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Carolin Amlinger

Die verkehrte
Wahrheit Zum Verhältnis
von Ideologie und Wahrheit
bei Marx/Engels, Lukacs,
Adorno/Horkheimer,
Althusser und Zizek

LAIKAtheorie
Der postmoderne Diskurs um die kulturelle Logik
des Spätkapitalismus scheint zu erodieren: Autoren
wie Slavoj Zizek und Alain Badiou setzen der postu-
lierten Unmöglichkeit von Sinn im sozialen System
positiv das Fundament der Wahrheit entgegen. Mit
ihrer »Politik der Wahrheit« kommt es zu einer Re-
naissance von zwei Begriffen, die in der Philosophie
des 21. Jahrhunderts bislang nur noch rudimentär
eine Rolle spielten: Ideologie und Wahrheit.

Damit schließt die gegenwärtige politische Philo-


sophie an das zentrale Thema westlicher marxis-
tischer Ideologietheorien an: Die Stabilität der mo-
dernen kapitalistischen Gesellschaft wird hier unter
Rückgriff auf imaginäre Formen der »Verkehrung«
im Bewusstsein der Beherrschten erklärt. Theorien
des Ideologischen konstituieren damit aber auch
immer schon ihr Gegenteil, in ihnen ist negativ der
Begriff der Wahrheit aufgehoben: Indem Ideologie-
theorie die Zementierung herrschender Ordnun-
gen durch das Verkennen der eigenen Existenz-
grundlage begründet, ist implizit die Möglichkeit
des Erkennens der realen Verhältnisse mitgedacht.

In einer Rekonstruktion einschlägiger Diskurslini-


en des westlichen Marxismus soll in diesem Buch
das Verhältnis von Ideologie und Wahrheit nachge-
zeichnet werden.

www.laika-verlag.de
Die verkehrteWahrheit

LAIKA Verlag
CarolinAmlinger

Die verkehrteWahrheit
Zum Verhältnisvon Ideologieund Wahrheitbei Marx/Engels,
Lukacs,Adorno/Horkheimer,Althusserund Zizek
Inhalt

Einleitung •......... . ...................... . .... 9

Die Ideologie der »objektiven Gedankenformen«


oder: Das Wahre ist das Ganze, das Ganze
ist das Wahre (Marx/Engels) ....... .. . .. . .. .. .. . , , .... 17
Ideologie als Verdinglichungoder:
Das Ganze ist das Unwahre (Lukacs, Adorno/Horkheimer) .... ... 53
Ideologie als imaginäres Verhältnis in materieller Instanzoder:
Wahrheit als »Struktur der Strukturen«(Althusser).......... .. 105
Die Position der Wahrheit oder: Die Wahrheit der Position (Zizek) .. 133

Schluss. .... . . . .... . ... ....... . ............. 159

Abkürzungen . ....... . .. . ...... . ....... . ... . . .. 173


Literatur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 177

Impressum
© LAIKA-Verlag Hamburg2014 II LAIKAtheorie Band32 II CarolinAmlinger:
Die verkehrteWahrheit- Zum Verhältnisvon Ideologieund Wahrheitbei Marx/
Engels,Lukacs,AdornolHorkheimer,Althusserund Zizek II 1. AuflageII Satz
und Cover:PeterBisping// Druck:CPI - Ebner& Spiegel,Ulm// www.laika-
verlag.deII ISBN:978-3-942281-63-8
Einleitung

the truth is out there...


(SlavojZizek)

SlavojZizek gilt neben Alain Badiou im gegenwärtigenphilosophischenDiskurs


um die »kulturelleLogik des Spätkapitalismus«1 als derHerausfordererpostmo-
dernen Denkens, indem er der postulierten Unmöglichkeitvon Sinn (und somit
System)im Sozialenpositiv das Fundament der Wahrheit entgegensetzt.2 Entge-
gen der These vom »Zeitalter des Unbestimmten«3 kommt es zu einer Konzep-
tualisierungvon Gründungsversuchen,4 die von einer Politikder Wahrheitausge-
hen und immanent ideologiekritisch sind, indem sie Ideologienmit ihrer eigenen
Wahrheitkonfrontieren.
JeneRenaissancevon zweisich scheinbarausschließendenBegriffen- Ideolo-
gie und Wahrheit - ist theoretischer Ausgangspunktdieses Buches.Dabei ist das
zentrale Thema das Paradox, welches marxistische Ideologietheorien seit jeher
beschäftigt:die freiwilligeUnterstellung unter entfremdete Herrschaftsformen.
Ideologietheorienversuchten die Stabilitätder modernen bürgerlichen Gesell-
schaftimmer unter Rückgriffauf reale und imaginäreFormen der »Verkehrung«5
im Bewusstsein der Beherrschten zu erklären. In jener Verkehrung, dem Auf-
dem-Kopf-Stehender »cameraobscura«(MEW 3, 26) erscheint der unmittel-
bare Lebenszusammenhangnicht so, wie er »tatsächlich«,oder eben »in Wahr-

1 Vgl.Jameson,Fredrlc:Postmodernism, or, the culturalloglcof latecapitalism(2005).


2 Einschlägigeneuere Veröffentlichungenzur Wahrheit im politischen Engagementsind bspw.:
Badlou,Alain: Die kommunistischeHypothese(2010); Badlou,Alaln: Ist Politik denkbar?(2010);
Badiou, Alain: Über Metapolitik (2003); Douzlnas,Costas/Zizek,Slavoj: Sl The idea of communism
(2010); Zizek Slavoj: Auf verlorenem Posten(2009); Zizek Slavoj: Die Revolutionsteht bevor
(2002).
3 Vgl.Bauman,Zygmunt:Moderneund Ambivalenz(2005).
4 Vgl.die Thesevom »Postfundamentalismus«In Marchart, Oliver:Die politische Differenz(2010),
13ff.
5 DieKritik der Ideologieals»verkehrtesBewusstsein« ist schonIn der Religionskrltlkdesjungen Marx
zu finden; in der Einleitungzur Kritik der Hege/sehen Rechtsphllosophie beschreibter Religionbspw.
als »verkehrtesWeltbewußtsein« (Marx, Karl:Zur Kritik der HegelschenRechtsphilosophie.Einlei-
tung (1956ff.),378, im Folgendenzitiert als MEW1.)
6 Marx,Karl/Engels,Friedrich:DiedeutscheIdeologie(1956ff.),26, Im Folgendenzitiert als MEW3.

9
heit« ist. Theorien des Ideologischen konstituieren insofern immer schon ihr der Verhältnisse verdoppelt. 13 Wahrheit ist - sofern überhaupt möglich - nur als
Gegenteil, in ihr ist negativ der Begriff der Wahrheit aufgehoben: Indem Ideo- direkte Negation der bestehenden Struktur, als praktische Aufhebung der Ver-
logietheorie die gleichsam »zementhafte« Festigkeit herrschender Ordnungen kehrung denkbar. 14 In direktem Gegensatz dazu steht zum anderen die von Lenin
durch das Verkennen7 der eigenen Existenzgrundlage begründet, ist implizit die etablierte neutraleKonzeption des Ideologischen als klassenspezifische Weltan-
Möglichkeit (oder eben Unmöglichkeit) des Erkennensder realen Verhältnisse schauung, die unter Rückgriff auf die »konzeptiven Ideologen« (MEW 3, 46) bei
mitgedacht. Im Folgenden soll jene dialektische Konfiguration von Ideologie Marx und Engels entwickelt wurde. Ideologisches Bewusstsein ist wie Wahrheit
und Wahrheit im Werk ausgewählter marxistischer Autoren problematisiert wer- hier objektiv,insofern es die adäquate Widerspiegelung der Wirklichkeit ist. 15 In
den. Untersuchungsgegenstand ist somit gleichzeitig die verkehrteWahrheit (d.h. Kritik an diesen beiden Schulen etablierte sich eine strukturalistische
Theorie des
Ideologie) als auch die Dimensionen der Wahrheitsolcher Verkehrungen. Ideologischen, die unter Berufung auf Althusser einerseits das Ensemble ideolo-
Es sollen dabei aber keine ontologischen oder absoluten Begriffe (der Wahr- gischer Apparate und Praxisformen - die »idealistische Superstruktur«(MEW 3,
heit, der Ideologie) 8 gesetzt werden, sondern ein relationales oder »positionales« 9 36) - und andererseits das Moment des »Imaginären« in der Subjektkonstitution
Verständnis eröffnet werden, das den praktischen Charakter der Phänomene stärker betont. Die Vorstellung von festen Klassenideologien wird durch die Vor-
betont. 10 stellung eines »ideologischen Kampffeldes« ersetzt. 16 Entscheidend ist nun nicht
Bevor wir uns der eigentlichen Fragestellung widmen, sollen kurz die theo- mehr, was »falsch« im Bewusstsein der Unterworfenen ist, sondern vielmehr, was
retischen Grundlagen umrissen werden, auf denen sie aufbaut. Dabei bilden die die »wahren« Elemente von Ideologien sind, d.h. was als lebenspraktisch sinn-
Ausführungen von Marx und Engels in der marxistischen Ideologietradition den voll erscheint. Gegen die Vorstellung einer »Vergesellschaftung von oben« durch
relationalen Rahmen einer systematischen Konzeption von Ideologie in der bür- den monolithischen Block der ideologischen Staatsapparate betont in der aktu-
gerlichen Gesellschaft. 11 Der Mangel einer expliziten Theorie des Ideologischen ellen Diskussion Zizek den inhärent widersprüchlichen Charakter des Ideologi-
bei Marx und Engels und die vielschichtigen, teils sich widersprechenden Bedeu- schen. Wirkmächtig sind Ideologien nicht, weil sie eine totale Identifikation mit
tungskonnotationen führten zu einer Etablierung verschiedener Schulen: 12 Zum dem Gegebenen stiften, sondern vielmehr, weil sie das »Nichtidentifizieren« 17 der
einen die von Georg Lukacs und der Kritischen Theorie vertretenen Auffassung Subjekte befördern. Wähnt sich der Einzelne als frei, so ist dies der Garant für
von Ideologie als »verkehrtem Weltbewußtsein« (MEW l, 378), welches sich als das reibungslose Funktionieren der Ideologien. Insofern Ideologie zugleich auch
notwendigfalscherweist, da es als direktes Resultat von der kapitalistischen Ver- Distanznahme ist, weist sie über sich selbst hinaus - auf einen ))trans-ideologi-
kehrsform mit Notwendigkeit hervorgebracht wird und den »falschen Schein« schen Kern« 18 der Wahrheit. Im Partikularen der subjektiven Interessen scheint
für den »Linksheideggerianer« 19 die universelle, allgemeine Wahrheit des politi-
schen Engagements auf.
7 Der Begriff desVerkennensgeht zurück auf Althusser,Louis:Ideologieund ideologischeStaatsappa- Wir können vorläufig festhalten, dass sich in den verschiedenen Ausprägun-
rate (2011).
gen der Schulen zwei allgemeine Dimensionen von Ideologie herauskristallisiert
8 Wobeibei einigender ausgewähltenAutoren die Gefahrzu jener Ontologisierungbesteht.Zizekleitet
bspw.die Politik ähnlich wie Badiouaus dem HeideggerscheDenkenab und grenztes von den phä-
nomenalenErscheinungendesPolitsehenab. 13 Vgl. vor allem Lukacs, Georg:Geschichteund Klassenbewußtsein. Studien über marxistischeDia-
9 Zizek Slavoj:Auf verlorenemPosten(2009), 27. lektik (1968); Adorno,TheodorW./Horkheimer,Max: Dialektikder Aufklärung.PhilosophischeFrag-
10 Im Sinne Marxens,der die Möglichkeit von Wahrheit in die Praxis,in den Aneignungsprozessder mente (1970).
Wirklichkeit verlagert:»Die Frage,ob dem menschlichenDenkengegenständlicheWahrheitzukom- 14 Bei Lukacsals radikaler Umschlagim Subjektstatusdes Proletariats;bei Adorno und Horkheimer
me - ist keine Frageder Theorie,sondern eine praktische Frage.In der Praxismuß der Mensch die (wenn überhaupt)als UmschlagdestheoretischenBewusstseins .
Wahrheit,i.e.Wirklichkeitund Macht, DiesseitigkeitseinesDenkensbeweisen.« (Marx, Karl: Thesen 15 Vgl. Lenin,Vladimir 1.:Materialismusund Empiriokritizismus(1953ff.). DieseTraditionder Ideologie-
über Feuerbach(1956ff.), 5, im folgenden zitiert als MEW3.) theorie wird im folgenden nicht weiter verfolgt.
11 EineAuseinandersetzungmit dem Phänomender ideologischenVerkehrungfindet sich explizit nur 16 Dabeigreift er Elementeder HegemonietheorieGramscisauf.
in der DeutschenIdeologieund den religionskritischenSchriften desjungen Marx. Implizit wird die 17 Zizek,Slavoj:Auf verlorenemPosten(2009), 261.
ideologietheoretischeProblemstellungaber auch in einzelnenKapitelndes Kapitalsbehandelt. 18 Ebd., 28.
12 DieseSystematisierungbeziehtsich auf Rehmann,Jan: Einführungin die Ideologietheorie(2008). 19 Vgl, Marchart,Oliver: DiepolitischeDifferenz(2010).

10 11
haben: Erstens eine ideologiekritische
Bestimmung, welche von der Verkehrw1g, Praxis verwirklicht werden kann (materialistischeTheoriender Wahrheit).Wir
also dem Falschen im Bewusstsein der Unterworfenen ausgeht und diese »ver- werden demnach keine einheitliche Wahrheitsdefinition erarbeiten, sondern ver-
drehte Auffassung« (MEW 3, 26) einer radikalen Umkehr unterwirft, indem schiedene Dimensionen von Wahrheit verdeutlichen, die sich - in Anlehnung an
sie »vom Kopf auf die Füße gestellt wird«. Zweitens eine Theoriedes Ideologi- ihr Negativum der Ideologie - wie folgt zusammenfassen lassen:
schen, welche die Genese, also die Funktions- und Wirkungsweise der Ideologien Wird Wahrheit als wirklicher Lebensprozess der Ideologie entgegengesetzt, so ist
und - damit zusammenhängend - das Selbst- und Weltverhältnis der Subjekte Wahrheit primär Praxis,eine Einheit von Subjekt und Objekt, die in der täti-
untersucht. Wahrheit ist der Ideologie hier nicht, wie im »falschen Bewusstsein« gen Auseinandersetzung mit der Umwelt gestiftet wird (Marx/Engels).
äußerlich, sondern sie ist immer schon ein Element in ihr. Wandert Ideologie aber in den Lebensprozess ein, indem die »Sachen selbst«
Schaut man sich die Forschungsliteratur der letzten Jahrzehnte an, so existiert (d.h. die Waren) eine Verkehrung hervorbringen, so ist das Wahre das Ganze;
20 Wahrheit also eine Methode,welche die widersprüchliche gesellschaftliche
nur eine kleine Zahl an explizit ideologietheoretischen Arbeiten. Das Gros der
aktuellen Forschung schweigt aber über den Ideologiebegriff, obwohl sie den Pro- Totalität abbildet (Marx, Lukacs).
blemkomplex implizit thematisiert. So ersetzen poststrukturalistische Ansätze den Denkt man das Ganze - im Gegensatz dazu - als repressive Identität des Allge-
Begriff der Ideologie durch den des Diskurses und erteilen einer universalistischen meinen, wird es zum Unwahren; einzig das Besondere ist in seiner Nichtiden-
Wahrheit eine gänzliche Absage. Gleichzeitig geraten Herrschafts- und Selbstfüh- tität mit dem Ganzen noch wahr (Lukacs, Adorno/Horkheimer).
rungstechniken in den Fokus der Aufmerksamkeit, welche die ideologietheoreti- Ideologie, die sich in den materiellen Praxen der Subjekte manifestiert, begründet
sche Fragestellung unter poststrukturalistischen Vorzeichen reinterpretieren. 21 eine Wahrheit, die nur in der theoretischenPraxis der Wissenschaft gewon-
Auffällig ist aber, dass in der Darstellung und Rezeption der ideologischen Ver- nen werden kann, eine Wahrheit also, die von der materiellen Praxis abstra-
kehrung deren Fundament - die Wahrheit- nicht sichtbar ist. Sie ist zwar latent hiert (Althusser).
im »Falschen« eingeschrieben, wird aber an keiner Stelle explizit thematisiert. Im Hier setzt auch eine letzte Dimension der Wahrheit an, die als eingreifende Posi-
Gegensatz zur gängigen Forschung soll hier das Unsichtbare sichtbar gemacht tion, als ein revolutionärer transzendentaler
Akt konzipiert ist und die ideolo-
werden, indem Wahrheit relationalzur Ideologie gedacht wird. Wie Wahrheit in gisch verfestigten Verhältnisse aufhebt (Zizek).
diesem Zusammenhang verstanden wird, kann nicht durch eine eindeutige Defi- Resümiert man die verschiedenen Dimensionen, dann ist Wahrheit im mar-
nition erläutert werden. Denn wie der Ideologiebegriff in der marxistischen Tra- xistischen Diskurs immer eine direkteNegationder Ideologie. Eine Theorie des
dition vielschichtig und in sich widersprüchlich ist, so ist auch der Wahrheitsbe- Ideologischen ist insofern immer auch ein »Kampflatz« um Wahrheit. Die Wahr-
griff - als dessen Kehrseite - vielfältig. Er beinhaltet sowohl Überzeugungen, die heit bildet damit Anfang und Ende ideologietheoretischer Argumentation: »der
von einer Übereinstimmung des Begriffs mit der Wirklichkeit ausgehen (Korres- Wahrheit wegen« wird das Ideologische dargestellt und »der Wahrheit wegen«
pondenztheorieder Wahrheit),sowie Vorstellungen, wonach Wahrheit nur in der soll die ideologische Herrschaft aufgehoben werden,
In diesem Buch wollen wir die Problemkomplexe und Überlagerungen ver-
20 Vgl. Hauck, Gerhard: Einführungin die Ideologiekritik (1992); Haug, WolfgangF.: Elementeeiner
schiedener, teils sich widersprechender Argumentationen herausarbeiten. Im
Theoriedes Ideologischen0993); Projekt Ideologie-Theorie:Theorienüber Ideologie(1979). Wäh- Blickpunkt soll das Fort- und Gegenanschreiben der verschiedenen ideologie-
rend das Projekt Ideologietheorieeher in strukturalistischer Tradition steht, schreibt Herkommer
die Auffassungvon Ideologieals »notwendigfalsches Bewusstsein«fort, vgl. Herkommer,Sebasti- theoretischen Ausprägungen stehen. Philosophie kann hier ganz explizit ver-
an: EinführungIdeologie(1985). Desweiterenist eine Renaissanceder Ideologiekritikzu erkennen, standen werden als ein »Kampf um Wahrheit«. Wir wollen uns also im Folgen-
die sich auf den Ideologiebegriffder KritischenTheorie beruft, vgl. Enderwitz,Ulrich: Wasist Ideolo-
gie?(2005), Jaeggi,Rahel/Wesche, Tilo (Hg.):Was ist Kritik?(2010). Einenguten Überblick über die den mit der Frage beschäftigen, wie Erkennen(Wahrheit) und Verkennen(Ideo-
verschiedenenAktualisierungsversuche des Ideologiebegriffsgibt Rehmann,Jan: Einführungin die
Ideologietheorie(2008).
logie) als dialektische Einheit gedacht werden können.
21 So bspw. die sich im Anschlussan Foucault herausgebildeteGouvernementalitätsforschung,vgl. Daran knüpfen weitere Fragen an, die den Gang der Argumentation, wenn
Bröckling, Ulrich: Gouvernementalitätder Gegenwart(2000), Opitz, Sven:Gouvernementalitätim
Postfordismus(2007). auch nicht explizit, so doch indirekt immer begleiten werden:

12 13
Wie sind das Subjekt und dessen Praxis konstituiert? (Frage nach den Subjektef- Grundlage marxistischer Ideologietheorie vorgestellt werden: Die Konzeption
fekten von Ideologie) 22 der Ideologie als »objektive Gedankenform« bei Marx/Engels (in der Deutschen
Welchen (determinierenden) Einfluss hat die Struktur? (Frage nach der materi- Ideologieund dem Kapital).Wahrheit stellt sich hier dar als bestimmte Negation
elle Verankerung von Ideologie) verkehrter Bewusstseinsformen oder anders ausgedrückt: Das Wahre ist hier
Wie wird die Einheit von Subjekt und Struktur gedacht? (Frage nach der Totalität das Ganze oder das Ganze ist das Wahre. Im dritten Kapitel sollen jene Theo-
oder Widersprüchlichkeit von Ideologie) rien untersucht werden, die an die ökonomischen Schriften Marxens anknüp-
Wie wird die Veränderbarkeit der Welt gedacht? (Frage nach den Praxisformen fen und Ideologie als »Verdinglichung« verstehen. Dabei stehen Geschichteund
möglicher Wahrheit) Klassenbewußtseinvon Lukacs sowie die Dialektikder Aufklärung von Adorno/
Und letztlich dem vorausgesetzt: Wie wird die Erkennbarkeit der Welt gedacht? Horkheimer im Vordergrund. Was sich innerhalb der Ideologietheorie als Radi-
(Frage nach der generellen Möglichkeit von Wahrheit) kalisierung des Marxschen Ansatzes darstellt, bedeutet bezogen auf die zugrun-
Dabei werden wir die gängige Methode der Ideologiekritik - Ideologie mit deliegende Wahrheitskonzeption das direkte Gegenteil: Das Ganze wird hier zum
ihrer Wahrheit zu konfrontieren - auf sie selbst anwenden. Im textimmanenten Unwahren. Im vierten Kapitel soll die materielle Verankerung der Ideologie in
Verfahren kritischer Lektüre werden die verschiedenen Bruchstellen zwischen der Praxis der Subjekte bei Althusser im Vordergrund stehen (zurückgegriffen
Ideologie und Wahrheit in den zugrundeliegenden Texten ausgearbeitet. Althus- wird vorrangig auf Ideologieund IdeologischeStaatsapparate).Wahrheit ist nun
ser kennzeichnet dieses Verfahren als »symptomale Lektüre«, welche »in einem nur noch jenseits der ideologischen Verkehrung zu finden, sie steht ihr als The-
einzigen Prozeß das Verborgene in dem gelesenen Text enthüllt und auf einen orie einer »Struktur der Strukturen« gegenüber. Die Auflösung der Althusser-
anderen Text bezieht, der - in notwendiger Abwesenheit - in dem ersten Text Schule ging einher mit einer Ablösung des Ideologie- durch den Diskursbegriff
präsent ist.«23 Insofern ist die Oberfläche des Textes, die verschiedenen Konzep- bei Foucault. Dies soll in einem kurzen Exkurs erläutert werden, da die poststruk-
tionen von Ideologie, notwendig verbunden mit einer Tiefenstruktur der Wahr- turalistische Theorie den endgültigen Bruch mit der marxistischen Ideologietra-
heit, welche ex negativopräsent ist. Die Widersprüchlichkeiten und Bruchstellen dition und den Termini Ideologie und Wahrheit bedeutet. Die im fünften Kapi-
der Ideologietheorien kann man demzufolge als Symptome eines latenten »zwei- tel vorgestellte »Position der Wahrheit« im Denken Zizeks ist vor diesem Hin-
ten Textes« lesen, der Konzeption von Wahrheit. Anders ausgedrückt: Ideologie tergrund zu verstehen als eine Renaissance totgesagter Begriffe, nämlich der von
soll in der Negativität ihres Begriffs untersucht werden, insofern sie nur Identität Ideologie und Wahrheit. Wahrheit ist hier eine der Position, die im politischen
erhält, wenn das Andere, die Wahrheit, in ihr aufgehoben ist. So ist der Gegen- Akt der »postideologischen Ideologie« entgegengesetzt wird. Der Schluss soll das
stand, mit dem wir uns beschäftigen werden, gleichzeitig die verkehrteWahrheit Versprechen der Arbeit einlösen: Hier wird aufgezeigt, inwiefern in der verkehr-
(d.h. Ideologie) als auch die Dimensionen der Wahrheitsolcher Verkehrungen. ten Wahrheit die Wahrheit einer solchen Verkehrung dialektisch aufgehoben ist.
In den folgenden Kapiteln werden zunächst die wesentlichen ideologietheo-
retischen Problemstellungen des Autors bzw. der Autoren dargestellt, um dann
in kritischer Lektüre Bruchstellen zu erarbeiten, welche zu der jeweils zugrunde-
liegenden Konzeption von Wahrheit führen. Im zweiten Kapitel soll zunächst die

22 Im Verlauf der Arbeit wird entwedervon Subjekt, Individuumoder Menschgesprochen.Die Benut-


zung des jeweiligen Begriffs ist aber nicht willkürlich, sondern mit der zugrundeliegendenTheorie
verbunden.Das»Subjekt«ist dabeivor allen Dingendas in der IdeologieverhafteteIndividuum(Alt-
hussersetzt diesenBegriff bspw.explizit in Abgrenzungzum Begriff des Individuums),währendder
»Mensch«dasjenigeIndividuumist, dassich in der Praxis,im unmittelbarenLebenszusammenhang
verwirklicht und insofern nicht in der Sphäreder Ideologieagiert (Marx setzt diesen Begriff in den
Frühschriftenund der DeutschenIdeologieals Gattungsbegriff).
23 Althusser,Louis/Balibar,Etienne: DasKapitallesen0972), 32.

14 15
Die Ideologieder »objekti-
ven Gedankenformen« oder:
Das Wahreist das Ganze,
das GanzeistdasWahre
(Marx/Engels)

Die Ausführungenvon Marx und Engelsbilden in der marxistischen Ideologie-


theorie und -kritik den relationalen Rahmen einer systematischenKonzeption
von Ideologie in der bürgerlichen Gesellschaft.Dabei haben die Autoren selbst
nie eine expliziteTheoriedes Ideologischenentwickelt;in ihrem Werk finden sich
vielschichtige,teilssich widersprechendeBedeutungskonnotationen.Darum sind
die folgenden Ausführungen keine philologischeRekonstruktion des Ideologie-
begriffsvon Marx und Engels.Es sollen vielmehr Problemkomplexeausgearbei-
tet werden, die die Grundlage der nachfolgendenTheorienüber das Ideologische
bilden. Deswegenwerden wir uns in diesem Kapitelauch nicht auf das Einheit-
liche der Argumentationfokussieren,sondern uns die Widersprüche anschauen,
um den Weg für das darauf folgende Fort- und Gegenanschreibender verschie-
denen ideologietheoretischenAusprägungenzu ebnen.
In einem ersten Schritt soll die Bestimmung des Ideologischen als camera
obscuraim Vordergrund stehen. In der DeutschenIdeologieist das Ideologische
eine Verkehrung im Bewusstsein, welche die materiellen Existenzgrundlagen
verkennt und die ideellen Vorstellungenhypostasiert. In einer Kritik der Reli-
gion und Philosophie sollen die Produkte dieses »verkehrtenWeltbewusstseins«
(MEW 1, 378) dekonstruiert und auf ihre materiellen Konstitutionsbedingun-
gen einer »ideologischenSuperstruktur«(MEW 3, 36) zurückgeführt werden. In
einem zweitenSchritt soll analysiertwerden,inwieweitdas MarxscheKapitaldie
· Argumentationder DeutschenIdeologiefortschreibt;werden auch hier (insbeson-
dere in den Fetischanalysen)bestimmte ideologische Mechanismen offenbart,

17
die aus einer radikalen Verkehrung abzuleiten sind. Diese Verkehrung ist aber vorbringt, notwendigerweise verkannt. Die Metapher der cameraobscurawird
nicht mehr durch das Bewusstsein der Subjekte verursacht, sondern wird durch nicht ohne Grund gleich zu Beginn angeführt, denn in ihr sind die beiden zen-
die materiellen Existenzgrundlagen hervorgerufen. Der Waren- und Kapitalfe- tralen Argumentationsfiguren der DeutschenIdeologieaufgehoben: Die Verkeh-
tisch bringt nun einen »gegenständlichen Schein« (MEW 23, 88)24 hervor, in dem rung im Bewusstsein einerseits und ihr »wahres« Fundament, oder (wie Marx
die vom Menschen geschaffenen Produkte eine von ihnen unabhängige Existenz und Engels es formulieren) »die materielle Tätigkeit und der materielle Verkehr
besitzen. In einem letzten Schritt soll schließlich die Kehrseite der ideologischen der Menschen« (ebd.) andererseits. 26 Wie diese beiden Momente - die Verkeh-
Verkennung untersucht werden: Den Formen des Verkennens, so die These, wird rung und ihr positives Fundament der Wahrheit - zueinander stehen und einan-
negativ ein Begriff der Wahrheit entgegengesetzt, der das Erkennen der eigenen der bedingen, soll nun näher ausgeführt werden.
Existenzgrundlage ermöglicht. Indem das Ideologische bei Marx und Engels auf Das Bild der cameraobscurasagt weit mehr über das ideologische Bewusstsein
Fragmentierung, Isolierung und Verselbstständigung der Bewusstseinsinhalte (in aus, als dass die eigenen Ideen verselbstständigt erscheinen. Dieses Phänomen, das
der DeutschenIdeologie)und der ökonomischen Erscheinungsformen (im Kapi- seine eigene materielle Grundlage leugnet, entspringt, so Marx und Engels, direkt
tal) hinausläuft, stellt sich das Wahre als dessen direkte Negation dar, nämlich als aus der materiellen Grundlage selbst. Denn unter bestimmten Formen gesell-
das Ganze der gesellschaftlichen Beziehungen. schaftlicher Herrschaft besitzen die eigenen Produkte eine vom Menschen schein-
bar unabhängige Existenz. Aus einem gesellschaftlichen Herrschaftsverhältnis
lässt sich so eine Herrschaft zweiterOrdnungableiten: Die Herrschaftder Gedan-
Ideologieals camera obscura in der Deutschen Ideologie
ken (und, wie Marx im Kapitalzeigen wird: die Herrschaftder Sachen).In dieser
In der DeutschenIdeologie25 von Marx und Engels tritt in der Metapher der »Gedankenherrschaft« werden die ideellen Vorstellungen, Gedanken und Begriffe
cameraobscuraIdeologie als verkehrtesBewusstseinauf: in einer »Logik der Inversion und Entfremdung« 27 als gänzlich autonom betrach-
tet. Jene Hypostasierung der Ideen ist nun genau als jenes »falsche Bewusstsein«28
Wenn in der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse zu begreifen, dessen Falschheit paradoxerweise aus der Wahrheit einer bestimm -
wie in einer Camera obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies ten Gesellschaftsform hervorgeht. Oder, wie Eagleton es ausdrückt: »Man könnte
Phänomen ebensosehr aus ihrem historischen Lebensprozeß hervor, wie sagen, daß die Falschheit der Ideen ein Teil der >Wahrheit<der gesamten mate-
die Umdrehung der Gegenstände auf der Netzhaut aus ihrem unmittelbar riellen Verhältnisse ist.«29 Insofern genügt eine theoretische Kritik der Illusionen
physischen. (MEW 3, 26) nicht - würde sie doch die reale Grundlage der ideellen Verkehrung verkennen

In der Ideologie scheint das Verhältnis von denkendem Subjekt und zugrun- 26 Die Vorlageder Metapher,die Apparatur der Camera obscura, kann zwar reale,jedoch seitenver-
deliegender Struktur also »auf den Kopf gestellt«: Den Produkten des Bewusst- kehrte Abbilder der Wirklichkeitproduzieren.Analog dazufunktioniert die Metapherbei Marx und
Engels:Ideologiespiegeltzwar ein Abbild der Verhältnisseim Bewusstseinder Subjekte,jedoch ist
seins (also Begriffe, Vorstellungen, etc.) kommt eine gänzlich unabhängige Exis- diesesnicht adäquat,sondernaufgrundder materiellenVerkehrsweise der Menschenverkehrt,vgl.
Haug,WolfgangF.:Cameraobscura0994).
tenz von ihren materiellen Existenzgrundlagen zu. Erscheinen die gesellschaft-
27 Eagleton,Terry: Ideologie(2000), 85. Indemsie das Konzeptder Entfremdungnun auf materieller
lichen Verhältnisse im Bewusstsein derart verkehrt,wird folglich der gesamte Basis reformullert (die Menschensind in der Ideologievon ihrer materiellenGrundlage»entfrem-
det«), schließtdie DeutscheIdeologiedurchausan die Ökonomisch-philosophischen Manuskripte
»historische Lebensprozeß«, der die Ideen und Vorstellungen bedingt und her- von 1844 an (Marx, Karl:Ökonomisch-philosophische Manuskripteaus demJahre1844 [1956ff.Jl.
28 Die Vorstellungvon Ideologieals »falschemBewusstsein«ist in der westlich-marxistischenTradition
langeZeit das populärsteDeutungsmodellgewesen:Autorenwie Lukacs Korschoder Sohn-Rethel
24 Marx, Karl:DasKapital(1956ff.). knüpfenbspw.daran an. Ursprünglichstammt diese Formulierungjedoch von Engels,der in einem
25 Auch wenn Marx und Engelsdas Manuskript letztlich der »nagendenKritik der Mäuse«(MEW 13, Brief an Mehring Ideologieals einen Prozessdefiniert, »der zwar mit Bewußtseinvom sogenann-
10) überantwortethaben,stellt die DeutscheIdeologienicht nur einwichtigesZeugnisder Selbstver- ten Denkervollzogenwird, aber mit einemfalschen Bewußtsein«(Engels,Friedrich:Engelsan Franz
ständigungder beidenAutoren über die eigene Positiondar, sondernbeinhaltettrotz der argumen- Mehring in Berlin [1956ff.J,97). Die eigentlichen Triebkräfte,d.h. die bestimmtenFormengesell-
tativen Grenzeauch produktiveAnknüpfungspunktezum VerständnisideologischerHerrschaftssi- schaftlicherHerrschaft,bleibendabei notwendigerweiseunbekannt.
cherung. 29 Eagleton,Terry:Ideologie(2000),87.

18 19
und somit in diesen Illusionen befangen bleiben. Aufgabe der DeutschenIdeologie ersetzen würde. Indem die zugeschriebenen Eigenschaften Gottes auf das allge-
ist dagegen die Konfrontation der falschen Vorstellungen mit realen Widersprü- meine Gattungswesen des Menschen zurückgeführt werden, schlägt der religiöse
chen. Sie »hat den Zweck, den philosophischen Kampf mit den Schatten der Wirk- Essentialismus um in einen anthropologischen, der der konkreten Praxis gegen-
lichkeit[ ... ] zu blamieren« (MEW 3, 13), so Marx und Engels. über notwendigerweise abstrakt bleibt, so Marx. Feuerbach »betrachtet daher im
Ihre Ideologiekritik ist also eine Kritik jener »Gedankenherrschaft«, die auch ,Wesen des Christenthums< nur das theoretische Verhalten als das echt mensch-
in der Religion und (junghegelianischen) Philosophie zum Tragen kommt. 30 liche, während die Praxis nur in ihrer [... ] Erscheinungsform gefaßt und fixiert
Bevor wir uns der materiellen Grundlage der Verkehrung zuwenden, lohnt es, wird.« (Th. 1, MEW 3, 5). Er verbleibt somit auf einem rein theoretischen Stand-
die Ideologiekritik von Marx und Engels in ihrer Praxis näher zu betrachten - als punkt, der die Ursache der Verkehrung, »das soziale Substrat der Religion«33, ver-
eine Kritik der Religion und Philosophie. nachlässigt, indem er die religiöse nicht von der realen Abhängigkeit der Men-
Die Entfremdung von der gesamten Existenzgrundlage ist in der Form der schen ableitet. Es genügt also nicht, so Marx, Religion als die »phantastischeVer-
Religion als »verkehrtemWeltbewußtsein«(MEW 1, 378) wohl am radikalsten wirklichungdes menschlichen Wesens« (MEW l, 378) aufzufassen, denn »das
ausgedrückt, denn in ihr wird - wie Marx schon in der Einleitung zur Kritik der religiöse Elend ist ein Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protes-
HegelschenRechtsphilosophie
feststellt - das gesamte Sein in eine transzendente tation gegen das wirkliche Elend« (ebd.). Indem Marx die religiöse Verkehrung
Gottheit eingeschrieben. Man kann demnach Marxens Diktum folgen - »die Kri- nicht bloß als Phantasma der menschlichen Gattung interpretiert, sondern sie an
tik der Religion ist die Voraussetzung aller Kritik« (ebd.) - und seine Religions- Formen der klassenförmig organisierten Herrschaft rückbindet, kann er in ihr
kritik, die vor der DeutschenIdeologieentstanden ist, im Rahmen seiner Kritik eine doppelte Funktionsweise für die Sicherung jener Verhältnisse verorten: Zum
der Ideologie analysieren. einen ist sie Ausdruck der menschlichen Selbstentfremdung - sie ist »der Seufzer
In der Kritik an der religiösen Verkehrung im Bewusstsein übernimmt der der bedrängten Kreatur« (ebd.), in welcher ein allgegenwärtiges, weltlich fundier-
junge Marx (in kritischer Distanz) die »Projektionsthese« Feuerbachs, der zufolge tes Erlösungsverlangen in die Transzendenz der Religion verschoben wird.34 Zum
das konkrete und somit begrenzte Individuum sein allgemeines und unbegrenz- anderen ist sie »Opiumdes Volkes« (ebd.), da sie Protest- und Widerstandspoten-
tes Gattungswesen in einen transzendenten Gott setzt. Feuerbach ging dem- tiale sublimiert und so letztlich das Bestehende sichert. 35
nach davon aus, dass »dasBewußtseinGottes[...] das Selbstbewußtsein
des Men- Im religiösen Bewusstsein manifestiert sich auch jene dialektische Konfigura-
schen,die ErkenntnisGottesdie SelbsterkenntnisdesMenschen« und Gott dem- 31 tion, welche die Verkehrung der Religion und die Wahrheit der »verkehrtenWelt«
nach nichts anderes als die Objektivierung des menschlichen Selbstbewusstseins (ebd.) als Einheit denkt: Die zentrale Figur der christlich-jüdischen Religion, die
32
ist. Marx kritisiert Feuerbach, dass er die Theologie bloß durch Anthropologie Idee der Schöpfung, in welcher ein personifizierter Gott als transzendente Macht
auftritt, 36 ist bloß Ausdruck der allseitigen Entfremdung des Subjekts von seinen
30 Ausgangspunktder Deutschen Ideologie war ursprünglich eine Kritik an der junghegelianischen
Philosophie.Sie ging auseinem Artikelentwurf hervor. der sich kritisch mit Bauerauseinandersetze
und dann um die Manuskripteüber Stirner und Feuerbachergänztwurde. Eigentlichauf zwei Bän- 33 Barth, Hans:Wahrheitund Ideologie(1974), 94.
de angelegt,ist sie jedoch Manuskriptkonvolutgebliebenund wurde erstmalsgesamtim Jahr 1932 34 Haug macht an dieser Stelle eine Traditionslinievon Paulusüber Benjaminbis hin zu Marxaus und
veröffentlicht.Zur Entstehungsgeschichte vgl. Bluhm, Harald:Einführung(2010), Weckwerth,Chris- verortet den Glauben,wie Marx, inmitten der Hoffnungslosigkeit,vgl. Haug, WolfgangF.: Paulus,
tine: Kritik an Feuerbachund der Feuerbach-Kritiker(2010) und Henning,Christoph/Thomä,Dieter: Benjaminund der »Seufzerder bedrängtenKreatur«(Marx) (2001).
Wasbleibt von der DeutschenIdeologie?(2010). 35 Im Sinne Blochs könnte man die Sehnsuchtsimpulsedes religiösenBewusstseinsauchgegenläufig
31 Feuerbach,Ludwig:DasWesendes Christentums(1956), 51. interpretieren: In ihr ist- im Sinnedes »Noch-Nicht-Bewussten«- die Möglichkeitzum Protestauf-
32 FeuerbachsAufhebungder religiösenVerkehrungist zugleich eine Kritik an der HegelschenPhilo- gehoben,vgl. Bloch, Ernst:Geistder Utopie(1975). Rehmannverweistunter diesem Gesichtspunkt
sophie,wie die gesamtenJunghegelianer(Marx eingeschlossen)ihre eigenenPositionenex neag- auf die »religiösenBefreiungsbewegungen«, welche die illusorischenund lähmendenImpulseauf-
tivo aus der Kritik an Hegelentwickelten (vgl. Maclellan, David: Die Junghegelianerund Karl Marx geben und das Widerstandspotentialder Religionmit »fundierter Kapitalismuskritik«verbinden,vgl.
[1974)). Indem Feuerbachdie materielle Realität in ihren singulären Erscheinungsformenals das Rehmann,Jan: Einführungin die Ideologietheorie(2010), 29.
Wesentlichefür die Bestimmungdes Subjektessetzt, führt er den Toposder Umkehrungvon Subjekt 36 In der Bibel wird bspw.im Buch JesajaGott als Schöpferalles Weltlichengenannt: »Dennso spricht
und Prädikatein. Demzufolgehat Hegeldie absolute Ideeals falschenAusgangs-und Endpunktder der HERR,der den Himmel geschaffenhat - er ist Gott; der die Erdebereitet und gemachthat - er
Geschichtegesehenund somit die wahren Existenzgrundlagenverkannt. Zur Kritik an Hegel in der hat sie gegründet;er hat sie nicht geschaffen,dass sie leer sein soll, sondernsie bereitet,dass man
DeutschenIdeologie,vgl.Arndt, Andreas:Jenseitsder Philosophie(2010). auf ihr wohnen solle:Ich bin der HERR,und sonst keiner mehr« (Jesaja45,18).

20 21
Produkten, denn »je mehr der Mensch in Gott setzt, je weniger behält er in sich die Kritik einzig eine bloße Negation der Begriffsbestimmungen.41 Die Reflexi-
selbst. Der Arbeiter legt sein Leben in den Gegenstand;aber nun gehört es nicht vität der Hegelschen Philosophie,die Einheit von Subjekt und Objekt,wird - in
mehr ihm, sondern dem Gegenstand«(MEW 40, 512). Der gesellschaftlicheCha- direkter Abgrenzung zu Hegel - durch die radikale Proklamation der Spontanei-
rakter der Produktewirdverkanntund ihr Ursprungauch hier in einetranszendente tät des Selbstbewusstseinsabgelöst.Diese Spontaneität,d.h. die Praxisdes Selbst-
Macht gelegt.37 Die Schlussfolgerungvon Marx ist nun folgende:Ist die »Heiligen- bewusstseinskann einzig das Negierender positiven Bestimmtheit (wiebspw.die
gestaltder menschlichenSelbstentfremdung«erkannt, muss deren Ursprung,»die Hegelsche Subjekt-Objekt-Einheit) sein - diese ist nach Marx und Engels nun
Selbstentfremdungininihren unheiligenGestalten«(MEW l, 379),aufgehobenwer- als eine »Herrschaft der Gedanken« (MEW 3, 13) abzulehnen. Somit ist die Kri-
den. Diese »unheiligeGestalt«ist eine Gesellschaft,die zwar gesellschaftlichpro- tik »die Krisis, welche das Delirium der Menschheit bricht und den Menschen
duziert, deren Produkte aber bloß privat angeeignetwerden. Die falschenVorstel- wieder sich selbst erkennen lässt«42, wie Bauer es am radikalsten formuliert. Der
lungen der Religionsind somit die notwendige Wahrheit einer ebenso »falschen« Duktus der gesamten junghegelianischenPhilosophie ist (in Abgrenzung zu den
Gesellschaftsordnungund jene können letztlicherst durch die Beseitigungder dies- rechtshegelianischenPositionen) eine Kritik des Bewusstseinsdurch eine Kritik
seitigenVerhältnisseabgeschafftwerden. Insofern hebt sich Ideologiekritikselbst der Religionund der darin begründeten Entfremdung des menschlichenWesens.
auf,muss sich die »Kritikdes Himmels«in die »Kritikder Erde«(ebd.)verwandeln. Der Mensch müsse, so die Junghegelianer,hingegen zurückgeführt werden auf
Ganz im Gegensatzzur junghegelianischenPhilosophie, »welchevom Him- sein genuines Wesen, das sich als Ich oder Selbstbewusstsein darstellt. In all
mel auf die Erde herabsteigt« (MEW 3, 26). Diese Kritik der Philosophie ist in ihrem politischen Radikalismusfallendie Junghegelianerdemnach in einen Idea-
der Marxschen Religionskritiklatent eingeschrieben und wird nun zum zentra- lismus zurück: Agensjedweder Weltbewältigungwird das Selbstbewusstseinund
len Gegenstand der DeutschenIdeologie. das Programm ist eine bloße »Revolutionierungdes Bewusstseins«.43
Insofern ist die DeutscheIdeologieeine Abrechnung in zweifacherHinsicht, Ist die abstrakte Kritik einzigeWaffegegeneine zu verändernde Wirklichkeit,
eine Abrechnung mit den Positionen der Junghegelianer und gleichzeitig eine so bleibt sie Phrase, wie Marx bemerkt: »DieWaffeder Kritik kann allerdingsdie
Destruktion der eigenen Positionen: Marx und Engels haben sich zur Aufgabe Kritik der Waffennicht ersetzen« (MEW 1,385). Mehr noch: Ist man versucht,
gesetzt, »den Gegensatz unserer Ansicht gegen die ideologische der deutschen die ideologischenVerkehrungenbloß durch die Kritik der Gedanken aufzulösen,
Philosophie gemeinschaftlichauszuarbeiten,in der Tat mit unserem ehemaligen wird man der Komplexitätder Ideologieproduktion nicht gerecht und verbleibt
philosophischen Gewissen abzurechnen« (MEW 13, 10).38 Gegenstand ist nun somit selbst in einer Ideologieverhaftet, die Ideen und Vorstellungeneine auto-
jene Form der junghegelianischenIdeologiekritik, welche,verstanden als »rein nome Position zuspricht:
destruktiveMethode«39, das Kritisierenals einzigwahre und wirklichepraktische
Tat setzt. Bei den junghegelianischenAutoren (Bauer, Strauss, Stirner und Feu- Da bei diesen Junghegelianerndie Vorstellungen,Gedanken, Begriffe,
erbach) wird zwar die »unerhörte Verknüpfung von Erkenntnisund Herrschaft, überhaupt die Produkte des von ihnen verselbständigtenBewußtseinsfür
von Wissenund Macht" reflektiert- die Form der Begriffsbildungalso zugleich
auch als Beherrschung der zugrundeliegenden Gegenstände gesehen,jedoch ist 41 Ähnlich definiert Adorno in der NegativenDialektik Ideologie: Sie sei die „implizite Identität von
Begriff und Sache«(Adorno,TheodorW.: NegativeDialektik [1970l, 50). DasDenkender Identität
setzeschonper se die Herrschaftüberden Gegenstandund darum sei die Methodeder Ideologiekri-
tik zentral,sie ist die »Kritikdes konstitutivenBewußtseinsselbst«(ebd., 151). EineverwandteArgu-
mentation schreiben auch neuere Ideologiekritiken- meist unter Berufungauf Habermas- fort:
Thompsongeht bspw. davon aus, dass »to study ideology is to study the ways in which meaning
(signification)servesto sustalnrelationsof domination«(Thompson,John B.: Studiesin the theory
of ideology[19841, 1301.).Geradein den culturalstudiesfungiert diese Formder Ideologiekritikals
37 Im Fetischcharakterder Warewird dies dann nicht mehr als EigenschaftGottes,sondernder Dinge Erklärungsmuster,um Phänomenewie Rassismusoder Sexismuszu dekonstruieren.Begreift man
selbstwahrgenommen.
Ideologiejedoch lediglichalsfalscheZuschreibung(Signifikation),so verbleibt manin jenem Idealis-
38 Marx,Karl: Zur Kritik der politischenÖkonomie(1956ff.l.
mus,der auch der junghegelianischenPhilosophieanhaftet.
39 Weckwerth,Christine:Kritik an Feuerbachund der Feuerbach-Kritiker(2010), 134.
42 Bauer,Bruno:Feldzügeder reinenKritik (1968), 122.
40 Bohlender,Matthias:Die Herrschaftder Gedanken(2010), 43.
43 Herkommer,Sebastian:EinführungIdeologie(1985), 13.

22 23
die eigentlichen Fesseln der Menschen gelten, [... ] so versteht es sich, daß die verortet (und somit die theoretische Anthropologie Feuerbachs durch eine prak-
Junghegelianer auch nur gegen diese Illusionen des Bewußtseins zu kämp- tische ersetzt). Denn der ideologische Effekt besteht, so Marx und Engels, gerade
fen haben. Da nach ihrer Phantasie die Verhältnisse der Menschen, ihr gan- darin, die materiellen Grundlagen zu leugnen, die eine Verkehrung im Bewusst-
zes Tun und Treiben, ihre Fesseln und Schranken Produkte ihres Bewußt- sein hervorbringt.
seins sind, so stellen die Junghegelianer konsequenterweise das moralische Die Wahrheit hinter der ideologischen Verkehrung liegt also in der konkre-
Postulat an sie, ihr gegenwärtiges Bewußtsein mit dem menschlichen, kri- ten »Lebensweise«
(ebd., 21) der Menschen begründet. Sie, d.h. die Verkehrung,
tischen oder egoistischen Bewußtsein zu vertauschen und dadurch ihre kann demnach nur verstanden werden, wenn man die Produktion von Ideen und
Schranken zu beseitigen. Diese Forderung, das Bewußtsein zu verändern, Bewusstsein überhaupt mit einer allgemeinen Bestimmung des menschlichen
läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. Produktionsverhältnisses verknüpft:
es vermittelst einer andren Interpretation anzuerkennen. (MEW 3, 19f.)
Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt
In jener Form der Ideologiekritik wird die verkehrte Wahrheit - die Vor- also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produ-
stellungen von Gott, dem Staat, dem Eigentum etc. - bloß destruiert und als zieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also
44
»menschliche Selbsttäuschungund Selbstbegrenzung« verstanden. Dabei sind sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.
sie schon Teil des ideologischen Effekts, der die reale Herrschaftsordnung durch (ebd.)
bestimmte Ideen legitimiert und sie letztlich als eine bloße >>Gedankenherrschaft«
erscheinen lässt. Daher ist die junghegelianische Philosophie »Anerkennung und Der Mensch ist folglich nicht das, was er denkt, sondern das, was er produ-
zugleich Verkennung des Bestehenden« (ebd., 42): Indem sie die realen Produkti- ziert.45 Damit hält Marx an den Einsichten der Ökonomisch-philosophischen
onsbedingungen des Ideologischen verkennen, anerkennen sie letztlich die beste- Manuskriptefest. Der Mensch besitzt demzufolge das Vermögen, universell zu
hende Klassenherrschaft. Marx versucht der abstrakten Negation der Gedanken- produzieren, denn zwecks Bedürfnisbefriedigung macht er »die ganze Natur zu
welt nun eine bestimmte der realen Verhältnisse entgegenzusetzen, haben die seinem unorganischenKörper« (MEW 40, 516). Indem der Mensch tätig seinen
Philosophen die Welt bekanntlich »nur verschieden interpretiert«und kommt es Gegenstand hervorbringt, vergegenständlicht er sich selbst durch die Arbeit. 46
nun darauf an, »sie zu verändern«(Th. 11, ebd., 7). In der DeutschenIdeologieist Das ist der gesamte Kern jener ontologischen Wahrheit, die Marx und Engels
somit eine radikale Antithese zu der bisherigen Philosophie formuliert, die in der hinter der ideologischen Verkennung vermuten und die Marx später, im Kapital
positiven Entgegensetzung des Produktionsprozesses von Bewusstsein überhaupt zur allgemeinen Bestimmung des Arbeitsprozesses erheben sollte:
ihren Anfang nimmt. Der Prozeß erlischt im Produkt. [...) Die Arbeit hat sich mit ihrem Gegen-
Der Kern der philosophischen Illusion beruht also, wie im vorherigen stand verbunden. Sie ist vergegenständlicht, und der Gegenstand ist verarbeitet.
Abschnitt schon erläutert wurde, in der Naturalisierungund Universalisierung Was aufseiten des Arbeiters in der Form der Unruhe erschien, erscheint nun
von Ideen. Die DeutscheIdeologieversucht nun, die Abwesenheit der »wirkliche als ruhende Eigenschaft, in der Form des Seins, aufseiten des Produkts. Er hat
Voraussetzungen« der Ideen zu erklären, indem sie ihre »materiellen Lebensbe- gesponnen, und das Produkt ist ein Gespinst. (MEW 23, 195)
dingungen« (ebd., 20) begründet. Einerseits soll so die Idealisierung des Bewusst-
seins destruiert werden (und somit die Position der Junghegelianer), andererseits
45 Überdie anthropologische Setzungder Arbeit bei Marxunddie damitzusammenhängende Mensch-
soll dem auch positiv eine Grundlage entgegengesetzt werden, die das ideologi- Tier-Differenzvgl. Honneth,Axel: DiemenschlicheArbeit(2012).
46 In dieserHinsichterkenntMarx die LeistungHegelsan, hat er die »Selbsterzeugung des Menschen
sche Verkehrungsverhältnis in der konkreten und materiellen Praxis der Subjekte als einenProzeß[gelfasst«und somit »dasWesender Arbeit« begriffenhat. DochunterliegtHegel,
so Marx,der gleichenIdeologischenIllusion,welcheauchdie Junghegelianer von ihm übernehmen:
Erfasstdie Arbeit nur als »abstrakt-geistige«
und reproduziertsomit die entfremdeteWirklichkeitin
44 Bohlender,Matthias:Die Herrschaftder Gedanken(2010), 44. Gedanken(MEW40, 574).

24 25
In dem Satz, »wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie«, ist also schon liehen Praxis und ihre Form als auch ihr Inhalt hängen von der konkreten Pro-
die doppelte Setzung dieses Arbeitsprozesses aufgehoben: Die Individuen äußern duktionsweise einer Gesellschaft ab. Unter bestimmten gesellschaftlichen
erstens ihr Leben, indem sie einen Gegenstand, ein Produkt, setzen. Dadurch set- Umständen kann es jedoch dazu kommen, dass der spezifische Gegenstand, »den
zen sie aber zweitens auch sich selbst, denn sie sind so, wie sie ihr Leben äußern, die Arbeit produziert, ihr Produkt, [... ] ihr als ein.fremdesWesen,als eine von
in welchem Verhältnis die geschaffenen Produkte also zueinander stehen. Inso- dem Produzenten unabhängige Macht gegenüber[tritt]« (MEW 40, Sll). Oder:
fern ist der Vorwurf eines »naiven Sinnesempirismus« 47 gegenüber der Deutschen Die Vergegenständlichung des Menschen in seine Ideen kann paradoxerweise zu
Ideologieverkürzt: Das Bewusstsein ist hier nicht bloß eine passive Widerspiege- ihrer Entgegenständlichung führen. 51
lung der materiellen Verhältnisse, es erhält erst Wahrheit, d.h. Wirklichkeit, in der Erhält der Gegenstand des Bewusstseins eine von seinem Produktionspro-
Praxisder Individuen, wie es in der Schlüsselstelleder DeutschenIdeologieheißt: zess jenseitige Existenz, ist er also gleichgültig gegen sein gegenständliches Sein,
dann erscheinen die Verhältnisse »auf den Kopf gestellt« (MEW 3, 26) - Ideolo-
Die Produktion der Ideen, Vorstellungen, des Bewußtseins ist gie ist insofern immer auch »Weltferne«.52 Die cameraobscurader Ideologie kann
zunächst unmittelbar verflochten in die materielle Tätigkeit und den nun nochmals unter veränderten Vorzeichen interpretiert werden, weil sie gerade
materiellen Verkehr der Menschen, Sprache des wirklichen Lebens. [... ] die paradoxe Verknüpfung von reellemAbbild und falscherRepräsentationdeut-
Das Bewußtsein kann nie etwas Andres sein als das bewußte Sein, und lich macht: 53 Wird die gesellschaftliche Bedingtheit der Ideen negiert, dann sind
das Sein der Menschen ist ihr wirklicher Lebensprozeß. (MEW 3, 26) sie einerseits eine verkehrteRepräsentation der tatsächlichen Grundlagen, ande-
rerseits aber auch ein wahrerAusdruck real-imaginärer Herrschaft. Zusammen-
Wenn nun davon die Rede ist, Ideen hätten »keine Geschichte« (ebd.), 48 dann fassend lässt sich also von einem »ideokratischen Reflex«54 sprechen, welcher
hebt dies gerade ihren Produktcharakter hervor. 49 Sie sind Ergebnis der mensch- die praktische Hervorbringung der Ideen durch die Subjekte leugnet. Wie das
Subjekt in der kapitalistischen Produktion vom »Machwerk seiner eignen Hand
47 Eagleton,Terry: Ideologie(2000), 91. Die DeutscheIdeologiewurde in ihrer Rezeptionwenigerals
politische Streitschrift, denn als Grundlegungder marxistischenWeltanschauunggelesen. Sie gilt beherrscht« wird, so in der Ideologie durch das »Machwerk seines eignen Kopfes«
als Begründungder historisch-materialistische Methode und rief dadurch einige Kritiker auf den (MEW 23, 649). Aber noch immer scheint eine grundlegende Frage ungeklärt:
Plan.Williamsnimmt die Kritik der Diskursanalysevorweg,indem er die Bedingtheitdes wirklichen
Lebensvon dem Medium der Sprache hervorhebt und den Materialismusder DeutschenIdeologie »Woher kömmt es, daß ihre Verhältnisse sich gegen sie verselbständigen? daß die
als »objektivistischePhantasie«kennzeichnet(Williams,Raymond:Marxismand literature [1977],
60). Eagietonbetont ganzähnlich den konstitutivenCharakterder Bedeutungund Interpretationfür
Mächte ihres eignen Lebens übermächtig gegen sie werden?« (MEW 3,540)
die Welterfahrungder Subjekte,das Bewusstseinsei kein Apparat,dass »passivObjekteder Außen- Die Verselbstständigung einer »idealistischen Superstruktur« (ebd., 36), die
welt festhält« (Eagleton,Terry: Ideologie[2000], 92). Das Projekt Ideologietheoriestellt im Gegen-
satzzu den »mechanistischenMetaphern«der DeutschenIdeologieden praxeologischenGehaltder reale und zugleich imaginäre Herrschaft der Gedanken, liegt unmittelbar begrün-
Ideologieproduktionin den Mittelpunkt (Projekt Ideologie-Theorie:Theorienüber Ideologie[1979],
8). Kofmankritisiert ganzähnlich die Unterkomplexitätder MarxschenIdeologietheorie,die eine blo- 50 Rehmannhebt hier die Hellsichtigkeit von Marx und Engelshervor: Indem in diesem Zusammen-
ße Täuschungoder Abbildstörungsuggeriert (Kofman, Sarah/Straw,Will: Cameraobscura [1999], hang auch Sprache »das praktische, auch für andre Menschen existierende,also auch für mich
6ff.J. Hall weist hingegenauf die Fragwürdigkeitdes proklamiertenwissenschaftlichenStandpunk- selbst erst existierendewirkliche Bewußtsein«ist (MEW3, 30), nehmensie »modernesprachwis-
tes hin, der die ideologischverzerrten Massen»wie erklärte Deppen«aussehenlässt und die kriti- senschaftlicheAnsätzevorweg,die den materiellen sowiegesellschaftlichenCharakterder Bedeu-
schen Intellektuellenals gänzlich illusionsfreidarstellt (Hall, Stuart/Haug,WolfgangF./Pletilä,Veik- tungen mit dem Begriff des ,Diskurses,oder der ,diskursiven Praxis,zu fassen versuchen«(Reh-
ko: DieCameraobscurader Ideologie[1984], 105). Tatsächlichist die Begründungdes historischen mann,Jan: Ideologietheorie[20041,26).
Materialismusin der DeutschenIdeologiean einigen Stellenfragwürdig.So suggeriereneinige Pas- 51 An dieser Stelle wird nochmals deutlich, dass sich in der DeutschenIdeologieIdeologieund Ent-
sagen,z.B. die Redevon »ideologischenReflexenund Echos«(MEW3, 26), einendeterministischen fremdung einanderbedingen:Erstwenn das Produkt der Arbeit zu einemfür den Arbeiterfremden
Charakterder Ideologieproduktion.Hinzu kommt, dass Marx und Engels,obwohl sie dem Anspruch Gegenstand,dasgesponneneProduktalsozu einem tatsächlichen»Gespinst«(MEW23, 195) wird,
nach historischvorgehen,letztlich in rein ontologischenBestimmungenverharren,die nichts ande- können auch die Gedankenzu bloßen,verselbstständigtenGespinstendes Gehirnswerden. Dies
res aussagen,als die essentialistischeGattungsbestimmung, die sie bei Feuerbachkritisieren. wird im weiterenVerlaufjedoch noch deutlicher.
48 Althussernimmt diese Formulierungauf, um Ideologieanthropologischin das Subjekt zu verlegen: 52 Eagleton,Terry:Ideologie(2000), 93.
Die Eigenartder Ideologiebestehe nämlich geradedarin, dasssie »omnihistorischeRealität« habe 53 Zur Diskussionder camera obscura-Metapher,vgl. Hall, Stuart/Haug,WolfgangF./Pietilä,Veikko:
und in der »sogenanntengesamtenGeschichtepräsentist« (Althusser,Louis:Ideologieund ideolo- Die Camera obscura der Ideologie (1984), Haug, Wolfgang F.: Cameraobscura (2004), Kofman,
gischeStaatsapparate[20111,74). Sarah/Straw,Will: Cameraobscura(1999), Mitchell, WilliamJ. T.: lconology(2009).
49 Vgl.Bohlender,Matthias:Die Herrschaftder Gedanken(2010), 45. 54 Haug,WolfgangF.:Cameraobscura(1994), 432.

26 27
det in der Wahrheitder materiellen Verkehrsform: Erst aufgrund der gesellschaft- das Dispositiv gesellschaftlicher Herrschaft eingeräumt ist.«58 Insofern beinhaltet
lichen Teilung in materielle und geistige Arbeit »kannsich das Bewußtsein wirk- der Begriff der Arbeitsteilung in der DeutschenIdeologieimmer zugleich auch
lich einbilden, etwas Andres als das Bewußtsein der bestehenden Praxis zu sein« verschiedene herrschaftstheoretische Implikationen: Erstens ist mit der Teilung
(ebd., 31). Die Bildung einer »reinen Theorie« (ebd.), der Idealismus der deut- der Arbeit auch die ungleiche Verteilung der Arbeit ausgedrückt - »Teilung der
schen Philosophie, wird »aus dem Zusammenhang mit der Illusion der Ideo- Arbeit und Privateigentum sind identische Ausdrücke« (ebd., 32). Die qualita-
logen überhaupt« rekonstruiert, »die sich ganz einfach erklärt aus ihrer prakti- tiv ungleiche Spaltung der Tätigkeiten beinhaltet somit auch die Möglichkeit der
55
schen Lebensstellung, ihrem Geschäft und der Teilung der Arbeit« (ebd., 49f.). Aneignung fremder Arbeitskraft. Zweitens impliziert dies die Bildung von Klas-
Die Hypostasierung des Ideellen durch die Philosophen samt ihrer Tätigkeit, die sen, die untereinander in Widerspruch geraten können, da »der Ge.nuß und die
Wirklichkeit in die Abstraktion des Begriffs zu entäußern, ist begründet in der Arbeit, Produktion und Konsumtion, verschiedenen Individuen zufallen« (ebd.).
»Struktur ihres Tätigkeitsfeldes." Ihr »Geschäft« ist per definitionemder feh- Dieser Widerspruch der besonderen Individuen zueinander wird dann drittens
lende Bezug zu den tatsächlichen Verhältnissen. Mit der Auflösung der Unge- aufgehoben im Allgemeinen des Staates als »illusorische Gemeinschaftlichkeit«
schiedenheit von Praxis und Bewusstsein, 57 der wirklichenVerselbstständigung (ebd., 33). Daraus ergibt sich dann schließlich viertens die Totalität einer »Ent-
von intellektueller und gesellschaftlicher Produktion, erscheinen die selbstprodu- fremdung« der Individuen, in der die »soziale Macht[ ... ] als eine fremde, außer
zierten Verhältnisse (d.h. nicht nur die Philosophie, sondern ebenfalls Staat, Reli- ihnen stehende Gewalt« (ebd., 34) erscheint - denn das Zusammenwirken der
gion etc.) als Resultat fremder Mächte und Instanzen. Individuen untereinander ist nicht freiwillig, sondern folgt einer gleichsam blin-
Die Ausdifferenzierung in spezialisierte Tätigkeiten meint in diesem Zusam- den »Naturwüchsigkeit«. 59
menhang nicht bloß das horizontaleNebeneinander besonderer Aufgabenbe-
reiche; diese sind vielmehr eingegliedert in die Totalität einer vertikalenGesell- Nachdem Marx und Engels die Verselbstständigu.ng der Ideologie und deren
schaftsspaltung, so dass »die Verselbstständigung des Bewusstseins [ ... ] durch materielle Manifestation, die »ideologische Superstruktur« (in Gestalt der Phi-
losophie, Religion, des Staates, etc.), aus der »Wahrheit« einer arbeitsteilig orga-
nisierten Klassengesellschaft hergeleitet haben, widmen sie sich der »Herrschaft
55 Bourdieunahm in DasreligiöseFeld diese Passagezum Anlass,um die hierarchischeAusdifferen-
zierungdervorkapitalistlschenGesellschaftenin Priesterschaftund Laientumdurch das Vorhanden-
der Gedanken«. Das Ineinandergreifen
von Klassen-und Gedankenherrschaft
ist
sein von »objektivenRelationen«zu begründen.DieSpaltungin geistigeund körperlicheArbeit bil- für Marx und Engels zur Erklärung hegemonialer Prozesse von zentraler Bedeu-
det so »den Untergrundfür das ,typische, Handelnder Beteiligten«(Bourdleu,Pierre:Dasreligiöse
Feld[20001,118).Die Konstituierungeines religiösenFeldesist demnach»das Ergebnisder Mono- tung. Die Absicherung der bestehenden Klassenverhältnisse erfolgt, so die Auto-
polisierungder Verwaltungvon Heilgüterndurch ein KorpsvonreligiösenSpezialisten«(ebd., 56). ren, nicht bloß über die direkte Zwangsgewalt des Staates oder den »stummen
Vgl.auch Rehmann,Jan: Ideologietheorie(2004), 122.
56 ProjektIdeologie-Theorie: Theorienüber Ideologie(1979), 9. Zwang der ökonomischen Verhältnisse« (MEW 23, 765), sondern ebenfalls über
57 Das Bewusstseinist in vorarbeltstelligenGesellschaftennoch »direkterAusfluß«(MEW3, 26) des
die praktische Herstellung der »Herrschaft ihrer Gedanken« (MEW 3, 46):
materiellenVerhaltens. Die Durch-oder eben Undurchsichtigkeitder Produktionsweisehängt laut
Marxund Engelseng mit der Ideologieproduktionzusammen. Besitztder Menschdie Verfügungsge-
walt über sein Produkt,so macht er sich keine falschenIllusionendarüber,so Engels:Die Produzen-
ten »wissen,wasaus dem Produktwird: Sie verzehrenes, es verläßtihre Händenicht; und solange Die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die
die Produktionauf dieser Grundlagebetriebenwird, kann sie den Produzentennicht über den Kopf herrschenden Gedanken, d.h. die Klasse, welche die herrschende mate-
wachsen, keinegespenstischenfremden Mächte ihnen gegenübererzeugen«(Engels,Friedrich:
Der Ursprungder Familie,des Privateigentumsund des Staats[1956ff.l, 169). Und weiterhin Marx: rielleMacht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige
»Soweitder Arbeitsprozeßein rein individueller,vereinigtderselbeArbeiteralle Funktionen,die sich
später trennen.In der IndividuellenAneignungvon Naturgegenständenzu seinen Lebenszwecken
kontrolliert er sich selbst.Späterwird er kontrolliert«(MEW23, 531). AußerAcht gelassenwird an 58 Hall, Stuart/Haug,WolfgangF./Pietilä,Veikko: Die Cameraobscurader Ideologie(1984), 24. Vgl.
dieser Stelle das Verhältnisvon Naturbeherrschungund Ideologiein archaischenGesellschaften: auch die Untersuchungvon Ideologie,Alltagsverstandund Arbeitsteilungvon Haug,WolfgangF.:
Zwar stellt sich nicht das Arbeitsprodukt als fremde Macht dem Produzentengegenüber,jedoch ElementeeinerTheoriedes Ideologischen(1993), 91-115.
sehr wohl der Rohstoffder Produktion,die Natur, so dassjegliche Vorgängein der äußeren Natur 59 Marx und Engelsbenutzenden Begriffder »Naturwüchsigkeit«,um die ideologischeVerkehrungzu
durch mythischeGottheitenbewirktwurden.DiesenAspektwerdenauchAdornound Horkheimerin verdeutlichen:DiegesellschaftlicheProduktionwird nicht alsdas Ergebnisder eigenenTätigkeitauf-
der DialektikderAufklärungbetonen. gefasst,sondernsie scheintsich »naturwüchsig«selbstzu reproduzieren,vgl.MEW3, 34.

28 29
Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Ver- nur so lange ausgefochten, bis die Herrschaft selbst gefährdet ist.61 Die Rolle von
fügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Pro- subalternen Kräften, wie man im Anschluss an Gramsci sagen könnte, wird in
duktion. (ebd.) diesen hegemonialen Kämpfen, die sich bloß innerhalb der herrschenden Klasse
abspielen, kaum eine Rolle zugewiesen. Marx und Engels reproduzieren darüber
Dabei wird weniger auf die Alltagsvorstellung der Beherrschten, sondern viel- hinaus lediglich die binäre Opposition der Klassenspaltung, indem sie den »herr-
mehr auf die Materialitätdes klassenförmig organisierten Ideologischen rekur- schenden Gedanken« der »herrschenden Klasse« die »revolutionären Gedan-
riert, d.h. der ideologischen Apparate, eben die »Mittel zu geistigen Produktion« ken« einer »revolutionären Klasse« (ebd.) gegenüberstellen. Der Komplexität und
und die dazugehörigen »konzeptiven Ideologen« (ebd.). Die herrschende Klasse der immanenten Widersprüchlichkeit des Ideologischen wird dies sicher nicht
avanciert so zu einem Wahrheitsproduzenten:
Sie regelt die »Produktion und Dis- gerecht.
tribution der Gedanken ihrer Zeit« (ebd.) und bringt aufgrund der hegemonialen Trotz des Defizits, Ideologie mehr oder weniger als reinen Ausdruck der herr -
Stellung im gesellschaftlichen Gefüge mit Notwendigkeit Formen der verkehrten sehenden Klasse zu begreifen, benennt die DeutscheIdeologiedas Grundproblem
Wahrheithervor, die selbst wieder aus der Form der Produktion entspringen. ideologischer Herrschaftssicherung:
Ideologie ist an dieser Stelle folglich immer die »Ideologie der Bourgeoisie«, denn
»für die Masse der Menschen, d.h. das Proletariat, existieren diese theoretischen Jede neue Klasse [...] ist genötigt, schon um ihren Zweck durchzu-
Vorstellungen nicht« (ebd., 40). Diese Konzeption der Ideologieproduktion sug- führen, ihr Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder
geriert jedoch eine Vergesellschaftung »von oben«, welche die ideologische Ver- der Gesellschaft darzustellen, d.h. ideell ausgedrückt: ihren Gedanken die
ankerung und Wirkungsweise in den Beherrschten selbst vernachlässigt. Form der Allgemeinheit zu geben, sie als die einzig vernünftigen, allge-
Begreift man jene »Herrschaft der Gedanken« als Produktionsprozess der mein gültigen darzustellen. (ebd.)
herrschenden Ideen und Vorstellungen, so spiegelt sich in ihr auch eine Teilung
der Arbeit - nun jedoch innerhalb der herrschenden Klasse: Die Intellektuellen Die sozialen Gegensätze werden demzufolge ideell aufgehoben, indem Par-
treten als »konzeptive Ideologen« auf, »welche die Ausbildung der Illusion die- tialinteressen als allgemeine Prinzipien ausgesprochen werden. 62 Legitimation
ser Klasse über sich selbst zu ihrem Hauptnahrungszweige macht« (ebd., 46) - erhält die herrschende Klasse insofern nur, wenn sie allgemein geltende Vorstel-
sie sind demgemäß genuin »Fabrikanten« (ebd., 49) von Ideologie, während »die lungen und Einstellungen in die Subjekte verankert, die selbst nicht mehr hinter-
aktiven Mitglieder« sich zu jener ideologischen Form der Herrschaftssicherung fragt werden. 63 Ideologie setzt somit Wahrheit, sie hat die »Struktur einer Ablei-
eher »passiv und rezeptiv« (ebd., 47) verhalten. Aufgrund dieser Spaltung in den tung konkreter Regelungen aus Prinzipien (Grundideen), die ihrerseits als nicht
spezifischen Formen der Herrschaftsreproduktion kann es zu Kämpfen inner-
halb dieses hegemonialen Blockes kommen, »zu einer gewissen Entgegensetzung
61 Hall wirft Marx und Engelsan dieser Stelle vor, dass sie die »interne Fraktionierungdes ideologi-
und Feindschaft beide Teile« (ebd.). Die internen Widersprüche werden jedoch schen Universumsder herrschendenKlasse«(Hall, Stuart: Der Thatcherismusund die Theoretiker
[19891, 182) übersähen.Tatsächlichbeschränktsich die potentielleWidersprüchlichkeitder Bour-
geoisiebloßauf die Spaltungzwischender geistigenund materiellenHerrschaftssicherung und lässt
KämpfeverschiedenerIdeologischerFraktionenuntereinandergänzlichaußerAcht.
62 Rehmannsieht hier einenAnknüpfungspunktzu Gramsci- ist die Notwendigkeitder Übersetzung
von Klasseninteressen In die Formder Allgemeinheitein zentralerBestandteilder Hegemoniegewin-
nung,vgl. Rehmann,Jan: Ideologietheorie(2004), 32.
63 Im Interesseder Abschaffungder feudalen Herrschaft trafen sich die Interessender Bourgeoisie
60 In der materialistischenErkenntnistheorieSohn-Rethels,laut der »die gesellschaftlichnotwendi-
tatsächlich mit denenaller beherrschtenKlassen,so dassdie unterschiedlichenPartialinteressen
gen Denkstruktureneiner Epocheim engstenformellen Zusammenhangstehenmit den Formener hinter dem gemeinsamenantifeudalen Interessezurücktreten konnten. Die bürgerliche Ideeder
gesellschaftlichenSynthesisdieser Epoche«(Sohn-Rethel,Alfred: Geistigeund körperlicheArbeit
Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeitwar somit im Anfang nicht bloß ideologischesInstrument,
[19701, 20), wird diese Formder Herrschaftssicherungepistemologischverabsolutiert.Laut ihm sondernin ihr wurdenallgemeine,gemeinsameInteressenartikuliert. Erstnach der Konsolidierung
besteht ein konstitutiver Zusammenhangzwischen»gesellschaftlicherKlassenbindung«und der
der bürgerlichen Herrschaftwurden die »idealeder Allgemeinheit«bloß»Beschönigungder Herr-
»objektivenGültigkeitder theoretischenErkenntnis«(ebd., 110). schaft" (MEW3, 405), vgl.auch: Hauck,Gerhard:Einführungin die Ideologiekritik(1992), l lf.

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mehr ableitbar vorgestellt werden.«64 So kommt es, dass »die in den Gesetzen,der ihren funktionalen Beziehungen zur herrschenden gesellschaftlichen Macht« 66
Moralpp. ideell ausgedrückten Existenzbedingungen der herrschenden Klasse betrachtet werden können, 67
[... ] den Individuen der beherrschten Klasse als Lebensnorm entgegengehalten
werden« (ebd., 405).65 Die theoretisch verselbstständigten Handlungsnormen zei-
Ideologieals »objektiveGedankenform«im Kapital
tigen somit bestimmte Effekte im Alltagsbewusstsein der Subjekte: Da sie ideelle
Existenzbedingungen der herrschendenKlasse sind, sind sie für die Beherrschten Stand in der DeutschenIdeologienoch die Verkehrung im Bewusstseinder Sub-
eine »Beschönigung der Herrschaft« (ebd.). Den Illusionen liegt jedoch zumin- jekte im Fokus der Analyse, so wird das Konzept der Entfremdung (von den rea-
dest der Potenz nach immer schon ihr Gegenteil zugrunde - das »Bewußtsein len Existenzgrundlagen) in den ökonomischen Schriften Marxens, insbesondere
der Herrschaft« (ebd.), da die Freiheitsversprechen der Bourgeoisie letztlich nicht in den Analysen zum Warenfetischismus im Kapital,auf die gesamte Struktur
eingelöst werden können und paradoxale Subjekteffekte produzieren. der Wirklichkeitüberhaupt übertragen. 68 War die ideologische Verkehrung in der
Rekapituliert man die Dimensionen des Verkennens der realen Existenz- DeutschenIdeologienoch die falsche Spiegelung der an sich wahren Verhältnisse,
bedingungen in der DeutschenIdeologie,so verweisen diese immerfort auf die so bringt nun der reale Lebensprozess der Subjekte mit Notwendigkeit einen »fal-
Möglichkeit der Erkenntnis der Konstitutionsbedingungen des Ideologischen: schen Schein« (MEW 23, 555) hervor. Galt die Falschheit einzigfür es (für das
Erstens berühren die Fragen nach dem Verhältnis von Bewusstsein und gesell- Bewusstsein), so ist sie nun an undfür sichim Produktionsverhältnis selbst ver-
schaftlicher Praxis, Ideologie und Produktionsweise einen epistemologisch-gene- wurzelt - es kommt zu einer »Verschränkung des Wahren und Unwahren.« Die
tischenIdeologiebegriff. In ihm wird zunächst auf allgemeinster Ebene Ideologie Ursache dieser »falschen Totalität« liegt in der Entfremdung der Subjekte von
mit ihrer eigenen Wahrheit, dem materiellen Lebensprozess, konfrontiert. Die ihrem Produkt: Im Warenfetischismus erscheinen die selbstgeschaffenen Verhält-
Wahrheit eines besonderen materiellen Verhältnisses bringt sodann eine Ver- nisse als Verhältnisse von Dingen, so dass die reale Praxis in der Zirkulation der
kehrung im Bewusstsein der Subjekte hervor. Ideologie ist hier eine Inversion im Waren verschleiert wird.
Bewusstsein, welche die realen Existenzgrundlagen verkehrt spiegelt - und der Ist die Verkehrung eine Naturform des gesamtengesellschaftlichen Lebens, so
Grund dieser Verkehrung sind eben die realen Existenzgrundlagen selbst. Dies impliziert dies auch einen veränderten Blick auf die herrschaftskritischen Impli-
wird zweitens auf die bürgerliche Gesellschaft übertragen, indem das Determi- kationen des Ideologiebegriffs:Waren die »herrschenden Gedanken« in der Deut-
nationsverhältnis von idealistischer Superstruktur und kapitalistischer Produk- schenIdeologienoch rückgebunden an die herrschende Klasse, so sind sie nun
tionsweise, von dem Bewusstsein der beherrschten Klasse und ideologischem »objektive Gedankenformen« (ebd.) der herrschenden und beherrschten Klasse
Apparat der herrschenden Klasse betrachtet wird. Dieser relational-funktionale - eben all jener »in den Verhältnissen der Warenproduktion Befangenen« (ebd.,
Ideologiebegriff verweist auf die Existenz einer »Reihe von Mächten«, die die
Subjekte »bestimmen und subordinieren« (ebd., 228). Die Verselbstständigung 66 Eagleton,Terry:Ideologie(2000),99.
einer »ideologischen Superstruktur« beruht auf der realen Spaltung der Gesell- 67 Zur materiellenDeterminationder Ideologievgl. auch Therborn, Goran:ldeologyof powerand the
powerof ideology(1980).
schaft. Ideologie erscheint hier als von der herrschenden Klasse hervorgebracht, 68 Auch wenn Marx den Begriff der Ideologiein den ökonomischenSchriften nicht mehr verwendet,
die eine verkehrte Wahrheit, d.h. Allgemeinheit herstellt, um ihre Herrschaft bringt insbesondereder »Fetischcharakterder Ware«(MEW 23, 85ff.) bestimmte ideologische
Mechanismenhervor,wie z.B. die Verkehrungvon Subjekt und Objekt,die Entfremdungder Arbeit
zu sichern. Die institutionelle Verankerung der »illusorischen gemeinschaftli- oder die Verdinglichungder Produktionsverhältnisse, vgl. Marxhausen,Thomas:Fetischcharakter
der Ware(2004), 343. EinenÜberblicküber die Dimensionendes Fetischismusim MarxschenWerk
chen Interessen« (ebd., 34) bezieht sich relational auf die gesellschaftliche Spal-
gibt Erckenbrecht,Ulrich: DasGeheimnisdes Fetischismus0976).
tung der zugrundeliegenden materiellen Basis, so dass die Institutionen »in 69 Adorno, TheodorW.: Beitragzur Ideologienlehre(1972), 465. DieseAusweitungdes Ideologiebe-
griffs auf das Subjekt und Objekt(d.h. das Produktionsverhältnis)führt zu dem Postulatdes »not-
wendigfalschenBewusstseins«.DerWarenfetischismuswird so als »ökonomischeGrundideologie«
64 Haug,WolfgangF.:ZweiKapitelüber den ideologischenKlassenkampf(1976), 928. der bürgerlichenGesellschaftdeklariert (Korsch, Karl: Marxismusund Philosophie(19661, 123).
65 DieseFormulierungsteht übrigensin direktem Widerspruchzu der zuvoraufgestelltenThese,dass DerenprominentesteVertreter-Lukacs und Adorno- werden im folgendenKapitel kritisch reflek-
das Proletariatdie theoretischenEinstellungender herrschendenKlassenicht teile (vgl. MEW3, 40). tiert.

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88). Durch diese strukturelle Determination werden die Subjekte durch den Markt Der wirkliche Lebensprozess der Produzenten ist somit bestimmt durch den
unterworfen und gleichzeitig, wie Althusser es später formulieren wird, durch ihn ungegenständlichen Verwertungsprozess der Waren, sie regulieren den Gesamt-
erst konstituiert - sie sind »Charaktermasken« (ebd., 91), insofern sie Träger spezi- zusammenhang der gesellschaftlichen Planung. 74 Die Produzenten schaffen sich
fischer ökonomischer Interessen sind. Kurz: Die Verkehrung ist nun eine Grund- Produkte, die ihrer Kontrolle entzogen sind und letztlich über die Existenz ihrer
tatsache des gesellschaftlichen Lebens geworden oder: »Ideologie ist jetzt nicht eigenen Erschaffer entscheiden - dies ist die »Macht der Machwerke über die
70
mehr eine Frage der Bourgeoisie,
sondern der bürgerlichen
Gese/lschaft.« Machenden«. 75 Insofern die »Gleichheit der menschlichen Arbeiten« (ebd.) dazu
In einem ersten Schritt soll der grundlegende Charakter der universalen Ver- führt, dass die Arbeitsprodukte die sachliche Form der gleichen Wertgegenständ-
kehrung im »Fetischcharakter der Ware« (Kapital.Band 1) analysiert werden. Dies lichkeit erhalten, erscheinen »die gesellschaftlichen Beziehungen [der] Privatar-
wird in einem zweiten Schritt mit dem »Kapitalfetisch« und der »trinitarischen beiten als das, was sie sind, d.h. nicht als unmittelbar gesellschaftliche Verhält-
Formel« (Kapital.Band 3) verbunden, um schließlich die subjekttheoretischen nisse der Personen in ihren Arbeiten selbst, sondern vielmehr als sachliche Ver-
Implikationen jener totalen Form der verkehrten Wahrheit kritisch zu beleuchten. hältnisse der Personen und gesellschaftliche Verhältnisse der Sachen« (ebd., 87).
Die Grundlage der ideologischen Verkehrung im Kapital bildet die Eigen- Die gesellschaftlichen Beziehungen - und nicht das Bewusstsein - brin-
tümlichkeit, die ein »ordinäres sinnliches Ding« (einen konkreten Gebrauchs- gen folglich mit Notwendigkeit einen »gegenständlichen Schein« (ebd., 88) der
gegenstand) sobald es als Ware auftritt, in ein »sinnlich übersinnliches Ding« Waren hervor, »diese Verdrehung und Verkehrung [ist] eine wirkliche,keine bloß
(ebd., 85) verwandelt. Dieser »Rätselcharakter« 71 der Arbeitsprodukte liegt folg- gemeinte«(MEW 42, 722). Hier liegt die Crux der ideologietheoretischen Refle-
lich nicht in dem konkreten Gebrauchswert; er ist vielmehr der Warenform selbst xion im Kapital:Das Bewusstsein der Produzenten ist nicht notwendig falsch, weil
immanent, in der scheinbar selbstregulativen Zirkulation der Waren, das jeder es von der materiellen Produktion des unmittelbaren Lebens abstrahiert, sondern
bewussten gesellschaftlichen Planung entzogen ist:72 - ganz im Gegenteil - weil es mit ihm übereinstimmt. Im Warenfetisch ist die
Verkehrung Fundament der Sache selbst, so wie sie erscheint. 76 Der Warenfetisch
Das Geheimnisvolle der Warenform besteht also einfach darin, daß erscheint zunächst als recht widersprüchliches Konstrukt: einerseits ist er ein ver-
sie den Menschen die gesellschaftlichen Charaktere ihrer eignen Arbeit zerrender »mystischer Nebelschleier« (ebd., 94), andererseits aber auch objekti-
als gegenständliche Charaktere der Arbeitsprodukte selbst, als gesell- ver »gegenständlicher Schein« (ebd., 88).77 Dieser scheinbare Widerspruch löst
schaftliche Natureigenschaften dieser Dinge zurückspiegelt, daher auch sich jedoch auf, sobald man ihn als »objektive Gedankenform« begreift. Hier
das gesellschaftliche Verhältnis der Produzenten zur Gesamtarbeit als ein schlägt sich die Einheit von Subjekt und Objekt nieder: Die Verkehrung ist objek-
außer ihnen existierendes gesellschaftliches Verhältnis von Gegenstän- tiv eine Form des gesellschaftlichen Lebens und spiegelt sich in bestimmten For-
den. Durch dies Quidproquo werden die Arbeitsprodukte Waren, sinn-
lich übersinnliche oder gesellschaftliche Dinge. (ebd., 86) 74 Böhmeinterpretiert den Fetischsemiotischals »die Metapherder Metaphorikendes Kapitals«,als
reines,selbstreferentiellesZeichensystem.DerWarenfetischIst die »absoluteMetapher«des Kapi·
talismus,die notwendigeForm,In welcher er sich ausdrückt.Sowird Böhmeaber der Struktur,die
70 Eagleton,Terry:Ideologie(2000), 103. diesenScheinhervorbringt,nicht gerecht. Er reproduziertso letztlich den Warenfetischin der The-
71 Den »Rätselcharakter«,der bei Marx der Wareanhaftet, überträgt Adorno in seiner Ästhetischen orie. DassemiotischeZeichensystemdes Kapitalswird Selbstzweck,ein »dahinter«verschwindetin
Theorieauf die Kunst(Adorno,TheodorW.: ÄsthetischeTheorie[1970]). der Selbstbewegungdes Fetischs,vgl. Böhme,Hartmut: DasFetischismus-Konzept von Marx und
72 In der Forschungexistiert eine Diskussiondarüber,ob Marx den Warenfetischinnerhalb der einfa- sein Kontext(2001).
chen Warenproduktionverortet (der Fetischismusalsoein kapitalismustranszendentes Faktumist), 75 Haug,WolfgangF.:Vorlesungenzur Einführungins »Kapital«(1974), 167. Kannder Wert der Ware
oder ob dieser bloß in der kapitalistischenWarenproduktionauftritt, vgl. exemplarischDimoulis, nicht realisiertwerden,wird die privat verausgabteArbeit insoferngesellschaftlichnicht anerkannt,
Dimitri/Milios,Jannis:Werttheorie,Ideologieund Fetischismus0999); Wayne,Mike: Fetishismand ist die Existenzder Warenbesitzerunmittelbargefährdet.
ldeology:A Replyto Dimoulisand Milios(2005). 76 LarrainfasstdieseArgumentationzusammen:»First of all, it showsthat the variousforms of ideolo-
73 Marx führt hier nochmalsdie Metapher der cameraobscura an, jedoch bloß, um sie sogleich für gical distortionsin capitalist society are connected in the practical reproductionof social relations
nichtig zu erklären. Liegt ihr wesentlich ein »physischesVerhältniszwischenphysischenDingen« and their appearances[. . .J; secondly, it showsthat ideologyis neither a mere subjective creation
(MEW23, 86) zugrunde,so ist der Warenfetisch»nurdas bestimmtegesellschaftlicheVerhältnisder of the subject'simaginatlon,nor a mere impositionof realityuponthe subject's passiveconscious-
Menschenselbst,welcheshier für sie die phantasmagorischeFormeinesVerhältnissesvon Dingen ness«(Larrain,Jorge:Conceptof ideology[1979], 591.).
annimmt«(ebd.). 77 Vgl.Rehmann,Jan: Ideologietheorie(2004), 38.

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men des (notwendig falschen) Bewusstseins.78 Die verdinglichteWahrnehmung verhältnissen befangenen Agenten [... ] zu verdolmetschen, zu systematisieren
der gesellschaftlichenBeziehungen wird im Kapitalinsofern ideologiekritisch und zu apologetisieren« (MEW 25, 825). Neben der spontanen Reproduktion
dekonstruiert, denn das Kapital ist »kein Ding, sondern ein bestimmtes, gesell- des oberflächlichenScheinskapitalistischerProduktion ist es zugleichauch deren
schaftliches,einer bestimmten historischen Gesellschaftsformationangehöriges Aufgabe, den Naturalisierungseffekt im Bewusstsein der Beherrschten festzu-
Produktionsverhältnis,das sich an einem Ding darstellt und diesem Ding einen schreiben und eine »Religiondes Alltagslebens«(ebd., 838) zu konstituieren.
spezifischengesellschaftlichenCharakter gibt« (MEW 25, 822).79 Stellt sich das Erscheint das Kapitalzwar notwendig als ein »Ding«,so ist ihm doch wesent-
Kapitaltatsächlichals ein »Ding« dar, so ist die Verkehrungvon dem Bereich des lich, dass es ein bestimmtes Produktionsverhältnisist, »woder Besitzervon Pro-
geistigenin die Realität transferiert worden.80 Die Wahrheit der kapitalistischen duktions- und Lebensmitteln den freien Arbeiter als Verkäuferseiner Arbeits-
Produktionsweiseliegt - um die MarxscheIdeologiekritikauf den Punkt zu brin- kraft auf den Markt vorfindet« (MEW 23, 184). Aus dieser Versachlichungdes
gen - in der Hervorbringung eines »falschenScheins«,des Scheinsnämlich, dass Kaptialverhältnissesgehen verschiedene Dimensionen der Verkehrung hervor,
die Warenform die »Naturform des gesellschaftlichenLebens«(MEW 23, 90) sei. die Marx im dritten Band des Kapitalsdarstellt und die in der »trinitarischenFor-
JeneTotalitätder Verkehrungzeitigtspontane Denkmuster,welchedie grw1d- mel« (MEW 25,822) münden.83
legende Struktur der privaten Warenproduktion und -zirkulation verschleiern. Zunächst, so die Argumentation von Marx, wird das grundlegende Faktum
Die systemspezifische Verdinglichungwird in der Spontaneität des Bewusstseins kapitalistischer Produktionsweise,die Unterwerfung der Arbeit unter das Kapi-
als »unwandelbare«(ebd.), natürliche Verkehrsformmenschlichen Lebens über- tal, verschleiert,indem der Profit als bloßes Produkt des vorgeschossenenKapitals
haupt wahrgenommen. 81 Die Naturalisierung kapitalistischer, d.h. historisch erscheint - die Quelle des Gewinns wird in das Kapitalselbstverlegt.84 Im Kapital
begrenzter, Produktionsverhältnisse schlägt sich auch in der wissenschaftlichen ist eben die »Quelledes Profitsnicht mehr erkenntlich«(ebd.,406). Im zinstragen-
Reproduktion des »falschen Scheins« nieder: Die »Vulgärökonomie«,so Marx, den Kapitaltritt dieser »automatischeFetisch«durch die Entwicklungdes Kredit-
beginne bei den fertigen Resultaten eines historischen Entwicklungsprozesses wesensam deutlichstenhervor,als »sichselbstverwertenderWert,Geld heckendes
und verabsolutiere sie (ebd.).82 Und dies ist im Wesentlichenihre Funktion; sie Geld«, da es in dieser Form »keine Narben seiner Entstehung mehr« trägt (ebd.,
tut nichts anderes als »die Vorstellungen der in den bürgerlichen Produktions- 405). Die bloße, inhaltsloseErscheinungsform des Kapitalverhältnisses,das Ver-
hältnis des Geldes zu sich selbst, bringt den objektiven Schein hervor, dass der
78 Kuhnezieht hier eine Parallelezu Hegels Begriff des objektivenGeistes(vgl. Kuhne, Frank: Marx' Gewinn unabhängigvon der Produktion stattfinde:»Es wird ganz so Eigenschaft
Ideologiebegriffim »Kapital«[19981, 10): Hier objektiviert sich der Geistvermittels der menschli-
chen Tätigkeitin die Sphärendes Rechts, der Moralität und der Sittlichkeit. Ähnlich wie bei Marx des Geldes,Wert zu schaffen,Zins abzuwerfen,wiedie einesBirnbaums,Birnen zu
(nur unter umgekehrten,idealistischenVorzeichen)bestehthier eine Entsprechungvon Geistund tragen« (ebd.).85 Und diesgilt »nicht nur für den Kapitalisten,der hier ein besond-
Wirklichkeit.
79 Marx,Karl:DasKapital(1956bff.) res Interessehat, sich zu täuschen, sondern auch für den Arbeiter«(ebd., 177). Da
80 Vgl.Callinicos,Alex: Marxismand philosophy(1985, 1983), 130ff.
81 Als das unmittelbareEinverstandenseinmit den gegebenenVerhältnisseninterpretierteWalterBen-
der Schein(des KapitalsalsUrsprung des Profits)notwendigder Struktur des Kapi-
jamin im Passagen-Werk den Fetischcharakterder Ware. DiePassagenwurden,so Benjamin,für das talverhältnissesinhärent ist, stelltsich das Kapitalauf der Oberflächeder Zirkula-
PariserBürgertumzu »Wallfahrtsstättenzum FetischWare«(Benjamin,Walter:Das Passagen-Werk
[19821,50). Der Gebrauchswerttrete gänzlichhinter den Tauschwertzurück, indem er »einePhan- tion tatsächlichso dar, wird dies von allenBeteiligtenim Bewusstseinauch in die-
tasmagorie[eröffnetl, in die der Mensch eintritt, um sich zerstreuenzu lassen.L . .l Er überläßtsich
ihren Manipulationen,indem er seine Entfremdungvon sich und den andern genießt«(ebd., 50f.).
Bei dem Glücksversprechen der Waresetzt auch Haugin seinerKritik der Warenästhetikan. Da sich 83 Bidetgeht davonaus,dass»the placeof everydayconsciousness«im Wesentlichennicht im Waren-
der Gebrauchswerterst nachdem Kauf der Wareerprobenließe,wird der Schein- die Ästhetikdes fetischismusanalysiertwird, sondernsich vielmehr im dritten Band desKapitalsdarstellt,vgl. Bidet,
Produkts- faktisch wichtiger als das Sein (vgl.Haug,WolfgangF.: Kritik der Warenästhetik[19721, Jacques:ExploringMarx'sCapital(2007), 197ff. Ähnlichging auch Balibardavonaus, dassim Kapi-
17). Die Fixierungder Wareauf den Tauschwertführt demnachzu einem »ästhetischenGebrauchs- talfetisch»the basesfor an analyslsof the modesof subfection«angelegtsind (Balibar,Etienne:The
wertversprechender Ware«(ebd.),das Sinnlichewird zumTrägereiner ökonomischenFunktion. philosophyof Marx[20071,72).
82 Währenddie klassischeÖkonomie»auf den innern Zusammenhang«(MEW23, 95) der Produkti- 84 Vgl.Dimoulls,Dimitrl/Milios,Jannis:Werttheorie,Ideologieund Fetischismus(1999), 40.
onsverhältnisseziele, spiegelnsich in der vulgärenÖkonomiedie Oberflächenerscheinungen,d.h. 85 Daseigentümlicheam Gebrauchswertder Arbeitskraft,nämlichQuellevonWertzu sein, wird in die-
der Sphäreder Konkurrenzgeschuldetenfalschen Vorstellungen,vgl. Angelis,Massimode: Social ser phänomenalenVerkehrungganz Eigenschaftdes Geldes.Diesist wohldie höchsteFormder Ver-
Relations(1996); Kuhne,Frank:Marx' Ideologiebegriffim »Kapital«(1998). dinglichungpersönlicherVerhältnisse.

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ser Form reflektiert. Die Verkehrung ist hier zu einer Totalität geworden, zu einem Die subjektivenRechtsvorstellungen sind Produkt einer objektivenVerkeh-
Ganzen des Unwahren, dem Herrschende und Beherrschte gleichermaßen unter- rung, die in der Zirkulationssphäre stattfindet. Diese Sphäre erscheint »in der
worfen sind.86 Insofern der Kapitalist jedoch der Sphäre der Produktion gänzlich Tat [als] ein wahres Eden der angebornen Menschenrechte« (ebd., 189). Der
enthoben und im Konkurrenzkampfbefangen ist, ist er, im Vergleich zum Lohn- Lohnarbeiter ist im bürgerlichen Recht tatsächlich frei, aber in der bürgerlichen
arbeiter, gänzlich unfähig »durch den Schein hindurch das innere Wesen und die Gesellschaft zugleich auch »doppelt frei«: Er ist einerseits freies Rechtssubjekt
innere Gestalt dieses Prozesses zu erkennen« (ebd., 178). und andererseits frei von Produktionsmitteln. Gerade dieser Doppelcharakter
Resultiert diese Versachlichung, oder wie Lukacs es später nennen wird, die von Freiheit und Abhängigkeit - in der Sphäre der Zirkulation treten sich alle
»Verdinglichung« der gesellschaftlichen Verhältnisse aus dem Wesen der Wert- als gleiche Rechtssubjekte gegenüber, in der Produktion entlarvt sich jedoch die
form, so spiegelt sich in der Lohnform das Verteilungsverhältnis des erzeugten wahre »Physiognomie« (ebd., 191) der Vertragspartner, da dort die Ungleichheit
Werts und mit ihr ebenso eine Verkehrung im Bewusstsein der Subjekte. Im des Ausbeutungsverhältnisses zutage tritt - führt zu einer Stabilität bürgerlicher
ersten Band verweist Marx darauf, dass »auf der Oberfläche der bürgerlichen Herrschaft, die Zwang und Konsens gleichermaßen beinhaltet. 89 Es ist die spon-
Gesellschaft« sich der Lohn des Arbeiters als »Preis der Arbeit« (MEW 23, 557) tane Reproduktion dieser »gang und gäbe Denkformen« (ebd., 564) im Bewusst-
darstellt. So wird die Illusion erzeugt, der ganze Arbeitstag sei bezahlt und nicht sein des Einzelnen, die eine Illusion der individuellen Freiheit produziert, damit
87
lediglich der Preis der Ware Arbeitskraft. Unter den Bedingungen der Lohn- auch eine freiwillige Unterordnung unter entfremdete Herrschaftsformen provo-
arbeit erscheint demnach selbst die unbezahlte Arbeit als bezahlte. Diese völlige ziert und gleichzeitig zu einer Harmonisierung der widersprüchlichen Interessen
Verkehrung der Bestimmungen in ihr Gegenteil sind zwar »imaginäre Ausdrü- führt. 90
cke« (ebd., 559), sie sind dem Produktionsverhältnis jedoch wesentlich und ver- In der »trinitarischenFormel«(MEW 25, 822) sind nun alle Momente der
schleiern seine eigene Existenzgrundlagen: das Klassenverhältnis und die darin Mystifikation der kapitalistischen Produktionsweise aufgehoben:
begründete Ausbeutung des Arbeiters durch den Kapitalisten: 88
Im Kapital - Profit, oder noch besser Kapital - Zins, Boden - Grund-
Auf dieser Erscheinungsform, die das wirkliche Verhältnis unsichtbar rente, Arbeit - Arbeitslohn, in dieser ökonomischen Trinität als dem
macht und grade sein Gegenteil zeigt, beruhn alle Rechtsvorstellungen Zusammenhang der Bestandteile des Werts und des Reichtums über-
des Arbeiters wie des Kapitalisten, alle Mystifikationen der kapitalisti- haupt mit seinen Quellen ist [ ... ] die Verdinglichung der gesellschaftli-
schen Produktionsweise, alle ihre Freiheitsillusionen, alle apologetischen chen Verhältnisse, das unmittelbare Zusammenwachsen der stofflichen
Flausen der Vulgärökonomie. ((ebd., 562)
89 In einem Versuchder Reaktualisierungvon IdeologiekritikveranschaulichtRahelJaeggidas Paradox
der Ideologie,sie sei wahr und falschzugleich,an der Ideevon Freiheitund Gleichheit.In ihr komme,
86 Dieswird Lukacsdazu veranlassendie Verdinglichungals das Grundmomentder kapitalistischen so Jaeggi,das ParadoxideologischerVergesellschaftungzum Tragen:»Nach Marx ist die Ideologie
Gesellschaftzu beschreiben. von Freiheit und Gleichheitselbstein Faktorin der Entstehungdes Zwangsund der Ungleichheit.
87 Der Wert der Ware Arbeitskraft bemisst sich nach Marx analog zu dem anderer Waren, er ist Das heißt, dieseist produktivwirksamin einer Weisebzw. mit dem Effekt,dasssie selberan der Ver-
bestimmt durch die zur Produktion notwendigeArbeitszeit.In diesemFallmeint dies die zur Repro- kehrung der in ihr verkörpertenIdeen mitwirkt. Die normativen Idealesind also nicht etwa lediglich
duktion notwendigenLebensmittel.Der Preis der WareArbeitskraft ist immer an diesen Wertrück- noch nicht vollständigverwirklicht,sie sind in ihrer Verwirklichungverkehrt.«(Jaeggi,Rahel:Wasist
gebunden.Unter den Bedingungender Mehrwertproduktionbeinhaltetdie Arbeit nun zunächst die Ideologiekritik?[20101,274)
notwendigeoder bezahlteArbeit; der Teil, der notwendigist, um ein das Äquivalentfür den erhalte- 90 Dimoulis und Milios gehen (unter Berufung auf Althusser) sogarso weit, dasssie Ideologiegene-
nen Lohn zu erarbeiten.Dieserbemisst sich nach den Reproduktionskostender WareArbeitskraft. rell in die Sphäreder staatsbürgerlichenGleichheitverlagern:»In diesemSinneist die herrschende
Der übrigeTeilder Arbeit ist nun jedoch Mehrarbeitoder unbezahlteArbeit.Der Arbeiter erhält also Ideologieein integrierenderBestandteilder kPW, d.h. des strukturellenKernsder kapitalistischen
für seineArbeitskraftwenigerWert, als er selbst produziert,er wird ausgebeutet(vgl. MEW23, 181- Verhältnisseder BeherrschungundAusbeutung.Die herrschendeIdeologieverdecktdie Klassenver-
191). hältnisse durch ihre ,praktischeDarstellung<als Beziehungen,die sich auf die Freiheit,die Gleich-
88 DieideologischeVerschleierungdes Ausbeutungsverhältnisses reproduziertsich ebensoin der Pra- heit und den Konsens(allgemeinesInteresse)stützen«(Dimoulis,Dimitri/Milios,Jannis:Werttheorie,
xis der Beherrschten.Die Kämpfe der Arbeiterbewegungwurden »zum Großteil um die Lohnhöhe Ideologieund Fetischismus[1999], 38). Das repressiveElementder formalen Gleichheithebt auch
ausgefochten«(Rehmann,Jan: Einführung in die Ideologietheorie[20101,40) - sie bewegensich Waynehervor,denn gerade»formalequality erasesthe particularity of individuality«(Wayne,Mike:
innerhalbder illusorischenFreiheits-und Rechtsvorstellungen. Fetishismand ldeology:A Replyto Dimoulisand Milios[2005], 207).

38 39
Produktionsverhältnisse mit ihrer geschichtlich-sozialen Bestimmtheit Kapitaleigentümer, so spiegeln sich die ökonomischen Gesetze der Konkurrenz
vollendet: die verzauberte, verkehrte und auf den Kopf gestellte Welt, eben auch im Bewusstsein ihrer Agenten. An dieser Stelle kann man von einem
wo Monsieur le Capital und Madame la Terre als soziale Charaktere und immanentenIdeologieb
egriffsprechen, der die Transzendenz einer Bewusstseins-
zugleich unmittelbar als bloße Dinge ihren Spuk treiben. (ebd., 838) fälschung hinter sich lässt und Ideologie in der Wirklichkeit oder Wahrheit der
konkreten Produktionsweise verortet.
Hier dekonstruiert Marx jene »Religion des Alltagslebens« (ebd.), indem er eine Aber: Diese Wirklichkeit oder Wahrheit stellt sich unmittelbar als verkehrtedar:
fatale Subjekt-Objekt-Verschiebung aufzeigt: In ihr scheint es so, als bestimmten die
Dinge (oder: Objekte) alseigentliche Agenten das soziale Leben (der Subjekte). Diese Es erscheint[...} in der Konkurrenzallesverkehrt.Die fertige Gestalt
Verschiebung hat ihre Ursache, so Marx, darin,dass die Struktur im Bewusstsein des der ökonomischen Verhältnisse, wie sie sich auf der Oberfläche zeigt, in
Subjekts einen objektiv »falschen Schein« produziert. Zusammengefasst kommt es ihrer realen Existenz, und daher auch in den Vorstellungen, worin die
so auf struktureller Ebene folglich erstens zu einer Versachlichung bzw. »Verdingli- Träger und Agenten dieser Verhältnisse sich über dieselben klarzuwerden
chung« der gesellschaftlichen Verhältnisse; die Quelle des Werts resultiert scheinbar suchen, sind sehr verschieden von, und in der Tat verkehrt, gegensätzlich
aus einem selbstbezüglichen Verhältnis der Dinge zueinander. Ist der gesellschaftli- zu ihrer innern, wesentlichen, aber verhüllten Kerngestalt und dem ihr
che Charakter der Arbeitsprodukte zur Gänze ausgelöscht, so zeitigt dies zweitens entsprechenden Begriff. (MEW 25,219)
bestimmte Subjekteffekte, wie die Naturalisierung der selbstgeschaffenen Verhält-
nisse und damit zusammenhängend die Verschleierung (oder: Verewigung) der Ist das Imaginäre zwar die wahre, d.h. adäquate Reproduktion dessen, was
Eigentumsverhältnisse. Dies hat nun drittens folgenreiche Konsequenzen für die erscheint,so ist es zugleich die notwendig falsche Spiegelung dessen, was ist.91
Praxis der Subjekte, da die Totalität des Produktionsverhältnisses bloß fragmentiert Ideologie ist folglich die Einheit der Widersprüche, sie ist wahr und falsch
erfahren wird und es letztlich zu einer passiven Unterordnung unter die versach- zugleich. In diesem Sinne ist das Bewusstsein »falsch durch die - sogar richtige
lichte Herrschaft kommt. Auch wenn der objektive Schein durch die Wissenschaft - Spiegelung einer falschen Wirklichkeit.« 92 Das ideologische Bewusstsein kann
(des Kapitals)gebrochen werden kann, sind die Subjekte nach wie vor befangen in demnach als das bloße Abbild der Erscheinung, ohne Kenntnisnahme seiner
den »Alltagsvorstellungen«;eine Tatsache, die wie von selbst mit dem »Interesse der Bedingtheit durch, wie Marx es formuliert hat, die »wesentliche, aber verhüllte
herrschenden Klasse« (ebd., 839) identisch ist. Wie kann also Wahrheit respektive Kerngestalt« definiert werden. Es kommt zu einer »Disjunktion« 93 zwischen der
die Veränderbarkeit der Welt noch gedacht oder praktisch realisiert werden? Erscheinung, dem »falschen Schein«, und dem zugrundeliegenden Sein - die
Dinge stellen sich anders dar, als sie tatsächlich sind. 94 Der Tauschwert der Ware
Um die Frage nach der Möglichkeit einer subjektiven Praxis der Wahrheit
beantworten zu können, ist es hilfreich, die Totalität der unwahren Erscheinungs-
91 Jaeggibestimmt Ideologieebenfallsals paradoxeEinheitvon Wahrheitund Falschheit,sie liest dies
formen, wie sie sich im Kapitalverhältnis darstellen, ideologietheoretisch zu reka- jedoch vorrangig normativ. Daswahre Elementder Ideologie(z.B. das Ideal der Gleichheit)wird
unterden Bedingungender defizitärenVerwirklichungunwahr(vgl.Jaeggi,Rahel:Wasist Ideologie-
pitulieren und an das konkrete Subjektverhalten rückzubinden. kritik? [20101, 276). Damitwird siejedoch dem strukturellen,fundamentalenIdeologiebegriffMar-
Im Verhältnis von Subjekt und Struktur kommt es im Kapital zu einer xensnicht gerecht.
92 Habermas,Jürgen:Theorieund Praxis(1978), 437.
bedeutsamen Verschiebung, die das Ideologische nun nicht mehr in der Diffe- 93 Eagleton,Terry: Ideologie(2000), 102.
94 Die Unterscheidungvon ErscheinungundSein(oder, methodischgesprochen:dem Begriff)liegt der
renz, wie noch in der DeutschenIdeologie,sondern in der Einheitvon Imagina-
MarxschenMethodeals Fundamentzugrunde.Darumkritisiert er an der Methodeder bürgerlichen
tion und Wirklichkeit konstituiert. Das Imaginäre ist keine verzerrte Spiegelung Ökonomie,dass sie »die Erscheinungsformen unmittelbar, direkt als [. . .l Darstellungder allgemei-
nen Gesetzeauffaßt«(Marx, Karl: Theorienüber den Mehrwert[1956ff.J, 100, im Folgendenzitiert
oder Täuschung, sondern »objektive Gedankenform« (MEW 23, 90), die mit der als MEW26.2). DiedirekteSubsumtionder ErscheinunguntergegebeneKategorienoder Gesetzmä-
gesellschaftlichen Realität übereinstimmt. Verfolgen die Subjekte ihre Interessen ßigkeitenschließt den Widerspruchper se aus (vgl. Arndt, Andreas:Karl Marx[1985], 240). Dieser
Mangel,einen realenWiderspruchtheoretischaufhebenzu wollen, kritisiert Marx auch an Hegel,
nun im Rahmen dieser Realität, der kapitalistischen Verkehrsform, sind sie etwa der »dasBestehendealsdas absolutVernünftige«(MEW26.2, 93) ausgesprochenhabe.

40 41
evoziert bspw. die Vorstellung, dass sich die Werte in der Zirkulation bilden; der wiederum aktiv durch die Subjekte im kapitalistischen Produktionsprozess her-
Profit, dass er Produkt des Kapitals; die Lohnform, dass sie Preis der gesamten gestellt wird. Die aktive Kraft ideologischer Vergesellschaftung kommt, wie Kof-
geleisteten Arbeit sei, etc. Unter kapitalistischen Verhältnissen ist der unmittel- ler sagt, durch eine »Dialektik von Verinnerlichung und Veräußerlichung« 100

bare Lebensprozess eben der ungegenständliche Verwertungsprozess des Kapi- zustande: erscheint das gesellschaftliche Verhältnis der Personen als äußerliches
tals, der den Charakter der gesellschaftlichen Produktion auslöscht. Verhältnis der Sachen, so werden diese verdinglichten Verhältnisse als Form sozi-
Der Schein gehört wesentlich zur Struktur und die Falschheit zur Wahrheit, 101
aler Beziehungen verinnerlicht. Innerhalb des Kapitalverhältnisses agieren die
könnte man zusammengefasst schlussfolgern, so dass nun im Begriff der Wahr- Personen, wie zu Beginn schon angedeutet, als »Charaktermasken«, sie sind »nur
heit, verstanden als adaequatiorei et intellectus,negativ der Begriff der Ideologie die Personifikation der ökonomischen Verhältnisse« (ebd., 100).102 Die Integra-
aufgehoben ist: In der kapitalistischen Gesellschaft ist es gerade die Übereinstim- tionsleistung der kapitalistischen Gesellschaft liegt gerade in jener Ausprägung
mung von unmittelbarem Sein und Denken das, was man als ideologische Ver- von Individualitätsformen, der spezifischen »Physiognomie [der] dramatis per-
kehrung bezeichnen könnte. sonae« (ebd., 191), die der gesellschaftlichen Struktur angepasst sind. 103 Insofern
Es nimmt nicht weiter wunder, dass die Marxschen Fetischismusanalysen als agieren die Akteure durchaus individuell, jedoch entfaltet sich diese Individualität
Beschreibung einer ideologischen Totalität reinterpretiert wurden. Man sah den nur »soweit sie [... ] Träger von bestimmten Klassenverhältnissen und Interessen«
96
Fetischismus als »Universalkategorie« 95 oder »ökonomische Grundideologie« (ebd., 16) sind. 104
der bürgerlichen Gesellschaft an; er war die ideologische Basis, die »unterste Hier zeigt sich allerdings auch die Grenze, das verdinglichte Kapitalverhältnis
97
Sprosse der Ideologienleiter.« Tatsächlich kann der Begriff des Fetischismus mit der Form von Subjektivität in der bürgerlichen Gesellschaft in eins zu set-
produktiv genutzt werden, um die verdinglichten Herrschaftsverhältnisse des zen. Werden die Subjekte bloß noch als Träger von ökonomischen Verhältnissen
Kapitals und die durch sie konstituierten Subjektionsformen offenzulegen, wel- identifiziert, erscheint auch die Ideologieproduktion unter rein ökonomistischen
che sich gleichsam von selbst dem »stumme Zwang der ökonomischen Verhält-
98 100 Koller, Leo: Der asketischeEros(1967), 211. Koller untersuchthier vorrangigdie sozialpsychologi-
nisse« (ebd., 765) unterordnen. In diesem Sinne werden in den Alltagsvor-
sche Dimensionder Verdinglichungin der bürgerlichenGesellschaft.
stellungen der Subjekte die Gesetze der kapitalistischen Produktion (Unterord- 101 Diesbeinhaltet implizit auch die Dialektikvon Fremd-und Selbstvergesellschaftung: Die Subjekte
nung der Arbeit unter das Kapital, Konkurrenz, etc.) spontan als überhistorische werdenals freie angerufenund in diesemModusunterworfen. DerAkzentliegt hier auf dem Moment
der freiwilligenSelbstunterstellungunter den Markt,der die Personendazuzwingt,»ihre Individuali-
»Naturgesetze« anerkannt, so dass »unmittelbare Gewalt« (ebd.) nur im Ausnah- tät als ein Kreuzzu tragen«(Castel,Robert:Die Metamorphosender sozialenFrage[2000], 412).
102 Althusserliest den Markt an dieserStelleals die absoluteDeterminanteder Ideologieproduktion:Die
mefall angewendet wird. Subjektesind, insofernsie bloß»Charaktermasken« sind, »Gefangenevon Textenund Rollen,deren
Insofern lassen sich die Analysen zum Fetischismus im Kapitalideologiethe- Autorensie nicht sein können.DenndiesesTheaterist seinemWesennach ein TheaterohneAutor«
(Althusser,Louis/Balibar,Etienne:Das Kapital lesen[19721, 2601.).Althusser hebt zwar den per-
oretisch als Tiefenanalyse
weiterlesen, die neben der ökonomischen Verkehrsform formativenCharakterdes »Aufführens«der eigenenEntfremdunghervor,er reinterpretiertdie klas-
auch die konstitutiv-performative Wirkung einer versachlichten, modernen Herr- sische Rollentheorieinsofern marxistisch,konstruiertaber gleichzeitigauch eine Subjekt-Objekt-
Einheit,aus der es kein Entrinnengeben kann. Um den strukturierendenEffektder (unbewussten)
schaftsform offenlegt: Ideologie ist als »reale Illusion«99 ein Effekt der Struktur, die klassenspezifischenSozialisationerklären zu können,bezeichneteBourdieuim Übrigenin Anleh-
nung an die FormulierungAlthussersdie Funktiondes Habitusals »Orchestrierungohne Dirigenten«
(vgl.Bourdieu,Plerre:VomGebrauchder Wissenschaft[19981,29).
95 Lukacs,Georg:Geschichteund Klassenbewußtsein (1968), 260. 103 Marx betont, dass die spezifischenCharakterformender kapitalistischenGesellschaftAusdrucks-
96 Korsch,Karl: Marxismusund Philosophie(1966), 123. formen von Individualitätsind und diesenicht verhindern:»Soalbernes daher ist, dieseökonomisch
97 Habermas,Jürgen:Theorieund Praxis(1978), 205. bürgerlichenCharakterevon Käuferund Verkäuferals ewigegesellschaftlicheFormender mensch-
98 Dassdiese Argumentationauch ihre Grenzehat, ist offensichtlichund wird an spätererStelle noch lichen Individualität aufzufassen,ebenso verkehrt ist es, sie als Aufhebung der Individualität zu
ausführlichererläutert.Weniger,weil sie einem »marxistischenIdealismus«Zeugnisträgt (vgl. Alt- betränen.Siesind notwendigeDarstellungder Individualitätauf Grundlageeiner bestimmtenStu-
husser,Louis:Für Marx[1974], 180), sondernvielmehr,weil alltäglichePraxisformenmit dem Öko- fe des gesellschaftlichenProduktionsprozesses.« (Marx, Karl: Zur Kritik der politischenÖkonomie
nomismusder Fetischanalysennicht hinreichend erklärt werden können.Dies veranlasstebspw. [1956ff.J,76f.)
Haugdazu,erst von Ideologiezu sprechen,wenn die im FetischismushervorgebrachtenGedanken- 104 Sèveentfaltet auf dieser Grundlageeine marxistischePersönlichkeitstheorie, die, auch in Kritik am
formen mit den ideologischenMächtenbzw. Institutionenrückgebundenwerden(vgl. ProjektIdeo- Strukturalismus,allgemeineFormenvon Individualitätbeschreibt,»notwendigeAktivitätsmatrizen,
logie-Theorie:Theorienüber Ideologie[19791,1861.l die den IndividuenobjektivbestimmtegesellschaftlicheCharaktereaufprägen«(Sève,Lucien:Mar-
99 Haug,WolfgangF.:ElementeeinerTheoriedes Ideologischen(1993), 51. xismusund Theorieder Persönlichkeit[19721,267).

42 43
Vorzeichen. Sie ers1=heinenin ihrer strukturellen Determination nur als »passive sehen Verkennen und Erkennen, indem Ideologie dem wahren, d.h. wirklichen,
105
Rezipienten bestimmter objektiver Wirkungen« , so dass den widersprüch- Lebensprozess entgegengesetzt wird. Was ist nun angesichts dessen aber das Kri-
lichen ideologischen Anrufungen des Alltagslebens (auch durch ideologische terium der Wahrheit?
Apparate wie Staat, Recht oder Religion) in keinster Weise Rechnung getragen Die Praxisselbst, könnte man sagen. Das Ideologische reißt Denken und Sein
wird. Ist jede Handlung per se Ausfluss der versachlichten, ökonomischen Herr- auseinander, indem das eine gegenüber dem anderen hypostasiert wird. Wahr-
schaftsform, jede Form der Individualität also bloß eine »Maske«, d.h. Illusion, so heit ist hingegen ein Entsprechungsverhältnis,adaequatiorei et intel/ectus,eine
wird die freie Entscheidungsfähigkeit des Individuums (sind sie doch nur unter- Einheit von Subjekt und Objekt - die nach Marx immer in der Praxis gestiftet
worfene Subjekte), gar die Möglichkeit einer verändernden Praxis gänzlich ausge- wird, So die zweite Feuerbach-These:
löscht. In dieser Immanenz der Subjekt-Objekt-Totalität erscheint eine Praxisder
Wahrheitgänzlich unmöglich. Der »stumme Zwang« der Verhältnisse schließt Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit
aber nicht unmittelbar ein interessengeleitetes Handeln aus, das sich durchaus zukomme - ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktischeFrage.
auch gegen die Logik der Kapitalverwertung richten kann; entspringt schon die In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und
je spezifische »Charaktermaske« einem Antagonismus, der das Verhalten der Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. (Th. 2, MEW 3, 5)
Subjekte in der ökonomischen Struktur bestimmt. Treten sich zwei Personen als
»Charaktermasken« gegenüber, so ist die Negation des einen durch den anderen In den Thesenüber Peuerbachdrückt sich eine entscheidende epistemologi-
106
immer mitgedacht. Spiegelt sich in der Form der Subjektion immer sogleich sche Verschiebung aus, War der Feuerbachsche Materialismus noch befangen in
auch die real vorhandene Widersprüchlichkeit, wird die verdinglichte Totalität der kontemplativen Anschauung, fasste er den »Gegenstand, die Wirklichkeit,
aufgebrochen durch die Gegensätzlichkeit der subjektiven Interessen. An dieser Sinnlichkeit, nur unter der Form des ObjektsoderderAnschauung«(Th. 1, ebd),
Stelle kann eine Praxisder Wahrheitanheben - als Negation der verdinglichten und betrachteteder klassischeIdealismus zwar die »tätigeSeite« (ebd.), jedoch
Verhältnisse. nur als reinen Bewusstseinsakt, so sollen nun beide Positionen miteinander ver-
schränkt werden. Der grundlegende Gehalt der Feuerbach-Kritik ist, dass objek-
tive Realität kein bloßes Faktum darstellt, sondern vielmehr als historisches Pro-
Das Wahre ist das Ganze,das Ganzeist das Wahre
dukt menschlicher Tätigkeit aufgefasst werden müsse, da »die Produktionsweise
Wurden in den vorangegangen Kapiteln primär die Formen des Ideologischen des materiellen Lebens [... ] den sozialen, politischen und geistigen Lebenspro-
untersucht, so stellen wir uns nun die Frage, inwiefern in ihnen eine Theorie zeß überhaupt« (MEW 13, 8f.) bedinge. Die Praxis der Subjekte ist in dieser Hin-
107
der Wahrheit aufgehoben ist. Es ist zunächst hilfreich, die Argumentation der sicht nicht bloß subjektiv, sondern objektiv in der konkreten Produktionsweise
DeutschenIdeologiezu rekapitulieren. Konstitutiv für sie ist ein Dualismus zwi- der Gesellschaft verortet. Die Objektivitätdes Denkens, insofern sie von dem Pri-
mat der Theorie als Wahrheitsgaranten ausgeht, ist nunmehr bloß noch eine »rein
105 Eagleton,Terry:Ideologie(2000), 105.
106 Haug liest den Antagonismusder gegensätzlichenCharaktermaskenhier parallel zu dem Herr- scholastischeFrage« (Th. 2, ebd.). Es gilt stattdessen die Objektivierungdes Sub-
Knecht-Verhältnis der Phänomenologiedes GeistesHegels,vgl. Haug,WolfgangF.:Charaktermaske jekts in der Praxis zu betrachten, »an die Stelle des Erkenntnisverhältnisses der
(1994), 442. Marx selbst beschreibtdies an dem Beispieldes Kaufsbzw.Verkaufsvon Waren:»In
jeder der beiden Phasenstehn sich dieselbenzweisachlichenElementegegenüber,Wareund Geld Anschauung [tritt] das Verhältnis der gegenständlichen Tätigkeit.« 108 Was ver-
- und zwei Personenin denselbenökonomischenCharaktermasken,ein Käuferund ein Verkäufer«
steht Marx nun unter dem Begriff Praxis?
(MEW23, 163).
107 Marx und Engelshaben selbst keine systematischeTheorie der Wahrheit herausgearbeitet.Im Sie entfaltet sich in dreifacher Weise: Sie ist gegenständliche,zwecksetzende
Folgendengeht es auch weniger um die Vollständigkeitverschiedener, teils widersprüchlicher
Wahrheitsbestimmungen,die das Werkder beidenAutoren durchzieht, sondern um die generelle und letztlich auch subjektsetzendeTätigkeit. Zunächst muss der Mensch sich
Möglichkeitvon WahrheitangesichtsentfremdeterVerhältnisse.Zu einer marxistischenWahrheits-
theoriesiehe:Schaff,Adam: Theorieder WahrheitVersucheiner marxistischenAnalyse(1971) und
Schwarz,Philipp:MarxistischePhilosophie(1976). 108 Holz,HansH.: DasFeldder Philosophie(1997), 40.

44 45
selbst reproduzieren, indem er seine Lebensmittel produziert. Er bearbeitet betrachtet wird, oder wie Horkheimer formuliert: »Nur soweit das Individuum
die Natur, schafft sich selbst einen Gegenstandzur Befriedung seiner Bedürf- am Ganzen teil hat, in dem es lebt - oder vielmehr: nur soweit das Ganze im Indi-
nisse. Diese »erste geschichtliche Tat« (ebd., 28) ist vermittelt durch die Arbeit, viduum lebt, hat das Individuum Wirklichkeit.« 113
Was ist nun aber, wenn sich
sie bewirkt eine Formveränderung der Natur, die zweckgerichtetist, denn »am dieses Ganze, als das Unwahre herausstellt und die Praxis Falsches hervorbringt?
Ende des Arbeitsprozesses kommt ein Resultat heraus, das beim Beginn dessel- Rekapituliert man die Fetischanalysen im Kapital,so scheint es, dass das zuvor
ben schon in der Vorstellung des Arbeiters, also schon ideell vorhanden war« Gesagte nun einer paradoxen Verkehrung unterliegt: In der kapitalistischen Pro-
(MEW 23, 193). Der Mensch bringt sich dadurch letztlich selbsthervor, indem er duktion ist es gerade die aktive Hervorbringung der Wirklichkeit, d.h. die Pro-
die Bedingungen seiner selbst produziert - er vergegenständlicht sich in den der duktion von Waren, welches in ihrer bloßen Erscheinungsform ein System der
»zwecksetzenden Tätigkeit« (ebd.). Die Arbeit schafft zunächst einen Gegenstand Falschheit hervorbringt, in dem die eigenen Produkte autonom interagieren und
für das Subjekt, dadurch aber auch ein neuartiges Subjekt für den Gegenstand. In in ihrer Zirkulation eine eigene, »falsche« Totalität bilden. Da die ideologische
der Bearbeitung der Welt schafft der Mensch sich eine Wirklichkeit, d.h. Wahr- Verkehrung in der Wirklichkeit stattfindet, indem nun das Resultat der Arbeit
heit, die selbst wieder auf ihn zurückwirkt und ihn verändert: »Indem er durch (das Kapital) dieselbe beherrscht, statt umgekehrt, kann die unmittelbare Praxis
diese Bewegung auf die Natur außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er der Subjekte nicht mehr direkt als Wahrheitskriterium fungieren. In ihrer Unmit-
zugleich seine eigne Natur« (ebd., 192). Nichts anderes meinen Marx und Engels telbarkeit ist sie gebunden an die konkrete Produktionsweise und reproduziert
damit, wenn sie in der DeutschenIdeologievon der Seinsbedingtheit des Indivi- ihren falschen Schein, der dann spontan im Bewusstsein reflektiert wird.
duums ausgehen. Der transzendente Wahrheitsgehalt wird in die Immanenz des Die Erscheinungsformen dieses Produktionsverhältnisses, wie bspw. der Pro-
wirklichen Seins übertragen, da, so die Lesart Sartres, »das [... ] Handeln zugleich fit als Phänomenon des Mehrwerts, verlieren jedoch ihr autonomes Eigenleben,
Enthüllung der Wirklichkeit und Veränderung dieser Wirklichkeit ist.« 109 sobald sie als Teilmomente einer umfassenden Totalität, d.h. des Ganzen der kapi-
Somit werden abbildtheoretische Interpretationen dem Marxschen Wahr- talistischen Produktion wahrgenommen werden. In dieser, zunächst theoretisch-
heitsbegriffs nicht gerecht, wenn sie objektive Wahrheit bloß als adäquate Wider- methodischen, Betrachtung verlieren sie ihren »falschen Schein« - Wahrheit
spiegelung des Objekts im Bewusstsein des Subjekts begreifen. 110 Die genuine wird im Kapitalund den ökonomischen Schriften gewonnen durch die Methode.
Bestimmung der Wahrheit als Praxis vereint vielmehr die widersprüchlichen Das Resultat ist nun eben nicht mehr, »daß Produktion, Distribution, Austausch,
Elemente in sich, es ist - um mit Hegel zu sprechen - die Bewegung des »Sich- Konsumtion identisch sind, sondern daß sie alle Glieder einer Totalität bilden,
anderswerden mit sich selbst«: 111 das Individuum setzt sich in der Arbeit seine Unterschiede innerhalb einer Einheit« (MEW 13, 630). Der Mangel der bürger-
eigene Wirklichkeit und steht ihr gegenüber, so dass die Wahrheit als geworde- lichen Ökonomie bestand nach Marx eben genau darin, dass sie die Erscheinun-
nes Resultat, als »ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse« (Th. 6, MEW 3, gen unmittelbar abstrahiert und als Begriffe fixiert hat, so dass die Verkehrung
5) erscheint. In der DeutschenIdeologieund den Thesenüber Peuerbachgilt das in der Wissenschaft bloß reproduziert wurde. Die durch die abstrakten Katego-
Hegelsche Diktum, dass »das Ganze[ ... ] das Wahre« 112 sei, wonach die Wirk- rien konstatierte Natürlichkeit und Ewigkeit der kapitalistischen Gesellschaft soll
lichkeit nur adäquat erfasst werden könne, wenn sie in ihrer gewordenen Totalität hingegen dekonstruiert werden. 114 Da die »Sache selbst« sich in der bürgerlichen
Produktions- und Begriffsordnung als Falsche darstellt, muss sie in ihrem Ver-
109 Sartre,Jean-Paul:Der Existentialismusist ein Humanismus(2000), 233. mittlungsverhältnis dargestellt werden, in einer dialektischen (d.h. widersprüch-
110 Vorallen Dingenin dem Versuchder diskurstheoretischenAnsätze,den marxistischenIdeologiebe-
griff zu überwinden,wird diese Verkürzungals selbstkonstruierterVorwurfvorgetragen,vgl.exempla- lichen) Totalität. In Anlehnung an die Hegelsche Methode resümiert Marx daher:
risch Barrel!, Michele:The polltics of truth (1991).
111 Vgl.Hegel,GeorgW. F.: Phänomenologiedes Geistes(1986), 23. Der MarxscheWahrheitsbegriffist
113 Horkheimer,Max:Die gegenwärtigeLage der Sozialphilosophieund die Aufgabe eines Instituts für
methodisch(wenn auch unter anderen,nämlich materialistischenVorzeichen)an HegelsFormulie-
Sozialforschung(1988), 24.
rung,die Substanzsei wesentlichSubjekt,angelehnt.Auch er ist das Resultatoder die Einheitwider-
114 Marx kritisiert bspw. den „natürlichen Preis« bei Smith, da er den Preisals gegebenaufnimmt, so
sprüchlichenMomente.
wie er erscheint (vgl. MEW26.2, 216). Zur Destruktiondes natürlichenBewusstseinsin der Marx-
112 Ebd.,24.
sehenÖkonomiekritikvgl. auch Arndt, Andreas: Karl Marx (1985), 239ff.

46 47
Das Konkrete ist konkret, weil es die Zusammenfassung vieler Engels beschreibt die Dekonstruktion des »falschen Scheins« zunächst als
Bestimmungen ist, also Einheit des Mannigfaltigen. Im Denken erscheint Auflösung der verdinglichten Verhältnisse in gesellschaftliche: »Die Ökonomie
es daher als Prozeß der Zusammenfassung, als Resultat, nicht als Aus- handelt nicht von Dingen, sondern von Verhältnissen zwischen Personen und
gangspunkt, obgleich es der wirkliche Ausgangspunkt und daher auch in letzter Instanz zwischen Klassen; diese Verhältnisse sind aber stets an Dinge
der Ausgangspunkt der Anschauung und der Vorstellung ist. (ebd., 632) gebundenund erscheinenals Dinge«(MEW 13, 476). 116 Führt man die ökono-
mischen Kategorien und mit ihnen die Formen der versachlichten Erscheinung
Während im »natürlichen Bewusstsein« der Produktionsagenten die Phä- zurück auf das Ganze der menschlichen Beziehungen, so wird die konkreteWahr-
nomene bloß abstrakt, d.h. isoliert, erscheinen, kommt es in der dialektischen heit der kapitalistischen Produktionsordnung sichtbar: Das Verhältnis der Waren
Methode der Ökonomiekritik darauf an, sie konkret, d.h. vermittelt, darzustel- zueinander schließt nun Verhältnisse mit ein, die nicht die Beziehung der Dinge
len. Der »wirkliche Ausgangspunkt« bleibt dabei, im Gegensatz zum Hegelschen zueinander sind, sondern deren Fundament bilden. Der Wert der Ware ist bspw.
Idealismus, das real Konkrete, »die Methode, vom Abstrakten zum Konkreten keine fixe Eigenschaft des Dings, sondern die darin vollzogene Gleichsetzung
aufzusteigen, [ist] nur die Art für das Denken, sich das Konkrete anzueignen, es menschlicher Arbeit. Die Abstraktion vom konkreten Gebrauch liegt begründet
als ein geistig Konkretes zu reproduzieren« (ebd.). Es geht also letztlich darum, in dem gesellschaftlichen Verhältnis, in welchem die Individuen zueinander im
die Wahrheit eines bestimmten Produktionsverhältnisses darzulegen und kein Produktionsprozess stehen - indem diese nämlich »individuell und unabhängig
abstraktes System der Begriffe aufzustellen. Diese Wahrheit des Konkreten, der voneinander gesellschaftlich [... ] arbeiten.« 117 War die allgemeineBestimmung
Gegenstand wie er an undfür sich ist, lässt sich demzufolge nur erkennen, wenn der Wahrheit, die Einzelmomente in ein in sich widersprüchliches Ganzes aufzu-
dieser in seiner Funktioninnerhalb des Ganzen dargestellt wird. 115 lösen, so ist nun die konkreteBestimmung, dass dieses Ganze ein gesellschaftli-
Dieses Ganze erweist sich jedoch als ein System der Differenz, des realen ches und dieses Gesellschaftliche ebenfalls ein Negationsverhältnis ist: »Der kapi-
Widerspruchs. Die Teilmomente der kapitalistischen Produktion stehen qua ihrer talistische Produktionsprozeß, im Zusammenhang betrachtet oder als Reproduk-
Funktion zugleich imme .r auch in einem Negationsverhältnis zueinander. Die tionsprozeß, produziert also nicht nur Ware, nicht nur Mehrwert, er produziert
Ware kann als Sediment dieses Widerspruchsverhältnisses betrachtet werden, sie und reproduziert das Kapitalverhältnis selbst, auf der einen Seite den Kapitalis-
ist Gebrauchswert und Tauschwert in einem, die Einheit der sich ausschließenden ten, auf der andren den Lohnarbeiter« (MEW 23,604). Verdeckt die ideologi-
Bestimmungen. So schließt die widersprüchliche Notwendigkeit, dass die Waren sche Verkehrung der Erscheinungsformen das gesellschaftliche Fundament, die
sich als Werte realisieren müssen, um sich als Gebrauchswert realisieren zu kön- Subsumtion der Arbeit unter das Kapital, so kann nun die Methode im Kapital
nen und umgekehrt (vgl. MEW 23, lOOf.),den gesellschaftlichen Charakter dieses als eine Form der Ideologiekritik gelesen werden, welche die zugrundeliegenden
Gegensatzverhältnisses mit ein: »Diese gegensätzlichen Formen der Waren sind die Widersprüche und damit einhergehend die Herrschaftsverhältnisse der kapita-
wirklichen Bewegungsformen ihres Austauschprozesses« (ebd., 119). Die Wahr- listischen Produktionsordnung offenbart. Die Phänomene der kapitalistischen
heit ist also zu suchen in einem GanzenderBeziehungen
und dieses Ganze erweist Warenproduktion können so nicht mehr als allgemeine Prinzipien verabsolutiert
sich als immanent widersprüchlich. Das Negationsverhältnis äußert sich aber nicht werden, da sie auf das Ganze einer historischen und somit transitorischen Herr-
bloß in den Erscheinungsformen des Werts, den verdinglichten Beziehungen der schaftsordnung rückgeführt werden.
Warenproduktion, sondern ist strukturell im Kapitalverhältnis angelegt. Wenn wir die bisherigen Ausführungen nochmals reflektieren, können wir
folgenden festhalten: Die ideologietheoretischen Versuche von Marx und Engels,
115 Lukacsstellt in Geschichteund Klassenbewußtsein die Betrachtungdes Ganzenals entscheidendes welche die freiwillige Unterstellung unter eine entfremdende Herrschaft zu erklä-
Moment des Erkenntnisgewinnsfür eine revolutionärenPraxisdar: »DiesedialektischeTotalitätsbe•
trachtung, die sich scheinbar so stark von der unmittelbarenWirklichkeit entfernt, [ .. .l ist in Wahr-
heit die einzigeMethode,die Wirklichkeit gedanklichzu reproduzierenund zu erfassen.Die konkrete 116 So Engelsin einer Rezensionüber MarxensZur Kritik der PolitischenÖkonomie;Engels,Friedrich:
Totalität ist alsodie eigentliche Wlrklichkeitskategorie«(Lukacs,
Georg:Geschichteund Klassenbe- Karl Marx,»Zur Kritik der PolitischenÖkonomie«(1956ff.).
wußtsein[1968]. 181). 117 Arndt, Andreas:Karl Marx(1985), 255.

48 49
ren versuchen, enthalten implizit und an mancher Stelle auch explizit einen ren und führt zu einem Erkennen der Situation, welches über die Partialität die-
positiven Gegenentwurf, wie Wahrheit zu denken und letztlich praktisch her- ser Situation auf das Ganze transzendiert. Die »Stillstellung der Dialektik der
zustellen sei. In der DeutschenIdeologieist das Ideologische eine Inversion im Negativität« 119, die durch die ideologische Herrschaftssicherung gestiftet wird ,
Bewusstsein, in welcher sich die eigene Lebensgrundlage verkehrt darstellt. In der kann in der konkreten Praxiserfahrung aufgebrochen und die Gesellschaft als
Frage nach der Konstitution des Subjekts und dessen Praxis wird die Ideologie widersprüchliche Realität erkannt werden. 120
mit ihrer Wahrheit konfrontiert. Trennt das Ideologische Sein und Bewusstsein,
so stiftet Praxis als die wirkliche Grundlage des menschlichen Seins die Einheit.
In den Thesenüber Peuerbachist Wahrheit kein Fakt, sondern ein geschichtli-
ches Produkt des Subjekts, Wahrheit ist die aktive Hervorbringung der Wirk-
lichkeit. So wird die ideologische Verkehrung schon in der DeutschenIdeologie
rückgeführt auf ihre materielle Grundlage: Nur aufgrund der Ausbildung einer
idealistischen Superstruktur, welche auf der Scheidung von Hand- und Kopfar-
beit beruht, »kann sich das Bewußtsein wirklich einbilden, etwas Andres als das
Bewußtsein der bestehenden Praxis zu sein« (MEW 3, 31). Diese Argumentation
wird auch in den Fetischanalysen des Kapitalsweitergeführt, insofern die ideo-
logische Verkehrung (der Fetisch der Ware, etc.) aus der Struktur der Wirklich-
keit resultiert. Die Frage nach dem determinierenden Einfluss der Struktur wird
nun Ausgangspunkt der für die Genese von Wahrheit. Die einzelnen Phänomene
der kapitalistischen Produktionsordnung werden im ideologischen Bewusstsein
fetischisiert, sie besitzen als isolierte Erscheinungen ein scheinbar autonomes
Eigenleben. Erst die methodische Rückführung der isolierten Phänomene auf das
widersprüchliche Ganze der Struktur löst diese Verkehrung auf. Das Programm,
welches der junge Marx der Philosophie vorschrieb, wird nun von der Methode
der Ökonomiekritik übernommen, nämlich »die Selbstentfremdung in ihren
unheiligenGestaltenzu entlarven« und so zugleich »die WahrheitdesDiesseitszu
etablieren « (MEW 1, 379). Die beiden Bestimmungen von Wahrheit, sie sei ers-
tens im wesentlichen Praxisund zweitens das Ganze der Verhältnisse, müssen
nicht isoliert voneinander betrachtet werden, sondern können in der Frage nach
der Einheit von Subjekt und Struktur zusammen gedacht werden: Die Spaltung
von »erkennendem«Bewusstsein, das die Gesellschaft wissenschaftlich-metho-
disch als Totalität zu reflektieren vermag, und einem »performativen«Bewusst-
sein, das die Verhältnisse dynamisch durchdringt und diese dadurch verändert,
kann durch die Kategorie der aktiven Selbstreflexionsynthetisiert werden. 118 In
der Praxis wird demnach das strukturelle Widerspruchsverhältnis konkret erfah-
119 Marcuse,Herbert:Ideenzu einerkritischenTheorieder Gesellschaft(1969), 185.
120 Dies führt auf direktem Wegzu Lukacs, der diesen universellen Standpunkt dem Proletariat
118 Vgl.Eagleton,Terry:Ideologie(2000), 112. zuschreibenwird.

50 51
IdeologiealsVerdinglichung
oder:Das Ganzeist das
Unwahre(Lukacs,Adorno/
Horkheimer)

Die Marxsche Ideologietheorieendet mit einer Verschiebungder Konstitutions-


bedingungen falschen Bewusstseins,indem nun nicht mehr die Hypostasierung
des Bewusstseins,sondern der reale Lebensprozessmit Notwendigkeiteinen »fal-
schen Schein« (MEW 23, 555) ideologischer Vergesellschaftunghervorbringt.
Das fetischisierteBewusstseinhat seinen Grund in den kapitalistischenProduk-
tionsverhältnissen, die die selbstgeschaffenenVerhältnisseals Verhältnissevon
Dingen erscheinenlassen. Interpretierenwir die Kapitalanalysevon Marx ideolo-
gietheoretisch,bringt sie ein dialektischesVerhältnisvon gesellschaftlicherWahr-
heit und Falschheithervor: Der entfremdende Produktionsprozessder kapitalis-
tischen Formation bringt als ganzer ein falschesBewusstseinhervor, das in der
Wahrheit eben jener Struktur begründet ist. Genau diese Argumentation schrei-
ben Lukacsund Adorno/Horkheimer fort: Für sie ist die Entstehungdes moder-
nen Subjekts aufs Engste mit der Struktur des kapitalistischen Warenverkehrs
verknüpft.
Lukacs als auch Adorno/Horkheimer standen nun - im Gegensatzzu Marx
- einer entfalteten kapitalistischenProduktionsweisegegenüber,die trotz ihrer
immanenten Krisenhaftigkeit in den westlichen Ländern Stabilität besaß. Die
Ursache, warum ein revolutionärer Umsturz der entfremdenden Verhältnisse
ausblieb,sahen sie in der vollen Entfaltungjener fetischisierendenPrinzipien der
Warenproduktion,wie Marx sie analysierthat. Mit der »Verdinglichung«,die aus
der Warenform entspringt und die kapitalistischenVerhältnisseals sachlichund
ewig erscheinenlässt, versuchteLukacsdas Scheiterneiner sozialistischenRevo-
lution nach dem Ersten Weltkriegzu erklären.Adorno und Horkheirnerbegrün-
deten den deutschen Faschismusebenfallsdurch eine »entfesseltenKommodifi-

53
zierung« des gesamten gesellschaftlichen Seins, die bis in die Tiefenstruktur der der Möglichkeit von Wahrheit angesichts der totalen Herrschaft des Falschen zu
Subjekte eindringt und alle Subsysteme der kapitalistischen Gesellschaft verein- konfrontieren.
heitlicht. Die Bruchstellen der kapitalistischen Gesellschaftsformation wurden
demnach, so die Autoren, erfolgreich mit dem Kitt einer neuen Ideologie beho-
ben, der Ideologie der »Verdinglichung«. Die Universalkategorieder Verdinglichungin Geschichte und
Lukacs hebt demzufolge mit den Fetischanalysen Marxens an und begrün- Klassenbewusstsein (Lukacs)
det das falsche Sein der Gegenwart mit der Warenstruktur, wie wir im folgen- Die strukturelle Pathologie moderner kapitalistischer Gesellschaften führt
den Kapitel sehen werden. Durch die Warenstruktur erscheint den Subjekten 121
Lukacs in Geschichteund Klassenbewußtsein auf ein einheitsstiftendes Prin-
ihre eigene Tätigkeit als etwas Objektives, von ihnen Unabhängiges; die selbstge- zip ideologischer Verkehrung zurück, der Verdinglichung. 122
Verdinglichung
schaffene Umwelt erscheint ihnen »verdinglicht.« Diese Argwnentation spitzen kann zunächst allgemein als ein Prozess der Heteronomie beschrieben werden:
Adorno und Horkheimer zu, indem sie die verdinglichenden Prozesse der kapi- Die »selbsterzeugte« gesellschaftliche Realität wird als »eine Art zweite Natur«
talistischen Produktion absolut setzen: die Subjekte verdoppeln im Bewusstsein verkannt, welche den Subjekten »mit [... ] unerbittlicher Gesetzmäßigkeit entge-
das phänomenale falsche Sein und können den Verblendungszusammenhang, gentritt« (GuK, 307). 123 Die Crux der ideologietheoretischen Fragestellung bei
der alles Gesellschaftliche in eine undurchdringbare »zweite Natur« verwandelt, Lukacs liegt in einer selbsterschaffenen, repressiven Objektivität, die als Natur-
nicht mehr durchbrechen. form des gesellschaftlichen Seins erscheint und von den Subjekten permanent
Während Lukacs primär die tayloristische Zerlegung der Produktion vor reproduziert wird. Nicht ohne Grund erinnert diese Argumentation stark an die
Augen hatte, die zwar die Subjekte auf ein bloßes Mittel der Produktion degra- Fetischanalysen Marxens, hier wie dort ist der »falsche Schein« gesellschaftlicher
diert, dadurch aber auch ihre Warenförmigkeit (und somit die Einsicht in die Realität begründet in der Struktur der Wirklichkeit, d.h. konkret der »Waren-
verkehrten Verhältnisse) hervortreten lässt, hatten Adorno und Horkheimer ein struktur« (ebd., 257). 124 Aber bei der Analyse der fetischisierenden Warenform
fordistisches Produktionsmodell zum Ausgangspunkt, das die Widerspruchser- bleibt Lukacs nicht stehen - er leitet daraus die ideologischen Verkehrungen
fahrung gänzlich tilgt. Indem die Vereinheitlichung der Gesellschaft total wird, der Denkformen und die entfremdete Seinsweise der Subjekte im Kapitalismus
werden, so die beiden Autoren, alle Sphären des Subjektiven zu einer Affirmation ab. 125 Insofern liest Lukacs das Verdinglichungstheorem als ideologietheoreti-
des Bestehenden. sches Scharnier zwischen den Früh- und Spätschriften Marxens, zwischen Ent-
Beruhen beide Argumentationen zwar auf dem einheitlichen Prinzip der
Verdinglichung, so sind die Schlussfolgerungen verschiedene. In diesem Kapi-
121 Lukacs,Georg:Geschichteund Klassenbewußtsein (1968). Im Folgendenzitiert als GuK.Vonideo•
tel stehen also die Gleichheit (des Ausgangspunktes) und die Verschiedenheit logietheoretischerRelevanzIst vor allen Dingendas KapitelDie Verdinglichungund dasBewußtsein
(der Konsequenzen) von Lukacs und Adorno/Horkheimer im Mittelpunkt. In des Proletariats.
122 Aus diesemGrundnennt DannemannseineStudiezu Geschichteund Kfassenbewußtsein auch Das
einem ersten Punkt werden wir auf Lukacs' ideologisches Prinzip der Verding- Prinzip Verdinglichung, vgl. Dannemann,Rüdiger:DasPrinzipVerdinglichung(1987).
lichung eingehen, das er mit der Dynamik gesellschaftlicher Rationalisierung 123 Die »zweiteNatur«, in der die gesellschaftlichenVerhältnisseals naturgegebenerscheinen,wird
auch ein leitenderToposin der ArgumentationvonAdornound Horkhelmersein.Diesewird jedoch
verknüpft. Wir werden auch Lukacs' Konzept der Wahrheitssetzung diskutieren: nicht bloß als Spezifikum bürgerlicher Gesellschaft,sondern vielmehr als das Charakteristikum
menschlichenFortschrittsanalysiert.
die falschen verdinglichten Verhältnisse können für ihn nur durch das Proleta- 124 Lukacseröffnetdas KapitelzurVerdinglichungdarumauch mit einerWürdigungder Marxschenöko-
riat überwunden werden. Dieser Ausweg wird im zweiten Punkt, in Adorno und nomischenAnalysen:»Dennes gibt kein Problemdieser Entwicklungsstufeder Menschheit,[. .. J
dessenLösungnicht In der Lösungdes Rätselsder Warenstrukturgesuchtwerdenmüßte.Freilich
Horkheimers Kulturindustrie undenkbar. Hier soll deren Konzept einer positi- ist dieseAllgemeinheitdes Problemsnur dannerreichbar,wenndie Problemstellungjene Weiteund
vistisch-technokratische Ideologie, die die Wirklichkeit bloß noch phänomenal Tiefeerreicht,die sie in denAnalysenvon Marxselbstbesitzt«(GuK,257).
125 Die Ableitungjeder Formdes »reinenVerstandes«aus der Warenstrukturder Gesellschaftunter-
»verdoppelt«, dargestellt werden. Abschließend hinterfragen wir die Ausweg- nimmt späterSohn-Rethel,vgl. Sohn-Rethel,Alfred:Warenformund Denkform(1971), 101ft. Die-
se Argumentationerinnert In stark an die Analyseder »Antinomiendes bürgerlichenDenkens«in
losigkeit der Ideologietheorie Adornos und Horkheimers kritisch, um sie mit
GeschichteundKfassenbewußtsein, vgl. GuK,287-330.

54 55
fremdung und Fetischanalyse: Verdinglichungist das »Urbild aller Gegenständ- Für Lukacsliegt dieses universelle »ideologischePhänomen der Verdinglichung«
lichkeitsformen«, eine Herrschaft der Waren, welche »entsprechende Formen (ebd.,.269)begründet in der Totalitätder »Warenstruktur«(ebd.,257).
der Subjektivität«(ebd.) generiert.126 Lukacsführt so die Entfremdungserschei- In der kapitalistischenGesellschaftentfaltet die Ware ihre entwickelteGestalt
nungen, die der junge Marx beschrieben hat, auf die ökonomische Verkehrsform und wird, so Lukacs,zu einer »struktivenGrundtatsache«(ebd.,260) des gesam-
zurück, die Marx später im Kapitalanalysierte.Beide Dimensionen in ihrer Ein- ten sozialenLebens.Das Wesen der Warenstrukturist, »daß durch sie dem Men-
heit - Verdinglichungals Effektder Struktur,als auch deren Folge,die entfremde- schen seine eigene Tätigkeit, seine eigene Arbeit als etwas Objektives, von ihm
ten pathologischen Subjekteffekte- sind die Hauptmomente ideologischerVer- Unabhängiges,ihn durch menschenfremde EigengesetzlichkeitBeherrschendes
gesellschaftungin Lukacs'Analyseder modernen kapitalistischenGesellschaft.127 gegenübergestelltwird« (ebd., 260f.).130 Der von Marx übernommene fetischis-
Im Folgenden werden wir zunächst Lukacs' Genese der Dinghaftigkeit aus tische Schein lässt das Verhältnis der Waren gesellschaftlichund das Verhältnis
der Struktur des Warenverhältnissesrekonstruieren,denn in der Abstraktionder der Personen untereinander sachlich erscheinen (vgl.MEW 23, 87). Diese Verge-
Warenform und dem zugrundeliegenden Prinzip der Quantifizierung sieht er genständlichung der gesellschaftlichenVerhältnissebeschreibtauch das Phänomen
unter Rekurs auf Weber und Simmel die Dynamik der kapitalistischenRationa- der Verdinglichung.131In ihr findet eine radikaleUmkehr von Subjektund Objekt
lisierungbegründet. Wir werden zu dem Schlusskommen, dass das ideologische statt:Die Ware,eigentlichGegenstandfür das Subjekt,affiziertnun das tätige Sub-
Phänomen der Verdinglichungeine totale Verkehrung produziert - eine Domi- jekt, »und zwar so, dass das Subjektden Charakter des Sich-Wissens,der Tätig-
nanz des Objekts über dem Subjekt:die ökonomischenErscheinungsformenver- keit, des Selbstbewusstseinsals das ihm Eigene, als seine Seinsweisevergißt.«132
ewigen sich zu einem »zeitlosenTypus menschlicher Beziehungsmöglichkeiten Dies ist keine falscheSpiegelungim Bewusstsein,keine Illusion, sondern objek-
überhaupt« (GuK, 270). Die Auflösungdieser »schlechtenTotalität«werden wir tiv und subjektivRealität (GuK, 261). In objektiverHinsicht, da unter kapitalisti-
abschließendkritisch diskutieren. schen Verhältnissentatsächlich eine »Weltder Waren«(ebd.) entsteht, die in der
Zirkulationssphäreeine sich selbstbewegendeGestalt annehmen und den Men-
schen als unbezwingbareMächte gegenüberstehen.Subjektiv,da die Menschen als
Verdinglichungund Rationalisierungals »struktiveGrund-
freie Lohnarbeiterselbst Objekt, selbst Ware werden und den »Naturgesetzender
tatsachen«
Produktion« (MEW 23, 765) unterworfen sind. Diese »Falschheit«,die subjektiv
Dass Lukacs ein Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft,eine »Universalkatego- und objektivwirkmächtigist, wird total: »Die in der kapitalistischenGesellschaft
rie des gesamten gesellschaftlichenSeins«(GuK, 260) aufstellt, ist nicht zufällig, dominierende Gegenständlichkeitsformpräjudiziertdie Weltbezüge,die Art und
sondern von systematischemCharakter.128 Mit der Kategorieder Verdinglichung Weise,in der sprach- und handlungsfähigeSubjektesich auf etwasin der objekti-
versucht Lukacsdie zentrale Frage des westlichenMarxismus auf den Begriffzu ven, der sozialenund ihrer jeweilssubjektivenWeltbeziehenkönnen.«133
bringen:129 Warum bedingt eine spezifische»Lage des Menschen im Kapitalis- Die Bewegungder Verdinglichung liegt nun in dem Spezifikumkapitalisti-
mus« (ebd., 14) die aktive Unterstellung unter entfremdete Herrschaftsformen? scher Warenproduktion begründet, der »Abstraktionder menschlichen Arbeit«

130 An dieserStelletritt schoneine wesentlicheVerschiebungin der Marx-Lektürevon Lukacszutage,


126 DasOriginellean diesemAnsatzlässtsich vor Augenführen,wenn man bedenkt,dassLukacsselbst die für das gesamteVerdinglichungstheorem typisch ist: Das,was Marx in den Fetischanalysenals
die Frühschriftennicht gekannthat - sie sind erst 1932, also nach dem Erscheinenvon Geschichte realeVerkehrungin den Erscheinungsformender Warebeschrieb,wird nun bei Lukacsin das Wesen
und Klassenbewußtsein, veröffentlichtworden. der Warenstrukturverlagert.Diesführt dann später,wiewir sehenwerden,zu der Undurchdringlich-
127 Insofernkönnendie sozialstrukturellenProzesseder Verdinglichungvon deren subjektivenFolgen keit der kapitalistischenTotalität.
der Entfremdunganalytischunterschiedenwerden,vgl. Jaeggi,Rahel:Entfremdung(2005), 22, 42 131 Lukacszitiert an dieserStelleausführlichausdem Fellsehkapiteldes Kapitals(MEW23, 86ff.l.
und JOiien, Timo: Verdinglichungund Freiheit (2011), 727. Jaeggigrenzt sich allerdingsvon der 132 Doyé,Sabine: Rationalitätund Verdinglichung(2005), 129. Quadfllegverweisthier auf die Jenaer
totalisierendenBetrachtung Lukacs'ab, indemsie nicht alle Formender Entfremdungan den öko- SystementwürfeHegelsund schlägt eine RelektüredesVerdingllchungstheorems unter Hegelschen
nomisch-strukturellenEffektder Verdinglichungrückbindet. Vorzeichenvor, vgl. Quadflieg,Dirk: Zur Dialektik von Verdinglichungund Freiheit. Von Lukacszu
128 Vgl.Dannemann,Rüdiger:DasPrinzipVerdinglichung(1987),30. Honneth- undzurückzu Hegel(2011).
129 Vgl.Anderson,Perry:Über denwestlichenMarxismus(1978). 133 Habermas,Jürgen:Theoriedes kommunikativenHandelns(1981),475.

56 57
(GuK, 261). 134 In der Reduktion der Waren auf ihren Tauschwert wird von der len Eigenschaften des Arbeiters« (ebd.). 140 Diese »Parzellierung des Menschen«
Konkretheit der Produkte abgesehen; sie gelten als Vergegenständlichung gesell- (MEW 23, 375) in der Arbeitsteilung zerstört jegliche Beziehung des Arbeiters zu
schaftlich-notwendiger Arbeitszeit und sind dadurch formal gleich. 135 Die »for- seinem Produkt und reduziert seine Arbeit auf mechanisierte Spezialfunktionen.
male Gleichheit der abstrakten menschlichen Arbeit [wird] zum realen Prinzip Lukacs führt zur Veranschaulichung der verdinglichenden Tendenzen die ratio-
des tatsächlichen Produktionsprozesses« (ebd.). An dieser Stelle wird die zugrun- nalisierende Mechanisierung das »Taylor-System« (GuK, 262) 141 an; in ihm wird
136
deliegende Methode Lukacs' deutlich: Ein einheitsstiftendes »Formprinzip« selbst die >»Seele<des Arbeiters« (ebd.) in ein rationell organisiertes Spezialsys-
- die abstrahierende Gleichheit - wird zu einer »gesellschaftlichen Kategorie« tem transformiert. 142
Als vorläufiges Resümee können wir festhalten, dass nach
(ebd., 262) hypostasiert, die das System bürgerlicher Gesellschaft als auch deren Lukacs die kalkulierende Rationalisierung wegen der extensiven Arbeitsteilung
137
Subsysteme gleichermaßen durchdringt und Subjekt wie Objekt determiniert. und der damit einhergehenden Berechnung und Zerlegung des Produktionspro-
Die disparaten Erscheinungen können so zwar in ihrer »konkreten Totalität« zesses Objekt als auch Subjekt des Arbeitsprozesses zerreißt. 143
(ebd., 180) dargestellt werden, die alles durchdringende Homologie verdeckt aber Zweifellos ist die Organisationsform des industriellen Betriebes auf einer
auch die interne Widersprüchlichkeit kapitalistischer Gesellschaften. 138 bestimmten Form der Hierarchieund Herrschaftbegründet. Lukacs thematisiert
139
Die »formal-abstrakte Objektivität« der Ware wird auch, so Lukacs, zu
einer neuen Qualität der Organisationsform des industriellen Betriebs. Sie wird
im Arbeitsprozess zunehmend perfektioniert und schlägt sich in der exak-
ten Berechnung eines »Arbeitspensums« (ebd., 262) nieder. Die Institutiona- 140 Lukacs'Diagnosekönnteeinerseitsals Anschlussan MarxensAnalysenzu Arbeitsteilungund Manu-
lisierung abstrakter Arbeit in einem Fabrikregime beruht auf dem Prinzip der faktur gelesenwerden (vgl. MEW23, 356-390). Auch Marx betont den entfremdendenCharakter
kapitalistischerArbeitsteilungund beschreibtsie als »industriellePathologie"(ebd., 384) und »Ent-
auf »Kalkulierbarkeiteingestellten Rationalisierung« (ebd.) und führt aufgrund artungdes Menschen«(ebd.,385). Andererseitsverweistsie durch die starke Betonungder Institu-
tionalisierungvon Rationalisierungschon auf Weber.Den Bezugzu Weberwerdenwir später noch
von wachsender Arbeitsteilung und damit einhergehender Dequalifizierung zu ausführlicherbehandeln.
einer »immer stärkeren Ausschaltung der qualitativen, menschlich-individuel- 141 Zweckder Wissenschaftlichen BetriebsführungTaylorswar die EtablierungbetrieblicherHerrschaft
durch radikale Erweiterungder Arbeitsteilung. Die Kontrolle über die Lohnarbeitersoll demnach
direkt im Betrieb implementiert werden, indem die geistigenund planendenArbeiten in die Hän-
de des Managementsübertragenwerden. Durchdiese Formder Entmachtungwerdendie Arbeiter
134 Lukacsleitet die Abstraktion aus der MarxschenAnalysedes Doppelcharaktersder Wareab (vgl. letztlich vollkommenauf ihre tierischen Funktionendegradiert,so Taylor:»EinenintelligentenGorilla
MEW23, 49-62). könnte man so abrichten, dasser ein mindestensebensotüchtiger und praktischer Verladerwür-
135 Lukacsstützt sich bei der BestimmungdesWarenbegriffszwarauf Marx,es lassensich aberwesent- de als irgendeinMensch.«(Taylor,FrederickW.: Die GrundsätzewissenschaftlicherBetriebsführung
liche Unterschiedefesthalten (vgl. Dannemann,Rüdiger:Das PrinzipVerdinglichung[19871,56): [20041,44). Zur Kritik am Taylorismusvgl. Ebbinghaus,Angelika:Arbeiter und Arbeitswissenschaft
Zunächstverabsolutierter die abstrakteGleichheit,die ausdem Tauschwertresultiert. Nach Lukacs (1984).
abstrahiertdie Warenproduktionden Gebrauchswerttotal, während Marx ihn in der Verhältnisbe- 142 Maretzkykritisiertan dieser Stelledie einseitigeVerurteilungder Arbeitsteilung.Lukacsignorierttat-
stimmungdes DoppelcharaktersGebrauchs-und Tauschwertaufbewahrt.Außerdembetont Lukacs sächlichdie »Dialektikder Arbeitsteilung«:»WaseinerseitsungeheuerlicheReduktionmenschlicher
(unter Rückgriffauf Simmel,wie ersichtlichwird} die Kategorieder Quantifizierung,die in der Marx- Tätigkeitauf einenmonotonsich wiederholendenHandgriff,ist zugleicheine der Voraussetzungen,
sehenAnalysekaumeine Rollespielt, wie Dannemannbetont.EineKonsequenzdiesereigenständi- die technischenBedingungenzur Befreiungdes Menschenvon stumpfsinnigerTätigkeitzu schaf-
gen Marx-Lektüreist sicherlich, dassder Tauschwertso zum fungierendenHerrschaftsprinzipdes fen« (Maretzky,Klaus-Dieter:Geschichteund Klassenbewußtsein [19701,341.).Auch Adorno und
sozialenLebensavanciert. Horkheimerwerdendiese Dialektikrein negativauflösen,indemsie die befreiendenTendenzender
136 Ebd.,57. Zur Methodevon Lukacs' Philosophievgl.auchJung,Werner:GeorgLukacs(1989), 97. Automatisierungals neue Formder Barbarei entlarven. In neuererZeit kann Daths EssayMaschi-
137 Lukacsversucht die Formder Gleichheithistorisch herzuleiten.Sie wird »also erst im laufe dieser nenwinterals Versuchgelten, das Verhältnisvon Marxismusund Technikneu zu bestimmen(Dath,
Entwicklungzu einer gesellschaftlichenKategorie[.. .l, die die Gegenständlichkeitsform sowohlder Dietmar:Maschinenwinter[20081).
Objektewie der Subjekteder so entstehendenGesellschaft,ihrer Beziehungzur Natur, der in ihr 143 überprüft mandie hier beschriebenenEntfremdungserscheinungen industriesoziologischauf sei-
möglichenBeziehungender Menschenzueinanderentscheidendbeeinflußt«(Guk,262). ne Aktualität,so kommt manzu einem widersprüchlichenErgebnis:Wird in einem postfordistischen
138 Stahlsiehtdarin die großenLeistungender Verdinglichungstheorie. Siekann erstensdie »disparaten Produktionssystemdie Arbeitsorganisationzwar offensichtlichdezentralisiertund dehierachisiert,
Formenkultureller und sozialer Pathologien«als einheitlichenProblemkomplexanalysieren,zwei- so entstehenjedoch durch radikalisierteFlexibilitäts-und Anpassungsanforderungen neue Formen
tens die Pathologien»kausal«auf die kapitalistischeProduktionzurückführen,drittens die »Beson- der Entfremdung. NeuereUntersuchungensprechenzudem von einer Rekonventionalisierung des
derheit moderner Gesellschaften«erklären und viertenserlaubt sie einen reflexiven Blick auf die fordistischenProduktionskonzeptes mit »alten«Formender Entfremdung(vgl.Schumann,Michael:
traditionelle Philosophie(vgl. Stahl, Titus: Verdinglichungals Pathologiezweiter Ordnung[20111, Metamorphosenvon Industriearbeitund Arbeiterbewusstsein [20031,61ff.). In diesemZusammen-
7341.). hang könnte man den Versuchunternehmen,das Verdinglichungstheorem soziologischzu revitali-
139 Hauck,Gerhard:Einführungin die Ideologiekritik(1992),61. sieren.

58 59
dies jedoch nur implizit unter verschiedenen Aspekten: 144 Zunächst ist die Vor- von seinem ökonomischen Grund ablöst und sich in den sozialen Institutionen,
aussetzung der Mechanisierung die Subordination des Arbeiters unter die Direk- wie Staat, Recht, Verwaltung etc., sedimentiert (vgl. GuK, 270). Unter Aufnahme
148
tiven des Kapitals, indem der Verkauf der Arbeitskraft nicht nur »Alltagswirklich- der Weberschen Rationalisierungsthese geht Lukacs davon aus, dass die
145
keit« (ebd., 264), sondern auch Notwendigkeit geworden ist. Daneben haben umfassende ökonomische Rationalisierung eine Bürokratisierungaller Lebens-
die entfaltete Form der Arbeitsteilung und die damit einhergehende Rationalisie- bereiche bewirkt. Er verknüpft die Auffassung Webers - ökonomische Rationa-
rung selbst einen disziplinierenden Effekt. Die Arbeiter werden in einen »toten lisierungsprozesse könnten sich historisch nur dann durchsetzen, wenn sie mit
Mechanismus« der mechanischen Produktion eingegliedert und als »lebendige Formen kultureller Rationalisierung einhergehen - mit dem Marxschen Begriff
Anhängsel einverleibt« (MEW 23,445), sie sind bloß noch »mechanisierter Teil der warenförmigen Abstraktion, die als »struktive Grundtatsache« (GuK, 260)
in einem mechanischen System« (GuK, 263). 146
Das, was Lukacs also primär als Fundament des gesellschaftlichen Ganzen bildet. 149 Ähnlich wie in der ökono-
Form der Verdinglichung beschreibt, die mangelnde Einsicht in die Totalität des mischen Produktion ist die bürokratische Verwaltung daher geprägt von einer
Produktionsprozesses, kann unter herrschaftstheoretischen Gesichtspunkten »rationell-unmenschlichen Arbeitsteilung« (ebd., 274). Die Handlungsabläufe
reformuliert werden. Durch die Mechanisierung erwirbt das Kapital »die Kon- werden systematisch formalisiert und durch abstrakte, für den Einzelnen nicht
147
trolle über die >geistigen Potenzen< des Produktionsprozesses« , der Arbeiter mehr nachvollziehbare Handlungsmaximen begründet. Auf gesamtgesellschaft-
hingegen ist bloß angelernt, somit leicht austauschbar und beherrschbar. Die licher Ebene kommt es so zu einer Verschiebung: der moderne Staat wird, wie
Frage, wie die »Insubordination der Arbeiter« (MEW 23, 389) aufgehoben wer- Lukacs von Weber übernimmt, zu »Betrieb« und »Fabrik«:150
den kann, beantwortet Lukacs mit der Verdinglichung als ideologisches Moment
der Herrschaftssicherung: Die anonym-sachliche Herrschaft der Warenform Die formelle Rationalisierung von Recht, Staat, Verwaltung usw.
nivelliert den Unterschied zwischen Herrschenden und Beherrschten. Der Pro- bedeutet objektiv-sachlich eine ähnliche Zerlegung aller gesellschaftli-
duktionsapparat und das Prinzip des Tauschwertes stehen den Subjekten als chen Funktionen auf ihre Elemente, ein ähnliches Aufsuchen der rati-
»unbezwingbare, sich von selbst auswirkende Mächte gegenüber« (GuK, 261), so onellen und formellen Gesetze dieser genau voneinander abgetrennten
dass Herrschaft als Herrschaft nicht mehr erkannt werden kann.
Die ideologische Herrschaftssicherung über das Prinzip der Verdinglichung 148 Lukacszitiert Weberals »wirklich klarblickenden Historiker des modernenKapitalismus«(GuK,
besitzt nur darum eine so ausgeprägte Wirksamkeit, so die These, weil sich das 270). Die Generalisierungdes Rationalisierungstheoremsdurch Weberführt zu einem Konzept
modernerGesellschaften,dass »die Entstehungder modernenkapitalistischenGesellschaft[...] . .J
Rationalitätsprinzipder kapitalistischen Produktion dynamisiert, indem es sich mit einem vielschichtigenProzessder Rationalisierungim ökonomischen,sozialenund kulturellen
Bereich[zusammenfallen lässt] - Prozesse,die sich gegenseitigbedingenund die kausal nicht
auf einen Entwicklungsstrang reduziertwerden können«(Beiersdörfer,Kurt: MaxWeberund Georg
144 DassLukacsdie konkretenFormenbetrieblicherHerrschaftbloßimplizitoder gar nicht thematisiert, Lukacs[19861, 161). Zum Begriff der Rationalisierungbei Webervgl. Rehmann,Jan: MaxWeber,
ist für sein Modellder Herrschaftssicherungausschlaggebend: In ihm wird Herrschaftprimär durch Modernisierungals passive Revolution (1998) und Schluchter, Wolfgang:Die Entstehung des
Versachlichungund Rationalisierunghergestellt. Dabei folgt er stärker dem WeberschenModell modernenRationalismus(1998). Mit dem Rekursauf WeberversuchteLukacsso den reduktionlsti-
bürokratischerHerrschaft als der MarxschenAnalyseder hierarchischenOrganisationder Fabrik. schenCharakterder zeitgenössischenTheoriebildungder II. Internationalenzu überwinden,die vor
DieseFormder Herrschafthat Bravermanim Anschlussan Marxin einer einflussreichenStudieana- allenDingendurch einenstarrenObjektivismusökonomischerGesetzmäßigkeiten (z.B. bei Kautsky)
lysiert(Braverman,Harry, DieArbeit im modernenProduktionsprozess [ 1985)). geprägtwar (vgl.Doyé,Sabine:Rationalitätund Verdinglichung[20051, 124f.).
145 »Erst indem das ganze Lebender Gesellschaftauf diese Weisein isolierte Tauschaktevon Waren 149 Marcuseknüpft in seinerWeber-Interpretationan Lukacsan, er sieht die Verknüpfungvon Rationa-
pulverisiertwird, kann der ,freie, Arbeiter entstehen;zugleichmußsein Schicksalzu dem typischen lität und Abstraktionjedoch in einer »technischenVernunft«begründet:»ImGrundedieser Rationa-
Schicksalder ganzenGesellschaftwerden.«(GuK,266) Lukacsverweisthier schon auf die Auflö- lität herrscht die Abstraktion,die theoretische und praktischeineins,Werkder wissenschaftlichen
sungder Herrschaftdurch das Proletariat. und der gesellschaftlichenOrganisation,die die Periodedes Kapitalismusbestimmt: die Reduktion
146 Habermasliest die destruktiveKraft der Rationalisierungals »Kolonialisierung«einer zuvor sittlich- von Qualitätauf Quantität.[•. .J AbstrakteVernunft wird konkret in der berechenbarenund berech-
herrschaftsfreienLebenswelt:»In dem Maß wie der Lohnarbeiterin seiner gesamtenExistenzvom netenHerrschaftüberdie Natur und über die Menschen.Soenthüllt sich die von Max Webervisierte
Markt abhängigwird, greifendie anonymenVerwertungsprozesse in seine Lebensweltein und dest- Vernunftals technischeVernunft.«(Marcuse,Herbert: Industrialisierungund Kapitalismusim Werk
ruierendie Sittlichkeit einer kommunikativhergestelltenlntersubjektivität,indem sie soziale Bezie- MaxWebers[19841, 82)
hungenin rein instrumentelleverwandeln.«(Habermas,Jürgen:Theoriedes kommunikativenHan- 150 Die Gleichheitvon staatlicher Verwaltungund ökomischenBetrieb übernimmt Lukacs wiederum
delns [19811, 4781.) durch ein langesZitat von Weber (vgl. GuK, 270, im Original:Weber,Max:Wirtschaft und Gesell-
147 Deutschmann,Christoph:PostindustrielleIndustriesoziologie (2002), 105. schaft[19801, 825, im Folgendenzitiert als WuG)

60 61
Teilsysteme und dementsprechend subjektiv ähnliche bewußtseinsmä-
ßige Folgen der Abtrennung der Arbeit von den individuellen Fähigkeiten Atomisierungund Kontemplation- Verdinglichungals ideolo-
und Bedürfnissen des sie Leistenden, eine ähnliche rationell-unmenschli- gische Verkehrung
che Arbeitsteilung, wie wir sie technisch-maschinell im Betrieb gefunden Betrachten wir nun die zuvor beschriebenen Formen verdinglichten Seins und
haben. (ebd., 273f.) Bewusstseins unter ideologietheoretischen Gesichtspunkten, führen sie zu einer
ideologischen Verkehrung, die - ähnlich wie die Fetischismusanalysen des
Am deutlichsten wird diese Strukturparallele von gesellschaftlicher Verwal- Kapitals- in der Einheit von Subjekt und Struktur begründet sind. Auch das
tung und ökonomischer Produktion im modernen Recht. Der kapitalistische verdinglichte Bewusstsein ist die wahre Reproduktion dessen, was erscheint,
Betrieb braucht »für seine Existenz eine Justiz und Verwaltung, deren Funk- jedoch notwendig falsches Bewusstsein dessen, was ist - »es spiegelt [ ... ]eine
tionieren wenigstens im Prinzip ebenso an festen generellen Normen rational falsche gesellschaftliche Praxis als solche, also richtig wieder.« 153 Diese schein-
kalkuliert werden kann, wie man die voraussichtliche Leistung einer Maschine bare Paradoxie sieht auch Lukacs in den Erscheinungsformen der kapitalis-
kalkuliert« (WuG, 826), so Weber.151 Die irrationale Fundierung der Rechtspre- tischen Warengesellschaft begründet, die sich als verkehrte darstellen: Einer-
chung (der Rückgriff auf Offenbarung oder Gewohnheit) wird abgelöst durch seits erhalten »alle menschlichen Beziehungen (als Objekte des gesellschaftli-
eine »rationelle Systematisation aller rechtlichen Regulierungen des Lebens, [... ] chen Handelns) in steigendem Maße [... ] Gegenständlichkeitsformen« (GuK,
ein geschlossenes und auf alle irgend möglichen und denkbaren Fälle beziehbares 310), andererseits ist das Verhältnis der Dinge zueinander zunehmend gesell-
System« (ebd., 271). In der »formalen Allgemeinheit« des Rechts - es ist auf alle schaftlich. Der entscheidende Unterschied zum Ideologiebegriff des Marxschen
Ereignisse des Lebens beziehbar - äußert sich nach Lukacs der kalkulatorischer Kapitalsliegt nun in der Funktion, die Verdinglichung als Konstitutionsbedin-
Charakter (ebd., 272). Dieses »erstarrte System« (ebd.) allgemeiner Gesetze wird gung des gesamten gesellschaftlichen Seins ausübt: Sie ist nun nicht mehr bloß
demnach als nicht mehr durchschaubares Ganzes wahrgenommen. In der recht- »objektive Gedankenform« (MEW 23, 90), sondern zugleich auch »Grundkate-
lichen Abstraktion wird zudem die Besonderheit des Einzelnen nicht anerkannt, gorie für die gesamte Gesellschaft« (GuK, 275). Das Ideologische kann nur als
sie nimmt die verdinglichte Gegenständlichkeitsform formaler Rationalität an. 152 falsche Totalität,als verhängnisvolle Subjekt-Objekt-Einheit gedacht werden, die
Der Richter wird in personazum »Paragraphen-Automat« (WuG, 826). Als allge- jede Pore der Gesellschaft erfasst und den Gesetzen der Verdinglichung unter-
meine Konsequenz der Bürokratisierung des modernen Lebens können wir nach wirft. Die agierenden Subjekte sind in dieser Konzeption atomisierte und kon-
Lukacs vorläufig festhalten, dass nun letztlich die »Steigerung der verdinglichten templative Rezipienten, welche die selbsterschaffenen Strukturen in ihrer »puren
Bewußtseinsstruktur als Grundkategorie für die gesamte Gesellschaft« (GuK, Faktizität« 154 hinnehmen.
275) gilt. Im Folgenden wollen wir die ideologietheoretischen Konsequenzen des Ver-
dinglichungstheorems in zwei Dimensionen untersuchen. Nachdem im bislang
das Strukturverhältnis einer verdinglichten Gesellschaft dargelegt wurde (und
151 In diesemZusammenhangsei auch die ideologiekritischeUntersuchungdes modernenRechtsvon somit den Grund der ideologischen Verkehrung), wird nun zunächst dessen Wir-
Pasukaniserwähnt(Pasukanis,Eugen:AllgemeineRechtslehreund Marxismus(2003]). Für ihn sind
- ähnlich wie bei Lukacs- die abstrakten Rechtsbegriffe»ratio scripta der warenproduzierenden kung auf die Subjekte untersucht, die sich als Verlust der Subjektivität darstellen
Gesellschaft«(ebd.,81). Bestimmte Rechtsverhältnisse, so Pasukanis,garantierenerst die kapita- wird, und in einem weiteren Schritt die Reflexion auf das Weltganze, das sich als
listischeProduktion.Resultatder Verkehrsformist jedoch,ähnlichwie in der ökonomischenProduk-
tion der Warenfetischismus,ein Rechtsfetischismus,der eineverdinglichteSubjektions/armprodu- spezifisch verdinglichter Wissenstypus darstellen wird.
ziert, die Formdes abstraktenRechtssubjekts.Zur Kritik an Pasukanisvgl. Negt, Oskar:10 Thesen
zur marxistischen Rechtstheorie (1975) und Poulantzas,Nicos: Aus Anlass der marxistischen
153 Doyé,Sabine:Rationalitätund Verdinglichung(2005), 133.
Rechtstheorie(1972).
154 Ebd., 134.
152 Lukacsverweist hier auch auf die scheinbare Paradoxie,dass die sich revolutionärentwickelnden
155 Die konkretenDifferenzenzu den MarxschenFetischanalysenwerdenam Endedes Kapitelsresü-
ProduktivkräftekapitalistischenWirtschaftensein tendenziellstarresRechtssystemhervorbringen,
mierendzusammengefasst.Zur Kritik am totalisierendenAnsatzder Verdinglichungvgl. Feenberg,
das der Besonderheitder ökonomischenOrganisationwiderspricht(GuK,2721.).
Andrew:Reificationand its Critics(2011).

62 63
Das Alltagsbewusstsein der Subjekte nimmt die unmittelbaren, verdinglich- Die kapitalistische Produktionsweise führt so zu dem Paradox, dass sich die
ten Erscheinungsformen der Warengesellschaft als gegeben hin, mehr noch, ihre Praxis in ihr direktes Gegenteil verkehrt: sie wird »kontemplativ« (ebd., 264) und
gesamte Praxis ist dem formellen Charakter der Produktion untergeordnet. Es verliert ihren qualitativen, verändernden Charakter. »Die Subjekte [sind] gezwun -
kommt zu der Herausbildung eines »kontemplativenSubjektverhaltens«(ebd., gen, sich selber statt als Teilnehmer nur mehr als Beobachter des sozialen Gesche-
305). Die Prämisse Lukacs',eine »einheitliche Wirtschaftsstruktur« bedinge eine hens zu verhalten.« 158 Die Kontemplationmanifestiert sich jedoch nicht bloß im
»einheitliche Bewußtseinsstruktur« (ebd., 275), wird hier in die konkrete Seins- Arbeitsprozess, sondern verändert das unmittelbare Sein fundamental. Ideologie,
weise der Subjekte eingeschrieben und führt zu soziostrukturellen Pathologien so könnte man sagen, ist festgeronnen in einer »habitualisierten Gewohnheit« 159
der alltäglichen Lebensführung. 156 - einer »kontemplativen Haltung« (ebd.) der Menschen zur Welt, die selbst die
Laut Lukacs führt die Mechanisierung der Produktion zu einer Atomisierung Grundkategorien des Verstandes verdinglicht. 160 Die direkte Folge der Kontem-
der einzelnen Subjekte im Produktionsprozess. Sie sind bloß noch »isoliert abs- plation ist nun - bei passiver Hingabe an das Bestehende - die Naturalisierung
trakte Atome« (ebd., 265), deren eigene qualitative Tätigkeit der quantifizieren- der gesellschaftlichen Organisationsform. Sie wird als unveränderliche Tatsache
den Logik der »abstrakten Gesetzlichkeiten des Mechanismus, dem sie eingefügt hingenommen, weil sie als unabhängiges , eigengesetzliches und in sich geschlos-
sind« (ebd.), untergeordnet wird. Die rationelle Zerlegung des Arbeitsobjektes senes System wahrgenommen wird. 161 Diese ideologische Verkehrung gründet
hat zur Folge, dass ebenfalls die Arbeit des Subjektes in rationalisierte Teilope- auf einem »Schein«, der notwendig ist (ebd., 266f.): Die Struktur der Warenpro-
rationen aufgespalten wird. Der Arbeiter sieht sich der mechanisierten Teilar- duktion evoziert tatsächlich die Wahrnehmung einer »menschenfremden Eigen-
beit gegenüber gänzlich entfremdet, so dass die Arbeitskraft sich gegenüber der gesetzlichkeit« (ebd., 261) des Gesamtsystems, auch wenn dieses erst durch die
Gesamtpersönlichkeit objektiviert ( ebd., 264). 157 Die Vergegenständlichung im Praxis der Subjekte hervorgebracht wird .
Arbeitsprozess führt folglich zu einer Entleerung der Tätigkeit, gar zum völli- Die verdinglichte Verkehrung beschränkt sich jedoch nicht bloß auf die
gen Verlust des »Tätigkeitscharakters« (ebd.) der eigenen Praxis. Verdinglichung Lohnarbeit, sie wiederholt sich »in der herrschenden Klasse verfeinert, vergeis-
äußert sich hier als eine totale Verkehrung der Verhältnisse: »die Persönlichkeit tigt, aber eben darum gesteigert« (ebd., 275). Die Dynamik der Rationalisierung
[wird] zum eintlußlosen Zuschauer dessen, was mit seinem eigenen Dasein, als löst somit die ideologische Klassenherrschaft zugunsten einer versachlichten
isoliertem, in ein fremdes System eingefügtem Teilchen geschieht « (ebd., 265).
Das atomisierte Subjekt erfährt in der »Individuation« ihr unmittelbares Gegen- 158 Honneth,Axel:Verdinglichung(2005), 23. Honnethversuchtdas Paradigmader Verdinglichungnor-
mativwiederzubeleben.Für ihn stellt sich Verdinglichungim Wesentlichenals »Anerkennungsver-
teil - den totalen Verlust jedweder Individualität. Was für die eigene Praxis gilt, gessenheit«(ebd., 102) dar: »gemeintIst damit mithin der Prozeß,durch den in unseremWissen
lässt sich laut Lukacs nun auch auf die Beziehung der Subjekte zueinander über- um andere Menschenund im Erkennenvon ihnen das Bewußtseinverlorengeht,in welchemMaß
sich beides ihrer vorgängigenAnteilnahmeund Anerkennungverdankt«(ebd., 68). Dieswurde in
tragen. Die Zerstörung der Einheit des vorkapitalistischen Produktionsprozesses einemneuerenReaktuallsierungsversuch desVerdingllchungstheorems zunehmendals »normativer
Fluchtpunkteiner intersubjektivenPraxis«kritisiert, vgl. Quadflieg,Dirk: Zur Dialektik von Verding-
führt zu einem Zerreißen jener Bande, »die die einzelnen Subjekte der Arbeit bei
lichung und Freiheit (2011), 707. In Bezugnahmezu HonnethversuchenJaeggi,Jütten, Quadflieg
,organischer Produktion< zu einer Gemeinschaft verbunden haben« (ebd.). und Stahl den Schwerpunktauf den »normativenReferenzpunktder Freiheit«zu legen,vgl.Jaeggi,
Rahel/Stahl,Tltus:Schwerpunkt:Verdinglichung(2011), 698. Bei diesennormativenAnsätzenwird
jedoch der strukturelle,herrschaftskritischeAnsatzder Verdinglichungstheorie Lukacs' ausgeblen-
det. In der Beschreibungvon subjektivenPathologienginges Lukacsnicht primär um die Anprange-
156 In einer philosophischenReaktualisierungdes Verdinglichungstheorems
legenJaeggiund Stahlden rung moralischenUnrechts,sondernvielmehrdarum, die Notwendigkeitder Aufhebungjener ent-
Schwerpunktauf jene »sozialenPathologien«,um sie einer normativfundierten Kritik zu unterzie- fremdendenVerhältnisseaufzuzeigen.
hen,vgl.Jaeggi,Rahel/Stahl,Titus:Schwerpunkt:Verdinglichung(2011), 698. 159 Ebd.
157 An dieser Stellewird die Parallelezu MarxensAusführungenüber die entfremdeteArbeit deutlich. 160 Im rationalisierten Arbeitsprozesswird die Zeit auf das Niveau des Raumesnivelliert, so Lukacs
Auch hier führt die Objektivationder Arbeitskraft zu einem Verlustdes Selbst und des Gegenstan- (GuK,264). Im Zugeder exaktenKalkulationder Arbeitszeitwird diesezunehmendDing.Ihr qualita-
des: »je mehrder Arbeitersichausarbeitet, um so mächtigerwird die fremde, gegenständlicheWelt, tiver, innovativerCharaktergeht verloren.DieseThesewird ebensovon Thompsonin seinerAnalyse
die er sich gegenüberschafft, um so ärmer wird er selbst, seine lnnre Welt, um so wenigergehört des Zeitbewusstseinsvon Arbeiterngestützt.Er stellt fest, dass sich durch die Methodender taylo-
ihm zu eigen.«(MEW40, 512) Lukacssieht den Grundder Entfremdung- wie Marx- In dem Zur- ristischenArbeitsteilungund - überwachungein neues, linearesZeitbewusstseinder Arbeiterausbil-
Ware-werdender Arbeitskraft.Durch den Verkaufder WareArbeitskraftist dem Arbeiterdie eigene det, vgl.Thompson,EdwardP.: Zelt, Arbeitsdisziplin und Industriekapitalismus(1973), 99.
Tätigkeitganzunmittelbarfremd, sie ist nicht mehrseineigen. 161 Zur Naturalisierungvgl.Jütten, Tlmo:Verdinglichungund Freiheit(2011), 728.

64 65
Herrschaft der Warenproduktion ab, denn das »gesellschaftlicheSein [ist] in der Warenproduktion- ähnlich wie bei dem Lohnarbeiter- gegenüberdem Kapital-
kapitalistischenGesellschaftfür Bourgeoisieund Proletariat - unmittelbar - das- besitzer,er verbleibtin einer kontemplativen,passivenHaltung.
selbe«(ebd., 348). Das falsche Sein ist total - es tilgt (zumindest ideologisch)die Interessanterweisegilt die Selbstobjektivierungfür einen Teil der herrschen-
Klassendifferenz. den Klasse, den der Bürokraten, nur begrenzt. Die konkrete Praxis ist zwar in
Die auf Schumpeter zurückgehende Idee des »dynamischen Unterneh- höchstem Maße verdinglicht, unterwerfen sie sich einem abstrakten Systemvon
mers«162,der die Prozesse der Warenproduktion bewusst kontrolliert, möchte Regelnund Vorschriften, sie werden aber ideologisch als freie Subjekteangeru-
Lukacs nun als Schein entlarven. Auch der Kapitalbesitzer steht jenem »über- fen: Ihnen wird die abstrakte »Möglichkeiteines individuellenAufstiegs«(ebd.,
mächtigen SystemgesellschaftlicherKausalität«163machtlos gegenüber,sein Ver- 357) zugestanden. In dieser Dialektik von (scheinbarer) Freiheit und (realer)
halten erschöpft sich in der richtigen Berechnung der Chancen eines von ihm Unterwerfung wird das verdinglichte Sein nur noch begrenzt erfahren und das
nicht steuerbaren Ablaufs (ebd., 275). Die Kapitalverwertungsetzt sich letztlich Versageneinem anonymen Apparat gegenüberins Selbstverlagert.167
über die einzelnen Interessen hinweg durch, der Kapitalbesitzer ist bloß noch Neben den Subjekteffektenbildet sich in Folgeder verdinglichenden Waren-
»ökonomische Charaktermaske« (MEW 23, 100), der die Bewegungsgesetze struktur auch ein spezifisch wissenschaftlicher Rationalitätstypusaus, eine Form
des Marktes befolgenmuss, um zu bestehen. Die »selbstverständlichenNaturge- des Wissens,welchedie »Spezialisierungder Leistung«und den Verlustdes »Bild
setze«(ebd., 765) kann er aber trotzdem niemals vollständigund adäquat erken- des Ganzen«(ebd.,279) ideellreproduziert.In den empirischenWissenschaften168
nen (GuK,278). 164Aus der Rationalisierung, der vollständigenBeherrschungund kommt es - ähnlichwiein den Bereichender Produktion- zu einem Erfahrungsver-
Kalkulationder konkreten Produktion eines Unternehmens, folgt demnach para- lust,der in der Spaltungvon Subjektund Objektbegründet ist. DieserWissenstypus
doxerweiseeine Irrationalität,d.h. Nichtdurchschaubarkeitdes Gesamtprozesses. beschränkt sich im Wesentlichenauf spezielleTeilgesetze,deren »eigenes,konkre-
Laut Lukacsliegt dies begründet in dem »formellenCharakter« der eigenenRati- tes Wirklichkeitssubstratals methodisch und prinzipiellunerfaßbargilt«(ebd.,280).
onalität,d.h. der Fixierungauf den Tauschwertbei gleichzeitigerAbstraktionvom SämtlicheBereicheder Erfahrungwerden somitunter abstrakteund ewigeGesetze
Gebrauchswert der Waren (GuK, 276). Zunächst produziert der Kapitalbesitzer subsumiert;die geistigenFunktionen des Subjektssind zu einem »bloßenAuffas-
isoliert,er ist ähnlich wie der Arbeiter atomisiert,erst in der Sphäre des Tausches sungsorganvon erkannten Gesetzmäßigkeitschancen« degradiert(ebd.,309): 169
erhalten die Produkte gesellschaftlichenCharakter.165Die Marktgesetzesind also
keineswegsrationellgeregelt,sie sind Ergebniseines unkoordinierten Wirkensder Denn dieses »Handeln«besteht darin, daß die wahrscheinlicheAus-
Warenbesitzerund insofern auch tendenziell undurchschaubar, so Lukacs.Zwi- wirkung jener Gesetze so weit wie möglich vorausberechnet, kalkulato-
schen Produktion und Konsumtionbesteht »keinnotwendiger,sondern nur [ein] risch erfaßt wird und das Subjektdes »Handelns«nun eine Position ein-
zufälligerZusammenhang«(MEW25, 196). 166Kurz:»Der ganzeAufbau der kapi- nimmt, in der diese Auswirkungenfür seine Zieledie optimalen Chancen
talistischen Produktion [beruht] auf dieser Wechselwirkungvon streng gesetzli- bieten.[ ... ] Das Subjektverhaltenwird - im philosophischen Sinne - rein
cher Notwendigkeitin allen Einzelerscheinungenund [... ] relativerIrrationalität kontemplativ.(ebd.)
des Gesamtprozesses«(GuK,277). Dadurch verselbstständigtsich das Systemder
167 Man könnte im Anschlussan Lukacs' Feststellung,die Herrschaftwürde in der Verwaltungdurch
das Beschwörenvon individueller"Leistungsfähigkeit«und dem Appell an das subjektive"Verant-
162 Vgl.Schumpeter,JosephA.: Theorieder wirtschaftlichenEntwicklung(1993). wortungsgefühl«(GuK, 275) konstituiert, mit neuerensoziologischenStudien zur "subjektivierten
163 Dannemann,Rüdiger:DasPrinzipVerdinglichung(1987), 37. Arbeit«(Moldaschl,Manfred:Subjektivierungvon Arbeit [2003]) vergleichen
164 Lukacsbegründetdie Nichterkennbarkeitdes Gesamtsystems für die herrschendeKlassemit dem 168 Lukacssubsumiertunter dem spezifischszientistischenWissenschaftstypuskeine bestimmte Dis-
fehlenden Interesse,dieses abzuschaffen:»Denndie vollständige Erkenntnisdes Ganzenwürde ziplin, sondernversucht,einen Rationalitätstypuszu bestimmen,der einerseitsformalistischeKate-
dem Subjekt dieser Kenntniseine derartigeMonopolstellungsichern, die gleichbedeutendmit der gorienaufstellt und andererseitsdas materielleSubstrat,den konkretenGegenstanddes Wissens,
Aufhebungder kapitalistischenWirtschaftwäre« (GuK,278). Wahrheitwird hier - wie später noch missachtet.Diesgilt für die Ökonomiegenausowie die Rechtswissenschaft und die klassischedeut-
gezeigtwerdenwird - gedanklicheund politischeAufhebungder verkehrtenVerhältnisse. sche Philosophie.
165 Vgl.ebd., 38. 169 Eineähnliche Kritik werdenAdornound Horkheimerin der DialektikderAufklärungan der positivisti-
166 Darinsind potentiellauch Überakkumulations-und Disproportionalitätskrisen
angelegt. schenWissenschaftüben.

66 67
Neben den menschlichen Beziehungen,die zu bloßen Gegenständlichkeits- rung, die dem des Alltagsverstandesähnlich ist: Die Beschreibungdes Gesamtzu-
formen der abstrakten Elemente naturwissenschaftlicher Begriffsbildungwer- sammenhanges der einzelnen Phänomene wird unmöglich, es können lediglich
den, nimmt das Subjekt selbst die »Attitudedes reinen Beobachters dieser Vor- die Dualismen (von Subjekt und Objekt, Form und Inhalt, etc.) registriert wer-
gänge,des Experimentators« (ebd., 310) auf. Der Experimentator wird insofern den, die gleichzeitigals Erkenntnisschrankenfungieren.173
kontemplativ,da er »die praktische Reduktioneiner mannigfaltigenWelt« voll- Die ideologietheoretischenKonsequenzenkönnen wir nun wie folgt zusam-
ziehtund so die einzelnen Phänomene bloß noch in ihrer Dinghaftigkeitzu regis- menfassen:Zunächst stellt sich das verdinglichteDasein der Subjekteals Verlust
trieren vermag. Das gesellschaftlicheGeschehenkann demnach nur noch in sei- von Subjektivitätdar und deren Praxis als Aufgabejeglicher Tätigkeitsform.Die
ner Faktizitätdargestellt,aber nicht mehr alsgeschichtliche,d.h. gewordeneTota- Praxis des Einzelnenverliert ihren qualitativenCharakter,sie steht in keinem ver-
lität hergeleitetwerden. nünftigen Zusammenhang mit den Praxen der anderen. Daraus folgt, dass die
Diese Engführung des rationalistischen Wissenstypus gilt auch für die Subjektedie Einzelphänomene der Wirklichkeit nicht mehr als gesellschaftliche
modernePhilosophie: Sie ist geprägt von einem »Formsystem,dessen Zusammen- Totalität denken können. Es bildet sich schließlich ein szientistischerWissensty-
hang auf die verstandesgemäß erfaßbare, vom Verstand erzeugbare und darum pus heraus, der den Erfahrungsverlust nicht mehr kompensieren kann und sich
vom Verstandbeherrschbare,voraussehbareund berechenbare Seiteder Erschei- auf die Beschreibungisolierter Einzelphänomenebeschränkt. Die materielle und
nungen gerichtet« (ebd., 290) ist. Die KantscheKritik der reinen Vernunftist für geistigeAneignungder Wirklichkeitunterliegt so einer scheinbar unaufhebbaren
Lukacsparadigmatisch für jene Verstandesphilosophie,welche die Erkenntnis- ideologischenVerkehrung.
kraft der Vernunft in ihre Schrankenweistund mit der Unerkennbarkeitdes Din-
ges an sich den Gegensatz von Subjektivitätund Objektivität verfestigt.171 Die
Exkurs:Bezügezu Marx, Simmel und Weber
Antinomien der reinen Vernunft, die »Widersprüchlichkeitvon Vernunfturtei-
len über die Totalität des Seienden« deutet Lukacs als »Rationalitätsdefizite«172• Bevor Lukacs'Auswegaus der Totalität der Verdinglichungskizziert wird, ist es
Einerseitsfordert der Rationalismus (insofern er Universalmethode ist) ein Sys- sinnvoll,die expliziteBezugnahme zu den Fetischanalysenim Kapital (vgl.ebd.
tem, andererseitserweist die Reflexionauf »die Bedingung der Möglichkeiteines 257) kritisch zu untersuchen. Denn erst aus der widersprüchlichen Zusammen-
universalenSystems[... ] die Unmöglichkeit,die Unvollziehbarkeitder so gestell- setzung verschiedener Theorietraditionen ergibt sich ein Konzept, in der alles,
ten Forderung« (ebd., 294). Insofern bringt die klassische deutsche Philosophie alsojeder gesellschaftlicheTeilbereichund jede subjektivePraxis,durch Ideologie
die Antinomien des bürgerlichen Denkens auf den Begriff. Sie beherrscht zwar vermitteltist.
die Teilmomente des gesellschaftlichen Daseins in steigendem Maße, verliert Erinnern wir uns an den Ausgangspunkt,so sind die »notwendigenErschei-
dabei aber zugleich »die Möglichkeitzur gedanklichen Bewältigung der Gesell- nungsformen«(ebd., 179)der kapitalistischenVergesellschaftung, d.h. die verselbst-
schaftals Totalität«(ebd., 299). ständigtenFormen der dinghaftenWarenbeziehungen,Dreh- und Angelpunktvon
Das Unvermögen, das Ganze im wissenschaftlichenSinn als System darzu- Lukacs'Analyse.DieseSachlichkeitalles Gesellschaftlichenist nun keine verzerrte
stellen, ist für Lukacs zurückzuführen auf die »verdinglichten Strukturen des Wahrnehmung der Realität, sondern - dies übernimmt Lukacsvon Marx - eine
Bewußtseins«(ebd., 287). Gemein ist allen wissenschaftlichen Disziplinen also Verkehrungder Wirklichkeit,die direkteFolgeder Warenproduktionist. In ihr wird
eine ideologische Verdopplung des reinen Ansichseins der Wirklichkeit. Die die Sozietätder Produktionsagentenerst durch den Tauschder Produkte alsWaren
Beschränkung auf die Faktizität des Gegebenen führt zu einer Fragmentarisie- hergestellt,ihr gesamtesSein erscheintso unmittelbardurch die Warenformvermit-
telt.DarausfolgertLukacs,wie zu Beginnveranschaulichtwurde,dassdie Dominanz
170 Grauer,Michael:Die entzauberteWelt (1985), 100.
des Verwertungsprozesses zu einer scheinbarenAutonomieder Dinge führt, deren
171 Zu den Gemeinsamkeitenvon Lukacs' mit der HegelschenKantkritik vgl. Doyé,Sabine:Rationalität
und Verdinglichung(2005), 134.
172 JOiien,Timo: Verdinglichungund Freiheit(2011), 720f. 173 Vgl.Dannemann,Rüdiger:Das PrinzipVerdinglichung(1987), 133.

68 69
scheinbare Eigenschaft es ist, Quelle von Wert zu sein. In ideologischer Verkehrung terer Theorieansätze begründet: Dem lebensphilosophischen Zugriff Simmels
werden die »entleerten Erscheinungsformen von ihrem kapitalistischen Naturboden und der Weberschen Theorie der Rationalität der Moderne. 175
ab[gelöst]« und zu einem »zeitlosen Typus menschlicher Beziehungsmöglichkeiten Der subjektorientierte Zugriff von Simmels Philosophiedes Geldes176 lebt
überhaupt« verewigt (ebd., 405). Aufgrund dieser Amnesie der gesellschaftlichen also - wenn auch nicht explizit, so aber implizit - in der Diagnose der kapitalis-
Formbestimmtheit von Dingen kann Lukacs die Warenform - in Differenz zu Marx tischen Lebenswelt Lukacs' fort. Laut Simmel ist das Geld allgemeines Äquiva-
- als »wirklicheHerrschaftsform« (ebd., 259) beschreiben. lent, durch das es das subjektive Wertgefühl quantifiziert und die »reine Form der
Das ideologische Bewusstsein ist nochmals zusammengefasst falsch in Bezug Tauschbarkeit« (PdG, 138) erhält. Ähnlich wie Lukacs konstatiert er die gänzli-
auf die falschen Verhältnisse, es ist eine »verkehrte Spiegelung verkehrter Verhält- che Eliminierungdes Qualitativenim Geld, in ihm ist eine »Distanz zum Subjekt«
nisse« (ebd., 179). Diese verkehrteSpiegelungist aber - wie der Fetischcharakter vergegenständlicht, die sich durch »die absolute Fremdheit allem Persönlichen
der Ware - nichts anderes als die wahre, adäquate Reproduktion der (verding- gegenüber« (ebd., 135) auszeichnet. Die universelle Wertgestalt des Geldes ist -
lichten) sozialen Beziehungen. Das subjektiveBewusstsein ist in seiner Verding- ähnlich wie für Lukacs die Warenform - einheitsstiftendes Prinzip der modernen
lichung bloß Produkt der objektivenDominanz der Warenform. Verdinglichung (kapitalistischen) Gesellschaft. Neben der Ausweitung individueller Freiheits-
wie auch die fetischisierende Verdrehung der Waren zum eigentlichen Subjekt spielräume (ebd., 375ff.) bezweckt die Geldwirtschaft auch eine Veränderung der
der Bewegung sind notwendige Folgen der verkehrten Verhältnisse kapitalisti- Herrschaft: Sie wirkt nicht mehr unmittelbar und personell, stattdessen herrscht
scher Produktion. Lukacs geht infolgedessen in Anschluss an Marx von einer das »Prinzip der Sachlichkeit« (ebd., 277) in Form der Allgegenwart des Geldes
Naturalisierung
gesellschaftlicher Verhältnisse im ideologischen Bewusstsein aus, (Lukacs spricht analog von der Warenform als Herrschaftsform). Diese Versach-
die tief in das Alltagsbewusstsein der Subjekte hineinwirkt und - vor allen Din- lichungdes modernen Lebens führt nach Simmel zu einer Verkehrung, die das
gen im Verdinglichungstheorem - zur Ausbildung einer passiven, der Dominanz Bewusstsein der Subjekte unmittelbar »verdinglicht«: das Geld wird »als Zweck
des Kapitalverhältnis untergeordneten, »Lebensform« (ebd., 362) führt. empfunden« während der eigentliche Verkehr der Menschen miteinander »zu
Trotz den Gemeinsamkeiten in der strukturellen Analyse sind die Diffe- einem bloßen Mittel herabgedrückt« wird (ebd., 593). Es bildet sich so ein Intel-
renzen nicht unerheblich und für die Ausbildung des einheitsstiftenden Prin- lekt aus, der das Sein bloß noch in der Logik des Zweck-Mittel-Denkens zu beur-
zips »Verdinglichung« entscheidend: Den ökonomisch-strukturellen Grund teilen vermag (ebd. 591) und alles dem »Ideal zahlenmäßiger Berechenbarkeit«
sieht Lukacs in der kapitalistischen Reduktion auf die Quantität (ebd., 259). (ebd., 614) unterwirft. 177 In der Arbeitsorganisation wird durch dieses Ideal die
Die ökonomische Rationalisierung negiert qua Produktionsprinzip (d.h. der
Dominanz des Tauschwertes) das Konkrete, Qualitative eines Produkts. In
175 Lukacszeigt sich in seinerfrühen Marx-Lektüre(in den 1910er-Jahren)tief beeinflusstvon beiden
Marx' Wertformanalyse bleiben in der dialektischen Dopplung der Ware in Theorien wie er in seinemVorwort bemerkt: »Dennmein Interessegalt damals dem ,Soziologen,
Gebrauchs- und Tauschwert beide Momente notwendig aufeinander verwie- Marx - gesehendurch eine weitgehendvon Simmelund MaxWeberbestimmte methodologische
Brille« (GuK, 11). Auch wenn er diesen Einflussfür Geschichteund Klassenbewußtsein nicht mehr
sen (vgl. MEW 23, 62). Während Lukacs also das Spezifikum kapitalistischer geltendmacht,finden sich nachwie vor entscheidendeArgumentationsmuster, die auf die nachhal-
Vergesellschaftung in der quantifizierenden Abstraktion - dem Auseinander- tige Rezeptionverweisen.
176 Simmel, Georg:Philosophiedes Geldes(2011), im folgenden zitiert als PdG.Ausgangspunktder
reißen organischer Zusammenhänge (GuK, 259) - verortet, so liegt für Marx Philosophiedes Geldesist, so Simmel,die Leerstelle,die Marx mit seinenökonomischenAnalysen
174 nicht behebenkonnte, nämlich dasjenigezu erklären, »waswirklich, d.h. in der Seelejedes Wirt-
die kapitalistische Produktionslogik in dem Verwertungsprinzipbegründet.
schaftendengeschieht« (PdG,62). Damit begründeter eine subjektiveWertlehre, die ihren Aus-
Diese entscheidende Verschiebung liegt weniger in einem Fehlverständnis der gangspunktim subjektivenBegehrender Tauschendennimmt.
177 Die lebensphilosophischeKritik am instrumentellen»Zweck-Mittel-Denken«wurde in kulturkriti-
»originären« Theorie, sondern ist vielmehr durch die Aufnahme zweier wei- schen Diagnosenin vielfacher Formimmer wiederaufgegriffen.So etwa in der eher existenzphilo-
sophischenSchrift HannahArendts (Arendt, Hannah:Vita activa oder vom tätigen Leben[1985))
oder der kritischenTheorieHorkheimers(Horkheimer,Max:Zur Kritik der instrumentellenVernunft
174 EineausführlicheAnalyseder Differenzenzu Marx findet sich bei Dannemann,Rüdiger:DasPrin-
[1974)). Gemeinsamist ihnen eine radikale Kritik am technischenFortschrittsowieeine duale Ent-
zip Verdinglichung(1987), 801. und Maretzky,Klaus-Dieter:Geschichte und Klassenbewußtsein
gegensetzungvon zweckgebundenemHandeln(poiesis)und dem reinen,Selbstzweckbefolgenden
(1970).
Tun(praxis).

70 71
»Zerspaltung der Arbeit in immer speziellere Teilleistungen« vorangetrieben, so rationalen Wirtschaft wesentliche >Vorsorge<sich in zahlenmäßigen, ,rechen-
dass die »Subjektivität sich brechen, in kühle Reserviertheit und anonyme Objek- haften<, Ueberlegungen [... ] ausdrückt« (ebd., 45). Dieses »Prinzip auf Kalkula-
tivität übergehen muss« (ebd., 634). In der maschinellen Produktion steht letzt- tion, auf Kalkulierbarkeiteingestellten Rationalisierung« (GuK, 262), das Lukacs
lich die Maschine »dem Arbeiter als eine autonome Macht gegenüber[ ... ], wie er als Grund für die Universalisierung der Warenform annimmt, sieht auch Weber
ihr gegenüber [... ] nur als Ausführer einer sachlich vorgeschriebenen Leistung nicht ausschließlich in der konkreten Arbeitsorganisation verwirklicht. Die Rati-
wirkt« (ebd., 637). Wie Lukacs beschreibt Simmel also die Folgen der verdingli- onalisierung wird Prinzip einer okzidentalen Moderne, die sich dem beschleu-
chenden Geldwirtschaft für die Subjekte als Selbstobjektivierung:
Die Subjektions- nigten kapitalistischen Wirtschaftsverkehr durch eine umfassende Bürokratisie-
form kann sich bloß noch im Modus des »Auf-reine-Quantität-Reduziertseins« rung aller Lebensbereiche anpasst. 180 Die bürokratische Organisation aller Sub-
(GuK, 350) konstituieren. Die Dynamik dieses »Objektivierungsprozesses« ver- systeme der Gesellschaft entspricht demnach in ihrer Effizienz dem modernen
einnahmt - wie die Dynamik der Rationalisierung - die gesamte Gesellschaft kapitalistischen Betrieb, so dass in allen Teilbereichen der modernen Kultur die
und steigt bis in die »Intimitäten des täglichen Lebens hinunter« (PdG, 637). Prinzipien der kapitalistischen Betriebsführung - Versachlichung, Spezialisie-
Trotz der frappierenden Ähnlichkeit in der Zeitdiagnose unterwirft Lukacs rung, Verkomplizierung- durchgesetzt werden (vgl. WuG, 826). Diese Dynamik
der lebensphilosophischen Deutung des Seins in der kapitalistischen Moderne der Rationalisierung führt nach Weber letztlich zu der Ausbildung einer iden-
eine scharfe Kritik: nimmt Simmel zwar die Antinomien der kapitalistischen Pro- tischen Struktur aller Teile der Gesellschaft; Sozialisierung ist nunmehr gleich
duktionsordnung wahr, so akzeptiert er sie jedoch letztlich als »selbstverständ- Bürokratisierung: »Zunehmende ,Sozialisierung< bedeutet heute unvermeidlich
liche, als schlechthin hinzunehmende Faktizität« (GuK, 340) und reproduziert zugleich zunehmende Bürokratisierung« (ebd.). Auch wenn Weber die Form
so bloß das ideologische Bewusstsein, das Lukacs zu durchbrechen versucht. der Bürokratie als die zukunftsweisende Form legaler Herrschaft ansah, ist seine
In der Tiefenstruktur der Verdinglichungsanalyse wirkt - trotz aller expliziten Zeitdiagnose, wie die Simmels, kulturpessimistisch. Indem die Dynamik Ratio-
Kritik - jedoch gerade die Simmelsche Diagnose der Auslöschung alles Quali- nalisierung in die konkrete Lebensgestaltung vordringt, produziert sie einerseits
tativen fort und führt so zu einer Universalisierung und Verabsolutierung des eine zunehmende Disziplinierung und Subordinierurtg der Subjekte, andererseits
178
Verdinglichungstheorems. droht sie selbst in »mechanisierten Versteinerung« 181 zu erstarren. Das herauf-
Neben der Rezeption von Simmels These der Quantifizierung versucht beschworene »stahlharte Gehäuse« 182 ordnet jede Form von Subjektivität einer
Lukacs die Marxsche Analyse der Warenform auch durch Webers Theorie der übermächtigen Objektivität unter, so dass »für die >letztenMenschen< dieser Kul-
179
okzidentalen Rationalität zu modifizieren. Versteht Lukacs die Typik des turentwicklung das Wort zur Wahrheit werden [könnte]: ,Fachmenschen ohne
modernen Kapitalismus als » Rationalisierung im Sinne des immer exakte- Geist, Genußmenschen ohne Herz«,. 183
ren Vorherberechnens aller zu erzielenden Resultate« (GuK, 263), so lehnt er Deutet Lukacs die Marxsche Analyse der Warenformunter dem Vorzeichen
sich an die von Weber konstatierten Bedingungen kapitalistischer Betriebsfüh- von Simmels These der Quantifizierung, so überträgt er das dynamische Prin-
rung an, der »streng rationalen Organisation der Arbeit auf dem Boden ratio- zip der Rationalisierung Webers auf die Warenproduktionund deren Sedimente
naler Technik« (WuG, 826). Nach Weber unterliegt die ökonomische Rationa- in den Subsystemen der bürgerlichen Gesellschaft. Durch diese widersprüchliche
lität des Kapitalismus strenger Kalkulation(ebd.) und Berechenbarkeit:
»Formal Zusammensetzung kann er das gesamte System kapitalistischer Ordnung, von
'rational' soll ein Wirtschaften je nach dem Maß heißen, in welchem die jeder
180 Vgl.Weber,Max: GesammelteAufsätze zur Wissenschaftslehre(1988), 477: »Die ganze Entwick-
lungsgeschichtedes modernenStaates insbesondereist Identisch mit der Geschichtedes moder-
178 Insofernunterliegtauch Lukacsseiner eigenenKritik an Simmel.Auch sein universellesPrinzip der nen Beamtentums und bürokratischen Betriebes (s.u.), ebenso wie die ganze Entwicklung des
Verdinglichungscheint in seinem »faktischen Dasein«derart übermächtig,das es nur durch einen modernenHochkapitalismusIdentisch ist mit zunehmenderBürokratisierungder Wirtschaftsbetrie-
unvermitteltenBruch überwundenwerden kann. Wirtschaftsbetriebe."
179 Der EinflussWebersin Geschichteund Klassenbewußtsein wurde schonfrüh festgestellt,vgl. Löwith, 181 Weber,Max:GesammelteAufsätzezur Religionssoziologie (1986), 204.
Karl: Max Weberund Karl Marx (1973). Sieheauch die umfangreicheStudie von Beiersdörfer,Kurt: 182 Ebd.,203.
MaxWeberund GeorgLukacs(1986). 183 Ebd.,204.

72 73
der Elementarform der Ware bis hin zu allgemeinen institutionellen Organisa- de. 186 Umso interessanter ist nun, wie Lukacs die Möglichkeit der Aufhebung der
tion, dem einen einheitlichen Prinzip der Verdinglichung unterwerfen. ideologischen Verkehrung, die Konstituierung einer Praxis der Wahrheit denkt.
So tiefgehend und produktiv die Synthese der verschiedenen Theorietraditi- Der Ausgangspunkt, wie Wahrheitin der verdinglichenden Totalität herge-
onen zwar für das Phänomen der ideologischen Unterwerfung unter einen über- stellt werden kann, ist für Lukacs die dialektische Analyse der Wirklichkeit: Die
mächtigen Apparat ist, so dunkel bleibt jedoch die Enthüllung konkreter, mate- verkehrte Gegenwart ist nicht bloß mit sich selbst identisch, sondern weist über
184
rieller Herrschaftsstrukturen. Die explizite Ausklammerung der Marxschen sich hinaus. 187 Im Verdinglichungsprozess, dem Zur-Ware-Werden des Arbei-
These vom »Klassencharakter« (GuK, 274) der bürgerlichen Gesellschaft lässt ters ist er als Mensch zwar negiert, »seine >Seele<verkümmert und verkrüppelt«,
strukturelle Antagonismen und Ausbeutungsstrukturen in den Hintergrund tre- jedoch sein »menschlich-seelisches Wesen nicht zur Ware verwandelt« (ebd., 356).
ten und jegliches Durchbrechen des ideologischen Monolithen »Verdinglichung« In der scheinbar undurchdringbaren, objektivierten Wirklichkeit ist laut Lukacs
als transzendierende Praxis erscheinen. das verdeckte Residuum wahrer, d.h. verändernder Praxis immer schon angelegt.
Dieses Widerstandspotential liegt in der prekären Situation der Arbeiterin

Wahrheitals Subjekt-Objekt-Einheit
des Proletariats der kapitalistischen Warenproduktion begründet. Die allgemeine Quantifizie-
rung des Lebens wird in der Alltagswirklichkeit der Arbeiter unmittelbar als
»Die Weltlage ist - objektiv- andauernd und sich steigernd revolutionär« (GuK, Abstraktionsprozess
erfahren, da er an ihnen selbst vollzogen wird: sie sind dazu
466). genötigt ihre Arbeitskraft von ihnen selbst abzutrennen (d.h. zu abstrahieren)
Auch wenn dieser Satz zunächst im totalen Widerspruch zu dem passivieren- und als Ware zu verkaufen (ebd., 349). 188 Ausgangspunkt der Wahrheitist die
den Gewicht der Verdinglichung zu stehen scheint, bringt er das treibende Motiv unmittelbare Erfahrung der totalen Falschheitder Verhältnisse. Denn im Dasein
von Geschichteund Klassenbewußtsein
auf den Punkt: Lukacs versucht durch die des Arbeiters ist die Objektivierung der warenproduzierenden Gesellschaft
Theorie der Verdinglichung eine Erklärung für das Zurückbleiben des Bewusst- unmittelbar spürbar.
seins der Unterdrückten - des Proletariats - hinter den objektiven Möglichkei- In der Ware Arbeitskraft kann, so Lukacs' Argumentation, das Moment des
ten einer revolutionären Situation zu finden (vgl. ebd., 464). Die ideologische Subjektiven trotz der verdinglichten Erscheinung nicht gänzlich ausgelöscht
Verdinglichung spiegelt aber die »prekäre Lage der bürgerlichen Gesellschaft«
im Bewusstsein der unterworfenen Subjekte in naturalisierter Form, nämlich 186 Die Betonungdes Subjektivenals Voraussetzung für eine revolutionärePraxiswurdevon orthodox-
marxistischerSeite häufig als »idealistisch«kritisiert, vgl. exemplarischdie zeitgenössischeKritik
in »alter Solidität« (ebd., 486) wider. Weil die Tiefenstruktur der alltäglichen
Rudas(Rudas,Ladislaus:OrthodoxerMarxismus?[19711)und späterAhrweiler(Ahrweiler,Georg:
Lebensführung von der »kapitalistischen Denk- und Empfindungsweise« (ebd., Betr.: Lukacs(19781).Auf diesenVorwurfhat Lukacsin einer in Deutschlandbislangunveröffent-
lichten frühen Verteidigungvon Geschichteund Klassenbewußtsein reagiert (vgl. Lukacs,Georg:
513) durchdrungen ist, kommt es durch die permanente Reproduktion der Ver- Chvostismusund Dialektik(19961).Diebislangnur im angelsächsischen Raumkaum rezipierteEnt-
dinglichung zu einer Vereinheitlichung des unmittelbaren Daseins, das die Mög- gegnungwurdedort als »powerfulHegelian/Marxistapologyof revolutionarysubjecitvity«gelesen,
die sich gegenobjektivistischeGeschichtskonzeptionen richtet, vgl. Löwy,Michael: Revolutionary
lichkeit eines eingreifenden politischen Aktes ganz und gar unmöglich erschei- Dialecticsagainst»Taillsm«(2011),68 und Congdon,Lee:Apotheosizingthe Party(2007).
nen lässt. 185 Die einzig mögliche Form von Subjektivität ist die fortwährende 187 Hauck,Gerhard:Einführungin die Ideologiekritik(1992), 63. DieseAnsicht markiert zugleichdie
Differenzzur KritischenTheorie,die in der Einheitlichkeitder verdinglichendenWelt resignativver-
Selbstobjektivierung, das reine kontemplative Hingegebensein an das Bestehen- harrt.
188 Die Tätigkeitender herrschendenKlasse,als auch die des bürokratischenApparatessind nach
Lukacsnicht derselbenVerdinglichungunterworfen,wie die der Arbeiter.Durchteilautonome,geis-
184 Die RezeptionSimmelsund Weberswurdevielfach als eineAbweichungvonder Orthodoxieange- tige Tätigkeiten,Individualisierungund Subjektlvierungkönnen sie den verdinglichendenSchein
sehen,vgl.exemplarischdie Studievon Maretzky,Klaus-Dieter:Geschichteund Klassenbewußtsein nicht durchbrechen(vgl.GuK,537).An dieserStellezeigt sich, dassLukacseine möglicheEinsicht
(1970). in die Wahrheitnur im Arbeitsprozessder Industriearbeitverortet, in der Entfremdungserscheinun-
185 Die Tendenzzur Vereinheitlichungder Denk-und Verhaltensweisen findet sich auch in Bourdieus gen dominantsind. Es bleibt soJedochdie Frageoffen, ob sich nach dieserAuffassungeinetrans-
Habituskonzeptwieder.Bourdieunimmt jedoch im Gegensatzzu LukacsklassenspezifischeDis- zendierendePraxisauch In neuerenProduktionskonzepten,die sich durch Dezentralisierungund
positionenan, die keineswegskontemplativwirken,sondernpraxisleitendsind. Die Ausbildungvon Dehierarchisierungauszeichnen,überhauptnoch möglich ist. DieseLeerstellekann Lukacsnicht
Subjektivitätwird hieralsonicht verhindert,sondernklassenspezifischvereinheitlicht,vgl. Bourdieu, klären, im Gegenteil:Wennder Warencharakterder Arbeitskraftnicht mehr In seiner Repressivität
Pierre:Zur Geneseder BegriffeHabitusund Feld(1997). wahrgenommenwird, dann scheintdie Verdinglichungtotal undVeränderungunmöglichzu sein.

74 75
werden, sie ist die tätige Praxis eines Subjektes. Die Objektivierung der Ware tischenAufhebung als Lebensformender Gesellschafterheben« (ebd., 362). 193
Arbeitskraft treibt so über sich selbst hinaus: 189 »Durch diese Spaltung jedoch, Die Bewusstseinsentwicklung über die eigene Lage muss jedoch, um tatsäch-
die gerade hier zwischen Objektivität und Subjektivität in dem sich als Ware lich zur Wahrheit zu gelangen, aus der Spontanität der atomisierten Erkenntnis
objektivierenden Menschen entsteht, wird diese Lage zugleich des Bewußtwer- des Einzelnen hinausgetrieben und in kollektive, organisierte Handlungspro-
dens fähig gemacht« (ebd., 352). Der Prozess der Wahrheitsfindung setzt genau zesse eingebunden werden. An dieser Stelleschlägt Lukacs' Theorieder Verdingli-
im Status des Arbeiters an: Indem der Arbeiter seine Arbeitskraft verkauft, chungin eine Politikder Wahrheitum, Der erste Akt der »Aufhebungder Verein-
nimmt er sich selbst als negiertes Subjekt wahr; es kommt zu einem »radikalen zelung«ist das Gewahrwerden über den gesellschaftlichen Charakter der Arbeit.
Umschlag« 190 , da sich der Objektstatus des Arbeiters zum »Selbstbewußtsein
der Dadurch kann das quantifizierte, isolierte Sein zu einer neuen Qualität erhoben
Ware«(ebd.) transformiert. 191 werden, so dass sich in einem zweiten Akt eine qualitativ neue Form der Erkennt-
Das Selbstbewusstsein enthüllt nun die (entfremdeten) Beziehungen nis konstituiert, die Erkenntnis des »Klassensinns«(ebd., 356).194 Der organisa-
zwischen den Menschen, die unter der dinglichen Hülle verborgen war, torisch-parteiliche Zusammenschluss ist für Lukacs notwendig, um die ideologi-
»unter der quantifizierenden Kruste [kommt] ein qualitativer, lebendi- sche Passivierung der Arbeiter aufzuheben. Dies kann er jedoch nur, wenn er als
ger Kern [ ... ] zum Vorschein« (ebd., 353). Die Verkehrung und Verding- direktes Gegenmodell zu den formal-rationalen bürokratischen Organisationen
lichung enthüllt sich als bloßer Schein und die Wahrheit der Produktions- konzipiert wird. 195 Die Partei wird, könnte man sagen, zum Wahrheitsindikator:
verhältnisse wird praktisch erfahrbar. Wahre Erkenntnis und wahre Praxis
denkt Lukacs - im Anschluss an die Marxsche Wahrheitstheorie der Thesen Nur indem die kommunistische Partei zu einer Welt der Tätigkeit
über Peuerbach- nicht als Gegensätze, sondern als Einheit. Zu der bloßen für jedes ihrer Mitglieder wird, kann sie die Zuschauerrolle des bürgerli-
Erkenntnis einer Subjekt-Objekt-Spaltung tritt etwas »Neues«hinzu, da das chen Menschen der Notwendigkeit des unbegriffenen Geschehens gegen-
Bewusstsein nicht bloß eine Erkenntnis über einen äußerlichen Gege'nstand über und ihre ideologische Form, die formelle Freiheit der bürgerlichen
(wie eine ordinäre Ware) ist, sondern Selbsterkenntnis (der Ware Arbeits- Demokratie, wirklich überwinden. (GuK, 515)
kraft). Die Gegenständlichkeitsform des Objektes (des verdinglichten Seins
des Arbeiters) wird so praktisch umgewälzt (ebd. 363). Es genügt also nicht, Sie ist der »Vorschein« auf die Verwirklichung einer Gemeinschaft, welche
die falsche Wirklichkeit in Gedanken aufzuheben, »die Herrschaft der Ver- die Dualismen von Führung und Masse, Organisation und Individuum auf-
dinglichung [kann] nur überwunden werden, wenn sich eine neue Form der hebt. In der »solidarischen Tätigkeitder Glieder eines Gesamtwillens« (ebd.,
Praxis entwickelt.« 192 Die gedankliche Aufhebung »muß sich zu ihrer prak- 516) soll die mechanisierte Arbeitsteilung aufgebrochen und die »wahre Ein-

193 Dassdie bedrängendeSituation der (lndustrie-)Arbeiter(praktischen) Widerstandprovoziert,ist


189 Hierwird deutlich, warum Lukacsdie Quantifizierungzum Prinziperhobenhat: Nur durch die Objek- unmittelbar einsichtig. Ungeklärt bleibt jedoch, warum Lukacsdie Form der Praxisgleich mit der
tivierungder Arbeitskraftals WareIst überhauptder Auswegaus der Verdinglichungmöglich. Aufhebung der ausbeutendenGesellschaftidentifiziert. Eswären auch regressiveFormenideo-
190 Rehmann,Jan: Einführungin die Ideologietheorie(2010), 69. logisch »verblendeter«Praxisdenkbar, wie Rassismusoder Nationalismus.Er vernachlässigtdie
191 Der Vorgangder Selbstbewusstwerdung erinnert stark an das HegelscheHerr-Knecht-Modellder Widersprüchlichkeitder Praxisformenoder die Im Bewusstseintief verwurzelteideologischenHerr-
Phänomenologiedes Geistes. Auch hier ist es der Knecht, der sich durch die Arbeit seiner selbst schaftssicherung.
bewusstwird, »durchdie Arbeit kommt [das knechtischeBewusstsein]zu sich selbst«,währendder 194 Ähnlichwie die Selbsterkenntnisdes Proletariatsals radikalerUmschlagkonzipiertwird, so tut sich
Herr bloßgenießtund in Unselbstständigkeit verharrenmuss,vgl. Hegel,GeorgW. F.:Phänomenolo- auch hier ein Bruch In der Argumentationauf: NachdemIn der phänomenalenBeschreibungder
gie des Geistes(1986), 153. Verdinglichungder Klassencharakterder Gesellschaftexplizitausgeklammertwurde - wird er durch
192 Stahl, Titus: Verdinglichungals Pathologiezweiter Ordnung(2011), 735. An dieser Stelle verweist die objektvierendenBedingungender Warengesellschaftverschleiert-, tritt er nun mit dem Über-
Honnethauf die »normativenImplikationen«,der der verdinglichtenWirklichkeitschonlatent inne- gang zu einer Politik der Wahrheitoffen zutage.Das Bewusstwerdenüber die eigene Lageist also
wohnen,vgl. Honneth,Axel: Verdinglichung(2005), 25. Dasses Lukacsjedoch an keinerStelle um gleicheineWahrnehmungder strukturellenWidersprücheund Antagonismen.
ein »Werturteiloder Sollen«ging,betont er selbst ausdrücklich:Die Aufhebungder Verdinglichung 195 Um den Antitypen der proletarischenParteizu beschreiben,nutzt Lukacshier wieder MaxWebers
ist nichts anderesals »dasOffenbarwerden ihrer eigentlichen,objektiven,gegenständlichenStruktur Theorie der Bürokratislerungals Vorlage,vgl. Dannemann,Rüdiger: Das Prinzip Verdinglichung
selbst«(GuK,346). (1987). 105.

76 77
heit der proletarischen Klasse« (ebd., 517) hergestellt werden. 196 Die politische zum anderen, können nur als »notwendiger Schein« enthüllt werden, wenn die
Wahrheit liegt für Lukacs also in einer Subjekt-Objekt-Einheit des parteilichen Erscheinungsformen an das Ganze der kapitalistischen Produktionslogik rückge-
Zusammenschlusses. bunden werden (ebd., 186). War in der verdinglichten Einstellung das Ganze das
Mit der Aufhebung der Fragmentierung durch die Etablierung einer politi- Unwahre,so kehrt die umwälzende Erkenntnis des Proletariats die Verhältnisse
schen Einheit geht auch eine qualitativ veränderte Form der Reflexion über die um, indem es das Hegelsche Diktum, das Ganze sei das Wahre,auf die bürgerli-
bürgerliche Gesellschaft einher: Die isolierten Erscheinungen werden im proleta- che Gesellschaft überträgt.
rischen Bewusstsein vermittelt und die Verkehrung,der zufolge die Ware »unbe- Ist die isolierte Einzelkategorie rückgebunden an die Historizität, d.h. Ver-
wegter Beweger« der bürgerlichen Gesellschaft ist, ersetzt durch die Wahrheitdes gänglichkeit, der gesellschaftlichen Entwicklung, wird das Denken nun wiede-
Ganzen.Das Selbstbewusstsein denkt Lukacs identisch mit dem Bewusstwerden rum praktisch. Es führt zu einer »subversiven Lektüre der Realität, der Restitu-
der Objektivität des gesellschaftlichen Ganzen; »das 'Andere' oder Gegenteil der ierung des Unterdrückten« 200
, in welcher das verdinglichte Sein als Herrschafts-
negativen Bedeutung von Ideologie ist [... ] das Konzept der Totalität.«197 Ähnlich verhältnis dechiffriert wird. 201
Lukacs geht von einer dialektischen Zirkularität
wie bei Marx ist Wahrheit im Sinne Lukacs' immer auch Methodezur Erfassung aus, die Theorie und Praxis miteinander vereinigt: Die Einsicht in die unheilvolle
der Wirklichkeit. Hier kommt eine transzendierende Praxis (des Denkens) zum Totalität der Warengesellschaft führt zu einer Einheit im revolutionären Handeln
Tragen, die über die Immanenz des gesellschaftlichen Seins hinausgeht und die der Unterworfenen, das wiederum die Erkenntnis der Vermitteltheit des Ganzen
abstrakt-isolierten Teile der bürgerlichen Gesellschaft als Momente der Totalität befördert, usw.202
wahrnimmt, »d.h. als Momente der sich geschichtlich umwälzenden Gesamtge- Resümieren wir nun die verschiedenen Dimensionen der Aufhebung der
sellschaft erfaßt« (ebd., 346). 198 Während die Ideologie der Verdinglichung, wie verdinglichten Verkehrung, so stellt sich Wahrheit als Subjekt-Objekt-Einheit
des
der Fetischcharakter der Ware, sich durch eine naturalisierende Festschreibung Proletariatsdar, in der die Selbsterkenntnis des Proletariats gleichzusetzen ist mit
fixer und isolierter Größen auszeichnet, geht es nun darum, die gesellschaftli- der objektiven Erkenntnis über das »Wesen« der Gesellschaft (ebd., 331). Es ist
199
che Vermitteltheit der bürgerlichen Erscheinungsformen aufzuzeigen. Die also die Einheit von subjektiver Selbsterkenntnis und objektiver Erkenntnis des
Wahrheit »verhüllende Funktion des fetischistischen Scheins«, die Verschleie- gesellschaftlichen Zusammenhangs.
rung des transitorischen Charakters der kapitalistischen Gesellschaft zum einen Lukacs geht davon aus, dass die Praxis des Proletariats die Falschheit der
und die Verdinglichung der zwischenmenschlichen (Herrschafts- )Beziehungen Verhältnisse transzendiert, in ihr sind die latent enthaltenen »Entwicklungs-
ziele« (ebd.) der kapitalistischen Gesellschaft (d.h. deren Aufhebung) verwirk-
196 Dieseemphatische Beschreibungdes idealtypischenParteimodellsist natürlich auch eine Kritik an
der realenPraxisder kommunistischenParteien,vgl. GuK,516. licht. So wird die Praxis jedoch teleologisch überhöht; das Proletariat avanciert
197 Eagleton,Terry: Ideologie(2000), 113. DasKonzeptder Totalität ist auch als Kritik zum Empirismus
der II. Internationalenzu verstehen,der die dialektischeMethode in ihrem »Hegelianismus«ablehn-
te und stattdessendie ,»nüchterne,,,unbefangene,Erforschungder ,Tatsachen«< als Idealder mar-
xistischenWissenschaftsetzte(GuK, 175).
198 Die Nähe zur HegelschenKategorieder »konkretenTotalität«ist hier kaum zu übersehen.Bronner
geht sogarvon der Annahmeaus, dassder (Hegelsche)Idealismusfür Lukacsdie Quelleseineshis- 200 Dannemann,Rüdiger:Das PrinzipVerdinglichung(1987), 142.
torischen Materialismussei: »With its emphasisupon action, indeed, [Lukacs] insisted that philo-
201 Zur Veranschaulichungzitiert Lukacsan dieserStelle Marx:»Ein Negerist ein Neger. In bestimmten
sophical idealism privilegedthe problemof how humanity constitutes itself-and thus, by implica-
Verhältnissenwird er erst zum Sklaven.Eine Baumwollspinnmaschine ist eine Maschinezum Baum-
tion, how it constitutes reality.This step explicitly identified Marxismwith a transformativepurpose.
wollspinnen.Nur in bestimmten Verhältnissenwird sie zu Kapital.Aus diesenVerhältnissenheraus-
lt highlighted the momentof revolutionarypolitical practice within what had popularly beenconsi- gerissen,ist sie so wenig Kapital,wie Gold an und für sich Geldoder der Zucker der Zuckerpreisist.«
dered an economic sciencewith fatalistic implications.« (Bronner, Stephen E.: Lukacsand the Dia-
(Marx,Karl: Lohnarbeitund Kapital[1956ff.l, 407, im Folgendenzitiert als MEW6)
lectic [2011], 161.)
202 Entgegender dialektischen Konzeptiondes proletarischenLernprozesseswirft QuadfliegLukacs
199 Habermassieht die Kategorieder Totalitätebenfallsals Voraussetzungdafür, die bürgerlicheGesell-
vor, er sehe die Theorieoder wahre Erkenntnisdes gesellschaftlichenGanzenals Voraussetzungder
schaft in ihrer gesamtenIrrationalität begreifenzu können.Lukacs übernimmt, so Habermas,»von
Praxisan, vgl. Quadflieg, Dirk: Zur Dialektik von Verdinglichungund Freiheit (2011), 703. Lukacs
Hegelden Begriff der Totalitäteines vernünftigorganisiertenLebenszusammenhangsund verwen-
selbst betont hingegenden, wenn auch sprunghaften,Charakterder Wechselwirkung:»So ist das
det ihn als Maßstab für die Irrationalität gesellschaftlicher Rationalisierung«(Habermas,Jürgen: proletarischeDenkenvorerst bloßeine Theorieder Praxis,um erst allmählich(freilich oft sprungwei-
Theoriedes kommunikativenHandelns[1981], 476).
se)sich in eine die Wirklichkeit umwälzendepraktischeTheoriezu verwandeln.«(GuK,394).

78 79
so zu einem »messianischen Vorschein« einer in sich versöhnten Gesellschaft.203 - einer besonderen Bedeutung zu. 205 Denn die Etablierung des fordistischen
Widersprüche und Inkonsistenzen werden in der Praxis und dem Bewusstwer- Kapitalismus in den westlichen Ländern auf der einen und das Ausbleiben indivi-
dungsprozess zugunsten einer metaphysischen Homogenität getilgt. Die Kon- dueller und sozialer Emanzipation in den sozialistischen Staaten auf der anderen
zeption der Subjekt-Objekt-Einheit des Proletariats kann damit nur als direkte Seite führt, so Adorno, zu einer »Veränderung des ideologischen Gehalts«, die
Negation und totaler Bruch mit den objektivierenden und spaltenden Tenden- eine »konkrete Bestimmung dringlich macht« (GS 8, 476).206
zen der verdinglichten Gesellschaft gedacht werden. Die Verkehrung schlägt Bevor wir uns die Beantwortung dieser ideologietheoretischen Fragestel-
damit unmittelbar in ihr Gegenteil, in die Verwirklichung der Wahrheit der lung in der Dialektikder Aufklärung widmen, ist auf den ersten Blick auffällig,
Geschichte,um. Dass nun beide Momente - Verkehrung und Wahrheit - unver- dass Adorno Ideologie ähnlich bestimmt wie zuvor schon Lukacs. Im Anschluss
mittelt nebeneinander stehen und Veränderung nur als radikaler revolutionärer an die Fetischanalysen Marxens und die Theorie der Verdinglichung Lukacs'207
Umschlag gedacht werden kann, liegt in der Konzeption des Verdinglichungsthe- bestimmt Adorno in Beiträgezur Ideologien/ehre
Ideologie als eine eigentümli-
orems begründet. War dort Subjektivität begraben unter den verdinglichenden che Verquickung des Wahren und Unwahren: »Als objektiv notwendiges und
Zwängen der Warenproduktion und der Mensch in all seinen Lebensäußerun- zugleich falsches Bewußtsein, als Verschränkung des Wahren und Unwahren, die
gen nicht viel mehr als Inkarnation der Ware, so lässt sich Veränderung unter sich von der vollen Wahrheit ebenso scheidet wie von der bloßen Lüge, gehört
dem einheitsstiftenden Prinzip Verdinglichung entweder gar nicht oder nur als Ideologie, [... ] einer entfalteten städtischen Marktwirtschaft an« (ebd., 465).
deren direkte Negation begreifen. Bei Lukacs kommt es, so können wir es auf den Ähnlich wie bei Lukacs' Verdinglichungstheorie wird in der warenförmigen
Punkt bringen, zu einer widersprüchlichen Verknüpfung von Objektivismus(in Gesellschaft so das Ganze zum Unwahren, es bringt mit struktureller Notwen-
der strukturalistischen Herleitung alles Seins aus der Warenform) und Idealismus digkeit einen »Schleier« hervor, »der notwendig zwischen der Gesellschaft und
(in dem metaphysischen Konzept der Veränderung durch das Proletariat). 204 deren Einsicht in ihr eigenes Wesen liegt« (ebd., 472). Diese Schranke drückt wie-
Während Lukacs dem zuvor aufgestellten Diktum, das Ganze sei das derum das Wesen der ideologischen Verkehrung aus: Das Bewusstsein ist eben
Unwahre, noch das metaphysische Konstrukt, das Wahre sei das Ganze des Pro- darum falsch, weil es die Phänomene der Warengesellschaft richtig wiederspie-
letariats, entgegenhält, werden wir nun sehen, dass die Möglichkeit einer Aufhe- gelt. Neben dieser »blinden« Verblendung wird nach Adorno Ideologie jedoch
bung bei Adorno und Horkheimer getilgt wird. auch aktiv, politisch produziert, sie ist immer auch »Rechtfertigung«
(ebd., 465)

205 Habermasgeht mit Dublel davon aus, dass die »EnttäuschungrevolutionärerErwartungen«maß-


geblichzur Ausbildungder KritischenTheoriebeigetragenhat: Währendder Faschismusden Wider-
»lückenlos geschlossenes Dasein« in der Dialektik der Auf- standder organisiertenArbeiter einfach auslöschte,integriertedie USAdie Arbeiterschaftweniger
klärung(Adorno/Horkheimer) repressivdurch die Bindung an eine Massenkultur.Auch In der sowjetischenEntwicklung sahen
Adorno und Horkhelmereher WebersTheseder beschleunigtenBürokratisierungbestätigt als ein
revolutionäresVoranschreiten eines neuen Vergesellschaftungsmodusverwirklicht, vgl. neben
Aufgrund gesellschaftspolitischer Verschiebungen rechnen Adorno und Hork- Habermas,Jürgen:Theoriedes kommunikativenHandelns(1981), 490 auch Dubiel, Helmut: Wis-
heimer der ideologietheoretischen Fragestellung - der Frage, warum sich Men- senschaftsorganisation und politischeErfahrung(1978), 15-135.
206 Adorno,TheodorW.: Beitragzur Ideologienlehre(1970), im Folgendenzitiert als GS8. Der Aufsatz
schen freiwillig einem System unterwerfen, das sie zunehmend objektiviert Beitragzur Ideologien/ehregibt einen guten Überblick über die allgemeinenVerschiebungendes
Ideologieproblems, die Adorno und Horkheimerkonstatieren.Er Ist zwar von Adornoallein verfasst,
aber entstandenin der »stetiggemeinsamenArbeit mit Max Horkheimer«(GS8,457, Anm. 1). Im
Folgendenliegt der Schwerpunktauf der Ausarbeitungdes Problemgehalts,den beide Autoren,als
prominenteVertreterder KritischenTheorie,eint. Esgeht alsowenigerum eine genaueBestimmung
dessen,wasderjeweiligeAutor unter dem Begriffder Ideologieversteht.
207 In der Dialektik der Aufklärung (Adorno, TheodorW./Horkheimer,Max: Dialektik der Aufklärung
203 Dieshat Lukacsin seinem 1967 verfasstenVorwortselbstkritisiert, vgl. GuK,11-41. DasVorwortvon [19701, im Folgendenzitiert als GS 3)sehen die Autoren in beiden Phänomenenden Grund der
1967 wurde dadurch im westlichenMarxismuskontroversdiskutiert.Zum messianischenCharakter unveränderlichenStarre der spätkapitalistischenGesellschaften.Dader »Fetischcharaktersich wie
der Subjekt-ObjektEinheitvgl. Bronner,StephenE.:Lukacsand the Dialectic(201 ll, 18 und Kavou- eine Starre über das Lebender Gesellschaftin all seinenAspekten[. . .l aus[breitetl« (GS3, 45) ist
lakos,Konstantinos:Back to History?(2011), 158. die »Verdinglichung[... J der MassenkulturgegenüberkeineMetapher[mehr]: die Menschen,die sie
204 Vgl.Eagleton,Terry:Ideologie(2000), 118. reproduziert,macht sie den Dingenähnlich«(ebd.,334).

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des falschen Zustandes. Rechtfertigung, weil in ihr noch eine Latenz des Wahren
aufgehoben ist- Ideologie ist, so Adorno, die »Wut« (ebd., 473) auf das in ihr auf- Kulturindustrieals positivistisch-technokratische
Ideologie
208
gehobene Bessere. Als ein Teil der 1944 verfassten Dialektik der Aufklärungversucht die Kulturin-
Enthält Ideologie ein Moment der Wahrheit, kann sie mit ihrer eigenen dustriedas Paradox moderner Gesellschaften zu klären: Trotz enormem Anstiegs
Wahrheit konfrontiert werden (ebd., 465). Was wird jedoch aus dem Projekt der der Produktivkräfte führt der technische Fortschritt (angesichts des herrschenden
Ideologiekritik, wenn die Dimension der Wahrheit gänzlich getilgt wird? Faschismus) in eine »neue Art von Barbarei« (GS 3, 11). Adorno und Horkhei-
Für spätkapitalistische Gesellschaften konstatieren Adorno und Horkheimer mer konstatieren eine »rätselhafte Bereitschaft der technologisch erzogenen Mas-
in der Dialektikder Aufklärung eine Stilllegung der zuvor ausgeführten Dialek- sen, in den Bann eines jeglichen Despotismus zu geraten« (ebd., 13). Dadurch
tik des Wahren und Falschen. Die verdinglichenden Prozesse der fordistischen ergibt sich eine neue ideologische Formation, die auf die »synthetische Identi-
- und wie wir noch sehen werden, der technischen Produktion insgesamt - set- fikationen der Massen« (GS 8, 476) mit dem gesellschaftlichen Ganzen zielt.
zen den falschen Zustand unter den veränderten Bedingungen monopolkapita- Aufklärung erweist sich - so der Untertitel - als »Massenbetrug«. Diese Identi-
listischer Herrschaftssicherung absolut. Indem die Subjekte geistig und praktisch fikation basiert, ganz wie Lukacs, auf der Gleichförmigkeit aller Subsysteme; die
bloß noch das Phänomenale verdoppeln, bildet sich eine neue »positivistisch- ökonomisch-politische Herrschaft wird so im kulturellen Überbau verdoppelt.
technokratische Ideologie« aus, die sich auf die »Technik erzwungene Allgegen- Die Massenkulturist demzufolge kein umkämpftes Feld verschiedener sozialer
wart des Stereotypen« stützt (GS 3, 158).209 Die zumindest latent vorhandene Blöcke, sondern sie ist ganz im Gegenteil der »Kitt«, der die gesellschaftlichen
Referenz zum Wahren kann nun nicht mehr gedacht und die politische Aufhe- Verhältnisse nicht nur legitimiert, sondern auch zu einem undurchdringbaren,
bung nicht mehr aktiv herbeigeführt werden. Die Gründe dieser ideologietheore- unwahren Ganzen formt.210
tischen Verschiebung sollen im Folgenden untersucht werden. Im Folgenden soll zunächst die kulturindustrielle Produktion als solche dar-
Wir werden in diesem Kapitel die divergierenden Ausgangspunkte verschie- gestellt werden, um den spezifischen Warencharakter der Kunst verstehen zu
dener Schriften (von der DialektikderAufklärungbis hin zur NegativenDialektik) können. Aus diesen beiden Momenten ergibt sich dann ein Ideologiebegriff, der
auf ein kohärentes Grundmoment der Ideologie hin lesen. Von der »Kulturin- durch die positivistisch-technokratische Verdopplung des Bestehenden ausge-
dustrie« über die »instrumentelle Vernunft« der Aufklärung bis hin zu einem all- zeichnet ist.
gemein-philosophischen Begriff der Identität, der am Ende des Kapitels kritisch Ähnlich wie Lukacs gehen auch Adorno und Horkheimer von einer fordis-
reflektiert wird, ist das Denken von Ideologie immer das Denken von falscher tischen Einförmigkeitder Kulturproduktion aus. Die im amerikanischen Exil
Identität: Die Kulturindustrie schließt die Massen zu einer geschlossenen Imma- beobachtete »mehrdimensionale Standardisierung proletarischer Lebenszusam-
nenz zusammen, die Rationalität der instrumentellen Vernunft macht die Welt menhänge«, wie eine Gleichförmigkeit der Arbeiten in relativ stabilen Beschäf-
auf repressive Weise identisch und der identische Begriff tilgt in seiner Subjekt- tigungsverhältnissen, das Vorherrschen standardisierter Massenprodukte sowie
Objekt-Einheit letztlich jede Heterogenität. die daraus folgende Ausbildung dauerhafter Lebensgewohnheiten, 211
führt
schließlich - so die These - zu einer »falsche Identität von Allgemeinem und
Besonderem« (GS 3, 145). Im Fordismus etabliert sich eine »Massenkultur«

210 Der Gegenentwurfdieses kulturellen Monolithen ist sicherlich GramscisKonzept der Zivilgesell-
schaft. Die kulturelle Sphäreist laut Gramscirelativ autonomund Feld hegemonialerKämpfe.Herr-
208 In unmittelbarenMachtverhältnissenexistiertdie Herrschaftin reiner Form,in ihr gibt es laut Adorno schaft wird zwar auch hier durch Integration hergestellt,jedoch ist die je spezifische Formder Inte-
keine FormenideologischerHerrschaftssicherung(GS8, 473). Die Formel,Ideologiesei »Wut«ver- gration immer auch ein Machteingeständnisder jeweils Herrschendenan die subalternen Blöcke.
weistzudemauf das triebpsychologisch-repressive Moment,dasnach Adornojeder Ideologieanhaf- Zum Verhältnisvon Adorno und Gramscivgl. Demirovic,Alex: Rekrutierungvon Intellektuellen im
tet. Fordismus(2002).
209 Rehmann,Jan: Einführungin die Ideologietheorie(2010), 71. 211 Ebd.,58.

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(ebd., 299ff.), die den Klassenwiderspruch nivelliert. Durch die Integration der den Imperativen von Warenförmigkeit.« 215Unterliegt die Kultur der Waren-
Arbeiterschaft in die bürgerliche Gesellschaft bei gleichzeitiger Formierung eines form, dann verliert der geistige Überbau seine relative Selbstständigkeit und ver-
konformistischen Massenbewusstseins wird die Identität total - und Verände- schmilzt mit der ökonomischen Basis zu einem kulturindustriellenGanzen.216Der
rung verhindert: »Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit« (ebd., 141). 212Der Widerspruch zwischen den Sphären der (kulturellen) Reproduktion und (ökono-
»Wohlfahrtsstaat auf höherer Stufenleiter« verkehrt das Klassenverhältnis in sein mischen) Produktion wird also defacto vollständig zugunsten einer »ubiquitä-
Gegenteil, indem nun der ideologische Schein produziert wird, »die Arbeiter, die ren Kultursphäre« 217getilgt (darum sprechen die Autoren vom Amusement als
eigentlichen Ernährer, [würden] von den Wirtschaftsführern, den Ernährten, »Verlängerung der Arbeit unterm Spätkapitalismus«, ebd.). Der falscheScheinder
genährt« (ebd., 173). Das Solidarprinzip des Wohlfahrtsstaates führt demzufolge Ideologie beruht nun auf einem Verkennen der realen Produktionsbedingungen
zu einem totalen Verkennen der ökonomischen Ungleichheit bei gleichzeitiger der Kultur: Ist Kultur zwar nach den Maßstäben ökonomischer Verwertbarkeit
Verabsolutierung des Nützlichkeitsprinzips, indem »unmittelbare Solidarität der ausgerichtet, erscheint sie jedoch gleichzeitig als eine von ihr losgelösten Sphä-
Menschen« nur noch »in der Welt der Tüchtigen« (ebd., 173) stattfindet. In dieser re.218Im System der Arbeitsteilung wird sie als Freizeit von der Arbeit getrennt, in
gesellschaftlichen Diagnose tragen die Autoren eine Veränderung der ökonomi- ihr, so der ideologische Schein, soll das Subjekt in seiner Besonderheit zu seinem
schen Verhältnisse Rechnung, die in der Grundthese der Kulturindustriemün- Recht kommen, um sich von der objektivierenden Warenproduktion zu erholen.
det, »alle Massenkultur unterm Monopol [sei] identisch« (ebd., 14lf.). Sie sahen Durch die »kommodifizierte Kulturproduktion« 219kommt es zu einer
sich - unter Aufnahme der These Pollocks - einem »totalitären Staatskapitalis- »lückenlosen Quantifizierung« (ebd., 144) der Kulturprodukte, die den Waren-
mus« gegenübergestellt, der durch die zunehmende Konzentration von Mono- charakterder Kunst grundlegend verändert. 221Behütete in frühkapitalistischen
polen auf der einen und die Gleichschaltung der Produktion und Distribution Verhältnissen »der Auftraggeber die Künstler noch vor dem Markt« (ebd., 180),
durch den Staat auf der anderen Seite die gesamte Gesellschaft als einen gleich- so wird Kunst nun eine Sphäre uneingeschränkter Kapitalakkumulation. Der
förmigen Block erscheinen lasse.213Indem dadurch die binäre Opposition von Anspruch an das Kunstwerk ist nun seine absolute Verwertbarkeit:
Ökonomie und Gesellschaft in die »Totalität« (ebd., 147) des Staatskapitalismus
transformiert wird, ist auch »die Stellung des Einzelnen[ ... ] prekär« (ebd., 173).
Das Individuum wird zum bloßen Mittel der Produktion degradiert: »Die Verfas- 215 Resch,Christine/Steinert,Heinz,Kulturindustrie(2003),325.
sung der Wirtschaft ist zugleich die der Gesellschaft, >beiStrafe des Untergangs, 216 In der Kulturindustriekann zugespitztformuliert nochnicht einmalmehrvon einem Entsprechungs-
verhältnisvon Basisund Überbaugesprochenwerden.Erhebtsich bei Marxder Überbaunochvon
getrieben von dem Imperativ, die Ordnung der Lohnarbeit und die zugehörige der Basis (»Die Gesamtheitdieser Produktionsverhältnissebildet die ökonomischeStruktur der
politische Herrschaft intakt zu halten.«214 Gesellschaft,die reale Basis,woraufsich ein juristischerund politischerÜberbauerhebt und wel-
cher bestimmtegesellschaftlicheBewußtseinsformen entsprechen.«[MEW 13, 81),so ist die Kul-
Angesichts dieser veränderten Lage des »Spätkapitalismus« (ebd., 158) turindustrie bei Adornound Horkheimereine unterschiedsloseEinheitder beidenSphären.Damit
verfallensiejedocheinem Identitätsdenken,das sieals Grundprinzipder ideologischenVerkehrung
schließt sich die Kulturindustrie zu einer falschen Identitätzusammen: Die Ver- im Spätkapitalismuskritisierenwerden,indemsiedie materiellenEigengesetzlichkeiten der kulturel-
wertungslogik der kapitalistischen Ökonomie durchsetzt nun auch die Sphäre len Produktionnicht beachten.
217 Behrens,Roger:Kulturindustrie(2004),22.
der kulturellen Produktion, indem Kulturgüter standardisiert und industriell 218 Damitverabsolutierensie auchdie Positionder DeutschenIdeologie,Zwarführen auchsiedie »Ausgeburten
produziert werden. Kulturindustrie ist letztlich »intellektuelle Produktion nach geburten des Kopfes«(MEW3, 13) auf ihre reale Basiszurück, aber bloß, um die gedanklichen
»Ausgeburten«direkt mit der Basisgleichzusetzen.
219 Demirovic,Alex:Rekrutierungvon Intellektuellenim Fordlsmus(2002),62.
212 WährendLukacsim Warencharakterder Arbeitskraftden Schlüsselzur subjektivenErkenntnisdes 220 Kunstals autonomerBereichwar seitder Entstehungder bürgerlichenGesellschaftimmerschonan
unwahrenGanzensah,wird laut Adornound HorkheimerdieseErkenntnisdurch die massenkultu- die »Voraussetzung der Warenwirtschaft«(GS3, 180) gebunden.DenAutorengeht es alsoweniger
relleVerblendunggeradeverhindert.DasgleicheArgument- das Zur-Ware-Werden allesSubjekti- um eine Kritik der Warenförmigkeitder Kunst, sonderneher um eine Kritik der uneingeschränkten
ven- zeitigt nundie entgegengesetzte Konsequenz,dentotalen Konformismusan den statusquo. Marktförmigkeitder Kulturproduktion.
213 Behrens,Roger:Kulturindustrie(2004), 31. Pollack,ebenfallsMitarbeiteram Institut für Sozialfor- 221 Auch wenn die Autoren ihre Kulturkritik anthropologischaus der instrumentellenVernunft ablei-
schung,versuchteden Faschismusals ökonomischeFormationdes »Staatskapitalismus« zu erklä- ten, richten sie sich an dieserStellegegeneine überhistorischeTechnikkritik,»Dasaber ist keinem
ren,vgl. Pollack,Friedrich,Stadiendes Kapitalismus(1975). Bewegungsgesetz der Technikals solcher aufzubürden,sondernihrer Funktion in der Wirtschaft
214 Steinert,Heinz:Kulturindustrie(2008),81. heute.«(GS3, 1451.)

84 85
Alles hat nur Wert, sofern man es eintauschen kann, nicht sofern geschlossene Dasein« (GS 3, 174) der Kulturindustrie positivistisch verdoppelt. 224
es selbst etwas ist. Der Gebrauchswert der Kunst, ihr Sein, gilt ihnen als Im Ideologiebegriff der DialektikderAufklärung,der die Fetischanalysen und das
Fetisch, und der Fetisch, ihre gesellschaftliche Schätzung, die sie als Rang Verdinglichungstheorem aufnimmt und verabsolutiert, ist das Falsche das Wahre
der Kunstwerke verkennen, wird zu ihrem einzigen Gebrauchswert, der und das Wahre wiederum das Falsche:
einzigen Qualität, die sie genießen. (ebd., 18lf.) Einerseits ist Ideologie die richtigeSpiegelungdes an sich Falschen; sie ist der
»Kultus der Tatsache« (ebd., 170), da sie die Erscheinungsformen der kulturin-
Der Gebrauchswert der Kunst wird gänzlich in ihren Tauschwert - der dustriellen Gesellschaft durch positivistische Abbildung zu unabänderlichen
»gesellschaftlichen Schätzung« - aufgelöst. Insofern wird das Prinzip des Selbst- Naturtatsachen verklärt. Die entscheidende Differenz zu den vorherigen ideo-
zwecks aller Kunst, das l'artpour l'art,zum Fetisch des Marktes, Kunst ist so bloß logietheoretischen Ansätzen ist nun, dass nicht mehr das ideologische Bewusst-
noch die »Zwecklosigkeit für Zwecke, die der Markt deklariert« (ebd., 181). In sein den Widerspruchscharakter der gesellschaftlichen Realität tilgt, sondern die
der Absehung vom Inhalt, der spezifischen Besonderheit der Kunstwerke, ist ihr kulturindustriellen Verhältnisseselbst sich schon zu einem geschlossenen Dasein
bloßes Dasein Wert an sich. Schreibt Adorno dem Kunstwerk in der Ästhetischen zusammengezogen haben. 225 Der »Pseudorealismus« (GS 8, 476) der Ideologie
222
Theorie zwar eine Widerspruchshaltung gegen das quantifizierte Dasein der bildet das Ansichsein der Kulturindustrie bloß noch in seiner Unmittelbarkeit ab.
kapitalistischen Herrschaft zu (»Kunst ist nicht nur der Statthalter einer besseren Ideologie ist also nicht mehr als der »Inbegriff von Protokollsätzen«, indem sie
Praxis als der bis heute herrschenden, sondern ebenso Kritik von Praxis als der bloß noch diagnostiziert, das es so ist, wie es ist und dadurch zum »unwiderleg-
Herrschaft brutaler Selbsterhaltung« [GS 7, 26]), so verliert Kunst diese inhärente baren Propheten des Bestehenden« (GS 3, 174) avanciert.
Kritik, sobald sie selbst vollständig den quantifizierenden Gesetzen der Waren Darum wird Ideologie andererseits zu einem undurchdringbaren »Verblen-
unterliegt. Daher stirbt in der totalen Verwertbarkeit der Kunst auch ihr Wahr- dungszusammenhang« (ebd., 59), sie ist das notwendigfalsche Bewusstsein,»dass
heitsgehalt ab. Der ästhetische Schein, in dem zuvor noch das Versprechen auf die Bedingungen des Seins >richtig<seien«.226 Indem Sein und Bewusstsein nun
Besseres aufgehoben war, verdoppelt nun bloß die bestehende Ordnung. Mehr unterschiedslos zusammenfallen wird ein »Konformismus bis in die subtilsten
noch: Kunst unter den Bedingungen der Kulturindustrie setzt das Bestehende Seelenregungen hinein eingeübt« (GS 8,476). Naturalisierung ist insofern auch
223
absolut, indem es vorgibt, die Erfüllung vorwegzunehmen. Mit der »Flucht aus Legitimation, da jegliche Transzendenz zum Bestehenden undenkbar geworden
dem Alltag« wird in der Verheißung auf das Bessere nur das Alltägliche konstitu- ist: »Ideologie ist nicht nur der Betrug über die Wirklichkeit, sondern auch die
iert: »Kulturindustrie bietet als Paradies denselben Alltag wieder an« (GS 3, 164). Unterdrückung der Möglichkeit.« 227
In der Tilgung jeglichen Widerspruchs zur kulturindustriellen Totalität wird Die Genese des Ideologiebegriffs der Kulturindustrieerfolgt jedoch keines-
Kunst »ästhetisches Äquivalent der Herrschaft« (ebd., 151). wegs immer so einheitlich wie soeben beschrieben, vielmehr kreuzen sich an
Herrschaft wird unter den Bedingungen der Kulturindustrie demzufolge einigen Stellen zwei Argumentationslinien - Ideologie als (unbewusste) Ver-
nicht primär repressiv ausgeübt, sondern über eine positivistisch-technokratische
Ideologiekonstituiert. Die fordistische Standardisierung der Lebenszusammen- 224 Auch HabermasdiagnostizierteinigeJahrzehntespäter eine grundlegendeVeränderungder Herr-
schaft im Spätkapitalismus,die nunmehr auf der zweckrationalen,technokratischenVerwaltung
hänge wird unmittelbar (also positivistisch) im Bewusstsein reproduziert, so der Massenberuhe: »Die manifeste Herrschaftdes autorativenStaatesweicht den manipulativen
Zwängender technisch-operativenVerwaltung.Die moralischeDurchsetzungeiner sanktionierten
dass es zu einer technokratischen, »erfahrungslosen Starrheit des in der Massen- Ordnung[. . .] wird in zunehmendenUmfangdurch konditionierteVerhaltensweisenabgelöst,wäh-
gesellschaft vorherrschenden Denkens« (GS 8, 476) kommt, die das »lückenlos renddie großenOrganisationenals solcheimmer mehrunter die Struktur zweckrationalenHandelns
treten.«(Habermas,Jürgen:TechnikundWissenschaftals »Ideologie«[1974], 83.l
225 Insoferntrifft RitsertsCharakterisierungdes AdornoschenIdeologiebegriffsnicht ganz zu, da er die
Vereinheitlichungdem IdeologischenBewusstseinzuschreibt:»DasgesellschaftlicheSoseinmit all
seinenAntagonismen,lrrationalitäten, Repressionenund Herrschaftsinteressenwird durch Ideen
222 Adorno,TheodorW.: ÄsthetischeTheorie(1970), im Folgendenzitiert als GS7. affirmiert,so als könnees gar nicht andressein«(Ritsert,Jürgen:Ideologie[2002], 98).
223 Zur Transformation der Kunstautonomieim Spätkapitalismus vgl. Schweppenhäuser,Gerhard: 226 Behrens,Roger:Kulturindustrie(2004), 19.
ÄsthetischeTheorie,Kunstund Massenkultur(2003).
227 Steinert,Heinz: Kulturindustrie(2008), 75.

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dopplung der Realität zwn einen und Ideologie als (bewusste) Manipulation zwn standardisierten Kinobesuch der Massen, ist eine »Verlängerung der Arbeit«
anderen: »Die Ideologie wird gespalten in die Photographie des sturen Daseins (ebd., 158): »Dem Arbeitsvorgang in Fabrik und Büro ist auszuweichen nur in
und die nackte Lüge von seinem Sinn, die nicht ausgesprochen, sondern sugge- der Angleichung an ihn in der Muße« (ebd., 159).231 Die Angleichung der all-
228
riert und eingehämmert wird« (GS 3, 170). Das Diktum der DeutschenIdeo- täglichen Praxen der Freizeit an die Formen der Arbeitsorganisation bringt eine
logie- »die Gedanken der herrschenden Klasse sind in jeder Epoche die herr- Ideologie hervor, die weniger dem irrationalen Ganzen eine subjektive Sinn-
schenden Gedanken« (MEW 3, 47) - wird so manipulationstheoretisch gewen- stiftung bietet, sondern vielmehr aus der objektiven, ökonomischen Situation
det. Die Medieninhalte des kulturindustriellen Apparates unterliegen einem erwächst.232 Kultur als Freizeit verliert den Charakter eines ideologischen Über-
»ökonomischen Selektionsmechanismus«, der vom »Eigengewicht des techni- baus. Sie erzeugt aus der routinierten Logik des Alltags selbst ihre eigene Ideolo-
schen und personellen Apparats« und den »Exekutivgewaltigen« gesteuert wird gie, weil sie »als Paradies denselben Alltag wieder an[bietet]« (ebd., 164). Indem
(GS 3, 147). Adorno und Horkheimer legen so die Schlussfolgerung nahe, dass die Unterhaltung die herrschenden Lebensformen bestätigt, reproduziert sie
die beherrschte Klasse die von der herrschenden Klasse inszenierte einheitliche jedoch auch die subjektiven Pathologien der entfremdeten Arbeitswelt - »Das
Weltanschauung unhinterfragt übernimmt. Die Vereinheitlichung der Medien Vergnügen befördert die Resignation, die sich in ihm vergessen will« (ebd., 167).
scheint so kausal eine einheitliche Internalisierung der Beherrschten hervorzu- Durch die Verdopplung der kontemplativen Haltung in der Freizeit wird nicht
bringen. 229 In der Synthese der beiden Argwnentationslinien erscheint Ideologie etwa Unzufriedenheit produziert, ganz im Gegenteil, die erfahrene Ohnmacht
so als in sich geschlossener, perfekter Manipulationszusammenhang, der die wird zur einzig möglichen Form der Wirklichkeitsaneignung:
inhaltlichen Verschiebungen und Widersprüche des Medienapparates tilgt.
Die spätkapitalistische Ordnung präsentiert sich daher als eine Einheit, die Vergnügen heißt allemal: nicht daran denken müssen, das Leiden
das subjektive Moment vollständig unter den objektiven Verblendungszusam- vergessen, noch wo es gezeigt wird. Ohnmacht liegt ihm zu Grunde. Es
menhang ordnet. Im kulturindustriellen Gefüge kommt es scheinbar automatisch ist in der Tat Flucht, aber nicht, wie es behauptet, Flucht vor der schlech-
zu ideologischen Subjekteffekten,die als direktes Resultat der Struktur Patholo- ten Realität, sondern vor dem letzten Gedanken an Widerstand, den jene
gien des Alltags hervorbringen, die im Folgenden erläutert werden: Gleichschal- noch übriggelassen hat. (ebd., 167)
tung in der Freizeit, Quantifizierung und Konformismus, Pseudoindividualität
und Subjektivierung, sowie die Inkorporation von widerständigem Potential. In der monotonen Gleichschaltung von Arbeit und Freizeit fallen Sein und
Die These, dass die Sphäre der Produktion unter spätkapitalistischen Bedin- Bewusstsein zusammen; die Reproduktion des Bestehenden erfolgt durch die
gungen grundlegend mit der der Reproduktion identisch sei, führt zu einer Neu- inkorporierte Logik der kulturindustriellen Freizeitgestaltung, die selbst nicht
ordnung des Alltagslebens. Es kommt zu einer gänzlichen Gleichschaltung
der mehr reflexiv erfasst werden kann.
Individuen in der Freizeit und zu monotonen Formen der Erholung. Jede Form Die fordistische Standardisierung der Kulturproduktion bewirkt nicht nur
des Amüsements, vom passiven und isolierten Akt des Fernsehens bis hin zwn eine einförmige Praxis der Freizeitgestaltung, sondern ebenfalls eine lückenlose
Quantifizierungder Individuen. Wie die monotonen Arbeitsabläufe zu einer
228 Vgl.Rehmann,Jan: Einführungin die Ideologietheorie(2010), 72.
229 DemwidersprechenAbercrombie,Hili und Turnerin der viel diskutiertenAbhandlungTheDominant
monotonen Erholung nach der Arbeit führen, bewirkt die standardisierte Her-
/deology Thesis grundlegend.Gegenden kulturellen Determinismusdes Denkensder Kritischen
Theorie(und, so die These,des orthodoxenMarxismusinsgesamt},dasssich Herrschaftin spätka- 231 Die Medientragen hier wenigerden Charaktereinermanipulatlven,IdeologischenAgentur,sondern
pitalistischenGesellschaftendurch die vereinheitlichendeWirkungder ideologischenKulturappara- sindeher eine Formvon sozialerDisziplinierungund Kontrolle.
te etabliere,gehensie davonaus, dass Herrschaftweitestgehendohne Ideologienfunktioniereund 232 In dem Versuch,die Vorstellungvon einem notwendigproduziertemfalschem Bewusstseinzu über-
primär über ökonomischeZwängeund Selektionsmechanismenhergestelltwerde, vgl. Abercrom- winden,entwirft Hall eine Ideologietheorie,die - als Gegenentwurf- auf der subjektivenSinnstif-
bie, Nicholas/Hill,Stephen/Turner,BryanS.: The dominantideologythesis (1980) und Abercrombie, tung der Subalternenfußt: Ideologieist nach ihm ein »mentalerRahmen«,den »verschiedeneKlas-
Nicholas/Hill,Stephen/Turner,BryanS.: Determinacyand lndeterminacyin the Theoryof ldeology sen und sozialeGruppenentwickeln,um der Funktionsweise der Gesellschafteinen Sinnzu geben,
(1994). sie zu definieren,auszugestalten,verständlichzu machen«(Hall, Stuart/Haug,WolfgangF./Pietilä,
230 Kausch,Michael: Kulturindustrieund Populärkultur(1988), 92. Veikko:DieCameraobscurader Ideologie[1984], 99).

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stellung von Massenkonsumgütern eine quantifizierende Kategorisierung der Subjekt als freies unterworfen wird und sich im Schein der individuellen Freiheit
Produzenten. Die Arbeiter sind nur noch Mittel zum Zweck der Kapitalakku- unterordnet. So ist das freie Individuum nur Schein, da es zugleich die Subjekti-
mulation, sie sind gänzlich entsubjektiviert und zu Objekten einer Verwaltung onsform ist, die Individualität verhindert: »Es wird nur so weit geduldet, wie seine
degradiert, die jede Form von Individualität der Verwertungslogik unterordnet: rückhaltlose Identität mit dem Allgemeinen außer Frage steht« (ebd., 177). Dass
der Konformismus nicht als solcher erkannt werden kann, führt dazu, dass die
Der Generalnenner Kultur enthält virtuell bereits die Erfassung, Subjekte »unbeirrbar auf der Ideologie [bestehen], durch die man sie versklavt«
Katalogisierung, Klassifizierung, welche die Kultur ins Reich der Admi- (ebd., 155). Werden durch die Einheit des kulturindustriellen Ganzen jedoch die
nistration hineinnimmt.[ ... ] Indem sie alle Zweige der geistigen Produk- Widersprüche und Ungleichheiten der Produktionsordnung erfahrbar, verschie-
tion in gleicher Weise dem einen Zweck unterstellt, die Sinne der Men- ben sie sich in den Bereichen des Privaten und werden subjektiviert.234 Ideolo-
schen vom Ausgang aus der Fabrik am Abend bis zur Ankunft bei der gie wirkt durch das Subjekt hindurch und manifestiert sich in der Dialektik von
Stechuhr am nächsten Morgen mit den Siegeln jenes Arbeitsganges zu Glück und Zufall. Individueller Auf- und Abstieg hängt nun von der »Wahr-
besetzen, den sie den Tag über selbst unterhalten müssen, erfüllt sie höh- scheinlichkeitsrechnung« ab, denn »nicht zu jedem soll das Glück einmal kom-
nisch den Begriff der einheitlichen Kultur. (ebd., 153) men, sondern zu dem, der das Los zieht« (ebd., 167). Der Einzelne bleibt in der
Kulturindustrie also immer diszipliniertes Subjekt, es variieren einzig die Formen
Das Nützlichkeitsprinzip überzieht - wie Lukacs' dynamische Rationalisie- der Anrufung.
rung - das gesamte gesellschaftliche Leben. Kurz: Alles Gesellschaftliche wird Die Einheit der Kulturindustrie zeichnet sich nicht nur dadurch aus, dass sie
auch hier sachlich und alles Sachliche gesellschaftlich. Der Einzelne ist bloß noch alles Subjektive und Besondere objektiviert, sondern auch, dass sie gegenläufige
»Personifikation ökonomischer Kategorien« (MEW 23, 16), wie man auch hier Prinzipien vereinnahmt. Die Inkorporierungvon widerständigem
Potentialführt
mit Marx sagen könnte; seine einzige Eigenschaft ist die Eigenschaftslosigkeit, zu einer »überhöhenden Verdoppelung und Rechtfertigung des ohnehin beste-
er ist nur noch »wodurch er jeden anderen ersetzen kann: fungibel, ein Exem- henden Zustandes, unter Einbeziehung aller Transzendenz und aller Kritik« (GS
Exemplar"
(GS 3, 168). Die Gleichförmigkeit des verdinglichten Subjektionsmodus 8, 476). Wird die Kritik in das Bestehende aufgenommen, ist sie, so die Autoren,
führt zu einem Konformismus,der nicht nur durch die Logik der Produktions- Rechtfertigung. 235 Sind bspw. flexibilisierte Arbeitsverhältnisse ideologisch an
ordnung aufrechterhalten wird, sondern sich auch in der Sphäre der Konsum- Befreiungsversprechen rückgebunden, oder subkulturelle Lebensformen kom-
tion niederschlägt. Weil der Einzelne in der Kulturindustrie als freier Konsument modifiziert, werden die Subjekte im Schein der Subversion in der Subalternität
angerufen wird, wird jede Form von Ungleichheit verschleiert. Er identifiziert gehalten. Letztlich verwirklicht sich das von den beiden Autoren aufgestellte Dik-
sich mit den Waren und nimmt jede von den Produkten schematisch vorgezeich- tum, »alle Massenkultur unterm Monopol [sei] identisch« (GS 3, 14lf.). Die Vor-
nete erwünschte Reaktion als die seinige an (»Der Zuschauer soll keiner eigenen stellung von heterogenen Kulturapparaten, »in denen auch die alltägliche Kultur
Gedanken bedürfen: das Produkt zeichnet jede Reaktion vor«, ebd., 159).233 der einfachen Menschen eine Form von Widerstand bedeuten kann« 236 , ist hier
Das Subjekt wird aber nicht ausschließlich als unterworfenes angerufen, son-
dern auch durch »Pseudoindividualität«
(ebd., 177) an das Bestehende gebunden. 234 In der betrieblichenHerrschaftist auch eine Verschiebungder Kontrollmechanismenzu beobach-
ten: Kontrollewird nicht mehrnur, wie in der tayloristischenProduktionsweise,über den Arbeitsvor-
Die rückhaltlose Identifikation mit dem Bestehenden ist nur möglich, wenn das gang hergestellt,sondern durch »Gefühlskontrolle«in das Selbstverlagert,vgl. Brinkmann, Ulrich:
Die unsichtbareFaustdes Marktes(2011).
235 Ähnlich sehenauch Boltansklund Chiapelloin der Vereinnahmungder Kritik den entscheidenden
233 Für Marcuseliegt der Grund des Konformismusin der Angleichungder Klassenunterschiede durch Grundfür das Fortbestehendes Kapitalismus.So ist der Kapitalismusvor allen Dingen stabil, weil
die einheitliche Konsumtion:»Wennder Arbeiter und sein Chef sich am selben Fernsehprogramm er über anschlussfähige,IdeologischeRechtfertlgungsmuster verfügt.Der zentraleUntersuchungs-
vergnügenund dieselben Erholungsortebesuchen[...] . .l, dann deutet diese Angleichungnicht auf schwerpunktder beidenAutorenist, »wieeineLebensformim Einklangmit den Akkumulationserfor-
das Verschwindender Klassenhin, sondernauf das Ausmaß,in dem die unterworfeneBevölkerung dernissenbeschaffensein muss,damit einegroßeAnzahlvon Akteurensie als lohnenswertbetrach-
an den Bedürfnissenund Befriedigungenteil hat, die der Erhaltungdes Bestehendendienen.«(Mar- tet« (Boltanski,Luc/Chiapello,Ève:Der neueGeistdes Kapitalismus[2003], 48).
cuse, H.: DereindimensionaleMensch[2004], 28) 236 Demirovic,Alex:Rekrutierungvon Intellektuellenim Fordismus(2002), 551.

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gänzlich ausgeschlossen. Wenn sich ideologische Herrschaftssicherung jedoch Horkheimer tilgen den proletarischen Messianismus Lukacs' zugunsten
nur noch um sich selbst dreht, verkommt auch Ideologiekritik zu der bloßen eines düsteren Geschichtspessimismus, der die systemsprengende Kraft des
Feststellung, »dass es so ist, wie es ist« (GS 8, 477). technischen Fortschritts in sein Gegenteil verkehrt. In der Gleichsetzung von
technischer Rationalität mit Herrschaftsrationalität (»Technische Rationali-
tät ist die Rationalität der Herrschaft selbst«, ebd., 142) zerschmelzen Pro-
Die Verdinglichungder instrumentellenVernunft duktivkräfte und Produktionsverhältnisse zu einer regressiven Totalität. Die
Letztlich können Adorno und Horkheimer nur noch feststellen, dass die konfor- »Entdifferenzierung« 238 aller Lebensbereiche in der spätkapitalistischen Totalität
mierenden Effekte des kulturindustriellen Gefüges derart in den Subjekten sedi- erklären die Autoren nun mit einer Verschiebung des Fundierungsverhältnisses.
mentiert sind, »dass die Möglichkeit daraus[ ... ] auch nur im Bewußtsein auszu- Nicht mehr die Durchsetzung der Warenform in kapitalistischen Gesellschaften
brechen, schrumpft. Sie sind[ ... ] bis in ihre innersten Verhaltensweisen hinein, (und damit einhergehend: die Quantifizierung als herrschendes Prinzip) ist das
mit dem identifiziert, was mit ihnen geschieht« (GS 8, 18). Das Resultat der Kul- Fundament für die Verdinglichungsprozesse der sozialen Welt, sondern der Pro-
turindustrieist die pessimistische Resignation, dass nun nicht mehr die Ideologie zess der Formierung eines identischen Selbst. Die Autoren legen das Fundament
auf die Menschen einwirke, sondern die Menschen selbst in ihrem Sosein fest- der Verdinglichungskritik also tiefer, und zwar in die Kritik einer instrumentel-
geronnenes Substrat der unausweichlichen ideologischen Verkehrung sind. Die len Vernunft.239 Sie verlängern also »den Prozeß der Verdinglichung hinter den
Kulturindustrie hat die Tendenz, alles Negative zu integrieren, so dass letztlich kapitalistischen Anfang der Modeme zurück in die Anfänge der Menschwerdung
auch die ihr zugrundeliegende Unwahrheit nur noch die Wahrheit des Ganzen hinein«. 240 Indem das »disponierende Denken« (ebd., 30) Ausgangspunkt aller
verkünden kann: »Seitdem aber die Ideologie kaum mehr besagt, als daß es so Verdinglichung ist, erscheint das Tauschprinzip bloß noch historische Emanation
ist, wie es ist, schrumpft auch ihre eigene Unwahrheit zusammen auf das dünne einer anthropologischen Setzung zu sein, die im Folgenden näher beleuchtet wer-
Axiom, es könne nicht anders sein als es ist« (ebd., 477). Warum Adorno und den soll.
Horkheimer schließlich zu dieser Proklamation der unausweichlichen Perspek- Die formale Rationalität der Tauschbeziehung entspringt laut Adorno und
tivlosigkeit kommen, soll im Folgenden geklärt werden. Wir werden sehen, dass Interesseder Vernunft. 241 Indem das han-
Horkheimer einem selbsterhaltenden
die Autoren die Kulturindustrie auf eine entfesselte Rationalität der Aufklärung delnde Subjekt sich zweckgerichtet mit der objektiven Welt, der äußeren Natur,
zurückführen und die diese destruktiven Tendenzen der Aufklärung letztlich auf auseinandersetzt, dient das Denken von Anbeginn der Zivilisationsgeschichte an
eine instrumentelle Vernunft, die jede Verschiedenheit dem Prinzip der Identität der technischen Verfügung über die objektivierte Natur: 242 »Die Krankheit der
unterwirft und gleichmacht.
Auch wenn sie den dynamischen und tendenziell grenzenlosen Charakter 238 Doyé,Sabine:RationalitätundVerdinglichung(2005), 139.
239 Im Folgendenwird der Schwerpunktauf der Argumentationder Dialektikder Aufklärungliegenund
der Verdinglichung übernehmen, grenzen Adorno und Horkheimer sich von wenigerauf HorkheimersZur Kritik der instrumentellenVernunft,obwohldie Argumentationslinien
der Dialektik der Rationalisierung ab,237 die Lukacs zum Hebel der Veränderung sich nur wenig unterscheiden.Horkheimergesteht sogar,dasser eine Theorieder instrumentellen
Vernunftumreißt,»die der Verfasserin den letzten Kriegsjahrenzusammenmit TheodorW. Adorno
deklariert: Die restlose Rationalisierung hat in Lukacs' Theorie eine Grenze - und entwickelte.Eswäre schwerzu sagen,welcheder Gedankenauf ihn und welcheauf mich zurückgin-
zwar an dem formellen Charakter ihrer eigenen Rationalität. Dass die gänzliche gen; unserePhilosophieist eine«(Horkheimer,Max: Zur Kritik der instrumentellenVernunft[19881,
26).
Objektivierung (in dem Zur-Ware-Werden der Arbeiterschaft) ein subjektives 240 Habermas,Jürgen:Theoriedes kommunikativenHandelns(1981),489.
241 Zu den Bezügenvon Adornosund HorkheimersPrinzip der Selbsterhaltungzu Nietzsche,Weber
Moment der Aufhebung freisetzt, steht nun allerdings im totalen Widerspruch und Freudvgl. Fischer,Karsten:»VerwilderteSelbsterhaltung«(1999).
zu der Diagnose der Dialektikder Aufklärung,»der Fluch des unaufhaltsamen 242 Durch die Unterwerfung der Natur unter das instrumentelle Denken schlägt Aufklärung, so die
Grundtheseder Dialektikder Aufklärung,letztlich in Mythologiezurück: »Je mehrdie Denkmaschi-
Fortschritts [sei] die unaufhaltsame Regression« (GS 3, 53). Adorno und neriedas Seiendesich unterwirft,um so blinderbescheidetsiesich bei dessenReproduktion.Damit
schlägtAufklärungin die Mythologiezurück,der sie niezu entrinnenwußte.«(GS3, 44) Der Rückfall
237 Zur Kritik Adornosan Lukacs' Konzeptder Verdinglichungvgl. Hall, Timothy: Reification,Materia- in die Mythologiekommt demzufolgedurch die blinde Herrschaftüber die Objektivitätder äußeren
lism, and Praxis(2011) und Braunstein,Dirk:AdornosKritik der politischenÖkonomie(2011), 25ft. Weltzustande.

92 93
Vernunft gründet in ihrem Ursprung, dem Verlangen des Menschen, die Natur nichts anderes als eine Herrschaftsgeschichte, welche Subjekt wie Objekt unter-
243
zu beherrschen,« so Horkheimer in Zur Kritik der instrumentellenVernunft. wirft, so Horkheimer: »Naturbeherrschung schließt Menschenbeherrschung
In dieser Herrschaft über die Natur ist schon das Prinzip des identifizierenden ein.«245 Die Notwendigkeit, alles Seiende zu unterwerfen, ist also prinzipiell gren-
Denkens (und damit einhergehend: die Identifikation mit dem Bestehenden) zenlos. In einer negativen Dialektik der Vernunft schlägt die Objektivierung der
angelegt, denn »was als Triumph subjektiver Rationalität erscheint, die Unter- äußeren Natur letztlich in Menschenbeherrschung
um. Adornos und Horkhei-
werfung alles Seienden unter den logischen Formalismus, wird mit der gehor- mers anthropologisches Modell der Selbsterhaltung deutet jede zivilisatorische
samen Unterordnung der Vernunft unters unmittelbar Vorfindliche erkauft« Entwicklung allein nach den Maßstäben der Naturbeherrschung, die letztlich in
(ebd., 43). Diese Identifizierung der Vernunft mit der rationalisierten Beherrsch- ein Stadium der völligen Verfügbarkeit der Subjekte untereinander mündet. 246
barkeit von Natur hat Berührungspunkte mit Webers Begriff der Zweckratio- Insofern ist auch die antagonistische Klassengesellschaft bloß Ausdruck eines
nalität, »nämlich die Ausrichtung auf zunehmende, nach durchsichtigen und spezifischen Verhältnisses der Menschen zur Natur. Die Trennung von geistiger
gleichfalls rationalisierbaren Kriterien gestaltete Beherrschbarkeit von Natur und körperlicher Arbeit wird so erst sekundär auf die ungleiche Verfügungsge-
und Gesellschaft und deren Unterordnung unter das leitende Prinzip rationalen walt über die Produkte der Natur rückgeführt und primär in einer mehrstufigen
Wirtschaftshandelns.« 244 Ähnlich wie Lukacs orientieren sich die Autoren also an Modell des instrumentellen Verhältnisses zur Natur verortet: In einer vertikalen
Weber, der funktionale Charakter des zweckrationalen Handelns wird jedoch in Arbeitsteilung verfügt der Herrschende nun über den Beherrschten wie über die
der Dialektikder Aufklärungin die anthropologischen Grundlagen eingeschrie- Natur. 247
ben. Die von Marx konstatierte Gattungstätigkeit der Menschen, die Notwen- Die allumfassende Herrschaft über alles Äußerliche - die, wie wir gesehen
digkeit ihre Lebensmittel zu produzieren (MEW 3, 21), ist nun Ausgangspunkt haben, auch andere Menschen miteinschließt - wird im Verlauf der Aufklärung
instrumentellen Denkens, d.h. eines Denkens, das bloß noch Mittel ist, beson- verinnerlicht. Äußere Naturbeherrschung schlägt somit um in die Disziplinie-
dere Qualitäten der äußeren Natur zuzurichten oder: zu verdinglichen. Die ins- rung des Selbst,der inneren Natur. Erst aufgrund von Entsagung und Verzicht
trumentelle Vernunft dient im Prozess der Reproduktion der Menschen bloß konnte der Mensch über die äußere Natur instrumentell verfügen. Ähnlich wie
noch »als allgemeines Werkzeug, das zur Verfertigung aller andern Werkzeuge die Vernunft auf den Charakter des zweckrationalen Tuns zugerichtet ist, wer-
taugt, starr zweckgerichtet« (GS 3, 47). Die Verdinglichung der Natur schlägt den also auch die Triebregungen nur einseitig zugelassen:248 »Furchtbares hat die
zurück auf das Denken selbst, in seinem Werkzeugcharakter ist es selbst schon Menschheit sich antun müssen bis das Selbst, der identische und zweckgerichtete,
verdinglicht: »Denken verdinglicht sich zu einem selbsttätig ablaufenden, auto- männliche Charakter des Menschen geschaffen war, und etwas davon wird noch
matischen Prozeß, der Maschine nacheifernd, die er selber hervorbringt, damit in jeder Kindheit wiederholt.« (ebd., 50)
sie ihn schließlich ersetzen kann« (ebd., 42). Die blinde Irrationalität kapitalisti- Adorno und Horkheimer versuchen folglich ein Modell der Zivilisationsge-
scher Produktion hat demzufolge ihren Grund in einer Vernunft, die unvernünf- schichte zu konzipieren, das zeigen soll, »wie sich trotz aller Umwege und Wider-
tig wird, weil sie »zum bloßen Hilfsmittel der allumfassenden Wirtschaftsappara- stände die konsequente Naturherrschaft immer entschiedener durchsetzt und
tur wurde« (ebd., 47). alles Innermenschliche integriert. Aus diesem Gesichtspunkt wären auch For-
In der Reduktion der Vernunft auf ihren instrumentellen Charakter geht der
Prozessder Entnaturalisierungebenfalls einher mit einem Prozessder Entmensch-
245 Horkheimer,Max:Zur Kritik der instrumentellenVernunft(1988), 94.
lichung,denn »je weiter aber der Prozeß der Selbsterhaltung durch bürgerliche 246 Vgl.Neckel,Slghard:DieVerwilderungder Selbstbehauptung(2005), 195f.
247 Vgl.Paetzel,Ulrich: Kunstund Kulturindustriebei Adornound Habermas(2001), 30.
Arbeitsteilung geleistet wird, um so mehr erzwingt er die Selbstentäußerung 248 Die Unterwerfungder Subjekteunter die Natur (auch der selbstgeschaffenenVerkehrsverhältnisse)
der Individuen« (GS 3, 47). Die Tiefenstruktur der Vernunftgeschichte ist somit wird somit ergänztdurch eine triebpsychologischeDeutung,der zufolgebestimmtepsychischeFak-
toren eine Anpassungder Subjektean das Bestehendebegünstigen.Auch hier schlägt die mate-
rialistischeHerleitungvon ideologischenHerrschaftsverhältnissenum in eine biologisch-anthropo-
243 Horkheimer,Max:Zur Kritikder instrumentellenVernunft(1988), 164.
logische.Denn dadurchwird die Unaufhebbarkeitvon Herrschaft in die Triebstrukturder Subjekte
244 Garbrecht,Oliver:Rationalitätskritikder Modeme(2002), 29f.
festgeschrieben.

94 95
men der Wirtschaft, der Herrschaft, der Kultur abzuleiten« (ebd., 254). Kurz: sichmachen des Objekts zur entscheidenden Bestimmung der Sache. 252 In der
Nicht mehr die Verdinglichung ist nun das konsensstiftende Prinzip der bürger- im Arbeitsprodukt verwirklichten Subjekt-Objekt-Einheit ist nun schon jenes
lichen Gesellschaft, sondern die im Subjekt angelegte Naturbeherrschung. Sie Unterdrückungsverhältnis angelegt, das den Subjekten später selbst in der Sphäre
objektiviert schließlich die Lebensverhältnisse, die unter kapitalistischen Bedin- der Kulturindustrie widerfährt. Da Identität im Zivilisationsprozess immer als
gungen die Form von versachlichten Beziehungen angenommen haben. Die »Adäquanz an die darin unterdrückte Sache genossen« wurde, war sie stets auch
gesellschaftliche Entwicklung führt demnach zu einem paradoxen dialektischen »Unterjochung unter Beherrschungsziele« (GS 6, 151). Die Formel des jungen
Zirkel: Je mehr das Subjekt versucht, sich aus dem Bann der Natur herauszuarbei- Marx - die »Verwirklichung der Arbeit« sei nichts anderes als ihre »Vergegen-
ten, desto stärker kommt es zu einer »Rückverwandlung des Sozialen in natur- ständlichung« (MEW 40, 512) - wird ins Negative verkehrt. Die Einheit des
ähnliche Verhältnisse«. 249 Diese Dialektik der Aufklärung führt zu einer ideolo- Arbeitsprodukts ist zwar noch eine Verwirklichung
des Subjekts, jedoch die einer
gischen Verkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse: »Die Naturgesetzlichkeit exzessiven instrumentellen Vernunft, die unabhängig von den jeweiligen Produk-
der Gesellschaft ist Ideologie, soweit sie als unveränderliche Naturgegebenheit tionsbedingungen immer mit einer Entwirklichung
des Objektes einhergeht. Die
hypostasiert wird« (GS 6, 349). 250• Der Kapitalismus avanciert zu einer zweiten Heterogenität der zugerichteten Sache ist in der Subjekt-Objekt-Einheit des bear-
Natur,in der alles mit sich selbst identisch ist. beiteten Produkts vergessen, die historisch gewordene Gegenständlichkeitsform
Die allgemeine Schlussfolgerung der Dialektikder Aufklärungist eine entfes- wird nun nur noch als An sich wahrgenommen (»was dieser [der Sache] wider-
selte Vernunft, die im Denken von Identität eine allumfassende Logik der Herr- fuhr, muß sie als ihr An sich präsentieren«, GS 6, 151). Die Naturalisierung des
schaft konstituiert. Ihren vorläufigen Kulminationspunkt hat sie in der repres- Sozialen in der bürgerlichen Gesellschaft fußt also auf dem ontologisch gesetz-
siven Totalität des Spätkapitalismus, in welcher ihr Grundprinzip zum Tragen ten Drang des Subjekts, Identität herzustellen. Das Prinzip des modernen Sub-
kommt, dem »Gleichnamigmachen des Ungleichnamigen«: 251 »Was anders wäre, jekts richtet sich letztlich gegen es selbst, da in der kapitalistischen Gesellschaft
wird gleichgemacht« (ebd ., 28). Die ideologische Verblendung der Kulturindus- die unwahre Gestalt der Identität in ihrer reinen Form zum Tragen kommt und
trie, die Gleichschaltung alles Seienden, hat ihren Ursprung letztlich in einem zu einer allgemeinen »Anpassungslehre« avanciert, »in welcher das Objekt, nach
identifizierenden Denken der »losgelassenen, sich selbst entlaufenden Rationa- dem das Subjekt sich zu richten habe, diesem zurückzahlt, was das Subjekt ihm
Rationalität"
(GS 6, 152). zugefügt hat« (ebd., 151).
In der zentralen Figur der Dialektikder Aufklärung,der Selbstidentität des Der Begriff der Identität wird nicht nur als Agens in die gesamte Zivilisations-
Subjekts, ist ein Begriff der Unwahrheit aufgehoben, der die Grenze der Erkenn- geschichte eingeschrieben, sondern als Prinzip des begrifflichen Denkens über-
barkeit der Wirklichkeit markiert. War bei Lukacs die Unwahrheit des Ganzen haupt hypostasiert. Adorno entwirft mit der NegativenDialektikschließlich eine
im Bewusstwerdungsprozess des Proletariats überwunden und das Ganze wieder Kritik am identifizierendenDenken,»die nicht den Begriff der Identität von Sein
zum Wahren geworden, zieht sich das Ganze bei Adorno und Horkheimer zu und Denken voraussetzt.« 253 In der traditionellen Philosophie war Denken laut
einer repressiven Identität zusammen. Im Folgenden untersuchen wir den Begriff Adorno immer ein »geschlossenen Gefüge« (ebd., 151), in der die »Hybris« des
der Identität näher, auf dem letztlich die Ideologie des Spätkapitalismus fußt, um modernen Subjekts abstrakt zum Ausdruck kommt, »daß Identität sei, daß die
die Möglichkeiten respektive Unmöglichkeiten von Wahrheit auszuloten. Sache an sich ihrem Begriff entspreche« (ebd., 152). Allen begrifflichen Bestim-
Geht man nochmals zurück zu der Dialektik der Naturbeherrschung, so ist mungen liegt insofern immer schon ein grundlegender Mangel zugrunde; näm-
in der Bearbeitung der Natur schon ein Primat der Identität angelegt: Indem lich den Objekt des Begriffs, das »Nichtidentische« und »Nichtbegriffliche«, zu
das Objekt für das Subjekt zugerichtet wird, wird die Identität durch dieses Für- bestimmen. Die philosophische Prämisse der Identität klassifiziert ein Objekt,
das seiner eigentlichen Bestimmung der Besonderheit nach nicht zu klassifizie-
249 Honneth,Axel: EinePhysiognomieder kapitalistischenLebensform(2005), 173.
250 Adorno,TheodorW.: NegativeDialektik(1970). 252 gl. Doyé,Sabine:Rationalitätund Verdinglichung(2005), 142f.
251 Rehmann,Jan: Einführungin die Ideologietheorie(2010), 77. 253 Adorno,TheodorW.: Vorlesungüber NegativeDialektik(2003), 15.

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ren ist. Wie die instrumentelle Vernunft die äußere Natur zurichtet, so abstrahiert In einer ersten, philosophischen Kritik des Postulats, das Wahrewürde viel-
der Begriff sein Objekt und tut ihm so Zwang an. Insofern fällt auch ein Begriff mehr im Ganzenliegen, richtet sich Adorno in der NegativenDialektikvor allen
von Wahrheit, verstanden als adaequatiorei et intel/ectus,per se der Ideologie Dingen gegen Hegels Dialektik, die letztlich weniger in der dialektischen Dyna-
anheim, indem er gegen die Unversöhnlichkeit von Subjekt und Objekt das Kri- misierung des Ganzen bestünde, sondern eine folgenreiche Dialektik der Iden-
terium der Versöhnung als Maßstab setzt. Und dieses philosophische Postulat tität begründe, die das Absolute als das einzig Wahre und Vernünftige zu legi-
der Versöhnung schlägt geschichtsphilosophisch um in Legitimation: In dem timieren versuche. 256 Stellt sich bei Hegel der absolute Begriff als »Identität der
Erkenntnisideal der abstrakten Übereinstimmung von Sache und Begriff wird Identität und der Nichtidentität« dar, in der die entgegengesetzten Momente
eine repressive Totalität der gesellschaftlichen Ordnung philosophisch legiti- zu ihrer Einheit kommen, kritisiert Adorno den Ausgangs- und Endpunkt der
miert, so Adorno und Horkheimer. In der Gleichmachung von Ungleichem Hegelschen Philosophie, die Identität: »Sein eigener Begriff des Nichtidentischen,
unterliegt Wahrheit also immer schon dem Ideologieverdacht, verkennt auch bei ihm Vehikel, es zum Identischen, zur Sichselbstgleichheit zu machen, hat
sie im Postulat der Identität die Heterogenität ihrer Entstehungsbedingungen. unabdingbar deren Gegenteil zum Inhalt; darüber eilt er hinweg« (GS 6, 126).
Ideologie wird als Konsequenz auf das Denken überhaupt erweitert: »Ideolo- Hegel begeht laut Adorno den Fehler, aus der Negation der Negation eine begriff-
gie dankt ihre Resistenzkraft gegen Aufklärung der Komplizität mit identifizie- lich neu entstandene identische Einheit ableiten zu wollen, die unüberwindbare
rendem Denken: mit Denken überhaupt« (ebd., 151). 254 Wurde zunächst Ideo- Gegensätze synthetisiert; das heißt für Adorno: gleichmacht. Wenn Adorno also
logieals identifizierendes Denken gekennzeichnet, so dreht sich das Fundie- davon ausgeht, dass in Hegels Begriff des Nichtidentischen schon die Crux der
rungsverhältnis nun um: Das identifizierendeDenken ist immer schon Ideologie. philosophisch-begrifflichen Bestimmung aufgehoben ist, Hegel aber darüber
Die Diagnose, dass dem begrifflichen Denken schon aufgrund seiner formalen hinwegeile, geht er von der prinzipiellen begrifflichen Unerfassbarkeit des Nich-
Identitätsstruktur ein Moment der Verkehrung innewohnt, führt jedoch zu einer tidentischen aus. Demzufolge kann auch der widersprüchliche Charakter des
Ausweitung des Ideologiebegriffs, der eine konkret gesellschaftliche Kritik an Nichtidentischen nicht aufgelöst werden, da er den unversöhnlichen Gegensatz
den Denkinhalten überflüssig macht. Die einzige Aufgabe der negativen Dialek- zu der begrifflichen Identitätsstruktur bildet: »Hegel beutet aus, daß das Nich-
tik ist nun die (Ideologie- )Kritik, das Aufzeigen der Grenze jeder begrifflichen tidentische seinerseits nur als Begriff zu bestimmen sei; damit ist es ihm dia-
Bemühung. lektisch weggeräumt, zur Identität gebracht« (ebd., 125). So wird das Hegelsche
Die Ideologiekritik Adornos mündet demnach zwingend in dem Diktum: Programm, das Ganze rational auf den Begriff zu bringen, für Adorno Ausdruck
»das Ganze ist das Unwahre« (GS 4, 56).255 Anhand dieser Prämisse lässt sich einer repressiven Vernunft, die das Ansichsein der Wirklichkeit rechtfertigt. In
die veränderte Stellung zur Wahrheit (und damit einhergehend: die mögliche dem Postulat Hegels, »was vernünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist,
Aufhebung des Unwahren) unter zwei Punkten zusammenfassen, die im Fol- das ist vernünftig« 257 , kommt für Adorno der affirmative Gehalt der Identitäts-
genden näher erläutert werden sollen: Einerseits ist das Unwahre das Ganze, struktur geschichtsphilosophisch zun1 Ausdruck. Eine Philosophie, die die Wirk-
d.h. das philosophische Denken von Totalität ist die philosophische Begleitung lichkeit als vernünftig behaupte, diene »zu nichts anderem , als die Wirklichkeit
der realen Subordination (dies ist Gegenstand der Negativen Dialektik), ande- zu verhüllen und ihren gegenwärtigen Zustand zu verewigen« (OS l, 325) 258 .
rerseits ist das Ganze in seiner realen Verwirklichung das Unwahre,es ist die Die Auffassung, das wirkliche Ganze sei das vernünftig Wahre, weicht der Über-
undurchdringbare Totalität falscher Vergesellschaftung (wie die Dialektik der
Aufklärungberichtet).
256 Damit positioniert sich Adorno auch gegen Lukacs Philosophieder Totalität, wonach die wahre
254 Mit der Ausweitungdes Ideologiebegriffsgeht auch ein überallgemeinerBegriff von Ideologiekritik Erkenntnisder Wirklichkeit nur in der begrifflichenDurchdringungdes Ganzenzu erreichen ist. Die-
einher, der, da er das Denken schon In seinen Konstitutionsbedingungenin Fragestellen soll, sei- ser Annahmehält Adornoentgegen,dassder Gegenstandder Erkenntnisgar nicht nach den begriff-
ne kritische Sprengkraftverliert: »Darumist Ideologiekritikkein Peripheresund lnnerwissenschaftli- lichen Maßstäbender Vernunfteingerichtetsei.
ches [. . .l, sondernphilosophischzentral: Kritik des konstitutivenBewußtseinsselbst.« (GS6, 151) 257 Hegel,GeorgW. F.: Grundliniender Philosophiedes Rechts(1986), 24.
255 Adorno,TheodorW.: Minima Moralia(1970), im Folgendenzitiert als GS4. 258 Adorno,TheodorW.: PhilosophischeFrühschriften(1970), im Folgendenzitiert als GS 1.

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259
zeugung,die Wirklichkeitsei an sich intentionslos. Mehr noch: die Philosophie tiveDialektikist insoferndie philosophischeAnleitungzu einer besserenWelt,in der
muss laut Adorno, wenn sie sich nicht affirmativzum Bestehendenverhaltenwill, Subjektund Objekteingedenkihrer grundlegendenVerschiedenheitin sichversöhnt
notwendigerweiseauf die Totalitätsfrageverzichten,in der das Besondereimmer sind. Allerdingsliegthier auch die Kehrseiteder Utopie:Wird die begrifflicheErfas-
unter dem Allgemeinensubordiniert wird. sung der WirklichkeitalszentralesErkenntnismediumaufgegebenund an ihrer Stelle
Das Ganze ist zusammengefasst unter zwei Gesichtspunkten bei Adorno die subjektiveErfahrungdesNichtbegrifllichen gesetzt,ist die Universalitätdes Wahr-
immer schon das Unwahre:Einerseitsbeschneidet die Identitätsstruktur der dia- heitsbegriffsdurch eineRestitutiondesPartikularen abgelöst.Der Wahrheitsanspruch
lektischen Einheit den nichtbegrifflichenCharakter der Nichtidentität, anderer- der Philosophiewird zugunsteneines»Mehran Subjekt«(ebd.,50)getilgt.263
seits schlägt die Totalitätsbetrachtung geschichtsphilosophisch in Affirmation Gehen wir nun nochmals zurück zum Ausgangspunkt, Adornos Diktum,
um, da sie das Ganze unter der Prämisse der Vernünftigkeitlegitimiert. das Ganze sei das Unwahre, so wird durch es auch eine gesellschaftlicheKonfi-
Wie ist nun aber Wahrheitmöglich?Die falscheTotalitätkann laut Adorno nur guration beschrieben, in welcher sich das die Gesamtheit der Gesellschaftzum
aufgehobenwerden,indem man die Besonderheitzu seinem Recht kommen lässt. Unwahren zusammenzieht. Ist angesichts des konstatierten ideologischen Ver-
Darausfolgt,dassdie Möglichkeiteiner »wahren«Erkenntnis,d.h. einer Erkenntnis, blendungszusammenhangsaber eine Praxisder Wahrheitmöglich?
die dem Gegenstandgerechtwird, einzigin einer UtopiederNichtidentitätliegt,die In der DialektikderAufklärungscheint es fast so, als habe sich das geschlos-
schonin der Tiefenstrukturdes begrifflichenIdentitätsdenkensaufgehobenist: »Ins- sene philosophische SystemHegelsunter spätkapitalistischenVorzeichenin die
geheimist Nichtidentitätdas Telosder Identifikation,das an ihr zu Rettende«(GS Realität umgesetzt: die sozialen Lebensverhältnissehaben sich in der Kulturin-
6, 151).Deshalbkann die Methode zur Aufhebungder falschenIdentität nur eine dustrie zu einem undurchdringbaren Immanenzzusammenhangverhärtet. Dabei
negativeDialektiksein, die die Maßstäbedes Denkens selbstretlexivauf sich richtet zerfälltjedoch auch die dialektischeStruktur der Identität, in der Hegel die Nich-
und einer grundlegendenKritikunterwirft:»DieKraft,die den Scheinvon Identität tidentität noch aufgehoben hat. Die Kultursphäre setzt sich nicht mehr aus der
sprengt,ist die des Denkensselber«(ebd.).In einerverändertenEinstellungdes Den- synthetisierten Einheit von Identität und Nichtidentität zusammen, sondern sie
kens zu seinem Objektbestimmt Adorno, um mit Honneth zu sprechen,eine neue ist rein, d.h. bloß noch mit sich selbstidentisch. So wird in der Folgeauch Ideolo-
»intellektuelleTugend«:»Nicht an der Substanzdes Erkenntnisprozessesselber soll gie abgelöstdurch das Ansichseindes Unwahren.Da in der ideologischenVerkeh-
sich etwas ändern,[ ... ] sondern an der Orientierungoder Einstellung,mit der wir rung immer auch ihr Gegenteilaufgehoben ist, indem sie auf einen Gegenstand
ihn vollziehen.«261 In der neuen intellektuellenEinstellungscheint eine Utopie der verweist, den sie verleugnet (die »zweiteNatur« der kapitalistischen Verkehrs-
Anerkennungdes Nichtidentischenauf, die noch »überder Identitätund über dem form verdeckt bspw. das zugrundeliegende gesellschaftlicheVerhältnis),verliert
Widerspruch,ein Miteinanderdes Verschiedenen«(ebd.,153)denkt. Die intellektu- sie in der vollends realisiertenKulturindustrie an Bedeutung: »Zur Ideologieim
elleTugendzeitigtnichtnur ein neuesSubjekt-Objekt-Verhältnis, sondernkonstituiert eigentlichen Sinne bedarf es sich selbst undurchsichtiger,vermittelter und inso-
gleichzeitigeineneue,selbstre0exiveEinstellungzur eigenenSubjektivität: Indem das fern auch gemilderter Machtverhältnisse.Heute ist die [... ] Gesellschaftdazu zu
Projektder Aufklärung,dieWeltbegrifflichzu erfassenund sichvermittelsdes Begriffs durchsichtig geworden« (GS 8,467). In ihrer hermetischen Abgeschlossenheit
anzueignen,aufgegebenwird,büßt das SubjektseineVorrangstellunggegenüberden wird die Machtausübung »durchsichtig«, weil der Widerstand des Heterogenen,
Gegenständenein.Es kommt zu einer»Dezentrierungder Subjektivität. «262 DieNega-
263 Adornoselbst erwiderteauf diesenVorwurf,dassdas nicht-begriffliche,subjektiveEmpfindenerst
259 Vgl.Braunstein,Dirk:AdornosKritik der politischenÖkonomie(2011), 51. zu einer adäquaten,in sich differenziertenAnsicht des Objektsführe (GS6, 50ff.). In der Betonung
260 Honnethführt AdornosAufgabeder Totalitätsbetrachtungauf das Scheiternder marxistischenKon- der subjektivenErfahrunglassensich interessanterweiseähnlich wie bei LukacsBerührungspunk-
zepte zurück, die das Ganzeunter vernünftigenGesichtspunktengestaltenwollten: »DasAusblei- te zur Lebensphilosophiefeststellen:BeidenAutorenentwerfeneine Kritik der Abstraktion,die das
ben der Revolutionzieht [. ..J den Schlußstrichunterden aller Philosophiebis dahin innewohnenden qualitativeMoment auslöscht.Beziehtsich Lukacsdabei ausschließlichauf die Folgender waren-
Wunsch,die Wirklichkeit nach Gesichtspunktender Vernunfterkenntnlszu gestalten.«(Honneth, produzierendenGesellschaft,weitet Adorno die Kritik auf die begriffliche Erkenntnis der gesell-
Axel: Einleitung[20061,15.) schaftlichenTotalitätaus.Darumkritisierter dann schließlichauch die proletarischeSubjekt-Objekt-
261 Ebd.,19. Einheit Lukacs' nach denselbenMaßstäben,wie er zuvor die Abgeschlossenheitdes Hegelschen
262 Ebd.,20. Systemskritisiert hat.

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Nichtidentischen durch die gleichmachende Identität der Kulturindustrie getilgt ist immer die zum besseren.« (GS 3, 250). Kommen wir zurück zu unserer
ist. In ihrem Ansichsein ist die Gesellschaft also reine Machtausübung. Wenn Frage: Ist angesichts dessen überhaupt noch eine Praxis der Wahrheit vorstell-
man unter diesen Umständen noch von ideologischer Herrschaftssicherung spre- bar? Adorno und Horkheimer zeigen - entgegen ihrer Diagnose - tatsächlich
chen kann, dann ist »Ideologie[ ... ] keine Hülle mehr, sondern nur noch das dro- mögliche Anhaltspunkte auf, wie der monolithische Block der Kulturindustrie
hende Antlitz der Welt« (ebd., 477). Insofern realisiert sich die Subjekt-Objekt- zu überwinden sei. Die Möglichkeit transzendierender Praxis liegt zunächst in
Einheit, die Lukacs noch als messianischen Vorschein der proletarischen Praxis der Immanenz der bestehenden Verhältnisse begründet. Ähnlich wie bei dem
deutete; aber Adorno und Horkheimer wenden sie ins Negative. Das Resultat kul- zuvor noch kritisierten Konzept Lukacs' wird die Verabsolutierung des lücken-
turindustrieller Vergesellschaftung ist eine übermächtige Objektivität, die bis in los geschlossenen Daseins Bedingung für dessen »Entzauberung« (GS 8, 477):
das Subjekt hinein fortwirkt und so das Dasein bis ins Innerste vereinheitlicht: »Wahrend die Menschen dieser Unwahrheit sich beugen, durchschauen sie sie
»Der Kitt, als der einmal die Ideologien wirkten, ist von diesen einerseits in die insgeheim zugleich« (ebd.). Wie der Arbeiter aufgrund seiner Objektivierung
übermächtig daseienden Verhältnisse als solche, andererseits in die psychologi- als Ware die versachlichten Verhältnisse durchbrechen kann, können auch die
sche Verfassung der Menschen eingesickert« (ebd., 18). Im Resümee erscheint die Subjekte der Kulturindustrie sich in ihrem Unterworfensein über die schlechte
Gesellschaft der Kulturindustrie als geschlossener
Blockdes Unwahren,der fatalis- Wirklichkeit erheben. Gerade weil die Machtverhältnisse nicht mehr vermit-
tisch das Bestehende festschreibt. Indem selbst das Nichtidentische, Heterogene telt, sondern direkt zutage treten, sind sie auch leichter zu durchschauen. Es
(in diesem Fall: die Subjektivität der Beherrschten) in die Herrschaftsordnung bedürfte »nur einer geringen Anstrengung des Geistes, den zugleich allmächti-
integriert ist, verfallen Adorno und Horkheimer jedoch genau jenem Identitäts- gen und nichtigen Schein von sich zu werfen« (ebd., 477). Es kommt auch hier
denken, das sie zu kritisieren gedenken. zu einem Umschlag im Subjektstatus, der nicht über die Praxis, sondern durch
Die Defizite einer Ideologietheorie, die das Ganze als das schlechthin eine veränderte geistige Einstellung zur Wirklichkeit (der »Anstrengung des
Unwahre begreift, liegen auf der Hand: Erstens werden sich widersprechende, Geistes«) befördert wird. Die Praxis der Wahrheit ist zunächst eine Kritik der
gesellschaftliche Verhältnisse in der Theorie der Kulturindustrie zu einer »zwei- »bestimmten Negation« (ebd., 466): Eine Konfrontation des Geistigen mit seiner
ten Natur« verabsolutiert. Sie schreibt letztlich die Erscheinungsformen der kapi- Verwirklichung.
talistischen Produktion fest, da in ihr die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht nur Somit richtet sich die Vernunft gegen sich selbst. In einer »Selbstkritik der
als sachliche erscheinen, sondern tatsächlich sachlich sind. 264 Wenn das Ganze Vernunft« 266 wird in der Tiefenstruktur der Subjekte ein Vermögen reaktiviert,
zweitens als in sich durchsichtiges Machtverhältnis konstruiert wird, kann auch das während der instrumentellen Naturbeherrschung, so die Autoren, gänzlich
die konkrete Herrschaftsstruktur nicht mehr Gegenstand der Analyse sein. Das in Vergessenheit geraten ist: die Mimesis.Analog zu der veränderten Einstellung
gesellschaftliche Verhältnis der Über- und Unterordnung (einer Klassenstruktur) gegenüber dem Nichtidentischen umfasst sie den »ganzen Bereich der differen-
wird damit ersetzt durch eine fluide Macht, die inkorporiert bei Beherrschten zierten (Selbst-)Wahrnehmung.« 267
Einzig in der Besinnung in die eigene und
265
wie Beherrschenden eine freiwillige Unterwerfung erzeugt. Infolgedessen wird fremde Natur, die durch das Identitätsprinzip unterworfen werden sollte, kann
drittens jede Form der (subalternen) Praxis schließlich als Bestätigung des kul- die entfesselte Rationalität überwunden werden: »Durch solches Eingedenken
turindustriellen Ganzen gelesen. Kritik schlägt also um in Affirmation. der Natur im Subjekt, in dessen Vollzug die verkannte Wahrheit aller Kultur
Das Ende der Dialektikder Aufklärung mündet so in der resignativen Fest- beschlossen liegt, ist Aufklärung der Herrschaft überhaupt entgegengesetzt« (GS
stellung: »In der Gegenwart gibt es keine Wendung mehr. Wendung der Dinge 3, 58). Aufklärung ist hier als Selbstbesinnung oder Selbstreflexion des Denkens
verstanden, das seine eigenen Konstitutionsbedingungen kritisch hinterfragt und
264 Zudem wird auch die rationale Einsicht in die gesellschaftlichenGesetzmäßigkeiten,wie sie noch
von Hegelüber Marx bis schließlichhin zu Lukacsgefordert wurde,geleugnet. so den verdrängten mimetischen Impuls freilegt. Wie in der NegativenDialektik
265 Ähnlich wie bei Foucaultist Macht bei Adorno und Horkheimer produktiv. Sie wird nicht mehr von
einer gesellschaftlichenGruppeausgeübt,sondern manifestiertsich direkt In den gesellschaftlichen
266 Horkheimer,Max:Zur Kritik der instrumentellenVernunft(1988), 165.
Verhältnissen.
267 Scholze,Britta: Kunstals Kritik (2000), 56.

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konstituiert sich die Wahrheit der mimetischen Praxis in der Hinwendung zum
Nichtidentischen, eben einer Mimesis an das Inkommensurable. Ideologieals imaginäres
Hieran schließt ein Objekt der Kulturindustrie an, das sich »der reinen Ver-
nutzung widersetzt« 268 - das Kunstwerk.Auch wenn das Kunstwerk in der kul- Verhältnisin materieller
turindustriellen Produktion Ware wird, bleibt sein Doppelcharakter aufgehoben:
Es istfait socialund autonom zugleich (GS 7,334). Die Kunstwerke artikulieren Instanzoder:Wahrheitals
subjektive und soziale Erfahrungen auf spezifische Weise, »nämlich nicht begriff-
lich, sondern anschaulich; deshalb sind sie dabei immer auch Manifestationen »Strukturder Strukturen«
ästhetischer Freiheit.«269 Betonen Adorno und Horkheimer zwar die Aufgabe der
Kunstfreiheit in der vollends realisierten Kulturindustrie, so spricht Adorno in (Althusser)
der Ästhetischen Theorie der Kunst jedoch die spezifische Aufgabe zu, vermittels
nichtbegrifflicher, anschaulicher Erkenntnis das Heterogene zu artikulieren. Die
Frage nach den Formen verändernder Praxis kann also letztlich nur mit einem
Glücksversprechen beantwortet werden; einem Glücksversprechen der Kunst,
Moment unreglementierter Erfahrung sein zu können. Im Gegensatz zu Lukacs und Adorno/Horkheimer, die die Stabilität des Kapitalis-
mus trotz inhärenter Krisen auf eine objektive Verkehrung zurückführen, formiert
sich mit Althusser ein neues Modell von Ideologie, das sich primär in den materi-
ellen Praxen der Subjekte manifestiert. Seine skizzenhaft gebliebene, vielfach dis-
270
kutierte Notiz Ideologieund ideologische
Staatsapparate ist eine Auseinander-
setzung mit den Studentenprotesten des Mai 1968, die die Herrschaftsmechanis-
men kapitalistischer Verhältnisse laut Althusser falsch einschätzten: 271 Sah der Mai
1968 die Beherrschten durch die Repression eines unterdrückenden Staatsappara-
tes unterworfen, formuliert Althusser als Kritik daran ein Ideologiekonzept, das
neben der direkten Repression des Staates auch Modelle der freiwilligen Unterstel-
lung der Subjekte unter das System untersucht. Ideologie wirkt hier »produktiv« -
sie wird zu einem handlungsleitenden Prinzip subjektiver Unterwerfung. 272
Auf die Frage nach der »Reproduktion der Produktionsbedingungen« (IISA,
37) kapitalistischer Verhältnisse gibt Althusser eine zweifache Antwort, die
jeweils eine qualitativeVerschiebung in der Betrachtung ideologisch verkehrter
Wahrheit und der zugrundeliegenden Dimension der Wahrheitsolcher Verkeh-

270 Althusser,Louis:Ideologieund ideologischeStaatsapparate(2011), im Folgendenzitiert als IISA.


271 In einer Kritik an AlthussersTheoretizismusgeht Rancieredavon aus, dass in seinemgesamten
Ideologiemodelldie Auseinandersetzungmit den Studentenrevoltenvon 1969 eingeschriebenist,
vgl. Ranciere,Jacques:WiderdenakademischenMarxismus(1975).
272 Charimlegt in einer Neubewertungdes AlthusserschenIdeologiemodellsden Schwerpunktauf die
268 Resch,Christine/Steinert,Heinz: Kulturindustrie(2003), 313. Produktivitätvon Ideologie:indemsie- ähnlichwiedie MachttheorieFoucaults- mit den Subjekten
269 Schweppenhäuser, Gerhard:ÄsthetischeTheorie,Kunstund Massenkultur(2003),341. auchMachtverhältnisseproduziert,vgl.Charim,lsolde:DerAlthusser-Effekt(2002).

104 105
rungen hervorruft: Erstens ist Ideologie nun ein Medium zur Hervorbringung der Vergesellschaftung »entfremdet« wird (vgl. FM, 293). 276 Die zweite Funkti-
von Subjekten, sie ist - in Abgrenzung zur DeutschenIdeologie- keine Verzer- onsbestimmung von Ideologie gibt dem imaginären Verhältnis des Subjekts eine
rung oder objektiv falsche Widerspiegelung der Verhältnisse mehr. Unter Auf- »materielle Existenz« in Form ideologischer Apparate. 277
nahme psychoanalytischer Subjektkonzepte (Freuds und Lacans) stellt Althusser Inwiefern diese beiden Bestimmungen von Ideologie, dem historischen spezi-
nun die Frage, wie sich die Menschen ihr Verhältnis zu den Produktionsverhält- fischen Konzept ideologischer Staatsapparate auf der einen und einer überhistori-
nissen vorstellen und wie dieses imaginäreVerhältnisihre Praxis determiniert. Es schen Ideologie im Allgemeinen auf der anderen Seite, durch einen unüberbrück-
kommt so zu einem Konzept der ideologischen Unterwerfung (assujettissement), baren Hiatus voneinander getrennt sind, oder ob die beiden Momente vielmehr
das auf gleichzeitiger Anerkennung und Verkennung (reconnaissance/meconnai- in einer Einheit der Gegensätze beschrieben werden können, soll im Folgenden
sance)der Subjekte beruht. Entgegen der Beschränkung auf das »surface con- untersucht werden. 278 Dabei soll in einem ersten Schritt die Materialitätdes Ideo-
273
sciousness« versucht Althusser zu den Tiefenstrukturen der Subjektkonsti- logischen und dessen Apparate analysiert werden - Ideologie stellt sich hier dar als
tution hervorzudringen. Die erste Funktionsbestimmung dessen, was Ideologie ein gelebtes Verhältnis, das über Rituale und Praxen in die Subjekte hinein wirkt.
ist, fußt also zusammengefasst auf der »vernachlässigten Fragestellung, [... ] wie In einem zweiten Schritt soll die Subjektkonstitution des Ideologischen betrach-
Ideologie verinnerlicht wird.« 274 Daneben existiert eine zweite Bestimmung von tet werden, die mittels des Mediums der AnrufungFormen freiwilliger Unterwer-
Ideologie, die (im scheinbaren Gegensatz zur ersten) nicht das Primat des ideo- fung erzeugt - Ideologie ist in dieser Form der Allgemeinheit nun ein imaginäres
logischen Subjekts zum Ausgangspunkt nimmt, sondern auf die materielleFunk- Verhältnis. Das Dargestellte der ersten beiden Schritte soll dabei immer auch als
tionsweiseideologischer Instanzen rekurriert. In Anlehnung an Gramscis Kon- Gewordenes charakterisiert werden, indem theoretische Anknüpfungen (u.a. zu
zept der societàcivileanalysiert Althusser die strukturelle Formierung von Ideo- Gramsci oder Lacan) und Abgrenzungen (u.a. zu Marx/Engels) thematisiert wer-
logie, die über Institutionen (oder: Apparate) als Mechanismen der (freiwilligen) den. In einem letzten Schritt soll die Oberfläche des Althusserschen Textes Verlas-
Unterwerfung fungieren. Die Determinierung der Subjekte durch eine materi- sen und zu einer Tiefenstruktur vorgedrungen werden, die einen »zweiten Text«
ell gewordene ideologische Instanz wurde vielfach als Ausdruck des Althusser- sichtbar machen: die Konzeption von Wahrheit als Wissenschaft, die als »Struktur
schen Antihumanismus gelesen.275 In der Tat sieht er seine materielle Fundierung der Strukturen« in Entgegensetzung zur ideologischen Einstellung steht.
von Ideologie als Korrektiv zu jenen Konzepten der Verdinglichung, die auf eine
menschliche Substanz, ein Wesen o.ä. verweisen, das durch eine falsche Form
Die Materialitätdes Ideologischen- Ideologische
Staatsapparate
Den Ausgangspunkt der Neuformulierung einer Theorie der Ideologie liefert
das Paradox, dass es für die Reproduktion des Kapitalismus keinerlei objektiven

273 Vgl.Barrett, Michele:The politicsoftruth (1991), 84. 276 Althusser, Louis: Für Marx (2011), im folgenden zitiert als FM. Interessanterweisekritisiert auch
274 Hall, Stuart/Haug,WolfgangF./Pietilä,Veikko:DieCameraobscurader Ideologie(1984), 103. Adorno das Verdinglichungstheorem(trotz der zahlreichen Parallelenzu ihm) auf ähnliche Weise:
275 Der von Althusser konstatierte »epistemologischenBruch« Marxensgeht mit einer Abwertungder »Das Unheil liegt in den Verhältnissen,welche die Menschenzur Ohnmacht und Apathie verdam-
Frühschriftenund dem essentialistischbegründetenKonzeptder Entfremdungund der Aufwertung men und doch von ihnen zu ändern wären; nicht primär in den Menschen und der Weise,wie die
der ökonomischenSchriften und der Funktionsweiseder Strukturen der ökonomischenVerhältnis- Verhältnisseihnen erscheinen. Gegenüberder Möglichkeit der totalen Katastrophe ist Verdingli-
se einher. DasAusblendendes konkretenSubjektsund seiner Praxiswurde Gegenstandzahlreicher chung ein Epiphänomen.«(ND, 191) DaslückenlosgeschlosseneDaseinAdornossteht so in einem
Kontroversen,die ihm die Vorwürfedes Antihumanismus,Strukturalismus,Mechanizismus,Objekti- ähnlichen Fundierungsverhältniswie AlthussersmaterielleideologischeInstanz:Subjekt und Struk-
vismusoder Szientismuseinbrachten.Althusserwurde so zum Begründereiner »strukturalenMarx- tur fallen bei beidenAutorenzusammen.
Lektüre«,die noch bis heute fortwirkt. Zum Verhältnisvon Marxismusund Strukturalismusim Werk 277 Vgl.Hauck,Gerhard:Einführungin die Ideologiekritik(1992), 91.
Althussersvgl. Assiter,Alison: Althusserand Structuralism(1984); zum Fortwirkendes Strukturalis- 278 Barrett geht bspw. wie viele andere Autorenvon einem Spannungsverhältnisbeider Konzepteaus,
mus im Marxismusvgl. Seppmann,Werner:Subjektund System(2011), 131ft. vgl. Barrett, Michele:The polltics of truth (1991), 22, 109.

106 107
Garantien gibt, er aber zunehmend zu einer »zweiten Natur« avanciert. 279 Um vat«, sondern vielmehr ihr ideologisches Funktionieren (IISA, 56).282 Wahrend
diesen grundlegenden Widerspruch des gegenwärtigen Kapitalismus erklären Gramsci die Zivilgesellschaftdemnach eher als umkämpftes Feld von Klassenaus-
zu können, bedarf es laut Althusser einer (Ideologie- )Theorie, die die politischen einandersetzungen konzipiert (da er den Schwerpunkt auf das »Hinaufarbeiten«
und ideologischen Bedingungen der kapitalistischen Produktionsstrukturen als der subalternen Klassen in die Superstrukturen legt), ist der Dreh- und Angel-
materielles Ensemble von (Staats-)Apparaten untersucht. Entgegen einer mono- punkt Althussers die ideologische Unterstellung der Subjekte unter den Staat.283
lithischen Konzeption von Ideologie (wie Adorno und Horkheimer sie noch mit Unter Aufnahme der psychoanalytischen Subjektphilosophie Lacans entwickelt
ihrem Modell der Kulturindustrie favorisierten), ist sie nun eine Theorie der Althusser ein Subjektmodell, das auf der freiwilligen Unterwerfung unter die ideologischen
Macht,die sich in den staatlichen Institutionen sedimentiert. logischen Staatsapparate basiert. Während sich bei Gramsci die ideologische Vor-
Die Althussersche Analyse kann nur verstanden werden, wenn man deren herrschaft der herrschenden Klasse eher über die Formen politischer Hegemonie
implizite Grundlage expliziert; sie ist das Weiter- und Gegenanschreiben von ausdrückt, konzipiert Althusser Ideologie als dynamisches, imaginäres Verhältnis
280
Gramscis Überlegungen zur Zivilgesellschaft und den Hegemonialapparaten. der Subjekte zu ihren Existenzbedingungen. Wie wir noch sehen werden, ist Ideo-
Gramsci liest die Klassenherrschaft mit dem Begriff der Hegemonie: In Anleh- logie keine begrifflich fundierte Weltanschauung mehr (wie dies noch bei Gramsci
nung an die DeutscheIdeologieist jene Klasse hegemonial, die es vermag, »ihr Inte- der Fall ist), sondern wird auf der unbewussten Ebene gelebt: »In Wahrheit hat die
resse[ ... ] als das Allgemeine[ ... ] darzustellen« (MEW 3, 34); und zwar, indem Ideologie recht wenig mit dem >Bewusstsein<zu tun [... ],denn sie ist von Grund
sie ihre partikularen Interessen als universelle deklariert. Die Vormachtstellung auf unbewusst«(FM, 297). Die ideologischen Staatsapparate statten die Subjekte
einer Klasse wird in einem Bereich hergestellt, der über den Konsens organisiert mit einem spezifischen praktischen Wissen (savoir-faire)
aus, das die ideologische
wird, in der Zivilgesellschaft. In seinem erweiterten Begriff des »integralen Staa- Unterstellung über ein habituelles Verhalten bezweckt (IISA, 42). Vor diesem Hin-
Staates"
(»Diktatur+ Hegemonie«) umfasst der Staat nun nicht mehr bloß repres- tergrund ist Laclaus Konkretisierung der Althusserschen Staatstheorie zu verste-
sive, sondern auch konsensstiftende Funktionen, er ist »Hegemonie, gepanzert hen: »Es ist eine Tatsache, daß die Konzeption der ideologischen Staatsapparate
mit Zwang«.281 Neben dem Staatsapparat (societapolitica),der auf unmittelbarem eine Staatsauffassung impliziert, die ganz damit bricht, ihn als Institution (das
politischem Zwang beruht, existiert eine Vielzahl von Superstrukturen der Zivil- heißt als objektive Struktur) aufzufassen.« 284 Wirkt Laclaus Formulierung ange-
gesellschaft (societacivile),private und öffentliche Institutionen (wie bspw. Fami- sichts des unübersehbaren Strukturalismus zwar etwas überspitzt, so wird mit ihr
lie, Kirche, Schule, Gewerkschaften, aber auch Kunst und Wissenschaft), in denen aber dennoch eine bedeutende Verschiebung hervorgehoben: der Staat ist nun
die herrschende Klasse um Hegemonie ringt. Althusser nimmt nun diese Diffe- nicht mehr bloß eine Institution, sondern eine Vielzahl ideologischer Apparate,
renzierung des Staates in der Unterscheidung zwischen repressivemund ideologi- die alles durchdringen, eine komplexe Realität konstituieren und über diese Form
schem Staatsapparat auf (dies wird an späterer Stelle noch eingehend erläutert), Macht ausüben. Darum ist »Althussers Ideologietheorie [... ] eine Machttheorie;
jedoch in kritischer Distanz: Während Gramscis Staatsbegriff auf einer quantita- sie ist die Theorie einer spezifischen >ideologischenMacht<.«285
tiven Addition zweier Elemente beruht (integraler Staat = politische Gesellschaft
+ zivile Gesellschaft) bedingt Althussers Hinzufügen eine qualitative Erneuerung.
Das Entscheidende ist nun nicht mehr Differenz zwischen »öffentlich« und »pri- 282 Die Differenzzwischenöffentlichenund privatenInstitutionenist laut Althusserimmer befangenin
den Kategoriendes bürgerlichenStaates,denn er setzt diese Unterscheidung:»Der Staat, der der
Staat der herrschendenKlasseist, ist als solcher weder öffentlich noch privat, er ist vielmehrdie
279 Vgl.Wolff,Rick:IdeologischeStaatsapparate(2004), 762. Bedingungjeder Unterscheidungzwischendem Öffentlichenund dem Privaten.«(IISA,56) DieMar-
280 Althusserbetont in IISAselbst,dass GramsciseinesWissens»der einzigegewesen[seil, der jenen kierungder DifferenzzwischenÖffentlichkeitund Privatheitals bürgerlicheKategorienwurde übri-
Wegbegangenhat, den wir einschlagen.Er hatte jenen ,einzigartigen,Gedanken,dass der Staat gens- unter Berufungauf Althusser- auch in der Geschlechterdebattedergenderstudies rezipiert,
sich nicht auf den (repressiven)Staatsapparatreduzierenlässt,sonderndass er auch - wie er sag- vgl.Sauer,Birgit: DieAschedes Souveräns(2001), 8lff.
te - eine Reihevon Institutionender ,Zivilgesellschaft,(,societacivile,) umfasse«(IISA, 53). Zum 283 Althussergeht von einem asymmetrischenKräfteverhältnisaus, in welchemder bürgerliche Klas-
Verhältnisvon Althusser und Gramscivgl. Jessop,Bob: Althusser,Poulantzas,Buci-Glucksmann senkampfPrimatist.
(2007). 284 Laclau,Ernesto:Politikund Ideologieim Marxismus(1981), 62.
281 Gramsci,Antonio:Gefängnishefte(1992), H.6; §88,783: §155,824. 285 Charim,lsolde:Der Althusser-Effekt(2002), 17.

108 109
Wie muss nun aber eine Gesellschaft aufgebaut sein, um die Bedingungen logische Überbau ist relativ autonom und wirkt auf die ökonomische Basis
ihrer eigenen Reproduktion zu gewährleisten, um ihre eigene Macht zu garan- zurück. 291
tieren? Althusser bezieht sich zur Beantwortung dieser Frage auf Marx, der die Althussers Schwerpunkt liegt nun in der Analyse der Reproduktion eines
»Struktur jeder Gesellschaft als konstituiert durch verschiedene >Ebenen<oder gesellschaftlichen Ganzen, das (mit Klassenbeziehungen durchzogen) ein asym-
>Instanzen<« auffasse, »welche durch eine spezifische Determination mitein- metrisches Machtverhältnis aufrechterhält. Konkreter Ausdruck dieses Macht-
ander artikuliert sind: der Unterbauoder die ökonomische Basis[... ] und der verhältnisses ist der Staat.Der Begriffdes Staates hat nur Sinn, so Althusser, wenn
Überbau« (ebd., 44). man ihn in Beziehung zur »Staatsmacht«denkt, so dreht sich auch »der ganze
Die metaphorische »Topik« (ebd., 45) von ökonomischem Unter- und politische Klassenkampf[ ... ] um den Staat« (ebd., 51).292 Wurde der Staat bei
ideologischem Überbau zeigt dabei immer auch ein räumlich-vertikales Ver- Marx häufig als Gewaltmonopol zur Aufrechterhaltung der kapitalistischen Klas-
hältnis an, so Althusser, das den einzelnen Instanzen einen Ort zuweist. 287 senstruktur interpretiert, konstruiert Althusser ihn (mit der Rezeption Gramscis)
Diese Topik weist dem Ökonomischen, da es der Unterbau ist, eine »Deter- · nun als »komplexere Realität« (ebd., 53), die in der Zusammensetzung selbststän-
minierung in letzter Instanz« (ebd., 45) zu. Die räumliche Topik ist demnach diger Instanzen eine Einheit bildet. Der Staat als Ganzes umfasst also zwei hetero-
ein Gefüge asymmetrischer Interaktion. Die Determinierung in letzter Ins- gene Elemente: Zum einen den repressiven Staatsapparat(RSA), der das Monopol
tanz ist jedoch nicht als unmittelbare Kausalität misszuverstehen. Das Öko- von Zwangsmitteln inne hat, und die ideologischenStaatsapparate(ISA), die als
nomische denkt Allhusser nicht als »Ursache ohne Ursache« sie ist eine spezialisierte Institutionen (wie bspw. Kirche, Schule, Familie, Recht, das politi-
Instanz (eben die letzte) des Produktionsverhältnisses, dessen Reproduktion sche System, Gewerkschaften, Presse und Kultur) Herrschaft nicht unmittelbar
ebenso von den Interventionen des superstrukturellen Überbaus abhängt. 289 über die Staatsgewalt, sondern über Ideologie ausüben, indem sie die Subjekte
Althusser zeichnet die Gesellschaft demnach als eine komplexe Kausalität, mit klassenspezifischen habituellen Praxisformen ausrüsten (ebd., 54). Der Staat
in welcher sich die unterschiedlichen Instanzen wechselseitig bestimmen: umfasst neben seiner Funktion als unterdrückender Staatsapparat also auch For-
Einerseits definiert die Ökonomie die Art, wie die ideologischen Apparate men »subtiler alltäglicher Herrschaft« (ebd., 49).293
ihre Eigenwirkung entfalten können, andererseits sind die ideologischen Ins- In seiner Funktion als RSA ist der Staat >»Maschine<der Repression« (ebd.,
tanzen als determinierte zugleich determinierend; »dass sie also, wenn sie auf 47), er sichert die Herrschaft der herrschenden Klasse »auf der Grundlage von
ihre eigene [ ... ] Weise determinierend sind, insofern determinierend sind,
als sie selbst durch die Basis determiniert sind« (ebd., 46). 29 Kurz: der ideo-° 291 Insofern grenzt sich Althusser methodischvom orthodoxen Marxismusab: »Als Gegenbegriffzur
,expressivenTotalität, prägt Althusserden Begriff ,strukturiertes Ganzes,,Gesellschaftwird damit
gefaßtals ein topisch gegliedertesEnsemblerelativeigenständigerInstanzenund Praxen.«(Projekt
Ideologie-Theorie:Theorienüber Ideologie(1979), 107)
286 An dieser Stelle spricht Althusserdezidiert von Gesellschaft- und nicht von ihrer kapitalistischen 292 In den 1970er-Jahrenwurde AlthussersKritik am Staatsbegriffdes traditionellen Marxismusin der
Verfasstheit.Ihm geht esalsozunächstdarum,eine überhistorischeGrundstrukturzu markieren. linken Theorie kontroversdiskutiert. In ihrer »ökonomistischenVerkürzung«ist die marxistische
287 Nach Althusserexistierendrei gesellschaftlicheInstanzen:die ökonomische,die politischeund die Staatstheorielaut Althusserder Ausdruckeiner »Krisedes Marxismus«,vgl. Althusser,Louis:Die
ideologische.Dabeiimportierter den Begriffder »Instanz«ausder FreudschenPsychoanalyse. Ähn- Krisedes Marxismus(1978). Zur Diskussionder AlthusserschenStaatstheorievgl. Altvater,Elmar/
lich wie die psychischenInstanzenFreuds(Es, Ich, Über-Ich)sind die InstanzenAlthusserseigen- Kallscheuer,Otto (Hg.): DenStaat diskutieren (1979). Im Anschlussan die AlthusserscheStaats-
ständig,sie sind eine Realitätsui generis. Zudem sind sie jeweils eigene Kräftedie in einem dyna- theorie entwickeltensich verschiedeneSchulen,die sukzessiveden marxistischenBegriffder Klas-
mischenKräfteverhältniszueinanderstehen.Zum Verhältnisvon Althusserund Freud vgl. Charim, senherrschaftdurch den dlskurstheoretischorientiertenBegriff der Macht ersetzten:WährendPou-
lsolde:Der Althusser-Effekt(2002), 22ff. lantzas noch am Primat des Klassenkampfesdurch den Staat festhält, formiert sich mit Pêcheux
288 Jessop,Bob:Althusser,Poulantzas,Buci-Glucksmann(2007),45. eine Diskurstheorieim Rahmeneiner proletarischenIdeologiedes Widerstandes,die bei Laclauund
289 Vgl.auch Charim, lsolde:Der Althusser-Effekt(2002), 28: »Diejeweiligen Eigenwirkungender Ins- Mouffe letztlich ersetzt wird zugunsteneiner rein diskursorientlertenBetrachtungder Macht, vgl.
tanzen bewirkenwechselseitigeDetermlnierungen;die Beibehaltungdes Begriffs,Determinierung Larrain,Jorge:Conceptof ideology(1979), 68ff.
in letzter Instanz,zeigtaber auf, daß die Wechselseitigkeiten
der Determlnierungenkeinesymmetri- 293 Poulantzas kritisiert die Althussersche Reduktion staatlichen Handelns wegen ihrer Binarität
schen,die unterschiedlichenDeterminierungenkeinegleichwertigensind.« Repression/Ideologie: Zum einensei die »Besonderheitdes ökonomischenApparates[...] in die ver-
. [...]
290 Auch hier lässtsich eine methodischeParallelezu BourdieusHabitusbegrlffziehen:Der Habitusist schiedenenrepressivenund ideologischenStaatsapparateaufgelöst«,zum anderensei die funktio-
klassenspezifischdeterminiert, er ist opus operatum, als auch ein determinierendesErzeugungs- nale Unterscheidungzwischenrepressivenund ideologischenApparaten»quasinominalistischund
prinzipvon Praxisformen,und somit modusoperandi.Genausowie die ideologischenInstanzenAlt- wesenslogisch«(Poulantzas, Nikos:Staatstheorie[1978], 31). Poulantzasbetont stattdessenden
husserserzeugtder Habitusqua Produktivitätein Herrschaftsverhältnis. dynamischenCharakterder Staatsapparate.

110 111
Gewalt« (ebd., 54), die administrativ ausgeübt auch Formen nichtphysischer Die herrschendeIdeologiedarf dabei nicht als einheitliches Ideensystem miss-
Repression annehmen kann. 294 Der RSA stellt als eigenständige Instanz ein verstanden werden, sie ist - ähnlich wie deren Realität in den verschiedenen
»organisiertes Ganzes« dar (ebd., 61), dessen Glieder unter einer Befehlseinheit Apparate - eine komplexe Formation diverser Praxen, die sich zu einem struk-
zentral zusammengefasst werden. Die ISA hingegen sind zwar auch Elemente des turierten Ganzen zusammenschließt. Sie ist die Einheit der Verschiedenheit, eine
Staates, sie haben jedoch einen qualitativ anderen Charakter: sie sind »vielfältig, Partitur, die alle Einzelstimmen zu einen geordneten Arrangement zusammen-
unterschiedlich, ,relativ autonom< und dazu in der Lage, ein objektives Feld für stellt: »In diesem Konzert herrscht eine einzige Partitur, auch wenn sie gelegent-
Widersprüche zu liefern« (ebd., 61). Sie sind also im Gegensatz zum RSA die de- lich durch Widersprüche gestört wird« (IISA, 67).
zentrierte Arbeitsweise des Staates und nicht als dessen unmittelbare Elemente Ist die strukturierende, vereinheitlichende Ideologie kein begriffliches System,
erkennbar. Die beiden Staatapparate existieren jedoch (trotz ihrer Eigenständig- sondern eine Formation von Praxen, so wird auch die ideologischeUnterwerfung
keit) nicht unabhängig voneinander: Die unmittelbare Repression des RSA ist der Subjektein den spezifischen ISA über bestimmte Praxisformen bewerkstel-
immer Bedingung für das Funktionieren der ISA und umgekehrt. 295 ligt. Althusser führt zur Veranschaulichung der ideologischen Unterstellung der
Nach der Differenzierung zwischen repressivem und ideologischem Apparat Einzelnen unter den Staat die Reproduktion der Arbeitskraft an, die in den ver-
betrachten wir im Folgenden den strukturiertenZusammenhalt der ISA näher: schiedenen ISA gewährleistet wird und nicht nur Formen der materiellen, son-
Während der Staat als unterdrückender Apparat zentral organisiert ist, wird die dern eben auch der ideologischen Reproduktion über Qualifikationumfassen.
Einheit der relativ autonomen ideologischen Apparate durch die »herrschende Das Funktionieren der Ware Arbeitskraft wird nicht primär durch Wissen, son-
Ideologie« (ebd.) abgesichert, denn auch für Althusser sind »die Gedanken der dern vor allen Dingen über eine bestimmte culture,ein savoir-faire,sichergestellt
herrschenden Klasse [... ] in jeder Epoche die herrschenden Gedanken« (MEW (ebd., 42), so Althusser. Das kapitalistische Schulsystem und andere Instanzen leh-
3, 46). Ideologie konstituiert dabei in einem doppelten Sinne ein Herrschafts- ren bestimmte Arten des »>Know-How<,aber in solchen Formen, dass dadurch
verhältnis - sie legitimiert den status quo für die beherrschte als auch die herr- die Unterwerfungunter die herrschendeIdeologieoder die Meisterschaft in ihrer
schende Klasse:296 praktischen Ausübung gesichert werden« (ebd., 43). Das Wissen (auch das Wissen
darum, welchen Platz man in einem Herrschaftssystem einnimmt) wird über pra-
Die herrschende Ideologie [ist] insofern die Ideologie der herrschen- tiqueund Übung zur nicht liinterfragbaren, evidenten Gewohnheit. Die Haupt-
den Klasse, als sie ihr nicht nur dazu dient, die ausgebeutete Klasse zu aufgabe der ISA liegt also darin, die Subjekte mit bestimmten - wie Bourdieu for-
beherrschen, sondern auch dazu, sichselbstalsherrschendeKlassezu kon- mulieren würde - habituellen Praxen auszurüsten, die ihrer Funktion innerhalb
stituieren,indem dadurch nämlich bewirkt wird, dass die herrschende der materiellen Produktion entsprechen. 297 Der primäre Zugriff Althussers auf die
Klasse selbst ihr gelebtes Verhältnis zur Welt als real und als gerechtfertigt ideologische Herrschaftssicherung ist also strukturalistisch, er weist der Struktur
annimmt. (FM, 300) der Arbeitsteilung eine Struktur spezifischer, unterstellender Praxisformen zu, die
über Qualifikation erworben werden. Darum weist er der Institution Schule im
294 Der Staat steht für Althussermit all seinenApparatenimmer im »im Dienstder herrschendenKlas-
Klasse"
seine grundlegendeFunktionerhält er »im Klassenkampf,den die Bourgeoisieund ihre Ver- kapitalistischen Klassensystem auch eine herausragende Funktion zur Reproduk-
bündeten gegendas Proletariatführen« CIISA,48). Die Festlegungdes Staatesauf dieseeinfache tion der (Klassen-)Herrschaft zu (ebd., 65): »Jede Gruppe, die unterwegs [aus der
Funktion wurde vom Projekt Klassenanalysedahingehendkritisiert, dass er die »zwieschlächtige
Struktur« des Staatesübersehe:nämlich einerseits Klassenherrschaftzu organisierenund ande- Schule] ,herausfällt<, ist praktischerweise bereits mit derjenigen Ideologie ausge-
rerseits»allgemeingemeinschaftlicheFunktionen«zu übernehmen,wie z.B. die Bereitstellungvon
Kommunikationsmitteln,vgl. ProjektKlassenanalyse: LouisAlthusser( 1975), 1351.
stattet, welche ihrer Rolle in der Klassengesellschaft entspricht.« (ebd., 68)
295 Althusser betont dabeiJedoch,dassalle Staatsapparate,also der repressivewie der ideologische,
durch den »Rückgriffauf Repressionals auch auf Ideologie«(IISA,60) funktionieren.
296 Trotzder materiellenKomplexitätder Ideologieist der theoretischeZugriff auf sie funktionalistisch, 297 Die Parallelenzu Bourdleuliegenhier auf der Hand.Auch der Habitus ist zwar bewirkt, aberselbst
Die ideologischenStrukturenbesitzendie einzigeFunktion,die herrschendeMacht zu stützen.Die auch generativ und somit relativ autonom: Er ist das »Produkt der Einverleibungeiner sozialen
Analyseder Widersprücheund Kämpfeim Ideologischenwerden hier zugunstender Funktionder Struktur in Formeiner quasinatürlichenoft ganzund gar angeborenwirkendenDisposition«(Bour-
Herrschaftsstabilisierung vernachlässigt. dieu, Pierre:Meditationen[2001], 216).

112 113
Das ideologische Funktionieren der Subjekte wird innerhalb der ISA auch ein eigenständigesProduktionsverhältnisideologischerUnterwerfungein weiteres
durch Formen produktiver Repression hergestellt - sie disziplinieren die Indi- generativesErzeugungsprinzipin Gang setzen - die habituellePraxisder Subjekte.
viduen über ein spezifischesBenehmen, eine culture,die den Subjektenzugleich In einemvon AlthusserangeführtenAusspruchPascalsist das doppelteProduktions-
eine Position im Produktionsprozesszuweistund sie so an das Systembindet. Die verhältnisder Ideologieaufgehoben:»Knienieder,bewegedeine Lippenzum Gebet,
hierarchische Zergliederung des Raumes (durch ein selektierendesSchulsystem und Du wirstglauben«(ebd.,82). Das Knien und Betenist ein materiellesProduk-
usw.) markiert den Platz der Subjekte in der Gesellschaft und produziert über tionssystem,das ein zweitesbewirkt:den Glauben- der wiederum selbstein Orga-
diese ZuweisungUnterwerfung.298 Charim liest darin eine Parallelezu Foucaults nisationsprinzipsubjektiverPraxenist.Der GlaubealsResultatmacht seine Ursache
Konzept der Dressur in Überwachen und Strafen: »Die Methoden der Dressur, vergessen,er scheintnun selbstdas Knien und Betenzu bezwecken,obwohl er auch
die Althusser erwähnt (die >Methodender Strafe,des Ausschlusses,der Auswahl dessenResultatist. Ein materiellesVerhältnisbewirktsomit ein anderesproduktives
und so weiter,) haben sich als Methoden der Individuierung erwiesen, durch die Verhältnis.Die materiellenideologischenApparatebezweckenüber Rituale(Knien,
eine Disziplinarmachtdas Individuum >von außen<an seine Einzelheitbindet.«299 Beten, etc.) ein Organisationsprinzipder Subjekte(Glaube,Bewusstsein),das sich
Die ideologische Unterwerfung der ISA hat ebenfalls einen disziplinierenden selbstwiederummateriellin den Praxen(wiederumKnien,Beten,etc.)manifestiert:
Effekt:Sie richten die Subjekteüber pratiquefür den Arbeitsmarkt zu. Vorläufig »Wir werden von Taten sprechen, die in Praktikeneingebettetsind. Und wir wer-
können wir festhalten, dass Ideologiein den ISA ein spezifischesGefügehabitu- den bemerken,dass diesePraktikendurch Rituale,in die sie sich einschreiben,gere-
eller Praxen ist, das vorrangig nicht-begrifflichüber äußere Disziplinierungbis in geltsind,im Rahmen der materiellenExistenzeinesideologischenApparates«(ebd.,
die Subjektehinein wirkt.300 82). Als Wahrheitsgeneratorist die materielleExistenzder Ideologiedie direkte
Der AusgangspunktAlthussersist zusammengefasstfolgender:Ideologien haben Umkehr (renversement) der verkehrtenWahrheitdes falschenBewusstseins:
ihreeigeneMaterialitätund sind nicht direkter Ausdruck der zugrundeliegenden
Ökonomie (ebd., 79). Beziehtman diesen Ausgangspunktauf das Thema der vor- Wasverschwunden ist: das Wort Ideen.
liegenden Arbeit, dass eine spezifischeForm ideologischer Verkehrungauch ein Gebliebensind: die Wörter Subjekt,Bewusstsein,Glaube,Taten.
Moment der Wahrheitbeinhaltet,kommt man zu einer anderen Schlussfolgerung Neu treten auf: die Wörter Praktiken,Rituale,ideologischer
Apparat.
als in den vorangegangenenKapiteln.Nach Althusser werden die Subjekteüber (ebd., 83)
materielleRitualeder Apparatebis in die Alltagspraxenhinein unterworfen.Ideo-
logie ist insofernproduktivund kein einfachesKausalverhältnis:Im Gegensatzzu Es sind alsonicht die ökonomischenProduktionsbedingungen,die eine objektiv
der Vorstellung,dass Ideologieeine objektivfalscheGedankenform sei, die durch verkehrteIdeenweltder Subjektegeneriert,sondern die Subjektenehmen in ihrem
die Wahrheitder ökonomischenProduktionsverhältnisse hervorgebrachtwird,sind praktischen Verhaltenan geregeltenRitualender ISA teil, von dem ihre bei »vol-
die ideologischenApparateihr eigenesProduktionsverhältnis,das Formen subjek- lem Bewusstseinfrei gewähltenIdeen >abhängig< sind (ebd.,81). Die Subjekteleben
tiver Unterstellungbewirkt. Die ISA sind insofern Wahrheitsgeneratoren, die über ihre Handlungen (und davon abgeleitet:ihr gesamtesGlaubens-und Ideensystem)
»über und durch die Ideologie«,sie erscheintals ihre »Welt«und wird zur eviden-
298 DiesesPrinzipwirkt durchausauch in der ökonomischenProduktionfort : Die durch Arbeitsteilung
erfolgte»Parzellierungdes Menschen«(MEW23,375) entziehtdem Arbeiter die Kontrolleüber den
ten Wahrheit eines in geglaubterFreiheitunterworfenenSubjektes(FM, 297). Die
Produktionsprozess - er wird durch die ZergliederungseinerArbeit unterworfen. »absolutideologische'begriffliche'Konfiguration«(IISA,81), das dispositifder Pra-
299 Charim, lsolde: Der Althusser-Effekt (2002), 130. Die Zergliederungdes Raumeshat für Foucault
einen direkten disziplinierendenEffekt: »Jedem Individuum seinen Platz und auf jeden Platz ein xis,welchesfür das Subjektals sein eigenesGlaubenssystemerscheint,ist schonein
Individuum.«(Foucault,Michel: Überwachenund Strafen[19761, 183) Die Dlszipllnarmachtbleibt
jedoch äußerlich,währendsie bei Althussernur in und durch das Subjekt existiert,wie noch gezeigt 301 Wie die ideologischenApparate spezifischeRituale produzieren,bleibt jedoch offen. Sie scheinen
werdenwird. als »unbewegteBeweger«Riten zur Unterwerfungder Subjektezu produzieren:»Die ISAproduzie-
300 Ideologiewird hier als »Vergesellschaftungvon oben«gedacht,sie wird auf ein von »obengeformtes ren ihre Riten und Praxengleichsamaus dem Stand, d.h. ohne erkennbarenZusammenhangmit
und apparathaftdurchorganisiertesPhänomenreduziert«(Rehmann,Jan: Einführungin die Ideolo- den Praxenund Denkformenderjenigen, die unterworfenwerdensollen«(ProjektIdeologie-Theorie:
gietheorie[20101, 106). Theorienüber Ideologie(1979), 115).

114 115
ideologischesProduktionssystemzweiterOrdnung, das aus einem ersten,dem Pro- zelnen ideologischenApparatenwerden Individuen bestimmteSubjektcharaktere
duktionsverhältnisder ISA,abgeleitetist.302 Ist Ideologiesomit ein integralesEnsem- aufgezwungen,die die Einzelnenals ihr eigenesProdukt und ihre eigeneIdentität
ble ideologischerPraxen und Rituale,so folgen daraus zwei Punkte: Es gibt Praxis verinnerlichen.Das sujet,entsprechendseinerfranzösischenDoppelbedeutungSub-
erstensnur durch und unter einer Ideologieund zweitensgibt es Ideologienur durch jekt/Untertan,verkennt sich selbstin der Unterwerfungals einzigartiges,selbstbe-
das Subjektund für Subjekte(ebd., 84). InwieweitSubjekt-und Ideologiekonstitu- stimmtesIndividuum,es wird im Modus der Autonomieunterworfen.Im Subjekt
tion zusammenfallen,sollim nächstenAbschnittnäher beleuchtetwerden. sind immer die beiden gegensätzlichenBestimmungenvon Freiheitund Unterord-
nung aufgehoben.Die Unterordnung ist für das Subjektnicht präsent, der Schein
von individuellerAutonomieist vielmehr letzte Ursache der subjektivenVorstel-
Subjekt= Untertan - Anrufung und Subjektkonstitution
lungen und Handlungen.303 Diese unmittelbare "Evidenz"der» Wiedererkennung
Neben der Bestimmung, Ideologie habe eine materielle Existenz, die sich in und Anerkennung«(reconnaissance) des »Ichbin es!"ist der elementareideologische
den Apparatensedin1entiert,verfolgtAlthusser im Anschlussan Lacan ein tiefer- Effektder materiellenApparate(ebd., 86). Die Anerkennungschließtdabei immer
gehendes Konzept von Ideologie, das mit einer Subjektkonstitution im Allge- ihre Kehrseite,die Verkennung(meconnaisance), mit ein: Wird das Subjektin sei-
meinen zusammenfällt.War sie in den Apparaten eine rein praktische Form der ner spezifischenStellungim Produktionsprozessanerkannt,wird es selbstverkannt.
Aneignungder Wirklichkeit(und keine Verkehrungim Bewusstsein),so wird dies Die nicht hinterfragbare,unausweichlicheEvidenz der Unterwerfungliegt in
nun erweitert: sie ist von Grund auf unbewusst und nicht-begrifflich:»In Wahr- dem Umstand begründet, dass man »immer schon" Subjekt ist und als solches
heit hat die Ideologierecht wenig mit 'Bewusstsein'zu tun [... ].Denn sie ist von ununterbrochen Ritualeder ideologischenAnerkennung praktiziert (ebd., 87).304
Grund auf unbewusst.[... ] Der Mehrzahl der Menschendrängen sie sich vor allem Denn das Spezifischeder ideologischenUnterwerfung liegtja gerade darin, dass
als Strukturenauf, ohne durch ihr Bewusstseinhindurchzugehen«(FM, 297).Mit das Subjektin der Ausübung seiner »Individualität«immer schon Praktiken der
der Frontstellung gegen die Reduktion von Ideologie auf falsches Bewusstsein, Unterstellung vollzieht - es ist unterworfene und verursachende Instanz seiner
gegendie »positivistisch-historizistischeTheseder DeutschenIdeologie«(IISA,73), Unterwerfung. Kurz: Die Subjekte werden von den übergeordneten Apparaten
ist sie nun primär das gelebteund geglaubteimaginäreVerhältnisder Subjektezu derart konstituiert, dass sie sich in die kapitalistischen Klassenstrukturen ohne
ihren Existenzbedingungen.In einem ersten Schrittuntersuchen wir nun die Sub- jede Reibung einfügen und sie dies als individuelleerfahrene bewusste Entschei-
jektkonstitution der ideologischen Apparate, die über das Modell der Anrufung dung auffassen und internalisieren. 305 Das »Immer-schon-Unterworfensein<(
Individuen in einem bestimmten Subjektionsmodusunterwerfen. Dies mündet unter einen bestimmten Subjektionsmodus denkt Althusser dabei weniger zeit-
dann - in einem zweiten Schritt - letztlich in einer Ideologieim Al/gemeinen,die
konstitutivahistorischden Modus der Unterwerfungim Subjektontologisiert. 303 Darauf beruht letztlich auch die Funktionsweiseeines politischen Systems,das auf Freiheit und
Gleichheitberuht (vgl. IISA, 110). Die bürgerliche Ideologieruft das Subjektmit seinenstaatlichen
Wenn Althusserdavon ausgeht,es gäbe »Ideologienur durch das Subjektund Apparaten(wie bspw.das freie Wahlrecht)als freiesan und unterliegtselbstder l llusion.LautAlthus-
für die Subjekte«(ebd., 84), die Kategorieinsofern konstitutiv für jede Ideologie ser besteht die bürgerlicheIdeologie»in Bezugauf die Freiheit, In dem ebensoder Willeder Bour-
geoisiezu erkennenIst, ihre (,freien,!)Ausgebeutetenzu mystifizieren,um sie dadurch Im Zaumzu
ist, so darum, weil »jedeIdeologiedie (siedefinierende)Funktionhat, konkreteIndi- halten,indem sie sie zur Freiheiterpresst,wie auch das Bedürfnisder Bourgeoisie,ihre eigeneKlas-
viduenzu Subjektenzu 'konstituieren'"(ebd.,
( 85). Konkret heißt dies: In den ein- senherrschaftals die Freiheitder von ihr selbstAusgebeutetenzu leben«(FM,300).
304 Althusserbenutztdie Formulierung»immerschon«(toujours-déjà)Im Anschlussan Heidegger,der
damit das immer schongegebeneDaseinder Weltlichkeitbetont, die Voraussetzungaller Betrach-
302 Der auf FoucaultzurückgehendeBegriff des »Dlspositivs«ist im französischenOriginalschon bei tungsweisender DingeIst, die in der Welt sind (Heidegger,Martin: Seinund Zeit (2006), §§ 14-24,
Althusserzu finden. Wenn Foucault den Dispositiv als »ein entschieden heterogenesEnsemble 63ff.).
[bezeichnet],das Diskurse,Institutionen, architektonischeEinrichtungen,reglementierendeEnt• 305 Rooneyliest diesenAspekt der Subjektivierung(und somit auch Naturalisierung,indem sie in das
scheidungen,Gesetze,administrative Maßnahmen,wissenschaftlicheAussagen,philosophische, Sein des Individuumseingeschriebenwird) als impliziten Fetischismus:»The theory of ideology
moralischeoder philanthropischeLehrsätze,kurz: Gesagtesebensowohlwie Ungesagtesumfasst« thus playsthe roleof the commodityas Marxdescrlbeslt In Capital:the ,social hieroglyphic,whose
(Foucault,Michel: Dispositiveder Macht [19781, 1191.), so ist er dem Althusserssehr ähnlich.Auch characteris ,stamped,upon lt and which must thus be read as an unpredictable,taking of form, is
er ist der (ideologische)Rahmen,auf Grunddessendas Subjekt seine Handlungenbezwecktund takenfor the state of nature, acquirlngthe ,stability of natural,self•understoodforms of sociallife«<
bewertet. (Rooney,Ellen:SetterReadThanDead[19951, 194).

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lieh (als Erwerb bestimmter Persönlichkeitseigenschaften), sondern vielmehr zieht<. Es gibt Subjektenur durchundfür ihre Unterwerfung«(ebd., 98). Gerade
(onto- )logisch (in der Gleichsetzung von Subjekt- und Ideologiekonstitution): die spiegelhafte Verdopplung gewährleistet das Funktionieren des Gesamtsys-
Das Individuum ist selbst vor seiner Geburt schon Subjekt, denn im familiären tems: »Indem es die Subjekte dem SUBJEKT unterwirft, während es ihnen im
Apparat »steht es von vorneherein fest«, dass das Kind eine spezifische Identität SUBJEKT, in dem jedes Subjekt sein eigenes (gegenwärtiges wie künftiges) Bild
innerhalb der familiären ideologischen Konfiguration besitzen wird. betrachten kann, die Garantiebietet, dass es wirklich um sie und um Es geht«
Die freiwillige Unterwerfung der Subjekte erfolgt konkret durch die Anru- (ebd.). Ideologie wird hier zur übergeordneten Wahrheitsinstanz,
die die Identität
fung (interpellation)einer ideologischen Instanz: »JedeIdeologieruft die konkre- zwischen der Zuschreibung des SUBJEKTESund seinem Objekt, den Subjekten,
ten Individuen als konkreteSubjektean« (ebd., 88). Entsprechend der französi- setzt. Wahrheit ist hier also gleichzusetzen mit der unhinterfragbaren Evidenz
schen Doppelbedeutung Anrufung/Verhaftung ist sie eine reglementierte und der gegebenen Ordnung.
reglementierende materielle Anordnung von Subjekt und übergeordneter Ins- Die Subjektkonstitution lässt sich nun in der vierfachen Spiegelungsstruktur
tanz: »Man kann sich diese Anrufung anhand des Typs der banalsten alltägli- der Anrufung zusammenfassen (vgl. ebd. 96f.): In ihr werden die Individuen ers-
chen Anrufung vorstellen, wie sie etwa von Polizei wegen [... ] erfolgt: ,He, Sie tens als Subjekte angerufen, dadurch werden sie zweitens unter die übergeordnete
da!'" (ebd., 88). Ähnlich wie Foucaults Begriff des Dispositivs ist die Anrufung ideologische Instanz, unter das SUBJEKT,unterworfen, dies gewährleistet drittens
ein diskursives Ensemble, das alltägliche Diskurse und Praktiken bestimmt, sozi- eine wechselseitige Wiedererkennung zwischen den Subjekten und der ordnenden
ale Tatbestände produziert und sich so immer wieder selbst reproduziert. Die Instanz des SUBJEKTS,als auch zwischen den Subjekten und durch sich selbst309 ,
Struktur der Anrufung denkt Althusser dabei spiegelhaft (speculaire);
das Sub- was letztlich viertens die absolute Garantie dafür ist, »dass alles in Ordnung ist, so
jekt erkennt sich in der Anrufung der übergeordneten Instanz als es selbstwie- wie es ist« (ebd. 97). Resultat ist nun eine allumfassende freiwillige Unterwerfung;
der und anerkenntdabei gleichzeitig die ordnende Funktion der anrufenden Ins- ein Konzept der Selbstführung, in dem die Subjekte tatsächlich »ganz von selber«
tanz. Die spiegelhafte Anerkennung wird also durch eine zentrale, übergeordnete funktionieren, d.h. »allein unter Einsatz von Ideologie« (ebd.), indem sie sich in
ideologische Instanz gewährleistet, die Althusser als »SUBJEKT«(ebd., 96) kon- die konkreten Rituale der ISA einfügen und so »das Bestehende« anerkennen.
zipiert, das »den einzigen Platz im Zentrum einnimmt und rund um sich herum In dem toujours-déjàder Subjektkonstitution ist ein weiteres Konzept aufge-
die Individuen in ihrer unendlichen Anzahl als Subjekte anruft« (ebd.). 307 Die hoben, das scheinbar konträr zu den konkreten ideologischen Apparaten steht.
Anrufung ist demzufolge als doppelte Anerkennung gedacht, in der das Subjekt Werden Subjekte immer schon angerufen, so ist auch die zugrundeliegende Ideo-
in seiner Unterwerfung die Ordnung des SUBJEKTS anerkennt: »Das Indivi-
duum wirdals (freies)Subjektangerufen,damit essich.freiwillig
der Anordnungen
308 Nicht ohne GrundveranschaulichtAlthusser die zentrierte Anrufung mit der alttestamentarischen
des SUBJEKTSunterwirft,damit es also (freiwillig)seine Unterwerfungakzeptiert Dornbuschgeschichte(Ex3): »Zujener Zeit sprachder Herr (Jahwe)zu Mosesaus einer Wolke.Und
und folglich >ganzvon selber< die Gesten und Taten seiner Unterwerfung >voll- der Herr rief Moses:,Moses!,,Hier bin ich!,, sprach Moses,,ich bin Moses,Dein Diener.Sprich und
ich werde auf Dich hören., Und der Herr sprach zu Moses und sagte ihm: ,/eh bin, der Ich bin'"
(IISA, 94). Gott definiert sich in dieser Passageselbst als das ausgezeichneteSUBJEKT(»Ich bin,
306 Auch Butler bedientsich dem AlthusserschenModellder Anerkennung,um die Geschlechteridenti-
der Ich bin«), das ein Subjekt in der Anrufung als Mosesunterwirft. Das Subjekterkennt sich selbst
tät als Konstruktionsvorgangzu dekonstruieren.Der Ruf der Hebammebei der Geburteines Kindes
in der Unterwerfungwieder (»ich bin Moses,Dein Diener«)und erkennt so Gott als unterwerfendes
»Esist ein Mädchen!«(Butler, Judith: Körper von Gewicht[20091, 29) setzt insofern den Subjekti-
SUBJEKTan.
onsmodusdes Geschlechtesschonvorgeburtlich.
309 Althusser verweisthier auf die AnerkennungsstrukturHegelsund beschreibt ihn als einen»bewun-
307 Man könnte die zentrierte Struktur der Anrufung durchaus mit dem panoptischenÜberwachungs-
dernswerten Theoretiker ,der Ideologie«<(IISA, 96). Tatsächlich ist in beiden Modellen,der Anru-
mechanismusFoucaultsvergleichen.Die Wirkungsweisedes Panoptikumsberuht auf dem Wissen
fung und Anerkennung, die doppelsinnige Struktur des Selbstbewusstseinsaufgehoben: »Das
der Möglichkeiteiner permanentenÜberwachung,da von einer zentriertenInstanzaus eine dauer-
Selbstbewußtseinist an und für sich, indem, und dadurch, daß es für ein Anderesan und für sich
hafte Beobachtungmöglich ist: »Derjenige,welcher der Sichtbarkeit unterworfenist und dies weiß,
ist; d.h. es ist nur als ein Anerkanntes«(Hegel, GeorgW. F.: Phänomenologiedes Geistes[19861,
übernimmt die Zwangsmittelder Macht und spielt sie gegen sich selber aus; er internalisiert das
145). Auch bei Hegel ist die Anerkennungsstruktureingebettet in ein Systemder Unterwerfung,des
Machtverhältnisin welchemer gleichzeitig beide Rollenspielt, er wird zum Prinzip seiner eigenen
von Herrschaft und Knechtschaft.Indem Althusser die Unterwerfungjedoch als imaginäres,frei-
Unterwerfung«(Foucault,Michel: Überwachenund Strafen [1976], 260). Auch die Althusserschen
williges Verhältniskonzipiert(das SUBJEKTsetzt die Identität des Subjekts) und nicht - wie Hegel
Subjekteverinnerlichendie Unterwerfungdurch die zentrierte Anrufungdes SUBJEKTESund aner-
- als Arbeitsverhältnis,könnendie AlthusserschenSubjekte sich auch nicht wie das Knechtische
kennenso das Machtverhältnisan.
BewusstseinsHegelsaus der Unselbstständigkeit»herausarbeiten«.

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logie transhistorisch (ebd., 74). Neben den besonderen Ideologien stellt Althusser nären Vorstellw1g der Subjekte. Auch wenn das Reale (die bestehenden Produk-
das »Projekt einer Theorie der Ideologie im Allgemeinen«(ebd., 72) dar, das die tionsverhältnisse, etc.) in notwendiger Abwesenheit in der imaginären Vorstel-
ontologische Grundlegung der klassenspezifisch fundierten ideologischen Appa- lung präsent ist, erscheint es in der ideologischen Einstellung (die Althusser von
rate bildet. Laut Althusser hat Ideologie keine Geschichte (ebd.), sie ist »allgegen- der theoretischen abgrenzt, wie wir sehen werden) eben als überdeterminiertes
wärtig« und »transhistorisch«: »DieIdeologieist ewig,ebenso wie das Unbewusste Verhältnis des Imaginären (ebd.). Man kann letztlich nicht von der einfachen
ewig ist« (ebd., 74). Er greift dabei auf eine Formulierung der DeutschenIdeologie Ursache einer (notwendigen) »imaginären Verzerrung« (IISA, 78) sprechen, die
zurück, um sie mit Freud zu modifizieren. 310 Althusser überträgt demzufolge die ihren Grund in der konkreten Produktionsweise einer Gesellschaft hat, sondern
Freudsche Topographie (Bewusstes/Vorbewusstes/Unbewusstes) auf die Struktur von einem Komplex unterschiedlichster Vorstellungen, die Einheit (des Sub-
der Ideologie. Im Gegensatz zu Marx und Engels ist sie nun kein Abgeleitetes, jekts, der Gesellschaft) dort suggeriert, wo eigentlich ein Widerspruchsverhältnis
kein bloßes Derivat der realen Geschichte mehr, sondern sie selbst ist eine eigene, herrscht.
spezifisch strukturierte Realität, die selbst wieder Realitäten konstituiert. 311 Denn In diesem imaginären Verhältnis ist, wie zu Beginn schon erwähnt, in ein
die Eigenart der Ideologie besteht für Althusser gerade darin, »dass sie eine Struk- zweiter Text latent eingeschrieben, der auf die frühe Abhandlung Lacans, Das
tur und eine Funktionsweise hat, die sie zu einer nicht-historischen, d.h. zu einer Spiegelstadiumals Bildnerder Ichfunktion,rekurriert. Dort entwirft das Ich (je)
omnihistorischen Realität macht« (ebd., 74). Das Ideologische setzt somit seine des Kleinkindes in triumphaler, »jubilatorischer Geschäftigkeit« 312 ein Ideal-Ich
eigene Wahrheit- es ist keine Verkehrung der wahren, materiellen Grundlage. (moi), das ihm durch sein Spiegel-Imago vermittelt wird. Diese imagohafte Ein-
Was ist nun aber das Allgemeine, Omnihistorische der Ideologie? Althus- heit im Anblick seines Spiegelbildesverleiht dem Ich Einheit und Dauerhaftigkeit,
ser greift dabei auf das psychoanalytische Spiegelverhältnis Lacans zurück und »durch die es, als Ich (je), seine Nichtübereinstimmung mit der eigenen Realität
beschreibt Ideologie als das »imaginäre Verhältnis der Individuen zu ihren realen überwinden muss.« 313 Auch das Grundprinzip des Althusserschen Imaginären
Existenzbedingungen« (ebd., 75). Entgegen der Vorstellung, sie sei eine falsche besteht darin, dass das inkohärent zusammengesetzte Individuum seine Identität
Illusionder Realität, ist sie eine Allusion,eine Reflexionsform auf das Gegebene in der Subjektkonstitution findet - in ihm ist letztlich jede Widersprüchlichkeit
der Welt. Es sind also nicht die realen Existenzbedingungen, die sich die Men- zum Realen getilgt. Jedoch bringt das Sich-Erkennen (me connaitre)im Spiegel
schen in der Ideologie unmittelbar vorstellen, sondern es ist »ihr Verhältniszu (bei Althusser: im herrschenden ideologischen Diskurs) mit Notwendigkeit ein
diesen Existenzbedingungen, das dort repräsentiert wird« (ebd., 77). Die Reprä- Verkennen (meconnaitre)hervor - die Einheit bleibt eine imaginäreund kann
sentationsform der Ideologie setzt somit Wahrheit in einer reflexiven Verhältnis- realiternicht umgesetzt werden, sie ruft vielmehr ein unstillbares, »unbefriedig-
beziehung, es ist »ein Verhältnis von Verhältnissen, ein Verhältnis zweiten Gra- tes Begehren« 314 hervor: »Hier schleicht sich die Ambivalenz eines Verkennens
des« (FM, 298), das auf die Realität anspielt, sie aber selbst nicht ist. Darin liegt (meconnaitre)ein, das dem Sich-Kennen (me connaitre)wesentlich ist. Denn
die Crux der Theorie einer Ideologie im Allgemeinen: Sie setzt Wahrheit (hier das Subjekt kann sich in dieser Rückschau allein eines Bildes vergewissern, im
verstanden als unmittelbare Evidenz von der Einheit des Realen) in der imagi- Moment, wo es ihm gegenübersteht: des antizipierten Bildes, das es sich von sich

310 Althusser bezieht sich dabei auf folgende Passage:»Die Moral, Religion,Metaphysikund sonsti- 312 Lacan,Jacques:DasSpiegelstadiumals Bildnerder lchfunktion(1973), 63.
ge Ideologieund die ihnen entsprechendenBewußtseinstormenbehalten hiermit nicht länger den 313 Ebd.,64.
Scheinder Selbständigkeit.Siehaben keine Geschichte,sie habenkeine Entwicklung,sonderndie 314 Pagel, Gerda: Lacan zur Einführung (1991), 27. Während der Ausarbeitung der Spiegeltheorie
ihre materielleProduktionund ihren materiellenVerkehrentwickelndenMenschenändern mit die- beschäftigtesich Lacanintensivmit der HegelinterpretationKojeves,der die Anerkennungsstruktur
ser ihrer Wirklichkeit auch ihr Denkenund die Produkte ihres Denkens«(MEW3, 261.).Während der PhänomenologiedesGeistesprimärals eine Dialektikvon Herrschaftund Begierdeliest.Soauch
Marx und EngelsIdeologieals determiniertesProdukt der materiellenVerhältnissebetrachten(das Lacan:»Dasfundamentale HegelscheThema[ist:) das Begehrendes Menschenist das Begehren
keine eigeneGeschichtehat), kritisiert Althusserdiese Auffassungmit der Neuinterpretationder des anderen.Es ist genaudas, was in dem Modelldurch den ebenen Spiegelausgedrücktwird. [Es
Geschichtslosigkeitvon Ideologie.Sie wird nun - mit Freud - zu einer psychologischenKonstante ist] jenes Drehmoment,das in der Entwicklungdort erscheint,wo das Individuumaus seinemeige-
der Subjektwerdung. nen Bild im Spiegel,aus sich selbst, eine triumphale Übung macht. Wir könnendurch bestimmte
311 Zum Verhältnisvon Althusserund Freud sei wieder auf Charimverwiesen(Charim,lsolde: Der Alt- KorrelationenseinesVerhaltensverstehen,daß es sich dabei zum ersten Mal um ein antizipiertes
husser-Ettekt[20021, 2ltf.). Ergreifender Herrschafthandelt.«(Lacan,Jacques:DasSeminarvon JacquesLacan[19781,105)

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selber macht in seinem Spiegel.«315 Diese grundlegende Entfremdung zwischen 85) kennzeichnet. Verfällt er nun doch selbst einer essentialistischen Zuschrei-
Ich und Ideal-Ich ist konstitutiv für den identifikatorischen Prozess des Subjekts, bung (die er bei dem jungen Marx so vehement kritisiert), »bei der nicht mehr
der sich durch sein fortwährendes Scheitern immer wieder erneuern muss. 316 nachgefragt werden kann, welche gesellschaftlichen und individuellen Erfahrun-
Das unstillbare Begehren zur Einheit ist der Grund jener »imaginären Verzer- gen dazu führen, die Einschränkungen gegebener Möglichkeitsräume freiwillig
rung« der Ideologie: Das Subjekt transzendiert seinen tatsächlichen Zustand der hinzunehmen.« 320
Die Althussersche Differenzierung zwischen den konkreten
Diffusität in der Ideologie, das die realen Existenzbedingungen in ihrem imagi- ideologischen Apparaten der Klassengesellschaft und der allgemeinenTheorie
nären Verhältnis zum Subjekt als kohärente und einheitliche spiegelt.317 Kurz: Die der Ideologie führt gerade wegen ihrer grundlegenden Verschiedenheit zu einer
Ideologie stellt dem Subjekt ein zentrales SUBJEKT als Spiegel bereit, das eine omnihistorischen Realität ideologischer Vergesellschaftung und der damit ein-
Subjekt-Objekt-Einheit suggeriert, in dem sich die Subjekte selbst spiegeln kön- hergehenden Klassenherrschaft: Verbindet man die gesellschaftlich hergeleitete
nen. Insofern bleibt auch im Imaginären Althussers das Verkennen eingeschrie- Theorie ideologischer Apparate mit der ontologisch gesetzten allgemeinen The-
ben, es ist hier eines des individuellen, fragmentierten Selbst in einer durch Klas- orie der Ideologie, schreibt man auch die gesellschaftlichen Verhältnisse ontolo-
sen gespaltenen Gesellschaft. gisch fest.
Althussers Relektüre Lacans zeitigt jedoch Konsequenzen, die die Unterwer- Fassen wir das bisher Gesagte zusammen, so erscheint Ideologie erscheint
fungsstruktur der Ideologie letztlich universalisiertund ontologischin das Sein als selbstreferentielle, wahrheitssetzende, geschlossene Einheit, die kein Außen
der Subjekte einschreibt. 318 In dem unstillbaren Begehren des Individuums ist und keine Grenze mehr kennt - sie ist letztlich ein perpetuum mobilekapitalisti-
der Drang nach einheitlicher Subjektkonstitution nun omnihistorisch in seine scher Vergesellschaftung. Doch eine Leerstelle bleibt in dem geschlossenen Block
Natur eingeschrieben. Eine Tatsache, die Althusser keineswegs leugnet: Mensch- ideologischer Apparate, in dem die Subjekte scheinbar »ganz von selber« (ebd.,
liche Gesellschaften »scheiden die Ideologie aus wie ein Element oder eine Atmo- 97) funktionieren: Was ist mit den »schlechten Subjekten« (ebd.), die sich der
sphäre, die für ihre Atmung, für ihr geschichtliches Leben unerlässlich ist« (FM, Anrufung verweigern? In der triebpsychologischen Verortung des gesellschaftli-
296).319 Beschreibt er die Unterwerfung der Subjekte unter die ideologischen Ins- chen Zusammenhalts, welche die Subjekte durch ihr Begehren an die entsagende
tanzen zuvor als grundlegenden Bestandteil der Klassengesellschaft, ist es umso Gesellschaft bindet, kann tatsächlich von keiner selbstbestimmten Praxisform
verwunderlicher, dass er den Menschen in einem zweiten Schritt als animal idéologique mehr die Rede sein, so das ProjektIdeologietheorie:
»In der Nacht des Subjekt-
ologique(»der Mensch [ist] von Natur aus ein ideologisches Lebewesen«, IISA, Effektes sind alle Praxen grau.«321 Wird das Individuum hinter dem unterworfe-
nen Subjekt verschwiegen und bloß als »hypothetischen X«322 vorausgesetzt, kön-
315 Lacan,Jacques:Subversiondes Subjektsund Dialektikdes Begehrensim FreudschenUnbewußten nen widerständige Formen der Anrufungsverweigerung tatsächlich nicht gedacht
(1973), 183. werden. Die identifizierende Unterordnung der Subjekte lässt keinen Raum für
316 In der LacancschenSpiegeltheorieist der Mythosvon Narzißeingeschrieben,der an dem Begehren
nachseinem eigenenSpiegelbildzugrundegeht.Dennauch hier ist das,was Identitätverspricht(das die individuelle Interpretationen, Verarbeitungs- und Gegenstrategien. Geht Alt-
Spiegelbild),unerreichbar.
husser von einem Primat des bürgerlichen Klassenkampfes aus, das der Klassen-
317 Vgl.Eagleton,Terry:Ideologie(2000), 167.
318 Vgl.Rehmann,Jan: Einführungin die Ideologietheorie(2008), 112ft. herrschaft (durch die Besetzung der Staatsapparate) Stabilität garantiert, fällt er
319 Althusser steht angesichtsdessenvor einem Dilemma, so Lock: »Althusser is confronted with a
dilemma,of which both hornsare uncomfortable.Eitherhe must revisethis view and claim that, with
hinter Gramsci zurück, der die Klassengesellschaft stärker als prekäres, hegemo-
the end of class struggleand classsociety,ideologydoes indeed come, in somesense,to disappear niales Kampffeld konzipiert. In diesen: Sinne setzt Ranciere der Vorherrschaft der
[. . .l orhe holds to hisview, in which case ideology,the imaginary,and the unconsciousmust be pro-
perly eternal. But the latter would mean that the correlative function of subjection and submission bürgerlichen eine widerständige Ideologie entgegen, »ein System von Machtver-
continues to operateand therefore - to that extent - that the hope of emancipationis an illusion« hältnissen, das immer fragmentarisch bleibt, weil es ebensoviele Eroberungen
(Lock, Grahame:Subject,Interpellation,and ldeology[19961,89). LautAlthusserexistierttatsäch-
lich auch in einer herrschaftsfreien,kommunistischenGesellschaftIdeologie(FM, 296). Im Gegen-
satz zur bürgerlichen Ideologiekann die sozialistischeaber in der »Anerkennungihrer Notwendig- 320 Rehmann,Jan: Einführungin die Ideologietheorie(2010), 116.
keit« in ein Instrumenttransformiertwerden,das »der reflektierten Einwirkungauf die Geschichte« 321 Projekt Ideologie-Theorie:Theorienüber Ideologie(1979), 126.
(ebd.,297) entspricht. 322 Zizek,Slavoj:Der Erhabenstealler Hysteriker(1992), 178.

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festlegt, das also immer provisorisch bleibt, weil es nicht das Produkt von Appa- Relais der Ideologie anzunähern. Insofern ist das Wahre »das Zeichen seiner
raten, sondern von Kampfesbewegungen ist.«323 In einer Notiz von 1976 unter- selbst und des Falschen« und die »Anerkennung des Irrtums [... ] die Rekur-
zieht Althusser seine Auffassung vom Primat des bürgerlichen Klassenkampfes renz des Wahren« (SK, 57f.).326 In der Ideologie scheint jedes Denken der Sub-
jedoch selbst einer grundlegende Revision: »Wenn die Funktion der ISAs darin jekte selbstreferentiell: Es wird entlang einer unbewussten ideologischen Einstel-
besteht, die herrschende Ideologie in den Köpfen zu verankern, so deshalb, weil lung geführt, die das Denken stillschweigend untermauert. In diesem Sinne ist
es Widerstandgibt« (ebd., 106). Damit konzipiert er die ideologischen Apparate Ideologie immer auch eine Struktur von Kategorien, die die Grenzen zwischen
zwar stärker als ein Kampffeld, in welchem nicht nur die Herrschenden, sondern Denk- und Undenkbaren, Sag- und Unsagbarem markiert. Ideologie funktio-
auch die Beherrschten zu selbstständigen Akteuren avancieren, jedoch scheint niert also über ein geschlossenes System des Ausschlusses, das Leerstellen pro-
vor diesem Hintergrund seine universalistisch-ontologische Definition der ideo- duziert - die wiederwn in »notwendiger Abwesenheit« präsent sind. Kurz: Ideo-
logischen Unterstellung gänzlich fragwürdig. Eagleton kommt so zu dem Schluss, logie ist vor-wissenschaftlich.
Sie ist keine Form der begrifflichen Erkenntnis, wie
dass zwischen der Konzeption der politischen Beschaffenheit der ideologischen Althusser immerfort betont, sondern vielmehr ein gelebtes, imaginäres Verhält-
Staatsapparate als Orte des Klassenkampfes und dem politisch neutralen ,sozio- nis der Subjekte zu ihren realen Existenzbedingungen. Verschleiert das Imagi-
Ideologiebegriifl 24 ein unüberbrückbarer Hiatus klafft.325
soziologischen näre den Blick auf die konkrete Funktionsweise von Subjekt und Gesellschaft, so
In einem letzten Schritt soll nun auf den zentralen Ort der Wahrheit in der muss ein anderer, ein wissenschaftlicher Standpunkt eingenommen werden, der
ideologischen Vergesellschaftung eingegangen werden. Denn eine Frage scheint sich transzendierendüber die ideologische Sphäre erhebt und zwischen (ideolo-
bislang noch völlig ungeklärt: Wer ist das transzendentale Subjekt, welches das gischem) Subjekt und dem SUBJEKT (der Ideologie) zu differenzieren vermag,
(reale) Subjekt mit seinem (Spiegel-)SUBJEKTvergleicht? um das geschlossene System der Ideologie überhaupt als solches wahrnehmen
zu können.
Der Ort der Wahrheit existiert also in einem epistemologischen
Bruch von
Das Unmöglichedenken - Wahrheitin der Epochedes
Wissenschaft und Ideologie. In der absoluten Entgegensetzung kann Wahrheit
Intellektuellen
nun positiv bestimmt werden: Sie ist, als objektive Erkenntnis der realen Produk-
Auf den ersten Blick scheint Wahrheit, verstanden als objektiveErkenntnis der tionsverhältnisse, einzig zur verorten in der Wissenschaft und der ihr eigentüm-
realen Produktionsbedingungen, in Althussers System der ideologischen Instan- lichen theoretischen
Praxis.Zwar verweist die Wahrheit der Wissenschaft auf die
zen gänzlich unauffindbar. Die Ideologie ist in »imaginärer Verzerrung« (ebd., Ideologie, jedoch einzig in dem Modus ihrer notwendigen Abwesenheit. 327 Ist
78) zirkulär; sie ist sich selbst ihre eigene Realität und Wahrheit, indem sie als Ideologie die Reproduktionder imaginären Verzerrung, so überwindet die Wis-
eigenes Produktionsverhältnis ein dynamisches System von Verhältnissen errich- senschaft diese zirkuläre Struktur, indem sie ihr eine neue Produktionsordnung
tet, das kein Außen kennt. Und: Das Subjekt ist nur in und durch die Ideologie. Es der Wahrheit entgegensetzt. Das Verhältnis von Ideologie und Wissenschaft ist
ist ein überdeterminiertes Produkt der Gesellschaftsstruktur und darum sind in also eines der Entgegensetzung: 328 Denn erstens ist die Ideologie ein formations-
der ideologischen Sphäre die Praxen der Subjekte selbst immer schon ideologisch.
Wo ist nun aber der Ort der Wahrheit auffindbar? Es scheint zunächst hilf-
326 Althusser,Louis:Elementeder Selbstkritik(1975), Im folgendenzitiert als SK.
reich, sich dem Begriff der Wahrheit negativ,nochmals vermittelt über das 327 In den Elementender Selbstkritikweist Althusserden Vorwurf,er konzipieredas Gegensatzpaar Wis-
senschaft und Ideologieundialektisch, mit dem Verweisder Rekurrenzder Wissenschaftzurück:
»Dennich habeja gezeigt,daß dieser Gegensatzrückläufig,alsohistorischund dialektischist, weil
323 Ranciere,Jacques:Widerden akademischenMarxismus(1975), 9. der Wissenschaftlernur unter der Bedingung,die ,Wahrheit, ,entdeckt, und ,erreicht, zu haben,
324 Rancierestellt in diesem Zusammenhangdie Theseauf, AlthussersBegriff der Ideologieim Allge- [...]
.. l sich der Vorgeschichteseiner Wissenschaftzuwendenuns sie ganz oder zum Teil als Irrtum
meinenwürde auf dem Bodeneiner »allgemeinenSoziologie«definiert - überallgemeinals Bewah- bezeichnenkann.«(SK,57) DiesesVerweisungsverhältnis lässtsich In den früheren Schriften, ins-
rung des gesellschaftlichenZusammenhalts.Damitentferneer sich von Marx und näheresich viel- besondereseiner Darlegungdes Projektseiner theoretischenPraxisin Für Marx, jedoch nicht fin-
mehrder SoziologieDurkheimsan, vgl.ebd., 15. den.
325 Eagleton,Terry: Ideologie(2000), 172. 328 Vgl.Rheinberger,HansJ.: DieerkenntniskritischenAuffassungenAlthussers(1975), 948.

124 125
spezifischer Überbau zur Reproduktion der Produktionsverhältnisse. Wissen- Subjekt (der Ideologie) ist im wissenschaftlichen System abwesend. Althusser
schaft ist formationstranszendent;
ihre theoretischen Sätze sind an sichwahr oder konzipiert die theoretische Praxis der Wissenschaft als reine »Gedankentotalität«
falsch, sie beschreiben ein konstitutiv anderes Wirklichkeitsfeld als das der ideo- und verabsolutiert dabei die Marxsche Formulierung, dass »das Ganze, wie es im
logischen Praxis. 329 Zweitens produziert Ideologie Kohärenz dort, wo ein anta- Kopfe als Gedankenganzes erscheint, [... ] ein Produkt des denkenden Kopfes«
gonistischer Widerspruch herrscht. Wissenschaft durchbricht die zirkuläre Evi- sei (MEW 42, 22), indem sich Wissenschaft nun selbst denkt und dem Subjekt
denz der Ideologie, indem sie ein kohärentesSystemvon Begriffen aufstellt, das seine Rolle im theoretischen Produktionsprozess zuweist:331
den Widerspruch nicht tilgt, sondern aufhebt. Drittens ist Ideologie immer Mittel
zum Zweck der Aufrechterhaltung einer Unterwerfungsstruktur. Wissenschaft ist Dieses Denken ist vielmehr das historisch konstituierte System eines
sich Selbstzweckund hat ihren Maßstab als auch ihre Mittel in sich selbst. Viertens Denkapparates, gegründet in und verknüpft mit der natürlichen und
ist das Produktionssystem der Ideologie spiegelhaft, das imaginäre Verhältnis ist gesellschaftlichen Wirklichkeit. Es ist bestimmt vom System der realen
nur das Spiegelbild des Gespiegelten. Wissenschaft ist eine Produktionsordnung, Bedingungen, die es [... ] zu einer bestimmten Produktionsweise von
die das Gegebene transformiertund so immerfort Neues produziert. Erkenntnissen machen. Als solches ist es durch eine Struktur konstitu-
Wahrheit kann insofern einzig im Modus einer theoretischen Praxis möglich iert, die eine Verbindung darstellt zwischen dem Objekttyp (Rohstoff),
sein und Wissenschaft selbst etabliert ein Produktionsverhältnis eigener Art, das an dem es arbeitet, den Mitteln theoretischer Produktion, über die es ver-
auf sich selbst - als ein System von wahren Begriffen - rekurriert; sie ist insofern fügt (seine Theorie, seine Methode, seine Technik experimenteller oder
die »Struktur der Strukturen«. Althusser übernimmt so die Marxsche These, dass anderer Prägung) und den (zugleich theoretischen, ideologischen und
einzig Praxis Wahrheit generiere, und überträgt sie auf die Produktion von Theo- gesellschaftlichen) historischen Beziehungen, innerhalb derer es produ-
rie, denn »das, was man gemeinhin Theorienennt, [ist] auch in seinen >reinsten< ziert. Dieses ganz bestimmte System von Bedingungen der theoretischen
Erscheinungsformen[ ... ] eine Praxis.« (DKL, 78).330 Und diese theoretische Pra- Praxis weist dem einzelnen denkenden Subjekt (Individuum) seine Stelle
xis ist Maßstab und Garant für die Wahrheit der gewonnenen Erkenntnisse: »Das und Funktion in der Produktion von Erkenntnissen zu. (DKL, 53)
Wahrheitskriterium der durch die theoretische Praxis [... ] produzierten Erkennt-
nisse liegt in dieser theoretischen Praxis selbst; es wird geliefert vom Niveau Das Spezifische des theoretischen Produktionsprozesses ist, dass schon der
ihrer Argumentation, der Wissenschaftlichkeit der Formen,die die Produktion erste Zugriff auf den »Rohstoff« der Produktion ein theoretischer ist. Das Reale
bestimmter Erkenntnisse ermöglicht haben« (ebd.). Jedoch ist die Genese von ist eine strukturierte Anordnung von »Vorstellungen, Begriffen und Tatsachen«
Wahrheit in der theoretischen Praxis eine prozessierende Struktur, in der der (FM, 206): »Das Reale erfassen heißt, es in eine theoretische Perspektive rücken;
eigentliche Produktionsagent, das Subjekt, eliminiert ist. Der wissenschaftliche ein Gegebenes ist niemals etwas Ursprüngliches«. 332
Nur darum kann über-
Diskurs ist notwendigerweise ein »Diskurs ohne Subjekt« (IISA, 85), d.h. das haupt zu einer »allgemeinen« Wahrheit aufgestiegen werden, da die Sphäre der
ideologischen Produktion (und der ihm zugrundeliegende Subjektstatus) aus-
329 BalibarversuchtAlthussersDifferenzzwischenWissenschaft(als Ort der Wahrheitund Produktion) geklammert wird. Die theoretische Praxis verweist also auf ein gegebenes, the-
und Ideologie(als Ort der Falschheitund Reproduktion)zu unterlaufen,indem er auf das transfor-
matorlsche Potential der ideologischen Praxisverweist: »In the distinction science/ideologyAlt- oretisch Allgemeines Systems von Begriffen. Die Produktion von Wahrheit in
husserjoins the possibility of acting on ideology,taking the knowledgeof ideologyas the starting der Theorie kann wie folgt zusammengefasst werden: Das erste, abstrakt Allge-
polnt to implementa true ,ideologicalpolitics, !hat would alsobe a politicsof transformingideology«
(Balibar, Etienne:Althusser'sObject [1994], 1651.).Auch wennAlthusserdas Momentder produk- meine (Althusser nennt es die Allgemeinheit I) wird in der theoretischen Praxis
tiven Umgestaltungvon Ideologiedurch die ideologischePraxisselbst für undenkbarhält, kann die
ideologischeAnrufungdurchausin ihrer eigenenLogikunterlaufenwerden.IndemideologischeSte-
reotype aufgegriffenund umcodiert werden, könnensie die vertikale ideologischeAnrufung bspw.
331 Darinliegtauch der sogenannte»Antihumanismus«Althussersbegründet.
zugunsteneinerhorizontalenWiedererkennungdurchbrechen(wie bspw.der Slogander Black Pow-
332 Thieme, Klaus/Woll,Frieder 0.: Althusser zur Einführung (1982). 16. Das heißt jedoch im Rück-
er-Bewegung»l'm Blackand l'm Proud«das rassischeStereotypaufgreift und umwertet).
schlussnicht, dassdie »Grundmaterie«der theoretischenPraxisper sewissenschaftlichsein muss.
330 Althusser,Louis/Balibar, Etienne:Das Kapitallesen(1972), im Folgendenzitiert als DKL.
Sieumfasstgleichermaßenauch FormenvorwissenschaftlichenDenkens(vgl.FM, 206).

126 127
(Allgemeinheit II) zu einer neuen, konkreten Allgemeinheit aufgehoben (All- Insofern ist Wahrheit bei Althusser selbstreferentiell,
sie wird gewonnen aus
gemeinheit III). Das Allgemeine I ist die »Grundmaterie, die die theoretische der Theorie, durch die Theorie und ist letztlich Theorie. 334 Die konkrete Wahrheit
Praxis der Wissenschaft in besondere ,Begriffe<umwandeln wird« (ebd., 229).333 der Theorie »betrifft« zwar auf irgendeine Art und Weise auch das real Konkrete
Das Objekt der Erkenntnis, ein »Bestand an Begriffen« (ebd., 231) wird durch der wirklichen Produktionsanordnung, beide bleiben jedoch konstitutiv unab-
ein Allgemeines II, die Arbeit der theoretische Praxis, transformiert. Die The- hängig voneinander, da sie jeweils verschiedene Wirklichkeitsbereiche beschrei-
orie ist sich also folglich selbst Gegenstand und Maßstab, die »Arbeit betrifft ben: »Der Prozess, der das Erkenntnis- Konkrete produziert, verläuft vollständig
allein den Prozess der theoretischen Praxis: sie vollzieht sich vollständig ,inner- in der theoretischen Praxis: Er betrifft natürlich auch das Konkret-Wirkliche,
halb der Erkenntnis«< (ebd., 232). Das Allgemeine III ist nun das Produkt des aber dieses Konkret-Wirkliche besteht nach wie vor in seiner Unabhängigkeit,
theoretischen Produktionsverhältnisses, eine konkrete (d.h. in sich vermittelte) außerhalb des Denkens (Marx), ohne jemals verwechselt werden zu können mit
Wahrheit, die durch den Reflexionsprozess der Theorie gewonnen wurde und jenem anderen ,Konkreten<, das seine Erkenntnis ist.« (FM, 233)
alle vorhergegangen abstrakten (d.h. voneinander getrennten) Vorstellungen Die Wahrheit, können wir nun schlussfolgern, liegt in der Epochédes Intel-
in sich aufhebt. Die »Produktion einer neue wissenschaftlichen Allgemeinheit« lektuellen, der sich in der theoretischen Praxis von der natürlichen Einstel-
weist die alte zurück, »indem sie sie sich gleichzeitig ,einverleibt<, das heißt ihre lung des (ideologischen) Subjektseins transzendiert und so zu einer Erkennt-
,Relativität< und die Grenzen ihrer (untergeordneten) Gültigkeit bestimmt« nis des Wahren gelangt. 335 Um dies zu verdeutlichen, ist es sinnvoll, wenn wir
(ebd., 232). Scheint in Althussers theoretischem Produktionsmodell die dialek- uns in einem letzten Schritt nochmals der Unterscheidung von Wissenschaft
tische Methode Hegels latent eingeschrieben zu sein, die sich ja ebenfalls vom und Ideologie zuwenden: Denn die Einsicht, dass die ideologischen Apparate
abstrakt Allgemeinen zum konkret Allgemeinen hinaufarbeitet, so doch nur, tatsächlich »ideologisch« sind, kann nur gewonnen werden, wenn man ihre
um ihre grundlegende Differenz zu ihr zu markieren (ebd., 235ff.). Das Moment unmittelbare Evidenz überwindet: »Es ist die Wirkung der Ideologie, das durch
der (absoluten) Wahrheit liegt bei Hegel gerade in der Einheit von Subjekt und die Ideologie der ideologische Charakter der Ideologie geleugnetwird. [ ... ]
Objekt begründet, von Erkenntnis und Realität - und darin liegt laut Althusser Man muss sich außerhalb der Ideologie befinden, d.h. in der wissenschaftli-
auch das »Grundübel Hegels«. Er kritisiert die »Identifikation des Denkens mit chen Erkenntnis, um sagen zu können: Ich bin in der Ideologie« (IISA, 89). Die
dem Sein« (ebd., 238). Die konkret allgemeine Wahrheit von Althussers The- Wirkung der Ideologie besteht darin, dass es unmittelbar evident ist, dass die
orieproduktion ist hingegen in der konstitutiven Unterscheidung der beiden Individuen als Subjekte agieren. Das Subjekt ist somit nicht in der Lage, seinen
Produktionsverhältnisse zu suchen, die jeweils andere Realitäten (das Konkret- Subjektstatus nicht anzuerkennen (reconnaître),da es diesen seinen Zustand -
Gedankliche in Abgrenzung zum Konkret-Wirklichen) beschreiben. Insofern eben aufgrund der Evidenz der praktischen Rituale des Alltagslebens - nicht
unterscheidet sich die Wahrheit Althussers auch grundlegend von der praktisch transzendieren kann. Es kann allenfalls das »Bewusstsein« über die »unaufhör-
hergestellten Subjekt-Objekt-Wahrheit des Lukacsschen Proletariats. Er nähert liche (ewigen) Praxis der ideologischen Wiedererkennung« (reconnaiscance)
sich jenen Modellen von Wahrheit an, die Wahrheit - ähnlich wie Adorno/ erlangen (ebd ., 87), eben indem es sich immerfort und immer schon als Subjekt
Horkheimer - in einer theoretischen Transzendenz von der schlechten Totalität wiedererkennt. Es kann jedoch niemals zu der »(wissenschaftlichen) Erkennt-
des Bestehenden verorten.
334 Damit unterliegt Althusseraber selbst der MarxschenKritik an Hegel(die er durchausauch über-
nimmt), da esso scheint,als sei der Motor seinerTheorleproduktlonebenfallsder »sichselbstgebä-
333 Thompsonkritisiert diesenAusgangspunktder Theoriegewinnung:Althusserfassedas »Rohmate- rende Begriff«(MEW13, 632.)
rial« als »eineträge,formbareMasseohne eigenesGewichtoder eigeneEnergie,die passivdarauf 335 Die Methode Althusserserinnert tatsächlich an die phänomenologischeEpochéHusserls.Auch in
wartet,zu Erkenntnisverarbeitetzu werden«(Thompson,EdwardP.: DasElendder Theorie(1980), ihr wird die »Generalthesisder natürlichen Einstellung«ausgeklammert,um zu der tatsächlichen
46) - eben als vorgefertigtesSystemvon Vorstellungenund Begriffen. Diegänzliche Ausklamme- »Washelt«des Gegenstandeszu gelangen.Insofern fällt auch Althusser in einen Essentiallsmus
rungder konkretenErfahrungaus diesem »Rohmaterial«führt letztlichzu einemwissenschaftlichen zurück, möchteer zwar nicht explizitzu einem »Wesen«der Gegenständevordringen,so doch aber
Diskurs,der alles »aussich selbst«herausableitet, »alleinmit den Mitteln des wissenschaftlichen implizit die allgemeinen,von der Besonderheitgänzlich verschiedenen,bleibenden,allgemeinen
Diskursesder Beweisführung(ebd.,51). Strukturenausarbeiten.

128 129
(connaissance)des Mechanismus dieser nnaufhörlichen Wiedererkennung
Erkenntnis sehen Ideologie (Waffe der herrschenden Klasse) und Wissenschaft (Waffe der
kommen (ebd.). Will man mit dem Diskurs der Ideologie brechen, muss man beherrschten Klasse).«338 Das Prinzip des Umsturzes kommt so nicht mehr der
in Ausklammerung der alltäglichen Rituale und Praxen einen Zustand der Praxis der Beherrschten zu, sondern dem Gegenteil von Ideologie, der Wis-
theoretischen Transzendenz einnehmen, denn »Ideologie für sich kennt kein senschaft. Eine praktische Aufhebung der ideologischen Verhältnisse ist somit
Äußeres, aber für die Wissenschaft ist sie nur Äußeres« (ebd., 90). Diese Äußer- undenkbar, bewegen sich die unterworfenen Subjekte immer schon in der Ideo-
lichkeit kann nur gewährleistet werden, wenn man ein Produktionsverhältnis logie; losgelöst von der revolutionären Praxis verwandelt sich somit auch eine
sui generiskonstituiert, das sich selbst zum Gegenstand hat - die Wissenschaft »revolutionäre« Theorie in ihr Gegenteil. 339 Ganz ähnlich kritisiert Thomp-
als »Struktur der Strukturen«. son Althussers Primat der Theorie: Indem die Wissenschaft eine Frontstellung
Indem sich Wissenschaft nun in theoretischer Praxis gegen die zirkuläre gegen die Praxis einnimmt, ist sie ein »hermetisch abgeschlossenes System«, ein
Evidenz der Ideologie wendet, ist sie - so Althusser - immer auch ein Ele- »sich selbst erzeugendes Begriffsuniversum«, das letztlich idealistisch die kon-
ment des theoretischen Klassenkampfes: »Die Philosophie ist in letzter Instanz krete Erfahrung der Subjekte negiert, da sich Wissenschaft bloß noch in einem
Klassenkampf in der Theorie« (SK, 86). Wahrheit wirkt hier in der Kategorie »Zirkel der Eigenproblematik« bewegt.340 Dieser Idealismus der Theorie repro-
der Richtigkeit (justesse):Die Theorie ist eine Position (position),die aufgestellt duziert letztlich auch die konkrete Beschaffenheit der wissenschaftlichen Pro-
wird (estposée) und so Stellung bezieht (prendposition), indem sie im Kampf duktion in der ideologischen Sphäre. Versucht Althusser sich durch die Trans-
gegen andere Positionen eine Position einnimmt (ebd., 85). Gegenüber der zendenz der Wissenschaft von den ideologischen Instanzen zu erheben, fällt er
Ideologie hat die Wissenschaft also Funktion der »Richtig-Stellung«(ajuste- gerade dadurch in sie zurück: Dem Ideal bürgerlicher Wissenschaft entsprechend
ment) (ebd., 86). Die Transzendenz der theoretischen Praxis wird so zu einem konstruiert er sie als autonome, neutrale Instanz, die ihren Maßstab einzig in sich
alternativen Kampflatz um Wahrheit. Setzt die Ideologie in ihrer Evidenz selbst legt. Damit schreibt er jedoch das ideologische System bürgerlicher Wis-
Einheit, so stellt die Wissenschaft in ihrer »Richtig-Stellung« ihr den Wider- senschaft fort, das im scheinbaren Modus der Autonomie Herrschaft legitimiert:
spruch gegenüber: »Im Unterschied zur Wissenschaft hat die Ideologie genau »Wissenschaft als solche[ ... ] fungiert als ein integraler Bestandteil der ideologi-
die Funktion, die wirklichen Widersprüche zu verschleiern, auf der Ebene der schen Legitimation des Bürgertums.«341 Die Wahrheit der Wissenschaft verkehrt
Einbildung einen relativ zusammenhängenden Diskurs zu rekonstruieren,der sich also letztlich doch in ihr Gegenteil, sie wird Bestandteil der Ideologie.
dem >Erleben<der Agenten als Orientierungshilfe dient.« 336 Das Außen der
Wissenschaft befördert so die Inneneinsichten der scheinbaren ideologischen
Kohärenz: Sie deckt ihren widersprüchlichen Charakter auf und kann sie letzt-
lich als Herrschaftsverhältnis dechiffrieren. 337
Setzt man Wahrheit nun schlussfolgernd in die Transzendenz der theoreti-
schen Praxis, so zeitigt dies Konsequenzen, die von verschiedener Seite kritisiert
wurden: Ranciere liest in der Entgegensetznng von Wissenschaft und Ideologie
eine »Logik des Vergessens«, die konstitutiv für die die theoretizistische Philo-
sophie Althussers ist: »Der vergessene Klassenkampf in der Ideologie erscheint
in einer phantasmagorischen, fetischisierten Form wieder als Klassenkampf zwi-

336 Poulantzas,Nicos:PolitischeMacht und gesellschaftlicheKlassen(1974), 213.


337 Implizit ist in dieserherrschaftskritischenEntgegensetzung
vonWissenschaftund Ideologieein zwei- 338 Ranciere,Jacques:Widerden akademischenMarxismus(1975), 17.
ter Textenthalten,die LeninscheDifferenzierungvon »bürgerlicher«und »wissenschaftlicherIdeolo- 339 Ebd.,36.
gie.« Die »wissenschaftlicheIdeologie«bestehtdarin, dass ihr »dieobjektiveWahrheit,die absolute 340 Thompson,EdwardP.: DasElendder Theorie(1980), 521.
Natur entspricht«(Lenin,Vladimir1.:Materialismusund Empiriokritizismus[1953ff.J,131). 341 Eagleton,Terry:Ideologie(2000), 162.

130 131
Die Positionder Wahrheit
oder:Die Wahrheitder Posi-
tion(Zizek)

Der Begriffder Ideologiescheint mir aus dreierleiGründen schwierig


zu verwenden zu sein. Als erstes steht er immer, ob man will oder nicht,
in einem potentiellen Gegensatzzu etwas, was Wahrheit wäre. [... ] Der
zweite Nachteil ist darin zu sehen, daß sich die Ideologie meiner Mei-
nung nach zwangsläufigauf so etwaswie ein Subjektbezieht.Und drittens
befindet sich die Ideologiein untergeordneterPosition in Bezugauf etwas,
das ihr gegenüberals ökonomische,materielleund so weiterStruktur oder
Dominante wirksam ist. Aus diesen drei Gründen glaube ich, daß es sich
um einen Begriffhandelt, der nur mit Vorsichtzu verwenden ist.342

Mit dem Zerfallder strukturalistischenAlthusser-Schulekommt es zu einer zentra-


len Verschiebungin der Deutungsweisevon gesellschaftlicher Verkehrungund ihrem
Substrat,der Wahrheit Mit der postmodernenPhilosophie,derenvielleichtexempla-
rischsterVertreterFoucaultist, wurden die zentralenKonzepteder Ideologietheorie
aufgehoben:BegriffewieWahrheit,Subjektund Struktur- Konstitutionsprinzipien der
343
Ideologie- werdenalsessentialistische Konzepteabgelehntund »dezentriert«. Statt
der Ideologieist nun der DiskurszentraleInstanzdes Gesellschaftlichen.
Warder Sinn
des Sozialenzuvornoch in dem Effektder Strukturzu suchen,wird dem gegenüber
nun die konstitutiveSinnlosigkeitdes Ganzenbetont.Der Universalismusder Wahr-
heit,dem die gesellschaftliche
Verkehrungzuvorentgegengesetzt wurde,wirddadurch
abgelöstdurch einenradikalenPerspektivismus, der die diskursiveStrukturierungjegli-
chergesellschaftlicherInstanzbetont.Wahrheitist somitundenkbargeworden.

342 Foucault,Michel:Dispositiveder Macht(1978),34.


343 Zur Kritik der Ideologietheorieaus poststrukturalistischerPerspektivevgl. exemplarischBarrel!,
Michele:The politicsof truth (1991).

133
Das Kapitel Die Positionder Wahrheitmit der konstatieren Auflösung der
Wahrheit zu beginnen, wirkt vielleicht zunächst etwas befremdlich. Ein kurzer Exkurs:Das Ende der Wahrheit in der Postmoderne
Einblick in das postmoderne Denken ist jedoch notwendig, da er der philoso- Foucault setzt der »Ökonomie des Nicht-Wahren«, der »Irrtümer, Illusionen,
phische (und politische) Ausgangspunkt Zizeks ist. Er tritt der postmodernen Verschleierungen«, eine »Politik des Wahren« gegenüber, die nicht etwa das
Auflösung universeller Begriffe mit einer radikalen Geste der Wahrheitentgegen. Gegenteil des Nicht-Wahren meint, sondern (wie schon angedeutet) die dis-
Darum endet dieses Buch auch nicht mit dem konstatierten Ende von Ideologie kursive Produktion von Macht, welche Subjekt und Struktur erzeugt. 345 Seine
und Wahrheit, sondern mit einer neueren Reaktualisierung der ideologietheo- »Politik des Wahren« ist also nichts anderes als die Erzeugung der gesellschaftli-
retischen Fragestellung, die die bestimmteNegationdes Falschen zu denken ver- chen Wirklichkeit (d.h. Wahrheit) durch einen Macht/Wissen-Komplex. Damit
sucht: Zizek möchte das postmoderne Denken als ideologisches dekonstruieren knüpft er zwar an die Bedeutungsverschiebung des Ideologiebegriffs bei Althus-
und hält ihm eine politische Philosophie der Wahrheit entgegen, die Bruchstel- ser an, indem er die Produktionsmechanismen von Wissen und Macht offenlegt;
len innerhalb der »falschen Totalität« des Kapitalismus aufsucht. Zizeks These er richtet sich jedoch zugleich auch gegen die Althussersche Entgegensetzung
ist, dass in dem Falschen, gerade darum, weil es falsch ist, schon die Möglich- von Ideologie und Wissenschaft (d.h. Wahrheit). In der Archäologiedes Wissens
keit eines Wahrheitsereignisses
innewohnt, das als bestimmte Negation des Beste- löst Foucault Wissenschaft und Wissen als durch Macht strukturierte »diskur-
henden nur praktisch-politisch hergestellt werden kann. Darum beginnt die- sive Formationen« auf.346 Es ist nun nicht mehr die herrschende Ideologie, wel-
ses letzte Kapitel zunächst auch mit einem kurzen Exkurs zum postmodernen che noch bei Althusser die Subjekte und das gesamte gesellschaftliche Gefüge
Denken. Daran schließt Zizeks Diagnose an, dass mit der Postmoderne auch ein präformiert, sondern das Wissen, welches als ein reglementierendes Regelge-
neuer Modus ideologischer Verkehrung einsetze. Diese Verkehrung wird aufge- füge bestimmt, »was gesagt werden [... ] muss, damit es einen Diskurs geben
löst, indem er dem falschen, aber vorherrschenden Politischen (le politique)die kann.« 347 Die freiwillige Unterordnung unter ein Herrschaftsverhältnis wird
wahre Politik (la politique) und dem falschen alltäglichen Agierenden wahren nun durch den Diskurs gestiftet; seine Regeln bestimmen, was gesagt werden
revolutionären Akt entgegensetzt. Aus dem Unternehmen einer politischenPhi- soll, kann und überhaupt sagbar ist. Insofern wirkt er auch produktiv - er stif-
losophie(die Zizek im Anschluss an Badiou formuliert) folgt eine philosophische tet Beziehungen zwischen »Institutionen, ökonomischen und gesellschaftlichen
Politik.Da in diesem Kapitel neben einem neuem Modus der ideologischen Ver- Prozessen, Verhaltensformen, Normsystemen, Techniken, Klassifikationstypen
gesellschaftung, der postideologischen Ideologie, die politisch gesetzte Wahrheit und Charakterisierungsweisen.« 348 Der Diskurs ist somit ein Ordnungsgefüge
der Position im Mittelpunkt steht, werden wir die psychoanalytischen Schrif- sprachlicher und nicht-sprachlicher Art, er ist der zugrundeliegende Determi-
ten Zizeks (z.B. Liebe Dein Symptom wie Dich selbst!oder Das Unbehagenim nationsrahmen, der die gesellschaftliche Realität auf eine spezifische Art und
Subjekt)344 außer Acht lassen. Kurz: Es geht primär darum, die Wahrheit in ihrer Weise regelt. Nicht mehr die herrschende Klasse bestimmt die herrschende
Position darzustellen. Ideologie, wie dies noch bei Althusser der Fall war, sondern der Diskurs erzeugt
Macht, indem er die Realität strukturiert; und zwar indem er ausschließt, klassi-

344 Zizek,Slavoj: LiebeDein Symptomwie Dich selbst! (1991); Zizek,Slavoj:Das Unbehagenim Sub-
345 Foucault,Michel: Dispositiveder Macht (1978), 1881. Ist das Subjektbloß durch den Diskursexis-
jekt (1998). Die Rezeptionder LacanschenPsychoanalysedurch Zizek,kann natürlich nicht gänz-
tent, so ähnelt dies interessanterweisean die FormulierungAlthussers,das Subjekt sei nur in und
lich ausgeblendetwerden,da seinegesamtePhilosophiemehr oder wenigereine Weiterentwicklung
durch die Ideologie.
Lacansund Übertragungseiner Theorieauf kapitalistischeSubjekteffekteist. Stellte Althussermit
346 Foucault,Michel:Archäologiedes Wissens(1981), 264.
seinerLacan-Lektüredas Spiegelstadiumin den Vordergrund,so wird Zizekdas Begehrenals konsti-
347 Ebd.,2591.
tutivesMomentseinerPhilosophieentwickeln.
348 Ebd.,68.

134 135
353
fiziert, ordnet, etc.349 Macht wird so zu einer nicht fassbaren Kraft, die alles und in einem konstatieren »Endeder großenErzählungen«. Jeder philosophische
jeden durchzieht. und politische Versuch, das Ganze der Gesellschaft als sinnhafte Totalität zu kon-
Dies ist der negative Ausgangspunkt von Zizek, denn aus der Kritik der post- zipieren, wird mit diesem Programm als strukturell totalitäres Projekt diskredi-
modernen Philosophie und des postmodernen Kapitalismus gewinnt er ihren tiert, da in ihm das Nicht-Identische notwendig ausgeschlossen wird. 354 Betrach-
positiven Begriff der Wahrheit. Für Zizek liegt es auf der Hand, dass Foucaults tet man dies nun nicht nur als philosophische Zäsur, sondern auch als eine neue
Begriffe des »Wissens« und der »diskursiven Praxis« durch ihre Allgemeinheit Logik des Kapitalismus, so geht mit dem Ende der großen Erzählung auch das
eine materielle Genese von Herrschaft und freiwilliger Unterordnung nicht leis- Ende einer durchführbaren Alternative zum Kapitalismus einher, so Zizek: »Die
ten kann. Ist Macht ein alles durchdringendes Diskursfeld, dann kann sie laut Zeit der großen Erklärungen ist vorbei, gegen all die Fundierungstheorien ist ein
Zizek nicht auf ihre konkreten Entstehungsbedingungen zurückgeführt werden: ,schwaches Denken< erforderlich« (AP, 25). 355 Die Verkehrung von der Universa-
350
»Foucault never tires of repeating how power constitutes itself 'from below<.« lität (des Systems) hin zur Partikularität (des »schwachen Denkens«) wird damit
Konnte Althusser noch nach den konkreten Funktionsweisen der materiellen Ins- aber selbst ideologisch: der Kapitalismus wird total. Denn: Sind systematische
tanzen des Ideologischen fragen, so werden sie laut Zizek mit Foucault der struk- Alternativen undenkbar geworden und die bestimmte Negation getilgt, so ist
turierenden Funktion des Diskurses untergeordnet, wie auch Rehmann bemerkt: auch die Wahrheit obsolet und der Kapitalismus endgültig naturalisiert. Darum
»Foucault hat seinem Konzept eines regelhaften ,Wissens, ein noch fundamenta- ist für Zizek die einzig »wahreFrage«: »Lassen wir diese Naturalisierung des
leres Konzept der Macht gleichsam untergeschnallt, ohne dass der so gewonnene Kapitalismus zu oder beinhaltet der heutige globale Kapitalismus Antagonismen,
Macht/Wissens-Komplex (pouvoir-savoir) aus den gesellschaftlichen Relationen die stark genug sind, um seine unendliche Reproduktion zu verhindern?« (ebd.,
351
entwickelt worden wäre.« 251 f.) Die immanente Krisenhaftigkeit wird für Zizek - ganz wie für Lukacs -
ideologisch geleugnet, indem der Kapitalismus »in Gestalt der ,zweiten Natur«<,
die »als an sich wahrgenommen wird, weiter in Funktion bleibt« (ebd., 307). Der
Die postideologischeIdeologiein der Postmoderne
gesamte soziale Prozess wird folglich verdinglicht, »als von einem anonymen
Das postmoderne Denken ist für Zizek jedoch nicht nur eine philosophische Dis- Schicksal außerhalb der gesellschaftlichen Kontrolle beherrscht wahrgenom-
ziplin, sondern vor allen Dingen eine spezifische Logik, die in die Tiefenstruktu- men« (ebd., 315).
ren des gegenwärtigen Kapitalismus eingeschrieben ist und ihm Ewigkeitscha- Mit der Logik der Postmoderne avanciert auch eine neue Form des Politi-
rakter verleiht. 352 Die Momente des postmodernen Denkens, wie die Absage an schen zum alltäglichen Herrschaftsmodus, die Post-Politik, deren eigentümli-
die rationale Planbarkeit des gesellschaftlichen Ganzen, der Verlust des agieren- che Ideologie es ist, »postideologisch« zu sein (TS, 273). 356 Das postideologi-
den Subjekts, oder die radikale Ablehnung universalistischer Konzepte, münden sche Moment liegt laut Zizek darin begründet, dass in der Post-Politik der ideo-
logische Kampf um die Hegemonie, der »durch unterschiedliche Parteien, die
349 Auf die konkreten,ordnendenMechanismendes Diskursesgeht Foucaultin Die Ordnung des Dis- um die Macht kämpfen, verkörpert« wurde, abgelöst wird durch eine »Kolla-
kurses ein: »Ich setzevoraus,daß in jeder Gesellschaftdie Produktiondes Diskurseszugleich kon-
trolliert, selektiert, organisiert und kanalisiert wird - und zwar durch gewisseProzeduren,deren
Aufgabees ist, die Kräfte und die Gefahrendes Diskurseszu bändigen,sein unberechenbarEreig-
nishafteszu bannen,seine schwereund bedrohlicheMaterialitätzu umgehen.«(Foucault, Michel: 353 DieseparadigmatischgewordeneFormulierungstützt sich auf Lyotard,vgl.Lyotard,Jean-Francois:
Die Ordnungdes Diskurses[2003), lOf.) DaspostmoderneWissen(2009).
350 Zizek,Slavoj:The Spectreof ldeology(1994), 13. 354 Interessanterweise Ist hier eine Parallelezu Adorno/Horkheimerzu lesen:Wiedie Postmoderneein
351 Rehmann,Jan: PostmodernerLinks-Nietzscheanismus (2004), 119. An dieserStelle sei darauf hin- Plädoyerfür die Differenzhält, so mündet auch die KritischeTheorieder beidenAutoren in der For-
gewiesen,dassin dem kurzenExkurssicherlichnicht der ganzeFoucaultgewürdigtwerden konnte, derung,dem HeterogenenGerechtigkeitwiderfahrenzu lassen.
sondern lediglichseinefrühen Ausarbeitungenzum Diskursbegriff.Die späten Schriften, vor allen 355 Zizek,Slavoj:Auf verlorenemPosten(2009), im folgendenzitiert als AP.
Dingendie Gouvernementalitätsstudien (und die darin enthaltenenAusführungenzum Neoliberalis- 356 Zizek,Slavoj: Die Tückedes Subjekts (2001), im folgenden zitiert als TS.Die Kennzeichnungder
mus), ließensich sehrwohl als (nach wie vor diskursorientlerte)Ideologiekritiklesen. Post-PolitikZizekserinnertstark an die neuereDiskussionum die Postdemokratie:Beide konstatie-
352 Die Postmoderneals Ideologiedes Spätkapitalismuszu lesen,erinnertstark an Jameson,vgl.Jame- ren eine ZunahmetechnokratischenExpertenwissens und die Instrumentalisierung
demokratischer
son, Fredric:Postmodernism,or, The cultural logicof late capitalism(2005). Verfahren,vgl.exemplarischCrouch,Colin:Postdemokratie(2010).

136 137
boration von aufgeklärten Technokraten (Ökonomen, Meinungsforschern ... ) als möglich betrachtet wird. Er ist die Transzendenzder Wahrheit,welche das
mit liberalen Multikulturalisten« (ebd.). 357 Darum wird die Post-Politik ideo- Allgemeine artikuliert.
logisch: Die tradierten ideologischen Unterscheidungen zwischen den Klas-
senfraktionen werden in der postideologischen
Ideologieaufgehoben und durch
einen Herrschaftskomplex aus Expertenwissen und freiem Meinungsaustausch »Dennsie wissen nicht,was sie glauben«- Zizek und das
ersetzt, der die Bürger durch den Schein der freien Mitsprache ideologisch aufgeklärt falsche Bewusstsein
unterwirft. Insofern ist Post-Politik immer auch eine verkehrte »Wahlgesell- »Das Phänomen der Postpolitik, die sich selbst als >postideologisch<rechtfertigt,
schaft«: Ähnlich wie Althusser geht Zizek davon aus, dass das kapitalistische zwingt uns, den Begriff der Ideologie neu zu definieren.« (Rsb, 141)360 In der Post-
Subjekt zwar frei wählen darf, jedoch nur »unter der Voraussetzung, daß [es] Politik verkehren sich nach Zizek die Produktionsmechanismen des Ideologischen:
die richtige Wahl [trifft]« (AP, 309). Die »gesellschaftliche Bedürfnisse« werden War für Althusser die Ideologienoch notwendig, um die Reproduktion der Produk-
somit letztlich durch Experten »verwaltet« (TS, 273) und dem Primat der Beson- tionsbedingungen des Kapitalismuszu gewährleisten, ist die postideologische
Ideolo-
derheit der herrschenden Interessen untergeordnet. Dadurch wird in ihr die gienun in diesen Produktionsbedingungen selbst angesiedelt.Im Folgenden werden
wahre Politik, welche die Interessen der Allgemeinheitin sich bewahrt, gänzlich wir zunächst die strukturellen Grundlagen dieses Wandels der Ideologieproduktion
358
ausgeschlossen, der immanente Antagonismus der Vergesellschaftung geleug- näher betrachten. Abschließend wird dann Zizeks Subjekt der Ideologie,das sich mit
net und ein ideologischer Konsens aller »über den Prozess des Aushandelns von den veränderten Produktionsbedingungen gewandelt hat, dargestellt.
Interessen« (ebd.) erzeugt. Die kapitalistische Ordnung wird in dieser Logik als Was heißt nun, dass die Ideologie in den kapitalistischen Produktionsbedin-
Sachzwang anerkannt: Politik wird zur »Kunst des Möglichen«(ebd., 274), denn gungen selbst angesiedelt ist? Ausgangspunkt der Diagnose Zizeks ist (wie bei
»gute Ideen« sind bloß solche, »die funktionieren« (ebd.). Also jene, die ihre Lukacs und Adorno/Horkheimer) der Fetischcharakter der Ware. Jedoch findet
Funktionalität in der Logik des Bestehenden unter Beweis stellen: »Zu sagen, bei Zizek eine paradoxe Verschiebung statt: Geht Marx davon aus, dass der »fal-
dass gute Ideen solche seien, >die funktionieren<, heißt schlicht, dass man im sche Schein« der fetischistischen Verhältnisse in die Wahrheit des gesellschaftli-
Voraus schon die (global-kapitalistische) Konstellation akzeptiert, die festlegt, chen Verkehrs aufgelöst werden kann, so dreht Zizek dieses Verhältnis nun um.
was überhaupt funktionieren kann« (ebd., 273f.).359 Eine Politik, die über diese Für ihn liegt die Wahrheit des kapitalistischen Verhältnisses gerade in der Selbst-
Besonderheit hinausweist und tatsächlich das Allgemeine verkörpert, muss laut bewegung des Kapitals begründet und nicht in der Praxis der Subjekte, die in
Zizek notwendigerweise eine »Kunst des Unmöglichen«(ebd., 274) sein, denn ihrem Handeln trotz besseren Wissens das Ganze perpetuieren. Entscheidend
»der eigentliche politische Akt (die Intervention) [ist] nicht einfach etwas, was ist, dass die spezifische WahrheitdesKapitalismusfür Zizek nichts anderes ist als
innerhalb des Rahmens der existierenden Verhältnisse gut funktioniert, sondern die fetischistische Ideologieder Selbstbewegung des Kapitals. Für ihn fallen in der
etwas, was geradeden Rahmen verändert,derfestlegt,wie die Dingefunktionie- postideologischen Ideologie Wahr- und Falschheit zusammen, da die Falschheit
ren« (ebd., 273). Der politische Akt setzt folglich neue Parameter dessen, was (hier: der Fetischcharakter der Waren) erzeugendes Prinzip der Wahrheit des
Kapitalismus wird.
357 Für Zitek ist der Multikulturalismus die »ideale Ideologie«des globalen Kapitalismus: In ihm wird
zwar die Besonderheitdes Einzelnenanerkannt, jedoch nur, um die »eigene Überlegenheit« zu
So kommt es zu der eigentümlichen These, dass die Wahrheit die Realität
behaupten(TS,299). der Produktionsordnung verschleiere. Wenn Zizek behauptet, die >»Wahrheit<ist
358 Der Begriff des Ausgeschlossenenist der LacanschenPsychoanalyseentlehnt und meint mehr als
die reine »Verdrängung«. Es ist das »Reale«(TS, 273), der nicht definierbareRest,der weder imaginär nicht die Realität des Kapitalismus« (Rsb, 114), so ist die Wahrheitfür ihn die
när erfassbarnochsymbolisierbarist. Im »Realen«,dem genauenGegenteilder Realität,ist für Zizek »objektive Täuschung« des Fetischcharakters der Waren, welche die Realitätdes
auch der wahreAkt angelegt,die Transzendenzzum Bestehenden.
359 Als Beispielführt Zizekhier TonyBlairs Charakterisierungder NewLabourals »radikalenMitte« an: Kapitalismus, das Ausbeutungsverhältnis, leugnet:
Radikalan ihr sei, dasssie die »alten ideologischenGräben«(TS,273) preisgibt und die politischen
Ideennach ihrer reinen Funktionalität(d.h. Profitabilität) befragt. »GuteIdeen«solle man in dieser
Logikalso- egal »wohersie (ideologisch)stammen«-vorurteilsfrei übernehmen(ebd.). 360 Zizek Slavoj:Die Revolutionsteht bevor(2002), im folgenden zitiert als Rsb.

138 139
Man muß also dem einfachen Gegensatz von subjektiver Erfahrung nis von Ideologie und Wahrheit bestimmte, wird nun bei Zizek aufgebrochen.
(von Kapital als einem schlichten Mittel der effizienten Befriedigung Nicht mehr die Identifikation mit oder die Widerspiegelung der an sich verkehr-
menschlicher Bedürfnisse) und der objektiven gesellschaftlichen Realität ten Realität ist in der Post-Politik noch Ideologie, sondern - ganz im Gegenteil
(der Ausbeutung) eine notwendige dritte Ebene hinzufügen: die "objektive - die aufgeklärte Distanzzu den Verhältnissen. Diese Distanz ist nun nicht etwa
objektive
Täuschung«, das geleugnete »unbewußte« Phantasma (der mysteri- als Moment der Wahrheit zu verstehen, sondern Ausdruck der bewusst hinge-
ösen, sich selbst hervorbringenden Kreisbewegung des Kapitals), welche nommenen Falschheit. Das Subjekt weiß nun zwar um den ideologischen Repro-
die Wahrheit(wenngleich nicht die Realität)des kapitalistischen Prozes- duktionszusammenhang, es handelt aber nach wie vor so, als ob es nichtsvon ihm
ses ist. (ebd., 114() wüsste. Das Paradox postpolitischer Vergesellschaftung lautet: Die Subjektewis-
sen zwar,abersie tun estrotzdem.
Neben der subjektiven Erfahrung und der objektiven Realität muss Zizek Der paradigmatische Satz der Fetischanalysen, »sie wissen das nicht, aber sie
zufolge eine dritte Ebene hinzugefügt werden, welche als das »unbewusste tun es« (MEW 23, 88), wird von Zizek also abgelöst durch den Satz, »denn sie
Phantasma« des kapitalistischen Prozesses seine Wahrheit ausspricht. Warum wissen nicht, was sie glauben« (Rsb, 106). An die Stelle des verkehrten Glaubens
dieses Phantasma auch die Wahrheit der gesamten Produktionsordnung sein an die Verhältnisse tritt der »Als-ob-Glaube«, oder wie Sloterdijk es mit der
kann, obwohl es zugleich deren Täuschung ist, kann nur unter Rückgriff auf Figur des modernen Zynikers formuliert: »Handeln wider besseres Wissen ist
Lacans Struktur des Begehrens verstanden werden. Für Lacan wie für Zizek hat das globale Überbauverhältnis heute; es weiß sich illusionslos und doch von der
die Wahrheit immer »die Struktur einer Fiktion" (ebd., llS). Die Fiktion oder ,Macht der Dinge <herabgezogen. So erscheint in der Realität als Sachlage, was in
das Phantasma ist das imaginäre Szenario, welche das Begehren eines Subjekts der Logik als Paradox, in der Literatur als Witz gilt; das formt eine neue Stellung
strukturiert. Das Phantasma bildet also den Rahmen, in dem sich die Objekte des Bewußtseins zur 'Objektivität.'"
des Begehrens (die strukturell unerreichbar sind) anordnen - insofern ist es die Während Sloterdijk Ideologie in den aufgeklärten Zynismus auflöst, der im
strukturierende Wahrheit des Begehrens. überträgt man dies von einem einzel- Wissen um die Verkehrung diese in der Praxis anerkennt, versucht Zizek den
nen Subjekt auf die kapitalistische Produktionsordnung, so wird die Selbstbewe- Fetischcharakter Marxens für den postpolitischen Kapitalismus ideologietheore-
gung des Kapitals das zur Wahrheit gewordene Begehrendes Kapitals.Das feti- tisch zu reinterpretieren:
schisierte Kapital drückt das Begehren der gesamten Produktionsordnung aus,
nämlich die Fiktion, das aus Geld mehr Geld (G - G') entstünde: »Die einzige Die fetischistische Illusion beruht auf unserem realen gesellschaft-
Möglichkeit, die Wahrheit des Kapitals zu formulieren, besteht in der Veran- lichen Leben, nicht auf unserer Wahrnehmung desselben. Ein bürgerli-
schaulichung dieser Fiktion ihrer >unbefleckten< sich selbst erzeugenden Bewe- ches Subjekt weiß sehr wohl, daß es mit dem Geld nichts Magisches auf
gung« (ebd.). Das "sich-selbst vorantreibende Kapital« (ebd., 107) ist die Wahr- sich hat, daß Geld einfach nur ein Objekt ist, das für eine bestimmte Zahl
heit, d.h. Logik der gesamten Produktionsordnung. gesellschaftlicher Beziehungen steht, aber dennoch handelt dieses Subjekt
Die ideologische Verkehrung ist also in der Wahrheit des Kapitalismus selbst im Alltag so, als glaube er oder sie, daß Geld etwas Magisches sei. (ebd.,
angelegt. Dies hat auch Konsequenzen für die Subjekte, die sich in dieser parado- 143)
xen Ideologie bewegen. Das Neue am Begriff der postideologischen Ideologie ist
nach Zizek nun, dass das ideologische Subjekt um diese ideologische Verkehrung Im Anschluss an Marx konstatiert Zizek also eine ideologische "Illusion",
weiß; es hat in Anlehnung an Sloterdijk ein »aufgeklärt falsches Bewußtsein.« 361 die auf der Realitätdes gesellschaftlichen Lebens fußt und nicht auf ihrer Wahr-
Die ideologische Einheit von Subjekt und Struktur, die vor Zizek das Verhält- nehmung.Diese reale Verkehrung bringt jedoch nicht, wie noch bei Marx und

361 Sloterdijk,Peter:Kritik der zynischenVernunft(1983), 37. 362 Ebd.,38.

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Lukacs, ein falsches Wissenum die Verhältnisse hervor - ganz im Gegenteil, das man die ideologische Identifikation überhaupt brechen, wenn die Distanz selbst
Subjekt »weiß sehr wohl« um den fetischistischen Schein. Es weiß, dass hinter der zum immanenten Bestandteil der Ideologie wird? Zizek verlässt hier das Ter-
Selbstbewegung der Dinge letztlich ein gesellschaftliches Verhältnis von Perso- rain einer ökonomisch fundierten Ideologiekritik, wie sie in Die Revolutionsteht
nen steht. Doch dieses Wissen schlägt sich nicht in der Praxis nieder. Es handelt bevorzum Tragen kommt, und beantwortet diese Fragen in Die Pestder Phan-
(wider besseren Wissens) so, als ob es glaube,dass die Dinge sich selbst bewe- tasmen alltagspraktisch. Auch hier stellt er die These auf, dass Ideologie genau
gen. Nur so ist Zizeks Maxime »Denn sie wissen nicht, was sie glauben« (ebd., dann funktioniere, wenn man meine, nicht vollständig von ihr erfasst zu sein.364
106) zu verstehen: Die Menschen wissen zwar um die ideologischen Illusionen Folgt man nun der These, die »äußerste Distanz ist Ideologie« (PP, 43), so äußert
der Gesellschaft, sie wissen aber nicht um ihren Glaubenan diese Illusionen, der sie sich im Alltagsverstand der Individuen in einem Nichtidentifizieren zur herr-
sich in der alltäglichen Praxis manifestiert. schenden Ideologie. Ähnlich wie Althussers Subjekt wird es auch hier als Indi-
Dieser »Als-ob-Glaube« ist eine Ideologieder Praxis,in dem durch die Hand- viduum unterworfen - der Glaube an die eigene freie und kritischen Distanz
lung ein Glauben zweiter Ordnung erzeugt wird. Es ist nicht der Glaube des auf- ist die Bedingung des Funktionierens der Ideologie: "'Nicht alles ist Ideologie,
geklärten Bewusstseins, sondern der praktische Glaube, welcher im Vollzug der neben der ideologischen Maske bin ich auch noch eine menschliche Person,
Handlung erzeugt wird. Zizek nimmt an dieser Stelle die Althussersche Pascal- ist genau die Form der Ideologie, ihre >praktischen [sie!] Effizienz«<(ebd., 44).
Interpretation auf; in der Formulierung »Knie nieder, bewege deine Lippen zum Insofern ist der konstitutive Bestandteil der Ideologie ein »trans-ideologischer
Gebet, und Du wirst glauben« (IISA, 82) ist genau jene Ideologie der Praxis wirk- Kern« (ebd.), ein Kern, der nicht als ideologisch wahrgenommen und darum
sam, die im postpolitischen Kapitalismus ungebrochen andauert: erst ideologisch wird. Die kritische Distanznahme schlägt so in ihr Gegenteil
um, denn »eine ideologische Identifikation bildet einen mächtigen Einfluß auf
Das Subjekt, welches seine Distanz zu diesem Ritual aufrecht erhält, uns nur dann aus, wenn wir ein Bewußtsein aufrechterhaltenen [sie!], das uns
ist sich des Umstandes nicht bewußt, daß es von diesem Ritual schon sagt, wir wären mit diesem Einfluß nicht völlig identisch« (ebd.). Die Identifi-
aus seinem Inneren heraus dominiert wird - wie es Pascal ausgedrückt kation mit der herrschenden Ideologie ist also weniger ein bewusstes Befolgen
hat, wenn du nicht glaubst, knie nieder, tu so, als ob du glaubst, und der von Regeln, welche der Ideologie offiziell zugeschrieben werden, sondern gerade
Glaube kommt von selbst. (PP, 18)363 der Rege/verstoßist es, der Identifikation herstellt. Der Verstoß gegen die offenen
Regeln markiert das Wissen, dass man die Regeln der herrschenden Ideologie
Die Distanz des Bewusstseins ist in den alltäglichen Ritualen also letztlich verstanden hat.
nicht von Belang, in den Ritualen des Alltags konstituiert sich der ideologische Wie kann man sich der Ideologie aber entziehen, wenn nicht durch Nichti-
Glaube (d.h. die Anerkennung) an die bestehenden Verhältnisse. Die zu Beginn dentifizieren? Durch ihr Gegenteil: der Überidentifikation (ebd., 46). Wird Dis-
konstatierte Auflösung der Einheit von Subjekt und Struktur muss also weiter dif- tanz paradoxerweise zum Garant des ideologischen Funktionierens, so die Iden-
ferenziert werden. DerBruchgehtdurchdas Subjekthindurch:Es ist nun gespalten tifikation, das Aufzeigen des bewussten Regelfolgens, ein subversiver Akt (»Sub-
in das aufgeklärte Wissenum die »reale« Beschaffenheit des kapitalistischen Pro- version-durch-Identifikation«, ebd.). In einer »zu wörtlichen Identifikation« wird
duktionszusammenhanges und der ideologisch strukturierten Praxis,das in der das Funktionieren der Ideologie, ihre Regeln, sichtbar gemacht und dadurch
Form des »Als-ob-Glaubens« das Bestehende anerkennt. dekonstruiert: »Aus diesem Grunde kann ein ideologisches Gefüge unterminiert
Nur so kann es schließlich zu dem Paradox kommen, dass das Subjekt in werden durch eine zu wörtliche Identifikation, deswegen, weil sein erfolgreiches
der Distanz zum fetischistischen Schein diesen aufrechterhält. Wie manifes-
tiert sich diese Distanz aber konkret im ideologischen Handeln? Und wie kann
364 Vgl. Heil, Reinhard:Zur Aktualität von SlavojZizek(2010). Heil beschränktsich in der Darstellung
von ZizeksIdeologietheorielediglichauf diesen,von LacanabgeleitetenAspekt und lässtdie ökono-
mische (d.h. vom Fetlschcharakterabgeleitete)Fundierung,die Zizek Ihr später gebenwird, gänz-
363 Zizek,Slavoj:Die Pestder Phantasmen(1997), im Folgendenzitiert als PP.
lich unbeachtet.

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Funktionieren ein Minimum an Distanz zu seinen expliziten Regeln verlangt« 95). Der Wahrheitdes Kapitalismusmuss also eine Wahrheitder Fiktion entge-
(ebd., 46). gengesetzt werden, die genuin anderer Art ist. Der Negation kann demnach nur
In Auf verlorenemPostenüberträgt Zizek den ideologische Mechanismus der Wahrheit zugesprochen werden, wenn sie ein Kampf gegen die »zweite Natur«
Distanz auf die politische Kritik am Kapitalismus, welche inkorporiert und zur der sinnlich-übersinnlichen Wahrheit des Kapitalismus ist.
integralen Stütze umfunktioniert wird; »kurz gesagt, die herrschende Ideologie
bleibt häufig das Ich-Ideal der Linken« (AP, 235).365 Bleibt die Kritik immanent
Die Wahrheitder Position- Der »Glaubenssprung«
und vermag sie die herrschende Ordnung nicht zu transzendieren, indem sie den
Kapitalismus bloß durch »imaginative Vielfalt« (ebd., 95) ergänzt, stört sie sein Die Postmoderne ist nicht das Ende der Wahrheit - im Gegenteil: »Was
Funktionieren nicht; im Gegenteil, sie sichert es auch hier gerade. Zur Veran- eigentlich tot, erledigt und vollkommen diskreditiert sein sollte, kehrt mit Macht
schaulichung führt Zizek ein Beispiel an: zurück« (AP, 29). Das gesamte Unternehmen Zizeks beruht auf einer philosophi-
schenPolitik,die der einfachen Negation die bestimmte entgegensetzt. Die Kritik
Ein Mann, der sich für ein Samenkorn hält, wird in eine psychiatri- (einfache Negation) schlägt für Zizek, wie im vorherigen Kapitel erläutert wurde,
sche Anstalt eingeliefert, wo die Ärzte ihr Bestes tun, um ihn davon zu unter den Bedingungen der Post-Politik in ihr Gegenteil um, einzig die »Politik
überzeugen, daß er kein Korn, sondern ein Mensch ist; als er dann aller- der Wahrheit«(Rsb, 24) (bestimmte Negation) kann die Ewigkeitshüllen postmo-
dings geheilt[ ... ] entlassen wird, kommt er umgehend und vor Angst derner, kapitalistischer Vergesellschaftung zerreißen.
schlotternd zurück - da sei ein Huhn vor der Tür, und er habe Angst, daß Darum werden wir uns im Folgenden Zizeks Philosophie der Wahrheitder
es ihn aufpicken könnte. »Guter Mann«, sagt darauf der Arzt, »Sie wis- Position näher anschauen, die eine philosophische Politik des revolutionären
sen doch, ganz genau, daß Sie ein Mensch und kein Samenkorn sind.« Aktes und seines Trägers, des Teil-ohne-Anteils,
begründet.
- »Natürlich weiß ich das«, erwidert der Patient, »aber weiß das Huhn es Die Rückkehr des Diskreditierten - die Rückkehr der Wahrheit - ist aufs
auch«? (ebd., 97() Engste verknüpft mit ihrem Ausgangspunkt. Die postmoderne politische Philo-
sophie endete mit dem von Fukuyama konstatierten »Ende der Geschichte« in ein
Hat dieses Beispiel vordergründig nichts mit den ideologischen Mechanis- Ende der Gewissheiten,welche jegliche Fundierung politischen Handelns unter-
men im postpolitischen Kapitalismus zu tun, so veranschaulicht es für Zizek grub. 366 Der Zweifel, politisches Handeln überhaupt (be- )gründen zu können,
aber die Tiefenstruktur seines ideologischen Funktionierens. Das »Huhn« ist in löste die alten Prinzipien und Gewissheiten ab; die theoretischen und politischen
Lacanscher Terminologie der »große Andere« (oder das SUBJEKT Althussers), Fundamente des Gesellschaftlichen wurden per se brüchig. Der Wahrheitsbegriff
d.h. der Konsens der herrschenden Ideologie, der selbst in der Leugnung des wurde letztlich »als Ausdruck verborgener Machtmechanismen verworfen« und
eigenen, ideologischen Subjekts (des »Samenkorns«) weiter fortbesteht. Übertra- zugunsten unterschiedlicher und gleichberechtigter Narrative aufgelöst (Rsb, 25).
gen auf die politische Kritik am Bestehenden hieße dies, dass selbst in der Kritik Dagegen setzt Zizek - in Anlehnung an Badiou - nun eine universale Dimension
(eben der Einsicht, dass man kein »Samenkorn«, sondern Mensch ist) den Rah- der Wahrheit, die das Partikulare der unterschiedlichen Narrationen überschrei-
men dieser Kritik (das »Huhn«) weiter anerkennt. Für Zizek ist Kritik nur dann ten soll.
zulässig, wenn sie in der Lage ist, »einesymbolischeFiktion (eine Wahrheit)zu »Wie Badiou selbst es auf seine einzigartige platonische Weise ausdrücken
erzeugen,die in das Realeeingreiftund dort eine Veränderung herbeiführt« (ebd., würde, sind wahre Ideen ewig, sie sind unzerstörbar, sie kehren immer wieder,
sobald sie für tot erklärt werden« (AP, 29), so Zizek. Greift man den Platonis-
365 Auf verlorenemPosten ist eine kritische Auseinandersetzung mit der »Kriseder bestimmtenNega-
tion« (AP,129), der Kriseder Kritik am Kapitalismus. Ähnlichwie Boltansklund Chiapelloargumen-
tiert Ziiek, dassdas reibungslosefunktionieren des Kapitalismusdadurchgarantiertist, dasser sei- 366 Marchart,Oliver:Die politischeDifferenz(2010). MarchartbeschreibtIn Die politische Differenzein
ne eigene Negation,seine Kritik, mit aufnimmt, vgl. Boltanski, Luc/Chiapello,Ève:Der neue Geist Denken(von Nancy,Lefort,Agambenbis hin zu Badiou),das in einem »Postfundamentalismus« das
des Kapitalismus(2003). FundamentpolitischenHandelnsreaktuallsierenmöchte.

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mus auf, so ist sein Vorhaben, nichts anderes als eine Art politische Anamnesis Was ist nun aber die Wahrheit der Politik, die ewige Idee, die gegen die
zu begründen: Der scheinbare Ewigkeitscharakter kapitalistischer Herrschaft Regierungspraxis des Kapitalismus gesetzt wird? Zizek lässt hier wieder Badiou
erinnertparadoxerweise gerade an solche Ideen, die er zu verdrängen versuchte. sprechen:
Angesichts der wahren Idee politischer Vergesellschaftung wird, so Zizek, die
»regulative Idee« (ebd., 30) des Kapitalismus als falsches Abbild sichtbar gemacht Die kommunistische Hypothese bleibt richtig, ich sagte es, ich sehe
- und damit ist es vergänglich und veränderlich. Zizek lehnt sich dabei an keine andere. [... ] Ohne den Horizont des Kommunismus, ohne diese
Badious »Platonismus des Mannigfaltigen« an, der die Bedingung von Philoso- Idee, braucht im historischen und politischen Werden nichts den Philo-
phie in heterogene, oder wie Badiou es ausdrücken würde, »generische Wahr- sophen zu interessieren.[ ... ) Was uns als Aufgabe, ja sogar, könnte man
heitsprozesse« legt. 367 Diese Wahrheitsprozesse sind angesichts der veränder- sagen, als philosophisches Werden zugewiesen ist, ist dabei zu helfen, daß
369
lichen und vergänglichen Gegenwart des Politischen unveränderlich und ewig. sich ein neuerExistenzmodusder Hypotheseherausbildet.
(ebd., 29f.)
Die politische AnamnesisZizeks versucht angesichts entgleitender Fundamente
eine Fundierung des Politischen zu begründen. Und dieses Fundament ist nichts Der gegenwärtigen Post-Politik wird in einer radikalen Geste die »kommu-
anderes als die» Wahrheitder Politik«(ebd., 24). nistische Hypothese« entgegengesetzt. Aufgabe und Bedingung von Philosophie
Damit hat Zizek teil an jener Denkbewegung, die Marchart als »Heideggeri- ist nun, eine radikale Politik zu begründen, d.h. einen Existenzmoduszu schaffen,
368
anismus der Linken« bezeichnet. Heidegger begründet die Differenz zwischen in dem sich die »kommunistische Hypothese« herausbilden kann - nichts anderes
dem ontischen Seiendenund der ontologischen Ebene des Seins,um das Sein als ist die philosophische
PolitikZizeks. Damit wird jede Form von Politik, die sich am
Grund alles Seienden zu setzen. Genau diese Differenz zwischen Sein und Sei- Gegebenen ausrichtet, zurückgewiesen. Politik ist für Zizek nicht die Realität der
endem wird wieder aufgegriffen w1d politisch gewendet: Die reale, alltägliche staatlich-institutionell verankerten Regierung, sondern ein revolutionärer Akt, der
Regierungspraxis ist das ontisch Seiende, in welcher ihre politische Fundierung, in seiner ontologischen Begründung mit dem Gegenwärtigen bricht. Er geht dabei
das ontologische Sein, in notwendigerAbwesenheitanwesendist. Die ontologische jedoch über Badiou hinaus, der den »ethischen Sozialismus« als »regulative Idee«
»Politik der Wahrheit« ist in der »falschen Realität« des Politischen notwendig (ebd., 30) wiederbeleben möchte. Gegen die Auffassung des Kommunismus als
abwesend. Der postpolitische Kapitalismus versucht in seiner Totalität eben auch »Ideal« möchte Zizek die »kommunistische Hypothese« als »Bewegung« reformu-
jene Diskurse zu vereinnahmen, die sich scheinbar gegen ihn wenden. Doch wie lieren, »die auf aktuelle gesellschaftliche Antagonismen reagiert« (ebd.).
begründet sich dann die Anwesenheit einer radikalen Idee der Wahrheit, die über Zizeks »Politik der Wahrheit« ist insofern ein »Glaubenssprung«, der die
das gegenwärtige Politische hinausgeht? Indem sie Fundierung bleibt, würde Grenze »zwischen dem, was denkbar, und dem, was heute machbar ist« überwin-
Zizek sagen. Sie ist, um aufBadious Platonismus zurückzukommen, die unverän- den möchte (ebd., 26).370 Das radikale Denken der Wahrheit richtet sich gegen
derliche Idee, die auch anwesend ist, wenn sie für tot erklärt wird. Und hier liegt das »aufgeklärt falsche Bewusstsein« der postideologischen Ideologie, das wider
auch der Wahrheitsprozess
begründet, der nur in einer radikalen Politik hergestellt besseren Wissens an das Bestehende glaubt. Nicht nur das Wissenum, sondern
wird; indem die Differenzzwischen dem Ontischen (der mit Herrschaft durch- auch der Glaubean die kapitalistische Ordnung müssen für Zizek überwunden
setzten Regierungspraxis) und dem Ontologischen (der Wahrheit der emanzipa- werden. Der »Glaubenssprung« beschreibt ein transzendentales Hinausgehen hin
torischen Politik) aufgezeigt wird. Diese Differenz will Zizek sichtbar machen, da
sie einen Möglichkeitshorizont öffnet, das Gegenwärtige zu überwinden.
369 Zizekzitiert an dieserStelleaus:Badiou,Alain: Wofürsteht der NameSarkozy?(2008), 122.
370 Zizek Glaubenssprung scheint hier die atheistischeInterpretationdes Kierkegaardschen
Glaubens-
367 Vgl.Badiou,Alain: Manifestfür die Philosophie(2010), 113ft.Zu der »platonischenGeste«Badious sprungszu sein. Kommtder Menschim Glaubenssprungnach Kierkegaarderst zu seinemwahren
vgl. Meier, Frank: Alain Badious »platonischeGeste«(2010) und Hallward,Peter: Badiou (2003). Selbstvor Gott,kanner erst in ihm seineVerzweiflungüberwinden,so ist der GlaubenssprungZizeks
Hallwardsieht in BadiousPlatonismusdie entschiedensteStellungnahmegegendie postmoderne ebenfallseine Veränderungdes subjektiven Existenzmodus:Durchden Glaubenssprungtranszen-
Philosophie. diert das Subjekt die Ideologie,es kann nur durch ihn zur Wahrheitkommen. Der Sprung ist die
368 Marchart,Oliver,Die politischeDifferenz(2010), 59ft. bestimmteNegationder postideologischenIdeologie.

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zu einer »Politik der Wahrheit«, die auch mit der objektivenWahrheit des postpoli- Die Wahrheitder Positionhebt insofern das besondere Interesse des Kapitals
tischen Kapitalismus brechen muss: »Dabei geht es nicht um die >objektive <Wahr- (welches die Aneignung des Mehrwerts ist) auf. Sie ist das besondere Interesse
heit, sondern um die Wahrheit der Position, von der aus man spricht« (ebd., 27). des Proletariats, des Teil-ohne-Anteils
(welches die Abschaffung des Privateigen-
Diese WahrheitderPositionist mehr als die objektive Erkenntnis des »Gesamtzu- tums und damit der Ausbeutung ist); und dieses besondere Interesse verkörpert
sammenhanges« der kapitalistischen Produktion (denn auch der Zyniker weiß um eben das allgemeine Interesse der »ungeheuren Mehrzahl«: Die eigentliche Poli-
371
diesen Zusammenhang), sie muss, um wahr zu sein, konstitutiv parteiischsein: tik beinhaltet somit eine Art »Kurzschluss zwischen dem Allgemeinen und dem
Partikularen: das Paradox eines singulärenAllgemeinen,eines Singulären, das als
Universelle Wahrheit und Parteigängertum, die Geste, Stellung zu Vertreter des Allgemeinen auftaucht und die >natürliche, funktionale Ordnung
beziehen, schließen sich nicht nur nicht gegenseitig aus, sondern bedin- der Beziehungen im Gesellschaftskörper destabilisiert« (TS, 256). Das singulär
gen einander. In einer konkreten Situation läßt sich die universelleWahr- Al/gemeineist das Besondere, welches sich mit dem Allgemeinen identifiziert -
heit nur von einer durch und durch parteiischenPosition aus artikulieren: und genau darin liegt für Zizek die »elementare Geste der Politisierung « (ebd.).
Wahrheit ist per definitionem einseitig. (Rsb, 26) In ihr wird die Positionierung wahr.Diese Wahrheit der Position kann aber wie-
derum nicht theoretisch gedacht, sondern nur durch eine Politik der Wahrheit
Die universelle Wahrheit kann sich nach Zizek nur in einer parteiischen Position herbeigeführt werden, die im revolutionären Akt zum Ausdruck kommt.
verwirklichen; Universalismus und Partikularismus fallen hier in eins. Diese Dia- Wir müssen uns nun also die Frage stellen, wie die Positionder Wahrheither-
lektik von Universalismus und Partikularismus hat seinen Grund in den zuvor von gestellt werden kann: Welche Form politischer Praxis kann die gegebene Situa-
Zizek beschriebenen Antagonismen: In einer antagonistischen Gesellschaft wird tion des postpolitischen Kapitalismus aufbrechen und Wahrheit konstituieren?
das Allgemeineder »kommunistische Hypothese« durch die besonderenInteressen Die alltägliche Praxis der Individuen bewegt sich im Rahmen der Ideologie, sie
der Subalternen ausgedrückt, jenem Teil der, wie später noch ausführlicher erläutert anerkennen das Bestehende durch ihr Handeln . Es bedarf, wie schon ausgeführt
wird, ohne Anteil ist. Damit verwirklicht die WahrheitderPositionnichts anderes als wurde, einer Singularität, die in ihrem Handeln Allgemeines verkörpert. Denn
das von Marx und Engels im Manifestbeschriebene besondere Interesse des Proleta- im politischen Akt geht es darum, »dass ich gerade nicht bloß jenes besondere
riats, das mit dem Allgemeininteresse der »ungeheuren Mehrzahl« zusammenfällt: Individuum bin, das einer Reihe von speziellen Ungerechtigkeiten ausgesetzt ist«
(TS, 280f.), so Zizek. Die Besonderheit des Individuums, der konkrete politische
Alle bisherigen Bewegungen waren Bewegungen von Minoritä- Akteur, verschwindet im politischen Akt, sobald es zum singulärAllgemeinen
ten oder im Interesse von Minoritäten. Die proletarische Bewegung ist avanciert. Zizeks Ausgangspunkt ist die politische Handlung selbst und weniger
die selbständige Bewegung der ungeheuren Mehrzahl im Interesse der das Subjekt der Handlung. Das singulär Allgemeine ist für ihn die Inkorporation
ungeheuren Mehrzahl. Das Proletariat, die unterste Schicht der jetzigen eines aktiven Bruchs mit der bestehenden Ordnung - letztlich ist es nichts ande-
Gesellschaft, kann sich nicht erheben, nicht aufrichten, ohne daß der res als der revolutionäre Akt.
ganze Überbau der Schichten, die die offizielle Gesellschaft bilden, in die In Anlehnung an die von Badiou gesetzte Differenz zwischen dem ontisch
Luft gesprengt wird. (MEW 4, 472f.)372 vorhandenen Politischen und der transzendierenden ontologischen Politik kann
innerhalb Zizeks Philosophie des politischen Aktes auch eine Differenz markiert
werden: Die Differenz zwischen Agieren und Akt. 373 Bleibt das Agierenin der
371 Damit schließtZizekan AlthussersPostulatan, Wahrheitsei »in letzterInstanzKlassenkampfIn der
Theorie«(SK,86). Lagdas Wahrheitsmomentfür Althusserdarin begründet,dassdie TheorieStel- Immanenz des Politischen verhaftet, indem es die Realität des postpolitischen
lung bezieht(prend position), indem sie im KampfgegenanderePositioneneinePosition einnimmt
(ebd., 85), so ist auch ZizeksWahrheiteine der Position.Ergeht aber zugleichüber Althusserhin- Kapitalismus in seinem singulären Handeln perpetuiert, so verändert der politische
aus,indemdie Theorieder Wahrheitin die Praxisdes politischenAktesumschlägt.
372 Marx, Karl/Engels,Friedrich: Manifestder KommunistischenPartei(1956ff.), im Folgendenzitiert
alsMEW4. 373 Vgl. Marchart,Oliver: DiepolitischeDifferenz(2010), 307.

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seheAkt den Rahmen dieses Handelns, da er die Konstitutionsbedingungen der Ordnung: »Man sollte den revolutionären Akt durchführen, der nicht vom gro-
bestehenden Ordnung aufzeigt: »Ein wahrer Akt ist eine Intervention, die nicht ßen Anderen autorisiert wird - die Furcht, >ZU früh< an die Macht zu gelangen,
nur innerhalb eines gegebenen Rahmens wirkt, sondern dessen Koordinaten die Suche nach einer Garantie ist die Furcht vor dem Abgrund der Tat/des Aktes.«
stört und ihn somit als Rahmen sichtbar macht« (AP, 214).374 Die Intervention (Rsb, 13)
des politischen Aktes destruiert das als nicht hintergehbar geglaubte Realitäts- In der Betonung, dass der Bruch mit der herrschenden Ordnung einzig im
prinzip des Kapitalismus, weil es in die stabile Ordnung des Gegebenen einbricht politischen Akt selbst begründet ist, suspendiert Zizek jedoch gleichzeitig den
und sie damit als konstruierte Ordnung sichtbar macht. Im politischen Akt wird Inhalt aus dem politischen Handeln; revolutionär ist ausschließlich der formale
das Mögliche seiner Veränderlichkeit vorgeführt, indem das Unmögliche, die Charakter des Bruchs. Damit wird der revolutionäre Akt zu einem erlösend-mes-
»Politik der Wahrheit«, in das Gegebene einbricht, so Zizek: »Und was ist der sianischen Eingriff, dessen Wahrheit einzig in seiner konstitutiven Transzendenz
Akt, wenn nicht jener Augenblick, in dem das Subjekt, das ihn ausführt, das Netz besteht. 378 Einerseits bleibt so ungeklärt, wie es zu dem radikalen Bruch, der nicht
von symbolischen Vorstellungen suspendiert, die ihm als Stütze seines täglichen aus der monolithischen Ordnung des Kapitalismus erwächst, kommen kann; er
Lebens dienen, und der radikalen Negativität, auf der sie gründen, ins Angesicht wird zu einem quasi-religiösem Ereignis. 379 Andererseits kann der messianische
schaut?«375 Die symbolische Ordnung wird also im Akt des ausführenden Sub- Charakter des radikalen Bruches auch in sein Gegenteil umschlagen: in die Passi-
jekts, des singulärAllgemeinen,ausgesetzt; er ist das radikal Negative und setzt vierung des politischen Subjekts. Ist der politische Akt nur dann eine Politik der
der gegebenen Situation ein Ende, wie Zizek betont: »In seiner grundlegends- Wahrheit, wenn er in radikaler Transzendenz zum Bestehenden steht, so ist jede
ten Dimension ist er immer negativ,ein Akt der Auslöschung.«376 Kurzum: Er ist Form von vereinzeltem politischen Agieren, der alltägliche Eingriff, bloß eine
revolutionär. Stütze des Kapitalismus - und soll für Zizek letztlich aufgegeben werden:
Der revolutionäre Akt entspringt demzufolge nicht aus der kapitalistischen
Ordnung, er ist ihr vielmehr konstitutiv äußerlich und in sich selbst grundlos. Besser nichts tun, als sich an vereinzelten Aktionen zu beteili-
Er ist der »Glaubenssprung«, der durch den Willen des singulärAllgemeinenin gen, deren Funktion es letztlich ist, das System reibungsloser laufen zu
Gang gesetzt wird. Zizek weist dadurch mit seiner Theorie des politischen Aktes machen (an Aktionen wie etwa der, den Raum für die Vielheit neuer Sub-
Positionen zurück, die den revolutionären Akt als bloße Wirkung oder Effekt jektivitäten bereitzustellen usw.). Die große Gefahr heute ist nicht Passivi-
einer brüchig werdenden Situation setzen; für Zizek hat er seine Ursache in sich tät, sondern Pseudoaktivität, der Drang »aktiv zu sein«, »teilzunehmen«,
selbst. Dies erinnert an den Voluntarismus Lukacs',der in Chvostismusund Dia- die Nichtigkeit dessen, was geschieht, zu verschleiern. 380
lektikwie Zizek betont, dass der revolutionäre Akt einzig abhängig vom Klassen-
bewusstsein des Proletariats (oder: seiner Subjekt-Objekt-Einheit) sei: »Es gibt Das Agieren des einzelnen Subjekts unterstützt somit nur die Stabilität der
also Momente des Prozesses (,Augenblicke<), wo die Entscheidung 'nur' vom »schlechten Totalität«, wie schon Adorno und Horkheimer in der Dialektik der
Klassenbewußtsein des Proletariats abhängt.« 377 Der voluntaristische Akt kennt
keinen richtigen oder falschen Zeitpunkt der Revolution, er setzt ihn in seiner
378 Die ArgumentationZizekserinnertdarum auch stark an Lukacs:Warfür Lukacsdie Verdinglichung
Durchführung selbst und verändert damit die Koordinaten der symbolischen derart total und undurchdringbar,dass das Proletariatsie nur durch eine transzendierendePraxis
aufhebenkann,so ist auch ZizeksrevolutionärerAkt konstitutivmetaphysisch.
379 Das quasi-religiöseElementdes poltischen Aktes kommt vor allen Dingendadurch zustande,weil
Zizek BadiousEreignisphilosophie übernimmt und in eine philosophischePolitiktransformiert. Für
374 Hier knüpft Zizekimplizit an Marx' Wahrheitstheorieder Praxisan: Ähnlichwie in der 2. Feuerbach- Badiou ist das Ereignisein Einbruchin den Status einer ontisch gegebenenSituation.DasEreignis
these(»In der Praxismuß der Menschdie WahrheitL . .l beweisen«,MEW3, 5) kann die Aufhebung entspringtwie der politischeAkt nicht aus der Situation,es ist dertotale Bruch mit ihr undtritt als ihr
der Ideologienicht eine des Denkenssein, sondernmusspraktischdurch den politischenAktgeleis- Supplementauf.Wie Badioukonzipiertauch ZizekseinenpolitischenAkt alsontologischerEinbruch
tet werden. in die Geschlossenheit der herrschendenOrdnung.Der Akt ist ebenfallsnicht vorhersagbar,sondern
375 Zizek,Slavoj:Grimassendes Realen(1993), 51. ein transzendentalesWahrheits-Ereignis, das eine den Status des GegebenenaußerKraft setzt, vgl.
376 Ebd.,42. Badiou,Alain:Ist Politikdenkbar?(2010).
377 Lukacs,Georg:Chvostismusund Dialektik(1996), 18. 380 Zizek,Slavoj:DiepolitischeSuspensiondes Ethischen(2005), 8.

150 151
Aufklärung betonen.381 Die wahre Politik kann - zusammengefasst - einzig in schichtiger Antagonismen,385 die eine unendliche Reproduktion des Kapitalis-
der radikalen Negativitätvollzogenwerden: Indem das politische Subjektim Akt mus verhindern, formiert sich ein Teil, der durch diese Antagonismen erzeugt
vom Bestehendenabstrahiert,kann es in der »Gewaltder Subtraktion«(AP,181) wird und in der Totalität des Kapitalismus nicht repräsentierbar ist. Er ist zwar
die Leerstellen des Kapitalismus aufzeigen und sich selbst sichtbar machen.382 Teil der Totalität,ohne jedoch Anteil an ihr zu haben, er ist der Teil-ohne-Anteil:
Wer ist nun aber jenes politische Subjekt,der Teil-ohne-Anteil, das die Politikder
Subtraktionpraktisch vollziehenkann? Ihnen als Anteillosenfehlen die besonderen Eigenschaften,die ihnen
Um die Frage zu beantworten, wie das emanzipatorische Subjekt, das die einen wie auch immer gestalteten Platz innerhalb des Sozialkörpers
»gewaltsame Substraktion« (AP, 228) vollzieht, bestimmt werden kann, lässt anweisen und diesen legitimieren könnten - sie gehören zur Menge der
Zizek den Kapitalismusselbst antworten.383 Denn er selbst liefere seine eigene Gesellschaft,ohne einer ihrer Teilmengenanzugehören. Insofern ist ihre
negative Bestimmung; »das globale kapitalistische System ist die substantielle Zugehörigkeitunmittelbar universell.(ebd., 242)
'Basis', welche die Exzesse (Slums, Umweltbedrohungen usw.) vermittelt und
erzeugt und welche die Stätte des Widerstandes erschließt« (ebd., 228). Das Wenn Zizek von »Proletariat«spricht,so meint er den Teil-ohne-Anteil,»jene,
revolutionäre Subjektliegt nach Zizek in der kapitalistischen Situation begrün- die im sozialenRaum nicht dazugehören,den >Anteilder Anteillosen<,der in ihm
det. Und dies ist gleichzeitigdie Grundfrage des westlichenMarxismus:»Warum keinen Platz hat« (ebd., 243). Das konstitutiveAusgeschlossenseinaus der sozia-
vollzieht die Arbeiterklasse nicht den Übergang vom Ansieh zum Fürsich und len Ordnung ist seine universelleEigenschaftund gleichzeitigsein »revolutionä-
konstituiertsich als revolutionäresAgens?« (ebd.) res« Potential: In ihrer Singularitätverkörpern sie den allgemeinenWiderspruch
Der Weg aus dem Dilemma, dass sich trotz objektiver Bedingungen das des Kapitalismus,der nur durch sie aufgehoben werden kann. Das »wahre All-
revolutionäre Subjektnicht gründe, kann für Zizek nur durch die »combinatoire gemeine« existiert also in dem partikularen Element der Ausgeschlossenen,die
multipler Antagonismen«(ebd., 227) des postpolitischen Antagonismus erklärt qua ihrer Stellungdaran gehindert werden, ihre partikulare Identität, die für das
werden, der die Arbeiterklasseals substantielle Basiseiner Politik der Wahrheit Allgemeinesteht, zu aktualisieren (vgl.TS, 312). Das Proletariat, der Teil-ohne-
überflüssigmache. Der Begriffdes »Proletariats«wird für ihn, losgelöstvon sei- Anteil, verkörpert die »allgemeineMenschheit« nicht deshalb, »weil es die am
ner eigentlichen Bestimmung (nämlich: Arbeiterklassezu sein), zu einer Wahr- tiefsten stehende und am meisten ausgebeuteteKlassewäre«,sondern weil»deren
heitsgestedes Kapitalismus.Es ist nichts anderes als die metaphorische Beschrei- bloße Existenzein >lebendigerWiderspruch, ist, das heißt, weiles die grundsätz-
bung des "'irrationalen' Elementes der >rationalen,sozialen Totalität«,es ist der liche Schieflageund Inkonsistenz des kapitalistischen gesellschaftlichenGanzen
»unerklärliche >Anteilder Anteillosen,,jenes Element, das systematischvon ihr verkörpert« (ebd.). Ähnlich wie Marx und Engelsin der DeutschenIdeologiesieht
erzeugt wird und dem gleichzeitigdie Grundrechte verweigertwerden, durch die auch Zizek die politische Macht der herrschenden Klasse darin begründet, dass
sich diese Totalitätdefiniert« (ebd., 238).384 Angesichtssich überlagernder, viel- sie »ihr Interesse [... ] als das Allgemeine darstellen« (MEW 3, 34). Die Allge-
meinheit existiert jedoch auf einem partikularen Interesse der Herrschenden, sie
funktioniert nur über den Ausschluss.In dem Teil-ohne-Anteilleugnet der Kapi-
381 Zu den Gemeinsamkeitenund Differenzenvon Zifek und Adornovgl. SebastianDörfler: Praktische talismus folglich seine Gründungsgeste, seinen allgemeinen Widerspruch, dass
Optimisten(2010).
382 Die »Subtraktion«ist für Zizek das dialektische Prinzip der Abstraktion: Der Kapitalismusselbst ein Teil der Gesellschaftohne Anteil,d.h. ohne Eigentum ist.
schafft sich ein Außen,er abstrahiertdas Ganzein Teile,die seineStabilität unterminieren.Dienega-
tive Kraft jenes Teil-ohne-Anteilsbesteht genau in seiner Abstraktionvom Bestehenden,vgl. dazu
auch Vighi,Fabio:On Zizek'sdialectics(2012). 385 DiegegenwärtigenAntagonismendes Kapitalismuslassensich für Zizekauf drei Elementereduzie-
383 Zu Zizeks Theorie der Emanzipationvgl. Flisfeder, Matthew: Reading Emancipation Backwards ren (AP,252ff.): Erstenserzeugtder Kapitalismusdurch seine Produktionsweiseden Klimawandel
(2008). und eine Krise der »Ökologie«(ebd., 252), zweitenswird die Gründungsideedes Kapitalismus,das
384 Der Teil-ohne-Anteilkann auch mit Adornos Utopie der Nichtidentität gelesenwerden: Zizek als »Privateigentums« durch das »geistigeEigentum«unterlaufen(ebd., 254), drittenskommtder Kapi-
auch Adornogehenvon dem Besonderenaus, das in dem »falschenAllgemeinen«nicht zu seinem talismusdurch "neue technologisch-wissenschaftliche Entwicklungen(insbesondereder Biogene-
Rechtkommt. Biogenetik)"
(ebd.) sozlalethlschan seineGrenzen.

152 153
Ziel einer »wahrhaft >subversiven<politischen Intervention« (TS, 327) ist es, sondern auch räumlich von dem repressiven Zugriff des Staates befreit. 386
Produktionsmitteln,
diesen konstitutiv unsichtbaren Teil sichtbar zu machen, um das Allgemeine der Die Nicht-Integration in den gesetzlichen Raum des Staates macht sie zu einer
kapitalistischen Gesellschaft als »illusorische Form der Gemeinschaftlichkeit« potentiell revolutionären Klasse:
(MEW 3, 34) zu entlarven. Der Akt der politischen Intervention besteht für Zizek
in einer Doppelbewegung: erstens wird durch den Teil-ohne-Anteil der antago- Sie sind im doppelten Sinne des Wortes und noch mehr als das klas-
nistische Charakter der allgemeinen Ordnung offen gelegt, und zweitens eröffnet sische Proletariat »frei«(sie sind von allen substanziellen Bindungen
der Teil-ohne-Anteil auch eine universelle Perspektive der Emanzipation. Diese »befreit«und sie leben in einem Freiraum außerhalb des polizeilichen
Doppelbewegung ist eine, die das Besondere mit dem Allgemeinen verschränkt; Zugriffs des Staates; sie bilden ein großes, gewaltsam zusammengefügtes
der Teil-ohne-Anteil ist »tatsächlich allgemein«,indem er sein besonderes Inter- Kollektiv; sie wurden in eine Situation "geworfen" in der sie irgendeine
esse ausdrückt und in diesem Ausdruck die Gesetzmäßigkeiten der illusorischen Art des Zusammenlebens erfinden müssen, ohne sich dabei auf traditi-
Gemeinschaftlichkeit aufhebt (TS, 310f.). Er verkörpert das schon beschriebene onelle Lebensweisen, ererbte Religionen oder ethnische Lebensformen
singulär Allgemeine, seine partikulare Position drückt ein »wahres Allgemeines« stützen zu können. (ebd., 260)
aus, das in der "'falschen' konkreten Allgemeinheit« des postpolitischen Kapi-
talismus keinen Platz hat (ebd., 311). Die politischeGestedes Aktes besteht für In dem negativen Freiraumdes Ausschlusses ist für Zizek die Potenz zu einem
Zizek in der »Identifikationmit dem Symptom«(ebd.), d.h. mit einem Besonde- Wahrheits- Ereignis begründet. Der bloße Existenzmodus der Exklusion ist jedoch
ren, das keinen Platz in der symbolischen Ordnung hat. Man macht »auf pathe- nur eine notwendige, und keine hinreichende Bedingung eines wahrhaft politi-
tische Weise den Punkt der inhärentenAusnahme/desinhärentenAusschlusses, schen Aktes. Der Akt kommt erst zustande, wenn sich der Teil-ohne-Anteil, in
das >Verworfene,,der konkretenpositivenOrdnungals den einzigenPunkt wahrer diesem Fall die Slumbewohner, mit ihm identifizieren. 387
Erst auf dem Boden
Allgemeinheitgeltend(und identifiziert sich mit ihm)« (ebd., 311). In der Iden- der subjektiven Wahrnehmung der objektiven Exklusion kann in der revolutio-
tifikation mit der »wahren Allgemeinheit« wird die politische Geste so zu einer näre Akt ein transzendenter Eingriff in die gegenwärtige Situation des Kapitalis-
Wahrheitsgeste. mus sein. Ein Wahrheits-Ereignis
ist somit subjektiv als auch objektiv nur in einer
Wer ist nun aber der Teil-ohne-Anteil, in dem die wahre Allgemeinheit auf- konstitutiven Transzendenzmöglich; nur durch sie kann mit der monolithischen
gehoben ist? Im postpolitischen »globalen Kapitalismus« bilden sich laut Zizek Ordnung gebrochen werden. Nicht ohne Grund sieht Zizek darum das Proleta-
zwei neue Klassen heraus: Der herrschenden Klasse, die Hauptgewinner der Glo- riat (die Klasse, welche den revolutionären Akt vollziehen kann) in den Subjekten,
balisierung (sog. »Weltbürger«), steht die beherrschte Klasse, die Bewohner sich die aus der Repräsentationslogik des Kapitalismus ausgeschlossen werden. Ent-
immer weiter ausbreitender Slums gegenüber (AP,257): "Ist die Position des Pro-
letariats demnach heute die der Slumbewohner in den neuen Megalopolen? Das 386 Dies kann in Anlehnungan das Landnahme-Theoremals die Kehrseite kapitalistischer Landnah-
me interpretiert werden (vgl. Dörre, Klaus: Landnahmeund die Grenzenkapitalistischer Dynamik
explosionsartige Wachstum von Slums in den letzten Jahrzehnten [ ... ] ist viel- [2011]). Dem Landnahme-Theoremzufolge basiert der Kapitalismusauf die Konstruktion eines
»Außen«,das er nicht nur räumlichvorfindet,sondernauch aktiv produziert(vgl. Harvey,David:Der
leicht das wichtigste geopolitische Ereignis unserer Zeit« (ebd., 258). Die Slumbe-
neue Imperialismus[20051,140). Die kapitalistischeDynamikbringt in der TheorieZizeksjedoch so
wohner sind für Zizek ebenso wie das Proletariat (und noch sehr viel stärker) von ihr Gegenteilhervor:Dasproduzierte»Außen«,die Slums,untergrabenin ihrer Existenzals »Außen«
die kapitalistischeOrdnung.
einer DialektikderFreiheitbetroffen - sie sind nicht nur frei von Produktionsmit- 387 Zizek würde die AufständeIn den französischenBanlieueund die Rials in den LondonerVororten
der letztenJahresicherlichals Indizieneiner wahrenpolitischenInterventiondeuten, lag der Grund
der Aufständein der Wahrnehmungder eigenenExklusion.Nicht trotz, sonderngeradewegenihrem
destruktiven,gewalttätigenPotentialkönntensie für Zizek der Versuchgewesensein, die allgemei-
ne Ordnung»auszulöschen«.An diesem Beispielkann aber auch die Grenzevon Zizeks»revoluti-
onäremSubjekt«aufgezeigtwerden: Die konkretenHandlungsmotivationenund Beweggründeder
Rebellierendenbleiben im Dunkeln.Ein Akt gegendie Exklusionmuss kein Akt sein, der eine neue
Allgemeinheitin sich gründet,er kann sich reformativfür die Integrationin das Bestehendeeinset-
zen oder rassistischeine neuePartikularitätgegendie Allgemeinheitsetzen.

154 155
scheidend für das revolutionäre Potential des Teil-ohne-Anteils ist zusammenge- bestehen, sondern muss in eine konstitutive Transzendenz zu den als verkehrt
fasst eine doppeltePositionierung:
Einerseits hat er die sozialePositiondes gesell- durchschauten Verhältnissen gesetzt werden. Liegt die Ideologie also in der onti-
schaftlichen Ausschlusses inne, andererseits bezieht er dadurch, dass er Ausdruck schenImmanenzdes durch und durch fetischisierten Kapitalismus begründet, so
des gesellschaftlichen Ausschlusses ist, eine Positionder Wahrheit.Die dem revo- muss ihre Aufuebung, die Wahrheit, zweitens in der ontologischenTranszendenz
lutionären Akt zugrundeliegende »Behauptung des Al/gemeinen«ist gleichzuset- einer Wahrheitder Positionbegründet werden. Der Glaube an die Verhältnisse,
zen »mit einer militanten, entzweienden Position bei demjenigen, der an einem der im alltäglichen Agieren gestiftet wird, kann für Zizek nur durchbrochen wer-
Kampf teilnimmt« (TS, 315). Im Anschluss an Badiou plädiert Zizek darum für den, wenn ihm ein wahrerpolitischerAkt entgegengesetzt wird. In diesem Akt
einen neuen Begriff des »Klassenkampfes«, der die Positionierung in1 Kampf und positioniertsich das Subjekt gegen den Glauben und für die Wahrheit, indem es
nicht im Produktionsprozess zum Maßstab nimmt, d.h. die » Begriffe des Kampfes die Verhältnisse praktisch aufhebt. Die Position ist darum wahr, weil sie mit der
[sollen] nicht in die Begriffe der Seinsordnung« von Entitäten (d.h. Klassen) auf- Ordnung des Kapitalismus auf einer ontologischen
Ebenebricht; die Position der
gelöst werden (ebd., 316). Nicht die objektive, ontischeStellungder Subjekte ist Wahrheit, transportiert über den revolutionären Akt,ist ein Wahrheits- Ereignis,
allein entscheidend, sondern vorrangig ihre ontologischeEinstellungzum Wahr- das die ontischen Gesetzmäßigkeiten des Kapitalismus (durch eine Revolution)
heits-Ereignis. Diese Differenz ist wiederum Ausdruck des Platonismus, der die außer Gang setzt. Der falsche Glaube des Fetischismus wird ersetzt durch einen
ontische »Seinsordnung« der Klassenstruktur als falsches Abbild einer ontologisch Glauben zweiterOrdnung,der Glaube an die »Erlösung durch Revolution« (ebd.).
gesetzten Idee der Wahrheit (die nichts anderes ist als die revolutionäre Positio- Zizeks »Glaubenssprung« führt drittens und letztens zu einem fast religiösen
nierung) auflösen möchte. Zizeks philosophische Politik der Wahrheit mündet in Messianismus,der die Wahrheit einer radikalen Revolution hypostasiert. Nach
einer radikalen Stellung des Subjekts zur Wahrheit; das >»Proletariat, [ist die] Posi- Zizek besteht der revolutionäre Akt in einem einzigen Wahrheits-Ereignis, das in
tion des militanten Kampfes für die allgemeine Wahrheit« (ebd.). Die Position der keinem dialektischen Zusammenhang zu vorangegangenen eingreifenden Hand-
Wahrheit, das Proletariat-Sein,
ist somit letztlich nichts anderes als die Inkorpora- lungen steht. Der Maximalismus seiner politischen Theorie ist fast zwangsläu-
tion einer positionalen Wahrheit, die die »falsche Allgemeinheit« kapitalistischer fig: Wenn jede emanzipatorische Politik, die in dem Feld des täglichen Agierens
Gesellschaft destruiert: »Ein >Proletarier, zu sein bedeutet, eine bestimmte subjek- angesiedelt ist, in ihr Gegenteil umschlägt und die herrschenden Verhältnisse
tive Haltung (des Klassenkampfes, der darauf abzielt, Erlösung durch Revolution stützt, dann kann der Ausweg nur in einem transzendenten Akt der Revolution
zu erreichen) einzunehmen« (ebd.). gesehen werden. Der politische Akt bekommt dadurch einen messianisch-reli-
Resümieren wir nun abschließend Zizeks Versuch, eine neue Theorie der giösen Charakter. Und dies leugnet Zizek auch nicht: Ungeachtet seiner Stellung
politischen Wahrheit aufzustellen, so lässt sich folgendes festhalten: Betrachtet im Produktionszusammenhang kann jedes Subjekt von »der Gnade berührt wer-
man erstens deren Voraussetzung, die Diagnose einer postideologischenIdeolo- den« (ebd.) und sich zu einem Proletarier berufen fühlen. Die Aufhebung der
gie,in der die Verkehrung zwar strukturell durch die fetischisierten Verhältnisse Verhältnisse steht und fällt mit einer voluntaristisch gesetzten, subjektiven Hal-
hervorgebracht, aber im Wissen der Subjekte auch als solche dechiffriert werden, tung zur Wahrheit.
so mindert dies nichts an der hermetischen Abgeschlossenheit der ideologischen War der Ausgangspunkt Zizeks eine Kritik an der postmodernen Auflö-
Verkehrung. Im Gegenteil: Indem das notwendig falsche BewusstseinMarxens sung jeglicher Gewissheiten, so ist seine Entgegensetzung - die Restituierung
und Lukacs' ersetzt wird durch einen notwendig falschen Glauben,der sich in der Wahrheit - eine radikale Negation des relativierenden Diskursbegriffs. Sie ist
Anlehnung an Althusser in der Praxis der Subjekte reproduziert, ist die »falsche jedoch derart radikal, dass sie in einen Essentialismus umschlägt, der Wahrheit
Totalität« des Kapitalismus noch unauflöslicher gedacht. Denn die Subjekte wis- nur als ontologische Idee der Revolution zu denken vermag.
sen um die Falschheit, um die Ideologie des Fetischcharakters, und handelnden-
noch so, als ob sie nichts davon wüssten. Die Aufhebung kann nun nicht mehr,
wie noch bei Lukacs, in einem der Prozess der Bewusstwerdung des Proletariats

156 157
Schluss

AusgangspW1kt des Buches war jene dialektische Konfiguration von Ideologie


und Wahrheit, welche der verkehrtenWahrheit(also der Ideologie) eine Dimen-
sion der Wahrheitzur Seite stellt. In dem ideologischen Verkennender gesell-
schaftlichen Existenzgrundlage ist - so die These - implizit immer auch die Mög-
lichkeit (oder, wie man sehen konnte, die prinzipielle Unmöglichkeit) des Erken-
nens der realen Verhältnisse enthalten. Ideologie und Wahrheit sind insofern
keine dichotomen Begriffe, sondern sie verweisen relational aufeinander. Wahr-
heit ist dabei die Kehrseite der Ideologie, ihre direkte Negation, die in ihr immer
schon aufgehoben ist.
Bisherige Theorien des Ideologischen haben sich vor allen Dingen mit der
Falschheit der Ideologie beschäftigt und die Möglichkeit der Aufhebung des Pai-
schen durch das Wahre außer Acht gelassen. Dass sich aus der jeweils konkreten
Theorie des Ideologischen ein Wahrheitsverständnis ableiten lässt, das notwendig
schon im Paischen enthalten ist und auf es verweist, werden wir nun nochmals
unter Rückgriff der behandelten Autoren untermauern. In der kritischen Rekapi-
tulation der verschiedenen - teils sich überlagernden, teils sich ausschließenden
- Problemkomplexe ist Wahrheit immer das, was Ideologie nicht ist. In einem
Fort- und Gegenanschreiben wird Philosophie so, wie wir zu Beginn schon gese-
hen haben, ein »Kampf um Wahrheit.«
Rekapitulieren wir zunächst die verschiedenen Dimensionen der ideologi-
schen Verkehrung, so lässt sich aus ihnen immer auch zugleich die Möglichkeit
oder prinzipielle Unmöglichkeit von Wahrheit ableiten. Der Anfang, auf den sich
alle späteren Versuche einer Ideologietheorie gründen, ist die Position der Deut-
schenIdeologievon Marx und Engels, dass Ideologie ein falschesBewusstseinüber
die realen ExistenzgrW1dlagen sei. Zur ErinnerW1g sei hier an die cameraobscura
der Ideologie verwiesen, in der alles »auf den Kopf gestellt« erscheint: »Wenn in
der ganzen Ideologie die Menschen und ihre Verhältnisse wie in einer Camera
obscura auf den Kopf gestellt erscheinen, so geht dies Phänomen [... ] aus ihrem
·historischen Lebensprozeß hervor« (MEW 3, 26). Ideologie ist hier eine Umkeh-
rung, da sie die Produkte des Bewusstseins losgelöst von ihren materiellen Ent-

159
stehungsbedingungen, dem »historischen Lebensprozeß « (ebd.), hypostasiert. sehe Diktum zu eigen, dass »das Ganze[ . .. ] das Wahre«388 sei. Die ideologische
Diese »Gedankenherrschaft« kann nach Marx und Engels nur zerstört werden, Verkehrung, wonach dem Denken eine eigenständige, autonome Existenz zuge-
wenn ihre »wirklichen Voraussetzungen« (ebd., 20), d.h. eine spezifische Form schrieben wird, kann nur aufgelöst werden, wenn man die gesellschaftlichen
gesellschaftlicher Herrschaft, aufgezeigt werden. Um die Verkehrung kenntlich Konstitutionsbedingungen, die zu dieser Verselbstständigung führen, in ihrer
zu machen, muss Ideologie also mit ihrer eigenen Wahrheit konfrontiert wer- gewordenen Totalität betrachtet. Wir können also festhalten: Ideologie ist in der
den. Dieser Ideologiebegriff leitet die Umkehrung, die im Bewusstsein stattfin- DeutschenIdeologieein falschesBewusstsein,welches das Denken gegenüber der
det, aus der materiellen Struktur der Gesellschaft ab. Der Grund der verkehrten materiellen Existenzgrundlage hypostasiert. Wahrheit ist nun die Rückführung
Spiegelung des Bewusstseins sind, so die Argumentation, demzufolge die realen des verselbstständigten Denkens auf den historischen Lebensprozess, sie ist die
Existenzgrundlagen selbst: Erst auf der Grundlage einer vertikalen Arbeitstei- Einheit des gesellschaftlichen Ganzen, die in der Praxisgestiftet wird.
lung, welche die Tätigkeiten in materielle und geistige spaltet und sich die geis- Was aber, wenn Ideologie nicht mehr die Differenz von Bewusstsein und
tige Arbeit in Form einer »idealistischen Superstruktur« (ebd., 36) institutionell Sein, sondern deren Einheit markiert? Wenn das Ganze sich als das Unwahre
verselbstständigt, »kannsich das Bewußtsein wirklich einbilden, etwas Andres als herausstellt? In den Fetischanalysen Marxens im Kapitalwird die ideologische
das Bewußtsein der bestehenden Praxis zu sein« (ebd., 31). Verkehrung des Bewusstseins auf die gesamte Struktur der Wirklichkeitübertra-
Reißt das Ideologische Denken und Sein auseinander, indem das eine gegen- gen. Ideologie ist nun nicht mehr die falsche Spiegelung des wahren, materiellen
über dem anderen hypostasiert wird, so ist Wahrheit dessen direkte Negation. Lebensprozesses. Der reale Lebensprozess bringt nun - ganz im Gegenteil - mit
Wahrheit ist ein Entsprechungsverhältnis, eine Einheit von Subjekt und Objekt, Notwendigkeit einen »falschen Schein« (MEW 23, 555) hervor. Der Warenfeti-
die in der Praxisgestiftet wird, wie Marx in den Thesenüber Peuerbachformu- schismus ist demzufolge der »falsche Schein« der Produktionsverhältnisse, auf
liert: »Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit dem sich das »falsche Bewusstsein« der Produktionsagenten gründet. Ausgangs-
zukomme - ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktischeFrage. In der Pra- punkt dieser Argumentation ist, dass sich die Subjekte von ihren selbst geschaf-
xis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit fenen Produkten entfremden: Im Warenfetischismus wird das gesellschaftliche
seines Denkens beweisen« (Th. 2, ebd., 5). Anhand der zweiten Feuerbach-These Verhältnis »verdinglicht«, es erscheint als eine Selbstbewegung der Dinge, der
lässt sich das Wahrheitsverständnis von Marx rekapitulieren, nach dem die Praxis Waren untereinander, deren Objekt nun das »Subjekt« ist. In der Zirkulations-
Wahrheit setzt: Mit der Auflösung ideologischer Verhältnisse in gesellschaftlich sphäre der Waren scheint es, als ob der Wert der Ware Natureigenschaft ihrer
produzierte verschwindet auch die Differenz der Ideologie, die das Denken von selbst sei - die wertsetzende Tätigkeit der Arbeit, so Marx, ist hier nicht präsent.
der Wirklichkeit trennt. In der gesellschaftlichen Praxis ist das Korrespondenz- Indem das Resultat der Arbeit also dieselbe beherrscht statt umgekehrt, ist die
verhältnis der klassischen Wahrheitsdefinition (veritasest adaequatiointellectus ideologische Verkehrung in die Wirklichkeit transportiert worden. Somit kann
et rei)praktisch aufgehoben: Im Handeln wird die Einheit von (denkendem) Sub- auch die Praxis der Subjekte nicht mehr in ihrer Unmittelbarkeit - wie noch in
jekt und Gegenstand hergestellt. Ist das Subjekt jedoch von seiner Wirklichkeit den Thesenüber Peuerbach- als Wahrheitskriterium fungieren. Ideologie lässt
entfremdet, gilt es, sie als ein gewordenes Resultat menschlicher Praxis und zu sich an dieser Stelle als direkte Umkehrung der Auffassung, Wahrheit sei ein Ent-
dechiffrieren. Wahrheit ist für Marx insofern das »ensemble der gesellschaftli- sprechungsverhältnis, das in der Praxis gestiftet wird, lesen: Im Kapital gehört
chen Verhältnisse« (Th. 6, ebd., 5), da gegen die Abstraktion der Ideologie (das der »falsche Schein« wesentlich zur Struktur und die »Falschheit« (des Waren-
Auseinanderreißen von Denken und Sein) die Konkretion des gesellschaftlichen fetischismus) zur Wahrheit (der gesellschaftlichen Verhältnisse). Im Begriff der
Ganzen (die Einheit von Subjekt und Objekt) gestellt wird. In der DeutschenIdeo- Wahrheit, in der adaequatiorei et intellectus,ist nun negativ der Begriff der Ideo-
logieund den Thesenüber Peuerbachmachen sich Marx und Engels das Hegel- logie aufgehoben: In der kapitalistischen Gesellschaft ist gerade die Übereinstirn-

388 Hegel,GeorgW. F.:Phänomenologie


des Geistes(1986), 24.

160 161
mung von unmittelbarem Sein und Denken das, was man als ideologische Ver- Lukacs liegt in einer selbsterschaffenen, repressiven Objektivität, die als Natur-
kehrung bezeichnen könnte. form des gesellschaftlichen Seins erscheint. Aus ihr wird eine vollständige Rati-
Der Ewigkeitscharakter, den die kapitalistischen Verhältnisse aufgrund ihrer onalisierung aller gesellschaftlichen Teilbereiche als auch eine objektivierender,
Dinghaftigkeit erhalten, kann nach Marx nur aufgelöst werden, wenn man sie als kontemplativer Subjekttypus abgeleitet. Diesen Punkt nehmen auch Adorno und
gesellschaftliche, d.h. als veränderbare, begreift. Wahrheit ist im Anschluss an das Horkheimer auf und spitzen ihn zu, indem sie die verdinglichenden Prozesse der
Kapitalim Wesentlichen eine Methode,die Falschheit der kapitalistischen Erschei- kapitalistischen Produktion nun absolut setzen: die Subjekte verdoppeln bloß
nungsform auf die Struktur zurückzuführen, die diese hervorbringt. Wahrheit noch das phänomenale falsche Sein und können den Verblendungszusammen-
ist also nicht die unmittelbare Übereinstimmung von Sache und abgeleitetem hang, der alles Gesellschaftliche in eine undurchdringbare »zweiten Natur« trans-
Begriff. Im Gegenteil: Es bedarf einer Wissenschaft, die die Wahrheit der Verhält- formiert, nicht mehr durchbrechen. In der spätkapitalistischen Gesellschaft ist es
nisse in ihrer widersprüchlichen Totalität abbildet. Die Erscheinungen (d.h. die für sie zu einer Stilllegung der Dialektik des Wahren und Falschen gekommen.
Ware, das Kapital oder das Geld) müssen in ihrem Vermittlungsverhältnis darge- In der Falschheit, der Ideologie, ist Wahrheit nicht länger aufgehoben, da die ver-
stellt werden; nur so verlieren sie ihr autonomes Eigenleben. Das Resultat und die dinglichenden Prozesse der fordistischen und technischen Produktion insgesamt
spezifische Wahrheit der kapitalistischen Produktionsordnung ist, »daß Produk- den falschen Zustand kapitalistischer Vergesellschaftung absolut setzen. Es bildet
tion, Distribution, Austausch, Konsumtion identisch sind, sondern daß sie alle sich dadurch eine neue positivistische technokratische Ideologie aus, die sich auf
Glieder einer Totalität bilden, Unterschiede innerhalb einer Einheit« (MEW 13, die durch die »Technik erzwungene Allgegenwart des Stereotypen« stützt (GS 3,
630). Wir können also sagen: Ideologie ist nun im Lebensprozess
selbst verortet, in 158). In der Kulturindustrie, die Adorno und Horkheimer in der Dialektik der
der konkreten kapitalistischen Erscheinungsform der Warenwelt. Wahrheit kann Aufklärungbeschreiben, werden Subjekt und Objekt zu einer repressiven Iden-
also nicht mehr die Praxis sein, da in ihr die »falschen« Erscheinungsformen bloß tität zusammengeschlossen. Sie ist letztlich ein in sich geschlossener Block des
reproduziert werden, sondern ist eine Methode,welche die scheinbar autonomen Falschen, der bis in das Subjekt hinein fortwirkt und so das Dasein bis in das
Phänomene auf ihren gesellschaftlichen Grund zurückführt. Innerste hinein vereinheitlicht. Da selbst das Nichtidentische (in diesem Fall: die
Die Argumentation, dass der entfremdende und fetischisierte Produktions- Subjektivität der Beherrschten) in die Herrschaftsordnung integriert ist, scheint
prozess als solcher ein falsches Bewusstsein hervorbringt, wird von Lukacs und die ideologische Totalität absolut.
Adorno/Horkheimer fortgeschrieben. Indem sie den von Marx diagnostizier- Dennoch ist für Lukacs und für Adorno/Horkheimer jene Nichtidentität,die
ten Fetischismus auf die gesamte Struktur des gesellschaftlichen Seins und auf in den verdinglichten Verhältnissen objektiviert wird, Garant einer möglichen
die individuelle Subjektivität ausweiten, spitzen sie den Begriff von Ideologie zu: Wahrheit, die über das Gegebene hinausweist. In der scheinbar undurchdringba-
Auch hier stellt sich die Wirklichkeit als ideologische Verkehrung dar; sie ist eine ren Wirklichkeit ist für Lukacs das Residuum wahrer Praxis potentiell angelegt,
verdinglichteTotaltität(Lukacs) oder eine repressiveIdentität des Allgemeinen und zwar im Dasein des Proletariers. In der kapitalistischen Gesellschaft ist der
(Adorno/Horkheimer). Lukacs sieht in Geschichteund Klassenbewußtseinwie Arbeiter gezwungen, seine Arbeitskraft als Ware zu verkaufen und dadurch zum
Marx das »falsche Sein« kapitalistischer Vergesellschaftung in der Warenstruk- Objekt degradiert. In der Selbsterkenntnis des Arbeiters als Ware kann er jedoch
tur begründet. Die Verkehrung, welche durch die Warenstruktur hervorgebracht die verdinglichte Struktur aufbrechen und einen Subjektstatus erlangen, der die
wird, und dem gesamten Sein den Charakter der Dinghaftigkeit verleiht, ist für Verhältnisse als gesellschaftlich gewordene begreift. Wahre Erkenntnisund wahre
ihn das einheitsstiftende Prinzip kapitalistischer Vergesellschaftung. Das Prin- Praxisdenkt Lukacs im Anschluss an die ThesenüberPeuerbachnicht als Gegen-
zip Verdinglichung kann am besten als Heteronomie beschrieben werden; die sätze. Sie bedingen sich vielmehr wechselseitig: Wahrheit stellt sich für Lukacs
»selbsterzeugte« gesellschaftliche Realität wird als »eine Art zweite Natur« ver- als eine Subjekt-Objekt-Einheitdes Proletariats dar, in der die Selbsterkennt-
kannt wird, indem sie den Subjekten »mit [... ] unerbittlicher Gesetzmäßigkeit ·nis des Proletariats gleichzusetzen ist mit der objektiven Erkenntnis des gesell-
entgegentritt« (GuK, 307). Der Kern der ideologietheoretischen Fragestellung bei schaftlichen Gesamtzusammenhanges (ebd., 331). Für Adorno/Horkheimer ist

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die praktische Herstellung einer Subjekt-Objekt-Einheit des Arbeiters dagegen wird, sind die ideologischen Apparate ihr eigenes Produktionsverhältnis, das
alles andere als ein Wahrheitsereignis; sie ist bloß Ausdruck der falschen Identität Formen subjektiver Unterstellung bewirkt. Das Ideologische ist somit zirkulär;
des Gegebenen. Die einheitsstiftende Praxis ist für die Autoren - w1abhängig von es ist sich selbst seine eigene Realität und Wahrheit, indem es als eigenes Pro-
den jeweiligen Produktionsbedingungen - zwar durchaus eine Verwirklichung duktionsverhältnis ein dynamisches System von Verhältnissen errichtet, das kein
des Subjekts, aber dadurch auch eine Entwirklichung des Objektes. Jede Subjekt- Außen kennt. Darum kann Althusser auch unter Aufnahme der Psychoanalyse
Objekt-Einheit ist also notwendigerweise gebunden an die Unterdrückung des Lacans behaupten, »Ideologie [sei] nur durch das Subjekt und für die Subjekte«
Besonderen, des Objekts, das nach den Maßgaben einer exzessiven instrumentellen (ebd., 84). Es ist ein überdeterminiertes Produkt der Gesellschaftsstruktur und
len Vernunft formiert wird. Das Diktum, dass das Ganze das Wahre sei, wird bei darum sind in der ideologischen Sphäre die Praxen der Subjekte immer schon
den Autoren umformuliert: "das Ganze ist das Unwahre« (GS 4, 56). Die falsche ideologisch.
Totalität kann nur aufgehoben werden, indem man die Besonderheit zu seinem Für Althusser ist Ideologie konstitutiv vor-wissenschaftlich, sie ist keine Form
Recht kommen lässt. Das einzig mögliche Moment der Wahrheit ist nun eine begrifflicher Erkenntnis, sondern eben das gelebte, imaginäre Verhältnis der Sub-
Utopieder Nichtidentität,in der die begriffliche Erfassung der Wirklichkeit als jekte zu ihren realen Existenzbedingungen. Verschleiert das Imaginäre den Blick
zentrales Erkenntnismedium aufgegeben und an ihrer Stelle die subjektive Erfah- auf die konkrete Funktionsweise von der Gesellschaft, so muss ein anderer, ein
rung des Nichtbegrifflichen gesetzt wird, welche das Besondere in seiner Par- wissenschaftlicher Standpunkt eingenommen werden, der sich transzendierend
tikularität erfahrbar werden lässt. Es ist also gerade das Inkommensurable, das über die ideologische Sphäre erhebt, um das geschlossene System der Ideologie
was objektiviert und gleichgemacht wird, das ein Aufscheinen der Wahrheit in als solches wahrnehmen zu können. Wahrheit existiert also in einem epistemo-
der geschlossenen Totalität des Paischen ermöglicht. Kurz: In Anlehnung an die logischen Bruch von Wissenschaft und Ideologie. Sie ist, als objektive Erkennt-
Marxschen Analysen zum Warenfetischismus wird das gesellschaftliche Ganze nis der realen Produktionsverhältnisse, einzig zur verorten in der Wissenschaft
bei Lukacs und Adorno/Horkheimer zu einer verdinglichenden Identität des All- und der ihr eigentümlichen theoretischen
Praxis.Der äußere Standpunkt der Wis-
gemeinen. Ideologie ist somit eine objektive Verkehrung w1d Wahrheit das Auf- senschaft befördert so die Inneneinsichten in die Sphäre der Ideologie: Sie deckt
brechen jener objektivierenden Tendenzen. In einer Hinwendung an das Nichti- ihren widersprüchlichen Charakter auf und kann sie letztlich als Herrschaftsver-
dentische, bei Lukacs ist es die spezifische Subjektivität des Proletariats und bei hältnis dechiffrieren. Wir können hier also festhalten: Ideologie ist nach Althus-
Adorno/Horkheimer das Inkommensurable, konstituiert sich Wahrheit. ser ein imaginäres Verhältnis der Subjekte zu ihren realen Existenzbedingungen.
Mit Althusser formiert sich ein neues Modell von Ideologie, das nicht mehr Sie wird gestiftet in der materiellenPraxis der Subjekte, die durch ideologische
auf die objektive Verkehrung im Bewusstsein der Produktionsagenten zurück- Staatsapparate präformiert wird. In Entgegensetzung dazu ist Wahrheit die the-
geführt wird, sondern bei der materiellenPraxisder Subjekte ansetzt. In Ideolo- oretischePraxis der Wissenschaft, die durch ihre konstitutive Transzendenz die
gie und ideologischeStaatsapparaterekurriert Althusser auf die materielle Funk- Immanenz des Ideologischen erfassen und auflösen kann.
tionsweise institutionell verselbstständigter ideologischer Instanzen . In Anleh- An die Auffassung, Ideologie sei ein vor-wissenschaftliches System von Glau-
nung an Gramscis Konzept der societàcivileanalysiert Althusser die strukturelle benssätzen, knüpft die letzte Positionierung des Ideologischen an. Das Spezifi-
Formierung von Ideologie, die über Apparate als Instanzen der (freiwilligen) sche des gegenwärtigen Kapitalismus ist für Zizek nicht nur, dass er eine »Illu-
Unterwerfung wirken. Die ideologischen Staatsapparate (ISA) statten die Sub- sion« hervorbringt, die auf der Realität seiner Struktur fußt, sondern vor allen
jekte mit einem spezifischen praktischen Wissen (savoirjaire)aus, das die ideo- Dingen, dass er eine Ideologie hervorbringt, die durch ihren postideologischen
logische Unterstellung über ein habituelles Verhalten bezweckt (IISA, 42). Ideo- Charakterideologisch wirkt. Ideologie ist, so Zizek in Anlehnung an Sloterdijk,
logie ist insofern produktiv und kein einfaches Kausalverhältnis: Im Gegensatz ein aufgeklärt falsches Bewusstsein. Er geht davon aus, dass die Subjekte zwar um
zu der Vorstellung, dass Ideologie eine objektiv falsche Gedankenform sei, die den fetischistischen Schein der Verhältnisse wissen, aber dennoch so handeln, als
durch die Wahrheit der ökonomischen Produktionsverhältnisse hervorgebracht ob sie an ihn glauben. Ideologie ist somit kein Wissen oder Nicht-Wissen über

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die Wirklichkeit, sondern, ähnlich wie bei Althusser ein Glaube, der sich in actu, tischen Akt der Wahrheit. Im Akt wird eine Position gegen das Bestehende voll-
in der Praxis verwirklicht. Nur so ist Zizeks Maxime »Denn sie wissen nicht, was zogen, er ist konstitutiv transzendent und darum wahr.
sie glauben« (ebd., 106) zu verstehen: Die Menschen wissen zwar um die ideolo- Reflektieren wir nun die Versuche der Autoren, die freiwillige Unterwerfung
gischen Illusionen der Gesellschaft, sie wissen aber nicht um ihren Glaubenan unter eine entfremdende Herrschaftsordnung zu erklären, kommen wir zu einem
diese Illusionen, der sich in der alltäglichen Praxis manifestiert. Ideologie funkti- interessanten Schluss: Mit der Ausweitung des kapitalistischen Produktionssys-
oniert also weniger über die Identifikation mit der herrschenden Ordnung - das tems scheint es in der Entwicklung der Ideologietheorien auch zu einer Exten-
Subjekt weiß um deren Falschheit, sondern über eine aufgeklärte Distanzzu den sivierungund Intensivierungder Ideologie zu kommen. Das, was auf Seiten des
Verhältnissen. Das subjektive Wissen, nicht vollständig von der Ideologie erfasst Arbeitsprozesses Mittel zur Steigerung des Profits ist, kann auch auf die Formen
zu sein, wird so zum Ausdruck postideologischer Ideologie. der ideologischen Unterstellung angewandt werden: Der Kapitalismus sichert
Zizeks Theorie des Ideologischen ist folglich der Gegenentwurf zu Althussers sein Fortbestehen einerseits, indem die ideologische Herrschaftssicherung exten-
Vorstellung, Wahrheit sei in der theoretischen Transzendenz des Wissens veror- siv ausgeweitet wird; sie wird vom Bewusstsein (Marx/Engels) auf die Wirklich-
tet. Das Wissen ist nun konstitutiver Ausdruck der postideologischen Ideologie. keit (Lukacs, Adorno/Horkheimer) und von der Wirklichkeit auf die Tiefenstruk-
Um diese zu überwinden, muss man nach Zizek also tiefer ansetzen, im Glauben turen des Subjekts (Althusser, Zizek) erweitert. Folgt man der Argumentation der
an die Verhältnisse. Voraussetzung zur Wahrheit ist ein »Glaubenssprung«, der Autoren, werden also quantitativ immer mehr Bereiche dem ideologischen Kapi-
die Grenze »zwischen dem, was denkbar, und dem, was heute machbar ist«, über- talverhältnis untergeordnet oder »formell subsumiert«. Damit geht andererseits
winden soll (AP, 26). Nicht das Wissen um, sondern primär der Glaube an die auch eine qualitative Veränderung ideologischer Unterordnung einher: Sie wird
kapitalistische Ordnung müsse demzufolge überwunden werden. Der Glaubens- in der Ausweitung auch intensiver.War das Ideologische zunächst nur eine fal-
sprung ist ein radikaler transzendentaler Akt, der mit der objektiven Wahrheit sche Repräsentation, ein verdrehtes Abbild des Bewusstseins (Marx/Engels), ver-
des Kapitalismus bricht und einen Glauben zweiter Ordnung setzt, den Glauben ändert es im Verlauf der Argumentation zu einem komplexen Mechanismus der
der »Politik der Wahrheit«. Wahrheit ist mehr als die objektive Erkenntnis der Herrschaftssicherung, der nicht nur die Praxis der Subjekte integriert (Althus-
kapitalistischen Herrschaftsordnung (denn auch in der Ideologie weiß man um ser), sondern auch deren den Glauben (Zizek) »reell subsumiert«. Die qualitative
sie), sie muss, um wahr zu sein, Position beziehen: »In einer konkreten Situa- Transformation und die quantitative Ausweitung der ideologischen Herrschafts-
tion läßt sich die universelleWahrheit nur von einer durch und durch parteiischen techniken verlagern sich demzufolge von außen nach innen: Ideologie wird von
Position aus artikulieren: Wahrheit ist per definitionem einseitig« (Rsb, 26). Der einer verkehrten Spiegelung der Außenwelt zu einem Subjektionsmodus, der bis
Glaube an die Verhältnisse, der im alltäglichen Agieren gestiftet wird, kann für in die Tiefenstrukturen der Individuen vordringt und sie unterwirft.
Zizek nur durchbrochen werden, wenn ihm ein wahrer politischer Akt entgegen- Damit verändern sich auch die Möglichkeiten, das ideologische Ganze zu
gesetzt wird. In diesem Akt positioniert sich das Subjekt für die Wahrheit, indem durchbrechen und ihr eine Wahrheit entgegenzusetzen: Umso stärker die Ideo-
es in einem transzendentalen Eingriff die bestehende Ordnung in Frage stellt. Die logie im Verlauf der Theorien ausgeweitet und verinnerlicht wird, desto stär-
Position des politischen Aktes ist darum wahr, weil sie transzendent ist und tran- ker wird die Möglichkeit von Wahrheit in die Transzendenzverlagert. Zunächst
szendent ist sie, weil sie mit der Ordnung des Kapitalismus bricht. Wir können war sie noch in der Wirklichkeit selbst verortet, sie war der wirkliche Lebens-
also zusammenfassen: Das objektive Wissen um die Funktionsweise der kapita- prozess (Marx/Engels); mit der Ausweitung des Falschen auf das gesamte Sein
listischen Produktion ist nicht länger Garant ihrer Überwindung, es setzt nicht (Lukacs, Adorno/Horkheimer) und der Integration des Subjektiven (Althusser,
länger Wahrheit. Zizeks Theorie der Ideologie geht von einem aufgeklärt falschen Zizek) muss Wahrheit aber eine radikale, transzendente Negation sein (Althus-
Bewusstsein der Subjekte aus, das um die Falschheit der fetischistischen Verkeh- ser, Zizek). Sie wird zu dem, was Ideologie nicht ist: ein radikaler politischer Akt
rungen weiß. Ideologie wird durch einen tiefergehenden Glauben gestiftet, der (Zizek), der von außen bis das Innerste ideologischer Vergesellschaftung vor-
sich im alltäglichen Agieren manifestiert. Gegen das Agieren setzt Zizek den poli- dringt und diese destruiert.

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Abschließend bleibt aber eine Frage offen: Wie können wir unter gegenwär- kontemplativ. 389Der ideologische Mechanismus der Kontemplation wird zudem
tigen Bedingungen das Verhältnis von Ideologie und Wahrheit denken? Können noch durch den Ausbau des »repressiven Staatsapparates« (Althusser) befördert,
die klassischen Theorien auch neuere Phänomene von subjektiver Unterstellung der über Zwang und staatliche Kontrollsysteme »staatsgefährdende« Aktivitäten
erklären? Hat sich der Modus ideologischer Vergesellschaftung in einem kapita- zu unterbinden versucht. 390Somit haben sich auch die Legitimationsstrategien
listischen System gewandelt, das angesichts wachsender immanenter Krisen seine der Klassenherrschaft gewandelt: Der auf Konsens ausgerichtete Klassenkompro-
Legitimität neu begründen muss? miss wird abgelöst durch Mechanismen der Klassenspaltung, durch die gesell-
In der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise des Kapitalismus haben schaftliche Exklusionsstrategien implementiert werden. Es ist beispielsweise die
sich die Modi der Herrschaftssicherung zwar nicht grundlegend verändert, Tendenz zu beobachten, dass sich die Klassenspaltung »verräumlicht«, indem das
jedoch verschoben, so dass Strategien, welche die Beherrschten über kompro- staatliche Management gesellschaftlicher Spaltung mit räumlicher Segregation
misshafte Einbindung an das System binden wollten, abgelöst wurden durch sol- einhergeht. Nicht ohne Grund führt Zizek Slums als neuen »Teil-ohne-Anteil«
che, die primär über Fragmentierungund Subjektivierungwirken. Man könnte an, sie sind realer Ausdruck der Klassenspaltung, indem sie als stigmatisierende
also behaupten, dass sich mit der Verschiebung der Mechanismen zur Herr- Zonen des Ausschlusses die Ränder der Klassengesellschaft markieren. Dieser
schaftssicherung in den westlich kapitalistischen Staaten auch die Formen ideo- Ausschluss wird auch durch (sozial-)rassistische Argumentationsmuster gerecht-
logischer Unterstellung gewandelt haben: Der zentrale ideologische Mechanis- fertigt.391Der Raum wird so zu einem Feld ideologischer Distinktion: Die herr-
mus fordistischer Wohlfahrtsstaaten war die Einbindung der Einzelnen über den schende Klasse definiert sich über die Grenze und den Ausschluss.
Konsens der Zivilgesellschaft. Dies konnten Theorien erläutern, die den Staat als Diese Verschiebung deutet auf eine Umkehrungder ideologischenLegitima-
zentralen Ort ideologischer Vergesellschaftung setzten (im Wesentlichen also tionsstrategiendes Kapitalismus hin: Musste der herrschende Block die sozial-
Gramsci und Althusser). Was aber, wenn an die Stelle einer politischen Einbe- destruktiven Konsequenzen seiner ökonomischen Handlungsstrategien in der
ziehung eine Post-Politik tritt, die, mit Zizek gesprochen, politische Maßnahmen Vergangenheit rechtfertigen, so stehen heute die Beherrschten selbst unter Recht-
durch technokratische Experten verwalten lässt? Mit dem Abbau sozialstaatlicher fertigungszwang.392 Ausgrenzung und Klassenspaltung führen zu einer Verin-
Sicherungssysteme und der damit einhergehenden Privatisierw1g zentraler Berei- nerlichung der Konkurrenz und somit zu Formen freiwilliger Unterstellung unter
che des öffentlichen Lebens kommt es zu einer Änderung in der Funktionsweise entfremdende Existenzbedingungen.
von gesamtgesellschaftlicher und ideologischer Integration. Man könnte hier die Die Selbststabilisierungsfähigkeiten des Kapitalismus resultieren aus einer
These Lukacs' von der Bürokratisierung und Rationalisierung aller gesellschaft- Kornmodifizierung sämtlicher Lebensbereiche, die einen verschärften Konkur-
lichen Teilbereiche neu interpretieren: Die Post-Politik degradiert die ehemals renzdruck auf der sozialen und eine gesteigerte Anpassungsbereitschaft auf der
aktiven Subjekte des zivilgesellschaftlichen Geschehens zu Objekten bürokrati- individuellen Ebene fördert. Die Zunahme der gesellschaftlichen Exklusion, ent-
scher Verwaltungssysteme. Dies lässt sich beispielsweise im staatlichen Umgang weder als direkter Ausschluss vom Arbeitsmarkt oder indirekt als Prekarisie-
mit Deklassierten beobachten, jener Teil, der mit Zizek gesprochen »ohne Anteil«
ist. Langzeitarbeitslose oder Hartz-IV-Empfänger sehen sich in Deutschland 389 Castelgeht in seiner Studie Metamorphosender sozialenFragevon einer Spaltung der Arbeitsge-
einem ausgebauten System der Kontrolle und Überwachung gegenübergestellt sellschaftaus: Der »Zoneder Integration«steht eine »Zoneder Entkopplung«gegenüber,in der die
langfristigvom ArbeitsmarktAbgehängtenauchjede Hoffnungauf Wiedereinstellungverlieren,vgl.
und werden so zu einer entsubjektivierten Verfügungsmasse. Eine Konsequenz Castel,Robert:Die Metamorphosender sozialenFrage(2000).
390 Wacquantsieht beispielsweisein der massivenExpansiondes amerikanischenPolizei-und Gefäng-
ist, dass langfristig vom Arbeitsmarkt Exkludierte die Hoffnung auf die Integra-
niswesensder letztendreißigJahre ein Instrumentder »neollberalenRevolution,die die sozialeund
tion in den Arbeitsprozess verloren haben, sie werden, wie Lukacs sagen würde, wirtschaftlicheOrdnungvon oben nach unten neu strukturiert.DieseMechansimsender Einschlie-
ßungliest er als eine verzögerteAntwort auf die schwarzeBürgerrechtsbewegung (Wacquant,Lo'ic:
DasRassenstigmain der Produktiondes amerikanischenBestrafungsstaates [20101, 103).
391 Vgl.die Debattenum Sarrazin,Thilo: Deutschlandschafft sich ab (2010) und Sloterdijk, Peter:Die
Revolutionder gebendenHand (2009).
392 Seppmann,Werner:Risiko-Kapitalismus(2011), 20.

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rung der Erwerbsarbeit durch befristete und ungesicherte Beschäftigungen führt individueller Emanzipation. 396 Die These Becks, dass eine zunehmende Individu-
zu einem erhöhten Druck auch auf diejenigen, die noch nicht zur »industriel- alisierung von den alten Klassenschranken befreie und die Selbstentfaltung des
len Reservearmee« (MEW 23,661) gehören. Die gefühlte Furcht vor der Exklu- Einzelnen stärke, schreibt diese ideologische Argumentation fort. 397 Dass ange-
sion ist demzufolge kein Randphänomen der kapitalistischen Gesellschaft mehr, sichts ungesicherter Arbeits- und Lebensverhältnisse die damit verknüpften Frei-
sondern konstitutiv mit ihr verbunden, da sie eine »Unsicherheit [hervorruft], heitsversprechen nur Schein sind, liegt auf der Hand. Freie Handlungsmöglich-
die bis tief hinein in die Lebenslagen der formal Integrierten reicht.« 393 Insofern keiten hat das Individuum nur im Rahmen seiner Selbstunterstellung unter den
kann man behaupten, dass ideologische Herrschaftssicherung heute stärker über kapitalistischen Markt. Damit werden aber auch die ideologischen Rechtferti-
die strukturelle Gewalt von Massenarbeitslosigkeit und Prekarisierung wirkt, gungsmuster verschoben: Individueller Auf- und Abstieg wird als vom Einzelnen
oder mit Marx gesprochen: der »stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse abhängig und nicht mehr als systemisch bedingt wahrgenommen. Ist das Leben
besiegelt die Herrschaft des Kapitalisten über den Arbeiter« (ebd., 765). dadurch, wie Adorno und Horkheimer treffend formulierten, zu einer »Wahr-
Dadurch erodiert jedoch auch die Einheit jener gesellschaftlichen Klasse, die scheinlichkeitsrechnung« (ebd., 167) verkommen, in der alles vom Glück oder
Lukacs noch als messianischen Vorschein einer besseren Gesellschaft ansah: das Zufall abhängt, kommt es zu neuen Formen existentieller Verunsicherung: »Sie
Proletariat. Die Grenzziehung verläuft nicht nur entlang der vertikalen Klassen- wachen auf aus Sorge, nicht mehr mitzukommen, nicht mehr auf dem Laufenden
spaltung, sondern auch durch sie hindurch. Die Zusammensetzung der Arbeiter- zu sein, die Aufgabenlast nicht mehr bewältigen zu können, abgehängt zu werden
klasse erscheint gerade im Bewusstsein der Zugehörigen fragmentarisiert: Dem - oder in der erdrückenden Gewissheit (etwa als Arbeitslose oder Ausbildungs-
organisierten Proletariat steht ein immer größer werdendes nicht organisier- abbrecher) bereits abgehängt zu sein.« 398 Die Individualisierung gesellschaft-
tes Prekariat gegenüber und beide sind nochmals gespalten entlang ethnischer, licher Widersprüche führt demnach zu einer Selbstoptimierung, die von einer
nationaler und geschlechtlicher Grenzen. Diese wahrgenommene Spaltung wird grundlegenden Existenzsorge getrieben ist. Die gesellschaftlichen Strukturprin-
durch soziale Ausgrenzungserfahrungen verstärkt: Sind soziale Beziehungen zipien, die dieses Handeln hervorrufen, können so nicht in Frage gestellt werden.
zunehmend durch Konkurrenzdruck geprägt, ruft er bei den Betroffenen Entso- Auch wenn heute die Bereitschaft zur individuellen Unterstellung unter
lidarisierung und Vereinzelung hervor. entfremdende Verhältnisse dominiert, heißt dies nicht, dass eine prinzipielle
Mit dem verstärkten Wettbewerb und der Individualisierung verändert Unmöglichkeit zur Wahrheit, verstanden als Einsicht in die Strukturprinzipien
sich auch die ideologische Unterstellung des Einzelnen. Es treten nun Techni- des Kapitalismus, besteht. Das vollkommen geschlossene ideologische System,
ken der Disziplinierung in den Vordergrund, die an die Autonomie und Selbst- wie Adorno/Horkheimer und Althusser es denken, ist eine Abstraktion, die tag-
verantwortlichkeit des Individuums appellieren. 394 Die Marginalisierten wer- täglich relativiert wird. Im Handeln erfährt der Mensch unmittelbar gesellschaft-
den in ihrer freien Individualität angerufen und durch sie unterworfen. Das, was liche Widersprüche. Wahrheit ist darum auch kein transzendenter Akt, wie Zizek
Adorno und Horkheimer in der Kulturindustrie als »Pseudoindividualität« (GS formuliert, sondern unmittelbar in der Falschheit der Verhältnisse begründet. Sie
3, 177) bezeichnen, wird heute - natürlich unter veränderten Arbeitsbedingun- ist in der Ideologie latent präsent, in der konkreten Erfahrung der Entfremdung.
gen - oftmals als Prozess der Subjektivierung bezeichnet.395 War es im Fordismus In dem Verkennen der realen Existenzbedingungen ist also, wenn auch nicht die
noch der Bezug zu einem kollektiven Gemeinwesen, so funktioniert die ideolo- Wirklichkeit, so aber die Möglichkeit des Erkennens immer implizit aufgehoben.
gische Unterstellung heute oftmals über Selbstaktivierung und dem Versprechen

393 Dörre,Klaus:PrekäreKlassengesellschaft? (2007), 37. 396 Die Forderungder 68er-Bewegungnach mehr Freiheit,Autonomie,und Authentizität (das, was Bol-
394 DieSelbstführungskapazitäten der Individuenhabenvor allen Dingendie Gouvernementalitätsstudi- tanski und Chiapello»Künstlerkritik«nennen) wurdesozusagenin einem »Kompetenztransfer«von
en im Anschlussan Foucaultuntersucht.Da sie sich jedoch meist auf die Analysevon Management- der linken Protestkulturzum Managementübertragen,vgl. Boltanski,Luc/Chiapello,Ève:Der neue
literatur beschränken,sind sie eher eine Darstellungneuer,»positiver« Führungstechniken,denn Geistdes Kapitalismus(2003).
Ideologiekritik,vgl. Bröckling, Ulrich: Gouvernementalilätder Gegenwart(2000). 397 Vgl.Beck, Ulrich:Jenseitsvon Standund Klasse?(19B3).
395 Vgl.Moldaschl,Manfred:Subjektivierungvon Arbeit (2003). 398 Rosa,Hartmut: Beschleunigung(2010), 118.

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190 191
Carolin Amlinger (geb . 1984) ist
Soziologin und Philosophin . Sie
studierte Philosophie, Soziologie
und Germanistik an der Univer-
sität Trier . Derzeit promoviert sie
am Frankfurter Institut für Sozial-
forschung über die prekäre Arbeit von Schriftstel-
lerinnen der Gegenwart und hofft, dass sie später
selbst nicht als prekäre Schriftstellerin endet . Ih-
re Forschungsschwerpunkte sind neben der kriti-
schen Arbeitssoziologie und der Prekarisierung der
Arbeitswelt auch Ideologietheorien des westlichen
Marxismus - wäre sie Kulturwissenschaftlerin, wür-
de sie außerdem Buffy - The Vampire S/ayer nen-
nen. Im LAIKA Verlag gibt sie gemeinsam mit Chris-
tian Baron die Reihe Marxist Packet Books heraus .

www .laika-verlag.de
W ie könn e n w ir unt e r g e genwärtigen Be dingungen das
Ve1·hältni s von Id eo logie und Wahrheit denken? Hat sic h
der Modus ideol og isc her Ve1·gesellschaftung in einem ka-
pitalistisch e n Sys te m gewa ndelt, das angesichts imma-
nenter Kris en se ine Leg itimität neu begründen muss?

In der geg e nw ärtig e n Finanz- und Wirtschaftskrise des Ka-


pitalismus h aben s ic h die Modi der Herrschaftssicherung
verschoben, sodass St1·ategien, welche die Behe1Tschten
über kornpromi ss haft e Einbindung an d as Sys te m binden
wo llten , abge lö st wurden durch so lc h e , di e primär über
Fragrnentie1 ·u ng und Subjek ti vie1·ung wi1•ken, Mit de r Ver -
schiebung der Mechanismen zur Herr schaftssicherung in
den westli ch k ap italist isc hen Staaten sche inen s ich eb en-
so die Form e n ideo log ischer Unterst e llun g gewande lt zu
haben.

Damit veränd ern sich a uch die Theori en, die se in Fortbe --
stehen zu erklären versuchen: Ideologi e entwickelt sich
im Ve rlauf d es west lich marxistischen Diskurses von e iner
ve rkehrt e n Sp iege lun g der A ußen we lt z u e in e m Subjekti-
onsmodus, de1· bis in die Tiefenstrukturen d er Individuen
vordringt und s ie unterwi rft.

Wie sich in dies e m Zusammenhang auch d ie A1·gumenta-


tio11 verschi ebt, ob Wahrheit denk- · und her stellbar sei, soll
in diesem Buch ausge lotet werden.

~ LA IKA -V0rla9 · 19 ,90€ ~~


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lllll II ~
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