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Deutschland
14,90 D
Österreich 16,40 D
BeNeLux 17,20 D
Schweiz 25 CHF

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4 195938 114908
Junkers J 1
„ DVL Adlershof „ Kalter Krieg „ Focke-Wulf Fw 190 „ Argentiniens Panther „ Junkers J 1 „

zm etallflugzeug
Das erste Gan
„ DVL Adlershof „ Kalter Krieg „ Focke-Wulf Fw 190 „ Argentiniens Panther „ Junkers J 1 „

Windkanäle und Flugversuche

DVL Adlershof bis 1945


Focke-Wulf Fw 190
Das gefürchtete Jagdflugzeug
der deutschen Luftwaffe

Argentiniens Panther Die Spielregeln des Kalten Krieges


Die ersten Marinejets in der Region ü
verschafften einen großen Vorteil Nationen bedrohten sich mit einem Atomkrieg – doch nicht ohne Regeln
Das Magazin für
Luft- und Raumfahrt
Foto: Petra Felser

erhältlich im Zeitschriftenhandel, im Bahnhofsbuchhandel und am Flughafen


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Editorial 3

Liebe Leserinnen und Leser!


fliegerrevue
kompakt 1
Noch heute stehen in Berlin-Adlershof stumme Zeugen einer luftfahrttechnisch bemerkenswer-
ten Geschichte. Als technische Denkmale geben sie Zeugnis von der Arbeit einer Organisation,
die in der Luftfahrtforschung Herausragendes geleistet hat. Die Deutsche Versuchsanstalt für
Luftfahrt (DVL) war 1912 gegründet worden. Zwar hatte die Fliegerei mit Otto Lilienthal gewis-
Hightech im Zweiten Weltkrieg
sermaßen in Deutschland ihren Anfang genommen, war aber am Ende des ersten Jahrzehnts
des vergangenen Jahrhunderts durchaus nicht mehr führend. Die DVL sollte nun die wissen-
schaftlich-technischen Grundlagen für den kommenden Aufstieg der deutschen Luftfahrt
liefern. In ihren Hochzeiten waren hier über 2000 Menschen beschäftigt. Der große Windkanal
mit einer Weite von 6 x 8 Metern, ein Trudelwindkanal mit senkrechtem Luftstrom und ein Hoch-
geschwindigkeitswindkanal mit einer Luftgeschwindigkeit von Mach 0,9 waren einmalig in der
Welt und stehen neben zahlreichen Motoren- und Luftschraubenprüfständen sowie anderen
Versuchseinrichtungen stellvertretend für die damalige Spitzenforschung.
Dabei war die DVL keineswegs immer ein Hort der reinen Wissenschaft. In NS-Zeiten hatte
sie sich den Kriegszielen des Regimes unterzuordnen und wurde so auch zum Erfüllungsge-
hilfen deutschen Größenwahns. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden viele Einrichtungen in
Adlershof demontiert oder zerstört. Alle späteren Versuche einer Wiederbelebung schlugen
fehl. Doch ging die DVL im heutigen Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) auf. Die
Hülle des großen Windkanals, der Trudelwindkanal und einige andere Gebäude gehören heute
der Humboldt-Universität zu Berlin und sind mit Unterstützung der Gesellschaft zur Bewahrung
von Stätten Deutscher Luftfahrtgeschichte e.V. (GBSL) wieder zu besichtigen.
Mehr darüber und vieles andere aus der Luftfahrtgeschichte lesen Sie in dieser Ausgabe der
FliegerRevue X – viel Vergnügen!

Ihr Lutz Buchmann


Chefredakteur

Die Geschichte der Horten-Flugzeuge


ist eine Geschichte herausragender
technischer Innovationen und meister-
hafter Flugzeugentwicklungen, die
ihrer Zeit nach Meinung Vieler um
Jahrzehnte voraus war.

Im Buch:
Die verschiedenen Horten-Strahlflug-
zeuge;Technische Beschreibung des
Horten-Düsenjägers; Projekt eines
flugfähigen Horten-Nachbaus in den
USA; Viele Original-Dokumente und
-Pläne.
Foto: Uwe W. Jack

Band 1, ISBN 978-3-95512-084-9


Softcover, 112 Seiten, 19,90 EUR
Im großen Windkanal der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt, der heute ein technisches Denkmal ist
(v.l. FliegerRevue-Chefredakteur Lutz Buchmann, Dr. Ulrich Unger und Hans-Dieter Tack – GBSL)

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4 Inhalt

18
Die DVL in Adlershof von 1912 bis 1945
Eingerichtet 1912 , um den deutschen Rückstand in der Luftfahrt aufzuholen,
brachte es die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt in Adlershof Anfang
der 1940er-Jahre bis an die Weltspitze der Luftfahrtforschung.

60 Grumman Panther in Argentinien

Die Grumman Panther und Cougar waren die ersten Jets der argentinischen
Marine und als einzigem Betreiber in der Region gaben sie Argentinien
einen unübertroffenen strategischen Vorteil in Lateinamerika.

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Inhalt 5

70
Aus Sonderheft „Kalter Krieg“ Teil 1

Die Spielregeln
des Kalten Krieges
Das jahrzehntelange Wettrüsten der
beiden Supermächte USA und UdSSR
verlief nicht planlos, sondern folgte
einer inneren Logik. Nicht nur das
Streben nach immer wirkungsvolleren
Waffen bestimmte den Ablauf der
Konfrontation, auch wirtschaftliche
Strategien führten letztlich zum
Zusammenbruch der Sowjetunion.

40
Aus FliegerRevueX 56

Focke-Wulf Fw 190
Nach anfänglichen Problemen mit
dem Sternmotor zeigte sich die Fw 190
als erfolgreiches Kampfflugzeug im
Jagd- und Schlachtfliegereinsatz. In
verschiedenen Versionen wurden von
der Fw 190 mehr als 19 000 Stück gebaut.

8
Aus FliegerRevueX 57

Das erste
Ganzmetallflugzeug
Skeptisch betrachtet wurde die seltsame
Konstruktion, die Hugo Junkers
im Dezember 1915 den deutschen
Fliegerkräften zur Erprobung überließ.
Ganz aus Metall und ohne die üblichen
Verspannungen gebaut, leitete die J 1
eine Revolution im Flugzeugbau ein.

Editorial . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3
Inhalt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4
Im Blickpunkt . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6
Bücher. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 94
Leserbriefe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 95
Vorschau/Impressum . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 98
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Titelabbildung: Gesellschaft zur Bewahrung von Stätten Deutscher Luftfahrtgeschichte e.V.
6 Im Blickpunkt

Corona-Krise trifft Museen


Die gegenwärtige Virus-Pandemie trifft
auch die Luftfahrt- und Technikmuseen
weltweit. So gut wie alle Häuser muss-
ten schließen. Ohne Besucher fallen die
Einnahmen aus Eintrittsgeldern fort –
besonders für private Museen ist dies
existenzbedrohend. Da auch die Mitarbei-
ter den staatlich verordneten Regeln zur

3 Fotos: Pearl Harbor Aviation Museum


Bekämpfung der Infektionen unterliegen,
werden in den Museen zur Zeit keine Res-
taurierungsarbeiten durchgeführt. Daher
ist aus den Museen leider nur wenig zu
melden. Wenn die Krise endlich überwun-
den ist, wird der „Blickpunkt“ wieder im
gewohnten Umfang erscheinen.

Luftbrücken-Flugzeug durch Boeing B-17E „Sumpfgeist“ im Museum Pearl Harbor


Sturm beschädigt Der 2007 verstorbene Pilot der U.S. Air Force, DavidTallichet, glücklicherweise die Notlandung und schlugen sich sechs
Am 13. April 2020 beschädigte ein Sturm, der über besaß einige historische Flugzeuge, wie eine B-25, eine Wochen lang durch den Urwald, bis sie endlich eine Sied-
den Bundesstaat South Carolina in den USA fegte, B-29 und eine MiG-15. Zusammen mit den Mitgliedern lung erreichten.
den historischen Transporter Douglas C-54 „Spirit einer Arbeitsgemeinschaft für Restaurierungen machte er Die B-17 war noch weitestgehend intakt und diente in
of Freedom“. sich auf die Suche nach einer 1942 über Papua-Neuguinea den Jahrzehnten seit der Landung als Unterkunft für Fleder-
verschollenen B-17E. Eingeborene gaben Hinweise auf ein mäuse. In große Baugruppen zerlegt, wurde die B-17 mit
Flugzeugwrack im Dschungel, genannt„Sumpfgeist“. Helikoptern abtransportiert und 2010 in die USA gebracht.
Pilot Fred Eaton war mit seiner B-17 und acht weiteren Sie befindet sich jetzt im Museum von Pearl Harbor und seit
Angehörigen der Luftwaffe an Bord in Australien gestartet. 2019 wird die B-17 restauriert, dabei können Museumsbe-
Nachdem die Maschine beschossen worden war, konnte sucher die Arbeiten mit verfolgen.
Eaton das Flugzeug nicht mehr in der Luft halten und Weitere Informationen:
musste im Urwald notlanden. Alle Insassen überlebten www. pearlharboraviationmuseum.org

Die 1945 gebaute, aber noch flugfähige Maschine


dient der Erinnerung an die Berliner Luftbrücke
von 1948. Herumfliegende Trümmerteile haben
die Außenhaut an mehreren Stellen durchschla-
gen oder aufgerissen (unten).

Niederländische Fokker D.XXI soll noch 2020 fliegen


2 Fotos: Berlin Airlift Historical Foundation

Das Nachbauprojekt eines Jagdflugzeugs vom Typ Der erste Flug ist für den Herbst 2020 geplant. Es
Fokker D.XXI nähert sich der Fertigstellung. Schon wird mit großer Resonanz, nicht nur aus der nieder-
werden die Tarnung und die Kennzeichen aufge- ländischen Luftfahrtszene, gerechnet.
bracht. Auf dem Flugplatz Hoogeveen in den Nieder-
landen hatte im Jahr 2014 der Flugzeug-Enthusiast
Jack van Egmond begonnen, die Maschine aus dem
Zweiten Weltkrieg zu bauen. Zum Glück fanden sich
Die C-54 gehört der Berlin Airlift Historical die fast kompletten Pläne der Fokker in Privatbesitz.
Foundation, die sich besonders dafür einsetzt, Es werden auch einige Originalteile verbaut.
bei Schülern die Erinnerung an das größte Trans- Van Egmond möchte die Fokker D.XXI flugfähig
portunternehmen der Geschichte wach zu halten. bauen und auf Veranstaltungen vorführen. Sie erhält
Foto: FlyingFokkerD21

Die Gemeinschaft betreibt noch eine flugfähige dabei das Kennzeichen „229“ des Piloten K. Roos, der
Boeing C-97, die keine Sturmschäden davontrug. in den Niederlanden als Nationalheld gilt. Er schoss
Weitere Informationen: beim deutschen Überfall im Mai 1940 zwei Zerstörer
www.spiritoffreedom.org Messerschmitt Bf 110 mit seiner „229“ ab.
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Im Blickpunkt 7

Der „Schneider von Ulm“


zum 250. Geburtstag
Am24.Juni2020jährtsichzum250.MaldieGeburt
des Luftfahrtpioniers Albrecht Ludwig Berblinger.
Er hat diverse Versuche unternommen, um zu
fliegen.Weithinbekanntistaberseingescheiterter
Flugversuch vom 31. Mai 1811, bei dem er in die
Donau stürzte.

Abbildung: public domain


Lilienthal-Gleiter wird zentrales Exponat in München
Der Gleiter des Deutschen Museums ist vermutlich der-
jenige, mit dem Lilienthal 1894 Flüge vom „Fliegeberg“ in Die Stadt Ulm wollte das Jubiläum groß feiern,
Berlin-Lichterfelde absolvierte (oben)– und eins von nur wann die Veranstaltungen im Zeichen der Maß-
fünf noch existierenden Exemplaren weltweit. Was diesen nahmen gegen das Corona-Virus stattfinden
Gleiter so einzigartig macht: Er hat noch große Teile der können,istfraglich.DieFeiernsollenjetztüberdas
Originalbespannung, ist nie umfassend„repariert“ worden. ganzeJahrverteiltwerden.EinBerblinger-Musical
Und so kann man an diesem Original ganz genau sehen, wie wurde am 11. März 2020 erstmals aufgeführt, die
Lilienthal mit welchen Materialien gearbeitet hat. geplante große öffentliche Uraufführung musste
Die Textilrestauratorin Charlotte Holzer (rechts) und aber verschoben werden.
ihre Kollegen arbeiten in einem speziellen Schutzraum, der Weitere Informationen: https://berblinger.ulm.de
eigens in der Flugwerft Schleißheim gebaut wurde, an dem
empfindlichen Original. Das Museum will den Gleiter nicht
wieder zu einem Flugzeug zusammenbauen, sondern das
Original (rechts unten) erhalten. Nach mehr als 125 Jahre ist Museums-Besuche online
der Gleiter in schlechtem Zustand. Die Schließung der Luftfahrtmuseen wegen der
Der Original-Lilienthalgleiter soll wieder als zentrales Corona-Krise macht erfinderisch. Viele Museen
Exponat in der Ausstellung „Historische Luftfahrt“ auf der können zumindest virtuell am Computer besucht
Museumsinsel zu sehen sein. Dem Kurator Andreas Hemp- werden. Das Marinefliegermuseum in den USA
fer schwebt eine Inszenierung vor, die die Situation auf dem lässt Kuratoren ausgewählte Flugzeuge in einem
Berliner Fliegeberg nachstellt. kurzen Videofilm vorstellen.
Weitere Informationen: www.deutsches-museum.de

Foto: Naval Aviation Museum


Auch das Deutsche Technikmuseum Berlin lässt
sichonlinebesuchen.DortsindAusstellungsstücke
aus den verschiedenen Abteilungen am Computer
zu besichtigen. Aus der Luftfahrtabteilung ist dies
zum Beispiel die Klemm 35A.
Foto: Deutsches Technikmuseum Berlin
4 Fotos: Deutsches Museum München

www.navalaviationmuseum.org
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https://nat.museum-digital.de
8 Das erste Ganzmetall-Flugzeug

Während der Erprobung in Döberitz im Januar 1916


läuft der Motor der Junkers J 1 vor einem Flug warm.

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Das erste Ganzmetall-Flugzeug 9

Junkers J 1

Das erste
Ganzmetall-Flugzeug

Skeptisch betrachtet wurde die seltsame Konstruktion, die Hugo


Junkers im Dezember 1915 den deutschen Fliegerkräften zur Erprobung
überließ. Ganz aus Metall und ohne die üblichen Verspannungen
gebaut, leitete die J 1 eine Revolution im Flugzeugbau ein.
Uwe W. Jack

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10 Das erste Ganzmetall-Flugzeug

Fotos & Abbildungen: wenn nicht anders angegeben - Archiv Bernd Junkers
D
Unter den kritischen Augen as erste Fluggerät „schwerer als Luft“, gebaut von den das Flugzeug von Hugo Junkers, welches ganz aus Metall gebaut war,
der Prüfkommission wird Brüdern Lilienthal, welches einem Menschen sicher und auf die damaligen Luftfahrtspezialisten gewirkt haben muss, kann
der freitragende Flügel der wiederholt zum Fliegen verhalf, bestand aus Materialien, heute kaum nachvollzogen werden.
J 1 einem Belastungstest die im ausgehenden 19. Jahrhundert für leichte Bauten
unterzogen. üblich waren. Die ersten Flugzeuge der Welt wurden aus Holz und Erster Einsatz von Metallstrukturen
Weidenruten für die tragende Struktur sowie Baumwollgewebe für die Die Flugzeugbauer, die den Lilienthals unmittelbar folgten, sahen kei-
Formgebung gebaut, also aus der Natur stammenden Baustoffen. Als nen Grund, neue Materialien zu benutzen. Sie verwendeten ihre Ener-
Verbindungselemente kamen Schnur, Nägel und Metallbeschläge aus gie auf die Verbesserung der Aerodynamik, vor allem der Steuerfähig-
Stahl oder Kupfer und auch Draht zum Einsatz. Die Lilienthals hatten keit ihrer Flugzeuge. Der Schritt vom Gleitflieger zum Flugzeug mit
als Maschinenbau-Ingenieure und Besitzer einer Maschinenfabrik, Motorantrieb zeigte aber bald die Grenzen der natürlichen Baustoffe.
Zugang zum Wissen über mögliche Materialien, besonders zum Ein- Die Startmassen der Flugzeuge stiegen stark an und die Belastungen
satz von Metallen. Ihre Entscheidung für die von Ihnen verwendeten der Struktur wuchsen dadurch ständig. Besonders beansprucht wur-
Baustoffe kann nur als richtig bewertet werden. Wie ungewöhnlich den die, bei Lilienthal nicht vorhandenen, Fahrwerke. Einen Lilienthal-

Die systematische
Herangehensweise von
Junkers an den Flugzeugbau
zeigen die 1913 untersuchten
Windkanalmodelle (links),
aus denen sich dann die
Foto: Aus „Junkers Lehrschau“ 1939 - Sammlung Uwe W. Jack
Foto: Aus „Junkers Lehrschau“ 1939 - Sammlung Uwe W. Jack

Studie mit liegendem Motor


von 1914 herauskristalisierte
(rechts).

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Das erste Ganzmetall-Flugzeug 11

Gleiter konnte man nach dem Flug zusammenfalten und wieder mit
nach Hause nehmen. Die neuen Motorflugzeuge waren da weniger
flexibel. Wenn es keinen Schuppen zur Unterbringung gab, waren
die Flugzeuge Wind und Wetter ausgesetzt. Hatten die Flugpioniere
meist einen festen Stützpunkt mit Schutzmöglichkeiten, fiel dies mit
Beginn des Ersten Weltkriegs oft weg. Feuchtes Holz verzieht sich, ein
für Flugzeuge schwer zu tolerierender Nachteil. Schon früh gab es
Versuche, die empfindliche Holzkonstruktion durch Metall zu erset-
zen. Eine Entwicklung, die sich etwas früher auch beim Automobil
vollzogen hatte. Der in Johannisthal lebende Franzose Emile Jeannin
baute seine Flugzeuge ab 1912 mit der äußeren Form der beliebten
Etrich-Rumpler-Taube, aber mit einer Struktur aus Stahlrohren. Dem
Vorteil der Formtreue bei Feuchtigkeit stand hier das höhere Struktur-
gewicht gegenüber.
Ein Professor an der Hochschule Aachen ging dann einen Schritt
weiter. Nach Versuchen mit einem 1908 gekauften herkömmlichen
Voisin-Doppeldecker begann Dr. Hans Jakob Reissner nach Konsulta-
tionen mit seinem damaligen Aachener Co-Professor Hugo Junkers
erst mit der Modifizierung des Flugzeugs und schließlich mit der
Konstruktion eines eigenen Ganzmetall-Flugzeugs. Reissner hatte
zuvor unter anderem für Graf Zeppelin Berechnungen zur Festigkeit
von Luftschiffstrukturen durchgeführt. Das von ihm konstruierte
Flugzeug war in vieler Hinsicht ungewöhnlich. In Entenbauweise aus-
gelegt, wurde es von einem Schubpropeller angetrieben und war mit
einem Bugradfahrwerk versehen. Die Tragflächen und Höhenleitwer-
ke waren aus scharfwinkligem Wellblech gefertigt, welches die Firma
Junkers geliefert hatte. Die Struktur bestand aus Metallrohren. Zur Sta-
bilisierung war die Maschine wie üblich mit Drähten verspannt. 1912
flog die„Reissner-Ente“ erstmals. Obwohl auch Aluminium verwendet
wurde, war die Maschine sehr schwer und wohl auch fliegerisch kaum
zu beherrschen. Als Reissner 1913 an dieTechnische Hochschule Berlin
berufen wurde, gab er seine Flugversuche auf. komfort war ein wichtiges Verkaufsargument für den Aufstieg des Die Entwicklung zum Ganz-
Der Automobilbau war auch Vorbild für einen weiteren Schritt in Automobils. Die Karosserie wurde schon früh aus Blechen gefertigt. metall-Flugzeug dargestellt
Richtung der heute noch angewendeten Bauweise bei Flugzeugen. Dabei ging die Industrie schnell zur Nutzung von Blechen, verstärkt in der Junkers-Lehrschau,
Insassen eines Autos sollten vor dem Wetter geschützt werden. Fahr- durch Spanten, als tragende Teile der Struktur über. Diese vom Schiff- einer Ausstellung der Firma.

Aus dem Windkanalmodell


von 1914 wurde dieser
Parallel-Entwurf zur J 1
abgeleitet: ein Eindecker mit
20 Metern Spannweite und
einem 400-PS-Motor. Die
Zeichnung ist mit dem Datum
6. August 1916 versehen.
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12 Das erste Ganzmetall-Flugzeug

Das Konstruktionsbüro,
in dem die J 1 entstand,
war gleichzeitig auch Ver-
suchswerkstatt. So konnten
die Konstrukteure in ihre
Entwürfe die praktischen Er-
fahrungen mit Versuchsteilen
einfließen lassen.

Foto: Aus „Junkers Lehrschau“ 1939 - Sammlung Uwe W. Jack


bau entlehnte Technik inspirierte den Briten Frederic Handley Page, nur Metall – möglichst das neue Leichtmetall – in Frage. Die optimale
1911 einen Flugzeugrumpf aus zwei Sperrholzschalen zusammen- Flügelform ließ er ab 1913 mit Modellen im eigenen Windkanal nahe
zusetzen. Damit war die bisher immer bestehende Trennung von Aachen untersuchen. Später errichtete Junkers sogar einen Werks-
tragender Struktur und äußerer Formgebung aufgehoben. Schnell Windkanal in Dessau. Möglichst leichte, aber stabile Metallbauweisen
fand diese Bauweise Nachahmer, sie war jedoch teuer und erforderte wurden in den eigenen Werkstätten erprobt. Auch zu den leistungsfä-
spezielle Vorrichtungen, so blieb sie vorerst auf spezielle, meist auf higen Motoren für eine zukünftige Luftfahrt forschte man bei Junkers.
Rekordflugzeuge beschränkt. Die Beschäftigung mit Schwerölmotoren, vorerst für Schiffe und
Maschinen, nahmen den Unternehmer, der seine Professur in Aachen
Junkers steigt in die Luftfahrt ein aufgegeben hatte, zwischen 1911 und 1913 voll in Beschlag. So musste
Hugo Junkers hatte durch die Hilfe für Hans Reissner erste Erfahrungen er den Traum vom Metall-Flugzeug erst einmal aufschieben, hat ihn
in der Luftfahrt machen können. Anders als viele andere, die von der aber nie aufgeben. Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges brachte den
Fliegerleidenschaft angesteckt wurden, ging er sehr systematisch an Fokus bei Junkers wieder auf die Fliegerei. Ein überlegenes Militärflug-
dieSacheheran.1909hatteereinNurflügel-Flugzeugskizziert,welches zeug, so war er überzeugt, sollte aus Metall gebaut sein.
so groß sein sollte, um damit Passagiere im Flügel sitzend transportie-
ren zu können. Da dieses Passagierflugzeug auch wirtschaftlich erfolg- Schwierige Herstellung im Metall-Flugzeugbau
reich sein sollte, musste die Auslegung aerodynamisch herausragend Bei Junkers verwendete man zum Bau der Badeöfen und Heißwas-
sein,alsoohnedieüblichenVerspannungen.AlsBaumaterialkamdafür serboiler seit langem Eisenblech, welches im Punktschweißverfahren

Mit der J 1 wurde Neuland in


der Flugzeugtechnik betre-
ten. Die entsprechenden
Fertigungsverfahren muss-
ten geschaffen werden und
die Festigkeit an Versuchs-
stücken getestet werden.
Hier sind Testelemente für
die J 1 zu sehen. Interessant
ist das Heckmuster rechts
oben. Hier ist der Rumpf
noch kreisförmig angelegt.
Bei der tatsächlichen J 1
bestand er aus einem Rohr-
gestell in Kastenform.

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Das erste Ganzmetall-Flugzeug 13

Einen kleinen Einblick in


die rege Forschungstä-
tigkeit der Junkerswerke
zeigen diese Beispiele von
Versuchsstücken auf dem
Weg zum unverspannten
und holmlosen Flügel
der J 1.

gefügt wurde. Dabei werden beide zu verbindenden Bleche zwischen


zwei Kupfer-Elektroden gebracht und diese auf die Bleche aufgesetzt.
Ein durch den Schweißer ausgelöster kurzer Stromimpuls erzeugt im
Blech einen hohen Widerstand, sodass das Material zu schmelzen
beginnt und sich vermischt, also beim anschließenden Erkalten
verbunden ist. Dabei ist die geschmolzene Fläche etwa so groß wie Foto: Aus „Junkers Lehrschau“ 1939 - Sammlung Uwe W. Jack

die Spitze der Elektroden. Daher die Bezeichnung Punktschweißen,


die vollständige technische Bezeichnung lautet Widerstandspunkt-
schweißen.
Für sein erstes Metallflugzeug konnte Junkers unter den Bedin-
gungen des seit einem Jahr geführten Weltkrieges kein Duralumini-
um erhalten. So griff er notgedrungen auf das im Werk vorhandene
Eisenblech von 0,1 bis 0,5 mm Stärke zurück. Nach Versuchen wurde
der Rumpf aus einem geschweißten Stahlrohrrahmen mit aufgepunk-
teter Beplankung aus Blechstreifen gefertigt. Deutlich wird dies an der
Kastenform des Rumpfes, während das ursprünglicheVersuchsmuster
des Hecks noch einen Kreisquerschnitt hatte, also als tragende Schale Aluminium legiert und so nach wenigen Punkten unbrauchbar. Daher
ohne Fachwerk ausgelegt war. Die Tragflächen waren aus Fachwerks- wird hier auch heute noch oft die Fügung durch Nietung verwendet.
rippen mit punktgeschweißten 0,1-mm-Hautblechen gefertigt. In Bei Junkers war von Beginn an klar, dass das Ganzmetall-Flugzeug
langenVersuchsreihen wurden die Rippenabstände so optimiert, dass aus Eisenblech eine Notlösung sein würde. Für die zukünftige
der Flügel stabil gegen Einknicken war. Leichtmetallvariante wurde aber schon an neuen Herstellungs- und
Eine einfache Umstellung des Materials etwa auf das 1909 durch Konstruktionsverfahren gearbeitet.
Alfred Wilm patentierte Duraluminium (Dural) war so jedoch nicht Allgemein mussten bei Junkers auch für den Flugzeugbau und
möglich. Bei Leichtmetall schlug der damals erzeugte Stromfunke besonders für Festigkeitsprüfungen an kompletten Bauteilen geeig-
oft durch das Material und schwächte den Schweißpunkt. Ferner nete Prüfverfahren und -maschinen entwickelt werden. Die Junkers-
wurden (und werden noch) die Elektroden durch geschmolzenes werke in Dessau können somit zu Recht als der Ausgangspunkt des

Die Junkers J 1 im Bau. Da es


sich um ein Militärflugzeug
handelte, war die Werkstatt
aus Gründen der Geheimhal-
tung mit einem Bretterzaun
umgeben.

ü
14 Das erste Ganzmetall-Flugzeug

industriellen Ganzmetall-Flugzeugbaus angesehen werden. Wie bei Hugo Junkers wollte sein Metallflugzeug fliegen sehen. Im Sep-
anderen Technologien auch, gibt es natürlich etliche Vorläufer und tember 1915 wurden die ersten Baugruppen für das Junkers-Flugzeug
andere Pioniere. Hier jedoch wurde die ganze Bandbreite der Kon- J 1 gefertigt. Ab Anfang Dezember konnte die komplette Maschine
struktion und Herstellung erkundet, getestet und schließlich geordnet Belastungstests unterzogen und wenige Tage später an die Versuchs-
– bis hin zur Schaffung einer eigenen Normung für den Metallflug- stelle Döberitz bei Berlin ausgeliefert werden. Dort erfolgte am 12.
zeugbau. Dabei hatte Hugo Junkers immer einen wirtschaftlichen Dezember 1915 der Erstflug. Flugzeugführer war Leutnant Friedrich
Fertigungsprozess und Betrieb seiner Flugzeuge im Auge. von Mallinckrodt. Bei der Landung beschädigt, konnte der nächste

Punktschweißung der
Tragfläche der J 1. Bei
der Versuchsmaschine J 1
konnte auf die Erfahrungen
in der Verarbeitung von
Eisenblechen aus den an-
deren Geschäftsbereichen
des Junkerswerkes zurück-
Foto: Aus „Festschrift Hugo Junkers zum 70. Geburtstage“ 1929 - Sammlung Uwe W. Jack

gegriffen werden. Für den


Einsatz von Leichtmetallen
mussten Fügetechniken
und die entsprechenden
Festigkeitsberechnungen
und daraus folgenden
Normen erst mühsam erar-
beitet werden.

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Das erste Ganzmetall-Flugzeug 15

Diese drei originalen


Zeichnungsblätter vom 6.
August 1916 zeigen den
genauen Aufbau des Junkers-
Versuchseindeckers J 1.
In der Literatur bisher überall
als Einsitzer bezeichnet, hat
die Maschine jedoch deutlich
zwei Sitze. Einen Platz
für einen Beobachter und
dahinter einen Sitz für den
Flugzeugführer mit
dem Steuerrad.

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16 Das erste Ganzmetall-Flugzeug

Klappern gehört zum


Handwerk! Um Skeptiker
zu beruhigen, welche die
gewohnten Spanndrähte
und Holm-Konstruktionen
vermissen könnten, entstan-
den eine Reihe von Fotos zur
Demonstration der Festigkeit
des Flügels der J 1.
Offenbar stnd während der
Langzeitbelichtung des Fotos
gerade eine weitere Person
im Bild. Ihre Beine wurden
mit damaliger Technik (wenig
erfolgreich) wegretouchiert.

Flug erst im Januar 1916 stattfinden. Die J 1 erwies sich als stabil, etwa
Schnell stellten die Beschäf- so schnell wie ein Fokker-Eindecker, aber untermotorisiert und viel
tigten im Flugzeugbau die zu schwach in der Steigleistung. Dies waren die Folgen des hohen
Mehrzahl der Mitarbeiter bei Leergewichtes durch das Eisenblech. Allen Vorurteilen zum Trotz
Junkers. Hinter dem Kürzel flog der „Blechesel“ zuverlässig und ein offizieller Auftrag über sechs
Abbildung: Aus „Festschrift Hugo Junkers zum 70. Geburtstage“ 1929 - Sammlung Uwe W. Jack

Jco verbirgt sich die ursprüng- Flugzeuge eines verbesserten Musters, der J 2, folgte. Diese Maschine
liche Firma Junkers & Co, die sollte militärische Gesichtspunkte, wie eingebaute Maschinengeweh-
Hugo Junkers zusammen mit re, berücksichtigen.
Robert Ludwig zur Produktion Wie die J 1 auch, fertigte Junkers die neuen Flugzeuge aus Eisen-
von Warmwasserboilern blech. Anders als bei der J 1 war der Nachfolger als Jagdflugzeug
gegründet hatte. Die Ein- geplant, also ein Einsitzer. Der Tiefdecker war erst mit dem gleichen
brüche durch die Inflation schwachen 120-PS-Motor der J 1 ausgerüstet, später mit einem Daim-
1921/22 und die Firmenkrise ler D III mit 160 PS. Bei der Flugerprobung machten sich die Schwä-
wegen des zu teuren Junkers- chen des Vorgängers wieder bemerkbar. Schwache Steigleistungen
Luftverkehrs ab 1925 sind und mäßige Manövrierfähigkeit trotz guter Fluggeschwindigkeit
deutlich zu erkennen. überzeugten die Abnahmepiloten nicht. Als am 23. September 1916
der Versuchsflieger Max Schade mit einer J 2 aus 300 m Flughöhe in
die Stadt Dessau stürzte, war das Schicksal der Maschine besiegelt.
Vermutlich war die Strömung am dicken Flügel der J 2 abgerissen
und dem Flugzeugführer gelang es nicht, die überzogene Maschine
wieder unter Kontrolle zu bringen.

Der Flugzeugführer sitzt hier


während der Erprobung
in Döberitz auf dem
hinteren Sitz der J 1.

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Das erste Ganzmetall-Flugzeug 17

Während der Erprobung


im Januar 1916 auf dem
Versuchsplatz Döberitz
wird die J 1 mittels eines
Spornwagens über den
Platz geschoben.

Leistungsdaten Junkers J 1 Junkers J 1 – ein Meilenstein des Flugzeugbaus


Trotz der anfänglichen Skepsis der militärische Stellen konnte die
Besatzung 2 J 1 als Versuchsmuster überzeugen. Schon allein der Eindruck eines
Flugzeugs ohne Verspannungsdrähte und Stiele musste die aerody-
Verwendung Versuchsflugzeug namische Güte der Metallbauweise unterstreichen. Nur das gewählte
schwere Material und einige Schwächen in der Detailkonstruktion
Triebwerk Sechszylinder Daimler D II mit 120 PS (90 kW)
führten zur Ablehnung der Junkers-Maschine. Diese Nachteile konn-
Länge 8,62 m ten durch Verwendung von Dural und durch bessere Testmethoden
später ausgebügelt werden.
Spannweite 12,95 m Danach erwies sich die Ganzmetall-Bauweise als der wichtigste
Baustein zur Schaffung eines regelmäßigen und wirtschaftlich erfolg-
Flügelfläche 24,60 m2 reichen Flugverkehrs nach dem Ersten Weltkrieg. Die Weitsicht von
Hugo Junkers führte dazu, dass Junkers-Flugzeuge den Luftverkehr
Höhe 3,11 m
bis zum Zweiten Weltkrieg dominierten.
Leermasse 900 kg Die Junkers J 1 hat den ErstenWeltkrieg überstanden und wurde zu
Recht als wichtige Erfindung in der großen Halle des Deutschen Muse-
Startmasse 1080 kg ums in München ausgestellt. Ein Bombenangriff im Jahr 1944 zerstörte
dieses einmalige Exponat. Jetzt macht sich der Förderverein des Tech-
Höchstgeschwindigkeit 170 km/h (erflogen) nikmuseums„HugoJunkers“inDessaudaran,dieJ1wiederauferstehen
zu lassen. Damit wird ein wirklicher Meilenstein der Luftfahrt endlich
Reichweite ca. 230 km
wieder in einem Museum zu besichtigen sein.

Aufbauend auf den


Erfahrungen mit der J 1
wurde nach militärischen
Gesichtspunkten die J 2
entwickelt. Ebenfalls aus
Eisenblech gefertigt, erwies
sie sich wieder als zu schwer.
Junkers ging darauf zur
komplizierteren Bauweise
aus Aluminium über. Damit
war der Grundstein für die
später weltweit erfolgreichen
Junkers-Flugzeuge gelegt.

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18 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Der Große Windkanal in Adlershof ist links am Bildrand zu


sehen, der Trudel-Windkanal, die Vorbereitungshalle und
die Kühltürme der schallgedämpften Motorenprüfstände
stehen rechts auf dem Gelände der DVL um 1936.

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Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 19

Adlershof 1912 bis 1945

Die
Deutsche Versuchsanstalt
für Luftfahrt (DVL)

Foto: Archiv DYWIDAG

Eingerichtet 1912, um den deutschen Rückstand in der


Luftfahrt aufzuholen, brachte es die Deutsche Versuchsanstalt
für Luftfahrt in Adlershof Anfang der 1940er-Jahre bis an die
Weltspitze der Luftfahrtforschung.
Dr. Bernd-Rüdiger Ahlbrecht; Dr. Kurt Graichen;
Werner Heinzerling (†); Karl-Dieter Seifert
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20 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Das erste Gebäude der


DVL von 1912 steht noch
in Adlershof, damals ein
Labor, beherbergt es jetzt
das Forum mit dem Hans-
Grade-Saal.

Foto: GBSL
A
us der Befürchtung heraus, Deutschland könnte in der war Johannisthal zu einer Zentrale der Luftrüstung geworden. Etwa
Luftfahrt „schwerer als Luft“ gegenüber dem Konkurren- 13 000 von insgesamt 47 000 in Deutschland während des Krieges
ten Frankreich weiter an Boden verlieren, begannen 1908 gebauten Flugzeugen, wurden hier gefertigt. AGO, Albatros, Luft-
private Bemühungen um die Errichtung eines Flugplatzes Verkehrs-Gesellschaft mbH (LVG), Fokker und Rumpler waren die
in Berlin. Die Entscheidung fiel zugunsten von Johannisthal und wichtigsten Werke jener Zeit, gelegen im nordwestlichen Teil des
Adlershof, damals noch als selbstständige Gemeinden vor den Platzes, im Süden hatte die Luft-Fahrzeug-Gesellschaft mbH (LFG)
Unten: Lageplan von Johan- Toren der Hauptstadt gelegen. Am 26. September 1909 konnte der ihren Sitz.
nisthal/Adlershof von 1912 von einem drei Meter hohen Holzzaun umgebene Platz mit einer bis
mit der neu eingerichteten zum 3. Oktober dauernden Flugwoche eröffnet werden. Es war ein Die Luftfahrtforschung siedelt sich an
Versuchsanstalt rechts-oben. „Treffen der besten Aviatiker der Welt“. Noch waren die deutschen Im April 1912 bezog nahe dem Bahnhof Adlershof die gerade
Flieger aber erfolglos. gegründete Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt e.V. ihre neuen
Rechts: Luftbild der Motoren- Mehr und mehr fand der Flugplatz auch das Interesse des Mili- Anlagen. Diese begründete die wissenschaftliche Tradition des
prüfstände der DVL etwa tärs, so wurde beispielsweise bereits im Jahr 1912 eine Marineflie- Standortes und dehnte sich in den folgenden Jahrzehnten bis zum
im Jahr 1913. gerstation in Betrieb genommen. Mit Beginn des Ersten Weltkriegs Ende des Zweiten Weltkrieges nicht nur räumlich umfangreich aus,
Abbildung: Archiv GBSL

Foto: Archiv GBSL

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Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 21

Die Anlagen der DVL auf


einem Luftbild etwa
vom Jahr 1925.
Foto: Archiv GBSL

sondern sie setzte auch international deutliche Akzente, welche die Gelände war der eigentliche Partner derTerrain-Aktien-Gesellschaft
Technologie des Flugwesens noch heute kennzeichnen. nicht die DVL, sondern das Deutsche Reich.
Bereits am 28. September 1909 – zur Zeit der ersten Flugwoche
in Johannisthal – regte Ferdinand Graf von Zeppelin auf der Vor- Die Arbeit wird aufgenommen
standsratssitzung des Deutschen Museums München die Schaffung Am 27. Januar 1912 war der „Kaiserpreis für den besten deutschen
einer zentralen Versuchsanstalt für Luftfahrt in Deutschland an, Flugmotor“ ausgeschrieben worden. Die DVL sollte nun die im
wie sie in England und Frankreich gerade entstanden waren. Der Wettbewerb befindlichen 65 Flugmotoren bis Anfang 1913 prüfen.
Deutsche Reichstag griff diese Idee noch im Dezember 1909 auf. Im Oktober 1912 waren bereits das Laborgebäude (heute als ein-
Selbst der deutsche KaiserWilhelm II begann sich zunehmend dafür ziges erhaltenes Gebäude aus der Gründerzeit als Forumgebäude
zu interessieren. bezeichnet) mit einer elektrischen Umformeranlage, an das sich
Wichtige Verbände, Gesellschaften und Clubs äußerten sich das Werkstattgebäude anschloss, und die fünf Prüfstände der
daraufhin ebenfalls positiv. Interessanterweise konnte sich Zep- Motorenabteilung fertiggestellt. Im Frühjahr 1913 gab es neben
pelin aber nicht ganz durchsetzen. Diese Versuchsanstalt, von ihm der Motorenabteilung noch die Flugzeug- und die Physikalische
anfangs unter dem Titel „Deutsche Versuchsanstalt für Luftschif- Abteilung sowie die Tischlerei und die Schlosserei. Im gleichen Jahr
fahrt“ publiziert, sollte in Friedrichshafen entstehen. Davon rieten kam die hölzerne Flugversuchshalle hinzu. Die Flugzeugabteilung
die Militärs unter Hinweis auf eine zu große Nähe zur französischen begann, Geräte und Verfahren für statische Belastungsversuche Motorenprüfstände um 1916
Grenze ab. Im Juni 1911 lag auf Veranlassung des dafür zuständi-
gen Reichsamtes des Innern ein Gutachten vor – das „Projekt einer
Reichsversuchsanstalt für Luftfahrt“. Prominente Autoren waren
der Direktor des Königlichen Aeronautischen Observatoriums in
Straßburg, der Geheime Regierungsrat Prof. Dr. Hugo Hergesell, und
der Leiter der AerodynamischenVersuchsanstalt (AVA) in Göttingen,
Prof. Dr. Ludwig Prandtl.
Am 20. April 1912 erfolgte dann die Gründung des Vereins
„Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt“. Der § 1 der Satzung lau-
tete: „Der Verein hat den Zweck, das deutsche Flugwesen und die
deutsche Luftschiffahrt durch Errichtung, Ausbau und Unterhal-
tung einer Versuchsanstalt zu gemeinem Nutzen zu fördern.“ Am 3.
Juni erfolgte die Eintragung in das Vereinsregister des Amtsgerichts
Berlin-Mitte. Dann ging es Schlag auf Schlag. Am 28. Juni 1912 wur-
de ein Pachtvertrag über ein einen Hektar großes Grundstück am
östlichen Ende des Flugfeldes Johannisthal-Adlershof abgeschlos-
sen – gültig bis 1929 – und mit einer Option auf weitere drei Hektar.
Friedrich Bendemann hieß der Direktor, die ersten Bauten wurden
genehmigt und die Arbeiten begannen unverzüglich. Präsident war
Foto: Archiv GBSL

ein Militär, Beschlüsse von Verwaltungsausschuss und Mitglieder-


versammlung hatten erst nach Genehmigung durch den Reichs-
kanzler bindende Wirkung. Und auch im Nutzungsvertag für das
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22 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Bei dieser Rumpler C.I der


DVL wird etwa 1916 ein Mo-
torwechsel durchgeführt.

Foto: Archiv GBSL


– auch im Fluge – zu entwickeln, eine Arbeit mit weitreichenden verschiedensten Prüfungen von Fluggerät zu gutem analytischen
Auswirkungen für den damaligen und auch den späteren Flug- Material zu kommen, sollte aber andererseits die Kräfte bald über-
zeugbau. Auf der Strecke der Militäreisenbahn Zossen – Jüterbog mäßig an diese Aufgaben binden - zu Lasten der Forschung. Noch
fanden Widerstandsmessungen an realen Flugzeugen auf Spezial- vor dem Krieg entstanden Baracken für eine Versuchskompanie und
waggons hinter Schnellfahrlokomotiven statt. 1913 entstand auch als Anbau der Flugversuchshalle eine Werfthalle.
der erste Adlershofer Windkanal als Bestandteil der Physikalischen
Abteilung. Dieser Kanal arbeitete nach dem System Eiffel mit einer Im Ersten Weltkrieg und danach
Unterdruckkammer bei einer Strömungsgeschwindigkeit von 50 Mit Kriegsbeginn wurden Bendemann und seine Mitarbeiter ein-
m/s und einem Durchmesser von 76 cm. Dieser Windkanal brannte berufen, die Forschungsarbeit total eingestellt. Die DVL diente
im Jahre 1925 mit einem Großteil anderer Anlagen ab. 1914 wurde vorerst als Prüfanstalt und Werft der Fliegertruppe, später als Flug-
schließlich das Verwaltungsgebäude an der Rudower Chaussee mit zeugmeisterei unter dem Kommando von Major Felix Wagenführ.
einem angebautem Werkstattbereich fertiggestellt. In der zweiten Hälfte des Jahres 1915 kamen Bendemann und eine
Im April 1914 hatte die DVL einen Vertrag mit der Verkehrstech- Reihe leitender Mitarbeiter zurück. Der fatale Fehler, die Forschung
nischen Prüfungskommission der Heeresverwaltung abgeschlossen zu liquidieren und die Mitarbeiter an die Front einzuberufen, war
und damit einen großen Teil ihrer Kapazitäten an die Fliegertruppe von den Militärs erkannt worden. Bendemann setzte den Bau einer
gebunden. Das brachte auf der einen Seite die Chance, durch die Schleppversuchsbahn an der Militärbahn Zossen-Jüterbog durch

Eine Deperdussin als Kriegs-


beute wird bei der Flug-
zeugmeisterei in Adlershof
untersucht.
Foto: Archiv GBSL

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Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 23

Eine Dietrich DP VIIa


der Versuchsanstalt.
Foto: Archiv GBSL

und erreichte eine große Ausdehnung der Anlagen der Versuchsan- zur Verfügung. Andererseits gestattete die seit 1925 als Abteilung
stalt. Sein Ziel war es, damit eine vollständig eingerichtete Anstalt „M“ bestehende verdeckte Erprobungsstelle für Militärflugzeuge
zu haben, was der DVL in den 1920er-Jahren sehr zugute kommen einen Zuwachs an finanziellen Mitteln. Nicht zuletzt aus eigenen
sollte. Ein Beispiel dafür war der im Jahre 1916 errichtete Luftschrau- Einnahmen der DVL konnte 1933 der Kleine Windkanal mit einem
benprüfstand mit 400 PS und 1700 U/min. Durchmesser von 1,2 m, 65 m/s Strömungsgeschwindigkeit und
Hatte die DVL im Jahr 1918 117 Beschäftigte, sank deren Zahl 150 PS Antriebsleistung in Betrieb gehen. Doch diese Baustufe war
nach Kriegsende auf 43 und sogar auf 20 im Jahre 1923. Ende nicht der Schlusspunkt, wie die Denkschrift „Erweiterter DVL-Aus-
1919 löste Dr.-Ing. Wilhelm Hoff den Leiter Friedrich Bendemann bau 1936 – 1938“ vom Februar 1936 zeigt. Weitere 5 Millionen RM
ab. Trotz aller Unsicherheiten, Machtkämpfe und wirtschaftlichen Zuführungen waren die Folge. Bis 1939 sollte ein Großer Windkanal,
Probleme erstarkte die DVL wieder, sie zählte 1925 bereits 114 und ausgestattet mit einer sogenannten Sechskomponenten-Waage,
1928 schon 543 Mitarbeiter. Neue Abteilungen entstanden, eine die Forschungsmöglichkeiten erweitern. Bereits 1932 wurde die
Flug-Abteilung, die Flugzeug-Abteilung wurde in die Statische, die neue elektrische Zentrale und eine Heizungs- und Kompressor-
Aerodynamische, die Stoff- und die Prüfanstalt aufgeteilt. Eine Funk- anlage gebaut. Ein Luftschraubenprüfstand sowie Mess- und
Abteilung, die Höhenflugstelle und andere Einrichtungen kamen Schleuderprüfstände waren bereits fertiggestellt, weitere Anlagen Links: Mechaniker in der
hinzu. Längst war der Anstalt die Musterprüfung für Flugzeuge, befanden sich in der Planung. Zeitweilig hatte die DVL auch eine Werkstatt der Prüfanstalt
die Prüftätigkeit als Ganzes übertragen worden. Zuständiger Leiter luftfahrthistorische Sammlung eingerichtet, die aber finanziell und Werft der Fliegertruppe
dafür war der ehemalige Wright-Fluglehrer und Alte Adler Robert nicht gehalten werden konnte. Die Architekten, die für die gesamte um 1916
Thelen. Allerdings hemmten Unsicherheiten über den künftigen Anlage verantwortlich zeichneten, waren Werner Deutschmann
Standort auch die Bautätigkeit. und Hermann Brenner, unter künstlerisch-gestalterischen Gesichts- Unten: Ein Schienenversuchs-
Es gab nach dem Brand des ersten Windkanals nur noch einen punkten wirkte Arno Breker mit. wagen der DVL in Dümde.
Instrumenten-Windkanal mit ganzen 28 cm Durchmesser, unge-
eignet für aerodynamische Experimente. 1926 war wenigstens
ein Motorenprüfstand für 1000-PS-Triebwerke dazugekommen.
Erst im Jahre 1931 war der Verbleib der DVL in Adlershof endgül-
tig gesichert, doch ursprünglich bereits genehmigte Mittel zum
Ausbau standen nun infolge der Weltwirtschaftskrise nicht mehr
Foto: Archiv GBSL

Foto: Archiv DLR

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24 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Foto: Archiv GBSL


Diese Hentzen-Blume Ausbau ab 1933 Windkanal mit einem Düsendurchmesser von 1,2 m ebenfalls in
Habicht der DVL trägt ihren Im Oktober 1933 hatte die bereits damals größte Einrichtung der der Bauart Göttingen, also mit geschlossener Luftführung. Mit ihm
Rufnamen am Rumpf. deutschen Luftfahrtforschung, abgestimmt mit der Forschungs- wurde eine Vielzahl von Erfahrungen für den Bau und den Betrieb
abteilung des Reichsluftfahrtministeriums, ein „erweitertes Aus- des großen Kanals gesammelt. Er diente auch nach dessen Inbe-
bauprogramm für die Jahre 1932 – 1936“ vorgelegt. Weitere 5,4 triebnahme weiterhin der Forschung.
Millionen RM wurden dafür genehmigt, die im Wesentlichen die Doch die Dynamik der Luftrüstung übertraf selbst die Erwar-
Versuchseinrichtungen an den Leistungs- und Größenzuwachs im tungen der DVL-Leitung. Schon im September 1934 lag eine
Flugzeug- und Motorenbau anpassen sollten. Der Bau des großen Denkschrift „Bauprogramm 1932 – 1937“ vor, die zu einem Aus-
Windkanals, dessen äußere Hülle als technisches Denkmal erhalten bauvolumen von über 15 Millionen RM führte. Die DVL sollte sich
ist, wurde daraufhin bereits 1934 vollendet. Sein Messquerschnitt in einem unvorhergesehenen Umfang ausbreiten. Das bisherige
lag wahlweise bei 5 x 7 m bzw. 6 x 8 m, bei einer Luftstromgeschwin- Nordgelände, nördlich der Rudower Chaussee, blieb beim weiteren
digkeit von 65 bzw. 55 m/s. In ihm konnten Modelle bis 4,5 m Spann- Ausbau den lärmverursachenden Anlagen vorbehalten. Auf der
weite, ja sogar Flugzeugteile in Originalgröße untersucht werden. In Südseite der Straße wurde für„ruhige“ Anlagen ein Grundstück von
Vorbereitung des Baus dieses Windkanals entstand 1931 der Kleine 60 000 m² erworben. Hier entstanden 1935/36 das Hauptgebäude

Hier hat die Versuchsan-


stalt ein Tandemtriebwerk
für Donier-Flugboote auf
dem Prüfstand.

Foto: Archiv GBSL

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Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 25

Eine Albatros 60 der


DVL auf dem Flugfeld in
Johannisthal. Im Hintergrund
die ehemaligen Gebäude der
Rumplerwerke.
Foto: Archiv GBSL

der DVL mit Verwaltungs-, Versorgungs- und Vortragsräumen sowie bereits insgesamt 28,2 Millionen RM umgesetzt worden. 1938
Laborgebäude für Werkstoffforschung, Gasdynamik, Elektrophysik, ging der Hochgeschwindigkeitswindkanal mit geschlossener Mess-
Bildwesen und Navigation. Auf der Nordseite baute man weitere Strecke in Betrieb. Die Mess-Strecke hatte einen Querschnitt von
zum Teil beispielhafte Forschungs- und Experimentieranlagen, 2,70 m, die Strömungsgeschwindigkeit reichte bis Mach 0,9. Im
so 1935 den Trudel-Windkanal. Unter Normalbedingungen oder gleichen Jahr wurde die zweite Baustufe des Höhenprüfstands für
unter Überdruck wurden in einem senkrechten Luftstrom von 3,75 Flugmotoren fertiggestellt, dann Rollbahnen und Hallenvorfelder
m Durchmesser freifliegende Flugzeugmodelle in ihrem Verhalten betoniert. Es entstand eine Asphaltrollbahn in Form eines Achtecks,
von Messkameras dokumentiert. Zwei Jahre später ging der mittlere das sogenannte Oktogon, welches das Flugfeld umschloss, sodass
Windkanal mit einem elliptischen Querschnitt der Windkanaldüse selbst bei feuchter Witterung die mitunter recht schweren Flug-
von 2,15 x 3 m in Betrieb. zeuge erleichterte Start- und Landebedingungen vorfanden. 1940
Zu den Neubauten zählten zwei Versuchshallen mit je zwölf schließlich wurden auch drei Großhangars übergeben, von denen
Prüfständen für Versuche mit Ein- und Mehrzylinder-Flugmotoren, heute noch zwei unter Denkmalschutz stehend existieren. Inzwi-
vier offene Pendelrahmen-Motoren-Prüfstände und die erste Bau- schen war auch das sogenannte Westgelände mit einer Werfthalle, Die Werkstätten der DVL
stufe des Motorenhöhenprüfstands. Bis zum Jahr 1935 waren drei Werkstatt-, Verwaltungs- und Sozialgebäuden fertiggestellt etwa im Jahr 1926.
Foto: Archiv GBSL

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26 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Foto: Archiv GBSL


Arbeiten in einem Hangar worden. Heute befindet sich hier ein Gewerbegebiet. Mit dieser Ent- Die DVL im Krieg
der Versuchsanstalt 1936. wicklung ging ein starker Anstieg der Beschäftigten einher. Ihre Zahl Nachdem bereits 1934 südlich des DVL-Geländes die als Luftwaffen-
erreichte 1934 bereits 717, zwei Jahre später 1581 und im zweiten Barackenlager getarnte Höhere Fliegertechnische Schule Adlershof
Weltkrieg mehr als 2000 Personen. Alleiniger Leiter der Anstalt und (HFTS) ihre Arbeit aufgenommen hatte, wurde ihr 1935 der östliche
Betriebsführer war ab 1936 Prof. Dr.-Ing. Friedrich Seewald, der der Bereich der DVL zugeschlagen und u. a. mit weiteren Flugzeughal-
DVL schon seit 1925 angehört hatte. 1941 folgten seine Stellvertre- len ausgestattet. Ab 1943 setzten alliierte Luftangriffe auf Berlin
ter Prof. Günther Bock und Direktor Müller. auch ein Achtungszeichen für das Adlershofer Forschungsareal, das

Foto: Archiv GBSL

Der Werfthangar in
Adlershof 1936.
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Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 27

Foto: Sammlung Uwe W. Jack


Rascher ein, die Versuche im KZ Dachau gemeinsam mit der Luft- Links: Bei der DVL wurden
waffe durchzuführen. Es kann eindeutig eingeschätzt werden, dass auch Versuche zur Rettung
Rascher dies mit Billigung und Einverständnis von Himmler tat und von Besatzungen gemacht.
sich vor allem auch einen Aufstieg auf der Karriereleiter versprach. Hier die Erprobung von
Dass dies allerdings mit der Liquidierung durch die eigenen Leute Fallschirmen mittels einer
am 26. April 1945 endete, steht auf einem anderen Blatt.
Foto: Archiv GBSL

Strohpuppe etwa 1925.


Die mobile Unterdruckkammer wurde von der DVL mit Dr. Hans- Oben: Freiwillige in der
Wolfgang Romberg als deren Vertreter Ende Februar 1942 nach Höhenkammer in Adlershof
Dachau überführt. Die Versuche liefen in drei Testreihen bis Ende etwa 1938/39. Später
inzwischen bedingungslos auf Kriegsaufgaben ausgerichtet war. Mai 1942. Während in der Testreihe 1 keine Todesfälle auftraten, wurden Häftlinge aus dem
Ende des Jahres begann die Verlegung einiger Institute, zu denen war dies aber in den Testreihen 2 und 3 der Fall. Es waren mehrere Konzentrationslager Dachau
sich die Abteilungen in der Zwischenzeit entwickelt hatten. Es liegt bisher nicht genau zu verifizierende Todesfälle zu verzeichnen. Es zu ähnlichen oder extremeren
in der Natur der Sache, dass die DVL wie das gesamte Forschungs- muss aber auch gesagt werden, dass diese Versuche vom karriere- Versuchen gezwungen.
und Wirtschaftspotential des Dritten Reiches in das System der NS- süchtigen und skrupellosen Rascher selbst durchgeführt wurden,
Diktatur eingebunden war. Stark verknappt und verallgemeinert Ruff hatte nach bisherigen Erkenntnissen keine unmittelbare
widerspiegelten sich die Positionen der in der Luftfahrtforschung Information darüber. Erst nach dem ersten Todesfall eines Häftlings
Tätigen wie folgt: in der Testreihe 2 erstattete Dr. Romberg seinem Chef Dr. Ruff Mel-
- die Luftfahrt besaß einen hohen Stellenwert im NS-Staat zur dung darüber. Nach der Information an Prof. Hippke (Lw) setzte Ruff Im Vorwort der ersten
Erreichung politischer und militärischer Ziele durch, dass die Unterdruckkammer aus Dachau wieder abgezogen deutschen Bauvorschrift für
- deshalb auch Loyalität gegenüber dem System (bei teilweiser wurde. Flugzeuge von 1928 werden
Distanz zu ihm) Es sei auch angemerkt, dass die DVL nach allen bisher vorliegen- die Aufgaben der DVL zur
- geprägt vom Versailler Vertrag und seinen schwerwiegenden den Erkenntnissen nicht mit anderen berüchtigten Menschenversu- Flugsicherheit dargelegt.
Folgen für Deutschland
- der Luftfahrt und der Forschung verpflichtet
- vielfach selbst begeisterte Flieger
- Bejahung einer starken militärischen Luftfahrt als nationale
Pflicht
(Zitat Prof. Ludwig Prandtl von 1938:„Wissenschaft hat nichts
mit Politik zu tun“)

Versuche an Menschen
Der Krieg machte auch um die DVL keinen Bogen. Wenn auch rein
gefühlsmäßig weiterhin der Forschungsgegenstand im Mittelpunkt
stand, wurden aber die Grenzen immer enger gesteckt. Wie eng die-
se Einbindung war, zeigt sich an der Rolle der Abteilung Luftfahrt-
medizin unter der Leitung von Dr. Siegfried Ruff im Zusammenhang
mit der Entwicklung des Schleudersitzes für die deutsche Luftwaffe
(ca. 1000 eingebaut mit ca. 60 erfolgreichen Ausschüssen). Aus
medizinischer Sicht waren Untersuchungen des Verhaltens des
menschlichen Organismus in großen Flughöhen (bei Unterdruck)
Abbildung: Sammlung Uwe W. Jack

unabdingbar. Ruff war während der Versuche (Absprünge aus


zwölf Kilometer Höhe) zwar an Grenzen der menschlichen Leis-
tungsfähigkeit gestoßen, sah aber ihre Fortführung als unbedingt
notwendig an. Unter dem Personal der DVL stellten sich aber keine
Freiwilligen mehr zur Verfügung. Deshalb ging er auf einen Vor-
schlag von Reservestabsarzt und SS-Untersturmführer Dr. Sigmund
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28 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Foto: Deutschmann
Oben: Der Grosse Windkanal chen (Unterkühlung) in KZ in Verbindung gebracht werden kann.
im Bau 1934. Diese liefen unter Verantwortung und im Auftrag der Luftwaffe. Ruff
und Romberg wurden 1947 im Nürnberger Ärzteprozess freigespro-
Rechts: Der alte, kleinere chen. Ruff hatte aber seit November 1945 im Aero Medical Center
Windkanal um 1932. der U.S. Air Force in Heidelberg Gelegenheit bekommen, weiter an

Foto: Archiv GBSL


derThematik zu arbeiten. Auch fertigte Lt. Col. Alexander im Auftrag
der U.S. Navy einen ausführlichen Bericht über die Forschung der
Abteilung Luftfahrtmedizin der DVL bis 1945 an. Die genannten
Erkenntnisse flossen wie viele andere aus der Luftfahrtforschung Damit endete die Existenz der DVL in Adlershof. Fortgeschrie-
Deutschlands in US-Rüstungsprogramme ein. ben werden kann jedoch der Weg ehemaliger DVL-Mitarbeiter und
die weitere Nutzung der Anlagen insbesondere nach der Übergabe
Kriegsende 1945 großer Teile des Nord- und des Südgeländes an die Forschungsge-
Am 24. April 1945 wurde die DVL kampflos von sowjetischen Trup- meinschaft der Deutschen Akademie der Wissenschaften der DDR
pen besetzt. Wenige Tage später traf bereits auf dem Luftweg eine zu Berlin.
Der Große Windkanal in sowjetische Expertenkommission ein. Sie nahm eine Bestandsauf-
Adlershof ist heute noch er- nahme vor, stellte wichtige Ergebnisse sicher und begann mit der Die Anlagen der frühen Luftfahrtforschung
halten. Die Personen im Bild Demontage bzw. Zerstörung der Einrichtungen und Anlagen der Von den ehemaligen Großforschungsanlagen der DVL in Adlershof
geben einen Eindruck von der Versuchsanstalt. 1946 wurde eine Reihe von Fachleuten mit ihren existieren heute noch drei als Technische Denkmale, wenn auch
Größe der Anlage. Familien in die Sowjetunion zwangsumgesiedelt. keine Ausrüstungen mehr installiert sind. Sie können im Rahmen

Foto: GBSL

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Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 29

von Führungen nach Anmeldung besichtigt werden. In der Langen


Nacht der Wissenschaften jährlich im Juni und am Tag des offenen
Denkmals im September kann das ohne Anmeldung geschehen.
In der Luftfahrtforschung wird von Beginn an gleichberech-
tigt mit experimentellen und theoretisch angelegten Methoden
gearbeitet. Bis zum heutigen Tag kommt man nicht umhin, wich-
tige Fragestellungen auch durch das Experiment zu klären. Diese
Arbeitsweise war auch charakteristisch für die Forschungstätigkeit
der DVL. Sie fand ihren sichtbaren Ausdruck in einer großen Zahl
von 1912 bis ca. 1940 errichteten Versuchsanlagen. Insbesondere
einige der in den dreißiger Jahren fertiggestellten Anlagen nah-
men eine Spitzenstellung im internationalen Vergleich ein. Das
bezog sich sowohl auf ihre technischen Parameter als auch auf die
angewendeten Konstruktions- und Bauverfahren sowie die archi-
tektonische Gestaltung. Einige dieser Versuchsanlagen sollen nach-
folgend vorgestellt werden. Besondere Beachtung finden dabei die
Adlershofer Windkanäle, da sie das äußere Erscheinungsbild der
DVL in Adlershof lange bestimmten und teilweise auch heute noch
optisch auffallend in Erscheinung treten.

Großer Windkanal
Der in den Jahren 1932 bis 1934 in Adlershof errichtete Große Wind-
kanal gehörte zu den weltweit besten Niedergeschwindigkeits-
Windkanälen der frühen 1930er-Jahre. Durch die Erfahrungen mit
Abbildung: Nach Unterlagen der DVL, erstellt und bearbeitet Skibbe / Kosanke.

dem 1,2-m-Kanal und die Berücksichtigung modernster Forschung


erreichte man ausgezeichnete Strömungseigenschaften, insbe-
sondere einen sehr niedrigen Turbulenzgrad der Strömung in der
Mess-Strecke. Deren Abmessungen waren so dimensioniert, dass
Triebwerke und andere Teile von Flugzeugen in Originalgröße auf
ihr Widerstands- und Strömungsverhalten hin untersucht werden
konnten. Modelluntersuchungen und die damit zusammenhän-
genden Probleme bei der Übertragung der Ergebnisse auf die
Originalgröße konnten so vermieden werden. Der grundsätzliche
Aufbau entsprach dem des bereits vorhandenen 1,2-m-Kanals. Aus
Gründen eines erweiterten Einsatzbereichs hatte man allerdings im
Detail manches geändert: Der Große Windkanal erhielt eine ellipti-
sche Düsenkontur mit Achsabmessungen von 6 x 8 m. Durch eine
Vorsatzdüse konnte der Querschnitt auf 5 x 7 m verkleinert werden. von 8,5 m. Die Motordrehzahl konnte auf 125 U/min oder 250 Ansicht und Schnitt durch den
Die maximal erreichbare Geschwindigkeit in der Mess-Strecke U/min eingestellt werden. Die kontinuierliche Veränderung der Großen Windkanal der DVL in
erhöhte sich in diesem Falle von ursprünglich 55 m/s auf 65 m/s. Geschwindigkeit des Luftstroms in der Mess-Strecke erfolgte mit Adlershof.
Die Antriebsleistung des Drehstrommotors betrug 2200 kW, er Hilfe der verstellbaren Schaufeln des Laufrades. Die relativ geringe
arbeitete auf eine Verstell-Luftschraube mit einem Durchmesser Umfangsgeschwindigkeit der Antriebsschraube von 104 m/s führte

Ein ganz seltener Vogel


steht hier 1942 in Adlershof.
Dieser Fieseler Storch wurde
von der Aerodynamischen
Versuchsanstalt Göttingen
(AVA) zu Versuchen mit einer
Grenzschichtabsaugung
auf der Oberseite des
modifizierten Flügels zur
Auftriebserhöhung benutzt.
Die Ausblasschlitze für die
Foto: Archiv GBSL

abgesaugte Luft am Rumpf


hinter dem Kennzeichen sind
hier deutlich zu sehen.
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30 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Zwei Fotos: Im Inneren des zu einer geringen Geräuschemmission im laufenden Betrieb. Die
Großen Windkanals. Die Luftführung war weitestgehend in Stahlbeton-Schalenbauweise
Gesellschaft zur Bewahrung ausgeführt worden. Die durchschnittlicheWandstärke betrug ledig-
lich sieben Zentimeter. Motor und Gebläse wurden auf gesonderte

2 Fotos: Uwe W. Jack


von Stätten Deutscher Luft-
fahrtgeschichte e.V. veran- Fundamente aufgesetzt. Zwei Trennfugen in der Luftführung ver-
staltet Führungen durch das hinderten die Übertragung von Motor- und Gebläseschwingungen
Bauwerk. Hier sind Vereins- auf die übrige Luftführung, die kurz vor der Düse mit 10 x14 m ihren
mitglieder mit Redakteuren größten Querschnitt besaß. Vor der Düse saß ein Gleichrichter zur Kanals. Gleichzeitig mit dem Kanal und dem Messgebäude wur-
der FliegerRevue vor der jetzt Glättung des Luftstroms. Dieser bestand aus 9000 Rundrohren von de in unmittelbarer Nähe eine Vormontagehalle errichtet, in der
zugemauerten Messdüse und 120 mm Durchmesser und 800 mm Länge. Versuchsaufbauten so weit vorbereitet werden konnten, dass ein
an den Umlenkschaufeln an Vor der Düse wurden mit Hilfe von Askania-Strahlrohrreglern neuer Versuchsaufbau in kurzer Zeit mittels Transportwagen und
den Ecken des Tunnels. selbsttätig die Klappen für die Ableitung unruhiger und verwirbel- Schienensystem in die Messhalle eingefahren werden konnte.
ter Druckluft betätigt. Zwischen den beiden Umlenkungen saßen Besonders die sehr genaue Sechskomponentenwaage war
drei verriegelbare Lüftungsklappen, um bei Versuchen Druckluft bemerkenswert. Man betrieb Hochauftriebsforschung, untersuchte
abzulassen und bei laufenden Triebwerken die Abgase entweichen die Auswirkung der Grenzschichtabsaugung und des Einblasens
Der Komplex im Jahr 1942. zu lassen. Der Kanal wurde mit einer Sechskomponentenwaage, von Druckluft auf die Tragflügelumströmung zum Zwecke der
Von links: Trudelkanal, einer Dreikomponentenwaage und verschiedenen Prüfeinrichtun- Widerstandsverminderung, und auch Laminarprofile von Tragflü-
Großer Windkanal und gen für Luftschrauben und Motoren komplettiert. Bemerkenswert geln wurden untersucht. Erwähnenswert ist, dass sich in Berichten
Luftschutzturm. sind die Bemühungen um die kontinuierliche Auslastung des schon Überlegungen finden lassen, die man erst heute zu realisie-

Foto: Archiv DYWIDAG

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Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 31

Der Trudelkanal war im


Jahr 1938 eine weltweit
einmalige Versuchsanlage
(links). Die Arbeitsweise mit
dem Aufwärts gesaugten
Luftstrom wird aus der
Schnittzeichnung (rechts)
deutlich.

Abbildung: Nach Unterlagen der DVL, erstellt und bearbeitet Skibbe / Kosanke.
Foto: Archiv GBSL

ren in der Lage ist, wie die Herabsetzung des Reibungswiderstandes eine systematische, wissenschaftlich fundierte Ursachenforschung
turbulent umströmter Oberflächen mit Hilfe spezieller Oberflächen- zu betreiben, um sowohl konstruktiv als auch für die Pilotenausbil-
strukturierungen. dung Abhilfe bieten zu können.
Der Berliner Flugkapitän a. D. Richard Perlia, in den 1930er- Links: Die Messhalle des
Trudel-Windkanal Jahren Testpilot bei der DVL war in Flugversuche eingebunden. Großen Windkanals 1936.
Die zunehmende Zahl von zumeist tödlich verlaufenden Flugunfäl- In seinem Flugbuch sind 52 Flachtrudelversuche mit der Messer- Unten: Da das Innere des
len, hervorgerufen durch das Abreißen der Strömung an den Trag- schmitt Me 31 verzeichnet. Die Maschine trug zusätzlich zwei Trudelkanals unter Druck
flächen in einem überzogenen Flugzustand, machte es erforderlich, Filmkameras zur Dokumentation der Strömung am Höhenleitwerk gesetzt werden konnte, ist
mittels Rauchgeneratoren. Er führte auch Trudelversuche mit der das Beobachtungsfenster
Heinkel He 45 und der Arado 65 (nicht trudelsicher) durch. Für das entsprechend massiv
„Manöver des letzten Augenblicks“, wenn ein sicheres Ausleiten ausgeführt. Hier schwebt
aus dem Trudeln nicht möglich sein sollte, waren in den Tragflä- gerade ein Modell im
chenenden, im Bug und Heck Behälter mit Bleischrot eingebaut, aufwärts gerichteten
die in definierter Reihenfolge mittels Bowdenzug aus dem Cockpit Luftstrom.
Foto: Sammlung Uwe W. Jack
Foto: Archiv DYWIDAG

ü
32 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Wie schon 1914 bis 1918 hatte


die DVL im Zweiten Weltkrieg
hauptsächlich militärisch
verwertbare Aufträge zu
erledigen. Hier wurden in
Adlershof die Belastungen
der Fahrwerksbeine an der
Focke-Wulf Fw 190 G-2
GG+GJ gemessen.

Foto: Sammlung Heinz J. Nowarra


geleert werden konnten und somit eine Schwerpunktveränderung (Balsa- und Sperrholz, Bespannung mit Japanseide) und der Einbau
des Flugzeugs ermöglichten. einer Steuereinrichtung (Uhrwerkauslösung bzw. Funksteuerung
Einfache Trudelwindkanäle waren in dieser Zeit ebenfalls in von außen) möglich geworden. Vorgesehen waren folgende Ver-
Großbritannien und in den Vereinigten Staaten fertiggestellt wor- suchsreihen:
den. Die DVL baute aber in den Jahren 1934 bis 1936 einen bis - Verhalten des Modells beim stationären Trudeln und Ände-
dato einmaligen Trudel-Windkanal, der im Normaldruck- und im rungen bei verschiedenen Ruderlagen, Schwerpunktlagen,
Überdruckbetrieb gefahren werden konnte und realistische Tru- Trägheitsmomenten und Flughöhen.
delversuche im Aufstrom des vertikalen Windkanals zuließ. Der - Durch welche Steuermaßnahmen wird das Trudeln beendet?
Überdruckbetrieb erlaubte es, die Luftdichte im Kanal so einzustel- Im Mittelpunkt stand dabei die Frage, ob nur durch das norma-
len, dass die Einhaltung von Ähnlichkeitsbedingungen erleichtert le Ausleitungsverfahren (Seitenruder gegen den Trudelsinn)
wurde. Damit konnte die Übertragbarkeit solcher Modellversuche eine Beendigung zu erreichen ist.
auf das Verhalten des Originals optimiert werden. Durch den Über- Der eiförmige Baukörper in Stahlbetonbauweise mit einer durch-
druck war es auch möglich, dass das Modellgewicht von 400 g auf schnittlichen Wandstärke von 30 cm hat eine Höhe von etwa 20 m
1400 g erhöht werden konnte. Damit war eine robustere Bauweise und einen größten Durchmesser von mehr als zwölf Metern. Von

Während einer Führung in


Adlershof wird auch der
Trudelturm besucht. Links
ist die Halterungen für die
Modellbefestigung in der
Düse zu sehen.
Rechts ein Blick vom Arbeits-
balkon hinunter. Die Stahl-
tür mit dem Beobachtungs-
fenster ist jetzt ausgebaut
und steht am Boden.
2 Fotos: Uwe W. Jack

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Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 33

Das Gebäude des


Hochgeschwindigkeits-
Windkanals in Adlershof. In
Berichten wurde die Anlage
oft als Mittlerer Windkanal
bezeichnet.
Foto: Archiv GBSL

einem im oberen Bereich befindlichen Gebläse wurde ein Luft- Veränderung der Geschwindigkeit des vertikal nach oben gerichte-
strom vertikal nach oben gefördert und mittels einer als Diffusor ten Luftstroms zwischen ca. 5,5 m/s und 22 m/s erfolgte stufenlos
ausgebildeten Rückführung und einer Umlenkung im Bodenbe- durch Verstellung der Gebläseblätter. Der Durchmesser der Mess-
reich einer kreisrunden Düse zugeführt. Es entstand ein vertikaler Strecke betrug 3,75 m, ihre nutzbare Höhe 4,5 m. Eine Auswertung
Luftstrom im Zentrum der Anlage, der ein beim Trudeln mäßig der Trudelversuche zeigte, dass ungefähr 80 Prozent der Modell-
schnell absinkendes Modell tragen konnte und die Beobachtung Ergebnisse mit Versuchsflugzeugen wiederholt werden konnten.
des Trudelvorgangs ermöglichte. Sinkgeschwindigkeit der Modelle Insbesondere der Überdruckbetrieb bis auf maximal drei bar
und Aufstromgeschwindigkeit waren aufeinander abstimmbar, war mit großen Schwierigkeiten verbunden. Die Versuchsmann-
sodass mit mehreren Kameras der Bewegungsablauf beim Trudeln schaft hielt sich in einem druckdichten Messraum auf. Die Leistung
der Modelle festgehalten und ausgewertet werden konnte. Siche- des Windkanalgebläses betrug im Dauerbetrieb ca. 90 kW. Die Links: Die gegenläufigen
rungsnetze und seitliche Begrenzungswände verhinderten, dass Kompressoren benötigten für diesen Vorgang etwa 120 Minu- Antriebspropeller des
die Modelle im Kanal anstießen und beschädigt wurden. ten. Sie hatten eine Gesamtleistung von 100 kW und waren in Hochgeschwindigkeits-
Vor der Freigabe wurde die Lage des Modells im Luftstrom einem nahegelegenen Raum untergebracht. Sicherheitsventil und Windkanals.
und die Drehgeschwindigkeit durch einen Getriebemotor in der Druckschalter sicherten den Baukörper gegen eine Überlastung.
Halterung vorgegeben. Wenn sich die Fallgeschwindigkeit des Leckverluste versuchte man durch die Auskleidung des Baukörpers Unten: Schnitt durch den
Modells und die Geschwindigkeit der aufströmenden Luft aufho- mit Kupferfolie zu vermeiden. Ein besonderes Problem stellte eine Hochgeschwindigkeits-
ben, begann der Versuch, indem das Modell ausgeklinkt wurde. Die ausreichende Beleuchtung bei Filmaufnahmen dar. Dafür standen Windkanal.
Abbildung: Nach Unterlagen der DVL, erstellt und bearbeitet Skibbe / Kosanke.
Foto: Archiv GBSL

ü
34 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Oben: Die Mess-Strecke des Lampen mit einer Anschlussleistung von insgesamt 170 kW zur Ver- Kanälen her bekannten Details, hebt sich diese Anlage aber wegen
Hochgeschwindigkeits- fügung. Die DVL hat nach Inbetriebnahme des Trudelwindkanals ihrer Leistungsparameter deutlich von anderen Anlagen der DVL
Windkanals. lange Jahre kaum über Versuchsergebnisse öffentlich berichtet, ab. Die beiden Antriebsmotoren für die gegenläufig drehenden
Rechts: Am 24. Februar 1945 begründet war dies zum einen sicher durch die extremen Schwie- Laufräder des Gebläses leisteten maximal 12 500 kW. Die Luftfüh-
veröffentlichete die DVL rigkeiten im Messbetrieb. Zum anderen hatte man aber wohl auch rung mit einem größten Durchmesser von etwa 7,5 m war wieder
einen Bericht über die Ver- ein großes Interesse an der Geheimhaltung dieser höchst aktuellen aus Stahlbeton gefertigt, lediglich die diesmal geschlossene Mess-
messung eines Modells des Forschungsresultate. Strecke, Teile des Diffusors und der Kanalwandung im Gebläsebe-
Strahlbombers Junkers Ju 287 reich waren aus Stahl hergestellt. Mess-Streckendurchmesser und
im Hochgeschwindigkeits- Hochgeschwindigkeits-Windkanal -länge betrugen 2,7 m.
Windkanal. Das Modell wurde In den Jahren 1936 bis 1938 wurde in Adlershof auf dem Nordgelän- Besondere Sorgfalt wurde auf die Herstellung hinreichend glat-
im Maßstab 1:11 angefertigt. de ein großer, kontinuierlich betriebener Hochgeschwindigkeits- ter Innenflächen des Kanals verwendet. Im Verein mit dem großen
kanal für eine Strömungsgeschwindigkeit nahe Mach 1 errichtet. Kontraktionsverhältnis der Düse, der sorgfältigen Auslegung der
Aufgebaut als Kanal vom „Göttinger Typ“, mit einer geschlossenen Umlenkungen, des Diffusors und der Nebenluftzuführung erreichte
Mess-Strecke und vielen bereits von den zuvor beschriebenen der Kanal Spitzenwerte in der Strömungsqualität, beispielsweise im
Turbulenzgrad der Mess-Strecke. Einen erheblichen Beitrag leistete
hierbei sicherlich auch die konstruktive Gestaltung des Gebläses
mit zwei gegenläufig arbeitenden Laufrädern, die für eine nahezu
drallfreie Abströmung sorgten und die Benutzung einer Leiteinrich-
Aus dem DVL-Bericht. tung überflüssig machten. Die Strömungsgeschwindigkeit in der
Rechts: Zeichnung des Mess-Strecke wurde über die Motordrehzahl gesteuert. Im leeren
Ju-287-Modells. Kanal wurde bei Volllast im Messquerschnitt Schallgeschwindig-
keit erreicht. Geringfügige Versperrungen des Querschnitts in der
Unten: Fadenaufnahmen Mess-Strecke (z. B. durch Modelle und Modellhalterungen) ließen
des Modells bei schieben- die erreichbaren Strömungsgeschwindigkeiten dann aber deutlich
dem Rumpf. Bei starker sinken, sodass man vielfach eine Angabe von Mach 0,9 als cha-
Schrägstellung des Rumpfes rakteristische Geschwindigkeit für diesen Kanal findet. Die heute
(Bildmitte) wird die Strö- bei Windkanälen zur Verminderung des Wandeinflusses übliche
mung über dem linken Flügel Perforierung oder Schlitzung der Mess-Streckenwände war damals
turbolent. noch nicht bekannt. Das Temperaturregime innerhalb des Windka-

3 Fotos 1 Abbildung: Sammlung Uwe W. Jack

ü
Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 35

Abbildung: Archiv GBSL


nals wurde über eine temperaturgeführte Zumischung von kalter
Außenluft eingestellt. Der zugemischte Luftanteil betrug maximal
15 Prozent der umlaufenden Luftmenge, der Luftüberschuss konnte
über einen festeingestellten Ringspalt abgeblasen werden.
Der Hochgeschwindigkeitskanal war für vielseitige Messauf-
gaben vorbereitet. Große druckfeste Fenster in der Mess-Strecke
gestatteten den Einsatz optischer Verfahren, etwa der Schlieren-
methode. Belegt ist die Nutzung des Kanals für Modelluntersu-
chungen an Pfeilflügelanordnungen, einem damals hochaktuellen
Forschungsgegenstand der Hochgeschwindigkeitsaerodynamik.
Nachgerüstet wurde der Kanal mit verschiedenen Windkanalwaa-
gen und einem Luftschraubenprüfstand mit einer Antriebsleistung
Foto: Sammlung Uwe W. Jack

von ca. 150 kW.

Offene Motorprüfstände
Seit der Gründung der DVL im April 1912 gehörten Motorenprüf-
stände zum Bestand der Anstalt. Es wurden fünf offene, überdachte
Prüfstände gebaut, auf denen die von der Industrie angelieferten
Erzeugnisse geprüft wurden. Naturgemäß war dies mit einer Erst mit dem Neuaufbau derVersuchsanstalt Anfang der 1930er- Oben links: Die DVL war mit
erheblichen Lärmentwicklung verbunden, daran sollte sich aber Jahre wurden moderne Anlagen errichtet. Allein die gewachsene ein Wegbereiter für den
mit wenigen Unterbrechungen bis zum Jahr 1945 auch kaum etwas Größe und die Leistungsentfaltung der Motoren wie auch der Pfeilflügel.
ändern. Die relativ einfachen Prüfstandkonstruktionen der Anfangs- Luftschrauben erforderten größere Prüfstände und eine Moder- Oben: Ein offener
zeit existierten bis in die Mitte der 1920er-Jahre, als sich die DVL am nisierung der Prüfsysteme. Mit diesen offenen Ständen für höhere Motorteststand etwa 1938.
Tiefpunkt ihres Daseins befand. Motorenleistungen wuchs aber auch die akustische Belastung der
Foto: Archiv GBSL

Die Hauptwerkstatt der DVL


auf dem Nordgelände
ü
um 1938.
36 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Die Kühltürme des Schall-


dämpfenden Motoren-
prüfstandes um das Jahr
1938 aufgenommen.

Foto: Archiv GBSL


Umgebung weiter an. Obwohl auch alle offenen Prüfstände bis zur Untersuchung luftgekühlter Triebwerke. Hierfür hatte man zusätz-
Beendigung derTätigkeit der DVL im April 1945 aus Kapazitätsgrün- lich ein Kühlgebläse mit einer Leistung von 500 kW und 1470 U/
den in Betrieb blieben, entstand doch eine neuartige Konstruktion, min installiert, das Kühlluftgeschwindigkeiten von mehr als 70 m/s
deren Grundprinzipien auch heute noch für die Errichtung von erzeugte. Um beim durchaus vorkommenden „Durchgehen“ von
Motoren- und Triebwerksprüfständen Anwendung finden. Motoren (nicht steuerbare Belastung über die max. Drehzehl hin-
aus) Schäden an der Anlage zu vermeiden, erhielt der Innenraum in
Schallgedämpfter Motorenprüfstand Höhe des Drehkreises der Luftschrauben eine heute noch vorhande-
In den Jahren 1933 bis 1935 wurde von der DVL auf dem Nord- ne Betonverstärkung. Die heute noch sichtbaren Stahlbetontürme
gelände in unmittelbarer Nachbarschaft des Großen Windkanals sind etwa 15 m hoch. Im Turmbereich (etwa bis in halbe Höhe der
ein universell einsetzbarer „Schalldämpfender Motorenprüfstand“ Türme) und im gesamten waagerechten Teil der Luftführung wurde
errichtet. Die eigenwillige Bauform ergab sich hauptsächlich aus der zum Zwecke der besseren Schalldämpfung die Bauholzverschalung
Absicht, durch vertikale und horizontale Mehrfachumlenkungen im Bauwerk belassen und zusätzlich eine Dämmmasse aufgetragen.
der Luftströme einen besonders guten Schallschutz zu erzielen. Im Turmbereich selbst waren versetzt angeordnete Holzpodeste
Im waagerechten Gebäudeteil waren die Versuchsstände unter- angebracht, um auch die Schallabstrahlung durch die Türme nach
gebracht. Die in Stahlbetonbauweise errichtete Anlage erlaubte oben zu verhindern. Zeitzeugen berichten, dass die Lärmbelastung
wahlweise die Untersuchung von Flugzeugmotoren mit Luftschrau- tatsächlich weitestgehend reduziert werden konnte.
ben (maximaler Durchmesser fünf Meter) oder das Abbremsen von
Triebwerken in einem Pendelrahmenprüfstand (maximale Brems- Höhenprüfstand für Flugmotoren
leistung 1500 PS). Für flüssigkeitsgekühlte Triebwerke standen zwei Neben der Steigerung der Fluggeschwindigkeiten gab es in den
Kühltürme in Holzbauweise zur Verfügung. Möglich war auch die hier betrachteten Zeitabschnitten auch eine stetige Vergrößerung

Die Motorenprüfstände mit


den schalldämpfenden
Ablufttürmen. Foto: Archiv GBSL

ü
4 Fotos: Uwe W. Jack Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 37

der Flughöhen. Das führte zu Beginn der dreißiger Jahre in mehre- und verändertem Luftdruck vor dem Motor. Gemessen wurden Der Motorprüfstand wird
ren Ländern zum Aufbau von Höhenprüfständen, in denen Flugmo- weiterhin u. a. Luft-, Kraftstoff- und Schmierstoffverbrauch. An der heute gerne als Raum für
toren im Bodenbetrieb auf ihre Höhentauglichkeit geprüft werden Höhenprüfanlage konnten Abgasanalysen, Geräuschuntersuchun- Feiern genutzt. Von links:
konnten. Die DVL trug dieser Entwicklung in der zweiten Hälfte der gen und spezielle Motorenuntersuchungen, z. B. die Verfolgung Blick in die lange Halle, eine
1930er-Jahre durch den Aufbau von Höhenprüfständen für Flugmo- des Druckverlaufs im Brennraum, durchgeführt werden. Im dane- der beiden Testbuchten
toren Rechnung. Im Gegensatz zu anderen Anlagen, die eine voll- ben liegenden Gebäude des Instituts für Betriebsstoffforschung und der Beobachtungs-
ständige Nachbildung der Höhenflugbedingungen anstrebten und konnte in einer Prüfhalle mit fünf Ständen für exakt vermessene und Steuerstand.
aufgrund rapide ansteigender Kühlleistungen in den simulierten Einzylindermotoren das Leistungsverhalten dieser Triebwerke bei
Flughöhen in ihrem Wirkungsgrad beschränkt blieben, realisierte der Versorgung mit verschiedenen Brenn- und Schmierstoffen
die DVL bewusst eine Teilsimulation der Höhenbedingungen und analysiert werden.
erreichte bei kaum eingeschränkter Aussagekraft der Ergebnis-
se eine wesentliche Vergrößerung des Simulationsbereiches für Eine Fortsetzung der Geschichte
Flughöhen bis maximal etwa 19 km. Die Verbrennungsluft wurde Die Geschichte der Adlershofer Versuchsanstalt hat nach 1945 eine
den zu prüfenden Flugmotoren nach Kühlung und Entfeuchtung bescheidene Fortsetzung erfahren. Als Mitte der 1950er-Jahre in der
unter Höhenbedingungen zugeführt. Abgasseitig wurden zur DDR Überlegungen zum Aufbau einer eigenen Luftfahrtforschung
Anpassung an die Höhenbedingungen die Verbrennungsgase und Luftfahrtindustrie und zum Einsatz von Windkanälen bei
über einen Abgaskühler durch Abgasverdichter abgesaugt. Eine der Untersuchung straßen- und schienengebundener Fahrzeuge
Simulation der äußeren Motorkühlung strebte man weder bei Gestalt annahmen, bemühte man sich auch um die Wiederinbe-
flüssigkeitsgekühlten noch bei luftgekühlten Motoren an. Auf diese triebnahme des Großen Windkanals der DVL in Adlershof. Gutach-
Weise gelang es mit dieser Anlage, eine Triebwerks-Grenzleistung ten über Machbarkeit und Kostenaufwand wurden angefertigt,
von ca. 1200 PS bei 19 km Flughöhe zu erreichen. Wichtig war die Kostenvoranschläge angefordert. Bald darauf begann die DDR
Leistungsmessung unter dem Einfluss veränderter Lufttemperatur allerdings damit, in Dresden größere Niedergeschwindigkeitskanä-

Die Broschüre der


„Gesellschaft zur Be-
wahrung von Stätten
Deutscher Luftfahrtge-
schichte e.V.“ mit dem
ungekürzten Bericht
über die DVL Adlershof
(60 Seiten, viele Ab-
bildungen) kann für
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gbsl@luftfahrtstaetten.de
Der Motorenprüfstand
12489 Berlin
von hinten gesehen
Am Studio 2
ü
38 Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL)

Abbildung: Nach Unterlagen der DVL, erstellt und bearbeitet Skibbe / Kosanke.
le aufzubauen. Es ist zu vermuten, dass neben den immens hohen zunehmende Bemühungen zurWiederbelebung der Forschungsar-
Kosten für die Wiederherrichtung des Großen Windkanals auch beiten am Großen Windkanal, die aber allesamt scheiterten.
Überlegungen eine Rolle gespielt haben, große Forschungsanlagen Mit dem Auf- und Ausbau der Stadt für Wissenschaft, Wirtschaft
nicht in unmittelbarer Nähe der Grenze zu Westberlin anzusiedeln. und Medien WISTA Adlershof und dem Umzug der Naturwissen-
Zudem stand zu diesem Zeitpunkt der Flugplatz Johannisthal längst schaftlichen Fakultäten der Humboldt-Universität zu Berlin nach
nicht mehr für die Luftfahrt zurVerfügung. Auch später gab es ernst- Adlershof sind wichtige Meilensteine genannt, die die Rolle von

Die beiden Großhangars der


DVL Adlershof werden
heute als Büros und Werk-
stätten genutzt.
Foto: GBSL

ü
Die Deutsche Versuchsanstalt für Luftfahrt (DVL) 39

So stellt sich der


Aerodynamische Park der
Humboldt-Universität
Berlin heute dem Besucher
dar: Links befindet sich
der Schalldämpfende
Motorenprüfstand, in der
Mitte der Große Windkanal
und rechts ist der Trudel-
Windkanal zu sehen.
Foto: GBSL

Adlershof in der Wissenschaftslandschaft Berlins, Deutschlands Akademie derWissenschaften der DDR, welches den Grundstock für
und im internationalen Rahmen charakterisieren. Zu diesen erwäh- die neue Einrichtung des DLR bildete. Damit konnten die Arbeiten
nenswerten Entwicklungen gehört, dass das Deutsche Zentrum auf dem Gebiet der Weltraumsensorik weitergeführt und mit den
für Luft- und Raumfahrt als Nachfolgeeinrichtung der DVL bereits Ergebnissen des DLR zur Planetenerkundung synergetisch zusam-
seit 1992 in Berlin-Adlershof präsent ist und hier eines seiner For- mengefasst werden. In diesem Zusammenhang fanden auch die
schungszentren eingerichtet hat. Seit 1981 bestand hier bereits bisherigen Kooperationsbeziehungen zu den Staaten des ehemali-
das sehr erfolgreich arbeitende Institut für Kosmosforschung der gen Ostblocks eine Fortsetzung in Adlershof.

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40 Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen

Serienfertigung der Focke-Wulf Fw 190 A-3. Die Tropfen-


förmigen Ausbeulungen unter den Tragflächen für die
Flügelbewaffnung sind hier aufgeklappt.

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Focke-Wulf Fw 190 – schnell und kampfstark 41

Focke-Wulf Fw 190

Der Schrecken
der
Fliegenden Festungen

Nach anfänglichen Problemen mit dem


Sternmotor zeigte sich die Fw 190 als erfolgreiches
Kampfflugzeug im Jagd- und Schlachtfliegereinsatz.
In verschiedenen Versionen wurden von der Fw 190
mehr als 19 000 Stück gebaut. Stefan Semerdjiew

ü
42 Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen

Beim ersten Prototyp der


Focke-Wulf 190 V1 ist
das Konzept des großen
Spinners mit zentralem
Lufteinlauf zu erkennen.
Der kleine zentrale Mitten-
spinner fehlt hier noch.

Fotos und Abbildungen: wenn nicht anders angegeben - Sammlung Stefan Semerdjiew
U
rsprünglich sollte die Fw 190, als sie im Frühling 1938 als den führte zum Festfressen der Kolben des Motors. Demgegenüber
Ergänzung für den Luftwaffen-Standardjäger Messerschmitt sind später Fw 190 selbst mit zerschossenen Zylindern vom Einsatz
Bf 109 vorgeschlagen wurde, mit einem flüssigkeitsgekühl- zurückgekehrt.
ten Motor von Junkers oder Daimler-Benz ausgerüstet wer-
den. Doch der Chefkonstrukteur von Focke-Wulf, Kurt Tank, und sein Anfangs wenig Begeisterung für die Fw 190
Team beschlossen, stattdessen den luftgekühlten 14-Zylinder-Doppel- Das Reichsluftfahrtministerium unterstützte den Vorschlag von Таnk
sternmotor BMW 139 mit 1400 PS zu verwenden und so die Chancen nicht besonders begeistert, dennоch gab es im Herbst 1938 drei Proto-
auf Verwirklichung des Projektes zu erhöhen, da es bei den anderen typen des Jagdflugzeugs mit Sternmotor in Auftrag. Die neue Konstruk-
Motoren einen Produktions-Engpass gab. Die flüssigkeitsgekühlten tion mit Tunnellufteinlauf sollte die große Stirnfläche des Sternmotors
MotorenweiseneinekleineFrontflächeauf,diesermöglichteinebesse- aerodynamisch kompensieren. Ein großer Propellerspinner mit dem
re аеrodynamische Formgebung des Rumpfes. Deswegen wurden sie Durchmesser der Motorverkleidung leitete die Luft strömungsgünstig
von den meisten Flugzeugbauern bevorzugt und entsprechend war über den Rumpf. In der Mitte des Spinners war eine Öffnung, durch die
ihre Verfügbarkeit problematisch. Doch die flüssiggekühlten Motoren Kühlluft zum Motor geleitet wurde. So wurde der bullige Motor elegant
Die Focke-Wulf 190 V1 im Bau waren beschussempfindlich, der Verlust von Kühlflüssigkeit bei Schä- in die Rumpfform integriert.Was auf dem Zeichenbrett wie eine geniale
Lösung aussah, erwies sich jedoch in der Realität als kein gangbarer
Weg. Zuwenig Luft erreichte den Motor, der so ständig überhitzte.
Am 1. Juni 1939 absolvierte der erste Prototyp in Bremen seinen
Erstflug mit der zivilen Kennung D-OPZE. Doch es traten eine große
Zahl von Problemen zutage. Der Pilotensitz lag zu nahe am Motor,
daher gab es keinen Raum für den Einbau von Maschinengewehren im
Rumpf wie sie dasTechnische Amt gefordert hatte. Die unzureichende
Kühlung des Motors führte zu sehr hohen Temperaturen von über 50
Grad in der Kabine. Doch bevor der zweite Prototyp fertig wurde, lief
bei BMW die Produktion des neuen luftgekühlten 14-Zylinder-Dop-
pelsternmotors vom Typ 801 an. Mit einer Startleistung von 1560 PS
(später 1700 PS) versprach dieser bessere Flugleistungen für das neue
Jagdflugzeug. Obgleich er den gleichen Durchmesser wie der Typ 139
aufwies, war der neue BMW 801 länger und schwerer. Seine Masse war
mit 1045 kg etwa 160 kg größer als beim 139. Für einen Einbau musste
die Kabine nach hinten verlegt und etwas verkleinert werden. Dadurch
wurde teilweise das Problem der Überhitzung im Cockpit gelöst, doch
der gesamte Rumpf musste neu konstruiert werden. Er wurde länger
als ursprünglich geplant und die Schiebehaube musste modifiziert
werden, das Leitwerk wurde geändert und sogar das Fahrwerk muss-
te verlegt werden. Durch den stärkeren Motor erwartete man eine
wesentliche Verbesserung der Flugleistung, doch das Gewicht des
ü
Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen 43

Ingenieure diskutieren
Probleme des BMW-
801-Motors an der
Fw 190 A-0 mit der
Werknummer 40017.

Prototyps wuchs stark an. Wog der erste Prototyp Fw 190 V1 noch war dennoch erforderlich den Abstand zwischen Motor und Kabine
1800 kg, kam der zweite Prototyp V2 auf 2000 kg, beide Maschinen zu vergrößern.
natürlich ohne Waffen. Im Mai 1939 wurden in zwei entsprechend umgebaute Prototy- Links: Übersichtszeichnung
Die Testpiloten waren vom Flugverhalten und der Wendigkeit des pen die neue Motoren BMW 801 eingebaut. Die Tragflächen wurden des Prototyps Fw 190 V1
Flugzeugs begeistert, doch sie beklagten die hohen Temperaturen in umkonstruiert, dabei wurde jedoch das Profil des Originals beibehal- in der ursprünglichen
der Kabine und das Eindringen von Treibstoffdämpfen infolge undich- ten. Der Flügel war eine durchgehende Baugruppe und nicht wie bei Auslegung
ter Verbindungen, was sie zwang, die ganze Zeit mit Sauerstoffmaske der Bf 109 zweiteilig, was schwere Befestigungsbolzen erforderte. Dies
zu fliegen. All dies waren Hindernisse für die Abnahme des Flugzeugs führte zu einer Gewichtsreduzierung von etwa 130 kg. Die Spannweite Unten: Die Fw 190 zuerst
indieserFormdurchdieLuftwaffe.DieIngenieurehofften,dasProblem wurde um einen Meter verlängert und die Flügelfläche dadurch um mit Tunnelspinner, darunter
der ungenügenden Kühlung der Zylinder im hinteren Stern des Motors 3,35 m2 vergrößert. Ein Ergebnis der Vergrößerung der Spannweite mit normalem Spinner und
durch den Einbau eines Kühlgebläses lösen zu können. Auch war der waren ausgezeichnete Steigleistung und Wendigkeit, trotz des etwas eine Vorserienmaschine
große Spinner zugunsten eines konventionellen kleinen aufgegeben erhöhtenGewichts,wobeiderVerlustanHöchstgeschwindigkeitdurch Fw 190 A-0 mit Motor
worden, dadurch strömte von vorn mehr Kühlluft durch den Motor. Es die größere Stirnfläche nur 10 km/h betrug. BMW 801

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44 Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen

Oben und unten: Produktion Im Frühjahr 1941 testete die Luftwaffen-Erprobungsstelle Rechlin die ersten Serienmaschinen der Baureihe А-1 durch die Luftwaffe und
der Fw 190 A-1, die Motoren- die ersten Vorserienmaschinen Fw 190 A-0 ausgiebig. Dort wurden zur Erprobung bei Fronteinheiten. Zu dieser Zeit erhielt Кurt Таnk den
verkleidung diente auch die allgemeinen Flugleistungen und die Handhabung der Flugzeuge Auftrag, die Erstellung der für die Serienproduktion in den Werken
als Arbeitsplattform. erflogen. Kurz danach begannen die Vorbereitungen zur Übernahme von Focke-Wulf und in Lizenz bei Arado und AGO erforderlichen
Betriebsmittel vorzubereiten. 14 der ersten Maschinen blieben in den
Werken für erforderliche Versuche zurück, sechs wurden der Luftwaffe
übergeben.

Erste Einsätze am Ärmelkanal


Die zweite Gruppe des Jagdgeschwaders JG 26„Schlageter“ erhielt im
Sommer 1941dieerstenMaschinender neuen Fw 190 A-1 fürdieFront-
erprobung. Der neue Jäger erwies sich sofort den damaligen feindli-
chen Flugzeugen überlegen. Der Kurvenradius betrug nur 1500 m und
auch längere Sturzflüge konnten ohne weiteres durchgeführt werden.
Dabei zeigte die Fw 190 eine ausgezeichnete Wendigkeit. Die Höchst-
geschwindigkeit betrug 625 km/h in 7000 m Höhe. Die Kabine war sehr

ü
Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen 45

Flugzeuge Fw 190 mit War-


tungsbühnen in einer Halle
bei Arado in Warnemünde.
Auf dem Boden zeichnet sich
das Muster der Tarnnetze
über dem Halleneingang ab.

Die gleiche Szene bei Arado in


Warnemünde aus einer ande-
ren Perspektive gesehen.

komfortabel und der Pilotensitz konnte zum besseren Ertragen von beim Rollen am Boden, stark ein. Der Motor war nur für geringe und
hohen g-Werten nach rückwärts geneigt werden. Die Fw 190 erwies mittlere Höhen konzipiert, durchaus im Bereich der bis dahin üblichen
sich als ein verlässliches Flugzeug, welches einfach zu bedienen war. Gefechtshöhen. Seine Leistung ließ aber in Höhen über 7000 m stark
Die Eingewöhnungszeit für Flugzeugführer war wesentlich kürzer als nach. Es war nicht möglich, falls der Motor ausfiel, im Gleitflug weiter-
bei der Messerschmitt Bf 109. Als besonders zweckmäßig erwies sich zufliegen, da die Maschine dann in den Sturzflug überging. Bei hohen
das hohe und breite Fahrwerk. Bei der Bf 109 litten die Verbände unter Geschwindigkeiten traten Vibrationen der Querruder auf und ihre
starken Ausfällen durch wegbrechende Fahrwerksbeine. Betätigen erforderte große Körperkraft.
Das neue, vielversprechende Jagdflugzeug wies aber trotz aller Trotz allem sollte sich die Fw 190 als eine ausgezeichnete Allzweck-
Vorteile auch eine Reihe von Mängeln auf. Die voluminöse Mot- waffe erwiesen, die verschiedene Aufgaben erfüllen konnte. Für sie
rorabdeckung schränkte die Sicht des Piloten nach vorn, zumindest wurden mehr Nachrüstsätze mit verschiedenen Waffen und zusätz-

Die Halle der Focke-Wulf-


Werke in Marienburg teilen
sich einige Fw 190 A-1 mit ei-
ner Bf 110 und einer Fw 200.

Ganz links: Nach und nach


füllt sich die Halle mit Flug-
zeugen, die zum Abnahme-
flug bereitstehen.

ü
46 Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen

Im Arado-Werk in War- lichen Ausrüstungen entwickelt als für irgendein anderes Flugzeug Außenflügel, außerhalb des Fahrwerks, zwei 20-mm-Oerlikon-Kano-
nemünde läuft die 190er- der Luftwaffe. Die Umrüstsätze (bezeichnet mit U) wurden direkt im nen MG-FF montiert, die außen am Propeller vorbei feuerten. Zum
Produktion auf vollen Touren. Herstellerwerk eingebaut, während die Rüstsätze (bezeichnet mit R) in Zielen wurde das Reflexvisier Revi C/12C verwendet.
Der Takt der Rumpfmontage den Frontwerkstätten nachgerüstet wurden. Das schwer gepanzerte Bei der Fw 190 A-3 wurde dann die Waffenanlage gemäß dem
geht von links nach rechts pa- ModellFw190A-8еrwiessichalsoptimalerJagdbomber.Eskonnte,bei ursprünglichen Entwurf realisiert. Die Maschine trug zwei synchroni-
rallel zur Motoren- und Trag- Überladung bis zu einem Gesamtgewicht von 4500 kg, 500kg Bomben sierte 20-mm-Kanonen MG 151/20 in den Tragflächenwurzeln, zwei
flächenmontage. Dahinter mitnehmen, unter Beibehaltung der Standard-Bewaffnung von zwei 20-mm-Kanonen MG-FF im Flügel außerhalb des Fahrwerks und zwei
läuft dann die Endmontage Maschinengewehren und vier Kanonen. Mehr als 8000 Maschinen aller 7,92-mm-Maschinengewehre MG 17 über dem Motor. Die Maschinen-
wieder in entgegengesetzter hergestellten Fw 190 waren von dieser Variante. gewehre waren jeweils mit 900-Schuss-Gurten bestückt, die Kanonen
Richtung. Der einteilige Auf- Die Waffenanlage der ersten Fw 190 bestand aus zwei 7,92-mm- MG 151/20 mit jeweils 250-Schuss-Gurten und die Kanonen MG-FF
bau der Tragflächen der 190 Maschinengewehren vom Typ MG 17 in den Tragflächenwurzeln mit jeweils 90-Schuss-Trommelbehältern. Über das neue Reflexvisier
ist gut zu erkennen. und zwei über dem Motor. Ursprünglich war vorgesehen, zwei neue Revi C/12D konnte der Pilot jede gewünschte Kombination derWaffen
15-mm-Kanonen Маuser MG 151 in die Flügelwurzeln einzubauen, die wählen. Der Rücken und der Kopf des Piloten waren durch eine 8 mm
synchronisiert durch den Propellerkreis feuern sollten. Doch der dafür dicke Stahlplatte geschützt. Solche Platten wurden später auch an
erforderliche elektrische Schussgeber, der das Feuer mit dem drehen- den beiden Seiten der Kanzel montiert. Die Platte hinter dem Rücken
den Propeller synchronisieren sollte, war noch nicht fertig. Deshalb war bei einigen späteren Modellen bis zu 14 mm dick. Die geneigte
wurden zur Erhöhung der Feuerkraft als provisorische Maßnahme im vordere Panzerglas-Frontscheibe war 50 mm dick. Die Bewaffnung
der Fw 190 A-6 und der nachfolgenden Versionen bestand aus zwei
Bei den letzten Arbeiten 13-mm-Maschinengewehren vom Typ Rheinmetall MG 131 über dem
beim Motoreneinbau zeigt Motor und vier Kanonen zu 20 mm, Mauser MG 151/20 in den Tragflä-
diese Fw 190 die offenen chen. Da die MG 131 und ihre Munitionszuführung vor der Kabine grö-
Waffelbleche der Verklei- ßerwarenalsdieursprünglicheingebautenMaschinengewehre,muss-
dung und die MG-Montage te hinter dem Motor eine stromlinienförmige Verkleidung angebracht
über dem Motor. werden, die einen charakteristischen Buckel bildete.Wartungsarbeiten
an den Waffen waren durch Abheben dieser Verkleidung mit wenigen
Handgriffen möglich. Die Fw 190 war in jeder Hinsicht moderner als
die Bf 109, da bei ihrem Entwurf schon die Erfahrungen aus vier Jahren
Nutzung des Messerschmitt-Jägers einflossen.

Motor
Der 14-Zylinder-Sternmotor BMW 801 entwickelte bei Kriegsende
eine Leistung von 1700 PS beim Start und 1440 PS in 6000 m Höhe.
Der Treibstoff wurde eingespritzt, daher waren alle Flugmanöver ohne
ü
Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen 47

Leistungsverlust möglich. Das Verdichtungsverhältnis betrug bei den wurden automatisch Gemischbildung, Drehzahl und Laderschaltung Mechaniker montieren
ersten Modellen 6,5, und bei den letzten 7,22. Auch die Übersetzung geregelt, ohne dass sich der Pilot darum kümmern musste. Auch die den VDM-Dreiblatt-
zum Lader wurde erhöht. Das Modell А-4 verfügte über eine Methanol- Verstellhydraulik des VDM-Dreiblatt-Propellers wurde automatisch Verstellpropeller an
Wasser-Einspritzanlage, die für die Dauer von maximal zehn Minuten gesteuert. Zur Zwangskühlung diente ein 12-blättriges Kühlgebläse, den BMW-Motor einer
eine Steigerung der Geschwindigkeit um bis zu 25 km/h gestattete. montiert hinter der Luftschraube im Bereich der vorderen gepanzerten Fw 190 A-2.
Dank des einstufigen Zweigangladers und eines Motorbediengerätes Motorabdeckung. Dieses Gebläse wurde vor dem Motor über ein eige-

Ganz links: Ohne den Spinner


ist das Kühlluftgebläse für
den Motor gut zu sehen, der
Motor ist noch nicht durch
einen Panzerring geschützt.

Rechts: Diese Fw 190 trägt


den zusätzlichen Panzerring
aus 6,5-mm-Stahl vor dem
ringförmigen Öltank
des Motors.

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Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen 49

In Vorbereitung auf einen


Abnahmeflug wird diese
Fw 190 A-1 aus einem
kleinen Tankanhänger
heraus betankt. Der Erste
Wart klettert gerade in
die Maschine und wird
vermutlich gleich den Motor
warmlaufen lassen.
Es handelt sich um
eine Maschine aus dem
Kennzeichenblock SB+KA
(Werknummer 0110001)
bis SB+KZ (Werknummer
0110026), die alle beim JG 26
am Ärmelkanal flogen.

nes Getriebe mit dreifacher Propellerdrehzahl betrieben. Die Kühlluft ler komplette, voll funktionsfähige Triebwerke mit Motorträger und
kühlte die Zylinder, die Zylinderköpfe, Gehäuseelemente und das Öl. Motorverkleidung,sogenannteEinheitstriebwerke,abzuliefernhatten,
Doch reichte diese Kühlung für die hintere Zylinderreihe im zweiten die direkt in die Flugzeugzelle eingebaut werden konnten. Es wurde
SterndesMotorsnichtaus. ProblememitderKühlungdesMotorsplag- dadurch möglich ein Austauschtriebwerk innerhalb von etwa 15 Minu-
ten die Fw 190 von Beginn an. Auch etliche Verbesserungen, wie das ten komplett zu wechseln. Ein Lösen von Ölleitungen war dabei nicht
ErsetzenderbislangverwendetensehreinfachgestaltetenKühlschlitze erforderlich, denn das Triebwerk selbst enthielt Ölkühler, Ölbehälter
durch verstellbare Kühlerklappen für die Abgase, mit deren Hilfe der und Panzerschutz.
Pilot die Temperatur des Motors regeln sollte, hatten nicht geholfen.
Die Motorbefestigung wurde sehr geschickt gelöst und erfüllte Der Rumpf der Fw 190
zwei Funktionen. Ein Ring aus geschweißtem Stahlrohr hielt mittels Beim Entwurf der Fw 190 wurde auf eine möglichst einfache War-
zehn elastischer Gummihülsen den Motor. Dieser Ring diente zugleich tung Wert gelegt. Das Ersetzen von einzelnen Bauteilen und Bau-
als Behälter für die Hydraulikflüssigkeit der Systeme für die Verstellung gruppen sollte leichter und schneller als ihre Reparatur erfolgen. Die
des Propellers und für die Fahrwerkbremsen. Am Anfang des Krieges Konstruktion war deshalb sehr gut durchdacht. Der Rumpf bestand
lieferte der Motorenhersteller nur den nackten Motor und die Zellen- aus zwei Hauptsektionen – die vordere, von der Brandwand hinter
hersteller waren für die Konstruktion und den Bau des kompletten dem Motor bis hinter den Pilotensitz und die hintere von dort bis
Triebwerks inklusive Befestigung und Verkleidung zuständig. 1942 zum Leitwerk. Im oberen Bereich der vorderen Sektion befand sich
ordnete das Reichsluftfahrtministerium an, dass die Motorenherstel- die Kabine, und unter dem Kabinenboden waren zwei selbstdichten-

Abnahme-Flugbetrieb im
Jahr 1941 mit der SB+KA im
Vordergrund.
Die Fw 190 A-1 mit der
Werknummer 0110001 flog
dann als „braune 5“ bei der
6./JG 26 am Ärmelkanal.

ü
50 Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen

Maschinengewehre MG 131
im Rumpfoberteil einer Fw
190 A-8. Sie sind nach außen
geneigt, damit sie unter die
Verkleidung passen.

de Treibstofftanks angeordnet. Der erste, aus Aluminium gefertigte Behälter befand sich eine elektrische Pumpe, die von unten durch
und an Textilgurten aufgehängte Tank mit 232 Litern Fassungsver- einen Deckel zugänglich war.
mögen war zwischen den Flügelholmen, unterhalb der Füße des Der innere Aufbau der Ganzmetall-Rumpfschalenstruktur aus
Piloten angebracht. Der hintere Tank, der 290 Liter fasste, befand gebogenen Duralprofilen bestand aus 14 Spanten, wurde durch
sich unterhalb des Pilotensitzes. Die Tanks waren nahe am Schwer- zusätzliche Halbspanten im unteren Bereich der vorderen Sektion
punkt gruppiert, um Lastigkeitsproblemen bei unterschiedlichen verstärkt und bot somit hohe Festigkeit bei moderatem Gewicht.
Füllungszuständen aus dem Weg zu gehen. Beide Tanks wurden Die Beplankung bestand aus dünnen Duralblechen, welche mit
durch Stutzen in der rechten Seite des Rumpfes befüllt. In jedem Senknieten befestigt waren.

Die Waffen einer Fw 190 A-7:


1 Gurtkasten für MG 151/20
2 20-mm-MG 151/20
3 Elektrische Leitung
4 Zwei 13-mm-Maschinen-
gewehre MG 131
5 Patronengurtzuführung
6 Reflexvisier Revi 16B
7 Waffen-Schaltkasten
8 Knüppelgriff mit Waffen-
auslöser
9 Gurtzuführung
10 Kanone MG 151/20
11 20-mm-Kanone MG FF mit
Trommelmagazin, ver-
wendet in Fw 190 A-1 und
А-2 in Kombination mit
MG 17 über dem Rumpf
12 Kanone MG 151/20
13 Synchronisierung für Pro-
peller
14 Zuführung von Kühlluft zu
den Gurtkästen
15 Abführschacht
16 Gurtkasten für die
13-mm-Rumpfwaffen
17 Gurtkasten für MG 151/20
18 Heizrohr
19 Kanone MG 151/20
20 Gurtkasten für MG 151/20
ü
Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen 51

Noch ohne Bewaffnung


steht diese Fw 190 in
der Endmontage.

Die meisten tragende Elemente im Inneren des Rumpfes, die montiert. Dieses Verkleidungsblech wurde ebenfalls mittels Hebel-
abnehmbaren Verkleidungen und die Waffenabdeckungen waren verschlüssen befestigt.
Platten, die aus zwei dünnen Blechen mit eingeprägten Vertiefun- Der Windschutz vor dem Piloten war aus Panzerglas von 50 mm
gen bestanden, die miteinander durch Niete verbunden waren und (Front) oder 20 mm (Seiten) gefertigt, die Schiebehaube bestand aus
als „Waffelbleche“ bezeichnet wurden. Die seitlichen Motorverklei- Plexiglas. Sie wurde von Innen über einen Kurbeltrieb bewegt. Sie
dungen wurden mit je drei Hebel-Schnellverschlüssen befestigt. konnte in kritischer Situation durch Niederdrücken eines Griffs, der
Die oberen, seitlichen Bleche konnten in geöffnetem Zustand als eine kleine Sprengladung betätigte, vom Flugzeug getrennt werden.
Arbeitsplattform bei der Wartung des Motors dienen. Das Rumpf- Die Haube wurde bei der Explosion nach oben/rückwärts getrieben
vorderteil über dem Waffenraum wurde oben durch ein Verklei- und dann von der Luftströmung abgerissen. In der hinteren Rumpfsek-
dungsblech abgedeckt, das rückwärts zur Kabinenhaube geklappt tion bildeten Spanten und eng gesetzte Stringer gemeinsam mit der
werden konnte. Die Maschinengewehre selbst waren auf einer Platte Außenhaut die tragende Struktur, in der Ausrüstungsteile wie Mutter-
kompass, Funkgeräteundgelegentlich eineBildkamera untergebracht
waren. Die vordere und die hintere Rumpfsektionen wurden durch Letzte Arbeiten am
Bolzen miteinander verbunden. Hauptfahrwerk

Tragflügel
Der Flügel der Fw 190 in Schalenbauweise war einteilig, mit zwei
durchgehenden Holmen aufgebaut. Dies führte zur Herabsetzung des

Leistungsdaten Focke-Wulf Fw 190


Fw 190 A-3 Fw 190 A-8 Fw 190 D-9
Verwendung Jagdflugzeug Jagdflugzeug Jagdflugzeug
BMW 801 D-2 BMW 801 D-2 Junkers Jumo 213 A-1
Triebwerk
1700 PS Startleistung 1700 PS Startleistung 1750 PS Startleistung
Länge 8,85 m 9,00 m 10,19 m
Spannweite 10,51 m 10,51 m 10,51 m
Flügelfläche 18,30 m2 18,30 m2 18,30 m2
Höhe 3,95 m 3,95 m 3,95 m
Startmasse max. 4000 kg 4400 kg 4270 kg
Höchstgeschwindigkeit 640 km/h 656 km/h 686 km/h
Dienstgipfelhöhe 10 300 m 10 600 m 11 100 m
Reichweite 810 km 810 km 810 km
2 x 7,92-mm-MG 17 2 x 13-mm-MG 131
2 x 13-mm-MG 131
Bewaffnung 2 x 20-mm-MG 151/20 2 x 20-mm-MG 151/20
2 x 20-mm-MG 151/20
2 x 20-mm-MG FF 2 x 20-mm-MG 151/20
ü
52 Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen

Diese Fw 190 A-3 der Gewichts, erforderte aber einen kompletten Ersatz bei Beschädigung zusammen mit dem Fahrwerk eingezogen und ausgefahren. Der
11./JG 2 landete im Juni 1942 einer Flügelseite. Nur die halbrunden Flügelspitzen waren abnehm- Tragflügel der Jagdbomber-Modelle wurde zusätzlich mit Leichtme-
irrtümlich in England. Die bar. Durch höchste Festigkeit war der zentrale Bereich des Flügels tall-Querverbindungen zwischen den Rippen verstärkt. Die hintere
Auslegung beeindruckte die gekennzeichnet, der das Gewicht des Motorträgers, des einziehbaren Rumpfsektion war ebenfalls verstärkt.
Briten so, dass sie mit der Sea Fahrwerks und der 20-mm-Kanonen in den Flügelwurzeln trug. Der
Fury einen eigenen Jäger mit durchgehende Hauptholm verlieh den Tragflächen eine beträchtliche Geräte
Sternmotor entwickelten. Festigkeit. Die Fw 190 war gekennzeichnet durch weitgehenden Verzicht auf
Die Landeklappen bestanden aus einem Metallskelett in einem hydraulische Systeme und starke Nutzung von elektrischen Betätigun-
Metallrahmen, das mit Stoff bespannt war. Sie wurden elektrisch gen, da Drahtverbindungen weniger beschussempfindlich sind als
betätigt und ihr maximaler Ausschlag betrug 60 Grad. Die Kons- Hydraulikleitungen. Von der Ruderbetätigung bis zum Abfeuern der
truktion der Querruder war ähnlich. Die Verbindung zum Rumpf Waffen erfolgte so gut wie alles elektrisch. Bei der Fw 190 regelte der
erfolgte über Beschläge am Haupt- und Hinterholm. Das breite, nach FlugzeugführermitdemGashebeldiegewünschteMotordrehzahlund
innen in die Tragflächen einziehbare Hauptfahrwerk war mittels der mechanische Rechner übernahm automatisch alle sonstigen Ein-
Bolzen an den Flügelholmen aufgehängt. Es garantierte das sichere stellungen wie Gemischregelung, Zündzeitpunkt oder Luftschrauben-
Rollen auch auf schlecht befestigten Pisten und verringerte die stellung sowie Einschalten des Laders bei Flug in großer Höhe. Einige
Unfallgefahr beim Start wie bei der Landung. Es wurde durch einen Maschinen trugen in der Flügelwurzel eine 16-mm-Schusskamera, die
elektrischen Mechanismus betätigt, wobei jedes Fahrwerkbein mit bei Betätigung des Feuerknopfes aktiviert wurde. Auf diese Weise lie-
einem eigenen Elektromotor ausgerüstet war. Die Räder waren mit ßen sich maximal vier Angriffsaktionen von jeweils etwa 50 Sekunden
hydraulischen Trommelbremsen versehen. Das Spornrad wurde Dauer dokumentieren.

Eine Staffel Fw 190 A-5 des


JG 26 steht 1943 startbereit
am Platzrand.

ü
Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen 53

Nachdem Jadgflugzeuge
mit Bomben gegen England
erfolgreich eingesetzt
wurden, entwickelte
Focke-Wulf eine eigene
„Jagdbomber“-Version der
Fw 190. Hier trägt vermutlich
eine A-1 mit Umrüstsatz
insgesamt acht Stück
50-kg-Bomben.

Das Arado-Werk in Warnemünde fert. Lübbe wurde aus politischen Gründen im Jahr 1935 verhaftet und
Mit einer überdachten Fläche von 14 800 m2 war das Arado-Werk in gezwungen, seine Firma an den Staat zu verkaufen, sie wurde dabei in
Warnemünde einer der wichtigsten Hersteller der Fw 190. Es befand „Arado Flugzeugbau“ umbenannt.
sich an der Ostseeküste, unweit von Rostock, etwa 160 km entfernt von Das Werk in Warnemünde übernahm in den folgenden Jahren die
Berlin. Es wurde schon im Ersten Weltkrieg als Zweigbetrieb der Firma LizenzpoduktionvonFlugzeugtypenandererFlugzeugbaufirmen.Hier
aus Friedrichshafen errichtet. Dort wurden damals Wasserflugzeuge wurden zuerst Jagdflugzeuge Messerschmitt Bf 109 nachgebaut. Es ist
für die Kaiserliche Marine gebaut. Diese Tätigkeit wurde nach dem erstaunlich, dass das erfolgreichste Flugzeug von Arado, das Schulflug-
Ende des Krieges gemäß den Klauseln des Versailler Friedensvertrags zeug Ar 96, nicht im eigenen Werk, sondern bei AGO in Oschersleben
eingestellt. Heinrich Lübbe erwarb im Jahr 1921 das Werk und begann produziert wurde. In Warnemünde entstand eine Zentralstelle für das
dort ab 1924 Sportflugzeuge zu produzieren, die nur für den Export Entwickeln und Prüfen von versuchsweisen Bewaffnungsvarianten für
bestimmt waren. 1925 übernahm die vom Industriellen Hugo Stinnes die Flugzeuge der Firma Focke-Wulf. Es wurde die Produktionskapazi-
Junior gegründete Firma „Arado Handelsgesellschaft“ das Flugzeug- tät erweitert und sechs Zweigbetriebe errichtet. Der modernste von
werkvonLübbeinWarnemünde.DieseFirmawarzurTarnungdesnach ihnen befand sich in Brandenburg-Neuendorf, unweit von Berlin, wo
dem Ersten Weltkrieg illegalen Handels mit Militärtechnik gegründet die Konstruktionstätigkeit der Firma konzentriert wurde. Dort wurden
worden. Stinnes emigrierte 1933 nach der Machtübernahme der Nati- Kampfflugzeuge Junkers Ju 88 und schwere Bomber Heinkel He 177
onalsozialisten ins Ausland. nachgebaut, und im letzten Kriegsjahr schließlich die ersten Strahl-
Das Werk in Warnemünde begann dann bald Flugzeuge für die bomber der Welt, Ar 234.
neuaufgestellte Luftwaffe zu bauen. Bis 1936 wurden etwa 1500 Dop- Im Werk Warnemünde mit etwa 15 000 Arbeitern wurden etwa
peldecker des Jagdflugzeugs Ar 65 und des Schulflugzeugs Ar 66 gelie- 4000 Jagdflugzeuge Fw 190 gebaut. Dort wurden auch die Hälfte der

Um den Jagdbombern eine


größere Eindringtiefe zu
ermöglichen, entstand aus
der A-3 die Jabo-Rei-Version
mit durch Zusatztanks
verlängerter Reichweite.

ü
54 Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen

Eine 21-cm-Werfer-
Raketengranate mit einem
Gewicht von 111 kg wird
in das Abschussrohr einer
Fw 190 A-7/R6 geladen. Der
Wart rechts am unteren Ende
des Startrohres hat einen
etwa einen Meter langen
Holzstempel in der Hand, mit
dem er die Granate langsam
zum Rohrende herabrutschen
lässt.

1000 an die Luftwaffe gelieferten schweren Bombenflugzeuge Heinkel sächlich im Arado-Werk, wo sich die Zentralstelle für die Erprobung
He 177 gefertigt. Außerdem wurde in diesem Werk eine große Anzahl von Waffensystemen der Firma Focke-Wulf befand. Hier wurden auch
von Fw 190 mit zusätzlichen Ausrüstungen und Umrüstsätzen ausge- Sonderausführungen, wie zum Beispiel Jagdbomber, Schlachtflugzeu-
stattet. Die Produktion der Fw 190 inWarnemünde wurde Anfang 1941 ge, Aufklärer oder Sturmjäger, getestet
eingerichtet. Im Mai 1942 begannen auch die Fieselerwerke in Kassel die Fw
190 zu bauen, die Monatsproduktion erreichte im Juli bereits 200
Produktion der Fw 190 Maschinen. Im Jahr 1942 wurden insgesamt 1878 Fw 190 hergestellt,
Die erste Bestellung für 102 Fw 190 A-1 durch die Luftwaffe erfolgte im was etwa 40 Prozent aller in diesem Jahr produzierten Jagdflugzeugen
Januar 1941. Sie wurden im neuen Focke-Wulf-Werk in Marienburg bis entspricht. Die Produktion stieg 1943 um 70 Prozent an und die Zahl
Ende Oktober hergestellt. Ab August 1941 begann im Arado-Werk in der hergestellten Fw 190 erreichte 3200; dies entsprach 33 Prozent der
Warnemünde die Produktion der ersten Fw 190 A-2. Bis zum Jahresen- insgesamt hergestellten Jagdflugzeuge.
de wurden der Luftwaffe insgesamt 224 Jagdflugzeuge geliefert. Anfang 1943 wurden der damals neutralen Türkei 72 Maschinen
Die A-3 war die erste Version der Fw 190, die nicht nur für die reine des Exportmodells Fw 190 Aa-3 verkauft. Die Waffenanlage bestand
Jägerrolle vorgesehen war und die bemerkenswerte Vielseitigkeit des aus vier Maschinengewehren MG 17 – zwei über dem Motor und zwei
Typsbegründete.ImFrühlingundSommer1942wurdenverschiedene in den Flügelwurzeln – und zwei Kanonen MG FF im Außenflügel. Eine
Varianten des Basismodells Fw 190 mit verschiedene Kombinationen Fw 190 A-5 erreichte auf dem Seeweg Japan und wurde dort ausgiebig
von Waffen, Aufhängungen für zusätzliche Treibstofftanks, Bomben, erprobt. Ein Nachbau fand nicht statt, aber das deutsche Flugzeug
Raketengeschosse und sogar Torpedos erprobt. Dies erfolgte haupt- beeinflusste die Entwicklung der Kawasaki Ki 100.

Um Tagbomberverbände
auseinandersprengen zu
können, trägt diese
Fw 190 A-5/R6 unter jeder
Tragfläche ein Abschuss-
rohr für eine Werfer-
granate WGr. 21.

ü
Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen 55

Mit der schweren Kanone


MK 103 (Kaliber 30 mm)
sollte die Bekämpfung der
„Fliegenden Festungen“
verbessert werden. Waffen
kleineren Kalibers konnten die
Bomber kaum beschädigen.
Hier ist der Prototyp für die
Fw 190 A6/R3 zu sehen.

Der erste Rüstsatz, der an der Fw 190 A-4 zum Einsatz kam, war der der Fw 190 dahin und es mussten ständig Verbesserungen eingeführt
Rüstsatz R6. Das Flugzeug trug unter jederTragfläche ein Abschussrohr werden.
für eine Werfergranate WGr. 21 vom Kaliber 21 cm mit einem Gewicht Im Jahr 1943 begann im Arado-Werk die Produktion der Schlacht-
von 111 kg. Die Granaten hatten eine größere Reichweite und Spreng- flugzeug-Version Fw 190 F. Sie besaß zusätzliche Panzerung, Bom-
wirkung als die Bordkanonen, so konnte das Jagdflugzeug aus dem benträger unter Rumpf und Tragflügel sowie eine stärker gewölbte
Feuerbereich der Bordwaffen amerikanischer Tagbomber bleiben. Kabinenhaube, welche die Sicht vorwärts und seitwärts verbesserte
Ende 1943 erzielten solche Maschinen einige Erfolge im Kampf gegen und dem Piloten mehr Bewegungsfreiheit gewährte. Doch ihre Flug-
Tagbomberverbände,alsdiesenochohneJagdschutzflogen.Dochdie leistungen wurden als Folge des erhöhten Luftwiderstands und des
Abschussrohre verschlechterten die Flugleistungen Fw 190. Als im Jahr hohen Gewichts verschlechtert und sie konnte sich schwer gegen
1944diewendigenamerikanischenBegleitjägermitgroßerReichweite feindlicheJägerwehren.DieFw190FleistetetrotzdemanallenFronten
bei den Bomberverbänden auftauchten, waren ihnen die Fw 190 mit biszumKriegsendewertvolleDiensteundübernahmdieAufgabenzur
derartigen Anbauten unterlegen und konnten ihre Raketenbewaff- Unterstützung der Bodentruppen vom veralteten Sturzkampfbomber
nung nicht mehr einsetzen. Junkers Ju 87.
Durch das ständig anwachsende Gewicht der Fw 190 musste ab Die ersten Jagdbomber der Version Fw 190 G mit erhöhter Reich-
der Baureihe A-5 der BMW-801-Motor aus Schwerpunktsgründen um weite bis 750 km wurden Ende des Sommers 1943 ausgeliefert. Sie
150 mm vorverlegt werden. Die Motorverkleidung wurde entspre- besaßen keine MG mehr über dem Motor. Unter dem Rumpf befanden
chend angepasst. Durch die ständige Weiterentwicklung der Jäger sichTräger für bis zu 1200 kg Bomben und unter denTragflächen auch
auf alliierter Seite schmolz der anfangs vorhandene Leistungsvorteil Träger für abwerfbare Zusatztanks.

Eine Fw 190 A-5/U12


wurde sogar mit sechs
20-mm-Kanonen MG
151/20 ausgerüstet. Diese
Bewaffnung konnte nur
eingesetzt werden, solange
die Bomber ohne Begleitjäger
flogen. Nach Auftauchen
der US-Langstreckenjäger
wurden solche überschwer
bewaffneten 190 selbst
zu Gejagten.

ü
56 Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen

Auf dieser Seite:

Werbeanzeigen aus
der Kriegszeit mit dem
Jagdflugzeug Focke-Wulf
Fw 190 als Motiv.

AbFebruar1944wurdediemeistgebauteVersion,dieA-8gefertigt. konnten noch einmal 25 km/h zugelegt werden. Und ausgerechnet


Ihre Bewaffnung bestand aus zwei 13-mm-MG-131 über dem Motor diese überschwere Version der Fw 190 hatte jetzt die Hauptlast des
sowie vier 20-mm-MG-151/20 in den Tragflächen. Durch die verstärkte Abwehrkampfes gegen die alliierten Angriffe zu tragen.
BewaffnungundzusätzlichePanzerungwuchsdasGesamtgewichtder Die speziell umgerüstete Sturmjäger-Version Fw 190 A-8/R2
Fw 190 auf mittlerweile 4300 kg an. Zur kurzfristigen Steigerung der trug um den Flugzeugführer herum starke Panzerplatten, auf den
Motorleistung erhielt die A-8 eine MW-50-Anlage mit einem Wasser- Windschutz montierte man zusätzlich mehrere Zentimeter dickes
Methanol-Tank mit 115 Litern Fassungsvermögen. Sie war damit Panzerglas. Bei einigen Maschinen wurden auch die Bewaffnung
um 300 kg schwerer als beispielsweise die A-5-Version. Damit blieb verstärkt und die Rumpf-MG ausgebaut und dafür schwere 30-mm-
die A-8 Version leistungsmäßig hinter den Erwartungen zurück. Die Kanonen MK 103 mit je 55 Schuss in externen Waffengondeln an den
Höchstgeschwindigkeit lag trotz des neuen Motors BMW 801 D-2 bei Unterseiten der Tragflächen eingebaut oder, wenn verfügbar, die MK
nur noch 648 km/h in 6300 m Flughöhe. Bei Einsatz der MW-50-Anlage 108 im Flügel. Die Panzerung bot besseren Schutz gegen das Abwehr-

ü
Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen 57

Schwer gepanzerte
Fw 90 A-8/R2 sollten als
„Sturmjäger“ den Jagdschutz
der Tagbomber durchbrechen
und dicht an die Ziele
heranfliegen. Hier wird im
Herbst 1944 die Maschine,
Werknummer 681382 des
Kommandeurs der
IV (Sturm)/JG 3, Hauptmann
Wilhelm Moritz, für den
nächsten Einsatz vorbereitet.

Der Erste Wart ist beim


Schließen der gepanzerten
Haube eines Sturmjägers
behilflich.

feuerder alliierten Bomberpulks, doch sie bedeutetehöheresGewicht.


Die Sturmjäger waren langsamer, reagierten schwerfälliger und
verbrauchten mehr Treibstoff als „normale“ Fw 190. Für gegnerische
Bomber waren sie eine große Gefahr, für deren Begleitjäger jedoch
eine leichte Beute, sodass die Sturmjäger eine eigene Deckung durch
wendige Bf 109 benötigten.
Die Produktionsbasis wurde im Jahr 1944 erheblich erweitert,
nachdem auch das norddeutsche Dornier-Werk in Wismar die Lizenz-
fertigung aufnahm, wie schon Аradо, AGO und Fieseler. Doch Focke-
WulfmusstedieProduktionimeigenenWerkinBremennachschweren
Luftangriffen der westlichen Alliierten einstellen und nur ihr Werk in
Marienburg produzierte weiterhin Fw 190. Die Firma errichtete dafür
neue Werke im Osten, in Posen, Cottbus und Sorau, die für die ameri-
kanischen und britischen Bomber schwerer erreichbar waren. Im Werk
in Sorau wurden nur abgeschossene oder bei Unfällen beschädigte
Jagdflugzeuge repariert und instandgesetzt. Bis Kriegsende wurden

Dieses Schlachtflugzeug
Fw 190 F-8/R1 aus den
letzten Kriegstagen ist im
amerikanischen Steven
Udvar-Hazy Center in
Washington erhalten
geblieben. Die Maschine
hat schon die gewölbte
Cockpithaube.
ü
58 Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen

Versuchsaufbau mit dem


Motor Junkers Jumo 213.
Durch dieses neue Trieb-
werk erhielt die Fw 190
als D-Variante kurz vor
Kriegsende noch einmal
einen Leistungsschub.

dort etwa 1500 Fw 190 wieder der Luftwaffe zugeführt. Kleine Betriebe entwickelte. Das komplette Triebwerk, als Einheitstriebwerk geliefert,
stellten weniger komplexe Baugruppen her und führten das Material wurde als 801 TS bezeichnet. Ein neues Kühlgebläse mit 14 statt 12
abgeflogener und von den Einsatzgeschwadern ausgesonderter Flug- Blättern verbesserte die Kühlung für den leistungsgesteigerten Motor.
zeuge der Wiederverwertung zu. Im Laufe des Jahres 1944 begannen Die von der F-8-Version übernommene gewölbte Kabinenhaube ver-
folgende Betriebe Fw 190 zu fertigen: Heinkel-Werk Oranienburg, Mit- besserte die Sicht des Piloten. Der Prototyp eines A-9 Rammjägers mit
teldeutsche Metallwerke Erfurt, Weserflug-Werk Aslau (nur 7 Maschi- gepanzertem Tragflügel wurde zwar erprobt, doch nicht serienmäßig
nen A-8), Leichtbau Budweis (nur 10 Maschinen A-8). gebaut.
Einen Sprung nach vorn bei den Flugleistungen gelang der
Eine erhaltene Fw 190 D-9 Letzte Versionen Fw 190 durch Wahl eines neuen Motors. An Rumpf und Flächen der
steht als Kriegsbeute im Die A-9-Variante stellte mit 660 ab Herbst 1944 produzierten Maschi- A-9 wurde der Zwölfzylinder-Reihenmotor Jumo 213 montiert. Diese
Museum der U.S. Air Force nen die letzte Baureihe mit BMW 801 dar. Sie wurde mit dem verbesser- „Langnasen“-Fw-190 erhielt, da ja auf der A-9 basierend, die Bezeich-
in Dayton, Ohio. ten Motor BMW 801 S ausgestattet, der eine Startleistung von 2040 PS nung D-9 und war als Höhenjäger konzipiert und in erster Linie zur

Foto: U.S. Air Force Museum

ü
Fw 190 – Schrecken der Fliegenden Festungen 59

Diese Aufnahme ist zwar


qualitativ schlecht, beweist
aber, dass die Rote Armee
bei Kriegsende erbeutete
Fw 190 D-9 mit dem Roten
Stern versah und selbst gegen
die Luftwaffe einsetzte.

Bekämpfung der alliierten Jagdflugzeuge gedacht. Um die größere und Fieseler die Produktion der neuen Untervariante Fw 190 D-12
Baulänge des Reihenmotors auszugleichen, musste vor dem Leitwerk beginnen, doch der akute Mangel an Material und Arbeitskräften hat
ein rund 50 cm langes Zwischenstück (die„Tonne“) eingefügt werden. den Anlauf der Großserienproduktion verhindert.
Insgesamt war der Rumpf der Fw 190 D um knapp eineinhalb Meter Ende 1943 kam es zur Entwicklung der zweisitzigen Schulungs-
länger als jener der A-Serien-Flugzeuge. Die Waffenanlage bestand version Fw 190 S. Die Fw 190 S entstanden durch Umbauten aus
aus zwei 13-mm-Maschinengewehren MG 131 über dem Motor sowie Reparaturzellen, wobei als Grundlage verschiedene Typen der A-Vari-
zwei 20-mm-Kanonen MG 151/20 in den Flügelwurzeln. Zur Vergrö- antedienten.DahertrifftdieseSammelbezeichnungaufFlugzeugemit
ßerung der Reichweite konnte die Fw 190 D im Jagdeinsatz an einer unterschiedlichenBMW-801-VersionenundAusrüstungszuständenzu.
Aufhängung unter dem Rumpf einen 300 Liter fassenden Zusatztank Im Jahr 1944 wurden 11 500 Fw 190 neu hergestellt, ohne die
aufnehmen. Bei Jagdbombereinsätzen konnte sie bis zu 500 kg an instandgesetzten und umgebauten Maschinen mitzurechnen, wobei
Bomben mitführen. etwa 650 bis 700 von ihnen neue Langnasen waren. Bezogen auf das
Die Fw 190 D erwies sich als hervorragender Jäger und Jagdbom- Vorjahr bedeutete dies eine Steigerung des Ausstoßes um 375 Prozent.
ber und war den meisten Gegnern überlegen. Die ersten Maschinen Es gibt keine genauen Angaben für 1945, doch es wurden mindestens
verließen das Werk in Cottbus im Sommer 1944, doch ihre Produktion 2700 Fw-Jagdflugzeuge an die Luftwaffe geliefert. Bei Kriegsende
wurde dann vollständig ins Zweigwerk in Marienburg verlegt. Dort befanden sich noch etwa 1500 Maschinen in den Werkhallen in ver-
wurden, bis zu dessen Einnahme durch die Rote Armee im Februar schiedenen Fertigungsstadien.
1945, acht Maschinen täglich produziert. Es wurden insgesamt schätzungsweise 12 500 Jagdflugzeuge
Dort wurden von den sowjetischen Truppen eine größere Zahl Fw 190 aller Varianten, plus 5600 Schlachtflugzeuge und rund 1400
intakter Fw 190 D-9 erbeutet. Ein Jagdfliegerregiment der Baltischen Jagdbomber hergestellt. Die Fw 190 war damit nach der Bf 109 das
RotbannerflotteschulteinnerhalbwenigerTageaufdiesenTypumund meistgebaute deutsche Flugzeug des Zweiten Weltkriegs. Sie erwies
nahm mit ihm, mit roten Sternen versehen, an den weiteren Kämpfen sich als starker Gegner, der sich allerdings gegen Kriegsende der feind-
gegen die Wehrmacht teil. Ab Januar-Februar 1945 sollte bei Arado lichen Übermacht beugen musste.

Das Militärhistorische
Museum der Bundeswehr
auf dem Flugplatz Berlin-
Gatow zeigt seit 2018 eine
restaurierte Focke-Wulf
Fw 190 A-8. Über dem
Flugzeug ist eine Flugbombe
Fieseler Fi 103 (V-1) und ein
Raketenjäger Messerschmitt
Me 163 aufgehängt.
Foto: Uwe W. Jack

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60 Grumman Panther und Cougar in Argentinien

Erste Marine-Jets in Lateinamerika

Grumman Panther und


Cougar in Argentinien

ü
Grumman Panther und Cougar in Argentinien 61

Diese argentinische Panther mit dem Kennzeichen


3-A-110 ist mit zwei Napalmbomben Mk-47 von
je 340 kg Gewicht und sechs ungelenkten Luft-
Boden-Raketen bewaffnet.

Die Grumman Panther und Cougar waren die ersten Jets der argentinischen
Marine und als einzigem Betreiber in der Region gaben sie Argentinien einen
unübertroffenen strategischen Vorteil in Lateinamerika. Santiago Rivas

ü
62 Grumman Panther und Cougar in Argentinien

Fotos: wenn nicht anders bezeichnet - Sammlung Santiago Rivas


M
Besatzungen der Basis Punta itte der 1950er-Jahre begann die argentinische Erste Marine-Jets in Lateinamerika
Indio begeben sich zu ihren Marine über den Ankauf von Strahlflugzeugen zu Ende 1957 wurde der Vertrag über die Anschaffung von 28
Panther-Jets. verhandeln. Nachdem verschiedene Angebote F9F-2B unterzeichnet. Vier Maschinen davon sollten nur als
geprüft worden waren, entschied man sich für Ersatzteilspender dienen. Im August 1958 trafen die ersten
die Grumman F9F-2B Panther. Ausschlaggebend war, dass zehn Flugzeuge an Bord des Transporters „Bahía Buen Suceso”
die Panther der beste verfügbare Jet war, den es gebraucht im Hafen von Puerto Belgrano, südlich von Buenos Aires ein.
zu kaufen gab. Für Argentinien ergab sich daraus eine gute Die zerlegten Panther wurden zur nahen Basis Comandante
Kosten-Nutzen-Bilanz. Obwohl Argentinien damals keinen Espora befördert und dort montiert. Da die Maschinen noch
Flugzeugträger besaß, war die Marine fest entschlossen, einen den ursprünglichen Anstrich der U.S. Navy trugen, wurden
zu erwerben. Deswegen musste der ins Auge gefasste Jet über sie sogleich neu lackiert. Am 27. November 1958 wurde die
die Möglichkeiten für einen Trägereinsatz verfügen. Seit 1947 erste Panther offiziell registriert und der 1. Marine Angriffs-
operierten Strahlflugzeuge in den argentinischen Luftstreit- Escadrille zugewiesen. Sie erhielt die Seriennummer 0416 und
kräften – 100 Gloster Meteor waren aus Großbritannien gelie- das Kennzeichen 2-A-20. Sieben Tage später erhob sich die
fert worden. Auch andere Länder Lateinamerikas verfügten Panther erstmals in die Luft Argentiniens.
schon über Jets oder waren gerade dabei, Strahlflugzeuge Die übrigen Flugzeuge der ersten Lieferung wurden am
einzuführen. Meist handelte es sich um de Havilland Vampire, 29. Januar 1959 registriert und erhielten Seriennummern ab
Gloster Meteor oder Lockheed F-80 Shooting Star. 0417. Gleichzeitig wurde beschlossen, die zehn Panther an die

Die in Baugruppen zerlegt


angelieferten Panther muss-
ten in Argentinien montiert
werden. Die Maschinen
tragen noch den Anstrich
der U.S. Navy.

ü
Grumman Panther und Cougar in Argentinien 63

Die ersten gelieferten


Grumman Panther
stehen 1959 auf der Basis
Comandante Espora.

2. Marine Angriffs-Escadrille zu geben. Somit wurde aus der Belgrano ein. Ab dem 8. Juni 1959 erfolgten die ersten Lan-
2-A-20 die 2-A-101 und die anderen Maschinen erhielten ent- dungen auf der „Independencia“ durch North American T-6
sprechende Kennzeichen. Der Einsatz bei der Marine begann Texan. Erst einen Monat später wurde Träger offiziell in Dienst
offiziell am 31. Juli 1959. Sieben Panther waren zu diesem gestellt. Die Katapulte erwiesen sich aber als zu schwach, um
Zeitpunkt flugfähig gemeldet. Die bisher geflogenen zwölf die Jets von Bord zu starten. Pläne zu Behebung dieses Prob-
North American T-6 Texan des Verbandes wurden an andere lems wurden geschmiedet, aber vorerst konnten nur die Texan
Geschwader abgegeben. von der „Independencia“ aus eingesetzt werden.
In der Zwischenzeit hatte Argentinien 1958 den briti-
schen Flugzeugträger HMS „Warrior“ gekauft. Der Träger der Schwierige Schulung der Piloten
Colossus-Klasse hatte Argentinien Mitte September 1957 Anfang August 1960 verlegte der Panther-Verband zur Basis
besucht und war von einer argentinischen Kommission Punta Indio an der Mündung des Rio Plata. Gleichzeitig wurde
geprüft worden. Die Briten hatten den Träger 1956 vollkom- der Verband in 3. Marinefliegergeschwader umbenannt, die
men modernisiert und mit einem Winkel-Flugdeck ausgerüs- Kennzeichen änderten sich von 2-A-101 in 3-A-101 und so
tet. Am 4. November 1958 wurde die argentinische Flagge in weiter. Immer mehr bestellte Panther trafen in Argentinien
Portsmouth über dem Träger gehisst und das Schiff in „Inde- ein, die letzte Maschine war die 0449 mit dem Kennzeichen
pendencia“ umgetauft. Die Neuerwerbung besuchte am 18. 3-A-124, die am 31. Januar 1961 registriert wurde. Eine Panther
Dezember Buenos Aires und lief am 30. Dezember in Puerto musste am 3. April 1963 abgeschrieben werden. Die 3-A-101

Die 3-A-110 ist gerade


gelandet. Diese Maschine
steht jetzt im Museum der
Marineflieger.

ü
64 Grumman Panther und Cougar in Argentinien

Eine Panther wird mit


500-Pfund-Bomben (227
kg) beladen. Außerdem
trägt das Flugzeug unter
jeder Tagfläche drei Luft-
Boden-Raketen, zwei davon
sind vom Kaliber 12,7 cm.

ging bei einem Unfall am Boden verloren. Nach der argentini- die Flugschüler nach Montevideo, um bei den Nachbarn in Uru-
schen Gepflogenheit erhielt die letzte Maschine des Verban- guay auf Lockheed T-33 ihre ersten Jet-Flüge zu absolvieren.
des mit der höchsten Kennzeichen-Nummer die Kennung der Diesem unmöglichen Zustand sollte durch den Kauf von zwei
verunglückten Panther, um die Reihenfolge der Kennzeichen doppelsitzigen Grumman F9F-8T Cougar abgeholfen wer-
lückenlos zu halten. Aus der 3-A-124 wurde also die neue 3-A- den. Ende 1961 wurde der Kauf mit der U.S. Navy vereinbart.
101. Die Seriennummern blieben bei diesem Verfahren aber Wichtig war dabei, dass die Cougar auch als Kampfflugzeuge
erhalten. eingesetzt werden konnten. Sie waren die ersten Flugzeuge
Schwierig war die Lage bei der Schulung der Jetpiloten. in der Region, welche die Schallmauer durchbrechen konnten
Da es keine Zweisitzer gab, rollten die Flugschüler mit offener – wenn auch nur im Sturzflug. Ferner verfügten die beiden
Cockpithaube auf dem Platz umher, während der Fluglehrer Cougar über die Möglichkeit zur Luftbetankung. Leider ver-
auf der Tragfläche stand und Anweisungen gab. Dann reisten fügte Argentinien zu dieser Zeit über keinen Lufttanker. Auch

An dieser Panther werden


die 20-mm-Kanonen
aufmunitioniert.

ü
Grumman Panther und Cougar in Argentinien 65

Der Flugzeugträger
„Independencia“ bringt
im Mai 1962 zwei
doppelsitzige Cougar und
sechs Grumman Tracker aus
den USA nach Argentinien.

eine andere Einsatzmöglichkeit der Cougar blieb ungenutzt. „Roten“) wollte eine Militärdiktatur errichten, die andere die
Die Maschine konnte Luft-Luft-Lenkraketen verschießen, die Demokratie verteidigen (die „Blauen“). Nach dem der Streit
es in Argentinien nicht gab. mehrere Monate auf kleiner Flamme weiter geschwelt hatte,
Am 24. Mai 1962 trafen die beiden Cougar mit der „Inde- brach der Konflikt erneut aus. Am 2. April 1963 stellte sich die
pendencia“ ein. Mit an Bord waren sechs Grumman S-2A Tra- argentinische Marine auf die Seite der roten Kräfte und befür-
cker. Die zwei Cougar wurden mit den Seriennummern 0516 wortete einen Staatsstreich. Überflüge über Einrichtungen
und 0517 registriert und erhielten die Kennzeichen 3-A-151 der Marine wurden verboten. Auf der Basis Punta Indio wur-
und 3-A-152. Durch diese Schulflugzeuge wuchs die Zahl von den alle verfügbaren Flugzeuge an die Vorstartlinie gerollt,
Jetpiloten schnell an und über das ganz Land verteilt wurden auch die nicht flugfähigen, um für den Fall, dass ein Aufklärer
in der Folge Manöver organisiert. der Luftstreitkräfte von der blauen Seite den Flugplatz foto-
grafierte. So sollte Stärke demonstriert werden. Tatsächlich Die traurigen Überreste
Im Einsatz bei der Militärrevolte wurde die Marine-Luftstreitmacht entdeckt und die Luftwaffe der 3-A-121 nach der
Zwischen August und September 1962 wurde Argentinien plante, den Flugplatz zu bombardieren, weil vermutet wurde, Bombardierung der
durch eine ernste innenpolitische Krise erschüttert. Die Streit- die Marine-Maschinen wären für einen Angriff auf die Regie- Marinebasis Punta Indio
kräfte waren in zwei Lager gespalten. Die eine Fraktion (die rung bereitgestellt worden. am 3. April 1963.

ü
66 Grumman Panther und Cougar in Argentinien

Eine der beiden Grumman Am Morgen des 2. April flogen Marineflugzeuge Aufklä- kehren. Als Reaktion auf diesen Beschuss schickte die Marine
Cougar kurz nach der Ankunft rung, um sich über Bewegungen von „blauen“ Streitkräften F4U-5 Corsair und SNJ-5 Texan Propellerflugzeuge zu der
in Argentinien. Die Maschi- ein Bild zu machen. Auf der Basis Tandil waren Gloster Meteor Kaserne, die Bomben abwarfen und im Sturzflug ungelenkte
nen sollten als Trainer und zusammengezogen worden und die Marine versuchte her- Raketen abfeuerten. Der Angriff richtete erhebliche Schäden
als Kampfflugzeuge auszubekommen, ob sich deren Piloten neutral verhalten an und es gab zahlreiche Verluste. Die Sherman-Panzer des
genutzt werden. würden. Ein Aufklärer wurde zur nahen Kaserne eines Pan- Regiments waren vorsorglich in einem nahen Wald versteckt
zerregiments entsandt. Dort warf er Flugblätter ab, die zum worden und nur zwei wurden beschädigt. Eine Corsair wurde
Anschluss an den Militärputsch aufforderten. Doch die Pan- abgeschossen und zwei Panther mit den Seriennummern 0422
zersoldaten hatten sich offenbar schon anders entschieden. und 0424 gingen verloren. Die Jets stürzten allerdings nicht
Die Maschine wurde von heftigem Flakfeuer empfangen und bei Kampfhandlungen ab, sondern kollidierten in der Luft,
erlitt Beschädigungen, konnte aber nach Punta Indio zurück- als sie Stärke über dem Krisengebiet demonstrieren sollten.

Während eines Manövers


wurden einige Panther nach
Mendoza verlegt. An der
Maschine im Vordergrund
ist unter dem Leitwerk der
ausgefahrene Notsporn
zu erkennen.

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Grumman Panther und Cougar in Argentinien 67

Grumman F9F-2B Panther der marineFlieGer arGentiniens

Seriennummer Rufzeichen Ausgemustert Bemerkung

0416 2-A-20, 2-A-101, 3-A-101 1965 Am 3. April 1963 auf der Basis Punta Indio zerstört.
Am 3. April 1963 auf der Basis Punta Indio beschädigt.
0417 2-A-21, 2-A-102, 3-A-102 1968 Konnte nicht flugfähig wiederhergestellt werden. Diente dann an der Marinefliegerschule
der Schulung von Technikern. Im Jahr 1967 verschrottet.
0418 2-A-22, 3-A-103 1971 Ab 1969 nicht mehr flugfähig und schließlich verschrottet.

0419 2-A-23, 3-A-104 1971 Ab 1969 nicht mehr flugfähig und schließlich verschrottet.

Am 3. April 1963 auf der Basis Punta Indio beschädigt.


0420 2-A-24, 3-A-105 1969 Nach Reparatur wieder einsatzbereit. Ab Januar 1967 nicht mehr flugfähig und schließlich
verschrottet.
Ab 1969 nicht mehr flugfähig.
0421 2-A-25, 3-A-106 1971
Steht jetzt als Denkmal auf der Marineflieger-Basis Puerto Belgrano
Ging während der Unruhen am 2. April 1963 verloren.
0422 2-A-26, 3-A-107 1963 Nach Angaben der Marine bei einem Zusammenstoß mit der 3-A-109.
Nach Meldung der Armee durch Flakbeschuss.
0423 2-A-27, 3-A-108 1965 Am 3. April 1963 auf der Basis Punta Indio zerstört.
Ging während der Unruhen am 2. April 1963 verloren.
0424 2-A-28, 3-A-109 1965 Nach Angaben der Marine bei einem Zusammenstoß mit der 3-A-107.
Nach Meldung der Armee durch Flakbeschuss.
0425 2-A-29, 3-A-110, 3-A-113 1970 Im März 1995 dem Marinefliegermuseum übergeben.

0426 3-A-116 1971 Ab 1969 nicht mehr flugfähig und schließlich verschrottet.

0427 3-A-117 1971 Ab 1969 nicht mehr flugfähig und schließlich verschrottet.
Am 3. April 1963 auf der Basis Punta Indio beschädigt.
0447 3-A-123 1971 Nach Reparatur wieder einsatzbereit. Am 9. Juni 1971 ausgemustert und schließlich ver-
schrottet.
0448 3-A-115 1971 Am 9. Juni 1971 ausgemustert und schließlich verschrottet.

0449 3-A-124, 3-A-101 1966 Bei einem Unfall im Jahr 1964 zerstört.

0450 3-A-118 1965 Am 3. April 1963 auf der Basis Punta Indio zerstört.

0451 3-A-110 1971 Am 9. Juni 1971 ausgemustert und schließlich verschrottet.

0452 3-A-111 1971 Am 9. Juni 1971 ausgemustert. Stehtjetzt alsDenkmal auf der Marineflieger-Basis Punta Indio.

0453 3-A-124, 3-A-118 1971 Am 9. Juni 1971 ausgemustert. Ist als Denkmal im Museo Naval de Tigre erhalten.

0454 3-A-112 1967 Bei einem Unfall im Jahr 1967 zerstört.


Am 9. Juni 1971 ausgemustert und an einen privaten Eigner in den USA verkauft. Die Lieferung
0455 3-A-114 1971
erfolgte am 29. September 1995.
0456 3-A-107 1971 Am 9. Juni 1971 ausgemustert und schließlich verschrottet.

0457 3-A-121 1965 Am 3. April 1963 auf der Basis Punta Indio zerstört.

0458 3-A-122 1971 Am 9. Juni 1971 ausgemustert und schließlich verschrottet.

Grumman F9F-8t CouGar der marineFlieGer arGentiniens

Seriennummer Rufzeichen Ausgemustert Bemerkung

0516 3-A-151 1971 Am 9. Juni 1971 ausgemustert. Wurde dem Marinefliegermuseum übergeben.
Am 9. Juni 1971 ausgemustert und an einen privaten Eigner in den USA verkauft. Bei einem
0517 3-A-152 1971
Unfall im Jahr 1991 zerstört.
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68 Grumman Panther und Cougar in Argentinien

Eine Grumman TF-9J Cougar


wird 1968 auf der Basis Punta
Indio geschleppt.

Allerdings meldeten mehr als 50 Panzer und Flakgeschütze Juli 1963 war es dann endlich soweit: Als erster Jet landete die
des Regiments die Jets als von ihnen zerstört. Panther 0453/3-A-119 auf der „Independencia“. Capitain Mar-
Der Militärputsch war in den Mittagsstunden des 2. April tinez Achaval fing das Haltekabel auf dem Landedeck gleich
gescheitert, aber die Soldaten auf der Marinebasis Punta beim ersten Versuch. Er hatte am 8. Juni 1959 mit einer Texan
Indio hatten dies nicht mitbekommen und hielten noch zu auch die erste Trägerlandung Argentiniens vollbracht. Einige
den Putschisten. Am frühen Morgen des 3. April bombardier- Zeit vorher waren Landeanflüge mit den Jets geübt worden,
ten deswegen Flugzeuge der Luftstreitkräfte die Basis. Ein ohne dass die Räder tatsächlich das Deck berührten.
Verband aus zwei Avro Lancaster, zwei F-86 F Sabre und zwei Die Katapulte waren immer noch nicht stark genug, um
Gloster Meteor warfen Bomben ab. Dabei wurden mehrere eine Panther in die Luft zu bekommen. So sah das Einsatz-
Gebäude zerstört oder beschädigt. Vier Panther wurden bei konzept der Marine vor, die Panther sollten im Kriegsfall von
dem Angriff zerstört, zwei weitere beschädigt. Schäden tru- ihrer Basis an Land aus starten, ihr Ziel über See anfliegen und
gen auch einige Corsair und eine Tracker davon. Dann rückten dann auf dem Träger landen. Dies würde die Reichweite der
Truppen der Armee vor und besetzten den Marinestützpunkt, Jets über Wasser vergrößern. Die Maschinen müssten danach
die rebellierenden Marinesoldaten kapitulierten. Die Armee auf dem Träger bleiben, bis dieser einen Hafen anlief. Per Kran
nutzte die Einrichtungen des Flugplatzes solange für sich, würden die zerlegten Panther auf Tieflader verladen werden
bis die durch den Angriff der Marineflugzeuge beschädigten und auf einem Flughafen wieder montiert werden. Diese ver-
eigenen Gebäude wieder aufgebaut waren. zweifelte Notlösung war natürlich nicht der Zweck gewesen,
für den Argentinien einen Flugzeugträger gekauft hatte.
Kein Trägereinsatz Da nun feststand, dass die Panther nicht von der „Independen-
Die Marine arbeitete verstärkt daran, die Grumman Panther cia“ aus eingesetzt werden konnten, musste Argentinien wohl
von ihrem Flugzeugträger aus operieren zu können. Am 27. oder übel nach einem neuen Flugzeugträger suchen. In den

Am 27. Juli 1963 landete


Capitain Martinez Achaval
die Panther 0453/3-A-119 auf
dem Träger „Independencia“.
Starten konnte er jedoch
nicht wieder, da die Katapul-
te dafür zu schwach waren.

ü
Grumman Panther und Cougar in Argentinien 69

Diese Panther überfliegt


gerade die Stadt Bahia
Blanca, die nahe der Basis
Comandante Espora liegt.

Niederlanden wurde die Marine fündig. Diese verkaufte ihre Letztlich wurden die Panther und Cougar durch den klei-
„Karel Doorman“, die ehemalige „Venerable“ der britischen nen italienischen Jet Aermacchi MB-326 ersetzt. Acht Flugzeu-
Royal Navy. Als dieser neue Träger 1969 als „Veinticinco de ge trafen am 30. April 1968 in Argentinien ein. Eine Zeit lang
Mayo“ in Argentinien eintraf, war die Marine gerade dabei die setzte die argentinische Marine beide Muster zusammen ein.
Panther außer Dienst zu stellen. So kam es dazu, dass nie eine Am 3. März 1970 erfolgte schließlich der letzte Start einer Pan-
argentinische Grumman Panther von einem Flugzeugträger ther. Endgültig wurden die Maschinen am 9. Juni 1971 aus dem
aus eingesetzt wurde. Flugzeugregister gelöscht. Von den 24 Grumman Panther die
Seit 1967 waren noch acht der vorhandenen 15 Panther Argentinien erworben hatte, gingen sieben durch die Ereig-
flugfähig. Es hatte einige kleinere Unfälle mit diesem Flug- nisse der Revolte im April 1963 verloren, zwei weitere Maschi-
zeugtyp gegeben, aber kein Pilot verlor sein Leben während nen wurden bei Unfällen zerstört. Zehn Flugzeuge wurden
er in einer Panther saß. Obwohl bei weitem nicht mehr den verschrottet und eines an einen privaten Eigner in den USA
Anforderungen an ein Kampfflugzeug entsprechend, waren verkauft. Vier blieben in Argentinien erhalten, je eine Panther
die argentinischen Panther immer noch die einzigen Marine- als Denkmal auf den Marinebasen Puerto Belgrano und Punta
Jets in Lateinamerika. Als erste Maßnahme zur Ablösung wur- Indio. Zwei Flugzeug kann man heute in Luftfahrtmuseen des
den 17 Propellerflugzeuge North American T-28 in Frankreich Landes besichtigen. Von den beiden Cougar wurde eine in
gebraucht gekauft. Die Bestellung wurde bald auf insgesamt die USA verkauft und dort bei einem Unglück am 31. Oktober
53 Maschinen erhöht, von denen 14 in Argentinien für den 1991 zerstört. Die zweite Cougar steht noch im Museum der
Trägereinsatz umgerüstet wurden. Marineflieger.

Eine Cougar steht auf der


Basis Comandante Espora
bereit. Im Hintergrund sind
einige Corsair, eine Beech
C-45 und Neptune abgestellt.

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70 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Waffen, Computer und Konsum

Die Spielregeln
des Kalten Krieges
Foto: U.S. Air Force

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Die Spielregeln des Kalten Krieges 71

Alarmstart einer Boeing B-52F mit


zwei nuklear bewaffneten Flugkörpern
Hounddog unter den Tragflächen.

Das jahrzehntelange Wettrüsten der beiden Supermächte USA und UdSSR verlief
nicht planlos, sondern folgte einer inneren Logik. Nicht nur das Streben nach
immer wirkungsvolleren Waffen bestimmte den Ablauf der Konfrontation, auch
wirtschaftliche Strategien führten letztlich zum Zusammenbruch der Sowjetunion.
Uwe W. Jack
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72 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Foto: U.S. Air Force


D
Die Convair B-36 D war der er Sommer des Jahres 1941 sah die beiden Kon- nung. Zwar hatte die UdSSR mit Deutschland keine Überein-
erste Versuch der U.S. Air trahenten des vier Jahre später ausbrechenden kunft zur Einverleibung weiterer Nachbarn treffen können,
Force, einen Fernbomber „Kalten Krieges“ noch im Frieden. In den Verei- aber – da war man sich in Moskau sicher – dem Kommunis-
für die neue globale Strate- nigten Staaten war man gerade dabei, sich von mus würde in der Zukunft die ganze Welt gehören.
gie nach Ende des Zweiten einer großen wirtschaftlichen Depression zu erholen. Die Die Illusionen von einer friedlichen Zukunft der UdSSR
Weltkrieges einzusetzen. Kämpfe in Europa schienen den Amerikanern ein fernes und der USA sollten sich schnell als Wunschträume entpup-
Problem der Alten Welt. Die Nationalitäten, die sich in pen. Am 22. Juni 1941 überschritten deutsche Truppen die
Europa bekämpften, lebten in den USA friedlich zusammen. Grenze zur Sowjetunion und drangen mit beängstigender
Die USA hatten die alte Politik hinter sich gelassen und Geschwindigkeit ins Landesinnere vor. Die Rote Armee
wollten sich nicht mit den Problemen anderer befassen. schien diesem Ansturm nichts entgegenzusetzen zu haben.
Amerika war das Land, an dem sich zukünftig alle anderen Die Sowjetunion kämpfte ums Überleben.
Nationen orientieren sollten. Diese Politik der Isolation Am 7. Dezember 1941 traf der Angriff einer japanischen
wurde von der breiten Bevölkerung getragen. Amerika war Flugzeugarmada den amerikanischen Marinestützpunkt
im Norden und Süden durch befreundete Länder und im Pearl Harbor auf Hawaii. Die kränkende Tatsache, dass
Osten und Westen durch Ozeane geschützt. Die Konflikte die Japaner (durch ein Versehen) die Kriegserklärung erst
der restlichen Welt gingen die USA wenig an. nach Angriffsbeginn übermittelten, verstärkte die Bereit-
Die Sowjetunion hatte sich zu jener Zeit im Inneren der schaft Amerikas, in den ungewünschten Krieg einzutreten.
echten und vermeintlichen Gegner entledigt. Die direkten Der japanische Luftschlag markiert auch eine Wende in der
Nachbarn im Baltikum und Polen hatte sie sich in Abspra- Kriegsführung. Bisher waren Angriffe immer von Landheeren
che mit Deutschland einverleibt. Ihr Expansionshunger war durchgeführt worden. Nun spielten Flugzeuge eine entschei-
aber noch lange nicht gestillt. In Skandinavien, auf dem dende Rolle.
Balkan und in Asien sah sie weiteren Bedarf nach Ausdeh-
Die Lage der USA nach dem Krieg
Vision einer Weltpolizei Dieser Weltkrieg sollte über 60 Millionen Menschen das Leben
von 1936. Im britischen kosten, die meisten davon waren Zivilisten. Ganze Länder
Abbildungen: wenn nicht anders angegeben - Sammlung Uwe W. Jack

Zukunftsfilm „Shape of waren so verwüstet, dass es unmöglich schien, dass hier wie-
Things to come“ kontrolliert der Kulturnationen existieren könnten. Deutschland war 1945
eine technisch und moralisch vollständig durch Truppen der Siegermächte besetzt und in
hochstehende Macht die Erde Zonen geteilt, in denen das Recht der jeweiligen Besatzungs-
nach einem zerstörerischen macht galt. Die Machtverhältnisse der Welt und die Einstellun-
Weltkrieg mittels riesiger gen der beiden großen Kriegsteilnehmer USA und UdSSR zur
Nurflügelbomber. Kriegeri- Zukunft hatten sich entscheidend geändert. England konnte
sche Nationen werden durch die Vorkriegsstellung als globale Macht nicht mehr ausfüllen.
Abwurf von Betäubungsgas Frankreichs Position als starke Kontinentalmacht mit großen
gewarnt und zum Umdenken kolonialen Besitztümern befand sich in der Auflösung. Deutsch-
gebracht.
ü
land gab es nicht mehr – Europa hatte die über 500 Jahre lang
Die Spielregeln des Kalten Krieges 73

Mit dem achstrahligen


Düsenbomber B-52 verfügte
das Strategische Bomber-
kommando ab 1955 über ein
Flugzeug, welche die Pläne
zur globalen Präsenz der
USA umsetzen konnte.
Foto: U.S. Air Force

unangefochtene Führungsposition auf dem Planeten verloren. die USA vom Krieg verschont wurden. Also musste man sich
In Moskau und Washington sah man sich jetzt in der Pflicht, ständig bereit halten für einen zukünftigen Krieg, gegen wen
die Nachkriegswelt neu zu ordnen. Natürlich sahen sich beide auch immer. Hier gingen die Meinungen über die zukünftige
Nationen als beispielhaftes Erfolgsmodell an, welches in andere Sicherheitspolitik der amerikanischen Streitkräfte aber stark
Länder exportiert, dort den zukünftigen Wohlstand und Frie- auseinander.
den garantieren würde. Eine Variante war die Schaffung einer Flotte von Langstre-
In den USA traten zunächst innenpolitische Belange in den ckenbombern, die mit globaler Reichweite jeden Angriff auf
Vordergrund. Amerikanische Truppen hatten, im Vergleich zu die USA in kürzester Zeit mit einem Atomschlag in voller Härte
anderen Kriegsteilnehmern, mit etwa 400 000 Toten nur gerin- gegen den Aggressor beantworten konnte. Die USA, die nie ein
ge Verluste hinnehmen müssen. Das Land selbst wurde nicht stehendes Heer benötigt hatten, brauchten sich so auch keine
mit Kriegshandlungen überzogen, es gab keine zivilen Opfer. festen Truppen im Ausland zu leisten, die Flotte konnte stark
Nach der großen Depression und den Einschränkungen wäh- reduziert werden. Was bei der britischen Royal Navy jahrhun-
rend des Krieges forderte die Bevölkerung jetzt eine Erhöhung dertlang die Doktrin der „Fleet in Being“ war, die Einschüchte-
des Lebensstandards ein. Die Truppen wurden demobilisiert, rung eines Gegners durch bloße Stärke der Flotte, würden im
die auf Hochtouren laufende Industrie stellte sich auf Kon- 20. Jahrhundert für die USA mehrere Fernbombergeschwader
sumgüter um. Der Krieg hatte zur Vollbeschäftigung und zu übernehmen. Das Elegante dieses Planes war die Reduzierung
steigenden Löhnen geführt. Präsident Harry S. Truman fasste der Militärausgaben auf ein nie gekanntes Minimum und die
dementsprechend die Lage der USA so zusammen „Wir sind Freiheit, sich aus den Konflikten der anderen Länder heraushal-
aus diesem Krieg als die mächtigste Nation der Welt hervor- ten zu können. Einflussreicher Fürsprecher dieser Politik war der Heute hat der Stealth-
gegangen – vermutlich als die mächtigste Nation aller Zeiten.“ Flugzeugkonstrukteur Alexander P. de Seversky. Der gebürtige Bomber Northrop Grumman
Damit meinte er nicht nur die militärische Situation Amerikas Pole hatte unter anderem das Jagdflugzeug P-47 Thunderbolt B-2 die Rolle des Trägers
als einzige Nuklearmacht mit der größten Luftflotte der Welt, entworfen und galt als Vordenker der Luftstrategie. In seinem der konventionellen und
sondern vor allem die wirtschaftliche Stärke. 1945 produzierten weitverbreiteten Buch „Entscheidung durch Luftmacht“ popu- nuklearen Bewaffnung für
die USA trotz hochgefahrener Waffenfertigung unglaubliche 50 larisierte er unmittelbar nach dem Krieg genau den Gedanken weltweiten Einsatz
Prozent aller Konsumgüter der Erde. einer in Bereitschaft stehenden nuklearen Luftflotte als Garant übernommen.
Der Überfall auf Pearl Harbor hatte die Einstellung der ame-
rikanischen Militärs zur Verteidigungssituation und möglichen
Offensivstrategien entscheidend geändert. Zum Einen wollte
man sich nie wieder einem überraschenden Angriff ausgesetzt
sehen. In Zeiten der Atombombe war der Schaden, den meh-
rere Flugzeuge einem Land zufügen können, ungeheuer. Auch
die geringste Möglichkeit eines nuklearen Pearl Harbor war für
die USA nicht hinnehmbar. Die Ozeane hatten ihre Funktion als
Schutzbarriere verloren. Moderne Kriege würden jetzt als Luft-
kriege ausgefochten werden. Bomber mit interkontinentaler
Reichweite konnten die USA von überall auf der Welt erreichen.
Landesverteidigung musste jetzt global gesehen werden. Also
mussten alle Länder, von denen eine Gefahr ausgehen könnte,
sorgfältig überwacht werden. Am besten auch befreundete
Nationen, denn die politischen Systeme auf dem Planeten
Foto: U.S. Air Force

waren fragil, manchmal wechselten in der unmittelbaren


Nachkriegszeit Regierungen von einem Tag zum nächsten. Zum
anderen hatte die Politik der Isolation nicht dazu geführt, dass
ü
74 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Die Sowjetunion tat sich


lange schwer mit der Ent-
wicklung eines strategischen
Atombombers. Erst mit
der Tupolew Tu-95, die ab
Ende der 1950er-Jahre zu den
Verbänden kam, verfügte die
UdSSR über eine begrenzte
nukleare Schlagfähigkeit in
der Luft. Hier wird eine Tu-95
von zwei britischen Tornados
über dem Atlantik begleitet.

Foto: Royal Air Force


des Friedens und Mittel zur politischen Einflussnahme. Schon deten Nationen und die Steuerung und Überwachung von als
die Drohung mit dem Einsatz der Luftflotte würde schwächere unsicher eingestuften Ländern garantiert. Die USA würden sich
Nationen zum politischen Einlenken zwingen. Die USA würden somit auch bei dieser Lösung deutlich sichtbar als Kontroll-
somit die Rolle einer Kontrollmacht übernehmen – als eine Art macht etablieren – als globale Polizei.
globale Polizei. Einig war man sich in Amerika darüber, dass die wirtschaftli-
Die andere Strömung zog ihre Lehren aus den Konstellatio- che und militärische Stärke der USA zukünftig erhalten werden
nen, die zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs geführt hatten. müssten und ein zentrales Element der neuen Weltordnung
Die USA dürften es somit nie wieder zulassen, dass in den zent- des Planeten bilden sollte. Beide mögliche Strategien führten
ralen Wirtschafts- und Technikregionen der Welt, in Europa und unweigerlich dazu, dass die USA, wenn sie ihre eigene Sicher-
in Asien Regime an die Macht kämen, die expansive Strukturen heit garantieren wollte, sich als Weltpolizei etablieren musste.
aufbauen könnten. Deshalb müssten die USA weltweit Präsenz Wie oft bei weitreichenden Entscheidungen, fiel die Wahl nicht
zeigen, militärisch und wirtschaftlich. Daraus würde ein Netz auf eine der beiden Möglichkeiten, man entschloss sich, beide
von in Übersee stationierten Truppen entstehen, welches zur ineinander verzahnt anzuwenden. Zur Schaffung einer friedli-
Versorgung eine unangreifbare Flotte bedingen würde, die chen Welt machte man sich also 1945/46 in Washington daran,
stärkste Flotte der Welt. Damit wäre der Schutz von befreun- sich auf die Rolle als Weltpolizist vorzubereiten. Parallel wurden

Mit der Burya versuchte die


UdSSR erstmals einen inter-
kontinentalen Flugkörper zu
schaffen. Der Start erfolgte
mit zwei Raketen, dann über-
nahm ein Staustrahltriebwerk
den Flug durch die Stratosphä-
re. Der unbemannte Delta-
flügler navigierte dabei nach
den Sternen. Die letztlich nicht
erfolgreiche Burya scheint
auf dem deutschen Projekt
D-6000 zu basieren.

ü
Die Spielregeln des Kalten Krieges 75

Pläne ausgearbeitet, das amerikanische Wirtschaftssystem des


freien Handels in alle Welt zu exportieren. In völliger Unter-
schätzung der komplizierten Lage vieler Länder glaubte man,
die Welt würde diese neue Rolle der USA begeistert aufnehmen.

Die Lage der UdSSR nach dem Krieg


Während man sich in Amerika vor dem Krieg umgeben von Oze-
anen in Sicherheit wiegen konnte, war die Situation der Sowje-
tunion und des Vorgängers, des zaristischen Russlands, immer
genau entgegengesetzt. Die Weiten und der Ressourcen-
Reichtum des Landes hatten immer schon Begehrlichkeiten im
Westen Europas geweckt. Im Osten war Sibirien durch China
oder Japan bedroht. Diverse Invasionen hatten zu einer stän-
digen Angriffsangst geführt. Ein gigantisches stehendes Heer
war als Schutzmaßnahme unabdingbar. Russland wie auch die
Sowjetunion waren immer Militärstaaten. Die letzte Invasion
durch Nazi-Deutschland hatte die UdSSR beinahe ihre Existenz
gekostet, soweit durfte es nie wieder kommen.
Die Sowjetunion hatte im Zweiten Weltkrieg einen unglaub-
lichen Blutzoll zu entrichten. Genaue Zahlen sind bis heute
nicht ermittelt, aber etwa 25 Millionen Sowjetbürger ließen ihr
Leben im Krieg, über die Hälfte davon Zivilisten. 1700 Städte
und über 70 000 Dörfer und Gemeinden wurden zerstört. Von
Foto: U.S. Air Force

15 Sowjetrepubliken hatte Deutschland neun besetzt, die wirt-


schaftlichen Zentren des Landes waren in die Hand des Feindes
gefallen.
Die unmittelbare Nachkriegs-Politik im Moskau war davon
geprägt, eine derartige Katastrophe für immer zu verhindern. Und die Dinge in der Nachkriegswelt entwickelten sich gut Die erste Konfrontation der
Das erste Mittel dazu war das alte zaristische Prinzip der Expan- für den Kommunismus. In einigen europäischen Ländern gab es beiden Supermächte er-
sion. Je weiter die Landes- oder Einflussgrenzen von Moskau sehr starke kommunistische Parteien und in den Kolonien der folgte durch die sowjetische
entfernt waren, desto sicherer die Lage. Nach Westen hin dehn- europäischen Mächte entwickelten sich Unabhängigkeitsbe- Blockade der Zufahrtswege
te Stalin die UdSSR aus und schuf sich nun zusätzlich ein Schutz- wegungen, die im Gegensatz zur alten Ordnung standen und nach Berlin-West 1948. Fast
polster aus Satellitenstaaten. Der sowjetische Wunsch nach mit dem Kommunismus liebäugelten. China, als eines der größ- ein Jahr lang wurden über
völliger Demontage der deutschen Industrie und Umwandlung ten Länder der Welt war gerade dabei, sich zum Kommunismus zwei Millionen Menschen
Deutschlands in eine Agrarnation fand anfangs auch Fürspre- zu bekennen, Indien fiel von Großbritannien ab, ein politischer durch die Luft versorgt. Hier
cher im Westen. Die Sowjetunion machte sich sogar Hoffnun- Dominoeffekt setzte ein. Wo Stalins Berater auftauchten, hat- werden amerikanische C-47
gen auf amerikanische Wirtschaftshilfe, wie sie für andere ten sie eine Botschaft: Die Sowjetunion hatte der Krise nach auf dem Flughafen Tempel-
kriegsgebeutelte alliierte Nationen eingerichtet wurde. dem Angriff der Nazi-Truppen nur durch Härte nach innen und hof entladen.
Als größte Landmacht der Erde glaubte die UdSSR, aus außen getrotzt. Rücksicht sei also gegen die Widersacher der
einer Position der Stärke heraus verhandeln zu können. Die Revolution nicht angebracht. Im Gefolge der Idee eines freien,
Kräfteverschiebung durch die Existenz der Atombombe hatte kommunistischen Lebens begann der Stalinismus die Welt zu Mit dem Koreakrieg ab Juni
anfangs kaum Eindruck auf die Militärs im Kreml gemacht. Die erobern. 1950 begann die Phase der
Zerstörungen in Deutschland durch den Bombenkrieg wur- Stellvertreterkriege, in denen
den von sowjetischen Analysten registriert, diese haben die Die Wurzeln des Kalten Krieges die beiden Großmächte ver-
Miltärführung aber kaum beeindruckt. Japan hatte kapituliert, Als Folge des Zweiten Weltkriegs sahen sich die beiden mäch- suchten, ihre geopolitische
nachdem zwei Städte durch Atombomben zerstört wurden, die tigsten Siegernationen in die Rolle gedrängt, die Nachkriegs- Situation zu verbessern. Eine
UdSSR hatte weitergekämpft und gesiegt, nachdem 1700 Städ- welt nach ihren Vorstellungen umzuformen, um zukünftige A-26 bei einem Einsatz
te zerstört worden waren. Für die Durchsetzung der Neuorga- Gefahren von ihren Ländern abzuwehren. Die unterschied- über Nordkorea.
nisation der Landwirtschaft hatte man Anfang der 1930er-Jahre
zwischen 7 bis 14 Millionen eigene Bürger verhungern lassen,
Opfer schreckten die UdSSR nicht. Ähnlich wie die USA war man
in Moskau jetzt fest davon überzeugt, die neue Weltordnung
dominieren zu müssen.
Wenn auch die Amerikaner davon ausgingen, dass ihre
Nation „Gottes eigenes Land“ und der amerikanische Lebens-
stil der beste von allen war, hatte dies eher innenpolitische
Auswirkungen. Nicht so in der Sowjetunion. Die Kommunisten
sonnten sich in der völligen Gewissheit, egal, was die anderen
Länder machen würden, irgendwann in der Zukunft würde
die ganze Erde kommunistisch sein. Natürlich würde die erste
kommunistische Nation in dieser Welt dann die Führung über-
nehmen. Die oberste Forderung an politische und militärische
Führer der UdSSR war also: einfach immer irgendwie überleben,
der Sieg ist schließlich auf lange Sicht sicher. Außenminister
Foto: U.S. Air Force

Wjatscheslaw M. Molotow formulierte es so: „Unsere Ideologie


steht für offensives Vorgehen wann immer möglich – wenn es
nicht geht, warten wir ab.“
ü
76 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Foto: U.S. Air Force


Die neueste Generation von lichen Bedingungen, politischer, wirtschaftlicher und auch Rückzug sowjetischer Truppen aus dem Iran und forderte eine
Marschflugkörpern bedeu- geografischer Natur mussten zwangsläufig zu einer Konfronta- einstimmige Regelung für die Schaffung eines polnischen Staa-
tete in den 1980er-Jahren für tion der beiden Mächte führen. Der gemeinsame Feind Hitler- tes, doch zu keiner Frage konnte er eine verbindliche Zusage
die UdSSR eine militärische Deutschland hatte die Gegensätze zwischen den USA und der Stalins erwirken. Damit taten sich grundsätzliche Interessen-
und eine nicht zu unter- UdSSR nur abgeschwächt. Nicht umsonst setzten die Nazis in konflikte zwischen den Westmächten und der UdSSR auf.
schätzende wirtschaftliche den letzten Monaten ihrer Existenz alle Hoffnung auf ein erträg- Die anschließende brutale Unterdrückung der demokrati-
Bedrohung. Hier werden liches Kriegsende durch ein Zerbrechen der Koalition und eine schen Bewegung in Polen zeigte erstmals mit Deutlichkeit, dass
Cruise Missile in B-1-Bomber Verbündung mit einem der beiden vormals Alliierten. sich die Sowjetunion in den Gebieten, die sie erobert hat, nicht
verladen. Misstrauen war schon von Anfang an ein fester Bestandteil hineinreden lassen würde. Während im Westen die Vorstellung
der Koalition zwischen Washington und Moskau. Stalin vermu- vorherrschte, die USA sollten den zerstörten Nationen in Europa
tete etwa, die Herauszögerung der Invasion Frankreichs auf wirtschaftlich helfen und man sogar (Gesamt-)Deutschland in
den Sommer 1944 habe nur dazu gedient, ihn länger allein diese Hilfe einbeziehen wollte, bestand Stalin auf Reparations-
gegen die Deutschen kämpfen zu lassen und so zu schwächen. leistungen aus Deutschland, in Höhen, die einen Wiederaufbau
Im Westen argwöhnte man, Stalin würde den Balkan nach der des Landes für lange Jahre unterbunden hätten. Den Einsatz
Eroberung durch die Rote Armee nicht wieder unabhängig der beiden US-Atombomben gegen Japan sah Stalin auch als
werden lassen. Eine Befürchtung, die besonders die britischen direkten Affront gegen seine Interessen. Bis wenige Wochen
Interessen traf. vor dem Kriegsende in Asien neutral, war die UdSSR von Japan
Die amerikanische Bombardierung der Auerwerke in Ora- als Vermittler für Kapitulationsverhandlungen mit den USA
nienburg Ende März 1945 mit speziellen Langzeitzündern war eingeschaltet worden. Die UdSSR dachte jedoch nicht daran,
offensichtlich direkt gegen den sowjetischen Verbündeten Japan zu einer frühen Kapitulation zu verhelfen. Sie bereitete
gerichtet. Die langzeitige Sperrung des Geländes konnte nicht im Gegenteil ihren Kriegseintritt gegen Japan vor, um sich so
darauf abzielen, die Deutschen an der Nutzung des dort pro- einiger begehrter Inseln im Pazifik zu bemächtigen und Teile
duzierten Urans zu hindern, sondern nur die Sowjets. Auf der der Mandschurei der UdSSR einzuverleiben. Die den Atoman-
Potsdamer Konferenz ab dem 17. Juli 1945, die eine Nachkriegs- griffen folgende schnelle Kapitulation Japans vereitelte jedoch
ordnung, speziell für Deutschland, festlegen sollte, war der diese Eroberungspläne. So gewannen beide Großmächte die
amerikanische Präsident Harry S. Truman durch die Nachricht Überzeugung, die andere arbeite kräftig daran, ihre Position
von der erfolgreichen Testexplosion der ersten Atombombe zu schwächen.
in zuversichtlicher Stimmung. Zwar verlangte er von Stalin den Der Westen tat sich schwer darin, eine einheitliche sowjeti-
sche Politik zu identifizieren oder gar zu verstehen. In Bulgarien
Im Grafik-Stil seiner Zeit: und Rumänien wurden gewaltsam kommunistische Regime ins-
der Röntgenlaser aus dem talliert, in Ungarn und der Tschechoslowakei wurden dagegen
Werbefilm von 1983 für die freie Wahlen gestattet. Das generelle Unverständnis Amerikas
Strategische Verteidigungs anderen politischen Ausrichtungen gegenüber kam hier dop-
Initiative (SDI) von Präsi- pelt zum Tragen. Das russisch/sowjetische Sicherheitsbedürfnis
dent Ronald Reagan. Eine und die kommunistische Ideologie blieben gleichermaßen
Atombombe wird im Orbit unverstanden.
gezündet und in den Milli- In der Sowjetunion war man die Meinungsverschiedenhei-
onstel Sekunden, bevor der ten mit den ehemaligen Kriegspartnern leid und wollte Stärke
Mantel verdampft, soll die beweisen. Als Reaktion auf die Förderung der westlichen Besat-
Abbildung: youtube.com

entstehende Röntgenstrah- zungszonen Deutschlands unterbrach man am 24. Juni 1948 die
lung durch Metallröhren auf Zufahrtswege nach Berlin-West, wo inmitten der sowjetischen
gegenerische Sprengköpfe Zone Amerika, Großbritannien und Frankreich einen Teil der
gelenkt werden. ü ehemaligen Hauptstadt besetzt hatten. Eine Blockade ist ein-
Die Spielregeln des Kalten Krieges 77

Links: Die geniale Konst-


ruktion des sowjetischen
Raketenpioniers Koroljow,
die R-7, war die erste
Interkontinentalrakete
der Welt. Sie ist in weiter-
entwickelter Version noch
heute als Raumfahrträger
im Einsatz. Hier der Atom-
bombenträger mit der
sogenannten „Schnellen
Spitze“. Später verwen-
deten beide Atommächte
lange Zeit die langsame,
stumpfe Form. Heute
ist der Kegel wieder ge-
bräuchlich.

Rechts: Die erste US-


Interkontinentalrakete
Atlas ebenfalls mit einer
„Schnellen Spitze“. Die
beiden kleinen Triebwerke
an den Seiten dienen der
genauen Abstimmung der
Brennschlussgeschwin-
digkeit.
Foto: Archiv FliegerRevue

Foto: U.S. Air Force

deutig ein kriegerischer Akt. Zwei Millionen Menschen waren Diese größte Versorgungsaktion aller Zeiten durch Flugzeuge
von allen Lieferungen abgeschnitten, die Stadt produzierte der drei Westalliierten erwies sich als großes Marketing-Desas-
selbst keine Lebensmittel, eine humane Katastrophe drohte. ter für Stalin. Die Westmächte wandelten sich in den Augen der
Die Westmächte zogen es ernsthaft in Betracht, den Zugang westdeutschen Bevölkerung von Besatzern zu Helfern und die
mit militärischen Mittel wieder herzustellen. Die Welt stand mächtige Sowjetunion hatte vor der ganzen Welt im eigenen
am Rande eines Krieges zwischen den USA und der UdSSR. Die Einflussbereich kleinbei geben müssen.
dann als Alternative in Gang gebrachte Luftbrücke versorgte Nach der Berlin-Krise gab es keinen Zweifel mehr, die USA
die Stadt bis zum 12. Mai 1949. Ununterbrochen flogen Trans- und die UdSSR standen auf entgegengesetzten Seiten der
porter zu den drei Flughäfen im Westteil Berlins, und sogar Was- Front. Es war nur eine Frage der Zeit, bis auf einander geschos-
serflugzeuge lieferten Lebensmittel auf den Berliner Seen an. sen wurde. Dies geschah etwa ein Jahr nach Ende der Berlin-

Bei der B-70 versuchte


die U.S. Air Force die
Überlebensfähigkeit des
bemannten Bombers durch
hohe Geschwindigkeit
zu sichern. Die Chancen
gegen Abwehrraketen
waren aber schlecht. Erst
mit der Tarnkappentechnik
haben eindringende
Flugzeuge wieder echte
Erfolgsaussichten, eine
Mission zu überstehen.
Foto: U.S. Air Force

ü
78 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Foto: U.S. Air Force

Foto: U.S. Air Force


Eine Titan bei einem Teststart Blockade. Nordkoreanische Truppen fielen am 25. Juni 1950 risch und vor allem wirtschaftlich. Eine starke Bomberflotte
aus einem unterirdischen in Südkorea ein. Unterstützt vom damaligen Verbündeten der würde auf die Meinung einer Bevölkerung keinen Eindruck
Bunker. Sie trägt noch den Sowjetunion, dem kommunistischen China, entwickelten sich machen. Den Heilsversprechungen des Kommunismus wollte
riesigen Einfachsprengkopf heftige Schlachten mit den Truppen der Vereinten Nationen man stattdessen den Lebensstandard amerikanischer Bürger
mit stumpfer Spitze. Die unter Führung der USA. Da die Sowjetunion seit der ersten im Vergleich zum Leben in der Sowjetunion entgegenhalten.
Titan flog mit flüssigen Treib- erfolgreichen Explosion am 29. August 1949 auch über Atom- Präsident Truman teilte der Welt diese Zielrichtung mit: „In
stoffen, die nach dem Alarm bomben verfügte, entwickelte sich ein Schema, welches sich diesem Augenblick der Weltgeschichte hat beinahe jede Nati-
einige Zeit zum Betanken be- bis zur Auflösung der Sowjetunion immer wiederholte. Beide on die Wahl zwischen alternativen Lebensarten“. Eine schnelle
nötigten. Nach Fehlalarmen Großmächte schickten andere Länder für sich ins Feuer: die und sichtbare Erhöhung des US-Lebensstandards erforderte
mussten die Rakete mühsam sogenannten Stellvertreterkriege. Diese tobten hauptsächlich aber eine Umstrukturierung der amerikanischen Konsumgü-
enttankt und gereinigt in der Dritten Welt, die Großmächte traten hier als Waffenlie- terproduktion. Anfang der 1950er-Jahre begann die staatliche
werden. feranten und Berater auf, nur in seltenen Ausnahmen wurden Förderung von Werbung und Konsumproduktion. Heute führt
auch verdeckt Soldaten entsandt. man die radikale Änderung des Käuferverhaltens von der
Rechts: Mehrfach-Spreng- pflegsamen Behandlung eines Gebrauchsgegenstandes hin
kopf der heute noch aktiven Der Konsumkrieg beginnt zum Neukauf aus Modegründen, auch wenn das alte Produkt
Minuteman mit Schutzhülle. Doch eine direkte Konfrontation der beiden, jetzt Supermächte noch gebrauchsfähig ist, auf diese gewollte Neuorientierung
Die drei Eintrittskörper genannten Staaten war nicht auszuschließen, sie schien eher zurück. Werbung, Marketing und Produktgestaltung forderten
stehen auf dem sogenannten wahrscheinlich. Doch sah man im Westen die Hauptgefahr die Bürger des Westens zum verstärkten Konsum auf. Mitte der
Bus, der jedem Sprengkopf durch die UdSSR weder in ihrer riesigen Armee und deren Pan- 1950er-Jahre kamen in den USA zum Beispiel Straßenkreuzer
eine andere Bahn gibt und zermassen noch in deren Fähigkeit, Atombomben auf westliche mit eigentlich nutzlosen Heckflossen auf, im Jahrestakt wurden
Täuschkörper zur Ablenkung Großstädte zu werfen. Wenn auch nie deutlich ausgesprochen, neue Modelle in neuen Farben hergestellt. Während es für die
ausstößt. war die geheime Förderung kommunistischer oder staatsfeind- UdSSR undenkbar war, auch nur jeder Funktionärsfamilie ein
licher Bewegungen durch die Sowjets die wirkliche Gefahr. Die Auto zu beschaffen, wechselte in den USA die Mittelschicht
wirtschaftliche Lage der im Krieg verwüsteten Industrienati- ihre Autos jährlich. Im verzweifelten Versuch, beim Propagan-
onen war schlecht, hohe Arbeitslosigkeit und zerstörte Infra- dakrieg mithalten zu können, gab es bald auch in der UdSSR
strukturen schufen einen Nährboden für revolutionäre Strö- Autos mit Heckflossen – die amerikanische Strategie war ein
mungen. In Finnland und Österreich waren sowjetfreundliche Volltreffer. Zur wichtigsten Schlacht des Kalten Krieges war der
Regierungen an der Macht. In Frankreich, Italien, Griechenland Konsumkrieg geworden.
und Jugoslawien schienen die Kommunisten auf dem Sprung
an die Regierung, England schlitterte von einer ökonomischen Wirtschaftskrieg mit Waffen
Krise in die nächste. In den von der UdSSR besetzten Ländern War man in den 1960er-Jahren noch bemüht, einen ständig dro-
waren antikommunistische Regierungen ausgeschlossen und henden Atomkrieg zu verhindern, veränderte sich die Zielrich-
in Asien drohte in vielen Ländern und ehemaligen Kolonien tung Anfang der 1980er-Jahre in den USA. Die Zurschaustellung
der Umsturz. des amerikanischen Lebensstandards hatte auf viele Länder nur
Die USA, wollten sie sich nicht aus der Weltpolitik zurück- begrenzte Wirkung. Die Sowjetunion konnte diesen Bestrebun-
ziehen, mussten einen Plan entwickeln, wie auf lange Sicht gen durch eigene Wirtschaftshilfe und Waffenlieferungen ent-
dieser Bedrohung entgegengewirkt üwerden konnte – militä- gegenwirken. So würde das Wettrüsten und der Wettbewerb
Foto: Vitaly V. Kuzmin Die Spielregeln des Kalten Krieges 79

der Systeme ewig weitergehen. Ziel konnte jetzt nur ein Angriff Berichte über die Milliarden, welche von der Regierung für „Star Um die eigenen Raketen vor
auf die Wirtschaftskraft der Sowjetunion sein. Wars“ ausgegeben würde. Keine der angepriesenen neuen einem Überraschungsangriff
Man wusste, dass die UdSSR einen gewaltigen Anteil ihrer Waffen ist bis heute entstanden, viele Gelder flossen in bereits zu schützen, setzte
Staatsausgaben in das Militär stecken musste. Für den Wohl- bestehende andere Programme, etwa zur Entwicklung von die UdSSR auf mobile
stand der Bevölkerung blieb wenig übrig. In diese Schwach- Systemen der Künstlichen Intelligenz. Startrampen. Diese TOPOL-
stelle konnte eine vereinte wirtschaftlich-militärische Strategie Heute wird allgemein bezweifelt, dass die angegebenen Feststoffrakete mit 11 000 km
erfolgreich einwirken. Neue Waffen sollten nicht nur den mili- Summen überhaupt aufgewendet wurden und damit, dass das Reichweite wird aus ihrem
tärischen Erfordernissen genügen, sie sollten auch bei modera- „Star Wars“-Programm jemals ernst gemeint war. Die Wirkung Transportbehälter heraus
ten Kosten in den USA enormen Aufwand für die Sowjetunion auf die Sowjetunion war jedoch katastrophal. Wenn ihre Atom- gestartet.
bedeuten. Damit würde die Schere zwischen dem gewünschten schlagkraft ausgeschaltet wäre, hätte sie de facto ihren Status
und dem tatsächlich verfügbaren Lebensstandard der Bevöl- als Weltmacht verloren und wäre darüber hinaus einem ameri-
kerung in der UdSSR immer weiter auseinandergehen. Irgend- kanischen Erstschlag hilflos ausgeliefert. Gewaltige Summen
wann, so hoffte man, würden sich die Bürger das nicht mehr mussten in Forschungsprogramme gepumpt werden, nur um
gefallen lassen und das kommunistische Regime hinwegfegen. festzustellen, dass die amerikanischen Pläne nicht umsetzbar
Die Marschflugkörper sind eine solche Kombi-Waffe. Als waren. Die ökonomische Krise in der UdSSR verschärfte sich so
Weiterentwicklung von ähnlichen Vorgängern war sie zu ver- weiter. Eine Fernsehansprache und ein Trickfilm waren die neue
tretbaren Kosten zu haben. Die Sowjetunion musste zur Abwehr Superwaffe im Wirtschaftskrieg.
der tieffliegenden kleinen Flugkörper ihre lange Landesgrenze Die sowjetische GR-1 Scrag
mit neuen, sehr teuren Spezial-Radargeräten ausrüsten. Die Transportmittel für Atombomben gesucht wird hier in den frühen
Kosten für diese Radarüberwachung und die dafür notwendige Die wirtschaftliche Auseinandersetzung mit der UdSSR war ein 1960er-Jahren auf der
neue Infrastruktur überstiegen die Kosten der Cruise Missile um Verfahren, welches auf jahrzehntelange Dauer angelegt war, Siegesparade in Moskau dem
ein Vielfaches. zuerst sollte den kommunistischen Strömungen im Westen der Volk gezeigt. Großraketen
Ähnlich verhält es sich mit den Stealth-Flugzeugen, die Nährboden der Wirtschaftskrise entzogen werden, dann konn- sind auch ein Mittel, um
einen enormen Aufwand zur Abwehr erzeugten und zusätzlich te man weiter sehen. In US-Studien vom Anfang der 1950er-Jah- innenpolitisch Werbung für
bei jedem Flackern auf einem Radarschirm die Unsicherheit re ging man davon aus, dass eine atomare Auseinandersetzung das eigene System zu machen.
aufkommen lassen, ob sich da vielleicht eine Flotte von Stealth-
Bombern nähert.
Auf die Spitze getrieben wurde diese Taktik mit dem „Star
Wars“-Programm von Präsident Ronald Reagan. Der kündigte
seiner Bevölkerung bei einer Fernsehansprache am 23. März
1983 an, man würde jetzt darangehen, ein Schutzsystem zu
schaffen, das kein sowjetischer Bomber oder Sprengkopf
durchdringen könne. Die sogenannte „Star Wars“-Initiative
(SDI) würde fortschrittliche Waffen im Weltraum stationieren
und von dort alle sowjetischen Atomraketen abschießen. Der
Erfinder der Wasserstoffbombe Edward Teller trat auf und
Foto: Militärbilddienst

kommentierte einen Trickfilm, der die Vernichtung von feind-


lichen Sprengköpfen mittels verschiedener Laser darstellte.
Durch solch hochrangigen Forscher beleumundet, brachten
die Tageszeitungen in den folgenden Wochen und Monaten
ü
80 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Die Propaganda mit Groß-


raketen nahm in Moskau
seltsame Formen an. Hier
werden die riesigen SS-6-In-
terkontinentalraketen durch
die Stadt kutschiert.

Foto: Militärbilddienst
mit der Sowjetunion in den nächsten zwei Jahrzehnten fast Westeuropa aus waren einige wichtige Städte erreichbar, aber
unausweichlich war. Es kann kein Zweifel bestehen, dass dies nicht alle Zentren. So mussten die USA notgedrungen einen
in Moskau ähnlich gesehen wurde. Kranz von befreundeten Nationen um die Sowjetunion herum
Den Zweiten Weltkrieg hatten die USA hauptsächlich aus aufbauen, von denen aus die eigenen Bomber im Ernstfall
der Luft und mit der Flotte geführt. Auch wenn die Analysen der starten konnten. Da es keine lange Vorbereitungszeit für einen
angerichteten Bombenschäden in Deutschland ernüchternd Atomschlag geben würde, musste eine aufwendige nukleare
waren – die Industrieproduktion war durch Bomben nur margi- Infrastruktur in fremden Staaten geschaffen werden, mit Flug-
nal gesenkt worden – sah man sich in den USA als erfolgreiche plätzen, Atombombenlagern und Truppen. Dieses kostete nicht
Luftmacht. Die Atombombe hatte die Einsatzstrategie der nur immense Gelder, sondern war auch politisch gefährlich. Die
Bomber aber entscheidend geändert. Machten sich im Welt- Gastgeberstaaten sahen sich als Stützpunkt von Atombom-
krieg bis zu tausend Bomber mit der gleichen Zahl Begleitjäger bern selbst einem sowjetischen Atomschlag ausgeliefert oder
auf den Weg zum Gegner, konnte heute ein einzelner Bomber konnten sich darüber hinaus nach einem Umsturz gegen die
mehr Zerstörung verursachen. Deutschland lag, von England USA wenden.
aus betrachtet, in der Reichweite viermotoriger Propellerbom- Politisch wünschenswert waren also Bomber, die vom
ber. Bei einem Krieg gegen die UdSSR sah das anders aus. Von Mutterland aus die Sowjetunion erreichen und wieder nonstop
zurückkehren konnten. Diese Flugzeuge würden die bisher nur
Juri Gagarin, der erste theoretisch existierende Funktion einer Weltpolizei ermögli-
Mensch im Weltall, startete chen. Bis zur Indienststellung eines solchen globalen Bombers
am 12. April 1961 mit einer war man also gezwungen, Bomberverbände und Atombom-
modifizierten und durch eine ben im Ausland vorzuhalten, mit all den damit verbundenen
kleine Oberstufe erweiterten politischen und finanziellen Risiken. Ein Atombomber, der
R-7-Interkontinentalrakete. sich aufmacht, eine sowjetische Stadt zu vernichten, flog aber
Der propagandistische Effekt nicht ungefährdet. Radar würde schon frühzeitig den Einflug
auf die Motivation der sowje- melden und schnelle Düsenjäger den Bomber abfangen. So
tischen Bevölkerung setzte jetzt ein technologisches Wettrüsten um höhere Flug-
war enorm. geschwindigkeit und Gipfelhöhe für den Bomber ein sowie
um elektronische Gegenmaßnahmen zur Störung des Radars,
bis hin zu kleinen Täuschkörpern, die vom Bomber ablenken
sollten. Sogar im Bombenraum verstaubare, mitgeschleppte
eigene Jagdflugzeuge zum Schutz des Bombers wurden ent-
wickelt. Als deutlich wurde, dass die Wahrscheinlichkeit des
erfolgreichen Eindringens der Bomber durch bessere Abwehr-
maßnahmen immer geringer wurde, sollten die Atombomben
durch vom Bomber aus gestartete Fernflugkörper allein tiefer
Foto: Archiv FliegerRevue

ins Feindesland vordringen.


Doch Bomber waren schon vor dem Eindringen in geg-
nerisches Territorium von Vernichtung bedroht. Die Heimat-
ü
flugplätze konnten Ziel eines Überraschungsschlages werden
Die Spielregeln des Kalten Krieges 81

Die 1960er-Jahre waren


durch einen starken Glauben
an die Unfehlbarkeit von
Computerberechnungen
gekennzeichnet. Dieser
Großrechner Telefunken
TR-4 von 1961 hat, auf
heutige 32-Bit-Rechner
übertragen, etwa 44 Kilobyte
Speicherplatz.

und so die Bomberflotte schon am Boden vernichten. Dieses Eroberer einen dicken Forschungsbericht des österreichischen
Risiko schaltete man in den USA dadurch aus, dass ein Teil der Raketenpioniers Eugen Sänger entdeckt. In der Arbeit „Über
Atombomber mit scharfer Bewaffnung ständig in der Luft war. einen Raketenantrieb für Fernbomber“ entwickelte Sänger das
Mehrere Verbände flogen auf festgelegten Rundkursen und Projekt eines raketengetriebenen Bombers, der, mit Hilfe einer
wurden in der Luft betankt, bis nach 24 Stunden die Ablösung Startrakete von einer Schienenbahn aus gestartet, interkonti-
startete. Der Rundkurs führte die Bomber bis an den Polarkreis. nentale Reichweite haben sollte. Die intensive Suche nach Sän-
Dieses Verfahren, genannt „Headstart“ (Vorsprung), garantierte ger in Stalins Auftrag konnte diesen aber nicht auftreiben. Ein
das Überleben und die schnelle Einsatzfähigkeit eines Teils der anderes deutsches Projekt eines Staustrahl-getriebenen unbe-
amerikanischen Atommacht. Im Falle eines Alarms gingen die mannten Flugzeugs, welches mit Raketenhilfe gestartet, nach
Bomber auf Angriffskurs Richtung Sowjetunion und kreisten den Sternen navigierend, 4000 km Reichweite haben sollte,
dann an einer imaginären Haltelinie „Fail Safe Point“ auf halbem wurde als Projekt Burya in Angriff genommen. Doch die ersten
Weg zum sowjetischen Luftraum, bis sie zurückgerufen wurden. Versuchsflüge verliefen nicht erfolgreich. Den Raketenantrieb
Diese Linie durften die Bomber nur nach Erhalt eines mehrfach einmal ins Auge gefasst, schienen die deutschen Pläne für eine
gesicherten Flugbefehls mit Zielvorgabe in Richtung UdSSR große Rakete, die Amerika erreichen konnte, den Ausweg aus
überschreiten. der sowjetischen Bombermisere zu weisen.
Aus dem Selbstverständnis heraus, eine Luftmacht zu
sein, nahm der Versuch in den USA, die Überlebensfähigkeit Fernraketen Die Technikgläubigkeit ging
der Bomber zu erhalten, skurrile Formen an. Ab 1960, als nach Die Ursprünge der heutigen Interkontinentalraketen liegen in den 1960er-Jahren so weit,
dem Abschuss eines amerikanischen U-2-Aufklärers über der weiter zurück, als man vermuten möchte. Die Geschichte der dass man allen Ernstes diese
UdSSR durch eine Boden-Luft-Rakete klar war, dass es mit den modernen Raketen beginnt mit dem kleinen Buch „Die Rakete mit Röhren-Transistoren,
Zeiten des Wettlaufes zwischen Bomber und Jäger vorbei war, zu den Planetenräumen“ des rumäniendeutschen Hermann einem Antrieb, einer Lampe
versuchte die U.S. Air Force trotzdem, sich mit phantastischen Oberth. Dieses hatte er 1923 auf eigene Kosten in kleiner Aufla- und Fotozellen versehenen
Hyperschallprojekten wie etwa der 3300 km/h schnellen North ge herausgebracht. In dem Buch entwickelte Oberth die Pläne Mini-Fahrzeuge als Vorform
American B-70 eine Bomberkapazität zu sichern. Nicht etwa für Höhenraketen und auch für bemannte Raumfahrt, nebenbei des künstlichen Lebens ansah.
der Absturz des Prototyps bei einer Pressevorführung, son-
dern die enormen Kosten stoppten das Projekt. Die seit den
1930er-Jahren geltende Luftkriegsdoktrin „Der Bomber kommt
immer durch“ hatte ihre Gültigkeit verloren. Die amerikanische
Luftwaffe musste erkennen, bemannte Bomber hatten keine
Chance auf Erfolg mehr.
In der UdSSR war der Aufbau von strategischen Bom-
berkräften im Krieg nur halbherzig und wenig erfolgreich
durchgeführt worden. Die sowjetische Luftfahrtindustrie war
offenbar nicht in der Lage, die hohen Anforderungen an solche
Bomber zu erfüllen. Der Bedarf nach einem Trägermittel für
die in der Entwicklung befindliche eigene Atombombe ließ
auf in der UdSSR gestrandete vier amerikanische Bomber B-29
zurückgreifen. Aber der Versuch, die Maschinen nachzubauen
scheiterte. Die Flugzeuge, als Tupolew Tu-4 bezeichnet, wurden
nie wirklich einsatzfertig. Eine Atommacht, die ihre Bomben
nicht transportieren kann, ist eigentlich keine. Die Schaffung
von eigenen Atombombern würde etliche Jahre dauern, man
musste sich also nach Alternativen umschauen. Im deut-
schen Raketenzentrum Peenemünde hatten die sowjetischen
ü
82 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Heutige Cruise Missiles mit


Tarnkappeneigenschaften,
wie diese General Dyna-
mics AGM-129A, machen
es einem Gegner noch
schwerer, einen Angriff zu
erkennen, und fast unmög-
lich, diesen abzuwehren.

Foto: U.S. Air Force


erwähnte er die Möglichkeit, Fernraketen mit 1000 km Reich-
Rechts: Die Radardaten bei weite zum Transport von Post zu schaffen. In Deutschland ent-
Beobachtung des ersten stand daraus eine Raketenbewegung, die zur ersten Großrakete
Sputniks 1957 ergaben auch der Welt, dem Aggregat 4 führte, dem ersten von Menschen
die Größe der mit in den Orbit geschaffenen Gegenstand, der den Weltraum erreichte. Bei
gelangten letzten Raketen- Kriegsende wurde diese Rakete als V2 mit Sprengladungen
stufe. Daraus errechneten gegen westeuropäische Städte verschossen. 1929 schrieb
westliche Techniker die Ge- Oberth im Folgeband: „Man hat schon von verschiedener Seite
samtgröße der Trägerrakete bei mir angefragt, ob ich eine Rakete für möglich halte, die so
mit 48 m Höhe. In Wirklich- 2000 bis 3000 kg Blausäure oder sonst ein Giftgas im Kriegs-
keit war sie 29 m hoch. Das falle in die feindlichen Städte zu tragen in der Lage sei. … Ich
Computerprogramm hatte wünsche diese Waffe, weil ich den Frieden wünsche. Den Krieg
richtig gerechnet, doch die kann man meines Erachtens nur dadurch verhindern, dass man
Grundannahme war falsch. Waffen schafft, vor denen die Allgemeinheit Respekt hat.“ 1930
Die Endstufe stand nicht auf besuchte die amerikanische Journalistin Lady Drummont-Hay
der ersten Stufe, sondern in Berlin deutsche Raketenpioniere: „Als ich diesen Raketen-
zwischen den Erststufen. flugplatz in Berlin wieder verließ, da wusste ich, dass diese jun-
Solche Fehlinterpretationen gen Enthusiasten die Waffe vorbereiteten, mit denen sie uns in
darf man sich bei einem Amerika eines Tages über den Atlantik hinweg treffen werden“.
Atomalarm nicht leisten. Die technischen Grundlagen für eine solche Fernrakete wur-
den erst im Zweiten Weltkrieg geschaffen, die konkrete Ausar-
beitung einer Interkontinentalrakete hatte aber in Deutschland

Gegenseitiges Misstrauen
führt zu Fehlinterpretatio-
nen. Da diese Attrappe von
Gagarins Wostock-Kapsel für
eine Propagandavorführung
am Helikopter ein Leitwerk
für den stabileren Flug erhal-
ten hatte, glaubten westliche
Analysten darin den Vorläufer
eines Orbitalbombers erken-
Abbildung: Taschenbuch der Flugkörper, Raketen und Satelliten, 1964

nen zu können.
Ebenso waren sich die sow-
Abbildung: Spacecraft and Missiles of the World, 1962

jetischen Spezialisten 1978


sicher, die Form des amerika-
nischen Space Shuttle könne
nur auf einen Weltraumbom-
ber deuten – bis sie selbst ein
solches Raumschiff bauten
und betonten, es diene nur
friedlichen Zwecken.
ü
Die Spielregeln des Kalten Krieges 83

Die Überlebensfähigkeit von


Bombern spielte in allen
Planungen eine wichtige
Rolle. Der im Vordergrund
vor einer B-52 stehende
Täuschkörper Quail sollte
Abwehrraketen und
Jagdflugzeuge vom Bomber
weg auf sich ziehen.
Foto: U.S. Air Force

„Fail Safe“ – ein Roman verändert die Strategie


Ungeahnte Wirkung hatte der Roman der Autoren Eugene Burdick und Harvey
Wheeler „Fail Safe“ (Titel der deutschen Ausgabe: Feuer wird vom Himmel fallen)
unmittelbar nach seinem Erscheinen 1962. Nicht nur, dass die Autoren wegen
ihrer detailgetreuen Schilderung eines Einsatzes amerikanischer Atombomber
gegen die Sowjetunion des Landesverrats bezichtigt wurden. Die eingestreuten
Hintergrundinformationen führten der amerikanischen Öffentlichkeit vor Augen,
was in ihrem Namen für ein Risikopotenzial aufgebaut worden war, dass sich mit
der Begründung der Geheimhaltung jeder öffentlichen Kontrolle entzog.
Eine Hauptperson der Handlung ist ein Dolmetscher für Russisch, der im Wei-
ßen Haus für ein eventuelles Notfallgespräch des amerikanischen Präsidenten mit
dem russischenGeneralsekretär über das Rote Telefon bereitsteht. Ein ruhiger Pos-
ten, bis er zum Präsidenten gerufen wird. Das amerikanische Verteidigungssystem
hat ein unbekanntes Flugzeug aufgefasst, welches in den US-Luftraum eindringt Szene aus der Roman-Verfilmung von 1964: Nach dem irrtümlichen Angriffsbefehl öffnet
und sich seltsam verhält. Bis zur Aufklärung des Zwischenfalls wird routinemäßig der Bomberkommandant den versiegelten Umschlag mit den Zielangaben.
AlarmfürdieBomberverbändegegeben.DieStaffelnatomarbewaffneterBomber
verlassenihreWarteschleifeundrücken biszur„FailSafe“-Positionvor,umdortauf übermittelndenSowjetsdieAnflugwegederBomber.MittelsatomarerAbwehrra-
den Rückruf- oder Einsatzbefehl zu warten. ketenwerdenvierdersechsFlugzeugevernichtet.DochdiezweirestlichenBomber
Als das unbekannte Flugzeug im Tiefflug von den Radarschirmen verschwin- erreichen Moskau und zerstören die Stadt. Nun ist ein sowjetischer Gegenschlag
det, wird die Alarmstufe erhöht. Ein Jagdflugzeug identifiziert die Maschine wenig wohl nicht mehr aufzuhalten. Deshalb bietet der US-Präsident an, mit eigenen
später als ein Passagierflugzeug, welches wegen Triebwerksschadens vom Kurs Flugzeugen New York zu zerstören. Als man dem Generalsekretär einen Zettel hin-
abgewichenist.DenBomberstaffelnam„FailSafe“-PunktwirddasRückkehrsignal hält, dass sich die Frau des Präsidenten gerade in New York aufhält, glaubt er an die
übermittelt. Doch durch einen technischen Defekt erhält eine Staffel stattdessen Aufrichtigkeit des Amerikaners. Der Oberbefehlshaber der US-Bomberverbände
den Angriffsbefehl. Die Besatzungen der sechs Flugzeuge öffnen die verschlosse- wirft persönlich die Atomwaffen über New York ab und begeht dann Selbstmord.
nen Umschläge mit den Zielangaben: Ihre Atombomben gelten Moskau. Die Autoren weisen im Buch auf die vom Atomkriegstheoretiker Herman Kahn
Als das Bomberkommando bemerkt, dass eine Staffel sich auf Angriffskurs aufgeworfene Frage hin, ob eine von einem US- oder Sowjet-U-Boot irrtümlich auf
befindet, setzt hektische Aktivität ein. Alle Versuche, die Staffel zurückzurufen, NewYorkabgefeuerteRaketeeinenAtomkriegauslösenkönne.HermanKahnführte
scheitern.AucheinFunkspruchdesPräsidentenzeigtkeineWirkung,dieBesatzun- den Fall des amerikanischen Verteidigungsministers Forrestal an, der sich wegen
gensindgeschult,nurihrenAnweisungenzufolgen.DerBefehlandieBegleitjäger, schwerer psychischer Probleme aus einem Fenster gestürzt hatte. Ein Mann in dieser
die Bomber abzuschießen kommt zu spät, die Bomber sind zu weit entfernt. So Position könne, wenn er die Kontrolle über sich verliere, im Atomzeitalter enormen
greiftderUS-Präsident zumRotenTelefon. DieSowjets habendieBomber bemerkt Schaden anrichten. Die Autoren weisen auch darauf hin, dass bei der Auswahl der
und wissen, dass sie sich auf einem Angriffskurs befinden. Es fällt schwer, Moskau Bomberbesatzungen lieber Menschen genommen werden, die in Richtung Angriff
zu überzeugen, dass ein Versehen und kein genereller Angriff auf die UdSSR vor- überreagieren, als solche, die sich lieber noch einmal vergewissern möchten. Auch
liegt.EinigeMilitärsinMoskausindüberzeugt,diesseieinAblenkungsmanöverfür ihreKritikanderComputergläubigkeithinterlässtSpureninderöffentlichenDiskussi-
einenGeneralangriffundwollendensofortigenGegenschlagauslösen.Währendin on.FehlerhafteSoftwarehabedieProduktionderConvair990starkzurückgeworfen,
Washington einige Militärs die Gelegenheit als günstig ansehen, wenn man schon die 990 gilt als eines der ersten am Computer entworfenen Flugzeuge.
eine ganze Staffel tief in Feindesland habe, gleich richtig loszuschlagen. Das Buch „Fail Safe“ rückte die Möglichkeit eines Atomkrieges aus Versehen in
Der Präsident und der Generalsekretär versuchen gegenseitig einzuschätzen, dasöffentlicheBewusstseinundzwangdieStreitkräfte,ihreSicherheitsstrategien
wie vertrauenswürdig der Gegenüber ist. Luftwaffenoffiziere der U.S. Air Force zu überdenken.
ü
84 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Oben: Ein Atomschlag gegen nicht mehr stattgefunden. Die Sowjetunion hatte sofort nach
amerikanische Raketenstel- Kriegsende begonnen, alles erreichbare Material und Perso-
lungen würde das halbe Land nal der deutschen Raketenentwicklung zu sammeln und die
mit radioaktivem Fallout V2 nachzubauen. Die Amerikaner taten dies zwar auch, doch
überziehen. (Computer- sahen sie die Zukunft des Atombombentransports im Flugzeug
simulation des Verteidungs- und ließen so die Raketenentwicklung nur auf kleiner Flamme
ministeriums) köcheln. Anders in der UdSSR, Raketen waren der einzige gang-
bare Ausweg aus der Bombermisere herauszukommen. Stalin

Foto: U.S. Air Force


Rechts: Eine amerikanische gab dem Fernraketenprojekt höchste Priorität. Doch der Weg
Feststoffrakete vom Typ zu einer funktionierenden Interkontinentalrakete ist steinig.
Peacekeeper startet aus Über immer größere Raketen müssen Technik und Produktions-
ihrem Silo zu einem Testflug. verfahren mit vielen Fehlschlägen mühsam erarbeitet werden. des Ingenieurwesen zusammen. Zum Erreichen der geforder-
Im Ernstfall hätte sie zehn Das sowjetische Raketenprojekt hatte zudem mit zwei ten Leistungen zählen allein physikalische und technische
Sprengköpfe transportieren Schwierigkeiten zu kämpfen, welche die amerikanische Ent- Aspekte. Ein Produkt, oft aus einer Million Teilen bestehend,
können. Da dieses neue Waf- wicklung nicht einschränkten. Zum Einen mussten sowjetische wird in seiner Lebensdauer, die nach Sekunden gemessen
fensystem das Gleichgewicht Interkontinentalraketen zu den USA hin nach Westen fliegen wird, unglaublichen Belastungen ausgesetzt. Der Spielraum
der Kräfte zu sehr verschoben – gegen die Erddrehung. Daher war die notwendige Endge- für Fehler geht dabei gegen Null. Die Entwicklung, den Bau
hätte, wurde die Peacekeeper schwindigkeit wesentlich höher als beim US-Gegenstück, und den Einsatz von Großraketen im zivilen oder militärischen
nach Verhandlungen nie in welches, nach Osten fliegend, die Erddrehung als zusätzliche Bereich kann man dabei nicht trennen. Beide Raketentypen
Dienst gestellt. Geschwindigkeit nutzen konnte. Zum Anderen waren die sow- sind eng miteinander verwoben, oft sogar identisch. Die strikte
jetischen Atombomben viel schwerer als die technisch höher- Einhaltung von Prozeduren beim Raketenbau führt zu einem
entwickelten amerikanischen. Diese größere Last und höhere rigorosen Qualitätsmanagement (QM), welches lückenlos jedes
notwendige Endgeschwindigkeit erforderten eine viel größere Einzelteil von der Herstellung beim Lieferanten bis zum Einbau
Rakete als in den USA. Später sollte sich dieser Nachteil in einen und Test in der Rakete umfasst. Dazu sind auch sehr schlanke
Vorteil wandeln, als aus der ersten sowjetischen Interkontinen- Managementstrukturen notwendig, die schnell von Problemen
talrakete R-7 ein Satellitenträger entwickelt wurde. Die sowje- zu Entscheidungen führen. Wer heute mit Qualitätsmanage-
tische Großrakete konnte dann mehr Nutzlast in den Weltraum ment oder Zertifizierungen zu tun hat, spürt die direkten Aus-
bringen als ihre amerikanischen Konkurrenten. wirkungen der Raketenentwicklung, die sich in alle Bereiche
von Produktion und jetzt auch in den Dienstleistungsbereich
Großraketen verändern Industrie und Gesellschaft ausgebreitet haben.
Große Raketen, egal ob für zivilen oder militärischen Einsatz, Das amerikanische Mondlandeprogramm hat durch ein
sind nicht einfach nur komplizierte Produkte des Maschinen- rigoroses QM bei der Saturnrakete und beim Apolloraumschiff
baus. Hier kommen alle Bereiche der Hochtechnologie und eine unglaubliche Sicherheitsmarge von 99,99 Prozent erreicht.
Ein drastisches Beispiel für die Auswirkung minimalster Abwei-
Computer-Analyse des US- chung von den Prozeduren auf die Gesamtsicherheit zeigte sich
Verteidigungsministeriums bei der Mondlandefähre. Deren kugelförmige Tanks wurden aus
von 1967. Mit der Anzahl N zwei Hälften zusammengeschweißt. Die Schweißnaht wurde
an Ein-Megatonnen- verschliffen und die Tanks innen mit reiner Seide auspoliert,
Sprengköpfen lassen sich die um auch geringste Spuren von Spänen und Staub zu entfernen.
angegebenen Prozente der Bei der Druckprüfung explodierte genau jeder zweite Tank.
US-Bevölkerung (durchgezo- Auch nach intensiven Untersuchungen ließ sich zunächst keine
gene Linie) und der Industrie Ursache finden, bis einer der Manager den Produktionsprozess
(gestrichelt) zerstören. 300 Schritt für Schritt persönlich begleitete. Der für das Polieren
bis 400 sowjetische Spreng- zuständige Ingenieur empfand die einmalige Nutzung der
köpfe können Dreiviertel Seidentücher als Verschwendung. Er brachte diese in eine Reini-
der US-Industrie und etwa gung und verwendete sie ein zweites Mal, bevor er sie wegwarf.
30 Prozent der Bevölkerung Die minimalen Spuren des Reinigungsmittels an den Tüchern
auslöschen. schwächten aber die Schweißnähte und führten zur Tankex-
ü
Die Spielregeln des Kalten Krieges 85

Foto: Militärbilddienst
Foto: U.S. Air Force

plosion. Bei Entwicklung und Fertigung von Großraketen zählt gesamte Einsatzstrategie einer Atommacht. Waren in den Links: Die Zwei-Mann-
wirklich jedes noch so kleine Detail. vergangenen konventionellen Kriegen Mobilmachungs- und Startcrew in einem Titan-Silo
Wenn man die Besten ihres Faches für die Raketen-Entwick- Aufmarschzeiten von Wochen nötig, so hatte sich dies bei in den USA der 1960er-Jahre.
lung verpflichtet, kann man immer noch scheitern – arbeitet Atombombern in ständiger Bereitschaft auf wenige Stunden Nur beide Techniker gleich-
man aber nur mit der zweiten oder dritten Garde, wird man verkürzt, bei Atomraketen lag die Zeitspanne jetzt im Bereich zeitig können den Startbefehl
sicher scheitern. So kann sich eine Nation, die sich aufmacht, unter einer Stunde, bis hinunter zu 30 Minuten zwischen Start- erteilen.
große Raketen zu bauen, keine politischen, religiösen oder entscheidung und Einschlag der Sprengköpfe.
sonst welche Vorbehalte gegen Spezialisten leisten. Damit war der übliche militärische Managementprozess Rechts: Das sowjetische
Der Motor der Raketenentwicklung in der Sowjetunion ausgehebelt. Es konnten keine Diskussionen in Stäben mehr Gegenstück eines Startbun-
war Sergei Pawlowitsch Koroljow. 1938 wegen angeblicher stattfinden, keine Diplomaten konnten Gespräche führen. Es kers ist ebenfalls mit zwei
Attentatspläne gegen Stalin verhaftet und in ein Arbeitsla- war nicht einmal mehr möglich, eine genaue Fehlerprüfung Technikern besetzt.
ger verschleppt, wurde er für kriegswichtige Arbeiten 1944 durchzuführen. Waren die Meldungen, die zur Auslösung eines
unter Auflagen wieder entlassen. Die UdSSR verdankt diesem Atomschlags führten echt oder nur falsch interpretiert? Men-
„Staatsfeind" die erste Interkontinentalrakete der Welt, die schen waren zu einer umfassenden Einschätzung der Lage nicht
R-7, und ein überaus erfolgreiches Raumfahrtprogramm. Die mehr fähig. Die Lösung des Entscheidungsdilemmas boten die
Rakete R-7 wird fast 60 Jahre nach ihrem ersten Flug immer sich ab Mitte der 1950er-Jahre rasant entwickelnden Computer.
noch eingesetzt. Eine unglaubliche Leistung für ein Hochtech- Die damalige Bezeichnung für diese Maschinen, „Elektronen-
nologieprodukt. Der egomanische, das genaue Gegenteil des Computer-Simulationen
„neuen kommunistischen Menschen“ verkörpernde Koroljow des US-Verteidigungsminis-
prägte die Raketentechnik wie nur wenige Menschen. Beim Bau teriums von 1967 für acht
von Raketen ist der freie Austausch von Daten und eine offene verschiedene Erstschlag-Sze-
Diskussion unabdingbar. Bei so großen Raketenindustrien, wie narien und den folgenden Ge-
sie sich in den 1960er-Jahren in den USA und der UdSSR her- genschlag. Viermal führt die
ausbildeten, hatten staatliche Regulierungsversuche nur noch UdSSR, viermal die USA den
wenig Einfluss. So entstanden gesellschaftliche Freiräume, die Überraschungsangriff aus.
sich oft im Gegensatz zur offiziellen Doktrin befanden. Egal, Jeweils wurden verschiedene
was ein großer Führer will, zu welchem Gott man betet oder Angriffs- und Verteidigungs-
welche Hautfarbe man hat, bei Raketenleuten zählen nur fach- systeme untersucht. Die
liche Fähigkeiten. Verluste der US-Bevölkerung
Das mussten auch die USA erfahren. Die Firma Grumman sind in den Balken unten mit
gewann mit ihrem Entwurf den Wettbewerb für den Bau der den Toten und darüber mit
Mondlandefähre. Mitte November 1962 wurden die führenden den Verletzten angegeben.
Ingenieure von Grumman zur NASA nach Houston eingeladen, Die USA würden nach diesen
um mehrere Wochen lang Details des weiteren Vorgehens und Computerzahlen am Besten
technische Aspekte abzusprechen. damit fahren, selbst den
Die NASA-Zentrale lag in einer der größten Städte der Erstschlag zu führen.
USA in Texas – und zwei der Topleute von Grumman waren
schwarzer Hautfarbe. Kein Hotel in Texas war bereit, einen
schwarzen Gast aufzunehmen. Erst persönliches Eingreifen
der NASA-Führung brachte dann das Sheraton-Hotel dazu, die
ungeschriebenen Gesetze der südlichen USA in den 1960er-
Jahren zu durchbrechen und das komplette Grumman-Team
unterzubringen. Wernher von Braun war von diesem Vorfall
so außer sich, dass er ein Programm zur Heranführung von
begabten jungen Menschen aus den Minderheiten an die
Ingenieurwissenschaften anstieß.

Computer entscheiden über den Atomkrieg


Wenn der Transport von Atombomben von bemannten Bom-
bern auf Großraketen verlagert wird, ändert sich auch die
ü
86 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Beim Wiedereintritt in die


Lufthülle erhitzen sich die
Sprengköpfe, sind aber
durch eine Schicht von
Carbonfasern und beson-
derem, abschmelzendem
Material geschützt. In dieser
Flugphase sind Sprengköpfe
besonders Abschussgefähr-
det, da sie sehr heiß sind
und sich so gegen den kalten
Weltraum im Inrarotbereich
gut abzeichnen.

Der Bus manövriert jeden


einzelnen Sprengkopf auf
eine eigene Flugbahn zum
Ziel. Dabei setzt er Täusch-
körper aus. Die genaue Zahl
ist nicht bekannt, Experten
schätzen aber etwa vier pro
Sprengkopf.

Rechts: Versuchsstart einer


Minuteman aus einem

Foto: U.S. Air Force


Bunker-Silo. Gegenwärtig
wird eine neue Version der
Minuteman entwickelt.

Bei Erreichen der festgeleg- hirne“, zeigt gleich das grundsätzliche Problem der damaligen
ten Endgeschwindigkeit wird Entscheidungsfindung. Man traute den Rechenmaschinen zu
der brennende Festtreibstoff viel zu. Heute lächelt man über die riesigen Schränke, welche
der Endstufe durch Auf- ihre Befehle über Lochkarten oder –streifen erhielten und eine
sprengen von Schub-Stopp- Speicherkapazität hatten, die man heute keinem Telefon mehr
Öffnungen gelöscht. zumuten würde.
Computer wurden von Computerspezialisten bedient, deren
Wissen Außenstehenden völlig unverständlich war und die sich
kryptischer Programmiersprachen bedienten. Ehrfurchtsvoll
wurden Ergebnisse mit dem Prädikat „durch Computer errech-
net“ versehen, diese waren somit über jeden Zweifel erhaben.
Egal, was diese Rechenmaschinen für Ergebnisse erzeugten,
die Fähigkeiten, diese dann den Menschen mitzuteilen, waren
sehr eng begrenzt. Bildschirme konnten nur riesige Zeichen in
endlosen Folgen darstellen, meist wurden Plotter als Ausgabe-
geräte benutzt, also gesteuerte Stifte, die auf großen Blättern
Linien zeichnen konnten. Die Fehlertoleranz der Programme
Nach dem Ausbrennen der war gering, die Ausfallwahrscheinlichkeit der elektronischen
ersten beiden Stufen der Bausteine war hoch. Und dennoch war man damals der festen
Minuteman zündet die Überzeugung, den halben Weg zur künstlichen Intelligenz
letzte Raketenstufe und die schon zurückgelegt zu haben. Es herrschte die Meinung vor, ein
Nutzlastverkleidung über den Computer, der einen nationalen Schachmeister schlagen kön-
Sprengköpfen und dem Bus ne, sei intelligent. In dieser maschinengläubigen Zeit legte man
wird abgeworfen. also die Entscheidung über den Fortbestand der Menschheit in
die Hände von Elektronenhirnen. Zwar musste in Washington,
wie auch in Moskau, noch der oberste Befehlshaber den Start-
befehl für die Atomraketen geben, die Analyse, ob ein gegne-
rischer Angriff vorliegt, wurde aber von Computern erstellt.
Grundlage der maschinengenerierten Entscheidungsfin-
4 Grafiken: U.S. Air Force

dung ist die Kybernetik. Man führt diese Wissenschaft allge-


mein auf den amerikanischen Mathematiker Norbert Wiener
zurück. Dieser hatte 1948 in einem wegweisenden Buch die
Analogie zwischen lebenden Organismen und elektronischen
ü
Foto: U.S. Navy Die Spielregeln des Kalten Krieges 87

Schaltungen aufgezeigt. Demnach sei es möglich, Steuerungs-,


Erkennungs- und Analysevorgänge künstlich nachzuahmen.
Im Zeitalter der Atomraketen schien dies der Ausweg aus der
Falle der zu kurzen Entscheidungszeit zu sein. Maschinen
sind schneller, ohne Vorurteile und vorausberechenbar in
der Lage, Situationen zu analysieren. Wenn man ein festes
Entscheidungsschema entwickelt hat, prüft die Maschine nur
noch die Radardaten, die bekannten Positionen gegnerischer
Kriegsschiffe und andere Faktoren und entscheidet kühl, ob die
eigenen Atomraketen starten sollen oder nicht. Menschliches
Fehlverhalten ist ausgeschaltet – so dachte man.
Beiden Raketenmächten blieb keine andere Wahl, als ihren
Kybernetikern zu glauben. In der Sowjetunion, die auf eine
Foto: Royal Navy

lange und erfolgreiche mathematische Tradition zurückblicken


kann, hatte die Idee, ein mathematisches Verfahren zwischen

Links: Ein U-Boot ist bereit


zur Aufnahme von
Trident-Raketen

Rechts: Eine Trident wird


von einem getauchten
britischen U-Boot abge-
feuert.

U-Boot-Raketen gelten als


eine typische Zweitschlag-
waffe. Durch die kurze
Reichweite mussten die
U-Boote erst ihre Startposi-
tionen anlaufen, das hätte,
wäre es Teil eines Überra-
schungsangriffs, den Gegner
gewarnt. Die moderneren
Trident-Raketen verfügen
über eine so große Reich-
weite, dass sie Moskau (wie
in der Grafik eingezeichnet)
Foto: U.S. DoD

von fast allen Positionen aus


ü
erreichen können.
88 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Foto: U.S. Army


diese zu haben. Beide werden einzeln verhört. Jeder Verhaf-
tete (Spieler) versucht durch sein Verhalten für sich die beste
Lösung herauszuschlagen. Dabei hat jeder Spieler die Wahl
zwischen zwei möglichen Zügen. Er kann der Polizei gegenüber
schweigen oder er kann das Verbrechen gestehen. Schweigen
Foto: U.S. DoD

beide Spieler, muss die Polizei beide frei lassen – die optimale
Lösung. Gestehen beide, werden sie zu langjährigen Haft-
strafen verurteilt. Gesteht einer und der andere schweigt, gilt
Wer möchte den gegneri- den Finger des großen Diktators und den roten Knopf zu schie- der Aussagende als Kronzeuge und kommt mit einem kurzen
schen Atombomben schon ben, einen eigenen Wert. Gewissermaßen wurde die Kriegs- Gefängnissaufenthalt davon. Der schweigende Spieler geht als
schutzlos ausgeliefert sein? entscheidung von politischen Gesichtspunkten abgekoppelt, Haupttäter lange in Haft. Ohne die geringste Information über
Bei einem Test jagen zwei diesem unpolitischen Maschinen-Puffer konnten auch keine den anderen Spieler ist jeder der beiden in seiner Entscheidung
amerikanische Spartan einem Intrigen unterstellt werden. auf sich selbst gestellt. Die Chance, die persönliche positive
Minuteman-Sprengkopf ent- In den USA sah man sich als technische Führungsmacht Lösung zu erreichen ist kleiner als zu verlieren.
gegen, um ihn abzufangen. der Welt, hier mussten die modernsten Mittel einfach genutzt Die Lehre für die Atommächte aus dem Gefangenendilem-
werden, sonst lief man Gefahr, den erreichten Vorsprung zu ma ist einfach: Ohne Informationen über den Gegner kann man
Rechts: Wegen der kurzen verlieren. So lagen die Startentscheidungen vom Beginn der nur Fehler machen. Egal, wie sehr man den Gegner vernichten
Flugzeit schwieriger zu be- Stationierung der Interkontinentalraketen im entscheidenden möchte, ein Minimum an Kommunikation und Information ist
kämpfen und darum als de- Bereich der Bedrohungsanalyse (auf beiden Seiten) in Händen für beide überlebenswichtig. Das brachte Präsident Truman
stabilisierend eingestuft sind von Computerspezialisten und ihren Maschinen. 1955 dazu, den Vorschlag „Offener Himmel“ an die UdSSR zu
Mittel- oder Kurzstrecken- richten. Danach sollten beide Nationen dem Gegner Aufklä-
raketen wie diese Pershing. Bitterer Ernst: die Spieltheorie rungsflüge über ihrem Territorium gestatten. Darauf wollte sich
Die Beschäftigung mit computergeführten Strategien rückte die Sowjetunion aber nicht einlassen.
eine mathematische Disziplin ins Blickfeld der Militärs, die bis- Die Regeln der Spieltheorie wurden in Computerprogram-
her nur ein Schattendasein an Universitäten geführt hatte: die me integriert, die verschiedene Szenarien eines atomaren
Spieltheorie. Diese untersucht mit den Mitteln der Logik und Schlagabtausches simulierten. In klimatisierten Computerräu-
Wahrscheinlichkeitsrechnung Entscheidungssituationen und men wurde jahrelang fleißig bei beiden Gegnern mit virtuellen
die Abfolge von Handlungen, um ein bestimmtes Ziel zu errei- Atomsprengköpfen und Millionen Toten hin und her jongliert,
chen. Ausgangspunkt war die Untersuchung und Herausbil- um eine optimale Kriegsführung herauszuarbeiten. So schnell
dung von Strategien für Gesellschaftsspiele. Schnell wurde klar, wie sich die Militärs der Spieltheorie bemächtigt hatten, so
dass derartige Strategien auch für Vorgänge im realen Leben schnell verschwand diese nach einigen Jahren wieder aus dem
herangezogen werden können, etwa für Verhaltensmaßregeln Lehrplan für Stabsoffiziere.
beim Aktienhandel.
Wichtige Auswirkungen für die Strategie im Kalten Krieg Wie führt man einen Atomschlag?
der 1950er-Jahre hatte die als „Gefangenendilemma" bekann- Unabhängig, ob der Gegner einen Angriff durchführt, Gegen-
te Grundsatz-Parabel der Spieltheorie: Die Polizei verhaftet stand vieler Überlegungen auf beiden Seiten war die Frage
zwei Verbrecher, ohne jedoch stichhaltige Beweise gegen nach der Durchführbarkeit eines Erstschlages. Wenn man sicher
ü
Die Spielregeln des Kalten Krieges 89

In diesem monströsen Behäl-


ter verbirgt sich die sowje-
tische Anti-Raketen-Rakete
Galosh, das Gegenstück zur
Spartan. Hier werden zwei
Galosh publikumswirksam
im Mai 1964 über den Roten
Platz gezogen.

Man hat wenig Erfahrungen


mit dem Verhalten von Rake-
ten in wirklichen Kriegen. Hier
sind die Einschläge irakischer
Mittelstreckenraketen im Jahr
Foto: Militärbilddienst

1991 mit dem Ziel Tel Aviv zu


sehen. Der grüne Kreis CEP
zeigt den Radius, in dem die
Hälfte aller Geschosse um das
davon ausgehen konnte, dass es ohnrhin 19 575 zu einem nukle- Sowjetunion zu einem Vernichtungsschlag ausholen, rechnen Ziel theoretisch einschlagen
aren Schlagabtausch kommen würde, warum warten und nicht amerikanische Planer damit, dass genügend Raketensilos den sollten. Ähnliche Fehlerstreu-
mit aller Macht in einem unerwarteten Augenblick losschlagen? Atomschlag überstehen würden. Die auf U-Booten stationier- ungen sind auch in einem
Wieder zog man Rechenmaschinen zur Analyse heran. Deren ten Atomraketen gelten als typische Vergeltungsschlagwaffen. Atomkrieg zu erwarten.
kaltes Ergebnis legte einen Erstschlag für die USA als erfolg-
reiches Szenario nahe. Die Zahl der Opfer auf Seiten der prä-
ventiv zuschlagenden Partei waren nach diesen Berechnungen
geringer als auf Seiten des Gegners. Dabei kann zwischen zwei
unterschiedlichen Präventivangriffen unterschieden werden.
Der Enthauptungsschlag: Ein präziser Überraschungsangriff
schaltet die militärische und politische Führung des Gegners
aus. Das war schon im Wesentlichen die theoretische Forde-
rung hinter den Fernraketen-Ideen in den 1920er-Jahren. Ohne
Führung muss ein Gegner um Frieden nachsuchen. Grundbe-
dingung dieses Enthauptungsschlages ist die Präzision der
Sprengköpfe. Man geht davon aus, dass jede Nation den Ver-
lust von einigen Mitgliedern der Oberschicht verkraften kann,
ohne auf Rache zu sinnen. Werden dabei jedoch ganze Städte
als Kollateralschaden mit ausgelöscht, ist jede neue Führung
zu einem Vergeltungsschlag gezwungen.
Der Vernichtungsschlag: Hofft man bei einem Enthaup-
tungsschlag auf eine neue Regierung des Gegners, mit der
man verhandeln kann, besteht diese Hoffnung bei einem
Grafik: Uwe W. Jack nach Robert Schmucker & Markus Schiller Raketenbedrohung 2.0

Vernichtungsschlag nicht. Der Gegner muss so hart in seiner


militärischen, industriellen und politischen Struktur getroffen
werden, dass er in absehbarer Zeit zu keiner Aggression mehr
in der Lage ist. Ein Vernichtungsschlag darf beim Gegner kei-
ne Ressourcen für einen wirkungsvollen Gegenschlag übrig
lassen.
Aus diesen Überlegungen ergeben sich im Gegenzug die
Forderungen zur Verhinderung eines gegnerischen Erstschla-
ges. Einen Enthauptungsschlag verhindert man, indem die
Führung des Landes weit gestreut und gut verbunkert oder
nicht ortsfest installiert ist. Das amerikanische Befehlszentrum
NORAD tief in einem Berg und das „Air Force One“-Flugzeug
des Präsidenten erfüllen diese Aufgaben. Die US-Führung ist
ohne drastische Zivilverluste nicht auszuschalten. Sollte die
ü
90 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Foto: U.S. Air Force


Mit dem Höhenaufklärer Die getauchten Boote sind schwer zu orten und zu treffen, sie Im November 1961 fielen in den USA alle Verbindungen
Lockheed U-2 flog die U.S. würden die Hauptlast des Vergeltungsschlages tragen. zwischen dem Strategischen Bomberkommando und der Ver-
Air Force unerlaubt über dem Da ein Vernichtungsschlag immer auch die Befehlszentralen teidigungszentrale NORAD aus. Da die Leitungen doppelt über
Territorium der Sowjetunion vernichten würde, gibt es noch das Gerücht vom „Doomsday“- unabhängige Wege liefen, wurde dies als ein sicheres Zeichen
und entdeckte so die Rake- Schlag. Dieses „Jüngste Gericht“ würde automatisch ausgelöst, für eine Feindeinwirkung gewertet. Die Besatzungen der am
tenabschussbasen für Welt- wenn die Computer in den Raketensilos eine bestimmte Zeit Boden verbliebenen Boeing B-52 bestiegen ihre bewaffneten
raum- und Atomraketen. Mit keine Kommunikation mit den Befehlszentralen durchführen Maschinen und ließen die Triebwerke warm laufen. Ein Flug-
dem Einsatz von Flugabwehr- könnten, ähnlich dem Totmannknopf der Lokführer bei der zeug in der Luft konnte aber rechtzeitig als Relaisstation die
raketen und dem Abschuss Eisenbahn. Deuteten noch andere Anzeichen auf eine atomare Verbindung wieder herstellen. Es stellte sich schließlich her-
von Francis Gary Powers am Vernichtung des Landes hin, starteten nach einigen Tagen die aus, dass die eigentlich unabhängigen Leitungen einmal doch
1. Mai 1960 endeten diese Interkontinentalraketen automatisch. durch eine gemeinsame Verbindungsstation liefen, die einen
riskanten Flüge. Die Überlegungen zu einem begrenzten, taktischen Ein- Stromausfall hatte.
satz von Atombomben seien hier nur kurz angerissen. Gegen Im August 1962 flog eine atomar bewaffnete B-52 durch
eine sowjetische Invasion in Westeuropa war der Einsatz von einen Navigationsirrtum bis 480 km an die sowjetische Grenze
nuklearen Waffen fest eingeplant, ebenso wie sowjetische heran. Man geht davon aus, dass auf sowjetischer Seite Groß-
Truppen während der Kubakrise die Erlaubnis erhielten, eine alarm ausgelöst wurde.
eventuelle US-Invasion der Insel durch taktische Atombomben Ende Oktober 1962 flog ein U-2-Aufklärer irrtümlich in
Mit der Lockheed Martin F-35 abzuwehren. den sowjetischen Luftraum am Polarkreis ein. Als sowjetische
haben die USA ein Kampf- Jäger starteten und den Aufklärer auch über neutralem Gebiet
flugzeug der fünften Gene- Atomkrieg aus Versehen verfolgten, um ihn abzufangen, wurden atomar bewaffnete US-
ration eingeführt, welches Alle Seiten waren und sind sich der Gefahr bewusst, ein Atom- Jäger zur Hilfe gerufen, die den Befahl hatten, die gegnerischen
über Stealth-Eigenschaften krieg könne versehentlich ausgelöst werden. Mehrere solche Jäger mit allen Mitteln daran zu hindern in den US-Luftraum
verfügt. gefährliche Situationen sind bekannt geworden. einzufliegen.

Grafik: Lockheed Martin

ü
Die Spielregeln des Kalten Krieges 91

Nach dem Abbruch der U-2-


Spionageflüge fotografierten
die USA ab Juli 1963 ihre
Gegner aus dem Weltall. Der
Satellit KH-7 (Keyhole =
Schlüsseloch) wurde offiziell
auch als Gambit bezeichnet.
In Washington ist ein Exemp-
lar der von 1963 bis 1967 ge-
flogenen Version ausgestellt.
Der aufgenommene Film
wurde nach dem Eintritt in die
Erdatmosphäre am Fallschirm
hängend mit einem Flugzeug
in der Luft geborgen. Hier
ist links die Hitzeschutz-
Verkleidung für die goldene
2 Fotos: Uwe W. Jack

Filmkapsel mit Fallschirm zu


sehen.

Während der Kubakrise im Oktober 1962 explodierte ein


sowjetischer Aufklärungssatellit im Orbit. Der Teileschauer
wurde von US-Radarstationen zuerst als einfliegende feindliche
Sprengköpfe identifiziert. Die amerikanischen Reaktionen auf
diesen Alarm sind bis heute geheim.
Während der Kubakrise wurden die Titan-Raketen mit scharfen
Atomsprengköpfen beladen. Ein schon vorher geplanter Testflug
einer Titan mit einer Sprengkopfattrappe wurde versehentlich
nicht abgesagt. Die Rakete wurde gestartet. Man geht davon aus,
dass sowjetische Überwachungstechniken die Ausrüstung der
Titan mit scharfen Sprengköpfen bemerkt hatten und diesen Start
leicht als Angriffsbeginn hätten interpretieren können.
Ebenfalls während der Kubakrise interpretierte eine ameri-
kanische Radarstation einen sowjetischen Satelliten (und seine
Endstufe?) als zwei einfliegende Sprengköpfe. Die Analyse
erfolgte sehr langsam, nur die fehlenden Einschläge bewiesen,
dass dies keine Sprengköpfe waren.
Im November 1979 sahen die wachhabenden Kommandeu-
re mehrerer Verteidigungszentralen der USA einen Schwarm
von einfliegenden sowjetischen Sprengköpfen auf ihren Moni- erschreckende Verlustzahlen unter der Bevölkerung und mate- Im schwarzen Rumpf des
toren. Die Vorbereitungen zum Gegenschlag liefen an. Nach rielle Schäden vorhergesagt. Die beiden großen Atommächte KH-7 befindet sich die Kodak-
sechs Minuten stellte sich heraus, dass irrtümlich ein Kriegs- haben auch Vorbereitungen zum Schutz von Zivilisten und Kamera mit mehrfach ge-
Simulationsprogramm gestartet worden war. Behandlung von atomaren Opfern getroffen. Der Umfang falteter Optik extrem langer
Im Juni 1980 meldete die Radarkonsole eines US-Kom- dieser Vorbereitung ist jedoch so gering, dass nur von einem Brennweite. Die Luke für das
mandopostens den Einflug von etwa 2000 Sprengköpfen. Der psychologischen Effekt ausgegangen werden kann. Es werden Foto-Fenster steht hier im
Alarm zum Gegenschlag wurde gegeben. Als andere Stationen Vorbereitungen für eine Aufrechterhaltung der Befehlsstruktur, Museum offen.
keine Einflüge erkennen konnten, wurde der Alarm gestoppt. der Versorgung und Kommunikation getroffen. Dabei sind vor Der 914 Meter lange Film
Ein fehlerhafter Computerchip wurde als Ursache identifiziert. allem die Eliten der Länder bemüht, ihre Weiterexistenz nach konnte Bodendetails mit einer
Im September 1983 melde das sowjetische Frühwarnsystem einem Atomschlag zu sichern. Viele Bunker sind nur für Regie- Auflösung von 60 x 90 Zenti-
den Start einer amerikanischen Minuteman-Rakete in Richtung rungsstellen oder militärische Stäbe zugänglich. metern festhalten.
Sowjetunion. Wenig später wurde der Start von vier weiteren Natürlich gehen sowohl die Sowjetunion (und heute Russ-
Minuteman gemeldet. Der wachhabende Offizier konnte die- land) als auch die USA davon aus, einen nuklearen Schlagab-
sem Alarm durch Vergleich mit anderen Signalen als Fehlfunk- tausch zu gewinnen. Was immer ein Sieg unter diesen Umstän-
tion eines Satelliten wegen tiefstehender Sonne identifizieren. den auch bedeuten mag. Eine Planung für einen solchen Sieg
Im Januar 1995 zeigte eine russische Radarstation den Start ist jedoch nicht veröffentlicht worden. Gehen wir einmal davon
einer Rakete von Norwegen aus an, die in fünf Minuten in Mos- aus, eine der beiden Mächte habe die andere überraschend mit
kau einschlagen würde. Es wurde Großalarm gegeben. Die wei- einem Erstschlag getroffen und diese habe dann kapituliert.
tere Bahnverfolgung erbrachte einen Einschlag weit außerhalb Somit verfügt die Siegernation noch über alle ihre Friedens-
der russischen Grenze. Es handelte sich um eine norwegische Ressourcen – was nun? Der Gedanke, entweder von den USA
Höhenforschungsrakete, deren Startankündigung nicht an die oder von der Sowjetunion aus würde sich eine Flotte mit Milli-
Verteidigungszentrale weitergeleitet worden war. onen von Besatzungssoldaten aufmachen, um den geschlage-
nen Gegner zu besetzen, ist lächerlich. Hätte die UdSSR in den
Kein Plan für die Zeit nach einem Sieg im Atomkrieg verwüsteten USA versucht, den Kommunismus einzuführen,
Seltsamer Weise sind zwar viele Überlegungen zur Führung oder umgekehrt die USA in einer sowjetischen Atomwüste den
eines strategischen Atomkrieges bekannt geworden, aber Handel freigegeben, eine Börse gegründet und die Überleben-
keine Hinweise auf die Zeit danach. Etliche Rechnungen haben den
ü
der fast 300 Millionen Bürger mit Care-Paketen versorgt?
92 Die Spielregeln des Kalten Krieges

Foto: Tupolew
2017 wurde eine moder- Als Erklärung bleibt einerseits die wenig erfreuliche sehen in Russland noch immer ihren Hauptgegner. China ist
nisierte Maschine des Erkenntnis, der Atomkrieg ist nicht als „Fortsetzung der Politik als dritter Spieler mit zur Weltmacht aufgestiegen und ver-
russischen Schwenkflügel- mit anderen Mitteln“ gedacht, sondern hat sich in den mili- kompliziert diese Situation zusätzlich. Neue Generationen von
bombers Tupolew Tu-160M tärischen Planungen verselbständigt. Andererseits könnte Waffensystemen bringen das Gleichgewicht der Kräfte wieder
ausgeliefert. Die Maschine die Atomkriegsplanung eine moderne Auslegung der alten ins Wanken.
dient als Träger für Strategie der „Fleet in Being“ sein. Man hofft, die unglaubliche Besondere Gefahr entsteht aus dem Streben von besonders
Lenkflugkörper. Anhäufung von Vernichtungspotenzial würde jeden Gegner so militanten Nationen, sich eine nukleare Schlagkraft aus Groß-
abschrecken, dass es nie zu einem Schlagabtausch kommt und raketen und Atombomben zu schaffen. 2012 gingen in der Ukra-
demzufolge auch kein Gedanke an die Zeit danach verschwen- ine zwei nordkoreanische Spione für acht Jahre ins Gefängnis,
det werden muss. die versucht hatten, sich die Pläne für die Interkontinentalra-
kete SS-18 zu beschaffen. Nordkorea steht auch im Verdacht,
Der Kalte Krieg ist zu Ende, die Atombedrohung bleibt Raketeningenieure für strategische Waffensysteme aus den
Nach offizieller Lesart ist der Kalte Krieg mit dem Ende der ehemaligen Sowjetrepubliken rekrutiert zu haben. Waren in der
Sowjetunion 1991 zu Ende gegangen. Doch noch immer stehen Vergangenheit bei den Supermächten diverse Sicherungen vor
in den USA und in Russland hunderte von Atomsprengköpfen den roten Knopf geschaltet, so kann bald ein größenwahnsinni-
bereit zur gegenseitigen Vernichtung. Nach Meinung des ger „Großer Führer“ auf die Idee kommen sich für eine Schmach
Autors geht der Kalte Krieg aber unter anderen Voraussetzun- zu rächen, oder ein religiöses Oberhaupt könnte den nuklearen
gen weiter. Russland fährt eine ähnliche Politik wie zuvor, nur Glaubenskrieg ausrufen. Vor 75 Jahren löschten Atombomben
entkleidet des ideologischen Deckmantels des Kommunismus. zwei Städte aus, diese Gefahr ist auch heute nicht gebannt, nur
Die USA, die vorgaben, gegen den Kommunismus zu kämpfen, dass die Waffen jetzt viel wirkungsvoller sind.

Russland hat sie schon, die


USA und China stehen kurz
davor, Hyperschallflugkörper
in Dienst zu stellen. Diese
sind schneller als Mach 5
und daher nur schwer ab-
zuwehren. Eine neue Runde
des Wettrüstens hat damit
begonnen.
Grafik: Lockheed Martin

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Foto: pif.kitchen

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94 Bücher

Jürgen Mayer Manfred Franzke Alexander Kartschall


Raketenproduktion Junkers Ju 287 Messerschmitt Me 262
der V1 und V2 Geheime Produktionsstätten
in Mittelbau-Dora

Rockstuhl Verlag, 2020


97 Seiten Unitec Medienvertrieb, 2020 Motorbuch Verlag, 2020
einige Abbildungen 49 Seiten 239 Seiten, zahlr. Abbildungen
ISBN 978-3-95966-434-9 zahlreiche Abbildungen ISBN 978-3-613-04258-2
14,95 Euro 11,80 Euro 29,90 Euro

Der Rückentext des kleinen Büchleins lässt Um den Strahlbomber von Junkers mit vier Die Messerschmitt Me 262 ist sicher eines
Vorfreude aufkommen: Ein Wirtschaftshisto- oder sechs Triebwerken aus den Jahren 1944 der bekanntesten Kampfflugzeuge der Welt.
riker und Firmenberater hat sich durch die und 1945 ranken sich etliche Halbwahrheiten Unzählige Bücher, Artikel und Fernsehdoku-
Originalunterlagen der Raketenfertigung im und Gerüchte, die meist über das Internet mentationen sind über den ersten eingesetzten
Harz gearbeitet und legt seine Ergebnisse vor. verbreitet werden. Da die bisher über dieses Strahljäger erschienen – aber alle haben um die
Endlich einmal eine neue Facette unter den Flugzeug erschienenen Publikationen bereits Darstellung der Fertigung dieses einmaligen
zahllosen Publikationen zur V-2-Rakete! seit langem vergriffen sind, kommt Manfred Flugzeugs einen großen Bogen geschlagen.
Die Enttäuschung lässt aber nicht lange auf Franzke zu dem Schluss, es sei an der Zeit, das Nun, genau 75 Jahre nach Einstellung der Pro-
sich warten. Große Schrift, nach jedem Satz ein Thema wieder zu beleuchten – recht hat er. duktion der Me 262 Anfang April 1945 wird
Absatz mit Zwischenraum und jeder Satz endet Die Junkers Ju 287 sollte es als Bomber der diese Lücke geschlossen.
auch bei banalem Inhalt mit einem in Klammern Luftwaffe ermöglichen, wieder Ziele in den Alexander Kartschall hat Unmengen Material
stehenden Quellenhinweis. Derartige Platzschin- Ländern der Gegner anzugreifen. Die veralteten zusammengetragen, dies wird schon beim flüchti-
derei verhindert nicht nur ein flüssiges Lesen, sie Propeller-Maschinen konnten dies nicht mehr gen Blättern im Buch deutlich. Obwohl dem Inhalt
nervt erheblich. Zieht man noch die zahlreichen leisten. Junkers wählte nicht nur Strahltriebwer- nach eher für hartnäckige und gut informierte
eingestreuten Biografien von mehr oder weniger ke, um das Flugzeug schnell zu machen. Bewusst 262-Liebhaber gedacht, beginnt das Buch dann
am Geschehen beteiligten Personen ab, bleibt ein wurden hier erstmals gründliche Analysen und aber mit einer Einführung in die Geschichte des
Text übrig, der gerade einen Zeitschriftenartikel Windkanalversuche mit Pfeilflügeln durchge- deutschen Strahlantriebs und der Messerschmitt-
ergeben hätte. führt. Junkers entschied sich für einen vorwärts werke. Ein Blick auf die Produktionssituation im
Da es sich wieder einmal um ein Raketen- gepfeilten Flügel, der gegenüber dem rückwärts Flugzeugbau gegen Ende des Krieges leitet dann
buch eines technikfremden Autors handelt, sei- gepfeilten Vorteile versprach. über auf die Darstellung der Untertageverlage-
en die manchmal peinlichen Technikfehler hier Um die Windkanal-Ergebniss mit dem echten rung. Diese hauptsächlich von Zwangsarbeitern
ignoriert. Die verwendeten Abbildungen sind Flügel zu vergleichen, wurden zwei Vor-Proto- gegrabenen Höhlenwerke oder unter riesigen
nur wenig beeindruckendes Beiwerk – eher auf typen gebaut, die neben der echten Tragfläche Betondecken geschützten Fertigungsstätten neh-
Wikipedia-Niveau. einen Rumpf aus Baugruppen anderer Flugzeu- men dann auch den meisten Platz im Buch ein. Wie
Und was ist jetzt mit der Wirtschaft? Auf den ge erhielten. Der eigentliche Prototyp war bei bei den folgenden Abschnitten über die Waldwer-
letzten Seiten des Büchleins zeigt Jürgen Mayer, Kriegsende im Bau. Die Amerikaner schleppten ke werden viele Dokumente und Fotos angeführt.
dass es möglich ist, dem Raketen-Thema doch alle Unterlagen ab, der Prototyp fiel den Sowjets Die Fotos sind fast alle von schlechter Qualität,
noch neue Inhalte abzugewinnen. Er stellt die in die Hände. Die fanden die Ju 287 so interes- sie bereichern dennoch die Darstellung, da sie
Geldgeschäfte und Bilanzen der als Firma organi- sant, dass sie die Maschine von deutschen Spe- die Situation vor Ort, ergänzend zum Text, zeigen
sierten Raketenproduktion dar. Seine Analyse hät- zialisten in der UdSSR weiter entwickeln ließen. und einige davon noch niemals veröffentlicht wur-
te aber ausführlicher ausfallen können. Er streut Das Heft zeigt sich randvoll mit Fotos, Doku- den. Dieser Text ist höchst sachkundig und lässt
zwar hin und wieder Sätze mit kurzen Wertungen menten und Zeichnungen. Beim ersten Hinein- sich flüssig lesen. Die als Faksimile wiedergegeben
ein, bleibt aber meist allgemein. blättern scheint es mehr ein Bildband zu sein. Es Dokumente sind von unterschiedlicher Deutlichkeit.
Interessant ist etwa die Erkenntnis aus der ist wirklich erstaunlich, was Manfred Franzke da Teils sind sie halt sehr alt, teils werden interessante
Gewinn-und-Verlust-Rechnung der Mittelwerk zusammengetragen hat. Die Qualität der Abbil- Lagekarten oder Fertigungspläne so klein abge-
GmbH. Wären die eingesetzten Häftlinge und dungen variiert stark. Wer die Originale kennt, druckt, dass selbst mit einem Mikroskop keine Infor-
Zwangsarbeiter bezahlt worden wie die normalen weiß aber, dass dies nicht zu vermeiden war. Der mationen zu erkennen sind. Eine weitere Schwäche
Angestellten, hätte die Firma an diese Menschen Text tritt dagegen etwas zurück. Zwar wird die der Gestaltung sind die hässlichen Tabellen, die um
65 Millionen Reichsmark auszahlen müssen, statt Geschichte der Ju 287 erzählt. An manchen Stellen jedes Feld einen dicken Rahmen haben.
der acht Millionen, die tatsächlich als Löhne scheint dies aber mit der heißen Nadel gestrickt Trotz dieser kleinen Schwächen ist hier ein
gezahlt wurden. worden zu sein. Werk erschienen, welches das Kapitel Me-262-
Ein greifbares Gesamtergebnis der Untersu- Für einen moderaten Preis erhält der Neuling Produktion endlich ausführlich beleuchtet. Für
chung fehlt dann aber zum Schluss. Es ist nur eine und auch der schon erfahrene Leser in Sachen Luft- besonders an dem Strahljäger Interessierte ein
extrem kurze Darstellung der Mittelwerk GmbH fahrtgeschichte einen reichhaltigen Überblick über Muss, für diejenigen, die sich allgemein mit dem
mit wenigen starken Stellen. Damit bleibt der eines der einflussreichsten Flugzeuge überhaupt. Luftkriegsgeschehen von 1939 bis 1945 befassen,
Inhalt so wie das ganze Buch: dünn. Eine wirkliche Bereicherung jeder Sammlung. eine wertvolle Ergänzung im Bücherschrank.
Uwe W. Jack Uwe W. Jack Uwe W. Jack

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Leserbriefe 95

Matthias Steinbruch: X81, Deutsche in der UdSSR nach einem Jagdflugzeug, das in diesen Höhen noch voll aktionsfähig ist, das
Zu dem Artikel über die Nachkriegstätigkeit der deutschen Luftfahrtspezialis- heißt, dass es eine Mindestgipfelhöhe von ungefähr 20 km und eine Maximal-
ten in der Sowjetunion sende ich Ihnen als Ergänzung zwei Artikel von 1957 geschwindigkeit von Mach 1,5 bis 2,0 haben sollte.
über das Triebwerk 022 und die Tupoew Tu-95.
Ferdinand Brandner hielt im Februar 1957 in Zürich einen Vortrag über die
Arbeiten des deutschen Triebwerksteams in der Sowjetunion. Die damalige
Zeitschrift „Flugwelt“ veröffentlichte einen ausführlichen Bericht über den
Vortrag. Danach wurde im Jahr 1948 die zuerst durchgeführte Entwicklung des
Triebwerks Jumo 012 abgebrochen.
„Für die nächste Aufgabe, Entwicklung eines Propellerturbinentriebwerks
mit einer Leistung von 6000 PS, mussten indessen vorerst wieder neue Prüf-
stände und Wasserbremsen zur Messung der mechanischen Leistung errichtet
werden. Nach zwei Jahren stand auch dieses Triebwerk, das die Bezeichnung
022 erhielt, auf dem Prüfstand. Obwohl man den deutschen Spezialisten
nach Vollendung dieses Auftrages die Rückkehr nach Deutschland mitsamt
ihren Angehörigen versprochen hatte, erhielten sie einen weiteren Auftrag
zur Entwicklung eines Propellerturbinentriebwerkes mit doppelter Leistung,
also 12 000 PS. Zuerst versuchte man die Lösung in der Vereinigung zweier
nebeneinander liegender, unveränderter 6000-PS-Triebwerke zu finden, was
jedoch nicht vollständig gelang, sodass dieses Triebwerk nur dank besonderer
Maßnahmen seinen 100-Stundenlauf durchzustehen vermochte. Doch das
12 000-PS-Triebwerk wurde nicht fallen gelassen, sondern die Forderung viel-
mehr noch höher geschraubt, indem innerhalb von drei Monaten Angaben für
ein einwelliges Triebwerk abgegeben werden mussten.“
2 Abbildung: Sammlung Matthias Steinbruch

Schnittzeichnung des Turboproptriebwerks 022 aus dem Vortrag von Ferdinand Brandner von 1957 Die (1957 meist errechneten) Leistungsdaten der Tupolew Tu-95 beindruckten den Westen.

Im Artikel wurden für das Triebwerk folgende Daten angegeben:


Triebwerksleistung am Stand: 12 000 PS
Triebwerkslänge: 5,50 m Wolff-Peter Nagel: X82, Die DC-9 und ihre Nachfahren
Triebwerksdurchmesser: 1,30 m Danke für Ihren Artikel über die DC-9. Ich habe viel über diese gemütliche
Spezifischer Verbrauch am Stand: 0,25 kg/PS Maschine gelernt, mit der ich, als ich mich noch nicht des Rentnerdaseins
Luftschraubendurchmesser: 5,50 m erfreuen konnte, viel dienstlich für meine Firma unterwegs war. In Zürich
hatte ich mich einmal sehr gewundert, als mir als meine Rückreise-
Die Überraschung durch das Erscheinen der Tupolew Tu-95 (damals als maschine nach Frankfurt eine Boeing 717 angezeigt wurde. Ich hatte dies
Tu-20 bezeichnet) wird aus der Einleitung und der Zusammenfassung am damals als einen Tippfehler im Büro der Luftfahrtgesellschaft angesehen.
Schluss des entsprechenden Artikels von 1957 deutlich: Jetzt bin ich, dank Ihres Berichtes, viel schlauer und weiß, dass es sich
„Die Luftparade der sowjetischen Luftwaffe im Juni 1955 über Moskau- um eine der vielen Verwandlungen der unverwüstlichen Douglas DC-9
Tuschino brachte eine Bestätigung der Existenz eines viermotorigen schweren gehandelt hat.
Propellerturbinenbombers. Vermutungen, dass die Sowjets mit der Entwick-
lung oder sogar dem Bau eines derartigen Bombers beschäftigt seien, waren
schon Jahre zuvor aufgetaucht. Jedoch glaubte man, dass die Flugtechnik in
der Sowjetunion noch nicht so weit sei, Propellerturbinen mit einer Leistung Wir freuen uns
von 10 000 PS und mehr entwickeln und bauen oder sogar zur Serienreife auf Ihre Nachricht!
vorantreiben zu können.“
„Infolge des geringen Verbrauchs der Propellerturbinen ist die Tu-20 Bear
bei geringerer Kraftstoffzuladung in der Lage, fast die gleiche Reichweite zu eMail: Briefpost:
erzielen wie die B-52. Sehr günstig wirken sich die Propellertriebwerke auf Redaktion FliegerRevue X
x@fliegerrevue.aero
Startstrecke und Landestrecke aus. Die erreichten Gipfelhöhen der Tu-20 zei- Ehrig-Hahn-Straße 4
gen, dass moderne schwere Bomber in Höhen von 17 km und darüber hinaus 16356 Ahrensfelde
operieren können. Aus der Erkenntnis dieser Tatsache resultiertüdie Forderung
96 Leserbriefe

Wolfgang Zähle: X82, PZL M-18 Dromader Warbirds bei Flugshows im Flug gezeigt werden können. Ein weiterer Punkt
Hier noch eine Ergänzung zum Motor der PZL M-18, dem ASch-62: im Artikel war die angeblich schlechte Ausbildung der deutschen Piloten.
Ausgangspunkt des Motors war der 9-Zylinder-Sternmotor Wright-Cyclone Haben Sie dazu Hinweise, die dies belegen?
SGR-1820 F-3 mit 630 PS am Boden. Nach zweijährigen Verhandlungen gab
es 1932 ein Abkommen zum Lizenzbau des Motors in der UdSSR, verbunden
mit dem Kauf eines kompletten Motorenwerkes. Er erhielt die Bezeichnung
M-25. Dabei wurden die zölligen Maße auf metrische umgestellt. Das Moto-
renwerk entstand in der Stadt Perm am westlichen Fuß des Uralgebirges
an der Kama als Werk Nr.19. Die anfängliche Laufzeit von nur 100 Stunden
konnte schon bald auf 350 Stunden gesteigert werden. Dieser Motor wurde
als M-25A in der Startleistung auf 730 PS, als M-25B auf 750 PS, als M-62 auf
920 PS und als M-63 bis auf 1100 PS gesteigert, durch erhöhte Verdichtung
(5,1/6,4/7,2), zweistufigen Lader und höhere Oktanzahl (mindestens 92
Oktan für 1000 PS). Mit dem Konstrukteur-Erlass im März 1942 erhielt der
M-62 den Namen des Konstrukteurs. ASch steht für den Flugmotorenbauer
Arkadi Dmitrijewitsch Schwezow (1892 bis 1953). Dessen erster Erfolgsmo-
tor war der in großen Stückzahlen gebaute 5-Zylinder-Sternmotor M-11.

Abbildung: Sammlung Uwe W. Jack


Diese alliierte Analyse nach dem Kriegsende gibt die Trainingsstunden an, die ein Jagdflieger
vor dem ersten Einsatz auf einem Einsatzmuster geflogen ist. Bis zum Herbst 1942 ist die
Luftwaffe (GAF) besser aufgestellt als die RAF. Danach geht es rapide bergab, während die
Foto: VargaA

Amerikaner (AAF) ihr Training massiv ausbauen.

Ein Sternmotor ASch-62 in der Li-2 Neben der oben abgebildeten Auswertung gibt es ähnliche Tabellen, die
zeigen, dass ein Flugschüler bei der Luftwaffe ab dem Sommer 1944 nur ein Drit-
Der ASch-62 fand Verwendung in der Lisunow Li-2, in der An-6, als polni- tel der Flugstunden vor seinem ersten Einsatzflug aufweisen konnte, wie seine
scher Lizenzmotor Kalisch-K9 in der Antonow An-2 (wovon die meisten in Gegner bei den englischen oder amerikanischen Lufstreitkräften. Dabei spielte
Polen und nicht in der UdSSR gebaut wurden), in dem Agrarflugzeug PZL der wachsende Mangel an Flugbenzin und auch an doppelsitzigen Schulflug-
M-18 „Dromader“ und in China als HS-5. Ein weiter Weg für einen erfolg- zeugen eine große Rolle. Bis zum 31. Dezember 1944 hatte die Luftwaffe 22 928
reichen Motor, denn er läuft immer noch. Wright vergab übrigens weitere gemeldete Tote im Einsatz und 19 575 ohne Feindeinwirkung (hauptsächlich bei
Lizenzen des Wright-Cyclone R- 1820, so um 1937 an Nakajima in Japan, und der Schulung) zu beklagen (Angaben nach Horst Boog, Deutsche Luftwaffen-
des R-1820-F nach dem WK-2 an die spanische Firma ENMA. führung 1935-45). Mit dem Tod eines unerfahrenen Flugzeugführers im Einsatz
ging immer auch ein Flugzeug verloren. Kein Wunder also, dass die deutsche
Produktion nicht mit den Alliierten Schritt halten konnte.

Daniel Baum: X82, Focke-Wulf „Langnase“ Wir freuen uns


An Ihrem Artikel über die Focke-Wulf „Langnase“ haben mich besonders
auf Ihre Nachricht!
die Abschnitte über die Flugzeugbergungen und die Pilotenschicksale
interessiert. Es erstaunt mich, dass heute immer noch Schicksale von Pilo-
ten geklärt werden müssen. Und ich ziehe den Hut vor den Menschen und eMail: Briefpost:
Museen, die sich daran machen, aus solchen geborgenen Wracks ansehn-
liche Ausstellungsstücke zu machen. In Deutschland gibt es ja kaum noch x@fliegerrevue.aero Redaktion FliegerRevue X
Ehrig-Hahn-Straße 4
originale Flugzeuge aus dem Zweiten Weltkrieg, da sind solche Restaurie-
16356 Ahrensfelde
rungen besonders wertvoll, auch wenn hier nicht wie in Amerika solche
ü
Leserbriefe 97

Wilhelm Göbel: X82, Focke-Wulf „Langnase“ Frank Möller: X82, Focke-Wulf „Langnase“
Die Focke-Wulf Fw 190 D-13 „gelbe 10“ mit der Werknummer 836017 In meinen Unterlagen habe ich ein Foto der Focke-Wulf Fw 190 D-9 gefunden,
gehörte zuletzt zum JG 26 und war die Maschine des Kommodore Major die auf den Seiten 26 und 27 fünf Mal abgebildet ist. Die Maschine mit der
Franz Götz. Sie wurde nach dem Krieg mit anderen Flugzeugen, die den Werknummer 500570 soll in Fürth auf dem Flugplatz Atzendorf gelandet sein,
letzten Stand der deutschen Flugtechnik repräsentierten, durch die Gruppe als Amerikaner den Platz schon besetzt hatten. Das würde die Szene auf dem
Watsons Whizzers der USAAF von der RAF in Flensburg übernommen und Foto erklären. Der deutsche Pilot ist scheinbar gerade gelandet und wird jetzt
in die USA gebracht. „gefilzt“, das heißt, ihm werden alle Wertsachen und Ehrenzeichen, wie auch

Foto: Sammlung Frank Möller


2 Fotos: Flying Heritage and Combat Armor Museum

Flog nach Kriegsende noch zweimal mit Luftwaffenpiloten: die „gelbe 10“ des Jaggeschwaders 26. Die 8. JG 6 lag bei Kriegsende in Kummer (in der Mitte zwischen Görlitz und Prag) war dort
dem Gefechtsverband des Stukafliegers Oberst Hans-Ulrich Rudel unterstellt.
Vor der Übergabe Mitte Juni 1945 wurde die Maschine noch zweimal
unter RAF-Aufsicht geflogen und zwar durch Major Heinz Lange, Kommodore seine Dokumente gestohlen. Diese dienen dann als Andenken. Nach Angaben
JG 51, in einem Flug gegen eine Tempest und dann durch den Gruppenkom- im Internet, die ich nicht nachprüfen kann, soll die „schwarze 12“ oder auch
mandeur OLT Günter Josten. Nach der Erprobung durch die USAAF wurde die „blaue 12“ zur 8. Staffel des JG 6 gehört haben.
Maschine einer Technischen Schule in Georgia übergeben. Weitere Eigentü-
mer folgten. 1972 wurde die Maschine von Dough Champlin gekauft, wieder
nach Augsburg in Deutschland, später Günzburg zu Art Williams gebracht, der

Neu
mit Unterstützung von Professor Tank die Maschine restaurierte.
persönlicher Beratung direkt aus dem Fachhandel.
Über 450.000 Spielbände, Methoden und Musikbücher mit

OrigiNell
TraNspareNT
eiNzigarTig
Die „Langnase“ des Flying Heritage and Combat Armor Museums in den USA ist eine seltene Variante
Fw 190 D-13. Sie verfügt über je eine 20-mm-Kanone in den Flügelwurzeln und eine im Motor.

Zurück in den USA fand sie eine neue Heimat im Champlin Fighter Muse-

NOTeN
um in Mesa, Arizona. Dort führte Dough Champlin eine zweite Restaurierung
durch. Die Suche nach Originalteilen umfasste mehrere europäische Länder
und Teile wurden von Sammlern gekauft. Das USAF-Museum stellte die Ori-
ginalflügel, die fälschlicherweise an eine andere Fw 190 angebaut waren,
im Austausch gegen die vorhandenen zur Verfügung. Nach Abschluss der
Arbeiten im Mai 2004 wurde die Maschine nach Seattle gebracht, wo sie im
Museum of Flight gezeigt wurde. Jetzt ist die „gelbe10“ seit 2007 im Flying
Heritage and Combat Armor Museum in Paine Field zu sehen.
Ich habe damals eng mit meinem Freund Doug Champlin und Dave Goss,
der die letzte Restaurierung durchführte, zusammengearbeitet. Dave Goss
dürfte über die beste Dokumentation über die Fw 190 verfügen. Ich habe alles
was an Dokumentation/Unterlagen verfügbar war und auch viele Ersatzteile
besorgt, Übersetzungen durchgeführt und die Restaurierung des Propellers
mit Hoffmann-Propeller abgesprochen.
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98 Vorschau

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noch gewinnen. Sogar Hitlerjungen sollten den Jet nach einer kurzen Einweisung fliegen. Abo-Verwaltung und -Vertrieb, Leserservice,
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18. Jahrgang

Trainer der Luftwaffe: Focke-Wulf Fw 44


Auf der Fw 44 lernten viele Flugzeugführer der Luftwaffe das Fliegen.
ISSN 2195-1233
HRB 73930 München

Auch heute noch sind Exemplare des „Stieglitz“ bei Piloten heiß begehrt.

FliegerRevue X 84 erscheint am 17. Juli 2020


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