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Eric Kandel

„Wer die Affen versteht, leistet mehr für die Metaphysik als John Locke.“ –
meinte im 19. Jahrhundert launig Charles Darwin. Hundertfünfzig Jahre
später könnte mancher Neurobiologe in Anlehnung an Darwin versucht
sein zu formulieren: „Wer das Gehirn versteht, leistet mehr für die
Anthropologie als so mancher Philosoph.“ Dass man als kompetenter
Anthropologe jedoch neurowissenschaftlich beschlagen und außerdem
noch philosophisch gebildet sein darf, wollen wir an der Biographie
Kandels sowie an der Entwicklung der Neurobiologie demonstrieren.

Biographisches. – Erich (Eric) wurde 1929 als zweiter Sohn von Hermann
und Charlotte Kandel in Wien geboren. Sein Vater besaß ein Spielwaren-
und Koffergeschäft. Die jüdischstämmige Familie wohnte im 9. Bezirk der
Donaumetropole, ganz in der Nähe der Berggasse 19, wo Sigmund Freud
lebte und seine psychoanalytische Praxis unterhielt.
Erich eiferte in seiner Kindheit stets dem fünf Jahre älteren Bruder
Ludwig nach, von dessen geistiger Virtuosität er überzeugt war. Er lernte
gerne und leicht und empfand seine Kindheit bis 1938 als unbeschwert.
Die massiven antisemitischen Übergriffe nach dem Anschluss Österreichs
an das Deutsche Reich blieben Erich allerdings in bleibender Erinnerung.
In seiner Autobiographie Auf der Suche nach dem Gedächtnis (2006)
schrieb er, dass sie dazu beigetragen haben, aus ihm einen Spezialisten
für die menschliche Erinnerungsfähigkeit werden zu lassen.
1939 emigrierten die Kandels, wobei die Familie getrennt wurde.
Erich fuhr mit seinem Bruder alleine per Eisenbahn nach Antwerpen und
per Schiff weiter in die Vereinigten Staaten. Erst Monate später konnten
seine Eltern nachfolgen. Die Knaben wohnten in der Zwischenzeit in
Brooklyn bei den Großeltern, denen kurze Zeit davor die Flucht nach
Nordamerika geglückt war. Weil er spürte, dass er sich an die neuen
Verhältnisse anpassen musste, lernte Erich rasch Englisch; außerdem
strich er das H in seinem Vornamen und nannte sich von da an Eric.
Die Eltern Kandel erwarben dank ihrer Tüchtigkeit einen Laden in
Brooklyn, der zur ökonomischen Basis für die Familie wurde. Die Söhne
reüssierten in der Schule, so dass Eric sich an der Harvard University in
Cambridge bewarb und dort zum Studium zugelassen wurde. Er belegte
die Fächer Neue europäische Geschichte und Literatur.
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Kandel studierte unter anderem bei Karl Viëtor, den er überaus


schätzte. Viëtor zählte zu jenen herausragenden Geisteswissenschaftlern,
die nach ihrer Emigration aus Deutschland in den Vereinigten Staaten Fuß
gefasst hatten. Er war der Autor zweier exzellenter Bücher über Goethe;
außerdem hatte er eine wegweisende Studie über Georg Büchner
verfasst.
Ursprünglich wollte Kandel bei Viëtor seine Abschlussarbeit in
Literatur anfertigen, doch sein Lehrer starb überraschend an Krebs. Dieser
Tod erschütterte den jungen Studenten und stürzte ihn hinsichtlich seiner
Studien- und Berufswahl in tiefe Zweifel.
Damals hatte er Anna Kris kennen und lieben gelernt, eine junge
Studentin, die mit ihrer Familie ebenfalls aus Wien emigriert war. Über sie
kam Kandel in Kontakt mit ihren Eltern Ernst und Marianne Kris, die beide
Psychoanalytiker aus dem Freud-Kreis waren. Ernst Kris, ursprünglich
Kunsthistoriker und Kurator am Kunsthistorischen Museum in Wien, hat
auf Anregung von Anna Freud zusammen mit Heinz Hartmann und
Rudolph Loewenstein die Ich-Psychologie ausgebaut, die Freuds Es- oder
Triebpsychologie sinnvoll ergänzte.
Die Familie Kris war ausgesprochen großzügig und ermutigend.
Der junge Kandel lauschte den Debatten von Annas Eltern, bei denen oft
Hartmann und Loewenstein zu Besuch waren. Nach und nach keimte in
ihm der Plan, ebenfalls Psychoanalytiker werden zu wollen. Um dafür eine
Grundlage zu schaffen, beschloss Kandel, einen Wechsel der
Studienfächer vorzunehmen und Medizin zu studieren.
Im Herbst 1952 wurde Kandel an der New York University in
Medizin immatrikuliert. Während der ersten Jahre seiner studentischen
Ausbildung hielt er an seinem Plan fest, Psychoanalytiker zu werden. Im
letzten Studienjahr allerdings wandte er sich verstärkt der biologischen
Grundlagenforschung zu, wobei ihn besonders Aufbau und Funktion des
menschlichen Gehirns faszinierte.
Zu dieser Interessensverschiebung trug die Tatsache bei, dass die
Beziehung mit Anna Kris beendet worden war und Kandel als neue
Freundin Denise Bystryn kennen gelernt hatte. Die junge Soziologie-
Studentin stammte aus Frankreich, wo sie und ihre jüdischstämmigen
Eltern mit viel Glück die Verfolgungen durch die Nazis während der
deutschen Besatzungszeit überstanden hatten. 1949 waren sie nach
Nordamerika ausgewandert.
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Kandel und die damals 23jährige Denise heirateten 1956. In der


Folgezeit unterstützte sie vorbehaltlos seinen Impuls, sich statt der
psychologischen einer biologischen Erforschung des menschlichen
Bewusstseins und des Unbewussten zuzuwenden. Über den seinerzeit
bekannten Neurophysiologen Harry Grundfest, dem Kandel erzählte, er
wolle die neurologischen Grundlagen von Freuds Instanzenmodell (Es, Ich
und Über-Ich) entdecken, geriet der junge Arzt auf die Laufbahn eines
Neurowissenschaftlers.
In der ersten Zeit beschäftigte er sich mit der Elektrophysiologie des
menschlichen Gehirns. In besonderem Maße interessierte er sich für ein
tief im Zentrum des Gehirns liegendes Areal mit Namen Hippocampus.
Kandel wollte herausfinden, inwiefern diese Region an der Speicherung
von Eindrücken und an ihrem Erinnern beteiligt ist.
Seine Forschungen erbrachten kaum brauchbare Ergebnisse.
Kandel musste feststellen, dass der Hippocampus beim Menschen im
lebendigen Zustand aufgrund seiner Lage mitten im Gehirn nur schwer zu
untersuchen ist. Außerdem weist der Hippocampus ziemlich komplexe
Nervenverbindungen auf, so dass er als ein einfaches Modell für die
Erforschung von Grundlagen des Gedächtnisses bei Mensch und Tier
nicht in Frage kam.
1956 legte Kandel sein Staatsexamen ab und arbeitete daraufhin
als Assistenzarzt an einer New Yorker Klinik. 1957 wechselte er ins
neurophysiologische Labor des National Institute of Health (NIH). Weil
man inzwischen davon ausging, dass das Erinnerungsvermögen mit den
Verbindungen zwischen den Nervenzellen, den sogenannten Synapsen,
etwas zu tun haben musste, entschied sich Kandel, zuerst an einfachen
Tierarten Untersuchungen durchzuführen, bei denen die Synapsen leicht
zu beobachten sind. In einem zweiten Schritt wollte er diese Ergebnisse
auf den Menschen übertragen.
Auf der Suche nach dafür geeigneten Tieren stieß er nach vielerlei
Überlegungen auf die Meeresschnecke Aplysia californica (Kalifornischer
Seehase). Das Gehirn von Aplysia hat den großen Vorteil, nur über
20.000 Nervenzellen zu verfügen – im Vergleich zu Hundert Milliarden
Nervenzellen beim Menschen. Die meisten ihrer Nervenzellen sind in nur
neun Ganglien (Anhäufungen von Nervenzellen) organisiert. Einige
Nervenzellen von Aplysia sind außerdem so groß, dass man sie mit
bloßem Auge erkennen kann.
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Als Kandel beschloss, an Aplysia Forschungen anzustellen, gab es


weltweit nur zwei Wissenschaftler, die Untersuchungen an diesem Tier
vornahmen. Zu einem von ihnen nahm er Kontakt in Paris auf, und
nachdem er 1962 seine psychiatrische Facharztausbildung an der
Harvard University abgeschlossen hatte, wechselte er für ein Jahr nach
Frankreich, um den richtigen wissenschaftlichen Umgang mit der
Meerschnecke zu erlernen. Zuvor war 1961 Paul, der Sohn Kandels,
geboren worden; 1965 kam dann noch die Tochter Minouche zur Welt.
Als Kandel in die USA zurückgekehrt war, arbeitete er zwei Jahre
lang als Dozent an der Harvard Medical School. Im Anschluss daran ging
er 1965 an die New York Medical School, wo er mit anderen zusammen
eine Abteilung für Neurobiologie und Verhaltenswissenschaften aufbaute.
In der Zwischenzeit hatte er in Boston eine Psychoanalyse beendet, von
der er im Nachhinein meinte, sie habe ihm geholfen, sich selbst und die
Mitmenschen besser zu verstehen und ein einfühlsamerer Vater und
Ehemann zu werden.
Obwohl er seine psychiatrische Ausbildung als Facharzt
abgeschlossen und dazu noch eine Psychoanalyse absolviert hatte,
entschied sich der mittlerweile Mitte 30jährige Kandel, zukünftig nicht
mehr klinisch arbeiten zu wollen, sondern sich voll und ganz der
wissenschaftlichen Forschung zu widmen. Diese Entscheidung erwies
sich als sinnvoll. Zusammen mit verschiedenen Kollegen und
Labormitarbeitern gelang es Kandel, an Aplysia viele jener zellulären
Mechanismen und Gesetzmäßigkeiten aufzudecken, die für Lern- und
Gedächtnisvorgänge generell wesentlich sind. So konnte er zeigen, dass
sich sowohl die Anzahl auch die Funktion von Synapsen ändert, wenn
Nervenzellen durch bestimmte Reize veranlasst werden, etwas zu
erlernen oder zu vergessen.
Bei Sensitivierung durch unangenehme Reize reagierten Aplysia
und die beteiligten Nervenzellen stärker, was durch Aktivitätssteigerung
der Synapsen erreicht wurde. Das Gegenteil war bei Habituation durch
harmlose und neutrale Reize zu beobachten: Das Tier stellte nach und
nach seine Reaktionen auf den Reiz ein, wobei sich parallel dazu die
Synapsenaktivität reduzierte. Dabei war es für das Kurzzeitgedächtnis (ein
Lernvorgang für Minuten / Stunden) ausreichend, wenn sich die Funktion
der Synapsen veränderte; beim Lernen im Sinne von Langzeitgedächtnis
kam es darüber hinaus zu Veränderungen der Anzahl von Synapsen.
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In den frühen 70er Jahren des 20. Jahrhunderts konnten Kandel


und sein Team des Weiteren nachweisen, welche Neurotransmitter
(Überträgerstoffe im Gehirn, mit deren Hilfe Nervenzellen untereinander
kommunizieren) an diesen Veränderungen beteiligt sind. 1976 publizierte
er sein Buch Cellular Basis of Behavior (Zelluläre Grundlagen des
Verhaltens), in dem er das erste Mal seine Befunde, die er bis dahin
immer als Journalbeiträge in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht
hatte, einem breiteren Publikum vorstellte.
In den 80er Jahren beteiligte sich Kandel federführend am Aufbau
des Howard Hughes Medical Institute für molekulare Neurowissenschaften
an der Columbia University. Mit Hilfe molekulargenetischer Forschungs-
und Untersuchungsmethoden, die es in den Jahren davor so noch nicht
gegeben hatte, konnte Kandel nun daran gehen, die Veränderungen in
den Zellen bis hin zur genetischen Erbinformation zu verfolgen, die es bei
der Bildung von Langzeitgedächtnisinhalten zu erwarten gab.
Kandel und sein Team züchteten einen vereinfachten neuronalen
Schaltkreis von Aplysia in der Zellkultur, so dass sie die Zellkerne (als Sitz
der genetischen Information) der beteiligten Nervenzellen gut untersuchen
konnten. Dabei entdeckten sie, dass ein Protein namens CREB (englisch:
cAMP response element binding protein) über die Aktivierung von
gedächtnisfördernden Genen entscheidend zum Aufbau von Synapsen
und damit des Langzeitgedächtnisses beiträgt.
Diese Ergebnisse bei Aplysia konnte Kandel auf Wirbeltiere
(genmutierte Mäuse) übertragen und damit wahrscheinlich machen, dass
die molekularen Mechanismen der Erinnerungsfähigkeit bei vielen oder
allen Lebewesen gleich sind. Bei seinen Forschungen an der Maus kam er
in den 90er Jahren wieder zu jenem Hirnareal zurück, mit dem er sich
schon fünfzig Jahre zuvor intensiv beschäftigt hatte: dem Hippocampus.
Im Jahr 2000 wurde Kandel zusammen mit dem Schweden Arvid
Carlsson und dem Amerikaner Paul Greengard der Nobelpreis für Medizin
für ihre Entdeckungen betreffend der Signalübertragung im Nervensystem
verliehen. Daneben erhielt der Forscher, der bei öffentlichen Auftritten die
Geschichte der Gedächtnisforschung immer noch sehr lebendig erzählen
kann, weitere Auszeichnungen für sein Lebenswerk: deutscher Orden
Pour le mérite für Wissenschaft und Künste; österreichisches Ehrenkreuz
für Wissenschaft und Kunst; Ehrenpreis des Viktor Frankl Instituts sowie
2009 die Ehrenbürgerschaft der Stadt Wien.
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Werkanalyse. – Kandel hat seine Forschungsergebnisse in einer großen


Zahl von Originalarbeiten in Fachjournalen wie Science, Neuroscience,
Nature, Neurophysiology oder Cell veröffentlicht. Daneben publizierte er
einige Bücher, in denen er seine wissenschaftlichen Befunde und
Theorien in verständlicher Sprache so aufbereitete, dass sie auch von
interessierten Laien nachvollzogen werden können.
Zu diesen Büchern zählen neben dem weiter oben erwähnten
Cellular Basis of Behavior unter anderem Mind and Behavior (Geist und
Verhalten, 1980) sowie Principles of Neural Science and Behavior
(Grundlagen der Neurowissenschaften und des Verhaltens, 1995). In
deutscher Sprache sind erschienen: Neurowissenschaften – Eine
Einführung (zusammen mit James Schwartz und Thomas M. Jessel,
1996), Gedächtnis – Die Natur des Erinnerns (zusammen mit Larry R.
Squire, 1999, in zweiter Auflage 2009), Psychiatrie, Psychoanalyse und
die neue Biologie des Geistes (2005) sowie die Autobiographie Auf der
Suche nach dem Gedächtnis – Die Entstehung einer neuen Wissenschaft
des Geistes (2006).
In unserer Werkanalyse beziehen wir uns bevorzugt auf die zuletzt
genannten drei Bücher. Bevor wir jedoch detaillierter auf die Forschungen
Kandels eingehen, skizzieren wir überblicksartig die Geschichte der
Neurobiologie im 20. Jahrhundert. Ausgehend davon lassen sich sowohl
die Leistungen des Nobelpreisträgers als auch die daraus abzuleitenden
anthropologischen Schlussfolgerungen besser einordnen.

Eine kurze Geschichte der Neurobiologie. – Vor einigen Jahren erschien


die oft zitierte Kurze Geschichte der Zeit (1988) von Stephen Hawkin.
Darin ist es dem bekannten Astrophysiker gelungen, ohne überfordernden
Rückgriff auf physikalisch-mathematische Formeln die Entwicklung des
Universums so großartig und plastisch nachzuerzählen, dass sie auch für
Nicht-Astrophysiker verstehbar wurde.
Wenn wir auf den folgenden Seiten einen komprimierten Überblick
über die Geschichte der Gehirnforschung geben, müssen wir uns allein
vom Umfang her mit knappen Andeutungen begnügen. Dabei werden wir
jedoch ähnlich wie der bedeutende Physiker Wert darauf legen, die
komplexe Materie der Neurowissenschaften auf eine auch für Nicht-
Mediziner nachvollziehbare Art zu präsentieren.
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Viele Neurowissenschaftler (so auch Kandel) lassen die Geschichte


ihrer Forschungsrichtung in der Moderne mit Franz Joseph Gall beginnen.
Gall war ein deutscher Arzt und Neuroanatom, der in den letzten beiden
Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts an der Wiener Universität lehrte. Seine
für die Neurobiologie wichtigen Grundthesen lauteten: 1) alle geistigen
Prozesse sind biologischer Natur und werden vom Gehirn hervorgebracht;
und 2) die Großhirnrinde weist verschiedene Regionen auf, die jeweils für
unterschiedliche geistige Funktionen zuständig sind.
Weil Gall seine Theorie beweisen wollte, indem er von der Form
des Schädelknochens auf die darunter liegenden Gehirnareale und ihre
Ausprägungen Rückschlüsse zog, wurde er bald von vielen belächelt. Man
konnte zeigen, dass seine als Phrenologie bezeichnete Lehre groteske
Konsequenzen zeitigte. Von der Schädelform charakterliche, intellektuelle
oder ethisch-moralische Eigenschaften des Betreffenden abzuleiten, war
schlicht abenteuerlich.
Dass Gall bei seinen neuroanatomischen Forschungen aber auch
richtige Thesen formuliert hatte, kann man unter anderem daran ersehen,
dass die römisch-katholische Kirche gegen ihn Sturm lief. Daneben waren
weitere konservative Kreise in Wien von seiner materialistisch-
biologistischen Auffassung des menschlichen Geistes schockiert, so dass
der österreichische Kaiser Franz I. dem Medikus letztlich Lehrverbot
erteilte und ihn des Landes verwies.
In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde die Theorie Galls
von der regionalen Zuordnung bestimmter geistiger Funktionen zu
Gehirnarealen bestätigt, wozu die Neurologen Pierre-Paul Broca in Paris
und Carl Wernicke in Breslau entscheidend beitrugen. Beide studierten die
Gehirne verstorbener ehemaliger Patienten und konnten an den
Autopsiepräparaten zeigen, dass die jeweiligen neurologischen Defizite
der Patienten mit Defekten im Gehirn (Schlaganfall, Tumor, Entzündung)
korrelierten.
Broca beschrieb dabei ein auffälliges Areal im Frontallappen des
Gehirns, das er mit den geistigen Fähigkeiten des (motorischen)
Sprechens und Schreibens in Verbindung brachte. Weil alle Präparate die
Schädigungen in der linken Hemisphäre aufwiesen, formulierte er das oft
zitierte neurologische Dogma: Nous parlons avec l’hémisphère gouche!
(wir sprechen mit der linken Hemisphäre). Das neurologische Defizit
wurde als motorische Aphasie (Unfähigkeit zu sprechen) bezeichnet.
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Wernicke entdeckte eine zweite Form der Sprachstörung, die


sensorische Aphasie. Dabei kann der Betreffende zwar Wörter bilden und
aussprechen, aber den Sinn der von ihm vernommenen Sprache nicht
korrekt verstehen. Die neuroanatomischen Veränderungen sind ebenfalls
in der linken Hemisphäre lokalisiert, allerdings im Seitenlappen des
Gehirns. Beide Aphasien werden heute noch entweder als Broca- oder als
Wernicke-Aphasie benannt.
Der Gehirnforscher Korbinian Brodmann hat Anfang des 20.
Jahrhundert eine Karte des Gehirns erstellt, in dem neben anderen sowohl
das Broca- als auch das Wernicke-Areal aufgeführt sind. Neuroanatomen
und Neurologen hatten noch einige weitere Areale gefunden, die sie mit
spezifischen geistigen Funktionen des Menschen in Beziehung setzten.
Der US-amerikanische Neurochirurg Wilder Penfield konnte sich Mitte des
letzten Jahrhunderts im Rahmen seiner Epilepsie-Operationen am offenen
Gehirn, bei denen die Patienten (weil das Gehirn schmerzunempfindlich
ist) bei vollem Bewusstsein waren, als erster von der Richtigkeit dieser
kartierenden Zuordnung direkt überzeugen.
Doch zurück ins 19. Jahrhundert. Damals wurde nicht nur die
Lokalisationstheorie der seelisch-geistigen Funktionen des menschlichen
Gehirns, sondern auch die Neuronenlehre entwickelt. Diese besagt, dass
die Nervenzelle (das Neuron) der Grundbaustein und die wesentliche
Signaleinheit des Gehirns ist – egal, ob es sich dabei um menschliche
oder tierische Nervensysteme handelt.
Neben der Neuronenlehre sind noch die Theorien der Übertragung
von Informationen innerhalb der Nervenzelle (durch elektrisch geladene
Teilchen) und der Informationsübermittlung von einer Nervenzelle zur
nächsten (durch chemische Stoffe, die sogenannten Transmitter oder
Überträgerstoffe) grundlegend. Diese drei Prinzipien wurden großenteils
im 20. Jahrhundert nachgewiesen. Die entscheidenden Vorarbeiten dazu
wurden jedoch bereits Ende des 19. Jahrhunderts durchgeführt.
Ein Name wird in diesem Zusammenhang immer wieder besonders
hervorgehoben: Santiago Ramón y Cajal. Dieser spanische Neuroanatom,
der eigentlich Kunstmaler werden wollte, hat mit großem Geschick
einzelne Nervenzellen präpariert, ihre mikroskopische Anatomie aufgeklärt
und mit verblüffender Intuition eine Theorie ihrer Funktionen formuliert, die
sich später, nachdem geeignete Untersuchungsmethoden entwickelt
waren, überwiegend als richtig herausstellte.
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Dass Neurone viele Zellfortsätze aufweisen, und dass man diese


wiederum in Dendriten (zum Zellkörper hinführend) und Axone (vom
Zellkörper wegführend) unterscheidet, hat Ramón y Cajal ebenso schon
erkannt wie deren unterschiedliche Funktion (mit Dendriten empfängt die
Nervenzelle Signale von anderen Nervenzellen, und mit dem Axon sendet
sie selbst Informationen an andere Zellen).
Des Weiteren beschrieb Cajal, wie die Kommunikation zwischen
den Nervenzellen beschaffen ist. Dabei konnte er mit einfachen Mitteln
nachweisen, dass die Axon-Endigungen der einen Nervenzelle mit den
Dendriten der anderen Nervenzelle an speziellen Stellen kommunizieren,
und dass es an diesen Kontaktstellen zwischen Axon und Dendrit einen
kleinen Spalt gibt. Der englische Physiologe Charles Sherrington hat diese
Befunde Cajals in seinem Modell der Synapse (griechisch: Verbindung)
einige Jahre später bestätigt und im Detail erforscht.
Zum Dritten war es Cajal gelungen zu zeigen, dass Neurone nicht
beliebig mit anderen Nervenzellen Kontakte eingehen. Hier herrscht eine
strenge Spezifität, wobei sich einzelne Neurone zu bestimmten Bahnen
zusammenfinden und mit anderen kommunizierenden Nervenzellen fixe
Schaltkreise bilden. Nur innerhalb dieser Schaltkreise werden Signale und
Erregungen fortgeleitet.
Damit formulierte Cajal ein neurologisches Gesetz, das seinerzeit
heftig umstritten war. Der spanische Neuroanatom war überzeugt, dass
das Gehirn kein diffuses Netzwerk aus Nervenzellen darstellt, sondern aus
den eben erwähnten Schaltkreisen besteht, die eine exakte Zuordnung
ihrer jeweiligen Lokalisation, Funktion und Aufgabe in der Gesamtheit des
Nervensystems erlauben.
So unterschied er sensorische Neurone, welche die Information von
der Peripherie (zum Beispiel von der Haut oder Muskulatur) ins Zentrum
(Gehirn) transportieren, von motorischen Neuronen, welche die entgegen
gesetzte Richtung der Informationsweitergabe aufweisen (vom zentralen
Nervensystem – auch ZNS genannt – zur Peripherie, beispielsweise zur
Muskulatur). Dazwischengeschaltet sind die Interneurone, die als große
Relaisstationen gedacht werden können.
Völlig zu Recht erhielt Cajal 1906 den Nobelpreis für Medizin
zuerkannt. Seine Leistungen waren umso bemerkenswerter, als er ohne
jene eleganten Untersuchungsmöglichkeiten auskommen musste, welche
den heutigen Neurowissenschaftlern zur Verfügung stehen: Mikroskopie
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(Fluoreszenz- und Elektronenmikroskope), molekularbiologische und


-genetische Analyseverfahren sowie Zellkulturen für die mikroanatomische
Erforschung und bildgebende (Magnetfeldresonanztomographie / MRT,
Positronen-Emissionstomographie / PET, Computertomographie) sowie
elektrophysiologische Verfahren zur makroanatomischen Betrachtung.
Wir haben weiter oben schon Charles Sherrington erwähnt, der sich
um die Aufklärung der Kontakt- und Kommunikationspunkte zwischen den
Nervenzellen verdient gemacht hat. Zusammen mit Edgar Douglas Adrian
erhielt auch er den Nobelpreis für Medizin (1932). Letzterer konnte zeigen,
dass die Erregung in Axonen und Dendriten aus fortgeleiteter elektrischer
Spannung besteht, die selbst wiederum durch eine bestimmte Verteilung
von elektrisch geladenen Teilchen (Ionen) an der Zellmembran zustande
kommt.
Drei Jahrzehnte später wurden Alan Hodgkin und Andrew Huxley
(Halbbruder von Julian und Aldous) mit dem Medizin-Nobelpreis geehrt,
weil sie die elektrischen Spannungsverhältnisse an den Membranen von
Nervenzellen, die man als Ruhe- und Aktionspotential bezeichnet, am
Riesenaxon des Tintenfischs aufklären konnten. Zeitgleich erforschten die
Neurophysiologen John Eccles, Stephen Kuffler und Bernard Katz in
Australien (wohin sie Hitler-Deutschland und der Zweite Weltkrieg
getrieben hatte) den chemischen Übertragungsmodus an den Synapsen
und entdeckten dabei sowohl verschiedene Überträgerstoffe (Transmitter)
als auch die dazu gehörigen Rezeptoren (Eiweißmoleküle in der
Zellmembran, die für Transmitter sensibel sind und auf sie reagieren).
Auch Eccles erhielt für seine Forschungen den Nobelpreis für Medizin.
Nachdem bis Mitte des 20. Jahrhunderts wichtige grundlegende
Erkenntnisse über den Bau und die Funktion sowohl des gesamten
Gehirns als auch seiner kleinsten Einheiten (der Neurone) gewonnen
waren, ging man daran, die Ergebnisse der Grundlagenforschung in die
medizinische Diagnostik und Therapie einfließen zu lassen. So wurden
neurobiologische Krankheitskonzepte etwa für Morbus Parkinson, Multiple
Sklerose, Epilepsie sowie für die Durchblutungsstörungen, Neubildungen
und Entzündungen des Gehirns entwickelt. Daneben konnten biologische
Veränderungen bei Angst- und Suchterkrankungen sowie Depressionen
beschrieben werden. Für eine große Zahl dieser Erkrankungen sind in den
letzten Jahren spezifische Therapiestrategien – von den Psychopharmaka
bis hin zum Gehirnschrittmacher – entwickelt worden.
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Eric Kandel und das menschliche Gedächtnis. – Die Entwicklung der


Neurowissenschaften (neben Neuroanatomie und -physiologie gehören
dazu beispielsweise auch Neurologie, Neuroradiologie, -psychologie und
-chirurgie sowie die Psychoneuroimmunologie) darf demnach als eine
Erfolgsgeschichte aufgefasst werden. Begonnen mit den Entdeckungen
der Grundlagenforscher bis hin zur konkreten medizinischen Anwendung
dieser Erkenntnisse im Rahmen von Diagnostik und Therapie bei
Krankheitsbildern, deren Verlauf bis vor wenigen Jahren oder Jahrzehnten
noch als unbeeinflussbar galt, zieht sich als roter Faden ein Motto und
Programm, das bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts von Auguste
Comte für die Wissenschaften generell formuliert worden war: „Wissen,
um vorauszusehen; voraussehen, um sich vorzusehen!“
Das Lebenswerk Kandels kann man durchaus in dieser Tradition
ansiedeln. Seine Grundlagenforschung hinsichtlich des Lernens und des
Gedächtnisses bei Tier und Mensch verfolgte nicht nur das von ihm früh
geäußerte Ziel, die neurobiologischen Korrelate der psychoanalytischen
Instanzen von Es, Ich und Über-Ich zu finden – ein Ziel, von dem er bald
einsah, wie überaus komplex es sich darstellt, sobald man versucht, die
seelisch-geistigen Bedeutungen von Freuds Begriffen ohne kruden
Reduktionismus in die biologische Dimension zu übertragen.
Darüber hinaus beabsichtigte Kandel vor allem aber auch, Beiträge
zum Verständnis sowohl von Erkrankungen des Gedächtnisses (zum
Beispiel Morbus Alzheimer) als auch des gesunden Menschen und seines
Gedächtnisses als Fundament seiner Identität zu liefern. Besonders die
letzteren Aspekte sind anthropologisch relevant.
So haben Philosophen, Ärzte, Tiefenpsychologen und Psychiater
im 19. und vor allem 20. Jahrhundert wiederholt darauf abgehoben, dass
die enorme Erinnerungsfähigkeit des Menschen ihn von anderen Tieren
unterscheidet und wahrscheinlich ein Spezifikum des Humanen darstellt.
In diesem Zusammenhang soll lediglich auf Friedrich Nietzsches Konzept
vom Menschen als einem geschichtlichen Wesen, auf Henri Bergsons
Begriff der durée (Dauer) und auf Sigmund Freuds Umschreibung der
psychoanalytischen Kur als Erinnerungsarbeit verwiesen werden.
Nun haben wir im biographischen Teil dargelegt, dass Kandel seine
Erkenntnisse als Gedächtnisforscher mitnichten am Menschen, sondern
an der auf den ersten Blick unscheinbar wirkenden Meerschnecke Aplysia
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gewonnen hat. Inwiefern lassen sich diese Forschungsergebnisse auf den


Menschen beziehen, und in welcher Hinsicht waren und sind Kandels
Arbeiten von anthropologischer Bedeutung?
Zur Beantwortung dieser Fragen müssen wir etwas ausholen und
das Phänomen des Gedächtnisses allgemein ins Visier nehmen. Dabei
sollen vorrangig neurobiologische Aspekte Berücksichtigung finden; die
psychosozialen und geistigen Gesichtspunkte der Erinnerungsfähigkeit
des Menschen haben wir in den vorangehenden Kapiteln bereits mehrfach
erörtert.
Unter Gedächtnis in einem weiten biologischen Sinn versteht man
die Möglichkeiten und Kompetenzen des Nervensystems von Lebewesen,
aufgenommene Informationen (Wahrnehmungen, Sinneseindrücke,
Empfindungen) zu behalten, zu ordnen und wieder abzurufen. Die
Speicherung dieser Informationen geschieht in Form von bewussten und /
oder unbewussten Lernprozessen. Die Gedächtnisbildung ist dabei stets
Ausdruck von plastischen, sich verändernden neuronalen Systemen. 1
Akzeptiert man diese Definition, kann man selbst einfachen
Lebewesen mit überschaubar schlichten Nervensystemen die Fähigkeiten
von Lernen und Erinnern attestieren. Die Kapazität, Komplexität und
Menge der gelernten und erinnerten Abläufe oder Fakten sind stark
evolutionsabhängig und nehmen mit der Entwicklung der diversen
Nervensysteme enorm zu.
Kandel hat mit seinen Forschungen an Aplysia eine Gedächtnisart
untersucht, die man als unbewusst oder prozedural bezeichnet. Generell
unterscheidet man ein prozedurales und ein deklaratives Gedächtnis. Das
Erstere wird auch als unbewusst und implizit benannt. Man subsumiert
darunter alle Lern- und Erinnerungsvorgänge, die als Ergebnisse von
Konditionierungs- und Prägungsvorgängen im allerweitesten Sinne
verstanden werden können.
Die Erinnerungen des prozeduralen oder impliziten Gedächtnisses
reichen von einfachen motorischen Reaktionen bei Aplysia bis zu den
automatischen und ohne größere Bewusstseinseinschaltung ablaufenden
menschlichen Bewegungsmustern beim Spielen einer Beethoven-Sonate
auf dem Klavier. Wenn ein Pianist jede einzelne Fingerbewegung bewusst
induzieren müsste, würde von ihm niemals ein akzeptables Klavierkonzert
1
Nur der Vollständigkeit halber sei ergänzt, dass man auch im Bereich der Technik (z.B. beim
Arbeitsspeicher eines Computers) oder bei der Kultur allgemein von Gedächtnis spricht (so sind
zum Beispiel Bibliotheken im gewissen Sinn das literarische Gedächtnis einer Kultur).
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zu hören sein. Statt sein Bewusstsein und damit seine Großhirnrinde zu


aktivieren, greift er – wie alle Menschen und viele Tiere beim prozeduralen
Gedächtnis – vor allem auf sein Kleinhirn zurück, in dem die Erinnerungen
an die komplexen Bewegungsabläufe seiner Finger gespeichert sind.
Neben dem unbewusst ablaufenden prozeduralen und impliziten
verfügt der Mensch noch über ein bewusstes Gedächtnis, das auch als
deklarativ oder explizit bezeichnet wird. Dieses Erinnerungsvermögen
speichert Fakten und Ereignisse, die bewusst wiedergegeben werden
können; manche nennen es deshalb auch das Wissensgedächtnis. Für
seine Funktion greift dieses Gedächtnis anders als das prozedurale auf
die Großhirnrinde des menschlichen ZNS zurück, wobei auch tiefer
gelegene Bereiche des Gehirns (Hippocampus, limbisches System) an der
Speicherung und Memorierung dieser Gedächtnisinhalte beteiligt sind.
Das macht verständlich, warum emotionale Faktoren (die im limbischen
System ihre neurobiologische Heimat haben) das bewusste Lernen und
Erinnern respektive das Vergessen stark mitmodulieren.
Das deklarative oder explizite Gedächtnis wird nochmals in zwei
verschiedene Formen unterteilt: Das semantische Gedächtnis enthält die
ganze Fülle der Daten und Fakten, die Menschen während ihres Lebens
erlernen: die Namen von Ländern, Städten oder Flüssen, die
Bezeichnungen für Tage und Monate, die mathematischen
Grundrechenregeln, physikalische und chemische Formeln, geschichtlich
Herausragendes oder auch die einzelnen Strophen und Verse von
Friedrich Schillers Ballade Die Glocke.
Das episodische Gedächtnis ist der zweite Bereich des deklarativen
Gedächtnisses. Hier finden sich Erlebnisse, Ereignisse und Tatsachen aus
dem eigenen Leben, die eine stark emotionale Tönung aufweisen. Wenn
das semantische Gedächtnis etwa dafür sorgt, die Schiller-Ballade
fehlerfrei aufzusagen, so liefert das episodische Gedächtnis die
psychosozialen Begleitumstände, die wichtig waren, als der Betreffende
versuchte, das Gedicht auswendig zu lernen (zum Beispiel Anspannung
beim wiederholten Lesen, Freude und Stolz beim gelungenen Rezipieren
vor der Klasse). Einschränkend muss jedoch betont werden, dass dabei
keine eins zu eins Abbildung des Vergangenen erfolgt. Die Rekonstruktion
der eigenen (wie auch der kollektiven) Geschichte muss oft genug als eine
Konstruktion angesehen werden:
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Uns allen ermöglicht das explizite Gedächtnis, Raum und Zeit


zu überspringen und Ereignisse und Gefühlszustände
heraufzubeschwören, die zwar in der Vergangenheit
verschwunden sind, aber in unserem Geist irgendwie fortleben.
Doch wenn man eine Erinnerung episodisch abruft – egal, wie
wichtig sie sein mag –, schlägt man nicht einfach ein Fotoalbum
auf … Was das Gehirn speichert, ist nach allgemeiner Ansicht
nur eine Kern-Erinnerung. Beim Abruf aus dem Gedächtnis wird
diese Kern-Erinnerung dann ausgearbeitet und rekonstruiert –
nicht ohne Abzüge, Hinzufügungen, Ausschmückungen und
Verzerrungen.2

Die Unterscheidung in ein semantisches und episodisches Gedächtnis


beim Menschen erinnert an die Theorie Bergsons im Hinblick auf ein
habituelles (semantisches) und reines (episodisches) Gedächtnis, die er in
Materie und Gedächtnis (1896) erläuterte. Abgesehen davon, dass das
reine Gedächtnis eigentlich zu Unrecht als rein bezeichnet und durch
allerlei subjektive Modifikationen getrübt wird, bezog sich der Philosoph
bei seinen Beschreibungen des habituellen Erinnerungsvermögens auch
auf motorische Automatismen, welche die Neurowissenschaftler heute
dem prozeduralen und nicht dem deklarativen Gedächtnis zuordnen.
Kandel hat in Gedächtnis – Die Natur des Erinnerns (2009) gleichwohl
zustimmend auf mögliche Parallelen zu den Konzepten des französischen
Philosophen hingewiesen.
Das deklarative Gedächtnis ist durchaus nicht nur beim Menschen
zu finden. Die Primatenforschung der letzten Jahrzehnte hat anhand
geschickt angelegter Experimente gezeigt, zu welch umfangreichen
analog-deklarativen Gedächtnisleistungen beispielsweise Schimpansen in
der Lage sind, obschon sie natürlich das Erinnerte nicht sprachlich
ausdrücken können.
Auch die Einteilung in ein Kurzzeit- und Langzeitgedächtnis scheint
konstant im gesamten Tierreich wie beim Menschen vorhanden zu sein.
Das Kurzzeitgedächtnis, von dem Kandel schon nachgewiesen hatte,
dass es auf einer Erhöhung der synaptischen Aktivität der beteiligten
Neurone beruht, wird von heutigen Neurowissenschaftlern weiter in ein
Ultrakurzzeit- oder sensorisches Gedächtnis sowie in das eigentliche
2
Kandel, E.: Auf der Suche nach dem Gedächtnis – Die Entstehung einer neuen Wissenschaft des
Geistes (2006), München 2007, S. 307
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Kurzzeit- oder Arbeitsgedächtnis unterteilt. Die erstere Form speichert ihre


Inhalte (vor allem visuelle und akustische Wahrnehmungen) Millisekunden
lang; das Arbeitsgedächtnis kann Sekunden bis Minuten lang das
Gespeicherte präsent halten.
Sollen Kurzzeitgedächtnisinhalte darüber hinaus länger gespeichert
werden, müssen sie in die Langzeitgedächtnisse überführt werden. Die
dafür notwendigen strukturellen Umbauprozesse an den Synapsen und im
Bereich der Zellkerne (genetische Veränderungen) entsprechen im Prinzip
jenen Mechanismen, die Kandel zuerst an Aplysia und in modifizierter
Form im Mausmodell gefunden hat. Dabei ist es hinfällig, ob es sich um
prozedurale oder deklarative Langzeitgedächtnisinhalte handelt. Allerdings
ereignen sich die verschiedenen molekularen Umbauprozesse jeweils an
Neuronen unterschiedlicher Gehirnstrukturen (Hippocampus, Kleinhirn,
Großhirnrinde).
Alle Gedächtnisinhalte sind demnach – von Aplysia bis zum
Menschen – in den Verbindungen der Nervenzellen, den Synapsen,
niedergelegt. Je komplexer die erinnerten Inhalte sind, umso großartiger
muss die zugrunde liegende synaptische Effizienz, Kompetenz und
Plastizität der Neuronennetzwerke sein. Bei Aplysia handelt es sich dabei
um etwa 20.000 Nervenzellen – beim Menschen hingegen um Hundert
Milliarden Neuronen mit etwa fünfhundert Billionen Synapsen.
Ausgehend von seinen Forschungen zum Gedächtnis wagte
Kandel auch einige Aussagen zur Neurobiologie von menschlichem Geist
und Bewusstsein. Hierzu äußerte er sich bedeutend vorsichtiger als zu
seinen empirisch belegten Befunden zum Gedächtnis – wohl wissend, wie
riesig die Dimensionen dieses Themas und verglichen damit wie begrenzt
die bislang gesicherten Erkenntnisse der Neurowissenschaften sind.
Im Hinblick auf die höheren geistigen Leistungen beim Menschen –
neben dem Erinnern sind dies Denken, Sprechen, Vorstellen, Entwerfen,
Wollen – schloss sich Kandel der Meinung der überwiegenden Mehrheit
der Neurowissenschaftler an, die sich zusammen mit den meisten
Philosophen des Geistes darin einig sind, dass das Bewusstsein aus dem
materiellen Gehirn hervorgeht. Der inzwischen verstorbene Gehirnforscher
John Eccles war in enger Abstimmung mit dem Philosophen Karl Popper
einer der wenigen Vertreter aus der Zunft der Neurowissenschaftler, der
einen dazu entgegen gesetzten dualistischen Standpunkt vertrat.
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Wenn man jedoch eine monistische, reduktive und auf die Biologie
bezogene Theorie des menschlichen Geistes und Bewusstseins entwirft,
wird man rasch mit zurzeit noch nicht lösbaren Problemen und Fragen
konfrontiert. So ist ungeklärt, wie es aus neurobiologischer Sicht zu jenem
Hiatus im Menschen kommt, der Phänomene wie exzentrische
Positionalität (Helmuth Plessner), Selbstbewusstsein und gedankliche
Distanznahme zu sich und zur Welt ermöglicht:

Welche Strategie wendet das Gehirn an, um sich selbst zu


lesen? Diese Frage, für die Einheitlichkeit der bewussten
Erfahrung von zentraler Bedeutung, ist bis heute eines der
vielen ungelösten Rätsel der neuen Wissenschaft des Geistes. 3

Als noch komplexer erachtete Kandel die Themen der Einheitlichkeit und
Subjektivität des menschlichen Bewusstseins. An diesen beiden Fragen
hat sich Francis Crick, der zusammen mit James Watson so elegant die
Struktur der DNS (Doppelhelix) hatte aufklären können, einige Jahrzehnte
seines Forscherlebens vergeblich abgemüht. Auch Kandel, der von den
neurobiologischen Forschungen Cricks wie von seiner Persönlichkeit
angetan war, musste eingestehen, dass es derzeit die Theoriebildung und
die konkreten Untersuchungsmethoden der Neurowissenschaftler völlig
überfordert zu erklären, wie die objektiven Neurone des menschlichen
Gehirns subjektive Sinn- und Bedeutungszusammenhänge generieren.
Als mindestens so diffizil ordnete Kandel das Phänomen des freien
Willens beim Menschen ein. Bekannt geworden und viel diskutiert wurden
die Experimente des Neurowissenschaftlers Benjamin Libet, der in den
80er Jahren nachweisen konnte, dass das Bereitstellungspotential für eine
motorische Verrichtung (z.B. Handheben) 200 Millisekunden früher auftritt
als jener Moment, welchen die betreffende Person als ihren freien Willen
bewusst wahrnimmt und als solchen angibt. Kandel war zurückhaltend
hinsichtlich ethischer oder anthropologischer Konsequenzen, die manche
vorschnell aus Libets Ergebnissen ableiten wollten: „Wir können
mitnichten auf die Gesamtheit der neuronalen Aktivität schließen, indem
wir einfach ein paar neuronale Schaltkreise im Gehirn betrachten.“ 4

3
Kandel, E.: Auf der Suche nach dem Gedächtnis, a.a.O., S. 330f.
4
Kandel, E.: Auf der Suche nach dem Gedächtnis, a.a.O., S. 418
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Conclusio. – An der Thematik des freien Willens haben sich in den letzten
zwei Jahrzehnten heftige Debatten entzündet, in die Neurowissenschaftler
ebenso wie Philosophen, Theologen, Juristen und Anthropologen viel
Energie investierten, und die nicht selten Züge eines weltanschaulichen
Kreuzzuges an sich trugen. Fast mochten die einen meinen, der Mensch
verlöre seine Autonomie und Würde, wenn sich die Resultate von Libets
Experimenten bestätigen sollten, indes die anderen davon ausgingen,
dass man nach Libet das Strafgesetzbuch umschreiben müsse, da es
erwiesenermaßen keinen freien Willen und damit keine Verantwortung des
Menschen für sein Tun und Lassen gäbe.
Darüber hinaus nahmen einige Neurobiologen, Wissenschaftler und
Philosophen Libets Befunde und die sich daran entfachende Diskussion
zum Anlass, über die Deutungshoheit hinsichtlich pädagogischer,
psychologischer, ethischer und anthropologischer Fragen generell zu
streiten. Die Beantwortung der Frage „Was ist der Mensch“ sollte nur noch
einer Disziplin überlassen werden, wobei sich nicht wenige Gehirnforscher
anheischig machten, diese Rolle für sich zu reklamieren.
Manche von ihnen erhoben ihre neurobiologischen Befunde in den
Rang von Generalantworten auf existentiell bewegende Themen der
Menschheit – von der nachlassenden sexuellen Attraktion in lang
gehenden Partnerschaften über die Schwierigkeiten bei der Erziehung von
Kindern und Jugendlichen bis hin zu den Gräueltaten von
Schwerverbrechern. Dass es immer noch Einzelne gibt, welche die
Conditio humana mit Begriffen wie Vernunft, Humanität und Freiheit in
Verbindung bringen, wurde von ihnen nicht selten milde belächelt.
Im Gegenzug diagnostizierten einige Geisteswissenschaftler und
Philosophen ohne erkennbare Differenzierungsbemühung ganz allgemein
an den Neurowissenschaften die Untugenden und geistig-intellektuellen
Krankheitssymptome von Reduktionismus, Szientismus, Naturalismus und
Materialismus. Damit waren zwar klare Fronten eröffnet, an denen jeder
nach Bedarf sein Mütchen kühlen konnte; ein gegenseitiges Lernen und
Verstehen jedoch war verunmöglicht.
Die emotionale und ideologische Verve der Auseinandersetzung
lässt vermuten, dass es womöglich tatsächlich bewegende Fragen des
Menschenbildes sind, die von den Protagonisten verhandelt wurden, ohne
dass sie diese immer direkt beim Namen nannten. Kandel zum Beispiel
meinte, dass die Neurowissenschaften mit ihren Forschungsergebnissen
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das Band zwischen Biologie und göttlich-religiöser Schöpfungsgeschichte


endgültig zerschnitten haben, das unter anderem durch die Darwinsche
Deszendenzlehre bereits merklich gedehnt worden war.
In gewisser Weise ritten die Neurobiologen mit ihren Forschungen
auch Attacken gegen die menschliche Eitelkeit. Geist, Bewusstsein und
Subjektivität als das Vollkommenste im Menschen wurde auf das Spiel
einiger Milliarden Nervenzellen reduziert (a pack of neurons – so Francis
Crick) und mit Formeln wie „nichts weiter als Biologie“ einer Entzauberung
anheim gestellt. Allein das Motto von der Naturwissenschaft des Geistes
musste in den Ohren jener, die beim Begriff Geist an Hegel, Scheler und
Nicolai Hartmann, nicht aber an Transmitter und Neurone denken, wie
eine dissonante Zumutung klingen.
Dabei ist der Gedanke, dass das gesamte menschliche Dasein
mitsamt den wunderbaren geistig-kulturellen Fähigkeiten von Homo
sapiens sapiens (eine Bezeichnung Carl von Linnés aus dem frühen 18.
Jahrhundert) auf einer biologischen Basis ruht und aus ihr entspringt, nicht
neu. Sätze wie „Gehirn und (personaler) Geist sind untrennbar“ oder „alle
(personalen) geistigen Prozesse sind biologischer Natur – sie hängen alle
von organischen Molekülen und Zellprozessen ab, die sich buchstäblich in
unserem Kopf vollziehen“5 hätten sinngemäß auch schon von Philosophen
des 18. und 19. Jahrhunderts stammen können.
So gab der in unserem Vorwort bereits zitierte Georg Christoph
Lichtenberg in Bezug auf den freien Willen des Menschen zu bedenken:
„Ein Meisterstück der Schöpfung ist der Mensch auch schon deswegen,
dass er bei allem Determinismus glaubt, er agiere als freies Wesen.“ Noch
konziser entwickelte Arthur Schopenhauer die Idee, dass es im Menschen
eine unbewusste und im Körper wirkende Kraft (den Willen) gibt, die seine
bewussten und angeblich freien Entscheidungen und Handlungen von
vorneherein festlegt: „Der Mensch kann tun was er will; er kann aber nicht
wollen was er will.“
In dasselbe Horn stieß Friedrich Nietzsche mit seiner Formulierung
(in: Also sprach Zarathustra), dass das denkende und wollende Ich nur ein
Etwas am Leibe sei, und dass dieser die ältere Vernunft bedeute. Dieses
Credo übernahmen die meisten Tiefenpsychologen im 20. Jahrhundert
und sprachen von unbewussten somatischen Bedürfnissen, Trieben und
Antrieben, welche das Bewusstsein des Menschen determinieren. Und

5
Kandel, E.: Auf der Suche nach dem Gedächtnis, a.a.O., S. 12 und S. 363
19

selbst jener Philosoph, der im 20. Jahrhundert Das Problem des geistigen
Seins am tiefgründigsten beschrieben hat (Nicolai Hartmann), legte
großen Wert darauf hinzuweisen, wie sehr der subjektive Geist des
Einzelnen in seinen biologischen und seelischen Schichten verankert ist.
So kann man sich nach einigen Jahrzehnten neurobiologischer
Forschung und den davon ausgehenden heftigen Auseinandersetzungen
um eine Anthropologie für das 21. Jahrhundert jenem witzig-
nachdenklichen Kommentar anschließen, welchen der französische
Molekularbiologe François Jacob vor einigen Jahren über das Wesen des
Menschen abgegeben hat:

Wir sind eine zweifelhafte Mischung aus Nukleinsäuren und


Erinnerungen, aus Begierden und Proteinen. Das zu Ende
gehende Jahrhundert hat sich eingehend mit Nukleinsäuren
und Proteinen beschäftigt. Das kommende wird sich auf die
Erinnerungen und die Begierden konzentrieren. Wird es solche
Fragen zu lösen vermögen?6

Nimmt man diese Umschreibung ernst, bleibt auch in Zukunft die Aufgabe
bestehen, das Wesen des Menschen sowohl aus einer natur- wie auch
aus einer geistes- und kulturwissenschaftlichen Perspektive heraus zu
erforschen und die jeweiligen Ergebnisse mit philosophischer Skepsis und
Kritik aufeinander zu beziehen. Wer sich eindimensional nur auf die Seite
der Proteine oder diejenige der Begierden schlägt, verfehlt den kosmos
anthropos und reduziert den Menschen zu einem naturalistischen Ding
oder einem spiritualistischen Schemen. Den Neurowissenschaften fällt die
Aufgabe zu, neben ihrer genuinen Forschung auch für adäquaten Transfer
ihrer Ergebnisse in die menschliche Lebenswelt zu sorgen:

Zudem wird die neue Biologie des Geistes mit dieser Agenda
ihre zugeschriebene Rolle als natürliche Brücke annehmen
zwischen den Geisteswissenschaften, die mit dem Wesen der
menschlichen Existenz befasst sind, und Naturwissenschaften,
die sich um die Natur der physischen Welt kümmern.7

6
Jacob, F.: Die Maus, die Fliege und der Mensch – Über die moderne Genforschung, Berlin 1998,
S. 198
7
Kandel, E.: Gene, Gehirne und das Selbstverständnis des Menschen (2001), in: Psychiatrie,
Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes (2005), Frankfurt am Main 2006, S. 321
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LITERATUR:

Bieri, P.: Das Handwerk der Freiheit – Über die Entdeckung des eigenen
Willens (2001), Frankfurt am Main 2002
Breidbach, O.: Die Materialisierung des Ich – Zur Geschichte der
Hirnforschung im 19. und 20. Jahrhundert, Frankfurt 1997
Hager, M.: Der Geist bei der Arbeit – Historische Untersuchungen zur
Hirnforschung, Göttingen 2006
Jacob, F.: Die Maus, die Fliege und der Mensch – Über die moderne
Genforschung, Berlin 1998
Janich, P.: Kein neues Menschenbild – Zur Sprache der Hirnforschung,
Frankfurt am Main 2009
Kandel, E.: Psychiatrie, Psychoanalyse und die neue Biologie des Geistes
(2005), Frankfurt am Main 2006
Ders.: Auf der Suche nach dem Gedächtnis – Die Entstehung einer neuen
Wissenschaft des Geistes (2006), München 2007
Keil, G.: Willensfreiheit, Berlin 2007
Libet, B.: Mind Time – Wie das Gehirn Bewusstsein produziert (2004),
Frankfurt am Main 2007
Roth, G.: Aus Sicht des Gehirns, Frankfurt am Main 2009
Singer, W.: Ein neues Menschenbild? Gespräche über Hirnforschung,
Frankfurt am Main 2007
Spitzer, M.: Nervensachen – Geschichten vom Gehirn (2003), Frankfurt
am Main 2005
Squire, L.R. und Kandel, E.: Gedächtnis – Die Natur des Erinnerns (2009),
Heidelberg 2009