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recherchiert von: autologin UK am 08.11.2007

Gericht: LG Berlin 27. Quelle:


Zivilkammer
Entscheidungsdatum: 25.11.2004 Normen: § 823 Abs 1 BGB, § 1004 Abs
Aktenzeichen: 27 O 727/04 1 S 2 BGB, Art 1 Abs 1 GG,
Art 2 Abs 1 GG, § 185 StGB
Dokumenttyp: Urteil

Persönlichkeitsrechtsverletzung: Bezeichnung einer Person


als „Busenwitwe“

Orientierungssatz

Die Bezeichnung einer Person als „Busenwitwe“ stellt keine schwere


Persönlichkeitsrechtsverletzung dar, wenn diese Person sich bevorzugt in sexuell
aufreizender Pose in der Öffentlichkeit darstellt.

Fundstellen
ZUM 2005, 331-333 (red. Leitsatz und Gründe)

Tenor

1. Die einstweilige Verfügung wird aufgehoben und der Antrag auf ihren Erlass
zurückgewiesen.

2. Die Kosten des Verfahrens trägt die Antragstellerin.

3. Das Urteil ist vorläufig vollstreckbar. Die Antragstellerin darf die Vollstreckung
gegen Sicherheitsleistung in Höhe des vollstreckbaren Kostenbetrages zuzüglich 10
% abwenden, wenn nicht die Antragsgegnerin vor der Vollstreckung Sicherheit in
Höhe des jeweils beizutreibenden Betrages zuzüglich 10 % leistet.

Tatbestand

1
Die Antragstellerin macht einen äußerungsrechtlichen Unterlassungsanspruch im
Wege des einstweiligen Rechtsschutzes geltend.

2 Sie ist die Witwe des im März 2003 nach einem Überfall gestorbenen
Schönheitschirurgen Dr. …, bei dem sie sich einer Schönheitsoperation an der Brust
unterzog. Anlässlich dieser Brustoperation ließ sie sich zusammen mit Dr. … mit
entblößter Brust fotografieren. Im Übrigen zog die Antragstellerin das Interesse der
Medien auch durch ihren ostentativ extravaganten Lebensstil auf sich. Nach dem Tod
ihres Mannes geriet die Antragstellerin in den Verdacht, an der Tötung ihres Mannes
beteiligt gewesen zu sein und befand sich deswegen sechs Monate in
Untersuchungshaft. Zwischenzeitlich wurde sie rechtskräftig wegen Vortäuschens
einer Straftat und versuchten Versicherungsbetrugs zu einer Freiheitsstrafe von 16
Monaten verurteilt, die zur Bewährung ausgesetzt wurde. Zusätzlich wurde eine
Geldbuße von 30.000,00 EUR verhängt.
3 Die Antragsgegnerin verlegt nach Behauptung der Antragstellerin die Zeitschrift "…",
in deren Ausgabe vom ... sie einen Artikel veröffentlichte, der sich unter der
Überschrift "…" mit der Antragstellerin befasste. Über der Überschrift hieß es in
Fettdruck und in einer gegenüber dem Fließtext größeren Schrift:

4 "Busen-Witwe - kaum war ihr Millionärs-Gatte tot, suchte sie einen neuen 'älteren
Mann’“

5 Hinsichtlich der weiteren Einzelheiten des Inhalts des Artikels wird auf die zu den
Akten gereichte Kopie (Anlage A 1, BI. 13) verwiesen.

6 Die Antragstellerin hat am 02.09.2004 eine einstweilige Verfügung erwirkt, mit der
der Antragsgegnerin unter Androhung der gesetzlichen Ordnungsmittel untersagt
wurde, die Antragstellerin als "Busenwitwe" zu bezeichnen.

7 Gegen die ihr am 14.09.2004 zwecks Vollziehung zugestellte einstweilige Verfügung


richtet sich der Widerspruch der Antragsgegnerin. Sie leugnet ihre
Passivlegitimation, da nicht sie, sondern die M. GmbH Verlegerin der Zeitschrift „…“
sei, und macht weiter geltend:

8 Bei der beanstandeten Bezeichnung handele es sich um eine Meinungsäußerung, die


den Werdegang der Antragstellerin zusammenfasse und zulässig sei, was um so
mehr gelte, als sich die Antragstellerin selbst unter besonderer Betonung ihrer
Brustpartie hüllenlos in der Öffentlichkeit präsentiere, wie sich aus dem Artikel "…"
aus der "…" vom , ergebe (Anlage VB2, BI. 25 d. A.).

9 Die Antragsgegnerin beantragt,

10 die einstweilige Verfügung aufzuheben und den Antrag auf ihren Erlass
zurückzuweisen.

11 Die Antragstellerin beantragt, die einstweilige Verfügung zu bestätigen.

12 Sie macht geltend:

13 Es finde auch nach Abschluss des Strafverfahrens eine mediale Hetze gegen sie
statt. Auch in dem streitgegenständlichen Artikel würden mehrere unwahre
Tatsachenbehauptungen aufgestellt. Die Bezeichnung als "Busenwitwe" stelle eine
schwere Persönlichkeitsrechts-verletzung dar, weil sie im Kontext der
streitgegenständlichen Veröffentlichung besonders beleidigend sei. Im Hinblick auf
die angeblich kurze Trauerzeit werde auf die Assoziation "fröhliche Witwe" abgezielt.
Der Artikel zeige eine sexistische und vorverurteilende Ausrichtung und verhindere,
dass sie nach Abschluss des Strafverfahrens ihren Ruf rehabilitieren könne.

14 Wegen der weiteren Einzelheiten des Vorbringens der Parteien wird auf den Inhalt
ihrer Schriftsätze nebst Anlagen verwiesen.

Entscheidungsgründe

15
Die einstweilige Verfügung war aufzuheben, weil sie nicht zu Recht ergangen ist (§§
925, 936 ZPO). Die Antragstellerin hat nämlich keinen Anspruch auf Unterlassung
der Bezeichnung als „Busenwitwe“ aus §§ 823 Abs. 1 und 2 i. V. m. 1004 Abs. 1 S. 2
analog BGB, Art. 1 Abs. 1, 2 Abs.1 GG.

16 Abgesehen davon, dass nicht glaubhaft gemacht ist, dass die Antragsgegnerin die
Zeitschrift „…“ verlegt und deshalb auf Unterlassung in Anspruch genommen werden
könnte, stellt die Bezeichnung der Antragstellerin als "Busenwitwe" eine zulässige
Meinungsäußerung dar, die auch keine Beleidigung im Sinne der §§ 185 ff. StGB
enthält. Die Kammer gibt ihre insoweit in früheren Verfahren vertretene Auffassung
auf. Diese Auffassung beruhte insbesondere auf der Annahme, dass sich die
Antragstellerin zwar vor dem Tod ihres Mannes anlässlich ihrer Brustoperation mit
entblößtem Busen hat fotografieren lassen (gerichtsbekannte Fotoveröffentlichung in
der "…"-Zeitung vom …), dass aber weitere Fotos von ihrem unverhüllten Busen
nicht mit ihrer Zustimmung, sondern nur ohne Einwilligung veröffentlicht worden
sind, insbesondere nicht nach dem Tod ihres Mannes. Die Kammer hatte im
Verfahren 27.0.796/03 auf dieser Grundlage zu der Frage der Zulässigkeit der
Bezeichnung der Antragstellerin als „Busenwitwe" Folgendes ausgeführt:

17 "Die Bezeichnung der Antragstellerin als "Busen-Witwe" ist ehrverletzend, weil dieser
Ausdruck sie in geschlechtsspezifischer Weise diskriminiert, indem er den Busen der
Antragstellerin auch in ihrer gegenwärtigen Situation nach dem Tod ihres Mannes als
das hervorstechende Charakteristikum hervorhebt, ohne dass die Antragstellerin
dazu begründeten Anlass gegeben hatte.

...

18 Die Entscheidung der Antragstellerin, sich einer Brustoperation zu unterziehen,


kennzeichnet aber eine Phase ihres Lebens, die mit der gegenwärtigen Situation der
Antragstellerin nach dem gewaltsamen Tod ihres Ehemannes nichts zu tun hat.
Aktuell sieht sich die Antragstellerin mit dem Vorwurf konfrontiert, an dem Tod ihres
Ehemannes mit schuld zu sein. Indem die Antragsgegnerin in dieser Situation die
Tatsache, dass die Antragstellerin zur Witwe wurde, mit ihrem Busen in Verbindung
bringt, erweckt sie den Eindruck, als ob das Bemühen, ein Schönheitsideal
darzustellen, auch gegenwärtig das Tun und Trachten der Antragstellerin bestimme
und dass sie ohne Rücksicht auf den Tod ihres Mannes weiterhin in erster Linie
bemüht sei, sich mit ihrem kunstvoll modellierten Busen zu brüsten. Entsprechend
freizügig hat sich die Antragstellerin aber seither nicht mehr gezeigt. Auch wenn sie
in Erwägung zieht, ihr früheres Leben in einem Buch noch einmal Revue passieren
zu lassen, so handelt es sich dabei doch um ihre Vergangenheit.

19 Der von der Antragsgegnerin kreierte Begriff der „Busen-Witwe" ist auch
ehrabträglich. Anders als die Bezeichnung „Busen-Star" oder „Busen-Wunder", an
die die Antragsgegnerin mit ihrem Wortspiel anknüpft, ruft die Bezeichnung als
„Busen-Witwe" nämlich keinerlei Bewunderung hervor. Vielmehr assoziiert sie die
Vorstellung, dass sich die Antragstellerin in ihrer neuen Lage unangemessen
verhalte, weil eine um ihren Ehemann schicklich trauernde Witwe sich traditionell
bedeckt hält und nicht ihre freie Brust zur Schau trägt."

20 Diese Begründung ist angesichts des von der Antragsgegnerin vorgelegten Fotos
sowie der gerichtsbekannten Art und Weise, wie sich die Antragsgegnerin mit ihrem
neuen Partner ... in der Zeitschrift "…" präsentierte, nämlich in schwarzer
Unterwäsche kniend neben dem in einem Sessel sitzenden angezogenen Hr. ...,
offensichtlich nicht mehr tragfähig, stellt sich die Antragstellerin doch nach wie vor
anscheinend bevorzugt in sexuell aufreizender Pose dar.

21 Das Kammergericht hat in seinem in dem Verfahren 27.0.796/03 - 9 U 49/04


ergangenen Berufungsurteil ausgeführt:

22 „Mit dem Kunstwort „Busenwitwe“ suggeriert und postuliert die Antragsgegnerin der
Leserschaft, dass sich die Antragstellerin selbst nahezu ausschließlich über ihren -
zum Teil künstlich geschaffenen - Busen definiert und dies auch heute noch tut bzw.
die Öffentlichkeit die Antragstellerin so wahrnimmt und wahrnehmen soll. Die
Antragsgegnerin setzt dieses Kunstwort gezielt ein, um die Antragstellerin und ihre
Geschichte für die Leser in einem Wort plakativ zusammenzufassen, wobei sie den
dann eingeführten Begriff als zentralen Bestandteil der Berichterstattung immer
weiter verwendet. Diese Art der öffentlichen Herabsetzung ihrer Persönlichkeit muss
die Antragstellerin nicht hinnehmen.

23 Enthält eine Äußerung einen ehrkränkenden Inhalt, ist eine Abwägung der
betroffenen Grundrechte erforderlich (BVerfG NJW 2002, 3767), also zwischen
Meinungsfreiheit und Persönlichkeitsrecht vorzunehmen. Diese geht zu Lasten der
Antragsgegnerin aus, da sie nachvollziehbare Gründe für die ehrverletzende
Wortschöpfung nicht vorzutragen vermag. Die Antragstellerin ist bisher nie
vergleichbar bezeichnet worden, auch nicht als „Busenstart“ oder „Busenwunde“. Sie
selbst hat sich selbst weder gegenwärtig noch in der Vergangenheit ausschließlich
über ihren Busen definiert und ist in der Presse nur als Luxusweib“ oder „Jet-Set-
Geschöpf“ in Erscheinung getreten. Dass hierbei ihre körperlichen Reize mit zur
Sprache kamen, rechtfertig nicht die Verkürzung ihre Person auf den Begriff der
Busen-Witwe. Daran ändert auch die öffentlich gemachte Brustoperation nichts,
worauf das Landgericht zutreffend hingewiesen hat. Unstreitig ist auch der
verstorbene Ehemann der Antragstellerin, der ein anerkannter Schönheitschirurg
war, vor seinem Tod in der Medienberichterstattung nicht auf den Standard eines
„Busendoktors“ reduziert worden.“

24 Auch diese Begründung ist nach Auffassung der Kammer angesichts der genannten
Art und Weise, wie sich die Antragstellerin in den Medien präsentiert, nicht aufrecht
zu erhalten. Eben weil sich die Antragstellerin nämlich ständig in obszönen und
sexuell aufreizenden Posen in der Öffentlichkeit präsentiert, erscheinen ihre aus
ihrem Persönlichkeitsrecht fließenden berechtigten Interessen an einer Unterlassung
dieser Bezeichnung gegenüber den sich aus der Meinungsfreiheit der
Antragsgegnerin ergebenden Interessen geringer wertig: Es findet mit der
Verwendung des beanstandeten Begriffs gerade keine unzulässige Reduzierung der
Persönlichkeit der Antragstellerin auf ihre sexuellen Reize statt, sondern es handelt
sich um eine gerade im Rahmen der Boulevardberichterstattung übliche verkürzende
und schlagwortartige Beschreibung der Selbstdarstellung der Antragstellerin, die
angesichts der genannten typischen Prägung ihres Auftretens in der Öffentlichkeit
zulässig ist.

25 Mit der Wortschöpfung "Busenwitwe" wird eine Verbindung hergestellt zwischen


ihrem Busen und ihrem Familienstand sowie, da ihr Ehemann bekanntermaßen
erschlagen wurde, mit der Tötung von Dr. .... Damit werden aber in zulässiger Weise
die beiden Merkmale durch eine besonders prägnante Formulierung mitgeteilt,
aufgrund derer die Antragstellerin in das Licht der Öffentlichkeit getreten ist und sich
weiterhin dort bewegt: Nämlich ihre zumindest auch durch Operationen bewirkten
tatsächlichen oder vermeintlichen körperlichen Vorzüge sowie der Tod ihres
Ehemanns, der die besagten Operationen unter gewollter Aufmerksamkeit der
deutschen Boulevardmedien durchführte. Da die Antragstellerin sich nach wie vor
vor allem durch die Zurschaustellung ihres Körpers, insbesondere ihrer Brüste in den
Medien in sexuell aufreizenden Posen präsentiert, sei es in Unterwäsche oder nackt,
ist es nicht zu beanstanden, dass dieser Umstand auch mit entsprechenden
Formulierungen von den Medien aufgegriffen wird. Auch die Verknüpfung mit dem
Wort „Witwe" ist unter diesem Gesichtspunkt zulässig. Denn dass die Antragstellerin
Witwe ist, ist von den in der Öffentlichkeit verbreiteten Lebensumständen der
Antragstellerin einer der bekanntesten überhaupt, der erst dazu geführt, dass sich
die Medien in besonderem Maße für die Antragstellerin interessierten.

26 Soweit die Antragstellerin sich dagegen wenden sollte, dass mit dem Wort
„Busenwitwe" die Assoziation geweckt wird, sie verhalte sich nicht angemessen
angesichts des nicht allzu lange zurückliegenden Todes ihres Mannes, so mag dies
der Fall sein, ist aber ebenfalls nicht zu beanstanden, weil dies an den tatsächlichen
Lebensstil der Antragstellerin anknüpft und insoweit jedenfalls kein falscher Eindruck
hervorgerufen wird und daher auch nicht ehrabträglich ist. Ob das Verhalten der die
Öffentlichkeit ständig suchenden Antragstellerin für unschicklich gehalten wird oder
nicht, mögen die Leser der von der Antragsgegnerin verlegten Zeitschrift beurteilen.
Die beanstandete Äußerung knüpft jedenfalls nicht an falsche Tatsachen an. Sie
vermengt auch keine wahren Tatsachen unter Hervorrufung eines falschen
Eindrucks. Die Ehre der Antrag-stellerin als der ihr zukommende Achtungsanspruch
in der Gesellschaft, der insbesondere auf ihrem Verhalten beruht, wird ebenfalls
nicht beeinträchtigt, weil die beanstandete Wortschöpfung gerade an ihr
tatsächliches Verhalten anknüpft. Infolgedessen stellt der Begriff auch keine
Schmähkritik dar, die nur anzunehmen wäre, wenn es der Antragsgegnerin ohne
Rücksicht auf eine sachliche Auseinandersetzung allein um die Herabwürdigung der
Person der Antragstellerin ginge, was aus den zuvor dargestellten Gründen nicht der
Fall ist, da ein sachlicher Bezugspunkt für den beanstandeten Begriff im Verhalten
der Antragstellerin liegt.

27 Soweit die Antragstellerin meint, durch die angegriffene Formulierung werde in


sexistischer und vorverurteilender Weise die Rehabilitierung ihres Rufs behindert, ist
dem ebenfalls entgegen-zuhalten, dass die Formulierung lediglich ein Verhalten der
Antragstellerin beschreibt; die Lebensweise und Darstellungsart der Antragstellerin
prägen ihren Ruf, nicht die daran anknüpfende Formulierung der Antragsgegnerin.
Eine „Vorverurteilung" ist nicht ersichtlich, weil die Antragsgegnerin, soweit
ersichtlich, in zutreffender Weise das Strafverfahren schildert und die Antragstellerin
ja bereits verurteilt ist.

28 Die Entscheidung über die Kosten ergibt sich aus § 91 Abs. 1 ZPO, die über die
vorläufige Vollstreckbarkeit aus §§ 708 Nr. 6, 711 ZPO.
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