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Überwachungsstaat 2.

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Eine kurze Einführung zu Projekt INDECT
und der Sicherheitsindustrie im allgemeinen
von Domingo Conte

Das Geschäft mit Überwachungstechnologien und Data-mining ist in den letzten 10 Jahren rasant
angewachsen und wächst immer noch konstant weiter. Nicht nur in den USA sondern auch in der EU wird
intensiv an neuen Technologien und Methoden zur effektiveren Überwachung der Bürger geforscht. Allein
die bereits heute vorhandene Datenflut die sich aus den über 4 Millionen Überwachungskameras in London
ergibt ist längst unüberschaubar geworden, doch der Datensammel- und Überwachungswahn der
Regierungen lässt nicht nach. Dies bringt vor allem logistische Probleme mit sich, denn alle möglichen
Daten über alle möglichen Menschen zu haben ist eine Sache, die Auswertung all dieser Daten eine völlig
andere. Aber auch an diesen Problemen wird intensiv geforscht.
So finanziert die Europäischen Union im Rahmen ihres Sicherheitsforschungsprogrammes seit 2009 ein
Forschungsprojekt, welches sich speziell damit beschäftigt, dieser kontinuierlich anwachsenden Datenflut
Herr zu werden. Das Projekt heißt INDECT, was für „Intelligentes Informationssystem zur Unterstützung
von Überwachung, Suche und Entdeckung für die Sicherheit von Bürgern in städtischer Umgebung“ steht.
Dieses Forschungsprojekt läuft über einen Zeitraum von 5 Jahren und soll bis Ende 2013 abgeschlossen sein.
Beteiligt sind mehrere Unternehmen aus der Sicherheits- und Multimedia-Industrie, Polizeibehörden und
verschiedene europäische Universitäten. Erste Testläufe des Projektes sind 2012 zur Fußball-EM 2012 in
Polen geplant.
Ziel des Projektes ist, eine Sicherheitsarchitektur zu entwerfen, die sämtliche bestehenden Überwachungs-
technologien logisch miteinander verknüpft, in Echtzeit auswertet und verwaltet - und das alles soll
vollautomatisch durch intelligente Computersysteme erfolgen. Die dazu verwendeten Datenquellen sind u.a.
Videoüberwachung, Vorratsdatenspeicherung, Telekommunikation, Gesichtserkennung, Websites,
Diskussionsforen, Usenet-Gruppen, Datenserver, P2P-Netzwerke sowie individuelle Computersysteme und
alle vorhandenen Datenbanken wie Namen, Adressen, biometrische Daten, Interneteinträge, polizeiliche,
geheimdienstliche, militärische, forensische und zivile Datenbanken, Daten von luft- und seegestützte
Plattformen und Satelliten usw. Und als wären das noch nicht ausreichend Quellen zur Überwachung, wird
daneben auch noch in dutzenden anderen Projekten an verschiedensten neuen Überwachungstechnologien
geforscht: Angefangen von autonomen, mit Video und Audiosystemen ausgestatteten Drohnen, bis hin zu
Technologien zur frühzeitigen Identifizierung von illegalen Substanzen wie Sprengstoffen oder Drogen.
Schlussendlich sollen alle nur verfügbaren Datenbanken durch INDECT miteinander intelligent verknüpft
werden, um diese dann in Echtzeit vollautomatisch nach Gefahrensituationen bzw. Sicherheitsrisiken
durchsuchen und auswerten zu können.
Anfangen wird dies mit Situationen wie etwa: Mann stiehlt Frau auf offener Straße die Handtasche und wird
dabei von Überwachungskameras gefilmt – das INDECT System erkennt das und und meldet es der
zuständigen Polizeiabteilung. Doch damit noch nicht genug. Mit INDECT will man noch ein ganzes Stück
weiter gehen:
Ein weiteres Ziel von INDECT besteht etwa darin, auffälliges bzw. abnormes Verhalten automatisch zu
erkennen, mit dem schlussendlichen Ziel, Gefahrensituationen und kriminelle Handlungen frühzeitig - also
noch bevor überhaupt etwas passiert ist - zu identifizieren und gegebenenfalls an die zuständigen
Sicherheitsbeamten zu melden. So soll sich dann beispielsweise die Identität einer Person, die sich etwa
durch extremistische Postings in einem Forum verdächtig macht, mit Hilfe von Verbindungsdaten ermitteln
lassen. Ist der Verdächtige identifiziert, könnte er dann von Überwachungskameras bzw. von Drohnen weiter
observiert werden. Und all das im Grunde automatisch, ohne menschliches Zutun. Dies ist aber nur ein
weiteres von vielen möglichen Szenarien, wie INDECT eingesetzt werden könnte.

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Die Betreiber des Projektes, allen voran die "Polnische Plattform für Heimatschutz", betonen, INDECT sei
ein rein wissenschaftliches Projekt und Ziel sei nichts weiter als die Produktion funktionsfähiger Prototypen.
Dies mag auch für das gegenwärtige Forschungsprojekt zutreffend sein. Allerdings häufen sich die Indizien
dafür, dass man sich bereits jetzt auch damit beschäftigt, wie man die Endresultate schlussendlich
kommerzialisieren kann. Dies verwundert nicht sehr, in Anbetracht der hohen Kosten für Projekt INDECT:
Offiziell beläuft sich das Budget für INDECT auf knapp €15 Millionen. 10 Millionen davon werden von der
EU, also aus Steuergeldern, finanziert, der Rest von den verschiedenen Unternehmen und Organisation die in
das Projekt involviert sind.
Manche mögen einwenden, dass das Budget des Projektes doch gar nicht so hoch wäre, doch darf man dabei
einerseits nicht außer acht lassen, dass INDECT nur eines von vielen Projekten im europäischen
Sicherheitsforschungsprogramm ist, und viele der für INDECT benötigten bzw. der dort einsetzbaren
Technologien werden im Rahmen dieser weiteren Projekte entwickelt. (Allein in den Bereichen "Risiko-
Analyse und Risiko-Vorausschätzung", "Biometrie und Identifikation" und "Erkennung und Überwachung"
finanziert die EU Projekte mit über €200 Millionen.) Andererseits sollte man auch nicht vergessen, dass es
bei INDECT selbst ausschließlich um die Entwicklung einer rein software-basierenden Technologie zur
Vernetzung aller Kontroll-, Überwachungs- und Auskunftssysteme geht. Andere für das Projekt benötigte
Technologien sind auch schon bereits erhältlich: So ist man bei INDECT beispielsweise offenbar an einer
Zusammenarbeit mit den Betreibern eines der größten Supercomputer der EU interessiert - dem GALERA
System an der Technischen Universität Gdansk in Polen.1
Des weiteren ist die wirkliche Höhe der Finanzierung von INDECT auch gar nicht so völlig klar. Erst
kürzlich wurde etwa bekannt, dass im Rahmen von Projekt INDECT an mindestens noch einem weiteren,
separaten Projekt mit der Bezeichnung INSIGMA gearbeitet wird, doch woher die Gelder dafür kommen, ist
bisher nicht geklärt, da abgesehen von der Tatsache, dass dieses Projekt von mehreren INDECT Beteiligten
öffentlich erwähnt wurde und auch auf der INDECT Webseite ein kurzer Hinweis 2 dazu veröffentlicht
worden ist, ansonsten bisher nur sehr wenig Informationen zu INSIGMA verfügbar sind. Jedoch scheint es
bei diesem Projekt ebenfalls um die Entwicklung von Audio- bzw. Videoüberwachung zu gehen. Und
vermutlich wird auch noch an anderen Projekten getüftelt.
Das muss man den Projektbeteiligten jedenfalls lassen: sie scheinen wirklich sehr intensiv an ihren
Forschungen zu arbeiten und um Resultate bemüht zu sein. Mit möglichen Konsequenzen ihrer
Forschungsarbeiten beschäftigen sie sich allem Anschein nach aber nur wenig. Beim 27. „Chaos
Communication Congress“ etwa stahl ein Mitarbeiter von INDECT aus Polen3 – wie er selbst sagte – einer
jungen Dame, die dort einen Vortrag zu INDECT hielt, die Show. Weshalb er auf diese Idee kam, ist mir
nicht ganz klar, denn er ist Kryptologe bei INDECT und war in keiner Weise fähig, auf ethische, soziale oder
politische Fragen bezüglich des Projektes einzugehen, obwohl es bei diesem Vortrag ja vor allem darum, und
nicht um technische Details ging. Er meinte dazu nur, politische Diskussionen sollten mit der EU
Kommission und nicht mit ihm geführt werden. Dieser Vorschlag ist an sich auch durchaus nachvollziehbar,
das Problem ist dabei nur, dass bisher nicht einmal Abgeordnete und sonstige Politiker ernsthafte
Informationen von der EU Kommission bezüglich INDECT zu bekommen scheinen, geschweige denn
Journalisten oder „einfache“ Bürger.
Dieser INDECT Mitarbeiter nahm sich jedenfalls geduldig etwa eine halbe Stunde Zeit, auf Fragen des
Publikums einzugehen (oder diesen auszuweichen), alles in allem hat der gute Mann allerdings gar nicht
sonderlich viel gesagt, auch wenn er viel geredet hat. Was nach dieser halben Stunde aber recht klar war, war
seine Einstellung bezüglich seiner eigenen Verantwortung als Wissenschaftler: Ihm schien die Idee, selbst
Verantwortung für mögliche negative Konsequenzen seiner Forschungsarbeiten zu übernehmen recht fremd
zu sein. Er ist ja nur Wissenschaftler - der forscht und sich nicht darum kümmert, was mit seinen
Forschungsresultaten irgendwann geschehen könnte... Der mehrfach gestellten Frage, was die Endziele dies
Projektes wären, wich er dann auch immer wieder mehr oder weniger geschickt aus. Er erwähnte, dass die
irische Polizei besonders scharf auf Drohnen sei und dass man INDECT auch im Kampf gegen
Kinderpornografie gut einsetzen könne. Über kommerzielle Ziele des Projektes weiß er nichts.

1 Telepolis: Bevölkerungsscanner liebäugelt mit Supercomputer


2 http://www.indect-project.eu/events/global/insigma-project
3 siehe dazu: Video from the 27th Chaos Communication Congress (27C3): INDECT - an EU-Surveillance Project

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Sein Kollege Mikołaj Leszczuk, der ebenfalls in Polen an INDECT forscht, war in einem Radiointerview 1
diesbezüglich nicht so zurückhaltend. Er meinte ganz klar, dass man ihre Forschungsarbeiten an INDECT,
sobald diese funktionstüchtig sind, auch kommerzialisieren würde und dass sie mit möglichen Interessenten
auf jeden Fall kooperieren würden. Auf mögliche Gefahren von Missbrauch dieser Technologien
angesprochen meinte er nur, dass man ja die Gesichter auf Videoaufzeichnungen verpixeln könne und so
dann niemand missbräuchlich seine eigene Frau mit INDECT verfolgen kann.
Das was für die meisten der technischen Wissenschaftler von INDECT nur eine harmloses Forschungs-
projekt ist, könnte jedoch irgendwann zu einer sehr gefährlichen Waffe werden. Natürlich basteln sie nicht an
konventionellen Waffen wie Bomben oder Schußwaffen - diese werden von den westlichen Staaten in der
Regel ja auch vorwiegend zur Verteidigung der äußeren Sicherheit verwendet. Technologien wie INDECT
aber werden, wenn sie einmal funktionsbereit sind, vor allem zur Verteidigung der inneren Sicherheit
Verwendung finden. Sind diese Technologien erst einmal implementiert, eröffnen sich völlig neue
Möglichkeiten zur flächendeckenden Überwachung. Spielfilme wie „Der Staatsfeind Nr.1“ oder „Minority
Report“ oder Orwell's Buch 1984 werden dann vielleicht etwas von ihrem Beigeschmack von Science
Fiction verlieren und nette Worte wie „Unschuldsvermutung“ könnten dann sehr bald aus unserem Vokabular
verschwinden und durch Worte wie „Generalverdacht“ oder „Pre-crime Prävention“ ersetzt werden.
Wenn diese Technologien, die aus Projekten wie INDECT resultieren, erst einmal funktionsbereit sind, ist es
nur noch eine Frage der Zeit bis man damit beginnen wird, diese auch an allen möglichen Orten zu
implementiert. Zuerst in öffentlichen Ballungszentren wie U-Bahnen, Bahnhöfe, Flughäfen usw. und dann,
wenn sie sich dort als effektiv erweisen, wird die Implementierung in urbaner Umgebung immer weiter
ausgeweitet werden. Der Ablauf wird derselbe sein wie bei den CCTV Überwachungskameras, welche sich
in den letzten Jahren immer weiter in den Städten der EU verbreitet haben, sodass sie mittlerweile schon zum
Stadtbild einer modernen Stadt gehören.
Da zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch völlig unklar ist, wer schlussendlich die Endkunden für Technologien
wie INDECT sein werden, ergeben sich eine Vielzahl potenzieller Risiken die hinter solchen Technologien
stecken. Zumal das gesamte Projekt schon rein konzeptionell mit dem europäischem und deutschem
Datenschutz- und Verfassungsrecht im Widerspruch steht. Selbst wenn INDECT und ähnliche Technologien
nur von Polizei und Militär eingesetzt werden, ist die Gefahr von Missbrauch vermutlich wesentlich höher
als der angebliche Nutzen im Sinne von verbesserter Sicherheit für die Bürger. Doch die Wahrscheinlichkeit
ist groß, dass diese Technologien irgendwann auch an verschiedenste andere Stellen verkauft werden -
angefangen von Geheimdiensten über private Sicherheitsdienste bis hin zu paramilitärischen Organisationen.
Die potenziellen Risiken wären dann noch bei weitem höher. Gewiss ist nur, das der Steuerzahler
Forschungsarbeiten an Technologien zu seiner eigenen Überwachung finanziert und irgendwann
irgendwelche Konzerne sehr viel Profit damit machen werden. Und wir werden dafür dann flächendeckend
überwacht. Ob die Bevölkerung aus diesen Sicherheitsmaßnahmen gleich viel Nutzen ziehen wird wie die
Sicherheitsindustrie ist jedoch eine andere Frage.
Über den Nutzen und die Sinnhaftigkeit solcher Sicherheitsforschungsprogramme kann man viel diskutieren.
Es gibt da etwa ethische Bedenken: Will wirklich jeder ständig und überall überwacht werden, nur um
dadurch vielleicht, vielleicht auch nicht, etwas sicherer zu sein? Es gibt soziale Bedenken: Wie wird sich das
gesellschaftliche Leben verändern, wenn wir alle wissen, das wir ständig von intelligenten
Computersystemen überwacht werden, welche uns permanent nach abnormem oder auffälligem Verhalten
abscannen. Oder auch politische Bedenken: Was wird aus mehr oder weniger demokratischen Ländern, wenn
das Volk von einigen Wenigen permanent überwacht werden kann und keiner diese Überwacher überwacht.
Aber auch die USA arbeiten an ganz ähnlichen Projekten wie INDECT. Allein die Defense Advanced
Research Projects Agency (DARPA) hat mehrere Forschungsprogramme auf diesem Gebiet. CTS oder
Combat Zones That See2 beispielsweise ist ein Projekt mit dem Ziel, in bestimmten abgegrenzten Gebieten
wie Frontlinien oder auch Städte, nach eigenen Angaben, „alles was sich bewegt zu verfolgen.“ Dies wollen
sie mit Hilfe eines massiven Überwachungskamera-Netzwerkes erreichen welches mit einem Computer-
system mit künstlicher Intelligenz verbunden ist und jede Bewegung identifizieren und verfolgen kann. Auch
das Video Image Retrieval and Analysis Tool (VIRAT) Programm3, das vom Information Processing
1 Interview with Mikołaj Leszczuk on Radiofonia
2 Tether, Tony: "Statement by Dr. Tony Tether (DARPA) to the Senate Armed Services committee" (March 9, 2005)
3 ars technica: DARPA building search engine for video surveillance footage

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Technology Office (IPTO) der DARPA mit $20 Millionen finanziert wird, zielt auf ähnliche Technologien
wie jenen von INDECT ab. Ziel des Programmes ist, eine Database zu entwickeln die große Mengen an
Videomaterial speichert und die man mit Hilfe von intelligenten Software-Agenten schnell nach
gewünschten Videoinhalten durchsuchen kann. Mind's Eye1 ist noch ein weiteres Projekt der DARPA zur
intelligenten Video-Analyse mittels künstlicher Intelligenz.
Sicherheit und Sicherheitsforschung ist also nicht nur in der EU ein großes Thema, sondern auch in den USA
beispielsweise. Und das nicht erst seit 9/11. Doch seit 2001 ist ein regelrechter Sicherheitswahn in der
westlichen Welt ausgebrochen. Nachdem der Kalte Krieg vorbei war und der kommunistische bzw.
sozialistische Feind verschwand – der, wie uns gesagt wurde, unser aller Leben bedrohte – haben wir nun
eine neue Bedrohung, einen neuen Feind: den islamistischen internationalen Terrorismus. Und uns wird
gesagt, wir wären in großer Gefahr, alle jederzeit von einem Selbstmordattentäter oder durch eine
schmutzige Atombombe in die Luft gesprengt zu werden. Jeder Nachbar, selbst der blonde, blauäugige der
gerne Volksmusik hört könnte ein Schläfer sein der in irgendeinem Al-Qaida-Terrorcamp in Pakistan zum
Terroristen ausgebildet wurde und nun in seinem Keller sitzt und an einem noch viel größeres Massaker als
9/11 tüftelt. Wir sind alle in akuter Gefahr von uneinschätzbaren irren Fanatikern in die Luft gesprengt zu
werden. Darum brauchen wir mehr Sicherheit und all diese Sicherheitsprogramme, und darum müssen
immer noch verschärftere Sicherheitsmaßnahmen her.
Denn nur aufgrund der paar wenigen Menschen in unserer Gesellschaft die komplett aus dem Ruder laufen -
wie Mörder, Vergewaltiger oder Kinderschänder - ist es schwierig, der Bevölkerung klarzumachen, dass
jeder einzelne permanent und überall zu seiner eigenen Sicherheit überwacht werden muss, und dass dafür
Technologien wie INDECT entwickelt werden müssen. In Deutschland gibt es beispielsweise ca. 1000
Morde pro Jahr, und deswegen sollen 80 Millionen Menschen immer und überall überwacht werden? Das ist
nicht sonderlich überzeugend. Man braucht also einen besseren, einen eindrucksvolleren Grund, um die
Bevölkerung davon zu überzeugen, dass sie – zu ihrer eigenen Sicherheit – immer besser überwacht werden
muss. Und was für ein Grund wäre da geeigneter als internationaler islamistischer Terrorismus mit Schläfern
in jeder Ecke die nur darauf warten, unschuldige Zivilisten wegzusprengen. Damit macht man
Sicherheitsprogramme für die Bevölkerung schmackhaft. Mit zum Teil völlig bizarren Horrorgeschichten
bringt der Staat die Menschen dazu, aus Angst ganz von selbst nach mehr und mehr Überwachung zu rufen.
Nun einmal angenommen, all diese doch recht dubiosen islamistischen Terrororganisationen existieren
wirklich. Dann sollte man vielleicht erst einmal ergründen, weshalb diesen Terroristen so viel daran liegt,
Krieg gegen die westliche Welt zu führen und hier Gebäude und Menschen in die Luft zu sprengen. Liegt das
einfach nur daran, wie George W. Bush so schön sagte, dass sie böse sind und unsere Freiheiten hassen? Viel
wahrscheinlicher als das sie uns – dich und mich – hassen, ist, dass sie unsere Regierungen der EU und der
USA hassen. Und dafür haben bestimmt auch einige von ihnen recht gute Gründe. Dazu muss man nur einen
Blick auf Afghanistan werfen. Diesem Land haben unsere Regierungen mit ihren Militärs und privaten
Sicherheitsagenturen wie Blackwater bzw. Xe Services im letzten Jahrzehnt so viel Freiheit und Frieden
gebracht, dass die US- und EU-Truppen dort ständig verstärkt werden müssen. Denn tatsächlich herrscht dort
seit zehn Jahren Krieg und das ganze Land ist in Chaos und Anomie zerfallen. Und nebenbei kontaminiert
die USA ganze Landstriche in für Jahrzehnte mit ihrer Uranmunition mit der sie Menschen, Böden,
Gewässer und die Luft verseuchen.
Aber vielleicht hassen diese islamistischen Terrorgruppen unsere Regierungen auch deshalb, weil diese
Menschen des öfteren miterlebt haben, wie unsere Regierungen die Regierungen in islamischen und anderen
Ländern immer gleich zu Sturz brachten, sobald diese es wagten, irgendetwas gegen die US- oder EU-
Interessen zu tun. Wie etwa 1953 im Iran der demokratisch gewählte Premierminister Mossadegh von CIA
und MI6 zu Fall gebracht wurde weil er es sich erlaubte, die iranische Ölindustrie zu verstaatlichen. Damit
waren die westlichen Regierungen nicht sonderlich glücklich und installierten dafür nach ihrem Coup d'etat
eine Diktatur unter Pahlavi welche über 25 Jahre andauerte. Oder vielleicht mögen sie unsere Regierungen
nicht, weil diese in ihren Wahnvorstellungen, Weltpolizei spielen zu müssen, sich andauernd in
Angelegenheiten anderer Länder einmischen und die Welt als ihre Spielwiese ansehen. So wie beispielsweise
die deutsche Regierung davon überzeugt ist, dass ihre Sicherheit mit Truppen am Hindukusch verteidigt
werden müsse.

1 NY Times: Computers That See You and Keep Watch Over You (January 1, 2011)

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Denkt man kurz etwas ernsthaft über die Frage nach, weshalb Muslime auf die Idee kommen sollten,
Terrororganisationen zu gründen und Anschläge in der westlichen Welt zu verüben, so kommt man auch
noch auf einige andere Ursachen und Gründe. Die aller meisten dieser Gründe beziehen sich allerdings mehr
auf die Abneigung dieser Menschen gegenüber verschiedener westlicher Regierungen und deren
„Engagement“ in muslimischen Ländern, und nicht so sehr darauf, dass diese Terroristen einfach die
Menschen in der westlichen Welt und deren Freiheit hassen. Unsere Regierungen würden dies jedoch
niemals öffentlich eingestehen. Denn daraus entsteht bezogen auf die Diskussionen über unsere Sicherheit
ein kleines Dilemma: Dann nämlich entwickelt der Staat Überwachungsprojekte wie INDECT zu unserer
eigenen Sicherheit, nur um uns damit vor den Bedrohungen beschützen zu können, welche er selber
produziert (und provoziert). In diesem Fall wäre es vielleicht sinnvoller, all das Geld welches in
Sicherheitsprojekte wie INDECT investiert wird, stattdessen für Forschungsprojekte auszugeben welche
dabei helfen könnten, das alle Menschen und Nationen dieser Welt etwas friedlicher und sicherer
miteinander leben können.
All das setzt natürlich voraus, dass die ganze Geschichte mit der Bedrohung durch islamistische Terror-
organisationen überhaupt der Realität entspricht. Es existieren genügend Indizien die berechtigte Zweifel
diesbezüglich aufkommen lassen könnten. Jedenfalls gibt es mittlerweile genügend gut fundierte
Forschungsarbeiten über alle möglichen Fälle aus unserer nähren Vergangenheit, aus denen deutlich
hervorgeht, dass nicht nur die bösen Schurkenstaaten und ihre Diktatoren, sondern auch unsere eigenen
europäischen Staaten, und auch die NATO mit ihren Stay-Behind Organisationen1 mehr als nur gelegentlich
in terroristische Aktivitäten verwickelt waren und dies wohl auch immer noch sind. In diesem
Zusammenhang ist es z.B. auch recht aufschlussreich, einmal die US-Army Definition von „Low Intensity
Warefare“, einer Taktik welche die USA ja ganz offiziell verfolgen, mit ihrer Definition von „Terrorismus“
im US-Code zu vergleichen. Dabei wird man feststellen, dass fast kein Unterschied zwischen beiden
existiert. Dies sei jedoch nur am Rande bemerkt. In Anbetracht dieser Fakten müsste man dann allerdings
noch ganz andere Fragen zur Sinnhaftigkeit und zum Nutzen von Sicherheits- und Überwachungs-
programmen stellen, welche den Rahmen dieses Artikels allerdings sprengen würden.

[Für alle hier nicht angegebenen Quellen bezogen auf Projekt INDECT, siehe Projekt INDECT Research Paper, Januar 2011]

Domingo Conte, 20. Januar 2010

1 Zu diesem Thema siehe z.B.: Daniele Ganser - NATOS Secret Armies - Operation Gladio and Terrorism in Western Europe (2005)