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Energie in Naturwissenschaft, Technik, Wirtschaft

und Gesellschaft

Carl Christian von Weizsäcker


Dietmar Lindenberger
Felix Höffler Hrsg.

Interdisziplinäre
Aspekte der
Energiewirtschaft
Energie in Naturwissenschaft, Technik, Wirtschaft
und Gesellschaft

Weitere Informationen zu dieser Reihe finden Sie unter


http://www.springer.com/series/14344
Die Frage nach der Energieversorgung ist entscheidend dafür, wie sich die Zukunft gestaltet –
sowohl was technische Entwicklungsarbeit betrifft als auch wirtschaftliche Konzepte oder
einen gesellschaftlichen Wandel. Je nach räumlicher Betrachtungsebene (global, national
oder regional) stehen unterschiedliche Fragestellungen, Sichtweisen oder Herausforderungen
im Vordergrund.

Die Titel dieser Buchreihe wollen auf neue Perspektiven aufmerksam machen, und in
interdisziplinärer Weise Facetten rund um die Energieerzeugung, -nutzung, -verteilung,
-wirtschaft und Wirtschaftlichkeit sowie zur Bedeutung für Umwelt und Gesellschaft
beleuchten.

Um dies zu erreichen, bearbeiten in der Reihe Energie in Naturwissenschaft, Technik,


Wirtschaft und Gesellschaft Autoren aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Disziplinen
zusammen ein Thema und entzünden gemeinsam eine Diskussion zu energiespezifischen
Fragestellungen aus mehreren Blickwinkeln.
Carl Christian von Weizsäcker
Dietmar Lindenberger • Felix Höffler (Hrsg.)

Interdisziplinäre Aspekte der


Energiewirtschaft
Herausgeber
Carl Christian von Weizsäcker Dietmar Lindenberger
Bonn, Deutschland Universität Köln
Energiewirtschaftliches Institut (EWI)
Felix Höffler Köln, Deutschland
Universität Köln
Energiewirtschaftliches Institut (EWI)
Köln, Deutschland

ISSN 2366-6242 ISSN 2366-6250 (electronic)


Energie in Naturwissenschaft, Technik, Wirtschaft und Gesellschaft
ISBN 978-3-658-12725-1 ISBN 978-3-658-12726-8 (eBook)
DOI 10.1007/978-3-658-12726-8

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte
bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Vorwort

Die Transformation des Energiesystems hin zu einer CO2-neutralen Versorgung mit Strom, Wärme
und Kraftstoffen ist mit großen Herausforderungen verbunden. Diese schließen die Suche nach neuen
technischen Lösungen ebenso ein wie Anforderungen an deren Wirtschaftlichkeit. Denn letztlich
müssen sich alle möglichen Lösungen – wenn sie erfolgreich sein wollen – im Wettbewerb um die
beste Alternative behaupten. Dieser Wettbewerb findet freilich unter einem weiter zu entwickelnden
Ordnungsrahmen statt, der die neuen Anforderungen berücksichtigen muss. Die Transformation des
Energiesystems ist somit eine grundlegende Aufgabe, die sowohl technische und wirtschaftliche als
auch politische und gesellschaftliche Aspekte umfasst.
Der vorliegende Band „Interdisziplinäre Aspekte der Energiewirtschaft“ versucht der Nachfrage nach
einem übergreifenden Blick auf diese Herausforderungen zu begegnen. Dazu enthält er eine Auslese von
Beiträgen aus der am Energiewirtschaftlichen Institut an der Universität zu Köln (EWI) angesiedelten
Zeitschrift für Energiewirtschaft. Dass die Thematik aufgrund der grenzüberschreitenden Energiemärkte
sowie der europäischen und internationalen Energie- und Klimapolitik einer internationalen Ausrichtung
bedarf, findet seinen Ausdruck auch in einigen englischsprachigen Beiträgen. Die Zuordnung der
Beiträge zu einzelnen Disziplinen ist naturgemäß nicht eindeutig, wir haben sie aber ihrem jeweiligen
Hauptaugenmerk entsprechend in drei Blöcke gegliedert: i) Politik und Gesellschaft, ii) Wirtschaft und
iii) Technik.
Im Wesen der Politik liegt das Konfliktäre. So behandeln die Beiträge des ersten Blocks (Interessen-)
Konflikte und Spannungen, die mit der Transformation des Energiesystems verbunden sind und bei
denen es vielfach auch um Verteilungsfragen geht. Bardt und Niehues starten mit einer Analyse der
„Verteilungswirkungen des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes“, Klinglmair und Bliem setzen fort
mit einer Untersuchung von Zielkonflikten zwischen dem Erneuerbaren-Ausbau und ökologischen
Schutzzielen am Beispiel der österreichischen Wasserkraft. Derartige Spannungen lassen sich im Zuge
der Transformation des Energiesystems nicht vollständig vermeiden, aber durchaus einfacher managen,
wenn die Technologiewahl das Ergebnis eines geordneten Wettbewerbsprozesses ist. Frondel, Schmidt
und aus dem Moore schlagen einen „Wettbewerbsrahmen für die Stromversorgung mit alternativen
Technologien“ vor. Aus der Perspektive des Binnenmarktes sollte dieser freilich EU-weit angelegt sein.
„Wieviel Europa braucht die Energiewende?“ fragen dazu Gawel, Strunz und Lehmann. Eine konkrete
Quantifizierung der Vorteile eines europäischen Ansatzes bei der Erneuerbaren-Förderung nehmen dann
Unteutsch und Lindenberger vor: „Promotion of Electricity from Renewable Energy Sources in Europe
post 2020 – the Economic Benefits of Cooperation“. So wichtig Effizienzvorteile auch sind, wenn die
Transformation des Energiesystems ein gelingendes gesellschaftliches Projekt werden soll, ist Rückhalt
in der Bevölkerung essentiell. Menges und Beyer fragen, ob Erdkabel zur Akzeptanz des Ausbaus
von Übertragungsnetzen beitragen können. Dabei ist klar, dass wir es mit überregionalen Aufgaben in
einem europäischen Kontext zu tun haben. Drasdo, Karasz und Pustisek diskutieren beispielhaft für den
europäischen Gasmarkt Herausforderungen, die mit der Notwendigkeit EU-weit einheitlicher Standards
der Transportinfrastruktur verbunden sind.
Die Beiträge des zweiten Blocks legen ihr Hauptaugenmerk auf Fragen der Wirtschaftlichkeit. Dies
beginnt mit der Thematik von Investitionen in Energieeffizienz. Hier wird gelegentlich proklamiert,
VI Vorwort

diese seien vielfach profitabel (das Geld liege also gewissermaßen auf der Straße) und würden in der
Praxis nur deshalb nicht realisiert, weil dem sog. Hemmnisse entgegenstünden. Was aber genau sind
diese Hemmnisse und was kostet ihre Beseitigung? Mai et al. beleuchten Energieeffizienzinvestitionen
in Unternehmen unter dem Blickwinkel von Transaktionskosten. Um Wirtschaftlichkeitsanalyse in
Gegenwart von Hemmnissen geht es auch im Beitrag von Loßner et al., in Bezug auf den Einsatz
von Biomethan in Neubauten auf der Grundlage des Erneuerbare-Energien-Wärme-Gesetzes. Eine
regulatorisch diffizile Gemengelage besteht im Bereich der Stromeigenerzeugung, da hier vielfach eine
ineffiziente Regulierung – vor allem nicht kostenreflektierende Netzentgelte und Ausnahmeregelungen
bei Steuern, Abgaben oder Umlagen – bestehen. Vor diesem Hintergrund analysieren Bardt et al.
„Eigenerzeugung und Selbstverbrauch von Strom – Stand, Potentiale und Trends“. Damit zusammen
hängen auch „Rollenmodelle zur Einbindung der Endkunden in eine smarte Energiewelt“ (Hillemacher
et al.) sowie die Wirtschaftlichkeit von Speichern, wozu Kondziella et al. eine akteursbasierte Analyse
beisteuern. Der Block mit wirtschaftswissenschaftlichem Fokus schließt mit zwei Beiträgen zum
Strommarktdesign. Cramton und Ockenfels untersuchen grundlegend „Economics and Design of
Capacity Markets for the Power Sector“, während Höwedes, Breuer und Madlener sich empirisch und
aus europäischer Perspektive dem regionalen Aspekt der Thematik zuwenden: „Techno-ökonomische
Bewertung eines veränderten Zuschnitts von Marktgebieten für elektrische Energie in Mitteleuropa“.
Der dritte Block bündelt schließlich eher technisch orientierte Fragestellungen, wobei der Fokus
auch die Bereiche Verkehr und Wärme einschließt. Fragen der Elektromobilität untersuchen Pregger
et al.: „Optimierte Integration der Elektromobilität in das Stromversorgungssystem bei hohen Anteilen
erneuerbarer Energien“, sowie Schraven, Kley und Wietschel: „Techno-ökonomische Bewertung des
induktiven Ladens von Elektromobilen“. Es schließen sich Wulf und Kaltschmitt an mit „Wasserstoff
als Kraftstoff im deutschen Verkehrssektor“. Zum Wärmesektor untersuchen Bruns et al. die Rolle
von erneuerbaren Energien in Wärmenetzen. Da Optionen der Energiebereitstellung immer auch mit
Effizienzmaßnahmen konkurrieren, präsentieren Soukup, Hanke und Viebahn eine Langfristanalyse
zu „Wärmedämmungsstrategien im Haushaltssektor und ihrem Beitrag zu Materialeffizienz und
Emissionsminderung“. Wir schließen den Band mit einem sektorübergreifenden Beitrag von Trost et
al.: „Erneuerbares Methan – Analyse der CO2-Potenziale für Power-to-Gas Anlagen in Deutschland“.
Das mag etwas Visionäres an sich haben, bietet aber Chancen, die mit einer noch weit stärkeren
Integration des Energiesystems verbunden sind, beispielsweise mit Blick auf die langfristig avisierte
Dekarbonisierung auch des Industriesektors.
Wir hoffen, dass das inhaltlich bewusst breit gewählte Spektrum dieses Bandes seinen Adressaten
in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft im komplexen Feld der Gestaltung der „Energiewende“ die
eine oder andere Anregung oder gar Einsicht zu geben vermag, jedenfalls sollte der Band zur weiteren
Diskussion ermuntern. Er ist der erste in der neuen Buchreihe „Energie in Naturwissenschaft, Technik,
Wirtschaft und Gesellschaft“ des Springer-Verlages, dem wir ausdrücklich dafür danken, den Blick in
dieser Form auf die interdisziplinären Aspekte der Energiewirtschaft gerichtet zu haben.

Die Herausgeber
Inhaltsverzeichnis

Politik und Gesellschaft.................................................................................................................... 1


Verteilungswirkungen des EEG.......................................................................................................... 3
Die Erschließung vorhandener Wasserkraftpotenziale in Österreich im Spannungsfeld
von Energiepolitik und ökologischen Schutzzielen............................................................................ 11
Marktwirtschaftliche Energiewende: Ein Wettbewerbsrahmen für die Stromversorgung
mit alternativen Technologien............................................................................................................. 25
Wie viel Europa braucht die Energiewende?...................................................................................... 41
Promotion of Electricity from Renewable Energy in Europe Post 2020 –
The Economic Benefits of Cooperation.............................................................................................. 61
Energiewende und Übertragungsnetzausbau: Sind Erdkabel ein Instrument
zur Steigerung der gesellschaftlichen Akzeptanz des Leitungsbaus?
Eine empirische Untersuchung auf Basis der Kontingenten Bewertungsmethode............................. 79
Dis-harmony in European Natural Gas Market(s) –
Discussion of Standards and Definitions............................................................................................ 99

Wirtschaft.......................................................................................................................................... 113
Transaktionskosten bei Energieeffizienz-Investitionen in Unternehmen............................................ 115
Einsatz von Biomethan in Neubauten nach EEWärmeG – Eine Hemmnis- und
Wirtschaftlichkeitsanalyse.................................................................................................................. 127
Eigenerzeugung und Selbstverbrauch von Strom – Stand, Potentiale und Trends............................. 145
Ein Rollenmodell zur Einbindung der Endkunden in eine smarte Energiewelt................................. 163
Stromspeicher für die „Energiewende“ – eine akteursbasierte Analyse
der zusätzlichen Speicherkosten......................................................................................................... 179
Economics and Design of Capacity Markets for the Power Sector.................................................... 191
Techno-ökonomische Bewertung eines veränderten Zuschnitts von Marktgebieten
für elektrische Energie in Mitteleuropa.............................................................................................. 213

Technik............................................................................................................................................... 227
Optimierte Integration der Elektromobilität in das Stromversorgungssystem
bei hohen Anteilen erneuerbarer Energien.......................................................................................... 229
Induktives Laden von Elektromobilien – eine techno-ökonomische Bewertung............................... 239
Wasserstoff als Kraftstoff im Deutschen Verkehrssektor.................................................................... 251
Erneuerbare Energien in Wärmenetzen – eine realistische Perspektive?............................................ 267
Wärmedämmungs-Strategien im Haushaltssektor und ihr Beitrag zu Materialeffizienz
und Emissionsminderung –eine Langfristanalyse bis zum Jahr 2050................................................ 281
Erneuerbares Methan: Analyse der CO2-Potenziale für Power-to-Gas Anlagen
in Deutschland.................................................................................................................................... 295

Autorenverzeichnis............................................................................................................................ 313
Politik und Gesellschaft
Z Energiewirtsch (2013) 37:211–218
DOI 10.1007/s12398-013-0109-5

Verteilungswirkungen des EEG


Hubertus Bardt · Judith Niehues

Online publiziert: 28. Mai 2013


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013

Zusammenfassung Das Erneuerbare-Energien-Gesetz not shrunk but have risen significantly. The ongoing growth
(EEG) ist bislang eine der wesentlichen Grundlagen der led to increasing subsidies for renewable energies and grow-
Energiewende in Deutschland gewesen. Durch das EEG ing costs for electricity consumers in business and private
wurde die Produktion von Strom aus regenerativen Quellen households. It would be insufficient to look at absolute cost
erheblich gesteigert. Da insbesondere die teureren Formen developments only, as distribution effects may be critical. As
erneuerbarer Energien verstärkt genutzt wurden, sind die electricity consumption only slightly depends on household
durchschnittlichen Kosten nicht gesunken, sondern deutlich income, higher income leads to lower significance of elec-
gestiegen. Das Wachstum führte zu einem rasanten Anstieg tricity costs. Therefore, low income households bear a rel-
der Subventionen für erneuerbare Energien, die auf Strom- atively higher burden of costs for renewable energies. Fur-
verbraucher in Wirtschaft und Haushalten umgelegt werden. thermore, wealthy households could benefit from the subsi-
Dabei darf aber nicht nur die absolute Höhe der Belastungen dies as they can invest in renewable energy systems.
berücksichtigt werden. Kritisch an der bisherigen Förderung
ist auch die mit dem EEG verbundene Verteilungswirkung
zu sehen. Da der Stromverbrauch sich mit dem Einkommen 1 Erfolge und Nebenwirkungen des EEG
kaum verändert, sinkt die Bedeutung der Stromkosten mit
steigendem Einkommen. Dadurch werden die einkommens- Die Förderung erneuerbarer Energien durch das EEG ist un-
schwächeren Haushalte stark überproportional mit den Kos- ter Kosten- und Effizienzgesichtspunkten Gegenstand viel-
ten der Förderung erneuerbarer Energien belastet. Gleich- fältiger Diskussionen. Dabei bleibt die Verteilungswirkung
zeitig profitieren die Haushalte mit einem höheren Einkom- oftmals unterbelichtet. Der vorliegende Aufsatz benennt we-
men eher von der Förderung durch das EEG, weil sie ent- sentliche Wirkungen des EEG und konzentriert sich auf die
sprechende Investitionen in erneuerbare Energien finanzie- Analyse der Verteilungseffekte.1
ren können. Ziel des EEG ist es, den Ausbau und Betrieb von
Erneuerbare-Energien-Anlagen zu fördern und dadurch mit-
Distribution Effects of the Renewable Energies Act telbar den Ausstoß von Treibhausgasen zu verringern. Oft-
mals wird es als Erfolgsmodell bezeichnet, das weltweit von
Abstract The Renewal Energies Act has so far been one of vielen Ländern kopiert wurde. Hintergrund ist der starke
the cornerstones of the energy revolution. As a result of the und dauerhafte Ausbau erneuerbarer Energien. Die durch
Act the production of electricity from renewable sources has erneuerbare Energien gewonnene Strommenge hat sich im
been considerably increased. As the most expensive forms Zeitraum 2000 bis 2011 mehr als verdreifacht (AG Ener-
of renewable energies have grown fastest, average costs have giebilanzen 2012). Auf der anderen Seite stehen die Aus-
gaben. Mit dem steigenden Anteil erneuerbarer Energien an

H. Bardt () · J. Niehues 1 Eine ausführlichere Analyse, die zusätzlich internationale Erfahrun-
Institut der deutschen Wirtschaft Köln, Postfach 10 19 42,
50459 Köln, Deutschland gen mit alternativen Förderverfahren (Quotenmodellen) aufgreift, fin-
e-mail: bardt@iwkoeln.de det sich in Bardt et al. (2012b).
4 Z Energiewirtsch (2013) 37:211–218

der Stromversorgung sind auch die Kosten gestiegen. Nach-


folgend werden die Entwicklung der erneuerbaren Energien
in Deutschland und die damit verbundenen Ausgaben be-
schrieben. Dabei wird insbesondere auf die Auswirkungen
auf den Strommarkt sowie auf Verteilungswirkungen inner-
halb der Bevölkerung eingegangen.
Mit der Zunahme der Mengen sind die Preise für Erneu-
erbare-Energien-Anlagen gesunken. Zugleich konnte ihr
Wirkungsgrad erhöht werden. Diese Faktoren wirken sich
positiv auf die Erträge der Anlagenbetreiber aus. Der Ge-
setzgeber berücksichtigt diese Entwicklung durch regelmä-
ßige Anpassungen der Vergütungssätze. Das ursprüngliche Abb. 1 Vergütungsdegression und Kostenrückgang einer 10-
EEG aus dem Jahr 2000 wurde im Laufe seiner Geschich- Kilowatt-Photovoltaik-Dachanlage (in Prozent). Quellen: BSW-Solar
te mehrmals novelliert. Umfassende Novellen gab es in den 2012; EEG in den jeweiligen Fassungen (Farbig online)
Jahren 2004, 2009 und 2012. Darüber hinaus wurden eini-
ge kleinere Änderungen vorgenommen. Im Jahr 2004 wurde
die jährliche Degression für die Vergütungssätze eingeführt.
So sinken die gezahlten Vergütungen für neu installierte An-
lagen um einen festgelegten Prozentsatz. Der Prozentsatz ist
technologieabhängig. Aktuell liegt er in der Regel zwischen
jährlich 1 Prozent (Wasserkraft, § 20 EEG) und monatlich
1 Prozent (Photovoltaik, unter der Voraussetzung, dass der
Zubaukorridor eingehalten wird, § 20a EEG). Bei der Pho-
tovoltaik kann der Prozentsatz seit der Novelle im Jahr 2011
– abhängig vom Zubau neuer Anlagen – angehoben oder
abgesenkt werden.
Eine hohe Lernrate lässt sich besonders bei der Photo-
voltaiktechnologie feststellen. Die Module werden interna- Abb. 2 Durchschnittliche EEG-Vergütungssätze. Ausgewählte Tech-
tional gehandelt. Zudem ist die Exportquote der deutschen nologien, in Cent pro Kilowattstunde. Quelle: BDEW 2012 (Farbig on-
Photovoltaikindustrie mit 55 Prozent recht hoch (BSW- line)
Solar 2012, 2). Die Lernkurve ist also auf globaler Ebe-
ne zu betrachten. Seit dem Jahr 2006 hat sich die weltweit
Kostenrückgang bei Photovoltaikanlagen durch Kürzungen
installierte Leistung drei Mal (bis 2008, 2010 und 2011)
der Förderung angemessen zu berücksichtigen. Vor allem
verdoppelt (EPIA 2012, 12). Die nächste Verdopplung der im Jahr 2007 sowie Anfang 2010 und 2012 war die De-
weltweit installierten Leistung dürfte im Jahr 2013 erfol- gression bei der Vergütung deutlich geringer als der Rück-
gen (EPIA 2012, 45). Die Preise für Photovoltaikanlagen gang der Anlagenpreise. Die Bundesregierung reagierte da-
sind bis Mitte 2012 auf ein Drittel des Preises von An- her mit einer zusätzlichen Einmalabsenkung im April 2012,
fang 2006 gefallen. Das entspricht einer Kostensenkung von um die Vergütungen nachträglich anzupassen (Abb. 1). Seit
25 Prozent bei jeder Verdopplung der ausgebrachten Men- Mai 2012 werden die Vergütungssätze monatlich um 1 Pro-
ge. Bei einer Verdopplung der installierten Windenergieleis- zent abgesenkt.
tung beträgt dieser Wert 12 Prozent (Onshore) und 19 Pro- Durch die regelmäßige Degression der Vergütungssät-
zent (Offshore; SRU 2011, 249). Insbesondere die Was- ze und weitere Anpassungen wachsen die Kosten des EEG
serkraft gilt hingegen als weitgehend ausgereifte Technolo- nicht proportional zur erzeugten Strommenge. Je nachdem
gien. Die Kostensenkungspotenziale sind entsprechend ge- wann eine Anlage ans Netz gegangen ist, erhält der Betrei-
ring. ber einen anderen Vergütungssatz. Für die Gesamtkosten des
Der starke Kostenrückgang bei Photovoltaikanlagen im EEG sind daher die durchschnittlichen Vergütungssätze re-
Jahr 2009 hat zu einem unerwartet starken Ausbau der Ka- levant. Insgesamt sind diese seit der Einführung des EEG
pazitäten geführt. Um die Ausgaben in Grenzen zu halten, kontinuierlich angestiegen (Abb. 2). Die mit Abstand höchs-
wurden die Einspeisevergütungen im Jahr 2010 unterjäh- ten durchschnittlichen Sätze entfallen weiterhin auf die Pho-
rig angepasst. Abgesehen von den gesenkten Vergütungs- tovoltaik; jedoch sind diese unter anderem durch die im
sätzen zur Jahresmitte 2010 und im Jahr 2011 ist es der Jahr 2009 beschlossenen Kürzungen ab 2010 deutlich ge-
Politik allerdings in den letzten Jahren nicht gelungen, den sunken.
Z Energiewirtsch (2013) 37:211–218 5

Tab. 1 Steigende
EEG-Belastungen: EEG-Umlage 1 Person 2 Personen 3 Personen 4 + Personen
EEG-Umlage für Haushalte in (Cent je kWh)
Euro, inkl. Mehrwertsteuer
Jährlicher verbrauch 2050 kWh 3440 kWh 4050 kWh 4940 kWh
2000 0,200 4,76 7,98 9,40 11,46
2001 0,25 5,95 9,98 11,75 14,33
2002 0,35 8,32 13,97 16,44 20,06
2003 0,42 9,99 16,76 19,73 24,07
2004 0,51 12,13 20,35 23,96 29,23
2005 0,69 16,41 27,53 32,42 39,54
2006 0,88 20,93 35,12 41,34 50,43
2007 1,02 24,26 40,70 47,92 58,45
2008 1,16 27,58 46,29 54,50 66,47
2009 1,31 31,15 52,27 61,54 75,07
2010 2,05 48,75 81,80 96,31 117,47
2011 3,53 83,94 140,86 165,84 202,28
2012 3,592 87,63 147,04 173,12 211,16
2013 5,277 128,73 216,02 254,33 310,21
Mehrkosten 2013 1,685 41,11 68,98 81,21 99,05
Quellen: BDEW, eigene gegenüber 2012
Berechnungen

Das rasante Wachstum der subventionierten erneuerba- 2 Verteilungswirkungen der EEG-Umlage


ren Energien schlägt sich natürlich auch in den Kosten nie-
der. Was als kleiner Betrag auf der Stromrechnung anfing, Das EEG ist mit nicht unerheblichen Verteilungswirkun-
hat sich zu einem erheblichen Kostenblock entwickelt. An- gen verbunden, die zunehmend kontrovers diskutiert wer-
fang des letzten Jahrzehnts lag die EEG-Umlage gerade den (Bardt et al. 2012a; Gawel und Korte 2012; Löschel
einmal bei 0,2 Cent je Kilowattstunde. Für einen Durch- et al. 2012; Techert et al. 2012). Diese erwachsen aus
schnittshaushalt waren das gerade einmal 7 Euro im Jahr zu- den Zahlungen der Stromverbraucher auf der einen Sei-
züglich Mehrwertsteuer von damals noch 16 Prozent. 2012 te und den Einnahmen der Anlagenbetreiber auf der an-
belief sich die Umlage schon auf 3,592 Cent je Kilowatt- deren Seite. Dabei ist die Einnahmenseite kaum hinrei-
stunde. Gemäß der von BDEW ermittelten Stromverbräu- chend zu erfassen, da hier nicht nur die privaten Eigentü-
che nach Haushaltsgrößen lagen die Zusatzkosten für einen mer von Erneuerbare-Energien-Anlagen berücksichtigt wer-
2-Personen-Haushalt damit bei 124 Euro plus Steuer, die den müssten, sondern auch die Eigentümerstruktur größe-
inzwischen auf 19 Prozent angehoben wurde. Insgesamt rer Unternehmen, die beispielsweise Windparks betreiben,
Solaranlagen auf Werksdächern installieren oder Biomas-
lag die Belastung also bei 147 Euro, für einen 3-Personen-
seanlagen besitzen. Möglich ist aber eine Betrachtung der
Haushalt sogar bei 173 Euro (Tab. 1).
Verteilungswirkungen, die aus den Zahlungen der privaten
Um die steigenden Förderkosten zu decken, wurde die
Haushalte für das EEG resultieren. Dem Anteil der EEG-
EEG-Umlage zum Jahresbeginn 2013 auf 5,277 Cent an-
Umlage für die Photovoltaikförderung lassen sich beispiel-
gehoben. Darin enthalten ist eine Nachzahlung für das Jahr haft die durchschnittlichen Einnahmen privater Photovol-
2012, da es hier zu einer unerwartet hohen Einspeisung von taikanlagen gegenüberstellen. Neben der Verteilung zwi-
EEG-Strom kam. Ohne diesen Effekt hätte die Umlage 2013 schen Einkommensgruppen können auch noch andere Ver-
nur bei rund 4,6 Cent gelegen. Insgesamt erhöhte sich die teilungsaspekte relevant sein, beispielsweise zwischen Un-
Umlage um fast die Hälfte innerhalb eines Jahres. Für einen ternehmen und Haushalten, zwischen energieintensiven und
Haushalt mit zwei Personen beläuft sich die EEG-Rechnung weniger energieintensiven Unternehmen, zwischen Regio-
in 2013 inklusive Mehrwertsteuer auf 216 Euro. Ein Drei- nen (BDEW 2012) oder zwischen verschiedenen Produzen-
Personen-Haushalt muss schon 254 Euro aus dem versteuer- ten von Strom. Diese werden an dieser Stelle jedoch nicht
ten Einkommen hinlegen. Und für Haushalte mit vier Perso- weiter untersucht.
nen steigen die EEG-Kosten inklusive Mehrwertsteuer von Die folgenden Berechnungen basieren auf den Befra-
211 Euro auf 310 Euro. Das bedeutet allein jetzt Mehrkosten gungswellen des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) der
von fast 100 Euro im Jahr. Jahre 2003 und 2010, da in diesen Jahren die monatlichen
6 Z Energiewirtsch (2013) 37:211–218

Tab. 2 Verteilung der Stromkosten und der EEG-Umlage (pro Monat und pro Person (bedarfsgewichtet) nach Einkommensdezilen, in Euro)

Einkommensdezil 2011 2013


Stromkosten EEG-Umlage Stromkosten EEG-Umlage

1. 41,34 5,85 44,45 8,75


2. 40,00 5,66 43,00 8,47
3. 40,63 5,75 43,68 8,60
4. 40,76 5,77 43,81 8,63
5. 40,77 5,77 43,86 8,63
6. 43,68 6,18 46,93 9,24
7. 42,31 5,99 45,47 8,95
8. 44,99 6,37 48,35 9,52
9. 44,61 6,31 47,97 9,44
10. 50,86 7,20 54,67 10,76

Die Haushalte werden gemäß der Höhe ihrer bedarfsgewichteten Nettoeinkommen sortiert und in zehn gleich große Gruppen eingeteilt (Dezile);
Stromkosten und EEG-Umlage sind ebenfalls bedarfsgewichtet; alle Werte beziehen sich auf Monatsangaben und Durchschnitte in den jewei-
ligen Dezilen; die Einkommen und Stromkosten für das Jahr 2013 basieren auf Prognosewerten. Quellen: Sozio-oekonomisches Panel, eigene
Berechnungen

Stromkosten der Haushalte abgefragt wurden. Für die wei- Kleinkind muss daher ein 1,8-mal so hohes Einkommen ha-
teren Jahre wird das Einkommen jeweils mit der Verän- ben wie ein Einpersonenhaushalt, um auf das gleiche be-
derungsrate des verfügbaren Einkommens aus den Volks- darfsgewichtete Einkommen zu kommen. Das resultierende
wirtschaftlichen Gesamtrechnungen (VGR) fortgeschrieben Äquivalenzeinkommen wird schließlich jedem Haushalts-
(Statistisches Bundesamt 2011) und bei den Stromkosten mitglied zugeordnet und lässt sich als bedarfsgemäß mo-
werden jeweils die Steigerungsraten der Strompreise ver- difiziertes Pro-Kopf-Einkommen interpretieren. Auch die
wendet. Weil die Haushalte je nach Verbrauch und An- Stromkosten und die anteiligen EEG-Kosten werden be-
bieter unterschiedlichen Strompreisen unterliegen, wird auf darfsgewichtet, weil der Stromverbrauch zwar mit zuneh-
den durchschnittlichen Strompreis für einen Drei-Personen- mender Haushaltsgröße steigt, jedoch nur unterproportional.
Haushalt mit einem Jahresverbrauch von 3.500 kWh zu- Das durchschnittliche bedarfsgewichtete Nettoeinkom-
rückgegriffen. Dieser stieg von 17,96 Cent/kWh im Jahr men der ärmsten 10 Prozent der Bevölkerung (Dezil 1) be-
2004 auf 24,95 Cent/kWh im Jahr 2011 (BDEW 2012). trägt 706 Euro, das des obersten und damit reichsten Dezils
Auch der Verbrauch wird anhand dieser unterstellten Durch- (Dezil 10) 4.744 Euro. Tabelle 2 zeigt für die Jahre 2011 und
schnittspreise ermittelt, weil die Mikrodaten nur Angaben 2013 die Höhe der durchschnittlichen monatlichen Strom-
über die monatlichen Stromkosten der Haushalte enthalten. kosten sowie der EEG-Umlage nach Dezilen. Zwar liegen
Der Strompreis für das Jahr 2013 basiert auf einer linearen die Stromkosten in den oberen Dezilen etwas höher als in
Fortschreibung der Durchschnittstrompreise für die letzten den unteren. Im Vergleich zu den Einkommen ist dieser Un-
Jahre (BDEW 2012) und wird mit 26,82 Cent/kWh ange- terschied jedoch gering. Bei einem mehr als sechsmal so
setzt. hohen Einkommen sind die Stromkosten nur um rund ein
Wie in Verteilungsanalysen üblich, wird ein bedarfsge- Viertel höher. Entsprechend verhält es sich mit der EEG-
wichtetes Haushaltsnettoeinkommen verwendet, um unter- Umlage. Für die ärmere Hälfte liegt die bedarfsgewichtete
schiedliche Haushaltsgrößen und Skaleneffekte innerhalb Pro-Kopf-EEG-Umlage knapp unter sechs Euro, die reichs-
von Haushalten zu berücksichtigen. Zur Bedarfsgewichtung ten 10 Prozent der Bevölkerung zahlen 7,20 Euro. 2013 lie-
wird wie bei den offiziellen Verteilungsindikatoren der EU gen die Werte zwischen 8,75 und 10,76 Euro im Monat. Da
die modifizierte Äquivalenzskala der Organisation für wirt- das durchschnittliche Bedarfsgewicht in Deutschland rund
schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) her- 1,5 beträgt (gegenüber einer durchschnittlichen Haushalts-
angezogen (Hagenaars et al. 1994). Nach dieser Bedarfs- größe von etwa zwei Personen), sind die entsprechenden
gewichtung erreicht ein Zweipersonenhaushalt einen ähnli- Haushaltswerte ungefähr um den Faktor 1,5 höher.
chen Lebensstandard wie ein Alleinlebender, wenn er über Während also mit zunehmenden Einkommen die abso-
das Anderthalbfache des Single-Einkommens verfügt. Für luten EEG-Kosten der Haushalte leicht steigen, verdeutlicht
jedes weitere Haushaltsmitglied ab 14 Jahre erhöht sich eine relative Betrachtung die unverhältnismäßig hohe Belas-
dieser Faktor um 0,5. Für Kinder unter 14 Jahre wird ein tung der Haushalte mit niedrigem Einkommen. Abbildung 3
geringerer Bedarf von 0,3 unterstellt. Ein Paar mit einem veranschaulicht die Anteile der EEG-Kosten der Haushal-
Z Energiewirtsch (2013) 37:211–218 7

te an deren jeweiligem Nettoeinkommen: Bei den einkom- terschätzt und damit die EEG-Umlage zu niedrig angesetzt
mensschwächsten 10 Prozent floss im Jahr 2011 beinahe wurde. Dies kann kurzfristig zu erheblichen Veränderungen
1 Prozent des Einkommens in die EEG-Finanzierung, bei der Umlage führen (Nagl et al. 2012). Bedeutend für die Be-
den einkommensstärksten 10 Prozent war dieser Anteil mit lastung der Haushalte ist natürlich auch der Stromverbrauch,
nur 0,17 Prozent deutlich geringer. Mit steigender Umla- der vom Haushalt angepasst werden kann und vom Strom-
genhöhe wächst auch die Belastung der einkommensschwa- preis beeinflusst wird. In dieser Status-Quo-Betrachtung
chen Haushalte. Setzt man für das Jahr 2013 den Wert von werden derartige Ausweichmöglichkeiten nicht analysiert.
5,28 Cent/kWh für die EEG-Umlage an, müssen die Haus- Veränderungen der Ausnahmeregeln für energieintensive In-
halte des untersten Dezils bereits 1,32 Prozent ihres Ein- dustrieunternehmen bedeuten ebenfalls eine Änderung der
kommens für die EEG-Finanzierung aufwenden. Belastung privater Haushalte. Dabei wir hier auf den aktuel-
Verteilungswirkungen sind nicht nur anhand des Einkom- len Rechtstand Bezug genommen und keine Analyse mög-
mens zu beschreiben, vielmehr ergeben sich unterschiedli- licher Verteilungswirkungen zwischen Industrie und Haus-
che Belastungen auch für verschiedene Haushaltstypen. Be- halten vorgenommen. Nicht berücksichtigt werden hier fer-
sonders belastet werden 2013 auch Alleinerziehende. Sie ner mögliche preissenkende Effekte durch das Angebot
müssen im Durchschnitt fast 0,9 Prozent ihres Einkommens erneuerbarer Energien auf dem Spotmarkt (Merit-Order-
für die Umlage aufbringen – im Verhältnis zu ihrem Ein- Effekt). Schließlich können private Stromkunden hiervon
kommen doppelt so viel wie kinderlose Paare (Tab. 3). nur sehr eingeschränkt profitieren. Bei zusätzlicher Berück-
Es ist zu beachten, dass bei dieser Betrachtung nur die sichtigung der durch die EEG-Umlage verursachten hö-
Verteilungswirkungen der direkten EEG-Kosten für die pri- heren Mehrwertsteuerbelastung liegt der Anteil der EEG-
vaten Haushalte erfasst werden. Die Förderung hat auch in- Finanzierung bei den einkommensschwächsten Haushalten
direkte Effekte auf die Strompreise. Diese ergeben sich etwa im Jahr 2013 schon bei 1,6 Prozent des verfügbaren Ein-
aus dem erforderlichen Netzausbau, aber auch aus der Mehr- kommens. Bezogen auf die Einkommen der privaten Haus-
wertbesteuerung. Intertemporale Effekte ergeben sich aus halte wirkt die EEG-Umlage somit klar regressiv.
möglichen Nachzahlungen, wenn die Einspeisemenge un- Verteilungseffekte entstehen aber nicht nur auf der Aus-
gabenseite der Haushalte, sondern auch bei möglichen fi-
nanziellen Vorteilen durch die EEG-Förderung. Die Einnah-
men der Haushalte durch das EEG lassen sich anhand der
Mikrodaten nicht vollständig abbilden. Sie können aber bei-
spielhaft berechnet werden für die Haushalte mit privaten
Photovoltaikanlagen (kurz: Solarhaushalte). Die Verteilung
der Solarhaushalte wird auf Basis der SOEP-Daten ermittelt.
Da in den Mikrodaten die Eigentümer von Solarthermiean-
lagen nicht eindeutig von Eigentümern von Photovoltaik-
anlagen zu unterscheiden sind, wird gemäß dem jährlichen
Zubau von Anlagen bis 30 Kilowatt zufällig die entspre-
chende Zahl der Haushalte aus der Gesamtzahl der positi-
ven Antworten der jeweiligen SOEP-Welle gezogen. Dieses
Verfahren unterliegt der Annahme, dass sich die Verteilung
Abb. 3 Anteile der EEG-Umlage am Einkommen. Einkommensgrup-
von Solarthermiehaushalten nicht systematisch von Photo-
pen auf Basis bedarfsgemäßer Pro-Kopf-Einkommen in Euro. Quellen: voltaikhaushalten unterscheidet. Robust gegenüber der zu-
Sozio-ökonomisches Panel, eigene Berechnungen (Farbig online) fälligen Auswahl zeigt sich bei der Verteilung der Haushalte

Tab. 3 Verteilung der EEG-Umlage nach Haushaltstypen (Einkommen und Umlage pro Person (bedarfsgewichtet) je Monat)

Durchschnittliche monatliche Anteil der EEG-Umlage am


EEG-Umlage in Euro Einkommen in %
2011 2013 2011 2013

Single 6,34 9,49 0,51 0,72


Paar ohne Kinder 6,47 9,68 0,31 0,44
Alleinerziehend 5,94 8,88 0,60 0,85
Paar mit Kindern 5,65 8,45 0,34 0,48

Alle Werte sind bedarfsgewichtet und beziehen sich auf Monatsangaben und Durchschnitte für die jeweiligen Haushaltstypen. Rentnerhaushalte
werden bei dieser Betrachtung nicht berücksichtigt. Quellen: Sozio-ökonomisches Panel, eigene Berechnungen
8 Z Energiewirtsch (2013) 37:211–218

resertrag von 900 kWh pro installiertes Kilowatt Leistung


sowie der für die Anlage gültigen Vergütung über 20 Jahre.
Dabei wurde eine Diskontierungsrate von 2 Prozent ange-
nommen, um die reale Rendite der Photovoltaikanlage dar-
zustellen. 2 Prozent entsprechen etwa der durchschnittlichen
Inflationsrate der vergangenen 20 Jahre von 1,9 Prozent.
Den Einnahmen werden die Installationskosten gegen-
übergestellt, die jeweils quartalsweise vorliegen (BSW-
Solar 2012). Wegen technischer Alterung und Verschmut-
zungen der Anlagen wird außerdem angenommen, dass der
Stromertrag jährlich um 0,2 Prozent sinkt. Auf der Ausga-
Abb. 4 Entwicklung von Endkundenpreis und Vergütungssätzen für benseite fallen neben der Anfangsinvestition jährliche Be-
Photovoltaikanlagen. Durchschnittlicher Endkundenpreis pro Kilowatt triebskosten an. Bei Photovoltaikanlagen sind diese im Ver-
Peak (Systempreis, netto) für eine fertig installierte 10-Kilowatt-Pho- gleich zu anderen Technologien zur Stromerzeugung gering.
tovoltaik-Dachanlage und Vergütung pro Kilowattstunde, Anfang
Sie wurden mit 30 Euro pro installiertes Kilowatt und Jahr
2006 = 100. Quellen: BSW-Solar 2012; EEG in den jeweiligen Fas-
sungen (Farbig online) bewertet. Es wird zudem unterstellt, dass die Betriebskosten
jährlich um 2 Prozent steigen (Fraunhofer ISE 2012, 9 ff.).
Die Vergütungen der Anlagenbetreiber werden zu einem
mit Photovoltaikanlagen ein eindeutiges Bild: In den unte- Großteil durch die EEG-Umlage finanziert. Bei der Photo-
ren Einkommensbereichen sind keine bis sehr wenige So- voltaik liegt der Subventionsanteil bei rund 85 Prozent. Der
larhaushalte zu finden. Die Anzahl steigt beinahe kontinu- Rest wird über die Erlöse des Photovoltaikstroms am Strom-
ierlich mit zunehmendem Einkommen an. Jeder fünfte So- markt finanziert. Um die Vergütungen auf die Anlagenstruk-
larhaushalt gehört zu den reichsten 10 Prozent der Bevölke- tur in den Mikrodaten zu beziehen, wird zunächst die gesam-
rung. te Vergütungssumme der Anlagen unter 30 Kilowatt durch
Aufgrund der Panelstruktur der Mikrodaten lässt sich die Anzahl dieser Anlagen geteilt. Jedem Solarhaushalt wer-
ebenfalls abschätzen, zu welchem Zeitpunkt eine Anlage in den dann die durchschnittlich gezahlten Vergütungen ge-
Betrieb genommen wurde. Dies ist aus zwei Gründen rele- mäß Zeitpunkt der Inbetriebnahme zugewiesen. Insgesamt
vant: Erstens entscheidet der Zeitpunkt der Inbetriebnahme ergeben sich so Förderkosten (Differenzkosten) von jährlich
darüber, mit welchem Betrag jede erzeugte kWh der An- knapp über 3 Milliarden Euro, die an die privaten Haushalte
lage über die nächsten 20 Jahre gefördert wird. Zweitens fließen. Dies entspricht rund 45 Prozent der gesamten Ver-
hängen die Investitionskosten für die Anlage und damit die gütungen für Photovoltaikstrom im Jahr 2011. Die Mikro-
Rentabilität für den Betreiber vom Anschaffungszeitpunkt daten können somit den privaten Photovoltaikanteil sehr gut
ab. Im Zeitablauf sinken sowohl die Fördersätze als auch abbilden, da dieser mit rund 40 Prozent (Klaus Novy Institut
die Kosten für die Anlage. Eine hohe Bruttorendite erzielt 2011, 62) beziffert wird, kleinere Anlagen aber von höheren
ein Betreiber dann, wenn die Differenz zwischen der För- Fördersätzen profitieren.
derung und dem Kaufpreis der Anlage möglichst groß ist. Entsprechend der Verteilung der Solarhaushalte fließt
Abbildung 4 stellt den Rückgang der Modulpreise und die die Fördersumme vorwiegend an die Haushalte mit höhe-
Entwicklung der Fördersätze grafisch dar. So konnte zum ren Einkommen. Stellt man diesen Vergütungen die EEG-
Beispiel ein Betreiber einer Anlage bis 10 Kilowatt das bes- Kosten der Haushalte gegenüber, die auf Photovoltaikanla-
te Verhältnis zwischen Fördersatz und Anlagenpreis mit ei- gen zurückzuführen sind (im Jahr 2011 waren das appro-
ner Inbetriebnahme zwischen der zweiten Jahreshälfte 2009 ximativ 55 Prozent der gesamten EEG-Kosten), resultie-
und der ersten Jahreshälfte 2010 erreichen. Ein (noch) hoher ren nur für die ärmsten 20 Prozent der Haushalte negative
Fördersatz traf hier mit bereits deutlich gesunkenen Modul- Finanzierungssaldos (Abb. 5): Das heißt, die Haushalte in
preisen zusammen. den untersten zwei Dezilen zahlen über die EEG-Umlage
Wie bereits erwähnt, hängt der Ertrag einer Anlage außer mehr Vergütungen für Photovoltaikanlagen, als die Solar-
vom Zeitpunkt der Inbetriebnahme von weiteren Faktoren haushalte in diesen Dezilen an Fördersummen erhalten. Ins-
ab (Standort, Ausrichtung, verwendete Technologie etc.). gesamt fließen durch den Betrieb von Photovoltaikanlagen
Bei der folgenden Kapitalwertberechnung wird auf Durch- mehr Vergütungen an die privaten Haushalte, als diese über
schnittswerte zurückgegriffen. Dabei werden die Förderun- die EEG-Kosten finanzieren. Das liegt daran, dass der An-
gen und Gewinne der Betreiber einer Photovoltaikanlage bis teil privater Photovoltaikanlagen höher ist als der Finanzie-
30 Kilowatt gemäß dem jeweiligen Anschaffungsjahr be- rungsanteil der privaten Haushalte an der EEG-Umlage. Der
rechnet. Es werden nur diese kleineren Anlagen betrachtet, Stromverbrauch der privaten Haushalte entsprach 2011 rund
weil sich die Analyse auf Privathaushalte beschränkt. Die einem Drittel des nicht-privilegiertem Letztbedarfs, auf den
Einnahmen ergeben sich aus einem durchschnittlichen Jah- die EEG-Kosten umgelegt werden (Prognos 2012).
Z Energiewirtsch (2013) 37:211–218 9

Abb. 5 Finanzierungssaldo aus Vergütungssummen und EEG- kommensdezils. Es werden nur die durch die Photovoltaik-Förderung
Kosten. 2011, Einkommensdezile auf Basis bedarfsgemäßer Pro-Kopf- verursachten EEG-Kosten berücksichtigt (etwa 55 Prozent der Gesamt-
Einkommen, in Millionen Euro. Die Vergütungen und EEG-Kosten kosten). Quellen: Sozio-ökonomisches Panel, eigene Berechnungen
beziehen sich auf die jährlichen Gesamtzahlungen innerhalb eines Ein-

Abb. 6 Gewinne aus privaten


Photovoltaik-Anlagen nach
Einkommensdezilen. 2011,
Einkommensdezile auf Basis
bedarfsgemäßer
Pro-Kopf-Einkommen, in
Millionen Euro. Gewinne
beziehen sich auf die jährlichen
Gesamtzahlungen innerhalb
eines Einkommensdezils.
Quellen: Sozio-ökonomisches
Panel, eigene Berechnungen
(Farbig online)

Wenn diesen Vergütungssummen allerdings Investitions- Einnahmen erbringen kann. Abbildung 6 zeigt, in welche
und Betriebskosten der Photovoltaikanlagen in ähnlicher Einkommensbereiche die jährlichen Gewinne aus den Pho-
Höhe gegenüberstehen, gewinnen auch die reicheren Haus- tovoltaikanlagen jeweils fließen. Insgesamt erwirtschaften
halte nicht. Berücksichtigt man diese individuellen Investi- die etwa 1 Million Solarhaushalte in Deutschland jährliche
tionskosten und saldiert nur die Gewinne aus den Photovol- Überschüsse von knapp 1 Milliarde Euro. Über die Hälfte
taikanlagen mit den photovoltaikinduzierten EEG-Kosten dieser Überschüsse gehen an Haushalte der obersten drei
der privaten Haushalte, dann profitiert keine Einkommens- Einkommensdezile. Die unteren Dezile profitieren kaum.
gruppe als Ganze: Über ihren Stromverbrauch beteiligen Nur ein geringer Teil der Überschüsse wird am Strommarkt
sich alle Haushalte an den EEG-Kosten, die Zahl der pro- erwirtschaftet, 85 Prozent der Gewinne fließen aus dem För-
fitierenden Solarhaushalte ist aber vergleichsweise gering; dertopf an vorwiegend einkommensstarke Haushalte.
auch im reichsten Dezil sind dies lediglich gut 5 Prozent der Da die Mikrodaten keine Rückschlüsse auf die jeweilige
Haushalte. Anlagengröße erlauben, wird der Umverteilungseffekt ten-
Die Haushalte mit einer Soloranlage profitieren aber sehr denziell unterschätzt, denn es ist anzunehmen, dass reiche-
wohl von der Förderung. Beispiel: Bei Inbetriebnahme einer re Haushalte über größere Anlagen verfügen. Ebenso kann
10-Kilowatt-Anlage im ersten Quartal 2010 und unter den die regional variierende Sonneneinstrahlung Einfluss auf die
oben getroffenen Annahmen erzielt der Eigentümer monat- Ergebnisse haben. Weil in Süddeutschland im Durchschnitt
lich Gewinne von rund 100 Euro. Diese liegen deutlich über sowohl die Sonneneinstrahlung als auch die Einkommen der
seinem EEG-Beitrag. Hierbei bleibt sogar unberücksichtigt, Haushalte höher sind, wird auch hierdurch die Umvertei-
dass die Anlage auch nach Ablauf der 20 Jahre weiterhin lungswirkung der EEG-Umlage unterschätzt.
10 Z Energiewirtsch (2013) 37:211–218

3 Fazit profitieren nur wenige und eher einkommensstarke Haus-


halte, die private Solaranlagen installiert haben. Die EEG-
Das EEG ist das zentrale politische Instrument in Deutsch- Umlage hat damit eine unter Verteilungsgesichtspunkten un-
land zur Förderung erneuerbarer Energien in der Stromer- erwünschte regressive Wirkung.
zeugung. Mit dem im EEG verankerten Vorrang von aus re-
generativen Quellen erzeugten Stroms im Stromnetz und mit
der über eine Umlage finanzierten gesetzlich verankerten Literatur
Vergütung werden die alternativen Stromerzeugungstechni-
ken gefördert. Die Vergütung liegt über dem markträumen- AG Energiebilanzen (2012) Bruttostromerzeugung in Deutschland von
den Preis, um einen Fördereffekt erzielen zu können. Mit der 1990 bis 2012 nach Energieträgern. Berlin
gewollten Verteuerung von Strom durch die EEG-Umlage Bardt H, Niehues J, Techert H (2012a) Das Erneuerbare-Energien-
Gesetz. Erfahrungen und Ausblick, Studie für die Initiative Neue
und die Zuweisung der eingenommen Mittel an die Produ- Soziale Marktwirtschaft. Köln
zenten von Strom aus erneuerbaren Quellen, wird in die Pri- Bardt H, Niehues J, Techert H (2012b) Die Förderung erneuerbarer
märverteilung der Einkommen eingegriffen. Diese Eingriffe Energien in Deutschland – Wirkungen und Herausforderungen
und ihre Wirkrichtung müssen politisch gerechtfertigt wer- des EEG, IW Positionen. Beiträge zur Ordnungspolitik Nr 56.
Köln
den.
BDEW (Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft) (2012)
Das primäre Ziel des EEG, die neuen Technologien in die Erneuerbare Energien und das EEG. Zahlen, Fakten, Grafiken
Anwendung zu bringen, ist erfüllt worden. Ohne das EEG (2011). Berlin
oder ein anderes Förderinstrument hätte es den rasanten An- Bundesverband Solarwirtschaft (BSW-Solar) e. V. (2012) Statis-
tische Zahlen der deutschen Solarstrombranche (Photovol-
stieg bei den erneuerbaren Energien kaum gegeben. Das po-
taik), Juni 2012, URL: http://www.solarwirtschaft.de/fileadmin/
litisch gewünschte Wachstum lässt sich als Erfolg werten. media/pdf/bsw_solar_fakten_pv.pdf [Stand: 2012-06-21]
Dabei wurden die Zielvorstellungen teilweise sogar erheb- EEG – Gesetz für den Vorrang Erneuerbarer Energien, Fassungen von
lich übertroffen. 2000, 2004, 2009 und 2012
Nicht gelungen ist hingegen die Marktintegration. Noch EPIA (European Photovoltaic Industry Association) (2012) Global
market outlook for photovoltaics until 2016. EPIA, Brüssel
immer sind die erneuerbaren Energien auf Subventionen an- Fraunhofer ISE (Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme) (2012)
gewiesen. In einem freien Markt könnten sich die neuen For- Studie Stromgestehungskosten Erneuerbare Energien, Mai 2012
men der Stromerzeugung trotz der langjährigen Förderung Gawel E, Korte K (2012) Verteilungseffekte des EEG: Kritik an den
und trotz der erreichten Kostensenkungen weiterhin nicht falschen Stellen. Wirtschaftsdienst 92(8):512–515
Hagenaars AJM, de Vos K, Zaidi MA (1994) Poverty statistics in the
halten. Die durchschnittliche Vergütung ist über die letz- late 1980s: research based on micro-data. Office for Official Pu-
ten Jahre aufgrund einer Verschiebung der Anteile der ein- blications of the European Communities, Luxemburg
zelnen Technologien sogar angestiegen. Die Fokussierung Klaus Novy Institut (Hrsg) (2011) Marktakteure Erneuerbare-
auf die Förderung bestehender Technologien und das Set- Energien-Anlagen in der Stromerzeugung. Köln
Löschel A, Flues F, Heindl P (2012) Das Erneuerbare-Energien-Gesetz
zen auf Skalen- und Lernkurveneffekte hat nicht zu Innova- in der Diskussion. Wirtschaftsdienst 92(8):515–519
tionssprüngen geführt, die für eine schnellere Kostenreduk- Nagl S, Paulus S, Lindenberger D (2012) Mögliche Entwicklung der
tion notwendig gewesen wären. Umlage zur Förderung der Stromerzeugung aus erneuerbaren
Die EEG-Förderung ist mit erheblichen Ausgaben ver- Energien durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz bis 2018. Köln
Prognos (2012) Letztverbrauch 2013 Planungsprämissen für die Be-
bunden. Allein im Jahr 2013 werden zusätzlich zum Strom-
rechnung der EEG-Umlage. Berlin
wert Subventionen in Höhe von rund 16 Milliarden Eu- SRU (Sachverständigenrat für Umweltfragen) (2011) Wege zur 100 %
ro gezahlt. Für die Stromkunden bedeutet dies Mehrkosten erneuerbaren Stromversorgung, Sondergutachten. Berlin
von fast 5,3 Cent/kWh. Für einen typischen Haushalt belau- Statistisches Bundesamt (2011) Volkswirtschaftliche Gesamtrechnun-
fen sich die Kosten aus der Förderung von EEG-Strom auf gen. Inlandsproduktberechnung – Erste Jahresergebnisse. Fachse-
rie 18, Reihe 1.1. Wiesbaden
über 200 Euro im Jahr. Einkommensschwächere Haushalte Techert H, Niehues J, Bardt H (2012) Ungleiche Belastung durch die
müssen hierfür einen deutlich höheren Anteil am Haushalt- Energiewende: Vor allem einkommensstarke Haushalte profitie-
seinkommen aufwenden als einkommensstärkere. Zudem ren. Wirtschaftsdienst 92(8):507–512
Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26
DOI 10.1007/s12398-013-0121-9

Die Erschließung vorhandener Wasserkraftpotenziale


in Österreich im Spannungsfeld von Energiepolitik
und ökologischen Schutzzielen
Andrea Klinglmair · Markus Gilbert Bliem

Online publiziert: 27. November 2013


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013

Zusammenfassung Die intensivierte Nutzung der Wasser- The Expansion of Hydropower Utilization in Austria
kraft ist zentraler Bestandteil der österreichischen Energie- Between the Conflicting Priorities of Energy Policy
und Klimastrategie, mit dem Ziel die Treibhausgasemis- and Ecological Protection Objectives
sionen zu reduzieren bzw. den Anteil erneuerbarer Ener-
giequellen am Endenergieverbrauch zu erhöhen. Insbeson- Abstract The intensified use of hydropower plays a sub-
dere im Bereich der Kleinwasserkraft besteht nach Mei- stantial role in the Austrian energy sector. There are indeed
nung von Experten ein beträchtliches Ausbaupotenzial. plans to open up the remaining potentials, especially in the
Dieses Ausbauziel steht jedoch in einem unmittelbaren field of small-scale hydropower. However, hydropower cre-
Konflikt mit ökologischen Schutzzielen wie etwa der EU- ates multiple impacts. Although investments in hydropower
Wasserrahmenrichtlinie. Investitionen in die Nutzung der are undisputed due to security of supply issues, climate
Wasserkraft sind also mit positiven und negativen Auswir- change and dependency concerns, the technology is subject
kungen verbunden. Positive Effekte beziehen sich auf die to some disadvantages. Hydropower plants are often seen as
emissionsfreie Stromerzeugung, regionalwirtschaftliche Ef- a blot on the landscape and a threat for the ecosystem, espe-
fekte und eine Verringerung der Abhängigkeit von fossi- cially for fish and other water-dependent wildlife. Accord-
len Brennstoffen. Negative Effekte, die sich in Zusammen- ingly, hydropower plants are principally in conflict with na-
hang mit der Wasserkraftnutzung ergeben, betreffen die ture conservation as for instance the European Water Frame-
Schädigung des Ökosystems sowie die Beeinträchtigung work Directive. With the help of a discrete choice model
des natürlichen Landschaftsbildes. Mit Hilfe eines diskre- the trade-off between economic and climate-related advan-
ten Entscheidungsmodells (Choice Experiment) konnte ein tages and the negative environmental side effects of new hy-
detaillierter Einblick in die Präferenzen der österreichischen dropower schemes was identified and quantified. While peo-
Bevölkerung für einen Ausbau der Wasserkraft gewonnen ple value the economic (employment effects) and environ-
werden. Während die Schaffung neuer Arbeitsplätze und mental (reduced air emissions) benefits related to the gen-
die Reduktion klimaschädlicher CO2 -Emissionen positiv eration of electricity from hydroelectric power, they wish to
bewertet werden, führen Eingriffe in das Ökosystem und be compensated for the loss of nature and landscape new
das natürliche Landschaftsbild zu deutlichen Wohlfahrts- hydropower plants are associated with. Moreover, confirma-
verlusten. Auch zeigte sich die Bestätigung der „Not in my tion of the “Not in my backyard” phenomenon was found,
backyard“ Theorie, wonach die Bevölkerung grundsätzlich meaning that people generally prefer the construction of new
für einen Ausbau der Wasserkraft ist, neue Anlagen jedoch hydropower stations, but not close to their homes.
möglichst weit entfernt vom Wohnsitz errichtet werden soll-
ten.
1 Einleitung

A. Klinglmair (B) · M.G. Bliem


Hainburg und Zwentendorf an der Donau, zwei kleine Ge-
Institut für Höhere Studien (IHS) Kärnten, Alter Platz 10, 9020
Klagenfurt am Wörthersee, Österreich meinden in Niederösterreich, sind Synonyme für das Schei-
e-mail: a.klinglmair@carinthia.ihs.ac.at tern energiewirtschaftlicher Großprojekte am Widerstand
12 Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26

der heimischen Bevölkerung. In einer Volksabstimmung am


5. November 1978 lehnte die österreichische Bevölkerung
– wenn auch nur mit knapper Mehrheit – die Inbetriebnah-
me des Kernkraftwerks Zwentendorf ab und besiegelte da-
mit das Ende der Kernenergienutzung in Österreich. Genau
sechs Jahre später, im Dezember 1984, besetzten hunderte
Menschen die Donau-Auen bei Hainburg und leisteten da-
mit Widerstand gegen die geplante Errichtung eines Was-
serkraftwerks in einem relativ unberührten Ökosystem, nur
wenige Kilometer flussabwärts von Wien. Die Besetzung
der Hainburger Au markierte einen Bruch in der österrei-
chischen Energie- und Umweltpolitik. Ein steigendes Um- Abb. 1 Bruttostromerzeugung in Österreich, 2012 (Energie-Control
Austria 2013a)
weltbewusstsein in breiten Teilen der Bevölkerung führte
dazu, dass energiewirtschaftliche Vorteile von Kraftwerks-
projekten, (möglichen) negativen Effekten für Umwelt und des gesellschaftlichen Wertes der Wasserkraftnutzung. Ziel
Mensch gegenüber gestellt wurden. Durch den großen Wi- der vorliegenden Arbeit ist es daher, den Ausbau der Was-
derstand der Bevölkerung gegen die Nutzung relativ natur- serkraftnutzung in Österreich, unter Berücksichtigung der
belassener Flussabschnitte für energiewirtschaftliche Zwe- vielschichtigen positiven und negativen Effekte die damit
cke wurde deutlich, dass die Erhaltung einer Naturland- verbunden sind, ökonomisch zu bewerten. Im Folgenden
schaft einen Wert an sich darstellt und dieser Wert bei ener- wird zunächst auf die Rolle der Wasserkrafttechnologie im
giepolitischen Entscheidungen nicht vernachlässigt werden Stromerzeugungssektor sowie die konkreten Ausbaupläne
darf.1 eingegangen (Abschn. 2). Eine detaillierte Darstellung der
Die verstärkte Nutzung erneuerbarer Energiequellen, wo- positiven und negativen Effekte, die mit einem Ausbau der
zu auch die Wasserkraft zählt, ist fester Bestandteil der ös- Wasserkraft verbunden sind, erfolgt in Abschn. 3. Daran an-
terreichischen Energiestrategie. Insbesondere vor dem Hin- schließend wird kurz auf die methodischen Grundlagen so-
tergrund klima- und energiepolitischer Ziele (z.B. Redukti- wie bereits vorhandene Literatur (Abschn. 4) eingegangen.
on der Treibhausgasemissionen) spielt der Ausbau der Was- Die wichtigsten Ergebnisse der statistischen Auswertungen
serkraft eine wichtige Rolle. Zudem steht die intensivier- werden in Abschn. 5 erläutert, gefolgt von einer kurzen Zu-
te Nutzung erneuerbarer Energiequellen seit der nuklearen
sammenfassung der Ergebnisse (Abschn. 6).
Katastrophe von Fukushima (Japan) im März 2011 wieder
verstärkt im öffentlichen Fokus. Die Thematik des Wasser-
kraftausbaus gewinnt auch vor dem Hintergrund des steigen-
2 Die Rolle der Wasserkraft in Österreich
den Strombedarfs zunehmend an Bedeutung. Stromimpor-
te aus dem Ausland auf Basis fossiler Energieträger oder
Atomkraft treffen in Österreich auf zunehmend geringere 2.1 Struktur der österreichischen Stromproduktion
Akzeptanz. Strom aus den vorhandenen erneuerbaren Ener-
giepotenzialen hingegen hat in der Öffentlichkeit einen ho- Auf Grund der naturräumlichen Gegebenheiten basiert die
hen Stellenwert. Jedoch stellt der Bau von Wasserkraftwer- österreichische Stromproduktion zu einem überwiegenden
ken auch einen Eingriff in die Gewässerökologie und die Teil auf der Wasserkraftnutzung. Wie aus Abb. 1 ersichtlich,
natürliche Umwelt dar, wie am Beispiel der Hainburger Au wurden im Jahr 2012 rund 65,7 % (47.570 Gigawattstun-
gezeigt werden konnte. Ein Ausbau der Wasserkraft ist dem- den bzw. GWh) der erzeugten Bruttostrommenge aus der
nach nicht nur mit (enerige-)wirtschaftlichen Vorteilen ver- Wasserkraft gewonnen. Weitere 24,1 % (17.415 GWh) wur-
bunden, sondern steht auch in einem unmittelbaren Konflikt den durch die Wärmekraftnutzung (Befeuerung mit fossilen
mit ökologischen Schutzzielen. Brennstoffen und Derivaten) aufgebracht. Die Biomassever-
Der Ausbau der Stromerzeugung aus erneuerbaren Ener- stromung macht einen Anteil von 6,4 % (4.649 GWh) an der
giequellen wie der Wasserkraft gilt zwar als klares ener- gesamten Bruttostromerzeugung aus; auf die erneuerbaren
giepolitisches Ziel, doch gibt es national als auch interna- Energiequellen (Wind, Photovoltaik und Geothermie) ent-
tional nur sehr eingeschränkte Informationen hinsichtlich fallen rund 3,6 % (2.586 GWh), wobei hier der Windkraft
die größte Bedeutung zukommt.2
1 Diese Argumentation bezieht sich auf das Konzept der nutzungsun- Bis in die 1990er Jahre hat sich die Bruttostromprodukti-
abhängigen Werte (Nichtgebrauchswerte). Ein nutzungsunabhängiger on aus Wasserkraft kontinuierlich erhöht. In den letzten zehn
Wert liegt dann vor, wenn der Wert eines Umweltgutes unabhängig
von einer möglichen Nutzung ist, beispielsweise die Erhaltung einer
natürlichen Ressource für die zukünftige Nutzung oder zukünftige Ge- 2 Die restlichen 0,3 % (184 GWh) entfallen auf die „sonstige Erzeu-

nerationen (vgl. Hausman 1993; Liebe und Meyerhoff 2005). gung“.


Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26 13

Abb. 2 Bruttostromerzeugung in Österreich, Veränderung zum Vor- Abb. 3 Wasserkraftwerke in Österreich und Engpassleistung in MW
jahr (Energie-Control Austria 2013a) (Energie-Control Austria 2013b)

Jahren lag die Wasserkraftproduktion – abhängig von den sich bei den Laufkraftwerken einen klare Tendenz in Rich-
Witterungsbedingungen bzw. der damit verbundenen Was- tung Kleinwasserkraft zeigt (vgl. Abb. 3). So weisen 2.593
sermenge – bei rund 40.000 GWh jährlich, wenngleich seit der insgesamt 2.795 Laufwasserkraftwerke eine Leistung
dem Jahr 2009 ein leichter Rückgang beobachtet werden von höchstens 10 MW auf. Bei den Speicherkraftwerken
konnte. Im vergangenen Jahr (2012) kam es jedoch wieder hingegen hat der Großteil (insgesamt 67) eine Engpassleis-
zu einem deutlichen Anstieg, womit die Wasserkraftnutzung tung von mehr als 10 MW. Diese Zahlen verdeutlichen, dass
seit dem Jahr 1970 ihren Höhepunkt erreichte (vgl. Abb. 2). ein überwiegender Teil des Kraftwerksbestandes in Öster-
Der Anteil der Wasserkraft an der heimischen Stromproduk- reich aus Kleinwasserkraftwerken besteht.
tion hat sich im Zeitverlauf von rund 70 % auf unter 60 % im
Jahr 2011 reduziert; zuletzt steigerte sich der Anteil wieder 2.2 Ausbaupotenzial
auf 65,7 %, liegt aber immer noch deutlich unter dem Wert
der frühen 70er Jahre. Trotz des bereits hohen Anteils der Wasserkraft, besteht in
Ein deutlicher Wachstumspfad zeigt sich auch bei der Österreich noch weiteres Ausbaupotenzial, insbesondere im
Stromerzeugung aus Wärmekraftwerken (inkl. Befeuerung Bereich der Kleinwasserkraft. Eine Wasserkraftpotenzial-
mit biogenen Brennstoffen). Seit 1970 hat sich die Brutto- studie aus dem Jahr 2008 schätzt das ausbaufähige Potenzial
stromerzeugung aus der Wärmekraft mehr als verdoppelt
auf 13.000 GWh (Pöyry Energy 2008).4 Im Masterplan zum
(+150,8 %), wenngleich seit dem Jahr 2010 ein rückläu-
Ausbau des Wasserkraftpotenzials wird eine verstärkte Was-
figer Trend (negative Wachstumsraten) zu beobachten ist.
serkraftnutzung im Ausmaß von 7.000 GWh bis 2020 ange-
Gleichzeitig ist der Anteil der Wärmekraft an der heimi-
strebt (VEÖ 2008). Auch in der im Jahr 2010 erschienenen
schen Stromproduktion stark angestiegen; im Jahr 2012 pen-
Energiestrategie Österreich spielt die Wasserkraft eine wich-
delte sich der Anteil jedoch wieder auf dem Niveau des Jah-
tige Rolle. Das realisierbare Ausbaupotenzial wird darin auf
res 1970 ein und betrug 30,5 %. Damit liegt die Bedeu-
3.500 GWh geschätzt (BMLFUW 2010a). Die Ausbauziele
tung der Wärmekraft immer noch deutlich unter jener der
für erneuerbare Energien wurden im Ökostromgesetz 2012
Wasserkraft. Die Stromerzeugung aus Windkraft, Photovol-
auch gesetzlich verankert (BGBL 2011). Für den Bereich
taik (PV) und Geothermie war in den letzten Jahren durch
eine sehr dynamische Entwicklung mit deutlich positiven der Wasserkraft sieht das Gesetz einen Ausbau um 3.500
Veränderungsraten gekennzeichnet, nicht zuletzt auf Grund GWh im Zeitraum 2010 bis 2015 vor. Bis zum Jahr 2020
der Förderung von Ökostrom in Österreich. So hat sich die sollen sogar 4.000 GWh ausgebaut werden, sofern geeigne-
Stromerzeugung aus erneuerbaren Energiequellen seit dem te Standorte verfügbar sind5 (vgl. Tab. 1).
Jahr 2000 von 67 GWh auf 2.586 GWh im Jahr 2012 deut- Derzeit befinden sich von Seiten der österreichischen
lich erhöht (vgl. Abb. 2). Elektrizitätswirtschaft 16 Wasserkraftwerke mit einer zu-
Insgesamt gibt es in Österreich 2.795 Wasserkraftwer-
ke mit einer Gesamtengpassleistung von 13.350 Megawatt 4 DieserWert ist bereits um Standorte in sensiblen Regionen wie etwa
(MW). Diese gliedern sich in Laufkraftwerke (insgesamt Nationalparks oder Weltkulturerbe reduziert. Reduktionen des ausbau-
fähigen Wasserkraftpotenzials auf Grund von Vorgaben und Einschrän-
2.593)3 und Speicherkraftwerke (insgesamt 111), wobei
kungen der EU-Wasserrahmenrichtlinie (EU-WRRL) sind jedoch noch
nicht enthalten.
3 Bei einem Großteil dieser Kraftwerke handelt es sich um Kleinstkraft- 5 Dieser Zielwert beinhaltet auch die Effekte von Revitalisierungsmaß-

werke mit einer Leistung von weniger als 1 MW. nahmen sowie der Erweiterung bestehender Anlagen.
14 Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26

Abb. 4 Interessenskonflikt in
Verbindung mit der
Wasserkraftnutzung

Tab. 1 Wasserkraftausbaupotenziale in GWh bis 2020 (Pöyry Energy 2013b). Neben der Ratifizierung des Kyoto-Protokolls ist
2008; VEÖ 2008; BMLFUW 2010a; BGBL 2011)
die österreichische Klima- und Energiepolitik auch stark
Studie Ausbaupotenzial bis 2020 von EU-Initiativen determiniert. Im Rahmen des Klima- und
Energiepakets hat sich Österreich dazu verpflichtet seine
Wasserkraftpotenzialstudie Pöyry Energy 13.000 GWh Emissionen (die nicht dem Emissionshandelssystem unter-
Masterplan Wasserkraft 7.000 GWh liegen) um 16 % – verglichen mit 2005 – zu reduzieren
Energiestrategie Österreich 3.500 GWh (Umweltbundesamt 2013a). Um diese klimapolitischen Zie-
Ökostromgesetz 4.000 GWh le zu erreichen, muss auf die verstärkte Nutzung erneuer-
barer Energiequellen ein Fokus gelegt werden. Gemäß der
Erneuerbare Energien Richtlinie (EPC 2009) soll der An-
sätzlichen Jahreserzeugung von rund 290 GWh in Bau. Dar- teil erneuerbarer Energieträger am energetischen Endver-
über hinaus sind 30 Wasserkraftprojekte mit einer Erzeu- brauch in Österreich bis zum Jahr 2020 auf 34 % gestei-
gungskapazität von rund 3.400 GWh in konkreter Planung. gert werden. Auch im Elektrizitätssektor soll der Anteil er-
Auch Maßnahmen zur Steigerung der Effizienz bestehender neuerbarer Energiequellen weiter erhöht werden (EC 2008;
Anlagen sowie die Errichtung mehrerer Kleinstkraftwerke, EC 2011). Ein Ausbau der Wasserkraftnutzung kann zur Er-
sind in Zukunft vorgesehen (Oesterreichs Energie 2012). reichung dieser klima- und energiepolitischen Ziele einen
wichtigen Beitrag leisten, zumal mit der Wasserkraft eine
2.3 Konfliktpotenzial Wasserkraft Möglichkeit besteht emissionsfrei Strom zu erzeugen.
Weitere positive Effekte, die sich in Zusammenhang mit
Wie bereits in der Einleitung angedeutet, steht die Was- der verstärkten Wasserkraftnutzung ergeben beziehen sich
serkraftnutzung im Spannungsfeld zwischen (energie-)wirt- auf volkswirtschaftliche Effekte. So kann die Forcierung
schaftlichen Vorteilen und den negativen ökologischen Be- des Wasserkraftausbaus wesentlich zur Sicherung der in-
gleiterscheinungen. Dies bedeutet, dass der Ausbau der ländischen Energievorsorgung bzw. zur Verringerung der
Wasserkraft mit einem „Trade-off“ verbunden ist, der wie Abhängigkeit von Importen aus dem Ausland sowie zur
folgt erläutert werden kann (vgl. auch Abb. 4). Auf der Erreichung einer ausgeglichenen Energiebilanz7 beitragen
einen Seite bestehen die Ziele der Klima- und Energiepo- (ECORYS 2010; VEÖ 2008). Darüber hinaus werden durch
litik. Im Rahmen des Kyoto-Protokolls hat sich Österreich die Förderung von Strom aus erneuerbaren Energiequellen
dazu verpflichtet, seine Treibhausgasemissionen innerhalb Wertschöpfungs- und Beschäftigungseffekte (für die lokale
der Verpflichtungsperiode 2008–2012 um 13 %, verglichen Wirtschaft) induziert (Bodenhöfer et al. 2004; Ragwitz et al.
mit dem Basisjahr 1990, zu reduzieren (UNFCC 2008; Um- 2009; VEÖ 2008).
weltbundesamt 2013a). Tatsächlich sind die Treibhausgase-
missionen seit dem Jahr 1990 jedoch um 6,0 % angestie-
gen, wenngleich seit dem Jahr 2005 ein rückläufiger Emissi- 2011 setzte wieder ein rückläufiger Trend ein; die Emissionen gingen
onstrend zu beobachten ist6 (Umweltbundesamt 2013a und um 2,6 % auf 82,84 Mio. Tonnen zurück.
7 Ausgeglichene Energiebilanz bedeutet, dass die Energieversorgung in

den Bereichen Wärme, Strom und Verkehr von Importen sowie fossilen
6 Von2009 auf 2010 stiegen die Treibhausgasemissionen jedoch wie- Energieträgern weitgehend unabhängig ist. Vorhandene lokale Poten-
der um 6,3 % an, bedingt durch die Erholung der Wirtschaft nach der ziale und Ressourcen an erneuerbaren Energien werden dabei optimal
Finanz- und Wirtschaftskrise in den vorangegangenen Jahren. Im Jahr und effizient genutzt.
Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26 15

Auf der anderen Seite stellt der Bau neuer Wasserkraft- mit einer Leistung von mehr als 10 MW würde die Herstel-
werke auch einen Eingriff in die Gewässerökologie und die lung der Fischpassierbarkeit, die Umsetzung von Restruk-
natürliche Umwelt dar. Negative Effekte, die sich in Zusam- turierungsmaßnahmen sowie die Anbindung von Nebenge-
menhang mit der Wasserkraftnutzung ergeben, betreffen die wässern Kosten in der Höhe von bis zu € 144 Mio. verur-
Beeinträchtigung des natürlichen Landschaftsbildes durch sachen. Ein weiterer Kostenfaktor der Umsetzung der EU-
die Errichtung eines Bauwerks mit all seinen Komponen- WRRL bezieht sich auf Erzeugungsverluste in der Strom-
ten wie beispielsweise dem Kraftwerkshaus, der Staumauer produktion auf Grund einer höheren Restwasserdotation.
oder der Wehranlage. Zu den negativen Auswirkungen auf Diese werden mit 10 % bis 32 % bei Kleinwasserkraftwer-
das Ökosystem zählen die Unterbrechung der Durchgängig- ken und 3 % bis 10 % bei Wasserkraftanlagen mit einer Leis-
tung von mehr als 10 MW angegeben (Stigler et al. 2005).
keit des Gewässers (durch Errichtung eines Querbauwerks),
Die Auswirkungen der EU-WRRL beziehen sich nicht
die Änderung der Strömungsverhältnisse und die damit zu-
nur auf bestehende Anlagen, vielmehr wird die Errichtung
sammenhängenden Sedimentationen, der Anstieg der Was-
bzw. Genehmigung neuer Anlagen strengeren Kriterien un-
sertemperatur und der dadurch verursachte Sauerstoffman-
terstellt. Im Konkreten verweist die EU-WRRL ausdrück-
gel, als auch die Reduktion des Wasserpegels unterhalb des lich auf ein „Verschlechterungsverbot“ bezogen auf den Ist-
Staubereichs. Diese Veränderungen sind mit negativen Aus- Zustand des Gewässers, wodurch die Genehmigung neu-
wirkungen auf die Tier- und Pflanzenwelt verbunden (Knöd- er Wasserkraftanlagen erschwert wird (BMLFUW 2006;
ler et al. 2007; Meyerhoff und Petschow 1997; Wurzel und BMLFUW 2007). Das bedeutet aber nicht, dass durch die
Petermann 2006). Eine Analyse der österreichischen Fließ- Umsetzung der EU-WRRL künftig keine neuen Wasser-
gewässer zeigt, dass ein Großteil signifikante hydromor- kraftwerke errichtet werden können. Diese müssen im Sin-
phologische Belastungen aufweist. Eine Hauptursache dafür ne einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Gewässer jedoch
sind neben Schutzwasserbauten vor allem Wasserkraftwer- die ökologischen Anforderungen der Richtlinie (Mindest-
ke (BMLFUW 2010b). Der Ausbau bzw. die Nutzung der restwasserdotation, Sicherstellung der Durchgängigkeit) er-
Wasserkraft steht somit in einem unmittelbaren Konflikt mit füllen (Stigler et al. 2005).
Schutzbestimmungen wie der EU-Wasserrahmenrichtlinie
(EU-WRRL). Die EU-WRRL (EPC 2000) trat im Jahr 2000
in Kraft und wurde 2003 durch die Novellierung des Was- 3 Bewertung der Wasserkraftnutzung
serrechtsgesetzes in nationales Recht umgesetzt. Sie stellt 3.1 Methodische Grundlagen
einen einheitlichen Standard zum Schutz der Gewässer in
Europa dar. Ziel ist die Erreichung eines guten ökologischen Bei einer verstärkten Nutzung der Wasserkraft in Österreich
Zustands für Grund- und Oberflächengewässer bis zum Jahr müssen sowohl die positiven als auch die negativen Effekte,
2015. Für die Kategorie der stark veränderten Gewässer gilt die mit einem Ausbau verbunden sind, berücksichtigt wer-
das Ziel des guten ökologischen Potenzials (Bunge et al. den. Der Trade-off zwischen (energie-)wirtschaftlichen Vor-
2001; Pabbruwee 2006). teilen und Eingriffen in das Ökosystem sollte bei der Fest-
Für die Nutzung der Wasserkraft zur Stromerzeugung hat legung eines Wasserkraftkonzeptes also explizit Berück-
die EU-WRRL in mehrfacher Hinsicht Auswirkungen. Ei- sichtigung finden. Ein Hauptproblem besteht jedoch dar-
nerseits erfordert diese, dass im Bereich bestehender Was- in, dass für viele der mit einem Ausbau verbundenen Ef-
serkraftanlagen ein guter ökologischer Zustand bzw. das fekte die Bewertungsgrundlagen fehlen. Das heißt, für Ef-
gute ökologische Potenzial durch die Schaffung und Ver- fekte wie reduzierte Luftverschmutzung durch Emissions-
netzung von Lebensräumen erzielt wird. Dazu zählen u.a. vermeidung oder die Erhaltung eines Gewässerökosystems
gibt es keine Märkte bzw. Marktpreise, die eine mone-
die Wiederherstellung des Kontinuums im Fischlebensraum
täre Bewertung grundsätzlich erleichtern würden. Für die
(Fischwanderhilfen), eine ausreichende Restwasserdotation
Bewertung solcher Nichtmarktgüter muss daher auf direk-
oder die Anbindung von Zuflüssen. Entsprechend dem Na-
te Bewertungsverfahren, auch „Stated Preference“ Verfah-
tionalen Gewässerbewirtschaftungsplan sind die Verbesse-
ren genannt, zurückgegriffen werden. Grundidee der di-
rung der Gewässerstruktur und der Abflussverhältnisse so- rekten Bewertungsverfahren ist die Schaffung hypotheti-
wie die Herstellung der Durchgängigkeit in Fließgewässern scher Märkte, auf denen die betreffenden Nichtmarktgüter
die vordinglichen Handlungsfelder für die Umsetzung der in einem hypothetischen Szenario erworben werden kön-
EU-WRRL (BMLFUW 2010b). Mit der Umsetzung dieser nen (vgl. Carson 1999; Pearce et al. 2002). Einen mög-
Maßnahmen sind jedoch erhebliche Kosten verbunden. Der- lichen direkten Bewertungsansatz zur Ermittlung der Prä-
zeit sind rund 90 % der österreichischen Kleinwasserkraft- ferenzen der Bevölkerung für die Nutzung bzw. den Aus-
werke (Leistung ≤ 10 MW) nicht fischpassierbar. Die Kos- bau der Wasserkraft stellt die Choice Experiment (CE) Me-
ten für die Herstellung der Durchgängigkeit bei diesen An- thode dar. Im Mittelpunkt der CE Methode stehen Ent-
lagen wurden mit € 90 Mio. beziffert. Bei den Kraftwerken scheidungen, so genannte „Choices“. Grundüberlegung ist,
16 Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26

dass jedes Gut – also auch eine Wasserkraftausbaustrate- Fimereli et al. 2008 oder Ku und Yoo 2010). Bei diesen Un-
gie – an Hand seiner Eigenschaften (Attribute), die wieder- tersuchungen wurden neben der Art der erneuerbaren Tech-
um mehrere Ausprägungen aufweisen, beschrieben werden nologie sowohl naturbezogene (z.B. Auswirkungen auf das
kann (Lancaster 1966). Durch Kombination dieser Attributs- Landschaftsbild oder die Tierwelt) als auch klima- und wirt-
ausprägungen werden hypothetische Entscheidungssituatio- schaftsbezogene Attribute (z.B. Beschäftigungseffekte, Re-
nen („Choice Cards“) generiert, mit denen die Personen im duktion von Emissionen) verwendet. Daneben gibt es auch
Rahmen einer Befragung konfrontiert werden. Durch die zum Thema Windkraft mehrere Untersuchungen, mit dem
Wahl einer der angeführten Alternativen bekunden die Be- Ziel negative Externalitäten wie etwa die Veränderung des
fragten ihre Präferenzen, woraus der monetäre Wert (Zah- Landschaftsbildes oder Geräuschbelästigungen zu quantifi-
lungsbereitschaft) für einzelne Attribute einer Wasserkraft- zieren (vgl. etwa Alvarez-Farizo und Hanley 2002; Ek 2005
ausbaustrategie abgeleitet werden kann. Die Methode gibt oder Meyerhoff et al. 2010).
demnach Rückschlüsse hinsichtlich des Werts wichtiger po-
sitiver und negativer Effekte der Wasserkraftnutzung und er-
möglicht es, darauf aufbauend die Wohlfahrtswirkung ver- 4 Aufbau und Durchführung der Befragung
schiedener Wasserkraftausbauszenarien – also den monetä-
ren Gesamtwert für die Gesellschaft – zu ermitteln (Alpi- 4.1 Choice Experiment und Fragebogen
zar et al. 2001; Bennett und Blamey 2001; Louviere et al.
2000). Die Entwicklung des CE stellt eine komplexe Aufgabe dar
und beinhaltet in der Regel mehrere Arbeitsschritte.8 Da-
3.2 Literaturrückblick zu zählen die Identifikation und Beschreibung des Ent-
scheidungsproblems, die Auswahl der Attribute und Aus-
Eine Analyse der vorhandenen internationalen Literatur prägungen, die Entwicklung des Experimentaufbaus sowie
zeigt, dass es nur wenige CE Anwendungen zum Thema die Planung und Durchführung der Befragung (Bennett und
Wasserkraft gibt. Die wenigen verfügbaren Untersuchungen Blamey 2001; Pearce et al. 2002). Bisherige Untersuchun-
stammen vorwiegend aus Schweden. So versuchte Sund- gen zum Thema Wasserkraft (siehe Abschn. 3.2) fokussier-
qvist (2002a) die ökologischen Auswirkungen der Wasser- ten auf Veränderungen des Gewässerökosystems verursacht
kraftnutzung an Hand einer Befragung bei klein- und mittel- durch die Wasserkraftnutzung. Im Rahmen der vorliegenden
großen Unternehmen zu quantifizieren. Im CE wurden die Untersuchung wurde jedoch eine breitere Perspektive ge-
Attribute Wasserniveau flussabwärts (als Maß für die Aus- wählt, die neben den Auswirkungen auf das Landschaftsbild
wirkungen auf Flora und Fauna flussabwärts eines Wasser- sowie das Ökosystem auch klima- und wirtschaftsbezogene
kraftwerks), Erosion und Vegetation, Auswirkungen auf die Effekte berücksichtigt. Eine Beschreibung der verwendeten
Fische sowie Erhöhung des Strompreises pro kWh verwen- Attribute findet sich in Tab. 2.
det. Die Ergebnisse der Untersuchung zeigten, dass die Be- Der Ausbau erneuerbarer Energien bzw. der Wasserkraft
fragten eine positive Zahlungsbereitschaft für ökologische ist mit positiven Beschäftigungseffekten verbunden (BM-
Verbesserungen, wie beispielsweise die Reduktion von Ero- LFUW 2010a). So wird im Masterplan zum Ausbau des
sion oder die Erhaltung von Fischarten, aufweisen. Das glei- Wasserkraftpotenzials (VEÖ 2008) angegeben, dass mit ei-
che CE wurde auch in einer Befragung schwedischer Privat- nem Ausbau um 7.000 GWh rund 6.000 Arbeitsplätze über
haushalte verwendet. Diese Untersuchung liefert im Wesent- zehn Jahre gesichert werden können. Auch eine EU-Studie
lichen die gleichen Ergebnisse wie die Unternehmensbefra- zu den wirtschaftlichen Effekten erneuerbarer Energien ver-
gung (Sundqvist 2002b). Weiters untersuchte Kataria (2009) deutlicht den positiven Effekt für die Beschäftigung. Durch
die Zahlungsbereitschaft schwedischer Haushalte für ökolo- Maßnahmen, die der Erreichung des 20 % Ziels dienen, kön-
gische Verbesserungen in bzw. an durch die Nutzung der nen bis zum Jahr 2020 auf EU-Ebene rund 410.000 neue
Wasserkraft veränderten Fließgewässern. Das CE beinhalte- Arbeitsplätze geschaffen werden (Ragwitz et al. 2009). Die-
te vor allem naturbezogene Attribute wie Fischbestand, Le- ser wichtige regionalwirtschaftliche Effekt findet daher auch
bensbedingungen für Vögel, Artenreichtum, Vegetation und im CE der vorliegenden Untersuchung Berücksichtigung.
Erosion sowie zusätzliche jährliche Kosten. Die Ergebnis- Das Attribut „Zusätzliche Arbeitsplätze“ bezieht sich auf
se der Untersuchung zeigten eine positive Zahlungsbereit- geschaffene Arbeitsplätze in der Wohnregion der befragten
schaft für ökologische Verbesserungen, wie beispielsweise
die Erhöhung des Fischbestands oder die Verbesserung der
8 Dies erfolgte im Rahmen eines vom österreichischen Klima- und
Lebensbedingungen für Vögel.
Energiefonds geförderten Forschungsprojektes mit dem Titel „Hydro-
Weitere Anwendungen des CE Ansatzes beziehen sich val – Evaluation of Hydropower Energy Development in Austria: Ex-
auf die Bewertung erneuerbarer Energiequellen im Allge- ploring the Energy-Water Nexus using Public Choice Models“ (Klingl-
meinen (vgl. etwa Bergmann et al. 2006; Longo et al. 2008; mair et al. 2012).
Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26 17

Tab. 2 Die Attribute des Choice Experiments und deren Ausprägungen

Attribut Beschreibung Ausprägungen

Zusätzliche Arbeitsplätze Zusätzliche Arbeitsplätze, die in der Wohnregion des/der 10, 50, 100, 500 Arbeitsplätze
Befragten geschaffen werden.
CO2 Reduktion Reduktion der CO2 Emissionen im Elektrizitätssektor. −10 %, −20 %, −40 %, −60 %
Eingriff in Natur und Landschaftsbild Einfluss neuer Wasserkraftwerke auf das Ökosystem geringer, starker Eingriff
(Lebensräume der Tiere und Pflanzen) und das Landschaftsbild.
Entfernung zum Wohnsitz Entfernung des nächstgelegenen Wasserkraftwerks zum Wohnsitz 2, 4, 8, 20 km
des/der Befragten.
Zusätzliche Stromkosten Erhöhung der monatlichen Stromrechnung. € 3, 6, 9, 12, 15, 18

Person und weist Ausprägungen zwischen 10 und 500 Ar- BY) Theorie, die mit Hilfe des Attributs Entfernung bestä-
beitsplätzen auf. tigt werden soll.
Das Attribut „CO2 Reduktion“ bezieht sich auf verrin- Schließlich ist der Bau neuer Wasserkraftwerke auch mit
gerte Emissionen im Elektrizitätssektor, insbesondere durch Kosten verbunden, die teilweise von den Stromkunden ge-
vermiedene Emissionen in konventionellen Kraftwerken. tragen werden sollen. Aus diesem Grund wurde das Prei-
Wie bereits in Abschn. 2.3 ausgeführt, ist der Klimaschutz sattribut in Form zusätzlicher Stromkosten pro Monat bzw.
eine zentrale Antriebsfeder für die Steigerung des Anteils er- eines Aufschlags zur monatlichen Stromrechnung definiert.
neuerbarer Energieträger in der Stromproduktion. Abhängig Dieser Aufschlag kann zwischen € 3 und € 18 monatlich
vom Ausbaugrad bzw. der erzeugten Strommenge aus Was- betragen.9
serkraftwerken kann der Ausstoß klimaschädlicher Treib- Durch Kombinieren der einzelnen Attributsausprägungen
hausgase im Stromsektor zwischen 10 % und 60 % reduziert wurden die hypothetischen Entscheidungssituationen (Choi-
werden. ce Cards) generiert. Dies erfolgte mit Hilfe des Softwa-
Wie bereits ausführlich erläutert, ist der Bau neuer Was- repakets „Sawtooth“. Jede Entscheidungssituation besteht
serkraftwerke mit negativen Einflüssen auf das Landschafts- aus drei Alternativen, Ausbaustrategie A und B sowie ei-
bild sowie die Gewässerökologie verbunden. Um den Trade- ner Möglichkeit der Ablehnung („keine der beiden Alterna-
off zwischen den positiven Effekten für Klima und Wirt- tiven“). Durch diese Vorgehensweise wurden insgesamt 900
schaft sowie den negativen ökologischen Begleiterscheinun- unterschiedliche Auswahlalternativen erzeugt. Diese wur-
gen zu bewerten wurde – neben den klima- und wirtschafts- den in 50 Blöcke zu je sechs Entscheidungssituationen mit
bezogenen Charakteristika – auch das Attribut „Eingriff in je drei Auswahlmöglichkeiten gegliedert. Ein Beispiel für
Natur und Landschaftsbild“ verwendet. Dieses Attribut be- eine solche Entscheidungssituation wird in Abb. 5 gezeigt.
schreibt, ob ein Wasserkraftwerk die Funktionen des Gewäs- Das CE bzw. die hypothetischen Entscheidungssituatio-
serökosystems stark oder weniger stark beeinflusst. Ein star- nen wurden in einen umfassenden Fragebogen zum Thema
ker Eingriff in die Natur bzw. das Landschaftsbild bedeu- erneuerbare Energien und Wasserkraft eingebettet. Dieser
tet, dass lediglich die Mindestanforderungen zum Schutz der gliedert sich in drei Teile. Der erste Teil beinhaltet allge-
Umwelt erfüllt werden, wie sie sich beispielsweise aus der meine Fragen zur Wasserkraftnutzung bzw. zu erneuerbaren
EU-WRRL (siehe auch Abschn. 2.3) ergeben. Mit einem ge- Energiequellen und diente vor allem dazu, die Einstellung
ringen Eingriff sind höhere (Umwelt-)Standards verbunden. der Bevölkerung zum Thema zu erheben. Den Hauptteil der
In diesem Fall werden die Kraftwerke so gebaut, dass sie Befragung bildet schließlich das CE mit insgesamt sechs hy-
sich gut in das Landschaftsbild einfügen und die Lebensräu- pothetischen Entscheidungssituationen (wie in Abb. 5 dar-
me der Tiere und Pflanzen nur leicht beeinträchtigen. gestellt), ergänzt um eine ausführliche Beschreibung der
Das vierte Attribut zur Beschreibung eines Wasserkraft- Ausgangssituation und der verwendeten Attribute. Darüber
ausbauszenarios bezieht sich auf die Entfernung des nächs- hinaus enthält dieser Fragenblock auch Folgefragen, die
ten Kraftwerks zum Wohnsitz der befragten Person. Diese Aufschluss über die wahrgenommene Schwierigkeit des Ex-
beträgt im vorliegenden CE zwischen 2 km und 20 km. Da- periments, die Beweggründe für die getroffenen Entschei-
mit wird auch die persönliche Betroffenheit des/der Befrag- dungen sowie für Protestantworten geben. Im letzten Teil
ten vom Ausbau der Wasserkraft miteinbezogen. Es wird an-
genommen, dass die Zustimmung zum Ausbau der Wasser- 9 Die Integration eines Preis- bzw. Kostenfaktors ist insbesondere in
kraft mit sinkender Entfernung des nächstgelegenen Kraft- Hinblick auf die Berechnung monetärer Werte für die einzelnen At-
werksprojektes zum Wohnsitz abnimmt. Dieser Zusammen- tribute (Zahlungsbereitschaften) von Relevanz (Bennett und Blamey
hang ist besser bekannt als „Not In My Backyard“ (NIM- 2001; Boxall et al. 1996).
18 Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26

Abb. 5 Beispiel für eine


Choice Card

des Fragebogens werden soziodemografische Charakteristi- Tab. 3 Geschlecht und Alter der Befragten im Vergleich zur Grund-
gesamtheit (Statistik Austria 2012a und 2012b)
ka wie etwa Alter, Geschlecht, Bildungsniveau, berufliche
Situation oder die Höhe der aktuellen Stromrechnung abge- Stichprobe In % Grundgesamtheit
fragt. (n = 892)
Der gesamte Fragebogen wurde in einer mehrstufigen
Vorgehensweise („Test-Retest“ Prozedere) mehrmals getes- Geschlecht Männlich 435 48,8 % 48,8 %
tet. Als Befragungstechniken kamen hier persönliche Inter- Weiblich 457 51,2 % 51,2 %
views, schriftliche sowie online-basierte Befragungen zum Alter 18–19 Jahre 50 5,6 % 3,3 %
Einsatz. Die Pre-Test Phase trug vor allem dazu bei, Un- 20–29 Jahre 165 18,5 % 17,2 %
stimmigkeiten und Verständnisschwierigkeiten im Fragebo- 30–39 Jahre 179 20,1 % 17,7 %
gen vor Start der Hauptbefragung zu minimieren. 40–49 Jahre 194 21,7 % 22,3 %
50–59 Jahre 162 18,2 % 18,1 %
4.2 Durchführung der Befragung & Repräsentativität der 60–69 Jahre 107 12,0 % 14,2 %
Stichprobe
70–75 Jahre 35 3,9 % 7,2 %
Die Durchführung der Befragung wurde an ein exter-
nes Marktforschungsinstitut, das über einen rund 500.000
Haushalte umfassenden Probandenpool verfügt, ausgela-
gert.10 Die Programmierung des Fragebogens in Form einer sowie Protestantworten reduzierte sich die Stichprobe auf
Online-Umfrage wurde dabei selbst durchgeführt und dem insgesamt 892 Beobachtungen.
Befragungsinstitut zur Verfügung gestellt. Im Juli 2011 wur- Die Stichprobe ist repräsentativ in Bezug auf Geschlecht
den 4.892 Personen aus den Bundesländern Kärnten, Salz- und Alter (vgl. Tab. 3). Die Verteilung zwischen männli-
burg, der Steiermark, Tirol, Vorarlberg und Wien11 einge- chen und weiblichen Befragten entspricht jener der Grund-
laden an der Befragung teilzunehmen. Bei einer Rücklauf-
gesamtheit. In Hinblick auf die Altersverteilung zeigt die
quote von 18,5 % ergab sich eine Stichprobe von 905 Be-
Stichprobe leichte Abweichungen von der Grundgesamt-
fragten. Auf Grund unvollständig ausgefüllter Fragebögen
heit. Während Befragte im Alter zwischen 18 und 19 Jah-
10 Für
ren in der Stichprobe leicht überrepräsentiert sind, trifft
nähere Informationen sei auf http://www.marketagent.com ver-
wiesen. auf Personen ab einem Alter von 60 Jahren der umge-
11 Dies
sind jene Bundesländer, die vorwiegend von einem Ausbau der kehrte Fall zu; diese sind im Vergleich zur Grundge-
Wasserkraft betroffen sind (Umweltdachverband 2010). samtheit leicht unterrepräsentiert, was in der Regel auf
Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26 19

Abb. 7 Einstellung zur Wasserkraftnutzung sowie zum Bau weiterer


Abb. 6 Präferierte erneuerbare Technologien für die zukünftige
Wasserkraftanlagen
Stromerzeugung

die Online-Befragungsmethodik zurückzuführen ist.12 Das ein geringer Teil der befragten Personen hat grundsätzlich
Durchschnittsalter liegt in der Stichprobe bei 42,3 Jahren. eine eher negative (7,2 %) bis sehr negative (0,7 %) Haltung
Geringfügige Abweichungen von der Grundgesamtheit hinsichtlich der Errichtung neuer Wasserkraftanlagen (vgl.
zeigen sich auch beim Bildungsniveau der Stichprobe. Per- Abb. 7).
sonen mit Maturaniveau sind in der Stichprobe stärker ver- Diese grundsätzlich positive Einstellung gegenüber der
treten als in der Gesamtbevölkerung. Demgegenüber zei- Wasserkraft ist vermutlich auf die Vertrautheit der Bevöl-
gen sich Befragte mit höchstens Pflichtschulabschluss bzw. kerung mit der Technologie zurückzuführen. Die Wasser-
Lehr- oder Fachschulabschluss deutlich unterrepräsentiert kraft spielt auf Grund der naturräumlichen Gegebenheiten
(Statistik Austria 2013). schon seit jeher eine tragende Rolle in der österreichischen
Stromerzeugung. So gaben fast drei Viertel der befragten
Personen an, dass sich zumindest einige Wasserkraftwerke
5 Allgemeine Ergebnisse in der näheren Umgebung ihres Wohnsitzes befinden. Die
mittlere Entfernung zum nächsten Wasserkraftwerk beträgt
Aus den erhobenen Daten konnten zunächst wichtige Er- rund 15 km (Median).
kenntnisse in Bezug auf die allgemeine Einstellung der Be- Trotz der positiven Einstellung sowie der Vertrautheit mit
völkerung zur Thematik des Wasserkraftausbaus bzw. er- der Wasserkrafttechnologie, konnten deutliche Defizite im
neuerbarer Energiequellen gewonnen werden. Die verstärk- Informationsstand der Bevölkerung zum Thema Wasserkraft
te Nutzung erneuerbarer Energiequellen für die zukünftige identifiziert werden. Rund 43 % der Befragten fühlen sich
Stromerzeugung wird durchwegs als sehr wichtig erachtet. grundsätzlich schlecht über die Wasserkraftnutzung in Ös-
Rund drei Viertel (75,6 %) der befragten Personen halten die terreich informiert. Darüber hinaus hat nur knapp mehr als
intensivierte Nutzung Erneuerbarer für sehr wichtig, weite- die Hälfte der befragten Personen (58,6 %) von den kon-
re 21,9 % für eher wichtig. Darüber hinaus konnten Präfe- kreten Ausbauplänen gehört, d.h. neue Wasserkraftwerke zu
renzen für bestimmte (erneuerbare) Technologien beobach- errichten.
tet werden. So ist die Sonnenenergie (Photovoltaik) die am Auch zeigt sich in den deskriptiven Auswertungen bereits
meisten präferierte erneuerbare Energiequelle, dicht gefolgt eine latente Wahrnehmung des diskutierten Trade-offs zwi-
von Wasserkraft und Windkraft. Biomasse rangiert in der schen den Vorteilen der Wasserkraftnutzung und den nega-
Präferenzreihung hingegen an letzter Stelle (vgl. Abb. 6). tiven ökologischen Begleiterscheinungen. Während jeweils
Auch die generelle Einstellung zur Wasserkraftnutzung über 90 % der Befragten damit übereinstimmen, dass die
bzw. zum Bau weiterer Wasserkraftwerke in Österreich ist intensivierte Nutzung der Wasserkraft wesentlich zur De-
sehr positiv. So weisen insgesamt 95,7 % der befragten Per- ckung der steigenden Stromnachfrage, zur Reduktion klima-
sonen eine sehr bis eher positive Einstellung zur Wasser- schädlicher CO2 Emissionen sowie zu einer Verringerung
kraftnutzung im Allgemeinen auf. Darüber hinaus haben der Abhängigkeit von Importen aus dem Ausland beitragen
auch 92,1 % eine positive Einstellung zum Bau weiterer kann, sind knapp die Hälfte der Meinung, dass sich der Bau
Wasserkraftwerke entlang der österreichischen Flüsse. Nur weiterer Wasserkraftwerke negativ auf die Tier- und Pflan-
zenwelt auswirkt. 30,5 % der befragten Personen denken
12 Ältere
Menschen sind grundsätzlich weniger vertraut mit Online- darüber hinaus, dass das Landschaftsbild von neuen Was-
Befragungen bzw. dem Internet im Generellen. serkraftanlagen negativ beeinträchtigt wird.
20 Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26

6 Ökonometrische Ergebnisse Tab. 4 Schätzergebnisse

Abhängige Variable Variable


Wesentliche Erkenntnisse in Hinblick auf die vielfältigen Modell 1 Modell 2
Auswirkungen der intensivierten Wasserkraftnutzung kön- Choice (Alternative A, B oder keine)
nen mit Hilfe eines ökonometrischen Modells gewonnen
werden. Dieses basiert auf der Annahme, dass die Befragten Konstante 1,257*** 1,479***
rational agieren, d.h. die vorgelegten Alternativen miteinan- (0,000) (0,000)
der vergleichen und jene auswählen, die ihnen den höchsten Zusätzliche Arbeitsplätze 0,0002* 0,0002*
(0,064) (0,063)
Nutzen verschafft. Der Nutzen ist jedoch ein abstraktes Kon-
strukt, das – wenn überhaupt – lediglich in den Köpfen der CO2 Reduktion 0,011*** 0,011***
(0,000) (0,000)
Individuen existiert. Mit Hilfe eines ökonometrischen Mo-
Eingriff in Natur und −1,027*** −1,029***
dells kann lediglich ein Teil des Nutzens erklärt werden. Landschaftsbild (stark) (0,000) (0,000)
Über den unbeobachtbaren Teil müssen Annahmen getrof- Entfernung 0,007*** 0,007**
fen werden, die in der Regel zu unterschiedlichen Choice (0,010) (0,011)
Modellen führen. Das einfachste Modell zur Quantifizie- Zusätzliche Stromkosten −0,087*** −0,088***
rung der individuellen Präferenzen ist das klassische Mul- (0,000) (0,000)
tinomiale Logit (MNL) Modell (für Details siehe Hensher Geschlecht −0,212***
et al. 2005; Bennett und Blamey 2001 oder Louviere et al. (0,001)
2000). Die Ergebnisse der Modellschätzungen sind in Tab. 4 Alter −0,017***
(0,000)
dargestellt.
Aus den Ergebnissen der MNL Modelle können zunächst Ausbildung (tertiär) 0,385***
(0,000)
Aussagen über die Signifikanz der einzelnen Attribute so-
Kinder 0,123*
wie die Richtung des Zusammenhangs getroffen werden. (0,071)
Modellspezifikation 1 beinhaltet lediglich die Attribute des Spender für 0,270***
CE als erklärende Variablen. Diese sind zumindest auf dem Umweltorganisationen (0,000)
10 %-Niveau statistisch signifikant und weisen auch das Einstellung zur 0,436***
erwartete Vorzeichen auf. Die Konstante weist in diskre- Wasserkraftnutzung (positiv) (0,006)
ten Choice Modellen eine besondere Interpretationsmög- Log Likelihood −5.140,288 −5.079,205
lichkeit auf. Diese widerspiegelt die Neigung der Bevöl- McFadden Pseudo R 2 0,111 0,122
kerung für ein Wasserkraftausbauszenario zu stimmen aus AIC 1,923 1,903
Gründen die nicht im Modell erfasst werden können. Die BIC 1,931 1,917
positive Konstante zeigt demnach, dass die Bevölkerung Anzahl der Befragten 892 892
grundsätzlich für einen Ausbau der Wasserkraft ist. Zudem Anzahl der Beobachtungen 5.352 5.352
steigt die Wahrscheinlicht ein Wasserkraftausbauszenario zu
wählen mit steigender Anzahl an zusätzlichen Arbeitsplät- p-Werte in Klammern
zen, steigender CO2 Reduktion sowie steigender Entfernung Signifikanz: ***1 %-Niveau, **5 %-Niveau, *10 %-Niveau
des (hypothetischen) neuen Wasserkraftwerks zum Wohn-
sitz. Ein starker Eingriff in die Natur und das Landschafts- für einen Ausbau der Wasserkraft als ältere. Umgekehrt wird
bild wird von den Befragten hingegen negativ bewertet. Ein die Zustimmung zum Wasserkraftausbau positiv vom Aus-
negativer Zusammenhang konnte auch in Bezug auf die zu- bildungsniveau sowie von der Tatsache ob jemand Kinder
sätzlichen monatlichen Kosten festgestellt werden. Dies be- hat beeinflusst. Bildung gilt als so genannte „Proxy Varia-
deutet, dass die befragten Personen billigere Wasserkraftal- ble“ für Einkommen (Gregorio und Lee 2002). Je höher das
ternativen präferieren, ein Ergebnis das der gängigen öko- Ausbildungsniveau, desto höher in der Regel das Einkom-
nomischen Theorie entspricht. men und desto eher sind Personen bereit einen Beitrag zum
Im Hinblick auf die Berücksichtigung heterogener Präfe- Ausbau der Wasserkraftnutzung zu leisten. Der positive Ein-
renzen wurden in Modellspezifikation 2 – zusätzlich zu den fluss von Kindern dürfte darin begründet liegen, dass Men-
CE Attributen – mehrere soziodemografische Charakteristi- schen mit Kindern eher für die Nutzung erneuerbarer Ener-
ka integriert, deren Codierung und deskriptive Statistiken in giequellen wie der Wasserkraft sind, vor dem Hintergrund,
Tab. 5 dargestellt werden. So zeigen sich geschlechtsspezi- die Umwelt (Stichwort: Luftqualität) für zukünftige Gene-
fische Unterschiede in Bezug auf die Präferenzen für einen rationen zu erhalten (Koundouri et al. 2009).
Wasserkraftausbau; die Wahrscheinlichkeit ein Wasserkraft- Auch Personen, die regelmäßig für Umweltorganisatio-
ausbauszenario zu wählen ist bei weiblichen Personen ge- nen spenden, und damit eine hohe Affinität zu Umweltthe-
ringer als bei männlichen. Zudem sind jüngere Befragte eher men aufweisen, sind eher für einen Ausbau der Wasserkraft-
Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26 21

Tab. 5 Deskriptive Statistiken der verwendeten soziodemografischen Tab. 6 Marginale Zahlungsbereitschaften (implizite Preise)
Charakteristika
Variable Maßeinheit Zahlungsbereitschaft
Variable Codierung Deskriptive
Statistik Ausbau Wasserkraft Konstante € 14,375
[14,329–14,420]
Geschlecht 1 = weiblich 51,2 %
Zusätzliche Pro 100 Arbeitsplätze € 0,221
0 = männlich 48,8 %
Arbeitsplätze [0,214–0,229]
Alter Metrisch skalierte Variable 42,3
CO2 Reduktion Pro 10 % Reduktion € 1,271
(Mittelwert)
[1,263–1,280]
Ausbildungs- 1 = Universität/Fachhochschule 13,7 %
Eingriff in Natur Von gering zu stark € −11,747
niveau 0 = geringeres Ausbildungsniveau 86,3 %
und Landschaftsbild [−11,788–−11,706]
Kinder 1 = Kinder 46,7 %
Entfernung zum Pro 5 km € 0,422
0 = keine Kinder 53,3 %
Wohnsitz [0,411–0,432]
Einstellung zur 1 = positive Einstellung 95,7 %
Wasserkraft 0 = negative Einstellung 4,3 % 95 % Konfidenzintervalle in Klammern

nutzung als jene, die dies nicht tun. Schlussendlich wer- die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze wird von den be-
den die Präferenzen für einen Ausbau der Wasserkraft auch fragten Personen positiv bewertet; für 100 zusätzliche Ar-
von der persönlichen Einstellung zur Wasserkraft bestimmt. beitsplätze beträgt die monatliche Zahlungsbereitschaft rund
Menschen mit einer positiven Einstellung zur Wasserkraft- € 0,2. Eine deutlich höhere Zahlungsbereitschaft zeigt sich
nutzung stimmen mit größerer Wahrscheinlichkeit für den für die Reduktion von klimaschädlichen CO2 -Emissionen.
Bau neuer Wasserkraftwerke. Diese liegt bei € 1,3 monatlich für eine zehnprozentige Re-
Mit der Erweiterung des Modells um soziodemografi- duktion. Ein starker Eingriff in die Natur und das Land-
sche Charakteristika steigt auch die Güte des Regressions- schaftsbild wird hingegen negativ bewertet (negative Zah-
modells, wie an Hand des gesteigerten Determinationskoef- lungsbereitschaft). D.h. die Befragten müssten mit monat-
fizienten (R 2 ) sowie den gesunkenen Informationskriterien lich € 11,7 kompensiert werden, um einen starken Eingriff
(AIC und BIC) gezeigt werden kann.13 Weiters konnte mit in die Natur und das Landschaftsbild beim Bau neuer Was-
Hilfe des „Likelihood Ratio-Tests“ (LR-Test) gezeigt wer- serkraftwerke zu akzeptieren. Die negative Zahlungsbereit-
den, dass sich die Erklärungskraft des Modells durch die schaft kann jedoch auch anders interpretiert werden, wonach
Integration zusätzlicher soziodemografischer Variablen ver- die Befragten € 11,7 pro Monat bereit sind zu zahlen um
bessert (LR = 122,167, p-Wert = 0,000).14 den Eingriff in das Ökosystem beim Bau neuer Wasserkraft-
Um den geschätzten Koeffizienten mehr Aussagekraft zu
anlagen gering zu halten. Schlussendlich konnte auch eine
verleihen, können implizite Preise berechnet werden. Dabei
positive Zahlungsbereitschaft für die zunehmende Distanz
wird der geschätzte Koeffizient des interessierenden Attri-
eines Kraftwerks zum Wohnsitz des/der Befragten errech-
buts durch den Koeffizienten des Preisfaktors dividiert. Der
net werden. Pro 5 km Entfernung sind die Individuen be-
implizite Preis stellt eine marginale Rate der Substitution dar
reit € 0,4 monatlich zu bezahlen. Dieses Ergebnis stellt eine
und kann als Zahlungsbereitschaft interpretiert werden; d.h.
Bestätigung der zuvor beschriebenen „Not in my backyard“
wie viele monetäre Einheiten ist ein Individuum bereit her-
(NIMBY) Theorie dar.
zugeben, um eine Einheit des interessierenden Attributs zu
Obwohl marginale Zahlungsbereitschaften wichtige In-
erhalten (Bennett und Blamey 2001).
formationen hinsichtlich des Werts einzelner Attribute lie-
βAttribut fern, so kann damit keine Aussage über den gesamtöko-
Impliziter Preis = −
βPreis nomischen Wert verschiedener Wasserkraftausbauszenari-
Die Ergebnisse dieser Berechnungen finden sich in Tab. 6. en getroffen werden. Aus diesem Grund wurde in einem
Die Zahlungsbereitschaft für den Ausbau der Wasserkraft weiteren Schritt der Wohlfahrtsgewinn von drei Wasser-
beläuft sich grundsätzlich auf € 14,4 pro Monat. Dieser kraftszenarien berechnet (vgl. Tab. 7). Der erste Fall stellt
Wert spiegelt den Effekt der positiven Konstante wieder und das sogenannte „Worst-Case-Szenario“ dar, das mit einem
ist unabhängig von den Ausprägungen der Attribute. Auch Wohlfahrtswert von € 4,1 monatlich verbunden ist. Beim
Übergang von Szenario (1) auf Szenario (2) werden al-
13 Für le Attributsausprägungen simultan auf ihren höchstmögli-
Details zur Berechnung und Interpretation von Informationskri-
terien und Bestimmtheitsmaßen (R 2 ) sei auf Long (1997) und Woold-
chen Wert erhöht („Best-Case-Szenario“). Dadurch kommt
ridge (2000) verwiesen. es zu einer deutlichen Erhöhung des Wohlfahrtsgewinnes
14 Zu Aufbau, Berechnung und Interpretation des Likelihood-Ratio- auf € 24,8 pro Monat und Haushalt. Ausgehend vom „Best-
Tests vgl. etwa Kohler und Kreuter (2006). Case-Szenario“ führt ein starker Eingriff in die Natur und
22 Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26

Tab. 7 Gesamtökonomischer Wert verschiedener Wasserkraftausbauszenarien

Nr. Arbeitsplätze CO2 Natur/Landschaft Entfernung Wohlfahrtsgewinn (je Monat/Haushalt) Aggregierter Wert

(1) 10 −10 % Starker Eingriff 2 km € 4,090 € 111,6 Mio.


[4,056–4,123]
(2) 500 −60 % Geringer Eingriff 20 km € 24,795 € 676,6 Mio.
[24,695–24,895]
(3) 500 −60 % Starker Eingriff 20 km € 13,048 € 356,1 Mio.
[12,963–13,134]

95 % Konfidenzintervalle in Klammern

das Landschaftsbild zu einer Halbierung des Wohlfahrtsge- Wasserkraft von großer Bedeutung. Neben diesen positiven
winnes je Haushalt. Effekten, ist der Bau neuer Wasserkraftanlagen jedoch auch
Um in weiterer Folge einen gesamtökonomischen Wert mit einem Eingriff in das natürliche Ökosystem sowie ei-
dieser Wasserkraftszenarien zu ermitteln, wurden die er- ner Beeinträchtigung des Landschaftsbildes verbunden. Die
rechneten Wohlfahrtsgewinne je Monat und Haushalt ag- Nutzung der Wasserkraft steht somit in einem unmittelbaren
gregiert. Dazu wurden die monatlichen Wohlfahrtsgewin- Konflikt mit ökologischen Schutzzielen wie etwa der EU-
ne zunächst in jährliche Werte umgewandelt und daran an- WRRL. Mit Hilfe einer Befragung wurde versucht diesen
schließend mit der Anzahl der Haushalte im Untersuchungs- Trade-off zwischen energiewirtschaftlichen Vorteilen und
gebiet hochgerechnet.15 Diese Vorgehensweise stellt einen den negativen ökologischen Begleiterscheinungen zu quan-
zulässigen Ansatz dar, sofern ein repräsentatives Sample tifzieren. Die Ergebnisse der Befragung lieferten zunächst
von der Grundgesamtheit gezogen wurde (Bateman et al. wichtige Erkenntnisse in Bezug auf die allgemeine Einstel-
2006; Pearce et al. 2002). Dementsprechend beträgt der ge- lung der Bevölkerung zur Thematik. Die verstärkte Nutzung
samtökonomische Wert des „Worst-Case-Szenarios“ rund erneuerbarer Energiequellen für die zukünftige Stromerzeu-
€ 111,6 Mio. Die Schaffung zusätzlicher Arbeitsplätze, gung wird durchwegs als sehr wichtig erachtet, wobei hier
erhöhte Emissionsreduktionen, der Schutz des natürlichen Präferenzen für bestimmte erneuerbare Technologien (Son-
Ökosystems, sowie die zunehmende Entfernung eines Kraft- nenenergie und Wasserkraft) beobachtet werden konnten.
werksprojektes zum Wohnsitz führen zu einem deutlichen Auch die generelle Einstellung zur Wasserkraftnutzung bzw.
Wohlfahrtsgewinn in der Höhe von € 565,0 Mio. Dem- zum Bau weiterer Wasserkraftwerke in Österreich ist sehr
gegenüber ist die Beeinträchtigung des natürlichen Land- positiv, bedingt durch die jahrelange Erfahrung bzw. Ver-
schaftsbildes und des Ökosystems mit einem Wohlfahrtsver- trautheit der Bevölkerung mit der Wasserkrafttechnologie.
lust von € 320,5 Mio. verbunden. Jedoch zeigten sich auch deutliche Defizite im Informati-
onsstand der Bevölkerung zum Thema Wasserkraft.
Wesentliche Erkenntnisse konnten aus den ökonometri-
7 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen schen Auswertungen gewonnen werden. Der viel diskutier-
te Trade-off zwischen den Vorteilen eines Ausbaus der Was-
Die Wasserkraft spielt auf Grund der naturräumlichen Ge- serkraft und den negativen Auswirkungen auf das Ökosys-
gebenheiten bereits jetzt eine tragende Rolle in der öster- tem konnte sowohl identifiziert als auch quantifiziert wer-
reichischen Stromerzeugung. Trotzdem besteht noch weite- den. Ein starker Eingriff in die Natur ist mit einem deut-
res Ausbaupotenzial, das in Zukunft auch genutzt werden lichen Wohlfahrtsverlust verbunden, während durch gestei-
soll. Dies ist insbesondere vor dem Hintergrund klima- und gerte Emissionsreduktionen und die Schaffung zusätzlicher
energiepolitischer Ziele wie der Reduktion von Treibhaus- Arbeitsplätze Wohlfahrtsgewinne verzeichnet werden. Dar-
gasemissionen oder der Erhöhung des Anteils erneuerbarer über hinaus konnte die „Not in my backyard“ Theorie be-
Energiequellen von Relevanz. Auch in Bezug auf die Si- stätigt werden: ein Ausbau der Wasserkraft wird zur Errei-
cherung der inländischen Energieversorgung, der reduzier- chung klima- und energiepolitischer Ziele zwar gewünscht,
ten Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen bzw. von Impor- jedoch sollten neue Wasserkraftwerke möglichst weit ent-
ten aus dem Ausland sowie regionalwirtschaftlicher Effek- fernt vom Wohnsitz errichtet werden.
te (Beschäftigung und Wertschöpfung) ist die Nutzung der Zusammenfassend liefert die vorliegende Arbeit einen
detaillierten Einblick in die Präferenzen österreichischer
15 Die Anzahl der Haushalte in den Bundesländern Kärnten, Salzburg, Haushalte für die vielfachen Auswirkungen einer intensi-
Steiermark, Tirol, Vorarlberg und Wien beträgt insgesamt 2.274.000 vierten Wasserkraftnutzung. Die gewonnenen Informatio-
(Statistik Austria 2012a). nen stellen daher eine wesentliche Basis für die Umsetzung
Z Energiewirtsch (2014) 38:13–26 23

neuer Wasserkraftwerke dar und dürften somit insbesondere ECORYS (Research and Consulting) (2010) Assessment of non-cost
für politische Entscheidungsträger bzw. die Energiepolitik barriers to renewable energy growth in EU Member States – AE-
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im Allgemeinen von Relevanz sein. Ek K (2005) Quantifying the preferences over the environmental im-
Dieser Beitrag basiert auf einem Forschungsprojekt, das pacts of renewable energy: the case of swedish wind power. Tech-
vom Österreichischen Klima- und Energiefonds im Rahmen nische Universität, Luleå
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DOI 10.1007/s12398-012-0098-9

Marktwirtschaftliche Energiewende: Ein Wettbewerbsrahmen


für die Stromversorgung mit alternativen Technologien
Manuel Frondel · Christoph M. Schmidt ·
Nils aus dem Moore

Online publiziert: 6. Dezember 2012


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2012

Zusammenfassung Soll die Energiewende in Deutschland ständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen
erfolgreich verlaufen, darf nicht allein die Umweltverträg- Entwicklung (SVR 2011) als auch von acatech – Deutsche
lichkeit des Umbaus des deutschen Energieversorgungssys- Akademie der Technikwissenschaften (acatech 2012) vor-
tems als Kriterium angelegt werden. Vielmehr müssen auch geschlagen wurde. Würde der künftige Ausbau der erneu-
die Versorgungssicherheit mit Strom und die Sozialverträg- erbaren Energien ab dem kommenden Jahr 2013 mit Hil-
lichkeit dieses Transformationsprozesses gleichermaßen ge- fe eines nationalen Quotensystems gefördert, anstatt durch
währleistet werden. Es stellt sich daher die Frage, wie diese das EEG, könnte der Ausbau nach den in dieser Studie an-
Herausforderung unter der gesetzlichen Verpflichtung zum gestellten Berechnungen wesentlich kostengünstiger erfol-
vollständigen Atomausstieg ökonomisch möglichst effizient gen: Würde sich beispielsweise ein Preis für grüne Zertifi-
erfüllt werden kann. kate einstellen, der künftig allein den Zubau der Windkraft
Die sich immer höher auftürmende Kostenlawine auf- an Land forcierte, so fielen bis zum Jahr 2020 lediglich rund
grund immer neuer Rekorde beim Zubau an Photovol- 6,8 Mrd. Euro (in heutigen Preisen) an Zahlungsverpflich-
taikanlagen dürfte jedoch deutlich gemacht haben, dass tungen für die Verbraucher an, anstatt der hier berechneten
Kosteneffizienz beim Ausbau der Erneuerbaren durch das knapp 58,8 Mrd. Euro (in heutigen Preisen) bei einer un-
Erneuerbaren-Energien-Gesetz (EEG) bislang allenfalls ei- veränderten Beibehaltung des EEG bis zum Jahr 2020. Dies
ne untergeordnete Rolle gespielt hat. So werden die rea- allein sollte Grund genug sein, das EEG schnellstmöglich
len Zusatzkosten für alle zwischen 2000 und Ende 2011 in durch ein marktbasiertes System wie die Quotenlösung zu
Deutschland installierten Photovoltaikanlagen in der vorlie- ersetzen.
genden Studie mit rund 100 Mrd. Euro (in Preisen von 2011)
beziffert. Da diese Ressourcen anderen gesellschaftlichen Germany’s Energy Transition: A Market-Based
Verwendungsmöglichkeiten entzogen werden, gilt es, die Instrument for the Promotion of Renewables
Kosten der Energiewende im Allgemeinen und besonders
die Lasten der Verbraucher infolge der Erhöhung des An- Abstract If the German energy transition is to succeed, en-
teils an regenerativem Strom zu minimieren. Dazu bedarf vironmental soundness should not be the only criterion on
es anstatt der derzeitigen Förderung durch das EEG eines the agenda with respect to the restructuring of the energy
neuen, kosteneffizienteren Fördersystems, das eine stärkere system. It is rather the security of electricity supply and like-
Marktorientierung aufweist. wise the social sustainability during the transformation pro-
Ein effizienteres System wäre die marktbasierte Mengen- cess that has to be ensured. The primary question is how to
steuerung in Form von Quoten für „grünen“ Strom, die so- fulfill this challenge in the light of the legal obligation of a
wohl von der Monopolkommission (2011), vom Sachver- complete nuclear power phase-out in the most cost-effective
way.
The looming avalanche of costs triggered by record-
Prof. Dr. M. Frondel () · C.M. Schmidt · N. aus dem Moore breaking highs of the expanding solar power systems, pro-
Rheinisch-Westfälisches Institut für Wirtschaftsforschung (RWI),
Hohenzollernstr. 1-3, 45128 Essen, Deutschland
moted under the German Renewable Energy Sources Act
e-mail: frondel@rwi-essen.de (EEG), should have made it clear that cost efficiency has
26 Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41

only played a minor role so far. According to this study,


(real) additional costs for all solar power systems, which
had been installed between 2000 and the end of 2011 in
Germany, sum up to about 100 billion Euros (prices as of
2011). Since these resources are withdrawn from other so-
cietal uses, it is essential that costs for the energy transi-
tion in general and in particular the consumers’ costs due
to an increased share in renewable energies have to be
minimized. For this reason, a new, more cost-efficient and
market-oriented promotion/funding system is needed to re-
place the current system based on the EEG.
As suggested by the Monopoly Commission (Monopolkom-
mission 2011), the German Council of Economic Ex-
perts (SVR 2011) and recently by acatech, Germany’s Na-
tional Academy of Science and Engineering (acatech 2012),
a market-based promotion system with quantity control in
the form of quotas for “green” energy would be a more effi-
cient system. If from 2013 onwards, the future expansion of Abb. 1 Anstieg der Stromkosten für Haushalte mit einem Stromver-
renewable energies would be fostered by a national quota- brauch von 3 500 kWh pro Jahr mit und ohne Steuern und Abgaben.
Quellen: BDEW (2010, 2012a)
based system instead of the EEG, the expansion could be
more cost-effective, according to calculations of this study.
If, for example, the future price for green electricity cer-
tificates exclusively accelerated the expansion of on-shore
rot-grünen Atomausstiegsbeschluss bedeutet, stellt Deutsch-
wind power, the overall subsidies for those wind power ca-
land nun vor noch größere Herausforderungen in seinen Be-
pacities that may be installed between 2013 and 2020 merely
mühungen um eine weitgehende Dekarbonisierung der Ge-
amount to EUR 6.8 billion (current prices) instead of sub-
winnung, Umwandlung und Nutzung von Energie, als es das
sidies in the amount of nearly 58.8 billion Euro (current
Energiekonzept ohnehin vorsieht.
prices) in the case of further sticking to the EEG. This alone
should give sufficient reason to replace the EEG as quickly Mit der Dekarbonisierung der Energieversorgung und der
as possible by a market-based support system such as the Umsetzung der Energiewende geht unweigerlich eine Ver-
quota system. teuerung der Verbraucherpreise für Energie einher, insbe-
sondere für Strom. Die Strompreise kennen jedoch seit An-
fang des neuen Jahrtausends nur eine Richtung: nach oben
1 Einleitung (Frondel et al. 2011). Hauptursache des stetigen Anstiegs
der Strompreise in Deutschland seit der Jahrtausendwende
Mit dem Energiekonzept vom Herbst 2010 hat Deutsch- ist die Einführung und Erhöhung von Steuern und gesetz-
land seine Vorreiterrolle in den internationalen Bemühungen lich festgelegten Umlagen und Abgaben, welche vorwie-
um Klimaschutz eindrucksvoll dokumentiert: Für die Mit- gend klimapolitisch motiviert sind. So stieg die Belastung
te dieses Jahrhunderts wurden äußerst ambitionierte Treib- durch Steuern und Abgaben für einen Haushalt mit einem
hausgasminderungsziele vorgegeben. Neben Etappenzielen jährlichen Stromverbrauch von 3 500 kWh seit der Liberali-
für die Jahre 2020 und 2030 setzte sich Deutschland das sierung um 176 Prozent (Abb. 1). Zur Illustration: Würden
Ziel, die Treibhausgasemissionen bis 2050 um 80–95 Pro- überhaupt keine Steuern und Abgaben erhoben, dann hätten
zent gegenüber dem Niveau von 1990 zu reduzieren. Dieses sich die Stromkosten für die privaten Haushalte im Vergleich
unkonditionierte Ziel ist unabhängig davon, ob andere für zu 1998 praktisch nicht erhöht. Der staatlich bedingte Anteil
den Ausstoß von Treibhausgasen sehr bedeutende Länder am Strompreis lag im Jahr 1998 für einen privaten Haushalt
wie China oder die USA ebenfalls Minderungsanstrengun- mit einem jährlichen Verbrauch von 3 500 Kilowattstunden
gen unternehmen. (kWh) bei rund 25 %, während dieser Anteil 2012 bereits
Die mit dem Energiekonzept beschlossene Verlängerung knapp 46 % ausmacht (Abb. 2).
der Laufzeit der Kernkraftwerke um durchschnittlich 12 Jah- Zunehmende Kosten für die Verbraucher stellen je-
re sollte die Erreichung der ambitionieren Klimaschutzzie- doch eine große Gefahr für Wachstum und Wohlstand in
le erleichtern und kostengünstiger gestalten. Die durch den Deutschland dar und können die Akzeptanz für die Ener-
Atomunfall von Japan ausgelöste Energiewende in Deutsch- giewende gefährden. Besonders hohe Belastungen resul-
land, die im Wesentlichen eine Rückkehr zum ehemaligen tieren aus der Förderung der erneuerbaren Energietechno-
Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41 27

Abb. 2 Strompreise für private


Haushalte mit einen
Stromverbrauch von 3 500 kWh
heute und im Jahr der
Strommarktliberalisierung.
Quellen: BDEW (2010, 2012a)

logien, allen voran der Subventionierung der Photovoltaik re Energieversorgung so umzustellen, dass „grüne“ Ener-
(Frondel et al. 2011). Verbunden mit der massiven Zu- gietechnologien die dominierende Rolle spielen, sollte ein
nahme des Anteils der Erneuerbaren in der Stromerzeu- marktwirtschaftlicher Ordnungsrahmen etabliert werden,
gung ist neben einer wachsenden Kostenbelastung eine Zu- der die Umsetzung der politischen Vorgaben zum Ziel hat,
nahme der planwirtschaftlichen Organisation der Gewin- aber den Wettbewerb zwischen Technologien und Produzen-
nung und Umwandlung von Energie. Diese konterkariert ten frei zur Entfaltung kommen lässt.
die mit der Liberalisierung der europäischen Energiemärk- Dieser Beitrag skizziert einen solchen Wettbewerbsrah-
te im Jahr 1998 gestarteten und im Laufe der Zeit intensi- men für die Stromversorgung auf Basis erneuerbarer Ener-
vierten Bemühungen, marktwirtschaftlichen Elementen in gietechnologien. Darüber hinaus werden im folgenden Ab-
unserer Energieversorgung zu mehr Bedeutung zu verhel- schnitt Berechnungen angestellt, die zeigen, dass die Kosten
fen. für die Stromverbraucher ohne einen solchen Wettbewerb
Soll die Energiewende gelingen, muss die wachsende in den kommenden Jahren deutlich steigen werden. Um die
Kostenbelastung der Verbraucher eingedämmt werden, in- gesellschaftliche Akzeptanz für die Förderung der Erneuer-
dem den enormen Herausforderungen mit Hilfe von markt- baren nicht zu gefährden, muss sich der weitere Ausbau der
wirtschaftlichen, anstatt mit planwirtschaftlichen Instru- erneuerbaren Energien jedoch streng am Prinzip der Kos-
menten begegnet wird. Mit der Energiewende und der dar-
teneffizienz ausrichten.
aus resultierenden Abschaltung von rund 40 Prozent der
In Abschn. 3 wird daher in Anlehnung an die Empfehlun-
Kernkraftwerksleistung innerhalb eines Jahres haben sich
gen der Monopolkommission (2011), des Sachverständigen-
hingegen die Gewichte im Strommarkt erheblich in Rich-
rats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwick-
tung Planwirtschaft verschoben: Der kurzfristig entstande-
lung (SVR 2011) und von acatech – Deutsche Akademie der
nen Unterversorgung mit Stromerzeugungskapazitäten im
Technikwissenschaften (acatech 2012) vorgeschlagen, die
Süden Deutschlands stehen umfangreiche Kapazitäten an
nationale Förderung der erneuerbaren Energien auf ein Quo-
alternativen Energietechnologien im Norden gegenüber, die
nur wenig zur Sicherung unserer Stromversorgung beitragen tensystem umzustellen, um damit eine technologieneutra-
und in windstarken Zeiten sogar zu einer Gefährdung der le Förderung zu gewährleisten. Zur Erhöhung der Effizienz
Netzstabilität führen. Auch die gezielte übermäßige Förde- sollte das Quotensystem durch einen Handel mit sogenann-
rung einzelner Technologien zur Energiegewinnung, wie es ten Grünstromzertifikaten ergänzt werden, welche für die
in unverantwortbarem Maße insbesondere bei der Photovol- Erzeugung „grünen“ Stroms ausgestellt werden. Aus Effizi-
taik und der Verstromung aus Biomasse geschieht, ist nicht enzgründen sollte ein derartiges Fördersystem letztlich mit
mit einer Marktwirtschaft vereinbar und sollte aus diesem denen anderer EU-Mitgliedsländer zusammengeführt wer-
Grund unterbleiben. Stattdessen sollte generell der Wettbe- den, die bereits heute eine Mengensteuerung praktizieren
werb um Innovationen gestärkt werden. Dieser muss zwin- oder dies planen. Auf die gesamte Europäische Union (EU)
gend technologieneutral ausgestaltet werden, nicht zuletzt ausgeweitet ließe sich so eine Vereinheitlichung der Förder-
weil niemand die effizientesten Technologien von morgen bedingungen in Europa herstellen. Der abschließende Ab-
kennt. schnitt präsentiert ein Fazit zur eingeschlagenen Klimapo-
Allein der Wettbewerb sorgt dafür, dass vorhandene Res- litikstrategie Deutschlands und der Europäischen Kommis-
sourcen mit der größtmöglichen Effizienz verwendet wer- sion und schlägt als Schlussfolgerung einen gravierenden
den. Wenn es im gesellschaftlichen Interesse liegt, unse- Strategiewechsel vor.
28 Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41

2 Mangelnde Kosteneffizienz der deutschen und die energieintensiven Produktionsbetriebe einbezogen


Treibhausgasminderungspolitik sind, welche zusammen für etwa 40 Prozent der EU-weiten
CO2 -Emissionen verantwortlich sind. Andere Bereiche wie
Auch wenn die deutsche Klimapolitik im weltweiten Maß- der Verkehrssektor oder die Sektoren der privaten Haus-
stab wenig, wenn nicht gar Kontraproduktives bewirkt (Bei- halte und der Gewerbe-, Handels- und Dienstleistungsun-
rat 2010), stellt sich die Frage nach der Kosteneffizienz die- ternehmen sind hingegen nicht in den Emissionshandel in-
ser einseitigen Politik, die vor allem auf die Vermeidung von tegriert. Anstatt den Emissionshandel auf andere Bereiche
Treibhausgasen ausgerichtet ist, während die Strategie der auszuweiten, besteht sowohl in Deutschland als auch in der
Anpassung an den Klimawandel bislang sehr stiefmütterlich Europäischen Union bedauerlicherweise die Tendenz, jeden
behandelt wird. An der Kosteneffizienz aber lässt sich vor al- Sektor spezifisch zu regulieren, um so die nationalen und
lem aus folgenden Gründen zweifeln (Böhringer 2010:63): EU-weiten Treibhausgasminderungsziele zu erreichen. Dies
Erstens sind Mehrkosten dadurch programmiert, dass ne- hat erhebliche Effizienzverluste zur Folge (Böhringer et al.
ben dem im Jahr 2005 eigens zum Zwecke der Treibhaus- 2005).
gasminderung etablierten, EU-weit wirkenden Klimaschutz- Die EU-Kommission hat einen gehörigen Anteil an der
instrument des Handels von CO2 -Emissionszertifikaten ei- mangelnden Kosteneffizienz der deutschen Klimaschutzpo-
ne Vielzahl von sich überlagernden Regulierungsinstrumen- litik: Um die in ihrem Energie- und Klimaschutzpaket ge-
ten in Deutschland zum Einsatz kommen, allen voran das nannten 20-20-20-Ziele erreichen zu können, gibt sie ei-
Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zur Förderung rege-
ne Vielzahl an Maßnahmen und Politikinstrumenten vor.1
nerativer Energietechnologien. Und dies, obwohl laut um-
An erster Stelle sind die EU-Richtlinien zur Steigerung der
weltökonomischer Literatur die Minderung von Treibhaus-
Energieeffizienz sowie zum Ausbau des Einsatzes von er-
gasen mit dem Emissionshandel auf kurze Sicht zu den
neuerbaren Energietechnologien zu nennen. Derartige Ko-
geringsten gesamtwirtschaftlichen Kosten erreicht werden
existenzen, wie etwa von Emissionshandel und EEG, sor-
kann: Durch dieses Klimaschutzinstrument können Emis-
gen jedoch für Ineffizienzen. Als Resultat ergibt sich so le-
sionsminderungsziele nicht nur ökologisch treffsicher, son-
diglich eine Emissionsverlagerung, der durch das EEG be-
dern – zumindest in statischer bzw. kurzfristiger Betrach-
wirkte CO2 -Einspareffekt ist de facto null (BMWA 2004:8,
tungsweise – auch ökonomisch effizient realisiert werden
(Bonus 1998:7). Morthorst 2003). So kann es sich bei einem starken Aus-
Zweitens entstehen auch dadurch erhebliche Mehrkosten, bau der erneuerbaren Energien in Deutschland und den da-
dass der Emissionshandel bislang auf die Europäische Uni- mit verbundenen, den CO2 -Preis signifikant senkenden Wir-
on begrenzt ist (Nordhaus 2009:50). Eine Ausweitung des kungen gerade für die Betreiber alter Kohlekraftwerke eher
EU-Emissionshandels auf weitere Regionen, welche insbe- lohnen, ihre wenig effizienten, emissionsintensiven Anla-
sondere die größten Emittenten wie die USA und China ein- gen weiterzubetreiben, als wenn der Anteil der Erneuerba-
schließen, würde die Vermeidung ein und derselben Emis- ren nicht weiter gesteigert worden wäre. Durch die Regulie-
sionsmenge zu günstigeren Kosten erlauben, da die Emis- rungsüberlagerung kommt es somit gar zu paradoxen Folgen
sionen dort gemindert werden könnten, wo es am kosten- (Böhringer 2010:69).
günstigsten ist (Böhringer 2010:64). Mit einer internationa- Letztlich werden aber vergleichsweise kostengünstige
len Ausweitung des Emissionshandels würde sich die An- Maßnahmen nicht ergriffen, die in der kontrafaktischen Si-
zahl an zur Verfügung stehenden kostengünstigen Vermei- tuation ohne ein deutsches EEG umgesetzt worden wä-
dungsoptionen beträchtlich vergrößern. Im Ergebnis führt ren. Stattdessen wird gerade mit der Solarstromproduk-
dies zu einer Senkung der Kosten für die Erreichung glo- tion eine sehr teuere Technologie zur Vermeidung von
baler Emissionsminderungen. Zu einer Ausweitung des EU- CO2 -Emissionen umgesetzt. So taxieren Frondel et al.
Emissionshandels zu einen weltweiten Handel besteht aber (2010a:119) die mit der Förderung der Photovoltaik in
wenig Hoffnung, da dies ein weltumspannendes klimapoli- Deutschland einhergehenden Vermeidungskosten für das
tisches Abkommen voraussetzt. Die Aussichten auf den Ab- Jahr 2009 auf mehr als 600 Euro je Tonne CO2 . Die In-
schluss eines wirkungsvollen internationalen Klimaabkom- ternationale Energieagentur geht sogar von einem höheren
mens mit völkerrechtlich bindenden Minderungszielen der Wert von rund 1 000 € je Tonne aus (IEA 2007:74).
bedeutendsten Emittenten sind allerdings sehr schlecht.
Drittens ist Deutschland, ebenso wie die Europäische
1 Dabeistellt die Minderung der Treibhausgasemissionen um 20 Pro-
Union, trotz der als positiv hervorzuhebenden Etablierung
und Weiterentwicklung des Emissionshandels noch weit von zent gegenüber 1990 eines der Ziele für das Jahr 2020 dar, während
die Ausweitung des Beitrags der erneuerbaren Energietechnologien zur
einer kohärenten Klimapolitik entfernt (Böhringer 2010:66). Deckung des (Brutto-)Endenergieverbrauchs in der EU auf 20 Prozent
Dies ist vorwiegend dem Umstand geschuldet, dass in den bis 2020 sowie die Steigerung der Energieeffizienz um 20 Prozent ge-
Emissionshandel bislang nur der Stromerzeugungssektor genüber dem Weiter-wie-Bisher die übrigen Zielmarken sind.
Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41 29

Tab. 1 Nettokosten der


Förderung von Photovoltaik in Jährliche Zuwächse an Kapazitäten Nettokosten
Deutschland und Solarstromerträgen
MW Mio. kWh In Mrd. € In Mrd. €2011

2000 53 43 0,389 0,405


2001 110 89 0,802 0,819
2002 110 89 0,752 0,753
2003 139 112 0,889 0,873
2004 670 542 4,779 4,598
2005 951 769 7,338 6,919
2006 843 682 6,094 5,635
2007 1 271 1 028 8,595 7,795
2008 1 950 1 577 12,316 10,956
2009 3 794 3 068 19,810 17,296
Quellen: Jährlicher 2010 7 406 5 988 30,230 25,924
Kapazitätszuwachs: BMU 2011 7 500 6 064 20,669 17,448
(2011). Nettokosten: eigene
Berechnungen, zu Details siehe Kumulierte Nettokosten 2000–2011: 112,663 99,421
Frondel et al. (2008a, 2008b)

2.1 Kosten des EEG: Frappierende Ineffizienz bei ein Viertel der gesamten bisherigen Nettokosten. Die immer
Photovoltaik neuen Zubaurekorde der vergangenen drei Jahre verursach-
ten mit rund 60 Mrd. € den Großteil der bisherigen Netto-
Seit Einführung des EEG im Jahr 2000 haben Stromver- kosten.
braucher Subventionszahlungen für Erneuerbare von bislang
rund 52,3 Mrd. Euro geleistet (BDEW 2012b:21). Weite- 2.2 Künftige Kosten der EEG-Förderung (2012–2020)
re Zahlungsverpflichtungen für die Erneuerbaren, die wegen
des explosionsartigen Photovoltaikzubaus in den vergange- Unter Beibehaltung der oben skizzierten und in allen un-
nen Jahren im dreistelligen Milliardenbereich liegen und in seren früheren Studien, wie etwa Frondel et al. (2008a,
den kommenden 20 Jahren von den Verbrauchern beglichen 2008b), benutzten Methodik werden im Folgenden die künf-
werden müssen, stehen bereits fest, wie im Folgenden dar- tig hinzukommenden Subventionen für die EEG-Förderung
gestellt wird. Der Berechnungsmethode von Frondel et al. der Erneuerbaren für den Zeitraum 2012 bis 2020 berech-
(2008a, 2008b) folgend sind in Tab. 1 die realen Nettokosten net. Beginnend mit dem größten Kostentreiber der Vergan-
(in Preisen von 2011) der EEG-Förderung der Photovoltaik genheit, der Photovoltaik, gehen wir von einem weiterhin
dargestellt. Diese ergeben sich im Wesentlichen aus der Dif- starken Zubau aus und nehmen für das Jahr 2012 einen er-
ferenz der Einspeisevergütungen und dem Wert des Stroms, neuten Zubaurekord von 8 000 MW an (Tab. 2), so wie das
bemessen in Börsenstrompreisen. Für die künftige Entwick- von Kennern der Branche erwartet wird.
lung der Börsenstrompreise wird das Hochpreisszenario aus Auch für die kommenden Jahre nehmen wir eine ähn-
der Studie von Nitsch et al. (2005) unterstellt. Dieses Szena- lich hohe Zubauleistung an (Tab. 2), da die in der jüngsten
rio erscheint aus der gegenwärtigen Perspektive keineswegs Novellierung des EEG vom Sommer 2012 genannte abso-
unrealistisch: Eine Inflationsrate von 2 Prozent unterstellend lute Höchstgrenze von 52 000 MW für die gesamte Photo-
nehmen die Grundlaststrompreise demnach von 5,68 Cents voltaikförderung einen nachhaltigen Ansturm auf neue An-
je kWh im Jahr 2011 auf nominal 8,47 Cents je kWh im Jahr lagen auslösen könnte. Aufgrund der im EEG festgelegten
2020 zu (Frondel et al. 2010a, 2010b). Tatsächlich lag der starken Absenkung der Vergütungen bei den in Tab. 2 darge-
Jahresdurchschnitt der Grundlaststrompreise im Jahr 2011 stellten jährlichen Zuwächsen an Photovoltaikleistung fällt
bei 5,61 Cents je kWh (BDEW 2012a:16). der größenklassengewichtete Durchschnitt der Solarstrom-
Die realen Nettokosten für alle zwischen 2000 und Ende vergütung innerhalb weniger Jahre unter das Niveau des
2011 in Deutschland installierten Photovoltaikanlagen be- oben skizzierten Strompreisszenarios (Abb. 3). Als Resultat
laufen sich nach Tab. 1 auf knapp 100 Mrd. € (in Prei- wäre etwa ab dem Jahr 2015 keine direkte Förderung mehr
sen von 2011), ein gewaltiger Betrag, wenn man bedenkt, vonnöten, da der Verkauf von Solarstrom zum Börsenpreis
dass der Anteil der Photovoltaik an der Stromerzeugung in mehr einbringen würde als die Inanspruchnahme der dann
Deutschland derzeit bei lediglich rund 4 Prozent liegt. Al- geltenden Einspeisevergütungen.
lein der im Jahr 2010 erfolgte Zubau an Anlagen verursach- Dennoch werden Neuproduzenten von Solarstrom auch
te Nettokosten in Höhe von 25,9 Mrd. €, mithin mehr als über das Jahr 2015 hinaus subventioniert werden und zwar
30 Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41

Tab. 2 Nettokosten der


künftigen EEG-Förderung von Jährliche Zuwächse an Kapazitäten Nettokosten
Photovoltaik und Solarstromerträgen
MW Mio. kWh In Mrd. € In Mrd. €2012

2012 8 000 6 469 11,017 9,416


2013 7 500 6 064 3,795 3,314
2014 7 500 6 064 0,564 0,521
2015 4 200 3 396 0 0

Kumulierte Nettokosten 2012–2020: 15,376 13,251

Abb. 3 Börsenpreis für Strom


und gewichteter Vergütungssatz
für Solarstrom in Cent je kWh

auf indirekte Weise: Bei einer massiven Zunahme des Ei- erneuerbarer Energien ebenso zum Bröckeln bringen kann
genverbrauchs von Solarstrom, mit der bei weiter fallen- wie die regionale Umverteilung, die mit dem EEG heute
den Einspeisevergütungen, sinkenden Modulpreisen sowie schon verbunden ist. So ist Bayern mit einem Saldo von
künftig steigenden Strompreisen, zu rechnen sein wird,2 rund 1,1 Mrd. Euro größter Profiteur des EEG, vor allem
werden die Einnahmen aus der im Strompreis enthaltenen dank der Photovoltaik, wohingegen Nordrhein-Westfalen
Strom- und Mehrwertsteuer geringer ausfallen und die EEG- mit rund 2,25 Mrd. Euro den mit Abstand größte Nettozah-
Umlage sowie die Netznutzungsentgelte werden von den ler darstellt (Abb. 4).
übrigen Stromverbrauchern getragen werden müssen. Wäh- Behält man das heutige EEG-Fördersystem bis 2020 in
rend die Eigenverbraucher von Solarstrom nach geltendem unveränderter Form bei, kommen nach unseren Berech-
Recht von der Zahlung dieser Steuern und Abgaben befreit nungen weitere Zusatzkosten auf die Stromverbraucher zu,
sind und dadurch subventioniert werden, wird es so zu Um- die bei knapp 59 Mrd. Euro in heutigen Preisen liegen
verteilungen kommen, welche die Netznutzungsentgelte und (Tab. 3). Weil wir uns bei den Berechnungen auf die kosten-
die EEG-Umlage zusätzlich in die Höhe treiben werden. trächtigsten Technologien konzentriert haben und die EEG-
Dies wird die schon bestehende Umverteilung von ten- geförderte Stromerzeugung auf Basis kleiner Wasserkraft-
denziell ärmeren Haushalten, welche sich keine Photovol- anlagen nicht berücksichtigt wurde, stellt die genannte Sum-
taikanlage leisten können, zu tendenziell reicheren Haushal- me aus diesem und anderen Gründen wohl eher eine Unter-
ten, die in solche Anlagen investiert haben, weiter verschär- grenze dar. So werden die Zusatzkosten bei der Stromerzeu-
fen. Derartige Umverteilungen beinhalten sozialen Spreng- gung aus Biomasse, für die wir den in der BMU-Leitstudie
stoff, der die Akzeptanz der Bevölkerung für die Förderung 2011 genannten Ausbau unterstellt haben (siehe Tab. 5 im
Anhang), wohl eher unterschätzt, weil diese mit einem mitt-
leren Vergütungssatz berechnet und nicht sämtliche Boni
2 Jede nicht vom Energieversorger bezogene Einheit Strom erspart mit
einbezogen wurden.
steigenden Strompreisen in zunehmendem Maße Kosten. So haben
Haushalte mit einem Verbrauch von 3 500 kWh im Jahr 2012 im Diese Art der Stromproduktion auf Basis von Biomas-
Durchschnitt knapp 26 Cent für jede vom Versorger bezogene kWh se stellt die Verbraucher nach unseren Berechnungen so-
zu bezahlen (Abb. 2). gar vor höhere Kosten als die künftige Photovoltaikförde-
Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41 31

Abb. 4 Regionale
Umverteilungswirkung des EEG
im Jahr 2011. Quelle: BDEW
(2012b)

Tab. 3 Zusätzliche Nettokosten


der Förderung Erneuerbarer, Zubau 2012–2020 Zuwachs 2012–2020 Zusatzkosten über 20 Jahre
falls das EEG bis 2020 (MW) (Mrd. kWh) (Mrd. €) (Mrd. €2012 )
Gültigkeit besäße (2012–2020)
Biomasse 2 058 14,584 21,021 17,033
Photovoltaik 27 200 21,993 15,376 13,251
Wind Onshore 10 489 39,526 2,375 2,215
Wind Offshore 9 515 30,448 26,690 23,182
Geothermie 283 1,595 4,025 3,086

Gesamt 49 545 108,146 69,487 58,767

rung. Die Zahlungsverpflichtungen für Photovoltaik könn- Zeitraum von 8 Jahren gewährt, während danach die kWh
ten sich nach unseren Schätzungen auf rund 13 Mrd. Eu- noch 12 Jahre lang mit 3,5 Cent vergütet wird.
ro (in heutigen Preisen) belaufen, die zu den bisher ange-
häuften Solarsubventionen von knapp 100 Mrd. Euro hin-
zukämen. Die größte unmittelbare Kostenbelastung bei der 3 Marktwirtschaftliche Förderung erneuerbaren
künftigen EEG-Förderung entsteht jedoch voraussichtlich Energien
durch die Errichtung von Windparks vor deutschen Küsten
(Wind Offshore). Dafür haben wir unterstellt, dass alle bis- Dass sich der Ausbau der Erneuerbaren bislang in natio-
lang genehmigten Parks bis spätestens 2020 fertig gestellt naler Verantwortung befindet, anstatt in eine gemeinsame
werden (siehe Tab. 6 im Anhang). europaweite Förderstrategie eingebunden zu sein, ist eine
Ein wesentlicher Grund für die hohen Kosten sind die wesentliche Ursache für die enorme Ineffizienz ihrer För-
großen Abstände dieser Parks von der deutschen Küste, derung durch das deutsche EEG. Dadurch wird eine nach
wohingegen britische Off-Shore Windparks nahe an den meteorologischen und topographischen Gesichtspunkten ef-
Küsten errichtet werden dürfen. Dementsprechend sind die fiziente Verteilung der Anlagenstandorte verhindert. Im Er-
EEG-Anfangsvergütungen für Offshore-Windstrom relativ gebnis führte die massive EEG-Förderung zu der paradoxen
hoch: Nach dem sogenannten Stauchungsmodell, mit dem Situation, dass es im relativ sonnenarmen Deutschland zum
wir hier gerechnet haben, beträgt die Anfangsvergütung für weltweit schnellsten Zubau bei der Photovoltaik gekommen
Offshore-Windstrom 19 Cent je kWh. Diese wird über einen ist. Aktuell beträgt die in Deutschland installierte Leistung
32 Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41

an Photovoltaik rund 28 000 Megawatt (MW) und entspricht Ein weiterhin bestehender Nachteil wäre allerdings, dass es
rund einem Drittel der konventionellen Kraftwerkskapazität, noch immer keinerlei Anreize für eine nachfrageorientierte
trägt jedoch lediglich rund 4 Prozent zur Stromproduktion Einspeisung von grünem Strom in die Stromnetze gäbe.
bei. Mit einer am Ende des Jahres 2010 installierten Leis- Die technologie- und größenneutrale Ausgestaltung der
tung von 17 200 MW wies Deutschland einen Anteil von Förderung durch die Vereinheitlichung der EEG-Fördersätze
43,5 Prozent der weltweiten Kapazitäten zur Solarstromer- für alle zukünftig zu installierenden Anlagen wäre somit le-
zeugung auf Basis von Photovoltaik auf (Earth Policy In- diglich ein erster Schritt in Richtung einer streng am Prinzip
stitute 2012). Zum Vergleich: Das sonnenreiche Griechen- der Kosteneffizienz ausgerichteten Förderpolitik, die nach
land hatte einen Anteil von 0,5 Prozent; mit 3 800 MW bzw. der kostenminimalen Erreichung der Ausbauziele für er-
einem Anteil von 9,6 Prozent an den globalen Kapazitäten neuerbare Energien trachtet. Die eigentlich rein auf die Er-
lag Spanien weit abgeschlagen an der zweiten Stelle der probung von Nischentechnologien ausgerichtete Förderung
Weltrangliste. Die Photovoltaik-Kapazität von 212 Watt je durch das EEG sollte daher baldmöglichst durch ein För-
Einwohner lag in Deutschland weit über dem europäischen
dersystem ersetzt werden, das die Kooperation mit anderen
Durchschnitt von 58,5 Watt je Einwohner. Die Kapazitäten
europäischen Ländern erlaubt, um so für die gesamte Pa-
bzw. globalen Anteile der USA und China waren demgegen-
lette an Erzeugungstechnologien Standortvorteile nutzen zu
über mit 2 500 und 900 MW bzw. 6,4 und 2,3 Prozent sehr
können.
bescheiden im Vergleich zur Größe und dem Solarpotential
Die Monopolkommission (2011), der Sachverständigen-
dieser Länder.
Selbst wenn man einmal die Effizienzvorteile eines euro- rat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwick-
päischen, anstatt eines rein nationalen Ausbaus außer Acht lung (SVR 2011) und acatech (2012) haben dazu eine markt-
lassen würde, gäbe es bei der derzeitigen Förderung der Er- basierte Mengensteuerung in Form von Quoten für „grü-
neuerbaren durch das EEG erhebliche Effizienzreserven zu nen“ Strom vorgeschlagen. Bei einer solchen Quotenlösung
heben. Dazu sollte verstärkt auf weniger unwirtschaftliche würden die Energieversorger verpflichtet, einen bestimmten
Technologien gesetzt werden, anstatt den Zubau der sehr Anteil ihres an die Endverbraucher gelieferten Stroms aus
teuren Photovoltaikanlagen weiter zu forcieren. Das Gegen- erneuerbaren Energien zu decken. Da man dem homoge-
teil ist bislang hingegen der Fall: Experten erwarten nach nen Gut Strom nicht ansehen kann, welche Technologie zu
den beiden Rekordjahren 2010 und 2011 für das Jahr 2012 dessen Erzeugung verwendet wurde, würden die Produzen-
einen weiteren Zubaurekord in Deutschland von 8 000 MW ten von „grünem“ Strom in einem Quotensystem für jede
neu installierter Leistung. Umso verwunderlicher sind die eingespeiste Einheit an Strom von den Übertragungsnetzbe-
aktuellen Ausbaupläne der Politik, die praktisch eine weite- treibern sogenannte Grünstromzertifikate erhalten (Abb. 5).
re Verdopplung der aktuell vorhandenen Kapazitäten bedeu- Gleichzeitig würden Energieversorger dazu verpflichtet, am
ten. So sieht die EEG-Novelle vom Sommer 2012 ein abso- Ende eines jeden Abrechnungszeitraums eine bestimmte
lutes Ende der Photovoltaikförderung erst bei einem Höchst- Menge an Grünstromzertifikaten vorzuweisen. Diese Men-
wert von 52 000 MW vor. Wegen des explosiven Wachstums ge ergibt sich aus der geforderten Grünstromquote und der
der vergangenen Jahre und der nahezu ungebremsten Am- vom jeweiligen Versorger an die Endverbraucher gelieferten
bitionen der Politik wäre allein deshalb eine grundlegende Strommenge.
Änderung des Förderregimes schnellstens geboten. Die Grünstromzertifikate könnten an Börsen gehandelt
Durch Einführung eines einheitlichen Fördersatzes ließe werden, wodurch sich zu jedem Zeitpunkt ein einheitli-
sich der Ausbau der Stromerzeugung auf Basis erneuerbarer cher Marktpreis für die Grünstromzertifikate ergibt. Die
Energietechnologien in Deutschland zu weitaus geringeren
gesetzliche Mindestquote, die zu einer Mindestnachfrage
Kosten realisieren, vorausgesetzt der einheitliche Fördersatz
nach Grünstromzertifikaten führen würde, hat einen positi-
läge deutlich niedriger als die aktuellen Vergütungen für die
ven Zertifikatpreis an der Börse zur Konsequenz.3 Die Pro-
besonders ineffizienten Arten der Stromerzeugung auf Ba-
duzenten von grünem Strom würden Einnahmen aus zwei
sis von Biomasse, Photovoltaik oder Windkraftanlagen vor
unterschiedlichen Quellen erzielen: Einerseits erhielten sie
deutschen Küsten. Infolge eines einheitlichen Fördersatzes
käme es zum ersten Mal in der über zwanzig-jährigen Ge- Einnahmen aus dem Verkauf des grünen Stroms zum je-
schichte der Förderung „grünen“ Stroms zu einem Wettbe- weiligen Marktpreis, andererseits durch die Veräußerung der
werb unter den alternativen Stromerzeugungstechnologien; mit der Grünstromproduktion erhaltenen Zertifikate. Da das
ihr Zubau würde sich erstmals an den Kosten der Stromer- Vertrauen der Investoren in die langfristige Gültigkeit des
zeugung orientieren. Darüber hinaus würde ein starker An-
reiz geschaffen, bei der Errichtung von Neuanlagen regiona- 3 Die Nachfrage nach Grünstromzertifikaten wäre durch die Mindest-
le Standortvorteile in Bezug auf Windstärken und Sonnen- quote jedoch nicht beschränkt: Jedem Energieversorger stünde es prin-
scheindauern zu berücksichtigen, statt wie bislang entspre- zipiell frei, eine höhere Quote zu erfüllen, etwa um sich im Wettbewerb
chende Nachteile über höhere Vergütungen auszugleichen. qualitativ von anderen Energieversorgern zu unterscheiden.
Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41 33

Abb. 5 Schematische
Darstellung des Quotensystems
mit integrierten Handel mit
Grünstromzertifikaten. Quelle
SVR (2011:257)

Fördersystems eine zentrale Voraussetzung für den erfolg- wohl darauf verzichten, Strom in das Netz einzuspeisen. Da-
reichen Ausbau an Erneuerbaren darstellt, sollte den Inves- durch würden potentiell auftretende Netzinstabilitäten ver-
toren in Anlehnung an die Regelungen des EEG garantiert mieden werden.
werden, dass sie für Strom aus den neu errichteten Anla- Drittens erhöht sich der Anreiz, in Speichertechnologi-
gen bis zu 20 Jahre lang Zertifikate erhalten werden. Auch en zu investieren, um als Produzent von grünem Strom den
die Handelbarkeit der Grünstromzertifikate sollte für diesen gewinnmaximierenden Einspeisezeitpunkt selbst wählen zu
Zeitraum garantiert werden. können. Viertens böte dieses System die Perspektive, durch
Der Handel mit Grünstromzertifikaten würde im Gegen- eine sukzessive Harmonisierung mit ähnlichen Fördersys-
satz zum EEG eine technologieneutrale Förderung der er- temen in anderen EU-Mitgliedsstaaten und die grenzüber-
neuerbaren Energien gewährleisten, da es keine technolo- schreitende Ausweitung des Zertifikatehandels die auf eu-
gieabhängige Entlohnung für die Erzeugung von grünem ropäischer Ebene vorhandenen Effizienzreserven zu heben.
Strom in Form spezifischer Einspeisevergütungen mehr gä- Wegen seiner europaweiten Ausrichtung und Technologie-
be. Vielmehr würden Strom- und Zertifikatpreise für diesel- offenheit entspräche dieses Fördersystem somit zwei we-
ben Anreize für alle Stromproduzenten sorgen, gleichgültig sentlichen Grundprinzipien des EU-Emissionshandels.
auf welche alternative Technologie sie setzen. Nicht zuletzt würde die Quotenlösung im Einklang da-
mit stehen, dass für den Ausbau der Erneuerbaren explizite
Mengenziele vorgegeben sind. Beim EEG ist hingegen nicht
3.1 Vorteile des Quotenmodells
davon auszugehen, dass die politischen Ziele für die Erneu-
erbaren punktgenau erreicht werden. Vielmehr ist vollkom-
Gegenüber dem EEG hätte ein Quotensystem zahlreiche men unklar, ob die Ziele deutlich verfehlt oder aber erheb-
Vorteile: Erstens würde die technologie- und standortneu- lich überschritten werden. So sollte das EEG den Anteil
trale Förderung dazu führen, dass der Ausbau der Erneuer- der erneuerbaren Energietechnologien am Stromverbrauch
baren fortan kosteneffizient erfolgt, da es im Interesse des in Deutschland bis zum Jahr 2010 auf mindestens 12,5 Pro-
Investors ist, die kostengünstigsten Technologien an den je- zent steigern. Bereits im Jahr 2007 wurde ein Anteil von
weils am besten geeigneten Standorten einzusetzen. Zwei- 14 Prozent erreicht; tatsächlich lag der Anteil grünen Stroms
tens hätten die Produzenten von grünem Strom durch ihre am Bruttostromverbrauch in Deutschland im Jahr 2010 bei
Orientierung am aktuellen Marktpreis einen starken Anreiz, rund 17 Prozent. Auch das nationale Ziel für das Jahr 2020,
zur Integration der erneuerbaren Energietechnologien in un- das für grünen Strom einen Anteil von 35 Prozent vorsieht,
ser Stromversorgungssystem beizutragen, weil sich die Ein- würde deutlich überschritten werden, könnten die Bundes-
speisung von grünem Strom – im Gegensatz zur derzeitigen länder ihre individuellen Ausbauziele allesamt erreichen.
EEG-Förderung – nach der Nachfrage der Stromverbraucher Einmal mehr also werden Effizienzreserven auch da-
richten würde. So würden sie in Zeiten geringer Nachfrage durch verspielt, dass sich einzelne Bundesländer eigene Zie-
mit eventuell daraus resultierenden negativen Strompreisen le setzten. Selbst wenn bislang noch keine europäische Lö-
34 Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41

sung beim Ausbau der Erneuerbaren angestrebt wurde, soll- sind, zu dem eine unmissverständliche zeitliche Begrenzung
te doch wenigstens auf bundesstaatliche Einzelziele verzich- der Förderung und eine kritische Evaluation der Ergebnisse
tet und stattdessen versucht werden, das nationale Ziel da- gehören, die den Standards der modernen Evaluationsfor-
durch zu erreichen, dass eine nach meteorologischen und schung genügt und insbesondere Mitnahmeeffekte von ge-
topographischen Gesichtspunkten effiziente Verteilung der nuinen Effekten der Förderung trennt (SVR 2009).
Anlagenstandorte in Deutschland ermöglicht wird. Stattdes-
sen aber sind die Länder vor dem Hintergrund der massi- 3.2 Ein sicherer Weg vom EEG ins Quotenmodell
ven regionalen Umverteilungswirkungen des EEG offenbar
versucht, ein möglichst großes Stück vom Subventionsku- Bei einem Übergang zum Quotenmodell würden neu zu in-
chen zu ergattern, indem sie beispielsweise die rechtlichen stallierende Anlagen fortan in den Genuss der Förderung mit
und bürokratischen Hürden für Windkraftstandorte mög- Grünstromzertifikaten kommen. Für bereits im Rahmen des
lichst niedrig halten oder zumindest weiter absenken, so wie EEG installierte Anlagen würde ein Bestandschutz gelten.
dies gerade in Nordrhein-Westfalen geschieht. Auch beim künftigen Ausbau im Rahmen des Quotenmo-
Ein weiterer Vorteil einer Quotenlösung ist, dass die Mit- dells würde vorerst weiter am vorrangigen Anschluss durch
tel zur Erreichung der politisch vorgegebenen Ausbauzie- die Netzbetreiber festgehalten werden und Bestandsanla-
le für Erneuerbare klar getrennt werden könnten von den gen würden aus Gründen des Bestandsschutzes weiterhin in
Instrumenten zur Verfolgung technologiepolitischer Ziele. den Genuss des bestehenden Einspeisevorrangs für grünen
Weil derartige Ziele allenfalls in geringem Maße durch das Strom kommen. Die bei Aufrechterhaltung des EEG weite-
Quotensystem verfolgt werden können, sollte dieses durch re Zunahme an Ineffizienzen, die durch negative Stromprei-
eine Innovations- und Technologiepolitik flankiert werden, se an der Börse angezeigt werden, könnten jedoch in einem
die im Hinblick auf die technologischen Ergebnisse ihrer Quotensystem verhindert werden, da Produzenten in einem
Bemühungen ergebnisoffen ist. Eine solche Politik muss da- solchen Regime bei negativen Preisen wohl kaum grünen
zu bereit sein, Rückschläge hinzunehmen und die eingesetz- Strom am Markt verkaufen würden.
ten Ressourcen eventuell gänzlich abzuschreiben. Vor al- Negative Strompreise ergeben sich in Zeiten geringer
lem sollte berücksichtigt werden, dass technologischer Fort- Stromnachfrage bei gleichzeitig großem Angebot an grü-
schritt – selbst bei einem idealen Zuschnitt der Innovati- nem Strom, etwa in windstarken Zeiten. Anstatt konven-
onspolitik – Zeit braucht und dass man diesen Prozess da- tionelle Kraftwerke abzuschalten, bei denen das Anfahren
her nicht durch eine Abweichung von diesem Zuschnitt be- und Abschalten mit hohen Kosten verbunden ist, kann es
schleunigen kann, insbesondere nicht durch staatliche Vor- in solchen Situationen für deren Betreiber lohnenswert sein,
gaben für bestimmte technologische Lösungen. für die Abgabe von Strom zu bezahlen, anstatt damit Erlöse
Darüber hinaus ist es zur Stimulierung privater For- zu erzielen. Zu den an der Strombörse auftretenden negati-
schungsaktivitäten wichtig, dass die Innovationspolitik ei- ven Preisen muss aber auch der mit erneuerbaren Technolo-
ne angemessene Infrastruktur bereitstellt, etwa durch das gien erzeugte Strom abgegeben werden. Daraus resultieren
Schaffen attraktiver Bedingungen für forschende Unterneh- über die EEG-Subventionen hinaus zusätzlich Kosten für die
men sowie durch den Ausbau der universitären und außeru- Stromverbraucher (Bode 2010:644).
niversitären Infrastruktur für Wissenschaft und Forschung. Auf keinen Fall aber sollte am bestehenden Recht der
Grundlegende Bedingung dafür ist das ausreichende Vor- Entlohnung für die absichtliche Nichtproduktion von grü-
handensein von Humankapital, für das eine gute Bildung nem Strom aus Gründen der Aufrechterhaltung der Netzsta-
und Ausbildung der Menschen eine unabdingbare Voraus- bilität festgehalten werden. Dadurch, dass auf solche Ent-
setzung darstellt. Anstatt jedoch den Bürger mehr finanzi- schädigungen verzichtet wird, hätten Investoren in neue An-
ellen Freiraum zu erlauben, damit diese mehr Geld für an- lagen einen Anreiz, Lösungen für diejenigen Zeiten zu su-
dere, sinnvollere Zwecke zur Verfügung haben, etwa zur chen, in denen bei geringer Nachfrage viel zu viel grüner
Finanzierung der Bildung und Ausbildung ihrer Nachkom- Strom produziert würde, etwa weil der Wind stark weht. Bei
men, zwingt das EEG sämtliche Bürger, teure Maßnahmen den Planungen für neue Anlagen würde so gleichzeitig über
wie die Solarstromförderung zu finanzieren, die aller Wahr- Speichermöglichkeiten nachgedacht werden oder auch über
scheinlichkeit nach eine geringere gesellschaftliche Rendite spezielle Verträge mit Stromabnehmern für solche Zeiten.
abwerfen als Investitionen in Bildung und Forschung. Durch solche und viele andere Lösungen könnte den mit
Zu einer umfassenden und intelligent ausgestalteten In- dem zunehmenden Anteil an grünem Strom stark steigen-
novationspolitik gehören schließlich durchaus gezielte tech- den Ineffizienzen und Kosten für die Verbraucher begegnet
nologiepolitisch motivierte Eingriffe und Demonstrations- werden.
projekte, wenngleich diese lediglich ergänzend wirken kön- Um die politischen Ausbauziele zu erreichen, sollte ein
nen. Ihr Einsatz ist aber nur dann sinnvoll ausgestaltet, wenn konkreter Ausbaupfad für die in künftigen Jahren einzuhal-
sie in einen lern- und anpassungsfähigen Prozess eingebettet tenden Mindestquoten an grünem Strom festgelegt werden.
Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41 35

te analog zur Strombörse ein Terminmarkt eingerichtet wer-


den (Amundsen et al. 2006).
Hat sich das Quotensystem erst einmal auf nationaler
Ebene bewährt, sollte es zu einem EU-weiten System mit
grenzüberschreitendem Zertifikatehandel ausgeweitet wer-
den, eine Möglichkeit, die prinzipiell durch die Erneuerbare-
Energien-Richtlinie (2009/28/EG) legitimiert wird. Dadurch
könnten weitere Kostensenkungen erreicht werden, weil je-
des Land spezifische Vorzüge bei der Nutzung der unter-
schiedlichen Erzeugungstechnologien aufweist. So ist die
Nutzung der Sonnenenergie in den Mittelmeerregionen vor-
teilhafter als in Mitteleuropa, während die Nord- und Ostsee
Abb. 6 Ausbaupfad für die Anteile der Erneuerbaren in Prozent des
den Off-Shore-Windkraftanlagen gute Standortbedingungen
Bruttostromverbrauchs
bieten. Zudem ließe sich durch ein EU-weites System die
Schwankungsintensität der Einspeisung grünen Stroms im
Das Ziel eines Anteils von 35 Prozent an grünem Strom europäischen Verbund besser ausgleichen, als dies im natio-
für 2020 könnte ausgehend von einem für das Jahr 2012 nalen Rahmen möglich wäre, da beispielsweise die Wind-
zu erwartenden Anteil von 25 Prozent etwa dadurch er- verhältnisse innerhalb Europas sehr unterschiedlich sein
reicht werden, dass in den vier Jahren von 2013 bis 2016 können. Eine unbedingte Voraussetzung dafür ist jedoch das
der Grünstromanteil jährlich lediglich um 0,5 Prozentpunk- Vorantreiben des europäischen Netzausbaus (Roques et al.
te erhöht wird (Abb. 6). In den Jahren 2017–2020 dürfte 2010).
die Grünstromquote hingegen mit jährlich 2 Prozentpunk- Da derzeit nur ein kleiner Teil der europäischen Län-
ten stärker steigen, falls der Ausbau der Infrastruktur, vor der, darunter Schweden, Polen, Belgien und Italien sowie
allem der grenzüberschreitende Netzausbau und der Ausbau ab 2015 auch die Niederlande, über mengenbasierte Verfah-
der Höchstspannungsleitungen in Deutschland, bis zu die- ren verfügen, könnte nach einem Systemwechsel künftig mit
sem Zeitpunkt entsprechend vorangeschritten ist. diesen Ländern ein gemeinsamer Zertifikatemarkt geschaf-
Allen Marktteilnehmern wäre durch die Kommunikati- fen werden (Frontier Economics 2011). Dieses europäisch
on derartiger Ausbaupfade von Beginn an klar, zu welchem
harmonisierte Vorgehen könnte sodann um jene Länder er-
Zeitpunkt welche Mindestquoten erreicht werden müssen.
weitert werden, die zukünftig ebenfalls auf mengenbasierte
Die jeweiligen Mindestquoten errechnen sich aus der Dif-
Verfahren umsteigen. Durch die auf diesem Wege erzielte
ferenz der zur Erreichung der Ausbauziele erforderlichen
Harmonisierung der Fördermechanismen in der EU würde
Grünstromanteile und derjenigen Quote, die vor dem Start
zudem die Planungssicherheit für Investoren erhöht und als
des Quotensystems mit der bereits installierten Leistung er-
Konsequenz würden ihre Renditeforderungen sinken.
füllt werden kann. Zur Gewährleistung der für Investoren
Bei allen theoretischen Vorzügen sollte dennoch nicht
unabdingbaren Planungssicherheit gehört schließlich auch
übersehen werden, dass die europaweite Harmonisierung
eine frühzeitige Festlegung und transparente Aufklärung
des Handels mit grünen Zertifikaten in der Praxis eine große
über die genaue Wirkungsweise des Quotenmodells.
Herausforderung darstellen kann. Dies zeigt der Versuch
Der Übergang zu einem europäischen Quotensystem lie-
Belgiens, Zertifikate aus vier verschiedenen Regionen des
ße sich vermutlich durch eine schrittweise Umsetzung einfa-
Landes handelbar zu machen (Verhaegen et al. 2009).4 Dar-
cher gestalten. Dazu würden die Quote und der Grünstrom-
über hinaus verweisen Kritiker des Quotensystems auf des-
zertifikathandel zunächst rein national etabliert werden. In
sen mangelnde Effektivität in der Praxis. Dieser Kritik sieht
dieser Übergangsphase sollte entsprechend den Empfehlun-
sich immer wieder das in Großbritannien seit dem Jahr
gen der Wissenschaft (Menanteau et al. 2003; Oikonomou
2002 existierende Quotensystem, die Renewables Obligati-
und Mundaca 2008) bezüglich des institutionellen Rahmens
on (RO), ausgesetzt. Ein Grund für diese Kritik ist die regel-
eine nicht übermäßig hohe, aber auch keine zu geringfügige
mäßige Verfehlung der jährlich ansteigenden Ziele (Tab. 4).
Strafgebühr festgesetzt werden, welche die Stromversorger
Die Ziele für die Quote des Erneuerbaren-Anteils an der
für jedes fehlende grüne Zertifikat entrichten müssten, falls
Stromproduktion wurden in der Vergangenheit in der Tat in
sie die von ihnen zur Erfüllung der Mindestquote in einer
Periode geforderte Menge an Zertifikaten nicht vorweisen
4 In den Vereinigten Staaten hatten im Mai 2011 bereits 29 Bundes-
können. Damit die Preisschwankungen bei den Grünstrom-
zertifikaten nicht zu groß ausfallen, sollte die Möglichkeit staaten sowie der District of Columbia ein mengenbasiertes Fördersys-
tem implementiert. Der Handel von Zertifikaten zwischen den Bun-
bestehen, die Zertifikate periodenübergreifend zu handeln. desstaaten ist prinzipiell möglich, wenngleich einzelne Bundesstaaten
Dazu sollte ein Zertifikat, das in einem Jahr ausgestellt wur- nicht immer Zertifikate aus allen anderen Bundesstaaten akzeptieren
de, auch in den folgenden Jahren gültig bleiben. Zudem soll- (Schmalensee 2012).
36 Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41

Tab. 4 Erneuerbaren-Ziele und deren Erreichung in Großbritannien. von diesem Grundsatz abgewichen, obwohl er Großbritan-
Quelle: DECC (2010)
nien vor einem finanziellen Desaster, wie es die Photovol-
Ziel Erreicht Zielerreichungsgrad taikförderung in Deutschland darstellt, bewahrte. Weniger
ausgereifte Technologien wie die Offshore-Windkraft erfah-
2002 3,0 % 1,8 % 60 % ren eine besondere Förderung durch eine Zuteilung einer
2003 4,3 % 2,2 % 51 % höheren Zahl an ROCs je erzeugter MWh, wohingegen die
2004 4,9 % 3,1 % 63 % Erzeugung von Onshore-Windstrom unverändert mit einem
2005 5,5 % 4,0 % 73 % ROC je MWh entlohnt wird.
2006 6,7 % 4,4 % 66 % Summa summarum ist für das Quotensystem Großbritan-
2007 7,9 % 4,8 % 62 % niens zu konstatieren, dass es bislang nicht nur effizienter
2008 9,1 % 5,4 % 59 % als das deutsche EEG war, weil Kostenfallen wie Deutsch-
2009 10,1 % 6,7 % 66 % lands Photovoltaikdesaster (Frondel et al. 2010a, 2010b) via
Design vermieden wurden. Vielmehr war dieses Quotensys-
tem sogar effektiv: Ausgehend von einem niedrigen Anteil
keinem Jahr erreicht und häufig um mehr als 30 Prozent ver- an grünem Strom von 1,8 Prozent im Jahr 2002 wurde die
fehlt. Grünstromquote innerhalb weniger Jahre mehr als verdrei-
Dies ist jedoch das Resultat massiver Konstruktionsmän- facht und machte im Jahr 2009 knapp 7 Prozent aus (Tab. 4).
gel des Systems (Woodman und Mitchell 2011:3916). So Zum Vergleich: Mit Hilfe des deutschen EEG wurde eine
ist die Zielverfehlung erstens auf die niedrigen Strafzahlun- Verdreifachung des Grünstromanteils, der im Jahr 2000 rund
gen (sogenannte Buyout prices) für nicht vorhandene grüne 6 Prozent lag, erst im Jahr 2011 erreicht: Von rund 17 Pro-
Zertifikate (ROCs, Renewable Obligation Certificates) zu- zent im Jahr 2010 stieg die Grünstromquote auf 20 Prozent
rückzuführen (Jacobsson et al. 2009:2144). Diese Strafen la- im Jahr 2011.
gen im Jahr 2002 bei 30 britischen Pfund je Megawattstunde
(MWh) und erhöhten sich mit der allgemeinen Inflationsra-
te. Bis zum Jahr 2011 lagen die Strafzahlungen immer unter 4 Zusammenfassung und Schlussfolgerungen
40 Pfund (Woodman und Mitchell 2011:3915).
Erst im April 2009 wurde das RO-Design geändert. So Der mit der Energiewende angestoßene umfassende Umbau
wurde die Anzahl an den von den Versorgern insgesamt vor- des deutschen Energieversorgungssystems, innerhalb des-
zuweisenden ROCs um zunächst 8 Prozent höher angesetzt, sen der Ausbau der erneuerbaren Energietechnologien einen
als zur Zielerreichung erforderlich wäre, ab April 2011 so- bedeutenden Bestandteil darstellt, muss unter einer Reihe
gar um 10 Prozent höher (Wood und Dow 2011:2233). Im von Bedingungen erreicht werden, die in ihrem Zusammen-
Ergebnis nahm der Grad der Zielverfehlung ab und das Vo- spiel sehr anspruchsvoll sind: Im Zuge des Umbaus soll-
lumen an Strafzahlungen ging zurück (Woodman und Mit- te nicht allein die Umweltverträglichkeit gewährleistet wer-
chell 2011:3916). den. Vielmehr müssen auch die Versorgungssicherheit mit
Ein weiterer Kritikpunkt, der hinsichtlich des angelsäch- Strom und die Sozialverträglichkeit dieses Transformations-
sischen Quotensystems immer wieder genannt wird, ist, prozesses gleichermaßen sichergestellt werden. Vor allem
dass dadurch vor allem stärker entwickelte Technologien, stellt sich die Frage, wie diese Herausforderung unter der
wie etwa die Windstromerzeugung an Land, gefördert wor- gesetzlichen Verpflichtung zum vollständigen Atomausstieg
den sind, wohingegen weniger gut entwickelte Technologien ökonomisch möglichst effizient erfüllt werden kann. Denn
wie die Offshore-Windstromerzeugung vor der Küste nicht sowohl ordnungspolitische Weichenstellungen als auch zu-
ausgebaut wurden. Dies ist indessen kein Fehler des Sys- sätzliche staatliche Anreize, etwa Kredite der Kreditanstalt
tems, sondern ein Charakteristikum des Instruments und das für Wiederaufbau (KfW) zum Bau von Windparks vor der
durchaus intendierte Resultat der ursprünglichen Ausgestal- deutschen Küste, werden unweigerlich erhebliche volks-
tung des Quotensystems, bei der die Förderung technologie- wirtschaftliche Ressourcen verzehren. Da diese Ressourcen
neutral und wettbewerbskonform erfolgen sollte. Dieses De- damit anderen Verwendungsmöglichkeiten entzogen wer-
sign war Ausdruck des damaligen politischen Willens, die den, gilt es, die Kosten der Energiewende im Allgemeinen
Förderung der Erneuerbaren im Einklang mit der generellen und besonders die Lasten der Verbraucher infolge der Erhö-
energiepolitischen Strategie in Großbritannien wettbewerbs- hung des Anteils an grünem Strom zu minimieren.
gerecht zu gestalten (Woodman und Mitchell 2011:3915). Nicht zuletzt durch den erneuten Zubaurekord an Pho-
Vor allem wollte man wegen schlechter Erfahrungen tovoltaikanlagen im Jahr 2011, welcher in diesem Jahr wo-
mit der bevorzugten Förderung konventioneller Technologi- möglich noch übertroffen werden könnte, dürfte die soge-
en ein „Winner picking“ bei den Erneuerbaren vermeiden nannte EEG-Umlage, mit der die Kosten der Förderung grü-
(Woodman und Mitchell 2011:3915). Mittlerweile wurde nen Stroms auf die Verbraucher abgewälzt werden, für das
Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41 37

kommende Jahr 2013 erheblich über der Umlage für das ver-
gangene Jahr liegen – allen anderslautenden Versprechun-
gen der Politik zum Trotz. So hat die Politik zwar bereits
in den parlamentarischen Beratungen zur gesetzlichen Um-
setzung der Energiewende das Kosteneffizienzproblem er-
kannt und zugesichert, dass die Belastungen durch den be-
absichtigten Ausbau der erneuerbaren Energien das im Jahr
2011 erreichte Niveau nicht übersteigen werden (Abb. 7).
Zur glaubwürdigen Untermauerung dieser Zusicherung feh-
len indessen überzeugende Vorschläge und konkrete Hand-
lungen der Politik zur Verbesserung der Kosteneffizienz des
weiteren Ausbaus der Erneuerbaren nahezu gänzlich. Daher
ist eher davon auszugehen, dass der starke Anstieg der EEG-
Umlage der Jahre 2009 bis 2011 sich im Jahr 2013 fortsetzen Abb. 7 Die von den Stromverbrauchern zu zahlende EEG-Umlage in
wird. Experten rechnen mit einer Umlage für das kommen- Cent je kWh (2000–2012)
de Jahr von über 5 Cent je kWh, ein Anstieg gegenüber dem
heutigen Wert von mehr als 1,4 Cent bzw. rund 40 Prozent.
Eine Orientierung am Primat der Kosteneffizienz wird, Windstromeinspeisung, keinesfalls genügen, die Energie-
wie in der vorliegenden Studie erläutert, ohne eine grundle- wende im nationalen Alleingang zu betreiben. Vielmehr ist
gende Änderung des Fördersystems für erneuerbare Energi- es notwendig, die europäische Dimension des Umbaus unse-
en kaum möglich sein. Statt der derzeitigen Förderung durch res Energiesystems anzuerkennen und entsprechend zu han-
das EEG ist vielmehr ein neues System erforderlich, das deln: Durch eine auf europäischer Ebene harmonisierte För-
stärker marktorientiert ist und jene Effizienzreserven hebt, derung der Erneuerbaren könnten die Ausbauziele kosten-
die sich durch stärkere Anreize für die Systemintegration günstiger erreicht werden als mit dem nationalen EEG, bei-
und durch die vorzugsweise europaweite Ausnutzung von spielsweise durch die Etablierung eines EU-weiten Quoten-
Standortvorteilen für die Erzeugung grünen Stroms ergeben. modells, dem durch die Ergänzung mit einem Handelssys-
Darüber hinaus sollte ein solches System Anreize zur Nut- tem mit Grünstromzertifikaten ein Höchstmaß an Flexibili-
zung von Skaleneffekten aufweisen, wohingegen die EEG- tät verliehen wird.
Förderung die Ausnutzung von Skaleneffekten durch gerin- Auf diese Weise ließen sich zudem die Ausbauziele von
gere Vergütungssätze bestraft. Würde der künftige Ausbau technologiepolitischen Ambitionen trennen. Darüber hinaus
der erneuerbaren Energien bis 2020 mit Hilfe eines nationa- ist bei Großprojekten wie der Energiewende künftig noch
len Quotensystems gefördert, anstatt durch das EEG, könn- mehr als zuvor die zentrale Frage der demokratischen Teil-
te der Ausbau wesentlich kostengünstiger erfolgen: Würde habe zu lösen. Vordringlich und offen zu diskutieren sind in
sich beispielsweise ein Preis für grüne Zertifikate einstel- diesem Kontext auch die Opportunitätskosten der Energie-
len, der künftig allein den Zubau der Windkraft an Land for- wende, also die alternativen Verwendungen volkswirtschaft-
cierte, so fielen nach unseren Berechnungen lediglich rund licher Ressourcen. Andernfalls könnte die aktuell vorhande-
6,8 Mrd. Euro (in heutigen Preisen) an Kosten für die Ver- ne gesellschaftliche Akzeptanz der Energiewende verloren
braucher an, anstatt der in dieser Studie berechneten knapp gehen.
58,8 Mrd. Euro (in heutigen Preisen) durch das EEG.
Es wird allerdings wegen der Effizienzvorteile eines eu-
ropäisch, anstatt einzelstaatlich ausgerichteten Ausbaus der Danksagung Wir danken Anna Juschka, Michael Simora und be-
sonders Fabian Scheffer für sehr hilfreiche wissenschaftliche Vorar-
Erneuerbaren, aber auch aus vielen anderen Gründen, et- beiten. Dieser Beitrag stellt eine gekürzte Fassung der gleichnamigen
wa der Notwendigkeit eines grenzüberschreitenden Netz- Studie dar, die im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft
ausbaus zum besseren Ausgleich von Schwankungen in der (INSM) erstellt wurde.
38 Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41

Anhang: Tabellen 5, 6, 7

Tab. 5 Installierte Leistung und


Stromerzeugung von Biomasse-, Wind Onshore Biomasse Geothermie
Geothermie- und Leistung Erzeugung Leistung Erzeugung Leistung Erzeugung
Windkraftanlagen an Land (MW) (GWh/a) (MW) (GWh/a) (MW) (GWh/a)
2011–2020 gemäß BMU
Leitstudie 2011 (BMU 2012aa) 2011 28 511 42 329 6 897 35 065 17 63
2012 29 852 47 285 7 293 37 347 27 105
2013 31 108 53 699 7 617 39 670 40 166
2014 32 549 59 666 7 860 41 549 57 251
2015 33 933 62 625 8 076 43 183 79 366
2016 35 313 66 967 8 292 44 680 107 520
2017 36 557 71 349 8 485 46 046 142 722
2018 37 680 75 472 8 657 47 263 185 976
2019 38 321 78 951 8 824 48 439 236 1281
2020 39 000 81 855 8 955 49 649 300 1658

Tab. 6 Installierte Leistung und


Stromerzeugung von Wind Offshore
Windkraftanlagen auf See Leistung (MW) Erzeugung (GWh/a)
gemäß eigener Annahmen auf
Grundlage von IWR, Stiftung 2011 215 689
Offshore-Windenergie (2012)
2012 615 1 969
2013 2 587 8 279
2014 3 163 10 123
2015 3 840 12 289
2016 6 549 20 958
2017 8 698 27 835
2018 9 370 29 985
2019 9 730 31 137
2020 9 730 31 137

Tab. 7 Vergütungssätze
Photovoltaik nach der Inbetriebnahme Installierte Anlagenleistung Freiflächenanlage
PV-Novelle 2012 (BMU 2012b) bis 10 kW bis 40 kW bis 1 MW bis 10 MW bis 10 MW

Ab 01.04.2012 19,50 18,50 16,50 13,50 13,50


Degression 1%
Ab 01.05.2012 19,31 18,32 16,34 13,37 13,37
Degression 1%
Ab 01.06.2012 19,11 18,13 16,17 13,23 13,23
Degression 1%
Ab 01.07.2012 18,92 17,95 16,01 13,10 13,10
Degression 1%
Ab 01.08.2012 18,73 17,77 15,85 12,97 12,97
Degression 1%
Ab 01.09.2012 18,54 17,59 15,69 12,84 12,84
Degression 1%
Ab 01.10.2012 18,36 17,42 15,53 12,71 12,71

Degression in Abhängigkeit des Zubaus im Juli, August und September 2012


Ab 01.11.2012 Bekanntgabe durch die Bundesnetzagentur spätestens am 31.10.2012
Z Energiewirtsch (2013) 37:27–41 39

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DOI 10.1007/s12398-014-0136-x

Wie viel Europa braucht die Energiewende?


Erik Gawel · Sebastian Strunz · Paul Lehmann

Online publiziert: 27. August 2014


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2014

Zusammenfassung Die deutsche Energiewendepolitik gung berücksichtigt werden. Zudem sind EU-rechtliche und
wird vielfach dafür kritisiert, nur unzureichend in eine polit-ökonomische Rahmenbedingungen zu berücksichtigen.
europäische Energiepolitik eingebunden zu sein und da- Vor diesem Hintergrund werden abschließend prioritäre Fel-
GXUFK (I¿]LHQ]YHUOXVWH LQ .DXI ]X QHKPHQ ,QVEHVRQGHUH GHUHLQHUVWlUNHUHQHXURSlLVFKHQ.RRUGLQDWLRQLGHQWL¿]LHUW
die Förderpolitik erneuerbarer Energien mit festen Einspei-
setarifen über das EEG gilt weithin als Hindernis für eine Schlüsselwörter Energiepolitik · Energiewende ·
HI¿]LHQWH HXURSlLVFKH 6WURPYHUVRUJXQJ 'HU %HLWUDJ ]HLJW Europäische Union · Klimaschutz · Erneuerbare
mit Hilfe einer positiven Analyse der europäischen Energie- Energien · Europarecht · Fiskal-Föderalismus · Politische
politik, dass die deutsche Energiewende in einer überaus Ökonomie
heterogenen Landschaft von europäischen Politikansätzen
tatsächlich kaum hervorsticht. Mit Hilfe einer normativen
$QDO\VH DXI GHU %DVLV GHU 7KHRULH GHV )LVNDOI|GHUDOLVPXV To What Extent Should the German Energy Transition
wird darüber hinaus gezeigt, dass eine Zentralisierung von Policy be „Europeanized“?
Kompetenzen oder Harmonisierung von Politikmustern in
den meisten energiepolitischen Handlungsfeldern jenseits Abstract It is often argued that Germany’s energy transi-
des Klimaschutzes nur bedingt ökonomisch angezeigt ist. tion (the so-called “Energiewende”) needs to be “Europe-
Das gilt insbesondere, wenn neben Stromgestehungs- und DQL]HG´ VR DV WR PDNH WKH WUDQVLWLRQ SURFHVV PRUH HI¿-
Netzausbaukosten weitere externe Kosten der Stromversor- cient. In particular, the German system of feed-in tariffs for
UHQHZDEOHV LV FULWLFL]HG IRU EHLQJ DQ REVWDFOH WR HI¿FLHQW
Ankündigung 'HU%HLWUDJEHIDVVWVLFKPLWGHU)UDJHLQ European energy supply. However, we point out that Ger-
welchen energiepolitischen Handlungsfeldern (Klimaschutz, many’s approach is no outlier but rather well embedded
7HFKQRORJLHSROLWLN%LQQHQPDUNW9HUVRUJXQJVVLFKHUKHLW in the European context of heterogeneous energy policies.
(QHUJLHHI¿]LHQ] LQZHOFKHU)RUPXQGLQZHOFKHP$XVPD‰
eine stärkere Einbettung der deutschen Energiewende in einen Also, full centralization and harmonization of political
europäischen Kontext ökonomisch sinnvoll, rechtlich machbar decisions on the EU-level may not be desirable in many
und polit-ökonomisch durchsetzbar wäre. ¿HOGVRIHQHUJ\SROLF\EH\RQGFOLPDWHSURWHFWLRQLIWKHIXOO
Prof. Dr. E. Gawel ( ) · Dr. S. Strunz · Dr. P. Lehmann economic costs of energy supply are taken into account. In
Department Ökonomie, Helmholtz-Zentrum für addition, legal and politico-economic constraints need to
Umweltforschung – UFZ, be considered. Against this background, we identify priori-
Permoser Str. 15,
ties for fostering the European dimension of the Member
04318 Leipzig, Deutschland
E-Mail: erik.gawel@ufz.de States’ energy policies, such as the coordination of grid
extensions and capacity markets.
Prof. Dr. E. Gawel
Institut für Infrastruktur und Ressourcenmanagement, Keywords Energy policy · Energy transition · European
Universität Leipzig,
Grimmaische Str. 12, Union · Climate change mitigation · Renewable energies ·
04109 Leipzig, Deutschland European law · Fiscal federalism · Political economy

13
42 E. Gawel et al.

1 Die europäische Dimension der nationalen rend eine Grünstromquote die kostengünstigste Umsetzung
Energiewendepolitik in der Diskussion jeweils gegebener Energiewendeziele bewirken würde (=
,QHI¿]LHQ] DXIJUXQG VXERSWLPDOHQ 7HFKQRORJLHSRUWIROLRV 
Chancen und Grenzen des Zusammenspiels nationaler und Eine Annäherung an eine europäische Lösung könnte nach
europäischer Energiepolitik sind gegenwärtig Gegenstand 0HLQXQJ ]DKOUHLFKHU .ULWLNHU ]XU hEHUZLQGXQJ QDWLRQDOHU
intensiver Diskussionen in der wissenschaftlichen Politik- ,QHI¿]LHQ]HQGHU)|UGHULQVWUXPHQWHEHLWUDJHQ
EHUDWXQJ ]%$FNHHWDO2014; Fischer und Geden 2011; 'HU5XIQDFKHLQHUÄ(XURSlLVLHUXQJ³DOV(I¿]LHQ]KHEHO
Fischer und Westphal 2012; SRU 2013). Vor allem die deut- der Energie- und Klimapolitik lässt jedoch weithin im
sche Energiewendepolitik wird von ökonomischer Seite Unklaren,
oftmals kritisiert, weil eine als notwendig erachtete „Euro-
ł worum es bei dieser „Europäisierung“ konkret gehen
päisierung“ fehle (acatech 2012; Frondel 2013; Mundt
soll: um eine Zentralisierung von Entscheidungsbe-
2013; Sinn 2012; Weimann 2012). Danach soll eine als iso-
fugnissen oder lediglich die Homogenität nationaler
liert wahrgenommene nationale Energiewendepolitik durch
Politikansätze,
HXURSlLVFKH,QWHJUDWLRQLQHUVWHU/LQLHGHXWOLFKNRVWHQHI¿-
ł inwieweit dabei jeweils über eine Harmonisierung von
zienter werden. Hieraus ergeben sich zunächst Forderungen
Zielen und/oder auch von Instrumenten gesprochen wird,
nach europäischer Harmonisierung der Förderung erneuer-
ł welche der durchaus sehr verschiedenen energiepoliti-
barer Energien (EE) (Mundt 2013; Monopolkommission
schen Handlungsfelder jeweils angesprochen sind (Kli-
20136 GLHKlX¿JYRQHLQHU(PSIHKOXQJ]XPhEHU-
PDVFKXW](()|UGHUXQJ(QHUJLHHI¿]LHQ]1HW]HXVZ 
gang zu einer (europäischen) Grünstromquote begleitet sind
ł inwieweit sich Zentralisierung oder Homogenität in
(u. a. acatech 2012; Frondel et al. 2013; Hübner et al. 2012;
diesen Feldern in normativer Hinsicht ökonomisch
Haucap und Kühling 2013). Zudem wird die Sinnhaftigkeit
überhaupt empfehlen kann, insbesondere wenn neben
eines eigenständigen nationalen Ausbauziels der EE bestrit-
Stromgestehungs- und Netzausbaukosten weitere externe
ten (Weimann 2012), das allerdings auch im Rahmen der
Kosten der Stromversorgung berücksichtigt werden
europäischen Zielvereinbarung für 2030 in Frage gestellt
ł und welche rechtlichen und polit-ökonomischen Hin-
ZLUG %XVLQHVVHXURSH2013; Stavins 2014).
dernisse darüber hinaus einer bestimmten „Europäisie-
Neben einem supranational kostengünstiger zu organisie-
rungs“-Strategie entgegenstehen.
renden Stromerzeugungsmix (Stichwort Sonnenstrom aus
Südeuropa) (u. a. Frondel et al. 2013; Mundt 2013) werden 'HUYRUOLHJHQGH%HLWUDJP|FKWH]XHLQHUGLIIHUHQ]LHUWHQ6LFKW
aber auch andere Felder der nationalen Energiewendepolitik auf die vielfach geforderte „Europäisierung“ der Energie-
in Deutschland mit europäischen Maßstäben gemessen und wendepolitik im Stromsektor beitragen. Unter Energiewende
für problematisch erachtet: Dies gilt für die Auswirkungen YHUVWHKHQZLUKLHUEHLGLHLP(QHUJLHNRQ]HSWGHU%XQGHVUH-
des deutschen EE-Ausbaus im europäischen Netzverbund gierung (2010, 2011) festgelegten Ziele und Instrumente zur
(Mundt 2013), das Erfordernis eines grenzüberschreitenden QDFKKDOWLJHQ 7UDQVIRUPDWLRQ GHU (QHUJLHYHUVRUJXQJ ± DOVR
Netzausbaus – bis hin zur Vision eines kontinentalen Super ein komplexes Ziel-Mittel-System, welches im Strombe-
Grid (Czisch 2005) – aber auch für eine europäische Koor- reich neben Zielen zur Emissionsminderung auch den Atom-
dination bei der Einführung von Kapazitätsmechanismen im ausstieg und eigenständige Ausbauziele für EE umfasst.1
6WURPPDUNW %|FNHUVHWDO2012). Netz- und Strommarktin- Zunächst stellt sich im Folgenden die Frage, was „Europäi-
tegration sind zugleich essenzielle Eckpunkte des avisierten sierung“ im klima- und energiepolitischen Kontext konkret
(8%LQQHQPDUNWV LP (QHUJLHEHUHLFK (XURSlLVFKH .RP- bedeutet (Abschn. 2). Vor diesem Hintergrund ist sodann
mission 2012). GLH 7KHVH YRP HQHUJLHSROLWLVFKHQ $OOHLQJDQJ 'HXWVFK-
Die zahlreichen Kritiker begründen ihre Ablehnung lands kritisch zu überprüfen (Abschn. 3): Hat die deutsche
einer dezidiert deutschen Energiewendepolitik mit deren Energiepolitik tatsächlich eine „energiepolitische Geister-
,QHI¿]LHQ] EHL ÄQDWLRQDOHQ$OOHLQJlQJHQ³ ZHOFKH VSH]LHOO fahrt“ (Sinn 2012) eingeschlagen, welche dem Vorgehen
beim Ausbau der EE auf zwei verschiedenen Ebenen ver- Rest-Europas fundamental widerspricht und eine ansonsten
ortet wird: Einerseits wird argumentiert, dass über ein har- JUHLIEDUHHXURSlLVFKH/|VXQJGHV7UDQVIRUPDWLRQVSUREOHPV
monisiertes Regime von gesamteuropäischen Zielen und vereitelt? Des Weiteren fragt sich, für welche energiepoli-
Instrumenten die Energieversorgung zu weit geringeren tischen Handlungsfelder eine Vergemeinschaftung auf EU-
.RVWHQP|JOLFKZlUH ,QHI¿]LHQ]DXIJUXQGVXERSWLPDOHU Ebene aus ökonomischen Gründen überhaupt angezeigt ist
UlXPOLFKHU$OORNDWLRQYRQ(U]HXJXQJVXQGhEHUWUDJXQJV-
infrastruktur). Zweitens bemängeln die Kritiker, dass das
1
Zwar umfasst das Energiekonzept auch Ziele und Maßnahmen in
Hauptinstrument der deutschen Energiewendepolitik, das
den Sektoren Wärme und Verkehr, wir folgen hier jedoch dem in
((*ZHJHQVHLQHUWHFKQRORJLHVSH]L¿VFKHQ$XVGLIIHUHQ]LH- der „Europäisierungsdebatte“ bisher gesetzten Schwerpunkt auf den
UXQJ WHXUH 7HFKQRORJLHQ XQQ|WLJHUZHLVH EHYRU]XJH ZlK- Stromsektor.

13
Wie viel Europa braucht die Energiewende? 43

(Abschn. 4). Darüber hinaus sind rechtliche und polit-ökono- so vier verschiedene Idealtypen von europäischer Koordi-
PLVFKH%DUULHUHQ]XEHUFNVLFKWLJHQ $EVFKQ $EVFKOLH- nation (Abb. 1).
ßend wird zu erörtern sein, wie vor diesem Hintergrund eine Die vertikale Achse in Abb. 1 bezieht sich auf den Zent-
„Europäisierungs-Perspektive“ der deutschen Energiewen- ralisierungsgrad der Entscheidungsbefugnis, also die Frage,
depolitik sinnvollerweise aussehen könnte (Abschn. 6). Ein ob Entscheidungen von den einzelnen Mitgliedsstaaten oder
)D]LWEHVFKOLH‰WGLHVHQ%HLWUDJ $EVFKQ  auf EU-Ebene getroffen werden. Aus politikwissenschaftli-
cher Sicht lassen sich hier verschiedene Grade von „vertika-
ler Integration“ unterschieden (Leuffen et al. 2013%|U]HO
2 „Europäisierung“ – eine Begriffsentwirrung 2005): Die Extrempositionen werden durch Abwesenheit
jeglicher zwischenstaatlicher Koordination (dezentrali-
Was genau bedeutet es, energiepolitisches Handeln zu sierte Entscheidungsbefugnis) und vollständig supranatio-
„europäisieren“? Es kann zunächst unterschieden werden nale Entscheidungen (zentralisierte Entscheidungsbefugnis)
zwischen dem Zentralisierungsgrad der Entscheidungsbe- besetzt. Dazwischen lassen sich eine Reihe von Hybridfor-
fugnis (Auf welcher Ebene liegt die Regelungsbefugnis: men mit Kooperation zwischen den Mitgliedsstaaten und
auf nationaler oder supranationaler?) und dem Ausmaß an partieller Einbindung der EU-Institutionen verorten. Hier-
Homogenität der Policies (Sind Ziele und/oder Instrumente bei ist vor allem zu fragen, ob und wie stark supranationale
zwischen den Mitgliedstaaten heterogen oder homogen?) ,QVWLWXWLRQHQ DQ GHU (QWVFKHLGXQJV¿QGXQJ EHWHLOLJW VLQG
(Abschn. 2.1). Weiterhin ist zu beachten, dass „Energie- Ein wichtiger Schritt an Zentralisierung ist erreicht, sofern
politik“ verschiedene Handlungsfelder mit je eigener Cha- in einem Politikfeld die sog. Gemeinschaftsmethode gilt,
rakteristik der regulierten Güter umfasst, die in positiver also der Regelfall der EU-Gesetzgebung, bei der die EU-
wie in normativer Hinsicht jeweils durch unterschiedliche Kommission dem Rat der EU und dem EU-Parlament einen
Grade von „Europäisierung“ gekennzeichnet sein können Vorschlag zur Annahme als EU-Rechtsvorschrift unterbrei-
(Abschn. 2.2). WHW'DUEHUKLQDXVNDQQGLH$QZHQGXQJGHUTXDOL¿]LHUWHQ
Mehrheit bei Abstimmungen im Rat der EU als wichtiger
2.1 Zwei Dimensionen der „Europäisierung“ Zentralisierungsschritt gelten.2 Für dieses Papier ist weni-
von Politikprogrammen: Zentralität der ger die exakte Aufgliederung in die einzelnen Hybridstadien
Entscheidungsbefugnis und zwischenstaatliche HQWVFKHLGHQG VRQGHUQ YLHOPHKU GLH 7DWVDFKH GDVV VROFKH
Homogenität von Politiken =ZLVFKHQIRUPHQ H[LVWLHUHQ (LQH DUWL¿]LHOOH 'LFKRWRPLH
„Zentralisierung vs. nationalstaatliche Alleingänge“ wäre
0LW %OLFN DXI GLH HXURSlLVFKH $XVULFKWXQJ HQHUJLHSROL- vor diesem Hintergrund irreführend und würde die Viel-
WLVFKHQ +DQGHOQV LVW ]XQlFKVW YRQ %HGHXWXQJ DXI ZHO- schichtigkeit im Mehrebenensystem der EU (multi-level
FKHU(EHQHGLH%HIXJQLV]XU(QWVFKHLGXQJEHU=LHOHXQG governance, vgl. Hooghe und Marks 2001 LJQRULHUHQ%HV-
Instrumente liegt (vertikale Kompetenzallokation); dies ser sollte die EU als „System differenzierter Integration“
beschreibt den Zentralisierungsgrad der Entscheidungsbe- (Leuffen et al. 2013) aufgefasst werden.
fugnis. Davon unabhängig ist die Frage zu stellen, ob das Die horizontale Achse in Abb. 1 bezieht sich auf den
(UJHEQLVGHU(QWVFKHLGXQJLQ%H]XJDXIGLH0LWJOLHGVWDD- Homogenitätsgrad der Policies, also die Frage, inwie-
ten homogen oder heterogen ausfällt; dies beschreibt den weit sich die energiepolitischen Ziele und Instrumente in
Homogenitätsgrad von Policies 7KHRUHWLVFK HUJHEHQ VLFK den einzelnen Mitgliedsstaaten im Ergebnis unterschei-
den – unabhängig davon, auf wessen Entscheiden hin das
Politikergebnis zustande gekommen ist. Vereinfacht lassen
sich hierbei die dichotomen Ausprägungen Heterogenität
und Homogenität (mit entsprechenden Zwischenstufen)
beobachten.
Die Unterscheidung der beiden Dimensionen „Zen-
tralisierungs-“ und „Homogenitätsgrad“ von Politiken ist
hilfreich, um die in der „Europäisierungsdiskussion“ ver-
ZHQGHWHQ %HJULIÀLFKNHLWHQ HLQ]XRUGQHQ 6R ZLUG RIWPDOV

2
Nach der Neuregelung im Vertrag von Lissabon (Art. 238 AEUV)
± ZHOFKH ]XP  LQ .UDIW WULWW ± PVVHQ IU HLQH TXDOL¿-
zierte Mehrheit mindestens 55 % der Mitgliedstaaten (bei Vorschlag
der Kommission oder des Hohen Repräsentanten für Außenpolitik,
ansonsten 72 %) und 65 % der EU-Gesamtbevölkerung eine Entschei-
Abb. 1 Mitgliedstaatliche Energiepolitiken im EU-Kontext dung stützen.

13
44 E. Gawel et al.

der Ausdruck Harmonisierung, welcher eine Angleichung Sicht sein, wie in Abschn. 4 genauer argumentiert wird. Für
von nationalen Rechtsvorschriften bezeichnet, im Hin- die einzelnen energiepolitischen Handlungsfelder lässt sich
EOLFN DXI GLH %HVHLWLJXQJ HLQ]HOVWDDWOLFKHU +HPPQLVVH IU zudem unterscheiden, ob jeweils nur die Ziele oder auch
GLH +HUDXVELOGXQJ HLQHV HQHUJLHEH]RJHQHQ (8%LQQHQ- die Instrumente der Energiepolitik von Zentralisierung oder
marktes verwendet (vgl. Scharpf 1994). Aber erfolgt eine Homogenität betroffen sind.
solche Angleichung freiwillig, also bottom-up, oder auf- Vor dem Hintergrund der Auffächerung in verschiedene
grund einer EU-Vorschrift, also top-down? „Harmonisie- energiepolitische Handlungsfelder mit jeweils unterschied-
rung“ in diesem weiten Sinne sagt nicht unbedingt etwas lichen Graden an Zentralisierung bzw. Homogenität von
über die Entscheidungshoheit aus, wenngleich oftmals Policies in Zielen und Instrumenten muten die vielfachen
eine top-down-Konnotation vorhanden zu sein scheint. Zur Rufe nach einer „Europäisierung der Energiewende“ bei
.ODUVWHOOXQJ YHUZHQGHW GLHVHU %HLWUDJ GDKHU GDV $WWULEXW weitem zu undifferenziert an. Im folgenden Abschn. 3 skiz-
„harmonisiert“ für Konstellationen, in denen zentralisierte zieren wir für die einzelnen Handlungsfelder zunächst die
Entscheidungsbefugnis im Ergebnis zu homogenen Poli- JHJHQZlUWLJYRU¿QGEDUH.RQVWHOODWLRQXQGJHKHQGDEHLGHU
cies führt. Im Gegensatz dazu bezeichne „konvergent“ im )UDJHQDFKLQZLHZHLWGDV(QHUJLHNRQ]HSWGHU%XQGHVUHJLH-
Folgenden Konstellationen, bei denen bottom-up-Prozesse rung 2010/2011 vor der europäischen Folie einen „Allein-
zu einer Angleichung von Policies führen, also die Ent- gang“ beschreibt (Abschn. 3). Inwieweit die festgestellten
scheidungsbefugnis dezentralisiert bleibt. Falls die Mit- Unterschiede aus ökonomischer Sicht normativ gerechtfer-
gliedsstaaten über die ausschließliche Entscheidungshoheit tigt erscheinen, wird anschließend in Anschnitt 4 beleuchtet.
verfügen und heterogene Policies umsetzen, so besteht eine
„divergente“ Konstellation. Die vierte mögliche Ausprä-
gung, heterogene Policies bei gleichzeitig zentralisierter 3 Positive Analyse: Gibt es einen deutschen
(QWVFKHLGXQJVEHIXJQLV ]%]HQWUDOEHVFKORVVHQH=LHOHPLW Alleingang?
je nach Mitgliedstaaten differenziertem Zielbeitrag), sei hier
PLWÄGLYHUVL¿]LHUW³EH]HLFKQHW Zahlreiche Kritiker behaupten, dass Deutschland mit der
Vor diesem konzeptionellen Hintergrund ist in der Euro- Energiewende in gewisser Weise außerhalb des europäi-
SlLVLHUXQJV'HEDWWH LQ HUVWHU /LQLH HLQH VDXEHUH7UHQQXQJ schen Kontexts operiere (vgl. Hübner et al. 2012). In ihrer
der Argumentationsebenen wichtig: So implizieren Argu- schärfsten Form konstatiert diese Kritik einen „deutschen
mente für eine Angleichung von einzelstaatlichen Policies Alleingang“ (Weimann 2012) oder gar eine „energiepo-
nicht notwendigerweise, dass zugleich Entscheidungsbe- litische Geisterfahrt“ (Sinn 2012). Die Metapher von der
fugnisse auf EU-Ebene zentralisiert werden sollten. Kriti- „Geisterfahrt“ suggeriert sogar, dass die deutsche Energie-
sche Rufe nach einer „Europäisierung“ der Energiewende wende einem EU-weiten energiepolitischen Konsens ent-
PVVHQ GDKHU VSH]L¿]LHUHQ DXI ZHOFKH GHU JHQDQQWHQ JHJHQVWHKH 'LH IROJHQGH %HVWDQGVDXIQDKPH ZHLVW MHGRFK
'LPHQVLRQHQMHZHLOV%H]XJJHQRPPHQZLUGXQGZLHVLFK aus, dass diese Darstellungen nicht zutreffen. Vielmehr
Forderungen nach einer bestimmten Ausprägung („harmo- ]HLJWVLFKHLQGXUFKDXVEXQWHV%LOGDXVZHQLJHQJHPHLQVD-
nisiert“, „konvergent“) begründen lassen. Darüber hinaus men Zielen und Instrumenten auf EU-Ebene bei gleichzei-
ist zu klären, welches energiepolitische Handlungsfeld tig großer Diversität an energiepolitischen Ansätzen in den
jeweils angesprochen wird, da es „die“ Energiepolitik mit Mitgliedsstaaten. Die Struktur dieses Kapitels folgt somit
einer geschlossenen ökonomischen Charakteristik nicht gibt dem Kriterium „Zentralisierungsgrad der Entscheidungs-
(Abschn. 2.2). EHIXJQLV³ VLHKH7DE1) und ordnet die energiepolitischen
Handlungsfelder entsprechend ein: von vergleichsweise
2.2 Unterschiedliche energiepolitische Handlungsfelder hohem Zentralisierungsgrad (Abschn. 3.1) zu eher niedri-
gem Zentralisierungsgrad (Abschn. 3.2).
Das Feld der Energiepolitik zerfällt in verschiedene, wohl-
GH¿QLHUWH 7HLOEHUHLFKH GHUHQ 5HJHOXQJVJHJHQVWDQG DXV 3.1 Gemeinsame energiepolitische Handlungsfelder
ökonomischer Sicht eine je eigene Charakteristik aufweist.
+LHU]X]lKOHQHWZDGHU.OLPDVFKXW]GLH7HFKQRORJLHSROLWLN 3.1.1 Klimaschutz
LP%HUHLFKGHU6WURPHU]HXJXQJ $WRPDXVVWLHJ)|UGHUXQJ
(( GLH+HUVWHOOXQJHLQHV(QHUJLH%LQQHQPDUNWHV 6WURP- Der Klimaschutz ist wohl der am weitesten harmonisierte
PDUNWGHVLJQ XQG hEHUWUDJXQJVQHW]H  GLH 9HUVRUJXQJVVL- %HUHLFK GHU (QHUJLHSROLWLN DXIJUXQG VWDUN ]HQWUDOLVLHUWHU
FKHUKHLWVRZLH5HJHOXQJHQLP%HUHLFKGHU(QHUJLHHI¿]LHQ] (QWVFKHLGXQJV¿QGXQJ 6R YHUIJW GLH (8 PRPHQWDQ EHU
VLHKH7DE1). Das Ausmaß an Zentralisierung und Homo- bindende gemeinsame Ziele zur Reduzierung des CO2-A-
genität in diesen verschiedenen Handlungsfeldern ist weder usstoßes bis 2020, wird diese voraussichtlich bis 2030 fort-
faktisch identisch noch sollte es dies aus ökonomischer schreiben (EU Kommission 2014) und hat mit der Roadmap

13
Wie viel Europa braucht die Energiewende? 45

Tab. 1 8QWHUVFKLHGOLFKHHQHUJLHSROLWLVFKH+DQGOXQJVIHOGHU 4XHOOHHLJHQH=XVDPPHQVWHOOXQJ$QJDEHQIUYRUOlX¿JEDVLHUHQGDXIGHP


Vorschlag der EU Kommission (2014 06 0LWJOLHGVVWDDWHQ(76 (PLVVLRQVKDQGHO (PLVVLRQV7UDGLQJ6FKHPH
Energiepolitisches Handlungsfeld Zentralisierungsgrad Homogenität der Policies
der Entscheidungs- Ziele Instrumente
befugnis
Klimaschutz teilweise 2020 und 2030: EU-Gesamtziel für WHLOZHLVHKRPRJHQ(76DXI
zentralisiert (766HNWRUHQGLYHUVL¿]LHUWH8QWHU- EU-Ebene, jedoch teilweise mit
]LHOHGHU06IU1LFKW(766HNWRUHQ nationalen Sonderregelungen und
daneben teilweise nationale zusätzlichen Instrumenten;
Klimaziele heterogene Ansätze in den
1LFKW(766HNWRUHQ
%LQQHQPDUNWXQGWUDQVQDWLRQDOH teilweise %LQQHQPDUNW9ROOHQGXQJELV teilweise homogen: verbindliche
hEHUWUDJXQJVQHW]H zentralisiert als EU-Ziel Anforderungen zum Unbundling,
Initiativen zum Market Coupling,
Leitlinien für die transeuropäischen
Energienetze und Anforderungen
DQGLH06 ]%$QJOHLFKXQJGHU
Netzcodes);
heterogen bei nationalen
hEHUWUDJXQJVQHW]HQ
Versorgungssicherheit (u. a. Netzstabi- überwiegend NHLQVSH]L¿]LHUWHV(8=LHO XQYHU- heterogen
lität und bilanzielle Selbstversorgung) dezentral bindliche Programmnorm in Art. 194 unverbindliche Leitlinien
AEUV) der EU zu „angemessenen
Erzeugungskapazitäten“
7HFKQRORJLHSROL- Nutzung der dezentral kein EU-Ziel, heterogene einzelstaat- heterogen
WLN 7UlJHUPL[EHL Atomenergie liche Ziele
Stromerzeugung) EE-Ausbau überwiegend (8*HVDPW]LHOGLYHUVL¿]LHUWH teilweise homogen
dezentral Unterziele der MS
2030: EU-Gesamtziel ohne Unter-
ziele der MS
(QHUJLHHI¿]LHQ] dezentral 2020: EU-Gesamtziel mit Anfor- heterogen
derung an MS: Ausweisung von
Unterzielen sowie Einleitung von
Maßnahmen in den Sektoren Haus-
halte, Industrie, Verkehr
2030: kein EU-Ziel, weiterer Prozess
QRFK]XGH¿QLHUHQ

2050 zudem entsprechende, langfristige Absichtsbekundun- anpeilt. Zudem wird das EU-Ziel in den nicht vom Emis-
gen vorgelegt. Diese EU-Gesamtziele werden für die vom VLRQVKDQGHODEJHGHFNWHQ6HNWRUHQ ]%9HUNHKU*HElXGH
Emissionshandel abgedeckten Sektoren seit 2013 nicht /DQGZLUWVFKDIW ZHLWHUKLQLQXQWHUVFKLHGOLFKH7HLO=LHOHGHU
PHKU OlQGHUVSH]L¿VFK GLYHUVL¿]LHUW (XURSlLVFKH 8QLRQ HLQ]HOQHQ0LWJOLHGVVWDDWHQGLYHUVL¿]LHUW
2009b)3 7URW]GHP ]HLJHQ VLFK GHXWOLFK GLH XQWHUVFKLHGOL- Auch auf der Instrumentenebene zeigt sich keine voll-
chen Ambitionen der einzelnen Mitgliedsstaaten und damit ständige Harmonisierung: Zwar wurde auf EU-Ebene
HLQJHZLVVHU*UDGGHU'LYHUJHQ]LQGLHVHP)HOG%HLVSLHOV- (zuzüglich Island, Liechtenstein und Norwegen) der Emis-
ZHLVHVWHKWGDVHUJlQ]HQGHGHXWVFKH.OLPD]LHOYRQí 40 % sionshandel implementiert, jedoch gibt es einerseits Staaten,
bis 2020 in einem „latenten Widerspruch zu den rechts- die keine ambitionierte Klimapolitik wünschen (vor allem
YHUELQGOLFKHQ9HUSÀLFKWXQJHQ JHJHQEHU GHU (8³ *HGHQ die Visegrád*UXSSHEHVWHKHQGDXV3ROHQ7VFKHFKLHQGHU
XQG 7LOV 2013), da es zusätzliche, über die gemeinsamen Slowakei und Ungarn) und sich innerhalb des Emissions-
Zielvereinbarungen hinausgehende Emissionsminderungen handels Sonderregelungen erstritten haben.4 Auf der ande-
ren Seite stehen Staaten wie Großbritannien, die zusätzliche
Instrumente zum Klimaschutz einführen.5 Darüber hinaus
3
%HLGHU(LQIKUXQJGHV(PLVVLRQVKDQGHOVLP-DKUZXUGHYRUDE
kein EU-weiter Emissionsdeckel festgelegt. Vielmehr waren die Mit-
JOLHGVVWDDWHQ YHUSÀLFKWHW $OORNDWLRQVSOlQH PLW QDWLRQDOHQ (PLV-
sionsdeckeln vorzulegen, aus welchen sich dann der Gesamtdeckel
errechnete. Erst mit der grundlegenden Reform des Emissionshan-
4
Etwa die verlängerten Fristen bis zur vollständigen Auktionierung der
dels zum Start der dritten Handelsperiode (2013 bis 2020) erfolgte (PLVVLRQV]HUWL¿NDWH±VLHKH(XURSlLVFKH8QLRQ 2009b).
GHU hEHUJDQJ ]X HLQHP JHPHLQVDPHQ (PLVVLRQVGHFNHO GHU H[SOL]LW 5
So gilt etwa in Großbritannien seit April 2013 ein Carbon Price Floor
an das Klimaschutzziel der EU für 2020 gekoppelt ist (Europäische YRQ…SUR7RQQH&22, der bis zum Jahr 2020 auf £ 30 ansteigen und
Union 2009b). den bisherigen Preisverfall im Emissionshandel konterkarieren soll.

13
46 E. Gawel et al.

sind auch die klimapolitischen Instrumente in den Sektoren im Spannungsfeld mit dem EU-Wettbewerbsrecht steht,
außerhalb des Emissionshandels divergent. wodurch Einschränkungen der nationalen Handlungsfrei-
Folglich ist selbst der Klimaschutz nicht als vollkommen heit entstehen können. Entsprechend musste die Europäi-
harmonisiert zu bezeichnen, da weiterhin Entscheidungs- sche Kommission (2012) konstatieren, dass das Endziel
befugnisse substantiell dezentralisiert bleiben und bei den eines gemeinsamen Energiebinnenmarktes noch bei weitem
Ansätzen der Mitgliedsstaaten (sowohl bei Zielen als auch nicht erreicht ist.6
bei Instrumenten) unverändert ein gewisses Maß an Hetero-
genität zu verzeichnen ist. 3.2 Handlungsfelder mit dezentralen Ansätzen der
Mitgliedsstaaten
3.1.2 Binnenmarkt und transnationale Übertragungsnetze
3.2.1 Technologiepolitik: Nutzung der Atomkraft
'LH9ROOHQGXQJHLQHVJHPHLQVDPHQ(8%LQQHQPDUNWHVLVW
traditionell ein Kernziel der europäischen Integration. Somit %HLP7KHPD$WRPNUDIW]HLJWVLFKLQQHUKDOE(XURSDVJUR‰H
VWHKW DXFK HLQ JHPHLQVDPHU %LQQHQPDUNW IU 6WURP GHU Divergenz, sowohl die Ziele als auch die Instrumente der
planmäßig schon bis Ende 2014 vollständig realisiert werden 7HFKQRORJLHSROLWLN HLQ]HOQHU 0LWJOLHGVVWDDWHQ EHWUHIIHQG
VROOWHLP=HQWUXPGHU%HPKXQJHQGHU(8,QVWLWXWLRQHQ Der Atomausstieg, oft als Alleinstellungsmerkmal Deutsch-
Die europäische Richtlinie für den Elektrizitätsbinnenmarkt lands tituliert, ist in Europa mitnichten singulär: So hat sich
(2009/72/EG) stellt hier die zentrale EU-Rahmengesetz- Italien hat schon 1986 von der Kernenergie verabschiedet und
gebung – und somit das Hauptinstrument zur Erreichung bei einer Volksabstimmung 2011 gegen die Wiedereinfüh-
GHV =LHOV ± GDU 'LH 5LFKWOLQLH YHUSÀLFKWHW EHLVSLHOVZHLVH rung entschieden. Ähnlich verhält es sich in Irland und Öster-
GLH0LWJOLHGVVWDDWHQGLH8QDEKlQJLJNHLWGHUhEHUWUDJXQJV- reich, wo in den 1970er Jahren weit fortgeschrittene Pläne für
netzbetreiber sicherstellen. Im Zuge weiterer Verordnungen ein Kernkraftwerk aufgegeben wurden (Irland) beziehungs-
wird, unter anderem, die Angleichung der einzelstaatlichen ZHLVHHLQVFKRQIHUWLJJHVWHOOWHV.HUQNUDIWZHUNQLHLQ%HWULHE
Netzkodizes erforderlich (Verordnung (EC) Nr. 714/2009). JHQRPPHQ ZXUGH =ZHQWHQGRUI LQ 1LHGHU|VWHUUHLFK  %HO-
'LHVFKULWWZHLVH6FKDIIXQJGHV%LQQHQPDUNWHVVROOEHUGLH gien und die Schweiz haben, wie Deutschland, im Jahr 2011
Initiativen zum „Market Coupling“ gelingen: als Zwischen- einen Ausstieg aus der Atomenergie beschlossen. Insgesamt
stufe vor der EU-weiten Integration der Elektrizitätsmärkte 11 der nunmehr 28 EU-Länder verzichten derzeit schon oder
erfolgt hierbei die regionale Kopplung einzelner Märkte. So zumindest perspektivisch auf Atomenergie (www.euronuc-
wurde 2008 die „European Market Coupling Company“, ein lear.org). Vor diesem Hintergrund ist der auf über zwei Jahr-
Zusammenschluss von Netzbetreibern in Nordwesteuropa zehnte gestreckte deutsche Atomausstieg kaum als singulär
einschließlich Deutschlands, ins Leben gerufen, was im zu betrachten. Andere Länder hingegen streben einen Ein-
Jahr 2010 zur Kopplung der day-ahead Märkte von Frank- VWLHJ LQ GLH$WRPHQHUJLH DQ ] % 3ROHQ  EH]LHKXQJVZHLVH
UHLFK EHU GLH %HQHOX[/lQGHU 'HXWVFKODQG XQG 6NDQGL- HLQHQ$XVEDXGHU$WRPHQHUJLH 7VFKHFKLVFKH5HSXEOLN8. 
QDYLHQELV]XP%DOWLNXPIKUWH,Q]ZLVFKHQVLQGDXFKGLH oder eine Verlängerung der Laufzeiten (Spanien).
LEHULVFKH+DOELQVHOXQG*UR‰EULWDQQLHQ7HLOGLHVHU,QLWLDWLYH
]XUHI¿]LHQWHUHQ%HZLUWVFKDIWXQJYRQ1HW]HQJSlVVHQ]ZL- 3.2.2 Technologiepolitik: EE-Ausbau
schen Gebotszonen. Außerdem gründete man auf EU-Ebene
unterstützende Institutionen zur Zusammenarbeit und Auf der Zielebene setzt die Erneuerbare-Energien-Richtlinie
Regulierung der einzelstaatlichen Netzbetreiber („Agency (2009/28/EG) den Mitgliedsstaaten verbindliche Ziele zum
for the Cooperation of Energy Regulators“ ACER, und der Ausbau Erneuerbarer Energien bis 2020. Maßgabe ist dabei,
=XVDPPHQVFKOXVV GHU HLQ]HOVWDDWOLFKHQ hEHUWUDJXQJVQHW]- den durchschnittlichen EU-weiten Anteil Erneuerbarer am
EHWUHLEHU (1762(  'LHVH 0D‰QDKPHQ I|UGHUQ ]XJOHLFK Endenergieverbrauch bis zum Jahr 2020 auf 20 % zu steigern
ein gemeinsames Verständnis von Netzstabilität in der EU (Art. 3 Abs. 1 EE-RL). Für Deutschland ist dabei lediglich
und stellen somit im bisher vornehmlich national organi- ein Anstieg auf 18 % vorgesehen; auch nach den neuesten
VLHUWHQ %HUHLFK GHU 9HUVRUJXQJVVLFKHUKHLW HLQH$XVQDKPH zur Verfügung stehenden europäischen Daten aus dem Jahr
dar (siehe unten 3.2.3). 2011 liegt Deutschland mit 12,3 % knapp unter dem Durch-
/HW]WHQGOLFK ]HLJW DOOHUGLQJV DXFK GHU %HUHLFK 6WURP- schnitt der EU-Länder mit 13 %.7'LHVJLOWLPhEULJHQDXFK
binnenmarkt die Grenzen der EU-Kompetenzen auf: Die
JHPHLQVDPHQ =LHOH YHUSÀLFKWHQGH 5LFKWOLQLHQ XQG XQYHU- 6
(LQH|NRQRPLVFKH$QDO\VHGHV6WDQGHVGHVHXURSlLVFKHQ6WURP%LQ-
bindliche Leitlinien heben den grundsätzlichen Souverä-
nenmarktes bietet auch Monopolkommission (2013: 38 ff.).
nitätsvorbehalt der Mitgliedsstaaten nicht auf (siehe auch 7
http://de.statista.com/statistik/daten/studie/29592/umfrage/
Abschn. 5.1). Substantielle Entscheidungsbefugnisse blei- anteil-der-energieerzeugung-durch-erneuerbare-energie-in-der-eu-
ben dezentralisiert, auch wenn nationale Energiepolitik 27-in-2005/.

13
Wie viel Europa braucht die Energiewende? 47

für den Stromsektor: Hier weist Deutschland im Jahr 2011 tor auf nunmehr 40–45 % bis 2025 und 55–60 % bis 2035
mit 21,3 % EE-Anteil an der Stromproduktion einen im Ver- PDFKWGLHVEHUHLWVGHXWOLFKhEHUVFKLH‰HQGH=LHOVWHOOXQJHQ
gleich zum EU-Schnitt von 21,7 % leicht unterdurchschnitt- werden im politischen Prozess ggf. nach unten korrigiert
lichen Anteil auf (EU Kommission 2013: 165/175). Was die oder Zielverletzungen schlicht hingenommen.
anteilige EE-Nutzung angeht, ist und bleibt Deutschland Auf der Instrumentenebene verfügen die Mitglieds-
mittelfristig allenfalls europäischer Durchschnitt. Auffal- staaten über weitgehende Entscheidungsspielräume. Die
lend sind im europäischen Maßstab eher die ambitionier- EE-Richtlinie eröffnet lediglich Optionen für eine stärkere
ten Steigerungsraten von einem schwachen Startpunkt aus Koordination nationaler Instrumente zwischen einzelnen
sowie die langfristige Festlegung bis 2050.8%LVHUJH- 0LWJOLHGVVWDDWHQ VWDWLVWLVFKH 7UDQVIHUV JHPHLQVDPH 3UR-
ben sich hingegen keine deutschen Singularitäten im euro- jekte und gemeinsame Fördersysteme), welche jedoch bis-
päischen Ziel-Maßstab. Für einen angemessenen Vergleich lang kaum genutzt werden (Klinge-Jacobsen et al. 2014).
der Perspektive bis 2050 fehlen aber gegenwärtig noch die 17 der 28 Mitgliedsstaaten setzten im Jahr 2013 für die För-
künftigen Politikentwürfe der übrigen Mitgliedstaaten; im derung EE auf Einspeisetarife ähnlich dem deutschen EEG
Hinblick auf den Zeitraum 2020 bis 2030 hat die Europäi- (www.RES-legal.eu). Im Vergleich dazu benutzten nur vier
sche Kommission (2014) vorgeschlagen, EE-Ziele nicht Mitgliedsstaaten ein reines Quotenmodell (Polen, Rumä-
mehr in verbindliche Unterziele für einzelne Mitgliedsstaa- QLHQ %HOJLHQ XQG 6FKZHGHQ  XQG ]ZHL 0LWJOLHGVVWDDWHQ
ten zu übersetzen. Es ist daher fraglich, wie ein weiterhin eine Kombination aus Einspeisevergütung und Quote (Ita-
auf europäischer Ebene verbindliches gemeinsames EE- lien und Großbritannien). Zudem wird Italien das Kombi-
Ziel bis zum Jahr 2030 durchgesetzt werden soll (siehe auch modell zugunsten eines reinen Einspeisemodells auslaufen
Geden und Fischer 2014). Die langfristigen EE-Ausbauziele lassen und Polen zusätzlich zum Quotenmodell ein Einspei-
der deutschen Energiewende – mindestens 50 % EE-Anteil VHPRGHOOHLQIKUHQ %HUWUDP2013). Die deutsche EE-För-
an der Stromproduktion bis 2030 und mindestens 80 % bis derung über Einspeisetarife mit garantierten Vergütungen
2050, 60 % bis 2050 beim Endenergieverbrauch – ragen und Abnahmevorrang läuft somit keinesfalls einem europäi-
insoweit weiterhin im europäischen Vergleich heraus, ohne schen Quoten-Mainstream entgegen; entsprechend ist frag-
dass bereits die für einen gehaltvollen Vergleich erforderli- lich, ob ein hypothetischer Umstieg Deutschlands auf ein
FKHQHXURSlLVFKHQ=LHOPDUNHQYROOVWlQGLJGH¿QLHUWZlUHQ 4XRWHQPRGHOO GHQ Ä%HJLQQ HLQHV HXURSlLVFK KDUPRQLVLHU-
Die für die aktuelle Energiepolitik relevanten mittelfristigen ten Vorgehens“ darstellen würde, wie Hübner et al. (2012:
nationalen Energieziele bis 2020 weichen hingegen nicht 303) suggerieren.
VLJQL¿NDQWYRP(80LWWHODE Außerdem zeigen sich bei der Entwicklung der verschie-
%HL GHU %HXUWHLOXQJ GHU GHXWVFKHQ /DQJIULVW]LHOH VROOWH denen Einspeisemodelle Indizien, die in der Vergangenheit
zudem wohl auch die bisherige, eher zweifelhafte Compli- auf eine allmähliche Konvergenz hindeuten (Jacobs 2012;
DQFHEHLGHQGHXWVFKHQ.OLPD]LHOHQ HWZDPLW%OLFNDXIGLH Kitzing et al. 2012; Ragwitz et al. 2012). In einer detail-
deutliche Zielverfehlung des 25 %-Ziels für 20059) in Rech- lierten Studie etwa weist Jacobs (2012) nach, wie sich die
nung gestellt werden, so dass die strikte Realisierung der Modelle Deutschlands, Frankreichs und Spaniens über die
langfristigen nationalen Zielstellungen als durchaus offen Jahre hinweg einander anglichen bis Spanien in Folge der
gelten muss.10 Die im Zuge der EEG-Reform 2014 geplante :LUWVFKDIWVNULVHHLQHQ)|UGHUVWRSSYHUKlQJWHhEHUGLHDOO-
Streckung des Zielkorridors beim EE-Ausbau im Stromsek- gemeine Entwicklung der europäischen Förderinstrumente
bilanzieren Kitzing et al. (20126 Ä7KHUHLVFHUWDLQ
8
Für den Stromsektor ergibt sich dies aus § 1 Abs. 2 EEG. Die dort reason to expect a further development into the direction of
genannten Zielwerte sollen aber im Zuge der geplanten EEG-Novelle a bottom-up convergence of RES-E policy supports […]“.
2014 gestreckt werden (für 2025 40–45 % und 2035 55–60 %, derzeit
2030 50  %LVVLQG % angestrebt. Für den Primärenergiever-
Konvergenz impliziert hier nicht, dass es einen prädetermi-
EUDXFKZLUGLPhEULJHQQDFKGHP(QHUJLHNRQ]HSWGHU%XQGHVUHJLH- nierten Endpunkt der Entwicklung gäbe, sondern vielmehr,
rung (2010/11) eine Halbierung bis 2050 und im selben Zeitraum ein dass die Mitgliedsstaaten bei der Weiterentwicklung ihrer
EE-Anteil von 60 DP%UXWWRHQGHQHUJLHYHUEUDXFKDQJHVWUHEW Instrumente Erfahrungen austauschen und dabei oftmals
9
%HUHLWVKDWWHVLFK'HXWVFKODQGDXIGHP.OLPDJLSIHOLQ%HUOLQ ähnliche Problemlösungen implementieren. Die Herausfor-
YHUSÀLFKWHW GHQ $XVVWR‰ YRQ &22 bis zum Jahr 2005 um 25 % im
derung der Marktintegration der EE etwa könnte ein Aus-
Vergleich zu 1990 zu senken. Das „ Nationale Klimaschutzprogramm
GHU%XQGHVUHSXEOLN'HXWVFKODQG³YRP2NWREHUEHNUlIWLJWH löser der zunehmenden Einführung von Prämienmodellen
diese Zielstellung. Erreicht wurden kommentar- und folgenlos ledig- sein (vgl. Kitzing et al. 2012, www.RES-legal.eu), die in
lich 21,2 % – siehe http://www.umweltbundesamt.de/daten/klimawan- Deutschland nach der Einführung im EEG 2012 (Gawel und
del/treibhausgas-emissionen-in-deutschland.
Purkus 2013a, b) auch im EEG 2014 noch eine verstärkte
'HU DNWXHOOH %HULFKW ]XP 7UHLEKDXVJDVLQYHQWDU ± YHU-
10
5ROOHHLQQHKPHQVROOHQ %0:L2014). Andere aktuelle Ent-
GHXWOLFKW GDVV DXFK GDV (UUHLFKHQ GHU í 40 %-Zielmarke bis 2020
keinesfalls gesichert ist, siehe http://www.bmub.bund.de/themen/ wicklungen (Förderstopp in Spanien, Vorschlag der Euro-
klima-energie/klimaschutz/klimaschutzberichterstattung/. päischen Kommission für 2030-Ziele, siehe oben) lassen

13
48 E. Gawel et al.

sich gegenwärtig freilich als Anzeichen einer erneut zuneh- lich 1,5  ]X VHQNHQ XP GDV (QHUJLHHI¿]LHQ]]LHO GHU (8
menden Divergenz beim EE-Ausbau interpretieren. von 20 % bis 2020 zu erreichen. Die Vorschläge der EU-
Kommission (2014) zur Energiepolitik bis 2030 dagegen
3.2.3 Versorgungssicherheit EHLQKDOWHQ NHLQ YHUELQGOLFKHV HXURSlLVFKHV (I¿]LHQ]]LHO
mehr.
Unter Versorgungssicherheit wird die dauerhafte und nach- %H]JOLFK GHU LQVWUXPHQWHOOHQ 8PVHW]XQJ GHV 
KDOWLJH %HGDUIVGHFNXQJ YHUVWDQGHQ LQVEHVRQGHUH KLQ- =LHOV PDFKW GLH (I¿]LHQ]5LFKWOLQLH GHQ 0LWJOLHGVVWDDWHQ
sichtlich der langfristigen Adäquatheit der Versorgung NHLQH VSH]L¿VFKHQ 9RUVFKULIWHQ GDKHU ]HLJW VLFK KLHU HLQ
(Verfügbarkeit der Primärenergieträger, Verfügbarkeit von VHKU KHWHURJHQHV %LOG (LQLJH 0LWJOLHGVVWDDWHQ EHLVSLHOV-
Erzeugungskapazitäten) sowie der kurzfristigen Gewähr- ZHLVH YHUSÀLFKWHQ (QHUJLHYHUVRUJHU GLH (LQVSDU]LHOH ]X
OHLVWXQJ GHU 1HW]VWDELOLWlW %0:L 2012). Daneben spielt erreichen. So müssen Energieversorger in Italien, Groß-
auch die bilanzielle Selbstversorgung – also die Maß- EULWDQQLHQ XQG )UDQNUHLFK Ä:HL‰H =HUWL¿NDWH³ DOVR ]HUWL-
gabe, nicht auf Nettostromimporte angewiesen zu sein ¿]LHUWH (LQVSDUPHQJHQ QDFKZHLVHQ $QGHUH 6WDDWHQ ZLH
– in politischen Konzeptionen von Versorgungssicherheit etwa Deutschland setzen eher auf Förderprogramme und
eine wichtige Rolle, etwa um Importrisiken zu minimie- Energiesteuern, um die Energieeinsparungen zu erreichen
ren. Netzstabilität lässt sich kurzfristig durch Maßnahmen (vgl. Fraunhofer ISI et al. 2012).
des Last-, Erzeugungs- und Netzverbundmanagements
sichern, setzt aber stets auch langfristige Maßnahmen der  =
 ZLVFKHQID]LWGHU%HVWDQGVDXIQDKPH
grundlegenden Kapazitätssicherung (Adäquatheit) vor-
aus. Während zunehmend Maßnahmen zur Netzstabili- Als Zwischenfazit lässt sich festhalten: Die Energiewende
tät auch auf europäischer Ebene organisiert werden, etwa macht Deutschland innerhalb einer höchst diversen ener-
LP %HUHLFK GHV 1HW]YHUEXQGHV GD]X REHQ E  EOHLEHQ giepolitischen Landschaft insbesondere im Zeitfenster bis
Maßnahmen zur langfristigen Sicherung einer unterbre- 2020 nicht zum Außenseiter. Entweder bewegen sich die
chungsfreien Versorgung weitgehend in nationaler Hand. nationalen Zielmarken im europäischen Zielrahmen (Kli-
In diesem Zusammenhang ist etwa zu beobachten, dass maschutz) bzw. im europäischen Durchschnitt (EE-Aus-
hinsichtlich des Niveaus an Versorgungsunterbrechungen bau bis 2020) oder erscheinen vor dem Hintergrund der
innerhalb der EU bisher deutliche – wenngleich tendenziell Diversität von Politiken mitnichten als singulär (Atomaus-
abnehmende – Unterschiede bestehen (CEER 2011: 27 ff.). VWLHJ ((*  'HPJHJHQEHU VXJJHULHUHQ GLH ]LWLHUWHQ %LO-
Auch was explizite Instrumente zur Allokation von Erzeu- der von der „Geisterfahrt“ und dem „Alleingang“ einen von
JXQJVNDSD]LWlWHQDQEHODQJW ]%.DSD]LWlWVPlUNWH ¿QGHW Deutschland abweichenden energiepolitischen Konsens in
bislang so gut wie keine Koordination auf EU-Ebene statt. der Rest-EU, dem sich Deutschland aus nicht rationalen
Dabei enthält der EU-Vertrag von Lissabon erstmals die Motiven entgegenstelle, anstatt sich anzuschließen. Wie
„Gewährleistung der Energieversorgungssicherheit in der erläutert wurde, steht diese Darstellung jedoch zur Realität
Union“ (Art. 194 AEUV) als ein Ziel europäischer Ener- in einem nicht unerheblichem Spannungsverhältnis (siehe
giepolitik. Immerhin können einige Maßnahmen zur Inte- auch Gawel et al. 2013). Insgesamt ist die energiepolitische
JUDWLRQ GHU WUDQVQDWLRQDOHQ hEHUWUDJXQJVQHW]H GD]X REHQ Landschaft in der EU äußerst vielgestaltig. Dabei setzen die
3.1b) auch als Annäherung der unterschiedlichen Niveaus gemeinsamen energiepolitischen Ziele auf EU-Ebene – wie
der Netzstabilität interpretiert werden. Daneben kündigt die die Schaffung eines Strombinnenmarktes oder die lang-
Europäische Kommission in ihrer Kommunikation zur Wei- IULVWLJH 7UDQVIRUPDWLRQ ]X HLQHU NOLPDQHXWUDOHQ (QHUJLH-
WHUHQWZLFNOXQJGHVJHPHLQVDPHQ%LQQHQPDUNWHVIU(OHN- versorgung – einen groben Rahmen, innerhalb dessen die
trizität (Europäische Kommission 2012) die Einrichtung Mitgliedsstaaten versuchen, ihre eigenen, teils stark diver-
einer „Electricity Coordination Group“ mit dem Ziel an, die gierenden Präferenzen durchzusetzen.
.RRSHUDWLRQLP%HUHLFK9HUVRUJXQJVVLFKHUKHLW]XVWlUNHQ Anders als andere EU-Staaten hat Deutschland aber
'HQQRFK OlVVW DXFK GLH %LQQHQPDUNWNRQ]HSWLRQ QDWLRQDOH bereits jetzt einen hochambitionierten Zielpfad jenseits von
Konzepte und Maßnahmen zur Sicherung der Versorgung 2020 formuliert. Dieser erkennbare Unterschied ist jedoch
(Konzepte bilanzieller Selbstversorgung, Regelenergie- und für die aktuelle Energiepolitik allenfalls von symbolischer
Kapazitätsmärkte, strategische Reserven) unberührt. %HGHXWXQJ (V EOHLEHQ GDKHU DOV EHVRQGHUH 0HUNPDOH
$XVPD‰ XQG 7HPSR GHU JHJHQZlUWLJ DQJHVWUHEWHQ QDWLR-
 (
 QHUJLHHI¿]LHQ] nalen Umgestaltung der Energieversorgung, die jedoch in
den Sektoren Wärme und Verkehr bislang kaum untersetzt
'LH(QHUJLHHI¿]LHQ]5LFKWOLQLH(*YHUSÀLFKWHWLQ ist. Inwieweit die Energiewendeziele und -maßnahmen
Art. 7 die Mitgliedsstaaten, ihren durchschnittlichen jähr- Deutschland im EU-Kontext tatsächlich im Ergebnis lang-
lichen Endenergieabsatz zwischen 2014 und 2020 um jähr- fristig herausheben werden, bleibt somit abzuwarten.

13
Wie viel Europa braucht die Energiewende? 49

Tab. 2 .RVWHQXQG1XW]HQGHU(QHUJLHYHUVRUJXQJ%HZHUWXQJEHUGHQ0DUNWXQGUlXPOLFKH,Q]LGHQ] 4XHOOHHLJHQH=XVDPPHQVWHOOXQJ


Kategorie (UIROJWHLQH%HZHUWXQJEHUGHQ0DUNW" Räumliche Inzidenz?
Stromgestehung Marktbewertet 7HLOZHLVHHXURSDZHLWGXUFK1HW]YHUEXQGXQG
Market Coupling
Netzausbau 7HLOZHLVHPDUNWEHZHUWHWIHKOHQGHV1RGDO National bei rein nationalen Projekten, euro-
Pricing, Netz als natürliches Monopol paweit bei transnationalen Netzen und natio-
QDOHQ1HW]HQYRQWUDQVQDWLRQDOHU%HGHXWXQJ
7UHLEKDXVJDVHPLVVLRQHQ 1LFKWPDUNWEHZHUWHW (8(76DOV$QWZRUW Europaweit- bzw. weltweit
auf das Marktversagen)
Gewährleistung von Netzstabilität 7HLOZHLVHPDUNWEHZHUWHWEHU5HJHOHQHU- 7HLOZHLVHHXURSDZHLWGXUFK1HW]YHUEXQG
giemärkte, aber Versorgungssicherheit als
öffentliches Gut
,PSRUWYRQ%UHQQVWRIIHQ 1XU]XP7HLOPDUNWEHZHUWHW 3RUWIROLRVGHU 7HLOZHLVHHXURSDZHLWGXUFK1HW]YHUEXQG
Energieversorger), individuelle Präferenzen
nur begrenzt über den Markt ausdrucksfähig
Landschaftsveränderungen, Luftverschmut- 1XU]XJHULQJHP7HLOPDUNWEHZHUWHW 6WURP- hEHUZLHJHQGQDWLRQDORGHUUHJLRQDOWHLO-
zung, Risiken von Atomkraft, etc. anbieterwahl), individuelle Präferenzen nicht weise grenzüberschreitend bei Atomkraft-
substantiell über den Markt ausdrucksfähig risiken und grenznahen Standorten anderer
Energieträger

4 Normative Analyse: Die ökonomische Theorie des 4.1 Ökonomische Argumente für und wider Homogenität
Föderalismus bzw. Zentralisierung

$XV6LFKWGHU|NRQRPLVFKHQ7KHRULHGHV¿VNDOLVFKHQ)|GH- 4.1.1 Die horizontale Dimension: Homogenität von


UDOLVPXV ] % 2DWHV 1972, 1999) ist a priori unklar, ob Policies?
eine vollständige Harmonisierung der Energiepolitik auf
EU-Ebene in allen benannten Handlungsfeldern sinnvoll Unter der Annahme vollständig marktbewerteter Kos-
wäre. Vielmehr muss sorgfältig abgewogen werden, was ten und Nutzen der Stromversorgung wäre ein möglichst
für bzw. gegen eine Zentralisierung der Entscheidungsbe- homogener Politikrahmen vorteilhaft – unabhängig davon
fugnis und/oder Homogenität der einzelnen Policies spricht wie heterogen die entsprechenden individuellen Präferen-
(Abschn. 4.1). Zudem kann diese Einschätzung in den ein- ]HQ DXVJHSUlJW VLQG ± GD QXU XQWHU GLHVHU %HGLQJXQJ GHU
zelnen energiepolitischen Handlungsfeldern unterschiedlich $OORNDWLRQVPHFKDQLVPXVGHV0DUNWHVHI¿]LHQWIXQNWLRQLH-
ausfallen (Abschn. 4.2). UHQ NDQQ 'LH7KHRULH GHV ¿VNDOLVFKHQ )|GHUDOLVPXV QDFK
Für diese Diskussion ist essenziell, neben den betriebs- Oates (1972, 1999), Olson (1969) und Musgrave (1959)
wirtschaftlichen Kosten der Stromgestehung weitere betont jedoch die Rolle heterogener Präferenzen bei der
(externe) Kosten- und Nutzenkomponenten der Energie- Entscheidung, wieviel eines nicht marktbewerteten, öffent-
versorgung in eine ökonomische Gesamtbewertung einzu- lichen Gutes (de)zentral bereitgestellt werden soll. Falls
EH]LHKHQ VLHKH 7DE 2). Diese verschiedenen Kategorien etwa energiepolitische Ziele und Instrumente auf EU-Ebene
unterscheiden sich hierbei 1) hinsichtlich des Ausma- homogen wären, führte dies zu einer sub-optimalen Aus-
‰HV LQ GHP JHJHQZlUWLJ HLQH %HZHUWXQJ EHU GHQ 0DUNW ZDKOXQG$OORNDWLRQYRQ7HFKQRORJLHQVRZHLWGHUMHZHLOV
erfolgt, und 2) hinsichtlich der Reichweite ihrer räumli- entstehende nationale Energiemix nicht den Präferenzen der
FKHQ ,Q]LGHQ] )U GLH %HZHUWXQJ GHU MHZHLOLJHQ .RVWHQ GRUWLJHQ%HY|ONHUXQJLQ%H]XJDXIGLH|IIHQWOLFKHQhEHOGHU
und Nutzen sind die (regional differierenden) Präferenzen Energieversorgung entspräche. Zu fragen ist daher jeweils,
der Individuen maßgeblich: Präferenzen meint hier Wert- ZLHKHWHURJHQGLH3UlIHUHQ]HQLQ%H]XJDXIGLHQLFKWPDUNW-
urteile über die nicht-marktbewerteten externen Kosten bewerteten Risiken und externen Kosten innerhalb der EU
der Energieversorgung, insbesondere deren Umwelt- und sind. Je größer die diesbezügliche Heterogenität, desto grö-
Sicherheitsrisiken. Strom ist zwar als Sekundärenergieträ- ßer der Wohlfahrtsverlust durch homogene Policies. Eine
JHUHLQKRPRJHQHV*XWQLFKWDEHUXQWHU%HUFNVLFKWLJXQJ interessante Frage in diesem Kontext lautet, bis zu welchem
GHU|NRORJLVFKHQ%HJOHLWHUVFKHLQXQJHQXQG|NRQRPLVFKHQ Grad unterschiedliche politische Positionen der Mitglieds-
Versorgungsrisiken der zu seiner Herstellung eingesetzten staaten zugleich auf grundlegende Unterschiede in den Prä-
Primärenergieträger. IHUHQ]HQ GHU %HY|ONHUXQJ ]XUFNJHIKUW ZHUGHQ N|QQHQ
(oder auf polit-ökonomische Gründe – dazu unten 5.2).
Energiepolitische Entscheidungen, die in erheblichem
Umfange zu nicht-marktlichen Kosten und Risiken bei-
tragen, können nicht allein anhand marktbewerteter Kos-

13
50 E. Gawel et al.

WHQ JHVDPWZLUWVFKDIWOLFK HI¿]LHQW JHWURIIHQ ZHUGHQ VLHKH rale Entscheidungsbefugnis ökonomisch geboten, soweit
7DE2); schon deshalb sind Visionen einer über europäische bestimmte Kosten- und Nutzenkomponenten der Stromver-
Märkte bzw. eine zentralisierte oder koordinierte Netzpla- sorgung nur lokal oder regional inzidieren, etwa bei stand-
nung gesteuerte paneuropäische Infrastrukturallokation in ortbezogenen Umwelteffekten wie Luftverschmutzung oder
LKUHP (I¿]LHQ]DQVSUXFK YHUIHKOW$XFK GLH LP (QHUJLHEH- Flächenverbrauch.
reich höchst vielfältigen, weit über Klimafolgen hinausrei- Ein weiteres wichtiges Argument für dezentralisierte
FKHQGHQH[WHUQHQ8PZHOWNRVWHQ ]%6WUDKOXQJVVFKlGHQ Entscheidungsbefugnis besteht in der innovationsfördern-
lokale Umwelteffekte von EE) sind hier einzubeziehen. Da den Kraft des laboratory federalism (Oates 1999; Ania
über sie jedoch weithin keine Marktbewertungen oder auch und Wagener 2014). Föderale Strukturen ermöglichen das
nur objektivierbare Daten vorliegen, müssen sie politisch kleinskalige Experimentieren mit verschiedenen Policies –
EHZHUWHWZHUGHQ'HUDUWLJH%HZHUWXQJHQIDOOHQQDWXUJHPl‰ ein Prozess, der schneller und billiger zur besten Lösung
XQWHUVFKLHGOLFKDXV8QGVRZHLWGLH%HUFNVLFKWLJXQJYRQ führen kann als groß-skalige trial-and-error-Ansätze
Marktversagen nicht über internalisierende Instrumente der (Anderson und Hill 1997). Gerade im Kontext der Ener-
Umweltenergiepolitik geschieht oder aus praktischen Grün- giewende mit vielfältigen Unsicherheiten und ungelösten
den nicht geschehen kann, so mag dies hilfsweise auch in Problemen erscheint dieses Argument durchaus stark. Wei-
DQGHUHUSUDJPDWLVFKHU)RUPRSSRUWXQVHLQ]%GXUFKWHFK- terhin führt aus polit-ökonomischer Sicht Dezentralisie-
nologiepolitische Eingriffe. Dies ist mitnichten ein Grund- rung zu besserer Achtung regionaler Präferenzunterschiede
VDW]9HUVWR‰ JHJHQ GDV (I¿]LHQ]3RVWXODW VRQGHUQ VHLQH (preference-matching) und stärkt die Zurechenbarkeit von
QRWZHQGLJH (UJlQ]XQJ XP SROLWLVFKH %HZHUWXQJHQ YRQ Entscheidungen (accountability) (Lockwood 2006).
([WHUQDOLWlWHQ XQWHU SUDJPDWLVFKHQ %HGLQJXQJHQ ]ZHLW Als Zwischenfazit lässt sich festhalten, dass aus Sicht
und drittbester Welten (Gawel et al. 2012). GHU|NRQRPLVFKHQ7KHRULHHLQDSULRULRSWLPDOHV1LYHDXDQ
Ä(XURSlLVLHUXQJ³ZHGHULQ%H]XJDXIGHQ=HQWUDOLVLHUXQJV-
4.1.2 Die vertikale Dimension: Zentralisierung von JUDG GHU (QWVFKHLGXQJVEHIXJQLV QRFK PLW %OLFN DXI GLH
Entscheidungsbefugnis? Homogenität der Policies betreffend, existiert. Vielmehr ist
zu erwarten, dass unterschiedliche Ebenen - von subnatio-
Aus ökonomischer Sicht ist der optimale Grad der Zentra- nal über national zu supranational - für jeweils verschiedene
lisierung eng mit der räumlichen Inzidenz der Kosten und Konstellationen die passende Regulierungsebene darstellen.
1XW]HQ GHU 6WURPYHUVRUJXQJ YHUEXQGHQ VLHKH 7DE 2). Es handelt sich also um ein „vielschichtiges Abwägungs-
Dabei gibt es sowohl Gründe für als auch gegen eine Zen- SUREOHP³ %ODQNDUW 2007, S. 67), welches im Folgenden
tralisierung von Entscheidungsbefugnissen (vgl. Dalmaz- für die einzelnen energiepolitischen Handlungsfelder näher
zone 2006): Als allokative Gründe für eine Zentralisierung erörtert wird.
werden in der ökonomischen Literatur insbesondere Ska-
OHQHUWUlJH XQG 9HUEXQGYRUWHLOH JHQDQQW %ODQNDUW 2007).  %
 HZHUWXQJLQGHQHQHUJLHSROLWLVFKHQ+DQGOXQJVIHOGHUQ
6NDOHQHUWUlJH EHVWHKHQ VRIHUQ GLH %HUHLWVWHOOXQJ |IIHQWOL-
cher Güter zu geringeren Durchschnittskosten möglich ist, 4.2.1 Klimaschutz
je größer die bereitgestellte Menge. Verbundvorteile erge-
EHQ VLFK VRIHUQ GLH ]HQWUDOH %HUHLWVWHOOXQJ YHUVFKLHGHQHU 'HU $XVVWR‰ YRQ 7UHLEKDXVJDVHQ ZLH &22 führt zur glo-
2XWSXWV ELOOLJHU LVW DOV GLH GH]HQWUDOH %HUHLWVWHOOXQJ MHGHV bal wirksamen Externalität des Klimawandels, deswegen
HLQ]HOQHQ2XWSXWV%HLVSLHOVZHLVHN|QQWHPDQLP%HUHLFK wären sowohl Ziele als auch Instrumente zum Klimaschutz
der EE argumentieren, dass die EU-weite Koordination von im Optimalfall auch global festzulegen. Entsprechend ist
Windenergie in Nordeuropa und Sonnenenergie in Süd- hilfsweise auf europäischer Ebene jedenfalls ein zentrali-
HXURSD GHQ (LQVDW] YRQ (( NRVWHQHI¿]LHQW HUP|JOLFKHQ sierter Ansatz mit homogenen Zielen und Instrumenten zu
würde, sofern lokale Externalitäten dabei berücksichtigt bevorzugen, während Einzelaktionen der Mitgliedsstaaten
werden.11 Zudem ist eine zentralisierte Entscheidungsbefug- HKHU GLH .RVWHQHI¿]LHQ] UHGX]LHUHQ 0RQRSRONRPPLVVLRQ
nis immer dann notwendig, soweit auf europäischer Ebene 2013  6RPLW VLQG GLH ZHLWHUKLQ GLYHUVL¿]LHUWHQ =LHOH GHU
auftretende externe Effekte sowie regionale spill-overs Mitgliedsstaaten in den nicht vom Emissionshandel erfass-
DQJHPHVVHQ DGUHVVLHUW ZHUGHQ PVVHQ YJO %DQ]KDI XQG ten Sektoren, aber auch die daneben fortbestehenden nati-
Chupp 2012  HWZD LP =XVDPPHQKDQJ PLW 7UHLEKDXVJDV- onalen (aggregierten) Klimaziele aus ökonomischer Sicht
emissionen oder Netzstabilität. Hingegen ist eine dezent- MHZHLOVLQHI¿]LHQW1DWLRQDOGLYHUVL¿]LHUWH.OLPD]LHOHN|QQ-
ten allerdings unter Verteilungsgesichtspunkten (burden
sharing) gerechtfertigt erscheinen.
Zu den Problemen, dies angesichts von regionalen Externalitäten
11

auch volkswirtschaftlich optimal über europäisch integrierte Märkte


und Netze bewerkstelligen zu lassen, bereits oben 4.1.a).

13
Wie viel Europa braucht die Energiewende? 51

4.2.2 Binnenmarkt und transnationale Übertragungsnetze dung von Versorgungsunterbrechungen als ihre Nachbarn?
Zu dieser Frage gibt es nur wenig empirische Evidenz, die
(LQ HXURSlLVFKHU %LQQHQPDUNW EHL OHLWXQJVJHEXQGHQHQ keine eindeutigen Schlüsse zulässt (siehe Schmidtahler et
Energien begründet sich aus wohlfahrtsökonomischer al. 2012; Schubert et al. 2013; Vennegeerts et al. 2008).
Sicht vor allem aus den allokationstheoretischen Vortei- Insgesamt ist somit unklar, ob die Präferenzen bezüglich
len größerer Märkte und den dynamischen Vorzügen der Versorgungssicherheit innerhalb der EU so stark voneinan-
Schaffung und Ausweitung des Wettbewerbs bei Gas und GHU DEZHLFKHQ GDVV HLQ (8HLQKHLWOLFKHV 1LYHDX LQHI¿]L
Strom (Monopolkommission 2013 6  %|FNHUV HW DO ent wäre. Zudem ist jedoch zu beachten, dass „bilanzielle
2013 0LW%OLFNDXIGLHEHUHLWVPLWHLQDQGHUSK\VLVFKYHU- Selbstversorgung“ in Deutschland auch als notwendiges
knüpften Stromnetze in Europa könnte eine zentralisierte Hilfsziel gesehen werden kann, um den Atomausstieg nicht
(QWVFKHLGXQJVEHIXJQLV WKHRUHWLVFK ]XP NRVWHQHI¿]LHQWHQ durch zusätzliche Importe von Atomstrom zu konterkarie-
Aufbau eines kontinental integrierten Netzes führen. Ein ren. Eine Koordination bei der derzeit in vielen Mitglieds-
vollständig integriertes Netz wäre wiederum Vorausset- staaten diskutierten oder bereits geplanten (angelaufenen)
zung für einen wirklich EU-weiten Strombinnenmarkt, der Einführung von Kapazitätsmärkten wäre sicherlich ange-
aus ökonomischer Sicht wegen des zu erwartenden grö- ]HLJWXPhEHUNDSD]LWlWHQ]XYHUPHLGHQXQG.RVWHQHI¿]L
ßeren Produzentenwettbewerbs vor allem die Wohlfahrt HQ] LP %OLFN ]X EHKDOWHQ DQGHUHUVHLWV EHVWQGH SRWHQWLHOO
der Konsumenten steigern dürfte. Die Diskussion um die GLH*HIDKUGDVVHLQDXV%UVVHOJHVWHXHUWHV$OORNDWLRQVYHU-
|NRQRPLVFKH9RUWHLOKDIWLJNHLW HLQHV HXURSlLVFKHQ %LQQHQ- fahren heterogenen Präferenzen nicht gerecht würde.
PDUNWHVOHQNWGHQ%OLFNGDEHLMHGRFKYRUQHKPOLFKDXIGLH
(aktuellen) marktbewerteten Kosten der Stromgestehung, 4.2.4 Technologiepolitik: Nutzung der Atomkraft
nicht aber die sonstigen ökonomisch relevanten Komponen-
WHQ GHU (QHUJLHYHUVRUJXQJ VLHKH 7DE 2): So kann dieser Die Risiken der Atomkraft inzidieren auf verschiedenen
supranationale Ansatz lokale Externalitäten der Netz- und UlXPOLFKHQ 6NDOHQ 5LVLNHQ GLH PLW NOHLQHUHQ %HWULHEVXQ-
Erzeugungs-Infrastruktur bzw. interregionale Externalitäten fällen und der Endlagerung von Kernbrennstoffen verbun-
GHU 6WURPHU]HXJXQJ VHOEVW ] %$WRPULVLNHQ  XQG GHUHQ GHQVLQGWUHWHQW\SLVFKHUZHLVHDXIUHJLRQDOH(EHQHDXI%HL
UHJLRQDODEZHLFKHQGH%HZHUWXQJQLFKWDQJHPHVVHQDGUHV- grenznahen Standorten von Atomkraftwerken oder Zwi-
sieren. Zudem bleibt offen, inwieweit selbst ein vollständig schenfällen mit größerer räumlicher Wirkung kann es auch
XPJHVHW]WHU %LQQHQPDUNW ODQJIULVWLJH .RVWHQWUHQGV DQJH- zu grenzüberschreitenden Risiken kommen. Europaweite
PHVVHQEHUFNVLFKWLJHQXQG7HFKQRORJLHQHQWZLFNOXQJXQG oder gar transkontinentale Risiken sind vor allem bei einem
-einsatz entsprechend organisieren kann. Zur Vollendung Super-GAU zu erwarten.
GHV%LQQHQPDUNWVVLQGGDUEHUKLQDXVDXFKUHFKWOLFKH+LQ- Eine vollständige europäische Zentralisierung der Atom-
GHUQLVVHXQGSROLW|NRQRPLVFKH.RQÀLNWHLQ%H]XJDXIGLH politik wäre vor diesem Hintergrund weder auf Ziel- noch
Weiterentwicklung des Rechtsrahmens zu klären (siehe auf Instrumentenebene zu befürworten. Erstens fallen die
Abschn. 5). Risikopräferenzen bezüglich Atomkraft unterschiedlich aus:
In einer im Jahr 2008 EU-weit durchgeführten Umfrage lag
4.2.3 Versorgungssicherheit die Spannweite des Anteils der Menschen, die die Nutzung
der Kernenergie befürworten, zwischen 7 % (Zypern) und
,Q HLQHP LQWHJULHUWHQ %LQQHQPDUNW N|QQWH DXFK GLH 9HU- 64  7VFKHFKLVFKH 5HSXEOLN /LWDXHQ 12 Durch ein zent-
sorgungssicherheit jedes Mitgliedsstaates europäisch ralisiertes EU-Vorgehen könnte beispielsweise Deutsch-
organisiert werden. Aufgrund der sich einstellenden pan- land seinen Atomausstieg nicht mehr oder nur auf Kosten
europäischen Arbeitsteilung bei der (Strom-)Produktion der französischen Präferenz für Kernenergie durchsetzen.
bedeutete dies, dass einzelne Länder zu Importeuren und Zweitens stellen grenzüberschreitende Risiken nicht not-
nationale Vorstellungen von bilanzieller Selbstversorgung wendigerweise EU-weite Risiken dar. Zur Regulierung von
XQG JHVLFKHUWHU 9HUIJEDUNHLW LQVRZHLW EHUÀVVLJ ZU- Risiken, die etwa vom Atomkraftwerk Fessenheim an der
den. Zugleich würde auch die Netzstabilität europäisch GHXWVFKIUDQ]|VLVFKHQ*UHQ]HDXVJHKHQZlUHGLHHI¿]LHQWH
GH¿QLHUW $OOHUGLQJV VSLHOHQ DXFK KLHU KHWHURJHQH 3UlIH- Verhandlungsebene wohl eher die bilaterale als die euro-
UHQ]HQLQ%H]XJDXIYRONVZLUWVFKDIWOLFKH.RVWHQYRQ9HU- päische. Drittens würden im Falle eines Super-GAU poten-
sorgungsunterbrechungen (Probleme bei der Netzstabilität) WLHOOWUDQVNRQWLQHQWDOZLUNVDPH6FKlGHQ YJO7VFKHUQRE\O 
normativ durchaus eine Rolle. So fragt sich, inwieweit die selbst auf EU-Ebene kaum adäquat adressiert. Somit ist das
zu beobachtenden Unterschiede hinsichtlich der länderspe- „letzte Wort“ der Mitgliedsstaaten bei der Festlegung des
]L¿VFKHQ 8QWHUEUHFKXQJHQ GHU 6WURP]XIXKU GLH 3UlIHUHQ-
]HQGHUMHZHLOLJHQ%HY|ONHUXQJZLGHUVSLHJHOQ+DEHQGLH http://de.statista.com/statistik/daten/studie/1175/umfrage/zustim-
12

Deutschen eine höhere Zahlungsbereitschaft für die Vermei- mung-zur-kernenergie-in-europa/.

13
52 E. Gawel et al.

7HFKQRORJLHSRUWIROLRV P|JOLFKHUZHLVH HLQHP (8$QVDW] len Standortexternalitäten nach sich. Entscheidungen über
mit zentralisierter Entscheidungsbefugnis und homogenen den EE-Ausbau auf EU-Ebene zu regeln ist mithin nicht
Policies vorzuziehen. Offensichtlich führt aber auch ein rein etwa gleichbedeutend mit einer ausschließlich an betriebs-
nationaler Ansatz kaum zu optimalem preference-matching, wirtschaftlichen Erzeugungskosten orientierten Allokation
da die Risiken der Atomkraft eben von regional bis trans- der Produktionskapazitäten. Ein starkes Argument gegen
kontinental streuen. Homogenität der EE-Policies läge vor, falls unterschied-
liche direkte Präferenzen bezüglich des Anteils EE an der
4.2.5 Technologiepolitik: EE-Ausbau (QHUJLHYHUVRUJXQJRGHUXQWHUVFKLHGOLFKH%HZHUWXQJHQGHU
lokalen externen Effekte von EE bestünden, wovon frei-
Eigenständige Ziele für den EE-Ausbau neben dem Klima- lich auszugehen ist, wie von der Europäische Kommission
schutzziel werden zwar wiederholt als für den Klimaschutz (2007) in Auftrag gegebene „Eurobarometer“-Umfragen
entbehrlich kritisiert (Weimann 2012; Stavins 2014), las- ]HLJHQ GLH (LQVWHOOXQJHQ GHU %HY|ONHUXQJ ]X YHUVFKLHGH-
sen sich aber – neben technologischen spill-over-Effekten nen Energieträgern unterscheiden sich teils erheblich zwi-
%HQQHDUXQG6WDYLQV2007; Fischer und Newell 2008; Jaffe schen den Mitgliedsstaaten (siehe dazu auch Welsch und
et al. 2005; Lehmann 2012; Lehmann und Gawel 2013) – %LHUPDQQ2013). Das Argument des laboratory federalism,
auch wegen der multiplen Externalitäten konventioneller also die innovationsfördernde Kraft des Systemwettbe-
Energieversorgung weit über die Klimafolgen hinaus öko- werbs liefert wiederum einen Grund, weshalb die Entschei-
nomisch als second-best-Ansatz einer pragmatischen Inter- dungsbefugnis über den EE-Ausbau nicht komplett auf die
nalisierungspolitik rechtfertigen (vgl. Edenhofer et al. 2011; EU übertragen werden sollte. Gerade ungelöste Herausfor-
2013; Gawel et al. 2012; McCollum et al. 2011; Siler-Evans derungen wie die Marktintegration der EE könnten durch
et al. 2013; SRU 2013): Neben den Klimafolgen bringt die dezentrale Policy-Experimente womöglich besser adressiert
Stromerzeugung vielfältige weitere Umweltbeeinträchti- werden.
gungen hervor – von Landschaftsbeeinträchtigungen bei Insgesamt ist der optimale Grad an Zentralisierung
der Gewinnung von Primärenergieträgern (Kohletagebau) XQG +RPRJHQLWlW LP %HUHLFK (($XVEDX DXIJUXQG GHU
über Luftverschmutzung bis hin zu Unfall- und Endlager- 8QVLFKHUKHLWHQ ] % KLQVLFKWOLFK GHU 7HFKQRORJLH XQG
risiken (vgl. Epstein et al. 2011; Heyes and Heyes 2000; Preispfade oder hinsichtlich des tatsächlichen Heterogeni-
McCollum et al. 2011 6WHKHQKLHUIUNHLQH¿UVWEHVW,QWHU- tätsgrads der Präferenzen) kaum exakt zu bestimmen. Eine
nalisierungsinstrumente zur Verfügung, kann eine explizite tendenzielle Richtungsangabe hin zu mehr Entscheidungs-
7HFKQRORJLHSROLWLN HLQ SUDJPDWLVFKHU VHFRQG RGHU WKLUG abstimmung und Angleichung der Policies im Vergleich zur
best-Hebel gegen multiple sonstige Externalitäten sein. gegenwärtigen Fragmentierung erscheint aber angezeigt,
Sofern EE-Ziele als gesetzt betrachtet werden – sei es zur um durch zwischenstaatliche Zusammenarbeit die Kosten-
pragmatischen Adressierung von Nicht-Klima-Externalitä- HI¿]LHQ]GHV(($XVEDXV]XVWHLJHUQ
ten oder schlicht als politisches Rahmendatum -, so stellt
sich anschließend die Frage, auf welcher Regierungsebene  (
 QHUJLHHI¿]LHQ]
der EE-Ausbau zu regeln ist: EU-weit, national oder regio-
QDOORNDO"$OV]HQWUDOH.ULWHULHQEHLGHU%HDQWZRUWXQJGLH- (QHUJLHHI¿]LHQ]]LHOH13 und -instrumente sollten – sofern
ser Frage sind die räumliche Reichweite der Externalitäten lokale Externalitäten der Energieerzeugung auch lokal
von EE und der Grad der Heterogenität der Präferenzen internalisiert werden – klar auf europäischer Ebene geregelt
%HZHUWXQJGHUH[WHUQHQ.RVWHQ(( KHUDQ]X]LHKHQ werden, um gemäß dem Äquimarginalprinzip die Grenz-
5HOHYDQWH ([WHUQDOLWlWHQ LP %HUHLFK GHU (UQHXHUEDUHQ vermeidungskosten auf höherer Ebene angleichen zu kön-
fallen sowohl auf europäischer als auch auf nationaler und QHQ.RVWHQHI¿]LHQWZlUHDXIGHU,QVWUXPHQWHQHEHQHZRKO
lokaler Ebene an: Die Auswirkungen des EE-Ausbaus auf HLQHLQKHLWOLFKHUHXURSlLVFKHU0DUNWIUZHL‰H=HUWL¿NDWH
die Netzstabilität wirken sich insbesondere auch grenzüber-
schreitend aus (europäischer Lastausgleich), wohingegen 13
Inwiefern Energieeinsparung überhaupt als separates Ziel öko-
die Umweltauswirkungen von Erzeugungs- und komple- nomisch zu rechtfertigen ist, bleibt umstritten (vgl. Weimann 2012;
mentärer Netzinfrastruktur meist lokal als Standorteffekte Mennel und Sturm 2008). Ökonomisch optimal wäre ein Energiever-
brauch, bei dem der Grenznutzen der letzten benötigten Einheit genau
inzidieren. Zwar dürfte eine Angleichung der EE-Förderung
den Grenzkosten entspräche – wobei Kosten hier auch externe Kosten
LQ (XURSD GLH (I¿]LHQ] GHU UlXPOLFKHQ$OORNDWLRQ GHU (( der Energieversorgung beinhalten muss. Da sich die direkte Einprei-
hinsichtlich ihrer betriebswirtschaftlichen Erzeugungskos- sung aller externen Kosten in der Praxis als schwierig erweist, kann
ten verbessern (vgl. Unteutsch und Lindenberger 2014). Energieeinsparung gegebenenfalls als Hilfsziel legitimiert werden:
$QJHQRPPHQGHUJHJHQZlUWLJH(QHUJLHYHUEUDXFKYHUXUVDFKHLQHI¿-
Andererseits zieht ein die Erzeugungskosten minimieren-
zient hohe externe Kosten, so kann Energieeinsparung die Reduktion
der EE-Ausbau größere Folgekosten beim transnationalen GHUH[WHUQHQ.RVWHQDXIHLQHI¿]LHQWHUHV0D‰HUOHLFKWHUQGDVDQGHUQ-
Netzausbau und bei den (dabei nicht berücksichtigten) loka- falls – mit Hilfe eines ¿UVWEHVW-Ansatzes – nicht erreichbar wäre.

13
Wie viel Europa braucht die Energiewende? 53

Allerdings wird auch argumentiert, dass bereits eine Kom- S. 135). Die Hauptkompetenz der Energiepolitik liegt also
bination aus EE-Förderung und Emissionshandel den Ener- nach wie vor bei den Mitgliedsstaaten und „bleibt als limi-
gieverbrauch senkt und daher die Einführung zusätzlicher tierende Komponente erhalten“ (Fischer 20096 7URW]
ZHL‰HU=HUWL¿NDWHDXVZRKOIDKUWV|NRQRPLVFKHU6LFKWQLFKW der Einführung geteilter Kompetenzen für die EU zeigt der
angezeigt sei (Meran und Wittmann 2012). Vertrag von Lissabon, „dass die Regierungen keineswegs
gewillt waren, Entscheidungen über die grundlegendsten
Elemente der Energiepolitik an eine supranationale Ebene
5 Die Nebenbedingungen: Europäische Verfassung und abzutreten“ (ibid: 60). Somit besteht für die Energiepolitik
politische Ökonomie der Kompetenzordnung der EU eine rechtliche Ausgangslage, die „Auslegungs- und
Abgrenzungsprobleme nicht beseitigt, sondern verschärft“
Der vorherige Abschnitt hat gezeigt, dass aus ökonomischer (Schlacke 2013, S. 10).
Sicht normative Aussagen über Zentralität und Homogeni- %HLVSLHOKDIW LVW KLHU GHU LQKlUHQWH .RQÀLNW ]ZLVFKHQ
tät immer nur bedingt möglich sind; in einigen energiepoli- dem Ziel „Energiebinnenmarkt“, welcher in letzter Konse-
tischen Handlungsfeldern wären gegenüber dem status quo quenz das Ende nationaler Entscheidungshoheit über den
homogenere Policies und/oder zentralisiertere Entschei- Erzeugungsmix bedeutet14, bei gleichzeitigem Anspruch
dungsbefugnis womöglich vorteilhaft. Doch selbst wenn die der Mitgliedsstaaten auf Souveränität in Fragen der Ener-
normative ökonomische Analyse in Einzelbereichen klar JLHWHFKQRORJLHZDKO hEHU GLH )UDJH ZLH GLHVHU .RQÀLNW
für „mehr Europa“ streiten würde, so dürfen doch nicht die im Einzelfall aufzulösen ist, existieren diametral entgegen-
Restriktionen vergessen werden, die einer Ausgestaltung gesetzte Rechtsauffassungen. Dies zeigt etwa die Entschei-
föderaler Kompetenz- und Policy-Strukturen nach rein öko- GXQJ GHV (X*+ LP -XOL  ]XU .ODJH GHV ¿QQLVFKHQ
nomischen Kriterien in der Realität entgegenstehen: Euro- Unternehmens Ålands Vindkraft auf Vergütung durch die
päisches Primär- und Sekundärrecht setzen einer stärkeren schwedische EE-Förderung: auf der einen Seite gaben der
europäischen Zentralisierung oder Homogenisierung mit- ¿QQLVFKH .OlJHU XQG GHU *HQHUDODQZDOW GHV (X*+ GHP
gliedstaatlicher Policies rechtliche Grenzen (Abschn. 5.1). EU-Wettbewerbsrecht Vorrang gegenüber der nationalen
Eine freiwillige Angleichung von Policies oder eine Ver- Souveränität Schwedens. Die andere Seite15 wertet den in
lQGHUXQJ GHU UHFKWOLFK NRGL¿]LHUWHQ .RPSHWHQ]RUGQXQJ Art. 194 AEUV festgesetzten Souveränitätsvorbehalt höher
muss überdies politisch durchsetzbar sein und richtet damit – diese Rechtsauffassung kommt eben im Urteil des EuGH
]XVlW]OLFK GHQ %OLFN DXI GLH QDWLRQDOHQ HQHUJLHSROLWLVFKHQ zum Ausdruck: Zwar beschränke die beklagte schwedische
Interessen (Abschn. 5.2). Dieses Kapitel bietet also eine Regelung tatsächlich den freien Warenverkehr innerhalb
positive Analyse bestehender Restriktionen. der EU. „Der Gerichtshof ist jedoch der Ansicht, dass diese
%HVFKUlQNXQJ GXUFK GDV LP $OOJHPHLQLQWHUHVVH OLHJHQGH
5.1 Energiepolitik in der EU: Der Rechtsrahmen Ziel gerechtfertigt ist, die Nutzung erneuerbarer Energie-
quellen zu fördern, um die Umwelt zu schützen und die Kli-
Mit dem Vertrag von Lissabon 2009 verfügt die EU im ma-Veränderungen zu bekämpfen“ (Az: C-573/312).
%HUHLFK (QHUJLH HUVWPDOV EHU H[SOL]LWH .RPSHWHQ]HQ hEHU ZHOFKH (LQÀXVVP|JOLFKNHLWHQ YHUIJW GLH  (XUR-
Im Vergleich zu früheren EU-Verträgen weist der Vertrag päische Kommission als zentraler supranationaler Akteur
YRQ /LVVDERQ HLQHQ HLJHQHQ 7LWHO ;;, Ä(QHUJLH³ $UW innerhalb dieser rechtlichen Ausgangslage? Zuvörderst
194 AEUV) auf, der vier Ziele einer gemeinsamen euro- wirkt das energiepolitisch erweiterte Primärrecht im Vertrag
SlLVFKHQ (QHUJLHSROLWLN GH¿QLHUW ÄD  6LFKHUVWHOOXQJ GHV von Lissabon als Legitimationsgrundlage für Initiativen der
Funktionierens des Energiemarktes; b) Gewährleistung Kommission und gestattet ihr zunehmend selbstbewusstes
der Energieversorgungssicherheit in der Union; c) Förde- Agieren (Fischer 2009). Die Kommission hat zwar nicht
UXQJ GHU (QHUJLHHI¿]LHQ] XQG YRQ (QHUJLHHLQVSDUXQJHQ die Möglichkeit, den Mitgliedsstaaten eine bestimmte
sowie Entwicklung neuer und erneuerbarer Energiequellen Energiepolitik vorzuschreiben, über die Mitwirkung am
und d) Förderung der Interkonnektion der Energienetze“ europäischen Gesetzgebungsprozess kann sie dennoch den
(Europäische Union 2010, S. 134). Hiermit erhalten die Rahmen der einzelstaatlichen Politik mitgestalten. So kann
supranationalen Organe der EU erstmals eine rechtliche gerade die „offene Methode der Koordinierung“, also der
Grundlage, energiepolitisch tätig zu werden und im Rahmen von der Kommission begleitete Erfahrungsaustausch und
des EU-Gesetzgebungsverfahrens Initiativen zu ergreifen.
Gleichwohl verfügt jeder Mitgliedsstaat weiterhin über das 14
Siehe Abschnitt 4.2.2 für Argumente, die für eine dezentrale Regu-
5HFKWVRXYHUlQÄGLH%HGLQJXQJHQIUGLH1XW]XQJVHLQHU lierung der Energiemärkte sprechen.
Energieressourcen, seine Wahl zwischen verschiedenen 15
Hierzu zählen wir auch unsere Rechtsauffassung, siehe Gawel und
Energiequellen und die allgemeine Struktur seiner Ener- Strunz (2014).
gieversorgung zu bestimmen“ (Europäische Union 2010,

13
54 E. Gawel et al.

3HUIRUPDQFHYHUJOHLFK Ä%HQFKPDUNLQJ³  XQWHU GHQ 0LW- zur Hälfte aus Erneuerbaren Energien. Hieraus ergeben sich
gliedsstaaten eine freiwillige Annäherung einzelstaatlicher teils stark divergierende energiepolitische Zielvorstellun-
3ROLFLHV EHZLUNHQ %RUUiV XQG -DFREVVRQ 2004; Kerber gen, die (auch) den Erhalt der bestehenden Portfolios und
und Ekardt 2007; Ania und Wagener 2014). Ein solch offe- Standorte absichern sollen. Nun würde eine EU-weit völlig
ner Prozess trägt auch der hohen Diversität hinsichtlich IUHLJHJHEHQHGH]HQWUDORUJDQLVLHUWH:DKOYRQ7HFKQRORJLHQ
GHV 7HFKQRORJLHPL[ XQG GHU HQHUJLHSROLWLVFKHQ *UXQG- und Standorten gerade diesen Erhalt nicht garantieren. Im
ausrichtung der Mitgliedsstaaten Rechnung – im Gegen- Extremfall könnte eine gesamteuropäische Optimierung
satz zu direkten top-down Harmonisierungsversuchen der der Standortallokation von Kraftwerkskapazitäten zur völ-
Kommission. ligen Aufgabe bisheriger Erzeugungsstandorte und der
Insgesamt lässt sich die EU-Ebene als Rahmen der ein- damit verbundenen regionalen Wertschöpfung führen. Für
zelstaatlichen Energiepolitik beschreiben, der vor allem Politiker der jeweiligen Mitgliedsstaaten ergibt sich dar-
die Ziele und in weit geringerem Maß die Instrumente der aus der Anreiz, Entscheidungshoheit auf nationaler Ebene
0LWJOLHGVVWDDWHQ EHHLQÀXVVW 'LH YHUELQGOLFKHQ 5LFKWOL- zu halten, um die jeweiligen Energiemixe strukturell zu
nien, unverbindlichen Leitlinien und Empfehlungen der EU konservieren und über energiepolitische Entscheidungen
erzeugen Rechtfertigungsdruck, den die Mitgliedsstaaten Zustimmungsmaximierung zu betreiben. Nationale energie-
trotz ihres Souveränitätsvorbehalts nicht ignorieren können politische Kompetenzen sind für Politiker, die zum Zwecke
YJO%RQQHWDO2014 6RZLUGGHU(LQÀXVVGHU(8DXIGLH GHU =XVWLPPXQJVPD[LPLHUXQJ /DVWHQ ]ZLVFKHQ %HY|O-
nationalen Energieportfolios aus rechtlicher Sicht als „pre- kerungs- und Interessengruppen aktiv zu makeln beab-
dominantly indirect, yet powerful (Callies and Hey 2013, VLFKWLJHQ 0F&RUPLFN XQG 7ROOLVRQ 1981), ein besonders
S. 88)“ bewertet. Eine gemeinsame europäische Energie- ZLUNXQJVYROOHU+HEHO7HFKQRORJLH%UDQFKHQ5HJLRQDO
SROLWLNLVWELVKHUMHGRFK±ELVDXIZRKOGH¿QLHUWH(LQ]HOEHUHL- und Gruppeninteressen lassen sich auf diese Weise hervor-
FKH .OLPDVFKXW]%LQQHQPDUNW ±UHFKWOLFKQLFKWHU|IIQHW ragend gezielt ansteuern, wie im Zuge der Energiewende
Für den Stromsektor sind insbesondere eine einheitliche eindrucksvoll zutage tritt. Diesen Steuerungsspielraum
HXURSlLVFKH7HFKQRORJLHSROLWLNRGHUHLQHHXURSDZHLWH$OOR- zugunsten eines europäischen öffentlichen Gutes, nämlich
kation von Erzeugungskapazitäten mangels Kompetenztitel GHU(I¿]LHQ]GHU9HUVRUJXQJDXVGHU+DQG]XJHEHQYHU-
für die europäische Gesetzgebung gar nicht möglich. stößt daher gegen die Interessen der nationalen Entschei-
Vor diesem Hintergrund könnte nun eine normative öko- dungsträger. Starke Pfadabhängigkeiten sind die Folge:
nomische Kompetenz-Analyse derartige Restriktionen des Umfassende Strukturveränderungen können nur langfristig
europäischen Primärrechts ignorieren, sie als vorgegebe- und nur mit Zustimmung der einzelnen Mitgliedsstaaten
nen Analyserahmen akzeptieren oder in den Regelungen XPJHVHW]WZHUGHQ=XP%HLVSLHOVLQGGLHYRQIRVVLOHQ(QHU-
]XP 7HLO VRJDU I|GHUDOLVPXVWKHRUHWLVFKH $UJXPHQWH ]XU gieträgern geprägten Strukturen Osteuropas und das zum
%HUFNVLFKWLJXQJ]%YRQ3UlIHUHQ]KHWHURJHQLWlWZLHGHU- Großteil auf Atomkraft basierende französische Energie-
erkennen. Für die praktische „Europäisierungspolitik“ führt system nicht im Handumdrehen mit dem deutschen System
jedoch kein Weg an der gegebenen rechtlichen Kompetenz- zu einem auf identischen Policies stehenden, gemeinsamen
ordnung vorbei. Wird hingegen de lege ferenda deren Ände- zentraleuropäischen Energiesystem formbar – völlig unab-
rung angestrebt, so müssen zusätzlich die energiepolitischen hängig davon, wie dieses „Euro-Energiesystem“ konkret
Interessen der Mitgliedstaaten berücksichtigt werden – und aussehen würde. Insoweit steht mitnichten nur Deutschland
GDPLW GHUHQ %HUHLWVFKDIW ]XU bQGHUXQJ GHV 3ULPlUUHFKWV HLQHU SDQHXURSlLVFKHQ 7HFKQRORJLH XQG 6WDQGRUWDOORND-
bzw. zu harmonisierter Ausgestaltung des Sekundärrechts tionspolitik im Wege, sondern vielmehr die nationalstaat-
(5.2). lichen Interessen sämtlicher Mitgliedstaaten und ihrer
politischen Entscheidungsträger.
5.2 Polit-ökonomische Restriktionen 9RUGLHVHP+LQWHUJUXQGPXVVGLHUHDOSROLWLVFKH7DXJOLFK-
keit von visionären Vorschlägen zur gesamteuropäischen
(LQHU HXURSlLVFK ]HQWUDOLVLHUWHQ 5HJXOLHUXQJ YRQ 7HFKQR- Optimierung, wie die Errichtung eines transkontinentalen
logieportfolio und Standortallokation stehen nicht zuletzt Super Grids (Czisch 2005) oder die EU-weite Einführung
auch starke polit-ökonomische Pfadabhängigkeiten zuguns- eines energiepolitischen Investitionsprogramms – eine Art
ten eines Verbleibs der Entscheidungshoheit bei den Mit- „New Deal“ zur Linderung der Folgen der Finanzkrise in
JOLHGVVWDDWHQ HQWJHJHQ %LVODQJ EHVWHKHQ ]ZLVFKHQ GHQ Südeuropa (Creutzig et al. 2014) – kritisch hinterfragt wer-
Mitgliedsstaaten große Unterschiede hinsichtlich des den. Ist beispielsweise Deutschland bereit, die Verfügungs-
Energiemix‘ (Knopf et al. 2013). Während beispielsweise hoheit über das sehr hohe Niveau an Versorgungssicherheit
Frankreichs Stromerzeugung zu drei Vierteln auf Atom- GXUFK HLQH hEHUWUDJXQJ YRQ $OORNDWLRQVNRPSHWHQ]HQ DXI
kraft basiert, wird Strom in Polen zu über vier Fünfteln aus die EU-Ebene abzugeben? Und wie steht es um die nor-
IRVVLOHQ %UHQQVWRIIHQ HU]HXJW XQG LQ 6FKZHGHQ ZLHGHUXP ZHJLVFKH %HUHLWVFKDIW DOV ÄJUQH %DWWHULH³ (XURSDV ]X

13
Wie viel Europa braucht die Energiewende? 55

fungieren? Generell besteht hier großer Forschungsbedarf reichende Kompetenzabtretung der Mitgliedsstaaten an die
LQ%H]XJDXIGLHpolitische Umsetzbarkeit derartiger groß- EU im Energiebereich kann also kaum den Referenzpunkt
skaliger Lösungskonzepte. Die Studie von Gullberg (2013) der Diskussion abgeben. Vor diesem Hintergrund skizzie-
über die politischen Realisierungschancen der Idee von ren wir im Folgenden normative Politikempfehlungen unter
1RUZHJHQDOVÄJUQHU%DWWHULH³(XURSDV]HLJWLQLKUHULQWH- %HUFNVLFKWLJXQJ GHU H[LVWLHUHQGHQ 5DKPHQEHGLQJXQJHQ
ressenpolitischen Szenarienanalyse, dass langfristig durch- Insbesondere wird erörtert, wie ohne Zentralisierung die
aus Chancen für eine verstärkte Einbeziehung Norwegens Vorteile von homogenen und/oder koordinierten Ansätzen
als Speicherstandort bestehen könnten; allerdings lasse der realisiert werden können (Abschn. 6.1) und welchen ener-
inkrementelle Entscheidungsprozess in Norwegen ein kurz- giepolitischen Handlungsfeldern hierbei Priorität zukom-
fristiges Abrufen des (geographisch und politisch gegebe- men sollte (Abschn. 6.2).
nen) Potentials gerade nicht zu. Entscheidend sind auch
KLHU 3UlIHUHQ]HQ GHU %HY|ONHUXQJ KLQVLFKWOLFK GHU %HZHU- 6.1 „Europäisierung“ ohne Zentralisierung der
tung der lokalen und regionalen Naturfolgen einer Indienst- Entscheidungsbefugnis
nahme norwegischer Wasserkraftpotenziale für europäische
Zwecke. Diese Kostenkategorien sind ebenso relevant wie Intergouvernementale bottom-up Prozesse entsprechen der
die marktbewerteten Kosten und Nutzen von Kraftwerks- energiepolitischen Diversität in der EU besser als top-down
RGHU 1HW]LQYHVWPHQWV GLH HQWVSUHFKHQGH hEHUOHJXQJHQ Ansätze zur Vereinheitlichung von Policies durch Kommis-
einer stärker arbeitsteiligen Stromerzeugung in Europa bis- sion und Parlament. Der EU-Rechtsrahmen mit verschie-
lang allein anleiten. denen energiepolitischen Zielstellungen und bindenden
Ähnlich verhält es sich mit Vorschlägen einiger Kritiker Richtlinien schafft dabei einen aus Sicht der Mitglieds-
des EEG, die eine EU-weite Grünstromquote fordern: Der staaten gemeinsamen Kontext. Hierbei entsteht Problem-
Umstieg Deutschlands von Einspeisetarifen auf ein Quoten- lösungsdruck, der beispielsweise zu einer Konvergenz bei
PRGHOO N|QQH GHU Ä%HJLQQ HLQHV HXURSlLVFK KDUPRQLVLHU- den Förderinstrumenten für EE beitragen könnte. Der poli-
ten Vorgehens“ sein, so Hübner et al. (2012, S. 303; vgl. tikwissenschaftlichen Konvergenztheorie (Holzinger et al.
auch Haucap und Kühling 2013). Jedoch widerspricht diese 2008) folgend argumentiert Jacobs (2012), dass im Fall der
Sichtweise diametral der realpolitischen Entwicklung, denn EE-Förderung zwei weitere Mechanismen Konvergenz för-
bereits zwei Mal scheiterte die Europäische Kommission dern – transnationale Kommunikation und regulatorischer
mit Versuchen, den Mitgliedsstaaten ein EU-weites Quo- :HWWEHZHUE%HUHLWVGLHHLQIDFKH.RPPXQLNDWLRQ]ZLVFKHQ
tenmodell anzudienen: Sowohl die Entstehungsgeschichte Regierungen kann zur Angleichung von Policies führen: so
der Richtlinie 2001/77/EG als auch die Entstehung der orientierte sich beispielsweise Frankreich bei der Degres-
Richtlinie 2009/28/EG können als vergebliche Versuche sion für Photovoltaik-Einspeisevergütungen am deutschen
der Kommission interpretiert werden, einen harmonisier- Vorbild (ebenda: 134); und regulatorischer Wettbewerb
WHQ HXURSlLVFKHQ *UQVWURP=HUWL¿NDWKDQGHO ]X ODQFLHUHQ stellte die Haupttriebkraft für die Angleichung der Photo-
(Jacobs 2012: 28 ff.). Realistische Pfade zu europäisch koor- voltaik-Vergütungshöhen in Spanien, Deutschland und
dinierter EE-Förderpolitik – und generell zu „mehr Europa“ Frankreich dar (ebenda: 219).
in der Energiepolitik – laufen dagegen eher über bottom-up Ebenso ist dezentralisierte Entscheidungsbefugnis auch
Konvergenz von bereits beschrittenen Wegen. Der folgende nicht gleichbedeutend mit vollständiger Ohnmacht der EU
Abschnitt beleuchtet diese Option genauer. auf dem Gebiet der Energiepolitik. Vielmehr verfügt die
Europäische Kommission mit der „offenen Methode der
Koordinierung“ über ein Mittel, um die Politik der Mit-
6 Die „Europäisierung“ der Energiewende – wie JOLHGVVWDDWHQ ]X EHHLQÀXVVHQ (QWVSUHFKHQG PDFKW GLH
weiter? Kommission von diesem ergebnisoffenen und wenig einzel-
VWDDWOLFKHQ :LGHUVWDQG JHQHULHUHQGHQ :HUN]HXJ ÀH[LEOHQ
In den vorangegangen Abschnitten haben wir dargelegt, Gebrauch (Kitzing et al. 2012; Gephart et al. 2012).
dass eine eigenständige Energiepolitik auf EU-Ebene nur
sehr zögerlich institutionalisiert wird und dass eine polari- 6.2 Optionen und Prioritäten
sierende Zuspitzung auf den Antagonismus „zentralisierter
EU-Ansatz vs. nationale Alleingänge“ der Vielschichtig- Welche energiepolitischen Handlungsfelder prioritär für
keit der europäischen Energiepolitik kaum gerecht wird. eine stärker zentralisierte und/oder homogene Ausgestal-
Eine supranationale Harmonisierung „der Energiewende“ tung in Frage kommen, richtet sich einerseits nach der
in allen energiepolitischen Handlungsfeldern ist weder normativen Vorzugswürdigkeit entsprechend der föderalis-
ökonomisch anzustreben noch aus unionsrechtlicher oder mustheoretischen Analyse, andererseits nach der konkreten
polit-ökonomischer Sicht realistisch. Eine sofortige, weit- Machbarkeit anhand der gegebenen rechtlichen Kompeten-

13
56 E. Gawel et al.

zordnung bzw. den polit-ökonomischen Hemmnissen eines RI 7UDQVPLVVLRQ 6\VWHP 2SHUDWRUV IRU (OHFWULFLW\³ (17-
Neuzuschnitts. Schließlich bleibt beachtlich, inwieweit ein SO-E) stellen einen wichtigen Schritt hin zur vollständigen
%HUHLFKEHUHLWVDXIGHUDNWXHOOHQHQHUJLHSROLWLVFKHQ$JHQGD ,QWHJUDWLRQGHUhEHUWUDJXQJVQHW]HGDU6RODQJHMHGRFKZLH
steht, für die sich bald Richtungsentscheidungen abzeich- es derzeit Praxis ist, Netzentwicklungspläne national ent-
nen. Vor diesem Hintergrund zeigen sich vor allem drei worfen und auf europäischer Ebene bloß aufaddiert werden,
energiepolitische Handlungsfelder, in denen dem Koope- kann von einem gemeinsamen Vorgehen beim Netzausbau
rationsausbau aus unterschiedlichen Gründen besondere keine Rede sein.
%HGHXWXQJ ]XNRPPW GLH :HLWHUHQWZLFNOXQJ GHV (PLVVL-
onshandels (a), der Ausbau der EE (b) und die Vollendung 6.2.3 EE-Ausbau
GHV (QHUJLH%LQQHQPDUNWHV HLQVFKOLH‰OLFK WUDQVQDWLRQDOHU
hEHUWUDJXQJVQHW]H F  Deutlich anders stellt sich die Problemlage beim Ausbau der
((GDU8QVHUH$QDO\VHPLWWHOVGHU|NRQRPLVFKHQ7KHRULH
6.2.1 Emissionshandel des Föderalismus ergab keine eindeutige normative Aus-
sage über den „optimalen“ Grad an Zentralisierung (siehe
Der Klimaschutz mit dem Instrument des europäischen 4.2c). Weiterhin lässt die aktuelle Diskussion über die Fort-
Emissionshandels für ausgewählte Emissionssektoren ist schreibung der EU-Klimapolitik nach 2020 momentan eher
das europäische Handlungsfeld par excellence: Aus ökono- auf eine Fragmentierung der EE-Politiken schließen, da laut
mischer und rechtlicher Sicht ist der europäische Raum die Vorschlag der Europäischen Kommission (2014) verbind-
ULFKWLJH 6WHXHUXQJVHEHQH ]XU %HJUHQ]XQJ YRQ 7UHLEKDXV- lich festgelegte EE-Ziele der Mitgliedsstaaten nicht mehr
gasen. Dennoch bestehen in Ausgestaltung und konkretem vorgesehen sind und selbst das gemeinsame EE-Ziel für
Vollzug erhebliche, die Funktionstüchtigkeit beeinträch- GLHJHVDPWH(8LQ)UDJHJHVWHOOWZLUG YJO%XVLQHVVHXURSH
WLJHQGH 'H¿]LWH GLH VLFK DXI SROLW|NRQRPLVFK HUNOlUEDUH 2013; Stavins 2014). Vor diesem Hintergrund scheint ver-
QDWLRQDOH 6RXYHUlQLWlWVYRUEHKDOWH XQG (LQÀXVVQDKPHQ stärkte dezentrale Koordination der einzelnen EE-Förder-
zurückführen lassen (Markussen und Svendsen 2005; Anger SURJUDPPH DQJH]HLJW ± EHL JOHLFK]HLWLJHU %HLEHKDOWXQJ
et al. 2008; Skodvin et al. 2010). Hier kommt es vor allem zumindest des EU-weiten Ausbauziels (siehe auch SRU
darauf an, die ökonomisch sinnvolle und rechtlich eröffnete 2013).
Zentralisierungsperspektive konsequent durchzusetzen und Wie könnte eine verstärkte europäische Koordination
den Emissionshandel als europäischen Hebel zu ertüchtigen der nationalen EE-Politiken aussehen? Mit der Erneuer-
XQG YRQ QDWLRQDOHQ (LQÀXVVQDKPHQ IUHL]XVWHOOHQ =X GHQ bare-Energien-Richtlinie 2009/28/EG sind gemeinsame
(I¿]LHQ]+HPPQLVVHQ]lKOWLPhEULJHQDXFKGDV)HVWKDO- Förderinstrumente, gemeinsame Projekte verschiedener
WHQDQQDWLRQDOHQ7HLO]LHOHQGHU&22-Minderung. 0LWJOLHGVVWDDWHQ XQG VWDWLVWLVFKHU 7UDQVIHU YRQ ((6WURP
zur Anrechnung auf die verbindlichen EE-Ziele zulässig
6.2.2 Binnenmarkt und transnationale Übertragungsnetze (siehe auch Klessmann et al. 2010). Somit besteht bereits
KHXWHHLQHUHFKWOLFKH%DVLVDXIGHUGLH0LWJOLHGVVWDDWHQLKUH
Der avisierte Strombinnenmarkt und die dafür notwendige individuellen Förderinstrumente zu einem gemeinsamen
,QWHJUDWLRQGHUhEHUWUDJXQJVQHW]HVLQGDQVLFKLP(QG]X- )|UGHUUHJLPH]XVDPPHQOHJHQN|QQWHQ%LVKHUKDEHQDOOHU-
stand auf Zentralisierung angewiesen. Davon allerdings dings nur zwei Staaten (Italien und Luxemburg) angedeutet,
sind wir gegenwärtig noch weit entfernt. Zwischenzeitlich dass sie die vorgesehenen Kooperationsmechanismen bis
sind daher weitere Schritte einer engeren Kooperation der 2020 nutzen möchten. Neben den Aktivitäten der Mitglieds-
Mitgliedsstaaten erforderlich. Die Analyse hat gezeigt, dass staaten könnte in Zukunft auch die EE-Förderung durch
die aus ökonomischer Sicht zu erwartenden Wohlfahrts- supranationale Institutionen wie dem European Investment
gewinne verstärkter Kooperation (siehe 4.2d) bisher noch )XQG (,) XQGGHU(XURSHDQ,QYHVWPHQW%DQN (,% HLQHQ
nicht vollständig gehoben werden (siehe 3.1b). größeren Stellenwert einnehmen.
:LFKWLJ LP 6LQQH GHV JHPHLQVDPHQ %LQQHQPDUNWHV Mittelfristig stellt die Marktintegration der EE die viel-
ZlUHYRUDOOHPHLQNRRUGLQLHUWHV9RUJHKHQEHLGHQ7KHPHQ leicht größte Herausforderung für den EE-Ausbau dar. Hier
Kapazitätsmärkte und Netzausbau. Entsprechend warnt die könnte Systemwettbewerb innerhalb Europas zum Auf-
Europäische Kommission (2012) in ihrer Kommunikation ¿QGHQHLQHUÃEHVWSUDFWLFHµ9DULDQWHEHLWUDJHQ(LQ3HUIRU-
]XPJHPHLQVDPHQ%LQQHQPDUNWYRUHLQHUXQNRRUGLQLHUWHQ mance-Vergleich zwischen unterschiedlichen Instrumenten
Einführung verschiedener Kapazitätsmärkte, die nicht auf- zur EE-Marktintegration wäre, ganz im Sinne des labo-
einander abgestimmt sind. ratory federalism (Oates 1999; Ania und Wagener 2014),
Die Entwicklung gemeinsamer europäischer Netzcodes aussichtsreicher als zentral gesteuerte Ansätze. Momentan
durch die Organisationen „Agency for the Cooperation werden verschiedenste Optionen diskutiert, um die Markt-
of Energy Regulators“ (ACER) und „European Network fähigkeit von EE zu verbessern, etwa die Umstellung auf

13
Wie viel Europa braucht die Energiewende? 57

technologie- und größenneutrale Einspeiseprämien. Der 'DYRQ DEJHVHKHQ VLQG GLH SROLW|NRQRPLVFKHQ %DUULH-
bisherige Ansatz in Deutschland mit einer lediglich optio- ren gegenüber einer stärker zentralisierten und homogenen
nalen und überdies „gleitenden Marktprämie“ wird – vor EU-Energiepolitik groß – zumal deren Etablierung unions-
DOOHPPLW%OLFNDXIGLHLQ'HXWVFKODQGGRPLQLHUHQGHQÀXN- rechtlich durch das herrschende Primärrecht gar nicht statt-
tuierenden Erneuerbaren – bislang eher skeptisch beurteilt haft wäre. Das hypothetische Idealkonstrukt einer perfekt
(Gawel und Purkus 2013a, b). integrierten europäischen Energiewende, die alle Ziele aus-
VFKOLH‰OLFKDXI(8(EHQHGH¿QLHUWGHQ6WURP%LQQHQPDUNW
umgehend vollendet und ein (trans-)kontinentales Super
7 Fazit Grid nutzt, taugt energiepolitisch im Wesentlichen nur als
kontrafaktische Folie oder als regulative Vision. Diese darf
%HZHJWVLFK'HXWVFKODQGPLWGHU(QHUJLHZHQGHDXVHXUR- aber nicht als realpolitisch abrufbare Option missverstanden
päischer Sicht ins Abseits? Deutschlands Energiepolitik ist, werden. Der Souveränitätsvorbehalt der Mitgliedsstaaten in
was den EE-Ausbau betrifft, in Ausmaß, Geschwindigkeit ZHVHQWOLFKHQ %HUHLFKHQ GHU (QHUJLHSROLWLN LVW YRUHUVW XQL
und Zeithorizont des Umbaus zweifellos ambitionierter als onsrechtlich schlicht gesetzt, erscheint interessenpolitisch
andere EU-Staaten. Dies gilt vor allem für die langfristigen ]XJOHLFKZHLWJHKHQGYHUULHJHOWXQGGUIWHLPhEULJHQDXFK
=LHOHGHU(QHUJLHZHQGH%LVGHPJHJHQZlUWLJIUGLH die Relevanz unterschiedlicher Präferenzen bei der Energie-
Energiepolitik allein relevanten Zielzeitraum, ist Deutsch- versorgung adressieren, was auch für eine normative ökono-
land aber in allen Zielbereichen unauffällig im europäischen PLVFKH%HXUWHLOXQJQLFKWRKQH%HGHXWXQJLVW
Mittelfeld platziert und bleibt selbst 2020 im Ausbauergeb- Die eingangs zitierten ökonomischen Hauptvorwürfe
nis weiterhin unterdurchschnittlich, was den Anteil der EE JHJHQ 'HXWVFKODQGV (()|UGHUXQJ ± GLH UlXPOLFK LQHI¿-
am gesamten Endenergieverbrauch, ja selbst den Strom- ziente Allokation von EE-Kapazitäten und ein suboptimales
sektor angeht. Insoweit ist Deutschland kein Einzelgän- 7HFKQRORJLHSRUWIROLR ± ZlUHQ YRU DOOHP GDQQ  ]XWUHIIHQG
ger oder gar ein „energiepolitischen Geisterfahrer“ (Sinn soweit auf die (aktuellen) betriebswirtschaftlichen Kos-
2012), der einem angeblichen EU-Mainstream entgegen- WHQ GHU 6WURPJHVWHKXQJ %H]XJ JHQRPPHQ ZLUG 'LH GDU-
VWHXHUH,Q*HJHQWHLOVWHOOWVLFKGLH(8LP%HUHLFK(QHUJLH DXVDEJHOHLWHWH)RUGHUXQJ7HFKQRORJLHXQG6WDQGRUWZDKO
als ausdifferenzierte Politik-Landschaft dar, mit teils großen einem EU-weiten Marktmechanismus zu überlassen, über-
8QWHUVFKLHGHQ EHL GHQ 7HFKQRORJLHSRUWIROLRV XQG HEHQVR geht allerdings entscheidende, in dieser Arbeit thematisierte
heterogenen Policies. Sehr große Diversität zeigt sich Aspekte: Erstens sprechen teilweise heterogene Präferenzen
gerade bei der Nutzung von Atomenergie, weshalb auch bezüglich der diversen nicht marktbewerteten Kosten und
der über zwei Jahrzehnte gestreckte deutsche Atomausstieg Nutzen der Stromversorgung (unterschiedliche Risikoprä-
wohl kaum eine Singularität darstellt. Auf der anderen Seite ferenzen und Schadensbewertungen der Umweltfolgen)
gibt es bereits einige gemeinsame energiepolitische Zielset- gegen eine vollständig zentral geregelte EE-Allokation.
zungen und Absichtserklärungen auf EU-Ebene (20-20-20- Zweitens könnte sich mittelfristig die gesamteuropäische
Ziele, Roadmap 2050), sowie auf der Instrumentenebene $OORNDWLRQVHI¿]LHQ]GXUFKERWWRPXS.RQYHUJHQ]GHU3ROL-
den gemeinsamen Emissionshandel und sogar längere Pha- cies und zwischenstaatliche Kooperation verbessern. Drit-
VHQHLQHU.RQYHUJHQ]LP%HUHLFKGHU(()|UGHUXQJ+LHU tens stellt aufgrund der rechtlichen und polit-ökonomischen
VWHKW'HXWVFKODQGNHLQHVZHJVDOOHLQVRQGHUQHKHULP7UHQG Restriktionen eine vollständig zentral gesteuerte (oder voll-
der Entwicklung. ständig konvergente) technologieneutrale EE-Allokation
$XFK DXV QRUPDWLYHU 6LFKW GHU |NRQRPLVFKHQ 7KHRULH gar keinen für die Praxis relevanten Vergleichsmaßstab dar.
kann eine zentral gesteuerte oder durch dezentrale Koordi- %OHLEHQ DEHU GLH 3ROLWLNDQVlW]H DXI HXURSlLVFKHU (EHQH
QDWLRQLP(UJHEQLVKRPRJHQH(8(QHUJLHSROLWLNNDXPÀl- persistent divers, so lautet doch wohl die entscheidende
FKHQGHFNHQGDOVDSULRULDQ]XVWUHEHQGHUZHLOÄHI¿]LHQWHU³ Frage, wie sich die nationale Energiepolitik in Deutschland
Referenzpunkt gelten. Denn in einigen energiepolitischen vor diesem Hintergrund positionieren soll: Die relevante
Handlungsfeldern wäre eine solche EU-weite Harmonisie- Alternative besteht dann nämlich nicht in einem – objek-
rung sicherlich nicht optimal (Atomenergie) oder zumindest tiv unmöglichen – „europäischen Schulterschluss“, sondern
fraglich (EE-Förderung, Versorgungssicherheit). Erstens vielmehr in fortbestehender Diversität, freilich ohne ambi-
spiegeln die unterschiedlichen Policies der Mitgliedsstaaten tionierte nationale Energiewendepolitik. Selbst wenn und
bis zu einem gewissen Grad immer auch die Risiko- und soweit eine stärkere Zentralisierung und Homogenisierung
8PZHOW3UlIHUHQ]HQGHU%HY|ONHUXQJZLGHU8QG]ZHLWHQV auf EU-Ebene ökonomisch wünschenswert wäre, bleibt dies
EHWRQW GLH |NRQRPLVFKH 7KHRULH GHV )|GHUDOLVPXV GDVV doch politisch kaum eine abrufbare Option. Sollte Deutsch-
unter Unsicherheit selbst bei identischer Problemlage ein land also die Energiewende auf Eis legen, bis Frankreich
dezentralisierter Systemwettbewerb zu insgesamt besseren aus der Atomkraft aussteigt und in Polen Kohle nicht mehr
Ergebnissen führen kann. der wichtigste Energieträger ist? Es erscheint argumentativ

13
58 E. Gawel et al.

fragwürdig, die Diversität der Ansätze innerhalb der EU %HUWUDP )   ((* RGHU 4XRWH" 'LH =XNXQIW GHU 0DUNWLQWHJUD-
heranzuziehen, um speziell die deutsche Energiewendepoli- WLRQ HUQHXHUEDUHU (QHUJLHQ (QHUJLHZLUWVFKDIWOLFKH 7DJHVIUDJHQ
63(5):14–17
tik zu delegitimieren. Gerade durch die EU-weite Diversität %ODQNDUW&  )|GHUDOLVPXVLQ'HXWVFKODQGXQG(XURSD1RPRV
XQGGLHEHVWHKHQGHQ5HVWULNWLRQHQHUJLEWVLFKHLQH%HUHFK- %DGHQ%DGHQ
tigung für eine nationale Energiewendepolitik. Natürlich ist %0:L   0RQLWRULQJ%HULFKW GHV %XQGHVPLQLVWHULXPV IU
hiermit noch nichts über die Güte der konkret gewählten :LUWVFKDIW XQG 7HFKQRORJLH QDFK †  (Q:* ]XU 9HUVRUJXQJV-
VLFKHUKHLW LP %HUHLFK GHU OHLWXQJVJHEXQGHQHQ 9HUVRUJXQJ PLW
,QVWUXPHQWHDXVJHVDJW±ZLHHWZDGLH¿[HQ(LQVSHLVHWDULIH (OHNWUL]LWlW%HUOLQ
des EEG im Vergleich mit anderen Förderinstrumenten zu %0:L  (FNSXQNWHIUGLH5HIRUPGHV((*
bewerten sind, wäre eine gesondert zu diskutierende Frage. %RQQ 0 +HLWPDQQ 1 5HLFKHUW * 9R‰ZLQNHO -   Ä%UVVHOHU
Auf eine stärkere europäische Einbindung nationaler Spitzen“: Europäische Impulse für eine EEG-Reform. Energie-
ZLUWVFKDIWOLFKH7DJHVIUDJHQ  ±
Energiepolitik sollte freilich nicht verzichtet werden. Doch %RUUiV6-DFREVVRQ.  7KHRSHQPHWKRGRIFRRUGLQDWLRQDQG
der oftmals als wünschenswert apostrophierte Sprung zu new governance patterns in the EU. J Eur Public Policy 11:185–208
paneuropäischen Ansätzen wie einem Super Grid oder %|FNHUV 9 *LHVVLQJ / +DXFDS - +HLPHVKRII 8 5|VFK -  
einer EU-weiten Grünstromquote stellt offensichtlich kei- %UDXFKW'HXWVFKODQGHLQHQ.DSD]LWlWVPDUNWIU.UDIWZHUNH"(LQH
Analyse des deutschen Marktes für Stromerzeugung. Ordnungs-
nen politisch realisierbaren Pfad dar. Vielmehr gilt es, in politische Perspektiven Nr. 24. Düsseldorfer Institut für Wettbe-
Zukunft in kleinen Schritten voranzugehen und die bereits werbsökonomie (DICE)
rechtlich vorgesehenen Koordinationsmechanismen beim %|FNHUV 9 +DXFDS - +HLPHVKRII 8   %HQH¿WV RI DQ ,QWHJUD-
EE-Ausbau zu nutzen, die EU-weiten Institutionen zur ted European Electricity Market, DICE Discussion Paper No 109,
Sept. 2013
Kooperation bei Netzausbau und Netzregulierung zu stär- %|U]HO7$  0LQGWKHJDS(XURSHDQLQWHJUDWLRQEHWZHHQOHYHO
ken sowie auf eine Abstimmung bei der eventuellen Ein- and scope. J Eur Public Policy 12(2):217–236
führung von Kapazitätsmärkten zu achten. Die Vorschläge %XQGHVUHJLHUXQJ   (QHUJLHNRQ]HSW IU HLQH XPZHOWVFKRQHQGH
der Europäischen Kommission (2014) zur 2030-Perspektive ]XYHUOlVVLJH XQG EH]DKOEDUH (QHUJLHYHUVRUJXQJ %HVFKOXVV GHV
%XQGHVNDELQHWWV YRP  6HSW  KWWSZZZEXQGHVUHJLH-
lassen jedoch mittelfristig eher auf noch weniger Gemein- rung.de/ContentArchiv/DE/Archiv17/_Anlagen/2012/02/energie-
samkeiten in der Energie- und Klimapolitik schließen. Der NRQ]HSW¿QDOKWPOMVHVVLRQLG $())%$%&'$)'
Verzicht auf eigenständige europäische Erneuerbaren-Ziele 0A4493553.s1t2?nn=437032
entzöge allerdings auch einer möglichen Europäisierung des %XQGHVUHJLHUXQJ  'UHL]HKQWHV*HVHW]]XUbQGHUXQJGHV$WRP-
JHVHW]HV%XQGHVJHVHW]EODWW7HLO,1U±%RQQ
deutschen EE-Ausbaus den Referenzanker. In der so auf die %XVLQHVVHXURSH   $ FRPSHWLWLYH (8 HQHUJ\ DQG FOL-
bunte Welt nationaler Ansätze zurückgeworfenen energie- mate policy. http://www.bdi.eu/download_content/
politischen Landschaft Europas bliebe die deutsche Ener- .OLPD8QG8PZHOWB),1$/B%URFXUHBBHQHUJ\B
giewendepolitik aber wohl eine legitime Antwort auf die DQGBFOLPDWHB/2:B5(62/87,21SGI
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13
Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64
DOI 10.1007/s12398-014-0125-0

Promotion of Electricity from Renewable Energy in Europe Post


2020—The Economic Benefits of Cooperation
Michaela Unteutsch · Dietmar Lindenberger

Published online: 4 February 2014


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2014

Abstract The availability of renewable energies differs sig- Zubau erneuerbarer Energien in Europa nach 2020 –
nificantly across European regions. Consequently, European eine Analyse der Vorteile von Staaten übergreifender
cooperation in the deployment of renewable energy po- Kooperation
tentially yields substantial efficiency gains. However, for
achieving the 2020 renewable energy targets, most countries Zusammenfassung Aufgrund unterschiedlicher meteoro-
purely rely on domestic production. In this paper, we ana- logischer Bedingungen innerhalb Europas variieren die
lyze the benefits of cooperation compared to continuing with regionalen Stromgestehungskosten erneuerbarer Energien
national renewable energy support after 2020. We use an deutlich. Folglich können durch grenzüberschreitende Ko-
optimization model of the European electricity system and operationen beim Zubau erneuerbarer Energien erhebliche
find that compared to a 2030 CO2 -only target (−40 % com- Effizienzgewinne realisiert werden. Nichtsdestotrotz stre-
pared to 1990), electricity system costs increase by 5 to 7 % ben die meisten europäischen Mitgliedsstaaten bislang keine
when a European-wide renewable energy target for electric- Kooperationen an und wollen das 2020er Ausbauziel für er-
ity generation (of 55 %) is additionally implemented. How- neuerbare Energien primär durch den Zubau innerhalb der
ever, these additional costs are 41 to 45 % lower than the ad- eigenen nationalen Grenzen erreichen. In diesem Artikel
ditional costs which would arise if the renewable energy tar- zeigen wir die Vorteile europäischer Kooperation gegenüber
get was reached through national support schemes (without dem Fall auf, dass auch nach 2020 nationale Ansätze wei-
cooperation). Furthermore, the cost reduction achieved by terverfolgt werden. Mit Hilfe eines Optimierungsmodells
cooperation is quite robust with regard to assumptions about des europäischen Strommarktes zeigen wir, dass die Strom-
interconnector extensions and investment cost developments systemkosten um 5–7 % ansteigen würden, wenn neben ei-
of renewable energy technologies. In practice, however, ad- nem reinen CO2 -Ziel für 2030 (−40 % gegenüber 1990) zu-
ministrative issues and questions concerning the fair sharing sätzlich ein europäisches Ziel für den Ausbau erneuerbarer
of costs and benefits between the Member States represent Energien (i.H.v. 55 %) erreicht werden muss. Diese Zusatz-
major obstacles that need to be tackled in order to reach re- kosten sind jedoch 41–45 % niedriger als die Zusatzkosten,
newable energy targets at the lowest costs possible. die entstehen würden, wenn das Ausbauziel für die erneu-
erbaren Energien durch nationale Ansätze verfolgt würde.
Außerdem zeigen wir, dass diese Kooperationsgewinne re-
Keywords Renewable energy · Cooperation mechanisms ·
lativ robust gegenüber verschiedenen Annahmen bezüglich
Power system optimization
dem Ausbau von Grenzkuppelstellen sowie den Investitions-
kosten erneuerbarer Energien sind. Damit auch in der Praxis
zunehmend von der Möglichkeit Gebrauch gemacht wird,
Kooperationsgewinne zu erzielen, müssen jedoch adminis-
M. Unteutsch (B) · D. Lindenberger trative Hemmnisse beseitigt sowie Fragen bezüglich einer
Institute of Energy Economics, University of Cologne,
Vogelsanger Strasse 321, 50827 Cologne, Germany
fairen Kosten-Nutzen-Aufteilung zwischen den Mitglieds-
e-mail: Michaela.Unteutsch@ewi.uni-koeln.de staaten geklärt werden.
62 Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64

Schlüsselwörter Erneuerbare Energien · far from demand centers. On the other hand, in electricity
Kooperationsmechanismen · Stromsystem-Optimierung systems with grid congestions between market regions, co-
operation may possibly also induce cost-savings in the non-
RES-E sector. In this case, cooperation in RES-E support
1 Introduction and Background enables an overall optimization of electricity generation, in-
cluding renewable and non-renewable sources.
For the year 2020, the European Union (EU) has agreed Furthermore, we analyze the robustness of cooperation
upon a target of 20 % for the share of renewable energy gains with regard to interconnector capacity extensions and
sources (RES) in gross final energy consumption, compris- RES-E investment cost developments, which, to our knowl-
ing the electricity, heating and cooling and transportation edge, has thus far been neglected in numerical analyses
sectors. A sectoral breakdown of the national targets was of cooperation gains. Interconnector extensions in Europe
defined by each EU Member State in the National Renew- currently progress very slowly (EWI and energynautics
able Energy Action Plans (NREAP). In addition, the Mem-
2011). If planned interconnector extensions are not realized,
ber States were asked to notify via their NREAPs, whether
gains from cooperation may be lower since electricity can-
they plan to make use of the cooperation mechanisms de-
not be transported from favorable sites to demand centers.
fined in the European Directive 2009/28/EC. The purpose
Also, cooperation gains may be sensitive to RES-E invest-
of these cooperation mechanisms is to facilitate a cost re-
ment cost developments, especially in terms of the resulting
duction in achieving national targets by promoting RES in a
cost-difference between RES-E technologies available in all
different Member State or in a third country in which gener-
countries (e.g., biomass, photovoltaics) and those renewable
ation costs are lower. Across different European regions, full
energy sources that are regionally concentrated (e.g., wind
load hours of fluctuating renewables such as wind and solar
offshore).
technologies vary by factors up to 100 % (Fürsch et al. 2013)
Our main findings include that compared to a CO2 -only
such that substantial potential benefits from cross-border co-
operation arise (see, e.g., EWI 2010). Nevertheless, the na- target for 2030 (−40 % compared to 1990 emission lev-
tional schemes for target achievement stated in the NREAPs els), electricity system costs increase by 5 to 7 % when a
rely almost purely on domestic RES production and hardly European-wide renewable energy target for electricity gen-
envisage the use of cooperation mechanisms. eration (of around 55 %) is additionally implemented. How-
Beyond 2020, a European renewable energy target has ever, these additional costs are 41 to 45 % lower than the ad-
not yet been defined. However, in October 2009, the Euro- ditional electricity system costs which would arise if the re-
pean Council agreed upon the target to reduce greenhouse newable energy target was reached through national support
gas emissions by 80–95 % by 2050 compared to 1990 lev- systems (without cooperation). Furthermore, we find that
els. Within the European “Roadmap for moving to a com- the cooperation gains (i.e., the cost reduction achieved by
petitive low carbon economy in 2050” an emission reduc- cooperation) are quite robust. Though the optimal regional
tion of 40 % by 2030 was identified as an important mile- and technological generation mix is influenced by different
stone (EC 2011a). Furthermore, in the EU Energy Roadmap, levels of interconnector extensions and varying investment
possible decarbonization pathways to reach the 2050 targets costs for RES-E technologies, cooperation gains decrease
were analyzed. All decarbonization pathways outlined in the only slightly when interconnectors are not further extended
Roadmap include substantial deployments of renewable en- (compared to today) and depend only slightly on assump-
ergies within the coming decades, reaching RES-E shares tions about investment cost developments of renewable en-
between 50 % and 60 % in 2030 (EC 2011b). ergy technologies. With regard to the practical implementa-
In this paper, we analyze the benefits of a larger use of co- tion of cooperation, however, unclear administrative issues
operation mechanisms beyond 2020, compared to effects of and questions concerning the fair sharing of costs and ben-
continuing with national RES support as currently envisaged efits between the Member States represent major obstacles
by almost all Member States for the period up to 2020. We that need to be tackled in order to reach renewable energy
focus on the electricity sector and use a large-scale linear op- targets at the lowest costs possible.
timization model of the European power system, including The remainder of the paper is structured as follows: In
investment and dispatch decisions for thermal, renewable Sect. 2 we provide an overview of related literature. In
and storage technologies. This modeling approach allows us Sect. 3 we describe the methodological approach of our
to take into account the interdependencies between regional analysis and present the most important assumptions under-
renewable deployment and its effects on the power system. lying the scenario analysis. Section 4 covers model results
On the one hand, cooperation may possibly lead to higher and interpretations. In Sect. 5 we address possible obstacles
RES-E integration costs because of a higher regional con- to cooperation, which need to be tackled in order to increase
centration of RES-E generation on sites with favorable me- cooperation between Member States. Conclusions are drawn
teorological conditions, which, however, are often located in Sect. 6.
Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64 63

Table 1 Overview of related literature

Authors Model used Cooperation gains are Resulting cooperation gains


quantified in terms of:

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RES-E supply
Ragwitz et al. (2007) Green-X support expenditures for −33 to −37 % or up to + 12 % (depending on
RES-E (€/MWh) support design)
EWI (2010) LORELEI & DIME total costs of RES-E −20 % (cumulated 2008–2020)
generation
Capros et al. (2011) PRIMES total energy system costs −16 to −25 % (depending on other policy
options, e.g. implementation of CDM)
Aune et al. (2012) LIBEMOD additional energy system −70 % (yearly costs)
costs (due to RES target)
Jägemann et al. (2013) DIMENSION total costs of electricity −10 % (cumulated 2010–2050)
generation

2 Related Literature and Contribution of the Current electricity generation sector, which covers thermal, renew-
Work able and storage technologies. The authors determine the ex-
cess costs of technology-specific national RES-E targets for
The discussion surrounding stronger cooperation in renew- 2020, as defined in the NREAPs, compared to a technology-
able energy support in Europe has a history spanning more neutral European-wide RES-E target for 2020.
than a decade. Already in the context of the 2001 EU Re- We use the same general modeling framework as Jäge-
newables Directive (2001/77/EC), which defines (indica- mann et al. (2013) to determine the benefits of European co-
tive) renewable targets for 2010, have many authors dis- operation in the decade 2021 to 2030 and to analyze the ro-
cussed the potential benefits of European-wide harmonized bustness of cooperation gains with regard to interconnector
support systems (e.g., Voogt et al. 2001 and Del Río 2005) extensions and RES-E investment costs. Cooperation gains
or the suitability of different support scheme designs for in the decade 2021 to 2030, a period that is currently in the
a harmonized approach (e.g., Lauber 2004; Munoz et al. focus of the political debate, have thus far hardly been an-
2007 and Söderholm 2008). For the target year 2020, pos- alyzed. To our knowledge, only one other analysis of co-
sible gains from harmonization have been quantified, e.g., operation gains arising in the period post 2020 has been
by Ragwitz et al. (2007), EWI (2010), Capros et al. (2011), published. The study conducted by Booze & Company et
Aune et al. (2012) and Jägemann et al. (2013). Although the al. (2013) mainly deals with the effects of larger European
authors use different model types, which in turn have dif- electricity and gas market integration in general. In addition,
ferent regional and technological coverage, all authors find Booze & Company et al. (2013) calculate the cost savings
that cooperation in RES may yield substantial cost savings. achieved by a reallocation of photovoltaic and wind capac-
An overview of the models used for these analyses and the ities that are installed in the year 2030 in a scenario taken
quantified cooperation gains is provided in Table 1. from the EU Energy Roadmap (EC 2011b) to regions where
While Voogt et al. (2001) quantify the benefits of a EU- higher load factors can be achieved.1 In their analysis, gen-
wide cooperation for the achievement of the 2010 RES-E eration levels taken from the EU Roadmap scenario are held
targets, all other papers analyze cooperation gains in the constant when reallocating the photovoltaic and wind capac-
context of the 2020 targets. Voogt et al. (2001) and EWI ities. A cost reduction is achieved, because less capacities
(2010) analyze cooperation gains in terms of cost savings are required to generate the same amount of wind-based and
for electricity supply from RES, either in terms of absolute photovoltaic-based electricity (compared to the original al-
costs (EWI 2010) or in terms of additional costs with re- location of capacities). In contrast, our approach of optimiz-
gard to electricity market prices (Voogt et al. 2001). In con- ing investment and dispatch decisions of power plants, both
trast, Ragwitz et al. (2007) compare support expenditures in the cases with and without cooperation, takes into account
for RES-E under different promotion systems. Capros et al.
(2011) and Aune et al. (2012) apply multi-market models
1 Note also that Booze & Company et al. (2013) refer to a Siemens AG
and determine cost savings in terms of energy system costs,
presentation in which cost savings from a reallocation of wind and pho-
including electricity supply costs as well as costs in other en- tovoltaics capacities in the period 2012–2030 are shown. However, no
ergy markets (e.g., natural gas). Jägemann et al. (2013) use further information on the applied methodology or the assumed input
a large-scale dynamic optimization model of the European parameters is provided in this presentation.
64 Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64

that not only a different regional allocation but also a dif- 3.1 Model Description
ferent technological generation mix may be optimal when
European-wide cooperation is possible. The model minimizes total discounted system costs of the
In addition, the influence of different interconnector ca- European electricity system. These costs comprise invest-
pacity restrictions and of different RES-E investment cost ment, fixed operation and maintenance, variable production
developments on possible gains from cooperation has thus and ramping costs.4 Costs are minimized subject to the con-
far been neglected in almost all numerical analyses of coop- ditions of meeting hourly electricity demand in each market
eration gains. To our knowledge, only Booze & Company region and of ensuring security of supply. For the latter con-
et al. (2013) indicate a range of cost savings from using dition, securely available generation capacities must be suf-
favorable renewable energy production sites in Europe, de- ficient to cover peak demand (increased by a security mar-
pending on different photovoltaic costs.2 Moreover, the in- gin). In addition, European-wide CO2 emissions are limited
fluence of limited interconnector extensions on coordinated by an emission cap. RES-E targets must be met either on a
RES-E supply has recently been addressed in a theoretical national or on a EU-wide level, depending on the scenario.
Furthermore, the electricity infeed and/or the amount of con-
two-country model by Laffont and Sand-Zantman (2012).
struction of certain technologies is restricted due to meteo-
Their key finding is that the optimal level of coordination
rological conditions (such as wind speed, solar radiation and
in RES-E support depends on the level of transmission ca-
water inflows to hydro reservoirs), space potentials (e.g., for
pacity between the two countries. Moreover, Saguan and
wind parks), fuel potentials (e.g., for biomass or lignite) or
Meeus (2012) analyze the interaction between cooperation
political restrictions (such as nuclear phase-out plans). Cur-
in renewable energy support and cooperation in transmis- tailment of renewable energy infeed is endogenously chosen
sion planning in a two-region modeling example. However, by the model as long as this option reduces system costs
for a real-world electricity system, the influence of intercon- (e.g., because ramping costs can be avoided). Electricity
nector extensions on the level of cooperation gains, to our import and export streams are limited by exogenously de-
knowledge, has not yet been quantified. fined net-transfer-capacity values between market regions.
Within market regions, grid copper plates are assumed. Fur-
ther model elements are described in Richter (2011).
Within this analysis, we model all Member States of the
3 Methodological Approach and Assumptions
European Union (with the exception of Malta and Cyprus),
Switzerland and Norway. Different wind and solar condi-
We use a dynamic linear dispatch and investment model for tions throughout Europe are captured by modeling 47 wind
Europe incorporating thermal, storage and renewable tech- onshore regions, 42 wind offshore regions and 38 photo-
nologies. The model is an extended version of the long-term voltaic regions, which are determined according to meteoro-
investment and dispatch model DIMENSION of the Insti- logical data (EuroWind 2011).5 The different hourly, daily
tute of Energy Economics (University of Cologne), as pre- and seasonal characteristics of renewable infeed and elec-
sented in Richter (2011). The model in its extended version tricity demand are captured by modeling four typical days
has been recently applied, e.g., by Fürsch et al. (2013) (who per model year.
provide a detailed model description).3 In the following, we The model incorporates thermal, renewable and storage
briefly summarize the main model characteristics (Sect. 3.1) technologies. The existing European power plant fleet is
and give an overview of the input parameters chosen for the represented by different vintage classes, which account for
analysis presented (Sect. 3.2). different technical properties such as conversion efficien-
cies. Thermal power plants can be equipped with combined-
heat-power-technology and/or carbon-capture-and-storage
2 Inthe analysis of Booze & Company et al. (2013), the level of photo- (CCS) (from 2030 onwards). We assume that, before 2025,
voltaic investment costs influences the magnitude of the cost savings, only nuclear plants already under construction today can be
because it determines the value of the photovoltaic capacities which commissioned. However, existing plants can be retrofitted
can be reduced through reallocation. In contrast, in our analysis, dif-
ferent investment cost assumptions influence the optimal generation
to increase plant lifetime by 10 years. Endogenous storage
and capacity levels of various renewable energy technologies (both in investments are only possible for compressed-air-storage
the cases with and without cooperation). technology, as pump storage and hydro storage potentials
3 The DIMENSION model is based on the DIME model of the Institute

of Energy Economics (Bartels 2009). DIME has been applied, e.g., by


4 In contrast, combined heat and power plants can earn incomes from
Nagl et al. (2011), Paulus and Borggrefe (2011), Grave et al. (2012)
and Fürsch et al. (2012). The extended version of the DIMENSION the heat market, which are deducted from the objective value. Thus, the
model, as presented in Fürsch et al. (2013), includes most elements of objective value only includes costs induced by the supply of electricity.
the renewable energy investment model LORELEI (Wissen 2011). 5 For an overview of these regions, see EWI and energynautics (2011).
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Table 2 Final electricity


demand [TWhel ] and potential 2010 2020 2030
heat generation in CHP plants
[TWhth ] Austria (AT) 66 (40.7) 74 (41.2) 80 (41.5)
Belgium (BE) 97 (14.5) 111 (14.7) 119 (14.8)
Bulgaria (BG) 36 (6.8) 37 (6.9) 41 (7.0)
Czech Republic (CZ) 70 (54.0) 84 (55.1) 95 (55.7)
Denmark (DK) 36 (54.0) 38 (54.7) 43 (55.1)
Estonia (EE) 10 (1.4) 11 (1.4) 12 (1.4)
Finland (FI) 88 (64.4) 102 (65.2) 109 (65.7)
France (FR) 533 (31.2) 546 (31.6) 585 (31.8)
Germany (DE) 604 (191.0) 562 (192.4) 562 (192.9)
Greece (GR) 59 (17.1) 68 (17.4) 79 (17.7)
Hungary (HU) 43 (13.9) 51 (14.2) 58 (14.4)
Ireland (IE) 29 (3.2) 33 (3.2) 35 (3.3)
Italy (IT) 357 (166.1) 375 (169.2) 433 (171.7)
Latvia (LV) 7 (6.4) 9 (6.5) 10 (6.6)
Lithuania (LT) 7 (4.7) 9 (4.8) 10 (4.9)
Luxembourg (LU) 6 (0.9) 7 (0.9) 7 (0.9)
Netherlands (NL) 124 (112.8) 136 (114.3) 146 (115.1)
Norway (NO) 104 (3.6) 119 (3.6) 127 (3.6)
Poland (PL) 141 (91.5) 170 (93.3) 191 (94.4)
Portugal (PT) 55 (13.6) 65 (13.9) 75 (14.1)
Romania (RO) 62 (91.5) 74 (93.3) 83 (94.4)
Slovakia (SK) 29 (16.7) 33 (17.0) 38 (17.2)
Slovenia (SL) 14 (1.2) 16 (1.2) 18 (1.2)
Spain (ES) 291 (57.9) 375 (59.0) 433 (59.9)
Sweden (SE) 152 (28.9) 155 (29.3) 166 (29.5)
Switzerland (CH) 59 (0.7) 67 (0.7) 72 (0.7)
United Kingdom (UK) 369 (67.2) 377 (68.1) 404 (68.6)

are already largely used and further investments are often development after 2030, electricity demand growth rates are
difficult due to environmental concerns. Renewable tech- based on EWI and energynautics (2011). In addition, the po-
nologies covered by the model include photovoltaics (base tential heat generation in CHP plants per country is depicted
and roof), concentrated solar power (CSP), onshore wind, (based on EURELECTRIC 2008 and Capros et al. 2010; see
offshore wind (deep and shallow water), biomass (solid and also EWI and energynautics 2011).
gas), hydro (run-of-river and storage) and geothermal power. Table 3 depicts the investment cost development up to
In addition, different wind turbine classes, available at dif- 2030. Assumptions are based on EWI and energynautics
ferent points in time, are modeled to represent technologi- (2011) with the exception of photovoltaic investment costs,
cal progress (see Wissen 2011 and EWI and energynautics which have been adapted in order to account for recent cost
2011). degressions (BSW 2011). Furthermore, investment costs for
concentrating solar plants have been adapted according to
3.2 Assumptions data from IRENA (2012), Turchi et al. (2010) and Hinkley
et al. (2011).
Table 2 depicts the assumed final electricity demand devel- Table 4 shows the conversion efficiencies, CO2 emis-
opment per country up to 2030. Up until 2020, the demand sion factors, technical availability, operational and main-
development is based on the ‘additional energy efficiency’ tenance costs and the technical lifetime for conventional
scenario of the NREAPs (Beurskens et al. 2011).6 For the plants (taken from EWI and energynautics 2011).
Table 5 reports technological and economic characteris-
6 For Norway and Switzerland, which do not have a NREAP, electricity tics for renewable energy technologies (taken from EWI and
demand growth rates based on EWI and energynautics (2011) have energynautics 2011). The availabilities of fluctuating renew-
been applied. able energy technologies vary on an hourly level and be-
66 Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64

Table 3 Investment costs [€2010 /kW]

2020 2030 2020 2030

Nuclear 3 157 3 157 Biomass gas 2 398 2 395


Nuclear Retrofit 300 300 Biomass gas—CHP 2597 2595
Hard Coal 1 500 1 500 Biomass solid 3 297 3 293
Hard Coal—innov. 2 250 1 875 Biomass solid—CHP 3 497 3 493

Hard Coal—CCS – 2000 Geothermal (hot dry rock) 10 504 9 500


Hard Coal—innov. CCS – 2 475 Geothermal (high enthalpy) 1 050 950
Hard Coal—innov. CHP 2 650 2 275 PV ground 1 440 990
Hard Coal—innov. CHP and CCS – 2 875 PV roof 1 600 1 100
Lignite 1 850 1 850 Concentrated solar power 3423 2926
Lignite—innov. 1 950 1 950 Wind onshore 6 MW 1 221 –
Lignite—innov. CCS – 2 550 Wind onshore 8 MW – 1161
OCGT 700 700 Wind offshore 5 MW (shallow) 2 615 –
CCGT 1 250 1 250 Wind offshore 8 MW (shallow) – 2 512
CCGT—CCS – 1 550 Wind offshore 5 MW (deep) 3 105 –
CCGT—CHP 1500 1500 Wind offshore 8 MW (deep) – 2956
CCGT—CHP and CCS – 1700

Pump storage – –
Hydro storage – –
CAES 850 850

Table 4 Economic-technical parameters for conventional and storage technologies

Technologies η (gen) η (load) CO2 factor Avail FOM costs Lifetime


[%] [%] [t CO2 /MWhth ] [%] [€2010 /kW] [a]

Nuclear 33.0 – 0.0 84.50 96.6 60


Hard Coal 46.0 – 0.335 83.75 36.1 45
Hard Coal—innovative 50.0 – 0.335 83.75 36.1 45
Hard Coal—CCS 42.0 – 0.034 83.75 97.0 45
Hard Coal—innovative CCS 45.0 – 0.034 83.75 97.0 45
Hard Coal—CHP 22.5 – 0.335 83.75 55.1 45
Hard Coal—CHP and CCS 18.5 – 0.034 83.75 110.0 45
Lignite 43.0 – 0.406 86.25 43.1 45
Lignite—innovative 46.5 – 0.406 86.25 43.1 45
Lignite—innovative CCS 43.0 – 0.041 86.25 103.0 45
OCGT 40.0 – 0.201 84.50 17.0 25
CCGT 60.0 – 0.201 84.50 28.2 30
CCGT—CHP 36.0 – 0.201 84.50 40.0 30
CCGT—CCS 53.0 – 0.020 84.50 88.2 30
CCGT—CHP and CCS 33.0 – 0.020 84.50 100.0 30

Pump storage 87.0 83.0 0.0 95.00 11.5 100


Hydro storage 87.0 – 0.0 95.00 11.5 100
CAES 86.0 81.0 0.0 95.00 9.2 40
Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64 67

Table 5 Economic-technical
parameters for renewable Technologies Efficiency Availability Secured FOM costs Lifetime
technologies [%] [%] capacity [%] [€2010 /kW] [a]

Biomass gas 40.0 85 85 120 30


Biomass gas—CHP 30.0 85 85 130 30
Biomass solid 30.0 85 85 165 30
Biomass solid—CHP 22.5 85 85 175 30
Geothermal (HDR) 22.5 85 85 300 30
Geothermal 22.5 85 85 30 30
PV ground – – 0 15 25
PV roof – – 0 17 25
Concentrated solar power – – 40 120 25
Wind offshore 6 MW (deep) – – 5 152 25
Wind offshore 8 MW (deep) – – 5 160 25
Wind offshore 6 MW (shallow) – – 5 128 25
Wind offshore 8 MW (shallow) – – 5 136 25
Wind onshore 6 MW – – 5 41 25
Wind onshore 8 MW – – 5 41 25
Run-of-river hydropower – – 50 11.5 100

Table 6 Fuel costs in €2010 /MWhth tion.7 The RES-E share of 55 % was chosen in line with
2008 2020 2030 the decarbonization pathways of the EU Roadmap, includ-
ing RES-E shares between 50 % and 60 % in 2030 (see
Nuclear 3.6 3.3 3.3 Sect. 1). Both national and EU-wide coordinated RES-E
Coal 17.28 12.5 12.8 support is modeled as a technology-neutral support, imply-
Lignite 1.4 1.4 1.4 ing that technologies with lowest costs are chosen first—
Natural gas 25.2 28.1 28.3 either on a national or on an EU-wide level. Moreover, in
Biomass (solid) 15.0–27.7 15.7–34.9 16.7–35.1 both cases, the technology-specific national NREAP tar-
Biomass (gas) 0.1–70.0 0.1–67.2 0.1–72.9
gets are reached in 2020 (see Beurskens et al. 2011 for an
overview), whereas possible gains from cooperation only
refer to the subsequent timeframe 2021–2030. We analyze
tween the different meteorological regions throughout Eu- possible gains from EU-wide cooperation in RES-E sup-
rope, and are thus not able to be depicted in Table 5. The port for different national target settings as well as for dif-
ferent assumptions regarding interconnector extensions and
secured capacity corresponds to the share of capacity that
RES-E investment cost developments. The setting of the
can be assumed to be securely available at peak demand (see
national targets is crucial in determining the magnitude of
EWI and energynautics 2011).
the cooperation gains as the distribution of the targets dic-
Table 6 depicts the assumed fuel price development up to
tates the reference costs against which the cooperation gains
2030. Assumptions are based on IEA (2011) and EWI and
are calculated. The availability of interconnector capaci-
energynautics (2011). The CO2 price is determined endoge-
ties restricts the use of favorable RES-E sites in regions
nously in the model by imposing a CO2 emission reduction
with low electricity demand and thus presumably also in-
(in the power sector) of 20 % (40 %) compared to 1990 lev-
fluences the magnitude of the cooperation gains. Similarly,
els by 2020 (2030). the development of RES-E investment costs presumably in-
fluences the magnitude of the cooperation gains because

4 Scenario Analysis 7 As the electricity systems of Switzerland and Norway are embed-

ded in the European power system, these two countries are included
4.1 Scenario Definition in the calculation even though the countries are not part of the EU.
Norway and Switzerland can therefore contribute in reaching the com-
mon RES-E target in the cooperation case. However, we assume that,
We compare the costs of achieving a European RES-E regardless of the national target setting for the EU Member States, the
share of 55 % by 2030 using national RES-E support to targets for Switzerland and Norway remain close to today’s RES-E
the costs of achieving the target under EU-wide coopera- shares, which significantly exceed the EU average.
68 Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64

Table 7 Overview of modeled


scenarios Energy economic assumptions
Reference Without TYNDP Lower Offshore Lower Photovoltaic
Wind Costs Costs

Target setting Equal Share


Extrapolation National RES-E support vs. EU-wide cooperation
Flatrate Growth

cost differences vary between the generation options avail- • ‘Reference’: Interconnectors are extended according
able in all countries and those that are regionally concen- to ENTSOE’s Ten-Year-Network-Development-Plan
trated. Table 7 provides an overview of the modeled scenar- (TYNDP, see ENTSO-E 2010). Assumed investment
ios. costs for RES-E correspond to those depicted in Table 3.
With regard to the setting of national targets, we model • ‘w/o TYNDP’: Interconnectors are not extended. Net-
the following cases: transfer-values (NTC) remain at today’s level. All other
assumptions are identical to the ‘Reference’ case.
• ‘Equal share’: Each Member State must increase its
• ‘Lower Offshore Wind Costs’: Investment costs for off-
RES-E share up to 55 % by 2030.
shore plants are 10 % lower than depicted in Table 3. All
• ‘Extrapolation’: The RES-E deployment of each country,
other assumptions are identical to the ‘Reference’ case.
as stated by its NREAP 2020 target, is extrapolated to
• ‘Lower Photovoltaic Costs’: Investment costs for photo-
2030.8
voltaic systems are 10 % lower than depicted in Table 3.
• ‘Flatrate growth’: Each Member State must increase its
All other assumptions are identical to the ‘Reference’
2020 RES-E share by 20 percentage points by 2030.
case.
The different settings of national targets cover a broad
We model sensitivities with regard to interconnector exten-
range of possible effort sharing agreements. The ‘Equal
sions and to offshore wind and photovoltaic investment costs
share’ target setting results in a large effort for countries
for two reasons: First, both network extensions and cost de-
that have low RES-E shares in 2020, while other coun-
gressions of renewables are subject to high uncertainty—
tries (such as Sweden and Austria) already exceed the 55 %
either because, e.g., opposition from the local population of-
share in 2020 and thus would not require a further increase
ten leads to delays of planned network extensions or because
in their share. In the ‘Extrapolation’ case, the greatest ef-
technological progress is uncertain. Second, both aspects
fort is demanded from those countries which also made the
potentially have a high influence on the extent of coopera-
greatest effort in the 2010–2020 decade. However, these are
tion gains. Lower interconnector capacities presumably lead
mostly countries with a high GDP per capita and/or favor-
to lower gains from cooperation because the best RES-E
able RES-E potentials, as these components were used to
sites in Europe can be used to a lesser extent. In contrast,
determine the 2020 target distribution. The ‘Flatrate growth’
lower costs of offshore wind presumably increase the ben-
target setting poses the same burden on all countries as far efit from cooperation, as favorable potentials for offshore
as the percentage increase is concerned. However, also in wind are regionally concentrated in Northern Europe and
this case, the slope of the RES-E merit order curve and the can be used to a larger extent in a cooperative European sup-
demand development in each country essentially determine port system. The benefit of using these resources further in-
the burden imposed by the national targets. An overview of creases if investment costs of offshore plants are low. Lower
the assumed national RES-E targets can be found in the Ap- investment costs for photovoltaic, on the one hand, may sim-
pendix (Table 13).9 ilarly increase the benefit from cooperation due to the in-
With regard to interconnector extensions and RES-E in- creased opportunity of using sites with high solar radiation
vestment cost developments, we model the following refer- in the Mediterranean region. On the other hand, potentials
ence case and sensitivity analyses: (however not necessarily favorable ones) for photovoltaic
systems exist in all countries, such that this generation op-
8 Note that in order to ensure that an EU-wide target of around 55 % is tion may be used to a larger extent under a national target
reached by all national target settings the ‘Extrapolation’ case includes scheme. Thus, given lower photovoltaic costs, the achieve-
a flatrate increase of 5 percentage points in each country in addition to
ment of national targets may be less costly. In the follow-
the extrapolation.
9 Note that we assume a linear pathway for achieving the 2030 targets
ing, we present results for the reference case (Sect. 4.2)
and thus also set 2025 RES-E (and CO2 ) targets. These 2025 targets and discuss the influence of interconnector extensions and
are determined as a linear interpolation between the 2020 and the 2030 RES-E investment cost developments on potential coopera-
targets. tion gains (Sects. 4.3 and 4.4, respectively).
Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64 69

Table 8 Differences in European electricity generation [TWh] and generation capacities [GW] between national support and cooperation in 2030
(Reference)

Equal Share Extrapolation Flatrate Growth


National Coop. Diff. National Coop. Diff. National Coop. Diff.

Generation [TWh]
Nuclear 866 968 −102 978 1011 −34.0 947 1000 −54
Lignite 370 362 7 366 367 −1.0 369 366 4
Coal 480 399 81 473 427 46.0 439 413 26
Gas 48 56 −8 42 67 −25.0 63 61 3
Oil 0 0 0 0 0 0.0 0 0 0
Storage 78 87 −9 84 81 3.0 78 85 −7
Hydro 551 552 0 552 552 0 552 552 0
Biomass 208 174 34 178 170 8 186 172 14
Wind onshore 706 711 −5 689 705 −16 704 707 −3
Wind offshore 299 359 −61 299 335 −37 244 345 −101
PV 370 325 45 324 270 54 393 291 102
CSP 49 47 1 49 48 0 49 47 1
Geothermal 94 94 0 94 93 1 94 94 1
Others 56 56 0 56 56 0 56 56 0

Capacity [GW]
Nuclear 141 151 −10 149 154 −5 147 153 −6
Lignite 57 56 2 56 57 −1 57 56 1
Coal 73 65 8 73 66 7 69 65 3
Gas 147 147 −1 147 147 0 151 147 4
Oil 5 5 0 5 5 0 5 5 0
Storage 78 82 −3 78 76 2 74 79 −4
Hydro 154 155 −1 155 155 0 155 155 0
Biomass 29 24 5 25 24 1 26 24 2
Wind onshore 315 311 4 301 308 −6 310 309 2
Wind offshore 89 91 −2 82 85 −3 69 87 −19
PV 311 251 60 273 205 68 330 223 108
CSP 11 11 0 11 11 0 11 11 0
Geothermal 13 13 0 13 13 0 13 13 0
Others 11 11 0 11 11 0 11 11 0

4.2 Results—Reference Case photovoltaic systems and wind plants (onshore and offshore)
have lower energy outputs in the national support scenar-
Table 8 depicts differences between the national and the EU- ios, because sites with comparatively low solar radiation
wide RES-E support scenarios in 2030 in terms of European and low wind speeds are also used in achieving national tar-
electricity generation and European generation capacities. gets. Thus, e.g., onshore wind capacities in the ‘Equal Share’
Regardless of the national target setting (Equal Share, Ex- and the ‘Flatrate Growth’ scenarios are lower when RES-E
trapolation or Flatrate Growth), generation from coal plants, support is coordinated, although wind onshore generation is
photovoltaic systems and biomass plants is higher when higher. In the following differences between the generation
RES-E targets are achieved on a national level, while gen- and capacity levels under national and cooperative support
eration from nuclear plants as well as from on- and off- are discussed in more detail.
shore wind plants is higher when RES-E support is coor- Generation from photovoltaic systems, biomass plants
dinated on the European level. Capacity differences reflect and coal plants is higher in the national support scenarios.
varying technological and regional generation patterns un- The reason for higher photovoltaic generation is a higher
der national and cooperative RES-E support. On average, generation at sites with low solar radiation (e.g., in Bel-
70 Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64

Table 9 RES-E generation in national and cooperative support scenarios in 2030 in selected countries [TWh]

Equal Share Extrapolation Flatrate Growth


National Coop. Diff. National Coop. Diff. National Coop. Diff.

Group A
Belgium 53 32 21 50 32 18 49 32 17
Finland 60 38 22 49 34 15 58 34 24
Germany 309 258 51 364 256 108 329 258 72

Group B
France 322 265 57 254 252 3 275 254 21
Czech Republik 52 24 28 25 23 1 33 24 8
Greece 43 46 −2 56 42 14 47 44 3
Poland 105 68 37 68 68 0 75 68 7
Sweden 105 110 −5 126 110 16 137 110 27
United Kingdom 222 210 13 234 199 36 206 205 1

Group C
Ireland 23 47 −23 27 46 −19 30 47 −17
Netherlands 80 121 −41 103 121 −18 83 121 −38
Norway 127 204 −77 127 193 −65 127 195 −68
Portugal 43 70 −27 55 65 −10 56 65 −9
Spain 238 297 −59 244 295 −51 260 297 −37

Group D
Italy 238 198 40 169 180 −11 201 189 12

gium, Germany and even in Sweden when a national target at sites with high wind speeds is associated with compara-
of 83 % must be reached in the ‘Flatrate Growth’ scenario) tively low generation costs. Additional offshore generation
which overcompensates for lower generation at sites with in the cooperative (compared to the national) support sce-
high solar radiation (e.g., in Spain and Portugal), which are narios mainly comes from Scandinavia, the Netherlands and
used to a higher extent in the cooperative support scenarios. Ireland. However, offshore generation in the national sup-
Higher biomass generation in the national support scenarios port scenarios is higher in Germany and, depending on the
can be mainly attributed to additional generation in Finland national target setting, in France and the United Kingdom.
and in the Equal Share scenario also to higher biomass gen- In addition, total RES-E generation is higher in the na-
eration in Hungary and Italy. Higher coal generation in the tional support scenarios because RES-E generation exceeds
national support scenarios essentially replaces nuclear gen- national targets in countries with favorable meteorological
eration. Generation from nuclear plants is lower on a Euro- conditions for wind- or solar-based electricity generation
pean level because, in the national support scenarios, RES-E and low national targets compared to their RES-E potential
generation in countries with existing nuclear plants or po- (e.g., in Portugal and Ireland). This additional RES-E gener-
litical plans to construct nuclear plants (FR, BG, CZ, PL, ation contributes to a cost-efficient achievement of the CO2
SK, RO) is usually higher than in the cooperative scenar- emission reduction target. In the cooperative support scenar-
ios. Due to limited interconnector capacities—despite ex- ios, RES-E generation from these favorable sites replaces
tensions according to the TYNDP—high nuclear in addition RES-E generation in other regions and the CO2 emission
to high RES-E generation would exceed regional demand reduction target is achieved by a higher generation from nu-
and export possibilities in these countries. The largest differ- clear plants.
ence between nuclear and coal generation occurs when each Additional results of the cost-efficient regional RES-E
country is required to reach a 55 % RES-E share (‘Equal deployment in the cooperative support scenarios and the re-
Share’). This target distribution leads to the highest RES-E spective deviations in the national support scenarios are pro-
generation in France, which impedes the use of French nu- vided in Table 9.10 The table depicts the RES-E generation
clear plants. Generation from wind plants, especially from
offshore wind plants, is substantially higher in the scenarios 10 Notethat we use the term ‘cost efficient’ in the context of a
with cooperative RES-E support because wind generation European-wide RES-E target—with a CO2 emission reduction target
Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64 71

Table 10 Additional costs


induced by the 2030 RES-E Equal Extra- Flatrate
target and cooperation gains share polation growth
(2021–2030)
Additional costs of 2030 RES-E target—national support (bn. €2010 ) 166 125 133
Additional costs of 2030 RES-E target—cooperative support (bn. €2010 ) 93 68 79
Gains from cooperation (bn. €2010 ) 73 57 54
Gains from cooperation (%) 44 45 41

per country, depending on the different settings of national Additional electricity system costs induced by the 2030
targets, both for the national and for the cooperative support RES-E target vary between 68 and 93 bn. €2010 if the
scenarios. In Table 9, only about half of the countries mod- RES-E target is cost-efficiently reached by using efficient
eled are depicted. The countries listed are those countries technologies and sites throughout Europe. The cost differ-
which yield the greatest deviation in RES-E generation from ences between the different cooperative support scenarios
their national targets, when a European-wide cooperation is result from slightly different 2030 RES-E shares. The ‘Ex-
implemented. trapolation’ and the ‘Flatrate Growth’ target distribution re-
The countries depicted have been clustered into four sult in a European RES-E target of approximately 55 %
groups: Countries in the ‘A’ group are characterized by (54.5 % and 55.4 %, respectively). The ‘Equal Share’ tar-
higher RES-E generation in the national support scenarios get distribution results in a higher European RES-E target
compared to the cooperative support scenarios, regardless (56.8 %) because some countries already exceed the 55 %
of the national target setting. Countries in the ‘B’ group are share in their 2020 NREAP targets. However, it becomes
also characterized by a higher RES-E generation in the na- clear that, given our assumptions, the European RES-E merit
tional support scenarios under most scenario settings; how- order curve is relatively steep given RES-E shares of ap-
ever, for at least one target setting, hardly a deviation from proximately 55 %: While the RES-E share in the ‘Flatrate
the cost-efficient generation in the cooperative support sce- Growth’ scenario is 0.9 percentage points higher than in
narios occurs. In countries, belonging to the ‘C’ group, the ‘Extrapolation’ scenario (corresponding to 1.6 % higher
RES-E generation in the national support scenarios is al- RES-E generation), additional costs of achieving the 2030
ways lower than in the cooperative support scenarios. These RES-E target increase by 16 %.11 Comparing the additional
countries are characterized by high wind speeds or high so- electricity system costs of the 2030 RES-E target of the na-
lar radiation. Italy (‘D’ group) is a special case because, de- tional versus the cooperative support scenarios, gains from
pending on the target setting, RES-E generation in the na- cooperation amount to 54–73 bn. €2010 . In other words, the
tional support scenarios is either significantly lower or sig- additional costs induced by the (national) RES-E target can
nificantly higher than in the cooperative support scenarios. be reduced by 41 to 45 % when the best sites throughout Eu-
As a result of the suboptimal regional and technological rope can be used. It is important to note that these cost dif-
RES-E generation in the national support scenarios (com- ferences refer to electricity system costs and not only to the
pared to the cooperative support scenarios), the costs of costs of RES-E production. For example, more regionally
achieving a RES-E share of 55 % by 2030 are significantly concentrated RES-E generation in the cooperative support
higher in the national support scenarios. Table 10 shows the scenarios may increase the need for system flexibility. In the
additional electricity system costs in the decade 2021–2030 Equal Share and the Flatrate Growth target setting scenar-
that are induced by national and EU-wide 2030 RES-E tar- ios, it can be seen that more storage units are deployed given
gets as opposed to a 2030 CO2 target only (−40 % compared cooperative rather than national support. The gains from co-
to 1990 levels). Moreover, the resulting gains from cooper- operation thus already include the indirect costs of RES-E
ation are shown, expressed as the difference in additional support, i.e., the costs of RES-E integration in terms of flex-
costs of the 2030 RES-E target (compared to the CO2 target ibility and security of supply requirements.12 Note also that,
only) with national and with cooperative support. All costs as described above, not exactly the same RES-E quantities
are cumulated from 2021 to 2030 and discounted by 5 % (to
the base year 2020). 11 Similarly,
while the RES-E share in the ‘Equal Share’ scenario is 1.4
percentage points higher than in the ‘Flatrate Growth’ scenario (cor-
only, a smaller share of RES-E would be cost-efficient. In our scenario responding to 2.5 % higher RES-E generation), additional costs of the
settings, a European RES-E share of 46 % is achieved in 2030 if no 2030 RES-E target increase by 18 %.
additional RES-E target is modeled after 2020. However, this share 12 Incontrast, costs of the electricity grid are not included in the cal-
also includes RES-E generation from plants that were built in order to culation. However, Fürsch et al. (2013) show that substantial exten-
achieve the NREAP in 2020. sions of the transmission grid are beneficial in order to access favorable
72 Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64

are reached under national and cooperative support. Some smaller. Thus, the difference in solar generation between
countries surpass their targets in the national support sce- cooperative and national support is larger if the TYNDP
narios and thereby contribute to the achievement of the Eu- is realized.
ropean CO2 emission reduction target.13 The gains from co- • Nuclear generation is higher given cooperative support
operation thus include both the cost advantage of using best because the use of renewable and non-renewable gener-
sites throughout Europe to achieve the European RES-E tar- ation options can be optimized on a European-wide level.
get and the advantage of using low-cost emission reduction With cooperative support, RES-E generation in countries
possibilities in the overall electricity sector to achieve the with existing nuclear plants or the political will to con-
European CO2 target. struct nuclear plants is lower compared to national sup-
port. Thus, a larger use of nuclear generation is possible.
4.3 The Influence of Interconnector Extensions on When interconnectors are larger, this relative advantage
Cooperation Gains of the cooperative RES-E support decreases. With larger
interconnectors, a higher nuclear, in addition to a high
Table 11 depicts the difference in generation between na- RES-E generation, is possible on a national level. Thus,
tional support and cooperative support scenarios in 2030, the difference in nuclear generation between cooperative
both when interconnectors are extended according to the and national support is smaller if the TYNDP is realized.
TYNDP (left columns, see also Table 8) and when intercon- • When interconnector capacities are larger, international
nectors are not extended (right columns). The overall picture power flows contribute significantly to balance demand
is similar for the scenarios with and without interconnec- and fluctuating RES-E infeed. Thus, the need for flex-
tor extensions: In the national support scenarios, generation ibility on a national level is smaller, both under coop-
from photovoltaic systems and fossil-fuel power plants is erative and national RES-E support. In the cooperative
higher, whereas in the cooperative support scenarios, gener- RES-E support scenarios, storage generation in countries
ation from nuclear and wind plants is higher. However, the with a high wind penetration is smaller when intercon-
absence of interconnector extensions has two major conse- nector capacities are larger. In the national support sce-
quences: First, lower import and export possibilities impede narios, a large share of non-renewable generation is coal
the use of low-cost electricity generation options throughout rather than gas based when interconnector capacities are
Europe. This includes renewable generation options (i.e., larger. Thus, the difference in generation from storage
offshore wind) and non-renewable generation options (i.e., units between cooperative and national support is smaller
existing nuclear and lignite). Second, lower interconnector if the TYNDP is realized. Furthermore, a lower genera-
capacities limit the possibility to balance regional demands tion from nuclear plants under national compared to co-
and fluctuating RES-E infeed. Thus, the requirement for operative support is replaced by coal rather than by gas
flexible generation or demand on a national level increases. when interconnector capacities are larger.
We identify the following effects of interconnector capac-
Differences in regional generation patterns between na-
ities on the optimal generation mix in the cooperative RES-E
tional and cooperative support scenarios do not fundamen-
support scenarios, compared to national support:
tally change given an absence of interconnector extensions.
• The best wind availabilities across Europe are better ex- Countries with favorable meteorological conditions also
ploited under cooperative RES-E support. This advantage generate more RES-E in cooperative than in national sup-
is greater when interconnector capacities are larger. Thus, port scenarios, however, generally to a lower extent. For ex-
the difference in wind generation between cooperative ample, the cost-efficient wind generation in Ireland, Norway
and national support is larger if the TYNDP is realized. and Denmark is lower due to limited export possibilities. In
• Photovoltaic generation is lower given cooperative sup- contrast, e.g., solar generation in Spain in the cooperative
port because only best solar sites are competitive with support scenarios is hardly reduced when the TYNDP is not
other RES-E generation options throughout Europe. realized, because the additional solar generation in the coop-
When interconnector capacities are larger, more favor- erative (compared to the national) support scenarios mainly
able RES-E generation options across Europe (i.e., wind replaces non-renewable based generation in Spain and is not
in Northern Europe) can be used and solar generation at exported to other countries.
sites with medium solar generation in Central Europe is With regard to gains from cooperation, the absence of
interconnector extensions has, as expected, a decreasing ef-
RES-E sites and that the induced grid extension costs are rather small fect. However, gains from cooperation remain at a signifi-
compared to cost differences occurring in the generation system. cant magnitude of 47 to 62 bn. €2010 (cumulated from 2021
13 RES-E generation in 2030 is around 1 % higher for national com- to 2030) which translates to a reduction of the additional
pared to cooperative support. In 2025, differences amount to around costs induced by the (national) RES-E target by 36 % to
5 %. 37 %.
Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64 73

Table 11 Differences in European electricity generation [TWh] between national and cooperative support scenarios in 2030 (with and without
TYNDP)

TYNDP w/o TYNDP


National Cooperative Difference National Cooperative Difference

Equal Share
Nuclear 866 968 −102 755 890 −135
Lignite 370 362 7 362 357 5
Coal 480 399 81 451 421 30
Gas 48 56 −8 171 108 62
Oil 0 0 0 0 0 0
Storage 78 87 −9 78 105 −28
Hydro 551 552 0 552 552 0
Biomass 208 174 34 208 193 16
Wind onshore 706 711 −5 699 704 −5
Wind offshore 299 359 −61 311 332 −20
PV 370 325 45 374 344 30
CSP 49 47 1 49 46 3
Geothermal 94 94 0 94 94 0
Others 56 56 0 56 56 0

Extrapolation
Nuclear 978 1011 −34 859 913 −54
Lignite 366 367 −1 356 361 −5
Coal 473 427 46 453 429 24
Gas 42 67 −25 174 156 18
Oil 0 0 0 0 0 0
Storage 84 81 3 78 87 −9
Hydro 552 552 0 552 552 0
Biomass 178 170 8 181 189 −8
Wind onshore 689 705 −16 683 696 −13
Wind offshore 299 335 −37 303 303 0
PV 324 270 54 324 293 31
CSP 49 48 0 49 46 3
Geothermal 94 93 1 94 94 0
Others 56 56 0 56 56 0

Flatrate Growth
Nuclear 947 1000 −54 842 906 −64
Lignite 369 366 4 362 360 3
Coal 439 413 26 431 433 −2
Gas 63 61 3 172 132 40
Oil 0 0 0 0 0 0
Storage 78 85 −7 79 96 −17
Hydro 552 552 0 552 552 0
Biomass 186 172 14 191 192 −1
Wind onshore 704 707 −3 692 699 −7
Wind offshore 244 345 −101 254 311 −56
PV 393 291 102 387 314 73
CSP 49 47 1 49 46 3
Geothermal 94 94 1 95 94 0
Others 56 56 0 56 56 0
74 Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64

Table 12 Effect of RES-E


investment costs on additional Equal share Extrapolation Flatrate
costs induced by the 2030 growth
RES-E target and cooperation
gains (2021–2030) Photovoltaic Costs—10 %
Additional costs of 2030 RES-E target—national 156 (−10) 115 (−10) 124 (−9)
support (bn. €2010 )
Additional costs of 2030 RES-E target—cooperative 90 (−3) 68 (0) 76 (−3)
support (bn. €2010 )
Gains from cooperation (bn. €2010 ) 65 (−8) 47 (−10) 48 (−6)
Gains from cooperation (%) 42 (−2) 41 (−4) 39 (−2)

Offshore Wind Costs— 10 %


Additional costs of 2030 RES-E target—national 160 (−6) 121 (−4) 131 (−2)
support (bn. €2010 )
Additional costs of 2030 RES-E target—cooperative 91 (−2) 67 (−1) 76 (−3)
support (bn. €2010 )
Gains from cooperation (bn. €2010 ) 69 (−4) 55 (−2) 54 (0)
Gains from cooperation (%) 43 (−1) 45 (0) 42 (+1)

4.4 The Influence of RES-E Investment Costs on Lower investment costs for offshore wind plants also
Cooperation Gains lead to generation switches between offshore wind- and
photovoltaic-based generation. In addition, in the coopera-
Table 12 depicts the additional costs induced by the 2030 tive RES-E support scenarios, higher offshore wind-based
RES-E target under national and cooperative RES-E sup- generation partly replaces biomass-based generation. Con-
port systems, as well as the associated cooperation gains trary to the hypothesis made in Sect. 4.1, gains from cooper-
when investment costs for photovoltaic systems or for off- ation do not increase with decreasing offshore wind costs. In
shore wind plants are 10 % lower than in the reference
absolute terms, gains from cooperation either do not change
case. Numbers in brackets indicate the difference compared
(‘Flatrate Growth’ scenario) or decrease slightly. In relative
to the reference case (either in bn. €2010 or in percentage
terms, gains from cooperation do not change, decrease or in-
points).
Lower costs for photovoltaic systems (compared to the crease in a negligible order of magnitude. Although offshore
reference case) mainly lead to higher photovoltaic and to wind-based generation is significantly higher in the cooper-
lower offshore wind-based generation under either national ative support scenarios, capacities are only slightly higher
or cooperative RES-E support. Given national RES-E sup- (but deployed at sites with higher full load hours). Conse-
port, the switch from offshore- to photovoltaic-based gen- quently, lower investment costs for offshore plants affect ap-
eration mostly occurs in countries characterized by medium proximately the same number of offshore wind plants in the
wind speeds and medium solar radiation as opposed to the national and in the cooperative support scenarios. In terms
best sites throughout Europe (e.g., France and Germany). of offshore wind generation costs, absolute reductions due
Under cooperative RES-E support, e.g., photovoltaic gen- to decreasing investment costs are, however, larger in the
eration in Italy is higher than in the reference case, while national support scenarios because full load hours are lower
offshore generation in the United Kingdom is lower. In con- on average. Thus, in the ‘Equal Share’ and ‘Extrapolation’
trast, generation at the best sites for offshore wind (e.g.,
scenarios, additional costs induced by the 2030 RES-E tar-
in the Netherlands and Denmark) is not affected by lower
get decrease more when RES-E is supported on a national
photovoltaic costs. Also, generation from other generation
level. In the ‘Flatrate Growth’ scenarios, the highest differ-
options such as onshore wind, is hardly affected by lower
photovoltaic costs. In contrast, the overall costs of reach- ence in offshore wind capacity between national and coop-
ing the 2030 RES-E target is reduced by lower investment erative support occurs (8 GW in the reference case, 18 GW
costs for photovoltaic systems, both given national and co- when offshore wind costs are lower). In this case, cost re-
operative RES-E support. The cost reducing effect is, how- ductions in the national and the cooperative support scenario
ever, more pronounced in the national support scenarios, in are in the same order of magnitude: The effect of higher off-
which photovoltaic capacities are largely higher, such that shore wind capacities in the cooperative scenario balances
gains from cooperation decrease to 47–65 bn. €2010 (to the effect of a larger absolute reduction of generation costs
39–42 %). in the national scenario.
Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64 75

5 Possible Obstacles to Cooperation in RES-E Support NREAPs, the MS were requested to describe national pro-
cedures for arranging statistical transfers or joint projects.
In Sect. 4, we have shown that stronger cooperation in Most countries declared that no procedures have yet been
RES-E support yields substantial cost savings in the pe- established and that there is no clear common understand-
riod after 2020 and that these cost savings are relatively ing of how cooperation mechanisms could work in prac-
robust to different developments of the grid infrastructure tice (see, e.g., NREAP Ireland). In addition, there is a lack
and RES-E investment costs. As discussed in Sect. 2, sev- of information concerning the potential for joint projects
eral authors have already quantified cost savings from co- in other MS or third countries (see, e.g., NREAP Slovakia
operation in achieving the 2020 target. However, currently or NREAP Spain).
hardly any Member States plan to use cooperation mecha- • Sharing of integration costs
nisms in order to reach their national 2020 targets.14 One Several MS state that the implementation of statistical
exception is the joint support system of Sweden and Nor- transfers or joint projects is only eligible if integration
way that was implemented in 2012. In addition, Italy and costs of a higher RES-E share are borne by all partici-
Luxembourg both intend to profit from RES sources outside pating Member States. These integration costs include,
their national borders in order to achieve their targets. This e.g., costs for reinforcing the national grid and intercon-
section addresses possible obstacles to a cooperative RES-E nectors as well as balancing costs (see, e.g., NREAP
support that need to be tackled in order to reduce the costs of Ireland and NREAP Germany). Obviously, it is not ev-
increasing the European RES-E share. In the following, we ident how, for example, grid enforcement costs induced
analyze the main obstacles facing the implementation of co- by renewable energies can be clearly distinguished from
operation mechanisms, as stated in the individual Member those induced by other power plants or changes in the
States’ NREAPs (see EC 2010), and thereby provide further demand structure (Dena 2010). To quantify the integra-
insights on political measures required to increase coopera- tion costs induced only by those RES quantities needed
tion among Member States (MS). for cooperation mechanisms is even less straightfor-
ward.
• Uncertainty surrounding national RES-E deployment
• Insufficient interconnector capacities
paths Future
Besides the unclear cost distribution of grid investments,
RES-E deployment is not exactly predictable, especially
an important issue for the implementation of coopera-
in countries with a price-based RES-E promotion system.
tion mechanisms is the actual realization of grid enhance-
MS explain within their NREAPs that they are interested
ments, especially regarding interconnectors. Thus, admin-
in statistical transfers in the case their national target is
istrative issues or issues of public acceptance that hinder
surpassed, but would also like to be assured that their own
grid extensions can be an obstacle to the use of coopera-
target is met (see, e.g., NREAP Ireland and NREAP Ger-
tion mechanisms. Spain explains in its NREAP that par-
many).
ticipation in joint projects would be ‘senseless’ for Spain
• Uncertainty surrounding RES-E deployment in third
if interconnectors between Spain and France (and the rest
countries
of the European Union) are not enforced. Furthermore,
Even more than RES-E deployment on national territo-
the Spanish NREAP states that the interconnectors be-
ries, the progress of joint projects between MS and third
tween the European Union and the North African coun-
countries is difficult to foresee. For example, many MS
tries are insufficient with regard to the envisaged RES-E
are involved in initiatives to import RES-E from the North
imports from North Africa. Portugal’s NREAP declares
African countries. However, Italy is the only country that
that it could easily go beyond its own RES target given an
states within its NREAP that it aims to fulfill a part of its
extension of the interconnector capacity between France
target through imports from third countries. In contrast,
and Spain.
e.g., France explains that the current status of the project
• Influence on the conventional power market
does not allow for the quantification of the amounts of
A rising RES-E share has significant effects on the con-
RES-E that could be imported within the target period of
ventional power system. Portugal explains that the Por-
the Directive.
tuguese electricity market currently has surplus capacity
• Administrative issues
and therefore does not intend to produce more RES-E
Another obstacle hindering the use of cooperation mech-
than required for national target achievement. A rising
anisms are unclear administrative issues. Within the
amount of RES-E would lead to shrinking full load hours
of thermal power plants and thus affect their profitabil-
14 Cooperation mechanisms defined within the European Renewables
ity.
Directive include statistical transfers, joint projects and joint support
systems between Member States. In addition, targets can be achieved • Other political targets
through cooperation mechanisms with non-EU Member States under Finally, some governments also pursue political targets
certain conditions. For more detailed information, see EC (2012). that can only be achieved by domestic RES promotion.
76 Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64

For example, the Netherlands have set a higher target for extended (compared to today) and depend only slightly on
themselves than the mandatory target of the EU directive, assumptions about the developments of RES-E investment
which, in addition, should be achieved through domestic costs.
production. Germany states in its NREAP that the ben- In order to benefit from cooperation in practice, prevail-
efits from cooperation mechanisms have to be balanced ing obstacles facing cooperation need to be tackled. Based
with the benefits from local RES production (such as lo- on an analysis of the NREAP documents, we find that a shar-
cal employment). ing of costs and benefits between Member States is challeng-
ing and that unclear administrative procedures, a lack of in-
In summary, a sharing of costs and benefits between
formation about RES-E potentials in other countries and un-
Member States is challenging, and unclear administrative
certainty surrounding the progress of RES-E projects may
procedures, a lack of information about RES-E potentials
hinder the use of cooperation mechanisms. However, the ex-
in other countries and uncertainty about the progress of
ample of the joint support system of Norway and Sweden
RES-E projects may hinder the use of cooperation mecha-
shows that these obstacles can be overcome.15 Moreover,
nisms. Potential drawbacks of cooperation have also been
in November 2013, the European Commission published
addressed in the literature. Del Río (2005) states that har-
its guidelines “on the use of renewable energy cooperation
monization may be in conflict with national socioeconomic
mechanisms” (EC 2013). These guidelines clarify adminis-
and environmental objectives, e.g., if a country wants to in-
trative procedures for the implementation of different coop-
crease employment by creating green jobs. Klessmann et al.
eration mechanisms and describe different practical design
(2010) point out that a quantification of indirect costs and
options for statistical transfers, joint projects and joint sup-
benefits resulting from cooperation mechanisms is hardly
port systems. In addition, indirect costs and benefits arising
possible. These indirect costs include, e.g., grid integra-
tion costs or environmental costs (e.g., impact on the land- in the host and the off-taking countries are named. However,
scape) whereas potential benefits listed by Klessmann et the guidance also states that a quantification of these indirect
al. (2010) include, e.g., local job creation and innovation. costs and benefits is difficult.
Pade et al. (2012) also identify the distribution of costs and Furthermore, hybrid support systems (as opposed to pure
benefits as a major challenge. In addition, the authors dis- national or pure cooperative support systems) may yield a
cuss in detail barriers that are specific to the implementa- large part of possible cooperation gains while limiting the
tion of the different cooperation mechanisms. When imple- distributional effects. For example, Jansen (2011) proposes
menting a joint support scheme, countries have to agree on a bottom-up harmonization in which joint renewable quota
a common support system design, which can be very dif- systems can be supplemented with national support mea-
ficult in practice. Joint projects are more easily to imple- sures in order to take into account national concerns. Pade et
ment; however, Pade et al. (2012) point out that transaction al. (2012) also propose ‘technology or geographically spe-
costs can be an important barrier for small size projects. cific joint support schemes’ (e.g., only for offshore wind) as
Moreover, the authors explain that uncertainty surround- a short-to medium-term solution. The advantage of this ap-
ing the setting of RES targets in the period post 2020 is proach would be that these specific joint support schemes
a barrier to cooperation because countries with low-cost could coexist with national support schemes. Thereby, some
RES potentials may not be willing to exploit their poten- barriers to cooperation would be removed, such as the dif-
tials given uncertainty about the development of future tar- ficulties in agreeing on a common support system or the
gets. pursuit of different objectives the Member States have with
regard to RES-E support. The authors state that while full
harmonization would lead to the highest efficiency gains, it
6 Conclusions is difficult to implement in the short term. In the context
of European cooperation in transmission system planning,
Generation costs of fluctuating renewables vary substan- Buijs (2011) investigates how different forms of collabora-
tially throughout Europe due to different meteorological tion affect overall and country-wise economic welfare and
conditions. Thus, any RES-E support system that does discusses the impact of different compensation mechanisms.
not incentivize the use of best sites across Europe in- Further research in this area is clearly required in order to
duces high extra costs. In this analysis, we have shown avoid large excess costs of achieving national targets with-
that continuing with national support systems after 2020 out cooperation.
would increase the additional cost of a 2030 RES-E tar-
get substantially. Furthermore, we find that the economic 15 Klessmann et al. (2010) explain that the idea of a joint support system
benefit of cooperation, in terms of cost savings in the between Norway and Sweden was first abolished in 2006 because ‘it
electricity system, is quite robust: The cost savings de- was very hard to find a final agreement how to share the costs and
crease only slightly when interconnectors are not further benefits in such a system’.
Z Energiewirtsch (2014) 38:47–64 77

Appendix

Table 13 RES-E shares in


2010 2020 2030
2010 and 2020 (according to
(NREAP) (NREAP)
NREAPs) and assumed RES-E Equal share Extrapolation Flatrate growth
[%] [%]
targets for 2030 [%] [%] [%]

Austria 73 71 71 76 91
Belgium 5 21 55 42 41
Bulgaria 11 21 55 36 41
Czech Republic 7 14 55 26 34
Denmark 34 52 55 75 72
Estonia 2 5 55 13 25
Finland 26 33 55 45 53
France 16 27 55 44 47
Germany 17 39 55 65 59
Greece 13 40 55 71 60
Hungary 7 11 55 20 31
Ireland 20 43 55 70 63
Italy 19 26 55 39 46
Latvia 45 60 60 80 80
Lithuania 8 21 55 39 41
Luxembourg 4 12 55 25 32
Netherlands 9 37 55 70 57
Poland 8 19 55 36 39
Portugal 41 55 55 74 75
Romania 27 43 55 63 63
Slovakia 19 24 55 34 44
Slovenia 32 39 55 51 59
Spain 29 40 55 56 60
Sweden 55 63 63 76 83
United Kingdom 9 31 55 58 51

Switzerlanda 55 n/a 57 57 57
a 2010share according to Norwaya 90 n/a 100 100 100
Eurostat

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Energiewende und Übertragungsnetzausbau: Sind Erdkabel


ein Instrument zur Steigerung der gesellschaftlichen Akzeptanz
des Leitungsbaus? Eine empirische Untersuchung auf Basis
der Kontingenten Bewertungsmethode
Roland Menges · Gregor Beyer

Online publiziert: 16. Oktober 2013


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013

Zusammenfassung Der energiewendebedingte Ausbau der Erhöhung ihrer Zahlungsbereitschaft honorieren und dass
Stromübertragungsnetze führt in vielen Regionen Deutsch- 60 % der Haushalte mit einem überregionalen Projekt keine
lands zu Protesten. Viele Studien verweisen vor diesem Wertsteigerung oder gar eine Wertminderung gegenüber der
Hintergrund darauf, dass Erdkabel geeignet sind, die Zu- regionalen Projektauslegung verbinden. Eine pauschale Zu-
stimmung zu Leitungsbauprojekten und die Akzeptanz des stimmung zur Verwendung von Erdkabeln kann damit bei
Stromnetzausbaus zu erhöhen. Dieser Beitrag prüft diese Berücksichtigung der Informationen über die Struktur der
These anhand einer Erhebung der Zahlungsbereitschaften geäußerten Zahlungsbereitschaften nicht unterstellt werden.
privater Haushalte für Erdkabelprojekte, die im Vergleich Im Rahmen von Regressionsmodellen werden das Abstim-
zu klassischen Befragungsmethoden auch strategische Ver- mungsverhalten und die Zahlungsbereitschaften mit unter-
haltensweisen und Opportunitäten abbilden. Es werden Er- schiedlichen demographischen Merkmalen und Einstellun-
gebnisse einer Befragung auf Basis der Kontingenten Be- gen erklärt. Grundsätzliche Erwägungen zu Energie- und
wertungsmethode vorgestellt, die im November und Dezem- Umweltpolitik haben hierbei nur einen geringen Einfluss
ber 2012 in vier Regionen Deutschlands durchgeführt wur- auf das Antwortverhalten. Vielmehr beeinflussen regionale
de, die in unterschiedlichen Maß von Netzausbauprojekten Faktoren und die bevorzugte Finanzierungsmethode für den
betroffen sind. Eine Auswertung der Angaben von 1.003 Netzausbau das Entscheidungsverhalten der Haushalte.
Haushalten bestätigt zunächst die Ergebnisse vergleichba-
rer Studien und lässt eine klare Präferenz der Haushalte
Energy turnaround and transmission network
(rund 60 %) für Erdkabel erkennen, die jedoch regional
development: Are underground cables a means to
stark variiert. Eine Auswertung der Zahlungsbereitschaft für
increase social acceptance of line construction? An
die untersuchten Erdkabelprojekte relativiert dieses Ergeb-
empirical study based on the Contingent Valuation
nis. Ungefähr die Hälfte der Haushalte, die sich im Ab-
Method
stimmungsmodus für Erdkabel aussprechen, ist nicht be-
reit, für die Realisation von Erdkabelprojekten eine Steige-
rung der Netzentgelte hinzunehmen (Trittbrettfahrerverhal- Abstract Transmission network development has led to
ten). Zudem zeigt sich, dass die befragten Haushalte eine protests throughout Germany. Many studies present under-
über den regionalen Einzelfall hinausgehende Verwendung ground cables as a means to increase public agreement to
der Erdkabeltechnik im Durchschnitt nur mit einer geringen transmission line construction and network development.
This paper verifies this thesis analyzing the willingness-to-
pay of private households for underground cable employ-
R. Menges (B) · G. Beyer ment, which allows for a distinct analysis of strategic be-
Institut für Wirtschaftswissenschaft, Technische Universität havior and opportunity costs that is omitted in classic ques-
Clausthal, Julius-Albert-Straße 6, 38678 Clausthal-Zellerfeld,
Deutschland tionnaire designs. The results of a contingent valuation study
e-mail: roland.menges@tu-clausthal.de conducted in November and December 2012 in four regions
G. Beyer of Germany, which are affected by transmission line de-
e-mail: gregor.beyer@tu-clausthal.de velopment in different ways, are presented. At first glance,
80 Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295

an analysis of 1.003 household responses confirms com- kabel ist jedoch nicht auf aktive, organisierte Gegner von
mon findings with a majority of households favoring under- Freileitungen beschränkt. Im Rahmen einer repräsentativen
ground cables (about 60 %), albeit preferences vary strongly Befragung zur gesellschaftlichen Akzeptanz der Energie-
between sample regions. Willingness-to-pay, however, rela- wende wurden im Oktober 2012 3.800 private Haushal-
tivizes this result. A near share of 50 % of households voting te im gesamten Bundesgebiet gefragt, unter welchen Be-
for underground cables is not willing to accept an increase in dingungen sie dem Bau einer neuen Stromtrasse in unmit-
electricity prices to finance respective projects (free riders). telbarer Nachbarschaft (fünf Kilometer rund um den ei-
The fact that positive willingness-to-pay does not correlate genen Wohnort) zustimmen könnten (Agentur für erneu-
positively with increasing lengths of underground cables in erbare Energien 2012). Hierbei wurde u.a. ermittelt, dass
60 % of cases underlines that underground cables are not mehr als drei Viertel der Befragten einem Leitungsbau in
supported unconditionally. All-in-all, a flat public approval der Nachbarschaft ohne weitere Einschränkung zustimmen,
of underground cable technology cannot be presumed based wenn die Kabelführung unterirdisch stattfindet. Signifikan-
on WTP-evaluation. Preferences about underground cables te regionale Unterschiede der Zustimmungsraten wurden
and corresponding WTP are explained with demographic nicht festgestellt.1 Andere Instrumente zur Erhöhung der
characteristics and attitudes using regression models. Fun- Akzeptanz des Leitungsbaus, wie etwa die finanzielle Be-
damental thoughts on energy- and environmental policies teiligung der Bürger (21 % Zustimmung zum Leitungsbau
do not serve to explain responses. Instead, regional factors
unter dieser Bedingung), wie sie derzeit beispielsweise in
and subjective opinions on how to finance such kind of in-
Schleswig-Holstein erprobt wird („Bürgerdividende“), oder
frastructure measures influence preferences for underground
die stärkere Partizipation der Betroffenen am Planungspro-
cables.
zess (49 %) führten zu deutlich niedrigeren Zustimmungs-
raten. Vor diesem Hintergrund scheint die Schlussfolgerung
angebracht, die häufigere Verwendung der Erdkabeltechnik
1 Einführung
sei Mittel zur Erhöhung der gesellschaftlichen Akzeptanz
der Energiewende und der einhergehenden Netzentwick-
Seit der Veröffentlichung des sog. Netzentwicklungsplanes
lung (vgl. etwa DUH 2010). Auch Jarras und Obermaeier
für den Ausbau der Stromübertragungsnetze in Deutsch-
(2012) attestieren der Erdkabeltechnik eine allgemein besse-
land hat die Entwicklung der Stromnetze der Bundesre-
re Umweltverträglichkeit, die zu niedrigeren sozialen Kos-
publik große Beachtung gefunden (vgl. Netzentwicklungs-
plan 2013, eine kritische Würdigung des Netzentwicklungs- ten des Leitungsbaus führe. Diese ergebe sich v.a. aus gerin-
planes findet sich auch bei Jarras und Obermaeier 2012). geren Landschaftsbeeinträchtigungen, sinkenden Belastun-
Im Zentrum der öffentlichen Diskussion stehen die Fragen, gen durch elektromagnetische Felder und kürzere Geneh-
wo und in welchem Umfang neue Leitungen errichtet wer- migungsverfahren.2 Andererseits wird häufig betont, dass
den sollen. Auch die verschiedenen Möglichkeiten bei der die Erdkabeltechnik weitgehend unerprobt und relativ kos-
technischen Ausführung des zukünftigen Netzes beinhalten tenintensiv ist, da die Kosten für Erdkabel die Kosten von
eine Brisanz, an der sich zahlreiche Konflikte entzünden: vergleichbaren Freileitungen in Abhängigkeit von regiona-
Örtliche Protestbewegungen diskutieren die Wahl zwischen len Gegebenheiten und technischen Auslegungen um einen
Überlandleitungen und Erdkabeln und verzögern damit häu-
fig Genehmigung und Bau neuer Leitungen (Althaus 2012).
1 Die
Die klassische Übertragungsleitung verläuft zwar überir- von TNS-Infratest durchgeführte Untersuchung (Agentur für er-
disch, doch wachsen vermehrt Zweifel an dieser Art des neuerbare Energien 2012) hat ergeben, dass die Zustimmung zum Lei-
tungsausbau in Form der Erdkabelvariante (77 Prozent) kaum vom Ein-
Leitungsbaus. Nicht nur in designierten Ausbaugebieten ste-
kommensniveau der Befragten abhängt (die Zustimmung der Haushal-
hen große Bevölkerungsteile neu geplanten Überlandleitun- te steigt mit steigendem monatlichen Nettoeinkommen von der nied-
gen ablehnend gegenüber. Befürchtet wird in vielen Fäl- rigsten auf die höchste Einkommensklasse von 71,2 Prozent auf 80,3
len ein tiefgehender Eingriff in Landschaftsbild und Um- Prozent), und sich auch zwischen den in unterschiedlicher Form von
der Energiewende betroffenen Regionen keine nennenswerten Unter-
welt, aber auch eine Beeinträchtigung durch die mit Über-
schiede der Zustimmung ausmachen, da lediglich die Zustimmung in
landleitungen assoziierte Strahlenbelastung. So stimmen in Thüringen knapp unter 70 Prozent liegt, was aber letztlich eher durch
einer umweltpsychologischen Studie im Auftrag der Deut- bundesweite Einkommensunterschiede zu erklären sein dürfte.
schen Umwelthilfe über 70 Prozent der Befragten der Aus- 2 Weitere detaillierte Analysen, die im Ergebnis für deutliche Vortei-

sage zu, dass Freileitungen den Charakter einer Landschaft le der Erdkabeltechnik sprechen, finden sich auch bei Leprich et al.
negativ beeinträchtigen (Schweizer-Rieß 2010). Demgegen- (2011). Ein Ansatz zur Schätzung der sozialen Kosten des Leitungs-
baus wurde von Jarras und Obermaeier (2005) vorgelegt. Eine Quan-
über sehen 70 Prozent der Befragten keine nennenswer- tifizierung der Kosten eines verzögerten Netzausbaus, der durch die
te Beeinträchtigung des Landschaftsbildes bei der Verwen- Verwendung von Erdkabeln verhindert werden könnte, findet sich bei
dung von Erdkabeln. Eine grundsätzliche Präferenz für Erd- Guss et al. (2012).
Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295 81

Faktor von 2,8 (EFZN 2012) bis 10 (BMU 2010) überstei- 2 Die Kontingente Bewertungsmethode
gen.
Bei der volkswirtschaftlichen Abwägung von Kosten 2.1 Zielsetzung
und Nutzen von Erdkabeln ist dabei zu berücksichtigen,
dass Begleitet von einer intensiven methodologischen und theo-
retischen Diskussion (vgl. etwa Mitchell und Carson 2005)
• der Nutzen eines konkreten Erdkabelprojektes, z. B. in hat sich die Kontingente Bewertungsmethode in den letz-
Form des Landschaftserhalts, überwiegend regional an- ten Jahren zu einem anerkannten Modell zur Bewertung
fällt, komplexer öffentlicher Güter entwickelt. Sie wird unter
• während die erhöhten Investitionskosten auf Netzebene Verwendung von anonymisierten Fragebögen häufig bei
umgelegt und damit überregional sozialisiert werden. der Bewertung von Umweltgütern, wie etwa der Verbes-
serung der Umweltqualität am Wohnort, angewandt (vgl.
Damit ergeben sich für einzelne Ausbaugebiete mög-
etwa Kopp et al. 1997). Ein ökonomischer Wertansatz ei-
licherweise strategische Blockademöglichkeiten im Sin-
nes Umweltguts wird ermittelt, indem das Bereitstellungs-
ne von „not-in-my-backyard“-Verhaltensweisen. Diese sind
niveau des zu bewertenden Guts in einem hypothetischen
aus Sicht der Allgemeinheit häufig nur durch Kompensa-
Bewertungsszenario variiert wird. Der Kern der Methode
tionszahlungen oder aber durch Investitionen in Erdkabel
besteht in der Konstruktion hypothetischer Märkte. Hier-
aufzulösen. Derartige Kalküle werden in konventionellen
bei werden Bewertungs- und Abwägungsszenarien ange-
Befragungen (wie etwa der oben vorgestellten Untersu-
boten, zwischen denen sich die Befragungsteilnehmer ent-
chung der Agentur für erneuerbare Energien 2012 oder von
scheiden sollen. Diese werden aufgefordert, ihre Einstellung
Schweizer-Rieß 2010) zur gesellschaftlichen Akzeptanz der zur Veränderung des Bereitstellungsniveaus zu nennen und
Energiewende allerdings kaum abgebildet, da die Befragun- mit einer maximalen Zahlungsbereitschaft zu quantifizie-
gen in der Regel ohne konkretes Entscheidungs- und materi- ren, die im Rahmen eines konkretisierten Zahlungsmecha-
elles Opportunitätskostenszenario erfolgt. Für eine Überprü- nismus erhoben wird (Liebe und Meyerhoff 2005). Diese di-
fung der Aussage, dass Erdkabel die Akzeptanz der Ener- rekt erfragten individuellen Zahlungsbereitschaften werden
giewende erhöhen könnten, bedarf es daher weitergehender als Wohlfahrtsmaß (in Geldeinheiten ausgedrückte Konsu-
Untersuchungen. Eine solche Untersuchung muss zwei Kri- mentenrente) für die Variation des Umweltgutes interpre-
terien erfüllen: Erstens ist strategisches (Antwort-)Verhalten tiert. Die Extrapolation dieser Zahlungsbereitschaften auf
der Befragten bei der Präferenzmessung zu berücksich- die Grundgesamtheit führt letztlich zu einer in Geldeinhei-
tigen. Und zweitens sind angesichts der Kosten/Nutzen- ten ausgedrückten Wertschätzung der Variation des betrach-
Disparitäten die beschriebenen Trade-Offs zwischen dem teten Umweltguts (Pruckner 1995). Das Design eines Fra-
durch Erdkabel gestifteten Nutzen und den einhergehenden gebogens sollte die befragten Personen grundsätzlich dazu
Mehrkosten abzubilden. Dazu ist nicht nur die allgemeine bringen, sich vertieft mit dem zu definierenden Umweltpro-
Präferenz für Erdkabel, sondern auch die Präferenzintensi- blem zu beschäftigen, für welches die Zahlungsbereitschaft
tät zu erfassen. ermittelt wird. Anhand bestimmter methodischer Kriterien
In diesem Beitrag wird die Frage untersucht, von wel- kann sichergestellt werden, dass die geäußerten Präferenzen
chen Faktoren die gesellschaftliche Zustimmung zu Erdka- den tatsächlichen Präferenzen möglichst nahe kommen und
belprojekten abhängt. Dazu wird im Folgenden eine Erhe- nicht durch Unter- oder Übertreibungen geprägt sind (Arrow
bung der Zahlungsbereitschaft privater Haushalte für den et al. 1993).
Bau von Erdkabeln auf Basis der Kontingenten Bewertungs-
methode vorgestellt. Der Vorteil dieser Methode gegenüber 2.2 Eignung für den vorliegenden Untersuchungszweck
anderen Erhebungsformen besteht darin, dass die Frage
„Erdkabel versus Freileitung“ entsprechend der ökonomi- Ausgehend von den in der Literatur diskutierten Kriterien,
schen Methodik der Erhebung individueller Präferenzen die an ein für die Bewertung in Frage kommendes Untersu-
in einen auch monetär konkretisierten Bewertungs- und chungsobjekt zu legen sind (vgl. etwa Fischer und Menzel
Entscheidungszusammenhang gestellt wird. Im folgenden 2005), erscheint die Kontingente Bewertungsmethode für
Abschn. 2 wird zunächst die grundsätzliche Erhebungsme- die Erhebung der individuellen Präferenzen im Bereich des
thodik (Contingent Valuation) knapp vorgestellt, bevor im oben beschriebenen Erdkabelproblems gut geeignet:
Abschn. 3 das konkrete Untersuchungsdesign erläutert wird. • Die diskutierten Varianten des Ausbaus von Übertra-
Im Abschn. 4 wird die Durchführung der Untersuchung er- gungsnetzen werden von der lokalen, aber auch von der
läutert, gefolgt von einer Präsentation der Ergebnisse im überregionalen Bevölkerung in Bezug auf die gesell-
Abschn. 5. Der Beitrag schließt im Abschn. 6 mit einigen schaftliche Akzeptanz der Energiewende als sehr bedeut-
Schlussfolgerungen. sam wahrgenommen.
82 Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295

• Es stehen sich mit der Umsetzung des Leitungsbaus durch Überlandleitungen angeboten werden. Die Erdkabelprojek-
Erdkabel bzw. Überlandleitungen zwei klar abgrenzbare te werden den Haushalten in zwei Auslegungen angeboten.
und energiewirtschaftlich gleichwertige Alternativen ge- Hierzu wird zunächst ein hypothetisches regionales Erdka-
genüber, so dass sich die Unterschiede zwischen den Vari- belprojekt von 8 km Länge in der niedersächsischen Re-
anten im Wesentlichen als Variation der damit verbunde- gion Kreiensen vorgestellt. In dieser Region gibt es der-
nen Umwelteingriffe darstellen lassen.3 Die Realisation zeit intensive Diskussionen zwischen dem verantwortlichen
des Netzausbaus in einer der beiden Varianten ist wahr- Übertragungsnetzbetreiber und einer örtlichen Bürgerinitia-
scheinlich, wodurch das zu erstellende Bewertungsszena- tive gibt, die sich gegen den Bau von Überlandleitungen
rio als glaubwürdig und realistisch eingeschätzt werden ausspricht (Bürger Pro Erdkabel 2012). Um den Eindruck
kann. zu vermeiden, dass es sich bei der Befragung der Haus-
• Die Konsequenzen der Entscheidung bzw. die Vor- und halte um eine echte Abstimmung über dieses Netzausbau-
Nachteile von Überlandleitungen und Erdkabelverbin-
projekt handelt, wurde bewusst auf die Darstellung regiona-
dungen sind gut abgrenzbar und können anschaulich dar-
ler Besonderheiten und spezifischer Eigenschaften des der-
gestellt werden.
zeitigen Planungsstandes verzichtet. Vielmehr dient dieses
• Das Zahlungsmodell der Netzentgelte für die Realisie-
Beispiel grundsätzlich dazu, die energiewirtschaftliche Aus-
rung des angebotenen Erdkabelprojektes ist glaubwürdig
gangssituation und die Vor- und Nachteile verschiedener Va-
und realistisch, weil den Haushalten der Zahlungsmecha-
nismus über die jährliche Stromabrechnung bekannt ist. rianten des Netzausbaus vorzustellen. Darüber hinaus wird
den Haushalten ein zweites Erdkabelprojekt angeboten, dass
sich lediglich in seiner „Skalierung“ vom regionalen Pro-
3 Untersuchungsdesign jekt unterscheidet und auf einer Länge von 400 km den Bau
von Überlandleitungen ersetzen könnte. Bei diesem überre-
3.1 Eingrenzung des Untersuchungsgegenstandes und gionalen Projekt, das als Summe „vieler kleiner regionaler
Aufbau des Fragebogens Projekte“ dargestellt wird, wird ebenfalls bewusst auf eine
regionale Konkretisierung von Auslegung und Streckenver-
Gegenstand der Untersuchung ist die Zahlungsbereitschaft lauf verzichtet. Im einführenden Informationsteil des Frage-
privater Haushalte für Erdkabelprojekte, die als Ersatz für bogens wird ausdrücklich darauf verwiesen, dass die Unter-
suchung ausschließlich wissenschaftlichen Zwecken diene
3 Hier wird aus Sicht der befragten privaten Haushalte angenommen, und keine „echte“ Abstimmung über konkrete Leitungsbau-
dass Erdkabel und Überlandleitungen in gleicher Weise für den Strom- projekte im Auftrag der Politik oder von Netzbetreibern sei.
transport und damit für den Erhalt der Versorgungssicherheit geeig-
net sind. Hierbei ist allerdings zu berücksichtigen, dass in einigen Re- Im Folgenden werden die drei aufeinander aufbauenden Ele-
gionen neben der Variante Erdkabel (in herkömmlicher Wechselstrom- mente des Fragebogens vorgestellt: Diese beziehen sich auf
technik) auch die Variante Erdkabel in Gleichstromtechnik (HGÜ) dis- Informationen, die zu den Bewertungsszenarien angeboten
kutiert wird. So kritisiert die örtliche Bürgerinitiative „Bürger Pro Erd-
wurden (Abschn. 3.2), die Vorgehensweise bei der Präfe-
kabel“ im niedersächsischen Harzvorland, die sich insbesondere von
der Streckenplanung in Kreiensen betroffen fühlt, neben der ihrer An- renzerhebung (Abschn. 3.3) und die zusätzlich erhobenen
sicht nach überdimensionierten Netzausbauplanung auch die fehlen- Daten zu den Einstellungen und der Soziodemografie der
de Berücksichtigung von HGÜ-Technik (Bürger Pro Erdkabel 2012). befragten Haushalte (Abschn. 3.4).
Auch Jarras und Obermaeier (2012, S. 133) sprechen sich für Erdka-
bel in Form einer HGÜ-Verkabelung aus und verweisen darauf, dass
eine HGÜ-Verkabelung eine „bezahlbare Alternative“ darstelle, deren 3.2 Informationen zu den Bewertungsszenarien
Kosten „nicht nennenswert höher“ als die einer Verkabelung mit her-
kömmlicher Technik seien (S. 137). Da sich die hier vorgestellte Unter-
suchung nicht primär an gut informierte und ingenieurwissenschaftlich Das entwickelte Untersuchungsdesign des 16-seitigen Fra-
aufgeklärte Haushalte richtete, sondern ausdrücklich auch weniger in- gebogens besteht aus mehreren Informationselementen. Zu-
formierte Haushalte angesprochen werden sollten, wurde ähnlich wie
nächst wird auf zwei Seiten des Fragebogens die ener-
in den eingangs zitierten Studien (vgl. etwa Agentur für erneuerbare
Energien 2012) die Möglichkeit, HGÜ-Kabel zu verwenden, bewusst giewirtschaftliche Ausgangslage erläutert und die Notwen-
ausgeklammert. Aus methodischen Gründen wird damit der Nutzen digkeit zusätzlicher Übertragungsleitungen in Deutschland
der Erdkabelvariante gegenüber der Überlandleitung bei Konstanthal- skizziert. Anschließend erfolgt die Vorstellung des regiona-
tung der technischen Fähigkeiten nach Abschluss der Bauphase aus-
schließlich auf die verringerten Sichtbarkeitseffekte und Landschaft- len Erdkabelprojektes. Auf den beiden anschließenden Sei-
seingriffe reduziert. Eine diesen Umwelteffekt übersteigende, zusätzli- ten des Fragebogens wird zunächst das Referenzszenario
che Variation der Technik und der energiewirtschaftlichen Eigenschaf- (Alternative 1: Bau von Überlandleitungen) und anschlie-
ten des Kabels (z. B. Übertragungsverluste) würde eine mehrdimen-
ßend das Bewertungsszenario (Alternative 2: Erdkabelbau)
sionale Entscheidung nach sich ziehen und somit ein deutlich kompli-
zierteres Untersuchungsdesign erfordern. Für einen differenzierten und vorgestellt. Die Vor- und Nachteile bzw. die relevanten Um-
mehrdimensionalen Vergleich der verschiedenen Techniken vgl. EFZN welteigenschaften der jeweiligen Alternativen werden neu-
(2012). tral anhand von Fotos sowie einer schematischen Darstel-
Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295 83

Abb. 1 Darstellung der Vor-


und Nachteile von Freileitungen

Abb. 2 Darstellung der Vor-


und Nachteile von Erdkabeln

lung von Pro- und Kontra-Argumenten beschrieben (vgl. 3.3 Erhebung von Präferenz und Zahlungsbereitschaft
Abb. 1 und 2).4
Die befragten Haushalte erhalten nach dem Studium des In-
formationsmaterials zunächst die Möglichkeit, ihre generel-
4 Bei der Auswahl und Konkretisierung der jeweiligen Eigenschaften le Präferenz für die betrachteten Erdkabelprojekte als „per-
wurde eine Vielzahl von Informationen verarbeitet. Hierzu zählen per- sönliche Entscheidung“ zu äußern. Wie oben erläutert wer-
sönliche Gespräche mit Netzbetreibern, Informationen und Pressema- den die Erdkabelprojekte als Alternative zum Ausgangssze-
terialien örtlicher Bürgerinitiativen (z. B. Bürger Pro Erdkabel 2012),
nario „Überlandleitung“ zur Wahl gestellt. Angebotene Pro-
Testläufe von vorläufigen Versionen der Fragebögen mit ingenieurwis-
senschaftlichen Studierenden an der TU Clausthal oder auch Angaben jekte sind:
der energiewirtschaftlichen Literatur (Informationen zur Bemessung
• Ein regional begrenztes Erdkabelprojekt von 8 km Länge.
von Trassenbreiten finden sich etwa bei Leprich et al. 2011). Grund-
sätzlich bleibt jedoch festzustellen, dass eine objektive Auswahl von • Ein überregionales Erdkabelprojekt als Summe vieler re-
technischen und ökologischen Eigenschaften von Erdkabeln und Über- gionaler Projekte mit einer Gesamtlänge von 400 km.
landleitungen für die Belange des Fragebogens kaum möglich ist. Ob
und in welchem Umfang beispielsweise Gefahren durch elektromagne-
tische Strahlen für Mensch und Tier (insbesondere bei Freileitungen) welche Gefahren damit verbunden sind, lässt sich kaum objektiv klä-
oder Wasser und Boden (insbesondere bei Erdkabeln) bestehen und ren.
84 Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295

Eingebettet ist die Entscheidung in eine ausführliche Dar- allgemeinen Umwelt- und Energiepolitik (z. B.: „Unterstüt-
stellung der der Entscheidungssituation. Es wird ausdrück- zen Sie die Energiewende?“, „Wer sollte Ihrer Meinung
lich darauf hingewiesen, dass es sich hierbei nicht um ei- nach über die Umsetzung von Energieprojekten entscheiden
ne Abstimmung über die Notwendigkeit des Netzausbaus dürfen?“) und den damit verbundenen Finanzierungsaspek-
handelt, sondern lediglich dessen Varianten Erdkabel versus ten erhoben (z. B.: „Wie sollte Ihrer Ansicht nach der mit
Überlandleitung zur Wahl gestellt werden: „Bei der Bewer- der Energiewende verbundene Ausbau der Übertragungsnet-
tung der beiden vorgestellten Alternativen geht diese Stu- ze finanziert werden?“). Eine Übersicht über die erhobenen
die davon aus, dass der Ausbau der Übertragungsnetze zur Merkmale sowie die zugehörigen Antwortverteilungen kann
Umsetzung der Energiewende technisch notwendig ist. Dies Tab. 9 entnommen werden.
bedeutet konkret, dass die Entscheidung, um die wir Sie
gleich bitten, lediglich die Varianten des Netzausbaus be-
trifft. Wenn Sie also über diese Entscheidung nachdenken,
4 Durchführung der Untersuchung
sind andere Aspekte der Energiewende oder des Netzaus-
baus nicht direkt bedeutsam“.
Im Anschluss an die Abstimmungsentscheidungen zum Da aus Kostengründen keine deutschlandweite, repräsenta-
regionalen und überregionalen Erdkabelprojekt erfolgt die tive Stichprobe erhoben werden konnte, wurde die Studie
Erhebung der Zahlungsbereitschaft. Hierzu werden zunächst simultan in vier ausgewählten Regionen durchgeführt, die
die jeweiligen Zahlungsmittel und Zahlungsmodalitäten be- in unterschiedlicher Weise vom Netzausbau betroffen sind.
schrieben. Die Haushalte werden gebeten, ihre Zahlungsbe- • Die Gemeinde Kreiensen in Niedersachsen ist konkret
reitschaft unter Annahme der folgenden Zahlungsmodalitä- von den Planungen zum Netzausbau betroffen und diente
ten im open-end-Format zu äußern: zur Abbildung des (hypothetischen) regionalen Erdkabel-
• Sie werden nach ihrer Bereitschaft gefragt, im Falle der projektes.
Realisation des jeweils angebotenen Erdkabelprojektes • Die Gemeinde Niebüll an der Nordseeküste von Schleswig-
einen Anstieg der Netznutzungsentgelte zu akzeptieren. Holstein ist massiv vom Ausbau der Windenergie betrof-
Hierbei ist die Höhe des maximal akzeptablen Anstiegs fen: In den Windparks dieser Region kommt es aufgrund
anzugeben.5 von Netzengpässen häufig zu Abschaltungen im Rahmen
• Unter der Annahme, dass eine umlagefinanzierte Reali- des sog. Einspeisemanagements.
sation der Erdkabelprojekte möglicherweise nicht zu rea- • Die Gemeinde Viechtach in Bayern ist von einer ähnli-
lisieren ist, wird zusätzlich die Zahlungsbereitschaft als chen ländlichen Struktur geprägt wie etwa Niebüll, ein
einmalige und freiwillige Einzahlung in einen regionalen energiewendebedingter Leitungsausbau ist hier jedoch
Entwicklungsfonds erhoben, wobei den Haushalten mit- nicht zu erwarten.
geteilt wird, dass die Einnahmen des Fonds ausschließ- • Aus Vergleichsgründen wurden die Haushalte in Braun-
lich zur Finanzierung des Erdkabelbaus verwendet wer- schweig, einer Großstadt Niedersachsens, die nur indirekt
den. Eine nähere Spezifizierung des Fonds in Bezug auf vom Ausbau der Leitungsnetze betroffen ist, ebenfalls in
Verzinsung, Mindestbeiträge oder Laufzeiten erfolgt aus die Befragung aufgenommen.
methodischen Gründen nicht.
In Kreiensen (insgesamt 3.728 Haushalte), Viechtach
3.4 Einstellungsfragen und Soziodemografie (4.345 Haushalte) und Niebüll (4.235 Haushalte) konnte
aufgrund der niedrigen Anzahl von Haushalten Vollerhe-
Im Fragebogen werden darüber hinaus demografische Merk- bungen durchgeführt werden. Zusätzlich wurden Teile der
male der Haushalte sowie einige Einstellungen erhoben, an Kreiensen angrenzenden Gemeinde Bad Gandersheim in
die zur Erklärung der geäußerten Präferenzen herangezo- die Befragung involviert (1.450 Haushalte). Da in Braun-
gen werden. Diese Frage betreffen etwa Gründe für die Ab- schweig eine Vollerhebung aus organisatorischen Gründen
lehnung der Projekte und die räumliche Betroffenheit durch nicht darstellbar war, wurden 7.643 Haushalte angeschrie-
Stromnetze und Netzausbauprojekte („Bitte schätzen Sie die ben, die dem Zustellgebiet einer örtlichen Zeitung entspre-
Entfernung zwischen Ihrem Wohnort und der nächsten, be- chen. Durch die gezielte Auswahl von Anzeigenblättern
reits existierenden Hochspannungstrasse!“). Im Einleitungs- der örtlichen Presse als Distributionspartner wurde sicher-
teil des Fragebogens werden zudem Einstellungsfragen zur gestellt, dass jeder Haushalt der jeweiligen Region in der
Stichprobe berücksichtigt wurde, unabhängig von etwaigen
5 Zur Orientierung wurde hier die Information angeboten, dass ein
Zeitungsabonnements. Um den Rücklauf der Befragung zu
durchschnittlicher deutscher Haushalt im Jahr 2010 rd. 900 Euro für
erhöhen, wurde in allen vier Regionen zuvor in Pressearti-
den Strombezug ausgegeben hat, wovon ca. 180 Euro auf das Entgelt keln auf die „wissenschaftliche Untersuchung der TU Claus-
für die Nutzung der Übertragungsnetze entfielen. thal“ aufmerksam gemacht und zur Teilnahme aufgerufen.
Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295 85

Tab. 1
Region Rücklauf Rücklauf Anteil
Stichprobenzusammensetzung
absolut relativ Stichprobe

Keine Angabe 178 – 17,74 %


Kreiensen 298 5,73 % 29,71 %
Viechtach 74 1,68 % 7,38 %
Braunschweig 325 4,25 % 32,40 %
Niebüll 128 2,64 % 12,76 %
Summe 1,003 4,54 % 100,00 %

Tab. 2
Abstimmungsergebnisse Region Pro Unentschlossen Kontra Kontingenz- Signifikanz
koeffizient
regionales Projekt

Kreiensen 71,8 % 11,4 % 16,8 % 0,187 0,0001


Niebüll 61,5 % 13,7 % 24,8 %
Viechtach 61,8 % 13,2 % 25,0 %
Braunschweig 51,1 % 17,6 % 31,3 %

Jeder Satz von Befragungsunterlagen bestand aus einer fo- beteiligt (86,7 Prozent). Die von den Haushalten angegebe-
liierten DinA4 Broschüre mit sechzehn Textseiten. Den Un- ne Klassifizierung ihres Nettoeinkommens spiegelt den bun-
terlagen lag eine frankierte und adressierte Versandtasche desdeutschen Durchschnitt hingegen gut wider.6
für den Rückversand bei. Der Erhebungszeitraum reichte
vom 25.11.2012 (Datum der Verteilung) bis zum 10.12.2012 5.2 Entscheidungen über Erdkabelprojekte
(Einsendeschluss).
Die von den Haushalten geäußerten Entscheidungen fallen
in beiden Projektvarianten deutlich zugunsten der Erdka-
belprojekte aus. Bezogen auf die Gesamtstichprobe erreicht
5 Ergebnisse das regionale Erdkabelprojekt eine Zustimmung von 60,3
Prozent bei einer Ablehnung von 24,9 Prozent (14,8 Pro-
5.1 Stichprobe zent der Haushalte sind unentschlossen, N = 912). Diese
Ergebnisse sind jedoch offenbar von regionalen Unterschie-
Der regionale Rücklauf der Fragebögen kann der folgenden den geprägt. Wenig überraschend erreicht die Ablehnung
Tab. 1 entnommen werden. der Freileitung und die Zustimmung zum Erdkabelprojekt
Die Rücklaufquote von knapp 5 % kann als durchaus be- in Kreiensen einen Spitzenwert (71,8 Prozent), während die
friedigend eingestuft werden. Hierbei ist auch zu berück- Zustimmung zur Freileitung bzw. die Ablehnung des regio-
nalen Erdkabels in der vom Netzausbau und nicht betroffe-
sichtigen, dass die Rücklaufquoten bei schriftlichen Befra-
nen Region Braunschweig am höchsten liegt (31,3 Prozent).
gungen generell deutlich niedriger als bei mündlichen Um-
Eine Überprüfung des statistischen Zusammenhangs zwi-
fragen sind, insbesondere wenn es sich nicht um Spezial-
schen Wohnort und Zustimmung zum regionalen Erdkabel-
umfragen handelt, die sich an einen definierten Personen-
projekt bestätigt diesen Zusammenhang (Chi-Quadrat-Test,
kreis richten (vgl. Mayer 2013). 178 der befragten Haus-
p < 0,0001, N = 765). Eine Übersicht über die regionalen
halte wollten keine Angabe zu ihrem Wohnort machen. In
Unterschiede des Abstimmungsergebnisses kann Tab. 2 ent-
mehrfacher Hinsicht ist die Stichprobe nicht repräsentativ:
nommen werden.
Der Anteil von Rückläufern aus Kreiensen ist beispielsweise Das Abstimmungsergebnis zum überregionalen Erdka-
deutlich überproportional, was vermutlich auf den regiona- belprojekt fällt vergleichbar aus (Tab. 3). Das überregiona-
len Fokus des Referenzszenarios und die spezifische Situa- le Projekt wird von 57,0 Prozent der befragten Haushalte
tion in Kreiensen zurückzuführen ist. Auch bei weiteren so- befürwortet (N = 921). Der Anteil der Anlagengegner liegt
ziodemografischen Merkmalen ist mit Einschränkungen der
Repräsentativität der Stichprobe zu rechnen. So haben sich 6 Die von den Haushalten der Stichprobe (N = 855) angegebene mittle-
beispielsweise Haushalte, die über Wohneigentum verfügen, re Einkommensklasse zwischen 2500 und 3000 Euro schließt den bun-
gegenüber dem Bundesdurchschnitt (45,7 Prozent, Statisti- desweiten Durchschnitt der Haushaltsnettoeinkommen ein, der im Jahr
sches Bundesamt 2013a) überproportional oft an der Studie 2011 2.988 Euro im Monat betrug (Statistisches Bundesamt 2013b).
86 Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295

Tab. 3
Region Pro Unentschlossen Kontra Kontingenz- Signifikanz
Abstimmungsergebnisse
überregional koeffizient

Kreiensen 72,4 % 13,8 % 13,8 % 0,258 0,0001


Niebüll 62,8 % 11,6 % 25,6 %
Viechtach 50,7 % 16,4 % 32,8 %
Braunschweig 44,1 % 19,9 % 35,9 %

Tab. 4 Zusammenhang
Wohnort Fälle „pro regional“ Abstimmung Überregional
zwischen der Zustimmung zu
beiden Projekten Pro Unentschlossen Kontra

Kreiensen 186 92,5 % 6,5 % 1,1 %


Viechtach 41 78,0 % 12,2 % 9,8 %
Braunschweig 155 80,0 % 11,6 % 8,4 %
Niebüll 71 94,4 % 2,8 % 2,8 %
Gesamt 453 87,2 % 8,2 % 4,6 %

mit 26,6 Prozent leicht höher als im regionalen Vergleich- gibt eine Übersicht über die Vorbehalte, die Umfrageteil-
sprojekt, ebenso der Anteil unentschlossener Haushalte in nehmer gegen Erdkabelprojekte hegen (Mehrfachnennun-
Höhe von 16,4 Prozent. Auch hier lässt sich ein Zusammen- gen möglich, N = 517).
hang zwischen Abstimmungsergebnis und Wohnort nach- Die Befürwortung von Überlandleitungen bzw. die Ab-
weisen, dessen Stärke (Kontingenzkoeffizient) sogar etwas lehnung von Erdkabelprojekten wird in den meisten Fäl-
höher ist als beim regionalen Projekt. len damit begründet, dass man Erdkabel für unnötig hält
Bei einem Vergleich der Abstimmungsergebnisse über (192 Nennungen). Ähnlich häufig werden untersuchte Erd-
beide Erdkabelvarianten zeigt sich, dass die Mehrheit der kabelprojekte abgelehnt, weil die befragten Haushalte kei-
befragten Haushalte im regionalen und überregionalen Fall ne finanziellen Mittel für die mit der unterirdischen Kabel-
ähnliche Präferenzen äußern: 87,2 % der Haushalte, die für führung verbundenen Kostensteigerungen aufbringen kön-
das regionale Projekt stimmen, sprechen sich auch für das nen (181 Nennungen). 172 Haushalte geben an, dass sie
überregionale Projekt aus. Allerdings gibt es auch hier sta- die dezentrale Stromerzeugung dem Leitungsbau und damit
tistisch signifikante Unterschiede zwischen den betrachte- auch der Erdkabelführung vorziehen. Vergleichsweise weni-
ten Regionen: Während in Kreiensen 92,5 Prozent der Be- ger gewichtig sind das Fehlen persönlicher Vorteile aus dem
fürworter des regionalen Projekts auch für das überregio- Erdkabelbau (42 Nennungen), der Protest gegen die regio-
nale Projekt stimmen, liegt dieser Prozentsatz in Viechtach nale Beschränke der Erdkabelprojekte (21 Nennungen) oder
lediglich bei 78,0 Prozent (Kontingenzkoeffizient: 0,211, auch eine mangelnde Wertschätzung der aus dem Erdkabel-
p = 0,002, siehe Tab. 4).7 bau entstehenden Vorteile (15 Nennungen).8
Aus der Gruppe der Gegner des regionalen Projektes
stimmten 6,2 % für das überregionale Projekt, 91,2 % lehn- 5.3 Zahlungsbereitschaft für Erdkabel
ten jedoch auch das überregionale Projekt ab. 15,6 % aus
der Gruppe der Haushalte, die sich gegenüber dem regiona- Um die im Fragebogen erhobenen Zahlungsbereitschaft aus-
len Projekt noch unentschlossen zeigten, stimmten für das werten zu können, war zunächst eine Aufbereitung der
überregionale Projekt, 7,4 % aus dieser Gruppe lehnten das
8 In
überregionale Projekt ab, 74,8 % der Haushalte dieser Grup- einer weiterführenden Frage wurden die Haushalte aufgefordert,
pe äußerten sich in beiden Projektauslegungen unentschlos- den für sie bedeutsamsten Vorbehalt zu nennen. Diese Option wurde
in 89 Fällen wahrgenommen. 30 Haushalte gaben „Erdkabel sind un-
sen. nötig“ als wichtigsten Grund an, 18 das Argument „Der Netzausbau
Im Fragebogen wurde auch nach den Motiven für die Ab- sollte zugunsten von dezentraler Energieerzeugung ausbleiben“. Mit
lehnung der Erdkabelprojekte gefragt. Die folgende Abb. 3 15 Nennungen ebenfalls bedeutsam ist der Grund des „Informations-
mangels“. Einige Umfrageteilnehmer gaben mit der Forderung nach
Hochspannungsgleichstromübertragung einen weiteren Grund für die
7 Erhärtet wird diese Beobachtung durch den Befund, dass der Anteil Ablehnung der vorgestellten Projekte an. Einige der betroffenen Haus-
der Haushalte in Kreiensen, die für das überregionale Projekt stim- halte aus dem Umfeld einer örtlichen Bürgerinitiative protestierten zu-
men, sich gleichzeitig aber gegen das regionale Projekt aussprechen dem in Form von direkten Zuschriften und Leserbriefen an die örtli-
(18,4 %), deutlich höher ist als an den übrigen Standorten (Viechtach: che Presse explizit dagegen, dass bei dieser Untersuchung die HGÜ-
7,7 %, Braunschweig 6,1 %, Niebüll: 8,9 %). Technik nicht berücksichtigt wurde.
Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295 87

Abb. 3 Vorbehalte gegen


Erdkabelprojekte

Stichprobe notwendig, um mögliche Verzerrungen und in- vorgestellten Erdkabelprojekte votiert hatte, eine Zahlungs-
konsistente Angaben bereinigen zu können.9 Grundsätzlich bereitschaft von Null zugeordnet. Darüber hinaus wurde die
wurde eine Beobachtung nicht in der Zahlungsbereitschafts- Zahlungsfähigkeit eines Haushalts grundsätzlich unterstellt.
analyse berücksichtigt, wenn die zugrunde liegende Ab- Eine Zahlungsunfähigkeit wurde nur angenommen, wenn
stimmungsfrage (regional bzw. überregionales Projekt) un- ein befragter Haushalt dies in einer separaten Frage eindeu-
beantwortet blieb, die Zahlungsbereitschaft nicht konkreti- tig kenntlich machte.
siert wurde (z. B. durch die Angaben „ich bin unsicher“ Wie im Abschn. 3 erläutert, wurde die Zahlungsbereit-
oder „keine Angabe“), die Angaben des Haushalts als Pro- schaft in drei Variationen erhoben:
testantworten identifiziert wurden oder die Zahlungsbereit-
schaft eines Haushalts als übertrieben eingeschätzt wurde. • Jährliche Zahlungsbereitschaft für ein regional begrenz-
So wurde beispielsweise ein Datensatz dann als Protest aus- ten Erdkabelprojektes (8 km) auf Basis des Zahlungsme-
geschlossen, wenn ein Haushalt klar auf den Befragungsun- chanismus „Netzentgelte“
terlagen vermerkt hatte, dass er sich prinzipiell nicht an einer • Jährliche Zahlungsbereitschaft für ein überregionales
Zahlungsbereitschaftsanalyse beteiligen möchte. Insgesamt Erdkabelprojekt (400 km) auf Basis des Zahlungsmecha-
wurden auf dieser Grundlage acht Beobachtungen aus der nismus „Netzentgelte“
Auswertung entfernt.10 • Einmalige Zahlungsbereitschaft für ein regionales Erdka-
Ob ein Datensatz modifiziert in die Zahlungsbereit- belprojektes auf Basis des Zahlungsmechanismus „Ent-
schaftsanalyse einging, hing von weiterführenden Angaben wicklungsfonds“.
des Haushalts ab. So wurde jedem Haushalt, der gegen die
Abbildung 4 zeigt beispielhaft für die erste erhobene
Zahlungsbereitschaft, welche Effekte die obigen Maßnah-
9 Zu diesem Vorgehen vgl. Christ und Bothe (2007). men zur Stichprobensortierung auf den Rücklauf hatten. Es
10 Eine Übertreibung wurde unterstellt, wenn eine jährliche Zahlungs- zeigt sich, dass rund 25 Prozent des ursprünglichen Rück-
bereitschaft von mehr als 500 Euro im Zahlungsmodell der jährlichen laufs nicht in die Zahlungsbereitschaftsanalyse eingehen.
Netzentgelte bzw. von 5.000 Euro im Modell des Entwicklungsfonds
Die Eckdaten der erhobenen Zahlungsbereitschaften
angegeben wurde. Diese Schwelle wurde in Hinblick auf die im Frage-
bogen angebotene Information bestimmt, da sich die Ausgaben eines können der folgenden Tab. 5 entnommen werden.
deutschen Durchschnittshaushaltes für Netzentgelte im Bereich Über- Untersucht man die erhobene Zahlungsbereitschaft zu-
tragungsnetze im Rahmen der jährlichen Stromrechnung auf knapp nächst auf regionale Abweichungen, so ergeben sich deut-
200 Euro belaufen. Auch wenn der betrachtete Haushalt einen hö-
heren Stromverbrauch und damit höhere Stromkosten als ein Durch- liche Unterschiede. Die durchschnittliche Zahlungsbereit-
schnittshaushalt aufweisen sollte, so erscheint die Angabe wenig rea- schaft für das Erdkabelprojekt in beiden Varianten ist in
listisch, dass die Netzentgelte um mehr als das 2,5-fache (500 Euro) Niebüll (regionales Projekt: 28,6 €, überregionales Pro-
der Netzentgelte eines Durchschnittshaushaltes steigen. Der Grenzwert
von 5.000 Euro im Entwicklungsfonds wurde im Hinblick auf die gän-
jekt: 34,5 €) relativ stärker und in Braunschweig (15,4 €,
gigen Mindestanlagewerte im Bereich renditeorientierter Klimafonds 19,9 €) relativ schwächer ausgeprägt als an den anderen
gewählt. Standorten (Kreiensen: 21,1 €; 26,3 €; Viechtach: 25,8 €;
88 Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295

Abb. 4 Stichprobenstruktur
Zahlungsbereitschaft
(Netzentgelte regional)

Tab. 5 Zahlungsbereitschaft (in 


Zahlungsbereitschaft N Max Ø Stdabw. (€)
Euro)
Regional Netzentgelte 761 300 14.021 18,24 40,67
Überregional Netzentgelte 752 450 16.886 24,54 49,06
Regional Fonds 779 5.000 64.626 82,96 354,29

Abb. 5 Vergleich mittlerer


Zahlungsbereitschaften
(Euro/Jahr)

28,6 €). Aufgrund der relativ großen Standardabweichun- Tests bestätigt. Die Ergebnisse des Kruskal-Wallis-Tests
gen und der von einer Normalverteilung abweichenden, bestätigen diesen Zusammenhang für das regionale Pro-
linksschiefen Verteilung der Zahlungsbereitschaft sind die jekt (p = 0,020) und das das überregionale Projekt (p =
in der folgenden Abb. 5 dargestellten mittleren Zahlungsbe- 0,009).11
reitschaften jedoch mit Vorsicht zu interpretieren.
Allerdings wird die Hypothese, dass die Verteilung der
Zahlungsbereitschaft nicht unabhängig vom Wohnort des 11 Auch für die Zahlungsbereitschaft für den regionalen Fonds kann
Haushalts ist, auch auf Basis eines nicht-parametrischen diese Hypothese bestätigt werden (p = 0,002).
Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295 89

Tab. 6 Trittbrettfahrer nach


Wohnort Regional Überregional Regional
Wohnort und Zahlungsmodellen
Netzentgelte Netzentgelte Fonds

Kreiensen 46,1 % 47,9 % 64,4 %


Viechtach 50,0 % 50,0 % 75,0 %
Braunschweig 42,3 % 46,6 % 64,0 %
Niebüll 35,4 % 37,1 % 54,1 %
Gesamt 46,2 % 48,7 % 65,2 %

Tab. 7 Zahlungsbereitschaft für


Stichprobe (N) Mittelwert Stdabw. ZB sinkt ZB ZB steigt
den Übergang vom regionalen
auf das überregionale Erdkabel Zahlungsber.- (% der Haushalte) konstant (% HH)
differenzen (% HH)
(in €)

Kreiensen (85) 11,05 39,54 12,9 49,4 37,6


Viechtach (16) 20,63 73,44 12,5 31,3 56,3
Braunschweig (67) 13,18 46,69 20,9 37,3 41,8
Niebüll (39) 16,72 39,99 7,7 59,0 33,3
Gesamt (229) 13,50 44,36 14,8 45,4 39,7

Ein bedeutsames Ergebnis dieser Untersuchung besteht wie die Zahlungsbereitschaft der Haushalte auf die überre-
in der Beobachtung, dass nahezu 50 % der Haushalte, die gionale Ausweitung des Erdkabelprojektes reagiert. Aus in-
sich bei der Abstimmung für das Erdkabel in der regionalen haltlichen Gründen gehen nur die Angaben derjenigen 229
oder überregionalen Ausprägung entschieden haben, keine Haushalte in diese Untersuchung ein, die für die regionale
positive Zahlungsbereitschaft für eben jene Projekte ange- Auslegung des Projektes eine positive Zahlungsbereitschaft
ben. Der Wunsch, ein Projekt zu realisieren, ohne dass die- äußerten und der überregionalen Kabelauslegung ebenfalls
sem Projekt ein positiver ökonomischer Wert (ausgedrückt zustimmten. Im Schnitt sind diese Haushalte bereit, 13,50
durch die Zahlungsbereitschaft) zugeordnet wird, wird in Euro mehr auszugeben, wenn das Projekt nicht nur regio-
der ökonomischen Literatur als Trittbrettfahrerverhalten in- nal (8 km), sondern auch überregional (400 km) realisiert
terpretiert. Im Fall des regionalen Projektes verhalten sich wird (siehe Tab. 7). Bei einer differenzierten Betrachtung
46,2 Prozent der Haushalte als Trittbrettfahrer, in der überre- zeigt sich jedoch, dass dieser Durchschnittswert lediglich
gionalen Auslegung steigt dieser Wert auf 48,7 Prozent. Im auf die steigenden Beiträge einer Minderheit zurückzufüh-
Modell des regionalen Entwicklungsfonds liegt der Anteil ren ist: Nur knapp 40 % der Haushalte, die dem regionalen
der Trittbrettfahrer mit 65,2 % am höchsten. Dieses Ergeb- Projekt einen positiven Wert beimessen, sind bereit, für ei-
nis bestätigt die Ergebnisse zahlreicher ähnlicher Studien, ne überregionale Ausweitung der unterirdischen Kabelfüh-
die im Fall freiwilliger Zahlungen durchweg eine verstärkte rung mehr zu zahlen. Eine relative Mehrheit von 45 % der
Tendenz zum Freifahrerverhalten konstatieren (z. B. Carson Haushalte belässt ihre Zahlungsbereitschaft unverändert; In
2000; Sugden 1999).12 Auffallend ist, dass das Trittbrett- 15 % der Fälle liegt die angegebene Zahlungsbereitschaft
fahrerverhalten in den Regionen unterschiedlich stark aus- für das überregionale Projekt sogar unter der Zahlungsbe-
geprägt ist. So ist der Anteil der Trittbrettfahrer in Niebüll reitschaft für ein regionales Projekt. Dieses Ergebnis ist in-
deutlich geringer als in den übrigen Regionen (Tab. 6). sofern bemerkenswert, als dass bei der Beschreibung beider
Weitere Aufschlüsse über die Struktur der erhobenen Prä- Projekte deutlich herausgestellt wurde, dass die überregio-
ferenzen können gewonnen werden, indem untersucht wird, nale Projektauslegung auf 400 km Länge als „eine Summe“
vieler regionaler Projekte aufzufassen sei. In der Literatur zu
12 Eine
umweltökonomischen Bewertungsverfahren wird die Beob-
auf Basis der Kontingenten Bewertungsmethode durchgeführ-
te repräsentative Erhebung unter 1000 bundesdeutschen Haushalten achtung, dass die Zahlungsbereitschaft für ein bestimmtes
von Grieger (2013) kommt beispielsweise zu dem Ergebnis, dass zwei Umweltprojekt (z. B. für den Schutz einer bedrohten Tier-
Drittel der befragten Haushaltsentscheider eine vollständige Abschal- art in einer bestimmten Region) nicht zunimmt, wenn das-
tung der Atomkraftwerke in Deutschland rückblickend bis zum jetzi- selbe Projekt in einem größeren Zusammenhang realisiert
gen Zeitpunkt für richtig hält. Gleichzeitig sind aber offenbar lediglich
30,3 % der Haushalte bereit, hierfür auch einen höheren Strompreis zu wird (z. B. Schutz der bedrohten Tierart in allen Ländern
akzeptieren, während 51,5 % der Haushalte Preissteigerungen ableh- der Welt) als sog. Part-Whole-Bias diskutiert (Mitchell und
nen. Carson 2005). Bezogen auf die Erdkabeluntersuchung ergibt
90 Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295

sich hieraus der Eindruck, dass trotz der kaum abnehmenden • Einstellungen zur Energiewende: Eine Ablehnung der
Zustimmung der Haushalte und einer im Durchschnitt so- Energiewende geht relativ häufig auch mit einer Ableh-
gar steigenden Zahlungsbereitschaft die Basis der Haushal- nung von Erdkabelprojekten einher. Während sich die
te, die bereit sind, sich an den entstehenden Kosten zu betei- Gegner der Energiewende zu 44,1 % gegen das regio-
ligen, mit einer regionalen Ausdehnung der Erdkabelprojek- nale Erdkabel aussprechen, lehnen lediglich 22,2 % der
te deutlich abnimmt. Tabelle 7 zeigt zudem, dass der Anteil Befürworter der Energiewende das regionale Erdkabel ab
der Haushalte, die bei einem Übergang auf ein überregiona- (überregionales Erdkabel: 52,2 % versus 23 %).
les Projekt eine sinkende Zahlungsbereitschaft (ZB) zeigen, • Einschätzung der Notwendigkeit des Netzausbaus: In der
in der städtischen Vergleichsregion Braunschweig deutlich Gruppe der Haushalte, die von der Notwendigkeit des
größer ist als an den übrigen Standorten. Gleichzeitig fällt Netzausbaus überzeugt sind, verhalten sich 31,3 % als
auf, dass der Anstieg der mittleren Zahlungsbereitschaft in Trittbrettfahrer, 29 % äußern eine positive Zahlungsbe-
Kreiensen am geringsten ist. reitschaft für das regionale Projekt. Diejenigen, die nicht
Für die Beantwortung der eingangs gestellten Frage, ob von der Notwendigkeit des Netzausbaus überzeugt sind,
Erdkabel ein Mittel zur Akzeptanzsteigerung des Netzaus- verhalten sich zu 43,8 % als Trittbrettfahrer, während
baus darstellen können, lässt sich aus diesem Ergebnis ein 21,5 % eine positive Zahlungsbereitschaft äußern (über-
interessanter Hinweis ableiten: Zwar sind offenbar auch vie- regionales Erdkabel: 32,6 % und 24 % versus 48,4 % und
le Haushalte, die nicht direkt vom Leitungsbau betroffen 17,7 %).13
sind, bereit, der Verwendung von regional begrenzten Erd- • Finanzierung des Netzausbaus: Diejenigen Haushalte, die
kabeln einen positiven Wert zuzumessen, aber weniger als der Meinung sind, der Netzausbau sollte aus Steuermit-
die Hälfte dieser Haushalte ist bereit, zusätzliche Kosten- teln finanziert werden, verhalten sich zu 42,3 % als Tritt-
steigerungen im Falle einer überregionalen Anwendung der
brettfahrer, während 19,5 % eine positive Zahlungsbe-
Erdkabeltechnik zu tragen.
reitschaft äußern. Die Haushalte, die einer Finanzierung
über Netzentgelte zustimmen, verhalten sich zu 24,5 als
5.4 Erklärungsmodelle zu den geäußerten Präferenzen
Trittbrettfahrer und geben zu 35,9 % eine positive Zah-
5.4.1 Entscheidungsverhalten lungsbereitschaft an (überregionales Projekt: 46,5 % und
15,3 % versus 23,8 % und 29,2 %).
Neben den bislang im Vordergrund stehenden regionalen • Regionaler Ausgleich: Haushalte, die sich für einen regio-
Differenzierungen sollen auch die im Abschn. 3.4 erläuter- nalen Ausgleich bei Netzausbaumaßnahmen aussprechen,
ten Einstellungsvariablen und soziodemografischen Merk- lehnen das regionale Projekt mit einem Anteil von 20,1 %
male der Haushalte bei der Analyse des Entscheidungsver- ab. Demgegenüber sprechen sich 39,8 % der Haushalte,
haltens berücksichtigt werden. Hierzu wird das Entschei- die einen regionalen Ausgleich nicht wünschen, auch ge-
dungsverhalten der Haushalte zunächst in Form einer multi- gen das regionale Erdkabel aus (überregionales Projekt:
nomialen Variable mit den folgenden Ausprägungen zusam- 21,1 % versus 41,6 %).
mengefasst:
Diese Beobachtungen zum Zusammenhang zwischen be-
1. Haushalt ist gegen das Erdkabel und für die Freileitung stimmten energiepolitischen Einstellungen und den in der
2. Haushalt ist indifferent zwischen Freileitung und Erdka- Untersuchung beobachteten Entscheidungen unterstreichen
bel zunächst die Validität der erhobenen Daten. Wie stark der
3. Haushalt spricht sich für Erdkabel aus, äußert jedoch eine Einfluss dieser Einstellungsvariablen auf die in der Untersu-
Zahlungsbereitschaft von Null (Trittbrettfahrer) chung geäußerten Entscheidungen tatsächlich ist, lässt sich
4. Haushalt spricht sich für das Erdkabel aus und äußert ei- jedoch nur bei Betrachtung ihres gemeinsamen Einflusses
ne positive Zahlungsbereitschaft
Bei isolierter Betrachtung des Einflusses einzelner Einstel- 13 Wie in Tab. 8 ausgeführt, haben die befragten Haushalte mit deut-
lungsvariablen auf das in dieser Entscheidungsvariablen zu- licher Mehrheit von fast 90 % die Notwendigkeit des Netzausbaus
sammengefasste Verhalten zeigt sich beispielsweise, dass anerkannt. Untersucht man diese Einstellungen aber in Abhängigkeit
der von den Haushalten bevorzugten Entscheidungskompetenz für den
die Einschätzung, ob die Erderwärmung menschenverur-
Netzausbau, so zeigt sich, dass der Anteil derjenigen, die nicht von der
sacht ist oder ob der befragte Haushalt selbst eine EEG- Notwendigkeit des Netzausbaus überzeugt sind, in der Gruppe, die sich
Anlage betreibt, in keinem signifikanten Zusammenhang für eine regionale Entscheidungskompetenz aussprechen, mit 32,8 %
mit dem Entscheidungsverhalten in Bezug auf das regionale ganz deutlich höher ist als in den Gruppen, die sich für eine Entschei-
und überregionale Erdkabel steht. Signifikante Zusammen- dungskompetenz des Bundes oder für eine gemischte Entscheidungs-
kompetenz aussprechen. Interpretiert man, das Votum, die Entschei-
hänge (Kontingenzanalyse, symmetrisches Maß) zwischen dungskompetenz solle bei den vom Netzausbau betroffenen Regionen
den geäußerten Einstellungen und dem Entscheidungsver- liegen, als Votum für eine starke Partizipation, so scheint die Akzep-
halten gehen jedoch von einigen anderen Variablen aus: tanz des Leitungsbaus gerade in diesem Fall am geringsten zu sein.
Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295 91

Tab. 8 Ausprägungen der


Abhängige Variablen Antwortverteilungen
Entscheidungsvariablen und
Antwortverteilungen im Sample im Sample

Entscheidung regionales dagegen 27,0 %


Projekt indifferent 11, 6 %
N = 319
dafür, aber keine ZB 21,6 %
dafür, positive ZB 39,8 %

Entscheidung überregionales dagegen 30,6 %


Projekt indifferent 15,5 %
N = 252
dafür, aber keine ZB 15,1 %
dafür, pos. ZB 38,9 %

Unabhängige Variablen, Faktoren Anteil Anteil


regional überre-
gional

Globale Erwärmung Menschenverursacht 82,1 % 81,7 %


Nicht menschenverursacht 17,9 % 18,3 %
Einstellung Energiewende pro Energiewende 89,7 % 89,7 %
kontra Energiewende 10,3 % 10,3 %
Notwendigkeit Netzausbau Notwendig 87,5 % 88,5 %
Nicht notwendig 12,5 % 11,5 %
Wahl Stromanbieter Nachhaltige Erzeugung 45,5 % 42,1 %
Erzeugung egal 54,5 % 57,9 %
EEG-Anlagenbetreiber betreibt Anlage 16,0 % 18,3 %
betreibt keine Anlage 84,0 % 81,7 %
Finanzierung Netzausbau Steuermittel 45,5 % 40,9 %
Netzentgelte 54,5 % 59,1 %
Entscheidungskompetenz Netzausbau betroffene Regionen 16,9 % 15,9 %
Bundesregierung 8,8 % 8,7 %
Regionen & Bund 74,3 % 75,4 %
Finanzieller Ausgleich pro Ausgleich 73,7 % 73,0 %
kontra Ausgleich 26,3 % 27,0 %
Netzausbauprojekt bekannt bekannt 61,8 % 62,7 %
nicht bekannt 38,2 % 37,3 %
Geschlecht HH-Vorstand männlich 90,0 % 90,1 %
weiblich 10,0 % 9,9 %
Wohnsituation Miete 12,5 % 11,1 %
Eigentum 87,5% 88,9 %
Wohnort Kreiensen 36,4 % 36,9 %
Viechtach 7,8% 8,7 %
Braunschweig 40,1 % 40,1 %
Niebüll 15,7 % 14,3 %

Weitere unabhängige Variablen (Kovariate)

Entfernung Haushalt zur nächsten Stromtrasse


Haushaltsnettoeinkommen
Alter Haushaltsvorstand
92 Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295

Tab. 9 Logistisches Modell zur


Effekt -2 Log-Likelihood für Likelihood-Quotienten-Tests
Erklärung der Entscheidung
reduziertes Modell Chi-Quadrat Freiheitsgrade Signifikanz
über das regionale Projekt
(Likelihood-Quotienten-Tests)
Konstanter Term 727,811 0,000 0 .
Globale Erwärmung 729,245 1,434 3 0,698
Energiewende 731,470 3,659 3 0,301
Notwendigkeit Netzausbau 730,301 2,491 3 0,477
Wahl Stromanbieter 732,669 4,858 3 0,182
EEG-Anlagenbetreiber 737,591 9,780 3 0,021∗∗
Finanzierung Netzausbau 744,863 17,052 3 0,001∗∗∗
Entscheidungskompetenz 732,948 5,137 6 0,526
Regionaler Ausgleich 736,685 8,874 3 0,031∗∗
Projekt bekannt 728,074 0,263 3 0,967
Modellzusammenfassung:
N = 319; Log-Likelihoods: Alter 731,117 3,306 3 0,347
828,720 (nur konstanter Term), Geschlecht HH-Vorstand 731,862 4,051 3 ,256
727,811 (endgültiges Modell);
Haushaltsnettoeinkommen 730,018 2,207 3 0,531
Chi-Quadrat: 100,909
(p = 0,000); Pseudo-R 2 : 0,293 Wohnsituation 733,902 6,091 3 0,107
(Nagelkerke) Wohnort 735,477 7,666 9 0,568
∗∗∗ /∗∗ /∗ : Signifikant auf
Entfernung Stromtrasse 736,023 8,212 3 0,042∗∗
1-/5-/10 %-Niveau

beurteilen. Der simultane Einfluss der im Fragebogen geäu- ge Effekt eliminiert wird (Chi-Quadrat). Sie sind als Modell-
ßerten Einstellungen zu verschiedenen Aspekten der Ener- zusammenfassungen für die regionale bzw. überregionale
giewende und des Netzausbaus und der soziodemografi- Abstimmungsentscheidung zu interpretieren. Das für den je-
schen Variablen (als unabhängige Variablen) auf das Ent- weiligen Effekt angegebene Signifikanzniveau weist darauf
scheidungsverhalten im regionalen und überregionalen Fall hin, mit welcher Fehlerwahrscheinlichkeit ein Einfluss auf
(als abhängige Variable) wird im Rahmen von Regressions- die unabhängige Variable konstatiert werden kann. Da aus
modellen überprüft. Dabei wird das Standardregressionsver- diesen Modellzusammenfassungen nur eine Aussage über
fahren (vgl. Hosmer et al. 2013) für die Analyse diskreter das Vorliegen eines Einflusses hervorgeht, nicht aber über
Zielvariablen von mehr als zwei Ausprägungen, die multi- die Art des Einflusses, werden diese einzeln erläutert. Die
nominale logistische Regression (vgl. Tarling 2009), ange- Modellzusammenfassungen zeigen, dass der simultane Ein-
wandt. In Tab. 8 werden die in diese Modelle eingehenden fluss aller betrachteten Variablen 29,3 % (regionales Erdka-
Ausprägungen der abhängigen und unabhängigen Variablen bel) bzw. 36,3 % (überregionales Erdkabel) der insgesamt
dargestellt. beobachteten Varianz erklären kann.
Im Rahmen der multinominalen logistischen Regressi- Für das Entscheidungsverhalten zum regionalen Projekt
on werden die Ausprägungen der abhängigen Variablen spielt der Wohnort keine signifikante Rolle. Auch die un-
als Ereignisse betrachtet, die mit einer bestimmten Wahr- terschiedlichen Einstellungen zur Notwendigkeit des Netz-
scheinlichkeit eintreten. Diese Wahrscheinlichkeit ist ab- ausbaus verlieren ihren Erklärungsgehalt bei einer simulta-
hängig von einer Kombination der unabhängigen Varia- nen Betrachtung aller Prädikatoren. Eine Variable, die sich
blen und wird für jede Ausprägung der abhängigen Varia- hoch signifikant auf das Abstimmungsverhalten auswirkt,
ble in separaten Regressionsmodellen bestimmt. Aufgrund ist die bevorzugte Finanzierung des Netzausbaus. Haushalte,
der Annahme, dass die abhängige Variable eine der genann- die eine Netzfinanzierung aus Steuermitteln bevorzugen, tre-
ten vier Ausprägungen annehmen muss und die Summe ten vermehrt als Trittbrettfahrer auf. Die Gruppe der Haus-
der individuellen Eintrittswahrscheinlichkeiten gleich eins halte, die sich eher für Netzentgelte aussprechen, äußert
ist, enthält ein vollständiges Modell redundante Informatio- hingegen eher eine positive Zahlungsbereitschaft. Auch die
nen, so dass eine der Ausprägungen aus dem Modell ent- Tatsache, dass der betrachtete Haushalt eine eigene EEG-
fernt und als Referenzkategorie etabliert wird (vgl. Crown Anlage betreibt, liefert bei simultaner Betrachtung einen si-
1998). In den nachfolgend vorgestellten Modellen zur regio- gnifikanten Erklärungsbeitrag. Demnach stehen Haushalte
nalen und überregionalen Abstimmung bildet jeweils Aus- mit EEG-Anlage dem regionalen Erdkabelprojekt eher in-
prägung vier, „Zahlungsbereitschaft positiv größer Null“, different gegenüber als Haushalte ohne EEG-Anlage. Auch
diesen Referenzpunkt. Die Tabellen 9 und 11 (Likelihood- besteht eine erhöhte Wahrscheinlichkeit des Trittbrettfah-
Quotienten-Tests) enthalten Informationen über die Ände- rens. Ein weiterer signifikanter Einfluss geht offenbar von
rung der Likelihood-Funktion für den Fall, dass der jeweili- dem Wunsch nach einer finanziellen Kompensation für vom
Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295 93

Tab. 10
Abstimmungsentscheidungen Mittlere Entfernung Mittlere Entfernung
Abstimmungsentscheidung und
mittlere Entfernung zur im regionalen Projekt im überregionalen
Projekt
nächsten Stromtrasse

Dagegen 3,34 km 3,48 km


dafür, aber keine ZB 3,88 km 4,36 km
dafür, positive ZB 5,57 km 5,52 km
Indifferent 5,71 km 7,66 km

Tab. 11 Logistisches Modell


Effekt -2 Log-Likelihood für Likelihood-Quotienten-Tests
zur Erklärung der Entscheidung
reduziertes Modell Chi-Quadrat Freiheitsgrade Signifikanz
über das überregionale Projekt
(Likelihood-Quotienten-Tests)
Konstanter Term 553,838a 0, 000 0
Globale Erwärmung 555,197 1, 358 3 0,715
Energiewende 556,841 3, 003 3 0,391
Notwendigkeit Netzausbau 556,364 2, 526 3 0,471
Wahl Stromanbieter 558,245 4, 407 3 0,221
EEG-Anlagenbetreiber 557,679 3, 841 3 0,279
Finanzierung Netzausbau 570,226 16, 388 3 0,001∗∗∗
Entscheidungskompetenz 556,755 2, 917 6 0,819
Regionaler Ausgleich 564,547 10, 708 3 0,013∗∗
Projekt bekannt 555,581 1, 743 3 0,627
Modellzusammenfassung:
N = 252; Log-Likelihoods: Alter 555,662 1, 823 3 0,610
657,018 (nur konstanter Term), Geschlecht 555,561 1, 723 3 0,632
553,838 (endgültiges Modell);
Haushaltsnettoeinkommen 556,749 2, 911 3 0,406
Chi-Quadrat: 103,180
(p = 0,000); Pseudo-R 2 : 0,363 Wohnsituation 572,179 18, 341 9 0,031∗∗
(Nagelkerke) Wohnort 560,188 6, 350 3 0,096∗
∗∗∗ /∗∗ /∗ : Signifikant auf
Entfernung Stromtrasse 562,525 8, 687 3 0,034∗∗
1-/5-/10 %-Niveau

Netzausbau betroffene Gebiete aus. Haushalte, die eine sol- die bereits negativen Einflüssen unterliegen, diesen Einfluss
che Ausgleichszahlung befürworten, sind hinsichtlich des weniger stark gewichten als Haushalte, denen eine Beein-
regionalen Erdkabelprojektes eher unentschlossen oder ver- trächtigung erst bevorsteht. In dieser Studie zeigt sich dieser
halten sich als Freifahrer. Ein weiterer interessanter Befund Gewöhnungseffekt bis zu einer gewissen Entfernung, ab der
ergibt sich aus der Entfernung eines Haushaltes zur nächst- die Haushalte der Art der Kabelführung indifferent gegen-
gelegenen Stromtrasse. Die folgende Tab. 10 zeigt den mitt- überstehen; die mittlere Entfernung der indifferenten Haus-
leren Abstand der Haushalte innerhalb der jeweiligen Ant- halte zur nächsten Stromtrasse ist mit 5,71 km (regionales
wortgruppe. Projekt) bzw. 7,66 km (überregionales Projekt) am größten.
Die Wahrscheinlichkeit der Zustimmung zum Erdkabel- Die Untersuchung des Entscheidungsverhaltens für das
projekt steigt mit zunehmender Entfernung. Mit anderen überregionale Erdkabelprojekt kommt grundsätzlich zu
Worten: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Haushalt sich für ähnlichen Ergebnissen (siehe Tab. 11). Der o.g. Gewöh-
eine Freileitung ausspricht, ist umso größer, je dichter dieser nungseffekt zeigt sich auch hier. Unterschiede gegenüber
Haushalt an einer bereits existierenden Freileitung wohnt. den Entscheidungen zum regionalen Modellbestehen aller-
Ausgehend von der Annahme, dass der wesentliche Vorteil dings in Bezug auf die Variable „EEG-Anlagenbetreiber“,
des Erdkabels gegenüber der Freileitung in der verminder- deren Einfluss insignifikant wird, sowie im Hinblick auf die
ten Sichtbarkeit der Leitung bzw. optisch-ästhetischen Ef- Rolle des Wohnorts und der Wohnsituation, denen hier ein
fekten liegt, erscheint diese Beobachtung zunächst überra- signifikanter Erklärungsgehalt zugewiesen wird. Hinsicht-
schend. Gleichwohl kommen auch andere Studien zur Be- lich der Wohnsituation bzw. der Eigentumsverhältnisse zeigt
wertung von Umwelteffekten zu ähnlichen Beobachtungen sich, dass Haushalte, die in einem Mietverhältnis stehen,
(vgl. etwa Hansjürgen 2009). Interpretiert wird dieser Zu- mit einer im Vergleich zu Wohneigentümern größeren Wahr-
sammenhang zwischen räumlicher Nähe und Präferenz als scheinlichkeit zum Trittbrettfahren neigen. Die Signifikanz
Gewöhnungseffekt. Dieser geht davon aus, das Haushalte, der Variable „Wohnort“ wird (in den hier nicht dargestell-
94 Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295

Tab. 12 Koeffizienten und


Unabhängige Variable Abhängige Variable
Signifikanzen der Tobit-Modelle
Modell 1 Modell 2 Modell 3
Regionales Überregionales Regionales
Projekt, Projekt, Projekt,
Netzentgelte Netzentgelte Fonds

HH glaubt an globale Erwärmung −6,866 −17,940 134,117


HH unterstützt Energiewende 53,004∗∗∗ 89,284∗∗∗ 311,966
HH hält Netzausbau für notwendig 18,534 13,172 40,046
HH wählt Stromanbieter vor ökologischen Kriterien 17,862∗ 17,764 362,877∗∗∗
HH betreibt eigene EEG-Anlage 21,522∗ 31,656∗∗ 326,877∗∗∗
Dummy: Finanzierung Netzausbau durch Netzentgelte 30,579∗∗∗ 26,661∗∗ 226,315∗∗
Dummy: Regionale Entscheidungskompetenz 22,891∗ 14,876 83,997
HH befürwortet finanzielle Kompensation betroffener 3,725 −4,260 107,603
Regionen
Dem HH ist ein konkretes Ausbauprojekt bekannt 0,952 7,867 252,412∗∗
Alter HH-Vorstand 1,591 −1,085 −111,378∗∗
HH-Vorstand ist männlich 23,314∗ 18,399 −62,581
Haushaltsnettoeinkommen 7,095∗∗ 8,276∗∗ 70,433∗∗
HH besitzt Wohneigentum 4,847 10,470 210,992
Dummy: Wohnort ist Kreiensen 19,668∗ 32,061∗∗ 100,006
Entfernung zur nächsten Stromtrasse in Metern 0,097 0,293 3,548
Konstante −311,455∗∗∗ −367,910∗∗∗ −3.264,224∗∗∗
∗ /∗∗ /∗∗∗ :
Signifikant auf 10 %-, Log-Likelihood −1.068,828 −1.010,922 −1.025,711
5 %- bzw. 1 %-Niveau
N 398 391 402
HH: Haushalt

ten Teilmodellen) deutlich an den Ausprägungen Viechtach welche die ursprüngliche Beschränkung umgehen (Wool-
und Braunschweig, in denen die Haushalte stärker zur Ab- ridge 2009). Das Tobit-Verfahren, das nachfolgend zur Aus-
lehnung oder zur Indifferenz in Bezug auf das überregionale wertung der Zahlungsbereitschaften genutzt wird, ist der
Projektes neigen als an den anderen Standorten. zweiten Kategorie zuzuordnen. Es schätzt zunächst in einem
latenten Modell fiktive Werte für die beschränkte Variable
5.4.2 Zahlungsbereitschaft und verarbeitet diese dann in einem Maximum-Likelihood-
Modell.14 In der folgenden Tab. 12 werden die Ergebnisse
Die im Rahmen der Kontingenten Bewertungsmethode er- der Tobit-Regressionen vorgestellt, die jeweils eine der drei
hobenen Zahlungsbereitschaften der Haushalte sind links- untersuchten Zahlungsbereitschaften als abhängige Variable
seitig durch den Wert Null beschränkt. Dies bedeutet, dass betrachten. Als unabhängige Variable gingen die bereits in
diejenigen Haushalte, die Erdkabel ablehnen bzw. Über- den logistischen Modellen verarbeiteten Variablen ein.
landleitungen bevorzugen, nicht die Möglichkeit haben, ei- Ein Vergleich der Regressionsmodelle zeigt, dass die
ne negative Zahlungsbereitschaft zu äußern. Klassische Re- Zahlungsbereitschaft als Ausdruck der Stärke der Präferenz
teilweise von anderen Variablen beeinflusst wird als das im
gressionsverfahren, die auf der kleinsten-Quadrate-Methode
letzten Abschnitt untersuchte Entscheidungsverhalten. Zu-
basieren, sind im Fall beschränkter Wertebereiche abhängi-
dem variiert der Erklärungsgehalt der betrachteten Varia-
ger Variablen ungeeignet und führen zu fehlerhaften bzw.
blen zwischen den verschiedenen Zahlungsbereitschaftsmo-
inkonsistenten Parameterschätzungen). Als genauer gelten
dellen. Dabei sind die Vorzeichen der Koeffizienten der vor-
in diesen Fällen Verfahren, die Moment- oder Maximum-
gestellten Modelle inhaltlich durchweg konsistent: Eine Un-
Likelihood-Schätzer verwenden (Halstedt et al. 1990; Co-
terstützung der Energiewende führt etwa ebenso zu einer
hen 1991). Welches Verfahren für eine Analyse der metri-
höheren Zahlungsbereitschaft für Erdkabel wie die Bevor-
schen Zahlungsbereitschaft genutzt wird, orientiert sich am
zugung von Strom aus erneuerbaren Quellen. Zudem zeigt
gewählten Umgang mit zensierten Daten. Grundsätzlich be-
stehen die Möglichkeiten, die zensierten Daten als fehlen-
de Werte zu deklarieren und vollständig aus der Stichprobe 14 Eine Ausführliche Darstellung des Tobit-Regressionsmodells findet
zu entfernen oder sie durch fiktive Schätzwerte zu ersetzen, sich z. B. bei Long (1997, S. 196ff.).
Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295 95

Tab. 13 Übersicht über


Effekte Regionales Erdkabelprojekt Überregionales Erdkabelprojekt
signifikante Einflussgrößen in
den Erklärungsmodellen Abstimmung ZB Netzentgelte ZB Fonds Abstimmung ZB Netzentgelte
(Logit) (Tobit 1) (Tobit 3) (Logit) (Tobit 2)

Globale Erwärmung
Energiewende ∗∗∗ ∗∗∗

Notwendigkeit Netzausbau
Wahl Stromanbieter ∗ ∗∗∗

EEG-Anlagenbetreiber ∗∗ ∗ ∗∗∗ ∗∗

Finanzierung Netzausbau ∗∗∗ ∗∗∗ ∗∗ ∗∗∗ ∗∗

Entscheidungs-kompetenz ∗

Regionaler Ausgleich ∗∗ ∗∗

Projekt bekannt ∗∗

Alter ∗∗

Geschlecht ∗

Haushalts-nettoeinkommen ∗∗ ∗∗ ∗∗

Wohnsituation ∗∗

Wohnort ∗ ∗ ∗∗
∗∗∗ /∗∗ /∗ :
signifikant auf Entfernung Stromtrasse ∗∗ ∗∗
1/5/10 %-Niveau

sich, dass solche Haushalte, die Netzentgelte (und nicht höhung der Akzeptanz des Leitungsbaus betrachten, scheint
etwa eine Steuerfinanzierung) als Finanzierungsinstrument sich die Frage, ob die hierfür zuständige Entscheidungskom-
des Netzausbaus befürworten, eine signifikant höhere Zah- petenz eher regional oder eher zentral gestaltet sein soll,
lungsbereitschaft äußern. Die Beobachtung, dass sich die nicht von großer Relevanz für die Ablehnung von Über-
Höhe des Haushaltsnettoeinkommens positiv auf die Hö- landleitungen zu sein. Hinzu kommt, dass in allen Erklä-
he der geäußerten Zahlungsbereitschaft auswirkt, bestätigt rungsmodellen die Einstellung der Haushalte hinsichtlich
ein Standardergebnis der Literatur (vgl. etwa Broberg 2009 der Notwendigkeit des Netzausbaus ebenso wenig einen si-
oder Liebe et al. 2011). Anders als bei der isolierten Unter- gnifikanten Erklärungsbeitrag liefert, wie die Einstellungen
suchung des Einflusses des Wohnortes (vgl. Abschn. 5.3) zur globalen Erwärmung. Die Einstellungen der Haushalte
ergibt sich bei einer simultanen Betrachtung aller Varia- zur Energiewende wirken sich zwar nicht auf das Ergeb-
blen ein positiver Einfluss des Wohnortes Kreiensen auf die nis im Abstimmungsmodus aus, wohl aber in Bezug auf
Höhe der Zahlungsbereitschaft. In allen Tobit-Modellen ist die Höhe der Zahlungsbereitschaft für die Realisation von
der Koeffizient der Dummy „Wohnort Kreiensen“ positiv, Erdkabeln.
wenngleich die Bedeutung der Variable unter Verwendung
In vielen Zahlungsbereitschaftsstudien wird zwischen
des Zahlungsmechanismus „Entwicklungsfonds“ insignifi-
dem Glauben an die globale Erwärmung und der Zahlungs-
kant ist.
bereitschaft für klimaschonende Vorhaben ein positiver Zu-
In der folgenden Tab. 13 wird die Rolle derjenigen Va-
sammenhang konstatiert (z. B. Kotchen et al. 2011). Hierzu
riablen zusammengefasst, die sich signifikant auf die grund-
ist anzumerken, dass in der vorliegenden Studie ausdrück-
sätzliche Präferenz (Logit) oder die Präferenzintensität bzw.
lich nicht die Zahlungsbereitschaft für klimaschonendes
Zahlungsbereitschaft (Tobit) auswirken. Die von den Haus-
halten geäußerte Einschätzung zur Zuordnung der Entschei- Verhalten erhoben wurde, sondern unterschiedliche Ausle-
dungskompetenz über Netzausbauprojekte wirkt sich le- gungen des energiewendebedingten Leitungsbaus bewertet
diglich im Tobit-Modell zur Erklärung der Zahlungsbereit- werden sollten. Die Tatsache, dass sich diese Einstellungs-
schaft für das regionale Erdkabelprojekt (Netzentgelte) si- variable offensichtlich nicht auf das Entscheidungsverhalten
gnifikant aus, berührt hingegen kaum deren grundsätzliches auswirkte, spricht dafür, dass die Haushalte die im Fragebo-
Entscheidungsverhalten im Abstimmungsmodus. Betrachtet gen dargestellten Bewertungsszenarien verstanden und nicht
man beispielsweise die intensiven Bemühungen der Netz- als Abstimmung über die Energiewende oder die Notwen-
betreiber, die Anwohner betroffener Regionen in den Pla- digkeit des Leitungsbaus missverstanden haben. Dies weist
nungsprozess des Leitungsbaus einzubeziehen (z. B. Am- im Kern auch darauf hin, dass die Diskussion um unter-
prion 2013), so stellt sich die etwas provozierende Frage, schiedliche Varianten des Netzausbaus weniger stark von
ob hierdurch in kritischen Fällen ein Zugewinn an Akzep- ideologischen Komponenten überlagert ist als andere Berei-
tanz überhaupt realisiert werden kann. Obwohl viele der che der gesellschaftlichen Diskussion um die Zukunft der
eingangs zitierten Studien Erdkabel als Instrument zur Er- Energiewirtschaft.
96 Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295

Während die Höhe des Haushaltsnettoeinkommens so- Auch wirken sich regionale Faktoren wie der Wohnort (und
wohl im regionalen wie im überregionalen Fall keinen Ein- damit indirekt das Ausmaß der Betroffenheit vom Leitungs-
fluss auf die grundsätzliche Haltung zu Erdkabelprojekten bau) oder die Nähe zu einer bereits existierenden Hochspan-
ausübt, besteht dieser Einfluss auf die Höhe der Zahlungsbe- nungsleitung auf die geäußerten Präferenzen aus. In diesem
reitschaft durchaus. Ähnliche Ergebnisse wurden beispiels- Zusammenhang zeigt sich ein interessanter Gewöhnungs-
weise von Liebe et al. (2011) vorgelegt, die in einer Stu- bzw. Erfahrungseffekt: je dichter ein Haushalt an einer be-
die zur Untersuchung der Zahlungsbereitschaft für den Er- reits existierenden Leitung wohnt, umso eher spricht er sich
halt eines Waldes vergleichbare Effekte beobachten. Dieses gegen Erdkabel und für die Verwendung von Überlandlei-
Ergebnis unterstreicht, dass grundsätzliche Präferenzurteile tungen aus. Diese regionalen Unterschiede in Bezug auf die
weitgehend unabhängig vom zur Verfügung stehenden Ein- Einschätzung, ob die Verwendung von Erdkabeln beim ener-
kommen getroffen werden, während monetäre Bewertungen giewendebedingten Leitungsbau als Mittel der Wahl gelten
durchaus einkommensabhängig sind. können, stehen in deutlichem Widerspruch zu Aussagen an-
derer Studien (vgl. etwa Agentur für erneuerbare Energien
2012), die regionale Unterschiede bei der Akzeptanz des
6 Schlussfolgerungen
Leitungsbaus weitgehend negieren und eine mehr oder we-
niger undifferenzierte gesellschaftliche Zustimmung zu ver-
Im vorliegenden Beitrag wird die Zahlungsbereitschaft pri-
vater Haushalte für den Erdkabelbau unter Verwendung der schiedenen Aspekten des Leitungsbaus und der Energiewen-
Kontingenten Bewertungsmethode untersucht. Die vorge- de diagnostizieren.
stellten Ergebnisse können vor allem vor dem Hintergrund Die Untersuchung wurde simultan an vier Orten durch-
der aktuellen Diskussionen um die gesellschaftliche Akzep- geführt, die in unterschiedlicher Weise von der Energiewen-
tanz der Energiewende und insbesondere den damit verbun- de und dem einhergehenden Leitungsbau betroffen sind. Bei
denen Kostensteigerungen interpretiert werden. Ob und in isolierter Betrachtung des Einflusses des Wohnortes zeigt
welchem Umfang die privaten Haushalte bereit sind, durch sich, dass in Kreiensen als eine real vom Netzausbau be-
die Verwendung der Erdkabeltechnik weitere Preissteige- troffene Region zwar die Zustimmung zu Erdkabelprojekten
rungen hinzunehmen, kann (auch vor dem Hintergrund der deutlich höher ist als in Niebüll, Braunschweig oder Viecht-
nicht-repräsentativen Stichprobe) nicht abschließend beant- ach. Die Zahlungsbereitschaft für die tatsächliche Realisati-
wortet werden. Grundsätzlich bestätigt werden können je- on eines Erdkabelprojektes jedoch spiegelt dieses Ergebnis
doch die Ergebnisse anderer Studien (z. B. Agentur für er- nicht wider. In Niebüll ist die Zahlungsbereitschaft für Erd-
neuerbare Energien 2012), da sich jeweils deutliche Mehr- kabel deutlich höher als in den anderen Orten. Dieses Ergeb-
heiten von rund 60 % der befragten Haushalte bei einer Ent- nis ist insbesondere durch den Anteil an Trittbrettfahrern zu
scheidung zwischen konventionellen Freilandleitungen und erklären, der in Niebüll bei beiden Projekten deutlich gerin-
Erdkabeln für die unterirdische Kabelführung aussprechen. ger ausfällt als an den anderen Standorten. Der unterpropor-
Ob dieses Votum jedoch eine ausreichende Grundlage tionale Anteil an Trittbrettfahrern in dieser Region wieder-
für die Hypothese darstellt, Erdkabel stellen ein Instrument um ist ein Indiz, dass in dieser vom Ausbau der Windener-
der regionalen Konfliktbewältigung dar, das von Regional- gie geprägten Region in Schleswig-Holstein Erdkabel offen-
planungen und Energiepolitik als Konsensinstrument ein- sichtlich stärker als in anderen Regionen Instrument zur Si-
gesetzt werden kann, muss angezweifelt werden. Dies ist cherung einer gesellschaftlichen Zustimmung des notwen-
zunächst mit dem großen Anteil an Haushalten zu begrün- digen Netzausbaus angesehen werden. Dass dieses Votum
den, die dem Erdkabelprojekt keinen positiven ökonomi- einer Region, deren Bevölkerung von den mit der Energie-
schen Wert zuordnen bzw. trotz positiven Votums im Ab- wende verbundenen Wertschöpfungsprozessen auch finan-
stimmungsmodus nicht bereit sind, hierfür Kostensteigerun- ziell profitiert, nicht übertragbar ist auf Regionen, die nicht
gen in Kauf zu nehmen. Bei der Analyse dieses strategi- wirtschaftlich von der Energiewende profitieren, folgt aus
schen Trittbrettfahrer-Verhaltens ist auffällig, dass es nicht den großen Abweichungen zu den anderen Untersuchungs-
durch die Höhe der Haushaltsnettoeinkommen oder durch gebieten. Die Beobachtung, dass selbst in Niebüll nur ein
andere soziodemografischen Variablen erklärt werden kann. Drittel der Haushalte, die ihre Zustimmung zum regiona-
Auch spielen allgemeinere energiepolitische Einstellungen, len Erdkabel mit einer positiven Zahlungsbereitschaft un-
wie etwa die Einstellung zum Klimawandel oder zur Ener- terlegen, bereit ist, für eine den Einzelfall überschreitende,
giewende, hierfür keine Rolle. Vielmehr muss hier ande- überregionale Ausweitung des Erdkabelprojektes eine wei-
ren normativen Einstellungen ein Erklärungsbeitrag einge- tere Kostensteigerung hinzunehmen, spricht nicht unbedingt
räumt werden, wie etwa der bevorzugten Finanzierungsme- dafür, dass die Verwendung von Erdkabeln ein Standard-
thode des Netzausbaus. Haushalte, die sich beispielsweise instrument zur Besänftigung regionaler Proteste gegen den
eher für eine Steuerfinanzierung aussprechen, sind weniger Leitungsbau darstellen können. Wohnortunabhängig bewer-
stark bereit, einen Anstieg der Netzentgelte hinzunehmen. ten in der vorliegenden Studie rund 60 % der Haushalte den
Z Energiewirtsch (2013) 37:277–295 97

Nutzen des überregionalen Projektes nicht höher oder sogar schäden im Werra- und Wesereinzugsgebiet sowie vorgeschlage-
geringer als den eines regional begrenzten Projektes. Einer ner Maßnahmenalternativen, Ökonomisches Gutachten im Auf-
trag des Runden Tisches „Gewässerschutz Werra/Weser und Kali-
über den Einzelfall hinausgehenden Verwendung von Erd-
produktion“, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Leipzig
kabeln als Instrument zur Steigerung der gesellschaftlichen Hosmer DW, Lemeshow S, Sturdivant RX (2013) Applied logistic re-
Akzeptanz der Energiewende kann damit auf Basis der Er- gression, 3rd edn. New Jersey
gebnisse diese Studie nur ein sehr begrenzter gesamtgesell- Jarras L, Obermaeier GM (2012) Welchen Netzausbau braucht die
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Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156
DOI 10.1007/s12398-013-0106-8

Dis-harmony in European Natural Gas Market(s)—Discussion


of Standards and Definitions
Peter Drasdo · Michael Karasz · Andrej Pustisek

Published online: 25 April 2013


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2013

Abstract The European Union attempts to harmonise the Mangelnde Harmonisierung im europäischen
European natural gas market(s). In general, this is supported Erdgasmarkt – Diskussion ausgewählter Standards und
on national levels. Nevertheless, such harmonisation is not Definitionen
yet fully accomplished: neither for the rules nor for the qual-
ity specifications nor for the physical quantities and their Zusammenfassung Die Europäische Union ist bestrebt,
units. Even if the current economic impact of such dis- die Regeln des europäischen Erdgasmarkts zu harmonisie-
harmony is negligible, i.e. that market participants for the ren. Dieses Vorhabenwird von den Mitgliedsstaaten unter-
time being do not have to bear additional costs caused by the stützt. Allerdings wurde die Harmonisierung noch nicht
lack of harmonisation, participants in the commodity market vollständig umgesetzt: dies gilt sowohl für die Qualitäts-
are exposed to contractual risks. Potentially, this might lead spezifikationen als auch für die relevanten physikalischen
to reduced competition and reduced liquidity of each single Größen und deren Einheiten. Zwar sind die wirtschaftli-
and the European internal market for natural gas. chen Auswirkungen der mangelnden Harmonisierungnoch
However, as the costs for a potential harmonisation vernachlässigbar. Denn die Marktteilnehmer tragen zurzeit
of European gas markets are estimated to be significant, nicht derenzusätzlichen Kosten. Dennoch werden vor allem
the dilemma is evident and the ‘political’ solution of the Händler dadurch vertraglichen Risiken ausgesetzt. Potenzi-
‘harmonisation problem’ will necessarily deviate from the ell kann dies eingeschränkten Wettbewerb und eine redu-
traders’ one. zierte Liquidität der jeweiligen nationalen Märkte bzw. des
europäischen Binnenmarktes für Erdgas zur Folge haben.
Daaber anzunehmen ist, dass die Kosten einer Harmo-
Note: In case of different operators within one country redundant nisierung der europäischen Erdgasmärkte hoch wären, ist
information is not quoted separately, but only one is chosen. In some das Dilemma offensichtlich und die „politische“ Lösung des
cases information about relevant time periods has been received by
personal communication (e.g. ES, SE, SK) which is not quoted below.
„Harmonisierungsproblems“ wird nicht notwendigerweise
The analysis presented in this paper is based on different national laws der von den Händlern gewünschten entsprechen.
or regluatory rules as well as contracts or general terms and conditions
published by several national TSOs and SSOs. These are summarized
in Appendix B.
1 Introduction and Motivation
P. Drasdo
Golzheimer Platz 9, 40474 Düsseldorf, Germany The European Union aims at integrating and liberalising
the European energy markets in order to foster competi-
M. Karasz
The Energy House GmbH, Lierstrasse 26, 80639 München, tion and welfare. Such objective of integration necessitates
Germany harmonisation: harmonisation of rules, processes, and reg-
ulations; harmonisation of technical, structural, and legal
A. Pustisek ()
frameworks; harmonisation on regional, national, and inter-
Hochschule für Technik, Stuttgart, Schellingstr. 24, 70174
Stuttgart, Germany national level as well as harmonisation of different energy
e-mail: andrej.pustisek@hft-stuttgart.de markets, be it for electricity or natural gas. However, as such
100 Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156

harmonisation is not achieved; integration is still in its in- • National laws, rules and guidelines as well as standard
fancy, especially for natural gas markets. A fortiori, even the terms and conditions of transport system operators (TSO)
subjects of harmonisation are not yet harmonised. and storage system operators (SSO) will be compared
Despite the fact that the extensive discussion on harmon- with respect to the following parameters:
isation of natural gas markets started already by the turn of – selected natural gas quality parameters, their defini-
the millennium,1 it is not concluded yet.2 In this respect, tions and bandwidths,8
only recently (and again) the “EC has started a project to – relevant time periods and
harmonise the gas quality in the EU. This work is being – relevant physical quantity used for capacity bookings
done in cooperation with the European Association for the and its respective unit.
Streamlining of Energy Exchange (EASEE-gas), Gas Infra- • Taxes, levies and other duties shall not be investigated as
structure Europe (GIE) and all other stakeholders, based well as the impact of different legal or regulatory rules
on the discussions in the Madrid Forum.”3 and the “Com- • Due to the complex and probabilistic nature of the prob-
mission . . . requests CEN to draw up standards that define lem as well as the lack of data from all European cross
the minimum range to be accepted for gas quality parame- border trades it is not appropriate to attempt to quantify
ters for H-gas [high calorific gas].”4 Also Gas LNG Europe economic consequences, such as potential welfare losses.
(GLE) supports such endeavours: “GLE recognises that har- However, some examples will be used to highlight poten-
monising gas specifications across the whole of Europe will tial commercial impacts of specific dis-harmonies.
be challenging. However, harmonised specifications across • In this context a ‘contractual risk’ shall be defined as
the European Union are key to creating effective interop- any risk resulting from incompatibilities of at least two
erability of networks and promoting a free trade of gas.”5 contracts affecting the same counterparty at one delivery
Yet, restricting the discussion on harmonisation to natural point. To this, the contracts itself do not need to be of the
same type, i.e. transportation or delivery contracts.
gas quality issues does not seem to be appropriate. Full inte-
gration of markets can only be achieved by harmonising all
relevant areas. Already in 20036 EASEE-gas presented pro-
2 Areas of Dis-harmony in a Fragmented Europe
posals to, inter alia, harmonise the physical quantities and
their units and (later, in 20057 ) gas quality parameters and
Physical quantities, their units, gas quality parameters
their bandwidths. Nonetheless, such proposals have not been
and their bandwidths are defined in legally binding (na-
implemented and a general and comprehensive discussion
tional) documents, recommendations, guidelines or individ-
on all areas and potential consequences of dis-harmony in
ual (standard) contracts: “. . . the situation is very contrasted.
European natural gas market(s), i.e. the lack of legal, regu-
latory and contractual harmonisation, did not and does not • Denmark, Germany, Italy and Great Britain have their
take place. To cover this gap ‘physical’ parameters of nat- specifications legally driven.
ural gas and for natural gas deliveries which are not har- • France, Belgium and Spain specifications are coming
monised throughout Europe and which give rise to risks or from law, contract, agreements or recommendations.
direct costs for international traders shall be identified and • Netherlands specifications are solely contractual.”9
discussed. All the more, not all parameters defined within a country
In doing so the scope shall be defined as follows: are specified in the same source.10 Consequently, ‘legal mar-
• All member states of the European Union with the ex- ket knowledge’ becomes indispensable for an international
ception of those who have no natural gas consumption at supplier or trader. Hence, it has to be supposed that transac-
all (i.e. Malta and Cyprus) and those who do not have a tion costs increase in comparison to a (hypothetically) har-
direct physical pipeline connection to the rest of the Euro- monised European natural gas market.11
pean Union (i.e. Finland, Estonia, Latvia, and Lithuania)
will be included. 8 Natural gas quality parameters and their respective specification in

different European countries have already been investigated by several


authors, e.g. Hafner et al. (2008), GL Noble Denton, Pöyry Manage-
1 See inter alia GTE (2001). ment Consulting (2011), Williams (2009); Coyle et al. (www.kbr.com).
2 See e.g. van Stiphout (2009). Still, the conclusions drawn from these studies are heterogeneous as
3 European
well as the data. However, such existing studies shall neither be repli-
Commission (2012). cated nor corrected.
4 European Commission (2007). 9 Marcogaz (2002), p. 2.
5 GLE (2011), p. 2. 10 Marcogaz (2002), p. 2.
6 See Groenendijk (2006), p. 5. 11 Dueto the lack of data a quantification of such effect is neither rea-
7 See Groenendijk (2006), p. 5. sonable nor appropriate.
Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156 101

Table 1 Natural gas quality parameters specified in Austria, Bulgaria


Excursus: Licensing of trading participants and Germany (= specified; – = not specified)

Licensing of trading participants usually serves political and ad- Parameter Austriaa Bulgariab Germanyc
ministrative goals, e.g. identification of market participants and restric-
tion to appropriate participants. Methane –  –
The licence requirements might include, inter alia12 :
Ethane –  –
• capability and liability check, i.e. is the company (or the people in- Propane –  –
volved) capable of doing the intended business (including, but not
limited to security of supply issues); Butane and higher carbon hydrates –  –
• economic success check, i.e. will the applicant be economically suc- Net Calorific Value –  –
cessful in the market; Wobbe Index  – 
• collateral check, i.e. how likely is an insolvency of the participant or
Gross Calorific Value  – 
• security of supply issues.
Relative Density  – 
Such licensing requirements might be perceived as an obstacle to
Hydrocarbon Condensation Point  – 
a single wholesale-trading market for natural gas within the European
Union. In addition, some of these requirements are easier to be fulfilled Water Dew Point   
by the incumbent player, thus hampering market entrance for new play- Oxygen (O2 )  – 
ers. Carbon Dioxide (CO2 )   –
Obviously, having to apply for different licenses in more than one
Member State, will increase transaction costs and direct expenses.13 Nitrogen (N2 )   –
These might be too high for smaller market participants and might Hydrogen (H2 )  – –
harm competition in itself. (Total) Sulphur (S)   
The variety of rules applicable to licensing in different Member
Mercaptans   
States ranges from no trading license requirements at all (Germany) to
very complicated and cumbersome and expensive licensing procedures Hydrogen Sulphide (H2 S)   
in other Member States.14 Carbonyl Sulphide (COS)  – –
Amongst these are administrative issues as e.g. fees, duration of the
Halogens  – –
licensing procedure, language requirements, or the obligation to open a
branch office which could pose a further serious burden to competition Ammonia (NH3 )  – –
in the European wholesale gas market. Other liquid and solid parts   
Harmonisation of licensing requirements and connected adminis-
trative issues has already been addressed by the European Commission a OVGW (2001), p. 4
(EC) and the Council of European Energy Regulators (CEER).15 It re- b Bulgartransgaz
mains to be seen whether the EC and the Member States will follow (2012b)
c DVGW (2008), p. 13
CEER’s recommendation of one European wide standardised trading
passport. Such a trading passport would allow a market participant who
has received a license in one Member State to be active in all Member
States. chemical properties and parameters, which are used to de-
fine the ‘natural gas quality’ and are termed ‘quality param-
2.1 Selected Quality Parameters eters’.
The physical ‘actual gas quality’ is determined by its ac-
Natural gas originates from geologically different and geo- tual values at certain points in time and space, i.e. location. It
graphically wide-spread sources. It varies in its composition has to be distinguished from the stipulated bandwidths, i.e.
and, therefore, is not of uniform quality.16 The conglome- the upper and/or lower limits, of such parameters which de-
rate of all gaseous constituents as well as any solid or liq- fine the range of tolerance for natural gas quality—the ‘de-
uid ingredients of natural gas defines its composition. Such fined quality’.
composition in turn determines the natural gas’ physical and This defined quality is not uniform throughout Europe.
Even the sets of parameters and their bandwidths defin-
12 Harris et al. (2010), p. 7. ing nationally natural gas quality are neither the same nor
13 Whether potential overlapping regulation in view of REMIT (Reg- (at least) similar throughout Europe. This can be shown by
ulation on Wholesale Energy Market Integrity and Transparency) or comparing neighbouring countries as for example Germany
MiFiD (Markets in Financial Instruments Directive) is beneficial or and Austria and is further emphasised by including others as
harmful is not object of investigation of this article.
14 Harris
for example Bulgaria (Table 1).
et al. (2010), p. 1.
15 CEER
Whereas in Germany and Austria partly different param-
(2011).
16 The physical and chemical composition and hence the quality of nat-
eters are used to define natural gas quality, in Bulgaria even
ural gas depends on the geological source and treatment facilities. As a
the approach is different. Here also parts of the chemical
consequence of diversification of sources and transportation routes the composition are used to determine the defined quality.
(quality) parameters of the natural gas delivered to and within different In addition heterogeneity of the following is worth to be
European countries are not identical. considered:
102 Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156

• Volume is measured in [m3 ] and is usually defined at a The Wobbe index is defined by
pressure of 101.325 kPa and a temperature of either GCV
W=
ρgas
0 °C = 273.15 K, e.g. in Germany (often referred to as ρair
‘normal cubic meter’), with
15 °C = 288.15 K, e.g. in Italy (often referred to as
GCV = Gross Calorific Value [energy/volume; e.g.
‘standard cubic meter’) or
kWh/m3 ],
20 °C = 293.15 K, e.g. in Bulgaria.
ρgas = density of natural gas [mass/volume; e.g. kg/m3 ] and
• Reference temperature for gross calorific value (GCV)
ρair = density of air [mass/volume; e.g. kg/m3 ].
and consequently Wobbe Index definitions are not identi-
cal throughout Europe. The GCV is defined as the energy “The reason for using Wobbe Index as the key parameter
(or sometimes expressed as ‘quantity of heat’) released for gas interchangeability is that . . . it can be shown that the
during the complete combustion of a volume of 1 m3 at a Wobbe Index is directly proportional to the thermal input
pressure of 101.325 kPa with (excess) air at same temper- on a gas . . . . An increase in Wobbe Index of a gas supply
ature and pressure as the natural gas, when the products will lead to an increase of energy input into an appliance
of combustion are cooled to the initial temperature of air . . . A decrease of Wobbe Index in supply gas may lead to
and natural gas. After cooling, the water produced during burner combustion instability with potential flame lift and
such combustion is condensed to the liquid state. The ini- increased CO emissions.”20
tial (reference) temperature is defined to be either 25 ◦ C The sulphur contained in natural gas may cause corro-
(298.15 K; e.g. Hungary) or sometimes 15 ◦ C (288.15 K; sion of the pipes, but it also can be harmful to the biosphere.
e.g. Romania). Therefore, sulphur is usually extracted directly after produc-
• An often unrecognized problem arises, if primarily in old tion of natural gas (and marketed separately). The remaining
natural gas delivery contracts from Russian sources—the content of sulphur is being restricted.
unit [kcal] is used. Whereas in Western Europe one [kcal] The oxygen content is essential for the safety of natural
is defined as the energy necessary to heat 1 kg of water gas utilization: “The presence of oxygen in natural gas is
from 14.5 ◦ C to 15.5 ◦ C,17 often in Eastern Europe 1 kcal hazardous as it can cause the corrosion of processing ma-
is defined as the energy necessary to heat 1 kg of water chinery and increase the cost of maintenance and replace-
from 19.5 ◦ C to 20.5 ◦ C.18 As the specific heat of water ments. Furthermore, oxygen reacts with hydrogen sulfide to
is not a linear function of the temperature, the definitions form sulfur. Oxygen also forms the oxidation of glycol sol-
are not equivalent. vents used in drying plants or creates salt in acid gas re-
moval systems and affect the purge streams.”21
Although such technical heterogeneities might appear to
Mercaptan is usually added to natural gas, being gener-
be of minor importance only, the huge volumes transported
ally colourless and odourless in its pure form, in order to
in Europe render the commercial impact to be considerable.
support leak detection. Therefore, the well-known ‘rotten
In order to focus on the essential the following compari-
egg’ scent of natural gas is actually the odorant, only.
son shall be restricted to selected quality parameters:
If these parameters are compared, heterogeneity becomes
• the Wobbe index,19 evident. The bandwidths permitted in different European
• the total sulphur content, Union Member States as well as the bandwidths recom-
• the oxygen content, and mended by EASEE-gas, the defined qualities, differ consid-
• the mercaptan content. erably and are shown in Fig. 1 to Fig. 5.
The absolute minimum of the Wobbe index is defined in
Poland at 12.50 kWh/m3 , while the absolute maximum can
17 Demtröder (2005), p. 285. be observed in Greece at 16.37 kWh/m3 . The ranges are be-
18 “Thus the ‘15◦ calorie’ (also called the gram-calorie, or small calo- tween 1.23 kWh/m3 (IE and UK) and 3.31 kWh/m3 (PL).
rie) was defined as the amount of heat that will raise the temperature of
1 gram of water from 14.5◦ to 15.5 ◦ C—equal to 4.1855 joules. Other
The common subset of Wobbe index ranges (if defined at
less common definitions in this series are the 20◦ calorie (4.18190 all) is as narrow as 14.11 kWh/m3 to 15.06 kWh/m3 , calcu-
joules) from 19.5◦ to 20.5 ◦ C; and the mean calorie (4.19002 joules)
defined as 1/100 of the heat necessary to raise the temperature of
1 gram of water from 0◦ to 100 ◦ C.” Britannica (2012). 20 Williams (2009), p. 4; in this respect see also: Emerson (2007) or
19 Incountries where more than one quality of gas exists, H-gas was Gallagher (2006), p. 27.
selected (relevant in DE, NL, BE, FR, PL, HU). 21 Charmaine (2011).
Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156 103

Fig. 1 Different national Wobbe index ranges [kWh/m3 (@ 0 ◦ C, bandwidth not defined or no relevant information available: SK, SI,
101.325 kPa)] (comparability has been achieved by adjustment of BG, RO. In BE as well as in NL the Wobbe index bandwidths for the
Wobbe indices to normal conditions.) for high calorific natural gas; various border points are different, they have not been included in the
range defined by EASEE-gas denoted by dashed lines (parameter figure.)

Fig. 2 Contractual risk of


international natural gas
transportation from traders’
perspective at selected border
points in Europe (light arrows
indicate that the Wobbe index
range in the country of
destination is wider or equal and
hence there is no contractual
risk when transporting gas from
the country of origin to the
country of destination (and vice
versa))

lated as the difference between the maximum of the minima rection is not possible without accepting contractual risks,
and the minimum of the maxima.22 since the Wobbe index range in the Czech Republic is inside
Example of consequences: A trading company can de- the German one.
liver natural gas from the Czech Republic to Germany Contractual risks for traders resulting from incompatible
without any commercial risk originating from incompatible Wobbe index ranges at selected border points in Europe are
Wobbe index ranges as long as the quality specifications in sketched in Fig. 2.
the Czech Republic are met. The delivery in the opposite di- Also with regard to the total sulphur content large dif-
ferences can be observed (Fig. 3). The permitted maxi-
22 With regard to Belgium the maximal minimum of 14.17 kWh/m3 mum total sulphur content varies by a factor of 15 (IT with
and the minimal maximum of 15.05 kWh/m3 (for H-Gas) are the ex- 150 mg/m3 versus SE with 10 mg/m3 ).
treme values of the Wobbe index at different border points. Such values
The frequency distribution of the permitted maximum
are inside the range defined in the Royal Decree of February 1984 of
13.65 kWh/m3 (= 49.13 MJ/m3 ) and 15.78 (= 56.82 MJ/m3 ). The de- total sulphur content shows maxima at 30 mg/m3 , which
tailed values for Belgium are summarised in Appendix A. corresponds to the value proposed by EASEE-gas, and
104 Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156

Fig. 3 Maximum total sulphur


[mg/m3 ] content permitted for
natural gas in European
countries

50 mg/m3 . The countries which opted for a maximum total content of 0.01 mol%. The countries with direct pipeline
sulphur content of 30 mg/m3 (which is consistent with the connection which opted for the same maximum oxygen con-
EASEE-gas recommendation23 ) represented in 2011 a mar- tent of 0.2 mol% (i.e. IE and UK) represented in 2011 a
ket of just 1,760 TWh out of EU 27’s total of 5,130 TWh market of just 958 TWh out of EU 27’s total of 5,130 TWh
(34.3 %).24 All other market areas of uniform permitted sul- (18.7 %).25 All other market areas of uniform permitted oxy-
phur content are of even smaller size. In summary, the per- gen content are of smaller size. Furthermore, it is evident
mitted total sulphur content is in four countries below, seven that the maximal oxygen content in most of the countries is
countries at and ten countries above the EASEE-gas rec- above the EASEE-gas recommendation.
ommendation. It can be concluded that only gas flows from Example of consequences: In this case e.g. the export
light shaded countries to darker shaded countries (see Fig. 3) from Germany to any other country bears the risk that the
do not imply contractual risks. TSO in the importing country refuses the acceptance due to
Example of consequences: A trading company exporting quality deficiencies.
natural gas with an actual total sulphur content of 35 mg/m3 Concerning mercaptans basically two different groups
(being within the Polish specifications) from Poland to Ger- can be distinguished. Whereas IT, PL, SI, RO and ES al-
many runs the risk that such natural gas might not be ac- low a high maximum mercaptan content of up to 17 mg/m3 ,
cepted by a German TSO as it does not comply with the the others restrict it to a lower maximum.26 corresponding
German specification, which allows for a maximum total maximally to the EASEE-gas proposal.
sulphur content of 30 mg/m3 only. However, in the oppo- The commercial as well as technical consequences of
site direction an exporting trader runs no risk with regard such differently defined qualities27 will have to be esti-
to the total sulphur content. Natural gas complying with the mated, considered and may be eventually mitigated or ac-
German sulphur specification is always in line with the Pol- cepted by international traders and suppliers on a case by
ish. case basis.
Another parameter to be observed is the maximal oxy- Nevertheless, it has been recommended, despite the po-
gen (O2 ) content. Contractual risks can only be avoided by tential risks described above, not to harmonise natural gas
exporting gas from light shaded countries to darker shaded quality specifications in Europe as “a net benefit would
countries (see Fig. 4) exclusively. The maximal oxygen
content allowed in Germany is 300 times higher than the 25 Eurogas (2012).
EASEE-gas proposal, which provides for a maximal O2 26 For the avoidance of doubt, the maximum mercaptan content consti-
tutes a risk or trade barrier for an international trader only if odorants
are added upstream of distribution networks.
23 EASEE-gas (2010); Groenendijk (2006). 27 Not only for the parameters discussed above, but also for all other
24 Eurogas (2012). relevant ones.
Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156 105

Fig. 4 Maximum oxygen


[mol%] content permitted for
natural gas in European
countries

not materialise from harmonisation of Europe’s gas qual- • transport gas year,
ity specifications.”28 and “It may be the case that attempts • transport gas day,
to harmonise the gas quality specifications could lead to • storage gas year and
unintended consequences that have a significant impact on • storage gas day.
the European economy and/or the safety of European con-
Four different transport gas year and additional six plus
sumers. This suggests that a significant burden of proof
should be placed on any impact assessment that seeks to one mixed unequal transport gas day definitions can be ob-
justify harmonisation.”29 served. In addition, there are five storage gas year (plus one
unclear) as well as six storage gas day (plus one mixed) def-
2.2 Relevant Time Periods initions.33
As shown in Figs. 6, 7, 8, and 9, only in two countries (CZ
Heterogeneity in natural gas quality specifications finds its and DE), being directly physically connected, all definitions
counterpart in differing definitions of relevant (contractual) of relevant time periods are identical. As the natural gas con-
time periods used by TSOs and SSOs. Such periods are his- sumption in 2011 amounted to 86 TWh in CZ and 865 TWh
torically based and defined by different starting and ending in DE this represents only 18.5 % of the total gas consump-
points in time.30 tion of 5,130 TWh in the European Union in 2011.34 This
It has to be noted that inconsistency of relevant time peri- cannot be regarded as substantial.
ods contrary to the inconsistency of defined qualities—does The maximum differences of these time periods between
not constitute a risk. Nevertheless, they have to be consid- neighbouring countries are shown in Table 2.
ered as potential source of additional costs for an interna- As an example Fig. 10 shows the timing inconsistency for
tional supplier or trader.31 natural gas transport and storage in the UK and The Nether-
Primarily four different time periods are used and have to lands.
be distinguished32 : Costs of idle capacity could be reduced or avoided from
traders’ perspective, if sufficiently liquid capacity markets
28 GL Noble Denton, Pöyry Management Consulting (2011), p. i. existed which is usually not the case in Europe yet. In this
29 GL Noble Denton, Pöyry Management Consulting (2011), p. i.
30 Innatural gas delivery contracts such periods may even deviate from 33 Alltime refers to “GMT/UTC+1”. Hence, the different definitions
the ones discussed hereinafter. of a day (either gas day or storage gas day) are comparable. However,
31 See example in Fig. 10. storage gas days are not always clearly defined: several SSOs do not
32 Inmany cases the time periods relevant for the transportation are mention them in their standard contracts.
identical to the ones used in natural gas delivery contracts. 34 Eurogas (2012).
106 Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156

Fig. 5 Maximum mercaptan


[mg/m3 ] content permitted for
natural gas in Europe

Fig. 6 Transport gas years in


European countries (Source:
TSO standard contracts and
glossaries)

case any idle capacity can be sold to third parties. Otherwise low only bookings based on energetic terms, in units of e.g.
such additional costs of idle capacity will increase the cost [MJ] or [kWh] (Fig. 11).
of gas supply. Example of consequences: Assuming a trader who has
sold gas from Bulgaria with an hourly quantity of 11,100
2.3 Relevant Physical Quantities and Their Units kWh/h to a Greek customer. In order to supply this cus-
tomer the trader has to book transport capacity in Bulgaria
The relevant quantities used by the TSOs for capacity of- and in Greece. Both countries use different physical quan-
fers are not consistent either. Charging transport capacity tities and units. If the trader expects the GCV to be at e.g.
payments either on volumetric or on energetic basis cre- 11.1 kWh/m3 , he has to book an hourly transport capacity of
ates additional risks (and chances) for natural gas owners, 1,000 m3 /h in Bulgaria and of 11,100 kW in Greece. If the
e.g. the suppliers or traders. The transfer from one system actual GCV now differs from the expected GCV the trader
runs different sorts of risks.
to another exposes them to fluctuations of the actual GCV.
In accordance with respective—non-harmonised—national Case 1: The actual GCV is lower than expected, e.g. at 11.0
legislation some TSOs allow capacity bookings only based kWh/m3 . Now, the trader has an idle capacity of 100 kW
on volumetric terms, in units of e.g. [Nm3 ], while others al- in Greece and has to buy another quantity of 100 kWh/h
Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156 107

Fig. 7 Transport gas days in


European countries (Source:
TSO standard contracts and
glossaries. For the Slovak
Republic a specific rule applies:
“TSO provides services of
access to the transmission
system and gas transmission in
the gas day 08.00 a.m. to 8.00
a.m. in accordance with the
Technical conditions. . . . Aiming
to harmonise with the rest of the
member states of the European
Union, TSO shall make
reasonable efforts to establish
the information systems and
commercial/technical system
which allows access to the
transmission system and gas
transmission in gas day 06.00
a.m. to 06.00 a.m.” Regulatory
Office for Network Industries
(2012), p. 15)

Fig. 8 Storage gas years in


European countries (Source:
SSO standard contracts and
glossaries)

in Bulgaria during each hour where the GCV is too low in port capacity of 100 kW in Greece (or reduce the volumes
order to fully supply the Greek customer. in Bulgaria). On top, he has to sell another 100 kWh/h of
Case 2: The actual GCV is higher than expected, e.g. at natural gas during each hour where a higher than expected
11.2 kWh/m3 . Now, the trader has to book another trans- GCV persists.
108 Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156

Fig. 9 Storage gas days in


European countries (Source:
SSO standard contracts and
glossaries; transformation to
“GMT/UTC+1” when
necessary)

Fig. 10 Differences of relevant


time periods between the UK
and the Netherlands

Even if such GCV fluctuations are negligible in practice, Table 2 Maximum differences of time periods in Europe
they constitute a commercial risk and might give rise to ad- Difference Pair of countries
ditional costs for an international trader. Whereas the costs
of idle capacity might be insignificant, the costs for exceed- Transport Gas Year 6 months e.g. Portugal, Spain
ing the capacity booked can be considerable. Transport Gas Day 6 hours France, Spain
Storage Gas Year 3 months Portugal, Spain
Storage Gas Day 8 hours Austria, Slovakia
Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156 109

Fig. 11 Relevant physical


quantities for natural gas
transport in European countries
(Source: TSO contracts)

3 Consequences and Conclusion commodity prices imply a reduction of the volumes of


gas traded.
The different national laws, guidelines, rules and regulations F Market rules do not provide incentives to examine the
and, as a consequence, different definitions of parameters or cost minimising allocation of risks. In general, all risks
their bandwidths constitute potential trade barriers in Euro- resulting from dis-harmonies of definitions are trans-
pean natural gas market(s). However, in the current market ferred (via the standard contracts) from the TSOs and
environment they seem to be neglected: in contract nego- SSOs to the capacity users. Thus the final risk allocation
tiations,35 in legislation and regulation and by the markets is only subject to negotiations between the capacity users;
itself. they might be able to transfer the risks downstream.
Nevertheless dis-harmony in European natural gas mar-
ket(s) might give rise to the following potential conse- Despite such potential consequences it has been recom-
quences: mended not to harmonise quality parameter specifications.36
A Influence or change of the material, geographical and Hence, each trader will have to conduct a detailed cost and
temporal scope of relevant products and markets. risk assessment before starting to deliver natural gas across
B Increase of transaction and bureaucratic (i.e. legislation, European borders. The European legislative and regulatory
administration and control) costs in the capacity and authorities on the other hand, may want to start the intended
commodity market. harmonisation of markets by introducing common defini-
C Increase of costs of gas supply. Hence, some commodity tions of relevant time periods and relevant physical quan-
deals may not be competitive. tities and their units, giving often rise to direct costs for the
D Reduction of intensity of competition in comparison to a international traders. Despite its simplicity such small step
harmonised market. will be a leap in a direction which is commonly perceived to
E The welfare optimum will not be achieved as the natu- be the right one: the direction of a truly harmonised Euro-
ral gas supply curve can be assumed to be elastic, higher pean market.

35 Most of the described parameters are not negotiable for traders.


36 “The analysis presented in this paper has led us to conclude at high
They are either caused by national laws or they are caused by TSOs’
and/or SSOs’—not negotiable—standard contracts. Therefore, traders level that a net benefit would not materialise from harmonisation of
find themselves in a “take-it-or-leave-it”-position. Either they accept Europe’s gas quality specifications.” GL Noble Denton, Pöyry Man-
the commercial risks involved or they do not conclude a deal at all. agement Consulting (2011), p. i.
110 Z Energiewirtsch (2013) 37:143–156

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Delivery point Wobbe index Wobbe index


Max [kWh/m3 ] Min [kWh/m3 ]
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7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQLQ
Unternehmen
(LQHHPSLULVFKH8QWHUVXFKXQJLQ(QHUJLHHI¿]LHQ]1HW]ZHUNHQ'HXWVFKODQGV

0LFKDHO0DLÂ7KRUVWHQ*HEKDUGWÂ)DELDQ:DKOÂ-XOLXV'DQQÂ(EHUKDUG-RFKHP

Online publiziert: 28. November 2014


© Springer Fachmedien Wiesbaden 2014

Zusammenfassung +RKH 5HQWDELOLWlWHQ YRQ (QHUJLHHI¿- of return at an average of 30 %. However, they simulta-
zienz-Investitionen mit durchschnittlich 30 % interner Ver- neously complain about lack of implementation, even by
zinsung werden immer wieder aus dem Kreis beratender specialists like contractors. The micro economists explain
Ingenieure und Technologieherstellern berichtet. Aber zu- this low rate of implementation besides others by high
gleich beklagen sie ihre mangelnde Umsetzung, selbst durch transaction costs. However, there are almost no empirical
Spezialisten wie Contractoren. Die Mikro-Ökonomen erklä- GDWD DYDLODEOH7KLV PHDQV WKDW WKHLU LQÀXHQFH DV REVWDFOH
ren den Umsetzungsmangel u. a. durch hohe Transaktions- IRU LPSOHPHQWLQJ SUR¿WDEOH HQHUJ\ HI¿FLHQF\ LQYHVWPHQWV
kosten. Allerdings sind diese empirisch kaum erhoben, so cannot be assessed. The article reports on 40 thoroughly
dass ihre Bedeutung im Rahmen der gehemmten Energie- DQDO\VHG HQHUJ\ HI¿FLHQF\ LQYHVWPHQWV DQG WKHLU WUDQVDF-
HI¿]LHQ]3RWHQWLDOHQLFKWNRQNUHWHLQJHVFKlW]WZHUGHQNDQQ tion costs. There is an obvious decline of the transaction
Der Artikel berichtet über 40 differenziert analysierte Trans- FRVWVZLWKLQFUHDVLQJLQYHVWPHQWV¿UVWKLQWVWRIXUWKHULQ-
DNWLRQVNRVWHQYRQYHUVFKLHGHQHQ(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLR- ÀXHQFHV FRXOG EH LGHQWL¿HGVXFK DV WKH FRPSOH[LW\RI WKH
nen, es ergibt sich eine klare Degression in Abhängigkeit von investment, the size and the energy intensity of the com-
der Höhe der Investition und ersten Hinweisen zu weiteren pany. As the empirical data stem from companies partici-
(LQÀXVVIDNWRUHQ ] % GHU .RPSOH[LWlW GHU ,QYHVWLWLRQ XQG SDWLQJ LQ VR FDOOHG HQHUJ\ HI¿FLHQF\ QHWZRUNV DQG DV WKH
GHU*U|‰HXQG(QHUJLHLQWHQVLWlWGHV8QWHUQHKPHQV 'DGLH impact of the exchange of experience in those networks
erhobenen Zahlen von teilnehmenden Unternehmen in Ener- ZDVDQDO\VHGWKH¿QGLQJVDOVRFODVVL¿HGWKRVHSDUWVRIWKH
JLHHI¿]LHQ]1HW]ZHUNHQVWDPPHQXQGDXFKGHU(LQÀXVVGHU WUDQVDFWLRQFRVWVWKDWHQHUJ\HI¿FLHQF\QHWZRUNVDUHOLNHO\
Netzwerke und des Erfahrungsaustausches abgefragt wurde, to reduce most.
gibt es erste Hinweise, welche der Transaktionskosten durch
dieses Instrument am meisten reduziert werden könnten.
 7UDQVDNWLRQVNRVWHQDOV+HPPQLVIU,QYHVWLWLRQHQLQ
(QHUJLHHI¿]LHQ]LQUnternehmen
7UDQVDFWLRQFRVWVRIHQHUJ\HI¿FLHQF\LQYHVWPHQWVLQ
companies 'DV MlKUOLFKH (LQVSDUSRWHQWLDO GXUFK HLQHQ HI¿]LHQWHUHQ
Umgang mit Energie beträgt in der deutschen Industrie
Summary Consulting engineers and technology suppliers derzeit rund 10 Mrd. € (vgl. BMU 2010). Steigende Ener-
NHHSUHSRUWLQJRQKLJKSUR¿WDELOLW\¿JXUHVRILQWHUQDOUDWH gieträgerpreise würden diese Beträge ansteigen lassen.
Allerdings werden in Unternehmen die Einsparpotentiale
trotz ihrer Wirtschaftlichkeit oft nur zögerlich in der Praxis
E. Jochem ( ) umgesetzt (vgl. Seefeldt et al. 2007; Schmid et al. 2003;
Fraunhofer ISI, Breslauer Str. 48, Karlsruhe, Deutschland Schröter et al. 2009; Jochem et al. 2010). Diese Umset-
E-Mail: Eberhard.Jochem@isi.fraunhofer.de
zungslücke wird auf verschiedene unternehmensinterne
M. Mai · T. Gebhardt · F. Wahl · J. Dann XQGH[WHUQH+HPPQLVVHIU(QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ
IREES, Schönfeld Str. 8, Karlsruhe, Deutschland zurückgeführt (vgl. Jaffe und Stavins 1994; Levine et al.

13
116 M. Mai et al.

1994), in jüngerer Zeit auch auf ungenutzte fördernde Fak- diese beabsichtigte Investition zu beschaffen. Die Güter
toren (Jochem et al. 2014). Eines dieser Hemmnisse stellen und Leistungen sind aus Sicht der Marktteilnehmer nicht
hohe Transaktionskosten (TAK) bzw. der fehlende Markt- homogen, denn es gibt räumliche, zeitliche und sachliche
überblick bei den Verantwortlichen dar vgl. Jochem et al. 3UlIHUHQ]HQ'LH3URGXNWHVLQGGDPLWVSH]L¿VFKXQGQLFKW
2010; Seefeldt et al. 2007; Schmid et al. 2003; Jaffe und mehr einfach und kostenlos durch andere ersetzbar (vgl.
Stavins 1994; Hein und Blok 1995. Unter Transaktions- Göbel 2002, S. 3). Diese Kosten, die durch den Austausch
kosten werden dabei allgemein die Ressourcen verstanden, von solchen Gütern und Leistungen aufgewendet werden
die durch den Austausch von Gütern und Leistungen aufge- PVVHQ KHL‰HQ Transaktionskosten (vgl. Richter et al.
wendet werden müssen. Hierunter fallen Such- und Infor- 2003, S. 40–41).
mationskosten, Verhandlungs- und Entscheidungskosten,
Überwachungs- und Durchsetzungskosten (vgl. Richter et  $
 OOJHPHLQH'H¿QLWLRQYRQ7UDQVDNWLRQVNRVWHQ
al. 2003, S. 40–41).
Einen Ansatz, das Hemmnis hoher Transaktionskos- +LQVLFKWOLFK HLQHU DOOJHPHLQHQ 'H¿QLWLRQ YRQ 7UDQVDN-
WHQ ]X UHGX]LHUHQ ELHWHQ (QHUJLHHI¿]LHQ]1HW]ZHUNH tionskosten besteht in der Literatur keine Einigkeit. Eine
Hierunter versteht man den Zusammenschluss von 10–15 VHKU JHEUlXFKOLFKH 'H¿QLWLRQ LVW GLH YRQ :LOOLDPVRQ
Industrieunternehmen aus unterschiedlichen Branchen in (19906 Ä(LQH7UDQVDNWLRQ¿QGHWVWDWWZHQQHLQ*XW
einer bestimmten Region. Die teilnehmenden Unterneh- oder eine Leistung über eine technisch trennbare Schnitt-
men setzen es sich u. a. zum Ziel, durch einen moderierten stelle hinweg übertragen wird“. Die Transaktionskosten
Erfahrungsaustausch im Netzwerk die Transaktionskosten sind die Summe aller Kosten der Aktivität Transaktion.
]XUHGX]LHUHQXQGVRLKUH(QHUJLHHI¿]LHQ]VFKQHOOHU]XVWHL- (LQH HWZDV DQVFKDXOLFKHUH 'H¿QLWLRQ VFKODJHQ 5LFKWHU
gern als wenn jedes Unternehmen für sich allein bestehende et al. (vgl. 2003, S. 40–41) vor: Transaktionskosten sind
(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQVSRWHQWLDOH UHDOLVLHUHQ ZUGH allgemein die Ressourcen, die durch den Austausch von
(vgl. Jochem et al. 2010). Derzeit laufende Analysen ver- Gütern und Leistungen aufgewendet werden müssen. Hier-
suchen, das Hemmnis hoher Transaktionskosten bei Ener- unter fallen Such- und Informationskosten, Verhandlungs-
JLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ LQ 8QWHUQHKPHQ GLH DQ VROFKHQ und Entscheidungskosten aber auch Überwachungs- und
(QHUJLHHI¿]LHQ]1HW]ZHUNHQ WHLOQHKPHQ JHQDXHU ]X Durchsetzungskosten.
untersuchen. In der vorliegenden Arbeit werden unter den Transak-
Dazu wird in Abschn. 2 zunächst das Konzept der WLRQVNRVWHQ HLQHU (QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPH DOOH .RV-
Transaktionskosten aus der Literatur beschrieben und die ten verstanden, die im Zusammenhang mit Informations-,
%HGHXWXQJ GHU 7UDQVDNWLRQVNRVWHQ EHL (QHUJLHHI¿]LHQ] Entscheidungs- und Kommunikationsvorgängen bei der
0D‰QDKPHQ HUOlXWHUW $EVFKQLWW  EHVFKUHLEW GDV )RU- Anbahnung, Vereinbarung, Kontrolle und Anpassung einer
schungsdesign. In Abschn. 4 werden die Ergebnisse der solchen Investition anfallen. Aus Sicht des investierenden
Studie dargestellt und in Abschn. 5 werden diese Ergeb- Unternehmens sind dafür Aktivitäten bzw. Tätigkeiten
QLVVHGLVNXWLHUW$EVFKOLH‰HQGZLUGLQ$EVFKQGLH$UEHLW erforderlich, die von den Mitarbeitern des Unternehmens
zusammengefasst und es werden Empfehlungen für den ausgeführt werden. Diese betriebsinternen, zeitlichen
weiteren Untersuchungsverlauf gemacht. Aufwendungen machen den einen Teil der Transaktions-
NRVWHQDXVGLHEHLGHU8PVHW]XQJHLQHU(QHUJLHHI¿]LHQ]
0D‰QDKPH DQIDOOHQ +LQ]X NRPPHQ .RVWHQ GLH GDGXUFK
 7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ entstehen, dass die Ausführung dieser Tätigkeiten unter-
stützt bzw. übernommen wird, wie beispielsweise externe
7UDQVDNWLRQHQ VLQG NRVWVSLHOLJ XQG ZHUGHQ KlX¿J YRQ Berater-Honorare.
den Unternehmen nicht bewusst wahrgenommen. Mit
dieser wichtigen Erkenntnis versucht die Transaktions-  5
 HOHYDQ]YRQ7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ]
kostentheorie die Eigenschaften von realen Märkten in Investitionen
ihren Ansätzen zu berücksichtigen (vgl. Osterheld 2000,
S. 90–92; Richter et al. 2003, S. 53). Anders als in den Bereits Coase (1960, S.15) erkannte, dass die Transaktions-
idealisierten Annahmen der neoklassischen Modelle wird kosten so hoch sein können, dass Transaktionen dadurch
die Vorstellung der vollständigen Markttransparenz und vollständig verhindert werden. In diesem Zusammenhang
dem kostenlosen Austausch von Gütern aufgehoben. Es ist spricht man – oft auch sehr vereinfachend und summarisch
den Marktteilnehmern nicht mehr möglich, sich vollstän- – von Marktversagen, das immer dann auftrete, wenn die
dig und kostenlos zu informieren. Jeder Nachfrager nach Prämissen der neoklassischen Modelle verletzt werden
einer Investition wird vor das Problem gestellt, dass er Zeit (vgl. Göbel 2002, S. 30, 155). Gerade im Zusammenhang
und Mühe darauf verwenden muss, um Informationen über PLW (QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ ZLUG GDEHL KlX¿J GLH

13
7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQLQUnternehmen 117

5HQWDELOLWlW GHU 0D‰QDKPHQ PLW GHU %HJUQGXQJ EHVWULW-


ten, dass bei der Wirtschaftlichkeitsberechnung die Trans-
aktionskosten nicht berücksichtigt werden (Hein und Blok
1995; Grubb et al. 1993 $OVNRVWHQWUHLEHQGH(LQÀXVVIDN-
toren werden dabei hauptsächlich die Such- und Entschei-
dungskosten genannt, denn die Kosten für Entscheidungen
]X (QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ ZHUGHQ LQ GHQ PHLVWHQ
8QWHUQHKPHQ QXU VHOWHQ EHZXVVW UHÀHNWLHUW YJO -RFKHP
et al. 2010).
Diese Kosten werden in den Unternehmen oft nicht
HLQPDO LP $QVDW] TXDQWL¿]LHUW 'DUDXI KLQJHZLHVHQ DQW-
worteten viele Geschäftsführer bei den Erhebungen der
Transaktionskosten, dass diese zu den Gemeinkosten zählen
oder dass sie bei qualitativer Abwägung gegenüber anderen
.RVWHQ ]%IU*HZHUEHDXIVLFKWVPD‰QDKPHQRGHU6LFKHU-
heit) zu hoch seien oder in den allgemeinen Tätigkeiten für
(QHUJLH 8PZHOW XQG %HWULHEVVLFKHUKHLW NHLQH JUR‰H 5RO-
len spielen. Die Honorarordnung für Architekten und Inge-
nieure (HOAI 2013, § 53–56) unterscheidet zwar auch nach
acht Leistungsphasen – von der Grundlagenerhebung bis
zur Bau- bzw. Objektüberwachung -, aber diese sind aus der Abb. 1 Transaktionskosten nach Ablaufphasen von Investitionen
Sicht der Leistungen eines beratenden Ingenieurs beschrie-
ben und nicht aus der Sicht der erforderlichen Arbeiten des für die Befragung ein Investitionsmodell genutzt, wel-
Unternehmens. FKHV GHQ LGHDOW\SLVFKHQ $EODXI HLQHU (QHUJLHHI¿]LHQ],Q-
vestition in vier Phasen einteilt: 1) Anbahnungsphase, 2)
Entscheidungsphase, 3) Realisierungsphase und 4) Anpas-
 (UKHEXQJGHU7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL sungsphase (siehe Abb. 1). Diese Struktur wurde im Rah-
(QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQLQUnternehmen men der Studie durch die Unternehmen bestätigt. Für jede
der Phasen wurden die beteiligten Mitarbeiter, die zeitlichen
Zur Erhebung von empirischen Daten für Transaktions- Aufwendungen für transaktionskostenrelevante Tätigkeiten
NRVWHQ YRQ (QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ ZXUGHQ PHLVW und die Kosten für externe Beratungsleistungen erfasst.
mittelständische Unternehmen aus dem Forschungspro- Um die Transaktionskosten zu ermitteln, wird die Dauer
jekt 30 Pilotnetzwerke1 befragt. Ziel des Projekts war der der zeitlichen Aufwendungen der beteiligten Personen mit
$XIEDX XQG GLH %HWUHXXQJ YRQ  (QHUJLHHI¿]LHQ]1HW]- einem Stundensatz in Höhe von 60 € multipliziert, der die
werken in Deutschland. Dabei wurden neu entstehende durchschnittlichen Kosten für eine Arbeitsstunde beinhaltet.
Netzwerke bezuschusst und deren Arbeit laufend wissen- Als zweiter Bestandteil der Transaktionskosten werden die
schaftlich begleitet. Zielgruppe des Projekts sind mittlere Kosten für externe Beratungsleistungen hinzugerechnet.
Betriebe bzw. Unternehmen aus dem Industriesektor (vgl. $OV7UDQVDNWLRQVNRVWHQEH]JOLFKHLQHU(QHUJLHHI¿]LHQ]
Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung Investition wurden in der Studie nur die Transaktionskosten
ISI 2014). untersucht, die beim Investor anfallen. Bei Contractoren
sind diese Transaktionskosten u. a. eingepreist. Bei sehr
3.1 Forschungsdesign JHULQJHQ (QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQVVXPPHQ VLQG GLHVH
7UDQVDNWLRQVNRVWHQ HLQVFKOLH‰OLFK GHU 9HUKDQGOXQJVNRVWHQ
Die Befragung erfolgte über einen Fragebogen, der an die mit dem Contracting-Nehmer so hoch, dass diese Inves-
Unternehmen versendet wurde. Ziel dieses Fragebogens titionen vom Contractor gar nicht angeboten wird. Beim
war, Informationen zu den Transaktionskosten einer kon- Verkäufer bzw. beim Zulieferer entstehen ebenfalls Trans-
NUHWHQ XQG DEJHVFKORVVHQHQ LQYHVWLYHQ (QHUJLHHI¿]LHQ] aktionskosten. Diese sollten jedoch im Verkaufspreis ent-
0D‰QDKPH ]X HUIDVVHQ YJO *HEKDUGW 2011; Wahl 2012; halten sein und werden daher im Rahmen der vorliegenden
Dann 2013). In Anlehnung an Hein und Blok (1995) wurde Arbeit nicht weiter behandelt (vgl. Hein und Blok 1995;
Eikmeier et al. 2009).
1
Zu weiteren Informationen über das Projekt 30 Pilotnetzwerke
VHL DQ GLHVHU 6WHOOH DXI GLH RI¿]LHOOH 3URMHNW:HEVLWH YHUZLHVHQ
http://30pilot-netzwerke.de/nw-de/.

13
118 M. Mai et al.

Abb. 2 Deskriptive Statistik der 6WDWLVWLNHQ GHU 8QWHUQHKPHQ


erhobenen 40 Investitionen zur
Erhebung der Transaktionskosten %UDQFKH $Q]DKO GHU 8QWHUQHKPHQ $Q]DKO GHU 0LWDUEHLWHU $Q]DKO GHU 8QWHUQHKPHQ
.XQVWVWRIIYHUDUEHLWXQJ  ! 
0HWDOO XQG +RO]YHUDUEHLWXQJ    
1DKUXQJV X *HQXVVPLWWHO   
$XWRPRELOLQGXVWULH DOOJ  .HLQH $QJDEH 
'LHQVWOHLVWXQJHQ  6XPPH 
%DXJHZHUEH%DX 
6RQVWLJH  (QHUJLHLQWHQVLWlW
6XPPH  0D[  0:KD
0LQ  0:KD
0LWWHOZHUW  0:KD
6WDQGDUGDEZHLFKXQJ  0:KD
0HGLDQ  0:KD
.HLQH $QJDEH  8QWHUQHKPHQ

6WDWLVWLNHQ GHU 0D‰QDKPHQ

$UW GHU 0D‰QDKPH $Q]DKO GHU 0D‰QDKPHQ 7HFKQRORJLH $Q]DKO GHU 0D‰QDKPHQ
1HXLQYHVWLWLRQ  ,VROLHUXQJ:lUPHGlPPXQJ 
(UVDW] XQG 5DWLRQDOLVLHUXQJVLQYHVWLWLRQ  :lUPHUFNJHZLQQXQJ 
.HLQH $QJDEH  $XVWDXVFK 0RWRUHQ3XPSHQ 
6XPPH  .lOWHWHFKQLN 
:HFKVHO (QHUJLHWUlJHU 
,QYHVWLWLRQVVXPPH %HOHXFKWXQJ 
0D[ 800.000 € /HFNDJHYHUOXVWH 'UXFNOXIW 
0LQ 1.715 € 5DXPOXIWWHFKQLN 
0LWWHOZHUW 110.948 € 6RQVWLJH 
6WDQGDUGDEZHLFKXQJ 170.301 € .HLQH $QJDEH 
0HGLDQ ¼ 6XPPH 
.HLQH $QJDEH  0D‰QDKPH

Abb. 3 Transaktionskosten 


anteilig an der Investitionssumme 'XUFKVFKQLWWOLFKH7UDQVDNWLRQVNRVWHQ
(ohne Transaktionskosten)

7UDQVDNWLRQVNRVWHQ>@










9HUVFKLHGHQH(QHUJLHHIIL]LHQ]0D‰QDKPHQLQGHQ8QWHUQHKPHQ

3.2 Deskriptive Statistik unterschiedlichen Branchen (Schwerpunkt Gebrauchsgüter-


Industrie) und haben Produktionsstandorte mit 25 bis zu
Im Rahmen der Befragung wurden rund 100 Unterneh- 3000 Mitarbeitern. Der Jahresenergieverbrauch der befrag-
men angesprochen, von denen 35 Unternehmen einer ten Unternehmen (eines Produktionsstandortes) liegt zwi-
Teilnahme mit einer relativ aufwändigen Beantwortung schen 1,3 bis 1000 GWh/a.
des Fragebogens zustimmten. Insgesamt konnten Daten
]X  YHUVFKLHGHQHQ (QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ HUKR-
EHQ ZHUGHQ (QWKDOWHQ VLQG (QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ 4 Ergebnisse
unterschiedlichster Technologien mit Investitionssummen
zwischen 1715 € und 800.000 € (vgl. Abb. 2). Die meisten Die ermittelten Transaktionskosten für die einzelnen Ener-
,QYHVWLWLRQHQ VLQG (UVDW] XQG 5DWLRQDOLVLHUXQJVPD‰QDK- JLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ LQ GHQ EHIUDJWHQ 8QWHUQHKPHQ
men. Die betrachteten Industrieunternehmen kommen aus ]HLFKQHQVLFKGXUFKHLQHH[WUHPJUR‰H6SDQQZHLWHDXVXQG

13
7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQLQUnternehmen 119

Tab. 1 Transaktionskosten nach Ablaufphasen, anteilig an den ge- Fälle traten während der Anpassungsphase (Phase 4) mehr
samten Transaktionskosten (arithmetische Werte) als ein Viertel an den gesamten Transaktionskosten auf.
Anbahnungsphase 41 %
Entscheidungsphase 26 %  (LQÀXVVYRQ7UDQVDNWLRQVNRVWHQDXIGLH
Realisierungsphase 24 % :LUWVFKDIWOLFKNHLWYRQ(QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ
Anpassungsphase 9%
Zur Berechnung des Risikos und der Wirtschaftlichkeit
betragen zwischen 1,7 und 287 % der Investitionssumme ZXUGHIUGLHXQWHUVXFKWHQ0D‰QDKPHQ]XVlW]OLFKGLHMlKU-
(ohne Transaktionskosten; vgl. Abb. 3). In zwei Fällen über- liche Kostenminderung („Gewinn“) erfasst, die sich durch
steigen die Transaktionskosten die eigentliche Investitions- GHQ HI¿]LHQWHUHQ 8PJDQJ PLW GHQ (QHUJLHWUlJHUQ HUJDE
summe, die in beiden Fällen relativ gering ist (< 10.000 €). Zusammen mit den Kosten, die für eine Investition aufzu-
Die durchschnittlichen Transaktionskosten liegen bei 33 % wenden sind, können daraus Amortisationszeit und interne
der Investitionssumme, mit einer Standardabweichung von Verzinsung der betroffenen Investition (mit und ohne Trans-
s = 54 %. aktionskosten) ermittelt werden.
Die o. g. Transaktionskosten mit dem höchsten Anteil Die Amortisationsmethode ermittelt über die Kapital-
von 287 % sind ein interessanter Fall. Die ursprünglich bindungsdauer einer Investition ihr Risiko (vgl. VDI 1996,
vom Hersteller angebotene Lösung hätte 300 % der letzt- S. 60). Hierfür wird der Zeitraum berechnet, in dem sich die
lich getätigten Investition ausgemacht (zzgl. Transaktions- Anschaffungskosten aus dem jährlichen Gewinnbeitrag der
kosten). Da der Energieanwender diese Lösung für zu teuer ,QYHVWLWLRQUH¿QDQ]LHUHQ YJO2VWHUWDJHWDO2000, S. 62).
hielt, recherchierte er mit hohem Such- und Reiseaufwand Untersuchungen zeigen, dass Unternehmen allgemein eine
nach einer günstigeren Lösung, die er mit einem Drittel der Amortisationsdauer von zwei bis sechs Jahren von Investi-
ursprünglich angebotenen Lösung auch fand und investierte. tionen fordern (vgl. Gruber et al. 1991; Hein und Blok 1995;
Koot et al. 1984 zitiert nach Hein et al.) mit deutlicher Prä-
4.1 Transaktionskosten nach Phasen ferenz zwischen zwei und drei Jahren. Dies konnte auch im
Rahmen dieser Erhebung bestätigt werden, wo der Durch-
Die Zerlegung der Transaktionskosten nach den vier Phasen schnitt der Amortisationszeit (ohne Transaktionskosten) bei
(vgl. Abb. 1) kommt zu dem Ergebnis, dass die anfallenden zwei Jahren liegt (vgl. Abb. 4). In 85 % der Fälle werden in
Transaktionskosten mit laufendem Projektfortschritt abneh- Unternehmen lediglich die Ergebnisse zur Amortisations-
men. Während die Anbahnungsphase im Mittel 41 % der zeit als Entscheidungskriterium herangezogen (Schröter
gesamten Transaktionskosten ausmacht, fallen in der Anpas- und Buschak 2009).
sungsphase nur noch durchschnittlich 9 % an (vgl. Tab. 1). Ermittelt man die beiden Kennzahlen einmal ohne und
'HQ JU|‰WHQ$QWHLO GHU 7UDQVDNWLRQVNRVWHQ EHL (QHUJLHHI- einmal mit Transaktionskosten, so erhöht der Einbezug der
¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ PDFKHQ GHPQDFK PLW ]ZHL 'ULWWHOQ Transaktionskosten die durchschnittliche Amortisations-
die Such- und Entscheidungskosten vor der eigentlichen dauer um etwa 25 % und vermindert die interne Verzinsung
8PVHW]XQJGHU0D‰QDKPHDXV,PZHLWHUHQ3URMHNWYHUODXI im Durchschnitt um etwa 16 % für das untersuchte Sample
(Realisierung und Anpassung) fallen im Durchschnitt dann GHU(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ YJO$EE4).
insgesamt nur noch ein Drittel der gesamten Transaktions- Die untersuchten Fälle zeigen Amortisationszeiten von
kosten an. Die Anpassungskosten zeigen dabei durchweg durchschnittlich 2,1 Jahren, mit einer Standardabweichung
JHULQJH*U|‰HQRUGQXQJHQDXI,QNHLQHPGHUXQWHUVXFKWHQ von s = 1,5 Jahren (siehe Abb. 4 links). Die Mehrzahl der

ŵŽƌƟƐĂƟŽŶƐĚĂƵĞƌ /ŶƚĞƌŶĞsĞƌnjŝŶƐƵŶŐ
ϯ͕ϱĂ ϵϬй
ϴϬй
ŝŶƚĞƌŶĞsĞƌnjŝŶƐƵŶŐ΀й΁
ŵŽƌƟƐĂƟŽŶƐĚĂƵĞƌ΀Ă΁

ϯ͕ϬĂ
%HUHLFK KlXILJ JHIRUGHUWHU $PRUWLVDWLRQVGDXHU ϳϬй
Ϯ͕ϱĂ
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Ϯ͕ϬĂ ϱϬй
ŽŚŶĞd< ŵŝƚd<
ϭ͕ϱĂ ϰϬй
ŽŚŶĞd< ŵŝƚd< ϯϬй
ϭ͕ϬĂ
ϮϬй +lXILJ JHIRUGHUWH 0LQGHVWYHU]LQVXQJ
Ϭ͕ϱĂ ϭϬй

Ϭ͕ϬĂ Ϭй

Abb. 4 (LQÀXVVGHU7UDQVDNWLRQVNRVWHQ 7$. DXIGLH$PRUWLVDWLRQVGDXHUXQGGLH:LUWVFKDIWOLFKNHLWYRQYHUVFKLHGHQHQ(QHUJLHHI¿]LHQ]


0D‰QDKPHQ n = 40)

13
120 M. Mai et al.

XPJHVHW]WHQ (QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ  %) amor- Tab. 2 6WDWLVWLVFKH$QDO\VHGHU(LQÀXVVIDNWRUHQDXIGLH7UDQVDNWLRQV-


tisierte sich dabei in weniger als drei Jahren. Werden die kosten (n = 40). (Quelle: eigene Berechnungen)
7UDQVDNWLRQVNRVWHQ GHU 0D‰QDKPH EHUFNVLFKWLJW DOVR Unabhängige Variable .RUUHODWLRQVNRHI¿]LHQW 6LJQL¿NDQ]
nach Kendall-Tau-b
zur Investitionssumme addiert, steigt die durchschnittliche
Investitionssumme í 0,455 0,000
Amortisationsdauer um 0,5 Jahre auf 2,6 Jahre. Als Folge
Energieintensität (Gemes- í 0,306 0,013
amortisieren sich noch 59 GHU0D‰QDKPHQLQQHUKDOEYRQ
sen am Jahresenergiever-
drei Jahren. Damit können die Transaktionskosten durchaus brauch des Standorts)
HLQ+HPPQLVEHLGHU,QYHVWLWLRQLQ(QHUJLHHI¿]LHQ]GDUVWHO-
len, wenn Unternehmen ihre Ansprüche an die Amortisa- 'LH$QDO\VHHUJDEDXFKGDVV0D‰QDKPHQ]XUHQHUJHWL-
tionszeit an die dargestellte untere Grenze des abgebildeten schen Optimierung der Gebäudehülle die üblich geforderten
Korridors von beispielsweise zwei Jahren anlegen und sich Amortisationszeiträume und Verzinsungen nicht erreichten,
über die Rentabilität der Investition keine Rechenschaft HEHQVR HLQLJH DQODJHQWHFKQLVFKH 0D‰QDKPHQ WHLOV 6RQ-
geben. derlösungen wie der Einbau von Kondensationsblechen in
'LHDOOHLQLJH%HZHUWXQJYRQ(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLR- Waschbädern oder der Ersatz von brennstoffbetriebenen
nen mittels Amortisationszeit ist sehr kritisch zu bewerten. Gabelstaplern durch Hybridstapler. In diesen Fällen wurden
Zwar ist es richtig, dass je länger ein Kapitalbetrag gebun- die gesamten, meist sehr hohen Investitionen der Energie-
den ist, desto länger die Gefahr eines Verlustes besteht, aber kostenersparnis gegenübergestellt. In diesen und in Fällen
bei den hier analysierten Investitionen im Bereich der Quer- von ohnehin erforderlichen Ersatzinvestitionen wurden
schnittstechniken (Wärme-/Kälteerzeugung, Drucklufter- von den Unternehmen oder energietechnischen Beratern
zeugung, Lüftungsanlagen, Pumpen, Elektroantriebe oder die Methode des Differenzkostenansatzes nicht gewählt,
Beleuchtung) kann man von einer Lebensdauer von 10 bis mit dem Rentabilität und Risiko hätten bestimmt werden
20 Jahren ausgehen. In der Regel würde der Betrieb, der nur müssen.
nach der Amortisationszeit entscheidet, in wenigen Jahren
einen sehr energiekosten-intensiven Kapitalstock haben.  (LQÀXVVIDNWRUHQDXIGLH+|KHGHU7UDQVDNWLRQVNRVWHQ
Aus diesem Grund sollte die Amortisationszeitenrechnung in Unternehmen
EHL(QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQQXUDOVHUJlQ]HQGHV.DO-
kül verwendet werden, und das Rentabilitäts-Ergebnis von Als weitere Forschungsfrage wurden in der Analyse mög-
Barwert oder interner Verzinsung, bzw. Gesamtkapitalren- OLFKH (LQÀXVVIDNWRUHQ XQWHUVXFKW GLH GLH +|KH GHU7UDQV-
dite als prioritäres Entscheidungskriterium (vgl. Ostertag et aktionskosten mitbestimmen könnten. Dazu wurden die
al. 2000, S. 62–64). XQDEKlQJLJHQ 9DULDEOHQ ,QYHVWLWLRQVVXPPH 6SH]L¿WlW
Ein selten genutztes Entscheidungskriterium ist die GHU 0D‰QDKPH +lX¿JNHLW lKQOLFKHU 0D‰QDKPHQ 8QWHU-
Berechnung des internen Zinssatzes. Er ermittelt die mittlere, QHKPHQVJU|‰H(QHUJLHLQWHQVLWlWDP6WDQGRUWXQGGDV9RU-
jährliche Rendite einer Investition für ihre angenommene handensein eines Energieverantwortlichen geprüft. Mittels
Nutzungsdauer. In der Wirtschaft sind Mindestverzinsun- statistischer Testverfahren wurde untersucht, ob diese
gen von 7 bis 15 % weit verbreitet (vgl. Erichsen 2011, Variablen eine Korrelation mit den anteiligen Transaktions-
S. 103). Die Höhe des Zinssatzes hängt dabei im Wesentli- kosten an der Investitionssumme aufweisen.
chen davon ab, welchen Risiken die Investition unterliegt. Die Tests ergaben, dass die Investitionssumme und die
'D,QYHVWLWLRQHQLQ(QHUJLHHI¿]LHQ]DOOJHPHLQDOVULVLNRDUP Energieintensität des Standorts mit den Transaktionskosten
gelten (vgl. Ostertag et al. 2000, S. 62–64), wurde für diese VLJQL¿NDQWQHJDWLYNRUUHOLHUHQ YJO7DE2). Dieses Ergeb-
Analyse eine Mindestverzinsung von 10 % angenommen. nis kann so interpretiert werden, dass mit zunehmender
'LH PHLVWHQ XQWHUVXFKWHQ (QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ Energieintensität an einem Produktionsstandort die energie-
zeigten deutlich höhere Verzinsungen als 10 %. Durch- technische Kompetenz zunimmt und damit die Such- und
schnittlich lag die Verzinsung bei 83 % (siehe Abb. 4 rechts). Entscheidungskosten für eine Einzel-Investition wegen
Insgesamt lagen 19 GHUXQWHUVXFKWHQ(I¿]LHQ],QYHVWLWLR- des guten Vorwissens und eine guten Marktüberblicks
nen unter der angestrebten 10 %-Marke. Bei Berücksich- VLQNHQ 'LH XQWHUVXFKWHQ (QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ
tigung der Transaktionskosten sinkt die durchschnittliche zeigten dabei in Unternehmen ab einem Jahresenergiever-
interne Verzinsung auf 73 %. Als Folge weisen immer noch brauch von etwa 20.000 MWh/a vergleichsweise niedrige
drei Viertel (zuvor 81 %) der Investitionen eine Mindestver- Werte der Transaktionskostenanteile (meist unter 20 % der
zinsung von 10 % auf. Die Transaktionskosten stellen in den Investitionssumme).
untersuchten Fällen kein wesentliches Hemmnis dar, wenn Letztlich ist diese Abnahme des Transaktionskosten-
sie den Durchschnitt der internen Verzinsung des untersuch- anteils mit zunehmender Investitionssumme auch deshalb
ten Sample um knapp 16 % reduzieren (vgl. Abb. 4, rechts). zu erwarten, weil Such- und Entscheidungskosten relativ

13
7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQLQUnternehmen 121

Abb. 5 Regression der Transak- 


tionskosten über der Investitions-
summe (n = 40)




7UDQVDNWLRQVNRVWHQ>@
\ [
5ð 









¼ ¼ ¼ ¼
*HVDPWLQYHVWLWLRQ>¼@

gleich hoch sind, unabhängig von der Investitionshöhe (vgl. streuten (vgl. Abb. 5). In zwei Fällen überstiegen die Trans-
Bleyl und Seefeld 2012; Eikmeier et al. 2009). aktionskosten sogar die eigentliche Investitionssumme.
Allerdings dürfte hier auch ein Zusammenhang zwischen Die Regression zeigt, dass die Transaktionskosten des
Energieintensität am Standort und die Höhe der Investi- Samples mit y = 20,879xí abnehmen, wobei y für die
tionssumme vorliegen. Denn letztere korreliert ebenfalls Transaktionskosten in Prozent und x für die Investitions-
VLJQL¿NDQWQHJDWLYPLWGHQ7UDQVDNWLRQVNRVWHQHLQHU(QHU- VXPPH LQ (XUR VWHKW 'DV %HVWLPPWKHLWVPD‰ IU GLHVHV
JLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPH'LHVHU=XVDPPHQKDQJLVWDXIGHP Ergebnis beträgt R2 = 0,321 (siehe Abb. 5).
5 LJHQ1LYHDXVLJQL¿NDQW'LHVEHGHXWHWGDVVGHU$QWHLO
der Transaktionskosten an der Gesamtinvestition mit stei- 4.4 Erfahrungsaustausch im Netzwerk
gender Investitionssumme abnimmt. In den untersuchten
)lOOHQ ¿HOHQ GLH7UDQVDNWLRQVNRVWHQ DE HLQHU ,QYHVWLWLRQV- Um zu untersuchen, ob sich die Transaktionskosten bei
summe von etwa 60.000 € vergleichsweise niedrig aus und (QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ GXUFK GLH 7HLOQDKPH DQ
lagen durchgehend unter 20 %, während die Transaktions- HLQHP (QHUJLHHI¿]LHQ] 1HW]ZHUN VHQNHQ ODVVHQ ZXUGHQ
kosten bei geringeren Investitionssummen deutlich stärker die teilnehmenden Unternehmen der Analyse befragt, wie
diese den Erfahrungsaustausch im Netzwerk allgemein

Abb. 6 Wirkungen des Erfah- /DVVHQVLFK7UDQVDNWLRQVNRVWHQGXUFKGHQ .RQQWHQ6LHEHUHLWVNRQNUHWH(LQVSDUXQJHQ


rungsaustauschs in Energie- (UIDKUXQJVDXVWDXVFKLP1HW]ZHUN EHL,KUHQ$UEHLWHQIHVWVWHOOHQ"
HI¿]LHQ]1HW]ZHUNHQDXIGLH UHGX]LHUHQ"
Transaktionskosten (n = 35 bzw.
26). (Quelle: eigene Erhebungen)

1HLQ 1HLQ
 

-D -D
 

13
122 M. Mai et al.

Abb. 7 Eingesparte transaktions-



kostenrelevante Tätigkeiten auf- $QEDKQXQJ (QWVFKHLGXQJ 5HDOLVLHUXQJ $QSDVVXQJ
grund des Erfahrungsaustauschs 
und bi-lateraler Kontakte in Ener-

JLHHI¿]LHQ]1HW]ZHUNHQ n = 40). 6XPPH 3KDVH
(Quelle: eigene Erhebungen) 
$Q] 1HQQXQJHQ






0DFKEDUNHLWVVWXGLH

%HUDWXQJVJHVSUlFKH

0LWDUEHLWHUVFKXOXQJHQ
%HUDWXQJVJHVSUlFKH
,QYHVWLWLRQVDQWUlJH

.RPPXQLNDWLRQ PLW +HUVWHOOHUQ


$XVVFKUHLEXQJ

1DFKYHUKDQGOXQJHQ
$EQDKPHPHVVXQJHQ
%HUDWXQJVJHVSUlFKH X

%HDXIWUDJXQJ
$XIEHUHLWXQJ X $XVZDKO $QJHERWH
7HFKQRORJLHQ 3UHLVH $QELHWHU

hEHUZDFKXQJ X .RQWUROOH GHU


.RVWHQSODQXQJ X
%HWULHEVEHJHKXQJHQ
%HGDUIVDQDO\VH

,QIRUPDWLRQVEHVFKDIIXQJ

/HLVWXQJV XQG
0RQWDJH
wahrnehmen. Auf die Frage hin, ob sich durch den Erfah- gen in vier Unternehmen. In drei Fällen wurde die Frage mit
rungsaustausch im Netzwerk potentiell Transaktionskosten einer Schätzung von 5–10 % an der gesamten Investitions-
senken lassen, antworteten 24 Unternehmen mit „ja“ und 11 summe beantwortet. Eine explizite Erfassung der Transak-
Unternehmen mit „nein“. Weiterhin gaben 18 Unternehmen tionskosten wird in der Erhebung nicht vorgenommen.
an, bereits Einsparungen bei den Transaktionskosten durch Ostertag (2003, S. 195–196, 224–228) erhebt in einer
die Netzwerkarbeit im Unternehmen festgestellt zu haben Fallstudie die Transaktionskosten bei der Beschaffung von
(siehe Abb. 6). (Hochleistungs-) Elektromotoren unterschiedlicher Motor-
'LH 8QWHUQHKPHQ ZXUGHQ DX‰HUGHP JHEHWHQ VROFKH OHLVWXQJHQLQHLQHP*UR‰NRQ]HUQDXVGHU&KHPLHLQGXVWULH
Tätigkeiten zu nennen, bei denen bereits Einsparungen fest- Sie beziffert die Transaktionskosten auf 300 € (für 1 kW),
gestellt werden konnten (Mehrfachnennungen waren mög- 300 € (für 10 kW) und 600 € (für 100 kW). Ostertag kommt
lich). Die Probanden gaben dabei meist Tätigkeiten in der zu dem Schluss, dass für kleine Motorleistungen (1 kW) die
Anbahnungs- und Entscheidungsphase an. Besonders die Transaktionskosten damit den eigentlichen Anschaffungs-
Informationsbeschaffung zu Technologien, Preisen und preis von 200 € übersteigen. Eikmeier et al. 2009 kommen
Anbietern wurde dabei überdurchschnittlich oft genannt zu sehr ähnlichen Ergebnissen im Rahmen des Contracting
(vgl. Abb. 7). Diese Antworten zeigen, dass ein Erfahrungs- im Mietwohnungsbau.
DXVWDXVFKLQGHQ1HW]ZHUNHQVWDWW¿QGHWXQGGDGXUFK7UDQV- Hein und Blok (1995 OLHIHUQHLQHHUVWHNRQNUHWH4XDQWL¿-
aktionskosten reduziert werden können. Über die Höhe ]LHUXQJYRQ7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHV-
dieser Einsparungen an den Transaktionskosten konnten die titionen. In ihrer Studie ermitteln sie die Transaktionskosten
Befragten jedoch keine Aussage machen. LQHQHUJLHLQWHQVLYHQ*UR‰XQWHUQHKPHQLQGHQ1LHGHUODQ-
den aus der Metall-, Chemie-, Papier-, Nahrungsmittel und
Textilindustrie. Sie nutzen ebenfalls ein Investitionsmodell,
 '
 LVNXVVLRQ welches vier verschiedene Phasen einer Investition diffe-
renziert. Diese Einteilung ermöglicht einen Vergleich der
5.1 Vergleich mit anderen Arbeiten beiden Arbeiten.
Bei einem Vergleich mit den Ergebnissen von Hein und
Obwohl die Literatur zur Transaktionskostentheorie mitt- Blok (1995) zeigen die Resultate der vorliegenden Studie
OHUZHLOHUHFKWXPIDQJUHLFKLVW¿QGHQVLFKGDULQELVKHUQXU vordergründig deutliche Abweichungen auf. Hein und Blok
wenige empirische Untersuchungen zur Höhe der Transak- ermitteln für die Transaktionskosten nur 3–8 % der Investi-
WLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ tionssumme. Die Autoren beziehen sich in ihrer Untersu-
Dazu gehört eine Fallstudie von Köwener und Schleich FKXQJ DOOHUGLQJV DXI 0D‰QDKPHQ PLW ,QYHVWLWLRQVVXPPHQ
(2000). Die Autoren untersuchen die Kosten für Vertragsver- zwischen 1 Mio. € und 13 Mio. €. In der vorliegenden
handlungen bei langfristigen Energiedienstleistungsverträ- $UEHLWJLEWHVQXUHLQH0D‰QDKPHGLHPLW¼lKQ-

13
7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQLQUnternehmen 123

OLFKH *U|‰HQRUGQXQJHQ HUUHLFKW 'LH *OHLFKXQJ LQ$EE 5 Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass nur Transaktionskos-
bestätigt aber die Transaktionskosten-Anteile von Hein und WHQ ]X (QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ HUIDVVW ZHUGHQ EHL
Blok (1995), wenn man die hohen Investitionssummen in denen eine Umsetzung erfolgte. In Unternehmen fallen aber
die Gleichung einsetzt. Ein geringer Unterschied mag auch DXFK,QIRUPDWLRQVNRVWHQ]X0D‰QDKPHQDQEHLGHQHQVLFK
dadurch entstehen, dass Hein und Blok (1995) keine Trans- DQVFKOLH‰HQGJHJHQHLQH8PVHW]XQJHQWVFKLHGHQZLUG:HU-
aktionskosten während der Implementierung erfassen, da den solche Informationskosten nicht erfasst, liegt nach Hein
nach ihrer Auffassung diese Phase nicht transaktionskosten- und Blok (1995) eine Unterschätzung der gesamten Infor-
relevant ist. In der vorliegenden Arbeit fallen aber während PDWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQYRU
GHU5HDOLVLHUXQJYRQ(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ7UDQV-
aktionskosten in Form von Überwachungs- und Durchset- 5.2.2 Datenauswertung
zungskosten an, wenn auch in relativ geringem Umfang,
gemessen an den gesamten Transaktionskosten (s. o.). ,Q $EVFKQ  ZXUGHQ P|JOLFKH (LQÀXVVIDNWRUHQ DXI GLH
Transaktionskosten untersucht. Es hier betont, dass diese
5.2 Grenzen der Aussagen Arbeit wegen der geringen Fallzahl nicht versucht, kausale
Beziehungen zwischen den Variablen zu beschreiben. Die
Die Ergebnisse dieser Arbeit werden insbesondere durch statistischen Analysen zeigen lediglich die Zusammenhänge
]ZHL )DNWRUHQ HLQJHVFKUlQNW   GLH 4XDQWL¿]LHUXQJ GHU zwischen den betrachteten Variablen, welche anhand des
Transaktionskosten sowie 2) die begrenzte Fallzahl infolge WKHRUHWLVFKHQ .RQ]HSWV GHU (LQÀXVVIDNWRUHQ LQWHUSUHWLHUW
der sehr aufwändigen Erhebungen und der Tatsache, dass werden können.
viele Unternehmen den Aufwand scheuen, ihre Transakti- Die empirisch analysierten Variablen erfassen nur spe-
onskosten in den vier Phasen zu beziffern. zielle Zusammenhänge auf Basis von theoretischen Über-
legungen. Diese Überlegungen stellen wahrscheinlich nur
5.2.1 Datenerhebung einen Ausschnitt der Realität dar und dürften daher kaum
das gesamte Phänomen der Transaktionskosten erklären
Die erhoben Zeiten für transaktionskostenrelevante Tätig- können. Es muss vielmehr davon ausgegangen werden,
NHLWHQ GHU (QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ EDVLHUHQ ]XP GDVV QRFK DQGHUH (LQÀXVVIDNWRUHQ GLH 7UDQVDNWLRQVNRVWHQ
JU|‰WHQ 7HLO DXI 6FKlW]ZHUWHQ GHU 9HUDQWZRUWOLFKHQ .HLQ YRQ(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQEHHLQÀXVVHQ
Unternehmen gab an, die zeitlichen Aufwendungen exakt Im Zuge der Ermittlung der Transaktionskosten ist auch
angeben zu können. Grund hierfür sind vor allem die die Berechnung der Personalkosten mit Unsicherheiten
Kostenrechnungssysteme der Unternehmen, in denen der verbunden. Die Bewertung für die zeitlichen Aufwendun-
Aufwand für transaktionskostenrelevante Tätigkeiten als gen der Mitarbeiter beruht in den meisten Fällen auf einer
Bestandteil der Gemeinkosten angesehen wird, d. h. keine Annahme des Stundensatzes. Dabei kann der angenommene
Investitions-scharfen Stundenaufschreibungen erfolgen, Wert abhängig vom betrachteten Unternehmen zu hoch oder
und damit im Nachhinein nicht mehr genau nachvollziehbar zu niedrig angesetzt sein.
ist. Die ermittelten Personalkosten sind daher mit Unsicher- $EVFKOLH‰HQGVROOQRFKHLQPDOYHUGHXWOLFKWZHUGHQGDVV
heit behaftet. sich die Aussagen der vorliegenden Arbeit nur auf Unter-
Aber auch allgemein besteht die Problematik, dass selbst QHKPHQEH]LHKHQGLHLQHLQHP(QHUJLHHI¿]LHQ]1HW]ZHUN
innerhalb der Transaktionskostentheorie eine eindeutige vertreten sind. Schon aus der Teilnahme an einem solchen
Abgrenzung der Transaktionskosten nicht immer möglich Netzwerk lässt sich ableiten, dass in diesen Unternehmen
ist. Zum Beispiel können Teile der Suchkosten als Fort- HLQ ,QWHUHVVH DQ (QHUJLHHI¿]LHQ]WKHPHQ EHVWHKW =XGHP
bildungskosten angesehen werden, oder bei der Entschei- ZHUGHQ GLH 8QWHUQHKPHQ LP 5DKPHQ YRQ UHJHOPl‰LJHQ
dungsphase werden mit der Geschäftsführung mehrere Netzwerktreffen durch Vorträge, Diskussionen, Erfahrungs-
,QYHVWLWLRQHQ]XJOHLFKEHVSURFKHQ'LH4XDQWL¿]LHUXQJGHU DXVWDXVFK XQG %HWULHEVEHJHKXQJHQ EHU HQHUJLHHI¿]LHQWH
Transaktionskosten hat daher eher die Merkmale subjekti- 7HFKQRORJLHQXQGRUJDQLVDWRULVFKH0D‰QDKPHQ3UHLVHXQG
ver Einschätzung (vgl. Weber et al. 2001, S. 432). Anbieter am Markt informiert, d. h. einer systemtischen
Weiterhin wurden in der Analyse keine Ressourcen Fortbildung ausgesetzt. Dadurch können die Unternehmen
erfasst, die nicht explizit als Kosten ausgewiesen sind bzw. LKUH,QIRUPDWLRQVNRVWHQVHQNHQZDVHLQJUR‰HU7HLOGHU
vom Unternehmen nicht als solche erfasst werden. Hier- EHIUDJWHQ%HWULHEHDXFKEHVWlWLJW)U8QWHUQHKPHQDX‰HU-
unter fallen beispielsweise Kosten mangelnder Motivation KDOEVROFKHU(QHUJLHHI¿]LHQ]1HW]ZHUNHGUIWHQGLH7UDQV-
oder auch Opportunitätskosten (Weber et al. 2001, S. 430). aktionskosten vermutlich etwas höher ausfallen.
Es könnte daher eine Unterbewertung der tatsächlichen
Transaktionskosten vorliegen.

13
124 M. Mai et al.

 6FKOXVVEHWUDFKWXQJXQG$XVEOLFN delte, die mit hohen Informations- und Suchkosten (z. B.


Reisekosten) verbunden waren (und nicht um die gewöhn-
Gegenstand der vorliegenden Studie ist eine empirische lichen Transaktionskosten einer konventionellen und vorge-
8QWHUVXFKXQJYRQ7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ] JHEHQHQ(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQ 
Investitionen von mittelständischen Unternehmen, meist
des Verarbeitenden Gewerbes. Über eine Befragung wurden
die Transaktionskosten aus Sicht der investierenden Unter- Literatur
QHKPHQHUKREHQXQGDQVFKOLH‰HQGDQDO\VLHUW$OV(UJHEQLV
ZXUGHQ]ZHL)DNWRUHQLGHQWL¿]LHUWGLHLP=XVDPPHQKDQJ Bleyl J, Seefeldt F (2012) Energie-Contracting in der Praxis. Eine
Evaluation von 55 Contractingprojekten der öffentlichen Hand
mit den relativen Transaktionskosten stehen. Zum einen aus Kundensicht. Entscheidungskriterien für die Modellauswahl.
wurde nachgewiesen, dass eine eindeutige negative Kor- Fraunhofer IFAM, Bremen
relation zwischen der Investitionssumme einer Energieef- BMU und BMWi (Hrsg) (2010) Energiekonzept für eine umweltscho-
¿]LHQ],QYHVWLWLRQ XQG GHQ UHODWLYHQ 7UDQVDNWLRQVNRVWHQ nende, zuverlässige und bezahlbare Energieversorgung. Bundes-
ministerium für Umwelt. Berlin, September 2010
besteht. Zum anderen korreliert die Energieintensität eines Coase RH (1960) The Problem of Social Cost. J Law Econ 3:1–44
Unternehmens negativ mit den relativen Transaktionskos- 'DQQ -  7UDQVDNWLRQVNRVWHQ EHL (QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQ
ten. So können vor allem bei niedrigen Investitionssummen in Industrieunternehmen – Ein analytisches Modell zu Abschät-
und Unternehmen mit einem geringen Jahresenergiever- zung der Höhe relativer Transaktionskosten. Masterarbeit, IIP In-
stitut für Industriebetriebslehre und Industrieelle Produktion und
brauch die Anteile der Transaktionskosten an den jeweiligen ,5((6 ,QVWLWXW IU 5HVVRXUFHQHI¿]LHQ] XQG (QHUJLHVWUDWHJLHQ
,QYHVWLWLRQHQEHDFKWOLFKH*U|‰HQRUGQXQJHQHUUHLFKHQ'LH Karlsruhe
These, dass Transaktionskosten als Hemmnis bei Investiti- Eikmeier B, Seefeldt F, Bleyl J, Arzt C (2009) Contracting im Miet-
RQHQLQ(QHUJLHHI¿]LHQ]DXIWUHWHQN|QQHQ YJO-RFKHPHW wohnungsbau, Bremer Energieinstitut, Prognos, energetic soluti-
on. Endbericht. Studie im Auftrag des BMVBS/BBR. Fraunhofer
al. 2010), kann damit bekräftigt werden. Allerdings ist die IFAM, Bremen
hemmende Wirkung der Transaktionskosten begrenzt, weil Erichsen J (2011) Controlling-Instrumente von A–Z: Die wichtigsten
ihr Anteil an der Investitionssumme bei Investitionen über :HUN]HXJH ]XU 8QWHUQHKPHQVVWHXHUXQJ  $XÀ 5XGROI +DXIH
60.000 € unter 20 % fällt und damit die Wirtschaftlichkeit München
Fraunhofer-Institut für System- und Innovationsforschung ISI (2014)
YRQ(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQQLFKWLQ)UDJH]XVWHOOHQ %HNDQQWPDFKXQJ GHU )|UGHUXQJ YRQ (QHUJLHHI¿]LHQ] XQG .OL-
Die Ergebnisse sind dabei als erster Ansatz zu verste- maschutz-Netzwerken in Deutschland im Rahmen des Projekts
KHQP|JOLFKH(LQÀXVVIDNWRUHQGHU7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL „30-Pilot-Netzwerke“. Internetauftritt des 30 Pilotnetzwerke Pro-
(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQHPSLULVFK]XHUIRUVFKHQ)U jekts. http://www.30pilot-netzwerke.de/nw-de/content/Foerderbe-
dingungen.php. Zugegriffen: 24. Okt 2014
HLQXPIDVVHQGHV9HUVWlQGQLVVROFKHU(LQÀXVVIDNWRUHQVLQG *HEKDUGW 7   7UDQVDNWLRQVNRVWHQ EHL (QHUJLHHI¿]LHQ],Q-
ZHLWHUH$QDO\VHQXQGHLQJU|‰HUHV6DPSOHHUIRUGHUOLFK6R vestitionen – Eine empirische Erhebung bei Unternehmen in
macht die vorliegende Studie kaum Aussagen darüber, von (QHUJLHHI¿]LHQ]1HW]ZHUNHQ %DFKHORUDUEHLW ,,3 ,QVWLWXW IU ,Q-
welcher Art die Zusammenhänge der untersuchten Variab- dustriebetriebslehre und Industrieelle Produktion und IREES Ins-
WLWXWIU5HVVRXUFHQHI¿]LHQ]XQG(QHUJLHVWUDWHJLHQ.DUOVUXKH
len sind. Solche Aussagen könnten für Unternehmen und Göbel E (2002) Neue Institutionenökonomik: Konzeption und be-
beratende Ingenieure von Interesse sein, ebenso auch für triebswirtschaftliche Anwendungen. Lucius & Lucius, Stuttgart
die Konzeption von Förderprogrammen der Europäischen Grubb M et al (1993) The costs of limiting fossil-fuel CO2 emissions: a
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dungsangebote seitens von Fortbildungsanbietern. YHPHQWV7KH(XURSHDQ&RXQFLOIRUDQ(QHUJ\(I¿FLHQW(FRQRP\
Weitere Untersuchungen sind auch hinsichtlich des (ECCEEE). [Online] 1995. http://www.eceee.org/conference_pro-
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(LQÀXVVHV GHV (UIDKUXQJVDXVWDXVFKV LQ (QHUJLHHI¿]LHQ] HOAI (2013) Verordnung über die Honorare für Architekten- und In-
Netzwerken notwendig, der wie eine Fortbildung wirkt. genieurleistungen. Bundesratsbeschluss vom 7.6.2013; Bundesan-
Die vorliegende Untersuchung zeigt, dass vor allem Infor- zeiger 16.7.2013
mations- und Suchkosten vermindert werden. Bei weiteren -DIIH$%6WDYLQV5%  7KHHQHUJ\HI¿FLHQF\JDS:KDWGRHVLW
mean? Energy Policy 22(10):804–810
$QDO\VHQ HPS¿HKOW VLFK GHU (LQEH]XJ YRQ 8QWHUQHKPHQ Jochem E, Mai M, Mielicke U (2014): Ungenutzte fördernde Faktoren
GLH QLFKW DQ HLQHP (QHUJLHHI¿]LHQ]1HW]ZHUN WHLOQHKPHQ YRQ (QHUJLHHI¿]LHQ]0D‰QDKPHQ LQ 8QWHUQHKPHQ  HLQH ZHQLJ
als Referenzgruppe. beachtete Aktivierung der Motivation. Working Paper No. 4,
6FKOLH‰OLFKLVWDXFKGDV.RQ]HSWGHU7UDQVDNWLRQVNRVWHQ IREES, Karlsruhe
-RFKHP ( 0DL 0 2WW 9   (QHUJLHHI¿]LHQ]QHW]ZHUNH ± EH-
ZHLWHUE]JOGHU$UWGHU(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQ]XYHU- schleunigte Emissionsminderungen in der mittelständischen Wirt-
feinern. Denn bei den zwei Fällen mit den höchsten Trans- schaft. Z Energiewirtsch 34:21–28
aktionskosten stellte sich heraus, dass es sich jeweils um die Koot LW et al (1984) Evaluatie van de werking en effectiviteit van de
Suche nach einer neuen prozesstechnischen Lösung han- energietoeslag. CvE-TNO, Apeldoorn

13
7UDQVDNWLRQVNRVWHQEHL(QHUJLHHI¿]LHQ],QYHVWLWLRQHQLQUnternehmen 125

.|ZHQHU'6FKOHLFK-  5HGXFLQJEDUULHUVWRHQHUJ\HI¿FLHQF\ Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung


in the German energy service companies sector. Fraunhofer Insti- Forschungsstelle für Energiewirtschaft, Karlsruhe
tut für Systemtechnik und Innovationsforschung, Karlsruhe 6FKU|WHU0%XVFKDN'  (QHUJLHHI¿]LHQ]LQGHU3URGXNWLRQ±
/HYLQH 0' HW DO   (QHUJ\ HI¿FLHQF\ PDUNHW IDLOXUHV DQG Wunsch oder Wirklichkeit? Energieeinsparpotentiale und Verbrei-
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13
Z Energiewirtsch (2012) 36:267–283
DOI 10.1007/s12398-012-0093-1

Einsatz von Biomethan in Neubauten nach EEWärmeG –


Eine Hemmnis- und Wirtschaftlichkeitsanalyse
Martin Loßner · Erik Gawel · Carsten Herbes

Online publiziert: 2. Oktober 2012


© Vieweg+Teubner 2012

Zusammenfassung Im IEKP wurde 2007 das Ziel formu- nen, wird ein Wirtschaftlichkeitsmodell entwickelt, in dem
liert, bis 2020 jährlich 6 Mrd. Kubikmeter Biomethan zu verschiedene regenerative Energieträger sowie Ersatzmaß-
nutzen. Mit dem EEWärmeG wurde 2009 die gesetzliche nahmen auf Basis eines Annuitätsverfahrens nach VDI 2067
Grundlage geschaffen, um den prozentualen Anteil erneuer- verglichen werden. Für Einfamilienhäuser ist Biomethan da-
barer Energieträger an der Wärme- und Kältebereitstellung nach die wirtschaftlich schlechteste Alternative, bei Mehr-
zu erhöhen, der bis 2020 auf 14 % steigen soll. Der Ein- familienhäusern dagegen wegen der höheren Auslastung die
satz von Biomethan ist in diesem Kontext eine der Optio- drittbeste. Um Biomethan im Wärmemarkt weiter zu för-
nen gemäß EEWärmeG. Bauherren haben danach die Wahl dern und das Nutzungsziel von 6 Mrd. Kubikmeter/Jahr im
zwischen verschiedenen regenerativen Energieträgern sowie Jahr 2020 zu erreichen, sollte der im EEWärmeG veranker-
einer Reihe von Ersatzmaßnahmen wie Fernwärme, Däm- te Zwang zur KWK-Technologie für Biomethan zu Gunsten
mung oder Kraft-Wärme-Kopplung. Sie treffen diese Ent- einer technologieoffenen Formulierung aufgehoben werden
scheidung jedoch nicht allein, sondern sind eingebunden in und die bislang nur für Neubauten geltende Regelung ana-
ein Buying-Center, das auch andere Akteure wie Architek- log zur Regelung in Baden-Württemberg auf den Altbestand
ten, Fachplaner oder Installateure umfasst. Diese verfolgen ausgedehnt werden.
auch eigene Interessen (z.B. Auftragsvolumen), außerdem
entscheidet der Bauherr i.d.R. unter unvollkommener Infor- Application of Biomethane for New Buildings
mation. Beides behindert eine optimale Entscheidung. Bio- According to the German Renewable Heat
methan wird derzeit nur von ca. 3 % aller Bauherren einge- Act—A Barrier and Profitability Analysis
setzt. Um dieses Markt-Ergebnis besser verstehen zu kön-
Abstract The German Federal Government aims at increas-
ing the use of biomethane to 6 billion cubic meters per
M. Loßner () year by 2020. The German Act on the Promotion of Re-
Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät, Institut für Infrastruktur newable Energies in the Heat Sector (Renewable Heat Act –
und Ressourcenmanagement, Universität Leipzig, EEWärmeG) of 2009 has paved the way for renewable en-
Grimmaische Straße 12, 04109 Leipzig, Deutschland
ergies in the heating market with 14 % in 2020 being the
e-mail: Martin.Lossner@googlemail.com
ultimate goal. Biomethane is one of the options provided in
E. Gawel the EEWärmeG. Building owners can choose between dif-
Department Ökonomie, Helmholtz-Zentrum ferent renewable energy sources as well as a range of com-
für Umweltforschung – UFZ, Permoser Str. 15, 04318 Leipzig, pensatory measures such as district heating, insulation or
Deutschland
combined heat and power. However, they do not make this
E. Gawel decision independently but together with other members of
Institut für Infrastruktur und Ressourcenmanagement, Universität a buying center that comprises architects, specialist consul-
Leipzig, Grimmaische Str. 12, 04109 Leipzig, Deutschland tants and installers. These other members are pursuing their
C. Herbes
own interests, which includes maximizing their contract vol-
Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, ume. Moreover the owner takes his decision under incom-
Neckarsteige 6-10, 72622 Nürtingen, Deutschland plete information. Both factors are detrimental to an optimal
128 Z Energiewirtsch (2012) 36:267–283

decision. Biomethane is chosen for only 3 % of newly con- seiner Nachfragestruktur sowie der Bedeutung verschiede-
structed buildings. For a better understanding of why the use ner Energieträger. Außerdem werden die relative Bedeutung
of biomethane for heating purposes is so limited, the authors von Neubauten und Bestand dargelegt sowie Referenzge-
have developed an economic calculation method that com- bäude (Ein- und Mehrfamilienhaus) definiert. In Abschn. 4
pares different renewable energy sources as well as compen- werden auf der Grundlage eines Buying-Center-Ansatzes
satory measures. For a single-family home, biomethane is die Entscheidungskriterien und der Entscheidungsprozess
the least attractive option from a financial perspective; for a analysiert. Dabei wird ein besonderes Augenmerk auf die
multi-family house, on the other hand, it ranks third. In order Barrieren für den Einsatz von Biomethan gelegt. Abschnitt 5
to promote the utilization of biomethane and to achieve the stellt die Methodik, die Prämissen und Ergebnisse der Wirt-
6 billion cubic meter/year goal by 2020, the Federal Gov- schaftlichkeitsrechnung dar und zeigt die relative Attrakti-
ernment needs to open up the options for biomethane be- vität von Biomethan im Vergleich zu anderen regenerativen
yond the now mandatory cogeneration solution. Moreover, Energieträgern und Ersatzmaßnahmen auf. Die Ergebnisse
the EEWärmeG, which applies to newly built houses only, werden außerdem hinsichtlich ihrer Sensitivität bezüglich
should be expanded to existing buildings. unterschiedlicher Annahmen für Preissteigerungsraten ge-
testet. Abschnitt 6 fasst schließlich die Ergebnisse zusam-
men und beschäftigt sich mit der Frage, inwieweit gesetzge-
1 Problemstellung berisch für eine Förderung des Einsatzes von Biomethan im
Wärmemarkt weiterer Handlungsbedarf besteht.
Die Bundesregierung hat im Integrierten Energie- und Kli-
maprogramm (IEKP) schon 2007 das Ziel formuliert, bis
2020 jährlich 6 Mrd. Kubikmeter Biomethan in Deutschland
2 Rechtliche Grundlagen
zu nutzen (IEKP 2007). Einer der Verwendungspfade ist
die Verstromung, für die das Erneuerbare-Energien-Gesetz
Im März 2007 hat der Europäische Rat entschieden, den An-
(EEG) mit seinen Einspeisetarifen für Strom aus Biogas
teil Erneuerbarer Energien am gesamten Primärenergiever-
und Biomethan das zentrale Förderinstrument darstellt. Den
brauch in der EU bis 2020 auf 20 % zu erhöhen. Aus die-
zweiten Verwendungspfad bildet der Kraftstoffmarkt mit
ser Zielvorgabe ist auf nationaler Ebene noch im Jahr 2007
dem Biokraftstoffquotengesetz (BioKraftQuG) von 2007 als
das IEKP entstanden, das auch den hier zu untersuchenden
Förderinstrument. Ein dritter Verwendungspfad ergibt sich
Haushalts-Wärmemarkt beeinflusst. Die Strategie des Pro-
durch den Einsatz im Wärmesektor1 : Mit dem Erneuerbare-
Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) wurde 2009 die ge- grammes besteht neben den verschärften baulichen Anfor-
setzliche Grundlage geschaffen, um den prozentualen An- derungen an Gebäude in der verstärkten Nutzung regene-
teil Erneuerbarer Energieträger an der Wärme- und Kälte- rativer Energieträger bei der Wärmebereitstellung, die im
bereitstellung zu erhöhen, der nach dem Willen des Ge- EEWärmeG sowie der novellierten EnEV ordnungsrecht-
setzgebers bis 2020 auf 14 % steigen soll (§ 1 Abs. 2 EE- lich seit 2009 umgesetzt sind und durch das Marktanreiz-
WärmeG). Der Einsatz von Biomethan ist in diesem Kon- programm (MAP) gefördert werden.
text eine der Optionen im EEWärmeG. Bauherren haben
danach grundsätzlich die Wahl zwischen verschiedenen re- 2.1 Energieeinsparverordnung (EnEV)
generativen Energieträgern wie Solarthermie, fester Bio-
masse oder Umweltwärme sowie einer Reihe von Ersatz- Die EnEV beinhaltet bundesweite Anforderungen an einen
maßnahmen wie Fernwärme, Dämmung oder Kraft-Wärme- energiesparenden Wärmeschutz und eine effiziente An-
Kopplung (KWK). Der in diesem Beitrag betrachtete Ener- lagentechnik in Gebäuden.2 Neue Wohngebäude sind so zu
gieträger Biomethan wird derzeit nur von ca. 3 % aller Bau- planen, dass der jährliche Primärenergiebedarf an Raumwär-
herren eingesetzt (AEE 2010, S. 2). me, Warmwasser, Lüftung sowie Kühlung den Wert eines
Der vorliegende Beitrag beschäftigt sich mit der Frage Referenzgebäudes mit gleichen geometrischen, baulichen
nach den Ursachen für dieses schwache Markt-Ergebnis. und technischen Charakteristika nicht überschreitet (§ 3
Dazu werden im Abschn. 2 zunächst die rechtlichen Grund- Abs. 2 EnEV 2009). Neben diesen baulich-energetischen
lagen, nämlich die Energieeinsparverordnung (EnEV), das Anforderungen an die Gebäudehülle werden zudem Stan-
Erneuerbare Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) und das dards definiert, um die Energieeffizienz des Gebäudes zu
Marktanreizprogramm (MAP) erläutert. Abschnitt 3 wid- verbessern. Die Anforderungen der EnEV orientieren sich
met sich dem Wärmemarkt, seiner Größe und Entwicklung, dabei am Primärenergieeinsatz und sind technologieoffen

1 Zu den Möglichkeiten, im Rahmen der leitungsgebundenen Wärme- 2 Grundlage für die weitere Betrachtung ist die EnEV 2009, die am

versorgung für eine Erhöhung des Anteils erneuerbarer Energien im 29.04.2009 grundlegend aktualisiert wurde und seither auch als „neue
Wärmesektor zu sorgen, jüngst Bruns et al. (2012). EnEV“ oder „EnEV 2009“ bezeichnet wird.
Z Energiewirtsch (2012) 36:267–283 129

konzipiert. Die novellierte Verordnung von 2009 impliziert Tab. 1 EEWärmeG – Quantitative Mindestanforderungen an Erneu-
erbare Energien und Ersatzmaßnahmen (EEWärmeG)
gegenüber ihrer Vorgänger-Fassung strengere energetische
Anforderungen an Neubauten und an die Modernisierung Maßnahmen-Kategorie zur Erfüllung Mindestanteil
des Gebäudebestandes um durchschnittlich 30 % (BMBVS, der Nutzungspflicht nach EEWärmeG EE/Mindestanforderung
BMU 2010, S. 6).
Erneuerbare Energien:
Ergänzend definiert die EnEV Standards für die verwen-
Solare Strahlungsenergie 15 %
deten Anlagentechnologien, die der Energiebereitstellung
Gasförmige Biomasse in KWK 30 %
dienen (§ 1 Abs. 1 EnEV 2009). Nach § 2 Abs. 1 Nr. 6 EnEV
Flüssige Biomasse 50 %
zählen zu den regenerativen Energieträgern solare Strah-
lungsenergie, Geothermie, Umweltwärme und Energie aus Feste Biomasse 50 %
Biomasse, die in Wohngebäuden in allen Aggregatzustän- Geothermie 50 %
den genutzt werden können. Der durch Erneuerbare Ener- Umweltwärme 50 %
gien erzeugte Strom in Wohngebäuden kann nach § 3 Abs. Ersatzmaßnahmen:
3 und § 4 Abs. 3 der EnEV vom Endenergieverbrauch ab- Anlagen zur Nutzung von 50 %
gezogen werden. Jedoch gilt diese Anrechnung de lege lata Abwärme
gerade nicht für Wärmeenergie (§ 5 EnEV). KWK-Anlagen 50 %
Maßnahmen zur EnEV-Werte um 15 %
2.2 Erneuerbare-Energien-Wärmegesetz (EEWärmeG) Energieeinsparung unterschritten
Nah- und Fernwärme „wesentlicher Anteil“
EE oder 50 %
Bis 2009 fehlte dem deutschen Wärmemarkt ein Instrument
Abwärmenutzung oder
vergleichbar dem EEG im Stromsektor, um den nachhalti- 50 % KWK oder 50 %
gen Ausbau und die anteilige Nutzungspflicht regenerativer Kombination dieser
Energieträger vorzuschreiben (BMBVS, BMU 2010, S. 5). Maßnahmen
Mit dem EEWärmeG wurde eine regulative Grundlage ge-
schaffen, um den prozentualen Anteil Erneuerbarer Energie-
träger an der Wärmeversorgung zu erhöhen und die Ener- der Gebäudehülle sowie die KWK. Die festgelegten Minde-
gieeffizienz zu steigern. Das zentrale Ziel des Gesetzes ist stanteile der regenerativen Energieträger für den Einsatz in
es, unter Gewährleistung ökonomischer Vertretbarkeit, den Neubauten bzw. die Mindestanforderungen für Ersatzmaß-
Anteil regenerativer Energien an der Wärme- und Kältebe- nahmen sind in Tab. 1 zusammengestellt.
reitstellung in Deutschland bis 2020 auf 14 % zu erhöhen
(§ 1 Abs. 2 EEWärmeG). Diese Zielvereinbarung dient vor 2.3 Marktanreizprogramm (MAP)
allem dem „Interesse des Klimaschutzes, der Schonung fos-
siler Ressourcen und der Minderung der Abhängigkeit von Damit private Haushalte unter den gegebenen Marktbe-
Energieimporten“ (§ 1 Abs. 1 EEWärmeG). Das EEWär- dingungen ein ökonomisches Interesse haben, Erneuerbare
meG verpflichtet deshalb Gebäudeeigentümer, bei Neuer- Energien vermehrt einzusetzen, sind zusätzliche Investiti-
richtung von Gebäuden von mindestens 50 m2 (§ 4 EEWär- onsanreize erforderlich (MAP 2011, S. 11). Das MAP ist
meG) für die Wärmebereitstellung regenerative Energieträ- ein finanzpolitisches Instrument der Bundesregierung, das
ger anteilig zu berücksichtigen (Nutzungspflicht nach § 3 gezielt den Wärmemarkt fördern soll, weil in diesem Sek-
Abs. 1 EEWärmeG). tor das auf den Strommarkt fokussierte EEG nicht greift.4
Das Gesetz definiert ferner in § 2, welche Erneuerbaren Die Basis für das Förderprogramm bildet § 13 EEWärmeG,
Energieträger und welche Ersatzmaßnahmen zur Erfüllung nach dem der Bund den Einsatz regenerativer Energieträger
der geforderten Vorgaben eingesetzt werden können. Analog bis 2012 mit bis zu 500 Mio. € jährlich fördert.
zur EnEV fallen solare Strahlungsenergie, Geothermie, Um- Das MAP unterstützt jedoch nicht nur Investitionen in Er-
weltwärme, feste, flüssige und gasförmige Biomasse3 unter neuerbare Energieträger, sondern fördert auch effiziente An-
die zur Erfüllung der Nutzungspflicht geeigneten regenera- lagentechnik mit Zuschüssen oder vergünstigten Darlehen.
tiven Energien. Ersatzmaßnahmen sind nach dem EEWär- Nach dem MAP werden Solarkollektoren, Biomasseanla-
meG Nah- und Fernwärme, Steigerung der Energieeffizienz gen, Wärmepumpen, Tiefengeothermie und die Biogasauf-
bereitung für minimierte Methanemissionen unter bestimm-
3 Nach dem EEWärmeG (2008) ist eine anteilige Nutzung von Bio- ten Bedingungen gefördert.
methan nur dann gestattet, wenn es in einem KWK-Prozess eingesetzt
wird und der Biomethananteil mindestens 30 % beträgt. Dieser Aspekt
ist für die nachfolgende Wirtschaftlichkeitsberechnung von fundamen- 4 Die Basis für das Förderprogramm bildet § 13 EEWärmeG, in dem
taler Bedeutung. eine jährliche bedarfsgerechte Förderung bis 2012 definiert ist.
130 Z Energiewirtsch (2012) 36:267–283

Abb. 1 Struktur des


Endenergieverbrauchs von
privaten Haushalten (BDEW
2011)

Die Fördermittel des MAP wurden im Frühjahr 2010 ge- in Form bestimmter Energiearten und Anlagentechnologi-
kürzt und weitere finanzielle Mittel durch eine Haushaltss- en bereitgestellt wird. Die Höhe der benötigten Wärmemen-
perre vorerst nicht bereitgestellt (BAFA 2011). Nach öffent- ge orientiert sich dabei an verschiedenen Faktoren, wie z.B.
licher Kritik an der Fördereinstellung wurde das MAP zwar die durchschnittliche Wohnfläche sowie die Energieeffizi-
im Juli 2012 wieder aufgenommen (BAFA 2012), allerdings enz des Wohngebäudes und der Heizungsanlage. Die nach-
zeitgleich die Förderung von Neubauten unter Verweis auf gefragte Wärmeenergie für die Erzeugung von Raumwär-
die Nutzungspflicht im EEWärmeG sowie für bestimmte me und Warmwasser macht im Durchschnitt knapp 85 %
„etablierte“ Technologien beendet. Eine Förderung des Ein- des Energieverbrauchs der privaten Haushalte aus (BDEW
satzes von Biomethan zur Wärmeerzeugung war jedoch zu 2011) (Abb. 1).
keinem Zeitpunkt vorgesehen. Da aber die Alternativen zu Der Wärmemarkt für private Haushalte befindet sich
Biomethan wie Solarkollektoren etc. erneut gefördert wer- seit einigen Jahren im Umbruch: Auf der Grundlage ver-
den, wirkt sich das MAP sogar negativ auf die Wettbewerbs- änderter rechtlicher Rahmenbedingungen (EnEV, EEWär-
fähigkeit von Biomethan aus. meG und MAP) konnten sich in den vergangenen Jah-
ren neue Anlagentechnologien, wie z.B. Wärmepumpen,
Brennwert-Kessel, Mikro-BHKWs und Solarkollektoren
3 Erneuerbare Energien im deutschen Wärmemarkt auf dem Markt vermehrt etablieren.
Aktuell stellen jedoch immer noch die fossilen Brenn-
stoffe den größten Anteil an den eingesetzten Wärmeener-
Im deutschen Wärmesektor wird die Wärme noch überwie-
gieträgern von privaten Haushalten dar. Aus Abb. 2 wird
gend durch fossile Rohstoffe in veralteten Heizanlagen er-
deutlich, dass lediglich 8 % der eingesetzten Energie für die
zeugt; Erneuerbare Energien sowie effiziente Anlagentech-
Wärmebereitstellung aus regenerativen Quellen stammen.
nologien sind deutlich unterrepräsentiert (AEE 2011). Vor
Ökonomische Faktoren, die die Auswahl eines Energieträ-
dem Hintergrund der energie- und klimapolitischen Zie-
gers beeinflussen, sind Investitionskosten, verbrauchs- und
le ist eine Neuausrichtung des Wärmemarktes unausweich-
betriebsgebundene Kosten sowie die Preisentwicklung der
lich. Mit der Nutzungspflicht von Erneuerbaren Energi-
Rohstoffe. Neben der Erfüllung der gesetzlichen Standards
en und steigenden Effizienzanforderungen sind in jünge-
spielen zudem auch nicht-pagatorische Kosten des Nutzers
rer Zeit erstmalig regulative Rahmenbedingungen geschaf-
(Zeitaufwand und Komfort der Anlagenbedienung) sowie
fen worden (dazu Abschn. 2), die den Ausbau einer nach-
die Klimafreundlichkeit des Energieträgers eine entschei-
haltigen Wärmebereitstellung gewährleisten sollen. Diese
dungserhebliche Rolle (dazu Abschn. 4.2).
grundlegende Veränderung tangiert auch den Wärmemarkt
Die Dominanz der fossilen Energieträger auf dem Wär-
für private Haushalte, dessen besondere Charakteristika eine
memarkt für private Haushalte ist auf ihre vergleichsweise
energie- und klimapolitisch erwünschte Umstrukturierung
niedrigen betriebswirtschaftlichen Kosten für den privaten
zu einer besonderen Herausforderung machen.
Verbraucher zurückzuführen. Die durch den Einsatz fossi-
ler Brennstoffe bewirkten ökologischen Folgekosten, insbe-
3.1 Der Wärmemarkt für private Haushalte sondere als Treiber für Klimaveränderungen, werden jedoch
gegenwärtig nicht in der Preisbildung für Wärmenutzun-
Der Wärmemarkt für private Haushalte ist ein Teilsektor des gen berücksichtigt. Dadurch erscheinen fossile Träger am
gesamten Wärmeenergiemarktes, auf dem private Haushal- Markt gegenüber Erneuerbaren Energieträgern immer noch
te Wärme nachfragen, die von verschiedenen Unternehmen als wirtschaftlich vorteilhaft.
Z Energiewirtsch (2012) 36:267–283 131

Abb. 2
Wärmeenergieverbrauch in
privaten Haushalten nach
Energieträgern 2009 (Agentur
für Erneuerbare Energien 2011,
S. 6)

Vor diesem Hintergrund werden gegenwärtig zahlrei- tiven unter objektiven Rahmenbedingungen einem Vollkos-
che Erneuerbare Energietechnologien auf dem Wärmemarkt tenvergleich unterzogen werden. Es ist jedoch für den pri-
(nicht aber Biomethan) durch das MAP der Bundesregie- vaten Bauherrn sehr schwierig, alle verfügbaren wichtigen
rung gefördert, damit sie im Vergleich zu den fossilen Informationen zu sammeln, die seine Auswahlentscheidung
Brennstoffen eine wirtschaftliche Alternative darstellen und beeinflussen. Informationen stellen die wichtigste Grund-
sich dadurch langfristig auf dem Energiemarkt etablieren lage für die Auswahl eines Energieträgers bzw. einer An-
können. Durch die Gesetzgebung ist die Erzeugung von lagentechnologie dar. Die Komplexität des Wärmemarktes
Wärme für die regenerativen Energieträger zu einer Markt- und das vielfältige Angebot von fossilen sowie Erneuerba-
chance geworden. Es wird zwar prognostiziert, dass Heiz- ren Energieträgern führen allerdings zu einer mangelnden
öl schnell an Bedeutung verlieren, aber Erdgas langfristig Transparenz für die privaten Haushalte. Hinzu kommt, dass
weiterhin einen substanziellen Beitrag für die Bereitstellung der Bauherr eine Entscheidung für die nächsten Jahrzehnte
von Wärmeenergie leisten wird (BMU 2008). Aus den be- trifft und die Preisentwicklung verschiedener Energieträger
achtlichen Lern- und Skaleneffekten der Erneuerbaren Ener- über diesen Zeitraum nicht einmal durch Experten verläss-
gieträger (Frauenhofer ISE 2012, S. 19ff.) lässt sich ableiten, lich prognostiziert werden kann. Die Auswahl einer Ener-
dass sie zukünftig nicht nur eine umweltfreundliche, son- gieart für seine Wärmebereitstellung hat mithin unter si-
dern auch eine wettbewerbsfähige Alternative auf dem Wär- gnifikant unvollständiger Information zu erfolgen (Mennel
memarkt darstellen werden. und Sturm 2008, S. 33; Loßner 2011, S. 24) Der Nachfra-
ger könnte demnach bei Risikoaversion verleitet sein, bei
3.2 Marktcharakteristika der Wärmebereitstellung auf bekannte fossile Energiequel-
len zurückzugreifen, die aufgrund ihrer zum Entscheidungs-
Die Liberalisierung der Märkte für leitungsgebundenen zeitpunkt günstigen Marktkosten überzeugen. Fehlende In-
Energien in Deutschland hat auch im Wärmemarkt für pri- formationen über die Rentabilität und Qualität von neuen
vate Haushalte zu einer Belebung des Wettbewerbes ge- Heizanlagen können folglich den Durchbruch von innovati-
führt.5 Die einzelnen Energieträger und Anlagentechnologi- ver Wärmetechnologie und regenerativen Energieträgern er-
en sind infolgedessen zu direkten Konkurrenten geworden, schweren. Die Bundesregierung versucht dieser Informati-
weil sie hinsichtlich der Wärmeerzeugung untereinander onsasymmetrie durch Informationsportale über die Kosten-
weitgehend substituierbar sind. Neben den Energieträgern und Verbrauchsstrukturen von Energieträgern entgegenzu-
selbst sind im Rahmen des EEWärmeG auch Maßnahmen wirken.
zur Steigerung der Energieeffizienz direkte Wettbewerber.
Um die Konkurrenzfähigkeit und Wirtschaftlichkeit ei- 3.3 Gewicht von Neubauten im Wärmemarkt
nes Energieträgers zu beurteilten, müssen für den jeweili-
gen Anwendungsfall alle in Betracht kommenden Alterna- In Deutschland gehören Wohngebäude immer noch zu den
Hauptverursachern von CO2 -Emissionen (BMVBS 2007).
5 Zwar beabsichtigt die Zulassung des Wettbewerbs die marktgetriebe- Gerade Neubauten haben durch die vermehrte Nutzung von
ne Durchsetzung der jeweils günstigsten Energieträger und innovativs- Erneuerbaren Energien sowie verstärkten Effizienzanforde-
ten Anlagentechnologien. Dahinter stehen allerdings Verbände, Institu- rungen eine Vorbildfunktion für die aktive Umsetzung einer
tionen, private Handwerker und Installationsfirmen, sowie Architekten
und Ingenieure, die von der jeweiligen Maßnahmenoption spezifisch
ökologisch vertretbaren Bau- und Lebensweise. Energieef-
profitieren und ihre Interessen politisch wie im Markt (z. B. privater fiziente Gebäude und Anlagentechnologien mit hohen Wir-
Bauherren) zu befördern wissen – dazu Abschn. 4. kungsgraden mindern nicht nur den CO2 -Ausstoß, sondern
132 Z Energiewirtsch (2012) 36:267–283

Abb. 3 Entwicklung der


Neubaustatistik in Deutschland
(Statistisches Bundesamt
Deutschland 2011a)

Tab. 2 Neubauten und


durchschnittliche Wohnfläche in Gebäude Wohnungen Wohnfläche gesamt Durchschnittliche
Deutschland 2010 (Statistisches im Gebäude Wohnfläche pro Gebäude
Bundesamt Deutschland 2011a)
Gebäudeart Anzahl Anzahl m2 m2
EFH 70.965 70.965 10.241.000 144
MFH 13.237 67.416 5.867.000 443

Tab. 3
Wärmeenergieverbrauch für EFH Neubau MFH Neubau
Raumwärme und Warmwasser
in Neubauten (IE Leipzig 2009, Gebäudegröße 144 m2 443 m2
S. I, i.V.m. Daten aus Tab. 2) Wärmeschutzstandard nach EnEV 2009 nach EnEV 2009
Spezifischer Wärmeenergieverbrauch pro m2 73 kWh/m2 73 kWh/m2
Wärmeenergieverbrauch pro Jahr 10.512 kWh 32.339 kWh

tragen auch zu einer Reduzierung des Energieverbrauchs durchschnittliche Wohnfläche pro Objekt benötigt. Sie er-
bei. gibt sich aus der Division der kumulierten Wohnfläche durch
Wie aus Abb. 3 ersichtlich wird, ist die Neubaurate in die gesamte Anzahl von neuen Wohngebäuden. Demnach
Deutschland innerhalb der letzten Jahre erheblich zurückge- besitzt ein Einfamilienhaus eine durchschnittliche Wohnflä-
gangen. Im Vergleich zum kumulierten Wohnungsflächen- che von rund 144 m2 , wohingegen ein Mehrfamilienhaus
bestand macht die neu errichtete Wohnfläche mit einem An- eine Fläche von rund 443 m2 aufweist (Tab. 3).
teil von 0,6 % nur einen Bruchteil aus (EWI/GWS/Prognos Für die spätere Wirtschaftlichkeitsberechnung von Bio-
2010, S. 68). methan (Abschn. 5) werden die Verbrauchskennzahlen von
Bei den neugebauten Wohngebäuden lassen sich das Ein- einem Vollkostenvergleich des Leipziger Instituts für Ener-
familienhaus (EFH) und das Mehrfamilienhaus (MFH) als gie GmbH (2009) genutzt. Die Daten beinhalten einen
die zwei typischen Gebäudetypen klassifizieren (Tab. 2).6 einheitlichen Wärmestandard der Ein- und Mehrfamilien-
Um den einzelnen Wärmeenergiebedarf beider Neubau- häuser nach der