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Integrative Modelle in Psychotherapie,

Supervision und Beratung

Gunhild Häusle-Paulmichl

Der tätowierte
Leib
Einschreibungen in menschliche
Körper zwischen Identitätssehnsucht,
Therapie und Kunst
Integrative Modelle in Psychotherapie,
Supervision und Beratung

Herausgegeben von
H.G. Petzold, Hückeswagen, Deutschland
A. Lammel, Aachen, Deutschland
A. Leitner, Krems, Österreich
S. Petitjean, Basel, Schweiz
Psychotherapie, Beratung und Supervision sind Formen moderner, „biopsychoso-
zialer“ Hilfeleistung, aber auch ressourcen- und potentialorientierter Entwicklungs-
förderung in komplexen und oft risikoreichen Lebenswelten. Letztere erfordern
heute interdisziplinäre Ansätze und integrative Modelle, die Schuldenken über-
schreiten und neues Wissen in das Feld der Praxis transportieren. Die rasanten
Fortschritte in der Psychologie und den klinischen Sozial- und Neurowissenschaf-
ten zeigen, dass der Polylog – der Austausch zwischen den Disziplinen und zwi-
schen Praktikern, Theoretikern, Forschern und Klienten bzw. Patienten – gefördert
werden muss. Nur so wird effektive, nachhaltige und menschengerechte Hilfe und
eine exzellente Professionalität möglich. Die Reihe sieht sich diesen Zielsetzungen
und dem „neuen Integrationsparadigma“ in Psychotherapie, Beratung und Supervi-
sion verpflichtet.

Herausgegeben von
H.G. Petzold A. Leitner
Hückeswagen, Deutschland Krems, Österreich
A. Lammel S. Petitjean
Aachen, Deutschland Basel, Schweiz

Weitere Bände in dieser Reihe http://www.springer.com/series/12721


Gunhild Häusle-Paulmichl

Der tätowierte Leib


Einschreibungen in menschliche
Körper zwischen Identitätssehnsucht,
Therapie und Kunst
Gunhild Häusle-Paulmichl
Feldkirch, Österreich

Integrative Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung


ISBN 978-3-658-17988-5 ISBN 978-3-658-17989-2  (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2

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Geleitwort: Wege der Tätowierung –
Pathways of Tattoo

Über Tätowierungen im Kontext von Psychotherapie zu arbeiten, wie es das


Buch von Gunhild Häusle-Paulmichl unternommen hat, mag manchen befremd-
lich vorkommen, lässt das Thema doch zunächst an den forensischen Bereich,
an Gefängnismilieus und Unterschichtsjugend denken oder an Drogenabhängige
und gesellschaftliche Randgruppen, an Tattoo-Freaks. Dabei wird übersehen, dass
Tätowierungen heute ein Kulturphänomen geworden sind, das quer durch alle
Gesellschaftsschichten und Bevölkerungsgruppen Adepten gefunden hat. Nimmt
man noch die Fans von Body Paints hinzu, dann geht es schon um beachtliche
Gruppen. Den Körper zu bemalen, ihn zu schmücken mit Tattoos, Schminke,
Schmucknarben, Piercings usw. kennen wir aus allen Kulturen – Kinder lieben
das, und die Köperbemalungen, Aufreibe-Tattoos haben immer wieder auf Kin-
derfesten Hochkonjunktur. Es könnten hier viele Phänomene mit in die Überle-
gungen einbezogen werden, aber es sei der Fokus auf die Tätowierung gelegt,
denn es ist in vielen Kreisen „Mode“ geworden, sich ein „Tattoo stechen“ zu las-
sen, ein kleines zumindest – nicht zu auffällig und nicht zu krass oder auch und
zunehmend durchaus sichtbar und großflächig. Bei diesen reagieren aber viele
Menschen befremdet, besonders wenn sie „Leuten“ begegnen, die „heavily tat-
tooed“ ihren „Körperschmuck“ oder die „Verunstaltung ihres Leibes“ – ganz wie
es gesehen wird – öffentlich „zur Schau“ stellen. Es gibt Tätowierte, die halten
ihre „Bilderwelten des Körpers“ im Verborgenen, intime Tattoos als Ausdruck
höchster Privatheit: Meine Bilder für mich und für die Leute meines Nahraumes.
Andere wollen mit ihren Bildern gesehen werden, ihre Tattoos sind Botschaft:
„Schaut mich an, seht was ich Euch zeige, von mir, und auch von Euch. Ich bin
Euer Spiegel für das, was ihr verleugnet und abgespalten habt!“ Das kann bis zur
harten Provokation gehen, bis zum Verschrecken und Verstören, das gewollt ist,
beabsichtigt ist, denn manches Gezeigte, Aufgezeigte will nicht gesehen werden
von den Menschen der Normalität, den „Normalos“. Deren Blicke wollen sich

V
VI Geleitwort: Wege der Tätowierung – Pathways of Tattoo

abwenden, aber der Volltätowierte zwingt: „Das musst Du sehen! Mich musst
Du ansehen! Konfrontiere Dich oder hau ab, piss off!“ Folgt dann Abwendung,
die eigentlich eine Flucht ist, eine Wegtreibung, bewirkt sie für den Tätowierten
keine Ausgrenzung, sondern er schafft sich durch seinen Akt machtvoller Selbst-
darstellung Raum, Freiraum durch eine Art „Kriegsbemalung“. Natürlich gibt
es „den Tätowierten“ nicht. Die Motivationen, Absichten tätowierter Menschen,
auch volltätowierter, sind durchaus unterschiedlich. Das gilt es zu betonen und
zu beachten. Tätowierungen können einen Signalcharakter haben, sie haben ihn
oft, sind Botschaft und werden in dieser Weise vom Tattoo-Träger eingesetzt.
Welcher Art die Botschaften sind, muss in der Begegnung mit den Trägern und
Trägerinnen von Tätowierungen herausgefunden werden. Fremdinterpretationen
reichen nicht. Tätowierungen sind sehr häufig der Ausdruck „leibhaftiger Reso-
nanzphänomene“ auf Eindrücke aus dem Außenfeld. Lebenserfahrungen – seien
es Geschenke des Lebens oder Widerfahrnisse – haben im lebenslangen Entwick-
lungsgeschehen, in der „lifelong socialisation and education“ als Einwirkungen
innere Resonanzen (Empfindungen, Gefühle, Gedanken). Und sie bringen äußere
Resonanzen hervor (motorische Reaktionen, Mimik, Gestik, Gefühlsausdruck,
Gestaltungen in Sprache und Bildern, Wortsprache und Bildsprache). Tattoos
gehören zu den Resonanzen aus dem Leibesinneren, den „Gedächtnisarchiven“
des Leibes, die nach außen sichtbar werden und „sich zeigen“, um dann auch
absichtsvoll gezeigt zu werden. Tätowierungen, sind sie also gestaltet worden im
Dialog mit dem Tattoo-Künstler und keine Zufallsgeschehnisse – „Ich hab mir
ein Tattoo machen lassen aus dem Katalog von dem Typ, geile Sachen hat der
gemacht“ –, dann handelt es sich um „Resonanzphänomene“ auf Sozialisations-
einflüsse. Und selbst die Auswahl von Motiven aus Katalogen, von denen man
sich „angesprochen“ fühlte, sind ja Resonanzen, die einen biografischen oder
aktuellen Hintergrund haben, aktuell, weil Leute aus dem Freundeskreis, Kum-
pels und Kollegen ähnliche Tattoo-Motive haben. Und je nachdem, welche Erleb-
nisse im Hintergrund der Tätowierungen stehen, können dann manche Tattoos
selbst Botschaft werden und einladen, anziehen oder abgrenzen und einschüch-
tern: „Bleib mir ‘vom Leibe‘, ich bin gefährlich!“ Tattoos und Gewalt im Milieu
der Unter- und Halbwelten, das ist ein eigenes Kapitel. Und Tattoos und Prosti-
tution, das ist wieder eine eigene Geschichte. Tätowierungen haben oft auch die
Funktion zu attrahieren, zu faszinieren, zu verführen, bis hin zu intimer Nähe:
„Komm, schau, so viel Schönheit und noch mehr!“ Und natürlich findet sich oft
beides, Gewalt und Sexualität, Liebe und Aggression auf „einem Körper“, weil
sie Lebensrealität des einen Menschen als „Leibsubjekt“ sind, dessen Erfahrun-
gen als „komplexe Resonanzen“ auf seinem bebilderten Körper Ausdruck finden.
Geleitwort: Wege der Tätowierung – Pathways of Tattoo VII

Das sind einige Schlaglichter, die sich leicht vermehren lassen, wenn man hin-
schaut und wenn man dieses Buch liest. Die Autorin eröffnet vielfältige Perspek-
tiven auf „Tätowierungen“, diese „Phänomene des Sichtbaren“. Sie werden oft
und von Vielen „sehend übersehen“, ein passagerer Eindruck im Vorübergehen,
der „ins Auge fällt“, aber keine bleibenden Wirkungen hinterlässt, keine bewuss-
ten zumindest. Für andere sind die Tattoos bewusst wahrgenommenes Ärgernis:
„Wie kann man seiner Haut das antun? Das ist doch pathologisch, Selbstverlet-
zung, das will ich nicht sehen, da schau‘ ich weg!“ In diesem Buch finden sich
viele Seiten des Tattoo-Themas, die bislang so noch nicht synoptisch vorgelegt
wurden und Hinschauen verlangen. Tätowierung wird hier nicht als ein abseiti-
ges Thema dargestellt, sondern als eine kulturtheoretisch relevante Thematik, bei
der es ermöglich wird, Verbindungen zum eigenen Erleben herzustellen. Man fin-
det im Blick auf die Welt der Tattoos immer wieder Fremdes, Befremdliches, das
zugleich aber auch nicht unvertraut ist. Am Rande der eigenen, selbst-bewussten
Persönlichkeit können dabei Themen aufkommen, um die man irgendwie weiß,
aber auf die man nicht genauer hingeschaut hat oder nur selten und auch nicht
lange. Und wenn mit diesem Buch auch vieles befremdlich bleiben mag an der
Welt der Tätowierung, bietet es die Chance, sich auf das „Wagnis des Hinschau-
ens“ einzulassen. Und dazu lädt die Autorin, Gunhild Häusle-Paulmichl, ein.
Es gibt Tattoos, die sind eine Laune des Zufalls, Mitbringsel eines Urlaubs,
aus dem man mit einem „kleinen Tattoo“ zurückkommt, ein Schmuck, wie ein
hübscher Ring aus dem Andenkenladen, der indes ein Tattoo-Studio war. Über
diese Zufallsprodukte muss man nicht vertiefend nachdenken (obgleich sie
manchmal auch Ärger machen können). Es gibt wichtigere Tattoo-Themen. Da
sind – besonders bei Jugendlichen – Tattoos, die einem „Ansteckungseffekt“
geschuldet sind: „Alle haben’s, muss ich auch haben!“ Wenig Überlegung,
Zwänge adoleszenter Subkulturen, wo erst Jahre später deutlich wird: „Ich bin ein
‚Gezeichneter‘ und wie werde ich das los?“ Weiterhin gibt es „Tätowierungen der
Gewalt“, wo situativer Zwang wirkt, etwa in Milieus der Devianz, der Gangs und
der Prostitution: „Du musst zeigen, dass Du zu uns gehörst, sonst … “ – Drohung
und Schutz (oft teuer bezahlter) stehen im Hintergrund. Und natürlich gibt es
auch „Tätowierungen der Not“: Etwas im Inneren drängt nach draußen, will nach
außen „auf der Haut sichtbar werden“, sich als Teil des eigenen Selbst zeigen,
ein Zeichen setzen. „Ich mache mich zu einem Zeichen“. Ein solches Exponieren
birgt Risiken. Es droht die Gefahr, dass das Gezeigte ein Stigma wird, und Stigma
heißt zu Deutsch: Verletzung, Wunde.
Man ist leicht geneigt, diese Seiten der Verletzungen, des Gewaltsamen,
manchmal Bizarren, in der Auseinandersetzung mit dem Phänomen der Tätowie-
rung in den Vordergrund zu stellen und übersieht dabei, dass sich Tattoos in allen
VIII Geleitwort: Wege der Tätowierung – Pathways of Tattoo

Kulturen in vielfältiger Qualität finden: als Schmuck, als Zeichen der Zugehörig-
keit, des Status, als Ausdruck von Schönheitsidealen. Heute sind Tätowierungen
oft kein subkulturelles Phänomen mehr – obgleich es natürlich Tattoo-Subkul-
turen gibt –, sondern sie sind ein Accessoire moderner Lebensstile. Wenn man
aber solchen „life style communities“ nicht angehört, überwiegen Affekte des
Befremdet-Seins oder der Ablehnung. Man muss hier Grenzen überschreiten, um
verstehen zu können. Bei näherem Einlassen auf das Tattoo-Phänomen verstär-
ken sich die Faszination und oft auch die „Ambivalenz“, besonders wenn man die
Dimensionen „Schmerz und Verletzung“ an sich heranlässt, die mit den Tattoo-
Erfahrungen verbunden sind. Der Verletzungsaspekt überwiegt sehr oft und führt
zur Abwendung vom Thema „Tätowierung“. Das „Stechen“ dringt ja tatsächlich
in die Haut ein, die doch unsere „Schutzhaut“ gegenüber Umwelteinwirkungen
ist. Und bedrängende Umwelt verletzt immer wieder. Gut, man kann dabei „ein
dickes Fell kriegen“ oder besser, man kann resilient, widerstandsfähig werden.
Aber wie es auch sei, die Nadel geht „unter die Haut“. Vieles im Leben bleibt
uns „nicht in den Kleidern hängen“, und was eindringt, muss verarbeitet werden.
Das geschieht ja zumeist auch, wir sind dafür ausgerüstet und das nicht nur auf
der Ebene des Immunsystems, sondern als Gesamtperson. Wir sind „Lebensbe-
wältiger“, geformt von „Überwindungserfahrungen“ über die Humanevolution
und über die Lebensgeschichte hin. Tätowierungen können eine Strategie der
Bewältigung sein, eine kreative Strategie, ein Dokument von Verarbeitetem, wenn
„Coping-/Bewältigungs-Prozesse“ gelungen sind und wenn sie sogar zu schöpfe-
rischen Lösungswegen, zu „Creating-Prozessen“ wurden zu. Dann können Täto-
wierungen auch Ausdruck einer „Lebenskunst sein“, in der das „Selbst Künstler
und Kunstwerk zugleich“ ist, wenn Menschen den „Weg des Tattoos“ gewählt
haben. Das ist eine Wahlmöglichkeit, mit der sie in die „Sichtbarkeit“ getreten
sind und sich dadurch mit ihrem So-Sein, ihrer Lebensgeschichte und Lebensge-
genwart anders vermitteln wollen als nur verbal, durch Worte. Die Sprache der
Bilder gilt es aufzunehmen, zu sehen und zu verstehen und das gelingt nur, wenn
man Vorurteile, verborgene und offene Ängste, Befremdung, eigene verdeckte
Stigmatisierungstendenzen zur Seite stellt, und mit Menschen über diesen Weg
spricht, in ihre Welt eintritt. Man begegnet dort, wie in jeder Welt des Mensch-
lichen und in jedem Bereich mit Menschen Schönem und Schlimmen, Gelingen
und Scheitern, „Gutem, Bösem und Hässlichem“ ( „the Good, the Bad, and the
Ugly“) – was sonst kann man finden? Und dann kommt es darauf an, wem man
sich zuwendet. Konstruktive Tattoo-Motive gibt es in Fülle.
Als ich von der Autorin angefragt wurde, ob ich eine Arbeit zu diesem Thema
begleiten wolle, habe ich nicht gezögert zuzusagen und ich wusste: Das ist kein
konventionelles akademisches Thema in den Psychotherapiewissenschaften.
Geleitwort: Wege der Tätowierung – Pathways of Tattoo IX

Kein wissenschaftliches Thema? – Aber ja doch, hier wird Wissen geschaffen.


Nur für Spezialisten von Randgruppen? Keineswegs, wir haben es, wie festge-
stellt, mit einem inzwischen breiten Kulturphänomen zu tun, das immer mehr
Menschen anzieht. Man kann dieses Buch und seine Ergebnisse durchaus als
objektivierende, kulturtheoretische Studie sehen, eine ethnografische gar, die
sich mit der „Ethnie der Tätowierten“ unter uns befasst, oder als eine Erkundung,
zu der man eingeladen wird, eine Einladung zum Hinschauen. Ich war mit dem
Tattoo-Phänomen durch psychotherapeutische Arbeit im Drogenbereich und spä-
ter durch Felderkundungen in der Dark- und Black-Metal-Szene vertraut, nicht
zuletzt in Frankreich, zuerst im Paris der 1960er-Jahre, meiner Studienzeit und
dann fünfundzwanzig Jahre als Professor in Amsterdam, einer sehr bunten Stadt,
aber auch im Bereich der Drogenarbeit in Deutschland Anfang der siebziger
Jahre. Man sieht in solchen Milieus viele Menschen mit Tätowierungen. Auch
Länder und Städte und soziale Szenen und Subkulturen zeigen eine Einstellung
zum Tattoo, und die wird an Parametern wie Liberalität oder Konservativität, bis
hin zum Repressiven ablesbar. Für das Thema war ich also offen. Als dann die
Kapitel auf meinen Rechner kamen (früher habe ich gesagt „auf meinen Schreib-
tisch“), haben sie mich dazu motiviert, erneut auf das Thema hinzuschauen, in
meine Gedächtnisarchive zu blicken auf Begegnungen und Beziehungen mit
drei Menschen, die umfänglich tätowierten waren, und mit denen ich als Thera-
peut, Berater, Lebenshelfer gearbeitet hatte. Es waren Therapien, wo die Tattoos
eine wichtige Rolle gespielt haben in dem, was sie zeigten und was sie verbar-
gen. Und es gab auch Therapieprozesse, in denen die Tätowierungen nie Thema
waren, weil sie „kein Thema waren“, nichts Besonderes, ein Milieu-Phänomen.
In meinen Erinnerungsprozessen kamen mir dann – unversehens – auch Men-
schen in den Sinn, PatientInnen und KlientInnen und LehranalysandInnen, die
keine Tattoos hatten, keine sichtbaren jedenfalls, und die dennoch „Bilder auf
ihrem Leib trugen“, die vom „Leben gezeichnet“ worden waren: in Mimik und
Gestik, in Lach- und Gramfalten, die das Leben ihnen in den Leib eingeschrieben
hatte und die zusammen mit den leiblichen „Resonanzen“ aus der Innenwelt die-
ser Menschen „auf ihrer Haut“ sichtbar geworden waren. Das war für mich eine
interessante Erfahrung, indes nichts Neues für einen psycho- und neuromoto-
risch ausgerichteten, körper- und bewegungsorientierten Therapeuten, der immer
wieder mit den Spuren der durch Bewegungen eingegrabenen Informationen
(movement produced information) zu tun hat und arbeitet. Diese von Ausdrucks-
bewegungen – insbesondere der Gesichtsmuskulatur – ausgehenden aktuellen
Impulse der Freude oder des Zorn wirken auf das Gehirn, stimmen seine Physio-
logie um, die wiederum zurück auf den Gesichtsausdruck oder die Haltung wir-
ken können, sodass ein Habitus entstehen kann, eine leibliche Art in der Welt zu
X Geleitwort: Wege der Tätowierung – Pathways of Tattoo

sein – bei starker Tätowierung eine „bebilderte Art“. Für mich war es eine uner-
wartete Resonanz auf die Lektüre dieser Buchkapitel. Ich habe dann (wieder)
aufmerksamer hingeschaut, auf der Straße, im Zug, bei öffentlichen Events, habe
mich bewusster von Tattoos „ansprechen lassen“ und habe mit den Menschen,
die sich mit ihren Hautbildern zeigten, immer wieder auch das Gespräch gesucht.
Das gelang einige Male. Und es ging mir auch die Frage durch den Sinn: Wel-
che Bilder trage ich „in meinem Inneren“, in meinen Gedächtnisarchiven und in
meinen Fantasieräumen – in „meiner Seele“ könnte ich auch sagen? Sind es Bil-
der, die sich auf meiner Haut konkretisieren könnten? Das ginge auch in „Body-
Paints“, habe ich dabei zu mir gesagt und bemerkte subtile Abwehrempfindungen
meiner Haut. Solche Paints sind weniger eingrabend als Tattoos, weniger festle-
gend auch. Sie sind leichter umzugestalten, weshalb wir sie auch in der leibo-
rientierten Kreativitätstherapie des „Integrativen Ansatzes“ verwenden … Ich
bemerke gerade die gedankliche Abschweifung – Abwehr? Es lohnt bei der Lek-
türe des Buches immer wieder einmal dem „eigenleiblichen Spüren“ (Hermann
Schmitz) nachzugehen und die Gedanken abschweifen zu lassen. Also welche Bil-
der könnten auf meiner Haut konkret „gestochen“ werden und in Form und Farbe
erscheinen? Interessante Perspektiven! Und – „hautnäher“ noch – welche Zeichen
sind mir schon vom Leben „ins Gesicht“, „auf den Leib“ geschrieben worden?
Blicke in den Spiegel werden hier unerlässlich. Man sollte sie ohnehin immer
wieder nutzen zur Selbstbegegnung, zum Selbsterkennen und Selbsterforschen.
Rembrandt hatte dies offenbar über seine gesamte Lebenszeit in seinen zahlrei-
chen Selbstportraits – es waren um die achtzig – unternommen: eine Selbsterfor-
schung, eine Selbstauslegung mit dem Pinsel, eine Hermeneutik des Subjekts im
Bild. Ich habe Menschen kennen gelernt – nicht in der Therapie, sondern in der
Tattoo-Szene –, die auf dem „Weg des Tattoos“ durchs Leben gingen und in ihren
Tattoos ihre Lebensgeschichte verarbeiteten und gestalteten, sich gestalteten: in
neuen Bildgeschichten, in Überarbeitungen, Korrektur alter Bilder, aufwendig! Es
waren ernsthafte, integrierende, etwas spezielle Leute auf dem Weg persönlicher
Integration und einen besonderen Sinn für ihre „Lebenskunst“, und die lag nicht
nur bei den Tattoos, obwohl sie zentral standen. Das waren wichtige Begegnun-
gen. Sie haben mir Vorurteile genommen, professionelle Hybris, eine Gefahr, in
der man als Psychotherapeut immer wieder steht.
Man kann das Buch mit bewusster, innen-außen-verschränkender „komple-
xer Resonanz“ lesen, die nicht nur kognitiv ausgerichtet ist, sondern in einer Art
„Fühldenken“ oder „sinnlicher Reflexivität“ vorgeht, wie wir das in der Integrati-
ven Therapie nennen – Daniel Goleman sprach von „emotionaler Intelligenz“. Ein
solcher Zugang ist eine Chance, eine breite Möglichkeit des Wahrnehmens, Erfas-
sens, Verstehens und Erklärens zu gewinnen, mit einer hohen „Sinnerfassungs- und
Geleitwort: Wege der Tätowierung – Pathways of Tattoo XI

Sinnschöpfungskapazität“, wie es für das Tattoo-Thema angemessen ist. Der


Resonanzbegriff, verstanden als eine „komplexe Resonanz“, die körperliche, seeli-
sche, geistige, soziale und ökologische Resonanzräume und -qualitäten als „eigen-
leibliche Resonanz“ mit dem „sozioökologischen Umfeld“ umfasst, ist ein altes,
zentrales Konzept der Integrativen Therapie und wird wichtig für einen breiten,
transversalen Zugang zu komplexen Wirklichkeiten. In der Betonung solcher, in
Kontext und Zeitkontinuum eingebetteter Leiblichkeit (embodied and embed-
ded), liegt ein anderer Akzent als beim Resonanzbegriff von H. Rosa. In der Aus-
einandersetzung mit Tattoos als Betrachter eines anderen, tätowierten Leibes als
Leibsubjekt im gegebenen Kontext „aus der Resonanz“ findet man einen vertief-
ten Zugang zu sich selbst und zum anderen. Das Tattoo kann nie vom konkreten
Menschen in seinem Lebenskontext abstrahiert werden. Das schlägt sich auch in
der Qualität der therapeutischen Praxis als gemeinsam durchmessener Wegstre-
cke nieder. In den Therapien konnten wir, Therapeut und Patient, feststellen, wie
höchst intensiv die „eigenleiblich gespürte Realität“ eines Tattoos oder eines Body
Paints wirken kann. In der Selbstbetrachtung der eigenen Tätowierungen/des eige-
nen Paints, vonseiten des Patienten, konnte das sich intensivieren, weil in diesem
Geschehen der Betrachter und der Betrachtete „in eins fallen“: Sehend werde ich
durch mich selbst gesehen, spürend werde ich von mir selbst gespürt. Tattoos und
Paints sind nicht nur Botschaften eines Selbst nach außen, sie sind immer wieder
auch eine Botschaft des von „inneren Bildern“ erfüllten Menschen, der auch in
Resonanzen mit sich selbst und auf sich selbst steht und dieses Geschehen nach
außen dringen lässt als Botschaften eines „bebilderten Menschen“: Botschaf-
ten von sich, über sich und an sich und natürlich auch an andere – die wiederum
Reaktionen als Resonanzen hervorrufen.
Liest man das Buch in dieser Weise als ein eigenleiblich spürendes, mit allen
Sinnen wahrnehmendes und in vielfältigen Gedächtnis- und Umfeldresonan-
zen aufnehmendes und reagierendes Selbst, dann wird die Lektüre eine veritable
„Selbsterfahrung“, die über die höchst interessanten, fachlichen, fachwissen-
schaftlichen, klinisch-therapeutischen und kulturtheoretischen Inhalte des Buches
hinausgehend einen großen persönlichen Gewinn „Selbst-Erfahrung“ bringen
kann, nicht zuletzt durch die Anreicherungen aus dem eigenen Erfahrungsschatz.
Tattoos erzählen von Identitätsprozessen, von leibhaftigen Erfahrungen, die leib-
haftig Ausdruck gefunden haben, und da das jedem widerfährt, die lebensprä-
genden Eindrücke sich jedem einschreiben als „Gravuren des Lebens“, kann das
Buch auch Möglichkeiten einer vertiefenden Eigenerfahrung bieten, die weiter-
führt auf den Wegen eigener Persönlichkeitsentwicklung und Lebenskunst.
Für PsychotherapeutInnen und Angehörige von Heilberufen, für Superviso-
rInnen, für Menschen, die in sozialen und pädagogischen Berufen arbeiten – für
XII Geleitwort: Wege der Tätowierung – Pathways of Tattoo

„Menschenarbeiter“ also – ist das ein sehr wichtiges, sehr nützliches Buch. Es
hilft, Menschen verstehen zu lernen, besonders auch Jugendliche. Ihre Verar-
beitungsprozessen von Eindrücken aus ihrem Erleben, ihre Bewältigungs- und
Selbstgestaltungsprozesse, gelungene wie scheiternde und misslingende werden
erfassbarer, sodass Möglichkeiten der Hilfestellung, der sozialen Unterstützung,
der Begleitung und Kreativierung fundierter entwickelt werden können. Das
Buch sensibilisiert für „die Kraft der inneren Bilder“, die wirken, wenn man sie
ins Bewusstsein treten lässt, sie bearbeitet, sie nutzt. Sie müssen nicht in die Haut
gestochen werden, sie können es, wenn man es mag – ein „Muss“ ist da meist
wenig dienlich. Ich habe Menschen kennen gelernt, denen ihre Tattoos ein „Zei-
chen der Kraft“ und eine gute Lebenshilfe waren. Body Paints, Körperbemalun-
gen sind eine Alternative, sie lassen sich auffrischen, sie haben – vorausgesetzt
es werden giftfreie Farben verwendet – keine Gesundheitsrisiken. Die Paints sind
nicht veränderungsresistent, nicht so festlegend wie Tattoos und bieten größere
Chancen, sie in Entwicklungsprozessen umzugestalten. Man sollte ihr therapeuti-
sches Potenzial nicht unterschätzen. Auch das findet man in diesem Buch erwähnt
neben all den vielfältigen Anregungen, die dazu beitragen, Psychotherapie auch
als „Kulturarbeit“ zu sehen und zu praktizieren. Tattoos sind in der Regel immer
auch Ausdruck der sozialen, kulturellen oft auch ökologischen Realität, in der
ihre Träger leben. Die verwendete Bilder, Symbole, Zeichen, die expliziten und
impliziten Signale und Botschaften zeigen das, und müssen deshalb mitgelesen
und in Verstehens- und Bearbeitungsprozesse einbezogen werden.
Jeden Menschen, mit dem wir arbeiten und in seinen Prozessen des Gesun-
dens und Heilwerdens unterstützen, begleiten wir auch darin, wie er in unserer
Gesellschaft sichtbar wird, wie er sich zeigen kann und handelt – mit Tattoos oder
ohne – um mit seiner „sichtbaren Präsenz“ als Person und Mitbürger zu einer
humanen und lebensfreundlichen Kultur beizutragen. Dieses Buch von Gunhild
Häusle-Paulmichl ist ein solcher Beitrag. Ich wünsche ihm vielfältige und breite
Resonanzen.

Hilarion G. Petzold
Europäische Akademie für biopsychosoziale Gesundheit
Integrative Naturtherapien und Kreativitätsförderung, Hückeswagen
Danksagungen

Cadolores; Nina Carl; Stefanie Dathe; Wolfgang Flatz; Daniel Hofer; Franziska
Hoop; Paula K.; Constantin Lackinger; Ludwig Paulmichl; Hilarion G. Petzold;
Hans Waldemar Schuch; Harry Stein; Melitta Schwarzmann; Tom; Karl F.

XIII
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
2 Lebenszufriedenheit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5
2.1 Partizipation an Kulturen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
2.2 Integrative Kulturarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10
3 Methodik, Terminologie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11
3.1 Hermeneutische Methode . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
3.2 Forschungsgegenstand. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12
3.3 Tätowierung, Tatauierung, Tattoo . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13
3.4 Leibphänomen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15
3.5 Informierter, phantasmatischer Leib . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17
4 Tätowierungen und Identität in der Integrativen Therapie. . . . . . . . . 19
4.1 Die fünf Säulen der Identität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 20
4.2 Kontroverse Identität und Identitätszwang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22
4.3 Transversale Identität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 25
5 Gender, Norm und Ausgrenzung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
5.1 Genderperspektive. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27
5.1.1 Genderintegrität. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 29
5.1.2 Die Frau in der Integrativen Therapie . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30
5.1.3 Frauentätowierungen und ihre Verobjektivierung. . . . . . . . . 31

XV
XVI Inhaltsverzeichnis

5.2 Die Problematik der Norm. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34


5.2.1 Nichtidentiät. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35
5.2.2 Dokumente der Ratlosigkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36
5.3 Inklusion und Exklusion . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37
5.3.1 Exklusion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38
5.3.2 Inklusion. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43
6 Genres der Tätowierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 47
6.1 Tätowierstile nach der Systematik von Henry Ferguson und Lynn
Procter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 49
6.1.1 Japanisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
6.1.2 Tribal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
6.1.3 Keltisch . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 50
6.1.4 Amerikanische Ureinwohner. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
6.1.5 Horror und Tod. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 51
6.1.6 Humor und Comics . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52
6.1.7 Fantasy. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
6.1.8 Porträts. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
6.1.9 Abstrakte Kunst. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 53
6.2 Tätowierstile nach der Systematik des Szenemagazins
Tattoo-Spirit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
6.2.1 Newschool. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 54
6.2.2 Oldschool. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
6.2.3 Asia . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 55
6.2.4 Biomechanik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56
6.2.5 Fauna, Flora. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 57
6.2.6 Schriften (Lettering). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 58
6.2.7 Realistik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 59
6.2.8 Kunstszenen der Gegenwart. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60
6.2.9 Blackwork, Black & Gray. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 62
7 Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP). . . . . 65
7.1 Lebenskunst. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 65
7.2 Interviews mit zeitgenössischen Künstlern. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 66
7.3 Wolfgang Flatz: „Mein Kunstwerk, das bin ich!“. . . . . . . . . . . . . . . 66
7.4 Daniel Hofer. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 70
7.5 Lebenskunst und Ästhetik der Existenz. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 74
Inhaltsverzeichnis XVII

7.6 Das Selbst als Künstler und Kunstwerk. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 76


7.7 Tätowierte Leibeskunst: TLP Tätowiertes Lebenspanorama. . . . . . . 79
7.8 Arbeit an der Biografie: Leibgeschichten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
7.8.1 Nina Carl . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 80
7.8.2 Tom . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 83
7.8.3 Karl F. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 86
7.9 Ausdruck und Tätowierungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
7.9.1 Einschreibungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 89
7.9.2 Träger/innen von Tätowierungen und sozialen Rollen . . . . . 91
7.9.3 Berührungen, Embodiment . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 92
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 93
8 Alternierende Phänomene der Bodymodifikation. . . . . . . . . . . . . . . . . 95
8.1 Piercing . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
8.2 Skarification: Branding und Cutting . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 96
8.3 Implantat . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 97
8.4 Diverse Modifikationen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
8.5 Körperveränderungen am Beispiel der Transidentität. . . . . . . . . . . . 101
8.6 Gesellschaftskritik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 104
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 107
9 Schlussperspektive . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
9.1 Hautexkurse. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 109
9.1.1 Sprichwörter und Redensarten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
9.1.2 Aufgelesenes und Gehörtes. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 110
9.1.3 Eine wahre Geschichte. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 111
9.2 Ausstellung: „gestochen scharf“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 113
9.3 Körperbilder in der IT: Bodychart. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 115
9.4 Körpermythen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 117
9.5 Resümee und Ausblick. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 120
Literatur. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 123

Epilog. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 127

Glossar. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 129
Abkürzungsverzeichnis

Anm. d. Verf. Anmerkung der Verfasserin


BodMod, BodyMod. Bodymodifikation
C. Cadolores
D.H. Daniel Hofer
FLATZ. Wolfgang Flatz
G.H.P. Gunhild Häusle-Paulmichl
Hrsg. Herausgeber/in
menschl. menschlich
N.C. Nina Carl
PTFE Polytetrafluorethylen
Red. redaktionelle Leitung
Trans* steht für transidente Vielfalt
u. a. unter anderem
vgl. vergleiche

XIX
Einleitung
1

Was? Tätowiert? So was- wie kann man den Körper nur


so verschandeln und verunstalten!
Eine Kollegin

Aber des geht scho wieder weg, oder?


Eine Bekannte

Kommens aus dem Häfn? Aus welcher Anstalt san Sie


denn?
Ein Kutschenfahrer

Bitte deck die Tätowierungen in der Arbeit doch ab!


Ein Chef

Zusammenfassung
Das einleitende Kapitel führt zum Thema des „tätowierten Leibes“ hin. Es
wird darauf eingegangen, wie das Buch zustande kam und warum das Thema
Interesse weckt. In diesem Kontext verweist der Text auf die Thematiken der
Lebenszufriedenheit und Lebenskunst. Die Zufriedenheit mit den eigenen
Lebensverläufen spielt dabei eine große Rolle, positive wie negative Ereig-
nisse finden Verewigung auf der Haut. Im psychotherapeutischen Kontext
wird von „tertiärer Prävention“ gesprochen. Für die Identitätsarbeit wichtig
sind Aspekte wie Perzeption, Expression und Memoration. Leibgeschichtli-
che Zusammenhänge können mit dem TLP, dem tätowierten Lebenspanorama,
erfasst werden. So kommt es entweder zu Kompensation erlebter Inhalte oder
zu künstlerisch-kreativen Neuschöpfungen.

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G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2_1
2 1  Einleitung …

Solche und andere Äußerungen, die ich im Laufe der Zeit gehört und gesammelt
habe, veranlassten mich, mich dem Thema: „Der tätowierte Leib. Einschrei-
bungen in den menschlichen Körper zwischen Sehnsucht nach Identität, Thera-
pie und Kunst“ zu beschäftigen. Ich begann vor mehreren Jahren zu sammeln
(Tätowierhefte, Bücher), besuchte viele Tätowierläden und -studios und Tattoo-
Messen im deutschsprachigen Raum, ließ mich auch selbst tätowieren (unter
vorheriger Einnahme schmerzlindernder Mittel, da ich sehr schmerzempfindlich
bin), besuchte verschiedene Tätowier-Szenen und setzte mich mit diversen Stil-
richtungen innerhalb des Genres der Tätowierung, wie zum Beispiel Rockabilly
oder Maori, auseinander und werde Perspektiven einbringen, die das Thema des
Leibphänomens der Tätowierung, dessen Ausdruck und konkrete Verbindungen
zu meiner Studienrichtung, der Integrativen Therapie, beleuchten sollen.
Mir wurde klar, dass Identität auch durch Tätowierungen ausgedrückt werden
kann, dass Tattoos auf der Haut im Rahmen von den Gedanken zur Lebenskunst
zum Kulturbegriff gehören:
Hans Waldemar Schuch schreibt: „Es geht letztlich um das reflektierte Leben
mit sich – in der Vernetzung mit Anderen in gegebenen Kontexten“ (Schuch 2007,
S. 58). Dabei spielt auch die Lebenszufriedenheit eine große Rolle, die zu erlangen
oder zu erhalten wichtig ist. Die Umschreibung: „sich in seiner Haut nicht wohl
fühlen,“ kann ein Indikator für mangelnde Zufriedenheit mit eigenen Lebensver-
läufen darstellen. Ist jedoch die „Hermeneutik des eigenen Lebens“ (S. 556) – wie
Anton Leitner und Hans Waldemar Schuch (2004) erläutern, gelungen, wird das
eigene Leben gewürdigt und bejaht, so kann sie auch einzelne „Widerfahrnisse“
(S. 556) umfassen, die für sich nicht zum Wohlgefühl oder zur Entwicklung bei-
getragen haben. Bei manchen Tätowierungen finden ganze Lebensverläufe die
Verewigung in die Haut, es werden positive wie negative Ereignisse als Gesamt-
kunstwerk tätowiert. Es ist möglich, dass negative Erfahrungen durch die Täto-
wierung verarbeitet werden (z. B. das Übertätowieren einer Narbe nach einem
Unfall) und somit biografisch eingeschrieben bleiben. Im Rahmen der „tertiären
Prävention“ im psychotherapeutischen Kontext wird von Verhütung von weite-
ren Komplikationen und Folgeschäden gesprochen. Das Ziel ist es, die Quote von
Rezidiven zu reduzieren und eine Einordnung in den sozialen Bereich zu ermög-
lichen (Leitner und Schuch, 2004). Durch die größer werdende Akzeptanz von
Tätowierungen in der Gesellschaft kann eine solche Prävention erreicht werden,
die damit zu mehr Ressourcen und Lebensqualität führt. Der Grund, Theodor Wie-
sengrund Adorno immer wieder von Anfang an in dieser Arbeit mitzureflektieren,
hat damit zu tun, dass ihn eine besondere Art des kontroversen Denkens auszeich-
net, die Dinge mehrperspektivisch zu betrachten und somit nicht Gefahr zu laufen,
1  Einleitung … 3

in einer Denkhaltung zu erstarren. In der Identitätsarbeit wichtig werden Aspekte


wie Perzeption, Expression und Memoration. Leibgeschichtliche Zusammen-
hänge können auch durch das tätowierte Lebenspanorama (TLP) erfasst werden.
Wandlung kann bei der Integrations- und Identitätsarbeit geschehen. Die Frage
wird sein, wo Tätowierungen Kompensationen erlebter Inhalte darstellen und wo
sie kreative Neuschöpfungen sein wollen? Psychotherapeutische Begleitung kann
Transformation schaffen, die diese Tätowierungen würdigt. Das Phänomen der
Tätowierung kann im künstlerischen Sinne expressiver Ausdruck sein, im thera-
peutischen Setting auch Ansatz der Selbstbewältigung und Selbstwirksamkeit, die
Heilung fördert.
Die Abb. 1.1 zeigt einen tätowierten Oberarm, der prozessual in einem Zeit-
kontinuum von vier Jahren entstanden ist und dient als Beispiel für das im Buch
beschriebene tätowierte Lebenspanorama (TLP).

Abb. 1.1   Lotusblüten.
(Hofer, D. 2004-2008.
Fotografiert und bearbeitet:
Lackinger, C. 2016)
4 1  Einleitung …

Literatur
Leitner, A., & Schuch, H. W. (2004). Lebenszufriedenheit – Eine Dimension psychothera-
peutischer Prävention. Kritische Einwürfe und empirische Befunde. Wiener Medizini-
sche Wochenschrift, 154, 23–24.
Schuch, H. W. (2007). Was bleibt: Leib, Intersubjektivität, Hominität – Hilarion Petzold
zugeeignet. In I. Orth, H. W. Schuch, & J. Sieper (Hrsg.), Neue Wege Integrativer The-
rapie. Klinische Wissenschaft, Humantherapie, Kulturarbeit – Polyloge (S. 42–61).
Bielefeld: Edition Sirius.
Lebenszufriedenheit
2

Zusammenfassung
Im Kapitel „Lebenszufriedenheit“ wird die Perspektive der Lebenskunst
exploriert, die auf der Grundlage des Leibes und Kunstwerks gründet. Der
Leib kann, nach Merleau- Ponty, mit einem Kunstwerk verglichen werden. Im
Zuge der sich bei Tätowierszenen konstituierenden Stile wird die Teilnahme
an Kulturen ermöglicht und individuelles Humanbewusstsein geschaffen.
Integrative Kulturarbeit bedeutet, sich der Geschichtlichkeit bewusst zu sein,
die eine Schöpfung der Gegenwart ist (Hans Waldemar Schuch). Die Technik
des Lebenspanoramas (Hilarion G. Petzold) kann zu einem Ausdruck beim
tätowierten Lebenspanorama (TLP) werden. Psychotherapie will stets kriti-
sche Kulturarbeit sein. Im Manifest der Integrativen Kulturarbeit (Ilse Orth,
Johanna Sieper, Hilarion G. Petzold) wird die Sorge um Würde und Integrität
deutlich. Ethische Humanessentialien, ökosophische Lebensformen sowie die
wertschätzende Grundhaltung dem/der Anderen gegenüber sind Grundlagen in
einer von dieser Haltung geprägten Gesellschaft.

Die Gedanken zur Lebenszufriedenheit führen zur Perspektive der Lebenskunst


(Petzold 2003b), die wiederum auf der Grundlage des Leibes und des Kunstwerks
(Petzold 2001/1999) gründen. So ist bei Maurice Merleau-Ponty (1974) nachzu-
lesen, dass der Leib nicht einem „physikalischen Gegenstand, sondern eher einem
Kunstwerk“ (S. 181) zu vergleichen ist.
In diesem Zusammenhang spricht Merleau-Ponty sogar von Bildern als Indivi-
duen oder Wesen, in denen Ausdruck und Ausgedrücktes nicht zu unterscheiden
sind. Deren Bedeutung ist infolge dessen nur in unmittelbarem Kontakt zugäng-
lich und sie strahlen ihre Bedeutung aus, ohne ihren zeitlich-räumlichen Ort zu
verlassen. In diesem Sinne ist der Leib dann dem Kunstwerk vergleichbar (1974).

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G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
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6 2 Lebenszufriedenheit

Die Bilder, die auf der Leinwand Haut zum Leben erwachen, haben schon vie-
len Künstler/innen als Inspiration gedient- neben bildenden Kunstschaffenden hat
sich Ray Bradbury (1977) in „Der illustrierte Mann“ in seiner kurzen Rahmener-
zählung seiner Science-Fiction Literatur im Prolog dieses Themas angenommen.
Der Erzähler begegnet auf einer Landstraße dem illustrierten, trampenden Mann
auf Wanderschaft. Sein Körper ist über und über mit Tätowierungen übersät. Eine
Zauberin aus der Zukunft hat ihm diese auf die Haut gestochen. Diese Bilder
beginnen nachts zu leben und erzählen die oft grausamen Geschichten möglicher
Zukunftswelten. Dabei ist der Mann einsam, denn erst wollen alle seine Bilder
auf der Haut sehen, doch im Laufe der Zeit, als diese ihre Geschichten erzählen,
möchte keiner mehr mit der Wahrheit konfrontiert werden, denn die Bilder zeigen
menschliche Grausamkeiten und Abgründe der Seele. Eine Stelle, schaut man sie
nur lange genug an, wird dann klar und zeigt- so sagt die Geschichte der leben-
digen Bilder auf der Haut, dass man in die Zukunft sehen könne und auch, wie
man sterben wird. Der illustrierte Mann ist überzeugt davon, dass die Frau aus der
Zukunft kommt. Außerdem will er sie umbringen, wenn er sie wieder sieht. Sie
hatte noch angepriesen, dass ihre Haut-Illustrationen künstlerisch seien. Er saß
die ganze Nacht, während ihre magischen Nadeln ihm Stiche zufügten. Im Epilog
starrt der Erzähler schließlich – während der illustrierte Mann schläft – selbst auf
die leere Stelle am Rücken und plötzlich zeigt sie seines, des Erzählers Tod …
(Bradbury 1977).
Bradbury wird auch im dreibändigen Werk von Petzold (2003a, S. 896)
erwähnt; Haut wird zur Projektionsfläche „des eigenen Entsetzens“ und die „For-
men und Farben wirken auf diese Weise schreckenerregend“. Er verweist auf
Bradbury im Zusammenhang mit Patient/innen, die Drogen- Punk- oder nicht
sesshafte Milieus aufweisen und stark tätowiert sind und die sich mit den Funk-
tionen von Masken, Kostümen oder auch Körperbemalungen originärer Kultu-
ren vergleichen lassen. Der Körper wird „zum Ausdrucksorgan, das auf der Haut
Phantasien der Macht, Bilder des Begehrens, Symbole der Gewalt […] zeigt“,
vergleichbar mit Erschütterungen, die – im Inneren nicht mehr gehalten werden
können, aber so Form und Fassbarkeit gewinnen. In Bildern realisieren sich Sze-
nen und Symbole und wirken.

2.1 Partizipation an Kulturen

Im Zuge der sich in der Tätowierszene konstituierenden Stile wird die Mög-
lichkeit kreiert, an Kulturen teilzunehmen, dabei wird individuelles Humanbe-
wusstsein geschaffen. Darunter versteht Petzold (2003a), dass „als Mitglied der
2.1  Partizipation an Kulturen 7

menschlichen Gemeinschaft an Kulturen“ (S. 1066) partizipiert wird: der Kultur


eines Volkes, einer Region. Insofern kann das Phänomen der Tätowierung der
Kultur zugehörig, damit zur Kunst und weiter zur Sinnverwirklichung beitragen.
Wenn Foucault (2007) sagt, dass es darum geht, die in unserer Kultur so
typische

Forderung nach Selbsterkenntnis in den umfassenden Rahmen der mehr oder weni-
ger expliziten Frage zu stellen, was man mit sich selbst tun, welche Arbeit man an
sich verrichten und wie man >Herrschaft über sich selbst< erlangen soll durch Akti-
vitäten, in denen man zugleich Ziel, Handlungsfeld, Mittel und handelndes Subjekt
ist, (S. 74).

so hat die Frage nach Tätowierungen am eigenen Leib dahin gehend Bedeu-
tung, als Motivwahl, Größe und Umfang der Tätowierung selbst und freiwillig
gewählte Martern am Körper darstellen, die – wenn sie durchgestanden sind –
Ausdruck des Selbst werden können, sofern nicht eine Norm (also eine mehrheit-
lich anerkannte Struktur innerhalb einer Gemeinschaft oder Szene) die Inhalte der
Tätowierung oder diese selbst vorschreiben, so wie es unter anderem in bestimm-
ten Gemeinschaften bzw. im Gefängnis üblich ist. Tätowierungen sind im Straf-
vollzug verboten und stellen daher eine große Herausforderung für Häftlinge dar,
das Verbot zu umgehen; vgl. die Knastträne, die dafür steht, Zeit im Gefängnis
verbracht zu haben.
In der „Zeit online“ findet man die Erläuterung obigen Begriffes im Artikel
„Die Schlechterungsanstalt“ von M. Kotynek et al. (2012).

Fällt das Licht von draußen durch die Gitterstäbe auf sein Gesicht, kann man unter
dem linken Auge einen blauen Punkt erkennen, die Knastträne. Gefangene, die län-
ger als zehn Jahre sitzen, lassen sie sich oft tätowieren. Die Knastträne ist so etwas
wie ein Orden. Auch ein anderes Erkennungszeichen der Schwerverbrecher hat er
sich in die Haut gravieren lassen: drei blaue Punkte in der Daumenbeuge. Sie stehen
für den Ehrenkodex der Gefangenen: nichts sehen, nichts hören, nichts sagen (Koty-
nek et al. 2012, o. S.).

Dies ist ein Beispiel dafür, dass aus einer Tätowierung, hier der Knastträne oder
den drei Punkten, ein Ideal oder Leitmotiv werden kann, die dann von allen
angestrebt wird, wie ein Code der Zugehörigkeit. Innerhalb der In-Group im
Rahmen der Szene oder Gemeinschaft wird so Identität geschaffen. Diese somit
sich bildende Norm wird dann wohl eher der so genannten „Charaktermaske“
Theodor W. Adornos und Max Horkheimers (1998, S. 238) zuordenbar sein, als
einem Individuum. Problematisch dabei ist, dass die Norm, welche modern und
8 2 Lebenszufriedenheit

gesellschaftlich aktuell ist, zum Maßstab für die Kunst wird und so auch die Vor-
gabe für Tätowierungen darstellt.
Das „Arschgeweih“, das lange einen Trend bildete, wurde ebenso massenhaft
nachgeahmt. Der Frage nach der Norm und Normierung sowie der falsch verstan-
denen Individualität wird noch im Verlauf der Arbeit thematisiert. Szenen schaf-
fen selbst wieder Normierungen und Normen, also mehrheitliche Trends in der
Marktwirtschaft, die konsumtive Besitzverhältnisse widerspiegeln.

Die wirtschaftliche Charaktermaske und das, was darunter ist, decken sich im
Bewußtsein der Menschen, den Betroffenen eingeschlossen, bis aufs kleinste Fält-
chen. […] Sie beurteilen das Selbst nach seinem Marktwert und lernen, was sie
sind, aus dem, wie es ihnen in der kapitalistischen Wirtschaft ergeht (1998, S. 238).

2.2 Integrative Kulturarbeit

Geschichte muss mitgedacht werden, um die Gegenwart zu verstehen.


„Geschichte […] ist eine Kreation der Gegenwart“ (Schuch 2014, S. 36). Dem
Subjekt erschließt sich die Geschichte, wenn es bereit ist, Bilder der Vergangen-
heit zu klären und so selbst in die Geschichte eingebunden ist. Für Tätowierungen
bedeutet dies, sich mit der Bild gewordenen Geschichte auf der Haut auseinander
zu setzen. „Auch wenn wir immer in der Gegenwart leben, gehören Vergangen-
heit und Zukunft untrennbar zur Gegenwart“ (Schuch 2014, S. 46). Das täto-
wierte Lebenspanorama (vgl. Kap. 7) ist in vielen Fällen gewordene Geschichte,
die in die Gegenwart hineinreicht. Die von H.G. Petzold entwickelte Technik des
Lebenspanoramas (2003a, S. 993) stellt eine Realisation von Vergangenheit dar,
die in die Gegenwart reicht. Daniel Stern (2005, S. 49) formuliert diesen Sach-
verhalt so: „So entsteht in der Kunst, im Leben und in der Psychotherapie ein
praktisch ununterbrochener Trialog zwischen Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft.“
Psychotherapie, die immer auch kritische Kulturarbeit sein will, darf nicht
ohne Kritik der Verhältnisse ablaufen, in welchen sie stattfindet. Kultur- und
Bewusstseinsarbeit werden als „zentrale Aufgabe(n)“, neben kurativen, gesund-
heitsfördernden und persönlichkeitsbildenden Zielen gesehen (Petzold et al. 2014,
S. 671). Im Manifest der Integrativen Kulturarbeit 2013 der Autor/innen Ilse
Orth, Johanna Sieper und Hilarion G. Petzold werden „10 Objektive“ erläutert,
die ich im Folgenden benennen möchte.
Die Sorge um Würde und Integrität sind ein zentrales Anliegen des Mani-
fests, wobei die Sorge immer eine „Sorge um sich“ selbst, angelehnt an Socrates
2.2  Integrative Kulturarbeit 9

(Petzold 2003b, S. 38) als auch eine Sorge um das „Gemeinwohl“ nach Demo-
krit sein kann. Die Sorgestruktur, die den achtsamen Umgang und die Förderung
des „gesamten Menschenwesens“ (Petzold 2003b, S. 84) umschließt, bezieht den
gesunden Geist und Körper mit ein.
Kulturarbeit hat sich für die Realisierung einer „konvivialen gesellschaftli-
chen Grundqualität“ (2014, S. 676) einzusetzen, die mit Zugewandtheit, sozialen
Klimatas, Hilfeleistungen oder Zugeständnissen für das Wohl anderer umschrie-
ben werden können. Die „Förderung von Humanessentialien“ (2014, S. 676)
wird ebenso im Manifest dargelegt. Hierbei werden zum Beispiel kollektive Wer-
tesysteme, kokreative Entwicklungen von Wissen, Kultur, Kunst und/oder Tech-
nik verstanden; vielfach finden sich diese Humanessentialien auch auf der Haut
von Tattooträger/innen wieder, ich denke an den Biomechanik-Stil oder auch
Archetypen aus dem Bereich der Humanethik, wie Gandhi, Buddha, Jesus, Maria
oder Ganesha (als Verkörperung der Repräsentanten des Guten, Hilfreichen und
Edlen), deren zeitlose Werte der Hilfsbereitschaft, die der menschlichen Homi-
nität eigen sind, in den Wissensstände der Menschen, bewusst oder unbewusst,
verankert sind. Der Begriff Hominität weist in die Kulturarbeit hinein, in der sie
entwickelt wird. Menschen werden dabei als „Natur- und Kulturwesen“ gesehen,
die sich permanent entwickeln und selbst überschreiten können, Hominität bleibt
dabei ein realisierenswerter Weg mit offenem Ausgang (2014, S. 677).
Ideologiekritische Kulturarbeit arbeitet an Werten und Normen und weiß
um „dysfunktionale Ideologien“ (2014, S. 677), „melioristische“ Kulturar-
beit glaubt an das Gute im Menschen und ist letztlich altruistisch ausgerichtet.
Friedensarbeit sowie naturgerechte, „ökosophische“ Lebensformen können als
Forderung, Appell und/oder Imperativ formuliert werden (2014, S. 679 ff.). Täto-
wierte Motive aus Flora und Fauna sind sehr beliebt.
Integrative Kulturarbeit ist schließlich Bewusstseinsarbeit mit der Möglichkeit
zum Dissens und Zweifel in einer wertschätzenden Grundhaltung dem/der Ande-
ren gegenüber, auch wenn die verstandenen Bedeutungen jeweils eine Differenz
darstellen. Peter Völkner (1993, S. 131) bezieht sich auf Jacques Derrida (1979,
S. 91):

Denn der mir im Diskurs gegenüberstehende Andere, dessen sprachliche Äußerun-


gen ich verstehen will, ist für mich der absolut Andere und nicht bloß meine Vorstel-
lung vom Anderen. Er ist der Andere in seiner Unbegreiflichkeit, Unvorstellbarkeit,
der Andere, der sich in keinem theoretischen Bild von ihm, das ich mir aufgrund der
von ihm mitgeteilten Anzeichen mache, adäquat wiederfände.
10 2 Lebenszufriedenheit

Literatur
Adorno, T. W., & Horkheimer, M. (1998). Dialektik der Aufklärung. In R. Tiedemann
(Hrsg.), Gesammelte Schriften (Bd. 3, S. 7–336). Darmstadt: Wissenschaftliche Buch-
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Peter Naujack. Zürich: Diogenes (Erstveröffentlichung 1962).
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kation.de/polyloge/alle-ausgaben/update-2006-1999q-07-2001-petzold-h-g-das-selbst-
als-kuenstler-und-als-kunstwerk.html. Zugegriffen: 3. Sept. 2016 (Erstveröffentlichung
1999).
Petzold, H. G. (2003a). Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden für eine
schulenübergreifende Psychotherapie: Bd. 3. Klinische Praxeologie (2. überarbeitete
und erweiterte Aufl.). Paderborn: Junfermann.
Petzold, H. G. (2003b). Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden für eine
schulenübergreifende Psychotherapie: Bd. 1. Klinische Philosophie (2. überarbeitete
und erweiterte Aufl.). Paderborn: Junfermann.
Petzold, H. G., Orth, I., & Sieper, J. (2014). Manifest der Integrativen Kulturarbeit 2013. In
H. G. Petzold, I. Orth, & J. Sieper (Hrsg.), Mythen, Macht und Psychotherapie (S. 671–
688). Bielefeld: Aisthesis psyche.
Schuch, H. W. (2014). Kann das Gehirn denken? Essays. In H. W. Schuch (Hrsg.),
Geschichte und Psychotherapie. Chronosophische und diskursanalytische Vorüberle-
gungen zur Geschichte und Mythologie der Psychotherapie aus integrativer Perspektive
(S. 33–79). Wien: Krammer.
Stern, D. N. (2005). Der Gegenwartsmoment. Veränderungsprozesse in Psychoanalyse,
Psychotherapie und Alltag. Frankfurt a.  M.: Brandes & Apsel.
Völkner, P. (1993). Derrida und Husserl. Zur Dekonstruktion einer Philosophie der
Präsenz. Wien: Passagen.
Methodik, Terminologie
3

Zusammenfassung
Das Kapitel „Methodik und Terminologie“ befasst sich mit der Literaturarbeit
als hermeneutisches Verfahren als Teil der Geisteswissenschaften. Es werden
Definitionen und Terminologien des Forschungsgegenstandes „Tätowierung
als Leibphänomen“ beschrieben. Kann die Tätowierung als Leibphänomen
eine Suche nach Identität und ein Ausdruck im Rahmen von Lebenskunst und
Ästhetik der Existenz sein? Welche gesellschaftskritischen Aspekte sind damit
verbunden? Im Rahmen der Integrativen Therapie ist der „tätowierte“ Leib
informiert und informierend zugleich, Ausdruck des „phantasmatischen Lei-
bes“ (Hilarion G. Petzold). Zugänge zu den „Leibarchiven“ werden geschaf-
fen, da dort die Geschichte des Leibes eingeschrieben ist. Leib-Atmosphären
sind abgelegt und Widerfahrnisse der Biografie neuronal verankert. Eingenis-
tete Leib-Atmosphären können tätowierte Szenen darstellen, bunt, grau oder
schwarz.

Als Form der Methodik des Buches wurde jene der Literaturarbeit gewählt, kon-
kret das hermeneutische Verfahren. Ich habe versucht so weit wie möglich sys-
tematisch vorzugehen und das Forschungsinteresse in Bezug auf das Thema um
philosophisch-soziologische Aspekte zu bereichern, die maßgeblich in der Denkt-
radition von Theodor W. Adorno, Michel Foucault, Maurice Merleau-Ponty, Wil-
helm Schmid, Hans Waldemar Schuch und Hilarion Petzold stehen. Dabei war
kontroverses Denken nötig, Widersprüche blieben bestehen. Meine Gedanken für
die Einleitung möchte ich schließen mit den Überlegungen der Unvollständigkeit
mit Rainer Maria Rilke (1966) aus den Gedichtzyklen:

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 11


G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2_3
12 3  Methodik, Terminologie

ICH lebe mein Leben in wachsenden Ringen,


die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn (S. 9).

3.1 Hermeneutische Methode

Die gewählte Methode ist die hermeneutische, sie versteht sich als Teilbereich der
Geisteswissenschaften. Da es sich bei Tätowierungen um Bilder handelt, wird die
ursprüngliche Kunst der „Auslegung“ (Schmidt und Schischkoff 1991, S. 293),
Verdolmetschung, Erklärung um das Verständnis der Bedeutungszusammenhänge
optischer Eindrücke erweitert; letztlich versteht sich die hermeneutische Tradi-
tion in dem Verstehen des Begriffs, sowohl anhand von Bildern, als auch anhand
von Texten. Für dieses Verfahren ist ein literaturkritischer Zugang vorgesehen,
die Quellen reichen zeitlich manchmal weiter zurück, wobei aktuelle Forschung
sowie Literatur im Sinne der Zeitgemäßheit berücksichtigt ist. Das Interessante
an hermeneutischem (Literatur-) Verständnis ist meines Erachtens aber, dass es
ganz „Eindeutiges“ nicht gibt, da schon das kommunikative Verständnis mensch-
licher Weltauslegung unter anderem durch Sprache und/oder Kunst diese in stän-
dig neue Zusammenhänge rückt, dass aber das Herstellen des Kontextes von
Verständnis zwischen Individuen ein Verstanden-Werden impliziert, so wie es
sich etwa in Kunst-Szenen ereignet. Lebenskunst findet hier Platz, genauso wie
ein Betrachten zum Beispiel der Leibphänomene.
Dass ich in der Arbeit kritisch bleibe, hat mit der Methode der Dekonstruktion
zu tun, alle Phänomene zu hinterfragen und nichts einfach nur hinzunehmen.

3.2 Forschungsgegenstand

Im Folgenden werde ich zuerst aktuelle Definitionen und Terminologien aus der
Tätowierkunst sowie Integrativen Therapie entsprechend des Forschungsgegen-
standes des „tätowierten Leibes“ beziehungsweise der „Tätowierung als Leibphä-
nomen“ darlegen und mich danach mit der Fragestellung beschäftigen, inwieweit
die Tätowierung als Leibphänomen eine Suche nach Identität und ihrem Aus-
druck im Rahmen von Lebenskunst und Ästhetik der Existenz sein kann. Die
„Schattenseiten“ werden auch kritisch beleuchtet, ebenso soll Gesellschaftskri-
tik geäußert werden, denkt man etwa an das Frauenbild, das oft auf Tätowierun-
gen zu finden ist. Pin-up Girls und „kurvenreiche“ Frauenbilder auf männlichen
3.3  Tätowierung, Tatauierung, Tattoo 13

Körpern oder auch die Femme Fatale, fratzen- oder dämonenhaft verzerrt, färben
Haut auch einschlägig ein. Es stellt sich die Frage, inwieweit Gesellschaftsbilder
als Abbilder, Vorbilder oder Leitmotive unser Denken bestimmen und die Identifi-
kation mit diesen Eingang unter die Haut finden.
Der Titel der Arbeit lautet: „Der tätowierte Leib. Einschreibungen in den
menschlichen Körper zwischen Sehnsucht nach Identität, Therapie und Kunst“.
Den Kern der Untersuchung bilden demnach die Tätowierungen, Phänomene auf
dem eingeschriebenen Leib, – hier werde ich beschreiben, welche Stile sich her-
ausgebildet haben und inwieweit diese in Zusammenhang mit Lebenskunst oder
Ästhetik der Existenz gesehen werden können, nämlich dann, wenn Lebenszu-
friedenheit eine Rolle spielt. Für die Integrative Therapie können die Phänomene
als Massenphänomene eine kritische Rolle spielen, wenn sie nur als Maske vor
der eigentlichen Identität der Tattooträger/innen fungieren und eher zu einem
Identitätsszwang (Adorno 1998) werden. Die Frage ist demnach auch interes-
sant, wo jene Identität im Menschen liegt, die sich dieses Zwanges entledigt. Die
Position der Nichtidentität muss hier ebenso wie das Denken in Widersprüchen
mitgedacht werden. Das Kunstwerk wird in der Differenz vom Seienden zu dem,
was es zuerst nicht ist (Adorno 1998). Der Forschungsgegenstand lautet dem-
nach also auch: Werde ich mich als Träger/in von Tätowierungen vom Zwang, als
Tätowierte/r eine Identität haben zu müssen, befreien können? Und – wenn dies
gelingt- was konstituiert dann meine Identität? Werde ich, wenn ich Erfahrungen
mit Kunst mache, unablässig vom Rätselhaften bedroht oder finden sich Antwor-
ten auf die Fragen (Adorno 1998)?

3.3 Tätowierung, Tatauierung, Tattoo

Die Definitionen beschreiben die Tätowierung, Tatauierung und Tattoo sowie das
Leibphänomen. Inwieweit sich Identität durch Tätowierungen konstituiert (oder
auch nicht) wird erst an anderer Stelle vertiefend beschrieben. Der Grund liegt in
seiner kontroversen, widersprüchlichen Betrachtungsweise.
Die Tätowierung, englisch und eingedeutscht oft verwendet als das Tattoo,
wissenschaftlich Tatauierung, findet ihre Definition in der Brockhaus Enzyk-
lopädie (interessant ist dabei, dass unter dem Begriff „Tätowierung“, der als
umgangssprachlich bezeichnet wird, lediglich ein weiterer Verweis zu finden ist,
der den Leser/ die Leserin sofort zu dem Begriff „Tatauierung“ weiter leitet).
„Tatauierung (ursprünglich aus dem Polynesischen kommend für „Zeichen“,
Anm. d. Verf.), umgangssprachlich Tätowierung, das Einstechen oder Einritzen
von Ornamenten in menschl. Haut“ (Brockhaus Enzyklopädie 2006, S. 82).
14 3  Methodik, Terminologie

Die Farbstoffe oder oft mit Pflanzensäften gebundener Ruß werden in muster-
haft angeordneten Strichen oder Schnitten in die Haut eingerieben. In verschiede-
nen Regionen kommt es vor, dass geschwärzte Fäden in die Haut genäht werden
(Nord-Asien oder Nordamerika). Es wird auch eine Form der Narbentätowierung
praktiziert, bei der die Schmuckformen durch wiederholtes Aufreißen der Wunde
und Wegreißen des Schorfes zustande kommen. Auch Einbrennen des Schorfes
ist eine praktizierte Technik (Brockhaus 2006).
Im „Lexikon der Kunst“ (Olbrich 2004, S. 219) wird die Tatauierung als
„hochentwickelte Kunst der Ornamentierung der menschlichen Haut durch unab-
waschbare unterschiedl. Muster“ definiert. Dabei sind die bezeichneten Zeich-
nungen und Zeichen in drei Kategorien eingeteilt: die Stichtätowierung oder auch
Farbtätowierung, die Narbentätowierung und die Nahttätowierung. Als vorkom-
mende Länder, welche das Tätowieren pflegten, werden Ozeanien, Afrika und
Nordamerika sowie das alte Ägypten genannt. In Europa wird die Tätowierung ab
dem 18. Jahrhundert durch Seefahrer bekannt (Olbrich 2004).
Die korrekte Bezeichnung ist also Tatauierung, weder Tattoo noch Täto-
wierung, folgt man lexikalischen Angaben. So wäre tatau für Samoanisch
„zeichnen, ritzen, schlagen“ (Olbrich 2004, S. 219), aber im Deutschen ken-
nen wir den Begriff Tatau praktisch nicht, hier hat sich das Wort „Tätowie-
rung“ durchgesetzt und wird auch in gängigen Zeitschriften und Büchern
verwendet.
Zum Vergleich noch der Begriff „Tattoo“ des „Lexikons für Österreich in
20 Bänden“: Das kann ein nur begrenzt haltbares Abziehbild auf der Haut sein,
oft auch „durch kosmet. Farben auf die Haut aufgebrachter Körperschmuck in
Form kleiner Bildchen und Zeichnungen“ (2006, S. 51). Der Begriff „Tattoo“
wird allerdings hier auch als Synonym für die Tätowierung verwendet, wurde
also im Laufe der Zeit eingedeutscht und übernommen.
Die Zuordnung der Tätowierung gehört meines Erachtens – wenn sie
aus heutiger Sicht betrachtet wird – zum Phänomen der Körpermodifikation
oder Bodymodification. Verwandte der Tätowierung sind demnach Piercings;
Skarifikations wie Brandings und Cuttings; Implantate und – eine extreme
Variante der Körpermodifikation: die Amputation. Alana Abendroth (2009)
benennt auch Phänomene wie das Spalten der Zunge oder Suspensions, die
alle mit Schmerzerlebnissen und dem Ausschütten von Hormonen beschrie-
ben werden, um mehr oder weniger lustvoll (schmerzvoll) den eigenen Kör-
per zu spüren.
3.4 Leibphänomen 15

3.4 Leibphänomen

Das Phänomen wird definiert als das Erscheinende, aus dem Griechischen kom-
mend phainomenon. Es ist im Unterschied zu dem, wovon die Erscheinung
Kunde tut, ein sogenanntes Urphänomen, also empirisch das real letzt Erkennbare
als Resultat aller Erfahrungen und Versuche. Damit grenzt es sich klar vom Spe-
kulativen und Hypothetischen ab (Schmidt und Schischkoff 1991).
Leib wird bei Hilarion G. Petzold „als die Gesamtheit aller sensorischen,
motorischen, emotionalen, volitiven, kognitiven und sozial-kommunikativen
Schemata bzw. Narrative/Stile“ (2003, S. 1066) definiert, die in einer Beziehung
mit dem Umfeld stehen bzw. „in ihrem Zusammenwirken als „informierter Leib“
das „Leibsubjekt“ als Synergem konstituieren“ (S. 1066).
An anderer Stelle heißt es: „Der Mensch ist Leib-Subjekt als Mitsubjekt in
seiner je gegebenen Lebenswelt“ (Petzold 2003, S. 1060).
In Korrespondenz mit Johanna Sieper wird im Artikel: „Leiblichkeit“ als
‚Infomierter Leib‘ embodied and embedded – Körper-Seele-Geist-Welt-Verhält-
nisse in der Integrativen Therapie. Quellen und Konzepte zum „psychophysischen
Problem“ und zur leibtherapeutischen Praxis der 21. Ausgabe der Polyloge 2012
der Begriff genau terminologisiert: „LEIB, eingebettet (embedded) in Kontext/
Kontinuum, wird definiert als: die Gesamtheit aller materiellen und emergenten
organismisch-transmaterielle und zugleich mental-transmateriell gegründeten
sensorischen, motorischen, emotionalen, volitiven, kognitiven und sozial-kommu-
nikativen Schemata/Stile/Narrative.“ Der informierte Leib wird „als personales
„Leibsubjekt“ konstitutiert“. „Der materiell-transmaterielle Leib umfasst also
die emergenten seelischen und geistigen Prozesse und ist in seinen interaktiona-
len Lebensvollzügen mit der Welt ein „Synergem“ dieser Prozesse […]“ (Petzold
und Sieper 2012, S. 71).
Das Leibphänomen kann weiters als das sich am lebendigen Körper Zeigende,
Belebte beschrieben werden. Die Tätowierung wäre demnach der sinnlich belebte
Leib, in welchem und auf dem Ornamente und Verzierungen angebracht sind, die
entweder eingestochen oder eingeritzt werden. Auffallend ist, dass es sich bei
dem Leib um eine männliche Konstruktion handelt, also ein Maskulinum, ebenso
bei dem Körper. Wird allerdings der Körper als transmaterielles Phänomen ver-
standen und als „Körper-Seele-Geist“ (Leitner 2010, S. 85) wahrgenommen,
nähert sich der Begriff dem der Person an, entsprechend der Phänomenologie von
Maurice Merleau-Ponty, der Leib ist dann die Person.
Nicht unwichtig in Bezug auf Tätowierungen ist Merleau-Ponty meines Erach-
tens nach für die Integrative Therapie mit seinen Gedanken im Kapitel IV, Die
16 3  Methodik, Terminologie

Synthese des Eigenleibs, des Werks: „Phänomenologie der Wahrnehmung“. Hier


beschreibt er im § 23: Die Einheit des Leibes und die des Kunstwerks:

Nicht einem physikalischen Gegenstand, sondern eher einem Kunstwerk ist der Leib
zu vergleichen. Die Idee eines Bildes oder eines Musikstücks kann sich auf keine
andere Weise mitteilen, als durch die Entfaltung der Farben und Töne selbst. […]
In diesem Sinne ist unser Leib dem Kunstwerk vergleichbar. Es ist ein Knotenpunkt
lebendiger Bedeutungen, nicht das Gesetz einer bestimmten Anzahl miteinander
variabler Koeffizienten (1974, S. 181).

Körper/Soma wird im Rahmen der Integrativen Therapie wie folgt definiert:

 Körper/Soma Organismus wird definiert als die Gesamtheit aller aktualen


physiologischen (biologischen, biochemischen, bioelektrischen) Prozesse des
Organismus nebst der im genetischen und physiologischen (immunologischen)
Körpergedächtnis als differentielle Informationen festgehaltenen Lernprozesse
und Lernergebnisse/Erfahrungen, die zur Ausbildung kulturspezifischer somato-
motorischer Stile führen (Petzold 2003, S. 1065).

Während der Körper eher „dinglich“ beschrieben werden kann (Messung der
physikalischen Größe in Kilopond, Angabe der Biomasse in Kilogramm), kann
der Leib als belebter und beseelter Körper wahrgenommen werden, ausgestattet
mit einer Lebendigkeit, die Bewusstheit und Personalität besitzt (Leitner 2010).
Damit begründen sich im integrativen Ansatz neue Wege, denn die Leibphänome-
nologie ist die Basis eigenleiblichen Spürens des Leibsubjekts nach den Ansätzen
von Hermann Schmitz, Gabriel Marcel und Maurice Merleau-Ponty (Petzold und
Sieper 2012). Dies führt zu einer „Leibhermeneutik“ nach Paul Ricoer, wobei es
darum geht, „die Bemühungen des personalen Leib-Subjekts, sich selbst und
die Welt im Lebensganzen zu verstehen“ (Petzold und Sieper 2012, S. 10). Dabei
sollen auch die Lebenszusammenhänge erklärt und die „inkarnierte“ Geschichte
des Leibes in „Kontext und Kontinuum“ zugänglich gemacht werden.

3.5 Informierter, phantasmatischer Leib

Die Leiblichkeit des Menschen kann als „S y n e r g e m von materiellen und


transmateriellen Prozessen“ begriffen werden. Das personale Leibsubjekt verkör-
pert sich zu „bedeutsamen Anderen“ hin bis zum Tode als die „transmaterielle
Wirklichkeit“ des informierten Leibes (Petzold und Sieper 2012, S. 79).
Literatur 17

„Der tätowierte Leib“ ist informierter und informierender Leib zugleich- er


ist eine „Botschaft von mir über mich für mich und an andere“ wie jede kreativ-
mediale Gestaltung. Er ist auf dieser Dimension „expressiver Leib“, Ausdruck
des „phantasmatischen Leibes“ (Petzold 2014, S. 1).
Der phantasmatische Leib müsse sich zeigen, dass er verstanden wird. So geht
es darum, dass Stimmungen, Leibatmosphären oder Gefühle deutlich werden
wollen. Die „Notwendigkeit, dass die im Leibe abgespeicherten Atmosphären der
persönlichen Geschichte, die den „phantasmatischen Leib“ konstituieren, Aus-
druck, Gestalt und Form finden“ (Petzold 2003, S. 895 f.), um erfasst oder begrif-
fen zu werden, bildet die Grundlage für eine Arbeitsweise mit den Body Charts.
Diese sind ein Weg, Zugang zur leiblich (verdrängten) Geschichte zu finden
(S. 876). Auf die Technik des Body Charts wird später noch eingegangen, ebenso
wie auf Embodiment und Aspekte der Berührung.
Um nun wieder an den tätowierten Leib anzuknüpfen: Wenn mein eige-
ner Leib eine „Möglichkeit ist, eine Welt zu haben“, weil „mein Leib meine
Geschichte ist“, (Petzold 2003, S. 888), dann können Zugänge zu den „Archiven
des Leibes“ stattfinden; damit dies- was dort abgelegt wurde, für sich selbst und
andere Sinn stiftet und wahrnehmbar wird. „So können die scheinbar anonymen
Widerfahrnisse der Biografie“ (wie sie im tätowierten Lebenspanorama wiederge-
funden werden), „die Einschreibungen des Lebens in den Leib – über die Lebens-
spanne hin-, […] erklärbar werden“ (S. 889). Wenn der tätowierte Leib Ausdruck
des phantasmatischen Leibes ist, umschließt er Verdrängtes und Inhalte, die „in
den Leib hineingedrängt wurden“ und nun in verborgenen Archiven lagern. Die
eingenisteten „Leib-Atmosphären“ können tätowierte Szenen darstellen, die böse,
verletzte, verstümmelte Inhalte und Bilder zeigen. Man findet dies zum Beispiel
beim Horror-Stil. Das Gegenteil kann auch der Fall sein, wenn heilsame Erfah-
rungen oder „Leibphantasmen von ungeheurer Schönheit“ oder „glorioser Wohl-
geformtheit“ (S. 890) die Haut schmücken (z. B. Portraits).
Wird biografisches Material tätowiert, gibt der informierte Leib archiviertes
Material frei, das in bewusstseinsfähige Resonanz mit dem Gegenüber, in einen
Dialog kommen kann. Für therapeutische Prozesse lässt sich dies gut nützen.

Literatur

Abendroth, A. (2009). Bodymodification. Körpermodifikationen im Wandel der Zeit. Tattoos,


Piercings, Scarifications. Diedorf: Ubooks.
Adorno, T. W. (1998). Ästhetische Theorie. In R. Tiedemann (Hrsg.), Gesammelte Schriften
(Bd. 7, S. 7–579). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft.
18 3  Methodik, Terminologie

Leitner, A. (2010). Handbuch der Integrativen Therapie. Wien: Springer.


Merleau-Ponty, M. (1974). Phänomenologie der Wahrnehmung. Berlin: De Gruyter (Erst-
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Olbrich, H. (Hrsg.). (2004). Lexikon der Kunst. Stae-Z. (Bd. VII, 2. Aufl.). Leipzig: Seemann.
Petzold, H. G. (2003). Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden für eine
schulenübergreifende Psychotherapie: Bd. 3. Klinische Praxeologie (2. überarbeitete
und erweiterte Aufl.). Paderborn: Junfermann.
Petzold, H. G. (2014). Digitaler Briefwechsel zur Masterthese von Gunhild Häusle-
Paulmichl mit Anmerkungen (S. 1–2). Feldkirch: E-Mail vom 20. August 2014.
Petzold, H. G., & Sieper J. (2012). „Leiblichkeit“ als „Informierter Leib“ embodied and
embedded – Körper-Seele-Geist-Welt-Verhältnisse in der Integrativen Therapie. Quel-
len und Konzepte zum „psychophysischen Problem“ und zur leibtherapeutischen
Praxis. http://www.fpi-publikation.de/polyloge/alle-ausgaben/21-2012-petzold-h-g-sie-
per-j-2012a-leiblichkeit-als-informierter-leib-embodied-and.html. Zugegriffen: 30. Okt.
2016.
Rilke, R. M. (1966/1955–1966). Werke in drei Bänden. Erster Band. Gedicht-Zyklen.
Frankfurt a. M.: Insel.
Schmidt, H., & Schischkoff, G. (Hrsg.). (1991). Philosophisches Wörterbuch (Bd. 13,
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Weiß, J. (Hrsg.). (2006). Das Lexikon für Österreich in 20 Bänden. Mit ausgewählten Bei-
trägen aus den ORF-Redaktionen: Bd. 18. Tage – Unim. Mannheim: Duden.
Zwahr, A. (Hrsg.). (2006). Brockhaus Enzyklopädie in 30 Bänden: Bd. 27. TALB–TRY
(21. Aufl). Leipzig: Brockhaus.
Tätowierungen und Identität in der
Integrativen Therapie 4

Zusammenfassung
Das Kapitel „Tätowierungen und Identität in der Integrativen Therapie“
beschäftigt sich mit den fünf Säulen der Identität, kontroverser Identität,
Identitätszwang sowie dem Zeitraum in der Lebensspanne, der sogenannten
Transversalität. Die fünf Säulen der Identität: Leiblichkeit; soziales Netz-
werk; Arbeit, Freizeit, Leistung; materielle Sicherheit und Wertorientierung
oder religiös/ethische Überzeugung können gut mit dem Phänomen der Täto-
wierung in Verbindung gebracht werden. Kritisch wird es hingegen bei Phä-
nomenen der Massenkultur, die den fiktiven Charakter illusionärer Individuen
entschleiern (T. W. Adorno, M. Horkheimer). Im Rahmen der transversalen
Identität wird auf „Identitätsarbeit“ als einem Kernthema moderner Psycho-
therapie hingewiesen. Veränderungen spätmoderner Lebenswelten erschüttern
die bestehende Sicherheit der Identität (H. Petzold).

In diesem Kapitel werden die 5 Säulen der Integrativen Therapie in Zusam-


menhang mit tätowierter Haut reflektiert. Der Identitätszwang und die Mas-
senkultur, die sich auch am Phänomen Tätowierungen zeigen, werden kritisch
beleuchtet; schließlich runden Überlegungen zur transversalen Identität das
Kapitel ab. Das Thema Nichtidentität wird im Zuge der Normenbildung der
Tätowierszenen diskutiert.
Die Identität in der Terminologie der Integrativen Therapie ruht auf fünf Säu-
len, welche sich sowohl aus Selbst- als auch als Fremdattribuierung konstituieren.
Identität wird dabei sowohl über Bilder über das Selbst, welche aus dem
Selbsterleben stammen, als auch über Sozialisationsprozesse aus dem Außen
gebildet, so Hilarion Petzold (2003a). Das Ich gleicht nun die vorhandenen

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 19


G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2_4
20 4  Tätowierungen und Identität in der Integrativen Therapie

Selbstbilder mit jenen von der Außenwelt attribuierten ab. Es entsteht ein dia-
lektischer Prozess (Schuch 2010), also ist Identität nach Adorno (1998) stets
dialektisch zu verstehen. Identität entsteht so aus einem Miteinander sozialer
Netzwerke in wechselseitigen Prozessen (Petzold 2003a).
Die Identitätstheorie ist klinisch bewertet worden und sozialpsychologisch
fundiert. Sie gilt daher als Faktizität und ich werde nun kurz erläutern, inwieweit
die Säulen der Identität in Verbindung mit der verleiblichten Tätowierung stehen.

4.1 Die fünf Säulen der Identität

Im dreibändigen, überarbeiteten und erweiterten Werk Hilarion Petzolds findet


sich der Begriff der Identitätssäulen mehrmals (2003a, b, c). In der Tätowierun-
gen zeigt sich Identität.

1. Leiblichkeit
Meine Leiblichkeit gebe ich nach außen von mir, diese wird mir aber auch
attribuiert; – ich werde durch Tätowierungen wahrgenommen, befremdend
oder integrativ, je nach Ko-respondenzprozess des Betrachters, der Betrachte-
rin, immer aber wissend, dass meine Tätowierung mir selbst eingeschrieben
ist, als unumstößliche Wirklichkeit. Abb. 4.1 zeigt eine Frau, die von einem
Wald umgeben ist. Auf ihrem körperlichen Leib ist eine Baumkulisse zu
sehen. Das Motiv für die Tätowierung ist der sie umgebende Wald, mit dem
die ihr eingeschriebenen Tätowierungen in optische Resonanz treten und ein
Ensemble bilden, das an ein Landschaftspanorama erinnert.
2. Soziales Netzwerk
Jenem gehöre ich an und es ist mir zugehörig. Durch Tätowierungen schaffe
ich eine bildliche Grenze zu anderen, grenze mich mit ihnen ab oder wecke
Interesse – oft werden krasse Polaritäten geschaffen zwischen Ausgrenzung
und Integration, welche in Kunst-Szenen münden kann, es ergeben sich Inter-
Aktionen, Zwischenleiblichkeiten, es entsteht Kommunikation durch Bilder
auf der Haut, sei es mittels Abwehr oder Zuneigung. Soziale Netzwerke zeich-
nen sich oft durch Freundschaftstattoos aus, so kann es sein, dass mehrere
Teile einer Tätowierung auf Körperteilen zu finden sind, die mehreren Perso-
nen zugehörig sind, zum Beispiel Vögel auf einem Ast, – wenn man die Kör-
perteile zusammen hält, ist das Bild vollständig.
3. Arbeit, Freizeit, Leistung
Lebendige Bilder, Schauplätze des Lebens, Tabus, Spiel, Waghalsigkeit:
Ich werde identifiziert auch im Kontext von Tätowierungen auf dem Körper
4.1  Die fünf Säulen der Identität 21

Abb. 4.1   Rückentattoo mit Baumensemble. Bleistift und Kohle auf Papier. (Hoop, F.
2016. Fotografiert und bearbeitet: Lackinger, C. 2016)

tragend; einmal sie zeigend, dann wieder verbergend – je nachdem, ob zum


Beispiel beim Arbeitgeber Toleranz oder stigmatisierende Vorurteile gegeben
sind, waren ja früher Tätowierungen Straffälligen zugeordnet.
4. Materielle Sicherheiten
Mein Haus, meine Heimat, mein Verhältnis zur Natur- vielleicht sind es Täto-
wierungen, die diese Ideen verkörpern? Bilder auf der Haut von Naturdä-
monen, Schriftzüge mit Namen, Porträts von Familienangehörigen – sie alle
können die materielle Säule verdeutlichen.
5. Wertorientierungen, weltanschauliche und religiöse Überzeugen
Kulturelle Vielfalt auf der Haut! Sei es der interreligiöse Dialog, das christli-
che Kreuz oder der buddhistische Kopf Siddharta Gautamas. Arm ist die Tat-
toowelt an Zeugnissen der Spiritualität und Religiosität nicht – hier finden sich
zahlreiche Motive.
22 4  Tätowierungen und Identität in der Integrativen Therapie

Zweifellos als tragende Säule ist für die Tätowierung die Leiblichkeit zu sehen,
da eine Tätowierung „für immer“ ist, nicht temporärer Versuch bleibt; eine Weg-
laserung ist schmerzhaft und teuer und bedeutet wiederum einen weiteren Ein-
griff. Auch wenn das Tätowiert-Sein noch nicht heißt, einen guten Selbstbezug zu
haben, so bedeutet es doch ein Stück Weges in die Leibarbeit.

4.2 Kontroverse Identität und Identitätszwang

Hans Waldemar Schuch (2010) geht der Frage nach der Identität in seinem Auf-
satz „KONTROVERSE IDENTITÄTEN – DISPARATE IDENTITÄTEN. Einige
Anmerkungen zu Integrationsproblemen von Muslimen“ nach und beleuch-
tet diese. Unter Hinweis auf Theodor W. Adornos Identitätszwang (1998), der
jedem Individuum verordnet wurde, verweist er auf die Notwendigkeit, sich zu
den Dingen in kritische Distanz zu begeben, um nicht „die in den Rollen enthal-
tenen Identitätsvorgaben als natürlich zu akzeptieren“ (Schuch 2010, S. 80) und
gegebenenfalls die Dinge einfach hinzunehmen. Die kritische Theorie Theodor
W. Adornos wird hierfür eingearbeitet und vor allem zur Kritik an den beste-
henden Sozialverhältnissen herangezogen. So nehmen Menschen zum Beispiel
bestehende Sozialverhältnisse als Realität und faktisch gegeben anstatt sie zu hin-
terfragen, was zur Folge hat, dass es möglicherweise zu einer „Verkennung“ kom-
men könnte. Entsprechend der Charaktermaske Adornos und Horkheimers (1998)
gibt es demnach keinen Unterschied zwischen dem wirtschaftlichen Schicksal
und den Menschen selbst. Keiner ist demnach etwas anderes als „sein Vermögen,
sein Einkommen, seine Stellung, seine Chancen. Die wirtschaftliche Charakter-
maske und das, was darunter ist, decken sich im Bewusstsein der Menschen, den
Betroffenen eingeschlossen, bis aufs kleinste Fältchen“ (1998, S. 238).
Identität ist nach Adorno und Horkheimer (1998) im dialektischen Sinne zu
verstehen, was bedeutet, dass in Widersprüchen gedacht wird: „Dialektik als Ver-
fahren heißt, um des einmal an der Sache erfahrenen Widerspruchs willen und
gegen ihn in Widersprüchen zu denken“ (S. 148).
Folgender Satz müsste nach den oben angestellten Betrachtungen dekonstru-
iert werden: „Die Tätowierung in der Spät- bzw. Postmoderne wird zum Versuch,
sich seiner Identität zu vergewissern“ Oliver Bidlo (2010, S. 28). Der Versuch
scheitert, wenn das Tätowiert-Sein zum Massenphänomen wird. So können, ent-
sprechend der Identität und dem Identitätszwang, verschiedene Phänomene inner-
halb der Tätowierszene kritisiert werden.
Hier sind als Erstes Tätowierserien im Fernsehen und auf diversen Medien
zu kritisieren. Ein Beispiel ist die Serie „Miami Ink, Tattoos fürs Leben“ (2007),
4.3  Transversale Identität 23

welche als Form einer US-amerikanischen Realityshow gesendet wurde. Es gibt


hiervon auch DVDs käuflich zu erweben. Dabei lassen sich Menschen vor lau-
fender Kamera tätowieren. Hier kann der Identitätszwang, der die fernsehende
Masse zur Mimesis einlädt, entzaubert werden um eine Wucherung desselben zu
verhindern (Adorno 1998).
Wichtig ist in diesem Zusammenhang die Kritik an der Massenkultur, so auch
an den Tätowierbooms, die durch Fernsehserien gefördert, und durch die Redak-
tion vielleicht noch durch künstlich arrangierte Lacher untermalt werden.

Die Belieferung des Publikums mit einer Hierarchie von Serienqualitäten dient
nur der um so lückenloseren Quantifizierung. Jeder soll sich gleichsam spontan
seinem vorweg durch Indizien bestimmten »level« gemäß verhalten und nach der
Kategorie des Massenprodukts greifen, die für seinen Typ fabriziert ist (Adorno
und Horkheimer 1998, S. 144).

In diesem Zusammenhang wird dann die Kulturindustrie ein illusionäres Indi-


viduum hervorbringen, da dieses serienmäßig herstellbar ist und somit standar-
disiert: „Massenkultur entschleiert damit den fiktiven Charakter“ (Adorno und
Horkheimer 1998, S. 178).
Zur Massenkultur innerhalb der Tätowierszenen können auch die „Arschge-
weihe“ gezählt werden, die massenhaft an Rändern von Bikinis und Badehosen
angefertigt wurden, nicht zuletzt um sie dann schmerzhaft weglasern zu lassen,
als der Boom verklungen war. Der Zerfall der „Geweihe“ lässt sich metapho-
risch vergleichen mit dem Verfall der Worte in dem Chandos-Brief von Hugo von
Hofmannsthal (2000): Die Worte „zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“
(S. 132).

4.3 Transversale Identität

In dem von Hilarion Petzold (2012a) herausgegebenen Band „Identität. Ein


Kernthema moderner Psychotherapie – interdisziplinäre Perspektiven“ äußert
er die Thematik der „Identitätsarbeit“ (S. 15). Demnach wären sogenannte
Prozesse heikel geworden, welche sich mit der Konstruktion von Identität
beschäftigen, da sich veränderte Bedingungen in der globalisierten und post-
modernen Gesellschaft wiederfinden. Es handelt sich hierbei um „gravierende
Veränderungen der spätmodernen Lebenswelten“ (2012a, S. 11), die auch durch
neue Medien und virtuelle Welten entstehen. Bestehende Identitätssicherhei-
ten werden so erschüttert und Neuorientierungen nötig. Petzold spricht von
24 4  Tätowierungen und Identität in der Integrativen Therapie

„Transversalität der Zeitgeschichte“ (2012b, S. 447). Über den Zeitraum der


Lebensspanne hinweg sind die Blicke der anderen für eine „Interiorisierung“,
ein „positives Selbsterkennen“ sowie eine „kohärente Identität“ wichtig (2012b,
S. 548).
Dem Erkanntwerden folgt das Anerkanntwerden und schließlich das sich
selbst Erkennen. Transversale Identität in einer von Medien geprägten Zeit hat
auch neben dem Aspekt der Sehnsucht nach Anerkennung und des Erkannt-
seins das Definieren und Abstecken von Grenzen zur Folge (2012b). In Bezug
auf Tätowierungen lässt sich der Prozess der transversalen Identität vielleicht
am besten so beschreiben, dass durch tätowierte Haut, die ja offensichtlich auch
von anderen gesehen und wahrgenommen wird, ein Prozess der Kommunika-
tion und des Wahrgenommenwerdens entsteht, – über Grenzen hinweg und in
stilistisch-künstlerischen Vermischungen. In Berlin findet sich zum Beispiel eine
Künstlerin, Berit Uhlhorn, die den Anspruch hat, etwas Anderes zu zeigen, als
bislang in der Tätowierwelt gezeigt wurde, nämlich „Kunst an den Wänden statt
Flash von der Stange, Gastfreundschaft statt großkotziges Angeranze, schöne
Raumgestaltung, wechselnde Ausstellungen und bildnerische Kompetenz. ….
es geht immer um Kreativität und Ausdruck“ (Travelingmic 2012, S. 133–144).
Bezeichnenderweise trägt der Titel des Artikels den Namen: „DEN MAIN-
STREAM KILLEN“ (S. 133). Die Einflüsse, die die Künstlerin als Inspiration
für ihre Kunst nennt, kommen aus den Bereichen Collage, Architektur, Foto-
grafie, japanische Tuschmalerei, Kirmeskultur oder politische Plakatkunst und
sind durchaus transversal – also quer verlaufend und nicht strikt und geradlinig
(Travelingmic 2012). Auch erachtet sie es als wichtig, sich „kritisch mit unserer
Daseinsform“ auseinanderzusetzen und gibt deshalb bestimmten Motiven ihren
Vorrang, wie zum Beispiel Motive aus der antifaschistischen Bewegung. Der
Mainstream lasse sich nur mit Bildung und Vielseitigkeit killen, – so seien Täto-
wierungen eine Gestaltungsform, die „jeder Mensch verstehen und mit der sich
jeder ausdrücken kann. Sie ist deshalb nicht elitär, nur unterschiedlich. …. So
schreitet eine Kultur vorwärts“ (Travelingmic 2012, S. 138).
Ein multiperspektivischer Text aus dem Jahr 2016 befasst sich unter anderem
mit dem Thema der „prekären“ Identitätsbildung (Petzold 2016). Dieser Text
beschäftigt sich mit den Hintergründen fundamentalistischer Ideologien und sei-
nen möglichen, neurozerebralen Auswirkungen für Identitätsentwicklungen. Für
die Kulturarbeit bedeutsam ist das Konzept der „Angrenzung“, das immer ein
Miteinander verschiedener Kulturen bedeutet. „Grenze ist Kontaktfläche und
Grenzlinie zugleich und Ort des Austauschs“ (Petzold 2016, S. 6). Von einer Inte-
gration kann dann ausgegangen werden, wenn solide Angrenzungen erfolgen, die
von „selbstentschiedenen“ Einbindungen gekennzeichnet sind (2016, S. 6).
Literatur 25

Literatur

Adorno, T. W. (1998). Negative Dialektik. In R, Tiedemann (Hrsg.),  Gesammelte Schriften


(Bd. 3, S. 7–410). Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft (Erstveröffentlichung
1996).
Adorno, T. W., & Horkheimers, M. (1998). Dialektik der Aufklärung. In R. Tiedemann
(Hrsg.),  Gesammelte Schriften (Bd. 6, S. 7–336). Darmstadt: Wissenschaftliche Buch-
gesellschaft (Erstveröffentlichung 1947).
Bidlo, O. (2010). Tattoo. Die Einschreibung des Anderen. Essen: Oldib.
Hofmannsthal, H. von (2000). Brief des Lord Chandos. Poetologische Schriften, Reden und
erfundene Gespräche. Frankfurt a.  M.: Insel (Erstveröffentlichung 1907).
Petzold, H. G. (2003a). Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden für eine
schulenübergreifende Psychotherapie: Bd. 1. Klinische Philosophie (2. überarbeitete
und erweiterte Aufl.). Paderborn: Junfermann.
Petzold, H. G. (2003b). Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden für eine
schulenübergreifende Psychotherapie: Bd. 2. Klinische Theorie (2. überarbeitete und
erweiterte Aufl.). Paderborn: Junfermann.
Petzold, H. G. (2003c). Integrative Therapie. Modelle, Theorien und Methoden für eine
schulenübergreifende Psychotherapie: Bd. 3. Klinische Praxeologie (2. überarbeitete
und erweiterte Aufl.). Paderborn: Junfermann.
Petzold, H. G. (Hrsg.). (2012a). Identität. Ein Kernthema moderner Psychotherapie –
Interdisziplinäre Perspektiven. Integrative Modelle in Psychotherapie, Supervision und
Beratung. Wiesbaden: VS Verlag.
Petzold, H. G. (2012b). Transversale Identität und Identitätsarbeit – Die Integrative Identi-
tätstheorie als Grundlage für eine entwicklungspsychologisch und sozialisationstheore-
tisch begründete Persönlichkeitstheorie und Psychotherapie - Perspektiven „klinischer
Sozialpsychologie“. In H. G. Petzold (Hrsg.), Identität. Ein Kernthema moderner Psy-
chotherapie - Interdisziplinäre Perspektiven (S. 407–603). Wiesbaden: VS Verlag.
Petzold, H. G. (2016). Kulturtheoretische und neuropsychologische Überlegungen zu Fun-
damentalismusproblemen, Migration und prekärer Identitätsbildung in „unruhigen Zei-
ten" am Beispiel dysfunktionaler neurozerebraler Habitualisierung durch Burka, Niqab,
Genital Mutilation. http://www.fpi-publikation.de/polyloge/alle-ausgaben/21-2016-pet-
zold-h-g-2016q-kulturtheoretische-und-neuropsychologische-ueberlegungen-zu.html.
Zugegriffen: 8. Jan. 2017.
Schuch, H. W. (2010). KONTROVERSE IDENTITÄTEN – DESPARATE IDENTITÄ-
TEN. Einige Anmerkungen zu Identitätsproblemen von Muslimen. Integrative Therapie.
Zeitschrift für vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration, 36(1), 79–107.
Travelingmic. (2012). Den Mainstream killen. Die Tattoo-Kunst von Berit Uhlhorn aus
Berlin. Tätowier-Magazin. Forum der deutschen Tattoo-Szene, 10, 132–138.
Gender, Norm und Ausgrenzung
5

Zusammenfassung
Im Kapitel „Gender, Norm und Ausgrenzung“ wird zu Beginn auf die Per-
spektive der Genderintegrität (B. Schigl) fokussiert, die sich auf die Grund-
regel der Integrativen Therapie (H. Petzold) bezieht. Gleichheitsdiskurse und
Geschlechtergerechtigkeit sind wichtige Themen im Rahmen dieses Diskur-
ses. Zu Genderdiskursen, in denen Bezug auf sex und gender genommen
wird, gehören auch geschlechtliche Selbstbestimmungen, die Trans*- und
Intergeschlechtlichkeit inkludieren (M. Katzer und H. J. Voß) und somit ein
Pendent zu heteronormierten, zweigeschlechtlichen Strukturen darstellen.
Das sexualisierte Frauenbild, das auch über Tätowierungen transportiert wird,
folgt möglicherweise konsumorientierten, funktionalen Zwecken. Exklusi-
onen bei Tätowierten betreffen Symbole von Ausgestoßenen, deren Verhal-
ten mit Abweichungen und Kriminalität zu tun hat. Ein trauriges Kapitel der
Exklusionsprozesse stellen die KZ-Tätowierungen der Nazis dar. Inklusion
hingegen schafft Zusammenhalt in sozialen Gruppierungen wie zum Beispiel
Gangsterbanden.

5.1 Genderperspektive

Siba Shakib schrieb in ihrer Widmung für mich im Buch „Samira & Samir“ im
Mai 2005:

Mit dem Wunsch für viele gute Wege, auch/ weil Sie eine Frau sind von Herzen
(2003, S. 1).

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 27


G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2_5
28 5  Gender, Norm und Ausgrenzung

Abb. 5.1   Florales
Ornament. (Hofer, D.
2006–2008. Fotografiert
und bearbeitet: Lackinger,
C. 2016)

Abb. 5.1 zeigt geschwungene, florale Ornamente als Kunstobjekt und optischen


Blickfang mit einer inne wohnenden Ästhetik.
Mit dem Auseinanderklaffen verschiedener Gegebenheiten auf dieser Welt
als Grundlage, uns dem Thema Frau und Gender zu nähern, erscheint mir obi-
ges Zitat ein guter Anfang für einen friedlichen Weg eines konstruktiven Mit-
einanders, der sich leider immer noch rivalisierenden Geschlechter. Nur die
Erkenntnis, den oder die jeweils Andere(n) in ihrem Sosein zu akzeptieren und
die jeweilige Differenz anzuerkennen, ermöglicht wohl ein vorurteilsfreies und
wertschätzendes Miteinander. So sollte meines Erachtens die Kritik an dem sexu-
alisierten Bild der Frau in den Medien den Blick für Wesentliches wieder freile-
gen- nämlich die Frau nicht auf das Dasein als Lustobjekt zu reduzieren und die
Verschiedenheiten des leiblich-intentionalen Zugangs zur gemeinsamen Welt zu
akzeptieren (Schuch 2007, 2012).
5.1 Genderperspektive 29

5.1.1 Genderintegrität
Das Genderthema ist für jede Arbeit mit Menschen von struktureller Bedeutung:
unter anthropologischer, soziologischer, psychologischer und neurowissenschaftli-
cher, aber auch gerechtigkeits- und ethiktheoretischer Perspektive (Petzold und Orth
2011, S. 198).

Als Aufgabe der sogenannten Gleichstellungspolitik ist die Gendergerechtigkeit


ein zentrales Moment. Obwohl Genderfragen gesellschaftlich wichtige Themen
darstellen, sind sie theoretisch in Therapie und Supervision sowie in praxeolo-
gischen Zusammenhängen vernachlässigt. Ein Gegenbild dazu eröffnet etwa
Brigitte Schigl, die sich konkret der Frage widmet, welche Rolle Genderfragen
und Geschlechtszugehörigkeit im therapeutischen Prozess einnehmen. Auch
schreibt sie von der Wichtigkeit einer Gendersensibilität und „Gender-Integrität“
innerhalb der Psychotherapie (Schigl 2012, S. 45 f.): Sie bezieht sich auf die
Grundregel der Integrativen Therapie (Petzold 2000), die die Verbindlichkeit der
Beschäftigung mit ethischen Fragen inkludiert, wie zum Beispiel das Bereitstel-
len eines gastlichen, konvivialen Raums (2000, S. 3).

„Diese Haltung ist mit einem Streben nach mehr Geschlechtergerechtigkeit wie im
Gleichheitsdiskurs gefordert, gut vereinbar.“ Einen Dissens der IT mit der Frauen- und
Geschlechterforschung sieht Schigl lediglich mit der „Hereinnahme ultimativer evolu-
tionsbiologischer und evolutionspsychologischer Erklärungen“, die anderen „Integra-
toren auf der Ebene der Metatheorien sind durchaus erfüllt“ (Schigl 2012, S. 46).

I. Orth und H. Petzold schreiben von dem Stellenwert der Positionen zu den
Genderfragen und davon, dass es fruchtbar sein könnte, wenn die einzelnen psy-
chotherapeutischen Richtungen ihre (Gender-) Positionen offenlegten, sodass
multitheoretische Diskurse zu Genderfragen etwa aus systemischer, psychoana-
lytischer oder klientenzentrierter Sicht entstehen könnten. Ein solcher Polylog
der unterschiedlichen Richtungen würde der Mehrdimensionalität und Mehrper-
spektivität (Petzold und Orth 2011, S. 197) von Gender gerecht werden. Gen-
derdiskurse „gehören zu den politischen Diskursen der Moderne, die aus vielen
Quellen gespeist sind – den verschiedenen Strömungen des Feminismus, der
Gay- und Queer-Bewegung, gerechtigkeitstheoretischen Richtungen in der Bür-
gerrechtsszene, emanzipatorischen Initiativen […] usw“ (S. 201). Genderdiskurse
müssten, so Petzold und Orth, als kulturgeschichtliche Phänomene gesehen, dis-
kutiert und verstanden werden.
Gleichstellungspolitik zielt jedoch auf Anpassung an männlich geprägte
Strukturen (Meuser und Riegraf 2010) – um eine grundlegende Veränderung der
30 5  Gender, Norm und Ausgrenzung

dennoch vorhanden Geschlechterhierarchie zu erlangen, müssten Konflikte radi-


kalisiert statt eingedämmt werden.
In der Integrativen Therapie werden biologisch als männlich und weiblich
klassifizierte Körper zwar in ihrer Verschiedenheit betrachtet, zugleich besteht
jedoch ein Bewusstsein darüber, dass diese Differenzierungen auf Erkenntnis-
sen einer hoch technisierten spätmodernen Wissenschaftsgesellschaft beruhen,
die dank ihrer Forschungslage über gelegentliche Unterschiede zwischen Män-
nern und Frauen Bescheid weiß. Petzold und Orth sehen sex und gender ver-
schränkt (Petzold und Orth 2011, S. 217). Gender müsse interaktional als ein
Geschehen zwischen den Geschlechtern in der individuellen Ausprägung des
jeweiligen Subjektes gesehen werden (2011, S. 218). In aktuellen, gesellschaft-
lichen Entwicklungen ist von „geschlechtlicher und sexueller Pluralisierung“
die Rede (M. Katzer und H.-J. Voß 2016, S. 9). Es wird von der „Dreiteilung
der das Geschlechtliche betreffenden Selbstbestimmung“ gesprochen. Mit
geschlechtlicher Selbstbestimmung ist einerseits die Trans*-Geschlechtlichkeit
oder Intersexualität gemeint, also die nicht typische Ausprägung der geschlecht-
lichen Kategorien weiblicher oder männlicher Merkmale. Katzer und Voß ver-
weisen auf die transphoben, gesellschaftlichen Klimata. Noch immer würde
„an medizinischen Praxen der geschlechtlichen „Zuweisung“ und „Vereindeu-
tigung“ von Genitalien und anderen Merkmalen festgehalten“ (Katzer und Voß
2016, S. 10). Es wird auch kritisiert, dass sich jeder Mensch zu Geschlecht und
Zweigeschlechtlichkeit verhalten müsse, da diese so „dominant gesellschaftlich
vorhanden“ seien (2016, S. 12). Wichtig erscheint mir bei der Thematik der Gen-
derintegrität Einstellungen zu hinterfragen, die Perspektiven der Unwissenheit der
„Mehrheitsgesellschaft“ unkritisch wiedergeben, das können Positionen sein, die
versteckt trans*- oder homophob sind. Leider zeigt eine Studie des Instituts Sinus
Sociovision GmbH aus dem Jahr 2008 im Auftrag der Antidiskriminierungs-
stelle des Bundes (Deutschland), dass „große Teile der Bevölkerung Unverständ-
nis gegenüber Trans* äußern und existierende Diskriminierung verleugnen oder
schlicht nichts darüber wissen“ (Klocke 2016, S. 42).

5.1.2 Die Frau in der Integrativen Therapie

Hilarion Petzold verwendet den Begriff „Frau“ im Zusammenhang mit Leibsub-


jekt, demnach sei der Mensch – Mann und Frau – nach den „beiden anthropolo-
gischen Grundformeln der Integrativen Therapie“ so genanntes „exzentrisches
Leibsubjekt“, das in der Lebenswelt zentriert ist (2003a, S. 409). An anderer
Stelle wird auf die subjektive Interpretation der eigenen Leiblichkeit als Mann
5.1 Genderperspektive 31

und Frau hingewiesen (Petzold 2003b). Das Sein als Mitsein und dessen anthro-
pologisches Axiom einer Hominität des Menschen als Mann und Frau stellt beide
Geschlechter unter die gleiche ontologische Prämisse in einem wechselseitigen
Ko-respondenzprozess (Petzold 2003a).
Werden die Kategorien Mann und Frau um eine weitere Dimension, etwa jene
der Intersexualität, erweitert, so eröffnet sich ein mehrperspektivisch vielfältiges
Geschlechterverständnis, das sich von einem klassisch binären Geschlechter-
denken transversal weiterentwickelt. Als intersexuell werden Personen bezeich-
net, die aufgrund ihrer körperlich biologischen Gegebenheit weder eindeutig als
Mann noch als Frau definiert werden. Inter- aber auch Trans*personen sowie
Queer orientierte Genderdiskurse bilden ein Pendant zu heteronormierten, zwei-
geschlechtlichen Strukturen.
Es kann – in der Grunddefinition – hier von einem Miteinander und Nebenei-
nander gesprochen werden, keinesfalls aber von hierarchischen Strukturen, außer
es handelt sich um Rollenübernahmen im Rahmen von Zuschreibungen, die zu
Identifikationen wurden und sich als solche im Zeitkontinuum festsetzten. Gesell-
schaftlich konstruiert wurden die sozialen Rollen durch die Menschen selbst,
unterscheidet man biologisches Geschlecht, das sich aus der Anatomie, Physio-
logie, Morphologie und dem Chromosomensatz erschließt, von dem sozialen
Geschlecht gender (Hoop 2016, S. 12).
Für die Betrachtung eines derzeit aktuellen Frauenbildes (Motive von Frauen
sowie Abbilder von Frauen auf tätowierter Haut, Selbstpräsentation von täto-
wierten Frauen durch Vermarktung), transportiert durch Tattoo-Zeitschriften und
Printmedien oder das Internet habe ich mich entschlossen, dieses zu kritisieren
und zu hinterfragen. Natürlich sind nicht alle Frauenbilder so patriarchal gefärbt
und Abbilder der kapitalistischen Marktwirtschaft.

5.1.3 Frauentätowierungen und ihre Verobjektivierung

Aus Neugierde zählte ich die vorkommenden Frauen auf den Covern einschlä-
giger, deutscher Tattoo-Zeitschriften, um sie mit den Covern, welche Männer
abbilden, zu vergleichen. Nicht einmal ein Viertel aller Titelblätter blieb verhält-
nismäßig für die Männer übrig – dabei sind deren Körper mindestens so kreativ
tätowiert wie jene der Frauen.
Lässt man den Blick über einschlägige Zeitschriften schweifen, die Frauen-
körper am Cover unter dem Aspekt: „tätowierte, sexy Mädchen“ zeigen, so gese-
hen zum Beispiel bei „Tattoo Erotica“ (2010), die sich dem Leser, der Leserin
in Sammlerausgaben präsentieren, dann wird der Eindruck erweckt, dass die
32 5  Gender, Norm und Ausgrenzung

Frau und vor allem die erotischen Darstellungen stark einem konsumorientierten
Zweck folgen, dessen Konsument/innen oft Männer sind. Ich möchte an dieser
Stelle einige Gedanken der Watchgroup gegen sexistische Werbung einfügen,
auch wenn es sich bei der kritisch betrachteten Darstellung halb nackter, tätowier-
ter Frauen nicht um Werbung handelt. Das gezeigte und kritisierte Bild der Frau
in der Werbung kann mit den Abbildern von tätowierten Frauen in Erotikforen
sowie in Tattoo Erotica verglichen werden.
Die Gedanken lehnen sich an einen Artikel von Maggie Jansenberger (2013)
der Watchgroup gegen sexistische Werbung an, die sich auf die Beilage „Mein
Zuhause“ der Kleinen Zeitung vom 1. Februar 2013 bezieht.
Ein Kriterienkatalog für sexistische Werbung, der von diversen Städten Öster-
reichs erarbeitet wurde, bietet Hilfe den Blick zu schärfen, wenn es um das Auf-
zeigen von Unrecht geht (Mastnak 2016).
Zuerst einmal wird im Artikel auf typische Geschlechterklischees verwie-
sen. Auch bei Tattoo Erotica kann davon gesprochen werden, dass die gezeigten
Frauen als Lustobjekte fungieren und die Darstellungen –unter erotischer Maske-
eine sexualisierende Funktion haben. Der Körper fungiert im weitläufigen Sinn
als Instrument und Objekt für Tätowierungen; die Frauen lassen sich hierfür
fotografieren und werden gleichsam zum Produkt. Der Körper wird kommerzi-
alisiert, die Trägerinnen von Tätowierungen erfüllen einen dekorativen Zweck
und gewähren einen hauptsächlichen männlichen Blickfang. Ein Gegenargument
könnte nun lauten, dass sich die Frauen ja freiwillig ablichten ließen? Das mil-
dert den Aspekt der Funktionalität der Darstellung weiblicher, dekorierter Körper
nicht, sondern spricht eher dafür, dass sich das Frauenbild der Gesellschaft noch
immer hoffentlich wandeln darf!
Für meine Betrachtungen möchte ich gerne das Konzept der hegemonialen
Männlichkeit zugrunde legen, welches von Claudia Höfner (2007) definiert wird
als: „eine Konfiguration von Geschlechtspraktiken, welche insgesamt die domi-
nante Position des Mannes im Geschlechterverhältnis garantieren“ (S. 289). Also
ein kulturelles Ideal, das auch als Orientierungsmuster fungiert, welches den
meisten Männern in ihrem Verständnis der Geschlechterverhältnisse zugrunde
liegt, unter dem sie nicht zuletzt auch selbst leiden, da es stark hierarchisierend
„unter Männern“ wirkt.
Derrida (1997) formuliert, dass sich kein Archiv zur Schau stellen und zei-
gen könne. Die „verbindliche Ansiedlung“ (S. 12) bediene sich einer patriarchi-
schen Funktion, die sich anschließend „verbergen“ würde. Hinzu komme, dass
ein fester „Träger“ als legitime Autorität fungiere, auf der das Archiv deponiert
werde (1997, S. 12). Auch Tätowierungen können sich einzeln oder in Gruppen
ansiedeln.
5.1 Genderperspektive 33

Diese Betrachtungsweise ermöglicht den Blick auf die Tätowierungen als


angehäufte Ansammlungen eingeschriebenen Materials, welchem der Träger/ die
Trägerin Bedeutung verleiht, die so wichtig sind, dass sie gleichsam verinnerlicht,
verleiblicht und eingeschrieben wurden. Der Hinweis auf eine mögliche, patriar-
chale Konnotation sei noch durch folgendes Zitat vervollständigt, führt es doch in
weitere tiefe (inzestuöse) Abgründe der Psyche, die literarischen Niederschlag in
Form eines Theaterstücks namens „Tätowierung“ von Dea Loher (2006) fanden:

Ofen-Wolf:
Meine Nadel stech ich
dir ins Fleisch
wieder und wieder
eine Tätowierung
die du behältst
mein Zeichen
dein Leben lang
Vatermal
unauslöschlich
(S. 25)

Werden Frauen auf ihre Erotik festgelegt? Eine wissenschaftliche Untersu-


chung von Daniel Meier (2010) mit dem Thema „Inked: 0,3mm unter die Haut
der Gesellschaft“, der eine empirische Untersuchung zugrunde liegt, brachte das
Ergebnis hervor, dass sich Männer eher am Arm tätowieren lassen, während es
bei Frauen der Hüftbereich (Rippenbogen, Hüfte, Leiste, Steiß) ist. Es mag damit
zusammen hängen, dass Frauen den Blick des Betrachters auf diese Körperstellen
lenken bzw. diese betonen wollen.
Wie sieht es nun aber mit dem Bild der Frau in den Augen der männlichen
Betrachter aus? Eine Tattoo-Serie in Form eines Printmediums, das die Bezeich-
nung „Tattoo Erotica“ hat, bildet Frauen halb nackt, lediglich bekleidet mit Tat-
toos und Dessous, ab. Geht es hier um Kunst? Wohl kaum, denn der Blick des
Betrachters (bewusst maskulinum) wird reduziert auf weibliche Reize, mit dem
Kommentar: „Der Reiz des Verborgenen spielt mit klaren Botschaften, die offen-
siv an den Betrachter (wiederum männlich, Anm. d. Verf.) gesendet werden. So
unterstreichen die Ladys ihre Persönlichkeiten ganz bewusst“ (Rödel 2010, S. 3).
Mir drängen sich Fragen auf: Welche Persönlichkeiten? Wo bleibt die Würdigung
der Tätowierungen? Wieso wieder diese Festlegung der Erotik auf den weiblichen
Körper? Es gibt kein vergleichbares journalistisches Pendant, bei dem sich Män-
ner so präsentieren – zumindest nicht in dieser Szene der Tattoo-Art. Aber damit
nicht genug- anstatt ihre Identität künstlerisch zu zeigen, werden die Frauen so in
34 5  Gender, Norm und Ausgrenzung

einer, der hegemonialen Männlichkeit verpflichteten heterosexuellen Matrix dem


Bild angepasst, das diese (vorwiegend Männer) normativ hervorgebracht haben
und bringen.
Der Körper erscheint zunehmend als Gebrauchswert, fotografiert und käuflich
dargeboten- so wird Sexuelles zum Tauschwert: Geld gegen Bilder, – „Sexuelles
als Ware“ (S. 86) – nach Wolfgang Fritz Haug (2009) nichts anderes, als werde
„Lust, die unbefriedigbar ist, zu Unterwerfung führen, insofern Unterwerfung um
ihrer selbst willen ist, als sie ja nicht belohnt wird“ – und damit „kein wirkliches
Genussverhältnis ausdrückt“ (S. 135–136).
Die Gedanken Kornelia Hausers (1994) im Werk „Patriarchat als Sozialismus“
mögen dieses kritische Kapitel abrunden.

Unterwerfung unter die männliche Sexualität gelingt widerspruchsfrei. Da Frauen


gesellschaftlich bereits umfassend unterworfen sind, ist eine besondere Unterwer-
fung nicht mehr auszumachen… am Tag verkehren die Geschlechter als Menschen
miteinander, und in den Nächten treffen männliche Wut und weibliche Unterwer-
fung aufeinander und intensivieren sich als >Ekstase< (S. 313).

Die vergesellschaftete Normalität erlaubt „sogar“ tätowierte „Persönlichkeiten“


auf den Titeln von Printmedien!
Die sich angepasst habenden Charaktermasken, sich der Illusion hingebend,
damit den Status einer Persönlichkeit zu verkörpern, haben dankend die Chance
angenommen, sich für die normgebende, heterosexuelle Matrix ins Blitzlicht
der sensationsgeilen Medien zu stellen um dann sexuelle Begierden bei den sie
betrachtenden Konsument/innen zu erwecken. Was daran ästhetisch ist, kann dis-
kutiert werden, pornografisch ist es allemal, angepasst sowieso und künstlerisch?
Das wage ich zu bezweifeln.

5.2 Die Problematik der Norm

Heute gehört es zur Norm, eine „Persönlichkeit“ zu sein und sich demzufolge
auch mit Attributen zu schmücken, Identität wird so käuflich, zum konsumtiven
Besitz.
Zu diesem Thema hat sich Theodor W. Adorno kritisch geäußert. Er beschreibt
in den „Minima Moralia“ (1998a): „Man wird im Bewußtsein nochmals, was
man im Sein ohnehin ist. Gegenüber der Illusion der an sich seienden und unab-
hängigen Persönlichkeit inmitten der Warengesellschaft ist solches Bewußtsein
die Wahrheit“, die „Auslöschung des Subjekts“ wird „zu seiner Bestätigung“
5.2  Die Problematik der Norm 35

(S. 288). Die Teilung in Freizeit und Arbeitszeit wird dem Menschen als Norm
vermittelt (Adorno 1998c). In der Freizeit soll demnach die Arbeitskraft wieder
hergestellt werden. Viele Menschen lassen sich natürlich in der Freizeit täto-
wieren, es benötigt Zeit und Geld sowie Geduld. Das Durchstylen des Körpers
in Farbe oder Schwarz-Weiß soll der Persönlichkeit das Lebensgefühl geben,
dazuzugehören. Stile, die ein lockereres Lebensgefühl vermitteln sollen, etwa
der Comic-Stil, tragen dazu bei, dass der Freizeitbereich klar vom schwereren,
marktwirtschaftlich geprägten Arbeitsalltag getrennt ist. Der Begriff: „colorful
personality“ (Adorno 1998a, S. 154) wird zwar nicht für Körpermodifikationen
verwendet, aber steht im Kontext der „standardisierten und verwalteten Men-
scheneinheiten“ (S. 153) unter welchen inmitten das Individuum fort „west“. Eine
solche farbenfrohe Persönlichkeit könne sich nur durch ihr „erstarrtes Anders-
sein“ (Adorno 1998a, S. 154) dem Markt angleichen. Der Konkurrenzgedanke
mit der Idee des Erfolges durch Vermehrung des Besitzes könnte demzufolge
auch auf die Träger/innen von Tätowierungen übergehen, indem die Anreiche-
rung von Hautbildern nach Farben und Motiven erstens Normen setzt, die sich
durchsetzen und marktführend werden, bevor sie möglicherweise zum Klischee
erstarren und/oder der Vermehrung des Besitzes dienen. Die Abgrenzung und der
Schutz, den Tätowierungen vielfach mit sich bringen, machen den Träger, die
Trägerin auch zum andersartigen Außenseiter, zur andersartigen Außenseiterin.

5.2.1 Nichtidentiät

Theodor W. Adorno (1998b) sagt an einer Stelle, dass Kunst, die „ihrer eigenen
Identität mit sich folgt“ (S. 202) sich dem Nichtidentischen gleich mache. Kunst
stellt demzufolge immer auch die aktuelle Herrschaftsstruktur infrage und möchte
in irgendeiner Art eine Gegenbewegung darstellen.
Gerade der Wunsch, sich nicht mit der Norm zu identifizieren (Nicht-Identifi-
kation), nämlich mit jenen, die keine Tätowierungen tragen, will möglicherweise
einen Gegenentwurf zur bisherigen Norm darstellen. Wenn die bisherige Norm
also lautete, dass Tätowierte – zum Beispiel Seefahrer oder Insassen – Außensei-
ter und Sonderlinge waren, und keine Tätowierung zu haben hieße, gesellschaft-
lich akzeptiert zu sein, hat sich dies in den Szenen, den In-Groups, dahin gehend
radikal verändert, dass sich die Norm verdrehte: Mittlerweile wird die Hautver-
zierung als normal anerkannt, zumindest in den oben beschriebenen Szenen.
Dann ist wiederum problematisch, wenn es als Defizit anerkannt würde, nicht
tätowiert zu sein, da ein Herausfallen aus der In-Group damit verbunden sein
könnte. Bei Gruppen, die gesellschaftliche Stigmatisierung erfahren, wie Insassen
36 5  Gender, Norm und Ausgrenzung

oder auch Gangsterbanden, kann die fehlende Tätowierung tatsächlich zum Prob-
lem werden, keinen Schutz oder keine Zugehörigkeit mehr zu erfahren.

5.2.2 Dokumente der Ratlosigkeit

Viele Tätowierungen sind heute klischeehaft. Diese Dokumente der Ratlosigkeit


werden massenhaft angefertigt und dürfen nicht mit etwas Persönlichem, sondern
sollten mit einer Zuordnung zu einer Gruppe oder Norm beschrieben werden.
Statt einem individuellen wäre das Bewusstsein hier ein kollektives.
Beispiele hierfür sind etwa tätowierte Bundesadler für falsch verstandene Hei-
matliebe oder ein röhrender Hirsch für das Gefühl der Geborgenheit, welches ver-
kitsch ist. Möglich ist auch ein flammendes Herz für ein vermeintliches Gefühl
der leiblichen Wärme, das für Sehnsucht, Liebe oder gar Nächstenliebe stehen
soll.
Die Tatsache, einer Massenkultur anheimgefallen zu sein, lässt sich bei Max
Horkheimer (2009) in „Neue Kunst und Massenkultur“ nachlesen. Hier wird
beschrieben, dass im „Kunstwerk“, das der „allgemeinen Nivellierung“ (S. 420)
widerstanden hat, die Möglichkeit besteht, dass Menschen sich darin wiederer-
kennen.
Für die Psychotherapie gilt dasselbe. Norm und Normierung sollen kritisiert
werden: Es gehe darum, die Formen zu ermitteln, „wie Menschen sich in Hin-
blick auf Kultur zurichten“ (Schuch 1988, S. 126). Denn „nur auf der Grundlage
leiblicher Wahrnehmung können die in Normierung und Normbildung liegenden
kulturellen Restriktionen angemessen begriffen und kritisiert werden“ (S. 127).
Lebenssinn und Lebenswert allerdings könnten sich nur dann als „enttäuschungs-
fest“ bewähren, wenn eine ständige Auseinandersetzung mit gängigen Normen
bestehe (S. 129).
Die Einzigartigkeit besteht im inneren Erleben meiner selbst und des oder der
Anderen. Mit der Einschreibung der Tätowierung aber entsteht der Anspruch, etwas
Besonderes zu sein. Wenn das Besondere jedoch seriell oder klischeehaft hergestellt
wird, geht es verloren. Eine Besonderheit für Tätowierungen in Bezug auf Män-
ner und/oder Frauen könnte sein: Männer zeig(t)en mehr tätowierte Haut, Frauen
zeig(t)en weniger. Das wenig Tätowierte bei der Frau war/ ist immer intimer.
Der Begriff der Person und der persönlichen Tätowierung ist also konsum-
besetzt, muss kritisierbar sein und bleiben und eher der Nichtidentität bezüglich
gängiger Normen weichen. Ein Gedanke von Horkheimer (2009) zu authenti-
schen Kunstwerken: „Die authentischen Kunstwerke… verzichten auf die Illusion
einer realen Gemeinsamkeit unter den Menschen“ (S. 425).
5.3  Inklusion und Exklusion 37

Das heißt aber laut Horkheimer nichts anderes, als dass sie Monumente der
Einsamkeit oder auch der Verzweiflung bleiben. Hier können sie auch Dokumente
der Ratlosigkeit genannt werden.

5.3 Inklusion und Exklusion

Abb. 5.2 zeigt eine tätowierte Schnecke, welche als Sinnbild für Inklusion
(Sichtbarwerdung als Lebewesen) und Exklusion (Rückzug ins Schneckenhaus)
gesehen werden kann. Folgender Text soll In- und Exklusionsprozesse im Zusam-
menhang mit dem tätowierten Leib beschreiben.
Körperveränderungen sind permanente oder dauerhafte Symbole, die in vielen
Fällen die Stellung des Trägers in der jeweiligen Gesellschaft dokumentieren oder
für diesen einen gesellschaftlichen Rang begründen…. Durch die Kennzeichnung
des Körpers ändert sich die Stellung des Betroffenen in der sozialen Gemeinschaft.

Abb. 5.2   Schnecke.
(Hoop, F. 2012. Fotografiert
und bearbeitet: Lackinger,
C. 2016)
38 5  Gender, Norm und Ausgrenzung

In der Regel ändert sich hierdurch auch das Verhalten der Außenstehenden ihm
gegenüber (Bammann 2008, S. 263).
Es lassen sich Inklusions- und Exklusionsprozesse in Bezug auf Tätowierun-
gen beobachten, Phänomene, die sich durch Gruppenprozesse ergeben. Während
bei der Inklusion die Zugehörigkeit zu einer Gruppe bezeichnet wird, sind es bei
Exklusionen klare gesellschaftliche Ausschlüsse, Disziplinierungen oder Strafen.
Als Beispiele seien hier für Exklusionen genannt: Brandmarken oder ein Täto-
wieren des Delikts; KZ-Tätowierungen zur Kennzeichnung der Gefangenen. Die
Inklusionen, die als Phänomen durch Tätowierungen entstehen, können eben-
falls im Gefängnis stattfinden, in umgekehrter Form, als Zeichen der Gefangenen
untereinander und Symbol der Zughörigkeit zur Gruppe der Inhaftierten oder bei
den Seefahrern.
Im Folgenden versuche ich eine Zuordnung zum soziologischen Phänomen
der Inklusion und Exklusion mit perspektivischer Erweiterung bestimmter Kör-
perpraktiken wie S.M. oder Amputation.
Wichtig wäre noch zu erwähnen, dass ein Stigma nach Erving Goffman (2012)
entsteht, wenn physische Deformationen entstanden sind, so genannte „Abscheu-
lichkeiten des Körpers“ (S. 12).

5.3.1 Exklusion

„Tätowierungen wurden in der Gesellschaft oftmals nur als Erscheinungen bei


Straftätern, Seeleuten, Prostituierten wahrgenommen, als Symbole der Ausge-
stoßenen und der Abweichler“ (Bammann 2008, S. 260). Für die frühere Wissen-
schaft mag es daher von Forschungsinteresse gewesen sein, das Tätowiert-Sein
mit abweichendem Verhalten zu konnotieren.
Bekannt sind die Brandzeichen für Sklaven als Besitzmarkierungen oder für
Kriminelle im römischen Kaiserreich. Weiters findet man im kaiserlichen Japan
Straftätowierungen, die Rückschlüsse auf die Delikte boten. In Frankreich wur-
den Strafzeichen in Form der französischen Lilie dazu verwendet, Straftäter und
Prostituierte zu kennzeichnen (Bammann 2008).
Beispiele für Straftätowierungen und damit Exklusionsprozesse innerhalb
sozialer Gemeinschaften sind bei Dirk-Boris Rödel (2004) in seinem Buch über
japanische Tätowierungen beschrieben. In einem Fall wird eine Todesstrafe
wegen Hochverrat des Kaisers Richû (mit der angeblichen Regierungszeit von
400–405 n. Chr.) in eine Straftätowierung nahe dem Auge umgewandelt, in einem
anderen Fall wird ein Mann, dessen Hund einen Vogel des Kaisers durch Biss
5.3  Inklusion und Exklusion 39

getötet hat, ebenfalls mit einer Tätowierung im Gesicht bestraft (zeitlichen Anga-
ben nach ca. 467 n. Chr.).
Eine weitere Form des Ausschlusses stellten die KZ-Tätowierungen der Nazis dar.
Menschen degradierten zur bloßen Nummer „pervertiert in den Eingangsritua-
len der Konzentrationslager“ (Bammann 2008, S. 262). Die Kennzeichnung durch
die Nazis hielten ein Leben lang.
In seinem Essayband „Jenseits von Schuld und Sühne“ schreibt Jean Améry
(2012):

Ich trage auf meinem linken Unterarm die Auschwitz-Nummer; die liest sich kürzer
als der Pentateuch oder der Talmud und gibt doch gründlicher Auskunft. Sie ist auch
verbindlicher als Grundformel der jüdischen Existenz. Wenn ich mir und der Welt,
einschließlich der religiösen und nationalgesinnten Juden, die mich nicht als einen
der Ihren ansehen, sage: ich bin Jude, dann meine ich damit die in der Auschwitz-
nummer zusammengefassten Wirklichkeiten und Möglichkeiten (S. 163).

In einer E-Mail hat mir der Historiker Herr Dr. Harry Stein aus der Gedenkstätte
Buchenwald die Erlaubnis gegeben, aus folgender Information mit dem Titel
„Lampenschirm aus Menschenhaut“ der Stiftung Gedenkstätten, Gedenkstätte
Buchenwald, zu zitieren. Das E-Mail stammt vom 29. April 2013; aufmerk-
sam wurde ich auf den Text freundlicherweise durch Frau Stefanie Dathe vom
Museum Villa Roth.
Für die Existenz des Lampenschirms aus Menschenhaut gibt es zwei glaub-
würdige Zeugen, die ihre Aussagen zum Sachverhalt beeidet haben. Den politi-
schen Häftling Dr. Gustav Wegener, ein Österreicher und Kapo der Pathologie
sowie Josef Ackermann, politischer Häftling in der Pathologie und Sekretär des
Lagerarztes Waldemar Hoven. Im Jahr 1941 befand sich der aus gegerbter, täto-
wierter Menschenhaut hergestellte Lampenschirm in Arbeit. Es wurden vom
Lagerkommandanten Koch und dem SS-Arzt Müller unter den vorhandenen,
gegerbten pergamentdünnen Menschenhäuten Motive gesucht, die mit geeigne-
ten Tätowierungen für den Lampenschirm versehen waren. Aus den Gesprächen,
das die beiden führten, ging hervor, dass die vorher gewählten Motive nicht den
Gefallen der Ilse Koch, der Frau des Kommandanten, gefunden hatten. Danach
wurde der Lampenschirm fertig gestellt und an Ilse Koch abgeliefert.
Ackermann war der Überbringer der Lampe, wie er aus eigenen Aussagen
vor Gericht 1950 als Zeuge bekannt gab. Der Lampenfuß sei aus menschlichem
Schienbein und Fuß angefertigt gewesen, auf dem Schirm habe man Tätowierun-
gen und sogar Brustwarzen gefunden. Zur Geburtstagsparty von Koch wurde die
Lampe präsentiert. Die Lampe sei sofort wieder verschwunden, als die höhere
SS-Führung davon erfahren habe (Stein o. J.).
40 5  Gender, Norm und Ausgrenzung

So hat es, folgt man den Aussagen, den Lampenschirm aus Menschenhaut – gefer-
tigt als perfides „Partygeschenk“, das sich in Karl Kochs Psychogramm durchaus
einfügt – im zweiten Halbjahr 1941 gegeben. Als Beweisstück war er lange vor
Kriegsende verloren (Stein o. J., S. 1).

Das Promotionsthema des SS-Arztes Wagner lautete: „Ein Beitrag zur Tätowie-
rungsfrage“. Wagner bestellte im Laufe des Jahres 1940 mehrfach Häftlinge in
die Fotoabteilung und ließ deren Tätowierungen, die dann in seinem Buch abge-
druckt wurden, fotografieren. Wagner suchte sich Häftlinge mit guten Tätowie-
rungen aus und ließ diese dann fotografieren (Stein o. J.). Eines Tages, als einige
Häftlinge fotografiert wurden, betrat plötzlich die Frau des Kommandanten, die
‚Kommandeuse‘ Ilse Koch, die Fotoabteilung. Die Koch fragte, ob ihr Mann die
Aufnahmen genehmigt habe. Von da an kam es in Buchenwald zu beispiellosen
Verbrechen (Stein o. J.).
Im Aufsatz „Leben machen und sterben lassen: Die Geburt des Rassismus“
entwickelt Michel Foucault (1993) Gedanken unter anderem auch in Bezug auf
Rassismus bei den Nazis. Es handelte sich um die Allmacht des Tötens, wie sie
auch als Beispiel an Häftlingen durchgeführt wurde, die kunstvolle Tätowierun-
gen trugen, um diese zu sammeln und daraus einen Lampenschirm zu fertigen.
Foucault sagt:

In dieser universell […] regulierenden und disziplinären Gesellschaft jedoch sieht


man zugleich das völlig entfesselte Wüten der mörderischen Macht, die diese
Gesellschaft durchzieht. D. h. dieser alten, souveränen Macht des Tötens. Diese
Macht des Tötens, die die gesamte Nazigesellschaft durchzieht, manifestiert sich vor
allem deshalb, weil die Macht über Leben und Tod nicht einfach dem Staat gegeben
ist, sondern einer ganzen Reihe von Individuen, einer Vielzahl von Personen, (sei es
die SA, die SS usw.). Letztlich hat sogar jedermann das Recht über Leben und Tod
seines Nachbarn inne, und sei es nur durch das Verhalten der Denunziation, das es
tatsächlich ermöglicht, den, der neben uns steht, aus dem Weg zu räumen oder räu-
men zu lassen (S. 46).

Im Artikel „Identitätsvernichtung, Identitätsarbeit, „Kulturarbeit“-Werkstattbe-


richt mit persönlichen und prinzipiellen Überlegungen aus Anlass der Tagebücher
von Victor Klemperer, dem hundertsten Geburtstag von Wilhelm Reich und anderer
Anstöße“ von H. Petzold aus dem Jahre 1996 wird ein Beitrag therapeutischer Kul-
turarbeit geleistet. Die langsame und systematische Ausgrenzung Klemperers zur
Zeit des Nationalsozialismus kann in seinen Schriften: Ich will Zeugnis ablegen bis
zum letzten. Tagebücher 1933–1945, nachgelesen werden (Klemperer 1995). Iden-
tität wird bedroht, ja negative Identität konstituiert. Diese Identität betraf ein ganzes
Kollektiv. In diesem Zusammenhang wird von „sozialer Tötung“ (Petzold 1996,
5.3  Inklusion und Exklusion 41

S. 436) gesprochen, welche Identitätsverweigerung auch darstellt. „Die Mas-


senvernichtung jüdischer Mitmenschen im „Dritten Reich“ ist nur eine Seite der
Identitätsvernichtung und muß im Kontext der gigantischen Selbstvernichtung
der deutschsprachigen Völker im NS-Reich und ihrer faschistischen Vasallen […]
andernorts überdacht werden…“ (1996, S. 407).

5.3.2 Inklusion

Die Tätowierung stellte nicht nur gesellschaftliche Exklusion her, sondern schafft
auch Inklusion innerhalb sozialer Gruppierungen. Das Tätowieren selbst ist im
Gefängnis in Österreich verboten, wie sich im Strafvollzugsgesetz (2013) § 27
nachlesen lässt:

1. Die Strafgefangenen dürfen sich nicht am Körper verletzen oder an der


Gesundheit schädigen, um sich zur Erfüllung ihrer Pflichten untauglich zu
machen; sie dürfen sich auch nicht zu diesem Zweck durch einen anderen ver-
letzen oder schädigen lassen.
2. Das Tätowieren ist verboten.

Klarerweise sieht die soziale Wirklichkeit in Gefängnissen aber anders aus, da


das Verbot des Tätowierens einen Anreiz schafft, sich dagegen aufzulehnen und
außerdem an die Zeit im Häfn erinnert.
Igor Eberhard (2012) führt in seinem Buch: „Pimp My Körper! Arbeiten über
Tätowierungen“ ein Interview mit Klaus Pichler über Gefängnistätowierungen.
Klaus Pichler hat rund 150 ehemalige Inhaftierte porträtiert. „Die Peckerln („Tat-
oos“) waren jedoch auch ein Moment der Freiheit in der beschränkten und durch-
reglementierten Welt der Häfn. Sie waren eine kleine Möglichkeit der Rebellion“
(S. 115). Weiters betont Pichler im Interview, dass Knast-Tattoos in verborgene
und versteckte Welten führten, die Zeichen eines Schmerzes sind und ganze
Lebenswelten ausdrückten. Der Begriff „Inklusion“ ist hier also treffend. Zwar
seien „Häfn-Peckerln“ Kunst, der Umgang mit Ex-Häftlingen aber wichtiger, als
die Tätowierung selbst (Eberhard 2012, S. 118–119).
Die Seefahrertätowierung hat eine lange Tradition. Bereits im Jahre 1769 lie-
ßen sich einige Matrosen der Mannschaft des Weltumseglers James Cook mit
Motiven aus Tahiti verzieren. Sie brachten so die Tatauierungen nach Europa.
Während dort die Ganzkörpertätowierung praktiziert wurde, waren es bei den
Matrosen die Arme. Während zu Beginn Tribals überliefert wurden, war gegen
42 5  Gender, Norm und Ausgrenzung

Ende des 18. Jahrhunderts die Kunst der Tätowierung unter Matrosen weit ver-
breitet, sodass auch diverse Muster von der britischen Marine registriert wurden
(Feige und Krause 2004). Den nicht tätowierten Matrosen wurde konstatiert, see-
untüchtig zu sein, da ein Matrose ohne Tattoo wie ein Schiff ohne Grog wäre.
Samuel O’Reilly, von dem eben erwähnte Aussage stammt, ist der Erfinder der
Tätowiermaschine. Er sorgte dafür, dass das Tätowieren nunmehr nicht länger
langwierig und schmerzhaft mittels Handnadeln und Klopfstock getätigt, son-
dern wesentlich einfacher durch Elektromechanik durchgeführt werden konnte.
O’Reilly starb 1908 (Feige und Krause 2004). Die meisten der Seefahrertätowie-
rungen wurden diesen von den Ureinwohnern zugefügt, bis sich später die Tri-
balmotive mit den europäischen Bilderwünschen mischten. Waren es zu Beginn
noch Palmen und Pin-up Mädchen als Synonyme für die Südsee, so wurden diese
später durch Vögel, Leuchttürme, Anker oder andere maritime Motive abgelöst.
Die Seefahrer erlernten die Kunst des Tätowierens von den anderen Kulturen und
es entstanden die ersten professionellen Tätowiershops in den Hafenstädten. Die
ehemaligen Matrosen als deren Besitzer fertigten die Tätowierungen mittels eines
Aus an, der an einem Holzstab befestigte Knochen und Stoßzähne aufwies, mit
Tusche getränkt wurde und mit einem Stock rhythmisch in die Haut geschlagen
wurde. Samuel O’Reillys Tätowiermaschine sorgte für schnellere und schmerz-
ärmere Abhilfe. Charles Wagner gilt jedoch als eigentlicher Vater der bis heute
vielfach verwendeten Seefahrermotive (Feige und Krause 2004).
Oliver Bidlo (2010) bezieht sich ebenfalls auf die Seefahrer, die Tattoomotive
aus der Südsee mitbrachten, wie etwa die Palme. Er verweist auch auf die Täto-
wierung innerhalb eines devianten Rahmens beispielsweise bei Jugendbanden.
Innerhalb der Gothic-Szene, die sich durch schwarze Kleidung, besondere
Haartracht und vielen Piercings definiert, sind auch Tätowierungen eine Form des
Schmucks, der zum Beispiel durch Motive mit religiösem Bezug gekennzeich-
net ist. Bei Gothic handle es sich um „ein Lebensgefühl, bei dem viele Aspekte
zusammenkommen […]. Und selbst wer im normalen Leben nicht immer in der
Kleidung der Szene umherläuft, legt sie an, wenn er sich in die Szene begibt“
(Bammann 2008, S. 266).
Neben den erwähnten Gruppierungen der Seefahrer, Gefangenen und Jugend-
szenen, zu der auch die Gothic-Szene gezählt werden kann, nenne ich die bereits
erwähnten Yakuzas, mafiöse Gangsterbanden in Japan, die die krasse Form der
Amputation als Zeichen der (wohl nicht immer freiwilligen) Zugehörigkeit ver-
wenden. Diese Form schafft einerseits Abhängigkeit und Hierarchie innerhalb
der sozialen Gruppierung, andererseits Ausgrenzung von anderen gesellschaft-
lichen Schichten, da das Körpermal Abwehr erzeugt und so die Situation des
Literatur 43

Individuums geschaffen wird, von „vollständiger sozialer Akzeptierung ausge-


schlossen“ zu sein – es wird stigmatisiert (Goffmann 2012, S. 7).
Mit Körpermal meine ich nicht die Tätowierungen, sondern amputierte Finger-
glieder, die einer Leibeigenschaft gleichen:

Als weiteres Gruppenmerkmal sind amputierte Fingerglieder bekannt, die sich ein
Yakuza, angefangen mit dem obersten Fingerglied der linken Hand, zur Kompen-
sation eines Gesichtsverlustes bei Fehlverhalten gegenüber einem Yakuza-Oberen
abhackt (Abendroth 2009, S. 108).

Abschließend kann gesagt werden, dass sich der Mensch, eingebettet in die
Lebenswelt mit seiner Leiblichkeit und den damit verbundenen Symbolen und
Veränderungen stark ausdrückt und entweder Zugehörigkeit oder Abgrenzung
geschaffen wird. In jedem Fall wird das Thema Identität berührt. Problematisch
wird es dann, wenn zum Beispiel die Tätowierung anstelle von Markenkleidung
getragen wird, sie also bloße Mode bleibt (Bammann 2008).

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Genres der Tätowierung
6

Zusammenfassung
Im Kapitel „Genres der Tätowierung“ werden verschiedene Stile erläutert,
die in der Szenelandschaft der Tätowierkunst bekannt sind. Dabei entwickeln
sich diese Szenen stets weiter, bleiben nie statisch und werden zu varianten-
reichen Stilmixen. Inspiriert durch Kunst, reichern sie sich kulturhistorisch
durch verschiedene, geschichtlich tradierte Einflüsse an. Bekannte Szenegen-
res sind nach geografischen Einflüssen: Japanisch, Asiatisch, Keltisch; Ent-
sprechend der Motivwahl: Horror und Tod, Humor und Comics, Fantasy oder
Portraits. Es wird auch zwischen Tradition und Moderne unterschieden: New-
und Oldschool nennen sich die Stile. Tätowierte Kunst bildet sich in Biome-
chanik, Fauna und Flora, Lettering, dem Realistik-Stil oder in gegenwärtigen
Kunst-Szenen ab. Unterscheidet man die Tattoo-Farbgebung, so wird beim
Blackwork reine schwarze Farbe verwendet. Black & Gray hingegen hat ver-
schiedene Grautöne.

Bei dem Thema der Tätowiergenres stellt sich die Frage nach der Systematik. Für
diese Arbeit lagen viele sowohl kulturgeschichtliche als auch anthropologische
Werke vor, das Studium von Kunstbänden und der Besuch diverser Tätowierlä-
den, die in Kulturvierteln von Großstädten, wie etwa dem Künstler/innenviertel
Friedrichshain in Berlin, angesiedelt sind, blieb nicht aus. Fraglich bleibt, ob eine
Einteilungssystematik in Tätowierstile der Realität eines längeren Zeitkontinuums
über die Jahre hindurch entspricht, da sich Kunst-Szenen stets verändern und weiter
durch verschiedene Einflüsse anreichern. Es ist nicht einfach, angesichts boomen-
der Szenen sowie gedruckten Materials den Überblick zu bewahren, Tätowierma-
gazine zeigen oft neue Trends, welche noch nicht in Buchversionen zu finden sind.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 47


G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2_6
48 6  Genres der Tätowierung

Hans Waldemar Schuch (2008) führt unter Hinweis auf Petzold aus, was unter einer
Szene zu verstehen ist:

Eine Szene ist eine raum-zeitliche Struktur, die alles umfasst, was wir in Wahrneh-
mung und Handlung erreichen sowie alles, was uns in Wahrnehmung und Handlung
erreicht. Eine Szene ist nie statisch, sie ist eine lebendige Struktur. Leib und Szene
sind nicht zu trennen. Der Leib ist die Konstituente jeder Szene. Innere und äußere
Szenen verschränken sich im Leib. Szene ist vom Subjekt strukturierte und erlebte
Wirklichkeit (S. 182).

Die Lebenswirklichkeiten sind es, die Szenen durch lebensweltliche Bezüge


hervorbringen und damit das „Leben in seiner phylogenetischen und ontogene-
tischen Vergangenheit, seiner Gegenwart, seinen Zukunftsstrebungen, seinem
lebensweltlichen Bezug, wie es sich in konkreten, leiblich erfahrenen Ereignis-
sen, Atmosphären, Szenen […]“ (Petzold 2003a, S. 199) darbietet.
Henry Ferguson und Lynn Procter (1998) unterscheiden verschiedene Täto-
wierstile – lebendige Szenen auf der Haut. Die Stilrichtungen werden kurz
erklärt, um auf die kulturelle Bedeutungsvielfalt hinzuweisen, die sie damit trans-
portieren.
Viele Erläuterungen zu einzelnen Tätowiergenres finden sich auf der Home-
page des Magazins „Tattoo-Spirit“, einem Lifestyle und Bodyart Magazin. Die
Zeitschrift gibt es sowohl online, als auch in Druckversion. Es handelt sich dabei
um eine Auswahl, keinesfalls um eine allumfassende Darstellung, die letztlich die
Kulturgeschichte der Menschheit erfassen müsste. Tätowierstile lassen sich mit
Kunst vergleichen, die Sammlung Kurt Fried im Ulmer Museum, gezeigt 2016,
bietet dafür sehr gute Beispiele. Im Rahmen der Integrativen Therapie aber kann
mit einer Beachtung der kulturellen Besonderheiten der Tätowierungen der Kul-
turbegriff näher erschlossen werden: Wir partizipieren als Mitglieder menschli-
cher Gemeinschaften an Kulturen: der Kultur eines Volkes, einer Region, aber
auch der mundanen Kultur und ihren „sozial repräsentierten Wissensständen“
sowie an einem „übergeordneten Milieu generalisierter Humanität“ (Petzold
2003b, S. 1066).
Abb. 6.1 zeigt die Verarbeitung der Tier- und Pflanzenwelt als Tätowierungen.
Dies entspricht dem Genre der Flora und Fauna.
6.1  Tätowierstile nach der Systematik von Henry Ferguson und Lynn Procter 49

Abb. 6.1    Flora und Fauna.


(Hofer, D. 2005-2007.
Fotografiert und bearbeitet:
Lackinger, C. 2016)

6.1 Tätowierstile nach der Systematik von Henry


Ferguson und Lynn Procter

Einzelne Tätowierstile von Ferguson und Procter (1998) erfahren hier nähere
Erläuterungen. Dabei wird beim Autorenteam im Vorwort Bezug darauf genom-
men, dass Tätowierungen sowohl handwerklich als auch künstlerisch die Eta-
blierung neuer Stile sowie die Schönheit auch alter Kulturen gleichermaßen
vereinen.
Die Stile reichern sich kulturhistorisch mit verschiedenen, geschichtlich tra-
dierten Einflüssen an. Wie in Kap. 2 erwähnt, wird im Zuge der sich in der Täto-
wierszene konstituierenden Stile die Möglichkeit geschaffen, an Kulturen zu
partizipieren.
50 6  Genres der Tätowierung

6.1.1 Japanisch

Japanische Tätowierkunst bildete sich aus den verschiedenen Vorläuferformen


der „permanenten Hautdekoration in der Edo-Zeit (1603–1886)“ heraus, die
weitgehend noch heute praktiziert wird (Rödel 2004, S. 7). Die japanische Täto-
wierkunst wurde westlich adaptiert; besondere Würdigung und Eingang in das
Kulturschaffen europäischer Tätowierer fanden Motive wie Drachen, Karpfen,
japanische Krieger oder auch Kirschblüten (Rödel 2004). Um das japanische
Kunsthandwerk zu erlernen, reisen Gegenwartskünstler/innen auch gerne nach
Japan.
Einige, besonders wichtige Vertreter des japanischen Stils in der westlichen
Adaption sind Alex Reinke, Luke Atkinson oder Filip Leu (Rödel 2004). Zu
erwähnen ist, dass jeder, der im Band „Alles über japanische Tätowierungen“
benannt wurde, sich vertiefend mit den Themen Ikonografie, Geschichte und
Bedeutung japanischer Tätowierkunst auseinandersetzte. Dabei handelt es sich
um ein speziell in Japan entwickeltes Verfahren, welches einzelne Künstler und
Künstlerinnen vor Ort selbst erlernten und auch hierfür übliche, von Hand gesto-
chene Tätowierungen anfertigen konnten (Rödel 2004).

6.1.2 Tribal

Diese Art des Tätowierens bezieht sich auf ornamental geschwungene Symbole,
fast ausschließlich in Schwarz gestochen, in der Tradition alter Naturvölker
(Kruhm 2013a). Tribal wird von Ferguson und Procter als die alte „Tattoo-Kunst
der Naturvölker“ (1998, S. 34) bezeichnet. Das können Maori, Hawaiianer oder
auch Samoaner sein. Besonders eindrücklich schildert Mirja Loth (2011) die
Tätowierungen der Maoris. „Die Tätowierkunst der Maoris hat im Laufe der
Zeit eine große Wandlung durchlaufen. Ursprünglich verzierten die Maoris ihre
Gesichter mit geraden und senkrechten Strichen. … Aufgrund der Tätowierstile
lassen sich daher Vermutungen über Routen der Völkerwanderung anstellen“
(S. 51).

6.1.3 Keltisch

„Die Motive der Kelten wurden … nicht in Form einer kulturell bildenden Kunst
von ihnen „erfunden“, sondern vielmehr von anderen Völkern übernommen …
und zu einem eigenen Kunstausdruck synthetisiert“ (Kruhm 2013b, o. S.). Den
6.1  Tätowierstile nach der Systematik von Henry Ferguson und Lynn Procter 51

größten Einfluss finden sie aus den Kulturen der Griechen und Etrusker, die
ihrerseits Kunstvorbilder im weiten Orient gehabt haben. Es ist allerdings zu
erwähnen, dass die Kelten der abendländischen Hochkultur unterliegen, die um
die Zeitenwende von den Römern nach Norden gelangten. Römer wurden abge-
schreckt, weil es eine keltische Sitte war, nackt zu kämpfen und die Tätowierun-
gen zu zeigen (Ferguson und Procter 1998).

6.1.4 Amerikanische Ureinwohner

Indianer werden als unterdrückte und ausgerottete Minderheit betrachtet, weswe-


gen sich in der Tattoo-Szene viele Bewunderer finden. Indianer gelten nicht nur
als spirituell, sondern auch tapfer, ehrenhaft, genügsam, heldenhaft und tugendhaft
männlich (Ferguson und Procter 1998). Die Frauen waren tätowiert aus Gründen
des Geschmückt-Seins. Dies sollte anziehend auf das andere Geschlecht wirken.
Die „Wichita“ wurden das „tätowierte Volk“ (Hesselt 2008, S. 241) genannt.
Angehörige dieser Ethnie trugen komplexe Muster aus Linien und Dreiecken im
gesamten Gesicht.

6.1.5 Horror und Tod

Selten hat ein Thema die Menschen so beschäftigt wie der Tod. Die so genann-
ten „Horror und Tod“ – Tattoos waren in den Anfängen der Tätowierung eher
selten, seit dem Zweiten Weltkrieg jedoch im Raum Europa beliebter; Marcel
Feige und Bianca Krause (2004) führen dies auf die Angst vor dem Tod zurück,
da die Soldaten mit eben diesem täglich konfrontiert wurden. Möglicherweise
diente die Tätowierung als Schutz vor dem nahenden Tod. Horror- und Todmo-
tive würden in der heutigen Zeit die Angst vor der Zukunft ausdrücken. Durch
die Biker, Heavy-Metal oder Horrorfilmindustrie jedoch, in der „Vampire, Ske-
lette, Zombies, Hexen und der allzeit grinsende, vom Grauen dieser Welt kün-
dende“ (Feige und Krause 2004, S. 123) Totenkopf zu sehen sind, zeige sich das
„unheilsschwangere Konglomerat“ (S. 123) obiger Szenen, die Tattoo-Fans zu
diesen düsteren Gruppierungen motivierten. Die in der Welt vorhandene reale
Bedrohung durch Mord und Totschlag findet so möglicherweise Eingang unter
die Haut. Horror bedeutet nicht zuletzt „schreckerfüllter Zustand, in den jemand
durch etwas gerät“ (Das Lexikon für Österreich in 20 Bänden 2006a, S. 136). Die
Horror-Tätowierung könnte also Angst vor einer bestimmten oder unbestimmten
Gefahr bedeuten, die zu bannen oder mit der es sich zu arrangieren gilt.
52 6  Genres der Tätowierung

Tätowierer Tommy Lee Wendtner vom Kölner Studio „Monsters under your
Bed“ beschreibt im Artikel von Jan Burger (2012) den Hintergrund des Studiona-
mens:

Jeder kennt diese unbegründete Angst, als man als Kind nachts die Beine vom Bett
baumeln ließ und dachte, dass gleich irgendetwas unter dem Bett hervorkommt und
dich berührt und nach unten zieht (S. 76).

6.1.6 Humor und Comics

Diesem Stil wird wenig tiefe Symbolik zugeschrieben. Es geht mehr um den
Unterhaltungswert. Die Ursprünge sehen Feige und Krause (2004) möglicher-
weise bei den Pin-up-Girls früherer Zeiten, welche bei den Seefahrern als Motiv-
vorlagen beliebt waren.
Sieht man allerdings Humor kontrovers, dann kann Tragikomik oder Sarkas-
mus auch über die Realität hinweg helfen oder diese positiv zu bewältigen versu-
chen. Trotzdem gehen Tätowierungen im Comic-Stil nicht in die Tiefe, sondern
bleiben oberflächlich. Nicht selten sieht man zum Beispiel Spongebob-Tätowie-
rungen, die auf der Haut nacherzählen, was Spongebog (der Schwammkopf aus
der gleichnamigen Zeichentrickserie) mit seinen Freund/innen am Meeresgrund
erlebt. Durch die Verbreitung mittels Massenmedien kam es zu einer großen Sen-
dereichweite. Spongebob fungiert zum amerikanischen Idol. Dass das Schwamm-
kopf-Idol gerne als Tätowiervorlage für Persiflagen benutzt wird, lässt sich zum
Beispiel im „Tätowiermagazin“ 10/2012 nachsehen. Da ist ein Spongebob abge-
bildet, der völlig vergammelt ist.
Der Comic-Stil wurde möglicherweise der Pop Art angelehnt, beziehungs-
weise erfuhr von dort maßgebliche Impulse. Denn die Pop Art bezeichnet einen
Stil, der „die Grenzen zwischen Kunst- und Alltagsrealität“ (Lexikon der Kunst
1989a, S. 231) aufhebt. Die banale Umwelt der modernen Konsumgesellschaft,
deren Subkultur und Massenmedien wird für bildwürdig erklärt. Es werden „pla-
kative Bildikonen von greller Farbigkeit“ (Lexikon der Kunst 1989a, S. 231)
geschaffen. Wo liegt da der Unterschied zur Tätowierung mit schrillen Farben,
möglicherweise medial vermarkteter Zeichtrickhelden? Auch die Sammlung
Kurt Fried im Ulmer Museum zeigte (Dezember 2016) eine Ausstellung mit Pop
Art, – Andy Warhol (zitiert nach Reinhardt 1999, S. 90) meinte in grellen, pop-
pigen Leuchtfarben, „die Dinge selbst zu Wort kommen“ zu lassen. Die Pop Art
entstand in Amerika und England ab Mitte der 1950er Jahre, als „neue, figurative
Bewegung“ (Reinhardt, S. 90).
6.1  Tätowierstile nach der Systematik von Henry Ferguson und Lynn Procter 53

6.1.7 Fantasy

Mithilfe der Fantasiewelt entfliehen Menschen von der Realität, flüchten oder
wählen bewusst Traumräume, in denen Vorgestelltes möglich wird. Es werden
andere, schönere Welten fantasiert. Tarzan, Conan, Harry Potter oder auch der
Herr der Ringe leben auf der Haut, sodass die Motive der Fantasy-Literatur einen
Dialog mit der Fantasie, den Wünschen und Hoffnungen der Tätowierten auslö-
sen können und ein Kontakt mit dem Inneren stattfindet (Feige und Krause 2004).
Ferguson und Procter (1998) beschreiben ebenfalls den inneren Dialog, die
diese fiktionalen Wesen in uns auslösen. So schaffen Künstler/innen immer neue
Stoffe, die eine magische Welt zaubern, die in unserer Fantasie eine Begegnung
mit geheimnisvollen Kräften möglich macht.

6.1.8 Porträts

„Porträt-Tattoos sind auf die grundsätzliche Neigung des Menschen zurückzufüh-


ren, sich Idole und Stars zu schaffen“ (Feige und Krause 2004, S. 202). Hier kann
man von Idealisierung sprechen, da den Idolen und Stars nachgeeifert wird. Wird
aus einem Star allerdings ein Vorbild, so könnte dies zeitlosere Werte inkludieren,
die sich (durch Identifikation) die Tattoo-Eigner/innen für sich selbst wünschen.
Ursprünglich wurde das Porträt Bildnis oder Konterfei genannt, das anstelle
des oder der Anwesenden diese in Abwesenheit vertrat, an sie erinnerte oder
ehrte, seltener sie parodierte (Lexikon der Kunst 1989b). Tatsächlich spielt die
Begegnung der Tätowierten zum Menschen hinter dem eingeschriebenen Porträt
eine bedeutende Rolle. Der Begriff „Begegnungsfähigkeit“ ist für die Integrative
Therapie grundlegend. Um welche Spielart der Begegnung es sich handelt, deren
Tätowierung Zeugnis gibt, wird variieren. Möglich sind Kontakt, Begegnung,
Beziehung oder sogar Bindung. Handelt es sich um ein Zeugnis der Bindung, für
welche die Entscheidung, die „Freiheit zugunsten einer frei gewählten Gebun-
denheit“ aufzugeben (Petzold 2003b, S. 797), getroffen wird, kann zum Porträt
gesagt werden, dass dieses möglicherweise ein Dokument für unverbrüchliche
Bindungsqualität zum mit dem Menschen verbundenen Porträt aufweist, denn
nicht selten werden Bildnisse von Partner/innen gefertigt.

6.1.9 Abstrakte Kunst

„Besonders der legendäre Don Ed Hardy kämpfte unablässig um eine Aufwer-


tung des Metiers – darum, dass das Tätowieren als die lebendige und kreative
54 6  Genres der Tätowierung

Kunstform anerkannt wird, die sie freilich auch ist“ (Ferguson und Procter 1998,
S. 118). Verschiedene neue Kunstströmungen haben auf die Tätowierszenen in
der so genannten westlichen Welt einen großen Einfluss ausgeübt. Die Vorstel-
lungen darüber, was Tattoos sind, wurden dekonstruiert und der Ausdruck in der
Kunst erneuert.
Dreht man das Rad der Zeit um einige Jahre weiter bis zur Gegenwart, rei-
chert sich die Tätowier-Community allerdings um weitere Stilrichtungen an, wie
dies Tattoo Spirit, ein bekanntes Szenemagazin, verdeutlicht (Kruhm 2013c).
Die Vielfalt der Tätowierszenen setzt sich aus weltweiten, kulturellen Einflüssen
zusammen. Häufig findet man Künstler/innen, die Stilmixe bevorzugen und sich
weigern, sich auf einen Stil festlegen zu lassen. Das Studio „Galerie & Tätowie-
rungen Herzstich“ in München beherzigt die Vielfalt der verschiedenen Stilarten
und neben Tätowierungen, die gestochen werden, findet sich viel „Kunst aller
Arten“ (Kruhm-Verlag 2015a, S. 40).

6.2 Tätowierstile nach der Systematik des


Szenemagazins Tattoo-Spirit

Bei dem Szenemagazin „Tattoo-Spirit“ handelt es sich um ein Lifestyle und


Bodyart-Magazin des Kruhm Verlags, welches sowohl im Hochglanzformat als
auch online über aktuelle Entwicklungen im Genre Tätowierszenen und Körper-
schmuckarten informiert. Diese Form des illustrierten Printmediums stellt sowohl
traditionelle als auch avantgardistische Trends vor.

6.2.1 Newschool

Die so genannte neuere Schule orientiert sich in ihren Motiven an aktuellem


Material, welches den Zeitgeist prägt. In der Tätowierszene bezeichnet diese Stil-
richtung den klaren Gegensatz inhaltlicher Art zur Oldschool, wobei auf dieser
Stilrichtung aufgebaut wird. Ältere, bekannte Motive erfahren eine farbenfrohe
Aufwertung, der Spaß sollte eine größere Rolle spielen. Dicke Außenlinien und
plakative Designs kennzeichnen diese Tätowierrichtung. Nicht zu vergessen ist
der Einzug der Tattoos in die Modewelten (Kruhm 2013d).
Betrachtet man die Tätowierungen dieser Richtung eingehender, sieht
man fließende, knallende, oft comicartigartige Effekte, die nicht selten an die
­Airbrush-Technik erinnern. Kitschige Motive, übertriebene Formen, Licht- und
­Blitzeffekte kommen ebenso zur Geltung. Mediale Wirklichkeit wird inszeniert.
6.2  Tätowierstile nach der Systematik des Szenemagazins Tattoo-Spirit 55

6.2.2 Oldschool

Die traditionell orientierte sogenannte Oldschool richtet sich bei der Motiv-
wahl an einfache Symbole wie zum Beispiel Herz, Anker oder Kreuz, Schwal-
ben, Würfel oder Totenköpfe. Meistens werden die Linien und Konturen sehr
stark verdeutlicht, das Bild ist einfach strukturiert (Feige und Krause 2004). So
verwendet die Rockabilly Szene vermehrt Oldschool-Motive. Bei der Rocka-
billy-Szene handelt es sich um einen Trend der 50er und 60er Jahre Amerikas,
als Musiker/innen den schwarzen Rhythm und Blues auf ihre Art neu interpre-
tierten. Bei Männern findet man die typische Haartolle, zurück gehend auf Elvis
und Koteletten, die den Greasern nachempfunden sind. Die Frauen entsprechen
in ihrem Äußeren genau jenem Frauenbild der damaligen Jahre, Tellerröcke, Fal-
tenröcke oder Petticoats tragend, die Lippen kirschrot gefärbt und die Kleider mit
Punkten und Karos versehen (Kruhm 2013e). Als ich während eines Berlinaufent-
halts 2012 das Szenelokal Bassy besuchte, waren hier die Menschen so gekleidet,
wie es der Stil vorschreibt und Musik wird strikt den musikalischen Gepflogen-
heiten vor 1969 angepasst.

6.2.3 Asia

Die asiatischen Tätowierungen haben eine sehr lange Tradition. Zeitgenössische


Tätowierstudios widmen diesem Stil eine eigene Sparte, wie Volko Merschky und
Simone Pfaff vom Buenavista Tattoo Klub (Rödel 2012c). Weitgehend orientiert
sich der asiatische Stil geografisch an Asien und ist dementsprechend auch mit
vielen Motiven und kulturellen Einflüssen angereichert. Hier könnte man wie-
derum länderspezifische Unterscheidungen treffen, da sowohl Japan als auch
China jeweils sehr regionalspezifische Stile hervor gebracht haben- je nach Ein-
fluss, den die Region auf die bildende Kunst ausgeübt hat. Stellvertretend für die
Vielfalt, die durch kulturelles Schaffen entsteht, seien erwähnt: Dirk Boris Rödel,
„Alles über japanische Tätowierungen“ (2004). Der Autor geht auf frühe Formen
des Tätowierens ein, greift eine Epoche, die Edo-Zeit, heraus und schafft einen
Gegenwartsbezug. Der japanische Stil ist immer noch umstritten, da im Gegen-
satz zu heute viele Tätowierte Gangsterbanden, sogenannten Yakuzas, zugehörig
waren, die ihren Lebensunterhalt mit Glücksspiel, Prostitution und/oder anderen
dubiosen Geldquellen verdienten. Filme, wie etwa „Die Tätowierte Frau“ aus
dem Jahre 1982 oder auch „Spider Tatoo“ (1966), zeigen menschliche Abgründe,
in denen Grausamkeiten an der Tagesordnung sind. Es werden im Film Verbin-
dungen zu tätowierten Körpern geschaffen, die sich erniedrigen lassen ­müssen
56 6  Genres der Tätowierung

oder denen auch Pein und Strafe (durch Zwangskontexte) auferlegt werden.
Hier zeigen sich deutliche Schattenseiten der Gesellschaft, die neben schillern-
den und ästhetischen Motiven im Film implodieren. Die oben erwähnten Filme
deuten auch auf das einseitige Frauenbild hin, welches die Frau als erniedrigtes
Kunstobjekt, das sich schließlich wehren muss, zeigt. Die Frau wird zwar „ver-
schönert“, jedoch nicht freiwillig. Zwang und Gewalt als Abbilder der paterna-
len Gesellschaft haben leider immer noch eine hohe Tradition in den asiatischen
Ländern. Weiters kann man im „Tätowiermagazin“ (Rödel 2012a), in dem aus
einem Printmedium rezipiert wird, nachlesen, dass gegenwärtig Tätowierte eine
Stigmatisierung erfahren, da Beamte, die in der Stadt Osaka leben, einen Fragebo-
gen ausfüllen mussten. Wenn sie tätowiert waren, wurde ihnen das Gehalt gekürzt
bzw. der Kontakt zu Bürger/innen reduziert.

6.2.4 Biomechanik

Der Begriff „Biomechanik“ meint nach Angaben des „Lexikons für Österreich
in 20 Bänden“ einen „Bereich der Biophysik, der die biolog. Konstruktionen der
belebten Welt mit physikalisch-techn. Begriffen analysiert“ (2006b, S. 344). Es
wird also von einem mechanistischen Menschenbild ausgegangen, das auch von
der Beherrschung der Technik über die Natur geprägt ist. Es werden die Vorgänge
innerhalb des menschlichen Bewegungsapparates untersucht. Biomechanische
Tattoos skizzieren bildlich, wie Muskeln, Sehnen und/oder Knochen ineinan-
der zahnen und halten dies subcutan fest. Dabei spielen auch die Verbindungen
zwischen Mensch und Maschine eine Rolle. Das mechanistische Menschenbild
kommt insofern zum Tragen, als sich optisch der Zusammenhang des lebendigen
Menschen und die funktionale Beherrschung der Körperteile widerspiegelt, unter-
stützt durch künstliche Versatzstücke. Das Eindringen der Technik in die Natur
wird dadurch möglicherweise kritisiert. Natürliche Körperteile werden im Biome-
chanikstil durch künstliche ersetzt. Die Verwebung von artifiziellen mit menschli-
chen Bauteilen wird demonstriert (Kruhm 2013f).
Vielleicht zeigt sich mit der Entstehung maschineller Versatzstücke auf der
menschlichen Haut auch eine Entfremdung von der Natur. Die Maschine aber
entstand, so Adorno (1998a), da der Mensch unfähig war, das Unbewusste um
ihn herum zu beseelen. Die hier hineingetragene Bewusstheit aber, völlig auf
menschliche Zwecke umgestellt, treibt dem Menschen den letzten Rest von
Daseinshaftigkeit aus. Diese Vereinsamung, die sich im Bewusstsein quälend
manifestiert, geht mit der Sehnsucht einher, „das verlorene Unbewußte wiederzu-
gewinnen“ (Adorno 1998a, S. 729).
6.2  Tätowierstile nach der Systematik des Szenemagazins Tattoo-Spirit 57

Die Wissenschaftstheoretikerin Donna J. Haraway schreibt von Cyborgs,


die als kybernetische Organismen, Hybride aus Maschine und Organismus eine
fiktive Figur sowie auch Geschöpfe gesellschaftlicher Wirklichkeit darstellen
(Haraway 1995, S. 33).
In der Kunst findet man vergleichsweise eine Verwebung von Kunst und Tech-
nik im Bauhaus, wo Walter Gropius den Künstler László Moholy-Nagy berief.
Seine Zeichnung 6511 zeigt Maschinenteile einer modernen Industrielandschaft
(Reinhardt 1999, S. 24), ausgestellt war das Bild im Ulmer Museum 2016.

6.2.5 Fauna, Flora

Wenn von Fauna und Flora in der Tätowierkunst die Rede ist, sind Motive wie
Tiger, Vögel, Spinnen oder andere mythologische Figuren, zum Beispiel der
Phönix, bedeutsam. Der Phönix könnte an einen Neuanfang erinnern. Er wird
beschrieben als ein mythologischer Vogel, der vor allem im alten Ägypten ver-
ehrt worden ist, alle 500 Jahre erscheinen sollte, sich selbst verbrennt und aus
der Asche neu aufsteigt. In künstlerischen Werken erscheint der Phönix als Sinn-
bild für Unsterblichkeit und Auferstehung (Das Lexikon für Österreich 2006c).
Möglicherweise ist die Einzigartigkeit durch sein seltenes, einmaliges Auftreten
auch ausschlaggebend. Die Popularität des Phönix zeigt sich auch bei Harry Pot-
ter: Der Direktor von Hogwarts (Prof. Dumbledore) hat nämlich einen Phönix als
Haustier. Bei den Pflanzen erfreuen sich Blumen und andere ornamentale Motive
großer Beliebtheit. Trotzdem erinnert die als Tätowiergattung geltende Rubrik
„Fauna und Flora“ sehr an ein Leben, welches aus „zweiter Hand“ gelebt wird.
Möglicherweise wird Leben illusionär inszeniert- das Leben, das ausge-
trieben wurde, wird so wieder herbei geholt, durch Fiktion angeschafft. Der in
den „Minima Moralia“ Theodor W. Adornos (1998b) verwendete Satz Fer-
dinand Kürnbergers, „Das Leben lebt nicht“ (zitiert nach Adorno, S. 20) findet
so Anwendung. Leben, das keines ist, wird inszeniert. Durch das Vortäuschen
von Pseudotatsachen (hier- die Motive der Tiere und der Natur) wird das Leben
wieder angeschafft. Trotzdem mag die Epoche des Naturalismus, in der schon
Gerhart Hauptmann Geschichte geschrieben hat, nach wie vor eine sehr große
Bedeutung spielen und wegweisend für diese Tätowierstilvorliebe gewesen sein.
Der Naturalismus jedenfalls will Sujets aus der Natur möglichst getreu wieder
geben und die sichtbare Natur beziehungsweise die Wirklichkeit ohne Stilisierung
und Symbole darstellen (Lexikon der Kunst 1989c).
Dazu passend gibt es auch Angebote aus der Tätowierszene. Dort wird auf eine
rein vegane Fertigung von Tattoos hingewiesen, die Verwertung aus tierischen
58 6  Genres der Tätowierung

Produkten für das Tätowieren wird abgelehnt. Unter anderem hält sich das Tattoo
Hulk in Stuttgart an diesen Standard (Kruhm Verlag 2015b, S. 100).

6.2.6 Schriften (Lettering)

Unter Lettering versteht man einen Tattoo-Stil, der aus „einem Schriftzeichen,
einem Wort oder einem Namen besteht“ (Kruhm 2013g, o. S.). Dieser Tätowier-
stil erfreut sich gegenwärtig großer Popularität, nicht selten finden sich Menschen
als Werbeflächen, die sich gegen Geld bereit erklären, einen Schriftzug zu tra-
gen. Die Vermarktung der Tätowierung zu Werbezwecken ist allerdings bei den
Olympischen Spielen nicht erlaubt. Durch das Werbeverbot wird einerseits die
Manipulation durch (unlauteren) Wettbewerb unterbunden und andererseits auch
dem ursprünglichen Gedanken der Olympischen Spiele, der Völkerverständigung
und dem sportlichen, fairen Vergleich Rechnung getragen. Der Deutsche Olym-
pische Sportbund gibt in seinen Spielregeln im Umgang mit Medien, Werbung
und Social Media für die Olympischen Spiele in Rio 2016 (S. 24 f.) folgende
Richtlinie in Bezug auf Tätowierungen bekannt: „Hinweise auf Herstellermar-
ken und Sponsoren, Verbände und Organisationen sind ebenfalls auf dem Körper
(Tattoos), auf Kontaktlinsen, auf Brillengläsern, auf Zahnschutz und auf Trinkfla-
schen strengstens verboten!“.
Ein positives Signal für mehr Toleranz setzte Oliviero Toscani (1997), seiner-
zeit noch verantwortlich für die Benetton-Werbung, welche durchaus kontrovers
aufgenommen wurde:
Oliviero Toscani, der in seinem Buch „Die Werbung ist ein lächelndes Aas“
seine Werbekampagnen bei Benetton und ihre Hintergründe, Anliegen und die in
der Öffentlichkeit ausgelösten Diskussionen beschreibt, erläutert die Kontroverse
um die Tätowierung „HIV positive“ vom Herbst/Winter 1993/1994 (Toscani
1997). Er beschreibt, dass ihn ein amerikanischer Schüler, welcher sich „HIV
positive“ auf den Arm tätowiert hatte, auf die Idee für diese Werbekampagne
brachte. Der Schüler war es Leid, dass im Kampf gegen Aids nichts unternom-
men wurde und ging nackt mit der Tätowierung am Arm zur Schule. Die Ame-
rikaner aber bedeckten nicht seine Blöße, sondern die tätowierte Haut, da das
Thema Aids immer noch ein Tabu war. Für Toscani bedeutete die Werbekampa-
gne mit der Tätowierung ein Signal, „dass Benetton weiter an seiner Bereitschaft
zu Einmischung festhält, indem wir uns gegen die Ausgrenzung von Aidskranken
mit der gleichen Kraft wie gegen den Rassismus einsetzen“ (Toscani, S. 78).
Man mag darüber diskutieren, ob es in einer Werbekampagne, vor allem in der
klassischen Werbung für Produkte, vertretbar ist, mit Tabuthemen zu werben, in
6.2  Tätowierstile nach der Systematik des Szenemagazins Tattoo-Spirit 59

jedem Fall aber löste die Kontroverse mit dem tätowierten Gesäß heftige Mas-
sendebatten aus. Toscani (1997) beschreibt die Debatten als die Fragen um Kenn-
zeichnung und Ausgrenzung von HIV-Infizierten, bei denen es aber in Wahrheit
darum gehe, ernsthaft darüber nachzudenken, wie mit den Themen Sex und Aids
in der Öffentlichkeit umzugehen sei.
Die Verbindung zu Lettering und Schriften beim Tätowieren zur Kunst kann
mit dem Begriff „Lettrismus“ geschaffen werden. Hier findet man eine ursprüng-
lich aus der Literatur kommende Bewegung, der sich später (1950) auch bildende
Künstler/innen angeschlossen haben. Im Lexikon der Kunst (1989d, S. 265) wird
beschrieben, dass lateinische, kyrillische oder arabische Buchstaben zum Aus-
gangspunkt zeichenhafter Schriftkompositionen oder Schöpfungen visueller Poe-
sie avancierten. Die Sammlung Kurt Fried zeigte ein Bild Kurt Schwitters von
1936 mit Teilen des Korans (Reinhardt 1999, S. 22–27) sowie Fernand Légers
„Voici les Temps des assassins“ von 1949.

6.2.7 Realistik

Wenn Heinrich von Kleist (1968) in einem Brief vom 22. März 1801 an Wilhel-
mine von Zenge über seine Kantkrise schreibt, sagt er:

Wenn alle Menschen statt der Augen grüne Gläser hätten, so würden sie urteilen
müssen, die Gegenstände, welche sie dadurch erblicken, sind grün – und nie würden
sie entscheiden können, ob ihr Auge ihnen die Dinge zeigt, wie sie sind, oder ob es
nicht etwas zu ihnen hinzutut, was nicht ihnen, sondern dem Auge gehört. So ist es
mit dem Verstande. Wir können nicht entscheiden, ob das, was wir Wahrheit nennen,
wahrhaft Wahrheit ist, oder ob es uns nur so scheint (S. 1018).

Kant stürzt in eine schwere Krise, da er erkennt, dass die aufklärerische Wissen-
schaft nicht fähig ist, die objektive Wahrheit zu erkennen und damit bleibt er als
stiller Beobachter in der eigenen Welt gefangen, unfähig, den Zugang zur Wirk-
lichkeit zu finden und damit den dialogischen Weg zu anderen zu eröffnen.
Was sollen wir von realistischen Tätowierungen halten? Warum werden reali-
tätskonforme Abbilder der Wirklichkeit geschaffen? Warum erfolgt eine Verdop-
pelung (durch Hautbilder) der Wirklichkeit? Könnte es ein Bewusstmachen sein,
dass sich reale Wirklichkeit auf der Haut einschreiben will? Versuchen wir zuerst
die Frage zu klären, was per definitionem der Realistik-Stil ist.
Im „Lexikon für Kunst für Malerei, Architektur und Bildhauerkunst“ wird der
Realismus als eigene Epoche charakterisiert. In der bildenden Kunst wird hier
eine, in der Kunstgeschichte immer wiederkehrende Art der Darstellung, welche
60 6  Genres der Tätowierung

sich auf die Beobachtungen der empirischen Welt stützt, verwendet. Der Begriff
des Naturalismus ist jenem des Realismus untergeordnet (Lexikon der Kunst
1989a).
In einem Künstlerporträt des „Tätowiermagazins“ schreibt Dirk-Boris Rödel
(2012b) über Andy Engel, einem Spezialisten für den Realismus-Stil, in welchem
der Hauptanspruch sei, „das Tattoo so wirklichkeitsnah wie möglich zu stechen“
(S. 150), was schon deshalb oft nicht einfach sei, weil die Vorlagen undeutliche
Bilder zeigten.

6.2.8 Kunstszenen der Gegenwart

Das Werk: „Tattoo – Ritual. Kunst. Mode“ von bereits genannten Autor/innen und
die Aufzählungen der Tätowierstile darin war ein sehr frühes Zeugnis von Art-
Work in dem Kunst-Genre, zumal die Tätowierkunst erst in den 90er Jahren des
letzten Jahrhunderts Akzeptanz in unserer (westlichen) Gesellschaft fand. Es mag
ein Hinweis dafür sein, dass sich Populationen vermischten und Menschen auch
bereit waren, den Blick sowohl auf andere Ethnien, als auch über die Grenzen des
eigenen Lebensraumes hinaus zu erweitern, zumal Haut ja für Grenze steht, auch
des eigenen Körpers hin zum/zur Anderen, dem Gegenüber. Die Tatsache, dass
sich Menschen völlig kontroverse Kulturen auf ihre Haut einritzen, gibt Anlass
zur Hoffnung auf ein friedliches, Völker verbindendes Miteinander, entgegen der
Vorurteile dem Fremden -und schlimmer noch- dem Feind gegenüber. Es kann so
also von wechselseitigen Ko-respondenzprozessen gesprochen werden, die über
Kunst-Szenen möglich werden, ganz nach dem Motto: Ich bin, was ich auf mei-
ner Haut trage- zwar manchmal für andere noch ein Fremder/eine Fremde und
ent-rückt, aber immerhin: sichtbar!
Die Kunstszenen der Gegenwart in Bezug auf Tätowierstile lassen sich viel-
leicht ebenfalls mit einem Beispiel sehr gut beschreiben. Ein Stil, der Tradition
und Moderne miteinander verbindet, ist der Realistic Trash Polka – Stil, der von
Simone Pfaff und Volko Merschky etabliert wurde. Verschiedene Strömungen
werden darin angereichert, um „Gesamtkompositionen auf die Haut zu übertra-
gen“ (Rödel 2012c, S. 103), die wiederum mehrere Kunstgattungen in sich verei-
nen, so Malerei, Kalligrafie oder Fotografie. Interessant ist, dass damit ein neuer
Tattoo-Stil erfunden wurde. Die Kunden ihrer Arbeiten seien sehr oft, wie im
Interview des „Tätowiermagazins“ ausgeführt wird, selber Kunstschaffende oder
Kunstsammler/innen. Dabei ist den Tätowierern bewusst, dass ihre Kunst nicht
allgemein tauglich sei, sie also damit widersprüchlich und kontrovers bleiben
werden: „Wir sind Storytellers und senden eine Botschaft, für die nicht jeder den
6.2  Tätowierstile nach der Systematik des Szenemagazins Tattoo-Spirit 61

richtigen Empfänger hat. Wir versuchen die Grenzen immer mehr auszuloten. Wir
tätowieren etwas Realistisches und streichen es dann durch und zerstören es, oder
stellen Bilder auf den Kopf“ (Rödel 2012c, S. 107). Der Stil erinnert an den kri-
tischen Realismus, der sich vor allem in den sozialistischen Ländern etablierte.
Hierbei werden sozialkritische Tendenzen in der Kunst durch realistische Gestal-
tungsmittel umgesetzt. Es kommt zur kritisch reflektierenden Auseinandersetzung
mit der realen Umwelt und dem tradierten Kunstbetrieb. Das „eigene Bewußt-
sein von sozialer Wirklichkeit und die eigene Stellungnahme dazu werden in die
künstlerische Praxis eingebracht“ (Lexikon der Kunst 1989d, S. 124).
Wer als Visionär moderner Tätowierszenen nicht fehlen darf, ist Ed Hardy.
Der Volkskundler und Schriftsteller Alan Govenar skizziert dessen künstlerisches
Schaffen. Er, Ed Hardy, führte ausschließlich einmalige Tätowierungen auf Kun-
denwunsch aus, beschäftigte sich neben seiner schriftstellerischen und kunsthis-
torischen Sicht auf Tätowierungen mit dem Aspekt des Tätowierens als genuine
Ausdrucksform und war in zahlreiche Ausstellungen involviert (Ed Hardy 2009).
Das „Tätowiermagazin“ widmet dem Künstler in der Maiausgabe von 2009 ein
hintergründiges Portrait in Interviewform, das den Titel: „Ed Hardy. Der Visionär
der modernen Tattoo-Szene“ träg (Okazaki 2009, S. 79). Für unsere Diskussion
um Lebenskunst, Kontroversen und Identität versus Person ist Ed Hardy ein inte-
ressantes Beispiel, sich jenseits der Zuschreibungen seiner Umwelt: „Tätowie-
ren ist eine aussterbende Sache, ein abscheuliches Straßen-Ding, da wird doch
nie was draus!“ (S. 86), durchgesetzt zu haben, lange, bevor sich der Mainstream
oder die Norm beim Tätowieren etabliert haben würde.
Im Folgenden seien einige Aspekte des Artikels heraus gegriffen, die die
These, dass Lebenskunst die Gestaltung ist, welche das Subjekt im Bewusstsein
auf sich selbst richtet, um den Horizont der Möglichkeiten zu erweitern, unter-
mauert (Schuch 2007).
Ed Hardy interessierte sich schon als Kind für Tätowierungen. Er studierte
dann eingehend Kunst und Kunstdruck. Das Tätowieren an sich nahm er als
Volkskunst wahr, da sich das Genre noch überhaupt nicht als Kunst verwirklicht
hatte. Die Wegentwicklung von der Volkskunst gelang ihm durch Anfertigen von
Einzelstücken, die jenseits bereits vorhandener Standardmotive oder Flash-Sheets
die Wünsche der Kunden durch angefertigte Entwürfe und dialogische Auseinan-
dersetzungen umzusetzen versuchten (Okazaki 2009). Seine Aussage, dass Kultur
von unten entstehe, und nicht von Leuten mit ökonomischer Macht geschaffen
würde, die entschieden, was „cool“ sei, träfe den Kunstaspekt der Tätowierungen
im Kern.
Überhaupt wird deutlich, dass die Auseinandersetzung mit klassischer Philoso-
phie, Literatur, Lithografie und Kunstdrucken die Grundlage seiner Tätowierkunst
62 6  Genres der Tätowierung

darstellen, die zu Interaktionen mit seinen Kund/innen führten. Empathie und Mit-
gefühl hätten ihn geleitet, wenn er gedrängt worden wäre, über die Grenzen hin-
aus zu gehen, dem nicht nachzugeben, da er auch wisse, was er einem Anderen
bezüglich der Schmerzen antun würde (Okazaki 2009).
Ed Hardy ist zweifellos einer der bedeutendsten Tätowierer der gegenwärtigen
Zeit.

6.2.9 Blackwork, Black & Gray

Dieser Begriff bezieht sich auf die Tattoo-Farbgebungen und nicht auf einen
Stil; beim Blackwork wird reine schwarze Farbe (Kruhm 2014) verwendet, bei
Black and Gray kommen durch Grautöne Schattierungen und Konturen zustande,
die schwarze Farbe wird dabei verdünnt. Eine Black- and Gray Tätowierung hat
daher viele verschiedene Grautöne. Verglichen werden kann diese Kunstform mit
der Tuschezeichnung zum Beispiel Joan Mirós, der mit Grau- und Schwarztönen
moduliert. Diese Komposition wird als „unfarbig“ bezeichnet und nennt sich:
Graphisme concret von 1951 (Reinhardt 1999, S. 28).

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Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes
Lebenspanorama (TLP) 7

Zusammenfassung
Im Kapitel „Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)“
kommen zwei zeitgenössische Künstler, FLATZ und Daniel Hofer, in Inter-
views zu Wort. Theoretische Aspekte der Lebenskunst und Ästhetik der
Existenz (M. Foucault) werden diskutiert. Das Selbst, das „als Künstler und
Kunstwerk“ (H.G. Petzold) begriffen werden kann, findet ästhetische Erfah-
rung auch während der Betrachtungen von Tätowierungen, wenn Prozesse
rezeptiv erlebt werden. Es wird die Verbindung zu rezeptiver Kunsttherapie
geschaffen. Die Arbeit an der eigenen Biografie drückt sich in Leibgeschich-
ten aus. Für die Exploration tätowierter Lebens- und Leibeskunst stellten sich
zwei Männer und eine Frau zur Verfügung, die über ihre eingeschriebenen
Tätowierungen aus biografischer Sicht in einem Interview erzählen. Aspekte
wie Ausdruck, Einschreibung und Embodiment runden das Kapitel ab.

Für die Arbeit ist es ein Anliegen, den Kunst- und Kulturbegriff nicht zu prob-
lematisieren, sondern einen Ansatz zu finden, der es ermöglicht, Kunst als Aus-
druck des kreativen Schaffens einerseits (etwa die Arbeit eines Tätowierers/einer
Tätowiererin) sowie Kunst als bevorzugtes Stilmittel oder Art der Darstellung
oder Kommunikationsweise zu begreifen.

7.1 Lebenskunst

Hans Waldemar Schuch (2007) beschreibt Kultur so: „Wenn das Wesen des Men-
schen die Kultur ist, wenn die Welt immer eine „menschliche Welt“ ist, näm-
lich eine vom Menschen sinnlich realisierte und mit Bedeutung versehene Welt,

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 65


G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2_7
66 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

letztlich seine kulturelle Schöpfung ist, dann verweist Hominität zuerst auf Kul-
tur“ (S. 56). Humantherapie wird – im Gegensatz zu Psychotherapie – dahin
gehend verwendet, als Hominität zur Gewinnung von Humanität praktiziert wird.
„Humantherapie wäre Wahrnehmung von Kultur, Beitrag zur Kultur, Kritik von
Kultur, Veränderung von Kultur, Generierung von neuer Kultur“ (S. 56).
Humantherapie bedeutet demnach Persönlichkeitsentwicklung, Kulturarbeit
oder auch Gesundheitsförderung, getragen durch spezielle Formen des Umgangs,
der durch wesentliche Grundqualitäten des Menschlichen getragen ist wie zum
Beispiel Achtsamkeit, Würde, Herzlichkeit oder Liebe.
Bei Petzold (2003a) findet sich der Begriff am Beginn des dreibändigen, über-
arbeiteten Werks in dem Kontext, dass sich die Integrative Therapie für das Men-
schenwesen und ein menschliches Leben auf Menschenweise engagiert.

7.2 Interviews mit zeitgenössischen Künstlern

Im folgenden Kapitel werden Künstler/innen interviewt, die ihre Perspektive zur


Tätowierung bzw. Kunst im Kontext von Bodymodifikation erläutern. FLATZ
beschäftigt sich schon lange mit Tätowierungen und hat die Diskussion um das
Phänomen der Tätowierung in der Kunst mit initiiert, indem er provoziert und
neue Kontexte herstellt. Daniel Hofer betreibt ein eigenes Tätowierstudio in Vor-
arlberg in Dornbirn.
Die Künstler kommen ursprünglich aus Vorarlberg in Österreich, FLATZ ist
nach Deutschland (München) gezogen und beide haben hier ihren Lebens- und
Schaffensraum. Das FLATZ-Museum kann in Dornbirn besichtigt werden,
ebenso wie Daniel Hofers Tattoo-Studio Korowa.

7.3 Wolfgang Flatz: „Mein Kunstwerk, das bin ich!“

Das Interview mit dem Künstler Wolfgang Flatz, im Künstlernamen FLATZ, fand
am 27. Dezember 2012 in München statt.

 G.H.P. wird in den folgenden Interviews für Gunhild Häusle-Paumichl


verwendet.

 FLATZ ist der Künstlername von Wolfgang Flatz.


7.3  Wolfgang Flatz: „Mein Kunstwerk, das bin ich!“ 67

G.H.P.:  Inwieweit spielen Tätowierungen für Sie im Rahmen Ihrer Kunst eine
Rolle?

FLATZ:  Sie sind Kunstwerke und klar als Kunstwerk konzipiert. Mein Körper
ist Kunstmaterial, infolge dessen ist alles, was auf ihm gezeichnet ist, erstellte
Kunst und ein Tattoo-Kunstwerk. Es gibt ein Karl Marx Schlüsselzitat zur Kunst,
demnach wäre Kunst nicht der Spiegel, den man der Gesellschaft vorhält, sondern
der Hammer, mit dem man sie gestaltet, eine Programmatik der Kunst sozusagen.
Es gibt eine Erkenntnis, dass Schönheit in der Kunst obsolet ist- ein kritischer
Ansatz zu Gesellschaft und ihrer Zeit. Es geht nicht darum, dass die Dinge mir
gefallen. Die Tattoos sind ästhetisch gesetzt – der Inhalt bestimmt die Form.

G.H.P.:  Können Sie die Kunst auf Ihrem Körper erklären?

FLATZ:  Auf meinem Körper wurde in den frühen 70er Jahren signiert: WF. Es
gibt einen Barcode am linken Oberarm. Als der Barcode herauskam und dieser
auf allen Artikeln war, ließ ich mir den Strichcode meiner Zigarettenmarke Camel
tätowieren. PHYSICAL Sculpture ist eine Tätowierung am Rücken. Flatz ist auf
Kyrillisch tätowiert, das kommt aus der Russlandzeit 1989–1991, wo ich als Gast-
professor eineinhalb Jahre gelebt habe. Es gibt ein japanisches Flatz, dafür wurde
ein erstes Buch in Japan mit japanischer Schrift in tz – also ein extra Zeichen – ent-
wickelt, das ist am kleinen Finger auf der linken Außenseite tätowiert. Weitere Täto-
wierungen auf meinem Körper sind: am linken Arm: MUT TUT GUT; am rechten
Arm: Dum spiro spero; weiters: in morte vita; Nichts ist ohne Grund und Norton
(mein 4-jähriger Sohn) sowie das erste Selbstportrait meines Sohnes, ein Gesicht;
„give“ und „take“ auf der rechten sowie linken Hand, für alle sichtbar. Ober dem
Schambein ist das Altgriechische „molon labe“ tätowiert, – „komm und hol sie
dir, die Waffen“, inhaltlich angelehnt an die Schlacht am Thermophylenpass. Die
Bedeutung ist die: In der amerikanischen Verfassung ist im Grundgesetz verankert,
dass die Bürger Waffen tragen dürfen; das Recht der Selbstverteidigung ist festge-
schrieben; darum verteidigen sie ihr Hab und Gut mit der Waffe. Das Familienwap-
pen habe ich auf dem rechten Oberschenkel tätowiert. Der rechte Fuß ist dann nach
dem Unfall (Anm. d. Verf: FLATZ hatte einen schweren Verkehrsunfall) abgeschlos-
sen. Ich habe mehrere Tätowierungen für andere entworfen: Für eine Freundin als
Geburtstagsgeschenk etwas Persönliches: eine Berührung; einen Fingerabdruck auf
der Leiste. Sie lebt in einer anderen Stadt. Andere Männer waren im Bett eifersüch-
tig auf das Tattoo, sie ließ es sich später wegmachen, was sie dann aber bereute.
Ein weiteres Tattoo war für einen übergewichtigen, amerikanischen Fotografen. Ein
Big Mac ist in der amerikanischen Flagge zu sehen. Diese Tätowierung stürzte den
68 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

Mann in eine Identitätskrise. 2 Jahre später kam er durchtrainiert zurück. Er durfte


zu Hause nicht mehr am Tisch sitzen. Sein Vater verlangte, dass es weggemacht
würde, was er aber nicht befolgte. Ein weiteres, intimes Tattoo war für die Exfreun-
din: Sie hat sich etwas Persönliches gewünscht. Auf meine Anregung hin ließ sie
sich Mutterliebe auf die Schamlippen tätowieren und hat so ihr Kind empfangen,
das Kind war nicht von mir, aber die Tätowierung. Das nächste Tattoo ist etwas kri-
tisch. Ein Freund von mir ist ein Mischling, halb schwarz, halb weiß. Er hat eine
weiße Mutter und einen schwarzen Vater. Ich habe ihm nicht weiß und nicht schwarz
als Tattoovorlage entworfen (ich tätowiere die Entwürfe nie selber). Das bedeutet, er
fühlt sich weder als Weißer noch als Schwarzer, sondern zerrissen. Das letzte Tattoo,
das ich für jemanden anderen (und mich selber) entworfen habe, ist: give und take.
Meine Freundin hat meine Handschrift tätowiert (jeweils auf der rechten und linken
Hand) vom Herzen kommend give und die rechte Hand hat take. Das Wort Körpers-
kulptur ist für mich ein Werkbegriff, da ich mich als Bildhauer begreife. Die Täto-
wierung auf meinem Rücken, PHYSICAL sculpture, gehört zu einer Serie großer
Skulpturen und ist die physical sculpture number 0, der Ursprung aller Skulpturen,
der ich mit Witz und Sarkasmus verbunden bin. Das Rückentattoo, das ich trage,
wurde in einem Stück tätowiert. 1984 gab es die Hautnah- Ausstellungen.

G.H.P.:  Was möchten Sie im Rahmen Ihrer Kunst – unter anderem auch mit der
Inszenierung PHYSICAL sculpture – erreichen?

FLATZ:  Die Hintergründe der Skulpturen sind Dinge, Körper und physikali-
sche Gesetzmäßigkeiten. Wenn mit dem Körper etwas gehoben wird, braucht man
physikalische Kraft und das Funktionieren aller Muskeln. Alle Skulpturen defi-
nieren somit beides.

G.H.P.:  Auf welche Phänomene möchten Sie (da Ihre Kunst ja provoziert)
gesellschaftskritisch hinweisen?

FLATZ:  Mich interessiert das gar nicht; ich nehme Dinge auf und gebe sie mit
der Kunst wieder – es geht immer um die Kunst und immer um Form. Form ist
allerdings viel komplexer gemeint- Form und Inhalt gehören zusammen. Der
Inhalt bedient die Form, das lässt Freiraum für Interpretation.

G.H.P.:  Haben Sie eine künstlerische Vorliebe?

FLATZ:  Nicht nur „ich verstecke mich“, sondern auch „ich definiere mich“.
Schmuck hat mich gelangweilt (ich habe den Beruf Goldschmied erlernt), da er
7.3  Wolfgang Flatz: „Mein Kunstwerk, das bin ich!“ 69

nur dekorativ verwendet wird. Früher waren die Dinge klarer definiert: Die künst-
lerische Form war früher die Körperzeichnung. Der Urmensch war Afrikaner und
nackt. Um sich zu schützen, wurde Lehm verwendet, alle sahen gleich aus; um
sich gegenseitig zu erkennen, gab es aus Lehm Tribals. Das machte meine Identi-
tät, wer ich war, aus. Innerhalb der Zeichen gab es Unterschiede, Schmuck bekam
eine klare Bedeutung, so erkannten sich die Menschen, konnten sich örtlich
zuordnen. Am perversesten waren die Nazis. Die Juden wurden durch die täto-
wierte Nummer ausgeschlossen, also entpersonalisiert. Die Waffen-SS trug Briga-
desymbole, ihre Gruppen wurden tätowiert und so Zugehörigkeit geschaffen. Das
Perverseste war in Buchenwald die Frau des KZ-Führers (Ilse Koch, Anm. der
Verf.), die Lampenschirme aus der Haut von Insassen machen ließ, nachdem sie
diese hinzurichten anordnete.

G.H.P.:  An welchen Inszenierungen waren Körpermodifikationen involviert


(Tätowierung, Branding, Piercing, ….)?

FLATZ:  An der Skarifikation der Faust, die vor der PHYSICAL sculpture ent-
standen ist.

G.H.P.:  Inwieweit kann tätowierte Haut jenseits von Kommerz und Mode eine
Botschaft vermitteln, da sie als Leinwand fungiert?

FLATZ:  Das tut sie ganz klar, das tut sie bei jedem andern auch, wenn es pattern
(im Sinne von Muster, Vorlagen, Strukturen oder Formen; Anm. d. Verf.) sind.

G.H.P.:  Sie haben viel Spaß an ihrer Kunst, was bei der Kunst-Aktion am
06.10.2012 in Dornbirn an ihrem Gesichtsausdruck zu sehen war, – inwieweit?

FLATZ:  Jede Arbeit bereite ich lange vor, wenn ein Werk gelingt, erzielt es
Freude und Befriedigung. Mich interessieren keine Booms. Den Dekorations-
boom lehne ich ab. Arschgeweihe wollen alle wieder loswerden. Ein Tattoo muss
etwas sein, das ich ein Leben lang habe, womit ich mich identifiziere, auch wenn
die Haut runzlig ist und der Körper alt wird. Heute heißt sich zu tätowieren oft
eine Selbsterfahrung zu machen oder sich abzugrenzen. Die perverse Form der
Abgrenzung wurde zum Konsumzwang.

G.H.P.:  Herr FLATZ, vielen Dank für das Interview. Möchten Sie noch etwas
hinzufügen?
70 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

FLATZ:  Ich wollte einmal die höchste Summe erzielen, die je für einen leben-
den Künstler bezahlt wurde. Das war nicht mehr kommerzialisierbar. Ich hätte
dabei den Körper verkauft für Tattoos- die Grundidee war, ein Firmenlogo zu
tätowieren. Ich wollte den höchsten Preis haben, der je für einen lebenden Künst-
ler erzielt wurde, was damals Roy Liechtenstein war. Die Grundidee nach mei-
nem Ableben ist, die Haut zu Markte zu tragen. Das wird mein letztes Kunstwerk
werden. Wie die Yakuzas in Japan, möchte ich meine Haut ausstellen. Die Yaku-
zas lassen sich ihre Tätowierungen oft von Versicherungen finanzieren. Einem
Meister wird am Anfang der Arbeit, wenn er mit dem Tätowieren beginnt, die
gesamte Summe bezahlt. Die Yakuzas müssen dann versprechen, ihr Leben lang
sehr gut auf die Tätowierung aufzupassen. Nach dem Ableben kommt die Haut
in ein Hautmuseum und gehört der Versicherung. Ich möchte meine Haut wie bei
Sotheby’s versteigern lassen, das wird mein letztes Kunstwerk. Ich begreife den
Körper wie eine Leinwand, vergleichsweise mit PHYSICAL sculpture.
Das Geld kommt dann in die FLATZ – Stiftung. Es wird Preise geben, ein
Künstler/innenstipendium und ein bedürftiger Künstler, eine bedürftige Künstle-
rin werden unterstützt. Die Stiftung wird es 2013 erstmals geben, sie wurde 2012
gegründet.
Die Grundidee nach meinem Ableben ist es, die Haut zu Markte tragen.

G.H.P.:  Vielen Dank für das Interview!

7.4 Daniel Hofer

Folgendes Interview mit Herrn Daniel Hofer, Tätowierer im Studio Korova in


Dornbirn, Vorarlberg, führte ich dort am 30. Oktober 2012.
Daniel Hofer ist 36 Jahre alt. Er wurde in Feldkirch geboren. Im Folgenden
wird D.H. für Daniel Hofer verwendet. Im Jahrbuch 2016 und 2017 des Kruhm
Verlags, Tattoo Studio, finden sich Artikel über sein künstlerisches Schaffen
(Kruhm Verlag 2015, S. 38 f.). Er kennzeichnet sich durch seine Flexibilität beim
Tätowieren verschiedener Motive aus, die vorher sorgfältig gezeichnet werden
(Kruhm Verlag 2016, S. 78–79).

G.H.P.:  Herr Hofer, wie kam es, dass Sie den Beruf „Tätowierer“ erlernten?

D.H.:  Ich habe als Kind immer schon gerne gezeichnet. Als ich älter wurde,
besuchte ich diverse Zeichenkurse (Ölmalereien und Portraits). Mein damaliger
Tätowierer hat mich dann entdeckt, als ich eine Portraitzeichnung von meinem
7.4  Daniel Hofer 71

Jungen mitbrachte. Es gefiel ihm und er hat mir dann angeboten, mir das Täto-
wieren beizubringen.
Dies war im Jahre 2000. Nach drei Monaten bin ich aber aus persönlichen
Gründen dort weggegangen und habe angefangen, in Feldkirch bei einem Kol-
legen in einem Tattoostudio nebenberuflich zu arbeiten. Das Tätowieren hat mir
immer schon gefallen. Ich ließ mich auch selbst mehrfach tätowieren. Dann
machte ich mein Hobby zum Beruf. Ich legte im Jahre 2003 in Graz beim WIFI
mündlich sowie schriftlich die Tätowierprüfung ab. Derzeit besteht die Prüfung
aus 4 Modulen, einer schriftlichen sowie mündlichen Prüfung mit Praxisteilen
plus der Unternehmerprüfung. Die Prüfungsanforderungen lassen sich nachlesen
auf der Homepage WKO Fußpflege, Kosmetik und Massage, dort sind die recht-
lichen Grundlagen der Gewerbeordnung verankert. Man benötig Kenntnisse über
die Herstellung von Tätowiernadeln, Hygienemaßnahmen oder auch Erste Hilfe.
Ich legte die Prüfung ab, um mich selbstständig zu machen. Zunächst war ich in
verschiedenen Studios in Vorarlberg tätig, bis ich dann 2010 mein eigenes Studio
Korova Tattoo in Dornbirn gründete. Korova ist der Name der Milchbar aus dem Film
Clockwork Orange. Aus dem Film habe ich 2 Szenen auf meinem Körper tätowiert.

G.H.P.:  Was bedeutet für Sie selbst tätowiert zu sein und andere Menschen zu
tätowieren?

D.H.:  Selbst tätowiert zu sein war für mich früher ein Stück Rebellion, mittler-
weile ist die Tätowierung gesellschaftsfähig geworden.
Egal, ob ich akzeptiert werden würde oder nicht, dies war mir nie so wichtig,
denn nicht alle Tätowierungen haben eine Bedeutung, manche schon. Ich fand
Gefallen an der Kunst, finde Bilder schön und trage sie deswegen am Körper: An
der linken Hand ist eine Tattoomaschine zu sehen, ein Zeichen für meine Berufs-
identität, an der rechten Hand ein Edelweiß, ein Kennzeichen unter befreundeten
Tätowierer/innen. Ich werde mich noch weiter tätowieren lassen, wenn ich mag.
Ich plane das nie im Voraus, sondern lasse mich tätowieren, wenn das „richtige“
Motiv Gestalt annimmt
Wenn andere Menschen von mir tätowiert werden, wird die Idee zusammen
mit dem Kunden entwickelt. Ich gestalte die Bilder passend an der Körperstelle.
Je nach dem zur Verfügung stehenden Platz bin ich begrenzt; das heißt, manche
Designs lassen sich nur an bestimmten Stellen umsetzen. Tätowieren fühlt sich
für mich nicht wie Arbeit an, da ich mein Hobby zum Beruf gemacht habe. Ich
kann schöpferisch am Menschen tätig sein und habe das Gefühl, dass es Sinn
macht. Es gibt immer Dinge, die mich freuen, das Bedeutendste in der letzten
Zeit ist für mich, dass ich jetzt ein eigenes Studio betreibe.
72 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

Stilistisch betrachte ich mich als Allrounder. Ich tätowiere gerne verschiedene
Stile oder vermische sie auch gerne mal untereinander. Und ich arbeite am liebs-
ten großflächig. Unlängst gestaltete ich einen ganzen Rücken, das war ungefähr
50 h Arbeit. Der Rücken entstand im Zeitrahmen von 2011 bis 2012.

G.H.P.:  Haben Sie schon einmal abgelehnt, etwas zu tätowieren und wenn ja,
warum? Um welches Motiv ging es?

D.H.:  Ja, sogar schon oft. Unter 18 Jahren tätowiere ich generell niemanden,
obwohl es gesetzlich schon ab 16 mit der Genehmigung der Erziehungsberechtig-
ten erlaubt wäre. Außerdem sollte die erste Tätowierung nicht an sichtbarer Stelle
angefertigt werden, zum Beispiel am Hals oder Handrücken.
Ebenso tätowiere ich keine Tribals, weil ich mich in dieser Stilrichtung nicht
gerade zu Hause fühle. Es gibt genug Tätowierer/innen, die darauf spezialisiert
sind. Natürlich werden keine politischen Symbole oder extremistischen Parolen
tätowiert. Auch tätowiere ich keine Porträts von Partner/innen.

G.H.P.:  Welches ist Ihre bevorzugte Stilrichtung, die Sie tätowieren oder selber
entwerfen?

D.H.:  Ich mag gerne eine Mischung aus Realistik und abstrakter Kunst, auch
wenn die Motive aus der Malerei kommen. Den sogenannten Grafik-Stil oder die
Street-Art in Verbindung mit Realismus finde ich für Motive sehr ansprechend.
Totenköpfe baue ich auch gerne in Motive mit ein.

G.H.P.:  Tätowiert zu sein ist ein richtiger „Boom“ geworden. Was kann man
daran kritisieren?

D.H.:  Einerseits ist durch den Boom die Akzeptanz Tätowierungen gegenüber
größer geworden. Auf der anderen Seite sehe ich das Problem, dass viele Quer-
einsteiger/innen angefangen haben zu tätowieren, die auch gar nicht das Talent
dazu haben. Halt eben, weil es gerade Trend ist. Die Industrie stieg darauf ein, so
bekommt man beispielsweise eine Tätowiermaschine ohne einen Gewerbeschein
vorzuweisen, was früher nicht so einfach möglich war. Dadurch leidet die Quali-
tät. In Vorarlberg gibt es beispielsweise so viele Studios, wie noch nie, nämlich
15–20 an der Zahl.
Der Boom lässt sich so erklären: Musiker/innen, Fußballer/innen oder andere
Vorbilder und Idole sind tätowiert und die Leute ahmen das nach. Es gab z. B. ein
berühmtes Motiv von George Cloony: „From dust till dawn“ – dieses wurde oft
7.4  Daniel Hofer 73

reproduziert. Wir wollen im Studio von dem Trendsetting wegkommen, weswe-


gen wir auch weniger Laufkundschaft betreuen, sondern eher größere, individu-
elle Projekte umsetzen.

G.H.P.:  Die Phänomene der „Body-Modifikation“ werden immer extremer:


Implantate, Suspensions oder Ganzkörpertätowierungen sind für den Betrachter,
die Betrachterin nichts mehr Neues. Wie sehen Sie diese aktuellen Entwicklun-
gen, seine Haut, seinen Körper und/oder sein Äußeres völlig zu modifizieren, zu
verändern oder zu „verschönern“?

D.H.:  Bodymodifikation außerhalb des Tätowierens interessiert mich nicht; mir


geht es nur darum, schöne Bilder passend auf den Körper zu bringen; mich inter-
essieren andere Phänomenen nicht, auch nicht das Piercing. Die extremen Dinge
finde ich nicht gut, wie Cutting, Branding oder Implantate am Körper. Das Zun-
gen-Spalten ist bei uns verboten. Für mich stellen diese Phänomene keine Ver-
schönerung des Körpers dar.

G.H.P.:  Wo liegen Ihre Grenzen beim Tätowieren?

D.H.:  Es muss schon „passen“ jemanden zu tätowieren. Den Intimbereich täto-


wiere ich nicht, ebenso mache ich keine kosmetischen Tätowierungen oder Täto-
wierungen im Gesicht. Ich habe zwar schon Gesichtstätowierungen gestochen,
allerdings waren diese Menschen schon sehr großflächig tätowiert.

G.H.P.:  Sie sind selber sehr stark tätowiert. Wie stehen Sie zu der Tatsache, dass
Tätowiert-Werden süchtig machen kann?

D.H.:  Ich finde, dass man sich an seine Tätowierungen gewöhnt. Irgendwann
schaut man sie nicht mehr täglich an und fragt sich: „Was könnte ich noch
machen lassen?“ Man ist süchtig auf etwas Neues, es ist die Neugierde und es
sind neue Ideen, die einem einfallen, das Staunen. Es gibt viele Leute, die über-
legen sich, bevor ich eine Tätowierung fertig gestochen habe, schon das Nächste.

G.H.P.:  Die Gesellschaft verändert sich laufend. Man hat den Eindruck, dass
alles immer „extremer“ und die Grenzen weiter verschoben werden. Wie sehen
Sie die weitere Entwicklung in der Tattoo-Szene?

D.H.:  Es hat sich die letzten 5 Jahre in der Tattoo-Szene so viel getan. Es gibt
viele neue Stile, wie den extremen Farbrealismus oder den Grafikstil.
74 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

Die Künstler/innen waren früher eher Rocker oder Seemänner, heute kommen
sie aus Kunstschulen, sind Grafiker oder gehören zu der Street-Art und/oder Graf-
fity-Szene. Sie bringen alle ihren Stil mit, darum hat sich in den letzten Jahren so
viel getan. Auch durch die vielen Tätowiermagazine und die sozialen Netzwerke
hat sich die Tätowierszene sehr geöffnet.

G.H.P.:  Was beobachten Sie bei den Menschen, die sich tätowieren lassen? Nen-
nen diese ihre Gründe?

D.H.:  Nicht für alle haben Tätowierungen eine Bedeutung. Für manche ist es
einfach eine Ästhetik, die durch Bilder oder Lebewesen erzeugt wird. Sie finden
die Bilder und Motive schön oder bevorzugen einen bestimmten Stil.

G.H.P.:  Welche Motive sind Ihnen in Erinnerung geblieben, die Sie als Künstler
in die Haut gestochen haben?

D.H.:  Am besten in Erinnerung sind mir die großen Projekte, die unabhängig
von Motiven sind, geblieben. Ich habe fast alle Motive schon gestochen.

G.H.P.:  Vielen Dank für das Interview, Herr Hofer!

7.5 Lebenskunst und Ästhetik der Existenz

In der „Ästhetik der Existenz“ geht Michel Foucault (2007) im Kapitel „Der
gesellschaftliche Triumpf der sexuellen Lust: ein Gespräch mit Michel Foucault“
im Rahmen eines von ihm gegebenen Interviews (das er G. Barbedette gegeben
hatte) auf das Thema des menschlichen Kunstwerks ein.
In der Konnotation geht es im Text um sexuelle Lust, eine zentrale Aussage
jedoch ist, dass „kulturelle Lebensformen“ (S. 116) erschaffen werden können, ja
die Freiheit dazu bestehen mag. Im Zusammenhang damit werden auch Institutio-
nen kritisiert, in denen Beziehungen verarmen.
In der Vorlesung „Hermeneutik des Subjekts“, publiziert im eingangs genann-
ten Werk, bezieht sich Foucault auf die Griechen und deren Lebensregel, die
dort allgemein geschätzt war. Er lässt Alexandrides auf die Frage, warum dessen
Landsleute, die Spartaner, die Bestellung ihrer Ländereien den Sklaven über-
ließen- sagen, dass sich „um sich selbst kümmern“ (Foucault 2007, S. 125) ein
Privileg sei, ein Zeichen gesellschaftlicher Überlegenheit im Gegensatz zu denje-
nigen, welche anderen dienen müssten.
7.5  Lebenskunst und Ästhetik der Existenz 75

Der Vorteil von Reichtum, Status und Geburt sei demnach das Privileg, die
Möglichkeit zu haben, sich um sich selbst kümmern zu können.
Die Gedanken zu Lebenskunst werden weiter ausgeführt (Foucault im
Gespräch mit Werner Schröter) und zur Gänze zitiert, da sie meines Erachtens
nach eine Kernaussage der Untermauerung der Thesen für die vorliegende Arbeit
beinhalten:

Ich möchte auf das zurückkommen, was Sie eben über Kreativität gesagt haben.
Man verliert sich in seinem Leben, in dem, was man schreibt, in dem Film, den man
gerade dreht, wenn man nach der Identität einer Sache fragt. Dann ist die Sache
„verpfuscht“, weil man sich auf Klassifikationen einlässt. Es geht darum, etwas her-
vorzubringen, das zwischen den Ideen geschieht und das man nicht benennen kann.
Man muss vielmehr ständig versuchen, ihm eine Farbe, eine Form, eine Intensität
zu geben, die niemals sagt, was sie ist. Das ist Lebenskunst. Lebenskunst heißt, die
Psychologie zu töten und aus sich heraus wie auch zusammen mit anderen Indivi-
dualitäten, Wesen, Beziehungen, Qualitäten hervorzubringen, die keinen Namen
haben. Wenn man das nicht schafft, lohnt dieses Leben nicht gelebt zu werden.
Ich mache da keinen Unterschied zwischen Menschen, die ihr Dasein zu einem
Werk machen, und solchen, die in ihrem Dasein ein Werk schaffen (Foucault 2007,
S. 110–111).

Der Lebenssinn wird evident durch das künstlerische Schaffen – wenn somit
auf das Thema der Tätowierungen und des Tätowiert-Seins reflektiert wird, so
ist einerseits die Tätigkeit des Tätowierens als auch das Tätowiert-Sein Kunst,
sodass es im Foucaultschen Sinne zu Lebenskunst wird. Trotzdem ging es ihm
immer um die „Exploration der menschlichen Extreme und es ging ihm immer
um Ethik“ (Petzold 2014, S. 2). Dieser „Selbstbezug der Sorge“ (Dauk 1989,
S. 222 f.) äußere sich in einer veränderten Selbsttechnik, die permanente Wach-
samkeit erfordere; die Bedrohlichkeit gesellschaftlicher Situationen bestimmten
eine „neue Lebensform und den Umgang des Individuums mit sich selbst“.
Die Arbeit der Sorge ziele auf das einzige Eigentum, das dem Individuum
gehöre, da einem das Selbst niemand streitig machen könne (Dauk 1989). „Der
Selbstgenuß“ wird bei Foucault „als vollkommene Ruhe der Seele und des Kör-
pers“ (Dauk 1989, S. 224) gesehen. Petzold (2001, S. 17) verweist in einem Fou-
cault-Zitat auf die Ästhetisierung der eigenen Existenz als Lebensaufgabe des
Menschen und von Therapie. Foucault sagt: „das Leben des Menschen, könnte es
nicht ein Kunstwerk sein“? (1984, S. 331). Diese Diskussion reiche in die Meta-
theorie der Kunsttherapie hin zu den Ästhetiktheorien, von welchen man viel
gewinne könne, die nicht nur differenzierte Diskurse benötigten, sondern auch
Aspekte umfassten, die Therapie sind, unter anderem Persönlichkeitsentwicklung
und Kulturarbeit (Petzold 2001).
76 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

7.6 Das Selbst als Künstler und Kunstwerk

„Im Tattoo kann der Körper Spiegel der Seele werden, Dokument der schlimmen
Widerfahrnisse aber auch Projekt der Lebenskunst“ (Petzold 2014, S. 1). Dem
Artikel:
Das Selbst als Künstler und Kunstwerk – rezeptive Kunsttherapie und die hei-
lende Kraft „ästhetischer Erfahrung“, bei dem Petzold H.G. interviewt wird,
möchte ich fachlich vertieft nachkommen, da die Thematik des Tätowiert-Seins
sowie die Betrachtung des tätowierten Leibes (rezeptiv als kontemplative Kunst-
betrachtung) in mehrere Dimensionen reicht.
Folgende Sequenzen müssen genauer analysiert werden:
Der Akt des Auswählens der Tätowierungen und damit die Beschäftigung mit
Kunst, Tätowierstilen, Tätowierer/innen, Formen und Farben sowie deren Bedeu-
tung in Kontext und Kontinuum als identitätsbildender Prozess. Es kommt hier
auch schon zur Kommunikation zwischen zu tätowierender (empfangender) und
tätowierender (gestaltender, ausführender) Person. Die Tätowierkünstler nehmen
auch eine wichtige Rolle ein, da deren Verständnis von Kunst bedeutend ist. So
werden im Tattoo-Studio „The White Elephant“ des Tätowierers Otto D’Ambra,
der ein Designstudium absolviert hat, in London auch Ausstellungen gestaltet und
verschiedene Kunstformen zusammengebracht. Sein Stil wird als surrealistisch
inspirierter „Graphic-Style und Linework“ beschrieben (Anthes 2016, S. 95). Er
selbst stellt Tiere als zentrales Motiv in seinen Arbeiten dar, um sich der animali-
schen und instinkthaften Seite im Menschen anzunähern, weil es für ihn so leich-
ter sei, über die Menschheit nachzudenken (Anthes 2016).
Das Erleben während des Tätowiert-Werdens, das nicht immer schmerzhaft
sein muss, sowie das Erleben, wenn das Tattoo gestochen ist, löst rezeptiv Pro-
zesse beim Betrachten aus, zum Beispiel beim ersten Blick in den Spiegel. So wie
die kommunikativen Annäherungen anderer, wenn diese auf das Tattoo reagieren
und somit in Beziehung mit den Tattooeigner/innen treten, sind dies spannende
Momente in der Analyse des Tätowierprozesses. Es ereignen sich Gegenwartsmo-
mente (Stern 2005), die intersubjektiven Charakter haben. Diese Idee der Gegen-
wärtigkeit „ist der Moment der gelebten Erfahrung, der Erfahrung, während sie
sich vollzieht“ (S. 14).
Schließlich wäre noch der Verlauf interessant, ob die „Identifizierung“ mit dem
Tattoo, die auch identitätsbildend gewesen sein mag, im Sinne des Lebensverlau-
fes so weiter besteht, oder ob es zu einem gegenteiligen Effekt kommt, nämlich,
ob man sich davon distanziert, es weglasern oder covern möchte und es nunmehr
ablehnt. Ein Projekt, das sich mit Überlebenskunst beschäftigt, heißt: „Projekt
Semicolon“ (Hiebsch 2016, S. 83). Das Projekt setzt sich damit auseinander, im
7.6  Das Selbst als Künstler und Kunstwerk 77

Leben nicht aufzugeben. Dieses Statement der Geisteshaltung, den Satz nicht
zu beenden, sondern der eigene Schöpfer oder die Autorin des eigenen Lebens
zu sein (assoziativ: seine eigene Künstlerin-), also den Satz weiter zu schreiben
und sich nicht das Leben zu nehmen (also einen Punkt zu setzen), – diese Kon-
notation wird auf der Haut gestaltet (Hiebsch 2016). Eine Galerie von Semiko-
lontattoos in einer Buchpublikation sind geplant. Vor allem geht es im „Projekt
Semicolon“, das mittlerweile eine ganze Plattform bildet, darum, Zusammenhalt
zu den erlebten Lebensgeschichten in der Gemeinschaft zu erlangen. Die Gründe-
rin, Amy Bleuel, hält Vorträge an Universitäten und Schulen Amerikas und kämpft
für Enttabuisierung von psychischen Krankheiten, Sucht oder Selbstverletzung.
Das Semikolon bildet dabei entweder als Einzeltätowierung oder als Ensemble
mit anderen Motiven das Kernstück des Motivs mit klarer Bedeutung das Leben
zu bejahen und könnte als protektiver Faktor im Rahmen der Entwicklung ange-
sehen werden, zumal sich das Netzwerk sozial positiv unterstützt. Das Motiv wird
meist ausgeschmückt und hat Schriftzüge, Schmetterlinge oder andere, kleine Ver-
zierungen integriert. Die „prekäre Lebenslage“ (Petzold 2003a, S. 70) wird in der
Lebensspanne vor allem durch selbst motivierte, in jedem Fall aber durch Netz-
werkaktivität neu modelliert. Tattoomodel Julie de Maggot, die in dem Artikel
„Projekt Semicolon“ zu Wort kommt, nahm auch therapeutische, professionelle
Hilfe in Anspruch, setzte Medikamente ab. Sie arbeitete im Zuge einer Kampagne
mit dem Verein „Freunde fürs Leben“, der sich für die Enttabuisierung von Suizid
in Deutschland einsetzt, zusammen:

Diesen Gefühlspuffer aufzugeben, um die Abhängigkeit zu beenden, war ein gro-


ßer und unsicherer Schritt für mich. Dennoch war es jede Entzugserscheinung wert.
Diesen großen Meilenstein habe ich in meinem Tattoo von Caro Reichel vom Blue
Moon Tattoo in Berlin verewigen lassen. Es erinnert mich daran, dass ich nie die
Hoffnung verlieren sollte, denn sie versüßt uns doch so sehr das Leben, das zu gern
einen bitteren Beigeschmack zeigt (Hiebsch 2016, S. 84–85).

Die Fragen, die im Artikel Petzolds, Das Selbst als Künstler und als Kunst-
werk, gestellt werden, sind: „Wie wirkt der Prozeß des Erlebens von Bildern
auf das Subjekt, was bewirkt er für die Gesundung und Selbstverwirklichung
des Patienten?“ (Petzold 2001, S. 1); wenn hier auf den Prozess um das Täto-
wieren reflektiert wird, so kann er „heilend“ (Petzold 2001) sein: Überstechen
einer Narbe, „Einschreiben“ von Portraits oder anderer, bedeutsamer Zeichen
oder Schriftzüge mit „Verewigungscharakter“; Förderung des „Wohlbefindens“
(die Träger/innen von Tattoos fühlen sich in ihrer subjektiven Schönheit aufge-
wertet), „Selbsterfahrung und Persönlichkeitsbildung“ (Petzold 2001); Erleben
von künstlerischen Entwürfen auf der Haut, Schmerzerleben; „Kulturarbeit und
78 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

Kulturkritik“ (Petzold 2001), die Auseinandersetzung mit Tätowierstilen und/


oder Gesellschaftskritik – z. B. wie es FLATZ gestaltet.
Bei dem „Tätowierakt“, dazu zähle ich den Prozess davor, währenddessen
und im Anschluss, kommt es zu einer „ästhetischen Erfahrung des Selbst mit
sich selbst und seiner Lebenswelt“ (Petzold 2001, S. 2) und dies lässt sich dahin
gehend argumentieren, dass es viele Beispiele dafür gibt, dass biografisches
Material Eingang auf die Haut findet, exemplarisch sei auf das Kapitel: Arbeit
an der Biografie – Leibgeschichten verwiesen, zudem bieten viele persönliche
Lebensgeschichten in zeitgenössischen Tätowiermedien Beispiele dafür.
Die Betrachter/innen der Tätowierungen ko-respondieren in einem intersub-
jektiven Prozess mit dem Kunstwerk/Objekt, das aber gleichzeitig Subjekt ist,
es kommt zu einer Verschmelzung in der Kunst in einem gemeinsamem Erleben,
Wahrnehmen, Begreifen. Bei den Tattooeigner/innen stellt sich die Frage, inwie-
weit die Bilder auf der Haut noch als Medium gelten (Objektrepräsentanz) oder
schon verleiblicht, also interieurisiert sind, also als dem Leib völlig zugehörig
erlebt werden? Wo erlebt das Gegenüber im ästhetischen Betrachten der Kunst-
werke Konfluenz? In jedem Fall ist die ästhetische Erfahrung, sowohl der Selbst-
als auch der Fremdbetrachtung, heilsam.

Kunst erzählt Leben, weil ihre Narrativität in den „narratives of live“ gründet, sie
legt Leben aus, weil dieses von jedem wahrnehmenden, erlebenden Selbst erfaßt,
verstanden, erklärt werden will. Leben verlangt Auslegung und diese ist immer auch
Gestaltung (Petzold 2001, S. 3).

Kunst erkläre Menschen die Welt, da sie auf einzigartige und unmittelbare Weise
der Essenz der menschlichen Lebenswelt entspringe, weswegen hier auch die
Gründe und Begründungen rezeptiver Kunsttherapie zu sehen sind (Petzold 2001).
Wenn etwas rezeptiv wahrgenommen wird, dann werden die Schönheiten der
Welt empfangen; wird etwas „mit allen Sinnen des Leibes“ (2001, S. 5) aufge-
nommen, „wird alles Seele, die Sonne, die Welt tönt in alter Weise […]“, so Hugo
Petzold zitiert nach H. G. Petzold (2001, S. 5).
Genauso wie bildende Kunst überschreiten Tätowierungen Grenzen offensiv
bis hin zur Überflutung (Tätowieren kann süchtig machen, nicht zuletzt wegen
des Adrenalinkicks). Archaische Momente finden Formen auf der Haut, Brutales,
Grausames wird eingestochen (vgl. den Stil: Horror und Tod), findet eine Form.
„Beunruhigendes, emotional Aufwühlendes, Archaisches findet eine Form […]
und damit ist schon das gröbste Chaos beruhigt. […] Kunst platziert das Irreale,
Phantastische, Surreale so, daß ein Raum der Realität und ein Raum des Imaginä-
ren entsteht“ (Petzold 2001, S. 6).
7.7  Tätowierte Leibeskunst: TLP Tätowiertes Lebenspanorama 79

Sich selbst als Kunstwerk gestalten zu können oder andere als solches zu
erfassen, benötigt einen mehrperspektivischen Blick, der die Sorge um sich sel-
ber als auch jene um den/die Andere/n mit einschließt. Lebenskunst ist dann mit
rezeptiver Kunstbetrachtung, -genuss, Wohlgefühl und Kokreativität verbunden
und dient dazu sich selber und andere in heilsamen Potenzialen zu erfassen (Pet-
zold 2001) oder diese im Dienste z. B. von Kranken zur Verfügung zu stellen.

7.7 Tätowierte Leibeskunst: TLP Tätowiertes


Lebenspanorama

In Anlehnung an Hilarion Petzold, der die „Lebenspanoramatechnik in der


Lebensspanne“ (2003b, S. 993) seit Mitte der sechziger Jahre als Instrument
der Fokaldiagnose einsetzt und zwischen Formen des „Lebenspanoramas“, des
„Gesundheits/Krankheitspanoramas“ sowie „Karrierepanoramas“ unterscheidet
und Isabel Frohne-Hagemanns „MLP“, dem „musikalischen Lebenspanorama“,
(2001, S. 175) möchte ich gerne einen Begriff einführen, das TLP, das tätowierte
Lebenspanorama. Dies ergab sich aus der Praxis, da ich viele Menschen inter-
viewt habe, die die Geschichte ihres Lebens als Tätowierungen auf der Haut
tragen. Dies zeigte sich sowohl in therapeutischen Prozessen, als auch durch
Künstler/innen, deren Lebensgeschichten auf der Haut „nachzublicken“ sind.
Das tätowierte Lebenspanorama unterscheidet sich von den anderen dadurch,
dass die Verkettungen ungünstiger und kritischer Lebensereignisse und Risiko-
faktoren, aber auch gesundheitsfördernde Einflüsse sowie Beziehungsaspekte,
Konfliktfelder oder auch Traumatas eintätowiert sind. Projektive Zeichnungen
werden entweder von den Tattooträger/innen im Vorfeld selber hergestellt oder
durch Narration mithilfe des Tätowierers in Ko-respondenzprozessen erarbeitet
und dann zeichnerisch als Vorlage vorgeschlagen. Durch die Narration im The-
rapie- oder künstlerisch-kulturellen Prozess kann der Prozess des gewordenen
Bildes auf der Haut im Sinne der Biografiearbeit besser verstanden werden und
Lebenskontexte machen Sinn. Es ergibt sich also beispielsweise folgender Pro-
zess: Die Person, die sich tätowieren lassen will, setzt sich mit einer für sie wich-
tigen biografischen Szene mit der/dem Tätowierkünstler/in auseinander; diese/r
zeichnet bis zur nächsten Sitzung eine Vorlage, welche nochmals besprochen
wird (Korrespondenz). Manchmal wird auch selbst gezeichnet. Bei Akzeptanz der
Vorlage kommt es zum Akt des Tätowierens und damit bereits zum Verstehen des
Lebenszusammenhangs. Nach der „Einschreibung“, so wird es jedenfalls öfters
erzählt, fühlt sich die/der Tätowierte verstanden und zeigt der Welt auch in Form
des Bildes auf der Haut einen im besten Fall- integrierten Lebenszusammenhang.
80 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

Wenn therapeutische oder Kulturprozesse bestritten werden, kann durch Narra-


tion und Exploration (Therapie) eine Durcharbeitung der Geschehnisse erfolgen;
wird durch Kulturarbeit Tätowiertes zur Schau gestellt, kann es appellativen Cha-
rakter haben oder Gesellschaftskritik bedeuten. Was das pathologische Spekt-
rum betrifft, müsste Forschung empirisch fundiert werden, indem man tätowierte
Menschen beispielsweise nach diagnostischen Kriterien interviewt; Wissen um
Komorbiditäten und psychodynamische Wechselwirkungen wären zu untersuchen
(Petzold 2014, S. 2). Longitudinalstudien würden im Sinne des Lebenspanora-
mas interessant sein, die eventuell Menschen begleiten und erfassen, was sich im
Laufe der Zeit verändert und entwickelt hat.

7.8 Arbeit an der Biografie: Leibgeschichten

In folgenden Interviews wird deutlich, dass Tätowierungen geholfen haben, bio-


grafische Gegebenheiten zu verarbeiten, sie in einen Lebenszusammenhang zu
rücken und sie so zu integrieren, beziehungsweise an ihnen zu wachsen. Alle drei
Namen haben sich die Personen selber ausgesucht und sind Pseudonyme. Die
„Leibgeschichten“ sind reale Biografien und entsprechen Tatsachen. Die Inter-
views wurden von mir geführt.

7.8.1 Nina Carl

Das Interview mit Nina Carl (N.C.) fand am 1. August 2016 statt.

G.H.P.:  Wie kamst du auf die Idee, dich tätowieren zu lassen?

N.C.:  Dies liegt schon lange zurück, ich war noch jung, 10 Jahre alt. Mein Onkel
war auch tätowiert, mir hat es schon immer gut gefallen. Ich war immer krea-
tiv, habe gemalt, fand es faszinierend, machte Kunst – habe immer gern und viel
gezeichnet. Mein Patenonkel war auch immer tätowiert, ich habe mit ihm darü-
ber geredet. Er hat gesagt, wenn ich 18 bin, zahlt er mir eine Tätowierung. Von
zu Hause aus wurde es mir verboten, es hat mich auf der einen Seite aufgeregt,
auf der anderen Seite war ich sehr froh, sonst hätte ich jetzt ein „Arschgeweih“
(Anm: „Massenproduktion“).
Ich habe mich schon immer durchgesetzt, wäre gern viel rebellischer gewesen,
aber habe mich nicht getraut, hatte ein schlechtes Gewissen meiner Mutter gegen-
über, wollte ihr nie eine Last sein. Das kam dann erst mit 18 heraus.
7.8  Arbeit an der Biografie: Leibgeschichten 81

Die Motivation, mich tätowieren zu lassen, kam von mir. Die erste Tätowie-
rung war eine Mischung aus Sternen und Blumen und war damals modern.
Da ich selber gerne gestalterisch tätig bin, habe ich für meinen Freund, dem
seine Tribals auf dem Rücken nicht mehr gefallen, gecovert und mit dem Cover
etwas ganz Neues entworfen. Ich habe es als Black Work gestaltet.
Ich bin auch nebenbei Tattoomodel für eine Agentur und schon ein paar Mal
vor der Kamera gestanden, ich weiß nicht, ob das meine Welt ist, weil sehr viel
sexualisiert und man vor allem als Frau darauf reduziert wird.
Beim ersten Fotoshooting dachte ich, dass ich meine Kunst gut präsentieren
kann, nicht, weil ich meine Körperformen zeigen wollte, sondern meine Kunst.
Ich habe dann gemerkt, dass es um Sexualität und Erotik geht, nicht immer, aber
oft.
Ich kann auch meinen Arm zeigen, das geht ohne Ausschnitt.
Beim ersten Shooting nahm ich schöne Kleider mit, gefragt war aber bevor-
zugt Unterwäsche.

G.H.P.:  Wie ging es mit den Tätowierungen weiter?

N.C.:  Ich ging reisen; habe schon vor der Reise gewusst, dass ich mich täto-
wieren lasse, ich wollte Erinnerungen an die Reise haben. Der letzte Stop war
Neuseeland; dort dachte ich an etwas Maorisches, habe mir ein Buch über die
Geschichte der Maoris gekauft und wollte mich informieren, wenn ich etwas von
ihnen auf der Haut trage, möchte ich wissen, was es kulturell bedeutet. Ich ließ
mich in einem Tattoomuseum tätowieren. Es sind Ornamente im Maori-Stil.

G.H.P.:  Was hat dich veranlasst, von „Black and White“ zu Farbtätowierungen
über zu gehen?

N.C.:  Ich trug früher viel Schwarz und hatte plötzlich Lust auf Farbe. Und dies
auch bei Tätowierungen. Auf einmal kam das. Das Schwarz-Weiße war mir zu
düster. Nach dem Tod meines Vaters begann ich bunte Tätowierungen am Kör-
per zu tragen und ich konnte mich nicht mehr mit Schwarz-Weiß-Tätowierungen
identifizieren. Ich ließ auch das erste Tattoo mit Blumen und Schmetterlingen mit
Farben ausfüllen.
Wie schon besprochen habe ich mit Tätowierungen in schwarz und weiß
begonnen. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, mich bunt stechen zu lassen.
Ich dachte, es passt nicht so gut zu mir. Ich habe damals auch eher schwarz getra-
gen, war jedoch kein trauriger Mensch. Ich wollte mit dem Tätowieren nicht
übertreiben und hielt meine Körperkunst eher dezent. Es war für mich jedoch
82 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

immer wichtig, dass die Idee und meistens auch die Designs von mir selbst stam-
men. Mir war/ist es wichtig, nichts zu kopieren oder Ideen zu stehlen. Ich wusste
auch, dass ich mehr oder weniger die Fähigkeit habe, meine Vorstellungen von
den Designs aufs Papier zu bringen bzw. die Gedanken und Bilder, die ich im
Kopf habe, künstlerisch umzusetzen.

G.H.P.:  Gibt es einschneidende Lebensereignisse, die ihren Ausdruck auf der


Haut gefunden haben?

N.C.:  Drei Jahre später, nach dem Tod meines Vaters, begann ich – unbewusst,
da ich erst einige Zeit danach darüber nachgedacht habe – mit bunten Tätowierun-
gen. Durch den frühen Verlust meines Vaters erlebte ich eine schwere Phase der
Trauer. Noch in dieser Phase, einige Monate nach dem Tod, füllte ich mein aller-
erstes Tattoo, welches ich mit 18 stechen ließ, mit Farbe aus. Ich hatte das Gefühl,
dass der richtige Zeitpunkt gekommen war. Es fühlte sich sehr gut an. Ich war
damals mit zwei Freundinnen, die mir sehr nahe stehen, auf Reisen. Schon öfters
haben wir uns gemeinsam stechen lassen: als Zeichen der Verbundenheit und als
Erinnerung an eine schöne, gemeinsame Zeit. Freundschaftstattoos haben mir
immer schon sehr viel bedeutet. Ich besitze bereits vier. Der Gedanke, mit einem
Menschen, den ich liebe, der auch immer für mich da war und ist, symbolisch mit
einem Tattoo verbunden zu sein, macht mich glücklich. Vor allem, weil ich auch
weiß, dass diese Freundschaftstattoos für mich unglaublich viel Sinn machen. Ich
war mir sicher, dass diese besonderen Beziehungen für immer halten werden.
Ich hatte einen unglaublichen Drang, das schwarz-weiße Tattoo des Oberarms
bunt weiterführen zu wollen. Es sollte „knallbunt“ werden. Ich konnte mir nichts
anderes mehr vorstellen. Als ich dann angefangen habe, gab es kein Halten mehr.
Nun besitze ich einen komplett bunten Arm mit meinen liebsten Blumen, Farben,
Tieren…. Ich war schon immer ein naturverbundener Mensch und habe im Laufe
meiner Lebensjahre die Natur immer mehr schätzen gelernt. Meine Tattoos spie-
geln auch immer wieder meine persönlichen Kindheitserinnerungen, da ich gerne
an diese Zeit zurück denke. Ich hatte eine sehr erfüllte Kindheit mit vielen Mög-
lichkeiten, eine tolle Familie und ein tolles Umfeld. Besser hätten es meine Eltern
nicht machen können. Kindheit, Freundschaft, Natur sind sozusagen die zentralen
Themen meiner Tattoos.

G.H.P.:  Gibt es neue Entwürfe für zukünftige Tattoos?

N.C.:  Ich habe immer wieder neue Ideen, wie ich meinen Körper weiter verzie-
ren könnte. Derzeit könnte ich mir auch wieder vorstellen, mehr schwarz in die
7.8  Arbeit an der Biografie: Leibgeschichten 83

Designs einfließen zu lassen. Das Bunte ist mir jedoch nach wie vor sehr wichtig
und soll im Vordergrund stehen.
Immer wieder lasse ich mich inspirieren von Erinnerungen, Freunden und
meiner Umwelt, um wieder neue Designs kreieren zu können. Ich liebe es zu
malen und danach „das Eigene“ am Körper tragen zu können. Oft ist es schwie-
rig, die Gedanken und Vorstellungen im Kopf so aufs Papier zu bringen, dass es
auch am Körper getragen werden kann.

G.H.P.:  Kannst du noch etwas zum Entwicklungsverlauf der Tätowierungen


sagen?

N.C.:  Ich finde die Entwicklung meiner Tattoos interessant. Ich sehe es als Pro-
zess. Stile, Farben und Motive verändern sich im Laufe der Zeit. Ich finde es
schön, eine Art Lebensgeschichte am Körper zu tragen, da sie mich und meine
Person letztlich ausmacht.

G.H.P.:  Vielen Dank für das Interview!

7.8.2 Tom

Das Interview mit Tom wurde am 28. Dezember 2015 geführt.

G.H.P.:  Tom, wie kamen Sie dazu, sich tätowieren zu lassen?

Tom:  Mir hat es eigentlich schon länger gefallen, das Optische; mit dem konnte
ich mich identifizieren. Meine Assoziation mit Tätowierungen ist die Rocker-
szene, zu der ich mich im Laufe der Zeit dazu gezählt habe. Ich wollte das
optisch klar machen. Wahrscheinlich, weil ich die Rocker als böse, harte Jungs
angesehen habe; es war quasi ein Selbstschutz zu den Erfahrungen, die ich
damals in der Schule machte.

G.H.P.:  Möchten Sie auf Ihre Erfahrungen im Rahmen der Schule kurz ein-
gehen?

Tom:  Ich war damals ein gefundenes Mobbingopfer aufgrund von diversen
äußeren Merkmalen oder Erscheinungen.

G.H.P.:  Haben Ihnen die Tätowierungen geholfen, dies zu verarbeiten?


84 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

Tom:  Ja, sie haben mir mehr Selbstbewusstsein gegeben. Durch die optische Ver-
änderung habe ich eine Persönlichkeitsentwicklung durchgemacht, mit der ich
mich noch mehr von der Person distanziere, die ich damals war. Damals war ich
alles andere als selbstbewusst; zurückgezogen, bot eine sehr große Angriffsfläche,
auch aufgrund meines mangelndes Selbstbewusstseins; „Mit dem kann man’s ja
machen“.
Jetzt bin ich eher der, der mit breiter Brust durch die Gegend läuft.
Mit Stolz und Selbstbewusstsein, das ich offen trage.
Tattoos sind eine Bestätigung meines Selbstbewusstseins, so wie man auf dem
Computer etwas schreibt und es abspeichert.

G.H.P.:  Können Sie die Tätowierungen beschreiben und auch, was sie für Sie
bedeuten?

Tom:  Das Erste war der Schriftzug: „feel the music“, das ist ein Aufruf an die
Gesellschaft, für die Musik nicht den Stellenwert hat, wie für mich. Mir ist nicht
verständlich, wie man Musik als Nebensache ansehen kann. Musik ist, egal in
welcher Lebenslage, da und bietet quasi eine Zuflucht. Es ist eine Welt, in der ich
mich geborgen fühle. Das nächste Tattoo ist ein Herz mit Notenschlüssel, Kopf-
hörer und EKG-Linie. Dies drückt aus, was Musik für mich bedeutet; dass mein
Herz der Musik gehört. Ich höre Musik mit dem Herzen und ich brauche Musik
zum Leben. Auch sieht man am rechten Arm eine Notenlinie mit den Noten von
Nessun Dorma, das ist italienisch und eine Arie des Prinzen Kalaf zu Beginn des
3. Aktes der Oper Turandot von Giacomo Puccini. Das bedeutet, „Verschwinde
Nacht, geht unter Sterne, ich werde siegen“. Für mich bedeutet das einen Schluss-
trich unter die Depressionen, die mich jahrelang begleitet haben. Die Arie faszi-
nierte mich von Anfang an. Die Depressionen waren eine düstere Zeit und diese
soll verschwinden. „Ich werde siegen“ fasse ich motivierend auf. Den rechten
Arm ließ ich ab 2011 bis 2014 tätowieren.
Die nächste Tätowierung ist ein Engel mit der Gitarre meines größten Idols.
Dies bedeutet für mich ein Tribut an diesen Gitarristen, Zakk Wylde. Er hat eine
Technik und Geschwindigkeit, die für mich bis dato auf der Gitarre unerreich-
bar sind. Weiters gibt es einen Totenkopf, der aus einem Musikvideo stammt und
zwar von Zakk Wylde. Im Lied geht es um den Tod eines anderen Gitarristen,
Dimebag Darrell, dem ehemaligen Pantera Gitarristen. Mit diesem Tattoo zolle
ich beiden Gitarristen Tribut, außerdem ist ein Totenkopf für einen Rocker Stan-
dard, wenn ich das mit Augenzwinkern sagen darf.

G.H.P.:  War nach dem Tätowieren eine Verbesserung der Depressionen spürbar?
7.8  Arbeit an der Biografie: Leibgeschichten 85

Tom:  Es war nicht die Lösung aller Probleme, aber es war unterstützend.
Zum linken Arm:
Das ist alles ein Motiv. Ein Drachenkopf, der auf den Unterarm Noten speit.
Der Drache hat passend zum entsprechenden Song Tränen in den Augen. Dabei
handelt es sich um den Song: „Tears of the dragon“ von Bruce Dickinson. In dem
Lied geht es darum, angestaute Gefühle loszuwerden. Wut und Trauer darüber,
dass ich alles in mich hinein gefressen habe. Irgendwann müssen diese Gefühle
auch wieder das Weite suchen.
Der Stil ist Bioorganic. Bei diesem Stil sind im Unterschied zur Biomechanik
pflanzliche und tierische Element verarbeitet.

G.H.P.:  Mir fällt auf, dass ihre Tätowierungen auf dem linken Arm mehr aus
einem Guss tätowiert sind. Rechts scheinen die Elemente isolierter voneinander
zu stehen. Wie erklären Sie sich das?

Tom:  Das ergab sich dadurch, dass ich am Anfang keine Idee für ein großes
Gesamtmotiv hatte. Diese Tätowierung entstand auch vier Jahre später.

G.H.P.:  Als Interviewerin habe ich den optischen Eindruck, dass in der Gestal-
tung der Tätowierung auf dem linken Arm viele Themen in eine Gestalt fließen.
Gefühle, Musik und die Sehnsucht danach, dafür einen Ausdruck zu bekommen,
oder in einen Ausdruck zu gehen. Der Drache spuckt die Noten aus, als ob er
etwas sagen wolle.

Tom:  Ich möchte meine Emotionen auch akustisch ausdrücken, indem ich zum
Beispiel Songs schreibe oder mit einer Band auftrete. Der linke Arm ist fertig
tätowiert, aber es gibt nicht nur die Arme. Das nächste Projekt wird die Wade
sein. Das Maskottchen von Iron Maiden, der Eddie des Albumcovers des Songs
„The Trooper“. Dies bedeutet für mich, dass dieser Song einen Anfang meines
Interesses an Heavy Metal darstellt. Mit diesem Song begann es.

G.H.P.:  Hat für Sie, sich tätowieren zu lassen, Suchtcharakter oder sehen Sie
Tätowierungen in einem rein künstlerisch-kreativen Zusammenhang?

Tom:  Es ist definitiv eine Sucht. Ich fühle mich nach jedem Termin optisch leer,
die Haut betreffend. Ich möchte mir noch die Beine und den Rücken tätowieren
lassen und stelle schon Überlegungen für weitere Motive an, zum Beispiel das
Judas Priest Logo (Dreizack) oder das Wappen meiner Heimatstadt. Ich wohne
86 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

schon lange dort und will meine Herkunft nicht verleugnen. Weiters möchte ich
auf dem rechten Arm noch das Tribal der Gitarrenfirma Gibson tätowieren lassen.

G.H.P.:  Vielen Dank für das Interview!

7.8.3 Karl F

Das Interview mit Karl F. wurde am 23. September 2016 geführt.

G.H.P.:  Wie alt bist du und wie kamst du zu Tätowierungen?

Karl F.:  Ich bin 46 Jahre alt. Die erste Tätowierung bekam ich mit 17 Jahren.
Über Bekannte, Freunde und die Motorradszene kam ich dazu. Ich habe diese mit
17 Jahren in Reinek (CH) anfertigen lassen.

G.H.P.:  Was waren die Motive?

Karl F.:  Ein Schwert – es hat sich damals schon heraus kristallisiert, dass es
um den Kämpfer in mir geht. Das hat in der Hauptschule angefangen und sich
von der Volksschule an abgezeichnet. Ich war mit 11 Jahren im Internat – dort
musste ich als junger Knabe kämpfen, da ich körperlich unterlegen war. Ich
war im Spitzensport tätig, habe mich geprügelt; dann sind die wilden Jahren
los gegangen. Ich habe rebelliert, war in der Rockerszene; dort hat es geknallt,
darum habe ich viele Totenköpfe tätowiert; am Rücken trage ich ein Fantasie-
bild. Man sieht ein männliches Gesicht, das „das Negative“ auskotzt; unterhalb
ist eine Figur von mir – das Böse, dass das aufnimmt. Die Figur kennzeichnet
mich, wie ich mich gesehen habe. Unterhalb der Figur sind Totenköpfe, wie in
einer Totengruft.

G.H.P.:  Was bedeutet der Tod für dich?

Karl F.:  Ich habe immer wieder, von der Jugendzeit an, mit Selbstmordgedanken
gespielt. Einen Suizidversuch habe ich mit 21 Jahren hinter mir. Ich habe Drogen
(Speed, Koks) und Medikamente genommen. Mein Vater hat mich dann gefun-
den, ich habe das aber nicht wahrgenommen. Er war Rettungssanitäter; ich kam
ins Spital und dann nach 24 h nach Hause. Er hat mir mit drei Jahren schon ein-
mal das Leben gerettet, da hatte ich „Krupp- und Fieberanfälle“, das war Husten
mit Fieber, und ich wurde ins Spital gebracht, bin dort blau angelaufen und so im
7.8  Arbeit an der Biografie: Leibgeschichten 87

Bett gelegen. Dort war ich vier bis fünf Wochen, habe alles verlernt (Sprache und
Motorik) und kam als „Baby“ zurück. Das war für das Umfeld sehr schockierend,
weil ich bis dorthin ein Energiebündel war.

G.H.P.:  Wie hast Du die Erfahrungen verarbeitet?

Karl F.:  Bis Ende der Volksschule bin ich zur Logopädin gegangen. Von dem
Vorfall kommt eventuell die Angst vor dem Leben oder der Zukunft. Später habe
ich meine jetzige Frau kennen gelernt. Ich habe sie auf dem linken Unterschenkel
tätowiert. Dies ist ein Pin-up-Motiv. Hier sieht man eine Frau, die nur mit einem
Tanga mit Strümpfen bekleidet ist- ein erotisches Motiv; das zweite Motiv ist ein
keltisches Kreuz (Schutzkreuz), bei dem man die Initialen meiner Frau und mei-
nes Sohnes tätowiert sieht.
Für den Sohn habe ich ein eigenes Tattoo an der Hüfte, das ist undefinierbar
und sieht aus wie eine Kampfgurke oder Kampfpille. Er hat es selber gemalt und
auch tätowiert.
[Abb. 7.1 zeigt eine Bleistiftzeichnung der tätowierten Hand von Karl F..]
Er war auch anwesend, als ich beide Hände tätowieren ließ. An den Händen
sieht man maorische Abbildungen, wie Energiekreise aus maorischen Elementen.
Es sind Elemente des Pointillismus vorhanden, die einen Dreiviertelkreis bilden.
Bei den Maoris werden solche Formen für Gesichtstatoos verwendet. Ich habe
die Tätowierungen so angelegt, dass sie auf dem rechten und linken Handge-
lenk jeweils spiegelverkehrt symmetrisch angeordnet sind. Sie sollen mich dabei
unterstützen, an der Ausgeglichenheit meines Gemüts zu arbeiten. Ich bin entwe-
der sehr explosiv oder depressiv und unmotiviert.

Abb. 7.1   Handtattoo.
Bleistift auf Papier. (Hoop,
F. 2016. Fotografiert und
bearbeitet: Lackinger, C.
2016)
88 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

G.H.P.:  Kann man sagen, dass du eines deiner Lebensthemen immer vor Augen
hast und selber betrachtest: die Sehnsucht nach Ausgleich; während „Grausam-
keiten“ hinter dir am Rücken liegen und in die Vergangenheit reichen?

Karl F.:  Ausgleich bedeutet für mich Zufriedenheit und Glück. Auch meine Frau
ist tätowiert. Die Liebe zu ihr erfüllt mich mit Wärme. Später habe mit den Dro-
gen aufgehört, bis auf einzelne Rückfälle. Jetzt bin ich drogenfrei.

G.H.P.:  Warum wolltest du dich umbringen?

Karl F.:  Ich habe den Sinn in meinem Leben nicht gefunden. Habe mich ver-
stoßen gefühlt und wollte nicht in den Spitzensport. Ich war ein Riesentalent;
mein Vater hat mich gezwungen. Ich habe aufgrund des Zwanges die Leistung
nie erreicht, die ich erbringen hätte können. Man sieht Totenköpfe am Körper
mit Flammen. Die Flammen stehen für das Verbrannt-Sein. Ich trat vor über
30 Jahren der Rockerszene bei. Totenköpfe stehen für den Tod. Ich habe mich oft
verbrannt, zum Beispiel durch körperliche Schlägereien und hatte einige Verlet-
zungen.
Am Anfang nahm ich wahr, dass ich ein „verrückter“ Typ bin. Meine Schwes-
tern sagen, ich war „brutal“. Ich rannte ohne Denken in Dinge und habe nicht
überlegt, was ich tue: So kam es z. B. zu Schlägereien und alkoholisiertem
Autofahren. Man hat mir dreimal den Führerschein weggenommen, ich hatte
über zwei Promille; dann hatte ich keinen Schein mehr und habe ihn nochmals
gemacht.
Die Tribals am Körper sind ein Symbol für das Labyrinth, das keinen Ausweg
bietet.
Vor dem Suizidversuch hatte ich das Schwert und einen Adler, den ich später
aber überstechen ließ. Der Großteil der Tätowierungen wurde nach dem Suizid-
versuch gestochen.

G.H.P.:  Wie schlug sich dein „zweites Leben“ als Tätowierung auf den Leib?

Karl F.:  Es war für mich wie eine zweite Haut, wie ein Schutzmantel; ich war
schon immer ein Einzelgänger. So hatte ich meine Ruhe vor der Welt, weil es die
Leute abschreckte. Damals hat man noch mehr wahrgenommen, wie es die Leute
abgeschreckt hat. Heute ist es ja schon eine Modeerscheinung, damals haben die
Leute die Straßenseite gewechselt.

G.H.P.:  Vielen Dank für das Interview!


7.9  Ausdruck und Tätowierungen 89

7.9 Ausdruck und Tätowierungen

Begreift man den Leib nach Merleau-Ponty (1974) als Dimension des Erlebens
in dem Sinne, als selbst der Leib zu sein und ist man bereit die Dramen, die sich
durch ihn hindurch abspielen, ganz auf sich zu nehmen, dann gestaltet sich der
Leib wie ein natürliches Subjekt, ein vorläufiger Entwurf meines Seins im Gan-
zen.
Durch den Ausdruck der Tätowierungen am Körper ergibt sich ein Eindruck
beim Gegenüber, der Botschaften über mein Sein vermittelt. Ich werde über den
Leib wahrgenommen und erkannt. Auf der Metaebene zeigt sich so über non-
verbale Kommunikation, außer es handelt sich um eine spezielle Variante der
Tattoo-Kunst, das Lettering, die durch Buchstaben und Schriftzüge auf der Haut
gekennzeichnet ist, meine Botschaft an die Welt. Diese Einschreibung, freiwillig
oder unfreiwillig geschehen, hat innerhalb von Raum und Zeit Signalwirkung.
Iris Dankemeyer (2011) verweist in „Haut couture“ auf die zeitgenössische
Tätowierung zwischen Mode und Authentizitätsbedürfnis, auf Hautbilder als
„Erinnerungsmale, mit denen Tätowierte sich auf eine biografische Konstanz
verpflichten“ (S. 15). Mit Tätowierungen als „Eckdaten“ einer lebensgeschichtli-
chen Erzählung „versuchen die Tätowierten etwas zu behalten, das sie dadurch
zugleich erst herstellen: die Beständigkeit eines Ich-Gefühls“ (S. 15). Da die
eigene Identität innerhalb sozialer Flexibilisierung jede Kontinuität verliert,
erfolgt eine Einprägung mithilfe dauerhafter Zeichen, die „Authentizitätsgarant“
sind. Der Leib ist so „informiert“. Eine interessante Äußerung von Frau Danke-
meyer fällt noch zum Thema Norm und Schmerz in dem erwähnten Artikel: Der
Schmerz des Tätowierens würde nicht der Internalisierung einer Norm dienen,
vielmehr diene sie als dessen Umkehrung. Durch das Tätowieren komme es zum
Diktieren einer eigenmächtigen Körperschrift. Durch den Akt der Umkehrung
etabliere sich wiederum eine Art Selbsterschaffung, sie nennt auch hier die kon-
krete erste Tätowierung als Initiation, nämlich als ein Zeichen „über sich selbst zu
bestimmen“ (2011, S. 16).

7.9.1 Einschreibungen

In diesem Zusammenhang sei noch der Hinweis gegeben, dass sich zum Bei-
spiel auch Jacques Derrida mit dem Thema der Einschreibung beschäftigte. Die
Tätowierung als Einschreibung in die Haut bleibt gewissermaßen bestehen, etwas
wird „festgehalten“ und bewahrt. Derridas (1997) Betrachtung, dass das „Archiv
… den möglichen Verlust, gegen den es aufgeboten wird, nicht bannen“ (S. 7)
90 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

kann, mag ein Hinweis darauf sein, dass Dinge eingeschrieben werden, die von
großer Bedeutung für die Tattooträger/innen sind: Portraits geliebter Menschen,
wichtige Symbole oder auch andere Accessoires, von denen man sich nur ungern
trennen möchte. Etwas wird festgehalten oder bewahrt. Verkehrt man diese
Bedeutung jedoch ins Gegenteil, wird der drohende Verfall, der selbst durch Ein-
schreibung nicht gebannt werden kann, zum Code, als wäre gleichsam die hero-
ische Darstellung ein Zeichen dafür, dass einem selbst der drohende Verlust, der
unaufhaltsam ist, völlig gleichgültig ist.
In der Tat zeigen viele Tätowierungen sehr bedrohliche Gemälde, seien es
Totenköpfe, Dämonen, Waffen, sadistische Darstellungen mit Blut und andere
Fratzen. Eigene Ängste werden so möglicherweise plastisch dargestellt in der
Hoffnung, durch ihre Darstellung und Verdeutlichung auf der Leinwand Haut
frühzeitig abgewehrt zu werden. Will aber eine weitere Bedeutung Derridas in
Bezug auf Tätowierungen reflektiert werden, so kann die archontische Dimension
der verbindlichen „Ansiedlung“ tätowierten Materials auf den Leib einerseits als
Instrument der Macht im Sinne der Identifizierung, Vereinheitlichung, Ein- oder
Zuordnung dienen. Doch ebenso ist die Einschreibung auch eine Stätte des Woh-
nens oder der Aufbewahrung an einem Ort oder einem/einer Träger/in. Ledig-
lich vom Geheimnis könne es keine Archivierung geben, da „das Geheimnis die
Asche selbst“ (Derrida 1997, S. 174) des Archivs sei.
Die Einschreibung – sprich Tätowierung – ist demnach öffentlich, da sie auch
von anderen gesehen werden kann. Trotzdem sind der Leib und demzufolge der
Mensch als Bewohner/in des Leibes „mehr als die Summe von Zeichen oder von
Bedeutungen“ (Merleau-Ponty 1994, S. 268), deren Träger/innen sie sind.
Die Gedanken in „Das Sichtbare und das Unsichtbare“ werden noch weiter
ausgeführt mit der Idee des Chiasmus. Wenn jede „Beziehung zum Sein“ gleich-
zeitig „Ergreifen und Ergriffenwerden“ bedeutet, und der Zugriff somit „ein-
geschrieben“ ist und zwar „in dasselbe Sein, das er aufgreift“ (1994, S. 334),
könnte übersetzt werden: Menschen lassen sich tätowieren (sie Ergreifen das
Sein und schreiben es ein), wiederum andere werden davon ergriffen. Das
Unsichtbare wird sichtbar gemacht durch Abbilder auf der Haut, – Tätowierun-
gen sind also die hauchdünne Grenze zwischen dem Sichtbaren und dem sich
sichtbar gemacht Habenden. Etwas vormals Unsichtbares wurde durch Tätowie-
rungen an der Grenze Haut sichtbar gemacht. Ein paar Farbpartikel sind aller-
dings durchaus unsichtbar, da sie tiefer in der Haut stecken, als mit bloßem Auge
sichtbar ist.
7.9  Ausdruck und Tätowierungen 91

7.9.2 Träger/innen von Tätowierungen und sozialen


Rollen

Aus der Geschichte sind uns eindrückliche Beispiele traditioneller Formen des
Tätowierens bekannt, die zum Zeichen der Abschreckung der Feinde nach der
Tötung oder Erlegung dienten. Es gab unter verschiedenen Ethnien die Tradi-
tion, nach erfolgreicher Feindesabwehr Tätowierungen zu erhalten, die fortan den
Ruhm des erfolgreichen Kämpfers festschrieben. Dies war zum Beispiel bei den
Maori in Polynesien oder bei den kriegerischen Kalingas auf den Philippinen der
Fall. So war ein Krieger der Kalingas befähigt, nach Erbeutung von Feindesköp-
fen sogenannte Bikking-Tattoos auf dem Brustkorb zu tragen, die anzeigten, dass
der ruhmesreiche Krieger mehr als zwei Feinde verwundete oder tötete – gesche-
hen so im zweiten Weltkrieg (Krutak 2010). Hatte ein Mann mehr als fünf Feinde
getötet, konnte er hingegen jede Tätowierung tragen, welche er haben wollte, als
Zeichen der Macht und des Ansehens. Den Hinweis, dass die Tattooträger eine
wichtige Rolle im Gemeinschaftsleben einnahmen (also bedeutende Rollenträger
wurden), fand ich sehr interessant für das Zusammenleben der Ethnie, die fried-
liche Absicht in sich trug: So fungierte ein Älterer, der sich zuvor ruhmreich bei
Feindesabwehr erwiesen hatte und nunmehr reichlich tätowiert war, als Bera-
ter beim Abschließen von Friedensverträgen und erlangte dadurch Respekt, die
Kunst der Verhandlung zu beherrschen. Der Respekt aber hatte als Fundament die
tätowierte Haut, welche ein Zeichen für Furchtlosigkeit, Überwindung der Angst
und Durchsetzungsfähigkeit in Kriegszeiten war (Krutak 2010).
Auch bei den Maori sollten deren tiefe Furchen im Gesicht, die durch Bear-
beiten der Haut zustande kamen, den Feinden Furcht einflößen. So war es üblich,
dass sich die Engländer, schlossen sie mit einem Maori-Häuptling einen Vertrag
ab, eine Zeichnung seiner Gesichtstätowierung geben ließen, welche als Siegel
diente. Die Bräuche waren – aus unserer Sicht – zutiefst barbarisch. Gesichtstä-
towierungen dienten nicht nur als Abschreckung für Kriegssituationen oder dem
Ruhm erworbener Taten aus feindlichen Begegnungen, es gab auch andere Sze-
nen, die im Zusammenhang mit Tätowierungen stattfanden.
So war es üblich, wenn die Tochter eines hochrangigen Oberhauptes tätowiert
wurde, ein Mädchen eines benachbarten Dorfes zu entführen, sie zu opfern und
zu essen. Der Tätowierer genoss dabei das Ansehen eines Priesters und durch die
Prozedur des Tätowierens an sich wurde dem Krieger der Zugang in eine höhere
Bewusstseinsstufe ermöglicht. Auch durfte sich der Krieger nach der Prozedur
einige Tage nicht waschen oder einer Frau annähern. Natürlich waren solche Krie-
ger ihrerseits wiederum künftig prachtvolle Beute für feindliche Ethnien, waren ja
92 7  Lebens- und Leibeskunst: Tätowiertes Lebenspanorama (TLP)

intensive Rituale und Ruhm, erlangt durch Tätowierungen, voraus gegangen. Auch
die Leiche eines tätowierten Kriegers wurde mit viel Respekt behandelt (Hesselt
2008).
Es bleibt die Frage nach den tätowierten Frauen, denn die gab es auch: Meist
dienten Tätowierungen der Fruchtbarkeit sowie Gebärfreudigkeit (Krutak 2010).
Im hermeneutischen Sinn hat sich die Bedeutung des Tätowiert-Seins in unse-
rer Gegenwartskultur drastisch vom Life-Style bis hin zu den Kunst-Szenen ver-
schoben, die auch regelrechten Genres der Tätowierkunst zuzuordnen sind. Mit
Tätowierungen kann Schwieriges verarbeitet werden. Sie helfen bei dem Prozess
der Verarbeitung und Integration in den Lebenszusammenhang, wie auch die
Interviews zeigen.

7.9.3 Berührungen, Embodiment

Tadeja Lackner-Naberžnik beschäftigt sich in ihrer Masterthese mit dem Thema


des Zusammenhangs zwischen Berührung und Integrativer Therapie und Leibthe-
rapie vor dem Hintergrund des Embodiments. So wird aufgezeigt, dass körperli-
ches Geschehen und psychisch-geistiges Erleben nicht getrennt werden können.
Unter Hinweise auf bedeutende Vertreter der Leibphilosophie (Merleau-Ponty,
Hermann Schmitz) werden die Verbindungen zwischen Subjektivität und Leib-
lichkeit verdeutlicht. So ist jede therapeutische Begegnung „von Intersubjektivität
geprägt“ (2014, S. 117). Das Wissen und Verständnis über grundlegende, neuro-
nale Geschehnisse im Gehirn werden für Lernvorgänge unerlässlich. Die Neuro-
plastizität des Gehirns zeigt, dass „lebenslaufbezogene Erfahrungen in den Leib
eingeschrieben und eingegraben“ (S. 117) sind. Die Zusammenhänge zwischen
körperlichem Geschehen und psychisch-geistigem Erleben, das Embodiment, fin-
det die deutschsprachige Entsprechung in „Verkörperung, Inkarnation oder Ver-
leiblichung“ (2014, S. 8).
Embodiment untersucht die Wechselwirkungen zwischen dem Gehirn,
Bewusstseinsprozessen und körperlichen Vorgängen. Lackner-Naberžnik bezieht
sich auf namhafte Referenzwissenschaftler und Hirnforscher benachbarter Diszi-
plinen aus Bio- und Sozialwissenschaften sowie Philosphie. Nicht zuletzt befasst
sich die Integrative Therapie mit den Wechselwirkungen der Körper-Seele-Geist-
Welt Thematik. Der Mensch befindet sich mit dem „informierte Leib“ in einer
ständigen, transversalen Weiterentwicklung. So kann auch die „Berührung“ als
nonverbale Form zwischenmenschlicher Kommunikation „Wege zu Leibarchiven
öffnen“ (2014, S. 118). Unter Hinweis auf ethische Grundregeln in der Therapie
kann Berührung als nonverbale Leibintervention unterstützend und erweiternd
Literatur 93

sein. Der Zusammenhang zu Tätowierungen erscheint mir jener, dass diese auf-
fordernden Charakter haben, sie laden zu Berührung ein. Dies geschieht zuerst
mit den Augen. Das Auge blickt darauf, bevor vielleicht die Hand darüber strei-
fen will. Nicht selten konnte ich beobachten, dass Menschen nachfragten, ob
die Tätowierung „echt“ sei und sie sie berühren dürften. In der Therapie ließ
das Gespräch über Tätowierungen Atmosphären der Berührtheit und Berührung
entstehen. Was die Bilder „sprachen“, kam in eine verleiblichte Bewegtheit der
Worte und ließ Gefühle entstehen. Seelische Berührtheit geht jedoch der leibli-
chen Berührung voraus.

Literatur

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Alternierende Phänomene der
Bodymodifikation 8

Zusammenfassung
Im Kapitel „Alternierende Phänomene der Bodymodifikation“ werden die
Themen: Piercing, Skarifikation (Branding und Cutting), Implantate und
andere, diverse Modifikationen diskutiert und auch kritisch hinterfragt. Perso-
nen nehmen gesundheitliche Risiken in Kauf, um seelische Leidenszustände
zu lindern, wie das Beispiel einer transidenten Frau aus der Praxis zeigt. Die
Grenzen zwischen Lust und Schmerz bei der Körpermodifikation sind oft flie-
ßend. Phänomene des marktwirtschaftlichen Interesses werden kritisiert, da
diese bereits weitgehend eingemeindet oder normalisiert wurden, um der Pro-
fitgier oder dem Konsumzwang zu dienen.

Der Körper ist ein zunehmend verfügbar gewordenes Darstellungsmaterial (Villa


2008a, S. 11) und ein etabliertes Untersuchungsobjekt (Gugutzer 2012, S. 7).
Maßnahmen und Techniken der Körperformung sind vielseitig und zur sozialen
Positionierung notwendig geworden (Klein 2010, S. 457). Es gibt zahlreiche kör-
perfokussierte Trends, wie Phänomene des Tätowierens und Piercens, aber auch
Mode, exzessive Fitnessprogramme, Bodybuilding, plastische chirurgische Ein-
griffe zugunsten einer postulierten Schönheit, um sich den somatischen Codes
diverser Gruppen anzupassen. Diese Erscheinungen sind Zeugen einer Optimie-
rungslogik, Anpassungsstrategien an sogenannte Schönheitsideale oder dienen
einer scheinbaren Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe (Hoop 2016).
Dieses Kapitel widmet sich den Phänomenen der Bodymodifikation, die oft
auch zusammen auftreten. Die Phänomene bezeichnen die sogenannte Körpermo-
difizierung, darunter auch BodMod oder BodyMod, und inkludieren in den Szene-
kreisen über Tätowierungen und Piercings hinaus Implantate, Skarifikationen oder

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 95


G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2_8
96 8  Alternierende Phänomene der Bodymodifikation

Brandings (Feige und Krause 2004). Es muss beachtet werden, dass auch äußerst
fragwürdige Praktiken Eingang in die Szene gefunden haben, wie das Zungen-
Spalten, das Spalten der Eichel bei Männern oder auch die Amputation eines Fin-
gergliedes (Abendroth 2009), ohne die der oder die Betroffene den Lebenssinn
verloren hätte. Für derartige Eingriffe in den Körper bleibt den Betroffenen oft
lediglich eine Selbstverstümmelung, da Mediziner/innen aufgrund eines Wider-
spruchs zum Hippokratischen Eid diese Amputation nicht durchführen.

8.1 Piercing

Das Durchstoßen bestimmter Körperpartien um Schmuck zu verankern hat eine


längere Tradition. In Zusammenhang mit Körpermodifikationen bezeichnet es
„das gezielte Durchstechen der Haut, um entweder temporär oder dauerhaft
Schmuck anzubringen“ (Abendroth 2009, S. 56). Ohren, Nasenflügel oder Lippen
sind geeignete Körperteile für Piercings, doch auch hier sind der Fantasie keine
Grenzen gesetzt. Nicht selten findet man Intimpiercings, die die Lust steigern sol-
len. Beim Durchstechen der Haut kommt es zu intensiven Hormonausschüttun-
gen, die Grenzerfahrungen (Exstase) ermöglichen (Feige und Krause 2004).
Piercings werden auch für kunstästhetische Zwecke eingesetzt. So sieht man
„Playpiercings“ in Studio Sundern Ink, die den Körper als Gesamtkunstwerk
betonen. Hier werden neben Standard- auch Piercings eingesetzt, die wie ein Kor-
sett anmuten. Bänder verbinden die Piercings zu optischen Darstellungen (Kruhm
Verlag 2016, S. 56).
Laut Studien, auf die im Kapitel „Piercings“ in einem Artikel von Erich Kas-
ten und Anika Wessel eingegangen werden, zeigten diese zwar insgesamt risi-
kofreudigeres Verhalten von gepiercten und tätowierten Menschen im Verhältnis
zur Normalbevölkerung, aber kaum „psychopathologische Auffälligkeiten“ (Kas-
ten und Wessel 2014, S. 34 f.).

8.2 Skarification: Branding und Cutting

Unter Skarifikation versteht man das „künstliche Erzeugen von Narben durch Ein-
brennen einer Markierung“ (Abendroth 2009, S. 96), auch Branding genannt oder
das Schneiden (Cutting). Bei dieser Form der Körpermodifizierung wird bewusst
eine Verletzung in Kauf genommen, um den Körper mit Ornamenten zu verzieren.
Es könne zwar im Vorfeld ein „Design“ fest gelegt werden, die Körper reagier-
ten jedoch unterschiedlich auf den Wundheilungsverlauf und die Ausbildung von
8.3 Implantat 97

Körperschmuck. Eine weitere Besonderheit stelle bei Brandings und Cuttings


jedoch nicht nur der Schmerz durch Wärmeerzeugung oder Schneidevorgänge
dar. Es gehöre auch zum Vorgang dazu, dass die mehrmonatige Ausheilzeit immer
wieder mit Schmerzen verbunden sei. Menschen, Hunde und Viehherden wur-
den früher prophylaktisch mit dem Hubertusstempel versehen, um vor Siechtum
(Tollwut) bewahrt zu werden. Bis ins 19. Jahrhundert ließen sich Träger/innen
dieses Zeichens nachweisen, das zumeist auf den Daumenrücken oder auf die
Handballen innen gedrückt wurde (Abendroth 2009).

8.3 Implantat

Aus der Literatur sind uns Phänomene bekannt, die mit der Erweiterung des Kör-
pers zu tun haben. Das Implantat oder die Einpflanzung wird folgendermaßen
durchgeführt: „Dabei wird nach örtlicher Betäubung mit dem Skalpell die Haut
geöffnet, ein Metallgegenstand, eine Eisenkugel oder ein Teflonring eingelegt
und die Wunde wieder vernäht. Etwa 14 Tage nach dem Eingriff zeichnet sich
die Form des eingesetzten Schmucks ab“ (Feige und Krause 2004, S. 125). Der
Heilungsprozess geht mit Schmerzen vor sich, die Narbe braucht vier bis sechs
Wochen und viel Pflege, bis sie verheilt ist.
Der Schmuck wird auch bei Männern am Penis angebracht, da er neue Emp-
findungen beim Sexualverkehr sowohl beim Mann als auch bei der Frau ermög-
lichen soll. Expert/innen warnen vor Implantaten aus Nickel, da diese Allergien
fördern sollen. Üblicherweise werden Implantate aus Teflon oder Implantatstahl
verwendet (Feige und Krause 2004).
Das Packing bildete die frühe Übergangsform zwischen Cutting und Implan-
tat. Hier werden tief, schräge Schnitte gesetzt, um die Bildung von Hauttaschen
zu ermöglichen. Ursprüngliche Kulturen aus Afrika praktizierten diese frühe
Form. Dabei kamen Tonkügelchen zum Einsatz, die nach Verschluss der Wunde
zu massiven Narbenbildungen führten. Entweder wurde der Fremdkörper einge-
schlossen, oder er wurde abgestoßen, massive Narbenbildung war die Folge, ganz
zu schweigen von anderen Komplikationen, wenn etwa neben Erdresten Tetanu-
serreger mit eingeschlossen waren (Abendroth 2009). Der Legende nach gab es
unter den Yakuzas, den Zugehörigen der japanischen Mafia, die Tradition, sich
für jedes Jahr Gefängnis eine Perle in den Penisschaft implantieren zu lassen.
Ob dies allerdings der Wahrheit entspricht, wäre laut Literatur umstritten. Die-
ser, möglicherweise der mythologischen Legendenbildung zugehörige Brauch
fand aber real Eingang durch das Einsetzen von Kügelchen aus implantatfähi-
gem Material, die bei Männern in den Penisschaft, bei Frauen in die Schamlippen
98 8  Alternierende Phänomene der Bodymodifikation

(Pearling oder Yakuza Beads) implantiert werden. Hierfür wird eine Hauttasche
geschnitten und nach der Manipulation wieder mit Tapes oder Stripes verschlos-
sen (Abendroth 2009). Man kann sich leicht vorstellen, dass viele Komplikati-
onen in Kauf genommen werden und es sich auch sonst um sehr fragwürdige
Manipulationen am Körper handelt.
Eine relativ neue Form der Körpermodifizierung des Implantats sind subder-
male 3-D-Implantate. Ebenfalls beliebt sind Motive wie Stern oder Herz, die in
Titan oder Implantatstahl sowie Teflonmaterialien gefertigt sind. Es werden noch
PTFE sowie Implantatsilikon verwendet. Die Implantate werden, damit sie unter
der Haut nicht wandern, eingenäht und fixiert. Mit Komplikationen muss gerech-
net werden, so können zum Beispiel Druckschmerzen um das Implantat herum
auftreten. Wenn das Implantat zu groß ist, wird von Abstoßreaktionen berichtet.
Überhaupt muss mit Gefahren gerechnet werden, da auch ein Druck auf die Ner-
ven entstehen kann. Die Funktion des jeweiligen Körperteils kann eingeschränkt
werden. Materialunverträglichkeiten sind häufig und auch die Infektionsgefahr ist
hoch. Kurzum gilt das Einarbeiten der Implantate in den Körper als sanfte Form
der Körpermodifizierung und lässt sich der plastischen Chirurgie zuordnen. Wäh-
rend die Brustimplantate (Silikonbusen) und Aufspritzen der Lippen als gesell-
schaftsfähig gelten, sind Implantierungen keinesfalls mehrheitlich vorkommende
Modifizierungen, also nicht normiert. In Anbetracht der Vielzahl der Komplikati-
onen muss die Sinnhaftigkeit der Implantierungen kritisch hinterfragt werden, da
die Aspekte der Gesundheitsförderung hier wohl nicht gegeben sind. Die speziel-
len Grundqualitäten, die der Mensch im Sinne der Humantherapie auch auf sich
selber richten kann wie Achtsamkeit oder Selbstrespekt (Petzold 2003), werden
durch das selbstverletzendes Verhalten, die Implantate mit sich tragen, wohl nicht
erfüllt, denn durch artifiziell erzeugte Modifikationen des Körpers, die sich deut-
lich von Tätowierungen unterscheiden, kommt eine befremdende Komponente ins
Spiel, die Machbarkeit eines Köpers, die sich allem Naturgegebenen widersetzt
und dies durch Erfahrung von Leid und Schmerz auf sich nimmt.

8.4 Diverse Modifikationen

Von der Tätowierung über das Piercing hin zur Skarifikation und dem Implan-
tat fehlen nun noch Ausführungen zu diversen Formen der Modifikation und der
Blick aus der Perspektive der Integrativen Therapie; diesen Blick wage ich zuerst:
Vielleicht sollte sich der Leser, die Leserin die Frage stellen, ob im Sinne
eines gelingenden Lebensstils tatsächlich von einer nötigen Sorgfalt um sich
selbst gesprochen werden kann, die im Rahmen der Lebenskunst hier (durch
8.4  Diverse Modifikationen 99

Modifizierungen) verwirklicht wird. Sind die Phänomene der Modifizierung ähn-


lich wie sie schon für die Tätowierung hinterfragt wurden, aus einem genuinen
Bedürfnis nach Selbsterlebnis entstanden, sodass sich Lebenskunst vollziehen
kann, oder müssen auch hier Aspekte der Massenphänomene, des als patholo-
gisch zu bewertenden selbstverletzenden Verhaltens oder der Wunsch nach Kreie-
rung einer neuen Norm kritisch mitreflektiert werden?
Grundsätzlich lässt sich formulieren, dass Aspekte der Lebenskunst (Schuch
2008) bereits vorhandene, als zerstörerisch erkannte Strukturen durchbrechen und
differente Praktiken anstreben, welche Wahrnehmungen verfeinern und Sensibili-
tät beweisen.
So schreibt Wilhelm Schmid (1998) in der „Philosophie der Lebenskunst“
im Kapitel „Kunst und Lebenskunst: Das Leben als Kunstwerk“ darüber, dass
Lebenskunst „eine fortwährende Arbeit der Gestaltung des Lebens und des
Selbst“ (S. 72) ist. Wichtig erscheint mir in Bezug auf Modifikationen auch der
Aspekt des Umgangs mit sich selbst, „der die Wahrung der Selbstachtung zum
Kriterium erhebt und daher an einer gesellschaftlichen Realität interessiert ist, die
Selbstachtung ermöglicht und nicht etwa verletzt,“ so Schmid (1998, S. 275) im
Kapitel: Formen des gesellschaftlichen Umgangs, die Citroyenität.
Verschiedene wissenschaftliche Disziplinen beleuchten Aspekte der Modi-
fizierung unterschiedlich. So werden Mediziner/innen, Psycholog/innen sowie
Psychotherapeut/innen andere Aspekte betrachten als Ethnolog/innen oder Kul-
turanthropolog/innen. Der Kultur- und Sozialanthropologe Igor Eberhard (2012)
bezeichnet Körperveränderungen als „manifestes, jeder Kultur eingeschriebenes
Bedürfnis“ (S. 103). Sie sind nicht bloße Mode, sondern hätten „Signalwirkung“,
die Status, Leistung und Emotionen anzeigen sollen. Eberhard grenzt klar Phäno-
mene wie Krankheitsbilder als Folge gestörten Selbstwertgefühls, zum Beispiel
Magersucht, Kastration, Selbstkannibalismus, Verstümmelung des eigenen Kör-
pers, Selbstvernährung der Genitalien von jenen ab, die einer selbst und bewusst
gewählten Einstellung folgen. Er sieht die maßgebliche Grenze zwischen der
„Feier“ des Körpers und seiner „Zerstörung“. Nach Eberhard (2012) kommen in
der „BodyMod“-Szene vor allem folgende Phänomene vor (S. 104):
Suspensions, das Aufhängen an mit Haken durchstochener Haut an Seilen;
Implantate, die als Additionen beschrieben werden; Fleischtunnels, die Dehnung
von Piercings in Weichteilen sowie die Vergrößerung der gepiercten Öffnung;
Brandings und Skarifizierungen, wie es Schmucknarben darstellen und auch das
Spalten der Zunge.
Body Modifikation, ein Manual für Ärzt/innen, Berater/innen und anderes
Fachpersonal (2014), benennt die Phänomene der Bodymodifikation aus praxi-
sorientierten Gesichtspunkten. Ada Borkenhagen, Elmar Brähler, Aglaja Stirn
100 8  Alternierende Phänomene der Bodymodifikation

und ihre Mitautor/innen bieten im Inhalt Aspekte zum Thema an, die die sozio-
logisch ethnische Perspektive nochmals erweitert. Die Themen Schönheitschi-
rurgie, Genitalverstümmelung, kosmetische Genitalchirurgie, Transsexualität
mit Operationswunsch, Amputation, Bodybuilding mit Muskelaufbaupräparaten,
Tätowierungen, Piercings, Sport zur Körpermodifikation, Diäten mit geändertem
Essverhalten, Haarmodifikationen, Kleidung und Mode zur Körpermodifikation,
Bräunen und Bleichen der Haut werden thematisiert und behandelt.
Kritisch äußert sich der Chefredakteur des „Tätowiermagazins“, Dirk Boris
Rödel (2013), zum Thema Grenzüberschreitungen in Bezug auf einen Künstler,
der sich die Augäpfel in einer riskanten Prozedur schwarz färben ließ:

Es geht mir hier nicht um das krasse Erscheinungsbild, sondern ausschließlich


darum, dass diese Art von BodyMod mit völlig unkalkulierbaren Gefahren und auch
Langzeitwirkungen verbunden ist. Das Färben der Augen ist eine extrem riskante
Prozedur, die zum Erblinden und zu schweren Infektionen führen kann. Ich kann
davon nur dringendst abraten (S. 3).

Der Hinweis, dass der Künstler „Little Swastika Marc“ kein „role model“ (S. 3)
ist und er nicht Beispiel gebend für andere sein möge, wird noch betont.
Bei den Implantaten findet sich das JewelEye, das von einem Augenchirurgen
unter die oberflächlichste Schicht des Bindegewebes eingepflanzt wird. Zwei nie-
derländische Augenkliniken führen dieses Produkt. Nach dem Einsatz wird eine
Therapie mit antibiotischen Augentropfen verordnet (Abendroth 2009).
Blickt man weiter zu Modifizierungen, so werden auch die Ohren von neuen
Trends nicht verschont. Der Einfluss von Kino und Fernsehen bot Anlass, sowohl
Tolkiens „Herr der Ringe“ als auch den Halbvulkanier Commander Spock aus
dem „Raumschiff Enterprise“ als Modifikationsvorbilder in die Trends mit aufzu-
nehmen. Die operative Veränderung der Ohrmuschel, die spitzen Ohren, gleichen
denen von Spock und den Elben aus Tolkiens „Herr der Ringe“.
Ear pointing wird vollzogen, indem aus dem obersten Teil der Ohrmuschel ein
keilförmiges Stück herausgeschnitten wird. Es wird auch betont, dass bei einer
Ohrmodifikation sogar Frequenzen besser fokussiert werden könnten. Erwäh-
nenswert ist vielleicht noch, dass das Kupieren des Ohres – ursprünglich bei Tie-
ren durchgeführt, nunmehr bei Menschen ein Trend wurde, der Markt für diesen
Wunsch wurde erkannt und nicht nur Modifikationskünstler/innen widmen sich
diesem Anliegen, sondern auch Kliniken nach der Ost-Erweiterung ab 2004
(Abendroth 2009).
Im Zuge der Körperschlacht noch zu erwähnen wäre das Zungenspalten, ein
Eingriff, der möglicherweise reversibel ist. Massive Beeinträchtigungen, die
8.5  Körperveränderungen am Beispiel der Transidentität 101

diese Verschönerung mit sich tragen, können sein: Infektionen, Blutungen, vor-
übergehende Taubheit oder Sprachstörungen. Auch das Zuschleifen der Zähne
im Vampirlook hat seinen Preis; sie werden empfindlicher und sehr strapaziert
(Abendroth 2009).
Eine der krassesten Formen der Modifizierung ist die Amputation. Hier wird
dem Körper oftmals das letzte Fingerglied oder ein Zeh genommen und das frei-
willig (Feige und Krause 2004). Möglicherweise kann diese Problematik diffe-
renziert mit einer Fachdiskussion beantwortet werden.
Menschen, die unter Body Integrity Identity Disorder leiden, verspüren den
Wunsch nach Amputation eines gesunden Körpergliedes. In der Regel handelt es
sich bei dem unerwünschten Körperteil um ein Bein, jedoch existieren auch Wün-
sche nach Amputationen […] anderer Körperteile. […] Die Betroffenen beschrei-
ben den Wunsch nach Amputation als Vervollständigen ihrer Identität (Oddo et al.
2010, S. 2–3).
Insgesamt lässt sich in der Formulierung von Kai Bammann (2008) resümie-
ren, dass der Körper durch Modifizierungen an Integrität leidet, vor allem, wenn
es sich um Maßnahmen handelt, die den Körper nachhaltig beeinflussen und ver-
ändern.
Paula-Irene Villas (2008b) bissiger Buchtitel zum Thema der Körperverände-
rungen lautet: Schön Normal. Manipulationen am Körper als Technologien des
Selbst.

8.5 Körperveränderungen am Beispiel der


Transidentität

Gender und Geschlechtsidentität(en) sind fassettenreiche, diffizile persön-


liche Themen und somit sinnstiftende Elemente vieler Menschen. Wenn es
unterschiedliche Ideen von Geschlecht gibt und sich diese Vorstellungen von
Geschlecht ändern lassen, könnten auch dahin gehend Ideen entstehen, die eigene
körperliche biologische Geschlechtlichkeit operativ zu verändern (Vgl. Petzold
und Orth 2014, S. 207). Petzold und Orth plädieren für den Stellenwert öffentli-
cher Diskurse über „Positionen“ im prekär thematisierten Genderbereich. „Nur so
können sich „informierte Standpunkte“ bilden“ (S. 207).
Das im Jahr 2014 erschienene Buch Body Modification. Manual für Ärzte,
Psychologen und Berater beschäftigt sich in einem Kapitel mit dem Thema
der Transidentität. Diese wird als körpermodifizierende Maßnahme benannt
(Borkenhagen et al. 2014). Was fehlt, ist, neben einer lebendigen Diskussion
darüber, ob der Begriff der Modifikation im Bereich von Transgenderthemen
102 8  Alternierende Phänomene der Bodymodifikation

überhaupt s­timmig ist, auch eine kritische Auseinandersetzung mit dem sensib-
len und perspektivenreichen Thema Gender. Am Ende des Kapitels distanzieren
sich die Autor/innen jedoch begrifflich: „Insofern sind die somatomedizinischen
­Veränderungen der geschlechtsspezifischen Erscheinung zur Behandlung einer
ausgeprägten und persistierenden Geschlechtsdysphorie trotz ihres offensichtli-
chen körpermodifizierenden Charakters nicht der bisherigen Definition von Kör-
permodifikationen zuzuordnen“ (Nieder et al. 2014, S. 116).
Mit dem Hintergrund, dass Transidentität in dem eben benannten Manual
kategorisch als Bodymodifikation beschrieben wird, möchte ich an dieser Stelle
ein Interview mit einer transidenten Person anführen. Dabei geht es nicht vorder-
gründig um das Thema der Transidentität, sondern vielmehr darum, den dahinter-
stehenden Modifikationsgedanken zu erörtern. Denn Petzold und Orth betonen:
„Zentral ist in derartigen Diskursen auch, die Betroffenen – wie immer auch ihre
Position sei – zu Wort kommen zu lassen“ (S. 207).
Das Interview führte ich am 16. September 2016 mit Cadolores, die von sich
sagt, sie wäre ein „reiferes Semester,“ sie lebt im europäischen Raum und hat
sehr viel Szeneerfahrung zum Thema Transidentität. Die Daten wurden anonymi-
siert.

G.H.P.:  Hallo Cadolores, Sie sagen von sich, dass Sie eine transidente Person
waren und dass das für Sie jetzt stimmig ist, so wie es ist. Sie ließen sich operie-
ren und fühlen sich in ihrem jetzigen Dasein als Frau angekommen.

C.:  Ich war immer schon irgendwie anders und konnte mit meinem biologi-
schen Körper und den Gefühlen nicht umgehen. Ich musste auch mein männli-
ches Dasein gegenüber der Gesellschaft leben, aber je älter ich wurde, umso
mehr kämpften das innere Gefühl und die Gedanken gegen mein anerzoge-
nes Geschlecht. Meines Erachtens kommt es auf das Lebensalter und die Situ-
ation an, es kommt erst bei der Hormontherapie zum Tragen, dass diese nicht
so „anschlägt“, wie gewünscht. Durch die Hormone verändert sich der Körper,
aber oftmals nicht nach den Wünschen der Person, sondern es spielen auch die
Gene mit. Bei manchen zum Beispiel wächst durch die Hormone keine Brust und
sie brauchen einen Brustaufbau. Bei der Identitätssuche ist die Gefühlswelt zuerst
im Vordergrund, nicht so sehr die Stilfrage.

G.H.P.:  Lässt sich sagen, dass Bodymodifikation und Transidentität zwei ver-
schiedene Phänomene sind? Inwieweit sind Sie der Meinung, dass Transidentität
mit Bodymodifikation zu tun hat, das heißt, mit Veränderungen, die schmücken-
den, ästhetischen oder dekorativen Charakter haben?
8.5  Körperveränderungen am Beispiel der Transidentität 103

C.:  Nach der erfolgten Geschlechtsangleichung kann es sein, das die Bodymo-
difikation zum Tragen kommt, weil durch die Hormone nicht der gewünschte
Effekt eingetreten ist. So kommt es vor, dass Gesichtsoperationen (Nase, Wan-
genknochen, Kehlkopf), Brustvergrößerungen und Gesäßanpassungen durch-
geführt werden, um den perfekten stilisierten Körper zu „erreichen“. Auch wird
durch die Medien ein Idealbild dargestellt, aber diese Vorstellung, perfekt zu sein
zu wollen, haben Männer wie Frauen.

G.H.P.:  Wir streifen das Thema „Machbarkeit in Stilfragen“. Wo sehen Sie die
Grenzen zur Transidentität? Sind diese fließend oder kann man das klarer definieren?

C.:  Hier kommt es auf die Lebenssituation und das Alter der Person an. Ich
erlebe es so, dass die transidente Person nach Einnahme der Hormone mehr und
mehr „unerkannt“ in das Wunschgeschlecht hinein lebt, sich quasi fließend in
der Gesellschaft bewegt, wie in meinem Fall, ich mich also schön und weiblich
gestalte, vor allem für mich selbst, weil ich mich damit sehr wohl fühle (Schmin-
ken, Kleidungsstil, Nägel). Es stellt sich mir aber die Frage, wo die Grenzen
­liegen denn wer hat schon Millionen Euros zur Verfügung? Wäre ich jünger,
würde ich zum Beispiel über Brustaufbau, Stimmbänder OP und Barthaarentfer-
nung weiter nachdenken, aber wer finanziert das alles?

G.H.P.:  Die chirurgische Medizin hat in ihrer Machbarkeit viele Möglichkeiten,


aber können Sie sagen, wo auch im ethischen Sinne die Grenzen dieser Machbar-
keit liegen?

C.:  Es ist viel machbar, jede/r muss sich die ethischen Grenzen selber setzen.
Zum Beispiel wenn eine Biofrau (eine biologische Frau) eine zu kleine Brust hat,
kann sie auch einen Leidensdruck haben. Transidente Personen, die die Möglich-
keit haben, werden natürlich alle finanziellen Möglichkeiten ausnützen, um ihrem
Idealbild zu entsprechen.

G.H.P.:  Wo liegen Ihre persönlichen Grenzen der Machbarkeit?

C.:  Ich würde keine Gesichtsoperationen durchführen lassen oder mich nicht mit
Botolinum Botox aufspritzen. Denn ich möchte einfach Frau sein.

G.H.P.:  Warum nicht?

C.:  Weil ich identisch meiner körperlichen Wahrnehmung sein will, ich will keine
Kunstfigur oder Bordsteinschwalbe (Prostituierte, Anm. der Verf.) sein. Ich will
104 8  Alternierende Phänomene der Bodymodifikation

mich als Frau spüren und als Frau gesehen und akzeptiert werden und nicht als
exotische Figur: „wie ein Affe im Ziurkus“. Wer keine finanzielle Unterstützung
hat, droht in die Prostitution abzugleiten, um sich den erwünschten Stil zu ermög-
lichen. In Großstädten kann ich mir das sehr gut vorstellen, dass das so ist

G.H.P.:  Danke für das Interview, Cadolores!


Was immer wieder außer Acht gelassen wird, ist der gesundheitliche Aspekt,
den die Transidentität bei Geschlechtsangleichung mit sich bringen kann. So kön-
nen Ängste und Panikattacken mit Suizidalität einher gehen. Körperlich kann von
einem großen Eingriff gesprochen werden, der Hormonhaushalt ändert sich. Oft
wird beobachtet, dass der Leidensdruck, den Transidente vor der Geschlechtsan-
passung haben, im Laufe des Prozesses zurück geht. Nach verabreichter Hor-
montherapie werden oft viele Kilos zugenommen, was für den Körper nicht
unerheblich ist, sondern ein großer Eingriff, an die sich die Personen erst gewöh-
nen müssen, gerade wenn es sich um Transfrauen handelt.

8.6 Gesellschaftskritik

Zweifellos gibt es negative Auswüchse durch die Tätowierkunst oder im weite-


ren Sinne – der Body-Modifikation. In ihren krassesten Formen wird Schmerz
zur Lust, den Körper zu spüren und zu verunstalten. Doch auch hier gilt: Wer
bestimmt, was gut oder schlecht, was noch toleriert, was schon krankhaft ist? Wer
darf überhaupt beurteilen? Was ist schon krankheitswertig oder kann und muss
sogar als „Störung“ bezeichnet werden? Menschen, die sich zum Beispiel am
ganzen Körper tätowieren und diese Tätowierungen wieder rückgängig machen,
indem sie sie übertätowieren lassen (für einen Eintrag ins Guinness Buch der
Rekorde zum Beispiel), kann man eine gewisse Neigung oder ein „Suchtverhal-
ten“ nicht absprechen. Die Frage ist, welche Motivation gegeben ist. Denn im
Sinne einer konstruktiven Gesellschaftskritik wäre hier anzudeuten, dass unser
kapitalistisches System, sich zu vermarkten, den Körper als Ware anzubieten,
durchaus marktwirtschaftliche Motivationen anbietet. Auch die einige Zeit übli-
che Praktik unter Leistungssportler/innen, sich Werbebotschaften auf den Körper
tätowieren zu lassen um ihn zu vermarkten und Geld dafür zu kassieren, ist sicher
nicht im Sinne einer Kunstästhetik zu werten.
Bei den Suspensions etwa- oder der Vision einer möglichen Amputation eines
Körperglieds drängt sich mir die Frage auf, inwieweit das noch als salutogene-
tisches Mittel bezeichnet werden kann, den Körper so zu modifizieren und zu
quälen. Sind wir als Gesellschaft hier nicht genauso auf extremen Abwegen wie
8.6 Gesellschaftskritik 105

beim Spitzensport, wo sich die gequälten und gemarterten Körper um immer neue
Rekorde bemühen? Oder muss auch hier der „Erfolg“ jeder Körpermodifikation
am anschließenden, nach der Modifizierung erlebten Wohlgefühl gemessen wer-
den, wenn erreicht wurde, was die Sehnsucht nach Veränderung sich so innig
wünschte?
Weiters zu kritisieren am Tätowiert-Sein ist bei vielen der Wunsch nach immer
währender Schönheit, die sich darin zeigt, dass das Tattoo verblasst (vor allem bei
unsachgemäßer Pflege) und irgendwann nicht mehr so schön ist wie zu Beginn.
Dies hat dann eventuell die Konsequenz, das Tattoo überstechen zu lassen und/
oder wegzulasern. Der Körper soll an den Zeitgeist angepasst werden und vor
ewiger Schönheit strahlen. Die Vergänglichkeit kann so ausgeblendet werden –
von einer kritischen Auseinandersetzung hin zum Tode ist da keine Rede mehr,
etwa dass Vergänglichkeit und Verfall akzeptiert würden. Entsprechend den
marktwirtschaftlichen Auswirkungen, stets erfolgreich, schön und gesund zu sein,
ist der modifizierte Körper hier nur ein Abbild des kritiklosen und angepassten
Denkens.
Neben den bereits aufgezeigten Schattenseiten, die implizit auch zur Gesell-
schaftskritik zuzuordnen sind, wie die sich mittels Bodymodifikation ausdrücken-
den Süchte und/ oder Selbstverletzungen, darf das marktwirtschaftliche Interesse
an tätowierten Körpern und den Menschen, die sich durch Tattoos diesen Gesell-
schaftskategorien unterwerfen, nicht übersehen werden. Besonders aufgefallen ist
mir durch mehrjährige Beobachtung diverser Cover von Tätowier-Zeitschriften
aber vor allem das Frauenbild, das – sei es durch die sich zur Verfügung stellen-
den Models selbst und ihre (Selbst-) Präsentationen und/oder durch reale Täto-
wierungen (oftmals auf männlichen Körpern) transportiert wird. Ich bin davon
überzeugt, würde die Gesellschaftsordnung nicht marktwirtschaftlich dominiert
sein, wäre der derzeitige Tätowiertrend ein anderer.
Meiner Meinung nach lässt sich der Trend zur Tätowierung auch aufgrund
diverser Tätowierserien (Tattoo-Dokumentationen) im Fernsehen ableiten. Solche
Serien sind zum Beispiel „Miami Ink, Tattoos fürs Leben“ (2007), um nur eine
von vielen zu nennen. Vielfach werden diese Trends kritiklos übernommen und
dominieren gesellschaftlich skizzierte Rollenbilder.
Warum sollten sonst die Cover diverser Tätowierzeitschriften, ja sogar eine
Serie mit rein erotisch dargestellten, tätowierten Frauenkörpern in den Läden zu
finden sein?
Das Bild der Frau in der Integrativen Therapie setzt hier klare Maßstäbe für
ein gendergerechtes Miteinander, während die Umsetzung in unserer Gesellschaft
hier noch stark zu wünschen übrig lässt, was sich implizit durch Abbildungen in
der Tätowierszene äußert.
106 8  Alternierende Phänomene der Bodymodifikation

Auf die Problematik der Norm wurde schon eingegangen. Hier zu erwähnen
wäre ergänzend in Anlehnung an den Artikel „Normalisierungseinpflegungen“
von Hans Waldemar Schuch (2012), dass eine Einpflegung in die Norm oft subtil
geschieht. In einem E-Mail-Wechsel Hans Waldemar Schuchs (Nichtanpassung
der Großschreibung und Übernahme der Kleinschreibung aus der E-Mail als Kon-
trast zur gängigen Norm; Anm. der Verf.) mit mir über das Thema „Normalisie-
rungseinpflegung“ (Schuch 2013) schrieb dieser am 25. Februar 2013:

wir müssen mittlerweile wohl davon ausgehen, dass ehemalige tabus, abweichungen
& anstößigkeiten heute zwecks machterhalt und profitgier (skrupellos?) weitgehend
vergesellschaftet (eingemeindet/ eingepflegt) und damit zur normalität geworden
sind. … dadurch wird die unterdrückung/ formierung subtiler, sie ist dann nicht
mehr als konflikt wahrnehmbar, sondern eher nur noch als eigenes unbehagen atmo-
sphärisch als „störung“ spürbar.

In Bezug auf die Phänomene, die in diesem Kapitel beschrieben werden, muss
gefragt werden, ob sie bald zur Normalität gehören werden, also die Gesellschaft
sich dahin gehend gewöhnt, indem das Erscheinungsbild tätowierter, körpermo-
difizierter Menschen zum Alltag wird. Die Gefahren bestehen darin, dass markt-
wirtschaftliche Aspekte in den Vordergrund rücken, da die Norm in das gängige
Verständnis „eingepflegt“ wurde. So werden Körpermodifikationen akzeptiert und
der Schmerz, der dabei entsteht, die Kosten oder auch gesundheitliche Komplikatio-
nen in Kauf genommen. Vergleichen lässt sich dieser Trend durchaus mit Phänome-
nen der plastischen Chirurgie, in ihrer Realisierungsform der Schönheitsoperationen.
Dabei meine ich nicht die Wiederherstellung nach einem Unfall, sondern die Proble-
matik, die die Machbarkeitsmedizin als permanente Verführung bereit hält.
Mona Singer (2001) schreibt im Aufsatz: Cyborg-Körper-Politik in Verbin-
dung mit Technowissenschaften, „dass Praktiken der Biopolitik menschlicher
Körper in der Tendenz auf Standardisierung und Normierung zielen“ (S. 25). Dies
würde laut Singer nicht nur an den Gen- und Reproduktionstechnologien deutlich
werden, sondern auch in der kosmetischen Chirurgie. „Zum Standardprogramm
von Kliniken der ästhetisch-plastische Chirurgie bzw. Schönheitschirurgie gehö-
ren unter anderem: Brustvergrößerungen und -verkleinerungen, Fettabsaugung
an Bauch, Hüften, Gesäß, Oberschenkel, Wade und Wangen; Nasen-, Lippen-
und Kinnmodulation“ (S. 25). Der Körper wird im 21. Jahrhundert vermehrt als
machbar und veränderbar verstanden.
Die Gefahr besteht in der Verkennung des eigenen Wunsches nach Erleben
und Veränderung versus dem, was durch gesellschaftliche Normierung und Vor-
gaben subtil eingepflegt wurde und daher nicht immer bewusst ist, aber atmo-
sphärisch wie oben beschrieben als „Störung“ spürbar bleibt.
Literatur 107

Literatur

Abendroth, A. (2009). Bodymodification. Körpermodifikationen im Wandel der Zeit. Tat-


toos, Piercings, Scarifications. Diedorf: Ubooks.
Bammann, K. (2008). Der Körper als Zeichen und Symbol. Tattoo, Piercing und body modi-
fication als Medium von Exklusion und Inklusion in der modernen Gesellschaft. In D.
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Schlussperspektive
9

Zusammenfassung
Im Kapitel „Schlussperspektive“ geht es zuerst um Sprichwörter und Redens-
arten zum Thema Haut. Im Anschluss wird die wahre Geschichte von Paula
erzählt, deren Tätowierungen Schutz, Abwehr und Provokation bedeuten. Die
Ausstellung „gestochen scharf“ aus dem Jahr 2013 beschäftigte sich mit dem
Phänomen von Kunst und Tätowierung. Sie fand im Museum Villa Roth in
Burgfrieden-Rot statt. Die Körperbilder werden Body Charts genannt: Patient/
innen zeichnen ihren Leib in Umrissen und nutzen die projektive Technik in
der Therapie. Der tätowierte Leib kann als intermedialer Quergang und iden-
titätsstiftendes Phänomen postmoderner Zeit gesehen werden. Wo Körpermy-
then allerdings zu viel (Deutungs-) Macht bekommen, laufen die Träger/innen
von Tätowierungen Gefahr, der Realität verlustig zu gehen.

9.1 Hautexkurse

Die Hautexkurse gehen Sprichwörtern und Redensarten zum Thema Haut auf
den Grund, die aufgelesen und nachgelesen wurden. Wir verwenden in der Spra-
che viele Redewendungen, die ganz mehrheitlich in den Sprachgebrauch über-
gegangen sind. Ich frage mich nun, wo die Redensarten zur Haut für tätowierte
Menschen zutreffen könnten. Zur Verdeutlichung sind die Redensarten und
Sprichwörter kursiv geschrieben.

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 109


G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2_9
110 9 Schlussperspektive

9.1.1 Sprichwörter und Redensarten

In Konzentrationslagern waren die Menschen nur noch Haut und Knochen, also völlig
abgemagert. Die Nazis bedienten sich der Tätowierung, um Insassen zu stigmatisieren
oder zu einer Nummer zu machen. Gut belegt ist dies bei Jean Améry (2012), der von
der „Auschwitznummer“ als zusammengefasster Wirklichkeiten spricht (S. 163).
Dass jemand seine Haut zu Markte trägt, könnte bei Gangsterbanden der Fall
sein, die ein Erkennungszeichen oder einen Code besitzen, der sie untereinan-
der erkenntlich macht. Durch die Zugehörigkeit zu dieser In-Group erfahren sie
zwar einen bestimmten Schutz in der Gruppe, begeben sich aber auch in Gefahr,
was die oft als feindlich wahrgenommene Außenwelt anlangt. Sie tragen ihre
tätowierte Haut zu Markte, da sie diese möglicherweise schon an die Gangster-
bande verraten haben. Von den Yakuzas war an anderer Stelle bereits die Rede,
diese bieten sich hier auch als Beispiel an. FLATZ will nach seinem Tod sein letz-
tes Kunstwerk Haut versteigern lassen, also zu Markte tragen, aber für eine gute
Sache, seine Stiftung, die ein Teil seiner Lebenskunst sein wird und welche auch
anderen jungen Künstler/innen zugute kommen soll.
Die Haut mag im Kampf Wunden davon tragen, also gilt es auch – so bei der
Verwendung kriegerischer Tätowierungen – seine Haut zu retten, obwohl sie für
die Sippe oder Ethnie zu Markte getragen wurde, also sich die Tätowierten in
Gefahr begaben.
Wer sich in seiner Haut nicht wohl fühlt, weil er oder sie nicht aus seiner oder
ihrer Haut heraus kann, möchte sich eine neue Persönlichkeit verleihen, indem
er oder sie sich tätowieren lässt. Dabei können jedoch falsche Schlüsse über den
wirklichen Kern der Identität gezogen werden. Wenn ich nicht aus meiner Haut
heraus kann, gilt es, sie zu akzeptieren, weil ich mir das, was mir so unter die
Haut ging, ja nicht einfach herausschneiden lassen kann.
Alle Tätowierungen gehen im sprichwörtlichen Sinn unter die Haut, und zwar
mehrere Millimeter. Vieles ist in die Haut eingeschrieben, das die Menschen
innerlich berührt und wird so zum sichtbaren Ausdruck. Wenn Ganzkörpertattoos
vorliegen, verschreiben sich Tätowierte der Sache mit Haut und Haaren. Diese
Redensarten und Redewendungen können im Duden (Dudenredaktion 1992)
nachgelesen werden.

9.1.2 Aufgelesenes und Gehörtes

Aufgelesen habe ich diese Redewendungen, indem ich mit anderen über das
Thema Haut und Tätowierungen gesprochen habe. Die Quelle ist daher das
9.1 Hautexkurse 111

tradierte Sprechen in mündlicher Erzählung. Was ich hautnah miterlebe, lasse


ich mir möglicherweise als Zeichen des Erlebten tätowieren. So berichtete mir
eine Mitreisende im Zug, dass sie eine Frau kenne, die sich die Nummer ihrer
Katze, welche diese im Ohr eingraviert habe, auf die Hand tätowieren ließ.
Sie verstehe diesen Zusammenhang aber selber nicht, vor allem nicht, welche
Bedeutung dies habe.
Will ich jemanden mit Haut und Haar fressen, lasse ich mir möglicherweise
meine Idole und Stars oder das Porträt mir nahe stehender Menschen in die Haut
tätowieren.
Tätowierungen sitzen tatsächlich hauteng! Sie brauchen nicht probiert, gewa-
schen oder in die Reinigung gebracht werden. Nicht umsonst spricht man von
der zweiten Haut. Sie verblassen allerdings mit der Zeit, was ihre Vergänglichkeit
beschreibt. Es kommt zum vom Verlust des Archivierten durch die Zeit.
Wer eine dünne Haut hat oder ein dünnes Nervenkostüm, könnte Tätowie-
rungen als Schutz tragen, um sich oder etwas zu verbergen. Tätowierte waren
ja durch diese Zeichen auf der Haut in ihrer Vorstellung auch im Kampf
geschützt. Das Tragen von Symbolen verleiht den Träger/innen Schutz, Kraft
und Selbstvertrauen, da sie sich mit ihnen identifizieren. Eine strahlend junge
Haut wird von Tätowierer/innen besonders gerne mit Farbpigmenten versehen,
da sie dieser Schönheit noch die eigene Handschrift verleihen können (sie ver-
ewigen sich). Wer eine lustige Haut ist, trägt wahrscheinlich eher ebensolche
Tattoos.

9.1.3 Eine wahre Geschichte

Diese Geschichte entstand in einem österreichischen Cafehaus, es handelt sich


um biografisches Material, das aus einer authentischen Lebensgeschichte ent-
stammt. Die Bekanntschaft zwischen Paula und mir war durch ein Aufmerksam-
Werden auf ihre großflächigen Tätowierungen erfolgt, verbunden mit der Frage,
ob sie sich ein Gespräch vorstellen könne, da ich ein Buch zum Thema schreiben
würde.
Paula willigte ein. Der Name ist frei gewählt, um ihre Geschichte, die mit den
Tätowierungen verbunden ist, zu schützen.
Paula arbeitet mit ihren Tätowierungen in Richtung Bodysuit als einer Ganz-
körpertätowierung. Sie verarbeitet ihr Leben damit. Ich lasse Paula zu Wort kom-
men mittels eines literarischen Tagebucheintrags (29. Mai 2013).
112 9 Schlussperspektive

Liebes Tagebuch!
Ich wollte dir schon immer einmal erzählen, warum ich mich habe tätowieren lassen.
Bisher habe ich das nur meinen Freundinnen erzählt. Aber dir vertraue ich mich an.
Ich verarbeite mein Leben durch Tätowierungen, ich wurde mein Leben lang geschla-
gen. Dann habe ich mit 14 begonnen, mich tätowieren zu lassen. Für mich bedeuten die
Tätowierungen Schutz, Abwehr und Provokation. Ich provoziere damit Menschen, die
mir Böses angetan haben. Ich werde selten auf die Tätowierungen angesprochen, die
Leute denken, dass ich entweder asozial bin, unter der Brücke wohne oder nichts kann
oder werde. Ich will mit den Tätowierungen Aufmerksamkeit erregen, im Mittelpunkt ste-
hen. Bisher habe ich beide Oberarme tätowiert, den ganzen Rücken, das Gesäß und beide
Oberschenkel. Es handelt sich um traditionelle japanische Tätowierungen mit einigen
Cover-Ups, also überstochene Tätowierungen. Mit 26 ging es dann richtig los: In einem
österreichischen Tätowierstudio ließ ich mich beraten und tätowieren. Nebenbei machte ich
die Abendmatura und arbeite erfolgreich in einem Beruf. Mit den Tattoos verarbeite ich
meine Erfahrungen und setze mich mit mir auseinander. Ich setze mich mit mir insofern
auseinander, als ich überlege, was ich falsch mache, aber ich mache alles so, wie ich will.
Ich habe mein Leben im Griff.
Mich zu tätowieren bedeutet für mich ein Selbstheilungsversuch, die Integration einer
Traumatisierung. Meine Mutter wurde ungewollt schwanger, ich war nicht gewollt, wurde
abgestoßen, der leibliche Vater war unerwünscht, ich darf ihn nicht kennen lernen, sonst
werden mir „Maßnahmen“ angedroht. Ich hatte mehrere Krisen in der Jugend; ich habe
erst spät erfahren, dass mein Stiefvater nicht mein realer Vater ist. Ich wurde nicht darüber
aufgeklärt.
Ich setzte mich mit meinem Tätowierer zusammen, er wollte meine Geschichte ken-
nen lernen- der Tätowierauftrag lautet, einen kompletten Bodysuit mit meiner Lebensge-
schichte anzufertigen. Dann skizzierte er, suchte Bücher heraus, schaute die ursprünglichen
Bedeutungen nach.
Motive sind zum Beispiel der Phönix für Auferstehung oder der Drache für Stärke und
Kraft. Fische bringen Glück, Kirschblüten stehen für vergängliche Schönheit. Ich habe
auch Chrysanthemen tätowiert für ein langes Leben und ein freies Herz. Lotus steht für
Erfolg, Reichtum und Wohlstand.
Ich habe eine Zombiegeisha tätowiert für ein getötetes Wesen, da ich das Gefühl habe,
ungewollt zu sein. Weiters eine Hannyamaske für die Angstbewältigung, dem Schutz vor
den eigenen Dämonen und Enttäuschung (von der Mutter) sowie einen Totenkopf, das
Ende von allem, da die Geschichte fertig ist (die Beendigung der Geschichte mit Stiefvater
und Mutter).
Weiters trage ich einen Foodog, einen japanischen Löwenhund, der Schutz vor neuem
Unglück bietet sowie die Gehörnte. Die ist dasselbe wie eine Geisha, nur ist ein Horn abge-
brochen.
Am rechter Arm gehen die Tätowierungen aufwärts (für Beginn), zum Beispiel der
schwimmende Fisch, ein Koi, der für Ausdauer und Kraft steht, das sind die positiven Sym-
bole, welche für das Gute im Leben stehen, dass ich das nicht übersehe; wo ich mir selber
herausgeholfen habe, wie eine Blume, die anfängt zu wachsen, und dann laufen die Täto-
wierungen ins Negative und enden links unten dann in abwärts verlaufender Richtung.
Es ist lediglich der linke Arm mit schlechten Erfahrungen verbunden, alles andere ist
der Ausgleich dafür, dass es abgehakt ist, es ist abgeschlossen.
9.2  Ausstellung: „gestochen scharf“ 113

Insgesamt kann ich sagen, dass meine schlechten Erfahrungen durch die Tätowierun-
gen verarbeitet wurden, auch durch den Schmerz beim Tätowieren und jetzt durch positive
ersetzt wurden, diese überwiegen auch. Ich habe eine Tochter, die gewollt war.
Am Ende des Gesprächs sagte Paula, sie fühle sich geheilt und glaube nicht, dass sie
derzeit eine Psychotherapie brauche.

9.2 Ausstellung: „gestochen scharf“

Eine Ausstellung, die den Titel: „gestochen scharf“ trägt, wurde von Stefanie
Dathe (2013) für das Museum Villa Roth in Burgfrieden-Rot zusammengestellt.
Im gleichnamigen Ausstellungskatalog können die verwendeten Zeitdokumente
über das Phänomen der Tätowierung nachgelesen werden. Unter anderem wurden
diverse Ausdrucksformen der Tätowierung in der Kunst, die zuvor wissenschaft-
lich recherchiert wurden, ausgestellt und gezeigt. Ich greife nun einige Aspekte
der Ausstellung heraus. Die Ausstellung wurde begleitet durch eine Führung von
Frau Dathe am 21. April 2013, bei der auch Fragen der Ausstellungsbesucher/
innen beantwortet wurden. Die Zahlen und Fakten können im Ausstellungskata-
log nachgelesen werden, die dokumentarischen Quellen sind jeweils in den Fließ-
text des Katalogs eingearbeitet, einzelne Hinweise gab Frau Dathe mündlich.
Zu sehen sind zum Beispiel Fotografien von Klaus Pichler von 2001, die den
Namen tragen: „Fürs Leben gezeichnet. Gefängnistätowierungen und ihre Trä-
ger“ (Dathe 2013, S. 58–63). Stefanie Dathe schreibt darüber, dass Klaus Pichler
beinahe sieben Jahre lang 150 ehemalige Häftlinge aufgespürt, befragt und täto-
wiert hat. Die Motive der „Häfenpeckerl“, so nennt der österreichische Volks-
mund die mit Nadel und Tusche gestochenen Knast-Tattoos, waren vor allem in
der Zeit zwischen den 1950er und 1980er Jahren sehr beliebt (Dathe 2013). Das
Tätowieren war in den Haftanstalten verboten und galt als strafbarer Tatbestand.
Es wurde mit eigenen Hilfsmitteln tätowiert, zum Beispiel mit Schuhcreme und
Ziegelstaub.
Aus der Sammlung Dr. Walther Schönfeld, der von 1888 bis 1977 lebte,
einem Arzt und Medizinhistoriker, stammt eine sehr umfangreiche Sammlung
mit Archivgut zum Thema Haut. Igor Eberhard (2013) gibt Hinweise im Aufsatz
des Ausstellungskatalogs „gestochen scharf“, der den Titel trägt: „Farbe beken-
nen. Die Sammlung Schönfeld“ (S. 64–65), indem er auf verschiedene Inhalte der
Sammlung eingeht. Dr. Walther Schönfeld gilt als einer der Gründer des medizi-
nischen Faches Dermatologie.
In der Ausstellung zu sehen waren aufgemalte Zuhälterzeichen mit Erläuterun-
gen auf Kartonagen. Die Sammlung Dr. Schönfeld stammt aus dem Institut für
114 9 Schlussperspektive

Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Heidelberg. Folgende milieu-
und szenespezifische Zuhälterzeichen wurden unter anderem in der Sammlung
gezeigt. Die folgende, händische Mitschrift dieser Zeichnungen mit Erläuterun-
gen wurde von mir während der Ausstellung getätigt (Häusle-Paulmichl 2013):

• Immertreu:
Diese Zuhälter gingen in Frack und Zylinder und hatten keine Tätowierung,
was verpönt war.
• 1 Punkt:
Das war ein Zuhälter, der schon einmal angeklagt wurde.
• 3 Punkte:
Eine andere Bedeutung war felsenfest; damit war der Strich in Berlin zwi-
schen Schöneberg bis zur Bahnhofsstraße gemeint.
• 3 Punkte zwischen den Fingern:
Hier wird einem Unterweltsverein der Tod gewünscht. Auch steht eine Bemer-
kung über Nutten auf der Kartonage, nämlich dass von der Friedrichstraße
bis zum Potsdamerplatz sogenannte Klassennutten nicht unter 5 Mark kosten
und dass wiederum Talernutten alles abliefern müssen und bequeme Kleidung
bekommen sollen.
• Fadenring am kleinen Finger:
Dies ist ein Hinweis darauf, dass es sich um ein Gefängnisabzeichen handelt.

Es wird deutlich, dass Szenecodes unter Zuhältern durch Tätowierungen wirksam


werden.
Provokante Kunst wird in einem eigenen Raum gezeigt. Zu sehen ist ein täto-
wiertes Schwein, dass sich – gut konserviert – im Spiegel betrachtet. Der Künst-
ler Wim Delvoyer nennt das tätowierte und ausgestopfte Schwein Donata, eine
Arbeit aus dem Jahre 2005 und sagt: „Ich habe auch an andere Tiere gedacht,
aber Schweine sind dem Menschen sehr ähnlich: Wir haben die gleiche Haut, wir
essen das Gleiche und wir haben die gleichen Organe. Tätowierte Schweine sehen
aus wie tätowierte Menschen“ (Dathe 2013, S. 87).
Santiago Sierra provoziert mit seinen Videos, die tätowierte Menschen zeigen,
welche aus einer Geldnot dem Tätowiert-Werden zustimmten. Dabei handelte es
sich sowohl um arbeitslose, junge Männer, die sich für jeweils 30 US$ im Jahre
1999 eine waagrechte, kontinuierliche Linie über den Rücken stechen ließen.
Dasselbe wurde an drogensüchtigen Prostituierten durchgeführt, welche für die
Tätowierung auf dem Rücken eine Dosis Heroin erhielten (Dathe 2013).
Hier stellt sich die Frage, ob diese Art der Kunst nicht sehr problematisch
ist, im ethischen wie auch im moralischen Sinn. Der Kantsche Kategorische
9.3  Körperbilder in der IT: Bodychart 115

I­ mperativ, nämlich so zu handeln, dass die Maxime der Handlung zu einem allge-
meinen Gesetz erklärt werden könnte, ist zweifellos nicht erfüllt. Die Handlung,
an bedürftigen Menschen Kunst auszuführen, obgleich diese Kunst provozieren
soll, ist meiner Meinung nach nicht gerechtfertigt, zeigt die Kunst hier lediglich
Provokation. Weder bietet diese Form der Kunst eine Hilfestellung noch fördert
sie die Kreativität oder gar Lebenskunst innerhalb der Person, an der tätowiert
wird. Dass der Künstler provozieren will, mag sein, doch durch diese Form der
Kunst verändert sich leider nichts in der Gesellschaft, außer dass aufgezeigt wird,
dass sich Menschen für Geld verkaufen. Das Ausnützen der Bedürftigkeit der zu
tätowierenden Personen jedoch macht die Handlung des Tätowierens selbst zu
einem Problem und gehört reflektiert sowie zurückgewiesen.
Ethisch nicht problematisch, feministisch offensiv sowie provokant ist da hin-
gegen die Kunst von Valie Export, die mit dieser künstlerischen Art erstmals 1970
in Erscheinung trat. Das Motiv des Strumpfhalters, das sie sich auf einer Bühne
auf den linken Oberschenkel tätowieren ließ, zeigt die Kompromisslosigkeit femi-
nistischer Position:
„Der eigene Körper, jenes Produkt sozialer Einschreibungen, wird schmerz-
haft und unauslöschlich mit einem Fetisch männlicher Sexualphantasien gekenn-
zeichnet, um damit die funktionalisierte Rolle der Frau als Lustobjekt und die
soziale Dominanz des Mannes zu reflektieren“ (Dathe 2013, S. 11–12). Der täto-
wierte Straps diene so als Brandmarkung sowie zwiespältiges Attribut selbstbe-
stimmter Weiblichkeit.
Die Ausstellung zeigt auch Tätowierungen von FLATZ.
Artur Zmijewski hat sich im Jahre 2004 auf sehr radikale Art und Weise mit
dem Schattenaspekt der Tätowierpraxis im Nationalsozialismus auseinanderge-
setzt. „Sein Film 80064 zeigt den damals 92-jährigen Auschwitz-Überlebenden
Josef Tarnawa, den der Künstler zum Nachstechen seiner verblassten Lagernum-
mer überreden konnte“ (Dathe 2013, S. 14). Die Nummer auf dem linken Unter-
arm soll so „den Wert eines schockierenden Mahnmals“ (S. 14) entfalten und
daran erinnern, dass Josef Tarnawa dort ohne Grund war: „I was put in Auschwitz
for no reason“ (S. 82).

9.3 Körperbilder in der IT: Bodychart

Durch das Drogenmilieu und die Forensik war Hilarion G. Petzold mit dem Tattoo-
Phänomen seit Ende der sechziger Jahre befasst, Bradbury (1977) wurde damals
schon rezipiert (2014a), auch im Hinblick der Methode des Body Charts. Der Body
Chart ist eine Methode, die in vertiefte psychotherapeutische Arbeit hinein reicht.
116 9 Schlussperspektive

In den Body Charts, den Körperbildern, zeichnen Patient/innen „ihren Leib


in seinen Umrissen“ auf und malen mit Finger- oder Wachsmalkreiden alles
hinein, was ihnen zu Bewusstsein fließt. Das können Formen, verschiedene Far-
ben oder Symbole sein (Petzold 2003, S. 876). Diese „Bilder, die Menschen im
Rahmen ihrer Therapie“ (S. 885) von sich selber malen, helfen dem Leib, archi-
vierte Informationen frei zu geben. Diese Technik der Body Charts wurde aus den
Beobachtungen von Patient/innen entwickelt, wie auch die Mehrzahl der anderen,
kreativen Therapietechniken, zum Beispiel das Lebenspanorama, das Ressour-
cenfeld oder das Selbstbildnis. Mit Bezug auf den Philosophen Gabriel Marcel
werden die Konzepte, dass der Leib jene Möglichkeit sei, eine Welt zu haben,
welche dann zur eigenen Geschichte werde, aufgegriffen. So kann das, was in
den Archiven des Leibes schlummert und „verschlossen wurde“, wahrnehmbar
und erfassbar werden, wie biografische Gegebenheiten, „aktuelle Lebensvoll-
züge und Zukunftsentwürfe“ (Petzold 2003, S. 888). In diesem Zusammenhang
zu erwähnen ist die kreativtherapeutische Arbeit, welche Atmosphären und Stim-
mungen eigenleiblichen Spürens zum Ausdruck bringt und wahrnehmbar macht.
„Sie rufen Erinnerungen des atmosphärischen Gedächtnissen“ wach, durch
welche Szenen erfassbar und verstanden werden. „Das, was der Körper aufge-
nommen hat, wirkt über die Lebensspanne“ durch „Verkörperung, Einleibung,
Leibwerdung“ (S. 889). Body Charts von Patient/innen können sehr gut mit
Musik bespielt werden. Neben anderen kreativtherapeutischen Methoden kann
jene der Musiktherapie neue Aspekte der Sinneswahrnehmung durch akustische
Eindrücke offenbaren. Blickt man in der Geschichte zurück, dann haben sich im
Verlauf des 19. Jahrhunderts verschiedene künstlerische Therapierichtungen zu
entwickeln begonnen. Neben der Musiktherapie waren das Maltherapie, Bewe-
gungs- und Tanztherapie, Poesie- und Dramatherapie (Orth und Petzold 1993),
die zuerst noch isoliert voneinander angewandt wurden. „Schaut man aber in die
Geschichte der Heilkunde, so sieht man, daß in den schamanischen Heilungsritu-
alen, aber auch in den Tempelkrankenhäusern der Antike alle Sinnes- und Aus-
drucksvermögen angesprochen wurden“ (1993, S. 108).
Die in der Integrativen Therapie eingesetzten, kreativen Techniken, die künst-
lerische Ausdrucksformen wirksam werden lassen, brauchen „gründliche Kennt-
nis der Möglichkeiten der einzelnen Medien, ihrer stimulierender Qualität, ihres
Aufforderungscharakters, ihrer positiven Wirkungen, aber auch ihrer Gefahren“
(1993, S. 109). Die Wahrnehmung, die über den Leib geschieht, kann im Sinne
des Ausdrückens und Gestaltens ein schöpferischer Prozess werden. Werden wir
uns unseres innewohnenden Potenzials bewusst, gelingt es im Rahmen der Mög-
lichkeiten auch in der Therapie, persönliche Gesundheit und Zufriedenheit zu
erlangen. Die intermedialen Quergänge, die ein Pendeln zwischen den ­jeweiligen
9.4 Körpermythen 117

kreativen Medien ermöglichen, bieten ein reichhaltiges Sinneserleben. Der täto-


wierte Leib kann als intermedialer Quergang Einbettung und Entsprechung fin-
den. Eingeschrieben in den menschlichen Körper eröffnen sich Tätowierungen als
künstlerische, kreative, intermediale und identitätsstiftende Phänomene postmo-
derner Zeit.

9.4 Körpermythen

Mythen stehen „im Risiko des Verlustes von Realitätsbezügen“ (Petzold et al.
2014, S. XII). Dort, wo die Vernunft entbehrt wird, und im schlimmsten Fall der
„Mythos als Weltdeutung des imaginären Denkens“ (2014, S. XIII) Annahmen
kreiert, können auch Manipulationen und Fehldeutungen sowie Machtmissbrauch
stattfinden. Der Begriff „Mythos“ oder „Mythen“ wird in der Integrativen Thera-
pie wie folgt verwendet. Es ist ein „Begriff für wissenschaftlich und rational nicht
weiter begründbare Werte, Erklärungs- und Handlungsmuster […] d. h. für nicht
rational explizierte und vernunftbegründete bzw. -legitimierte ideologische Positi-
onen, für dogmatische und kryptoreligiöse Konzepte …“ (2014, S. 24).
Letztlich geht es um Deutungsmacht, Interpretationskompetenz und Macht
über diejenigen, die von Mythen fasziniert sind. Im Rahmen dieser Auseinander-
setzung, was Tätowierungen einerseits für deren Träger/innen bedeuten, anderer-
seits auch wie sie interpretiert werden können, sei noch auf Psychotherapie als
Kulturkritik und Kulturarbeit in Form der „engagierten Praxis“ (2014, S. 55) hin-
gewiesen. Auch der Gedanke, als Therapeut/in „Mut zur Bescheidenheit“ (2014,
S. 60) zu haben und sich als Gesellschaftsarbeiter/in zu verstehen, könnte im
Sinne des Kulturengagements verstanden werden.
Wichtig erscheint mir, dass der Kontext der Integrativen Therapie hierbei im
Zusammenhang mitgedacht wird, da wir nie allein sind, „dem Monolog gehen
Dyade und Dialog voraus“ (Schuch 2008, S. 182); letztlich ein „Polylog“ (Petzold
2002), der alle und alles umhüllt und einseitige „Dialogzentriertheit“ überwindet
und in die Multirelationalität sozialer Netzwerke und Konvois führt, denn wir gehen
nicht allein auf der Lebensstrasse (Hass und Petzold 2011). Das wird besonders
auch durch den „Szene-Charakter“ vieler Tattoo-Milieus deutlich, die das Tätowie-
ren als einen „lifestyle“ kultivieren, zu „lifestyle communities“ mit einem gewissen
Zusammenhalt und eigenen Codices und Ritualisierungen wird (Petzold 2012).
Da sowohl unsere Wahrnehmung als auch unser Verhalten szenisch sind, bil-
det letztlich der Leib ein „Archiv aller Szenen“ (S. 182) oder mehr noch- „eine
Geschichte leiblich sedimentierter Szenen, in denen der Leib eine relative Kons-
tante bildet“ (S. 182).
118 9 Schlussperspektive

Besonders zutreffend zu diesen Ausführungen wäre eine großflächige oder


Ganzkörpertätowierung, die sukzessiv über die Zeit hinweg gestaltet wird und die
möglicherweise auf wichtige Themen oder Ereignisse, auch Mythen der Tattoo-
eigner/innen hinweist.
Der Mensch wird in der Verschränkung von Raum und Zeit gesehen, bei unse-
rem Thema verdeutlichen die Bilder auf dem Körper diesen Aspekt drastisch. Dass
es dabei zu sogenannten Inszenierungen kommt, die sich durch den Leib mani-
festieren, soll nun beleuchtet werden. Die Betrachtungen reflektieren einen mögli-
chen Anteil, der neben der Perspektive der Lebenskunst und kreativen Gestaltung
durch Tätowierungen auch Probleme und Schattenaspekte thematisieren soll.
Mathias Hirsch (2010) thematisiert das Phänomen der Tätowierung und des
Piercings unter dem Begriff: „Körperinszenierungen“. Im Gegensatz zu Körper-
dissoziationen bezeichnet dieser „die Grundlage eines pathologischen Gesche-
hens, in dem der Körper als materialisiertes Körper-Selbst zu bestimmten
Abwehrzwecken funktionalisiert wird“ (S. 103).
Hirsch erwähnt, dass der Körper zwar zum Selbst gehöre, aber oft wie ein
„äußeres Stück Natur“ (S. 11) behandelt werde. Die Verwendung des eigenen
Körpers als Objekt aber ebenso als Kunstobjekt sind psychoanalytische Überle-
gungen. Betrachten wir nun diese Inszenierungen durch Tätowierungen genauer.
Wenn die Szene alles das ist, was wir in Wahrnehmung und Handlung errei-
chen, dann könnte man sagen, dass es auch durch das Verhalten eines Menschen
szenische Inszenierungen durch Tätowierungen gibt. Es kommt vor, dass sich
Menschen einem Tier oder einer, in der Natur vorkommenden Pflanze, sehr ver-
wandt fühlen. Die Verwandlung durch Körpermodifikationen, in der Tätowie-
rungen auch ein wesentlicher Bestandteil sind, lassen erahnen, was dies für die
sich verwandelt Habenden bedeutet und welchem Tier sie ähneln wollen. Reale
Beispiele von kompletten Körpermodifizierungen können im Guinness-Buch der
Rekorde oder auch in einschlägigen Zeitschriften nachgelesen werden. Diese
Personen gleichen sich äußerlich an ein Tier oder eine Pflanze an. Dabei werden
Implantate eingesetzt, Ganzkörpertätowierungen vorgenommen, ja sogar Bart-
haare (die Schnurrbarthaare imitieren sollen) werden künstlich eingesetzt. Der
Mythos dieser Person könnte lauten: „ich bin bzw. ich werde dem Tiger ähnlich“.
Die zugrunde liegende Mythopathie, die Leidenschaftlichkeit bewegten Gefühls-
ausdrucks (Petzold et al. 2014) könnte sich in „Abersinn“, Kollektivierungen oder
„mythotropen Gemeinschaften“ zeigen. Entsprechend der Theorie der Mythenbil-
dung geht hier der Realitätssinn verloren und auch das Handeln der Menschen am
Körper (hier als krasse Form der Bodymodifikation) ist widersinnig.
Nicht selten sieht man Porträts verstorbener Familienangehöriger oder Haus-
tiere als Andenken als Tätowiervorlage, Vorbilder und Idole, – es gibt aber auch
9.4 Körpermythen 119

z. B. rechtsextreme Bilder, die zur Kollektivierung „bis zur Gleichschaltung“ des
Denkens führen, zum Beispiel Tätowierungen von Hakenkreuzen, die „mythotrop
aufblähenden fanatischen Zusammenhalt“ (Petzold et al. 2014, S. 447) suggerie-
ren.
Beim Tätowiert-Werden wird möglicherweise durch das Spüren von Schmerz
Lust empfunden. Die Nadeln dringen in die Hautschicht ein und erregen die
Nervenzellen durch Vibration. Wer gerne Schmerzerregung spürt und dabei pas-
siv bleibt (liegende Position beim Tätowiert-Werden), hat möglicherweise einen
masochistischen Anteil in sich. In dieser Situation könnte man sich ausgeliefert
fühlen oder auch in einer Art hingegeben.
Kai Bammann (2008) weist auf die Verbindung von Sexualität und Tätowie-
rungen hin:

Tätowierungen – das Stechen des Bildes und das fertige Bild auf der vormals nack-
ten Haut – weisen elementare Bezüge zur Sexualität auf. […] Der Tätowierungsvor-
gang stellt eine intime Handlung dar, an der zumeist nur zwei Menschen beteiligt
sind. Eine Nadel dringt in die Haut ein, ein vergleichbar sexueller Akt, noch dazu an
einer nicht dafür vorgesehenen Stelle (S. 267).

Der Tätowierer, die Tätowiererin hingegen könnte möglicherweise einen sadisti-


schen Anteil in sich verkörpern und Lust dabei empfinden, den anderen Schmer-
zen zuzufügen. Oft hört man: „Ein bisschen Schmerz gehört dazu, sonst ist es
keine richtige Tätowierung!“ Das Empfinden des Schmerzes ist der Preis für
die Tätowierung, nur dann „gehört man dazu“. Oft sind auch Tätowiersitzungen
öffentlich, dienen dem Voyeurismus der Zuseher/innen, vergleichbar mit dem
Pranger-Stehen oder öffentlicher Züchtigung, mit dem großen Unterschied, dass
alles freiwillig geschieht. Ein Körpermythos könnte also sein: „Ich werde stärker,
wenn ich Schmerzen aushalte“.
Tattoos können in der Deutungsmacht der Tattooträger/innen als Schutz,
Grenze oder Abgrenzung fungieren. Tätowierungen helfen in der Vorstellung
ihrer Träger/innen und stellen so einen protektiven Faktor dar, der möglicher-
weise auch ein Selbstheilungsversuch oder auch ein Mythos ist. Wenn die Stil-
richtung des Horrors tätowiert wird, muss man sich fragen, welche dunklen
Mächte des Terrors, der Destruktion wirksam sind oder eventuell im Außen
„abgewehrt“ werden wollen? Der Artikel, der das „Infernalische(s) Schreien in
der rechtsextremen Musikszene“ thematisiert, beschreibt, dass auch „Shirts und
Tattoos“ als opulente art work eingesetzt werden, welche „finstere MACHT“
(2014, S. 654) symbolisieren. Der Mythos hier wäre Träger/in von Macht zu sein,
wenn ich ein beeindruckendes Tattoo trage.
120 9 Schlussperspektive

Die Mythenbildungen können durchbrochen werden, wenn man sich wieder


auf das Miteinander in der humanen Gesellschaft besinnt, die auch von Rationali-
tät geprägt ist.

9.5 Resümee und Ausblick

Das Thema „Tätowierungen“ bildet ein Faszinosum, nicht zuletzt deswegen, weil
es Polaritäten zwischen starker Identifikation mit einzelnen Phänomenen der
Tätowiergenres und massiver Ablehnung bis hin zu Stigmatisierung schafft.
Die Grenze zwischen Lust und Schmerz, Kunst und Selbstzerstörung ist nicht
leicht zu eruieren. Sinn und Grenzen der Tätowierungen als auch „verwandter“
Phänomene (Piercing, Branding, Cutting, Implantat, Bodymodifikation) klar zu
umreißen mag hier helfen.
Ein Aspekt der in der Arbeit dargelegten Überlegungen war, dass Lebenskunst
die Gestaltung darstellt, die ein Subjekt auf sich selbst richtet, dabei bewusst ist
und kreativ eigene Möglichkeiten öffnet, experimentell ausmisst und schließlich
realisiert (Schuch 2007). Kommt hinzu, dass diese Lebenskunst der Gesundheits-
förderung, Kulturarbeit oder Persönlichkeitsentwicklung dient, also getragen
ist von Würde, Achtsamkeit oder Liebe (auch Selbstliebe), dann kann wohl von
Ressourcenstärkung und kreativer Erlebnisentdeckung im Sinne eines persön-
lichkeitsfördernden Konzeptes ausgegangen werden, das dem Menschen in seiner
Gesamtkonstellation zuträglich ist und neue Handlungsspielräume schafft. Pet-
zold beschreibt den dritten Weg der „Heilung und Förderung“ als „ressourceno-
rientierte Erlebnisaktivierung“ (2003, S. 78), darin enthalten ist ein „lebendiger
Prozeß der selbstbestimmten Gestaltung der eigenen Biographie in ständigen
Überschreitungen“ (S. 78).
Lebenskunst bezeichnet nach Wilhelm Schmid (1998, S. 72) eine fort-
währende Arbeit der Gestaltung des Lebens und des Selbst. Anhand mehrerer
Interviews mit Künstler/innen versuchte ich zu zeigen, dass die bewusste Aus-
einandersetzung mit dem Leibphänomen der Tätowierung als Lebenskunst zu
verstehen ist, die dazu beiträgt, im Rahmen eigener Biografien selbst bestimmte
Lebenskunstwerke zu schaffen, die von kreativen Potenzialen zeugen.
Prozesse, die sich mit der Konstruktion von Identität beschäftigen, werden
heikel, da sich veränderte Bedingungen in der globalisierten und postmodernen
Gesellschaft wiederfinden. Spätmodernen Lebenswelten, die auch durch neue
Medien und virtuelle Welten entstehen, schaffen transversale Identität (Petzold
2012b). Tätowierte Haut, die von anderen gesehen und wahrgenommen wird,
stellt Kommunikation her. Durch gravierende Veränderungen der spätmodernen
9.5  Resümee und Ausblick 121

Lebenswelten werden bestehende Identitätssicherheiten erschüttert und Neuori-


entierungen nötig. Hilarion Petzold (2012) spricht von Transversalität der Zeit-
geschichte. Über den Zeitraum der Lebensspanne hinweg sind die Blicke der
anderen für eine Interiorisierung, ein positives Selbsterkennen sowie eine kohä-
rente Identität wichtig. Die Tätowierung spielt im Rahmen der Lebenskunst und
Ästhetik der eigenen Existenz als kreativer Ausdruck und schöpferisches Mittel
eine Rolle. Kunstwerke sind – nach Theodor Wiesengrund Adorno – vom Identi-
tätszwang befreite Sichselbstgleichheit (1998a). Anzumerken ist allerdings, dass
es Schattenseiten gibt, die mit dem Phänomen der Tätowierung einhergehen. So
folgen viele Tätowiertrends dem marktwirtschaftlichen Interesse, es kommt zu
einer Verkennung des Selbst.
Moderne und gesellschaftlich aktuelle Normen werden zu Maßstäben für
Kunst und so zu Vorgabe für Tätowierungen in Form von Massenproduktionen.
Diese mehrheitlichen Trends in der Marktwirtschaft, die konsumtive Besitzver-
hältnisse widerspiegeln, sind nach Adorno bloße „wirtschaftliche Charaktermas-
ken“ (1998b, S. 238). Das eigene Selbst wird nach dem Marktwert beurteilt und
ist nichts anderes, als ein Abziehbild der kapitalistischen Wirtschaft.
Es wurde hinterfragt, was Norm bedeutet und wo die Gefahren mehrheitlich
als „richtig“ anerkannter, nachahmenswerter gesellschaftlicher Vorgaben liegen.
Die sich konstituierende Mehrheit war beispielsweise im Dritten Reich auf Abwe-
gen, was sich durch KZ-Tätowierungen zeigte. Normen sind weder richtig noch
falsch, sondern mehrheitlich. Wem es gelingt, der Normalisierungseinpflegung
(Schuch 2012) entgegen zu wirken und sich zum Beispiel statt eines anerkannten
Massenphänomens ein schöpferisches Kunstwerk zu tätowieren, kann von sich
behaupten, in einem kreativen, selbstbestimmten Akt Lebenskunst verwirklicht
zu haben. Der Nebeneffekt, sich Vorurteilen oder Kritik auszusetzen, unangepasst
oder unbequem zu sein, spielt dann keine größere Rolle mehr.
Der Lebenssinn wird nach Michel Foucault (2007) evident durch das künst-
lerische Schaffen – wenn auf das Thema der Tätowierungen und des Tätowiert-
Seins reflektiert wird, so ist einerseits die Tätigkeit des Tätowierens als auch das
Tätowiert-Sein Kunst, sodass es im Foucaultschen Sinne zu Lebenskunst wird.
Exklusions- und Inklusionsprozesse weisen auf die Stellung der Tattooeig-
ner/innen innerhalb sozialer Gemeinschaften hin. Während bei der Inklusion die
Zugehörigkeit zu einer Gruppe bezeichnet wird, sind es bei Exklusionen klare
gesellschaftliche Ausschlüsse, Disziplinierungen oder Strafen. Themenspezifische
Exklusionen können sein: Brandmarken oder Tätowieren eines Delikts; KZ-Täto-
wierungen zur Kennzeichnung der Gefangenen. Inklusionsprozesse, die durch
Tätowierungen entstehen, können ebenfalls im Gefängnis stattfinden: als Zei-
chen der Gefangenen untereinander und Symbol der Zughörigkeit zur Gruppe der
122 9 Schlussperspektive

Inhaftierten oder bei Seefahrern, ebenso bei Jugendgruppierungen oder diverser


Szenen, wie zum Beispiel die Rockabilly- oder die Gothic-Szene.
Interessant erscheint mir die Frage, wie sich Körpermodifikationen und das
Phänomen der Tätowierung wohl weiter entwickeln werden, wo mögliche Gefah-
ren liegen und inwieweit der Psychotherapiekontext diesen Themen adäquat
begegnen kann. Werden Tätowierungen als Kunst auf menschlicher Haut verstan-
den, so ergeben sich Korrelationen zum menschlichen Leben, die sich letztlich
unter mehreren Perspektiven betrachten lassen: Eine davon kann die therapeu-
tische sein, da diese unsere Psyche zu erfassen sucht und sie in einen größeren
Lebens- und Bedeutungszusammenhang einordnet (Lebenskunst). Durch die
Integrative Therapie gelingt es diese Phänomene nicht bloß vereinzelt festzustel-
len, sondern sie in Zusammenhängen zu begreifen und „fassbar“ zu machen. Die
Dimension menschlichen Daseins wird auch durch Kunst evident, welche wie-
derum den Betrachter/die Betrachterin auffordert, sich kommunikativ an deren
Deutung und Auslegung zu beteiligen – es entstehen Interaktionsprozesse zwi-
schenmenschlicher Art, die es ermöglichen, dass sich die Subjekte aufeinander
beziehen. Spätestens dann hatte Kunst einen Sinn.
Wenn wir darüber hinaus neben dem ästhetischen Empfinden, den Eindrücken,
die tätowierte Menschen in uns hinterlassen, kritisch bleiben und Grenzen erkennen
zwischen den Feinheiten der Kunstwerke und etwa problematischen Auswirkungen
übersteigerter Selbstdarstellung und/oder Suchtverhaltens, kann die Tätowierung
ein Leibphänomen sein, das anthropologisch von vielfachem Interesse ist.
Psychotherapie ermöglicht Selbsterfahrungsprozesse, die mehr auf-, denn
zudecken. So könnte der positive Effekt einer Selbsterfahrung sein, sich besser
kennen zu lernen und dann mehr Freiheit in der Entscheidung zu haben, was mit
dem eigenen Leib geschieht. Psychotherapie kann Leiden lindern, so ist es mög-
lich, diesem Leiden nachzuspüren, es zu hinterfragen und zu verstehen. Da, wie
an Beispielen erläutert, Tätowierungen auch Selbstheilungsversuche sind, kann
Psychotherapie helfen, den Ursachen hierfür auf den Grund zu gehen und im Ver-
lauf der Lebensspanne können alternierende Bewältigungsstrategien ausgearbeitet
werden.
Beim Wunsch nach massiver Körperveränderung, wie es Bodymodifikationen
neben schönheitschirurgischen Maßnahmen oder Geschlechterwechselwunsch
darstellen, ist es ratsam, diesen Wunsch kritisch zu hinterfragen und sich der Kon-
sequenzen bewusst zu sein, die vielfach nicht mehr rückgängig gemacht werden
können. Lassen sich Tätowierungen noch weglasern, so sind andere Phänomene
hier nicht mehr rückgängig zu machen.
In jedem Fall soll aus psychotherapeutischer Sicht durchaus die Empfehlung
ausgesprochen werden, sich sorgfältig und kritisch zu überlegen, ob Veränderun-
Literatur 123

gen am Körper stattfinden und wenn ja, welche. Dabei können die vier Wege der
Heilung der Integrativen Therapie hilfreich und förderlich sein, besonders aber
erscheint mir der lebendige Prozess der selbstbestimmten Gestaltung eigener Bio-
grafien in ständigen Überschreitungen interessant.
Waren in früheren Kontexten so genannte tätowierte Schausteller Attraktionen
in Schaubuden und im Zirkus, sind es heute die Modern Primitive Freakshows.
Ein Artikel von Igor Eberhard (2012) mit dem Titel „Die Königin der Tätowierten
und andere Tätowierte Damen. Tätowierte Schausteller in Schaubude und Zirkus“
(S. 121–124) weist auf tätowierte Schausteller hin, die sich und ihre Tätowierun-
gen gegen Entgelt vorführten. Wenn heute von Modern Primitives die Rede ist, ist
der Zusammenhang zum britischen Punk-Fotografen Chris Wroblewski gemeint.
Dieser zeigte 1988 in seinem Bildband Fakire, Tätowierte und Gepiercte und
nannte sie Modern Primitives, moderne Wilde.
Die Sicherheitsnadel der Punks löste später das Piercing ab. Der Titel des
Buchs wurde zu einem Synonym für die Body Art-Szene, die mit ihrer Ästhetik
der Verweigerung Körper und Haut kultivierte (Feige und Krause 2004). Letztlich
lebt aber das Erbe außereuropäischer, prämodernen Kulturen durch diese Phäno-
mene weiter und stillt möglicherweise eine archaische Sehnsucht nach Rückver-
bindung mit alten Kulturen. Andererseits ist zu befürchten, dass unsere derzeitige
Gesellschaft mit all ihren Erscheinungen marktwirtschaftlichen Vermarktungs-
strategien unterworfen ist und daher Menschen sich immer extremer modifizie-
ren werden, da sie sich diesen unkritisch unterwerfen; oder auch – und das wäre
meine Hoffnung, mit weiser Hingabe an die eigene, kreative Lebensgestaltung
sich radikal davon befreien.

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Literatur 125

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Zeitschrift für Vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration, 34(3), 179–197.
Schuch, H. W. (2012). Auflösungserscheinungen und Normalisierungseinpflegungen –
Reden über den Sex. Integrative Therapie. Zeitschrift für Vergleichende Psychotherapie
und Methodenintegration, 38(2), 103–167.
Epilog

Es war fast Mitternacht. Der Mond stand hoch am Himmel. Der illustrierte Mann
lag regungslos. Ich hatte gesehen, was zu sehen war. Die Geschichten waren erzählt;
sie waren vorbei und verweht. Nur die leere Stelle auf dem Rücken des illustrierten
Mannes, jenes wirre Durcheinander von Farben und Formen, hatte sich mir noch
nicht offenbart. Jetzt, während ich hinschaute, begannen die verschwommenen Stri-
che sich zu ordnen, sich aufzulösen, zu verschmelzen, neue Formen anzunehmen…
(Bradbury 1977, S. 317).

Abb. A.1 zeigt einen tätowierten Baum, der einerseits mit den Kontrasten von
Licht und Schatten spielt und als Synonym für die Vergänglichkeit des Lebens
gesehen werden kann, andererseits aber tief verwurzelt ist. Er stellt auch die letzte
der Abbildungen dar.

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G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2
128 Epilog

Abb. A.1   Baum. (Hoop,


F. 2008. Fotografiert und
bearbeitet: Lackinger,
C. 2016)
Glossar

Amputation  krasse Form der Bodymodifikation; meist freiwilliges Abtren-


nen eines gesunden Fingergliedes oder Zehs; die Person fühlt sich ansons-
ten nicht gesund; häufig leiden die Personen unter der Body Integrity
Identity Disorder; bei den Yakuzas: eine Form der Kompensation eines
Gesichtsverlustes bei Fehlverhalten gegenüber einem Yakuza-Oberen; Fin-
ger werden abgehakt.
Au  Tatauierkamm aus Tahiti, der aus Knochen, Stoßzähnen und einem
Schildkrötenpanzer besteht.
Body-Modifikation, BodMod Körperveränderung; darunter kann eine
(meist) freiwillige, aber auf den Körper verletzend einwirkende Verände-
rung verstanden werden, die mit Schmerz verbunden ist. Überbegriff für
alle Einwirkungen, die am Körper vorgenommen werden, die eine Verän-
derung am Aussehen oder der körperlichen Unversehrtheit (Integrität) dar-
stellen.
Bodysuit  Ganzkörpertätowierung.
Branding  Einbrennen einer Markierung.
Cutting  künstliches Erzeugen von Narben durch Schneiden.
Ear pointing  Elfenohren; gespitzte Ohren; ein Teil des Ohres wird heraus
geschnitten (Keil).
Einschreiben  in die Haut schreiben (tätowieren).

© Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH 2018 129


G. Häusle-Paulmichl, Der tätowierte Leib, Integrative
Modelle in Psychotherapie, Supervision und Beratung,
DOI 10.1007/978-3-658-17989-2
130 Glossar

Fleischtunnels  die Dehnung von Piercings in Weichteilen sowie die Vergrö-


ßerung der gepiercten Öffnung.
Implantat  Einpflanzung eines Metallgegenstandes, einer Eisenkugel oder
eines Teflonrings unter die Haut; etwa 14 Tage nach dem Eingriff zeichnet
sich die Form des eingesetzten Schmucks ab.
Modern Primitive Freakshows  diese Form der modernen Wilden, Irren
(Ausgeflippten) löst die Schaustellertätigkeit in früheren Zirkussen ab,
bei der z. B. tätowierte Frauen und andere „Attraktionen“ (Kleinwüch-
sige) gegen Entgelt „besichtigt“ werden konnten. Heute bieten Sus-
pensions oder Akrobatikshows und auch tätowierte „Raritäten“ neben
anderen Bühnenshows den Anreiz zum Besuch zum Beispiel einer Täto-
wiermesse.
Packing  frühe Übergangsform zwischen Cutting und Implantat; tiefe,
schräge Schnitte werden gesetzt, um die Bildung von Hauttaschen zu
ermöglichen.
Piercing  gezieltes Durchstechen der Haut, um temporär oder dauerhaft
Schmuck anzubringen; Ohren, Nasenflügel oder Lippen sind geeignete
Körperteile; eine andere Form ist das Intimpiercing im Geschlechtsbe-
reich.
Pin-up  ursprüngliche Bezeichnung für eine Tätowierung, die ein barbusiges,
schmollmundiges Blondinchen zeigt.
Pulvertätowierung  durch explodierende Feuerwerkskörper entstehend.
Schmucktätowierung  kosmetische Gründe; dient der Zierde oder Verschö-
nerung der Tätowierung nach einem Unfall.
Schmutztätowierung  Schmutzpartikel verbleiben nach Verletzungen in der
Haut.
Skarifikation  das künstliche Erzeugen von Narben durch Einbrennen einer
Markierung (Branding) oder Schneiden (Cutting).
Suspension  Form der Körpermodifikation, bei der der Körper mittels Haken
in die Höhe gezogen wird, bis er „schwebt“, Verletzungen an der Haut
sind die Folge.
Tatauierung  das Einstechen oder Einritzen von Ornamenten in menschliche
Haut.
Glossar 131

Tätowierung  umgangssprachlich für Tatauierung; sinnlich belebter Leib, in


welchem und auf dem Ornamente und Verzierungen angebracht sind, die
entweder eingestochen oder eingeritzt werden.
Tattoo  ein nur begrenzt haltbares Abziehbild auf der Haut, oft auch durch
kosmetische Farben auf die Haut aufgebrachter Körperschmuck in Form
kleiner Bildchen und Zeichnungen; Synonym für Tätowierung.