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Nur noch Erneuerbare?

Eine Frage der Zeit


von Sven Giegold

N och 1993 behaupteten deutsche Stromversorger in teuren


Zeitungsanzeigen: »Sonne, Wasser oder Wind können auch
langfristig nicht mehr als 4 Prozent unseres Strombedarfs
die Energieversorgung trotzdem noch nicht. Denn beim Klima-
schutz geht es vor allem um eines: Zeit.
Nur ein schneller Umstieg auf erneuerbare Energien kann
decken.« Heute wird landauf, landab für erneuerbare Energien die drohenden katastrophalen Entwicklungen noch abwenden.
gerechnet und plakatiert, geschraubt und angebaut. Längst Deshalb sind die Bremser so gefährlich. Das sind in Deutschland
kommen 15 Prozent des hiesigen Strombedarfs aus Wind, zuerst und vor allem die vier großen Energiekonzerne, die
Wasser, Biomasse, Solarenergie und Geothermie. Getragen immer noch 80 Prozent der Stromerzeugung kontrollieren. Sie
wird die rasante Entwicklung von einer ständig wachsenden betreiben hoch subventionierte Atom- und Kohlekraftwerke.
BürgerInnenbewegung, aus der ein boomender Wirtschafts- Jede Kilowattstunde erneuerbarer Strom schmälert ihre Profite.
sektor hervorging. Immer öfter wagt diese Bewegung ein Sie tun, was sie können, um den Umstieg auf den grünen Strom
gemeinsames Ziel zu formulieren: die zügige Umstellung der zu verzögern oder gar zu verhindern. Hinzu kommt, dass sie
Energieversorgung auf 100 Prozent Erneuerbare. große Teile des Stromnetzes kontrollieren, wodurch sie den
Bis vor kurzem galt das 100-Prozent-Ziel selbst unter Umwelt- Ausbau gerade beim Wind wirkungsvoll sabotieren können.
aktivisten als Spinnerei. Zu illusorisch wirkte die Vorstellung, Zudem sind Vattenfall, RWE & Co. ein Staat im Staate.
dass ein unangenehm kühles, nicht einmal besonders windiges Sie sind in den Volksparteien, der Industrie und den Gewerk-
Industrieland wie Deutschland ausschließlich auf der Basis schaften gut verankert und können deshalb auch irrwitzige
erneuerbarer Energien versorgt werden könnte. Doch die Beschlüsse durchsetzen, beispielsweise den Bau neuer
Realität erzeugt ihre eigenen Visionen. Immer zahlreicher Kohlekraftwerke oder die Laufzeitverlängerung von AKWs.
werden die Gutachten, die für einzelne Kommunen oder ganze Geplant ist der Bau von zwanzig bis dreißig neuen Kohlekraft-
Bundesländer wie Rheinland-Pfalz und Hessen zeigen, wie das werken, obwohl die Gegenargumente auf der Hand liegen:
funktionieren könnte. Weitgehend unbemerkt von der Öffent- das hohe Innovationstempo bei den Erneuerbaren und die
lichkeit haben Städte, Gemeinden und Regionen beschlossen, absehbaren Investitionsruinen von übermorgen.
ihre Energieversorgung ganz auf Erneuerbare umzustellen. Viele Landesregierungen lassen sich von der Atom- und
Die einschlägige Branchenstudie des Bundesverbands Kohleindustrie einspannen. Vor allem Bayern, Baden-
Erneuerbare Energien (BEE) prognostiziert bereits für 2020 Württemberg, Hessen und Nordrhein-Westfalen bemühen sich
einen Anteil der Erneurbaren am Stromverbrauch von 47 Pro- nach Kräften, neue Windräder zu verhindern, indem sie sich
zent. Auch der Energieexperte Joachim Nitsch vom Deutschen übertriebene Abstandsvorschriften und planungsrechtliche
Zentrum für Luft und Raumfahrt hält in der Leitstudie 2008 für Hürden einfallen lassen. Solche Hemmnisse werden aufgebaut,
das Bundesumweltministerium 64,2 Prozent Erneuerbare am obwohl oder vielmehr gerade weil die Windenergie auch im
Endenergieverbrauch für realisierbar. Binnenland den schnellsten und kostengünstigsten Ausbau
Der Siegeszug der Erneuerbaren begann mit der Anti-AKW- der Erneuerbaren ermöglicht.
Bewegung, die in kaum einem Land so stark war und ist wie in Der Umstieg auf erneuerbare Energien birgt besonders
Deutschland. Aus ihr gingen die ersten Energietüftler hervor, für den ländlichen Raum eine große Chance. Hier gibt es die
und Unternehmer fingen an, Windräder, Solar-, Biogas- und Flächen, um Solarenergie, Wind und Biomasse effizient und
Wasserkraftanlagen herzustellen. Ohne diese Wurzel wäre es nie im großen Maßstab zu nutzen. Durch die Erneuerbaren und die
zum eigentlichen Durchbruch gekommen: dem im März 2000 Umstellung auf nachwachsende Rohstoffe wird Fläche wieder
beschlossenen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG). knapper, ein Prozess, der Chancen eröffnet, um die negativen
Das EEG garantiert den Zugang erneuerbaren Stroms ins Folgen des demografischen Wandels zu begrenzen. Noch
Stromnetz ebenso wie seine Vergütung. Auf dieser Basis werden haben sich nur wenige Kommunen auf den Weg gemacht,
Sonne, Wind und Co. rentabel. Atomenergie, Kohle, Öl und die erneuerbaren Energien systematisch weiterzuentwickeln.
Gas sind hoch subventioniert, die ökologischen Folgekosten Auch gibt es vor Ort oft erheblichen Widerstand gegen neue
werden auf die Allgemeinheit abgewälzt. Diesen unfairen Windräder und Biogasanlagen, zumal wenn die Nutznießer
Vorteil gegenüber den Erneuerbaren gleicht nun das EEG aus. ganz woanders zu Hause sind. Bürgerwindanlagen und
Handwerker, Landwirte, HausbesitzerInnen, ökologische genossenschaftliche Biogasanlagen stoßen da auf deutlich
GeldanlegerInnen und mittelständische Unternehmen mehr Akzeptanz. Hilfreich wird auch sein, dass seit Anfang
haben hier neue Investitionsmöglichkeiten entdeckt. 2009 bei Anlagen für erneuerbare Energie 70 Prozent der
280 000 Arbeitsplätze sind bei den Erneuerbaren bislang Gewerbesteuer am Produktionsort zu zahlen sind. Damit
entstanden. Hunderttausende Eigenheimler und Kleininvesto- können neue Windräder in Zukunft zum Beispiel zur
rInnen haben sich entschieden, dafür Geld auszugeben. Damit Finanzierung kommunaler Kindergärten beitragen, was so
ist eine Lobby entstanden, die den Widerstand gegen die manchen Ortspolitiker umstimmen dürfte.
Erneuerbaren gebrochen hat. Eine Rolle rückwärts kommt Das Problem der Energiearmut kann durch erneuerbare
inzwischen nicht mehr in Frage, gewonnen ist die Schlacht um Energien überwunden werden. So liefert beispielsweise die

70
Sonne das 3 000-Fache der Energie, die die Menschheit
verbraucht. Auch mit Effizienzerhöhung wäre schon viel Kapitel
zu erreichen. Langfristig steht genug umweltfreundliche
Energie zur Verfügung – hier
zeigen sich keine ökologischen
Grenzen des Wachstums. Die
Frage nach einem ökologisch
verträglichen Kapitalismus ist
damit allerdings nicht erledigt.
Die Zukunft der Energie
Angesichts der begrenzten
Ressourcen unseres Planeten lässt sich der kapitalistische
Anspruch eines unbegrenzten Wachstums nicht einlösen.
Überleben kann der Kapitalismus nur, wenn es gelingt,
konsequent und schnell den Naturverbrauch zu senken
und enorme Investitionen in Gebäude, Energiesysteme,
neue Formen der Mobilität und Veränderungen in der
Landwirtschaft zu realisieren.
Solche Investitionsschübe waren in der Vergangenheit
stets Vorboten wirtschaftlichen Wohlstands. Es spricht viel
dafür, dass das auch bei einer grünen industriellen Revolution
so sein wird. Das ändert jedoch nichts an der fragwürdigen
kulturellen Prägung, die auch von einem begrünten Kapitalis-
mus ausgeht. Denn er steht für einen Lebensstil, in dessen
Mittelpunkt der Konsum und das Wecken immer neuer
materieller Bedürfnisse steht. Mächtige Konzerne sind
Profiteure dieser Wirtschaftsweise. Regulierungen im Sinne
von Natur und Umwelt sind unter diesen Bedingungen nur
schwer durchsetzbar. Langfristig stellt sich deshalb nicht
die Frage, ob sondern wann ein grundlegend anderes System
den Kapitalismus heutiger Prägung ablösen wird.
© Le Monde diplomatique, Berlin

Sven Giegold ist Mitbegründer von Attac-Deutschland


und seit Juli 2009 Europaabgeordneter der Grünen.

71
Klimafaktor Mensch ein Jahr Beleuchtung
eines Wohnhauses

135
den jährlichen Methan-Ausstoß einer Milchkuh
3505 230
... eines
Handybenutzung 1740 Schweins
370
pro Jahr ... einer Ziege

Die Ökosysteme werden irreversibel … eines Kalbs 320... eines Schafes


112
geschädigt, wenn die Treibhausgas- 3020 Weizenanbau auf einem Hektar Fläche
105 hohe Schätzung
Emissionen nicht deutlich sinken.
3065 Produktion von 100 kWh Strom aus einem Kohlekraftwerk
Die Zeit drängt. Verbrennung von 80 niedrige Schätzung
einer Tonne Rohöl
9665 eine Minute Laufzeit eines 1000-Megawatt-Kohlekraftwerks
730 Herstellung von einer Tonne Zucker

So viel Kilogramm Treibhausgas  wird freigesetzt durch …

T rotz aller Warnungen steigt der Aus-


stoß von klimaschädlichem Kohlen-
dioxid weiter. Vor der Industrialisierung
mosphäre gepustet. Und gleichzeitig ihren
Kindern und Kindeskindern für alle Zeiten
den einfachen Zugriff auf die Energievor-
kungen des Menschen auf die Ökosysteme
gekennzeichnet ist. Der Einfluss auf das
Klima ist kaum reversibel.
des Westens um 1850 lag der Anteil des CO2 räte der Erde entzogen. Jüngste Untersuchungen zeigen, dass
in der Luft bei 280 ppm (parts per million, Von den 2004 freigesetzten 49 Mrd. Ton- eine Erhöhung der globalen Temperatur
Teile pro Million). Noch in den 1960er-Jah- nen Treibhausgasen stammen 26 Mrd. di- uns auch dann für mehr als tausend Jahre
ren stieg dieser Wert nur um weniger als rekt aus der Verbrennung fossiler Energie- erhalten bleibt, wenn die CO2-Emissionen
1 ppm pro Jahr an. In den 1980er-Jahren be- träger. In der Atmosphäre sind inzwischen schnell sinken. Hinzu kommt, dass einige
schleunigte sich der Zuwachs auf 1,5 ppm, fast 800 Mrd. Tonnen CO2 geparkt – dop- Folgen des Klimawandels den Klimawan-
und seit 2000 nimmt der Anteil fast jedes pelt so viel wie in der letzten großen Eiszeit del selbst verstärken. Beispiel: Wenn die
Jahr um mehr als 2 ppm zu. Die weltweite und ein Drittel mehr als in den vorherge- Erderwärmung über 2,5 bis 3 Grad Celsius
CO2-Konzentration nähert sich inzwischen henden Warmzeiten. hinausgeht, werden die Waldflächen ab-
der Marke von 385 ppm, einem seit 800 000 Über Jahrtausende haben die Menschen nehmen und das in ihnen gebundene CO2
Jahren nicht erreichten Spitzenwert. die Natur als übermächtiges Gegenüber er- abgeben, statt es – wie ein gesunder Wald –
Das liegt in erster Linie an der rasant an- lebt. Heute prägt insbesondere beim Kli- zu speichern. Wenn die Menschheit zu-
wachsenden Verbrennung von Kohle, Öl ma der Mensch das Gesicht des Planeten lässt, dass Teile des amazonischen Regen-
und Gas. Die Industrieländer haben in we- stärker als Unregelmäßigkeiten in der Erd- waldes sich in Savannengebiete verwan-
niger als 200 Jahren einen großen Teil der bahn oder die schwankende Aktivität unse- deln, wird sich die Atmosphäre allein da-
fossilen Rohstoffe verbrannt, die in der res Zentralgestirns: Analog zu Pleistozän durch um mehr als 1 Grad Celsius zusätz-
unvorstellbaren Zeitspanne von 500 Mil- und Holozän nennen Wissenschaftler den lich aufheizen.
lionen Jahren entstanden sind. Sie haben gegenwärtigen Zeitabschnitt darum das Mitte 2008 warnte darum der Nasa-Kli-
damit rund 200 Mrd. Tonnen CO2 in die At- »Anthropozän« – das durch massive Einwir- matologe James Hansen vor einem Aus-

Verzerrte Welt – entsprechend dem CO2-Ausstoß der Länder

Grossbritannien
Deutschland Südkorea

USA Frankreich China


Japan

Italien
Spanien
Indien Hongkong
Taiwan

In der Klima-Rahmenkonvention (UNFCCC)


von 1992 sind die Unterzeichnerstaaten in Singapur
zwei Gruppen eingeteilt: einerseits die Industrie- www
und Schwellenländer, andererseits die Mapping the World Project (von Le Monde diplomatique
Entwicklungsländer. Die ausgehandelten
Reduktionsraten berücksichtigen diese Unter- und der Universität Bologna)
scheidung. Die meisten Staaten haben sich durch www.cartografareil presente.org/
den Beitritt zum Kioto-Protokoll (1997) zur Südafrika aktuelle Länderstatistiken und Karten
Reduzierung von Treibhausgasen verpflichtet. Industrieländer
www.indexmundi.com
Die Länder sind entsprechend ihrer Emissionsraten weltweite Wirtschaftsstatistiken
von 2004 aufgebläht bzw. geschrumpft. Nichtunterzeichner der UNFCCC www.econstats.com
Entwicklungsländer
Global Policy Forum (kritische Beobachtung der UN-
Politik)
www.globalpolicy.org

72
570 Herstellung von einer Tonne Fangen von Abholzung von 100 qm Wald
Benzin durch Fördern und einer Tonne 3500
Raffinieren von Rohöl Hochseetunfisch
4160 Flug Berlin–New York und zurück (pro Passagier) 3230
eine Tonne nicht
Herstellung recyceltes Altpapier
eines Computers (CO 2-Speicher
samt Monitor wird vernichtet)
275 eine Tonne Erdöl, von der 6480
Förderung bis zum Verbrauch Herstellung und Entsorgung von einer Tonne Plastikfolie
1470
1220 565 Aufbereitung von
vegetarische Ernährung Herstellung 1000 km First Class 1 m 3 Abwasser aus
von einer Tonne 770 der Zuckerindustrie
23 490 Weizenmehl 510 ... Business Class
Fernseherbenutzung pro Jahr 59
190 Aufbereitung von 1 m 3
vegane 6700 fleischreiche Ernährung 220 ... Economy Class Brauerei-Abwasser
Ernährung (pro Person und Jahr) Langstreckenflüge (pro Passagier)
3760

schuss des US-Kongresses, das Klimasys- Die Rettung des Klimas bedeutet einen Vereinten Nationen seit dreißig Jahren
tem sei an einem »gefährlichen Umschlag- Wettlauf mit der Zeit. Denn mit den Öko- veranstalten.
punkt« angelangt und weise etliche Merk- systemen sind auch die von ihnen abhängi-
male einer »erdgeschichtlichen Katastro- gen Lebewesen und Kulturen bedroht. www
phe« auf: Übersäuerung der Ozeane, be- Notwendig sind der massive Einsatz erneu- Interview mit James Hansen:
www.zeit.de/2008/48/E-Interview-Hansen
schleunigtes Abschmelzen der Polkappen erbarer Energien, eine Effizienzrevolution CO2-Emissionen der großen Länder 1990 bis 2006:
und Gletscher, das drohende Aussterben und eine Besteuerung der CO2-Emissio- http://unfccc.int/resource/docs/2008/sbi/eng/12.pdf
von mehr als der Hälfte aller Arten. In den nen. Dafür weltweit geltende Regeln und Klimakonferenz in Kopenhagen:
http://en.cop15.dk/
vergangenen 700 Millionen Jahren hat die verbindliche Ziele zu formulieren, ist Auf- Persönlicher CO2-Rechner:
Erde fünf solcher einschneidenden Verän- gabe der Weltklimakonferenzen, die die http://ifeu.klima-aktiv.de/
derungen erfahren – zuletzt ausgelöst
durch den Einschlag eines Meteoriten, ver-
bunden mit dem Aussterben der Dinosau- Exportgüter enthalten viel verstecktes Treibhausgas
rier vor etwa 65 Millionen Jahren. Um der-
artige Szenarien zu vermeiden, so Hansen, Europa
müsse der menschengemachte CO2-Aus- 339

stoß unbedingt auf maximal 350 ppm be- Nordamerika


530
grenzt werden. 59 6
Nur dann ließe sich der arktische Eis- 575 575
23 4

28
5

schild erhalten und könnte verhindert wer- Asien

224
den, dass der Meeresspiegel bis zum Ende
dieses Jahrhunderts um zwei Meter steigt.
290
Dazu müssen nach den Berechnungen des

3 74
Weltklimarates (IPCC) bis 2050 die welt- Afrika
weiten CO2-Emissionen um mindestens Lateinamerika 223 Australien
85 Prozent gesenkt werden. Bei einer fai-
ren Verteilung dieser Aufgabe käme den
CO 2-Emissionen im internationalen Handel
Industrienationen der Löwenanteil zu. in Millionen Tonnen, 2006
Deren Bürger müssten ihre CO2-Emissio-
nen auf ein Zwanzigstel absenken. Dazu Wie der Energieverbrauch die Atmosphäre belastet
reichen Maßnahmen und Vorgaben des
2012 auslaufenden Kioto-Protokolls bei Energiebedingte CO 2-Emissionen bis 2030
weitem nicht aus. Bis 2006 haben die In- in Gigatonnen
45 Internationaler
dustrienationen ihre Emissionen lediglich
Frachtschiffs-
um 4,7 Prozent gegenüber 1990 gesenkt, 40 und Flugverkehr
eine Reduktion, die zum Teil auf den 35 in Schwellen- und
37-prozentigen Rückgang des CO2-Aussto- Entwicklungsländern
30
ßes in Osteuropa zurückgeht. Dort ist mit Erdgas
dem Zerfall der Sowjetunion eine Phase der 25 Erdöl
Kohle
Deindustrialisierung eingetreten, von der 20
auch Deutschland mit seinem Minus von in Industrieländern
15 Erdgas
18,2 Prozent stark profitiert. Im selben Zeit-
raum haben die Emissionen der übrigen 10 Erdöl
Kohle
Industriestaaten um 9,9 Prozent zugelegt. 5
In Boom-Regionen wie Spanien, Portugal
0
und der Türkei sind die Emissionen sogar 1980 1990 2000 2010 2020 2030
um 40 bis 95 Prozent gestiegen.

73
Die Rettung ist finanzierbar
Auch wenn die Industrieländer ihre
Selbstverpflichtung ernst nehmen: B is zum Jahr 2050 solle die globale Er-
wärmung um höchstens zwei Grad
Celsius gegenüber der vorindustriellen
zenden Gletschern und Dürren, extremen
Wetterlagen und Missernten, steigenden
Meeresspiegeln und schnellerem Arten-
Ohne die Beteiligung der Schwellen-
Zeit steigen, versprachen die Regierungs- sterben nicht katastrophal werden.
länder ist der Klimawandel nicht zu chefs der G-8-Staaten und Schwellenlän- Ob die großen Luftverschmutzer die
stoppen. Dafür sind gewaltige der auf ihrem Gipfel in L’Aquila im Juli Tragweite ihres Sommerversprechens
Investitionen nötig. Sie finanzieren 2009. Dazu wollen die reichen Länder in wirklich erfasst haben, darf jedoch bezwei-
den nächsten vierzig Jahren ihre Treib- felt werden. Bislang wirken die guten
sich zum größten Teil durch sinkende
hausgas-Emissionen im Vergleich zu 1990 Vorsätze wenig überzeugend. Beispiel
Ausgaben für Kohle, Öl und Gas. um 80 Prozent senken. Auch China, Indien USA: Die Klimainitiative, die US-Präsident
und Brasilien kündigten an, einen Beitrag Obama 2009 auf den Weg gebracht hat,
zum Schutz des Weltklimas leisten zu würde die Treibhausgas-Emissionen der
wollen. USA bis zum Jahr 2020, gemessen am
Die Absichtserklärung war als starkes Niveau von 1990, um gerade einmal 4 Pro-
Signal an die Welt gemeint und sollte die zent verringern. Wenn er das Einhalten der
Richtung für den Weltklimagipfel im De- Zwei-Grad-Obergrenze auch nur annä-
zember 2009 in Kopenhagen vorgeben. hernd ernst nehmen wollte, müsste er sich
Dort wollen 175 Vertragsstaaten des Kioto- das Zehnfache vornehmen. Bis zum Welt-
Klimaabkommens ein neues Regelwerk klimagipfel in Kopenhagen vermieden es
zum Schutz des Weltklimas verhandeln, die G-8-Staatschefs auch, über verbind-
um die schlimmsten Folgen des Klima- liche Zwischenziele bis zum Jahr 2050 zu
wandels noch abzuwehren. Die Forscher sprechen. Nicht einmal über das Referenz-
sind sich einig, dass bis 2050 die globalen jahr, auf das sich die prozentualen CO2-
Emissionen um 50 Prozent sinken müs- Einsparungen beziehen sollen, ließ sich
sen, damit die Auswirkungen von schmel- Einigkeit herstellen.

Der Energiehunger wird weltweit zunehmen

Bedarf an Primärenergie
Milliarden Tonnen Öleinheiten
4
2005 2030

China und Indien

Nordamerika
2

Osteuropa

0 Andere asiatische Länder

Westeuropa

Japan,
Australien und
Neuseeland
Afrika
Lateinamerika
Naher und Mittlerer Osten

74
Tatsächlich spricht schon heute einiges
Globaler Energieverbrauch
dafür, dass sich die Zwei-Grad-Grenze Billiarden Britische Wärmeeinheiten
kaum noch erreichen lässt – so jedenfalls 500

das Fazit des Weltklimarates (IPCC). Die


Nicht-OECD-Länder
Wissenschaftler des IPCC erklärten im 400

Juni 2009, dass ein Überschreiten dieser


Grenze nunmehr »unvermeidlich« sei. 300
Denn die bereits heute in der Atmosphäre
OECD-Länder
befindlichen Treibhausgase reichen aus, 200
um eine globale Erwärmung von 2 bis 2,4
Grad Celsius zu verursachen. Und nichts 100
deutet darauf hin, dass die CO2-Emissio-
nen von einem Tag auf den andern sinken 0
1980 1985 1990 1995 2000 2005 2010 2015 2020 2025 2030
könnten.
Im Gegenteil. Fossile Energieträger wer- Wachstum verbraucht Energie
den noch über Jahrzehnte die Grundlage
Globale Stromerzeugung nach Energieträger
der globalen Energieversorgung bilden. Trillionen KWh
11,7 Milliarden Tonnen Rohöleinheiten 15
(tons of oil equivalent, TOE) wurden im Flüssige Brennstoffe Erdgas
Jahr 2006 weltweit verbraucht. Über 80 Pro- Atomkraft Kohle

zent davon stammten aus Erdöl, Kohle und Erneuerbare


10
Erdgas. Der globale Energiehunger wird
den Berechnungen der Internationale
Energie-Agentur (IEA) zufolge bis 2030 um
weitere 45 Prozent zulegen. 87 Prozent 5

dieses Anstiegs wird auf die Schwellen-


länder zurückgehen. Damit werden dann
17,0 Milliarden TOE verbraucht. 0
Der Anteil fossiler Energieträger an der 2006 2010 2015 2020 2025 2030

Energieversorgung wird bis zum Jahr 2030 Aus Kohle kommt der meiste Strom
nur leicht, nämlich um 20 Prozent, sinken. Weltweite CO 2-Emissionen bis 2030
Erneuerbare Energieträger werden dann Mrd. Metrische Tonnen
mit höchstens 18 Prozent zur globalen 50

Stromversorgung beitragen. Doch die rei- OECD-Länder Nicht-OECD-Länder Welt gesamt


40,4
chen Länder haben nur bedingt Einfluss 40 37,9
35,4
auf diesen Prozess. Denn schon seit 2005 33,1
29,0 31,0
verbrauchen die Schwellenländer mehr 30

Energie als die Industriestaaten. 2008


entfielen 51,2 Prozent der weltweit genutz- 20
ten Primärenergie auf China, Indien und
andere Nicht-OECD-Länder. 2030 wird 10
ihr Anteil an der globalen Primärenergie
62 Prozent betragen. Beim Pro-Kopf-Ver- 0
2006 2010 2015 2020 2025 2030
brauch sieht es allerdings ganz anders aus:
In Deutschland liegt er heute fünfmal so Schwellenländer legen zu
hoch wie in China und zehnmal so hoch
wie in Afrika oder Indien.
Würde der Ausstoß an Treibhausgasen den, wenn alle Länder der Welt daran mit- gesparte Brennstoffe ließen sich laut IEA
proportional zum globalen Energiever- wirken. Mehrkosten von 5 800 Milliarden Dollar
brauch zunehmen, dann stiege die globale Tatsächlich erreicht werden können die vermeiden.
Durchschnittstemperatur bis 2030 um angestrebten CO2-Einsparungen nur, © Le Monde diplomatique, Berlin
6 Grad Celsius. Die Folgen für die Ökosys- wenn weltweit verbindliche Regeln für den
teme und die Weltwirtschaft wären verhee- Klimaschutz beschlossen werden und es
rend. Um die CO2-Emissionen so massiv zu zu massiven Investitionen kommt. Die IEA www
reduzieren, wie es nötig ist, müssen des- schätzt, dass dafür bis zum Jahr 2030 etwa Offizielle Organisationen:
halb weltweit hunderte Millionen Haus- 6 500 Milliarden Dollar in den Ausbau er- en.cop15.dk
halte und Unternehmen ihre Gewohnhei- neuerbarer Energien, den Ersatz veralteter www.ipcc.ch
unfccc.int
ten völlig umstellen. Aber selbst wenn alle Kraftwerke und die Entwicklung CO2-min- Online-Magazin:
Industrieländer ihre Emissionen sofort dernder Techniken für fossile Brennstoffe www.wir-klimaretter.de
auf null reduzierten, würde das allein fließen müssen. Doch im Effekt würde sich Nichtregierungsorganisationen:
www.climatenetwork.org
nicht viel nützen: Das Zwei-Grad-Ziel kann ein Großteil dieser gewaltigen Summe www.die-klima-allianz.de
bis 2050 überhaupt nur noch erreicht wer- quasi selbst finanzieren: Allein durch ein- www.klimabuendnis.org

75
Kohle bleibt ein Dauerbrenner
Die Kohlereserven der Welt sind
riesig, und der Anteil der Kohle an D er Großteil der globalen Energiever-
sorgung basiert heute auf Kohle.
Selbst wenn die Treibhausgas-Emissionen
929 Milliarden Tonnen. Drei Viertel der glo-
balen Kohlevorräte konzentrieren sich auf
fünf Länder. Die Region mit den größten
der Energieversorgung wird steigen.
in Zukunft global begrenzt werden, dürfte Kohlevorkommen der Welt ist die Russi-
Technische Lösungen sollen ihre Kohle auf absehbare Zeit sogar eine noch sche Föderation, gefolgt von den USA und
Schädlichkeit vermindern. Die größere Rolle spielen als heute. Schließ- China. Die mit großem Abstand meiste
Industrie setzt auf die umstrittene lich sind von keinem anderen fossilen Kohle fördert China. Das Land baute 2007
Energieträger noch so viele Reserven in der 2 479 Millionen Tonnen Kohle ab, gefolgt
CO2-Abscheidung.
Erde vorhanden. Die globalen Vorräte an von den USA mit 967 Millionen und Indien
Hartkohle reichen – wenn man den Ver- mit 452 Millionen Tonnen.
brauch des Jahres 2007 zugrunde legt – Die Angaben zu den Kohlevorräten sind
noch mehr als 125 Jahre, die an Weich- allerdings mit Unsicherheit behaftet. Das
braunkohle noch mehr als 200 Jahre. führte in Deutschland etwa dazu, dass die
Steinkohle war im Jahr 2008 die Primär- Bundesanstalt für Geowissenschaften im
energie mit dem weltweit am schnellsten Jahr 2004 die Schätzungen für die verblei-
wachsenden Verbrauch. Sie deckt 29 Pro- benden deutschen Steinkohlereserven um
zent des globalen Energieverbrauchs ab. 99 Prozent und die für Braunkohle um
40 Prozent der globalen Elektroenergie 80 Prozent reduzierte, weil sie seitdem die
werden durch die Verbrennung von Kohle spekulativen Ressourcen in ihren Schät-
erzeugt. zungen nicht mehr berücksichtigt. Die Ge-
Die Kohleförderung lag im Jahr 2008 samtreserven nehmen auch mit dem
weltweit bei 5,85 Milliarden Tonnen, davon Marktpreis für Kohle zu, da mit einem hö-
entfielen 0,8 Milliarden Tonnen auf die für heren Preis auch kostspieligere Abbau-
die Stahlproduktion unverzichtbare Koks- techniken realisiert werden können. So
kohle, die restlichen 5,05 Milliarden auf werden die Kohlevorkommen in China
Kraftwerkskohle. Rein physikalisch lagern etwa auf 800 Milliarden Tonnen geschätzt.
mehr als 21 Billionen Tonnen Kohle unter Abbaubar sind davon – unter heutigen Be-
der Erde. Laut Schätzungen der Internatio- dingungen – maximal 139 Milliarden Ton-
nalen Energie-Agentur belaufen sich die nen. Das Volumen der tatsächlich nutzba-
abbaubaren Kohlereserven der Welt auf ren Kohlevorräte ist auch deshalb so
schwer zu beziffern, weil ein großer Teil
der Reserven von minderer Qualität ist. In
Nachfrage in der Welt Großverbraucher China China dürfte dies für etwa die Hälfte der
Kohlevorräte gelten, in Russland und den
Kohleverbrauch
weltweiter Kohleverbrauch, in Billiarden Britische Wärmeeinheiten USA ist dieser Anteil sogar noch höher.
in Mrd. Tonnen Öläquivalent Der Hunger nach Kohle ist gerade in auf-
5,0 100
Prognose steigenden Ökonomien wie China kaum
China
4,5 zu stillen. Das Land ist der größte Verbrau-
cher von Kohle und neben den USA der
4,0 80 größte CO2-Emittent des Planeten. Kohle
hat einen entscheidenden Vorteil: Sie ist
3,5 billig. Eine Megawattstunde Strom mit
australischer Kohle zu produzieren koste-
3,0 60 te 2008 etwa 11 Euro, die gleiche Menge
mit einem Ölkraftwerk zu erzeugen ist
2,5 Übrige Welt
etwa fünfmal so teuer.
Trotz der Bedrohung des Weltklimas
2,0
40 durch Treibhausgase setzen viele Länder
Schwellen- und Entwicklungsländer deshalb auf den massiven Ausbau der Koh-
1,5
lekraft. Weltweit werden bis 2030 rund
USA
1,0 5 000 Kohlekraftwerke in Betrieb sein,
20 schätzt die Umweltschutzorganisation
0,5 Industrieländer1 Indien Greenpeace. Russland will bis 2011 mehr
als 30 neue Kohlekraftwerke bauen, in Chi-
0 na geht alle ein bis zwei Wochen ein neuer
1980 1990 2000 2010 2020 2030
0 Kohlemeiler ans Netz. Das Land will bis
1. die 30 Mitgliedsländer der OECD 1980 1990 2000 2010 2020 2030
2015 seinen Kohleverbrauch um 30 Pro-

76
China 2584

Asien und Pazifik


Japan
Pazifischer Ozean
USA
1113
Nordamerik a

Australien

Europa
und Eur asien
Russland

Indien
Kohleverbrauch der Länder
Deutschland Polen 2006, in Mio. Tonnen
2500

In den Appalachen werden Berg- Indischer Ozean


gipfel gesprengt, um die darunter
liegende Kohle abzubauen. 2000

Afrik a und
Mit tlerer Osten
Atlantischer Ozean
1500

Kohlevorkommen
300 Ende 2007,in Mrd. Tonnen

200 1000
L ateinamerik a

Südafrika 100

500
Anteil an (äußerst umweltschädlicher) Braunkohle
20
Hauptlagerstätten
Braunkohle
Steinkohle
0

Förderung und Verbrauch von Kohle

zent auf jährlich 3,3 Milliarden Tonnen steckt und dessen Beitrag zum Klima- etwa um ein Drittel sinken, was zu spürbar
steigern. schutz noch offen ist. steigenden Strompreisen führen wird. Bis
Der große Nachteil der Kohle sind je- Ähnlich problematisch wie bei der End- das Verfahren einsatzbereit ist, wird es ver-
doch die Treibhausgase. Von allen fossilen lagerung von Atommüll dürfte die Suche mutlich billiger sein, Strom aus Offshore-
Brennstoffen schädigt die Kohle das Welt- nach geeigneten Lagerstätten werden, die Windfarmen auf hoher See zu gewinnen,
klima am stärksten, denn ihre Verbren- die Treibhausgase über Millionen von Jah- als ihn durch Verbrennung fossiler Ener-
nung setzt viel mehr Kohlendioxid frei als ren sicher einkapseln. Erste Anlagen wer- gieträger zu erzeugen.
die von Öl oder Gas. Selbst ein modernes den frühestens 2020, möglicherweise auch
Steinkohlekraftwerk stößt 750 Gramm erst 2030 serienreif sein. Bis dahin wird
CO2 bei der Produktion einer Kilowatt- 60 Prozent der deutschen Kraftwerksleis-
stunde Strom aus, das ist doppelt so viel tung ohne CCS-Technik erneuert sein.
wie bei einem Gas- und rund 50 Prozent Fachleute des Weltklimarates billigen der
mehr als bei einem Ölkraftwerk. CCS-Technik auch danach nur die Rolle ei-
Weltweit setzen Energiekonzerne des- ner Übergangstechnik zu. Sie schätzen, www
halb große Hoffnungen in eine Technik, dass sich im Jahr 2050 die globalen fossi- International Energy Outlook:
mit der sie das bei der Kohleverbrennung len CO2-Emissionen mit Hilfe der CCS- www.eia.doe.gov/oiaf/ieo/
Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe:
frei werdende CO2 abtrennen und unter- Technik nur um 20 bis 40 Prozent reduzie- www.bgr.bund.de
irdisch speichern wollen. Bei der »Carbon ren lassen. Das liegt unter anderem daran, Weltmarkt für Steinkohle:
Capture and Storage«, kurz CCS, handelt dass das Verfahren selbst sehr viel Energie www.rwe.com/web/cms/contentblob/12078/data/
6047/blob.pdf
es sich allerdings um ein Konzept, das benötigt. Der Wirkungsgrad von Kohle- World Coal Institute:
technologisch in den Kinderschuhen kraftwerken dürfte durch die CCS-Technik www.worldcoal.org

77
Das billige Erdöl ist verbraucht
Die künftige Nachfrage nach Öl ein neues Gleichgewicht zwischen Ange- ter, dann steigt die weltweite Nachfrage von
wird das Angebot weit übersteigen. bot und Nachfrage mehr als gewagt. Denn heute 87 Millionen Barrel pro Tag (BPD, ein
während die Nachfrage unaufhörlich Barrel entspricht 159 Litern) bis 2030 auf
Der Höhepunkt der globalen
steigt, geht selbst innerhalb der Ölindus- 118 BPD. Selbst die traditionell der Ölindus-
Ölförderung ist bald erreicht, und der trie der Glaube an die Entdeckung neuer trie zugeneigte Internationale Energie-
Barrel-Preis bleibt unberechenbar. Lagerstätten und den weiteren Ausbau der Agentur (IEA) bezweifelt inzwischen, dass
Produktionskapazitäten zurück. Ein pro- die Erdvorräte mehr als eine Tagesförde-
fessioneller Ölsucher verglich die Ölförde- rung von 95 bis 100 BPD zulassen.
rung schon mit »einer Jagdpartie, bei der Ölfelder sind nämlich wie Schwämme:
die Gewehre zwar ständig verbessert wer- Am Anfang lassen sich aus ihnen fast belie-
den, das Wild aber immer weniger und bige Mengen Öl herauspressen. Aber so-
kleiner wird«. bald die Felder nicht mehr ganz voll sind,
Gleichzeitig wächst der Energiebedarf geht die Förderung langsam zurück, und

I n den vergangenen Jahren hat der Öl-


preis eine beispiellose Berg- und Tal-
fahrt hingelegt: Während eine Tonne der
mit der wirtschaftlichen Entwicklung vor
allem in Indien und China immer schnel-
ler: Nach einer durchschnittlichen Steige-
dann kann man pressen, wie man will: Aus
den Bohrlöchern kommen nur noch Rinn-
sale. Darum nimmt die Förderung aus den
Nordseesorte Brent in den 1990er-Jahren rung des globalen Energieverbrauchs von großen, bis in die 1980er-Jahre hinein ent-
für weniger als 20 Dollar pro Barrel zu ha- 1,54 Prozent pro Jahr zwischen 1992 und deckten Ölfeldern immer weiter ab.
ben war, schoss der Kurs am 11. Juli 2008 2002 wuchs die weltweite Ölnachfrage zwi- In Mexiko warnte eine von der staat-
an der Londoner Börse auf den Rekordwert schen 2003 und 2007 um 9,4 Prozent, in lichen Ölfördergesellschaft Pemex in Auf-
von 147,50 Dollar – und rasselte wenig spä- China sogar um 48,5 Prozent. trag gegebene Studie schon 2007, die Pro-
ter wieder in den Keller. Im Frühjahr 2009 Für einige Jahre konnte die Ölproduk- duktion werde schneller zurückgehen als
pendelte der Preis einige Monate um die tion dem Anstieg folgen, die Preise blieben geplant; betroffen sei vor allem das Ölfeld
40-Dollar-Marke, um sich dann – ein Aus- mehr oder weniger stabil. Doch seit der Cantarell (entdeckt 1976), in dem 60 Pro-
druck der Hoffnungen auf ein baldiges Jahrtausendwende fallen Angebot und zent aller mexikanischen Ölreserven la-
Ende der Wirtschafts- und Finanzkrise – Nachfrage zunehmend auseinander, und gern. Ähnliches gilt für das Nordsee-Öl:
wieder Richtung 70 Dollar und darüber auch die Transport- und Raffinerie-Kapazi- Hier wird die Förderung von 6,6 BPD im
hinaus zu bewegen. Ein solches Auf und täten kommen nicht mehr nach. Seitdem Jahre 2002 auf 4,8 BPD im Jahre 2010 und
Ab hat die Welt zuletzt in den Zeiten der Öl- steigen die Preise für Öl und seine Derivate bis 2030 auf weniger als 2,2 BPD sinken.
krise in den 1970er-Jahren erlebt. Benzin und Diesel. Durch den Rückgang der Produktion bei
Angesichts der Rekordpreise und der Dabei ist der Öldurst der Welt noch im- gleichzeitig wachsendem Eigenbedarf
Unberechenbarkeit der Ölnotierungen mer nicht befriedigt – Wirtschaftskrise hin sind frühere Exportnationen wie Indone-
sind Versprechen auf stabile Ölpreise und oder her. Wachsen China und Indien wei- sien und Ägypten inzwischen schon zu Öl-
Importeuren geworden beziehungsweise
stehen kurz davor, wie Gabun, Tunesien,
Finanzkraft im Vergleich Oman und Syrien.
Die IEA glaubt, dass der weltweit wach-
Gewinne der großen Ölfirmen (2007) sende Ölbedarf bis 2030 durch neue Funde
im Nahen Osten und die Ausbeutung so ge-
Shell
S inopec
Chevron nannter nichtkonventioneller Lagerstät-
Ex x on Mobi l
ten wie Ölschiefer in Kanada gedeckt wer-
12 , 1 18 , 6 31,9 den kann – aller Klimaprobleme und Um-
BP
Total 40,6 weltschäden zum Trotz. Andere Experten
L uk o il
20,8 sind vom Gegenteil überzeugt: Sie bezwei-
7 ,5 14, 6 feln vor allem, dass die Länder im Nahen
Osten tatsächlich so viel Öl besitzen, wie
sie behaupten.
0 5 10 15 20 25 30 35 40
Milliarden US-Dollar
Ob man nun zu den Optimisten gehört
0,8 wie die Experten der IEA oder die Ölreser-
Burundi ven vorsichtiger beurteilt: Sicher ist, dass
12,9 20,5 Peak Oil, der Höhepunkt der globalen Öl-
7,7 32,4
Äthiopien Kenia
förderung, fast erreicht ist. Die Pessimis-
Kongo
ten erwarten Peak Oil etwa 2015; die Opti-
18,1
Angola misten rechnen erst 2025 oder 2030 damit
Kamerun – historisch ist das aber nur der Unter-
schied zwischen morgen Früh und morgen
Wirtschaftsleistung ausgewählter afrikanischer Länder (2006)
Mittag.

78
Norwegen
Russland
Dänemark
Kanada Grossbritannien Kasachstan

Rumänien Aserbaidschan
Italien usbekistan
USA Turkmenistan
Syrien China
Iran
Tunesien Ägypten Irak
Kuwait
Atlantischer Ozean Algerien Katar Pazifischer Ozean
Indien
Mexiko Libyen
Vietnam
Tschad Oman Thailand
Trinidad und tobago Sudan Jemen
Kamerun Saudi-Arabien Brunei
Venezuela
Kolumbien Ver. Arabische Emirate
Nigeria Malaysia
Ecuador Äquatorialguinea
Pazifischer Ozean Gabun Kongo
Brasilien Indonesien
Peru
Angola

Indischer Ozean Australien


Erdölförderung
in Tausend Barrel pro Tag, 2008

Argentinien

0 2500 5000 7500 10 000

Entwicklung der Produktion im Vergleich zum Vorjahr


sinkend steigend

Die Erdölproduzenten der Welt

Das Problem besteht nicht darin, dass es wird zu heftigen Preisschocks führen, de- www
in absehbarer Zeit kein Öl mehr gibt, son- ren Auswirkungen auf die Weltwirtschaft zu Peak Oil:
www.energiekrise.de
dern vielmehr darin, dass wir uns auf das und auf das Verhältnis zwischen den Erdöl www.peakoil.net
Ende des billigen und stets verfügbaren produzierenden und den auf Importe an- Energieprognose der IEA:
Öls einstellen müssen. Das Ungleichge- gewiesenen Ländern kaum abzusehen www.worldenergyoutlook.org
wicht zwischen Angebot und Nachfrage sind. Welt-Energiestatistiken unter:
www.bp.com

Steigende Nachfrage Schwankende Preise

1990 = 100 Durchschnittlicher Barrel-Preis


700 in US-Dollar am 11. Juli 2008: 147,5 $
140

Referenz-Szenario China
600 Alternativ-Szenario 120

500 100
Indien

400 80
Durchschnitt 2000–2007: 41,6 $
Entwicklungsländer
Preis im Juli 2009: 64 $
300 60

Afrika
200 40

Welt
USA
20
100 Europäische Union
Russland Durchschnitt 1985–2000: 18,5 $
0
0 1980 1985 1990 1995 2000 2005
1990 2005 2015 2030 Juli 2009

79
Der letzte Tropfen wird zu teuer
Ölsucher gefährden die Wälder
Kanadas und die unberührte Natur D er hohe Ölpreis lässt ein Land zum
Ölemirat mutieren, bei dem man
sonst eher an Weite, Wälder und Bären
pech« – verflüssigt und zu Öl und Treibstof-
fen weiterverarbeitet. Das Verfahren ist
energieintensiv, zerstört die Laub- und
der Arktis. Hier liegen schwer
denkt: Kanada. Die Ölsande von »Athabas- Tannenwälder und hinterlässt an ihrer
zugängliche Ölsande und nicht ca« im Bundesstaat Alberta, nördlich der Stelle verseuchte Mondlandschaften, die
ausgebeutete Öl- und Gasvorkommen. Provinzhauptstadt Edmonton, machen trotz aller Beteuerungen der Ölgesellschaf-
Mit dem hohen Ölpreis wird ihr rund 60 Prozent der weltweiten Ölsand- ten nur sehr zögerlich renaturiert werden.
Vorkommen aus, ein Potenzial von rund Erst 0,2 Prozent der in den letzten vierzig
Abbau womöglich doch lukrativ.
175 Mrd. Barrel Öl. Damit ist Kanada im Jahren zerstörten Wälder wurden wieder
Prinzip die zweitgrößte Ölmacht der Welt aufgeforstet.
nach Saudi-Arabien, dessen Ölreserven Im Tagebau werden die Ölsande abge-
heute etwa bei 260 Mrd. Barrel liegen. baut, bei denen die Schichten zehn bis
Besonders die USA versprechen sich von zwanzig Meter unter der Erde beginnen
den neuen Quellen beim nördlichen Nach- und bis in 70 Meter Tiefe reichen. Lager-
barn eine krisenfeste Versorgung mit dem stätten unter dieser Schicht – die Mehrzahl
fossilen Brennstoff und kaufen schon heu- in Kanada – werden unter Tage abgebaut.
te große Mengen kanadisches Öl: Das Das treibt zwar Kosten und Energiever-
Land der weiten Wälder liefert inzwischen brauch weiter in die Höhe, schont aber im-
17 Prozent der US-Ölimporte. merhin die Landschaft. Gegen die zukünf-
Doch die Auswirkungen der wachsenden tige Versorgungslücke beim Öl hilft es al-
Ölsand-Förderung sind katastrophal. lerdings kaum – sie wird sich nicht mit
Denn die Ölsande verbergen sich unter ei- Sand zukippen lassen. »Die Projekte wer-
ner Fläche von 77 000 Quadratkilometern, den in absehbarer Zeit nur einen Bruchteil
fast doppelt so groß wie die Schweiz. Diese der Kapazität der Förderung von konven-
»nichtkonventionellen Reserven« beste- tionellem Erdöl erreichen«, heißt es in
hen nur bis zu 20 Prozent aus Kohlenwas- einer Studie der Bundesanstalt für Geowis-
serstoffen wie Bitumen und Rohöl. Der senschaften und Rohstoffe (BGR) in
Rest sind Sande, Ton und Wasser. Darum Hannover.
muss die klebrige Erde mit riesigen Bag- Trotzdem will Kanada seine Ölproduk-
gern zu Extraktionsanlagen gekarrt wer- tion bis 2015 verfünffachen, und die inter-
den, die Bitumen und Sand mit Hilfe von nationalen Ölgesellschaften investieren in
heißem Wasser und Ätznatron trennen. das neue Geschäft. Der französische Öl-
Anschließend wird der Bitumen – das »Erd- riese Total hat bereits Firmenanteile vor
Ort aufgekauft. Und die 2005 gegründete
»Energy Alberta Company« plant sogar den
Die herkömmlichen Ölquellen versiegen Bau eines Atomkraftwerks, das billige
Elektrizität für den Abbau der Ölsande lie-
Erschließung und Förderung von konventionellem Öl fern soll. Ähnliche Pläne gibt es in Sibirien
Milliarden Barrel pro Jahr
60 und an verschiedenen Flussdeltas der
Erschließung Welt.
Prognose
Förderung Auch nördlich von Kanada ist die Wild-
50 nis bedroht. Alaska ist eines der letzten
großen Wildreservate der Welt. Im Schutz-
gebiet »Western Arctic Reserve« im äußers-
40
ten Norden Alaskas leben allein 450 000
Karibus, und vor den Küsten schwimmen
3 500 Wale. Doch mit steigenden Ölpreisen
30
und dem Abschmelzen des Eises wird die
gesamte Region oberhalb des Polarkreises
20
für Ölsucher immer interessanter. Nach
einer Studie des U.S. Geological Survey
liegen in der Arktis 90 Mrd. Barrel unent-
10 decktes Öl, 50 Mrd. Kubikmeter Erdgas
und 44 Mrd. Barrel Flüssiggas. Die Wissen-
schaftler schätzen, dass 22 Prozent aller
0 bisher nicht erschlossenen Vorräte dort zu
1930 1940 1950 1960 1970 1980 1990 2000 2010 2020 2030 2040 2050
finden sind. Aus ebendiesem Grund wollte

80
Ausdehnung der nordpolaren Eisfläche
zu Beginn des 21. Jahrhunderts
nachgewiesene Erdöl- und Erdgasvorkommen,
Pazifischer Ozean Lagerstätten in der Prospektionsphase
große Naturschutzgebiete

Exxon Va ld e z Gewinnung von Erdöl und Erdgas


Arc tic Nat ion a l aus dem Abbau von Ölsand
Wildlife Ref uge Alaska aus konventioneller Öl- und Gasförderung
(USA) Nordostpassage
wichtige Öl- und Gaspipelines
si e he v ergrößer ten N ord - Ala ska
Aussch n itt rechts unten bestehend
Alberta geplant oder im Bau
West er n Arc t ic Reser ve
Bea ufor t
Ma c ken zie

Kanada
Queen-Elizabeth-Inseln Russland
Nordpolarmeer
Churchill Sv erd r up b ec ken

Nordwestpassage Nordpol
G reat Arc t i c Zapovednik Westsibirien Athabasca-
see
Thule Fort Chipewyan
Spitzbergen
(Norwegen) Us s ins k
B arentssee
Petschora Wood Bu ffal o
Ti m a n N ati on al Park
Grönland Petscho ra

abasca
H a mmer fest
Sva lis
Ölsande

At h
bestehende
nach Förderstätte
Odyssey Island Westeuro pa künftige
Reykjavík
Sankt Petersburg
Förderstätte
Nordatlantikroute Norwegen
Atlantischer Ozean
Bra e r Othel l o Alberta

Fort McKay

Fort McMurray

H i ghway 6 3
Tanker- oder Pipelineunglück mit über 50 000 Tonnen ausgelaufenem Rohöl
in zehn bis fünfzehn Jahren ganzjährig befahrbare Meeresstraßen 30 km

Die Arktis und ihre Schätze Abbau von Ölsanden in Alberta, Kanada

Kosten und Klimawirkung verschiedener Energieträger


der ehemalige US-Präsident George W.
Bush im Norden Alaskas und vor der US- Durch die Förderung und Verarbeitung fossiler Brennstoffe verursachter Ausstoß von Treibhausgasen
in Gramm CO 2 -Äquivalent pro Megajoule Kraftstoff
amerikanischen Küste trotz des Protests
von einflussreichen Umweltorganisatio- Extraktionskosten
in US-Dollar pro Barrel
nen Bohrkonzessionen erteilen. Die waren
35 70
mit der Niederlage der Republikaner im
November 2008 erst mal vom Tisch. Doch
30 60
der Wettlauf um die Ölreserven der Arktis
geht weiter. 25 50

20 40

www
15 30
BGR Studien zu Ölsand:
www.bgr.bund.de
Energy Outlook der US-Energiebehörde: 10 20
www.eia.doe.gov/oiaf/ieo/
U.S. Geological Survey, Reserven der Arktis:
www.usgs.gov/newsroom/article.asp?ID=1980 5 10
Hintergrundinformationen zu Ölsand:
www.oilsandswatch.org 0 0
Alternativer kanadischer Think tank konventionelles Erdöl Ölsand verflüssigte Kohle
The Pembina Institute: Ölrückgewinnung verflüssigtes Erdgas Ölschiefer
www.pembina.org

81
Europas Erdgas aus dem Osten
Ein Viertel der Primärenergie, Schon heute kommen 80 Prozent der EU- ropa direkt beliefern sollen: Die Nord-Stre-
die in der EU verbraucht wird, Erdgasimporte aus nur drei Ländern: am-Pipeline verläuft vom russischen Wy-
Russland, Norwegen und Algerien. Russ- borg auf dem Boden der Ostsee bis nach
kommt bereits heute aus Erdgas-
land verfügt mit 47 Billionen Kubikmeter Greifswald. Sie soll ab 2012 jährlich 55 Mil-
leitungen. Neue Pipelines sollen die über die weltweit größten Erdgasvorräte liarden Kubikmeter Erdgas befördern und
Abhängigkeit vom Hauptlieferanten und wird auf lange Sicht der wichtigste den Energiebedarf von gut 25 Millionen
Russland verringern. Erdgaslieferant der Union bleiben. Diese Haushalten decken. 2015 soll eine weitere
massive gegenseitige Abhängigkeit ist für Gasleitung in Richtung Südeuropa fertig
beide Seiten besorgniserregend, weshalb werden: Die South-Stream-Pipeline soll –
man sich um Diversifizierung bemüht. Am auf dem Grund des schwarzen Meeres ver-
deutlichsten wird dies beim Bau neuer laufend – die russische Hafenstadt Nowo-
Erdgaspipelines, der sowohl von Russland rossijsk mit dem bulgarischen Warna ver-
als auch von der EU vorangetrieben wird. binden. Wenn sie voll ausgebaut ist, kann

E rdgas lässt sich vergleichsweise effi-


zient in Strom und Wärme umwan-
deln, verursacht weniger CO2-Emissionen
Die Importkapazität der 2009 existieren-
den Erdgas-Pipelines nach Europa liegt bei
etwa 320 Milliarden Kubikmeter pro Jahr,
sie jährlich 63 Milliarden Kubikmeter Erd-
gas (gut ein Drittel der russischen Liefe-
rungen nach Europa) nach Süditalien und
als Öl und Kohle und ist billiger und mit die Hälfte davon entfällt auf russisches, ein Österreich transportieren.
weniger Risiken behaftet als Atomenergie, Drittel auf norwegisches Gas. Bislang wird Beide Projekte sind für Gazprom wichti-
weshalb die Nachfrage auch in Europa russisches Gas über die Ukraine und Weiß- ge Meilensteine einer Strategie, mit der
kontinuierlich steigt: bis 2010 auf schät- russland bzw. Polen nach Westeuropa ge- sich das bislang nur als Gaslieferant agie-
zungsweise 640 Milliarden Kubikmeter, liefert. Diese Lieferungen wurden aller- rende Unternehmen langfristig direkten
knapp 24 Prozent mehr als 2008. Die seit dings in den letzten Jahren immer wieder Zugang zu den europäischen Energiever-
Jahren rückläufige innereuropäische Erd- unterbrochen, meist wegen Streitigkeiten brauchern verschaffen will. Allerdings
gasförderung deckt jedoch bereits heute zwischen Russland und der Ukraine. sind beide Pipelines noch keineswegs si-
nur noch 40 Prozent des Bedarfs. Bis 2020 Der russische Monopolist Gazprom cher: dem Ostseeprojekt drohen Einsprü-
wird die EU ihr Gas zu 80 Prozent importie- plant nun – als Mehrheitseigentümer – che von skandinavischen Umweltschüt-
ren müssen. zwei zusätzliche Gasleitungen, die Westeu- zern, bei der South-Stream-Pipeline steht
die Beteiligung Bulgariens in Frage, seit
die im Juli 2009 gewählte Regierung
Wenige Lieferanten dominieren die Versorgung Borisow Bedenken geäußert hat.
Die EU wiederum versucht sich mit der
Norwegen Nabucco-Pipeline vom russischen Erdgas
Europäische Union 0,2 unabhängiger zu machen. Durch sie sol-
Länder, die Erdgas in die EU exportieren len – unter Umgehung Russlands – jähr-
86 lich 31 Milliarden Kubikmeter Erdgas
Erdgasgesamtverbrauch Finnland (5 bis 10 Prozent des europäischen Erd-
2007, Milliarden Kubikmeter gasverbrauchs) aus den riesigen Gasvor-
Schweden
90 kommen des Kaspischen Meeres via Tür-
50 Estland kei, Bulgarien, Rumänien und Ungarn bis
20 Grossbritannien
5 Dänemark Lettland nach Österreich gelangen. Das Projekt
Litauen kommt aber nur schleppend voran. Ein
Niederlande
Irland Deutschland 12 1 Rahmenvertrag über den Bau der 3300 Ki-
Erdgasexporte Polen Russland
lometer langen Pipeline wurde im Juli
2007, Milliarden Kubikmeter Belgien und 26
Luxemburg
2009 unterzeichnet, nachdem sich das Na-
in die EU Tschechien
Frankreich
bucco-Konsortium jahrelang mit Forde-
in andere Länder Slowakei
Österreich rungen der Türkei herumschlagen musste.
Ungarn
Slowenien Rumänien Doch selbst wenn die Pipeline tatsächlich
wie geplant im Jahr 2015 fertiggestellt sein
Portugal Bulgarien sollte, ist fraglich, ob es genügend Gas für
sie geben wird.
4
4, Spanien
15 Bis dahin könnte es nämlich sein, dass
1

6,7 Italien ,9
sich Russland und China mit bilateralen
4 Abkommen bereits den Zugriff auf große
Griechenland
9,

Nigeria
Malta Teile der kaspischen Gasvorkommen gesi-
2

9,5 Katar,
Zypern Ägypten,
Oman,
chert haben. Selbst Aserbaidschan, das als
500 km
1O Trinidad und tobago Hauptlieferant für Nabucco vorgesehen
Algerien Libyen ist, hat Gazprom den Zuschlag für 1,2 Bil-

82
vom Stockmann-Gasfeld

Europäische Union Barentssee


Transport durch Gastanker
Erdgasfördernde Länder
Erdgasleitungen
Hauptversorgungsleitungen für die EU von den Jamal-Gasfeldern
Geplante oder im Bau befindliche Leitungen

a
op
Projekte unter russischer Führung

ur
–e
Projekte unter Führung der EU Finnland

al
Schweden

m
Abkommen und Umgehungen

Ja
Staaten, die Verträge mit Russland haben Norwegen
Vyborg
Nordsee Ostseepipeline Sankt Petersburg
Staaten, die von Russland umgangen werden
Grossbritannien a
Estland Russland
c hb
Flüssiggasterminals
r us
Vorhanden Lettland Moskau D
Irland Dänemark Ostsee
Geplant oder im Bau Litauen
Smolensk

Niederlande Minsk
Berlin
Weissrussland
Deutschland Warschau Kasachstan
Belgien Polen Kiew
Lux. Tschechien
Slowakei Ukraine
Frankreich Wien
Österreich Budapest Moldawien
Slowenien Ungarn Rumänien
Kaspisches
Meer
Bukarest Noworossiisk Tuapse Aserbaidschan
South Stream Schwarzes Dzhubga

eam
Serbien Baku
Meer Georgien
Portugal Italien

St r
Bulgarien Tbilissi
Spanien Sofia Eriwan
ue Erzurum
Bl Armenien
Ankara
Nabucco aus dem Iran
Atlantischer Ozean Griechenland
Türkei

aus dem Nahen Osten


Algerien Malta (derzeit sehr unwahrscheinlich)

Tunesien Mittelmeer Zypern


Marokko

500 km
Libyen Ägypten

Das Netz der Pipelines wächst

lionen Kubikmeter seiner Gasreserven er- (Liquefied Natural Gas) entsteht durch die Der weltgrößte LNG-Erzeuger ist zurzeit
teilt. Die Europäer hoffen allerdings, die Abkühlung auf minus 161 Grad Celsius das Emirat Katar, das rund 44 Mrd. Kubik-
Leitung auch mit Gas aus Ägypten, dem und hat den Vorteil, dass es in diesem Ag- meter Erdgas verflüssigt. Auch andere Län-
Nordirak und dem Iran speisen zu können. gregatzustand auf 1/600stel seines Volu- der im Nahen Osten bauen ihre Anlagen
Immerhin hat der Irak angeboten, 15 Mil- mens schrumpft. Damit lässt sich LNG zur Gasumwandlung massiv aus, weil sie
liarden Kubikmeter Erdgas und damit die weltweit mit speziellen Tankschiffen, aber einen LNG-Boom erwarten. 2007 wurden
Hälfte seiner Jahreskapazität an die EU ab- auch auf der Straße oder der Schiene trans- bereits 29 Prozent der globalen Erdgaspro-
zugeben. Für die Realisierung dieser Pläne portieren. Der aufwändige Umwandlungs- duktion in flüssiger Form transportiert. Ex-
fehlt es aber auf absehbare Zeit an zusätz- prozess kostet allerdings einen Energie- perten zufolge wird sich dieser Anteil bis
lichen Pipelines in der Region wie an der verlust von 10 bis 25 Prozent. 2030 auf 50 Prozent erhöhen.
notwendigen politischen Stabilität. Als 80 Prozent der globalen LNG-Lieferun- © Le Monde diplomatique, Berlin
kleine Erfolge kann die EU die beiden alge- gen gehen derzeit nach Japan, Südkorea
rischen Pipelines »Galsi« und »Medgaz« und Taiwan. Die EU-Länder haben 2007
verbuchen, die auf dem Grund des Mittel- nicht einmal 10 Prozent ihres Erdgasbe-
meeres verlegt werden. Medgaz soll ab darfs mit Flüssiggas gedeckt. An der Spitze www
2010 jährlich 8 Milliarden Kubikmeter liegt dabei Spanien, wo der Gasmarkt zu Energie-Portal der EU:
http://energy.eu/
Erdgas nach Spanien, Galsi ab 2012 diesel- 70 Prozent mit LNG versorgt wird, wäh- Energieportal des Interstate Oil And Gas
be Menge nach Italien bringen. rend der entsprechende Anteil in Italien Transport To Europe:
Immer mehr Bedeutung gewinnt bei der bei 3 und in Großbritannien bei gerade www.inogate.org/
Verband der europäischen Gasproduzenten
Diversifizierung der Erdgasversorgung die 1 Prozent liegt. In Deutschland spielt LNG und -lieferanten:
Gasverflüssigung. Flüssiggas oder LNG bislang noch überhaupt keine Rolle. www.eurogas.org

83
Machtkampf am kaspischen Meer
Die Region Kaukasus und Kaspisches dernen Industriegeschichte gezielt nach
Meer entwickelt sich zu einem Öl gebohrt. Ende des 19. Jahrhunderts war
Aserbaidschan der größte Ölförderer der
bedeutenden Energielieferanten für
Welt. Spätestens seit der englischen Beset-
die Welt. In einem geostrategischen zung Bakus nach dem Ersten Weltkrieg
Poker stecken die mächtigen Länder und dem gescheiterten Versuch von Hit-
der Erde dort ihre Claims ab – mit lers Truppen, Baku einzunehmen, üben
ausländische Staaten mit ihren ökonomi-
politischen Allianzen, Förderrechten
schen und militärischen Interessen maß-
und der Kontrolle über die Öl- geblichen Einfluss auf die Geschicke der
und Gaspipelines. Erdölregion aus. Daran hat sich bis heute
nichts geändert.
Als die Sowjetunion nach dem Ende des
Kalten Krieges zerbrach und die Staaten
Aserbaidschan, Kasachstan und Turkme-
Mitglied- und Beobachterstaaten der
nistan entstanden, bemühten sich die
USA, Europa und Asien, ihren Einfluss in GUAM : Georgien, Ukraine, Aserbaidschan,
Moldawien (prowestliche Organisation)
der Region auf Kosten Russlands auszu- Europäischen Union
bauen. Am sichtbarsten tragen die Welt- Shanghai Cooperation Organisation (SCO)
mächte ihren Zwist dabei über die Kontrol- Russisch-Weißrussischen Union
le der Öl- und Gasleitungen der Länder am
Hauptlagerstätten
Kaspischen Meer, also über die Durchlei-
tungsrechte aus. Großprojekte der Gas- und Ölpipelines
Zu sowjetischen Zeiten gab es nur eine vorhanden, im Bau oder in Erneuerung
einzige Pipeline, die über russisches Terri- geplant geleitet von
torium Baku mit einem Hafen am Schwar- China
zen Meer verband. Das änderte sich, als die Russland
USA die Region ihrer strategischen Interes- USA

U
EU
nter dem Meeresboden des Kaspi- sensphäre zuordneten. Einem ersten Ver-
Iran
schen Meeres, zwischen Baku und trag, in dem Aserbaidschan 1993 westli-
Hauptnetz der Gas- und Ölpipelines in
Turkmenistan sowie vor den Küsten Ka- chen Ölgesellschaften den Zuschlag für den Ländern der ehemaligen Sowjetunion
sachstans, werden riesige Öl- und Gasvor- die Erschließung seiner Ölvorkommen er- Iranische Gaspipelines
kommen vermutet, Schätzungen zufolge teilte, folgten Milliardeninvestitionen aus
Gründe für Umgehungsrouten
so viel wie die nachgewiesen Reserven von dem Westen in Richtung Baku.
Iran und Irak. Neben dem Persischen Golf Ende der 1990er-Jahre trieb die Clinton- Länder, in denen größere Teile des
Staatsgebiets nicht unter der Kontrolle
könnte sich die Region zum wichtigsten Regierung den Bau einer neuen Pipeline der Zentralgewalt stehen
Energielieferanten für die USA, Europa voran, die russisches Territorium umgeht Gebiete, die verschiedene Akteure
und Asien entwickeln. Diesen wäre es ganz und Rohöl aus Aserbaidschan und Ka- im »Großen Spiel« aus unterschiedlichen
Gründen meiden
recht, wenn die Ölproduzenten der Opec sachstan bis an die Mittelmeerküste der
Konkurrenz bekämen. Kein Wunder also, Türkei transportiert. Die BTC-Pipeline von 1. Das Kaspische Pipeline-Konsortium wird von
Russen geführt, doch die Aktionäre vertreten
dass die mächtigen Staaten der Welt um Baku über Tiflis nach Ceyhan wurde unter auch US-amerikanische, kasachische und
die Kontrolle der kaspischen Bodenschät- Führung der westlichen Energiekonzerne omanische Interessen .

ze ringen. BP und Chevron gebaut und ging 2006 in


Doch so reich die Region an Erdöl- und Betrieb. 2009 transportierte die Pipeline Konkurrierende Pipeline-Strategien
Erdgasreserven ist, so explosiv ist die poli- monatlich bereits 3 Millionen Tonnen
tische Lage im ehemaligen Hinterhof der Rohöl.
Sowjetunion. In der Region des Kaukasus Die USA haben damit eines ihrer strate- nächst über Bulgarien nach Griechenland
und des Kaspisches Meeres mit ihren über gischen Ziele erreicht: Russland hat das verlängert wird, oder nach Süden über
fünfzig Sprachen, vielen Religionen und Monopol auf die Brennstoffleitungen aus Georgien und die Türkei. Mit dieser Politik
zahlreichen historischen Konflikten gibt dem Kaspischen Meer endgültig verloren. konnten die USA die südlich gelegenen
es etliche alte und neue Krisenherde, da- Zwischen den Transportrouten herrscht Länder vom Moskauer Einfluss abschnei-
runter Aserbaidschan, Tschetschenien, nun Konkurrenz. Kasachstan – wo weltweit den und einen strategischen Keil zwischen
Georgien, Iran und Turkmenistan. die größten neuen Ölfunde der letzten Russland im Norden und den Iran im Sü-
Dabei liegt in Baku auf der aserbaidscha- zwanzig Jahre gemacht wurden – und Aser- den treiben.
nischen Halbinsel Apscheron die Wiege baidschan haben seitdem die Wahl zwi- Das größte ökonomische Entwicklungs-
der modernen Ölindustrie. 1844 wurde schen verschiedenen Transitrouten: nach potenzial für die Region Kaukasus und Ka-
hier zum ersten Mal überhaupt in der mo- Norden über das russische Netz, das dem- spisches Meer liegt jedoch weiter im Os-

84
Schweden Finnland
Helsinki Surgut
Umgeht die baltischen Sta aten und Polen : Wyborg
Gaspipeline Nord Stream
Dänemark Tallinn Primorsk
Niederlande Estland
Sankt Petersburg

Rostock
Lettland
Russland
Greifswald
Jaroslawl Perm Tjumen
Gdansk Litauen
Deutschland Berlin
Russland
Nischni-Nowgorod
o pa Moskau
Druschba- G aspi p el in e Jam al - E u r Kasan
Erweiterung Prag Warschau Minsk Ufa
Polen Weissrussland
Tschechien
Samara

Österreich Slowakei Brody Orenburg


Italien Saratow
Budapest Kiew
Triest Slowenien Russland Kasachstan
Gaspipeline Adria
Alexandrow Gay
und zurück
Omisalj Ungarn Ölpipeline
Gaspipeline Wolgograd K asachstan – china
Kroatien Ukraine Kandak
Nabucco Moldawien Karakoya Kol
Bosnien und Juschnij
Chisinau
Herzegowina Rostow Atyrau
Belgrad Rumänien
Odessa Kherson K aspisches Pipeline- Tengiz
Serbien Bukarest Asow- konsortium 1
Montenegro Krim see Cpc Kaschagan
South Constanta
Kosovo Stream Krasnodar Aralsee
Kaspisches Beyneu
Tirana Bulgarien Noworossiisk
Meer
Vlorë
Mazedonien BurgasTanker Usbekistan
Tuapse Aktau
Ambo Tschetschenien Gaspipeline
Albanien Schwarzes Meer Abchasien Gaspipeline
Bosporus Kuryk Turkmenistan – china
Zentr al asien
Alexandropolis Georgien n a ch Chi n a
Istanbul Gaspipeline Tbilissi Tcgp Zentrum
Griechenland Blue Stream Supsa ( Cac- 4 )
Ägäis Ankara
Mittelmeer Aserbaid- Kcts
Armenien schan Turkmenbaschi
Athen Türkei Eriwan
Erzurum Baku Turkmenistan
Nachitschewan Aschkabad
Ölpipeline Btc
Tr ans-
Gaspipeline Bte k aspischer
Ceyhan Täbris Korridor

Neka Maschhad
Herat
Teheran
Zypern
Libanon Syrien
Bagdad Gaspipeline Tapi
Iran
n a ch I n d i e n
Israel Isfahan
Irak
Palästina

Kerman
Jordanien
Abadan Schiras
Kuwait Gaspipeline Ipi
n a ch I n d i e n

Saudi-Arabien

ten. Schätzungen gehen davon aus, dass Zeit ausgeschlossen. Eine erste Pipeline Eriwan-Teheran und der West-Ost-Achse
die Nachfrage nach Energie aus dem asia- führt bereits von kasachischen Ölfeldern Washington-Ankara-Tbilissi–Baku hat erst
tischen Raum etwa zehnmal so stark zu- im äußersten Norden des Kaspischen Mee- begonnen.
nimmt wie die aus Europa. China, Japan res nach China.
und Indien werden zu den größten Ener- Russland schaut der westlichen Expansi- www
gieverbrauchern zählen. Die kostengüns- on vor seiner Haustür freilich nicht taten- Analysen:
www.uni-kassel.de/fb5/frieden/regionen/
tigste Möglichkeit, deren Nachfrage zu be- los zu. Schon heute haben sich die Russen Kaukasus/Welcome.html
dienen, wäre der Bau einer 5 000 Kilometer den Löwenanteil der kasachischen, usbe- Web-Magazin:
langen Pipeline durch den Iran und Afgha- kischen und turkmenischen Gas- und Öl- www.eurasischesmagazin.de
Umweltschutz:
nistan. Eine solche Investition ist aber an- produktion gesichert. Das Kräftemessen www.caspianenvironment.org
gesichts der instabilen Lage auf absehbare zwischen der Nord-Süd-Achse Moskau- www.capscom.com

85
Öl und Armut in der arabischen Welt
Ihre Bodenschätze haben die 20. Jahrhundert entstandenen Beduinen- men. Die Wahabiten verbieten den Genuss
kleinen Golfstaaten zu Global staaten am Golf. von Alkohol, Tabak und Kaffee, pochen auf
Mit ihrem neuen Reichtum haben Ku- die strikte Einhaltung der Vorschriften des
Playern gemacht. Einem Land wie
wait, Katar, die Vereinigten Arabischen Scharia-Rechts und legen das Bilderverbot
Saudi-Arabien ermöglichen sie den Emirate und vor allem Saudi-Arabien gro- des Korans so aus, dass Film- und Theater-
Fortbestand einer Monarchie mit ßen Einfluss gewonnen – politisch, wirt- vorstellungen untersagt sind.
Staatsreligion. Doch die meisten schaftlich, sozial, kulturell und religiös. Die bis heute in Saudi-Arabien regieren-
Ob materieller Wohlstand oder politische de Saud-Familie nutzt ihren unvorstellba-
Menschen zwischen Algerien und
Karriere, der Weg zum Erfolg in den ren Reichtum, um ihre Form des Islam in
dem Golf haben vom Reichtum an Maschrek-Ländern führt über die Verbin- der ganzen Welt zu propagieren. Sie unter-
Öl und Gas fast nichts. dungen zur mächtigen Ölindustrie. Bestes stützt die Muslim-Bruderschaften in Ägyp-
Beispiel dafür ist der ermordete libane- ten ebenso wie die Hamas in Gaza und
sische Premierminister Rafik Hariri, der steuert auch zum Bau von Moscheen in
seine Wahlkämpfe und sozialen Program- Deutschland oder Bosnien Geld bei. Auch
me nur dank seines Privatvermögens die Taliban sind das Produkt des wahabi-

D as Erdöl ist zur alles bestimmenden


Größe in der arabischen Welt gewor-
den. Es hat die Gewichte verschoben und
finanzieren konnte, das er als Unterneh-
mer in Saudi-Arabien angehäuft hatte.
Der zunehmende Einfluss der Ölstaaten,
tischen Ideologie-Exports, den erst die
Ölmillionen Saudi-Arabiens möglich ge-
macht haben. Demgegenüber sind die
prägt auch das Innere der Gesellschaften. insbesondere Saudi-Arabiens, brachte ein politisch liberalen Ansätze und Reformbe-
Seit Anfang der 1970er-Jahre häufen die Erstarken des puritanischen Islam mit mühungen der vergangenen Jahrzehnte
Königreiche und kleinen Emirate auf der sich, gegen den sich die verschiedenen weitgehend verschwunden.
arabischen Halbinsel gigantische Vermö- sunnitischen Reformbewegungen des 19. Während solche Länder – der Iran, auch
gen an. Und mit den Petro-Dollars wander- und frühen 20. Jahrhunderts immer weni- wenn nicht arabisch, gehört ebenfalls in
te die politische, wirtschaftliche und kul- ger behaupten. Schon um 1740 herum diese Gruppe – ihre Überzeugungen in die
turelle Macht von den alten städtischen hatte das saudische Herrscherhaus der Welt tragen, kann im Inneren auch der we-
Zentren in Ägypten, Irak oder Syrien, dem Ibn Sauds die Lehren des Geistlichen niger konservativen Staaten aufgrund des
so genannten Maschrek, in die erst im Mohammed Ibn Abd al Wahhab angenom- Ölreichtums eine Art Feudalwirtschaft auf-
rechterhalten werden. Ihr Außenhandel
beruhte und beruht auf dem Austausch ih-
Unsicherer Einkommensfaktor Öl rer Primärrohstoffe, also von Öl und Gas,
gegen Konsumprodukte und Arbeitskraft.
Anteil der Einnahmen aus Öl und Gas am Pro-Kopf-Arbeitseinkommen Billige Arbeiter aus überwiegend muslimi-
1980 = 100
schen Staaten von Ägypten bis Indonesien
Algerien Irak Jemen bauen am Golf Wolkenkratzer und High-
120 120 120
ways, Experten aus Europa und den USA
100 100 100 werden mit hohen Gehältern in die Öl- und
Gasindustrie gelockt und lassen ganze
80 80 80
Städte neu entstehen. Und da den Unter-
60 60 60 tanen der Öl-Aristokratien ein oft üppig
unterstütztes Bildungs- und Gesundheits-
40 40 40
wesen zur Verfügung steht und sie gut be-
20 20 20 zahlte Posten in Wirtschaft und Verwal-
tung bekommen, entsteht auch kaum so-
0 0 0
1980 1995 2005 1980 1995 2005 1980 1995 2005 zialer Unmut.
Wenig Geld hingegen ist bislang in tech-
Kuwait Saudi-Arabien Ver. Arab. Emirate nische Neuerungen geflossen. Die komfor-
120 120 120
table Finanzlage erlaubt, die technische
100 100 100 Entwicklung einfach zu verschlafen. Erst
seit kurzem investieren die kleineren Öl-
80 80 80
staaten massiv, um für die Zeit nach dem
60 60 60 Öl gewappnet zu sein – so Katar, Kuwait
und Abu Dhabi, vor allem aber Dubai. Das
40 40 40 kleine Emirat, dessen Erdölreserven ver-
20 20 20
mutlich schon in zwanzig Jahren erschöpft
sind, erwirtschaftet heute bereits weniger
0 0 0
1980 1995 2005 1980 1995 2005 1980 1995 2005 als zehn Prozent seines Bruttoinlands-
produktes in der klassischen Ölindustrie.

86
Russland
Usbekistan
Georgien

Italien Armenien Aserbaidschan


Spanien Turkmenistan
Türkei

Irak Iran 1
Griechenland Syrien

Tunesien Libanon
Marokko Israel
Palästina
Jordanien
Kuwait

Algerien Bahrein Ver. Arab.


Ägypten
Emirate
Libyen

Mali Katar

Niger Saudi- Oman


Erdölproduktion Arabien
jährlicher Durchschnitt, 1997–2007 Tschad
in Mio. Tonnen
475

195 Wirtschaftsmigranten in die Golfländer Jemen


Eritrea
900 000 140 000 Sudan
75
100 000 Dschibuti
5 260 000 50 000

Erdgasproduktion Äthiopien
jährlicher Durchschnitt, 1997–2007
in Mio. Kubikmeter Zentralafr. Rep.
83 000

Somalia
44 000
Golf-Kooperationsrat Uganda
Dem. Rep. Kongo
10 000 Kenia 500 km
4900
1. Der Iran ist kein arabischer Staat, spielt in
der Region aber eine ausschlaggebende Rolle.

Die arabische Halbinsel als Magnet für arabische Migranten

Dafür ist das Land allerdings stark ölpreis- nicht viel gebracht hat. Ein häufig benutz- aus – hier wird viel verdient, aber das
und damit konjunkturabhängig. ter Indikator dafür ist der Vergleich von Ge- schlägt sich bei ihrem Index der menschli-
Viele arabische Migranten zieht es in die sundheit und Bildung (Lebenserwartung chen Entwicklung nur unterdurchschnitt-
Golfstaaten, vom unqualifizierten Arbeiter und Säuglingssterblichkeit, Schulbesuch lich nieder. Katar liegt als pro Kopf ein-
bis zum Bankchef. Etliche Länder, die vor und Analphabetismus) einerseits sowie kommensstärkstes arabisches Land auf
allem Akademiker und Facharbeiter ent- dem durchschnittlichen Pro-Kopf-Ein- Platz 23, aber bei Gesundheit und Bildung
senden, verlieren dadurch örtliche Eliten kommen andererseits. Die UN-Entwick- liegt es nur auf Platz 35, also minus 12 Plät-
und Mittelschichten. Dafür sind die Über- lungsorganisation UNDP legt dazu zwei ze. Saudi-Arabien kommt sogar auf minus
weisungen an die Familie daheim zu einem Länderlisten an und vergleicht dann die 19. Den krassesten Unterschied gibt es je-
wichtigen Faktor in den Herkunftsländern Position eines Landes auf den beiden Lis- doch nicht in den Scheichtümern, son-
geworden. Marokko etwa erwirtschaftet ten. So liegt von den arabischen Ländern dern im Maghreb: Marokko minus 18, Al-
mit seinen Agrarexporen ebenso viel, wie Ägypten fast genau im globalen Durch- gerien minus 22. Den arabischen Negativ-
die Arbeitsemigranten nach Hause über- schnitt: auf Platz 110 nach Einkommen, rekord hält Tunesien, nach Einkommen
weisen. Eine sozialwissenschaftlich noch 111 nach Gesundheit und Bildung (dem auf Platz 69 und nach »menschlicher Ent-
ungeklärte Frage ist, welche Erfahrungen »Index der menschlichen Entwicklung«). wicklung« auf Platz 91, minus 23. Genauso
und Eindrücke die arabischen Zeitarbeiter Deutlich wohlfahrtsfreundlich ist der schlimm wie der Iran.
aus den wohlhabenden Golfstaaten mit Jemen, der nach Einkommen auf Platz 169,
nach Hause bringen, ob sie die Lebens- nach Gesundheit und Bildung immerhin
und Konsumgewohnheiten ihres Gastlan- auf Platz 153 liegt, also plus 16 Plätze.
des beibehalten und sich von den religiö- Jordanien bringt es immerhin auf plus 11 www
sen Gebräuchen beeinflussen lassen. und der Libanon auf plus 8 Plätze, Syrien Länderberichte:
www.carnegieendowment.org
Fest steht nur, dass der Ölreichtum den auf plus 7 und Libyen auf magere plus 4. Länderdaten:
meisten Menschen in der arabischen Welt Schlecht sieht es bei allen Golfstaaten www.ixpos.de

87
Afrikas Ölquellen locken alte Bekannte
Mehrere Länder am Golf von Guinea
stehen im Mittelpunkt eines S eit 2007, als vor der Atlantikküste des
westafrikanischen Landes Erdöl ge-
funden wurde, steigen auch in Ghana die
Wettkampfs um neu entdeckte
Hoffnungen auf Wachstum und Wohl-
Ölvorkommen. China und die USA stand. 600 Millionen Barrel wurden im Öl- Nordamerika
setzen auf unterschiedliche feld »Jubilee« nachgewiesen. 2010 soll die
Strategien, um sich politischen Förderung beginnen. Sollte das Land seine
Territorialgewässer auf die zulässige 200-
Einfluss und Förderrechte zu sichern.
Seemeilen-Grenze erweitern, könnten
Ghanas Ölreserven acht Milliarden Barrel
betragen. Dann würde das Land zu einer
echten Erdölnation.
Schon heute steht Ghana im Zentrum der
Ölexpansion am Golf von Guinea. Auch vor
den Küsten Gabuns, Äquatorialguineas,
des Kongo und der Elfenbeinküste wurde
man fündig. Die Hoffnungen der Men-
schen in der Region, in der bis zu 70 Pro-
zent unter der Armutsgrenze leben, sind
groß. Westafrikas hochwertiges Erdöl ist ei-
ner der Gründe, warum China und die USA
inzwischen auch am Golf von Guinea ihre
geopolitische Konkurrenz austragen. Bei-
de Länder und ihre Ölkonzerne bemühen
sich dort massiv um Förderrechte sowie
Lateinamerika
um politischen und militärischen Einfluss.
Für die USA werden die afrikanischen
Ölfelder immer wichtiger. Im Jahr 2009
kamen 16 Prozent der US-Erdölimporte
von dort. Bis 2015 wollen die USA, die
derzeit aus Afrika ebenso viel Erdöl impor-
tieren wie aus Saudi-Arabien, den Anteil
aus Afrika auf 25 Prozent erhöhen. Auch
die Chinesen bauen ihren Einfluss in Afri-
ka systematisch aus, setzen dabei aber we-
niger auf die neokoloniale Strategie der
preisgünstigsten, für die langfristige Ent-
wicklung aber schädlichen Ausplünde-
rung der Rohstoffe.
Das Scheitern des traditionellen Vorge- Energiekonzerne zielen auf Westafrika
hens ist im Ölzentrum Nigeria deutlich zu
beobachten. Weltweit ist Nigeria der
sechstgrößte Erdölproduzent. Zusammen rias empfindlich, dessen Einnahmen zu
mit Libyen hält das Land 66 Prozent der 95 Prozent vom Erdöl abhängig sind.
Erdölreserven Afrikas. Doch der Reichtum Scharfe Einschnitte ins Sozialsystem wa-
hat sich zu einem Fluch für das westafrika- ren die Folge und haben die Spannungen
nische Land entwickelt. Seit vier Jahren weiter verschärft.
zerstören Milizen in Nigeria immer wieder Den Chinesen wird immer wieder vorge-
Pipelines und Ölanlagen. Die Rebellen be- worfen, dass sie in Afrika Geschäfte mit
gründen ihre Angriffe damit, dass der Diktatoren machen, ohne sich um die Ein-
größte Teil der Bevölkerung von den Milli- haltung der Menschenrechte zu scheren.
arden Dollar Öleinnahmen keinen Cent »Allerdings geht es der Wirtschaft und den
sehe, während sich eine kleine korrupte Menschen materiell durchaus besser, wo
Schicht schamlos daran bereichere. Liefer- sich die Chinesen engagierten«, stellt der
ausfälle ließen den US-Marktanteil Nigeri- China-Experte Frank Sieren fest. Das liege
as 2009 von 11 auf 6 Prozent schrumpfen. daran, dass sich die Chinesen nicht nur
Darunter leidet der Staatshaushalt Nige- auf Ausbeutung beschränken, sondern

88
Europa

Russland und Zentralasien

Naher und Mittlerer Osten

Asien

Australien

Erdölexporte
Investitionen der Ölmultis in Mrd. US-Dollar

1 3 6 13

gleichzeitig den Ausbau der Infrastruktur Insgesamt profitiert Afrika von der Stra- für ein Ölgesetz im Jahr 2009 zurückgezo-
in den Ölländern vorantreiben. tegie integrierter Hilfe, sagt der politische gen wurde. Nun sollen die Bedenken zivil-
Die chinesische Afrikastrategie besteht Analyst Asare Ochere-Darko vom Ghanai- gesellschaftlicher Gruppen besser berück-
darin, die Ausbeutung von Rohstoffen mit schen Danquah-Institut: »Es liegt zum sichtigt und die lokale Wirtschaft stärker
billigen Milliardenkrediten und kreditge- großen Teil an den chinesischen Investi- am erwarteten Boom beteiligt werden.
bundenen Bauaufträgen zu kombinieren. tionen, dass Afrikas wirtschaftliche © Le Monde diplomatique, Berlin
So erhielt der staatliche chinesische Öl- Wachstumsrate im Jahr 2007 bei einem
konzern Sinopec 2006 den Zuschlag für ein Rekordwert von 5,8 Prozent lag.«
Ölfeld vor der Küste Angolas. Zwei Jahre Um die Fehler der Vergangenheit zu ver-
zuvor hatte Peking in Angola den Boden meiden, versuchen einige afrikanische
www
Chinesisch-afrikanische Kooperation:
dafür mit einem Hilfspaket über zwei Mil- Länder mittlerweile, den ökonomischen www.fmprc.gov.cn/zflt/eng
liarden US-Dollar bereitet. Chinesische Boom auch für die Stärkung der Demokra- Statistiken:
Firmen wurden beauftragt, Telefonnetze, tie und der staatlichen Institutionen zu eia.doe.gov
Nichtregierungsorganisationen:
Straßen, Schienenwege, Brücken, Gebäu- nutzen. Solche Bestrebungen sind in www.oilwatchafrica.org
de, Schulen und Krankenhäuser zu bauen. Ghana bereits erkennbar, wo ein Entwurf www.globalwitness.org

89
Neue Märchen von der Atomkraft
Die ganze Welt baut Kernkraftwerke?
Weltweit produzierter Atomstrom Jährlicher Ausbau der Nuklearkapazitäten
Von wegen. Die »Atom-Renaissance« Gigawatt Gigawatt
350 + 30
ist ein ideologischer Kampfbegriff.
Tschernobyl (1986)
Wer genauer hinsieht, wird eher 300 25

eine Talfahrt der Branche erkennen. 250


20
Ihr Anteil an der Stromversorgung 200
15
geht zurück. 150
erste Ölkrise (1973) 10
100
5
50

0 0
1955 1965 1975 1985 1995 2005 1955 1965 1975 1985 1995 2005
-5

50 Jahre Kernkraft

A m 9.Oktober titelte die New York Times:


»Der Präsident stellt Pläne für eine Re-
naissance der Atomenergie vor«. Die US-
1989 lediglich von 423 auf 435 gestiegen.
In 2008 ging weltweit zum ersten Mal seit
1956 kein einziges neues Atomkraftwerk
land sowie in Japan, Südkorea und
Deutschland.
Nach offiziellen Zahlen sind 50 AKW-
Regierung, heißt es dort, habe konkrete ans Netz. Zudem werden neun Meiler we- Blöcke »im Bau« (Stand August 2009), drei-
Schritte angekündigt, um die kommerziel- niger betrieben als noch 2002, als der his- zehn davon allerdings schon seit über
le Atomkraft wiederzubeleben. Das war torische Höchststand von 444 AKWs er- zwanzig Jahren. Spitzenreiter in Sachen
1981. Der Präsident hieß Ronald Reagan. reicht wurde. Bauverzögerung ist Watts Bar-2 in den
Seitdem taucht der Begriff einer angeb- Weltweit haben die AKWs eine Gesamt- USA. Im Oktober 2007 kündigte die Eigen-
lichen Renaissance der Atomenergie im- leistung von 370 000 Megawatt und ein tümergesellschaft TVA an, den Reaktor bis
mer wieder auf. durchschnittliches Betriebsalter von 25 2012 – vierzig Jahre nach Baubeginn – für
Die Realität sieht anders aus. Seit 1973 Jahren. Ihr Anteil an der Stromversorgung 2,5 Milliarden Dollar fertig zu bauen.
ist in den USA kein AKW mehr bestellt wor- ist auf 14 Prozent zurückgegangen. Die Re- Auch die bisherige Stilllegung von welt-
den, dessen Bau nicht hinterher wieder aktoren werden in 31 der 192 UNO-Mit- weit 127 AKWs – nach einer durchschnitt-
aufgegeben worden wäre. Die Atomlobby gliedsländer betrieben. Zwei Drittel der lichen Betriebszeit von 22 Jahren – spricht
versucht dennoch unverdrossen, die Aufer- weltweiten Atomstromproduktion ge- nicht für die Renaissance der Atomkraft.
stehung der Atomkraft herbeizureden. Da- schieht in nur sechs Ländern, in den Atom- Der Welt-Statusreport Atomindustrie von
bei ist die Zahl der Reaktoren weltweit seit waffenstaaten USA, Frankreich und Russ- 2009 zeigt, dass bei einer angenommenen
Betriebszeit von vierzig Jahren bis zum Jahr
2015 insgesamt 95 Reaktoren und bis zum
Ungleicher Stromverbrauch Jahr 2025 weitere 192 AKWs vom Netz ge-
hen werden. Wenn alle derzeit im Bau
befindlichen Anlagen den Betrieb aufneh-
men, dann müssten bis 2015 noch 45 und
bis 2025 insgesamt zusätzlich etwa 240 Re-
aktorblöcke mit einer Gesamtkapazität
von über 200 000 Megawatt geplant, gebaut
und in Betrieb genommen werden. Da die
»Leadtime« – die Zeit zwischen Bauplanung
und kommerzieller Inbetriebnahme – für
ein AKW mehr als zehn Jahre beträgt, kann
die heute vorhandene Kraftwerksleistung
kaum aufrechterhalten werden.
In Westeuropa sind zwei AKWs im Bau,
eines in Finnland und eines in Frankreich.
Stromverbrauch Baubeginn des ersten Europäischen Druck-
kWh pro Kopf, 2008 wasserreaktors (EPR) mit einer Leistung
20–400 3000–6500 von 1 600 Megawatt war 2005 im finnischen
400–1 000 6500–13 000 Olkiluoto. Seitdem überschatten Kosten-
1000–3000 13 000–29 430 keine Angaben explosionen und Zeitverzögerungen das
Projekt. Mit der Inbetriebnahme ist frühes-

90
Tokai Mura (1999)

Ma jak
(195 7)
Three Mile Island (1 9 7 9 )

Windscale (1 9 5 7 ) Tschernobyl (198 6)

Saint-laurent-des-eaux
(1 9 6 4)
Vandellos (1 9 89 )

nur Atomkraftwerke
Atomkraftwerke und Anlagen zur Urananreicherung
3 4 5 6 7 Atomkraftwerke und Wiederaufbereitungsanlagen
Schwere Atomunfälle Atomkraftwerke, Anlagen zur Urananreicherung
nach der internationalen Bewertungsskala für Nukleare Ereignisse, Ines; 7 = GAU und Wiederaufbereitungsanklagen

Gefahren des Atomzeitalters

tens 2012 zu rechnen. In Frankreich wird ist in der Lage, die Großkomponenten für Das Gerede von der drohenden »Energie-
ein EPR in Flamanville gebaut. Baubeginn Reaktordruckbehälter von der Größe des lücke« wirkt vor diesem Hintergrund fast
war 2007. Dieser Block sollte in 54 Monaten EPR zu schmieden. Auch die Dampferzeu- wie eine Kampagne für verlängerte Laufzei-
fertig sein. Aber auch hier ist eine Reihe ger der EPR-Bauprojekte kommen aus Ja- ten von Atomkraftwerken und kostenlose
von Problemen aufgetaucht. Die Kosten pan. An dieser Situation wird sich kurz- CO2-Zertifikate für Kohlekraftwerke. Aber
sind bereits um 20 Prozent gestiegen. und mittelfristig nicht viel ändern. nur ein schneller Ausstieg aus der Atom-
Die drei großen Schwellenländer China, Neue Atomanlagen müssten außerdem energie kann den Innovationsdruck auf die
Indien und Brasilien haben ihre Atom- von neuem Personal betrieben werden. In- Energiewirtschaft aufrechterhalten.
energieprogramme bereits vor Jahrzehn- dustrie und Betreiber schaffen es kaum, Angesichts dieser Fakten von einer »welt-
ten beschlossen, aber nur ansatzweise rea- auch nur die Altersabgänge zu ersetzen. Es weiten Wiedergeburt« zu sprechen ist irre-
lisiert, sodass der Anteil der Kernkraft an fehlt eine ganze Generation von Ingenieu- führend, zumal die langen Bauzeiten enor-
der Stromerzeugung und Energieversor- ren, Atomphysikern und Strahlenschutz- me Kosten verursachen, die kaum eine
gung minimal ist. Das größte Ausbaupro- experten. Parallel müssen stillgelegte An- Bank finanziert. Es sei denn, der Staat
gramm hat China, das derzeit elf AKWs be- lagen abgerissen und endlich Lösungen steht für das Investitionsrisiko gerade.
treibt, die 2,2 Prozent der Stromerzeugung für den Atommüll geschaffen werden. © Le Monde diplomatique, Berlin
ausmachen. Vierzehn weitere Meiler sind Die Forderung, die Laufzeiten der AKW
im Bau. In Indien sind siebzehn kleinere zu verlängern, wird immer wieder vorgetra-
Reaktoren in Betrieb, die 2 Prozent des gen. RWE hat angeboten, bei Laufzeitver- www
Strombedarfs decken, weitere sechs sind längerungen mehr in erneuerbare Ener- Internationale Energie-Agentur:
im Bau. Brasilien hat zwei aktive Reakto- gien zu investieren. Damit würde aber die www.iaea.org
ren, die 3,1 Prozent des Stroms erzeugen. Vorherrschaft der großen Kraftwerksblö- Bundesumweltministerium:
www.bmu.de/ueberblick/atomenergie_strahlenschutz/
Ein weltweiter Bauboom ist derzeit cke verlängert und der Ausbau von dezen- doc/41319.php
schon aufgrund mangelnder Fertigungs- tralen, umweltverträglicheren kleinen Kritiker:
kapazitäten und schwindender Fachkräfte Kraftwerkseinheiten, die sich wesentlich www.bund.net/bundnet/themen_und_projekte/atomkraft
www10.antenna.nl/wise/index.html
ausgeschlossen. Nur ein einziges Unter- besser mit erneuerbaren Energien kombi- Wissenschaftler:
nehmen der Welt, die Japan Steel Works, nieren lassen, behindert. web.mit.edu/nuclearpower/

91
Der grüne Boom trägt
weit in die Zukunft
Europäische Union
Umwelttechnik ist ein weltweiter
80,2
Wachstumsmarkt, der neben seriösen
Investoren auch Spekulanten anzieht. USA 47,5

Ein Kollaps ist nicht zu befürchten, 12,9 China


denn technologische Innovation und 3,7
eine sichere Nachfrage machen den Afrika
Indien

Sektor zukunftsfähig. 1,3


8
Brasilien

15,7
5,1
Sonstige Industrieländer Sonstige Länder

Gesamtsumme des 2007 in Erneuerbaren angelegten Geldes in Mrd. US-Dollar

Investoren haben ein neues Ziel

Ü berall auf der Welt erleben Techni-


ken, die auf die sparsame Verwen-
dung von Ressourcen abzielen, einen nie
in Ökotechnologie – auch eine Folge der
weltweiten Wirtschaftskrise, die den
Durchbruch grüner Technologien be-
triebenen Erwartungen verleitet, die an die
Internet-Blase der Jahrtausendwende er-
innern. So kam es seit 2004 zu enormen
gekannten Boom. Grüne Technologien schleunigen wird. Im Jahr 2009 fließen Schwankungen bei den Aktienkursen der
werden vor allem in den Bereichen Abfall- zusammengerechnet weltweit 430 Milliar- Solarhersteller: Zunächst stiegen sie um
entsorgung, Recycling, Altlastensanierung, den US-Dollar aus staatlichen Konjunktur- mehrere hundert Prozent und sackten
Wasseraufbereitung sowie erneuerbare programmen in nachhaltige Techniken. dann 2007 um mehr als 90 Prozent ab.
Energien eingesetzt. Energie- und Finanz- Der ökologische Goldrausch hat aller- Doch die Branche hat den Schreck über-
dienstleister investieren riesige Summen dings schon in der Vergangenheit zu über- wunden und rechnet weiter mit jährlichen
Wachstumsraten von 25 Prozent. Denn im
Unterschied zu vielen umsatzschwachen
Ökostrom: langfristig die kostengünstigste Alternative Internet-Start-ups arbeitet die Mehrheit
der Solarfirmen profitabel, obwohl auch
Strompreisentwicklung bis 2050 nach Energiequelle
ihre Umsätze unter der Krise leiden. Die
Cent/Kilowattstunde
Branche verfügt schließlich über einen
30
Wettbewerbsvorteil: Wer grüne Technik
Photovoltaik Solarwärmekraft (CSP) einsetzt, schont nicht nur die Umwelt, son-
Wind Kohle
Gezeitenkraft Erdöl
dern spart langfristig auch Geld.
25
Biomasse Erdgas Monetäre Motive dürften die wichtigste
Geothermie Atomkraft Triebfeder für grüne Unternehmen und
Wasserkraft Investitionen sein. Auch Siemens ist inzwi-
20 schen auf einen grüneren Kurs einge-
schwenkt. 2008 hat der Konzern bereits
ein Viertel seines Umsatzes mit grünen
15 Techniken gemacht. Bis 2011 soll seine
grüne Sparte noch einmal um 30 Prozent
zulegen.
Im Zentrum des grünen Technologie-
10
wandels stehen Einsparung und Abkehr
von fossilen Energien. Grüne Innovatio-
nen sollen helfen, die Emission von Treib-
5
hausgasen massiv zu senken. Ziel ist
nichts anderes als eine Umkehrung des be-
stehenden Wachstumsmodells, das einen
0 immer höheren Verbrauch natürlicher
2000 2010 2020 2030 2040 2050
Ressourcen erzwingt.

92
Wasserkraft Müllverbrennung
Solarenergie

Holzenergie Windenergie

Osteuropa und Ex-UdSSR Biomasseenergie


Westeuropa

Nordamerika
China
Globales Wachstumspotenzial der Erneuerbaren bis 2020
Restliches Asien
Indien Millionen Tonnen Öleinheiten
100
Lateinamerika Japan, Australien, Neuseeland 50
10
5
Subsahara-Afrika Nordafrika und Naher Osten

Energiequellen und ihre regionalen Potenziale

Grüne Technologien sollen nun die Brü- Bau von Eisenbahn- und Stromnetzen so- Grüne Technologien haben das Potenzi-
cke bilden, um den Ressourcenverbrauch wie die Wasserversorgung ausgeben. Und al, nachhaltiges Wachstum zu generieren
zu reduzieren. Das wird einhergehen mit Washington ist die einzige Regierung, die und Millionen neue Arbeitsplätze zu schaf-
einem grundlegenden Umdenken, das ihre Ausgaben mit einer gezielten Strate- fen. Doch ihre globale Wirkung wird ver-
sich etwa in einem neuen Verständnis von gie zur Förderung erneuerbarer Energien puffen, wenn sie allein der Profitmaximie-
Mobilität ausdrückt. In dieser ressourcen- verbindet. rung dienen sollen. Denn nur wenn sicher-
schonenderen Welt werden nicht nur US-Präsident Obama plant, sein Land in gestellt ist, dass auch arme Länder einfa-
emissionslose Fahrzeuge fahren, sondern eine ökologische Supermacht zu verwan- chen Zugang zu klimaschonenden und
Städte so umgebaut sein, dass niemand deln. »Die Nation, die bei der Entwicklung energieeffizienten Technologien haben,
mehr ein Auto benötigt. einer sauberen Energiewirtschaft vorne gibt es überhaupt eine Chance, den Aus-
Politisch sollen die grünen Technolo- liegt, wird die Nation sein, die die Weltwirt- stoß von Treibhausgasen so weit zu verrin-
gien einen Ausweg bieten, damit der Ka- schaft des 21. Jahrhunderts führt«, verkün- gern, wie es nötig ist. Die Bevölkerung in
pitalismus nicht an sich selbst zu Grunde dete er. Bis 2025 soll ein Viertel des US- Ländern wie China und Indien wird nicht
geht. Auf der Suche nach einem trag- amerikanischen Stroms aus erneuerbaren noch länger auf einen verbesserten Le-
fähigen Wachstumsmodell investieren Quellen kommen. Die USA sind bereits da- bensstandard warten wollen, nur weil sie
Staaten auf der ganzen Welt Billionen in bei, ihren Rückstand gegenüber Europa ihn nicht mit »Clean Tech« erreichen kann.
den grünen Umbau der Industriegesell- aufzuholen. Im Jahr 2008 verdrängten sie © Le Monde diplomatique, Berlin
schaft. Europas bisherige Führungsrolle mit einer Kapazität von 25 170 Megawatt
in Umweltfragen wird im globalen »Green Deutschland vom Spitzenplatz als Welt- www
New Deal« inzwischen vor allem von Asien marktführer in der Windkraftproduktion. Erneuerbare Energien weltweit:
und den USA angefochten. Während die Die US-Windkraftbranche rechnet mit jähr- www.unep.fr/energy/
USA im Jahr 2009 mit ihren Konjunktur- lichen Zuwächsen von 50 Prozent. Schließ- Erneuerbare Energien Deutschland:
www.erneuerbare-energien.de
paketen 81 Milliarden Dollar und China lich sind die Voraussetzungen für Öko- Energiestatistiken Deutschland:
sogar 249,8 Milliarden Dollar in den grü- strom in dem Flächenland sehr gut: Allein http://bmwi.de/BMWi/Navigation/Energie/
nen Umbau stecken, gibt die EU dafür ins- in den Prärien des Mittleren Westens könn- energiestatistiken.html
Das EU-Klimainformationsprojekt
gesamt 45 Milliarden Dollar aus. Peking te das Sechzehnfache der Strommenge pro- Educational Network on Climate:
will seine Milliarden in erster Linie für den duziert werden, die die USA verbrauchen. www.atmosphere.mpg.de/enid/Service/Home_ic.html

93
Europa kann sich selbst versorgen
Westeuropa Deutschland
Der richtige Mix aus Sonne, Wind
& Co. schafft Energiesicherheit. 13,2
21,3
Darüber hinaus braucht es intelligent
Stromproduktion
geplante Stromnetze. 48,9 60,4 2006, in Prozent
26,4
29,8 Erneuerbare Energien
Atomkraft
aus fossilen Brennstoffen

Noch immer dominieren die fossilen Brennstoffe

D as »International Institute for Applied


Systems Analysis« (IIASA) hat schon
1982 präzise beschrieben, dass erneuerba-
Norwegen, Italien und Frankreich auf eine
installierte Leistung von insgesamt 75 000
MW bringen. Zusammen entspricht das
gieversorgung ebenso vermieden werden
können wie die Umweltfolgekosten atoma-
rer und fossiler Energiebereitstellung. Im
re Energien alleine ausreichen, um die ge- der installierten Leistung von hunderten Gegensatz dazu werden atomare und fos-
samte Energieversorgung Europas sicher- von Atomkraftwerken. Und die Märkte für sile Energie teurer, weil angesichts er-
zustellen. Der Mix macht’s, wenn Wind- Wind, Solar und Co. gehören zu den dyna- schöpfter Ressourcen die Förder- sowie die
kraft, Biomasse, Strom aus Photovoltaik- mischsten Wachstumsfeldern in Europa Transportkosten über immer weitere Ent-
Anlagen, Wasserkraft, Wellenkraft, Geo- und weltweit. fernungen ebenso steigen werden wie die
thermie und Speicherformen erneuerbarer Setzt sich der Ausbau der Erneuerbaren Klima- und Umweltschäden.
Energien zusammenspielen. Was schon in etwa fort wie bisher, dann gibt es genü- Der Umstieg auf erneuerbare Energien
1982 möglich war, sollte heute leichtfallen. gend natürliches Potenzial für die Selbst- bedeutet also nicht nur eine dauerhafte
Denn die Technologien haben sich enorm versorgung Europas mit Energie. Und da – Energiesicherheit und Umweltverträglich-
verbessert und ihre Anwendungsmöglich- mit Ausnahme der Bioenergie – bei den er- keit. Er bringt auch erhebliche volkswirt-
keiten deutlich erweitert. neuerbaren Energien ausschließlich Tech- schaftliche Gewinne – nicht zuletzt durch
Ende 2008 drehen sich in Europa Wind- nikkosten anfallen, sinken ihre Kosten die Verbesserung der europäischen Zah-
räder mit einer Kapazität von fast 64 000 durch Massenproduktion der Anlagen und lungsbilanzen über vermiedene Energie-
MW. Allein Kleinwasserkraftwerke addie- deren laufende technologische Verbesse- importe. Die geforderte politische Kunst
ren sich auf eine Leistung von 11 000 MW. rung rapide. ist und bleibt die Übersetzung dieser ma-
Die Sonne strahlt auf blaue Solarpaneele Hinzu kommt, dass durch die Dezentra- kroökonomischen Vorzüge in mikroöko-
mit einer Spitzenleistung von 4 500 MW. lisierung und Nutzung der jeweiligen re- nomische Anreize für Produzenten und
Und Biogasanlagen schaffen mehr als gionalen erneuerbaren Umgebungsener- Betreiber – durch eine Gesetzgebung, die
1 000 MW Stromproduktion. Hinzu kom- gie für den regionalen Bedarf die Kosten erneuerbare Energien privilegiert, durch
men die großen Staudämme, die es in für weiträumige Infrastrukturen zur Ener- Einspeisegesetze, Steuerermäßigungen

Erneuerbare legen zu Wind wird stärker

Durchschnittliches jährliches Wachstum der Stromproduktion Entwicklung der Stromproduktion aus Windkraft
in Prozent, 1996–2006 in Tausend Megawatt
70
5 5
Solar Westeuropa Deutschland USA
4 4
60
Deutschland 3 3

50 2 2

1 1
40
0 0
1990 2000 2007 1990 2000 2007
Wind
30
Biomasse 5 5
Spanien China
4 4
20 Geothermie
Müllverbrennung 3 3

10 fossile Brennstoffe
2 2
Atomkraft
Hydraulik 1 1
0
0 0
-5 1990 2000 2007 1990 2000 2007

94
2008 installierte
Finnland Gesamtleistung
5,7 0,550 (in Megawatt
Schweden
Spitzenleistung)
7,9 1,7
Estland davon 2008 neu
0,020 0,010 installiert

Irland Lettland
0,400 0,000 Dänemark 0,006 0,000
3,2 0,135
Litauen
Grossbritannien
0,055 0,015
21,6 3,5 Deutschland Europa gesamt
Niederlande 5 351,0 1 505,0
9 533,3 4 592,3
54,9 1,6 Polen
Belgien 1,6 1,0
71,2 49,7 Tschechien
Luxemburg 54,3 50,3
24,4 0,480
Slowakei
0,066 0,020
Frankreich Österreich
91,2 44,5 30,2 2,5 Ungarn
0,450 0,100 Rumänien
Slowenien 0,450 0,150
2,1 1,1
Portugal
68,0 50,1
Bulgarien
1,4 1,3
Spanien Italien
317,5 197,3
3 404,8 2 670,9
Griechenland
18,5 9,3

Zypern
Malta 2,1 0,815
0,238 0,142

Deutschland ist der größte Solarenergiemarkt der Welt

und Vorrangregelungen in der Bauleit- marer Energie über die zügige Erhöhung Spielraum. Die diesbezüglichen EU-Rege-
planung. des Beitrags der erneuerbaren Energien lungen müssen ausdrücklich zulassen,
Die makroökonomischen Vorteile de- zur Vollversorgung mit einem ausschließ- dass auf nationaler und regionaler Ebene
zentraler Energiebereitstellung sprechen lich aus Erneuerbaren zusammengesetz- über die Privilegierung der erneuerbaren
auch dagegen, die Versorgung Europas mit ten Energiemix. Es geht also um einen or- gegenüber den atomaren und fossilen
Hilfe großer Solarkraftwerke aus den Saha- ganisierten Verdrängungsprozess atoma- Energien entschieden wird. Ein pauschales
ra-Ländern anzugehen. Die Systemkosten rer und fossiler Energien. Dies ist schnel- Binnenmarktdogma ist hier völlig unange-
solcher Strukturen werden unterschätzt, ler realisierbar als in nahezu allen Energie- bracht. Preisregulierende Privilegien für
besonders für den Leitungsbau und den szenarien angenommen, weil die Installa- Strom-, Wasser- und Kraftstofferzeugung
Transport. tionszeiten dezentraler Anlagen sehr kurz aus erneuerbaren Energien in Form von
Die Formel »Mehr Sonne gleich mehr So- sind, die Bauzeiten größerer Kraftwerke Einspeise- und Steuergesetzen oder zinsbe-
larstrom« geht fehl. Der wirtschaftliche samt Infrastrukturen hingegen sehr lang. günstigten Krediten sind keine Subventi-
Maßstab muss der Vergleich zwischen Ge- Der Energiemix der Zukunft wird in on, sondern ein Ausgleich dafür, dass die
samtaufwand und Stromertrag sein. Der Europa von Land zu Land und von Region »Nebenkosten« (externe Effekte) der atoma-
strukturelle Vergleich wäre der zwischen zu Region unterschiedlich sein. In Skandi- ren und fossilen Energien in deren Preise
Kapitalakkumulation bei Großkonzernen navien und den Alpenländern wird die nicht einberechnet, sondern durch die Ge-
auf der einen und breiter Kapitalstreuung Wasserkraft den größten Beitrag leisten, in sellschaft übernommen werden.
mit ihren regionalwirtschaftlichen Effek- Frankreich, Großbritannien und Deutsch-
ten durch dezentrale Produktion auf der land die Windenergie, in Spanien und Ita- www
anderen Seite. Statt in den Sahara-Ländern lien wird der Beitrag aus solarer Strah- Solarenergie in Europa:
www.epia.org
Strom für Europa zu produzieren, sollte lungsenergie höher sein als andernorts. Windenergie in Europa:
die EU diesen Ländern lieber helfen, Solar- Damit die Regionen und Kommunen www.ewea.org
strom für sich selbst zu produzieren. Europas diese Energiewende gestalten und Daten zu Energie-Produktion, Verbrauch, Quellen:
www.energy.eu
Der Weg führt vom gegenwärtigen Ener- nach ihren natürlichen Potenzialen aus- Eurosolar:
giemix mit überwiegend fossiler und ato- richten können, brauchen sie politischen www.eurosolar.org

95
Ergiebige Winde über dem Meer
Dank staatlicher Förderung begann
2009 in Deutschland der Ausbau der W ir gehen offshore«, flimmerte es im
Sommer 2009 über die Internetsei-
te des ersten deutschen Windenergie-Pro-
tung des Stroms ist mit 15 Cent pro Kilo-
wattstunde (kWh) etwa doppelt so hoch
wie »onshore«.
Windenergie auf dem Meer. Fast
jektes in der Nordsee, »Alpha Ventus«. Und Renditeerwartungen von mehr als 10 Pro-
gleichzeitig starteten die Arbeiten tatsächlich: Was lange eine rein virtuelle zent haben damit auch in deutschen Ge-
an mehreren Projekten in Nord- und Veranstaltung war, bekommt jetzt Kontu- wässern den Investitionsschub ausgelöst,
Ostsee. In Europa investiert vor allem ren. 45 Kilometer nordwestlich von Bor- den die Branche bisher nur aus den euro-
kum stehen die zwölf Eisen-Dreibeine im päischen Nachbarländern kannte. Beson-
Großbritannien – gewöhnlich alles
Wasser, die mit den Windturbinen der Bre- ders neidisch sehen die Windmüller dabei
andere als ein ökologischer Vorreiter – merhavener Firmen Multibrid (Tochter nach Großbritannien, traditionell eher
massiv in Offshore-Windparks. des französischen Atomkonzern Areva) Nachzügler im Geschäft mit erneuerbarer
und Repower bestückt werden sollen. Energie.
Technisch betritt die Windbranche hier Ausgerechnet die Briten haben sich das
Neuland: Jedes Fundament wiegt allein ehrgeizige Ziel gesetzt, den Anteil des grü-
mehr als 700 Tonnen, mitten im Meer müs- nen Stroms in ihren Netzen von 1,3 Pro-
sen sturmflutensichere Umspannwerke zent im Jahr 2005 auf 15 Prozent bis 2020
gebaut werden, und die Turbinen auf zu steigern. In einer ersten Phase gingen
80 Meter Höhe leisten mit 5 bis 6 Megawatt sechs Windparks mit zusammen 400 MW
zweieinhalb mal so viel wie durchschnitt- in Betrieb. 2008 startete der Bau von weite-
liche Großanlagen an Land. Da der Wind ren Parks mit 560 MW, und in einer zwei-
auf See stärker und gleichmäßiger weht, ten Phase wurden Flächen für noch mal
produzieren Windräder dort etwa doppelt 8 000 MW Windkraft auf See ausgeschrie-
so viel Energie wie an Land. Die Bundes- ben. Dann läutete die für die britischen
regierung will darum bis 2030 etwa 25 000 Meere zuständige Verwaltung »The Crown
MW Windkraft auf See installiert sehen. Estate« überraschend schnell eine dritte
Das wären 50 Prozent mehr, als 2009 an Phase ein und gab bekannt, dass bis Ende
Land standen. 2009 die nächsten elf Meeresgebiete an
Nach über zwölf Jahren Planung soll jeweils einen Generalunternehmer verge-
Alpha Ventus von 2010 an 50 000 Haus- ben werden sollen. Zwischen 2012 und
halte mit Strom beliefern. Zuvor hatte die 2020 sollen weitere 7 000 Windräder mit ei-
Bundesregierung die Bedingungen für Bau ner Leistung von 25 000 Megawatt in Be-
und Betrieb solcher Großkraftwerke auf trieb gehen. Geschätztes Investitionsvolu-
hoher See deutlich verbessert. Die Vergü- men: 100 Milliarden Pfund. »Großbritan-

Sinkende Kosten Steigende Erzeugung Größere Ausbeute auf hoher See

Kosten der Windenergie Jährliche Produktion Leistung pro Anlage Leistung eines 5-MW-Windrades
US-Dollar pro MWh Millionen KWh Kilowatt Energieertrag in Mio. kWh/Jahr
60
17 5000
30
Versorgte Haushalte 1
8000 1. 3 Personen, 3500 kWh/Jahr 27
Offshore
50 14 4118 25
7000 23

12
40 6000 20
20
10 2940
Onshore 5000
30 15
15
8 4000

20 6 1767 3000 10

4 2000
10 5
2 590 1000
Prognose
0 0 0 0 0
2000 2005 2010 2015 2020 2025 2030 1980 1985 1990 1995 2000 2005 Inland Küste Ostsee Nordsee

96
USA Kanada
Japan

Mexiko Südkorea
Russland
Taiwan
Philippinen

Costa Rica Jamaika China

Neuseeland
Australien
Kolumbien
Türkei
Iran
Marokko Indien
Tunesien
Ägypten
Chile
Brasilien Norwegen

Argentinien Schweden
Finnland
Färöer Inseln
(Dänemark)
Dänemark
Grossbritannien Estland
Irland Lettland
Litauen
Niederlande Deutschland
Belgien Polen Ukraine
Luxemburg Tschechien
Südafrika
Slowakei
Frankreich
Ungarn
22 247 Schweiz Rumänien
Österreich Kroatien
Portugal Bulgarien

5000
Italien
2000 Europa Spanien
57 136
300 installierte Leistung
in Megawatt, 2007 Griechenland

Noch liegen die Europäer bei der Windenergie vorn

nien setzt klar auf Offshore, um die ehrgei- 52,5-MW-Projekt Baltic I des Stromversor- So drehen sich Ende 2009 Windräder
zigen nationalen und europäischen Ziele gers EnBW und der Betreibergesellschaft mit mehr als 150 MW Leistung in deut-
zu erreichen«, erklärt Fritz Vahrenholt, WPD in Bremen an. Die Bremer Firma schen Gewässern, während es 2008 nur ein
Chef der RWE Innogy GmbH in Essen, die Bard Engineering – sie gehört dem russi- einziges Windrad in der deutschen Nord-
in Großbritannien zu den größten Wind- schen Multimillionär Arngolt Bekker – hat see gab. Bis 2015 werden viele Investoren –
energie-Entwicklern gehört. mit dem Bau eines Windparks an der überwiegend große Stromkonzerne – der
Damit die Investoren zur Planerfüllung deutsch-niederländischen Seegrenze be- insgesamt 24 genehmigten und mehr als
der Regierung beitragen, hat London die gonnen, der bis 2010 mit achtzig Groß- 50 beantragten deutschen Offshore-Wind-
Vergütung für Offshore-Strom inzwischen windrädern bestückt wird und dann rech- parks versuchen, ihre Kraftwerke in Nord-
auf 21 Cent je kWh angehoben. Dadurch nerisch 330 000 Haushalten Strom liefen und Ostsee in Betrieb zu nehmen.
wird Großbritannien auch in den kom- soll. © Le Monde diplomatique, Berlin
menden Jahrzehnten der weltweit wich- Aufgrund der angespannten Situation
tigste Offshore-Markt bleiben – und mit an den Finanzmärkten konnten die Inves- www
Deutschland zusammen etwa 60 Prozent toren sich auch der Unterstützung der EU- Offshore in Deutschland:
des Weltmarktes bilden. Dahinter rangie- Kommission erfreuen. Die Projekte Bard www.rave-offshore.de
ren die Niederlande, Schweden, Däne- Offshore 1 und Alpha Ventus in der Nord- www.offshore-wind.de
wichtiges Offshore-Projekt:
mark, Spanien und Belgien. see sowie der Netzanschluss von Baltic www.alpha-ventus.de
Angesichts der hohen Gewinnerwartun- und Kriegers Flak (beide in der Ostsee) er- Karten, Grafiken, Datenbanken zum Windklima:
gen kommen auch die dreißig geplanten halten jeweils 150 Mio. Euro Investitions- www.windatlas.dk
Offshore und Ökologie:
deutschen Projekte allmählich in Gang: zulagen aus Brüssel. Ohne Offshore wären www.io-warnemuende.de/
In der Ostsee laufen die Arbeiten an dem die Klimaziele der EU kaum zu schaffen. windenergienutzung-im-offshore-bereich.html

97
Die Vision vom Wüstenstrom Megawatt
Spitzenleistung
2500

2250

Das Desertec-Projekt könnte 2000


langfristig ein Sechstel des
1750
europäischen Strombedarfs mit
Deutschland
Sonnenenergie aus der Sahara Belgien
1500

decken. Doch die Kosten sind 1250


Kanada Frankreich
gewaltig. Der Wüstenstrom Portugal
Japan
USA 1000
wird möglicherweise nie so billig Spanien
Italien Indien
China Südkorea

sein wie der Solarstrom vom 750

eigenen Dach. 500


Australien
250

übrige Welt 0

Stromgewinnung aus Sonnenlicht im Jahr 2008

D ie Idee klingt vielversprechend. Eine


Gruppe von zwanzig Konzernen, da-
runter die Münchener Rück, RWE, Eon
sie ist lange bekannt. Kernstück sind rin-
nenförmige Spiegel, mit denen die Son-
nenstrahlung auf eine Linie fokussiert
und die Deutsche Bank, will für 400 Milli- wird. Auf dieser Achse verläuft eine Lei-
arden Euro in Nordafrika riesige Solar- tung mit einem Wärmeträgermedium, das
kraftwerke bauen. Der Strom des »Deser- die Energie aufnimmt. Die Hitze bringt
tec« getauften Projektes soll dann über Wasser zum Kochen, dessen Dampf eine
leistungsfähige Kabel nach Europa ge- Turbine antreibt. In Kalifornien sind be-
bracht werden. Der erste Wüstenstrom soll reits mehrere hundert Megawatt dieser
um das Jahr 2020 fließen. Technik in Einheiten zwischen 30 und 80
Die Technik basiert auf Parabolrinnen – Megawatt installiert.

Solarthermische Energiegewinnung mithilfe eines Solarturms

Dampf-Oberkessel

Absorber

Turbine
Generator
Dampf

Sonnenlicht

allgemeines
Stromnetz

Dampfspeicher kühlt ab

Spiegelfeld

Solarturm Kondensator

98
Auch in Spanien sind die ersten Solar-
kraftwerke dieses Typs bereits im Einsatz.
Das Kraftwerk Andasol 1 am Fuße der
Sierra Nevada ist seit Dezember 2008 am
Netz und produziert nach Angaben der Solarthermisches
Kraftwerk
Betreiberfirma Solar Millennium Strom
Photovoltaik
für bis zu 200 000 Menschen. Mit 8 256
Windkraftwerk
Spiegelelementen und 512 000 Quadrat-
Wasserkraftwerk
metern Kollektorfläche – das entspricht
mehr als siebzig Fußballfeldern – ist es zu- Biomassekraftwerk

gleich das größte Solarkraftwerk der Welt. Geothermiekraftwerk

Unmittelbar daneben hat im Sommer Hochspannungs-


Gleichstromkabel
auch das Schwesterprojekt Andasol 2 erst-
mals Strom ins spanische Hochspan-
nungsnetz eingespeist. Und Andasol 3 ist
im Bau. In Afrika soll diese Technik künf-
tig in weitaus größeren Dimensionen ein-
gesetzt werden.
Auch der Transport der Energie aus Afri-
ka ins europäische Netz dürfte in den Griff
zu bekommen sein – mit Hilfe der so ge-
nannten Hochspannungs-Gleichstrom-
Übertragung (HGÜ). International gilt
diese Technik zunehmend als attraktive
Möglichkeit, hohe elektrische Leistungen
über lange Strecken zu transferieren. Mit
einem Verlust von 5 Prozent der Energie
pro 1 000 Kilometer Übertragungsweg ar-
beitet die HGÜ deutlich effektiver als nor-
male Wechselstromtechnik. Kabellängen
von mehr als 1 000 Kilometer sind mit kon-
ventioneller Wechselstromtechnik unwirt-
schaftlich, weil die Übertragungsverluste
dann zu groß werden.
Projekte dieser Art gibt es bereits. In Chi- Im transeuropäischen Supergrid käme der gesamte Strom aus erneuerbaren Quellen
na entsteht eine HGÜ-Leitung über 1 400
Kilometer Länge mit einer Übertragungs-
leistung von 5 000 Megawatt. Sie soll Strom 15 Prozent des europäischen Strombe- ser Unterschied die enormen Infrastruk-
aus Wasserkraft quer durchs Land trans- darfs mit Wüstenstrom zu decken. Das tur-Investitionen?
portieren. Zwar wurden kurze HGÜ-Ver- klingt zwar ambitioniert, ist aber Zu- Die ökonomisch erfolgreichste Technik
bindungen schon vor fünfzig Jahren vor kunftsmusik. Auf der andereren Seite gibt der Sonnenernte ist bislang ohnehin die
der schwedischen Insel Gotland zur Über- es längst eine erfolgreiche Technik, die auf den heimischen Dächern, eben weil sie
brückung von Gewässern genutzt, doch etabliert ist: Derzeit deckt die heimische als dezentrale Erzeugungsvariante mit der
erst moderne Halbleitertechnik ermög- Photovoltaik rund 1 Prozent des Strom- vorhandenen Netzinfrastruktur aus-
licht heute den Einsatz dieser Technik in bedarfs in Deutschland. Nach Prognosen kommt: In Deutschland wird spätestens
großem Stil. der Solarbranche werden es schon 2020 2014 der Strom vom Hausdach billiger sein
Die wohl größten Probleme des Deser- knapp 7 Prozent sein. Ehe also die erste Ki- als der aus der Steckdose. Dagegen wird
tec-Projektes liegen nicht bei der Technik. lowattstunde Wüstenstrom fließen wird, der Wüstenstrom nur schwer ankommen.
Es ist vielmehr die politische Stabilität wird die Photovoltaik längst weit voraus- Ob die höhere Sonneneinstrahlung im Sü-
Nordafrikas, die viele Befürchtungen geeilt sein. den die Kosten der gigantischen Übertra-
weckt. Völlig offen ist außerdem, ob sich Der von Desertec für 2050 angepeilte An- gungsnetze jemals kompensieren wird,
die gigantischen Investitionen von 400 teil am deutschen Strommix von 15 Pro- kann heute niemand absehen.
Milliarden Euro jemals rechnen werden. zent ließe sich mit der in Europa installier- © Le Monde diplomatique, Berlin
Beide Unsicherheiten hängen eng zusam- ten Photovoltaik deutlich früher errei-
men: Je instabiler die politische Lage, chen. Zumal die Unterschiede in der Son- www
umso höher werden die Versicherungsrisi- neneinstrahlung zwischen Europa und Hintergrundinfos beim Deutschen Institut
ken und damit die Kosten der Kilowatt- Afrika gar nicht so gigantisch sind, wie es für Luft- und Raumfahrt:
www.dlr.de/tt/wuestenstrom
stunde Strom. Die Unternehmen haben vielleicht den Anschein hat: Im Vergleich offizielle Website (englisch):
bereits signalisiert, dass sie auch auf staat- zu Mitteleuropa liegt die Einstrahlung in www.desertec.org/
liche Hilfen setzen. Nordafrika lediglich doppelt so hoch, im Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation:
www.trec-uk.org.uk/
Das Konsortium plant entsprechend Vergleich zu Spanien liegt sie sogar gerade News zu Desertec:
langfristig. Ziel ist es, im Jahr 2050 rund 30 bis 50 Prozent höher. Rechtfertigt die- www.cleanthinking.de/tag/Desertec/

99