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Bolivien: Diese verfluchten Bodenschätze

Unter der Salzwüste von Uyuni liegt das größte


Lithiumvorkommen der Erde. Doch dieser Reichtum
droht dem Land zum Verhängnis zu werden.

Von Joachim Jachnow | jacobin.de

Hoch in den Anden, 3.700 Meter über dem Meeresspiegel, liegt in einem
abgelegenen Winkel Boliviens eine schneeweiße, fast endlos
erscheinende Ebene. Begrenzt wird diese allein von Tunupa, Kusku und
Kusina, bei denen es sich einer Legende der Aymara zufolge um zu
Bergen gewordene Giganten handelt: Tunupa heiratete Kusku, aber

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Kusku verließ sie für Kusina. Während Tunupa in Gram den mit Kusku
gezeugten Sohn stillte, mischten sich ihre Tränen mit der Muttermilch
und ergossen sich in das Tal zu ihren Füßen. Auf diese Weise entstand
die größte Salzebene der Welt, von den Spaniern später »Salar de
Uyuni« genannt – von den Nachkommen der präkolumbinischen
Aymara auch heute noch »Salar de Tunupa«.

Auf 10 Milliarden Tonnen Salz wird das Vorkommen der später mit
über 10.000 Quadratkilometern als größte Salztonebene der Welt
vermessene Formation geschätzt. Etwa 25.000 Tonnen davon werden
jährlich mühsam von Salzarbeitern gewonnen, von denen manche mit
ihren Familien in ärmlichen Verhältnissen in der Bergbaustadt Uyuni
leben, während andere stundenlange Anfahrtswege für den harten
Broterwerb auf sich nehmen müssen.

Weiße Tränen

Unter der Salzschicht von Uyuni befindet sich jedoch ein noch weitaus
größerer Schatz: das größte Lithiumvorkommen der Welt. An letzterem
finden die multinationalen Industriekonzerne – insbesondere der
Hightech- und Autobranche – in den letzten Jahren zunehmend
Interesse. Denn deren Hunger nach dem leichtesten Metall der Erde
wächst im rasanten Gleichschritt mit dem nach leistungsstarken
Batterien. Sie benötigen es unter anderem für die Akkus von Laptops
und Smartphones, für die Großspeicher von Solarsystemen sowie für
Medikamente – vor allem aber für die allseits propagierte Mobilität der
Zukunft: das Elektroauto.

Lithium gilt daher als das neue, das »weiße Gold« des 21. Jahrhunderts
– doch den Menschen in Bolivien könnte auch dieser Goldrausch mehr
Schaden als Nutzen bringen. Für sie waren die immensen
Mineralvorkommen des Landes in der Vergangenheit niemals Quell
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eigenen Wohlstands, wohl aber Ursache schlimmster Ausbeutung und
Zerstörung ihrer ursprünglichen Lebensgrundlagen.

Der Salar de Uyuni liegt im Bundesstaat Potosí, dessen gleichnamige


Hauptstadt am Fuße des Cerro Rico Sinnbild für das unermessliche
Menschheitsverbrechen geworden ist, das die europäischen
Konquistadoren an den von ihnen unterworfenen Völkern verübten:
Potosí kam dem fiebrig gesuchten El Dorado, dem Traum der
Konquistadoren nach einem unerschöpflichen Reichtum an
Edelmetallen nahe – und wurde zum Alptraum der Eroberten; nur
wenig später auch vieler Menschen aus Afrika, die aus ihrer Heimat
verschleppt und zur Sklavenarbeit in den Minen gezwungen wurden.
Der Sprudelnde Reichtum für Europas Banken und Staaten bedeutete
für sie »Ausrottung, Versklavung und Vergrabung in die Bergwerke«, wie
Karl Marx Jahrhunderte später schrieb, wobei er zugleich, in zynischen
Worten, in »diesen idyllischen Prozessen (…) die Morgenröte der
kapitalistischen Produktionsära« ausmachte. Historikerinnen und
Historiker schätzen die Zahl der seit der Eroberung in den Bergwerken
zu Tode Geschundenen auf Hunderttausende.

Und die Geschichte ist nicht zu Ende: Anfang des 21. Jahrhunderts war
Bolivien weiterhin das mit Abstand ärmste Land des amerikanischen
Kontinents; ebenso floss der Bärenanteil der Gewinne aus der
Exploitation von Edelmetallen, Gas und Petroleum weiterhin ins
Ausland. Noch 500 Jahre nach der Conquista arbeiten die
bolivianischen Mineros unter lebensbedrohlichen Bedingungen,
Tausende von ihnen sind noch Kinder. Auch mit den verheerenden
Umweltschäden des Bergbaus – etwa der Vergiftung des Trinkwassers
durch die von Schwermetallen verseuchten Abwässer – haben
Menschen wie Natur weiterhin zu kämpfen.

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Morales’ Vermächtnis

Angesichts dessen verwundert es nicht, dass die Bergleute Boliviens


einen kaum zu überschätzenden Anteil an der Bewegung zum
Sozialismus (MAS) hatten, die 2006 mit Evo Morales erstmals einen
Indigenen ins Präsidentenamt hob. Der Aymarer war schließlich mit
dem Versprechen angetreten, dass die Bodenschätze von nun an dem
Wohlstand der Bevölkerung und der Entwicklung des Landes dienen
sollten – nicht mehr den Börsengewinnen der modernen
Konquistadoren in Form westlicher Konzerne und ihrer kleinen Zahl
Verbündeter aus der weißen Oberschicht Boliviens.

Zu diesem Zweck sollte der Zugriff auf die natürlichen Ressourcen nicht
nur wieder unter staatliche Kontrolle gebracht werden – vor allem gelte
es, Bolivien aus seiner Rolle als Lieferant von Rohstoffen zu
Dumpingpreisen an die Industrien des Nordens zu befreien. Die
Geschichte von Potosí dürfe sich nicht wiederholen – ob es nun um
Lithium, Eisen oder Erdöl ginge. Stattdessen müsste Bolivien endlich die
Weiterverarbeitung seiner eigenen Rohstoffe in Angriff nehmen. In
seiner Antrittsrede mahnte Morales: »Anders werden wir Bolivien nie
verändern können.«

Die Erfolge der knapp 14-jährigen Regierungszeit von Morales’ MAS


waren beträchtlich. Durch die neue Wirtschaftspolitik erwarb der Staat
die nötigen Mittel für eine Sozial- und Bildungspolitik, die die extreme
Armut halbierte, das Pro-Kopf-Einkommen verdreifachte und den
chronischen Analphabetismus drastisch reduzierte. Die Rechte der
Indigenen wurden nicht nur in der Verfassung des neuen
plurinationalen Staates festgeschrieben – sie materialisierten sich durch
diese Politik auch jenseits des Symbolischen. Erstmals in der Geschichte
der Republik konnte sich die überwältigende Bevölkerungsmehrheit
echte Partizipation und Macht erkämpfen.
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Auf den Kopf zu stellen vermochte die Regierung in La Paz die Realität
der über Jahrhunderte zementierten Abhängigkeit der ehemaligen
Kolonie in dieser kurzen Zeit freilich nicht. Doch bei der Verstetigung
der immensen Fortschritte, die sie erzielte, sollte dem Lithium von
Uyuni eine Schlüsselrolle zukommen: Mittlerweile war dessen
Vorkommen auf nicht weniger als 100 Millionen Tonnen geschätzt
worden. Schon zu damaligen Marktpreisen entsprach dies der
phantastischen Summe von mehr als 1,5 Billionen US-Dollar, was dem
Land und seinen Menschen eine bislang ungeahnte Prosperität bringen
sollte.

Um die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen, wollte die


Regierung diesmal alles anders machen. Nicht nur wollte man den
Abbau des Minerals selbst in die Hand nehmen, auch dessen
Weiterverarbeitung und selbst die Produktion eigener Lithiumakkus
über eigene Herstellungsketten wurde mit der Gründung eines
staatlichen Betriebs angegangen. Gleichzeitig wollte man dabei hohe
Umweltstandards einhalten – anders als die privaten Bergbaukonzerne
der Multis in den Nachbarländern Argentinien und Chile, die den
Lithiumabbau ohne Rücksicht auf Flora und Fauna betreiben und
hinterher giftige Wüsten hinterlassen.

Nach beachtlichen Anfangserfolgen geriet das ambitionierte Vorhaben


jedoch ins Stocken – der Preisverfall der Rohstoffe in den 2010er Jahren
machte auch der bolivianischen Regierung zu schaffen. Innere
Widersprüche – auch innerhalb des eigenen Lagers – brachen auf.
Während beispielsweise einige Kooperativen der Bergleute auf die
Lockerung der neuen Umweltauflagen drängen, gingen diese Regelungen
vielen indigenen Assoziationen noch längst nicht weit genug. Soziale
Proteste mehrten sich und wurden noch von besonders
rückwärtsgewandten Teilen der Oberschicht angefacht – an vorderster
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Front von den Großgrundbesitzern und Rinderzüchtern aus dem
Departement Santa Cruz, die in ihrem Bemühen, eine umfassende
Agrarreform zu verhindern, auch offen mit Sezession drohten.

Die Regierung ließ sich nicht beirren und erklärte öffentlich, dass man
nicht nur zur Lithium-Potenz aufsteigen, sondern dadurch schon in
naher Zukunft auch den Weltmarktpreis des begehrten Stoffes
bestimmen wolle. Vielleicht ein Leichtsinn – denn im Kontext des
globalen Ressourcenkriegs kam das einer Kriegserklärung gegenüber
den Interessen des Westens an einer billigen Lithiumversorgung seiner
Industrien gleich.

Nach Elon die Sintflut

Nach den Wahlen im vergangenen Oktober, in denen Morales für eine


dritte Amtszeit wiedergewählt worden war, sah sich dieser zum Rückzug
gezwungen, als es einer gewaltbereiten, von der radikalen Rechten des
Landes konzertierten Opposition gelungen war, Polizei und Militär auf
ihre Seite zu ziehen. Diese hatte der Regierung Wahlbetrug unterstellt –
ein Vorwurf, der mittlerweile unter anderem von einer Studie des
renommierten MIT Election Lab als völlig haltlos widerlegt wurde. Doch
die Tatsachen waren schnell geschaffen: Eine selbsterklärte
Interimspräsidentin, führendes Mitglied einer christlich-
fundamentalistischen Vier-Prozent-Partei, verkündete bei ihrer
Selbstinthronisierung mit der Bibel in der Hand, die »Indios« wieder
dahin schicken zu wollen, wo sie hingehörten – zurück ins unwirtliche
Hochland.

Um weitere Massaker zu verhindern, wie sie in den Tagen der Gewalt an


Regierungsanhängern verübt wurden, flüchtete sich Morales ins
politische Exil. Seine Erklärung, dass als zentrales Motiv hinter dem
Putsch auch der geopolitische Griff der USA nach den Lithiumreserven
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des Salar de Uyuni gestanden habe, wurde von den westlichen
Mainstreammedien als Verschwörungstheorie abgetan, wenn nicht
einfach unterschlagen.

Erst Elon Musk, dessen Automobilkonzern Tesla in wenigen Jahren zu


einem der größten Interessenten am Lithiumgeschäft aufgestiegen ist,
sorgte nun Ende Juli 2020 wenigstens für etwas Aufklärung. Mit
brachialer Ehrlichkeit beantwortete er den auf Twitter vorgebrachten
Vorwurf, die US-Regierung habe den Coup gegen Evo Morales in
Bolivien organisiert, um Tesla an das dortige Lithium zu verhelfen, mit
den Worten: »Wir putschen gegen wen wir wollen.« Das Kräfteverhältnis
ist klar: Allein Musks Privatvermögen übertrifft um 28,5 Milliarden das
bolivianische Bruttoinlandsprodukt von 40,9 Milliarden US-Dollar.

Mittlerweile wurde der Tweet gelöscht, doch die Verhandlungen mit der
sogenannten »Interimsregierung« dürften hinter den Kulissen bereits
laufen. Diese hatte bereits kurz nach ihrer Machtübernahme erklärt, die
Lithiumvorkommen im Uyuni für multinationale Großkonzerne zu
öffnen. Ein Regierungsmitglied lud Musk per Tweet dazu ein, eine neue
»Gigafactory« für seine Autobatterien im Uyuni zu bauen – am von der
MAS-Regierung aufgebauten staatlichen Lithiumunternehmen vorbei
und, wie zu erwarten ist, ohne nennenswerte Abgaben an den
bolivianischen Staat, ohne große Rücksicht auf Arbeits- und
Menschenrechte und ohne profitmindernde Umweltschutzauflagen.

Während die Putschregierung in La Paz unter dem Deckmantel


weitreichender Corona-Maßnahmen Proteste unterdrückt, die in
Umfragen mit Abstand führende MAS kriminalisiert und die
angekündigten Neuwahlen bereits zum dritten Mal verschoben hat,
bahnt sich im Uyuni für das multinationale Kapital einmal mehr eine
Bonanza an. Den Menschen in Bolivien hingegen könnte der sagenhafte
Reichtum ihres Landes erneut zum Fluch gereichen.
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