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Hans Füchtner
Summary: Max Eitingon and »wild« analyst Georg Groddeck. He had already been a member
of the German Psychoanalytic Society for 10 years when in 1930 Groddeck presented his Adelheid Lucy Koch, geb. Schwalbe (1896–1980): Lebensabriss
first and only paper there, introduced by Eitingon. This episode highlights the changing und Emigrationsgeschichte
relationship between Groddeck, who was an outsider in organized psychoanalysis, and
his German colleagues.

Anschrift d. Verf.: Michael Giefer, Louisenstr. 11, D-61348 Bad Homburg. Adelheid Koch ist eine der vielen Psychoanalytikerinnen und Psychoana-
Email: m.Giefer@web.de. lytiker, die vor den Nazis aus Deutschland fliehen mussten. Und wie so
viele von ihnen war sie im Exil beruflich sehr erfolgreich. Sie hat in Bra-
silien Außerordentliches geleistet. Davon ist in Deutschland wenig be-
kannt.
Adelheid Lucy Schwalbe, wie ihr Mädchenname lautet, wurde am 16.
November 1896 in Berlin geboren; hier wuchs sie auch auf. Sie studier-
te wie ihr Vater, der jüdische Arzt und Journalist Julius Schwalbe, Medi-
zin.1 1924 beendete sie ihr Studium mit einer Dissertation Über die Säug-
lingssterblichkeit der Unehelichen in Berlin im Jahre 1922/23 (Koch-Schwalbe
1927). Ein Jahr zuvor hatte sie den Rechtsanwalt Ernst Koch geheiratet.
Aus der Ehe gingen zwei Töchter hervor, Esther (geb. 1924) und Eleonore
(geb. 1926). Ernst Koch, der ursprünglich Cohn hieß, stammte aus geho-
benen Kreisen; er war ein Enkel des Verlegers Leopold Ullstein.2
1929 begann Adelheid Koch ihre Ausbildung im Berliner Psychoana-
lytischen Institut. Über die Details berichtet sie in einem Brief vom 31.
Dezember 1935 an Max Eitingon,3 dem sie sich seinerzeit – es sei »schon
über 5 Jahre her« – als Kandidatin vorgestellt hatte:

Ich habe bei Dr. Fenichel eine Lehranalyse gemacht, die 3 ½ Jahre dauerte, und seit 1930
alle Kurse und Seminare des Institutes besucht, die zur Ausbildung nötig sind. Seit 1933
habe ich Analysen gemacht, die ich bei Frau Dr. [Therese] Benedek und zuletzt auch
bei Frau Dr. [Salomea] Kempner kontrollieren liess. Im November [1935] hielt ich einen

1 Prof. Dr. Julius Schwalbe (1863–1930) war als Schriftleiter der Deutschen Medizinischen
Wochenschrift bekannt. Siehe dazu die ansonsten nicht immer zuverlässigen Angaben
zu Adelheid Koch in http://www.psychoanalytikerinnen.de/deutschland_biogra-
phien.html.
2 Leopold Ullstein hatte mit seiner ersten Frau, Matilda Berend, fünf Kinder. Ihre Toch-
ter Else (1862–1924) heiratete Isidor Cohn (1855–1924). Aus dieser Ehe gingen vier
Kinder hervor, darunter die Söhne Ernst (1892–1984) und Fritz (1886–1966). Als der
Letztere zum Christentum übertrat und sich Koch nannte, folgte Ernst seinem Bei-
spiel – nicht aus religiösen Gründen, sondern weil er der Meinung war, Brüder soll-
ten denselben Familiennamen haben (Interview mit Eleonore Koch am 14. 2. 2003 in
São Paulo). Zum »Familienroman« der Ullsteins allgemein siehe Nadolny (2003),
dem allerdings entgangen ist, wen Ernst Koch geheiratet hat.
3 Diesen und die anderen im Folgenden zitierten bzw. dokumentierten Briefe von
Adelheid Koch an Eitingon (= Eit.) hat mir Michael Schröter freundlicherweise zur
Verfügung gestellt. Sie befinden sich im Eitingon-Nachlass (Konvolut 3239/3)
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Vortrag in der Berliner Vereinigung und wurde von der Gesellschaft zum Mitglied der weiliges Interesse an einer Übersiedlung in die USA: er hatte erfahren, die
»I.P.V.« gewählt
Chancen für ihn seien dort schlechter als in Südamerika (ebd.) – was sich
in Brasilien allerdings nicht bestätigte.
Der Titel ihres Aufnahmevortrags in der Deutschen Psychoanalytischen Für seine Frau eröffnete sich die Möglichkeit, in Brasilien zu arbeiten,
Gesellschaft war »Widerstandsanalyse in einer narzißtischen Neurose« als sie 1936 auf dem 14. Internationalen Psychoanalytischen Kongress in
(Internat. Zschr. Psychoanal. 1936, S. 117). Bemerkenswert ist, dass Adel- Marienbad Ernes Jones, den Präsidenten der IPV, traf. Dieser wusste, dass
heid Koch daraufhin nicht in die DPG aufgenommen, sondern unmittel- psychoanalyse-interessierte Ärzte in São Paulo schon zwei vergebliche
bar zum Mitglied der IPV gewählt wurde. Dies hing offenbar damit zu- Versuche gemacht hatten, für den Aufbau einer lokalen IPV-Gesellschaft
sammen, dass die deutsche Gruppe gerade in jenen Tagen ihre jüdischen einen Lehranalytiker zu verpflichten (Sagawa 1994). Adelheid Koch war
Mitglieder zum Austritt drängte (vgl. etwa Lockot 1994, S. 39–44). Tat- zwar keine Lehranalytikerin und nicht einmal eine erfahrene Analytike-
sächlich wurde Koch von der IPV ab 1936 als direktes Mitglied geführt.4 rin, aber da Fenichel in Marienbad anwesend war, hatte Jones die Mög-
Adelheid und Ernst Koch hatten, noch wenige Monate bevor sie aus lichkeit, sich bei jemandem, der Koch besonders gut kannte, über ihre be-
Deutschland flohen, keine Vorstellung, wohin sie gehen könnten. Es soll- ruflichen und menschlichen Qualitäten zu informieren. So wird er ihre
te ein Land sein, das beiden die Möglichkeit gab, ihren Beruf auszuüben. Übersiedlung nach São Paulo ermutigt haben.6
England war Ernst Koch nicht weit weg genug. Als realistische Option Wenig mehr als zwei Monate nach dem Marienbader Kongress lösten
erschien ihnen Palästina. Eitingon, der dort 1933 eine psychoanalytische die Kochs ihren Haushalt in Berlin auf und reisten über London und Sou-
Gesellschaft gegründet hatte, machte Adelheid Koch Hoffnung, dass sie thampton nach Brasilien. Am 15. November 1936, einen Tag vor ihrem
sehr rasch analytisch würde arbeiten können (Koch an Eit., 24. 1. 1935). 40. Geburtstag, kam Adelheid Koch mit Familie im Hafen von Santos an
Beide Eheleute reisten nach Palästina, um die Verhältnisse im Land zu er- (Luz 1976). Zunächst galt es, eine Wohnung zu finden, sich mit den unge-
kunden. Da sie ihre kleinen Töchter nicht allein lassen wollten, reisten sie wohnten Verhältnissen vertraut zu machen und Portugiesisch zu lernen.
getrennt: zuerst Ernst Koch im Spätherbst 1935 (Koch an Eit., 23. 12. 1935), In diesen ersten Wochen wusste Koch noch nichts über ihre Arbeitsmög-
dann Adelheid Koch im Mai 1936.5 Dank Eitingons Hilfe bekam sie die lichkeiten. Es war ihr bekannt, dass sie nicht als Ärztin arbeiten konnte:
begehrte Arbeitserlaubnis als Ärztin für Palästina (Koch an Eit., 27. 5. und dazu hätte sie nach brasilianischem Gesetz noch einmal die gesamte me-
16. 6. 1936). Die Entscheidung schien damit gefallen zu sein. Die jüngere dizinische Ausbildung im Land absolvieren müssen (unten, S. xxx). Da
Tochter Eleonore erinnert sich, es sei bereits eine Schreibmaschine mit he- Jones sich in Marienbad an keinen Namen der brasilianischen Ärzte erin-
bräischen Buchstaben beschafft worden (Interview El. Koch). nern konnte, die in Verbindung mit ihm standen, ergab sich die erstaun-
Was letztlich den Ausschlag gegeben hat, dass die Kochs ihre Meinung liche Tatsache, dass sich Adelheid Koch schon in São Paulo befand und
noch änderten, ist nicht ganz klar. Eine gewisse Rolle spielte vermutlich noch keine Ahnung hatte, wer denn nun an der Psychoanalyse interes-
die politische Entwicklung in Palästina. Die dort nach der Machtergrei- siert war (ebd.).
fung der Nazis in Deutschland stark zunehmende Zahl jüdischer Einwan- Zumindest der Name des Arztes Durval Marcondes (1899–1981) hätte
derer war ein wesentlicher Auslöser des arabischen Aufstands, der 1936 Jones einfallen müssen. Marcondes, drei Jahre jünger als Koch, war be-
ausbrach und bis 1939 andauerte. Die von Adelheid Koch in ihren Briefen reits 1919 als junger Medizinstudent auf Freuds Schriften gestoßen. Nach
an Eitingon mehrfach erwähnten Unruhen ließen ihr fraglich erscheinen, dem Abschluss seiner medizinischen Ausbildung im Jahre 1924 versuch-
ob eine Auswanderung nach Palästina wirklich ratsam war. Der entschei- te er als Psychoanalytiker zu praktizieren (Sagawa 2002). 1927 gründe-
dende Punkt aber war die Frage der Arbeitsmöglichkeiten für Ernst Koch te er die Sociedade Brasileira de Psicanálise, die erste psychoanalytische
(Koch an Eit., 20. 12. 1936; unten, S. xxx). Deshalb erlosch auch dessen zeit- Institution in Lateinamerika. Zuvor schon hatte er direkten Kontakt zu

4 Mitteilung der IPV an den Autor vom 16. 7. 2003. 6 Therese Benedek beschreibt Adelheid Koch in einem Empfehlungsbrief an Eitingon
5 Am 27. 5. 1936 richtete sie einen Brief an Eitingon mit Absender »Hotel-Pension Beth vom 27. 9. 1935 als »menschlich zuverlässige und wissenschaftlich entwicklungsfähi-
Shalom, Haifa«. ge« mögliche Mitarbeiterin (Eitingon-Nachlass, Konvolut 3239/1).
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Freud aufgenommen. Durch dessen Vermittlung wurde seine psychoana- Veranstaltung privater literarischer Kurse zu kompensieren. Die Töchter
lytische Gesellschaft zwei Jahre später von der IPV anerkannt (Sagawa wurden dazu angehalten, zuhause korrektes Deutsch zu sprechen. Die
1994). 1928 schickte er Freud auch das von ihm herausgegebene erste und Analysen fanden aber unvermeidlich in einer Sprache statt, die Adelheid
bis gegen Ende der 60er Jahre einzige Exemplar der Revista Brasileira de Koch vor kurzem noch fremd gewesen war. Bezeichnenderweise ließ sie
Psicanálise. Als Eitingon Marcondes 1930 die Festschrift zum zehnjährigen sich von einem ihrer Analysanden eine Liste mit den geläufigsten brasili-
Bestehen des Berliner Psychoanalytischen Instituts zusandte, wurde die- anischen Schimpfwörtern zusammenstellen (Interview El. Koch).
sem klar, dass ohne Lehranalytiker die Psychoanalyse in São Paulo keine Für ihren Mann war die Situation noch schwieriger, da er in Berlin ein
Zukunft haben würde. Mehrfach bemühte er sich vergeblich, ausländi- renommierter Rechtsanwalt gewesen war und nun kaum eine Möglich-
sche Lehranalytiker ins Land zu holen. Als nun Adelheid Koch gekom- keit hatte, sich in seinem Beruf zu betätigen. Falls Ernst Koch tatsächlich
men und schließlich der Kontakt zu ihr hergestellt war, unterstützte er sie den Ausschlag bei der Entscheidung für Brasilien gegeben hatte (siehe
nach Kräften und half ihr in vielfältiger Weise beim Aufbau der psycho- unten, S. xxx, Anm. x), sah er sich getäuscht. Für ihn erwies sich Brasi-
analytischen Gesellschaft in São Paulo. Er suchte die ersten Analysanden, lien als berufliche Sackgasse. Überdies musste er sich daran gewöhnen,
darunter auch nicht-ärztliche Interessentinnen, für sie aus; in seinen Pra- im Schatten seiner zunehmend erfolgreichen und immer bekannter wer-
xisräumen konnte sie analytisch arbeiten und die Treffen der entstehen- denden Frau zu stehen. Als Rechtsanwalt hatte er keine Chance, wieder
den psychoanalytischen Gruppe abhalten. Zu alledem war Marcondes, eine Kanzlei zu leiten. Die meiste Zeit war er als Mitarbeiter in Anwalts-
der bereits ein bekannter Psychiater war, bescheiden genug, sich selbst büros brasilianischer Kollegen beschäftigt; er war aber nie zeichnungsbe-
einer Lehranalyse bei Koch zu unterziehen.7 rechtigt. Erst einige Zeit nach dem Krieg konnte er im Zusammenhang
Mit den ersten Lehranalysen ab Juli 1937 und dem allmählichen Auf- mit Wiedergutmachungsverfahren hin und wieder selbständig als Anwalt
bau der psychoanalytischen Gesellschaft begann für Adelheid Koch eine arbeiten. Diese Enttäuschungen waren sicher ein Grund, warum er sich
sehr erfolgreiche Karriere.8 Sie wurde zur unbestrittenen und bald auch mehr und mehr in der jüdischen Gemeinde von São Paulo engagierte, ob-
prominenten Führerin der Psychoanalyse in São Paulo. Lange Jahre, d. h. wohl er ursprünglich ein weitgehend assimilierter Jude war.9
bis zur Ankunft von Theon Spanudis im Juli 1950 (Füchtner 2006), war Mit der tatkräftigen Unterstützung von Marcondes gelang es Adel-
sie der einzige Lehranalytiker am Ort. Auch ihr blieben einige Probleme heid Koch bis 1944, die Sociedade Brasileira de Psicanálise de São Paulo
nicht erspart, die sich daraus ergaben, dass sie notgedrungen zugleich (SBPSP) aufzubauen. Soweit sie dabei auf Ablehnung und Feindseligkeit
Lehranalytikerin, Supervisorin, Dozentin und Institutsleiterin, d. h. auch gegenüber der Psychoanalyse stieß, waren diese in Brasilien in den 30er
Organisatorin der Verwaltung und Vorgesetzte, war. Ihre Aufgabe war Jahren doch geringer als Anfang der 50er Jahre. Die offizielle Anerken-
umso schwerer, als sie sich als Frau in einer noch stark männerdominier- nung als IPV-Gesellschaft erfolgte 1951 auf dem 17. Internationalen Psy-
ten Gesellschaft behaupten musste. Sie setzte sich mit Mut und Zuver- choanalytischen Kongress in Amsterdam. Koch hat die organisatorischen
sicht durch. Eine ihrer ersten Analysandinnen erzählte, dass sie ihr beim Vorschriften der IPV nie in Frage gestellt. In der SBPSP waren immer auch
Erstinterview als sehr schöne, zierliche Frau mit blauen Augen und einem Nicht-Mediziner zugelassen. In ihrer theoretischen Orientierung war
Strohhut begegnete (Bicudo 1977). Koch, wie damals in Südamerika verbreitet, besonders von Melanie Klein
Die Gewöhnung an die Sitten und Gebräuche in Brasilien fiel Adel- beeinflusst. Im Jahre 1948 fuhr auch sie, wie so viele ihrer Kollegen vor
heid Koch oft schwer (Koch 1976). Wie auch ihr literarisch hochgebildeter und nach ihr, nach London, das zu Lebzeiten von Melanie Klein und Wil-
Mann empfand sie besonders die Tatsache, nicht mehr in der deutschen fred Bion das Mekka der südamerikanischen Analytiker war. Sie nahm an
Kultur zu leben, als schmerzhaft. Sie versuchten diesen Verlust durch die Kleins Seminaren teil und ließ sich von ihr supervidieren.
Obwohl Adelheid Koch temperamentvoll gewesen sein soll, war sie
7 Marcondes war sich darüber im Klaren, dass die Konstellation seiner psychoanalyti- umgänglich. In São Paulo kam es, anders als in Rio de Janeiro, wo es in-
schen Ausbildung etwas ungewöhnlich war. Er wollte deswegen nicht Lehranalyti-
zwischen vier rivalisierende Gruppen gibt, die alle von der IPV anerkannt
ker werden (Sagawa 2002)
8 Drei Schlaglichter auf ihre Arbeit in São Paulo, von 1937 und 1939, finden sich bei Fe-
nichel (1998, S. 628, 1161, 1237 f.). Vgl. insgesamt Ferreira et al. (o. J.). 9 Interview mit Ester Lenhardt, geborene Koch, am 13. 2. 2003 in São Paulo.
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sind (Füchtner 2002), bis heute zu keiner Abspaltung einer weiteren IPV- besonders schön und reizvoll ist, und dass hier eine Anzahl sehr sympathischer Fa-
milien hergekommen sind, so dass wir uns gewiss nicht einsam fühlen werden. Wir
Gesellschaft. Soweit sie mit den Folgen der psychoanalytischen Gruppen-
haben die ersten Wochen benützt, um uns über eine Schule für unsere Töchter zu
konflikte in Rio zu tun bekam, wirkte sie vermittelnd. Adelaide Koch, wie
orientieren, haben Wohnung gesucht u. gefunden, was nicht ganz einfach war, hof-
sie in Brasilien genannt wurde, hat noch bis in die 60er Jahre als Analyti- fen jetzt, dass unser Lift bald durch den Zoll geht, was hier allgemein wochenlang
kerin gearbeitet. 1971 wurde sie zur Ehrenpräsidentin der SBPSP ernannt dauert und meist mit Schwierigkeiten verbunden ist, und lernen intensiv brasilia-
(Sagawa 1989). In ihren letzten Lebensjahren war sie gesundheitlich stark nisch, da die Kenntnis der Landessprache eine Vorbedingung für jede berufliche
angeschlagen. Sie starb am 29. Juli 1980. Tätigkeit ist. Über meine Aussichten als Analytikerin weiss ich noch nicht viel. Als
Adelheid Koch hat wenig publiziert. Ihre Artikel und Vorträge sind Ärztin kann ich nicht arbeiten; dazu müsste ich das ganze Studium, nicht nur die
Examina wiederholen. Aber ich kann vielleicht lehranalytisch oder heilpädagogisch
fast alle sehr kurz und meist an ein psychoanalyseunkundiges Publikum
arbeiten, je nach dem wie ich es nennen will. Nur muss ich dazu mehr Fühlung mit
gerichtet. Sie stellen vorwiegend psychoanalytisches Basiswissen dar (sie- Ärzten bekommen, mit denen ich zusammen arbeiten kann, und dazu hatte ich
he unten, S. xxx). Soweit psychoanalytische Theorie erwähnt wird, zitiert noch keine Zeit, weil wir erst einmal in einer eignen Wohnung zur Ruhe und Ord-
sie vorwiegend Freud und Melanie Klein. nung kommen müssen. Es soll hier brasilianische, analyt. arbeitende Ärzte geben,
aber kein Mitglied der Vereinigung. Herr Dr. Jones sagte mir in Marienbad, dass
einige Ärzte von hier, deren Namen er damals nicht auswendig wusste, die »Inter-
Anhang: Ein Emigrationsbrief von Adelheid Koch an Max Eitingon nat. Zeitschrift« im Austausch durch ihn bezögen. Ich will Herrn Dr. Jones bitten,
mir die Namen zu schreiben. Vielleicht ist es mir dann möglich, mit diesen Ärzten
zusammen zu arbeiten.
São Paulo, den 20. 12. 36
Es tut mir – trotzdem wir uns hier ganz wohlfühlen – immer noch sehr leid,
Caixa postal 2226
dass wir nicht nach Erez [Israel] gehen konnten. Und mein Interesse für Palästina
Sehr geehrter Herr Doktor Eitingon,
ist trotz unserer Umentschliessung nicht geringer geworden. Ich verfolge alle Ge-
ich hätte Ihnen schon längst Nachricht von mir geben sollen. Aber nach meiner
schehnisse dort durch Lektüre der Jüdischen Rundschau. –
Rückkehr aus Marienbad waren es nur 2 Monate bis zur Auflösung unseres Haus-
Hoffentlich sind Sie mit Ihrer Gattin gut erholt wieder zurückgekehrt und kön-
haltes, und ich habe fast bis zu unserm Auszug aus der Wohnung analytisch gear-
nen nun in Ruhe und Frieden wieder dort leben und arbeiten. Ich denke oft mit
beitet, sodass mir kaum Zeit und Ruhe zum Schreiben blieb. Sie wissen es aus eig-
grosser Dankbarkeit – und ein klein wenig Sehnsucht dabei! – an die schönen Stun-
ner Erfahrung, was eine Auswanderung an Zeit, Arbeit und seelischer Kraft kostet,
den in Ihrem Hause und an die Hilfe und Freundlichkeit, die Sie mir in Marienbad
besonders wenn man – so wie wir – viel nahe Verwandte und Freunde in der Hei-
erwiesen haben, und hoffe, dass Sie mir auch ein wenig Interesse hier in Brasilien
mat zurücklassen muss.
bewahren!
Wir sind Ende Oktober aus Berlin abgefahren, haben ein paar Tage in London
Bitte empfehlen Sie mich besonders Ihrer verehrten Gattin und sagen Sie beiden
Station gemacht, um uns von unsern dortigen Geschwistern und Freunden zu ver-
Schwestern Brandt,11 denen ich auch bald schreiben werde, und Herrn Dr. Gumbel12
abschieden, und sind am 31. Oktober von Southampton hierher gefahren, nach San
beste Grüsse.
[!] Paulo.
In aufrichtiger Dankbarkeit
Dass wir nun doch Brasilien und nicht Nordamerika gewählt haben, wird Sie
Ihre ganz ergebene
vielleicht erstaunen. Aber schon in Marienbad sagte mir Dr. Weigert,10 der die Ver-
Adelheid Koch
hältnisse in U.S.A. gut kennt, dass die Aussichten für meinen Mann dort sehr viel
P.S. Einen Durchschlag meines heutigen Briefes an das Health Department13 füge
geringer seien als in Südamerika, was uns in Berlin dann mehrfach bestätigt wurde.
Und Sie werden gewiss verstehen, dass wir das Schwergewicht bei unserer Wahl
auf die Erwerbsmöglichkeiten meines Mannes legen wollten. Wir hatten ja auch Pa- 11 Margarete Miriam Brandt (1882–1977), Ärztin, Berliner Lehranalysandin von Eitin-
lästina aus diesem Grunde aufgegeben. gon, 1934 Emigration nach Palästina, wo sie Analytikerin wurde. Sie war unverhei-
Bisher bereuen wir unsere Wahl auch nicht. Denn in den 4 Wochen unseres hie- ratet und lebte mit ihrer Schwester, Elfriede Hana Brandt (1900–1970), zusammen.
sigen Aufenthaltes haben wir gesehen, dass Sao Paulo – selbst jetzt im »Sommer« Siehe Müller u. Hermanns (i. V.); Kloocke (2002, S. 212 f.).
– ein durchaus angenehmes und erträgliches Klima hat, dass es landschaftlich ganz 12 Erich Gumbel (1908–1994), der erste Lehranalysand Eitingons in Palästina (Kloocke

2002, S. 216).
13 Dieses Schreiben ist im Eitingon-Nachlass ebenfalls enthalten. Darin teilt A. Koch der

10 Oskar Weigert (1886–1968), der Mann von Kochs ehemaliger Berliner Kollegin Edith Jerusalemer Behörde mit, dass sie von der ihr erteilten ärztlichen Lizenz keinen Ge-
Weigert-Vowinckel, war selbst ein hochrangiger Jurist (Holmes 2007, S. 20 f.). brauch machen werde. Sie begründete ihren Entschluss mit dem Satz: »In the mean-
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ich bei. 3: 7–12.


Lockot, R. (1994): Die Reinigung der Psychoanalyse. Die Deutsche Psychoanalytische Ge-
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Bicudo, V. L. (1977): Adivinhe quem vem jantar? Uma conversa com a Profa. Virginia Le-
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one Bicudo [Rate wer zum Abendessen kommt? Ein Gespräch mit Professorin Virgi-
Müller, Th. u. Hermanns, L. M. (i. V.): »[…] Manchmal machen die zweitausend Jahre gar
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nichts aus, die man nicht zuhause war […]«. Margarete Miriam Brandts (1882–1977)
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time my husband, who was at first willing to follow me to Palestine, decided to go to


Brasil.«