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DIE ROLLE VON CONAIE IN DER ERKLÄRUNG

ECUADORS ZUM PLURINATIONALEN STAAT UND


IHRE CHANCEN UND PROBLEME

Von Jennifer Driesner

e-mail: j_drie06@wwu.de

Matrikelnummer: 420458

Seminar: Ethnizität, Rassismus und


(Staats-) Bürgerschaft in Lateinamerika:
Indigene und Afroamerikaner von der
Kolonialzeit bis heute

Dozentin: Prof. Dr. Silke Hensel

Semester: WS 2017/18
INHALT
1. Einleitung.............................................................................................................................2
2. Historischer Kontext der Indigenenbewegung in Ecuador - Über CONAIE und
„Plurinationaltät“........................................................................................................................4
3. Ethnische Aspekte im Movimiento Indígena 1990..............................................................5
4. Die Kernwerte von CONAIE.................................................................................................8
4.1. Die Landforderung - ethnische und materielle Komponente.....................................9
4.2. Identitätspolitik und Plurinationalität......................................................................11
5. Die Organisation als „Verkörperung“ von Plurinationalität..............................................12
6. Fazit....................................................................................................................................15

1
1. EINLEITUNG
Das Ziel CONAIEs1 (Confederación de Nacionalidades Indígenas del Ecuador) war, dass
Ecuador zum plurinationalen Staat erklärt würde. Das Konzept der Plurinationalität sollte
positiv auf das Verhältnis zwischen Staat und Indigenen einwirken. Im Laufe des 20.
Jahrhunderts wurden ethnische Diskurse angeregt, in welchen neue Visionen von
Staatsbürgerschaft entwickelte wurden. Gerade Indigene und Afroamerikaner standen im
Zentrum dieser Auseinandersetzungen, welche sowohl theoretisch als auch praktisch in
Protesten und Gesprächen stattfanden. CONAIE war und ist bis heute eine erfolgreiche
Dachorganisation indigener Organisationen in Ecuador, sodass man sie als repräsentativ für
die Indigenenbewegung in Ecuador bezeichnen kann. Eine umfassende Definition, wer
Indigener ist, ist aufgrund umstrittener und verändernder Kriterien 2 zu aufwendig für diese
Arbeit, doch lässt sich sagen, dass Indigene heute gemäß ihrer Selbstzuschreibung als
Indigene zu sehen seien.3 Zudem unterlägen indigene Völker den vorherrschenden Nationen
eines Landes,4 weshalb es für nötig erachtet wurde, dass die kürzlich entstandene UN-
Arbeitsgruppe für indigene Völker indigene Rechte definierte. Die UN verkündete Rechte für
indigene Völker, worin es unter anderem heißt, dass sie besorgt darüber sei,
„(…) dass indigene Völker unter anderem als Folge ihrer Kolonialisierung und der
Entziehung des Besitzes ihres Landes, ihrer Gebiete und ihrer Ressourcen historische
Ungerechtigkeiten erlitten haben, was sie daran gehindert hat, insbesondere ihr
Recht auf Entwicklung im Einklang mit ihren eigenen Bedürfnissen und Interessen
auszuüben (…).“5

CONAIE bewegte Indigene in Ecuador des Öfteren zu Protesten unter anderem für den
Klimaschutz und für die Vielfalt der indigenen Bevölkerung in Ecuador. Ecuador wurde, in der

1
Auf ihrer Webseite, https://conaie.org/ (zuletzt geprüft am 27.04.2019), veröffentlichen sie neuste politische
Informationen, klären über die Situation von Indigenen in Lateinamerika auf und stellen Projekte und
Einsatzbereiche vor. Es gibt Literaturverweise und Artikel über neuste Vorkommnisse, zudem ganz aktuell einen
Twitter Account.
2
Vgl., Karoline Noack, Indigene ("Indios"), in: Silke Hensel/Barbara Potthast (Hrsg.), Das Lateinamerika-Lexikon,
Wuppertal 2013, S. 152–155.
3
Heute gibt es circa 250 Mio. Indigene weltweit. Kriterien für Indigen-Sein sind umstritten, das wichtigste sei
die „Selbstzuschreibung“ als Indigener, da angesichts der weltweiten Migration sogar das „ursprüngliche“
Territorium kein Argument sei. Diskurse über Indigenität nehmen neue Formen an. Vgl.: ebenda, S. 154.
4
Vgl., Informationsplattform humanrights.ch, Was sind "Indigene Völker?" 20.5.2019.
5
Vereinte Nationen, 61/295. Erklärung der Vereinten Nationen über die Rechte der indigenen Völker,
https://www.un.org/esa/socdev/unpfii/documents/Declaration%28German%29.pdf.

2
Verfassung von 2008 zum plurinationalen Staat erklärt. 6 Inwiefern die Organisation an der
Erklärung zum plurinationalen Staat beteiligt war, soll in dieser Arbeit hinsichtlich der
Probleme und Chancen ihrer Rolle untersucht werden.
In der Forschung ist unumstritten, dass CONAIE die größte Organisation der
Indigenenbewegung ist.7 Es werden jedoch Strategien, Ergebnisse und die Wirksamkeit der
Indigenenbewegung diskutiert. Kaltmeier hebt die politischen Erfolge und die neue
Sichtbarkeit der indigenen Völker hervor. 8 Er erkennt CONAIEs Vorreiterrolle im
identitätspolitischen Feld an, zeigt aber Schwächen auf, die diese innehatte. 9 Eine
ethnogenetische Untersuchung unternahm Whitten, der die Radikalisierung vom Gebrauch
rassistischer Begriffe erläutert und die Indigenenbewegung als Kritik am westlichen Denken
interpretiert.10 Die Indigenenbewegung sei in Teilen eine Bewegung der Befreiung von
dominanten Strukturen gewesen, welche im Symbol von 1992 als Referenz zum
Eroberungsjahr 1492 verkörpert wurde.11 Mijeski und Beck kritisieren die Wahlstrategie der
Indigenenbewegung und behaupten, dass sie sie nicht näher an die Ziele der
Indigenenbewegung brachte.12 Yashar vertritt die Position, dass die Indigenenbewegung in
Ecuador speziell von CONAIE als demokratische, inklusive und pluriethnische Organisation
getragen wurde, was sie zur stärksten Bewegung Lateinamerikas machte.13
In dieser Arbeit wird die Rolle CONAIEs in der Erklärung Ecuadors zum plurinationalen
Staat diskutiert. Da ihr Einfluss auf mehreren Ebenen stattfand, ist die Rolle CONAIEs
umfangreicher als diese Arbeit vermitteln wird. Analysiert werden ethnische Aspekte im
Movimiento Indígena 1990. Dabei wird auf die ethnische Differenz in Ecuador, das
„Movimiento Indígena 1990“ und die damit einhergehende Kontrastierung der Ethnien

6
Constitution of the Republic of Ecuador, 20.10.2008.
7
Vgl., Philipp Altmann, Die Indigenenbewegung in Ecuador, Bielefeld, 2014, 1. Aufl., S. 62.
8
Olaf Kaltmeier, Konjunkturen der (De-)Kolonialisierung: Indigene Gemeinschaften, Hacienda und Staat in den
ecuadorianischen Anden von der Kolonialzeit bis heute, Bielefeld, 2016.
9
Vgl., ebenda, S. 349–363.
10
Vgl., Norman E. Whitten, JR., The Ecuadorian Levantamiento Indígena of 1990 and the Epitomizing Symbol of
1992: Reflections on Nationalism, Ethnic-Bloc Formation, and Racialist Ideologies, in: Jonathan David Hill
(Hrsg.), History, power, and identity. Ethnogenesis in the Americas, 1492-1992, Iowa City, Iowa 1996, S.  193–
218.
11
Vgl., ebenda.
12
Vgl., Kenneth J. Mijeski/Scott H. Beck, Mainstreaming the Indigenous Movement in Ecuador: The Electoral
Strategy, 1998.
13
Vgl., Deborah J. Yashar, Contesting citizenship in Latin America: The rise of indigenous movements and the
postliberal challenge, Cambridge, 2005, S. 85–151.

3
eingegangen. Die erstmalige Forderungsartikulierung und die Kernwerte von CONAIE werden
im Folgenden vertieft. Im letzten Kapitel erfolgt eine Betrachtung der Organisation als
„Verkörperung“ von Plurinationalität.

2. HISTORISCHER KONTEXT DER INDIGENENBEWEGUNG IN ECUADOR - ÜBER


CONAIE UND „PLURINATIONALTÄT“
Erste indigene Organisationen in Südamerika waren in politische Parteien,
klassenbasierten Bewegungen und, im Falle der Shuar Federation, katholischen Missionen
eingebettet.14 1962 entstand das Movimiento Indio Tupac Katari (ab 1962) in Bolivien, in
Mexiko der National Council of Indigenous Peoples (1975) und in Kolumbien der Regional
Indigenous Council of Cauca (1971). In Ecuador entstand 1986 der indigene Dachverband
CONAIE, der bereits 1995 hinsichtlich des politischen und gesellschaftlichen Einflusses
anderen nationalen und latein-amerikanischen indigenen Organisationen voraus war. 15 Diese
vertat die zwei größten indigenen Gruppen in Ecuador, die Organisationen der
sozialistischen Indigenen (Anden) und die der kulturellen Indigenen (Amazonas). Die
politische Lage hatte sich für Indigene zugespitzt, als die hohen Erwartungen des
korporativen Regimes (basierend auf 1937 Leys de Comunas und den Landreformen 1964
und 1973) nicht erfüllt wurden.16 Die Landverteilung wurde als ungerecht empfunden. Dazu
kamen die Forderungen nach verbesserter Versorgung und die Kritik an der Ausbeutung des
Landes. Deswegen blieben Indigene blieben Leidtragende von Diskriminierung und
Rassismus.17
Die klassische Auffassung von „Indigenität“, das heißt vom Indigen-Sein, beinhaltete
die Diskriminierung von Indigenen mit dem Ziel der Assimilierung von Indigenen in die
dominante Kultur Ecuadors.18 „Indigenistas“ erkannten weder die strukturellen Hindernisse
für materiellen Fortschritt, noch, dass indigene Kulturen wertvoll waren und somit beschützt

14
J. Mijeski et al., Mainstreaming the Indigenous Movement in Ecuador: The Electoral Strategy, S. 3.
15
Vgl., ebenda, S. 3.
16
Vgl., Yashar, Contesting citizenship in Latin America, S. 97–99.
17
Vgl., ebenda.
18
Marc Becker, The Limits of Indigenismo in Ecuador, in: Latin American Perspectives 39 (2012) 5, S.  45–62,
hier S. 46.

4
werden mussten.19 Die erfolglose indigene Bewegung der Indigenisten erlaubte jedoch das
Entstehen von bodenständigen und radikalen „grassroots movements“.20
Die erste auf nationaler Ebene ernst genommene Forderungsartikulierung von
indigener Seite an den Staat, fand 1990 während einer von CONAIE koordinierten
Protestaktion statt. An erster Stelle stand die Forderung, dass Ecuador zum plurinationalen
Staate erklärt würde, was 2008 verwirklicht wurde. Nach Fock sind die Konzepte
„Nationalität“ und „Ethnizität“ in eine Ordnung eingebunden, die von Menschlichkeit und
Persönlichkeit vervollständigt wird (Menschlichkeit – Nationalität – Ethnizität -
Persönlichkeit). Die natürliche Position, in die ein Mensch geboren wird, solle innerhalb
dieses Konzeptes verstanden werden. So begegneten sich Nicht-Indigene und Indigene auf
unterschiedlichen Konfliktebenen: Nicht-Indigene definierten Uneinigkeiten
(„disagreements“) als einen Interessenkonflikt über Land und politischer Autorität, während
sich Indigene auf der anderen Seite als ethnische Gruppe verstünden und Diskrepanzen als
unüberbrückbare Konflikte von Werten bezüglich kultureller Normen, Symbole und
Ideologien artikulierten.21 Die verfassungsrechtliche Anerkennung ethnischer Differenz und
besonders indigener Ethnizität war damit von indigener Seite unumgehbar. Das Konzept
Plurinationalität beschreibt die Situation eines Staates, in dem mehrere Nationen gleichzeitig
leben.

3. ETHNISCHE ASPEKTE IM MOVIMIENTO INDÍGENA 1990


Die Bewegung im Jahr 1990 war von der Öffentlichkeit als Aufstand, „levantamiento“
aufgefasst worden. Tatsächlich seien die im Folgenden geschilderten Vorkommnisse als
koordinierte Durchführungen zu sehen, die die Regierung dazu zwingen sollten,
Aufmerksamkeit und Perspektive auf die formulierten Forderungen zu legen. 22 Bis dato hätte
die ecuadorianische Indigenenbewegung wenig geleistet, da die liberalen Leiter der

19
ebenda, S. 46.
20
Vgl., ebenda, S. 46.
21
Niels Fock, Ethnicity and Alternative Identification: An Example from Canar, in: Norman E. Whitten (Hrsg.),
Cultural transformations and ethnicity in modern Ecuador, Urbana (1981), S. 402–419, hier S. 404.
22
Norman E. Whitten, JR., The Ecuadorian Levantamiento Indígena of 1990 and the Epitomizing Symbol of
1992, S. 198.

5
Bewegung nicht radikal genug ihre Forderungen verlautet hätten. 23 Die im Mai organisierte
Indigenenbewegung zeigte jedoch Wirkung auf die nationale Regierung.
Whitten zufolge habe das „Levantamiento Indígena“ im Mai 1990 seinen Höhepunkt
erreicht. Durch das Abschneiden von Handelswegen und die Besetzung von Kirchen waren
Märkte in den Straßen stillgelegt. Währenddessen liefen die Forderungen von CONAIE, die
im nächsten Kapitel näher betrachtet werden, im Radio. Weitere Streiks und gewalttätige
Auseinandersetzungen folgten im Juni und Juli, schildert Whitten. 24 Die mit dem Aufstand
veränderte Wirksamkeit der Indigenenbewegung war zum Teil darauf gegründet, dass
Theorie und Praxis synchron umgesetzt wurden. Konkrete Forderungen wurden theoretisch
erarbeitet und durch praktische Maßnahmen wie die Besetzung einer Kirche umgesetzt.
CONAIE hatte die Indigenenbewegung theoretisch und praktisch auf eine neue Ebene
gebracht.
Fock definiert Ethnizität als kulturelle Artikulation einer ethnischen Gruppe, da die
ethnische Gruppe unmissverständlich als Subsystem eines größeren Systems, beispielsweise
eines nationalen Systems, gesehen wird. Die Art und Weise der Artikulation einer ethnischen
Gruppe werde durch die Machtverhältnisse zwischen dem dominierenden nationalen
System und dem dominierten System bestimmt.25 Die ethnischen Aspekte des speziellen
Ereignisses im Juni/Juli 1990 waren grundlegend für die Indigenenbewegung, da damit die
andauernde Präsenz Indigener gestärkt wurde. Die Gleichzeitigkeit des Protestes und des
andischen Sonnenfestes Inti Raymi26 beispielsweise kann als bewusste Inszenierung von
Ethnizität Indigener und dessen Wiedererstarken gesehen werden. Es stellte einen Auftakt
zur Bewegung im kulturell-religiösen Sinn dar. Symbolhaft wurde daran erinnert, dass
Indigene Ethnien mit eigenen Traditionen und Festen waren. Das Sonnenfest war zudem ein
kraftvoller Festakt, begleitet von Tänzen und Gemeinschaftsspielen, die den Zusammenhalt
untereinander veranschaulichte. An dem Fest wurde deutlich wie verschieden die Werte
innerhalb der Nationen in Ecuador sind. So gibt es in der westlich-christlichen Tradition kein
Fest für die Sonne oder andere Naturerscheinungen. Die Anlehnung an ein indigenes Fest

23
Vgl., Becker, The Limits of Indigenismo in Ecuador, S. 45–62.
24
Norman E. Whitten, JR., The Ecuadorian Levantamiento Indígena of 1990 and the Epitomizing Symbol of
1992, S. 198.
25
Vgl., Niels Fock, Ethnicity and Alternative Identification: An Example from Canar, S. 411.
26
Vgl., Norman E. Whitten, JR., The Ecuadorian Levantamiento Indígena of 1990 and the Epitomizing Symbol of
1992, S. 196.

6
verknüpfte indigene lang bestehende Weltanschauungen mit dem Protest und bestärkte also
indigene Ethnizität.
Auch in einem Statement von CONAIE wird deutlich, dass CONAIE den Protest mit
ethnischen Aspekten verknüpfte: Das „Levantamiento Indígena“ am Vorabend des Inti
Raymi sei eine Herausforderung der Indigenenbewegung gewesen, um eine Verbindung der
Mythen, Träume und Gesellschaftskämpfe zu suchen. 27 14 Jahre später zum Zeitpunkt des
Statements bestand CONAIE auf die kulturell-spirituelle Verbindung des Protestes. Es wird
erkenntlich, dass kulturelle Aspekte von Indigenität mit neuem ethnischem
Selbstbewusstsein ausgedrückt wurden und sich seither entfalteten. Des Weiteren wurden
die Jahreszahlen „1492“ und „1992“ als Symbole für die Indigenenbewegung genutzt. So sei
nach Whitten viel der öffentlichen Rhetorik des „Levantamiento Indígenas“ darauf fokussiert
gewesen, das Jahr 1992 zu dem Jahr zu machen, in dem die Tragödie der
euroamerikanischen Eroberung in einen Triumph der neuen Nation indigener Völker
transformiert würde.28 Das Symbol „1992“ schaffte einen Rückbezug auf das historische
Ereignis der Eroberung im Sinne Indigener. Aus ihrer Perspektive konnten Hoffnungen sowie
Wut auf die Tragödie des Ethnozides während und nach der Eroberung Südamerikas zum
Ausdruck gebracht werden. Die Jahreszahlen bezogen sich außerdem auf das Ereignis, was
indigene Ethnien und die Eroberungsmacht am stärksten kontrastierte. Dieses Ereignis
aufzugreifen, ermöglichte die Differenzierung der indigenen Völker: „Ethnizität“ gewann an
Wichtigkeit. Damit ging auch ein Abgrenzungscharakter einher, dessen Grenzen zwischen
Indigenen und der dominanten Kultur verliefen. Nach Whitten ginge es bei
ethnogenetischen Prozessen um Expansion und Verdichtung von Kontrasten innerhalb und
zwischen menschlichen Aggregaten,29 was bedeutet, dass es zwischen Indigenen und der
ecuadorianischen Mehrheitsgesellschaft zur stärkeren Kontrastierung kam. CONAIE vertiefte
diesen Abgrenzungscharakter durch eine stärkere ethnische Agenda und förderte die
Anerkennung indigener Nationen. Dadurch war eine bessere Differenzierung der
Bevölkerung Ecuadors möglich.

27
Vgl., CONAIE, El Levantamiento Indígena Del Inti Raymi De 1990, https://conaie.org/2014/06/25/1632-2-
1992/ 04.6.2019; Shannan L. Mattiace, From Indigenismo to Indigenous Movements in Ecuador and Mexico, in:
A. Kim Clark (Hrsg.), Highland Indians and the state in modern Ecuador 2007, S. 196–208.
28
Vgl., Norman E. Whitten, JR., The Ecuadorian Levantamiento Indígena of 1990 and the Epitomizing Symbol of
1992, S. 213.
29
Vgl., ebenda, S. 193.

7
Mattiace bezeichnet die neue ethnische Agenda der Indigenenbewegung als Ende der
Assimilierung der indigenen Ethnien und beschreibt die Verstärkung von kultureller
Differenzierung.30 Daraus lässt sich eine der Konsequenzen des „Erwachens“ indigener
Ethnien darin bestimmen, dass Indigene sich nicht mehr auf das westliche Leben
hinbewegten, sondern eigene Interessen und Expressionen auslebten. Es entstand ein neues
indigenes Bewusstsein. Dies hatte große Wirkung auf Konzepte von Staatsbürgerschaft und
Plurinationalität. Konnten Indigene auf Staatsebene nicht nur integriert werden, sondern
sogar politische Strukturen gemäß indigenen Nationen verwirklichen? Die
Selbstbestimmtheit indigener Ethnien würde den Staat nicht nur beeinflussen, sodass Kultur,
Bildung, Gesetze, und Sozialität von Indigenen mitgestaltet werden würden, sie überstieg die
bisherigen Vorstellungen von Multikulturalität und Indigenität. So behauptet Pallares: „the
emergence of this fuller and differentiated citizenship was premised on reimagining the
Ecuadorian nation.”31 Eine neue Vision des Staates Ecuadors und der damit einhergehenden
veränderten Staatsbürgerschaft stand zur Debatte zwischen Indigenen und dem Staat, weil
CONAIE aufzeigte, welche konkreten Interessen von indigener Seite im Staat nicht
zureichend beachtet worden waren. Durch eine verstärkte ethnische Agenda konnte der
Prozess der „Re-Visionierung“ des Staates initiiert werden.

4. DIE KERNWERTE VON CONAIE


Zum Anlass des Protestes 1990 formulierte CONAIE 16 konkrete Forderungen und
verbreitete diese beispielsweise über das Radio. Die zentralen Punkte der
Indigenenbewegung waren die Landforderung und die Forderung nach der Re-definierung
des Staates gewesen.32 Es hieß: „1. A public declaration that Ecuador is a plurinational
country (to be ratified by the constitution). / 2. The government must grant lands and titles
to lands to the nationalities.”33 Weitere Forderungen waren kultureller (Unterstützung
traditioneller Medizin, bilinguale Bildung, indigene Kontrolle über Ausgrabungsstätten),

30
Vgl., Shannan L. Mattiace, From Indigenismo to Indigenous Movements in Ecuador and Mexico, S. 197.
31
Amalia Pallares, Contesting Membership: Citizenship, Pluriculturalisms(s), and the Contemporary Indigenous
Movement, in: A. Kim Clark (Hrsg.), Highland Indians and the state in modern Ecuador 2007, hier S. 141.
32
Vgl., Kenneth P. Jameson, The Indigenous Movement in Ecuador: The Struggle for a Plurinational State, in:
Latin American Perspectives 38 (2011) 1, S. 63–73, hier S. 64.
33
Yashar, Contesting citizenship in Latin America, S. 144.

8
ökonomischer (Verhandlung von Schulden, Zugang zu Krediten und Finanzplanung für
Ökonomie-Entwicklungs-Programme in indigenen Gemeinschaften) und politischer Art (Ende
von zentralistischer Kontrolle über lokale Gemeinden, Vertreibung der „Summer Institute of
Lingusitics“ und, wie schon angedeutet, die Änderung des ersten Artikels der Verfassung, um
Ecuador als plurinationalen und multikulturellen Staat zu erklären). 34
Die Formulierung von 16 Punkten ermöglichte eine klare Übermittlung der Ziele
CONAIEs, die die Regierung nicht ignorieren konnte. Die vereinfachten Formulierungen
vermittelten jedoch wenig über die Hintergründe und die Bedeutung der Forderungen.
Historische Ereignisse müssten wissenschaftlich, und zwar nicht nur aus der Perspektive der
Mehrheitsgesellschaft, neu aufgearbeitet werden. Das Konzept „Plurinationalität“ bedarf
tieferer Bearbeitung, beispielsweise aus historischer, psychologischer, und kultureller
Perspektive. Die jahrhundertelange Ausblendung indigener Nationen und dessen
Konsequenzen, wurde von CONAIE unzureichend beachtet. Das Streben nach der
Verankerung von Plurinationalität in der Verfassung blieb damit eindimensional.
4.1. DIE LANDFORDERUNG - ETHNISCHE UND MATERIELLE KOMPONENTE
Crncic beschreibt die Wichtigkeit der Landforderung, da sie einen materiellen sowie
35
„symbolischen Wert“ habe. Die Landforderung verbinde also zwei Aspekte der
Indigenenbewegung. Crncic führt aus wie Ecuador sich in das Muster der
rohstoffexportierenden Staaten Lateinamerikas nahtlos einreihe. Die wichtigsten
Exportgüter sind Erdöl, Schalentiere, Bananen und Blumen. 36 Konzerne verwehrten
Einwohnern den Zutritt zu ganzen Territorien. Dazu leiden bis heute Gemeinden unter der
Verschmutzung lebenswichtiger Ressourcen wie Wasser.37 Damit geht einher, dass
Landbesitz Möglichkeiten zur ökonomischen Autonomie bestimmt. Diese würde die
Lebensqualität der Indigenen verbessern, da im Zuge der Kapitalisierung des Staates die
Wohngebiete der Indigenen ausgebeutet wurden.

34
Marc Becker, The Children of 1990, in: Alternatives: Global, Local, Political 35 (2010) 3, S.  291–316, hier S.
292.
35
Vgl., Zeljko Crncic, Die indigene Bewegung Ecuadors (CONAIE): Strategien der Nutzung des Framing und der
politischen Gelegenheitsstrukturen. Zugl.: Marburg, Univ., Diss., 2010, Berlin, Münster, 2012, S. 233.
36
Vgl., Zeljko Crncic, Rechte der Natur oder Recht auf soziale Teilhabe?, http://www.quetzal-
leipzig.de/lateinamerika/ecuador/rechte-der-natur-oder-recht-auf-soziale-teilhabe-19093.html.
37
Vgl., Zeljko Crncic, Rechte der Natur oder Recht auf soziale Teilhabe?, http://www.quetzal-
leipzig.de/lateinamerika/ecuador/rechte-der-natur-oder-recht-auf-soziale-teilhabe-19093.html.

9
Nun muss die „symbolische“38 Komponente etwas näher betrachtet werden. Die
Beziehung zwischen Land und Indigenen wird im Manaus Mandate aus dem Jahr 2011
deutlich. Indigene Organisationen aus neun Ländern entwarfen auf dem ersten Amazonas-
Gipfeltreffen ein Mandat zum Schutz des Amazonas. Ausgeführt wurden indigene
Perspektiven und Forderungen zur Reduzierung der Erderwärmung und die Anerkennung
des gesamten Lebens, im Gegensatz zur Kommodifizierung der Natur. 39 So Vertreter
indigener Nationen, dass indigene Völker durch die Kolonialisierung einem Prozess der
Auslöschung unterlegen waren. Indigene Weltanschauung beinhaltete jedoch ein wertvolles
„ancestral knowledge“ über die Natur, welches mehrere Jahrtausende bestanden hatte und
naturbewahrend war. So wurde die Erde als „Mother Earth“ und ihre Bewohner als „children
of color of the earth“ gesehen. Demnach sei das Ziel „harmony“ auf der Erde herzustellen.
Auffallend ist auch die Selbstbezeichnung als „guardians of their services“, was sie in eine
Verwalterposition der Erde stellte. Indigene waren eng mit dem Land verbunden, im
kulturellen, historischen sowie spirituellen Sinne, was die Landforderung um jene
Komponente erweiterte. Diese Verbundenheit mit der Erde, und das daraus entstandene
Wissenserbe, stellte Indigene außerdem in eine Position der Autorität, aus der sie das
Verhältnis der Regierung zur Natur kritisierten.
Zum ersten Mal wurden indigene Perspektiven auf die Welt formuliert und
veröffentlicht. Das Manaus Mandate war ein Ergebnis, resultierend aus dem Erstarken
indigener Ethnien. Man kann sagen, dass es verdeutlicht, dass Indigene mit einem erstarkten
Selbstbewusstsein auftraten. Durch die Kritik am Ausbeutungsverhalten des Staates
positionierten sich indigene Ethnien konkret und forderten Einfluss in Regierungsbelangen.
Die Landforderung war essenzieller Bestandteil indigenen Selbstbewusstseins und CONAIE
stärkte die ethnische Komponente dieser Forderung.
Der Protest aufgrund ethnischer Argumente zeigte, dass die Probleme des Staates
nicht bloß materieller Natur waren. Die Indigenenbewegung agierte aus einer neuen
ethnischen Zielrichtung und identitätspolitischer Motivation, was für den Staat eine viel
größere Herausforderung gewesen sei, als mit ökonomischen Forderungen konfrontiert zu
werden,40 so Jameson. Es war die Entwicklung von einer klassenbasierten zur ethnischen und
38
Crncic, Die indigene Bewegung Ecuadors (CONAIE), S. 233.
39
Vgl., the Amazonian indigenous peoples and national organizations from nine countries, Manaus Mandate,
http://indigene.de/fileadmin/indigene/dokumente/Ingles-Mandato.pdf 03.6.2019.
40
Vgl., Jameson, The Indigenous Movement in Ecuador: The Struggle for a Plurinational State, S. 66.

10
ökonomischen Ausrichtung der Bewegung, die der Wirkung von CONAIE seine
Durchschlagskraft verliehen und die Landforderung vereinte beide Ausrichtungen. So
bestätigt Yashar:
„(…)And those Andean leaders in ECUARUNARI who had initially seen land as a largely
productive material resource were convinced by their peers in ECUARUNARI,
CONFENAIE, and CONAIE that land was also a cultural and political basis for
indigenous survival. As the ethnic agenda within ECUARUNARI therefore became
dominant, and land and local autonomy became a common demand. Land demands
have come to represent, therefore, a defense of the very space in which indigenous
people define and govern themselves.”41
So lässt sich feststellen, dass CONAIEs Mitwirkung darin bestand, dass Indigene Land aus
ethnischer und aus materieller Motivation forderten.

4.2. IDENTITÄTSPOLITIK UND PLURINATIONALITÄT


Plurinationalität bedeutet unter anderem, dass die vielfältigen ethnischen
Perspektiven auf Land und Regierung anerkannt werden. Die Sichtbarkeit von Indigenen
sollte in der Konstitution Ecuadors verankert sein. Die Regierungsstruktur des Staates
Ecuador, wie sie bisher existierte, wurde angezweifelt. Die Regierung wurde gezwungen,
andere Nationen im Land wahrzunehmen. Mit neo-liberalen Vorstellungen einer homogenen
Nation sei eindeutig gebrochen worden.42 Auf lange Sicht ist dies als Erfolg zu sehen, doch da
die weiteren Forderungen vom Staat nie umgesetzt wurden, blieben auch die zentralen
Forderungen visionär. Die Erklärung zum plurinationalen Staate entsprach den
ausgeweiteten Forderungen auf politischer, kultureller und materieller Ebene, wie CONAIE
sie forderte, nicht.
Über die zentralen Forderungen wird die Autorität der Indigenen im Staat gefordert
und die indigenen Bewegungen profilierten sich als identitätspolitische Bewegung. Indigene
forderten bewusst politische Selbstbestimmung, was mehr bedeutete als der kulturelle
Begriff „pluriethnisch“ und die inbegriffene Forderung nach kultureller Entfaltung. Die
politische Ebene des Konzeptes „Plurinationalität“ umfasste die Forderung nach Freiheit zur
Mitbestimmung und Gestaltung von eigenen Strukturen. Es müsste eine vielfältige
Regierungsgewalt existieren, um die Bevölkerung angemessen zu repräsentieren. Die
Forderung nach Plurinationalität war aber umfangreicher. CONAIE forderte, dass der Staat
indigene Nationalitäten finanziell fördern sollte und ihnen erlauben sollte, ihre eigenen
41
Yashar, Contesting citizenship in Latin America, S. 140.
42
Vgl., Kaltmeier, Konjunkturen der (De-)Kolonialisierung, S. 349.

11
Prioritäten zu entwickeln und durch eine eingesetzte indigene Verwaltung umzusetzen, 43
was auf erhöhte Unabhängigkeit bis hin zu eigenen Regierungsstrukturen verweist. Die
Forderung nach Plurinationalität war also ein Ruf nach konstitutioneller Anerkennung
indigener Regierungsstrukturen. CONAIE war 1998 nicht damit zufrieden gestellt, dass
Ecuador als „pluricultural y multiétnico“ 44 definiert wurde. Stattdessen verstärkten sie den
Druck auf den Staat.45
Das identitätspolitische Bestreben CONAIEs war ein Gewinn für den ethnischen
Diskurs in Ecuador, jedoch hatte die Veränderung nur auf theoretischer Ebene
stattgefunden. Kaltmeier würdigt die partielle Erfüllung der Forderung nach kultureller
Anerkennung, erläutert aber, dass die Forderungen nach Verteilungsgerechtigkeit und
soziale Veränderungen ignoriert worden seien. 46 Während CONAIE also erfolgreich in der
Forderung nach Plurinationalität in Ecuador war, wurden Forderungen nach Verbesserung
der Lebensqualität für Indigene vernachlässigt. CONAIEs einseitiges Interesse an der
konstitutionellen Verankerung von Plurinationalität ließ zu, dass die Wichtigkeit der anderen
Forderungen nicht vermittelt wurde. Man erkennt, dass der wirtschaftlich-soziale Ursprung
CONAIEs, aufgrund der großen materiellen Not der Indigenen, in den Hintergrund geraten
war. Durch die Zentrierung der ersten beiden Forderungen gerieten die weiteren
Forderungen mit stärkerer praktischer Ausrichtung aus dem Blickfeld und die Bewegung
entwickelte sich stark einseitig.

5. DIE ORGANISATION ALS „VERKÖRPERUNG“ VON PLURINATIONALITÄT


CONAIE gehörten landlose Bauern, Minifundisten (Kleinbetriebe), relativ isolierte
indigene Gemeinschaften, lokale Eliten, verschiedene Gruppen des informellen urbanen
Sektors sowie städtische Intellektuelle an.47 Diese Zusammenarbeit von Indigenen
verschiedener Herkunft und Schichten bildete ein starkes Fundament für die
Indigenenbewegung und vergrößerte den Einfluss CONAIEs. Im Prozess seien Indigene zum

43
Vgl., Norman E. Whitten, JR., The Ecuadorian Levantamiento Indígena of 1990 and the Epitomizing Symbol of
1992, S. 196.
44
Constitución Política De La República Del Ecuador, 1998.
45
Jameson, The Indigenous Movement in Ecuador: The Struggle for a Plurinational State, S. 66.
46
Vgl., Kaltmeier, Konjunkturen der (De-)Kolonialisierung, S. 353.
47
Vgl., Crncic, Die indigene Bewegung Ecuadors (CONAIE), S. 231.

12
einen mächtige politische Akteure mit vielen Stimmen geworden,48 zum anderen „eine laute
Stimme“49, die sich von der vorherrschenden Stimme Ecuadors abgrenzte. Dadurch, dass
CONAIE aus verschiedenen Organisationen bestand, wurden diese vielen indigenen Stimmen
zu einer.
Die ecuadorianische Indigenenbewegung war im Ursprung eine kommunistische
Bewegung der Landarbeiter. So wurde 1944 die erste indigene Organisation Federación
Ecuatoriana de Indios (FEI) gegründet, die sich dann von ihren kommunistischen Gründern
distanzierte und sich mehr auf die dringende Forderung nach eigenem Land konzentrierte.
Ab 1964, zwei Agrarreformen später, organisierten sich Indigene zunehmend in
50
Kooperativen und Dorfgemeinschaften, was eine intensivere Indigenisierung bedeutete.
Man kann hier erkennen, dass der Indigenenbewegung bereits zu Beginn Abgrenzungs- und
Zusammenschlussprozesse zugrunde lagen. Dass die Basis der Dachorganisation aus lokalen
und regionalen Organisationen bestand, wird ebenfalls ersichtlich.
Die lokalen Organisationen gründeten regionale Koordinationsstellen, woraus 1972
die Ecuador Runacunapac Riccharimui („Erwachen der ecuadorianischen Indígenas“,
ECUARUNARI) entstand, eine überregionale Organisation der hochländischen Indigenen. 51
Mit dem Entstehen ECUARUNARIs wurde die Landforderung auf höherer Ebene weiter
vertreten. CONFENAIE war der Teil ecuadorianischer Indigener, der an kultureller
Interessenvertretung beteiligt war. Hier wird die oben angedeutete (4.1) ethnische und
materielle Interessenverknüpfung im Zusammenschluss der Organisationen deutlich. Weiter
beschreiben Ströh und Crncic, dass es Anfang der 1980er Jahre häufiger zu einer
Zusammenarbeit der indigenen Organisation des Amazonasgebietes und der Sierra kam.
Trotz Differenzen kam es 1986 zum Zusammenschluss der Indigenen aus dem
Amazonasgebiet und den Anden. Ströh erläutert, dass Vorurteile und Abgrenzungen im
Sinne von gemeinsamen Forderungen beiseitegeschafft oder dem gemeinsamen Ziel

48
Vgl., Yashar, Contesting citizenship in Latin America, S. 151.
49
Vgl., ebenda, S. 159.
50
Christiane Ströh, Die indigene Bewegung in der Politik Ecuadors: Neue Akteure und ein neuer Stil, in: Rafael
Sevilla (Hrsg.), Ecuador. Welt der Vielfalt; [Länderseminar des Zentrums für Wissenschaftliche Kommunikation
mit Ibero-Amerika, CCC Tübingen in Verbindung mit dem Instituto Latinoamericano de Investigaciones Sociales,
ILDIS Quito, Bad Honnef 2005, Orig.-Ausg, S. 81–100, hier S. 82–83. Vgl., Crncic, Die indigene Bewegung
Ecuadors (CONAIE), S. 229
51
Vgl., Crncic, Die indigene Bewegung Ecuadors (CONAIE), S. 229; Vgl., Christiane Ströh, Die indigene Bewegung
in der Politik Ecuadors: Neue Akteure und ein neuer Stil, S. 83.

13
untergeordnet worden seien.52 Yashar merkt in einer Fußnote an, dass die Spannungen auch
nach dem Zusammenschluss bestanden.53
Differenzen muss es auf vielfältige Weise gegeben haben. Zunächst sind die Sub-
Organisationen von verschiedener geographischer Herkunft: aus dem Hochland, der
Küstenregion und dem Amazonasgebiet. Damit bestanden bereits mindestens drei
verschiedene Interessen: materielle ethnische und ökologische Interessen. In der Diversität
ist die Wahrscheinlichkeit von Meinungsverschiedenheiten begründet. Sich dennoch zu
vernetzen, führte zu Problemen. Die Problematik der Netzwerkdynamik wurde besonders
sichtbar, als CONAIE über die Partei Pachakutik politisch wirksam wurde. Die
Herausforderung, diverse Gruppen zu vereinen und die implizierten Assimilationsprozesse
werden von Mijeski und Beck in Bezug auf den wahlbezogenen Werdegang der
Indigenenbewegung kritisiert. So sei Pachakutik auf nationaler Ebene fragwürdige Allianzen
und Kompromisse eingegangen.54 Die Verbundenheit der Partei mit der Organisation
verstärkte somit Probleme und Chancen der Netzwerkarbeit für die Indigenenbewegung.
Yashar würdigt CONAIEs Eintritt in die Wahlpolitik und die damit verbundenen Erfolge, das
heißt eine Anzahl an Regierungssitzen und die Mitarbeit an der pluriethnischen Ausrichtung
der Konstitution 1998.55 Allerdings relativiert sie diese auch. CONAIE habe bedeutsame
indigene Politiker hervorgebracht, unterstütze jedoch die vielfachen politischen Strömungen,
die in dem Prozess entstanden seien, nicht.56
Im Prozess der Assimilation und Abgrenzung als indigene Ethnien in einer
Dachorganisation empfanden sich indigene Völker als eine selbstbestimmte Gewalt. Ströh
beschreibt die Entstehung der indigenen Bewegung in Ecuador als beeindruckenden Prozess,
der die Wurzel ihrer aktuellen Stärke sei.57 Das heißt, CONAIEs nationaler Einfluss ist auf den
hintergründigen Auseinandersetzungen zwischen verschiedenen indigenen Organisationen
aufgebaut. Einerseits sei CONAIEs internationaler Erfolg auf der regionalen Netzwerkarbeit
aufgebaut.58 Andererseits mussten Differenzen zwischen einzelnen Organisationen sensibel

52
Vgl., Christiane Ströh, Die indigene Bewegung in der Politik Ecuadors: Neue Akteure und ein neuer Stil, S. 83.
53
Vgl., Yashar, Contesting citizenship in Latin America, S. 132.
54
Vgl., J. Mijeski et al., Mainstreaming the Indigenous Movement in Ecuador: The Electoral Strategy, S. 16.
55
Vgl., Yashar, Contesting citizenship in Latin America, S. 150–151.
56
Vgl., ebenda, S. 151.
57
Vgl., Christiane Ströh, Die indigene Bewegung in der Politik Ecuadors: Neue Akteure und ein neuer Stil, S. 82.
58
Vgl., Yashar, Contesting citizenship in Latin America, S. 151.

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ausbalanciert werden und es machte den Anschein, dass regionale Organisationen an
Einfluss verloren. CONAIE war eine Dachorganisation, die viele indigene Nationen vertrat,
was zu Spannungen zwischen indigenen Nationen und der indigenen Nation führte.
Jameson behauptet, dass der Zusammenschluss der beiden größten Organisationen
Ecuadors der wichtigste Schritt gewesen sei, da CONAIE, das Konzept „Plurinationalität“
verkörperte.59 CONAIE war eine Verkörperung des Konzeptes „Plurinationalität“. Dies war
durchaus als Chance für die Verbreitung der Bewegung zu sehen. Allerdings
veranschaulichten Auseinandersetzungen zwischen Sub-Organisationen auch, dass es auch
auf staatlicher Ebene noch viel auszuhandeln gab.

6. FAZIT
CONAIEs Rolle im Prozess, Ecuador zum plurinationalen Staat zu erklären, ist in
mehreren Aspekten zu sehen. Das Movimiento Indígena 1990 war nicht nur eine politische
und soziale Protestaktion, sondern, da sie in der Festzeit für andische Indigene (Sonnenfest)
stattfand, ein Ausdruck von Ethnizität. Auch die als Symbole genutzten Jahreszahlen „1492“
und „1992“ schafften einen Rückbezug auf das Eroberungsereignis und die in der
Entstehungsgeschichte des Landes verwurzelte Spannung zwischen den Nationen aus
indigener Perspektive. Die Bewegung differenzierte stärker zwischen Indigenen und
Ecuadorianern, begünstigte ethnogenetische Prozesse. CONAIE förderte indigene ethnische
Präsenz und bestärkte damit indigene Nationalitäten.
Die Formulierung von konkreten Forderungen wirkte auf die nationale Regierung.
Durch die Vereinfachung indigener Situation gingen jedoch Hintergründe und Bedeutung der
Forderungen verloren. CONAIE verknüpfte ethnische und materielle Ziele der
Indigenenbewegung. Die Organisation CONAIE vermochte sich auf diese Art und Weise aus
dem herkömmlichen politischen Blickwinkel herauszubewegen und erschuf die ethnische
Vision für den Staat Ecuador. Der Diskurs über Staatsbürgerschaft wurde durch die
Bewegung öffentlich neu entfaltet, was die Grundlage für die Erklärung zum plurinationalen
Staat war. Neben diesem Erfolg wurden jedoch Forderungen nach Verbesserung der
materiellen und gesellschaftlichen Situation vernachlässigt. Man könnte erforschen, ob die

59
Vgl., Jameson, The Indigenous Movement in Ecuador: The Struggle for a Plurinational State, S. 65.

15
theoretische, das heißt verfassungsrechtliche Veränderung, die CONAIE erreichte, auf Dauer
ein stärkeres Fundament für die Verbesserung für die materielle Situation Indigener schaffe.
CONAIE vertrat als Dachorganisation Indigene verschiedener Nationen, was den
Erfolg auf nationaler Ebene garantierte. Die Struktur der Dachorganisation schuf eine
gemeinsame Front, die nicht ignoriert werden konnte. Die vorhergegangenen Abspaltungen
und Zusammenschlüsse gewährten das Entstehen einer einzigen für die Indigenenbewegung
repräsentative Organisation. Die Netzwerkdynamik und strukturelle Organisation von
lokalen Organisationen bis zu einer nationalen Organisation hatte auch Nachteile. So war die
Organisation mit Konfrontationen innerhalb der Organisation beschäftigt. Die plurinationale
Situation von CONAIE offenbarte die Spannung zwischen indigenen Nationen und einer
indigenen Nation.

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