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TB8 Reproduktion, Entwicklung und Alterung; Bereich Medizinische

Soziologie; Sommersemester 2020

Reproduktion und Entwicklung


von Gesellschaften, Gruppen und
Individuen: Prinzipien und
gesundheitliche Folgen

Screencast 2: Demographie
Thesen 1. Werden wir bald alle älter?
2. Macht die Medizin uns alt?
3. Wird die alternde Gesellschaft
„krank und pleite“ sein?

„Wenn die moderne Medizin weiterhin so


großartige Fortschritte macht, werden wir bald
alle alt, krank und pleite sein.“
Gerhard Kocher

Kocher G (2000) Vorsicht, Medizin! – Aphorismen zum Gesundheitswesen und zur Gesundheitspolitik, 2.,
erweiterte Auflage mit 878 Zitaten, Ott Verlag, Thun, 2000
Lässt uns die Medizin älter werden? Historischer
Hintergrund der Lebensverlängerung

Sicherung der elementaren


Lebensgrundlagen (Nahrung,
Zeit (Transformationsphasen)

Schutz)

Verbesserung der sanitären Lage

Verbesserung der allgemeinen


Lebens- und Arbeitsbedingungen

Medizinischer Fortschritt

Prävention

Bildquelle (ops): wikimedia commons


Weiterhin? Prognose: Internationaler
Vergleich legt weiteren Anstieg der LE nahe

Deutschland 2012
Männer: 78
WHO (2014) World Health Statistics 2014. Geneva. p.43 Frauen: 83
Prognose LE: Die Entwicklung hängt aber von vielen
Faktoren im Lebenslauf der Generationen ab

Quelle: Statistisches Bundesamt 2019


Ein aktuelles Beispiel
z.B.: in der Folge von Krisen,
sich verschlechternden
 In den USA ist die Lebensbedingungen u.Ä. kann
Lebenserwartung seit 2014 die LE stagnieren oder gar
sinken.
erstmalig seit 50 Jahren wieder
rückgängig (JAMA, Woolf und
Schoomaker) und steigt nicht
wie in anderen Ländern weiter.

 Vor allem erhöhte


Sterblichkeitsrisiken durch
Drogenmissbrauch im jungen
und mittleren Lebensalter.
Historizität von Determinanten!
Kohorteneffekte: Altersgruppen- Alterseffekte: Determinanten
spezifische Ausprägung von Mortalität ändern sich im Lebenslauf durch
und Morbidität aufgrund historisch natürliche Alterungsprozesse und
ähnlicher Erfahrungen und soziokulturelle Alters-Normen
Lebensumstände einer Generation im
Lebenslauf (z.B. Kriegsgeneration)

Graphik: Fonds Gesundes Österreich nach Dahlgren & Whitehead 1991, 2007
Thesen 1. Werden wir bald alle älter?
2. Macht die Medizin uns alt?
3. Wird die alternde Gesellschaft
„krank und pleite“ sein?

„Wenn die moderne Medizin weiterhin so


großartige Fortschritte macht, werden wir bald
alle alt, krank und pleite sein.“
Gerhard Kocher

Kocher G (2000) Vorsicht, Medizin! – Aphorismen zum Gesundheitswesen und zur Gesundheitspolitik, 2.,
erweiterte Auflage mit 878 Zitaten, Ott Verlag, Thun, 2000
Krank? Thesen zur Entwicklung der Morbidität
Zitiert nach: Geyer (2015) Gesundheitswesen 77:442-446; Trachte et al. (2015) Z Gerontol Geriat, 48:255-262.

Morbidität
Gegenwärtige Morbidität (schematisch)

mehr
Erkrankte
These I: Extensionshypothese
nach Ernest Gruenberg (1977)

stabile Zahl
Erkrankter
These II: Kompressionshypothese
nach James Fries (1980)

mehr Erkrankte,
aber mildere
Verläufe und
These III: Dynamische Equilibrium bessere
nach Kenneth G. Manton (1982) Lebensqualität
0 55 68 75 80 Jahre
Extension

Extension: Die
Inzidenz/Prävalenz chronisch-
degenerativer Erkrankungen
steigt mit dem Alter (z.B. KHK,
Diabetes, Demenz,
Krebserkrankungen) =
je mehr Ältere, desto mehr
Erkrankte. Dies gilt sofern sich
die Inzidenz nicht verringert
(z.B. als Folge von Prävention
und Früherkennung)
Extension?

Quelle: MGEPA NRW. Gesundheitsbericht 2015. MGEPA, Düsseldorf, 2016, S. 54


Kompression: Beispiel

Kompression: Bedingung für die steigende Lebenserwartung ist ein günstigeres


Risikoprofil jüngerer Kohorten und damit eine insgesamt bessere Gesundheit mit
späterem Erkrankungseintritt. Hintergründe: Prävention, bessere Lebensbedingungen,
Fortschritte in der Medizin.
Quelle: Eberhard S (2018) Gesundheit und Gesellschaft. AOK, 21: S. 24
Kompression Ja, aber nur für bestimmte
Gruppen?

Untersuchung zum
Zeitpunkt der ersten
Krankenhaus-
einweisung nach
dem 60 Lebensjahr
in Dänemark. Hier:
Varianz des
Zeitpunkts in einer
Zeitreihe

Quelle: Seaman et al. (2020) European Journal of Epidemiology 35:381–388


Prognosen: Empirische Forschung
(Review Geyer S, 2015, Gesundheitswesen, 77:442-446 )

• Es gibt wenig Forschung und die Qualität vieler


Studien ist gering, viele Krankheiten sind noch nicht
untersucht.

• Hinweise auf Kompression für Herzkrankheiten,


Schlaganfälle, kognitive Einschränkungen,
Lungenkrebs, Funktionseinschränkungen, subjektive
Gesundheit

• Hinweise auf Extension für Übergewicht und Diabetes

• Einzelne Belege zum dynamischen Equilibrium für


chronische Erkrankungen und subjektive Gesundheit
Pleite? Folgen für das Gesundheitssystem

Anstieg der Gesundheitskosten


folgt bislang weitgehend dem
Anstieg des BIP. Mehr hierzu im
QB Medizin des Alterns.

http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-
aktuell/_Politikfelder/Gesundheitswesen/Datensamml
ung/PDF-Dateien/abbVI11.pdf
Mortalität und Lebenserwartung – Fazit
• Die Lebenserwartung in Deutschland steigt konstant, so wie
auch der Anteil Älterer an der Gesamtbevölkerung
• Zugewinne an Lebenserwartung derzeit v.a. im höheren Alter
• Setzt der Trend sich fort, kann es zu einem Anstieg der
absoluten Zahl von Erkrankungen kommen (Extension)
• Alternativ ist denkbar, dass die Bevölkerung länger gesund
bleibt und die absolute Zahl der Krankheiten nicht steigt
(Kompression)
• Was zutreffen wird ist derzeit nicht abzusehen, es hängt davon
ab, ob es gelingt Erkrankungen durch gute Lebensbedingungen,
Prävention und medizinische Fortschritte zu vermeiden, im
Auftreten zu verzögern oder im Verlauf günstig zu beeinflussen