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EINFÜHRUNG

Das Ziel dieser Arbeit ist es, oberflächlich die Prozesse und Strömungen zu analysieren,
welche die Gründung von al-Qa'ida zur Folge hatten. Diese Hintergründe bestimmen auch
in der ersten Zeit die Operationen al-Qa’idas rechtfertigten, d.h. im Zeitraum von der
Entstehung der Organisation in den 1980er Jahren bis zu den Attentaten am 11. September
2001.

Das erste Hindernis ist, festzulegen, was „al-Qa'ida“ eigentlich ist, denn einerseits hat sich
das Phänomen „al-Qa’ida“ von seinen Anfängen bis in die Gegenwart stets gewandelt: Es
begann als campus alumni arabischer Kämpfer, die am Krieg gegen die sowjetische Armee
in Afghanistan teilgenommen hatten, und wurde im Laufe der Zeit zu einer geheimen
Organisation, bis es schließlich seine aktuelle Form als taktisch-ideologisches System
annahm – das Franchising al-Qa‘idas. Andererseits ist es wegen seiner dezentralisierten
Struktur kompliziert, die in dieses Phänomen verwickelten Akteure klar zu bestimmen.

Deswegen wird al-Qa'ida zunächst als „Organisation“ definiert, d. h. eine -bewaffnete-


Gruppe mit einer einzigen Führungsspitze für die allgemeine Politik und einem relativ hohen
Grad Bürokratisierung, denn eine solche zu schaffen war die urspüngliche Absicht ihrer
Gründer und beschreibt die Struktur, die al-Qa'ida während der 1990er Jahre hatte, am
besten. Für die Analyse werden die folgenden Autoren untersucht: Ayman al-Zawahiri, 'Abd
Allah 'Azzam und Mustafa Sitt Maryam Nassar, auch unter dem Pseudonym ‚Abu Mus'ab
al-Suri’ bekannt. Die Auswahl dieser Autoren basiert auf ihrer Zugehörigkeit zur ersten
majlis al-shura [deutsch: beratende Versammlung] und auch auf ihre Bedeutung als
Verfasser von Werken über den jihad [deutsch: -Kriegs- Mühe für die Verteidigung und
Ausbreitung des Islams].

Die Methodologie dieser Arbeit besteht aus der Analyse von Texten dieser Autoren und ihrer
Beziehung auf den historischen Kontext, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf ihren Wert
als Legitimationsmittel und auf die Selbstwahrnehmung der Organisation und ihre
Wahrnehmung aus islamischer Sicht gelegt wird. Aus praktischen Gründen und zur
Beibehaltung eines einheitlichen Textbildes sind alle Zitate auf Englisch, wie sie auch in den

1
benutzten Quellen erschienen sind.

Um al-Qaida zu verstehen, muss man sich darüber im Klaren sein, dass al-Qaida nicht als
eine Terror-Organisation gegründet wurde, genau wie es Thomas Hegghammer erklärt: "Al-
Qaida had been founded in Peshawar in August 1988 by a group of prominent Arab fighters
who wanted a military organisation that could outlive the war in Afghanistan." 1 Diese
Feststellung ist nicht überraschend, wenn man die folgenden Tatsachen betrachtet: Erstens
war, obwohl mehrere Mitglieder ihrer ursprünglichen beratenden Versammlung
unterschiedliche dschihadistische Erfahrungen hatten, wie Abu Mus'ab al-Suri mit der
Muslimibruderschaft Syriens oder 'Azzam in Palästina, die einzige Unternehmung, an der
alle teilgenommen haben und die alle miteinander verband, der Afghanische Krieg, der
außerdem die einzige Unternehmung gewesen ist, bei der sie erfolgreich waren. 2

Zweitens hat sich al-Qa'ida in ihren Anfangsjahren Mühe gegeben, sich an militärischen oder
paramilitärischen 3 Operationen zu beteiligen, oder aber an Operationen, bei denen die
Fähigkeiten ihrer Mitglieder in diesen Bereich geschult wurden: So ist Al-Qa'ida
beispielsweise nach dem Rückzug der sowjetischen Armee in Afghanistan geblieben, um
gegen die kommunistische Regierung Najibullahs zu kämpfen und hat der sauditischen
Monarchie ihre Mudschahidin als eine Alternative zu den Armeen von den USA geführten

1
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S100
2
- Lia, Brynjar, Architect of Global Jihad, HURST Publishers, London, 2007, S35-51
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard
University Press, 2008, London, S85-87
- HARMONY PROJECT, "Cracks in the Foundation: Leadership Schisms in al-Qa’ida from 1989-2006",
Combating Terrorism Center at West Point, West Point, 2007, S9
3
- Die Grenze zwischen Terror- und militärischen Operationen ist unklar, denn Anschläge waren eine
übliche Taktik dieser Gruppen und viele dieser Operationen wurden ausgeführt, um die Regierung des
eigenen Landes zu destabilisieren. Normalerweise war die Einmischung von al- Qa'ida die Folge einer Lage,
in der ein Teil der Umma durch äußere Streitkräfte (was meistens im engeren Sinne „nicht-islamische
Streitkräfte“ bedeutete) besetzt wurde: So haben die Mudschahidin Tadschikistans wegen der großen Zahl
von sowjetischen Truppen im Land Unterstützung bekommen, wogegen die Organisation beispielsweise im
Bügerkrieg in Algerien nicht tätig wurde, da dieser als ein rein innerer Konflikt betrachtet wurde (vid.
Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010; Lia, Brynjar,
Architect of Global Jihad, HURST Publishers, London, 2007). Aus strategischer Sicht lassen sich die
Terroranschläge einerseits mit der Verbindung zwischen dem Angriff und der medialen Berichterstattung,
sodass jeder terroristische Angriff auch als ein Mittel angesehen werden muss, um ein Publikum zu
beeinflussen, und andererseits mit der Tatsache, dass sie sich nicht auf militärische Zielen, wie Stützpunkten,
Trainingslagern, oder Rüstungsbetrieben beschränken, erklären. In dem Sinne sind die hier beschriebenen
Operationen in größerem Ausmaß (para)militärisch.

2
Koalition im Golfkrieg angeboten. 4

Etwas später, im Jahr 1992, sandte sie neun Eliteausbilder nach Bosnien. Währenddessen
hat sie Dschihadisten der Islamischen Bewegung Uzbekistans in Afghanistan aufgenommen
und ihr Offizier Abu al-Walid al-Masri führte das Projekt Furquan aus, bei dem al-Qa'ida
die Nahda-Partei in Tadschikistan während des dortigen Bürgerkriegs mit
Ausbildungsmöglichkeiten unterstützte. Im Jahr 1993 wurde eine kleine Einheit zum Horn
von Afrika geschickt, um neue Stützpunkte zu etablieren. Diese kleine Einsatzgruppe hat
später zunächst die amerikanischen Truppen in Somalia und danach äthiopische Einheiten
in Ogaden bekämpft. 5 Auf der anderen Seite wurde der Vorschlag, als
Vergeltungsmaßnahme für die Verhaftung des Schaichs 'Omar 'Abd al-Rahman die
amerikanische Botschaft in Saudi Arabien anzugreifen, von der Führungsspitze der
Organisation abgelehnt. 6

Die Bedeutung der militärischen Aktionen war so groß für den Verwaltungstab al-Qaidas,
dass Osama Bin Laden anfing, die königliche Familie Al-Sa'ud in der Öffentlichkeit zu
kritisieren, nachdem sie auf seine Unterstützung für die Verteidigung Saudi-Arabiens gegen

4
- HARMONY PROJECT, "Cracks in the Foundation: Leadership Schisms in al-Qa’ida from 1989-2006",
Combating Terrorism Center at West Point, West Point, 2007, S3-12
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S100
5
- Ibid., S48-58
- HARMONY PROJECT, "Al-Qaida's (Mis)Adventures in the Horn of Africa", Combating Terrorism
Center at West Point , West Point, S4-6
- Diese Liste ist auf keinem Fall als allumfassend anzusehen, denn es ist sehr kompliziert, zu unterscheiden,
in welchem Maße die Organisation in die jeweiligen Aktionen verwickelt war und deswegen werden hier nur
die aufgeführt, bei denen ihre Einmischung offensichtlich ist. Zum Beispiel, Schaych Abu Suhayl,
ehemaliger Leiter der Bewegung Eritreischer Dschihad, wird in in Afghanistan entdeckten Dokumenten von
al-Qa'ida erwähnt (vid. HARMONY PROJECT, "Al-Qaida's (Mis)Adventures in the Horn of Africa",
Combating Terrorism Center at West Point, West Point) und es ist bekannt, dass der ehemalige Leiter al-
Qai'idas auf der arabischen Halbinsel, 'Abd al-'Aziz Muqrin an den inneren Kämpfen des Landes
teilgenommen hat (vid. Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press,
Cambridge, 2010). Trotzdem kann eine wirkliche Verbindung zwischen diesen Organisationen nicht bestätigt
werden.
6
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S113
- Im Gegensatz dazu führte die ägyptische Gruppe Islamischer Dschihad einen konventionellen
Terrorfeldzug aus, indem sie im Jahr 1993 erfolglose Anschläge gegen die ägyptischen Minister Hassan al-
Alfi und Atef Sidiq und im Jahr 1995 gegen Präsident Mubarak verübt hat. Diese von Ayman al-Zawahiri
geführte Organisation wird nach der Vereinigung von beiden Gruppen im Jahr 2000 im Anschluss an eine
jahrelange de facto Zusammenarbeit zu einer für die Gesamtausrichtung al-Qa'idas sehr einflussreichen
Partei innerhalb der Organisation (vid. Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia,Cambridge University
Press, Cambridge, 2010). Allerdings blieben die Vorhaben dieser Organisationen bis zu diesem Punkt
getrennt und deswegen wurden die Tätigkeiten des Islamischen Dschihads hier nicht umfassend dargestellt.

3
den irakischen Angriff verzichtete und sich in den Augen al-Qaidas schändlich verhielt,
indem sie den Schutz der Amerikaner annahm. 7

Dennoch entwickelte sich die Entstehung al-Qaidas und die Fundierung ihrer wichtigsten
ideologischen Konzepte innerhalb einer breiteren, allgemeineren Bewegung, an dem auch
andere Organisationen beteiligt waren: dem Dschihadismus.

7
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard
University Press, London, 2008, S21
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S105-
106

4
DIE ENSTEHUNG DES MODERNEN DSCHIHADS

Obwohl der Dschihad ein im Koran vorhandenes und sehr stark in der Ideologie der 'umma
[deutsch: Gemeinde der Gläubigen] verwurzeltes Gebot ist, ist er in seiner aktuellen
Ausprägungsform erst nach der Gründung des israelitischen Staates und der Vertreibung
tausender Palästinenser entstanden. In gewisser Hinsicht lässt sich die Situation in Palästina
mit der in Afghanistan vergleichen, weil es sich in beiden Fällen um eine traditionell vom
Islam dominierte Region handelt, deren Bewohner von einem nicht-muslimischen und durch
ausländische Mächte unterstützten Feind vertrieben wurden.

Teilweise beruht die theologische Bedeutung Palästinas für den Dschihad auf einer vom
Großmufti Mekkas im Dezember 1968 veröffentlichten Fatwa, die den Einsatz der zaka
[deutsch: im Koran vorgeschriebenes Almosen] für den vom Staat überwachten Erwerb von
Waffen für die palästinensischen Kämpfer gegen Israel genehmigte. Auf diese Weise wurde
die Teilnahme am Dschihad als eine Tat der Nächstenliebe dargelegt, welche einen Teil der
fünf Säulen des Islams darstellt. 8

Diese Fatwa hat einen modernen Charakter, denn sie verschiebt den Begriff des Dschihads
vom Bereich der Gemeinde in den der internationalen Beziehungen eines Staates. Dennoch
mangelte es ihr an der notwendigen Tragweite, um den Dschihad in eine internationale
Bewegung zu verwandeln.

Die Entstehung einer auf den Dschihad ausgerichteten Rhetorik ist erst später, im Jahr 1954
aufgekommen. Grund für diese Entwicklung war die Verhaftung des damaligen Mitglieds
der Muslimbruderschaft Sayyid Qutb. Diese Erfahrung hatte ihn radikalisiert und brachte
ihn dazu, im Gefängnis Im Schatten des Korans [arab: fi zilal al-qur'an] zu verfassen, einen
Kommentar des heiligen Buches, und Die Wegweiser [arab: al-ma'alim fi al-tariq], in dem
er seine politischen Ideen erläutert. Der in diesem letzten Werk vorgestellten Ansicht nach
ist die gesamte Welt, sogar die nominellen-islamischen Gesellschaften, in einen Zustand
der Unwissenheit oder jahiliyya zurückgefallen, einen Zustand also, der dem vor der
Ankunft des Propheten Mahoma entspricht. Im Gegensatz dazu strebt Qutb nach der

8
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S20

5
Wiederherstellung der hakimiyya, oder göttlichen Souveranität. Diese soll durch den Sturz
der von ihm als solche ausgemachten Tyranneien und die Gründung von auf der shari'a
[deutsch: islamisches Gesetz] 9 basierenden Regierungsformen entstehen. 10

Die Folter, an der er im Gefängnis litt, und seine Hinrichtung 1966 haben aus ihm einen
Märtyrer gemacht und haben dazu beigetragen, seine Ideen und Werke in islamistischen
Kreisen zu verbreiten. Hierdurch sind mehrere Gruppen entstanden, die eine neue politische
Konzeption des Dschihads propagierten und ihn als eine Art der bewaffneten Revolution
und als einen grundlegenden Bestandteil des einzig rechtmäßigen Wegs, ein islamisches
Rechtssystem zu etablieren, ansahen. 11

Unter diesen Gruppen befand sich die Zelle „ Islamischer Dschihad“ gegründet 1980, deren
Anführer, 'Abd al-Salam Farj, die Die vernachlässigte Verpflichtung [arab.: al-farida al-
gha'iba] verfasste, in der der Dschihad als sechster Meilenstein des Islams und als
„individuelle Pflicht“ [arab.: fard 'ayn] 12 dargestellt werden. 13

Die Wichtigkeit dieser Autoren in Bezug auf al-Qa'ida ist doppelt: Erstens haben sie dem
Dschihad einen politischen Umfang verliehen und sind seine Vorreiter gewesen, wobei sie
den Dschihad als eine Pflicht für alle Muslime darlegten. Damit haben sie erreicht, dass der
Dschihad aufhörte, ein passives Phänomen als Gegenmaßnahme auf einen externen Angriffs
zu sein, und sich stattdessen zu einer aktiven Bewegung für die interne Reform wandelte.
Zweitens sind beide mit Ayman al-Zawahiri verbunden, denn dieser hatte, inspiriert von dem
Werk und Tod des Qutbs, im Jahr 1966 seine erste kämpferische Zelle gegründet und hat
sich schon bei dessen Gründung dem Dschihad Farjs angeschlossen. Der Einfluss, den sie
auf al-Zwahiri hatten, ist offensichtlich, denn in seinen Werke entwickelt und zitiert er ihre

9
- Die shari’a ist das religiöse Gesetz, nach dem alle Muslimen sein Leben führen müssen. Dieses Gesetz
umfasst alle Aspekten des privaten und öffentlichen Lebens der Gläubigen so wie der Gemeinde und basiert
sich auf den Koran, die ahdath [sing: hadith, deutsch: Erzählung, Bericht. Im islamischen Kontext bezieht sich
dieser Begriff auf die Überlieferungen über Aussprüche und Behandlungen Mahomas, die der Koran nicht
beinhält] und den Konsens der Gelehrten der Religion und wird durch die Aufwendung der Analogie
entwickelt.
10
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University
Press, London, 2008, S149-150
11
- Ibid., S150
12
- Als individuelle Pflichte gelten die islamischen Gesetzen, die von allen Muslimen erfüllt werden
müssen.
13
- Ibid., S151

6
Prinzipien und bewirkte damit in der zweiten Hälfte der 90er Jahren einen
Perspektivenwechsel in der Selbstwahrnehmung al-Qa'idas. 14

Zwischen 1991 und 1992 sammelt und erläutert al-Zhawiri die Ideen Qutbs und Farjs in den
Schlussfolgerungen des Textes Die bittere Ernte [arab: al-hisad al-murr], und benutzt einige
dieser Ideen, um Kritik an der Entwicklung der Muslimbruderschaft auszuüben. Al-Zawhiri
vergleicht die Demokratie mit einer Form der abgöttischen Verehrung, als er den Koran
zitiert: "The command is for non but God."15 Ausserdem: "Nor does He share his command
with any person whatsoever." 16 Für den Autor bedeutet dies, dass die einzigen Quellen der
Gesetzgebung göttlichen Ursprungs sein müssen, al-Zawahiri hingegen kehrt diese
Argumentation um und folgert, dass, wenn irgendeiner Institution die Genehmigung
gegeben wird, Gesetze zu verfassen, dies dieser Institution eine göttliche Natur unterstellt
und somit das islamische Glaubensbekenntnis gebrochen wird, indem diese Institution auf
dasselbe Niveau wie Gott gestellt wird:

Governing in spite of God's revelation: either we govern according to God's revelation,


making our actions agree with our words ("There is no god but God"), or we govern in spite
of God's revelation, which means associating others gods with God, because sovereignty is
God's alone. 17

Später erweitert er diese Aussage auf alle nicht auf der shari'a basierenden
Regierungsformen: "We cannot reconcile loyalty with God's unbelieving enemies, affection
for them, or praise them, and their impious doctrines, like consultation, positive law and
democracy." 18 Diese Arten der Vergötterung sind besonders schlimm, denn sie sind den
erlaubten Religionen 19, wie dem Judentum oder dem Christentum, nicht gestattet:

14
- Ibid., S151
15
- Koran 12:40
16
- Koran 18:26
17
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard
University Press, London, 2008, S171
18
- Hier bezieht sich loyalty [deutsch: Treue] auf die wahhabitische Doktrin al-wala wal-bara [deutsch:
Treue und
Trennung]. Dieser Doktrin nach müssen Muslime andere Muslime bedingungslos unterstützen und sich auch
von den Ungläubigen entfernen. Dennoch benutzt al-Zawahiri diesen Begriff hier in einem breiteren Sinne,
da seine "Treue" alle sunnitischen Muslime umfasst, während sie sich im originalen Kontext auf die
Wahhabiten selbst beschränkt.
19
- Christentum und Judentum werden vom Koran anerkannt und ihre Anhänger dürfen ihre Gebräuche halten,
solange sie besondere Steuern bezahlen.

7
This is tantamount to worshipping gods, peers, and associates along God, whereas he said:
"What! Have they partners (in godhead) who have established for them some religion
without God's permission?" 20

Für al-Zawahiri ist nicht nur die Regierungsform wichtig, sondern auch der Weg, auf den
diese etabliert wird, denn die Teilnahme an oder Verwendung von nicht-islamischen
Institutionen, wie z. B., Parlamente oder Positives Recht, bedeutet eine Anerkennung
solcher. Dies kann aus dem kritischen Ton seiner die Muslimbruderschaft betreffenden
Schlussfolgerungen gefolgert werden. Hierzu gehört insbesondere folgender Textabschnitt:

Third: not only did the organisation fail to condemn rulers who do not govern according to
revealed law; it went so far as to recognize, in words and in deeds, these rulers' legitimacy,
and allowed this judgement to spread in its ranks. 21

Ebenso folgender Argumentationspunkt:

Seventh: the organisation, and all its branches, were satisfied to trust democracy, the people's
power, and elections as a means of change and access to power. Hassan al-Banna even
declared: "The things we criticize in the constitution may be changed by means prescribed
in the constitution," meaning in a democratic way. 22

In diesem Sinne benutzt er ein weiteres Argument, um sein Urteil gegen die
Muslimbruderschaft zu verstärken. Ein Urteil, das sich auch auf die arabischen Regimes
erweitern lässt, und in welchem die rituellen Handlungen zur Einhaltung des Glaubens keine
Entlastung von sonstigen Verfehlungen darstellen, denn er setzt die persönliche
Transzendenz eines Werkes in die Absicht ihres Authors:

D. Combat and other pious acts, and even acts in support of religion, are not in themselves a

20
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard
University Press, London, 2008, S171
- Koran 42:21 Die Bedeutung dieser Unterscheidung erschein im Breif von al-Zawahiri für Abu Mus'ab
al-Zarqawi, in dem er argumentiert, dass alte Gemeinden von Juden und Christen seit Langem im Irak
anwesend sind, aber nicht in Konflikt mit dem Islam. Diese Erklärung bezieht sich darauf, dass al-Zarqawi
der Meinung al-Zawahiris nach ausländichen militärischen Zielen Prioritäten setzen sollte, anstatt der
Schiiten (vid. Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard
University Press, London, 2008).
21
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard
University Press, London, 2008, S172
22
- Ibid., S174. Die Argumentation ist hier verwirrend, da versucht wurde, die originale Reihenfolge der
Zitate einzuhalten. Die Verbindung zwischen beiden Absätzen liegt in der Rolle der Muslim-Bruderschaft,
die an diesem System teilgenommen hat und es dadurch anerkennt.

8
sign of piety and a mark of justice. Just as pious people can carry out these acts, so can
debauched people. The words of God's Messenger show this: "God helps this religion
through the debauched" (an accepted hadith). So we should not consider that Brothers'
participation in combat in Palestine alone shows the organisation's rectitude, without also
considering its methods, practices and other acts. (...) because acts are judged according to
intentions and each man is rewarded. 23

Später erläutert er sein Urteil:

(...) the apostasy of the tyrants who rule in spite of revealed law, and the positive laws that
the crusading colonizers spread in our countries, and that the apostate Muslims maintain. 24

Dazu noch:

(...) which means that if one does not consider tyrants to be unbelievers, one's faith is
incomplete. 25

An dieser Stelle lohnt es sich, zusammenzufassen und anzumerken, dass al-Zawahiri


einerseits die Teilnahme an nicht-islamischen Regierungssystemen ausschließt, weil
dadurch die Legitimität solcher Systeme anerkannt würde, selbst wenn diese Teilnahme nur
dem Ziel dient, die jeweilige Regierungsform der shari‘a entsprechend zu reformieren, und
er andererseits alle als Ungläubige oder Abtrünnige verurteilt, die in einer solchen
Regierungsform mitwirken. Diese Schlüsse lassen sich aus dem Aufruf, welchen er an die
Muslimischen Brüder richtet, ziehen:

E. The Brothers must believe in the duty of jihad against these tyrants, or they must call on
their members to wage it. They must consider jihad an individual duty that is incumbent upon
every Muslim governed by theses tyrants. 26

Die Rechtfertigung, mit der Dschihad zur individuellen Pflicht erklärt wird, taucht später im
Text auf:

23
- Ibid., S177
24
- Ibid., S178. Diese Behauptung ist besonders interessant, weil sie nicht nur den takfir [dt.: Apostasie- oder
Unglaubevorwurf] gegen die laizistischen Regimes erklärt, sonder auch die äußere Natur der Anwendung des
positiven Rechts in Bezug auf die 'umma.
25
- Ibid., S179
26
- Ibid., S179

9
(...) The good of the community rests on this practice. God said: "You are the best of peoples,
evolved for mankind, enjoining what is right, and forbidding what is wrong, and believing
in God." 27 (...) God said: "Curses were pronounced on those among the Children of Israel
who rejected Faith, by the tongue of David and of Jesus the son of Mary: because they
disobeyed and persisted in excesses / Nor they (usually) forbid one another the iniquities
they commited." 28

Auf diese Weise wird eine horizontale soziale Verantwortung etabliert, in der alle Mitglieder
innerhalb der Gemeinde für die Handlungen der Anderen mitverantwortlich und vor allem
auch mitschuldig sind, sodass al-Zawahiris Ansicht nach der Heilige Krieg gegen die
Tyrannen und der Wandel jeder nicht-islamischen Regierungsform zu einer islamischen,
shari‘a-basierten Regierung zu einer Pflichthandlung aller unter dem Druck solcher
Regierungsformen lebenden Muslimen wird.

Ein weiterer wichtiger Aspekt liegt in der Betonung des Vorrangs dieses Reformkampfes
vor der etwaigen Verteidigung des Landes gegen äußere Feinde und auch in der religiösen
Begründung für diese Vorrangstellung:

E. We consider that the fight against apostate regimes in Muslim countries must come before
other fights, because they are apostates and the fight against apostates must take precedence
over the fight against unbelievers; this is also true because they are closer to Muslims. God
said: "Fight the unbelievers who grid you about."29

Die dschihadistische Bewegung entstehet als eine Art der internen Opposition innerhalb
nicht-islamischer Regierungen, welche sich auf die Anerkennung des göttlichen Ursprungs
jedes Gesetzes begründet, um die Apostasie jener Muslime, welche an solchen nicht von der
shari‘a geleiteten Systemen teilnehmen, zu erklären. Dadurch erklärt al-Zawahiri den
Dschihad zur einzig legitimen Art, um die shari‘a innerhalb solcher Systeme einzuführen
und erhebt diesen zur persönlichen Pflicht all jener Muslime, die unter der Autorität nicht-

27
- Koran 3:10
28
- Koran 5:78-79
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University
Press, London, 2008, S179
29
- Koran 9:123
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University
Press, London, 2008, S178

10
islamischer Regierungen leben.

Zum Schluss kann das Aufkommen des Dschihadismus als Wandel der Konzipierung des
Dschihads von einem rein religiösen Phänomen zu einer Bewegung politischer Natur,
welche ihre Legitimation und ihre Ziele auf einer besonderen Auslegung des Korans
begründet, definiert werden.

Im Bezug auf al-Qa'ida sind diese Bewegungen wichtig, denn sie sind der Schmelztiegel, in
dem die persönlichen Beziehungen, welche die Basis der Organisation bildeten, und ein
Gefühl der dringenden Notwendigkeit des politischen Dschihads entstanden.
Nichtsdestotrotz ist die Gesamtsituation, aus der al-Qa'ida entstand, noch weitaus komplexer
und es ist von Vorteil, sie gründlich zu analysieren.

11
DER PANISLAMISMUS

Der Panislamismus ist eine Art von Makronationalismus, die am Ende des XIX.
Jahrhunderts entstanden ist, und die auf dem koranischen Begriff der 'umma basiert. Ziel des
Panislamismus ist die Vereinigung aller traditionell islamischen Länder. In Bezug auf diese
Arbeit beruht die Tragweite des Panislamismus auf seinem in den 70er und 80er erfolgten
Gebrauch durch das saudische Königshaus, um auf der einen Seite seine religiöse Legitimität
als Herrscherdynastie zu begründen, wobei es sich selbst als Paladin des Islams mit dem
Auftrag der Verteidigung des muslimischen Ideals darstellte, und um auf der anderen Seite
den Einfluss des Panarabismus in der Region einzudämmen. 30

In diesem Sinne gibt es mehrere Gründe, die zur Verbreitung des Panislamismus in diesem
Zeitraum im arabischen Sprachraum im Allgemeinen, aber besonders in Saudi Arabien
erklären: Als Erstes milderte er das Gefühl des sozialen Unwohlseins, weil er eine reale
Alternative zum Panarabismus darstellte, der in seiner Funktion als Gemeinschaft stiftende
Ideologie sehr durch die aufeinander folgenden Niederlagen der arabischen Armeen gegen
Israel und den Ausbruch des Bürgerkrieges im Lebanon geschwächt worden war, und
zweitens hatte das Königshaus Al-Sa'ud nach der Besitzergreifung Mekkas durch die al-
'Utaybi Gruppe im Jahr 1979 die Entscheidung getroffen, die religiösen Schicht zu stärken,
um derartige gefährliche heterodoxe Abweichungen zu vermeiden. Dies hatte einen
wachsenden Konservativismus in der Gesellschaft des Landes und die Förderung der
Wahhabi Schule im Ausland zur Folge. Der letzte Grund ist der Krieg in Afghanistan. 31

Der Krieg in Afghanistan hätte ein unwichtiger Kampf im geografischen Rahmen des Islams
sein können, aber er wurde in Nordamerika als eine geeignete Gelegenheit betrachtet, um
einen langfristigen Konflikt zu verursachen, welcher die sowjetische Armee langsam
ausbluten lassen sollte. Im Zuge dieses Konflikts wurde eine Vereinbarung mit Saudi
Arabien getroffen, laut der beide, d. h. sowohl die U.S.A. als auch das saudische Königshaus,
den afghanischen Mudschahidin finanzieren sollen, was, zum Beispiel, das Königreich

30
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S17
- Hegghammer, Thomas, "The Rise of Macro-Nationalists", New York Times (Sunday Review), Juli 2011
31
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S23
- Lacroix, Stéphane; Hegghammer, Thomas, "Rejectionist Islamism in Saudi Arabia: The Story of
Juhayman al-'Utaybi revisited", Cambridge University Press, 2007, S113

12
zwischen 1987 und 1989 dazu zwang, einen Beitrag von insgesamt US$1800 Millionen zu
investieren. Natürlich hat sich die Regierung darum bemüht, sich die politischen Zinsen
dieser riesigen Investition zu sichern und hat diesen Konflikt, seine religiöse Seite und ihrem
eigenen Beitrag nach außen hin wirkungsvoll zur Schau gestellt, indem sie privat initiierte
Spendenaufrufe und die Verbreitung der durch die religiösen Führer ausgerufenen Fatwas,
die auch stets einen Aufruf zur Teilnahme am Dschihad enthielten, förderte. 32

Obwohl es auf den ersten Blick so erscheinen kann, dass dieser Fall den Vorgängen in
Palästina ähnelt, muss zwischen diesen scharf differenziert werden: Der Unterschied
zwischen den Ereignissen in Afghanistan und Palästina liegt darin, dass die palästinensische
Sache als ein Prozess der Entstehung einer Nation innerhalb einer regionalen Bewegung der
Dekolonisation mit einem nationalistischem Charakter zu verstehen ist. Diese Eigenschaft
verlieh vielen der beteiligten Einrichtungen und Akteuren eine laizistische Außenwirkung,
die die Mobilisierung der muslimischen Massen zwar nicht gänzlich verhinderte, aber ihre
direkte Teilnahme an dem Konflikt stark begrenzte. 33

Die Bedeutung der großen Verbreitung des Krieges in Afghanistan liegt darin, dass während
dieses Konfliktes die Unzufriedenheit, die die arabischen Muslime in Bezug auf die Lage in
Palästina und im Libanon empfanden, ausgenutzt worden ist, um die Bevölkerung zu
mobilisieren und diesen Konflikt als eine offensichtliche Selbstverteidigungsmaßnahme
darzustellen: Es wurde vermittelt, dass die 'umma nun schon zum wiederholten Male von
einer imperialistischen Macht angegriffen wurde. Mehr noch: In einer Situation, in der die
syrischen und die ägyptischen Armeen in ihrem Kampf gegen die israelitische Besatzung
scheiterten, ebenso wie die islamistischen Gruppen bei dem Versuch, die Macht in ihren
jeweiligen Ländern mit dem Ziel zu ergreifen, das Kalifat wiederherzustellen, scheiterten,
hatte der echte Dschihad in Afghanistan Erfolg: Hier waren die Muslime auf dem Weg zum
Sieg. 34

32
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S24-30
33
- Saudi-Arabien hat, zum Beispiel, zwischen 1978 und 1991 einen Betrag von US$992 Millionen an die
PLO gezahlt (vid. Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge,
2010). Dennoch hat die laizistische Orientierung der Organisation und des Konfliktes 'Azzam und andere
enttäuscht, sodass diese schließlich die Beteiligung an diesem Kampf aufgegeben haben (vid. Kepel, Gilles;
Milelli, Jean-Pierre, Al- Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University Press, 2008,
London).
34
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S40-48

13
Auf diese Weise hat sich der Panislamismus in sehr breiten Schichten der muslimischen
Bevölkerung als eine Bewegung etabliert, welche die Beziehungen der Gemeinde mit den
Äußeren anstatt einer internen Reform suchte. Ein wichtiger Bestandteil der
Weltanschauung innerhalb dieser Bewegung ist, dass der Krieg für den Islam Erfolg bringt. 35

Die Untersuchung des Panislamismus ist nützlich, weil sie mithilfe von verschiedenen
Informationen dazu beiträgt, die gesellschaftlichen Zusammenhänge, die bei der Entstehung
al-Qa'idas vorherrschten, zu erhellen, aber sie erläutert nicht, wie die Dschihadisten sich
selbst betrachten, und was sie machten. Dafür ist es notwendig, sich in den islamischen Teil
des Islamismus zu vertiefen und einige seiner theologischen Aspekte zu analysieren.

- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University
Press, 2008, London, S94-95
35
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S17
- Hegghammer, Thomas, "The Rise of Macro-Nationalists", New York Times (Sunday Review), Juli 2011

14
'AZZAM UND DER AFGHANISCHE DSCHIHAD

In diesem Kontext legt 'Azzam seine eigenen, näher am traditionellen Dschihad


ausgerichteten Vorstellungen dar, welche den Dschihad wieder als einen Kampf gegen einen
offensichtlich nicht-muslimischen Feind darstellen. Die Besonderheit des von 'Azzam
geleiteten Diskurses beruht auf der Tragweite, die er dem Dschihad als individuelle Pflicht
und als bedeutendstes Prinzip des Islams verleiht, und auf der Weise, mit der er diese Idee
mit den Konzepten der sozio-revolutionären Aktivisten, wie beispielsweise al-Zawahiri,
verbindet. Dennoch ist für ihn die Taktik solcher Aktivisten, bei der eine kleine Gruppe
durch einen Putsch ein Kalifat etabliert, undurchführbar. Weshalb er sich für eine
Mobilisierung der islamischen Gesellschaften mittels des Dschihads einsetzt, welche die
Etablierung einer soliden territorialen Grundlage zum Ziel hat, um den Islam
wiedereinzuführen und um die vom Islam verlorenen Gebiete wiederzugewinnen. Hiermit
sind all jene Territorien gemeint, die einst unter muslimischer Herrschaft standen, wie zum
Beispiel auch der Süden der Iberischen Halbinsel. In diesem Sinne wurde das
Wiedergewinnen solcher Länder durch militärische Operationen und Eroberung gleichzeitig
zum Ziel, aber auch zum Mittel der Ausbreitung der dschihadistischen Bewegung: Diese
Tätigkeiten und die Einnahme von Land würden einerseits den notwendigen Raum für die
Etablierung von Stützpunkten, Infrastruktur und einer geeigneten Sicherheitslage verleihen
und andererseits die Mobilisierung der gesamten islamischen Gesellschaft zur Folge
haben. 36

Die Theorien 'Azzams sind wichtig, weil die Wurzeln des Denkens, auf dem al-Qa'ida
gegründet wurde, sich in ihm befinden, denn 'Azzam entwickelte seine Ideen als theoretische
Stütze für die Tätigkeiten seines Dienstbüros in Afghanistan. Basierend auf dieser Struktur
hat Osama Bin Laden seine eigene Organisation errichtet. Aufgrund von 'Azzams Theorien
unternahm al-Qa'ida Aktionen gegen ausländische militärische Ziele in muslimischen
Gebieten. Auch die Grundlagen des globalen Dschihadismus finden sich also bei 'Azzam
wieder, welcher die Fundamente für das Aufgreifen der terroristischen Taktiken vom

36
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University
Press, London, 2008, S99-101

15
Islamischen Dschihad gelegt hat.

Das theoretische Fundament, auf welchem 'Azzam seine Konzeption des Dschihad etabliert,
ist in der Fatwa "Die Verteidigung der Muslimischen Gebiete stellt die erste Individuelle
Pflicht dar" dargelegt, die er verfasste, um aus dem Ausland Freiwillige für den
Afghanischen Dschihad anzuziehen. Diese Fatwa argumentiert, dass der Dschihad eine
individuelle Pflicht sei, und gründet diese Argumentation auf folgendes Zitat des Korans: 37

"And did not God check one set of people by means of another, the earth would surely have
been pulled down monasteries, churches, synagogues, and mosques, in which the name of
God is commemorated in abundant measure. God will certainly aid those who aid His
(cause); for verily, God is full of Strength, Exalted in Might (able to enforce His Will)." 38

'Azzam liest aus der Interpretation dieser Versen heraus, was er das "Verteidigungsgesetz"
nennt. Seiner Meinung nach ist dieses Gesetz ein wichtiges Mittel im fortwährenden Kampf
der Wahrheit gegen die Heuchelei, d. h. der wahren Religion gegen den falschen Glauben.
'Azzam unterstellt nämlich, dass längst alle Religionen gestürzt worden wären, wenn sich
nicht diejenigen, welche das Richtige, also den wahren Glauben, unterstützen, sich nicht
allen anderen widersetzt hätten. Laut dieser Maxime wird das "Verteidigungsgesetz" zu
einer Hauptfigur für den Sieg der Wahrheit, die schlussendlich alle Religionen überschreitet:
"And even so that religions and places of worship might be erased by this law." 39

Einige Jahre später formuliert er das Argument des "Verteidigungsgesetz" in seinen Werk
"Schliess dich der Karawane an" um, wobei er ihm ein Teil seiner vorherigen Tragweite
entzieht, vielleicht aus Angst, als heterodoxer betrachtet zu werden:

SO THAT THE UNBELIEF DOES NOT WIN OUT


It is said in the noble verse: "And fight them on until there is no more tumult or oppression,
and there prevail justice and faith in God altogether and everywhere; but if they cease, verily
God doth see all that they do." 40 If the fight were to cease, unbelief would triumph and

37
- Ibid., S104
38
- Koran 8:39
39
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University
Press, London, 2008, S104
40
- Koran 8:39

16
sedition (...) would win the day. 41

In seiner Fatwa erweitert 'Azzam seine Argumentation, indem er Ibn Taymiyya zitiert, der
basierend auf dem Koran einen Zusammenhang zwischen dem irdischen Wohlsein der
Gläubigen und ihrer Erfüllung des Dschihads herstellt, und verstärkt seine These mittels
einer historischen Vergleichs zwischen der Ausbreitung des Islams zu Zeiten des Propheten
und seines Gefolges…

Much time has passed since our pious ancestors, by following this rule, came to rule the
world and became the masters of humanity(...). 42

... und der Dekadenz der nachkommenden Generationen:

Then came other generations of Muslims, who neglected God's law and forgot God, and God
forgot them in turn; they lost his rulings and went astray (...). 43

Eine weitere Eigenschaft des Denkens 'Azzams ist die nachdrückliche Betonung der
Beziehung zwischen dem Heiligen Krieg und dem Martyrium. Er hatte genug vom
Faktionalismus der afghanischen Kriegsherren und der Jugendlichen Saudi-Arabiens,
welche die Schulferien in Trainingslagern verbrachten, da er glaubte, dass der Dschihad auf
ernsthafte und engagierte Art und Weise ausgeführt werden müsse, um den totalen Erfolg
zu erreichen:

One of the most important obligations and the main duties forgotten is jihad, which has
disappeared from the lives of the Muslims. This is how they came to resemble detritus borne
by the flood, as the Prophet said: "Other nations stand ready to surround you on all sides,
like guests around a single pot."
They asked him: "O messenger of God, is this because there are few of us?"
"No", he replied, "but because you are like detritus borne by the flood; you love this world
too much and despise death, you allow weakness to creep into your hearts and cause it to
disappear from the hearts of your enemies." 44

41
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University
Press, London, 2008, S111
42
- Ibid., S105
43
- Ibid., S105
44
- Ibn Hanbal, Ahmad, La cadena de Hadith auténtico, 958

17
Im Diskurs 'Azzams sind die mystische Ausdehnung des Dschihads und des Martyriums
schwierig voneinander zu unterscheiden. In "Schließ dich der Karawane an" erläutert er die
reinigende Wirkung des Heiligen Krieges:

The popular jihadist movement, (...), can purify souls and elevate them above reality...
Interest is turning away from mundane conflicts over money and short-term needs... Hatred
dissipates, souls are polished, and the caravan is climbing from the narrow valley toward the
highest peak... 45

Und, gleich danach, die Belohnungen des Martyriums:

OUT OF PRELIDELICTION FOR MARTYRDOM


In the authentic hadith narrated by Ahmad al-Tirmidi, on the authority of Miqdim Ibn Ma'd,
who heard it from Muhammad: "The martyr is granted seven special favours by God..."46

Diese positive Einschätzung des Dschihads und des Martyriums in 'Azzams Schriften
vollendet sich in seiner Fatwa, in der er die Arten des Dschihads in einen ‚Angriffsdschihad’
und einen ‚Verteidigungsdschihad’ einteilt. Der Verteidigungsdschihad, also die
Vertreibung nicht-muslimischer Invasoren, wird als individuelle Pflicht dargestellt, die sich
auf die am Kampf unmittelbar Beteiligten bezieht und die sich auf konzentrische Art und
Weise verbreitet, bis der Bedarf an Truppen befriedigt ist. Der offensive Dschihad, die
Bekämpfung der Ungläubigen in deren eigenem Land, erscheint als eine kollektive Pflicht,
ist aber am Ende ein viel radikaleres Konzept, weil es eine Ritualisierung des Dschihads
bedeutet, wie 'Azzam es im Folgenden darstellt:

Offensive jihad [jihad al-talab], which means attacking unbelievers in their countries. When
unbelievers are not mobilized to fight Muslims, jihad is a collective duty, and the least one
can do is to guard the borders of the Muslim world in order to intimidate God's enemies. For
this purpose, one can send an army at least once a year.(...) Jurists have compared it to the
jiziya. Theologians have said: "Jihad is force preaching, and it is necessary to accomplish it
as much as possible, so that only Muslims or people who accept conciliation remain"

- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University
Press, London, 2008, S105
45
- Ibid., S119
46
- Ibid., S119

18
(Shirwani, Commentary, and Ibn al-Qasim, Tuhfat al-Muhtaj ala al-Minhaj, 213, 9). 47

Auf diese Weise verwandelt sich der Dschihad in ein grundlegendes Element der
islamischen Gesellschaft, sodass der Dschihad nicht mehr ein legitimes Mittel ist, um die
Macht zu ergreifen, sondern ein Instrument zur Mobilisierung, wie es 'Azzam in "Schließ
dich der Karawane an" als politisches Projekt zu skizzieren beginnt:

TO ESTABLISH A SOLID BASE FOR THE EXPANSION OF ISLAM


Establishing a Muslim society on an area of land is as necessary for Muslims as water and
air, and this territory will exist only through an organized Islamic movement that wages
jihad, in actions and words, and makes of combat its goal and its defence. The Islamic
movement will be only able to establish an Islamic society only through a general popular
jihad. Its movement will be a beating heart and shining mind,(...), by freeing Muslim
community's contained energy and releasing the sources of good that it contains deep down. 48

In dem Moment, in dem 'Azzam seine Perspektive des Dschihads erweitert, eröffnet er eine
Debatte mit den übrigen Dschihadisten. So nimmt 'Azzam an ihrem Diskurs teil, indem er
nicht-islamische Regimes als "Tyranneien" bezeichnet, aber er versucht sich von einer
politischen Form des Diskurs zu entfernen, indem er die Grundlage seiner Reform nicht
mehr auf "Regimes" bezieht, sondern auf "Gesellschaften":

Whoever considers the situation in which Muslims find themselves today will see that the
most important trial they have undergone has been abandoning jihad (...). This is how tyrants
have come to rule them on all sides and all over the world, because unbelievers fear only
battle... 49

Hierzu passt auch folgendes Zitat:

As for the few officers who thought they could establish a Muslim society, they were the
victims of an illusion and a trap that runs the risk of repeating the tragedy experienced by the
Islamic movement under Gamal Abdel Nasser. 50

Dies ist sehr interessant, weil es erlaubt, die zwischen den diversen islamistischen Gruppen

47
- Ibid., S106
48
- Ibid., S118
49
- Ibid., S110-111
50
- Ibid., S118-119

19
bestehenden Unterschiede besonders deutlich zu erkennen. Dies betrifft insbesondere die
Frage, wie die Islamisten mit der Entwicklung eines politischen Diskurses umgehen können,
was schlussendlich eine von der westlichen Welt entlehnte Art der politischen
Meinungsbildung ist, oder zumindest als ein dem klassischen islamischen Diskurs fremdes
Element angesehen werden muss. Zum Einen versucht al-Zawahiri, den politischen Diskurs
umzuwenden und seine Terminologien auf islamische Art zu deuten, indem er
beispielsweise die Demokratie als eine Art der Religion auffasst, anstatt das Kalifat als
‚Regierungsform’ zu bezeichnen. Zum Anderen reduziert 'Azzam seinen Diskurs auf das,
was er mit der islamischen Terminologie umfassen kann. Dies kann er sich erlauben, da sein
politischer Diskurs nur eine Erweiterung seines Diskurses über den Dschihad ist.

Andererseits unterscheiden sich beide Diskurse nicht so sehr voneinander, denn 'Azzam
stellt seinen als einen Gegenentwurf zum Islamischen Dschihad und zu den von ähnlichen
Gruppen erstellten Konzepten dar, was im Endeffekt bedeutet, dass sein Diskurs aus den
anderen dschihadistischen Diskursen entsteht und dadurch von ihren Vorstellungen teilweise
abhängig ist. Diese Verbindung ermöglichte es al-Qa'ida, sich langsam von 'Azzams Diskurs
zu trennen und Elemente von Al-Zawahiris zu adaptieren und ein eigenes theoretisches
Fundament zu schaffen, als die Organisation in der Mitte der 90er Jahre eine gravierende
Krise durchlebte.

Beide Strömungen besitzen einen weiteren grundlegenden Aspekt gemeinsam, und zwar das
Bedürfnis, ihre Autonomie von systemischen Autoritäts- und Legitimationssquellen zu
etablieren. Im Fall des Islamischen Dschihads bedeutet das die Erklärung des takfir’s, also
die islamische Erklärung zum Unglaube, gegen die ägyptische Regierung, um deren
Angriffen eine ideologische Legitimation zu verleihen. Was 'Azzam angeht, so versuchte er,
den Scheichs ihre Legitimität abzusprechen, oder zumindest den Gläubigen und Untertanen
die Abkehr von ihnen zu erlauben, die seiner Vision des Dschihads als einer individuellen
Pflicht kritisch gegenüberstanden:

Our educated brothers and experienced preachers have never helped us, and they even
advised those who wanted to join us to stay at home, although they could not say a word

20
because of the injustice of the tyrants and the despotism of the dictators. 51

Weiterhin heißt es:

God knows how princes hate this [den Dschihad]. He knows that the ruler's men will combat
it, because God's way is not theirs, not only then but now and tomorrow and in every land
and in every time. 52

Die Rolle 'Azzams ist auch in folgender Hinsicht bedeutend: Im Gegensatz zu den Führern
Islamisches Dschihads handelt es sich bei ihm um ein Mitglied des religiösen Standes. Dies
und die Tatsache, dass er eine Polemik dieser Art mit anderen Scheichs höheren Ranges
anfing und aufrechterhielt, ermöglichte es aus der Sicht der Dschihadisten, den Kern der
Debatten um den Dschihad von der Autoritätenfrage zur koranischen Argumentierung zu
verschieben. Hierdurch fühlten sich die Dschihadisten dazu berechtigt, ausschließlich den
Fatwas der Juristen zu folgen, die ihnen am besten passten, und nicht wie zuvor den Fatwas
derjenigen, die in der muslimischen Gemeinde den besten Ruf hatten. Außerdem fingen sie
an, die Fatwas bekannter Gelehrter zu kritisieren und zu korrigieren, wie im Fall von al-
Zawahiri mit seinem "Rat an die Gemeinde, um die Fatwa des Scheichs Bin Baz abzulehnen,
welche die parlamentarische Stellvertretung gestattet", oder veröffentlichten Pseudofatwas
wie die "Erklärung der globalen islamischen Front für den dringenden Dschihad gegen die
Juden und die Kreuzfahrer" von Osama Bin Laden. 53

Der Einfluss des Diskurses von 'Azzam auf die al-Qa'ida ist insbesondere in deren Aufbau
als private militärische Organisation zu erkennen, die keine Verbindungen zu legitimen
Staaten hat. Diese Organisation hatte auch die Absicht, die nötigen Maßnahmen zur
Mobilisierung der Muslime, zum Aufbau einer Armee der 'umma und zur Umsetzung des
gesellschaftlichen Dschihads zu ergreifen. Ihre Vorgehensweise bleibt diesen Model treu,
sodass die Organisation eine feste territoriale Grundlage etablierte, indem diese Organisation
seinen Sitz in Ländern wie zunächst Sudan und dann, durch ihre Beziehungen mit den
Taliban, Afghanistan gegründet hat. Außerdem hat sie sich militärischen Operationen statt
Putsche gewidmet und hat sich durch die Rekrutierung von Mudschahidin anstatt durch

51
- Ibid., S112
52
- Ibid., S116
53
- Ibid., S182-192; 53-56

21
politische Verträge erweiterte. Dazu folgen die in ihren Mitteilungen verbreiteten Ziele,
genauer gesagt der Abzug der amerikanischen Truppen aus der arabischen Halbinsel und der
israelitischen Einsatzkräfte aus Palästina, 'Azzams Paradigmen. Ebenso wenig hat sich die
Organisation am Diskurs um die interne Politik islamischer Länder beteiligt, abgesehen von
der Kritik vom Haus Al-Sa'ud und der Proteste gegen die Verhaftungen von Mitgliedern der
Sahwa Bewegung wie Salman al-Awda oder Safar al-Hawali und später von Mitgliedern der
Gemeinde Mudschahidin in Saudi Arabien, und hat sich in keinerlei interne Konflikte wie
etwa den Bürgerkrieg in Algerien eingemischt. Abschließend muss noch festgehalten
werden, dass das Aufgreifen von speziellen, besonders radikalen terroristischen Taktiken
wie etwa dem Selbstmordattentat direkt auf die in 'Azzams Schriften emphatisch betonte
Rolle des Martyriums zurückzuführen sind.

22
VOM KRIEG ZUM TERROR

Obwohl al-Qa'ida auch heute noch durch die Ideen 'Azzams beeinflusst ist, kann die Art und
Weise, in der die Organisation sich bis zu dem Zeitpunkt entwickelte, als sie zwischen 1998
und 2001 Anschläge gegen nordamerikanische Ziele ausführte, und ihre stufenweise
Neustrukturiereung und ihre Verwandlung in ein Ideologisch-militärisches System, nicht
verstanden werden, wenn nur die Ideologie 'Azzams in Betracht gezogen wird. Deswegen
ist es von Vorteil, die unterschiedlichen ideologischen Strömungen im Umfeld der
Organisation zu analysieren und herauszuarbeiten, wie diese sich ihrem Umfeld anpasste.

Die Trennung zwischen dem Denken 'Azzams und dem der Organisation erfolgte zunächst
aus rein praktischen Gründen mit der Verlegung al-Qa'idas von Peshawar nach Khartum.
Dieser Umzug fand statt, als die Lage in Afghanistan für al-Qa'ida zu angespannt wurde,
wozu insbesondere die Aktionen des Nachwuchses des Faktionalismus unter den
unterschiedlichen afghanischen Führungspersönlichkeiten und die wachsende Einmischung
des pakistanischen ISI gegen Ende des Krieges mit der sowjetischen Armee beitrugen.
Allerdings hatte 'Azzam seine Theorie der "Soliden Grundlage" in Bezug auf die Situation
Afghanistans und in Gegenüberstellung zur Lage in Palästina oder irgendwelchen anderen
islamischen Ländern entwickelt, weil die geografische Lage Afghanistans, mit der Nähe zu
Pakistan, eine relative Sicherheit und Flexibilität bei der Einrichtung von Stützpunkten
ermöglichte. Zudem war Afghanistan ein geeigneter Ausgangspunkt für eine Organisation,
um sich in an Konfliktsituationen beteiligte Länder wie Uzbekistan, Tadschikistan oder
China zu betätigen. 54

Im Gegensatz dazu war die Lage im Sudan sehr unterschiedlich: Die Nähe zu Äthiopien
erschwerte es al-Qa'ida, sich in Eritrea oder Djibuti einzumischen, und Somalia hat sich
aufgrund der Verwurzelung des Clan-Systems und der Sufi-Strömungen der Region als für
al-Qa'ida schwer zugänglich gezeigt. Auf einer globalen Skala hatte die Organisation nur
begrenzte Erfolge in Bosnien gehabt, wo es ihr gelungen war, Ausbilder und logistische

54
- Ibid., S20; 106-109
- HARMONY PROJECT, "Cracks in the Foundation: Leadership Schisms in al-Qa’ida from 1989-2006",
Combating Terrorism Center at West Point, West Point, 2007, S9
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S48-58

23
Dienstleistungen an verschiedene von afghanischen Arabern gegründeten Organisationen,
die die ‚Dienstleistungsbüros’ 'Azzams nachzuahmen versuchten, bereitzustellen. Trotzdem
ist die Beteiligung der Mudschahidin irrelevant gewesen, denn die Grenzen des Landes
waren weitaus schwerer zu überqueren als die zwischen Afghanistan und Pakistan, sodass
nur wenige Kämpfer ins Land gelangen konnten. Zudem hatte die lokale Bevölkerung eine
eher säkulare Einstellung und fühlte sich daher von den salafistischen Kämpfern entfremdet.
Hinzu kam, dass Bosnien-Herzegowina über eine reguläre Armee verfügte, in der die
Mehrheit der internationalen Fonds aufgenommen wurde. Der einzige große Erfolg der
afghanischen Araber ist dem Mudschahidin Samir al-Suwaylim, auch als Khattab bekannt,
zu verdanken, welcher zur Vertreibung der russischen Armee in Tschetschenien beigetragen
hat. Nichtsdestotrotz hat Khattab die Angebote Bin Ladens zur Zusammenarbeit abgelehnt
und hat sein Veto gegen die Beteiligung seiner Organisation in dem Konflikt von
Tschetschenien eingelegt. Diese Reihe von Rückschlägen auf rein militärischer Ebene
können dazu beigetragen haben, dass bei al-Qa'ida über einen Strategiewechsel nachgedacht
wurde. 55

Weitere Gründe, die zum Aufgreifen terroristischer Maßnahmen führten, sind im


wachsenden Medien-Profil der Organisation zu finden: In einer Umgebung wie der des
Dschihads, in der Aspekte wie der theologische Diskurs, die religiöse Legitimation und
Propagandaerfolge grundlegend für die Akzeptanz einer Organisation sind, hätte die
wachsende Sichtbarkeit al-Qa'idas in den Medien die Misserfolge im militärischen Sinne
wiedergutmachen können. Mitte der 90er Jahre organisierte der Ideologe Abu Mus'ab al-
Suri einer Reihe von Treffen mit der arabischen und westlichen Presse, aus denen unter
anderem ein Film des Channel 4 über die arabisch-afghanische Bewegung und ein Interview
für die Zeitschrift al-quds al-‘arabi, beide aus dem Jahr 1996, und ein Treffen Bin Ladens
mit zwei CNN Journalisten im Jahr 1997 resultierten. Der Bekanntheits- und
Popularitätszuwachs al-Qa'idas, welchen ihr diese Art von Strategie einbrachte, ließ sie so
von ihrer Werbung abhängig erscheinen, dass al-Suri selbst, damals der Taliban dienend, im
Jahr 1998 die Unachtsamkeit und die Vorliebe Bin Ladens für die Medien kritisierte, weil
diese aus seiner Sicht für die öffentliche Wahrnehmung der afghanischen Regierung selbst

55
- HARMONY PROJECT, "Al-Qaida's (Mis)Adventures in the Horn of Africa", Combating Terrorism
Center at West Point , West Point, S22-23
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S48-58

24
gefährlich sein konnten. 56

Nichtsdestotrotz ist die hauptsächliche Veränderung innerhalb al-Qa'idas eine ideologische


gewesen, die in einem Wachstum der sozio-revolutionären Strömung al-Zawahiris innerhalb
der Organisation und ihrer letztendlichen Synthese mit der dominierenden Strömung des
Dschihadismus 'Azzams bestand. Dieser Prozess fing 1994 mit der Inhaftierung von
Mitgliedern der sahwa [deutsch: das Aufwecken] in Saudi-Arabien an. Diese der Monarchie
gegenüber sehr kritische Bewegung schlug eine interne Reform konservativen Charakters
vor, die einen starken Widerstand gegen die amerikanischen Truppen im Land beinhaltete.
Thomas Hegghammer weist darauf hin, dass die Verhaftung dieser Gruppe die Möglichkeit
einer ruhigen Lösung der durch den Einmarsch amerikanischer Truppen ausgelösten aus der
Sicht der Dschihadisten vollkommen ausradierte.57

Dennoch gibt es weitere Aspekte, die in Betracht gezogen werden sollten. Erstens: Obwohl
es stimmen mag, dass al-Qa'ida eine feste Meinung in Bezug auf dieses Thema hatte, war
die Organisation nicht auf die Lösung interner Konflikte ausgerichtet, sodass das
ideologische Gewicht in diesem Sinne mit hoher Wahrscheinlichkeit auf der Bedeutung der
sahwa für al-Qa'ida beruhte, welche von der Organisation offen unterstützt wurde. Das
Verschwinden dieser Bewegung zwang al-Qa'ida dazu, ihren eigenen Diskurs auf dieser
Ebene zu entwickeln, wozu sie die Theorien 'Azzams zur Verfügung hatten, welche sie dazu
befähigte, sich von der Meinung hochrangiger islamischer Gelehrter unabhängig zu machen.

Des Weiteren wurde die Verhaftung der sahwa-Mitglieder als in allen Aspekten
gesetzeswidrig betrachtet. Dies öffnete die Tür dafür, dass der Einfluss der von al-Zawahiris
geführten Strömung zunahm, da diese besser darauf vorbereitet war, die Rolle einer internen
Opposition anzunehmen. Nichtsdestotrotz darf nicht vergessen werden, dass die
Positionierung al-Qa'idas bezüglich der sahwa und des königlichen Hauses Saud einer auf
der Anwesenheit der Truppen der westlichen Koalition in der Halbinsel beruhenden Krise
zu verdanken ist. Die Tragweite dieser Tatsache beruht einerseits darauf, dass al-Qa'ida eine

56
- Lia, Brynjar, Architect of Global Jihad, HURST Publishers, London, 2007, S160-181
57
- INTERNATIONAL CRISIS GROUP, "Saudi Arabia Backgrounder", in, ICG Middle East Report, 31,
'Amman/Riyadh/Brussels, September 2004, S4-7
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S71

25
größeres Gewicht auf die äußere Dimension des Konflikts legte, und andererseits darauf,
dass 'Azzam in seinen Veröffentlichungen bereits vor dem Interventionismus der
Vereinigten Staaten und ihrer moralischen Verkommenheit gewarnt hatte, und diese als
einen möglichen zukünftigen Feind dargestellt hatte. 58

Auf dieser Art und Weise interpretierte die Organisation die Entsendung ausländischer
Truppen und die Verhaftungen der Sahwa-Mitglieder als Form der Kolonialisierung, bei der
eine imperialistische Macht ein muslimisches Territorium besetzte, während ihre lokalen
Alliierten versuchten, die innere Gegenwehr des jeweiligen Landes zu beseitigen. Damit
wurde eine unmittelbare Verbindung zwischen den Vereinigten Staaten von Amerika als
Angreifer und dem Haus Al-Sa'uds als mitwirkendem Apostat hergestellt. Das vorrangige
Angriffsziel der Dschihadisten müsse jedoch der Eindringling sein, denn einerseits ist er die
Ursache des Konfliktes gewesen und andererseits würde sein Abzug seine Verbündeten
schutzlos im Terrain lassen, weshalb sie kurz darauf gestürzt werden würden.

Allerdings genügt das nicht, um zu verstehen, warum al-Qa'ida erst im Jahr 1998 mit ihrem
Feldzug gegen zivile Ziele, wie die Botschaften von Nairobi und Daressalam, begonnen hat,
anstatt unmittelbar amerikanische militärische Ziele auf der arabischen Halbinseln
anzugreifen. Wie so oft scheinen hierfür mehrere Gründe vorzuliegen, wie zum Beispiel der
Druck von Seiten Khartoums, nach dem Attentat gegen den Präsidenten Mubarak in
Äthiopien ihre Tätigkeiten zu mäßigen, der auf der Organisation und ihren Verbündeten lag.
Es lassen sich noch weitere geringere Gründe aufzählen, es gibt jedoch eine Ursache für die
angesprochene Entwicklung, die sich von allen anderen abhebt: Die Welle der
Inhaftierungen unter den Mitgliedern der dschihadistischen Gemeinde Saudi Arabiens als
Antwort auf die Anschläge gegen den in Saudi-Arabien gelegenen Gebäudekomplex von
Vinnell, einem privaten U.S.-amerikanischen Militärunternehmen, im Jahr 1995 und gegen
die Khobar Türme im Jahr 1996.59

Der Meinung Hegghammers nach hatten die Verhaftung und die Folter einer großen Zahl

58
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University
Press, London, 2008, S136-139; 143
59
- Ibid., S157
- Hegghammer, Thomas, Jihad in Saudi Arabia, Cambridge University Press, Cambridge, 2010, S70-78;
101-102

26
von Mitgliedern dieser Gemeinde eine traumatisierende Wirkung auf diese, denn die
Mehrheit von Ihnen hatte nichts mit den Attentaten zu tun und wurden nur deshalb
verdächtigt, weil sie an dem früher von der saudischen Monarchie geförderten Dschihad
teilgenommen hatten.

Eine weitere Folge dieser Inhaftierungen war, dass die Bewegung in den Untergrund ging.
Diese neue Lage soll in Bezug auf die neue internationale Ordnung – „The New World
Order„ - die Augen von vielen Dschihadisten geöffnet haben, wie Abu Mus'ab al-Suri es
schon zuvor dargelegt hatte.

In seinen Vorträgen und in mehreren seiner Werken, die dieser Theoretiker des Dschihads
am Ende seines ersten Aufenthalts in Afghanistan anfangs der 90er geschrieben hatte, setzte
er sich mit der Vorgehensweise der Muslimbruderschaft und anderen Geheimorganisationen
vor dem Sturz der Sowjetunion auseinander. Zu dieser Zeit, in der die Welt in zwei
verschiedene Einflussbereiche geteilt war, war die Strategie der Oppositionsgruppen nach
der Meinung al-Suris: "über die Mauer zu springen". D. h. in ein Land einzudringen, das zu
dem anderen Einflussgebiet gehörte, und ihre Operationen von diesem Land aus
durchzuführen. Obwohl die Gruppe der Dschihadisten aus Afghanistan nicht Teil der
Analyse al-Suris sind, sind organisatorische Ähnlichkeiten erkennbar, da diese meistens ihre
Einsätze von Pakistan aus koordinierten. 60

Die neue Situation wurde durch eine einzige Hegemonialmacht dominiert, welche die
Fähigkeit besaß Einfluss auf die regionalen Regierungen auszuüben, sodass das vorherige
strategische Modell nun ungültig geworden war, und die Ziele der alten dschihadistischen
Strömungen nicht weiter verfolgt wurden, da die Machtergreifung in den jeweiligen Staaten
und ihre territoriale Besetzung wegen der militärischen Überlegenheit des Gegners und der
logistischen Unterstützung seiner Alliierten im Land unmöglich waren. 61

Dadurch wurde eine neue Strategie des "Widerstands" entwickelt. Im Zuge dieser Strategie
sollte der Feind, anstatt ihn durch einen einzigen direkten Feldzug militärisch zu schlagen,

60
- Lia, Brynjar, Architect of Global Jihad, HURST Publishers, London, 2007, S356-358
61
- Ibid., S352-356

27
überall, also auch gegen zivile Schwachpunkte, angegriffen werden, sodass die Kosten eines
Einsatzes in muslimischem Territorium im Vergleich zum Gewinn zu groß wären und der
Angreifer dazu gezwungen wäre, das Land zu verlassen. Diese neue Ausrichtung hatte den
Einsatz von terroristischen Taktiken durch al-Qa'ida zur Folge und ermöglichte nach der
Invasion Afghanistans durch Truppen der von den Vereinigten Staaten geführten
internationalen Koalition zudem ihren strukturellen Wandel von einer Organisation in ein
taktisch-ideologisches System. 62

Zum Schluss lohnt es sich, zu erklären, dass die weitreichende Medienkampagne al-Qa'idas
darauf abzielte, zwei indirekte Bedürfnisse dieser neuen Methode zu befriedigen. Das erste
wäre, das Gesetz des Korans zu erfüllen, das den Dschihad als eine Art von Ausbreitung der
Religion versteht, und deswegen eine vorherige Warnung der Ungläubigen voraussetzt,
damit diesen eine letzte Möglichkeit zur Konvertierung eingeräumt wird. 'Azzam erläutet
diese Strategie wie folgt:

This is why Islam asserts great principles and sets out clear limits that constitute general rules
of jihad. The most important of these is that the aim in fighting is to propagate the Muslim
faith. (...) This is why:
1. People must be called to religion before they are fought; it is forbidden to combat them
without warning them first. 63

Andererseits rechtfertigten die Dschihadisten auf diese Weise ihre Angriffe gegen Zivilisten,
die nicht unmittelbar in den Konflikt verwickelt waren. Auch hier hat eine Entwicklung
stattgefunden, die an den Erklärungen, die Bin Laden zu verschiedenen Zeitpunkten in
Interviews abgegeben hat, deutlich erkennbar wird: So hat er während seines Treffens mit
Peter Bergen im Jahr 1997 seine Warnung auf eine Drohung gegen die Truppen auf der
Halbinseln beschränkte, obwohl er für die Sicherheit der nicht muslimischen Zivilisten, die
in der Region wohnten, nicht garantieren konnte oder wollte 64. In seinem Interview mit John
Miller aus dem Jahr 1998 wendet er sich jedoch direkt an die Bürger der Vereinigten Staaten
und des Westens im Allgemeinen und macht sie für die Politik ihrer Länder verantwortlich:

62
- Ibid., S363-368
63
- Kepel, Gilles; Milelli, Jean-Pierre, Al-Qaeda in its own words, The Belknap Press of Harvard University
Press, London, 2008, S128
64
- Hegghammer, Thomas, "Dokumentasjon om al-Qa'ida - Intervjuer, kommunikéer og andre
primærkilder, 1990-2002", Norwegian Defence Research Establishment (FFI), 2003, S32, 38

28
The Western regimes and the government of the United States of America bear the blame
for what might happen. If their people do not wish to be harmed in their very own countries,
they should seek to elect governments that are truly representative of them and that can
protect their interests. 65

65
- Ibid., S42

29
SCHLUSS

Die Folgerungen, die aus dieser Arbeit herausgelesen werden können, sind Folgende:
Zunächst ist festzustellen, dass al-Qa'ida als eine Organisation entstanden ist, welche sich
den Beziehungen der muslimischen Gemeinde mit ihren äußeren Feinden annehmen wollte,
und die sich die Verteidigung dieser Gemeinde zum Ziel setzte. Diese Verteidigung wurde
sowohl als Pflicht für alle Muslime, als auch als eine mystische Erfahrung für die Gläubigen
und als mobilisierender Bestandteil der Gesellschaft aufgefasst. Der Wandel in der geo-
politischen Lage zwang die Organisation dazu, einerseits neue Taktiken zu ergreifen, und
andererseits dazu, die sozio-revolutionären Ideologien von einigen ihrer Mitglieder zu
adaptieren, um die aus der veränderten Lage neu entstandenen Herausforderungen auf der
inneren Ebene der muslimischen Gemeinde in Angriff nehmen zu können. Obwohl ihre erste
Auffassung des Dschihads während ihrer gesamten Geschichte bestehen bleibt, lassen sich
Änderungen in ihrem inneren Diskurs zum Islam bemerken, die sich jedoch aus praktischen
Notwendigkeiten und nicht etwa aus grundlegenden Veränderungen ihrer Doktrin ergeben.

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