bei der Ermüdung von Hartmetallen wird die Schädigung über viele Zyklen akkumuliert
und Untersuchungen von Bruchoberflächen zeigen, daß die Hartmetalle unter geringer
plastischer Verformung mit Sprödbruchcharakter versagen [Almo80, Schl95, Erli00], was
die Bindephasenversprödung bestätigt. Die Bruchoberflächen nach Ermüdungsbruch wei-
sen nicht die für duktiles Versagen typische Näpfchenstruktur auf.
Dagegen wird bei monoton steigender Belastung die Bindephase stark plastisch verformt
und es entstehen Ligamente, was sich auf der Bruchfläche durch die ausgezogenen Näpf-
chen widerspiegelt [Almo80].
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 27

4 Experimentelle Methoden

In diesem Kapitel sollen die untersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle, die sich hinsicht-
lich des verwendeten WC-Ausgangspulvers, des Bindergehalts und der Binderzusammen-
setzung unterscheiden, vorgestellt werden. Des weiteren werden die angewandten experi-
mentellen Methoden zur Untersuchung der Mikrostruktur und der mechanischen Eigen-
schaften der Hartmetalle erläutert.

4.1 Untersuchte ultrafeinkörnige Hartmetalle


Das Projekt, in welches diese Arbeit eingebunden war, umfaßte die Entwicklung und Er-
forschung von Schneidwerkstoffen aus Hartmetallen mit WC-Korngrößen < 0,5 µm im
gesinterten Zustand für die Holz- und Kunststoffbearbeitung. Erreicht werden sollte dieses
Ziel durch die Verwendung von feinen und extrem feinen Vormaterialien, die jedoch neue
Verfahrenstechniken für die Herstellung der Hartmetalle von der Pulveraufbereitung, über
das Sintern, bis hin zur Bearbeitung, erforderten (vergleiche Kap. 3.1). Da die Bindephase
entscheidenden Einfluß auf die Eigenschaften von Hartmetallen hat, sollten neben reinem
Co-Binder auch alternativ Fe-reiche Fe-Co-Ni-Bindersysteme eingesetzt werden.
Hergestellt wurden die Hartmetalle unter Laborbedingungen bei der Firma Tigra Hartstoff
GmbH in Oberndorf am Lech unter Mitwirkung des Lehrstuhls Allgemeine Werkstoffei-
genschaften an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg.
Zunächst wurden von verschiedenen Herstellern fein- und feinstkörnige Ausgangsstoffe
für Hartmetalle beschafft und ihre physikalischen und chemischen Eigenschaften charakte-
risiert und miteinander verglichen. Aus den WC-Pulvern wurden Hartmetallansätze mit 10
Gew.% Kobalt hergestellt und hinsichtlich ihres Mahlverhaltens untersucht. Aufgrund der
hohen spezifischen Oberfläche der eingesetzten Pulver kommt der Beherrschung der
Wechselwirkung mit Sauerstoff eine äußerst wichtige Rolle zu. Zudem mußten die Koh-
lenstoffgehalte der Legierungen an die entsprechenden Sinterverfahren, das Sintern im
Vakuum, das Drucksintern und das heißisostatische Nachverdichten, angepaßt und be-
herrscht werden.
Durch systematische Variation von Mahldauer und -bedingungen, Preßmittelzugabe, Gra-
nulation und Sinterbedingungen wurde ein Satz von Basisparametern für die Aufbereitung
und die Sinterung zur Herstellung von ultrafeinkörnigen Hartmetallen unter 0,5 µm im
Labormaßstab erarbeitet. Diese Hartmetalle der Serie I werden im weiteren Verlauf der
Arbeit nicht berücksichtigt. Mit Hilfe der ermittelten Basisparameter für die Herstellung
28 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

der Hartmetalle der Serie I wurde eine weitere, zweite Serie von ultrafeinkörnigen Hart-
metallen (HM) hergestellt.
Für die ultrafeinkörnigen Hartmetalle der Serie II (HM 44 bis 66), hierfür wird gelegent-
lich der Begriff „Ansatz“ verwendet, wurde eine Versuchsmatrix (Tab. 1) erstellt, mit de-
ren Hilfe mehrere Fragenkomplexe angegangen werden sollten.

• Vergleich der im Labormaßstab hergestellten ultrafeinkörnigen Hartmetalle (HM 44


bis 66) mit den kommerziell erhältlichen ultrafeinkörnigen Hartmetallen K40U und
K50M der Firma Tigra, die auf industriellem Weg produziert wurden.
• Vergleich von Hartmetallen mit gleichem Kobaltgehalt (10 Gew.% Co) und gleichem
Inhibitorgehalt (0,6 Gew.% Cr3C2; 0,47 Gew.% VC), aber unterschiedlichen WC-
Ausgangspulvern (HM 44, 45, 46, 50). Die verwendeten WC-Pulver sind in Tab. 2
aufgeführt.
• Vergleich von Hartmetallen mit gleicher Zusammensetzung, aber unterschiedlichen
Zugaben an Kohlenstoff: HM 47 mit 0,10 Gew.% C und HM 48 mit 0,13 Gew.% C.
• Vergleich von WC-Co-Hartmetallen mit extremen Bindergehalten (HM 62, 63, 64).

Bisher wurde bei Hartmetallen auf WC-Basis überwiegend Kobalt als Bindermetall einge-
setzt (vergleiche Kap. 3.2.4). Daneben sind jedoch auch andere Legierungen als Bindepha-
se denkbar. Von Fe-reichen Fe-Co-Ni-Bindersystemen ist eine kornwachstumshemmende
Wirkung in WC-Hartmetallen bekannt. Durch Erhöhung des Kohlenstoff- und des Nickel-
anteils in derartigen Bindersystemen kann die kfz-Struktur stabilisiert werden, eine Erhö-
hung des Kobaltanteils begünstigt dagegen die krz-Struktur (siehe Abb. 7). Daher bieten
diese Legierungen die Möglichkeit, die mechanischen Eigenschaften der Bindephase durch
Variation von Zusammensetzung und Gitterstruktur in Hinblick auf Härte, Verschleißwi-
derstand, Duktilität und Festigkeit zu optimieren [Prak79].
Anhand der Hartmetalle 53 bis 61 und 65 bis 66 sollen die Eigenschaften ultrafeinkörniger
Hartmetalle mit derartigen alternativen Bindersystemen untersucht werden. Diese Hart-
metalle wurden alle mit dem gleichen WC-Ausgangspulver hergestellt.

• Vergleich von Hartmetallen mit geringen Bindergehalten bei ähnlicher Binderzusam-


mensetzung (HM 53, 55, 56).
• Vergleich von Hartmetallen mit unterschiedlichem Bindergehalt bei gleicher Binderzu-
sammensetzung (HM 57, 58, 59 bzw. 65, 66).
• Vergleich von Hartmetallen mit 10 Gew.% Bindergehalt und 0,2 Gew.% VC, aber mit
unterschiedlicher Binderzusammensetzung (HM 53, 54, 61).
• Vergleich der bisherigen Hartmetalle mit einem Hartmetall mit 10 Gew.% einer korro-
sionsbeständigen Ni-Co-Cr-Binderlegierung (HM 60).
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 29

Tab. 1: Übersicht über die untersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle.


Hartmetall WC- Bindergehalt Inhibitorgehalt
Binderzusammensetzung2
≡ Ansatz Ausgangspulver1 [Gew.%] [Gew.%]

K40U ohne Angabe 10 Co ohne Angabe


K50M ohne Angabe 10 Co ohne Angabe
44 Starck, DS40 10 Co 0,6Cr3C2/0,47VC
45 WBH, WC05D 10 Co 0,6Cr3C2/0,47VC
46 Dow, WC02 10 Co 0,6Cr3C2/0,47VC
50 TT, WC02N 10 Co 0,6Cr3C2/0,47VC
47 TT, WC02N 10 Co 0,9Cr3C2
48 TT, WC02N 10 Co 0,9Cr3C2
63 TT, WC02NR 2 Co 0,2VC
64 TT, WC02NR 3 Co 0,2VC
62 TT, WC02NR 25 Co 0,2VC
56 TT, WC02NR 4 Fe Co Ni 0,2VC
55 TT, WC02NR 7,5 Fe Co Ni 0,2VC
53 TT, WC02NR 10 Fe Co Ni 0,2VC
54 TT, WC02NR 10 Fe Co 0,2VC
61 TT, WC02NR 10 Fe Ni 0,2VC
60 TT, WC02NR 10 Ni Co Cr 0,2VC
57 TT, WC02NR 12,5 Fe Co Ni 0,2VC
58 TT, WC02NR 15 Fe Co Ni 0,2VC
59 TT, WC02NR 17,5 Fe Co Ni 0,2VC
65 TT, WC02NR 25 Fe Ni Co 0,2VC
66 TT, WC02NR 30 Fe Ni Co 0,2VC

1
Genauere Angaben zu den WC-Ausgangspulvern finden sich in Tab. 2.
2
Eine exakte Angabe der Zusammensetzung der alternativen Bindersysteme ist aus Geheimhaltungsgründen
nicht möglich.
30 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

Tab. 2: Übersicht über die verwendeten WC-Ausgangspulver.


Wolfram
Tokyo Tokyo
Hersteller Bergbau und H. C. Starck Dow / OMG
Tungsten Tungsten
Hütten GmbH
Abkürzung (WBH) (Starck) (Dow) (TT) (TT)
WC-Pulver WC05D DS40 WC02 WC02N WC02NR
Pulvercharge 1515M/97WC WC11851 LF0201PA6M 98401 122
Inhibitorgehalt 0,64 Cr3C2 0,6 Cr3C2 0,4 Cr3C2
1 Cr3C2 -
[Gew.%] 0,32 VC 0,45 VC 0,3 VC

In Tab. 2 sind die im Projekt verwendeten WC-Ausgangspulver aufgeführt. An den WC-


Pulvern wurde die Partikelgröße mittels Gasadsorptionsmethode nach Brunnauer, Emmet
und Teller (BET-Methode)3 bestimmt. Über die von einem Pulver adsorbierte Gasmenge
wird die spezifische Oberfläche der Pulverpartikel ermittelt [Brun38]. Die Vorteile dieser
Meßmethode liegen zum einen darin, daß die Agglomerationszustände des Pulvers nur
einen geringen Einfluß haben, zum anderen in der hohen Meßgenauigkeit bei Verwendung
relativ großer Probenmengen [Exne64]. Über die spezifische Oberfläche sP und die Dichte
ρP der Pulverpartikel kann, unter Annahme von kugelförmigen Partikeln mit gleichem
Durchmesser, der Durchmesser dP,BET der Pulverpartikel über folgende Beziehung be-
stimmt werden:
6
d P , BET = Gl. 5
sP ⋅ ρ P

Des weiteren wurde die Partikelgrößenverteilung mit einem Lasergranulometer4 gemessen.


Dazu wurde das WC-Ausgangspulver in destilliertem Wasser dispergiert und durch eine
Durchflußzelle gepumpt, die mit einem Laserstrahl durchstrahlt wird. Trifft der Laserstrahl
auf einen Partikel, so wird das Licht in einem Winkel umgekehrt proportional zur Partikel-
größe dP,L gestreut. Das gestreute Licht wird mit einer Photozelle erfaßt und die Analyse
der Beugungsbilder ermöglicht die Bestimmung der Größenverteilung der Partikel.
Der Gesamtkohlenstoffgehalt (Ct-Gehalt) der WC-Ausgangspulver wird über einen CHN-
Elementeanalysator5 bestimmt. Das zu untersuchende Pulver wird durch Verbrennung un-
ter reinem Sauerstoff oxidativ aufgeschlossen und die dabei entstehenden gasförmigen
Verbrennungsprodukte werden gaschromatographisch getrennt. Mittels thermischer Leit-
fähigkeitsdetektion können anschließend die Gasanteile an Kohlendioxid, Stickstoff und

3
Gerät vom Typ ASAP 2000, Fa. Micromeritics
4
Lasergranulometer vom Typ MasterSizerX, Fa. Malvern Instruments
5
Elementeanalysator vom Typ EA1108, Fa. Carlo-Erba
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 31

Wasser ermittelt werden. Über den CO2-Anteil kann dann der Ct-Gehalt des WC-Pulvers
bestimmt werden.
Die Bestimmung des O-Gehalts erfolgte mittels Infrarotabsorption6. Das WC-Pulver wird
unter einem Helium Gasstrom bei hinreichend hohen Temperaturen in einem Graphittiegel
eingeschmolzen, so daß Sauerstoff, Stickstoff und Wasserstoff freigesetzt wird. Der abge-
gebene Sauerstoff verbindet sich mit dem Kohlenstoff des Tiegels zu Kohlenmonoxid
(CO) und Kohlendioxid (CO2). CO wird anschließend zu CO2 umgesetzt und in einem
CO2-Detektor kann durch Infrarotabsorption der O-Gehalt gemessen werden.

4.2 Mikrocharakterisierung
Im folgenden Kapitel sollen die Untersuchungsverfahren beschrieben werden, mit denen
die in dieser Arbeit durchgeführte Mikrocharakterisierung der ultrafeinkörnigen Hartme-
talle erfolgte. Dabei werden die jeweiligen Methoden möglichst kurz vorgestellt und nur
auf wesentliche Details der einzelnen Verfahren soll näher eingegangen werden. Anson-
sten wird auf die einschlägige Literatur zu den Methoden verwiesen.

4.2.1 Lichtmikroskopie
Die Lichtmikroskopie (LM) kam in erster Linie zur Anwendung bei der metallographi-
schen Gefügecharakterisierung der Hartmetalle sowie bei der Untersuchung der Hartme-
tallproben auf herstellungsbedingte Defekte. Für die Mikrocharakterisierung von ultrafein-
körnigen Hartmetallen ist die Lichtmikroskopie mit einem Auflösungsvermögen um 1 µm
aber nur in begrenztem Maße geeignet.
Es stand ein Lichtmikroskop vom Typ DMRM der Firma Leica mit einer Digitalkamera
vom Typ ProgRes 3008 der Firma Kontron Elektronik zur Verfügung. Für Übersichtsauf-
nahmen wurde ein Makroskop vom Typ M420 der Firma Wild verwendet.
Die metallographische Bestimmung der Mikrostruktur nach DIN ISO 4499 sowie die Be-
stimmung der Porosität und des freien Kohlenstoffs nach DIN ISO 4505 erfolgte an ge-
schliffenen und polierten Hartmetalloberflächen. Die Probenpräparation wurde entspre-
chend Tab. 4 durchgeführt, wobei auf das abschließende Polieren mit SiO2 (6 Schritt) ver-
zichtet wurde.
Für die Charakterisierung der Mikrostruktur der ultrafeinkörnigen Hartmetalle wurde die
polierte Oberfläche mit Murakami-Lösung7 angeätzt. Bei einer Einwirkdauer von 1 bis 2 s
wird die unerwünschte η-Phase sichtbar, ohne daß andere Phasen deutlich hervortreten.
Ein Ätzen zwischen 1 und 3 min macht die Korngrenzen der Wolframkarbidkörner sicht-
bar, wobei die Bindephase nicht angeätzt wird und optisch hell bleibt. Damit gestattet die

6
Gerät vom Typ TC136, Fa. Leco
7
Murakami-Lösung: 100 ml dest. Wasser, 10 g Kaliumhydroxid, 10 g Kaliumferricyanid
32 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

Analyse der Hartmetalloberfläche Aussagen über selektives Wolframkarbidkornwachstum


und eine inhomogene Binderverteilung.
Die Bestimmung der Porosität erfolgte nach DIN ISO 4505 an polierten, ungeätzten Hart-
metalloberflächen. Poren mit einem Durchmesser bis zu 10 µm werden als A-Poren be-
zeichnet und stellen ein Maß für den Sintergrad dar. Dagegen werden Poren mit Durch-
messern von 10 bis 25 µm als B-Poren bezeichnet. Ursache hierfür können Defekte auf-
grund von mangelhafter Verdichtung, ausgedampften Verunreinigungen oder kugelförmi-
gen Kohlenstoffeinschlüssen sein. Die A- bzw. B-Porosität wird in Klassen von 00, 02, 04,
06 und 08 eingeteilt, wobei 00 bedeutet, daß keine Porosität vorliegt. Durch Überkohlung
kommt es zur Bildung von freiem Kohlenstoff, der sich fein verteilt, sternförmig angeord-
net im Gefüge ausscheidet. Das Niveau der Kohlenstoffausscheidungen wird durch den
Vergleich mit den in der Norm dargestellten Aufnahmen als C00, C02, C04, C06 und C08
klassifiziert.
Alle Proben nach Versuchen mit monoton ansteigender und zyklisch wechselnder Bean-
spruchung wurden einer Sichtprüfung unterzogen. Ergaben sich auf den Bruchflächen An-
zeichen von herstellungsbedingten Defekten, wie Poren, Fremdphaseneinschlüssen, Grob-
körnern und Bindephaseninhomogenitäten, so wurden die Proben im Lichtmikroskop näher
untersucht. Beim Nachweis eines Defektes wurden die Proben für die weitere Ver-
suchsauswertung nicht berücksichtigt.
Weiterhin kam die Lichtmikroskopie beim Ausmessen von Härteeindrücken und von Riß-
längen bei der Bestimmung der Rißzähigkeit nach der Methode von Palmqvist zum Ein-
satz. Dazu wurden über die Digitalkamera lichtmikroskopische Aufnahmen der Härteein-
drücke eingezogen und mit dem Programm Image C weiterverarbeitet und ausgewertet.

4.2.2 Rasterelektronenmikroskopie
Ultrafeinkörnige Hartmetalle mit Gefügebestandteilen deren Abmessungen, wie mittlere
WC-Korngröße und freie Weglänge im Binder (abhängig vom Bindergehalt), deutlich
kleiner als 0,5 µm sind, können mittels Lichtmikroskopie mit einem Auflösungsvermögen
um 1 µm nicht mehr ausreichend charakterisiert werden. Daher kam die Rasterelektronen-
mikroskopie (REM) zur Anwendung, die heute ein Standardwerkzeug zur bildgebenden
Untersuchung von Oberflächen ist und sich im Gegensatz zur Lichtmikroskopie durch
deutlich höheres Auflösungsvermögen und ausgezeichnete Tiefenschärfe auszeichnet. Für
weitere Informationen wird auf die Literatur verwiesen [z.B. Reim85, Schm94].
Die REM-Untersuchungen wurden an einem Gerät vom Typ JSM-6400 der Firma Jeol
durchgeführt. Dieses war mit jeweils einem Detektor für Sekundärelektronen8 (SE) und
rückgestreute Elektronen9 (BSE = back scattered electrons) zur Bildgewinnung und einem

8
Fa. Jeol
9
Detektor vom Typ Tetra, Fa. Oxford
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 33

Zusatz10 zur energiedispersiven Anaylse der freiwerdenden charakteristischen Röntgen-


strahlung (EDS = energy dispersive spectroscopy) ausgestattet.
Aufgrund der extrem feinen Mikrostruktur der ultrafeinkörnigen Hartmetalle ergaben sich
Schwierigkeiten beim Erstellen von Gefügebildern mittels Rasterelektronenmikroskopie.
Um Aufnahmen mit ausreichender Bildqualität zu erstellen, bedarf es einer möglichst ho-
hen Auflösung, die nur mit einer kleinen Apperturblende und einem geringen Elektronen-
strahldurchmesser zu erreichen ist. Die Konsequenz dieser REM-Einstellungen ist, daß die
vom Elektronenstrahl verursachte Wechselwirkungsbirne (Anregungsvolumen im Materi-
al) sehr schmal ist und daher entsprechend wenig Sekundärelektronen (SE) aus dem Mate-
rial heraustreten, die zur Bildentstehung dienen. Aufgrund der geringen Anzahl an Sekun-
därelektronen wird das Endbild stärker durch elektronisches Grundrauschen beeinflußt und
erscheint unscharf. Abhilfe kann durch eine höhere Beschleunigungsspannung der emit-
tierten Elektronen (aus der Glühkathode) geschaffen werden. Die höhere Spannung be-
wirkt, daß mehr Sekundärelektronen angeregt werden, die zur Bildentstehung beitragen
können. Bei einer höheren Beschleunigungsspannung kommt es allerdings zu starken
elektrostatischen Aufladungen der Proben, aufgrund der unzureichenden Leitfähigkeit von
Hartmetallen (insbesondere bei geringen Bindergehalten). Durch die höhere Beschleuni-
gungsspannung wird das angesprochene Grundrauschen zwar verringert, aber die Bildqua-
lität wird als Folge von Aufladungen (Kantenüberstrahlung) unverhältnismäßig stark ver-
schlechtert. Um die Leitfähigkeit zu erhöhen wurden die Proben mit Gold bzw. Kohlen-
stoff besputtert, wodurch die Bildqualität allerdings nicht verbessert werden konnte.
Aufgrund des ferromagnetischen Anteils der Hartmetalle in Form der Bindephase (Fe, Co,
Ni) ergibt sich ein weiteres Problem bei der Erstellung von Aufnahmen mit optimaler
Bildqualität bei höchster Auflösung. Der ferromagnetische Anteil der Proben führt zur In-
kohärenz des Primärelektronenstrahls und der austretenden Sekundärelektronen, was zu
Bildverzerrungen führt. Dies kann jedoch durch eine Korrektur des Astigmatismus wei-
testgehend kompensiert werden. Aus diesen Überlegungen ergaben sich die in Tab. 3 dar-
gestellten Parametereinstellungen für das Rasterelektronenmikroskop.

Tab. 3: REM-Einstellungen zur Untersuchung ultrafeinkörniger Hartmetalle.


Kontrastart Sekundärelektronen
Beschleunigungsspannung 15 kV
Apperturblende 4 (= 50 µm)
Elektronenstrahldurchmesser Cl-Corse = 12 - 13
Arbeitsabstand 8 - 10 mm

10
System vom Typ Lisi 300, Fa. Oxford
34 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

Zur Untersuchung der Bruchflächen nach monoton ansteigender und zyklisch wechselnder
Beanspruchung wurden die Proben weder gereinigt noch präpariert, um eine Beeinflussung
der Oberflächen zu vermeiden.
Um jedoch die Mikrostruktur der ultrafeinkörnigen Hartmetalle zu charakterisieren und zu
quantifizieren mußten Querschliffe (∅ = 25 mm) von den zu untersuchenden Materialien
hergestellt werden. Dazu wurden aus den Probenstäben mit Hilfe einer Diamantfadensä-
ge11 kleine Stücke herausgesägt, die mit einer Heißeinbettanlage12 unter erhöhtem Druck
(15 kN) und erhöhter Temperatur (180°C) eingebettet wurden. Als Einbettmittel kam ein
Produkt13 auf Phenolbasis mit Kohlenstoffzusätzen zur Anwendung, welches aufgrund
seiner guten elektrischen Leitfähigkeit speziell für Untersuchungen mittels Rasterelektro-
nenmikroskopie geeignet ist.
Für das Anfertigen von rasterelektronischen Aufnahmen mit guter Bildqualität bei höchster
Auflösung ist die Präparation der Hartmetallschliffe von entscheidender Bedeutung. Hier
ergab sich aus einer Vielzahl an Präparationsversuchen, bei denen unter anderem Schleif-
und Polierzeit, Schleif- und Polierdruck, Polierart (Vibrationspolieren, elektrolytisches
Polieren), Ätzverfahren (naß chemisches bzw. elektrolytisches Ätzen) und Besputterung
(Gold- bzw. Kohlenstoffbedampfen) variiert wurden, die in Tab. 4 dargestellte Präparati-
onsvorschrift für ultrafeinkörnige Hartmetalle.
Es hat sich gezeigt, daß das rein mechanische Schleifen und Polieren14 der Hartmetallpro-
ben, die beste Bildqualität der Aufnahmen mittels Rasterelektronenmikroskopie ergibt.
Dabei hat das abschließende halbstündige Polieren der Proben mit einer sehr feinen SiO2-
Suspension eine entscheidende Verbesserung der Bildqualität bewirkt. Dagegen führte das
Ätzen sowie das Besputtern der Schliffe zu einer deutlichen Verschlechterung der Qualität
der am Rasterelektronenmikroskop erstellten Bilder.

11
Diamantfadensäge vom Typ 3242, Fa. Well
12
Heißeinbettanlage Labopress-1, Fa. Struers
13
Polyfast, Fa. Struers
14
Schleif- und Poliersystem RotoPol-31, Fa. Struers
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 35

Tab. 4: Präparationsvorschrift für die Herstellung von Querschliffen von ultrafeinkörni-


gen Hartmetallen für die Rasterelektronenmikroskopie.
Zeit Anpreßdruck
Schleif- bzw. Polierscheibe Medium
[min] [N]
Schritt 1 Diamantscheibe,
5 15 H2O
Schleifen MD Piano15 120
Schritt 2 Diamantscheibe,
5 15 H2O
Schleifen MD Piano15 220
Schritt 3 6 µm, Diamantspray,
5 10 MD Allegro15
Polieren (DP-Suspension M15)
Schritt 4 3 µm, Diamantspray,
10 10 MD Dac15
Polieren (DP-Suspension M15)
Schritt 5 1 µm, Diamantspray,
10 10 MD Dac15
Polieren (DP-Suspension M15)
Schritt 6 0,04 µm, SiO2,
30 10 MD Nap15
Polieren (OP-U Suspension15)

4.2.3 Transmissionselektronenmikroskopie
Die Transmissionselektronenmikroskopie (TEM) ermöglicht die mikrostrukturelle Unter-
suchung von ultrafeinkörnigen Hartmetallen im Volumen mit extrem hoher Ortsauflösung
bis in den Nanometerbereich sowie die Bestimmung von Gitterstrukturen einzelner Phasen
über Elektronenbeugung. Damit ermöglichen die TEM-Analysen neben einer mikrostruk-
turellen Charakterisierung auch die Ermittlung und Untersuchung von Schädigungsmecha-
nismen nach zyklisch wechselnder Beanspruchung der Hartmetalle. Für weiterführende
Informationen zur Transmissionselektronenmikroskopie wird auf die einschlägige Literatur
verwiesen [z.B. Heim80, Will96].
Für die TEM-Untersuchungen standen zwei Geräte der Firma Philips, eines vom Typ
EM400 mit einer maximalen Beschleunigungsspannung von 120 kV und eines vom Typ
CM200 mit einer maximalen Beschleunigungsspannung von 200 kV, zur Verfügung. Bei-
de Transmissionselektronenmikroskope waren mit einer LaB6-Kathode, einem Doppel-
kipphalter, einem EDS-Zusatz zur energiedispersiven Analyse von freiwerdender Röntgen-
strahlung und einer Einheit zur Rasterung des Elektronenstrahls (STEM = scanning trans-
mission electron microscopy) ausgestattet. Die Kombination von EDS-Zusatz und STEM-

15
Produkt der Fa. Struers
36 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

Einheit ermöglicht es, Elementanalysen mit hoher Ortsauflösung an beliebigen Stellen auf
der Probe durchzuführen, die vom System automatisch angefahren werden. Auf diese Wei-
se können punktuelle, linien- und flächenhafte Elementverteilungen erstellt werden.
Neben Abbildungen mit dem nullten Beugungsmaximum im sogenannten Hellfeld (HF)
wurden auch Aufnahmen im Dunkelfeld (DF) mit Beugungsmaxima höherer Ordnung er-
stellt. Die DF-Aufnahmen ermöglichen eine Sichtbarmachung von Phasen, die gleiche Ori-
entierungsbeziehungen aufweisen.
Die klassische Methode, um Informationen mittels TEM über Orientierungsbeziehungen
einzelner Phasen zu erhalten, ist die Feinbereichsbeugung. Mit einem Auflösungsvermö-
gen von ungefähr 0,5 µm [Will96] ist diese Methode für die Phasenidentifikation über
Gitterstrukturen in ultrafeinkörnigen Hartmetallen mit Gefügebestandteilen < 0,5 µm nur
bedingt geeignet. Eine Möglichkeit, um deutlich kleinere Bereiche mittels Beugung zu
analysieren, ist die Verwendung eines konvergenten Elektronenstrahls. Bei der Feinbe-
reichsbeugung wird mit einem parallelen Elektronenstrahl mit einem Durchmesser von
gewöhnlich 1 - 10 µm gearbeitet, im Gegensatz zur Konvergentenbeugung, wo der kon-
vergente Strahl einen Durchmesser von ungefähr 10 - 100 nm aufweist. Die Aufnahmen
der Feinbereichsbeugung weisen eine Reihe von scharfen Beugungspunkten auf, dagegen
ergeben sich bei der Konvergentenbeugung Beugungsscheibchen.
Die Indizierung der Beugungsdiagramme (Abb. 11), d.h. die Zuordnung der Millerschen
Indizes zu einzelnen Reflexen (hkl), erfolgte mit Hilfe der Quotientenmethode [Heim80],
die aber nur für kubische Gitter anwendbar ist. Die Länge der Vektoren Ri (mit i = 1, 2, ...)
ergibt sich für kubische Kristalle aus folgender Gleichung:
λ ⋅ LK
Ri = ⋅ hi2 + k i2 + li2 Gl. 6
aG

dabei ist λ⋅LK die Kamerakonstante, mit der Wellenlänge λ der Elektronen und der Kame-
ralänge LK, und aG die Gitterkonstante. Daraus folgt, daß alle experimentell bestimmten Ri-
Werte proportional zu den Wurzeln aus den Indizesquadratsummen der reflektierten Netz-
ebenen sein müssen und so ergibt sich aus Gl. 6 der folgende Zusammenhang:

R1 h 2 + k12 + l12
= 1 Gl. 7
R2 h22 + k 22 + l 22

Aus Beugungsaufnahmen werden der Quotient R1/R2 und weitere Verhältnisse so genau
wie möglich bestimmt und die erhaltenen Werte mit tabellisierten Quotienten [Heim80]
verglichen. Daraus ergeben sich unmittelbar die zu den Ri gehörigen Millerschen Indizes
hi, ki, li, sofern die Zuordnung zur Tabelle eindeutig und die Messung genügend genau war.
Mit Hilfe der bekannten Auslöschungsregeln für kubische Gitter, die Summe h2 + k2 + l2
kann bei raum- bzw. flächenzentrierten Gittern die Werte 2, 4, 6, 8, 10, ... bzw. 3, 4, 8, 11,
12, ... annehmen, kann zudem der Gittertyp bestimmt werden.
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 37

(h2k2l2) (h3k3l3)

R2 R3

R1

(000) (h1k1l1) (2h12k12l1)

Abb. 11: Schematisches Beugungsdiagramm eines Kristalls beliebiger Struktur.

Für die Indizierung von Beugungsdiagrammen nicht-kubischer Systeme wurden die expe-
rimentell ermittelten Beugungsbilder mit schematischen Beugungsbildern aus der Literatur
[Will96] verglichen. Dazu wurden die Länge der Basisvektoren und der dazugehörige Zwi-
schenwinkel bestimmt und die so erhaltenen Werte wurden mit Literaturdaten verglichen.
Um die Genauigkeit dieser Auswertemethode zur Phasenbestimmung zu verbessern wur-
den von der zu untersuchenden Stelle mehrere Beugungsaufnahmen unterschiedlicher Ori-
entierung ausgewertet.
Die Probenpräparation von Hartmetallen für die Transmissionselektronenmikroskopie ist
experimentell äußerst aufwendig und bedarf viel Erfahrung und großem Geschick. Hier
soll nur kurz auf die wichtigsten Schritte bei der Volumenpräparation von Hartmetallpro-
ben eingegangen werden (Abb. 12). Für weitere Details wird auf die folgenden Arbeiten
verwiesen [Schl95, Schl98].
Zunächst wurde mit einer Diamantfadensäge die Hartmetallprobe an der zu untersuchen-
den Stelle herausgesägt (bei gebrochenen Biegewechselproben erfolgte die Probenentnah-
me parallel zur Bruchfläche) und auf die entsprechende Größe (2,5 mm × 1,5 mm × 300
µm) zugeschnitten. Durch anschließendes beidseitiges Schleifen und Polieren sollte die
während des Sägevorgangs eingebrachte Verformung entfernt werden. Die mittlerweile ca.
100 µm dicke Probe wurde nun auf einen Kupferring aufgeklebt, der eine Fixierung im
TEM-Halter ermöglicht. Mit Hilfe eines Dimple Grinders16 wurde auf beiden Seiten durch
mechanischen Abtrag mittels Diamantpaste eine Kalotte eingeschliffen, bis die Probe an
der dünnsten Stelle eine Dicke von 30 µm aufwies. Abschließend erfolgte ein beidseitiger
Argonionenbeschuß in einer Ionenätzanalge17, wobei die Probe soweit gedünnt wurde, daß
ein für das Transmissionselektronenmikroskop durchstrahlbarer Bereich entstand.

16
Dimple Grinder vom Typ 656, Fa. E. A. Fishione Instruments Inc.
17
Ionenätzanlage vom Typ RES 010, Fa. Baltec
38 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

~ 300 µm ~ 100 µm

2,5 mm
2,5 mm
a) Sägen b) Schleifen, Polieren

~ 30 µm
Ar+
Ar+

c) Aufkleben auf Kupferring, d) Ionendünnung


Dimpeln

Abb. 12: Schematische Darstellung der wichtigsten Schritte bei der Probenpräparation für
die Transmissionselektronenmikroskopie.

4.2.4 Quantitative Gefügeanalyse


Die Eigenschaften von Hartmetallen, insbesondere die mechanischen, sind eng mit dem
Gefügeaufbau korreliert. Die Ausbildung des Gefüges wiederum ist abhängig von den
verwendeten Ausgangsmaterialien, der Zusammensetzung und den Herstellungsbedingun-
gen, wie z.B. den Mahl- und Sinterbedingungen. Für die Korrelation von Eigenschaften
und Gefügeaufbau von Hartmetallen ist die Erfassung der Struktur durch Parameter not-
wendig, die eine quantitative Aussage über die Größe und Verteilung der einzelnen Pha-
sen, wie Hartstoff- und Bindephase, ermöglichen. Die Aufgabe der quantitativen Gefügea-
nalyse ist die Messung dieser Gefügeparameter anhand von licht- oder elektronenoptischen
Abbildungen. Dabei kann der Prozeß der quantitativen Gefügeanalyse in die folgenden
Schritte unterteilt werden:

• Gliederung des Gefüges in geometrisch scharf begrenzte Objekte.


• Messen der Größe, Form und Anordnung dieser Objekte.
• Statistische Auswertung der erhaltenen Meßwerte, um insbesondere Mittelwerte und
Streubreiten von Verteilungen zu ermitteln.
• Versuch der Rekonstruktion der räumlichen Gefügeanordnung aus den zweidimensio-
nalen Messungen.
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 39

Bei Hartmetallen begnügt man sich jedoch in den meisten Fällen auf die Bestimmung eines
Korngrößenkennwerts für die Hartstoffphase sowie die Ermittlung der freien Weglänge an
Binder. Für weitere detaillierte Ausführungen zur quantitativen Gefügeanalyse kann auf
die einschlägige Literatur zurückgegriffen werden [Unde70, Exne86].
Die quantitative Gefügeanalyse der ultrafeinkörnigen Hartmetalle erfolgte mittels Schnitt-
linienverfahren. Dazu wurden am Rasterelektronenmikroskop bei 15.000-facher Vergröße-
rung an Querschliffen des zu untersuchenden Hartmetalls mehrere repräsentative Aufnah-
men angefertigt. Um die Aussagekraft der REM-Messungen zu prüfen, wurden mittels
Transmissionselektronenmikroskopie Hellfeldaufnahmen bei 36.000-facher Vergrößerung
aufgenommen, die zu Montagen zusammengefügt wurden. Bei den TEM-
Durchstrahlungsaufnahmen ergibt sich die Schwierigkeit, ob ein bestimmtes Bildelement
einem einzelnen Objekt zuzuordnen ist oder mehreren, die im Strahlengang zufällig über-
einander liegen. Aufgrund dieser Problematik bei TEM-Aufnahmen war es notwendig, die
auszuwertenden Wolframkarbidteilchen vor der Analyse auf mehrere übereinanderliegende
Transparentfolien umzuzeichnen. Eine Auswertung der TEM-Aufnahmen hinsichtlich der
freien Weglänge an Binder ist ebenfalls problematisch. Bei der Probenpräparation kommt
es während des Ionendünnungsprozesses zum bevorzugten Abtrag der Bindephase, was die
Meßergebnisse verfälscht.
Die digitalisierten REM-Aufnahmen bzw. die umgezeichneten Transparentfolien der
TEM-Aufnahmen wurden anschließend mit äquidistanten Linien, im Abstand der mittleren
Detailgröße, versehen. Anschließend wurden mittels eines Digitalisierbretts18 die einzelnen
Phasen, wie Hartstoff- und Bindephase, vermessen und mit Hilfe des Programms Sterados
[Pott94] an einem Computer ausgewertet. Zur statistischen Absicherung der Ergebnisse
wurden für das jeweilige Hartmetall zwischen 300 bis 900 Sehnenlängen pro Phase aus-
gemessen.
Bei der quantitativen Gefügeanalyse der ultrafeinkörnigen Hartmetalle wurden aus den
gemessenen Sehnenlängen der Hartstoffphase lWC und der Bindephase lBi die folgenden
Parameter ermittelt:

• Verteilung der WC-Sehnenlängen lWC und arithmetischer Mittelwert LWC der WC-
Sehnenlängen.
• Verteilung der Bindersehnenlängen lBi und arithmetischer Mittelwert LBi der freien
Weglängen des Binders.
• Volumenanteile der Hartstoffphase VWC und der Bindephase VBi mit

VWC =
ål WC
⋅100 % Gl. 8
ål WC + å l Bi

18
Digitalisierbrett vom Typ Digitizer II, Fa. Wacom
40 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

und VBi =
ål Bi
⋅100 % Gl. 9
ål WC + å l Bi

Für die hier untersuchten zweiphasigen Hartmetalle gilt: VWC + VBi = 100 %.
• Kontiguität K der Hartstoffphase nach [Gurl84] mit
LWC ⋅ VBi
K = 1− Gl. 10
LBi ⋅ VWC

Um die Art der Sehnenlängenverteilung des Wolframkarbids bzw. der Bindephase der ein-
zelnen Hartmetalle zu bestimmen, wurde die kumulative Summenhäufigkeit der Sehnen-
längen berechnet. Zur Berechnung der Summenhäufigkeit wurde jeder Sehnenlänge eine
eigene Klasse zugeordnet. Aus dieser Einteilung wurde die Summenhäufigkeit einer Klas-
se Fkum,j jeweils für die Hartstoff- bzw. Bindephase nach folgender Gleichung errechnet:
j −1
æ k ö
Fkum, j = å Z i ⋅ç å Z i ÷ Gl. 11
i =1 è i =1 ø
dabei ist Zi die Anzahl der Sehnenlängen in der Klasse i und k ist die Gesamtanzahl der
Klassen. In den meisten Fällen ergeben sich bei Auftragung von Fkum gegen die Sehnen-
länge lWC bzw. lBi Kurvenverläufe, die eine näherungsweise logarithmische Normalvertei-
lung zeigen [Exne64], was an dem S-förmigen Kurvenverlauf mit einem Zentrosymme-
triepunkt bei Fkum = 0,5 zu sehen ist. Aus den Kurvenverläufen wurde der geometrische
Mittelwert L0,5 (bei Fkum = 0,5) und die Werte L0,16 bzw. L0,84 (bei Fkum = 0,16 bzw. Fkum =
0,84) der jeweiligen Verteilungen für die Hartstoff- bzw. Bindephase abgelesen.

4.3 Mechanische Messungen


Im folgenden Kapitel soll auf die in dieser Arbeit durchgeführten mechanischen Messun-
gen an den zu untersuchenden ultrafeinkörnigen Hartmetallen eingegangen werden. Neben
der Härte, der Rißzähigkeit und der Dreipunktbiegefestigkeit wurde zudem die Biegefe-
stigkeit unter monoton steigender und zyklisch wechselnder Beanspruchung in einer am
Lehrstuhl Allgemeine Werkstoffeigenschaften der Friedrich-Alexander-Universität Erlan-
gen-Nürnberg entwickelten Apparatur [Schl96, Schl98, Kind99] bestimmt.

4.3.1 Bestimmung von Vickershärte und Rißzähigkeit


Die Vickershärte der ultrafeinkörnigen Hartmetalle wurde nach DIN ISO 3878 ermittelt.
Dazu wird eine vierseitige Diamantpyramide mit einem Flächenwinkel von 136° mit defi-
nierter Kraft senkrecht in die polierte Oberfläche der Probe eingedrückt. Aus den Diago-
nalen des Eindrucks, gemessen nach dem Entlasten der Probe, läßt sich die Härte nach fol-
gender Gleichung berechnen:
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 41

F 2 F ⋅ sin(136° / 2) F
HV = 0,102 ⋅ = 2
≈ 0,1891⋅ 2 Gl. 12
AE dD dD

wobei F die Prüfkraft, AE die Eindruckoberfläche und dD der arithmetische Mittelwert der
Diagonalen ist. Bei der Härtemessung von ultrafeinkörnigen Hartmetallen ergibt sich das
Problem der Vergleichbarkeit der Härtewerte aufgrund der folgenden Faktoren [Roeb95]:

• Abhängigkeit der Härte von der Prüfkraft.


• Die Probenpräparation ist nicht einheitlich definiert.
• Meßungenauigkeit bei kleinen Eindrücken / hohen Härten.

Im Bereich kleiner Prüflasten (< 100 N) zeigt sich bei Hartmetallen ein Anstieg der Härte
mit abnehmender Last. Ab Lasten von ungefähr 100 N schwenkt die Härte in ein Plateau
ein und bleibt nahezu konstant [Roeb95, Herr02]. Diese Erscheinung läßt sich ebensogut
mit der Eindruckgröße beschreiben. Werden die Härteeindrücke wegen kleinerer Prüflasten
immer kleiner, ergeben sich schließlich am selben Werkstoff veränderte, meist höhere
Härtewerte. Dieser Erscheinung ist bis heute noch nicht voll verstanden, jedoch weist eini-
ges auf eine Spannungssingularität unter dem Aufsetzpunkt des Eindringkörpers hin, die
mit abnehmender Eindrucksgröße an Einfluß gewinnt [Blum94].
Um den Einfluß der oben erwähnten Faktoren möglichst gering zu halten wurde die fol-
gende Vorgehensweise bei der Härtemessung gewählt.

• Für alle Härtemessungen wurde eine Prüfkraft F = 98 N (HV10) im Bereich des Pla-
teaus gewählt. Die Prüflast wurde so klein gewählt, um ein Beschädigen des Prüfdia-
manten, aufgrund der hohen Härte der ultrafeinkörnigen Hartmetalle, so gering wie
möglich zu halten.
• Alle Proben der untersuchten Hartmetalle wurden einer einheitlichen Probenpräpara-
tion unterworfen, wie sie in Tab. 4 beschrieben ist.
• Die Härteeindrücke wurden mittels Lichtmikroskopie bei 200 bis 500-facher Vergröße-
rung vermessen, um Meßungenauigkeiten zu minimieren.

Die Bestimmung der Rißzähigkeit bzw. Bruchzähigkeit KIc der Hartmetalle erfolgte nach
der Methode von Palmqvist [Palm57]. Bei dieser Methode gilt die Summe der Rißlängen
an den vier Ecken eines Vickershärteeindrucks als Maß für die Rißzähigkeit. Das Auftreten
von Rissen wurde nur bei Hartmetallen beobachtet, die eine Vickershärte HV > 1250 bei
einer Last von 98 N aufwiesen, was in Übereinstimmung mit Ergebnissen aus der Literatur
ist [Szut97]. Nur bei diesen Hartmetallen kommt es aufgrund der hohen Sprödigkeit zur
Ausbildung von Rissen an den Ecken des Vickershärteeindrucks (siehe Abb. 13).
42 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

Abb. 13: a) Vickershärteeindruck (HV10) mit den an den Ecken entstandenen Rissen. b)
Ausgemessene Risse zur Bestimmung der Rißzähigkeit über die Palmqvist-
Methode (lichtmikroskopische Aufnahmen).

Für die Bestimmung des KIc-Werts ist eine definierte Oberflächenbehandlung der unter-
suchten Hartmetallproben erforderlich. Aufgrund von Wärmespannungen beim Abkühlen
der gesinterten Hartmetalle und überlagerten Druckspannungen durch anschließendes me-
chanisches Grobschleifen zur Entfernung der Sinterhaut entsteht ein verformter oberflä-
chennaher Bereich in den Proben [Exne69]. Infolge der überlagerten Druckspannungen
werden die Zugspannungen in der Bindephase teilweise abgebaut und die Druckspannun-
gen in der Hartstoffphase erhöht. Der ideale Oberflächenzustand der Proben zur Bestim-
mung der Rißzähigkeit von Hartmetallen entsteht durch Beseitigung des verformten Be-
reichs. Dieser Zustand zeichnet sich durch die längsten, an den Ecken des Härteeindrucks
entstehenden Risse aus. Erreicht werden kann dieser ideale Oberflächenzustand durch eine
Glühbehandlung bei ca. 800°C oder durch mechanisches Abtragen des verformten Be-
reichs [Exne69]. Eine Glühbehandlung bei 800°C ist für Hartmetalle mit alternativen Bin-
dersystemen ungeeignet, da es aufgrund der Wärmebehandlung zu Phasenumwandlungen
innerhalb des Binders kommen kann. Für die im Projekt untersuchten Hartmetalle wurde
die Beseitigung des verformten Oberflächenbereichs durch ein definiertes Schleif- und
Polierverfahren, wie es in Tab. 4 beschrieben ist, erreicht. Diese Oberfläche der Hartme-
tallproben weißt den Höchstwert der Rißlänge auf. Die Summe der Rißlängen an den Ek-
ken eines Vickerseindrucks ist dann letztendlich ein Maß für die Rißzähigkeit des Hart-
metalls.
Die Rißzähigkeit KIc wurde über die von Shetty entwickelte Beziehung bestimmt [Shet85]:
1 ( HV ⋅ F )1/ 2
K Ic = ⋅ Gl. 13
3(1 − ν 2 )π 1 / 2 (21/ 2 π tanψ )1 / 3 (4ar )1 / 2

mit der Poisson-Zahl ν = 0,22 für Hartmetalle, der Diamantgeometrie 2ψ = 136°, der Vik-
kershärte HV, der Prüfkraft F und der mittleren Rißlänge ar. Nach Einsetzen der Konstan-
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 43

ten und Umstellen auf SI-Einheiten (SI = Système International d’unités) ergibt sich für die
Rißzähigkeit KIc die vereinfachte Gleichung:
( HV ⋅ F )1 / 2
K Ic = 0,2784 ⋅ Gl. 14
(4ar )1 / 2

Die Vickershärteeindrücke wurden mit einem Kleinlasthärteprüfgerät19 erzeugt und mittels


Lichtmikroskopie bei 200 bis 500-facher Vergrößerung digital abphotographiert. An-
schließend wurden die Eindrücke und die an den Ecken entstandenen Risse mit dem Pro-
grammpaket Image C vermessen. Die Vickershärte und die Rißzähigkeit der einzelnen
Hartmetalle ergaben sich als Mittelwert aus 5 Messungen.

4.3.2 Dreipunktbiegeversuche
Zur Charakterisierung der mechanischen Eigenschaften hinsichtlich der Biegebruchfestig-
keit wurden Dreipunktbiegeversuche nach DIN ISO 3327 an den ultrafeinkörnigen Hart-
metallen durchgeführt. Für die Versuche standen Proben mit der in der Norm vorgegebe-
nen Geometrie A (35 × 5 × 5 mm³) zur Verfügung. Die Versuchsdurchführung erfolgte an
einer Universalprüfmaschine20 bei Raumtemperatur an Luft.
Bei Dreipunktbiegeexperimenten wird die balkenförmige Probe auf Auflagerollen gelegt
und durch eine mittig aufgebrachte Kraft bis zum Bruch belastet. Es ist darauf zu achten,
daß es bei hochfesten Werkstoffen nicht zum Abflachen der Rollen und damit zu einer
eingeschränkten Drehbewegung kommt [Blum94]. Daher waren die Auflage- und Bela-
stungsrollen aus SiC gefertigt, um die erforderliche Beweglichkeit für ein Anpassen an die
Proben zu gewährleisten. Die Aufbringung der Kraft erfolgte über Al2O3-Stempel mit einer
konstanten Querhauptgeschwindigkeit von 0,2 mm/min. Über einen induktiven Wegauf-
nehmer und eine 10kN-Kraftmeßdose wurde kontinuierlich die Verschiebung des Quer-
haupts und die aufgebrachte Kraft von einem Computer erfaßt.
Die Biegebruchfestigkeit Rbm, ermittelt aus Dreipunktbiegeversuchen, berechnet sich nach
folgender Gleichung:
3 k ⋅ Fmax ⋅ l s
Rbm = ⋅ Gl. 15
2 b ⋅ h2
mit der Kraft Fmax, die erforderlich ist um die Probe zu brechen, dem Abstand ls zwischen
den Auflagerollen, der Breite b und der Höhe h der Probe sowie einem Korrekturfaktor k
für den Ausgleich der Phase. Für den Korrekturfaktor k der Phase ergab sich für die unter-
suchten Proben der Wert 1.

19
Kleinlasthärteprüfgerät vom Typ V-100A, Fa. Leco
20
Universalprüfmaschine vom Typ 4505, Fa. Instron
44 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

4.3.3 Monoton ansteigende und zyklisch wechselnde Belastung


Neben der Dreipunktbiegefestigkeit wurde die Biegefestigkeit der ultrafeinkörnigen Hart-
metalle unter monoton steigender und zyklisch wechselnder Beanspruchung in einer eigens
entwickelten Apparatur bestimmt. Bei Bauteilen, die einer zyklisch wechselnden Belastung
unterliegen, dürfen die mit statischen Prüfverfahren ermittelten Festigkeitskennwerte, wie
z.B. die Dreipunktbiegefestigkeit, nicht als Grundlage der Dimensionierung dienen
[Blum94]. Aus diesem Grund sind Kennwerte wie die Ermüdungsfestigkeit bzw. die An-
zahl der Lastwechsel bis zum Bruch für eine Bauteilauslegung unbedingt erforderlich.
Da Hartmetalle extrem hohe Festigkeiten besitzen und sehr spröde sind, können sie in her-
kömmlichen Zug/Druck-Prüfmaschinen nur unter erschwerten Bedingungen ermüdet wer-
den. Deswegen wurden die mechanischen Versuche unter Biegebeanspruchung mit mono-
ton steigender und zyklisch wechselnder Belastung in der eigens entwickelten Apparatur
durchgeführt. Dies ermöglicht somit eine Charakterisierung und einen Vergleich der unter-
suchten Hartmetalle unter beiden Belastungsarten in einer einzigen Apparatur bei gleicher
Probengeometrie.

4.3.3.1 Versuchsaufbau
Die Experimente unter monoton steigender und zyklisch wechselnder Biegebeanspruchung
wurden in der in Abb. 14 dargestellten Apparatur bei Raumtemperatur durchgeführt. Der
Ursprung dieser Apparatur geht auf eine Entwicklung an der Universität Karlsruhe am In-
stitut für Zuverlässigkeit und Schadenskunde im Maschinenbau [Fett91] zur Prüfung ke-
ramischer Werkstoffe zurück. Für die Untersuchungen von Hartmetallen bei Raumtempe-
ratur sowie bei hohen Temperaturen bis zu 1000°C wurde die Apparatur an der Friedrich-
Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl Allgemeine Werkstoffeigen-
schaften weiter entwickelt [Schl96, Schl98, Kind99].
Der Versuchsaufbau erlaubt das Aufbringen von monoton steigenden und zyklisch wech-
selnden Biegebelastungen innerhalb einer Apparatur. Kernstück ist ein steifer Rahmen, an
dessen Querhaupt ein Meßkopf zur Messung der Biegespannung angebracht ist. Die zu
untersuchende Probe, die in Stäbchenform (Abb. 15) vorliegt, ist Teil eines Biegebalkens.
Der Biegebalken besteht aus dem Meßkopf, der oberen Probenhalterung, der eigentlichen
Probe, der unteren Probenhalterung und dem Hebel. Die Auslenkung des Hebels führt zu
einer Verbiegung des ganzen Systems und damit zu einer Biegebelastung der Probe.
Die Auslenkung des Hebels erfolgt bei den Versuchen mit monoton steigender Biegebela-
stung über einen Kupferdraht, der von einer Spule mit einem Elektromotor21 aufgewickelt
wird. Dadurch wird der Hebel konstant bis zum Bruch der Probe ausgelenkt. Mit dieser

21
Elektromotor vom Typ RS 320-607, Fa. Crouzet
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 45

Versuchsanordnung (vergleiche Kap. 4.3.3.5) lassen sich Belastungsgeschwindigkeiten


erreichen, die groß genug sind, um unterkritisches Rißwachstum zu vermeiden.

Abb. 14: Schematische Darstellung der Versuchsapparatur für die mechanischen Untersu-
chungen unter monoton steigender und zyklisch wechselnder Biegebeanspru-
chung.

Um für die Biegewechselversuche eine sinusförmige Biegebelastung auf die Probe aufzu-
bringen, ist die Apparatur mit einem motorgetriebenen Doppelexzenter ausgestattet. Ein
12V Gleichstrom-Getriebemotor22 treibt den Exzenter über einen Zahnriemen an, durch
den sichergestellt wird, daß die durch den Motor hervorgerufenen Vibrationen sich nicht
auf die Sinusbelastung auswirken. Der Exzenter setzt die Rotation des Motors über ein
Pleuel in eine sinusförmige, gleichmäßige Zug- und Schubbewegung um, die über die
Schubstange auf den Hebel übertragen wird. Die Probe als Teil des Biegebalkens wird so-
mit einer sinusförmigen Biegebelastung unterworfen. Da die Probe über den oberen Pro-
benhalter mit dem Meßkopf verbunden ist, kann dort die Spannung der Probe erfaßt wer-
den. Die maximale Spannung der Probe wird durch die Höhe der Auslenkung des Hebels
bzw. durch den eingestellten Exzenterhub vorgegeben. Während der Biegewechselversu-
che ist die maximale Dehnung konstant.
Die elastische Dehnung des Meßkopfs ist ein Maß für die Biegespannung der Probe und
wird mittels Widerstandsänderungen von vier Dehnungsmeßstreifen23 (DMS), die zu einer

22
12V-Gleichstrom-Getriebemotor vom Typ Eg 7150-2 Al, Fa. Gefeg
23
Dehnungsmeßstreifen vom Typ 6/350 DY11, Fa. Hottinger Baldwin Meßtechnik
46 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

Wheatstone‘schen Vollbrücke geschaltet sind, erfaßt. Die Brückenschaltung bietet den


Vorteil, daß sowohl Torsionsspannungen als auch Temperatureffekte meßtechnisch kom-
pensiert werden [Hoff87]. Über eine Kalibrierung können die Widerstandsänderungen der
DMS am Meßkopf einer Biegespannung in der Probe proportional zugeordnet werden. Das
durch die Widerstandsänderungen der DMS hervorgerufene Signal wird mit einem digita-
len Meßverstärker24 erfaßt und auf einem Meßrechner mittels geeigneter Software25 aus-
gewertet.

4.3.3.2 Probengeometrie
Für die mechanischen Versuche unter monoton steigender und zyklisch wechselnder Bie-
gebeanspruchung standen von den zu untersuchenden Hartmetallen Probenstäbchen mit
der in Abb. 15 dargestellten Geometrie zur Verfügung.

80
hV = 1,8
24,5

b=4

neutrale Faser
h=3

rV = 125

x=0

Abb. 15: Probengeometrie der verjüngten Hartmetallstäbchen mit Bemaßung in mm.

Von den Hartmetallen wurden zunächst Vierkantstäbchen gesintert und auf die Abmessun-
gen 3 × 4 × 80 mm3 geschliffen. Anschließend wurde in die Proben eine Verjüngung ein-
geschliffen, deren Schleifriefen parallel zur Probenlängsachse verliefen. Durch die einge-
brachte Verjüngung liegt das Biegespannungsmaximum (siehe Abb. 16), welches den po-
tentiellen Bruchort der Probe vorgibt, in der Probenmitte. Damit wird ein Bruch im Be-
reich der Probeneinspannung durch Spannungsüberhöhungen aufgrund von Kerbwirkun-
gen vermieden.
Der Verlauf der Randfaserbiegespannung in einer verjüngten Probe wurde in Anlehnung
an Herr [Herr97] berechnet. Die Biegespannung σb wird über das anliegende Biegemoment
MB und das Widerstandsmoment WB für rechteckige Querschnitte nach folgender Glei-
chung bestimmt:

24
Meßverstärker vom Typ Spider 8, Fa. Hottinger Baldwin Meßtechnik
25
Softwarepaket Catman, Fa. Hottinger Baldwin Meßtechnik
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 47

MB m ⋅ g ⋅ LH
σ b (x ) = = Gl. 16
WB 16 ⋅ b ⋅ h( x )2

mit der Masse m eines angehängten Gewichts, der Erdbeschleunigung g, der Hebellänge
LH = 275 mm vom Krafteinleitungspunkt bis zur Probenmitte (x = 0), der Probenbreite b
und der vom Ort x abhängigen Probenhöhe h(x), über die gebogen wird. Für die Höhe h(x)
in Abhängigkeit des Probenorts x gilt im Bereich der Verjüngung (-12,25 mm ≤ x ≤ 12,25
mm) nach [Herr97]:

(
h( x ) = hV + 2 ⋅ rV − rV2 − x 2 ) Gl. 17

wobei hV = 1,8 mm die Probehöhe bei x = 0 und rV = 125 mm der Radius der Verjüngung
ist (siehe Abb. 15). Nach Einsetzen von Gl. 17 in Gl. 16 ergibt sich der Verlauf der Rand-
faserbiegespannung in der Verjüngung über die folgende Gleichung:
6 ⋅ m ⋅ g ⋅ ( LH + x )
σ b (x ) = Gl. 18
( (
b ⋅ hV + 2 ⋅ rV − r − x
V
2 2
))
2

Außerhalb der Verjüngung (x < -12,25 mm und x > 12,25 mm) ist die Probenhöhe h(x)
konstant und kann mit h(x) = 3 mm in Gl. 18 eingesetzt werden.

14 1400
Probenmitte
Probenhöhe h
12 1200
Biegespannung σ b
10 1000

σ b [MPa]
h [mm]

8 800

6 600

4 400

2 untere obere 200


Einspannung Einspannung
0 0
-40 -30 -20 -10 0 10 20 30 40
x [mm]

Abb. 16: Verlauf der Probenhöhe h(x) und der Randfaserbiegespannung σb dargestellt
über dem Probenort x.

Der Verlauf der Probenhöhe h(x) und der Randfaserbiegespannung σb für eine Masse von
einem Kilogramm ist in Abb. 16 dargestellt. Mit Hilfe der ersten Ableitung von Gl. 18
kann gezeigt werden, daß das Spannungsmaximum bei x = 0,20 mm oberhalb der Proben-
mitte in Richtung des Meßkopfs liegt. Für die weiteren Auswertungen wurde zur Vereinfa-
chung der Bruchort der Proben bei x = 0 mm angenommen, was eine Abweichung bei der
48 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

Ermittlung der Biegespannung von weniger als 1 MPa bedeutet. Dieser Wert kann im
Rahmen der experimentellen Fehler vernachlässigt werden.

4.3.3.3 Oberflächenrauhigkeit
Wie bereits in Kap. 3.3 erwähnt, wird das Versagen von Hartmetallen überwiegend durch
bereits vorhandene Defekte an der Oberfläche oder im Volumen eingeleitet. Eingebracht
werden solche Defekte bei der Werkstoffherstellung oder während der Oberflächenbe-
handlung, wobei nach [Fern94] die Oberflächendefektgröße direkt mit der Rauheit der
Oberfläche korreliert ist. Daher wurde die Oberflächenrauhigkeit der verwendeten Proben-
stäbchen für die mechanischen Versuche im Bereich der Verjüngung ermittelt und der Ein-
fluß auf die Biegefestigkeit der Hartmetalle untersucht.
Die Oberflächenrauhigkeit der Proben wurde anhand der gemittelten Rauhtiefe Rz nach
DIN 4768 mit einem Perthometer26 bestimmt. Die mittlere Rauhtiefe Rz ist der Mittelwert
aus den Einzelrauhtiefen von fünf aufeinanderfolgenden Einzelmeßstrecken Ie (siehe Abb.
17), wobei die Einzelrauhtiefe den Abstand zwischen der größten und niedrigsten Erhe-
bung einer Meßstrecke darstellt. Um die Ergebnisse statistisch abzusichern wurden pro
Probe jeweils 3 Messungen mit einer Meßlänge Im = 1,25 mm längs und quer zur Proben-
achse (entspricht der Schleifrichtung der Probe) durchgeführt.

Rz = 1/5⋅(Rz1 + Rz2 + Rz3 + Rz4 + Rz5)


Abb. 17: Bestimmung der mittleren Rauhtiefe Rz nach DIN 4768.

26
Perthometer vom Typ SP6, Fa. Perthen
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 49

4.3.3.4 Kalibrierung
Die Biegebelastung der Proben während der mechanischen Versuche führt zur elastischen
Dehnung des Meßkopfs, die mittels Dehnungsmeßstreifen (DMS) ermittelt wird. Um dem
DMS-Signal eine Randfaserbiegespannung am potentiellen Bruchort der Probe zuzuordnen
wurde die Apparatur, sowohl für die Versuche unter monoton steigender, als auch unter
zyklisch wechselnder Belastung, kalibriert. Eine detaillierte Darstellung zur Kalibrierung
der Versuchsapparatur findet sich in den Arbeiten von [Herr97, Kind99].
Zur Kalibrierung der Apparatur wurde eine Kalibrierprobe hergestellt, in deren Verjün-
gung (x = 0) beidseitig Dehnungsmeßstreifen27 appliziert wurden. Die Dehnungsmeßstrei-
fen wurden als Wheatstone‘sche Halbbrücke geschalten und messen die elastische Deh-
nung der Probe direkt in der Verjüngung, dem potentiellen Bruchort. Das Meßsignal der
Dehnungsmeßstreifen der Probe SP wird für die Kalibrierung unter zyklisch wechselnder
Belastung benötigt.
Zur Kalibrierung der Apparatur für die Versuche unter monoton ansteigender Belastung
mußte der Meßkopf um 90° gegenüber der Anordnung zur Durchführung der Biegewech-
selversuche gedreht werden. Am Krafteinleitungspunkt des Hebels wurden Kalibrierge-
wichte befestigt und die zugehörigen DMS-Signale an Probe SP und Apparatur SA regi-
striert. Die Befestigung der Gewichte erfolgte über einen Draht, der über Umlenkrollen an
der Außenseite der Apparatur Hebel und Gewichte verband (Abb. 18). Um die durch das
Eigengewicht des Hebels wirkende Biegespannung meßtechnisch zu kompensieren, wurde
ein Nullabgleich der DMS-Signale ohne Last durchgeführt. Die Wahl der Kalibrierge-
wichte erfolgte so, daß ein großer Beanspruchungsbereich abgedeckt wurde, die Probe
dabei aber nicht brach. Je nach Steifheit der Probe kann den gemessenen DMS-Signalen
eine Biegespannungen σb nach Gl. 16 (siehe Kap. 4.3.3.2) zugeordnet werden:
MB m ⋅ g ⋅ LH
σ b (x ) = = Gl. 16
WB 16 ⋅ b ⋅ h( x )2

mit der Hebelarmlänge LH vom Krafteinleitungspunkt bis zur Probenmitte (x = 0) und der
Probenhöhe h(x = 0) = hV. Zwischen der berechneten Biegespannung σb und dem gemes-
senen DMS-Signal SP und SA besteht ein linearer Zusammenhang, so daß durch Quotien-
tenbildung die statischen Kalibrierfaktoren fP und fA bestimmt werden können:
σb σb
fP = und fA = Gl. 19
SP SA

Für die Ermittlung der Biegespannung unter monoton steigender Beanspruchung genügt
die Kenntnis von fA. Durch Multiplikation des Kalibrierfaktors fA mit dem DMS-Signal des
Meßkopfs SA ergibt sich die an der Probe anliegende Biegespannung σb = fA⋅ SA.

27
Dehnungsmeßstreifen vom Typ 0,6/120 LY11, Fa. Hottinger Baldwin Meßtechnik
50 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

Abb. 18: Kalibrierung der Versuchsapparatur für monoton ansteigende Biegebeanspru-


chung [Sail96].

Bei zyklisch wechselnder Beanspruchung kann es im Bereich Hebel, Probe und Meßkopf
zur Ausbildung von stehenden Wellen kommen. Die über den Meßkopf ermittelten Span-
nungsschwingbreiten ∆σb entsprechen dann nicht exakt den Schwingbreiten, die auf die
Probe wirken. Um diese Abweichungen zu korrigieren wurde zusätzlich eine Kalibrierung
der Apparatur unter wechselnder Beanspruchung durchgeführt. Hierzu wurde eine Kali-
brierprobe, wie bereits beschrieben, mit Dehnungsmeßstreifen versehen und mit verschie-
denen Spannungsschwingbreiten belastet, ohne die Probe zu schädigen.
Die Signale der Dehnungsmeßstreifen auf der Probe ∆SP und auf dem Meßkopf ∆SA wer-
den mittels der statischen Kalibrierfaktoren fP und fA in Schwingungsbreiten ∆σP und ∆σA
umgerechnet. Der dynamische Kalibrierfaktor fd ergibt sich dann bei Auftragung von ∆σP
gegen ∆σA als Steigung der Regressionsgeraden:
∆σ P
fd = Gl. 20
∆σ A

Die an der Probe anliegende Biegespannungsschwingbreite ∆σP ergibt sich aus dem am
Meßkopf registrierten DMS-Signal ∆SA multipliziert mit dem statischen Kalibrierfaktor fA
und dem dynamischen Kalibrierfaktor fd wie folgt:
∆σ P = f d ⋅ f A ⋅ ∆S A Gl. 21

Die Ausführungen zur Bestimmung der Biegespannung unter monoton steigender und zy-
klisch wechselnder Beanspruchung gelten nur für die Abmessungen der jeweiligen Kali-
brierproben. Durch die Toleranzen beim Schleifprozeß ergeben sich jedoch bei der Geo-
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 51

metrie der einzelnen Proben Abweichungen, die sich in der Genauigkeit der ermittelten
Biegespannungen niederschlagen. Daher wurde für jeden einzelnen Versuch die Höhe und
Breite der jeweiligen Probe in der Verjüngung gemessen und eine auf den Probenquer-
schnitt korrigierte Biegespannung σkorr bzw. Biegespannungsschwingbreite ∆σkorr be-
stimmt.
Für die monoton ansteigende Belastung berechnet sich die Biegespannung σkorr nach:
2
bKal ⋅ hKal
σ korr = σ b,Vers = 2
⋅ f A ⋅ S A,Vers Gl. 22
bVers ⋅ hVers

und für die zyklisch wechselnde Beanspruchung ergibt sich die Biegespannungsschwing-
breite ∆σkorr wie folgt:
2
bKal ⋅ hKal
∆σ korr = ∆σ b,Vers = 2
⋅ f d ⋅ f A ⋅ ∆S A,Vers Gl. 23
bVers ⋅ hVers

wobei in Gl. 22 und Gl. 23 die Größen der Kalibrierproben den Index „Kal“ und die Grö-
ßen der Versuchsproben den Index „Vers“ tragen. Für detailliertere Ausführungen sei auf
die Arbeiten von [Herr97, Kind99] verwiesen.

4.3.3.5 Versuche unter monoton ansteigender Biegebeanspruchung


Die Biegebruchfestigkeit bzw. Inertfestigkeit der Hartmetalle wurde unter monoton anstei-
gender Biegebelastung in einer zu Abb. 14 leicht modifizierten Apparatur durchgeführt
(Abb. 20). Unter der Inertfestigkeit wird die Biegebruchfestigkeit ohne vorausgehendes
unterkritisches Rißwachstum verstanden [Munz89]. Um dies experimentell zu verwirkli-
chen, muß die Belastungsgeschwindigkeit σ vor dem Versagen der Probe theoretisch un-
endlich sein, da eine Ausgangsrißverlängerung ansonsten zu einer Verringerung der Inert-
festigkeit führt. Bei genügend hoher Belastungsgeschwindigkeit kann aber der Einfluß des
unterkritischen Rißwachstums nahezu vollständig unterdrückt werden [Munz89] und die
Biegebruchfestigkeit σB nähert sich asymptotisch der Inertfestigkeit σc an (Abb. 19).

unmittelbares Versagen,
log σB Inertfestigkeit

σc

unterkritisches Rißwachstum


log σ

Abb. 19: Schematische Darstellung der Abhängigkeit der Biegebruchfestigkeit σB von der
Belastungsgeschwindigkeit σ nach [Munz89].
52 4 EXPERIMENTELLE METHODEN

Den Aufbau der Apparatur zur Messung der Inertfestigkeit σc zeigt Abb. 20. Der Hebel mit
eingebauter Probe wird mit Hilfe eines Getriebemotors21 soweit ausgelenkt, bis der Bruch
der Probe erfolgt. Die Übertragung der monoton ansteigenden Belastung auf den Hebel
geschieht durch einen Draht, der auf eine Spule gewickelt wird und dabei den Hebel kon-
stant auslenkt. Die anliegende Biegespannung wird über die DMS-Signale vom Meßkopf
erfaßt und der höchste Spannungswert vom Bruch der Probe wird ausgelesen.
Die Belastungsgeschwindigkeit wurde während der Inerfestigkeitsversuche für alle Proben
konstant gehalten und betrug ca. 2000 MPa/s.

Abb. 20: Schematische Darstellung des Versuchsaufbaus zur Messung der Inertfestigkeit.

Die Inertfestigkeiten aus den Versuchen unter monoton ansteigender Biegebelastung kön-
nen graphisch über eine lineare Regression nach der Methode der kleinsten Fehlerquadrate
in einer Weibullauftragung (DIN 51 110), als auch über die Maximum-Likelihood-
Methode (DIN 51 110, Teil 3) ermittelt werden. Zur Auswertung der Inertfestigkeiten wird
auf Anhang 8.1 verwiesen.

4.3.3.6 Versuche unter zyklisch wechselnder Biegebeanspruchung


Die zyklische Biegebeanspruchung wird über einen Exzenter erzeugt, der von einem Motor
angetrieben wird. Es wird eine mechanische Sinusschwingung von 4,4 Hz auf eine Schub-
stange übertragen, die mit dem System Hebel-Probe-Meßkopf verbunden ist. Durch den
verstellbaren Exzenterhub kann das auf die Probe wirkende Biegemoment variiert und so-
mit die Biegespannungsamplitude verändert werden. Die durchgeführten Versuche erfolg-
4 EXPERIMENTELLE METHODEN 53

ten bei einer mechanischen Mittelspannung von Null. Das Verhältnis R von minimaler zu
maximaler Spannung betrug minus 1.
σ min
R= = −1 Gl. 24
σ max

Eine am Lehrstuhl entwickelte Zähler-Abschaltautomatik registriert die Zyklenzahlen vom


Beginn des Versuchs bis zum Bruch der Probe. Da die Probe den oberen Probenhalter mit
dem unteren Probenhalter elektrisch leitend verbindet, wird beim Bruch der Probe der
Stromkreis der Abschaltautomatik unterbrochen. Die Abschaltautomatik stoppt den Motor
und den Zyklenzähler, der somit die Bruchlastspielzahl Nb registriert. Die Biegespannung
wird über die Dehnungsmeßstreifen am Meßkopf erfaßt, deren DMS-Signale mit einem
digitalen Meßverstärker24 erfaßt und an einem Meßrechner ausgewertet werden. Aus dem
gemessenen Biegespannungsverlauf werden über die Versuchsdauer vier zeitlich äquidi-
stant verteilte Werte ausgelesen und über Mittelwertbildung die Biegespannung σb be-
stimmt. Die Apparatur zur Messung der Lebensdauer unter zyklisch wechselnder Bean-
spruchung und die verwendete Meßanordnung sind in Abb. 21 dargestellt.

Abb. 21: Schematische Darstellung des Versuchsaufbaus zur Messung der Lebensdauer
unter zyklisch wechselnder Biegebeanspruchung.
54 5 ERGEBNISSE

5 Ergebnisse

In diesem Kapitel werden die Ergebnisse aus den experimentellen Methoden zur Untersu-
chung der Mikrostruktur und der mechanischen Eigenschaften der ultrafeinkörnigen Hart-
metalle dargestellt. Außerdem wird kurz auf die Ergebnisse aus der Charakterisierung der
verwendeten Wolframkarbidpulver eingegangen.

5.1 Charakterisierung der Wolframkarbidpulver


Die Ergebnisse der untersuchten physikalischen und chemischen Eigenschaften der ver-
wendeten WC-Ausgangspulver sind in Tab. 5 aufgeführt. Zu erwähnen ist, daß sich die
beiden WC-Pulver der Firma Tokyo Tungsten nur im Zusatz von kornwachstumshemmen-
dem Inhibitor unterscheiden.

Tab. 5: Gemessene physikalische und chemische Eigenschaften der verwendeten Wolf-


ramkarbidpulver.
Wolfram Bergbau Tokyo Tokyo
Hersteller H. C. Starck Dow / OMG
und Hütten GmbH Tungsten Tungsten
WC-Pulver WC05D DS40 WC02 WC02N WC02NR
Inhibitorgehalt 0,64 Cr3C2 0,6 Cr3C2 0,4 Cr3C2
1 Cr3C2 -
[Gew.%] 0,32 VC 0,45 VC 0,3 VC
spez. Oberfläche sP
1,98 2,35 1,94 3,32 3,56
(BET) [m2/g]
Partikelgröße dP,BET
0,20 0,16 0,20 0,12 0,11
(BET) [µm]
Partikelgröße dP,L
1,12 0,83 4,19 2,91 -
(Laser) [µm]
Ct-Gehalt [Gew.%] 6,18 6,15 6,05 6,20 6,12
O-Gehalt [ppm] 2440 4620 2460 2800 3300

Aus Tab. 5 wird ersichtlich, daß die WC-Pulver der Firma Tokyo Tungsten die kleinsten
nach der BET-Methode ermittelten Partikelgrößen dP,BET aufweisen. Das Pulver der Firma
H. C. Starck weist etwas größere Pulverpartikel auf, gefolgt von den Pulvern der Firma
5 ERGEBNISSE 55

Wolfram Bergau und Hütten und der Firma Dow, was durch die REM-Aufnahmen der
WC-Pulver in Abb. 23 bestätigt wird. Bei der BET-Methode spielt der Agglomerationszu-
stand der Pulver keine Rolle, da das zu adsorbierende Gas auch zwischen die einzelnen
Partikel eines Agglomerats eindringt und somit die sogenannte „innere“ Oberfläche der
Pulver, d.h. die Oberflächenrauhigkeit und die mit der Oberfläche in Verbindung stehen-
den Poren berücksichtigt [Exne64].
Ein Vergleich der Partikelgrößen dP,BET der BET-Messung mit den dP,L-Werten (geometri-
scher Mittelwert) ermittelt mit dem Lasergranulometer zeigt, daß die dP,L-Werte deutlich
größer sind und auch die Gütefolge nicht mit der der BET-Messung übereinstimmt (Tab.
5). Dies ist darauf zurückzuführen, daß bei der Bestimmung der Partikelgrößen mittels
Lasergranulometer der Agglomerationszustand der Pulver die Messung beeinflußt. Daher
stellen die dP,L-Werte kein unmittelbares Maß für die Größe der WC-Kristallite dar, geben
aber Aufschluß über den Agglomerationsgrad der Pulver.

1,00
kum. Summenhäufigkeit

0,75

0,50
Starck DS40
WBH WC05D
0,25
TT WC02N
Dow WC02
0,00
0,10 1,00 10,00 100,00
Partikelgröße [µm]

Abb. 22: Kumulative Summenhäufigkeiten der Partikelgrößen der verwendeten WC-


Ausgangspulver bestimmt mittels Lasergranulometer.

Die mittels Lasergranulometer ermittelten kumulativen Summenhäufigkeiten der Partikel-


größen der agglomerierten WC-Pulver sind in Abb. 22 dargestellt. Das Pulver der Firma H.
C. Starck weist die kleinsten Partikelagglomerate auf und besitzt zudem die schmälste
Verteilung. Dagegen zeigt das WC-Pulver der Firma Dow die größten Partikelagglomerate
und eine deutlich breitere Verteilung der Partikelgrößen.
56 5 ERGEBNISSE

Abb. 23: Verwendete Wolframkarbidpulver bei unterschiedlichen Vergrößerungen (REM-


Aufnahmen, SE-Kontrast).
5 ERGEBNISSE 57

Neben der spezifischen Oberfläche und der Partikelgröße wurde zudem der Gehalt an Ge-
samtkohlenstoff (Ct-Gehalt) sowie der Gehalt an Sauerstoff (O-Gehalt) der verwendeten
WC-Pulver gemessen (siehe Tab. 5). Die Pulver weisen alle nahezu gleiche Ct-Gehalte auf
und besitzen, bis auf das Pulver der Firma H. C. Starck, ähnliche O-Gehalte. Die Kenntnis
der Ct- und O-Gehalte der Ausgangspulver ist entscheidend für die Einstellungen des
Kohlenstoffgleichgewichts während des Sinterns. Kohlenstoffmangel führt zur Bildung der
spröden η-Phase und bei Kohlenstoffüberschuß kommt es zum verstärkten Wolframkar-
bidwachstum und zur Ausscheidung von unerwünschtem freien Graphit.

5.2 Mikrostrukturelle Untersuchungen der ultrafeinkörnigen


Hartmetalle
5.2.1 Gefügecharakterisierung
Aus der metallographischen Untersuchung der Mikrostruktur der ultrafeinkörnigen Hart-
metalle mittels Lichtmikroskopie nach DIN ISO 4499, sowie der Bestimmung der Porosität
und des freien Kohlenstoffs nach DIN ISO 4505, ergaben sich die folgenden Ergebnisse.
Alle untersuchten Hartmetalle wiesen eine nahezu homogene Binderverteilung auf. Nur bei
den Hartmetallen 65 und 66, mit extrem hohen Bindergehalten, traten vereinzelt größere
Binderinseln auf. Dagegen wurde bei mehreren Hartmetallen diskontinuierliches Wolf-
ramkarbidwachstum beobachtet, welches sich durch sporadisch auftretende Grobkörner
(siehe Abb. 24) bis zu einigen Micrometern auszeichnet (Tab. 6).

Abb. 24: Hartmetallgefüge (Hartmetall 64) mit diskontinuierlichem Wolframkarbid-


wachstum (LM-Aufnahmen, Interferenzkontrast).

Durch Drucksintern bzw. heißisostatisches Nachverdichten konnte die geschlossene Poro-


sität der Hartmetalle weitestgehend abgebaut werden. Alle hergestellten Hartmetalle besa-
ßen eine Porosität < A02 und wiesen keine Makroporen (B-Porosität) auf (Tab. 6). Selbst
ultrafeinkörnige Hartmetalle mit einem Bindephasengehalt unter 4 Gew.% konnten im
58 5 ERGEBNISSE

Rahmen des Projekts durch nachträgliches heißisostatisches Nachverdichten bis zu einer


Restporosität < A02 verdichtet werden.
Die untersuchten Hartmetalle waren frei von spröder η-Phase, zeigten also keine Anzei-
chen von Unterkohlung. Dagegen kam es durch Überkohlung bei einigen wenigen Hart-
metallen zur Ausscheidung von freiem Graphit (Tab. 6). Dies konnte mittels Lichtmikro-
skopie durch fein verteilte, sternförmig angeordnete C-Ausscheidungen nachgewiesen
werden (vergleiche Abb. 25).

Abb. 25: C-Ausscheidungen (Hartmetall 63) bei unterschiedlichen Vergrößerungen (LM-


Aufnahmen, Interferenzkontrast).

Die nachfolgenden Abbildungen zeigen rasterelektronenmikroskopische Aufnahmen im


Sekundärelektronenkontrast der untersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle. In Abb. 26
sind die Aufnahmen der kommerziell erhältlichen Standardhartmetalle K40U und K50M,
die sich in der Korngrößenverteilung der WC-Ausgangspulver unterscheiden, aber gleiche
Bindergehalte (10 Gew.% Co-Binder) besitzen, dargestellt.

Abb. 26: Gefüge der ultrafeinkörnigen Standardhartmetalle K40U und K50M (10 Gew.%
Co-Binder) im Querschliff (REM-Aufnahme, SE-Kontrast).
5 ERGEBNISSE 59

Das Gefüge des gesinterten Hartmetalls K40U weist eine enge, gleichmäßige Verteilung
der WC-Korngrößen auf, im Gegensatz zu Hartmetall K50M, welches deutliche Unter-
schiede in der Größe der einzelnen Wolframkarbidkörner zeigt. Die Co-Bindephase ist in
beiden Hartmetallen weitestgehend homogen verteilt.
Die Hartmetalle 44, 45, 46 und 50, deren Aufnahmen in Abb. 27 abgebildet sind, unter-
scheiden sich durch die eingesetzten WC-Ausgangspulver von verschiedenen Herstellern,
bei sonst gleicher nomineller Zusammensetzung (vergleiche Tab. 1). Hartmetall 44 und 45
weisen eine homogene Mikrostruktur mit den typischen drei- und viereckigen Körnern des
hexagonalen Wolframkarbids auf. Die Mikrostruktur der beiden Hartmetalle 46 und 50
erscheint feiner, wobei bei Hartmetall 46 geringfügige Inhomogenitäten in der Binderver-
teilung zu sehen sind.

Abb. 27: Gefüge der ultrafeinkörnigen Hartmetalle 44, 45, 46 und 50, die unterschiedliche
WC-Ausgangspulver besitzen, im Querschliff (REM-Aufnahme, SE-Kontrast).

In der nachfolgenden Abb. 28 sind die Gefüge der Hartmetalle 47 und 48, die sich in der
Zugabe an Kohlenstoff unterscheiden, dargestellt. Dem Hartmetallansatz 47 wurden bei
der Einwaage 0,10 Gew.% Kohlenstoff und dem Ansatz 48 wurden 0,13 Gew.% zugege-
ben. Bei beiden Hartmetallen konnten mittels Lichtmikroskopie weder η-Phase noch C-
60 5 ERGEBNISSE

Ausscheidungen nachgewiesen werden, was dafür spricht, daß es während des Sinterns
nicht zu einer Unter- bzw. Überkohlung kam. Die Gefügeaufnahmen der beiden Hartme-
talle zeigen keine merklichen Unterschiede, weisen aber eine deutliche Tendenz zu selekti-
vem Kornwachstum der Wolframkarbidphase auf, was in Übereinstimmung mit den licht-
mikroskopischen Untersuchungen steht (Tab. 6). Das Auftreten von Grobkörnern könnte
auf den Gehalt und die Zusammensetzung des Inhibitors dieser Hartmetalle zurückzufüh-
ren sein. Bei beiden Hartmetallen wurde ausschließlich Cr3C2 als Inhibitor verwendet, im
Gegensatz zu den Hartmetallen 44, 45, 46 und 50, bei denen eine Mischung aus Cr3C2 und
VC als Inhibitor eingesetzt wurde. Durch Zugabe von VC kann das Kornwachstum der
Wolframkarbide besser unterdrückt werden und zudem die Härte der Hartmetalle gestei-
gert werden. Die Zugabe von Cr3C2 als Kornwachstumshemmer verbessert dagegen die
Festigkeit der Hartmetalle [Egam89, Spri95].

Abb. 28: Gefüge der ultrafeinkörnigen Hartmetalle 47 und 48, die sich hinsichtlich der
Zugabe von Kohlenstoff unterscheiden, im Querschliff (REM-Aufnahme, SE-
Kontrast).

Abb. 29 zeigt die Gefüge der Hartmetalle 63, 64 und 62 mit extremen Co-Bindergehalten
von 2 Gew.%, 3 Gew.% und 25 Gew.%. Für alle drei Hartmetalle wurden das gleiche WC-
Ausgangspulver der Firma Tokyo Tungsten und der selbe VC-Inhibitorgehalt benutzt.
Trotz des gleichen WC-Pulvers zeigen die Hartmetalle 63 und 64 im Vergleich zu Hart-
metall 62 eine höhere mittlere WC-Korngröße und selektives Kornwachstum. Ein Grund
hierfür ist die höhere Sintertemperatur, die auf Grund der geringen Bindergehalte gewählt
werden mußte. Zudem weisen die beiden Hartmetalle mit niedrigen Bindergehalten C-
Ausscheidungen auf, die auf Kohlenstoffüberschuß zurückzuführen sind, was ebenfalls
zum verstärkten Wolframkarbidwachstum führt [Rich97].
Im Gefüge des Hartmetalls 62 treten aufgrund des hohen Bindergehalts große zusammen-
hängende Bindephaseninseln auf, in die stellenweise einzelne isolierte Wolframkarbide
eingelagert sind. Dies bedeutet, daß der Grad der Skelettausbildung der Hartstoffphase,
5 ERGEBNISSE 61

d.h. die Kontiguität, bei hohen Bindergehalten deutlich geringer ausfällt. Dagegen zeigen
die binderarmen Hartmetalle einen hohen Skelettierungsgrad der Wolframkarbidphase,
aufgrund der hohen Anzahl an Karbid-Karbid-Kontakten.

Abb. 29: Gefüge der ultrafeinkörnigen Hartmetalle 63, 64 und 62, die Co-Bindergehalte
von 2 Gew.%, 3 Gew.% und 25 Gew.% besitzen, im Querschliff (REM-
Aufnahme, SE-Kontrast).

In Abb. 30 sind Aufnahmen der Mikrostruktur der Hartmetalle 56, 55 und 53, die Binder-
gehalt von 4 Gew.%, 7,5 Gew.% und 10 Gew.% mit nahezu gleicher Fe-Co-Ni-
Binderzusammensetzung besitzen, dargestellt. Alle Hartmetalle zeigen eine homogene
Verteilung der Bindephase unabhängig vom Bindergehalt. Zudem ist bei den Hartmetallen
56 und 55 eine gleichmäßige, relativ schmale Verteilung der WC-Korngrößen zu beo-
bachten. Hartmetall 53 weist dagegen eine breitere Korngößenverteilung auf, mit der Ten-
denz zu selektivem Konrwachstum der Wolframkarbidphase.
Ein Vergleich der Hartmetalle mit alternativen Bindersystemen und den Hartmetallen mit
reinem Kobaltbinder zeigt zunächst keinen erkennbaren Einfluß der Binderzusammenset-
zung auf die Ausbildung des Gefüges während des Sinterns.
62 5 ERGEBNISSE

Abb. 30: Gefüge der ultrafeinkörnigen Hartmetalle 56, 55 und 53, die Fe-Co-Ni-
Bindergehalte von 4 Gew.%, 7,5 Gew.% und 10 Gew.% mit ähnlicher Binderzu-
sammensetzung besitzen, im Querschliff (REM-Aufnahme, SE-Kontrast).

Die ultrafeinkörnigen Hartmetalle 54, 61 und 60 enthalten alternative Bindersysteme mit


unterschiedlicher Zusammensetzung. Dennoch unterscheidet sich das Gefüge des Hartme-
talls 54 mit Fe-Co-Binder nur unwesentlich vom Gefüge des Hartmetalls 61 mit Fe-Ni-
Binder (Abb. 31). Beide Hartmetalle zeigen eine homogene Binderverteilung und besitzen
eine relativ kleine mittlere WC-Sehnenlänge. Dagegen weist Hartmetall 60 mit Ni-Co-Cr-
Bindersystem eine deutlich gröbere Mikrostruktur auf, trotz der Verwendung des gleichen
WC-Ausgangspulvers und des gleichen Inhibitorgehalts wie bei Hartmetall 54 und 61. Bei
Hartmetall 60 ist es also zu globalem WC-Kornwachstum, bei gleichzeitigem Auftreten
von einzelnen Grobkörnern, gekommen. Grund hierfür ist das Fehlen von Eisen im Binder-
system, wodurch die kornwachstumshemmende Wirkung des alternativen Bindersystems
vermindert wird. Die bei diesem Hartmetall mittels Lichtmikroskopie nachgewiesenen C-
Ausscheidungen sprechen für eine Überkohlung, die ebenfalls zum globalen Kornwachs-
tum der Wolframkarbidphase beiträgt.
5 ERGEBNISSE 63

Abb. 31: Gefüge der ultrafeinkörnigen Hartmetalle 54, 61 und 60, die unterschiedliche
alternative Bindersysteme (10 Gew.% Bindergehalt) besitzen, im Querschliff
(REM-Aufnahme, SE-Kontrast).

In den nachfolgenden rasterelektronischen Aufnahmen in Abb. 32 sind die Gefüge der


Hartmetalle 57, 58, 59, 65 und 66 abgebildet. Hartmetall 57, 58 und 59 besitzen einen Fe-
Co-Ni-Binder mit 12,5 Gew.%, 15 Gew.% und 17,5 Gew.% Bindergehalt, im Gegensatz
zu den Hartmetallen 65 und 66 mit Fe-Ni-Co-Binder mit 25 Gew.% und 30 Gew.% Bin-
dergehalt. Zwischen den Hartmetallen mit Fe-Co-Ni- bzw. Fe-Ni-Co-Bindersystemen sind
anhand der Aufnahmen keine sichtbaren Auswirkungen der Binderzusammensetzung auf
die Gefügeausbildung erkennbar. So besitzen alle Hartmetalle eine gleichmäßige Vertei-
lung der WC-Korngrößen, ohne das Auftreten von Grobkörnern. Die quantitative Gefüge-
analyse wird zeigen (siehe Kap. 5.2.2), daß mit zunehmendem Bindergehalt eine Zunahme
der mittleren WC-Korngröße zu beobachten ist. Dies ist darauf zurückzuführen, daß bei
allen Hartmetallen die gleiche Menge an Inhibitor eingewogen wurde. Somit verteilt sich
die gleiche Menge an Inhibitor auf ein größeres Volumen an Binder, was die kornwachs-
tumshemmende Wirkung des Inhibitors vermindert.
Die Hartmetalle in Abb. 32 besitzen eine homogene Bindephasenverteilung, bis auf Hart-
metall 66, welches aufgrund des sehr hohen Bindergehalts große zusammenhängende Bin-
64 5 ERGEBNISSE

dephaseninseln aufweist. Wie bei den Hartmetallen mit extremen Co-Bindergehalten zeigt
sich auch hier, daß mit ansteigendem Bindergehalt die Kontiguität des Wolframkarbidge-
rüsts abnimmt.

Abb. 32: Gefüge der ultrafeinkörnigen Hartmetalle 57, 58, 59 bzw. 65, 66, die Fe-Co-Ni-
Bindergehalte von 12,5 Gew.%, 15 Gew.%, 17,5 Gew.% bzw. Fe-Ni-Co-
Bindergehalte von 25 Gew.%, 30 Gew.% besitzen, im Querschliff (REM-
Aufnahme, SE-Kontrast).
5 ERGEBNISSE 65

Tab. 6: Ergebnisse der Gefügecharakterisierung hinsichtlich WC-Grobkörnern, Porosität


und C-Ausscheidungen.
Binder- Porosität /
Hartmetall WC- WC-
zusammensetzung C-Ausscheidung
≡ Ansatz Ausgangspulver Grobkörner
[Gew.%] A B C

K40U ohne Angabe 10 Co - < 02 00 00


K50M ohne Angabe 10 Co - < 02 00 00
44 Starck, DS40 10 Co - < 02 00 00
45 WBH, WC05D 10 Co - < 02 00 00
46 Dow, WC02 10 Co - < 02 00 00
50 TT, WC02N 10 Co bis 2 µm < 02 00 02 - 04
47 TT, WC02N 10 Co bis 4 µm < 02 00 00
48 TT, WC02N 10 Co bis 3 µm < 02 00 00
63 TT, WC02NR 2 Co bis 3 µm < 02 00 02 - 04
64 TT, WC02NR 3 Co bis 5 µm < 02 00 04 - 06
62 TT, WC02NR 25 Co - < 02 00 00
56 TT, WC02NR 4 FeCoNi - < 02 00 00
55 TT, WC02NR 7,5 FeCoNi - < 02 00 02 - 04
53 TT, WC02NR 10 FeCoNi bis 3 µm < 02 00 00
54 TT, WC02NR 10 FeCo bis 2 µm < 02 00 00
61 TT, WC02NR 10 FeNi - < 02 00 00
60 TT, WC02NR 10 NiCoCr bis 4 µm < 02 00 06
57 TT, WC02NR 12,5 FeCoNi - < 02 00 00
58 TT, WC02NR 15 FeCoNi - < 02 00 00
59 TT, WC02NR 17,5 FeCoNi - < 02 00 00
65 TT, WC02NR 25 FeNiCo - < 02 00 00
66 TT, WC02NR 30 FeNiCo - < 02 00 00
66 5 ERGEBNISSE

5.2.2 Quantitative Gefügeanalyse


Eine quantitative Gefügeauswertung hinsichtlich der WC-Sehnenlängen wurde zunächst
am ultrafeinkörnigen Standardhartmetall K40U anhand von REM-Aufnahmen und TEM-
Montagen durchgeführt (Abb. 33). Hierbei sollte festgestellt werden, ob die maximal er-
reichbare 15.000-fache Vergrößerung am Rasterelektronenmikroskop ausreichend für eine
differenzierende quantitative Gefügeanalyse der zu untersuchenden ultrafeinkörnigen
Hartmetalle ist. Die maximale Vergrößerung bei angemessener Bildqualität am Raster-
elektronenmikroskop ist zum einen begrenzt durch die relativ geringe elektrische Leitfä-
higkeit der Hartmetalle und zum anderen durch das verwendete Rasterelektronenmikro-
skop (vergleiche Kap. 4.2.2). Um die Aussagekraft der Gefügeauswertung an REM-
Aufnahmen zu prüfen, wurden TEM-Aufnahmen bei deutlich höherer Vergrößerung er-
stellt und ebenfalls mittels Schnittlinienverfahren ausgewertet. Anschließend wurden die
kumulativen Summenhäufigkeitskurven Fkum der WC-Sehnenlängen miteinander vergli-
chen.

Abb. 33: Gefüge des Standardhartmetalls K40U abgebildet anhand von Ausschnitten aus
REM-Aufnahmen (15.000-fache Vergrößerung) und TEM-Hellfeldmontagen
(36.000-fache Vergrößerung).

Abb. 34 zeigt, daß die Übereinstimmung der Fkum-Kurven der WC-Sehnenlängen, ermittelt
an REM- und TEM-Aufnahmen, sehr gut ist. Bei extrem kleinen WC-Körnern ist, wie zu
erwarten, die Auswertung von TEM-Hellfeldmontagen, aufgrund des deutlich besseren
Auflösungsvermögens des Transmissionselektronenmikroskops, exakter. Dies macht sich
dadurch bemerkbar, daß die Fkum-Kurve ermittelt an TEM-Montagen einen größeren Anteil
an kleinen WC-Sehnenlängen aufweist. Da die Probenpräparation für TEM-
5 ERGEBNISSE 67

Untersuchungen sowie das Anfertigen von TEM-Montagen äußerst aufwendig ist, die
Übereinstimmung der Fkum-Kurven, ermittelt an REM- und TEM-Bildern, aber sehr gut ist,
wurde die Gefügeanalyse der ultrafeinkörnigen Hartmetalle an Hand von REM-
Aufnahmen als ausreichend genau befunden.

1,00
lWC bestimmt mittels REM
lWC bestimmt mittels TEM
0,75
Fkum

0,50

0,25

0,00
0,01 0,10 1,00
WC-Sehnenlänge l WC [µm]

Abb. 34: Vergleich der kumulativen Summenhäufigkeiten Fkum der WC-Sehnenlängen lWC
ermittelt anhand von REM-Aufnahmen und TEM-Montagen.

Die im Folgenden dargestellten mikrostrukturellen Parameter wurden alle an REM-


Aufnahmen von Querschliffen der zu untersuchenden Hartmetalle, die die in Tab. 4 darge-
stellte Probenpräparation durchlaufen haben, ermittelt. Aus den gemessenen Sehnenlängen
wurden die arithmetischen Mittelwerte der Wolframkarbidphase LWC als Maß für die WC-
Korngröße und der Bindephase LBi sowie deren Standardabweichungen bestimmt (Tab. 7).
Die Verteilung der gemessenen Sehnenlängen kann mit der logarithmischen Normalver-
teilung sehr gut angenähert werden:
(ln x −ln µ )2
1 −
f (ln x) = ⋅e 2σ 2
Gl. 25
σ ⋅ 2π
wobei µ der Erwartungswert und σ die Varianz der Verteilung sind. Zur Charakterisierung
der Sehnenlängenverteilung wurde aus den Kurvenverläufen der kumulativen Summenhäu-
figkeiten µ bei Fkum = 0,5 und σ bei Fkum = 0,16 bzw. Fkum = 0,84 ermittelt (siehe Tab. 7).
68 5 ERGEBNISSE

Tab. 7: Charakterisierung der Sehnenlängenverteilung der Wolframkarbid- bzw. Binde-


phase der ultrafeinkörnigen Hartmetalle durch deren arithmetischen Mittelwert
LWC bzw. LBi und die Sehnenlängen bei einer kumulativen Summenhäufigkeit von
0,16; 0,5 und 0,84.
Wolframkarbidphase Bindephase
Hartmetall LWC LBi
L0,16 L0,5 L0,84 L0,16 L0,5 L0,84
≡ Ansatz [µm] [µm]
[µm] [µm] [µm] [µm] [µm] [µm]
K40U 0,27 ± 0,13 0,10 ± 0,06 0,14 0,24 0,39 0,04 0,08 0,15
K50M 0,32 ± 0,18 0,13 ± 0,11 0,16 0,29 0,48 0,04 0,10 0,21
44 0,27 ± 0,14 0,10 ± 0,07 0,14 0,25 0,40 0,03 0,07 0,16
45 0,25 ± 0,12 0,09 ± 0,06 0,13 0,22 0,35 0,04 0,08 0,15
46 0,18 ± 0,10 0,08 ± 0,05 0,09 0,17 0,28 0,04 0,07 0,12
50 0,19 ± 0,12 0,08 ± 0,06 0,08 0,16 0,30 0,03 0,07 0,12
47 0,22 ± 0,13 0,08 ± 0,05 0,10 0,19 0,33 0,03 0,06 0,13
48 0,21 ± 0,14 0,09 ± 0,07 0,10 0,18 0,33 0,04 0,07 0,15
63 0,32 ± 0,19 0,06 ± 0,04 0,15 0,27 0,48 0,03 0,05 0,09
64 0,30 ± 0,16 0,06 ± 0,04 0,16 0,26 0,43 0,03 0,05 0,09
62 0,26 ± 0,15 0,23 ± 0,21 0,13 0,23 0,40 0,08 0,16 0,37
56 0,23 ± 0,12 0,06 ± 0,04 0,12 0,21 0,33 0,03 0,05 0,09
55 0,21 ± 0,12 0,07 ± 0,04 0,11 0,18 0,33 0,04 0,06 0,10
53 0,27 ± 0,16 0,08 ± 0,06 0,14 0,24 0,39 0,04 0,07 0,13
54 0,20 ± 0,11 0,07 ± 0,04 0,10 0,17 0,29 0,04 0,06 0,11
61 0,21 ± 0,13 0,10 ± 0,07 0,10 0,18 0,33 0,04 0,08 0,16
60 0,34 ± 0,20 0,12 ± 0,08 0,16 0,29 0,51 0,04 0,10 0,19
57 0,17 ± 0,10 0,09 ± 0,06 0,08 0,15 0,26 0,04 0,07 0,14
58 0,18 ± 0,11 0,11 ± 0,08 0,08 0,16 0,28 0,04 0,09 0,19
59 0,19 ± 0,11 0,12 ± 0,08 0,09 0,16 0,29 0,04 0,09 0,18
65 0,20 ± 0,13 0,14 ± 0,11 0,08 0,16 0,30 0,05 0,11 0,22
66 0,23 ± 0,12 0,27 ± 0,30 0,11 0,20 0,33 0,08 0,16 0,46
5 ERGEBNISSE 69

Die nachfolgenden Abb. 35 bis Abb. 40 zeigen die Auftragung von kumulativen Summen-
häufigkeiten Fkum über den gemessenen Sehnenlängen beispielhaft für verschiedene ultra-
feinkörnige Hartmetalle. Die Summenhäufigkeitskurven der WC- bzw. Binder-
Sehnenlängen wurden unabhängig voneinander gemessen. Abb. 35 zeigt, daß das Stan-
dardhartmetall K40U im Vergleich zu K50M eine feinere Mikrostruktur aufweist, was sich
dadurch äußert, daß die Summenhäufigkeitskurven von K40U links von den Kurven von
K50M liegen. Des weiteren besitzt K40U eine schmälere Korngrößenverteilung, erkennbar
am steileren Kurvenverlauf der WC-Sehnenlängen (vergleiche auch Tab. 7). Außerdem
kann festgestellt werden, daß sich entsprechend einer kleinen mittleren WC-Korngröße der
Binder im Hartmetall feiner verteilt, was sich in kleineren freien Weglängen an Binder, bei
gleichem Bindergehalt, äußert. Die engere Korngrößenverteilung des WC-
Ausgangspulvers von K40U resultiert also in einer feineren Mikrostruktur des gesinterten
Hartmetalls.

1,00
K40U mit 10 Gew.% Co-Binder
K50M mit 10 Gew.% Co-Binder
0,75

Co-Sehnenlängen
Fkum

0,50

WC-Sehnenlängen
0,25

0,00
0,01 0,10 1,00
Sehnenlänge lWC, lBi [µm]

Abb. 35: Kumulative Summenhäufigkeit Fkum der Sehnenlängen lWC und lBi der ultrafein-
körnigen Standardhartmetalle K40U und K50M.

Ein Problem beim Sintern von feinstkörnigen WC-Co-Pulvern ist die ausgeprägte Tendenz
zu globalem Kornwachstum während aller Sinterphasen sowie das Auftreten von lokalem
Kornwachstum, was eine der wichtigsten Eigenschaften der ultrafeinkörnigen Hartmetalle,
die hohe Festigkeit, beeinträchtigt [Rich97]. Die höchsten Festigkeiten werden daher von
Hartmetallen erwartet, die im gesinterten Zustand eine kleine mittlere WC-Sehnenlänge
aufweisen und eine möglichst schmale Sehnenlängenverteilung besitzen. Eine schmale
70 5 ERGEBNISSE

Verteilung der WC-Sehnenlängen ist ein Hinweis darauf, daß diskontinuierliches Korn-
wachstum während des Sinterns nicht oder nur im geringen Umfang stattgefunden hat.
Der Vergleich der kumulativen Summenhäufigkeiten der WC-Sehnenlängen von Hartme-
tallen mit WC-Ausgangspulvern von verschiedenen Herstellern bei sonst gleicher nomi-
neller Zusammensetzung (Abb. 36) liefert einen ersten Anhaltspunkt für das zu erwartende
Potential der Hartmetalle hinsichtlich ihrer Festigkeit.
Hartmetall 46 und 50 besitzen die kleinsten mittleren WC-Sehnenlängen im gesinterten
Zustand, während die Summenhäufigkeitskurven der Hartmetalle 44 und 45 nach rechts zu
größeren WC-Sehnenlängen verschoben sind. Hartmetall 50 weist die breiteste Verteilung,
gefolgt von Hartmetall 46, auf. Die schmälste Verteilung besitzt Hartmetall 45. Diese
deutlichen Unterschiede in den Verteilungskurven der WC-Sehnenlängen sind auf die un-
terschiedlichen WC-Ausgangspulver zurückzuführen.
Des weiteren kann festgestellt werden, daß die kumulativen Summenhäufigkeiten der Par-
tikelgrößen der verwendeten WC-Ausgangspulver ermittelt mittels Lasergranulometer
(Abb. 22) nicht mit den Summenhäufigkeitskurven der gemessenen WC-Sehnenlängen im
gesinterten Zustand korrelieren. Dies ist darauf zurückzuführen, daß mit dem Lasergranu-
lometer nur Agglomerationszustände der Pulver gemessen werden, nicht aber deren Kri-
stallitgröße. Dagegen ist zwischen den Partikelgrößen bestimmt mittels BET-Methode
(Tab. 5) und den gemessenen WC-Korngrößen im gesinterten Zustand eine Korrelation zu
erkennen.

1,00
Starck, DS40 (HM 44)
WBH, WC05D (HM 45)
0,75
Dow, WC02 (HM 46) Starck
TT, WC02N (HM 50) WBH
Fkum

0,50

Dow
0,25
TT

0,00
0,01 0,10 1,00
WC-Sehnenlänge l WC [µm]

Abb. 36: Kumulative Summenhäufigkeit Fkum der Sehnenlängen lWC der ultrafeinkörnigen
Hartmetalle mit unterschiedlichen WC-Ausgangspulvern.
5 ERGEBNISSE 71

Die Variation des Kohlenstoffgehalts durch Zugabe von freiem Kohlenstoff von 0,10 bzw.
0,13 Gew.% zu den Hartmetallansätzen zeigt keine Auswirkung auf die WC-
Korngrößenverteilung der gesinterten Hartmetalle (Abb. 37). So weisen Hartmetall 47 und
48 nahezu deckungsgleiche kumulative Summenhäufigkeitskurven der WC-Sehnenlängen
auf. Die geringfügige Abweichung der beiden Verteilungskurven der Co-Sehnenlängen
liegt in Meßungenauigkeiten bei der Bestimmung der äußerst kleinen freien Weglängen an
Binder begründet. Dennoch ist die Einstellung des richtigen Kohlenstoffhaushalts von gro-
ßer Bedeutung für die mechanischen Eigenschaften und die Ausbildung der Mikrosturktur
der Hartmetalle.

1,00
0,10 Gew.% C-Gehalt (HM 47)
0,13 Gew.% C-Gehalt (HM 48)
0,75

Co-Sehnenlängen
Fkum

0,50
WC-Sehnenlängen

0,25

0,00
0,01 0,10 1,00
Sehnenlänge l WC, lBi [µm]

Abb. 37: Kumulative Summenhäufigkeit Fkum der Sehnenlängen lWC und lBi der ultrafein-
körnigen Hartmetalle mit unterschiedlicher Zugabe an Kohlenstoff.

Abb. 38 zeigt den Vergleich der kumulativen Summenhäufigkeiten der gemessenen Seh-
nenlängen zweier Hartmetalle mit unterschiedlichen Bindersystemen bei Verwendung des
gleichen WC-Ausgangspulvers und Inhibitorgehalts. Deutlich ist die kornwachstumshem-
mende Wirkung des Fe-Ni-Co-Binders im Vergleich zum Co-Binder zu erkennen, da die
Verteilungskurve der WC-Sehnenlängen des Hartmetalls mit alternativem Bindersystem
deutlich nach links zu kleineren Sehnenlängen verschoben ist. Die Breite der WC-
Verteilungskurven ändert sich im Rahmen der Meßgenauigkeit nicht. Grund für die korn-
wachstumshemmende Wirkung des Fe-Ni-Co-Binders ist die geringe Löslichkeit von
Wolframkarbid im Binder, die der Neigung zur Kornvergröberung während des Sinterns
entgegenwirkt [Prak79].
72 5 ERGEBNISSE

Entsprechend der kleineren WC-Korngrößen des Hartmetalls 65 ist der Binder im Gefüge
feiner verteilt. Aufgrund der hohen Bindergehalte von 25 Gew.% kommt es in beiden
Hartmetallen zu Inhomogenitäten in der Bindephasenverteilung, was sich im relativ fla-
chen Kurvenverlauf der kumulativen Summenhäufigkeit der Binder-Sehnenlängen wider-
spiegelt.

1,00
25 Gew.% Co-Binder (HM 62)
25 Gew.% FeNiCo-Binder (HM 65)
0,75

Binder-Sehnenlängen
Fkum

0,50

WC-Sehnenlängen
0,25

0,00
0,01 0,10 1,00
Sehnenlänge lWC, lBi [µm]

Abb. 38: Kumulative Summenhäufigkeit Fkum der Sehnenlängen lWC und lBi der ultrafein-
körnigen Hartmetalle mit unterschiedlichen Bindersystemen.

Der Einfluß der Zusammensetzung der alternativen Bindersysteme auf die Mikrostruktur
der ultrafeinkörnigen Hartmetalle wird am Beispiel von Abb. 39 ersichtlich. Hartmetall 54
und 61 besitzen annähernd gleiche arithmetische Mittelwerte für die WC-Korngrößen
(Tab. 7), sie unterscheiden sich aber in der Breite der Verteilungskurven der WC-
Sehnenlängen. So weist Hartmetall 54 mit Fe-Co-Binder im Vergleich zu Hartmetall 61
mit Fe-Ni-Binder eine schmälere Verteilungsbreite auf (vergleiche Tab. 7). Hieraus kann
geschlossen werden, daß Co im Vergleich zu Ni die Tendenz zu selektivem Kornwachstum
besser unterdrückt. Ursache dafür könnte das unterschiedliche Lösungsverhalten des Wolf-
ramkarbids in der Bindephase sein, wobei mit abnehmender Löslichkeit des Wolframkar-
bids im Binder dessen kornwachstumshemmende Wirkung zunimmt. Nach Flurschütz
[Flur62] hat Ni die höchste Löslichkeit von Wolframkarbid bei Raumtemperatur und Co
die höchste Löslichkeit bei hohen Temperaturen. Die WC-Löslichkeit in Fe ist dagegen
sowohl bei Raumtemperatur als auch bei hohen Temperaturen am geringsten.
5 ERGEBNISSE 73

Die Summenhäufigkeitskurven der Binder-Sehnenlängen sind nahezu parallel zu kleineren


Werten verschoben und weisen im Rahmen der Meßgenauigkeit ähnliche Streubreiten wie
die WC-Verteilungskurven auf.

1,00
10 Gew.% FeCo (HM 54)
10 Gew.% FeNi (HM 61)
0,75

Binder-Sehnenlängen
Fkum

0,50

WC-Sehnenlängen
0,25

0,00
0,01 0,10 1,00
Sehnenlänge l WC, l Bi [µm]

Abb. 39: Kumulative Summenhäufigkeit Fkum der Sehnenlängen lWC und lBi der ultrafein-
körnigen Hartmetalle mit unterschiedlicher Binderzusammensetzung.

In Abb. 40 sind die kumulativen Summenhäufigkeitskurven der WC-Sehnenlängen dreier


Hartmetalle, die sich im Bindergehalt unterscheiden, aufgetragen. Wie aus Tab. 7 ersicht-
lich ist und auch zu erwarten war, nimmt mit steigendem Bindergehalt die freie Weglänge
an Binder zu. Es zeigt sich aber auch, daß mit zunehmendem Gehalt an Binder, bei sonst
gleicher Zusammensetzung und gleichen Sinterbedingungen, die Sehnenlängen des Wolf-
ramkarbids geringfügig zunehmen. Dies ist darauf zurückzuführen, daß sich die gleiche
Menge an eingewogenem Inhibitor auf ein größeres Volumen an Binder verteilt und sich
damit die Wirkung des Inhibitors als Kornwachstumshemmer vermindert. Damit kommt es
bei zunehmendem Bindergehalt zu geringfügigem globalen Kornwachstum, was sich in der
parallelen Verschiebung der Summenhäufigkeitskurven nach rechts, hin zu größeren Wer-
ten, äußert.
74 5 ERGEBNISSE

1,00

12,5 Gew.% FeCoNi-Binder (HM 57)


0,75 15,0 Gew.% FeCoNi-Binder (HM 58)
17,5 Gew.% FeCoNi-Binder (HM 59)
Fkum

0,50

0,25

0,00
0,01 0,10 1,00
WC-Sehnenlänge l WC [µm]

Abb. 40: Kumulative Summenhäufigkeit Fkum der Sehnenlängen lWC der ultrafeinkörnigen
Hartmetalle mit unterschiedlichen Bindergehalten.

Abschließend sind in Tab. 8 weitere Parameter zur Charakterisierung der Mikrostruktur der
ultrafeinkörnigen Hartmetalle dargestellt. Der theoretische Volumenbruchteil der Binde-
phase VBi wurde über die Dichte28 der einzelnen eingewogenen Bindermetalle (Fe, Co, Ni),
ohne Berücksichtigung der Zugabe an Inhibitor, ermittelt. Im Vergleich dazu wurde der
Volumenanteil des Binders über das Schnittlinienverfahren aus den gemessenen Sehnen-
längen durch Gl. 9 bestimmt (siehe Kab. 4.2.4). Zudem ist die Kontiguität K der Hartstoff-
phase nach [Gurl84] angegeben.
Die Übereinstimmung der theoretischen und gemessenen Volumenanteile der Bindephase
ist gut und spricht für die hohe Güte der quantitativen Gefügeanalyse anhand der REM-
Aufnahmen. Daß die gemessenen Binderanteile jedoch in der Mehrzahl der untersuchten
Hartmetalle niedriger liegen als die theoretisch berechneten Werte, kann damit erklärt wer-
den, daß sehr kleine Binder-Sehnenlängen nur unzureichend erfaßt wurden (systematischer
Meßfehler). Weiterhin kann festgestellt werden, daß durch die geringere Dichte28 der alter-
nativen Bindersysteme mit Fe, abhängig von deren Zusammensetzung, diese bei gleichem
Gewichtsanteil einen höheren Volumenanteil als Co-Binder besitzen.
Tab. 8 zeigt, daß mit abnehmendem Bindergehalt die Kontiguität K des Karbidgerüsts an-
steigt, da das Verhältnis der WC-WC-Korngrenzflächen zur gesamten Korngrenzfläche
stark zunimmt. Strebt der Bindergehalt gegen null, so daß nur noch WC-WC-Korngrenzen
existieren, dann nähert sich die Kontiguität dem höchst Wert von eins an.

28
Dichten: ρ(Fe) = 7,86 g/cm³; ρ(Co) = 8,90 g/cm³; ρ(Ni) = 8,90 g/cm³ [Stöc00]
5 ERGEBNISSE 75

Tab. 8: Zusammenfassende Darstellung weiterer Parameter zur Charakterisierung der


Mikrostruktur der ultrafeinkörnigen Hartmetalle.
Binder-
Hartmetall WC- theo. VBi gemessen VBi
zusammensetzung K
≡ Ansatz Ausgangspulver [Vol.%] [Vol.%]
[Gew.%]
K40U ohne Angabe 10 Co 16,39 15,91 0,47
K50M ohne Angabe 10 Co 16,39 17,52 0,46
44 Starck, DS40 10 Co 16,39 14,10 0,54
45 WBH, WC05D 10 Co 16,39 17,70 0,43
46 Dow, WC02 10 Co 16,39 15,86 0,57
50 TT, WC02N 10 Co 16,39 15,61 0,54
47 TT, WC02N 10 Co 16,39 15,66 0,49
48 TT, WC02N 10 Co 16,39 16,69 0,55
63 TT, WC02NR 2 Co 3,47 4,45 0,75
64 TT, WC02NR 3 Co 5,17 6,63 0,66
62 TT, WC02NR 25 Co 37,02 35,38 0,37
56 TT, WC02NR 4 FeCoNi 7,35 7,39 0,69
55 TT, WC02NR 7,5 FeCoNi 13,44 13,11 0,55
53 TT, WC02NR 10 FeCoNi 17,46 13,49 0,49
54 TT, WC02NR 10 FeCo 17,81 17,63 0,42
61 TT, WC02NR 10 FeNi 17,81 20,91 0,43
60 TT, WC02NR 10 NiCoCr 16,42 16,78 0,43
57 TT, WC02NR 12,5 FeCoNi 21,59 21,98 0,46
58 TT, WC02NR 15 FeCoNi 25,38 27,28 0,40
59 TT, WC02NR 17,5 FeCoNi 29,02 29,26 0,32
65 TT, WC02NR 25 FeNiCo 39,12 32,60 0,33
66 TT, WC02NR 30 FeNiCo 45,24 48,65 0,21
76 5 ERGEBNISSE

5.2.3 Fraktographie
Die nachfolgenden Abbildungen zeigen REM-Aufnahmen im Sekundärelektronenkontrast
von charakteristischen Bruchflächen der ultrafeinkörnigen Hartmetalle nach unterschiedli-
cher mechanischer Biegebeanspruchung.

Abb. 41: Bruchflächen des Hartmetalls 62 (25 Gew.% Co-Binder) aus dem Bereich der
Druck- und Zugseite nach monoton ansteigender Biegebelastung.
5 ERGEBNISSE 77

In Abb. 41 sind am Beispiel des Hartmetalls 62 die Aufnahmen von Bruchflächen, aufge-
nommen im Bereich der Druck- und Zugseite, nach monoton ansteigender Biegebelastung
dargestellt. Bei geringer Vergrößerung sind auf den Aufnahmen der Bruchfläche der
Druckseite dunkle Streifen (senkrecht zur Probenoberfläche) zu erkennen, die darauf hin-
deuten, daß es unter Druckbelastung zur Verschmierung der Bindephase auf der Bruchflä-
che kommt. Bestätigt wird dies bei höherer Vergrößerung, wo deutlich Bindephasenan-
sammlungen mit eingelagerten WC-Körnern zu erkennen sind. Auf der Zugseite sind diese
dunklen Bereiche nicht zu beobachten. Hier kommt es im Gegensatz zur Druckseite beim
Versagen der Bindephase zur Ausbildung einer typischen, aus Bindephasenligamenten
bestehenden Näpfchenstruktur. Diese Näpfchenstruktur ist bei hoher Vergrößerung anhand
der feinen Stege der plastisch deformierten Bindephase (erscheinen wegen Kantenüber-
strahlung im REM hell) zu erahnen.

Abb. 42: Bruchflächen der Hartmetalle 48 (10 Gew.% Co-Binder) und 62 (25 Gew.% Co-
Binder) nach zyklisch wechselnder Biegebelastung.

Die Bruchflächen der ermüdeten Hartmetalle 48 und 62 weisen zwei Bereiche unter-
schiedlicher Bruchflächenmorphologie (Abb. 42) auf. Die Aufnahmen auf der linken Seite
von Abb. 42 zeigen stellenweise die Ausbildung von Bindephasenligamenten, die wieder-
78 5 ERGEBNISSE

um durch die hell erscheinenden Binderstege auf den Wolframkarbidkörnern zu erkennen


sind. Diese Bruchflächen weisen daher auf einen durch überkritische Rißausbreitung ver-
ursachten Gewaltbruch des kritischen Restquerschnitts der ermüdeten Hartmetallproben
hin. Auf den REM-Bildern der rechten Seite sind dagegen keine Bindephasenligamente zu
beobachten. Aufgrund von unterkritischer Rißausbreitung scheint die Bindephase durch
Ermüdung hier überwiegend spröde zu versagen, da Anzeichen für ein duktiles Versagen
des Binders, wie die Existenz von Bindephasenligamenten, fehlen. Diese Ergebnisse sind
in guter Übereinstimmung mit fraktographischen Beobachtungen von [Schl95, Kind99,
Erli00] an ermüdeten Hartmetallen und Cermets. Die Unterschiede der Bruchflächenmor-
phologie von Bereichen über- und unterkritischer Rißausbreitung sind aber aufgrund der
feinen Mikrostruktur der ultrafeinkörnigen Hartmetalle nur schwer zu unterscheiden.
Erste Anzeichen für unterkritische Rißausbreitung während Ermüdung bei Hartmetallen
deuten sich in Abb. 43 an, wo offensichtlich sogenannte „Schwingstreifen“ auf der Bruch-
fläche zu beobachten sind, die den stückweisen Rißfortschritt kennzeichnen.

Abb. 43: Schwingstreifen auf der Bruchfläche einer nach 46327 Zyklen (oben) und einer
nach 679 Zyklen (unten) ermüdeten Probe des Hartmetalls 62 (25 Gew.% Co-
Binder).
5 ERGEBNISSE 79

Zwischen den ultrafeinkörnigen Hartmetallen mit reinem Co-Binder und alternativen Bin-
dersystemen konnten keine Unterschiede in der Bruchflächenmorphologie nach monoton
ansteigender oder zyklisch wechselnder Biegebelastung festgestellt werden.

5.2.4 Transmissionselektronenmikroskopie
Im Folgenden werden die Ergebnisse der TEM-Untersuchungen an ausgewählten ultra-
feinkörnigen Hartmetallen im Ausgangszustand (AZ), ohne vorangegangene mechanische
Beanspruchung, und nach mechanischer Biegewechselbeanspruchung (BW) dargestellt.

Abb. 44: Mikrostruktur des Hartmetalls 47 (10 Gew.% Co-Binder) im Ausgangszustand:


HF-Aufnahme und entsprechende DF-Aufnahme im Licht eines Beugungsrefle-
xes der Co-Phase (oben); HF-Aufnahme und entsprechende Beugungsaufnahme
der Co-Phase mit zugehörigem schematischen Beugungsdiagramm aus [Will96]
(unten).
80 5 ERGEBNISSE

Abb. 45: Mikrostruktur des Hartmetalls 47 (10 Gew.% Co-Binder) im ermüdeten Zustand
(Nb = 84211 Zyklen): HF-Aufnahme und entsprechende DF-Aufnahme im Licht
eines Beugungsreflexes der Co-Phase.

Aufgrund der äußerst komplexen und zeitintensiven Probenpräparation für die TEM-
Analysen konnte nur jeweils ein ultrafeinkörniges Hartmetall mit reinem Co-Binder und
Fe-Co-Ni-Binder untersucht werden. Die Mikrostruktur des Hartmetalls 47 mit 10 Gew.%
Co-Binder ist in Abb. 44 und Abb. 45 dargestellt und zeigt keine signifikanten Änderungen
zwischen den beiden untersuchten Zuständen. Die Versetzungsdichte in den WC-Körnern
ist sowohl im Ausgangszustand als auch nach mechanischer Biegewechselbeanspruchung
sehr gering und läßt sich qualitativ nicht unterscheiden. Gleiches trifft für die Co-
Bindephase zu. Diese ist jedoch stellenweise mit Stapelfehlern durchsetzt, die sich durch
parallele, fein verteilte, dunkle Streifen auszeichnen. Aufgrund der geringen Abmessungen
der Stapelfehler war eine genaue Analyse nicht möglich.
Mittels Elektronenbeugungsexperimenten konnte im Ausgangszustand nur die kfz-
Modifikation des Kobalts nachgewiesen werden (vergleiche Abb. 44), dagegen wurde im
ermüdeten Zustand auch die hexagonale Tieftemperaturmodifikation der transformierten
Co-Bindephase gefunden (Abb. 46). Bei diesen Bereichen handelt es sich um eine Anein-
anderreihung von Stapelfehlern, die durch Abgleitung geeigneter Shockley-
Partialversetzungen auf jeder zweiten parallelen {111}-Ebene im kfz-Gitter eine größere
hexagonale Lammelle bilden [Seeg53, Sari75]. Dieses Umklappen jeder zweiten dichtest
gepackten Ebene der kfz-Struktur in die Stapelfehlerposition bewirkt die martensitische
Umwandlung des Kobalts in die hexagonale Tieftemperaturmodifikation. Dabei gilt die
folgende Orientierungsbeziehung: Die {111}-Ebene im kfz-Gitter entspricht der {0001}-
Ebene im hexagonalen Gitter.
5 ERGEBNISSE 81

Abb. 46: Beugungsaufnahmen der Bindephase mit zugehörigen schematischen Beugungs-


diagrammen [Will96] des Hartmetalls 47 (10 Gew.% Co-Binder) im ermüdeten
Zustand.

Die Mikrostruktur des Hartmetalls 57 mit 12,5 Gew.% Fe-reichem Fe-Co-Ni-Binder ist in
den nachfolgenden Abbildungen dargestellt. Wie bereits bei Hartmetall 47 beobachtet,
liegen in Hartmetall 57 die WC-Körner sowohl im Ausgangszustand als auch im ermüde-
ten Zustand nahezu versetzungsfrei vor (siehe Abb. 47 bis Abb. 49). In beiden Zuständen
finden sich vereinzelt Stapelfehler in den WC-Körnern, die wahrscheinlich auf innere
Spannungen zurückzuführen sind. Diese Spannungen entstehen beim Abkühlen nach dem
Sintern, aufgrund der unterschiedlichen thermischen Ausdehnungskoeffizienten von Hart-
stoff- und Bindephase.

Abb. 47: Mikrostruktur des Hartmetalls 57 (12,5 Gew.% Fe-Co-Ni-Binder) im Ausgangs-


zustand.
82 5 ERGEBNISSE

Abb. 48: Mikrostruktur des Hartmetalls 57 (12,5 Gew.% Fe-Co-Ni-Binder) im ermüdeten


Zustand (Nb = 91881 Zyklen).

Abb. 49: Mikrostruktur des Hartmetalls 57 (12,5 Gew.% Fe-Co-Ni-Binder) im ermüdeten


Zustand (Nb = 91881 Zyklen): HF-Aufnahme und entsprechende DF-Aufnahme
im Licht eines Beugungsreflexes eines Zwillings der Bindephase.

Die Mikrostruktur der Co- und Fe-Co-Ni-Bindephase der beiden untersuchten Hartmetalle
weist deutliche Unterschiede auf. In der Fe-Co-Ni-Bindephase des Hartmetalls 57 konnten
Zwillinge nachgewiesen werden, die sich durch parallele, abwechselnd hell und dunkel
erscheinende Streifen im Binder auszeichnen. Im Ausgangszustand (Abb. 47) treten die
Zwillinge nur vereinzelt auf, wohingegen im beanspruchten Zustand (Abb. 48) qualitativ
eine deutliche Zunahme an Zwillingen in der Bindephase beobachtet werden kann. Die in
5 ERGEBNISSE 83

Abb. 49 dargestellte DF-Aufnahme im Licht eines Zwillingsreflexes hat den Vorteil, daß
die Zwillinge besser zu erkennen sind als im Hellfeld.
Unter Zwillingsbildung wird ein homogener Scherprozeß verstanden, der zu plastischer
Verformung in einem unter äußerer Spannung stehenden Kristall führt [Haas94]. Dabei
reproduziert die Zwillingsbildung die Ausgangsstruktur des Kristalls, führt jedoch zu einer
veränderten Orientierung. Der Zwillingsbildung sehr ähnlich ist die martensitische Um-
wandlung, bei der der Kristall jedoch in eine neue Gitterstruktur transformiert wird. Die
mechanische Zwillingsbildung tritt insbesondere in krz-Metallen, wie α-Eisen, auf und
wird für das Sprödbruchverhalten bei Tieftemperaturverformung verantwortlich gemacht
[Horn91]. Die Analyse des Fe-reichen Fe-Co-Ni-Binders in Hartmetall 57 mittels Elektro-
nenbeugung ergab in beiden Zuständen die krz-Gitterstruktur (Abb. 50). Zudem zeigen die
Beugungsaufnahmen die für Zwillinge charakteristischen Doppelreflexe. Es wird daher
vermutet, daß während der Ermüdung die für krz-Gitter wesentlichen Schervorgänge der
Zwillingsbildung auch im Binder des Hartmetalls 57 ablaufen: Die Atomlagen parallel zur
{112}-Zwillingsebene werden um den Zwillingsvektor 1/6 á11-1ñ geschert [Horn91].

Abb. 50: Beugungsaufnahmen der Bindephase mit zugehörigen schematischen Beu-


gungsdiagrammen [Will96] des Hartmetalls 57 (12,5 Gew.% Fe-Co-Ni-Binder)
im Ausgangszustand (AZ) und ermüdeten Zustand (BW).

Mit Hilfe von EDS-Analysen im STEM-Modus des Transmissionselektronenmikroskops


wurde die Elementverteilung in der Bindephase der zwei Hartmetalle 47 und 57 bestimmt.
Für die Ermittlung der linienhaften Elementverteilung (Linescan) zwischen Wolframkarbid
und Bindephase wurde durch mehrfaches Verkippen der Probe eine geeignete Stelle ge-
sucht, die gewährleistet, daß sich Wolframkarbid und Bindephase nicht überlappen. Bei
der Untersuchung lag somit die Phasengrenze Wolframkarbid/Binder parallel zum einfal-
lenden Elektronenstrahl. Aufgrund der geringen Gewichtsanteile an Inhibitor wurden die
Elemente Chrom (Cr) und Vanadium (V) bei den Elementanalysen nicht berücksichtigt.
84 5 ERGEBNISSE

Die aus den gemessenen EDS-Linescans erstellten Diagramme der Elementverteilung


(Abb. 51 bis Abb. 54) zeigen, daß bei beiden Hartmetallen kein Unterschied in der Ele-
mentverteilung zwischen Ausgangszustand und ermüdetem Zustand besteht. Somit kann
ausgeschlossen werden, daß es während der Ermüdung zu verformungsinduzierter Aus-
scheidung von neuen Phasen kommt. Bestätigt wird dies durch EDS-Messungen innerhalb
einzelner Zwillinge des Hartmetalls 57, die die in Abb. 53 und Abb. 54 dargestellten Ele-
mentverteilungen wiedergaben.

Abb. 51: EDS-Linescan in Hartmetall 47 (10 Gew.% Co-Binder) im Ausgangszustand:


Diagramm der Elementverteilung (links) und STEM-Aufnahme (rechts).

Abb. 52: EDS-Linescan in Hartmetall 47 (10 Gew.% Co-Binder) im ermüdeten Zustand:


Diagramm der Elementverteilung (links) und STEM-Aufnahme (rechts).

Hartmetall 47 weist einen mittleren Wolframgehalt von 28 ± 5 Gew.% in der Co-


Bindephase auf (Abb. 51 und Abb. 52). Dieses Ergebnis ist in guter Übereinstimmung mit
Messungen von Jia et al. [Jia98] an nanokristallinem WC-Co-Hartmetall, welches einen
Wolframgehalt von ungefähr 20 Gew.% in der Bindephase aufwies, im Gegensatz zu ei-
nem konventionellen Hartmetall mit 3 Gew.% gelöstem Wolfram im Binder. Damit ist die
Wolframlöslichkeit in Kobalt bei ultrafeinkörnigen Hartmetallen höher als in konventio-
5 ERGEBNISSE 85

nellen WC-Co-Hartmetallen. Hierbei muß berücksichtigt werden, daß die Löslichkeit des
Wolframs in Kobalt umgekehrt proportional zur Kohlenstofflöslichkeit ist [Exne79,
Prak79]. In konventionellen Hartmetallen können daher in Kobalt maximal 26 Gew.%
Wolfram bei einer minimalen Kohlenstofflöslichkeit von 0,12 Gew.% gelöst werden [Ex-
ne79]. Im allgemeinen wird jedoch eine Wolframlöslichkeit unter 10 Gew.% beobachtet
[Exne79, Prak79, Sche88].

Abb. 53: EDS-Linescan in Hartmetall 57 (12,5 Gew.% Fe-Co-Ni-Binder) im Ausgangs-


zustand: Diagramm der Elementverteilung (links) und STEM-Aufnahme
(rechts).

Abb. 54: EDS-Linescan in Hartmetall 57 (12,5 Gew.% Fe-Co-Ni-Binder) im ermüdeten


Zustand: Diagramm der Elementverteilung (links) und STEM-Aufnahme
(rechts).

In Abb. 53 und Abb. 54 sind Elementanalysen des Hartmetalls 57 mit Fe-Co-Ni-Binder


und die zugehörigen STEM-Aufnahmen des Gefüges dargestellt. Die gemessenen Ele-
mentverteilungen im Binder geben die bei der Herstellung eingewogene Binderzusammen-
setzung sehr gut wieder. Der mittlere Wolframgehalt der Fe-reichen Fe-Co-Ni-Bindephase
wurde zu 6 ± 5 Gew.% bestimmt und ist im Rahmen der Meßgenauigkeit entlang der Li-
86 5 ERGEBNISSE

nescans durch die Bindephase konstant. Damit ist die Wolframlöslichkeit im Fe-Co-Ni-
Binder im Vergleich zum Co-Binder in ultrafeinkörnigen Hartmetallen deutlich geringer.
Zurückzuführen ist dies auf den hohen Fe-Anteil im Binder des Hartmetalls 57. Nach Flur-
schütz [Flur62] besitzt Fe eine geringe Wolframkarbidlöslichkeit sowohl bei Raumtempe-
ratur als auch bei hohen Temperaturen. Ni hat dagegen die höchste Löslichkeit von Wolf-
ramkarbid bei Raumtemperatur und Co die höchste Löslichkeit bei hohen Temperaturen.
Die Löslichkeit von Wolfram und damit auch von Wolframkarbid in der Bindephase hat
große Bedeutung für das Sinterverhalten und den Gefügeaufbau der Hartmetalle. Daneben
beeinflußt sie im starken Maße die mechanischen Eigenschaften des Binders und damit des
Verbundwerkstoffs Hartmetall.

5.3 Mechanische Untersuchungen


5.3.1 Härte und Rißzähigkeit
Die Ergebnisse der Härteprüfung, die nach DIN ISO 3878 an polierten Hartmetallproben
durchgeführt wurde, sowie die Werte der Rißzähigkeitsuntersuchung sind in Tab. 9 darge-
stellt. Die Rißzähigkeit wurde nach der Methode von Palmqvist [Palm57] über die Summe
der gemessenen Rißlängen an den vier Ecken eines Vickershärteeindrucks bestimmt (siehe
Kap. 4.3.1).
Aus Tab. 9 wird ersichtlich, daß, wie zu erwarten, die Vickershärte mit steigendem Bin-
dergehalt stetig abnimmt [Rich97]. Da sich mit zunehmendem Bindergehalt der Anteil der
Hartstoffphase verringert, führt dies zu einer Abnahme der Härte. Die starke Streuung der
Härtewerte bei gleichen Bindergehalten ist auf unterschiedliche WC-Ausgangspulver, Bin-
derzusammensetzungen und Inhibitorgehalte sowie auf Unterschiede in den Sinterbedin-
gungen zurückzuführen. Trotz der großen Streuung bestätigt sich, daß die untersuchten
ultrafeinkörnigen Hartmetalle deutlich höhere Härten (HV10 > 1750 bei 10 Gew.% Binder)
im Vergleich zu fein- und feinstkörnigen Hartmetallen (HV10 < 1600 bei 10 Gew.% Bin-
der) besitzen [Rich97].
Für die Hartmetalle 62 und 66 mit Vickershärten HV10 < 1250 konnten keine Rißzähig-
keiten mittels Palmqvist-Methode ermittelt werden, was in guter Übereinstimmung mit
Ergebnissen von Szutkowska [Szut97] ist. Aufgrund der geringen Härte dieser Hartmetalle
kam es zu keiner ausreichenden Ausbildung von Rissen an den Ecken der Vickersein-
drücke, so daß eine Bestimmung der Rißzähigkeit nicht möglich war. Ein Vergleich von
Härte und Rißzähigkeit zeigt, daß der in der Literatur [Schu97, Szut97] beschriebene Zu-
sammenhang von zunehmender Rißzähigkeit bei abnehmender Härte auch für ultrafein-
körnige Hartmetalle Gültigkeit besitzt.
5 ERGEBNISSE 87

Tab. 9: Vickershärte HV10 und Rißzähigkeit KIc mit den jeweiligen Standardabweichun-
gen der untersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle.
Binder-
Hartmetall WC- KIc
zusammensetzung HV10
≡ Ansatz Ausgangspulver [MNm-3/2]
[Gew.%]
K40U ohne Angabe 10 Co 1811 ± 16 9,43 ± 0,17
K50M ohne Angabe 10 Co 1756 ± 28 8,88 ±0,39
44 Starck, DS40 10 Co 1762 ± 19 8,60 ± 0,10
45 WBH, WC05D 10 Co 1863 ±17 8,73 ± 0,15
46 Dow, WC02 10 Co 2038 ± 23 8,63 ± 0,13
50 TT, WC02N 10 Co 1924 ± 33 8,49 ± 0,27
47 TT, WC02N 10 Co 1833 ± 20 9,39 ± 0,15
48 TT, WC02N 10 Co 1855 ± 0 9,18 ± 0,18
63 TT, WC02NR 2 Co 2192 ± 0 7,84 ± 0,17
64 TT, WC02NR 3 Co 2136 ± 20 7,65 ± 0,32
62 TT, WC02NR 25 Co 1150 ± 18 -
56 TT, WC02NR 4 FeCoNi 2240 ± 0 7,78 ± 0,25
55 TT, WC02NR 7,5 FeCoNi 2091 ± 20 7,55 ± 0,20
53 TT, WC02NR 10 FeCoNi 1776 ± 15 8,30 ± 0,12
54 TT, WC02NR 10 FeCo 2064 ± 20 7,63 ± 0,14
61 TT, WC02NR 10 FeNi 1878 ± 21 8,72 ± 0,06
60 TT, WC02NR 10 NiCoCr 1523 ± 61 11,15 ± 1,86
57 TT, WC02NR 12,5 FeCoNi 1885 ± 17 7,69 ± 0,11
58 TT, WC02NR 15 FeCoNi 1735 ± 18 7,91 ± 0,16
59 TT, WC02NR 17,5 FeCoNi 1651 ± 0 8,22 ± 0,14
65 TT, WC02NR 25 FeNiCo 1418 ± 22 11,44 ± 0,96
66 TT, WC02NR 30 FeNiCo 1226 ± 25 -
88 5 ERGEBNISSE

5.3.2 Oberflächenrauhigkeit
Die Oberflächenrauhigkeit, die nach [Fern94] ein Maß für die Größe der Oberflächende-
fekte ist, wurde an den geschliffenen Hartmetallproben bestimmt, um deren Einfluß auf die
Festigkeiten der Hartmetalle unter Biegebelastung zu untersuchen. Dazu wurde die mittlere
Rauhtiefe Rz gemäß DIN 4768 an Probenstäbchen der verschiedenen Hartmetalle im Be-
reich der Verjüngung längs und quer zur Probenachse (entspricht der Schleifrichtung der
Proben) ermittelt (siehe Kap. 4.3.3.3).

2,5
Rz gemessen quer zur Schleifrichtung
Rz gemessen längs zur Schleifrichtung
2,0

1,5
Rz [µm]

1,0

0,5

0,0
0 1000 2000 3000 4000 5000
σ 0,ml [MPa]

Abb. 55: Mittlere Rauhtiefe Rz, gemessen quer und längs zur Schleifrichtung der ver-
jüngten Hartmetallstäbchen, in Abhängigkeit von der Inertfestigkeit σ0,ml.

In Abb. 55 ist die mittlere Rauhtiefe Rz über der Inertfestigkeit σ0,ml, ermittelt unter mono-
ton ansteigender Biegebelastung, für verschiedene Hartmetalle aufgetragen. Es zeigt sich,
daß die Rauhtiefe der Probenstäbchen quer zur Schleifrichtung größer als längs zur
Schleifrichtung ist. Dies ist darauf zurückzuführen, daß die Oberflächenmorphologie der
Proben durch den Schleifprozeß geprägt wird.
Aufgrund des Verlaufs der beiden Datenreihen in Abb. 55 parallel zur x-Achse kann eine
Korrelation zwischen mittlerer Rauhtiefe und Inertfestigkeit nicht beobachtet werden. Da
alle Proben den gleichen Schleifprozeß durchlaufen haben, besitzen sie im Rahmen der
Meßgenauigkeit eine ähnlich Oberflächenmorphologie. Dies führt dazu, daß sich die Pro-
ben in der Größe der Oberflächendefekte kaum unterscheiden und daher kann ein Einfluß
auf die Biegefestigkeiten ausgeschlossen werden.
5 ERGEBNISSE 89

5.3.3 Dreipunktbiegeversuche
Die Charakterisierung der mechanischen Eigenschaften hinsichtlich der Biegebruchfestig-
keit wurde mittels Dreipunktbiegeversuchen nach DIN ISO 3327 an ausgesuchten Hart-
metallen, die sich in Bindergehalt und Binderzusammensetzung unterschieden, durchge-
führt. In Abb. 56 sind charakteristische Biegespannungsverläufe aus den Biegeversuchen
über der Durchbiegung der Proben aufgetragen. Hierfür wurde aus den Ergebnissen der
Biegeexperimente willkürlich eine Meßkurve pro Hartmetallsorte herausgegriffen.

4000

3500
Biegespannung [MPa]

3000

2500

2000

1500
3 Gew.% Co-Binder (HM 64)
1000 10 Gew.% Co-Binder (HM 47)
500 25 Gew.% Co-Binder (HM 62)
25 Gew.% FeNiCo-Binder (HM 65)
0
0,00 0,05 0,10 0,15 0,20 0,25 0,30 0,35
Durchbiegung [mm]

Abb. 56: Verlauf der Biegespannung über der Durchbiegung während eines Dreipunkt-
biegeversuchs zur Bestimmung der Biegebruchfestigkeit nach DIN ISO 3327 für
verschiedene Hartmetalle.

Die untersuchten Hartmetalle mit 3 und 10 Gew.% Co-Binder zeigen rein linear-elastisches
Werkstoffverhalten bis zum Bruch der Proben. Bei Hartmetall 62 mit 25 Gew.% Co-
Binder, dies entspricht einem Volumenanteil von fast 40 %, ist eine leichte Krümmung im
Kurvenverlauf zu erkennen. Dennoch kann nicht von einer ausgeprägten plastischen Ver-
formung des Hartmetalls gesprochen werden. Dagegen zeigt Hartmetall 65 mit 25 Gew.%
Fe-Ni-Co-Bindephase wiederum rein elastisches Verhalten, welches durch die elastische
Gerade bis zum Bruch gekennzeichnet ist.
Als Meßwert für die Biegebruchfestigkeit wird der Maximalwert der Biegespannung beim
Bruch der Probe verwendet. Abb. 56 zeigt, daß die Biegebruchfestigkeit der Hartmetalle
vom Bindergehalt und der Binderzusammensetzung abhängig ist. So durchläuft die Biege-
bruchfestigkeit in Abhängigkeit vom Bindergehalt ein Maximum.
90 5 ERGEBNISSE

5.3.4 Monoton ansteigende Biegebeanspruchung


Die Inertfestigkeit der ultrafeinkörnigen Hartmetalle wurde unter monoton ansteigender
Biegebeanspruchung ermittelt (siehe Kap. 4.3.3.5). Durch die dabei angelegte hohe Bela-
stungsgeschwindigkeit σ > 2000 MPa/s kann das Werkstoffverhalten ohne vorausgehende
unterkritische Rißausbreitung charakterisiert werden. In Abb. 57 ist der Biegespannungs-
verlauf von Inertfestigkeitsversuchen für verschieden hohe Belastungsraten am Beispiel
des Hartmetalls K40U dargestellt. Es zeigt sich, daß unabhängig von der Belastungsrate,
im Rahmen der Streuung der Festigkeitsdaten, eine Inertfestigkeit von ca. 4000 MPa er-
reicht wird. Daraus kann geschlußfolgert werden, daß eine Belastungsgeschwindigkeit von
σ = 440 MPa/s genügend groß ist, um den Bereich in Abb. 19 zu erreichen, wo unmittel-
bares Versagen der Hartmetallproben (mit der in Abb. 15 dargestellten Probengeometrie)
ohne unterkritische Rißausbreitung erfolgt.

5000
Belastungsrate: 2230 MPa/s
4000
Biegespannung [MPa]

Belastungsrate: 990 MPa/s


3000

2000

1000 Belastungsrate: 440 MPa/s

0
0 5 10 15 20
Zeit [s]

Abb. 57: Spannungsanstieg bei der Bestimmung der Inertfestigkeit am Beispiel des Stan-
dardhartmetalls K40U für verschiedene Belastungsraten.

In Tab. 10 sind die Ergebnisse der Inertfestigkeitsmessungen der untersuchten ultrafein-


körnigen Hartmetalle dargestellt. Dabei bezeichnen m0 und σ0 die Weibullparamter, die
graphisch durch lineare Regression nach der Methode der kleinsten Fehlerquadrate be-
stimmt wurden und m0,ml bzw. σ0,ml die Werte, die numerisch nach der Maximum-
Likelihood-Methode ermittelt wurden. m0 bzw. m0,ml ist der Weibull-Modul, der ein Maß
für die Streubreite der Inertfestigkeitsdaten darstellt, wobei ein großer Wert eine geringe
Streubreite der Verteilung der Meßwerte darstellt und umgekehrt. Der Streuung der Festig-
keitsdaten liegt bei spröden Werkstoffen im allgemeinen eine Streuung der versagensaus-
5 ERGEBNISSE 91

lösenden Defekte zugrunde. σ0 bzw. σ0,ml ist die mittlere Inertfestigkeit, die die Spannung
angibt, bei der die Proben brechen. Die zur Berechnung der Weibull-Moduln und Inertfe-
stigkeiten zugrunde gelegten Formalismen sind im Anhang in Kap. 8.1 nachzulesen.
Die graphisch aus der Weibullauftragung bestimmten Parameter stimmen sehr gut mit den
numerisch ermittelten Werten nach der Maximum-Likelihood-Methode überein (siehe Tab.
10), wobei die Maximum-Likelihood-Methode Meßwerte bei höheren Biegespannungen
stärker gewichtet, als die lineare Regression.

Tab. 10: Ergebnisse der Inertfestigkeitsmessungen der untersuchten ultrafeinkörnigen


Hartmetalle.
Binder- Weibull- Maximum-Likelihood-
Hartmetall
zusammensetzung auftragung Methode
≡ Ansatz
[Gew.%] m0 σ0 [MPa] m0,ml σ0,ml [MPa]
K40U 10 Co 13,9 4047 17,0 4027
K50M 10 Co 17,2 3811 18,6 3803
44 10 Co 9,7 3561 9,2 3562
46 10 Co 16,2 2212 14,0 2214
47 10 Co 9,6 4118 9,0 4114
48 10 Co 16,4 3866 14,9 3869
63 2 Co 8,0 1806 6,3 1809
64 3 Co 7,5 2341 5,9 2343
62 25 Co 7,8 3228 7,4 3218
56 4 FeCoNi 7,0 1868 5,4 1870
53 10 FeCoNi 8,9 2628 8,5 2619
54 10 FeCo 4,6 1493 3,6 1498
61 10 FeNi 4,8 2595 3,8 2591
57 12,5 FeCoNi 14,5 2836 14,2 2834
66 30 FeNiCo 5,3 2301 3,8 2296

Die Standardhartmetalle K40U und K50M mit 10 Gew.% Co-Binder weisen zusammen
mit den Hartmetallen 47 und 48, ebenfalls mit 10 Gew.% Binder, die höchsten Inertfestig-
keiten auf. Zudem besitzen K40U und K50M die höchsten Weibull-Moduln m0,ml, was für
eine geringe Streuung der versagensauslösenden Defekte spricht. Im Gegensatz zu den
Standardhartmetallen, die im industriellen Maßstab gefertigt wurden, wurden alle weiteren
im Projekt untersuchten Hartmetalle im Labor hergestellt. Daher wird erwartet, daß bei
92 5 ERGEBNISSE

industrieller Fertigung mit optimierten Herstellungsbedingungen und unter verbesserten


Reinheitsvorschriften noch höhere Festigkeiten bei den ultrafeinkörnigen Hartmetallen
erreicht werden. Zudem erhofft man sich, daß das Potential hinsichtlich einer Festigungs-
steigerung mit kleiner werdender Wolframkarbidkorngöße (siehe Abb. 5) noch besser aus-
genutzt werden kann. Aufgrund ihrer höheren Feinheit (mittlere WC-Korngröße von ca.
0,2 µm) sollten die Inertfestigkeiten der Hartmetalle 47 und 48 im Vergleich zu den Stan-
dardhartmetallen K40U und K50M (mittlere WC-Korngröße um 0,3 µm) bei gleichen Her-
stellungsbedingungen etwas höher liegen.
Neben der Korngröße des WC-Ausgangspulvers, die unter anderem die Feinheit der Mi-
krostruktur bestimmt, haben weitere Eigenschaften, wie Korngrößenverteilung und Rein-
heit des verwendeten WC-Pulvers, Einfluß auf die Festigkeit der Hartmetalle. Dies zeigt
sich daran, daß die Hartmetalle 44 und 46 mit unterschiedlichen WC-Ausgangspulvern, bei
sonst gleicher nomineller Zusammensetzung, deutliche Unterschiede in den Inertfestig-
keitswerten aufweisen. Trotz der deutlich feinsten Mikrostruktur besitzt Hartmetall 46
nicht die höchste Inertfestigkeit.
Weiterhin ist die Inertfestigkeit der Hartmetalle abhängig von Bindergehalt und -
zusammensetzung. Zunächst nimmt die Inertfestigkeit der Hartmetalle mit zunehmendem
Bindergehalt zu und fällt nach Erreichen eines Maximums wieder ab. Der Einfluß der Bin-
derzusammensetzung auf die Festigkeit der Hartmetalle zeigt sich am Beispiel der Sorten
mit 10 Gew.% Bindergehalt. Die in diesem Projekt untersuchten Hartmetalle mit alternati-
ven Bindersystemen weisen im Vergleich zu den Hartmetallen mit Co-Binder niedrigere
Festigkeiten auf.

5.3.5 Zyklisch wechselnde Biegebeanspruchung


Die Ergebnisse der mechanischen Versuche unter zyklisch wechselnder Biegebeanspru-
chung werden in Wöhlerauftragungen dargestellt, deren Diskussion zu einem späteren
Zeitpunkt erfolgt. Aufgetragen wird in Wöhlerdiagrammen die gemessene Spannungsam-
plitude ∆σ/2 gegen den dekadischen Logarithmus der Bruchlastspielzahl Nb. Proben, die
nach hohen Lastspielzahlen kein Versagen zeigten, wurden aus der Apparatur ausgebaut
und als sogenannte „Durchläufer“ in den Wöhlerdiagrammen mit einem Pfeil, hin zu grö-
ßeren Lastspielzahlen, gekennzeichnet. Um die Streuung der Ermüdungsdaten zu charakte-
risieren wurden in die Wöhlerkurven Streubänder eingetragen. Diese ergaben sich nach
linearer Regression aller Meßpunkte, wobei der Standardfehler FSt der Spannungsamplitu-
den die Breite des Streubands bestimmt. Durchläufer wurden bei der linearen Regression
nicht berücksichtigt, da ihr Versuchsende vorzeitig durch den Ausbau der Proben bestimmt
wurde und damit keine Korrelation mit der angelegten Spannungsamplitude zuläßt. Wei-
terhin wurde der Spannungswert berechnet, der sich aus der Gleichung der Regressionsge-
raden bei einer Zyklenzahl von Nb = ¼ ergibt. Der bei dieser Zyklenzahl bestimmte Span-
5 ERGEBNISSE 93

nungswert wird als extrapolierte Inertfestigkeit σc,ext bezeichnet, da die Biegebelastung bei
einem ¼ Zyklus näherungsweise der Belastung im Inertfestigkeitsversuch entspricht.
Um das Ermüdungsverhalten der ultrafeinkörnigen Hartmetalle, d.h. ihren Widerstand ge-
gen unterkritische Rißausbreitung, zu charakterisieren, wird die Ermüdungsempfindlich-
keit herangezogen. Unter Ermüdungsempfindlichkeit wird der Verlust der ertragbaren
Spannungsamplitude mit zunehmender Zyklenzahl verstanden, der durch die Steigung der
Wöhlerkurven beschrieben wird [Kind99]. Daher wird in dieser Arbeit der Betrag der Stei-
gung SW, ermittelt aus den Streubändern der Wöhlerkurven, als Maß für die Ermüdungs-
empfindlichkeit der untersuchten Hartmetalle verwendet.
Die Parameter, bestimmt aus den Wöhlerauftragungen, die das Ermüdungsverhalten der
untersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle charakterisieren, sind zusammenfassend in
Tab. 11 dargestellt.

Tab. 11: Parameter der Streubänder aus den Wöhlerauftragungen der untersuchten Hart-
metalle: Steigung des Streubands SW, extrapolierte Inertfestigkeit σc,ext, Stan-
dardfehler FSt der Meßpunkte dargestellt mit dem arithmetischen Mittelwert der
Inertfestigkeit σc.
Binder-
Hartmetall SW σc,ext FSt σc
zusammensetzung
≡ Ansatz [MPa] [MPa] [MPa] [MPa]
[Gew.%]

K40U 10 Co -329 4013 ± 179 3900


K50M 10 Co -265 3595 ± 224 3697
44 10 Co -182 3236 ± 216 3388
46 10 Co -127 2206 ± 165 2142
47 10 Co -192 3263 ± 245 3912
48 10 Co -181 3242 ± 219 3746
64 3 Co -133 2070 ± 50 2199
62 25 Co -376 3719 ± 130 3035
54 10 FeCo -41 1283 ± 257 1364
61 10 FeNi -60 2278 ± 157 2365
57 12,5 FeCoNi -52 2302 ± 132 2737

Abb. 58 zeigt die Korrelation zwischen der aus Biegewechselversuchen extrapolierten


Inertfestigkeit σc,ext mit der unter monoton ansteigender Biegebelastung bestimmten Inert-
festigkeit σc. In dieser Auftragung wurde für σc der arithmetische Mittelwert und nicht die
94 5 ERGEBNISSE

mittels Weibullverteilung bestimmten Parameter gewählt, da die in den Wöhlerdiagram-


men dargestellten Biegefestigkeiten nicht mittels Weibullverteilung ausgewertet wurden.
Die Übereinstimmung der gemessen Inertfestigkeitswerte mit den aus zyklischen Festig-
keiten bestimmten Werten ist trotz unterschiedlicher Versuchsführung recht gut.

5000

4000
y = 0,96x
σ c,ext [MPa]

3000

2000

Hartmetall mit Co-Binder


1000
Hartmetall mit Bindersystem

0
0 1000 2000 3000 4000 5000
σ c [MPa]

Abb. 58: Extrapolierte Inertfestigkeit σc,ext aufgetragen über dem arithmetischen Mittel-
wert der Inertfestigkeit σc.

Tab. 11 zeigt, daß eine Abhängigkeit zwischen Ermüdungsempfindlichkeit und Binderge-


halt besteht, was am Beispiel der beiden Hartmetalle 64 und 62 am deutlichsten zu erken-
nen ist. Hartmetall 64 mit nur 3 Gew.% Binder weist die geringste Ermüdungsempfind-
lichkeit unter den Hartmetallen mit Co-Binder auf, dagegen reagiert Hartmetall 62 mit ex-
trem hohen Binderanteil am empfindlichsten auf Ermüdung. Zudem besteht eine Korrelati-
on zwischen Ermüdungsempfindlichkeit und verwendeter Binderzusammensetzung in den
ultrafeinkörnigen Hartmetallen. Die Hartmetalle mit alternativen Bindersystemen besitzen,
bei einem Bindergehalt von 10 Gew.%, im Gegensatz zu den Hartmetallen mit Co-Binder
deutlich geringere Ermüdungsempfindlichkeiten (Betrag der Steigung SW < 100 MPa).
Die geringste Streuung der Festigkeitsdaten unter zyklischer Beanspruchung besitzt Hart-
metall 64 mit 3 Gew.% Binder. Aufgrund des geringen Binderanteils mußte Hartmetall 64,
im Gegensatz zu allen anderen Hartmetallen in Tab. 11, heißisostatisch nachverdichtet
werden, um vorhandene Restporosität zu beseitigen (siehe Kap. 3.1). Daher wird ange-
nommen, daß wegen des speziellen Sinterverfahrens, Hartmetall 64 eine sehr schmale De-
fektgrößenverteilung besitzt, die zu der geringen Streuung der Ermüdungsdaten führt.
6 DISKUSSION 95

6 Diskussion

Im nachfolgenden Kapitel werden die wesentlichen Ergebnisse der mikrostrukturellen und


mechanischen Untersuchungen an den ultrafeinkörnigen Hartmetallen diskutiert. Die me-
chanischen Eigenschaften des Verbundwerkstoffs Hartmetall sind durch den Gefügeauf-
bau, also das Zusammenwirken von Hartstoff- und Bindephase, aber auch durch die me-
chanischen Eigenschaften der einzelnen Phasen bestimmt. So haben die Ergebnisse aus
Kap. 5 gezeigt, daß die mechanischen Eigenschaften der Hartmetalle stark abhängig sind
vom verwendeten Bindergehalt und den eingesetzten Binderzusammensetzungen.

6.1 Gefügeaufbau der ultrafeinkörnigen Hartmetalle


Für die Herstellung der untersuchten Hartmetalle konnte auf einen Satz an Basisparame-
tern zurückgegriffen werden, der es ermöglichte, ultrafeinkörnige Hartmetalle im Labor-
maßstab mit einer mittleren WC-Sehnenlänge < 0,35 µm zu fertigen. Die Herstellungsbe-
dingungen, wie z.B. Mahldauer und -bedingungen, Preßmittelzugabe und Granulation,
wurden für alle Hartmetalle, bis auf das angewandte Sinterverfahren, konstant gehalten.
Hartmetalle ab 4 Gew.% Bindephase wurden druckgesintert, während die Hartmetalle mit
2 und 3 Gew.% Bindephase in einem zweistufigen Prozeß zunächst im Vakuum gesintert
und anschließend heißisostatisch nachverdichtet wurden. Die an den so hergestellten
Hartmetallen durchgeführte Gefügecharakterisierung (vergleiche Kap. 5.2.1) zeigt, daß
diese eine Porosität < A02 aufweisen und frei von Makroporen (B-Porosität) sind.
Um das Potential der ultrafeinkörnigen Hartmetalle hinsichtlich ihrer hervorragenden me-
chanischen Eigenschaften voll auszuschöpfen, kommt der Kontrolle des Kohlenstoffhaus-
halts während des Sinterns eine bedeutende Rolle zu. Kohlenstoffmangel führt zur Bildung
der spröden η-Phase und bei Kohlenstoffüberschuß kommt es zum verstärkten Wolfram-
karbidwachstum und zur Ausscheidung von freiem Graphit. Sowohl die Entstehung von η-
Phase, als auch die Bildung von freiem Graphit sind unerwünscht, da sie bei Hartmetallen
zu einem Verlust an Festigkeit führen [Bern57, Suzu66]. Das Kohlenstoffgleichgewicht
kann außer Kontrolle geraten, wenn überschüssiger Kohlenstoff oder Sauerstoff in das Sy-
stem eingebracht wird. Überschüssiger Kohlenstoff kann z.B. über den im WC-
Ausgangspulver enthaltenen Kohlenstoffgehalt eingebracht werden.
Komplexer stellt sich das Problem bei zu hohen Sauerstoffgehalten dar. Während des Sin-
terns reagiert der überschüssige Sauerstoff mit Kohlenstoff unter Bildung von CO und
CO2, wobei gleichzeitig WC zu W2C reduziert wird. Die Zersetzung von WC und die Bil-
96 6 DISKUSSION

dung der spröden η-Phase (z.B. Co3W3C) zwischen W2C und Co, welche sich direkt aus
der Bindephase ausscheidet, führt letztendlich zur Versprödung der Hartmetalle [Sche88,
Seeg97]. Alle in dieser Arbeit untersuchten Hartmetalle waren frei von spröder η-Phase
(siehe Kap. 5.2.1). Nur bei einigen wenigen Hartmetallen konnten C-Ausscheidungen
nachgewiesen werden, die auf eine Überkohlung der Hartmetalle zurückzuführen sind.
Weiterhin wird der Gefügeaufbau von Hartmetallen durch die während des Sinterns ent-
stehende Skelettstruktur für die Hartstoff- und Bindephase, bestehend aus zwei kontinuier-
lich sich durchdringenden Skeletten (siehe Abb. 3), bestimmt, wobei der Grad der Skelett-
bildung abhängig ist von den Anteilen an Hartstoff- und Bindephase, der Karbidkorngröße,
der Karbidkorngrößenverteilung und den Herstellungsbedingungen [Gurl58, Exne64]. Der
Skelettierungsgrad des Hartstoffskeletts, die sogenannte „Kontiguität“ K, wurde erstmals
von Gurland [Gurl58] eingeführt und ist ein Maß für die WC-WC-Kontakte im Hartmetall.
Definiert wird die Kontiguität als Verhältnis der Karbid-Karbid-Korngrenzflächen zur ge-
samten Grenzfläche der Karbidkörner. In Abb. 59 ist die Kontiguität K aufgetragen gegen
den Volumenanteil VBi an Bindephase, ermittelt über die quantitative Gefügeanalyse.

1,00
Standardmaterial mit Co-Binder
Hartmetall mit Co-Binder
0,75 Hartmetall mit Bindersystem

0,50
K

0,25

0,00
0 10 20 30 40 50 60
gemessener VBi [Vol.%]

Abb. 59: Kontiguität K aufgetragen über den Volumenanteil VBi an Binder, ermittelt über
die quantitative Gefügeanalyse.

Abb. 59 zeigt, daß mit abnehmendem Bindergehalt die Kontiguität des Karbidgerüsts stark
zunimmt, da die Verhinderung von WC-WC-Kontakten durch Binderzwischenschichten
mit kleiner werdendem Bindephasenanteil immer schwieriger wird. Bei einem Binderge-
halt von Null Vol.% existieren im Material nur noch WC-WC-Korngrenzen und damit
erreicht die Kontiguität ihren höchst Wert von eins. Die Streuung der Datenpunkte in Abb.
6 DISKUSSION 97

59 ist auf die unterschiedlichen WC-Korngrößen und WC-Korngrößenverteilungen der


ultrafeinkörnigen Hartmetalle sowie auf die verschiedenen Sinterbedingungen zurückzu-
führen. Zunehmende Sinterdauer und Sintertemperatur führen zu einer Abnahme der
Kontiguität, was darauf hindeutet, daß Karbid-Karbid-Korngrenzflächen während des Sin-
terns schneller abnehmen als Kobalt-Karbid-Grenzflächen [Exne79].
Des weiteren gilt, daß der Gefügeaufbau von Hartmetallen vom Benetzungsgrad der Hart-
stoffphase durch die beim Sinterprozeß flüssige Bindephase beeinflußt wird [Prak79]. Ist
die Benetzungstendenz der Wolframkarbide durch die Bindephase vermindert, so äußert
sich dies in einer Zunahme der Kontiguität des Hartstoffgerüsts. Da in Abb. 59 keine Kor-
relation zwischen verwendetem Bindersystem und Kontiguität zu erkennen ist, wird dies
als Hinweis gewertet, daß die Benetzungstendenz der eingesetzten Binder annähernd
gleich ist. Dies ist in guter Übereinstimmung mit Ergebnissen von Prakash [Prak79], des-
sen Untersuchungen eine vollständige Benetzung des Wolframkarbids durch die reinen
Metalle Fe, Co und Ni ergaben. Weiterhin wurde festgestellt, daß Fe-Co-Ni-Legierungen
sich ähnlich günstig verhalten, unabhängig vom Kohlenstoffgehalt der Legierung, wie die
reinen Metalle der Eisengruppe.

1,00
Standardmaterial mit Co-Binder
Hartmetall mit Co-Binder
0,75

0,50
K

0,25

0,00
0,15 0,20 0,25 0,30 0,35
LWC [µm]

Abb. 60: Kontiguität K in Abhängigkeit von der WC-Sehnenlänge LWC für ultrafeinkörni-
ge Hartmetalle, hergestellt unter gleichen Sinterbedingungen, mit 10 Gew.% Co-
Binder.

In Abb. 60 ist die Kontiguität K aufgetragen über dem arithmetischen Mittelwert LWC der
WC-Sehnenlängen für ultrafeinkörnige Hartmetalle mit 10 Gew.% Co-Binder. Der Einfluß
der WC-Korngröße auf die Kontiguität der Hartstoffphase wird in der Literatur kontrovers
beurteilt. Zum einen wird beschrieben, daß die Kontiguität in Hartmetallen unabhängig
98 6 DISKUSSION

von der WC-Korngröße ist [Exne66], zum anderen gibt es Ergebnisse, die zeigen, daß mit
kleiner werdender WC-Korngröße die Kontiguität des Karbidgerüsts zunimmt [Nord91,
Jia98]. Hierbei muß beachtet werden, daß aufgrund der Feinkörnigkeit der Mikrostruktur
bei ultrafeinkörnigen Hartmetallen die Bestimmung der Kontiguität durch das Auflösungs-
vermögen der gängigen Bildgebungsverfahren, wie Rasterelektronenmikroskopie, beein-
trächtigt ist (siehe 4.2.2). Extrem kleine Binderinseln können mangels Auflösungsvermö-
gen nicht mehr abgebildet werden und daher wird die ermittelte Kontiguität hin zu größe-
ren Werten verfälscht.
In Abb. 60 ist die Tendenz von einer Zunahme der Kontiguität des Karbidgerüsts (bei glei-
chen Binderanteilen) mit kleiner werdender WC-Korngröße zu beobachten. Um aber eine
der beiden oben beschriebenen Meinungen eindeutig zu bestätigen, sind weitere Daten von
Hartmetallen, hergestellt unter gleichen Sinterbedingungen, mit größeren WC-Korngrößen,
nötig. Auf Literaturdaten kann nicht zurückgriffen werden, da für einen Vergleich die ex-
akten Sinterzeiten und -temperaturen, bei denen die Hartmetalle gefertigt wurden, meist
nicht angegeben sind.

6.2 Mechanische Eigenschaften und deren Korrelation mit der


Mikrostruktur
6.2.1 Härte
Eine der interessantesten Eigenschaften von ultrafeinkörnigen Hartmetallen ist die hohe
Härte bei gleichzeitig hoher Rißzähigkeit, was im Kontrast zur gegenläufigen Beziehung
von Härte und Biegefestigkeit bei konventionellen Hartmetallen steht [Fuka91, Daub95,
Rich97]. Die hohe Härte der ultrafeinkörnigen Hartmetalle wirkt sich zudem positiv auf
deren Verschleißfestigkeit aus [Jia96, Kamm00, Herr01, Herr02]. Die in dieser Arbeit un-
tersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle besitzen deutliche höhere Härtewerte (HV10 >
1750 bei 10 Gew.% Binder) im Vergleich zu den fein- und feinstkörnigen Hartmetallen
(HV10 < 1600 bei 10 Gew.% Binder) mit gröberer Mikrostruktur [Rich97].
In Abb. 61 ist die Abhängigkeit der Härte vom Bindephasenanteil der Hartmetalle darge-
stellt. Es zeigt sich, daß die Vickershärte HV mit steigendem Bindergehalt VBi, unabhängig
von der Binderzusammensetzung, stetig abfällt. Mit steigendem Bindephasengehalt verrin-
gert sich der Anteil der spröden Hartstoffphase, was eine Abnahme der Härte zufolge hat.
Zudem nimmt mit steigendem Binderanteil der Skelettierungsgrad der Hartstoffphase ab
(siehe Abb. 59). Dies führt dazu, daß mit erhöhtem Bindergehalt die Härte der Hartmetalle
abnimmt, da weniger Vernetzungspunkte des Karbidgerüsts durch den bei der Härteprü-
fung eindringenden Diamanten aufgebrochen werden. Die starke Streuung der Härtewerte
bei gleichen Bindephasenanteilen ist auf unterschiedliche WC-Ausgangspulver, Binderzu-
sammensetzungen und Inhibitorgehalte sowie auf Unterschiede in den Sinterverfahren zu-
rückzuführen.
6 DISKUSSION 99

2500

2000

1500
HV10

1000
Standardmaterial mit Co-Binder
500 Hartmetall mit Co-Binder
Hartmetall mit Bindersystem
0
0 10 20 30 40 50
theo. VBi [Vol.%]

Abb. 61: Abhängigkeit der Vickershärte HV von Bindergehalt VBi und Binderzusammen-
setzung bei ultrafeinkörnigen Hartmetallen.

In Abb. 62 sind nur Hartmetalle aufgetragen, die mit gleichem WC-Ausgangspulver der
Firma Tokyo Tungsten hergestellt wurden (siehe Kap. 4.1), sich aber in den Binderzu-
sammensetzungen unterscheiden. In dem hier betrachteten Bereich an Bindergehalt zeigt
sich, daß sowohl für die Hartmetalle mit Co-Binder sowie für die Hartmetalle mit alterna-
tiven Bindersystemen ein linearer Zusammenhang zwischen Härte und Bindergehalt be-
steht. Bei Extrapolation der Geraden hin zu Null Vol.% Bindergehalt erhält man einen An-
haltswert für die Härte von reinem Wolframkarbid (mit einer WC-Korngröße von ca. 0,2
µm), der gut mit der in der Literatur angegebenen Härte von HV ≈ 2400 - 2500 überein-
stimmt [Rich97, Engq00]. Hierbei muß berücksichtigt werden, daß die Mikrohärte von
einkristallinem Wolframkarbid stark anisotrop ist. So ergab sich eine Knoop Mikrohärte an
WC-Einkristallen zwischen 2300 und 2400 auf der {0001}-Ebene und zwischen 1000 und
2400 auf der {1010}-Ebene, abhängig von der Orientierung des Indenters [Fren65]. Be-
dingt durch die großen Härteunterschiede ist es schwer eine mittlere Härte für einkristalli-
nes Wolframkarbid anzugeben. Dennoch wird angenommen, daß die Härte eines ultrafein-
körnigen WC-Polykristalls die Härte des Einkristalls übertrifft [Rich97, Rich99].
Die in Abb. 62 dargestellten Hartmetalle mit Fe-Co-Ni- bzw. Fe-Ni-Co-Binder (HM 57,
58, 59 bzw. HM 65, 66) besitzen eine höhere Härte, als Hartmetalle mit vergleichbarem
Co-Bindergehalt. Mögliche Ursache für die Unterschiede in den Härten der Hartmetalle
könnte zum einen eine unterschiedliche Härte der Bindervarianten, zum anderen die sich
beim Sintern einstellende Feinheit der Mikrostruktur, aufgrund unterschiedlicher Bindersy-
steme, sein. Der direkte Einfluß der Binderzusammensetzung bei den Hartmetallen mit Fe-
Co-Ni- bzw. Fe-Ni-Co-Binder hinsichtlich einer Härtesteigerung wird als gering einge-
100 6 DISKUSSION

stuft. Bestünde ein eindeutiger Zusammenhang zwischen einer Härtesteigerung aufgrund


der verwendeten Binderzusammensetzung, so müßten in Abb. 63, wo die Härte HV über
LBi-1/2 aufgetragen ist, zwischen reinen Co-Bindern und anderen Bindersystemen eindeutig
unterschieden werden können. Die Datenpunkte streuen um eine Gerade, unabhängig von
der Binderzusammensetzung der Hartmetalle.
Hinzu kommt jedoch, daß ultrafeinkörnige Hartmetalle mit Co-Binder deutlich mehr Wolf-
ram lösen, als Hartmetalle mit Fe-reichen Fe-Co-Ni-Bindern (vergleiche 5.2.4) [Flur62,
Prak79]. Dies hat zur Folge, daß Fe-reiche Fe-Co-Ni-Binder eine kornwachstumshemmen-
de Wirkung auf die Hartstoffphase ausüben, die der Neigung zur Kornvergröberung wäh-
rend des Sinterns entgegenwirkt [Prak79]. Zudem wird vermutet, daß die Legierungshär-
tung bei Co-Binder, aufgrund des hohen Anteil an gelöstem Wolfram, einen ähnlichen Ef-
fekt auf die Härte hat, wie die Verwendung von Fe-reichen Bindersystemen, die weniger
Wolfram lösen. Da die Wolframkarbidkorngröße der ultrafeinkörnigen Hartmetalle mit Fe-
Co-Ni- bzw. Fe-Ni-Co-Binder im Mittel etwas kleiner ist als die der vergleichbaren WC-
Co-Hartmetalle (siehe Abb. 62), wird ein hoher Anteil der beobachteten höheren Härte-
werte auf den Einfluß der Karbidkorngröße zurückgeführt. Somit ist indirekt die Binderzu-
sammensetzung der Hartmetalle, aufgrund ihrer Inhibitorwirkung, für die Unterschiede in
den Härtewerten verantwortlich.

2500
LWC =
0,17 µm
2000 0,32 µm 0,18 µm
0,19 µm
0,30 µm
0,21 µm 0,20 µm
1500 0,22 µm 0,23 µm
HV10

1000 0,26 µm

Co-Binder
500 FeCoNi-Binder
FeNiCo-Binder
0
0 10 20 30 40 50
theo. VBi [Vol.%]

Abb. 62: Abhängigkeit der Vickershärte HV vom Bindergehalt VBi für ausgesuchte Bin-
derzusammensetzung bei ultrafeinkörnigen Hartmetallen mit gleichem WC-
Ausgangspulver.

In Abb. 63 ist der Zusammenhang zwischen Vickershärte HV und dem reziproken Qua-
dratwurzelwert der mittleren freien Weglänge des Binders LBi-1/2 für die untersuchten ultra-
6 DISKUSSION 101

feinkörnigen Hartmetalle dargestellt. Wie sich in Abb. 63 zeigt, ergibt sich eine Härtestei-
gerung mit kleiner werdender freier Weglänge an Binder, die sich in einer linearen Zu-
nahme der Härte HV mit größer werdendem reziproken Quadratwurzelwert der freien
Weglänge an Binder LBi-1/2 widerspiegelt. Als Erklärung für die Härtezunahme mit abneh-
mender Binderweglänge kann der Hall-Petch-Effekt [Hall51, Petc53] herangezogen wer-
den und damit ergibt sich für Hartmetalle folgende Beziehung [Roeb95]:
HV = C1 + C 2 ⋅ L−Bi1 / 2 Gl. 26

wobei C1 und C2 materialabhängige Konstanten darstellen.

2500

2000

1500
HV10

1000
Standardmaterial mit Co-Binder
500 Hartmetall mit Co-Binder
Hartmetall mit Bindersystem
0
0 1 2 3 4 5
LBi -1/2 [µm-1/2]

Abb. 63: Abhängigkeit der Vickershärte HV vom reziproken Quadratwurzelwert der


mittleren freien Weglänge des Binders LBi-1/2 für ultrafeinkörnige Hartmetalle.

Um die experimentell ermittelte Hall-Petch-Beziehung zu erklären, wurden mehrere Mo-


delle vorgeschlagen, die eine der beiden Mechanismen, die Bewegung von Versetzungen
und deren Aufstauungen an Korngrenzen oder die Bildung von Versetzungsnetzwerken als
Quellen von Versetzungen, beinhalten. In allen Fällen beruht der Hall-Petch-Effekt auf
Versetzungsbewegung und -bildung in Materialien, die plastische Verformung zeigen. Da-
her wurde in Gl. 26 die Binderweglänge LBi, die unter anderem von der mittleren Karbid-
korngröße LWC und dem Bindergehalt VBi abhängig ist, verwendet, da sich überwiegend die
Bindephase in Hartmetallen plastisch verformt [Schm90]. Dennoch kann die Hall-Petch-
Beziehung nicht ohne weiters auf harte polykristalline Materialien übertragen werden, da
Korn-/Phasengrenzen nicht nur eine Härtesteigerung durch Behinderung der Versetzungs-
bewegung bedingen, sondern auch zu einem Verlust an Härte führen können, falls diese
aufbrechen [Rich99].
102 6 DISKUSSION

Daß es zum Aufbrechen von Korn-/Phasengrenzen in Hartmetallen kommt, wird daran


deutlich, daß ab Härten von HV10 ≈ 1250 an den Ecken eines Vickerseindrucks Risse ent-
stehen (vergleiche Kap. 4.3.1 bzw. 5.3.1). Dabei wird das mechanische Verhalten der
Hartmetalle durch ihren zweiphasigen Gefügeaufbau, bestehend aus einem spröden Hart-
stoffskelett und einer duktilen metallischen Bindephase, bestimmt. Aufgrund dieses Gefü-
geaufbaus ist die Anzahl der inneren Grenzflächen gegenüber einem einphasigen Werk-
stoff erhöht. Bei Hartmetallen ergeben sich bei einem Versagen mittels Rißausbreitung die
in Kap. 3.3.1 beschriebenen vier möglichen Bruchpfade [Sigl86].
Wird auf den Verbundwerkstoff Hartmetall eine äußere Last aufgebracht, so kommt es
zunächst zur gleichzeitigen, rein elastischen Verformung der beiden Gefügebestandteile.
Dabei wird der größte Teil der Verformung, aufgrund des höheren Volumenanteils und des
höheren elastischen Moduls, von der Hartstoffphase getragen [Sigl86]. Der Riß verläuft
zunächst trans- oder interkristallin entlang der Bruchpfade C und C/C und erst nach dem
lokalen Aufbrechen des Hartstoffskeletts verlagert sich die Beanspruchung vor der Riß-
spitze auf die Bindephase. Wird die Streckgrenze der Bindephase überschritten, so beginnt
diese plastisch zu fließen. Kommt es dann zum Versagen der Ligamente, so entstehen ge-
trennte Rißflanken, und es bleiben zwei Bruchflächen.

2500

2000

1500
HV

1000

500
Hartmetall mit Co-Binder
0
0 1 2 3 4 5
-1/2 -1/2
LBi [µm ]

Abb. 64: Abhängigkeit der Vickershärte HV vom reziproken Quadratwurzelwert der


mittleren freien Weglänge des Binders LBi-1/2 für WC-Co-Hartmetalle. Daten aus
[Lee77].

In Abb. 64 sind Literaturdaten von Lee [Lee77] aufgetragen, die aufgrund von Unterschie-
den in der Probenpräparation und des Meßverfahrens nicht direkt mit den Daten in Abb. 63
6 DISKUSSION 103

verglichen werden können. Es hat den Anschein, als würden sich in Abb. 64 zwei lineare
Kurvenverläufe ergeben. Ab einer gewissen Vickershärte (HV ≈ 1250), bei der das Auf-
treten von Rissen an den Ecken der Härteeindrücke vermutet wird, kommt es zum Abfla-
chen der ursprünglichen Gerade. Dies könnte auf einen Verlust an Härte zurückzuführen
sein, bedingt durch ein Versagen von Korn- bzw. Phasengrenzen in den Hartmetallen, wie
es Richter et al. [Rich99] beschreibt. Ähnliches Verhalten wie in Abb. 64 registriert auch
Herr [Herr02], dessen Materialien zum Großteil mit denen in dieser Arbeit untersuchten
ultrafeinkörnigen Hartmetallen identisch sind. In Abb. 63 kann jedoch dieses Phänomen
nicht beobachtet werden, da die überwiegende Mehrheit der Hartmetalle in einem Härtebe-
reich liegt, in dem bereits Risse an den Härteeindrücken entstehen.
Abb. 63 und Abb. 64 zeigen dennoch, daß der Hall-Petch-Effekt für die lineare Zunahme
von HV mit steigendem LBi-1/2 bei Hartmetallen in bestimmten Härtebereichen als Erklä-
rung dient. Für extrem kleine Binderweglängen (ab LBi ≈ 0,04 µm Þ LBi-1/2 = 5 µm-1/2) ist
die Versetzungsbewegung und -bildung in der Bindephase eingeschränkt und daher wird
angenommen [Rich99], daß die Härte ein Plateau erreicht mit einem maximalen Härtewert.
Dieser Maximalwert wird bestimmt durch die Härte des polykristallinen Wolframkarbids.
Mit den hier untersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetallen mit WC-Korngrößen um 0,2 µm
wird die maximale Härte von HV10 ≈ 2500 nahezu erreicht. Für noch kleinere freie
Weglängen an Binder (LBi < 0,04 µm) wird keine weitere Härtesteigerung erwartet und die
lineare Hall-Petch-Beziehung verliert ihre Gültigkeit [Rich99, Herr02].

6.2.2 Rißzähigkeit
Die Bestimmung der Riß-/Bruchzähigkeit KIc bei den ultrafeinkörnigen Hartmetallen er-
folgte nach der Methode von Palmqvist (siehe Kap. 4.3.1). Diese Methode konnte nur bei
Hartmetallen angewandt werden, die eine Vickershärte HV10 > 1250 besaßen, da es nur
hier zur Ausbildung von Rissen an den Ecken des Härteeindrucks kam, was in Überein-
stimmung mit Untersuchungen von [Szu97] ist. In Abb. 65 ist die ermittelte Rißzähigkeit
KIc über der Vickershärte HV der Hartmetalle aufgetragen.
Für grobkörnige Hartmetalle, d.h. für Hartmetalle mit mittleren WC-Korngrößen > 0,5 µm,
wird in der Literatur der folgende Zusammenhang beschrieben: Die Rißzähigkeit fällt mit
steigender Härte ab [Rich97, Schu97], wobei mit kleiner werdender WC-Korngröße der
Hartmetalle der Abfall der Rißzähigkeit immer geringer wird. Für die in dieser Arbeit un-
tersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle kann dieser Zusammenhang nur noch bedingt
bestätigt werden, da bei hohen Härten der Spannungsintensitätsfaktor in ein Plateau ein-
schwenkt und kein signifikanter Abfall der Rißzähigkeit mit der Härte mehr beobachtet
werden kann. Ähnliches Verhalten wird auch von Jia et al. bei nanokristallinen Hartmetal-
len beobachtet [Jia98]. Die ultrafeinkörnigen Hartmetalle in Abb. 65 mit einem Härtewert
von HV10 > 2100 besitzen, unabhängig von ihrer Härte und ihrem Bindephasengehalt, eine
Rißzähigkeit von ca. 8 MNm-3/2. Dabei wird der für Hartmetalle limitierende Wert der Riß-
104 6 DISKUSSION

zähigkeit durch die WC-WC-Grenzflächen Bruchzähigkeit bestimmt, die in der Literatur


mit ca. 7 MNm-3/2 [Roeb88, Schu97] angegeben wird. Der Einfluß des Bindephasengehalts
ist bestimmt durch eine kritische freie Weglänge an Binder, unterhalb derer, wie bereits
oben erwähnt, die Versetzungsbewegung und -bildung im Binder eingeschränkt ist. Die
Bindephase verhält sich dann spröde und damit verlieren auch fein verteilte Binderschich-
ten zwischen den Wolframkarbiden die Fähigkeit den Rißfortschritt zu stoppen [Rich99].
Die Streuung der Daten in Abb. 65 ist auf Unterschiede in den WC-Korngrößen, den Bin-
dergehalten und Binderzusammensetzungen, zudem auf die verwendeten Inhibitoren, zu-
rückzuführen [Schu97]. So besitzen von den WC-Co-Hartmetallen die Hartmetalle 47 und
48 mit Cr3C2 als Inhibitor die höchste Rißzähigkeit. Während VC als Inhibitor das Korn-
wachstum am effektivsten bremst und daher die Härte am stärksten steigt, beeinflußt Cr3C2
die Härte weniger stark, wirkt sich aber auch weniger negativ auf die Rißzähigkeit der
Hartmetalle aus [Egam89, Schub97, Gill00].

14

12

10
K Ic [MNm -3/2 ]

4 Standardmaterial mit Co-Binder


Hartmetall mit Co-Binder
2
Hartmetall mit Bindersystem
0
1250 1500 1750 2000 2250 2500
HV10

Abb. 65: Rißzähigkeit KIc in Abhängigkeit von der Vickershärte HV für die im Projekt
untersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle.

Eine genauere Analyse der Daten aus Abb. 65 zeigt, daß bei den Hartmetallen mit alterna-
tiven Bindersystemen, die sich nur in Binderzusammensetzung und -gehalt unterscheiden,
eine Abhängigkeit der Rißzähigkeit von der Bindephasenstruktur besteht. Daher wurden
die Rißzähigkeiten dieser Hartmetalle gegen die Härte, mit entsprechender Kennzeichnung
der Struktur der Bindephase, in einem gesonderten Diagramm (Abb. 67) aufgetragen. Die
Strukturen der in dieser Arbeit verwendeten alternativen Bindephasen, die von der Binder-
zusammensetzung abhängig sind, wurden nicht experimentell ermittelt, sondern aus Abb.
6 DISKUSSION 105

66 bestimmt. Hier sind die von Prakash [Prak79] untersuchten Binderzusammensetzungen,


deren Struktur mittels röntgenographischer Untersuchungen identifiziert wurden, mit den
in dieser Arbeit benutzten Bindern dargestellt.

Bindephasenstruktur Co
krz 100% Bindephasen der
krz > 50% untersuchten HM

kfz 100%
kfz > 50%

Ge
Co

w.%
w.%

Ni
Ge

Ni

Co

Fe

Fe Gew.% Fe Ni

Abb. 66: Bindephasenzusammensetzungen der in dieser Arbeit untersuchten Hartmetalle


(graue Rauten), mit den Bindephasenstrukturen der von Prakash [Prak79] unter-
suchten WC-Hartmetalle (Kreise und Quadrate).

Aus Abb. 67 wird ersichtlich, daß Hartmetalle deren Binderstruktur zu 100 % kubisch
raumzentriert (krz) ist, dies sind die Hartmetalle mit Fe-Co- bzw. mit Fe-Co-Ni-Bindern
mit niedrigen Nickelgehalten, die geringsten Rißzähigkeiten aufweisen, was in guter Über-
einstimmung mit Untersuchungen von Prakash [Prak79] ist. Im Vergleich dazu zeigen die
Hartmetalle mit kubisch flächenzentrierter (kfz) Gitterstruktur der Bindephase höhere KIc-
Werte, die vergleichbar mit den Werten der WC-Co-Hartmetalle sind. Daher wird vermu-
tet, daß die Bindephasenstruktur der Hartmetalle, bei sonst gleichen WC-Ausgangspulvern
und Inhibitoren, einen Einfluß auf die Rißzähigkeit hat.
Die Gitterstruktur hat Bedeutung für die mechanischen Eigenschaften, insbesondere für die
Plastizität von reinen Metallen, sowie für deren Legierungen, da Gleitung, d.h. die Ver-
schiebung von „Gitterpaketen“, vorzugsweise parallel zu Ebenen im Kristallgitter erfolgt,
welche mit Atomen am dichtesten besetzt sind. Dabei ist die Anzahl der möglichen Gleit-
systeme, bestehend aus Gleitebene und Gleitrichtung der verschiedenen Gittertypen, ent-
scheidend für deren Verformungsverhalten. Im kfz-Gitter sind die Flächendiagonalen der
106 6 DISKUSSION

kubischen Elementarzelle die bevorzugten Gleitrichtungen und die Oktaederflächen die


bevorzugten Gleitebenen, die jeweils maximal dichtest gepackt sind. Daher ergeben sich
aufgrund der vier {111}-Ebenen mit je drei [110]-Richtungen für kfz-Kristalle 12 ver-
schiedene Gleitsysteme [Gott98]. Im krz-Gitter ist die Raumdiagonale der Elementarzelle,
die maximal am dichtesten gepackt ist, die einzig mögliche Gleitrichtung. Diese [111]-
Richtung ist im krz-Gitter in verschiedenen kristallograpischen Ebenen mit mehr oder we-
niger dichter Atombesetzung enthalten und deshalb ergeben sich neben der dichtest ge-
packten {110}-Ebene auch {112} [111] und {123} [111] als Gleitsysteme (siehe Tab. 12).
Somit besitzt das krz-Gitter 12 gleichwertige Gleitsysteme auf der dichtesten Ebene und 36
auf anderen Ebenen [Gott98].
Der Grund, weshalb kfz-Metalle bzw. Legierungen im allgemeinen besser verformbar sind
als krz-Metalle, liegt daran, daß es besonders günstig ist, wenn eine gleitfähige Ebene in
möglichst viele Richtungen gleiten und somit Blockierungen ausweichen kann. Bei der
Gleitung auf {111}-Ebenen der kfz-Metalle sind immer drei Gleitrichtungen gleichberech-
tigt vorhanden, während die gleitfähigen Ebenen im krz-Gitter dagegen höchstens zwei
gleichberechtigte Richtungen besitzen.

Tab. 12: Gleitsysteme der kfz- und krz-Gitterstrukturen aus [Gott98].

Kristall- Anzahl der nicht Gleitrichtung Anzahl


Gleitebene Gleitrichtung
struktur parallelen Ebenen pro Ebene der Gleitsysteme
kfz {111} [1-10] 4 3 12 = 4⋅3
krz {110} [-111] 6 2 12 = 6⋅2
krz {112} [11-1] 12 1 12 = 12⋅1
krz {123} [11-1] 24 1 24 = 24⋅1

kfz krz

[001] [001]
[010] [010]
[100] [100]
6 DISKUSSION 107

14

12

10
K Ic [MNm -3/2 ]

6 Bindephasenstruktur
krz 100%
4 krz > 50%
kfz 100%
2
kfz > 50%
0
1250 1500 1750 2000 2250 2500
HV10

Abb. 67: Rißzähigkeit KIc über der Vickershärte HV in Abhängigkeit von der Struktur der
alternativen Bindersysteme. Bindephasenstrukturen nach [Prak79].

6.2.3 Monoton ansteigende Biegebeanspruchung


Eine weitere wichtige Eigenschaft der ultrafeinkörnigen Hartmetalle ist ihre überaus gute
Festigkeit. Die Festigkeitssteigerungen, die mit kleiner werdender WC-Korngröße im all-
gemeinen trotz gleichfalls sinkender Riß- bzw. Bruchzähigkeit erreicht werden, hängen in
hohem Maße von der geringen Defektgröße dieser Werkstoffe ab. Um diese hohen Festig-
keiten zu erreichen, ist es notwendig, diskontinuierliches Kornwachstum weitestgehend zu
unterdrücken, was höchste Ansprüche an die Reinheit und die Gleichmäßigkeit der Korn-
größen der Ausgangspulver stellt sowie einen optimalen Kohlenstoffhaushalt voraussetzt
[Rich97].
Bei der Entwicklung von Hartmetallen mit feiner Mikrostruktur zeigte sich, daß die WC-
Co-Hartmetalle mit WC-Korngrößen unter 1 µm bei gleicher Zusammensetzung sowohl
eine höhere Härte als auch eine erhöhte Biegebruchfestigkeit besitzen im Vergleich zu
klassischen Hartmetallen. In Abb. 68 ist die Vickershärte HV von verschiedenen WC-Co-
Hartmetallen gegen die Biegebruchfestigkeit Rbm, ermittelt aus Dreipunktbiegeversuchen,
aufgetragen. Aus dieser Darstellung geht deutlich hervor, daß mit kleiner werdender WC-
Korngröße sowohl die Härte als auch die Biegebruchfestigkeit zunimmt, was im Wider-
spruch zu der alten Faustregel der Hartmetalltechnologie steht, die besagt, daß eine Härte-
steigerung nur mit einer Abnahme der Festigkeit erkauft werden kann [Fuka91, Daub95,
Rich97]. Dies wird auch aus Abb. 5 ersichtlich, wo Härte und Biegebruchfestigkeit von
WC-Co-Hartmetallen mit unterschiedlichen WC-Korngrößen [Kola93] aufgetragen sind.
108 6 DISKUSSION

4000

3500

3000
Rbm [MPa]

2500

2000
klassisches HM (LWC > 1 µm)
1500 submikron HM (LWC = 0,5 - 1 µm)
ultrafeinkörniges HM (LWC = 0,1 - 0,5 µm)
1000
500 1000 1500 2000 2500
HV

Abb. 68: Zusammenhang zwischen Härte HV und Biegebruchfestigkeit Rbm von WC-Co-
Hartmetallen unterschiedlicher WC-Korngröße. Daten der klassischen und sub-
mikron Hartmetalle aus [Feld88].

Um die Festigkeit der ultrafeinkörnigen Hartmetalle zu charakterisieren wurde die Inertfe-


stigkeit, ermittelt unter monoton ansteigender Biegebeanspruchung, bestimmt. Dabei stellt
die Inertfestigkeit eine Biegebruchfestigkeit dar, die erreicht wird ohne unterkritische Riß-
ausbreitung, bedingt durch die hohe Belastungsgeschwindigkeit. Für jede einzelne Hart-
metallsorte wurden bis zu 15 Proben untersucht und die gemessenen Daten wurden nach
der Maximum-Likelihood-Methode, entsprechend DIN 51 100, Teil 3, ausgewertet.
In Abb. 69 ist die Inertfestigkeit σ0,ml gegen den Volumenanteil VBi an Binder für ultrafein-
körnige Hartmetalle mit gleichem WC-Ausgangspulver aufgetragen. Die Inertfestigkeiten
der Hartmetalle 44 und 46 mit jeweils unterschiedlichem WC-Ausgangspulver sind in Abb.
69 nicht mit eingetragen. Hartmetall 46 zeigt unter den WC-Co-Hartmetallen mit 16,39
Vol.% Binder die deutlich geringste Inertfestigkeit (siehe Tab. 10) trotz kleinster mittlerer
WC-Korngröße und schmaler Korngrößenverteilung (vergleiche Abb. 36). Es wird daher
angenommen, daß neben der Korngröße der Wolframkarbidphase weitere Eigenschaften
des WC-Ausgangspulvers, wie z.B. die Reinheit, die Bruchfestigkeit der Hartmetalle be-
einflussen.
Die Inertfestigkeiten der untersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle zeigen eine starke
Abhängigkeit vom Bindergehalt sowohl für die Hartmetalle mit Co-Binder als auch mit
alternativen Bindersystemen. Dabei ergibt sich für alle Hartmetalle ein Maximum der
Inertfestigkeit bei einem Volumenanteil an Binder von ungefähr 20 % [Sail01]. Um das
Auftreten des Maximums genauer zu bestimmen, sind jedoch weitere Daten von Hartme-
tallen mit unterschiedlichen Bindergehalten notwendig. Das Vorhandensein eines Maxi-
6 DISKUSSION 109

mums der Inertfestigkeit bzw. Biegebruchfestigkeit in Abhängigkeit vom Bindergehalt ist


in guter Übereinstimmung mit Ergebnissen aus der Literatur von Dreipunktbiegeversuchen
an konventionellen Hartmetallen [Gurl55, Thom95].

4500
4000
3500
3000 FeCoNi
σ 0,ml [MPa]

2500 FeCoNi
FeNiCo
FeNi
2000
1500 FeCoNi
FeCo
1000 Standardmaterial mit Co-Binder
Hartmetall mit Co-Binder
500 Hartmetall mit Bindersystem
0
0 10 20 30 40 50
theo. VBi [Vol.%]

Abb. 69: Inertfestigkeit σ0,ml aufgetragen über den Volumenanteil VBi an Binder für Hart-
metalle mit gleichem WC-Ausgangspulver (TT, WC02NR).

Das Festigkeitsverhalten von Hartmetallen wird sowohl von den auftretenden Verfor-
mungsmechanismen als auch von den Rißbildungsmechanismen bestimmt, wobei der Ge-
fügeaufbau der Hartmetalle maßgebend ist für die auftretenden Mechanismen. Charakteri-
stisch für den Gefügeaufbau von Hartmetallen ist die sich durchdringende Skelettstruktur
für die Hartstoff- und Bindephase (siehe Kap. 3.2.1). Der Grad der Skelettausbildung wird
hierbei von den Anteilen an Hartstoff- und Bindephase, der Karbidkorngröße und den Her-
stellungsbedingungen bestimmt [Gurl58, Exne64].
Bei äußerer Beanspruchung des Hartmetalls kommt es zunächst zur gleichzeitigen, rein
elastischen Verformung beider Gefügebestandteile, wobei die Verformung im wesentli-
chen von der Hartstoffphase getragen wird [Sigl86]. Das Rißwachstum in Hartmetallen
setzt meist an Schwachstellen im Hartstoffgerüst, wie z.B. den Kontiguitätspunkten, ein
[Sigl86], wobei der Riß zunächst trans- oder interkristallin verläuft. Nach dem Aufbrechen
des Hartstoffskeletts kommt es zu einer lokalen Verlagerung der Beanspruchung auf die
Bindephase. Wird hierbei die Streckgrenze des Binders überschritten, so beginnt dieser
plastisch zu fließen. Die dabei entstehende Multiligamentzone (siehe Abb. 9) ist charakte-
ristisch für die Rißausbreitung in Hartmetallen und zeichnet sich durch Bindephasenstege
aus, die die Rißflanken zusammenhalten [Sigl86]. Erst das Versagen der Ligamente führt
110 6 DISKUSSION

zu getrennten Rißflanken und hinterläßt auf den Bruchflächen eine charakteristische Näpf-
chenstruktur, wie in Kap. 5.2.3 ersichtlich wird.
Die in Abb. 69 dargestellte Abhängigkeit der Inertfestigkeit mit dem Bindergehalt kann
daher als Resultat zweier konkurrierender Mechanismen angesehen werden [Gurl55]. Mit
abnehmendem Bindergehalt der Hartmetalle wird die plastische Verformbarkeit der Bin-
dephase eingeschränkt. Dies ist darauf zurückzuführen, daß mit kleiner werdender freier
Weglänge an Binder der Widerstand gegen Verformung zunimmt, beruhend auf dem be-
reits erwähnten Hall-Petch-Effekt. Damit kommt es zunächst zu einem Anstieg der Festig-
keit und einem Verlust an Duktilität der Hartmetalle. Schließlich kommt es zu einem Ver-
lust an Festigkeit des Verbunds mit abnehmender Menge an Binder, was im Gegenzug
bedeutet, daß der Anteil der spröden Wolframkarbidphase zunimmt. Damit erhöht sich die
Kontiguität des Hartstoffgerüsts, gleichbedeutend mit einem Anstieg der WC-WC-
Phasengrenzen, womit die Festigkeit der Hartmetalle durch die erleichterte Rißbildung und
-ausbreitung ausgehend von kritischen Fehlstellen im Hartstoffskelett kontrolliert wird
[Gur63].
Die Inertfestigkeitsmessungen in Abb. 69 zeigen zudem, daß ultrafeinkörnige Hartmetalle
mit reinem Co-Binder höhere Inertfestigkeiten erreichen, als die Hartmetalle mit denen in
dieser Arbeit verwendeten alternativen Bindersystemen. Hierbei fällt auf, daß der Festig-
keitsanstieg mit zunehmendem Bindergehalt bei den Hartmetallen mit Co-Binder ausge-
prägter ist. Es muß aber berücksichtigt werden, daß die beiden Hartmetalle 63 und 64 mit
geringen Co-Gehalten (3,47 bzw. 5,17 Vol.%) Ausscheidungen von freiem Graphit auf-
weisen (vergleiche Tab. 6). Die Bildung von freiem Graphit, sogenannte „C-
Ausscheidung“, ist unerwünscht, da sie bei Hartmetallen zu einem Verlust an Festigkeit
führt [Bern57, Suzu66], so daß die Inertfestigkeitswerte dieser Hartmetalle eigentlich et-
was höher liegen. Negativ auf die Festigkeit der ultrafeinkörnigen Hartmetalle wirkt sich
auch das Auftreten von Grobkörnern, bedingt durch diskontinuierliches Kornwachstum der
Wolframkarbide, aus [Rich97]. Der Einfluß von C-Ausscheidungen und Grobkörnern auf
das Festigkeitsverhalten der Hartmetalle konnte in dieser Arbeit aber nicht näher quantifi-
ziert werden.
Weiterhin zeigt sich aus Abb. 69, daß die Inertfestigkeit stark von der Zusammensetzung
der alternativen Bindersysteme abhängig ist. Die Hartmetalle mit Fe-Co-Ni-, Fe-Ni-Co-
und Fe-Ni-Binder weisen gute Inertfestigkeitswerte auf, während Hartmetall 54 mit Fe-Co-
Binder eine deutlich geringere Inertfestigkeit besitzt. Aufgrund der Verwendung des glei-
chen WC-Ausgangspulvers wird der Einfluß der Festigkeit des Wolframkarbids als kon-
stant angenommen, so daß die Inertfestigkeit Auskunft über die Festigkeit bzw. Duktilität
der Bindephase gibt. Aufgrund der fehlenden Duktilität der Bindephase zeigt das Hartme-
tall mit Fe-Co-Binder die niedrigste Inertfestigkeit. Dieses besitzt von allen untersuchten
Hartmetallen die geringste Rißzähigkeit (siehe Tab. 9), was das spröde Verhalten der Bin-
dephase bestätigt und in guter Übereinstimmung mit Ergebnissen von Prakash [Prak79] ist.
6 DISKUSSION 111

Ein Einfluß der Bindephasenstruktur, die abhängig von der Zusammensetzung der alterna-
tiven Bindersysteme ist, auf die Inertfestigkeit konnte nicht beobachtet werden [Prak79].

6.2.4 Zyklisch wechselnde Biegebeanspruchung


Es ist allgemein bekannt, daß klassische Hartmetalle unter zyklisch wechselnder Belastung
bei Spannungen, die weit unter dem Niveau einer statischen oder monoton ansteigenden
Beanspruchung liegen, versagen und somit eine deutliche Ermüdungsanfälligkeit aufwei-
sen [Schl95, Schl96, Schl98, Kind99]. Dieses Phänomen wurde für die in dieser Arbeit
untersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle mit unterschiedlichen Bindersystemen bestätigt
(siehe Kap. 5.3.5) und bereits in einer Veröffentlichung teilweise beschrieben [Sail01].
Die Ergebnisse der Versuche unter zyklisch wechselnder Belastung sind in Wöhlerdia-
grammen dargestellt, in denen die Spannungsamplitude ∆σ/2 gegen den dekadischen Log-
arithmus der Anzahl der ertragenen Zyklen Nb bis zum Bruch aufgetragen ist. Für die Da-
ten wurde über lineare Regression und Standardfehler ein Streuband definiert. Proben die
nach hohen Lastspielzahlen kein Versagen zeigten, sogenannte „Durchläufer“, wurden bei
der Berechnung des Streubandes nicht berücksichtigt.

4000
K40U
3500
K50M
3000
∆σ /2 [MPa]

2500
2000
1500
1000
500
Durchläufer
0
0 1 2 3 4 5 6 7 8
log (Nb)

Abb. 70: Wöhlerdiagramm der beiden ultrafeinkörnigen Hartmetalle K40U und K50M
mit 10 Gew.% Co-Binder.

In Abb. 70 sind die Wöhlerkurven der beiden Standardmaterialien, die gleiche Co-
Bindergehalt besitzen, sich aber in der Korngrößenverteilung des WC-Pulvers unterschei-
den, dargestellt. Beide Hartmetalle besitzen eine hohe Ausgangsfestigkeit (vergleiche Tab.
11), zeigen aber eine starke Abnahme der Spannungsamplitude ∆σ/2 mit zunehmender
112 6 DISKUSSION

Zyklenzahl. Die geringen Abweichungen im Biegewechselverhalten sind auf Unterschiede


im WC-Ausgangspulver zurückzuführen. Hartmetall K40U weist eine etwas feinkörnigere
Mikrostruktur auf und besitzt eine engere WC-Sehnenlängenverteilung als Hartmetall
K50M (siehe Abb. 35), was die geringfügig höhere Ermüdungsfestigkeit von K40U bei
kleinen Zyklenzahlen erklärt.
Abb. 71 zeigt das Wöhlerdiagramm der Hartmetalle 47 und 48, die sich nur in der Zugabe
an freiem Kohlenstoff bei der Pulvereinwaage unterscheiden, ansonsten aber gleiches WC-
Pulver und gleichen Bindergehalt (10 Gew.% Co-Binder) besitzen. Die quantitative Gefü-
geanalyse ergab, daß die hier vorgenommene geringe Variation des Kohlenstoffgehalts
keine Auswirkungen auf die Mikrostruktur der Hartmetalle hat (vergleiche Kap. 5.2.2).
Daher besitzen die beiden Hartmetalle nahezu gleiche mechanische Eigenschaften, wie
z.B. Härte und Rißzähigkeit (siehe Tab. 9), was dadurch bestätigt wird, daß beide Materia-
lien gleiches Ermüdungsverhalten zeigen. Die berechneten Streubänder der Wöhlerkurven
von Hartmetall 47 und 48 sind zudem deckungsgleich.

4000
0,10 Gew.% C-Gehalt (HM 47)
3500
0,13 Gew.% C-Gehalt (HM 48)
3000
∆σ /2 [MPa]

2500
2000
1500
1000
500
Durchläufer
0
0 1 2 3 4 5 6 7 8
log (Nb)

Abb. 71: Wöhlerdiagramm von ultrafeinkörnigen Hartmetallen mit unterschiedlicher Zu-


gabe an Kohlenstoff, aber gleichem WC-Ausgangspulver und Bindergehalt.

In Abb. 72 sind die Wöhlerkurven von Hartmetallen mit unterschiedlichem WC-


Ausgangspulver, aber mit gleichem Co-Binderanteil, dargestellt. Die Wöhlerkurven der
Hartmetalle 44 und 46 weisen nahezu gleiche Steigung auf, jedoch unterscheiden sie sich
deutlich in der Höhe der ertragenen Spannungsamplituden ∆σ/2. Ein Vergleich der mi-
krostrukturellen Parameter der beiden untersuchten Hartmetalle zeigt, daß Hartmetall 46
eine kleinere mittlere WC-Korngröße sowie eine geringfügig kleinere freie Weglänge an
Binder besitzt als Hartmetall 44 (siehe Tab. 7). Diese Unterschiede in der Mikrostruktur
6 DISKUSSION 113

sind auf die Verwendung von verschiedenen WC-Ausgangspulvern zurückzuführen. Dar-


aus resultierend ergibt sich für Hartmetall 46 eine deutlich höhere Härte (HV10 = 2038)
verglichen zu Hartmetall 44 (HV10 = 1762). Trotz kleinerer WC-Korngröße weist Hart-
metall 46 jedoch keine höhere Festigkeit unter zyklischer Biegewechselbelastung auf. Wie
bei den Inertfestigkeitsmessungen wird vermutet, daß weitere Eigenschaften des WC-
Ausgangspulvers, wie z.B. die Reinheit, Einfluß auf die Höhe der ertragbaren Span-
nungsamplituden haben. Daß beide Hartmetalle ähnliche Steigungen der Wöhlerkurven
besitzen, die ein Maß für die Ermüdungsempfindlichkeit sind, wird darauf zurückgeführt,
daß Hartmetall 44 und 46 gleiche Bindergehalte aufweisen.

4000
Starck, DS40 (HM 44)
3500
Dow, WC02 (HM 46)
3000
∆σ /2 [MPa]

2500
2000
1500
1000
500
Durchläufer
0
0 1 2 3 4 5 6 7 8
log (Nb)

Abb. 72: Wöhlerdiagramm zweier ultrafeinkörniger Hartmetalle mit unterschiedlichem


WC-Ausgangspulver, aber gleichem Co-Binderanteil von 10 Gew.%.

Abb. 73 zeigt den Vergleich von Hartmetallen mit unterschiedlichem Binderanteil, herge-
stellt mit gleichem WC-Ausgangspulver, unter zyklisch wechselnder Belastung. Hartmetall
64 mit 3 Gew.% Co-Binder weist von den drei Hartmetallen die geringste Ermüdungsfe-
stigkeit auf, besitzt andererseits eine ähnliche Steigung der Wöhlerkurve wie Hartmetall 48
mit 10 Gew.% Binder. Dagegen unterscheidet sich das Ermüdungsverhalten von Hartme-
tall 62 mit 25 Gew.% Binder deutlich von dem Verhalten der Hartmetalle mit weniger
Binder. Hartmetall 62 besitzt eine hohe Ermüdungsfestigkeit für kleine Zyklenzahlen, zeigt
aber den stärksten Abfall der Festigkeit mit ansteigenden Zyklen.
Hartmetall 64 mit 3 Gew.% Binder zeigt im Vergleich zu allen anderen Hartmetallen eine
sehr geringe Streuung der Festigkeitsdaten unter zyklischer Beanspruchung. Es wird ange-
nommen, daß das heißisostatische Nachverdichten, welches notwendig ist um Hartmetalle
114 6 DISKUSSION

mit geringen Binderanteilen zu sintern, zu einer sehr schmalen Defektgrößenverteilung


führt, weshalb die Ermüdungsdaten eine so geringe Streuung aufweisen.

4000
3 Gew.% Co-Binder (HM 64)
3500 10 Gew.% Co-Binder (HM 47)
3000 25 Gew.% Co-Binder (HM 62)
∆σ /2 [MPa]

2500
2000
1500
1000
500
Durchläufer
0
0 1 2 3 4 5 6 7 8
log (Nb)

Abb. 73: Wöhlerdiagramm von ultrafeinkörnigen Hartmetallen mit unterschiedlichem Co-


Binderanteil, aber gleichem WC-Ausgangspulver.

Das Ermüdungsverhalten der ultrafeinkörnigen Hartmetalle, d.h. ihr Widerstand gegen


unterkritische Rißausbreitung, wird durch die Ermüdungsempfindlichkeit charakterisiert.
Die Steigung der Wöhlerkurven ist ein Maß für die Ermüdungsempfindlichkeit, die den
Verlust der ertragbaren Spannungsamplitude mit zunehmender Zyklenzahl beschreibt
[Kind99].
Zwischen den Hartmetallen in Abb. 73 mit 3 und 10 Gew.% Binder scheint kein signifi-
kanter Unterschied in der Ermüdungsempfindlichkeit zu bestehen. Der Bindergehalt beein-
flußt jedoch die Höhe der ertragbaren Ermüdungsfestigkeit. Ersichtlich wird dies auch aus
Abb. 69, in der die Inertfestigkeit über dem Bindergehalt aufgetragen ist, wobei die Inert-
festigkeit näherungsweise einer Biegefestigkeit bei einem ¼ Zyklus entspricht.
Das ultrafeinkörnige Hartmetall mit 25 Gew.% Binder zeigt die größte Ermüdungsemp-
findlichkeit. Offensichtlich treten die Ermüdungseffekte überwiegend in der duktilen Bin-
dephase auf [Schl95, Schl96]. Diese Effekte sind offenbar ausgeprägter in Hartmetallen
mit hohem Binderanteil und daher verantwortlich für den starken Verlust an Festigkeit mit
ansteigender Zyklenzahl. Die Abnahme der ertragbaren Spannungsamplitude mit zuneh-
mender Zyklenzahl wird bei Hartmetallen auf Ermüdungseffekte in der Bindephase zu-
rückgeführt [Fry82, Schl95]. Bestätigt wird dies dadurch, daß die Wolframkarbide auch
nach Ermüdung nahezu versetzungsfrei im Hartmetall vorliegen (vergleiche Kap. 5.2.4).
Durch die plastische Dehnungen der Bindephasenstege von bis zu 65 % [Sigl96] bei Riß-
6 DISKUSSION 115

öffnung und der anschließenden Stauchung bei Rißschließung kommt es zu versetzungsbe-


dingten Ermüdungsmechanismen der Bindephase hinter der Rißspitze. Bei einem Versagen
der Bindephasenstege kann sich der Riß somit stückweise fortbewegen. Hieraus resultiert
langsames unterkritisches Rißwachstum, was zu einem Versagen der Hartmetalle, selbst
unter sehr niedrigen Spannungsamplituden, führt.
Das Wöhlerdiagramm in Abb. 74 zeigt das Ermüdungsverhalten von ultrafeinkörnigen
Hartmetallen mit verschiedenen alternativen Bindersystemen, aber gleichem WC-
Ausgangspulver. Hartmetall 61 mit 10 Gew.% Fe-Ni-Binder und Hartmetall 54 mit 10
Gew.% Fe-Co-Binder besitzen nahezu gleiche Ermüdungsempfindlichkeit, aber unter-
scheiden sich deutlich in der Festigkeit unter zyklischer Belastung. Aufgrund gleicher WC-
Ausgangspulver und ähnlicher mikrostruktureller Parameter (siehe Tab. 7) werden die
Unterschiede in der Festigkeit auf die Binderzusammensetzung zurückgeführt. Hartmetall
54 mit Fe-Co-Binder besitzt die geringere Rißzähigkeit (siehe Tab. 9), was für eine ver-
minderte Duktilität der Bindephase im Vergleich zum Fe-Ni-Binder spricht. Nach Prakash
[Prak79] besteht die Möglichkeit der Bildung einer spröden Fe/Co-Phase (krz-Struktur) in
Hartmetallen mit Fe-Co-Binder, die zudem für den Festigkeitsverlust verantwortlich sein
könnte.

4000
10 Gew.% FeNi-Binder (HM 61)
3500 10 Gew.% FeCo-Binder (HM 54)
3000 12,5 Gew.% FeCoNi-Binder (HM 57)
∆σ /2 [MPa]

2500
2000
1500
1000
500
Durchläufer
0
0 1 2 3 4 5 6 7 8
log (Nb)

Abb. 74: Wöhlerdiagramm von ultrafeinkörnigen Hartmetallen mit unterschiedlichen


Bindersystemen, aber gleichem WC-Ausgangspulver (TT, WC02 NR).

Der Vergleich von Hartmetall 61 mit 10 Gew.% Fe-Ni-Binder und Hartmetall 57 mit 12,5
Gew.% Fe-Co-Ni-Binder in Abb. 74 zeigt nur geringfügige Unterschiede im mechanischen
Verhalten unter zyklischer Belastung, da die Streubänder der beiden Wöhlerkurven fast
deckungsgleich sind. Trotz unterschiedlicher Bindergehalte und -zusammensetzungen wird
116 6 DISKUSSION

das gleiche Ermüdungsverhalten auf ähnliche mikrostrukturelle Parameter (Tab. 7) sowie


identische Härtewerte (Tab. 9) der Hartmetalle zurückgeführt.
Um den Einfluß des Bindergehalts auf das Ermüdungsverhalten der beiden Hartmetalle zu
eliminieren soll nachfolgendes Gedankenexperiment vorgestellt werden. Ein Hartmetall
mit der gleichen Zusammensetzung wie Hartmetall 57, jedoch reduziertem Bindergehalt
von 10 Gew.%, würde veränderte mechanische Eigenschaften aufweisen. Im Vergleich zu
Hartmetall 57 würde dieses Hartmetall mit geringerem Bindergehalt einen Anstieg der
Härte und einen Verlust an Festigkeit zeigen. Zudem wäre die Ermüdungsfestigkeit dieses
Hartmetalls geringer. Dies bedeutet für einen Vergleich von ultrafeinkörnigen Hartmetal-
len mit verschiedenen alternativen Bindersystemen, aber gleichen Binderanteilen von 10
Gew.%, daß Hartmetall 61 mit Fe-Ni-Binder die höchste ertragbare Ermüdungsfestigkeit
aufweist, bei gleichzeitig geringer Ermüdungsempfindlichkeit.

Um die Ermüdungsempfindlichkeiten aller untersuchten Hartmetalle vergleichen zu kön-


nen, wurden Regressionsgeraden der Ermüdungsdaten in eine normierte Wöhlerauftragung
eingetragen (siehe Abb. 75). Für jede einzelne Hartmetallsorte wurden die jeweiligen
Spannungsamplituden mit dem Spannungswert, der auf log(Nb) = 0 extrapolierten zykli-
schen Festigkeit, normiert. Die Steigungen der Regressionsgeraden der normierten Wöh-
lerkurven sind dann ein Maß für die jeweilige Ermüdungsempfindlichkeit des Hartmetalls
[Kind99].
Aus Abb. 75 ergibt sich, daß die Ermüdungsempfindlichkeiten der ultrafeinkörnigen Hart-
metalle mit WC-Korngrößen im Bereich von 0,2 bis 0,3 µm, nur geringfügig von den ver-
wendeten WC-Ausgangspulvern beeinflußt werden. Die untersuchten Hartmetallsorten mit
10 Gew.% Co-Binder besitzen WC-Ausgangspulver von verschiedenen Herstellern. Ob-
wohl diese Hartmetalle deutliche Unterschiede in der Höhe der ertragbaren Ermüdungsfe-
stigkeit aufweisen (siehe Tab. 11), zeigen sie in der normierten Wöhlerauftragung nahezu
gleiche Ermüdungsempfindlichkeiten.
Im Gegensatz dazu hat der Bindergehalt von Hartmetallen einen starken Einfluß auf die
Ermüdungsempfindlichkeit. Für die Hartmetalle mit unterschiedlichem Co-Bindergehalt,
die gleiches WC-Pulver besitzen, zeigen sich deutliche Unterschiede in den Steigungen der
Regressionsgeraden. Das Hartmetall mit dem höchsten Binderanteil (25 Gew.% Binder)
besitzt die größte Ermüdungsempfindlichkeit. Für niedrige Bindergehalte (3 bzw. 10
Gew.% Binder) zeigt sich dagegen kein signifikanter Unterschied in der Steigung der nor-
mierten Wöhlerkurven und damit in der Ermüdungsempfindlichkeit der Hartmetalle. Damit
wird nochmals bestätigt, daß Ermüdungseffekte bei Hartmetallen überwiegend in der Bin-
dephase auftreten [Fry82, Schl95].
Ein Vergleich der ultrafeinkörnigen Hartmetalle mit unterschiedlichen Binderzusammen-
setzungen, reinem Co-Binder und verschiedenen alternativen Bindersystemen, aber glei-
chem Binderanteil zeigt, daß offensichtlich Unterschiede im mechanischen Verhalten unter
6 DISKUSSION 117

zyklischer Belastung bestehen. Die Materialien mit Co-Binder weisen einen Verlust an
Biegefestigkeit von 40 % nach 107 Zyklen auf, wohingegen die Hartmetalle mit alternati-
ven Bindersystemen nur einen Verlust von maximal 20 % aufweisen. Dies bedeutet, daß
ultrafeinkörnige Hartmetalle mit Fe-reichen Bindersystemen, offenbar unabhängig von der
exakten Zusammensetzung des Binders, weniger empfindlich auf Ermüdung reagieren, als
Hartmetalle mit reinem Co-Binder. Ein Einfluß der Bindephasenstruktur bei den alternati-
ven Bindersystemen auf das Ermüdungsverhalten konnte jedoch nicht beobachtet werden.
Diese Untersuchungen lassen schlußfolgern, daß unterschiedliche Ermüdungsmechanis-
men für ultrafeinkörnige Hartmetalle mit Co-Binder und alternativen Bindersystemen be-
stehen. Zurückgeführt wird diese darauf, daß die Ermüdungsmechanismen und Schädi-
gungsprozesse offenbar durch die Eigenschaften der Bindephase bestimmt werden.

1,2

1,0

0,8 Bindersysteme (~ 10 Gew.%)


∆σ norm

0,6 Co-Binder (10 Gew.%)


Co-Binder (3 Gew.%)
0,4

0,2 Co-Binder (25 Gew.%)

0,0
0 1 2 3 4 5 6 7 8
log (Nb)

Abb. 75: Normierte Wöhlerdarstellung der untersuchten ultrafeinkörnigen Hartmetalle.

Die Korrelation der freien Weglänge an Binder LBi mit der Ermüdungsempfindlichkeit,
ermittelt aus dem Betrag der Steigung der Wöhlerkurven SW, zeigt eine eindeutige Abhän-
gigkeit (Abb. 76). Mit größer werdender freier Weglänge an Binder nimmt die Ermü-
dungsempfindlichkeit der ultrafeinkörnigen Hartmetalle zu, wobei die Zunahme bei größe-
ren Binderweglängen geringer ist. Für submikron WC-Co-Hartmetalle mit noch größeren
Binderweglängen ermittelte Pott [Pott00] eine von der Binderweglänge unabhängige Er-
müdungsempfindlichkeit der Hartmetalle. Er führt dies auf eine Lokalisierung der plasti-
schen Verformung in der Bindephase zurück, so daß nur ein kleiner Bruchteil des Binders
verformt wird. Die Streuung bei den Daten der Hartmetalle mit Co-Binder ist auf die Ver-
wendung unterschiedlicher WC-Ausgangspulver und Inhibitoren zurückzuführen. Abb. 76
118 6 DISKUSSION

zeigt zudem, daß für gleiche Werte an freier Binderweglänge die Hartmetalle mit alternati-
ven Bindersystemen im Vergleich zu den WC-Co-Hartmetallen Wöhlerkurven mit gerin-
gerer Steigung besitzen. Dies bedeutet, die geringere Ermüdungsempfindlichkeit der
Hartmetalle mit alternativen Bindersystemen ist in der Tat auf die Wahl des Binders zu-
rückzuführen.

0,30
Standardmaterial mit Co-Binder
0,25 Hartmetall mit Co-Binder
Hartmetall mit Bindersystem
0,20
LBi [µm]

0,15
?

0,10

0,05
niedrige hohe
Ermüdungsempfindlichkeit
0,00
0 50 100 150 200 250 300 350 400 450
SW

Abb. 76: Korrelation der freien Weglänge an Binder LBi mit dem Betrag der Steigung der
Wöhlerkurven SW, als Maß für die Ermüdungsempfindlichkeit.

Das unterschiedliche Verhalten der Hartmetalle mit verschiedenen Bindern unter zyklisch
wechselnder Beanspruchung soll am Beispiel des Hartmetalls 47 mit Co-Binder und am
Hartmetall 57 mit Fe-reichem Fe-Co-Ni-Binder erfolgen, die beide im Transmissionselek-
tronenmikroskop analysiert wurden (vergleiche Kap. 5.2.4).
Für das ultrafeinkörnige WC-Co-Hartmetall 47 konnte die in der Literatur [Schl95,
Kind99] bereits mehrfach beschriebene Phasentransformation der Co-Bindephase unter
zyklisch wechselnder Beanspruchung bestätigt werden. Durch die Umwandlung der ku-
bisch flächenzentrierten Hochtemperaturmodifikation des Kobalts, welche bei Raumtem-
peratur durch gelöste Fremdatome stabilisiert ist, in seine hexagonale Raumtemperaturmo-
difikation, kommt es zur Versprödung des Binders [Sari75, Fry82], aufgrund einer Redu-
zierung der möglichen Gleitsysteme von 12 auf 3. Unabhängig von der Phasentransforma-
tion kommt es zu einer Versprödung der Bindephase durch Verformungsverfestigung [Al-
mo80]. Die geringe Stapelfehlerenergie des Kobalts, im Vergleich zu anderen Binderme-
tallen (z.B. Nickel), begünstigt die Verformungsfestigkeit, da sie große Aufspaltungswei-
ten der Versetzungen gestattet und daher Quergleiten als dynamischen Erholungsprozeß
6 DISKUSSION 119

erschwert [Haas94]. Die Bindephasenversprödung unter zyklisch wechselnder Belastung


durch Phasentransformation und/oder Verformungsverfestigung führt dazu, daß Span-
nungskonzentrationen an der Rißspitze durch plastische Verformung nur im geringen Ma-
ße abgebaut werden können. Damit wird unterkritisches Rißwachstum bereits bei sehr
niedrigen Spannungsamplituden ermöglicht.
Bei Hartmetall 57 mit Fe-Co-Ni-Binder konnte keine Phasentransformation der Bindepha-
se im Transmissionselektronenmikroskop mittels Beugungsexperimenten beobachtet wer-
den (siehe Kap. 5.2.4). Es wurden jedoch Zwillinge in der Bindephase nachgewiesen, die
in Beugungsaufnahmen die für Zwillinge charakteristischen Doppelreflexe zeigen. Hierbei
muß zwischen Rekristallisationszwillingen und Verformungszwillingen unterschieden
werden, wobei Materialien mit hoher Dichte an Rekristallisationszwillingen gewöhnlich
auch eine starke Tendenz zur mechanischen Zwillingsbildung zeigen [Gott98]. Mechani-
sche Zwillingsbildung, als Möglichkeit von plastischer Verformung, ist bei tiefen Tempe-
raturen bekannt [Gott98] und wird für das Sprödbruchverhalten in polykristallinem krz-
Eisen bei Tieftemperaturverformung verantwortlich gemacht [Horn91, Smid00]. Dabei
stellt die mechanische Zwillingsbildung eine Scherverformung dar, die spontan als Um-
klappmechanismus, ähnlich einer martensitischen Umwandlung, erfolgt [Haas94]. Da eine
qualitative Zunahme der Zwillinge in der Bindephase von Hartmetall 57 nach Ermüdung
beobachtet werden konnte, wird eine mechanische Zwillingsbildung vermutet.
Aus der Literatur ist bekannt, daß in krz-Metallen und Legierungen die hohen Spannungs-
konzentrationen, verursacht durch Verformungszwillinge, eventuell für Rißbildung ver-
antwortlich sind [Chri95]. Hierbei werden, unter anderem abhängig vom untersuchten
Material, verschiedene Mechanismen beschrieben. Die zwillingsinduzierte Rißbildung,
z.B. in reinem Eisen, kann dann erfolgen, wenn sich Zwillinge mit nicht parallelen Scher-
richtungen schneiden, wobei Mikrorißbildung sehr wahrscheinlich wird [Hond61, Hull63].
Als weiterer alternativer Mechanismus wird folgendes geschildert: Es kann zu Spannungs-
konzentrationen im Bereich eines Zwillings kommen, wenn dieser am weiteren Wachstum
gehindert wird. Die daraus resultierende Aufstauung verursacht ein sehr hohes statisches
Spannungsfeld, welches Risse initiieren kann [Chri95].
Weiterhin berichtet Suresh [Sure91] von der Entstehung von Ermüdungsrissen an Zwil-
lingsgrenzen bei Raumtemperatur. Wie weit mechanische Zwillingsbildung, insbesondere
bei Raumtemperatur, für das Ermüdungsverhalten des Hartmetalls 57 mit Fe-reichem krz-
Binder verantwortlich ist, konnte nicht eindeutig geklärt werden. Nach den oben darge-
stellten Ausführungen wird aber vermutet, daß es an den beobachteten Zwillingen in der
Bindephase zur Initiierung von Mikrorissen kommt, die letztendlich zum Versagen der
Bindephase führen und daher den Bruch der Proben unter Ermüdung einleiten. Ob in den
Hartmetallen 54 und 61 mit Fe-reichen Bindern, deren Binderstruktur kubisch raumzen-
triert bzw. flächenzentriert ist, Zwillinge in der Bindephase vorhanden sind, konnte im
Rahmen der Arbeit aus Zeitgründen nicht mehr untersucht werden. Somit bleibt offen, ob
120 6 DISKUSSION

die geringe Ermüdungsempfindlichkeit der Hartmetalle mit Fe-reichen alternativen Binder-


systemen, auf das Vorhandensein und/oder die mechanische Bildung von Zwillingen zu-
rückzuführen ist.
Zusammenfassend kann festgestellt werden, daß der Bindergehalt bei ultrafeinkörnigen
Hartmetallen entscheidenden Einfluß auf das Ermüdungsverhalten hat. Mit kleiner wer-
dender freier Weglänge an Binder nimmt die Ermüdungsempfindlichkeit der ultrafeinkör-
nigen Hartmetalle ab. Weiterhin hat sich ergeben, daß ultrafeinkörnige Hartmetalle, bei
Verwendung von gleichem WC-Ausgangspulver und Bindergehalt, mit reinem Co-Binder
hohe Ermüdungsfestigkeiten bei geringen Zyklenzahlen besitzen, aber eine hohe Ermü-
dungsempfindlichkeit aufweisen. Die Hartmetalle mit alternativen Bindersystemen zeigen
dagegen geringere Ermüdungsfestigkeiten, sind aber unempfindlicher gegen Ermüdung.
Dies läßt schlußfolgern, daß unterschiedliche Schädigungsmechanismen in ultrafeinkörni-
gen Hartmetallen mit reinem Co-Binder und mit alternativen Bindersystemen unter zy-
klisch wechselnder Beanspruchung existieren.
7 ZUSAMMENFASSUNG 121

7 Zusammenfassung

Das Ziel dieser Arbeit war es, die in Zusammenarbeit mit der Firma Tigra Hartstoff GmbH
entwickelten ultrafeinkörnigen Hartmetalle mit verschiedenen Bindern, hinsichtlich ihrer
Mikrostruktur und ihren mechanischen Eigenschaften zu charakterisieren. Dazu wurden
die mechanischen Eigenschaften wie Härte, Rißzähigkeit sowie Festigkeit unter monoton
ansteigender und zyklisch wechselnder Biegebeanspruchung ermittelt. Um ein umfassen-
des Verständnis über das mechanische Verhalten der Hartmetalle zu erlangen, erfolgte die
Korrelation mit mikrostrukturellen Parametern. Zudem wurde versucht die in der Mi-
krostruktur auftretenden Schädigungsmechanismen, insbesondere unter Ermüdung, zu be-
stimmen. Hierzu erfolgte eine umfassende Mikrocharakterisierung der ultrafeinkörnigen
Hartmetalle im Ausgangszustand sowie nach mechanischer Beanspruchung. Um den Ein-
fluß der Mikrostruktur auf die mechanischen Eigenschaften besser zu verstehen, wurden
ultrafeinkörnige Hartmetalle mit unterschiedlichen Wolframkarbidausgangspulvern, unter-
schiedlichen Bindergehalten und unterschiedlichen Bindersystemen charakterisiert.
Nachfolgend werden die wesentlichen Ergebnisse der mikrostrukturellen und mechani-
schen Untersuchungen zusammengefaßt:

• Ultrafeinkörnige Hartmetalle mit WC-Sehnenlängen im Bereich von 0,34 bis 0,17 µm


konnten im Labor mit einer Porosität < A02 und ohne Vorhandensein von Makroporen
hergestellt werden. Nur vereinzelt wurden C-Ausscheidungen und diskontinuierliches
Wolframkarbidwachstum nachgewiesen.
• Die Binderzusammensetzung der Hartmetalle hat Einfluß auf den Gefügeaufbau. Die
Hartmetalle mit alternativen Bindersystemen besitzen, besonders bei hohen Eisenge-
halten, kleinere WC-Korngrößen als vergleichbare WC-Co-Hartmetalle, was auf eine
kornwachstumshemmende Wirkung der Fe-Co-Ni-Binder zurückzuführen ist.
• Die Kontiguität des Karbidgerüsts weist eine deutliche Abhängigkeit vom Binderge-
halt, nicht jedoch von der Bindephasenzusammensetzung auf. Zudem zeigt sich eine
Tendenz zu einer Zunahme der Kontiguität mit kleiner werdender WC-Korngröße.
• Die ultrafeinkörnigen Hartmetalle besitzen im Vergleich zu grobkörnigeren Hartme-
tallen eine deutlich höhere Härte. Damit bestätigt sich, daß mit kleiner werdender
mittlerer WC-Korngröße, bei sonst gleicher nomineller Zusammensetzung, die Härte
von Hartmetallen zunimmt (HM 44, 45, 46, 50). Erklärt werden kann dies durch die
Abhängigkeit der Härte von der freien Weglänge an Binder, entsprechend einem Hall-
122 7 ZUSAMMENFASSUNG

Petch-Effekt. Zusätzlich hat die Bindephasenzusammensetzung Einfluß auf die Härte


der Hartmetalle. Die Unterschiede in den Härtewerten der Hartmetalle mit Co-Binder
und alternativen Bindersystemen wird im wesentlichen auf die kornwachstumshem-
mende Wirkung der Fe-reichen Fe-Co-Ni-Binder zurückgeführt.
• Die Rißzähigkeit der ultrafeinkörnigen Hartmetalle nimmt mit zunehmender Härte ab
und schwenkt bei hohen Härtewerten in ein Plateau ein, wo kein weiterer Abfall mit
steigender Härte zu beobachten ist. Es wird vermutet, daß die Gitterstruktur der alter-
nativen Bindersysteme die Rißzähigkeit der Hartmetalle beeinflußt. Hartmetalle mit
kubisch flächenzentrierter Gitterstruktur des Binders zeigen geringfügig bessere Rißzä-
higkeiten als Hartmetalle mit kubisch raumzentrierter Bindephasenstruktur.
• Ultrafeinkörnige Hartmetalle besitzen im Vergleich zu grobkörnigeren Hartmetallen
neben höheren Härten auch höhere Biegebruchfestigkeiten.
• Die Inertfestigkeit, ermittelt unter monoton ansteigender Biegebeanspruchung, weist
eine deutliche Abhängigkeit vom Bindergehalt der Hartmetalle auf. Für einen Binder-
gehalt von etwa 20 Vol.% wird ein Maximum der Inertfestigkeit erreicht, unabhängig
von den eingesetzten Bindersystemen. Die Binderzusammensetzung hat jedoch Einfluß
auf die Höhe der erreichbaren Inertfestigkeiten. Hartmetalle mit Co-Binder weisen hö-
here Inertfestigkeiten auf, als die in der Arbeit untersuchten Hartmetalle mit alternati-
ven Bindersystemen.
• Die Ermittlung der Biegewechselfestigkeit von ultrafeinkörnigen Hartmetallen ergab,
daß die Wahl des WC-Ausgangspulvers offenbar Einfluß auf die Höhe der Ermüdungs-
festigkeit hat, die Ermüdungsempfindlichkeit dagegen nur unwesentlich beeinflußt. Im
Gegensatz dazu hat der Bindergehalt Einfluß auf die Höhe der Biegewechselfestigkeit
(vergleiche die Inertfestigkeit in Abhängigkeit vom Bindergehalt) und auf die Ermü-
dungsempfindlichkeit. Mit steigender freier Weglänge an Binder nimmt die Ermü-
dungsempfindlichkeit der ultrafeinkörnigen Hartmetallen zu, die Annahme bestätigend,
daß die Ermüdungsprozesse bei Hartmetallen überwiegend in der Bindephase ablaufen.
Weiterhin hat der verwendete Binder Einfluß auf das Ermüdungsverhalten der ultra-
feinkörnigen Hartmetalle. Die Hartmetalle mit Fe-reichen alternativen Bindersystemen
reagieren weniger empfindlich auf Ermüdung als Hartmetalle mit reinem Co-Binder.
Dies legt den Schluß nahe, daß unterschiedliche Schädigungsmechanismen in ultra-
feinkörnigen Hartmetallen mit reinem Co-Binder und mit alternativen Bindersystemen
unter zyklisch wechselnder Beanspruchung existieren.

Die Ergebnisse dieser Arbeit machen deutlich, daß ultrafeinkörnige Hartmetalle sowohl
mit Co-Binder als auch mit alternativen Bindersystemen ausgezeichnete mechanische Ei-
genschaften aufweisen. Bei Herstellung der ultrafeinkörnigen Hartmetalle unter optimier-
ten industriellen Bedingungen wird sogar erwartet, daß deren Potential noch besser ausge-
nützt werden kann.
8 ANHANG 123

8 Anhang

8.1 Streuung von Festigkeitsdaten


Das Versagen spröder Werkstoffe beruht auf der Bildung und Ausbreitung von Rissen, die
ihren Ausgangspunkt in Fehlstellen im Volumen oder an der Oberfläche haben. Es liegt
also der Streuung der Festigkeitsdaten eine Streuung der versagensauslösenden Defekte
zugrunde. Dabei ist zu berücksichtigen, daß die Festigkeitsdaten von spröden Werkstoffen
im Vergleich zu metallischen Werkstoffen einer größeren Streuung unterliegen.
Aufgrund der Streuung der Festigkeitsdaten ist eine Charakterisierung durch den einfachen
Mittelwert der Einzelergebnisse nicht sinnvoll. Es muß eine statistische Verteilungsfunkti-
on angewendet werden. Da die Festigkeitsverteilung unsymmetrisch ist [Munz89], eignet
sich die Gaußsche Normalverteilung nicht, so daß die Weibullverteilung zur Anwendung
kommt.

8.1.1 Weibullverteilung
Die Verteilungsfunktion von Festigkeitsdaten läßt sich z.B. für die Biegebruchfestigkeit
bei monoton ansteigender Beanspruchung durch die Weibullverteilung nach DIN 51 110
darstellen. Voraussetzung für die Anwendung dieser zweiparametrigen Verteilung ist die
Reproduzierbarkeit der Versuchsführung. Außerdem muß bei allen Proben die gleiche De-
fektverteilung vorliegen und müssen gleiche Mechanismen zum Bruch führen.
Die zweiparametrige Weibullverteilung beschreibt die Bruchwahrscheinlichkeit F(σ), mit
der eine Probe bei einer Spannung kleiner gleich σ bricht. Es gilt:
é æ σ ö m0 ù
F (σ ) = 1 − exp ê− çç ÷÷ ú Gl. 27
êë è σ 0 ø úû

m0 und σ0 sind die zwei Parameter der Weibullverteilung. σ0 ist die mittlere Inertfestigkeit
und bezeichnet diejenige Spannung, bei der 63,2 % aller Proben brechen. Der Weibull-
Modul m0 ist ein Maß für die Streubreite einer Datenreihe. Ein großer Wert für den Para-
meter m0 bedeutet eine geringe Streubreite der Verteilung und umgekehrt. Für den Extrem-
fall m0 → ∞ würden alle Proben bei exakt der gleichen Spannung brechen.
Um die beiden Weibullparameter m0 und σ0 zu bestimmen, werden N Inertfestigkeits-
messungen mit den Einzelergebnissen σi durchgeführt und aufsteigend sortiert. Es wird
jedem Versuch i eine Ausfallwahrscheinlichkeit F(σi) gemäß Gl. 28 zugeordnet:
124 8 ANHANG

i − 0,5
F (σ i ) = Gl. 28
N
Zur graphischen Darstellung der Weibullverteilung wird Gl. 27 zweimal logarithmiert und
es ergibt sich nach Umformung Gl. 29:
æ æ 1 öö
lnçç lnçç ÷÷ ÷÷ = m0 ⋅ ln (σ ) − m0 ⋅ ln (σ 0 ) Gl. 29
è è 1 − F (σ ) øø

Sind die Inertfestigkeiten weibullverteilt, ergibt sich bei Auftragung von ln(ln(1/1-F(σ)))
gegen ln(σ) eine Gerade mit der Steigung m0. Die Bestimmung des Abszissenabschnitts
von ln(σ0) und damit des Werts σ0 erfolgt über den in Gl. 30 dargestellten Zusammenhang:
æ æ 1 öö
lnçç lnçç ÷÷ ÷÷ = 0 Gl. 30
è è 1 − F (σ ) øø

1
⇔ F (σ ) = 1 − = 0,632 = 63,2 %
e

Þ die zugehörige Spannung σ ≡ σ 0

Die ermittelten Inertfestigkeiten und die dazu errechneten Ausfallwahrscheinlichkeiten


werden in ein Weibull-Diagramm zur Bestimmung der Parameter m0 und σ0 eingetragen.
Die Bestimmung der Ausgleichsgeraden kann durch lineare Regression oder das Maxi-
mum-Likelihood-Verfahren nach DIN 51 110, Teil 3 erfolgen.

8.1.2 Maximum-Likelihood-Methode
Zur Bestimmung der Weibull-Parameter m0 und σ0 wird nach DIN 51 110, Teil 3 die Ma-
ximum-Likelihood-Methode als iteratives Näherungsverfahren angewandt. Diese Methode
gewichtet Meßwerte bei höheren Biegespannungen stärker, als die lineare Regression nach
der Methode der kleinsten Fehlerquadrate. Nach der folgenden nichtlinearen Gleichung
wird ein Weibull-Modul mml rechnerisch ermittelt:
N

N åσ i
mml
⋅ ln (σ i )
N
+ å ln (σ i ) − N ⋅ i =1
N
=0 Gl. 31
mml i =1
åσ
i =1
i
mml

Mit dem errechneten Wert für mml kann die mittlere Inertfestigkeit σ0,ml nach der Maxi-
mum-Likelihood-Methode für eine monoton steigende Beanspruchung nach Gl. 32 ermit-
telt werden:
1
æ1 öN mml
σ 0,ml = ç ⋅ åσ im ÷ ml
Gl. 32
è N i =1 ø
8 ANHANG 125

Da die von der Iteration gelieferten Streuparameter mml bei niedrigen Stichprobenzahlen zu
groß sind, müssen sie noch in Abhängigkeit von der Probenanzahl N mit einem Korrektur-
faktor bN multipliziert werden. Es gilt:
m0,ml = bN ⋅ mml Gl. 33

Die entsprechenden Korrekturfaktoren für unterschiedliche Stichprobenwerte wurden der


Norm entnommen.
126 9 LITERATURVERZEICHNIS

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Lebenslauf

PERSÖNLICHE DATEN:
Thomas Johannes Sailer
Geb. 20. März 1971, Nördlingen
Ledig

SCHULBILDUNG:
1977 - 1982 Grund- und Hauptschule, Dinkelsbühl
1982 - 1991 Gymnasium, Dinkelsbühl
Abschluß: Allg. Hochschulreife

HOCHSCHULSTUDIUM:
1992 - 1998 Studium der Werkstoffwissenschaften an der Fried-
rich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg
Hauptfach: Allgemeine Werkstoffeigenschaften
1. Nebenfach: Werkstoffkunde und Technologie der
Metalle
2. Nebenfach: Qualitätssicherung und Fertigungs-
meßtechnik
Diplomarbeit: „Mikrostrukturelle Charakterisierung
martensitischer 9-12% Chromstähle auf der Basis
analytischer Elektronenmikroskopie und Simulation
des Zeitstandverhaltens“
7. April 1998 Abschluß: Diplom-Ingenieur

BERUFSPRAXIS:
seit Juni 1998 Wissenschaftlicher Angestellter an der Universität
Erlangen-Nürnberg am Lehrstuhl „Allgemeine Werk-
stoffeigenschaften“

ZIVILDIENST:
Juli 1991 - September 1992 Ambulante Kranken- und Altenpflege beim Diakoni-
schen Werk, Dinkelsbühl
„Sei dankbar für das, was du hast;
Warte auf das übrige und sei froh,
daß du noch nicht alles hast;
es ist auch ein Vergnügen, noch auf etwas zu hoffen.“
Lucius Annaeus Seneca

Danke

all jenen, die mich direkt oder indirekt, beim Entstehen dieser Arbeit unterstützt haben.
Hierbei gilt mein besonderer Dank Herrn Prof. H.-G. Sockel für die Übertragung und Be-
treuung meiner Arbeit sowie für die stets freundliche Arbeitsatmosphäre. Meinem Freund
und Kollegen M. Herr, mit dem ich zusammen das Projekt bearbeitet habe, danke ich für
dessen Freundschaft, die hoffentlich noch lange Bestand hat. Bei meiner Mutter, die wäh-
rend meiner Promotionszeit verstorben ist, und meinem Vater sowie meinen beiden
Schwestern möchte ich mich für die stets tatkräftige Unterstützung bedanken, die mir mein
Studium und meine Promotion erst ermöglichte. Danke auch an meine Freundin Nina, die
mir ein treuer Wegbegleiter wurde.

Weiterhin gilt mein Dank

• der Leitung des Lehrstuhls Allgemeine Werkstoffeigenschaften Herrn Prof. Dr. H.


Mughrabi;

• den Mitarbeitern der Tigra Hartstoff GmbH Herrn Dr. H. Feld, Herrn Dr. L. Prakash
und Herrn Dr. R. Schulte;

• meinen derzeitigen und ehemaligen Kollegen P. Bellendorf, A. Collenz, Dr. G. Eisen-


meier, Dr. P. Kindermann, G. Korn, Dr. S. Kursawe, S. Ndlovu, Dr. P. Pott, V. Pugs-
ley, N. Sacks, Dr. P. Schlund, Dr. U. Tetzlaff, M. Tolazzi, I. Topic und Dr. B. Watzin-
ger;

• den Mitarbeitern des Lehrstuhls G. Freimann, R. Graham, Dr. H. W. Höppel, C. Koch,


W. Kränzlein, B. Kummer, W. Langner, I. Lutz, W. Maier, D. Puppel, L. Sommer, H.
Steinbrecher und A. Weiß;

• all meinen Freunden;

• und allen anderen, die ich hier vergessen habe.