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Professor Dr.

Florian Faust Kleingruppe Vertragsrecht I


24. Oktober 2019

Fall 8
A will ihre bislang nur spärlich ausgestattete Wohnung einrichten. Als ihr Bekannter
B, der sich mit alten Möbeln auskennt, zu Besuch ist, bittet A ihn, für sie einen Bieder-
meier-Bücherschrank zu kaufen. A ist bereit, für einen solchen Schrank bis zu 5.600 €
zu zahlen. Im Gespräch mit B verspricht sie sich jedoch und teilt dem B mit, der
Schrank dürfe bis zu 6.500 € kosten. A muss dann gleich aufbrechen, bittet jedoch den
B, sich noch in der Wohnung umzusehen, damit er den Schrank passend zu den vor-
handenen Möbeln auswählen könne. Als B das tut, entdeckt er eine von A erstellte
Liste der Möbelstücke, die sie anzuschaffen beabsichtigt, mit den Maximalbeträgen,
die sie dafür auszugeben bereit ist. Dem B fällt auf, dass A neben dem Punkt „Bieder-
meier-Bücherschrank“ einen Kaufpreis von „bis zu 5.600 €“ vermerkt hat, und er
schließt zutreffend, dass A sich in ihrer hektischen Art wohl versprochen hat.
B sucht den Antiquitätenhändler C auf und sagt, er wolle „für A“ einen Biedermeier-
Bücherschrank kaufen. Nachdem er sich einige Schränke angesehen hat, erwirbt er
einen für 6.400 €. Da es sich um ein sehr günstiges Angebot handelt, nimmt er an, A
werde einverstanden sein, auch wenn der Schrank 800 € mehr koste, als A eigentlich
ausgeben wolle. B vereinbart mit C, dass er am nächsten Tag gemeinsam mit A den
Schrank abholen werde. Bei dieser Gelegenheit werde A auch den Kaufpreis beglei-
chen. Kurz nachdem B das Geschäft verlassen hat, bietet ein anderer Kunde dem C
6.800 € für den Schrank. C schlägt das Angebot mit dem Hinweis darauf aus, dass der
Schrank bereits verkauft sei.
Als A am nächsten Tag mit B im Geschäft des C erscheint und von diesem aufgefordert
wird, 6.400 € zu zahlen, ist sie überrascht. Nachdem sich der Sachverhalt aufgeklärt
hat, weigert sich A unter Hinweis auf ihren Versprecher, 6.400 € zu zahlen; das könne
sie sich gar nicht leisten.
1. C verlangt von A Zahlung des vereinbarten Kaufpreises. Zu Recht?
2. Nachdem A nicht zur Kaufpreiszahlung zu bewegen ist, kann C den Schrank
schließlich nur für 6.300 € an einen anderen Interessenten veräußern. Welche Ansprü-
che aus dem Allgemeinen Teil des BGB hat C gegen A und B?

Hinweis:
Beachten Sie bei der Lösung des Falles bitte folgenden Auszug aus Brox/Walker, All-
gemeiner Teil des BGB, 35. Aufl. 20111, Rz. 574, und setzen Sie sich mit den dort
vorgebrachten Argumenten auseinander:
„[N]ach unserer Ansicht [ist] eine Anfechtung der Vollmachtserteilung nach dem Ge-

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Ab der 36. Aufl. 2012 wurde der Text teilweise geändert.
brauchmachen von der Vollmacht grundsätzlich ausgeschlossen, so dass der Voll-
machtgeber trotz eines nach §§ 119 ff. beachtlichen Willensmangels das Geschäft mit
dem Dritten gegen sich gelten lassen muss. Dafür spricht vor allem der Rechtsscheins-
gedanke: Bei der Anscheinsvollmacht muss sich der Vertretene, obwohl er das Han-
deln des Vertreters nicht kennt, so behandeln lassen, als ob er diesen bevollmächtigt
habe, und ihm steht auch kein Anfechtungsrecht zu. Dann ist schwerlich einzusehen,
weshalb der Vertretene, der tatsächlich bevollmächtigt hat, zur rückwirkenden Besei-
tigung der Vollmacht durch Anfechtung in der Lage sein soll. In beiden Fällen ist der
gutgläubige Dritte gleich schutzwürdig; der Vertretene ist im Fall der Erteilung der
Vollmacht weniger schutzwürdig als im Fall der Anscheinsvollmacht. Allerdings ver-
mag dieses Argument nur dann zu überzeugen, wenn man mit der Rechtsprechung die
Anscheinsvollmacht bejaht.
Aber abgesehen davon ist aus § 166 I zu entnehmen, unter welchen Voraussetzungen
das vom Vertreter abgeschlossene Geschäft durch Anfechtung vernichtet werden
kann. Damit soll der Vertretene so gestellt werden, wie wenn er selbst das Geschäft
abgeschlossen hätte und ihm dabei ein Fehler unterlaufen wäre. Könnte er darüber
hinaus auch durch Anfechtung der Bevollmächtigung das vom Vertreter abgeschlos-
sene Geschäft ‚zu Fall bringen’, stünde er besser, als wenn er selbst das Geschäft ge-
tätigt hätte.“