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III

Zur Analyse des Nachlaßwerkes

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Ganzheitsbegriii und Weltidee in Kants Opus Postumum

Das nunmehr in erster vollständiger Ausgabe vorliegende Nachlaß-


werk Kants (dessen erster Teil, Konvolut I—VI, im Frühjahr 1936 als
Band X X I der Akademieausgabe erschienen ist; der bereits fertig abge-
schlossene zweite Teil, Konvolut VII—XIII, wird in diesem Jahre als
Band X X I I erscheinen1) stellt, wie seit langem in der Literatur aner-
kannt, viele Begriffe der kritischen Philosophie in ein anderes Licht. Be-
sonders in den späteren Konvoluten (Χ, XI, VII, I), an denen Kant von
1799 bis 1803 arbeitete, werden entscheidende Motive, Voraussetzungen
und Ergebnisse der früheren Schriften nidit bloß modifiziert, sondern in
deutlich erkennbarer Richtung w e i t e r g e b i l d e t . Die Richtung die-
ser Weiterbildung ist festgelegt durch eine Aufgabe, die Kant ein Jahr-
zehnt nach der Veröffentlichung der „Metaphysischen Anfangsgründe
der Naturwissenschaft" in Angriff nimmt und die er als den Ü b e r -
g a n g von den Metaphysischen Anfangsgründen zur Physik bezeichnet.
Erst mit fortschreitender Arbeit an der auf „wenige Bogen" berechneten
Schrift vom „Ubergange" wird sich Kant über die Konsequenzen seiner
Aufgabe klar; der Plan erweitert sich mehr und mehr, bis er zuletzt das
ganze System der Transzendentalphilosophie umfaßt. Die von E.
A d i c k e s gegebene2 genetische Rekonstruktion der 14 Entwürfe (ein-
schließlich des I. Konvoluts) läßt dabei folgende Schritte erkennen: In
die „Physik" als Lehre von den bewegenden Kräften der Materie wird
zunächst die für Kant schon früher (seit der Magisterdissertation 1755)
wichtige, aber in den kritischen Schriften nicht zur Geltung kommende
Ä t h e r h y p o t h e s e aufgenommen. Es wird dann der Versuch ge-
macht, an Hand der Kategorientafel eine Systematik der bewegenden
Kräfte aufzustellen: E l e m e n t a r s y s t e m d e r M a t e r i e . Am
Ende aller Entwürfe zum Elementarsystem findet sich der weitergehende
Versuch, den Äther als apriorische Voraussetzung der Einheit physika-
lischer Erfahrung abzuleiten: Ä t h e r d e d u k t i o n . Die Reflexion
auf die in dieser Ableitung enthaltenen erkenntnistheoretischen Pro-
bleme führt zur Wiederaufnahme der Thematik t r a n s z e n d e n t a -
l e r D e d u k t i o n . Kant bemüht sich (im X. und XI. Konvolut) um

1
Wir zitieren daher schon jetzt durchgehend nach der Akademieausgabe.
* E. A d i c k e s , Kants opus postumum. Berlin 1920.

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248 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [307/308]

eine „neue" transzendentale Deduktion, deren Kernstück, die Lehre von


der transzendentalen Apperzeption, dann (im VII. Konvolut) gesondert
be|handelt wird: Lehre von der S e l b s t s e t z u n g . Durch Aufnahme
des Autonomiebegriffes und Angleichung der beiden „Regionen" theore-
tischer und moralisch-praktisdier Vernunft wird der Übergang zur
I d e e n l e h r e vollzogen: Die Selbstsetzung wird zum Merkmal der
„Person", und in der Systematik der Ideen Gott, Welt und Mensch er-
reicht die Transzendentalphilosophie ihren „höchsten Standpunkt".
Schon bei der ersten Durchsicht des Materials fällt auf, wie häufig
Kant von einem Begriffe Gebrauch macht, der im Brennpunkt heutiger
Philosophie steht: von dem Begriff des G a n z e n . Die systematisch
entscheidenden Stellen, an denen dieser Begriff auftritt, sind folgende:
Die Physik wäre fragmentarisch, ein bloßes Aggregat, kein System, ohne
die Wissenschaft vom Ubergange, die eben dazu bestimmt ist, ihr diese
systematische Einheit zu sichern. Der Äther ist als Hypothese nötig,
weil ohne ihn kein materieller Zusammenhang („keine Attraction des
Zusammenhanges", XXI, 378) möglich ist. Das zu entwerfende Elemen-
tarsystem der Materie ist selbst eine Vorstufe zu einem System, das Kant
W e l t s y s t e m nennt, und das nidit mehr von den Teilen zum Gan-
zen, sondern vom Ganzen zu den Teilen fortschreitet. Die Ätherdeduk-
tion basiert darauf, daß der Äther (Wärmestoff, Wärmematerie) als er-
füllter Raum zugleich das „Princip der . . . Einheit des Ganzen möglicher
Erfahrung" darstellt (XXI, 224). Die bewegenden Kräfte, deren Wir-
kung wir in unseren Wahrnehmungen (als Gegenwirkungen) erfahren,
müssen vom Subjekt als Ganzes konstituiert sein; denn die „Receptivität
der Erscheinungen beruht auf der Spontaneität des Zusammensetzens in
der Anschauung seiner selbst" (XXII, 535). Der ganzheitliche Aufbau
der Wahrnehmungsregion setzt voraus, daß die empirische Affektion
durch „Erscheinungen" nur der Ausdruck einer transzendentalen Selbst-
affektion ist, als deren Modi Raum und Zeit auftreten (sie sind „actus
der Vorstellungskraft, sich selbst zu setzen", XXII, 88): Raum und Zeit
bilden so selbst ein Ganzes. Das Ganze der „Welt" findet sein Gegen-
glied in der Idee Gottes: beide Ideen synthetisch zu vereinigen, ist die
oberste Aufgabe der Transzendentalphilosophie; der Mensch ist copula,
wodurch Gott und Welt „in einem Satze" verbunden und als „absolutes
Ganzes" aufgestellt werden (XXI, 37, 80).
Audi in den früheren Schriften Kants, insbesondere in der Kritik der
reinen Vernunft und in der Kritik der Urteilskraft, spielt der Begriff des
Ganzen, teils in der älteren aristotelischen, teils in einer noch zu erhellen-
den neuen, Kant eigentümlichen Fassung eine große Rolle. Bevor wir
fragen, ob und inwiefern das Nachlaßwerk eine Fortbildung dieses Be-
griffes erkennen läßt, sei kurz auf die über den Ganzheitsbegriff bei
Kant vorliegende L i t e r a t u r eingegangen. Als Vertreter einer ganz-

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[308/309] Ganzheitsbegriff und Weltidee 249

heitlidien Biologie hat H a n s D r i e s c h Kants Kategorienlehre im


Hin|blick auf den Ganzheitsbegriff untersucht und eine Revision der
Kategorientafel gefordert 3 . Dieser mehr destruktiven Untersuchung ist
der umfassende konstruktive Versuch H a n s H e y s es4 anzureihen,
der im Rahmen einer Logik des Ganzheitsbegriffs alle Ansätze Kants
vereinigt und dabei audi das Nachlaßwerk einbezieht. Auf A l f r e d
B a e u m l e r s großes Werk über die Kritik der Urteilskraft 3 , das für
die neuere Kantforschung bahnbrechend, aber leider noch nicht abge-
schlossen ist, kann an dieser Stelle nur verwiesen werden 6 .
Als dritte Relationskategorie wird in der Kritik die aus der Form des
d i s j u n k t i v e n Urteils abgeleitete Kategorie der G e m e i n s c h a f t
aufgeführt: in allen disjunktiven Urteilen werde die „Sphäre" als ein
„Ganzes" in Teile geteilt vorgestellt, und diese Teile werden nicht ein-
seitig, wie in einer Reihe, sondern wechselseitig „als in einem Aggregat"
bestimmt gedacht. Auf diese Kategorie bezieht sich der G r u n d s a t z
d e r G e m e i n s c h a f t (dritte Analogie), wonach alle Substanzen,
sofern sie im Räume als zugleich wahrgenommen werden können, in
„durchgängiger Wechselwirkung" stehen. Auch hier tritt wieder der
Ganzheitsbegriff auf: Gegenstände, als zugleich existierend verknüpft
vorgestellt, müssen ihre Stelle in einer Zeit wechselseitig bestimmen „und
dadurch ein Ganzes ausmachen". — Für D r i e s c h ist Gemeinschaft,
wie Kant sie versteht, noch keine Ganzheit, sondern nur ein anderer
Name für (mechanische) Kausalität. Kants Relationskategorien umfas-
sen nicht alle Relationsbegriffe; in der Tafel der Relationsurteile fehlt
das vollständige k o n j u n k t i v e Urteil (S ist Ρ 1; P 2 . . . und P n ),
aus welchem sich — nach Driesch — allein das Begriffspaar: Das Ganze
— die Teile ableiten läßt. Driesch fordert nun, die Kantische Kategorie
Gemeinschaft durch die Kategorie I n d i v i d u a l i t ä t zu ersetzen:
„Individualität drückt das Ganze aus, wie es durch die Teile konstituiert
wird, und dann doch ein anderes ist, als sie alle zusammen, nämlich eben
Eines" (40). Und demgemäß fordert er, an Stelle des Grundsatzes der
Gemeinschaft den G r u n d s a t z d e r I n d i v i d u a l i t ä t zu setzen:
„Ganzheit bleibt Ganzheit in Beharrlichkeit, Ganzheit kann in Verän-
derungsgetriebe eintreten, Ganzheit setzt sich aus Teilen zusammen, ist
aber mehr als die Summe der Teile" (50/1).
Kommt es Driesdi im wesentlichen darauf an, seinen Unterschied
von „summenhafter" (medianischer) und „ganzmachender" (vitaler |
3
H a n s D r i e s c h , Die Kategorie „Individualität" im Rahmen der Kategorien-
lehre Kants, Kantstudien Bd. XVI, Heft 1 (1911).
4
H a n s H e y s e , Der Begriff der Ganzheit und die Kantische Philosophie. Mün-
chen 1927.
5
A l f r e d B a e u m l e r , Kants Kritik der Urteilskraft I, Halle 1923.
6
Vgl. besonders S. 244 ff. (Das individuelle Ganze) und S. 326 ff.

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250 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [310]

und psychischer) Kausalität zu rechtfertigen, so tritt bei H e y s e aller-


erst das l o g i s c h e Motiv dieser Unterscheidung ans Licht. Nun aber
nicht in einer polemischen Wendung g e g e n Kant, sondern im Rah-
men einer neuen I n t e r p r e t a t i o n der kritischen Philosophie, die in
jüngeren Schriften Heyses7 geistesgeschichtlich und weltanschaulich wei-
tergeführt wird.
Das logische Motiv, das bereits bei Kant selber zur Aufstellung einer
„Ganzheitslogik" drängt, ist nach Heyse in dem Aufweis einer doppel-
ten Korrelation von „Allgemeinem" und „Besonderem" enthalten: in
dem Gegensatz von Abstraktions- und Systembegrifi. Der A b s t r a k -
t i o n s b e g r i f f faßt das Allgemeine als das „Gemeinsame in ding-
lichen oder begriff liehen Elementen (Merkmalen, Eigenschaften usf.)"; der
S y s t e m b e g r i f f faßt es als „Relation dinglicher oder begrifflicher
Elemente" 8 . In beiden Fällen soll das einer „Allheit von Besonderem"
Gemeinsame bestimmt werden; aber nur im zweiten Falle wird die All-
heit als wahrhaft Ganzes und als die Totalität des Besonderen in sich
fassendes K o n k r e t - A l l g e m e i n e s bestimmt. So ist das Prin-
zip der Relation der „gleichsam verdichtete Ausdruck der Allheit der
Differenzierungen selbst. Es ist also ein ,Ganzes', ein totum, das mehr
ist als die bloße Summe der Teile. Genauer: die Teile lassen sich hier in
keiner Hinsicht als Summanden denken. Viel eher sind sie ,Derivationen'
jener Ganzheit . . . " (8).
Abstraktions- und Systembegriff sind O r d n u n g s p r i n z i p i e n ;
wie Driesch geht audi Heyse von dem Satze aus, daß „geordnetes Etwas"
ist, daß die zu erkennende Gegenständlichkeit „von Ordnung durchwal-
tet ist" (3). Wird „das All, das Ganze der Realität als wahrer Gegen-
stand der philosophischen Erkenntnis begriffen", so fordert die „Logik
des Ganzheitsbegriffs", es in einer „Stufenfolge von Ganzheitsbegriffen"
darzustellen; und im Lichte dieser Aufgabe sieht Heyse die K a n t i s c h e
Philosophie, deren „rein theoretischen Gehalt" er aufdecken will. So
haben die drei Kritiken verschiedene Wirklichkeits-regionen zum
Gegenstande: die physikalische (und) Wahrnehmungsregion, die ethische
Region, die organische Region. Und die, letztlich antike Idee der „regio-
nalen Gliederung der Realität" — jede Region als „durchwaltet von
ihrem eigenen Logos" zu „schauen" —, ist der eigentliche Sinn von Kants
transzendentaler Logik. Wobei der Begriff der r e i n e n A n s c h a u -
u n g eben den Punkt bezeichnet, an dem es Kant gelingt, den neuen
Typus der Ganzheitslogik gegenüber der Abstraktionslogik zu „ent-
decken" (bzw. „wiederzuentdecken") (64).

7
H a n s H e y s e . Idee und Existenz. Hamburg 1935; Idee und Existenz in Kants
Ethiko-Theologie. Kantstudien Bd. 40 S. 4 (1935).
8
H a n s H e y s e , Begriff der Ganzheit, S. 4.

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[310/311J Ganzheitsbegriff und Weltidee 251

Von den zahlreichen Einzelfragen, die Heyse im Zuge der angedeu-


teten Interpretation zu lösen sucht, ist hier nur das Problem der W a h r - |
η e h m u η g herauszugreifen. Denn dafür hat K a n t — nach Heyse —
erst im opus postumum die seiner Ganzheitslogik gemäße Formulierung
gefunden. Das opus postumum ist also von grundlegender Bedeutung
für das Verständnis der Kantischen Philosophie, und Heyse ist einer der
wenigen Forscher, die mit systematischen Absichten an das Nachlaß-
werk herantreten. Das geschah auch schon früher: V a i h i η g e r hatte
sich um den Gottesbegriff, G r a f K e y s e r l i n g um den Begriff des
„Überganges", E. M a r c u s um die Äthertheorie, E. A d i c k e s um
die doppelte AfFektion als „Schlüssel" der Kantischen Erkenntnistheorie
bemüht; A. K r a u s e hatte das Systemgerüst des Nachlaßwerkes wie-
der aufzubauen versucht". Für die heutige Kantforschung kommt jedoch
diesen älteren Versuchen kaum nodi eine Bedeutung zu.
Heyse dagegen trifft auf einen Nerv der Kantischen Beweisführung
selbst; es ist das „Grundproblem" des opus postumum, das er — nicht
erschöpfend, aber wegweisend — behandelt. Was er als „Systembegriff
der Wahrnehmungsregion" bezeichnet, tritt bei K a n t im Rahmen der
„neuen" transzendentalen Deduktion ( X . und X I . Konvolut) auf, der
audi alle Belege Heyses entnommen sind. Und die Stellung der neuen
Deduktion im Nachlaßwerk entspricht systematisch durchaus der Stel-
lung der „alten" Deduktion in der Kritik. Auf ihr ruht die ganze Wissen-
schaft vom „Ubergange". Heyse behauptet zweierlei: daß K a n t in ihr
eine „ganzheitlich fundierte Kategorienlehre der Wahrnehmungsregion"
intendiert; und daß die ganzheitliche Fundierung der physikalischen
Region die Leistung der metaphysischen Anfangsgründe der N . W . ge-
wesen sei, also n i c h t zur engeren Thematik des op. post, gehört. Wie
sich aus unseren weiteren Ausführungen ergeben wird, ist von diesen
Thesen die zweite anfechtbar, die erste in jeder Hinsicht zutreffend.
N a d i Heyse ist der Erfahrungsbegriff der transzendentalen Analytik
nicht eindeutig, sondern mehrdeutig. Die phänomenale Sphäre umfaßt
„zweierlei Gegenständlichkeit": den Gegenstand der mathematischen
Naturwissenschaft und den Gegenstand der Wahrnehmung. Beide Ge-
genstände werden, obwohl ihre Unterscheidung angedeutet ist, von Kant
zusammen behandelt. D e r Ansatz zur Unterscheidung liegt darin, daß

8 H . V a i h i n g e r in den Straßburger Abhandlungen für E . Zeller 1884, und:


Philosophie des Als-Ob, Leipzig 1911; dazu F. S p e r i , Neue Aufgaben der
Kantforsdiung, München 1922; G r a f H e r m a n n K e y s e r l i n g , Das Ge-
füge der Welt 2 , Darmstadt 1920, S. 18 ff.; E. M a r c u s , Die Zeit- und Raum-
lehre Kants, München 1927, S. 1 9 7 f f . ; A. K r a u s e , Das nachgelassene Werk
I. Kants, Frankfurt a. M. 1888; E . A d i c k e s , Kants opus postumum, Berlin 1920,
und: Kants Lehre von der doppelten Affektion unseres Ich, Tübingen 1929 (aus
dem Nachlaß).

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252 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [311/312]

Kant schon in der ersten Auflage der Kritik die Physik als fundiert
durch den ä u ß e r e n Sinn, die Wahrnehmung als Modifikation des
i n n e r e n Sinnes auffaßt. Die gemeinsame Behandlung besteht darin,
daß die Kritik die Kategorienlehre nur soweit durchführt, „als die von
ihr I gemeinten Gegenstandsregionen gemeinsam kategorial zu erfassen
sind" (61). Erst in den Metaphysischen Anfangsgründen wird die Eigen-
art der physikalischen Region zum Problem, und erst im op. post, wird
eine „Konkretisierung der ,transzendental-analytischen' Kategorien-
lehre" in Richtung der Wahrnehmungsregion erstrebt (68).
Als Bewegliches im Raum ist das Wirkliche nur partial bestimmt; die
„Systemrelationen der physikalischen Region" lassen die sinnlichen Q u a -
l i t ä t e n der Wirklichkeit unbestimmt. Wie sind diese kategorial zu
erfassen? „Das ist die Frage des opus postumum" (69). Sie zerfällt in
ein m a t e r i a l e s und ein f o r m a l e s Problem. Zum ersteren rech-
net Heyse die von Kant behauptete Korrespondenz der bewegenden
Kräfte der M a t e r i e und der bewegenden Kräfte des S u b j e k t s
als „Gegenwirkung" der ersteren. Als f o r m a l e s Problem der Wahr-
nehmungsregion bezeichnet er die Aufgabe, diejenige formale Gesetz-
mäßigkeit zu finden, durch welche die „Wahrnehmungsregion als spezi-
fischer, neuer Seinsmodus konstituiert wird" (71). Und als Lösung dieser
Aufgabe gilt ihm die Aufstellung der Z e i t als fundierender Ganzheits-
form, der die Allheit der „Zusammensetzungen" der das Subjekt affizie-
renden bewegenden Kräfte unterworfen ist (72). Die Zeit, der innere
Sinn, ist so der „Systembegriff der Wahrnehmungsregion", — womit die
Analytik der Grundsätze, in deren Lehre vom inneren Sinn diese ganze
Problematik wurzelt, wieder erreicht wird.
Für die Methodik der Textauslegung ist dieser Versuch deshalb so
instruktiv, weil hier das Nadilaßwerk vollständig in das System der
Kritik einbezogen wird, — nicht bloß der „Johannistrieb" Kants (Adik-
kes) und jede N e u bildung des kritischen Ansatzes durch seinen Ur-
heber fällt weg, sondern auch die zweifellos bestehende F o r t b i l d u n g
erhält ihren genauen Platz: Die Wahrnehmungslehre des op. post, expli-
ziert den Systembegriff der Zeit, wie er in der Kritik begründet wird,
und dieser Zeitbegriff ist wiederum im Hinblick auf die Wahrnehmungs-
lehre des Nachlaßwerkes auszulegen.
Nach diesen Vorbemerkungen können wir an unsere eigene Aufgabe
herantreten: die Verwendungsarten des Ganzheitsbegriffs im opus po-
stumum zu sichten und den Zusammenhang von Ganzheitsbegriff und
Weltidee herauszustellen. Auch H e y s e hebt hervor, daß die „große
Linie" im Nadilaßwerk „mannigfach gebrochen ist". In der Tat treten
vielerlei Themen auf; man kann sagen, daß fast alle Lieblingsbegriffe
Kants von der Jugendschrift über die lebendigen Kräfte bis zur Kritik
der Urteilskraft im op. post, wiederkehren. Nur weniges hielt Kant

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[312/313] Ganzheitsbegriff und Weltidee 253

(vorübergehend) für druckreif10; er denkt für sich selbst und legt sich
keinen | Zwang an; die Terminologie ist nachlässiger als in den Druck-
schriften. Die p r o d u k t i v e Gedankenbildung jedoch — und das
muß jeden überraschen, der zuerst an das Studium der Entwürfe heran-
tritt — ist von den Schwankungen der Reflexion und den Ungleichmä-
ßigkeiten der Formulierung g a n z u n a b h ä n g i g : in dieser Hin-
sicht besteht kein Bruch. Es kommt alles darauf an, in diesen lebendigen
Prozeß der Problementwicklung, zu dem sich Kant reflektierend verhält,
einzutreten. Oft, besonders in den mühsamen Untersuchungen des X.
und XI. Konvoluts, läßt es sich sozusagen schon mit bloßem Auge er-
kennen, wo Kant nach einer Phase reflektierender Umarbeitung in eine
neue konstruktive Wendung hineingezogen wird. Diese „Wendepunkte"
gilt es aufzusuchen, um die „große Linie" zu finden. Und es ist nicht zu-
fällig, daß an ihnen s t e t s d a s P r o b l e m d e r G a n z h e i t
auftaucht.
Vollständigkeit können wir dabei nicht erstreben. Das Nachlaßwerk
ist ja weit umfangreicher als die Kritik. Enthalten die 1269 Seiten Text
auch in den früheren Entwürfen manche Gleichförmigkeiten und Wie-
derholungen, so umfaßt doch ζ. B. die neue transzendentale Deduktion
allein schon nicht weniger als 262 Seiten (X./XI. Konvolut, dazu die
Lehre von der Selbstsetzung auf den 131 Seiten „Beilagen" des VII. Kon-
voluts). Eine Auswahl müssen wir also treffen. Wir müssen uns auf die-
jenigen Stellen beschränken, an denen eine t i e f e r g r e i f e n d e Än-
derung d e r T h e m a t i k erkennbar ist. Die Hypothese von den an-
geblich im opus postumum enthaltenen zwei Werken (bzw. Plänen dazu)
ist allerdings nicht stichhaltig. Das im Oktaventwurf zuerst (1796) for-
mulierte Problem, eine Wissenschaft zu begründen, „welche ein compa-
rativ vollständiges Ganze ausmache welches weder bloße Metaphysik
der Natur noch Physik, sondern blos den Ubergang der ersteren zur
zweyten und den Schritt, der beyde Ufer verknüpft, enthält" (XXI,
403), — dieses Problem bleibt von Anfang bis zu Ende G r u n d -
t h e m a . Die Thematik des „Überganges" wird sogar im letzten (I.)
Konvolut zu einer Systematik möglicher Ubergänge überhaupt ausge-
baut (vgl. XXI, 17).
Das Auftreten moral- und religionsphilosophischer Reflexionen in
einem vorwiegend naturphilosophischen Gedankengang fällt am meisten
in die Augen. Es ist auch ein Neueinsatz. (Er findet sich im VII. Konvo-
lut und erwächst aus einer A η a 1 o g i e : wie das Subjekt sich in Raum
und Zeit als Erscheinung bestimmt, so bestimmt es sich im kategorischen
Imperativ als Person, XXII, 53 f. Beides sind Selbstsetzungen, Auto-

10
Zu Bg. 8—10 des V. Konvoluts hat Kant einen Absdiriftenentwurf anfertigen las-
sen, der sich im XII. Konvolut (XXII, 543—555) findet.

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254 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [313/314]

gnosie und Autonomie, wie später, X X I , 106, unterschieden wird. Wie


verhalten sie sich zueinander?) Entscheidender als diese Wendung zur
Ideenlehre ist aber die Wendung zur E r k e n n t n i s t h e o r i e . Kant
hatte zu Beginn seiner Arbeit nicht die mindeste Absicht, d i e s e Fragen
neu aufzurollen. Das „kritische Geschäft" hielt er für beendigt, wie er
am Schluß der Vorrede zur Kritik der Urteilskraft und — allerdings
nicht I mehr mit gleichem Recht — neun Jahre später in der Erklärung
gegen Fichte hervorhebt. Die transzendentale Deduktion der Kritik hat
ihn zwar nie recht befriedigt, und audi sonst lassen sich genug Punkte
angeben, an denen sich seine fortdauernde Beschäftigung mit den theore-
tischen Grundfragen der Kritik verrät. Aber die neue Wissenschaft vom
„Ubergange" ist unter r e i n p h y s i k a l i s c h e n Voraussetzungen
entworfen. Der Äther fungiert zunächst nur als Beschreibungsmittel; er
soll eine Reihe physikalischer Erscheinungen erklären (Starrheit, Trop-
fenbildung, Kapillarität, Metallglanz, Magnetismus usw.); aber daß er
— wie es später heißt — Erfahrung überhaupt ermöglicht, davon ist
nodi keine Rede.
Die entscheidende Zäsur liegt also beim Übergange von der Ä t h e r -
h y p o t h e s e z u r Ä t h e r d e d u k t i o n : hier wendet sich die Be-
trachtung von der Physik zur Erkenntnistheorie, von der physikalischen
Gegenständlichkeit zur Erkennbarkeit physikalischer Gegenstände, von
der Topik der bewegenden Kräfte zur Wahrnehmungsregion, — vom
O b j e k t zum S u b j e k t . Welche Funktion erfüllt hier der Begriff
des „Ganzen"? Das ist zuerst zu fragen. Wenn das geklärt ist, kann die
zweite Zäsur, die Wendung von der Erkenntnistheorie zur Ideenlehre,
bestimmt werden. Und erst von hier aus läßt sich die im I. Konvolut
projektierte „Ganzheitslogik" selber nachzeichnen.
a) Als hypothetischer Stoff ist der Äther eine „ursprünglich" expan-
sive Materie, deren Teile keinen Zusammenhang besitzen, weil „Zusam-
menhang" (Attraktion) selbst erst durch den Äther erklärt werden soll
( X X I , 374). Er hat eine „ursprüngliche", nicht abgeleitete Bewegung,
eine „lebendige" Kraft im Gegensatz zur „toten" Kraft (des Druckes).
Er wird oft als Wärmestoff, Wärmematerie bezeichnet, aber nicht im-
mer: der Oktaventwurf z. B. will die Wärme als „dunstförmige Einsau-
gung", das Licht als „gradlinigte Ausströhmung" des Äthers bestimmen
( X X I , 381). Jedenfalls ist dieser hypothetische Urstoff eine „ ä t h e -
r i s c h e , alle Materien ursprünglich durchdringende, den ganzen Welt-
raum erfüllende" Materie ( X X I , 383), die immer dieselbe bleibt und
„allerwerts... gegenwartig" ist. Hypothetisch ist sie, weil sie bloß eine
„Idee" ( X X I , 378), kein Gegenstand der Erfahrung ist. Aber die Äther-
hypothese ist keine beliebige Annahme, sondern eine „unvermeidlich
nothwendige Hypothese", weil ohne den Äther „kein Zusammenhang
als welcher zur Bildung eines physischen K ö r p e r s nothwendig ist,

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[3141315] Ganzheitsbegrifï und Weltidee 255

gedacht werden kann" (ebd.). Der Äther ist die Voraussetzung alles,
materiellen (bzw. Kräfte-) Zusammenhanges: er ist d a s p h y s i k a -
lische Ganzheitsprinzip.
Und hier beginnt die Problematik, mit der es Kant in der Ä t h e r -
d e d u k t i o n zu tun hat. Ist nicht, wenn wir von einem physikali-
schen I „Ganzen" sprechen, der Bereich physikalischer Erfahrung be-
reits überschritten? Ein „allverbreiteter und allbewegender Weltstoff"
wäre zwar, d i r e k t betrachtet, bloß ein hypothetischer, erdichteter
Stoff, — ist er aber nicht i n d i r e k t ein zum „System" der bewegen-
den Kräfte „ n o t h w e n d i g mithin a priori gegebener Stoff, der allen
bewegenden Kräften der Materie im Elementarsystem derselben zur B a -
s i s dient"? ( X X I , 543). So unterscheidet Kant zunächst einen direkten
und indirekten Erweis des Äthers, — als Vorspiel der im Verlaufe der
Untersuchung immer zahlreicher auftretenden „Stufungen": später gibt
es eine „Stufe" im Raumbegriff (spatium sensibile-cogitabile), im Er-
scheinungsbegriff (direkte und indirekte Erscheinung), im Affektionsbe-
griff (Affektion durch Erscheinungen und Selbstaffektion), im Subjekt-
begriff usw. Alles dies als Zeichen „regionaler" Ganzheitslogik, auf die
H e y s e verweist, und die uns bald noch deutlicher werden wird.
Natürlich würde die Unterscheidung zweier „Beweise" — eines di-
rekten und indirekten — für die Existenz des Äthers noch keine zwei-
fache G e g e n s t ä n d l i c h k e i t des Äthers bedeuten. Trotzdem ver-
birgt sich hinter den Deduktionsversuchen eben diese „regionale" Unter-
scheidung. Der Äther ist nicht bloß „direkt" unerweislich, sondern als
Ganzheitsprinzip i s t e r a u c h n i c h t d a s s e l b e wie jener suppo-
nierte Urstoff: Ist der Wärmestoff — so heißt es an einer Stelle des
V . Konvoluts ( X X I , 545 f.) — „ein blos hypothetischer Stoff um ge-
wisse Erscheinungen in der Materie zu erklären und also ein empirisch
bedingtes Erkenntnis der Materie und ihrer bewegenden Kräfte oder ist
er ein durch die Vernunft a priori gegebenes Erkenntnis desselben als
zum Übergange von der Metaphysik zur Physik gehörendes Object anzu-
nehmen? oder ist er ein Object, dessen Existenz categorisch und a priori
erweislich (demonstrabel) ist?" Kant plagt sich sehr mit solchen Reflexio-
nen. Fast alle Erläuterungen seiner Beweisversuche beginnen mit der
stereotypen Wendung: Es ist befremdlich, es scheint gar unmöglich...
„die Existenz eines Gegenstandes der S i n n e . . . a priori beweisen zu
wollen, wie dieses der Fall mit der Annahme des allverbreiteten Wärme-
stoffs ist von dem hier behauptet wird daß er nicht als blos hypothetischer
Stoff gedacht werden solle" ( X X I , 538).
Das „Befremdliche" liegt darin, daß Kant etwas a n d e r e s ablei-
tet, als er ableiten will. Die Existenz eines „a priori gegebenen Stoffes"
soll abgeleitet werden, — die „ganzheitliche" Struktur der Materie wird
abgeleitet: „Der Wärmestoff ist die im Raum verbreitete Materie die

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256 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [315/316]

nicht als ein Aggregat von Theilen sondern nur als in einem System
existirend gedacht werden kann" (XXI, 553). Der „Wärmestoff" ist
also d i e M a t e r i e a l s S y s t e m , a l s G a n z e s ! Das wird
gelegentlich noch deutlicher: „Das Object einer allbefassenden Erfahrung
enthält in sich alle subjectiv-bewegende mithin sinnlich afficirende und
Warnehmunlgen wirkende Kräfte der Materie d e r e n G e s a m m t -
h e i t W ä r m e s t o f f h e i ß t " (XXII, 553; keine Sperrung i.O.).
Immer aber wehrt sich Kant dagegen, diese „Gesamtheit" zu entsubstan-
zialisieren; es bleibt der Eindruck einer falschen Hypostasierung eines
bloßen Prinzips. Dabei ist jedoch zweierlei zu beachten: erstens verläuft
die Gedankenentwicklung in allen Entwürfen stets in Richtung von der
Ätherhypothese zum Äther als „Systembegriff" der Physik, nie umge-
kehrt; und zweitens ist das Motiv, die „Stofflichkeit"11 — wofür wir
heute ohne weiteres sagen können: die energetische Natur — des Äthers
zu erhalten, in gewisser Hinsicht d u r c h a u s b e r e c h t i g t . Es ist
zuletzt nichts anderes als der Versuch, einen Ausdruck dafür zu finden,
daß das Ganze wirklich den Teilen „vorhergeht", daß Ganzheit mehr
als „Summe der Teile" ist, wie es bei D r i e s c h , oder daß die Teile
„Derivationen" der Ganzheit sind, wie es bei H e y s e heißt.
Und zwar ein Versuch im Bereich der p h y s i k a l i s c h e n Gegen-
ständlichkeit. Der Äther, den Kant deduziert, soll für die Physik das
leisten, was D r i e s c h s Entelechie im Bereich der Biologie leisten soll.
Er ist zwar kein teleologischer, aber doch ein „ganzmachender" Natur-
faktor: „Wärmestoff ist das, w a s d i e G e m e i n s c h a f t a l l e r
M a t e r i e i m R a u m a u s m a c h t und für sich keine prehensibele
Substanz ist." (XXI, 561 )12. „Die Materie.., blos mit der Eigenschaft ein
sensibeler Raum mithin in allem Körperlichen dynamisch gegenwärtig
zu seyn, muß ein für sich bestehendes alldurchdringendes ununterbroche-
nes gleichförmig ausgebreitetes Gantze und ein Stoff seyn welcher den
bewegenden Kräften mit ihrer Bewegung zur Basis dient zur Möglich-
keit Einer Erfahrung (aller z u g l e i c h möglichen) zusammen zu stim-
men" (XXI, 236).
Von hier aus erklärt sich auch der Nachdruck, den Kant darauf legt,
seinen Ätherbeweis nicht synthetisch, sondern a n a l y t i s c h zu
führen, und die häufige, zuletzt formelhafte, Berufung auf das I d e n t i -
t ä t s p r i n z i p . „Man zeigt nämlich, daß die Annehmung einer sol-
chen Materie... mit dem Begriffe des Ganzen derselben (sc. der bewe-
genden Kräfte der Materie) einerley sey" (XXII, 614). Denken wir die
bewegenden Kräfte der Materie, bzw. die Materie selbst als Ganzes, so
denken wir sie als Äthermodifikationen; denken wir den Äther, so den-

11
„ S t o f f e sind bewegende Kräfte" heißt es XXI, 131 (I. Konv.).
12
Keine Sperrung im Original!

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[316/317] Ganzheitsbegriff und Weltidee 257

ken wir ihn als Ganzheits- oder Strukturprinzip der Materie: eines ist
nur die Erläuterung des anderen. Das „Ganze" meint dabei „keine d i s -
c u r s i v e Allgemeinheit", sondern „eine c o l l e c t i v e Allgemein-
heit . . d i e nur dem All (der Materie) [als] einem absoluten Ganzen
in dem Begriff des Wärmestoffs zugestanden wird" ( X X I I , 614). Das
Ganze ist ein E i n z e l n e s (ens singulare) (ebd.): darum die Betonung
der EinzelIStofflichkeit des Äthers. Wir werden sehen, daß hier der
Punkt ist, wo Ätherbegriff und W e 11 i d e e ineinander übergehen.
b) Noch ist jedoch die Wendung von der Physik zur Erkenntnis-
theorie (besser: zur Transzendentalphilosophie) nicht vollendet. Wenn
die bewegenden Kräfte der Materie ein Ganzes bilden, müssen sie zu-
sammenstimmen, coniunctim, nicht sparsim „aggregiert" sein; dann
läßt sich der Äther als Systembegriff der Physik, als Strukturprinzip
der Materie definieren. Wenn sie aber kein solches Ganzes bilden, kom-
men wir über eine bloß „diskursive" Allgemeinheit (Abstraktionsbegriff
im Sinne H e y s e s ) nicht hinaus; die Ätherdeduktion ist dann wertlos.
Wie können wir die Ganzheit der bewegenden Kräfte begründen, ohne
petitio principii und ohne im Zirkel zu gehen? Daraus, daß die Physik,
um Wissenschaft zu sein, System sein muß? Aber wenn z. B. die heutige
Physik nodi weniger „System" ist als die Newtonsche, ist sie darum
keine „Wissenschaft"? In diesem Sinne polemisiert A d i c k e s gegen
K a n t : man kann einer empirisdien Wissenschaft nicht vorschreiben, wie
sie sein müßte; Kants Forderung an die Physik ist eine Überspannung,
nicht einmal ein frommer Wunsch, sondern eine Verfehlung des We-
sens dieser Wissenschaft. Die Ableitung der Existenz des Äthers und
seiner vermeintlich „apriorischen" Eigenschaften: Imponderabilität, In-
koërzibilitât, Inkohäsibilität, Inexhaustibilität, die Einteilung der be-
wegenden Kräfte der Materie nach dem Kategorienschema, — das sind
wertlose Spielereien, Kants Genius unwürdig, und eine Preisgabe kri-
tischer Grenzsetzungen 13 . Man wird zweifeln dürfen, ob mit einem sol-
chen Tadel einer I n t e r p r e t a t i o n des Nachlaß werkes gedient ist.
Auch ist unschwer zu sehen, daß die von K a n t supponierte Einheitlich-
keit der physikalischen Region dabei mit der aufgegebenen Systematik
unserer physikalischen Begriffe verwechselt wird; audi wenn es Kant
nicht gelungen ist, seinen Ansatz zu realisieren, kann seine Grundvoraus-
setzung richtig sein. Aber etwas bleibt doch bestehen: daß wir in g e g e n -
ständlicher Reflexion niemals zeigen können,
w a r u m es e i n „ G a n z e s " d e r M a t e r i e g e b e n m u ß .

N u r braucht man nicht zu glauben, daß K a n t das nicht recht gut ge-
wußt hätte. Er hat es im Gegenteil so gut gewußt, daß gerade von dieser
Problematik der Fortgang von der Ätherdeduktion zur „neuen" trans-

13 Vgl. E . A d i c k e s , Kants opus postumum, Berlin 1920, S. 362 u. ö.

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258 Zur Analyse des Nadilaßwerkes /317/318]

zendentalen Deduktion bestimmt wird. Und zwar nicht erst im X . und


X I . Konvolut. Auch in den früheren Entwürfen wird die Voraussetzung
eines objektiven Ganzen der Natur, die wiederum Voraussetzung der
Ätherdeduktion ist, „deduziert". Die Reflexionen des X . und X I . Kon-
voluts greifen nur heraus, was in der Ätherdeduktion die Last des Be-
weises zu tragen hat: das Prinzip der „Einheit der Erfahrung". |
Dabei ist zunächst auf gewisse H o m o l o g i e n hinzuweisen, die
für die „Ganzheitslogik" Kants kennzeichnend sind: Genau wie es von
der Materie heißt, daß sie ein „absolutes, für sich bestehendes Gantze aus-
macht" ( X X I I , 610), daß es zwar Körper und Stoife, aber nicht Materien
gibt, und daß das Ganze der Materie ein Einzelnes, eine „Gesamtein-
heit" ist, so heißt es auch von der E r f a h r u n g , daß sie ein Ganzes
ist und von Erfahrungen nur mißverständlich gesprochen werden kann,
— daß die A l l g e m e i n h e i t des Erfahrungsbegriffes hier nicht
„ d i s t r i b u t i v wo viel Merkmale einem und demselben Object bey-
gelegt werden sondern c o l l e c t i v d. i. als G e s a m m t e i n h e i t zu
nehmen" ist ( X X I I , 611): wenn man von „Erfahrungen" spricht, „so
sind diese nur als subjectiv in einer stetigen Reihe möglicher Wahrneh-
mungen verknüpfte Vorstellungen der Existenz der Dinge anzusehen.
Denn wäre eine Lücke zwischen denselben, so würde durch eine Kluft
(hiatus) der Uberschritt von einem Act der Existenz zum anderen und so
die Einheit des Leitfadens der Erfahrung zerrissen seyn; welche Begeben-
heit um sie sich vorzustellen, selbst wiederum zur Erfahrung gehören
müßte, welches unmöglich ist" ( X X I I , 552).
Natürlich ist die Ubereinstimmung zwischen der ganzheitlichen
Struktur der Materie und derjenigen der „Erfahrung" nicht zufällig.
Die eine fundiert die andere, und die Explikation des „Sinnes" dieser
Fundierung ist die Aufgabe der transzendentalen Deduktion. Aber blei-
ben wir nodi bei der Struktur der Erfahrungsregion als solcher. „Erfah-
rung hat zum Grunde 1. W a r n e h m u n g , welche zu haben es jeder-
zeit das Subject afficirender bewegender Kräfte bedarf (es sei äusse-
rer oder innerer) 2. das Wargenommene zur E r f a h r u n g zu erhe-
ben Dazu gehört ein inneres Princip des Subjects den wargenommenen
Gegenstand in seiner durchgängigen Bestimmung zu denken" ( X X I I ,
499). Wie die bewegenden Kräfte die „Teile" des (dynamischen) Ganzen
der Materie, so sind die Wahrnehmungen die Teile des (synthetischen)
Ganzen der Erfahrung; wie das System der bewegenden Kräfte seine
Struktur vom Äther als Strukturprinzip erhält, so erhält das System der
Wahrnehmungen seine Struktur von einem „inneren Prinzip" des Sub-
jekts. Dieses „ganzmachende" Prinzip der Erfahrung ist ein „Prinzip
der Zusammensetzung", das „a priori aus dem Verstände hervorgehen
muß" ( X X I I , 473), — es e r m ö g l i c h t Erfahrung, und „was zur
Möglichkeit der Erfahrung erforderlich ist das kommt nicht a u s der

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[318/319] Ganzheitsbegriff und Weltidee 259

Erfahrung sondern ist a priori" (XXII, 480). Ebenso wie der Äther
ein „categorisch a priori erweislicher Stoff" (XXI, 223) sein soll, weil er
der „Möglichkeit der bewegenden Kräfte und ihrer Verbindung" zu-
grunde liegt (XXI, 229).
Das Verhältnis der Ätherdeduktion zur neuen transzendentalen De-
duktion läßt sich nun in zwei Schritten darlegen. Der erste Schritt ist
der, daß die beiden Regionen: „Materie" und „Erfahrung" einander |
s u b s t i t u i e r t werden. Der zweite Schritt ist der, daß die bei dieser
Substitution erkennbaren I n v a r i a n t e n herausgelöst und zum Auf-
bau eines geschlossenen Beweises, der neuen transzendentalen Deduktion
im engeren Sinne, verwendet werden. Wir wollen beides kurz verdeut-
lichen. Zunächst die Substitution, die den Ätherdeduktionen des II.,
V. und XII. Konvoluts das Gepräge gibt: Weil von der Erfahrung gilt,
daß sie ein synthetisches Ganzes der Wahrnehmungen ist, so gilt von der
Materie, daß sie ein dynamisches Ganzes bewegender Kräfte ist — nicht
bloß per analogiam, sondern deshalb, weil der „subjektive" Beweisgrund
von der Möglichkeit der Erfahrung Bedingung jeder objektiven Erkennt-
nis der Materie ist. Weil von der Materie gilt, daß sie ein Ganzes bewe-
gender Kräfte ist, so gilt von der Erfahrung, daß sie eine Gesamtein-
heit, ein System von Wahrnehmungen ist — wiederum nicht per ana-
logiam, sondern deshalb, weil es ohne den Äther (als erfüllten Welt-
raum, spatium sensibile) keine „Einheit des Ganzen möglicher Erfah-
rung" gibt (XXI, 224). Die Substitution ist also vollständig und die
Fundierung gegenseitig. Was aber ermöglicht es, von der einen Region
auf die andere überzugehen? — Die Beschaffenheit der W a h r n e h -
mung.
Wir können auch auf diesen entscheidenden Punkt der neuen trans-
zendentalen Deduktion nur kurz hinweisen: „Warnehmung gehört zu
den bewegenden Kräften als innerhalb dem Subject wirkend in der Emp-
findung" (XXII, 444). Zum S y s t e m d e r b e w e g e n d e n K r ä f t e
gehört die W a h r n e h m u n g , zum System der W a h r -
n e h m u n g e n gehören auch die b e w e g e n d e n K r ä f t e :
Die Wahrnehmung ist der Schnittpunkt beider Gegenstandssphären, sie
ist invariant gegenüber den Systemcharakteren der physikalischen und
erkenntnistheoretischen Sphäre. Bei Kant überrascht dieser Gedanke und
trägt alle Zeichen der Neuheit: man kann ihn als Rückschritt oder als
konsequente Weiterbildung betrachten; auf jeden Fall ist er zunächst be-
fremdend. Denn wie sollte Wahrnehmung eine bewegende Kraft der
Materie, oder irgendeine von den physikalischen Kräften „Wahrneh-
mung" sein? Sind nicht die Kräfte der Natur schlechthin objektiv, die
Wahrnehmungen schlechthin subjektiv?
Um diesen Einwand sogleich mit aufzunehmen, greifen wir denjeni-
gen Leitgedanken der neuen Deduktion heraus, der die S u b j e k t -

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260 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [3191320]

O b j e k t i v i t ä t der Wahrnehmung festlegt und zudem alle Beweis-


glieder in sich vereinigt. Wir bezeichnen ihn, übereinstimmend mit Kants
Terminologie, als K o r r e s p o n d e n z p r i n z i p . „Die bewegende
Kräfte der Materie sind das was das bewegende Subject selbst thut mit
seinem Körper an Körpern. — Die diesen Kräften c o r r e s p o n d i -
r e n d e G e g e n w i r k u n g e n sind in den einfachen Acten enthal-
ten, wodurch wir die Körper selbst warnehmen" (XXII, 326 f.; keine
Sperrung i. Ο.). | Es scheint unmöglich zu sein, „das was auf Warneh-
m u n g e n . . . beruht a priori darstellen zu wollen ζ. B. den Schall, das Licht,
die Wärme usw., welches insgesammt das S u b j e c t i v e der Warneh-
m u n g . . . ist; und doch ist dieser Act des Vorstellungsvermögens noth-
wendig. Denn wenn diesem nicht ein G e g e n a c t d e s O b j e c t s
c o r r e s p o n d i r t e so würde jenes keine Warnehmung des Gegen-
standes durch die bewegende Kraft desselben erhalten..." (XXII, 493;
keine Sperrung i. O.). „Die Wirkung der bewegenden Kräfte des Sub-
jects auf das äußere Sinnenobiect insofern jenes auf sein eigenes Organ
wechselseitig bewegend ist, ist zugleich sein i n n e r e r u n d ä u ß e r e r
G e g e n s t a n d als Ursache der Erscheinungen zum Behuf der Mög-
lichkeit der Erfahrung" (XXII, 345; keine Sperrung i. O.).
Ohne auf die Kasuistik dieser Stellen näher einzugehen, fassen wir
nur die für das Korrespondenzprinzip entscheidenden Motive zusam-
men: Das p s y c h o p h y s i s c h e Motiv, das Motiv der G l e i c h -
h e i t v o n a c t i o u n d r e a c t i o , und das „ K o n s t i t u t i o n s -
m o t i v " : jeden Gegenstand, unabhängig von der Art seiner Gegen-
ständlichkeit, als aus A k t e n aufgebaut zu denken. So charakteristisch
das Konstitutionsmotiv für Kants S u b j e k t i v i s m u s ist, so ist doch
nicht zu übersehen, daß auch der Begriff des Aktes eine allgemeinere Be-
deutung erhält: es ist keine Metapher, wenn Kant von „agierenden"
Kräften spricht, und wenn er die eigentlichen Verstandesakte diesen sub-
sumiert. („Zu den bewegenden Kräften gehört auch der Verstand des
Menschen. Imgleichen Lust, Unlust und Begierde". XXII, 510.) Der Dy-
namismus, der die physikalischen Teile des Nachlaßwerkes kennzeichnet
— das Verhältnis des opus postumum zu den metaphysischen Anfangs-
gründen besteht ja überhaupt darin, die „Dynamik" zu verselbständigen
und die „Mechanik" auf die Stufe bloß „mathematischer" Anfangs-
gründe der Naturwissenschaft herabzudrücken — und der sich in einer
ständigen Polemik gegen die Atomistik, gegen jede quantifizierende Be-
trachtungsweise und gegen N e w t o n ausspricht, steht in strengster
Korrelation zum „Synthetizismus" der erkenntnistheoretischen Teile;
und wiederum ist nicht zu verkennen, daß es ein g a n z h e i t s l o -
g i s c h e s Denken ist, das diese Übereinstimmung erzwingt.
Das erkennende Ich ist k o n k r e t e s Ich, d.h. seine erkennenden
Akte sind an die Aktionen seines Körpers gebunden (psychophysisches

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[320/321] GanzheitsbegrifF und Weltidee 261

Motiv). Die Aktionen dieses Körpers stehen mit denen anderer Körper
in W e c h s e l w i r k u n g (Gleichheit von actio und reactio). Die
Wahrnehmungen sind nicht bloß von außen „bewirkt", sondern sie sind
Gegenwirkungen, die den äußeren bewegenden Kräften „korrespondie-
ren". Also haben audi die subjektiven Sinnesqualitäten ihr objektives
Aktkorrelat. An den bewegenden Kräften des konkreten Subjekts kön-
nen wir also beides: die (apriorischen) synthetischen Akte und die dy-
namischen Aktionen, vergegenständlichen; wir können die Wahrneh-
mungen „quoad materiale" a n t i z i p i e r e n ; wir können „für" die
Erfahrung das System der Wahrnehmungen und damit dasjenige der
bewegenden Kräfte ableiten. „In Ansehung der Materie und ihrer das
Subject äußerlich afficirenden mithin b e w e g e n d e n Kräfte sind die
Warnehmungen selbst an sich bewegende Kräfte mit der Rückwirkung
(reactio) verbunden und der Verstand a η t i c i ρ i r t die Warnehmung
nach den einzig-moglichen Formen der Bewegung — Anziehung, Abstos-
sung, Einschließung (Umgebung) und Durchdringung. — So erhellet
die Möglichkeit ein System empirischer Vorstellungen a priori zu er-
richten, was sonst unmöglich zu seyn schien und die Erfahrung quoad
materiale zu a n t i c i p i r e n " (XXII, 502).
Unser Interesse ist hier nicht auf die Bündigkeit der Deduktion, son-
dern auf ihren g a n z h e i t s l o g i s c h e n Einschlag gerichtet. Sollte
die aus der Wahrnehmung bzw. ihrer psychophysischen Beschaffenheit
entwickelte biregionale Bedeutung des Aktes auf eine l e t z t e I d e n -
t i t ä t von „Materie" und „Erfahrung" abzielen? Müssen wir Materie
und Erfahrung selbst als ein Ganzes denken? In der Tat ist das die Kon-
sequenz, die Kant schon hier zieht: Die Begriffe von Materie und Erfah-
rung sind „von der Art daß sie eine a b s o l u t e E i n h e i t in der
durchgängigen Bestimmung des Sinnenobjects... enthalten" (XXII,
514). Und kurz darauf noch deutlicher: „Das Universum als Sinnen-
gegenstand ist ein System von Kräften einer Materie, die einander äußer-
lich (objectiv) im Raum durch Bewegung und innerlich subjectiv durch
Empfindung der Substanzen mit Bewustsein, d. i. als Gegenstände der
Warnehmung afficiren" (XXII, 518). Die Begründung für den, Materie
als System bewegender Kräfte und Erfahrung als System von Wahrneh-
mungen umspannenden Systembegriff gibt aber erst das VII. Konvolut.
Denn die hier entwickelte Lehre von der Selbstsetzung enthält eine n e u e
F a s s u n g d e s D i n g - a n - s i c h - B e g r i f f e s , die erst den vol-
len Sinn der „Identitäts-These" der neuen Deduktion klärt.
Der Unterschied eines Gegenstandes als Erscheinung und Ding an
sich liegt — so heißt es hier — nicht im Objekt, „sondern blos in der
Verschiedenheit des Verhältnisses wie das den Sinnengegenstand appre-
hendirende Subject z u r B e w i r k u n g d e r V o r s t e l l u n g i n
i h m a f f i c i r t w i r d " (XXII, 43; keine Sperrung i.O.). Das Ding

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262 Z u r Analyse des Nachlaßwcrkcs [321/322]

an sich ist kein anderes Objekt, „sondern e i n e a n d e r e B e z i e -


h u n g (respectus) der Vorstellung auf dasselbe Object" (XXII, 26;
keine Sperrung i. O.). Es ist nicht etwas Gegebenes, „sondern was blos
a l s c o r r e s p o n d i r e n d zur Eintheilung gehörend uneracht daß
es wegbleibt gedacht wird (cogitabile). Sie (sc.: diese Bezeichnung) steht
nur wie eine Ziffer da" (XXII, 37; keine Sperrung i. O.). „Das Object
(materiale) = X ist nur das Ideale der Zusammensetzung" (XXII, 86),
das Ding an sich | ist Korrelat, „Pendant", „Position", „negativer
Standpunkt", „ein Verschiedenes Verhältnis der Anschauung zum Sub-
ject insofern dieses unmittelbar vom Object afficirt wird mithin der
Gegenstand als Erscheinung nach einer gewissen specifischen Form vor-
gestellt oder die Vorstellungskraft unmittelbar erregt wird" (XXII, 31).
Ding an sich und Subjekt sind dasselbe, nur unter anderem Gesichtspunkt
betrachtet: um die eigene Tätigkeit als nicht-eigene vorzustellen, bezie-
hen wir sie auf ein X als „Position seiner Selbst nach dem Princip der
Identität wobey das Subject als sich selbst affkirend mithin der Form
nach nur als Erscheinung gedacht wird" (XXII, 27).
So viele Dunkelheiten Kants Lehre vom Ding an sich enthalten
mag, — im op. p. dient sie zur Stütze der Grundkonzeption, ist kein
Anhängsel und kein Ausdruck der Verlegenheit. Sie dient zur Sicherung
der systematischen Identität von Materie und Erfahrung. Wo wir von
Sinnengegenständen, d. h. von bewegenden Kräften der Materie affiziert
werden, da wird im Ding-an-sich-Begriff poniert, daß es einen Bezie-
hungspunkt außerhalb der Sinnensphäre gibt (das Ding an sich ist „le-
diglich die Idee der Abstraction vom Sinnlichen welche als nothwen-
dig anerkannt wird", XXII, 23), auf den wir die Wahrnehmung bezie-
hen müssen. Als die Wahrheit dieser Position aber erweist sich das die
Wahrnehmung zur Erfahrung konstituierende Subjekt: das Objekt „an
sich", als „X" enthüllt sich als „das bloße Princip der synthetischen Er-
kentnis a priori welches das Formale der Einheit dieses Mannigfaltigen
der Anschauung in sich enthält (nicht ein besonderes Object)" (XXII,
20). Materie, das Ganze der bewegenden Kräfte außer uns, und Erfah-
rung, das Ganze der Wahrnehmungen in uns, haben einen gemeinsamen
Beziehungspunkt: dasjenige, was beide zu Ganzen m a c h t , und zum
Gegebenen hinzugedacht werden muß. Für die Affektion durch Objekte
ist es ein X, Ding an sich; für die, auf Grund äußerer Einwirkung ent-
stehenden Gegenwirkungen (Wahrnehmungen) ist es das in seinen Akten
sich selbst konstituierende Subjekt; Subjekt und Ding an sich aber sind
gar nicht verschiedene Gegenstände, sondern das eine ist nur das Negativ
des anderen. Und eben weil die „Ziffer" des Dinges an sich auf einen
überempirischen Bestimmungsgrund (XXII, 24) verweist, hat der Be-
griff des Dinges an sich g a n z h e i t s l o g i s c h e Bedeutung: als Aus-
druck der Forderung, auch das äußere Objekt, den räumlichen Gegen-

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[322/323] Ganzheitsbegriff und Weltidee 263

stand, nicht analytisch als bloßen Inbegriff gegebener Sinnenvorstellun-


gen, sondern s y n t h e t i s c h als „Einheit der Zusammensetzung des
Mannigfaltigen" zu denken ( X X I I , 26, 32) 14 . |
c) Wir haben zu zeigen versucht, wie sich der Äther vom hypothe-
tischen Stoff zum Ganzheitsprinzip der Materie entwickelt, wie die
Ätherdeduktion zur transzendentalen Deduktion weitergebildet wird,
und wie die Begründung für die ganzheitliche Struktur der Materie in
dem inneren Zusammenhange der beiden Regionen: Materie und Erfah-
rung besteht. Wir haben behauptet, daß dieser Zusammenhang selbst ein
„systembegrifflicher" (im Sinne H e y s e s ) ist. Aber wenn es schon
richtig ist, daß man nach dem Ergebnis der neuen Deduktion bei einem
bloßen Nebeneinander beider Regionen nicht stehenbleiben kann, so
scheint doch die Identität von Materie und Erfahrung eine a b s t r a k t e
zu sein. Ein und dasselbe — die „Erscheinung" — ist unter einem
Aspekt Materie als System der bewegenden Kräfte im Raum, unter an-
derem Erfahrung als System der Wahrnehmungen. Materie als Ganzes
und Erfahrung als Ganzes fallen zusammen, — die Identität von Ding
an sich und Subjekt, das Ergebnis der Lehre von der Selbstsetzung, würde
diese Kongruenz erzwingen, und damit nicht etwa, wie wir glaubten,
ein in Materie und Erfahrung g e g l i e d e r t e s Ganzes sichern, son-
dern im Gegenteil die Unterscheidung zu einer bloß reflexiven herab-
drücken. Soll unsere Annahme, daß Materie und Erfahrung selbst ein
„Ganzes" bilden — in welchem also auch die regionale Verschiedenheit
der physikalischen und der Wahrnehmungssphäre ihren objektiven (on-
tologischen) Sinn behält —, richtig sein, so ist das bisherige Ergebnis
unbefriedigend. In der Tat bleibt auch Kant nicht dabei stehen; schon
im V I I . Konvolut setzt die zur Systematik des I. Konvoluts führende
Wendung ein, die die bisherigen ganzheitslogischen Ansätze in über-
raschender Konsequenz und Zielbewußtheit weiterbildet.
Allerdings versetzt uns das I. Konvolut mitten hinein in die I d e e n -
l e h r e : der Übergangsbegriff erhält jetzt eine anthropologische Fas-
sung, insofern es der Mensch ist, der durch die eigentümliche Beschaffen-
heit seines Wesens den „Ubergang" von der Idee der W e l t zur Idee
G o t t e s ermöglicht. Die ethikotheologische Fragestellung wird domi-
nierend; der Primatgedanke scheint den Sinn auch des Ergebnisses der
neuen Deduktion radikal zu verändern. Indessen ist doch unverkennbar,
daß Kant hier um eine abschließende t h e o r e t i s c h e Fassung der

14 Zum Ding-an-sich-Begriff im op. post. vgl. außer A d i c k e s S. 669 ff., der die
wichtigsten Textstellen einzeln untersucht, F. L ü p s e n , Das systematische Grund-
problem in Kants Opus postumum (Die Akademie II, 1925, S. 98 ff.), H . H e y s e ,
a.a.O. S. 80, und M. H e i d e g g e r , Kant und das Problem der Metaphysik,
Bonn 1929, S. 29. (Auf Heideggers Interpretation ist anläßlidi des E x i s t e n z -
begriffes bei Kant nodi besonders hinzuweisen.)

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264 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [323/324]

Transzendentalphilosophie ringt, daß diese als „synthetisches Erkenntnis


a priori aus Begriffen" streng von jeder M e t a p h y s i k geschieden
wird (XXI, 60 u. ö.), und daß Kant die ursprüngliche Konzeption des
Uberganges (als Übergang von der Naturmetaphysik zur Physik) fort-
dauernd im Auge behält. Es muß also audi eine durchgehende Linie
geben, die den Äther, als Ganzheitsprinzip der Materie, mit der W e l t
als Idee jenes, durch den Menschen auf Gott bezogenen Ganzen verbin-
det, das natürlich kein bloß materielles Ganzes mehr ist. Und diese
Linie ist vorgezeichnet durch einen Begriff, der noch dem ursprünglichen
Plane | angehört: durch den Begriff des W e l t s y s t e m s d e r M a -
t e r i e . Hier jedenfalls tritt die „Welt" als Terminus zuerst auf. Was
versteht Kant unter „Weltsystem" im Unterschiede vom „Elementar-
system"? Welche Änderungen erfährt der Weltbegriff durch Aufnahme
der Ethikotheologie? Wie wirkt sida der Primatgedanke im Ubergange
vom Welt b e g r i f f zur Welt i d e e aus? Erst wenn das geklärt ist,
kann gefragt werden, ob etwa durch die Idee der Welt aus der abstrakten
Einheit von Materie und Erfahrung eine k o n k r e t e wird, und ob
sich vielleicht von hier aus der Z u s a m m e n h a n g v o n I d e e u n d
E x i s t e n z in seiner spezifisch Kantischen, von der antiken Fassung
unterschiedenen Gestalt entdecken läßt.
Das Weltsystem war gedacht als Abschluß des Elementarsystems,
und der Äther als den „Weltraum" erfüllender „Weltstoff" sollte diesen
Abschluß ermöglichen. „Das Elem. System ist was von den Theilen zum
ganzen Inbegriff der Materie (ohne hiatus): das Weltsystem ist das was
von der Idee des Ganzen zu den Theilen geht" (XXII, 200). Dieser
Fortgang vom Ganzen zu den Teilen ist aber keine bloß methodische
Umkehr, sondern kennzeichnend für eine bestimmte K l a s s e von
Naturkörpern: für die o r g a n i s c h e n Körper. Denn ein organischer
Körper ist ein solcher, „von welchem die I d e e des Ganzen dem Be-
grif seiner Theile als Grund seiner Möglichkeit vorhergeht" (XXI, 196).
Soll dasselbe vom „Weltsystem" der Materie gelten, so muß auch diese
„organische" Betrachtungsweise darauf Anwendung finden: das Welt-
system handelt von der W e l t o r g a n i s a t i o n . „Die Natur", heißt
es in einer Anmerkung des Abschriftentwurfs (XXII, 549), „organisirt
die Materie nicht blos der Art, sondern auch den Stufen nach sehr man-
nigfaltig. — Nicht zu gedenken: daß in den Erdschichten und Steinge-
birgen Exemplare von ehemaligen Thier- und Gewächsarten, die jetzt
ausgegangen sind, Beweisthümer ehemaliger und jetzt fremder Producte
unseres lebendig gebärenden Globus aufzuzeigen sind, sondern die orga-
nisirende Kraft desselben hat auch das Ganze der für einander geschaf-
fenen Pflanzen- und Thierarten so organisirt, daß sie mit einander als
Glieder einer Kette (den Menschen nicht ausgenommen) einen Kreis bil-
den: n i c h t b l o s n a c h i h r e m N o m i n a l c h a r a c t e r (der

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[324/325] Ganzheitsbegriff und Weltidee 265

Ähnlichkeit), s o n d e r n d e m R e a l c h a r a c t e r (der Causali-


tät) einander zum Daseyn zu bedürfen" (keine Sperrung i. O.).
Indem die Wissenschaft vom Ubergange im Interesse der „Vollstän-
digkeit der Eintheilung des Kräftensystems überhaupt" auch „den Be-
griff der o r g a n i s c h e n im Gegensatz der u n o r g a n i s c h e n
Natur dazu ziehen" muß, „wenn von den bewegenden Kräften der Na-
tur die Rede ist" (XXI, 184), findet sie sich in V e r l e g e n h e i t : die
Dialektik der teleologischen Urteilskraft durchkreuzt der Entwurf des
Weltsystems der Materie, und es bleibt am Ende nichts übrig, als die
organischen | Kräfte „gleich anderen bewegenden Kräften der Materie
ihren mechanischen Verhältnissen nach" zu beurteilen und ihre Erschei-
nungen danach zu erklären, „ohne ins System der nach Endursachen be-
wegenden Kräfte der Materie... überzuschreiten" (XXI, 186). Wie
beim Ätherbegriff bedient sich Kant audi hier einer S t u f u η g (von
der er freilich den entgegengesetzten Gebrauch macht) : i n d i r e k t ist
der organische Körper die „Idee eines Zusammengesetzten aus bewegen-
den Kräften, in welchem der Begriff von einem realen G a n z e n dem
seiner Theile nothwendig vorhergeht... welches nur durch den Begriff
einer Verbindung durch Z w e c k e gedacht werden kann", d i r e k t ist
er ein „blos empirisch erkennbarer Mechanism" (XXI, 213). Da die Ma-
terie keine „Absichten" bei sich führen kann (XXI, 186), können wir die
Endursachen nur „problematisch" (XXI, 184) für die Systematik der be-
wegenden Kräfte verwenden. Sie sollen aber doch zu den bewegenden
Kräften gehören (ebd.). Wie können wir diesem Dilemma entgehen?
Indem wir uns resolut auf den Boden der Ideenlehre stellen und die
„Weltorganisation" nach Analogie der e i g e n e n O r g a n i s a t i o n
auffassen: „Das Bewußtseyn unserer eigenen Organisation als einer be-
wegenden Kraft der Materie macht uns den Begriff des organischen
Stoffs und die T e n d e n z z u r P h y s i k a l s o r g a n i s c h e m
S y s t e m möglich" (XXI, 190; keine Sperrung i. O.). Wieder ist es das
p s y c h o p h y s i s c h e Motiv, das diese Wendung nahelegt: ausgehend
von jener psychophysischen Einheit, als die wir uns selbst vorfinden,
kommen wir zu der entsprechenden Einheit der „Welt". Wie wir an uns
selbst eine Verbindung materieller und immaterieller bewegender Kräfte
kennen (Verstand, Gefühl, Begehrungsvermögen rechnet Kant ja zu den
bewegenden Kräften), so wird die Physik zum „organischen" System
(Weltsystem), indem sie die Idee dieser unserer personalen Struktur als
Ganzes den Teilen der Welt zugrunde legt.
Von hier aus klärt sich eine t e r m i n o l o g i s c h e Merkwürdig-
keit des VII. Konvoluts. In der Beilage V wird zugleich mit der mora-
lisch-praktischen Vernunft, der die Gottesidee angehört, als ihr Korre-
lat eine t e c h n i s c h - p r a k t i s c h e Vernunft eingeführt: das Sub-
jekt „bestimmt sich selbst 1. durch technisch-practische, 2. durch mora-

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266 Zur Analyse des Nachlaß Werkes [3251326]

lisdi-practische Vernunft und ist sich selbst ein Gegenstand von beyden
Die Welt und Gott. Das erste im Raum und der Zeit als Erscheinung. Das
zweyte nach Vernunftbegriffen, d. i. einem Princip des categorischen Im-
perativs" (XXII, 53). Wie zur moralisch-praktischen Vernunft die Idee
von Gott, so gehört also zur technisch-praktischen Vernunft die Idee der
Welt. Und wenn audi aus früheren Schriften, insbesondere den beiden
Einleitungen in die Kritik der Urteilskraft, der Unterschied des Mora-
lisdi-Praktischen vom Technisch-Praktischen bekannt ist, so ist doch |
die Übertragung der Sphäre theoretischer Vernunft (im Gegensatze zur
praktischen) auf die technisch-praktische Vernunft, wie Kant sie im op. p.
vornimmt, überraschend. Sie ist audi nur erklärlich unter dem Einfluß
des P r i m a t gedankens, der im VII. und I. Konvolut so gefaßt wird,
daß Gott und Welt „nicht einander beygeordnete sondern untergeord-
nete Wesen (entia non coordinata, sed subordinata)" sind (XXII, 62) —
daß also die moralisch-praktische Vernunft, aus der die Gottesidee ent-
springt, den Primat über die technisch-praktische hat15. Einleuchtend
wird die ganze Distinktion und ihre Systematik natürlich audi aus der
Lehre von der Selbstsetzung: wie wir Raum und Zeit als Modi unserer
Selbstaffektion setzen, und sich daraus die transzendentale Begründung
der E r s c h e i n u n g ergibt, so setzen wir in der moralischen Selbst-
affektion, der Selbstverpflichtung, die uns zur Person konstituiert, das
Ideal von G o t t als höchster Persönlichkeit. Zu beachten ist dabei nur,
daß eben durch die Verschlingung des Konstitutionsmotivs mit dem psy-
chophysisdien Motiv der g a n z e k a t e g o r i a l e A p p a r a t in die
teleologische Sphäre einbezogen wird: einfach deswegen, weil die Wahr-
nehmungen als Wirkungen bzw. Gegenwirkungen von Akten des Sub-
jekts aufgefaßt werden (XXII, 337 wird der „Übergang" als Prädeter-
mination der inneren aktiven Verhältnisse des die Wahrnehmungen zur
Einheit der Erfahrung zusammenstellenden Subjekts definiert): die „in-
nerlich-bewegenden" Kräfte unseres Körpers sind eo ipso „absichtlich-
bewegende" Kräfte, das „Zusammensetzen" der bewegenden Kräfte in
der Anschauung ist wirklich ein „Madien" — die sich selbst zur Erschei-
nung konstituierende Subjektivität ist t e c h n i s c h -praktische Ver-
nunft.
Wie sieht nun die Weltidee selbst aus? Kant hat sie im VII. und I.
Konvolut deutlich genug umrissen: Welt ist der Inbegriff aller Sinnen-
wesen (XXII, 49), das Ganze der Sinnenobjekte (XXI, 14, 21, 30), der
Inbegriff der Dinge in Raum und Zeit (XXI, 24, 42), der „Existenz" der
Dinge außer uns (XXI, 39), bzw. des „Daseyns" in Raum und Zeit;

15
Es ist der Fehler sowohl von V a i h i η g e r als audi von A d i c k e s , daß sie in
der Erörterung des Gottesproblems im I. Konvolut den Primatgedanken nicht zur
Geltung bringen.

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[326/327] Ganzheitsbegrifï und Weltidee 267

Welt ist ein „absolut E i n z e l n e s " (XXI, 35), nicht durch Erfahrung
ermeßbar (XXI, 42), ein „actives Princip" (XXII, 54), eine Schöpfung
des denkenden Subjekts (XXI, 23); sie tritt in zwei Stufen auf als Welt
im quantitativen und qualitativen Verhältnis der Wesen: m u n d u s -
u n i v e r s u m (XXI, 56). In der Welt als Universum gibt es Personen;
der Mensch ist „Weltbewohner" (XXI, 27 u. ö.), „Weltbeobachter"
(XXI, 43), „Weltbürger" (XXI, 51), Teil der Welt (XXI, 54 u.ö.): in
der Welt „sind Natur und Freyheit zwey thätige Vermögen von ver-
schiedener Art" (XXII, 50). Welt ist nicht „ein sparsim verbundenes |
Gantze, sondern ein Organisches Gantze" (XXII, 59); sie ist zwar kein
Tier, „was Körper und Seele hat", doch „haben die Körper so viel Be-
ziehungen ihrer Abhängigkeit von einander, daß sie einem Thier gleicht"
(XXII, 62).
Welt ist ein M a x i m u m und übersteigt die beiden Regionen:
Materie und Erfahrung. Als Inbegriff der Dinge in Raum und Zeit wäre
sie Materie; wenn es XXI, 14 heißt, sie ist das Ganze der Sinnobjekte
„nicht so wohl der äußeren als inneren", so wäre sie Erfahrung. Aber
Welt ist mehr als Materie und Erfahrung. Worin besteht ihr Mehrgehalt?
Darin, d a ß s i e d e r „ S y s t e m b e g r i f f " d e s D a s e i n s o d e r
d e r E x i s t e n z ist. Dasein ist eine Weltbestimmung; alle Gegenstände
müssen „ihrer Realität nach in der Welt angetroffen werden" (XXI, 43).
Dasein ist nicht Objektsein, sondern „durchgängige Bestimmung seiner
selbst in der Erfahrung als Einheit" (XXI, 26). Am Schluß des Oktav-
entwurfs, der ja rein naturwissenschaftliche Reflexionen enthält und den
Äther noch als hypothetischen Stoff, Beschreibungsmittel, behandelt,
findet sich unter dem Stichwort Modalität (unter dem Kant sonst die
Perpetuität der ursprünglichen lebendigen Kraft erörtert) die Bemer-
kung: „Das Princip der Erkentnis a priori vom D a s e y n der Dinge
(actualitaet der Existenz), d. i. der Erfahrung überhaupt in der durch-
gängigen Bestimmung gemäß der Dyadik Leibnitzens omnibus ex nihilo
ducendis sufficit unum, wodurch die Einheit aller Bestimmungen im Ver-
hältnisse aller Dinge entspringt" (XXI, 411). Das ist die Keimzelle der
späteren Untersuchungen über den Weltbegriff und zugleich die einzige
Stelle im Nachlaßwerk, wo Kant sich über die Herkunft dieses Begriffes
aus der M o n a d o l o g i e Rechenschaft ablegt16; sonst findet sich im-
mer nur die stereotype Definition: existentia est omnímoda determinatio.
Aber noch eine andere Wendung ist lehrreich: „Das Daseyn, gewesen
seyn und seyn werden gehört zur Natur mithin der Welt. Was nur ledig-
lich im Begriffe gedacht wird, gehört zu den Erscheinungen" (XXI, 87).
Denn sie zeigt, daß das ganze Realitätsproblem als o n t o l o g i s c h e s
seinen Platz in der I d e e n l e h r e hat; womit nicht kontrastiert, daß
ls
Zum Weltbegrifï bei Leibniz s. jetzt: H . R ο ρ o h 1, Das Eine und die Welt, Ver-
such zur Interpretation der Leibnizschen Metaphysik. Leipzig 1936.

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268 Zur Analyse des Nachlaß Werkes [327¡328]

die Welt als Erscheinung (Phaenomenon) Gott als Noumenon gegen-


übergestellt wird ( X X I , 2 4 ) : Denn eben um das Problem des S e i n s
der Erscheinung handelt es sich; als Welt hat die Erscheinung ihr eigenes
Sein, wird nicht von Gott absorbiert: „Man kann Gott u. die Welt
nicht in die Idee Eines Systems (universum) bringen, da sie heterogen
sind, sondern muß durch einen Mittelbegriff. — Diese Objecte sind in
höchstem Grade heterogen" ( X X I , 38). Als Welt hat die Erscheinung
ihr Sein im D a s e i n , in der E x i s t e n z , deren Ganzheitsprinzip
sie ist. I
Ohne so viel „Fundamentalontologie" in K a n t hineinzulegen, wie
H e i d e g g e r das in seinem Kantbuch tut", ist es doch gut, sich über
die Verwendung des Existenzbegriffes im Nachlaßwerk Rechenschaft
abzulegen: das Existenz ρ r o b 1 e m tritt an zwei Punkten besonders
hervor — bei dem Beweis für die Existenz des Äthers und bei der Frage
nach dem Dasein Gottes (als einer „Substanz von der größten Existenz
in Ansehung aller activen von . . . Sinnenvorstellungen unabhängigen . . .
Eigenschaften" X X I , 13). Der Existenzbegriff tritt aber auch sonst oft
genug auf: K a n t spricht von A k t e n der Existenz ( X X I I , 552), deren
Überschritt „lückenlos" sein muß, wenn die „Einheit des Leitfadens der
Erfahrung" nicht „zerrissen" werden soll; er spricht vom Selbständigen
und Zufälligen als m o d i der Existenz ( X X I I , 121); er läßt Existenz
f u n d i e r e n d für „Erfahrung" sein ( X X I I , 498) — er bestimmt die
d y n a m i s c h e n Kategorien im Hinblick auf „Existenz" ( X X I , 179)
und definiert Materie als „Function des Existirenden im R a u m " ( X X I ,
227). Der Ätherbeweis beruht darauf, daß der Raum kein „existiren-
des" Objekt ist ( X X I , 246), daß es also eine ursprüngliche Materie geben
muß, die den Raum von vornherein perzeptibel und den Zusammenhang
räumlicher Existenz möglich macht — eine Materie, deren „Existenz"
selbst nicht direkt (d. h. durch Erfahrung) bewiesen werden kann, weil
die „Erfahrung niemals von der Existenz des Objects dieser oder jener
Sinnenobjecte als bewegender Kräfte der Materie einen gesicherten Be-
weis liefern" kann ( X X I I , 498).
Aufschlußreicher noch sind die Bestimmungen über die m e n s c h -
l i c h e „Existenz" als „Causalität der Selbstbestimmung des Subjects
zum Bewustseyn seiner Persönlichkeit" ( X X I , 24). Der Mensch figuriert
zumeist als Doppelwesen: er ist Naturwesen und hat „Persönlichkeit"
( X X I , 31), er ist das der Welt einwohnende denkende Prinzip ( X X I ,

17 Wobei die Heideggersche Grundthese: transzendentale Erkenntnis untersuche die


„Möglichkeit des vorgängigen Seins Verständnisses, d. h. zugleich: die Seinsverfas-
sung des Seienden" (a.a.O. S. 15), wie noch anzudeuten ist, gerade am op. post,
eine wesentliche S t ü t z e erhält. — Übrigens wird X X I , 116 definiert: „Trans-
cendiren ist den Übergang von den Metaphysischen Anf.Gr. der N. W . zur Physik
machen und zwar durch Ideen."

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[3281329] Ganzheitsbegriff und Weltidee 269

34), er hat Selbstbewußtsein und gehört zugleich als „Gegenstand der


Anschauung im Räume und der Zeit zur Welt" (XXI, 42): „der Mensch
als animal rationale gehört dodi mit zur Welt. Daher die Subdivision
Äusserer Sinnengegenstand u. Welt" (XXI, 45). Diese Eigenschaft,
ein Doppelwesen zu sein — XXI, 43 spricht Kant von „Amphibolie" —,
ist a b e r s e l b s t e i n h e i t l i c h z u b e s t i m m e n , und der
Weg dazu führt über die E n d l i c h k e i t des Menschen: „Der End-
liche Geist ist derjenige, der nicht anders als nur durch Leiden thätig
wird, nur durch Schranken zum Absoluten gelangt; nur insofern er Stoff
empfängt, handelt und bildet." Die Frage, heißt es weiter, inwiefern in
dem I selben Wesen zwei so entgegengesetzte Tendenzen bestehen kön-
nen, kann zwar den Metaphysiker, aber nicht den Transzendentalphilo-
sophen in Verlegenheit setzen: dieser will nicht die Möglichkeit der
„Dinge", sondern die Möglichkeit der „Erfahrung" begreifen (XXI, 76).
Er kann also beide Begriffe, den „Trieb nach Form oder nach dem Abso-
luten" und den „Trieb nach Stoff oder nach Schranken" mit „vollkom-
mener Befugnis als gleich n o t h w e n d i g e B e d i n g u n g e n d e r
E r f a h r u n g " aufstellen, ohne sich „weiter" um ihre Vereinbarkeit
zu kümmern (ebd.)17a.
Aber das ist noch nicht das letzte Wort. Tatsächlich kümmert sich
Kant so sehr um ihre „Vereinbarkeit", daß er der Transzendentalphilo-
sophie auf ihrem „höchsten" Standpunkt geradezu die Aufgabe stellt,
m e n s c h l i c h e E x i s t e n z in i h r e r Gegensätzlichkeit
a l s E i n h e i t z u k o n s t i t u i e r e n : „Transsc. Phil, ist das Ver-
mögen des sich Selbstbestimmenden Subjects durch den systematischen
Inbegriff der Ideen welche a priori die durchgängige Bestimmung des-
selben als Objects (die Existenz desselben) zum Problem machen, sich
selbst als in der Anschauung g e g e b e n zu constituieren. Gleichsam
s i c h s e l b s t m a c h e n " (XXI, 93). Oder XXI, lOOf.: Transzen-
dentalphilosophie ist das System aller Ideen der reinen Vernunft, wo-
durch „das Subject sich selbst synthetisch u. a priori zum Gegenstande des
Denkens constituí« und seines e i g e n e n D a s e y n s Urheber
w i r d " (keine Sperrung i. O.).
Wenn aus diesen Bestimmungen etwas mit Sicherheit hervorgeht,
so ist es dies: Existenz, für die gegenständliche Reflexion ebenso Voraus-
setzung wie Aufgabe, erschließt sich erst in der Ideenlehre im „Entwurf"
der beiden Maxima Gott und Welt, im Ineinandergreifen technisch-
praktischer und moralisch-praktischer Vernunft. Der Mensch als „den-
kendes Weltwesen" ist weder reine Persönlichkeit wie Gott, noch bloßer
Sinngegenstand; seine Teilhabe an der noumenalen und phänomenalen
Sphäre macht ihn nicht zum Zwitter, sondern zu einem Seienden, dessen
17a
Wie X X I I 796 festgestellt werden konnte, ist diese Stelle ein von Kant nicht bezeich-
netes Zitat aus Schillers Briefen über die ästhetische Erziehung des Menschen.

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270 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [329¡330]

Seinsart von Kant selbst als k o p u l a t i v bezeichnet wird: „Der mé-


dius terminus (copula) im Urtheile (sc. : Gott, die "Welt und idi selbst der
Mensch) ist hier das Urtheilende Subject (das denkende Weltwesen, der
Mensch, in der Welt)" (XXI, 27, vgl. auch 37). Weit entfernt, ein Man-
gel zu sein, ist also die Doppelheit menschlichen Wesens vielmehr Aus-
druck einer ausgezeichneten Seinsverfassung: Der
Mensch steht in gewissem Sinne als Idee noch ü b e r den Ideen Gott
und Welt, deren Zusammenschluß er allererst ermöglicht. Der Mensch ist
„ Z o r o a s t e r : das Ideal der physisch und zugleich moralisch practi-
schen Vernunft in Einem Sinnen-Object Vereinigt" (XXI, 4).
Wir sind uns wohl bewußt, daß sich aus dem Nachlaßwerk, insbe-
sondere aus dem an Dunkelheiten so reichen I. Konvolut, mancherlei
„herauslesen" läßt, was vielleicht nicht drinsteckt. Alle Zitate sind mit
Vorsicht zu genießen. Deshalb legen wir Wert darauf, die Interpretation ¡
nicht von einzelnen „Stellen", sondern vom G a n g d e r P r o b l e m -
e n t w i c k l u n g abhängig zu machen. Die „existenzialistische" Wen-
dung Kants, wenn man von einer solchen sprechen will, ist jedenfalls
die k o n s e q u e n t e D u r c h f ü h r u n g d e r S e l b s t s e t z u n g s -
l e h r e , die ihrerseits wiederum in sachlich-notwendiger Beziehung zum
Kerngedanken der neuen Deduktion, der „ m a t e r í a l e n " E r f a h -
r u n g s a n t i z i p a t i o n steht. Was neu hinzukommt, um die Selbst-
setzung zum „höchsten Standpunkt" der Transzendentalphilosophie zu
führen, ist die E t h i k o t h e o l o g i e : ethischer und theoretischer
AutonomiebegrifF werden verbunden. Uberall zeigt sich dabei das Den-
ken Kants als „ganzheitslogisches": ganzheitlich wird die physikalische
Region, ganzheitlich wird die Wahrnehmungsregion bestimmt. Materie
und Erfahrung sind ein Ganzes; ihre abstrakte Identität wird zur k o n -
k r e t e n mit dem Aufbrechen des eigentlichen Sinnes von „Existenz" in
der menschlichen Person. Dabei erschließt sich jener letzte Z u s a m -
m e n h a n g v o n I d e e u n d E x i s t e n z , der verdeckt auch schon
die Ätherdeduktion bestimmt. Wir haben uns hier auf das Nachlaßwerk
beschränkt; wie weit man seine Gedanken auf das Ganze der kritischen
Philosophie anwenden kann, bleibt fraglich. Dazu müßte jeder Begriff
auf die früheren Schriften Kants bezogen und genau verglichen werden.
Um so wichtiger ist es für uns, zum Schluß noch einmal auf die Inter-
pretation H e y s e s hinzuweisen — jetzt nicht in der älteren Fassung
(von 1927), die wir eingangs berücksichtigten, sondern in der neueren:
in weitestem Rahmen hat Heyse hier die These zu erhärten gesucht, daß
Idee und Existenz „nicht getrennt, sondern in der Tiefe verbunden"
sind, daß Idee ein existenzielles Prinzip, die Form „wahren Existierens"
ist19. Diese, ursprünglich an Plato und Kant erschaute These wird her-

18
Heyse, Idee und Existenz, 1935, S. 76, 78, 80.

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[330] Ganzheitsbegriff und Weltidee 271

nach wiederum auf Kant angewandt: die „neue Haltung" Kants sei die,
nicht mehr das Christentum (das im Zeichen einer radikalen T r e n -
n u n g von Idee und Existenz steht), sondern „ d e r A b s i c h t n a c h
die Idee der Philosophie als die letzte entscheidende Instanz der Konsti-
tuierung des menschlichen Existenzbewußtseins und der menschlichen
Existenz zu begründen" 19 . Kant sei dabei über eine bloße Säkularisie-
rung christlicher Motive hinausgelangt, wenn er auch den neuen Begriff
der Philosophie nur „vorbereitet". Die Kantische Vorbereitung aber be-
steht darin, daß Philosophie begriffen wird „als die Form unseres Exi-
stierens im Ganzen des Seins — als die Form, in der wir uns selbst phy-
sisch und metaphysisch im Ganzen des Seins „erfahren".
Wir finden, daß das Nachlaßwerk gerade in den von Heyse bisher
noch nicht verwerteten Partien (VII. und I. Konvolut) die besten Siche-
rungen dieser Kantauffassung enthält.

10 Heyse, Idee und Existenz in Kants Ethiko-Theologie, a.a.O. S. 116.

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Das philosophische Grundproblem in Kants Nachlaßwerk

In der Kantliteratur nehmen die Arbeiten über das Nachlaßwerk


einen unverhältnismäßig geringen Raum ein. Das hat zwei Gründe,
einen äußeren und einen inneren. Der äußere Grund ist der, daß eine
vollständige Ausgabe des opus postumum bisher nicht vorlag; erst im
vorigen Jahre ist der erste Band des Nachlaßwerkes als Band X X I der
Akademieausgabe erschienen (Konvolut I—VI). Der von R. Reicke
1882—1884 in Band 19—21 der Altpreußischen Monatsschrift ver-
öffentlichte Text ist unvollständig (es fehlen die Konvolute IV, VI,
VIII, X I I I ; die anderen Konvolute sind auch nicht vollständig abge-
druckt, sondern enthalten zahlreiche Auslassungen), unzuverlässig (wich-
tige Partien, insbesondere aus den Konvoluten X und XI, hat sich Reicke
durch Arnoidts „Stilisierung" verderben lassen) und schwer zugänglich:
die Altpreußisdie Monatsschrift, ohnedies nicht der geeignete Platz für
eine Erstveröffentlichung von Kant, hatte einen engen Leserkreis; eine
Separatausgabe wurde nicht veranstaltet1; es ist bezeichnend, daß z.B.
Graf Keyserling, der sich in seinem Jugendwerk systematisch um Kants
Wissenschaft vom „Ubergange" bemüht, die Hefte erst in der Bibliothek
des I Britischen Museums zu Gesicht bekam2. Was A. Krause aus dem
Manuskript abdruckt®, ist zwar hier und da genauer, aber systematisch
ausgewählt und angeordnet. Adickes gibt auf den 855 Seiten seines gro-
ßen Werkes4 sehr viele Zitate, diese aber größtenteils nach der Reicke-
schen Edition mit den darin enthaltenen Fehlern.
Der innere Grund ist der, daß das Nachlaßwerk von vornherein
nicht ganz ernst genommen wurde. Der Hofprediger Schultz, dem Wa-
sianski nach Kants Tode das Manuskript zur Beurteilung übergab, hatte
davon abgeraten, es zu veröffentlichen. Kuno Fischer hat seinen Wert
„bezweifelt", bevor er die Textfragmente Reickes einsah; nachher hat
er leider nichts von seinem Urteil zurückgenommen. Krause galt als

1 Vgl. dazu Reickes Brief an A. Krause (Krause, I. Kant wider Kuno Fischer, 1884,
S. 24).
2 Graf Keyserling, D a s Gefüge der Welt 2 , 1920, S. 18.
3 Vornehmlich in: Das nachgelassene Werk I. Kants (1888); hier bringt Krause
durchgehend auf den linken Seiten Kantischen Text, auf den rechten seine Inter-
pretation.
4 E. Adickes, Kants opus postumum, Berlin 1920.

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[58159] Das philosophische Grundproblem 273

Außenseiter, so daß die Entschiedenheit, mit der er sich f ü r Kants „Haupt-


werk" einsetzte, dem opus postumum auch nicht zur Anerkennung ver-
helfen konnte. Vaihinger — von den offiziellen Kantforschern um die
Jahrhundertwende der einzige, der sich um das Nachlaßwerk kümmerte
— benutzt es im wesentlichen nur zur Stütze seiner Behauptung, daß
Kants Gottesbegriff eine echte Fiktion sei5. Die volle Bedeutung des
Nachlaßwerkes wird erst von Adickes erschlossen: Aufbau, Entstehung
und Verhältnis zu den früheren Werken werden von ihm geklärt. Das
war im Jahre 1920. Es war zu spät, um einer in Stil und Haltung festge-
legten Kantphilologie zu neuem Aufschwung zu verhelfen.
Es klingt anmaßend, zu sagen, daß die bisherige Kantforschung am
opus postumum „gescheitert" sei. Aber es bleibt trotzdem richtig; gerade
audi im Hinblick auf Adickes' eigene Bemühungen um die Interpre-
tation des opus postumum. Die Zwiespältigkeiten, die er bei Kant fest-
stellt: nicht bloß hinsichtlich des Verhältnisses von Transzendentalphilo-
sophie und Religion (I. Konv.), sondern auch in der Lehre von der Selbst-
setzung (VII. Konv.), sind nicht mehr Interpretation, sondern Einge-
ständnis, k e i n e Interpretation geben zu können. Wir werden darauf
noch eingehen. Sehen wir aber von Adickes, dessen Verdienst es immer
bleiben wird, die wissenschaftlichen Voraussetzungen f ü r die Auswer-
tung des Manuskripts geschaffen zu haben, zunächst noch ab, so ist die
Geschichte des Nachlaßwerkes eine Kette von Mißgriffen und Verfeh-
lungen. Entscheidend ist bereits das eine: daß man es überhaupt wagte,
Kantauffassungen vorzulegen, Kant zu be- und verurteilen, den kriti-
schen Ansatz neuzubegründen und weiterzuführen, ohne sich des letzten
authentischen Zeugnisses der kritischen Philosophie, eben des Nachlaß-
werkes, zu vergewissern. Uberzeugt von Kants Unfähigkeit, nach 1800
noch einen klaren Gedanken zu fassen, überließ man die Papiere — die
an Umfang die Kritik der reinen Vernunft übersteigen — dem Zufall.
In den vierziger Jahren galt das Manuskript (nach Schuberts Zeugnis)
allerdings als verloren, schon 1858 aber brachten H a y m und Schubert
Mitteilungen über seinen Inhalt, und seit 1865 war es der Wissenschaft
zugänglich. Als 1891 Bruchstücke einer politischen Schrift von Aristo-
teles auftauchten — man kann audi an die Entdeckung von Spinozas
Traktat de Deo 1862 erinnern —, erregten sie in Fachkreisen größtes
Aufsehen, wurden herausgegeben, über| setzt, erläutert. Kants Nach-
laßwerk, das f ü r das Verständnis der kritischen Philosophie immerhin
wichtiger ist als alle „Losen Blätter" zusammengenommen, erregte nicht
einmal soviel p h i l o l o g i s c h e s Interesse, um eine saubere Ausgabe
herzustellen. Die Selbstverständlichkeit vollends, daß man das Ende
5
H. Vaihinger, Die Philosophie des Als-Ob, 1911, dazu seinen Beitrag in den Straß-
burger Abhandlungen für Zeller, 1884, und jetzt: J. Speri, Neue Aufgaben der
Kantforschung, München 1922, S. 78 ff.

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274 Zur Analyse des N a d i l a ß w e r k e s [59]

des größten deutschen Denkers mit seinen Anfängen verknüpfen muß,


um seine geistige Gestalt als Ganzes zu begreifen, scheint niemand von
den damaligen offiziellen Kantforschern eingefallen zu sein. Das Vor-
urteil, daß Kants Erkrankung6 dem hinterlassenen Werke jede Bedeu-
tung nehmen mußte, konnte noch so plausibel klingen, es entband dodi
nicht von der Verpflichtung, diese Krankheit und ihren mutmaßlichen
Einfluß auf das opus postumum näher zu untersuchen. Außer einem
älteren Aufsatz H. B o h n s über Kants Beziehungen zur Medizin
(Altpreußische Monatsschrift, Bd. IX) gibt es bis heute keine Arbeit über
Kants „Senilität", und keinen Versuch, die senilia des opus postumum
nachzuprüfen. Auf alle Fälle blieb der Schluß von der Senilität auf die
innere Wertlosigkeit des Werkes billige Vulgärpsychologie, gegen die
— wenngleich erfolglos — schon C h a m b e r l a i n protestiert hat7.
Wir haben es hier nur mit der philosophischen Problematik des
Nadilaßwerkes zu tun. Um uns in ihr zurechtzufinden, fragen wir nach
dem G r u n d p r o b l e m , nach dem Punkt, zu dem alle Fäden füh-
ren. In der Literatur hat ähnliches bisher nur F. L ü p s e n versucht;
die anderen Arbeiten stellen sich entweder größere Aufgaben (Krause,
Adickes) oder beschränken sich — wie mehrere Dissertationen aus den
letzten Jahren 8 — auf Teilprobleme. Uberzeugt davon, daß das opus
postumum nicht bloß einen selbständigen Wert für die Beurteilung der
Kantischen Philosophie beanspruchen kann, sondern darüber hinaus „so-
gar eine n e u e E n t w i c k l u n g s s t u f e des Kantischen Systems
darstellt", will Lüpsen das s y s t e m a t i s c h e Grundproblem des
Nadilaßwerkes auffinden. Er sieht es in der Lehre von der Selbstsetzung
des VII. und I. Konvolutes 9 . Aber er glaubt (mit Krause und Vaihinger),
daß diese beiden Konvolute „ziemlich selbständig und unabhängig" von
den übrigen seien (während sachlich das VII. Konvolut die unmittelbare
Fortsetzung des X I . ist). Und dieser Irrtum verschließt ihm wieder das
Verständnis des Ganzen. Dabei ist der Maßstab, den er an Kant anlegt
— derjenige der Marburger Schule — zweifellos „passender" als der von
Adickes in Kant hineingelesene transzendentale Realismus. Trotzdem
6 Es handelt sich bei K a n t aller Wahrscheinlichkeit nach um dementia senilis, nicht
um sogenannte „ S e n i l i t ä t " ; parallel damit geht aber eine — verstehbare — Ä n d e -
rung der Persönlichkeitsstruktur, über die bereits Heller ( K a n t s Persönlichkeit und
Leben, 1924) einiges angedeutet hat. E s ist zu wünschen, d a ß wir endlich eine
P a t h o g r a p h i e K a n t s aus berufener Feder erhalten, — noch mehr, daß wir sie v o n
dem M a n n e erhalten, der Strindbergs, v a n Goghs und — soeben — Nietzsches E r -
krankungen dargestellt h a t : von K . J a s p e r s .
7 Vgl. H . St. C h a m b e r l a i n , Immanuel K a n t 3 , 1916, S. 666.
8 F. L i e n h a r d , D i e Gottesidee in K a n t s o p u s p o s t u m u m , Bern 1923; W. Reinhard,
Ober das Verhältnis v o n Sittlichkeit und Religion bei K a n t unter besonderer Be-
rücksichtigung des opus postumum, Bern 1927.
9 F. Lüpsen, D a s systematische G r u n d p r o b l e m in K a n t s opus postumum. D i e A k a -
demie 1925, H e f t 2, S. 68 und 70.

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[59/60] Das philosophische Grundproblem 275

bleibt audi diese klare und lehrreiche Untersuchung noch mit viel zu
vielen standpunktlichen Voraussetzungen belastet. Es kommt ja doch
immer zuerst auf Kant selber an und nicht auf seine mögliche Beurtei-
lung, oder gar auf die Rechtfertigung gewisser neukantischer Positionen. 10
Um über die bloße Versicherung, diese oder jene Fragestellung ent-
halte das „Grundproblem" des opus postumum, hinauszukommen, ver-
gegenwärtigen wir uns kurz den Aufbau des Werkes in g e n e t i s c h e r
und s a c h l i c h e r Hinsicht. D a ß beides zusammentrifft, wäre kaum
zu erwarten, wenn Kant im opus postumum „fortschreibt ohne fortzu-
schreiten", wie einst Kuno Fischer bestimmt hatte. Tatsächlich aber sind
Kant die Probleme genau in der Aufeinanderfolge zum Bewußtsein ge-
kommen, wie sie systematisch zusammengehören: und das nachzuweisen,
ist die beste „Ehrenrettung" des alten Kant, den man bei dieser Gelegen-
heit auch von dem „Johannistrieb" befreit, womit ihn A d i c k e s gerne
ausstatten möchte.
Ein Jahrzehnt nach dem Erscheinen der Metaphysischen Anfangs-
gründe der Naturwissenschaft finden wir Kant bei der Arbeit am O k -
taventwurf (1796), der ersten Fassung (IV. Konv.) des geplanten Wer-
kes vom „Ubergange". Eine „Lücke" sei noch auszufüllen, heißt es in
Briefen an Garve und Kiesewetter (1798). Am Schluß der Vorrede zur
Kritik der Urteilskraft (1790) hatte Kant dagegen mit einer gewissen
Feierlichkeit erklärt: hiermit endige er sein ganzes „kritisches Geschäft"
und werde „ungesäumt zum Doctrinalen schreiten". Diese Erklärung
wird jetzt hinfällig. Man braucht solche „Erklärungen" gewiß nicht zu
bagatellisieren; aber sie sind für die Öffentlichkeit bestimmt und be-
zwecken etwas; Kants Gedankenproduktion ist von diesen Zwecksetzun-
gen ganz unabhängig 11 . Die „Lücke", die Kant meint, ist auch nicht
eigentlich eine Lücke; die Aufgabe, die er sich stellt, ist formal die gleiche,
die sich schon die Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft
gestellt hatten: Anwendung der Naturmetaphysik auf die Physik —
wenn man so will: Apriorisierung des Empirischen (was aber noch sehr
der Erläuterung bedarf). Die Kritik der reinen Vernunft enthielt ja die
allgemeine Naturmetaphysik, den Grundbestand apriorischer Voraus-
setzungen jeder Naturwissenschaft. Weil sie Kant nicht konkret genug
erscheint, um in der Physik damit etwas anfangen zu können, schreibt
er die Metaphysischen Anfangsgründe: Eine abgesonderte Metaphysik
der körperlichen N a t u r tue der allgemeinen vortreffliche „Dienste", in-

10
Vgl. Lüpsen, a. a. O. S. 113: Das Problem der Selbstsetzung erweise sich als eine
„Vertiefung" der Kantischen Philosophie zur „Philosophie des Ursprungs" im
Sinne Cohens.
11
So erläßt er seine Erklärung gegen Fichte (1799) zu einer Zeit, w o er selbst bereits
Fichte einzuholen beginnt, und nidit lange danach notiert er sich die „Wissenschafts-
lehre" als Titel seines eigenen Systems.

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276 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [60161]

dem sie Beispiele herbeischafft „die Begriffe und Lehrsätze der letzteren
(eigentlich der Transcendentalphilosophie) zu realisiren", heißt es 1786
(IV, 478). Und weil ihm audi die Metaphysischen Anfangsgründe nicht
auszureichen scheinen, um weit genug in die Physik hineinzukommen,
faßt er den Plan der Wissenschaft vom „Übergange", die somit in der
gleichen Linie der R e a l i s i e r u n g d e r Transzendental-
p h i l o s o p h i e liegt, wie die Metaphysischen Anfangsgründe. Nimmt
man hinzu, daß der Begriff des „Überganges" in allen systematischen
Schriften Kants eine Rolle spielt — man denke an die Lehre vom Sche-
matismus und an die Kritik der Urteilskraft —, ja daß das P r o b l e m
des „Uberganges" stets auftritt, wenn eine neue Stufe der Betrachtung
erreicht ist (Kants Denken ist ja von einem eigentümlichen R h y t h -
m u s : I in der ersten Phase konstruktiv, in der zweiten reflexiv, die
Konstruktionsfehler ausbessernd, die „Lücken" schließend, die Wider-
sprüche aufholend, wobei dann neue konstruktive Ansätze hervortreten,
die wieder in der gleichen Weise verarbeitet werden), so kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß das Nachlaßwerk mindestens in der Tendenz
auf eine „echt" kritische Fragestellung gerichtet ist und aus einer solchen
entspringt.
In zwei Richtungen vollzieht sich nun die Entwicklung des neuen
Planes: eine S y s t e m a t i k d e r b e w e g e n d e n K r ä f t e (Ele-
mentarsystem der Materie) und eine Ä t h e r t h e o r i e sollen aufge-
stellt werden. Es wird dabei aus den Metaphysischen Anfangsgründen
der N. W., die Kant nunmehr (objektiv unrichtig) auf die Stufe der
Phoronomie (Materie als das „Bewegliche im Raum") herabdrückt, die
D y n a m i k im engeren Sinne herausgelöst. Der Begriff des Äthers
(Wärmestoff, Wärmematerie, Urstoff), ein Lieblingsbegriff Kants, mit
dem er sich seit der Magisterdissertation de igne (1755) ständig beschäf-
tigt12, erfüllt im Nadilaßwerk eine doppelte Funktion: diejenige eines
B e s c h r e i b u n g s m i t t e l s und diejenige eines A b l e i t u n g s p r i n -
z i p s . Als hypothetischer Stoff mit besonderen Eigenschaften (Impon-
derabilität, Inkoerzibilität, Inkohäsibilität, Inexhaustibilität) soll er
eine Reihe physikalischer Erscheinungen (Erstarrung, Kohäsion, Trop-
fenbildung, Kapillarität, Metallglanz, Magnetismus usw.) unter einen
H u t bringen; Kants Tendenz geht hier durchweg auf eine „energeti-
sche" Beschreibung im Gegensatz zur atomistischen. Aber diese Ver-
suche auf physikalischem Boden sind nicht dasjenige, worauf es Kant
eigentlich ankommt: die Wissenschaft vom Übergange soll nicht mit der
Physik konkurrieren, sondern ihr vorhergehen. So treten denn auch mit
fortschreitender Arbeit die in den frühesten Entwürfen noch vorherr-

12
Vgl. dazu das überaus reichhaltige Material in Adickes' Werk: Kant als Natur-
forscher, Bd. II (1925).

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[61162] Das philosophische Grundproblem 277

sehenden physikalischen Partien mehr und mehr in den Hintergrund:


der Äther h y p o t h e s e tritt beim Abschluß des Systems der bewe-
genden Kräfte eine Ä t h e r t h e o r i e gegenüber, die etwas ganz an-
deres bezweckt. Im System der bewegenden Kräfte, das Kant an Hand
der Kategorientafel entwirft, figurierte die ursprünglich-bewegende (le-
bendige) Kraft der „Wärmematerie" als eine unter anderen; mit dem
„Übergange" vom Elementar- zum W e l t system ändert sich die begriff-
liche Bedeutung dieser „Wärmematerie" (des Äthers) vollständig: die
meisten Folioentwürfe schließen ab mit einer Bestimmung des Äthers als
des Fundaments der Einheit der physikalischen „Erfahrung"; jetzt ist
der Äther nicht mehr ein hypothetischer Stoff neben anderen, sondern ein
Ganzheitsprinzip.
„Die uranfänglich bewegende Materien", heißt es im II. Konvolut
(1799, Bd. X X I , S. 223) „setzen einen den ganzen Weltraum durchdrin-
gend erfüllenden Stoff voraus als Bedingung der Möglichkeit der Erfah-
rung der bewegenden Kräfte in diesem Räume, welcher Urstoff nicht als
hypothetischer zur Erklärung der Phänomene ausgedachter sondern ca-
tegorisch a priori erweislicher Stoff für die Vernunft im Übergange von
den metaph. A. Gr. der N. W. zur Physik identisch enthalten ist." Hatte
Kant 1786 erklärt, es sei „überhaupt über den Gesichtskreis unserer
Vernunft gelegen, ursprüngliche Kräfte a priori ihrer Möglichkeit nach
einzusehen" (Bd. IV, S. 534), so scheint er jetzt anderer „Ansicht" gewor-
den zu sein; denn die Ätherdeduktion scheint in der Tat auf die aprio-
rische Erkenntnis einer „ursprünglichen" Kraft gerichtet zu sein. | Aber
man sei hier vorsichtig — mindestens so vorsichtig wie Kant selber. Der
Äther wird postuliert, weil er die letzte Bedingung der „Möglichkeit der
Erfahrung der bewegenden Kräfte" im Räume darstellt; er wird
„a priori anerkannt", weil er die „Basis des Ganzen der Ver-
einigung aller bewegenden Kräfte der Materie" ist, und „gleichsam der
hypostasierte Raum selbst, in dem sich alles bewegt" (Bd. X X I , S. 224).
Vor allem: Kant ist sich des „Befremdlichen" seines „Beweisgrundes"
vollkommen bewußt. Er sieht die Schwierigkeit, die darin liegt, „ein
empirisches Urtheil mit dem Prärogativ eines a priori bestehenden Sat-
zes" auszustatten. Er bemüht sich mit allen Kräften, aus den durch seinen
konstruktiven Ansatz geschaffenen Verwicklungen herauszukommen: in
dieser Reflexion auf den Geltungsbereich der
Ä t h e r d e d u k t i o n — ob sie nämlich auf ein letztes gegenständ-
liches Gebilde oder auf etwas anderes, Ungegenständliches, geht — liegt
die W e n d u n g z u r E r k e n n t n i s t h e o r i e , die Kant jetzt vor-
nimmt. Sie ist schon in den frühesten Entwürfen, ζ. B. im Oktavent-
wurf 13 , angedeutet. Sie ist in den von Kant zur Abschrift bestimmten,

13 Vgl. Bd. X X I , S. 411.

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278 Zur Analyse des NachlaßWerkes [62/63]

also wohl als fertig formuliert betrachteten Teilen (V. und XII. Konvo-
lut) in extenso aufgezeigt. Sie wird dann, in den späteren Konvoluten,
immer mehr vertieft: die Deduktion des Ä t h e r s führt auf das Pro-
blem der transzendentalen Deduktion der K a t e g o r i e n (X./XI.
Konv.); das Kernstück der transzendentalen Deduktion, der Begriff der
t r a n s z e n d e n t a l e n A p p e r z e p t i o n , wird in der Lehre von
der Selbstsetzung (VII. Konv.) gesondert behandelt; die Problematik
der Selbstsetzung wird (im I. Konv.) bis zu den letzten metaphysisch-
religionsphilosophischen Fragen, bis zur Transzendentalphilosophie „in
ihrem höchsten Standpunkt", fortgeführt. Da ist nirgends ein Bruch,
keine Inkonsequenz und kein „Johannistrieb".
Wir fragten nach dem p h i l o s o p h i s c h e n G r u n d p r o b l e m
des opus postumum. Wir finden es nicht in der Ätherhypothese; denn
das ist kein philosophisches, sondern ein naturwissenschaftliches Pro-
blem. Wohl aber finden wir seinen Einsatz in dem Versuch, den Äther
als Ganzheitsprinzip zu deduzieren. Dieser Einsatz kommt zur Entwick-
lung in der „neuen transzendentalen Deduktion": die Konvolute X/XI,
die um die Jahrhundertwende (1799/1800) geschrieben sind, geben in-
dessen audi nur eine ausführlichere Zergliederung des in den vorange-
gangenen Entwürfen Angedeuteten; das „Neue" dieser Deduktion wird
z. B. schon im Abschriftsfragment des XII. Konv. (Bd. XXII, S. 552 f.)
klar hervorgehoben; und umgekehrt verliert Kant bis zu den letzten
Blättern des I. Konvolutes niemals seine naturphilosophischen Absich-
ten und die Äthertheorie aus den Augen. So wenig also das X./XI.
Konvolut einen p r i n z i p i e l l e n Neueinsatz Kants bedeutet, so
sehr stellt es doch schon rein äußerlich und mehr noch in sachlicher Hin-
sicht den s y s t e m a t i s c h e n K e r n des Nadilaßwerkes dar. In
viel geringerem Maße gilt das vom VII. Konvolut, das allerdings einen
nodi stärkeren spekulativen Einschlag auf weist; und das I. Konvolut
zeigt, bei allem Tiefsinn, dodi ein Nachlassen von Kants Geisteskraft,
— hier sind dann wirklich „pathologische" Züge zu entdecken.
Die neue transzendentale Deduktion enthält also das philosophische
Grundproblem des opus postumum: die früheren Entwürfe münden hier,
die späteren gehen davon aus. Wie nach dem Grundproblem des Nach-
laßwerkes, so kann man auch nach dem|jenigen der K r i t i k d e r
r e i n e n V e r n u n f t fragen, und hat es oft genug getan. Man stößt
dann auf die „alte" transzendentale Deduktion, die nach Kants eigenem
Zeugnis, nach der Dauer der darauf verwandten Arbeit, nach sachlichen
Kriterien, und nicht zuletzt nach den geschichtlichen Zusammenhängen
zwischen kritischer und spekulativ-idealistischer Philosophie, den ent-
scheidenden Grundgedanken der Kritik darstellt. Was die sachlichen
Kriterien betrifft, so finden wir sie darin, daß die transzendentale De-
duktion der Kritik die bündigste Vereinigung der drei G r u n d m o t i v e

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[63] Das philosophische Grundproblem 279

des kritischen Philosophierens überhaupt ist; hier kommen sie zum


Schnitt. Wir unterscheiden aber als „Grundmotive": das G e l t u n g s -
motiv, das G r e n z m o t i v und das K o n s t i t u t i o n s m o t i v ; ihre
Synthese bildet die für Kant eigentümliche Form des „ k r i t i s c h e n
Motivs" (bei anderen „kritischen" Philosophen ist das anders)14. Und
im „Resultat" der Deduktion (§ 27 der 2. Auflage) hat Kant diese
„bündigste" Vereinigung auf ihren — „kurzen" — Begriff gebracht:
Transzendentale Deduktion ist Darstellung der reinen Verstandesbe-
griffe als Prinzipien der Möglichkeit der Erfahrung (Geltungsmotiv).
Transzendentale Deduktion ist Darstellung der Prinzipien der Möglich-
keit der Erfahrung als Bestimmung der Erscheinungen (Grenzmotiv).
Transzendentale Deduktion ist Darstellung der Erscheinungen aus dem
Prinzip der ursprünglichen synthetischen Einheit der Apperzeption, „als
der Form des Verstandes in Beziehung auf Raum und Zeit, als ursprüng-
liche Formen der Sinnlichkeit" (Konstitutionsmotiv).
Ohne auf die „Schwierigkeiten" einzugehen, die Kant in der tran-
szendentalen Deduktion fand, auf die Versuche, ihre Bestandteile bzw.
Fassungen zu unterscheiden, und auf ihre „Entwickelbarkeit" als solche
— „man wird", sagt C 1. Β i r ν e η wohl mit Recht14\ „die Verbesse-
rung der Darstellung in der 2. Auflage zugeben, ohne indes Kants Hoff-
nung, daß die Klagen über Schwierigkeit und Dunkelheit nunmehr ver-
stummen müßten, in Erfüllung gegangen zu sehen" — sei hier nur ge-
fragt, was wohl in ihr als „unerledigt" gelten kann, und in welcher
Richtung eine Weiterentwicklung verläuft. Und zwar in doppeltem
Sinne: in welcher Richtung sie verlaufen k a n n oder m u ß , wenn
wir das noch Unerledigte erkannt zu haben glauben, und in welcher
Richtung sie bei K a n t s e l b s t verläuft, — nämlich eben in der
„neuen" Deduktion des Nachlaßwerkes. Das ist zweierlei. Kant könnte
den Sinn der alten Deduktion verändert haben; dann haben wir es mit
einer U m b i l d u n g der kritischen Philosophie überhaupt zu tun. Es
könnte aber auch so sein, daß er wirklich die innere Möglichkeit der
alten Deduktion „entwickelt" und sie somit prinzipiell v o l l e n d e t
hat; und es ist gut, das letztere und nicht das erstere vorauszusetzen.
Jedenfalls ist für die B e u r t e i l u n g des Nachlaßwerkes sinnvoll
nur das eine: ob die neue Fassung der transzendentalen Deduktion in
der Linie der aus der alten Deduktion herausgelesenen „Möglichkeit"
liegt, o d e r n i c h t . Sinnlos ist dagegen jede V e r u r t e i l u n g des
Resultats der neuen Deduktion, die den Ansatz der alten mittrifft: wer
die kritische Philosophie und ihre Grundabsiditen nicht anerkennt, sollte

14
Dazu, sowie zum Begriff des Motivs überhaupt, vgl. meine Geschichte der Nach-
kantisdien Philosophie, Berlin 1931.
,4a
H. Cl. Birven, Immanuel Kants Transzendentale Deduktion, Berlin 1913, S. 5.

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280 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [63/64]

sich nicht mit ihrer I n t e r p r e t a t i o n befassen, — gleichgültig, ob


er oder Kant sachlich im Recht ist. |
Wir wollen versuchen, ob sich die neue Deduktion nicht ebenso auf
einen „kurzen Begriff" bringen läßt wie die alte. Eine leichte Aufgabe
ist das nicht. Die vornehmlich, aber nicht allein, in Betracht kommenden
Konvolute X und X I des Nachlaßwerkes füllen nicht weniger als 262
Seiten (des II. Bandes, X X I I , der Akademieausgabe). Es findet sich aber
nicht etwa auf diesen Seiten eine säuberlich in Paragraphen eingeteilte,
mit Überschriften versehene „Transzendentale Deduktion der Katego-
rien"; es findet sich audi an keiner Stelle die Absicht ausgesprochen, daß
Kant eine solche Deduktion im Sinn hat. Als Ziel wird immer nur die
Begriffsbestimmung der Physik und des „Uberganges" aufgestellt: Was
ist Physik? Wie ist Physik möglich? Was ist Naturwissenschaft über-
haupt? Was ist ein Ubergang? Wie ist der Übergang von den Meta-
physischen Anfangsgründen zur Physik möglich? N u r selten einmal
treten andere Uberschriften auf: Was ist Erfahrung? Was sind synthe-
tische Sätze?
Dennoch behandelt Kant unter diesen Stichworten die Probleme der
transzendentalen Deduktion; und wenn es zuerst scheint, als bewege er
sich im Kreise endloser Wiederholungen, so überzeugt eine aufmerk-
samere Durchsicht bald davon, daß unter der Hülle fast gleichlautender
Formulierungen eine Folge neuer Gedankenansätze hervorbricht, die sich
hernach als ein sinnvolles Ganzes erweist. Wir sehen Kants Philoso-
phieren u n m i t t e l b a r am Werk: es ist das Einzigartige des Nach-
laßwerkes, daß es uns einen solchen Einblick in Kants Schaffen er-
möglicht.
So gefährlich jede voreilige Systematisierung der Fragmente ist, so
unverkennbar ist doch die Einführung gewisser s y s t e m a t i s c h e r
B e g r i f f e , die zwar noch sehr im Flusse sind, aber doch als D o m i -
n a n t e n auftreten, und auch so gekennzeichnet werden müssen. Ein-
geführt werden sie von Kant, um die in den früheren Entwürfen, insbe-
sondere in der Ätherdeduktion, enthaltene Problematik schärfer zu er-
fassen. Der erste dieser neu auftretenden Begriffe ist der der E r s c h e i -
n u n g v o n d e r E r s c h e i n u n g . Der zweite, eng damit zusam-
menhängende Begriff ist der des e m p f i n d b a r e n R a u m e s (spa-
tium sensibile). Der dritte, in mannigfachen Variationen auftretende
Begriff ist der der m a t e r i a l e n Erfahrungsantizipation
(„Erfahrung quoad materiale zu antizipieren"). Der vierte Begriff end-
lich ist derjenige der A k t k o r r e s p o n d e n z d e s O b j e k t s ; er
leitet unmittelbar über zur Lehre von der Selbstsetzung, wie sie das
VII. Konvolut ausführt. Sehen wir uns diese, die Systematik der neuen
Deduktion tragenden Grundbegriffe näher an.
Die „Stufe" im Erscheinungsbegriff, die Kant jetzt entdeckt, versucht

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[64165] Das philosophische Grundproblem 281

er in mehreren Gegensätzen zu beschreiben. Er unterscheidet ζ. B. m e t a -


p h y s i s c h e und p h y s i o l o g i s c h e Erscheinung ( X X I I , 320), d i -
r e k t e Erscheinung und i n d i r e k t e „der Erscheinung der Erschei-
nungen" (327); er spricht von s u b j e k t i v e r Erscheinung, die vor der
o b j e k t i ν en vorhergeht (339), er trennt späterhin, auf dem sehr
wichtigen Halbbogen M des X. Konvoluts, die Erscheinungen v o m
e r s t e n R a n g e als die „reine Anschauung des Mannigfaltigen im
Raum" von der Erscheinung v o m z w e i t e n R a n g e , die eine Er-
scheinung des sich selbst affizierenden Subjekts sein soll. Hier wird
auch die Erscheinung a priori der Erscheinung „ z u m B e h u f d e r
E r f a h r u n g " gegenübergestellt, und in einem Satze das Wesentliche
der ganzen Unterscheidung zum Ausdruck gebracht: „Die Zusammen-
setzung der Warnehmun]gen Erscheinung im Subject zum Behuf der
Erfahrung ist wiederum Erscheinung des so afficirten Subjectes wie es
sich selbst vorstellt also indirect und ist vom zweyten Range Erscheinung
von der Erscheinung der Warnehmungen in Einem Bewustseyn d. i. Er-
scheinung des sich selbst afficirenden Subjects mithin indirect, und der
Synthesis derselben zur Möglichkeit der Erfahrung (die nur Eine ist)"
( X X I I , 367). Hier haben wir alles beisammen und auch den Punkt, von
dem aus die Sichtung vorgenommen wird: das S u b j e k t , welches
einerseits sich selbst affiziert und andererseits affiziert wird. Wo das
Subjekt vom Objekt affiziert wird (XXII, 321), haben wir eine „Er-
scheinung von der Erscheinung", eine Erscheinung vom zweiten Range.
Das sich selbst affizierende Subjekt, das die Erscheinung vom ersten
Range synthetisch produziert, wird von ihr wiederum affiziert, und das
ist dann die Affektion vom „Objekt", die „objektive" Erscheinung: die
aber gleichfalls vom S u b j e k t synthetisch erzeugt wird, — nur eben
jetzt „zum Behuf der Erfahrung". Von Dingen an sich oder gar einer
AfFektion durch Dinge an sich hören wir dagegen gar nichts; das Problem
des Dinges an sich wird erst im VII. Konvolut behandelt. Wir werden
darauf eingehen.
Zunächst der zweite Grundbegriff: der des e m p f i n d b a r e n
R a u m e s . Er tritt nicht erst jetzt auf, sondern begleitet den Äther-
begriff in allen Phasen seiner Entwicklung. Kant will die Wissenschaft
des „Überganges" von den metaphysischen Anfangsgründen der N a t u r -
wissenschaft bzw. von den mathematischen (phoronomischen) Anfangs-
gründen, wie er gerne substituiert, dadurch unterscheiden, daß er in ihr
nicht bei der Materie als Beweglichem im Raum „stehen" bleibt (was
de facto in der Schrift von 1786 ja gar nicht der Fall war), sondern zum
„erweiterten" Begriff der Materie als Beweglichem im Raum, „sofern es
bewegende Kraft hat", übergeht. Seine, schon in der „Dynamik" von
1786 ausgesprochene Abneigung gegen Newtons Verwendung des leeren
Raumes begründet er jetzt so, daß diese Verwendung eben nur phorono-

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282 Zur Analyse des Nachlaß werk.es [65/66]

mischen Sinn hat: der leere Raum ist der d e n k b a r e Raum; e r -


f a h r e n können wir ihn nicht. Ein dynamischer Gebrauch des leeren
Raumes ist unmöglich: „Der leere Raum ist gar kein Object möglicher
Erfahrung weder als eingeschloßener noch als Alles einschließender (end-
licher, unendlicher) leerer Raum" (XXII, 194). Ein in den leeren Raum
hineingedachtes Subjekt bedarf zur möglichen Erfahrung (Wahrneh-
mung) einer ursprünglichen Erfüllung dieses „leeren" Raumes; Äther
(heute: Energie oder unverbindlicher: Feldspannung) ist nötig, damit
Raumwahrnehmung möglich ist. Zu dieser, ziemlich stereotypen, Wen-
dung kommt jedoch jetzt etwas N e u e s , das die „Stufe" im Raum-
begriff erst systematisch verwertbar macht: die Verkoppelung der beiden
„Räume" mit den beiden „Erscheinungen". Der leere Raum ist Erschei-
nung; der empfindbare Raum ist „Erscheinung einer Erscheinung". Der
leere Raum ist bloße Form der Anschauung; der empfindbare Raum ist
ein wirkliches (existierendes) Objekt möglicher Wahrnehmungen (XXII,
332). Und wiederum ist es die S e 1 b s t a f f e k t i ο η des Subjekts, die
die Verbindung zwischen den beiden Räumen herstellt: wie der Ko-
existenz der „objektiven" Raumesinhalte die formale Komposition des
„denkbaren" Raumes vorhergeht, so geht der Affektion durch empirisch
gegebene Gegenstände die Selbstaffektion vorher; der Raum ist Setzung
— was dann im VII. Konvolut näher ausgeführt wird —, und zwar ist
die Setzung als „Extraposition mit der Intusposition des Manigfaltigen
der Anschauung als Erscheinung durch ein Princip der synthetischen
Einheit der Erkenntnis a priori folglich durch transcendentale Prinzipien
verbunden. Das Subject macht sich zum Object" (XXII, 443). |
Der eigentliche Sinn der Verdoppelung des Raum- und Erscheinungs-
begriffes, die Kant im Nachlaßwerk vornimmt, tritt nun in den anderen
beiden Grundbegriffen der neuen transendentalen Deduktion klar zu-
tage. Materiale Erfahrungsantizipation und Aktkorrespondenz des
Objekts gehören so zusammen, daß die letztere gewissermaßen den
Nerv der ersteren bildet. Wir wollen also von ihr ausgehen und sie nodi
kürzer als K o r r e s p o n d e n z p r i n z i p bezeichnen. Bewegende Kräfte
und Wahrnehmungen korrespondieren einander, — „bewegende Kräfte",
die den Gegenstand der Physik bilden, sind es ja auch, durch
die das sich bewegende S u b j e k t auf andere Körper wirkt; erfährt es
von hier G e g e n w i r k u n g e n , so sprechen wir von Wahrnehmungen.
Das Subjekt, das diese Wahrnehmungen zur Einheit der Erfahrung
„zusammenstellt" — in der Sprache der Prolegomena: Wahrnehmungs-
urteile in Erfahrungsurteile verwandelt — muß also, nach dem Kor-
respondenzprinzip, auch seine eigenen bewegenden Kräfte objektivieren.
„Nur dadurch, daß das Subject sich seiner bewegenden Kräfte (zu agi-
ren) und da in dem Verhältnisse dieser Bewegung alles wechselseitig ist,
gleich stark auf sich Gegenwirkung warzunehmen [bewußt wird] . . .

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[66/67] Das philosophische Grundproblem 283

werden die entgegenwirkende bewegende Kräfte der Materie antici-


p i r t . . . " (XXII, 506). Das Subjekt agiert; seinem Akt korrespondiert
ein „Gegenact des Objects" (XXII, 493); daraus erwächst die Wahrneh-
mung des „Gegenstandes", die — als „Receptivität" — somit eine „rela-
tive Spontaneität" voraussetzt, indirekt Wahrnehmungen in sich selbst
wirken zu können. Diese „Möglichkeit" ist es, die im Begriffe der m a -
t e r i a l e n E r f a h r u n g s a n t i z i p a t i o n herausgestellt wird.
Die alte Deduktion enthielt zwei bemerkenswerte R e s t r i k t i o -
n e n : durch die Kategorien ist Erfahrung nur der „Form" des Denkens
nach möglich; empirische Gesetze lassen sich nicht vom reinen Verstände
ableiten. Die neue Deduktion scheint diese Restriktionen aufzuheben.
„In Ansehung der Materie und ihrer das Subject äußerlich afficirenden
mithin b e w e g e n d e n Kräfte sind die Warnehmungen selbst an sich
bewegende Kräfte mit der Rückwirkung (reactio) verbunden und der
Verstand a η t i c i ρ i r t die Warnehmungen nach den einzig möglichen
Formen der Bewegung — Anziehung, Abstoßung, Einschließung (Um-
gebung) und Durchdringung. — So erhellet die Möglichkeit ein System
empirischer Vorstellungen a priori zu errichten was sonst unmöglich zu
seyn schien und die Erfahrung quoad, materiale zu a η t i c i ρ i r e η"
(XXII, 502). Nicht empirische Vorstellungen sollen a priori erkannt
werden, sondern die Möglichkeit ihres „Systems", nicht inhaltlich sollen
die Wahrnehmungen antizipiert werden, sondern nach ihren „einzig
möglichen Formen": bleibt also nicht die erste Restriktion der alten De-
duktion i n t a k t ? Was bedeutet dann aber die Bezeichnung „quoad
materiale"? Zunächst: Antizipation ist Prädetermination
(XXII, 337), und prädeterminiert sind die „Erscheinungen der bewe-
genden Kräfte" als „Data der Sinnenvorstellung" (XXII, 329). Diese
(Erscheinungen) werden a priori e r k a n n t , noch ehe die bewegenden
Kräfte selbst g e k a n n t und als besondere Kräfte a n e r k a n n t
sind (XXII, 329). Denn nach dem Korrespondenzprinzip sind sie ja
nichts anderes als die Erscheinungen dessen, was das Subjekt selbst tut,
indem es sich auf Grund der, durch seine Akte ausgelösten, Gegenakte
des Objekts selbst affiziert. Kommen wir damit aber über die S u b j e k -
t i v i t ä t solcher Wahrnehmungsantizipation „quoad materiale" hin-
aus? Kant wirft die Frage auf und beantwortet sie: dem Materialen nach
enthält der Wahrnehmungsgegenstand sicherlich nur ein fragmentarisches
Aggregat („Gewühl", wie es in der Kritik hieß), „dem Formalen nach
aber | als zur Einheit der Erfahrung gehörend... ein Princip, welches
jenes Subjective objectiv darstellt und a priori erkennbar ist" (XXII,
349). Das in der Erscheinung „Vorhandene" zur E r f a h r u n g zu er-
heben, — das ist die Leistung der Physik (XXII, 359). Physik ist mög-
lich — so können wir das Prinzip der neuen Deduktion fassen —, weil
das erkennende Subjekt zugleich k o n k r e t e s Subjekt und als sol-

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284 Zur Analyse des Nachlaßwerkes 167]

ches im Besitze agierender Kräfte ist, deren Gegenwirkung es in der


Wahrnehmung erfaßt: Wahrnehmung enthält eben, wie es Kant einmal
formuliert ( X X I I , 487), nicht bloß Anschauung, sondern audi bewegende
Kräfte. U n d physikalische Erkenntnis ist nichts anderes als die O b j e k -
t i v i e r u n g dieser konkreten Selbsterfassung, auf Grund der, alle
Objektivierung ermöglichenden, Kategorialfunktionen. Die bewegenden
Kräfte sind aus der Wahrnehmung „abzuleiten", weil Wahrnehmung
die „empirische Vorstellung" ist, „wodurch das Subject sich selbst in der
Anschauung a priori afficirt und sich selbst zum Gegenstande... macht" :
W a h r n e h m u n g ist i n t e g r i e r e n d e s M o m e n t der S e l b s t -
vergegenständlichung.
Das ist der Grundgedanke der neuen Deduktion. Was wird dann
aber aus dem „Dinge an sich", auf welches der Realismus die Wahrneh-
mung unmittelbar (als naiver) oder mittelbar (als kritischer Realismus)
beziehen zu müssen glaubt? Im VII. Konvolut ist Kant dieser Frage aus-
führlich nachgegangen; alle Bogen dieses Konvoluts tragen aber die Sig-
natur: Beylage, was den Charakter dieser Reflexionen als Z u s ä t z e
(zur transzendentalen Deduktion) schon äußerlich kennzeichnet. Das
Ding an sich ist jedenfalls eines n i c h t : Objekt. Es ist Beziehung,
Position, Pendant, Korrelat, negativer Standpunkt, — eine Bestim-
mung des S u b j e k t s , die eigene Tätigkeit als n i c h t - eigene vor-
zustellen. „Raum und Zeit sind Producte (aber primitive Producte) un-
serer eigenen Einbildungskraft mithin selbst geschaffene Anschauungen
indem das Subject sich selbst afficirt und dadurch Erscheinung nicht
Sache an sich ist. Das Materiale — das Ding an sich — ist = χ ist die
bloße Vorstellung seiner eigenen Thätigkeit" ( X X I I , 37). Natürlich
könnte man konjizieren: der eigenen Tätigkeit, bestimmt durch primäre
Ding-an-sich-Affektion (wie A d i c k e s es tut). Man muß nur sehen,
daß solche „realistischen" Konjekturen nicht in der Linie der Kantischen
Begriffsbildung liegen. Kant will an der Erscheinung alles herausheben,
was direkt oder indirekt dem S u b j e k t angehört; und seine Leistung
besteht darin, gerade die i n d i r e k t e , „objektive" Erscheinung als
vom (durch sich selbst bestimmten) Subjekt gewirkte nachzuweisen. D a ß
es audi in der ursprünglichen Selbstaffektion noch ein Subjekt f r e m d e s
Moment gibt, — dieses berechtigte Motiv aller objektivistischen Systeme
tritt bei Kant, wie beim spekulativen Idealismus, an ganz anderer Stelle
zu Tage: beim „Übergang" von der erkenntnistheoretischen zur moral-
philosophischen Reflexion. Hier erst wird die Frage sinnvoll: ob und
inwieweit der „transzendentale Solipsismus" 15 ergänzungsbedürftig ist.
Darauf ist noch kurz einzugehen. |

15
M a n wird bei zahlreidien Stellen des Nachlaßwerkes an dasjenige erinnert, was
Husserl „transzendentalen Solipsismus" nennt. Es ist das einer der Punkte (der

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[68] Das philosophische Grundproblem 285

Das späteste (I.) Konvolut des Nachlaßwerkes zeichnet sich vor den
übrigen durch die Erörterung religions- und moralphilosophischer Pro-
bleme aus, sowie durch das fast qualvolle Bemühen, in unzähligen Defi-
nitionsversuchen einen abschließenden Begriff der Transzendentalphilo-
sophie zu erarbeiten. Der E i n s a t z dieser Problematik gehört jedoch
schon dem VII. Konvolut an: hier (V. Bogen, Beylage V) tritt die
„Selbstsetzung" zuerst unter den Doppelaspekt der moralisch-prakti-
schen und „technisch-praktischen" Selbstbestimmung. D a ß Kant von
technisch-praktischer an Stelle der reinen Vernunft spricht, zeigt wohl
am deutlichsten die inzwischen erfolgte Aufnahme des P r i m a t - Be-
griffes, der — als Motiv — in den drei Motiven der (alten und neuen)
Deduktion nicht enthalten ist, aber zum Ganzen der kritischen Philo-
sophie gehört. „Maximum" der technisch-praktischen Vernunft ist die
Idee der W e l t , „Maximum" der moralisch-praktischen Vernunft die
Idee G o t t e s . Die Ineinssetzung (Synthesis) beider Ideen erfolgt
durch das Subjekt als P e r s o n : die Lehre von der Selbstsetzung mün-
det also in eine Lehre von der Person. Doch sind die Ideen Gott und Welt
nicht koordiniert, sondern diese ist jener untergeordnet: in Gott leben,
weben und sind wir ( X X I I , 62). Und ebenso ist die Person des Menschen
der göttlichen nicht koordiniert, sondern untergeordnet: Gott hat nur
Rechte, keine Pflichten; der Mensch hat Rechte und Pflichten, und Gott
ist es, der ihn im kategorischen Imperativ verpflichtet. Der kategorische
Imperativ ist Gottes „Stimme"; er ist der „Act eines Göttlichen Wesens
als einer Person" (XXII, 64; X X I , 42). Eben aus dieser E n d l i c h -
k e i t der menschlichen Person folgt die Inkongruenz von Dasein und
Begriff, Welt und Erscheinung. Welt, so heißt es an einer Stelle des I.
Konvoluts ( X X I , 39), ist die „Existenz... der Dinge ausser uns". Und an
einer anderen (XXI, 87): das „Daseyn, gewesen seyn und seyn werden
gehört z u r . . . Welt. Was nur lediglich im Begriffe gedacht wird gehört
zu den Erscheinungen." So begrenzt sich in der Ideenlehre der „transzen-
dentale Solipsismus" zur Erscheinungslehre (Phänomenologie) und er-
fährt die f ü r eine materiale Ontologie erforderlichen Einschränkungen.
Als W i s s e n s c h a f t freilich ist eine solche materiale Ontologie nach
Kant jetzt wie früher undurchführbar; reine Wissenschaft ist und bleibt
nur die Transzendentalphilosophie — auf ihrem „höchsten Standpunkt",
wo sie die Positionen der Ideenlehre in sich einbezieht.

Weltbegriff ist der andere), an denen sich das opus postumum als für die G e g e n -
w a r t s p h i l o s o p h i e bedeutsam erweist. Wir können hier darauf nicht näher
eingehen. Es darf aber angedeutet werden, daß die im VII. Konvolut aufgestellten
Stufen der „Selbstsetzung": die l o g i s c h e Selbstsetzung, die m e t a p h y s i -
s c h e Setzung von Raum und Zeit als Modi der Selbstaffektion, die t r a n s z e n -
d e n t a l e Begründung der Erscheinungen, den „transzendentalen Solipsismus"
sogar in seinem Ansatz: der Idee einer „solipsistisdien Logik", antizipieren.

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286 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [68/69]

Ohne weiter auf die „anthropologische Wendung" des I. Konvoluts


einzugehen, fragen wir nodi kurz nach dem Verhältnis der neuen De-
duktion zur alten, und nach der „richtigen" I n t e r p r e t a t i o n der
neuen Deduktion. Die letzte Frage könnte durch unsere Ausführungen
erledigt sein, wenn nicht eben hier der Abstand zu A d i c k e s ' Be-
mühungen allzu deutlich würde. Wir müssen also sehen, ob die scharfe
V e r u r t e i l u n g , die die neue Deduktion bei Adickes erfährt, und
die ja durch eine sehr viel umfangreichere Textanalyse, als wir sie hier
geben konnten, gesichert zu sein scheint, nicht doch vielleicht an falschen
Voraussetzungen hängt. |
Was das erste betrifft, so unterliegt es wohl keinem Zweifel, daß in
der neuen Deduktion die Motive der alten w i e d e r k e h r e n , und
daß sie in ihr w e i t e r e n t w i c k e l t werden. Das G r e n z m o t i v ,
wonach alle Erkenntnis auf Erscheinungen geht, und es von Dingen an
sich keine Erkenntnis gibt, kehrt wieder in der Form, daß der Erschei-
nungsbegriff verdoppelt und somit in den vorher als gleichartig behan-
delten Erscheinungsbereich eine neue, sekundäre Begrenzung hineinge-
tragen wird. Das G e l t u n g s m o t i v , in dem die kritische Grund-
frage nach der Möglichkeit synthetischer Urteile a priori wurzelt, kehrt
wieder in der Gestalt, daß nach der apriorischen Bestimmung der bewe-
genden Kräfte als Gegenstand physikalischer Erkenntnis gefragt wird: Ist
der Zusammenhang dieser Kräfte ein bloß zufälliger, oder ist er ein not-
wendiger, mithin a priori bestimmbarer? Audi hier aber handelt es sich
um eine „Stufe" im Geltungsbegriff: denn notwendig ist er eben für ein
ihn e r f a h r e n d e s Subjekt, nicht für ein Bewußtsein überhaupt, das
außerhalb des Wirkungszusammenhanges von Akten und korrespondie-
renden Gegenakten stände. Das K o n s t i t u t i o n s m o t i v , das alle
Erfahrungsanalysen der Kritik beherrscht, wird in der Richtung weiter-
entwickelt, daß jetzt gezeigt werden soll, wie nicht bloß die Erscheinung
(in Raum und Zeit), sondern auch die das empirische Subjekt affizierende
„objektive" Erscheinung vom Subjekt konstituiert ist. In allen drei Fäl-
len besteht die Motiventwicklung in f o r t s c h r e i t e n d e r g e d a n k -
l i c h e r D i f f e r e n z i e r u n g : die neue Deduktion ist gewisser-
maßen ein der alten aufgesetztes neues Stockwerk, in welchem alle Türen
und Fenster verdoppelt sind.
Was das zweite, die richtige Interpretation der neuen transzenden-
talen Deduktion, betrifft, so ist sie sicherlich dann am besten gewähr-
leistet, wenn es gelingt, mit Kants eigenen Begriffen auszukommen bzw.
sich genau in der Linie von Kants Gedankenentwicklung zu halten. Die
Auslegung wird um so fragwürdiger, je mehr u n k a n t i s c h e Be-
griffe sie verwendet. Die von E. A d i c k e s gegebene Darstellung der
neuen Deduktion beansprucht allerdings, alle Einzelschritte Kants genau
wiederzugeben (das geschieht auf nicht weniger als 127 Seiten). Sie ist

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[69 ¡70] Das philosophische Grundproblem 287

sich aber bewußt, die „neue Lehre", die bei Kant „zum Teil nur in nebel-
haften Umrissen" auftrete, mit „hypothetischen Ergänzungen" verse-
hen zu haben16; man darf sich also nicht wundern, bei Adickes eine
Menge von Gliedern und Distinktionen anzutreffen, die nicht auf Kants
Boden zu finden sind. Einen „kurzen Begriff" der neuen Deduktion will
auch Adickes geben. Er tut es gleich eingangs mit den Worten: „Kant
behauptet nunmehr, daß unsere synthetischen Bewußtseinsfunktionen
als transzendentale Bedingungen nicht nur das O b j e k t - S e i n
ü b e r h a u p t , d.h. die Vereinigung der bewegenden Kräfte zu Kräf-
tekomplexen bzw. die Vergegenständlichung der Empfindungen bestim-
men, sondern auch das S o - S e i n der Kräftekomplexe bzw. Erfah-
rungsgegenstände, d. h. ihre Ausstattung mit gewissen allgemeinsten ma-
teriellen Eigenschaften."17 An dieser Gegenüberstellung von Objekt-
Sein und Sosein der Erfahrungsgegenstände und an der Auffassung,
Kant hätte eine apriorische Bestimmung des Soseins der Objekte zu
geben versucht, hält er audi weiterhin fest (vgl. S. 313, 338), — und von
hier aus bestimmt sich seine K r i t i k : das Objektsein mag auf den
synthetischen Bewußtseinsfunktionen beruhen, das Sosein der Objekte
kann niemals darauf beruhen (355). Denn in den | bewegenden Kräften,
ihren Eigenschaften und der Art ihres Wirkens „stellen sich dem Ich an
sich dodi die inneren Beziehungen der räum- und zeitlosen D i n g e a n
s i c h dar" (352). Da Kant etwas „außerhalb des Bereichs der Wahr-
scheinlichkeit und sogar der Möglichkeit" Liegendes erstrebt habe, so
muß sich das Gebäude der neuen transzendentalen Deduktion als „un-
haltbares Kartenhaus" erweisen: Willkür und Künstelei seien die Signa-
tur derartiger apriorischer Systematisierungsversuche (355, 362). Ja,
Adickes geht so weit, bereits hier Kants Geisteskraft in Zweifel zu zie-
hen: kritische Besonnenheit und Widerstandsfähigkeit gegenüber schein-
bar blendenden Einfällen des Augenblicks seien ihm abhanden gekom-
men (351).
Eine schärfere Verurteilung der neuen Deduktion ist kaum möglich.
Dabei springt das eine sogleich in die Augen: daß Kant nirgends
lehrt, im Zusammenwirken der bewegenden Kräfte stellten sich die
„Dinge an sich" dem „Ich an sich" dar. Kant spricht weder vom Ich „an
sich" noch von „den" Dingen an sich. Er spricht, wie angedeutet, hernach
im VII. Konvolut vom Ding an sich als B e z i e h u n g (des Objekts
zum Subjekt), — eine unbefangene Interpretation hätte diese Bestim-
mung immerhin schon hier herangezogen. Nodi mehr: der supponierte
Gegensatz von Objekt-Sein und Sosein ist so unkantisch wie möglich.
Sosein ist ein ontologisdier Terminus, der die Eigenschaften eines Seien-

16
Adickes, a. a. O . S. 310.
17
A. a. O. S. 238.

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288 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [70]

den bezeichnet; was aber das Seiende als „Dasein" für Kant bedeutet,
erweist das I. Konvolut: daß es Sein in der „Welt" ist und als solches
zur I d e e n l e h r e gehört. Aber auch abgesehen davon ist klar, daß
für Kant die von Adickes als „Sosein" bezeichneten „allgemeinsten
materiellen Eigenschaften" der Erfahrungsgegenstände formale
Eigenschaften, „Bewegungsformen", und keine Qualitäten, sind, die
audi für Kant immer nur „gegeben" sein können. Gerade darin besteht
ja das „Neue" der neuen Deduktion, daß in den A k t formen des wahr-
nehmenden Subjekts bereits die Reaktionsformen enthalten, mithin
die letzteren aus den ersteren ableitbar sind. Wenn Adickes endlich
den Einwand voreiliger und unbesonnener „Apriorisierung" physikali-
scher Erfahrungen immer von neuem gegen Kant erhebt und Kants Stre-
ben nach Apriorität (im op. post.) „als unnütze, weil ergebnislose Zeit-
und Kraftvergeudung" verurteilt (S. 362), so scheint ihm der Sinn des
Kantischen Erfahrungsbegrifïes ganz verlorengegangen zu sein: wie die
Kategorien keine Reflexionsbegriffe, sondern Konstituentien der Erfah-
rung sind, so sind auch die bewegenden Kräfte keine Abstraktionen,
Generalisationen, empirischen Verallgemeinerungen, sondern dasjenige,
was alle Generalisation, Induktion und alle Experimente e r m ö g -
l i c h t . Physik treiben kann man nur als Physiker, d. h. als mit Wahr-
nehmungen ausgestattetes agierendes Subjekt. Was wir in der Theorie
aufzustellen suchen, die Systematik der bewegenden Kräfte, das eben ist
uns in der physikalischen „Erfahrung" vorgegeben, — wobei selbstver-
ständlich eine Differenz zwischen unserer „Erfahrung" und unserer
R e f l e x i o n darüber besteht; sonst gäbe es keine Geschichte der phy-
sikalischen Erkenntnis, und überhaupt kein Erkenntnisproblem.
Diese Bemerkungen bezweckten keine „Widerlegung" der Adickes-
schen Interpretation; dazu bedürfte es einer ausführlicheren Berücksich-
tigung seiner Einwände gegen Kant. Sie sollen nur davor warnen, sich
durch die einzige bisher vorliegende Darstellung der Gedankengänge der
neuen Deduktion mit Vorurteilen gegen Kants Alterswerk erfüllen zu
lassen, die am Ende doch nichts weiter sind als — Vorurteile.

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Die Technik der Natur

Durch die Veröffentlichung des Nadilaßwerkes Kants in der Akade-


mieausgabe (Band X X I / X X I I ) ist die Kantforschung vor neue Auf-
gaben gestellt. Die wichtigste dieser Aufgaben ist der Nachweis der ge-
danklichen Zusammenhänge zwischen Nachlaßwerk und früheren Kan-
tischen Schriften, insbesondere der K r i t i k d e r U r t e i l s k r a f t .
Gelingt es, die im Opus postumum projektierte Wissenschaft vom „Uber-
gange" — nämlich dem Ubergange von der Naturmetaphysik zur
Physik — systematisch auf die Kritik der Urteilskraft zu beziehen, so
tritt nicht bloß die letzte Phase von Kants Denken, sondern auch seine
ganze Philosophie in ein neues Licht. Kants Bemühungen um ein Ele-
mentarsystem der Materie, um den Ätherbegriff, um eine Ableitung der
bewegenden Kräfte aus den Akten des sich selbst konstituierenden Sub-
jekts werden dann verständlich als Versuch, den Ganzheitsbegriff der
Kritik der Urteilskraft weiter auszubauen und auch die Physik unter
dem Gesichtspunkt reflektierender Urteilskraft zu betrachten. Es zeigt
sich dann im Hintergrunde beider Werke, der Kritik der Urteilskraft
und des Nadilaßwerkes, die Idee einer K r i t i k d e r t e c h n i s c h e n
V e r n u n f t , die Kant nidit in gleicher Weise ausgeführt hat wie die
Kritik der theoretischen und der praktischen Vernunft, die aber den
Zusammenhang der Grundgedanken des Kritizismus erst voll sichtbar
macht.
Das sind weite Perspektiven der Kant-Interpretation, und man wird
nicht erwarten, sogleich Zustimmung zu finden. Es soll sich audi hier
nicht um die Angabe eines solchen Programms handeln, sondern nur um
einige Begriffe Kants, die allerdings, wenn man sie systematisch verbin-
det, in die angegebene Richtung weisen.
Das Nachlaßwerk beschäftigt sich vornehmlich mit physikalischen,
die Kritik der Urteilskraft mit ästhetischen und biologischen Fragen.
Und wenn es auch eine „organische" Physik ist, die das Nadilaßwerk
durch Einführung des Ätherbegriffs als eines physikalischen Ganzheits-
prinzips zu begründen sucht, so wird man doch nicht erwarten, daß Kant
biologische Bestimmungen auf die Physik überträgt. Das ist audi nicht
der Fall. Das Gemeinsame der Naturteleologie der Kritik der Urteils-
kraft und der „Ubergangswissenschaft" des Nadilaßwerkes liegt tiefer
und läßt sich nur finden von einem Begriffe aus, der von vornherein dazu

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290 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [212]

bestimmt war, die g a n z e Natur — nicht bloß die Lebewelt — zu


umfassen: dem Begriffe der T e c h n i k d e r N a t u r .
Dieser Begriff ist allerdings ein teleologischer: die Technik der Natur
ist die Darstellung der „Idee der gesamten Natur als eines Systems
nach der Regel der Zwecke". Aber Kants Naturteleologie ist sehr merk-
würdig. Keineswegs wird in ihr das Vorhandensein realer Zwecke in
der Natur behauptet. Solche realen Naturzwecke werden sogar geleug-
net, und wie in der Ästhetik lehrt Kant audi in der Naturteleologie eine
„Zweckmäßigkeit ohne Zweck", die G o e t h e so gut gefallen hat, daß
er schreiben konnte: „Es ist ein grenzenloses Verdienst unseres alten
K a n t , . . . daß er in seiner Kritik der Urteilskraft K u n s t und N a -
t u r nebeneinanderstellt und beiden das Redit zugesteht: aus großen
Prinzipien zwecklos zu handeln." 1
Kant unterscheidet auch ausdrücklich von einer sog. „absichtlichen"
Naturtechnik die unabsichtliche tedmica naturalis und behauptet von
der letzteren, daß sie ganz mit dem Mechanismus zusammenfällt, wäh-
rend bei der ersteren die anscheinende „Absichtlichkeit" nur daher rührt,
daß wir keinen anschauenden Verstand haben und uns daher den inneren
Bau der Lebewesen nicht vorstellen, sondern nur an Hand unserer eige-
nen Zwecksetzungen per analogiam begreiflich machen können. Das
m ü s s e n wir allerdings, in Ermangelung eines solchen anschauenden
Verstandes, tun. Für die biologische Forschung ist mithin die Annahme
einer „Kausalität nach Endursachen" unentbehrlich.
Bei der Aufarbeitung der Grundbegriffe des Nachlaßwerkes stößt
man nun auf einen Begriff, den Kant früher nicht verwendet hat: den
der t e c h n i s c h - p r a k t i s c h e n V e r n u n f t . Er weist zurück
auf die „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten" (1785), in der Kant
dem kategorischen Imperativ eine Gruppe „hypothetischer" oder „pro-
blematischer" Imperative voranstellt, die er in t e c h n i s c h e und
p r a g m a t i s c h e Imperative einteilt. Technische Imperative sind Ge-
schicklichkeitsregeln. Sie geben an, wie wir verfahren müssen, um eine
theoretische (z.B. mathematische) Erkenntnis anzuwenden (z.B. in der
Feldmeßkunst). Pragmatische Imperative sind Ratschläge der Klugheit,
d. h. Regeln der „Lebenstechnik", nach denen wir unser Leben gestalten
müßten, wenn die (in sich widerspruchsvolle) Idee der Glückseligkeit
realisierbar wäre, und wenn es keine rein moralischen Gebote gäbe.
Nehmen wir beide Gruppen von „Imperativen" zusammen, so
ließe sich ihr Gebiet kurz als t e c h n i s c h e P r a k t i k bezeichnen.
Denn es ist der Ort aller, nicht ausdrücklich von der Moral gebotenen,
menschlichen Handlungen und Zwecksetzungen. In gewissem Sinne
würden auch die moralischen Handlungen zur technischen Praktik ge-

1
Goethe an Zelter 29. Januar 1830.

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[212/213] Die Technik der N a t u r 291

hören, insofern audi sie eine gewisse „Technik" der Anwendung (z.B.
eine Technik der Erziehung und Selbsterziehung) voraussetzen. — Die-
ser technischen Praktik steht nun gegenüber die n a t ü r l i c h e | T e c h -
n i k , als eine nicht vom Menschen geschaffene Technik, deren Idee wir
der Natur „unterlegen".
Ist die technische Praktik b e w u ß t e Zweckverwirklichung, so ist
die natürliche Technik u n b e w u ß t e Zweckdarstellung in der Natur.
Aber es gibt ein Mittleres: die Technik nicht als Können überhaupt, son-
dern als k ü n s t l e r i s c h e s Können, Erzeugung von Kunstwerken.
Die Kunst ist menschliche Schöpfung. Dennoch ist sie „nur schön, wenn
wir uns bewußt sind, sie sei Kunst, und sie uns dodi als Natur aus-
sieht", wenn die Natur es ist, die im Subjekt (dem Genie) „der Kunst die
Regel gibt". Kunstwerke erscheinen als Naturprodukte und organische
Körper als Kunstwerke.
Diese doppelte Analogie des Kunstwerkes mit der technischen Prak-
tik und der natürlichen Technik ist nicht zufällig. Denn was sich in der
Kunst offenbart, ist die schöpferische E i n b i l d u n g s k r a f t , die in
der „bildenden" (plastischen) Kraft der Lebewesen gleichsam ihr objek-
tives Korrelat besitzt, und die auch der eigentlichen „Technik" nicht
fehlt: die menschliche Technik ist ja nicht das, als was sie Kant zumeist
betrachtet, Subsumtionstechnik, sondern sie ist I n v e n t i o n s t e c h -
n i k . Die Erfindung ist der Nerv aller Technik. Nicht die bloße „An-
wendung".
Wir können hier nicht aufzeigen, wie sich dieser eigentümliche Sinn
der Einbildungskraft bei Kant von der Kritik der reinen Vernunft (in
welcher es vom „Schematismus" der Einbildungskraft heißt: Dies sei
eine verborgene K u n s t in der Seele, deren Handgriffe wir der N a -
t u r „schwerlich jemals abrathen... werden") bis zum Nachlaßwerk
nicht bloß erhält, sondern auch weiter entwickelt (im Nachlaßwerk sind
sogar Raum und Zeit „primitive Produkte" unserer Einbildungskraft).
Nur eines ist anzudeuten: der Zusammenhang der „Einbildungskraft"
mit demjenigen, was Kant „reflektierende Urteilskraft" nennt. Die Ur-
teilskraft, allgemein die Fähigkeit, sich der „Regeln" richtig zu bedienen,
ist als reflektierende Urteilskraft s u c h e n d , f i n d e n d und e r -
f i n d e n d . Und dabei vermag sie nichts ohne Einbildungskraft. Ihr
„Geschäft", sagt Kant, besteht darin, „dem Begriffe eine korrespondie-
rende Anschauung zur Seite zu stellen".
Das aber führt uns auf die Wurzel des Zusammenhanges von tech-
nischer Praktik und natürlicher Technik: auf die T e c h n i k d e r
U r t e i l s k r a f t . Dieser wichtige Begriff wird nur an einer Stelle bei
Kant entwickelt: in der nicht von ihm selbst herausgegebenen ersten
Einleitung in die Kritik der Urteilskraft. In dieser Schrift heißt es, daß
wir uns die Natur als „technisch" vorstellen, nur insofern sie mit dem

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292 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [213]

technischen Verfahren unserer Urteilskraft „zusammenstimmt". Also in-


sofern die Natur die nämlichen Züge plastischer, erfindender, zweck-
realisierender Tätigkeit aufweist, die unsere (reflektierende) Urteilskraft
kennzeichnen.
Daß die Natur solche Züge aufweist, überall dort, wo wir von orga-
nisierten Wesen sprechen: von ihrem Verhalten, ihrer ganzheitlichen
Struktur, von der „Organisierung organischer Körper" (z.B. in der
Geschlechtsorganisation), ist nicht abzuleugnen. Das ist aber noch nicht
das ganze Problem einer „Technik der Natur". Dieses umfaßt vielmehr
auch die Klassifikation der Lebewesen: die Fragen der Artverwandt-
schaft, des Ursprungs und der Entwicklung der Arten. Bekanntlich geht
die Kritik der Urteilskraft auch darauf ein. Aus einer „ursprünglichen
Organisation", dem „Mutterschoß der Erde", sollen sich alle Lebensfor-
men epigenetisch entwickelt haben.
Die „absichtliche" Naturtechnik beschränkt sich also nicht auf
„einige Produkte der materiellen Natur", auf die innere Form der Orga-
nismen, sondern erstreckt sich auch auf das Ganze dieser Produkte, auf
die Welt als W e l t o r g a n i s a t i o n . Wie aber bestimmt sich dann
das Verhältnis der Lebewelt zum A n o r g a n i s c h e n , zur Physik?
H a t die Technik der Natur audi eine physikalische Bedeutung? Schon
die Kritik der Urteilskraft bejaht diese Frage, m u ß sie bejahen, da
Kant den Begriff der Naturtechnik von vornherein auf ein allgemeines
logisch-erkenntnistheoretisches Problem zugeschnitten hat: auf das Pro-
blem der G e s e t z m ä ß i g k e i t d e s B e s o n d e r e n . Und mit
„besonderen" Gesetzen hat es ja die Physik genau so zu tun wie die Bio-
logie. Die Mannigfaltigkeit des Empirischen ist so groß, daß wir, um uns
überhaupt zurechtzufinden, etwas voraussetzen müssen, was sich nicht
a priori wissen läßt: daß alles Besondere „systemadäquat" ist, daß die
Natur auch im einzelnen „zu unserem Erkenntnisvermögen zusammen-
stimmt". Es muß also zur N o m o t h e t i k der Natur, zu ihrer Ge-
setzmäßigkeit überhaupt, ein aus unserer Urteilskraft allein stammendes
Prinzip der T e c h n i k der Natur hinzutreten.
Doch kann nicht behauptet werden, daß Kant in der Kritik der
Urteilskraft dem Problem einer Technik der anorganischen Natur nach-
gegangen wäre. Das tut er erst im Nachlaßwerk. Man hat gesagt, Kant
hätte hier den unmöglichen Versuch unternommen, die empirische Phy-
sik zu „apriorisieren". Man hat dabei nicht erkannt, daß alle „Apriorisie-
rungen" des Nachlaßwerkes — das Elementarsystem der bewegenden
Kräfte, der Äther als Strukturprinzip der Materie, die Ableitung der
bewegenden Kräfte aus den Akten des wahrnehmenden Subjekts — in
der Linie der Kritik der Urteilskraft liegen. Daß in ihnen die Natur als
„technisch" dargestellt werden soll. Und daß alle „Darstellung" — der
Terminus Kants hat seine eigene Geschichte — zwar der Erkenntnis

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[213] Die Technik der Natur 293

dient, aber nicht selbst theoretische Erkenntnis ist. Kant unterscheidet


im Nachlaßwerk das formale, subjektive, propädeutische L e h r s y s t e m
der Übergangswissenschaft vom N a t u r s y s t e m der Physik.
Dabei kommt es nun zu einer sehr merkwürdigen Folgerung: zur
Gegenüberstellung zweier „Erscheinungen", der Erscheinungen ersten
und zweiten „Grades". Die letzteren nennt Kant mit Vorliebe „Er-
scheinungen v o n Erscheinungen". U m diese, mit der sog. „Selbstset-
zungslehre" des Nachlaßwerkes zusammenhängende Lehre von der Er-
scheinungsstufung zu verstehen, brauchen wir nur die „Erscheinungen
von Erscheinungen" als t e c h n i s c h e E r s c h e i n u n g e n zu be-
zeichnen. Dann sehen wir, um was es sich handelt.
Die Erscheinungen, das Mannigfaltige in Raum und Zeit, sind „tech-
nisch", insofern sie mit dem technischen Verfahren der reflektierenden
Urteilskraft übereinstimmen. Die Form aller Erscheinungen, den kate-
gorialen Rahmen, gibt der Verstand. Die reflektierende Urteilskraft
sucht den Rahmen für etwas, was immer schon kategorial geformt i s t .
Was ist das für ein „Rahmen"? Es ist die Struktur, welche die Erschei-
nung, das Mannigfaltige in Raum und Zeit, für uns a l s s e l b s t i n
d e r E r s c h e i n u n g b e f i n d l i c h e Subjekte besitzt. Die Erschei-
nung ist subjektiv, indem sie Erscheinung „für uns" ist. Die „Erscheinung
von der Erscheinung" ist das audi, aber sie schließt das Subjekt, dem
etwas „erscheint", zugleich mit ein. Und zwar als ein Subjekt, das sich
in der Erscheinung zurechtfinden will: als t e c h n i s c h - p r a k t i s c h e s
Subjekt. Wären wir bloß erscheinende Wesen, so hätten wir zwar Er-
scheinungen, aber nicht „Erscheinungen von Erscheinungen". Solche Er-
scheinungen gibt es für uns nur, insofern wir in der Erscheinung über-
haupt einen S t a n d o r t haben. Den aber haben wir als psychophy-
sische Subjekte, als Organismen.
So ergibt sich — wir mußten uns ja auf Andeutungen beschränken —
der Ausblick auf eine „technische Regionalität" mit folgenden Bereichen:
der T e c h n i k d e r N a t u r , die als „unabsichtliche" das Elemen-
tarsystem und Weltsystem (Äthertheorie) der Materie, als „absichtliche"
die organisierten Wesen, den Menschen als Lebewesen und die Weltorga-
nisation umfaßt, der t e c h n i s c h - p r a k t i s c h e n Vernunft
als der Region aller praktischen Zwecksetzungen des Menschen, soweit
sie in seiner Zugehörigkeit zur Naturtechnik („Naturanlagen" des Men-
schen) gründen, der t e c h n i s c h e n E r s c h e i n u n g als der durch
die technisch-praktischen „Akte" des Menschen geformten, konstruierten
oder „gesetzten" Erscheinungswirklichkeit und endlich der T e c h n i k
d e s t r a n s z e n d e n t a l e n S u b j e k t s selber als des Verfahrens
jener „Selbstsetzung", durch die wir uns die Erscheinung als technische
oder als „Erscheinung von der Erscheinung" gegenständlich machen.

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294 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [2131214]

Und was man bisher kaum erwartete, scheint sich nach dieser Deu-
tung einiger Begriffe aus Kants letzten Arbeiten aufzudrängen: daß Kant
in der Tat nichts Geringeres vor Augen hatte als eine Philosophie der
Technik, eine Kritik der | technischen Vernunft. Man konnte bisher nur
deshalb nichts Derartiges erwarten, weil man das Nachlaßwerk für ein
nicht vollwertiges, durch Kants „ Senilität" getrübtes Werk ansah, und
die Fäden nicht bemerkte, die es mit der dritten Kritik verbinden.

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Kants Nachlaßwerk und die Kritik der Urteilskraft
Einleitung

Im Nachlaßwerk bezieht sich Kant unmittelbar nur auf eine seiner


Druckschriften: auf die Metaphysischen Anfangsgründe der Naturwis-
senschaft (1786). Der Titel dieser Schrift wird in den Titel des geplanten
Werkes aufgenommen; das Nachlaßwerk untersucht den Übergang von
den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik
(vgl. XXI, 174). Und wenn Kant auch im Nachlaßwerk unter „meta-
physischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft" nicht mehr dasselbe
Versteht wie in der gleichnamigen Schrift1, so fehlt es doch nicht an
Hinweisen auf das Original: mehrfach spricht Kant in Vorrede- und
Einleitungsentwürfen (z.B. XXI, 408, 504, 638; XXI, 512) von seiner
früheren Arbeit, mehrfach zitiert er auch Stellen aus ihr, wobei er die
Seitenangabe freiläßt (vgl. XXI, 257, 263, 271).
Sechs Jahre vor Niederschrift des Oktaventwurfs (XXI, 373 bis 412)
hatte Kant jedoch die Arbeit veröffentlicht, die dazu bestimmt war, sein
ganzes kritisches Geschäft zu beendigen (V, 170): die Kritik der Urteils-
kraft. Da das Nachlaßwerk diesen Abschluß in einem nodi anzugeben-
den Sinne inhibiert, hätte es nahegelegen, mindestens auf Vorrede und
Einleitung zur Kritik der Urteilskraft zurückzugreifen. Aber das ge-
schieht nicht. Es finden sich im opus postumum k e i n e d i r e k t e n
H i n w e i s e auf die Kritik der Urteilskraft.
Gewiß lag dem physikalischen Fragenkreis der früheren Entwürfe
des Nachlaßwerkes die Problematik der Kritik der Urteilskraft fern.
Diese hat es mit ästhetischen, teleologischen, ethikotheologischen und
allgemeinen systematischen Problemen zu tun; das Nachlaßwerk expo-
niert (zunächst nur) die Dynamik der Metaphysischen Anfangsgründe
der Naturwissenschaft: baut sie aus und fügt sie einer umfassenden
Äthertheorie (Lehre vom Wärmestoff) | ein, die sich in der Kritik der
Urteilskraft kaum angedeutet2, geschweige vorbereitet findet.
Sieht man jedoch näher hin, so zeigt sich, daß in den Folioentwürfen
1
Die Sinnverschiebung setzt schon VI 205 f. ein. Vgl. dazu E. Adickes, Kants Opus
Postumum, Berlin 1920, S. 158.
* V 2 2 4 : Farben als Ätherimpulse nach Euler, V 348: Kristallisation durch Ent-
weichen von Wärmestoff.

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296 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [10/11]

Ende der neunziger Jahre, und zwar zuerst im Entwurf A. Elem. Syst.
1—6, den A d i c k es in den Februar-Mai 1799 verlegt, die ursprüng-
liche Thematik des Nachlaßwerkes eine in der Linie der Kritik der
Urteilskraft liegende Erweiterung erfährt: die Begriffe des o r g a n i -
s c h e n K ö r p e r s und der W e l t o r g a n i s a t i o n (XXII, 272:
organisches System der Materie) werden nicht mehr, wie bisher, zurück-
gestellt, sondern ausdrücklich in den Plan des Nachlaßwerkes aufge-
nommen. Der Abschriftentwurf des XII. Konvoluts, der seine Vorlage
in den Bogen VIII—X des V. Konvoluts (Ubergang 9—11, Mai-August
1799) besitzt, stellt sogar die Unterscheidung organischer und unorga-
nischer Naturkörper an die Spitze. Der Titel, organisirter Körper, heißt
es hier (XXII, 548 f.) gehört... zur Classification der Begriffe, die a priori
im Übergange von den metaph. An f . Gr. der NW. zur Physik nicht
übersehen werden können, der Gegenstand mag uns begreiflich seyn
oder nicht.
Liegt in dieser Reflexion auf die „Begreiflichkeit" des organischen
Körpers schon ein indirekter Hinweis auf die Kritik der Urteilskraft,
insbesondere auf die Dialektik der teleologischen Urteilskraft, so zeigt
sich erst recht bei den späteren Entwürfen, daß in ihnen das s y s t e m a -
t i s c h e G r u n d p r o b l e m der Kritik der Urteilskraft wieder auf-
genommen wird. In diesen Entwürfen (Χ., XI., VII., I. Konvolut) wird
nämlich erstens die transzendentale Deduktion der Kritik der reinen Ver-
nunft auf jene „besonderen" Naturgesetze ausgedehnt, die Β 165 als
nicht vollständig ableitbar bezeichnet worden waren, von denen aber die
Kritik der Urteilskraft sagt (V, 180) daß sie, wenn sie Gesetze heißen
sollen (wie es auch der Begriff einer Natur erfordert), aus einem, wenn
gleich uns unbekannten, Princip der Einheit des Mannigfaltigen als
nothwendig angesehen werden müssen. Es wird zweitens der Leit-
gedanke der neuen Deduktion (X./XI. Konvolut), die bewegenden
Kräfte der Materie in ihrer systematischen Verbundenheit aus den Reak-
tionsformen des selbst zur Erscheinung gehörenden Subjekts abzuleiten,
und dieses zur Erscheinung gehörende Subjekt im | Bewußtsein zu kon-
stituieren (Selbstsetzung), in einer Richtung weitergeführt, die schon die
(erste und zweite) Einleitung der Kritik der Urteilskraft angegeben
hatte: in der Richtung einer Anschauung construirenden t e c h n i s c h -
p r a k t i s c h e n V e r n u n f t (XXII, 116). Und es wird drittens die
E t h i k o t h e o l o g i e der Kritik der Urteilskraft dem umfassenden
Rahmen einer I d e e n l e h r e eingefügt (I. Konvolut), in welcher die
drei Ideen: Gott, Mensch, Welt als Maxima das System der Tran-
szendentalphilosophie in einem absoluten Ganzen (XXI, 95)
vollenden.
Diese Problementwicklung des Nachlaßwerkes legt den Gedanken
nahe, ob nicht auch der U r s p r u n g der ganzen Fragestellung eine

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[11/12] Kants Nachlaßwerk 297

Beziehung zur Kritik der Urteilskraft hat. Und das ist in der Tat der
Fall. Der Titel der neuen Wissenschaft als Wissenschaft vom Übergange
von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur
Physik verweist nicht bloß auf die Arbeit von 1786, sondern auch auf
jenen Begriff des Überganges, den Kant in der Kritik der Urteilskraft
bestimmt hatte. Allerdings nicht in materieller Hinsicht. Daß von der
Naturmetaphysik zur Physik ein Übergang erforderlich ist, der noch
einer besonderen philosophischen a priori begründeten Vorarbeit bedürfe
(XXI, 163), — dieser Gedanke des Nachlaßwerkes ist der Kritik der
Urteilskraft noch fremd.
Wohl aber in f o r m a l e r Hinsicht. Das begriffliche Schema des
Ubergangs, das formale Gerüst, übernimmt Kant aus der Schrift von
1790. Der Übergang von den metaphysischen Anfangsgründen zur Phy-
sik wird im Nachlaßwerk analog beschrieben wie der Übergang von den
Naturbegriffen zum Freiheitsbegriff in der Kritik der Urteilskraft. Hier
wie dort ist die Rede von einer Kluft zwischen zwei verschiedenen
Gebieten (V, 175; XXI, 360), von der Eigentümlichkeit des Übergangs,
keinen Platz im System zu haben (V, 416; XXI, 635), usf.
Es ist also zu vermuten, daß bereits der Plan des Nachlaßwerkes
zwei Wurzeln hat: die U b e r g a n g s p r o b l e m a t i k der Kritik der
Urteilskraft und die A n w e n d u n g s p r o b l e m a t i k der Meta-
physischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Denn wenn auch
den Metaphysischen Anfangsgründen die Forderung eines besonderen,
a priori zu begründenden Ubergangs zur Physik ebenso fremd ist wie
der Kritik der Urteilskraft, so stellen doch audi sie sich bereits die Auf-
gabe, durch eine abgesonderte j Metaphysik der körperlichen Natur der
allgemeinen vortreffliche und unentbehrliche Dienste zu tun und
durch Herbeisciiaffung von Beispielen (Fällen in concreto) die Begriffe
und Lehrsätze der letzteren (eigentlich der Transscendentalphilosophie)
zu realisiren (IV 478). Diese Tendenz zur Anwendung ist der kritischen
Philosophie ebenso wesentlich wie die Ubergangstendenz, d. h. das Be-
streben, Gegensätze, die in ihrer ganzen Schärfe hingestellt und auch
beibehalten werden, zu vermitteln 3 . Wir können hier wohl von G r u n d -
m o t i v e n des Kritizismus sprechen. So spielt das Motiv der Anwen-
dung ja bereits in die Definition des Begriffes transzendental hinein,
wenn es A 56 heißt, daß niât eine jede Erkenntnis a priori, sondern
nur die, dadurch wir erkennen, daß und wie gewisse Vorstellungen...
lediglich a priori angewandt werden... transscendental... heißen müsse.
Und das Motiv des Überganges tritt im Schematismuskapitel der Kritik
der reinen Vernunft in Verbindung mit dem Anwendungsmotiv auf,

3
Eben dies ist das p o s i t i v dialektische Moment bei Kant im Untersdiiede von
der Dialektik als „Kritik des dialektisdien Scheins".

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298 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [12/13J

wenn A 138 gesagt wird, daß es ein Drittes geben müsse, was einerseits
mit der Kategorie, andererseits mit der Erscheinung in Gleichartigkeit
stehen muß.
Indessen: Übergang und Anwendung (Realisierung) sind zweierlei.
Die Konzeption des Nachlaßwerkes wird verfehlt, wenn man mit K.
F i s c h e r sagt, die Metaphysik verhält sich zur Physik „wie das Fun-
dament zum Gebäude, wie die Erfahrungsgrundsätze zur Erfahrungs-
erkenntnis" 4 , oder mit A. R i e h l , daß sich das „Wissen a priori" zum
„empirischen" verhalte, wie Logik und Mathematik zu den positiven
Wissenschaften5. Was richtig daran ist, trifft nur die eine Seite des
Ubergangsproblems. Die andere Seite, die Kant in der K r i t i k d e r
U r t e i l s k r a f t hervorgehoben hatte, wird nicht getroffen. Anwen-
dung der Metaphysischen Anfangsgründe (bzw. der Naturmetaphysik)
auf die Physik ist in erster Linie ein Problem der r e f l e k t i e r e n d e n
Urteilskraft; und wenn die Metaphysisdien Anfangsgründe der Natur-
wissenschaft von 1786 davon nodi keine Notiz nehmen, so deshalb,
weil die Unterscheidung von reflektierender und bestimmender Urteils-
kraft erst in der Kritik der | Urteilskraft selbst erarbeitet wird. Im
Nachlaßwerk — das ist die Lücke im System der crit. Philos., von der
Kant in den Briefen an Garve und Kiesewetter spricht (XII, 257, 258) —
findet Kant, daß gerade die Anwendung (nämlich diejenige Anwendung
der Naturmetaphysik auf die Physik, von der die Metaphysischen An-
fangsgründe handelten) Bedenken macht und Schwierigkeiten enthält
(XXI, 526). Denn was die Kritik der Urteilskraft gezeigt hatte, ist eben
dies: daß die besonderen Gesetze der Natur in Ansehung des Verstandes
zufällig sind, daß aber ihre Notwendigkeit dennoch vorausgesetzt wer-
den muß (V, 184).
Die besonderen Naturgesetze sind für die bestimmende Urteilskraft
k o n t i n g e n t . Im Problem der Anwendung stecken zwei Probleme:
das Problem des F o r t s c h r i t t s und der G r e n z e (indem die
Schemate, heißt es A 146, die Kategorien realisiren, restringiren sie
sie zugleich). Man kann sagen, daß die Dynamik des Kantischen Den-
kens von vornherein, d. h. seit der Begründung der transzendentalen
Ästhetik, im Zeichen dieser doppelten Problemstellung steht. Man kann
auch sagen, daß Kant, im Gegensatz zum älteren Rationalismus und
zum jüngeren spekulativen Idealismus, stets das Gewicht des Kontin-
genzproblems gespürt hat, und daß bereits die Unterscheidung von
Verstand und Urteilskraft in der Kritik der reinen Vernunft auf der
U n m ö g l i c h k e i t einer einfachen Subsumtion der Erscheinungen
unter die Kategorien beruht (A 137). Von hier aus gesehen, und nach

4
K. Fischer, Das Streber- und Griindertum in der Literatur, Stuttgart 1884, S. 33.
5
A. Riehl, Der philosophische Kritizismus I 3 , Leipzig 1924, S. 407.

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[13!14] Kants Nachlaßwerk 299

der zentralen Stellung der Analytik der Grundsätze, hätte bereits die
erste Kritik als Kritik der Urteilskraft bezeichnet werden können: 1790
wäre ihr nur noch eine Kritik der reflektierenden Urteilskraft zur Seite
gestellt worden.
Jedenfalls kann das Nachlaßwerk nicht als bloße Fortsetzung und
Weiterführung der metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissen-
schaft betrachtet werden: dieser ganze Fragenkomplex der Urteilskraft,
und der Versuch, das Kontingenzproblem systematisch zu bewältigen6,
steht dazwischen. Die Absicht, ungesäumt zum doctrinalen zu schreiten
(V, 170), hat Kant aufgegeben. Das kritische Geschäft hat er wieder
aufgenommen. Warum? Weil ihn die Absicht, weiter in die Physik
einzudringen als 1786, auf die Unabgeschlossenheit nicht des kritischen
Systems als solchen, | sondern gerade des Systemansatzes der K r i t i k
d e r U r t e i l s k r a f t führte: was hier für die Lehre vom Geschmack
und von den Naturzwecken geltend gemacht wurde, mußte auch auf die
Physik selber Anwendung finden; ein anderer Weg als die (apriorische)
Voraussetzung eines S y s t e m s d e r N a t u r a u c h n a c h e m p i -
r i s c h e n G e s e t z e n (XX 212) stand ja für die Ableitung des Ele-
mentarsystems der bewegenden Kräfte und die Begründung der Äther-
hypothese gar nicht offen. Entweder also ist der ganze Plan des Nach-
laßwerkes ein Rückfall in ein dogmatisches Theoretisieren, oder er steht
von vornherein im Zeichen einer A n w e n d u n g d e r K r i t i k d e r
U r t e i l s k r a f t a u f d i e p h y s i k a l i s c h e R e g i o n . Wenn
das erste, dann hätte sich Kant der entscheidenden Formulierungen sei-
ner dritten Kritik nicht mehr erinnert; sie wären sozusagen spurlos an
ihm vorübergegangen. Wenn das zweite, dann gewinnt mit einem
Schlage der Inhalt des Nachlaßwerkes Einheit und Folgerichtigkeit: Die
Äthertheorie, die neue Deduktion, die Selbstsetzungslehre des VII. Kon-
voluts erscheinen dann als Voraussetzungen jener T e c h n i k d e r
N a t u r , die sich von der theoretischen Gesetzgebung dadurch unter-
scheidet, daß ihr Begriff nicht konstitutive, sondern nur regulative Be-
deutung beansprucht.
Ob sich die Grundgedanken des Nachlaßwerkes in dieser Weise auf
die Kritik der Urteilskraft beziehen lassen, kann nur eine durchgeführte
Textinterpretation zeigen. Diese wird, bei dem Charakter des Nachlaß-
werkes, auf diejenigen Wendungen zu beschränken sein, die für die Pro-
blemen t w i c k l u n g entscheidend sind: auf die Wendung von der
Ätherhypothese zur Ätherdeduktion, vom Elementarsystem zum Welt-
system, von der Ätherdeduktion zur neuen Deduktion des X./XI.
Konvoluts, von der technisdi-praktischen zur moralisch-praktischen Ver-

6
Zum Kontingenzproblem in der Kritik der Urteilskraft vgl. J. Meyer, Kants Philo-
sophie der Lebenserscheinungen, Kantstudien X X X V I , 1/2 (1931), S. 53 u. s.

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300 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [14115J

nunft, von der Selbstsetzungslehre zur Ideenlehre. Es wird aber durch


einen solchen Erweis die Kritik der Urteilskraft selbst n o t w e n d i -
g e r w e i s e m i t g e t r o f f e n . Bisher nahm man an, daß die Kritik
der Urteilskraft den Abschluß der kritischen Grundlegung bedeutet.
Gehören aber die Probleme des Nadilaßwerkes zum Gedankenkreise
der Kritik der Urteilskraft, dann ist die letztere | nur insofern „Ab-
schluß", als sie bereits den O r t f ü r d i e F r a g e n d e s N a d i -
l a ß w e r k e s enthält. Bisher hat man die Kritik der Urteilskraft nur
in ihrem Verhältnisse zu den vorhergehenden Druckschriften Kants,
insbesondere zu den anderen beiden Kritiken bestimmt. Jetzt — nach
Erscheinen der ersten vollständigen Ausgabe des opus postumum — ist
es möglich, nach der E n t w i c k e l b a r k e i t der dritten Kritik zu
fragen. Diese Frage, ohnedies nahegelegt durch das eigentümliche Ver-
hältnis der von Kant zurückgestellten „Ersten Einleitung" einerseits zur
Kritik der Urteilskraft, andererseits zum opus postumum, ist umso
schwerwiegender, als der I n h a l t der Kritik der Urteilskraft einer
Interpretation noch immer gewisse Schwierigkeiten entgegenstellt: eben
in der Unterscheidung der beiden „Regionen" reflektierender Urteils-
kraft, der ästhetischen und der teleologischen7. Besteht überhaupt eine
Aussicht, diese Schwierigkeiten im Vorblick auf das Nachlaßwerk zu
klären, dann muß der Versuch einer neuen Interpretation der Kritik
der Urteilskraft gewagt werden.
Wir werden so verfahren, daß wir zunächst die Grundprobleme
bzw. die wichtigsten Problemkreise beider Werke: der Kritik der Ur-
teilskraft und des Nachlaßwerkes, umgrenzen, daß wir sodann den in-
haltlichen Hinweisen des Nadilaßwerkes auf die Kritik der Urteils-
kraft im Einzelnen nachgehen, und daß wir zuletzt diejenigen Punkte
angeben, die uns für eine Interpretation des Zusammenhanges beider
Werke in der angegebenen Richtung entscheidend zu sein scheinen. N a -
türlich kann der Versuch, diesen Zusammenhang systematisch auszu-
bauen, nicht den gleichen Anspruch erheben wie der Nachweis bestimm-
ter Ubereinstimmungen und Analogien der Texte selbst: die philoso-
phische Auswertung des Nadilaßwerkes ist eine Zukunftsaufgabe, die
sich nicht im ersten Ansturm lösen läßt. Jede systematische Rekon-
struktion eines Teiles der kritischen Philosophie setzt zudem eine Ge-
samtinterpretation, einen besonderen „Standpunkt", eine besondere

7 „Soll die Vereinigung einer Kritik des Geschmacks mit einer Erkenntnistheorie der
Biologie . . . zu Einem Buche mehr sein als die Schrulle eines G r e i s e s . . . , so muß
der eigentliche Sinn der letzten Kritik weder in der Ästhetik, noch in der Lehre
vom Organischen zu suchen sein, sondern in demjenigen Oberbegriff, der die Gegen-
stände der ästhetischen und der teleologischen Urteilskraft unter sich vereinigt. Die-
ser Oberbegriff ist die Individualität." (A. Baeumler, Kants Kritik der Urteilskraft,
Halle 1923, S. 15).

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[15/17] Kants Nadilaßwerk 301

„Einstellung" zum Kritizismus überhaupt, voraus. An „Standpunkten"


ist nun zwar in der Kantforschung kein Mangel, und es würde
kaum auffallen, wenn zu ihnen ein neuer hinzukäme. Trotzdem be-
scheidet sich die vorliegende Arbeit, vom Standpunktlichen abzusehen,
so gut es geht. Die Naivität freilich, zu erklären, daß es für die Inter-
pretation der kritischen Philosophie nur e i n e n Standpunkt gibt, näm-
lich denjenigen Kants selber, wird durch die Beschäftigung mit dem
Nachlaßwerk leicht behoben: handelt es sich doch hier in erster Linie
um die Frage, nicht ob, sondern wieweit und in welcher Richtung Kants
eigener „Standpunkt" ein anderer geworden ist. Und um das zu erken-
nen, ist eine gewisse Subjektivität in der Beurteilung dessen, was an
der kritischen Philosophie das „Wesentliche" ist, nicht zu vermeiden.
Wenn wir daher vier systematisch bedeutsame Begriffe: den der
N a t u r t e c h n i k , der t e c h n i s c h - p r a k t i s c h e n V e r n u n f t ,
der S e l b s t s e t z u n g , der S e l b s t a f f e k t i o n (und Erscheinungs-
stufung), für die Interpretation des Zusammenhanges von opus postumum
und Kritik der Urteilskraft verwenden, so soll damit nicht zuviel präsu-
miert, aber auch nichts verschleiert werden. Der Begriff der Naturtechnik
entstammt dem Problemkreise der Kritik der Urteilskraft, derjenige der
technisch-praktischen Vernunft entspringt aus der Moralphilosophie Kants
und wird zuerst in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten ange-
deutet 8 . Selbstsetzung und Selbstaffektion kommen, obzwar sie der Sache
nach auf die erste Kritik verweisen, allererst im Nachlaßwerk zur Aus-
bildung. Die Erscheinungsstufung endlich ist nur in Andeutungen frühe-
ren Schriften Kants zu entnehmen; greifbare Formulierungen gibt hier
erst der spätere Teil des Nachlaß werkes. Die Linie, die diese vier oder
fünf Systembegriffe verbindet, ist nur zu zeichnen, wenn man voraussetzt,
daß es eben jenen übergreifenden Zusammenhang g i b t , der durch sie
begründet werden soll. Das heißt, daß es keine „zufällige Ansicht" ist,
wenn man die technica naturalis auf den Entwurf einer „organischen"
Physik, wie ihn das Nachlaßwerk enthält, bezieht. Daß es ebensowenig
willkürlich ist, wenn man die Begründung, die Kant der Ubergangswis-
senschaft in der „neuen" Deduktion des Nachlaßwerkes gibt und die in
der Lehre von der Selbstsetzung gipfelt, als T e c h n i k d e s t r a n s -
z e n d e n t a l e n S u b j e k t s mit der T e c h n i k d e r N a t u r einer-
seits, der t e c h ] n i s c h - p r a k t i s c h e n V e r n u n f t andererseits ver-
knüpft. Und daß es schließlich sachlich gerechtfertigt ist, die aus der
Durchführung des Affektionsproblems im Nachlaßwerk hervorgegangene
Lehre von den E r s c h e i n u n g s s t u f e n als ein Glied im Aufbau jener
„technischen Regionalität" zu betrachten, deren Ansatz wiederum auf
die Kritik der Urteilskraft, und auf sie allein, verweist.

8
IV 416; vgl. weiter unten S. 349 ff.

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302 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [17119]

Das alles i s t Interpretation. Und wenn man die Grundidee der


von uns erstrebten systematischen Rekonstruktion des Zusammenhanges
von Nachlaßwerk und Kritik der Urteilskraft genannt wissen will, so
ist es die Idee einer K r i t i k d e r t e c h n i s c h e n V e r n u n f t , von
der die Kritik der Urteilskraft und das Nachlaßwerk Ausstrahlungen
sind. Aber diese Systemidee an die Spitze zu stellen und von ihr aus die
Grundbegriffe beider Werke abzuleiten, hielten wir uns nicht für befugt.
Der Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit liegt nicht im letzten Teil,
sondern in der Angabe der indirekten Hinweise des Nadilaßwerkes auf
die Kritik der Urteilskraft: sie sind u.E. ausreichend, um die These eines
inneren Zusammenhanges zwischen opus postumum und dritter Kritik
auch demjenigen näher zu bringen, der sich das Recht einer eigenen In-
terpretation und eines eigenen Standpunktes vorbehält. |

I. Teil

Grundprobleme der Kritik der


Urteilskraft und des Nadilaßwerkes

a) Grundprobleme der Kritik der Urteilskrafl

Trotz ihres systematischen Anspruchs ist die Kritik der Urteilskraft


oft als uneinheitlich empfunden worden. Beide Teile, die Kritik der
ästhetischen und der teleologischen Urteilskraft, sind durch den Begriff
der Z w e c k m ä ß i g k e i t verbunden. Doch soll die, durch das Ge-
fühl der Lust und Unlust beurteilte, f o r m a l e Zweckmäßigkeit von
der, durch Verstand und Vernunft beurteilten, r e a l e n Zweckmäßig-
keit so verschieden sein, daß einer Kritik der Urteilskraft eigentlich
nur die ästhetische Urteilskraft wesentlich angehörig (V 193) ist. Diese
ist ein besonderes Vermögen, Dinge nach einer Regel, aber nicht nado
Begriffen zu beurtheilen (V 194). Die teleologische Urteilskraft ist kein
besonderes Vermögen, sondern nur die reflectierende Ortheilskraft über-
haupt, insofern sie nach besonderen Principien in Ansehung gewisser
Gegenstände der Natur verfährt (V 194). Macht die Kritik der teleo-
logischen Urteilskraft einen besonderen Teil der Kritik aus (nämlich der
Kritik der Vernunft), so gehört die Kritik der ästhetischen Urteilskraft
nur zur Kritik des urtheilenden Subjects: sie trägt nichts zur Erkennt-
nis der Gegenstände bei und gehört zur Propädeutik aller Philosophie9
(V 194).
9
Ober den Begriff Propädeutik in der Kritik der Urteilskraft und im Nachlaßwerk
siehe weiter unten S. 339.

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[19121] Kants Nachlaßwerk 303

Der einheitliche Charakter der Kritik der Urteilskraft ist damit ge-
wiß nicht unterstrichen. Hält man fest daran, daß es in ihr einen ein-
heitlichen Problembestand gibt, so sind diejenigen übergreifenden Pro-
bleme hervorzuheben, die wir als G e r ü s t p r o b l e m e bezeichnen.
Ubergreifend sind sie, weil sie in | gleicher oder etwas modifizierter
Fassung in beiden Teilen auftreten. Gerüstprobleme sind sie, weil sie die
i n n e r e S y s t e m a t i k des Werkes aufbauen. Die innere Systema-
tik ist der äußeren inadäquat, — hier fast mehr nodi als in anderen
Werken Kants10. Die Gerüstprobleme sind H i n t e r g r u n d p r o -
b l e m e . Wir unterscheiden Hintergrund- und Vordergrundprobleme,
wobei wir unter den letzteren alles dasjenige verstehen, was in extenso
behandelt wird, den Blick des Lesers anzieht und das Interesse auch der
nicht mit den eigentümlichen Aufgaben Kants Vertrauten stets von
neuem geweckt hat, insbesondere den Zusammenhang der dritten Kritik
mit der geistesgeschichtlichen Bewegung des Sturmes und Dranges, ihren
Einfluß auf Romantik und Klassik (Goethe, Schiller), ihre Stellung in
der späteren naturalistischen entwicklungstheoretischen Literatur und
in der Erörterung des vitalistischen Problems in der Biologie etc. erklärt.
Demgegenüber sind die Hintergrundprobleme erst bei schärferem
Hinblicken als solche erkennbar. Sie sind aufs engste mit unerledigten
Fragen früherer Arbeiten verknüpft. Z . T . sind sie allerdings von Kant
in der Einleitung (mehr noch in der, wegen ihrer... Weitläujtigkeit
verworfenen 11 e r s t e n Einleitung) etwas in den Vordergrund ge-
rückt, aber eben nur insoweit, als sie zur Rechtfertigung der Architek-
tonik dienen. Wir teilen die Hintergrundprobleme ein in G r e n z p r o -
b l e m e , G e r ü s t p r o b l e m e und N e u a n s ä t z e . Die ersten sind
solche, die, obzwar von größtem systematischen Gewidit, dennoch
weder durchgezeichnet noch in ihren (spekulativen) Konsequenzen ver-
folgt werden. Sie treten z. T., wie z. B. das Problem des intellectus
archetypus, audi in früheren Schriften bereits als Grenzprobleme auf.
Neuansätze sind solche, die den Rahmen des kritischen Systems erwei-
tern, und zwar, wie zu zeigen ist, in R i c h t u n g d e r P r o b l e -
m a t i k d e s N a c h l a ß w e r k e s . Wir müßten sie schon hier im
Zusammenhange mit den Gerüstproblemen kennzeichnen, wollen das
aber für den dritten Teil aufsparen. Wir begnügen uns demnach mit
den Gerüstproblemen, die wir auf drei reduzieren: auf das Ü b e r -
g a n g s p r o b l e m , das G a n z | h e i t s p r o b l e m und das Problem
der s u b j e k t i v e n G ü l t i g k e i t . Eine Reduktion insofern, als

10
Die Inadäquanz von innerer und äußerer Systematik (Architektonik) bei Kant ist
oft genug hervorgehoben worden (vgl. z. B. E. Adickes, Kants Systematik als sy-
stembildender Faktor, Berlin 1887), berechtigt aber u. E. nicht zu dem meist damit
verknüpften Tadel.
11
Brief Kants an Bede vom 18. August 1793 (XI 441).

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304 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [21/22]

dabei das vierte Gerüstproblem: des D i a l e k t i s c h e n , ausfällt. Wir


sehen davon ab, nicht weil es weniger wichtig wäre, sondern weil es
als allgemeinstes über den Rahmen einer Betrachtung des Zusammen-
hanges von Kritik der Urteilskraft und Nachlaßwerk hinausgeht12.
Diese drei Probleme: des Übergangs, des Ganzen und der bloß sub-
jektiven Gültigkeit sind „Gerüstprobleme" eben deshalb, weil sie, in-
einandergreifend, das s y s t e m a t i s c h e G e r ü s t d e r K r i t i k
d e r U r t e i l s k r a f t bilden. Sie greifen ineinander, insofern der
U b e r g a n g von der Natur zur Freiheit nicht bloß die zwei Theile der
Philosophie zu einem Ganzen verbindet (V 176), sondern diese Ver-
bindung dadurch leistet, daß er am Leitfaden (V 379) des N a t u r -
g a n z e n als eines Systems der Zwecke jenes übersinnliche Substrat
„anzeigt", das durch die praktische Vernunft die Bestimmung erhält
(V 196), und insofern diese Leistung reflektierender Urteilskraft nur
von s u b j e k t i v e r G ü l t i g k e i t ist, — eine Erklärung der Na-
turprodukte durch Causalität nach Zwecken ist nicht den Dingen selbst
zum Behuf der bestimmenden Urtheilskrafl angemessen (V 408). Das
betrifft in dieser Form freilich nur die Kritik der t e l e o l o g i s c h e n
Urteilskraft. Aber auch für die Kritik der ä s t h e t i s c h e n Urteils-
kraft sind die Probleme des Uberganges, des Ganzen und der subjek-
tiven Gültigkeit Gerüstprobleme: insbesondere ist es die Analytik des
Erhabenen, in der dieser Zusammenhang sichtbar wird. Das absolute
G a n z e der Natur als ihr Grundmaß (V 255) führt durch die Unan-
gemessenheit der Einbildungskraft, es zu erfassen (ebd.), auf den Begriff
jenes übersinnlichen Substrats, das der Freiheitsbegriff praktisch enthält
und das der Natur zugrunde liegen muß; die Gemüthsstimmung des
Erhabenen (V 256) ermöglicht also den U b e r g a n g von der Natur
zur Freiheit, — aber sie ist nur von s u b j e k t i v e r Gültigkeit, nur
im Gemüthe des Ortheilenden (ebd.), nur durch eine gewisse Subreption
(V 257) auf Naturobjekte bezogen.
Als Problembezeichnungen umfassen die Begriffe des Uberganges,
des Ganzen und der subjektiven Gültigkeit jeweils ein Bedeutungs-
m a n n i g f a l t i g e s ; sie werden nicht durch Definition eingeführt,
sondern erst aus ihrer Anwendung deutlich erkennbar13. Wir geben kurz
die wichtigsten Bedeutungen der drei genannten Begriffe an. Zunächst
diejenigen des G a n z e n .
In der (zweiten) Einleitung wird die Kritik der Urteilskraft einge-
führt als Verbindungsmittel der zwei Theile der Philosophie zu einem
12
Siehe dazu R. Odebredit, Form und Geist. Der Aufstieg des dialektischen Gedan-
kens in Kants Ästhetik, Berlin 1930.
13
Zur Bedeutungsmannigfaltigkeit der materialen Zweckmäßigkeit siehe P. Bommers-
heim, Der vierfache Sinn der inneren Zweckmäßigkeit in Kants Philosophie. Kant-
studien X X X I I , 2/3 (1927) S. 290 ff.

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[22123] Kants Nachlaßwerk 305

Ganzen (V 176). „Ganzes" ist hier S y s t e m ; die erste Einleitung


spricht noch durchgehend von „System". Am Schluß der zweiten Ein-
leitung zählt Kant die gesummten Y ermögen des Gemüths auf (V 198);
die erste Einleitung spricht auch hier von dem System aller Vermögen
des menschlichen Gemüths (XX 205 ff.). Terminologisch wird d i e -
s e s „System" nicht als „Ganzes" gekennzeichnet; daß aber ein Ganzes
der Gemütsvermögen gemeint ist, ergibt sich schon aus der Unterschei-
dung von A g g r e g a t und S y s t e m , die Kant in der ersten Ein-
leitung hinsichtlich der Vermögen gebraucht, und zwar in dem Sinne,
daß der Zusammenhang der Gemütskräfte, solange er auf keinem Prin-
zip a priori gegründet ist, ein Aggregat ist (XX 206), wenn aber aprio-
rische Prinzipien des Gefühls der Lust und Unlust aufgefunden werden,
die zu denen des Begehrungs- und Erkenntnisvermögens hinzutreten, zu
einem s y s t e m a t i s c h e n Zusammenhange (Verknüpfung in einem
System, XX 207) wird14. Der gleiche Sinn des Systems als eines Ganzen,
im Unterschiede vom Aggregat, wird dann von der E r f a h r u n g (als
System nach transcendentalen Gesetzen, X X 209) gebraucht: ohne die
Einheit der Erfahrung könnte kein durchgängiger Zusammenhang empi-
rischer Erkenntnisse zu einem Ganzen der Erfahrung Statt finden (V 183).
Zum Ganzen der P h i l o s o p h i e und dem Ganzen der G e m ü t s -
v e r m ö g e n tritt so das Ganze der E r f a h r u n g . Vom Erfah-
rungsganzen aber ist zu unterscheiden die Idee der Zusammenfassung
einer jeden Erscheinung, die uns gegeben werden mag, in die An-
schauung eines Ganzen (V 257), die uns durch die Vernunft aufer-
legt ist (ebd., keine Sperrung i. O.). Und die damit angedeutete ver-
schiedene Funktion b e g r i f f l i c h e r und a n s c h a u l i c h e r (ästhe-
tischer) Ganzheit führt sogleich in das | Zentrum der von der Kritik der
Urteilskraft erarbeiteten „Ganzheitslogik".
Diese geht bekanntlich aus von dem Gegensatz des A l l g e m e i -
n e n und B e s o n d e r e n : die Urteilskraft ist bestimmend, wenn
das Allgemeine... gegeben, sie ist reflectirend, wenn nur das Besondere
gegeben, das Allgemeine gesucht ist (V 179). Das „Allgemeine" ist A n a -
l y t i s c h - A l l g e m e i n e s , da unser Verstand in Ansehung der
Mannigfaltigkeit des Besonderen (der gegebenen empirischen Anschau-
ung) nichts bestimmt (V 407), sondern diese „Bestimmung" eben der
Urteilskraft anheimstellen muß. Es kann aber auch ein Verstand ge-
dacht werden, dessen Allgemeines ein S y n t h e t i s c h - A l l g e m e i -
n e s ist. Dieser Verstand würde von der Anschauung eines Ganzen zum
Besonderen gehen, und keine Urteilskraft benötigen (ebd.), eben weil er

14
So spridit Kant im Brief an Reinhold vom 18. 12. 1787 von dem Systematischen,
das die Zergliederung der ... Vermögen midi im menschlichen Gemäthe hatte ent-
decken lassen (X 488, 1. Aufl.).

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306 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [23124]

in der Anschauung das Ganze zugleich k o n s t i t u i e r t . Das Allge-


meine, mit dem es die Urteilskraft zu tun hat, ist immer ein Analytisch-
Allgemeines. Aber das Synthetisch-Allgemeine und der, das Besondere
als dessen Theile (besser: Glieder) erschauende intuitive Verstand, (ebd.)
ist eine I d e e insbesondere der r e f l e k t i e r e n d e n Urteilskraft.
Wir können uns die Möglichkeit der Zusammenstimmung der Dinge der
Natur zur Urtheilskrafl nur denken, wenn wir uns zugleich einen andern
Verstand denken, in Beziehung auf welchen... wir jene Zusammen-
stimmung der Naturgesetze mit unserer Urtheilskrafl... als noth-
w endig vorstellen können (ebd.). Diese Idee dient der reflektierenden
Urteilskraft zum Princip, — nicht zum Bestimmen, sondern zum Re-
flectiren (V 180).
Blicken wir nunmehr auf den Begriff des Ganzen im Bereich der
beiden „Regionen"15 ästhetischer und teleologisch-organischer Gegen-
ständlichkeit. Wir bezeichnen ein Ding als K u n s t p r o d u k t , wenn
wir es als Produkt einer vernünftigen Ursache betrachten, deren Causa-
lität... durch ihre Idee von einem dadurch möglichen Ganzen... bestimmt
wird (V 373). Aber diese Idee ist doch mehr als ein rationaler Entwurf:
das Kunstwerk ist i r r a t i o n a l in einem dem lebendigen Organis-
mus vergleichbaren Sinne. Kunst ist schön, wenn wir uns bewußt sind, sie
sei Kunst, und sie uns doch als Natur aussieht (V 306). Dieses Aussehen |
verdankt sie dem schöpferischen Vermögen des G e n i e s als einer Na-
turkrafl; — hier gibt, sagt Kant geradezu, die Natur der Kunst im Sub-
jecte... die Regel (V 307) 1β . Wir bezeichnen ein Ding als o r g a n i s i e r -
t e s W e s e n , wenn seine Teile (Glieder) nur durch ihre Beziehung auf
das Ganze möglich sind (V 373), wenn diese „Teile" voneinander wech-
selseitig Ursache und Wirkung in ihrer Form sind (ebd.), wenn jeder
Theil ... um der andern und des Ganzen willen existirend (V 373)
und noch überdies als ein die anderen Teile hervorbringendes
Organ gedacht werden muß (V 374), wobei erst die letztere Bestimmung
das organische Naturprodukt vom Kunstprodukt unterscheidet (ebd.).
Die Homologie ästhetischer und teleologischer Ganzheitsproblematik
— trotz Verschiedenartigkeit der beiden Regionen — ergibt sich auch
aus der Anwendbarkeit der (nur in der Kritik der ästhetischen Urteils-
kraft entwickelten) Formel einer Zweckmäßigkeit ohne Zweck auf die

15 Ober Ganzheit und Regionalität bei Kant siehe oben S. 251 ff.
16 Womit sogleich die s y s t e m a t i s c h e Stellung der Genielehre im Ganzen der
Kritik der Urteilskraft gesichert ist. Nach Schlapp, Kants Lehre vom Genie, Göttin-
gen 1901, beließ Kant die Genielehre „in ihrer eximierten Stellung außerhalb des
Systems", weil er sich nicht entschließen konnte, „sie bruchstückweise im systema-
tischen Teil der Ästhetik heranzuziehen" (388). Es zeigt sich hier der Nachteil der
Ausklammerung teleologischer Urteilskraft und ein Ubersehen jener eigentlichen
„Systematik", die sich erst aus dem Zusammenhange der Gerüstprobleme ergibt.

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[24125] Kants Nachlaßwerk 307

Kritik der teleologischen Urteilskraft. Wie das Geschmacksurteil nichts


als die Form der Zweckmäßigkeit eines Gegenstandes zum Grunde hat
(V 221), so beurteilen wir ein organisches Naturprodukt gleichfalls sei-
ner Form halber als Naturzweck: wir halten nicht etwa seine Existenz
für Zweck der Natur (V 378).
Die Form, mit der es die teleologische Urteilskraft, im Unterschiede
von der ästhetischen, zu tun hat, nennt Kant innere Form (ebd.). Als
Naturerzeugnis verweist sie nothwendig auf die Idee der gesammten
Natur als eines Systems nach der Regel der Zwecke (V 379): wir können
keinen einzelnen Körper als organisiert denken, ohne diese Betrachtung
für das Naturganze als System (V 381) gültig zu halten. Wenngleich es
notwendig ist, einigen Producten der materiellen Natur (V 387) eine
besondere Art der | Causalität, die sich nicht in der Natur vorfindet
(V 411) zugrundezulegen, so kann doch nicht einmal g e f r a g t wer-
den, ob es eine solche Kausalität (neben der mechanischen) in der Natur
wirklich gibt (V 396). Denn objective Realität hat nur der Begriff einer
Causalität nach dem Mechanism der Natur (V 397). Diese Stellung-
nahme Kants ist oft als unklar empfunden worden: man hat von einem
„grundsätzlichen Vitalismus" gesprochen, der sich doch jeder Anwen-
dung auf die Naturerklärung im einzelnen Fall enthält17.
Aber der biologische Ganzheitsbegriff Kants ist eben nicht wie der-
jenige des Vitalismus konstitutiv für die organische Region. Der syste-
matische Ort der organischen Region ist nicht die mögliche Erfahrung,
sondern jenes Ganze aus Zwecken, das Kant als T e c h n i k d e r N a -
t u r bezeichnet und in der Kritik der Urteilskraft allererst begründet.
Ohne darauf schon hier einzugehen, sei nur angegeben, was den Begriff
der Naturtechnik zu einem Gerüstproblem der Kritik der Urteilskraft
macht: sein ästhetischer Ursprung. Die selbständige Naturschönheit ent-
deckt uns eine Technik der Natur, welche sie als ein System nach Ge-
setzen, deren Princip wir in unserm ganzen Verstandesvermögen nicht an-
treffen, vorstellig macht, nämlich dem einer Zweckmäßigkeit respectiv auf
den Gebrauch der Urtheilskrafl in Ansehung der Erscheinungen, so daß
diese nicht bloß als zur Natur in ihrem zwecklosen Mechanism, sondern
auch als zur Analogie mit der Kunst gehörig beurtheilt werden müssen
(V 246)18. An der Naturschönheit offenbart sich also die Technik der
Natur, und es klingt noch etwas von dieser Entdeckung nach, wenn es in
der Kritik der teleologischen Urteilskraft (V411) heißt, die Technik der

17
E. Ungerer, Die Teleologie Kants und ihre Bedeutung für die Logik der Biologie,
Berlin 1921, S. 107. — Für H . Driesdi, Geschichte des Vitalismus 2 , Leipzig 1922,
ist Kant ,Vitalist', aber nidit „in voller Konsequenz" (79), Vitalist „in proble-
matischer Form" (80).
18
Die Worte: zur Analogie mit der sind Zusatz von Β und C und enthalten eine
nicht unerhebliche Abschwädiung des ursprünglichen Ansatzes.

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308 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [25/27/

Natur sei ein productives Vermögen derselben, welches Zweckmäßigkeit


der Gestalt für unsere bloße Apprehension an sich zeigt. Das ist die t e c h -
n i c a n a t u r a l i s (V390), die ihren Zusammenhang mit der natura
naturans nicht verleugnet und in den Reflexionen des Nachlaßwerkes über
Weltseele und Weltorganisation zur Durchbildung gelangt". Kant stellt
ihr (ebd.) die t e c h | n i c a i n t e n t i o n a l i s gegenüber: nur von dieser
absichtlichen Technik gilt, daß sie für eine besondere Art von Causalität
gehalten werden müsse (V 391).
Nach diesem Überblick über die Bedeutungsmannigfaltigkeit des
„Ganzen" wenden wir uns der für den systematischen Aufbau der
Kritik der Urteilskraft nicht minder wichtigen Problematik s u b j e k -
t i v e r G ü l t i g k e i t zu. Sie tritt zunächst in der Kritik der ästhe-
tischen Urteilskraft in folgender Gliederung auf: das Geschmacksurteil
ist kein Erkenntnisurteil, sondern ästhetisch, worunter man dasjenige
versteht, dessen Bestimmungsgrund nicht anders als subjectiv
sein kann (V 203). Dasjenige Subjektive aber, was gar kein Erkenntnis-
stück werden kann, ist die mit einer Vorstellung verbundene L u s t und
U n l u s t ( V I 89). Lust und Unlust — sie machen nach einer früheren Re-
flexion, die aber für den von Kant damit verbundenen Sinn sehr auf-
schlußreich ist, allein das absolute aus, weil sie das Leben selbst sind
(XVIII II) 20 — sind das schlechthin Subjektive; sie können als soldie
nicht objektiv gültig sein. Dennoch wird durch das Geschmacksurtheil,
gleich als ob es ein mit dem Erkenntnisse des Objects verbundenes Eradi-
cai wäre, ein Gefühl der Lust jedermann zugemuthet (V191). Es muß
also eine subjective Allgemeingültigkeit geben (V 215). Das ist das
Grundproblem der ästhetischen Urteilskraft, das in der Kopernikani-
schen Wendung der Kritik der Urteilskraft die bekannte Lösung findet:
die subjektive Beurteilung geht der Lust vorher (V 218). Der Bestim-
mungsgrund soldier Beurteilung ist dabei kein Begriff, sondern ein Ge-
fühl: das Gefühl der Einhelligkeit im Spiele der Gemütskräfie (V 228).
So verbindet sich das Problem subjektiver Gültigkeit mit dem des Gan-
zen: die Stimmung als Ganzqualität, die Stimmungs- oder Befindlich-
k e i t s g a n z h e i t , wie wir sagen können, rechtfertigt die allgemeine
Mitteilbarkeit und subjektive Allgemeingültigkeit der Geschmacks-
urteile.
In der Kritik der teleologischen Urteilskraft haftet die nur-subjek-
tive Gültigkeit bereits am Zweckbegriff als solchem: Zwecke können wir
in der Natur nicht beobachten; sie sind uns nicht | durch das Object ge-
19
Vgl. dazu weiter unten S. 325 ff.
20
Vgl. dazu jetzt J. Bohatec, D i e Religionsphilosophie Kants, Hamburg 1938, S. 113 ff.,
insbesondere S. 115, Anm. Bohatec bemerkt, daß der Kantisdie Begriff „Prinzipium
des Lebens", der sich von den Träumen eines Geistersehers bis zur Kritik der Urteils-
kraft erstreckt, „bis jetzt von der Kantforschung nicht beachtet" sei (113).

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[27128] Kants Nachlaßwerk 309

geben (V 399). Wir können über den Satz, ob den sogenannten Natur-
zwecken ein nach Absichten handelndes Wesen zugrundeliegt (ob es also
Zwecke sensu proprio sind), gar nicht objectiv, weder bejahend noch
verneinend, urteilen (V400). Für die bestimmende Urteilskraft sind die
Naturzwecke überschwenglich (V 396), für die reflektierende Urteils-
kraft ist die objektive Zweckmäßigkeit der Natur dagegen ein kritisches
Princip (V 397). Die Problemlage ist hier eine andere als bei der ästhe-
tischen Urteilskraft. Sie unterscheidet sich von ihr darin, daß die sub-
jektive Allgemeingültigkeit des Zweckbegrifis als eigentümliche Be-
schaffenheit (V 397) des E r k e n n t n i s v e r m ö g e n s keiner Begründung
bedarf. Sie ähnelt ihr darin, daß von dieser Allgemeingültigkeit ein ob-
jektiver Gebrauch gemacht werden soll, der doch zu keiner objektiven
Erkenntnis führt: Die Problematik subjektiver Gültigkeit ist sozusagen
auf eine objektivere Stufe gehoben. War der Bestimmungsgrund ästhe-
tischer Urteile eine zwar rein subjektive, aber als solche über das Privat-
gefühl (V 239) hinausgehende Einhelligkeit im Spiel der Gemütskräfte,
so ist der Bestimmungsgrund teleologischer Urteile eine durch ihre
e t h i s c h e R e l e v a n z über die Zufälligkeit unseres Verstandes
(V 406) hinausgehende Idee von einem Verstände, der dasjenige leistet,
was der unsrige in seiner Beschränktheit nicht leisten kann: in der Vor-
stellung eines Ganzen den Grund der Möglichkeit der Form desselben
und der dazu gehörigen Verknüpfung der Theile zu erkennen (V 408)21.
Was das dritte Gerüstproblem, dasjenige des U b e r g a n g s be-
trifft, so ist es von Kant zur Rechtfertigung seines Vorgehens in der
Einleitung sehr deutlich bestimmt. Und zwar schon in der e r s t e n
Einleitung. Wie später vom Plan des Nachlaßwerkes, so heißt es hier von
der Geschmackskritik, daß sie, in transzendentaler Absicht behandelt,
eine Lücke im System unserer Erkenntnisvermögen ausfüllt (XX 244).
Die Kritik der Urteilskraft, so heißt es weiter, soll den Übergang
vom s i n n l i c h e n Substrat der theoretischen Philosophie zum
i n t e l l i g i b e l e n Substrat der praktischen ermöglichen, — sie soll
aber audi nur zum Verknüpfen dienen, bloße Übergangswissenschaft
sein. Das führt die zweite Einleitung weiter aus; das Ubergangsproblem
erhält eine schärfere, dialektische Zuspitzung: Es ist vermittelst des theo-
21
Das Bewußtsein überhaupt, die Idee des Gemeinsinnes und die Idee des intuitiven
Verstandes sind keine Normbegriffe im Sinne Rickert-Windelbands, sondern System-
begriffe für eine P h ä n o m e n o l o g i e d e s B e w u ß t s e i n s , die bei Kant
immer im Hintergrund bleibt und aus ihren Verhüllungen erst nodi herausgelöst
werden muß. Dabei ist charakteristisch, daß der intuitive Verstand (intuitus origi-
narius) wenn man ihn — wie Heimsoeth und Heidegger — als ein bloß theologisches
Requisit faßt (wozu natürlich Kant hinreichend Veranlassung gibt) einer fort-
schreitenden Säkularisierung verfällt. Es bleibt zuletzt das, was Goethe formal
unzutreffend, aber mit richtigem Instinkt für das Wesentliche, „anschauende Urteils-
kraft" genannt hat (vgl. Anschauende Urteilskraft 1817).

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310 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [28129]

retischen Gebrauchs der Vernunft zwischen dem Gebiet des Naturbe-


griffs und dem Gebiet des Freiheitsbegriffs kein Übergang möglich
(V 176). Aber es soll doch die praktische Gesetzgebung auf die theore-
tische einen Einfluß haben; von der Denkungsart nach den Principien
der einen m u ß also ein Ubergang zu der nach Principien der anderen
möglich sein (V176). Diesen Übergang ermöglicht die Urteilskraft, indem
sie durch ihr apriorisches Prinzip der Naturbeurteilung dem übersinn-
lichen Substrat (in uns sowohl als außer uns) Bestimmbarkeit durch das
intellectuelle Vermögen gibt (V 196).
Doch tritt im Werke selbst das Übergangsproblem in reicherer Glie-
derung auf als die Einleitung angibt. In der Kritik der ästhetischen Ur-
teilskraft macht der G e s c h m a c k gleichsam den Übergang vom Sin-
nenreiz zum habituellen moralischen Interesse ohne einen zu gewalt-
samen Sprung möglich, indem er die Einbildungskraft auch in ihrer
Freiheit als zweckmäßig für den Verstand bestimmbar vorstellt (V 354).
Und was vom Geschmack im allgemeinen gilt, gilt, wie schon hervor-
gehoben, von der Idee des E r h a b e n e n im besonderen: durch die
Einbildungskraft eine Gemüthsstimmung zu erzeugen, welche derjenigen
gemäß und mit ihr verträglich ist, die der Einfluß bestimmter Ideen
(praktischer) auf das Gefühl bewirken würde (V 256). — In der Kritik
der teleologischen Urteilskraft gebraucht Kant den Terminus Übergang
am Ende der Analytik: Warum, so heißt es hier, macht die Teleologie
keinen eigenen Teil der theoretischen Naturwissenschaft aus, sondern
wird zur Theologie als Propädeutik oder Übergang gezogen? (V 383).
Die Ubergangsproblematik gehört also zu den Voraussetzungen der
E t h i k o t h e o l o g i e ; die Ethikotheologie enthält jenes anderwei-
tige Princip, durch dessen Hinzukunft die Physikotheologie — eine
mißverstandene physische Teleologie — als Vorbereitung (Propädeutik)
zur Theologie brauchbar wird (V 442). Durch den guten Willen des
Menschen erhält das Dasein | des Menschen einen absoluten Werth, — in
Beziehung darauf hat die Welt einen E n d z w e c k (V 443), und
dieser Endzweck ist es, den die Physikotheologie als solche nicht eröffnen
kann (V 437). Denn die physische Teleologie kann den Zweck, wozu
die Natur selbst existiert, gar nicht einmal in Anfrage bringen (V 437):
die materiale Zweckmäßigkeit der Naturprodukte bleibt im Bereich der
Naturwissenschaft genau so „Zweckmäßigkeit ohne Zweck" wie die for-
male Zweckmäßigkeit der Kunstprodukte im Bereich der Ästhetik.
So zeigt der Übergang von der theoretischen zur praktischen Philo-
sophie mehrere S t u f e n : die Idee der Erhabenheit bezeichnet die
e r s t e , der Entwurf des Naturganzen als eines Zwecksystems die
z w e i t e , die Beziehung auf den Endzweck die d r i t t e Stufe.
Es ist nicht möglich, hier weiter in die Problemzusammenhänge der
Kritik der Urteilskraft einzudringen. Wir müssen sie als bekannt voraus-

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[29130} Kants Nachlaßwerk 311

setzen; sie sind ja auch in der Literatur unter den verschiedensten


Gesichtspunkten behandelt22. Um den Inhalt der Kritik der Urteils-
kraft für unseren eigenen Gebrauch zur Hand zu haben, gaben wir die
wichtigsten Textstellen im Zusammenhange. Fragt man nach dem philo-
sophischen E r t r a g der dritten Kritik, abgelöst aus der Verklamme-
rung Kantischer Terminologie, so ist die Frage leichter als die Antwort.
Daß in der Verbindung des Problems subjektiver Gültigkeit mit dem
Ganzheitsproblem der eigentliche Schwerpunkt und die systematische
Leistung der Kritik der Urteilskraft liegt, ist ja nicht zweifelhaft. Aber
eben auf den Sinn dieser Verbindung kommt es an. Sind die beiden
Regionen ästhetischer und teleologischer Gegenständlichkeit so gelagert,
daß sie eine „Erscheinung" sui generis bilden? Ist die Welt des Schönen,
Erhabenen, Zweckgeformten, die ja offenbar das nicht sein kann, was
man bloßen „Schein" nennt, weil sie dann die ihr wesentliche Beziehung
zum übersinnlichen \ Substrat der Erscheinungen verlieren würde, durch
ihren stärkeren subjektiven Einschlag von der raumzeitlichen Dingwelt
unterschieden? Ist sie am Ende — und ihre Verwurzelung im Subjek-
tivsten, was es nach Kant gibt, im Gefühl der Lust/Unlust, legt es
nahe, so zu fragen — unsere u r s p r ü n g l i c h e E r l e b n i s w e l t ,
befreit vom Zwange der Begierden, Interessen und praktischen Nütz-
lichkeiten? Das ist bekanntlich der Gesichtspunkt, von dem aus F r i e d -
r i c h S c h i l l e r zu einer Weiterbildung des Ansatzes der Kritik der
Urteilskraft gelangte. Aber wenn wir ästhetisch-teleologischen „Gegen-
ständen" den Index einer (sekundären) „Erscheinung" geben, deren
apriorische Struktur die selbst „technisch", d. h. anwendend, verfahrende
Urteilskraft in sich entdeckt, wird wohl ein „Ubergang" zum Subjek-
tiven der W a h r n e h m u n g nicht zu vermeiden sein. Denn auf dem
Grunde der Wahrnehmungen erheben sich die Gebilde dieser Erlebnis-
welt; an Wahrnehmungsinhalten allein kann uns die formale Zweckmä-
ßigkeit der Kunstprodukte und die materiale der Naturprodukte zum
Bewußtsein kommen. Und müssen nicht die Erscheinungen, deren Ge-
fühlsqualitäten wir je mit dabei haben, wenn wir G a n z h e i t e n er-
fassen, erst dekomponiert werden, um auf die Empfindungen als objec-
tive Vorstellungen der Sinne (V 206) zu gelangen? Damit ist schon ange-
deutet, daß zur Ganzheitsproblematik der Kritik der Urteilskraft auch

22
Außer den schon erwähnten Werken s. B. Bauch, Immanuel Kant 3 , Berlin 1923,
S. 368 ff. und R. Kroner, Von Kant bis Hegel, Tübingen 1921, Band I S. 239. —
Vgl. ferner die Einleitung zur engl. Übersetzung meiner Ausgabe von Kants
Erster Einleitung in die Kritik der Urteilskraft (Immanuel Kant On Philosophy in
General, translated with four introductory essays, Kalkutta 1935) von Humayun
Kabir, S. X X ff. — In der jüngsten biologischen Literatur hat sich besonders G.
Wolff, Leben und Erkennen, München 1933, mit der Kritik der Urteilskraft ausein-
andergesetzt (Kants Teleologie, S. 334—369).

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312 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [30/31]

die G a n z h e i t d e r W a h r n e h m u n g s r e g i o n gehört, — nicht


im Sinne des kategorialen Aufbaus des Wahrnehmungsaggregates zum
System der Erfahrung, sondern im Sinne einer Übereinstimmung unserer
Wahrnehmungsstruktur mit jener T e c h n i k d e r N a t u r , der ja
unser wahrnehmendes Subjekt als organischer Körper genauso unter-
worfen ist (bzw. als unterworfen gedacht werden muß) wie die anderen
organischen Naturprodukte.
Diese Fragen, die sich am Schlüsse der Kritik der Urteilskraft auf-
drängen, sind zugleidi Fragen des N a c h l a ß w e r k e s , auf das wir
zunächst in der nämlichen Absicht einer kurzen Wiedergabe seiner
Grundprobleme eingehen wollen.

b) Grundprobleme des Nachlaßwerkes

Einer Zusammenfassung der Grundgedanken setzt freilich das opus


postumum größeren Widerstand entgegen als die Kritik der Urteils-
kraft. Es ist ja kein zum Druck vorbereitetes, sondern | ein nur projek-
tiertes Werk. Wie die 3 Entwürfe der Preisschrift über die Fortschritte
der Metaphysik (1793), so sind auch die, auf 12 Konvolute verteilten
14 Entwürfe des Nachlaßwerkes keine Fortsetzungen, sondern neue
Fassungen. Ist es in den ersten 11 Entwürfen ungefähr die gleiche The-
matik, die in mannigfach variierter Form zur Darstellung kommt, so
zeigen jedoch die 3 letzten Entwürfe eine A u s w e i t u n g d e r T h e -
m a t i k , die zuletzt soweit geht, daß man auf die Vermutung kam,
das Nachlaßwerk enthalte den Plan zu m e h r e r e n Werken: einer
Schrift vom „Übergange" und einer anderen über das Ganze der Trans-
zendentalphilosophie (Die reine Philosophie in der Vollständigkeit ihres
Systems dargestellt von IK, XXI 95).
Zweifellos hat sich in der langen Zeit der Arbeit am Nachlaßwerk
(von 1796—1803) der ursprüngliche Problembestand verschoben. Was
zuerst im Vordergrunde stand, tritt mehr und mehr zurück. Grundfragen
der kritischen Philosophie werden wieder aufgenommen. Neue Termini
und Begriffe taudien auf. Gesichtspunkte, die nodi zu Beginn der Arbeit
als unvereinbar mit der Transzendentalphilosophie gelten, s c h e i n e n
wenigstens in den späteren Konvoluten eine recht positive Bedeutung
zu gewinnen. Läßt sidi zeigen, daß die veränderte Physiognomie der
Entwürfe aus der s a c h l i c h e n Weiterführung des ursprünglichen
Ansatzes folgt, so ist die innere Einheit des Nachlaßwerkes gewähr-
leistet. Läßt sich das nicht zeigen, so bleibt das Nachlaßwerk ein Bündel
von Entwürfen, die sidi zum Teil ergänzen, zum Teil widersprechen,
und deren Verbindung Kant selbst nicht mehr gelungen ist. Von „Grund-

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[31/32 J Kants Nachlaßwerk 313

gedanken" des Nadilaßwerkes kann dann nur nodi in sehr vagem Sinne
die Rede sein.
Auf jeden Fall muß der Maßstab für das Nachlaßwerk, im Gegen-
satz zur Kritik der Urteilskraft, ein g e n e t i s c h e r sein. Die Bewe-
gung des Kantischen Denkens ist zu rekonstruieren. Dabei läßt sich
unschwer erkennen, daß die Entwürfe ihrer Entstehung nach in d r e i
G r u p p e n zerfallen: die e r s t e Gruppe sind die Vorarbeiten und
der (von A d i c k e s so genannte) Oktaventwurf (1796); die z w e i t e
Gruppe sind die Entwürfe der Jahre 1797—1799, die Kant mit A—C,
α—ε, a—c, N o i — N o 3 η, Elem. Syst. 1—7, Farrago 1—4, A Uber-
gang, Β Ubergang, Α. Elem. Syst. 1—6, Ubergang 1—14, Redactio
1—3 signiert; die d r i t t e Gruppe sind die späteren Entwürfe Ende
1799—1803 (A—Z; Beylage 1—8; I, 2, 3—10), die das Χ., XI., VII.
und I. Konvolut ausfüllen. Der | Oktaventwurf und die zu ihm gehö-
renden Losen Blätter sind ja schon äußerlich von der zweiten Gruppe
der Entwürfe deutlich unterschieden; Kant benutzt noch keine Folio-
blätter und bedient sich noch nicht der sogen. „Schönschrift" der späteren
Zeit23. Sein Denken ist noch ganz im Flusse. Anders in der zweiten
Gruppe der Entwürfe. Da besteht eine, zwar nicht starre, aber dodi
relativ stabile S y s t e m a t i k , — ein Gerüst, das in immer neuen
Ansätzen verbessert und ausgebaut wird. Wieder anders in der dritten
Gruppe der Entwürfe: hier scheint es, als wäre diese Systematik resor-
biert; der nahezu wichtigste Entwurf des ganzen Nadilaßwerkes Α—Ζ
ist äußerlich fast ungegliedert; die später wieder auftretende Gliederung
(I. Konvolut) bezieht sidi auf Probleme, die der zweiten Gruppe fremd
sind, bzw. in ihr nicht entwickelt werden. Da jedodi die Fragestellung
des I. Konvoluts mit derjenigen des VII. Konvoluts in engstem Zu-
sammenhange steht und dieses VII. Konvolut (Beylagen) eine Art An-
hang zum X./XI. Konvolut ist, so besteht hier kein Bruch; d i e P r o -
blementwicklung verläuft kontinuierlich.
Wir müssen aber noch genauer unterscheiden. Ganz so einheitlich,
wie es auf den ersten Blick scheint, ist der Charakter der zweiten Gruppe
von Entwürfen nicht. Wie sdion angedeutet24, setzt mit dem Entwurf
A Elem. Syst. 1—6 (1799) eine Wendung ein, die sich auch systematisdi
ausprägt: der Begriff der organischen im Gegensatz der unorganischen
Natur (XXI 184) wird in das System der bewegenden Kräfte der Ma-
terie aufgenommen, und der unmittelbar anschließende Entwurf Uber-
gang 1—14 verbindet mit diesem Neuansatz eine Ä t h e r d e d u k -
t i o n , die ihrerseits zu den späteren „erkenntnistheoretischen" Teilen
des Nadilaßwerkes überleitet.

33
Vgl. dazu meine Ausführungen X X I I 782.
2i
Siehe oben S. 296.

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314 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [32133]

Ebenso ist auch die dritte Gruppe der Entwürfe nodi weiter zu zer-
legen. Der umfangreiche Entwurf A—Ζ (zuzüglich AA, BB) des X.
und XI. Konvoluts hebt sich deutlich ab gegen die loser zusammen-
hängenden restlichen Entwürfe des VII. und I. Konvoluts. Die Abhe-
bung ist bedingt durch das Auftreten der e t h i k o t h e o l o g i s c h e n
Problematik im VII. Konvolut, die in allen früheren Entwürfen höch-
stens am Rande behandelt worden war. Es ist aber nicht zu verkennen,
daß auch sie auf den | Neueinsatz des Entwurfes A Elem. Syst. 1—6
zurüdtweist, gerade so, wie sich die Behandlung der Ethikotheologie in
der Kritik der Urteilskraft an die Naturteleologie anschließt.
"Was endlich die Sonderstellung des I. (letzten) Konvoluts betrifft,
das nach K r a u s e und V a i h i n g e r 2 3 eben jenes „zweite" Werk
oder wenigstens das Projekt dazu enthalten soll, so ist zwar der syste-
matische Zusammenhang mit dem vorangehenden VII. Konvolut voll
und ganz gesichert, — es bleibt aber doch eine gewisse Schwierigkeit:
die mehrfachen Titelentwürfe, auf die sich die Vertreter der Zwei-Werke-
Theorie stützten. Ohne auf Einzelheiten einzugehen, sei hier nur hervor-
gehoben, daß ein Vergleich mit der K r i t i k d e r U r t e i l s k r a f t
weiterhelfen kann. Was Kant im I. Konvolut behandelt, ist der Sache
nach dasjenige, was auch die Einleitung der Kritik der Urteilskraft be-
handelt: Die Philosophie in dem absoluten Ganzen ihres Systems (XXI
106). Und wie die von B e c k unter dem Titel: Über Philosophie über-
haupt veröffentlichte erste Einleitung durch eine zweite Einleitung in die
Kritik der Urteilskraft ersetzt wurde, weil die erste zu umfänglich ge-
worden war, so hat das nämliche Thema auch den Absdiluß des Nach-
laßwerkes allzu sehr anschwellen lassen, — nur daß hier eine nochma-
lige Umarbeitung und Verkürzung nicht mehr möglich war. Jedenfalls
entspricht das erste Konvolut den beiden „Einleitungen" in die Kritik
der Urteilskraft, und die Titelentwürfe liegen in der Linie der Einteilung
des Gebietes der Philosophie überhaupt (V 174), wie sie Kant in jenen
Einleitungen zu entwerfen suchte.
Versuchen wir uns nunmehr den Gang der gedanklichen Bewegung
des Nachlaßwerkes zu verdeutlichen, so sind es im Ganzen s e c h s
P h a s e n , die wir unterscheiden müssen. Kant entdeckt eine „Lücke"
im System, er stellt sich eine Aufgabe, die er zunächst als solche zu for-
mulieren sucht20 ( e r s t e P h a s e ) . Daraus erwächst die Konzeption
der „Übergangswissenschaft", die sich mehr und mehr verfestigt und im

23
A. Krause, Die letzten Gedanken Immanuel Kants, Hamburg 1902. — H . Vai-
hinger, Die Philosophie des Als-Ob 2 , Berlin 1913, S. 721.
23
Und zwar, wie die Briefe an Soemmering (10. August 1795, X I I 31 fi.) und von
Kiesewetter (8. Juni 1795, X I I 23) beweisen, schon vor der Abfassung des Oktav-
entwurfs.

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[33135] Kants Nachlaßwerk 315

Elementarsystem der bewegenden Kräfte systematisch durchgeführt wird


( z w e i t e P h a s e ) . Der Versuch, die Voraussetzungen des Elemen-
tarsystems kritisch I zu sichern, hat eine I n v e r s i o n d e r T h e -
m a t i k zur Folge: schon die Ätherdeduktion ist, im Gegensatz zur
Ätherhypothese, von erkenntnistheoretischen Motiven bestimmt
( d r i t t e P h a s e ) . Nach dieser „Wendung zur Erkenntnistheorie"
wird der ganze bisherige Plan einer Umarbeitung unterzogen; es entsteht
ein physikalisch-erkenntnistheoretischer Entwurf, der den Gegenstand
der Physik (als Lehrsystems der Wahrnehmungen) von b e i d e n Seiten,
der objektiven und der subjektiven, zu erfassen und abzuleiten sucht
( v i e r t e P h a s e ) . Der so gewonnene doppelte Erscheinungsbegrifi
(direkte-indirekte Erscheinung) führt aber dazu, auch die Grenzprobleme:
des D i n g e s an s i c h und der F r e i h e i t (der moral-practi-
schen Vernunfi als eine von den bewegenden Kräften der Natur X X I I
105) aufzunehmen; bei dieser Vertiefung erweitert sich zugleich die The-
matik ( f ü n f t e P h a s e ) . Und damit ist ein sachlich erschöpfender
Abschluß, eine Darstellung der Transzendentalphilosophie im Rahmen
der I d e e n l e h r e , möglich: es ist Kants Anstrengung, diese Möglich-
keit im I. Konvolut zu verwirklichen ( s e c h s t e P h a s e ) .
Was also zuerst nur für einen engeren Sektor des kritischen Systems,
für die Beziehungen zwischen empirischer Physik und apriorischer Na-
turmetaphysik, herausgestellt wurde, erweist sich zuletzt als H y p o -
t h e s i s des G a n z e n d e r T r a n s z e n d e n t a l p h i l o s o p h i e ;
die Konzeption des Überganges von den metaphysischen Anfangsgrün-
den der Naturwissenschaft zur Physik erweitert sich zu einer Systema-
tik aller Übergänge und zur Idee der Transzendentalphilosophie als
Ubergangswissenschaft, — ohne daß damit der ursprüngliche Anspruch
einer propädeutischen Naturwissenschaft (physiologia propaedeutica)
als philosophischer Grundlegung der empirischen Naturwissenschaft
(Physik) preisgegeben wird.
Dieser Gedankenbewegung wollen wir im Einzelnen nachgehen.
Sieht man sich die erste Gruppe der Entwürfe näher an, so fällt sogleich
auf, daß zwischen Programm (Formulierung der Aufgabe) und Material
eine D i s k r e p a n z besteht: die Frage, wie das beigebrachte Material
zu dem aufgestellten Programm „paßt", bleibt offen. Der Oktaventwurf
enthält zwei Vorreden, in denen Kant die Nothwendigkeit des Über-
schritts von den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft
zur Physik vermöge der Verwandtschaft die zwischen Regeln a priori
mit der Erkenntnis ihrer Anwendung auf empirisch gegebene Objecte be-
isteht, hervorhebt ( X X I 407/8), und ein „Verhältnis" der einen Er-
kenntnisart zur anderen statuiert, welches weder ganz auf Principien
a priori noch auf empirischen sondern blos auf den Übergang der einen

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316 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [35/36]

zu der anderen gestellt ist (XXI 403). Der fortlaufend signierte Oktav-
entwurf selbst gibt dagegen eine Anzahl von Spezialproblemen (Zu-
sammenhang, Flüssigkeit, Ponderosität, metallische Eigenschaften,
Starrheit und Erstarrung, Tropfenbildung, Kristallisationsformen), un-
termischt mit dem Versuch, die allgemeinen synthetischen Eigenschaften
der Materie nach der Kategorientafel aufzuzählen. Die physikalischen
Fragen sind allerdings nur scheinbar beliebig aneinandergereiht: was sie
innerlich verbindet, ist die Ä t h e r h y p o t h e s e . Der Äther ist die
ursprüngliche, den Weltraum erfüllende Flüssigkeit, die sich in ursprüng-
licher immerwährender Erschütterung befindet (XXI 374) und den vol-
len Raum als object der Erfahrung vom leeren unterscheidet (XXI 376).
Der Äther ist eine unvermeidlich nothwendige Hypothese weil ohne
ihn kein Zusammenhang als welcher zur Bildung eines physischen Kör-
pers nothwendig ist gedacht werden kann (XXI 378).
In der zweiten Gruppe der Entwürfe verfestigt sich das Elementar-
system; Phänomene, die vorher nach dem Maße des ihnen zugewandten
Interesses eine selbständige Behandlung erfuhren (Kapillarität, Metall-
glanz etc.), werden dem Elementarsystem eingeordnet und sozusagen
katalogisiert; der Terminus Äther tritt zurück: Kant spricht fast nur
noch vom W ä r m e s t o f f (Wärmematerie, Elementarstoff), der, ent-
gegen den früheren Schwankungen, nunmehr die Rolle des Äthers über-
nimmt (als Urstoff des Beweglichen im Raum der bewegende Kraft hat
X X I I 196). Die Umwandlung der Äther(Wärmestoff-)hypothese wird
uns noch zu beschäftigen haben; sie findet ihren Abschluß in der Eintei-
lung der Wärmestoffeigenschaften nach der Kategorientafel: Der Wär-
mestoff ist i m p o n d e r a b e l , i n k o e r z i b e l , inkohäsibel,
i n e x h a u s t i b e l , wie die Materie nach der Quantität p o n d e -
r a b e l , nach der Qualität k o e r z i b e l , nach der Relation k o h ä -
s i b e 1, nach der Modalität e x h a u s t i b e l ist. Besteht die eigentliche
Arbeit dieser Entwürfe in der Zusammenziehung des Materials, so
bleibt doch nach wie vor die für das Thema der „Ubergangs(Fortschrei-
tungs-)Wissenschaft" entscheidende Frage, wie das Fortschreiten im Be-
griffe von der Materie (XXII 149) m ö g l i c h ist, unbeantwortet; die
Dis|krepanz zwischen Programm und Ausführung wird nicht behoben.
Ebensowenig gelingt es, Äthertheorie und Elementarsystem so mitein-
ander zu verbinden, daß der Aufbau des Elementarsystems von der
Äthertheorie aus verständlich wird.
Das trifft aber nur zu auf die Folioentwürfe bis zum Frühjahr 1799.
Mit dem Entwurf A. Elem. Syst. 1—6 kündet sich, noch innerhalb der
ersten Gruppe der Entwürfe, jene Thema i n v e r s i o n an, die für die
dritte Phase der Gedankenbewegung des Nachlaßwerkes charakteristisch
ist. Der Punkt, an dem die „erkenntnistheoretische" Wendung einsetzt,

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[36137] Kants Nadilaßwerk 317

läßt sich genau bezeichnen: es ist der Übergang vom Elementarsystem


zum W e l t s y s t e m der Materie. Das Verhältnis beider Systeme ist
so gedacht, daß in jenem von den Theilen zum Gantzen, in diesem von
dem idealen Ganzen zu den Theilen fortgeschritten wird (XXII 267).
Dieses „Ganze" ist die W e l t ; der Wärmestoff (Äther) ist der a priori
gegebene Stoff zum Weltsystem (XXI 232), — er ist die Basis des
Ganzen der Vereinigung aller bewegenden Kräfte der Materie, und als
solche das P r i n z i p d e r M ö g l i c h k e i t d e s G a n z e n d e r
E r f a h r u n g (XXI 224).
Diese Ä t h e r d e d u k t i o n ist nun der Ursprung der mühevol-
len Untersuchungen der Konvolute X und XI, deren Kernstück die sogen,
n e u e D e d u k t i o n d e r K a t e g o r i e n bildet. Der unmittelbar
vorangehende Entwurf, Redactio 1—3 des XII. Konvoluts, läßt davon
freilich noch nicht viel merken: es ist, als hätte sidi Kant eine Atempause
gegönnt und noch einmal den Inhalt der bisherigen Entwürfe kurz zu-
sammengestellt. Aber eine „Nota" (XXII 584) verzeichnet in präzisester
Form das T h e m a der kommenden Untersuchungen: Der Übergang
ist die Zusammenstellung (coordinatioy complexus formalis) der
Begriffe a priori zu einem Ganzen möglicher Erfahrung durò Anticipa-
tion ihrer Form so fern sie zu einem empirischen System der Naturfor-
schung (zur Physik) erforderlich ist. — Diese Anticipationen müssen da-
her selbst ein System ausmachen was nicht von der Erfahrung als Aggregat
fragmentarisch sondern a priori durch die Vernunft geordnet ist und ein
Schema zur möglichen Erfahrung als einem Ganzen enthält.
Um den Inhalt der neuen Deduktion des Entwurfs A—Ζ selbst
kurz zu verdeutlichen, brauchen wir uns nur zu fragen, wie die anti-
cipado systematis naturae möglich ist. In der Analytik der Grund-
sätze (der Kritik der reinen Vernunft) war die Intensität der Empfin-
dung allein dasjenige, was apriorischer Bestimmung zugänglich schien:
die Empfindungen sind zwar nur a posteriori gegeben, aber die Eigen-
schaft derselben, daß sie einen Grad haben, kann a priori erkannt wer-
den (A 176). Das genügt jetzt nicht mehr. Soll das Natursystem der
bewegenden Kräfte antizipierbar sein — und ohne diese Antizipation
kann es weder ein Lehrsystem der bewegenden Kräfte (Physik) nodi
überhaupt eine physikalische Forschung (Observation und Experiment)
geben —, so muß die apriorisdie Struktur der Wahrnehmung weiter
reichen als bis zur Intensität der Empfindungen. Was Kant dabei vor
Augen hat, ist der auf ein Aktgefüge zurückweisende R e a k t i o n s -
charakter der Wahrnehmungen. Wahrnehmungen sind nicht bloß empi-
rische Vorstellungen mit Bewustseyn, sondern solche, die aus dem Ein-
fluß der bewegenden Kräfte der Materie auf das Subject stammen (XXII
316). Es sind, wie er es kurz formuliert, mit Bewustseyn verbundene

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318 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [37/38]

bewegende Kräfte (XXII 392). Das Prinzip, das damit an Stelle des
Prinzips der „Antizipationen der Wahrnehmungen" der Analytik der
Grundsätze tritt, haben wir oben27 als A k t k o r r e s p o n d e n z d e s
O b j e k t s bezeichnet: den Akten des Vorstellungsvermögens korrespon-
dieren notwendig Gegenakte des Objekts. Und eine „Zusammenstellung"
des Natursystems ist möglich, insofern die Wahrnehmung selbst schon
eine „Zusammenstellung" der Sinnenvorstellungen ist; in jeder Wahr-
nehmung liegt implizite das System der bewegenden Kräfte, — sonst
hätte sie keinen Gegenstand, wäre nicht Wahrnehmung eines Realen.
Es ist klar, daß ein solcher Ansatz zu einer Vertiefung des Subjekt-
begriffs und der Lehre von der Synthesis führen muß. Das anschlie-
ßende VII. Konvolut liegt denn auch genau in der Linie der Aktanaly-
sen des X./XI. Konvoluts. Insoweit das Subjekt die Wahrnehmungen
„redigiert" (Physik als Redaction der Warnehmungen, XXII 298), aus
ihnen ein System der Erfahrung macht, k o n s t i t u i e r t es s i c h
s e l b s t : die Konstitution der Wahrnehmungen ist Selbstkonstitution.
Und zwar konstituiert sich das Subjekt als Subjekt in der E r s c h e i -
n u n g ; das denkbare Ich, so drückt es Kant aus, setzt sich selbst als das
spürbare (XXII 119). Ohne Affektion ist diese Selbstsetzung nicht mög-
lich; das Korrespondenzprinzip der neuen Deduktion fordert aber, daß
das I Subjekt selbst diejenige Bewegung macht und verursacht, durò
welche es2S (empirisch) afficirt wird und a priori in das Subject hinein-
legt, was es von aussen empfängt (XXII 321). Mit anderen Worten: die
Selbstkonstitution des Subjekts zum erscheinenden Subjekt beruht auf
der S e l b s t a f f e k t i o n des Subjekts.
Ohne die damit zusammenhängende Verdoppelung des Erscheinungs-
begriffs und die Behandlung des Ding an sidi - Begriffs im VII. Konvo-
lut schon hier näher zu betrachten, gehen wir sogleich auf die systema-
tisch bedeutsame Wendung von der S e l b s t s e t z u n g s l e h r e zur
L e h r e v o n d e r P e r s o n ein: sie gibt ja den letzten beiden Pha-
sen der Problementwicklung des Nachlaßwerkes das Gepräge einer den
bisherigen Rahmen überschreitenden Erweiterung der Thematik. Person
ist der Mensch als Substanz so sich ihrer Freyheit bewußt ist (XXII121).
Freiheit aber gehört zu den wirkenden Ursachen im Weltganzen (XXII
114): als Totalität des Gantzen existirender Dinge wird also die Welt
(XXII 124) die Wirksamkeit der Personen einschließen. Wie der Welt-
begriff, so fordert audi der Spontaneitätsbegriff die Einbeziehung der
moralisch-praktischen Vernunft; denn Ich bin mir nicht bloß nach einem
Gesetz der Receptivitat der Natur, sondern auch nach einem

27
Siehe S. 280.
28
Im Original versehentlich: sie.

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[38139] Kants N a d i l a ß w e r k 319

Princip der Spontaneität der Freyheit ein Princip der synthe-


tischen Selbstbestimmung (XXII 131). Vollends deutlich aber wird die
Notwendigkeit des Ubergangs zur Moralphilosophie aus dem Ergebnisse
der neuen Deduktion, das ja darin besteht, im oberen Erkenntnisver-
mögen audi den Bestimmungsgrund der psychophysischen Individuali-
tät aufzufinden: dieses „Vermögen" kann technischI¡Anschauung con-
struirende oder moralischll praktische Vernunft seyn, bey de a priori,
das Manigfaltige der Vorstellungen zu einem Erkentnis unter einem
Princip verbindend (XXII 116). Und es kann das eine nicht sein, o h n e
z u g l e i c h d a s a n d e r e zu sein.
Von hier aus erschließt sich leicht der in seinen Perspektiven bewun-
dernswerte, in der Ausführung durch Kants Erkrankung behinderte, und
so Fragment gebliebene Entwurf des I. Konvoluts. Dieser Entwurf des
Systems der reinen Philosophie in ihrem ganzen Inbegriffe (XXI 146)
sollte in drei Abschnitten Gott, die Welt, u. was beyde in realem Ver-
hältnis gegen einander denkt, das Subject als vernünftiges Weltwesen
(XXI 27) behandeln: die alte | Gliederung der Ideenlehre in Anthro-
pologie, Kosmologie und Theologie bleibt also bestehen, wird aber so
gefaßt, daß die Anthropologie den (dialektischen) Abschluß und die
systematische Vollendung der Ideenlehre bildet. Der Mensch ist das Sub-
ject, das Gott und Welt in einem Satze verbindet (XXI 37); indem er
sein Daseyn a priori synthetisch bestimmt (XXI 39), ist er nicht mehr
das Zwitterwesen (animal rationale), das an der phänomenalen und
noumenalen Ordnung partizipiert und in Sinnlichkeit und Vernunft zer-
fällt, sondern das Subjekt, welches die synthetische Einteilung (Real-
opposition X X I 22) von Gott und Welt selbst macht, die Verbindung
Gottes mit der Welt unter einem Princip begründet (XXI 23), sich eine
Welt als Gegenstand möglicher Erfahrung in Raum und der Zeit schafft
(XXI 23) und in der Idee Gottes sich selbst zu einem Gedankendinge
constituirt (XXI 27).
Was hat denn nun die Transzendentalphilosophie auf ihrem höch-
sten Standpunkt noch mit der Wissenschaft des Übergangs von den
metaphysischen Anfangsgründen zur Physik zu tun? Sehr viel. Zunächst
spricht das schon gegen die Zwei-Werke-Theorie, daß Kant im I. Kon-
volut die rein naturwissenschaftlichen Probleme der früheren Entwürfe
nicht aus den Augen verliert. Im Sinne damaliger naturphilosophischer
Spekulationen ( R i t t e r , S c h e l l i n g ) versucht er, Wärmestoff
und Licht in ein polares Verhältnis zu setzen: durch Licht und Wärme
setzen sich Welten in Gemeinschaft (XXI 105); Wärmestoff ist das
durchdringende, Licht das abstoßende Prinzip (XXI 100), — Formu-
lierungen, die an den Oktaventwurf erinnern, in welchem das Licht als
gradlinigte Ausströhmung, die Wärme als dunstförmige Einsaugung be-

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320 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [39/40}

zeichnet worden war (XXI 381). Dahin gehört auch der Gebrauch, den
Kant im I. Konvolut von den Erscheinungen des G a l v a n i s m u s
macht, wenngleich er sich die Theorie des Galvanismus nicht mehr an-
eignen kann: Licht, Wärme, Electric i tat u. Nervenein-
flus sind die bewegende Kräfie welche ein Leben im Univers gleich
dem Galvanism bewirken (XXI 136). Der Galvanismus wird so zum
Symbol der Transzendentalphilosophie, die dieses „Leben" konstruiert.
Kosmotheoros, Hippokrates, Zoroaster sind andere dieser sigelähnlidien
Symbole, wie sie sich sonst bei Kant nichtfinden2®.|
Entscheidend für den Charakter des letzten Entwurfs aber ist, daß er
mannigfaltige Versuche zu einer T o p i k d e r U b e r g ä n g e ent-
hält: dem Ubergang von den metaphysischen Anfangsgründen zur Phy-
sik folgt der Übergang von der Physik zur Transzendentalphilosophie,
diesem der Übergang von der Transzendentalphilosophie zum System
zwischen Natur u. Freyheit, diesem endlich als Beschlus eine Darstellung
der allgemeinen Verknüpfung der lebendigen Kräfte aller Dinge im
Gegenverhältnis Gott und Welt (XXI 17). In einem Einleitungsentwurf
(XXI 59) wird diese Genesis der Transzendentalphilosophie als Über-
gangswissensdiaft so gekennzeichnet: Sie hebt an von den metaphysi-
schen Anfangsgründen der Naturwissenschaft, enthält die Principien
a priori des Überganges der letzteren zur Physik, und ohne Hete-
romonie zu werden, schreitet sie über zur Physik als einem Princip der
Möglichkeit der Erfahrung, durch welche das Ganze der Erkenntnis ein
Aggregat von Wahrnehmungen wird; von hier aus schreitet sie weiter
zur Erfahrung selbst in asymptotischer Annäherung. Daran schließt sich
(XXI 61) der Ubergang von der Natur zur Freiheitslehre, und daran
der Übergang zur Grenze alles Wissens (transzendentale Theologie)
(XXI 9).
Auch wenn der Entwurf des I. Konvoluts nicht bloß in Bruchteilen
zur Ausführung gelangt wäre, könnte der Eindruck der inneren Einheit
und Planmäßigkeit des Nadilaßwerkes nicht tiefer sein. Wir haben die
Grundgedanken des opus postumum umrissen und uns dabei auf das
Allernotwendigste beschränkt. Wir wollen nun versuchen, den Schlüssel
zum Verständnis der vermeintlich unkritischen und fremdartigen Gedan-
ken zu finden. Dazu ist erforderlich, zuerst die i n d i r e k t e n H i n -
w e i s e des Nadilaßwerkes auf die Probleme der dritten Kritik näher
zu betrachten. |

28
Ober die Bedeutung des Zoroastersymbols siehe D. Mahnke, Die Rationalisierung
der Mystik bei Leibniz und Kant, in: Blätter für Deutsche Philosophie XIII, 1—2
(1939), S. 63.

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[41!42] Kants Nachlaßwerk 321

II. Teil

Indirekte Hinweise des Nachlaß-


werkes auf die Kritik der Urteilskraft

a) Explizite indirekte Hinweise

Diese zerfallen in e x p l i z i t e und i m p l i z i t e . Explizite in-


direkte Hinweise auf die Kritik der Urteilskraft sind solche, in denen
sich Kant auf die T h e m a t i k der Kritik der Urteilskraft bezieht,
implizite solche, in denen zwar keine thematische Beziehung besteht, die
Fragestellung aber mit den begrifflichen M i t t e l n der Kritik der Ur-
teilskraft erarbeitet wird. Wir befassen uns zunächst mit den expliziten
Hinweisen. Da das Nachlaßwerk die Probleme der Geschmackskritik
nicht behandelt, bleiben nur die beiden Einleitungen und die Kritik der
teleologischen Urteilskraft. Sehen wir von jenen noch ab, so haben wir es
allein zu tun mit denjenigen Stellen des Nachlaßwerkes, in denen Kant
unter analoger Bezeichnung und in gleicher oder ähnlicher Weise V o r -
d e r g r u n d p r o b l e m e der N a t u r t e l e o l o g i e erörtert.
Da ist zuerst der Begriff des organischen Körpers selbst. Organische
Körper sind natürliche Maschinen, — sie müssen gleich anderen bewe-
genden Kräften der Materie ihren mechanischen Verhältnissen nach be-
urtheilt werden ( X X I 186). Freilich ist „Maschine" ein Körper, der eine
absichtlich!¡bewegende Kraft hat ( X X I 186, 187), dem also ein Ver-
stand als Bestimmungsgrund untergelegt ist; wird die Wirksamkeit
einer Maschine bloß nach A n a l o g i e mit einem solchen Verstände
erklärlich zu machen gesucht ( X X I 187), so ist der Mechanism ... ein
Organism und die Materie ist organisirt gleich dem Kunstproduct eines
verständigen Wesens. Der Unterschied organischer und anorganischer
Naturkörper erstreckt sich also auf die innerlich bildenden Kräfte der |
Materie (vires interne formatrices): diese sind entweder blos mechanisch
oder organisch bildend ( X X I 189). Organisch bildend sind sie, wenn die
Teile eines Körpers um des Ganzen willen da sind ( X X I 189), bzw. wenn
die Idee des Ganzen dem Begriff der Teile als Grund ihrer Möglichkeit
vorhergeht ( X X I 196). Ein organischer Körper ist eine sich selbst der
Form nach erzeugende Maschine deren bewegende Kraft Mittel und
Zweck zugleich ist ( X X I 1 9 6 ) .
Indessen, die Möglichkeit eines solchen Körpers läßt sich aus Begrif-
fen a priori nicht einsehen, sondern kann blos aus der Erfahrung hervor-
gehen ( X X I 189). Auch diese Überlegung stimmt, wie das Bisherige, mit
der Kritik der Urteilskraft überein: die Möglichkeit einer lebenden Ma-
terie, hieß es in der Dialektik der teleologischen Urteilskraft, läßt sich

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322 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [42143]

niât einmal denken (V 394). Dodi kommt es in der Folge zu Formulie-


rungen, die sich von denen der Kritik der Urteilskraft unterscheiden.
Die Möglichkeit eines organisierten Körpers müßte — heißt es im X. Kon-
volut — wenn die Erfahrung nicht Beispiele davon aufwiese als Hirn-
gespinst des Fürsten von Palagonia von jederman verworfen werden
(XXII 383); nur die Erfahrung liefert den Beweis, daß organisierte
Körper existiren können (XXII 396). Oder noch schroffer im XI.
Konvolut: die Möglichkeit eines organischen Körpers kann nicht bewie-
sen auch nicht postulirt werden aber dieser ist doch ein
Factum (XXII 481; keine Sperrung im Original!); ein organischer
Körper ist ein solcher, der nicht anders als allein durch die Er-
fahrung denkbar ist (XXII 499), — ohne die Wirklichkeit des orga-
nischen Körpers in der Erfahrung zu erkennen, kann seine Möglichkeit
nicht angenommen werden (ebd.). Da alles, was nicht als allein durò
Erfahrung einen realen Begriff abgiebt, zur P h y s i k gehört (XXII
401), so gehört auch der Begriff des organischen Körpers nicht unter den
Titel des Überganges von den metaph. Anf. Gr. zur Physik... son-
dern gäntzlich zur Physik (XXI 305 u. ö.). Was dagegen die Ubergangs-
wissenschaft behandelt, sind nur die V o r a u s s e t z u n g e n der Er-
fahrung von einem organischen Körper: von einem solchen Object die
Erfahrung zu machen setzt einen Verstand voraus welcher a priori ein
Princip der Zusammensetzung der bewegenden Kräfte der Materie die
selbst auf das Wahrnehmungsvermögen Einflus haben enthält (XXII
401).
Damit stehen wir schon mitten in der neuen Deduktion und | zwar
an der Stelle, wo sie sich mit dem Grundgedanken der Kritik der Ur-
teilskraft verbindet. Wir können erst später darauf eingehen. Hier ist
jedoch nodi auf weitere Definitionsversuche zu verweisen. Ein orga-
nischer Körper, so heißt es in dem Entwurf Ubergang 1—14, ist ein
solcher, dessen jeder Theil um des anderen willen da ist (XXI
210, vgl. V 373): ein Dasein dieser Art ist seiner Realität nach nicht anti-
zipierbar; es würde bedeuten, daß jeder Theil absolute Einheit des Prin-
cips der Existenz und Bewegung aller übrigen (Theile) seines Ganzen
ist (XXI 210). Was dabei als absolute Einheit figuriert, ist das Lebens-
princip (Die productive Kraft dieser Einheit ist das Leben X X I 211), —
das Vermögen der Spontaneität eines körperlichen Wesens gewissen ihm
zugehörigen Vorstellungen gemäß zu wirken (XXI 566). Das Lebens-
prinzip ist immateriell. Zur Erzeugung der Lebenskräfte wird nothwen-
dig ein immaterielles Princip (Begehrungsvermögen) mit un-
theilbarer Einheit der Vorstellungskraft erfordert: Denn das Mannig-
faltige dessen Verbindung zur Einheit auf Zwecken beruht kann nicht
aus bewegenden Kräften der Materie (als der diese Einheit des Prin-
cips mangelt) hervorgehen (XXI 558). Aber es muß zwischen e i g e n t -

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[43/44] Kants Nachlaßwerk 323

1 i c h e r und u n e i g e n t l i c h e r Lebenskraft unterschieden wer-


den: Das Princip der Bewegung durch Vorstellungen die das Subject hat
heißt die eigentliche Lebenskraft; nach einem Analogon von Vorstel-
lungen die uneigentliche ( X X I 488) 30 .
Zu dieser Stufung der Lebenskraft kommen weitere Unterscheidun-
gen, die zwar nicht gleidhmäßig durchgeführt sind, aber doch eine Vor-
stellung von dem systematischen Rahmen geben können, in den Kant
das biologische Problem hineinstellt und der den Rahmen der Kritik der
Urteilskraft beträchtlich übersteigt. Erstens die Unterscheidung von L e -
b e n s k r a f t und V e g e t a t i o n s k r a f t . Animalität und Vege-
tation, Tier- und Pflanzenreich, sucht Kant so abzugrenzen, daß die
animalischen Körper als beseelt, selbstbeweglich, in höherem Grade ein-
heitlich (ganzheitlich) sind als die vegetabilischen: Ein jedes Thier hat
Eine Seele (als immaterielles Princip) und 7heile von Τhieren scheinen
doch auch eine vita propria zu beweisen wenn sie abgesondert sind. —
Die Pflanzen verstatten Einimpfungen und (sind) also Aggregate | auch
ohne System ( X X I I 418). Bei den letzteren reproduziert der Teil das
Ganze auf einer unbeweglichen Basis ( X X I 568). Was beim Menschen
der Gedanke, ist beim Tier das bloße V or Stellungsvermögen
(als facultas interne motiva) ( X X I 137), — die Tierseelen sind unpersön-
lich; nur die Menschen sind Personen.
Zweitens die allgemeinere Unterscheidung von L e b e n s k r a f t
und l e b e n d i g e r K r a f t . Grundlegend für das ganze Nachlaß-
werk ist der alte Gegensatz zwischen l e b e n d i g e n und t o t e n
Kräften; die lebendigen Kräfte (ζ. B. der Stoß im Gegensatz zum Druck
als toter Kraft) dürfen aber nicht mit Lebenskräften verwechselt wer-
den: die Lebenskraft wirkt nach Ideen und ist nach einem immateriellen
Princip bewegend folglich für das Elementarsystem... transscendent
( X X I I 602). Lebendige Kraft ist nicht Lebenskraft, nicht organisch, son-
dern mechanisch. Doch kann nach der Analogie mit der organischen
auch die mechanische oder umgekehrt vorgestellt werden ( X X I I 1 8 9 ) .
Dieser Nachsatz ist wichtig. Denn er zeigt die Flüssigkeit der Unter-
scheidung. In der Tat behandelt Kant die ursprüngliche lebendige Kraft
des Äthers (Wärmestoffs) durchaus n a c h A n a l o g i e m i t d e r
L e b e n s k r a f t : Obgleich der Begrif von einem ersten Anfange der
Bewegung selbst unbegreiflich und eine Spontaneität der Materie im
Bewegen mit dieser nicht verträglich ist so wird doch andererseits da
einmal im Weltraum Bewegung ist eine uranfängliche Bewegung
derselben ... unvermeidlich postulirt ( X X I 222). Man kann, wie schon

50 Das Lose Blatt 8 gehört zu den wenigen Blättern aus der Zeit um 1799. Über das
unlängst aufgefundene, ebenfalls hierhergehörige Lose Blatt Presting siehe weiter
unten S. 332.

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324 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [44145]

hier ersichtlich, die Ätherdeduktion nicht verstehen ohne diese „Analogie"


der ursprünglich-bewegenden Kraft des Äthers mit der Lebenskraft.
Eben damit erweitert aber audi die der Lebenskraft „analoge" leben-
dige Kraft das Schema der bewegenden Kräfte. Mit der Gegenüberstel-
lung toter und lebendiger Kräfte ist es nicht getan. Worauf es Kant
eigentlich ankommt, ist die Bestimmung p r i m ä r e r und s e k u n -
d ä r e r bewegender Kräfte. In diesem Sinne unterscheidet er vires
ingenitae (congenitae, connatae, innatae) und vires impressae, primitive
(natürliche, eigene) und derivative (mitgeteilte) bewegende Kräfte, Be-
wegung erregende und Bewegung reproduzierende Kräfte, innerlich
und äußerlich bewegende Kräfte. Ist diese Unterscheidung einmal ge-
troffen, dann kann es, bzw. muß es, audi eine letzte ursprünglich-bewe-
gende (lebendige) Kraft, ein primum mobile, den Äther (Wärmestoff),
geben. Man kann im Zurückgehen auf Species ins unbegrentzte | gehen
bis auf Eine... die den Raum (empirisch) ganz erfüllt und die nur eine
einzige seyn kann weil sie81 in dem Caussalzusammenhang das erste und
letzte Princip der Bewegung enthält — der alldurchdringende Wärme-
stoff als Elementarkraft (XXII 327).
Diese Heranziehung des Spezifikationsgesetzes, das ja ein Gesetz der
reflektierenden Urteilskraft ist (V 185 f.), für die Einteilung der leben-
digen Kräfte verrät schon genug über den Sinn der von Kant erstrebten
Kräftetopik. Lassen wir das als impliziten Hinweis auf die Kritik der
Urteilskraft noch beiseite, so ergibt sich uns rückblickend folgendes Bild:
Von der Unterscheidung toter und lebendiger Kräfte gelangen wir zur
Unterscheidung mitgeteilter und natürlicher bewegender Kräfte, von
dieser zur Unterscheidung lebendiger und Lebenskräfte. Die Lebens-
kräfte unterscheiden sidi in vegetative und animalische, weiterhin in
eigentliche und uneigentlidie, wobei die ersteren die Kräfte des Subjekts
sind, durch seine Vorstellungen Bewegungen zu bewirken. Kehren wir
diese Ordnung um, so bildet das subjective Bewegungsvermögen (XXII
140) den Ausgangspunkt; zu ihm gehört eine objective Bewegbarkeit
(ebd.), — beides zusammen macht dasjenige, was Kant unsere (psycho-
physische) Organisation nennt. Das Bewußtseyn unserer eigenen Organi-
sation als einer bewegenden Kraft der Materie macht uns den Begrif des
organischen Stoffs und die Tendenz zur Physik als organischem System
möglich (XXI 190). Wir erfahren die organische Kräfte an unserem eige-
nen Korper und gelangen vermittelst der Analogie derselben mit einem
Theil dieses ihren Princips zu einem Begriff von der Vegetation desselben
indem wir jenes nämlich die Animalität weglassen (XXII 373). Die vege-
tativen Lebenskräfte ergeben sich also durch Abstraktion von den anima-

31
sie versehentlich gestrichen.

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[45146] Kants Nachlaßwerk 325

lisdien. Und schließlich können wir uns indirekt nach der Analogie mit der
bewegenden Kraft eines Körpers als Maschine betrachten (XXI 213).
Der Begriff der Organisation ist aber noch weiter entwickelbar. Die
Kritik der Urteilskraft hatte hervorgehoben, daß die spezifische Form
organisierter Materie notwendig auf die Idee der gesamten Natur als
eines Systems nach der Regel der Zwecke führt (V 379)82, und V 419
war die Rede von dem Archäologen der Natur, der den Mutter-
schoo β der Erde ... (gleichsam als ein großes Thier), anfänglich Geschöpfe
von minder-zweckmäßiger | Form, dann andere, welche angemessener ...
ihrem Verhältnisse unter einander sich ausbildeten, gebären läßt, bis
schließlich reine, nicht ausartende Species übrig bleiben. Diese, durch
ihren Anklang an die Deszendenztheorie bekannte Stelle findet im Nach-
laßwerk nicht bloß ein Analogon, sondern audi eine tiefer gehende Be-
gründung. Die Organisierung der Systeme von organisirten Körpern
gehört zum Ubergange (XXI 566); wie jeder Teil eines organischen
Körpers um des anderen willen gedacht werden muß, so auch jede Species
von Geschöpfen um der anderen willen (ebd.). Diese Orga-
nisierung könnte man die fortschreitende Weltorganisierung nennen
(ebd.), wobei zuletzt der ganze Erdglob ein organischer wenngleich niât
lebender Körper wäre (XXI 567), der als ein aus dem Chaos hervor-
gegangener organischer Körper den Zweck im Mechanism der Natur
vollendet (XXI 213). Die organisirende Kraft unseres lebendig gebä-
renden Globus hat auch das Ganze der für einander geschaffenen Pflanzen-
und Thierarten so organisirt, daß sie mit einander als Glieder einer Kette
(den Menschen nicht ausgenommen) einen Kreis bilden: nicht blos nach
ihrem Nominalcharacter (der Ähnlichkeit), sondern dem Realcharacter
(der Causalität) einander zum Daseyn zu bedürfen: welches auf eine
Weltorganisation (zu unbekannten Zwecken) selbst des Sternsystems,
hinweist (XXII 549).
Die Kritik der Urteilskraft hatte dem Begriff der Natur als Zweck-
systems einen Platz in der Analytik angewiesen; jene ursprüngliche Or-
ganisation aber, die den Mechanism .. . benutzt, um andere organisirte
Formen hervorzubringen, wurde in der M e t h o d e n l e h r e unter-
gebracht (V 418) als Beispiel für die nothwendige Unterordnung des
Princips des Mechanisms unter dem teleologischen in Erklärung eines
Dinges als Naturzwecks (V 417). Im Nachlaßwerk erhält die Weltorga-
nisation (XXI 212) mit den Weltepochen (XXI 215) einen besseren
systematischen Platz. Die Entwürfe A Elem. Syst. 1—6 und Ubergang
1—14 handeln davon unter der Rubrik Eintheilung der physischen Kör-
per nach Begriffen a priori (XXI 210). Das Lebensprincip, heißt es
z.B. X X I 211, kann von Pflanzen auf Τhiere und deren Beziehung

32
Vgl. oben S. 307.

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326 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [46147]

aufeinander zum Ganzen beyder Verbunden auch auf das Ganze unserer
Welt durch ihr wechselseitiges Bedürfnis a priori bezogen werden. Schon
im Entwurf Farrago 1—4 (Dezember 1798 und Januar 1799) ist der
Hinweis auf die Einteilung der physischen Körper in organische und
unorganische mit dem Gedanken eines stufenartigen Fortschritts ( X X I
630) verbunden, der sich nicht etwa blos im Unermeßlichen verliert
sondern durch einen Sprung zum Ü ber sinnlichen ... übergeht.
In der Tat bringt die Vorstellung der Weltorganisation etwas zum
Ausdruck, was im Begriff des organischen Körpers notwendig mitgesetzt
ist: in der Classeneintheilung der Körper... in organische und unorga-
nische überhaupt ist das Princip der Möglichkeit organischer Bildun-
gen ... folglich auch die Möglichkeit eines organischen Systems
der Materie53 als ein no th wendige s Glied der Classen-
eintheilung der bewegenden Kräfte der Materie a priori gegeben ( X X I I
272). Andererseits liegt im Begriffe des Weltsystems der Materie schon
derjenige des Organisationssystems, das auf den Weltkörper (sc. Erd-
körper) selbst geht, wo ein organisches Ganze ... um des anderen wil-
len ... und aller nexus effectivus zugleich finalis ist: Der Ubergang zur
Physik geht im Natursystem auch auf das Weltsystem und auch dieses
kann in gewisser Rücksicht als organisch betrachtet werden. Die Ober-
flächen enthalten jetzt allein die Erdarten sind die abgeworfenen Hüllen
( X X I I 301). Der systematische Ort des Begriffs der Organisierung orga-
nischer Systeme bezw. der Weltorganisation ergibt sich also als
S c h n i t t p u n k t einer vom Begriff des organischen Körpers a u f -
s t e i g e n d e n und einer von demjenigen des Weltsystems a b s t e i -
g e n d e n Bestimmung.
Aber diese Bestimmung hat einen Widerhaken. Wir sahen, daß die
von Kant entworfene Kräfteeinteilung bis zur psychophysischen Organi-
sation des Menschen durchgeführt und von hier aus abgeleitet wird
(neue Deduktion). Zweifellos ist die Weltorganisation eine Art imagi-
närer Verlängerung dieser Linie über den Menschen hinaus. Die Welt-
organisation ist eine Projektion der menschlichen Organisation auf das
Ganze der Welt. Doch ist die menschliche Organisation nicht eindeutig.
Der Mensch ist eine p e r s o n a l e Einheit auf dem Grunde einer bio-
psychischen, und facultas repraesentativa, anima sind noch keine perso-
nalen Attribute. Denken wir uns die impersonale Organisation des
Menschen vergrößert, so kommen wir auf die W e l t a l s T i e r : die
Welt als ein Thier betrachtet von welchem Gott die Seele sey ( X X I 55);
ein immaterielles bewegendes Princip in einem organischen Körper ist
dessen Seele und von dieser kann man wenn man sie als Weltseele denken

33 i. O. nicht gesperrt.

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[48149] Kants Nachlaßwerk 327

I will annehmen daß sie ihren Körper u. selbst das Gehäuse desselben (die
Welt) baue (XXII 97).
Welt als Tier, Weltseele, Weltschöpfer (Demiurg), die Koordinaten
der Weltorganisation, s t e h e n i m G e g e n s a t z z u r E t h i k o -
t h e o l o g i e . Den Hylozoismus hat Kant in der Kritik der Urteils-
kraft zurückgewiesen (V 395); er lehnt ihn im Ganzen auch im opus
postumum ab. Er hat sich stets gegen den Pantheismus gewandt; man
kann aber nicht behaupten, daß er im Nachlaßwerk den Begriff der
Weltseele nur konstruiert, um ihn zurückzuweisen. Es gibt viele Stellen,
an denen er das tut, aber fast ebensoviele, an denen er es nicht tut. Man
dürfe sich nur nicht ein denkendes Wesen (spiritus) (XXII 504), einen
Weltgeist'4 (XXII 100) vorstellen, sondern allenfalls nur anima bruta
(XXI 504). Ein Einfluß S c h e l l i n g s , dessen „Weltseele" 1798 er-
schien, wäre möglich, ist aber wenig wahrscheinlich35; will man schon
äußere Einflüsse geltend machen, so ist jedenfalls an M a i m ó n nicht
vorüberzugehen (Brief an Kant vom 15. Mai 1790; Philosophisches
Wörterbuch 1791)".
Die schwankenden Formulierungen aufzufangen hat keinen Sinn.
Der Widerstreit der Motive ist klar, und auch der Ausgleich, den Kant
erstrebt: W e l t s e e l e und G o t t a l s G e i s t zu kontraponieren,
jene als immanent, diesen als transzendent zu fassen, und Gott als In-
haber der Welt (nicht Weltbewohner X X I 30), d.i. als Persönlichkeit,
zur obersten Ursache der Weltwesen zu machen (XXI 19). Was es aber
vor allem festzuhalten gilt, ist | der diese ganze Aporetik (ob ein Gott
in der Natur sey, heißt es X X I 92, gleichsam als Weltseele, kann nicht
gefragt werden denn dieser Begriff ist contradictorisch) zwar nicht
lösende aber klärende Unterschied von r e f l e k t i e r e n d e r U r -
t e i l s k r a f t und V e r n u n f t : die Weltseele ist ein Entwurf der
reflektierenden Urteilskraft, Gott als Geist, in dem wir leben, weben

34
Unter Weltgeist verstand Kant früher (1754) ein „unfühlbares, aber überall wirk-
sames Principium als das geheime Triebwerk der Natur, dessen subtile Materie
durch unaufhörliche Zeugungen beständig verzehrt würde" (I 203), „keine imma-
terielle Kraft, keine Seele der W e l t . . sondern eine subtile, überall wirksame
Materie, die bei den Bildungen der Natur das active Principium ausmacht" (I 211).
Etwas davon klingt noch in der Kritik der Urteilskraft nach, wenn an der obigen
Stelle ( V 4 1 9 ) von der Gebärmutter (der Erde) die Rede ist, „die erstarrt, sich
verknöchert, ihre Geburten auf bestimmte . . . Species einschränkt". Im Nachlaß-
werk hat der Weltgeist — es ist nur selten von ihm die Rede — die Bedeutung
eines immateriellen Princips. Vgl. X X I I 295: „Das organisirende Princip des orga-
nischen Körpers muß außerhalb dem Raum überhaupt seyn Es kann aber in einem
Verhältnis innerlich activ in einem anderen respectu dodi äußerlich d. i. in einer
anderen Substanz dem Weltgeist seyn."
35
Vgl. hierzu Adickes, a. a. O. S. 225.
3
* Vgl. meine Gesdiidite der Nadikantisdien Philosophie, Berlin 1931, S. 33 und die
dort unter Maimón angegebene Literatur.

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328 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [49/SO}

und sind (XXII 55, hier wird der Demiurg, die Westseele als p a s s i v ,
die Weltursache als Person als a k t i v e s Prinzip gekennzeichnet), eine
Idee der moralisch-praktischen Vernunft. Freilich ist audi die Welt selbst
eine Vernunftidee, und indem die Ideenlehre des I. Konvoluts Gott und
Welt miteinander in Beziehung bringt, kehrt auch die Problematik in
dem Verhältnisse von Naturteleologie und Ethikotheologie wieder. Die
Formulierung, die Kant hier gibt, ist aber dodi deutlich genug: Gott und
die Welt sind die Correlata ohne welche die Idee von Gott als eines
practischen Wesens nicht statt fände37 In der Welt aber sind Natur
und Freyheit zwey thätige Vermögen von verschiedener Art (XXII 50).
Ihren Ausgleich gibt allein der M e n s c h als Weltbewohner, das Gott
analoge Princip in der Welt (XXI 47)38. In der Ideenlehre wird also
das Bild von der Weltseele wieder in seinen Ursprung, die O r g a n i -
s a t i o n d e s M e n s c h e n , zurückgenommen.

b) Implizite indirekte Hinweise

Wenden wir uns nunmehr den i m p l i z i t e n (unthematisierten)


Hinweisen des Nachlaßwerkes auf die Kritik der Urteilskraft zu. Sie
sind nicht immer leicht zu finden; es wäre sonst kaum erklärlich, wie
A d i c k e s in seiner Darstellung die Bedeutung der Kritik der Urteils-
kraft für das opus postumum so gering veranschlagen konnte39. Denn-
nodi sind solche Hinweise in allen Entwürfen enthalten. Um des um-
fangreichen Stoffes Herr zu werden, benutzen wir die oben angegebenen
Grundprobleme der Kritik der Urteilskraft: des G a n z e n , der sub-
jektiven G ü l t i g k e i t , des Ü b e r g a n g e s , als Leitfaden.
Wie in der Kritik der Urteilskraft, so wird audi im opus | postumum
der Begriff des G a n z e n , auf den wir zunächst eingehen, in mannig-
faltiger Bedeutung verwendet. Voran steht natürlich, dem Thema der
„Obergangswissenschaft" entsprechend, die p h y s i k a l i s c h e Bedeu-
tung. Und zwar in doppeltem Sinn. Die Physik, das Erfahrungssystem
der Naturgesetze,... kann aus Erfahrung und vermittelst derselben nie
ein wahres System sein (XXI 508): um ihren Begriff zu realisieren, be-
darf es der Ubergangswissenschaft, die für sich ein Gantzes (der Disci-
plin) und ein besonderes System ausmacht (XXI 180) und es ermöglicht,
zur Physik als einem comparativ vollständigen Ganzen zu gelangen
(XXI 403). Das ist der auch in der Kritik der Urteilskraft an erster
37
Vielleicht ist statt Idee von Gott zu setzen: Idee des Menschen.
38
Zur Idee des Menschen im I. Konvolut siehe F. Pinski, Der höchste Standpunkt
der Transzendentalphilosophie, Halle 1911, S. 126 ff.
39
Er handelt davon a. a. O. S. 216 ff. „anhangweise"; zusammengefaßt noch einmal in
Kant als Naturforscher Bd. II, Berlin 1925, S. 468 f.

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[50/51] Kants Nachlaßwerk 329

Stelle stehende Begriff des Ganzen als S y s t e m s . Zu diesem formalen


Systembegriff gehört aber, im Bereich physikalischer Gegenständlichkeit,
ein m a t e r i a l e r S t r u k t u r b e g r i f f , der das Objekt der Phy-
sik, die Materie bzw. bewegenden Kräfte, als Einheit darstellt. Und in
der Tat läßt sich das von Kant sogenannte Elementarsystem der Materie
als Entwurf einer p h y s i k a l i s c h e n S t r u k t u r t h e o r i e ver-
stehen. Es ist gleichbedeutend mit der Topik der bewegenden Kräfte;
denn die Materie kann nur dynamisch, aus ihren bewegenden Kräften,
nicht atomistisch erklärt werden. Materie, das Bewegliche im Raum so-
fern es bewegende Kraft hat, ist das Ganze der bewegenden Kräfte
(XXI 639), ihr Inbegriff (XXII 474), eine nicht im Plural auftretende
Einheit, — die allverbreitete Einheit des Beweglichen (XXI 360). Von
der Einheit der Materie ist zwar die Vielheit der S t o f f e zu unter-
scheiden; aber audi den Begriff des Stoffes faßt Kant dynamisch: Stoffe
sind complementa virium moventium materiae (XXII 525), modificirte
Angehänge, adhaerentzen, der Kräfte (XXII 475), sie sind die ihrer spe-
cifischen Beschaffenheit nach bewegende Kräfte der Materie (XXII 350),
Bewegungsbasen, Bewegungssubjekte etc. Und wenn sich auch der Ter-
minus S t r u k t u r als Bezeichnung für die (dynamische) Verbindungs-
form der Materie nicht im Nachlaßwerk findet, so unterliegt es dodi
keinem Zweifel, daß schon die frühesten Bestimmungen des Oktavent-
wurfs auf eine Strukturtheorie abzielen: Zusammenhang ist... das erste,
was Erklärungsgründe bedarf ... und ursprunglicher Unterschied der
Dichtigkeit ... die Folge davon (XXI 374).
In die mühevollen Untersuchungen über den Aufbau des Elementar-
systems einzutreten, ist hier nicht möglich. Wir fragen | daher sogleich
nach dem Struktur p r i n z i p : nach der letzten gegenständlichen Vor-
aussetzung dafür, daß die bewegenden Kräfte ein Ganzes, kein blo-
ßes Aggregat bilden, daß die Materie durò die innere Wirkung und
Gegenwirkung der bewegenden Kräfte aller... Theile ein dynamisches
Ganze wird (XXII 188). Soweit diese Voraussetzung s u b j e k t i v ist,
liegt sie außerhalb des physikalischen Problembereichs; Kant unterstellt
aber von vornherein ein o b j e k t i v e s dynamisches Prinzip der Ma-
terie, das es gestattet, das System der bewegenden Kräfte der Natur die
zu den Eigenschaften derselben niât zum Act der Bewegung selbst ge-
hören (XXI 173) abzuleiten. Und diese „Unterstellung" ist die Ä t h e r -
h y p o t h e s e des N a c h l a ß w e r k e s .
Sie hat eine lange Vorgeschichte; denn mit dem Äther hat sich Kant
schon früh befaßt. In de igne (1755) wird er als elastische, zwischen den
Molekülen des Körpers befindliche und durch sie komprimierte Materie
bezeichnet, die die „Elemente" der Körper vereinigt (Materia ignis non
est nisi... materia elastica, quae corporum quorumlibet elementa, quibus
intermista est, colligat I 376). In den „negativen Größen" (1763) wird

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330 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [51/52]

er (das Feuerelement) als subtiles und elastisches Flüssiges bestimmt, das


durch seinen Austritt die Erwärmung, durcli seinen Eintritt die Erkäl-
tung eines Körpers bewirkt (II 185). In Reflexionen der 70er Jahre gilt
er als alles durchfließende Materie (XIV 289), Gebahrmutter aller Kor-
per und der Grund alles Zusammenhanges (XIV 295), als Ursache aller
Korpergestalt (XIV 316) und spezifischen Kohäsion: der selbst durch die
Gravitation zusammengedrückte (kondensierte) Äther (XIV 334) drüdkt
seinerseits die Materien ungleich zusammen (XIV 296). Und wie Kant
schon damals die „ganzmachende" Funktion des Äthers betont, geht aus
einer Reflexion dieser Jahre hervor (XIV 343): Aether ist die allge-
meine durch die ganze Natur verbreitete treibende Kraft, ein Grund der
Gemeinschaft duróos ganze universum40.
Die Ätherhypothese ist also schon vor Beginn der Arbeit am Nach-
laßwerk ziemlidi fest umrissen. Aber in den Druckschriften wird sie nur
als Beispiel herangezogen. Erst die neue Wissenschaft vom „Übergänge"
war dazu bestimmt, ihr einen s y s t e m a t i s c h e n Platz anzuweisen.
Da wir in der Äthertheorie des Nach|laßwerkes einen wichtigen i m -
p l i z i t e n H i n w e i s auf die K r i t i k d e r U r t e i l s k r a f t
erblicken, müssen wir uns vergewissern, worin sich die Behandlung des
Äthers im opus postumum von der früheren unterscheidet. Und zwar
grundsätzlich. Was Kant an neuem Material beibringt, ist nicht viel; die
Eigenschaften des Äthers und die durch ihn zu erklärenden Phänomene
stehen — kleinere Ergänzungen, aber auch Einschränkungen abgerech-
net — im Ganzen schon fest. Ebensowenig liegt der Unterschied im For-
malen: natürlich wird die Ätherhypothese durch Einzwängung in das
Kategorienschema „formalisiert", aber das ist gewiß kein neuer sach-
licher Gesichtspunkt.
Neu ist dagegen e r s t e n s die merkwürdige Einschränkung, den
Äther als n u r für den Ubergang von den metaphysischen Anfangs-
gründen der N . W. zur Physik gültigen Begriff (XXII 605 u. s.) aufzu-
fassen. Neu ist z w e i t e n s der mit dieser Restriktion scheinbar kon-
trastierende Versuch, die Existenz des Äthers zu b e w e i s e n , — und
zwar als die letzte gegenständliche Voraussetzung möglicher Erfahrung,
als sensibelen Raum (XXI 228), Grund der Möglichkeit der bewegenden
Kräfte und ihrer Verbindung zu einer Erfahrung (XXI 229). Und neu ist
d r i t t e n s die eigentümliche systematische Position des Äthers selbst: als
Begriff, der den Übergang vom Elementarsystem zum Weltsystem aus-
macht (XXII 598).
An diesen drei Punkten macht sich die Begriffsbildung der Kritik
der Urteilskraft geltend, und die ganze Äthertheorie des Nachlaßwerkes

40
Zur Entwicklung des Ätherbegriffs bei Kant vgl. Adickes, Kant als Naturforscher,
Berlin 1925, Bd. II (Absdinitt IV).

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[52b 3] Kants Nachlaßwerk 331

wird verfehlt, wenn man darin bloß formale Bestimmungen sieht. Ins-
besondere tritt an ihnen der Zusammenhang zwischen dem Äther als
Strukturprinzip der Materie und dem G a n z h e i t s b e g r i f f der
Kritik der Urteilskraft hervor, — jenem Ganzen der Natur, vorgestellt,
als ob ein Verstand den Grund der Einheit des Mannigfaltigen ihrer
empirischen Gesetze enthalte (V 181). In einer Bemerkung zum Elemen-
tarsystem ( X X I 183) hat Kant die Verbindung deutlich aufgezeigt: Daß
alle diese bewegende Kräfte unter dem System der Categorien stehen
und daß ihnen allen eine allgemeine als primitiv unterliege. Diesem
aber ein höchster nämlich ursprünglich selbständiger Verstand Die all-
gemeine primitive Kraft, der allldurchdringende Wärmestoff als Ele-
mentarkraft ( X X I I 327), ein nicht blos distributiv // sondern zugleich
collectiv // allgemeiner Weltstoff (XXI 602), begründet die Einheit des
activen Princips der Verbindung aller bewegenden Kräfte der Materie
( X X I I 267) und ermöglicht den Ubergang | vom Elementarsystem zum
W e l t s y s t e m der Materie, das organische Körper und Weltorganisa-
tion, a l s o d i e o r g a n i s c h e n Ganzheiten mitumfaßt
(vgl. X X I I 549 u.).
Bleiben wir zunächst bei der Bestimmung des Äthers als bloß zur
Ubergangswissenschaft gehörendem Begriff. Sie findet sich erstmalig im
Entwürfe A. Elem. Syst. 1—6 (1799): Dieser Äther darf... nicht als
ein hypothetischer Stoff von irgend einer Art bewegender Kräfte ... in
die Physik willkührlich eingeschoben werden wohin er wirklich nicht
gehört indem er blos zum Ü b er gange von den metaphys A. Gr. d.
NW zur Physik gehört ( X X I I 605). Ähnlich heißt es im (nachfolgen-
den) Entwurf Übergang 1—14 (vom gleichen Jahre): Ein Stoff der zu
diesem Ganzen gehört ist kein hypothetischer Stoff der etwa blos zum
Behuf der Erklärung gewisser Phänomene geeignet ist; denn alsdann
gehörte er zur Physik als einer empirischen Wissenschaft. Er soll aber
nur zum Übergange von den metaph. Anf. Gr. der N. W. zur Phy-
sik dienen (XXI 587), oder X X I 594: Die Behauptung der Existenz des
Wärmestoffs aber gehört nicht zu den metaph. Anf. Gr. der N. W., auch
nicht zur Physik sondern blos zum Übe r gange von den metaphy-
sischen Anf. Gr. der N. W. zur Physik. Die Formulierung bleibt audi in
den späteren Entwürfen erhalten; sie findet sich z . B . im Entwurf A — 2
(der „neuen Deduktion"): Dieser radicale Weltstoff ist niât problema-
tisch ... Seine Existenz gehört zum Übergange von den metaph. Anf.
Gr. der NW zur Physik und durch dessen Anerkennung... wird Physik
allererst möglich ( X X I I 475 f.).
Aus den angegebenen Stellen geht hervor, daß Kant wirklich an eine
E i n s c h r ä n k u n g denkt, wenn er den Äther aus der Physik, wo er
die Bedeutung eines hypothetischen Erklärungsprinzips hat, heraus-
nimmt und ihn in die Ubergangswissenschaft verweist, daß er ande-

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332 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [53154]

rerseits seine A b l e i t b a r k e i t und Beweisbarkeit an


seine Zugehörigkeit zur Wissenschaft vom Übergange knüpft,
— daß also der Äther gerade durch diese Restriction eine größere als
bloß hypothetische Geltung erhalten soll. Es hätte nahegelegen, die
Alternative so zu stellen: der Äther ist entweder ein hypothetischer
Stoff, der zu den Gegenständen der Physik gehört, oder ein physika-
lisches Erkenntnisprinzip (Gesichtspunkt, Postulat), das kein gegenständ-
liches Korrelat in einem besonderen Stoffe bzw. einer besonderen Kraft
besitzt. Zu der zweiten Möglichkeit finden sich audi Ansätze, so wenn es
X X I 561 I heißt: Wärmestoff ist das was die Gemeinschaft aller Materie
im Raum ausmacht und für sich keine prehensibele Substanz ist, wenn
der Wärmestoff X X I 553 als die in einem System existirend gedachte
Materie, oder (auf dem zur Ätherdeduktion gehörenden Losen Blatt
Presting X X I I 805) als Totalkraft des Systems (der bewegenden Kräfte)
bezeichnet wird (die ja, zur b e s o n d e r e n Kraft hypostasiert, nicht
mehr das G a n z e der bewegenden Kräfte wäre).
Zur Entwicklung dieser Ansätze kommt es jedoch erst mit der thema-
tischen Inversion der späteren Entwürfe. Für die Ätherdeduktion selbst
ist der Äther als Strukturprinzip der Materie zugleich ein b e s o n d e -
r e r G e g e n s t a n d : ein a priori gegebener Stoff (XXI 222), cate-
gorisch a priori erweislicher Stoff (XXI 223), ein a priori erweislicher
Stoff, der unter dem Namen Wärmestoff... ein für sich beste-
hendes innerlich durât seine bewegende Kräfte continuirlich agitirtes
Ganze ausmacht (XXII 612). Daß das Ganze der Materie d u r c h
einen besonderen Ganzheitsfaktor von objekti-
v e r R e a l i t ä t z u m G a n z e n g e s t a l t e t w i r d , — diesen
teleologischen Gesichtspunkt der Kritik der Urteilskraft will Kant nicht
nur nicht preisgeben, sondern sogar zum A x i o m erheben.
Der (mehrfach variierte) Beweis für die Existenz des Äthers (Wär-
mestoffs) stützt sich im wesentlichen auf folgende Argumente: Der leere
Raum läßt sich nicht erfahren; für die Sinne kann es Bewegung und
bewegende Kräfte nur in einem von Materie erfülleten Raum
geben (XXI 223). Da aber alle Materie in Wechselwirkung steht, und
die Existenz der Materie nicht ein Verhältnis zum Nichts (XXI 232)
(leerer Raum) sein kann, muß der ursprünglich erfüllte Raum ein con-
tinuum sein (XXI 226), alle „leeren" Räume einnehmen, durchdringen,
und jeder (besonderen) Materie ihre Stelle im Räume bestimmen (XXI
228). — Da sich das Ganze zugleich existierender äußerer Sinnenobjekte
als Gegenstand möglicher Erfahrung nicht m e c h a n i s c h aus der
Zusammensetzung des Leeren mit dem Vollen erklären läßt, sondern
nur d y n a m i s c h als Verbindung von äußerlich wechselseitig einan-
der agitirenden Kräften (XXII 552), muß die Idee einer Basis aller
vereinigten und die Materie des ganzen Weltraums in Bewegung setzen-

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[54l56J Kants Nadilaßwerk 333

den Krafle (XXI 553) als oberste Bedingung der Möglichkeit der Er-
fahrung von Gegenständen (XXI 554) | a p r i o r i sein, und sich ihr
Gegenstand indirekt, d. h. nicht durch, sondern für die Erfahrung bewei-
sen lassen.
In dem letzten Argument findet sich eine Formulierung, die als
Leitfossil für den darin enthaltenen Hinweis auf die Kritik der Urteils-
kraft dienen kann: Das Princip (der dynamischen Einheit aller „Erfah-
rungen") sei nun subjectiv für den Weltbeschauer (Cosmotheoros): eine
Basis aller vereinigten ... Krafle in der Idee (XXI 553). Der Terminus
W e l t b e s c h a u e r verweist auf V 442 Betrachtung der Welt*1, nach
deren Zweck die Ethikotheologie fragt und den sie im Menschen als
Endzweck findet. Aber auch abgesehen von dieser terminologischen
Übereinstimmung würden schon die V o r b e h a l t e , die Kant an sei-
nen „Beweis" knüpft, auf die Kritik der Urteilskraft hinweisen.
Die Beweisart ... hat etwas befremdliches in sich; denn der Beweis-
grund ist subjectiv (XXI 221); es scheint ein Widerspruch darin zu
liegen, daß ein empirisches Ortheil mit dem Prärogativ eines a priori be-
stehenden Satzes ausgestattet werden solle (XXI 230); die Beweisart ist in
ihrer Art einzig wie das behandelte Object es gleichfalls ist welches auf
nichts geringeres als den Begriff des Ganzen der bewegenden Kräfte in
Raum und Zeit als einem solchen gerichtet ist (XXI 540); sie ist nicht syn-
thetisch durch ein erweiterndes sondern analytisch durch ein erläuterndes
Urtheil d. i. nach dem Princip der Identität (XXI 549). Und in der Fort-
setzung dieses Satzes zeigt sich in voller Deutlichkeit, daß Kant dieses
„erläuternde Urteil" im Sinne r e f l e k t i e r e n d e r U r t e i l s k r a f t
versteht: ein Urteil, welches eigentlich für das Subject in Ansehung der Art
dem Gegenstande nachzuforschen und ihn für dasselbe zu bestimmen nicht
für das Object und dessen innere Beschaffenheit geeignet ist.
Bevor wir darauf eingehen, ist noch der d r i t t e Punkt: die syste-
matische Stellung des Ätherbegriffs im „Übergange" vom Elementar-
system zum W e l t s y s t e m der Materie, etwas deutlicher hervorzu-
heben.
Während sich Kant im Oktaventwurf als Thematik des Weltsystems
die mechanische Verbindung einzelner Weltstoffe und die mechanische
Bildung des Weltgebäudes notiert, und einen Übergang von der blos
mechanischen zur organischen Natur strikt abweist, weil die Physik hier
einen Sprung machen würde, nämlich zu einer Natur die nur als durch
Zwecke möglich gedacht werden | kann (XXI 389), sieht die Sache später
anders aus: im Augenblick, wo die Eintheilung der Körper in organische
und unorganische als nothwendig zum Übergange von den metaph. A.
Gr. der NW. zur Physik als das Maximum des Fortschreitens (XXI 214)

41
Vgl. X X I I 794.

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334 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [56157]

erkannt ist, wird auch der Anspruch, den Äther zu d e d u z i e r e n


mit der Bestimmung verbunden, daß er als Elementarstoff zugleich die
wirkende Ursache der Möglichkeit einer allgemeinen Gemeinschaft der
Weltkörper untereinander sei (XXI 565). Die Frage, heißt es XXII 550,
ob der Wärmestoff ein bloß hypothetischer Stoff oder categorisch
als Postulat zu statuir en sey ist von der größten Wichtigkeit, zumal sie
vom Elementar system . .. zum Weltsystem die Leitung giebt. Aufnahme
der organischen Körper in die „Physik" (bzw. Übergangswissenschaft),
Ätherdeduktion und Übergang vom Elementar- zum Weltsystem sind
also d r e i i n e i n a n d e r g r e i f e n d e B e s t i m m u n g e n in der
Gedankenbewegung des Nachlaßwerkes.
Inwiefern aber bezieht sich der „Ubergang" vom Elementar- zum
Weltsystem auf die Problematik der Kritik der Urteilskraft? Der Wär-
mestoff macht den Übergang zum Weltsystem, weil er über alle Erfah-
rung der Maschinerie hinausreicht (XXII 598): die mechanischen Kräfte
sind nur mittelbar und abgeleitet; die bewegenden Kräfte, die ihnen zu
Grunde liegen, müssen auch als innerlich u. zwar ursprünglich bewegend
gedacht werden (XXII 805), — aus dieser I n t e r i o r i t ä t der bewe-
genden Kräfte folgt, daß das Doctrinale in der Naturforschung über-
haupt ... ein organisches Princip der bewegenden Kräfte voraussetzt
(XXII 373). Die weiteren Konsequenzen zieht freilich erst der Entwurf
des X./XI. Konvoluts im Rahmen der oben angegebenen Kräfteklassi-
fikation42. Aber schon im Entwurf Ubergang 1—14 steht der Zusam-
menhang beider Begriffe: des W e l t s y s t e m s der Materie und der
W e l t o r g a n i s a t i o n fest. Noch mehr — dieser Zusammenhang
wird durch den Begriff des G a n z e n gesichert und begründet. Man
kan, heißt es X X I 580, in der ursprünglichen Causalverbindung nicht
von den Theilen zum Ganzen (Elementarsystem) sondern nur umgekehrt
von der Idee des Gantzen zu den Theilen gehen (Weltsystem). Wo aber
die Idee des Ganzen vorhergeht und als Grund der Möglichkeit der Teile
betrachtet werden muß, haben wir es ja mit demjenigen zu tun, | was
Kritik der Urteilskraft und opus postumum übereinstimmend als o r g a -
n i s c h e n K ö r p e r definieren43. Das W e l t s y s t e m ist also nichts
anderes als die W e l t o r g a n i s a t i o n , — der Äther als Struktur-
prinzip der Materie entspricht durchaus jener u r s p r ü n g l i c h e n
O r g a n i s a t i o n (der Kritik der Urteilskraft), welche den Mecha-
nism benutzt, um andere organisierte Formen hervorzubringen (V 418)44.
Mehr bedarf es vorerst nicht, um die in der Äthertheorie des Nach-
42
Vgl. oben S. 323 f.
43
Vgl. oben S. 321 ff.
44
Für die ursprüngliche Organisation hat die Kr. d. Urt. bekanntlich die Bezeichnung
Gebärmutter, Mutterschooß, allgemeine Mutter (V 419). Aber auch der Äther wird
ja, wie oben S. 330 erwähnt, als Gebahrmutter bezeichnet (XIV 299).

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[57158] Kants Nachlaßwerk 335

laßwerkes enthaltenen Hinweise auf die Kritik der Urteilskraft, soweit


sie sich auf das G a n z h e i t s problem beziehen, kenntlich zu machen.
Das Problem der s u b j e k t i v e n G ü l t i g k e i t , das zweite Ge-
rüstproblem der Kritik der Urteilskraft, ist in den Betrachtungen zur
Ätherdeduktion schon freigelegt; es erhält aber mit der Wendung von
der Ätherdeduktion zur „neuen Deduktion" des X . / X I . Konvoluts
eine solche Erweiterung, daß dabei der Äther und überhaupt die bishe-
rige Problematik ganz zurücktritt.
Das „Befremdliche" an der Ätherdeduktion ist ja nur ein Glied aus
einer Kette von Befremdlichkeiten: Es ist befremdlich es scheint gar
unmöglich... Objecte welche den Stoff der Materie überhaupt... aus-
machen a priori anzugeben ( X X I I 348); es ist befremdlich in der An-
maßung — es scheint gar unmöglich — durch Anticipation der Sinnen-
vorstellungen die nach Verschiedenheit des Subjects sehr verschieden
seyn können, vor der Erfahrung das Object derselben, die Materie, nach
dem Begriffe von ihr... a priori... angeben zu wollen ( X X I I 302)45;
es ist befremdlich; es scheint gar unmöglich zu seyn a priori Wahrneh-
mungen zum Behuf der Erfahrung darzustellen, und gleichwohl würde
ohne das keine Physik... stattfinden ( X X I I 504). Jedesmal bezeichnet
diese im opus postumum häufig auftretende Formel den Beginn erneuter
Beschäftigung mit dem Geltungsproblem; sie findet sich immer dort, wo
eine oberflächliche Kritik das innere Mißverhältnis | des Nachlaßwerkes
zu den viel „vorsichtigeren" Formulierungen der Druckschriften hervor-
hebt.
Die entscheidenden Formulierungen zum Geltungsproblem enthält
das X . / X I . Konvolut. Es ist aber deshalb nicht erforderlich, schon hier
die „neue Deduktion" zu i n t e r p r e t i e r e n ; ihre impliziten Hin-
weise auf die Kritik der Urteilskraft lassen sich leichter feststellen
durch Prüfung derjenigen Stellen, an denen Kant (innerhalb dieses Ent-
wurfs) den T e r m i n u s Urteilskraft verwendet. Subjectiv und dis-
cursiv, heißt es an der ersten dieser Stellen ( X X I I 338 f.), entwirft das
Elementar system die Einteilung der bewegenden Kräfte; nur problema-
tisch und subjectiv macht es den Inbegriff dieser activen Verhältnisse
vorstellig. Und zwar gemäß der Tafel der Categorien... wobey doch
der Schematism der Reflexionsbegriffe der Unterscheidung des Sinnlichen
vom Intellectuellen in den Paralogismen der Urteilskraft vorwalten muß.
Die zweite Stelle ( X X I I 353) gibt eine, an die transzendentale Deduk-
tion der Kritik der reinen Vernunft erinnernde Stufung der Objekt-
begriffe: des Objectes in der Anschauung, in der Erscheinung, in der

45 Vgl. dazu die analoge Formulierung A 167: »weil es befremdlich scheint, der E r -
fahrung in demjenigen vorzugreifen, was gerade die Materie derselben angeht, die
man nur aus ihr schöpfen kann".

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336 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [58159]

Wahrnehmung und in der Erfahrung, denen als Formale die Apprehen-


sion, Apperzeption, Reflexion der Urtheilskrafl und das Elementar-
system entspricht. An der dritten Stelle ( X X I I 484) wird gesagt, daß
den mathematischen Anfangsgründen die metaphysischen vorhergehen:
Diese geben in Vereinigung mit jenen den Schematism der Urtheilskrafl
nach dem Verhältnis der empirischen Ansdiauung des Raumes u. der
Zeit. Die vierte Stelle ( X X I I 491) fragt, wie der Übergang von einer
Wissenschaft (den metaphysischen Anfangsgründen) zur anderen (der
Physik) möglich ist, und gibt die Antwort: durò den Schematism der
Urtheilskrafl. Ähnlich war schon in einem früheren Entwurf (No. 1 —
No. 3 1798/9) von dem Subjectiven Princip des Schematismus der
Urtheilskrafl die bewegende empirisch gegebene Kräfte nach Principien
a priori überhaupt zu classificiren ( X X I 363) die Rede.
Das Elementarsystem als F o r m a l e der gegen-
s t ä n d l i c h e n (physikalischen) E r f a h r u n g — so können wir
diese Stellen zusammenfassen — i s t e i n s u b j e k t i v e r Ent-
w u r f von nur p r o b l e m a t i s c h e r G e l t u n g , d u r c h den
die r e f l e k t i e r e n d e Urteilskraft vermittels eines
S c h e m a s d i e in d e r W a h r n e h m u n g g e g e b e n e n K r ä f t e
k 1 a s s i f i I ζ ie r t , o h n e in d e n F e h l e r zu verfallen,
d a s S i n n l i c h e m i t dem I n t e l l e k t u e l l e n zu v e r w e c h -
s e l n , — das subjective Princip der ausübenden Potenzen für das ob-
jective d. i. für den Begrif der inneren Möglichkeit der bewegenden
Kräfte selbst (das Empirische für ein Princip a priori) zu nehmen ( X X I I
556).
Die Verwechslung des Subjektiven mit dem Objektiven, des Sinn-
lichen mit dem Intellektuellen, des Zusammengesetzten mit der Zusam-
mensetzung, des Gegebenen mit dem Gemachten, der Vorstellung der
Gegenstande als Verstandesobjecte mit eben denselben als Gegenstanden
der sinnlichen Anschauung ( X X I I 290), die Verwechslung des Materia-
len mit dem Formalen in der Zusammenordnung ( X X I 643 f.), der em-
pirischen Apperception mit der intellectuellen ( X X I I 326) usf., tritt im
Nachlaßwerk unter dem, aus der Analytik der Grundsätze bekannten
Titel der A m p h i b o l i e d e r R e f l e x i o n s b e g r i f f e auf. Eine
„Verwechslung" gehörte aber audi zum Thema der Kritik der Urteils-
kraft: die Verwechslung eines Grundsatzes der reflec tir enden mit dem
der bestimmenden Urtheilskrafl als Anlaß für die A n t i n o m i e
zwischen den Maximen der eigentlich physischen (mechanischen) und der
teleologischen (technischen) Erklärungsart (V 389). Hat Kant d i e s e
Amphibolie vor Augen, wenn er in der neuen Deduktion vor der Ver-
wechslung des Sinnlichen mit dem Intellektuellen warnt, dann ist der
E i n f l u ß der D i a l e k t i k der U r t e i l s k r a f t auf die Be-

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[59160] Kants Nadilaßwerk 337

g r i f f s b i l d u n g d e s N a c h l a ß w e r k e s gesichert46, die Ver-


bindungslinie zwischen dem Amphiboliebegrifî der Analytik und der
Antinomienlehre der teleologischen Urteilskraft (in der die „Amphibolie
der Reflexionsbegriffe" selbst nicht expliziert wird) ist dann, eben an
Hand der neuen Deduktion, leicht auszuzeichnen.
Die reflektierende Urteilskraft sucht das Allgemeine nach einem
Prinzip, das sie in sich selber findet: die empirischen Naturgesetze zu
betrachten, als ob ein Verstand den Grund der Einheit des Mannigfalti-
gen der Natur enthalte (V 180 f.). Kant nennt die Grundsätze der re-
flektierenden Urteilskraft in dieser Hinsicht | a u t o n o m und stellt
sie als teleologisch/technische den physisch/mechanischen gegenüber,
die für die Urteilskraft h e t e r o n o m sind. Im Nachlaßwerk wird
nun eine Unterscheidung durchgeführt, die einen i m p l i z i t e n H i n -
w e i s a u f d i e s e G e g e n ü b e r s t e l l u n g bildet: wie Kant in
den früheren Entwürfen das Ganze der Ubergangswissenschaft als Sy-
stem von der Physik unterscheidet, so unterscheidet er in den späteren
Entwürfen, insbesondere im X . / X I . Konvolut, das L e h r s y s t e m
(des Überganges) vom N a t u r s y s t e m , wobei der Terminus Physik
audi für das Ubergangssystem selbst gebraucht wird, sodaß z w e i „ S y -
s t e m e " d e r P h y s i k einander gegenüberstehen: Die Physik ist das
Lehrsystem von dem All der bewegenden Kräfte der Materie als äußeren
Sinnenobjects in so fern es ein Gegenstand der Erfahrung ist. Sie hat aber
eine Tendenz zu einem Natursystem in so fern man sich denkt daß dieses
Ganze durch die Natur nach der Analogie eines das Mannigfaltige ord-
nenden Verstandes unter einander in einem System verbunden sey
( X X I I 306 f.); die Physik ist erstens s u b j e k t i v als logisches D o c -
trinai system ... Zweytens objectiv als in der Erfahrung gegebenes
Aggregat der Gegenstände der Erfahrung insofern sie ... ein Natursystem
ausmachen ( X X I I 500); die Physik ist das Lehrsystem von den bewe-
genden Kräften der Materie in sofern sie objectiv in einem Natur-
system derselben enthalten sind ( X X I I 319).
Nimmt man hinzu, daß Kant wie von der Autonomie der Grund-
sätze reflektierender Urteilskraft, so jetzt von der Autonomie der bewe-
genden Kräfte spricht ( X X I I 398), so ist kaum zweifelhaft, daß die
Unterscheidung des subjektiven Lehr- und objektiven Natursystems von
dem G e g e n s a t z reflektierender und subsumieren-
d e r U r t e i l s k r a f t b e s t i m m t w i r d : das objektive Natur-

46 Ein wichtiger Beleg dafür ist audi das zum Nadilaßwerk gehörende, in der Aus-
gabe nidit enthaltene, Lose Blatt D 25 (Reicke I 1889, S. 265), auf dem es heißt:
„Zur Physik gehört audi das System der N a t u r aus und nach immaterialen Princi-
pien. — Amphibolie der dahin gehörenden Principien der reflectirenden Urteils-
kraft." (Jetzt X X I I I 484).

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338 Zur Analyse des Nadilaß Werkes [60161]

system ist das durch Gesetze des reinen Verstandes a priori bestimmte
Ganze der Natur überhaupt, deren besondere Gesetzlichkeit unserer
Einsicht zufällig ist (vgl. V 183); das subjektive Lehrsystem ist die von
der reflektierenden Urteilskraft aufgestellte Ordnung der Natur nach
empirischen Gesetzen (V 185), das System der Erfahrung nach beson-
deren Naturgesetzen (V 180), dessen Prinzip — der transcendentale
Begriff einer Zweckmäßigkeit der Natur (V 184) — von der Urteils-
kraft zum Behuf der Reflexion über die Natur a priori vorausgesetzt
wird (V 185). Und wie wir zu einem Ganzen der Natur nach Zwecken,
einer teleologischen Weltordnung (Technik der Natur) am Leit| faden
unserer eigenen Zwecksetzungen gelangen, so gelangen wir zu einem
Ganzen der bewegenden Kräfte, zur Physik als Nachforschung der be-
wegenden Kräfte als eines Systems ( X X I I 189), am Leitfaden unserer
eigenen (psychophysischen) Organisation, die ja unser Zweckhandeln
allererst ermöglicht. (Sehr lehrreich ist dafür eine Notiz X X I I 86 über
die Autonomie des Begriffs der Organisation einer Materie ohne welchen
wir selbst keine Organe hätten.)
Freilich setzt damit die Problematik der „neuen Deduktion" e r s t
e i n , — wir behaupten nicht, durch den Hinweis auf das Geltungs-
problem der Kritik der Urteilskraft den ganzen Sinn der neuen Deduk-
tion erschließen zu können. Nur das war zu zeigen, wie sehr der A n -
s a t z dieser Deduktion von der Fragestellung der Kritik der Urteils-
kraft beherrscht ist. Und dafür ist der letzte, noch zu erörternde Punkt:
die Verwandtschaft des U b e r g a n g s b e g r i f f e s selbst, wie er sich im
Nachlaßwerk findet, mit demjenigen der Kritik der Urteilskraft, ein
weiterer Beweis.
Schon eingangs wurden die äußerlichen Ubereinstimmungen ange-
deutet, die zwischen Nachlaßwerk und Kritik der Urteilskraft hinsicht-
lich der Ubergangsproblematik bestehen. Was inhaltlich noch hinzuzu-
fügen ist, kann auf drei Kennzeichnungen des „Uberganges" beschränkt
werden: der Ubergang (von den metaphysischen Anfangsgründen zur
Physik) ist f o r m a l , s u b j e k t i v und r e g u l a t i v .
Der Übergang der allgemeinen Naturlehre zur Physik enthält das
Formale der Naturforschung nach Begriffen des Zusammensetzens der
empirischen Vorstellungen um zum Zusammengesetzten zu gelangen wel-
ches sich in der Erfahrung darbietet ( X X I 359); der Übergang ist blos
das Formale des Systems der bewegenden Kräfte der Natur ( X X I I 221),
— nicht was wir warnehmen sondern was der Verstand in die Natur-
forschung hinein legt das formelle ihres Systems ist das Erste worauf
im Fortgange gesehen wird ( X X I I 289).
Der Ubergang ist s u b j e k t i v : er geht nicht die Natur als Ob-
ject sondern den Naturforscher an ( X X I 506), stellt den Act des Ge-

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[61!63] Kants Nadilaßwerk 339

miiths vor die Begriffe von den bewegenden Kräften der Materie in
einem System zu verknüpfen (XXI 631), geht blos auf's Subject und
die Zergliederung seines Begriffs von der Physik und den formalen Be-
dingungen seiner Forschung (XXII 294); der Übergang... ist nur sub-
jectiv auf die Principien der Natur\forschung eingeschränkt und zweckt
nicht dahin ab ... Natur objecte vollständig aufzustellen ... Dagegen
aber kann und soll das Formale der Verbindung der Naturmomente voll-
standig aufgezählt werden (XXII 281).
Der Ubergang ist r e g u l a t i v : Er anticipirt nur die bewegende
Kräfte welche a priori der Form nach gedacht werden und classificirt das
empirisch 11 allgemeine .. . um die Bedingungen der Aufsuchung der
Erfahrung zum Behuf eines Systems der Naturforschung darnach zu
reguliren (regulative Principien) (XXII 263).
Als formal, subjektiv und regulativ ist der Ubergang P r o p ä d e u -
t i k : propädeutische Naturwissenschaft, propädeutische Physiologie,
Propädeutik der Physik. Die Naturphilosophie, heißt es in einem frü-
hen Entwurf (No 3γ, 1798), die von den der Materie eigenen Kräften
und ihren apriorischen Eigenschaften handelt, nennt man gewohnlich
die allgemeine Natur lehre (physica generalis) ich würde sie
aber lieber physiologia propaedeutica nennen weil sie blos die formale
Principien der Anordnung der empirischen Begriffe von Naturkräften zu
einem System enthält (XXI 366).
So häufig der Ubergang von den metaphysischen Anfangsgründen
zur Physik als Propädeutik charakterisiert wird (Propädeutik sollte ja
auch die Geschmackskritik, V 194, und die Teleologie, V 385, sein),
— auf die Dauer will sich Kant mit dieser Charakteristik nicht begnü-
gen. Der Ubergang ist nicht blos Propädeutik denn das ist ein schwan-
kender Begriff und betrift nur das Subjective der Erkentnis. Es ist ein
niât blos regulatives sondern auch constitutives formales a priori be-
stehendes Princip (XXII 240).
Nicht b l o ß subjektiv, nicht b l o ß regulativ, das ist die Formel,
die sich jetzt (im X./XI. Konvolut) einstellt: Regulative Principien die
zugleich constitutiv sind (XXII 241); das regulative Princip möglicher
Erfahrung begründet sich selbst... als constitutives (XXII 368); das
regulative Princip der Naturforschung kann... nur durch das constitu-
tive des Objects... diese Absicht (Aufstellung des Elementarsystems)
erreichen (XXII 311); das constitutive Princip des Systems (der bewe-
genden Kräfte) ist auch das regulative Princip ihrer Vereinigung zu
einem Ganzen (XXII 178).
Das sind sachliche Schwierigkeiten, nicht nur Schwankungen des Aus-
drucks. Um ihnen auf den Grund zu kommen, blicken wir | wieder auf
die Kritik der Urteilskraft. Ob die Urteilskraft für sich Principien a

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340 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [63164]

priori habe, ob diese constitutiv oder blos regulativ sind (und also kein
eigenes Gebiet beweisen) (V 168), — das ist ja, wie die Vorrede angibt,
der eigentliche Gegenstand der dritten Kritik. Und dieser Rückblick liegt
umso näher, als die Frage nach dem G e b i e t (territorium) audi im
Nachlaßwerk immer wieder auftaucht. Was soll es heißen, wenn Kant
im Nachlaßwerk sagt, daß der Übergang zwar nicht eine Einwohnung
(incolatus) aber doch ein Aufenthalt ist um von der Metaphysik zur
Physik... hinüber zu kommen (XXII167)?
Die Kritik der Urteilskraft h a t ein eigenes „Gebiet"; nur ist es
nicht das teleologische. K o n s t i t u t i v e Prinzipien a priori enthält
der Verstand für das Erkenntnisvermögen, die Vernunft für das Begeh-
rungsvermögen, die Urteilskraft für das Gefühl der Lust und Unlust.
Der Begriff der Urtheilskraft von einer Zweckmäßigkeit der Natur ist
dagegen noch zu den Naturbegriffen gehörig, aber nur als regulatives
Princip (V 197); er ist kein konstitutives Prinzip, kann nicht dogmatisch
für die bestimmende Urtheilskraft behandelt werden (V 396). Doch wird
der pseudo-objektive Charakter des Zweckmäßigkeitsbegriffes in der
Kritik der teleologischen Urteilskraft so stark hervorgehoben, daß Kant
sogar zu einer A l s - O b - F a s s u n g greift: das subjektive Prinzip
der Vernunft gilt hier eben so nothwendig, als ob es ein objectives Prin-
cip wäre (V 404). D a s r e g u l a t i v e P r i n z i p d e r t e l e o l o g i -
s c h e n U r t e i l s k r a f t g i l t f ü r u n s , a l s o b es k o n s t i -
t u t i v wäre.
Dann bleibt natürlich zu fragen: w a s dieses Prinzip denn f ü r
u n s konstituiert, bzw. was es zu konstituieren s c h e i n t . Und diese
Frage führt zum Nachlaßwerk zurück. Liegt in der Bestimmung der
Ubergangswissenschaft als formal, subjektiv und regulativ ein Hinweis
auf die reflektierende Urteilskraft, so würde sich diese Ubereinstimmung
verlieren in dem Moment, wo Kant den Faden der alten transzenden-
talen Deduktion wieder aufnimmt und den Anspruch erhebt, ein Sy-
stem empirischer Vorstellungen a priori zu errichten... und die Erfah-
rung quoad materiale zu an tic i ρ ir en (XXII 502), oder wie A d i k -
k e s es ausdrückt, nicht nur das Objekt-Sein überhaupt, sondern auch das
S o - S e i n d e r O b j e k t e zu deduzieren47. Aber liegt wirklich in
d i e s e r Erweiterung der alten Deduktion der Sinn der neuen? Oder
wäre es nicht auch — da ja an der Absicht Kants, die alte Deduktion
weiterzuführen, kein Zweifel besteht — denkbar, daß die neue Deduk-
tion des X./XI. Konvoluts die B e g r i f f s b i l d u n g d e r K r i t i k
d e r U r t e i l s k r a f t in den D i e n s t d e r a l t e n D e d u k -
t i o n zu s t e l l e n s u c h t ?

47
Vgl. Adickes, Kants Opus Postumum S. 241.

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[64165] Kants Nachlaßwerk 341

Der Übergang ist konstitutiv, indem er nicht aus und von der
Erfahrung sondern ... für die Möglichkeit der Erfahrung . .. Physik
constituirt (XXII 325); für die Erfahrung . . . ein System der
Erscheinungen in der Physik... fortschreitend errichtet (consti-
tuirt) (XXII 391); das Mannigfaltige der Erscheinungen durch den Ver-
stand für die Physik ...zu einem Ganzen ... konstituiert (XXII 394).
Dieses „System der Erscheinungen", das der Übergang für die Erfahrung
konstituiert, hat aber eine besondere Bewandtnis: es ist als Zusammen-
stellung von Erscheinungen selbst wiederum nur Erscheinung folglich
nichts weiter als Erscheinung von der Erscheinung d. i. Vorstellung des
Formalen wie das Subject sich selbst nach einem Princip afficirt und
sich als selbstthätig Object ist (XXII 333/4). Der Übergang konsti-
tuiert die Erscheinung von der Erscheinung, die physische (im Gegensatz
zur metaphysischen), die indirekte (im Gegensatz zur direkten) Erschei-
nung, — die Erscheinung zweyter Ordnung (XXII 339), vom zweyten
Range (XXII 367), man könnte audi sagen: die r e f l e k t i e r t e Er-
scheinung.
Blieb die Frage, was das regulative Prinzip der teleologischen Ur-
teilskraft für uns konstituiert, offen, so wird die Frage, was das regu-
lative Prinzip der Obergangswissenschaft konstituiert, b e a n t w o r t e t :
ein Ganzes ausserhalb dem Subject ... welches als Erscheinung einer Er-
scheinung ... den ersten Übergang von der Metaph. der Naturwissenschaft
zur Physik in einem Elementar system der bewegenden Kräfte der Ma-
terie an dem Subject als seinem eigenen Körper nach
allen Functionen der fragmentarischen Aggregationen des Mannigfaltigen
in der Erscheinung (erster Ordnung) in der Form eines Gegenstandes der
Erfahrung darstellt (XXII 357; keine Sperrung im Orig.).
Der Übergang k o n s t i t u i e r t e i n e n e u e E r s c h e i n u n g s -
r e g i o n , in der sich das zusammensetzende Subject selbst... in einem
System der Warnehmungen als die Sinne afftcirenden Kräften der Ma-
terie erscheint (XXII 368). Und das befremdende (paradoxe) des Uber-
schritts (XXII 408), durch einen | R ü c k g a n g a u f s S u b j e k t a l s
G a n z e s e i n e r O r g a n i s a t i o n (das Subject macht seine eigene
Form nach Zwecken a priori XXII 78; der Schematism der Ur-
theilskraft bereitet den Übergang zur Physik dem Formalen nach vor
X X I I 494/5) zu einem Lehrsystem der Physik, das wiederum eine
Tendenz zum Natursystem hat, f o r t z u s c h r e i t e n , erklärt sich aus
der f ü r die r e f l e k t i e r e n d e U r t e i l s k r a f t schlecht-
h i n g ü l t i g e n , o b z w a r n u r r e g u l a t i v e n , M a x i m e : der
Organisation eines besonderen Ganzen die ganzheitliche Struktur der
Natur .. .zu der wir selbst mitgehören (V 409), zu supponieren. |

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342 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [66167]

III. Teil

Interpretation des Zusammenhanges


von Nachlaßwerk und Kritik der Urteilskraft

a) Die Technik der Natur

Damit ist schon ein Gesichtspunkt für die I n t e r p r e t a t i o n der


neuen Deduktion angegeben. Aber es fehlen noch eine Reihe von Vor-
aussetzungen, um eine solche Interpretation wirklich durchzuführen. Wir
müssen zuerst die Kritik der Urteilskraft einer „wiederholenden" Durch-
sicht unterziehen, — einer Durchsicht, die sich jetzt nicht mehr auf die
Gerüstprobleme, sondern auf die N e u a n s ä t z e der Kritik der Ur-
teilskraft bezieht.
Der wichtigste der dabei zu erörternden Begriffe ist derjenige einer
T e c h n i k d e r N a t u r . Er tritt in der Kritik der ästhetischen Ur-
teilskraft auf, wird in der Kritik der teleologischen Urteilskraft durch-
geführt, findet sich angedeutet in der zweiten Einleitung, ist jedoch am
schärfsten exponiert in der, von der Kritik der Urteilskraft abgetrenn-
ten ersten Einleitung. Gelegentlich spricht auch das Nachlaßwerk von
der Technik der Natur im Sinne der Kritik teleologischer Urteilskraft.
Bedeutsamer aber ist, daß hernach in den späteren Teilen des opus postu-
mum (VII. und I. Konvolut) der Begriff „technisch" wieder in Gestalt
jener technisch-praktischen Regeln (V 173) oder Principien (V 172) er-
scheint, von denen die Naturtechnik anfänglich unterschieden und abge-
spalten worden war, — nun aber mit einem eigentümlichen G a n z -
h e i t s a n s p r u c h , den die Selbstsetzungslehre des VII. Konvoluts
in dem Begriff der t e c h n i s c h - p r a k t i s c h e n Vernunft zum
Ausdruck bringt. Um die Frage nach den Beziehungen dieser technisch-
praktischen Vernunft zur | Technik der Natur beantworten zu können,
müssen wir auf den Begriff der Naturtechnik näher eingehen. Wir be-
trachten ihn zuerst in der Fassung der ersten Einleitung.
Das Problem der Technik ist ein A n w e n d u n g s p r o b l e m . Tech-
nische Sätze sind Sätze der Ausübung, Vorschriften der Geschicklichkeit,
und gehören zur theoretischen Kenntnis der Natur, als Folgerungen der-
selben ( X X 200). Von dieser Bedeutung des Begriffs unterscheidet Kant
eine andere, auf die es ihm eigentlich ankommt. Wenn Gegenstände der
Natur so beurteilt werden, als ob ihre Möglichkeit sich auf Kunst
gründe, sollen zwar nicht diese Urteile selbst „technisch" heißen, wohl
aber die Urteilskraft, auf deren Gesetze sie sich gründen, und ihr gemäß
auch die Natur ( X X 201). Die Technik der Natur enthält also keine objec-
tiv bestimmende Sätze ( X X 211), wie es der Begriff der Technik als An-

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[67168] Kants Nachlaßwerk 343

wendung einer theoretischen Erkenntnis verlangt, sondern sie ist eine Idee
(XX 219), die ursprünglich aus der Urteilskraft entspringt und ihr eigen-
tümlich ist (XX 204) : die Natur wird nur als technisch vorgestellt, sofern sie
zu dem technischen Verfahren der Urteilskraft zusammenstimmt (XX 220).
Technik der Natur bedeutet soviel wie Natur als Κ u η s t (XX 204).
Auf einem Losen Blatt (C 5) spricht Kant einmal von dem kunstlosen
Naturbegriff, der also das G e g e n t e i l der Technik der Natur wäre.
Ich habe auch bisweilen zum Versuch in den Golph gesteuert blinde
Naturmechanik hier (sc. bei den Lebewesen) zum Grunde anzunehmen
und glaubte eine Durchfarth zum kunstlosen Naturbegriff zu entdecken
allein ido gerieth mit der Vernunft beständig auf den Strand und habe
mich daher lieber auf den Uferlosen Ocean der Ideen gewagt*". Wie an
dieser Stelle, so faßt auch die Erste Einleitung als Gegensatz der Technik
der Natur die Mechanik der Natur (XX 219), oder sie stellt dem tech-
nischen V e r f a h r e n der Urteilskraft das mechanische gegenüber: die
Urteilskraft verfährt nicht gleichsam blos mechanisch ... unter der Leitung
des Verstandes und der Sinne, sondern künstlich (XX 213 f.). Dahin
zielt auch die Unterscheidung von Technik und N o m o t h e t i k der
Natur: das Prinzip, das bei der ersteren nur als notwendige Voraussetzung
geltend gemacht werden kann, ist bei der letzteren Gesetz (XX 215).
Die Technik der Natur ist bloß subjektiv gültig, sie ist eine \ bloße
Idee, die unserer Nachforschung derselben (sc. der Natur), mithin bloß
dem Subiecte zum Princip dient (XX 205). Sie begründet keine Theorie,
sondern gibt nur ein Prinzip zum Fortgange nach Erfahrungsgesetzen,
dadurch die Nachforschung der Natur möglich wird (XX 204 f.). — Ihre
methodische Leistung ist dabei die S p e z i f i k a t i o n d e r a l l g e -
m e i n e n N a t u r g e s e t z e z u e m p i r i s c h e n (XX 216;) die
Angemessenheit der Natur (auch in Ansehung ihrer besonderen Gesetze) zu
unserem Vermögen der Urtheilskraft ist dasjenige, wonach sie (die Natur)
nicht bloß als mechanisch, sondern auch als technisch vorgestellt wird (XX
204 Anm.). Die Technik der Natur erstreckt sich also w e i t e r als die
Medhanik der Natur, obzwar sie nicht von objektiver Geltung ist; und sie
ermöglicht einen U b e r g a n g : den Ubergang von den allgemeinen
Naturgesetzen zu den besonderen.
Daß sie sich weiter erstreckt und dodi nur subjektiv gültig ist, erweist
sich in ihrer Beziehung zur Z w e c k m ä ß i g k e i t . Daß sie die allge-
meinen Naturgesetze spezifiziert (klassifiziert), in ihrer Beziehung zum
S y s t e m b e g r i f f . Die Vorstellung der Natur als Kunst dient dazu,
um in das Aggregat empirischer Gesetze, als solcher, wo möglich einen
Zusammenhang, als in einem System, zu bringen (XX 205). Die Z w e c k -
m ä ß i g k e i t der Natur (im Sinne dieses unseres Bedürfnisses nadi einem

» R. Reicke, Lose Blätter aus Kants Nadilaß I 1889, S. 137 f. (jetzt X X I I I 75).

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344 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [68/69]

empirischen System) ist in Ansehnung zu unserem Vermögen der Ur-


tbeilskraft dasselbe, was die Categorie in Ansehung jeder besonderen
Erfahrung ist (XX 204 Anm.). Man kann somit die Technik der Natur
nicht auf eine b e s o n d e r e Zweckmäßigkeit (Lebewesen), sondern muß
sie allgemein auf die Zweckmäßigkeit d e s B e s o n d e r e n beziehen.
Von hier aus ist die E i n t e i l u n g des Begriffs der Naturtechnik
zu verstehen. Wie es Zweckmäßigkeit in der Anschauung und nach Be-
griffen gibt, so gibt es auch eine doppelte Technik der Natur: f o r -
m a l e und r e a l e (XX 232). In jener bietet die Natur der Urteilskraft
zweckmäßige Gestalten, in dieser Dinge als Naturzwecke dar ( X X 232).
Jene ist ä s t h e t i s c h , die Technik der Natur ist f i g ü r l i c h e Tech-
nik (XX 233 f.). Diese ist t e 1 e o 1 o g i s c h , die Technik der Natur ist
organische Technik (XX 234). Im Sinne obiger Bestimmung würde sich
auch diese organische Technik auf die Zweckmäßigkeit (Systemgemäßheit)
a l l e s B e s o n d e | r e n , nicht auf eine besondere Zweckmäßigkeit be-
ziehen"19. Und die weitere Einteilung der Naturzweckmäßigkeit in n a -
t ü r l i c h e (forma finalis naturae spontanea) und a b s i c h t l i c h e
(intentionalis) (XX 235) würde, wie es scheint, die reale Naturtechnik in
die beiden Bereiche einer natürlich-organischen und einer absichtlich-orga-
nischen Technik zerlegen. Aber schon die Definitionen, die Kant hier gibt,
zeigen, daß ein ganz a n d e r e s P r o b l e m die Frage der Einteilung der
Dinge als Naturzwecke inhibiert: die absiditliche Naturzweckmäßigkeit
soll eine hypothetische Erklärungsart sein, die über jenenBegriff (der Dinge
als Naturzwecke) hinzukömmt; sie gehört der bestimmenden, die natür-
liche Zweckmäßigkeit der reflektierenden Urteilskraft an; sie fordert
eine sich ins Überschwengliche versteigende Vernunft, während die na-
türliche Zweckmäßigkeit mit der Vernunft in ihrem immanenten
Gebrauch auskommt (XX 235). Wollten wir also innerhalb des Bereiches
realer Naturtechnik den Lebewesen einen besonderen Bereich anweisen
und die natürliche Zweckmäßigkeit durch eine, auf diese b e s o n d e r e
(biologische) Zweckmäßigkeit zugeschnittene „absiditliche" Zweckmäßig-
keit ergänzen, so würden wir das Gebiet reflektierender Urteilskraft ver-
lassen: wir würden die Objekte durch den Zweckbegriff b e s t i m m e n ,
anstatt über sie an Hand des Zwedkbegriffes zu r e f l e k t i e r e n .
Halten wir das fest, und wenden wir uns nunmehr der Kritik der
Urteilskraft selbst zu. In welcher Weise wird hier von der „Technik der
Natur" Gebrauch gemacht? Die zweite Einleitung setzt ein mit dem

49 „Die Natur" heißt es in dem Abschnitt: „Von der Zweckmäßigkeit der Naturformen
als so viel besonderer Systeme" „verfährt in Ansehung ihrer Produkte als Aggregat
m e c h a n i s c h . , aber in Ansehung derselben als Systeme t e c h n i s c h . " Und als
Beispiele f ü r dieses technische Verfahren der Natur werden angeführt: „Cristall-
bildungen, allerley Gestalt der Blumen, oder der innere Bau der Gewächse und
Thiere" ( X X 217).

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[69170] Kants Nachlaßwerk 345

wesentlichen Unterschiede technisch-praktischer Prinzipien und moralisch-


praktischer (V 172): die technisch-praktischen Regeln betreffen nur die
Möglichkeit der Dinge nach Naturbegriffen (V 172), sie sind Regeln der
Geschicklichkeit, . . . um eine Wirkung hervorzubringen, die nach Natur-
begriffen der Ursachen und Wirkungen möglich ist (V 173). Der Begriff
der Technik der Natur wird zwar angedeutet (V 193: in der Technik der
Natur legen wir der Natur unseren Begriff vom Zweck zur Beurtheilung
ihres Products unter), tritt aber erst schärfer in der Kritik der ästhetischen
Urteilskraft — | an der oben herangezogenen Stelle50 — hervor: die selb-
ständige Naturschönheit entdeckt uns eine Technik der Natur — als ein
System nach Gesetzen, deren Princip wir in unserm ganzen Verstandesver-
mögen nicht antreffen. Zwar soll unsere Erkenntnis der Naturobjecte da-
durch nicht erweitert werden, aber unser B e g r i f f v o n d e r N a t u r :
die Technik der Natur führt uns über die Natur als bloßem Mechanism
zu dem Begriff von eben derselben als Kunst (V 246).
Eine Definition und Einteilung zugleich gibt dann die Kritik der
teleologischen Urteilskraft, und dabei treffen wir, in etwas veränderter
Form, auch die obige Unterscheidung von natürlicher und absichtlicher
Zweckmäßigkeit wieder an: Wir wollen, indem wir das Verfahren (die
Causalität) der Natur wegen des Zweckähnlichen, welches wir in ihren
Producten finden, Technik nennen, diese in die absichtliche (tech-
nica intentionalis) und in die unabsichtliche (technica naturalis)
eintheilen (V 390). Die absichtliche Naturtechnik bedeutet, daß das pro-
ductive Vermögen der Natur nach Endursachen für eine besondere Art
von Causalität gehalten werden müsse; die unabsichtliche Naturtechnik
bedeutet, daß dieses produktive Vermögen der Natur mit dem Me-
chanism der Natur im Grunde ganz einerlei51 und
seine Ubereinstimmung mit unseren Kunstbegriffen z u f ä l l i g ist (V
391). In der unabsichtlichen Naturtechnik würde also der Begriff der
Natur als Kunst mit dem „kunstlosen Naturbegriff" z u s a m m e n -
fallen.
Wir würden nämlich, heißt es weiterhin, zwischen Naturmechanis-
mus und Naturtechnik gar keinen Unterschied finden, wäre unser Ver-
stand nicht von der Art, daß er vom Allgemeinen zum Besonderen gehen
muß (V 404). Für unseren Verstand ist ein reales Ganze der Natur nur
als Wirkung der concurrirenden bewegenden Kräfte der Theile anzu-
sehen, — für einen i n t u i t i v e n Verstand aber würde die Möglich-
keit der Theile (ihrer Beschaffenheit und Verbindung nach) als vom
Ganzen abhängend vorgestellt werden52. Für ihn bestände also eine
50
Vgl. oben S. 307.
51
Keine Sperrung i. O.
52
Es ist, formuliert die Erste Einleitung, nodi ohne Beziehung auf den intellectus
archetypus, „ganz wider die Natur physisch-mechanischer Ursachen, daß das Ganze

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346 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [70172]

K o i n z i d e n z vom Naturmedianismus und Naturtechnik, und da


wir einen | solchen Verstand nicht besitzen, so ergibt sich — das ist das
Paradoxe dieser Wendung, — der teleologische Aspekt der Natur gerade
aus der U n v o l l z i e h b a r k e i t der Idee des intellectus archetypus:
wir brauchten keine „Absichten" vorauszusetzen, um eine (organische)
Einheit in der Verknüpfung des Mannigfaltigen auch dort zu finden, wo
das Ganze als Produkt der Teile erscheint, wenn wir die Idee des urbild-
lichen Verstandes realisieren könnten.
W ä r e unser Verstand intuitiv, so fiele die Region absichtlicher Na-
turtechnik weg; es gäbe nur unabsichtliche Naturtechnik. Hätten wir
nicht die I d e e des intuitiven Verstandes, so fiele die Region unabsicht-
licher Naturtechnik weg; es gäbe nur absichtliche Naturtechnik, d. h. wir
müßten überall, wo wir in der Natur Zweckverknüpfungen bemerken,
eine Vorstellung (Zweckvorstellung) des Ganzen als Ursache der Möglich-
keit des Ganzen annehmen (V 404). Auf jeden Fall ist also die Idee des
intellectus archetypus für den Begriff der unabsichtlichen Technik der
Natur wesentlich; ohne sie hätte die Koinzidenz von Mechanik und
Technik der Natur keinen Sinn.
Von den Erläuterungen, die Kant zum Verständnis dieser dialek-
tischen Wendung beibringt, sind uns zwei Stellen unentbehrlich. Wären
wir berechtigt, heißt es an der ersten Stelle, materielle Wesen als Dinge
an sich selbst anzusehen, so müßten wir die Einheit des Raums als Real-
grund der Erzeugungen betrachten (V 409). Die Vernunft muß, heißt es
an der zweiten Stelle, behutsam verfahren und nicht jede Technik der
Natur, d. i. ein productives Vermögen derselben,... für teleologisch zu
erklären suchen (V 411). Beide Stellen sind kennzeichnend für die U n -
a b g e s c h l o s s e n h e i t , die der Begriff der Naturtechnik in der
Kritik der Urteilskraft besitzt, für die Schwierigkeit, die sich Kant, wie
es scheint, selbst bereitet, indem er in die natürliche Technik so etwas wie
eine „absichtliche" Technik einträgt, und für die Entwicklung, die der
Begriff der Naturtechnik von der Kritik der Urteilskraft zum Nachlaß-
werk durchmacht.
Unabgeschlossen ist der Begriff der Technik der Natur, insofern er
eine unerledigte Problematik enthält. Diese zeigt sich in einer A n a l o -
g i e , die Kant zwischen der Einheit des Raumes | und dem, von der
reflektierenden Urteilskraft supponierten übersinnlichen Realgrunde der
Natur entdeckt: der Raum hat mit dem Realgrunde, welchen wir suchen,
darin eine Ähnlichkeit, daß in ihm kein Τheil ohne in Verhältniß auf
das Ganze (dessen Vorstellung also der Möglichkeit der Τheile zum
Grunde liegt) bestimmt werden kann (V 409). Aber er ist bloß eine for-
die Ursache der Möglichkeit der Caussalität" sei, — „die besondere Vorstellung eines
Ganzen, weldie vor der Möglichkeit der Teile vorhergeht", ist eine bloße Idee
„und diese, wenn sie als der Grund der Caussalität angesehen wird, Zweck" ( X X 236).

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[72173] Kants Nadilaßwerk 347

male Bedingung der Erzeugungen (ebd.), — ein f o r m a l ganzmachen-


der Faktor im Gegensatz zum m a t e r i a l ganzmachenden Faktor des
übersinnlichen Grundes der Erscheinungen. Da es aber doch wenigstens
möglich ist, die materielle Welt als bloße Erscheinung zu betrachten und
etwas als Ding an sich selbst (sc. den übersinnlichen Realgrund)... als
Substrat (sc. der Erscheinungswelt), zu denken (V 409), — ist es da nicht
„möglich", die formale Ganzheit des Erscheinungsraumes auf die mate-
riale Ganzheit des übersinnlichen Realgrundes zu beziehen? In der Tat
ist das eine, in der von Kant hervorgehobenen Ähnlichkeit schon ange-
legte Konsequenz, die sich hernach im opus postumum findet: d e r
Ä t h e r als u r s p r ü n g l i c h e r f ü l l t e r R a u m vereinigt
die f o r m a l g a n z m a c h e n d e n E i g e n s c h a f t e n des (lee-
ren) Raumes mit den m a t e r i a l ganzmachenden
Eigenschaften des ü b e r s i n n l i c h e n Substrats der
E r s c h e i n u n g e n . Umgekehrt erweist sich ebendamit der Äther als
E n t w u r f d e r r e f l e k t i e r e n d e n U r t e i l s k r a f t : als A n -
w e n d u n g der Idee des übersinnlichen Erscheinungsgrundes auf das
Ganze der Materie5®.
Nicht minder wichtig ist die zweite Stelle, an der Kant davon abrät,
Naturteleologie und Naturtechnik ohne weiteres zu identifizieren: nicht
jedes productive Vermögen der Natur welches Zweckmäßigkeit der Ge-
stalt für unsere bloße Apprehension an sich zeigt (wie bei regulären
Körpern) für teleologisch zu erklären suchen (V 411). Man könnte an
eine Kontamination mit der figürlichen Technik der Ersten Einleitung
denken, wenn in diesem Satze nicht ausdrücklich von dem productiven
Vermögen, also von der organischen Technik der Ersten Einleitung die
Rede wäre.
Daß Kant bei dieser Sparsamkeitsmaxime an die K r i s t a l l i s a -
t i o n denkt, läßt sich nur vermuten. Eine Bemerkung aus der Kritik der
ästhetischen Urteilskraft zielt jedoch ausdrücklich | darauf ab, die Kri-
stallisation von der a b s i c h t l i c h e n Naturtechnik auszuschließen.
Der Annahme wirklicher Zwecke der Natur für unsere ästhetische Ur-
teilskraft widersetze sich nicht bloß die Vernunft, sondern auch die
Natur. Denn diese zeige in ihren freien Bildungen ... so viel mecha-
nischen Hang zu Erzeugung von Formen, die für den ästhetischen Ge-
brauch unserer Urteilskraft gleichsam gemacht zu sein scheinen, daß man
keinen Grund habe, über den Mechanismus hinauszugehen (V 348).
Freie Bildung der Natur soll dabei die Kristallisation sein, und Kant
entwickelt nun eine Erstarrungstheorie, die modifiziert im Nachlaßwerk
wiederkehrt". Die bei der Erstarrung sich absondernde Materie ist ein

53
Vgl. dazu weiter unten S. 352.
54
Vgl. hierzu Adickes, a. a. O. S. 511 f. Anmerkung.

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348 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [73/74J

ansehnliches Quantum von Wärmestoff (V 348); auch erstarrende Me-


talle zeigen im Inneren mineralische Kristallisation; überhaupt ist das
Flüssige allem Ansehen nach älter als das Feste (V349) usf. Nur daß
später dieser mechanische Hang der Natur durch die lebendige Kraft des
Äthers erklärt wird.
Eben dies aber führt uns auf den entscheidenden Gesichtspunkt. Da
Naturtechnik und Naturmechanik nur in der unabsichtlichen Technik
der Natur zusammenfallen, hat es keinen Sinn, für bestimmte Bereiche
der u n a b s i c h t l i c h e n Naturtechnik eine mechanistische, für an-
dere eine teleologische Erklärung zu verlangen. Vielmehr muß, da wir
eine teleologische E r k l ä r u n g zu geben oder zu fordern überhaupt
nicht befugt sind (es kann, hieß es ja V 396, nicht einmal darnach gefragt
werden, ob Dinge der Natur... für ihre Erzeugung eine Causalität...
nach Absichten erfordern), die teleologische B e u r t e i l u n g sich aber
auf alles Besondere (Individualisierte), auf die ganze Natur, erstreckt,
der Mechanismus d u r c h g e h e n d konstitutiv für unsere Naturbe-
griffe (Natursystem), und die Teleologie e b e n s o d u r c h g e h e n d
die Idee sein, nach der alle Naturerscheinungen hinsichtlich ihrer beson-
deren Gesetzlichkeit zu beurteilen sind: die r e a l e T e c h n i k d e r
N a t u r muß zur organischen Physik ausgebaut wer-
d e n , w i e d a s i m N a c h l a ß w e r k (wenigstens der Intention
nach) g e s c h i e h t .
Was zwingt uns denn aber, überhaupt eine a b s i c h t l i c h e Zweck-
mäßigkeit in die Naturtechnik einzutragen und so den (dialektischen)
Begriff einer absichtlichen Technik der Natur zu bilden? Die Antwort
liegt nahe genug: weil w i r s e l b s t a l s | z w e c k s e t z e n d e W e -
s e n z u r N a t u r g e h ö r e n . Die zweite Einleitung hat das auch
sehr deutlich zum Ausdruck gebracht: Die Wirkung nach dem Freiheits-
begriffe ist der Endzweck, der (oder dessen Erscheinung in der Sinnen-
welt) existir en soll, wozu die Bedingung der Möglichkeit desselben in
der Natur (des Subjects als Sinnenwesens, nämlich als Mensch) voraus-
gesetzt wird (V 195/6). Die immaterielle Kausalität, die Kausalität
nach Freiheitsgesetzen, ist die Kausalität des Bewußtseins. Tritt dieses in
der Natur auf, dann tritt auch absichtliche Zweckmäßigkeit in ihr auf.
Dann muß die Natur audi so gedacht werden, daß sie in ihr auftreten
k a n n . Diese Möglichkeit ist aber nur eine Möglichkeit der Reflexion
ü b e r die Natur. Die unabsichtliche Naturtechnik, nicht eine der be-
stimmenden Urteilskraft angehörende „absichtliche" Naturtedinik ist
mithin die Voraussetzung für die Erscheinung einer immateriellen Kau-
salität in der Natur. Das aber hat zuletzt die Bedeutung, daß nicht bloß
das besondere Ganze der menschlichen Organisation in die reale Technik
der Natur einbezogen wird, sondern daß die u r s p r ü n g l i c h e (un-
absichtliche) O r g a n i s a t i o n d e s M e n s c h e n d i e B a s i s a l -

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[74175] Kants Nachlaßwerk 349

1er r e a l e n N a t u r t e c h n i k ist, — eine Konsequenz, die sich


ja dann im Nachlaßwerk findet.

b) Die technisch-praktische Vernunft

Der Begriff der t e c h n i s c h - p r a k t i s c h e n Vernunft,


dem wir uns nunmehr zuwenden, verweist schon durch seine Gegen-
überstellung zum Begriff der moralisch-praktischen Vernunft auf eine
Problematik, die Kant zuerst in der Grundlegung zur Metaphysik
der Sitten (1785) entwickelt. Bekanntlich wird hier dem kategorischen
Imperativ, der nur ein einziger (IV 421) sein kann, eine Gruppe von
Imperativen vorgeordnet, die Kant h y p o t h e t i s c h e nennt, und
die er als Vorstellung der praktischen Nothwendigkeit einer mög-
lichen Handlung als Mittel zu etwas anderem, was man will (IV 414) de-
finiert. Diese „Imperative" werden in Regeln der Geschicklichkeit und
Rathschläge der Klugheit eingeteilt und von den Geboten der Sittlichkeit
unterschieden (XX 200). Ebendort heißt es von den Imperativen der Ge-
schicklichkeit, man könne sie auch technisch (zur Kunst gehörig)
nennen. Eine Anmerkung der Ersten Einleitung, die sich auf die Grund-
legung bezieht (XX 200), hebt diese | Benennung ausdrücklich hervor:
nachdem ich, führt Kant hier aus, von den Imperativen der Geschicklich-
keit gesagt hatte, daß sie nur bedingterweise... geböten, so nannte ich
dergleichen praktische Vorschriften problematische Imperativen, in wel-
chem Ausdruck freylich ein Widerspruch liegt. Ich hätte sie technisch,
d. i. Imperativen der Kunst nennen sollen. Daß Kant den Terminus
„tedinisch" hier nochmals vorschlägt, ohne sich zu erinnern, ihn bereits
benutzt zu haben (audi in der Kritik der praktischen Vernunft, 1788,
tritt er auf, V 26)55, zeigt die Wichtigkeit, die er der Benennung bei-
mißt. Daß er (in derselben Anmerkung) die in der „Grundlegung" als
pragmatisch bezeichneten, zur Wohlfahrt gehörigen Klugheitsregeln (IV
417) nunmehr audi zu den technischen Imperativen rechnet (XX 200),
zeigt, wie die Unterscheidung des Technisch-Praktischen vom Moralisch-
Praktischen inzwischen die ältere Trichotomie (tedinisch, pragmatisch, mo-
ralisch) verdrängt hat. Allerdings wird dabei ein Vorbehalt gemacht: Daß
die eigene Glückseligkeit als Zweck nicht unter die bloß beliebigen Zwecke
gehöret, berechtigt zu einer besonderen Benennung dieser technischen Im-
perativen. Denn die Aufgabe sogenannter „Lebenstechnik", wie wir er-
läuternd sagen dürfen, fordert nicht bloß... die Art der Ausführung
eines Zwecks, sondern auch die Bestimmung dessen, was diesen Zweck
ausmacht (ebd.).

55
Vgl. weiter unten S. 353.

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350 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [75176]

Die bloß technischen Imperative sind also indifferent gegen den


Zweckinhalt (dazu das Giftmisdierbeispiel IV 415); die technisch prag-
matischen Imperative h a b e n einen Inhalt, der aber nicht hält, was er
verspricht, weil der intendierte Zweckinhalt (die eigene Glückseligkeit,
bzw. Selbstliebe) widerspruchsvoll ist und nicht der wahre E n d z w e c k
eines vernünftigen Wesens sein kann. Beide Gruppen von Imperativen
sind natürlich von den Maximen reflektierender U r t e i l s k r a f t deut-
lich geschieden: die Beurteilung der Natur bloß nach der Analogie mit
einer Kunst (XX 201), also die Technik der Natur, ist keine Anwendung
einer vollständigen theoretischen Erkenntnis (XX 198); der Begriff der
Zweckmäßigkeit der Natur ist von der praktischen Zweckmäßigkeit (der
menschlichen Kunst oder auch der Sitten) ganz unterschieden. Aber Kant
setzt dodi hinzu: ob er zwar nach einer Analogie mit derselben gedacht
wird (V 181).
Und eben diese Analogie läßt weitere Analogien hervortreten, | die
für das Verhältnis der Naturtechnik zum Inbegriff technisch-praktischer
Prinzipien aufsdilußreidi sind. Wie die eigentlich technischen Imperative
kein Urteil über den Werth der zu Zwecken gemachten Dinge (IV 415)
enthalten, so enthält die Beurteilung der Dinge ihrer inneren Form hal-
ber kein Urteil über die Existenz dieser Dinge als Zweck der Natur, d. i.
keine Erkenntnis des Endzwecks ... der Natur (V 378). Wie jedoch mit
den technisch-pragmatischen Imperativen die eigene Glückseligkeit als
v e r m e i n t l i c h e r Endzweck (/efzier Naturzweck des Menschen V430)
in den Bereich des Willens eintritt, so tritt mit der absichtlichen Natur-
technik eine v e r m e i n t l i c h e übersinnliche Kausalität nach Endur-
sachen in den Bereich der Natur ein. Und wie die Dialektik der teleolo-
gischen Urteilskraft den Anspruch, durch diese immaterielle Kausalität
etwas e r k l ä r e n zu können, zunichte macht, so hebt die Dialektik
der reinen praktischen Vernunft den Anspruch des Glückseligkeitsstre-
bens auf, moralitätsbegründend zu sein. Wobei freilich dem vermeint-
lichen Endzweck der technisch-pragmatischen Imperative nicht einmal
eine regulative Bedeutung für die moralisch-praktische Vernunft zuer-
kannt wird.
Wir werden auf diese Analogien zurückkommen. Vorerst gilt es, den
Begriff der technisch-praktischen Vernunft des Nachlaßwerkes selbst
kennenzulernen. Nachzuholen sind dabei aber noch die (wenigen) Stellen
des Nachlaßwerkes, in denen der Begriff der Technik der Natur in einem
mit der Kritik der Urteilskraft gleichen Sinne auftritt. Und zwar in den
Entwürfen, die dem VII. Konvolut zeitlich vorgeordnet sind. Es ist,
heißt es im Entwurf A. Elem. Syst. 1—6, nicht blos Mechanik sondern
auch Technik der Natur was ein Princip der bewegenden Kräfte der
Materie enthalt (XXI 199). Und im Entwurf Farrago 14 werden un-
organische und organische Körper nach ihrer die Materie bildenden Kraft

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[76177] Kants Nadilaßwerk 351

so unterschieden, daß diese Kraft bei den ersteren technisch, bei den
letzteren architectonisch ist (XXI 630). Welche Bedeutung dem Termi-
nus architectonisch dabei zukommt, erhellt aus einer anderen Stelle des
Entwurfs A. Elem. Syst. 1—6: Es kann aber doch unter den bewegenden
Kräften der Materie ein solches Verhältnis (causa finalis) gedacht wer-
den, wenn wir unser Urtheil darauf einschränken daß wir uns das Sy-
stem derselben niât anders begreiflich machen können als wenn wir
einen von der Materie unabhängigen Verstand annehmen der in An-
sehung dieser Formen architectonisch | ¿sí58 und uns die bewegende
Kräfte der Materie nach der Analogie desselben vorstellen (XXI
185). „Architektonisch" ist also die bildende Kraft der Materie, insofern
sie nach Analogie Gottes als des Architecten der Welt (XXI 33) vorge-
stellt wird. Inwiefern ist die „bildende Kraft" der (die u n o r g a n i -
s c h e n Körper aufbauenden) Materie „technisch" ? Besteht hier gleich-
falls eine „Analogie", so kann es nur die Analogie mit unserer eigenen,
nicht architektonisch, sondern technisch verfahrenden U r t e i l s k r a f t
sein.
Das wäre gegenüber früheren Formulierungen noch nichts Neues. Die
eigentliche Weiterbildung des „technischen" Problems setzt auch erst an
späterer Stelle ein: mit der Wendung des VII. Konvoluts zur E t h i k o -
t h eo 1 o gi e Auch terminologisch tritt die technisch-praktische Ver-
nunft erst hier auf.
Die technisdi-praktische Vernunft steht im Gegensatz zur moralisch-
praktischen. Sie ist Erkentnis der Mittel zu allen beliebigen Zwecken
(XXII 64), Anschauung construirende ( X X I I 116), erfindende (XXI 47)
Vernunft, eine Beziehung des menschlichen Willens auf Zwecke welche
in Ansehung seiner bedingterweise nöthigend (necessitantia) sind (XXII
122). Wie die moralisch-praktische Vernunft ist sie ein Ganzes (XXII
64): das Subjekt bestimmt sich durch technisch-praktische Vernunft als
Erscheinung im Raum und Zeit ( X X I I 53), und dieses Ganze der Er-
scheinung ist die Welt (bzw. Natur). Das All der Wesen (entium) das
Seyn überhaupt in einem System u. unbeschränkt enthält das Object der
technisch!Ipractischen und moralischlIpractischen Vernunft Natur und
Sitten d. i. Freyheit (XXII 65).
Den für die Ideenlehre des I. Konvoluts wie für die Selbstsetzungs-
lehre gleich wichtigen Zusammenhang von technisch-praktischer Ver-
nunft und W e l t hat Kant — da sein Interesse in den letzten beiden
Entwürfen immer zuerst auf die moralisch-praktische Vernunft geht —
nicht so exponiert, wie es wünschenswert wäre. Aber aus den Fragmen-
ten wird deutlich, d a ß er einen solchen Zusammenhang voraussetzt

66
Vgl. V 410: „daß ein höchster Architekt die Formen der N a t u r . . geschaffen".
57
Vgl. oben S. 314.

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352 Z u r Analyse des N a c h l a ß w e r k e s [77179]

und w i e er ihn voraussetzt. Gott und Welt, heißt es im I. Konvolut,


sind beide ein Maximum, das eine dem Grade nach (qualitativ) das
andere dem Umfange Räume nach (quantitativ), das eine als Gegenstand
der reinen Vernunft das \ andere als Sinnenge genstand. Beide Ideen hän-
gen notwendig voneinander ab; technisch/!practische und moralisch!!
practische Vernunft und das Princip was beyde in einer Idee verbindet
( X X I 1 1 ) . Der Inbegriff aller ... Substanzen ist Gott und die Welt. Deren
letztere (i. O. versehentlich: erstere) nicht als Aggregat der andern bey-
geordnet, sondern dieser im Daseyn untergeordnet und in einem System
mit ihr verbunden... nicht blos technisch sondern moralisch/Ipractisch
verbunden ( X X I 12). Zuerst die moralisch!/practische: dann die tech-
nisch//practische Vernunft. Gott und die Welt ( X X I 15). Noch auf-
schlußreicher ist die Stelle X X I 16: Das System der Erkenntnis ... theilt
sich in die zwey Hauptstämme Natur und Freyheit, deren beyde theore-
tisch und practisch behandelt werden müssen und das Product aus tech-
nisch!/practischer oder (lies: und) moralisch!/practischer Vernunft und
ihren Principien hervorgeht. Als Principien werden dabei Neigung und
Sitten für die moralisch-praktische, Instinct und Verstand für die tech-
nisch-praktische Vernunft bezeichnet58 (ebd.). Den Naturbegriff nicht
bloß theoretisch, sondern auch praktisch zu behandeln (ebenso den Frei-
heitsbegriff), ist ja für den Übergang von der Transsc. Phil, zum System
zwischen Natur und Freyheit ( X X I 17), d. h. für den Ubergang von der
theoretischen zur praktischen Philosophie, unerläßlich: und da von der
Idee der W e l t (wie von derjenigen Gottes) nur in der praktischen
Philosophie positiver Gebrauch gemacht werden kann, so b e z e i c h -
net die t e c h n i s c h - p r a k t i s c h e V e r n u n f t eben die-
sen W e l t b e z u g des t h e o r e t i s c h e n N a t u r b e g r i f f e s .
Das erklärt auch gewisse terminologische Schwankungen des ersten
Konvoluts, an denen wir nicht vorübergehen können. X X I 19 wird unter
dem Titel: Cosmotheologie verzeichnet: Ein System der Transcenden-
talphilosophie von Technisch!Ίtheoretischer und moralisch!/practischer
Vernunft. Hier tritt also der Begriff t e c h n i s c h - t h e o r e t i s c h
auf, der X X I 22 wiederkehrt: Die 2 Principien: das der moralisch//
practischen mit dem Princip der technisch theoretischen Vernunft (zu
welcher auch die Mathematik gehört). „Technisch" ist dabei wohl als
Implikation von „technisch//praktisch" zu nehmen; ja, Kant geht hierin
noch weiter, | indem er einmal ( X X I 130) von der Philosophie sagt, sie
sei entweder ein technisch speculativer oder moral, pract. Ausdruck.
Zur technisch-praktischen, bzw. technisch-praktisch-theoretischen Ver-
nunft gehört auch die M a t h e m a t i k . Es empfiehlt sich, bei dieser
58 Die A n o r d n u n g ist fraglich. Wir halten es aber für unwahrscheinlich, d a ß K a n t
Neigung und Instinkt einerseits, Sitten und Verstand andererseits zusammengestellt
hätte.

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[79180] Kants Nachlaßwerk 353

Bestimmung gleichfalls auf frühere Formulierungen Kants zurückzugrei-


fen. S ä t z e , so hatte Kant in der Kritik der praktischen Vernunft
gesagt, welche in der Mathematik oder Naturlehre praktisch ge-
nannt werden, sollten eigentlich technisch heißen. Denn nicht um
eine Willensbestimmung handelt es sich hierbei: es wird in ihnen nur das
Mannigfaltige der möglichen Handlung angezeigt; solche Sätze sind also
theoretisch (V 26). Im gleichen Sinne hatten die erste und zweite Einlei-
tung in die Kritik der Urteilskraft bei Erörterung der zur Anwendung
einer vollständigen theoretischen Erkenntniß erforderlichen practischen
Sätze (XX 198), bzw. technisch-praktischen Regeln (V 172) die sogen,
angewandte Mathematik bestimmt: die Feldmeßkunst, hieß es z.B.
X X 198 kann sich den Namen einer practischen Geometrie keines-
wegs anmaßen und ein besonderer Teil der Geometrie überhaupt heißen,
sondern gehört in Scholien der letzteren, nämlich den Gebrauch dieser
Wissenschaft zu Geschäften (ähnlich V 173). — Demgegenüber sind die
Formulierungen des Nachlaßwerkes sehr viel radikaler: mit der Ab-
hebung technisch-praktischer Regionalität muß auch die „theoretische"
Beschaffenheit mathematischer Sätze eine t e c h n i s c h e Kennzeich-
nung erhalten.
Die Mathematik — das ist eine immer wiederkehrende These des
Nachlaßwerkes — hat einen b l o ß i n s t r u m e n t a l e n C h a r a k -
t e r 5 9 . Sie ist Instrument der Behandlung (XXI 206), Organon (XXI
194), Instrumentalwissenschaft (XXI 120), Instrumentallehre (im Ge-
gensatze zur Philosophie als Weisheitslehre X X I 156), Kunstlehre
(XXII 75), eine Art von Gewerbzweig, dessen sich der Philosoph bedie-
nen kann ( Handwerk) (im Gegensatz zur Philosophie als G e nie ρ r o-
duct X X I 140); ihr Wert ist der der technisch practischen
(Geschicklichkeit zu Erfindung der Mittel zu beliebigen Zwecken), der
Wert der Philosophie der der moralise hllp r ac ti s c h en Ver-
nunft und ist auf den Endzweck... gerichtet (XXI 556). Der
Zweck I den die Vernunft mit der Mathematik hat ist sie als das Aus-
gebreitetste und sicherste Instrument zu jeder technischen Absicht
(der Kunst) in seiner Gewalt zu haben also irgend ein Nutzen für Ob-
jecte der Sinnlichkeit (XXI 244).
Meist wird der instrumentale Charakter der Mathematik in Verbin-
dung mit einer Polemik gegen N e w t o n hervorgehoben. Wenn die
Mathematik nur Instrument ist, kann es keine mathematischen Prinzi-
pien der Naturphilosophie geben, kann man nicht im Felde der Objecte
der ... Philosophie durch Mathematik Fortschritte machen wollen (XXII

59
Siehe dazu audi das Lose Blatt E 18 (Reidee, a . a . O . II 78): Mathematik ist „blos
ein großes Instrument da hingegen Philosophie den Endzweck der menschlichen
Vernunft allein bestimmen kann" (XXIII195).

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354 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [80/81J

543 f.); der Titel von Newtons unsterblichem Werk (Philosophiae natu-
ralis principia mathematica) zeigt eine innere Mishelligkeit: eine mathe-
matische Philosophie ist eben so als eine philosophirende Mathematik
ein Unding (XXI 241 f.)· Es ist eine A m p h i b o l i e d e r R e f l e -
x i o n s b e g r i f f e , die Philosophie und einen Zweig derselben, die
Metaphysik zu einem Fache der Mathematik zu machen. Es muß heißen:
Matheseos applicatae principia philosophica (XXII 489). Und nicht zu-
fällig behandelt Kant das Verhältnis von Mathematik und Philosophie
formal im gleichen Sinne wie dasjenige von Naturmetaphysik und Phy-
sik: als Ü b e r g a n g s p r o b l e m , — wendet er darauf die nämlichen
Begriffe und Bilder an wie auf den Übergang von den metaphysischen
Anfangsgründen zur Physik (so, wenn es X X I I 489 heißt: Es ist hier ein
Verändertes Gebiet zu welchem hinüber geschritten wird (Styx interfusa
coërcet) und der größte Mathematiker als ein solcher hat abgeschnit-
tene Grenzen wie für sein Object so auch für sein Talent).
Die philosophische Erkenntnis ist diskursiv durch Begriffe, die ma-
thematische intuitiv durdi Konstruktion der Begriffe (XXI 114 u. s.);
beide enthalten synthetische Grundsätze a priori, aber diejenigen der
Mathematik gehören nicht zur Transsc. Philosophie, sondern nur ihre
V e r b i n d u n g mit den synthetischen Grundsätzen der philosophi-
schen Erkenntnis gehört zur Transzendentalphilosophie. Sie sind also
nicht d i r e k t Gegenstand der Transzendentalphilosophie, sondern nur
i n d i r e k t , als Erkenntnismittel. (So wie die Mathematiker reine
Philosophie anerkennen müssen, so werden die Philosophen auch reine
Mathematik anerkennen aber nur indirect als Instrument XXI
115). Eben deshalb gehört die Mathematik zur technisch-praktischen,
Anschauung konstruierenden Vernunft, weil sogar ihr Gebrauch in An-
sehung der Anschauungen a priori in Raum u. Zeit (XXI 67) | e i n e
p h i l o s o p h i s c h e Z w e c k s e t z u n g i n v o l v i e r t : die Mathe-
matik stellt für sich kein System als ein absolutes Ganze dar sondern
ist... nur mittelbar (bedingt) auf Zwecke gerichtet dagegen Philosophie
auf absolute Zwecke gerichtet ist (XXI 108).
Dennoch, so wichtig diese Bestimmung der Mathematik im Zuge der
Problematik des Nachlaßwerkes ist, — führt sie nicht ab von jenem
Begriff der Naturtechnik, den die Kritik der Urteilskraft erarbeitet
hatte? Gehört nicht — und damit kehren wir zum allgemeinen Begriff
der technisdi-praktischen Vernunft zurück — alles Beigebrachte in den
Umkreis dessen, was die Erste Einleitung als N o m o t h e t i k der
Natur der Naturtechnik gegenüberstellt? Die technisdi-praktischen Re-
geln betreffen nur die Möglichkeit der Dinge nach Naturbegriffen (V
172), und die Naturbegriffe beruhen auf der Gesetzgebung des Verstan-
des (V 174). Indessen: die teleologische Urteilskraft soll ja (im Unter-
schied von der ästhetischen) nicht einmal ein besonderes Vermögen sein

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[81/82] Kants Nachlaßwerk 355

(V 194), sondern nur eine Reflexion nadi immanenten Prinzipien. Sie


soll ihrer Anwendung nach ebenfalls zum theoretischen Theile der Philo-
sophie (ebd.) gehören, und der Begriff von einer Zweckmäßigkeit der
Natur noch zu den Naturbegriffen gehörig sein, — wenngleich nur als
regulatives Princip des Erkenntnisvermögens (V 197).
Es muß also einen Zusammenhang zwischen der Naturtechnik und
dem Inbegriff technisch-praktischer Sätze bzw. Prinzipien geben, und
dieser Zusammenhang muß sich an der Stelle zeigen, wo der Unterschied
zwischen einer t e c h n i s c h e n P r a k t i k und einer n a t ü r l i -
c h e n T e c h n i k — um ihn so zu formulieren — allererst hervor-
tritt. Diese Stelle wird, in der Ersten Einleitung, genau bezeichnet durch
den Begriff der T e c h n i k d e r U r t e i l s k r a f t , mit deren Ver-
fahren die N a t u r übereinstimmen muß, um als technisch vorgestellt zu
werden (XX 220). Die Technik der Urteilskraft ist Grund der Idee einer
Technik der Natur (XX 219). Was hat aber die Technik der Urteilskraft
mit der V e r n u n f t zu tun? Auch darauf gibt die Erste Einleitung Ant-
wort: wenn der Urteilskraft empirische Begriffe und eben solche Gesetze
gemäß dem Mechanism der Natur gegeben sind, so vergleicht sie diese
mit der Vernunft und ihrem Princip der Möglichkeit eines Systems.
Findet sie nun diese Form (des Systems) an dem (besonderen) Gegen-
stande, so beurteilt sie ihn als Naturzweck (XX 221). Die reflektierende
Urteilskraft verfährt also technisch, sofern sie | Naturdinge an der Ver-
nunft m i ß t ; soll sie sich ihr Princip nur selbst als Gesetz geben kön-
nen, so bedeutet das offenbar, daß sie sich selbst eine Vernunftidee zum
Maßstab nimmt: Technik der Urteilskraft ist t e c h n i s c h e V e r -
n u n f t , d. h. angewandte, sich realisierende und insofern audi prakti-
sche, aber nicht selber gesetzgebende, also nicht reine m o r a l i s c h -
praktische Vernunft.
Was der Inbegriff praktischer Geschicklichkeitsregeln mit der Ver-
nunft zu tun hat, brauchen wir nicht erst zu fragen; denn ihre Zweck-
beziehung liegt auf der Hand. Und wenn Kant, an den angegebenen
Stellen, dazu neigt, die praktischen Vorschriften den rein theoretischen
Sätzen zu subsumieren (weil sie sich zwar der Formel, aber niât dem
Inhalte nach, von ihnen unterscheiden, wie es in der Ersten Einleitung,
X X 196, heißt), so hängt das mit seiner, auch in der ersten Fassung des
Schematismuskapitels (Subsumtionsschematismus)80 sowie in der Definition
der bestimmenden Urteilskraft erkennbaren, Bevorzugung einer bloßen
S u b s u m t i o n s l o g i k zusammen, die dem Synthesisbegriff der trans-
zendentalen Logik inadäquat ist. Kant denkt eben bei (praktischer)
Technik immer zuerst an S u b s u m t i o n s t e c h n i k , während der

60
Vgl. hierzu die ältere Arbeit von E. Curtius, Das Schematismuskapitel in der
Kritik der reinen Vernunft, Kantstudien Bd. X I X .

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356 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [82/83]

Nerv alles technisch-praktischen Verfahrens die Invention, alle „Tech-


nik" also wesentlich I n v e n t i o n s t e c h n i k ist61. In Wahrheit also
braucht auch — und damit nehmen wir den Faden unserer Analogien
wieder auf — die technische Praktik wie die natürliche Technik die
reflektierende, schematisierende (bildentwerfende), erfindende Urteils-
kraft. Auch sie vergleicht, beurteilt, mißt an selbstgegebenen Ideen.
Von hier aus läßt sich auch die Frage beantworten, ob und inwiefern
die technisch-praktische Vernunft ein G a n z e s ist. Sie ist es in analo-
gem Sinne wie die Technik der Natur als System nach der Regel der
Zwecke. Nur daß es sich bei der letzteren um menschliche Zwecksetzun-
gen handelt. Betont man die Willkür, Beliebigkeit, Wertindifferenz tech-
nisch-praktischer Zwecksetzungen, so wäre die technisch-praktische Ver-
nunft ein bloßer Sammelbegriff [ (was der Mensch thut (agit) was er
macht (facit) Was er durchs Thun in einer gewissen Zeit bewirkt opera-
tur X X I I 49). Das soll sie aber nach Kant nidht sein. Sie soll, wie die
Technik der Natur, S y s t e m b e g r i f f sein. Und zwar durch ihre
Beziehung auf die Idee der W e l t . Freilich, unter dem Gesichtspunkt
des reinen praktischen Vernunftgesetzes erscheint der Systembegriff aller
nicht vom kategorischen Imperativ bestimmten Zwecksetzungen proble-
matisch, der Gedanke einer möglichen allgemeinen Gesetzgebung durch
technisch-praktische Vernunft unvollziehbar. Aber auch die Natur als
Zwecksystem ist ja unter ethikotheologischem Gesichtspunkt kein echtes
Zwecksystem, weil es — ohne den freien Willen des Menschen — keinen
Endzweck der Natur gibt.
Indessen greift hier ein Gedanke ein, der zugleich den inneren Zu-
sammenhang von Naturtechnik und technisch-praktischer Vernunft am
besten beleuchtet: wie beide, natürliche Technik und technische Praktik,
im guten Willen des Menschen als E n d z w e c k der Natur einerseits
(V 443), der technisch-pragmatischen Zielsetzungen andererseits, termi-
nieren, so gründen sich auch beide auf einen Zweckzusammenhang, den
Kants G e s c h i c h t s t e l e o l o g i e wenigstens andeutet: die tech-
nische Praktik hat als K u l t u r ihr Fundament in Naturanlagen in der
Menschengattung (V 432) ; die natürliche Technik ist also nicht bloß eine
teleologische Voraussetzung, ohne die wir die Entstehung der Kultur
nicht begreiflich machen können, — sie ist audi diejenige Voraussetzung,
die wir machen müssen, um den Inbegriff aller nicht vom kategorischen
Imperativ bestimmten Zwecksetzungen in einen Systembegriff zu ver-
wandeln: die Willkür und Zufälligkeit menschlicher Handlungsziele

61 Es ist ein Verdienst des großen Werkes von Le Senne, Le devoir (Paris 1930), in
einer tiefgreifenden Analyse des Begriffs der Anwendung (application) ebendiesen
Gesichtspunkt zur Geltung gebracht zu haben. Siehe audi das Buch von G. Bouthoul,
L'invention, Paris 1930.

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[83184] Kants Nachlaßwerk 357

und -antriebe verschwinden bei der Reflexion auf die innere Zweckmäßig-
keit (Ganzheit) des Menschen als eines Naturprodukts 62 .
Weiter als bis zu diesem Punkt brauchen wir nicht zu gehen. Gewiß
ist es eine Aporie, das Ganze technisch-praktischer Vernunft auf das
Zwecksystem der Natur zu gründen, das seinerseits, um „ganz" zu sein,
wieder auf menschliche Handlungen bezogen werden muß, noch dazu
auf solche Handlungen, die sozusagen aus dem Rahmen beider: der N a -
tur wie der technisch-praktischen Vernunft, fallen. Es ist die gleiche Apo-
rie, die uns schon oben bei der Behandlung des Problems der Weltseele
entgegentrat. Aber man geht nicht fehl und kommt am ehesten zu einer
Lösung dieser Schwierigkeit, wenn man die Systeme der natürlichen
Technik und der technischen Praktik von derjenigen Seite charakterisiert,
die sie zu Objekten der Kritik der Urteilskraft macht: als O b e r -
gangssysteme.

c) Die Selbstsetzungslehre

Mit der Einbeziehung der Mathematik in die technisch-praktische


Vernunft und der Kennzeichnung der mathematisch-konstruktiven Er-
kenntnis als technisch-instrumentaler wird die Frage nach dem Anteil
technisch-praktischer Vernunft a u c h a n d e r V e r s t a n d e s g e -
s e t z g e b u n g unabweisbar. Diese Frage führt uns zu demjenigen
Lehrstück des Nachlaßwerkes, das wohl das dunkelste ist und dessen
erschöpfende Analyse den Rahmen unserer Arbeit weit überschreiten
würde: zur Lehre von der S e l b s t s e t z u n g .
Die Selbstsetzung gehört zur neuen Deduktion des Nachlaßwerkes
wie die transzendentale Apperzeption zur alten Deduktion der Kritik
der reinen Vernunft. Sie findet sich zwar nicht erst im Entwurf Beylagen
1—8, den Adickes in die Zeit von April—Dezember 1800 verlegt (die
Datierung ist aber wohl früher anzusetzen, wie X X I I 817 angedeutet),
sondern auch in den vorangehenden Entwürfen, und die von L ü p s e n
vertretene These63, daß die Selbstsetzungslehre einen Neueinsatz inner-
halb der Systematik des Nachlaßwerkes bedeutet, läßt sich nicht hal-
ten64. Wir werden aber trotzdem die Bestimmungen des VII. Konvoluts
zuerst gesondert betrachten, um sie dann mit denen der früheren Ent-
würfe zu verknüpfen.

62
Über den Begriff der „Naturanlage" bei Kant siehe jetzt G. Wolff, a. a. O. S. 343 ff.
(Zusammenfassung S. 362), der aber den Fehler, die kritische Erkenntnistheorie bio-
logistisdi zu interpretieren, leider nicht vermeidet.
63
F. Lüpsen, Das systematische Grundproblem in Kants opus postumum, Die Aka-
demie 2, Erlangen 1925, S. 70.
64
Vgl. dazu oben S. 318.

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358 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [84186]

Kant spridit — im Anklang an T i e f t r u n k , B e c k , F i c h t e "


und natürlich im Anschluß an seine eigene Terminologie — von sich
selbst setzen, sich selbst machen, sich selbst vorhermachen, sich selbst
constituiren, sich selbst zum Object machen, sein Selbstbewußtsein deter-
miniren etc., wie er in unreflektierter Form von setzen, machen, selbst
machen (Wir machen alles selbst. X X I I | 82; wir verstehen nur durch
machen X X I 578; Ideen sind selbstgemachte Vorstellungen X X I 153),
constituiren etc. spricht. Die Wendung 5¿c¿ selbst setzen tritt, im VII.
Konvolut, am häufigsten auf.
Erweist schon die sprachliche Ubereinstimmung die Zugehörigkeit
der „Selbstsetzung" zur L e h r e v o n d e r S y n t h e s i s , die ja
auch sachlich den entscheidenden Punkt für die transzendentale Deduk-
tion der Kritik, insbesondere in der Fassung der 2. Auflage bildet, so
ergibt erst recht ein Uberblick über die P r o b l e m z u s a m m e n -
h ä n g e , in denen der Terminus sich selbst setzen auftritt, daß er den
für die kritische Philosophie grundlegenden Zusammenhang von (reiner)
A p p e r z e p t i o n und S y n t h e s i s (a priori) betrifft. An dieser
systematischen Beziehung kann jedenfalls im opus postumum kein Zwei-
fel bestehen: die Z u g e h ö r i g k e i t d e r Selbstsetzungs-
l e h r e z u r S e t z u n g s l e h r e muß daher zuerst festgelegt werden,
ehe man an die Bedeutungsabwandlungen der „Selbstsetzung" im VII.
Konvolut herantritt oder gar die Mannigfaltigkeit der von Kant ver-
wendeten Bedeutungen kritisiert88.
Da es uns hier nicht auf den Synthesisbegriff als solchen, sondern
auf den Anteil der Synthesis der r e f l e k t i e r e n d e n Urteilskraft
an der neuen Deduktion des Nachlaßwerkes ankommt, können wir die
der alten Deduktion entsprechenden Stellen der Selbstsetzungslehre bei
Seite lassen und uns sogleich denjenigen Stellen zuwenden, in welchen
der Rahmen der alten Deduktion ü b e r s c h r i t t e n wird.
Dabei ist auszugehen von einer Einteilung, die Kant X X I I 73 gibt:
wir unterscheiden das Selbstbewußtsein als facultas repraesentativa von
der Bestimmung seiner selbst als junction seiner selbst (vis repraesenta-
tiva); wir unterscheiden ferner die Erscheinung seiner selbst als durchgän-
gige Bestimmung der eigenen Existenz vom Selbst als Ding an sich objectiv
= x. Wir unterscheiden also: 1. facultas repraesentativa, 2. vis reprae-
sentativa, 3. Subjekt als Erscheinung, 4. Subjekt als Ding an sich. Der
erste Act des Vorstellungsvermögens ist die Vorstellung seiner selbst
(apperceptio) wodurch das Subject sich selbst zum Objecte macht (ap-
prehensio simplex) (XXII, 43). Dieser (erste) Akt des Bewußtseins ist
blos logisch ... ohne Bestimmung des Gegenstandes; er ist noch | kein Ur-

• s Vgl. dazu Adickes, a. a. O. S. 605 ff.


·« Wie bei Adickes, a. a. O. S. 628.

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[86187] Kants Nadilaßwerk 359

the il ... über ein Object (XXII 89). Der „Fortschritt" (XXII 72) von
dieser Stufe der Selbstsetzung zur nächsten, vom Vorstellungs v e r m ö -
g e n zur Vorstellungs k r a f t (vom Analytischen zum Synthetischen,
von der Metaphysik zur Transzendentalphilosophie, wie Kant ebendort
parallelisiert), enthält einen Gegensatz: den des Denkbaren und Spür-
baren. Er führt sogleich in die Raum/Zeit-Lehre des Nachlaßwerkes
hinein.
Raum und Zeit nämlidi, als Formale des Spürbaren (XXII 90) sind
S e t z u n g e n : actus der Vorstellungskraft (vis repraesentativa) sich
selbst zu setzen (XXII 88), Selbstbestimmungen) des Bewußtseyns
(XXII 74). Die position von etwas ausser mir, heißt es X X I I 97, geht
selbst zuerst von mir aus in den Formen von Raum u. Zeit in welche ich
selbst die Gegenstände der äußeren u. des inneren Sinnes setze und
welche darum unendliche Setzungen sind.
Die Bestimmung von Raum und Zeit als Formen der Selbstsetzung
ist die wichtigste Weiterbildung, die die transzendentale Ästhetik im
Nachlaßwerk erhält. Sie darf aber nicht logisiert und etwa im Sinne des
Marburger Neukantianismus verstanden werden. Allerdings verbindet
Kant — und das ist die zweite Weiterbildung der transzendentalen
Ästhetik — Raum und Zeit in einer Weise, die den anthropologischen
Dualismus zweier heterogener und zufälliger Anschauungsformen über-
windet: Der ursprüngliche Act der Sinnenanschauung Seiner
selbst, heißt es X X I I 16, ist... zugleich gültig für das Object weil das
letztere nur durch das erstere gegeben werden kann und die Formen von
Raum und Zeit mit der Verbindung des Mannigfaltigen derselben zur
Einheit identisch sind". Aber es wird nicht bloß am Ansdiauungs-
charakter von Raum und Zeit strikt festgehalten, sondern es wird auch
die E i n b i l d u n g s k r a f t (im Gegensatz zum Verstände) als Quelle
dieser subjektiven Anschauungsformen hervorgehoben: Raum und Zeit
sind... nicht Objecte der Anschauung sondern blos subjective Formen
derselben die niât ausser den Vorstellungen existiren und nur im Sub-
ject gegeben werden d. i. die Vorstellung derselben ist ein Act des Sub-
jects selbst und ein Product der Einbildungskraft (XXII 76). Oder noch
deutlicher X X I I 37: Raum und Zeit sind Producte (aber primitive Pro-
ducte) unserer eigenen Einbildungskraft mithin selbst geschaffene An-
schauungen.
Ohne schon jetzt auf den Anteil der Einbildungskraft an der Setzung

• 7 Weitere Stellen bei Lüpsen, a. a. O. S. 95 ff. Wir fügen hinzu, daß Kant aud>
einmal (Anklang an Beck) die Vorstellung von Raum und Zeit als Propädeutik
für die Transzendental Philosophie bezeichnet (XXII 82), ferner, daß sich ihm die
Einheit von Raum und Zeit, ihre Unzertrennlichkeit (XXII 98), zu einer Art Raum-
Zeit- U n i o n verdichtet (vgl. XXII 628).

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360 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [87188]

von Raum und Zeit und damit an der Selbstsetzung einzugehen68, ziehen
wir sogleich die andere Unterscheidung: des Subjekts als D i n g an
s i c h und als E r s c h e i n u n g , mit heran. Auch hier wird ja die alte
Deduktion überschritten. Macht sich das Subjekt im ersten Akte des
Vorstellungsvermögens zum Objekt im Sinne bloß logischer Gegenständ-
lichkeit (der Act des Subjects sich selbst zum Object zu machen ist blos
logisch .. und ohne Bestimmung des Gegenstandes, X X I I 89), so macht es
sich in der Synthesis des Mannigfaltigen der Anschauung zum Gegen-
stande der Anschauung ( X X I I 68): das Subject ist in dieser Anschauung
(aspectabile) zugleich das Object welches sich selbst setzt (dabile) ohne
für sich selbst ein existirender Gegenstand zu seyn x = 0 nicht als Ding
an sich sondern blos in der Erscheinung ( X X I I 39).
Das sich selbst setzende Ich als Objekt ist n i c h t Ding an sich.
Denn das Ding an sich ist überhaupt nicht „Objekt": Das Ding an sich
(ens per se) ist nicht ein anderes Object sondern eine andere Beziehung
(respectus) der Vorstellung auf dasselbe Object dieses sich nicht analytisch
sondern synthetisch zu denken ( X X I I 26); es bedeutet nicht einen ande-
ren Gegenstand sondern nur einen anderen nämlich den negativen Stand-
punkt aus welchem eben derselbe Gegenstand betrachtet wird ( X X I I 42);
es ist nur ein Gedanke um den Gegenstand blos als Erscheinung also als
indirect erkennbar vorstellig zu machen ( X X I I 4 1 6 ) , ein Correlatum
( X X I I 412), pendant ( X X I I 46), nicht etwas das gegeben wird (dabile)
sondern was blos als correspondirend zur Eintheilung gehörend uneracht
daß es wegbleibt gedacht wird (cogitabile) ( X X I I 37), — die Idee der
Abstraction vom Sinnlichen welche als nothwendig anerkannt wird
( X X I I 23).
Das sich selbst setzende Idi als Objekt ist mithin „Erscheinung".
Das Νeben H und Nacheinander seyn . .. machen eine reine a priori ge-
gebene Vorstellung aus wodurch das Subject sich selbst setzt und zum
Object der Sinne macht aber nur in der Erscheinung ( X X I I 25). Durch
die „Setzung" von Raum und Zeit „setzt" sich | das Subjekt als Objekt in
der Erscheinung, — könnte es eine a n d e r e Anschauung „produzie-
ren", nämlich eine i n t e l l e k t u e l l e , so würde es sich als Ding an
sich „setzen". Bis hierher ist alles klar. Nun aber kommt es zu Verwick-
lungen, die auf ähnliche Schwierigkeiten in dem Kapitel vom Grunde
der Unterscheidung aller Gegenstände überhaupt in Phaenomena und
Noumena der Kritik der reinen Vernunft, aber auch auf die P r o b l e -
m a t i k r e f l e k t i e r e n d e r U r t e i l s k r a f t : auf den anschau-
enden Verstand als Idee der reflektierenden Urteilskraft und auf die
Verbindung dieser Idee mit der Selbstkonstitution des Subjekts ver-
weisen.

68 Vgl. weiter unten S. 352.

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[88189] Kants Nachlaßwerk 361

Denn allerdings muß sich das Subjekt wie als Erscheinung, so auch
als Ding an sich setzen: ist doch das der Erscheinung korrespondierende
Ding an sich nichts anderes als die bloße Vorstellung seiner (sc. des Sub-
jekts) eigenen Thätigkeit (XXII 37), nur eine andere Art sich selbst zum
Object zu machen (XXII 415), ein reiner Verhältnisbegriff das Subject
auf zweyerlei Art vorzustellen (XXII 42), und der ganze Unterschied
der Gegenstände als Dinge an sich und Erscheinungen ist nur ein scienti-
fischer (ideal) für das Subject nicht das Object (XXII 74). Nicht Obiectum
noumenon, heißt es an der vielleicht prägnantesten Stelle zur Selbst-
setzungslehre — allerdings aus dem X. Konvolut — sondern der Act
des Verstandes der das Object der Sinnenanschauung zum bloßen Phä-
nomen macht ist das intelligible Object (XXII 415). Das intelligible
Objekt oder Ding an sich (Kant gebraucht die Ausdrücke Ding an sich,
Object an sich, Sache selbst, Noumenon, intelligibles Object im VII. und
X./XI. Konvolut s t e t s p r o m i s c u e ) ist also die eigene Tätig-
keit, die S e l b s t s e t z u n g s e l b s t , u n d z w a r d i e r e s t r i n -
gierende Selbstsetzung.
Darin aber steckt die ganze Schwierigkeit. Das Ding an sich soll ja
audi im Nachlaßwerk e i n e „Eigenschaft" haben, die sich nicht in
Beziehungen, Zuordnungen, Entsprechungen auflösen läßt; das Ding an
sich als χ ist a b s o l u t e P o s i t i o n (XXII 28). Enthüllt sich also
als die „Wahrheit" des Dinges an sich die setzende Selbstbegrenzung des
Subjekts zum sich selbst setzenden Idi als E r s c h e i n u n g , so ist das
Ding an sich nicht mehr absolute Position, nicht mehr unbeschränkte,
s o n d e r n b e s c h r ä n k t e S e l b s t s e t z u n g . Soll das Ding an
sich aber absolute Position sein — und die Idee der absoluten Position
ist I ja die Voraussetzung der relativen —, so kann seine „Wahrheit"
n i c h t b l o ß die selbst b e g r e n z e n d e P o s i t i o n des
O b j e k t s a l s „ E r s c h e i n u n g " s e i n . Das Subjekt muß sich
selbst als absolute Einheit (XXII 30) setzen; das Ding an sich ist dann
identisch mit dem Subjekt an sidi, und der „negative Standpunkt" wan-
delt sich in den „höchsten" Standpunkt der Transzendentalphilosophie:
Es ist ein sich selbst als Object constituirendes nicht blos denkbares (cogi-
tabile) sondern auch existirendes, ausser meiner Vorstellung gegebenes
(dabile) Wesen das sich selbst a priori zum Gegenstande macht ... und
dessen Vorstellung als Subjects zugleido unmittelbar die Vorstellung sei-
nes eigenen Objects d.i. Anschauung ist (XXII107).
D a s ist die Idee des i n t e l l e c t u s a r c h e t y p u s der
K r i t i k d e r U r t e i l s k r a f t als ein wesentlicher Bestandteil der
Selbstsetzung6'. Man kann natürlich sagen, daß Gott, bzw. die Teilhabe

" Siehe dazu H . Heimsoeth, Metaphysische Motive in der Ausbildung des kritischen
Idealismus, Kantstudien X X I X , 1—2 (1924), S. 131, und jetzt auch Th. Ballauf,

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362 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [89/90]

am göttlichen Akt, die (metaphysische) Voraussetzung für die Konsti-


tution des Subjekts als Erscheinung ist. Aber das hieße den „transzenden-
talen Solipsismus" Kants zu leicht nehmen. Die Selbstsetzungslehre wird
nicht durch die transzendentale Theologie begründet, sondern umgekehrt:
die transzendentale Theologie gründet sich auf die Selbstsetzungslehre.
Transzendentalphilosophie, so drückt es Kant im I. Konvolut (XXI 93)
aus, ist das Vermögen des sich Selbstbestimmenden Subjects durò den
systematischen Inbegriff der Ideen... sich selbst als in der Anschauung
gegeben zu constituiren. Gott ist Idee, Selbstgeschöpf, Gedankending
(ens rationis) einer sich selbst zu einem Gedanken-
dinge constituir enden Vernunft (XXI 27)70. Jede Ab-
schwächung dieser Formulierung würde ein Verfehlen des eigentlichen
Gehaltes der Selbstsetzungslehre bedeuten: die anscheinenden Wider-
sprüche des I. Konvoluts in der Behandlung des Gottesbegriffs, die
Adickes71 durch eine Art Persönlichkeitszerfall Kants „erklärt", erge-
ben sidi I notwendig daraus, daß Gott eine Schöpfung der sich selbst
konstituierenden und zu dieser autonomen Selbstkonstitution wiederum
die Gottesidee benötigenden Vernunft ist.
Wir können darauf nicht näher eingehen. Nur so viel: Uber die Ab-
lehnung des s u b s t a n z i e l l e n Charakters Gottes ist sich Kant im
wesentlichen klar. Ob ein Gott in Substanz sei, heißt es X X I I 52 f., ist
kein Gegenstand des Streits (obiectum litis) Denn es sind nicht
existirende Wesen um deren Beschaffenheit gestritten werden dürfte
außer dem urtheilenden Subject sondern (Gott ist) eine bloße Idee
der reinen Vernunft die ihre eigene Principien examinirt. Gott ist als
Substanz gedacht ein Unding als regulatives (niât constitutives) Princip
aber real (XXI 89). Solche Formulierungen sind im I. Konvolut sehr
zahlreich. Sie reichen aber, von der Beziehung des Gottesbegriffs zur
praktischen Vernunft ganz abgesehen, schon deshalb nicht aus, den
Standpunkt V a i h i n g e r s , daß Kant im Nachlaßwerk Gott als echte
Fiktion behandelt habe72, zu stützen, weil die Immanenz der Gottesidee
in der sich als absolute Einheit selbstsetzenden Vernunft immer voraus-
gesetzt ist.
Indem die Vernunft ihre eigenen Prinzipien examiniert, findet sie
a u ß e r d e m u r t e i l e n d e n S u b j e k t keine „existierenden We-
sen", — das ist der transzendentale Solipsismus der Selbstsetzungslehre.
Das Subjekt muß sich aber, um sich selbst zu setzen, Gesetze vorschrei-

Über den Vorstellungsbegriff bei Kant, Berlin 1938, S. 117 f. und K. Schilling,
Natur und Wahrheit (Untersuchung über Entstehung und Entwicklung des Sdiel-
lingschen Systems bis 1800), München 1934, S. 43—54.
70
Keine Sperrung i. O.
71
Vgl. Adickes, a. a. O. S. 783 ff.
72
H . Vaihinger, Die Philosophie des Als Ob 2 , Berlin 1913, S. 724 ff.

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[90191] Kants Nachlaßwerk 363

ben, — Ideen, deren Urheber es ist (XXI 93). Und zwar, wie XXI 98
ausdrücklich betont wird, noch vor seiner Selbstbestimmung im Räume
und der Zeit (obzwar zum Behuf derselben). Es muß sich Regeln seiner
Selbstbestimmung geben, nach denen es sich beurteilt, — Bilder, Urbilder,
welche vor der Erkentnis der Dinge... vorhergehen (XXI 51). Wenn
Kant daher häufig auf den, S p i n o z a zugeschriebenen73, Gedanken
zurückgreift, daß wir alle Dinge i η Gott sehen (daß wir in ihm leben,
weben und sind) so darf dodi die Erläuterung nicht unterschlagen wer-
den, die er (an der herangezogenen Stelle, XXI 51) dazu gibt: d.i. in
dem Formalen der Elemente woraus wir uns Gott machen. I

d) Selbstaffektion und Erscheinungsstufung

Die bisherige Explikation der Selbstsetzungslehre war nicht vollstän-


dig. Ein wichtiges Glied des Grundgedankens blieb unberücksichtigt: das
Problem der S e l b s t a f f e k t i o n . Es ist aufs engste mit dem Pro-
blem des sich als Erscheinung konstituierenden Subjekts verbunden. Es
bezeichnet zugleich die Stelle, an der sidi die Selbstsetzungslehre der
neuen Deduktion des X. und XI. Konvoluts einfügt. Es schließt die
Frage nach dem Anteil der Einbildungskraft an der Selbstsetzung ein.
Es bildet die Brücke zur Behandlung der e m p i r i s c h e n Affektion,
des Verhältnisses von Wahrnehmungen und bewegenden Kräften (Reak-
tionstheorie), der Erscheinungsstufung. Es ist dasjenige Stück, das uns
für eine Interpretation des Zusammenhanges von opus postumum und
Kritik der Urteilskraft nodi fehlt.
Selbstsetzung und Selbstaffektion beziehen sich so aufeinander, daß
die Selbstaffektion ein Merkmal nicht der absoluten, sondern der rela-
tiven Position, der Selbstsetzung des Subjekts als Gegenstandes der
s i n n l i c h e n Anschauung (im Gegensatz der Selbstsetzung des Sub-
jekts als Quasigegenstandes der i n t e l l e k t u e l l e n Anschauung) ist:
indem das Subject sich selbst afficirt ist es dadurch Erscheinung nicht
Sache an sich (XXII 37). Und zwar sind, wie angedeutet, R a u m u n d
Z e i t die Bestimmungen des Subjects wodurch es sido selbst afficirt
(XXII 47/8); Das Formale der reinen (niât empirischen) Anschau-
ung ... stellt die Selbstbestimmung vor wie das Subject sich selbst affi-
cirt (XXII 480). Raum und Zeit sind Produkte der E i n b i l d u n g s -
k r a f t oder selbst geschaffene Anschauungen, indem das Subject sich
selbst afficirt (XXII 37): es übt K r ä f t e aus (XXII 70). Wir afficiren,
heißt es X X I I 300, selbst unsern Sinn und tragen das Formale der Sin-

» Vgl. dazu Adickes a. a. O . S. 761 ff. und X X I I 793. In der Dissertation (II 410)
bezieht sidi Kant nodi unmittelbar auf Malebranche.

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364 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [91/92]

nenv orStellung (eben Raum und Zeit als reine Anschauungen) in das
Subject hinein.
Was sind das nun für Kräfte, die das Subjekt ausübt und was be-
deutet es, daß das Subjekt seinen Sinn selbst affiziert? Diese Frage be-
trifft das Verhältnis der Selbstaffektion zur äußeren empirischen Affek-
tion, — eine Frage, deren Antwort man sich verbaut, wenn man mit
A d i c k e s und D r e χ 1 e r eine d o p p e l t e A f f e k t i o n , durch
Dinge an sich und Er| scheinungen74, zugrunde legt. Daß Kant im
Nachlaßwerk (und nicht erst dort) den Affektionsbegriff s t u f t , wie
auch den Raumbegriff, Erscheinungsbegriff, Subjektbegriff etc., ist unbe-
streitbar. Aber auf den Sinn dieser Stufung kommt es an, und die Selbst-
setzungslehre wird mißverstanden, wenn man sie mit einem transzenden-
talen Realismus amalgamiert.
Auszugehen ist vielmehr von einer Formulierung, die Kant XXII 401
in lakonischer Kürze gibt: Sich selbst afficirend äußerlich afficirt, und die
er X X I I 468 näher erläutert: Eben dieselbe innere Warnehmung ... wo-
durch das Subject sich afficirt fühlt d.i. der Gegenstand ihm er-
scheint ist zugleich die Apprehension des Objects der Anschauung
und der Zusammensetzung des Manigfaltigen der Vorstellungen... in-
dem das Subject sich selbst afficirt. Es g e h ö r t also nicht bloß zum
sich affiziertfühlen eine Selbstaffektion, sondern äußerlich affiziertwer-
den und sichselbstaffizieren sind d a s s e l b e . Und wenn es zunächst
noch scheint, als ob sich diese Identität nur auf die innere Wahrnehmung
und die Selbstaffektion bezieht, so zeigt sich bald, daß der Affektions-
lehre des Nachlaßwerkes die These zu Grunde liegt, W a h r n e h m u n g
ü b e r h a u p t u n d S e l b s t a f f e k t i o n zu i d e n t i f i z i e r e n .
Die Warnehmung äußerer Gegenstände ist nichts anderes als der
Actus des Subjects durch welchen dieses sich selbst afficirt (XXII 392);
Wahrnehmungen sind Wirkungen welche das Subject über sich selbst als
ein Aggregat der Erscheinungen ausübt (XXII 395); Wahrnehmung ist
die empirische Vorstellung wodurch das Subject sich selbst in der An-
schauung a priori afficirt und sich selbst zum Gegenstande... macht
(XXII 461); das Subjekt affiziert sich selbst und nimmt das wahr, was
es selbst in der (sie!) empirischen Anschauung (Warnehmung) hinein-
gelegt hat (XXII 477); die Wahrnehmung ist Re c e ρ tivität für
die bewegende Krafl der Materie als Spontaneität des Verstandes der
Selbstbestimmung nach einem Princip a priori d. i. des Objects in der
Erscheinung: das Subject welches sich selbst afficirt erkennt sich selbst
als Phänomen und bestimmt sein Daseyn in der Erfahrung (XXII 465). |

74
Vgl. dazu Adickes, a. a. O. S. 359 u. A dickes, Kants Lehre von der doppelten
Affektion, Tübingen 1929 sowie Drexler,Die doppelte Affektion des erkennenden Sub-
jekts im Kantisdien System, 1904 (Diss.).

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[93/94] Kants Nachlaßwerk 365

Damit stehen wir schon auf dem Boden der R e a k t i o n s t h e o r i e


des X . / X I . Konvoluts 73 : alle Wahrnehmungen sind zunächst Wirkun-
gen der bewegenden Kräfte der Materie auf das Subject ( X X I I 377);
die bewegenden Kräfte der Materie sind in Ansehung des Subjects Ur-
sachen der Warnehmungen ( X X I I 390); Wahrnehmungen sind mittel-
bare oder unmittelbare Einflüsse der bewegenden Kräfte aufs Subject
der empirischen Vorstellungen ( X X I I 461); sie sind durch die das Sub-
ject afficirende Kräfte... gegeben ( X X I I 501); die bewegenden Kräfte
der Materie sind die Ursachen der Möglichkeit der Warnehmungen in ihr
( X X I I 518). Aber weder könnten bewegende Kräfte der Materie Wahr-
nehmungen „verursachen", nodi Wahrnehmungen durch bewegende
Kräfte der Materie „gegeben" sein, wenn das Subjekt bloß rezeptiv wäre.
Vielmehr sind die in der Wahrnehmung auftretenden bewegenden Kräfte
der Materie, wie Kant es ausdrückt, mit der Rückwirkung verbunden
( X X I I 502). Und diese Rückwirkung (Reaktion) steht zur Wirkung
(Aktion) genau im Verhältnis der Selbstaffektion zur äußeren Affektion:
wie die Wahrheit der äußeren Affektion die S e l b s t a f f e k t i o n , so
ist die Wahrheit der Wirkung der bewegenden Kräfte aufs Subjekt die
R ü c k w i r k u n g d e s S u b j e k t s , bzw. die bewegende Kraft des
Subjekts selber. Das denkende Subject, heißt es an einer allerdings späten
Stelle ( X X I 23), schafft sich... eine Welt als Gegenstand möglicher
Erfahrung im Raum u. der Zeit... In diese76 werden bewegende Kräfte
z. B. der Anziehung und Abstoßung ohne welche keine Warnehmungen
seyn würden gelegt; aber nur das Formale. Das Subjekt „legt" also die
Kräfte, auf die es reagiert, dem Formalen nach selbst in die „Welt":
Warnehmung ist selbst Wirkung eines Acts der bewegenden Kraft des
Subjects welches sich selbst a priori zu einer Vorstellung bestimmend ist
( X X I I 439). Und um die Drehung vollständig zu machen, wird X X I I
494 der äußere Gegenstand als a u f s S u b j e k t r e a g i e r e n d be-
zeichnet; nur indem dem Act des Vorstellungsvermögens, heißt es X X I I
493, ein Gegenact des Objects „korrespondiert", kommt eine gegen-
ständliche Wahrnehmung zustande.
Das wäre eine solipsistische Spielerei, wenn es sich nicht mit jener
weiteren Unterscheidung verbände, die der neuen Deduk|tion erst ihren
Sinn gibt: der Unterscheidung zweier E r s c h e i n u n g s s t u f e n . Schon
die Fülle der Bezeichnungen, die Kant für den ihm vorschwebenden
Sachverhalt verwendet, läßt seine systematische Bedeutung erkennen:
es ist die Rede von Phänomenen in der Erscheinung, direkten und
indirekten, metaphysischen und physiologischen, metaphysischen und
physischen, subjektiven und objektiven Erscheinungen, von Erscheinun-
gen ersten und zweiten Ranges, erster und zweiter Ordnung, von Er-
75 Vgl. oben S. 317 f.
" i. O. dieser.

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366 Z u r Analyse des N a d i l a ß w e r k e s [9419 η

sdieinungen a priori und a posteriori etc. Vornehmlich aber verwendet


Kant den Terminus: Erscheinungen von Erscheinungen. Das sind r e -
f l e k t i e r t e Erscheinungen, wie wir sagen können, um damit sogleich
den Anteil der r e f l e k t i e r e n d e n U r t e i l s k r a f t an ihnen
festzuhalten.
Erscheinung von einer Erscheinung, definiert X X I I 363, ist das wo-
durch das subjective objectiv gemacht wird weil es a pirori vorgestellt
wird. Um das Empirische nach Prinzipien a priori als einem System ge-
hörend aufzustellen, müssen die Sinnengegenstände zuerst als koordi-
nierbare Vorstellungen in der Erscheinung gedacht werden. Da ist aber
die Verknüpfung des Mannigfaltigen der Warnehmung selbst wiederum
dem Subject blos Erscheinung dem Objecte nach aber Erscheinung von
der Erscheinung ( X X I I 364). Aus dieser Stelle wird vornehmlich deut-
lich, daß sich die Erscheinungsstufung auf den S y s t e m b e g r i f f der
reflektierenden Urteilskraft bezieht. Auch aus anderen Stellen geht das
hervor: Das Subjective der Verknüpfung der Darstellungen in dem Sub-
ject nach Principien des Bewustseyns der Zusammensetzung derselben zu
einem Erkentnis dieser Phänomene im Bewustseyn der synthetischen
Einheit der Erfahrung ist die mittelbare Erscheinung. Folglich ist sie die
Zusammenfassung der Warnehmungen zur Einheit der Erfahrung folg-
lich so daß ein System dieser inneren Warnehmungen die sich a priori
classificiren u. specificiren lassen entsteht ( X X I I 367)". Die S y s t e -
m a t i k d e r W a h r n e h m u n g e n , aus der sich nach dem Korre-
spondenzprinzip die Systematik der bewegenden Kräfte ableiten läßt,
ist offenbar das Ziel, dem der Begriff der Erscheinung von der Erschei-
nung dient.
Was aber bedeutet das Subjective in dem Subject, das in der mittel-
baren Erscheinung objektiv werden soll? Es ist ein Unterschied da-
zwischen zu machen, sagt Kant X X I I 371, daß der Gegenstand der em-
pirischen Anschauung zuerst in der reinen (Raum und Zeit) dem Gemüth
a priori als Substrat der Zusammensetzung gegeben sey welches dadurch
geschieht daß es als in der Erscheinung nach dem subjectiven Verhältnis
der Warnehmungen... gedacht wird dann aber auch wie das
Subject sich selbst afficirend sein eigener G e gen -
stand ist und so Erscheinung von der Erscheinung
w i r d (keine Sperrung i.O.). Erscheinung von der Erscheinung ist somit
d a s s i c h s e l b s t a f f i z i e r e n d e S u b j e k t als „sein eigener
Gegenstand": das in der Erscheinungsregion auftretende Subjekt als
Objekt, das psydiophysische Subjekt, das Subjekt als Organismus. I n
der Erscheinung erscheint sich das Subjekt d e r Erscheinung als „Er-
scheinung v o n der Erscheinung".

77
Ergänzungen nach Adickes.

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[95196] K a n t s Nadilaßwerk 367

Ohne zu verkennen, daß das Problem der „doppelten Erscheinung"


noch manche Schwierigkeiten in sich birgt, die eine es zum Thema ma-
chende Darstellung aufzuhellen hätte — häufig nennt Kant z.B. die
Erscheinung von der Ersdieinung den Erfahrungsgegenstand selbst (ζ. B.
X X I I 364), was die R e a k t i o n s t h e o r i e des Nachlaß werkes vor-
aussetzt, und nicht aus ad hoc gebildeten Vorstellungen von einer angeb-
lich doppelten Affektion durch „Dinge an sich" und „Erscheinungen"
verständlich gemacht werden kann —, halten wir fest, daß das ρ s y -
c h o p h y s i s c h e S u b j e k t die der „Erscheinung von der Erschei-
nung" zu substituierende Begriffsbedeutung ist. Also werden sich — das
ist dann der G r u n d g e d a n k e der auf der Erscheinungsstufung
aufbauenden Deduktion — die empirische Vorstellungen als Warneh-
mungen der Sinnenobjecte an seinem (sc. des Subjects) eigenen
körperlichen Subject in der Erscheinung auch als
ein System... aufstellen und classificiren lassen, und einen Übergang
von der Metaphysik der Natur zur Physik als einem Ganzen
ausserhalb dem Subject welches ihm selbst Erschei-
nung ist an die Hand geben welches (sc. Subject, nicht wie im Text
konjiziert, Gantze) als Erscheinung einer Erscheinung... den ersten
Übergang ... in einem Elementarsystem der bewegenden Kräfte der
Materie an dem Subject als seinem eigenen Körper
nach allen Functionen... in der Form eines Gegenstandes der Erfah-
rung darstellt ( X X I I 357) (keine Sperrung i. O.).
Daraus wird auch klar, was Selbstaffektion und Ersdieinungs] stu-
fung mit der Ü b e r g a n g s w i s s e n s c h a f t zu tun haben: Nicht
darin daß das Subject vom Object (per receptivitatem) afficirt wird
sondern daß es sich selbst (per spontaneitatem) afficirt besteht die Mög-
lichkeit des Übergangs von den metaph. A. Gr. der NW. zur Physik
( X X I I 405). Denn — heißt es in der Fortsetzung dieser Stelle — die
Physik muß ihr Object selbst machen... da sie nicht theilweise (spar-
sim) sondern die Ersdoeinungen vereinigend (coniunctim) für dieselbe
(sc. Erfahrung) . . . discursive Allgemeinheit des Aggregat der Warneh-
mungen in die intuitive verwandelt da das Subject ihm selbst ein Gegen-
stand der empirischen Anschauung d. i. Erscheinung ist. Nur so ist es
möglich, daß auch empirische Data... in das System der Erfahrung
eintreten und als bewegende Kräfte im Natursystem aufgezählt u.
classificirt werden können ( X X I I 405/6).
Ebenso wird jetzt deutlich, welches der eigentliche und bleibende
Sinn der mühevollen Untersuchungen ist, die Kant in der neuen Deduk-
tion anstellt: Das objektive Natursystem, dessen Gesetze unserer Ein-
sicht zufällig sind, in ein Lehrsystem zu verwandeln, — dieser Zweck
der Physik läßt sich nur durch die Reflexion über unsere e i g e n e Zuge-
hörigkeit zur „Natur" erreichen: der Physiker gehört mit zur Erschei-

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368 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [96197]

nung, deren empirische Gesetzlichkeit er zu erforschen sucht. Aber er


gehört nicht als beliebiges Objekt dazu, sondern als sich selbst erschei-
nendes S u b j e k t , als „Erscheinung von der Erscheinung". Er ist ja
das die Erscheinungen w a h r n e h m e n d e Subjekt, d.h. er steht
— wie immer auch die Wahrnehmung die physische Wirklichkeit ver-
zerrt und entstellt — in unmittelbarem Kontakt mit den „bewegenden
Kräften", die er zu systematisieren sucht. Dieser Kontakt ist sicherlich
ein reaktiver: Das wahrnehmende Subjekt wird durch bewegende Kräfte
affiziert. Aber diese Affektion muß, um spürbar zu sein, — sonst wäre
sie kein Reiz, sondern eine bloß mechanisch-kausale Einwirkung — in
S e l b s t a f f e k t i o n übersetzt werden. Das Subjekt muß, wie es an
einer schon früher angeführten Stelle ( X X I I 321)78 heißt, diejenige
Bewegung selbst machen und verursachen, durch welche es afficirt wird,
es muß in das Subjekt hineinlegen, was es von aussen empfängt. Das ist
keine idealistische Subreption, sondern ein — heut sogar in die theore-|
tische Diskussion der Physik eingehender79 — durchaus noch selbst
„empirischer" Sachverhalt: peripherische Reize kommen ja erst im Zen-
tralnervensystem zum „Bewußtsein"; hier werden sie „umgesetzt", und
sind nichts ohne jene „integrative action of the nervous system"
(Ch. S. S h e r r i n g t o n ) 8 0 , die als formende Selbsterregung des Or-
ganismus durchaus der Kantischen Selbstaffektion verglichen werden
kann.
Nur freilich, — Kant hebt diese psychophysische Selbsterregung in
den t r a n s z e n d e n t a l e n B e r e i c h ; er verbindet die Selbst-
affektion mit der „Produktion" von Raum und Zeit (als primitiven
Produkten unserer eigenen Einbildungskraft): Vermittelst der Einbil-
dungskraft ist der Verstand... körperbildend in dem er zu ihrer (sc. der
bewegenden Kräfte) Möglichkeit Zweckbegriffe voraussetzt (organ) oder
blos die mechanische bewegende (Kräfte) zur Warnehmung classificirt
(XXII 387). Aber diese „Einbildungskraft", schon nach der alten Deduk-
tion eine transzendentale Synthesis, eine Handlung . . . . wovon wir mit
Recht sagen, daß der innere Sinn dadurch affiziert wird (B 154), — was
ist sie anders als das endliche Abbild, das Analogon, des für die orga-
nische Region r e g u l a t i v e n urbildlichen Intellekts, der schöpferi-
schen intellektuellen Anschauung des i n t e l l e c t u s a r c h e t y p u s ?
Erinnern wir uns hier der Stelle aus der Kritik der Urteilskraft (V 409)81,
78
Vgl. o b e n S . 318.
79
Man denke etwa an Heisenbergs „Wechselwirkung zwischen Objekt und Beobachter"
(Heisenberg, Die physikalischen Prinzipien der Quantentheorie, Leipzig 1930).
80
Bei A. K. Schjelderup, Psychologie Berlin 1928, S. 23. — M. Palágyi spricht von
affektorischem Bewußtsein als Komplement des rezeptorischen und untersucht die
zum Bestände jeder Wahrnehmung gehörenden „virtuellen" Eigenbewegungen des
Subjekts (Wahrnehmungslehre, Leipzig 1925).
81
Vgl. oben S. 346 f.

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[97198] Kants Nadilaßwerk 369

an der Kant den übersinnlichen Realgrund der Natur mit dem sinnlichen
Formalgrund, dem Räume, vergleicht und eine Ähnlichkeit beider in
ihrer ganzheitlichen Beschaffenheit erblickt. Die Problematik dieser
Analogie, sagten wir, sei in der Kritik der Urteilskraft unerledigt ge-
blieben. Im Nachlaßwerk gibt die Unterscheidung von leerem und ur-
sprünglich erfülltem Raum (ohne Voraussetzung des Wärmestoffs, heißt
es X X I I 475, wäre der Raum nur eine Idee aber nicht ein wirk-
liches Ganze von Gegenstanden möglicher Warnehmung, er wäre
nicht nach seinen Dimensionen zum Behuf der Erkentnis der Sinnen-
objecte g e ge\b e η sondern eine bloße Form nach welcher Dinge
neben einander nach Principien a priori gestellt werden können*2)
und die Erscheinungsstufung, ohne welche diese Unterscheidung keinen
Sinn hätte, (die Erscheinung aber der Dinge im Raum... ist zwiefacher
Art 1. diejenige der Gegenstände die wir selbst in ihn hineinlegen (a
priori) und ist metaphysisch, 2. die welche uns empirisch gegeben wird
a posteriori) und ist physisch X X I I 340), ein Mittel an die Hand, dieser
Analogie weiter nachzugehen und d i e r e g u l a t i v e I d e e d e s
u r b i l d l i c h e n Verstandes zur A u f h e l l u n g der Wahr-
n e h m u n g s s t r u k t u r zu v e r w e n d e n .
Das gesuchte Lehrsystem von dem All der bewegenden Kräfle der
Materie als äußeren Sinnenobiects, wie Kant in der neuen Deduktion die
Physik definiert (XXII 306), kann ja nur gefunden werden am Leit-
faden unserer Organisation: Das Doctrinale in der Naturforschung über-
haupt setzt ein organisches Princip der bewegenden Kräfle in allgemei-
nen Principien der Möglichkeit der Erfahrung im Subjecte voraus (XXII
373). Nur wenn unsere Wahrnehmungen ein Ganzes bilden, dann gibt es
f ü r u n s ein Ganzes bewegender Kräfte. Und das Ganze der die
Wahrnehmungen konstituierenden Akte, das „System" der Wahrneh-
mungen, zu dem sich das Subject selbst constituir t (XXII 487),
— ist es denkbar ohne das k r i t i s c h e P r i n z i p e i n e r o b j e k -
tiven Z w e c k m ä ß i g k e i t , das die r e f l e k t i e r e n d e U r -
t e i l s k r a f t der Beurteilung organisierter Natur-
p r o d u k t e z u g r u n d e l e g t ? Sicherlich nicht, wenn doch dieses
System eben die Aktausstattung unseres eigenen Körpers als organisier-
ten Naturprodukts sein soll. Blicken wir noch einmal zurück auf die
Eingangsproblematik des opus postumum: auf mehrere Gesetze — hieß
es in der alten Deduktion der Kritik der reinen Vernunft (B 165) — als
die, auf denen eine Natur überhaupt, als Gesetzmäßigkeit der Erschei-
nungen in Raum und Zeit, beruht, reicht... das reine Verstandesvermö-
gen nicht zu; die Physik aber ist die systematische Lehre der empi-
rischen Naturforschung (XXII 313), ihre Gesetze sind also jene „beson-

M
Keine Sperrung i. O.

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370 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [981100]

deren" Gesetze, die als empirisdie, nach u n s e r e r Verstandeseinsicht


zufällig sind (V 180), wir müssen also von der Metaphysik der Natur
zur Physik ü b e r s c h r e i t e n : wir | dürfen nicht aus der Erfah-
rung empirisch, wir können nur für die Erfahrung, a priori, das Man-
nigfaltige der Erscheinungen durò den Verstand für die Physik... zu
einem Ganzen ... c ο η s t it uir e η (XXII 393 f.). Diese K o n s t i t u -
t i o n f ü r . . . , ist sie nicht ein t e l e o l o g i s c h e r E n t w u r f d e r
r e f l e k t i e r e n d e n Urteilskraft? Die Physik als Lehrsystem, sagt
Kant, hat eine Tendenz zu einem Natursystem; „Natursystem" ist dabei,
wie oben hervorgehoben83, jene objektive apriorische Gesetzlichkeit der
Natur, für die uns die Naturmetaphysik zwar einen R a h m e n gibt,
den auszufüllen aber unser Verstandesvermögen nicht „zureicht". Und
wenn Kant nun an der genannten Stelle (XXII 306 f.) fortfährt: die
Physik hat diese Tendenz insofern man sich denkt daß dieses Ganze
(der bewegenden Kräfte) durò die Natur nach der Analogie eines das
Mannigfaltige ordnenden Verstandes... in einem System verbunden
sey, — kann dann noch zweifelhaft sein, daß hier die r e f l e k t i e -
r e n d e U r t e i l s k r a f t in d e n D i e n s t d e r A u f g a b e g e -
s t e l l t w i r d , die Physik k r i t i s c h , und nicht dogmatisch (durch
eine Hyperphysik, XXII 399) z u b e g r ü n d e n ? |

„Es ist beachtenswert", sagt F. L ü ρ s e η in seiner Arbeit über das


Grundproblem in Kants opus postumum84, „daß fast kaum eines der
zentralen, mit der reflektierenden Urteilskraft' zusammenhängenden
Probleme der Kritik der Urteilskraft im opus postumum behandelt wird,
obwohl es zeitlich dieser doch am nächsten steht." Demgegenüber sahen
wir, und dürfen es als Ergebnis unserer Arbeit verzeichnen: daß j e d e s
der zentralen, mit der „reflektierenden Urteilskraft" zusammenhän-
genden Probleme der Kritik der Urteilskraft im opus postumum behan-
delt wird, das Problem des Überganges, des Ganzen, der subjektiven
Gültigkeit. Daß das Nachlaßwerk, wenigstens in den Entwürfen seit
1799, nicht bloß den Fragen der dritten Kritik nahesteht, sondern ge-
radezu i n f i l t r i e r t i s t m i t G e d a n k e n d e r K r i t i k d e r
U r t e i l s k r a f t . Daß keine seiner Fragestellungen: weder die Äther-
deduktion noch die Aufstellung des Ubergangssystems als Lehrsystems
der Physik, weder die neue Deduktion nodi die Selbstsetzungslehre,
weder die Unterscheidung technisch-praktischer und moralisch-prakti-
scher Vernunft noch die Ideenlehre des I. Konvoluts, weder das Problem
der Selbstaffektion und der Erscheinungsstufung noch das Ding an sich-

83
Siehe S. 337.
84
A. a. O. S. 93, Anmerkung.

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[lOOllOl] Kants Nachlaßwerk 371

Problem o h n e d i e K r i t i k d e r U r t e i l s k r a f t v e r s t a n d e n
und i n t e r p r e t i e r t werden kann.
Steht das fest, so darf eine andere „beachtenswerte" Tatsache nicht
unbeachtet bleiben: das Jahr, in welches die auf die Kritik der Urteils-
kraft verweisenden Entwürfe A Elem. Syst. 1—6, Ubergang 1—14,
und die ersten Teile der neuen Deduktion fallen, ist ja zugleich das
Jahr des Erscheinens der d r i t t e n A u f l a g e d e r K r i t i k d e r
U r t e i l s k r a f t . Kant hat zwar, wie bei der zweiten, so vermutlich
auch bei der dritten Auflage die Korrekturen nicht selbst besorgt (son-
dern sie bei der zweiten Auflage K i e s e w e t t e r und G e n t z , bei
der dritten wahrscheinlich | G e n t z allein übertragen) 85 : jedenfalls
sind die Änderungen der dritten gegenüber der zweiten Auflage nicht
von der Art, daß sie Anklänge an die Terminologie des Nachlaßwerkes
enthalten und damit einen Rüdkschluß auf Kants Autorschaft gestatten.
Dennoch wird man sich schwer dagegen verschließen können, daß die
Wendung des Nachlaßwerkes zur biologisch/teleologischen Problema-
tik (organischer Körper — Weltorganisation) mit dem Erscheinen dieser
dritten Auflage z u s a m m e n h ä n g t . Ob Kant — vorübergehend —
daran gedacht hat, die Auflage neu zu bearbeiten oder doch wenigstens
selbst einige Änderungen vorzunehmen, wissen wir nicht; ganz sicher
aber scheint es uns, daß der Auftrag, eine neue Auflage vorzubereiten,
die c a u s a o c c a s i o n a l i s f ü r e i n e e r n e u t e B e s c h ä f t i -
g u n g K a n t s m i t d e r d r i t t e n K r i t i k w a r . Die oben
wiedergegebenen expliziten Hinweise der Entwürfe von 1799, mit ihrer
fast wörtlichen Übernahme von Formulierungen aus der Kritik der
teleologischen Urteilskraft, machen diese Folgerung zwingend.

Schrifttum zu Kants Nachlaßwerk

E. A d ί c k e s , Kants Opus Postumum dargestellt und beurteilt, Berlin 1920.


—, Kant als Naturforscher, Bd. II, Berlin 1925 (S. 159—205).
W. A l b r e c h t , Die sogenannte neue Deduktion in Kants Opus postumum, in:
Archiv für Philosophie 1954 (S. 57—65).
E. A r η ο 1 d t , Gesammelte Schriften, herausgegeben von Otto Schöndörffer, Nadi-
laß Bd. IV, Berlin 1911 (Briefwechsel mit Kuno Fischer).
T h . B a l l a u f f , Über den Vorstellungsbegriff bei Kant, Berlin 1938 (S. 36 f.,
53 ff., 98 ff. u. ö.).
B. B a u c h , Kants Opus Postumum, in: Deutsche Literaturzeitung, 59. Jg., Heft 21,
Berlin 1938.
H. S t . C h a m b e r l a i n , Immanuel Kant, München 1916® (Register!).
R. D a ν a 1, La métaphysique de Kant, Paris 1951.
A. D r e w s , Kants Naturphilosophie, Berlin 1894 (S. 442—495).

85 Vgl. V 526.

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372 Zur Analyse des Nadilaßwerkes

Κ. F i s c h e r , Das Streber- und Gründerthum in der Literatur. Vade mecum für


Herrn Pastor Krause in Hamburg, Stuttgart 1884.
—, Geschichte der neueren Philosophie, Bd. III e , Heidelberg 1928, hrsg. von
H . Falkenheim.
N. H a r t m a n n , Bericht über die Kantausgabe, Sitzungsberichte der Preuß. Aka-
demie der Wissenschaften, Jan. 1938.
H . H e i m s o e t h , Kants Philosophie des Organischen in den letzten Systement-
würfen. Untersuchungen aus Anlaß der vollendeten Herausgabe des Opus postu-
mum, in: Blätter f. Deutsche Philosophie 14, 1940—41, S. 81—108.
F. H e m a n , Kants philosophisches Vermächtnis, in: Kant-Studien Bd. IX, 1904,
S. 155—195.
H . H e n n i n g , Kants Nachlaßwcrk, 1912.
Η. Η e y s e , Der Begriff der Ganzheit und die Kantische Philosophie, München
1927 (S. 68 ff.).
K. H ü b n e r , Das transzendentale Subjekt als Teil der Natur, eine Untersuchung
über Kants Opus Postumum, Diss. Kiel 1951.
—, Leib und Erfahrung in Kants Opus Postumum, in: Zeitschrift für Philosophische
Forschung VII, 2, S. 204—219.
H . K e f e r s t e i n , Die philosophischen Grundlagen der Physik nach Kants M.A.d.N.
und dem Ms. „Übergang von den M.A.d.N. zur Physik". Wissenschaftliche Beilage
der Höheren Bürgerschule vor dem Lübecker Tore zu Hamburg 1892.
H . K e y s e r l i n g , Das Gefüge der Welt, Darmstadt 19202 (S. 18 ff. u. ö.).
H . K n i t t e r m e y e r , Immanuel Kant, Vorlesungen zur Einführung in die kritische
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—, Der „Übergang" zur Philosophie der Gegenwart, in: Zeitschrift f. Philosophische
Forschung Bd. I, 2—3, 1947, S. 266—287.
R. K ö h l e r , Transzendentaler Gottesbeweis, Breslau 1943s (1933 1 ).
J. Κ ο ρ ρ e r , Kants Gotteslehre, in: Kant-Studien 47, 1955—56, S. 59 ff.
Μ. Κ o s a c k , Das ungedruckte Kantische Werk „Der Übergang von den Metaphy-
sischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft zur Physik", Diss. Göttingen 1894.
A. K r a u s e , Immanuel Kant wider Kuno Fischer, Lahr 1884.
—, Das nachgelassene Werk Immanuel Kants, Frankfurt a. M. und Lahr 1888.
—, Die letzten Gedanken Immanuel Kants, Hamburg 1902.
G. Κ r ö η i g geb. Buchheister, Das Problem der Selbstsetzung in seiner Entwicklung
von Kant bis Fichte mit besonderer Berücksichtigung von J. S. Bede, Diss. Ham-
burg 1927.
A. L a m a c c h i a , „Dio Persona" nell'opus postumum di Kant, in: Annali della
Facolta di Lettere e Filosofia VII, 1962, Bari.
G. L e h m a n n , Index und Einleitung zur Akademieausgabe des Opus Postumum
(Bd. X X I I , S. 625—789).
—, Ein Index zum Nachlaßwerk Kants, in: Geistige Arbeit, Oktober 1937.
—, Kants Beziehungen zur Biologie, in: Die Naturwissenschaften 1938, Heft 31, S. 514 ff.
—, Zur Problemanalyse von Kants Nachlaßwerk, in: Il Pensiero VI, 1—2, Milano-
Varese 1961.
F. L i e n h a r d , Die Gottesidee in Kants opus postumum, Diss. Bern 1923.
F. L ü p s e n , Das systematische Grundproblem in Kants opus postumum, in: Die
Akademie V. Heft, Erlangen 1925.
D. M a h n k e , Die Rationalisierung der Mystik bei Leibniz und Kant; in: Blätter
f. Deutsche Philosophie XIII, 1—2, 1939.
V. M a t h i e u , La Filosofia transcendentale e l'„opus postumum" di Kant, Torino
1958 (Biblioteca di „Filosofia" 12).

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Kants Nachlaßwerk 373

—, Äther und Organismus in Kants „Opus Postumum", in: Studien zu Kants philo-
sophischer Entwicklung, Hildesheim 1967, S. 184—191.
M. P e l l e g r i n o , L'ultimo Kant, saggio critico sull'Opus postumum, Milano 1957,
S. 264.
—, Conoscenza della natura e della realtà in sé nell'Opus postumum di Kant, in: Atti
del X I I Congresso Internazionale di Filosofia, Firenze 1961, vol. XII, S. 369—374.
J. v. P f l u g k - H a r t t u n g , Paläographische Bemerkungen zu Kants nachgelas-
sener Handschrift, in: Archiv f. Geschichte der Philosophie II, 1889.
F. P i n s k i , Der höchste Standpunkt der Transzendentalphilosophie, Halle 1911.
W. R e i n h a r d , Uber das Verhältnis von Sittlidikeit und Religion bei Kant unter
besonderer Berücksichtigung des opus postumum und der Vorlesungen über Ethik,
Bern 1927.
R. R e i c k e , Ein ungedrucktes Werk von Kant aus seinen letzten Lebensjahren.
Als Manuskript herausgegeben. Altpreußisdie Monatsschrift Bd. 19—21, 1882—
1884.
F. R o s e n b e r g e r , Geschichte der Physik, 1887—1890, III, S. 36—44.
H . S c h n e i d e r , Kants Opus postumum nadi Erich Adickes, in Kant-Studien 26,
1—2, 1921.
W. A. S c h u l z e , Der Gottesgedanke in Kants Opus postumum, in: Theologische
Zeitschrift VI, 1955, S. 430—436.
—, Diskussion zu Kants Gotteslehre, in: Kant-Studien 48, 1956—57, S. 80—84.
F. T o c c o , Dell'opera postuma di E. Kant, in: Kant-Studien Bd. 2, 1898.
H . V a i h i η g e r , Die Philosophie des Als Ob, Berlin 19132, S. 721—733.
—, Zu Kants Wigerlegung des Idealismus. Straßburger Abhandlungen zur Philosophie
(E. Zeller-Festschrift) 1884.
H . J. d e V l e e s c h a u v e r , La Déduction transcendentale dans l'Œuvre de
Kant. T. III. Anvers-Paris-La Haye 1937.
—, L'Evolution de la Pensée Kantienne, Paris 1939 (S. 195—217).
—, Rond Kant's opus postumum, in: Tijdsdirift voor Philosophie III, 1, 1941.
F. W e i n h a η d l , Der letzte Kant, in: Reichls Philosophischer Almanadi auf das
Jahr 1924, Darmstadt 1924, S. 87—122.

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Erscheinungsstufung und Realitätsproblem
in Kants Opus Postumum

Wie andere Grundbegriffe der Kantischen Philosophie, wird audi der


Begriff der Erscheinung im Nachlaßwerk in einer von den Druckschriften
abweichenden Weise behandelt. Wird in den Druckschriften nur allge-
mein von Erscheinung gesprochen, so verwendet Kant im Nachlaßwerk
einen doppelten Erscheinungsbegriff. Er spricht nicht nur von der Er-
scheinung als solcher, sondern auch von einer Erscheinung, die er „Er-
scheinung d e r Erscheinung" oder „Erscheinung v o n der Erscheinung"
nennt. Dies geschieht — wir geben zunächst nur ein terminologisches
Beispiel — in Satzverbindungen wie folgenden: „Erscheinung von einer
Erscheinung ist das wodurch das subjective objectiv gemacht wird weil es
a priori vorgestellt wird" (XXII 363).1 Wollen wir das Empirische
„nach Principien a priori als zu einem System gehörend... classificiren",
so „müssen die Sinnengegenstände zuerst als in der Erscheinung nach
dem Subjectiven der Form ihrer in Raum und Zeit zusammen zu stellen-
den Vorstellungen (phaenomena) gedacht werden denn nur die Form der
empirischen Anschauung kan a priori gegeben werden. Da ist aber die
Verknüpfung des Manigfaltigen der Warnehmung selbst wiederum dem
Subject blos Erscheinung dem Objecte nach aber Erscheinung von der
Erscheinung und darum der Erfahrungsgegenstand selbst..." (XXII
363 f.).
Mit dem Sinn dieser und anderer Stellen haben wir es im folgenden
zu tun. Wir bezeichnen die Erscheinungsverdoppelung als Erscheinungs-
stufung, um anzudeuten, daß der eine Erscheinungsbegriff mehr enthält
und komplexer ist als der andere, ohne jedoch im voraus etwas über die
Rangordnung der beiden Erscheinungen festzulegen, sogar ohne zu be-
haupten, daß Kant wirklich zwei „Arten" von Erscheinung angenom-
men hätte. Es könnte ja sein, daß die Erscheinungsstufung einen nur
methodischen Sinn hat (in der Auffassungsweise der Marburger Schule),
bzw. daß sie einen Sinn nur hat in Beziehung auf das Realitätsproblem.
Im übrigen bedient sich Kant zur Benennung der Erscheinungsstu-
fung auch anderer Wendungen. So unterscheidet er direkte und indirekte

1
Zitiert nach der Akademieausgabe Bd. XXI und XXII.

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/140/141] Ersdieinungsstufung und Realitätsproblem 375

Erscheinungen, wobei die indirekte Erscheinung die Erscheinung von der


Erscheinung ist. Diese gehe der direkten „vorher", insofern sie „den
Raum zum Gegenstande der Erfahrung macht" ( X X I I 339). An anderer
Stelle spricht er von Erscheinungen erster und zweiter Ordnung: die Er-
scheinung von der Erscheinung ist Erscheinung zweiter Ordnung ( X X I I
339) I bzw. vom zweiten Range ( X X I I 367). Er unterscheidet auch
wohl Erscheinung im metaphysischen und im physiologischen (physi-
schen) Sinne ( X X I I , 320, 325), oder er nennt die indirekte Erscheinung
subjektive, die direkte objektive Erscheinung.
Gut wäre es, wenn Kant die Ersdieinungsstufung thematisiert, wenn
er eine „Lehre" von der Ersdieinungsstufung aufgestellt und in einem
besonderen Abschnitt von ihr gehandelt hätte. Das ist leider hier so
wenig wie bei anderen wichtigen Begriffen des Nachlaßwerkes der Fall.
Der Begriff der Erscheinung von der Erscheinung tritt auch nicht etwa in
allen Teilen des Nachlaßwerkes auf, sondern nur in den Entwürfen des
X . Konvoluts (August 1799 bis Ende 1799, vielleicht auch etwas später).
Ganz und gar nicht darf man daraus schließen, daß der Ersdieinungs-
stufung im Nachlaßwerk nur eine geringe Bedeutung zukommt. Dagegen
spricht schon, daß andere, dem Erscheinungsbegriff verwandte und mit
ihm in durchsichtigen Beziehungen stehende Grundbegriffe Kants im
Nachlaßwerk ebenfalls in gestufter Form auftreten. Das gilt z.B. vom
Begriff des Raumes, der als spatium cogitabile und perceptibile, als denk-
barer und spürbarer (empfindbarer) unterschieden wird. (Auch wohl,
X X I I 551, als a priori gegebener und empirisch gegebener).
Natürlich tritt auch der Begriff der Affektion in doppelter Form auf ;
ist dodi Affizierbarkeit überhaupt gleich Räumlichkeit ( X X I I 526), und
der intelligibele Raum „die formale Vorstellung des Subjects sofern es
von äußeren Dingen affkirt wird" ( X X I I 525). Es ist jedoch nicht, wie
man vielleicht meinen könnte, die Unterscheidung von empirischer Affek-
tion und Affektion durch Dinge an sich, also dasjenige, was man aus der
Literatur als „doppelte" Affektion kennt, sondern es ist die Unterschei-
dung von empirischer Affektion (durch bewegende Kräfte bzw. durch
eine „afficirende Materie", X X I I 375) und Selbstaffektion, die Kant
vor Augen hat, wenn er in doppeltem Sinne von Affektion spricht.
Sind wir erst einmal auf der Spur dieser Verdoppelungen, so können
wir leicht weitere finden, z.B. die Unterscheidung zweier Stufen der
Materie: Urstoff (materia primaria) und Nachstoff (materia secundaria)
( X X I 605), oder zweier Stufen der Erfahrung: direkte-indirekte ( X X I
234 f.) bzw. mittelbare-unmittelbare ( X X I I 474), wobei es nicht ver-
wunderlich ist, daß Kant für die Erfahrungsstufen dieselbe Bezeichnungs-
form gebraucht wie für die Erscheinungsstufen; er spricht nämlich wie
von der „Erscheinung von der Erscheinung" so von der „Erfahrung von
der Erfahrung" ( X X I I 455: „Physik ist die Wissenschaft der Principien

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376 Zur Analyse des Nachlaßwerkes /141/142]

der Möglichkeit der Erkentnis der Gegenstände der Erfahrung entweder


der unmittelbaren oder der Erfahrung von der Erfahrung...").
In analogem Sinne verdoppelt Kant auch die Begriffe der Physik,
der Natur, des a priori, des Subjekts. Doch brauchen wir auf diese
anderen Stufungen nicht besonders einzugehen, da es uns zunächst nur
auf das Terminologische ankommt. Ohnedies ist klar, daß die Erschei-
nungsstufung, mit so viel anderen Begriffsstufungen verbunden, nicht
systematisch-zufällig sein kann. Das ist audi vom Inhaltlichen her klar.
H a t doch die Erscheinung für Kants Philosophie eine so zentrale Bedeu-
tung, daß I man den Kritizismus geradezu als Phänomenalismus bzw.
Konstitutionsphänomenalismus bezeichnen zu müssen glaubte, oder daß
man ihn — in realistischer Sidit — als Lehre von der Erscheinungswirk-
lichkeit auffaßte. Auf alle Fälle wird jede Modifizierung des Erschei-
nungsbegriffs bei Kant unmittelbar das Realitätsproblem betreffen, und
damit auch den Begriff des Dinges an sich. Es ist also zu erwarten, daß
die Erscheinungsverdoppelung im Nachlaßwerk eine Sinnabwandlung
des Dinges an sich zur Folge hat. Das ist in der Tat der Fall. Wir wer-
den uns mithin, wie mit den Varianten des Erscheinungsbegriffs, so auch
mit denen des Ding an sich-Begriffes zu befassen haben.
Schon die ersten Interpreten des Nachlaßwerkes (Krause, Drews,
Vaihinger) sind auf die Erscheinungsverdoppelung eingegangen. Doch
können wir diese ältere Literatur beiseite lassen, da ihr Quellenmaterial
unzulänglich war. Erst E. Adickes, der die Entwürfe des Nachlaßwerkes
chronologisch ordnete und dadurch eine entwicklungsgeschichtliche Inter-
pretation ermöglichte, gab 1920 eine Darstellung und Beurteilung des
Nachlaßwerkes 8 , die wie für jede Einzelfrage, so auch für die Frage nach
dem Sinn der Erscheinungsstufung zu Rate zu ziehen ist.
Gemäß seiner Methode der „Stellenanalyse"3 gibt Adickes vier
„schwerverständliche Stellen" an, denen er einen „besonderen Exkurs"
folgen läßt. Darin sucht er zu zeigen, daß der schwierige und in seiner
Bedeutung stark schwankende Begriff der Erscheinung von der Erschei-
nung an dem Gegensatz physischer (physiologischer) und metaphysischer
(erkenntnistheoretischer) Wirklichkeitsbetrachtung orientiert ist4.
Bereits die Erscheinung als solche (die „direkte" Erscheinung) wird
dabei in doppeltem Sinne verstanden, je nachdem sich Kant auf den
„Standpunkt" des Ich an sich, oder auf den des empirisdien Idi stellt5:
im ersten Fall sind „Erscheinungen" die materiellen Gegenstände, im
zweiten Fall sind „Erscheinungen" die Empfindungen, die auch der Phy-
siker als Erscheinungen faßt; sie bilden das Rohmaterial für die „Bear-
2
E. Adickes, Kants Opus postumum dargestellt und beurteilt, Berlin 1920.
» Adickes, Kants O. p. S. 279.
1
Vgl. ebd. S. 294.
5
Ebd., S. 297.

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[142/143] Ersdieinungsstufung und Realitätsproblem 3 77

beitung durch die synthetischen Funktionen des empirischen Idi", und


daraus resultiert die „Erscheinung von der Erscheinung"6. Während sie
im ersten Fall aus der Hineinbildung des Merkmals der Erfahrungsein-
heit und -gesetzlichkeit in die Gegenstände resultiert7.
Adickes verbindet also den Gegensatz direkter und indirekter Er-
scheinung mit dem Gegensatz von Erscheinung in metaphysischer und
physischer Bedeutung. Die direkte metaphysische Erscheinung ist der
Inbegriff der das empirische Ich affizierenden Kräftekomplexe. Die di-
rekte physische (physiologische) Erscheinung ist der Inbegriff der Emp-
findungen bzw. sekundären Sinnesqualitäten. Und demgemäß ist die
Erscheinung von der Erscheinung in metaphysischer Bedeutung die aus
den synthetischen Funktionen unserer transzendentalen Apperzeption
„geschaffene" Gesetzmäßigkeit der Erfahrungswelt. Die Erscheinung von
der Erscheinung in | physischer Bedeutung ist dagegen die „Einheit und
Ordnung... die durch unsere apriorischen synthetischen Funktionen bei
der Vergegenständlichung der Empfindungen in diese hineingebildet
werden"8.
So haben wir an Stelle des einen Gegensatzes von direkter und indi-
rekter Erscheinung zwei Gegensätze, mithin vier Erscheinungsbegriffe.
Aus der Literatur, die nach Adickes' Werke, aber nodi vor der Edi-
tion des Opus postumum in der Akademieausgabe (1936, 1938, als Band
X X I und X X I I ) erschienen ist, heben wir eine Arbeit Weinhandls — das
vielleicht Geistreichste, was bisher über Kants „letzte" Philosophie ge-
schrieben wurde — hervor". Weinhandl will nach neuer, gestaltanaly-
tisdier, Methode verfahren10 und vermeidet den standpunktlichen Ein-
schlag der „hypothetischen" Ergänzungen Adickes'. Aber er ist natür-
lich an dessen „Darstellung" bzw. Problemanordnung gebunden.
Ausgehend davon, daß die uns affizierenden bewegenden Kräfte von
Kant als Erscheinung bezeichnet werden, versteht er die empirischen
äußeren Objekte hinsichtlich ihrer Lokalisiertheit und Wechselwirkung
— und nur in dieser Hinsicht — als direkte Erscheinungen11. Sie werden
selbst zu Erscheinungen, also zu indirekten Erscheinungen: erstens, indem
sie durch Einwirkung auf die Sinne als „qualitativ bestimmte... Emp-
findungskomplexe erscheinen", zweitens indem sie durch die syntheti-
schen Bewußtseinsfunktionen zu „gesetzlich bestimmten... Gebilden
höherer Ordnung verarbeitet werden und uns als solche „erscheinen",

6 Ebd., S. 298.
7 A. a. O. S. 298.
8 Ebd., S. 305, vgl. audi Adickes, Kants Lehre von der doppelten Affektion, S. 24.
8 F. Weinhandl, Der letzte Kant, in: Reidils Philosophischer Almanadi 1924, Darm-
stadt 1924, S. 8 7 — 1 2 2 .
10 Vgl. ebd. S. 88.
" Ebd., S. 91 f.

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378 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [1431144]

d.h. gegeben, bewußt sind"' 2 . Auf diese beiden Fälle sollen die Kanti-
schen Termini (Erscheinung von der Erscheinung, Erscheinung 2. Ord-
nung usw.) zutreffen.
Nicht ganz soll sich mit dieser Einteilung die andere decken, die Kant
vor Augen hat, wenn er die direkten Erscheinungen (abzüglich des sub-
jektiv Empfindungsmäßigen) im Gegensatz zu den physiologischen, qua-
litativ vollbestimmten, als Dinge an sich selbst bezeichnet und von ihnen
sagt, daß sie, metaphysisch betrachtet, „bloß zu Erscheinungen gezählt
werden müssen"13.
Drei Jahre danach hat audi H . Heyse in seinem, eine neue Gesamt-
auffassung Kants erstrebenden Buche über den Begriff der Ganzheit bei
Kant14 die Erscheinungsstufung auszulegen versucht15. Indem er inner-
halb der phänomenalen Sphäre physikalische Region und Wahrneh-
mungsregion unterscheidet, um die ihnen eigentümlichen Strukturen zu
untersuchen, ordnet er die kategorialen Bestimmungen der physikali-
sdien Region den „metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissen-
schaft" zu, I während er die Aufgabe des Opus postumum darin sieht,
eine „ganzheitlich fundierte Kategorienlehre der Wahrnehmungsregion"
aufzustellen.
Danach bezieht sich der Begriff der direkten Erscheinung auf die
physikalische Region, der der indirekten Erscheinung auf die Wahrneh-
mungsregion, und die Differenz zwischen beiden ist eine regionale, d. h.
es kommt nur auf die „spezifisch regionale Differenz der Seinsmodi
beider Reiche" an16. So daß Kant die Bezeichnung ebensogut in umge-
kehrter Bedeutung verwenden kann; es ist eben kein Wert- oder Rang-
verhältnis gemeint.
Von weiteren Arbeiten aus dieser Zeit darf abgesehen werden. Was
nach dem Erscheinen der Gesamtausgabe veröffentlicht wurde, betrifft
nicht eigentlich das Problem der Erscheinungsstufung. Mit Ausnahme
einer noch ungedruckten (Kieler) Dissertation von K. Hübner 17 , deren
Ergebnisse in einem Aufsatz: Leib und Erfahrung in Kants Opus postu-
mum (1953)18 zusammengefaßt sind.
Im Gegensatz zu Adickes, für den die Erscheinung von der Erschei-
nung zu den schwierigsten Kantischen Begriffen gehört, ist sie für Hüb-
ner eine ganz einfache Sache. Erscheinungen von Erscheinungen sind
nach Kant — heißt es unter Berufung auf X X I I 328 — Objekte der

12
Ebd., S. 92.
" Ebd., S. 92 f.
11
H. Heyse, Der Begriff der Ganzheit und die Kantische Philosophie, München 1927.
15
Vgl. oben S. 250 f.
16
Heyse, S. 71.
17
Das transzendentale Subjekt als Teil der Natur.
1S
Zeitschrift für philosophische Forschung VII, 2, S. 204—219.

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[144/145] Ersdieinungsstufung und Realitätsproblem 379

Sinne; indirekt heißen sie, weil uns direkt ja nur das Sinnliche erscheint,
während der Gegenstand von uns konstituiert wird, die Sinnenobjekte
also „Erscheinungen" sind, die sich „gleichsam über die Erscheinung des
Sinnlichen" schieben19.
Die angegebenen Beispiele aus der Literatur kennzeichnen sich als
Interpretationen. Was eine Interpretation leisten soll, ist hier nicht zu
erörtern. Wohl aber sind die besonderen Voraussetzungen anzugeben,
an die eine Interpretation des Nachlaßwerkes gebunden ist.
Daß die chronologische Ordnung zu berücksichtigen ist, versteht sich
von selbst. Entscheidend ist aber nun der Zusammenhang des Chronolo-
gischen mit dem Systematischen, d. h. die Tatsache, daß die Systematik
des Nachlaß werkes eine Entwicklung darstellt, daß die zeitlich folgen-
den Entwürfe auch gedanklich neue Momente enthalten, die die ur-
sprüngliche Fragestellung erweitern und vertiefen.
Das läßt sich äußerlich ohne weiteres erkennen, und Adickes hat
gezeigt, wie auf den „kurzen Abriß" des Oktaventwurfs zunächst zehn
Entwürfe naturwissenschaftlichen Inhalts folgen, während mit dem Ent-
wurf des X. und XI. Konvoluts außerordentlich subtile erkenntnistheo-
retisdie Analysen einsetzen, denen er die Bezeichnung „neue transzen-
dentale Deduktion" gab, die im VII. Konvolut (Beylage 1—8) teils fort-
gesetzt, teils metaphysisch gewendet werden, und wie dann diese meta-
physische Wendung in der Ideenlehre des I. Konvoluts ihren systema-
tischen Abschluß findet.
Er hat aber — und das ist der Grundfehler seiner Interpretation —
die Darstellung der Gedanken des Nachlaß werkes niât nach diesen von
ihm selbst gefundenen Zusammenhängen eingerichtet. Er beschreibt
vielmehr den „vorwiegend naturwissenschaftlichen und naturphilosophi-
schen Teil des | Opus postumum" (S. 155—591), also die Entwürfe der
Konvolute II—VI, Vili—XII, und im Anschluß daran (S. 592—845)
den „metaphysisch-erkenntnistheoretischen Teil des Opus postumum",
d. h. die Konvolute VII und I. Und er bringt die neue transzendentale
Deduktion nicht dort, wo sie hingehört: in dem Abschluß jenes ersten
bzw. in dem Anfang des zweiten Teiles. Sondern er stellt dieses Kern-
stück des Nadilaßwerkes nahezu an den Anfang, um ihm die Abschnitte
Aether, Elementarsystem, die chronologisch Früheres behandeln, folgen
zu lassen. So daß also die unmittelbare Fortsetzung des erkenntnistheo-
retischen Entwurfes der „neuen" Deduktion: die sogen. Lehre von der
Selbstsetzung, durch fast 250 Seiten von der sogen. Lehre von der
SelbstafFektion getrennt ist.
Demgegenüber hat die Systematik Kants einen ganz anderen Ver-
lauf. Kant nimmt (schon im Oktaventwurf) in die Lehre von den bewe-

19
Ebd. S. 210 f.

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380 Zur Analyse des Nadilaßwerkes /145/146]

genden Kräften (der „Metaphysischen Anfangsgründe") die Aetherhypo-


tbese auf, um vermittelst ihrer und auf Grundlage der Kategorientafel
erst zu einer Topik, dann zu einem „Elementarsystem" der bewegen-
den Kräfte zu gelangen. Dabei wird ihm mehr und mehr der Äther
(Wärme-, Elementar-, Urstoff) aus einer hypothesis subsidiaria zu einer
hypothesis originaria (XXI 584), d.h. zu einer notwendigen Idee, die es
zu deduzieren gilt. Diese Deduktion: Ätherdeduktion, gelingt nicht,
oder vielmehr, sie erweist etwas ganz anderes als die Existenz des
Äthers20. Und das führt zu einer Inversion der Fragestellung, zu einer
Wiederaufnahme der Thematik transzendentaler Deduktion (der Kate-
gorien), die sich äußerlich unschwer als Fortsetzung der Ätherdeduktion
nachweisen läßt. Zu dieser neuen Deduktion gehören die „Lehren" von
der Erscheinungsstufung und Selbstaffektion, die dann zur „Selbstset-
zung", d. h. neuen Behandlung des Begriffs der transzendentalen Apper-
zeption, weiterführen. Nodi in dem die Selbstsetzung behandelnden Ent-
wurf des VII. Konvoluts wird die Thematik um die Selbstgesetzgebung,
d. h. moralische Autonomie, erweitert und unter Aufnahme des Gegen-
satzes von technisch-praktischer und moralisch-praktischer Vernunft in
der Ideenlehre des I. (letzten) Konvoluts beendet.
Dieser durchsichtige und einfache genetisch-systematische Zusammen-
hang gehört zu den Voraussetzungen jeder Interpretation des Nachlaß-
werkes. Ihn nachzuvollziehen, ist Bedingung jeder Arbeit an Einzelpro-
blemen.
Mindestens ebenso widitig ist aber eine zweite Voraussetzung: bei
der Interpretation der Richtung und Bewegung des Kantisdien Denkens
selbst zu folgen, keine standpunktlichen Thesen einzuflechten und sich
nicht mit der Analyse von Einzelstellen zu begnügen. Die „Stellenana-
lyse" ist immer nur ein Notbehelf. Sie ist nicht zu entbehren, gewiß.
Aber sie ist zu ergänzen und vielleicht ganz zu ersetzen durch die Fixie-
rung der Umschlagspunkte, d.h. derjenigen Stellen, an denen im Flusse
eines ständig sich wiederholenden und dabei doch entwickelnden Den-
kens Richtungsänderungen sichtbar werden. Das alles ist leichter gesagt
als getan. Es drängt sich aber — als Forderung — bei der richtigen chro-
nologischen Lesung von selbst auf. |
Bei der Erscheinungsstufung haben wir es, wie bei den ihr verwand-
ten Begriffsstufungen, mit Entsprechungen zu tun. Auch das Verhältnis
der Erscheinung zum Ding an sich ist ja eine Entsprechung. Dafür ver-
wendet Kant wie früher, so auch im Opus postumum den Terminus
Korrespondenz. Daß dieser Begriff, wie der der Stufung, ein Motiv-
terminus ist, ergibt sich aus der Fülle der Sachverhalte, auf die er ange-
wendet wird.

20
Vgl. oben S. 255 ff.

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[145/146] Ersdieinungsstufung und Realitätsproblem 381

Es korrespondiert oder soll doch korrespondieren das von Kant pro-


jektierte „Elementarsystem" dem „Lehrsystem" der Physik. Diesem
Lehrsystem andererseits „correspondiert was das Aggregat der den Sin-
nen gegebenen Objecte betrifft das Natursystem" (XXII 460). Es kor-
respondiert der Form des Ganzen bewegter Materie im Weltraum „auch
ein Stoff (materia ex qua)", wie es in der Ätherdeduktion (XXII 606)
heißt. Oder es korrespondiert (XXII 125) der Einheit des Sensibelen im
Raum die Einheit des Intelligibelen.
Vor allem aber korrespondiert der Realität als „q vali tat eines Din-
ges die es als ein Etwas von der bloßen Form unterscheidet" die Emp-
findung (XXI 459). Und hierher gehören nun alle die diffizilen Korre-
spondenzverhältnisse, die in der neuen Deduktion auftauchen: die Kor-
respondenz von Wahrnehmungen und bewegenden Kräften, von Wir-
kungen und Gegenwirkungen, Akten und Gegenakten, Wahrnehmungen
und Erscheinungen. Der Wahrnehmung als der „Position" des empiri-
schen Bewußtseins der Sinnenvorstellung „correspondirt die Vorstellung
des Gegenstandes in der Erscheinung" (XXII 476), dem Akt des Vor-
stellungsvermögens ein „Gegenact des Objects" (XXII 493).
Wie der Bewegung die ursprünglich bewegenden Kräfte (XXI 537),
so entsprechen den bewegenden Kräften die korrespondierenden reagie-
renden (XXII 180); zu ihnen gehören die Wahrnehmungen als mit Be-
wußtsein verbundene bewegende Kräfte (XXII 404), bzw. als Wirkun-
gen „eines Acts der bewegenden Kraft des Subjects" (XXII 439). Es
korrespondiert also — in Heyses Terminologie — der physikalischen
Region die Wahrnehmungsregion, und was audi immer der Sinn der
Erscbeinungsstufung sei, so kann es doch keinem Zweifel unterliegen,
daß sie ihren logischen Ort eben hier, in dem Entsprechungsverhältnis
dieser beiden Regionen, hat.
Doch ist die Frage, ob wir uns mit bloßen Korrespondenzen, mit
regionalen Zuordnungen, begnügen können. Es ist schon recht, daß be-
wegende Kräfte und Wahrnehmungen einander korrespondieren, ebenso
wie es eine Aktkorrespondenz „gibt". Wie aber ist diese Korrespondenz
zu erklären, d.h. zu konstituieren? Kant will sie als Affektion erklären:
die bewegenden Kräfte affizieren „das Subject den Menschen und seine
Organe weil dieser auch ein körperliches Wesen ist. Die innere dadurch
in ihm bewirkte Veränderungen mit Bewustseyn sind Warnehmungen:
die Reaction auf die Materie und äußere Veränderung derselben ist
Bewegung" (XXII 298). Allerdings sind nicht alle bewegenden Kräfte,
und nicht alle ihrem Wesen nach, affizierende Kräfte; in der Einteilung
der bewegenden Kräfte nach der Kategorientafel spielt die Tatsache,
daß wir affiziert werden, keine Rolle.
Nur insofern spielt sie eine Rolle, als die „Möglichkeit der Erfahrung
derselben (um eine solche anstellen zu können) d. i. die Naturforschung" ¡

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382 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [147]

subjektive Prinzipien, bzw. eine Einteilung der bewegenden Kräfte nach


subjektiven Prinzipien benötigt (XXI 627). Dies ist aber natürlich für
die Wissenschaft vom Übergange entscheidend, wenn sie das, zunächst
nur als Modell gedachte „Elementarsystem" transzendentallogisch be-
gründen, wenn sie zeigen will, daß es eine apriorische Erkenntnis der
„Systematik des Besonderen" gibt. Denn diese kann nur von einem
Punkte ausgehen, der der Bewußtseinssynthetik und der physikalischen
Region gemeinsam, ist: nur von jenem Punkte, in welchem das Subjekt
als psychophysisches auf materielle Gegenstände (als Inbegriff bewe-
gender Kräfte) wirkt.
Verhält es sich bei der Wahrnehmung umgekehrt, insofern hier Wir-
kungen (Affektionen) „auf" das Bewußtsein ausgeübt werden, so liegt die
Sache nach dem Prinzip der Wechselwirkung doch so, daß jede Wirkung
als Rückwirkung und jede Rückwirkung als Wirkung betrachtet werden
muß: die Affektion durch äußere bewegende Kräfte läßt sich also in die
ihr entsprechende Selbstaffektion als Ursache der Wirkung des Bewußt-
seins auf äußere Gegenstände übersetzen.
Nun ist es das „erste Princip der Vorstellung der bewegenden Kräfte
der Materie sie nicht als Dinge an sich selbst sondern als Phänomene zu
betrachten", nämlich „nach dem Verhältnisse welches sie zum Subject
haben wie es unseren Sinn afficirt oder wie wir unseren Sinn selbst affi-
ciren und das Formale der Sinnenvorstellung in das Subject hineintra-
gen" (XXII 300). Die bewegenden Kräfte sind also als Erscheinungen
„zu betrachten". Sie können natürlich auch als Dinge an sich selbst be-
trachtet werden, und der Physiker betrachtet sie normalerweise so: „Die
bewegende Kraft ist die Sache selbst" (XXII 471); was „metaphysisch...
zu den Erscheinungen gezählt werden muß das ist in physischem Betracht
Sache an sich selbst" (XXII 329).
Aber diese Betrachtung enthält eine Amphibolie, „das was die Natur
bewirkt, die Erscheinung . . . als Ding an sich" (XXII 322), „das, was
blos als in der Erscheinung gültig ist für Obiect an sich" zu nehmen
(XXII 339). So gesehen, ist auf alle Fälle die realistische Betrachtung
des Physikers und überhaupt jeder Ding-an-sich-Realismus eine Ver-
wechslung. Es wäre dann aber zu fragen, was den Schein dieser Ver-
wechslung erklärt, bzw. wie sich das „Realitätsphänomen" überhaupt
retten läßt. Und hier ist offenbar die Stelle, an der der Begriff der Er-
sdieinungssi«/ttttg eingreift.
Wir sagten, daß das Verhältnis beider Erscheinungen, welchen Inhalt
sie immer haben mögen, jedenfalls ein Korrespondenzverhältnis ist. In
welchen Stücken entsprechen sich beide Erscheinungen so, daß die eine
als Erscheinung „von" der anderen bezeichnet werden kann?
Nach Adickes würden, wie das empirische Ich dem Ich an sich ent-
spricht, so die Empfindungen den materiellen Gegenständen entsprechen

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1147/148] Ersdieinungsstufung und Realitätsproblem 383

(Doppelsinn der direkten Erscheinung). Es würden ferner, wie die syn-


thetischen Funktionen des empirischen Ich denen des reinen Ich ent-
sprechen, die aus den Empfindungen konstituierten Kraftkomplexe den
aus den Gegenständen „geschaffenen" Gesetzmäßigkeiten entsprechen
(Doppelsinn der indirekten Erscheinung). Nach Hübner würde sich die
direkte Erscheinung zur indirekten verhalten wie Raum-Zeitanschauung
( + Empfindung) | zur kategorialen Formung bzw. Bewußtseinssynthe-
tik, und zwar so, daß, wie in der indirekten Erscheinung immer die
direkte enthalten, so in der Bewußtseinssynthetik immer die Formung
durch Raum- und Zeitanschauung vorausgesetzt ist. Die indirekte Er-
scheinung wäre Uberbauung der direkten, und Erscheinung „höherer
Ordnung".
Um der Sache näher zu kommen, schalten wir eine Überlegung ein,
die sich nicht unmittelbar auf Kant bezieht. Offenbar wird jeder Phäno-
menalismus an den Punkt kommen, wo es unvermeidlich wird, aus dem
Kreis „erscheinender" Gegenstände solche herauszuheben, die als quasi
Subjekte selbst Erscheinungen haben, bestimmte Lebewesen also, die wir
als psychophysische Subjekte bezeichnen. Zweifellos wird dadurch die
„Erscheinung" verdoppelt: in der Erscheinung treten Erscheinungen auf,
die die Eigenschaft haben, daß ihnen etwas erscheint, und diese ihnen
korrespondierenden besonderen Erscheinungen wären dann Erscheinun-
gen „von" Erscheinungen.
Wir wüßten aber nichts von diesem eigentümlichen Sachverhalt,
wenn wir nicht als psychophysische Subjekte selbst zu den Erschei-
nungen gehörten, die besondere Erscheinungen haben, d. h. „Gegen-
stände" mit korrespondierenden Erscheinungen 2. Ordnung wären. Sagt
man, dies wäre eine überflüssige Verdoppelung, insofern das Erscheinun-
gen habende Subjekt immer psychophysisches (empirisches) Subjekt ist,
so entgeht man der Schwierigkeit durchaus nicht: als empirisches Subjekt
muß idi ebensogut damit rechnen, im Kreise meiner Erscheinungen auf
Subjekte zu stoßen, deren Erscheinungen sich zu den meinigen wie Er-
scheinungen 2. Ordnung verhalten. Und umgekehrt ist klar, daß ich als
empirisches, Erscheinungen „habendes" Subjekt von anderen Subjekten
als Erscheinung „gehabt" werde.
Meint man schließlich, nur ausgedehnte Körper könnten „erscheinen",
niemals in oder an ihnen psychische Subjekte, die vielmehr bloß intro-
jiziert, in die Erscheinung hineingedeutet sind, so bleibt das Problem
insofern das gleiche, als dann eben die Zuordnung (Deutung) verdoppelt
werden muß: was ich mir direkt als Erscheinung zuordne, muß ich mir
indirekt als Erscheinung anderer zuordnen. Sonst könnte ich es auch
„mir" nicht zuordnen, und dann wäre der Gegenstand überhaupt keine
Erscheinung.

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384 Z u r Analyse des Nachlaßwerkes /148/149]

Reflektieren wir darauf, daß wir selbst zu den Erscheinungen „ha-


benden" Erscheinungen gehören, so könnte man diesem Sachverhalt
allerdings die Form geben: unser Ich an sich (reines Bewußtsein) „hat"
Erscheinungen, zu denen auch unser empirisches Ich gehört, das wiederum
Erscheinungen hat (Erscheinungen 2. Ordnung), — etwa im Sinne von
Adickes. Ob dies wirklich auf Kant zutrifft, ist eine andere Frage. Dazu
wäre erst zu klären, ob die Ausführungen des Nachlaßwerkes in diese
Richtung weisen.
Das letztere ist nicht gut zu bestreiten, wenn wir X X I I 371 lesen:
„Es ist ein Unterschied dazwischen zu machen daß der Gegenstand der
empirischen Anschauung zuerst in der reinen (Raum und Zeit) dem Ge-
müth a priori als Substrat der Zusammensetzung gegeben sey welches
dadurch geschieht daß es als in der Erscheinung nach dem subjectiven
Verhältnis der Warnehmungen als Manigfaltigen gedacht wird dann
aber | auch wie das Subject sich selbst afficirend sein eigener Gegen-
stand ist und so als Erscheinung von der Erscheinung wird und so allein
als Einheit der Erfahrung" (bricht ab).
Den Grundgedanken dieser Stelle gibt Kant kurz danach (XXII 373)
noch einmal verkürzt an: „Die subjective indirecte Erscheinung da das
Subject ihm selbst ein Gegenstand der empirischen Erkenntnis ist u.
doch zugleich sidi selbst zum Gegenstande der Erfahrung macht indem
es sich selbst afficirend das phaenomenon eines Phänomens ist".
Zu diesen Stellen bemerkt Adickes, daß sie eine „zeitweilig eintre-
tende Verschiebung in dem Begriff der indirekten Erscheinung" bedeu-
ten21. Und zwar deshalb, weil der Begriff jetzt „das tätige bearbeitende
Subjekt selbst, insbesondere nach der Richtung seiner synthetischen Funk-
tionen hin, bezeichnet". Das Subjekt wird sein eigener Gegenstand,
„insofern es seine Bewußtseinssystematik in den Sinnengegenständen
und der Gesetzmäßigkeit der Erfahrungswelt gleichsam objektiviert vor-
findet und wiedererkennt". Was sehr fraglich ist, denn Kant bezeichnet
ausdrücklich das sich selbst affizierende Subjekt als Erscheinung von der
Erscheinung, nichts anderes.
Wichtiger aber ist, daß Adickes nicht bemerkt, wie gerade mit diesen
Stellen die Behandlung der Erscheinungsverdoppelung im Nachlaßwerk
abschließt; es sind die letzten, an denen die „Erscheinung von der Er-
scheinung" namentlich auftritt. Statt an eine „zeitweilige Verschiebung"
sollte man daher eher an ein Resultat denken.
Wir wagen darüber nichts zu entscheiden, bevor wir nicht dem hier
mit der Erscheinungsstufung verbundenen Begriff der Selbstaffektion
bzw. dem Verhältnis von Selbstaffektion und Selbstsetzung näher ge-
treten sind — einem Thema, das allerdings nicht weniger umfangreich

!1
Adickes, a. a. O . S. 303 ff.

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[149/150J Ersdieinungsstufung und Realitätsproblem 385

ist als das der Erscheinungsverdoppelung, und das eher in den Wald
hinein- als aus ihm herauszuführen scheint.
Welche Bedeutung der Selbstaffektion in der neuen Deduktion des
Nachlaßwerkes zukommt, geht daraus hervor, daß Kant auf sie die Auf-
gabe der Ableitung einer Systematik des Besonderen, also die Aufgabe,
die Wissenschaft vom Ubergange zu begründen, unmittelbar bezieht:
„Nicht darinn daß das Subject vom Object empirisch (per receptivi-
tatem) afficirt wird sondern daß es sich selbst (per spontaneitatem) affi-
cirt besteht die Möglichkeit des Überganges von den metaph. A. Gr. der
NW. zur Physik. Die Physik muß ihr Object selbst machen..." (XXII
405).
Selbstaffektion, nach Β 153 eine Handlung des Verstandes aufs „pas-
sive" Subjekt, ist auch im Opus postumum eine Verstandeshandlung.
Das Subjekt wird durch den Verstand affiziert (XXII 73); der Verstand
bringt das Mannigfaltige der Erscheinung unter ein Prinzip ihrer Zu-
sammensetzung, welches der Grund der Möglichkeit der Erfahrung d. i.
der systematischen Verbindung der Wahrnehmungen ist (XXII 456).
Aber es ist nicht nur der Verstand, das reine Bewußtsein bzw. aktive
Subjekt, das in der Selbstaffektion aufs „passive" Subjekt handelt; auch
das vermeintlich passive, d. h. empirische bzw. psychophysische Subjekt,
das „Subjekt in der Erscheinung", dasjenige also, auf welches die bewe-
genden Kräfte wirken, ist ein aktives. Schon deshalb, weil es reagiert,
als von bewegenden Kräften affiziertes auf diese Einwirkungen ant-
wortet.
Im Ineinandergreifen beider „Aktionen" — der reaktiv-aktiven des
psychophysischen Subjekts und der spontan-aktiven des Verstandes-
subjekts — besteht das zentrale Problem der neuen Deduktion: „daß die
Warnehmung äußerer Gegenstände nichts anders ist als der Actus des
Subjects durch welchen dieses sich selbst afficirt und Warnehmungen
nichts anders als mit Bewustseyn verbundene bewegende Kräfte eben
desselben sind durch welche der Verstand nur so viel nach Principien
für das empirische (passive der Vorstellungen) aushebt als er selbst zum
Behuf möglicher Erfahrung hineingelegt hat" (XXII 392, keine Sper-
rung).
Gehen wir jedoch noch zum letzten, die Problematik der Selbstaffek-
tion abschließenden Punkte fort: zur „Lehre" von der Selbstsetzung,
d. h. von dem, sein Selbstbewußtsein determinierenden, sich selbst zum
Objekt und zur Erscheinung von sich selbst machenden Subjekt (XXII
88). Diese „Selbstsetzung" ist ja von vornherein nicht einfache Position,
sondern eine Stufenfolge von Akten, und in dieses Aktgefüge gehört die
Selbstaffektion mit hinein.
Die „Vorstellung der Apperception", heißt es X X I I 31, „enthält
einen zwiefachen Act: erstlich den sich selbst zu setzen (der Spontanei-

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386 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [1501151]

tat) und den von Gegenständen afficirt zu werden und das Manigfaltige
in der Vorstellung zur Einheit a priori zusammen zu fassen (den der
Receptivität). Im erstem Fall ist das Subject sich selbst ein Gegenstand
blos in der Erscheinung... im zweyten ein Aggregat des Materialen der
Warnehmung..." (Es wäre also im zweiten Falle Erscheinung von der
Erscheinung). Diese Doppelbett des Aktes wird nun mannigfach variiert:
Ich denke, aber bin mir auch ein Gegenstand der Sinne, „das denkbare
Ich (cogitabile) setzt sich selbst als das Spührbare (dabile)". (XXII 119).
„Das logische Bewustseyn führt zum Realen und schreitet von der Apper-
ception zur Apprehension und deren synthesis des Mannigfaltigen . . . die
Welt ist blos in mir (transzendentaler Idealism)" (XXII 96 f.).
Es werden auch — worauf hier nicht einzugehen ist — drei Stufen
der Selbstsetzung unterschieden, und es wird, sowohl im VII. als auch
im X./XI. Konvolut, das Verhältnis von Selbstsetzung und Selbst-
affektion klar auf den Ausdruck gebracht: „nicht apprehension sondern
eigene a priori setzende Vorstellung aus eigener Kraft bestimmt die An-
schauung oder die Erscheinung. Das Subject setzt sich selbst... durch die
Formen sinnlicher Anschauung Raum und Zeit da das Subject Kräfte
ausübt dadurch es sich selbst afficirt und es zu Erscheinungen bestimmt"
(XXII70) (keine Sperrung).
Was sich dabei umkehrt, ist erstens die Beziehung von empirischer
(äußerer) Affektion zur Selbstaffektion, und zweitens die Beziehung von
Erscheinung und Ding an sich (im Unterschiede vom Subjekt).
Könnte man nach der früheren Auffassung oder dodi jedenfalls
modo recto sagen, daß empirische (äußere) Affektion Voraussetzung von
Selbstaffektion, daß ohne sie Selbstaffektion nicht möglich ist, so ist ¡
jetzt Selbstaffektion Voraussetzung von empirischer, und diese ohne
Selbstaffektion nicht möglich: X X I I 384 wird die Empfindung geradezu
als „selbsteigene Wirkung des warnehmenden Subjects" bezeichnet;
X X I I 438 sind die Empfindungen „Die innere Erscheinungen in der War-
nehmung die das Subject in sich selbst erregt"; und X X I I 476 ist vom
„Princip der Afficirung der Sinne" die Rede, „welches subjectiv ist und
eben dadurch objectiv gemacht wird".
Ist die empirische Affektion aber nicht „äußere", insofern sie auf
Dinge an sich außer uns bezogen, von ihnen „bewirkt" ist? Wie wir
sahen, lehrt Kant im Nachlaßwerk eine Affektion durch bewegende
Kräfte. Da diese ausdrücklich als Erscheinungen bezeichnet werden, so
lehrt er also eine Affektion durch Erscheinungen, mithin, wenn man die
Affektion durch Dinge an sich als selbstverständliche Voraussetzung bei-
behält, eine doppelte Affektion: durch Erscheinungen und durch Dinge
an sich21*.
2ia Vgl hierzu, wie zum Affektionsbegriff überhaupt, die Arbeit von H . Herring, Das
Problem der Affektion bei Kant, Köln 1953, S. 72.

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[1511152] Erscheinungsstufung und Realitätsproblem 387

Von solcher „doppelten" Affektion findet sich nun freilich im Nach-


laßwerk nichts, und das wäre nicht verwunderlich, wenn sich in ihm
auch nichts über den Begriff der Dinge an sich fände. Das VII. Konvolut,
in dem die meisten Stellen über Selbstsetzung enthalten sind, gibt aber
eine solche Fülle präziser Aussagen über den Begriff des Dinges an sich,
daß von einer Zurückhaltung Kants gegenüber dem Ding-an-sich-Pro-
blem nicht die Rede sein kann. Wir können seine Lösung dieses Problems
hier nicht in extenso behandeln; es genügt, die Richtung anzudeuten, in
der sich seine Überlegungen bewegen.
Das Ding an sich ist auf keinen Fall so etwas wie ein gegebenes
Ding, wirkliches Ding, existierendes Wesen; es ist = x, „blos ein Prin-
cipe (XXII 34), nicht „ein den Sinnen gegebenes Object sondern nur
das Princip der synthetischen Erkentnis a priori des Manigfaltigen der
Sinnenanschauung überhaupt und des Gesetzes der Coordination des-
selben" (XXII 33). Es ist ein Gedankending, ens rationis, cogitabile, das
dazu dient, das Objekt der Anschauung als Erscheinung vorzustellen
(XXII 37). Sein Begriff ist ein Verhältnisbegriff „der Form der An-
schauung correspondirend einen Gegenstand zu setzen und ihn in der
durchgängigen Bestimmung zum Gegenstande möglicher Erfahrung zu
machen" (XXII 28).
Das Ding an sich „ist nicht ein Anderes Object sondern eine andere
Beziehung (respectus) der Vorstellung auf dasselbe Object dieses sich
nicht analytisch sondern synthetisch zu denken... Es ist ens rationis
= χ der Position seiner Selbst nach dem Princip der Identität wobey
das Subject als sich selbst afficirend mithin der Form nach nur als Er-
scheinung gedacht wird" (XXII 26 f., keine Sperrung). Es ist — so schon
XXII 414, X. Konvolut — „das Sinnenobject an sich selbst aber nicht
als ein anderes Object sondern eine andere Vorstellungsart".
Das Ding an sich ist „blos die Position eines Gedankendinges welches
dem Object correspondirend gedacht wird" (XXII 31) bzw. „nur ein
Gedankending ohne Wirklichkeit (ens rationis) um eine Stelle zu be-
zeichnen zum Behuf der Vorstellung des Subjects" (ebd.), es ist Korre-
lat, I pendant; es ist „nur im Subject selbst" (XXII 94) und bedeutet
nur einen, nämlich negativen, „Standpunkt" (XXII 42).
Wenn Kant also auf die Frage nach dem Unterschiede eines Gegen-
standes in der Erscheinung „im Gegensatze eben desselben Objects aber
dodi als D i n g e s a n s i c h " die Antwort gibt: dieser Unterschied
liege nicht in den Objekten, sondern „blos in der Verschiedenheit des
Verhältnisses wie das den Sinnengegenstand apprehendirende Subject
zur Bewirkung der Vorstellung in ihm afficirt wird" (XXII 43), so kann
man unmöglich interpretieren, daß das Subjekt vom Ding an sich affi-
ziert wird, d. h. man kann nicht ein irgendwo vorhandenes reales Ding
an sidi zum Ursprung der Affektion machen.

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388 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [152/153]

Vielmehr, da Kant deutlich sagt, das „Object an sich" ist „ein bloßes
Gedankending (ens rationis) in dessen Vorstellung das Subject sich selbst
setzt" (XXII 36 keine Sperrung), oder — nodi deutlicher XXII 37 —,
das Ding an sich ist die bloße Vorstellung seiner eigenen (sc. des sich
selbst affizierenden Subjekts) T ä t i g k e i t , so kann man nur inter-
pretieren: die der äußeren Affektion zugrunde gelegte Vorstellung einer
„Tätigkeit", eines „Wirkens" von Dingen an sich bedeutet in Wahrheit
die Tätigkeit des sich selbst affizierenden Subjekts, gesetzt als Tätigkeit
eines den wirklichen, d. h. Anschauungs-Objekten korrespondierenden
unwirklichen Gedankendinges. Damit fällt die empirische Affektion als
Ausdrude einer subjektunabhängigen Spontaneität, und die Affektion
durch bewegende Kräfte ist nur eine andere Bezeichnung für die Akte,
die das Subjekt auf sich selbst ausübt.
Das wäre dann der „transzendentale Solipsismus" des Nadilaßwer-
kes, den man einerseits als notwendigen Durchgangspunkt für die weite-
ren Entwicklungen des Nachlaßwerkes erkennen und andererseits dahin
befragen muß, wie er dem Realitätsphänomen gerecht wird. Das erste
hat uns hier nicht zu beschäftigen. Das zweite führt zurück zur Er-
scheinungsstufung, um derenwillen die Entwicklung bis zur Selbstset-
zung durchgezeichnet wurde, und auf die wir abschließend noch einmal
eingehen.
Zweifellos ist Kants Erscheinungsbegriff von Haus aus und auf lange
Strecken ein repräsentativer. Dinge erscheinen uns, und wir können
sie nur als Erscheinungen erkennen, da unsere Erkenntnis der Anschau-
ung bedarf. Denken können wir sie als Dinge an sich. Um sie aber als
erkennbare zu denken, müßten wir die Dinge an sich als Erscheinungen
„an sich" denken, was sich widerspricht. Damit schlägt der repräsenta-
tive Erscheinungsbegriff um in einen präsentativen. Die Erscheinung
— und das ist der Sinn der transzendentalen Deduktion aller Fassun-
gen — verdankt alles, was wir an ihr erkennen, dem sie zur Erfah-
rungswirklichkeit konstituierenden Subjekt; sie wird gleichsam hinaus-
gesehen (Fichtes: „Sehe"). „Das Vorstellungsvermögen geht von innen
hinaus mit etwas was sie selbst setzt (dabile) dem Räume und der Zeit
der Anschauung" (XXII 73).
Die alte Deduktion traf hier freilich auf eine Grenze: nur forma-
liter spectata, nicht materialiter spectata ist die Natur von der Verstan-
desgesetzgebung abhängig (B 163 ff.). Unter dieser Grenze verstand Kant
die I Unableitbarkeit der „besonderen Gesetze" bzw. der Gesetzmäßig-
keit des Besonderen, für die er in der (ersten Einleitung zur) Kritik der
Urteilskraft den früher so genannten hypothetischen Vernunftgebrauch
(B 675/6) als „technisch" verfahrende reflektierende Urteilskraft be-
müht. Durch ein „transzendentales Prinzip" setzt die Urteilskraft ein

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[ 153! 154J Ersdieinungsstufung und Realitätsproblem 389

System der Natur „auch nach empirischen Gesetzen voraus" (XX 212
Anm.). Doch war dies keine Erweiterung der alten Deduktion. Und auf
physikalische Fragen geht Kant dabei nicht ein.
Das geschieht erst im Nachlaßwerk selbst. Die Deduktion der Syste-
matik des Besonderen — nämlich des, zunächst nach der Kategorientafel
bloß klassifizierten sog. Elementarsystems der Materie — erfolgt unter
dem Gesichtspunkt der Zuordnung (Korrespondenz) der agierenden, uns
affizierenden bewegenden Kräfte zu den (psychophysischen) Reaktionen,
also zu den, in der Wahrnehmung vom Subjekt ausgeübten, „Gegen-
akten", bzw. zu den vom experimentierenden Physiker auf die Materie
ausgeübten Handlungen.
Wie immer sich Kant dies im einzelnen gedacht haben mag, klar ist,
daß hier ein psychophysisches Subjekt als Organismus vorausgesetzt ist.
Wenn Kant sagt: der „Einflus des Subjects auf den äußeren Gegenstand
und die Reaction des letzteren aufs Subject machen es möglich die be-
wegende Kräfte der Materie u. also audi diese selbst in Substanz zu
erkennen u. für die Physik aufzustellen" (XXII 494), so gilt das
eben von dem einheitlich reagierenden, nach Zwecken handelnden
menschlichen Organismus als Lebewesen, dessen „Möglichkeit" selber
nicht eingesehen (XXII 373), sondern nur teleologisch im Hinblick auf
die reflektierende Urteilskrafl bestimmt werden kann. Damit ist, wie
wir zu zeigen versuchten, der Zusammenhang mit der Kritik der Urteils-
kraft gewahrt.
Andererseits ist der Organismus Erscheinung wie alle realen Objekte.
Sieht man das realistische Argument Kants darin, daß die eigene Leib-
lichkeit die Realität der Außenwelt verbürgt — etwa im Sinne des vo-
luntativen Realismus von Maine de Biran bis Dilthey —, bzw. daß die
Ganzheit des eigenen Leibes die den „bewegenden Kräften" immanente
Realgesetzlichkeit (Systematik) verbürgt, so verliert dieses Argument
sein Gewicht, wenn prinzipiell Gleichartigkeit der Erscheinungen in trans-
zendentaler Hinsicht besteht, und es sich bei der Wechselwirkung von
Organismus und Außenwelt um eine an sich beliebige Erscheinungsrela-
tion handelt.
Die Erscheinung muß also gestuft sein, in der Art, daß es zwei we-
sensverschiedene Ersciieinungsarten gibt. So daß z.B., um an unsere
obige Überlegung anzuknüpfen, das psychophysische Subjekt als in Raum
und Zeit erscheinendes sich selbst zugleich als Erscheinungen habendes
erscheint. Es muß das vom Realismus geforderte Verhältnis von Erschei-
nung und Ding an sich innerhalb der Erscheinungsregion auftreten: die
Erscheinung der einen Ordnung muß so auf die Erscheinung der anderen
Ordnung bezogen sein, wie für den Realismus die Erscheinung über-
haupt I auf das Ding an sich bezogen ist. Nur muß, was der Realismus

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390 Zur Analyse des Nadilaßwerkes [1541

in repräsentativem Sinne versteht, von der Transzendentalphilosophie


in präsentativem verstanden werden. Und es muß sich zeigen, daß das
Ding an sich als vermeintliches Erkenntnisobjekt das die Objektivität
konstituierende Subjekt selber ist.
Darüber, daß Kant diese letzte Wendung tatsächlich vollzogen hat,
ist kein Streit möglich. Auch nicht darüber, daß sie das notwendige Er-
gebnis der neuen Deduktion ist, und daß die einzelnen Schritte der De-
duktion im Hinblick auf dieses Ergebnis zu interpretieren sind. Strittig
ist dagegen, was Kant im einzelnen unter Erscheinung von der ersten
und von der zweiten Ordnung versteht.
Strittig ist insbesondere, ob die Erscheinungen zweiter Ordnung, die
auf alle Fälle Erscheinungen des psychophysischen Subjekts sind, die
diesem gegebenen Gegenstände bezeichnen, oder ob sie — im Sinne der
oben aufgeführten Stellen — das psychophysische Subjekt als Gegen-
stand seiner selbst meinen.
Die nodi einfachere, rein gegenständliche Unterscheidung Hübners,
für den die direkte Erscheinung das unmittelbar gegebene sinnlich Man-
nigfaltige, die indirekte den konstituierten Gegenstand bedeutet — und
die in dieser Form von Schopenhauer (bzw. Jacobi-Schultze-Schopen-
hauer) stammt — kann sich zwar insofern auf Kant berufen, als in der
Kritik der Synthesis eine Synopsis der Sinnlichkeit vorgeordnet ist, und
in der Tat von Erscheinungen gesprochen wird, die sich nicht notwendig
auf Verstandesfunktionen beziehen, im Gegensatz zu den kategorial
geformten. Diese oft erörterte Kantische Auffassung steht jedoch in so
eklatantem Widerspruch zur transzendentalen Deduktion, daß sie in
der Literatur zumeist als nur vorläufige gilt: jede „Mannigfaltigkeit" des
Sinnlichen muß, wenn sie überhaupt prädizierbar sein soll, kategoriale
Momente enthalten, und in „notwendiger Beziehung auf das: Ich denke"
stehen (B 132).
Daß Kant auch im Nachlaßwerk die Erscheinungsverdoppelung zu-
weilen im Sinne jener alten Unterscheidung auffaßt, soll nicht geleugnet
werden; Adickes kennzeichnet diese Stellen dahin, daß bei ihnen „tran-
szendentale Ästhetik und Analytik einander gegenübertreten"22. Diese
Auffassung muß dann natürlich als ebenso vorläufige verstanden werden
wie in der Kritik; man kann sie unmöglich zur Grundlage der Interpre-
tation machen. Schon darum nicht, weil es ja darauf ankommt, die Er-
scheinungsstufung aus dem Zusammenhange der neuen Deduktion zu
verstehen, — einer Erweiterung der alten Deduktion, die so radikal ist,
daß Raum und Zeit jetzt selbst zu Akten werden, nämlich zu Akten „der
Vorstellungskraft sich selbst zu setzen" (XXII 88).

22
Adickes, a. a. O. S. 303.

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[154] Ersdieinungsstufung und Realitätsproblem 391

Geht es also auf dem sdieinbar einfachen Wege nicht, so wird man
wohl den umständlicheren einschlagen müssen, den wir anzudeuten such-
ten. Freilich sind Andeutungen keine Deutungen, und die eigentlidie
Interpretation hätte jetzt erst zu beginnen. Wir haben derartiges nicht
versprochen, und wir begnügen uns also mit dieser Exposition einer
Thematik, die sowohl für die kritische Philosophie als auch in sachlicher
Hinsicht große Bedeutung hat.22"

22a
Zum Ganzen siehe jetzt: H. Barth, Philosophie der Erscheinung Bd. I/II, 1947/1959,
und: E. Heintel, Schein und Erscheinung, in: Gestalt und Wirklichkeit, Festgabe für
Ferdinand Weinhandl, Berlin 1967, S. 103—110.

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Zur Frage der Spätentwicklung Kants

Um die Frage der Spätentwicklung Kants negativ oder positiv be-


antworten zu können, muß zunächst den Veränderungen der Kantischen
Philosophie seit 1790 überhaupt nachgegangen werden. Ob es in dieser
späten Zeit so etwas wie Abstieg, Aufstieg oder bloßen Stillstand, ein
Auf-der-Stelle-Treten im Denken Kants gibt — diese neutralere Fassung
der Frage dürfte freilich auch schon Befremden erregen, insofern von
„Aufstieg" doch in keiner Hinsicht die Rede sein könne, wenn man die
immer deutlicher werdenden, von Kant selbst öfter hervorgehobenen
Zeichen des allmählichen Verfalls, der Altersschwäche, berücksichtigt. So
sagt Schopenhauer an einer bekannten Stelle über die Rechtsphilosophie
Kants: „Nur aus Kants Altersschwäche ist mir seine ganze Rechtslehre,
als eine sonderbare Verflechtung einander herbeiziehender Irrtümer...
erklärlich" 1 — eine argumentatio ad hominem, die in der Literatur häu-
fig wiederkehrt, bei Kuno Fischer, Paulsen, Adickes u. a.
Wir wollen hier nicht die Druckschriften dieser Zeit behandeln:
die Religionsschrift (1793), Metaphysik der Sitten (1797), den Streit der
Fakultäten (1798), die Vorarbeiten zur Preisschrift über die Fortschritte
der Metaphysik (ab 1793), von der Anthropologie (1798) ganz abge-
sehen. Zwar wäre es verdienstvoll, die Frage nach einer Abweichung
Kants von seinem früheren Denken an Hand dieser Schriften zu stellen,
und zwar genauer als das bisher geschehen ist (z.B. bei Troeltsch 1904,
Anderson 1921 u. a.). Aber wichtiger ist es doch, vom Nachlaßwerk aus-
zugehen und die späten Druckschriften nur so weit wie erforderlich ein-
zubeziehen. Dabei handelt es sich weniger um den Zeitraum der Arbeit
am Opus postumum (1796—1803), als gerade darum, daß das Nachlaß-
werk kein „Werk" ist, sondern eine Folge von Entwürfen, in denen sich
Kant seine Gedanken frei erschreibt2.
Diese äußere Unfertigkeit bedingt einerseits die eigentümlich ambi-
valente Haltung Kants zum op. post., wie sie in den Briefen an Kiese- ¡
wetter und Garve, sowie in den Berichten der Biographen (Borowski,

1
Schopenhauer, Welt als Wille und Vorstellung® 1859, I 396.
2
„Man schreibe erst alle Gedanken, wie man sie hat, hin ohne Ordnung. Hernach
fange man an zu coordiniren und dann zu subordiniren . . ." (Logik Philippi, zu
§ 436).

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[492/493] Zur Frage der Spätentwicklung Kants 393

Wasianski, Hasse) zum Ausdruck kommt, und andererseits dann auch


die Urteile der Späteren über Wert und Unwert des Ganzen bzw. über
Verfehlen oder Nichtverfehlen bestimmter Grundintentionen: man
fühlt sich genötigt, das äußerlich unfertige Ganze entweder zu rekon-
struieren oder Kants Bemühungen als gescheitert zu betrachten. Schon
Hofprediger Schultz, der von Kant selbst zum treuen Ausleger seines
Buchstabens Erwählte, konnte nicht finden, was der Titel verspräche,
und zur Herausgabe nicht raten3. Und das geht dann so bis zu den Dar-
stellungen von Krause, Adickes, Mathieu u. a., die alle natürlich Inter-
pretationsversuche sind. Stößt man auf Disparates, erklärt man sogleich,
es müsse sich nicht um ein, sondern um zwei geplante „Werke" handeln
(Krause, Vaihinger).
Man wird indessen gut tun — audi wenn man selbst in den Nachen
einer „Gesamtinterpretation" zu steigen beabsichtigt —, in diesem Bün-
del von Entwürfen ungleicher Thematik (oder richtiger: Bündeln, denn
es sind ja zwölf Konvolute mit allerlei Beiwerk, wie dem Oktaventwurf
und einer Reihe Loser Blätter, die ζ. T. außerhalb des op. post, ver-
öffentlicht sind) ein um bestimmte Punkte kreisendes, doch auch wieder
fortgehendes Denken von zunächst gar nicht systematischer, sondern
eben nur genetisch-chronologischer Einheit zu erblicken. Das Genetische
ist dabei die Einheit des Denkprozesses, und es ist keineswegs so, wie
K. Fischer meint, daß Kant fortschreibt, ohne fortzuschreiten4, sondern
es tauchen in Kants ständigen Umformulierungen (Wiederholungen)
Neuformulierungen auf: Unstetigkeiten, die selten thematisiert, meist Ein-
schübe in den „bekannten" Text sind. Diese sind kennzeichnend für
Kants produktive Gedankenbildung. Man muß sie zu verbinden suchen,
um so etwas wie Problemstellungen im Nachlaßwerk zu finden.
Freilich setzt das eine genaue Datierung der Entwürfe voraus. Diese
hat Adickes gegeben. Daß er die ursprüngliche Ordnung des Manuskripts
in den vier Wochen seines Hamburger Aufenthaltes (1916) auffinden
konnte, ist eine beachtliche Leistung. Sie war nur dadurch möglich, daß
die Entwürfe von Kant selbst signiert sind.
Legt man die Entwürfe Kants in der Adickesschen Reihenfolge zu-
grunde, so ergibt sich ein Wandel der Thematik, der sich genau bestim-
men läßt, wenn auch vieles bestehen bleibt und es vorkommt, daß Kant
in den letzten Entwürfen noch Formulierungen aus den frühesten ver- |
wendet. Die Problemstellung beginnt mit der, schon in den Metaphy-
sischen Anfangsgründen der Naturwissenschaflen (1786) 5 und in der

3 Bei Hasse. Cf. X X I I , 755.

* Κ. Fischer, Das Streber- und Gründertum in der Literatur: Vade mecum für Herrn
Pastor Krause in Hamburg (1884), S. 34.
5 IV 534, 564.

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394 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [4931494]

Kritik der Urteilskraft (1790)" zur Geltung gebrachten Ätherhypo-


these, in Anwendung auf bestimmte Erscheinungen wie Erstarrung, Kri-
stallisation, Reibung, Dehnbarkeit, Zusammenhang, Metallglanz, Kapil-
larität etc. Erstrebt wird dabei eine Art Topik der bewegenden Kräfte 7 ;
diese sind zwar empirisch gegeben, ihr Verhältnis zueinander bedarf aber
„gewisser Formalien", um von denselben zur Physik durdi gewisse Zwi-
schenbegriffe schreitend zu gelangen (XXI 486).
Bald aber tritt an Stelle dieser Problematik der Versuch, ein Elemen-
tarsystem der Materie an Hand der Kategorientafel aufzustellen — von
Anfang an schon gedacht im Hinblick auf ein Weltsystem der Materie,
die sich so voneinander unterscheiden sollen, daß in jenem von den Tei-
len zum Ganzen, in diesem vom (idealen) Ganzen zu den Teilen fort-
geschritten wird (XXII 267).
Als Abschluß des immer wieder abgeänderten und schwerlich auf
eine Formel zu bringenden Elementarsystems tritt nochmals der Äther-
begriff auf, aber jetzt nicht mehr, wie eingangs, als Hypothese, sondern
mit dem Anspruch, der a priori deduzierbare Elementar-(Welt-)stoif zu
sein. Darauf werden wir eingehen.
Jedenfalls ist die sog. Ätherdeduktion (Beweis der Existenz des
Wärmestoffs) nicht nur Abschluß des Elementarsystems, der es zugleich
mit dem „Weltsystem durch Begriffe a priori verbindet" (XXII 599),
sondern Wende- und Umschlagspunkt von einer mehr physikalisch-
naturphilosophischen zu einer mehr „erkenntnistheoretischen" Unter-
suchung. Als Fortsetzung der in den Entwürfen: Ubergang 1—14, Re-
dactio 1—3 (2., 5., 12. Konvolut) enthaltenen Ätherdeduktion erweist
sich nämlich die sog. „neue transzendentale Deduktion" (der Kategorien)
des 10. und 11. Konvoluts (Entwurf A—Ζ). Und dieser dann zuge-
ordnet (Beylage 1—8, bis Dezember 1800) die Lehre von der Selbst-
setzung mit ihrer auffallend idealistischen Behandlung des Ding-an-sich-
Begriffs (7. Konv.).
Innerhalb des zuletzt genannten Entwurfs wird abermals eine Wen-
dung und — für das op. post. — Neuformulierung deutlich, die freilich
für Kants Spätphilosophie keine solche ist: Gedanken aus der Metaphy- \
sik der Sitten (Redits- und Moralphilosophie) treten auf, die sich im
wesentlichen um den Personbegriff und die Autonomie der moralisch-
praktischen Vernunft gruppieren und dazu führen, der theoretischen

0
V 467: „So ist der Äther der neuern Physiker, eine elastische, alle andre Materien
durchdringende . . . Flüßigkeit, eine bloße Meinungssache . .
7
„Kant scheint zunächst ohne Beihilfe der Kategorientafel nur auf Grund einer
systematischen Betrachtung des Begriffs der Bewegung . . . zu einer Anzahl von
zweigliedrigen Entgegensetzungen gekommen zu sein", Adickes, Kants opus postu-
mum, Berlin 1920, S. IX.

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[494/495] Zur Frage der Spätentwicklung Kants 395

„Selbstsetzung" die praktische, der Autognosie die Autonomie zu koor-


dinieren.
Damit ist dann die Bahn frei für die Ideenlehre des 1. (letzten) Kon-
voluts (Entwurf 1—10; 1800—Februar 1803), in welcher der Autono-
miebegriff für die Transzendentalphilosophie überhaupt in Anspruch
genommen („Transe. Philosoph, ist die Autonomie der Ideen in sofern
sie unabhängig von allem Empirischen ein unbedingtes Ganze ausma-
chen und die Vernunft sich selbst zu diesem... absonderlichen8 System con-
stituirt", X X I 79), und die metaphysica specialis, sowie, grundlegend,
der Begriff der Transzendentalphilosophie, unter die verschiedensten Ti-
tel sowohl der zeitgenössischen (Beck, Schelling, Fichte, Lichtenberg etc.)
als auch der älteren Philosophie (Wolff) gebracht wird 9 .
So weit so gut. Wäre Adickes dieser von ihm selbst aufgezeigten An-
ordnung gefolgt, so sähe seine Interpretation anders aus. Er geht indes-
sen von der Topik der bewegenden Kräfte sogleich zur „neuen" Deduk-
tion, läßt darauf die Ätherdeduktion folgen und wendet sich erst dann
dem Elementarsystem zu. Hernach behandelt er in einem neuen Ab-
schnitt den „metaphysisch-erkenntnistheoretischen" Teil des op. post.
(Konv. 7 u. 1), dessen enger Zusammenhang mit der neuen Deduktion
dadurch ganz verlorengeht10.
Doch kommt es uns hier weder auf die Darstellung der äußerlichen
Behandlung des Nachlaßwerkes bei Adickes noch auf die Kritik seiner
Ergebnisse an — niemand wird in Abrede stellen, daß rein umfangs-
mäßig auf den 855 Seiten seines Buches alle Einzelstellen erfaßt und aus-
gewertet sind, wenn auch nicht gerade in Kants Sinne, und daß er eher
zu viel als zu wenig Distinktionen gibt.
Nimmt man zu den angegebenen thematischen „Wendepunkten"
noch die Eingangsproblematik: die Lehre vom Übergang (zunächst von
den Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaften, der phy-
sica generalis, zur physica specialis, später in erweiterter Bedeutung), so
er|geben sich mindestens sieben Punkte, die für eine eventuelle „Ent-
wicklung" der Problematik von Bedeutung sind: Frage nach dem „Über-
gang", Ätherhypothese und Topik der bewegenden Kräfte, Elementar-
system, Ätherdeduktion, neue Deduktion, Selbstsetzungslehre, Ideen-

8
abgesonderten? Vgl. die Formulierung der Logik Busolt, X X I V 6 4 8 1 8 _ 2 0 : »Für
Wissenschaften gehört überzeugende Kenntniß der Totalität des Ganzen, und hierzu
muß vorhergehen die Idee des Ganzen, die die Stelle vor jeden Theil voraus be-
stimmt."
• Über das Verhältnis des späten Kant zu den Zeitgenossen ausführlich de Vleesdiau-
wer, La Déduction transcendentale dans l'Œuvre de Kant T. III, Anvers — Paris —
La Haye 1937, S. 491 ff.
10
Dazu meine Arbeit: Zur Problemanalyse von Kants Nachlaßwerk, in: Il Pensiero,
VI 1—2 1961.

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396 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [495/496]

lehre. Dabei erweist sich zweifellos der Entwurf des 10./11. Konvo-
luts (1799—1800) als die Stelle verdichtetster Gedankenbildung.
Die Frage: ob es ein „Grundproblem" des Nachlaßwerkes gibt, und
welches das ist, stellt sich natürlich immer von neuem und ist in der Lite-
ratur oft sehr entschieden beantwortet worden. Man hat (früher Mar-
cus, jetzt Mathieu) den Ätherbegriff bzw. die Ätherdeduktion zum
Hauptthema gemacht, oder die neue Deduktion oder die Selbstsetzungs-
lehre usf. Wichtig ist es, nochmals hervorzuheben, daß man den Inhalt
des Nachlaßwerkes nicht auf eine systematische Ebene projizieren kann,
weil man sonst zu Widersprüchen gelangt. Es geht nur auf entwicklungs-
geschichtlicliem Wege, durch Aufzeigung der „richtigen" Problemver-
knüpfung. Und hier kommt es vornehmlich auf die Wendung von der
Ätherdeduktion zur „neuen" transzendentalen Deduktion an.
Dabei entstammt natürlich der Ätherbegriff, wie ihn Kant von An-
fang an (seit de igne 1755) gebraucht, der zeitgenössischen Physik, ins-
besondere der antinewtonischen Physik Eulers, für den der Äther eine
flüssige, den Raum zwischen den himmlischen Körpern ausfüllende,
Newtons Fernkraft (Attraktion) entbehrlich machende Materie ist11.
Es ist auch selbstverständlich, daß Kant in seinen Physikvorlesungen die
z. T. abweichenden Vorstellungen seiner Autoren vom Wärmestoff,
LichtstofF etc. bzw. die verschiedenen Fassungen des Wärmebegriffs selbst
recht gut kannte, und daß seine Äthertheorie, audi schon vor dem
op. post., nicht eindeutig ist12. Was hierüber zu sagen wäre, gehört in
eine Geschichte der Physik" — für Kant bleibt höchstens hervorzu-
heben, daß er niemals der überzeugte Newtonanhänger war, als welcher
er in seiner Theorie des Himmels, den Metaphysischen Anfangsgründen
und natürlich in der Kritik selbst auftritt.
Umso auffälliger ist es, daß Kant, der auch in seinen Logik-Vorle-
sungen den Äther stets als Beispiel für eine Hypothese anführt, in den
angegebenen Entwürfen von 1799 eine Deduktion des Äthers erwägt.
Er sei I Elementar-, Welt-Stoff, Basis bzw. Grund der Möglichkeit der
bewegenden Kräfte, objektives Ganzes der bewegenden Kräfte usw.
X X I I 612 stellt er das „Theorem" auf: es existiert „ein absolutes und
einziges Gantze einer Materie... welches kein hypothetischer, um gewisse
Phänomene schicklich erklären zu können, sondern ein a priori erweis-
licher Stoff ist, der unter dem Namen Wärmestoff . . . ein für sich be-
stehendes innerlich durch seine bewegende Kräfte continuirlich agitirtes

11
Vgl. Briefe an eine deutsche Prinzessin über versdiiedene Gegenstände aus der
Physik und Philosophie, I. Theil Leipzig 1773 (2. Aufl.), 19. Brief, S. 61.
12
Vgl. Adickes, Kant als Naturforscher, Bd. II Berlin 1925 (IV. Abschnitt).
13
Welche sonderbare Rolle der Äther in der Physik audi nach Beseitigung des Phlo-
gistonbegriffs im 19. Jahrhundert spielt, hat Keyserling in seinem „Gefüge der Welt"
(2. Aufl. 1920, S. 17 Anm.) in einer ergötzlichen Anthologie gezeigt.

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[496/497] Zur Frage der Spätentwicklung Kants 397

Ganze ausmacht." Der Ubergang selbst, heißt es X X I 571, geschieht


„eben durch die Idee vom Wärmestoff weldier darum kein blos hypo-
thetischer sondern der allein alle Körper in allen Räumen Erfahrungs-
mäßig leitende und continuirlidi verbreitete in Einer Erfahrung zusam-
menhängende Stoff seyn muß". Der Beweis von der Existenz des Wär-
mestoffs beruht also auf seiner Idee: er wird „nicht synthetisch durch
Erweiterung des Begriffs von den Eigenschaften der Materie sondern
analytisch durch blosse Zerlegung des in diesem Begriff enthaltenen (Er-
läuterung) also nach dem Prinzip der Identität geführt. Man zeigt näm-
lich daß die Anwendung einer solchen Materie welche den Grund der
Möglichkeit der Erfahrung [enthält] . . . mit dem Begriffe des Gan-
zen derselben einerley sey indem bewiesen wird daß er nothwendig zur
Möglichkeit einer Erfahrung zusammenstimme. Was aber damit noth-
wendig zusammenstimmt ist selbst ein Gegenstand der Erfahrung d. i.
es existirt ein solches Ding als das, was unter dem Begriff vom Wärme-
stoff gedacht wird". (XXII 613 f.).
Man kann an diesen Beweis von zwei Seiten herantreten: man kann
zeigen, daß er richtig ist, insofern er ein Ganzes, nämlich das Ganze der
wirkenden Kräfte (XXII 553), die Gemeinschaft der Materie im Raum
(XXII 152), meint — man kann zeigen, daß er falsch ist, insofern die
Einheit der Erfahrung im objektiven Sinne keinen besonderen Einheits-
oder Ganzheitssi off involviert14. Jenes führt sogleich auf die „neue"
transzendentale Deduktion, als deren Ausgangspunkt sich die Äther-
deduktion erweist; dieses führt auf eine Problematik, die wir bei Kant
audi andernorts treffen, und die überall in Richtung eines Materialismus
weist, für den uns in der Kritik keine Grundlagen enthalten zu sein
scheinen.
Wenn man nämlich, um den zweiten Gesichtspunkt zuerst anzufüh-
ren, den Beweis für die Existenz des Äthers einerseits mit der, von Kant
der zweiten Auflage der Kritik der reinen Vernunft eingefügten, gegen
Descartes und Berkeley gerichteten „Widerlegung des Idealismus", ande-
rerseits mit der späteren, in der Rechtslehre enthaltenen, Deduktion des
Besitzes (Metaphysik der Sitten, § 13, sowie die Vorarbeiten dazu in
Bd. I XXIII) vergleicht, so wird man in diesen drei Beweisen die gleiche
Struktur, um nicht zu sagen, den gleichen Fehlschluß, antreffen. Der
Beweis für die Existenz der Dinge im Raum außer mir (B 275 ff. mit der
Korrektur Β XXXIX) beruht darauf, daß das Beharrliche außer mir
Voraussetzung meines Bewußtseins in der Zeit ist, und dabei heißt es
ausdrücklich (B 278), wir hätten gar nichts Beharrliches, was wir dem
Begriffe einer Substanz als Anschauung unterlegen könnten, als bloß die
Materie, „und selbst diese Beharrlichkeit w i r d . . . a priori als notwendige

14
Vgl. oben S. 255 £.

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398 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [4971498]

Bedingung aller Zeitbestimmung, mithin audi als Bestimmung des inne-


ren Sinnes in Ansehung unseres eigenen Daseins durch die Existenz
äußerer Dinge vorausgesetzt"15.
Und in den Metaphysischen Anfangsgründen der Rechtslehre wird
im Hinblick auf die communio fundi originaria als „Idee, welche objec-
tive (rechtlich praktische) Realität hat" (VI 251), gesagt, die Menschen
seien ursprünglich im rechtmäßigen Besitz des Bodens, weil dieser Besitz
ein gemeinsamer sei „wegen der Einheit aller Plätze auf der Erdfläche
als Kugelfläche: weil, wenn sie eine unendliche Ebene wäre, die Men-
schen sich darauf so zerstreuen könnten, daß sie in gar keine Gemein-
schaft miteinander kämen, diese also nicht eine nothwendige Folge von
ihrem Dasein auf Erden wäre" (VI 262, X X I I I 311, 320 u.s.). Es ist
von Interesse, daß Kant in den Vorarbeiten zur Deduktion des Besitzes
selbst an seine „Widerlegung des Idealismus" erinnert (XXIII 309, 310 f.):
wie der gegen den Idealismus gerichtete Beweis darauf beruhe, „daß wir
unseres eigenen Daseyns als empirisch in der Zeit bestimmt uns nicht
bewust werden könnten wenn wir sie [sc. die Gegenstände?] nicht an
der Auffassung [sc. anhand der Auffassung?] eines Mannigfaltigen
außer uns (im Räume) in unsere Vorstellung brächten, mithin dieses noth-
wendig als Bedingung von jenem gegeben von uns vorgestellt wird als
Gegenstand des Sinnes nicht der Einbildungskraft", so können wir auch
„ohne äußere Objecte der Willkühr nicht des Besitzes unserer eigenen
Bestimmungen und des angebohrnen Redits des Gebrauchs unserer selbst
bewust werden", mithin müssen wir „das Recht uns äußerer Gegenstände
zu bedienen als Bedingung der Möglichkeit des inneren Gebrauchs unse-
rer Willkühr ansehen und also das Recht in Ansehung äußerer Gegen-
stände a priori annehmen" (XXIII 310 f.). Was die Verwandtschaft
zwischen Äther- und | Besitzdeduktion betrifft, so haben wir oben" eine
Reihe von Analogien angegeben (es darf keine res nullius — keinen leeren
Raum geben; der ursprüngliche Besitz ist Gesamtbesitz — die Gegenstände
Einer Erfahrung bilden eine Gesamteinheit; die Communio originaria ist
Basis aller rechtlichen Akte — der Wärmestoff Basis aller bewegenden
Kräfte; die Communio originaria ist eine Idee — der Wärmestoff ein a
priori gegebener Stoff; die Communio originaria ist das Prinzip äußerer
Erwerbung — der Wärmestoff das Prinzip äußerer Erfahrung etc.).
„Äthermaterialismus" dürfte zwar in Bezug auf den klassischen
Ätherbegriff kein sehr angebrachter Ausdruck sein. Wohl aber auf den
der Zeit Kants. Und auch der späteren. Man sehe z. B., wie E. Marcus
vom Äther Gebrauch macht: er unterscheidet Primär- und Vitaläther,

15
Zur Geschichte dieses, im op. post. ( X X I I 442 f.) revozierten, Beweises siehe jetzt
audi: H . Heimsoeth, Studien zur Philosophiegeschichte, Köln 1961, S. 293 ff.
16
Siehe diese Arbeit S. 212 ff.

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[498/499] Zur Frage der Spätentwicklung Kants 399

und behauptet von dem letzteren, daß er Träger der Vitalgefühle sei".
Und das mit dem Ansprüche, die von Kant „beabsichtigte, aber nicht
durchgeführte" Äthertheorie systematisch auszuführen 18 .
Dabei erweist sich — wenn wir von der Frage, ob Kant hier einen
(ontologistischen) Fehlschluß begangen hat, ganz absehen — die mate-
rialistische Konsequenz in allen drei Fällen nicht als zwingend: es ist
nur eine Art „Ausfüllung" der dritten Analogie, insofern die „dyna-
mische" Gemeinschaft, bzw. durchgängige Gemeinschaft der Substan-
zen, verstofflicht, und d. h. eben Newton durch Euler „ergänzt" wird.
Wie dem auch sei: für das Nachlaßwerk ist die Ätherdeduktion nur
ein Durchgangspunkt, und in den späteren Entwürfen tritt der Äther
(Wärmestoff) meist wieder, wie vorher, als Hypothese auf19 ; das Posi-
tive aber daran ist das weitaus Interessantere: die Verlagerung der Ein-
heit des Ganzen (Systems) der bewegenden Kräfte vom Objekt (Äther)
aufs (transzendentale) Subjekt. Dies eben ist der Umschlag in die „neue"
Deduktion, die bei Kant thematisch nicht als solche auftritt, daher auch
von einigen Autoren bestritten wird — was aber wenig besagt, wenn nur
die Teilstücke der Deduktion richtig dargestellt werden. Die Deduktion
als ganze muß man auf alle Fälle erst rekonstruieren: man faßt sie am
besten als Zusammenhang von Motiven auf. Sicher ist jedenfalls, daß es |
s idi um eine „Inversion" der Ätherdeduktion handelt, ferner um die
Gesetzlichkeit des Besonderen, die nach der transzendentalen Deduktion
der Kritik (A und B) nicht in den Bereich der „formalen" Natur fällt,
und schließlich um die Beziehung zwischen bewegenden Kräften und
Wahrnehmungen.
Das letzte Problem tritt dabei so in den Vordergrund, daß man mit
Recht von einer kategorialen Erfassung der Wahrnehmungswelt als
Grundaufgabe des op. post, sprechen konnte: das Wirkliche wäre nur
partial bestimmt, wenn die Erkenntnis sich mit den Prinzipien der Be-
wegungslehre begnügen wollte, die Umkleidung der Dinge mit der Fülle
der Qualitäten, der Farben, Töne usf. bliebe völlig unbegriffen. „Diese
Qualitäten gehören zur Wirklichkeit... Wie sind sie, als Inbegriff der
Wahrnehmungswelt, kategorial zu erfassen? Das ist die Frage des Opus
Postumum." (Heyse)20.
Die Wahrnehmungen sind gleichsam die subjektive Seite der bewe-

17
E. Marcus, Die Zeit- und Raumlehre Kants, München 1927, S. 17 f.
18
Ebd. S. 198.
19
Vgl. X X I I 108 (7. Konv.); X X I I 315 (10. Konv.) heißt es sogar: „wenn es einen
solchen Stoff gibt und er nicht blos hypothetisch ist"; X X I 110 (1. Konv.) wird
gefragt: „Giebt es einen Wärmestoff als einen besonderen Stoff oder ist Wärme das
bloße Wahrnehmungsvermögen der Kräfte der Abstoßung der Materie (der Stoffe
überhaupt)?".
20
H . Heyse, a. a. O. S. 68 f.

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400 Zur Analyse des Nachlaßwerkes /499/500J

genden Kräfte; mithin muß dem System der bewegenden Kräfte die Ein-
heit der Wahrnehmungsregion bzw. das System der Wahrnehmungen
„entsprechen" (Korrespondenzprinzip). Daß diese Entsprechung nicht
dogmatisch anzusetzen, sondern selbst erst (teleologisch) abzuleiten ist,
wird noch zu zeigen sein. Läßt man dies bei Seite, so ergeben sich drei
Gesichtspunkte für die „neue" Deduktion, deren Grundfrage Kant so
formuliert: wie es möglich ist, „ein System empirischer Vorstellungen
a priori zu errichten, was sonst unmöglich zu seyn schien und die Erfah-
rung quoad materiale zu anticipiren" (XXII 502, 11. Konv.).
Diese Gesichtspunkte sind erstens die Stufung der Erscheinungen,
zweitens die doppelte Affektion und drittens — als das eigentlich zu
Interpretierende — die Geltung des (Newtonischen) Prinzips der actio
und reactio für die Wahrnehmungen. Dabei ist unter Erscheinungs-
stufung nicht zu verstehen, daß Kant — wie Drews und Adickes anneh-
men — zwei Erscheinungen: für das Ich-an-sich und für das empirische
Subjekt im Sinne hat. Vielmehr hebt de Vleeschauwer mit Recht hervor:
„Le phénomène direct que Kant envisage est la perception elle-même"21,
d. h. es ist die eine „Erscheinung", die eine doppelte Bedeutung erhält,
als bloß subjektive Vorstellung, und als geformte physische | Gegen-
ständlichkeit. Diese ist die indirekte — „die Erscheinung der Erschei-
nung in einem System, welche die Sache selbst darstellt" (XXII 327).
Oder wie es kurz danach (XXII 334) heißt: „Das subjective Princip
der Zusammensetzung empirischer Vorstellungen in einem Aggregat der
bewegenden Kräfte der Materie des Korpers vor dem System derselben
ist blos formal und Erscheinung mithin geht es a priori vorher die Ein-
nehmung (occupatio) aber des Raums ist selbst nichts weiter als Erschei-
nung ihrer Coexistenz und da diese Aufsammelung des im Raum Aggre-
gaten reale Beziehung auf den Körper durch Einwirkung auf dessen
Organ ist Erscheinung von der Erscheinung." A priori kann nur die
Form der empirischen Anschauung gegeben werden; da „aber die Ver-
knüpfung des Manigfaltigen der Warnehmung selbst wiederum dem
Subject blos Erscheinung dem Objecte nach aber Erscheinung von der
Erscheinung und darum der Erfahrungsgegenstand selbst" ist (XXII
364). Wir können hier in eine ausführlichere Stellenanalyse nicht ein-
treten; Simplifikationen gegenüber22 ist zu sagen, daß die Erscheinungs-
stufung im op. post, nicht eindeutig ist — wenigstens insofern nicht, als
sie das eine Mal vom Subjekt, das andere Mal vom Objekt aus gelesen
werden kann (der normale Fall ist der erste). Doch kommt es darauf
nicht an, sondern nur auf die Stufung selbst, die im einen wie im andren
Fall besteht.

21
de Vleeschauwer, a. a. O., S. 609.
22
Vgl. etwa K. Hübner, Zeitschrift f. Philosophische Forschung, VII 2, S. 210 ff.

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[500!501] Zur Frage der Spätentwicklung Kants 401

Ebenso verhält es sich mit der Affektionsstufung, die nicht, wie


Adickes will, eine „doppelte" Affektion durch Erscheinungen (empirisch)
und durch Dinge an sich (transzendent) ist23, sondern deren „Verdoppe-
lung" sich auf die empirische und Selbstaffektion bezieht. Wir werden
durch bewegende Kräfte affiziert, aber die „Erfahrung kommt nicht als
Einflus der bewegenden Kräfte auf den Sinn von selbst, sondern muß
gemacht werden" (XXII 320). Mithin muß das Subject „diejenige Bewe-
gung" selbst machen und verursachen, „durch welche sie afficirt wird";
es muß — und das eben ist die Selbstaffektion — a priori in das Subject
hineinlegen, „was es von aussen empfängt" (XXII 321)23a.
Was nun den dritten Punkt, die materiale Erfahrungsantizipation
betrifft, so setzt sie, wie gesagt, das Prinzip der actio und reactio für die
Wahrnehmung voraus: bewegende Kräfte können auf Grund ihrer Re-
aktionen klassifiziert werden. Es scheint, sagt Kant X X I I 493, unmög-
lich zu sein, was auf Wahrnehmungen beruht, „a priori darstellen zu
wollen, z. B. den Schall, das Licht, die Wärme etc. welche ins gesammt das
Subjective der Wahrnehmung d. i. der empirischen Vorstellung mit Be-
wustseyn ] ist, mithin kein Erkenntnis eines Objects bei sich führt; und
dodi ist dieser Act des Vorstellungsvermögens nothwendig. Denn wenn
diesem nicht ein Gegenact des Objects correspondirte, so würde jenes
keine Wahrnehmung des Gegenstandes durch die bewegende Kraft des-
selben erhalten . . . " . Aber sie setzt ebendamit auch voraus, daß die Re-
aktionen (des wahrnehmenden Subjekts) selber spontane Aktionen bzw.
Akte sind: „Nur das was wir in die Phänomene für Kräfte hineinlegen,
können wir aus dem Empirischen zum Behuf der Erfahrung ausheben"
(XXII 504). Und weiter heißt es (XXII 505): die Wirkung des Subjekts
auf das (äußere) Sinnenobjekt stelle den Gegenstand in der Erscheinung
vor, „und zwar mit den auf das Subject gerichteten bewegenden Kräften,
welche die Ursache der Wahrnehmung sind. Also kann man a priori
diese Kräfte bestimmen, welche die Warnehmung bewirken als Anti-
cipationen der Sinnenvorstellungen in der empirischen Anschauung in-
dem man nur die Wirkung und Gegenwirkung der bewegenden K r ä f t e . . .
a priori nach Principien der Bewegung überhaupt darstellt...".
Von diesen und ähnlichen Stellen gibt Adickes24 Analysen, denen er
bestimmte „Typen" voranstellt — bei denen er aber durchweg nicht-
kantische Begriffsergänzungen vornimmt (er spricht z. B. von Gegenwir-
kungen des „empirischen Ichs", des „Gehirns" etc.) — um die so „er-
23
Hierzu E. Adickes, Kants Lehre von der doppelten Affektion unseres Idi als
Schlüssel zu seiner Erkenntnistheorie, Tübingen 1929 (aus dem Nadilaß), S. 11 ff.
23a
Adickes konjiziert: durch welche e r . . . in das Object (statt: Subject).
î4
Adickes, a. a. O., S. 248 ff. Daß Kant audi hier — wie beim Ätherbegriff — an die
zeitgenössische Literatur anknüpft, zeigt sein Hinweis auf F. Hildebrandt (XXII,
481; vgl. Adickes S. 255 f. Anm.).

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402 Z u r Analyse des Nachlaßwerkes [501/502]

hellte" Deduktion dann als irrig zu verwerfen. Demgegenüber wird die


neue Deduktion von Weinhandl (1924) 25 , in einer uns allein richtig
scheinenden Weise, „einer phänomenologischen, einer immanenten Situa-
tion" zugeordnet. Dann aber gehört zu dieser „Situation" auch die
unmittelbar anschließende Lehre von der Selbstsetzung bzw. vom Ding
an sich (transzendentalem Objekt)20.
Wie zur älteren transzendentalen Deduktion die transzendentale Ap-
perzeption, so gehört zur Deduktion des op. post, die Selbstsetzung: „die
ursprüngliche Einheit der Apperzeption, die Spontaneität des Verstan-
des (ist) dasjenige Moment im Kantischen System, an dem sich eine
Selbstsetzung im späteren Sinne entwickeln konnte" und zwar, wenn
man so will, unter dem Einfluß Becks27. Ganz und gar nicht kann man
dagegen | mit Adickes und F. Lüpsen28, der ihm darin folgt, wenn er
auch in der Beurteilung von ihm abweicht, die Selbstsetzung als radika-
len Neuansatz Kants bezeichnen. Sie ist untrennbar mit der SelbstafFek-
tion verbunden. Wie auch zuvor schon wird die Spontaneität (des den-
kenden Subjekts) der Konstitution des Gegenstandes zugrunde gelegt29,
bloß diese wird genauer als Aktkonstitution zu verstehen gesucht. Und
das heißt dann: das Subjekt setzt sich nicht bloß als Cogito, sondern als
Objekt in der Erscheinung, als psychophysisches Subjekt, als Organis-
mus. Kant formuliert es so ( X X I I 119, 7. Konv.): „Ich bin mir meiner
selbst bewust (apperceptio). Ich denke d. i. ich bin mir selbst ein Gegen-
stand des Verstandes. Aber ich bin mir auch ein Gegenstand der Sinne
und der empirischen Anschauung (apprehensio) das denkbare Ich (cogi-
tabile) setzt sich selbst als das Spürbare (dabile) und dieses a priori im
Räume und der Zeit welche a priori in der Anschauung gegeben sind,
welche bloße Formen der Erscheinung sind". Die phänomenologische
„Situation", in die Kant mit der neuen Deduktion — und natürlich
auch schon mit der alten — einmal eingetreten ist, führt ihn unweiger-
lich von der Aktkonstitution des Gegenstandes zum transzendentalen
Solipsismus (Husserls, der ja selbst auf Kant zurückweist30).
Und dann ebenso zwangsläufig zu der Reduktion des Dinges an sich

23 F. Weinhandl, Der letzte Kant, in: Reichls Philosophischer Almanach, Darmstadt


1924, S. 93.
26 Vgl. de Vleeschauwer, a. a. O., S. 6 2 7 : Kant "reprend un facteur qui avait disparu
depuis 1781 de son vocabulaire, notamment l'objet transcendental".
27 G. Krönig, geb. Buchheister, Das Problem der Selbstsetzung in seiner Entwicklung
von Kant bis Fichte unter besonderer Berücksichtigung von J. S. Bede, Hamburg
1927, S. 13, 51.
28 F. Lüpsen, Das systematische Grundproblem in Kants Opus Postumum, in: Die
Akademie, 2. Heft, Erlangen 1925.
29 Dazu jetzt die eindringende Arbeit von I. Heidemann, Spontaneität und Zeitlich-
keit, Köln 1958.
80 Siehe die bekannte Stelle: Ideen I, 1913 S. 118 f.

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[502/503] Zur Frage der Spätentwicklung Kants 403

auf das transzendentale Objekt — dieses ist nur eine „andere Vorstel-
lungsart" des Subjekts; man kann sozusagen das Subjekt auf zweierlei Art
vorstellen (XXII 42). Korrelativität, Rationalität, Negativität, Unge-
gebenheit des Dinges an sich sind ebenso viele, besonders zu durchden-
kende, die Frage einer vom Subjekt getrennten „Wirklichkeit" gar nicht
berührende Merkmale, die sich bei einer phänomenologischen Analyse des
Ding-an-sich-Begriffes ergeben.
Was dagegen das setzende „Selbst" in seiner eigenen metaphysischen
„Wirklichkeit" betrifft, so gelangt Kant (auch wieder ähnlich wie Hus-
serl) im Nachlaßwerk vom transzendentalen „Solipsismus" zu einem
Personalismus, der sich ganz einfach aus der Einbeziehung des Personen-
begriffs in die Selbstsetzungslehre (7. Konv.), bzw. aus der Einbeziehung
der Problematik der Metaphysik der Sitten, ergibt. Sehr knapp und
einprägsam faßt es Kant X X I I 54 (Beylage V): „Die transe. Idealität
des sich selbst denkenden Subjects macht sich selbst zu einer Person . . . " ,
sowie kurz davor: | „Das Erkentnis seiner Selbst als einer Person, die
sich selbst zum Princip constituirt und ihres Selbst Urheberin ist". Auf
die Parallelisierung von Autonomie und Autognosie wurde schon hinge-
wiesen.
Und wie sich die transzendentale Phänomenologie von Anfang an
als Rationalismus etabliert, so finden wir audi im Nachlaßwerk einen
dieser Parallelisierung entsprechenden Rationalismus von technisch-
praktischer und moralisch-praktischer Vernunft (was ja nicht verwun-
derlich ist, insofern Kant — vermittelt durch Wolff — in ähnlicher
Weise auf Descartes zurückgeht wie Husserl). Damit ergibt sich dann
der „höchste Standpunkt" der Transzendentalphilosophie, die die „Auto-
nomie" und „Autognosie" beider Selbstsetzungen durch die Autokratie
der Ideen erhöht (XXI 84: „Transe: Phil, ist die Selbstschöpfung (Auto-
cratie) der Ideen zu einem vollständigen System der Gegenstände der
reinen Vernunft", vgl. XXI 91). Wenn es XXI 91 einschränkend heißt,
der Gegenstand „dieser durch reine Vernunft geschaffenen Idee ist was die
Existenz betrift, doch immer ein sachleerer Begriff", so wird doch sogleich
hinzugefügt: „Aber in der moralisch/practischen [Vernunft] hat diese
Idee Wirklichkeit vermöge der Persönlichkeit die ihrem Begriffe identisch
zukommt", und das ist natürlich die Persönlichkeit Gottes.
Ohne auf die Gotteslehre des 7. und 1. Konvoluts, die ja in der Lite-
ratur ausführlich behandelt ist (man denke an den Streit zwischen Vai-
hinger und Adickes über Gott als Idee oder reale Substanz)31, näher
31
Vaihinger, Philosophie des Als Ob 2 , Berlin 1913, S. 721—733; Adici.es, a . a . O . ,
S. 827—833, dazu Adickes, Kant und die Als-Ob-Philosophie, Stuttgart 1927,
S. 273 ff., F. Lienhard, Die Gottesidee in Kants op. post. (Diss.) Bonn 1923, de
Vleeschauwer, a. a. O., S. 651 ff., jetzt audi J. Kopper, Kants Gotteslehre, Kant-
studien 47/1 (1955/56).

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404 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [5031504]

einzugehen, wollen wir uns, auf die „neue" Deduktion, ihre Voraus-
setzungen und ihre Weiterführung zurückblickend, nur noch die Frage
vorlegen, ob sie nach den angegebenen bzw. von Kant angedeuteten
Momenten ausreicht, ihren Zweck zu erfüllen, oder ob noch Linien zu
ziehen sind, die bestimmten impliziten, d. h. nicht oder nur ganz selten
ausdrücklich genannten, jedoch systematisch nicht zu entbehrenden Ge-
danken Kants entsprechen. Wobei man darauf verweisen kann, daß bei
dem Charakter des Nachlaßwerkes, ja auch früherer Druckschriften, wie
der Kritik der Urteilskraft oder der Kritik der reinen Vernunft, durch-
aus nicht immer das von Kant Gedachte oder Mitgedachte explizit for-
muliert ist32 — sonst wären neun Zehntel aller Kantinterpretationen
völlig überflüssig. |
Es kommt dabei besonders auf den Einfluß der Kritik der Urteils-
kraft auf die Begriffsbildung des Nachlaßwerkes an, worauf sonderba-
rerweise zuerst K. Fischer hingewiesen hat33. Dieser Einfluß ist nicht so
zu verstehen, als könne man die Probleme des Nachlaßwerkes aus denen
der Kritik der Urteilskraft ableiten; nur die in den beiden Einleitungen
zur Kritik der Urteilskraft behandelte Gesetzlichkeit des Besonderen
steht in eindeutiger Beziehung zur Eingangsproblematik des op. post.
— allerdings läßt sich dafür sagen, daß die Kritik der Urteilskraft selbst
die Frage nach der Gesetzlichkeit des Besonderen nicht in vollem Um-
fange aufnimmt, sondern nur im Hinblick auf die Lebewesen in ihrer,
für uns zufälligen, aber doch gesetzmäßigen Systematik (in Form etwa
des Linneschen Systems XX 214 f.)34.
Der zweite Punkt, — wenn man davon absieht, daß auch der Be-
griff des Uberganges in der Kritik der Urteilskraft vorkommt, wenn auch
noch nicht in der späteren Bedeutung (am bemerkenswertesten ist da
vielleicht die Stelle V 416, wo es heißt, daß der „Ubergang" nur die
„Artikulation oder Organisation des Systems und keinen Platz in dem-
selben" bedeute) — ist der des „Weltsystems der Materie", der offenbar
mit dem Begriff der „Weltorganisation" der Kritik der Urteilskraft
wenn nicht zusammenfällt, so doch eng zusammenhängt.

32
Einen interessanten Beleg dafür enthält Zochers Nachweis einer transzendentalen
Deduktion der Ideen (Zeitschrift f. Phil. Forschung X I I 1, 1958) und einer Stufung
des Apriori schon in der Kritik der reinen Vernunft (Zeitschrift f. Phil. Forschung
X V I I 1, 1963).
33
Vgl. K. Fischer, a. a. O., S. 7.
34
Adickes zitiert a. a. O. S. 221 eine Stelle aus Reicke Β 81 (XXI 190, Zeile 1—3),
bei der er die ihm offenbar unverständlichen Worte: „und die Tendenz zur Physik
als organischem System", die sich bei R. auch schon finden, ohne Andeutung weg-
läßt. Anders faßt H. Heimsoeth die Gesetzmäßigkeit des Besonderen in seiner
Mainzer Akademie-Abhandlung: Astronomisches und Theologisches in Kants Welt-
verständnis (1963).

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15041505] Zur Frage der Spätentwicklung Kants 405

Ist das auf der Hand liegend, so kann man den dritten Punkt des
Ineinandergreifens von Kritik der Urteilskraft und op. post, nur als
einen verborgenen bezeichnen: die Stellung des „Organismus" — näm-
lich des menschlichen, psychophysischen, der in der Kritik der Urteils-
kraft nicht behandelt wird35 — innerhalb der „neuen" Deduktion des
Nachlaßwerkes und sein ihm hier zukommender System-(Ganzheits-)-
charakter, der sich nur als teleologischer im Sinne der Kritik der Urteils-
kraft auffassen läßt. „Das durch empirische Anschauung afficirte Sub-
ject (Gegenstand in der Erscheinung)", heißt es X X I I 388 (10. Konvo-
lut), „ist in so fern es sich nach Begriffen selbst afficirt ein organischer
Körper nach den 5 Sinnen anschau | end, gemäs einer Aggregation der
Warnehmungen zu einem System (der Erfahrung) dessen Theile wech-
selseitig gegen einander Zwecke und Mittel sind (einer um des andern
Willen da ist). Dergleichen Product der Natur hat eine nach der Analogie
mit einem Verstände bildende Ursache der Form und kann nicht a priori
sondern nur vermittelst der Erfahrung als Möglich vorgestellt oder ge-
dacht werden." Wird hier nur die Zugehörigkeit des (sich nach Begriffen
affizierenden) Subjekts zu einem organischen Körper betont, und dieser
im Sinne der teleologischen Urteilskraft bestimmt, so heißt es X X I I 481
(11. Konvolut) im Ansdiluß an die Frage nach der „Möglichkeit" eines
organischen Körpers (und das ist wohl die wichtigste der nachzuzie-
henden Linien): „Aber der Mensch hat an sich selbst ein Beyspiel davon
daß ein Verstand bewegende Kräfte enthält die einen Körper nach Ge-
setzen bestimmen."
Also die Aktausstattung ist die eines Menschen, nicht als eines mit
dem transzendentalen Subjekt irgendwie verbundenen empirischen Sub-
jekts, sondern eines Menschen als Organismus, d. h. als eines Ganzen
bzw. Systems (des Besonderen). Wichtig ist, daß Kant — hier schon ge-
wisse Motive des Spätidealismus vorwegnehmend — jede Deduzierbar-
keit (apriorische Denkbarkeit) der Lebewesen im op. post, (und wenn-
gleich nidit so deutlich, auch in der Kritik der Urteilskraft) bestreitet,
weshalb man natürlich nicht sagen kann, im op. post, erfolge zuerst eine
„Deduktion des Leibes als Bedingung der Möglichkeit der Erfahrung" 36 .
Trotzdem benötigen wir die Ganzheit (Systematik) des menschlichen
Organismus, um die „neue" Deduktion auch nur in ihrem Ansatz zu
verstehen. Sie ist nicht möglich bzw. sinnvoll ohne teleologische Refle-
xion auf die Zweck-Gemäßheit des menschlichen Organismus, der — wie
wir vielleicht sagen können — dasjenige System des Besonderen ist, das
durch seine Akte bzw. Aktionen das System des Besonderen außer ihm
erschließt.
35
Natürlich ist in vielfacher Hinsicht vom Menschen und seiner „Naturanlage" (V 415)
die Rede, aber nidit von seiner psychophysischen Organisation.
3i
So Hübner, a. a. O., S. 265.

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406 Zur Analyse des Nachlaßwerkes [505/506]

Nun läßt sich gewiß einwenden, daß damit die phänomenologisch-


immanente „Situation" durchbrochen ist, insofern wir eben mit ihr nicht
auskommen, sondern die „Erfahrung" benötigen — „denn selbst die
Möglichkeit eines organisirten Körpers kann nicht eingesehen werden"
(XXII 373). Dem scheint Kant allerdings im 7. Konvoi, zu widerspre-
chen, wenn er sagt (XXII 78): „Selbst der Organism ist im Bewustseyn
seiner selbst enthalten Das Subject macht seine eigene Form nach Zwek-
ken a priori. Der Instinct ist eine Autonomie des dynamischen Princips
welches | auf einen Mechanism der Selbsterhaltung hinwirkt. Zweck-
einheit. Spontaneität. Veget. Leben."
Wie immer man diese — späte — Stelle interpretiert, eine immanent-
phänomenologische Betrachtung wird nicht aufgehoben, solange man
daran festhält, daß es sich bei der Analyse des Organismus als soldier
um eine Analyse der reflektierenden Urteilskraft handelt, für die es eben
— und das hat ja Kant in der Kritik der teleologischen Urteilskraft ge-
zeigt — spezifische „Phänomene" des Organischen gibt.
Ohne diese Andeutungen zu verfolgen, ist hier nur noch einer In-
terpretation zu gedenken, die an den Organismus-(System-)begrifi an-
knüpft, um von hier aus das Ganze des Kantischen Werkes, insbesondere
die Ätherdeduktion und das „System" der bewegenden Kräfte zu
erfassen. Sie findet sich in D. Mahnkes Arbeit über die Rationali-
sierung der Mystik bei Leibniz und Kant (1939)37. Ausgehend von
dem Zusammenhang zwischen Kants Raumphilosophie und der geo-
metrischen bzw. mathematischen Mystik, von der Kant „gerade bei der
ersten Konzeption seines letzten Werkes im Bewußtsein eine neue Anre-
rung empfangen hat" 38 , sieht Mahnke im Äther als alleiniger Kräfte-
basis „nur eine rationale Verweltlichung des mystischen Gottessymbols
der unendlichen Sphäre", „deren Umfang und Inhalt gänzlich aus ihrem
Einen, überall unmittelbar gegenwärtigen Universalzentrum hervor-
wachsen"39. Und schließlich meint er, daß Kants drei „transzendentale
Reduktionen": des Weltsystems auf den Äther, der Erscheinungswelt
auf das menschliche Bewußtsein, der wahren, sittlichen Wirklichkeit auf
den „Einen göttlichen Urwillen" der Linie Eckhart — Paracelsus —
Böhme — Leibniz angehören40.

57
Blätter f. deutsche Philosophie, XIII, Heft 1—2, 1939, S. 1—73. Dagegen Leise-
gang, Kant und die Mystik, in: Philosophische Studien, 1. Heft 1949, S. 18: Kant
sei die Mystik als Weltanschauung „unbekannt" geblieben. — Siehe audi Mahnke,
Unendliche Sphäre und Allmittelpunkt, Halle 1937, worin allerdings Kant selbst
nicht vorkommt.
38
S. 72.
39
S. 58.
40
S. 72 f.

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[506/507] Zur Frage der Spätentwicklung Kants 407

Man könnte dagegen immerhin einwenden, daß Kant zumeist nicht


vom Aether, sondern von Wärmestoff spricht, und er beide im physika-
lischen Sinne zu unterscheiden sucht (cf. X X I I 214, 9. Konv.), auch
daß der Begriff Weltseele im Nachlaßwerk fast durchgehend abgelehnt
wird. Trotzdem lassen Stellen wie X X I I 109: „Der Begriff oder die
Dichtung eines allerfüllenden Aethers ist gerade das was den Raum zum
Sinnengegenstande macht..." und eine Reihe anderer, die Mahnkesche
Deutung zu. Kein Grund besteht jedoch, das ganze Alterswerk als eine
Art „ Alters |mystik" Kants (ähnlich den Altersspekulationen New-
tons) aufzufassen, und auch der Hinweis auf Schellings „System" bei
Kant (XXI 87, 97) kann nicht bedeuten, daß sich Kant Schellings
„Grundgedanken zu eigen" gemacht habe41, sondern nur, daß er sich
(wie aus X X I 97, Zeile 26 hervorgeht) aus der Erlanger Literaturzeitung
1801 etwas notiert oder zurechtgemacht hat. Das Nachlaßwerk enthält
eben nicht bloß Reflexionen, sondern auch Lesefrüchte und Notizen aller
Art. —
Die Frage nach der „Spätentwicklung" Kants läßt sich nunmehr
dahingehend beantworten: daß 1796—1803 bei Kant im Gewände der
älteren Vorstellungen neue Gedankenverbindungen bzw. Trennungen
(Stufungen) auftreten, die von der Forderung eines „Ubergangs" (von
der allgemeinen Naturmetaphysik zur Physik), Statuierung eines Ele-
mentar^ Welt-)systems der Materie, Ansetzung des Aethers (Wärme-
stoffs) als kategorisch „gegebenen" Stoffs, Aufstellung einer „neuen" De-
duktion der Kategorien, mit Einbeziehung des psychophysischen Pro-
blems bzw. Anwendung des (teleologischen) Organismusbegriffs auf
den Menschen, und daran sich schließender „Selbstsetzungslehre", über
den Doppelbegriff technisch-theoretischer42 und moralisch-praktischer
Vernunft zur Ideenlehre und abschließenden Definition der „Transzen-
dentalphilosophie" führen.
Das ist in gewissem Sinne ein systematischer Zusammenhang, der
aber nicht auf der Hand liegt, sondern interpretiert werden muß — nicht
ohne Rückgriff auf die Kritik der Urteilskraft —, und der auch immer
zuerst als genetischer aufzufassen ist, wobei man nicht die Fixierungen
irgendeines Konvoluts als verbindlich ansehen kann, sondern nur den
Weg von einer Fixierung zur nächsten rekonstruieren darf.
Die Wichtigkeit des op. post, steht dabei außer Frage. Wenn Wein-
handl sagt: „Nicht nur von der Dissertation von 1770 aus nach vor-
wärts, auch vom op. post, aus nach rückwärts müssen die Wege zur Kritik
der reinen Vernunft begangen werden. Denn nirgends sonst scheint der
symphonische Bau des Kantisdien Weltgefüges als so umfassend und so

41
So Mahnke, Die Rationalisierung der Mystik, S. 61, Anm. 106.
42
Über die Bezeichnung technisch/theoretische Vernunft siehe oben S. 352.

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408 Z u r Analyse des Nachlaßwerkes [507]

bestimmt durchgegliedertes Ganzes wie h i e r . . s o ist doch wohl zu


betonen, daß es so etwas wie eine Weiterbildung der kritischen Philoso-
phie seit 1790 gibt, die nicht rückwärts zur Kritik der reinen Vernunft
führt, sondern — wenn man so will — vorwärts zur Philosophie des
Deutschen Idealismus. Aber natürlich ist es unmöglich, heute nodi die
Kritik der reinen Vernunft oder gar Kant im Ganzen darstellen zu wol-
len, ohne Berücksichtigung der Gedankengänge des Nachlaßwerkes.

43
A. a. O., S. 87.

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