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Tod eines Rauchers

Morgen ist es nun soweit: Ich werde sterben. Im Todestrakt eines deutschen Straflagers. Am 20.
November 2038.

Wenn Sie sich jetzt fragen sollten, wie kann es kommen, dass es in Deutschland wieder Straflager
gibt und alte Menschen hingerichtet werden, kann ich Ihnen dazu folgende Geschichte erzählen:

Am 21. November 1960 erblickte ich im städtischen Krankenhaus der Stadt Neuss das Licht der
Welt. Nichts deutete darauf hin, dass bei meiner Geburt etwas anders sein könnte als bei allen
anderen Neugeborenen an diesem Tage. Während meine Mutter im Kreissaal mit den Wehen
kämpfte, lief mein Vater, gemeinsam mit den anderen werdenden Vätern, nervös und rauchend (ja,
das durfte man damals noch) die Flure hinauf und hinab.

Wie ich aus den Erzählungen meiner Eltern und Verwandten weiß, verliefen die ersten Jahre meines
Lebens normal und unbeschwert. Meine ersten eigenen Erinnerungen an meine Kindheit sind
geprägt von Familienfesten auf denen es lustig zuging. Alle Verwandten saßen im Wohnzimmer
lachten und feierten, während ich von einem zum anderen gereicht und gehätschelt wurde. Es ist
mir damals und auch im weiteren Verlauf meiner Jugend nie in den Sinn gekommen, dass die
Rauchschwaden, die von den diversen Zigaretten, Zigarren oder Pfeifen ausgingen, in irgend einer
Weise schädlich sein könnten. Im Gegenteil, ich habe den Rauch immer als einen normalen
Bestandteil des Lebens der Erwachsenen wahrgenommen.

Als Teenager habe ich dann auch selbst die ersten zaghaften Schritte unternommen um Raucher zu
werden. Nach anfänglichen Schwierigkeiten (Hustenreiz, Übelkeit, etc.), die ich aber schnell
überwunden hatte, war es für mich – wie auch für fast meine gesamte Generation –
selbstverständlich, bei allen möglichen Gelegenheiten zu rauchen. Dies sollte sich auch für viele
Jahre nicht ändern.

In den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts jedoch zeigten sich erste Anzeichen, dass sich
etwas ändern sollte. Der Marlboro-Mann und das HB-Männchen, Werbeikonen die mich seit
frühester Kindheit begleiteten, verschwanden, genau wie alle anderen Werbeträger der
Tabakindustrie, plötzlich aus der Kinowerbung. Angeblich um die Jugend vor dem Tabakkonsum
bzw. die Einstieg in die Nikotinsucht zu schützen. Im Verlauf der nächsten Jahre verschwand die
Werbung für Tabakwaren schließlich vollständig aus der Öffentlichkeit. Dies war der Anfang eines
neuen und dunklen Zeitalters.

Nach dem Verbot der Tabakwerbung setzte mit der alljährlichen Erhöhung der Tabaksteuer ein
schleichender Prozess ein, der uns Raucher zusehend an den Rand der Gesellschaft drängte.
Einerseits war und ist unsere Regierung zwar auf die Einnahmen aus der Tabaksteuer dringend
angewiesen um die ständig steigenden Kosten unseres Gesundheitssystems und der Rentenkassen
zu refinanzieren. Andererseits möchte man uns Raucher aber aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit
verbannen. Um dies dann erfolgreich umzusetzen, kamen einige Bürokraten auf die Idee, dass
rauchen in der Öffentlichkeit zu verbieten. Um die Jahrtausendwende herum wurde zuerst das
Rauchverbot in öffentlichen Einrichtungen (Krankenhäuser, Flughäfen, etc.) eingeführt. Einige
Jahre später auch auf Kneipen, Bars, Restaurants sowie auf öffentlichen Plätzen wie z. B.
Bahnsteigen, ausgedehnt.
* Kiffen nennt man den Konsum vom Haschisch / Mariuana (Drogen) durch verbrennen des Selben und inhalieren des entstehenden Rauches
Während also die Bedingungen für die Raucher im allgemeinen immer schwieriger wurden, hielten
sich die verantwortlichen Bürokraten für sich selbst ein Hintertürchen offen. Erwähnenswert hierbei
ist, dass mit der rot-grünen (diese Mischung ergibt übrigens braun) Regierung, welche im Jahr 2010
in NRW an die Macht kam, die Situation sich dramatisch verschlechterte. Vermutlich liegt es daran,
dass die Bekehrten, wenn sie an die Macht kommen, häufig die fanatischsten Verfechter ihrer neuen
Ideologien sind. Die meisten haben während der 80er nicht nur rauchend sondern überwiegend
bekifft* gegen alles protestiert, was sie heute so vehement befürworten. Während die breite
Bevölkerung also gezwungen wurde frierend, Wind, Schnee und Regen ausgesetzt, im Freien
(später meist auch in dunklen Ecken) zu rauchen, richtete man in den Amtsstuben unserer
angeblichen Volksvertreter, wohlklimatisierte Raucherbereiche ein, in denen sie während ihrer
Arbeitszeit dem selben Laster fröhnen konnten, dass sie der Allgemeinheit fast vollständig verboten
hatten.

Und das war erst der Anfang.

Nachdem wir in der dunklen Vergangenheit unseres Staatswesens bereits alle anderen
Minderheiten, sei es wegen ihres Glaubens, ihrer politischen Anschauungen, ihrer Herkunft oder
ihrer sexuellen Präferenzen, stigmatisiert und ausgegerenzt hatten, sollte es nun wieder geschehen.
Alles, was Generationen verantwortungsvoller Politiker seit 1945, in der Hoffnung, dass sich so
etwas in Deutschland nie wiederhole, aufgebaut hatten, wurde zur Durchsetzung des Willens der
Nichtraucher hinweggefegt.

Im Jahre 2015, die rot-grüne (zur Erinnerung, ergibt braun) Koalition war mittlerweile auch auf
bundesebene an der Macht, eskalierte die Situation nochmals. Mittels eines Ermächtigungsgesetzes,
das im Eilverfahren das Parlament, im dem die Regierung die absolute Mehrheit hatte, passierte,
konnten die Raucher noch massiver verfolgt werden. Um die Steuerausfälle (viele Raucher
konvertierten) auszugleichen mussten die verbleibenden Raucher eine noch höhere Steuerlast
tragen. Darüber hinaus musste man, bei Bewerbungen um einen Arbeitsplatz im öffentlichen
Dienst, einen lückenlosen Nichtrauchernachweis erbringen, der auch die Vorfahren der letzten fünf
Generationen umfasste. Damit waren die Raucher, auch die Konvertiten, schnell aus allen
öffentlichen Ämtern entfernt. Dann folgte der Gesundheitssektor. Ohne Nichtrauchernachweis
musste der doppelte Beitrag zur Krankenversicherung entrichtet werden. So ging es weiter und
weiter, bis die Benachteiligung alle Bereiche des Lebens umfasste.

Während der dritten Legislaturperiode der rot-grünen Koalition, es muss so um 2021 gewesen sein,
mussten sich Raucher in der Öffentlichkeit kenntlich machen. Dies geschah mittels eines gelben
Aufnähers, mit dem schwarzen Buchstaben „R“ darauf, der deutlich sichtbar an der Kleidung zu
befestigen war. Gleichzeitig wurde die unrühmliche Stellung des Blockwartes wieder eingeführt
und die ersten Ghettos entstanden in den Randgebieten der Städte.
Aufgabe des Blockwartes war es, neben den hausmeisterlichen Tätigkeiten, zu überwachen, dass in
den einzelnen Wohnungen das Rauchverbot, welches mittlerweile auch Teile des privaten Bereiches
umfasste, eingehalten wurde. Zum Beispiel galt in den Räumen von Familien mit minderjährigen
Kindern ein absolutes Rauchverbot. Wenn nun der Blockwart entsprechende Verstöße entdeckte,
melde er diese den SA-(smoke attack)Einheiten, die die weiteren Ermittlungen durchführten. Diese
SA-(smoke attack)Einheiten unterstanden direkt dem Bundesinnenminister und waren berüchtigt
für ihr hartes Durchgreifen. Verhaftungen wurden in der Regel in den frühen Morgenstunden, kurz
vor Einbruch der Dämmerung vorgenommen. Nicht das es nötig gewesen wäre den
Überraschungseffekt nutzen zu müssen, damit der Verdächtige (Denunzierte) kein potentielles
Beweismaterial (Zigarettenstummel, etc.) verschwinden lassen konnte. Nein, diesen Einheiten ging
es nur um Verunsicherung und Demütigung der zu verhaftenden.
Im Rahmen der neuen Anti-Raucher-Gesetzgebung konnten Verhaftete bis zu zweiundsiebzig
Stunden verhört werden, bevor sie das Recht hatten, einen Anwalt zu ihrer Verteidigung zu Rate zu
ziehen. In den meisten Fällen half dies aber auch nicht, da mittlerweile die Beweislastumkehr galt.
So mussten nicht die SA-(smoke attack)Einheiten den Verstoß beweisen, sondern der Verdächtige
musste glaubhaft seine Unschuld beweisen, was in nahezu unmöglich war.

Die Urteile wurden im Schnellverfahren durch Tribunale gefällt. Diese setzten sich in der Regel aus
militanten Nichtrauchern zusammen, die auf Grund der Gesetzeslage nach Gutdünken drakonische
Strafen verhängen konnten. Neben dem Verlust der Bürgerrechte konnte bei Ersttätern das
Vermögen eingezogen werden, bei Wiederholungstätern lief es meist auf Zwangseinweisung ins
Ghetto sowie verschärfte Bedingungen am Arbeitsplatz (Steigerung der Arbeitszeit bei
gleichzeitiger Reduzierung des Lohnes) hinaus.
Die Einweisung ins Ghetto, seit Anfang der 2030er Jahre gab es in jeder deutschen Stadt einen
ummauerten Bereich, dessen Tore von den SA-Einheiten bewacht und zwischen 23.00h und 05.00h
verschlossen wurden, war die letzte Stufe eines Daseins, das man noch entfernt als menschlich
bezeichnen konnte. Hier konnte zumindest annähernd ein Leben mit gesellschaftlichen Kontakten
geführt werden, das man nur unterbrechen musste um zur Arbeit außerhalb des Ghettos zu
gelangen. Der Weg zur Arbeit war jedoch ein Albtraum: Da wir keine öffentlichen Verkehrsmittel
mehr benutzen durften, mussten wir kilometerlange Fußwege in Kauf nehmen. Jederzeit mussten
wir die Übergriffe von Nichtrauchern über uns ergehen lassen. Kindern zeigten mit den Fingern auf
uns, wir wurden mit Steinen beworfen und angespuckt. Die Anti-Raucher-Propaganda wurde
ebenfalls immer schlimmer. Plakate mit Titeln wie: „Deutsche kauft nicht bei Rauchern“ oder
„Achtet auf Eure Kindern, lasst sie nicht mit Raucherkindern spielen“ schmückten die
Häuserfronten.

Dann, es war Ende 2036 wurden die Lager eingeführt. Wer trotz Einweisung ins Ghetto und
verschärften Arbeitsbedingungen erneut beim rauchen in der Öffentlichkeit erwischt wurde, musste
von nun an mit dem Schlimmsten rechnen. Die ersten Lager von denen man in unseren Reihen
hörte waren Borgen-Bahlsen, Grauschwetz und Deckau. Niemand konnte sich jedoch vorstellen,
was dort vor sich ging. Denn keiner kannte Jemanden, der bereits dort gewesen war. Für mich
jedoch sollte sich dies noch ändern.
Am 09. November 2038 kam es anläßlich des 100. Jahrestages des Reichstagsbrandes auch in
Neuss zu einem Pogrom, in dessen Verlauf die aufgebrachte Nichtraucherschaft unser Ghetto
stürmte und plünderte. Es war nicht das Erste seit der Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes
aber dafür das schlimmste, dass ich erlebt habe. Ursache war, dass in einem der wenigen Häuser
ausserhalb des Ghettos, in dem noch ein Raucher lebte, ein Feuer ausbrach, bei dem auch Menschen
zu Tode kamen. Der Schuldige war natürlich schnell gefunden und der Volkszorn richtete sich,
angestachelt von einigen uniformierten Einpeitschern, gegen die Raucher im Ghetto. Nachdem ein
Großteil des Ghettos verwüstet war, kam es anschließend zu willkürlichen Verhaftung durch die
SA-Einheiten. Da in meinem Alter eine aussichtsreiche Flucht nicht mehr möglich war, konnte auch
ich einer Verhaftung nicht entgehen. Noch in der Nacht wurden wir zum Bahnhof verschleppt und
am folgenden Morgen in einen bereitstehenden Güterzug verfrachtet. Nach mehrtägiger Fahrt,
immer wieder unterbrochen durch stundenlange Aufenthalte während derer, wie ich nun weiß,
weitere Waggons mit verhafteten Rauchern angehängt wurden, kamen wir schließlich im Lager
Grauschwetz an. Beim Aussteigen durchliefen wir eine Selektion in der festgestellt wurde, wer
arbeitsfähig war und wer nicht. Ich wurde der zweiten Kategorie zugeteilt.

Nun sitze ich also hier, zwei Tage vor meinem achtundsiebzigsten Geburtstag, und warte auf den
Tod. Das dieser Tod weder durch die Leiden und Krankheiten, die mir auf Grund des Rauchens
immer prophezeit worden sind, eintreten wird, sondern durch den Umstand, dass ich altersbedingt
nicht mehr in der Lage bin die Ursache für diese Prophezeihungen herzustellen, ist schon absurd.
Mein Zellennachbar, der schon seit Jahren im Lager ist, hat mir nämlich mitgeteilt, dass hier und in
den anderen Lager fast die gesamte deutsche Zigarettenindustrie ihre Produkte herstellen läßt. Das
System ist so perfekt wie perfide. Dreißig Prozent der Bevölkerung werden ausgegrenzt,
kriminalisiert und dann in Lager gesperrt um dort unter staatlicher Kontrolle und mit maximalem
Gewinn für Staat und Industrie genau das Produkt herzustellen, das die Ursache für Ausgrenzung,
Kriminalisierung und Haft ist.

Nun ja, an diesem deutschen Wesen mag vielleicht die Welt genesen, ich aber halte es hier doch
lieber mit Heinrich Heine, der da sagt: „Denk ich an Deutschland in der Nacht, werd ich um den
Schlaf gebracht“.

Norbert Engels Grauschwetz, den 19. November 2038

Bei dieser Kurzgeschichte handelt es sich um eine Satire, die ich frei nach dem Motto "wehret den
Anfängen", verfasst habe.
Jeder Bezug zu historischen wie aktuellen gesellschaftlichen und politischen Zusammenhängen ist frei
erfunden und dient ausschließlich dazu, den Leser darauf Aufmerksam zu machen, dass wir
durch Ausgrenzung, Diskriminierung und Intoleranz gegenüber Minderheiten schnell wieder an einen
Punkt gelangen könnten, wie er in der Geschichte geschildert wird.
Sollten sich Angehörige der jüdischen Gemeinde beleidigt fühlen, weil sie (zu Recht) der Ansicht sind, dass
ihre Leiden in der Vergangenheit in keinster Weise mit den von mir geschilderten Umständen vergleichbar
sind, entschuldige ich mich bereits jetzt und appeliere aber auch gleichzeitig an ihren Humor.