Sie sind auf Seite 1von 17

Zur Kapitulation

vor des Novalis »Philosophischem Werk«


Manfred Frank

Wolfgang Hädecke: Novalis. Biographie, München 2011. Hanser. 399 S.


Gerhard Schulz: Novalis. Leben und Werk Friedrich von Hardenbergs, München
2011: C. H. Beck. 304 S.

Als mir die Redaktion der Philosophischen Rundschau die beiden obigen,
in dichter Abfolge erschienenen Novalis-Biographien zur Rezension ant-
rug, verstand ich das als Aufforderung, dem Charakter der Zeitschrift ent-
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

sprechend, ihr spezifisch philosophisches Interesse herauszustellen. Freilich


belehrte mich ein kurzer Blick: Die Philosophie, die gut zwei Drittel von
Novalis’ nachgelassener Produktion ausmacht, spielt bei Hädecke eine ge-
ringe und bei Schulz fast gar keine Rolle.
Ich hätte die Bände also zurückgeben sollen. Aber das genannte Gebre-
chen ist für die Novalis-Forschung so symptomatisch, dass ich mir dachte,
Copyright Mohr Siebeck
Delivered by Ingenta

eine Rezension dürfe ausnahmsweise in einer romantischen Kritik beste-


hen. Die fügt ja dem Kritisierten, wie wir seit Walter Benjamins Disserta-
tion wissen, ein Stück von dem hinzu, woran es ihm fehlt. »Der wahre
Leser«, hatte Novalis notiert, »muß der erweiterte Autor seyn. Er ist die
höhere Potenz, die die Sache von der niedern Instanz schon vorgearbeitet
erhält« (HKA1 II, 470, Nr.  125). Die Vorarbeit, die die beiden Biographien
leisten, ist freilich philosophisch fast unsichtbar.
Das aber hat, wie gesagt, symptomatischen Charakter: Friedrich von
Hardenbergs »Philosophisches Werk« – das in der HKA die beiden bei
Weitem umfangsreichsten Bände ausfüllt – hatte kein Glück unter Philo-
sophen, weder bei damals lebenden noch bei nachgeborenen. Sie haben es,
das in der Folge von editorischen Wirren erstmals 1965 und 1968 kritisch
ediert und in zuverlässiger Weise chronologisch geordnet auf den Markt
kam, stiefmütterlich behandelt, als einen fantastischen Vorspuk des deut-
schen Idealismus niedergemacht und seinen Verfasser beargwöhnt als ei-
nen Bruder Leichtfuß auf dem Gebiet der freien Spekulation. Damit ha-
ben sie ohne eigentliche Absicht überforderten Germanisten den Vortritt
gelassen, die sich als Wanderer in diesem spekulativen Dschungel dies und
das dabei dachten, wozu sie sich durch das Tastende, Fragende, Wider-
sprüchliche, Assoziative und Unausgeführte der Aufzeichnungen ermu-
1
  Novalis: Schriften. Die Werke Friedrich von Hardenbergs, hg. vom Paul Kluckhohn
und Richard Samuel [seit 1965 auch von anderen], Stuttgart 1960 ff. [unvollendet]. Hin-
fort zit.: HKA.

PhR 61 (2014), S.  91–107  DOI: 10.1628/003181514X681840


ISSN 0031-8159  © Mohr Siebeck 2014
92 Manfred Frank PhR

tigt fühlen konnten.2 Ganz anders als im Falle des in vieler Hinsicht ver-
gleichbaren Friedrich Hölderlin sind die philosophischen Aufzeichnungen
des Novalis nur zweimal gründlich nach der Methode der von Dieter
Henrich und seinen Mitarbeitern entwickelten ›Konstellationforschung‹
erschlossen worden, und dabei eigentlich nur die von ihrem ersten Editor
nicht wirklich treffend so genannten Fichte-Studien.3 Diese, deren Scharf-
sinn und argumentative Ausarbeitung manche Vorzüge vor den bald ab-
brechenden oder ins Dunkel abgleitenden Gedankenblitzen Hölderlins
haben, sind so gut wie nie nach ihrem Verdienst gewürdigt worden – wo-
bei natürlich dies Verdienst zunächst einmal erklärt und so gut als möglich
an den Texten belegt zu werden hat.
Ich werde im Folgenden zunächst das Grundversäumnis beider Nova-
lis-Biographien am »Philosophischen Werk« ihres Autors nicht nur benen-
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

nen, sondern mit Blick auf die von ihnen völlig übersehene Konstellati-
onsforschung kompensieren (I.). In einem II. Abschnitt wende ich mich
einigen der bedeutendsten intellektuellen Biographien zu, die mit der des
Novalis interferierten und von denen unsere Biographen nichts berichten,
und werde erst zum Schluss (III.) das von Hädecke und Schulz Geleistete
Copyright Mohr Siebeck

(bzw. an anderer Stelle Versäumte) vergleichend in den Blick fassen.


Delivered by Ingenta

I.
Die von Dieter Henrich in seinem Jena-Projekt entwickelte konstellato-
rische Methode hat sich zunächst auf den Reinhold-Schülerkreis konzen­
triert.4 Man kann diese hermeneutische Verfahrensart so charakterisieren:
Sie verfolgt die allmähliche Verfertigung von (philosophischen) Grund­
überzeugungen auf den geistigen Austausch mehrerer Urheber während
eines besonders fruchtbaren Zeitabschnitts zurück. Dies war im vorliegen-
den Fall die philosophisch so ungemein ereignisreiche Jenaer Spanne zwi-
schen Carl Leonhard Reinholds Veröffentlichung des Versuchs einer neuen

2
  Davon nehme ich ausdrücklich aus Hans-Joachim Mähls Einleitungen zum Philosophi-
schen Werk, besonders zu den Fichte-Studien, und Herbert Uerlings Arbeiten zu Novalis,
besonders den großen Forschungsbericht von 1991: Friedrich von Hardenberg, genannt Nova-
lis. Werk und Forschung, Stuttgart. Ich nehme überhaupt einige germanistische Arbeiten
aus, die zu rühmen hier nicht der Ort ist.
3
  Manfred Frank: ›Unendliche Annäherung‹. Die Anfänge der philosophischen Frühroman-
tik, 2. erw. Aufl., Frankfurt a. M. 1998, und Violetta Waibel: System der Systemlosigkeit.
Erster Teil: Die ›Fichte-Studien‹ Friedrich von Hardenbergs. Denkwerkstatt im philosophischen
Kontext von Kant und Fichte. Zweiter Teil: Ein philosophisch-systematischer Kommentar der
›Fichte-Studien‹ Friedrich von Hardenbergs (unveröffentlichte Habilitationsschrift Wien 2007,
in Druck bei Schöningh: Paderborn, 2013).
4
 Vgl. Martin Mulsow/Marcelo Stamm (Hg.), Konstellationsforschung, Frankfurt
a. M. 2005.
61 (2014) Zur Kapitulation vor des Novalis »Philosophischem Werk« 93

Theorie des menschlichen Vorstellungsvermögens (1789) und den ersten bedeu-


tenden Einsprüchen gegen Johann Gottlieb Fichtes Vortrag der Wissen-
schaftslehre (ab 1794/95 und bis etwa 1797). Beim konstellatorischen Ver-
fahren besteht die Chance, bruchstückartig überlieferte Gedanken eines
Autors, die für sich allein unauflösbare Deutungsprobleme bereiten, wie in
einem Puzzle durch (bisher unbekannte oder unbeachtete) Gedanken eines
anderen Autors zu ergänzen, von dem wir wissen, dass seine Ausbildung
oder Überzeugungsbildung in ähnlichen Bahnen verlaufen ist. Das ist
glücklicherweise der Fall Hölderlins, Friedrich von Hardenbergs und
Friedrich Schlegels, die seit Beginn der 1790er Jahre entweder direkt bei
Reinhold studiert haben oder später durch dritte (vor allem Niethammer)
über die Diskussionslage im Reinholdschüler-Kreis informiert waren. Eine
für seine Ambitionen beim ersten Eintritt in die Jenaer Konstellation cha-
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

rakteristische Notiz Hardenbergs ist 1791 überliefert: Ebenso kryptisch wie


stolz notiert er unter dem Stichwort »Philosophie« die Namen »Schiller,
Herder, Lessing, Ich selbst, Kant« (HKA IV, 4, Z.  18).
Eine gründliche Kenntnis dieser Diskussionslage ist für uns darum so
fruchtbar, weil sie bis vor Kurzem quer stand zum Bild, das sich die Philo-
Copyright Mohr Siebeck

sophiegeschichte von den Verarbeitungsprozessen der kantischen Philoso-


Delivered by Ingenta

phie und dem Auf kommen eines deutschen Idealismus gemacht hat. Dies
falsche Bild schlägt in unseren beiden Novalis-Biographien voll durch.
Reinhold war nämlich davon überzeugt, dass Kants Philosophie eines
obersten Grundsatzes entbehre, aus dem sich ihre Zerklüftung in aufein-
ander irreduzible Prinzipien, aber auch in drei Kritiken einheitlich ein-
sichtig machen lasse. An diesem fundamentalistischen Programm kamen
unter Reinholds Schülern zwischen 1791 und 1792 Zweifel auf, zu denen
auch Carl Christian Erhard Schmid und Immanuel Carl Diez beitrugen,5
die sie dann ein zweites Mal und verstärkt auf Fichtes Versuch anwandten,
Reinhold grundsatzphilosophisch zu überbieten. Diese antifundamenta-
listischen Weichenstellungen halten auf gewisse Weise Kant die Treue und
zeigen einen Weg auf, wie die re-metaphysizierenden Konsequenzen hät-
ten vermieden werden können, die dann unter dem Namen ›deutscher
Idealismus‹ wirkmächtig die kantianische Saat überformten, ja zunichte

5
  Beide Namen werden erwähnt als Auslöser einer »Systemkrise« in dem berühmten
Brief Reinholds an Erhard vom 18. Juni 1792. In: Dieter Henrich (Hg.), Immanuel Carl
Diez, Briefwechsel und Kantische Schriften. Wissensbegründung und Glaubenskrise Tübingen-Jena
(1790–1792), Stuttgart 1997, 911 ff.; vgl. insgesamt Marcelo Stamms »Bericht und Über-
sicht« über diesen Brief, S.  898–914. Schmids von Reinhold hervorgehobene Rolle bei der
Grundsatzkrise wird in dieser Edition unterschätzt. Korrigierend dazu: Andreas Berger:
»Systemwandel zu einer ›neuen Elementarphilosophie‹? Zur möglichen Rolle von Carl
Christian Erhard Schmid in der Entwicklung von Reinholds Elementarphilosophie nach
1791«, in: Athenäum. Jahrbuch für Romantik, 8. Jg. 1998, 111–135.
94 Manfred Frank PhR

machten. Friedrich von Hardenbergs erste philosophische Notizen gehö-


ren dieser grundsatzkritischen Konstellation, nicht in erster Linie der Wei-
terverarbeitung Fichte’scher Gedanken an. Sie scheinen in Reaktion auf
Niethammers Aufforderung entstanden zu sein, einen Beitrag für das von
ihm herausgegebene Philosophische Journal zu liefern.6 Dies Journal verstand
sich als Forum zur Klärung des Für und Wider einer Grundsatzphiloso-
phie,7 nachdem Reinholds alte Idee in Fichtes Wissenschaftslehre gerade
eine noch wuchtigere Neubegründung erfahren hatte. Dadurch flammte
die alte, für abgeschlossen gehaltene Grundsatz-Debatte neu auf. – Dafür,
dass Novalis an eine Publikation seiner Aufzeichnungen gedacht hat, spre-
chen Spuren eigener nachträglicher Bearbeitung und Korrektur (Mähl in
HKA II, 33 o.), die für alle folgenden Fragmenten-Sammlungen ganz
untypisch sind, besonders aber die gelegentliche Rücksichtnahme auf ei-
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

nen impliziten Leser.


Eine das »Werk« einbeziehende Biographie Hardenbergs sollte die frü-
hen philosophischen Aufzeichnungen schon darum berücksichtigen, weil
der Verfasser von seiner (freilich erst fragmentarisch niedergelegten) Leis-
tung keine geringe Meinung hatte. Dem Bruder Erasmus spricht er am 8.
Copyright Mohr Siebeck

Juli 1796 von einem eigenständig erarbeiteten »System der Filosofie«, das
Delivered by Ingenta

er ihm gern zueigen machen möchte. »Dann sollte mir mein Nachdenken
recht lieb werden. Es enthält eine unerschöpfliche Quelle von Trost und
Beruhigung. Freylich bedarf es noch sehr der Feile« (HKA IV, 172,
Z.  9/10–13; vgl. 187, Z.  14 f.). Feilen kann man nur, was als Rohentwurf
tatsächlich vorliegt.
Da die Novalis-Biographien kein Wort darüber verlieren: Die Fich-
te-Studien sind dreiteilig aufgebaut. Ein erster Teil bestreitet eine direkte
kognitive Zugänglichkeit des ›Absoluten‹ und sichert unsere Rede darüber
durch ein indirektes – negatives – Argument (»Selbstgefühl«, »ordo inver-
sus« der Reflexion). Der zweite Teil zieht dialektische Konsequenzen aus

6
  So Mähl unter Verweis auf einen verlorenen Brief des Niethammer-Nachlass-Erben
Ludwig Döderlein im Vorwort zu den Fichte-Studien, der zwei dies bestätigende Briefe
Hardenbergs an Niethammer gefunden zu haben berichtet (HKA II, 32 f.). Diese Doku-
mente samt Niethammers Tagebuch, das in den Jahren 1795/96 mehrere Einträge über
Hardenberg enthielt, müssen nach Döderleins Auskunft und weiteren Recherchen bei den
Niethammer-Erben für verloren gelten. Mähl hat mir eine Kopie von Döderleins Brief
mitgeteilt.
Auch Hölderlin ist von Niethammer zu Beiträgen fürs Journal aufgefordert worden und
hat, ebenso wie Novalis, mit Entwürfen begonnen die er nicht hat vollenden können. Vgl.
Dieter Henrich: Konstellationen. Probleme und Debatten am Ursprung der idealistischen Philo-
sophie (1789–1795), Stuttgart 1991, 232.
7
  Marcelo R. Stamm: »Mit der Überzeugung der Entbehrlichkeit eines höchsten und einzigen
Grundsatzes .  .  .«. Ein Konstellationsporträt um Fr. I. Niethammers »Philosophisches Journal einer
Gesellschaft teutscher Gelehrten, unveröffentl. Manuskript, München 1992.
61 (2014) Zur Kapitulation vor des Novalis »Philosophischem Werk« 95

der Einsicht, dass sich das Absolute nicht als fugenloses Eins, sondern als
eine in sich differenzierte (beide, Gefühl und Reflexion, Stoff und Form,
Zustand und Gegenstand, Wesen und Eigenschaft einbeziehende) Struk-
tur darstellt. Den Schluss macht eine Rückkehr zur kantischen Ideen-Leh-
re, die die beiden Gedanken 1. der Ableitbarkeit wahrer Sätze aus einem
obersten Prinzip und 2. der Realisierbarkeit des ›Höchsten‹ in ungewöhn-
lich barschen Worten abweist: Dieser Gedanke führe uns »in die Räume
des Unsinns« (HKA II, 251 f.; vgl. 254, Z.  11 f.). Das Absolute sei Gegen-
stand nur der Sehnsucht (des Nicht-Habens) oder der unendlichen Annä-
herung. Je mehr Sätze es uns gelinge, in einen logischen Zusammenhang
zu bringen (»Verganzung«), desto wahrscheinlicher werde ihre Geltung
(ebd., 270, Nr 366, 2. Abschn.). Das ist eine – gegenüber Reinhold und
Fichte – zutiefst antifundamentalistische Position. Sie passt zu einer sehr
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

deutlich-nüchternen Äußerung des Novalis von 1797:


Alles Absolute muß aus der Welt hinaus ostraciren. In der Welt muß man mit
der Welt leben (HKA 395, Nr.  55).
Genauso dachte früher schon als Hardenberg 8 und im gleichen Geiste
ein anderer Reinhold-Schüler, der spätere Jurist Paul Johann Anselm Feu-
Copyright Mohr Siebeck
Delivered by Ingenta

erbach, in seinem Aufsatz über die »Unmöglichkeit eines ersten absoluten


Grundsatzes der Philosophie« (wohlbemerkt: von ›Unmöglichkeit‹, nicht
– wie bei Niethamnmer – von »Entbehrlichkeit«9 ist die Rede):
Ein unbedingter Grundsatz hat als Idee betrachtet Realität; aber diese Idee
kann nie realisirt werden und ist bloß von regulativem Gebrauch.10
So insbesondere auch Hardenbergs Jenaer Kommilitone Friedrich Karl
Forberg, der ihn ungefähr um die Zeit besuchte (oder ihm schrieb), als
Hardenberg diesen Gedanken (in Weißenfels) zu Papier brachte (und der
wieder den Ausdruck ›Unmöglichkeit‹ benutzt):11
Was thu ich, indem ich filosofire? ich denke über einen Grund nach. [.  .  .] Alles
Filosofiren muß bey einem absoluten Grunde endigen. [Wie,] [w]enn dieser nicht
8
  Der das Philosophische Journal schon vor 1797 kannte, als er Friedrich Schlegel zweimal
um Zusendung bat (HKA II, 44; IV, 200, 220 [Schlegel bestätigt die Zusendung der Ex-
emplare: 10. 3.]), wie sich u. a. daran zeigt, dass er einen dort – PhJ I/3, 255–273; I/4,
287–326 – abgedruckten Fichte-Aufsatz »Von der Sprachfähigkeit und dem Ursprunge der
Sprache« von 1795 zu Beginn der Fichte-Studien behandelt.
9
  Im Brief an von Franz de Paula von Herbert, Jena, den 2. Juni 1794; in: Friedrich
Immanuel Niethammer: Korrespondenz mit dem Klagenfurter Herbert-Kreis, hg. von Wil-
helm Baum, Wien 1995, 86.
10
 In: Philosophisches Journal II/4 (1795), 306–322, hier: 320.
11
  Nach der Datierung durch Hans-Joachim Mähl (HKA II, 89; vgl. 80 f.). Der Brief an
Fr. Schlegel spricht am 8. Juli 1796 von einem Besuch »Forberg[s] in Jena, der, eben nach
sehr langer Unterbrechung unsrer Freundschaft, mir ein Herz voll Zärtlichkeit für mich
zeigte« (IV, 187, Z.  23–25).
96 Manfred Frank PhR

gegeben wäre, wenn dieser Begriff eine Unmöglichkeit enthielte – so wäre der
Trieb zu Filosofiren eine unendliche Thätigkeit – und darum ohne Ende, weil ein
ewiges Bedürfniß nach einem absoluten Grunde vorhanden wäre, das doch nur
relativ gestillt werden könnte – und darum nie auf hören würde (HKA II, 269 f.,
Nr.  366. 1. Abschn.).
Entweder hat Forberg diesen Gedanken von Novalis übernommen oder
ihm eine solche Formulierung nahegelegt (ein drittes Mal ist von ›Un-
möglichkeit‹ die Rede).12 Denn ein Jahr später publiziert er in Nietham-
mers Philosophischem Journal:
Also so etwas, wie ein letztes Darum, ein letzter UrGrund ist, werde ich su-
chen müssen, um die Foderung meiner Vernunft zu erfüllen.
[Wie, w]enn denn aber so ein letzter UrGrund unmöglich zu finden [.  .  .] wä-
re? −
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

So würde weiter nichts daraus folgen, als daß die Foderung meiner Vernunft
auch niemals völlig zu erfüllen wäre – daß die Vernunft [.  .  .] ihre Forschungen ins
Unendliche fort[.  .  .]setzen [müßte], ohne sie in Ewigkeit zu Ende zu bringen. Das
Absolute wäre dann weiter nichts, als die Idee einer Unmöglichkeit [.  .  .].
[Aber] ist ein unerreichbares Ziel darum weniger ein Ziel? Ist die Aussicht gen
Himmel weniger entzückend, weil sie immer nur – Aussicht bleibt?13
Copyright Mohr Siebeck

Soviel nur zur Dokumentation des fortdauernden intellektuellen Aus-


Delivered by Ingenta

tauschs zwischen den Grundsatz-skeptischen ehemaligen Reinhold-Schü-


lern, die sich durch Fichtes Auftritt in Jena (1794) aufs Neue und nun viel
massiver zur Kritik herausgefordert fühlen mussten.
Nichts darüber erfährt man in den beiden Novalis-Biographien, deren
zweite von »Leben und Werk« zu handeln behauptet. Das philosophische
Werk aber überwiegt, wie gesagt, umfangmäßig bei Weitem das übrige,
zumal das literarische.

II.
Noch aus einer anderen Perspektive hätte man die konstellatorische Me-
thode biographisch fruchtbar machen können. Sie stützt sich ja auf den
geistigen Austausch zwischen Freunden, die sehr ähnliche Bildungsvoraus-
setzungen und Erkenntnisinteressen teilten. Wie soll man die Überzeu-
12
  Es ist zwar bekannt, dass Forberg zu den ersten Kritikern Reinholds gehört. Seine
Bedeutung im so genannten Atheismus-Streit ist ebenfalls bekannt. Insgesamt bleibt die
Rolle dieses Radikalauf klärers in der Jenaer Konstellation aber unterbestimmt. Dem-
nächst wird Guido Nascherts kritische und kommentierte Ausgabe der Schriften Forbergs,
wo sie nicht selbst schon Abhilfe geleistet hat, die Forschung hier zu größeren Anstrengun-
gen zwingen.
13
  »Briefe über die neueste Philosophie«, in: Philosophisches Journal, I. Teil: Sechsten Ban-
des Fünftes Heft, 44–88; II. Teil: l. c. (Siebenten Bandes Viertes Heft), 259–272, hier: 66 f.
(Kursivierung von mir: sowohl Feuerbach wie Hardenberg sprechen ebenfalls von der
Unmöglichkeit eines höchsten Grundsatzes oder einer ›obersten Gattung‹).
61 (2014) Zur Kapitulation vor des Novalis »Philosophischem Werk« 97

gungen biographisch mit Leben füllen, ohne die Personen selbst und ihre
Bildungsgeschichten in den Blick zu bringen, die sie vertreten? Hier darf
man sich auf zwei Einsichten von Hardenbergs Freund Ludwig Tieck ver-
lassen:
Je mehr wahre Freunde der Mensch hat, je reicher gestaltet und entwickelt er
sich selbst. Nur der selbst reiche Mensch kann auch viele reichbegabte Freunde
haben.
[M]an lebt, wenn man das Glück hat, mehrere Freunde zu besitzen, mit jedem
Freunde ein eignes, abgesondertes Leben.14
Ist das wahr, so musste sich das Leben des Novalis Teile der Lebensge-
schichten seiner Freunde einverleiben. So liebevoll sie, Person um Person,
von der Konstellationsforschung erschlossen sein mögen: Nichts davon ist
in den neuesten Novalis-Biographien angekommen; nur die alten, wohl
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

bekannten, in allen früheren Biographien behandelten Verhältnisse sind


nacherzählt.
Zu dieser Kenntnis haben uns (auf abenteuerliche Weise15 erhaltene
oder durch archivalische Arbeit erschlossene) Briefwechsel der Freunde
verholfen. Die Biographien und Überzeugungs-Welten seiner wichtigsten
Copyright Mohr Siebeck

philosophischen Freunde und Lehrer sind liebevoll vorgestellt bzw. rekon-


Delivered by Ingenta

struiert von Frank (1998), so wie Henrich das für Hölderlin und Diez
getan hat.16 Freilich konnte sich die Konstellationsforschung auf wichtiges
wiederentdecktes Briefmaterial stützen. Von und an Novalis aber sind fast
keine Briefe, nur ein paar Stammbuch-Einträge und indirekte Erwähnun-
gen erhalten.17 Sie scheinen dem Autodafé durch Friedrichs Bruder Anton

14
  Tieck 1832 an Friedrich von Raumer, nach dem Bericht von Rudolf Köpke: Ludwig
Tieck. Erinnerungen aus dem Leben des Dichter und dessen mündlichen und schriftlichen Mittheilun-
gen, Leipzig: Brockhaus: 1855, II, 138; Ludwig Tieck: Phantasus, hg. von Manfred Frank,
Frankfurt a. M. 1985, 25.
15
  So wurde 1915 ein Stapel von Briefen von Herberts, Niethammers, Forbergs und
Erhards in den Akten des Wiener Innenministeriums gefunden, die dort 1796 wegen des
Verdachts auf kantisch inspirierte revolutionäre Umtriebe ihrer Autoren festgehalten wor-
den waren.
16
  Der Grund im Bewußtsein. Untersuchungen zu Hölderlins Denken (1794–1795), Stuttgart
1962; Grundlegung aus dem Ich. Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus Tübingen-Jena
(1790–1794), Frankfurt a. M. 2004.
17
  Schulz erwähnt weder die Hauslehrer- noch die bedeutende Rolle Schmids als Ver-
mittler bei Schiller, der dem leichtsinnigen Vogel eine Moralpauke zu halten hatte, worauf
anspielt Novalis’ Stammbucheintrag an Schmid (HKA IV, 88 f.; vgl. 567 f., 991). Für den
Effekt von Schillers Strafpredigt auf Novalis’ Liebesaffären zeugen auch die Verse 50–53
der Klagen eines Jünglings von 1791, in Wielands Teutschem Merkur veröffentlicht: »Weibisch
hat das Schicksal mich erzogen,/ nicht sein Liebling, nur sein Sclav bin ich;/ Amor hat
mich schmeichlerisch umflogen,/ statt der Sorge, die mir stets entwich« (HKA I, 539).
Weiss (1966, 49) veröffentlicht einen Brief Friedrich Creuzers von Ende Januar 1791, wo-
nach Schmid dem »Baron v. Hardenberg [.  .  .] so vel quasi zur Aufsicht anvertraut worden«
98 Manfred Frank PhR

von Hardenberg zum Opfer gefallen zu sein. So gibt es nur ganz wenige
Dokumente, die seine fast lebenslange Verbundenheit zu Carl Christian
Erhard Schmid belegen, der dem 11-jährigen Fritz von Hardenberg als
Hauslehrer zugewiesen war und mit ihm eine Reise zu seinem Onkel nach
Locklum unternommen hat. In Jena hat Novalis nicht nur weiterhin unter
seinem erzieherischen Einfluss gestanden, sondern höchst wahrscheinlich
seine Kant-Einführung und sicher die Vorlesung über Empirische Psycholo-
gie besucht (die Druckfassung besaß er), die Reinholds Grundsatzphiloso-
phie energisch angreift und stark auf Novalis’ Geistesbildung Einfluss ge-
übt hat. Als Schmid seine Kritik auf Fichtes Ich-Philosophie ausdehnte,
erfuhr er jene terroristische »Annihilation« durch Fichte, von der wir wis-
sen, dass Novalis sie missbilligte.18 Ferner haben wir nur ganz unzurei-
chend Dokumente und fast gar keine Briefe, die Novalis’ engen und fort-
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

währenden Kontakt zu den Reinhold-Schülern von Herbert, Forberg,


Niethammer und besonders Erhard belegen. Wir wissen das weitgehend
aus indirekten Erwähnungen in Briefen Dritter. Die konstellatorische Me-
thode fand hier trotzdem Ansatzpunkte, indem sie viele (für sich betrach-
tet rätselhafte) Aufzeichnungen des Novalis, besonders in den Fichte-Studi-
Copyright Mohr Siebeck

en, als elliptischen Ausdruck von Überzeugungen erschloss, die Novalis


Delivered by Ingenta

mit den zuletzt Genannten teilte. Eine gewisse Kenntnis ihrer Grund­
überzeugungen und der Weise, wie sie ihren Kontakt fortführten, müsste
also in eine Biographie eingehen, der das philosophische Werk ihres Ge-
genstandes nicht ganz gleichgültig ist.19
sei. – Schmid bekam aus Hardenberg’schem Familienbesitz den ketzerischen Traktat De
tribus impostoribus magnis, dessen Publikation ihn die Professur in Gießen kostete (Frank
1998, 535 f.). Schulz ist so desorientiert, dass er Schmid vermutlich mit Reinhold verwech-
selt und »bald in Kiel eine neue Wirkungsstätte f[inden]« lässt (75).
18
 Vgl. Hermann F. Weiss: »Eine Reise nach Thüringen im Jahre 1791. Zu einer unbe-
achteten Begegnung Karl Wilhelm Justis und Joseph Friedrich Engelschalls mit Schiller
und Novalis«, in: Zeitschrift des Vereins für hessische Geschichte und Landeskunde, 1966, Bd.  101,
43–56. Vgl. auch Frank 1998, 20. Vorl. Wir wissen aus einer Jenaer Notiz, dass Harden-
berg 1791 als Pensum in »Philosophie« »Kant« sich vorgenommen hat (HKA IV, 4, Z.  18).
Zu Novalis’ Übernahme der Schmid’schen Grundsatzkritik vgl. Manfred Frank, »Was
heißt ›frühromantische Philosophie‹?«, in: Athenäum. Jahrbuch der Friedrich Schlegel-Gesell-
schaft, hg. von Ulrich Breuer und Nikolaus Wegmann, 19. Jahrgang 2009, 15–43, hier
35 ff.
19
  Die Quellen, die hier vorgearbeitet haben, fließen neben den genannten Arbeiten
Dieter Henrichs, auch biographisch ergiebig in Frank (1998) und Waibel (2007/2013).
Frank 1998 ist zwar in Hädeckes Literaturverzeichnis angegeben, aber gar nicht ausgewer-
tet, Schulz kennt weder Frank noch Henrich, den auch Hädecke nicht heranzieht.
Fairerweise sollte auch die Arbeit von Bernward Loheide erwähnt werden, die aller-
dings Novalis nicht konstellatorisch aus der Grundsatz-Kritik, sondern in Abhängigkeit
von Fichte rekonstruiert: Fichte und Novalis. Transzendentalphilosophisches Denken im roman-
tisierenden Diskurs. Amsterdam-Atlanta 2000 (bei Schulz im Literaturverzeichnis ange-
führt: 294).
61 (2014) Zur Kapitulation vor des Novalis »Philosophischem Werk« 99

III.
Wie aber gehen Hädeckes und Schulz’ neue Biographien mit diesen von
der Forschung mühsam erarbeiteten Quellen und Kenntnissen um? Wie
äußern sie sich zum quantitativen Übergewicht von Novalis’ philoso-
phisch-theoretischer Produktion über die literarische? Schulz gibt diesen
letzten Punkt zu (Schulz, 207) und macht die ganz treffende Bemerkung,
das Philosophische stehe »scheinbar bezuglos« neben den Dichtungen
(ebd.). Ganz anders als etwa bei Hölderlin leiste es auch kaum Beiträge zur
Deutung der Dichtung (211). »Als Philosoph philosophierte er um der phi-
losophischen Erkenntnis willen« (207). Einige Novalis-Forscher – ich
selbst – neigen dazu, im philosophischen Werk des Novalis eigentliche Le-
bensleistung zu sehen und die Dichtungen minder hoch zu gewichten. Wer
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

diese Meinung nicht teilt, muss das begründen. Aber auch dann noch wäre
eine wenigstens andeutende Charakterisierung dieses theoretischen Werks
Pflicht eines Biographen gewesen. Dies schon darum, weil Novalis die Phi-
losophie (Liebe zu Sophie) als seine Kernleidenschaft beschreibt. Sie liefere
»den Schlüssel zu meinem eigensten Selbst« (an Fr. Schlegel am 8. Juli 1796
[HKA IV, 188] – von Hädecke S.  186 auf »Juni« datiert). Ist ein Biographie
Copyright Mohr Siebeck
Delivered by Ingenta

nicht verpflichtet, diesen Schlüssel zu benutzen?


Von diesem Versäumnis abgesehen – aber lässt sich ernsthaft von ihm
absehen? – kann das Urteil eines Rezensenten über beide Bücher nur
höchst positiv ausfallen, nuanciert nach dem Charakter der Autoren und
dem jeweiligen publizistischen Zweck: Beide liefern eine gut recherchier-
te, auf der Höhe des literatur- und wissenschaftsgeschichtlichen For-
schungsstandes sprechende und vor allem allgemein zugängliche Lebens-
und Werk-Geschichte des Novalis.
Hädecke schneidet dabei schriftstellerisch eindeutig günstiger ab. Seine
Darstellung ist umfassend informativ, geschickt, manchmal anrührend,
ohne sentimental zu werden (eindrucksvoll das Kapitel über Dürrenberg
und Sophie von Kühn und ihre Familie), jedenfalls mit leichter Hand ge-
schrieben. Gutzuschreiben ist ihm, anders als Schulz, dass er sich wenigs-
tens einige Mühe gibt mit der Herausarbeitung eines Kerngedankens des
ersten Teils der Fichte-Studien, der Operation mit dem »ordo inversus« und
der Methode der »Hin und Her Direction«, deren rationalen Kern – in der

Ebenfalls nicht an der Methode (und den Ergebnissen) der Konstellationsforschung ori-
entiert sind die bedeutenden Arbeiten von Frederick C. Beiser: German Idealism. The
Struggle against Subjectivism, 1781–1801, Cambridge/MA 2002 (über Novalis 407 ff.); ders.:
The Romantic Imperative. The Concept of Early German Romanticism, Cambridge/MA 2003;
ferner: Jane Kneller (ed.), Novalis. Fichte-Studies, Cambridge: Texts in the History of
Philosophy, 2003.
100 Manfred Frank PhR

Sekundärliteratur hinreichend genau erschlossen 20 – er freilich nicht er-


fasst (Hädecke, 127 ff.). Während aber Schulz die Fichte-Studien eigentlich
nur erwähnt und das Allgemeine Brouillon – obwohl es als Titel ein ganzes
Kapitel ziert (127 ff.) – mit seinen 1151 zum Teil mehrseitigen Einträgen
keiner einzigen interpretatorischen Zuwendung oder Kohäsionsstiftung
für wert hält (S.  38 wird es, Appetit machend, zu »seinem wohl gedanken-
reichsten und originellsten Werk« erklärt),21 charakterisiert es Hädecke
wenigstens der Form nach, auch wenn er ebenfalls keinen einzigen der
Gedanken im einzelnen erläutert oder gar ein geistiges Band auszumachen
vermag (8. Kap.).22 Sollte diese Notaten-Sammlung der Steinbruch einer
werdenden »Enzyklopädistik« gewesen sein, wie will man sie ohne ein
Verständnis ihres roten Fadens einem Leser erläutern?
Ungenügendes findet sich freilich auch im nicht-philosophischen Part.
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

Abälard erscheint beispielsweise als Romanfigur der Nouvelle Héloise (Hä-


decke, 57). Und Tieck, der große Verdienste um die Rehabilitation mit-
telhochdeutscher Literatur hatte, wird zum »Entdecker und Herausgeber
[.  .  .] des Nibelungenliedes« nobilitiert (261).
Hier freilich steht ihm der Gelehrte Gerhard Schulz in nichts nach. Die
Copyright Mohr Siebeck

Malerin Maria Alberti, die im Verdacht steht, die Urheberin des einzigen
Delivered by Ingenta

erhaltenen Novalis-Gemäldes zu sein, wird zur »Schwester Ludwig Tiecks«


(statt seiner Schwägerin [Schulz, 27]); Kant ist »aus seiner Geburtstadt
Königsberg nie hinausgekommen« (45); Novalis’ Jenaer Kommilitone, der
Philosoph und Pädagoge Friedrich Immanuel Niethammer, ist ein »Jenaer
Verleger« (74); Friedrich Carl Forberg »zugleich ein Gegner Kants und
begeisterter Fichteaner« (ebd.; das Umgekehrte gäbe etwas mehr Sinn);
über den Philosophen, Theologen, früheren Hauslehrer und Jenaer Men-
tor des Novalis, Carl Christian Erhard Schmid, erfahren wir, er sei ein
Mann gewesen, »der Hardenberg nahestand und bald in Kiel [!] eine neue
20
  Manfred Frank: Auswege aus dem deutschen Idealismus, Frankfurt a. M. 2007, 1. Text;
ders., Das Problem ›Zeit‹ in der deutschen Romantik, München 1972, 141–157; ders., 1998,
32. Vorlesung; ders., Selbstgefühl, Frankfurt a. M. 2002 (stw 1611), 8 ff., 34 ff., 244 ff.
21
  Eingeleitet und editiert worden war es schon in der HKA nicht von Schulz, sondern
von Mähl.
22
 Immerhin geht Hädecke auch auf die Athenäums-Fragmente und auf Glauben und
Liebe ein (9. und 10. Kap.), in denen zwar nicht eigentlich Philosophie verhandelt wird.
Alle anderen Fragmenten-Sammlungen bleiben kommentatorisch jungfräulich in beiden
Biographien, obwohl doch gerade die Teplitzer und die Fragmente und Studien von
1799/1800 philosophisch und werkästhetetisch überfließend aufschlussbringend sind.
(Nur ganz beiläufig erwähnt Schulz die »theoretische[n] Aufzeichnungen aus den letzten
Lebensjahren« [203].)
Dieselbe Interesselosigkeit zeigt sich schon in Schulzens (übrigens bedeutendem) Dop-
pelband Die deutsche Literatur zwischen Französischer Revolution und Restauration, München
1983. Einige Aufmerksamkeit erfährt eigentlich allein Die Christenheit oder Europa, sinn-
vollerweise als Nachhall von Kants Friedens-Schrift (VII.1, 173 ff.).
61 (2014) Zur Kapitulation vor des Novalis »Philosophischem Werk« 101

Wirkungsstätte fand« (75); von Novalis’ Lyrik heißt es, sie sei nicht nur
selten, sondern gar »nicht in die Musik eingangen« (212; von Schubert bis
heute ist sie vertont worden); Johann Benjamin Erhard, der in des Novalis
nicht nur geistigem Leben eine überragende Rolle spielte und den er im
Rückblick als einzigen seiner Kommilitonen seinen »wirklich[en] Freund«
nennt und den er einem anderen Nürnberger, nach dem sein Bruder fragt,
»weit vor[ziehe]« (an Erasmus am 26. Febr. 1797 [HKA IV, 203]), wird
trocken als »Mediziner« vorgestellt (Schulz, 74). Welche Rolle er, die in-
tellektuell überragende Gestalt und die einzige mit Fichte – seit der beid-
seits hoch aufgeladenen Begegnung in Fichtes Züricher Auditorium 1793
– auf Augenhöhe sich auseinandersetzende Persönlichkeit des Rein-
hold-Schülerkreises, in der Debatte um die Tragfähigkeit einer Grund-
satzphilosophie und in Novalis’ Leben gespielt hat, dafür findet Schulz in
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

seiner Biographie keinen Raum.23 Auch aus der anregenden Beobachtung,


23
  Das größte Versäumnis beider Biographien mag die vollständige Ausblendung der
vom Herbert-Forscher Wilhelm Baum genauer belegten Verbindung Hardenbergs zu Er-
hard und von Herbert sein (die Schulz nur beiläufig erwähnt: 74 f.). Diese Forschung ge-
währt Einblick auch in Novalis’ Beteiligung an konspirativen Briefwechseln dieser Grup-
Copyright Mohr Siebeck

pe (die ja vom Verfassungsschutz beobachtet, deren Briefe möglichst konfisziert wurden;


Delivered by Ingenta

Novalis schützte sie gelegentlich, indem er sein Adelssigill aufs Kuvert setzte; ich habe ei-
nen unbekannten, mir von Wilhelm Baum in Kopie zugänglich gemachten Brief von
Herberts [vom 5. August 1798] an Erhard aus Teplitz, wo er gemeinsam mit Novalis kurte,
transkribiert und veröffentlicht; er belegt Novalis’ Konspiration: »Was heißt ›frühromanti-
sche Philosophie‹?«, in: Athenäum. Jahrbuch der Friedrich Schlegel-Gesellschaft, 19. Jg. 2009,
15–43, hier: 18, Anm.  5). Dass Novalis auch sonst den Postillon zwischen den Freunden
spielte, belegt exemplarisch von Herberts Brief an Erhard (Budweis, 14. Februar 1799, in:
Denkwürdigkeiten des Philosophen und Arztes Johann Benjamin Erhard, hg. von August K.
Varnhagen von Ense, Stuttgart u. Tübingen 1830, 451). Die kritische Novalis-Ausgabe
belegt regelmäßige Kontakte zwischen Novalis und von Herbert, bei dem er, schon in
Todesgefahr, einen Kuraufenthalt zu verbringen gedachte (HKA IV, 60; vgl. 534 f., 557;
ferner: Wilhelm Baum: »Franz Paul von Herbert und die deutsche Geistesgeschichte.
Neue Quellenfunde zur Geschichte des Herbertkreises«, in: Carinthia 1, 180, 1990, 435–
486, hier: 451, 459 f.).
Spärlich fließen die Quellen zu Hardenbergs Verhältnis zu Johann Benjamin Erhard,
dem führenden Kopf der Gruppe, den Novalis im Rückblick des Jahres 1797, wie gesagt,
seinen ›wirklichen Freund‹ nennt (HKA IV, 203, Z.  19 f.; vgl. 85 f.) und dessen Korrespon-
denz mit von Herbert er durch sein Adelssigel vor der politischen Zensur schützte. Henrich
hat Erhards Philosophie aus Briefen und wenigen Publikationen akribisch rekonstruiert im
XIII. Kapitel seiner Grundlegung aus dem Ich. Untersuchungen zur Vorgeschichte des Idealismus
Tübingen-Jena (1790–1794), Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2004, 1189–1392; vgl. auch Frank
1998, 17. Vorl.
In einer Novalis-Biographie wäre Erhard schon darum von Interesse, weil Novalis ihm
in einer für Erhard lebensbedrohlichen Krise durch Vermittlung seines Onkels, des späte-
ren Staatskanzlers von Hardenberg, zu einer Anstellung in Ansbach verholfen haben mag.
Was für ein spannendes Kapitel hätte sich darüber ausphantasieren lassen, zumal die Er-
hards Biographie umwabernde Spannung der harmloseren des Novalis etwas Power hätte
zufügen können! Vgl. Erhards Schreiben an den Verleger Göschen (25. Sept. 1795): »Vor-
102 Manfred Frank PhR

dass Novalis bei seiner »Theorielust« – und anders als Hölderlin – die Lyrik
nicht zum »dominante[n] Ausdrucksmedium seines Denkens« habe wer-
den lassen (210 f.), folgt keine Konsequenz zugunsten eines eindringende-
ren Blicks auf ebendieses »Denken«. Die treffenden Hinweise auf Hems­
terhuis (210) und Böhme (220 ff.) führen nicht zu einem tieferen Blick in
Novalis’ Gedankenwelten. Platons Name wird schier nicht erwähnt in
dem Buch, und die gelegentlichen Nennungen des kantischen grenzen ans
Belanglose. Fichtes Philosophie ist »subjektiver Idealismus« (237). Der Au-
tor merkt gar nicht, wie stark sich Novalis (und seine philosophischen
Freunde) von einem solchen abgrenzen.
Anders als Hädecke ist Gerhard Schulz ein ausgewiesener Fach-Gelehr-
ter, u. a. Verfasser zweier Bände der Deutschen Literatur zwischen Französi-
scher Revolution und Restauration, Mit-Herausgeber der historisch-kritischen
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

Ausgabe von Novalis’ Schriften und war in den vergangenen Jahrzehnten


vielfach tätig als Novalis-Editor und Biograph. Früh schon war es ihm
darum zu tun, Novalis – im öffentlichen gebildeten Bewusstsein fixiert als
»Silberlicht-umfluteter Jüngling« (Emil Staiger) oder reduziert aufs Wan-
dervogel-Symbol der »blauen Blume« (Schulz, 276) – zu demothyologisie-
Copyright Mohr Siebeck

ren und ihn dadurch erst recht greif- und sichtbar zu machen: als Indivi-
Delivered by Ingenta

duum, als durch viele bedeutende Bekanntschaften ausgezeichneter


Zeitgenosse der Hoch-Zeit deutscher Kultur, als selbst schöpferischer Poet,
als philosophischer und naturwissenschaftlicher Schriftsteller und insbe-
sondere als all dies mit einem Berufsleben als Techniker, Mineraloge, Ver-
waltungsjurist und Salinenbeamter verbindend.
Übrigens teilt Hädeckes Biographie diese entmythologisierende Ten-
denz – besonders fesselnd fand ich die Kapitel über das Freiberger Berg-
baustudium und die erste Anstellung an der Saline; Gerhard Schulz’ Be-
richt ist hier viel zurückhaltender, wahrscheinlich, weil er in HKA und in
früheren Publikationen hier Bahnbrechendes schon teils mitgeteilt hatte,
teils mitteilen wird. Das ist aber die Frage: Wenn man sich (erneut) an eine
größere Biographie heranmacht, darf man dann früher Mitgeteiltes als

züglich wünschte ich zu wissen wo sich Hardenberg auf hält um ihn zu fragen, ob er bey
seinem Onkel nichts ausrichten kann, denn vom Minister Hardenberg hängt alles ab«
(Ernst Müller (Hg.): Briefe des Philosophen und Arztes J. B. Erhard an G. J. Göschen und J. L.
Neumann, in: Euphorion, Fünfzehnter Band, Jahrgang 1908, 474–482 und 686–692, hier:
690; auch NS IV, 587 mit Komm. 813 o. und 996; vgl. Frank 1998, 393 f. Anm.  58).
Dass Erhard auch in der Zwischenzeit Kontakt zu Novalis gesucht hat, zeigt seine Frage
vom 23. Mai 1792 an Göschen, mit dem auch Novalis bekannt war (HKA V, 851): »Ist HE
v. Hardenberg noch in Lpzg.« (Müller, 479). Müller, dessen Kommentar auch sonst häufig
nicht kompetent ist, bezieht die Frage unsinnigerweise auf den fränkisch-preußischen Mi-
nister statt auf Erhards einstigen Jenaer Kommilitonen, der von Michaelis 1791 bis zum 8.
März 1793 in Leipzig studierte. Vgl. Novalis’ Abschiedsbrief und -gedicht an Erhard aus
Jena vom 4. April 1791 (HKA IV, 85 f.; vgl. Komm. 762).
61 (2014) Zur Kapitulation vor des Novalis »Philosophischem Werk« 103

bekannt voraussetzen – wie es in der Forschung üblich ist –, oder muss das
Bild weiterhin – um den Preis von Wiederholungen – abgerundet, ja we-
nigstens der Absicht nach vollständig sein?
Ein Manko selbst bei der besonderen Aufmerksamkeit auf Novalis’
technisch-naturwissenschaftliche Kompetenzen und Tätigkeiten (von den
juristischen ist übrigens kaum die Rede): Beide Autoren wissen nichts von
den eigentlichen Innovationen, die Novalis in praktisch-wissenschaftli-
chem Gebiet bei seiner Arbeit als Bergbau-Ingenieur entwickelt hat. Da-
bei sind diese reich dokumentiert und erläutert in zwei nicht mehr jungen
Doktorarbeiten 24 – beide von Hädecke und Schulz weder bibliographisch
aufgeführt noch inhaltlich ausgebeutet. Es ist eine Sache, Novalis’ Berufs-
tätigkeit gegenüber früheren Darstellungen in helleres Licht zu setzen, ein
anderes, sich die Mühe zu machen zu zeigen, was dieser Bergmann denn
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

eigentlich theoretisch und praktisch auf seinem Feld geleistet hat. Das hät-
te einen Leser höchlich interessiert. Dürftig ist, was Schulz zu den Wer-
ner-Studien und Hardenbergs Schulung für die Arbeit an der Kohleer-
schließung der kursächsischen Lager mitteilt (129 ff.). Lesenswerter und
informativer ist, was Hädecke über die Freiberger Studien bei Werner u. a.
Copyright Mohr Siebeck

berichtet (9. Kapitel).


Delivered by Ingenta

Die Rede ist von dem kristallographischen Modell der ›Dekreszenz‹,


wie es aufgrund von Vorarbeiten Jean-Baptiste Louis de Romé Delisles
und Torbern Bergmanns vor allem der französische Kristalloge und Ma-
thematiker René Just Hauy präsentiert hatte (er wird in der kritischen
Novalis-Ausgabe nur einmal namentlich erwähnt [HKA III, 162], war
aber Novalis’ wichtigste Quelle). Es geht in dieser Rezeptionsgeschichte
vor allem um den Einsatz von beobachteten mathematischen Regularitä-
ten der Kristallform (der ›primitiven Form‹ des Kerns) zur Bestimmung
des ›inneren Vorgangs jener Substanzanlagerung‹ bzw. seinen makrosko-
pischen Strukturen. Um die Anwendung dieser Studien auf seine eigene
»Salinistik« (Bark 1999, Kap.  3.3.2.1) zu zeigen, hat Frau Bark die inzwi-
schen edierten, aber noch nicht kommentierten ›Salinenschriften‹ des
Berg­baubeamten Hardenberg bei Hans-Joachim Mähl in Kiel eingesehen
und kann diese Kenntnis gewinnbringend für ihre Interpretation einset-
zen. Wichtiger sind ihr die kristallographischen Studien, zunächst diejeni-
gen aus der Freiberger Zeit, die noch einmal an Werner (und Carl Imma-
nuel Löscher) anknüpfen, jetzt aber positiv zeigen können, wie sich die
Lektüre Hauys auf Novalis’ Überzeugungssystem auswirkt; dann aber
24
  Laurent Margantin: Système minéralogique et cosmologique chez Novalis ou les plis de la
terre, Paris 1998. L’Harmattan; Irene Bark: »Steine in Potenzen«. Konstruktive Rezeption der
Mineralogie bei Novalis, Tübingen 1999, vor allem Kap.  3.3. Vgl. auch die in Margantins
Literaturverzeichnis aufgeführten Arbeiten von Daniel Lancereau über die Bergbau-Stu-
dien geopoetischen Studien des Novalis (Margantin 1998, 286 f.).
104 Manfred Frank PhR

auch die Studien aus dem Allgemeinen Brouillon, die neben Gedanken zur
Kristallographie auch reich sind an Spuren der Rezeption Kielmeyers,
Browns und Röschlaubs (der ›Reizphysiologie‹). Diese im strengen Sinne
naturphilosophischen Notate waren von der Forschung vor Frau Bark
überhaupt noch nicht interpretatorisch aufgeschlossen; und der Begriff
›Enclopaedistik‹ ist stimmungsvoll umworben, sein Konzept aber unbe-
stimmt gelassen worden.
Hermann F. Weiss, der aus den Quellen mit fast archäologischer Akri-
bie Erstaunliches zu Hardenbergs (intellektueller) Lebensgeschichte zu
Tage gefördert hat, findet bei Hädecke keinerlei Beachtung, während ihn
Schulzens Bibliographie zwar reich würdigt (übrigens mit einer Titelwie-
derholung: Schulz, 295 f.), im Textteil aber – von Berichten über Famili-
enverhältnisse und Besitztümer abgesehen (48 ff., 280 f.) – wenig oder
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

nichts mit den reich fließenden Informationen anzufangen weiß.25 Mit


Recht stellt Weiss (à propos von Hardenbergs mutmaßlicher Mitglied-
schaft in mehreren Jenaer Klubs, darunter dem Professorenklub, fragwür-
digen Studentenverbindungen, vor allem dem verbotenen Orden der Har-
monie und dem Unitistenordens) fest: »Das gesellige Leben in Jena
Copyright Mohr Siebeck

während seiner Glanzzeit am Ausgang des achtzehnten Jahrhunderts ist


Delivered by Ingenta

noch immer nicht hinreichend untersucht worden«.26 Oder: »Die For-


schungen der jüngsten Zeit haben gezeigt, wie lückenhaft unsere Kenntnis
der zahlreichen interessanten Menschen um Friedrich von Hardenberg
und seine Familie ist.«27 Diese Unkenntnis hat mit beigetragen zur Ver-
harmlosung von Hardenbergs Jenaer Studentenzeit und mutmaßlichen
erotischen Eskapaden.
Eine scheinbare Kleinigkeit hätte sich einem geschickten Biographen
ebenfalls als reizvoll und mitteilungswürdig dargestellt. Novalis hat näm-
lich Wielands Tochter Sophie, damals schon verheirateter Frau Reinholds,
unter dem von HKA doppelt bestätigten Datum 1788 (also 16-jährig)
zwei Liebesgedichte mit anakreontischer Neckischkeit zugeschickt (neu
abgedruckt in HKA VI.1, 65, vgl. die Einleitung 42, 2. Abschn. und den
völlig ausweichenden und unbefriedigenden Kommentar in VI.2, 185 f.).
Kein Wort wird darüber verloren, woher die beiden sich hätten kennen

25
 In HKA VI.2 sind einige von Weissens Recherchen eingearbeitet.
26
  »Der Mittwochs- und der Professorenklub. Zur Geselligkeit in Jena am Ausgang des
achtzehnten Jahrhunderts«, in: Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts, Tübingen: Nie-
meyer: 1999, 94–120, hier: 94.
27
  Ders., »Unbeachtete Persönlichkeiten aus dem Umkreis Friedrich von Hardenbergs«,
in: Jahrbuch des Freuen Deutschen Hochstifts, Tübingen 2003, 76–107. Vgl. ders. 1966. Dort
auch Informationen zu Novalis’ Kontakt zu den Vettern Friedrich und Leonhard Creuzer,
der bedeutende skeptische Zweifel am Theorem der Willensfreiheit publizieren wird
(Marburg 1793).
61 (2014) Zur Kapitulation vor des Novalis »Philosophischem Werk« 105

können oder wie auch nur der Kontakt gestiftet wurde (vgl. Schulz, 74).
Ist die Datierung sicher, wie es die HKA im 6. Supplementband erneut
unterstreicht (VI.2, 7 f.), so erscheint es minder unwahrscheinlich, dass
mit »Baron von Hardenberg«, der im Januar 1791 auf Einladung des Her-
zogs von Weimar als »Tischnachbar« neben Wieland (und Goethe und
Schiller) gesessen habe soll, der spätere Novalis gemeint gewesen sein wird
(Schulz 51 f. – unter Verweis auf Bernd Feicke, »Wielands Beziehungen zu
Eisleben«, in: Zeitschrift für Heimatforschung 14, 2005, 52–56). – Dass Rein-
holds Frau Sophie, als »süßes Mädchen« angeredet, nach 1788 mehrere
schwärmerische Liebesgedichte im Rokoko-Stil von ihm empfangen
kann, finden die Biographen keiner Erwähnung wert, obwohl Richard
Samuel über dies »biographische Rätsel«, wie er es nennt, einen ganzen
Artikel geschrieben hat (»Novalis und Wieland«, in: Hansjörg Schelle
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

[Hg.], Christoph Martin Wieland. [.  .  .], Tübingen: Niemeyer, 1984, 393–


412, hier: 395–398).28 Überhaupt wird Novalis’ ›sponsierende‹ Schlingel-
haftigkeit sehr heruntergespielt: Der junge Mann hatte es hinter den Oh-
ren; und des Vaters flehentliche Bitte an den früheren Hauslehrer Schmid,
seinen zugestandenen »Leichtsinn« mit Schillers autoritativer Hilfe unter
Copyright Mohr Siebeck

Kontrolle zu bringen, muss ein fundamentum in re gehabt haben. Von ›ke-


Delivered by Ingenta

cker Frivolität‹ als Merkmal der Rokoko-Gedichte des Oberschülers und


Jenaer Studenten spricht Schulz (56). Ins Stammbuch schrieb ihm ein
(Verbindungs?)-Bruder in nicht ganz sicherem Hessen-Deutsch: »Ein
Mädchen sehn und nichts empfinden/ ist eine von den größten Sünden/
und ich – ich sündche [sic!] nicht gern« mag so ziemlich Fritz von Harden-
bergs eigene Einstellung auf den Punkt gebracht haben (HKA VI.2, 630).
Als er Sophie von Kühn kennenlernt, gesteht er von sich, dass er, »jeder
Einladung entgegen/ Das Herz in beyden Händen flog,/ Und wie ein
junges Blut, verwegen/ Auf jedes Abentheuer zog« (HKA IV, 387 [f.]).
Dabei ist Schulz sonst durchgängig sensibel für des Novalis sexuelle (auch
sexologische) Neugier und hat ihr fast ein Kapitel gewidmet (110 ff., pas-
sim), wie er überhaupt hellhörig ist für Hardenbergs Exploration der »Kel-
lergewölbe der menschlichen Natur« (116).
Ein weiteres nicht gleichgültiges Defizit: Hädecke erwähnt Karl Hein-
rich Heydenreich (den Schulz nicht einmal nennt) nur als Verfasser des

28
  Die Einleitung zu HKA VI.1 vermutet, Hardenbergs Eislebener Luther-Gymansial-
lehrer Christian David Jani könne der Vermittler zur Familie Wieland gewesen sein.
Wieland nahm ein Schülergedicht Hardenbergs ins Aprilheft 1791 seines Teutschen Merkur
auf und gab ihm eine freundliche Einführung, die das Talent des Autors hervorhebt (4).
Indes: Novalis hat Janis Eislebener Prima vom 17. Juni bis Anfang Oktober 1790 be-
sucht. Das Gedicht an Sophie Wieland soll eindeutig von 1788 stammen. Sophie Wieland
war seit dem 18.  05. 1785 mit Reinhold verheiratet. »Zu Friedrich von Hardenbergs Gym-
nasialzeit in Eisleben« vgl. Hermann F. Weiss, in: Wirkendes Wort 49 (1999), 265–272.
106 Manfred Frank PhR

Entwurfs einer Denkschrift, die sich auch mit Weißenfels auseinandersetzt


und die Hardenbergs erwähnt (Hädecke, 26). Hädecke zitiert Novalis’
abfällige Bemerkung in Blüthenstaub über Heydenreichs Langweiligkeit
(HKA II, 457 f., Nr.  103; vgl. 462/4, Nr.  111) und hält den berühmten
Philosophie-Professor, Reinhold-Kritiker und Bahnbrecher der Ästhetik,
bei dem Novalis in Leipzig mutmaßlich Vorlesungen gehört hat (jeden-
falls hat das sein Freund Fr. Schlegel getan), für den Verfasser »dichteri-
scher Texte«, der er doch allenfalls, wie so viele Philosophen, mit der
linken Hand war. Ist Fichte ein Dichter, weil er Sonette und eine Novelle
geschrieben hat? Von Heydenreich übernimmt Novalis vielmehr den ent-
scheidenden Gedanken, dass ›Vorstellung‹ sich schon darum nicht als Prin-
zip und »oberste Gattung« der Philosophie eigne, weil sie in zirkulärer
Argumentation daraus ›a priori‹ abzuleiten behaupte, was sie zuvor aus
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

aposteriorischen und einzelnen mentalen ›Tatsachen‹ abstrahiert habe.29


Beide Biographien wissen auch nichts von Vater Hardenbergs angebli-
cher Fortzahlung von Haubold von Miltitzens Stipendium an Fichte nach
Miltitzens Tod, von der der Registerband der HKA wissen will, die Uer-
lings (Friedrich von Hardenberg, genannt Novalis, 1991, 115) erneut behauptet
Copyright Mohr Siebeck

und von der Coelestin Just in seinem Nachruf auf Novalis eigentlich nur
Delivered by Ingenta

von diesem gehört haben kann (HKA IV, 539). Überhaupt ist die Miltitz-
Verwandtschaft, die ja auch ein Licht auf das besondere Verhältnis der
Hardenbergs zu Fichte (und zu dem adoptierten Dietrich von Miltitz)
wirft, gar nicht ausgewertet.30 Dietrich von Miltitz und Tiecks Schul-
freund Christoph Gottlob von Burgsdorff haben Fichte mehrmals ausge-
holfen. Auch gibt es einen Briefentwurf Fichtes an Dietrich von Miltitz
(vom 27. Dezember 1789), in dem jener sich an Vater Hardenberg um fi-
nanzielle Hilfe zu wenden erwägt (Frank 1998, 791).

29
  Heydenreich in: Reinhold, Beyträge zur Berichtigung bisheriger Mißverständnisse der Phi-
losophen. Erster Band, das Fundament der Elementarphilosophie betreffend, Jena: Mauke
1790, 427 f. Dazu Novalis in den Fichte-Studien mit einer eigenen Sequenz von Notaten,
die etwa mit der Nr.  466 einsetzen und sich über mehrere Seiten hinziehen. Diese Notizen
bilden recht genau das Motiv ab, das Reinhold zur Aufgabe des deduktiven Verfahrens
seiner Elementarphilosophie veranlasste. Es wäre – dies ist Novalis’ nach Heydenreich
auch in der Empirischen Psychologie C., Chr. E. Schmids vorgetragener Gedanke – nicht nur
zirkulär, Ableitungen aus einem solchermaßen abstrahierten Gattungsbegriff vorzuneh-
men; man würde dabei das (angeblich resultierende) Individuum nur voraussetzen, nicht
erklären (HKA II, 271, Nr.  567, Z.  17 f.; vgl. 261, Nr.  513).
30
 Vgl. Frank 1998, Anm.  790–793. Dort werden die wichtigsten Quellen ausgewertet:
Monica von Miltitz (Das Schloß Siebeneichen, Dresden 1929, 27 f.), die ein solches Stipendi-
um annimmt, und Immanuel Hermann Fichte, der nichts von dergleichen weiß ( Johann
Gottlieb Fichte’s Leben und literarischer Briefwechsel, 2. sehr verbesserte und vermehrte Aufla-
ge, Leipzig 1862, I, 13).
61 (2014) Zur Kapitulation vor des Novalis »Philosophischem Werk« 107

Noch eine durchaus berichtenswerte Information fehlt in beiden Nova-


lis-Biographien. Der ursprüngliche Editor der HKA Hans-Joachim Mähl
ist über ihrer Publikation verstorben. Sein Nachfolger sollte sie kennen:
Novalis’ Sendung einer Renzension von Fichtes Naturrecht an Coelestin
Just und der Auszug aus dessen höchst angetaner Antwort. Fichtes Natur-
recht spielt in Hardenbergs Korrespondenz eine wichtige und häufig fehl-
gedeutete Rolle; 31 ums Erscheinungsjahr (1796) zeigt sich Novalis in sei-
ner Korrespondenz höchst aufgeregt, unterbricht Arbeiten und beteuert,
vor ihrem Erscheinen nicht weiterarbeiten zu können. Nun hat sich in
Sophie von Hardenbergs Nachlass (S.  129) ein Schreiben Justs an Novalis
gefunden (Tennstedt, 27. Oktober 1798), das längere Erläuterungen zum
Text mit den Worten beginnt:
University Laval 191.101.24.197 Thu, 05 May 2016 15:24:46

Neuerlich bin ich auch ein recht warmer Freund von Ihrem Freund Fichte
geworden. Die ausführliche Recension über sein angewandtes Naturrecht, wo-
von Sie die Güte hatten mir einige Bogen zu lesen zu geben hat mich mit dem
ganzen Umfang dieses trefflichen Buches bekannt und es zu einem meiner Lieb-
linge gemacht, daß [sic!] ich mir kaufen studiren und so schätzen werde wie
Rousseau [sic!] contrat social.
Copyright Mohr Siebeck

Der erste Gedanke verweist natürlich auf des Novalis’ Verfasserschaft.


Delivered by Ingenta

Da aber kein Dokument dazu vorliegt, lässt sich nur vermuten, dass Nova-
lis seinem juristischen Freund einige Bögen (oder gar eine Kopie der
Handschrift?) von Reinholds Rezension geschickt hat, die am 20./21.
Nov. in der Jenaer Allgemeinen Literatur-Zeitung erschien. Stimmt das Da-
tum von Justs Brief (worüber Mähl in einer Korrespondenz mit dem Fich-
te-Editor Lauth gerungen hat), so lässt sich kaum etwas anderes dazu den-
ken, als dass Reinhold seinem alten Studenten, dessen juristische Interessen
ihm in Erinnerung geblieben sein müssen, die Abschrift mitgeteilt hat –
woraus sich ergäbe, dass Novalis auch mit Reinhold über die Jahre in
Kontakt geblieben ist.
Der Verlust an Briefen wäre also noch schmerzlicher, als uns das die
Lücken in den beiden jüngsten Novalis-Biographien vor Augen führen.

Manfred Frank
Universität Tübingen
Bursagasse 1
72070 Tübingen
manfred-frank@uni-tuebingen.de

31
 Dazu Hermann F. Weiss: »Friedrich von Hardenberg, Johann Gottfried Langer-
mann und die politischen Debatten in Sachsen um 1796«, in: Jahrbuch der deutsche Schillerge-
sellschaft XLIII/1999, 266–278.