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Hubert Beste, HLA, Fak.

Soziale Arbeit

KURZSKRIPT zur Vorlesung: „Sozialarbeits-


wissenschaft (Theorieentwicklung II)“ im
Sommersemester 2008; 6. Studiensemester
(Diplom).

Vorbemerkung 1:
Dieses SKRIPT basiert auf Erfahrungen mit den Vorlesungen „The-
orieentwicklung in der Sozialen Arbeit“ und „Wissenschaftstheore-
tische Grundlagen der Sozialen Arbeit“, die ich in den vorangegan-
genen Semestern an der hiesigen Fakultät gehalten habe. Es waren
nicht nur für die Studierenden Einführungs- und Vertiefungsveran-
staltungen, sondern aufgrund der neuartigen Thematik auch für
mich „Experimentalsituationen“ und „Lernzusammenhänge“. Dabei
bewahrheitete sich einmal mehr ein Sachverhalt, der im gesamten
Bereich der Sozialwissenschaften seit langem hinlänglich bekannt
ist: Es ist ausgesprochen schwierig, nicht nur den PraktikerInnen,
sondern auch den Studierenden praktischer Studienfächer den Sinn
und Zweck von Theorie zu vermitteln. Das hat nichts mit bösem Wil-
len auf der Seite eben dieser „praktischen Leute“ zu tun; es liegt
vielmehr in der Natur der Sache. Zum einen ist Theorie sperrig, sie
wehrt sich gegen schnelles Lernen und muss daher richtig erarbei-
tet werden. Zum anderen scheint sie fernab von der Wirklichkeit „da
draußen“, eine Wirklichkeit, von der wir alle glauben, sie doch eini-
germaßen gut zu kennen. Denn wir sind ja alle mehr oder weniger
„Hobbysoziologen“ und „Alltagssozialarbeiter“. Tatsächlich sind
die Unterschiede zwischen wissenschaftlichem Wissen (Theorie)
und Alltagsverständnis (Praxis) nicht dermaßen bedeutend, wie
häufig unterstellt wird. Zentral ist daher ein Prozess, der als Theo-
rie-Praxis-Vermittlung gekennzeichnet werden könnte. Ernst Bloch
hat diesen Zusammenhang als „Oszillieren von Theorie und Praxis“
bezeichnet. Beide schwingen ineinander und beeinflussen sich da-
bei gegenseitig. Nie ist der Praktiker ausschließlich praktisch Han-
delnder, noch ist der Theoretiker immer nur Theoriekonstrukteur.
Insofern ist auch die Scheidung von Theorie und Praxis im Sinne
separater Befindlichkeiten ziemlich unsinnig. Daher kann Soziale
Arbeit weder ohne theoretische Grundlegung noch jenseits prakti-
scher Rückkopplung auskommen. Es gibt auch keine Hierarchie der
Glaubwürdigkeit nach der Maßgabe, erst die Theorie und dann die
Praxis oder umgekehrt. Beide Wissensbereiche fungieren gleich-

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rangig und gleichberechtigt nebeneinander: Theorie will beschrei-
ben, durchleuchten und erklären; Praxis will vermitteln, umsetzen
und nicht zuletzt auch prüfen. In diesem Sinne sind Theorie und
Praxis unlösbar aufeinander bezogen: Theorie benötigt Praxis
zwecks Prüfung und Fortentwicklung, Praxis bringt neue Theorie
hervor und wirft Fragen auf, die theoretischer Arbeit harren.

Eine „theoretische“ Vorbemerkung 2:


Sie werden in dem SKRIPT nicht zu viele Antworten auf gestellte
Fragen finden. Das hat nicht nur etwas mit der Unwissenheit des
Autors zu tun, sondern wird auch durch didaktische Gründe mitbe-
stimmt. Denn der Sinn eines solchen SKRIPTS besteht nicht darin,
im Angesicht der drohenden Klausur alles einfach auswendig zu
lernen, um es sodann noch schneller wieder zu vergessen („garba-
ge in, garbage out“). Bevorzugt wird eine „verstehende Sozialar-
beit“, die sich auch um Funktionen, Bedingungen, Zusammenhänge
und Hintergründe bemüht. Nur ein solches Verständnis von Sozia-
ler Arbeit ist m. E. dazu in der Lage, dem vor allem politischen und
ökonomischen Druck standzuhalten, dem Soziale Arbeit aktuell
ausgesetzt ist. Das war im Prinzip zwar nie anders, da Soziale Ar-
beit schon immer unter dem Verdacht der „Systemveränderung“
stand und sich vorzugsweise mit jenen Gruppen der Gesellschaft
zu befassen hatte, die nicht unbedingt zum „produktiven Kern“ ge-
hörten. Dieser Druck hat gegenwärtig jedoch eine Dimension ange-
nommen (Neoliberalismus), in der um Grundvoraussetzungen von
Sozialer Arbeit als Disziplin und Profession gekämpft werden muss.

Vorbemerkung 3:
Das Kurzskript versteht sich auch als Anregung zur Weiterarbeit.
So könnte etwa Foucaults Machtanalytik neue Perspektiven für das
Feld der Sozialen Arbeit eröffnen (vgl. die Beiträge in: Anhorn/ Bet-
tinger/ Stehr 2007). Erst allmählich scheint sich Soziale Arbeit von
ihrer pädagogischen Engführung zu lösen, um in wachsendem Ma-
ße makroperspektivische Elemente einzubauen, die auf ihre trans-
formierte Rolle und Funktion in fortgeschritten libertären Gesell-
schaften verweisen.

Vorlesungsplan (dieser Plan wurde ex post erstellt und stimmt da-


her nicht notwendiger Weise mit den Aufzeichnungen der Studie-
renden überein; Sinn ist die Lieferung eines groben Orientierungs-
rahmens, da „Sozialarbeitswissenschaft“ alles andere als eine klare
Begrifflichkeit darstellt):

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1.) Zum Begriff „Theorie und Theorieentwicklung“ im Feld der
Sozialen Arbeit

2.) Gibt es eine Theorie der Sozialen Arbeit? – Probleme der The-
oriekonstruktion

3.) Was ist unter Sozialarbeitswissenschaft (SAW) zu verstehen?

4.) Was ist unter Sozialarbeitsforschung (SAF) zu verstehen?

5.) Zum Zusammenhang von SAW und SAF – Das Problem des
Theorie-Praxis-Verhältnisses

6.) „Die feinen Unterschiede“ – Kulturtheorie nach Bourdieu: Ka-


pitalsortenansatz I

7.) „Die feinen Unterschiede“ – Kulturtheorie nach Bourdieu: Ka-


pitalsortenansatz II

8.) „Die feinen Unterschiede“ – Kulturtheorie nach Bourdieu: Ha-


bituskonzept

9.) „Die Kunst des Regierens“ – zum Konzept der Gouvernemen-


talität bei Foucault

10.) 22.06.06: „Die Kunst des Regierens, oder führe mich sanft“ –
zu den Konsequenzen für die Soziale Arbeit

In den ersten drei Vorlesungen (s.o.) ging es um vier zentrale Fra-


gestellungen:

1. Was hat man unter dem Begriff „Theorie“ überhaupt zu ver-


stehen?
2. Was hat man unter der Formel „Theorieentwicklung in der So-
zialen Arbeit“ zu verstehen?
3. Gibt es eine „Theorie der Sozialen Arbeit“?
4. Was versteht man unter „Sozialarbeitswissenschaft“?

Damit verbunden war ein kurzer Abriss der Geschichte der Sozialen
Arbeit, die deutlich macht, dass professionelle Soziale Arbeit unmit-
telbar eingelassen ist in die Entwicklung einer „modernen“ Gesell-
schaft, die ihren Ausgang mit der Industrialisierung des späten 19.
Jahrhunderts nimmt. Besondere Ausformung gewinnt Soziale Ar-
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beit mit der Herausbildung eines umfassenden Sozialstaats in der
deutschen Nachkriegsgeschichte. Gegenwärtig steht Soziale Arbeit
vor dem gravierenden Problem der in vollem Gange befindlichen
„Umbaumaßnahmen“ in Bezug auf diesen Sozialstaat. Diese wer-
den einerseits mit einer „Politik der leeren Kassen“ begründet; an-
dererseits wird Soziale Arbeit selbst dazu aufgefordert, im Sinne
einer aktivierenden Sozialarbeit neue Steuerungs- und Manage-
mentmodelle praktisch umzusetzen. Auf diese Weise wandeln sich
die Adressaten Sozialer Arbeit vom „Arbeitskraft-Beamten“ zum
„Arbeitskraft-Unternehmer“. Das läuft dann in der praktischen Poli-
tik unter Formeln wie „Hartz IV“, „Ein-Euro-Jobs“ oder „Agenda
2010“. Dieser Effizienzdruck, unter dem Soziale Arbeit aktuell steht,
wird sich in den kommenden Jahren vermutlich noch deutlich ver-
schärfen, da sich die sozialen Einschnitte aufgrund der angespann-
ten Haushaltslage verstärken dürften. Wie wir sehen, ist Zustand
und Stellenwert Sozialer Arbeit untrennbar mit der allgemeinen ge-
sellschaftspolitischen Entwicklung verwoben. Nur geringes Drehen
an den zentralen sozialpolitischen Stellschrauben bewirkt unmittel-
bare Verschiebungen im Feld Sozialer Arbeit, die sich auch darin
äußern, dass allerorten etwa von „Sozialmanagement“ die Rede ist.

In der vierten Vorlesung wurden die oben genannten Zentralfrage-


stellungen nochmals aufgegriffen und unter weitergehenden Aspek-
ten einer Sozialarbeitsforschung (SAF) ausgelotet und erläutert.

Dabei ging es wesentlich um vier theoretische Ansätze im Feld So-


zialer Arbeit, die auch als Funktionen der Sozialarbeit begrifflich ge-
fasst werden können. Eine Hauptschwierigkeit bei solchen theoreti-
schen Bemühungen liegt darin, dass der Gegenstandsbereich Sozi-
aler Arbeit eine ganz beachtliche Spannweite aufweist und dass,
damit verbunden, eine Fülle von Handlungskonzepten existiert, die
als Methoden Sozialer Arbeit entsprechenden Eingang finden. So-
mit ist das praktische Handlungsfeld von Sozialarbeit durch höchst
unterschiedliche Anforderungen geprägt, die jeweils spezifische
Handlungskompetenzen erforderlich machen (Beispiele: Sozialar-
beit mit Suchtkranken, Sozialarbeit mit Alleinerziehenden, Schulso-
zialarbeit, Sozialarbeit mit Rechtsextremisten bzw. Hooligans).

Womit befasst sich nun Theoriebildung in der Sozialen Arbeit? Zu


diesem Zweck können fünf unterschiedliche Sektoren herausgear-
beitet werden, die innerhalb der Theoriekonstruktion zu berücksich-
tigen sind. Jenseits aller Theoriedebatten besteht Übereinstimmung
darin, dass es handlungsleitende Aussagen auf wissenschaftlicher
Basis für berufliche Soziale Arbeit geben muss und dass die Aner-
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kennung der Sozialarbeit als Profession von selbständigen Theo-
rien oder anerkannten Leitwissenschaften abhängt.

In der fünften Vorlesungsveranstaltung wurde die Dynamik des ge-


sellschaftlichen Wandels mit der Theoriekonstruktion im Feld So-
zialer Arbeit ins Verhältnis gesetzt. Worum geht es dabei? Es geht
dabei zunächst um eine dreigeteilte Frage: Gibt es eine eigenstän-
dige Theorie Sozialer Arbeit; muss es sie geben; kann es sie ge-
ben?

Die Konkurrenz zwischen Universitäten und Fachhochschulen ist


im Feld Sozialer Arbeit ganz augenfällig. Während den Universitäten
die Sozialpädagogik mit einem breiten Theoriespektrum zur Verfü-
gung steht, ringen die Fachhochschulen mit ihrem praxisorientier-
ten, eher „theorieentlasteten“ Diplomstudiengang Sozialarbeit/ So-
zialpädagogik um Anerkennung. Ob die nahe Zukunft hier mit ihren
AbsolventInnen der Bachelor- und Masterstudiengänge einige Auf-
klärung bringen kann, wird sich noch erweisen müssen. Kosten-
und Leistungsrechnung setzen neue Prioritäten in Richtung
„Durchökonomisierung“.

Berufliche Soziale Arbeit verlangte von Anfang an nach Reflexion


und Methode, d.h. nach einem wissenschaftlich abgesicherten Vor-
gehen, das einer beständigen kritischen Überprüfung bedarf. Dabei
bildete sich gleichsam eine Doppelfunktion von Sozialer Arbeit her-
aus.

In den folgenden fünf Vorlesungen wurden bzw. werden paradigma-


tisch zwei Theoriekonzepte präsentiert, die in der aktuellen sozial-
wissenschaftlichen Debatte einen sehr großen Einfluss besitzen:
die Bourdieusche Kulturtheorie und das Konzept der Gouverne-
mentalität bei Foucault. Diese beiden Ansätze sollen exemplarisch
für das stehen, was Sozialarbeitswissenschaft im Kern ausmachen
könnte: Theoriearbeit möglichst eng am Gegenstand. Denn die
Nützlichkeit der Modelle scheint vor allem darin zu liegen, dass sie
auf genuine Bereiche und Sektoren Sozialer Arbeit gut anwendbar
sind. Die Frage nach dem „wie gut?“ muss die zukünftige Theorie-
debatte im Feld Sozialer Arbeit noch erweisen.

Das theoretische Werk von Pierre Bourdieu ist äußerst komplex und
dynamisch angelegt. Es wird mit unterschiedlichen Begrifflichkei-
ten gefasst: Kulturtheorie, Herrschaftssoziologie, Habitus-Feld-
Theorie oder synthetische Sozialtheorie. Im Grunde handelt es sich
um eine Theoriekonstruktion, die als übergreifende Theorie sozialer
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Ungleichheit durch eine Soziologie der Lebensstile ergänzt wird.
Bourdieu selbst sprach von „strukturalistischem Konstruktivismus“
oder „konstruktivistischem Strukturalismus“.

Die Vorlesungen Nr. 6 und 7 befassten sich mit einer zentralen Säu-
le im Bourdieuschen Theoriewerk, dem sog. Kapitalsortenansatz,
der sich auf Unterscheidungsmerkmale in Bezug auf soziale Klas-
senlagen erstreckt. Dabei wird ökonomisches, soziales, kulturelles
(inkorporiertes, institutionalisiertes, objektiviertes) und symboli-
sches Kapital unterschieden. Die entsprechenden Zuordnungen
sind einleuchtend und plausibel: hier Geld und Besitz, dort soziale
Beziehungen, hier kulturelle Kompetenz und Geschmack, formale
Bildungsabschlüsse und der Besitz von Gemälden und anderen
Kunstgegenständen, dort Ansehen, Reputation und Prestige. Die
vier Kapitalsorten sind partiell ineinander transformierbar bzw.
konvertierbar. Die Akteure (Gesellschaftsmitglieder) agieren im so-
zialen Raum und setzen, spieltheoretisch ausgedrückt, ihre Kapita-
lien, d.h. die Verfügung über die einzelnen Kapitalsorten, wie
„Chips“ ein, um ihre Stellung zu konsolidieren. Damit sind objektive
Chancenstrukturen des Einzelnen als Positionierungs- und Mobili-
tätschancen im sozialen Raum verbunden.

Das Habituskonzept wird in der achten Vorlesung als zentrale Kate-


gorie des kulturtheoretischen Modells abgehandelt. Unter Habitus
versteht Bourdieu verinnerliche Denk-, Handlungs- und Wahrneh-
mungsschemata, die als System dauerhafter Dispositionen figurie-
ren. Es handelt sich nach Bourdieu um „strukturierte Strukturen,
die wie geschaffen sind, als strukturierende Strukturen zu fungie-
ren“. Als Beispiele lassen sich anführen: kulturelle Praktiken wie
Geschmacksformen und Lebensstile, Entscheidungslogiken wie Ri-
sikofreudigkeit oder grundlegende Bewertungsschemata beim Fäl-
len von Angemessenheitsurteilen hinsichtlich moralischer Frage-
stellungen. In diesem Sinne ist der Habitus als ein System von
Grenzen vorstellbar, das sich innerhalb dieser Grenzen aber in dur-
chaus erfinderischer Weise abarbeitet.

Sinn und Nutzen dieser Theorie für die Soziale Arbeit liegen zu-
nächst in der strategischen Verortung der SA-Akteure hinsichtlich
ihrer sozialen Räume und Felder (ökonomisches Feld, politisches
Feld, religiöses Feld etc.), um die Reproduktion von sozialer Un-
gleichheit offen zu legen. Überdies liegt die Verschränkung von So-
zialer Arbeit und sozialem Kapital etwa im Rahmen von Gemeinwe-
senarbeit oder Stadtteilmanagement geradezu auf der Hand. Auch

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werden Praktiken der sozialen Ausschließung und des „Fremdhal-
tens“ für Soziale Arbeit anschlussfähig.

Die Vorlesungen 9 und 10, die in inhaltlicher Hinsicht den Ab-


schluss der Veranstaltung bilden, befassen sich mit dem Konzept
der Gouvernementalität, so wie es Michel Foucault in seinen Vorle-
sungen am Collège de France von 1977-79 entwickelt hat. Unter
Gouvernementalität ist ein umfassender Begriff des Regierens zu
verstehen, der die französischen Termini gouvernement (= Regie-
rung) und mentalité (= Denkweise) zusammenfügt, wobei der Topos
die Aspekte ethischer Subjektivität (sich selbst regieren) und politi-
scher Herrschaft (regiert werden) im weiteren Kontext von Macht
und Widerstand (nicht länger so regiert werden wollen) integriert.
Dem Begriff kommt gleichsam eine Scharnierfunktion in der Weise
zu, als dass er einerseits zwischen Machtbeziehungen und Herr-
schaftsfunktionen differenziert und andererseits zwischen Macht
und Subjektivität vermittelt, indem Herrschaftstechniken mit „Tech-
nologien des Selbst“ verzahnt werden können. Insoweit bildet er ein
wichtiges theoretisches Werkzeug für die Analyse des von Foucault
so genannten Macht-Wissen-Komplexes. Danach zeichnen sich Re-
gierungstechnologien durch eine Doppelfunktion aus: Auf Seiten
der Regierenden wie der Regierten wird die Fähigkeit zur „Selbst-
beherrschung“ betont; Selbstführungstechniken werden mit Tech-
niken zur Führung anderer verkoppelt. Ganz allgemein ist unter
„Regierung“ ein breites Konzept zur Menschenführung zu verste-
hen, das Foucault jedoch in Bezug auf die gegenwärtige Situation
(„Globalisierung“) in einer tiefen Krise begriffen sieht.

Was die Bereiche der Sozialen Arbeit betrifft, so kann das Gouver-
nementalitäts-Konzept in vielfacher Weise zur Anwendung kom-
men. Denn gerade im Zeitalter des Neoliberalismus feiern Selbst-
technologien (treten sozialpädagogisch u.a. auch im Gewande von
Empowerment-Strategien auf) eine wahre Renaissance. Wichtig
sind dabei vor allem die „neuen Mächte der Freiheit“, die sich etwa
in Begrifflichkeiten wie „Selbstoptimierung“ oder „Steuerungs-
dispositiv“ Luft und Gehör verschaffen. Herrschaftstechniken sind
heute weniger durch Unterdrückung, als vielmehr durch Überforde-
rung gekennzeichnet. Denn die vielbeschworene „Freiheit zum
Handeln“ kann sich rasch in eine Entscheidungszumutung dort
umwandeln, wo diese Freiheiten in (Kosten-)Zwänge und den Rück-
zug öffentlicher Verantwortlichkeiten umschlagen. Zum gesell-
schaftlichen Leitbild wird eine „autonome“ Subjektivität, die, aufge-
füllt mit betriebswirtschaftlichen Effizienzkriterien und unternehme-
rischem Kalkül, eine andere Form von Politik einläutet. Neoliberale
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Regierungstechniken, die sich gemäß Marktlogik vor allem auch im
Konkurrenzmodell vergegenständlichen, haben weite Bereiche der
Sozialen Arbeit längst erreicht. Ob der am Horizont bereits erschei-
nende „Sozialmanager“ daran etwas zu verändern vermag, bleibt
gegenwärtig durchaus noch fraglich.