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I

RAINER MARIA RILKE


UND
MARIE VON THURN UND TAXIS

BRIEFWECHSEL
RAINER MARIA RILKE
UND
MARIE VON THURN UND TAXIS

BRIEFWECHSEL

ERSTER BAND

IM NIEHANS & ROKITANSKY VERLAG ZÜRICH


UND IM INSEL-VERLAG
Besorgt durch Ernst zinn

Mit einem Geleitwort von


RUDOLF Kassner

Copyright 1951 by Max Niehans Verlag AG., Zürich / Switzerland

Druck der Buchdruckerei Winterthur AG., Winterthur

Einband von Buchbinderei W. Bäschlin, Zürich


INHALT

Erster Band
Zum Briefwechsel zwischen R.M.Rilke und
der Fürstin Marie von Thurn und Taxis-
Hohenlohe
Von Rudolf Kassner XIII

DIE BRIEFE
I. Anfangs jähre der Freundschaft
Dezember 1909 bis September 1911 ... 1

II. Duino
Winter 1911/1912 73

III. Venedig
Sommer 1912 141

IV. Spanien
Winter 1912/1913 213
V. Von Rilkes Rückkehr aus Spanien bis
zum Ausbruch des Krieges
23.Februarl913bis August 1914 267
VI . Vom Ausbruch des Krieges bis zu Rilkes
Einberufung
August 1914 bis Ende 1915 387

VII. Militärische Dienstzeit Rilkes in Wien


Erstes Halbjahr 1916 469

Zweiter Band
VIII . Letzte Kriegsjahre und erste Nachkriegs-
zeit
Sommer 1916 bis Sommer 1919 491
IX. Von Rilkes Übersiedlung in die Schweiz
bis zur Veröffentlichung der Duineser
Elegien
Sommer 1919 bis Sommer 1923 577

X. Die letzten Jahre


Sommer 1923 bis Ende 1926 767

BEILAGEN
1. R.M.Rilke, Die Bücher einer Liebenden (1907) 889

2. Protokolle der vier Seancen, Duino, Herbst 1912 897

3. Vier Gedichte von R. M. Rilke, ins Italienische


übersetzt durch Marie von Thum und Taxis . . 915

4. R.M. Rilke, Aus dem Nachlaß des Grafen C.W. 925


Testament du Prince Charles de Ligne .... 939

5. Freundesbriefe an Marie Taxis nach Rilkes Tod 947

Nachwort des Herausgebers . 967


Register von Rilkes Werken 977
Personenregister . 982
Geographisches Register 1016
Stammtafeln 1035
VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN

1. Wiedergabe des Briefes Nr. 262, Seite 498


(R.M.Rilke an Marie Taxis, 30.11.1916) ... 224

2. Wiedergabe des Briefes Nr. 557, Seite 699


(Marie Taxis an Rilke, 16.2.1922) 240

3. a) Ausschnitt aus Brief Nr. 70, Seite 104


(Rilke an Marie Taxis, 31.1.1912) 368

b) Rosalba Carriera (?), Die heilige Therese von


Avila (Pastell).
Ehem. Chioggia, Abbati Giovanni e Tommaso
Bellemo. (Zum Brief Nr. 15, Seite 16) ... 368

4. Gian BattistaTiepolo, Die hl. Katharina von Siena


und die hl. Rosa von Lima mit dem Jesuskind.
Ausschnitt aus dem Altarbild in der Chiesa dei
Gesuati zu Venedig.
Photo Agenzia FotograJica Intemazionale, Vene-
:

dig. (Zum Brief Nr. 85, Seite 143) 384

5. Burghausen an der Salzach (Ansichtskarte). Zum


Brief Nr. 262 vom 30.11.1916 556

6. Interieur auf Schloß Berg am Irchel (Ansichts-


karte). Zum Brief Nr. 325, Seite 632) 572

7. August Anton Tischbein (1805-1867), Schloß


Duino (Sammlung Kippenberg) 652

8. Chäteau de Muzot sur Sierre (Valais)


Photo Christian Staub, Biel
: 668
ZUM BRIEFWECHSEL ZWISCHEN
RAINER MARIA RILKE
UND DER FÜRSTIN
MARIE VON THURN UND TAXIS-HOHENLOHE
VON
RUDOLF KASSNER
,

ICH will zuerst sagen , wie ich zu ihm gekommen bin


(bildlich gesprochen) , wie er mich dcinn in Wien ein-
mal aufsuchte wie, er auf dem Wege über mich zur
Fürstin gelangt ist und beide dann zueinander fan-
den Eine allgemeine Betrachtung über den Dichter
.

den heute ein so großer Ruhm kleidet, soll das


Ganze beschheßen.
Im Winter 1899 kam ein junger Wiener, der es spä-
ter bis zum Hofrat in einem Ministerium bringen
sollte, hinter Rilke zu sitzen. Im Parkett des Burg-

theaters sehr vorne. Ein Stück von Ibsen wurde ge-


spielt. Am nächsten Tage ging die Rede um, fand

den Weg bis zu mir, daß Rilke in Wien weile, daß


N.N. hinter ihm im Burgtheater gesessen sei, genau
hinter Rilkes Rücken, und daß er ihm und einer
Dame neben ihm von einem Dritten der zum Glück ,

auch da war, vorgestellt worden sei. Beide, Rilke und


die Dame neben ihm, stünden vor einer Reise nach
Rußland, wären in der Tat am nächsten Tag dahin
vom Nordbahnhof abgereist, das wäre nun einmal
sound stünde fest.
Damals und unter solchen Umständen drang der
Name Rainer Maria Rilkes zum ersten Male deutlich
an mein Ohr. Ich bin später N.N., dem Mcinn aus

XV
dem Ministerium, noch oft begegnet auf Spazier-
gängen durch die innere Stadt, auf der Ringstraße.
In kaum einem unserer Gespräche hat dann Rilke
gefehlt: Rilke am Vorabend seiner Reise nach Ruß-
land im Parkett des Burgtheaters, N.N., trotz seiner
Erfolge in der Karriere und als Übersetzer ein Mann
voll Deferenz bis an die Grenzen des Demütigen hin- ,

ter Rilkes Rücken und so weiter. Alles das


sitzend
sollte unvergessen bleiben und wurde stets von neuem

aufgefrischt. Maji durfte mit N.N. nicht auf Ruß-


land zu sprechen kommen in welchen Belangen im-
;

mer, schon stand ihm das Bild des Dichters mit allen
jiäheren Umständen vor den Augen. . .

Später vermittelte Arthur Holitscher zwischen Rilke


und mir, brachte Grüße von ihm aus Rom, gab ihm
auch die Adresse meines kleinen Hotels im Quartier
latin worin Rilke zum ersten Male in Paris ankom-
, ,

mend, nicht nur selbst abstieg, sondern auch später


Malte Laurids Brigge, sein Schmerzenskind, wohnen
ließ Arthur Holitscher war, bevor er groß wurde und
.

nach Moskau ging, ein guter Junge, wie ihn Eduard


von Keyserling im Cafe Stephanie in München zu
nennen Rede auf ihn kam, und
pflegte, so oft die
hatte eine grenzenlose Verehrung für alle Menschen,
die schreiben: Stücke, Romane, für Frank Wedekind
allen voran. Der Schriftsteller war für ihn der wahre
Mensch der einzig würdige zudem die richtige Stufe
, ,

zum Kommunisten. Holitscher hatte die Kjiaben-


stimme eines Eunuchen, einen etwas unförmigen,
höchst untrainierten Körper soll Sitzfleisch und sehr
lange, schmale, weiche, weiße Hände. Sie waren wie
angeschraubt. Man hatte das Gefühl, man könnte sie

XVI
abschrauben und dann neben sein Tintenfaß und die
Feder auf den Schreibtisch legen.
Ich kannte damals, in diesen Jahren nach der Jahr-
hundertwende, nicht viel von Rilke, nichts im Zu-
sammenhang. Das Stundenbuch gab mir wenig, der
« Nachbar Gott » darin schien mir peinUch vor allem
anderen, ich hielt mehr vom Buch der Bilder. Mir
kam eine Zeitlang vor, als wäre Rilke in dem einen
oder anderen der Gedichte daraus das bis zu einem
gewissen Grade gelungen, was Mallarme mit der
Poesie erreichen wollte. «Ein Gedicht besteht doch
nicht aus Ideen, Degas, sondern aus Worten», soll
Mallarme sich zum Maler geäußert haben da dieser,

ihm einmal ein eigenes Gedicht zu lesen gab auf die ,

Idee darin hinweisend. Was mir sehr bald als auf


einem Irrtum beruhend erschien auf einem Irrtum
,

in Rücksicht auf die Idee sowohl als auch auf das Wort
der auf Mallarmes Beziehung zu Richard Wagners
Musik zurückgeht. Rilke hatte keine wie immer ge-
artete Beziehung zu dieser, war doch sein Naturell
dem Richard Wagners diametral entgegengesetzt. In
einem seiner späteren Gedichte steht das Wort: Welt-
innenraum.
Die Vögel fliegen still

Durch uns hindurch. Oh, der ich wachsen will,


Ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.
Wenn aus diesem Weltinnenraum je Musik zu uns
tönen sollte, so wäre es sicherlich nicht die Richard

Wagners. Hier, in diesem Weltinnenraum, scheint


die Zeit in den Raum umgestürzt. Das Tun eines
perversen Gotteskindes. Ich entnehme Gotteskind
den Lippen der Fürstin Als
. sie einmal kurz vor ihrem
,

XVII
Tode umdüsterten Geistes den Namen Rilke aus dem
,

Gespräch der anderen um sich aufnahm, sprach sie,


den Weg zurück ins Längstvergangene kaum mehr ,

Faßbare suchend, vor sich hin: Rilke - ja, das war ein
Gotteskind. In Erinnerung daran setze ich das Wort
hier hin.
Den ersten großen, entscheidenden Eindruck aber
durch die Hetärengräber und Orpheus,
erhielt ich
Eurydike und der Tod, die damals in S. Fischers
Rundschau zuerst als Gedichte in Prosa erschienen
sind. Die Umwandlung in Verse wurde vom Dichter
gleich darauf für die Neuen Gedichte mühelos voll-
zogen, hat sich im übrigen beim Vorlesen ganz von
selbst ergeben Letztere erschienen bald nachher und
.

verstärkten den eben gewonnenen Eindruck. Ich gab


meiner Bewunderung laut und tätig Ausdruck, indem
ich daraus vorlas, so oft sich Gelegenheit dazu ergab:
bei H.St. Chamberlain an dessen Montagabenden,
wozu nur bemerkt werden soll, daß Chamberlains
Stellung zu Bayreuth, die einer Hörigkeit gleichkam,
ihm nur eine beschränkte Teilnahme an der modernen
Dichtung gestattet hat, und dann im Salon der Für-
stin in deren Haus in der Victorgasse.
Auf diesem Wege ist sie zu Rilke zum ersten Genuß
,

von dessen Dichtung gekommen. Wie kaum ein zwei-


ter Mensch in meinem Leben war die Fürstin uner-
schöpflich in der Aufnahme von Dingen der Kunst
und Dichtung. Wenn ich ihrer heute gedenke, so
scheint mir dies ihre hervorstechendste Eigenschaft
gewesen zu sein: diese Unerschöpflichkeit, dieses
Nicht-genug-haben-Können. Daneben ist es mir stets
unwesentlich, von geringer Wichtigkeit vorgekom-

XVIII
» ,

men wie tief sie in das einzudringen vermocht habe


,

vondem sie eine so heftige Bewegung zu empfangen


stets bereit schien Es . war zwei Jahre vor ihrer schwe-
ren Erkrankung, die, eine deuthche Trübung ihrer
Geisteskräfte nach sich ziehend, mit dem Tode enden
sollte , sie hatte die siebzig schon überschritten , als ich
eines Tages in einem kleinen Kreis befreundeter
Menschen mein Gespräch « Narciß » vorlas , nichts
ganz Leichtes, auch nicht gemeint, leicht aufgenom-
men zu werden. Ich sehe noch heute die alte Dame
vor mir, wie mich nach der Vorlesung ansah, die
sie

Wangen erhitzt, gleich denen eines Mädchens, die


Augen strahlend So saß sie eines Abends um dieselbe
.

Zeit in der Loge während der Pause nach dem zwei-


,

ten Akt Tcinnhäuser, bewegt von der unvergeßhchen


Darstellung der Ehsabeth durch Lotte Lehmann.
So oft das sogenannte Zweite Böhmische Quartett ins
Lautschiner Schloß, das jetzt in eine Kaserne umge-
wandelt wurde im Namen der Volksdemokratie oder ,

Duino eingeladen war, wurde zu


das Triestiner nach
allen mögUchen Stunden des Tages gespielt. Am Mor-
gen schon Oft war dann die Fürstin der einzige Zu-
.

hörer.
Dabei besaß sie sehr viel von dem, was sie sens com-
mun nannte. Den wußte sie zwischen ihre Enthusias-
men und die Enttäuschungen, woran es nie fehlen
sollte, einzuschieben und festzuhalten. «Wenn ich
ihn nicht hätte, wer sollte ihn im Schloß haben, Herr
Doktor !

Was wenn so etwas Fehler genannt werden


ihr fehlte,
kann, war das Schauspielerische, jegliche Begabung
dazu, weshalb ihr auch solche Erfolge versagt bleiben

XIX
mußten, die uns vornehmlich aus dem Schauspiele-
rischenzukommen. Sie besaß freihch eine gewisse
Begabung zum Diplomatischen so daß ihr Gatte der
, ,

absolut nichts davon hatte, gelegenthch ausrief:


«Schatte! an Ihr ist eine Botschafterin verloren ge-
gangen.»
«Schatte » nannte der Fürst sie im vertrautesten Um-
gang. Er hieß Slon. «Slon, aas Ihm wäre kein guter
Botschafter geworden.» Doch das Diplomatische be-
deutet noch nicht das ,Schauspielerische' das ich hier ,

meine und einem hohen Grade ihrer älteren


das in
Freundin, der berühmten Fürstin Pauhne Metter-
nich, eignete. Ich habe nie und nirgend jemanden
so eintreten und sich, beziehungsweise die ande-
ren so verabschieden gesehen wie die EnkeHn und
Schwiegertochter des ebenso bewunderten wie an-
gefeindeten Kanzlers Die Fürstin Taxis wirkte in der
.

Intimität von ihrem Sitz aus im Boudoir oder in der


Lautschiner Bibhothek, umgeben von den Büchern,
in denen sie fort las, vor sich weiße, rote Rosen, die
sie mit Pastellstiften abmalte.
Ich kehre zu Rilke zurück. Im Herbst 1907 kam er
nach Wien und las hier zum ersten und einzigenMale
aus seinen Gedichten vor. Es war trotz des Nasen-
blutens wodurch die Vorlesung für eine Weile unter-
,

brochen werden mußte, ein sehr großer Erfolg, wohl


der größte, den je ein vorlesender Dichter in Wien
gehabt haben dürfte. Sein Zimmer im Hotel Mat-
schakerhof soll am nächsten Tag dem einer Diva ge-
glichen haben. Ich war durch Krankheit verhindert
gewesen, der Vorlesung beizuwohnen. Hofmannsthal
aber war zugegen, erzählte mir davon und sagte im

XX
,

Anschluß daran später einmal: Er ist mehr als ich,


aber Sie werden zugeben, daß er von mir kommt.
Ich konnte ihm weder das eine noch das andere zuge-
ben, schwieg aber. Ich erwähne es hier nur darum,
weil sich später seine Ansicht über Rilke als Dichter
so sehr geändert hatte, daß er mir gegenüber einmal
dieÄußerung tat, in Rilke sei wohl die Materie zu
einem Dichter vorhanden das sei aber auch alles was
, ,

er mir zugeben könne, das Letzte fehle ihm, er sei

kein Dichter.
Ein höchst erstaunliches Urteil bei einem so bedeu-
tenden Kopf und so hoher Urteilsfähigkeit in allem.
Rilke muß von diesem Abschwenken etwas vernom-
men oder es gefühlt haben, nannte Hofmannsthal mir
gegenüber einmal falsch, was dieser keinesfalls war.
Denn Hofmannsthals Schwanken im Urteil hier oder
sonst kam aus seiner äußersten Sensibilität und einer
daraus resultierenden Eindrucksfähigkeit gegenüber
dem stärkeren, ausschließenden, oft nur anmaßen-
den Willen anderer. Rudolf Borchardt, ein Mann, bei
welchem an der Stelle der Natur der Wille und an der
der Gnade die Eloquenz, das Gedächtnis und der Ver-
stand standen hatte Rilke aus der Reihe der Dichter
,

ausgeschlossen, indem er kein einziges von dessen


Gedichten in eine von ihm selber zusammengestellte
Anthologie deutscher Dichter aufnahm. Ich glaube,
daß Hofmannsthal sein Urteil über Rilke später revi-
diert und seinem ersten angenähert haben würde.
Hielt er sich doch auch den Gedichten Paul Valerys
gegenüber zugeschlossen, dessen Prosa er in hohem
Maße bewunderte. Er mochte die «Mathematik», die
Zahl darin nicht. Es
, ist nicht ganz leicht zu verstehen

XXI
was in Valerys sublimen Gedichten Zahl, Mathema-
tik letztlich vorstellen. Das Fehlen, das Aufgeben,
Auflösen der Situation des Dramas als solchen möchte
, ,

ich meinen Womit dann Rilkes Weltinnenraum mit


.

dem reinen Wachstum der Dinge in uns auf gewisse


Weise zu korrespondieren scheint. In jedem Fall stieß
sich Hofmannsthal daran: an derMathematik im Ge-
dicht.
Einige Tage nach der Vorlesung kam Rilke zu mir
nach Hietzing, wo ich damals wohnte. Was man un-
sere Freundschaft nennen mag, geht jedenfalls auf
diesen Besuch zurück, zeitlich und auch sonst. Ein
schmächtiger Mann trat da ein knabenhaft schmal u
, m
die Schultern, ein wenig nach vorn gebeugt, ent-
gegenkommend, Der
schnellen, leichten Schrittes.
stille, Augen vom blauesten Blau
reine Blick seiner
nahm mich gefangen und hielt mich fest, bevor mir
noch der große, unförmige, welke, wie gebrauchte
Mund mit dem in zwei langen Spitzen von den Mund-
winkeln herabreichenden Schnurrbart ins Auge fiel.
Ein Arzt mit dem Blick des Physiognomikers hätte aus
diesen Lippen, deren Färbung, an der Haut, an ir-
gend etwas Unbeschreiblichem daran in der Tönung,
die Krankheit ablesen können, scheint mir, an der
Rilke sterben sollte. Doch kam aus diesem Munde,
durch diese Lippen hindurch, eine reiche, volle, tö-
nende Stimme die nichts Knabenhaftes Unreifes an
, ,

sich hatte. Aus dem ganzen Wesen sprach Unbefan-


genheit ohne die geringsten Spuren oder Reste von
Eitelkeit oder Betroffenheit. Es hat mich bald nach
den ersten Worten der gegenseitigen Begrüßung be-
rührt, daß er, obwohl Österreicher in allemund jedem,

XXII
! .

von Wien wie von einer fremden Stadt sprach darin ,

ihn außer seinem Hotel und den paar Freunden rein


nichts anging, daß er Prags, Böhmens mit keinem
Wort gedachte. Das Theater, die Oper, die sozusagen
der Mittelpunkt Wiens für alle Menschen hier, ein-
heimische und fremde, bildeten, schienen für ihn
nicht zu existieren. Alles bedeutete für ihn Rodin,
Paris, Rußland natürlich, einige deutsche Orte im
Norden, Pfarrer ICneipp, glaube ich, auch schon, und
daß er bei ihm mit nackten Sohlen auf dem Erdboden
herumzulaufen gelernt und auf solche Weise sich am
eigenen Körper eines neuen Sinnes bemächtigt habe
Davon redete er mit Eifer: von diesem neuen Sinn.
Mir fiel damals gleich auf, wie er den Körper, die
Sinne, «die Bruchstellen», nie ausließ. Wie wurde
nicht alles zu Raum , räumlich bei ihm ! Wie wenn es
so etwas wie das Ohr gar nicht gäbe
Ich vermöchte heute nicht zu sagen, was ihn im be-
sonderen zu mir gebracht, welches meiner Bücher
etwa. Die «Moral der Musik» las er erst später in der
dritten Auflage die «Melancholia » in
, , Rom im Früh-
jahr begonnen, suchte ich in diesen Herbstmonaten
zu beenden. Die englischen Dichter' lagen
, ihm fern.
Rilkes Vorlesung hatte, wie gesagt, im Herbst statt-
gefunden, so daß die Fürstin, die selten mit ihrem
Train vor Weihnachten aus Lautschin nach Wien
übersiedelte, ihr nicht beiwohnen konnte. Zwei Jahre
später aber saß sie im großen Musikvereinssaal, als
Kainz dort seine Vorlesung abhielt, in welche er auch
Gedichte von Rilke aufgenommen hatte; wenn ich
nicht irre, von Rilke als dem einzigen von den leben-
den Dichtern was schon etwas bedeutete Unter den
, .

XXIII
Gedichten erinnere ich mich des Panthers, des Karus-
sels. Kainz las wunderbar, aber nicht gut; denn er las

als Schauspieler vor, das Gedicht, das Geschehen darin


auf eine unsichtbare Bühne vor sich hinstellend. Ein
Gedicht soll aber vor uns erstehen der Schöpfungsvor-
,

gang soll vermittelt werden, was allemal erfolgt, so


oft es gelingt, den Rhythmus als wesentlich zu er-
fassen und wiederzugeben. Ich habe Hofmannsthal,
Stefan George Rilke ihre Gedichte beziehungsweise
, ,

Übersetzungen aus Dante vorlesen gehört. Hofmanns-


thal las schön, las eindrucksvoll bis zumPreziösen vor,
George murmelte die Verse mit trockener Lippe
\or sich hin wie der Priester einen heiligen Text, eine
heilige Formel. Damit ja alles Schauspielerische, alle
Verführung gebannt bleibe als ungut, fremd, einer
unseligen und zugleich gemeinen Welt angehörig.
Die Gefahr liegt hier im Langweiligen oder darin,
daß das Unwahre langweilig wird. Indem Rilke die
Gedichte aus seinem Munde, der sich auftat gleich
der Öffnung einer Tube, ausstieß - es war ein rich-
tiges Ausstoßen, Sichbefreien von etwas, oft wie ein
Wegschütteln -, gab er den Prozeß der Inspiration
wieder. Er gab das her, goß das aus, blies das aus,
was über ihn gekommen, in ihn eingeflossen war. So
las er uns beiden, der Fürstin und mir, im Frühjahr

1912 in Duino die beiden ersten Duineser Elegien


vor. Ich habe niemals richtiger Verse sagen gehört.
Die Unförmigkeit des Mundes wurde Form, sinnvoll,
Öffnung eben einer Tube die Persönlichkeit zur blo-
,

ßen Stimme. Es ist nicht notwendig, daß der Dichter


seine Gedichte wie ein Priester spreche, denn er ist
es nicht. Daß er Priester sei. das sagte man gerne

XXIV
im neunzehnten Jahrhundert, um etwas Schönes zu
sagen, etwas Auffallendes, woran niemand zu glau-
ben brauchte. In unserer Misere heute ist es erlaubt,
sind wir dazu veranlaßt, ja getrieben, die Dinge, die
getrennt bleiben sollen, getrennt zu lassen und nur
das herauszuheben, was sich mit dem Ganzen ver-
trägt. Wie sonst sollten wir auf Ordnung, auf Rang
bestehen können!
Wir halten im Jahre 1 909 Die Fürstin durch die Lek-
. ,

türe vornehmlich der « Neuen Gedichte » durch die ,

Vorlesung daraus durch den damals größten lebenden


Schauspieler genügend vorbereitet, durchaus, wie
wir schon wissen, enthusiasmiert, hatte den Wunsch,
den Dichter persönhch kennenzulernen. Ich schlug
ihr darum vor, ich würde, da sie im Begriffe sei, nach
Paris zu fahren , Rilke ein paar Worte schreiben , um
ihn zu veranlassen, ihrem Hotel aufzusuchen.
sie in
Aus dem Briefwechsel erfahren wir, wie dement-
sprechend alles vor sich ging. Ich will kein Wort zu
allem hinzufügen.
Ich selber bin mit ihm in dieser Zeit jedes Jahr ein-
mal oder gar zweimal längere oder kürzere Zeit zu-
sammen gewesen: in Paris im Frühjahr und im
Herbst 1910, wovon die Leser aus meinem « Buch der
Erinnerung» manches wissen. Einen ganzen Monat
lang las ich Zimmer im Hotel Biron mit
in Rilkes
einer Russin zusammen russisch Turgenieffs Väter
und Söhne, um mich auf Rußland vorzubereiten.
Als ich dann im Herbst 1911 von dort zurückkam,
traf ich Rilke in Duino. Mein Rußland war viel aus-
gedehnter als das seine, da ich mich in kaum einem
anderen Lande so viel umgesehen habe wie im

XXV
Reiche der Zaren. Freilich hatte Rilke den Resuch
bei Tolstoi vor mir voraus. Der große Mann war
schon ein halbes Jahr tot, als ich russischen Roden
betrat. Rei der über jede Vorstellung hinaus voll-
konunenen Aufführung des « Lebenden Leich-
ersten
nams» durch Stanislawski im September 1911 in
Moskau, einer Art Totenfeier, konnte ich die ganze
Familie des Verstorbenen, Frau und Kinder, in der
Loge versammelt sehen.
1912 sind wir uns abermals in Duino begegnet. Es
war im Frühjahr, er las uns beiden, wie schon gesagt
^vurde, die ersten beiden Duineser Elegien vor. Ich
\vill aber hier und jetzt von unserem letzten Zusam-

mensein ein dieser Stätte reden, vom Frühjahr 1914,


den Tagen im April und Mai vor dem Ersten Welt-
krieg. Ich will es wagen denn wer hat davon das Seine
,

auf seine Weise aus den eigenen Verhältnissen heraus,


sich ins ungeheure Allgemeine einfügend, zu sagen
nicht versucht ? Die Menschen haben damals in der
Tat vielfach in einemTaumel gelebt, in einem Schwin-
del, besinnungslos. Ich möchte dafür aber nicht den
Aus druck Talleyrands gebrauchen von der douceur de
vivre,d\e dem Weltkriege vorausgegangen wäre, wie
das jetzt geschieht, so oft die Rede von den Vorkriegs-
jahren geht. Die Douceur de vivre datiere ich ein
wenig zurück, wenn ich von meinem eigenen, über-
aus deutlichen Gefühl für das Vergangene ausgehen
darf, zurück in die Jahrzehnte, die letzten, des neun-
zehnten Jahrhunderts ohne Motor, die Jahre der
Kindheit, des Jünglings. Vom Anfang des zwanzig-
sten Jahrhunderts an, das den Motor brachte, gerät
der europäische Mensch immer entschiedener, zu-

XXVI
.

gleich bewußt und besinnungslos, ins Maßlose. Es


schien keine Grenzen mehr zu geben für den, der
dcihinleben wollte gleich wie es außer nach
,
Rußland
keine Pässe gab. Alles war leicht geworden. Oft konnte
es so scheinen, als ob wir uns einer Epoche näher-
ten, und Wert der Dinge sich dek-
darin Preis
ken und nur mehr noch die Ausschweifung beson-
dere Geltung gewönne und beachtenswert erscheinen
dürfe
Doch Duino bleiben. Weil ich eben ge-
ich will bei
sagt habe, daß alles leicht geworden, alles zu haben
war: eine Verwandte der Fürstin, unscheinbar, doch
heftig, im Mutterleib, so schien es, nicht ausgereift,
durchaus mit Zügen des Embryonalen behaftet, zu-
dem unfromm, auf eine gelegentlich drolhge, zu-
weilen wohl auch aufreizende Art aus sich heraus-
tretend, exuberant, sie war in Indien gewesen, war-
um sollte sie es nicht ?, hatten doch die notwendigen
Mittel dazu nicht gefehlt. Sie wollte aber im näch-
sten Jahr wieder dahin zurückkehren, wer oder was
konnte sie daran hindern ? Und sie wollte diesmal
einen Tiger schießen, einen zum mindesten un tigre
,

royal. Das wollte sie. Sir Hubert ä Bombay, tu sais,

Marie, me l'a promis . , . On est assis sur un elefant, il

n'y a alors habe auch schon den


aucun danger. Sie
Stutzen gekauft in Wien einen englischen auch die , ,

notwendigen Explosivpatronen Dabei machte sie die .

Bewegung eines , der einen Stutzen zum Losschießen


einlegt,machte sie ganz heftig so heftig wie sie schheß- , ,

lich ein Embryo, ein im Embryonalen Zurückgeblie-


bener, Unfrommer, zum Leben darum nicht minder
Entschlossener, machen muß, der mit einem Explo-

XXVll
sivgeschoß im Stutzen oder in der Flinte ein könig-
liches Tier, aus dem Leib der Sonne selbst geschnit-
ten und dem Gotte Shiva geweiht, tödlich angehen,
ganz und gar in Stücke zerreißen will. Rilke heulte
vor Lachen, da er also den imaginären Stutzen auf
den imaginären Tiger anlegen sah. . . Nein, douceur
de vivre war das nicht, nicht mehr. Es w^ar Maßlo-
sigkeit und Unreife. Alles Unreife ist maßlos. Die
Alten wußten das noch nicht, weil sie die Idee der
Entwicklung nicht hatten und alles gleich auf Gott
bezogen, auch den Tiger. Was unser heftiger, maß-
loser Embryo nicht tat.
Es war ein großer Sejour damals in Duino. Ich er-
innere mich nicht, einen größeren in den Jahren
vorher dort erlebt zu haben. Man kam von überall,
aus Venedig, Wien, Berlin, England. Ihm voran-
gegangen ist ein kurzer Besuch Lord IQtcheners, der,
aus Ägypten kommend, in Triest gelandet war. Ich
glaube, der zweite Sohn der Fürstin, Alexander, ge-
nannt Pascha, hatte seinerzeit in Kairo die Bekannt-
schaft des berühmten Marschalls gemacht. Den Se-
jour gewissermaßen beschlossen hat dann später ein
Besuch des Erzherzogs Franz Ferdinand kurz vor
seiner Fahrt nach Serajewo. Ihm zu Ehren wurde,
hörte ich später, ein Taubenschießen vom Dante-
felsen aus veranstaltet. Zwei Menschen der Gewalt
und des gewaltsamsten Endes, nicht ohne eine ge-
wisse Ähnlichkeit in den Zügen des Gesichts, in des-
sen Ausdruck. Kitcheners Augen hatten etwas von
Wunden im Fleisch, der Blick derer des Erzherzogs
ging wie durch Gewehrläufe hindurch. Er war ein
großer Töter von Tieren. Es ging die Rede, daß er

XXVIII
die Zahl der erlegten Tiere auf eine Million bringen
wolle . , . Beide werden auf der Terrasse des Schlosses
gestanden sein und werden wohl mit verschiedenen,
ja entgegengesetzten Gefühlen zur nahen italieni-
schen Grenze hin geblickt haben.
Von den in diesen Wochen in Duino versammelten
Gästen wähle ich zwei heraus, um sie vorzuführen.
Das neue Jahrhundert war eigenthch erst jetzt dabei,
anzuheben, und zwar mit dem ersten Gewehrschuß,
muß man sagen, der auf der Brücke nach Belgrad
fiel, oder jenem cinderen, der ein paar Wochen vor-

her eben in Serajewo gefallen war. Die beiden Gäste,


von denen ich reden will, gehörten aber ganz und
gar noch dem neunzehnten Jahrhundert an, waren
durchaus typisch für dieses in dessen Scheiden und
sollen darum, sozusagen vor Torschluß, angehalten
und werden. Der eine hieß Horatio
vorgestellt
Brown, der Rilke sehr hebte, hebte ohne Zugang zu
dessen Gedichten, weil er der deutschen Sprache
ebensowenig mächtig war wie Rilke der englischen.
Ein Schotte, in Venedigseit vielen Jahren lebend, in

dessen Archiven grabend, Gutsbesitzer, aus der Land-


schaft stammend um die Pentlandhills herum, nicht
weit von Edinburgh, selten dahin zurückkehrend,
der Heimat ein wenig entfremdet. Seine Beschheße-
rin im Gutshaus hatte ihn im Verdacht, daß er ka-
tholisch geworden sei im Land der popery, und um
sie einmal, da er wieder
ihn daraufhin zu prüfen, trat
einmal zurückgekehrt war in die Heimat, vor ihn
hin und redete ihn also an, vielleicht ein wenig an
ihm vorbei, doch immerhin entschlossen: I can't
abide the Virgin Mary. Nach einer Eröffnung, ja

XXIX
Kampfansage solcher Art, müßte er sich doch be-
kennen und für die Virgin Mary eintreten, Ein . .

überaus wohlwollender Mensch, völhg arglos, ein


richtiger old goody, in meinem Leben der letzte,
war er mehr oder weniger das ganze Leben lang
seiner Mutter, wenn auch höchst liebevoll, Untertan.
Diese stellte sich als eine mächtige, eigenwilhge, auf
dem Eigenen bestehende schottische Lady dar, reich-
hch mit altem Schmuck behangen, damit wie ge-
schirrt, mit ihrer dunklen Stimme die Menschen um
sich herum beherrschend, vor allem, wie gesagt, den
Sohn. Einmal standen wir, Horatio Brown und ich,
allein auf der Terrasse, ins Venezianische bückend,
die Mutter war das Jahr vorher gestorben und hatte
ihn allein gelassen, da sprach er vielleicht mehr vor
sich hin als zu mir: I have not lived. Wie klang in
diesem Ausdruck nicht das neunzehnte Jahrhundert
nach! «Ich habe nicht gelebt.» Ich antwortete:
Brown, das ist nicht englisch, so zu reden. Ein Eng-
länder sagt so etwas nicht, ein Schotte erst recht
nicht. Das ist ein Satz aus einem Roman, einem
deutschen, skandinavischen, russischen. Zudem sind
die Zeiten vorbei, da solche Sätze noch einen Sinn
hatten. Sie sind ein Mann des Glaubens im Tiefsten
Ihres Wesens... Brown schwieg eine Weile, ins
Weite blickend, drehte sich dann zu mir hin um,
ergriff meine Hand und sagte nur: I thank you, I
thank you very much indeed especially for what you
,

Said about the faith . . .

Das war also der eine den das kommende böse Jahr-
, ,

hundert nicht mit hinübernehmen wollte. Ich habe


Horatio Brown nicht mehr gesehen. Als Andenken

XXX
.

an ihn bewahre ich Henri Poincares «Dernieres


Pensees», die er mir zum Abschied gab, voll mit
Randbemerkungen von seiner Hand. Der andere war
der Baron Franchetti. Mutter eine Rothschild. Er
besaß die Ca d'oro, wohnte aber nicht darin, sie war
ihm zu gut für ihn den Juden Franchetti sie war für
, ,

Dogen bestimmt und ähnliches. Heute sollte sie in


ihrer Hauskapelle den heiligen Sebastian von Man-
tegna bergen, dazu war sie da. Er selber hatte es sich

zur Aufgabe gemacht, die Mosaiken in letzterer oder


wo immer sich solche in Spuren im Palazzo vorfan-
den, zu erneuern, und zwar auf die alte Art, mit der
Hand und nicht maschinell die Steine « schneidend »
Franchetti spielte wundervoll Musik aus dem acht-
zehnten Jahrhundert auf dem Spinett, er war von
Grund aus Musiker, Ohrmensch voller Mißtrauen,
Ohrmensch voller Manien. Und seine große Manie
war die Natur. Die Menschen heute aber wären ohne
Natur, wären Cerebrah, Intellettuah , die ganze
Kunst sei intellektual , Wagner vor allem, alles , alles

Als ich ihm die Düse zu- oder vorwarf, schrie er


förmhch: ncf, no, intellettuale anch'essa, sie mehr
als alle, sie erst recht, Rilke war Er
cerebral, alle.
Heß gerade noch Girardi gelten, ganz Natur aber
waren vor allem Sängerinnen aus der Scala, die alten,
mit dem Gewicht von Seekühen, Rücken breit wie
Wäschekommoden und Stimmen aus gewaltigen Häl-
sen, die jedes Orchester übertrillerten. Die liebte er,
die beruhigten ihn, da war dann jedes Mißtrauen
weg, und das war die Natur, die ihm selber ganz
und gar gefehlt hat.
Solcher Menschen gab es viele im neunzehnten Jahr-

XXXI
,

hundert. Das neue mit dem Motor aber hat sie nicht
über die Grenze gelassen, nicht Die Tei-
rezipiert.
lung in Natur und Geist ist sinnlos geworden in
einem Jahrhundert, in welchem der Eiserne Vor-
hang heruntergelassen werden und das, was einmal
Europa war, das alte mit Natur und Geist, in zwei
Teile zerschneiden sollte.
Mittelpunkt eines Kreises sein: das w^ar nicht Rilkes
Art oder Verlangen. Doch wenn die Tür im roten
Salon aufging und der knabenhafte Mann darin er-
schien, wollte ihn jeder neben und für sich haben.
Das Triestiner Quartett spielte zuweilen schon am
Vormittag, dann meist auf der Terrasse mit Blick
auf das Meer bis nach Grado, Triest und überallhin,
was die Fürstin in ihrem Enthusiasmus und mit ihrer
Romantik ganz außerordenthch genoß, doch da kam
mir Rilke meist nach in den sogenannten Tiergarten
wo wir uns auf steinichten Wegen ergingen zwischen
den Gebüschen aus Steineiche und Lorbeer und da
und dort hochaufragenden Kiefern, von denen zu-
weilen eine Wildtaube aufflog. Am Eingang des
Tiergartens steht das kleine weiße Häuschen mit
zwei Säulen vorne von dem in den Briefen die Rede
,

ist. Es schien mir, so oft ich vorbeiging, so recht ein


Ort für Spinnen, Blindschleichen und Ringelnattern;
der Gedanke ist mir keinen Augenblick gekommen,

daß hier ein Mensch, ein Eremit, Büßer, wer immer


von solcher Art, wohnen könnte, sommers oder
winters, an guten oder bösen Tagen. Rilke konnte
so recht das Schloßkind sein oder spielen in Truhen
,

kramen, alte Möbel vom Boden herunterholen, über-


haupt Pläne für die allernächste Zukunft machen,

XXXII
sich Unvorstellbares dabei vorstellend und die ande-
ren beim Tee damit im^terhaltend Es war nichts an-.

im Gedanken, sich hier nieder-


deres als Spielerei
zulassen,denn im Letzten war er der Verwöhnung
zugetan und fand sie auch. In Häusern der Bürger
mehr als in Schlössern des Adels, wo das körperhche
Wohl, wie er in einem Briefe an irgend] emanden
schreibt, den « Domestiquen » überlassen bleibe. Er
hätte wissen, fühlen und auch gelernt haben müssen,
daß der Sinn der Schlösser Repräsentation war und
nicht Verwöhnung mit Heizkissen, Thermophoren,
cruches Schlafpülverchen unschädhchen am Nacht-
, , ,

kästchen und so weiter. Wir sind heute ein sehr un-


präsentatives Geschlecht, ohne Sinn für Repräsenta-
tion, leicht hypochondrisch, entbehren der Regel, die
im Repräsentativen stets ist. Statt der Re-
zu finden
gel gibt es wohl zuweilen den Luxus das überflüssig ,

Formlose; aber das ist es nicht, ist nicht Repräsenta-


tion, zu der freihch ein gewisses Maß von Gesundheit
dazugehört.
Auch das Glasrücken, die Geisterstimmen, die Gei-
stererscheinungen aus Rilkes Leben und Briefen ge-
hören ganz zu dessen von mir so bezeichneten Schloß-
kindschaft. Mich selbst, der ich gegebenenfalls mehr
Talent zum Zirkusclown oder dummen August als

zu einem sogenannten Medium hätte, hat das ganze


Geisterwesen nie mit Rilke, wohl aber mit dem
schon erwähnten Pascha Taxiszusammen zu interes-
sieren vermocht. Dieser war nämlich im aller-
erstaunlichsten Maße ein Wesen ohne Bindungen
irgendwelcher Art, und in diese Bindungslosigkeit
(es gäbe noch andere Ausdrücke für das, was ich

XXXIII
meine) konnte sich ein ausgesprochen Magisches fest-
setzen darin einklemmen Auf Fragen meinerseits
, . ,

an ihn im Trancezustand gerichtet, hat er einmal die


verblüffendsten Antworten gegeben. Pascha hatte ein
gewisses Maltalent, an seinen Porträts kam stets oder
doch meistens irgend etw^as, ein Arm, eine Hand,
einer Materialisation gleich, so daß man danach grei-
fen wollte. Dabei hat er nie Malen gelernt, nie eine
Malschule besucht.
Über Beziehung Rilkes zur Fürstin steht für den,
die
der richtigliest, alles in den folgenden Briefen. Rilke

würde sein bestes Lachen gehabt haben wie aus einer


.

vollen Gießkanne heraus wenn ihm gegenüber einer


,

das Verlangen geäußert hätte, die Fürstin hätte Mit-


helferin sein sollen am Dienst des Dichters am Leben
oder an der Verpflichtung des Dichters dem Leben ge-
genüber oder wie immer solche Ausdrücke der Kun-
digen lauten mögen Er hat ihr sicherhch vieles im Ge-
.

spräche anvertraut, weil er fühlte, daß sie es gut auf-


zunehmen wüßte, vor allem auch darum: weil sie
nichts für sich verlangte « Ich bin kein Liebender »
.

schreibt er ihr einmal, «vielleicht weil ich meine


Mutter nicht liebe » So weit wagt er sich doch ein-
.

mal aus dem Gestrüpp seiner psychoanalytischen


Vorstellungen vor, ihr gegenüber, der selber alles
Psychoanalytische fern geblieben war, einmal weil
sie genügend bon sens hatte, um es entbehren zu

können, und dann weil sie im letzten Grunde Ro-


mantikerin war, was Rilke nicht war, aus seinem
ganzen Wesen und schließlich auch aus einer Dok-
trin heraus nicht.
Man mag Rilkes Neigung zur Psychoanalyse daraus

XXXIV
»

aus seinem Widerstreben gegen die Romantik, zu


verstehen versuchen. In der Romantik war die alte
Humanitas (mit ihren Vorstellungen von der Sünde,
vom Versagen des Menschen vor dem Menschen, vor
sich selber, vor Gott und so weiter) zu Ende gekom-
men Im Bereiche der Psychoanalyse
. , soweit sie Rilke
übersah, versagt nicht so sehr der Mensch vor dem
Menschen, sondern versagen die Liebenden vor ein-
ander, versagt, will das heißen, der Mann vor der
Frau oder ist der Mann in der Liebe ein Stümper und
die Frau darum ebenso unerschöpfhch wie uner-
schöpft und einsam. «Habt ihr Beweise ?» Sie haben
sie nicht. Mann und Frau, jedes auf seine Weise

nicht. Darum der Dichter. . .

Als Romantikerin hing die Fürstin noch an Schön


und HäßHch, an Kunst und Leben, an jenem: von
da an ja, von dort an nein, an Kontrasten, Grenzen,
auch an Grenzverschiebungen, an Vermischungen,
an allerhand Schmuggel, dem Romantiker nicht
ganz entbehrlich. Rilke aber wollte im Grunde
mit der Dichtung eines: die Dichtung überwinden,
darüber hinauskommen Wohin ? Zum « Beweis
. . .

der Liebenden hinter aller Berührung gelegen Weil .

dieser Beweis fehlt, so ist das Leben so voll von


« Bruchstellen » . . . « Bruchstelle » ist ein Rilkesches
Wort, beinahe eine Rilkesche Idee. Menschen sün-
digen nicht, haben aber dafür Bruchstellen. Die . .

Psychoanalyse soll sie heilen, verbinden. . . Was sollte


sie nicht alles, wo alle Unterschiede, Gliederungen,
Halbdunkelheiten aufhören und nur noch mehr die
Einheit gilt, die Einheit, die bloßeste, nichtige, die
gewiß einmal, als die Moschee von Cordoba gebaut

XXXV
wurde, Allah hieß oder sonstwie, aber jetzt viel-
nur mehr noch Nichts heißt, Nichts ein Stelle
leicht
Allahs . . . Man lese die Briefe Rilkes aus Spanien.
Ich gehe nicht auf den über jedes Maß geschmack-
losen Vergleich Christi mit einem Telephon ins Jen-
seits ein, der sich in den Briefen an die Fürstin aus
Spanien, Cordoba, vorfindet. Christus, der Mittler
und Tröster, bedeutet für Rilke Romantik, die es
eben nicht mehr geben soll. Außer für Menschen mit

Bruchstellen . Damit kommen wir auf den Grundirr-


tum Rilkes, auf dessen Irrlehre, die fallacy, der er
in so vielen seiner Briefe Ausdruck verleiht, auf
seine Lehre vom Tod.
i911 schon schreibt er aus Duino: «Ich habe zu ver-
schiedenen Zeiten die Erfahrung gemacht, daß sich
Äpfel mehr als sonst etwas, oft noch während des
Essens, in Geist umsetzen. Daher wohl auch der
Sündenfall (wenn es einer war) » Es
. sollte alles Geist
sein und alles Apfel. Es sollte, wie schon gesagt
wurde, keine Unterschiede geben zwischen Begrei-
fen und Schmecken. Wie es keinen zmschen Bild
und Wesen in der Kunst gibt. Es sollte letztlich nicht
den Logos geben, den Logos dazwischen, der sich auf
der Zunge nicht auflöst und dazu da ist, um sich
nicht auf der Zunge aufzulösen. Rilke ärgerte sich
über den Logos, der auf der Zunge nicht aufgeht
wie der Geschmack einer Frucht, er ärgerte sich an
ihm, er ärgerte sich an Christus. Nietzsche behaup-
tet, daß mit dem Christentum das Ressentiment in die

Welt gekommen sei. Das ist Historismus, höchstens


Psychologie. Christus hat das anders, hat es besser,
ewiger gesagt, da er vom Ärgernis redete . . .

XXXVI
,

Ich will auf Rilkes Lehre, fallacyund so weiter, wie


sie etwa in den Briefen an den polnischen Freund
Hulewicz steht, nicht näher eingehen, habe darüber
schon das, was zu sagen ist, gesagt. Sie hat etwas
knabenhaft Hastiges an sich, sie scheint reif, ist un-
reif. Mir fällt im AugenbHck aber eine gewisse Über-

einstimmung mit S.Freud auf dort, wo dieser vom


Todestrieb in uns schreibt, diesen auf solche Weise
gleichwertig neben den Lebenstrieb stellend, einen
nebenden anderen. Wie im Räume Wenn Rilke dar-
.

auf besteht daß man von nun an Tod ohne Vorzeichen


,

setzen solle, so ist das Nihihsmus, Nihihsmus eines


Dichters, dessen, heißt das, der den Geist schmecken
will wie einen Apfel. Oder auch dessen, der das Ver-
sagen des Menschen am Menschen hinüberspielen
will auf das Versagen der Geschlechter aneinander.
Was alles zuletzt zurückzuführen ist auf das Fehlen
auf das Versagen des Logos: Im Anfang war das
Wort...
Rilke war ein sehr wahrhaftiger Mensch. Seine
Wcihrhaftigkeit kam aber aus der Unwahrhaftigkeit
seiner Mutter, worauf er bei mehr als einer Gelegen-
heit, auch im Gespräch, zurückkam. Auch hier fehlt
gewissermaßen der Logos zwischen der Wahrhaftig-
keit des Sohnes und der Unwahrhaftigkeit der Mut-
ter. So war dann seine Reife Überreife, mußte es
sein, Geist sublimierte Sinnlichkeit, die Phantasie
der Geschlechtstrieb des Narciß. Und das Versagen
der Lehre, die fallacy, Grund, Unterlage einer wun-
dervollen Dichtung.

XXXVII
RAINER MARIA RILKE
UND
MARIE VON THURN UND TAXIS

BRIEFWECHSEL
I

ANFANGSJAHRE DER FREUNDSCHAFT


DEZEMBER 1909 BIS SEPTEMBER 1911
1 . Marie Taxis an Rilke in paris
Paris, Hotel Liverpool
Rue Castiglione
Freitag <10. Dezember 1909>
Geehrter Herr Rielke —
Verzeihen Sie wenn Ihnen unbekannter Weise
ich
diese Zeilen schicke, aber eigenthch kann ich kaum
«unbekannter Weise» von einem Dichter sagen
dessen Werke ich so sehr bewundere — außerdem
haben wir einen gemeinsamen Freund, Dr. Rudolf
Kassner der mir sehr oft von Ihnen gesprochen hat. —
Ich wäre also sehr glückhch Ihre Bekanntschaft zu
machen, und frage mich an, ob Sie Montag 5 Uhr
Nachmittags zu mir, Hotel Liverpool kommen könn-
ten. Sie werden die Gräfin Matthieu de Noailles bei
mir finden welche sich auch sehr freuen würde Sie
zu sehen.
Bitte also um eine diessbezügliche Antwort.
Mit den besten Empfehlungen
Ihre ergebene
Fürstin v Thurn und Taxis -Hohenlohe

2. Rilke an Marie Taxis in paris


Paris, n ^ Rue de Varenne
Freitag. <10. Dezember 1909>
Durchlauchtigste Fürstin,
die reiche Überraschung Ihrer gütigsten Zeilen er-
wartet mich beimNachhausekommen. Der Wunsch,
für Montag Nachmittag zuzusagen, steigt so stark
und entschlossen in mir auf, daß es mir anthut, nicht
hier gewesen zu sein, um gleich zu antworten.
.

Ich habe seit Monaten Menschen nicht gesehen;

aber nun verspreche ich mir dieses seltene Aufschaun


aus der Arbeit, das Ihre Güte mir bereiten will, -
und weiß im Voraus, es wird schöner sein als
ich
alles,was man sich wirkhch verdienen kann.
In der Ungeduld sie aussprechen zu dürfen, schreibe
ich Ihnen, Fürstin,
Ehrerbietung und Ergebenheit.
Rainer Maria Rilke.

5 . Rilke an Marie Taxis in paris


Paris.77 Rue de Varenne
^

Dienstag früh. <14. Dezember 1909>

Durchlauchtigste Fürstin,
nun mach ich mir hundert Vorwürfe, nicht gefühlt
zu haben gestern, daß ich Sie nicht länger hätte
stören dürfen. Aber es waren richtige Ferien, die
Sie mir bereitet haben, Fürstin, und bei Ferien geht
es — Sie wissen — nicht ohne den Wunsch ab, sie
auszudehnen, nicht ohne die Furcht, sie könnten zu
Ende sein.
Verzeihen Sie mir in Ihrer Güte beides und behalten
Sie, wenn es möglich ist, nur in Erinnerung, daß es
mich war.
eine überaus glückliche Stunde für
Die lange Einsamkeit, in der ich lebe, läßt mich
leicht ungeschickt sein im Besitzergreifen solcher Be-
gegnungen, aber, wenn mich nicht alles täuscht, so
biipL ich sicherer im Halten und Lieben dessen was sie ,

mir an Lebenszuwachs und lebendiger Bereicherung


bedeuten
Ich bitte darum, Durchlaucht, Ihnen meine Ver-
ehrung zu Füßen legen zu dürfen, die ich schon wie
! .

nach langer Erfahrung empfinde: freudig und dank-


bar und überzeugt.
Rainer Maria Rilke

4. Marie Taxis an Rilke in paris


Dienstag <14. Dezember 1909>
Nein, Heber Herr Rilke, Sie haben sehr unrecht zu
glauben daß Sie mir zu lange geblieben sind. Im
Gegenteil ich hätte Sie so gerne noch etwas be-
halten -
Ihr Eindruck über unsere reizende Dichterin hat
mich enorm interessirt und außerdem habe ich das
Gefühl daß wir uns sehr gut vertragen würden.
Leider ist das Pariser Leben so gehetzt — wenn
man nur so kurz bleibt wie ich — daß man nichts in
Ruhe genießen kann. Aber ich hoffe sehr daß unsere
gestrige Begegnung nur ein Anfang sein wird, und
rechne darauf Sie hier - in Italien - oder in Öster-
reich zu sehen
Tausend Dank für die wunderbaren Rosen.

Marie Taxis Hohenlohe

5. Marie Taxis an Pvilke nach paris^


<Lautschiu,> 24. 12. 1909 <Freitag>
Herzlichste Wünsche zu Weihnachten und Neujahr!

Marie Taxis

1 Ansichtspostkarte : Scliloß I.antschin im Winter. AdH.

5
,

6. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Paris, n Rue de Varenne
^

am 28. Dezember 1909 <Dienstag>


Um die Wahrheit zu sagen,gütigste Fürstin, es war
eine Art Entbehrung für mich, Ihnen um Weih-
nachten nicht von meinem Gedenken zu schreiben,
das lebhaft und dankbar war. Wenn man diesen
Abend allein am Arbeitstisch verbringt - höchstens
etwas mehr zurückgelehnt als sonst - so wird er so
recht ein Binnen-Fest aller guten Erinnerungen;
und die, die glücklich ist, Ihren Namen zu tragen,
steht mir (nicht nur zeitlich) sehr nah.
Sie müßten fühlen, wie mich unter diesen Umständen
die Karte berührt hat, mit der Sie mich zu bedenken
geruhten. So weiß ich nun die lautschiner Adresse
und kann eben noch zurecht kommen mit meinem gro-
ßen Wunsche daß das Jahr das vor allen Thüren steht
, ,

in Ihrem Leben, Fürstin, und an den Ihren Ihnen


wirkliches und weitreichendes Gute vorbereite.
Gestern, da es mir am Herzen lag, meinen Wunsch,
um ihm mehr Halt zu geben, irgendwie an die eine
gemeinsame Stunde anzuschließen fiel mir ein klei- ,

ner Aufsatz ein, den ich vor zwei Jahren, kurz nach
dem Erscheinen der Eblouissements über dieses und ,

die früheren Gedichtbücher der Gräfin Mathieu de


Noailles geschrieben hatte Ich fand ihn wieder unter
.

meinen Papieren, und wagte es, diese Seiten für Sie,


durchlauchtigste Frau, zu bestimmen. ^ So unbedeu-
tend sie mir jetzt auch erscheinen wollen, wenn ich
nicht irre, so hätte die eine oder andere Stelle an dem
überaus merkwürdigen Abend entspringen können,
1 Vergleiche die Beilage Nr. 1. AdH.
an dem ich der unbeschreiblichen Dichterin bei
Ihnen begegnen durfte.
Das mag, soviel als möglich, meine Sendung entschul-
digen, mit der ich, auch äußerlich, auf Ihre Nach-
sicht angewiesen bleibe: das wenige Manuscript ver-
liert sich in dem umständlichen kleinen Band aber ;

jeder Buchbinder wollte mich viel zu lange warten


lassen: so mußte ich nehmen, was zu finden war.
Ich wünschte, ich dürfte diese Noth mir zum Gu-
ten wenden und mancher künftigen Begegnung in
demselben Buche ein kleines Zeichen setzen; gefiele
es dem Leben mich so zu führen ich hätte das liebe
:

Gefühl, auf rechten Wegen zu sein.


Ihr
RMRüke.

7 . Rilke an Marie Taxis nach lautschin^


Paris. 77 Rue de Varenne
^

am 8. Januar 1910. <Samstag>


Meine gütigste Fürstin schon vorher - und nun nach
,

Ihrem Briefe und seiner Nachschrift erst recht - hab


ich mir gewünscht, Ihnen von hier aus noch einmal
ruhig und lange zu schreiben; aber gestern war mein
letzter Abend hier in meinem holien ovalen Zimmer,
heut ist mein letzter hiesiger Tag, und er sieht mir
nicht aus, als ob er mir die gute gesammelte Stunde
geben wollte, in der ich mich Ihnen zuzuwenden
hoffte.

1 Die Briefe der Fürstin Marie seit Anfang 1910 bis


Mitte Mai 1912 sind - bis auf wenige zufällig erhaltene
Stücke, zumeist Telegramme - verschollen. AdH.
I
So verwend ich die nächste, diese, so gestört und
stückhaft sie auch ist, um
Ihnen wenigstens zu ver-
sichern, wie bedeutungsvoll mir alles an der Güte
erscheint, an die Sie mich glauben lassen. Mir ist,
indem ich Ihnen begegnen durfte, eines von den
Dingen widerfahren, von denen man später meint,
daß sie kommen mußten. Nun stell ich mir dann und
wann kommende Tage vor Tage vielleicht in Ihrem
,

«Schloß am Meere», wo ich erzählen werde, wie


wunderbar das alles zusammenhängt; denn ich werde
es immer besser verstehen, welchen großen und wei-

ten Schutz ich plötzlich an jenem Abend empfand:


wie einer aus einem unheimlichen Haus tief auf-
athmend unter die Sterne tritt, so war ich plötzlich
im hohen Freien, und aus meinem bedrängten Al-
leinsein war - kaum begreif ich wie - wieder die Ein-
samkeit geworden, die ich von Kindheit auf geliebt
habe, die immer über mich hinausgeht, aber nie ge-
gen mich ist. Und als sollte ich gleich eine Probe auf

die unwillkürliche Beschütztheitmachen, trat jene


kleineungestüme Gottheit ein mit ihrem Gefolg von
Gefahren -, und ich überstand sie und sah ihr so
muthig und schauend zu, als könnte mir nichts ge-
schehen -.*
Ihr «Schloß am Meere», ich denke mirs an einer
Küste ähnlich jener von Viareggio: dorthin hab ich
mich in früheren Jahren oft geflüchtet, viel vom
Stundenbuch ist dort entstanden, und ich weiß, ich

* Das kleine Manuscript ist in jedem Sinne Ihr Eigen-

thum, Fürstin ich kann mir denken, daß die Gräfin Noailles
;

sich über eine Copie freuen würde, schon deshalb, weil sie
von Ihnen kommt.
.

dachte oft, es müßte da irgendwo ein Schloß geben -:


aber wo es auch ist, es wird sicher dasjenige sein,
nach dem ich damals gesucht habe
Vor der Hand ruft mich die Arbeit nach Deutsch-
land, zum Insel- Verlag, wo ich mein neues Buch aus
dem Manuscript diktieren will. Im April gedenk ich
wieder in Paris zu sein: für Februar und März hab
ich merkwürdige Reisepläne, an die ich nicht recht
glaube Aber ich freue mich darauf, sie Ihnen gleich-
.

wohl einmal zu beschreiben, so, wie sie sind.


Es ist ein wahrhaft glückHcher Abschluß für mich,
Ihnen, Fürstin, zuletzt von hier aus zu schreiben;
ich ahne eine großartige Ordnung darin, daß es so
kam; dieser rasche Brief giebt kein Bild dieses Ge-
fühls: aber es hat mir ihn ganz und gar diktiert.
In der erdenklichsten Dankbarkeit
Ihr
Rühe,

8. Marie Taxis an Rilke nach Leipzig^ '

<(Wien IV., Victorgasse 5a)> !

<23. Januar 1910, Sonntag) •

(In einem zweiten Brief, aus Wien, 23. Januar ;

1910, wurden meine Pläne genauer bezeichnet: |

ich wollte in April in Duino sein, gab ihm die t

genaue Adresse und lud ihn sehr herzlich ein,


hinzukommen - er würde auch wahrscheinlich
Dr. Kassner dorten finden. Als Schluß sagte ich
noch:)

1 Nach dem ersten Manuskript ilirer «Erinnerungen an K.


M. Rilke». AdH.
Ich glaube Duino müßte Ihnen gefallen - es ist ein
traumhafter Ort - eine Art heroischer Landschaft -
et moi j^y trouve une paix divine.

iMTy

9 . Rilke an Marie Taxis nach wien


Leipzig, Insel-Verlag. Kurze Straße 7.
am 27. Januar 1910. <(Donnerstag)

Meine gütigste Fürstin,


es ist keine halbe Stunde her, seit ich das letzte Wort
aus meinem Meinuscript diktiert habe; wenn mich
nicht alles täuscht, ist ein neues Buch da, fertig,
abgelöst von mir, eingerichtet in seiner eigenen
Wirkhchkeit.
Dieser gute Augenblick ist mir gerade recht, Ihnen
zu schreiben, daß ich mit allen freigewordenen
Gedanken die Hoffnung unterhalte, wirkhch nach
Duino zu kommen. Zwar sind meine Pläne noch
recht ungeordnet, ich hatte keine Zeit, mich mit
ihnen einzulassen; aber soviel steht fest, daß ich in
zwei oder drei Wochen nach dem Süden gehe, viel-
leicht weit. Von dort (auf dem Rückweg nach Paris),
Sie auf Duino zu besuchen, dies wäre für meine Reise
der schönste und glücklichste Abschluß: es würde
in die zweite Hälfte des April fallen oder gegen
das Ende zu.
Ich schreibe heute nur soviel. Werden Sie 's nicht
unbescheiden nennen, Fürstin, wenn ich, sowie mein
Reise weg im Einzelnen beschlossen ist, mehr er-
zähle ? Ich glaube, ich werde es nicht lassen können,
Ihnen darüber zu schreiben.

10
Die Aussicht, Kassner bei Ihnen zu finden, kommt
zu allem, was ich mir nun oft unter Ihrem Schloß
am Meer vorstellen werde, — so schön hinzu. Ich
denke mit vielen Grüßen an ihn.
Nächste Woche werde ich in Berlin sein und hoffe
dort Hofmannsthal zu sehen; dann komme ich noch
ein Mal nach Leipzig zurück, bevor ich weitergehe.
Und mit dem Weitergehen beginnt schon der große
Bogen, der mich - wie wünsch ich es — nach
Duino führt.
Ihr Brief hat mir lauter Freude gebracht in diese
strengen endgültigen Arbeitstage.
Sie fühlen, herzlich verehrte Fürstin, wie ich
Ihnen danke.
Ihr
Rühe.

10. Rilke an Marie Taxis nach wien


Berlin W. Hospiz des Westens, Marburgerstr. 4.
den 16. März 1910 <Mittwoch>
An Ihrem Brief, meine gütigste Fürstin, als er mich
eben erreichte, fiel mir nicht Eile auf, sondern daß
Sie Zeit für mich haben, und wie froh bin ich, dem
Gedanken an Duino weiter nachgeben zu dürfen. Ich
kann Ihnen nicht sagen, wie lieb er mir von Woche
zu Woche geworden ist. Mehrmals hätte ich Ihnen
schreiben mögen, vieles wäre zu erzählen, aber über
dem, mir ganz ungewohnten Sehen und Bewältigen
vieler Menschen, (wozu es in Berlin kommt) verlor
ich mehr und mehr die innere Spannung, aus der
Arbeit oder ein wirklicher Brief entspringt.

11
.

Wenn es Sie sicher in nichts stört, so würde ich mich


einrichten, gegen den 20. April in Duino zu sein,
vom Süden her kommend. Nun geh ich endhch,
diese Woche noch, nach Rom, und stell mir darunter
Alleinsein und Sonne vor und das Correcturlesen
meines Buches anfang May wird es voraussichtlich in
:

Ihren Händen sein können. Es ist mir lieb, ich glaube


ich werde selber lange nichts anderes lesen
An Kassner denke ich herzlich, mit vielen Grüs-
sen.
In Rom kommt auch sicher die ruhige Stunde,
Ihnen zu schreiben; ich verspreche sie mir, sie fehlt
mir sehr.
Leben Sie wohl, verehrte und gütigste Fürstin.
Ihr
Rilke.

1 1 . Rilke an Marie Taxis nach duino


Rom, Hotel de Russie.
am 8. April 1910. <Freitag>
Meine gütigste Fürstin,
gestern ist der letzte Korrekturbogen meines Buches

fertig geworden, und gleich danach wollte ich


Ihnen schreiben. Ich thu es nun umso rascher, als
ich habe sagen hören, daß es um Triest herum arge
Stürme gegeben hat. Sie wollten in dieser Zeit ge-
rade viel unterwegs sein zu Rad, dies beunruhigt
mich Hat das Unwetter bei Ihnen nirgends Schaden
.

gethan ?

Hier hat es, aus der Ferne, gleichmäßig schöne


Tage ins Schwanken gebracht; Regen kam herauf,

12
. ,,

aber auch der Aufwand jener großen Wolken, die


zu dem barokken Rom gehören (zur Piazza Navona)
Himmel zu dem anderen unbe-
wie der harte helle
wohnten, unbegreiflichen Rom.
Ich versäume das eine und das andere diesmal,
nicht recht wohl, erschöpft, zerstreut wie Deutschland
mich schließlich entlassen hat. Es liegt vielleicht
auch ein wenig daran, daß ich innen auf viel Ferneres
gespannt gewesen war, auf entlegene Weltausdrücke
gleichsam, in die man sich hinüber übersetzt; nun
scheint mir hier alles fast synonym. Die Pläne, von
denen ich Ihnen früher schreiben wollte (und für die
es langsam, Woche über Woche, in Deutschland zu
spät wurde) gingen ziemlich ins Große Von wie weit .

dachte ich nicht zu Ihnen zu kommen.


Aber die Hauptsache ist nun, daß mir dies bevor-
steht. Beinah würd ich 's nicht wagen, mich Ihnen
zu bringen, müd und mürrisch wie ich jetzt bin —
wüßte ich nicht Fürstin, wie man bei Ihnen gleich
,

zu Muth und Leben kommt. Dies weiß ich so gut,


als hätt ichs oft erfahren
Nun haben Sie die Gnade, selbst den Tag festzu-
setzen, der Ihnen am Besten paßt. Ich dachte, wie
ich Ihnen schrieb, etwa an den zwanzigsten; aber es
kann früher oder später sein, wie Sie es anordnen.
Hier will ich eigenthch nur noch Gärten wieder-
sehen, vielleicht die Borgia-Gemächer, draußen die
Villa d'Este, und was so dann und wann am Wege
hegt.
Ob wohl der ganze Kreis auf Duino sich schon zu-
sammengefunden hat? Das Leben versieh tbart, in
einem so schönen Ausdruck, das was ich meine wenn
, ,

13
es mir wirklich gewährt, mit denen, die zu Ihnen
gehören, einige Tage um Sie zu sein.
Ihr
Rilke.

Grüße an Kassner, wenn er schon bei Ihnen ist.

12. Marie Taxis an Rilke nach rom


<^Telegramni :)>

Venezia 16/4/1910 <Samstag>


Vous attends avec plaisir depuis le vingt prie rdponse
M Taxis
13. Marie Taxis an Rilke nach rom
«(Telegramm :]>
Duino 17/4/1910 <Soiintag>
Kassner partant le vingt-trois espere vous viendrez le
dix-neuf ou vingt si possible.

Marie Taxis

14. Rilke an Marie Taxis nach duino


Venedig, Hotel Regina.
am 29. April 1910. <Freitag>
« Car la parole est toujours reprimee
quand le sujet surmonte le disant.
(Francois I dans son sonnet sur Laure de Sade.)
Dies gilt für Venedig, wie es ganz und gar für Duino
galt. Wirklich, von einem zum andern kommend,
bleibt man im Wunder, vom Sagen, Reschreiben ist
keine Rede, hier wie dort, wie sehr man sich auch
zusammennimmt. Dies werf ich mir auch gar nicht
vor, daß ichs nicht sagen kann: aber erleben möcht
ichs können mit allen Kräften In den ersten Tagen
.

14
auf Duino war ich der, als der ich in Rom fortge-
gangen war, - stand unter so seltsamem Druck; ich
weiß nicht, Fürstin, wie Sie es gemacht haben mich
zu ertragen. Hoffentlich haben Sie gefühlt, wie Sie
mich langsam wieder brauchbarer gemacht haben;
zuletzt war ich wach und froh und bei der Sache.
Aber wenn ich Sie wiedersehe, muß es noch besser
sein. Ich muß von der Arbeit herkommen, in ihr
stehen, um wirklich ich selbst zu sein: diesmal hatte
ich so viel zerstreute Zeit hinter mir und war nicht
gefaßt auf so gute Stunden. Weiß Gott, wieviele ich
am Anfang verloren habe.
Die wunderhche und dumme Unruh der großen
unerfüllten Pläne trug auch dazu bei mich zu zer-
streuen; auch jetzt noch kommt es mir verwirrend
vor, daß ich nach Paris zurückkehre ohne sehr weit
fort gewesen zu sein; es muß schon ein Raum in
mir vorbereitet gewesen sein für die entfernten Erin-
nerungen, der steht nun^ leer, und was ich sehe
hängt darüber und hat keinen Halt Aber für meinen
.

Carlo Zeno ist es wohl auch richtiger so: je mehr ich


von ihm weiß desto mehr werd ich mir in seiner Figur
,

das Fremde, das ich mir wünsche, aneignen.


Ich war eben im Archiv; der Commendatore Mala-
gola hat sich meiner mit einer vollendeten Bereit-
schaft angenommen und genau in der Art, die noth-
wendig ist pour ne pas decourager un pauvre poete in-
cuLte quifait des Livres parce quil ne sait pas manier
ceux qui existent. Ich bin in ausgezeichneten Händen
und werde schon diesmal den verschiedenen Bi-
in
bliotheken zu stöbern beginnen und wenn der Muth
1 nur Hs.

15
dort nicht sinkt vielleicht doch noch drei oder vier
Tage hier bleiben.
Mein erster Weg gestern war nach dem Giardino
Eeden: mir war fast, als hätten wir verabredet uns
dort zu sehen. Die Prinzessin Gabrielle hätte sich ge-
freut an einer dunkelvioletten Akeley. Die Rosen
sind erst im Werden. Aber das Schönste fast waren
die vielen Schmetterlinge die sich flackernd über dem
,

hohen Gras im Winde hielten und das junge kaum


entfaltete Weinlaub, gegen den Himmel gesehn.
Ich kann nicht sagen, wieviel ich innerlich noch in
Duino bin. Bringen Sie mich bei den Hausgenossen
in Erinnerung. Heut nachmittag werd ich mir sicher
plötzlich wünschen, oben bei Ihnen zu sein. Ich will
mich nicht davon verwirren lassen daß es nicht geht ,

und mich herzlich daran halten, daß es möglich war.


Leben Sie wohl, verehrte und liebe Fürstin.
Ihr
Rilke.

1 5 . Rilke an Marie Taxis nach duino


Venise. Hotel Regina
ce dernier Avril 1910. (ßamedi)

Chere Princesse^
peut-etre auriez-vous le temps de lire Varticle du Fi-
garo sur un « Collier de perles » ? Ne le cherchez pas :
je vous Venvoie par ce meme Courier. II rri'a fait
une joie particuliere ; il est dcrit avec un goüt rare, iL
contrebalance des vraies valeurs, il me semble mime
d^avoir de ces nuances qui comptent et que Von ne
eherche point dans les journaux.
Je vais ä la bibliotheque , il serait beaucoup trop long

16
.

de vous raconter la suite de petites aventures qui rn'ont


conduit ä Chioggia devant ce tableau de la Sainte-The-
rese que je tenais ä voir. Comme peinture c''est nid,
mais si c"" est vraiment d''elle^, comme une piense tradi-
tion le veut, on aurait tort de le mApriser. II y a lä
peut-etre un document de Vartiste qui, en peignant le
masque enchanteur de son temps,a neglige de develop-
per les expressions de sa propre doideur et qui, pres-

que aveugle, tdtonne vers la toile pour former de loin,


pdniblement cette tete d''ange —; pensez, une tete de pe-
tit enfant alle tout en haut dans le coin droit du tableau
et qui regarde longuement, tristennent, pour toujours
une religieuse defaillante. C^est le dernier «putto»;
desormais il n'y en aura plus. Qu^il est loin de cette

tristesse vegetale par laquelle les anges du Botticelli


survivent ä la douleur qui berce Vindifference de leur
existence. Lui, iL souffre ä peine, il observe: penche en
avant, les yeux ombrages, il ne pourra jamais se dd-
tacher du spectacle infiniment lent qui le fascine et le
surpasse .

Ne devriez-vous pas un jour ecrire quelquechose sur


la Rosalba? Sous cette gloire aux ailes de papillon
s'^itend un sort pierreux; en y fouillant peut-etre de-
couvrirait-on quelques fragments d''un cceur qui fut
d^un travail süperbe.
Mais fabuse de votre temps et foublie le mien. II
estdoux cependant de profiter du peu de distance si

ce n'est que pour vous dire que Venise gagne encore si

on le prend comme une dSpendance de Duino


Votre
Rilke.
1 Seil, von der Hand der Rosalba Carricra. Vgl. dieAbb. AdH.

17
16. Marie Taxis an Rilke nach parisi
Lautschin 16. Juni 1910 <Donnerstag>

. . .Erinnern Sie sich wie wir zusammen in der Bi-


bliothek in Duino waren und wie ich Ihnen erzählt
habe ich hätte die Nacht von einer längst verstorbe-
,

nen Frau geträumt, welche das einzige Wesen ge-


wesen wäre, der ich mein ganzes Leben hätte er-
zählen können -. Der Traum und daß ich es Ihnen
sagte, hatte eine eigene Bewandtnis - denn ich glaub,
obwohl wir uns so kurz kennen (wenigstens scheint
es so), daß ich kaum mit irgend jemandem so absolut
offen und ohne Rückhalt sprechen könnte wie mit
Ihnen. Ich werde Sie wohl nur mit meinen «Erleb-
nissen » langweilen — aber daß ich überhaupt diesen
Gedanken hatte, ist für mich so merkwürdig, daß
ich es Ihnen schreiben mußte . . .

(Dieser Brief wurde erst drei Wochen später voll-


endet, mit meinem Dank für den soeben er-
haltenen «Malte Laurids» :)

<ca. 7. Juli 1910, Donnerstag)

Tausend Dank für das Buch. Ich bin tief drinnen


und genieße es unbeschreiblich, obwohl es manch-
mal direkt weh thut. Und mein kleines Buch mit dem
Essay über Anna de Noailles ? und dem was Sie über
Duino schreiben wollten ? . . .

<Mr>
^ Auszüge erhalten in dem ersten Manuskript ihrer «Er-
innerungen anR. M. Rilke». Nachgeschickt aus Paris nach
Oberneuland. AdH.

18
1 7 . Rilke an Marie Taxis nach lautschin
z. Zt. Obemeuland bei Bremen,
am 13. Jiily 1910. <Mittwoch>

Ach, meine gütigste Fürstin, da ich Sie lese, ist

mir zu Muth, als dürfte ich, zum ersten Mal seit


Monaten, ein Stück meines Herzens fühlen, das im
Ganzen hart und ohne jede Theilnehmung war, ich
weiß nicht warum.
Sie rechnen eine böse Zeit, und ich möchte schon
deshalb in einer guten sein, um Ihnen gut schreiben
zu können aus zusammengefaßter freudiger Kraft.
Aber wer hat Macht darüber ? Vielleicht darf auch
das hülfreich sein, sich so von Argem zu Argem zu
verständigen, es löst mir fast ein wenig die Feder,
daß mein Schweres zu Schwerem kommt.
Vor ein paar Tagen bin ich, in Ungeduld gegen
mich selbst, von Paris fortgegangen, ganz plötzlich,
weil dort alles so sehr mit meinen mühsälig schlechten
Tagen einig geworden war, daß ich nichts mehr drau-
ßen unterschied; und innen, wohin man sich in sol-
chen Trübungen leidenschaftlich wenden müßte,
war mir nach und nach, theils vom kränkelnden
Körper aus, soviel Demüthigung widerfahren, daß
meine Seele keinen Frieden für mich hatte. Vieles
liegt (wenn das trösten mag) vielleicht an den un-
begreif hohen athmosphärischen Verhältnissen dieses
Sommers, von dem ich mir so viel stätige Vollbrin-
gung und starke Ausdauer erwartet habe und der
nun, wie ich fürchte, mit Verwirrung und Verlust
hingehen will. Da fühl ich mich nun recht aus mei-
ner Arbeit schwerem Paradies ausgetrieben, seit ich
von Paris fort bin und nicht weiß wohin. Ich hoffe

19
ich fasse, nach ein paar Tagen Veränderung, Muth
und Entschluß wieder hinzugehen und noch einmal
anzufangen. Ich hatte doch so viel vor, immer wie-
der alles, und das bischen Unwohlsein erklärt nicht
die völlige Leere und Unfähigkeit der letzten Mo-
nate, für die ich mich schäme.
Ich wagte, in solchen Umständen, kaum, mit mei-
nen lieben Erinnerungen umzugehen, viel weniger
das kleine Buch in die Hand zu nehmen, an das Sie
gütig denken. Ich konnte keinen Strich schreiben,
alles ging mir über die Kraft.
Als ich mitten in den «Aufzeichnungen» stand,
dachte ich oft, daß ich hernach keine Bücher mehr

machen würde, sondern ich würde etwas Einfaches


und Gleichmäßiges thun und mich im Übrigen nach
innen ziehen. Das meine ich nun eigentlich nicht
mehr, aber es geht mir nach, und ich muß einsehen,
daß der Malte Laurids ein großer Abschnitt ist. Wei-
terschreiben kann man nicht einfach, man muß wie-
der anfangen, ganz von Anfcing; ich will nichts lie-

ber - aber wieviel Jugend, Unbefangenheit, Froh-


heit gehört nicht dazu: fast irgend ein inniger, nach
innen gekehrter Übermuth.
Ja, wenn der zu verdienen wäre, draußen vielleicht
in der Natur Aufeinmal fühl ich eine starke Sehn-
?

sucht nach Ländlichkeit; im Herfahren rührte es


mich, die Böschungen an der Bahn zu sehen mit
ihrer Unordnung hoher Sommerblumen -.
Hier bin ich für ein paar Tage bei meiner kleinen
Tochter, dann will ich vielleicht noch nach Hamburg
zu einem Arzt. Und dann muß sich zeigen, was wei-
ter wird Aber über diese Adresse erreicht mich
. alles

20
in der nächsten Zeit. Mein
Gott, Fürstin, welchen
Reichthum könnten mir bereiten mit Briefen,
Sie
die an jene Stunde in der Bibhothek in Duino an-
schlössen. Wie würde mich das zusammennehmen.
Ich glaube Sie sind helfend, überaus, auch dann,
wenn Sie meinen, Hülfe nöthig zu haben. Ich bin
dessen sicher.
Ihr
Rühe.

18. Marie Taxis an Rilke nach oberneuland


<^TelegraTnin :)>

Lautschin 16/7/1910 <Samstag>


Kommen Sie doch her möchte uns sehr freuen
Brief folgt
Marie Taxis

1 9 . Rilke an Marie Taxis nach lautschin


z. Zt. Oberneuland bei Bremen,
:

am 27. July 1910. <Mittwoch>

Meine gütigste Fürstin,


gestern abend wollte ich reisen über einen kleinen
Umweg zu Ihnen; es ist nichts daraus geworden,
ich wurde wieder recht invalide, heute geht es besser,
aber fahren kann ich gleichwohl noch nicht. Nun
bitt ich Sie um die Geduld, mich doch noch nicht
ganz aufzugeben; ich nehme mich sehr herzlich zu
der Hoffnung zusammen, daß ich vielleicht doch für
die zweite Augustwoche zu Ihnen kommen kann,
wenn es dann paßt.
Ich denke so ungern an die Disziplin einer Kur, so
viel lieber an ein ganz naives, nachgiebiges Sicherho-

21
.

len in voller Natur; und nun gar bei Ihnen. Das


scheint mir ausgemacht, daß ich unter Ihrem Schutz,
in Ihren Wäldern zu Kraft und zu innerer Zukunft
käme.
Ich kann nicht schreiben; der Sommer nimmt sich
hier, auch äußerlich, so unstät und übelwollend aus,
ich weiß mich kaum zu erinnern, daß er jemals so
war. Die Sonne ist selten und heftig, meistens berei-
tet sich irgend ein umständlicher Regen vor. Sie ha-
ben es besser, hoffe ich, oder Sie merken nicht so viel
davon in Ihrer starken Theilnehmung an Vielem, in
Ihrer ununterbrochenen und entschlossenen Aktivi-
tät, die ich immer mehr bewundern werde.

Von Kassner hatte ich gestern Nachricht, die erste


seit er von Paris fort ist; eine gute, soweit sich das
absehen läßt, wenigstens weiß er die Situation eines
«Sommerfrischlers» recht leicht zu nehmen, inten-
tioniert, sie listig und langsam (mittels Arbeit wahr-
scheinlich) auf seine Umgebung abzuschieben
Leben und gütige Fürstin; Sie
Sie wohl, verehrte
glauben nicht, wie ich mich daran halte, Auf Wie-
dersehen zu schreiben und darauf zu hoffen.
Ihr
Rilke.

20. Marie Taxis an Rilke nach oberneuland


«(Telegramm :>
Lautschin 6/8/1910 <Samstag>
Werden nicht vor zwanzigsten wegfahren hoffe
sehr Sie kommen wenn Ihnen leider kurze Zeit paßt

Marie Taxis

22
!

21 . Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Franzensbad in Böhmen, Hotel Post.
Donnerstag abend. <(11. August 191 0>

Hier bin ich, liebe, verehrte Fürstin, auf dem


Wege zu Ihnen mit den Gedcinken weit voraus, bei
Ihnen gleichsam schon.
Morgen soll ein Ruhetag sein, aber Samstag ganz
früh geht es weiter und am Nachmittag werd ich in
Lautschin sein. (Nach Drei, glaube ich, aber ich tele-
graphiere noch den Zug.)
Wie freu ich mich: wenn nur noch zwei drei Tage
herauskommen bis zu Ihrer Abreise: sie sollen mir
viel sein.
Erst gestern in Oberneuland, beim Packen, merkte
ich mit Schrecken, daß beim eiligen Aufbruch in
Paris gar kein Abendcinzug in meinen Koffer gekom-
men ist. Wie soll das werden ? Sie werden mich ge-
gen Abend verstecken müssen, vielleicht auch sonst.
Ach, es ist kein Staat mit mir zu machen.
Auf Wiedersehen nun wirkhch, meine gütigste
Fürstin, wie viel geht mir durch den Sinn; meine
Freude, nichts sonst, bewegt mich zu Ihnen.
Ihr
Rilke.

22. Marie Taxis an Rilke nach nimburg


<Lautschin, 13. 8. 1910, Samstag)
Wollen Sie so gut sein, lieber Herr Rilke, eine Viertel
Stunde zu warten da der Kammerdiener von meinem
Mann mit dem 5.20 Zug ankommt und mitfahren
soll-
Freue mich sehr auf Sie MT
23
,

25. Rilke an Marie Taxis nach München ^

Prag, Hotel Blauer Stern.


Sonntag früh. <21. August 191 0>
Liebe Fürstin,
ich hazardier ein paar Zeilen, aufs Gerathewohl,
nicht Avissend, ob Sie Continental wohnen oder Vier
Jahreszeiten. Ich denk es muß Sie erreichen, weil
mein Denken Sie sicher erreicht, geraden Wegs.
Die schönen Tage, die schönen Tage, sie können in
der Erinnerung nicht schöner werden als sie waren.
Nur daß ich immer besser fühlen werde, an wieviel
Stellen sie mir das Leben weitergebracht und bewegt
haben. Ich kann Ihnen gar nicht vorstellen, wieviel
Gutes mir widerfahren ist.
Sie haben einen guten Reisetag; Sonne und Reise-
wind und lichte offene Wege.
Prag ist zu und eng. Ich mußte mich ganz gewalt-
sam hineinfinden gestern abend. In Oberneuland ließ
ich mir neulich berichten von einer grünen Libelle,
die sich aus ihrer Larve auszog. Meine Frau und die
Kleine hatten das Blatt mit im Boot, sie konnten alles
sehen, jede Bewegung, das neue Wesen war ohne
Scham in seinem guten Gewissen Augen gab es nicht
:

für es, wie es so vorsichtig ausbrach ins Licht hinein,


in den ersten Sommertag: nur Welt.
Es soll ohne Gleichen gewesen sein dies mitzumachen
,

eine Einweihung ins pure Wunder. (Ich hätts dem


Fürsten erzählen müssen, es hätte ihn gefreut.)
Nun gestern mußt ich denken, ich war die Libelle
und man setzte mich wieder aufs Abgestreifte. Ach
Prag: das Gefühl ist zu lang geworden, der Kopf
1 Offenbar nachgeschickt nach Duino. AdH.

24
. .

geht nichtmehr hinein, von den Flügehi gar nicht


zu reden.
Bitte, Fürstin, sehen Sie viel Fernes, ein bischen
auch mit für mich. In München die orientahschen
Sachen, Miniaturen, Gazellen, Cypressen, Rosengär-
ten und kleine innige Thäler giebt es da sicher zu
sehen
Dienstag fahr ich nach Janowitz.
Wenn der Fürst noch mit Ihnen ist, sagen Sie ihm
meine Liebe und Prinz Pascha herzliche Grüße.
Heut früh, im ersten Heimweh beim Aufwachen,
fragt ich, ob ich hätte in Lautschin bleiben können.
Gott, ich glaube, ich hätte mich wirklich eingepuppt
und wäre wunderschön ausgeflogen -.
Aber das kommt noch. Ich habe jetzt Zutrauen, daß
Alles noch kommt. Ein gutes Licht liegt auf mir, was
es ernst meint, sieht mich sicher von Weitem und
findet mich und freut sich.
(In Eile.)
Viele, viele Grüße _.
^^'''^
Rilke.

Bei Neugebauer, wo ich gestern noch fragte, war na-


türlich kein «Dilettantismus» zu haben; ich liab ihn
verscholten

24. Rilke an Marie Taxis nach duino


Schloß Janowitz, Bezirk Selcan, Böhmen
am 30. August 1910. <Dienstag>
Liebe Fürstin,
ich bin ganz bei der Sache mir vor-
zustellen, wie dieser Brief Sie in Duino erreicht, ich

25
seh Ihr kleines Reich oben, die eingewohnte, von Er-
innerungen dichte Weh mit dem Fenster ins ganz
Große; es hegt etwas Endgühiges in dieser Einrich-
tung, die Nähe sehr nah heranzuziehen, damit die
Weite mit sich allein sei. Das Enge bedeutet viel, und
das Unendliche wird dadurch eigenthümlich rein,
frei von Bedeutung, eine pure Tiefe, ein unerschöpf-
licher Vorrath von seehsch verwendbarem Zwischen-
raum -.

Aber so gut ich mir das alles einzubilden weiß, ich


ertapp mich doch darauf, daß ich von jeder Post eine
Karte von Ihnen erhoffe, mit soviel nur, daß Ihre
Fahrt Ihnen wohlgethan hat und daß Sie die Tage
unten so gefunden haben, wie es Ihnen lieb ist. Ist
der Fürst bei Ihnen und wie geht es dem Prinzen
Pascha ? müssen manchmal fühlen, wie sehr ich
Sie
das lautschiner Leben innen fortsetze Prag hat mich ,

ein paar Tage in Unterbrechung gebracht, ich kam


fast krank hier an, aber nun geht alles weiter, ja ich
kann wirklich sagen, daß es irgendwie weitergeht.
Lautschin war eine rechte Wasserscheide, nun fließt
alles anders ab, ich weiß nicht wohin, ich seh nicht

hinaus, es nimmt mich ganz in Anspruch, daß auf


einmal Quellen da sind, die das neue Gefälle ausnut-
zen und sich weitertreiben Das ist gar nicht von mei-
.

ner Arbeit zu verstehen, die ruht, aber innen im Le-


ben bewegt sich etwas, die Seele wird etwas lernen,
sie fängt bei neuen Anfangsgründen an, und das
Beste dabei ist mir, sie so bescheiden zu sehen. Viel-
leicht lern ich nun ein wenig menschlich werden,
meine Kunst kam bisher eigenthch nur um den Preis
zustande, daß ich auf lauter Dingen bestand; das war

26
.

ein Eigensinn und, ich fürchte, auch ein Hochmuth,


Heber Gott und eine ungeheuere Habgierigkeit muß
es gewesen sein. Mir graut ein bischen wenn ich an

all die Gewaltsamkeit denke die ich im Malte Lau-


,

rids durchgesetzt habe, wie ich mit ihm in der kon-


sequenten Verzweiflung bis hinter alles gerathen
war, bis hinter den Tod gewissermaßen, so daß nichts
mehr möghch war, nicht einmal das Sterben. Ich
glaube es hats nie einer deutlicher durchgemacht,
wie sehr die Kunst gegen die Natur geht, sie ist die

leidenschafthchste Inversion der Welt, der Rück-


weg aus dem Unendlichen auf dem einem , alle ehr-

Hchen Dinge entgegenkommen, nun sieht man sie

in ganzer Gestalt, ihr Gesicht nähert sich, ihre Be-


wegung gewinnt an Einzelheit — ja, aber wer ist:

man denn, daß mans darf, daß man diese Richtung


geht wider sie alle, diese ewige Umkehr, mit der man
sie betrügt, indem man sie glauben läßt, daß man

schon irgendwo angekommen war, an irgend einem


Ende und nun Muße hat zurückzugehen — ?
Was die Landschaft angeht, so ist sie hier noch um
vieles einfacher als in Lautschin, einfältig beinah, es
ist allerhand Sentiment und Melancholie in die Blu-
men gerathen die blauen Raden
, am Wegrain wollen
einem richtig in die Augen schauen wie Hausthiere
und die fleißigen Äpfel möchten gelobt sein
Rührend ists, die drei jungen verwaisten Geschwi-
ster zu sehen, wie sie ihr Leben, das nun das ganze
Leben muß, in die Hand nehmen, jedes auf
sein
seine Art und dabei in so reizender Rücksicht und
Eintracht. Ich bin bei weitem der Älteste im Haus,
fast hab ich Müh, die Würdigkeit zu beherrschen,

27
die sich in mir entwickelt. Zum Glück giebt es so viel
Überlegenheit im Kleinsten und Einfachsten, von
der gar nicht zu reden, die aus dem Jungsein selbst
entspringt. Aber nächstens will ich den Kindern
Kassner vorlesen. Jetzt lese ich Kierkegaard, es ist

herrlich, wirklich Herrlichkeit, er hat mich nie so


ergriffen.
Tausend Grüße den Ihren und Ihnen, Fürstin, mir
fehlt oft eine Plauderstunde, der Brief ist gar kein
Ersatz.
Ihr
Rilke.

Ich schrieb aufs Gerathewohl nach München, hat


Sie 's erreicht?

25. Marie Taxis an Rilke nach janowitz


<(Telegramm :)>

Duino 5 / 9 / 1910, 21.22 h <Moiitag>

Gestern glücklich eingelangt tausend Dank für


beide Briefe schreibe Ihnen nächstens
Herzliche Grüße
Marie Taxis

26. Rilke an Marie Taxis (nach duino ?)

Paris. 77 Rue de Varenne


,

am 4. Nov<ember> 1910 <Freitag>


Meine verehrte Fürstin,
es ist eine Schande, daß ich
alserwachsener Mensch ganze Zeiten habe, wo ich
so wenig von mir sagen kann wie ein Schulbub

28 .
vor der Prüfung, denken Sie, wie muß das zugehen,
daß ich Ihnen nicht schreibe. Nun ist mir doch der
Schrecken in die GHeder gefahren, heut, als Kassner
mir sagte, daß die Aussicht, Sie würden jetzt über
Paris kommen, sehr gering sei; ich merke, wie stark
ich mich darauf verlassen habe, ja ich muß Ihnen
gestehen, Ihr letzter Brief, der für den 4. oder 5. Ihr
Hiersein versprach, entschied meinen Entschluß,
über Paris zu gehn.
Daß es für mich zu Lautschin nicht kommen will,
hab ich noch lang nicht verschmerzt, ich hätte Sie
sogar gebeten mich darüber zu trösten wenn Sie
mich genug gescholten haben würden.
Aber mir sind so wunderhche Dinge widerfahren,
nun treibt es mich von denen aus ins Weite und ich
,

seh wohl ich muß mich treiben lassen. Sie lasens


wahrscheinlich schon damals aus meinem janowitzer
Brief, daß eine Art Krisis sich in mir zusammenzog,
ja nun ist sie da, es wäre unehrhch auszuweichen;
etwas wie die Musik, alles Gefürchtete, hat Macht
über mich bekommen — erinnern Sie sich unseres
,

kam in merkwür-
letzten Gesprächs in Lautschin: da
diger Verkürzung GefaJir und Zukunft vor, ach ich
bin so recht von Ihnen aus in die Welt gegangen,
nun möcht ichs auch gut treiben und Ihnen innen
rühmlich wiederkommen. Gott, Fürstin, bleiben Sie
mir gut, ich werds sehr sehr brauchen. Mir ist das
Herz schwer, aber das schadet nicht, es zieht mich
herunter und das ists wohl, was mir schließlich ge-
schehen mußte. Ich glaube, ich hätte Ihnen gar
nichts erzählen können jetzt, so wenig wie schreiben,
aber unbeschreiblich gut hätt's doch gethan, Ihren

29
Schutz, auf den ich so viel gebe, einen Moment so um
alles herum zu fühlen.
In Ihr kleines Buch ist nichts hinzugekommen in die-
ser Dürre, ich schick es Ihnen, so wie es ist, eh ich
von hier weitergeh und lege etwas für den Fürsten
bei, an den ich in Liebe denke. Mit Kassner hab ichs
recht herzhch gut diesmal, wir leben uns freudig in-
einander und haben Lust und Ehrlichkeit einer zum
andern. Leben Sie wohl, liebe gütigste Fürstin.
Ihr
Rilke.

27. Rilke an Marie Taxis nach wien


Helouan bei Cairo, Hotel al Hayat
am 27. Februar 1911. <Montag>
Meine verehrte gnädigste Fürstin,
wirklich, alles was
so nach und nach an Europa-Sehnsucht in mir
sich entwickelt hat, kommt immer mehr in dem
einen Wunsch zusammen, über die große seltsame
Pause Ihnen erinnert zu sein — bin ich es,
fort, bei :

mich meiner Wiederkehr,


so ist alles gut, so freu ich
so bin ich ungeduldig, von Ihnen zu wissen, unge-
duldig wohl auch, Ihnen zu erzählen.
Obzwar, was wird sich sagen lassen ? Ich kann nicht
finden, daß es mir gut gegangen ist, nein, da war
allerhand gegen mich eingenommen, ach — Ihnen
sag ich 's meine gütigste Fürstin, es war eine schwere
,

Zeit. Immerhin in diese Zeit fällt so viel unerhört


Neues, das ich mir gewünscht habe und im Grunde
wohl auch brauchte, Welt liegt da aufgehäuft zwi-
schen damals und jetzt, ein Berg von Welt, und

30
. ,
.

selbst wenn er, ärgsten Falls, unfruchtbar bleiben


sollte, so ists eine Grenze, eine Wasserscheide, ich
werde gar nicht anders können , als von da rait allen
Antrieben nach der neuen Seite hin abfließen.
Wie oft, Fürstin, hab ich an Sie gedacht, dort wo es
am Besten und Wichtigsten war, die Vorstellung ver-
läßt mich nicht, was es wäre, einmal so eine Reise
mit Ihnen und mit dem Fürsten zu machen. Von
dem Fürsten hatte ich einmal einen Brief, ich schrei-
be ihm heute oder morgen und adressiere Victor-
gasse. Ob Sie in Wien sind, ich vermuthe unter vie-
len Beschäftigungen so daß ich mich vielleicht recht
,

ungelegen wieder einstelle. Ich habe aber ein gar


nicht unterdrückbares Bedürfnis , mein Versteck auf-
zugeben, es ist mir unerträghch geworden, nicht zu
wissen, wie es Ihnen und den Ihren geht, und nun,
wo auch die Rückreise schon in Frage kommt, be-
schäftigt es mich, ob Sie nicht in Duino sein wer-
den ?

Ich war fast drei Wochen inCairo krank, fand schließ-


lich hier inHelouan bei Freunden meiner Frau eine
gastliche Unterkunft, in der ich mich ein wenig zu
erholen hoffe länger als drei Wochen werd ich kaum
;

bleiben und also gegen Ende März auf dem Heim-


weg sein da furcht ich fast das ist zu früh für Duino
: ,

Wie sind Ihre Pläne ? Meine gehen alle nach Paris


aber es wäre die größte Freude für mich, wenn ich
Sie vorher sehen dürfte, ich habe mehreres auf dem
Herzen
Wenn Sie Kassiier's Aufenthalt wissen, so schicken
Sie gelegentlich tausend Grüße an ihn weiter. Was
thut er ? Er wird nun wohl bald nach Rußland gehen.

31
Daß ich seine Bücher mit hatte, ist mir oft zu einer
großen Tröstung geworden.
Die Welt kann hier fremd sein, fremd, manchmal
sondert sie einen so reinlich aus wie ein Automat, der
ein unpassendes Geldstück ohne Überlegung von sich
giebt. Und doch sind grenzenlose Vertrautheiten da,
nur kommt man auf einer ersten und obendrein kon-
fusen Reise nicht zu ihrer Einsicht. Ich denke, vieles
wird sich nachträghch einstellen, wenn man erst wie-
der mitten im eigenen Leben wohnt. Das meine
werd ich irgendwie ganz von vorne anzufangen ha-
ben. Ich versichere Sie, Fürstin, das kleinste Wort
von Ihnen würde mich ins Gefühl setzen, schon mit-
ten im guten Beginn zu sein, in ein überaus hülf-
reiches Gefühl.
Immer Ihr
Rilke.

28. Rilke an Marie Taxis nach wien


Helouan bei Cairo, Hotel AI Hayat
am 3. März 1911 <Freitag>
Verehrte und liebe Fürstin,
ich halts nicht aus,
ohne Kassner ein paar Worte zu schreiben plötzlich
,

fällt es mir auf die Seele, wie lang so ein Brief


braucht und daß der Antwortweg ebenso lang ist:

da hab ich mich hingesetzt und geschrieben. Darf


ich Sie bemühen, es an ihn weiterzugeben, viel-

leicht, wenn ich richtig rechne, ist er sogar in Wien


und Sie sehen ihn dieser Tage. Was gab ich drum,
könnt ich dabei sein. Er soll recht großmüthig sein
und mir schreiben, tragen Sie ihm recht viel auf.

32
Ihnen schickte ich vor einigen Tagen einen Brief,
ich fürchte einen recht uninteressanten; haben Sie
Nachsicht, Fürstin, mir schien schheßhch jeder Aus-
weg besser als dieses ewige Fortsein und Schweigen.
Ihr
Rühe.
29. Marie Taxis an Rilke in Venedig i

^Venedig, San Vio, Palazzo Valmarana


2.April 1911, Sonntag)

Wollen Sie morgen wieder um 10 % ungefähr kom-


men und wir könnten wieder eine Entdeckungsreise
machen — wenn Sie nichts besseres vorhaben ?

B<(itte> u<m> A<(ntwort>.


<Mr>
30. Rilke an jVIarie Taxis in Venedig
< Venedig, Hotel Luna, 3. 4. 1911, Montag)
Ich bin um ^11 bei Ihnen, Fürstin, verzeihen
Sie, daß ich nicht gestern Abend noch antwortete,
ich bekam das Rillet spät und niemanden mehr
hatte
zum Schicken. Nun mich auf unsere Ent-
freu ich
deckungen . Aber das Wetter - ?
Ihr
Montag früh. Rilke,

51. Marie Taxis an Rilke in Venedig


^Venedig, San Vio, Palazzo Valmaraua)
Dienstag früh <4. April 1911)
Lieber Herr Rilke
das Wetter ist zu grauslich, besonders zu windig -
in Duino wäre der Teufel los und nicht zu erwärmen -

^ Visitenkarte : Princesse Alexandre de la Tour et Taxis. Adres-


siert : H<ötel) Luna. AdH.

ö-)
unter diesen Umständen glaube ich daß es doch bes-
ser ist auf unsere Fahrt zu verzichten —
thut mir
es
nur schrecklich leid Ihre Pläne gekreuzt zu haben -
aber ich glaube wirklich bei dem Wetter hätten wir
nichts davon - und werde morgen direct nach Wien
fahren -
Was machen Sie ?

Mit herzlichsten Grüßen und vergessen Sie nicht auf


Juli in Lautschin.
MarieTaxis

32. Marie Taxis an Rilke in Venedig


<(Venedig', San Vio, Palazzo Valmarana^
<4. April 1911, Dienstag vormittag>

Ja gewiß , kommen Sie um 2 Uhr herum zu meinem


Bruder — da finden Sie mich und wir können nach-
mittags und abends etwas anfangen.
Freue mich sehr Sie noch zu sehen
MT
33 . Rilke an Mame Taxis nach lautschin
Paris, n ^ Rue de Varenne
am 10. May 1911 <Mittwoch>
Ach, meine verehrte Fürstin, es wird immer ärger
mit meiner Langsamkeit, jetzt erst schreibe ich Ih-
nen. Als ich herkam schneite es, nun ist der Fheder
fast vorüber, der Roth- und Weißdorn bevölkert sich
mit Blüthen, und im vollen Grünsein der Kastanien
werden morgen oder übermorgen die blühenden
Städte und Thürme stehen: was hat die Natur alles
gethan. Und was thun die Menschen alles, - ich weiß
nicht, was sie thun, aber sie sehn größtentheils be-
schäftigt aus oder wenigstens verhebt, sie sind in Be-

34
,

wegung, ich bin sicher, sie leisten allerhand, sie spie-


len ihre Rollen sie schreiben Briefe
, , und dabei bleibt
noch Zeit übrig, zähe Zeit, auf die sie laut loshauen
wie auf einen Clown, um sie nur loszuwerden. Mich
überholt alles, mir kommt fortwährend Zeit zuvor,
ich seh ihr in den Rücken Yne ein Nachzügler, wie
ein Marodeur; zum Teufel, wann wird das auf-
hören ?
Nun glauben Sie nicht, daß ich mich beklage oder
daß Paris mich enttäuscht. Im Gegentheil ich finde
es wieder so voUzähhg und in sich bewegt, so ein-
stimmig mit dem Frühling, aus dem es so viel macht,
wie eine schöne Frau aus einem Kleid machen kann
das sie gerne und in einer von sich überzeugten
Stunde trägt. Könnten wir ein paar solcher Ausgänge
hier zusammen thun wie die in Venedig, Sie würden
mir vieles zeigen, was ich vor Überfluß nicht seh,
und ich würde Ihnen erzählen. Stellen Sie sich vor,
Fürstin, daß sich außerdem die wichtigsten Ausstel-
lungen drängen, daß einem die schönsten Ingres ge-
zeigt werden, herrhche Rembrandts, Blätter mit kla-
ren persischen Illuminierungen; daß Maillol draußen
in Marly in seinem primitiven Garten seine Skulp-
turen sehen läßt -, und daß man nicht hinausfahren
kann ohne die Jugend unzähUger Wälder unter den
,

zugeneigten Himmeln zu sehen und Wege, von de-


nen man jeden einzelnen gehen möchte, so rufend
sind sie, so leicht scheint es, auf ihnen weiterzukom-
men, als ob sie wirklich gingen und man sich ihnen
nur überlassen müßte, um im nächsten AugenbUck
weit, ländüch, frei zu sein. Sagen Sie selbst, Fürstin,
ob Sie nicht hier sein müßten ?

35
Wie ist es bei Ihnen ? Sind Sie in Lautschin ? Wie
geht es dem Fürsten allen den Ihren
, ? dem Prinzen
Pascha ? : ich denke so viel an ihn. Aber ich will Ih-
nen mit Fragen nicht die Last der Antwort zumu-
then, auch verdien ich ja, da ich so lang schwieg,
eigentlich keine.
Ich hatte erst eine Art Akklimatisierung durchzu-
machen, und dabei und bei allem ließ mich meine
Wohnung so völlig im Stich, benahm sich so theil-
nahmslos, fand ich, war mir, der ich einen Anfang
machen wollte mit allen ihren alten Geschichten im
,

Wege: eben weil es doch keine rechte Wohnung ist,


sondern eine Art Versessenheit, eine zu haben. Ist
das verständlich ? Ach, es ist kompliziert.

Arbeiten; um mich langsam und täglich dazu zu er-


ziehen, hab ich den Guerin 'sehen Centauren über-
setzt. Schön, schön, schön. Ich sende Ihnen in ein
paar Tagen eine Abschrift und einen merkwürdigen,
wahrhaft hellen und geistesgegenwärtigen Sermon
«de Vamour de Madeleine», den man in Petersburg
im Manuscript entdeckt hat und dem Bossuet zu-
schreiben möchte.
Adieu, meine gütigste Fürstin, und die Grüße treue-
ster Ergebenheit.
Rilke.

34. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Paris. 77, Rue de Varenne
am 16. May 1911 <Dienstag>
Mit dieser Post, gütigste Fürstin, schick ich Ihnen
den gewissen Sermon über die Maria-Magdalena und
den Guerin 'sehen Kenianer es ist recht eigennützig \

36 •
und vorlaut von mir, Ihnen dieses heftige Gedicht,
das dem Leser fast keine Oberfläche, sondern nur
Bruchstellen seines immensen Stoffes zukehrt, in
meinem Deutsch zuzumuthen, ehe Ihnen franzö- es

sisch in die Hände kam. Aber sehen Sie, es macht


mir so viel Eindruck, daß ich überhaupt wieder ein-
mal etwas habe, ich kann nicht anhalten, es Ihnen <

rasch mitzutheilen wenn es auch nur eine wahr-


: , :
i

scheinlich ganz überflüssige Nachahmung ist.

Ich gehe viel mit mir zu Rath, weshalb ich immer


noch nicht arbeite, es wäre Zeit, diese lange Trok-
kenheit bringt mir nach und nach meine Seele wirk-
lich in Hungersnoth. Wie geht so etwas zu ? Es ist,
als hätte ich völlig die Fähigkeit verloren, die Um-
stände herbeizuführen, die mir helfen können, wo
ich nach welchen greife, sinds neue Erschwerungen
und Ausreden die Tage gehn hin und mit ihnen wer
,

weiß wie viel Leben. Ob man nicht eine groteske


Figur ausdenken müßte, nur um schließlich den
Satz anzubringen: «er brachte die letzten sechs sie-
ben Jahre damit zu, einen Rockknopf zu schließen,
der immer wieder aufging ? »
Ich schwätze, Fürstin, hören Sie nicht zu, in Wirk-
hchkeit getrost ich mich an den Übelständen meiner
Wohnung, die keine Körperwärme annimmt und
mich vom Luxembourg und dem ganzen Viertel da
oben zu weit entfernt hält. So wie ich die Luft jener
alten Gassen und das Glückliche aus dem unvergleich-
lichen Garten spüre, faß ich allerhand Muth und Ge-
fühl -, und so Gott will, wohn ich mich eines Tages
wieder dorthin durch und bring es doch noch zu
etwas

37
Abends lese ich inden Briefen der Eugenie de Gue-
rin; das ist rührend, wiesie ihr Leben, das fortfuhr

still und ereignislos zu sein, für den Bruder unter-

hielt, damit ihm, der ja auch in dieser merkwürdi-


gen Stadt sich vereinsamte, dieses kleine innige
Licht immer brenne, eine ewige Lampe vor dem
dunkeln Bild seiner Seele, in dem oft nichts zu er-
kennen war. Nur schade, daß die provinziale Fröm-
migkeit in ihr so ganz von Anfang an fertig und vor-
handen war, ich kann rehgiöse Naturen nicht be-
greifen, die Gott als das Gegebene hinnehmen und
nachfühlen, ohne sich an ihm produktiv zu versu-
chen.
Viel, viel, viel denke ich an Lautschin, an die Wald-
wege, an eine gewisse Stelle im Park, die ich sehr
liebe. Nur furcht ich mich ein wenig davor, wir
könnten eines Tages einem kleinen trockenen Cen-
tauer begegnen, der den Guerin 'sehen doch perfide
und sparsam überlebt hat in dauerhafter Verküm-
merung; dann wollen wir kein Aufhebens machen
und ihn schnell dem Cav<(ahere^ de Rosa schicken,
damit er in guten Händen sei und nicht viele ihn
sehen.
Adieu, verehrteste Fürstin, tausend Grüße.
Ihr
Rilke.

Was macht die Übersetzung, mit der Prinz Pascha


beschäftigt war ?

38
35. Marie Taxis an Rilke nach paris
<^. Konzept^:)
<(Lautschin, ca. 16. Mai 1911, Dienstag>
Ach Herr Rilke (Nebenbei ich muß einen
lieber
Namen für Sie erfinden - lieber Herr Rilke küngt
mir nicht in der richtigen Tonart) - Wie sonderbar
daß wir zwei doch so ganz verschiedene Menschen so
oft gleiche Gefühle haben — Ich sage das nicht aus
Einbildung — weiß eben zu gut wie verschieden wir
sind - Sie ein junger Mann und ein Dichter - ich
eine alte Frau die nur vieles erlebt hat - La vie rria
pris le coeur dans des mains pids(santesy et cruelles et

me Va tordu comme les lavandieres tordent le linge


pour en faire sortir Veau jusqu''ä la derrdere goutte —
Et cet Organe recalcitrant a continue ä faire son petit
tic tac - nur thut es immer ein bissl weh - auch

wenn es sich freut - und darum kann es sich so


freuen -
Dieß alles um Ihnen zu exphciren daß ich so frappirt
war über das was Sie über Wege sagen — die schönen
schönen Waldwege an denen man mit der Eisenbahn
vorüber saust - und die man so gerne verfolgen wür-
de — welche gewiß «zum Glück» führen. «Das
Glück» hat von jeher eine große Rolle bei mir ge-
spielt - sieht ganz bestimmt aus - und ich weiß im-
mer ganz genau wo es ist - ich fühle es — nur kommt
man halt nie hin —
Ich freue mich so auf Ihre Übersetzung und den
«Sermon de Vamour de Madeleine» — aber gemz be-
1 Aus dem Nachlaß der Fürstin :Antwort auf Rilkes Brief
vom 10. 5. 1911, geschrieben noch vor Empfang seines
zweiten Briefs vom 16. 5. 1911. AdH.

39
sonders freue ich mich auf Sie — ich hoffe Sie haben
nicht vergessen daß Sie den Juh hier sein sollen ?

Ich war in Wien, habe Kassner gesehen, der strah-


lend nach Rußland gefahrenist - Wir haben einmal

zusammen gegabelt, und sind bis sechs Uhr plau-


schend zusammen geblieben — darüber erzähle ich
Ihnen.
Juni ist für mich der Monat der Chimären - sie wer-

den von allen Seiten angeflogen kommen und ich höre


schon das schnarrende Rauschen ihrer Flügel -
In Juli werden Sie P<(ascha)> sehen und - seine Frau —
denn sie haben sich versöhnt. Gott gebe daß es zum
Guten sei!

Sehr viele herzliche Grüße (^MTy

^B. Bruchstücke des Briefs^ :]>


Lautschin 19 Mai 1911 <Freitag>
Für zwei liebe Briefe muß ich Ihnen danken eher
ami — (Ich kann Ihnen nicht lieber Herr Rilke sagen —
das klingt gar nicht in der richtigen Tonart zu Ihnen -
ich muß Ihnen noch einen Namen erfinden ....
. . .Ach ich käme gerne jetzt nach Paris — ma come
sifa Denn jetzt in Juni ist für mich der Monat der
!

Chimären - von allen Seiten kommen sie angeflogen


und ich höre schon das schnarrende Rauschen ihrer
Flügel... <MT>

^ Aus dem ersten Manuskript der « Erinnerungen an RMR ».


Der abgesandte Brief, mit abgestimmt auf das zweite in-
zwischen eingetroffene Schreiben Rilkes, folgte im Übrigen
wohl ziemlich getreu dem obigen Entwurf. AdH.

40
56. Rilke an Marie Taxis nach lautschin
Paris, nRue de Varenne
^

am 31. May 1911 <Mittwoch>


Über Ihrem Brief, meine beste Fürstin, verstand ich
erst, wie nah der Juny schon ist, nun fängt er mor-
gen ernsthch an, ich denke an Sie. Das Schnarren
der \delen Flügel ist wohl schon theilweise in greif-
barere Geräusche übergegangen, wie hört es sich
an ? Ich habe auch so manchen Flügel um die Ohren
gehabt, ach, als ob die Leute zu leicht geworden wä-
ren, der geringste Luftzug hebt sie hinaus, um ein
Nichts gerathen sie ins Tag während
Reisen; jeden
der letzten Wochen hörte man von jemandem, der
nun «auch» da sei, das mag eine Nachricht sein, die
(wenn man der alten Überlieferung glauben mag) im
Jenseits das pure Entzücken hervorruft, in Paris, im
Frühling, wo schon einer allein ein Gedräng ist, ge-
hört sie Manches war
nicht gerade zur Befriedigung.
vermeidlich, manches nicht, die Auswahl trifft ja der
liebe Gott, das muß man ihm schon überlassen. Auch
der Insel- Verleger ist hier, was nun wieder recht ist,

ich höre, was er alles herausgebracht hat und näch-


und wir geben uns den Vorstellungen
stens bringt,
machen bliebe. Vom neuen
hin, was alles Schönes zu
Kassner^ muß heute oder morgen das erste Prob«(e)>-
exemplar fertig werden, ich habe mirs erbeten für
einen Tag, für drei Stunden, für solange als es
braucht, es im starken Nicht-länger-warten-wollen
einzulesen. Ich freu mich darauf, als sollt ichs selber

geschrieben haben. Ja, selber schreiben: das ist nicht

1 Rudolf Kassner, Die Elemente der menschlichen Größe.


Leipzig 1911 (Insel- Verlag). AdU.

41
. ,

so einfach. Denken Sie, Fürstin, nun hab ich auch


noch den Sermon übersetzt, das ist völhg überflüssig,
aber er geht mich so geradeaus an an manchen Stel-
len, wenn ich nicht seit lange in so großen Unord-
nungen wäre, ich glaube wirklich, ich hätte so et-
was hervorbringen können; und dann hat es mich
heiß und streng beschäftigt, und das brauche ich,
schheßlich ist Schreiben mehr als Nichtschreiben

und es reizt vielleicht doch den Engel herauf und


macht ihn eifersüchtig —
Ist es nicht eigentlich schhmm in meinem Alter,
immer noch nicht die wörthche und unaufhörliche
Berufung zu haben ? Es giebt doch Menschen, über

die das so kommt (und über den Künstler muß es


doch kommen, so gut wie über Mohammed minde-
stens) die und immer ge-
Aufgabe, die immer da ist

nau und immer verlangend. Dies und dies und dies.


- Diese Pausen. Und dieses schmähliche Un Verhält-
nis zum Ungethanen -.
Sie können sich vorstellen, verehrte und Hebe Für-
stin, wie sehr eine gewisse Nachricht am Schlüsse
Ihres Briefs mich berührt. Ja: möge es zum Guten
sein, da es doch noch geschehen konnte. Manchmal
mein ich, was zwischen zwei Menschen möglich ist,
ist im Grunde doch nicht viel; alles Unendliche ist

innerhalb des Einzelnen: dort sind die Wunder und


die Leistungen und die Überwundenheiten; und
vielleicht ist von alledem etwas geschehen. In viel-
fältigem Gedenken und unter vielen Grüßen
ganz Ihr
Rühe.

42
37. Rilke an Marie Taxis nach lautschin
Paris, n ^ Rue de Varenne
am 2. Juny 1911. <Freitag>

Erschrecken Sie nicht, Fürstin, daß ein Brief hinter


dem andern kommt, es geht nicht so weiter, ist auch

nur eine kleine Aussprache verlegbar nach wann Sie


,

wollen, gar nicht eilig, ohne Aufschub nur für mich,


der ich am Liebsten diesen Nachmittag noch zu Ih-
nen führe mit dem Probeexemplar des neuen Kassner
in der Tasche und unbändig, ihn mit Ihnen zu lesen.
Ich bekam das Buch (ein dem der Drucker noch et-
was zu ändern haben wird) gestern spät, las es diese
Nacht, ging heute damit in den Luxembourg-Gar-
ten, las es wieder fast ganz, und werde womögHch
so fortfahren, denn es giebt sich nicht rasch oder viel-
mehr, ich glaube, es ist nicht so, wie es sich zuerst
giebt Der « Dilettantismus » blieb das was er beim
. ,

ersten Lesen war, dieses neue Buch wird sich immer


wieder vorausstellen und in gewissem Sinn vor einem
liegen, wie der Engel, der, wenn man ihn eben über-
wunden hat, schon wieder an der nächsten Wendung
einem entgegensteht. Ich habe mich gleich sehr ent-
schlossen damit eingelassen und ohne bei Weitem es
zu übersehen empfind ich es doch wie ein Lebendiges
,

dessen Athem, Wärme und Gang mich gestreift hat;


lebendig ist es, voll lebendiger Worte, seine Kürze
täuscht, es ist lang -, mir kommt vor, es stehn nur
ganz große Summen drin, siebenstellige Zahlen aus
unendlichen Bestandtheilen und Bruchtheilen zusam-
mengezogen, dann und wann einzelne große Posten,
die noch offen sind aber nirgends eine Abrundung nach
,

oben still genau bis auf die Einheiten, und das Ganze
,

45
»

nicht mehr addiert, großartig abschlußlos frei von der


,

Brüstung, sich in der riesigen Endsumme noch einmal


zu fühlen und auszubreiten und vorzustellen.
Ist dieser Mensch, sag ich mir, nicht vielleicht der
Wichtigste von uns allen Schreibenden und Ausspre-
chenden, der zu so reinen Sätzen gekommen ist, der
jetzt Wünschen
schon sicher scheint vor den falschen
und Verwechslungen, aus denen wir immer wieder
Scheinkräfte ziehen, die uns erschöpfen; der sich vom
Heihgen wegrückt, den er (meint man) erreichen
könnte, und der so fest und einfach aus dem Künstler
trat und hinter der Kunst hervor um nur im Freien zu
,

sein in einer Zeit, da Häuser doch nur Spielerei sind,


dunkle Ungenauigkeiten Vorwände sich mit dem und
, ,

jenem nicht einzulassen - ? Was im « Dilettantismus


überall im Kleinen vor sich geht das vollzieht sich
, nun
in den « Elementen » größer an drei, vier Stellen die-
:

ses unbegreifliche Zur-Besinnung-Kommen gewisser


Begriffe, die, möchte man sagen, seit Jahrhunderten
schlaftrunken waren die große Klärung über ganzen
;

Landstrichen; die erste Freisprechung verdächtigter


Kräfte und das immer gelassenere Gewährenlassen
der schuldigen, die sich selber ihr Gericht bereiten;
dieses Zweitälteste Gericht überhaupt vor dem jüng-
sten, das uns noch ein bischen Zeit läßt und dabei
selber Zeit hat, nicht drängt, nicht bekehrt, sich nur
vollzieht -. Und dieses Vorgefühl von Ordnung, das
einen über alledem ergreift, diese intime Beruhi-
gung dem konfus Komplizierten gegenüber, als würde
man mit einem Ruck gegen Osten gestellt und wüßte
nun wieder die vier großen Richtungen am Him-
mel, die ausreichen und sich nicht vermehren.

44
Herrlich sind die Stellen von dem «mythischen»
Menschen, sie sind mir im Augenbhck fast stärker
als die Chimären, aber das liegt wahrscheinlich an

meinen aegyptischen Eindrücken, die damit merk-


würdig kongruent sind. Und ist Ihnen über dem
Vorlesen, das lebendige Verhältnis der Anmerkun-
gen recht deutlich geworden? Es ist wunderbar, es
mitzumachen, wie die innere Spannung dieses Bu-
ches fortwährend überspringt und eine Reihe klei-
ner Nebenhandlungen treibt, ähnlich wie jene rei-
che wohlstehende belgische Stadt, auf deren grünen-
den Wällen dreiunddreißig Windmühlen das ganze
Jahr am Leben waren.
Auch über den Leser kommt aus dieser Fülle ein im-
mer neuer Antrieb, mit- und weiterzu wirken es ist
,

ein Buch, das Randbemerkungen ergiebt, ja ich


könnte mir denken, wie neben seinem Text, die
ganze Verwandlung eines Menschen an ihm sich ge-
wissermaßen absetzte in Zusätzen, Überraschungen,
Erleichterungen und abstammenden Einfällen.
Ach Fürstin wenn wir nur Zeit finden es recht still
, , ,

und gründlich miteinander zu lesen, dann wollen


wir uns recht lange Weiterungen und Auslegungen
gönnen, weiß der Himmel, wo wir herauskommen.
Draußen geht ein Gewitter um, das bringt mich aus
den Gedanken, die Natur hat es gut, sie schwenkt
sich und schüttert sich immer wieder ins Rechte.
Genug, genug, - was für ein langer Brief: ich hoffe,
er eilt sich zu Ihnen.
Ihr (übrigens auf den rechten Namen sich freuender)

R.

45
58. Rilke an Marie Taxis nach lautschin
Paris. 11 Rue de Varenne
^

am 21. Jiiny 1911 <Mittwoch>


Fürstin, wenn ich denke, wie schwer ich es mit mir
habe, wie arg ich mir zur Beschwerde bin minde-
stens zwanzigmal im Tag, - was müßten erst An-
dere an mir ausstehen, ein Glück, daß ich Raum um
mich erhalte, die Arme im Leeren umzuschwingen
wie der junge Kentauer, nur leider oft ganz ohne
Übermuth und Vorgefühl. Hätt ich doch die paar
guten inneren Momente für Sie aufgeschrieben, so
wären sie jetzt da, meine Seele ist jetzt wie ohne Er-
innerung, sie hat nur oder hat nicht, genau wie
die Bettler, die nichts behalten, entweder die leere
Hand fühlen oder das Kupfer darin, aber nie das
Geld oder die Leere von gestern.
Man hat mir, kaum daß die Besuche nachheßen,
einen argen Streich gespielt, mein eigener Plafond
spielte, indem er plötzhch drohte, über mir nieder-
zugehen wie ein Gewitter, merkwürdig ausdrucks-
volle Spalten entstanden gerade über den Stellen, da
ich am meisten wohnte, alle bedauerten nnch wde
einen Verurtheilten und ich selbst, revoltiert von der
Aussicht auf einen so schmählichen Untergang, ar-
beitete mit an der Berufung dieser fatalen Mauerer,
die nun bei mir, wie zuhause, in ihrem Metier ge-
schwelgt haben, Gott verzeih ihnen, Mörtel zwi-
schen den Dielen und bis im Innern der Bücher zu-
rücklassend und teuflisch zum Schluß dem Concierge^
anvertrauend, was Mühe es gekostet hätte, diesen
Plafond herunterzubringen, der offenbar durchaus
1 In der Hs. : Concierge (wie Rilke regelmäßig schrieb). AdH.

46
nicht bereit war, sein Gebälk loszulassen. Sehen Sie,
was für ein Zwischenspiel und womit die Zeit hin-
geht.
Gedrängt mit meinen Möbeln hab ich gleichwohl in-
zwischen im anderen Zimmer das Journal der Euge-
nie de Guerin zu Ende gelesen, schön, schön ist es,
ich wurde immer theilnehmender schheßHch müßte
,

jeder, der es hier in dieser Stadt überstehn soll ein


Wesen haben, im Stillen, das so für ihn schreibt
{Malte Laurids fiel mir ein) , - aber am Ende
wird
es solche Frauen gar nicht mehr geben, Herzen von
so großartiger Einschränkung, die sich an jeder Stelle
im Ganzen fühlen, von innen her unbeschränkte
Herzen, Herzen von starker, unmittelbarer Erhe-
bung, da doch heute schon fast alles sich nur halb
oder gleich zu weit oder nur um der Zerstreuung
wollen oder auf Umwegen erhebt. Können Sie sich
vorstellen, was dann aus den jungen Leuten werden
soll?
Später abends.
Noch eines, das russische Balletwar wieder da (das
ich voriges Jahr mit Kassner sah). Ich verdank es
Keßler, daß ich, wider alles Absehen, am letzten
Abend doch noch im Theater war. Der Tänzer, Ni-
jinski, - ja, wie soll man das sagen: als ob einer seine

ganze Schwere in sein Herz herein- und heraufge-


nommen hätte und sich an dieser seiner Mitte auf-
hübe und sich in Bewegung austheilte, nein, sich
überall schon wieder zurücknähme. Man hat, unter
anderem, eine Szene für ihn eingerichtet, Le Spectre
de la Rose, ein Pavillon, offene Flügelthüren rechts
und links in der gerundeten Rückwand, draußen

47
Gartennacht, ein junges Mädchen in Weiß kommt,
sie hat getanzt, sie sieht sich um, sucht sich zu sich
zurück, findet an sich eine Rose, verwechselt sie mit
sich die , Rose erinnert sie .Der Schlaf überkommt
. . .

sie rasch in einer Rergere und nun, lautlos, mit


einem Sprung, ist der Geist der Rose da, umkreist

siewindet sie ein verführt sie steckt sie an mit sei-


, , ,

nen Schwingungen: nein, ich beschreibe nichts, Sie


müssen das sehen.
Über allen diesen Aufschüben und Verspätungen
wird es vielleicht der 10^*=, vielleicht mitte July
werden, eh ich von hier fortkomme; aber dann auch
in Einem zu Ihnen, liebe verehrte Fürstin, zum
Glück seh ich an den Rriefen wie grade und gut wir
verbunden sind. Tausend Gedanken und Grüße
Ihr Ä.

39. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Paris, n ^ Rue de Varenne
am 23. Juny 1911 <Freitag>

Unsere Briefe, meine verehrte Fürstin, haben sich


gekreuzt, vielleicht haben Sie gerade jetzt den mei-
nen, der fast mit einer Antwort Ihren Fragen zuvor-
kam. Ja, ich werde kaum vor Mitte July mich von
allem Hiesigen abgetrennt haben, es ist so viel Zeit

verloren worden die Mauererleute alle die stumpfen


, ,

Tage .... So kann ich doch wohl erst nach Ba3rreuth


bei Ihnen sein: aber paßt es dann auch ? Sonst würd
ich natürlich doch noch alles umlegen und umbie-
gen, abbrechen, wenn es sein muß. Für den Fall,
mein ich, daß Sie denken, daß dieses Autofahren
(das ich mir herrlich vorstelle, von Bayreuth, laiisch

48
wie ich bin, hab ich gar keine Vorstellung —) die
ruhigste Zeit für uns wäre, für dieses wirkHche Bei-
sammensein, auf das ich mich täglich freue und das
ich so brauche. Sonst, wenn alles stimmt, bleibt es
bei meinem jetzigen Vorhaben: darüber erwart ich
noch eine Zeile.
Von Kassner hatte ich, aus Moskau noch, eine sehr
günstige Karte, die wenig enthielt wenn man die
Worte zählte, aber viel, wenn ich mein Wissen um
ihn und um Moskau daranwandte, ihren Inhalt zu
interpretieren
Die Änderungen, die, typographisch, noch nöthig
waren, scheinen sein Buch sehr aufzuhalten, es ist
in der That noch nicht erschienen, ich habe es auch
noch nicht wieder, - schrieb eben an den Verlag,
drängend. Kassner antwortete ich nach Moskau, Sla-
viansky Bazar, ich hoffe, das erreicht ihn irgendwo
auf der Wolga, wo er allerdings nichts nöthig hat:
dort ist die Welt, als war sie noch in Gottes Hand und
im Werden -.
Auch ich schreibe in Eile verzeihen Sie die schlechte
,

Schrift, der Brief soll gleich fort, um Ihre Disposi-


tionen nicht hinzuhalten. Das herzhchste Gedenken
allen Ihren, die von mir wissen, und tausend Grüße
Ihres
Rühe.

40. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Paris. 77^ Rue de Varenne
am 4. July 1911 <Dienstag>

Mea, mea culpa, Fürstin, ganz und gar, ich begreif


gar nicht, wie ich in Ihrem vorletzten Brief immer-

4 49
zu «July» las, wo «August» steht, das muß mir im
Auge gewesen sein. Hat dieser mein dummer Irr-
thum zu sagen, daß ich doch erst nach Bayreuth
zu Ihnen soll ? dann gar nicht ? Oder
Oder geht es
ist nicht abzusehen ob es dann geht ?
,

Ich fürchte, Sie ungeduldig zu machen mit diesem


Umfragen, aber, sehen Sie, verehrte Fürstin, nun
liegt es so: Ich glaube ich muß etwas für Nijinskij
machen, den russischen Tänzer (ich schrieb Ihnen
neuhch über ihn), es geht mir nach, es ruft hinter
mir her: ich soll, ich soll. Ein Gedicht, das sich
. .

sozusagen verschlucken läßt und dann tanzen, und


ich ziehe sogar an einem Stoff, den wir zusammen
besprochen, berührt haben, ich erzählte Ihnen, Sie
fanden ihn ausgezeichnet.
Keßler steht den russischen Leuten nah, ich früh-
stückte eben mit ihm, und natürhch soll alles sofort
dasein. Das würde mich nicht überzeugen, ich habe
für solche Sachen mein eigenes Tempo, was mir aber
immerhin einigen Eindruck macht, ist der Umstand,
daß Nijinskij, sein Impresario und was dazu gehört
(übrigens auch d'Annunzio) am 1. August mit Keß-
ler für etwa acht Tage in Versailles zusammentref-
fen. Sollte ich dann hier sein und den Leuten wo-
möghch schon etwas vorzeigen ? Das hätte einigen
Sinn. Soll ich mich jetzt, heute, Dienstag gegen halb
fünf, hinsetzen und anfangen mit einem Sprung
, ?

Ich weiß nicht. Ich frage. Wenn ich anfange, so ist

Mitte July zu nah, um dann zu reisen; ich müßte


dann den ganzen July haben, ersten bis achten Au-
gust oder auch kürzer in Versailles sein, je nachdem
wie viel da ist, mich dort vorzustellen und zu ver-

50
tretenund käme hinter alledem zu Ihnen bei Ihrer
Rückkehr aus Bayreuth. Ausgemacht ist aber, meine
gütigste Fürstin, daß ich keine Stunde Ruh hätte zu
alledem, wenn Gefahr ist, daß ich darüber Lautschin
versäume. Lautschin ist mir wichtiger als alles das,
es ist das Wichtige, ich lebe schon so darauf zu und
wenn ich in diesen letzten Tagen, in denen mir viel
Merkwürdiges widerfuhr, kein Journal für Sie schrieb
(wofür ich allen Antrieb habe), so hat nur die Aus-
sichtauf so nahe Aussprachen mir diese in Ihre Rich-
tung strebende Arbeit erspart.
Also: ist über Bayreuth hinaus alles im Ungewissen
und der Julytermin vorzuziehen so komm ich gleich
,

nach dem 15. July und bin wie ich bin und meditier
meinen Tanz bei Ihnen jeden Morgen im Wald und
lasse die Leute warten: wenn was Gutes an den Tag
kommt, werden sie schon findig genug sein, es auch
später zu mögen, das war mir keine Sorge.
Nochmals denn ein Wort, liebe Fürstin; ich glaube
ich kann jetzt so viel fühlen und mit so vielem khn-
gen, und wenn Sie meinen, daß diese Verfassung
dem, was Sie betrübt und nachdenkhch macht, gut-
thut, so rufen Sie mich ganz unbedingt, rufen Sie
einfach und ich reise, wies zuerst vorausgesehen war.
Sie wissen nun, wie alles steht, zum Glück ists so,

daß sich's sagen läßt.


Alles Liebe und Getreue
Ihr
Rühe.

51
.

41 . Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Prag, Palast Hotel.
am 21. July 1911 <Freitag>

Da bin ich, Fürstin, so gerade auf Sie zugereist, und


nun verfang ich mich doch für diesen einen Tag, in
dem trüben, ach dichten, ach unsägUch abgestande-
nen Prag. Mir ist ein bischen zumuth wie einer Ra-

kete, die ins Gebüsch gerathen ist, ich puffe und


puffe, niemand hat was davon. Aber schließlich, ich
bin anderthalb Stunden von Ihnen das ist schon ein
,

Fortschritt, und eben schrieb ich das Telegramm^ auf,


das Ihnen rasch vorausmeldet, daß ich morgen,
Samstag, um 3 Uhr 22 in Nimburg bin, mit dem
Zug wie vor einem Jahr, Fast möcht ich schreiben
und erzählen und fragen in aller Ungeduld, aber
meine Mutter kommt eben (die der Hauptgrund
ist daß ich einen Tag hier überschlage — ich ver-
, :

muthete sie noch in Franzensbad - ) und so schheß


ich und lasse alles auf die nahe gute Zeit, in der Sie
mich nun wirklich zum Dottor serafico machen
müssen oder sonst wozu im äußersten Sinne Brauch-
barem .

Inzwischen immer noch


iL Dottor prowisorio

42. Marie Taxis an Rilke nach präg


^Telegramm :>
Lautschin 22/7/1911, 5.20h vorm. <Samstag>
Freuen uns sehr.
Marie Taxis

1 Nicht erhalten. JdH.

52
43 . Rilke an Marie Taxis nach lautschin
Prag, Hotel Blauer Stern,
am 5. August 1911 <Samstag>
Ich bin noch gar nicht zum Bewußtsein gekommen,
liebe Fürstin,- wer von uns ist es denn - Sie glau-
ben nicht, wie sehr ich, trotz allem Anschein, in
Lautschin geblieben bin ich habe gar kein Herz mit-
,

genommen, es wird sich finden irgendwo, und ich


bitte dringend, es nicht nachzuschicken, - sondern
zu verbrauchen.
Sagen kann man ja jetzt gar nichts und in nichts zu-
reden, Ärzte, mit denen ich gerade über Scharlach
oft gesprochen habe, versicherten mir, daß er bei
Kindern jetzt immer gut ausgehe, wenn er recht-
zeitig erkannt wird, Lahmann, der ja übertrieb,
nahm ihn nicht schwerer als einen Schnupfen. Si-
cher ist, daß \vir uns leicht durch Namen schrecken
lassen, an denen von früher so viel Verdacht und
böse Erfahrung hängt. Nun handelt es sich fast nur
um Geduld und Aufmerksamkeit und einige Wochen
Zeit. Das Schlimmste ist ja vielleicht, daß es so in
Abwesenheit der Eltern geschehen mußte aber liegt ,

nicht darin, möglichen Falls, eine Art Macht, die


vielleicht recht hat, eine energische Correctur vor-
läufig hingehaltener Verhältnisse ? Abwarten und

Tag für Tag das Fällige thun, ohne in Sorgen vor-


auszudenken, Fürstin, wenn das ginge. Bitte, bitte,
lassen Sie sichs nicht zu nahe gehen, schon um der
Übersicht willen, die Sie behalten müssen, niemand
hat sie sonst.

Ich bin so froh, Placci noch getroffen zu haben, ich


glaube wir haben recht viel Temperatur für einan-

53
.

der; ich, der ich nie mit Männern umgehen konnte,


bei Ihnen, wo mir Gutes begegnet, lern ich
so viel
auch dies und kann es fast schon: solchen Umgang
mir zuwenden und an ihm fleißig sein.
Meine herzHchste Zuneigung dem Fürsten und alle
alle Wünsche, die sich nur den Umständen gegen-
über denken lassen.
Dottorserafico

44. Marie Taxis an Rilke nach präg


^Telegramm :)>

Lautschin 8/8/1911, 9.45 h <Dienstag>


Rp 10 = Herrn Rilke Prag Hotel Blauer Stern

Sind Sie noch Prag? Schreibe Ihnen heute dorthin,


hoffe Sie vielleicht später noch etwas haben zu kön-
nen.
Marie Taxis

45. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Prag, Hotel Blauer Stern,
am 9. August 1911 <Mittwoch>
Mein Gott, Fürstin, ich war so gespannt, Nachrich-
ten über Raymond zu haben und so froh, die guten
zu lesen, daß mir erst nach und nach und immer
mehr ins Bewußtsein kommt, daß ich Sie und den
Fürsten eben versäumt habe Als ob nicht mein ganzes
.

Gefühl mir gerathen hätte vor Tisch noch einmal ins


,

Hotel zu gehen, ich Tölpel, Prag verstumpft mich so,


daß ich nicht einmal mehr auf Gefühle höre
Da sitz ich nun, recht geschieht mir, schreiben ist
nichts, sprechen wäre alles gewesen. Am Liebsten

54
käme Ihnen nun gleich nach Gefahr scheint mir
ich ,

keine zu sein, höchstens im Hinbhck darauf, daß


auch in Leipzig^, wohin ich dann gehe, kleine Kin-
der im Hause sind. Montag sollte ich nach Janowitz
fahren, aber die dummen Zustände, von denen ich
Ihnen sagte, verschUmmerten sich, ich zog einen
Arzt zu Rathe, insofern war es gut, hier zu sein.
Nun, nach Ihren heutigen Nachrichten, hab ich
eben nach Janowitz telegrafiert, daß ich morgen
doch noch für ein paar Tage hinausfahre; vielleicht
bleib ich dann bis über den Sonntag dort und komme
Montag (hoff ich, hoff ich) zu Ihnen.
Ich freue mich, in Janowitz einen Brief von Ihnen
vorzufinden und denjenigen dort zu erwarten, der
entscheiden wird. Seit der Prinz Max und die Prin-
Nachmittag halb vier)
zessin Titi fort sind (Sonntag
ist Prag ein Kummerpfuhl, war es weniger arg, so

würd ich hier warten, — so aber ist doch wohl Jano-


witz das Richtige. Hatten Sie nicht auch den Ein-
druck heute von einer trüben trägen nachlässigen
Stadt, wo sich einer zu etwas zusammennimmt, ist

es dazu, subaltern zu sein. Genug, ich lasse alles zum


Mündüchen, denn ich kann mir nicht anders denken,
als daß es dazu kommt.

Viele, viele Grüße nach Lautschin, dem Fürsten, Ih-


nen - und Wünsche für die Fortschritte des kleinen
Rekonvaleszenten
In Erwartung
Ihr
Dottor serafico,
(Adresse: Janowitz Bez. Selöan.)
^ Bei Kippenber^'s. Adll.

55
46. Marie Taxis an Rilke nach janowitz
<Telegramm:>
Lautschin, 11/8/1911, 2.30 nachm. <Freitag>

Sehr erfreut wenn Sie Montag kommen. Werde


Ende der Woche voraussichthch abreisen. Morgen
wird alles desinfectirt.

Marie Taxis

47. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Janowitz bei Selcan,
Sonntag <13. August 1911>
Vielen Dank, liebe Fürstin, für Brief und Tele-
gramm, ich bin erst etwas ruhiger seit ich hier diese
Nachrichten habe, den ganzen Tag im Park an
sitze

meinem Sonne wärmt den Phlox


Lieblingsplatz, die
auf nebenan, immer wieder steht neuer warmer Duft
da, nahrhaft, eine Kleinigkeit zu süß.
Dem Schrecken kommt in mir, wie ich das kenne,
eine große Müdigkeit nach, ein immenses kindisches
Schlafbedürfnis, ich bin, geistig gemeint, nicht der
Rede werth, einfach dumm und gut, es wäre eine
Schande wenn es jemand sähe. Zum Glück bin ich
außer den Mahlzeiten und den paar Stunden, die
abends nach dem Essen bleiben immer allein es ist
, ,

niemand da als Johannes Nadherny, der sehr be-


schäftigt ist, der arme Junge, nachdem er durch sei-
nen Unfall mit dem Bein Monate und Monate an
Ärzte, Kuren, Rathschläge, an Hoffnung und an
Mißmuth verloren hat.
Dienstag kommt seine Schwester von England zu-
rück. Ich möchte sie gerne sehen, einen Augenbhck
wenigstens, und so verleg ich (wie ich Ihnen eben

56
telegraphierte) mein Kommen um einen Tag und
richte es so ein,daß ich Sidie Nadherny Dienstag bei
ihrer Ankunft in Prag begrüße und dann am Abend
um 6 zu Ihnen weiterfahre. Ich bin ungeduldig,
wieder bei Ihnen zu sein und für ein paar recht
ruhige Tage, die ich allerdings schon meinem Ver-
leger wegnehme, der mich, wie er mir schreibt, von
Mitte der Woche an, recht angelegenthch erwartet.
Es scheint, daß er mir allerhand Günstiges mitzu-
theilen hat, wenigstens tröstet er mich in Bezug auf
gewisse Bedenken und Sorgen und stellt mir ruhige
Zeiten in Aussicht. Hoffen wir.
In Prag neuHch hab ich mehreres von Paul Claudel
zusammengekauft und bring es Ihnen; drei Bücher.
Für mich scheint es nichts zu sein, ich schlage da
und dort auf und passe nirgends drcin; aber vielleicht
liegts an meiner gegenwärtigen Oberfläche. Nicht
einmal meine Lückenarbeit am heihgen Augustinus
hab ich weitergebracht.
So wie Sie reisen, (Sie werden es sehr nöthig haben)
geh ich direkt nach Leipzig nichtmehr über Prag,
und dort, wo ich doch wohl drei Wochen mindestens
mich hinhalten werde, wird sich alles Weitere für
Herbst und Winter (soweit mans wissen kann) aus-
bilden. So, - jetzt möcht ich, da geschrieben ist, ein-
treten dürfen im blauen Salon und mündlich fort-

setzen. . . . Aber auf Dienstag.


Ihr
Dottor serafico.

Ich lese Briefe von Lenau, die schön sind.


Dem Fürsten das Allerherzlichste.

67
48. Marie Taxis an Rilke nach janowitz
<(Telegrainin :)>

Lautschin, 15. 8. 1911, 2 Uhr nachm. <Dienstag>


Da wir Samstag verreisen bitte ich Sie nur^ zu kom-
men wenn Ihnen Termin nicht zu kurz ist
Wenn keine Antwort werden morgen abends Wagen ^
Nimburg schicken
Marie Taxis

49. Marie Taxis an Rilke nach Leipzig


^Ansichtspostkarte Wilhelmshöhe, Große Fontaine)
:

<(Grand Hotel Wilhelmshöhe bei Cassel)


Mittwoch nachmittags <23. 8. 1911)
Herzlichste Grüße
Wir vermissen Sie sehr!
MT A.T.

50. Rilke an Marie Taxis nach paris


Leipzig, Insel-Verlag.
Am 25. August 1911. <Freitag>
Was thun, ich schreibe, liebe Fürstin, «Leipzig»
über diesen Brief, aber ich werde in Wirklichkeit
erst nach und nach hier sein, in einigen Tagen, vor-
läufig hab ich noch zuviel Anlaß, im Geiste und im
Herzen mit Ihnen zu sein, auf Paris zu. Ich weiß
nicht, wann Sie dort sein werden, aber vielleicht
morgen, manchen Augenblick ist mir zu Muth, als
müßte ich auch ganz schnell hin, allerhand Antrieb
^ Im Telegramm : mir
2 Im Telegramm : warten AdH.

58
kommt dafür zusammen. Sie können sich denken.
Andererseits beschäftigt mir noch Lautschin das Ge-
fühl, dieses Wegfahren im Auto hat gar nichts über-
zeugendes, mit der Bahn reist man richtig ab, alle
Leute habens gesehen aber so - ? Viel bin ich auch
,

noch bei der Fahrt selbst, es war so schön und natür-


Hch, wäre nicht diese wirkhche Noth in mir, nun
wieder viel viel alleinzusein, ich hätte es kaum zu-
stcindegebracht, von Ihnen zurückzubleiben. Ihre
Karte aus Cassel war mir ein rechter Trost; das Wet-
ter ist wieder vorzügHch, hoffenthch auch auf Ihrem
Weg, für die Stadt freilich ist es ziemHch heiß, ich
merke, wie sehr ich mich noch nach Land sehne und
wie vollkommen mans in Lautschin genoß — In .

Weimar, als Sie fort waren, ging ich ins Goethe-


Haus, mehrere Stunden vergingen wie nichts, ich
vertiefte mich oben in die kleinen Gegenstände die ,

ohne es zu wollen, Zeugnis geben, die allein, in


ihrem Auf-sich-Beruhen noch dort sind, wo sie
,

waren. Haben Sie bemerkt, wie schön Ulrike


Levetzow's Jugendbildnis ist ? Dann ergriff mich mehr
und mehr diese Gestalt der kaum zwanzigjährigen
Christiane Neumann, auf deren Hingang Goethe das
große Gedicht Euphrosyne geschrieben hat, erinnern
Sie 's? Es war mein Erstes hier, es zu lesen, es ist

wirklich ein Leuchten um so früh Verstorbene, durch


sie bekommt das Totsein etwas Kühnes, etwas Rei-
ches , beinah Berühmtes — Das aufgeschlagene Blatt
.

der Frau Rath Goethe hab ich aufmerksam durchge-


sehen, ihre feste Natur vertrug eigenthümliche Rei-
henfolgen, auf den beiden Seiten kamen, sozusagen,
Käse und Früchte vor der Suppe und alles andere ir-

59
gendwie dazwischen, im einzelnen durchaus gesunde
Kost.
Die «Kassner »-Stelle lautet: «Der Glückliche ist

nicht immer der Glücks eelige . Drum wünsche ich Dir


lieber glückseehg als glückhch zu seyn - und das
kanst Du so bald Du wilst. Die Glücks eeligkeit
hängt von Dir ab - Glück ist das Maas^ anderer.»
(Schreibweise des Originals.)
Auf derselben Seite unten, jovial:
«Mir kommt die Lust der Welt allhir
sehr oft als ein Spazirgang für
und — es fängt an zu regnen. » —
Fürstin,denken Sie, das Exemplar, mein Exemplar
des «Jakob Stainer» ist in Lautschin geblieben. Mir
fiels heute ein als mein großer Koffer kam und im
Gedanken an die Monna Lisa. Ist es zu glauben ?

Was mit ihr geschehn ? Wird sie eines Tages wie-


ist

der da sein wie die Geige ? Oder ist das Schicksal Lio-
nardo 's immer noch nicht zu Ende war ihre Zeit ab- ,

gelaufen ? - Diebstahl ist diesem kennthchsten Bilde


gegenüber so absurd, man bleibt kaum dabei, - eine
Entführung, eine Himmelfahrt? Mich erschreckt's,
daß der « Figaro » schon in seinem ersten Bericht an-
nimmt, das Bild könnte für immer verloren sein. Er
macht Lärm, aber, ich weiß nicht, der Lärm ist wie
verabredet, ist aus derselben Sensation gemacht wie
der unerhörte Verlust; ich fürchte, das wächst sich
wieder zur « affaire » heraus und spielt im Anschein
weiter. Es ist seltsam jetzt in Frankreich. Aber die

1 Im Original des Notizheftchens der Frau Rath Goethe


steht : Werck (nicht Maas) ferner allhie Spatzirgang.
: ; : ;

(Nach freundlicher Mitteilung von Hans Wahl.) AdH.

60
Monna Lisa nie mehr zu sehen: Malte Laurids,
für den sie, wenn ich mich recht erinnere, von un-
beschreiblicher Realität war, würde, wenn er das
noch erlebt hätte, aus diesem Umstand wahrschein-
lich geschlossen haben, daß er gestorben sei -: so
sicher schien sie ihm in ihrem offenbaren Geheim-
nis, verghchen mit seiner eigenen Existenz. Freihch,
er übertrieb immer. -
Adieu, - dem Fürsten das AllerherzHchste ich , muß
mich richtig weghalten, um aus der Entfernung zu
grüßen, im*^Grunde bin ich zu nah dazu und ganz
unwillkürlich mit Ihnen Beiden
Alles herzlich Gute.
Ihr
Dottor serafico.

P.S.: Hier in der CoUection des Dr. Kippenberg sah


ich einen Stich nach einem Gemälde der Maria Lu-
dovica: danach scheint es mir sehr wahrscheinHch
daß die kleine Miniatur sie vorstellt, sogar das Kleid
kommt mir vor, dasselbe.
ist,

51. Rilke an Marie Taxis nach England


Berlin W. Marburgerstraße 4. Hospiz des Westens,
am 9. September 1911. <Samstag>
Ich kann wohl sagen, liebe Fürstin, daß ich mich
nach Nachricht von Ihnen gesehnt habe , zum Glück
ist sie und ich gratuliere zunächst
ausgezeichnet -,
zu dem kleinen neuen Mädchen in Mcell, das so recht
mit dem großen vollen Sommer zur Welt gekommen
ist.

61
.

Von Raymond sind hoffentlich auch dauernd gute


Nachrichten bei Ihnen, die Wochen gehn schnell,
seine Klausur ungefähr zur Hälfte um, und Sie
ist

selbst sind wieder in ländHchen Umgebungen: dies


istgut, es ist ein Kreuz in den Städten diesen Som-
mer; Leipzig war eine Last, ich möcht es gerne der
Stadt zuschreiben, daß ich mich die letzten Wochen
ziemhch elend gefühlt habe, von einer Erschöpfung
und Mühsal im Körperhöhen, die eine fortwährende
trübsälige Leistung war. Drei Tage war ich noch-
mals in Weimar, da war mir besser, ich ging viel im
Goethe-Archiv um, hatte Briefe Bettina 's in Hän-
den, schöne glückliche Sachen —
Nun trieb's mich auf Berlin, und stellen Sie sich vor,
quelle chance -, Prinzessin Titi kam gestern abend
aus München zurück, genau für ein paar Tage: ich
sah sie eben, fand sie durstig, viel von Ihnen zu hö-
ren und von allem, was wir zusammen unternah-
men und (unberufen -) planen und vorhaben.
Nun werd ich wahrscheinlich auch noch nach Mün-
chen müssen von hier, in Leipzig hab ich alles Ge-
schäftliche recht vorwärts gebracht, hoffentlich geht
auch hier und in München alles ebenso gut und
freundlich aus — Und dann ? —
Marthe schrieb seither nur: «Toserais presque ne pas
vous Scrire, si cela pouvait vous faire revenir plus
vite». . das zu lesen, mein Herz stümpert
Wie ist

so daran herum, - andererseits ist (körperlich und


auch sonst) eine Sehnsucht in mir nach Land,
Wald, Alleinsein -, wie ich sie kaum von früher her
weiß Was thun ? Ob es recht wäre mit Marthe ir-
. . ,

gendwo zusammenzutreffen ? Ich denke immer noch

62
an Rippoldsau, heute erzählte mir die Prinzessin Titi
von Wildbad. Kurz alles in Schwebe, was wird sich
daraus niederlassen ?

Ich möchte so recht getrost gesund sein und arbeiten


arbeiten -. Wollte Gott.
Adieu Fürstin, wir denken hier an Sie, ganzen Her-
zens Sie müssens fühlen
,

Ihr
Dottor serafico .

52. Rilke an Marie Taxis nach London


Grand Hotel Continental, München
am 17. Sept<ember> 1911. <Sonntag>
Ihr Brief, Fürstin, indem er mir Duino vorstellte als

meine große einsame Aussicht, war genau das, was


ich brauchte; schon in BerUn ging nicht alles nach
Wunsch und hier vollends bin ich hineingebunden in
ein Bündel Sorgen mitten hinein wie ihrer eine und
, ,

kann mich nicht rühren. Aus meiner Hoffnung auf


ein paar ganz abgelegene Tage im Schwarzwald mit
einer, wenn auch noch so kurzen, (vegetarischen)
Kur wird nun wohl auch nichts mehr, das Wetter
hat sich endlich aufgebraucht (der schöne Sommer I)
zunächst muß ich noch hier sein, unangenehme
Briefe abwarten, unerfreuende schreiben -. Ich kann
Ihnen nicht genug sagen, was für Bedürfnis nach
Alleinsein, langem Alleinsein, liebe Fürstin, täghch
zu dem schon vorhandenen in mir hinzukommt —
nicht sprechen, nicht aufsehen es sei denn in 's Ge-
sichtlose, ganz Ausgebreitete, Meer Meer - das wird
das Richtige sein. Die Menschen (liegts an mir, liegts

an ihnen) daß sie mich abnutzen, in Leipzig, hier,

65
.

jedesmal war jemand da, der gewisse Dinge nicht-


mehr halten konnte und sie mir aufs Wesen nieder-
stellte. Wie dann von mir hinunterrücke, damit
ichs
ists noch nicht gethan, dann wollen sie 's auch noch

erleben, wie und wo ichs ihnen hinbringe, und ich


soll so richtig einen Denkstein darüber machen und

eine Inschrift dazu. Ich bin 's müde. Welcher Segen,


daß Sie mich in Duino verbergen wollen: als ein
FlüchtHng, wie unter fremdem Namen, will ich mich
dort aufhalten nur Sie sollen wissen daß ichs bin
, ,

Ja, wir treffen uns also anfang Oktober in Paris;


wenn ichs wirkhch aufgebe noch aufdem Land zu
,

sein, bin ich ja vielleicht schonEnde dieser Woche


dort. Es macht mir freihch Gedanken, ob meine Ver-
fassung jetzt danach ist, Ihnen Südfrankreich so zu
zeigen wie ichs mir wünschte — aber Sie werden ,

Nachsicht haben. Dafür hab ich allerhand Pläne für


den Fall, daß wir rascher in Duino sind und dort zu
Ruhe kommen: den z. B. einer gemeinsamen Über-
setzung der Vita Nuova. ? Die Prinzessin Titi, die
. .

heut vor einer Woche nach Galizien gefahren ist,


versicherte mir vom 5 Oktober an erzbereit zu sein -
, . ,

allerdings wollte sie nur die Fcihrt durch Frankreich


mitmachen und dann wenn wir ins Italiänische wei-
,

tergehn, mit der Bahn über Paris zurückkehren.


Hofmannsthal sah ich hier, der sehr nach Ihnen und
den Ihren fragte; er las mir eine der Pantomimen,
die er für die Grete Wiesenthal erfunden hat und
eine ganz besonders schöne Einführung ins Wesen
des Pantomimischen. Aber Greco's, Greco's sind hier,
eine ganze Wand seltenster stärkster Bilder, dies er-
hält mich von einem zum andern Tag.

64
über Marthe hatte ich wieder einen langen Brief.
Der Brand ihrer zur Freiheit entzündeten Natur wird
wohl nichtmehr aufzuhalten sein, eine Shakespear'-
sche Welt, sie wirft große Schatten hinter alle Dinge,
und tritt einer heran, so hat er das Gesicht voll Feuer-
schein. Leben Sie wohl, Fürstin, ich schreibe wieder
in ein paar Tagen -, tausend Grüße
Ihres
Dottor serafico

53. Marie Taxis an Rilke nach München^


<^Telegrainin :>
London 23/9/1911, 9.40 vorm. <Samstag>
= rp 10 = Herrn Rainer M. Rilke
Hotel Continental Munich
Bitte Drahtantwort wann Sie Paris ankommen,
wann von dorten wieder abreisen können.
Marie Taxis

54. Rilke an Marie Taxis nach London


Grand Hotel Continental, München
am 23. Sept<ember> 1911 <Samstag>
Wenn ich jetzt etwas nöthig habe, Fürstin, so sinds
Ihre Briefe, mit denen kommt alles etwas weiter;
was ich von der nächsten Zukunft an Ruhe, an Si-
cherheit erwünsche, — in ihnen ist es schon da, mehr
als versprochen, vorhanden, nur eben noch nicht in

Gebrauch genommen. Alles will mich immer wie-


der in Gefaliren stellen, die nicht meine sind, an de-
1 Rilkes Antwortdepesche auf dieses Rp -Telegramm, die
neben dem folgenden Brief yoratiszusetzen ist, hat sich nicht
erhalten. AdH.

5 65
nen zu leiden, sich zu vermindern keine Kunst ist.

Ich sehne mich, daß es mir innen wieder so groß-


wie einst um die Zeit des Stun-
artig gefährhch sei
denbuchs, ich kann mich nur mit inneren Unter-
gängen auseinandersetzen, das bischen Umkommen
oder Überstehn außen ist mir zu schwer und zu

leicht. Ich begreife im Leben der Götter (das doch


wohl im Geistigen immer wieder sich erneut und
abspielt und recht hat) nichts so sehr als den Mo-
ment, da sie sich entziehen, was wäre ein Gott ohne
die Wolke die ihn schont, was wäre ein abgenutzter
Gott ? Duino ist die Wolke meines Wesens fort fort ,

und in der Entrückung wohnen, nichtwahr, Sie füh-


len wie mir 's noth thut.
Ich prüfe hier an allerhand Menschen ab und zu den
Strich meiner Bruchflächen -, ob ich in ein paar Ta-
gen rasch und klar auf Marthe werde wirken kön-
nen, so daß ihrs hilft; es kam dort, wie es kommen
mußte: Frau W.^ hat so recht den Zauberlehrhng ge-
spielt, nun da sie das phantastische ungehemmte
Kind ganz hat überhand nehmen lassen, will sie sie
mit einem Schlage los sein — werd ichs bändigen und
in den Raum eines Herzens zurückbringen ?, das
Wort, das Wort, ich weiß es nicht -, wird's der Mo-
ment mir eingeben, armer Dottor serafico, nie, ach
nie war er weniger Meister
, . . .

Montag oder Dienstag werd ich in Paris sein, wahr-


scheinlich im Hotel Lutetia wohnen, um meine
schwerfällige Wohnung nicht erst in Gang zu brin-
gen, aber ich schreibe dann, zunächst erreicht mich
1 Frau Hedwig Woermann. Vgl. unten die Briefe vom 14. bis
17. Oktober 1912. AdH.

66
alles mit Sicherheit über die alte Adresse: 11 rue de
Varenne.
Heute morgen verbrachte ich eine merkwürdige
Stunde bei Baron Bissing, dem Aegyptologen hatte ,

die Freude zu sehen, daß meine intuitive Deutung


eines altaegyptischen Gedichts unwillkürlich im Recht
ist den bisherigen gelehrten Ausdeutungen gegen-

über. Bissing gab mir sehr gute Anweisungen für die


Einrichtung einer Nilfahrt, ich erzähle davon, -
überhaupt, könnt ich nur schon erzählen.
Das mein ich ganz und gar, daß wir uns mit der Vita
Nuova einlassen zu gleichen Theilen; der Unter-
schied wird nur sein, daß Ihre Arbeit gewissermaßen
schon fertig in Ihnen lebt und die meine erst ganz zu
leisten sein wird. War es nicht herrlich, herrhch ?

Wie schade, daß die Prinzessin Titi es aufgiebt, aber


vielleicht reisen wir wirkhch umso rascher gegen
Duino und machen dort hinter den erprobten Mau-
ern große innere Reisen ? Auf Wiedersehen.
Ihr
Dottor serafico

55. Rilke AN Marie Taxis nach london


Paris, n rue de Varenne,
am 27. September 1911. <Mittwoch>
Nun werden, liebe Fürstin, Entschlüsse für mich ge-
faßt, das Erste, was mich hier erwartete war Ihr
Brief (de borme augure)^, das zweite die Nachricht,

1 So in der Handsclirift, statt de hon augurc. - Spracliliche


:

Eigenheiten und Versehen in den Briefen sind grundsätz-


lich nicht angetastet und werden im Folgenden nicht mehr
hervorgehoben. Adll.

67
daß wir alle (Rodin nicht ausgenommen) zum ersten
Januar aus diesem Hause ausgekündigt sind, - so ist
Eines weniger zu überlegen, was mir doch immer an-
lag, ich bins froh, alle andern, hör ich, sind untröst-
lich und verbringen ihre Zeit abwechselnd mit Hof-
fen und Sich-Sträuben. Wüßte ich, daß ich gar nicht
her zurückkomme die nächsten Monate, so würde
ich jetzt schon alle meine Kisten packen lassen und
mit den paar Möbeln so zusammenschieben, daß Ende
Dezember das Ganze ohne mein Dabeisein, etwa in
ein Garde-meubles übersiedelt werden kann Meine
, .

Pläne - ? vor der Hand gehn sie ganz in den Ihren


auf und kommen von allen Seiten her in Duino zu-
sammen, und weiter, ich weiß nicht. München hat
mich auf wunderlichste Gedcinken gebracht, etwa
die, dort eine Weile zu leben, an der Universität
ägjrptologische und medizinische Sachen zu hören,
dabei große Wege zu machen und reiten zu lernen.
Das ist doch ein vollständiges Programm, und ich
werde schon recht haben, vermuth ich, mein von
den Musen nun gemiedenes Leben, so programma-
möglich einzurichten, um der inneren Über-
tisch als
raschung und Überwältigung die Erwartung nicht-
mehr vorzubereiten, die sie obstinat leer läßt. Die
letzten Tage sprach ich viel mit einem Arzt, er hätte
am Liebsten gesehen, wenn ich mein Bedürfnis nach
Wald und Alleinsein doch noch durchgesetzt hätte,
hielt Kohlensäure-Bäder für angezeigt und gab mir
sonst allerhand Brauchbares an die Hand. Aber
schließlich war es das Richtige, jetzt hierher zu ge-
hen, Ihr Telegramm beschleunigte mich ein wenig,
zusammen mit einem Briefe Kassner 's, der mir seine

68
Cousine, Frau Olden, in Paris anmeldet und mich
bittet, in den ersten Tagen womöglich ein wenig für
sie da zu sein. Sie hat sich bisher noch nicht einge-

stellt. In Kassner 's Brief war an allen Stellen ein fast

heftiges Verlangen nach Aussprache, die geschriebe-


nen Worte, indem sie dies ausdrückten, blieben ganz
dahinter zurück, als ob er, ermüdet von unwilligem
Alleinsein den Andern erst sehen müßte um an ihn
,

zu glauben und sich ihm mitzutheilen Wie wird er .

zurückkommen und was geht dort in ihm vor ?


Fürstin, wissen Sie, daß ich eine einzige Sehnsucht
hätte nach Toledo zu reisen Diese Nacht bildete ich
: .

mir plötzhch ein wir thätens halb dachte ichs halb


, , ,

träumte ichs und ließ mich in Beidem recht weit ge-


hen. Ich kann verfolgen, wie das entstehen mußte:
Ihr Brief zeigte mir, daß Sie noch im Einzelnen un-
entschlossen sind (was mich Zögerer von Beruf, übri-
,

gens sehr tröstete) aus Oberitalien hörte auch ich in


,

München und Berlin immer wieder Choleragerüchte


und um direkt nach Duino zu gehen, ist es Ihnen
vielleicht zu früh .Dies müssen so die Vorausset-
. .

zungen meines Traumes gewesen sein, dann kam


dazu, was mir alle diese Tage nachgeht: die Greco's,
die ich jetzt in München sah und wiedersah, durch-
machte, erlebte: ich schrieb Ihnen davon, kam aber
wohl nicht dazu, zu erzählen, daß da dieser seltsame
Laokoon war: stellen Sie sich vor, ein geräumiges
Bild, im Vordergrund auf braunem steinigem, von
den Wolken herüber rasch und tragisch verdunkel-
temErdreich, Laokoon, umgerissen von der Schlange,
die er hinter sich wegzuhalten versucht, einer der
Söhne schon gefällt, einer links, stehend, zurück-

69
gekrümmt und wieder gespannt von dem starken
Bogen der zweiten Schlange die ihm schon ans Herz
,

reicht, zwei Söhne rechts noch kaum begreifend (so


schnell wälzte sich das heran und nahm überhand),
und durch alles das hindurch, durch Stehen und Stür-
zen und Widerstand, durch alle die spannenden Zwi-
schenräume dieser Verzweiflung durch — Toledo ge-
sehen, wie wissend von diesem Schauspiel, hinauf-
gedrängt auf seine unruhigen Hügel, bleich von dem
Schein der hinter ihm hinstürzenden Himmel -.
Ein unvergleichliches, unvergeßliches Bild. — So
kam es also und klärt sich auf; esmüßte herrlich
sein , diese Stadt zu sehen und den Greco im Zusam-
menhang mit ihr. Aber ich phantasiere natürlich,
das wäre mehr als ein Umweg, weiß Gott, was das
wäre. Wie freu ich mich aufs Mündliche. Bitte recht
bald.
Ihr
Dottor serafico.

{NB: Die zwei Exemplare des Dilettantismus be-


gestern telegrafisch durch die Insel. Mein
stellte ich

Exemplar, das ich sonst gleich geschickt hätte, war


leider nicht zu finden.)

56. Rilke an Marie Taxis in paris


<Visitenkarte)>
<Paris, 10. Oktober 1911>
Da ich Pierro's nicht habhaft werden konnte und
den Zug nicht weiß unternehm ichs kaum meinen
,

Schnupfen an die Bahn zu führen. In jedem Fall,


vermuthend, daß Sie um 5^20 eintreffen, sprech ich

70
gegen 6 im Hotel vor und hoffe Sie dann begrüßen
zu können. Wie gut, wie gut, daß Sie kommen,
Fürstin
Willkommen
Ihr
Dienstag ^2 2. Dottor serafico.

71

I
II

DUINO
WINTER 1911 / 1912

I
i
57. Rilke an Marie Taxis nach wien
Duino, am 15. Dez<ember> 1911 <Freitag>
Liebe Fürstin,
mit dem ersten Griff im dunkeln Zim-
mer hatte ich die Photographieen , sie sind schon
fort, gehn mit der heutigen Post.
Danke für alle Nachrichten, ich wünschte mir wel-
che bin noch traurig über Ihr
, Weggehen , das Allein-
mir leer, aber ich werde schon nach und
sein scheint
nach auf den Geschmack kommen; es giebt ja,
strenggenommen, nichts auf der Welt was mir jetzt
nöthiger wäre.
Im Park drüben bin ich viel, aber meistens im Freien,
das kleine Haus ist doch zu kalt und nimmt nicht
ohne weiters Bewohnung an.
Eben war der Tonin bei mir, die Bestellung meines
Stehpults anzunehmen.
Carlo bedient mich, ich esse im Saal neben meinem
Zimmer, mit dem unendhchen Wohl-
er gönnt mirs
wollen eines großen alten Hundes, der irgend einen
kleinen aus seiner Schüssel fressen läßt. Die Köchin
war den ersten Tag fassungslos meinen vegetari-
schen Prätentionen gegenüber, nun kamen wir uns
ein wenig entgegen, sie erholt sich schon und kommt
wieder zu Künsten, heute war sie direkt erfinderisch.
Miss G.^ erweist mir alle mögliche Sorgfalt, scheint
die Arbeit fest anzufassen und überall auf den Grund
zu gehen. Es wirtschaftet den ganzen Tag irgendwo,
aber nicht in meiner Gegend, da ist Ruhe um Ruhe
wie in einem Wunderknäul. Die Blumen aus Ihrem
Boudoir hab ich zu mir bringen lassen, was noch da
1 Miss Greenham, "Wirtschafterin auf Duino. yldH.

75

/.
war, hält bei mir vor. Überhaupt hat mein Zimmer
täghch miehr Bezug und Attachement, wie anders ist
es jetzt da und immer mehr für mich.
Ich esse um 7 das kindhchste Abendbrot, etwas nach
9 bin ich schon beim Schlafengehn Gott , erhalte mir
meine Einfalt.
Viele, viele Grüße,
von Herzen
Ihr
D.S.

P.S.: Findet sich etwas für Pierro ?; er kam so herz-


und hatte es so ernst und
lich sich verabschieden
warm mit seinen Wünschen für mich. Ich denke
etwa, eine Brieftasche oder einen Spazierstock, in
den man das Monogramm gravieren läßt; es muß ja
nicht nach Treviso geschickt werden, sondern er be-
kommts bei Ihnen, wenn er zurückkommt. Ver-
zeihen Sie diese Bemühung zu allem Gedräng, aber
wer weiß, ob ich jetzt nach Triest geh und wenn, so
wird mirs ohnehin zu Kopf steigen etwas für meine
,

Mutter zu finden. Genug, sonst wirds nochmals ein


ganzer Brief.
Ihr
R.
58. Rilke an Marie Taxis nach wien
Duino, am 21. Dez<ember> 1911. Donnerstag.
Der Brief, Fürstin, an die Romanelli's ist schon ge-
schrieben, liegt vor mir; er geht gleichzeitig mit die-
sem ab,mit dem ich Sie noch in Wien zu erreichen
hoffe. Die beiden Schwestern werden erst handeln
können, wenn sie die Meinung ihres Bruders haben

76
werden, der in Paris wohnt, aber ich bin sicher, daß
sie die Sache mit Eifer, Eile und überdies mit dem
besten Willen betreiben werden, so daß Sie in kei-
nem Fall befürchten müssen, daß die Bilder Ihnen
entgehen. Ich habe Fräulein Romanelh gebeten,
mich das Resultat ihrer gemeinsamen Überlegung
gleich wissen zu lassen, und Sie können gewiß sein,
daß ich diese Nachricht nicht anders als einen auf-
gefangenen Ball mit ihrem eigenen Schwung weiter-
gebe Doch wohl nach Lautschin ?
.

Oder ist es denkbar, daß jene überaus traurigen Vor-


fälle Sie über das Fest hinaus in Wien halten ?

Liebe, liebe Fürstin, schwerer und trüber kanns


nicht werden dies ist sicher auch die Stelle wo eine
: ,

Entscheidung nicht mehr zu umgehen ist, ich meine


eine wirkhche endgültige. Daß die Sache aussichts-
los war, haben doch wohl alle Einblickenden gewußt,

aber nun sag ich mir, soll man nicht fast Gott dan-
ken daß die Unmöglichkeit dieses Verhältnisses sich
,

so grob herausgestellt hat? Ohne solche Ausbrüche,


rein innerlich, hätte alles immer wieder in Schwebe
gerathen können: wer kann da wissen ? Aber nun
weiß man.
Es ist eine Verzweifelte und ihr ist nicht zu helfen,
zu einer Verfassung wie dieser kann man nur im
Kind noch Stellung nehmen, indem man gut ist,
verwirrend, unendlich, beschämend, überlegen gut;
später, das Leben, ist eben nicht mehr gut und läßt
sich nicht mehr ein, und man müßte hart sein mit
ihm und vorübergehn, weiter -, man ist es sich

schuldig auf Seiten des Lebens zu bleiben , das sich


da nicht aufhält.

77

/r
Diese reinen Schätze, Raymond und Louis, sind da,
alles was zu retten war, ist gerettet; ich kann mich
Raymonds rührenden Gesichtchens nicht erinnern
ohne zu denken daß in ihm alle zeitige Entbehrung
,

und Schmerzlichkeit schon den Ausweg genommen


hat, irgendwie schön, reich, kostbar zu werden in
seiner Seele wie im Dichter... Und der kleine Char-
meur^ Louis, hat sich auch schon auf seine Art ein-
gerichtet, die Wirkhchkeit auszunutzen und sich
nichts entgehen zu lassen. Da drängt ja alles so heil
und künftig weiter.
Aber genug, dies soll mit der heutigen Post, damit
Sie wissen, daß Sie über die Marieschis ruhig sein
dürfen. Tausend gute Gedanken und Grüße.
Ihr
D.S.
59. Rilke AN Marie Taxis nach lautschin
<(Telegramni :)>
Duino-Nabresina 24 / 12 / 1911, 3.50 h nachm. <Sonntag>
Glücklich über dieses schöne Christkindl das mich
rührtund mir so viel bedeutet Nichts hätte mich
mehr freuen können Bin in Gedanken mit Ihnen
und habe tausend Wünsche für alle und alles
Brief folgt
Rilke

60. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Duino, Weihnachtsabend 1911
<24. 12. 1911, Sonntag)

Liebe Fürstin,
was kann ich mir diesen Abend Schö-
neres zu Liebe thun, als Ihnen schreiben; es ent-

7S
spricht meiner Verfassung so ganz und gar, alles
andere wäre direkt unaufrichtig, so viel ist mir da-
nach zu Muth, wenigstens eine halbe Stunde dieses
Abends mich Ihnen mitzutheilen Vor allem ist da
.

der Wunsch, daß die Kinderstimmen heute einen


Moment alles übertönen was aus den letzten trüben
,

raühsäligen und besorgten Tagen in Ihnen nach-


klingt und keine Ruhe giebt. Hat nicht dieser bhnde
Kinderlärm Recht, — reicht er nicht weiter ins Leben
hinein im Grunde als ce tapage tout aussi aveugle et
pas du tout joyeux, den unsere Sorgen in uns auffüh-
ren ? Wir denken doch
in solchen Dingen nirgends
zu Ende, haben gleichsam einen doppelten Boden
sie

und alles Auf-den-Grundgehn reicht nur bis auf den


falschen Grund; wann das Geheimfach aufspringt,
das darunter ist, das hängt nicht von unserer An-
strengung ab, mit irgend einem Nichts von Bewe-
gung, zufälhg, aus Unvorsichtigkeit vielleicht, strei-
fen wir einmal die Feder, gerade wenn wir am we-
nigsten bei der Sache sind.
Und (was mich die Angelegenheit in hellem Licht
sehen läßt) beweist nicht gerade dieses gefaßte,
feste, wirkhch überlegene in der Haltung P.'s, diese
noble Geistesgegenwart, daß die bösen Zeiten nichts
in ihm entstellt und ermüdet haben - ?; freilich man
möchte denken, weiter müßte es auch nicht gehen,
einmal müßte es überstanden sein -, denn es ist
gegen die Natur, daß man etwas aushält übers Über-
stehen hinaus. Ich hätte vieles zu sagen auf dem
Herzen, aber ich werde mit der Zeit immer miß-
trau [er ]ischer gegen mich, Monstrum, das im Grunde
nie um irgend ein Wesen so tief und quälend und

79

/<
.

unablässig besorgt gewesen ist wie um sich selbst;


darf so ein Scheusal überhaupt über das, was zwi-
schen den Menschen spielt und sich spcinnt zu Worte
kommen? Auch haben die Generationen vor uns
im Einanderhinnehmen und -Ertragen so viel gelei-
stet -, wie kommts daß wir in unseren Tagen so rasch
und gründhch an einander zuschanden werden ?
Genug, ich weiß nicht, gestern dachte ich viel dar-
über nach, heute überwiegt mir die Freude an The-
resine's Schreibmappe alles Andere; gleich nach Ih-
rem Telegramm vormittag hab ich sie heraufgeholt,
aber gewissermaßen anonym, gegenseitig; jeder An-
fänger hätte das, was sich da abspielte, restlos aus-
drücken können etwa in
, dem Satze ein
: Mann trägt
einen Gegenstand. Erst jetzt, abends, vor einer
Stunde wurde ich dieser Mann und im selben Au-
genblick entschloß sich das gewisse Ding dazu, The-
resine's Necessaire zu sein, auf beiden Seiten war
dasselbe Tempo, dieselbe Entschlossenheit, wir ka-
men auf das Liebevollste zu einander -; und zu be-
schreiben, was da in Wirklichkeit vor sich ging, ist

auch einem sehr Fortgeschrittenen nicht zuzumu-


then. Eine Menge ging vor sich; denn ein bischen
berührte es mich wie ein Vermächtnis, als ob die
gute Theresine dies für mich geschont hätte -; den-
ken Sie, das Ganze rührend geschont und doch
ist

nicht ungebraucht. Es war sehr merkwürdig, es in


Besitz zu nehmen, es ging langsam, nach und nach,
ein bischen wehmüthig zu einem über. Wie sie scho-
nen können, diese Leidenschaftlichen, wie sie innen
ihre Heftigkeit verbrauchen , comme leur coßur lourd
aime ä s^appuyer doujcement —

80
Dazu brannte ein kleiner Baum, eine Zwergtanne,
die man mir aus Berlin geschickt hat, ganz fertig mit
fünf Lichtern und, als einzigem Schmuck, ihren
eigenen, etwas eingebildeten Zapfen; ein Ästchen
über der einen Kerze knisterte flammend auf, und
auf einmal verbreitete sich Weihnachten durch das
ganze Zimmer und war nicht mehr zu leugnen. Ich
konnte nicht denken, daß nur für mich sei und
es

gab so viel als möghch weiter an das kleine Mädchen


in Blau über meinem Schreibtisch, mit dem ich
mich ausgezeichnet vertrage. Ein Weihnachten fiel
mir ein, jetzt sind es schon Jahre her, da auch ich,
da oben im Moor, einen solchen großen schwarzen
Hund hatte; ich erinnere mich, daß auch er Juno
hieß, allerdings, die Bauern, von denen er stammte,
hatten ihn, einen «Er», mit diesem Namen aus-
gerüstet, weil es, ihrem Gefühl und Ohr nach, der
mäimhchste Name war, den sie allezusammen auf-
brachten. Und ihm, dem Hund, war ganz wohl
dabei

Montag, Weihnachtsfeiertag früh.


<25. 12. 1911>

Und nun noch rasch ein Wort über die Marieschi.


Ich hatte gestern vormittag einen Brief von den
Schwestern Romanelh, die nüt einigem Geseufz und
über vieler Verlegenheit damit herausrückten, ob es
nicht wenigstens möglich wäre, sich in der Mitte, auf
sechzehn Tausend zu einigen. (Ich dachte: nein; Sie
wissen, wie viel ich gegen 16 habe,) und da war auch
schon, eh es noch völHg Abend wurde, ein Tele-

^
81
gramm des Bruders Romanelli aus Paris da, der ja
das Machtwort hat. Es lautet:
Accepte^ ecrirai. . .

So glaub ich also, daß ich Ihnen zu den Marieschi


gratulieren kann, ich bin sehr stolz auf dieses mein
debut als intermediaire . Wahrscheinlich wird nicht
mehr viel hinzuzufügen sein zu dieser kurzen Ent-
scheidung; höchstens, wie ich aus dem Schreiben
der Schwestern schließe, liegt ihnen daran, eine
zweite Zahlung von gleichfalls 5000 Lire schon an-
fangs März 1912 zu erhalten: wird sich das einrich-
ten lassen? Auch nehmen sie, seh daß die
ich, an,
ganzen Transportkosten der Bilder dem Käufer zur
Last fallen: dies entspricht ja wohl dem Gebrauch,
nichtwahr ? [ ] So wie der Brief Pietro Ro-

manelh's eintrifft, berichte ich Ihnen und die Sache


kann dann, wenn Ihnen alles Recht ist, zum Ab-
schluß kommen Und der Pajou ? - Erich wird mir
.

viel erzählen müssen.


Fast hätt ichs vergessen: tausend Dank für die aus-
gezeichnete Besorgung für Piero, auch ich finde die
Knöpfe sehr passend und gut; ich schicke sie heute
weiter,und meine Schuld begleiche ich dankbar mit
dem nächsten Brief.
Ich schließe nun, viele, viele Grüße dem ganzen
Haus und alles Herzlichste
Ihres
Rilke.

P.S.:Um auch nicht den kleinsten Fremdkörper auf


dem Herzen zu behalten: könnte der Koch nicht ein-
mal die wichtigsten seiner hiesigen Bezugsquellen

82
hierher schreiben; ? darüber scheint zuweilen große
Rathlosigkeit zu herrschen. So hat der gutgewillte
Hugo neulich etwas aus Monfalcone mitgebracht,
was er für Butter hielt -, aber schlecht wie die Welt
nun einmal ist, darf man ja nicht einmal behaupten,
daß alles was glänzt - Butter ist. Es war eine Ent-
täuschung.

61. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Duino, am 26. Dez<ember> 1911. <(Dienstag>
In diesem Augenbhck, hebe Fürstin, kommt der
Brief Pietro Romanelh's. Ich thu wohl am Besten,
Ihnen rasch alles die Marieschi Betreffende hier ab-
zuschreiben. Sie sind die Ihren. Nämlich:
«J'accepte Vojfre de 15 mille (quinze Müle) Fr es
que me fait la Prijicesse de T. et aussi le mode de
payement qu'elle veut bien me proposer.
Je serais heureux si eile pouvait me donner encore
5000 Frcs en Mars 1912, m,oment d'' um forte ichA-
ance que je dois payer, et le reste pour la fin d''oc-
tobre 1912. Les tableaux lui seront expedies aussitöt
qu'ils seront ici, je les enverrai assures et emhalles par
la Maison Potier.
Voidez-vous dire ä la Princesse que les tableaux sont
d'une magnifique provenance: du Palazzo
ils sortent
Grimarn ä San Cassiano, ils ont et6 peint pour la fa-
mille Grimanij et c'' est du mari de la dcrniere Gri-
mani de cette branckc que je les ai eus » .

Das ist alles.


Und nun bedarf es wohl eines von Ihnen unterschrie-
benen Engagements (falls Ihnen alles in dieser Weise
vöUig zusagt). Darin bitte ich Sie auch anzugeben,

85
wohin die Bilder geschickt werden sollen. Die Adresse
Romanelli's ist: Mr. Pietro RomanelH, 8, rue Claude-
Ghahu, Paris XVP, aber wenn Sie es vorziehen, die
paar Zeilen über mich zu schicken, so geh ich sie

natürlich mit Freude und umgehend weiter.


Nur dieses für heute. Mit allen herzHchsten Grüßen,
recht erfreut über den guten Ausgang,
Ihr
D. S.

62. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Duino, am 30. Dezember 1911. «(Samstag)
Es ist zu verlockend, liebe Fürstin, ich lasse alles lie-
gen und bleibe eine Weile mit Ihrem heutigen Brief,
es ist ohnehin Theestunde: die soll Ihnen gehören.

Sie wissen inzwischen, wie es um die Marieschi steht;


ich vermuthe, die Bedingungen werden Ihnen nicht
unrecht gewesen sein Die Idee ist ausgezeichnet,
.

sie in Lautschin im gelben Salon unterzubringen,


ich seh sie schon dort, und Sie haben sie dann so
schön vor Ihrer Thür.
Sie erzählen mir so viel Gutes; es ist trefflich, daß
Sie dembraven Heller zu verdienen geben, nur
drückt's mich doch, wenn Sie eines meiner Bücher
haben und nicht von mir. So wie ich einmal auf
meine Vorräthe stoße schick ich Ihnen alles was es
, ,

giebt. Die Geschichten vom heben Gott sind ein


herzliches Buch, ja, und es hat überdies das Gute,
daß ich nicht, wie an einem gewissen anderen^ daran ,

gestorben bin. Ach, Fürstin, ich seh jetzt erst ganz,


wohin ich über diesen zwei Jahren (zwei Jahren!)
1 den Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge. AdH.

84
Nichtarbeiten gekommen bin: erschrecken Sie nicht.
Das Alleinsein ist ein wahres Elexir, es treibt die
Krankheit nun völHg an die Oberfläche , es muß erst
schlimm, schhmmer, am Schlimmsten werden, wei-
ter gehts in keiner Sprache -, aber dann wird es gut.
Ich krieche den ganzen Tag in den Dickichten mei-
nes Lebens herum und schreie wie ein Wilder und
klatsche in die Hände -: Sie glauben nicht, was für
haarsträubendes Gethier da auffliegt. Vor einiger
Zeit glaubte ich schon aufs Bessere zuzugehen; aber
daswar nur wie ein falsch zugewachsener Knochen-
bruch Jetzt hab ich mir alles von Neuem gebrochen
.

und nun soll erst die gesunde Anatomie herausheilen.


Das ist eine langwierige Geschichte aber die einzige
,

ganz ehrliche. Zum


Glück haben wir helles Wetter,
ich heule aus vollem Herzen den Mond an und
schiebe es auf die Hunde
Wenn mans kann, wenn mans gekonnt hat, dieses
Übermäßige, so ist es freihch beneidenswert, alles
Kleine mit einem Ruck in ein sichtbares schreckli-
ches Gebrechen zu werfen und dann klaren Auges
zu bleiben; wo ist mein Gebrechen, überall, bald
da, bald dort, - und ich bin noch an keiner Stelle da-
mit fertig geworden. Sie haben Recht, es ist mir erst
über Ihren Worten deutlich geworden, wie erschüt-
ternd in diesem Sinne die gewisse kleine Novelle ist.
Und sie ist technisch selbst so tief ernsthaft, wenn
man in dem kleinen Buch blättert, überall spielt es
und versucht sich und ahmt eitel dahin und dorthin
nach: aber hier ringt es, ob jemand zusieht oder
nicht. - Auch ich hatte das Gefühl, daß ich Kassner
nicht davon sprechen möchte, außer er spricht selbst

85
. ,

wieder einmal davon. Aber, nichtwahr, wie ist das


EntsetzHche an seinem Platz in der Welt und wie
weit bringt es einen sich damit einzurichten
,

Ich habe viel Lust zu lesen jetzt, im


bin ein wenig
Shakespeare gewesen, den ich noch kaum kenne —
aber er ist mir zu sehr Gebirg, zu steil,zu amorph, ich
klettere und rutsche und weiß nie, was mir gerade
passiert. Jetzt blättere ich in den Lettres ä VEtran-
gere von Balzac (deutsche Übersetzung) und bin
empört über diese Madame Hanska, wirkhch empört
(und es gehört viel dazu, damit ich mich über eine
Frau entrüste). Aber, lieber Gott, da ist dieser kolos-
sale Spiegel, in dem immerfort die ganze Welt
schwebt, und dieses stupide Geschöpf bestreitet ihre
Beziehung damit, daß sie zänkisch verlangt, allein
drinnen zu sein. Ich kann mich nicht beruhigen:
man hätte dieser (verzeihen Sie -) Äffin den Spiegel
überhaupt weg nehmen müssen, so wie sie damit
umgeht. Eifersucht gehört gar nicht zur Liebe, sie
wird so daneben mit herumgereicht, sie steht da, wie
für die Leute die es nicht lassen können der Pfeffer
, ,

da ist wenn sie Melone essen -, aber sicher, sicher wer


weiß, was Früchte sind, nimmt nicht davon. -
Sie dürfen übrigens, hebe Fürstin, aus der Nach-
frage nach den Adressen der Lieferanten (tausend
Dank für die Liste) keineswegs schließen, daß ich
über etwas zu klagen habe. Man sorgt sehr genau
für mich, ich finde sogar, Carlo bringt mich viel zu
oft zu Tisch Ich bin noch zu keiner Eintheilung ge-
.

kommen, die mich ganz befriedigt, meinem Gefühl


nach, würd ich am Liebsten eine Menge Stunden
völlig ununterbrochen, in Einem, vor mir haben.

86
Wie macht man das ? Dieser schöne weiße Abendbrei
störtmich eigenthch. Vielleicht werd ich mich so
nach und nach zur Nachtarbeit entschließen, wenn
niemand mehr kommen kann wird es immer erst
ganz freigebig hier; das Zimmer ist auch sehr für
Lampen eingenommen, es lebt eigenthümhch auf,
so wie angezündet sind.
sie

Im kleinen Haus drüben war ich lange nicht, eben


aus Attachement für dieses mein jetziges Zimmer,
dagegen geh ich viel in der Riviera auf und ab, von
wo zurückzukommen am Einfachsten ist Leider war .

ich neuhch nicht selbst mit dem Mauerer drüben im


Thiergartenhaus - ich war gerade in Triest, aber
,

ich spreche nächstens mit ihm und, wenn Erich so-


viel Zeit übrig hat, so gehen wir zusammen hinüber
und überlegen. Ich freue mich so herzlich darauf,
ihn wiederzusehen.
Heute schrieb ich an Rodin, der ja auch dieser Tage
nun die rue de Varenne verlassen muß; ich hoffe
M'"^ de Choiseul wird bei dieser Gelegenheit ob-
dachlos. Ich fragte ihn, ob er vorhat, nach Rom zu
gehen. In diesem Fall müßten Sie ihn dann ein
wenig in Ihre Kreise ziehen
Hier, meine liebe Fürstin, das ist nichts eigentlich
Geschriebenes, nur eine Theestunde, wie es gerade
kam, kommen mußte, — nehmen Sie 's so mit allen
den unzähligen Grüßen _,
Ihres 1^ <> r~
D. berajico.

Und nochmals, nichtwahr: Ihnen und dem Fürsten


und den Mzellern einen guten Eingang in ein freund-
liches Jahrl

87
63 . Rilke an Marie Taxis nach wien
Dreikönigstag 1912.
<Duino, 6. 1. 1912, Samstag)
Eben, meine liebe Fürstin, hab ich den Putto ver-
packt, ich meine so kann ihm nichts geschehen,
wenn ich ihn überdies noch dem Dr Rziha ans Herz
.

lege (womit ich schon begann). Froh, Ihnen etwas


schicken zu können, wenn auch nichts als die Ver-
packung daran Meines ist und etwa noch, was ich
so im Stillen dabei gedacht habe.
Brief wird dies keiner; Erich wird Ihnen erzählen,
wie wir zusammen gelebt haben; er hat viel erledigt,
glaub ich, und nach allen Seiten hin vernünftige
reale Zukünfte vorbereitet. Es konnte, nach Tages-
arbeit, in dem kleinen Zimmer (dem, wo sonst Dr.
Rziha wohnt) in dem wir unsere Mahlzeiten einnah-
,

men, recht gemüthlich und auch recht bewegt wer-


den, wenn wir z.B. den treffhohen Centraldirektor
mit der vierten Dimension bedrohten.
Ich kann mir nicht anders denken, als daß Sie nun
auch die Sachen P^^aschaVs irgendwie mit guten
Griffen regeln werden handeln wäre auch dort allem
:

Abwarten vorzuziehen — ich denke soviel daran.


,

Im Übrigen stürz ich mich nun wieder heute um


347 in den Trichter der Einsamkeit und will sehen,
ob ich Grund finde. Es ist gar nicht so sehr, daß ich
den Lärm in den Dickichten aufführe, es lärmt
indem ich lebe, athemhole, mich zusammennehme,
es knirscht und kreischt wie eine Mühle, die leer
geht, und die Nachtigallen ?

Sie wissen, Fürstin, die baun am Liebsten im Dorni-


gen: nun daran fehlts nicht, und was so die rechte

SS
Nachtigall ist, und weiß, daß es
das baut sich an
trotz allem Stunden giebt und nutzt sie
stille, stillste

aus Wenn ich nur einmal etwas sich versuchen höre


.

das geringste so stell ich alle die alten Maschinen ab


,

und bin vorsichtig und groß wie die Nacht selber.


Aber das ists ja grade.
Pajou, soviel ich weiß, war sehr Akademiker und
wurde sehr sehr alt; er muß von weither bis in die
Napoleonische Zeit hinein gedauert haben; ich habe
Büsten von ihm gesehen, aber ich glaube nur männ-
hche und kann keine direkt erinnern sein Ruf aber ;

war groß, sein Können sozusagen angeboren und,


wo die akademische Haut nicht Zeit hatte sich dar-
über zu bilden, lebhaft und aufrichtig. Eine Psyche
steht irgendwo von ihm -
Miss Greenham ist eine Tante gestorben die ihr wie ,

eine Mutter war; sie war zwei Tage zuhause und


macht dort glaub ich jedesmal viel durch, da auch
eine Schwester existiert, die sehr krank ist. Über-
haupt, scheint mir, hat sie diese Beschäftigung ge-
sucht, um viel Schweres, Vergangenes und Gegen-
wärtiges, von sich fortzuhalten. Sie ist nun sehr er-
leichtert, die Ordnung, die Erich angebahnt hat,
setzt sie nun erst recht in ihre Rolle ein.
Für den Fürsten alles Herzliche und Liebe. Bleiben

Sie nun ganz in Wien ? Lautschin braucht wohl Zeit,


aber ich stelle mir vor, daß es sehr schön wird, auch
das Bild im Stiegenhaus kann ich mir ausgezeichnet
denken
Tausend Grüße.
Ihr
Dottor seraßco.

89

L
64. Rilke an Marie Taxis nach wien
Duino, am 12. Januar 1912. <Freitag>
Liebe Fürstin,
also jetzt kommt die gottgemeinte
Einsamkeit erst wirklich in Gang, ich werde täglich
ein wenig schärfer, wenn jetzt jemand käme, es
wäre nicht ohne Gefahr für ihn, vielleicht beiße ich
nächstens. Die Tage nehmen eine für den Unbe-
theiligten stupide Gleichmäßigkeit an, Briefe sind
auf ein Mindestmaaß herabgesetzt, um 9 Uhr wird
zu Bett gegangen. Strenge Erziehung.
Dieser Brief steht nicht auf dem Programm, ich
schreibe ihn in großer Eile, denn er soll noch mit
und es ist gleich Poststunde. Aber der Antrieb ist so

heftig, plötzlich, daß ichs nicht für morgen lassen


kann.
Ich fühle, Sie sind in unendlichen Sorgen ^ jedesmal
vor dem Einschlafen gehen mir hundert Gedanken
nach, oder laufen vor mir her, ich weiß nicht. Und
immer mehr zieht sich das Eine daraus zusammen:
daß Sie helfen müssen, wenn irgend Hülfe in Be-
tracht kommen soll. Ich denke mich an P. 's ^Stelle,
(das ist mir in einem gewissen Sinne leichter, als Sie
vielleicht meinen) unbedingt erwartet er von Ihnen
- sagen wir: unbewußt - das, was kommen soll. Er
zögert, die Zeit geht hin, es geschieht nichts, es han-
delt sich ja auch nicht nur darum, ihn aus unmögH-
chen Verhältnissen zu befreien, sondern geradezu,
etwas aus ihm zu machen. Er thut es nicht,
thun Sie 's, Fürstin. Nehmen Sie 's noch einmal
ganz in die Hand. Besser jetzt, einsichtiger, um
1 Pascha's. AdH.

90
viele Erfahrung reicher, um viele Nothwendig-
keit entschlossener. Haben Sie nicht immer gefühlt,
daß dies das Wichtigste wäre, daß er den Anschluß
an Sie behielte - ?: das war es wohl auch. Nun nutzen
Sie 's aus, lassen Sie alles; geben Sie ihm ein Jahr,
alle Kraft, jeden Gedanken, jede Hoffnung eines Jah-
res, machen Sie ihm ein Leben, das ihn umstürzt,
ihm zu thun giebt. Sie
das ihn außer sich bringt, das
kennen seine Fähigkeiten: spannen Sie sie an, sofort,
ohne daß er zur Besinnung kommt. Behajideln Sie
ihn wie ein Kind, das er ist, lassen Sie sich nicht be-
irren und dreinreden, — sagen Sie: ich habe meine
Pläne, und fassen Sie unterwegs welche, von Bedarf
zu Bedarf. Es wird eine große Probe für Sie Beide
schwer für Sie wie für ihn, aber welche
sein, gleich
Bewegung, welche Freude. Alles ist noch möglich.

Denken Sie, daß ich mindestens zehn Jahre älter bin


und mir doch getraue und zumuthe, jeden Tag bei-
nah wieder ganz von vorne anzufangen, und geb
doch die Hoffnung nicht auf, noch einmal so eine
Art Mensch zu werden.
Ich schreibe wie ein Verrückter, was thuts, Sie wer-
den schon fühlen, daß ich keine Wahl hatte. Die
Stimme, die sich meiner da bedient, ist mehr als
ich -, ich rausche nur wie der Busch, in den der
Wind gefahren ist, und muß mirs geschehen lassen.
Postzeit.
Adieu, liebe Fürstin.
Ihr
D.S.

91
65. Rilke an Marie Taxis nach wien
Duino, am 16. Januar 1912. <Dienstag>

Ich zögere unendlich, liebe Fürstin, nach dem Dik-


tat von neulich, das mir hier auf diesem Pathmos so
stürmisch eingerufen wurde, daß ich, wenn ich dar-
an denke, meine, wie der Evangelist in Brügge im
Johannisspital, mit beiden Händen geschrieben zu
haben, nach rechts und links, um nur alles Einge-
gebene aufzufangen.
Nun soll ich selber diktieren und das ist eine andere
Sache aber mir
, ist so vieles , in abwechselnder Deut-
lichkeit,zu Muth, daß ich doch versuche, mich Ih-
nen ein wenig mitzutheilen.
Sie irren, Fürstin, ganz gewiß irren Sie, wenn Sie
sich für «schwach» halten, wie Sie schreiben. Was
Ihnen selbst diesen Eindruck macht, ist das fortwäh-
rende Ausgebreitetsein über vieles und das tägliche
Ausgegebensein an die hundert Dinge, die Ihr Le-
ben mit sich bringt und wieder mit sich fortnimmt,
ohne daß eigentlich etwas bleibt. Das ist wohl nicht
zu ändern. Zu ändern ist vielleicht die Verfassung,
in der Sie diese Dinge leisten, (nun komm ich mir
unerhört unbescheiden und aufgeblasen vor, indem
ich, ich, der doch selber gerade nicht einen halben
Schritt aus oder ein weiß, so schreibe — aber da; ist

eine gewisse Photographie, die ich so gehängt habe,


daß ich sie vom Schreibtisch aus sehe, - oft, im Auf-
schaun verweile ich bei diesem ernsten ein bischen
, ,

grübelnden, gründlichen Blick, sehen Sie, ich glaube,


der ist nicht ohne Schuld, daß ich es wage, weiterzu-
reden -) nämlich, es hat mich oft erschreckt, wie
sehr selbst das , was Ihnen ernstestes Bedürfnis ist,

92
die Gestalt einer Zerstreuung annehmen konnte -
wie soll ich es sagen: sich, aus Furcht, sonst über-
haupt nicht dranzukommen unter die Zerstreuun-
gen einreiht, sich ein bischen verstellt als eine der
ihren. Sie durchschauen dann sofort dieses deguise-
ment, es beirrt Sie keinen Moment in der Größe der
Aufnehmung und doch: ein wenig verlieren Sie da-
bei, weil Sie in einem falschen Tempo vor die Dinge
treten, zu deren Wesen es gehört, uns das ihre, ihr
Tempo, aufzuerlegen. Schließlich summieren sich
diese Verluste, und das Leben nimmt ab. Es giebt
Zeiten, ich weiß, wo es geradezu eine Rettung be-
deutet, alles als Zerstreuung aufzufassen, aber das
sind Ausnahmen, Kurzeiten, Rekonvaleszenzen. Das
«Einnehmen» muß ein Ende haben. Ich mußte im-
mer wieder daran denken, daß der ängstliche Vor-
fall in Lautschin, der doch, ruhig genommen, ins

Menschliche, wie es nun einmal ist, hineingehört,


Sie fast zerstören wollte -: das darf nicht sein, da
ist ein Fehler, und nun scheint es mir auch, daß
unsere damaUge Verfassung, die wir angenehm emp-
fanden, eine oberflächliche und zerstreute war, eine
Verfassung unguten Gewissens im Grunde, so daß
die plötzlichewahre Besorgnis, da sie auftrat, alle
Wirklichkeit auf ihrer Seite fand: wir hatten so
gut wie keine.
Liebe Fürstin, ich nehme mir da viel heraus, aber
ich fühle, Sie fordern von mir geradezu das Wort
eines Freundes; wenn es da ist, so darf ich es nicht
unterdrücken und überspringen, nichtwalir ? Also
ich glaube, es ist längst möglich, auf den gewissen
gründlichen Blick zurückzukommen, allem, so lang

93
es dasteht, ins Gesicht zu sehen, einem nach dem
andern, ohne davon weg zerstreut zu werden. Ich
kann Ihnen nicht beschreiben, wie groß in mir die
Überzeugung ist, daß Ihre Natur, hinter aller Un-
ruhe und Flucht und allem Von-Etwas- Absehen, im-
mense Vorräthe wirkhcher reifer Stärke sich angelegt
hat: wie oft hab ich nicht, ganz unmittelbar, in un-
sern Gesprächen oder wenn ich mich Ihnen in mei-
nen Kümmernissen anvertraute, eine Wirkung er-
fahren, die nur aus einem solchen Reichgeworden-
sein, aus einer unbenutzten abwartenden Kraftfülle,
ähnhch strahlend und heiter durchbrechen konnte.
Je mehr ichs bedenke, desto glückhcher erscheint
mir die Fügung, daß Pascha noch einmal wört-
Sie
Uch und thatsächlich nöthig denn dieser Noth
hat:
steht, fast ebenso dringend, der Antrieb Ihrer Natur
gegenüber, etwas zu leisten, sich in einer festen Auf-
gabe zusammenzufassen und zu fühlen - (als ob alles
andere nur Vorbereitung gewesen wäre).
Sehen wir nun diese Sache von da aus an, so besteht
zunächst kein Grund , sie als etwas Verzweifeltes an-
zufassen, sondern es liegt durchaus nah, ohne Vor-
urtheil, naiv, aus dem Vollen an sie heranzugehen.
Was an ein paar Jahren früher oder später, ob
liegt
er jetzt Dreißig geworden ist über diesen Versu-
chen — dafür ist man auch weiter. Das Verhältnis
:

zu Ihnen, in dem allein bisher er ja doch Wirklich-


keit und Welt hat, ist eben unterbrochen worden,
und Sie hatten noch nichts aus ihm gemacht, weil
Sie nicht fertig waren mit ihm. Gut. Nun nimmt
man die Arbeit wieder auf, und alles ist eigenthch
günstiger für diese Arbeit als früher: sein Bedürfnis,

94
ausgestaltet zu sein, muß in diesen (wie sich zeigen
wird, keineswegs verlorenen) Zeiten noth wendig zu-
genommen haben -, ebenso wie die tief begründete
innere Richtung zu Ihnen. Vielleicht kommt es im
Handumdrehn an den Tag, wie sehr seine kindhafte
Rathlosigkeit, die ohne die Mutter nicht auskommt,
äußerlich ist, und es entwickelt sich ein wahres Zu-
sammen- und Ineinanderarbeiten , bei dem es stel-

lenweise unentschieden bleibt, wer der Führende


ist. Vielleicht lächelt man bald im Zurückdenken an
frühere gemeinsame Unternehmungen und winkt,
von weitem schon, auf hundert Schritt, einem Feh-
ler ab, derdamals Aussicht gehabt hätte, als das
Beste, bewillkommt und gehätschelt zu sein. Das
halt ich für möglich, und mehr und anderes. Denn
Sie können zumuthen.
sich alles
I
Um es ganz praktisch anzusehen Wie ? wenn man :

ihn z. B. das Jus fortsetzen heße — (wie leicht und


schnell ist das auf privatem Wege zu erreichen 1) und
ihm dann noch eine Carriere eröffnete ? Oder wenn
man dies wenigstens sich als Plan aufstellte und sich
darin verbisse: abwartend, was dabei nach und nach
herausspringt? (Nur keine Kunst, nur keine Kunst 1

Zum Teufel mit ihr.)i


Da bin ich, liebe liebe Fürstin, quer über Stock und
Stein, zur Poststunde gekommen und schließe schnell,
ohne Zeit, das ganze nochmal zu lesen. Besser viel-
leicht, wer weiß, ob ichs sonst abschicke ? Und ver-
zeihen Sie alle diese Sprünge der Luftlinie nach
I
Ihrem
D.S.
Das in Klammern Stehende nachträglich eingefügt. AdH.

95
:

Hier ist seit ein paar Tagen eine Kälte wie bei den
heidnischen Preußen ehe das Christenthum zu ihnen
kam. Alle hoffen, es geht vorbei, ich aber merke,
daß ich mich eigenthch freue, und daß meine Natur
einige Lust verspürte, sich wieder mal mit einem
großen ausgewachsenen Winter in seiner Heimat
tüchtig herumzubeißen.
Zorzato hat also vorläufig, oben irgendwo, ein Zim-
mer im Schloß; es ist recht lästig, daß die beiden
alten Administratoren (Klaus und Consorten) keine
Miene machen, abzureisen.
Die gutmeinende Miss G<(reenham)> ist was man
einen Pechvogel nennt. Gestern wieder ghtt sie auf
der rückwärtigen steilen Treppe aus und schlug sich
den Kopf wund. Es ist, zum Glück, nicht weiter
schhmm, sie geht ein bischen verbunden herum, der
Kopf hat die Probe bestanden. Auf diesem Wege hat
sie ihn nicht verloren.
Sie sagt mir eben, es wäre von Böhmen eine große
Kiste Äpfel gekommen: herrhchl Ich habe, zu ver-
schiedenen Zeiten, die Erfahrung gemacht, daß sich
Äpfel, mehr als sonst etwas , kaum verzehrt, oft noch
während des Essens , in Geist umsetzen . Daher wohl
auch der Sündenfall. (Wenn es einer war).
Schluß, Schluß, die Post.
Nochmals
R.

66. Rilke an Marie Taxis nach wien


Duino, am 19. Januar 1912. <Freitag>
Ich bekomme diesen Morgen einen langen Brief von
meiner lieben alten Freundin, der Baronin Rabenau

96
(einer Siebzigjährigen), derselben der ich, im Som-
mer, den EinbHck in die rührenden Briefe verdankte,
die ihr erster Mann, der 66 gefallene Graf Bethusy,
ihr während des Feldzuges geschrieben hatte.
Dem heutigen Briefe nun entnehme ich den beihe-
genden Bogen, der eine Art Ergänzung dazu bildet:
ich finde diese einfachen Thatsachen so gut aufge-
schrieben und außerdem somerkwürdig, daß ich das
Blatt nicht zurücksenden mag, ohne daß Sie es gele-
sen haben. Würde ich doch, wenn Sie hier wären,
unfehlbar heute um die Theestunde damit zu Ihnen
gekommen seini Das geht nun leider nicht, aber ich
reiche es Ihnen schnell, über eine Nacht fort, hin-
über, Sie haben es morgen. Nur das heute, aber tau-
send Grüße
Ihr
D.S.

{P.S. Sie haben wohl die Güte, liebe Fürstin, mir


das kleine Manuscript gleich nach Einsicht wieder
zurückzuschicken; ich möchte es nicht lange behal-
ten.)

67 . Rilke an Marie Taxis nach wien


Duino, am 21. Januar 1912 <Sonntag>
Da kommt nun endlich, liebe Fürstin, um Ihnen
immer zu bleiben, das kleine grüne Buch zu Ihnen
zurück, höchst eigenmächtig vollgeschrieben mit der
ersten duineser Arbeit^ (und der ersten seit lauge !)

für die es genau gemacht war.


1 der Ersten von den Duineser Elegien. AdH.

7 97

j
Nehmen Sie 's auf, sein Sie ihm gut, wie Sie 's ihm
vom ersten Augenbhck an waren, obwohl es damals,
strenggenommen, nur der «Grundriß der Allgemei-
nen Rehgionslehre » vom Jahre 1801 zu sein vorgab,
den es enthielt. Aber wir sahen ihm beide eine
höhere heimliche Absicht an Ist sie nun ganz erfüllt ?
.

Sie werden entscheiden.


Ihr
D.S.

68. Rilke an Marie Taxis nach wien


Duino, am 27. Januar 1912. <Samstag)>

Nehmen Sie, meine liebe Fürstin, das, was ich da


gleich schreiben werde, in keinem Fall als Bitte: als
solche wärs von stupender Unbescheidenheit. Aber
ich weiß doch, daß die Antiquare kein Hehl vor Ih-
nen haben können, und so halt ich es für möghch,
daß Sie, im Vorübergehen, durch Zufall, in den
nächsten acht, zehn Tagen (so lange etwa hätte es
Zeit) die Hand auf das legen, was ich mir denke. -
Ich denke mir nämlich ein feines dichtgliedriges Sil-
berkettchen, vergoldet, und daran eins von jenen
ovalen Medaillons wie sie noch bis in die Sechziger-
,

jahre hinein, denen lieb waren, die Phantasie genug


hatten, sich bei einem heimlich aufbewahrten Ro-
senblatt, oder sonst einem geringen überlebenden
Gegenstand fast mehr vorzustellen als sich ertragen
ließ. - Fragen Sie nach dem Medaillon selbst, so ist
da der weiteste Spielraum: es mag einfach auch aus
vergoldetem Silber sein, möglichst schlicht, oder aus
dunkler Email mit irgend einer aufgelegten Orna-

98
mentik; denn daß es aus zwei Schalen dünnen grü-
nen Malachits bestünde, wage ich nicht zu hoffen.
Am Ende könnte beides, Kette und Gehäng, auch
direkt silbern sein, wenn es dabei, (Sie wissen,) jenes

etwas hätte, das überzeugt und nichts vermissen läßt.


Findet sich dieser so gedachte Gegenstand, so fängt
allerdings meine thatsächliche Bitte an ihn für mich
:

zu erwerben, und an den inneren Rand, oder wo


sonst es sich intim anbringen läßt, die Gravierung
setzen zu lassen: Marthe, 16 Fevrier 1912 (in altmo-
discher Schrift -)
Ah, -nun wissen Sie schon alles -, das ist Marthe's
Geburtstag, ganz nächstens, - ich möchte ihn nicht
vorbeigehen lassen. Kommt aber dieser Wunsch,
was ich für sehr möglich halte, völlig unpassend, -
bitte: vergessen Sie ihn wie eine gewöhnliche Stu-
benfhege, die Sie eben verjagt haben. Für diesen
Fall habe ich eine Decke hier, die ich schicken
könnte. Selbst nach Triest oder Görz zu fahren,
halte ich für nicht aussichtsvoll, auch liegt mir jetzt
viel daran, die strenge Observanz und tägliche Regel-
mäßigkeit ohne jede Unterbrechung einzuhalten
Erzälhlte ich Ihnen von Marthe ? Ich höre immer von
Zeit zu Zeit durch Frau W<(oermann)> von ihr eigent-
,

Hch lauter Erstaunliches. Sie hat ausgehalten im Vor-


genommenen und bekommt jetzt im Februar ihr Koch-
Diplom. Dabei hat sie an den Abenden Zeichen-Kurse
besucht und auch da soviel Anlage und Auffassung
erwiesen, daß man sich nicht genug wundern kann
über dieses sichere Umsichgreifen ihrer Natur, die
auf alles gefaßt ist und zu allem geneigt. Am
Drei-
Königstag bekam ich drei Blätter von ihr geschickt,

99
die zunächst rührend sind ,
je öfter ich sie aber in die
Hand nehme desto mehr vergeß ich diesen Eindruck
,

über dem Geniahschen des Anfassens, des Sich-zu-


rechtfindens und Sich-anschheßens an die unmittel-
bar und rein erkannte Erscheinung. Ich will nicht
sagen, daß da künstlerische Quahtäten sich heraus-
stellen, auch dies ist vielleicht eine bloße Zustim-
mung zum Leben, ein starker treuer Anschluß an
die höhere, stärkere Wirklichkeit der Welt, von der
immer so viel Vermuthung auf dem Grunde ihres
muthigen Herzens war. Jedenfalls ist sie selbst hin-
gerissen von diesen Entdeckungen, in denen sie an
sich selber weiterkommt, - und sie hat es halb und
halb bei Frau W^oermann) durchgesetzt, daß sie
nun, nach Absolvierung der Kochschule des Cordon
bleu, versuchsweise an die Akademie geht, um zu
erfahren wie weit es sie dort treibt. Dies alles ist
seltsam, nichtwahr, - auch vergeht manchmal eine
Viertelstunde damit, daß ich mich wundere.
So käme eventuell zu meinen, noch anstehenden
Schulden (Piero schien über die Knöpfe sehr erfreut
zu sein, seinem Briefe nach) noch einiges Wesent-
liche hinzu ich habe keine Ahnung, was man rechnen
:

muß - 50, 60, 70 Kronen ? Nun je größer Schulden


werden, je eher zahlt man sie, (- die kleinen, wie
Sie sehen, stehen an. . .)

Liebe Fürstin, nun Sie mir so Schönes und Be-


wegtes über das kleine «türkisblaue» Buch schrei-
ben, geb ich herzHch zu, daß die Nachtigall ein Wun-
dervogel ist, wollte Gott, ich wäre mit all meinem
Dörnicht das rechte Gebüsch für sie. Ihre Stimme
war also wieder im Lande, es ist aber gar nicht ge-

100
sagt, daß sie sich niederläßt und baut, — sie ist über-
aus scheu.
Tausend herzlichste Grüße.
Ihr
D.S.

P.S. Annette Kolb sandte mir dieser Tage eine


Ja,
neue wegen eines Auf-
Zeitschrift « Der lose Vogel »
satzes von ihr «Der Neue Schlag», den ich mit viel
Theilnehmung gelesen habe. Nun merke ich, daß
dasselbe Heft anfängt mit einem fingierten Goethe-
Eckermann -Gespräch - über (Sie werden sehen:
ich schick es Ihnen !)

69. Rilke an Marie Taxis nach wien


Duino, am 29. Januar 1912. <Montag>
Meine liebe Fürstin,
ich machte von ganzem Herzen
Sonntag gestern, da ich Ihren Brief kommen sah,
er lag, wie es sich gehört, meiner Post zu oberst, -
und nun beginn ich die Woche damit, Ihnen zu dan-
ken. Fürstin, jetzt ist das kleine Weimarer Buch
Ihres und was es etwa hervorruft an Staunen und
,

Freude fällt vor allem auf Sie, da ist nichts zu än-


dern: denn es ist ja doch kein Zufall, daß ich Ihnen
die Elegie geben konnte, war sie denn geworden
ohne Sie, ohne unsere Gespräche, ohne Theresine,
ohne Duino, ohne diese meine Retraite hier, zu der
ich von Tag zu Tag mehr Muth fasse? Nein, das
wäre sie nicht: und so haben Sie fast alle Schuld, daß
der blaue Einband Ihnen so wit^derkani -. Daher

101
.

auch die ungewohnte Befangenheit, als Sie selbst zu


lesen versuchten sehen Sie da kam es an den
. . . : ,

Tag. - Aber mich freut's, daß Hofmannsthal und


Kassner so sehr dafür waren, zumal da ihre Zustim-
mungen ja eigenthch von sehr verschiedenen Cen-
tren herkommen und eine besondere Bedeutung dar-
in liegt, wenn sie sich so begegnen.
Schön, schön, daß Sie nun wirkhch T. R. 's^ Miniatur
haben; Sie beschreiben sie so überredend, daß ich
heute früh drauf und dran war, sie aus dem Glas-
schrank zu holen, um sie wiederzusehen: so sehr
hatte ich vergessen, daß sie mir nur in der Überhe-
ferung Ihres Briefes vorgelegen hatte
Daß die MarieschVs nicht MarieschVs sind, erschreckt
mich ein wenig, ist denn dieser gewisse Marini eben-
so begehrenswerth ? Freihch, so oder so, sie bleiben,
was sie sind, aber eine Kleinigkeit kommt und geht
schließhch doch mit den Namen, wennauch nicht in-
nerhalb der Bilder, so doch bei der Einstellung des
Auges. Schrecklich, was die Leute alles wissen, ich
wußte weder von dem Einen noch weiß ich von dem
,

Anderen drum ist es besser (für mich) nur an Gott


, ,

zu glauben, sonst ists ein beständiges Wechseln nach


rechts und links.
Aber der Putto avanciert wie ein Generalstäbler (Sie
haben 's ihm angesehen, da er noch so ein kleiner
Leutenant war) und wenn Sie statt eines Pajou einen
,

Houdon besitzen, so soll michs nicht wundern. Es ist


erstaunlich, welchen Blick Sie haben, mich würde
da immer etwas daneben betrügen, eine Vorliebe an
der Sache, eine im Grunde sentimentale Theilneh-
1 Theresine Rayson (1809-1888). AdH.

102
mung, ein bischen Verliebtsein in eine Eigenschaft,
auf die es nicht ankommt, - während Sie da keine
Fürbitte keiner Stelle annehmen und herrschen und
handeln wie am jüngsten Tag.
Was Alles andere angeht, das Schwere, so bin ich
viel mit den Gedanken bei Ihnen: es muß seine Zeit
haben, Geduld, Muth: während man keinen Ausweg
erkennt und meint, es rührt sich nirgends, treibt es
sich vielleicht selber irgendwo in einem Inneren an
und ist schon wieder anders. Seh ichs doch sooft in
der Arbeit. Auch denk ich immer wieder, was einem
so unaufgesucht, so rein auferlegt, bevor ist, das muß
in einem bestimraten Verhältnis zu den Möglichkei-
ten des Herzens stehen, das hat sein Maaß, selbst
wenn es uns zwingt, von da ab eine neue Einheit
anzunehmen
Muth, Geduld: das sag auch ich mir täglich. Ich habe
eine unbeschreibliche Müh mich geistig zu konzen-
,

trieren, was wohl zum Theil auch physische Ursa-


chen hat und möglicherweise auch dem Klima zu
einem Hundertstel zuzuschreiben ist, - diesen Sprün-
gen im Wetter (dem einzigen, was mir hier nicht
ganz gut thut) Aber ohne einen Mangel wärs auch
.

kaum auszuhalten und zu begreifen. - Adieu, liebe


Fürstin, bitte vergessen Sie, wenn es irgend im
geringsten stört, das Medaillon für M<(arthe), ich
mache mir Vorwürfe , Sie so zu plagen . Dem Fürsten
alles Liebe
Ihr D. S.

103
70. Rilke an Marie Taxis nach wien
Duino, Mittwoch
<31. 1. 1912>
Mein Gott, Fürstin, welchen glücklichen Griff Sie
haben: ich bin entzückt, hingerissen von dem kleinen
Medaillon, wenn
dazu kommt, daß Sie Marthe
es
einmal sehen, werden Sie sich des Staunens bewußt
werden, dieses entdeckt zu haben. Es paßt zu ihr, -
ja: essagt etwas von ihr aus: es ist ihres irgendwie
aus seiner eigenen Überzeugung heraus.
Dank, tausend Dank.
Es geht mit derselben Post an Schwarz und Steiner
zurück, mit den nöthigen Angaben, die Gravierung
betreffend -: man bringt sie, nichtwahr ?, am besten
im Rande innen an, desjenigen Theils, an dem die
Öse ist. Ich stelle mirs etwa so vor:

Schicke dieselbe Zeich- ^vergleiche


nung an Schwarz und die
Abbilduiig>
Steiner; aber wenn es
Ihnen so nicht richtig
scheint: verordnen Sies, bitte, nach Ihrer Ein-
sicht.*
Mir kommts wie ein Wunder vor.
Nur davon daß
dies, liebe Fürstin, ich bin so erfüllt
mir nichts anderes einfällt als meine Freude.
Wie haben Sie das nur gemacht ?
Ihr
D.S.

(Und der Preis ist unglaublich billig !)

104
P.S.
* Ich habe dem Juwelier geschrieben, daß er,
äußersten Falls , falls ihm etwas die Gravierung an-
,

gehend, nicht klar Ihnen anfragen darf. Im


ist, bei
Übrigen hab ich ihn beauftragt, mir das Ganze so
rasch als möghch wdeder zu schicken und am Ein-
fachsten gleich gegen Nachnahme der 40 Kr<(onen)
und des fürs Gra\deren hinzukommenden Betrages.
d. O.

71. Rilke an Marie Taxis nach wien


Duino, am 5. Februar 1912. <Montag>

Es ist zu viel, Fürstin, daß Sie bei Allem, was auf

Ihnen hegt und Sie mehr als genug beschäftigt, auch


noch meine Angelegenheiten in so Heber und gründ-
licher Weise bedenken -: ich weiß nicht, wie ich
Ihnen (und der Gräfin Czernin) danken soll. Am
Liebsten hätte ich schon gestern, Sonntag, geant-
wortet, danke, danke gesagt auf der Stelle, - aber
ich wollte den Prospektus genau durchsehen und die
Sache mit Ruth^ im Ganzen überdenken, dabei von
alle Sachen, die kom-
der Nacht profitierend, in der
pliziertund unaus gewickelt sind wie diese, etwas
einheithcher und übersieh thcher sich zusammen-
nehmen.
Was Ruth nun zunächst angeht (inliegend ein klei-
nes Amateurbild, das neueste, bitte gelegentlich zu-
rück, doch ohne Eile), so steht es gegenwärtig so: sie
istnoch in Oberneuland bei ihrer Großmutter, in
den bisherigen Verhältnissen; um Ostern aber wird
1 Rilkes, damals zehnjährige, Tochter. AdH.

106
,

meine Frau mit der psycho-analytischen Behand-


lung, der sie sich und so wie
unterzogen hat, fertig,
Kur zu Ende ist,
diese Art Ruth zu sich neh-
will sie
men nach München und sich gemeinsam mit ihr
einrichten. Dieser Ausweg, wenn meine Frau wirk-
lich imstande ist, d. h. gesund und innerhalb ihrer
künstlerischen Arbeit frei genug, ihn energisch
durchzusetzen, wäre bei weitem der beste, natür-
lichste und glücklichste für beide Theile, - so daß
ich auf alle Fälle mit einem anderen Vorschlag oder
Eingriff nur dann auftreten dürfte, wenn sich da
ein Mißlingen oder eine Unmöghchkeit herausstellen
sollte Man wird den neuen Verhältnissen von Ostern
.

ab also zunächst zusehen müssen in einigem Abwar-


ten und aller denkbaren Hoffnung: wie der Versuch
sich dann auch wendet, es ist sehr wahrscheinlich,
daß dieses Jahr darüber hingehen wird. Immerhin
nehm ich mir vor, so viel als möglich andere Lösun-
gen zu bedenken und kennen zu lernen, damit man
sich gefaßt findet, wenn eines Tages, mehr oder we-
niger plötzlich, doch die Nothlage da ist, das kleine
Mädchen anders vorwärtszubringen. Über dem Pro-
spekt ist es mir allerdings fraglich geworden ob , ich
mangels jeder Einsicht, nicht zu viel gesagt habe,
als ich die katholische Kloster-Erziehung, so wie sie
ist, mit in die eventuellen Möglichkeiten einbezog.
Beim Lesen der verschiedenen ab- und einschrän-
kenden Paragraphe wurde es mir ziemlich stickig
ums Herz, die durch die Jahre nie ganz unschädhch
gewordenen angoisses der Militär-Schule kamen in
Sicht und ich winkte mit beiden Händen ab. Und da-
bei wäre der Wechsel für Ruth bei der rustiken äu-

106
Bern und der nie angetasteten inneren Freiheit, in
der sie sich bisher weitergetrieben hat, womögHch
noch heftiger und erschütternder, als ich ihn habe
durchmachen müssen (: denn ich kam schheßlich
doch nur aus der Klausur der Verzärtelung in den
Bagno des Gegentheils) und wenn was da gebrochen
,

wird, auch nur Strahlen sind, optische, nicht eigent-


lich vorhandene Linien, lieber Gott, es kommt eben
dann doch der verhängnisvolle Moment, da man die
neue gebrochene Richtung über das fremde Medium
hinaus verlängert, weiter und weiter ins Leere, den
Stern nicht findend, von dem alles ausging. Ich
fürchte, dies wird sich nie vertragen lassen, mit mei-
nen schwedischen Schuleindrücken, von denen ich
Ihnen geschwärmt habe, - wir müssen einmal dar-
über sprechen, jeden Falls hat es also jetzt Zeit und
der «Rath» kommt, (hoffen wir 's) mit ihr.
Wissen Sie, daß wir hier die ganze Nacht geschneit
haben ? Bis zu einem halben Meter vom Boden haben
wirs gebracht: ich bin sehr stolz. (Miss Greenham
kommt ab und zu mit verhaltenen Andeutungen
über die Kälte ihrer Stube an mir vorbei; ich glaube
sie hat sich bei Ihnen beklagt; darf sie sich den Ofen

von dem nun nicht mehr benutzten Zimmer des ei-


nen Administrators Ricke herübersetzen lassen ? Sie
sieht erbärmlich blau aus.)
Wirklich ?: die Copie von dem kleinen Tagebuch
wird gemacht ? Ich kann Ihnen nicht sagen , wie
mich das rührt und verpflichtet. Tausend dankbarste
Grüße.
Ihr
D.S.

107
72 . Rilke an Marie Taxis nach wien
Duino, Dienstag.
<6. 2. 1912>
Meine liebe Fürstin,
ich lasse das Tagebuch, seine
Stunde wird kommen, da ich danach greifen werde
und es wird genau die seine sein, wie damals nach-
mittag in Lautschin wo mans einen Augenblick vor-
,

her nicht hätte ahnen können und dann plötzlich saß


und las, als wärs nicht anders möglich.
Aber die kleinen Aufzeichnungen habe ich gleich ge-
lesen und Maaßen reich und rüh-
finde sie über die
rend in ihrer Einfachheit. Sie können gewiß selbst
gar nicht ermessen, wie viel von Ther^se in diesen
Blättern sich erhält; wie Sie, theils aus Attachement
an Ihre eigene Erinnerung, es einzurichten wußten,
ein paar entscheidende Züge im Hingehen aufzuhal-
ten, sie, gewissermaßen, zum Bleiben zu überreden.
Ich kanns kaum lesen, ohne daß ich merke, wie das
und dies sich entschließt, von Ihnen aufgeschrieben
zu sein, jede Stelle, indem sie sich Ihnen giebt, zö-
gert eine Kleinigkeit und willigt langsam ein, als
sagte sie schließlich: gut, Dir zu liebe. Das schwebt
über dem Ganzen, freudig und wehmüthig: es ist
wie ein Blättchen Marienglas über dem kleinen Bild-
nis und zuweilen glänzt es so, daß man nicht durch-
sieht: wenn es aber einen Moment spiegelnd wird,
so spiegelt es Sie.

Mittwoch früh. <7. 2. 1912>


Dies war gestern abends. Ich meinte zu etwas ande-
rem überzugehen, als dies geschrieben war, schlug

108
auch etwas auf, vertiefte mich scheinbar hinein, -
aber plötzHch war das wie weggezogen vor mir, das
Tagebuch war da, nichts als das Tagebuch, die Stunde
hatte sich geeilt. Ich meinte doch, es gut im nach-
haltenden Gefühl zu haben und trotzdem, wie über-
trafs meine Erinnerung; man muß manchmal ein-

halten und athemholen, so hebt sich Woge um Woge


aus diesem Meer des Erlebens, erst, ansteigend,
scheint sie gar nicht so hoch, aber sie kann in einer
halben Zeile haushoch werden, und wenn sie dann
um einen zusammenschlägt, über einem hinstürzt
so gradenwegs ins Ewige, dann muß man sich schon
irgendwo halten. Wie schön ist das doch, wie klar,
was für eine Kurve, diesem Hin- und Zurück heuti-
gen Erlebens gegenüber. 1837 Was haben wir seit-
1

her für Konfusionen angerichtet. Besitz und Ver-


lust, eines von beiden, dies zur Entscheidung ge-
stellt und in jedem die Welt ganz, Gott inbegriffen—:

daraus konnte immer Größe werden (und wurde und


wurde, wie oft, unscheinbare, stille ahnungslose
Größe -) und wir dagegen, was haben wir daraus
gemacht, wir Privat-Dozenten «Besitzen und
:

Nicht-Besitzenkönnen» und ein Gezieh und Gezerr


ohne Ende und keine Größe, nicht die geringste Aus-
sicht dazu. Giebts das noch, werden noch Herzen so
angetrieben, daß sie einen Aufgang und einen Un-

tergang haben wie ein Stern und eine Bahn und ein
Strahlen vor aller Welt. ? Fürstin, mein Plerz ist
. .

ein Schmuggler dagegen, Gott verzeih ihm.


Haben Sie Dank. Sie sehen, wie viel mirs ist. Mir
wird erst klar, daß Sie die Copie wahrscheinlich
selbst gemacht haben ?I Aber diese Arbeit; da war 's

109
:

doch viel eher in der Ordnung gewesen, ich hätte


mich einmal in Lautschin unter Ihren Augen hin-
gesetzt, um das ganze abzuschreiben. Nun haben Sie
sich dieser langen Müh unterzogen I

Die Abschrift und der kleine Aufsatz ist nun in The-


resine's Schreib-Mappe bei mir untergebracht; dies
Ihre kommt nun so seltsam bei mir zusammen — .

Placci's Trauer- Anzeige hatte ich gestern und schrieb


ihm gleich ein paar Worte. Unser Schnee ist schon
seit zwei Tagen im Thauen, aber es war so viel, daß

immer noch einzelne Beweise für unsere winterliche


Leistung da sind.
Leben Sie wohl, liebste Fürstin, - dem Fürsten tau-
send Grüße, wenn er noch bei Ihnen ist.

Ihr
D.S.

P.S. Hofmannsthal schickte mir heute seinen «Je-


dermann» mit ein paar auf die Elegie bezüglichen
eingeschriebenen Worten. - Eben kommt das Me-
daillon von Schwarz und Steiner und ist entzückend
die Gravierung ist ganz in meinem Sinn und der An-
gabe gemäß, und könnte nicht besser sein. Ich bin
sehr froh darüber. Nochmals Dank und auch daiüi
(: die Ursachen häufen sich 1)

73. Rilke an Marie Taxis nach wien


Duino, am 12. Februar 1912. <Montag>
Me voilä dSlogd-, die Mauerer auf ihrem Zug durchs
Haus haben mich endlich eingeholt, heute sind sie
bei mir eingefallen, aber es geht mir nicht schlecht

HO
deshalb, ich sitze (tagsüber nur) in dem kleinen hel-
len Zimmer des Fürsten hab es
, warm und behaghch
und fühle zum Überfluß
, , durch die Wand Ihr Bou-
doir.
Aber um ein Haar hätt ich wirkhch Ihren Brief (der
so schön wiederzum Sonntag da war) von ganz an-
derswo beantwortet -: vor drei vier Tagen war ich
fast daran, nach Venedig zu gehen, hätte nicht mein
hebes Zimmer mit allem Zubehör, seinen Büchern,
seiner steten stillen Umgebung, doch überwogen,
der Möglichkeit gegenüber, dort Regen zu finden
und, trostlos und enterbt, aufs Hotel beschränkt zu
sein (was ein arger Tausch wäre alles in allem.) Ich
schrieb Ihnen glaub ich neulich schon, welche Müh-
sal ich habe, mich zu konzentrieren, daraus wurde
nach und nach ein rechtes Kreuz, es entwickelte sich,
genau in der Mitte zwischen Geistigem und Körper-
hchem, von beiden Seiten her unerreichbar, ein Zu- I
stand solcher Unruhe, daß es mich im Stillen fast ver-
zweifelte. Da für diesen fatalen Malaise, bei den aus-
gezeichneten Umständen meines hiesigen Lebens,
gar kein sichtbarer Grund vorhanden war, auch we-
der eine Krankheit daraus wurde, noch etwa ein Aus-
bruch akuter Verrücktheit, so kam ich endlich auf
die Idee, daß das Wetter mir diesen Possen spielen
möchte, das ja jetzt, man muß es ihm lassen, einen
schon unverschämten Stolz dareinsetzt, nicht zwei
Tage dasselbe zu sein. So dachte ich an Venedig, um
aufs Einfachste ein wenig in andere Luft zu kom-
men, blieb aber schließhch, da ich mich besser und
muthiger fühlte, wissend, wie weit jede Verände-
rung meine ganze innere Constellation verschiebt —

111
die ich doch gerne , in der hier so tüchtig angelegten
Ordnung, noch eine Weile weitergedrängt hätte.
Immerhin, möcht ichs nicht noch einmal so weit
kommen lassen und überlege Heber, was etwa zu
thun wäre im Falle wiederzunehmenden Unbeha-
gens -: Venedig ? Oder sollte man sich rasch zu ei-
nem größeren Wechsel entschließen und, in Rück-
sicht auf die noch wenig vorgeschrittene Saison, ein
paar Wochen ganz nach Süden verlegen ? Bitte liebe ,

Fürstin, da sagen Sie mir eins: wie stehts in Ita-


lien ?, meine Mutter, die alles das gerne schwer
nimmt, deutete mehrere Mal in ihren Briefen an,
daß es heuer für Deutsche oder Oesterreicher gerade-
zu ausgeschlossen sei wegen des Krieges, daß man
sich der schlimmsten Behandlung aussetzt u.s.w. Ich
kann mir das nicht denken; aber ich habe, seit Sie
fort sind, keine Zeitung gesehen und weiß nicht,
wie die Kriegsfurie sich entwickelt hat. Könnte man
unter Umständen nach Itahen gehen? Und, was
Venedig angeht, spricht Ihre Erfahrung dafür, daß
der Februar dort schon etwas Gutes für sich hat ?

(Dieser Ausweg hätte am


wenigsten Konsequenzen,
und eventuell war ich im Handumdrehen wieder
hier.) Mein Gott, verzeihen Sie alle diese Fragen und
Ansprüche, nehmen Sie 's nicht für geschrieben,
sondern eher wie hier, nebenan, zur Sprache ge-
bracht, dann siehts weniger unbescheiden aus. Sie
können denken, im Innersten bin ich fürs hier-
sich
bleiben,denn was könnte mir im Grunde besser aus-
schlagen als die Kontinuität und Gleichmäßigkeit
dieser schönen beschützten Tage, die so vieles in
mir zusammentreiben. Ich schäme mich, daß ich

112
sowenig Energie habe der Athmosphäre gegenüber,
allesSchwanken und Umkehren mitmache und dann
natürhch hinter allem zurückbleibe. Genug, viel zu
viel schon
Wie war der Tolstoj ? (Es war doch der « Lebende
Leichnam» ?) Ich hoffe immer das Stück zu sehen,
wenn das moskauer künstlerische Theater es auf sei-

ner nächsten Tournee durch unsere Städte bringt;


davon weiß, ist es gründhch russisch, und
so viel ich
wahrscheinhch können nur Russen es einem ohne
Verschiebung beibringen. Kassner sah es ja in Mos-
kau, konnte also vergleichen!
Tausend herzhchste Grüße
Ihres
D.S.

74. Rilke an Marie Taxis nach wien


Duino, Montag,
<19. 2. 1912>

Verehrteste Freundin,
nein, Worte können Ihnen
gar nicht genug versichern, wie sehr, in dieser gro-
ßen und schweren Sache, meine Wünsche mit Ihnen
sind,Tag und Nacht. Nehmen Sie dazu, daß ich im
Großen Ganzen hier in der Lage bin, auf allen
Seiten versorgtund bewahrt, keinerlei Wünsche für
mich zu verbrauchen, so ergiebt sich auf das
selbst
Einfachste, wie ich aUe Wunschkraft dieser Angele-
genheit gutschreibe und für Sie zusammenlege. Das
ist all diese Wochen über so gewesen und es bleibt da-

bei. Übrigens scheint esmir ein großer Fortschritt,


daß der Mann gefunden ist, von dem Sie schreiben;

8 113

k
.

ich halt es für möglich, daß in solchen Händen alles

rascher zum Austrag kommt als wir denken können,


denn sicher ist ja, daß die Sache selbst reif ist zum
Schnitt und nur zu sehr
Ihr lieber Brief kam eben erst, aber ich seh am Post-
stempel, er hat sich in Grignano-Miramar aufgehal-
ten, weiß der Himmel, was ihm einfiel. Mich hats
beruhigt, was Sie von Italien schreiben, so steht es
auf alle Fälle offen; es ist merkwürdig, wie ich mich
hinuntersehne, nach Rom, wo ich um diese Zeit vor
acht (achtl) Jahren, ohne es recht zu wissen, den
Malte Laurids begann, in Tagen, die mit diesen hier
eine Art Beziehung haben müssen. Welche -, läßt
sich nicht feststellen. Vor der Hand halt ich mich
jedenfalls hier an meinem lieben Zimmer und im
Schutz dieser alten Mauern und betrog oder nälirte
meine Sehnsucht, indem ich mit einer ganz neuen
Spannung und unter lauter eigenthümlichen Ver-
ständnissen Goethe las, die ganze Italiänische Reise,
die Kampagne in Frankreich, die Belagerung von
Mainz, - und nun beinah traurig bin, daß es so nicht
immer weiter geht. Wunderliches und theils Hülf-
reiches hab ich mir da herausgelesen, ob mit Recht,
ob mit Unrecht thut nichts zur Sache. Seit der Ent-
deckung der «Gustgen» -Briefe ist der Bann gebro-
chen, dieser Große fängt an, auf mich zu wirken,
gewissermaßen hinter der Art herum, in der er mir
sonst verschlossen war. Dies ist so seltsam, wie alles
kommt zu seiner Zeit und sich nicht zwingen läßt
vorher, aber auch dann, wenns soweit ist, nicht mehr
abhalten. Mich wunderts. Schlagen Sie übrigens un-
ter den Gedichten gelegentlich einmal die Harz-

114
reise im. Winter auf (in der hiesigen Gesannnt-
ausgabe steht sie im 2 Band) ich fand sie auch erst
. ,

jetzt durch einen Zufall, Ihnen wird sie längst ver-


traut sein -, aber vielleicht überrascht Sie dennoch,
wenn Sie 's wiederlesen, das Benehmen dieses Ge-
dichts, das in Fassung und Freiheit gleich weit geht
und sich so herrlich aufrecht hält. (Vor dem dazu-
gehörigen Kommentar des alten Goethe ist natürhch
zu warnen).
Wir hatten hier ein paar sehr schöne stille Tage vor-,

ausverbrauchter purer Frühling, weder von dem ei-

nen noch von dem anderen Wechselwind getrübt,


das kam meiner Verfassung zustatten. Nicht etwa
dem Produktiven, ich habe eine Art Instinkt, mich
im Moment davor zu hüten, der Geist fälirt so un-
wirsch aus und ein, kommt so wild und bleibt so
plötzhch aus, daß mir zumuth ist, als ging ich, kör-
perlich, dabei in Stücke. Dagegen les ich wieder al-

les Venezianische, was ich auftreiben kann, erleide


da allerdings zunächst die Schmach daß , alles früher
Gelesene schon wieder in die Lüfte gegangen ist, ich
muß ganz von vorne anfangen; aber es lockt mehr
denn je. Dem Fürsten alles herzlich Liebe, ebenso
für Erich, freue mich auf ihn. Der Prinzessin Ga-
brielle das Treueste an Ergebenheit, und in alledem,
unter tausend Grüßen und Wünschen zum Guten,
Ihr
D. S.

115
. .,

75. Rilke AN Marie Taxis nach wien


Duino, Freitag.
<23. 2. 1912>

Meine liebe Fürstin,


ich habe sofort Kriegsrath gehal-
ten, mit der G<[reenhain) und dem Zorzato gespro-
chen, vor allem auch den Brief gelesen, den ich in-
liegend wieder zurückgebe. Ja, also: niemand kann
sagen welcher Umstand unmittelbar die Suspension
,

der Arbeiten herbeigeführt hat; es geschah auf einen


Brief des Dr. Rziha hin, der im Auftrage Erichs ge-
schrieben war und den ich mir habe zeigen lassen
Soweit ich mir in der Eile eine Meinung bilden kann
so ist Miniussi nicht geradezu im Unrecht, wenn
gleich die Einzelheiten durch die er in seiner Epistel
,

sein Recht zu behalten unternimmt, nicht ganz ge-


nau wahr sein mögen. Das ist ihm nicht zu verden-
ken, er wehrt sich so gut er kann, und Moral ist aus
dem Stehgreif nicht zu verlangen, sie ist schwierig
und kommt sogar in den Geschichten erst am Schluß
Zorzato, der mir heute einen sehr guten Eindruck
machte, natürhch durchaus unsentimental, und
ist

der alte Miniussi ist ihm bei weitem weniger rührend


als uns. Er thut, was man ihn heißt und, soviel ich

verstehe, ist es so gemeint, daß er Erich zu folgen


hat: so funktionierte er also auf jenes Aviso Rziha 's
hin und die Arbeiten wurden unterbrochen. Über
diese Arbeiten befragt, unterrichtete er mich dahin,
daß alles, was Tischlerarbeit ist, fertig sei, es
bleibt das Anstreichen, mit dem Miniussi angefan-
gen hatte; er ist darin nicht gerade Meister, muß
man sagen, und in diesem Sinne war es also nicht

116
unrichtig, hier halt zu sagen und den Rest von einem
Maler besorgen zu lassen. Dagegen scheint mir ein-
zuwenden daß man Miniussi 's Preventivo^ (das al-
, ,

lerdings keine Detailposten enthielt) doch einmal an-


,

genommen hat und daß er seine Arbeit gethan hat,


wie er das gewohnt ist, nicht schlechter als frühere
Male; die kleinen Arbeiten, nach denen Sie fragen,
sind, (sagt mir Z<(orzato)) ungemein nebensächliche
in der BibUothek, die zur Noth jetzt unterbleiben
könnten um die Komphkation nicht noch zu steigern
,

Da ist sie ja leider und wird, wie bei jedem Wechsel


des Regiments, durchgemacht werden müssen. Zor-
zato und die Greenham haben einen schweren Stand:
alles, was jetzt anders läuft als früher, schiebt man

ihrem Einfluß in die Schuhe und, selbst wenn man


reichliche Füße hat, Schuhe füllen sich schnell und
es geht sich schlecht in solchen Attrapen. Jeder hatte
Jahre und Jahre her seinen kleinen, von ihm mit der
Zeit ausgetretenen Fußpfad
diesem Betrieb, sein
in
kleines mit jedem Tag robusteres Gewohnheitsrecht
,

sein bischen Privileg, und fühlt sich nun natürlich


mißhandelt, da man ihn auf die gemeine Straße
stellt. Doch wdrds nöthig sein, dabei zu bleiben, nur
dasTempo dieser Veränderung hat man einiger-
maßen in der Hand.
Wenn Sie mich fragen, wie die gegenwärtige Ange-
legenheit sich von hier ausnimmt, so ist sicher daß
man künftig besser fahren wird, den guten Miniussi
nicht zu gebrauchen, weil diese Arbeit gewiß besser,
rascher und präziser zu leisten ist; als Anstreicher
vollends ist er ein schlimmer Barbouilleur, ich ver-
1 Kosten- Voranschlag. Adll.

117
,

muthe der Ton der Läden die schon angemalt sind


, ,

(alle gegen den Hof zu) wird Ihnen so wenig gefallen

wie mir. Was nun auf der Stelle zu thun ist, ist mir
nicht eingegeben, auch wag ich dem Oberbefehl
Erichs nicht vorzugreifen -, liefere nur die Daten,
wie sie vorliegen. Dazu gehört noch die Zahlung.
Zorzato behauptet, von Ihrem Wunsch, daß dem
M<(iniussi)> monatlich zu zahlen wäre, erst jetzt
erfahren zu haben; es ist bisher nicht geschehen.
Wenn ich recht verstanden habe, hat M<(iniussi)> nur
am Anfang einmal sechzig Kronen erhalten, sonst
noch nichts Geld genug, ihm die nun verlangten 700
.

zu zahlen, ist in der Kasse und kann dies jeden Au-


genblick geschehen. Nur erwartet Z^orzato) noch
den endgültigen Befehl, denn daMiniussi behauptet,
eine Rechnung für das bisher Vollendete nicht auf-
stellen zu können, weil seine Auslagen gewisser-
maßen schon über das Ganze und in die Zukunft sich
erstreckten, so muß demgegenüber noch eineMaaß-
regel ergriffen werden. Es fragt sich, ob man ihn
nicht, da das Geringste zu thun übrig bleibt, unter
gewissen Bedingungen seine Sache vollenden lassen
soll ? Sonst wenn der Frühling all dies böse Blut ins

Blühen treibt, wird reichlich Gift in der Luft her-


umfliegen .

So, ich fürchte ich bin reichlich konfus gewesen,


liebe Fürstin, obs Ihnen nützt zu einiger Einsicht,
hoffentlich ist Erich noch in Wien und Sie können
schnell ein paar Worte mit ihm sprechen. O ja, und
was das angeht, so hoff ich selbst sehr, ich erwart
ihn hier, wenn nicht ganz Unerwartetes kommt.
Was für eine gute Überraschung, daß auch Kassner

118
sich aufmachen will. In Betreff Roms beherrsch ich
mich schon solange, ach, wohl auch noch weiter.
Leider diese letzten Tage hätt ich wieder viel zu kla-
gen, es geht so auf und ab wie auf frisch umgeacker-
tem Land, Weg ist jedenfalls keiner.
Sie haben die Russen, Nijinski, - bitte sehen Sie 's
oft und sehr von Herzen, auch für mich. IVlittwoch
hatte ich eine Stunde den Statthalter hier, mit dem
ich mich treffhch verstehe. Er hat auf Tauben ge-
jagt und kam dann und nahm einen kleinen Imbiß
hier oben bei mir, es war sehr gemüthhch; ein jun-
ger Prinz Fürstenberg, eben aus iVegypten zurück,
war mit ihm. Genug, verehrteste Freundin, ich muß
schließen, damit dies heute noch mitgeht, nehmen
Sie 's in Nachsicht,, schlecht angerichtet wie es ist.

Tausend Grüße
Ihr
D.S.

Je crois aussi que la Greentiam «fait un peu trop de


zele»^ que, par exemple, eile aurait pu empecher que
Christina s''en aille; mais enfin eile est tres vieille fille
avec toutes les armes de cet itat ddfinitif; et puls Vard-
mositd, Vhostilitä qu^elle sent autour d^elle lui chauf-
fent naturellcrnent un peu son sang mi-italien

76. Rilke AN Marie Taxis nach wien


Diiino, am 2. März 1912 <Samstag>

Verehrteste Freundin,
wir sind in einem Nebelreich,
wie ein Zauber auf der Bühne qualmte es herüber
neulich in den hellsten Sonnenmittag, und seither

119
ist alleWeite weg, die Schiffe tuten irgendwo im
Unsichtbaren und haben Angst voreinander, nur die
naiien Schifferkähne fangen in ihren Segeln das dif-
fuse Licht und erhalten sich als Erscheinung eine
Weile im vaguen grauen Weltraum. Von Zeit zu
Zeit versucht sich das in einem leisen fiUgranen
Regnen, und darüber und über der Stille der Tage
kommt der Garten sachte ins Grünen, die gelben
doppelten Narzissen an den übereilt vorgebeugten
Stengeln drängen sich neugierig auf, und in allen
den nicht wintergrünen Sträuchern kommt die feine
helle Arbeit ans Licht, die im angestiegenen Saft ge-

,
plant und vorbereitet war. Man hat das Unkraut
weggerissen, die berechtigten Rosenpflanzen sind
allein in dem warmbraunen nachdenkhchen Erd-
reich, und es genügt, den Gärtner irgendwo gebückt
zu sehen, um eine Spur Rührung zu empfinden,
ganz müßte das Einfache, Fleißige, was er dort
als

thut, auch in Einem zur Geltung kommen und sich


lohnen, als müßte auch dort etwas in sein Recht ge-
rückt, ermuthigt, aufgebunden sein.
Mein Bericht neulich, in der Miniussi-Angelegen-
heit, war, furcht ich, nicht sehr aufklärend, ich hatte
einen meiner schlechten Tage und bin schon an den
,

ganz starken keine Größe im Übersehen und Ein-


theilen; immerhin, hör ich, ist die Sache in Ordnung
gekommen, hoffentlich ganz zu Ihrer Zufriedenheit.
Dem guten Carlo geht das treue Herz über (wachsen
noch Diener mit solchem Herz heran ?, möcht ich
wissen) «questi cambiamenti» desesperieren ihn, sie
zeigen ihm, daß er alt geworden ist, und ich, den die
anders gesinnte Zeit ja auch vorzeitig alt macht, (in

120
gewisser Weise wenigstens, im Wesentlichen spielt
kein Alter eine große Rolle) verstehs und wir seuf-
zen manchmal mittag, wenn wir allein sind, ä qid
mieux mieux.
Sehr viel bin ich mit Gedanken Wünschen Vorstel-
, ,

lungen bei Ihnen, hoffe immer mit einer Seite des


Herzens oft mit dem ganzen zu Ihnen hinüber
, . .

Im Übrigen aber wärs nicht unbilHg gewesen, statt


1912, 1351 über diesen Brief zu schreiben, ich lese
täghch sieben bis achtStunden im Muratori (lasen
Sie seine AnnalenT), es ist ein Wunder, wie dieser

Mensch über all dem, was er lesen mußte, sich schlag-


fertig und bei bester Laune erhalten hat, gar nicht
bedrückt von diesen wahnsinnigen Mengen Stoffs,

den er mit Leichtigkeit nach rechts und links und


hinter sich ordnet, kaum urtheilend, außer wenn
ein Ereignis übermäßig lang ist oder zu verrückt in
seinen Händen zappelt. Aber Sie staunen und fra-
gen:. ? Ja, wunderlich, ich habe mich über alles
. :

Venezianische gemacht, was unten in der Bibliothek


zu finden war, und lese mit dem ganzen Gesicht.
Diese Schülerarbeit ist mir eine Art Zuflucht vor den
Wechselfällen des Schöpferischen, denen ich mich
nicht recht gewachsen fühle, und eine Disziplin,
in die ich mich einspanne, um einfach den ganzen
Krempl den Berg hinaufzuziehen da aus dem freien
,

Herumspringen und dem Warten im Weideland


nichts Vernünftiges werden will. Auch sag ich mir,
daß ich erst, wenn ich mir mit allen Mitteln das vier-
zehnte Jahrhundert gegenwärtig gemacht habe ernst- ,

lich werde beurtheilen können ob die Vita des Carlo


,

7.eno durchführbar ist oder nicht. Vor der Hand ists

121
.

auf jeden Fall eine Erziehung, die Goethe -Lektüre


hat wohl mit Schuld daß ich mich diszipliniere und
, ,

die Lust wächst über der Müh . Wenn man nur mehr
gelernt hätte, lieber Gott, ich möchte alles aufeinmal
lesen und dabei behalt ich das Mindeste, es ist
schrecklich, dieMäuse des Kummers von der einen
Seite, die Raubvögel des Gefühls von der andern
haben mein Gedächtnis rein aufgefressen, ich be-
fühle mich, es läßt sich gar nicht mehr feststellen,
wo es seinen Platz hatte. — Ich wünschte mir, Fürstin.
Sie kämen, sowie der Frühling ein klein wenig
deuthcher wird, mich verlangts, Sie zu sehen und,
falls ich bei diesem jetzigen Studium Ernst mache,

zieh ich wahrscheinhch ganz nach Venedig, und


brauche Ihren Rath, Ihren Beistand, Ihre Freund-
schaft in tausendundein Dingen.
Das Herzhchste für Alle
Ihr
D.S.

77. Rilke an Marie Taxis nach wien


Duino, Dienstag-.
<5. 3. 1912>
Liebe Fürstin,
ich geh gleich wieder, nur ein klei-

nes Wort; ich hatte heute recht traurige Nachrichten


von diesen treuen mir so anhänglichen Geschwistern
,

Romanelh: kaum in Paris, ist allerhand Malheur


über sie gekommen; die ältre Schwester ist erkrankt,
{appendicite heißt es) wird müssen operiert werden
und dazu zehn andere Übel -,
Wärs möglich, denjenigen, der damit beauftragt

122
wurde, gleich zu erinnern, daß er die Theilzahlun-
gen regelmäßig, wie es verabredet wurde, expe-
diert - ? Aus dem Brief der Mimi Romanelli mein
ich zu verstehen, daß sie auf eine Sendung in diesem
Monat hoffen und rechnen. Verzeihen Sie die Plage,
aber die Lage ist schlimm für diese Leute und sie
verdienens besser alle Drei.
Die G^reenham]) hatte gestern oder vorgestern einen
langen Brief von Ihnen sie drehte ihn fortwährend
,

um und um in ihren Händen , ich wurde schon nei-


disch über diesem Anblick. Das bedeutet nicht, daß ich
auch einen will nicht auf der Stelle — ich kann mir
, ,

denken, wie viel sich drängt. Drängt sich doch bei


mir der nur mit sich selber zu krcmien und zu penibeln
,

hat, seit ich «Historiker» geworden bin, eine solche


Menge daß ich manchmal erst nach Mitternacht zu
,

Bett komme. (Ich! bei meiner Schlaf Hebe!) Sie wis-


sen wahrscheinlich das Meiste von dem, was ich da
anzustapeln versuche. Ich wollte ich hätte zwischen
meinem und 23. Jahr gesessen und hätte Ge-
16.
schichte gelernt und Italiänisch und Latein, damals
hatte man Zeit und noch eine Spur von Gedächtnis
wenn ich nur herausbekäme, was ich jetzt an der
Stelle habe, wo das Gedächtnis saß, vielleicht ließe
sich das dortige Organ auch irgendwie gebrauchen
es kann doch nicht einfach ein Loch sein.
Seit heute früh erst sind wir aus dem Nebelreich,
von dem ich Ihnen neulich erzählte, - die Sonne hat
schon Wärme und Sicherheit im Auftreten; im Gar-
ten sah ich den ersten Citronenfalter, er charmierte
um eine alte verholzte Levkoje, die ihn schmachten
ließ [et pour raison -) , und sah so neu uniformiert

125
!

aus, es war eine Freude. Ich bemühte mich, ihm in


die Augen zu sehen, sie waren kolossal, aber ich kam
Welt leider nicht vor. Möchte
in ihrer er schon einige
Honigküchen offen finden
Nur schnell tausend Grüße
Ihres
D. S.

78. Rilke an Marie Taxis nach wien


Duino, Samstag.
<9. 3. 1912>
Meine hebe Fürstin,
nein, nein, Carlo hat keine be-
sonderen Sorgen und die G<(reenham)> weiß ihn sehr
zu schätzen; es ist nur eben, daß er am Alten hängt,
an dem was immer war, seine Fehler hatte, natürhch,
aber Fehler, mit den<^en)> sich leben ließ, während
man vom Neuen nie ^vissen kann, was es vorhat. Die
neuen Mauerer sieht er an, als ob es die Hunnen
wären, geht ernst und abwartend hinter jedem ein-
zelnen Kroaten und Nabresiner her und hat sie alle-
zusamm im Verdacht, daß sie ihm sein Dach nur
verderben. Aber das ist schHeßlich kein Unglück,
sondern eine Beschäftigung für ihn und so nimmt
ers auch und hat seine überlegenen Momente. Zu-
dem hat der Hund Peter ein großes Herz zu ihm ge-
faßt, ist immer mit ihm und giebt ihm seine ent-
schlossenste Bewunderung zu verstehen. Also das
geht gut. Was den anderen Carlo betrifft, Zeno, so
wird lange nichts Neues von ihm zu sagen sein: in
allen den Büchern, die ich durchseh, find ich nichts
über ihn, was ich nicht schon wüßte oder höchstens

124
eben nur immer wieder vergesse. So scheint mir,
giebt esnur ein gewagtes Mittel, sich seiner zu be-
mächtigen, nämhch, sich seine Zeit durchaus leb-
haft zu machen, solange, bis man ihn mit Glück aus
ihr heraus zu errathen vermöchte. Sie kennen Vene-
dig, Hebe Fürstin, (kennt ichs nur zu einem Hun-
dertstel so wie Sie!) und so begreifen Sie auf den
ersten Bhck, daß diese List, sich Carlo Zeno's zu be-
mächtigen, indem man ihn gleichsam ausspart, alles
andere sich auszieht und koloriert, so daß eben
dann das Weißgelassene am Ende seinen Umriß
bilden muß - daß diese List eine sehr ausführliche
,

und langathmige sein wird; wo reicht Venedig


überall hin, das Venedig des 14. und beginnenden
15. Jahrhunderts, das sich fühlen will. Es ist schade,
daß mir Constantinopel keine Erfahrung ist, die
einige Kenntnis, die ich von Neapel und von Avi-
gnon habe, ist nützlich, - aber
mir alles es ist bei
stückweis, gewonnen wie meine Er-
verloren, auch
innerungen helfen nicht viel, weil sie alle im Gefühl
sind verwandelt, unkenntlich längst Blut geworden
, ,

und dieses selbe Blut treibt sich irgendwie herum


und quält mich nur. Manchmal mein ich, daß mit
allem, was ich bewunderte oder liebte nur ein star-
kes rasches Feuer bereitet worden ist in mir, darin
der Gegenstand selbst sich bis zur letzten Spur ver-
zehrte: so erklärt sichs vielleicht, daß ich vor mei-
nem Gedächtnis sitze wie vor dem Hohlen eines
kalten grauen Kamins Was wird das Ende sein ?
. . .

Ich weiß, ich kann mich nichtmehr ändern. Ich kann


nur immer geduldiger werden das wird mein Fort- ,

schritt sein, wir wollen sehen, wie weit er reicht.

125
Aber ähnlich gesehen hätt mirs (langjährigem Schaf),
von hier fortzugehen, ohne mir die Vorräthe der hie-
sigen Bibliothek zuzuwenden, die doch gerade für
diesen venetianischen Zweck so wunderbar vorge-
sehen sind. Gott, Fürstin, wirds denn möglich sein,
eine kleine Anzahl Bücher von hier leihweise nach
Venedig mitzunehmen ? Es ist dies ganz gegen die
Regel des Hauses und gegen die CentripetalkxdSl
einer Bibhothek, auch durchaus gegen mein Ge-
fühl, - aber wie ich auch lese, ich komm nicht durch,
und manchen Tag sind die Nerven aufgelehnt und
einen andern ist der Kopf sonst irgendwie vernagelt-,
und die Zeit geht schneller und schneller mit der
leichteren Luft. So gut hab ichs nie mit Büchern ge-
habt, vorgestern stieg ich hinunter und legte, trotz
der Unordnung, die Hand so unmittelbar auf dies
und jenes Erwünschte, in öffentlichen Bibliotheken
find ich nie etwas, und es genügt, daß einer der
Bibhotheks Wärter schlecht geschlafen hat, damit ich
die Sache überhaupt aufgebe.
Neben dem Muratori les ich die Chronik des Frois-
sart und alles, was ich über Neapel finde; lerne Geo-
graphie, denn da fehlt es mir ganz, Etsch Brenta und
Piave auf der Karte zu finden, war wie Ostereier-
Suchen neu und vergnüglich. Dabei blättere ich in
allen den alten Handbüchern und Führern, die
sehr reichhaltig sind und mit einem Fleiß zusammen-
getragen von
, dem der eilige Baedeker keine Ahnung
mehr hat. Und wenn ich dann, da und dort, unver-
muthet an die Stellen heranlese, wo von der jungen
Gräfin Th^rese Thurn und ihrem so früh bewiese-
nen und respektvoll angestaunten schönen Talent die

126
Rede ist, da rührt michs, daß ich fast eine Sekunde
lang die Zeit verwechsle und in Erwartung und Hoff-
nung bin, sie dort zu sehen.
Das wäre herrhch, wenn Sie 's einrichten könnten,
wenigstens zwei drei Tage hierzu sein: aber vorher,
natürlich, muß man wissen; -ja ich halte beide
Daumen, mir ist zu Muth, als könnte die Entschei-
dung nicht sehr w^eit sein und der Kampf (wenn er
nöthig wird) nicht sehr lang. Daß der Rechtsanwalt
sich bewährt, ist ja das Wichtigste vor der Hand und
giebt Muth
So haben Sie gestern Verhaeren gesehen, ich hab
lange nicht von ihm gehört, aber ich glaube wir sind
zueinander im Alten und Guten.
Leben Sie wohl, - Dank für Ihr rasches Handeln den
Romanellis gegenüber, es wird ihnen zu großer Er-
leichterung gereichen, diese nächste Rate schon frü-
her zu haben; Nachrichten über die Schwester hatte
ichnoch nicht wieder.
Das Herzlichste für die Ihren, den Fürsten vorallem
und der Prinzessin Gabriele. Im treuesten Gefühl
Ihr
D.S.

(P.S. Wie geht es der Gräfin Brazzä ? Ich denke zu-


weilen wie mit viel Erinnerung an den Augenblick,
da ich sie sah.)

127
79. Rilke an Marie Taxis nach wien
Grand Hotel, Venedig,
am 22. März 1912. <Freitag>
Meine liebe Fürstin,
scheint niirs nur - oder hab ich
,

wirkhch so lange nicht geschrieben - {io era ancora


pieji di malore quest' ultimo tempo -) Dann eines
.

Morgens, ganz unversehens, war Pascha da: ich habe


recht von Herzen mit ihm gelebt die zwei Tage, er
wird Ihnen erzälhlen, leider reist er schon heute, ich
seh nach der Uhr - gerade in diesem Augenblick.
Gestern früh um sechs fuhren wir von Duino ab, ich
mit ihm, theils aus Freude mit ihm zu sein, theils
weil ich, glaub ich, mal heraus mußte. Hier bleib
ich nun bis zum 27; an diesem Tag reist die Baronin
Knoop, von Aegypten zurückkehrend, durch Venedig:
dies möcht ich, da ich nun einmal hier bin, gern
abwarten. Es ist ein Jammer, daß in Duino, wo alles
so herrlich für mich ist, das Khma etwas gegen mich
hat; wenigstens schieb ich ihms in die Schuh, daß
mir die letzten Wochen wieder ein Herz in der Brust
vegetierte, für das ich mich schämte. Aber heute
morgen wachte ich im Hotelzimmer mit einer gro-
ßen Sehnsucht nach meiner duineser Stube auf, nach
dem Stehpult, dem ganzen regelmäßigen und guten
Zuhausesein. Die letzten Tage half ich mir mit Luft-
bädern, was von ausgezeichneter Wirkung war, so-
weit das Geistige vom Körper aus erreicht werden
kann; aber es ist doch eine mühsame Welt, weiß
Gott.
Auf dem Markusplatz sah ich vor zwei Stunden
Frau V. Waidenburg, Ihren Bruder und Pascha und

128
begleitete an die Casetta Rossa; der Prinz
sie bis
Hohenlohe und kam mir mun-
sieht sehr frisch aus
terer vor als seit lange. Ach Fürstin, daß man nicht
zusammen in Ihrem Salon heute Thee trinken kann:
es trübt sich ein, ein Wind, der nicht weiß, was er
will, schleuderte schon am Mittag die großen Fah-
nen vor S. Marco über die Piazza; was wärs jetzt in
einer Stunde gemüthlich da drüben im Palazzo Val-
marana. Sehnsucht.
Pascha ist ein bischen angegriffen, aber schon viel
konzentrierter scheint mir und mehr er selbst als vor
einem Jahr. Manchmal schien es mir, als wäre, unter
der Oberfläche seiner jetzigen Verfassung, die näch-
ste schon ganz fertig und wäre die eine sehr gute,
als

ernsthafte tüchtige - so recht ein froher neuer


, , An-
fang. Wie wünsch ichs ihm; es steckt so viel in ihm
und wartet, er hat, wie oft Leute, die jung und ge-
wissermaßen geschossen heirathen, ein Stück Jugend
übersprungen, sich in etwas Übernächstem bewegt
und angestoßen, - das wird er nun bald nachholen
und (wenn mich nicht alles täuscht) gut verwenden
Ich hab ihn recht lieb gewonnen diese Tage.
Adieu, verehrteste Freundin, Geduld, noch ein Rest
Geduld, ich denke mir, Sie müssens bald durch-
gemacht haben. Ich bin im Geiste viel auf Ihrer
Seite. Dem Fürsten das Herzlichste und sonst wie
immer.
Ihr
D.S.

(AlsoMittwoch oder Donnerstag bin ich wieder in


Duino, hier geh ich heute mich nach Wohnungen

9 129
umsehen, um für den Fall, daß ich wirklich her-
komme, eine Ahnung zu haben.)

80. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Venedig, Grand-Hötel.
Am 29. März 1912. <Freitag>

Welche Freude, meine hebe Fürstin, den großen


Brief zu sehen -, aber auch Ihre Nachschrift dazu
(die Karte) erreichte mich (heute früh) noch hier.
Es ist nichtwegzukommen, obwohl mir auch wie-
der jeder Tag leid thut, den ich Erich in Duino ver-
säume. Aber es ist so herrhches Wetter, aber es ist
so gut, wieder hier zu sein und so weiter im Abern.
Vor allem hält mich der Trost, daß ich mich wirk-
lich gesundheithch ein bischen besser fühle in die-
ser Luft, ich gehe in keine Earchen, noch Sammlun-
gen, treibe mich ganze Nachmittage draußen auf
dem Lido entlang; am äußersten Ende, beim Fort
S. Niccolo, reicht ein steinerner Damm an die drei-
viertel Stunden weit in 's Meer hinaus; man kann
nicht immer hin, manchmal verwehrts ein Wach-
posten, wenns aber geht, lauf ich bis ans ganz blaue
raumige Ende, vöUig allein im strahlendsten offe-
nen Umkreis. Das ist ein wahrer Seegen.
Sie sehen, in diesem Zustand wird kein Brief ich ;

schreibe erst von Duino und erzähle. Dort an mei-


nem heben Stehpult wird mir auch erst klar wer-
den, wie 's mit mir nun weiter, nächstens und über-
nächstens, werden soll: ob ich hierher zurückkomme
und wann etwa.
Der Baronin Knoop, die nur ganz eilig durchkam,

130
habe ich die ganze Briefstelle gezeigt und denken
Sie, wer dabei war ? — Blackwood in eigenster, sehr
:

überzeugender Person. Mein Gott, Fürstin, diese


kommenden Leute sehen vde Nordpolfahrer aus oder
Löwenjäger, - sie haben recht, endlich scheint man
darauf zu kommen, daß zu diesem Schreibemetier
solche Ausrüstung gehört; auch macht er gegenwär-
tig drei Bücher aufeinmal , die Bestie , und behält noch
eine Unmenge Zeit zum vergnüg[e] testen Nichts
thun. Aber wir haben uns, in der Kürze, sehr gut
berührt, das heißt aufrichtig angestaunt gegensei-
tig. Ich glaube, die Baronin Ejioop hat vor, Ihnen
noch eines seiner Bücher zu schicken, ich vergaß,
aus welchem besonderen Grund. Sie erwidert mit
den herzlichsten Grüßen, aber alles war so schnell,
sie ging ihre kleine Nichte (die auch damals in Duino

mit war) in eine schweizer Pension unterbringen und


von da rasch weiter nach England.
Ich sehe die Gräfin Gegina^ ziemhch viel, wir ver-
tragen uns eigenthch ausgezeichnet, ich fange jetzt
erst an, zu verstehen, was Sie mir von ihr erzählt
hatten und bin darüber hinaus sehr verwundert und
sehr beschäftigt mit ihr. Voriges Jahr hatte ich of-
fenbar rein nichts begriffen.
Ich will nun gerade noch den Palm-Sonntag* hier
abwarten dann geh ich zurück und hoffe Erich hats
, ,

nicht zu eilig, so daß ich ihn noch eine Weile genie-


ßen kann.
Viele Grüße für Lautschin; ich verlasse mich darauf,

* Gräfin Gegina Schlick-Hohenlohe, die jüngste Schwester


der Fürstin Marie. AdH.
«51. März 1912. AdJI.

131
daß nur ein Weiterweggehen mrd, ein Zurück-
dies
treten, um
mit umso mehr SchwTing dann hier her-
unterzukommen, nichtwahr ? Ich wills nicht bere-
den und berufen, aber ich hoffe und wünsche und
hoffe im Ganzen und Einzehien. Alles Liebe.
Ihr D. S.

81. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Duino, Char-Freitag.
<5. 4. 1912>
Meine Hebe Fürstin,
seit Dienstag abend bin ich
wieder da, recht traurig, Erich nicht mehr vorzu-
finden. Ich ging herum, schnüffelte: nicht einmal
seiner Cigarrettenwar mehr ein Hauch zu spüren.
Dagegen erwartete mich viel dringende Schreiberei,
gestern und vorgestern verging darüber, nun komm
ich endüch zu Ihnen, aber nur kurz, denn fast bin
ich schon aufs Erzählen mehr eingestellt als auf's
Schriftliche, außerdem in vielen Nebengedanken
und nebenbei wüthend: denken Sie, es muß an der
Luft liegen, die etwas gegen mich hat; schon am
ersten Morgen (vor der Wiederaufnahme aller ve-
getarischen Gebräuche) wachte ich wieder mit den
alten trüben Symptomen auf und bin schon wieder
in einer solchen Bedrückung und Betrübnis des Ge-
fühls und von so viel Unruhe umhergetrieben, daß
mich die Welt verdrießt. Das war in Venedig nach
und nach immer mehr weggebheben, ich genoß das
und faßte ein Ende Hoffnung. Nun hab ichs wieder
losgelassen und es ist hinaufgeschnellt als hätt es an
einem Gummiband aus dem Himmel gehangen. Es

152
liegt, glaub ich, nicht an der Art der Ernährung, ich
habe auch in Venedig nur am Mittag kaum 5, 4
Bissen Fleisch gegessen, aber ich fühlte gleich, wie ich
mich mit der Athmosphäre vertrug, und das starke
Meer am Lido war von großer Befreiung; eine ganz
gelassene entspannte Ruhe kam über meine Nerven
wie manchmal früher in Viareggio, darum gab ich
immer noch einen Tag zu, und eigenthch wollte ich
gleich nach den Campanile-Festen wieder nach Ve-
nedig. Nun aber da es heißt, daß Sie um den zwan-
zigsten kommen werf ich alle Pläne über den Hau-
,

fen und bleibe wenigstens die ersten Wochen sicher


mit Ihnen hier. Wird mirs ganz unerträghch, geh
ich vorher noch einmal für eine Woche fort, aber
doch wohl kaum, mein Zimmer, mein Schreibtisch,
die liebe Ruhe, Ordnung, Sicherheit, zu der sich
nun schon einige Gewohnheit mischt, wird wahr-
scheinlich überwiegen und mich halten. Wir spre-
chen dann über alles, (Gott, über wie vieles wird
zu sprechen sein, vor und zurück) auch über Vene-
dig natürlich. Wenn ich im May wieder hingehe,
möchte ich lange bleiben, mich gewissermaßen fest-
setzen, obwohl ich mir praktisch noch kein rechtes
Bild von meinem dortigen Dasein erfinden kann.
Meine Lektüren kamen bei diesem letzton Aufenthalt
gar nicht zur Verwendung {-) höchstens daß ich unter
,

dem Einfluß der neuen topographischen Ausbildung


die Stadt nun erst recht mir aneignete von S. Alvise
bis S. Pietro di Castello in ihrer ganzen Ausbreitung.

Gewisse Plätze, wie der eben vor S. Pietro, dann der


große Campo S. Polo, auf dem Wäsche trocknete,
wirkten auf mich, als sah ich sie mit den Augen der

155
.

Kindheit, waren so groß, so altmodisch, daß ich klein


wurde überm Anschauen und irgendwie abwartend-
unerfahren; man kanns nicht sagen. Ganz anders
war wieder alles, auch trat ich, soviel ich auf Unter-
nehmung ausging, an keiner der beiden Stellen her-
aus, die uns gezeigt wurden und unvergeßlich sind.
Es hat jetzt sicher noch vielmehr Bezug zu mir als

früher -, und doch, wenn


denke dort zu ich dran
leben, wenn ich überhaupt daran denke, irgendwo
zu leben zerrinnt es
, Immer noch als wäre kein
. . .

Platz mehr für mich, immer noch geht mir die Zu-
kunft weg wie die Existenz vor dem Frosch unter der
Luftpumpe
Die Gräfin Gegina viel zu sehen war sehr bedeutend ,

für mich, rührend, ergreifend, nachdenklich. Sie


zaubert nicht schlecht, glaub ich, obzwar sie gar
keine Hexe ist, eher selbst etwas Verhextes, Verwan-
deltes Wie ist das Leben wenns nur irgendwo einen
. ,

Moment stillhält vor einem, gleich wieder kolossal,


tragisch, überlegen über alle Bemühung. Ich könnt
es nicht lassen, immer wieder das Bild des Grafen
Schlick anzusehen. Irr ich mich, oder hat diese Frau,
die sich früher sicher sehr Kinder gewünscht hat, die
Züge dieses großen Kindes, für das sie schließHch
da war, in ihr Gesicht hineingenommen, übermäßig,
unaufhörlich ?: sie wuchsen dort ein und wuchsen
wieder heraus, daher diese Art Vergröberung. Und
war am Ende auch, als hätten wir einander immer
gekannt, sehr kameradisch und überzeugt gegensei-
tig, - die Gräfin bezogs auf eine russische Präexi-
stenz, aber dies bleibt ja zum Glück unentschieden
(es wäre schrecklich wenn auch noch die Folgen an-
,

134
dere<(r)> Existenzen in dieser schon reichlich folge-
vollen zu Wort kämen.) — Eine Frage: giebt es in
Lautschin noch ein Bild vom Fürsten von jener
Aufnahme, die die Gräfin Schlick hat: sitzend auf
der rechten Bcink vor dem blauen Salon bei dem gro-
ßen Hortensienkorb mit Liska ? Sie wissen , ich habe
nie Bilder vor mir, aber eines vom Fürsten würde
mir wohlthun, und besonders dieses, wenn es sich
fände. - Verzeihen Sie das Konfuse dieses Geschrei-
bes, ich schreibe bald bei besserer Ordnung wieder.
Tausend Grüße nach Lautschin dem Fürsten Allen
, ,

Allen Wie haben Sie 's gefunden ?


.

Ihr
D.S.

82 . RjLKE AN Marie Taxis nach lautschin


Charsamstag.
<6. 4. 1912>
Nachschrift zu gestern:
Unverzeihlich, Fürstin, daß
Sie mich mahnen mußten wegen des
zw^eimal
Bibliothek-Mannes wo ich doch hätte längst, unge-
;

fragt, sagen müssen, daß bis jetzt keiner da ist. (Ha-


ben Sie selbst einen in Aussicht ?)

Der Verleger^ hat sich alle Mühe gegeben von seinen


;

eigenen Herren, an die ich vor allem dachte, ist kei-


ner entbehrlich, da die Leute zuviel Bücher schrei-
ben. Was sich sonst gemeldet hat, war für diese
große Vertrauensarbeit nicht genug ausgewiesen
und bekannt.
Nun hab ich noch einen anderen Ausweg versucht;
1 Anton Kippenberg. AdH.

135
wollen wir die Antwort noch abwarten ? (Außer es

istIhnen jemand ganz Geeigneter vorgestellt wor-


den inzwischen.) Ich schäme mich, daß ich, dieses
Unzulängliche zu berichten, mich auch noch bitten
ließ.
Bin mit den Gedanken viel in Lautschin, es ruft
mich beinah.
Sistiana blüht schon von Badegästen, mehr als 50.
Trank gestern dort Thee, auf der Terrasse; aber
wunderbar wars hernach, drüber auf den kleinen
Wiesen wegen am Hang. Kennen Sie dies auch so
besonders: ein gegen Abend eingedeckter Himmel,
Wiesengrün, blühende Bäume, halb davor, halb in
grauer lautloser Luft ? Für mich gehörts zum Unver-
geßlichsten blühende
: Bäume ohne Sonne bei nahen-
dem Regen, von dem schon einzelne Vogelstimmen
vorhersagen, wie er sein wird. Ach wenn mirs doch
noch einmal so im Innern würde, wie 's dann in
der Natur ist, nicht einmal hell, aber still und zu-
künftig.
Tausend Grüße zu den gestrigen.
Ihr
D.S.

85 Rilke an Marie Taxis


. nach lautschin
Duino, Dienstag nach Ostern.
<9. 4. 1912>
Denken Freundin, daß ich, nach dieser
Sie, liebe
Richtung hin, die Gräfin S^chhck) unbedingt in
Schutz nehme nicht weil ihre Zauberei besonders kor-
;

rekt oder aussich tsvoll wäre -, aber weil sie sie nöthig
hat; davon bin ich überzeugt. Für Sie freilich, muß
136
es geradezu etwas Irritierendes haben, diese sonst
so robuste Vernunft immer mehr von Bissen leben
zu sehen, die in Fallen stecken; aber, ich frage mich,
wie hätte sie anders gelebt ? Ist es nicht erstaunlich,
wie sehr ihr ganzes Dasein noch zur Zeit ihrer Ehe
auf Erwartung begründet war, auf eine gesunde un-
erschöpfhche Erwartung starker wunderbarer Dinge
(die nicht mehr kommen konnten) In dieser Erwar- .

tung hat sie ihren Mann in ihrem Gesicht geboren,


um nur etwas zur Welt zu bringen, aber dies war,
da sie selbst daran sich zerstörte, nur ein Weniger
mehr. Ich glaube nicht, daß das Alles, trostlos wie es
ist, mit rechten Dingen zu überstehen war. Nun

übersteht sie es auf eine halb lächerhche, halb groß-


artige Weise. Und das Großartige überwiegt. Nun
erst befriedigen sich ihre Erwartungen, überfüllen
sich beinah dürfen zu Ruhe kommen Das Verfehlte
, .

einer Existenz gleicht sich aus in rühmhchen und in-


teressanten früheren, künftige sind nicht ausge-
schlossen, und die Orakel stimmen darin überein,
daß auch die gegenwärtige noch lange anhalte. Das
giebt ein gutes Lebensgefühl vor der Hand, dasselbe,
das ihre Natur lange sich bewahrte und erst den
dringendsten Gegenbeweisen gegenüber aufgab; nun
kommt es wieder durch, ich werd den Gedanken
nicht los: hier bildet sich ein glücklicher Mensch,
einer, der auf seine ursprünglichen Anlagen zurück-
greift und sie doch noch durchsetzt. Über Täuschun-
gen, gewiß; unter offenbaren Leichtglaubereien und
Betrugen: was thuts ? Schließlich giebt sie doch nur
die\m glaublichsten Präexistenzen zu, weil derMuth
und die Lust zu ihnen in ihr steckt, ein kolossaler

137
Muth und eine unbändige Lust, dazusein: lieber
zehnmal verhängnisvoll als einmal gleichgültig. Wer
hat am Ende nicht Täuschungen nöthig ? Ja ich hab
mich oft gefragt, ob dieses Wachsthum unter gering-
werthigen Vorwänden nicht bis ins Laster geht, ob
es nicht Verhältnisse giebt, wo es noth wendig ist, auf
ein Laster einzugehen, es gewissermaßen aufzubrau-
chen, um zu der dazugehörigen Tugend zu gelan-
gen ? Jedenfalls thut dieses Befangensein im ober-
flächHch Okkulten der Gräfin G<^egina)> einen wichti-
gen Dienst. Es ermöghcht ihr, was sonst ganz ausge-
schlossen wäre, ohne Schrecken, ja mit Spannung
und Aufmerksamkeit, in sich selbst einzukehren, es
versetzt sie in einen Zustand innerer Sammlung, aus
dem sogar etwas wie eine Art Gebet kommen kann;
es verschafft ihr einen sehr anregenden niemals ganz
,

versagenden Umgang mit sich selbst, in dem sie eine,


von niemandem abhängige Festigkeit gewinnt, und
andererseits ist sie zu sehr grande dame in erster Li-
nie, um von diesen Dingen (wie es sonst vorkommt)
eine Wichtigkeit zu borgen die sie ihnen ja vielmehr
,

zu geben geruht, indem sie sich mit ihnen befaßt.


Die Gefahren sind verhältnismäßig klein und vor-
übergehend, die Vortheile werden eines Tages be-
deutend sein, wenn ich nicht irre. Pendant que ces
dchafaudages la tiennent suspendue^ on change les
assises de son bon-sens - (glaub ich) und ich möchts
erleben, sie als alte, ganz alte Dame zu sehen, sie
wird köstlich sein, originell, frei von sich selbst und
frei für die andern, gut ohne Süßigkeit, ausgelassen
im Einsehen und Errathen, ein wahrer Seegen.
Liebe Fürstin, die Aussicht, Sie ein paar Tage früher

138
schon hier zu sehen, ist mir eine große Freude; ich
zähle die Zeit, und behahe zwei Syringenbüsche im
Auge: wenn die aufgeblüht sind, sag ich mir, sind
Sie hier. Alles an der Riviera macht von Tag zu Tag
die frühesten Fortschritte, und es kommt kein Luft-
strich ohne ein Spiel Schmetterhnge ins Geländ. Ich
erhalte mich mit Luftbädern, die mir vom Körper
her weit in die Seele wohlthun, das ist eine centau-
rische Kur, die mir nie ganz versagt und die hier
unten am Meer vdrklich etwas Heroisches ins Ge-
fühl treibt. Alle venetianischen Bücher ruhen; so
sehr war diesen Winter alles, was ich unternahm,
Medizin für mich, daß mir jetzt, als ich zurückkam,
diese Bände mißliebig waren wie Haufen halb-ein-
genommener alter Arzneiflaschen und Pulverschach-
teln. Ich kanns nicht sehen. Ist dasein Anfang von
Genesung? Warten wirs ab. Schön wärs wenn
Kassner käme. Aber vor allem, seien Sie nur erst
hier, liebe Fürstin, das andere giebt sich oder wir
machen es.

Ihr
D.S.

84. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Duino. Samstag.
<13. 4. 1912>
Meine liebe Fürstin,
dieGreenham sagt mir eben
(- ich sitze in lauter mühsamen Schreibereien und
Brief beantwortun gen), daß Sie Dienstag oder Mitt-
woch kommen; ja, das sagt meine Syringe auch, so-
oft ich sie anseh. Ich freu mich und bin voll Erwar-

139
tung; aber ich unterbreche mein anderes Geschreibe
nicht, um Ihnen dies mitzutheilen Das wissen Sie, -
,

sondern nur um anzuzeigen, daß wir einen, wie es


scheint, treffhchen Bibhotheksmann haben, der in
Prag ist und gleich bereit wäre, anzufangen^. Dar-
über mündhch.
Tausend herzhchste Grüße.
Ihr
D.S.
Dr. Hans Thummerer. AdH.

140
in

VENEDIG
SOMMER 1912
^
85 . Rilke an Marie Taxis^ nach duino
Venise, Zattere, Ponte Calcina No. 775
<9. 5. 1912>
Vous avez raison: c'est la Bienheureuse Rose de Lima,
Sainte Catherine, son splendide exemple, est la figure
ä cöte d'elle -
Die Karten hab ich natürlich vergessen: Verzeihung.
Tausend Grüße, ich bin recht traurig verwaist vor
der Hand. Grüße allen und dem Hintergrund.
Ihr
Donnerstag /), S.

86. Marie Taxis an Rilke nach Venedig


Duino 14-5-1912 <Dienstag>

Tausend Dank für Zeilen und Ansichtskarten, Dot-


tor Serafico - ich hätte Ihnen schon früher geantwor-
tet aber - und jetzt denken Sie sich die gewöhnlichen
Entschuldigungen —
In Wirklichkeit ich fand nicht die Stimmung - ich
bin in der Verfassung von einem Ychtiosaurus {orto-
graphe ?) der in einem Hühnerstall eingesperrt ist -
Und mehr als je spüre ich Sie und Kassner als große
Catastrophen Aber ich gestehe zu meiner Schande,
.

daß die «gutbürgerlichen» Geister und die Ischias


von G .', daß die perfiden Renesse mit sammt den hin-

1 Ansichtskarte mit einem Ausschnitt aus G. B. Tiepolo's


Altarbild (Altare Sta. Rosa) in der Chiesa dei Gesuati zu
Venedig. Siehe die Abbildung. AdH.
2 wohl: Gegina Schlick. AdH.

143
von C.^, daß die Columbuswuth
terlistigen Trüffeln
meines Bruders und die unschuldige Dummheit (oder
dumme Unschuld, wie Sie wollen) des ominös be-
nannten Doctors^ daß dieß alles meine Ruhe nicht so
stören und meine Geduld nicht so proben würde als
eine andere Gegenwart die Sie sich ja denken können
— und diesem Milieu mir wenigstens ganz
die hier in
besonders unerträghch ist. O Gott Dottor carissimo!

wie ist es möghch, daß ein Mann so zart besaitet, so


raffinirt im Geschmack, so durch und durch Grand
Seigneur wie mein Bruder eine solche Verirrung be-
gehen kann — und nach so viel Jahren dieses - in jeder
Kleinigkeit einen verletzende - Wesen noch immer
bewundern kann! Lieben, ja, in Gottesnamen -
Und habe das große Unglück mich so gar nicht
ich
verstellen zu können — ich gebe mir Mühe, wäre
desperat ihn zu kränken und ich kränke ihn doch,
sicher -
Und sie ist ja ein guter Kerl, im großen Ganzen, mit
der facilen lustigen Gutmüthigkeit des femmes du
peuple^ in Itahen - Mais voilä
Wolkoff war hier — Haben Sie ihn wieder gesehen — ?
Er ist doch zurückgeblieben - 1 880 höchstens - kämpft
glaube ich gegen längst überwundene Feinde — je-
denfalls fehlt in ihm das was er in der Kunst (wel-
che immer) trotz seines «Auges» eben nicht sieht
- und darum hat er sie aufgegeben gehabt - sowohl
die Malerei wie die Musik -
Und er der doch so als Fachmann spricht, ist, scheint
es mir, eben deßhalb dilettant geblieben weil er nur
1 wohl; Carola Hohenlohe. AdH.
2 Dr. Hans Thummerer. AdH.

144
das technische, nur das materielle in der Kunst an-
erkennt - finden Sie nicht ? —
Da außer Wolltoff meine beiden Söhne da sind, dann
Dr. Rziha, und heute früh meine kleine Nichte Vera^
angekommen ist (sie ist nebenbei desperat daß Sie
weg sind und sie so einen « wirkhchen Poeten » den
sie überhaupt zum ersten Mal sehen würde, verpaßt
hat) so sind wir sehr zahlreich; diesen Augenblick
haben sich die Leute ausgesucht um krank zu wer-
den - der Koch hat Schmerzen von allen Seiten -
Josef liegt im Bett und auch Miss Greenham hat ihr
jungfräuhches Lager aufgesucht. Sweet and to the
point, sagt der Engländer. Placci kommt morgen
oder übermorgen, und ich denke daß wir Montag
den 20sten starten. Fritz & C°, Gegina und Ca-
rola wollen glaube ich Samstag, Niniche Freitag ab-
fahren. - Alex, wenn 's wahr ist, nous rejoint den
24sten in Serajewo. Wenn 's nur nicht zu warm wird —
heute ist es schon sehr ausgiebig. Die Rosen auf der
Terrasse wunderbar - auch noch in der Riviera eine
Menge Blum.en.
Wie fühlen Sie sich auf den Zattere ? Waren Sie
schon bei Amehe Walhs und haben Sie Jo wieder-
gesehen ? - Ich habe Ihre 2te Elegie Pascha und
Erich vorgelesen welche beide ganz weg waren —
Aber wissen Sie was ich jetzt gethan habe -ich sage
es Ihnen weil es merkwürdig ist - ich lese wieder

«The Centaur»^ und spüre wieder dieses merkwür-


dige Gefühl wie das erste Mal - etwas rufendes, et-
was klingendes - etwas wunderbares - nicht klar ge-
1 Die Gräfin Vera Czemin. AdH.
2 Algemon Blackwood, The Centaiir, London 1911. AdH.

145
im Gegentheil wie wenn jemand stammeln
würde — und doch oder vielleicht deßwegen ....
,

O Dottor Serafico das müssen wir zusammen lesen I

Das Görzer Quartett war Sonntag hier - Haydn


Mozart, Beethoven Brahms -unvollkommen aber mit
rührender Freude und Leidenschaft gespielt — der
Violoncellist, ein IGjährigesMädel, (die am besten
spielte) mit wunderbaren großen blauen Augen
und einem Gesicht wie von einer kleinen Sphynx -
Schade daß Sie sie nicht gesehen haben -
Auf Wiedersehen, lieber Freund, lassen Sie bald von
sich hören. Alles Herzliche von uns allen
MT

87. Rilke an Marie Taxis nach duino


Venedig, Zattere, Ponte Calcina 775.
am 14. May 1912. <Dienstag>

Liebe Freundin,
im täglichen Wunsch, mich Ihnen
über hundert Dinge mitzutheilen, brachte ich es

doch nicht bis zum Schreiben; so neu war mir alles

hier, aller Ausdruck verschlug. Duino hat mich ver-


wöhnt, ich bin ein bischen verloren im Freien, aber
das wird schon besser.
Wie steht, geht, treibt es bei Ihnen, morgen, rechne
ich, kommt auch noch Placci und ich stell mir den
Tisch so ausführlich als möghch vor; was machen die
Abende ? Pascha ist natürlich auch längst da -, reisen
Sie also am 17.? Mir fehlen unsere Lese- und Plau-
derstunden, es ist merkwürdig, wie weithin es mir

jetzt wohlthun kann, eine Weile nicht allein zu sein.

146
Ein kleiner Trost ists, daß Sie mich im Fortgehen
hier ein wenig angeschlossen haben: Freitag gleich
war den Valmarana's, die Contessina war
ich bei
herzlichund gut und gab mir die Suor Benvenuta
Loredana, an der ich mich sehr gefreut habe. Wir
haben verabredet, einmal in den Johnston 'sehen
Garten zu fahren, sie selbst schlug es vor. Bei Wolkoff
war ich einen langen Abend, er sprach, wollte von
mir irgend einen Beweis meines Daseins, ich sagte
den « Panther » sehr schlecht übrigens mit dem Ge-
, ,

fühl, mit dem man dem Doktor die Zunge zeigt. Ein
merkwürdiger Doktor, ich höre ihm gerne zu, das
erste Kapitel seines Buches hab ich in einem Zuge ge-
lesen, ein anderes liegt noch bei mir. Was ihn treibt
ist schon etwas, was Recht hat, er weiß gar nicht

wie stark er sich, in der Unübertrefflichkeit der Na-


tur z<(um) Beispiel, mit Rodin berührt. Er erklärt das
Dasein der Kunst als einen Wettbewerb im besseren
Schauen, jeder Künstler beweist: ich sehe besser als

ihr alle, darin liegt die Berechtigung seiner Arbeit;


das hat, wenn mans recht groß faßt, etwas Schönes,
Lauteres Voll Überzeugtheit
. ist seine Bewunderung
für die vollkommenen, zweckmäßigen^ Dinge, die
ohne Autor aus dem durch die Menge hindurchge-
preßten Bedürfnis hervorgegangen sind: die Gondel,
die Balalaika, ein Schöpfgefäß. Aber geht nicht das
große Kunstwerk auch so, aus Noth, anonym gewis-
sermaßen, aus dem Gedräng hervor, das den Einzel-
nen, Einsamen ausmacht? Auch da ist die Zweck-
1 zuerst: Zweck gemäßen ; dann korrigiert, wobei versehent-
lich die zweite Silbe ungetilgt blieb, in: zweckgemäßigen.
AdH.

147
mäßigkeit unbedingt, genau, unerbittlich, -nur daß
wir den Zweck nicht wissen.
Vielleicht Wolkoff gestern nach Duino gekom-
ist

men, Buon hat Ihnen geschrie-


er hoffte zu reisen.
ben, sagte er mir; ich sah ihn gestern bei der Gräfin
Mocenigo, ich gab mir den Ruck hinzugehen, erst
wars sehr behaglich, dann war aufeinmal ein solcher
Aufwand von Menschen da, daß er und ich uns leise
aufmachten In dem vorderen schönen dunklen Saal
.

hielt mich die Gräfin Valentine auf und brachte


mich noch einmal entschlossen mit zurück. Das
machte sie sehr autoritär und ganz angenehm dabei,
sie nimmt sich meiner, scheint es, sehr an, will auch

auf der Stelle Gedichte von mir lesen - aber ich


fürchte mich nebenbei ein wenig vor ihr. Bitte
schreiben Sie mir ihren Namen auf, ich hab ihn ver-
gessen, und welches ist ihre hiesige Adresse; ich
glaube ich muß ihr wirklich ein Buch schicken, da
sie 's angeordnet hat. Die Gräfin Mocenigo war von
einer Leichtheit der Erscheinung und des Daseins,
die schwer zu sagen sind Ihn d h Wallis sah ich
. , . . ,

noch mal bei Rosen, wo er nicht fand, was er suchte,


ich schickte ihm für die Reise die Magdalena, er
nahm sie, wde ich aus ein paar Zeilen sah, gleich
recht in die Hand; er fehlt mir hier, ich glaube ich
vertrüge mich sehr besonders mit ihm. Henri de
Regnier sah ich neuhch abend auf den Zattere ihn ,

erkennend ohne ihn zu kennen, avec une toute toute


petitefemme tres hien faite <(-) ist das Gerard d'Hou-
ville? Hier in der Nähe lief mir auch Pincent zu,
gestern, besorgt um sein Modell; ich sagte ihm, es
wäre erst kürzlich in Duino eingetroffen, in gutem

148
Befinden, er könne ruhig sein, man würde aber jetzt
nichts verändern in Duino, sei vor der Hand von
jedem Eingriff abgekommen, was ja auch der Wahr-
heit entspricht. Er ist mit seinem Kollegen Scott hier,
wünscht sehr, uns einander bekannt zu machen,
wohnt hier nebenan, fast im selben Haus, zum Glück
nur für ein paar Tage.
Mein Zimmer wird mir vielleicht noch ganz Heb
werden, ich lebe viel von der Aussicht, die, am
frühesten Morgen besonders, von schöner Ordnung
und Weite ist. Eigenthch möcht ich gern viel zu-
hause sein, die Fremden sind doch über Hand und,
wehe, wenn man abends über den Marcusplatz
kommt und sie alle angeleuchtet findet von den
Glühlampen der Illuminierung; dieser stupide Su-
perlativ von Licht vertreibt die letzten Züge aus
ihren Gesichtern, sie sehen alle Ah-Ah-Ah aus, ohne
Unterschied oder Abstufung; ich weiß nicht wie es
kommt, daß sie sich in diesem Zustand untereinander
unterscheiden: vermittels des Kellners wahrschein-
lich, bei dem sie sitzen.

Fürstin, im Juny, wenn ich wirklich noch hier bleibe


und es läßt sich somachen, geh ich vielleicht doch
noch in Ihr Mezzanino für ein paar Wochen und
richte mich ä la Tagliamento in dem riesigen Bett
ein; dort könnt ich dann wirklich viel zuhause sein,
und es ist kühler als mein jetztiges Zimmer. Was ich
hier an Miethe zahle, ist sehr wenig im Grunde, aber
dort würd ichs verwenden, um immer überall viele
Rosen zu haben. Vielleicht versuch ich dann auch
noch eine Campanna auf dem Lido zu miethen das ,

wäre vollkommen und könnte einen unbeschreib-

149
liehen Juny ergeben. Venedig ist aber doch jetzt

schwerer zu haben, als außer der Fremdenzeit, oder


ganz an mir ? Ich frage mich manchmal, ob die
liegts
Sehnsucht nicht von einem so ausstrahlen kann, wie
ein Sturm, so daß, dieser ausgehenden Richtung ent-
gegen, wider sie, nichts zu ihm kommen kann.
William Blake hat das vielleicht irgendwo ge-
zeichnet - ?
Wie geht es der Gräfin Gegina, ich müßte ihr schrei-

ben — einen der rührendsten und traurigsten Briefe


,

hatte ich von der Gfn Bertha Kalckreuth, ich


wünsch mir so, ihr mit den rechten Worten zu er-
wiedern, - den Brief muß ich Ihnen zeigen. - Kip-
penberg hat natürlich schon nach der Elegie verlangt
für den Almanach des Jahres 1913, ich habe, Sie
können sich denken wie gründlich, abgelehnt, dieses
Gericht reichlich mit der Mittheilung versüßend,
daß eine zweite Elegie da sei zu der Sie und Kassner
,

Ihre Zustimmung gegeben hätten. Dabei wird er


sich beruhigen und das nasse mit dem trockenen
Auge zusammen auf diese beiden Gegenstände einer
fernen Hoffnung richten.
Noch eine Begegnung: Beer-Hofmann, - den auch
Kassner so gerne mag — Sie wissen ungefähr, wer
,

das ist ?

Genug, ich habe gar keine Schrift, meine Feder geht


wie gereizt herum, ich muß Ist Peschek
aufhören.
mit seinem Quartett dagewesen ? Was sagt Ihr Bru-
der zu unseren Vitrinen ? - Genug, genug. Grüße
Allen, besonders auch dem Fürsten, wenn Sie ihm
schreiben, und Pascha. (Gesehen hab ich so gut wie
nichts, - draußen die Ausstellung ist fürchterlich,

150
aber unter den vier Rodins ein gutes Männer-
porträt.)
Tausend Grüße.
Ihr
D. S.

88. Marie Taxis an Rilke nach Venedig^


Duino 15 - 5 - 12 <Mittwoch>
Les beaux esprits se rencontrent — unsere Briefe haben
sich gekreuzt. Vielen vielen Dank für den Ihren -
antworte Ihnen nächstens länger. Wir denken am
20ten zu starten.
In Eile die herzlichsten Grüße
MT

89. Marie Taxis an Rilke nach Venedig


Duino bei Nabresina
18-5-1912 <Samstag>
Wissen Sie was ich heute gemacht habe, Dottor
Serafico (non piü mal proinjisorio j ma certamente e
perfettamente Serafico) - zuerst habe ich Ihre beiden
Elegien Placci vorgelesen - dann habe ich sie copirt,

denn Ihre Manuscripte habe ich nach Wien ge-


schickt, und ich will sie mithaben auf der Reise.
Placci ist begeistert und hofft sehr Sie in Venedig wo
er nach unserer Reise sich aufhalten will, zu treffen.
- Natürlich ziehen Sie
in meine Wohnung ein wann es
Ihnen paßt, ich würde froh sein zu wissen daß sie
jemand benützt. Gestern nachmittags sind Fritz &C°

1 Ansichtskarte: Castello Duino/Scoglio di Dante. AdH.

151
weg; sie wollen Sie glaube ich mit Regnier zu-
sammenbringen (die ganz kleine hübsche Frau ist
nicht Gerard d'Houville.) Heute früh sind Carola
und Gegina weg; jetzt soeben Erich und Rziha -
so sitzen wir viere^ in einsamer Herrlichkeit welche
durch Dr. Dümmerer^ versüßt wird. Er hat mir seine
Gedichte gegeben - je ne viens pas ä bout de les
lire. . . .

Von Kassner höre ich nichts - Gott weiß was der an-
stellt!! Morgen nach dem Gabelfrühstück starten

wir, fahren nach Fiume. Montag abends sind wir in


Zengg wo es scheint es nichts zu essen gibt. Dienstag
, ,

abends Jaice, und Mittwoch Serajewo Hotel Europe


- dorten bleiben wir einige Tage, und erwarten
Alex, Von dorten nach Mostar, und dann (28s ten
wahrscheinlich) Ragusa Hotel Imperial. Von Ragusa
wollen wir nach Cattaro und Cettinie - dann zurück
und über Spalato, Salona, Trau, Zara etc. hinauf.
Schade daß Sie nicht mit sind. -
Wir haben gestern einen sehr kalten Tag gehabt -
die Alpen ganz im Schnee — heute ist aber wieder
prachtvoll - Placci sieht mehr als je aus comme un
corbeau joyeux — meine Nichte wie eine niedliche
Lachtaube. Ich halte mit so viel als möglich habe

aber doch dabei ein recht schweres Herz —


Wann sehen wir uns Dottor Serafico - unsere Lese-
und Plauderstunden, wie fehlen sie mir!
Von uns allen die herzlichsten Grüße
MT
1 Marie Taxis mit Pascha, Placci und Vera Czernin. AdH.
2 Hans Thummerer. AdH.

152
Heute waren unzählige Menschen hier - Conrad mit
Frau und Kinder — ein anderer Vetter mit Frau und
Tochter und etliche mehr - zu viel auf einmal Miss !

Greenham nennt Sie nur V Indimenticabile und ich


denke an die «Fedra indimenticabile» von d'An-
nunzio und sehe Sie als «Ippolito velato» neue sue
braccia azzurre!

90. Rilke an Marie Taxis nach duino^


Venedig, Zattere, Ponte Calcina 775.
am 18.May 1912. <Samstag>
Sicher geht es uns oft so in Gedanken wie es unseren
Briefen erging, ich glaube ich habe so ziemlich alles
in meinem beantwortet, was der Ihre anfragte. Auch
erkundige ich mich in der Stille bei jedem, das mir
widerfährt, was Sie dazu sagen, verehrte Freundin.
Das heißt, es widerfährt mir strenggenommen nichts
das Leben kommt mir unglaublich vorläufig vor, -
aber ich habe heute meine Capanna auf dem Lido in
Besitz genommen und vielleicht wird es darüber eine
Kleinigkeit definitiver. Bei Ihnen sind so viel Men-
schen, daß Briefe eigentlich zuviel sind; schön daß
Erich länger blieb, am Ende noch da ist; sagen Sie
ihm mein wie gern plauderte ich einen
Herzlichstes :

Abend mit ihm. Seinen «Palazzo» hier hab ich noch


nicht entdeckt, aber die Valmarana's haben mich
neulich in einen Garten auf der Giudecca geführt,
vor sich hinwachsend, drängend, blühend, und ein
kleines Haus ganz am Ende auf die Lagune zu : das

* Nachgesandt nacli Sei-ajewo. Adll.

153
wäre auch etwas. Leider jetzt alles in zufälligen, un-
wissenden Händen, durch neue Mauern abgetheilt,
nach allen Seiten zerschnitten, an keiner Stelle ge-
fühlt, nirgends bewundert. Ich bin viel bei den Val-
marana's, ruhig dort und thut mir gut (ich
es ist

habe wieder eine unstäte Innenzeit -) und dann ruht


das alles so schön auf Ihrem Mezzanino ich fühl es ,

immer unter uns und beruhe darauf. Die Gräfin


Valentine hab ich nicht wiedergesehen, Wallis fehlt
mir, das ist sicher, mit Wolkoff war gestern ein kur-
zes Handgemenge über Cezanne. In allediesem
Abspruch ist eine Correctur, eine Mahnung gegen
etwas, was wir beständig gelten lassen und was viel-
leicht so nicht gilt. Er hat nicht Recht, aber sein Un-
recht benimmt sich an einer richtigen Stelle, wo,
weiß Gott, etwas sein müßte. Der Dilettant in ihm
macht ihm möglich, so versessen zu sein, so konse-
quent von außen hinein, - und der Russe, der er ist,
macht dieses Entetement, das im Grunde sehr
großmüthig ist, erträglich.
Liebe Fürstin, ich habe sehr aufgehorcht bei dem,
was Sie vom Blackwood 'sehen Centaur sagen, - daß
er diese Probe jetzt bestanden hat, ist alles Möghche,
ich bin wirklich ungeduldig, ihn mit Ihnen zu lesen.
Überhaupt, wir hätten vieles zu thun.
Aber der Gräifin Czernin beschreiben Sie: wie das
gramgesprenkelte Dicht-Thier, im Grunde, weder
erfreulich noch fürchterlich wäre, außerdem ver-
liert es eben sein Winterhaar und bekommt nichts
Neues vor der Hand, - es ist also eher peinlich anzu-
schauen. Für Placci gilt das gleiche, wenn er nach
mir fragt; - Sie sind ja an solche Zustände bei die-

154
sem Amphibium gewöhnt und haben die Nachsicht,
die unbezahlbar ist. Dummheit ge-
Ich habe die
macht, die erste Zeit viel herumzulaufen, immer un-
ter den Fremden, das hat zu einer Art Verzweifelung
geführt, auch kann ich keinen Ort finden, wo man
mir vernünftig zu essen giebt, die Gemüse sind über-
all unmöglich und die Nebentische gehen mir auf

den Appetit ( ? ? ?)^ und übersättigen mich durch die


Ohren mit deutschen Brocken. Ich sehne mich nach
einer Art Ruhe, gestern abend kam ich ein wenig
dazu, bei den Gesuati erzählte ein Pater vom heili-
gen Andrea Corsini, in den Bänken um mich saßen
die Mädchen und Frauen aus meiner Nachbarschaft,
ließen sichs sagen, ich mit, - das war irgendwie in
der Ordnung. Am Tag der Sensa^ fuhr ich mit einer
Gondel weit hinaus den Weg des Bucintoro, es war
ein unsagbar venezianischer Tag, silbern schwebend,
spiegelnd, ein Dasein unter Spiegelbildern. Ge-
spannt, durch Ihren Bruder viel von Duino zu hören,
ich hoffe er wird nichts gegen die kleine Vitrine sa-
gen, vertheidigen kann ich sie nicht. Aber was ich
vor allem sagen wollte, ist: gute Reise Ihrer klei-
nen Gesellschaft, hoffentlich kommt es dazu, daß
der Fürst wirkhch zu Ihnen stößt in Serajewo. Wie
viel werd ich zu Ihnen denken.
Tausend Grüße und Gruß an Pascha. (Dies heute in
Eile.)
Ihr
D. S.

' Die drei Frag^e^eichen beziehen sich auf die Rechtschrei-


bung des Worts. AdH.
2 Donnerstag, den 16. 5. 1912 (Christi Himmelfahrt). AdH.

155
91. Marie Taxis an Rilke nach Venedig^
PlJttwitzer Seen, Touristenhaus
21-5 <1912. Dienstag)
Dottor Serafico - Wie schade, wie schade, wie
schade ~ daß Sie nicht mit sind! Der gestrige Tag
von Fiume bis her war unbeschreiblich - Zuerst
längst des Meeres ein griechischer Traum - dann
vom Meer weg landeinwärts über den Paß - immer
höher steigend (gewiß über tausend Meter) unter uns
die Berge, die Wälder, das Meer und die Inseln — on
pejisait au Christ sur la montagne — und dann nach
einer freundlichen üppigen Alpenlandschaft, une
rdgion de grandes forets et de lacs merveilleux comme
de gj^andes coupes remplies de pierreries — Wir blei-
ben hier heute, denken übermorgen in Serajewo
Hotel Europe zu sein — Alles Schöne von uns allen
MT

92. Rilke AN Marie Taxis nach serajewo


Venedig-, Zattere, Ponte Calcina 775.
am 22. May 1912. <Mittwoch>
Wollen Sie 's glauben, Fürstin, daß Ihr Brief, am
18. datiert, erst gestern in meine Hände gekommen
ist, - heute sind Sie schon in Serajewo, wer weiß, ob

Sie dies noch dort erreicht, ich muß mnch eilen, es


wird nur ein Gruß. Wie mags sein um Sie, ich stell
mir nichts vor, - grüßen Sie den Fürsten, wenn er
kommt, herzlichst von mir, das ist die Haupt-
sache, die ich sagen will.
1 Auf der Rückseite einer farbigen Ansicht : Les Lacs de
Plitvice en Kroatie. AdH.

156
Danke für alle Nachrichten, mir ists ganz neu, mir
Duino allein zu denken ohne mich drin, d. h. im
Greenham leb
Geiste der ich also « indimenticdbile »
wenn nicht Thummerer sie mit Mohn und Lethe
tränkt; ich behielt seine Gedichte immer noch hier,
theilweise, um sie Ihnen so zu ersparen, ich vergaß,
daß den jungen Poeten alle Gedichte immer minde-
stens dreimal kommen.
Also wirklich, ich denke in den ersten Junytagen in
Ihr Mezzanino zu ziehen, umso mehr als der gute
Wolkoff aufeinmal um jeden Preis mich bei sich lo-

giert haben will. Vorgestern kams über ihn, mir sein


Haus zu zeigen, den schönen Raum oben, und plötz-
lich gab er mir eine Gebrauchs -Anweisung um die
andere, wie ich mir 's am Besten zuwende. Gestern
zeigte es sich dann, daß es ihm ganz ernst war, er
nahm gar kein Nein an, das letzte Wort war, er
hoffte ich käme, später wann mirs grade paßte -,
und heute reist er ab. Vor dieser neuen Versuchung
zur Hoffahrt flucht ich mich zu Ihnen, es wird sehr
schön sein, ich denk mirs herrlich, am Kamin zu
sitzen und die sechs andfünfzig kleinen Bände zu le-
sen; ich ginge gleich wenn ich nicht vermeiden
wollte, die Hausleute hier, die sehr aufmerksam für
mich sind, zu kränken, und meine Fenster-Aussicht
ist eine Freude, das ist wahr. Aber zum ruhigen Zu-

hausesein, zum Lesen und zur Innenheit werd ichs


erst bei Ihnen bringen. Die Valmarana's riethen mir
sehr zur^ Wolkoffs Anerbieten, bis ich ihnen gestand,
welchen Plan ich hege und daß sie mich selbst ins

1 So in der Handschrift. Vielleicht versehentlich statt zur :

<(Annahme von)> WolkofFs Anerbieten. Adll.

157
Haus bekommen nächstens. Ich komm mir vor wie
ein Hund, der wie wüthend den schönen Teller frißt,
der schon die ganze Zeit vor ihm steht, aus Furcht
vor der großen neuen Schüssel, gegen die man ihn
vertauschen will. (Hunde sind doch das Verständ-
lichste für mich, das Menschlichste.) Schrieb ich,
daß ich auch meine Capanna auf dem Lido schon er-
öffnet habe ? Es wird jeweilig immer die äußerste
bewohnte sein. So sind die Bestandtheile meines jet-
zigen Lebens zusammengeholt, ich bin gespanntauf
das «geistige Band» das sie verbinden vdrd; denn
vorläufig ist alles nur auf den Bindfaden gefädelt. -
Genug, von Kassner nichts, auch bei mir nicht.
Viele Grüße Ihrem kleinen sich verschiebenden
Kreis; ich werde mich sehr freuen, Placci hier wie-
derzusehen.
Verzeihen Sie die Konfusion dieser Seiten ich schrei- ,

be sie im Gefühl, daß sie schon fort sein sollten und


bin zerstreut um ein auch recht schweres, fragliches
Herz herum.
Adieu, verehrte Freundin.
Ihr
D. S.

93. Marie Taxis an Rilke nach Venedig^


Serajewo 24-5 <1912. Freitag)

Soeben Ihren Brief erhalten Dottor Serafico und den


an Duino adressirten auch. Tausend Dank - wunder-
bare Fahrt, Alex heute früh angekommen, schreibe
Ihnen nächstens
MT
1 farbige Ansichtskarte : Sarajewo, Begova Moschee. AdH.

158
94. Rilke AN Marie Taxis nach ragusa
Zattere, Ponte Calcina 775.
am Dienstag nach Pfingsten,
<28. 5. 1912>

Liebe Freundin, Sie sind heute schon in Ragusa, er-


reich ich Sie dort, - ich fürchte ich komm zu spät;
gestern Ihre Karte aus Serajewo, große Freude daß
der Fürst Sie erreicht hat: also ist die Reise vollkom-
men, Ihrer ersten Nachricht nach, von den Phtt-
witzer Seeen, muß der Anfang herrhch gewesen sein;
ja schade tausendmal gern hätt ichs mit Ihnen erlebt,
,

aber vielleicht besser so, ich lebe mich so langsam ins


Hiesige hinein, weiß noch nicht, was es werden will.

Aber, denken Sie, am 1. Juny zieh ich wirkhch zu


Ihnen. Heute ists ausgemacht. Ich bat Donna Sina^,
da sie sich doch ganz als Schlüsselbew^ahrerin fühlt,

mit mir hinzugehen, sie thats sehr guten Herzens


und war wirkhch voll vollkommenster Freundschaft
in ihrer Art, mir alles dortige anzuvertrauen. Ich
kannte die Zimmer doch und dennoch wars neu und
mehr und ungemein glücklich, sie im eigenen Ge-
danken wiederzusehen und sich ein Leben (welches ?)
drinnen vorzustellen. Bis gestern kam mirs wie ein
Übermuth vor, mich wieder so ins AußerordentHche
zu bringen, aber heute, dort, wars fast natürlich, ich
freue mich, ich nehms da es kommt und von Ihnen
kommt, vielleicht werd ich stark darüber, etwas
Künftiges dafür zu lassen, das gelassen sein soll. Die
Zimmer waren hell, kühl, schattig im Hellen, ganz
in Sympathie: mein Inneres leuchtete auf in einem
überaus frohen Vorgefühl. Vielleicht kommt etwas
1 Donna Zina, Frau von Waidenburg. AdH.

159
,

Gelassenheit über mich, unscheinbare vague Freude


im Ganzen; Gott, wie würd ichs in Ehren halten.
Ich verschiebe nichts nur den kleinen Sekretär
, stell

ich fort in Ihr Schlafzimmer, da er für einen aus-


dauernden Schreiberich zu momentan ist, und mache

dort an den zwei Fenstern der Ecke meinen Schreib-


platz mit einem Stehpult oder Schreibtisch; alles
andere bleibt unberührt und unverschoben und könn-
te nicht besser sein Mit der Gigia ist alles besprochen
.

auch mit der Blumenfrau die Blumen sollen wohnen,


,

ich ^vill aus meiner Ecke zusehen.


Wolkoff ist fort, seine Tochter noch hier; er ließ mir
durch sie ein schönes altes russisches Kreuz schicken
aus seiner Sammlung von Kreuzen; auch ich hatte
damals aus Rußland einige mitgebracht, es berührt
mich so gut, wieder eines vor mir zu haben, die
ganze damahge innere Zeit ermuthigt mich daraus.
Was ist eine Fuge musikalisch ? Im Leben giebt es
,

solche Zusammenhänge von ähnhcher Bauart, wo


eines in 's andere reicht, sich trägt, bezieht, treibt
und dabei im Ganzen fühlbar \vird, - ist das eine
« Fuge » ? Ich ahne etwas voraus von ferne was so
, ,

werden könnte.
Valmarana's seh ich viel, jeden zweiten dritten Tag,
habe Freude an ihnen allen und einzeln. Gestern,
Montag, war ich bei der Gräfin WalHs, fand sie lei-
der nicht, dagegen schickte ich heute endUch die
«befohlenen» Bücher an Valentine Robilant. Wir
begegneten uns gestern abends (sie mit einem Herrn)
Campo S. Stefano, sie neigte sich aus ihrer hohen
Gestalt herüber gleichsam wie aus einem Fenster
und sagte sehr ironisch: «Guten Abend. » Dafür be-

160
kommt sie nun die Bücher. - Gute Weiterreise Ihnen
Allen und viele herzlichste Gedanken.
Ihr
D.S.

95. Marie Taxis an Rilke nach Venedig^


<Niegus/Cetinje> 31-5-12 <Freitag>

Wir waren in Cettinie et Dieu merci nous n'y retour


nerons jamais —he bolgie di Dante — heute abends
wieder Ragusa, morgen Spalato - Montag Zara -
dann Wien. Ich schreibe Ihnen dann ruhig. Sind
Sie schon Pal<(azzo) Valm^arana) ? Adressire noch
Calcina
Herzliche Grüße
MT
Spero vederlo a Venezia verso ü / giugno, cid che
molto mi rallegra.
Suo aff(ezionatissi)mo
Carlo Placci

96. Rilke AN Marie Taxis nach wien


Ja: Palazzo Valmarana, San Vio.
Mittwoch. <5. 6. 1912, Venedig)
Liebe Freundin,
endlich: Ihre Karte, am 30. May ge-

^ Ansichtskarte: «Niegus». Le Palais de S.A.R. le Prince


Nicolas. Poststempel: Niegus 31. 5. 12, 9-10 vorm. Cetinje
;

31. 5. 12, 7-8 abds. Das hs. Datum (31-5-12) einwandfrei


leserhch. AdH.

161
.

schrieben, am 31. gestempelt', hat fünf Tage ge-


braucht; ich ging sofort mit ihr auf die Piazza, um sie
mit etwa neueren Nachrichten Ihres Bruders zu ver-
gleichen (wir waren schon ganz unruhig, solange
ohne zu sein) - und fand ihn und Donna Zina noch
völlig klein unter der Nachricht, daß nichts aus der
Fahrt durch Umbrien wird auf die sie sich offenbar
,

beide sehr gefreut hatten. Und ich bekomme auf


diese Weise Pascha nicht zu sehen, was mir wirklich
leid thut.
Aber die Hauptsache ist nun: Sie sind gut zurück,
die letzte Zeit hatte ich die Vorstellung, als ob Sie
ganz in der Wildnis wären, im Unwirtlichen, unge-
heuer fern; Ihre Karte bestätigt mirs. Gut daß Placci
kommt, so finden sich doch langsam Nachrichten zu-
samm, — ich seh ihn morgen abend in der Casetta
Hier bin ich eingezogen Samstag, herzklopfig, ein
bischen so wie es sein wird wenn man in die Seelig-
keit kommt, falls nämlich der liebe Gott auf diesem
Aufenthalt bestehen sollte, - trotz allem. Im Ghetto
hab ich einen passenden alten kleinen Schreibtisch
gefunden, der an Stelle Ihres kleinen Sekretärs steht,
nur mit dem Blick auf das südliche Fenster zuge-
kehrt, und der Tischler der Casetta rossa hat mir ein
treffliches Stehpult gezimmert, das nicht stört, das
schönste übrigens von allen meinen europäischen
Stehpulten. Die Pendüle geht und die Rosen sind
schon eingewöhnt; auf dem kleinen Balkon des Vor-
saalshab ich Hortensien installiert und Epheu, der
1Offenbar eine, der vorigen noch voraufgegangene, Karte
vom 30. 5. 1912 aus Ragusa oder Cattaro, worin die Fahrt
nach Cetinje als eben bevorstehend erwähnt war. Adli. ,

162
vom Gesims hinunterhängt. Heute hör ich auch
schon die Kinder weniger, es sind Unmassen et ils

fönt un vacarme terrible sur le campo San Vio, je


n''aurais Jamals cru qu'üy ait des oreiUes assez creu-
ses pour contenir tout cela, ils se demenent avec Vobsti-
nation des fous dangereux, — mais je n'ai plus peur,
je mhabituerai, il ne faut pas faire attention aux
detaüs, si on prend le tout en entier ca forme une espece
de süence exagerd. A la fin on entendra Vensemble
comme on entend tous les moineaux en bloc qui expri-
ment quelque chose entre lajoie et la malice de vivre^ -
on ne sait pas au juste —.
Diesen Nachmittag war ich mit der Gräfin Wallis,
ihrer Cousine der Gräfin Amelie Lippe und der klei-
nen, innen wunderhch kochenden Comtesse im
Ghetto; das Gesicht der Kleinen ist so prachtvoll dar-
auf angelegt, Gerüche auszudrücken, Sie können
sich vorstellen, wie sehr sie in diesem Miheu Ge-
legenheit hatte, sich anzuwenden.
Genug, dies soll nur ein erster Gruß zur Heimkehr
sein und nach Lautschin. Alles Liebe für den Für-
sten, tausend Grüße den Mcellern. Es ist, trotz der
Kinder, sehr sehr schön. Beweis z. B., daß ich, seit
ich hier bin, gar nicht am Lido war.
Der Bücherich^ referiert mir zeitweilig über seine
Thätigkeit in Duino, ich glaube er schreibt die hal-
ben Bücher ab, sein Zettelkatalog scheint etwas kolos-
salGründliches zu werden.
Viele herzlichste Gedanken
Ihres
D.S.
1 Dr. Hans Thummerer. AdlL

163
97. Marie Taxis an Rilke nach Venedig
Wien 9-6-12 <Somitag>
Lieber Dottor Serafico -
Tausend Dank für Ihren lie-
ben Brief - bin sehr froh daß Sie sich wohl be-
finden in meinem kleinen venezianer Nest - trotz
den vielen moineaux die manchmal wirklich zu viel
des Guten sind -
Aber es müssen viele Ansichtskarten verloren gegan-
gen sein, denn ich habe den Eindruck daß wir eine
Menge geschickt haben - Placci hat Ihnen wohl alles
erzähh — es war wirkhch schön und manchmal zu
komisch —
Hier enorme Hitze - Heute das Derby und früh
Revue des automobile-corps wo meine beiden Söhne
dabei waren -
Viel Hitze, viele Menschen meistens langweilige,
viel Geplausch -
Große Sehnsucht nach Hause aber ich erwarte Alex
,

morgen und fahre dann erst nach Lautschin Pascha .

und Titi gehen nach Gleichenberg mit Gegina. Ich


bin heute etwas vertrottelt und dieser Brief s''en
ressent.
O Dottor Serafico, könnten Sie den Bücherich etwas
beschleunigen ich glaube entre nous soit dit daß er
! I

sehr langsam arbeitet - er spricht von Mitte August,


und ich möchte so daß er nur bis ende Juli bleibt.
Dann Nummern auf die Bücher selbst
hat er keine
geben wollen - und das muß doch sein, nicht wahr ?
denn sonst wie könnte man je etwas finden. Er hat
mir zwar dann gesagt er wird es thun, aber ich wollte
Sienoch fragen - es ist freilich für die schönen Ein-

164
bände etwas schade - aber die schönsten könnte man
dadurch schonen daß man die Nummer innen gibt,
nicht wahr ? ?

Ich schheße weil ich mich zu dumm fühle Dottor


Serafico carissimo -
die allerherzlichsten Grüße
MT
98. Marie Taxis an Rilke nach Venedig^
Lautschin 20-6-12 <Donnerstag>
Was machen — ich höre schon eine
Sie Dottor Serafico
Ewigkeit nichts von Ihnen. Haben Sie meinen letz-
ten Brief erhalten ? - Hier manche Tage sehr kalt -
heute wärmer. War heute in Prag mir die Ausstel-
lung von Rudolf II ansehen - Sehr wenig Interes-
santes - dafür doch sehr schöne Sachen im Rudol-
finum - besonders ein entzückender Mabuse!
Hier noch alles drunter und drüber - bin neugierig
was Sie sagen werden. Haben Sie was vom Dottor
Mistico^ gehört ?

Die Mystik wdrd flöten gehen in Paris I ! I

HerzHche Grüße von uns allen speziell Alex


MT
99. Rilke an Marie Taxis nach lautschin
Venedig, San Vio, Palazzo Valmarana,
am 26. Juny 1912 <iMittwoch>
Liebe Freundin, vorletzte Woche (mein Gott, es ist

schon lange her) verließ ich mich darauf, daß Placci


viel von mir erzählt haben würde, - er schrieb an

^ Ansichtskarte von Schloß Lautschin. AdH.


2 Rudolf Kassner. AdH.

165
einem langen - denn ich war schon etwas
Brief,
träge, seither hat meine Trägheit, unter dem Ein-
fluß häufiger Sciroccotage schreckhch zugenommen,
,

eine Schande, sie übersteigt alle Grenzen rechts und


links. Als Zustand wunderhch, eine Art Halbschlaf,
im Gehen, Stehen, Lesen, nicht einmal direkt unan-
genehm, nur eben eine Schande, Gestern vorgestern
wars ganz arg, man lebt wie aufgebunden an ein Spa-
lier. . Brown seh ich manchmal, frühstückte ge-
.

stern bei ihm, dann ruderte er mich im Sandolo hin-


aus gegen SanNicoletto. (Es giebt also trotzdem Leute
die rudern, Leute, die arbeiten, sag ich mir, und
schäme mich wieder.) Dieser Zustand wird nächstens
ein Ende haben, nehm ich an, dann schreib ich, hole
nach, nach, nach. Von Paris höre ich wenig, von
. .

Kassner nichts, Marthe hat, nach den Berichten Frau


W<(oermann)>'s, einen tristen Sommer diesmal;
manchmal schwebt mir vor, irgend in die Berge zu
gehen und sie dorthin für ein paar Wochen einzu-
laden .

Mit Thummerer hab ich eifrig korrespondiert; er


nummeriert nach «amerikanischem System», ich
glaube es wird ganz zweckmäßig, und ich habe alle
seine Kräfte verpflichtet, zu Ende July fertig zu sein.
Vielleicht fahr ich selbst einmal hin für einige Tage
und seh zu. Die Stille lockt immens manchmal.
Dürfte ich dann unten in Ihres Bruders Zimmern
nisten ?

Sonntag ist mich ein-


die Regata. Gräfin Wallis hat
geladen, von ihren Fenstern aus zu sehen. Wenn
sie

ich nicht zu stupide bin, so geh ich hin. Vorauswissen


kann mans nie; eben noch lebte man, auf einmal

166
sitzt man wie eine Fliege die über Honig gekrochen
,

ist und summt etwas mit allen Sinnen.


Ach, ach, tausend Grüße, herzhch Liebes dem Für-
sten, Grüße den Mzellern u.s.w. Morgen kommt
Gräfin Gegina am Lido an, ich werde mich gleich
nach ihr umsehen.
Also dies nur vor der Hand, alles später^, bei nächsten
Kräften.
Ihr D. S.

100. Marie Taxis an Rilke nach Venedig


Lautschin 6 — 7 — 12 <(Samstag>
Dottor Serafico-sind Sie noch immer faul und müde,
scirocco-krank, und haben Sie sich entschlossen mit
Marthe in die Berge zu gehen ? Warum hat sie einen
schlechten Sommer ?
Ich hätte Sie gerne hier, und doch wieder nicht, wir
sind so unheimlich chimärenhaft diesen Sommer -
Denken Sie sich, meine Schw<ieger> Mutter mehr als
je der Skelett eines Vogels der ein Affengesicht statt
seines ehrlichen Schnabels gehabt hätte, Fräulein
Chautems dame de compagnie mit gefärb-
UTie sorte de
ten rothen Haaren ungefärbter rother Nase und cam-
,

brirt wie ein heraldischer Low — Cousine Eleonore


mit gefärbten gelben Haaren - Monsieur Gendre der
wie ein Raubmörder aussieht, Dr. Rziha der die Au-
gen überhaupt nicht mehr offen halten kann, Mae-
schon zum ersten Frühstück Tri-
stro Barbasetti der
Tunis und Constantinopel verschluckt hat —
polis

Morgen kommt Titi Gott sei Dank, und nach dem


zwanzigsten etliche angenehme Menschen. Habe ich
1 wohl verselientlich so, statt : alles <( andere) später. Adll.

167
! .

Ihnen gesagt daß Kassner leider nicht kommt und


daß er sehr unwohl war — (furuncolosis) - und eine
strenge Kur wird durchmachen müssen ?
Wie finden Sie Gegina ? Haben Sie Fritz gesehen ? er
wird Ihnen von hier erzählt haben und von den lie-
ben Kleinen von Pascha die heuer herziger sind denn
je und mir manchmal das Herz recht schwer machen

Und was wird in Sept<^ember)> sein — werden wir da-


zu kommen unsere spanische Reise zu unternehmen
— Qiden sabe?
Ich habe Gabriel Schillings Flucht gelesen - es hat
mich sehr ergriffen - dann Ariadne auf Naxos -
es hat mich weniger ergriffen - Jetzt die « Contem-
plazione della Morte» von d'Annunzio - kennen
Sie 's Die Sprache ist immer so wunderbar — aber
?

daß aus dieser Contemplazione der 6". SdbasUen ent-


standen ist und ein Libretto für Mascagni ist doch
kränkend. Schreiben Sie bald, trotz scirocco, und sa-

gen Sie mir ob Sie Pläne haben - Alles Erdenkliche


von uns allen. .

MT
101. Marie Taxis an Rilke nach Venedig^
Lautschin 9-7-12 <Dienstag>
Dottor Serafico ich höre daß Sie die Düse kennen ge-
lernt haben - schreiben Sie mir über sie - das in-
teressirt mich zu viell - Kassner ist im Engadin in
Sils-Maria - es geht ihm besser - Titi ist hier, ganz
weg über die Elegien - wüthend Sie nicht zu finden I

Herzlichst
MT
1 Ansichtskarte : Schloß Duino vom Meere aus. AdH.

168
102. Rilke an Marie Taxis nach lautschin
<Venedig,> San Vio, Palazzo Valmarana,
12. July 1912. <Freitag>

Genau genommen , liebe Freundin hab ich kein ein-


,

ziges ganz deutliches Bedürfnis neben dem, Ihnen


zu schreiben und ein bischen auch, Ihre Meinung
von meinem jetzigen Leben zu wissen; aber es ist
nicht zu beschreiben was für ein Verbot gegen allen
,

Betrieb in der Luft und in den Gliedern liegt, eine


Jahreszeit für gesunde Säuglinge — wie gewisse Zau- ;

berer daraufkommen, unaufhörliche Bänder aus ih-


rem Mund zu ziehen, so zieh ich aus den, bis auf
einen Spalt geschlossenen Lidern meterlange Strei-
fen Tagschlafes, kaum ist einer zu Ende, ruckt schon
ein neuer grauer oder Anfang heraus, und ich bin
lila

verwickelt in alle diese langsam gebildeten Schlaf-


bänder, so daß ich wie in einem Knaul wohne, der
sich bei Befreiungsversuchen nur umso fester zusam-
menzieht.
Wunderlich geht es zu, das Gewissen wird nicht bes-
ser davon, und doch mag ich nicht alles quer durch-
schneiden und ausbrechen, sondern warte so hin, laß
mirs geschehen und was kommt nimmt die Gebräuche
,

des Traumes an und hat seine Dimensionen.


Da liegt ein kleiner Schlüssel auf meinem Tisch (ja,

er liegt wirklich noch da) : er sperrt den großen selt-


samen Saal im Casino dei Spiriti* an den Fondamente
nuove^, so wie ich mich hinwünsche, kann ich dort
sein, - aber welcher Aufwand, welche Übertreibung,
zu wünschen.
(* Johnston)
1 So in der Hs., statt: Fondamenta nuove. Adll.

169
Die Düse, daß ich bei ihr war, sie bei mir, auch das
istwie eine Spiegelung in der von Klarheit überreiz-
ten Luft - können Sie sich vorstellen wir waren wie
,

zwei, die in einem alten Myster zur Handlung kom-


men, sprachen, wie im Auftrag einer Legende, je-
der sein sachtes Theil. Ein Sinn kam unmittelbar aus
dem Ganzen und ging sofort über uns hinaus. Wir
waren wie zwei Schalen und bildeten übereinander
eine Fontäne und zeigten einander nur, wie viel uns
fortwährend entging. Und doch wars kaum zu ver-
hüten, daß wir uns irgendwie über die Herrlichkeit
verständigten, so voll zu sein und vielleicht dachten
wir auch im selben Augenblick an den lebendigen
senkrechten Strahl, der über uns stieg und fiel (im-
mer noch) und uns so sehr füllte -.
Feig wie ich jetzt bin, wagte ich kaum, sie anzu-
sehen; es bereitete mir eine Art Schmerz, sie so breit

und robust zu finden, dieser verstärkte Körper, wie


eine Fassung, aus der schon einmal der Stein gefallen
ist.Die Furcht,. eine Entstellung zu sehen oder ein-
fach etwas, was nicht mehr da ist, hat Schuld, daß
ich fast nur den Mund erinnere, diesen schweren
Mund, der aussieht, als ob nur noch uneigenes, theil-
nahmsloses Schicksal ihn bewegen könnte, wie für
gewisse Schwerter der Held kommen muß der Halb- ,

gott, daß er sie hübe. Und das Lächeln freilich, sicher


eines der berühmtesten, die je gelächelt worden sind,
ein Lächeln, das keinen Raum braucht, das nichts
widerruft, nichts verdeckt, durchsichtig ist wie ein
Lied und doch so voll hinzukommenden Wesens daß ,

man versucht ist, aufzustehn wenn es eintritt.

Erschütternder beinah als das Ereignis selbst, war

170
für mich die Thatsache, daß es plötzlich, ohne mein
Ziithun, zu dieser Begegnung kam, die während
mancher Jahre mein fast größter Wunsch war. Nun
hab ich seit einer Weile die Präzision verloren, die
zum Wünschen nöthig ist (Wünschen ist Scheiben-
schießen und ich steh im großen Feuer gegen einen
unsichtbaren Feind) -, aber, wie mehrere Mal in mei-
nem Leben, nahm ich das leise Eintreffen unwillkür-
hch zum Beweis, daß ich, trotzallem, auf meinem
Wege bin, sonst hätte diese, sooft auf den Karten
aufgesuchte Ortschaft nicht kommen können.
Die Erfahrung an Rodin hat mich sehr schreckhaft ge-
macht, allem Anders-, allem Wenigerwerden allem ,

Versagen gegenüber — denn diese unscheinbaren


,

Verhängnisse, wenn man sie einmal erkennt, sind


nur zu überstehen, solang man imstande ist, sie mit
derselben Stärke auszusagen, mit der Gott sie zu-
läßt. Mir fehlt vielleicht nicht sehr viel zur Arbeit,
aber, verhüte, daß von mir sollte (wenigstens gleich)
verlangt werden, noch Schmerzlicheres einzusehen,
als mir im Malte Laurids aufgetragen war. Dann

wirds einfach ein Geheul unter den Geheulen und


nicht der Mühe werth.
Gestern war Placci einen Tag da, ist heute und mor-

gen noch bei den Papafava in Padova, kommt viel-


leicht morgen noch einmal herüber, wie er mir eben
schreibt. Sie wissen, ihm verdank ich die Dusc, eben-
so das kleine Buch der P"^^ Bibesco^, das mir merk-
würdig rechtzeitig in die Hände kam (ich sandte es
Ihnen,wenn Sies schon haben*, radieren Sie die ver-
* wie empfinden Sie's?
1 Princesse Marthe Ribesco, Alexandre Asiatique. Adll

171
schlafenen Grüße aus und geben Sies weiter, - der
Prinzessin Titi z. B.), und später wird es sich wahr-

scheinlich zeigen, daß ich ihm eine Menge anderes


verdanke, ich habe eine intensive Offenheit für sei-
nen Einfluß er macht mich vergnügt im alten Sinn
,

dieses leichtsinnig gewordenen Wortes, das einmal


bedeutete: begnügt in mir.
Sie müssen sich, wenn er in Lautschin ist, mit ihm
berathen, er hat mir hier so genau und klug zuge-
sehen, er wird allerhand wissen. Ich will nicht ver-
sprechen, daß ich dann gleich alles thu, aber jeden-
falls kommt außer Ihrem Rath und seinem nichts

neben dem Gedräng meiner Stimmen ernstlich in


Betracht. Wenn ich nur einmal wieder soweit bin,
mich nur nach Arbeit zu sehnen^,
gestern schrieb ich, unvermittelt, in mein Taschen-
buch:
Ach, da wir Hülfe von Menschen
erharrten: stiegen
Engel lautlos mit einem Schritte hinüber
über das liegende Herz

Hier mir ein, plötzlich, von der Düse


trat Moissi bei
kommend, wußte, sie erwartete ihn schon ge-
ich
stern; er stürzte, drang, brach herein, erst meinte
ich, es wäre sein Tempo, ein inneres, unbedingtes, —
nun aber, nun furcht ich fast, es ist das Tempo rein-

1 Das Abbrechen des Satzes erklärt sich wohl daraus, daß

schon das folgende Excerpt aus dem Taschenbuch erst


abends, nach der Unterbrechung des Briefes, hier angefügt
wurde. AdH.

172
hardscher Entreprisen. Mein Gott, wie ist er Akteur
geworden, ich sah ihn bald darauf neben der
Düse, wir standen am Fenster, sie kam vorbei mit
ihrer Freundin, M™^ Poletti, (die die Ariadne für sie
schreibt,) wir stiegen zu ihr in die Gondel und fuh-
ren langsam auf den Lido zu. Die Düse war sehr
großartig heute, von einer Traurigkeit, wie Wolken-
bildungen oben sie haben können, man legts traurig
aus, aber im Grunde ists doch nichts als immenser
Raum, nicht heiter nicht trostlos, - groß. Später
setzten wir Moissi ab, aber wir bheben beisammen,
ich aß bei ihnen in dem Haus auf den Zattere es war ,

vertraut voll Freundschaft, vollNähe und -'Adeder


kam lauter Bedeutung aus dem Einfachsten und ging
ins Große. Jetzt ists spät, ich schließe damit einen
Brief, der sonst ganz anders weitergegangen wäre, so
aber vielleicht vollständiger ist, denn heute haben
wir einander recht ohne Furcht angesehen, Ernst
gegen Ernst, Wehmuth gegen Wehmuth: es scheint,
wir können einander nicht schaden. (Und die Welt
ist so anders als Moissi.)

Esmuß genug sein; wir haben Placci telegrafiert, er


muß kommen morgen; tausend Grüße für alle, be-
sonders dem Fürsten und Ihnen, verehrte Freundin,
wie oft bedenk ich, wie Sie in alledem sind, was mir
widerfährt, nun wieder hier, - wie ohne Sie nichts
gekommen wäre.
Ihr D. S.
(Alles Andere nächstens, bald.)

Das Herzlichste, Ergebenste der Prinzessin Titi; ich


fürchtete von ihr ganz aufgegeben zu sein, und mei-

173
- .

nen Respekt an die alte Fürstin, falls sie sich meiner


erinnern sollte.

Sagen Sie der Prinzessin Titi, die meisten meiner


Blumen, ich habe immer noch und immer wieder
viele Rosen hier, - kommen aus ihrem alten Garten
im Palazzo Bembo

105. Marie Taxis an Rilke nach Venedig^


Lautschin 14-7-12 <Sonntag>
Tausend Dank für habe gleich Rufford
die Bücher,
Abbey (wo ich war) gelesen - sehr interessant -
Alex(^andre)As(iatique) gefällt mir außerordent-
lich
In Eile herzliche Grüße
MT
Grüßen Sie mir vielmals die D<^use)>.

104. Marie Taxis an Rilke nach Venedig


<(TelegTamm :)>

Lautschin, 19/7/1912 <Freitag>

Prie avertir Placci que Liechtenstein arrive vingt


trois ne peut rester que deux oii trois jours
Marie Taxis

1 Ansichtskarte : Duino, vom Meer aus gesehen. AdH.

174
105. Marie Taxis an Rilke nach Venedig
Lautschin 20 — 7-12 <^Samstag)>

Sie Wunderknäuel! was wird man noch alles ent-


decken wenn man abwickelt! — Indessen merke ich
daß «die Engel» wieder ganz nahe sind — es rau-
schen Ihre Flügel. . . .

Wirkhch ich bin stolz darauf Sie Dottor Serafico


genannt zu haben - und daß ich wußte daß es da-
mals noch nicht ganz richtig war —
Wenn ich daran denke wie wir uns kennen gelernt
haben und wie schnell alles gegangen ist, so muß
ich mir sagen daß ein sonderbares Fatum uns zusam-
men brachte - Nur der kurze merkwürdige Besuch
in Paris mit der « kleinen ungestümen Gottheit » und
dann kamen Sie her und es war gleich alles ganz klar,
natürlich und von jeher dagewesen -
Aber rathen kann ich Ihnen nicht (Placci schon
gar nicht!) Ihr Dämon ist zu stark, er führt Sie und
Ihre Wege sind einsame Wege — Ich kann nur zu-
schauen, und Ihnen sagen: wenn Sie mich brauchen
rufen Sie mich!
Daß Sie die Düse kennen lernten freut mich sehr -
ich kann mir Sie so gut vorstellen - ganz verzückt
natürhch - Die Frau ist geschaffen um einen Dichter
zu begeistern - Mit jedem W'ort von ihr klingen so
viele Saiten mit - nahe und weite in Zeit und Raum -
D'A<(nnunzio) hatte es tief empfunden aber die
Saite riß.
Sie sagendaß sie stark geworden ist, die so schlanke
und schmächtige - das wäre schade 1

Aber wie beneide ich Sie, oder vielmehr wie gerne


möchte ich Ihnen beiden zuhören! Seien Sie nett

175
Dottor Serafico und schreiben Sie mir recht oft dar-
über. Kassner hätte sich auch gewünscht Eleonora
mani kennen zu lernen — er schreibt mir
dalle belle
aus Silsmaria wo er bis mitte August bleiben möchte
und sehr erfreut ist «schweigen» zu können.
Tausend Dank für die Bücher - Alexiandre) Asia-
Uque hat vieles das mich fesselt; ein wenig genirt
einen doch die sehr durchscheinende wenn auch viel-
leicht unbewußte Nachahmung der Noailles Finden
, .

Sie nicht ? Rufford Ahhey ist das Beste meiner Ansicht


nach im Buche von Annette Kolb. Russell ist hier -
der Freund von Kassner - kösthch wenn er von An-
tiquitäten spricht, sonst entre nous soit dit etwas
mühsam weil gar so Insulaner - auch möchte man
immer den so bitteren Zug um den Mund weg mas-
sieren- Es sind gewisse Gesichter deren Unord-
nung mich fort impatientirt on voudrait les arranger
d^un coup de pouce.
Haben Sie mein Telegramm für Placci erhalten ? Ich
habe ihm auch nach Florenz telegraphirt aber der
Sicherheit halber auch durch Sie probirt — erwarte
mit Ungeduld eine Nachricht - Franzi L<^iechten-
stein) kommt am 23*^° abends, und hat nur wenig
Tage - Ich hoffe P<(lacci) kommt bald dazu, sonst
manquirt er ihn.
Und Sie D S was machen Sie ? und in Sept<(ember) ?
, . .

Ich fürchte daß unsere spanische Reise schwer zu-


sammen geht -
Wissen Sie daß Pascha sich entschlossen hat wieder
Duino als sein Hauptquartier zu nehmen ? Ich bin sehr
froh darüber - aber Sie wissen daß das an Ihr even-
tuelles dorten sein nichts ändert - im Gegentheil —

176
Es ist spät ich bin schläfrig und vertrottelt -
Auf Wiedersehen Wunderknäuel jetzt denken Sie
nicht mehr an den Malte Laurid^s), ich fang schon
an mich über den zu ärgern
Alles alles Herzliche von uns allen
MT

106. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Venedig, San Vio, Palazzo Valmarana,
Samstag vor Redentore. <20. Juli 1912>
Liebe Freundin,
niemand weiß Placci's momenta-
nen Aufenthalt: so hab ich den Ausweg genommen,
zwei Telegramme zu schicken, eines an seine floren-
tiner Adresse (mit Nachsendungsauftrag) , das zweite
an Annette Kolb nach München: wo ich ihn ver-
muthe Eines von beiden wird ihn — hoff ich — ver-
.

ständigen und rechtzeitig.


Aber ich bin ganz voll einer Sache , einer Frage . Ich
sehe die Düse viel und freundschaftlich; sicher, si-
cher es war keine Spur Zufall darin, daß wir einan-
der jetzt begegnet sind, sie wie ich irgendwie im

Übergang, abwartend, zögernd fast - vielleicht, viel-


leicht — (wer darf es sagen ?) schon wieder wollend
mit dem alten Willen , Für mich ists viel und sie be-
hauptet, ich wäre im Augenblick eine Art Beistand
für sie -: jedenfalls, sehend, daß sie 's nöthig hat, thu
ich alles, es wenigstens im Geringsten zu sein, wun-
derlich vorbereitet, das, was sie durchmacht, zu füh-
len, einzusehen, fast vorauszuwissen.
Dieser entschlossene, sichere, etwas harte junge

12 177
Mensch, Frau Poletti*, zu dessen Arbeit sie in zwei-
jährigem vertrautem Umgang eine so reine Über-
zeugung gewann, daß sie ihre Aufgabe darin sah,
ihm zu helfen macht schwere Tage durch ringt mit
, ,

sich und mit ihr und bereitet ihr darüber (wie Jugend
ist) die schwersten. Die ganze Hülfe scheint auf ein-

mal ins Unrecht gerückt ein Aufhalten ein Ablenken


, ,

dieser Kraft; - die ersten Versuche, eine Aufführung


eines der Stücke, das noch nicht ganz abgeschlossen
ist, herbeizuführen, haben zu den inneren Unruhen

äußere gebracht, und, ohne vor der Hand draußen


etwas zu erreichen , ist die Arbeit selbst gestört, unter-
im Stocken. Vorwurf und Bitterkeit,
brochen, völlig
Wehmuth und Ohnmacht ist immer mehr zwischen
den beiden, beide lähmend, bekümmernd, das, was
sie gegenseitig, großmüthig und froh, von einander

erwarteten in Verdacht ziehend, verringernd, herab-


,

setzend; ganz und gar auf beiden Seiten gefährdend.


Ein Ausweg ? - Wir sprachen stundenlang. Es bleibt
nur, daß IVP^ Poletti schnell fortgeht, allein, in die
Stille, in andere Verhältnisse und versucht, ihre noch

nicht zu lange unterbrochene Arbeit zu vollenden.


Das rettet die Arbeit vielleicht, rettet auf alle Um-
stände dieses schöne Verhältnis, aus dem beide viel
werden gewonnen haben, später (Rodin, Rodin,: Sie
verstehen, wie meine schmerzlichen Erfahrungen
hier in Anwendung kommen.) Ich habe viel Sym-
pathie und großen Respekt für M""*" Poletti. Ich
glaube, ich überzeugte sie gestern (im Einklang mit

(* ihr erstes Drama las ich gestern im Manuscript, es ist


merkwürdig stark in der Linie, sehr ernst zu nehmen, hat
Stücke von Größe).

178
der Düse) von der Nothwendigkeit fortzugehen,
brachte selber das und dies in Vorschlag; alles zu
weit, zu ungewiß, zu risquant. Heut nacht fiel mir
Duino ein? Wärs möglich, daß M'"^ P. sich rasch
für 8, 14 Tage dorthin zurückzöge, arbeitete ? Ihnen
darf man selbst so plötzliche Sachen sagen verehrte
,

Freundin, Sie verstehen, fühlen, wissen. Bitte er-


wägen Sie, und falls Sie 's für denkbar halten, — ein
Telegramm. — Frau Düse denkt mit so lebendiger
und sorgfältiger Erinnerung an Sie, neulich sprach
sie ganz warm und gerührt von einer gewissen, voll

Einsicht zusammgestellten Büchersendung, mit der


Sie ihr einmal so unbeschreibhch rechtzeitig und prä-
zis wohlgethan haben. - Ich sage nichts von Duino
jetzt, bis zu Ihrer Antwort.

In Sorge und Eile Adieu tausend Grüße


. ,

Ihr D. S.

(Finde die Grfn Gegina viel besser.)

107. Marie Taxis an Rilke nach Venedig


Lautschin 22-7-12 <Montag>
Lieber Dottor Serafico - Sie wissen wie gerne ich
Ihnen eine Freude machen würde aber da Sie noch
nichts der D<^use)> gesagt haben, will ich Ihnen ganz
aufrichtig antworten - Seit Jahren ist es die Idee
fixe von meiner Schwester Carola nach Duino jeden
Moment zu kommen und sdjours dorten zu machen
ob ich dorten bin oder nicht. Aus vielen Gründen paßt
es uns nicht Alex und mir und ich muß immer et-

179
was finden um auszuweichen - heuer war wieder im
Frühjahr dieselbe Geschichte und sie wäre töthch
beleidigt wenn ich jetzt eine Dame in Duino beher-
bergen würde nachdem ich ihr auseinandergesetzt
habe daß die sogenannte Köchin unmöglich ist (übri-
gens das wäre wirklich eine Schwierigkeit) und die
Gr<(eenham) leider öfters benebelt etc. - Also sehen
Sie selbst -
Mir ist eigentlich schrecklich leid Ihnen das antwor-
ten zu müssen, aber Sie wissen ja Dottor Serafico,
wie comphcirt mein Leben ist - und es ist nicht nur

Carola die ein Schnoferl machen würde, da Duino


immer ein wenig als Allgemeingut betrachtet wurde
- Sie verstehen mich nicht wahr ? Bitte behalten Sie
dieß alles für sich und nicht wahr Sie sind mir nicht
,

böse daß es nicht geht ? Schreiben Sie mir darüber

sonst mache ich mir Skrupeln und bin unglück-


hch -
In größter Eile damit Sie den Brief gleich bekommen,
alles Herzliche
MT
Placci hat mir telegrafirt - pardon Sie so sekkirt zu
haben - Könnte nicht M™*= P<oletti) nach Sistiana ?
!

Pl<(acci)> schreibt mir von einem entzückenden Ort

in den Bergen, es heißt Calalzo di Cadore, Hotel


Marmarole. Es soll deliziös sein. Auch Brioni wäre
vielleicht angezeigt.

180
108. Rilke an Marie Taxis nach lautschin
Venedig, San Vio, Palazzo Valmarana
am 23. July 1912. <Dienstag>

Ach, liebste Freundin, wie schlecht schlägt mir das


Menschliche an, welche Arbeit, welche Mühsal, wo
ich mich einlasse: statt daß es mir hilft, mich ein bis-
chen neu und arglos macht, stellts mich an, die Ga-
lere, ich rudere, kalfatere, wasche Ballast, und habs
doch (Gott verzeih mir) gar nicht gelernt. Ich bin
viel bei meiner großen Nachbarin, es ist jeden Abend
für mich gedeckt, ich kann immer kommen und es
ist selbstverständhch , daß ich komme. Sie ist herr-
lich, die menschlichen Dinge größer ausdrückend
als irgend ein Einzelner; sie will sich nicht verständ-
lich machen, sie fängt die Geste beim Verstanden-
sein an und geht weiter. Wir gebärden uns, sagen
halb, nach und nach, bereuen, nehmen zurück, ver-
suchens von vorne: sie sagt, zeigt, weigert sich zu
zeigen, und es ist von Anfang an Eines, das Ganze,
endgültig, in einer höheren Ordnung, wie im Fron-
ton des Tempels. Welche Herrlichkeit und welche
Vergeudung. Kein Dichter in der ganzen Welt, und
sie geht vorüber. Niemand hat so viel nöthig gehabt.
So vergrößert ohne Szene, ohne Werk, das täg-
sie

liche, das unverarbeitete Leben; das klein, das rasch,


das vorläufig Geschehende kommt in ihrer Haltung zu
sich, über sich hinaus, - erschräke vor sich selber,
könnt es sich dort sehen, bliebe, stünde, verginge
nicht mehr. Und sie bleibt tragend, hinhaltend, un-
erleichtert, überladen, - weil nie Zuschauer genug
da sind, die Fülle des Auftritts ihr abzunehmen; sie
ist jeden nächsten Augenblick wie ein schon wieder

181
.

reifer Weinberg, - man müßte immer wieder Tau-


sende von Taglöhnern hinschicken unter die Last
der Trauben.
Aber da ist nun diese junge Freundin, hart, ehrgei-
zig, begabt bis zu einem gewissen Grade, aber ohne
Nachgiebigkeit auch in ihrer Begabung, gelehrt weil
gelehrig, entschlossen, aber nur zu dem, was sich
absehn läßt, mehr eine Energie als eine Noth wen-

digkeit; aus der Freude, sich ihrer Stücke anzuneh-


men, ist für die Düse ein unrückgängiges Verspre-
chen, eine Art Pflicht geworden, der junge feste Cha-
rakter läßt nicht locker und vielleicht wagt auch sie
selber, die Düse, nicht das loszulassen, was schließ-
lich die Hoffnung und der effort dieser letzten Jahre
war.
Sie machen sich keine Vorstellung, wie sie an dem
allen zu schleppen hat. Ich spreche stundenlang mit
Beiden, mit dem Einen, mit dem Andern, verstehe,
erleichtere für den Moment, komme in den Verdacht,
helfen zu können und habe doch nicht das rechte
Wort, den entscheidenden Einfall. Bin immer noch
der Meinung, daß M""^ Poletti jetzt fortgehen
müßte (woher neulich meine Idee mit Duino kam,
die ich Ihnen schnell schrieb), aber die Düse selbst
drängt weg und hält zurück in Einem, aus Sorge,
glaub ich, vorm Alleinbleiben. Voilä oü nous sommes.
Dank für Ihren guten Briefe, Dank von ganzem
Herzen
Ihr
D.S.

1 d. h. für den vom 20. 7. 1912. AdH.

182
Ich schick Ihnen vielleicht durch den Verlagmeine
Weiße Fürstin die Szene, die ich vor 15 Jahren für
j

die Düse schrieb. Zufällig kam die Rede darauf,


es freut sie, sie möchts am Liebsten gleich über-
setzt haben, aber wie, durch wen? Möchten Sie 's
wiederlesen und welchen Eindruck Sie
rair sagen,
jetzt im Hinblick auf die D<(use)> davon haben ? Ich
möchte Heber nicht daran rühren es ist eine unreife
,

Arbeit in jedem Sinn, aber sie freuts einen Moment


und jede Freude rauß gut sein.
Nochmals und tausendmal
Ihr D.S.

109. Marie Taxis an Rilke nach Venedig


Lautschin 27-7-12 <Samstag>
Nur Worte Dottor Serafico um für Ihre Zei-
ein paar
len vom zu danken - ich fürchte daß Sie sich
23^^°

wieder ganz ausgeben — ich begreife alles, aber ich


kann mir auch denken daß Sie vollkommen gepachtet
sind - Sie wollen helfen - aber ist da überhaupt zu
helfen ? Mir ist es etwas unheimlich wegen Ihnen -
Aber da sind vielleicht wieder andere Mächte im
Spiel -
Ich habe die weiße Fürstin bekommen (tausend
Dank) und gelesen - ich denke wohl daß die D<[use)>
herrlich in der Rolle sein würde - wirklich für sie
geschaffen - aber wie wenig Menschen möchten das
Stück verstehen, und besonders das Ende, nur an-
gedeutet, verklingend wie ein Traum, möchte der
Menge ganz unverständlich bleiben - glaube ich we-
nigstens. Aber schön ist es, sehr schön - I

185
Wir sind sehr zahlreich gerade jetzt - Menage Titi,
Vera Czernin und Gemal, ethche junge Herrn, Rus-
sell, morgen Placci -
Nächste Woche verflüchtigt sich die ganze Bande -
am 7 und 8'^° August bin ich mit Placci in Bay-
reuth. —
Ich habe eine kleine Statuette von Titi angefangen
die gar nicht schlecht ausfallen könnte - ich möchte
sie in Wachs gießen und dann noch recht
lassen
durchstudieren. - Sie sollten jetzt die Buben von
Pascha sehen — Louis ist ein Traum! Aber es ist
spät — und ich bin etwas müde -
Alles Herzliche Dottor Serafico - von mir, Titi, uns
allen
MT
Ich glaube diese M"^ Poletti muß recht «zwider»
sein ? I

28-7 <Sonntag>
Heute früh in der Kirche hat Pascha Ihre Gedichte
mitgenommen gehabt - es wurden ausnamsweise
traurige einfache böhmische Lieder gesungen - La
musique exalte toujours si etrangement toutes mes fa-
cultas daß ich immer länger darnach « a fluttering
heart» behalte - wissen Sie ein Herz das mit den
Flügeln zu schlagen scheint wie ein gefangener Vo-
gel— und ich habe einige von Ihren Dichtungen ge-
lesen— die ich doch so genau kenne — wie zum ersten
Male - und neue wunderbare Schönheiten darinnen
gefunden - die tragische Maske die den Tod ent-

184
stellt. . . . unsere Ahnen die blühen wollten - wir
die reifen müssen. . .
.^

O Dottor Serafico Sie sind ein Gottbegnadeter


Mensch — Denken Sie übrigens an raich, gerade
jetzt — ich habe trübes und hartes durchgemacht,
und mir selbst eine Belobung ertheilt daß ich es so
lachenden Mundes ertragen

110. Rilke AN Marie Taxis nach lautschin


Venedig, San Vio, Palazzo Valmarana,
am 3. August 1912. <Samstag>

Ja, es war wirkhch etwas viel, es kam ein Moment,


da ich zu Ende war, drei, vier Tage völligen Skelet-
tiertseins , als ob Ameisen alle meine inneren Gerüste
reinlich ans Licht gebracht hätten, - aber da waren
sie schon beide auseinander undfort, jede nach einer
anderen Die Düse, nicht wissend wohin, reiste
Seite.
zu einer Freundin Gfn Sophie Drechsel nach Te-
gernsee, M""^ Poletti beginnt in Rom ein neues Le-
ben; nun muß ich nur noch sehen, ihr begreiflich
zu machen, daß ich der äußerste Bestandtheil ihrer
Vergangenheit war, denn Gott verhüte, daß sie mich
zu ihrer Zukunft rechnet und auf mir weiterbaut.
Sie mag werden was sie muß, ich übernehme keine
Verantwortung.
Soviel ist sicher: die Düse hat viel mit ihr durchge-
macht und wird eine Weile brauchen sich von dieser ,

Lebensgefährtin zu erholen. Ah, liebste Freundin,


es war eine Menge Wasser auf meine älteste Mühle;

1Mit Bezug auf die Gediclite Todes -Erfahrung und Im Saal.


(Gesammelte Werke Bd. III, Seite 65 und 67). Adll.

185
.

wie sind die Dinge doch rein, die man in sich selber
durchmacht und wie wird zwischen den Menschen
das Gutge wölke, das einmal Köstliche, schlecht,
schlecht, verdorben, ein Greuel. Welche Trübsal.
Dabei war der eine Mensch doch wirkhch groß und
der andere nur jung, unfertig, turbulent, falsch an-
gefangen vielleicht, ehrlich im Eifer, möglicher-
weise nicht-anders -könnend - und da, zwischen ih-
nen woher ? wie der Staub
bildet sich das Schlechte ,

darum, könnte ich


überall, aus allem. Ich gäbe viel
die Düse auf einen frohen Gedanken bringen, bis
an den Anfang einer Hoffnung, aber ich seh, ich
muß vorsichtig sein, hätte man Kräfte, aber ich hab
nur ein Stückchen Kraft, groß wde das Kolophonium
für den Fiedelbogen, grade nur brauchbar, um vor
dem Spielen ein , zwei Mal drüber hinzustreichen
Ich schicke Ihnen die Gustgen-Briefe''- ,
(die Insel hat
jetzt eine Ausgabe davon gemacht), welche Herrhch-
keit. Wie war dieser Mensch doch ins Irdische her-
eingeboren, wie begriff er, mit welcher seelischen
Findigkeit, was sich daraus machen läßt. Und da
war man jung und hats übelgenommen, lieber Gott
ja und die Zeit ließ sichs nicht zweimal sagen und
ging-
Der «Cornet» ist nun in derselben Sammlung aufs
Neue gedruckt worden und hat seinem jetzigen Ver-
leger die vergnüglichste Überraschung bereitet, stel-
len Sie sich vor, 8000 Exemplare in 5 Wochen, -
wir drucken 20 000 andere , der Himmel weiß wie,

es zugeht.
1 Goethes Briefe an Auguste zu Stolberg, Insel-Bücherei
Nr. 10. AdH.

186
Ich muß Ihnen erzählen, neulich (auf eben dieses
Buch hin) einen Brief von einem mir unbekannten
jungen Menschen aus dem Sächsischen, der mir eine
Menge Details über meine Familie schreibt, Dinge,
die ich natürlich woißte, der aber (und dies war mir
interessant) die Gegenden gut kennt, in denen die
einstigen Besitzungen meiner Vorfahren sich aus-
breiten; diese Güter reichen weit in die Bergwerks-
gebiete von Freiberg hinein, und in der That w^aren
die Rilkes unter den Ersten, die die Bleigruben aus-
beuteten, ihr Reichthum, der schon im 13. Jahr-
hundert in Kärnthen auf ähnlichen Grundlagen er-
richtet war, hatte damals in Sachsen, in Meißen, in
der Mark seine große Zeit, erlitt im dreißigjährigen
Krieg gründhche Schäden und brach, etwa 80
Jahre später, völlig zusammen; das waren die Tage
der Auswanderung nach Böhmen hinüber, - ins Exil,
in die unkennthche Zukunft. Und nun schreibt die-
ser fremde junge Mensch sich Georg Rülke und theilt
mir, ganz bescheiden, am Ausgang seines Briefes mit,
es habe sich in seiner Familie von Mund zu Mund die

Tradition vererbt, daß, bei dem Zusammenbruch des


alten Geschlechts, ein Rilke, statt mit auszuwandern,
alseinfacher Bergmann in die Gruben gestiegen sei
und daß von diesem unter der Erde Überstehenden,
ihre Abstammung, immer weiter von Bergmann zu
Bergmann, sich herleite. Sie werden lachen, aber
ich neids ihm fast, so wie es ist, als Gerücht, - wars
nicht ein wahrhaft herrlicher Ausweg, so dunkel
und ein bischen trotzig in der Erde zu verschwinden,
aus deren Adern durch Jahrhunderte die Kraft des
Hauses hinaufgeleitet war, zu bestehen, zu bleiben,

187
,

statt diesen trübsäligen Weg der Auswanderung zu


nehmen, mit Erinnerungen, an die man nicht den-
ken darf, herabgesetzt statt vernichtet, ein Kompro-
mis, schlechter Geschmack im Grunde. Da sitz ich
und es kommt mir vor, daß ichs nöthig hätte, von je-
nem andern herzustammen, dem Verbissenen, der
das noch großgewohnte Herz des Geschlechts mit
einem Ruck, da es noch glänzte, unter die Erde riß —
und denken Sie, daß es dort blieb, daß es sich erhielt,
ununtersucht von Vater zu Sohn, nur an der Ober-
fläche ein wenig eingeschläfert von dem reinen
Rhythmus der elementaren Arbeit - und daß ichs,
anderthalb Jahrhunderte später, vermehrt um so viel
Dunkel, in mir hätte zu sich bringen können, statt
es verdünnt zu finden, verkleinbürgert, mit soviel
falschen Bügen.
Ich schrieb dem jungen Mann (der Name war mög-
lich, da die Rilkes sich, latinisiert, Ruliko schrieben,
Rülicke, Rülke -) ich wünsch ihm, daß sich die Tra-
,

dition irgendwie in ihm besinnt, er mag sich zusam-


mennehmen. -
Ich lese bevor ich schließe nocheinmal Ihren lieben
, ,

Brief (vom 27. /28.), danke, er kam in einem Mo-


ment, da er mir überaus wohlthat -, von der JVei-
ßen Fürstin war zum Glück nicht mehr die Rede,
für mich ist sie so abgethan und entlegen, es wäre
der pure Anachronismus gewesen sie in irgend einem
,

Sinn wieder vor sich zu haben Die Düse - wenn es


.

noch nicht zu spät ist - kann nur noch etwas Voll-


kommenes aufzeigen, ein paar große Zustände mit
reinen Übergängen untereinander. Aber wo ist die-
ses Werk und was muß geschehen, damit sie sich da-

188
für nicht verdürbe vorher? Jetzt nutzt sie sich ab,
verwohnt sich den eigenen Körper, ohne andere
Stelle, wie sie ist. Im September wollte sie her zu-
rückkommen, aber das Haus, das sie meint, ist nicht
gefunden, auch genügt eine halbe Stunde, damit sie
eine Wohnung abnutze, sogar der Plafond ist nicht-
mehr zu brauchen. Es geht eine Unlust, dazusein, in
gewissen Momenten von ihr aus, die so penetrant ist,
daß den Dingen um sie herum gleichsam die Zähne
ausfallen -
Für Placci tausend Grüße; er hat sie noch an jenem
wunderbaren Nachmittag gesehen, von dem er Ih-
nen wird gesprochen haben. Ach, das scheint mir
jetzt fünfhundert Jahre her, wenn ich zurückdenke.
(Ich bin auch nicht mehr jung)
Alles Gute für die Statuette, wasfür eine gute Idee.
Und das Modell, rächt es sich für das Stillhalten der
sdancen indem es sich Bewegung in der Geige macht ?

Ich wollte, ich hörts manchmal.


Aber genug. Grüße soviel als möglich und Allen.
Ihnen, gütigste Freundin, tägliches herzliches Ge-
denken .

Ihr
I D.S.

{P. S. Ich sah heute einen Fächer der Contessina Pia,


sehr sorgfältig zusammengesetzt von einem kleinen
Handwerker genau wie der Ihrige,
in der Spaderia^;
vielfach gebrochene, den wir zusammensetzten. Wo
ist der ? Ich lasse mir die Adresse geben allerdings ,

1 So statt Spadaria (Gasse zwischen dem Campo San Giu-


liano und der Galle Larga San Marco). Adll.

189
40 Frcs für die Arbeit. - Ein neues Buch Blackwood 's
wurde mir heute geschickt, ParCs Garden^ haben
Sies ? sonst send ichs, - ich kanns doch nicht lesen.
Adieu, nochmals, - gute Reise.)

111. Marie Taxis an Rilke nach Venedig


Bayreuth 8-8-12 <Donnerstag>
Wie schade daß Sie nicht hier sind Dottor Serafico!
Ich finde esist Ihre Pflicht Parsifal zu hören - ohne

Spaß das sollte Ihr spezielles Eigenthum sein -


Bayreuth ist übrigens sehr anders geworden - ich er-
innere mir die ersten Jahre wo ich hinkam — cela se
perd dans la nuit des temps — wie viele Menschen
welche es als höchste Elegance betrachteten herzu-
kommen - w^as für Toiletten, was für Perlen. Man
hörte eigentlich nur englisch und französisch - be-
sonders französisch — Man sah lauter Freunde und
Bekannte — alles war ungeheuer lustig und aufge-
räumt - voriges Jahr war ich verhindert, also sind es
3 Jahre her seitdem ich zuletzt hier war. Ich bin
gestern gegen 1 Uhr mit Placci angekommen, wir
haben zu Hause gegabelt — aber schon beim Ankom-
men frappirte mich etwas undefinirbares - freilich
es regnete — aber doch schienen mir die Straßen so
leer, das Festliche war nicht da - Ich habe eine kleine
Wohnung in der Lisztstraße ganz nahe von Wahn-
fried — die Fenster von meinem Parterrezimmer se-
hen auf einen kleinen Garten hinaus der ganz mit
,

Clematis und Rosen gefüllt ist - dann kommen die


großen Bäume des Stadtgartens — Sie rauschen me-
lancholisch denn auch heute regnet es Gestern war
, .

190
der erste Parsifal - das war herrlich wie immer -
noch herrhcher denn ich habe selten eine solche Voll-
kommenheit der Chöre und eine solche Intensität
des Spieles (Van Dyck — Mildenburg) gehört und ge-
sehen — Aber denken Sie sich Dottor Serafico nicht
. !

ein bekanntes Gesicht — nicht eine Silhouette von


der mansich denken könnte das muß ein Bekannter
sein - lauter garstige, schlecht angezogene, un-
soignirte Menschen - Man hört nur deutsch - als die
Kronprinzessin in ihre Loge eintritt dreht sich alles

um und gafft sie an wie ein Weltwunder.


Wahrscheinlich ist dieses Publicum viel ernster, viel

mehr und andächtig — doch hat Bayreuth et-


erfüllt
was von seinem bizarren Charme als sejour ver-
loren, und man hat doch das Gefühl es geht zur
Neige Und es wäre schade ewig schade Heute noch
. , !

ein Parsifal, und morgen fahre ich nach Hause, in


einem Schub. Berenson den ich im Herfahren in
Carlsbad besucht habe hat mich beschworen mich
wieder im Zurückfahren dorten aufzuhalten - aber
ich werde es doch nicht thun - ich fürchte es würde
mir zu viel Zeit nehmen. In Lautschin finde ich mo-
mentan nur meine Schw<[ieger)> Mutter und die lie-
ben babies — alle Gäste sind fort - Alex ist in Ungarn,
Pascha auf 2-3 Tage in München. Aber wir erwar-
ten \\'ieder Leute - einige Engländer - Capt. Barton
mit seiner Frau (Sie erinnern sich wohl) etc. etc.
Aber jetzt muß ich Ihnen danken, vielmals danken
für Brief und Buch - Ich habe den « Cornet » wieder
gelesen mit großer Freude, und Ihr Brief war auch
kösthch und rasend interessant. Wissen Sie Dottor
Serafico ich bin froh daß sowohl die Dusc als die Po-

IPl
.

lettiabgeschoben sind — sonst wären Sie wirklich wie


von den Ameisen aufgefressen worden. Placci hatte
dasselbe Gefühl, er kennt ja die D<(use) seit vielen
Jahren und sagt ganz wie ich daß man ihr nicht helfen
kann - und was die andere anbelangt so haben Sie
sehr recht keine Verantwortung zu übernehmen, das
wäre wirklich ein bißl viel verlangt — Gott wie haben
Sie recht mit dem « Staub » der sich zwischen Men-
schen bildet — und gibt es etwas schmerzlicheres als

davon gewahr zu werden —


Ich finde aber gar nicht daß es ein Glück ist daß von
der « weißen Fürstin » nicht mehr die Rede war - es
ist so schön daß es doch hätte probirt werden sollen -

schließlich das große Publicum ist doch nicht allein


maßgebend - Gewiß ist die erste Ausgabe des « Cor-
net» nicht so gegangen — ich freue mich für die
zweite, wundere mich aber gar nicht 1

Danke auch für die Briefe an «Gustgen», Placci


kannte sie nicht - ich habe ihm indessen den Cornet
gegeben
Kassner hat mir geschrieben (und mir die geän-
derte Moral der Musik geschickt) er will um den
20. Aug<^ust]> nach Lautschin kommen, dann in
Sept<(ember)> nach London wo er mich durchaus ha-
ben will - er behauptet B°'° Knoop hätte ihm gesagt
daß Sie auch hinkommen - ist es wahr ? Pan's Gar-
den habe ich nicht - dafür John Silence, ein paar
hübsche « Geistergeschichten »i. In Sept<^ember)
möchte ich aber doch jedenfalls weg von Lautschin
denn es wird mir zu traurig sein dorten zu bleiben
1 Algernon Blackwood, Pan's Garden (London 1912) und

John Silence^ Physician Extraordinary (London 1908). AdH.

192
wenn die ICinder wegfahren - und auch die Erichs
gehen zu den Eltern Kinsky - aber ich weiß nicht
ob meine arme alte Schw<(ieger) Mutter die heuer
difficiler ist denn je dazu zu bringen sein wird nach

Gmunden zu fahren - vederemo! in dem Falle ist


vorderhand projectirt etwas nach Duino (wonach
ich mich unendhch sehne) zu fahren und zwar mit
Alex, dann eventuell auch ein paar Tage Venedig -
Gegina in Gleichenberg vielleicht zu besuchen -
Sonst werde ich mich heuer wenig rühren können -
Und nun Schluß, Heber Freund, ich kann Ihnen nicht
sagen wie sehr mich der Brief des «Rülke» interes-
sirthat und Ihre Auffassung desselben - aber ich be-
weine absolut nicht daß Sie nicht vde ein Maulwurf
plötzhch aus der Erde vvdeder erschienen sind - Sie
wären doch jedenfalls nicht der Doctor Seraficus ge-
worden. Da brauchen Sie unserem Herrgott nicht ins
Handwerk zu pfuschen.
Grüße von mir und
Allerherzhchste frate Lupo
MT.

112. Marie Taxis an Rilke nach Venedig


Lautschin 10-8-12 <Samstag>
Dottor Serafico, könnten Sie mir die Adresse von den
Romanelhs schicken, ich meine, wenn wie ich mir
denke, sie nicht mehr in Paris sind - ich möchte ihm
gerne schon jetzt einen Theil der letzten Rate
schicken -
Haben Sie meinen Brief aus Bayreuth erhalten -
In Eile alles alles Schöne I

MT
.3 ' 193
113. Rilke an Marie Taxis nach lautschin
Venedig, San Vio, Palazzo Valmarana,
am 13. August 1912. <Dienstag>
Verehrteste Freundin,
wirklich nur die Adresse der
Romanelli 's jetzt, nichts weiter, um mir von der
Freude ruhigen Schreibens (einen dieser Tage) nichts
vorwegzunehmen; sie wohnen,
Ende September,
bis
glaub ich, in dem eben gewordenen neuen
fertig
Haus: Villa Isolana genannt, Quattro Fontane Li- ^

do — Schön wars für mich, Ihren heben langen


.

Brief aus Bayreuth zu haben, danke Ich muß nun .

v/ieder einmal Pläne fassen, meine schwächste Seite,


nein, London steht keineswegs bevor, denke viel-
leicht wieder an eine Art Kur in Rippoldsau (badi-
scher Schwarzwald), aber fraghch, fraglich. Vor der
Hand entdeck ich mir Padua, staunend, gestern die
und aller-
Giotto, diesen herrlichen Prato della Valle,
leiunberühmte Dinge, auf die mirs, reisend, immer
mehr ankommt. Bald mehr, nur in Eile tausend
dankbarste Grüße
Ihres
D.S.
Sende Pans Garden.

114. Marie Taxis an Rilke nach Venedig


Lautschin 21-8-12 <Mittwoch>
Dottor Serafico Ich habe fort auf den versprochenen
,

Brief gewartet um Ihnen meine nächsten Projecte


zu sagen - aber da noch nichts kommt will ich Ihnen

194
schnell ein paar Worte schreiben daß ich also wirk-
lich am 1*^° Sept<^eniber) abzufahren glaube, da
meine Schw^ieger)> Mutter — Gott sei Dank und
unberufen! - auch gleich nachdem die Kinder ab-
reisen nach Gmunden fahren will. Halten Sie mich
nicht für herzlos D.S. aber wirkHch ich bin miserabel
und wenn sie gebheben wäre so wäre doch das Ende
gewesen daß ich en tele ä tele mit ihr hätte hausen
müssen, und wirkhch das wäre jetzt über meine
Kräfte gewesen.
Nun ich muß dann auf ein paar Tage zur Gegina -
(entre nous soit dit wäre mir auch lieber gewesen
direct nach Duino zu fahren) - und dann gegen mitte
Sept<(ember)> komme ich nach Duino —und jetzt wollte
ich Sie fragen ob ich für den Herbst auf Sie rechnen
könnte ? ? d. h. ob Sie entweder in October ein wenig
mit mir in Duino sitzen konnten oder in November-
Dezember her kommen wollten — oder beides ? Sie
müssen ganz aufrichtig sagen ob es Ihnen eventuell
passen würde, in welchem Falle Sie ja wissen daß
ich glücklich wäre Sie zu haben. October und No-
vember sind namhch Jagdmonate von Alex - Reit-
und Schießjagden - da müßte ich sehr viel allein
sitzen. Kommen Sie zu mir so theile ich mir es ganz
gemüthlich ein - hätte keine Gäste nebenbei - haben
Sie aber etwas anderes vor so möchte ich eventuell
etwas reisen. Also bitte sagen Sie mir ganz auf-
richtig was Ihnen eventuell passen würde!
Danke tausendmal für Pan's Garden! denken Sie
sich — ich habe es auch von England erhalten - das
wird von B"'" Knoop oder von Blackwood selbst
sein ? ? Ich möchte so gerne danken weiß aber nicht

195
wem und wohin ? ? - Kassner gestern angekommen
sehr guter Dinge - Nächstens mehr - alles HerzHche
MT
Den 25. October bin ich in Stuttgart.

115. Rilke AN Marie Taxis nach lautschin


Venedig, San Vio, Palazzo Valmarana,
am 26. August 1912. Montag
Ein Glück, verehrte Freundin, daß Sie meine zwei-
hundertzwanzig Unentschlossenheiten mit ein paar
wirklichen Plänen zur Rede stellen, und vor Allem
Dank, tausend Dank für den lieben Raum, den Sie
mir in diesen Plänen lassen. Aber —
Ach, Ach mehr
als je: — ach, ich versuche, ich setze immer wieder

einen unschuldigen Konsonanten, ahnungslos, wie


er ist, vor diese allzu offene Silbe, ich bilde: Bach,
Dach .... das sind Worte , das Ach kommt immer
wieder heraus und ist das einzige ganz glaubwürdige.
Diese wunderliche Lebens -Krisis ist immer noch
nicht überstanden und ich seh, da wird überstehen
wirkhch Alles sein^ Meine Beschäftigung, bald schon
.

mein Beruf ist, Geduld zu haben, manchmal ist's


wie die Schmerzen, von denen man meint, man
könnte sie nur einen Moment aushalten, und dann
wirds doch so langsam das Tägliche, die Natur ist zäh.
Seit den Dusetagen, den überaus seltsamen, bin ich
ziemlich herunter, kurz vorher war eben ein bischen
1 Anspielung auf den Schluß des Requiem für Wolf Graf
von Kaickreuth. AdH.

196
\
Muth zusammengekommen, aber dann kamen be-
trächtliche Ausgaben. Momente, wo 's freundlicher
aussieht, aber ohne Konsequenz. Sie werden das
kennen: man sieht nach der Stehuhr und es macht
einem großen Eindruck, dort eine bestimmte Stunde
angezeigt zu finden, sagen wir, elf Uhr, - man geht
auf diese Konstellation der Zeiger ein, man hat auf
einmal mit dem ganzen Körper elf Uhr, sogar ein
bischen Hunger rührt sich, kurz es ist ein Akt des

Glaubens, eine rechte Freude, daß elf Uhr ist, alles

stimmt dazu — aber auf einmal entdeckt man daß


, ,

die Uhr steht -, es ist in Wirklichkeit ganz etwas an-


deres gleichviel was — so ungefähr sind diese freund-
,
:

lichem Momente, stehn-gebliebene, es ist nichts mit


ihnen anzufangen.
Dies alles, nicht um zu klagen, liebe Fürstin, nur um
aufzuklären, warum ich nicht schrieb und wieso
nicht recht mit mir zu rechnen ist. Vielleicht wenn
ich mir gar nichts vornehme, komm ich am ehsten
in die rechten Verhältnisse, in die Temperatur, in
der alle die in mir angestarrte Arbeit flüssig, gasför-
mig, geistig wird. Ich will Ihnen gestehen, ich denke
vielan Paris (trotzallem) oder ich setzte meine Hoff-
nung auf etwas Entlegenes, mir ganz Neues, wo
man naiv anfangen könnte, ohne Vergleiche. Irgend
eine Stelle in Sizilienam Meer, um dort den ganzen
Winter zu bleiben. Dies sind die zwei Dinge, die ein
bischen Anhängerschaft haben in meinem Herzen,
und am Ende fing ich schon jetzt an, in ganz lang-
samen Etappen hinunterzugehen, wenn nicht ande-
rerseits das Bedürfnis in mir ziemlich deutlich wäre,
mich vor dem Winter erst noch gründlich in Repa-

197
ratur zu geben, alle Schrauben nachsehen zu lassen-,
das brachte mich auf Rippoldsau; (wenn nur nicht
von allen Seiten so erbärmhche Wetternachrichten
einliefen, alle Leute flüchten sich vom Land). Ge-
stern schrieb ich Kassner, hatte einen Moment die
Idee, meinen Weg über Gleichenberg zu nehmen,
um Sie zu sehen -, aber (Geographie!) nun seh ich
auf der Karte, daß mich das entschieden zu allen
meinen sonstigen Wegen in Widerspruch bringt,
viel zu weit nach rechts, so glaub ich nicht, daß dar-
aus etwas wird, schreibe auch der Gräfin Gegina
noch nicht davon. Sollte ich nach Rippoldsau gehen,
oder auch nur nach Hessen zur alten Baronin Ra-
benau (den langversprochenen Besuch) so komm ich
doch eine Weile in Deutschland herum, und da Sie
auch reisen, müssen wir uns sehen. Sprechen wäre
leichter und besser, — sehen Sie irgend einen Rath
für mich aus alledem ? Tausend Dank, herzHchsten, —
Ihr D. S.

Valmarana's sind seit Mittwoch fort, nach Campiglio,


gestern war ich in Padua bei der guten Grfn Luisa
Cittadella. Eine Woche mindestens bin ich noch hier.

116. Marie Taxis an Rilke nach Venedig


Lautschin 27-8-12 <Dienstag>

Lieber Dottor Serafico


Ich habe soeben Ihren Brief
erhalten und fange schnell ein paar Zeilen an, um
Ihnen zu sagen daß mir Gleichenberg nicht sehr ein-

198
geleuchtet hätte, weil ich wahrscheinlich nur ganz
kurz dorten bleibe da ich mich etwas verkühlt fühle
,

und sobald als Sonne aufsuchen


möglich etwas
möchte - ich hoffe also den 6 oder 7^^° spätestens
in Duino einzutreffen - per Auto und mit Alex -
Ich hoffe sehr daß Sie doch noch in Venedig sind und
möchte Sie sehr gerne sehen und sprechen — Viel-
leicht geht es Ihnen zusammen auf ein paar Tage -
oder auch kürzer wenn Sie pressirt sind - nach Duino
zu kommen. Aufrichtig gesagt hätte ich eine große
Sehnsucht Sie zu sprechen - hätte Ihnen auch einiges
merkwürdiges zu erzählen - Eventuell, könnte ich
Sie nicht per Auto hinunter nach Sizilien oder wenig-
stens bis Rom oder Neapel bringen ? Wäre das nicht
eine Idee ? Bitte bis Sie diesen Brief erhalten telegra-
,

firen Sie mir ob ich Sie noch finde und ob eventuell


dieses Autoproject in Berücksichtigung genommen
werden könnte — Verzeihen Sie die Seccatur aber
ich möchte mir es a tempo eintheilen —
Kassner ist hier, fährt in ein paar Tagen nach Eng-
land -
In Eile die allerherzlichsten Grüße
MT
Am 31*" reise ich ab. Bin 1., 2., 5. in Wien.

117. Rilke an Marie Taxis nach wien


Venedig, San Vio, Palazzo Valmarana,
am letzten August, <31. 8. 1912, Samstag)
Gestern abend, gegen ^11 nachhausekommend,
fand ich Ihren Brief, liebe Freundin, danke, über-

199
. .

legen war überflüssig, ich sah sofort ein, daß ich, so-
wie Sie in Duino sind, für drei, vier Tage minde-
stens, hinkomme, ein Segen, daß Sie kommen, es

wird möghch sein, in Ruhe zu sprechen, zu erzäh-


len, zuzuhören, ich habe das unbedingteste Bedürf-
nis danach sehe nichts was mir besser weiterhelfen
, ,

könnte. Und der Fürst kommt mit Ihnen -, das ist


herrlich, ich kann nicht sagen, wie ich mich auf ihn
freue
Ihre Absicht, mich dann im Auto irgendwohin zu
bringen, ist sehr lieb und sehr schön, aber ich wage
nicht zu sehr, Sie darin vor der Hand zu unterstüt-
zen, da eben dieses Wohin, selbst seiner Richtung
nach, sich noch nicht bekennen mag, sogar die Mög-
lichkeit, doch noch einen Moment nach Deutschland
zu gehen,muß ich mir noch offen halten. Sie wer-
den meine Unschlüssigkeit sehr verwünschen, liebe
Fürstin, es ist viel, ich weiß, nicht einfach zu sagen:
Genug, und jetzt mach was du willst, du Scheusal.
Gott lohns Ihnen, daß Sie diese Anrede noch hinaus-
schieben .

Gute Reise nur noch und lassen Sie mich, bitte, hier-
her wissen, wann Duino eintreffen.
Sie in
Alles Herzlichste und Dankbarste
Ihr
D. S.

P. S. Der Grfn Schlick herzhche Grüße, ich habe ein


sehr schlechtes Gewissen, ihr die ganze Zeit nicht
geschrieben zu haben, aber mir will jetzt gar kein
Brief von der Hand -

200
118. Rilke an Marie Taxis auf schloss duino^
<Dumo, 3. 10. 1912. Donnerstag)

Les trois compte rendus — le premier rCest pas encore


corrige —
Je vais donc ä Trieste^ helas, — maü ä ce soir
D.S.

119. Rilke an Marie Taxis nach Venedig


Hotel Marienbad, München
Montag, <1 4. 10. 1912)
Liebe Freundin, was sagen Sie nun dazu? Oder ist

da überhaupt nichts zu sagen: ich fürchte. (Denken


Sie, daß ich Marthe wirklich nicht geschrieben habe,
auf den kleinen Brief hin, das ist nun die Folge: ich
Scheu-Sal). Lesen Sie die paar Zeilen Frau Woer-
manns, hier bei, das was sich wissen läßt; auf
ist alles,

das hin telegrafierte ich Ihnen gestern^. Nun sollen


Sie, um Gottes willen keine Mühe davon haben, ich
,

meine nur, falls Marthe im Pal<(azzo) Valmarana nach


mir gefragt hat, ist vielleicht eine Spur zu verfolgen
möglich, daß man wenigstens ihre Adresse erführe -;
vielleicht auch fragt sie noch einmal an, am Ende
auch hat man ihr dort Duino genannt und sie sucht
es, - ich kanns nicht lassen, mir alles Mögliche vorzu-

stellen (was mir durchaus recht geschieht) Von den .

Valmarana 's weiß nur die Gräfin Luisa Cittadella


einiges um Marthe 's Existenz, vielleicht könnte sie

1 Begleitendes Billet zur Übermittlung (innerhalb des


Hauses) der ersten drei Protokolle über die «Seancen»
vom Herbst 1912. Vgl. die Beilage Nr. 2. AdH.
2 Das Telegramm ist nicht erhalten, ebensowenig wie die
vorher erwähnte Beilage. AdH.

201
irgendwie helfen. Was mich beunruhigt ist nicht so
sehr, daß sie fortgegangen ist, vielmehr, daß sie lei-
dend sein soll, - da reist sie nun so auf eine Wärme
zu, armes Kind, die ebenso imaginär ist wie ich
selbst. Fürstin, was thun ?
Was soll ich erst von hier sagen — Sidie Nadherny
,

war zwei Tage hier, eine Wohlthat für mich, - sonst:


Ruth natürlich, etwas unglaubhch Sicheres, Gut-
angefangenes, die einzige Gerechte, kommt mir vor,
mit genau derselben Kraft im Loslassen, wie im Hal-
ten, - eine Liebende, wirklich eine große Liebende,
wenn sie dabei bleibt une gloire de coeur; um ihret-
willen könnte ich heute ruhig und froh weiter, -
aber stellen Sie sich vor, der Zahnarzt hält mich,
heute kommt auch erst meine Mutter
Hofmannsthal ist hier im Marienbad, heftig arbei-
tend. Geht aber schon nächster Tage nach Stuttgart;
alles hier freut sich auf Sie, auch Placci wird noch
vor Stuttgart hier erwartet. Ich wage nichts zu sa-
gen über das Wann meiner Abreise, in 3 bis 4
Tagen, hoff ich. Vielleicht erreicht mich noch ein
Wort von Ihnen, liebe Fürstin, das wäre Gottes purer
Trost.
Tausend Grüße.
Ihr D. S.

Fast dacht ich, die Planchette hätte noch einmal ge-


sprochen ? Nicht ?

202
120. Marie Taxis an Rilke nach München
<(Telegrainm :>
Venezia 14 / 10 / 1912, 19.20 h. <iMontag>
Arrive ce soir rien trouve de Marthe prie
envoyer tout de suite son adresse amities
Marie Taxis

121. Marie Taxis an Rilke nach München


Venedig 15-10-12 <Dienstag>
Lieber Serafico - gestern abends Ihr Telegramm^ und
heute Ihren Brief -Niemand ist hier gewesen außer
vor einigen Tagen ein Herr der seinen Namen nicht
sagte und nach Ihnen frug - Ihre Pariser Freundin
ist doch eine Gans — denn durch den Russen hätte

sie gewiß Marthe 's Adresse erfahren, und hätte es

Ihnen sagen sollen — Welche complication und wie


mir leid ist um das arme Kind - Ich denke fast ich
würde sie erkennen - aber das ist eine schwache
Hoffnung -
Daß Ihre kleine Tochter so herrhch ist freut mich
riesig -undauch darauf sie kennen zu lernen -Aber —
«eine große Liebende» soll sie werden - dieses
Martirium soll ihr beschieden sein ? ?
Ich schreibe Ihnen nur in größter Schnelligkeit da-
mit Sie Nachrichten haben oder vielmehr erfahren
daß keine Nachrichten da sind - Wenn ich nur
eine Ahnung hätte wo wir das Kind suchen sollen -
und jetzt fällt mir ein daß ich nicht ihren zweiten
Namen weiß ? Ich hoffe Sie entdecken die Adresse
und schicken Sie mir sie sobald als möglich -
1 Das - nicht erhaltene - Telegramm Rilkes vom 15. 10.
1912, dessen auch sein Brief vom 14. 10. 12 erwähnt. AdH.

203
Die Fürstin Bibesco ist ein Traum — vorgestern gegen
abends habe ich ihr die drei Gedichte^ und die beiden
Elegien vorgelesen - sie versteht Deutsch und spricht
es ganz gut - sie war so ergriffen daß ihre schönen

großen Augen voller Thränen waren - Sie sieht einer


kleinen egyptischen Gottheit ähnlich - heute fährt
sie weg - Ich denke am 20**^" in München zu sein.

Vielleicht finde ich Sie ? ? - Die Planchette hat nicht


mehr gesprochen - der Traum war es glaube ich.
Alles alles Herzhche
MT

122. Rilke an Marie Taxis nach Venedig


Hotel Marienbad, München
<Dienstag, den 15. 10. 1912, mittags)

Eben, liebe Fürstin, telegrafierte ^ ich Ihnen, daß man


keine Adresse weiß, da kommt das inliegende Tele-
gramm von Frau Woermann; ich verstehe nicht recht
die dort genannte Adresse, aber man muß anneh-
men es sei eine - und die Dinge dürfen ihren Weg
nehmen, da sie - scheints — einen gefunden haben.
Seltsam, seltsam.
Ich wollte ich wäre fort, meine Mutter ist und
hier,
ich habe den ganzen Vormittag unter allerhand Un-
behaglichkeiten beim Zahnarzt verbracht; Stimmung
1Die drei Gedichte (Ein junges Mädchen, Rückkehr Judiths
und Skizze zu einem Sankt Georg), die Rilke ihr in das „kleine
blaue Buch" eingetragen hatte (vgl. ihre „Erinnerungen an
R. M. R." S. 21), und zwar die deutschen Texte, nicht -
wie Rilke es in seiner Antwort vom 17. Oktober versteht -
ihre Übersetzungen ins Italienische. AdH.
2 Telegramm und Beilage nicht erhalten. AdH.

204

t
recht unverträglich über alledem. Der Zahnarzt ist

nun nahezu fertig, aber es wird doch noch bis Frei-


tag hier mit mir vorhalten, wenn nicht länger.
Soll man Marthe dort so lassen, wie es sich ihr fügt,
es fügt sich ihr immer irgendwie, - aber zu denken,
daß ich sie wahrscheinlich getroffen hätte , wenn ich
dem Programm nach, statt hierher nach Venedig
gegangen wäre. . .

ist inzwischen auch eine andere


(Gebsattel 's Adresse
geworden, nichtmehr Pension Fink, sondern Pension
Richter, Leopoldstraße 48. Eventuell zur Vormer-
kung.)
Es wohnt sich recht freundlich im Marienbad, aber
das Wetter ist schon wieder im Sich -Ändern.
Istjemand von den Valmarana's in Venedig ? Bitte
grüßen Sie alle und nehmen Sie sich der Pia an.
Grüße in die Casetta, wie war die Bibesco ? Genug,
tausend Grüße und Dankbarkeiten
Ihr
D.S.

Ach ach ach

(Dies als Illustration.)

123. Marie Taxis an Rilke nach München


<Tele^ramm :>
Venezia 17/10/1912, 11h vorm. <Dünnerstag>
serai Munich dimanche matin prie rdponse si vous
trouve[z]
Marie Taxis

205
124. Rilke an Marie Taxis nach Venedig
Hotel Marienbad, München
am 17. Oktober. (Donnerstag) <1912>
Ja, Fürstin, Sie findenmich noch hier, ich bin ganz
bewegt davon und ein wenig beschämt nebenbei,
weil es so garnicht dem Programm nach geht -,
andererseits wüßt ich wirklich nicht weiter ohne Sie
vorher noch zu sehen; es ist durch und durch in der
Ordnung, wenn mans nicht pedantisch nimmt. Also :

auf Wiedersehen, Sonntag.


(Eben kommt nämhch Ihr Telegramm, das ich gleich
beantworte -) gestern abend Ihr guter Brief, die
Theilnahme der Fürstin Bibesco an jenen Ihren Ver-
sen^ rührt mich Sie pflanzen mir immer wieder kleine
:

Ruhmzweige in die herrlichsten Gärten.


Placci, heißt es, kommt im Rus-
schon heute abend
werde gleich morgen nach
sischen Hof, hier, an, ich
ihm fragen— Hofmannsthal ist gestern gegen Stutt-
.

gart zu gegangen.
Danke, danke für Ihr Überlegen, Marthe betreffend.
Sie heißt Marthe Hennebert; schelten Sie mich kei-
nen Stock, Fürstin, wenn ich ihr selbst jetzt, auf
diese Art Adresse hin, nicht zu schreiben versuche:
was hat sie davon, wenn ich ihr nun mittheile, daß
ich in München bin und nach Spanien gehe -?
Nichtwahr ?
Wege sind Wege.
Liebe Freundin, es ist doch ein Glück, daß Sie kom-

men. (Nehmen Sie nicht die Pia mit nach Stuttgart ?)


Wir werden den Laokoon des Greco hier zusammen
sehen und dann fahr ich Montag oder Dienstag doch
1 Vgl. oben Seite 204, Anm. 1. AdH.

206
noch von Ihnen aus ins Neue, Nächste, Übernäch-
ste, Künftige, so gehört es sich diesmal.
Ihr
D.S.

125. Marie Taxis an Rilke in München


Hotel Marienbad, München
Montag abends <21. 10. 12>
Dottor Serafico wollen Sie morgen vormittags
mit mir die Pinacothek anschauen ?

Lassen Sie mir es gleich wir könnten


früh sagen
dann zusammen gabeln Sie werden von Frau Bruck-
.

mann eine Einladung zum Souper morgen abends


8 Uhr erhalten haben — Ich soll auch dazu kommen —
und die Elegien auch —
Wenn wir morgen die Bilder anschauen wäre Ihnen
10 oder 10 % recht ? Jedenfalls möchte ich Sie gerne
einen Moment vormittags sehen damit wir entdecken
was geschieht, auch für abends.
MT.

126. Rilke AN Marie Taxis in München


<Hötel Marienbad, München)
<22. 10. 1912, Dienstag)

Um 10 ^, liebe Fürstin, warte ich in der Halle und


freue mich sehr auf die Pinakothek; wir sprechen
über das andere.
Guten Morgen.
Ihr
D.S.

207
127. Rilke an Marie Taxis in München
Hotel Marienbad, München
<22. 10. 1912, Dienstag)
Sehe soeben: gerade heute, Dienstag, ist der Tag, da
die Alte Pinakothek geschlossen bleibt . Was thun ?

Ich erwarte Sie gleichwohl um 10 34 in der Halle, -


wir müssen etwas anderes unternehmen.
D.S.

128. Marie Taxis an Rilke nach München^


Wien 27-10-12 <Sonntag>
Dottor Serafico carissimo - sind Sie noch in Mün-
chen, ganz traurig und perplex, neben Ihrer Luft-
heizung frierend — und nach Toledo denkend wo Ihre
«Unbekannte» Sie unter der Brücke vergebens er-
wartet ? Ich hoffe auf alle Fälle daß man Ihnen diese
Zeilen nachschickt I

Also Ariadne auf Nazos war ein Erfolg, wenn auch


kein colossaler — die Meinungen sehr getheilt — Un-
ser guter Placci so gefüllt von PoHtik comme un
petitpain de foie gras — dachte an nichts anderes als
so bald als möglich in eine Hauptstadt zu kommen
und Botschafter zu interviewn - Folge davon daß er
zu Tode gelangweilt war jeden Abend in eine Probe
hineingehen zu müssen - und alles abscheulich fand -
was aber wirkhch sehr ungerecht war. Ich fand beim
Ankommen einen Zettel von ihm ich sollte um 4 Uhr
im Hotel Marcuard mich einfinden wo uns Giulietta
Mendelsohn vorsingen würde Und das that sie Ach
. .

Dottor Serafico wären Sie dabei gewesen (a.nsehen


1 Nachgesandt nach Spanien. AdH.

208
darf man sie nicht wenn sie singt, aber ein Dutzend
Ohren könnte man haben) Sie sang Beethoven - zu-
.

erst eine große Arie «Ahi Perfido!» etwas opern-


haftes großes leidenschafthches fast itahenisch khn-
,
,

gend und dann « Trocknet nicht Thränen der ewigen


Liebe » - und « der Tod » -^
Serafico diese zwei Lieder — diese zwei Wunder, -
müssen Sie von ihr hören -
Sie sang dann noch einiges, ein Liebhng von mir,
das «Piangete, aure piangete» von Carissimi (di-
vin!) und einige entzückende Dinge von ihrem Groß-
vater Gordigiani
Dann Hause um zur Generalprobe
stürzten wir nach
bereit zu sein -
außer sich über die Grethe
Placci
Wiesenthal, außer sich über die Jeritza, außer sich
über den Krieg - nur nicht außer sich über die Ari-
adne - Und alles war so schlecht arrangirt von die-
sen guten Stuttgarter^n) die glaube ich noch niemals
so viel Menschen beisammen gesehen hatten (und es

eigentlich eher übel nahmen daß man gekommen


war) - es regnete in Strömen (das war freilich nicht
ihre Bosheit) aber dafür, daß man in kleinen Schu-
hen und leichtem Abendkleid eine Ewigkeit vor den
geschlossenen Thüren des Theaters stehen mußte -
dann natürhch fürchterliche Hetze und Gedränge
um sich Sitze zu erobern die nicht numerirt waren -
dabei geschah es daß ein dicker Monsieur der sich ein-
bildete auf meinen Platz ein Recht ( ?) zu haben sich
um ein Haar mir auf die Schoos setzte und mich im
vernichtenden Ton informirte daß er geglaubt hätte
1 Beethoven, Ah ! Perfido . . . Szene und Arie Opus 65 JVonne
;

der Wehmuth Op. 85 Nr. 1 ; Vom Tode Op. 48 Nr. 3. AdH.

.4 209
es wäre ein feines Publicum eingeladen - Pascha
war nicht mit mir und GiuHetta Mendelsohn machte
mir zwar fort Zeichen sitzen zu bleiben - aber es war
mir ungemüthlich gewesen, so knöpfelte ich (mora-
hsch) meinen Überrock auf und Placci verkündete in
dröhnender Stimme einem « in Ehrfurcht ersterben-
den» Saaldiener er solle sofort zum Freiherrn von
Putlitz (dem Theater Intendanten) sich verfügen und
ihn bitten für die Fürstin von Thurn und Taxis eine
Loge aufmachen zu lassen - Ob da nicht eventuell
die Kaiserl.Hoheit meiner Cousine^ mehr genützt hat
als meine Durchlaucht weiß ich zwar nicht, aber die
Loge wurde sofort eröffnet und wir segelten majestä-
tisch hinaus — und waren dann wirklich viel besser
instalhrt, bis auf das daß Placci und GiuHetta die
ganze Zeit plauschten, und ich sie hätte todtschla-
gen können. Eines istsicher — die französischen Schau-
spieler können nicht Shakespeare geben - aber die
Deutschen sind nicht für Moliere eingerichtet - ob-
wohl wirklich axißerordenthch gespielt wurde. Aber
etwas zu lang außerdem. Es war schon gekürzt, und
es kamen noch mehr Striche hinzu. Die Musik fand

ich reizend, Decorationen und Costume deliziös. Ein-


zelne Dinge, besonders das banquet mit der tanzen-
den Wiesenthal wirklich zu hübsch - alles war aber
viel besser am nächsten Tag — bei der Premiere die ;

letzte Decoration wo Bachus und Ariadne an einem


Sternenhimmel stehen wie schon in ihre Gottheit
entrückt, besonders gelungen. Dann senkt sich ein

1 Margarete Fürstin von Thurn und Taxis, geb. Erzherzogin

von Österreich, Gemahlin des Fürsten Albert von Thurn und


Taxis. AdH.

210
Silberzelt aus den Wolken und schließt sich mit tact-
vollem Scharfsinn im richtigen Moment beide ver-
bergend; aber andererseits sollte sich die Gottheit ab-
solut nicht geniren und mir blamirt. — Es
scheint
war wirkhch viel Enthusiasmus wenn auch nicht so
wie bei Electra oder dem Rosencavaher. Nach dem
Theater wurde soupirt, ich saß mit Hofmanns thal,
der sehr zufrieden schien obwohl einiges nicht sehr
angenehm gewesen sein mag und dieser Esel von
einem Theater Intend<(anten^ Freiherr v. Puthtz in
einer schauervollen Rede von allen sprach nur nicht
von Hofmannsthal, der schließlich zufälliger Weise
das Stück geschrieben hatte - Die gute M"'^ Strauß
.

mit einem riesigen Federbusch am Schädel sah aus


wie die Königin Pomare. —Mein Gott welche Epistel I

und ich habe Ihnen nicht die Hälfte erzählt - ich


habe als Dank für den Beethoven Ihre Elegien der
G<[iulietta) Mendelsohn vorgelesen; sie hat kein
Sterbenswort davon verstanden. — Und was sagten
Sie zur armen hübschen P<rinzes)sin Rupprecht^
und zum Krieg ? oh oh oh meine Constantinopler
I I I

Moscheen - und dann werde ich doch sehr ängsthch


trotz aller Friedensreden. . .

Übermorgen fahre ich nach Lautschin - hoffe bald


von Ihnen zu hören, lieber Serafico und schicke Ih-
nen die allerherzHchsten Grüße
MT

1 Marie Gabriele Herzogin in Bayern, geb. 9. 10. 1878, die


Gemahlin des Kronprinzen Rupprecht von Bayern, war am
24. Oktober 1912 in Sorrent verstorben. AdH.

211
.

Heute war ich im philharmonischen Concert - ein


Mozart und die 5*^ Symphonie von Beeth<^oven)>
unbeschreibHch

Ich hätte bald vergessen Ihnen zu sagen daß ich


Kessler gesehen habe und ihm wegen der Büste von
Rodin gesagt habe - es war leider nur ein Moment den
ich ihn erwischen konnte — er wird sein Möglichstes
thun, aber es scheint ein sehr schlechter Moment da
R<(odin )> große Unannehmhchkeiten hat wegen seiner
Freundin. Ich will noch Kessler schreiben. Wissen
Sie seine Adresse; jetzt wo ich ihm 's gesagt habe ist

es ganz einfach:

212
IV

SPANIEN
WINTER 1912/ 1913
129. Rilke AN Marie Taxis nach lautschin
Grand Hotel, Bayonne.
Am letzten Oktober, abends.
<31. 10. 1912, Donnerstag)

Liebe Fürstin,
Dunque: ich bin gefahren, gefahren —
und hier sein heute seit früh (es regnet) heißt
Tag
eigentlich auch weiter nichts, als eben einen
nicht fahren, mehr warten als ausruhen, denn das
ist klar: es handelt sich drum, anzukommen; man

wird sein Möglichstes thun müssen.


Diese Stadt (oder muß man sie zu einer anderen Jah-
reszeit sehn ?) ist nicht ganz was sie dürfte an der
Zusammenkunft zwei so vermählbarer Flüsse (Nive
und Adour) die große Brücke steckt in Gerüsten und
,

Affichen, die erste innere allerdings ist die schönste


Gebärde eines sposalizio, nur, die wundervolle alte
Brücke von Orthez (der Heimath und dem Wohnort
des Francis Jammes), die ich heute ganz um Tages-
anbruch in eben zu-sich-kommender Landschaft ge-
wahrte, hat mirs von vornherein für diesmal über-
troffen. Die Kathedrale wird, dank irgend einer
gutgemeinten Stiftung, arg ins Ordenthche umge-
baut, der Cloitre hat noch einige alte Bogenstrophen
von herrlichem Zusammenhang, aber keine alten
Grabsteine -, Sie können denken, ich suche einen
gewissen Namen^ jedenfalls ,
kommt er jetzt hier nicht
mehr war auf dem Friedhof, wo man für
vor, ich
Allerseelen aufräumte und den guten Anverwandten

1den der Rosemonde Trarieu oder Trarienx, v^l. M. Taxis,


Erinnerungen an R. M. R. Seite 63 französische Ausgabe
;

Seite 133. AdH.

215

I
eilig die Gitter lackierte im Regen - auch
, dort giebt
es diesen Namen nirgends mehr, obwohl andere der-
selben Endung.
Das Museum, bis auf einen kleinen alten Vorrath
ganz aus den Sammlungen Leon Bonnats gebildet,
hat einen wunderbaren Goya, zwei Greco's, aber die
Überraschung ist auf Seite einiger ganz frühgriechi-
scher Sachen aus gebranntem Thon und bei den
Aquarellen des Bildhauers Barye (Rodins erstem
Meister). Seine Thiere, in etwas kommerzialen
Bronzen sehr verbreitet, haben seinen Ruhm ent-
schieden, aber sein Wissen um das Thierdasein
kommt in diesen rasch- und rücksichtslos getuschten
Skizzen viel überlegener zum Ausdruck, - stellen Sie
sich vor, Hügel, Himmel, Vordergrund verdunkelt,
Masse gegen Masse nur ein Streifen Schein am auf-
,

gebrochenen Horizont, und vorn wälzt sich ein Löwe


auf dem Rücken, wie Hunde das gerne thun, und
das Helle seiner Unterseite fangt, weich und leise,
Licht aus der verhaltenen Luft: das ist ein kleines
immens, ganz unvorbereitet, man möchte
Blatt, aber
sagen ohne Kenntnis der dafür nöthigen Mittel gege-
ben, aus der puren Entschlossenheit heraus .... (ein
kleines, gleich stark wirkendes Bild ist im Louvre,
kennen Sie 's ?)

Liebe Fürstin, das letzte, was ich in München that,


war, Pascha sehen, der auch noch am selben Tag
weiter wollte . Merkwürdig muß sich alles in Stutt-
gart gedrängt, aufgehoben, verkompliziert haben,
Giuhetta Mendelssohn 's Beethoven hätt ich gerne
gehört.
Fürstin, ich sage mir heute da ich die Vergünstigung

216
genießen werde, wieder ein Bett zu benutzen, vor
dem Einschlafen, daß ich so ziemhch an der Grenze
Spaniens bin, es wird Ernst, es wird Ernst.
Auch wars das Wichtigste beinah, daß mich der Geist
heute mittag die spanische Straße entlang aus der
Stadt hinaustrieb durch die Porte d^Espagne; un-
merkhch hatte man zwei Wallreihen überschritten,
fand sich draußen in großen freien Anlagen, und im
Rückblick erschien, was da an Häusern fenstrig und
still zusammenstand, als ein sehr eigenes Wesen;
man glaubte mit diesen Gebäuden in einer Welt zu
sein, die rundlichen Grasrücken der Wälle schlössen
perspektivisch aneinander an, aber man war durch
tiefe doppelte Gräben von allem abgetrennt wie von
den Raubthieren bei Hagenbeck.
Genug, denn ich werde gleich stupide sein vor Mü-
digkeit, es flackert nur noch im Be"v\aißtsein Grüße, .

tausend Grüße aus Bayonne, ins Hötel-Buch schrieb


ich mich natürlich als aus Duino ein; von dorten
bin ich aufgebrochen, dabei bleibts, und ziehe nun,
ziehe, wandere, werde.
Gute Nacht, Ihr
D.S.

(Adresse, sofort, wenns eine giebt.)

130. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Toledo, am Allerseclentag 1912.
<2. November 1912, Samstag)
Fürstin, Ihnen das erste Wort, sei es: Hoffnung, und
wenn schon gleich wieder ein Wunsch mitsprechen

217
darf: es möchte lange kein anderes mir klar werden^,
damit ich mich in diesera hier arglos und unbegrenzt
einrichten kann.
Sagen können, wie es hier ist, werd ich ja nie, liebe
Freundin (da^ ist Sprache der Engel wie sie sich unter
,

den Menschen helfen) aber daß es ist, daß es ist,


das müssen Sie mir aufs Gerathewohl glauben. Man
kann es niemandem beschreiben, es ist voll Gesetz, ja

ich begreife augenblickhch die Legende, daß Gott,


da er am vierten Schöpfungstag die Sonne nahm und
stellte, genau über Toledo einrichtete: so sehr
sie

sternisch die Art dieses ungemeinen Anwesens ge-


ist

meint, so hinaus, so in den Raum -, ich bin schon


überall herumgekommen, hab mir alles eingeprägt,
als sollt ichs morgen für immer wissen, die Brücken,
beide Brücken, diesen Fluß und, über ihn hinüber-
verlegt, diese offene Menge der Landschaft, über-
sehbar wie etwas, worein noch gearbeitet wird. Und
dieses Glück der ersten Wege, man versucht, die-
die
ses unbeschreiblich sichere Genommen- und Ge-
führtsein — stellen Sie sich vor, ich nahm die Gasse
,

Santo Tome, dann die des Engels (Galle del Angel)


und sie brachte mich vor die Kirche San Juan de los

Reyes, an deren Mauern lauter Ketten Gefangener


oder Befreiter in Reihen herabhängen und auf den
Gesimsen aufruhen. Pascha hatte mir in München
erzählt, er hätte inzwischen im Baedeker gesehen,
daß es so eine Kirche mit Ketten giebt -, ohne die
Erinnerung, sie damals selbst gesehen zu haben. Nun
1 Ursprünglich es möchte lange kein nächstes von mir
:

erfunden werden. AdH.


a Vielleicht: da<s>. AdH.

218

I
wars das Erste, sie zu finden. Und dann weiter, nir-
gends wars zufällig, und fast hatman Lust, sich um-
zusehen, bei solchem Entdecken, wie um zu erfah-
ren, wer eigenthch zuschaut, wem man damit eine
Freude macht, wie Eander sich umsehen wenn sie

etwas lernen.
Es quält mich, wenn ichs nur anschlagen könnte, den
Ton, hier zum ersten Mal kann ich mir denken, daß
man geht und Kranke pflegt, täglich durch diese
Stadt durchschreitend, könnte man irgendwo einbie-
gen und sich in der Enge unscheinbar abgeben, so
am Äußersten steht dies hier, nach außen kann man
darüber nicht hinaus. Aber draußen auch wieder,
kaum hundert Schritt vor dieser unübertreffhchen
Stadt, müßte es denkbar sein, auf einem der un ver-
heimlichten Wege einem Löwen zu begegnen und
ihn sich durch irgend etwas Unwillkürhches in der
Haltung zu verpflichten Zwischen diesen beiden Ge-
.

bärden etwa möchte das Leben hier liegen -


Mein Gott, wieviele Dinge hab ich lieb gehabt, weil
sie etwas von diesem da zu sein versuchten, weil ein

Tropfen dieses Blutes in ihrem Herzen war, und nun


Solls das Ganze sein halt ichs denn aus ?
,

Nichts mehr heute, Fürstin; ich bin um zehn Uhr


morgens angekommen, in Madrid, (das mir fast so
mißfiel wie Triest) nur eben von einem Bahnhof
zum anderen fahrend, - jetzt ist es Abend gegen sie-
ben und der Tag dazwischen lang wie ein Tag aus der
Genesis. Mein Hotel heißt Hotel de Castilla, gilt für
das Beste hier und scheint brauchbar zu sein.
Viele, viele Grüße Ihnen und dem Fürsten, wo sind
Sie ? Wie geht es ? Der Morgen war sehr sehr kalt,

219
!

ich erschrak schon, so spät gekommen <zu) sein, aber


bei Tag füllt die Sonne alles aus was an Klarheit da
,

ist. Genug, hier schlägt die berechtigte Müdigkeit

über mir zusammen und entzieht mich Ihnen.


Adieu adieu
Ihr
D.S.

131. Marie Taxis an Rilke nach toledo


Lautschin 5-11 -1912 <Dienstag>

O Serafico Serafico Serafico ! !

Ich habe das Gefühl von einem Menschen der zura


erstenMal im Aeroplan fliegt - und nur weiß daß er
keine Ahnung hat wie man es führt — der nur das
Entzücken des Fluges fühlt und jeden Moment auf der
Nasen liegen kann - der nicht einmal ganz sicher weiß
ob er fliegt oder ob er sich 's einbildet -
denn .... habe gestern abends die erste Elegie fer-
ich
tig übersetzt - und sofort mit Wonne die zweite -
den wunderbaren Engelsang - begonnen —
Es ist wahrscheinlich ein Stiefel - aber eines weiß ich,
so spüren wie ich wird es kaum mehr jemand. Na-
türlich ist auch bei der ersten noch viel viel zu feilen
und wahrscheinlich wird es nur ein wohlgemeinter
Versuch bleiben — aber ich will doch bis zu Ende der
zweiten - obwohl in dem weiteren Text fast unüber-
windliche Schwierigkeiten enthalten sind. Ich wollte
sie Ihnen gleich schicken - die erste - aber ich weiß
nicht recht ob ich es thun soll da der rythmus im
Vorlesen erst, einem nicht-italiener, klar werden
kann.

220
Ich glaube ich werde eine Zeichnung von uns ma-
chen - Sie Dottor Serafico, als Adler (aber mit dem
berühmten lorgnon) gegen die Sonne fliegend (sehen
Sie sich ?) und ich auf einem Aeroplan (aber mit
Stelzen) nachstrebend -
Die ganze Famihe mir entsetzt im Galopp nach ren-
nend last not least alle babies die Greenham der Carlo
; , ,

und der Hund Es wäre kösthch Ich mache Witze und


. .

eigenthch bin ich des Grames Beute » - wie schwarz


<^

sieht es im Balkan aus - wie unheimHch die Zukunft


- und Constantinopel der letzte Traum vom Islam -
nächstens in den Händen dieser Banden —
Von diesen vier Balkan Königen sind dreie fertige
Hallunken - der vierte ein geldgieriger Schwäch-
ling - und für die scheint Jehovah zu kämpfen —
Serafico die Moscheen von Stamboul
Ich habe heute Ihren Brief erhalten war so froh von,

Ihnen zu hören - eigenthch dachte ich Sie wären


noch in München und hatte auf alle Fälle einen Brief
!

für Sie Ihrer Frau geschickt, mit der Bitte ihn weiter
zu befördern; haben Sie ihn erhalten. Um dieses
Geschreibsel zu schicken warte ich auf die verspro-
chene Adresse.
Bayonne ist keine sehr entzückende Stadt — aber
nicht weit davon ist ein hoher Hügel irgendwo / wo
Engländer, in den Kämpfen gegen Napoleon gefallen,
begraben sind ./ Von dorten hat man den unbeschreib-
lichsten Anblick. Von einer Seite die hellgrün
schimmernde freundliche französische Ebene - dann
die dunkeln - violett purpur, indigo blau - trotzigen
Berge von Spanien - und dann die zwei Flüsse die so
selig zusammenkommen und vereint zum Meer

221
stürmen - Das machte mir damals einen unaus-
- Von Bayonne selbst erinnere
löschlichen Eindruck
ich mir eine kleine Gasse im tiefen Schatten - wo
man immer Chocolade trank bei einem besondern
Patissier - am Ende der dunkeln Gasse einen Durch-
blick auf die ganz in der Sonne leuchtende wie mit
flüssigem Gold überschüttete Kathedrale. Sonst
weiß ich nichts — ich habe nur immer einzelne Bilder
— manchmal nur Bruchstücke von Bildern — welche
sich in meinem Gedächtnis photographiren - alles
übrige wird traumhaft verworren -
Und so auch mit Toledo - ich sehe eine Silhouette,
festungartig auf einer Höhe — alles okergelb - hart,
entzündet, schattenlos - und den Bogen der Brücke
und der Patio der Cathedrale — und eine steigende
steile Gasse — am Eck eines Hauses ein balcon —

Et voilä tout — Sie sind wahrscheinlich schon dorten


und «die großen fremden Gedanken» ziehen bei
Ihnen ein. - Ich habe gestern abends die erste Elegie
stundenlang wieder durchstudiert - Hätte ich nur
irgend einen maßgebenden Italiener um seine Mei-
nung zu hören. Placciistmir nicht maßgebend - und
was Damerini dem Pascha über meine Übersetzung
sagte, hat mich wieder etwas beruhigt, aber genügt
mir auch nicht.
Ich lese jetzt fort Petrarca und mit immer wachsen-
dem Entzücken — wir müssen ihn auch einmal zu-
sammen lesen, Serafico wie damals die Vita nuova -/
die Villa nuova, sagt Pauline Metternich welche ihr
Neffe disrespectirlich Mauline Petternich nennt - /

222
7 - 11 - 12 <(Donnerstag)> - Und soeben kommt Ihr
Brief - aus Toledo —
Und merkwürdig fühle ich alles mit - sehe Sie wan-
dern und wandern — durch die Galle del Angel —
zur Kirche mit den hängenden Ketten - zur « Sara-
zenen Brücke»
Ah Serafico wie beneide ich Sie wie glückhch sind
Sie, Sie Gottbegnadeter I

Und ich kann Ihnen gar nicht sagen wie se]ig ich bin
Sie dorten zu wissen. Nur jetzt muß es stille werden
um Sie her -
Die allerherzhchsten Grüße
MT
Hier die Copie von unserer Unbekannten^ und den
Brief anMax R<^atibor]> den Sie jetzt oder Wcinn im-
mer schicken können.
Kassner ist nächstens in Wien.

132. Marie Taxis an Rilke nach toledo


Lautschin 11-11-12 <Montag>
Lieber Serafico -
Ich komme mit einer Frage; nämlich Fritz hat mir
geschrieben was ich Ihnen hier copiere: Damerini
voudrait que tu enfasses un peu plus / de traductions /

etque ce füt publid ou en volume ou bien si ce n^est


pas assez dans une Anthologie ou Revue italienne pour
faire connaitre et appricier Rilke au public italien.

Was sagen Sie dazu ?

1Schreibmaschinen -Copie von den Protokollen der „Sean-


cen" vgl. oben S. 201, Anm. 1 und die Beilage Nr. 2. AdH.
;

223
.

Natürlich könnte es nur in einer Revue sein, denn


ich könnte gewiß nicht viel übersetzen - aber ist es
wirkHch möglich und ist nicht Gefahr daß ein mise-
,

rabhchter Amateur wie ich, Ihre wunderbaren Sa-


chen, verschandelt, weiter gibt. Sie wissen daß ich
Ihnen das nicht schreibe aus Complimenten Fischerei
wie die Engländer sagen - aber ich bitte Sie - in-
ständigst — mir Ihre Ansicht zu schreiben — zugleich
schicke ich Ihnen das letzte übersetzte — sagen Sie
mir wie Sie 's finden ?
Die drei ersten Gedichte^ habe ich noch etwas gefeilt —
nur ein paar Kleinigkeiten (wo mir die strenge Be-
urtheilung von Placci sehr gut war) z.B.

« io in dito alzata »
wird mit
«io, alto inalzata»
ersetzt; dann

Esser stata fanciidla - e mai sia veröl


statt
« che questo sia » —
Die - oh je oh je
erste Elegie ist so ziemlich fertig ! I !

die zweite nur angefangen - auch angefangen der


Orpheus - und der Heil(igey Georg in Aussicht -
« Uraltes Wehn vom Meere » das ich so liebe ist ganz
unmöglich
Letzthin habe ich Erich Ihr Compte rendu von den
Planchette-Sitzungen in Duino vorgelesen. Er war

1 Rückkehr Judith'' s,Ein junges Mädchen und Skizze zu einem


Sankt Georg (vgl. oben S. 204, Anm. 1). Mit dem nachher
erwähnten Heil. Georg ist offenbar das Gedicht Sankt Georg
(Gesammehe Werke III 217) gemeint. AdH.

224
fffj p' iUüA hiUuJyi 't^iiA^UA ctxpiMd^ au^

uf yjui^iM ^0 Ua<j^ Mai- pßriiiAu JaJ* .U

Uyvfi^^-^f' f^^U^ Injcccjt:^ MÜir

It^u.. ^iU£^ ,ii^ (j^ ^ yj


1. liricf Nr. 262, Seite 498 :

Rilke an Marie Taxis, 50. 11. 1916


ganz erschüttert — und je mehr man es Hest, desto

mehr frappirt einen das Ganze.


Natürhch denke ich an Damerini (wenn Sie einver-
, ,

standen sind) nur die kurzen Gedichte zu schicken;


die Elegien wenn ich auch je sie selbst möghch fän-
de - was die eine jetzt noch lange nicht ist, müssen
warten daß sie deutsch erscheinen.
Und so sollte es auch für die drei kurzen Gedichte
sein ? Ich hoffe bald von Ihnen zu hören, Heber D. S.
- Ihr letzter Brief war herrhch
Alles alles Liebe von uns beiden
MT
Leider leider geht mir der Dosso Dossi wahrschein-
lich durch - Überfluß an Schottermangel ! I

La Cortigiana

n sol di Venezia alle chiome mie


fornirä quelVoro, di ogni alchimista
gloriosa meta. Le mie ciglia
sono a ponti uguali. Le vedi tu

sovrastare al muto periglio


degli occhi, che un segreto fato
unisce alVacque — si che il mare
in lor cresce e scema e sempre cangia.

Chi una volta mi vide, il cane mio invidia —


che spesso su di lui, distratta, posa,
quella che mai nessun ardor riscalda,

13 225
la non feribile Vinanellata mano.
,

E giovanetti, speranze di case antiche,


strugge - attossicata - la bocca mia.

(Die Courtisane. Gesammelte Werke III 75>

133. Rilke AN Marie Taxis nach lautschin


Toledo, Hotel de Castilla, Spanien,
am 13. November. <1912, Mittwoch)

Liebe Freundin, draußen im Gehen schreib ich


Ihnen die schönsten Briefe, hier, zuhause, frier ich
und bin ein verdrießlicher Pedant und halt es mit
hundert geringfügigen und beschämlichen Dingen -,
aber dies sei nur konstatiert, bewahre, daß ich Sie
davon unterhalte — zu sagen ist vielmehr, (ach, es
,

istdoch kein Ausdruck dafür da) wie sehr hier alles


im Außerordentlichen vor sich geht, im Überlebens-
großen, ich kann mir gar nicht vorstellen, wie Leute,
denen dies nicht so rein, so unbedingt, so ohne allen
Zweifel aufgetragen worden war, es sich erklären -,
ich meine: wofür sie es halten, wo sie es einräumen,
was sie damit innerlich thun. «Eine Frau Himmels
und der Erden» hat der Jesuit Pvibadaneira, (mit
dessen Text wir in Duino den D' Rziha angeräu-
chert haben, so daß ihm die Augen direkt unschein-
bar wurden) von der Jungfrau Maria gesagt, dies
ließe sich an diese Stadt anwenden: eine Stadt Him-
mels und der Erden, denn sie ist wirklich in beidem,
sie geht durch alles Seiende durch, ich versuchte neu-

lich, der Pia es in einem Satz verständhch zu machen,


indem ich sagte, sie sei in gleichem Maaße für die

226
Augen der Verstorbenen, der Lebenden und der
Engel da, - ja, hier ist ein Gegenstand, der allen den
drei, so weit verschiedenen Gesichtern zugänglich
sein möchte, über ihm, meint man, könnten sie zu-
sammenkommen und eines Eindrucks sein. Diese
unvergleichhche Stadt hat Mühe, die aride, unver-
minderte, ununterworfene Landschaft, den Berg,
den puren Berg, den Berg der Erscheinung, in ihren
Mauern zu halten, - ungeheuer tritt die Erde aus ihr
aus und wird unmittelbar vor den Thoren: Welt,
Schöpfung, Gebirg und Schlucht, Genesis. Ich muß
immer wieder an einen Propheten denken bei dieser
Gegend, an einen, der aufsteht vom Mahl, von der
Gasthchkeit, vom Beisammensein, und über den
gleich, auf der Schwelle des Hauses noch, das Pro-
phezeihen kommt, die immense Sehung rücksichts-
loser Gesichte -: so gebärdet sich diese Natur rings
um die Stadt, ja selbst in ihr, da und dort, sieht sie

auf und kennt sie nicht und hat eine Erscheinung.


Und was mich angeht mitten in alledem, so staun
ich immer noch, wie sehr ich auf jedes Einzelne vor-
bereitet war, — etwa wie ich empfand, daß im Salone
della Ragione in Padua in Bildern alles vorkommt,
was draußen Leben und Geschäft und Noth mit sich
bringt, — so war alles da und gewöhnte mich, als ob
mir diese Erscheinung ganz rein, ohne den Beige-
schmack der Überraschung, sollte überlassen werden.
Denken Sie, daß noch Cividale kommen mußte, als
ein Versprechen des Tajo, ja, daß ganz zuletzt noch
irgendjemand von einem Christophorus zu erzählen
sich anstrengte, der in der Nähe Duinos die Höhe
einer gcinzen Kirche einnehmen soll: wo ich nun hier

227
in der Kathedrale jeden Tag unter dem riesigen
Cristöbal sitze, der auch wirklich bis an den Ansatz
der Wölbung reicht.
Bis gestern war das klarste Wetter, und das Schau-
spiel der Abende vollzog sich in ruhiger Geräumig-
keit, erst heute komplizierte sich der Himmel, gleich
nach Mittag kam es zum Regnen aber ein kalter ver-
,

schlossener Wind unterbrach den Regen mitten im


Satz, schob die Wolken aufwärts und drängte sie zu
Massen über die schon gegen Westen geneigte Sonne - ,

und nach dem, was ich im weitern Verlauf zu


sehen bekommen habe, muß ich mir (trotz meines
körperlichen Anspruchs auf Wärme) solcher Vor-
gänge viele wünschen, - ich ahne, zu was für Bil-
dungen die Athmosphäre hier greifen muß um sich ,

zum Bilde der Stadt gehörig zu verhalten: Drohun-


gen ballten sich und ließen sich aus in der Ferne
über den hebten Rehefs anderer Wolken, die sich
ihnen schuldlos imaginäre Kontinente entgegenhiel-
, ,

ten -, das alles über der Öde der davon verdüsterten


Landschaft, aber in der Tiefe des Abgrunds ein ganz
heiteres Stück Fluß, (heiter wie Daniel in der Lö-
wengrube) der große Gang der Brücke und dann,
ganz ins Geschehen einbezogen, die Stadt, in allen
Tönen von Grau und Ocker vor des Ostens offenem
und doch ganz unzugänglichem Blau, ach Fürstin, ich
denke an den Sonnenaufgang, den Sie vom Fenster
in Duino einmal so gut aufgeschrieben haben, und
wünsche mir so viel Fassung in mein Herz, solchen
Gegenständen gegenüber dazusein, still, aufmerk-
sam, als ein Seiendes, Schauendes, um-Sich-
nicht-Besorgtes . . .

228
Greco's hab ich seither viele gesehen und einzelne
mit sehr unbedingter Bewunderung; im Ganzen aber
ist er natürlich nun ganz anderswo innerlich einzu-
ordnen; bisher, wo man ihn sah, bedeutete er alles
dies , für den Hierseienden geht er zunächst im Vor-
handenen unter, nur wie eine schöne Schnalle,
ist

um die Dinge zu-


die die große Erscheinung fester
sammennimmt, un cabochon inorme enchdsse dans
ce terrible et sublime reliquaire -.
Heute Ihren großen Brief, liebe Fürstin, herrlich,
wie Sie übersetzen, wie die Elegien in Ihnen Ebbe
und Fluth haben und erst recht durch Sie unter den
Einfluß der Gestirne kommen. Nun bin ich weit ge-
nug, Sie sehen, meine Nähe ist es nicht, keine An-
steckung, sondern der Geist, für den niemand kann.
Ich bin sicher, es formt sich da etwas Gesetzmäßiges,
geben Sie nur nach und lassen Sie sichs nicht ver-
dächtigen. Danke für alles, für die Abschrift der
merkwürdigen Blätter unserer Unbekannten, für
den Brief an den Prinzen Ratibor, sowie ich einmal
nach Madrid gehe, geb ich ihn ab. Vor allem danke
für alles was Sie schreiben ich sehe nun hier völlig
, ,

keine Zeitungen, nur neuHch einmal wandte ich


mein bescheiden wachsendes Spanisch an, um zu
verstehen, daß der Bulgare Herr in Constantinopel
werden dürfte - und nun deuten Sie wirklich auf so
,

Ähnliches hin, lieber Gott, aber das ist ja g^g^^ alle

Weltgeschichte, daß Constantinopel, daß Stambul,


daß Bysanz so nebenbei zu dieser balkanischen Un-
ordnung dort unten mit hinzugehören soll. (Und ich
habs nie gesehen.)
Ihren Brief vorher mit lauter Stuttgarter Nachrich-

229
ten hab ich mit großer Freude (eingelegt in einen
Brief meiner Frau*) erhalten durch Pascha v/ußte ich
,

schon Manches hätt ich doch nur Giulietta Mendels-


,

sohn diesen Beethoven singen hören dürfen -.


Erinnern Sie die herrlichen Orgeln hier in der
Kathedrale ? und wie die alten Hakenbüchsen
stehen die Posaunen aus ihnen heraus; das, und
die Gitter, war man nicht herge-
die Gitter: ja,
kommen, man hätte das ganze Leben lang gesagt:
«Gitter», «Gitter» wie ein Schaf, ohne sich was
wirkHches dabei vorzustellen, nun aber weiß mans,
ein für alle Mal und siehts und siehts im Schlaf.
Genug für heute, nur noch viele \'iele Grüße
Ihres D. S.

Haben Sie schon Kassner 's Übersetzung von Gogols


Mantel ?, es ist viel von ihm darin, besonders viel von
seinem Vergnügen daran.

154. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Toledo, Hotel de Castilla,
Sonntag. <17. 11. 1912>

Liebe Fürstin, gestern abend kam Ihr Brief; ich


hätte Ihnen am Liebsten gleich gesagt, wie ausge-
zeichnet ich die Cortigiana finde, aber ich habe zu-
nächst wieder ein paar körperlich und nervös so
herabgesetzte Tage -, die Akklimatisation ohne
Zweifel, die nachkommt, die ja kommen mußte,
* Rodin hat sich übrigens inzwischen von selbst gerührt und
ihr versprochen, im Frühling für die Büste zu sitzen.

230
und die nun rasch akut geworden ist durch den Wech-
sel des Wetters; wir sind einer recht aufdringlichen
Kälte in die Hände gefallen und es giebt nichts was ,

auf mich mehr wie Schicksal wirkt als dieses pene-


trante Frieren, das mich nicht anders wehrlos findet
als irgend einen jungen Hund, von dem noch nicht
einmal recht entschieden ist, wie er heißt. Erbärm-
lich. Und diesmal liegts doch nicht an meiner Unbe-
fangenheit der Heizung gegenüber, daß ichs nicht
anders habe ich weiß man kann ein Kaminfeuer in
, ,

Szene setzen aber das verursacht mir wieder anderes


,

Mißbehagen, so halt ichs mit der Natur und friere


geradeaus vor mich hin. Es muß irgendwann, irgend-
wie belohnt werden als eine Form der Aufrichtigkeit
und Hingabe.
Also die «Cortigiana» ist sehr, sehr schön, sicher,
genau, köstlich im Gang. Wunder um Wunder,
Fürstin, es wird ja immer schöner, ich trau Ihnen
alles zu. Sie haben den Geist dieser Sprache, es ist
doch wohl von allen die, in der das, was Sie nie aus-
gesprochen haben, immer im Stillen gelebt hat. Also
zweifeln Sie keinen Moment an Ihrer Berechtigung,
fast zittere ich für jede Änderung, von denen, die Sie
nennen, ist mir z. B. ganz bange nach dem großen,
stolzen io, in alto alzata^^ das so herrlich zu schreiten
weiß und meinem Text durchaus näher steht, auch
im Italiänischen auf alle Fälle, wenn nicht auf den
ersten Blick richtig, doch, vom zweiten ab, wenig-
stens möglich sein muß. Bedenken Sie, daß irgend
ein Sprachbesorger von deutscher Seite, dem man die
entsprechende Stelle in meiner Fassung vorlegte doch ,

1 in ihrer Übertragung der Rückkehr Judiths. AdH.

231
jedenfalls betheuerte, daß sie ausgeschlossen sei,

un-deutsch, un-verständlich, un-un-un. Bitte dem-


nach, sich sehr auf sich selbst verlassen, als die durch-
aus oberste Instanz, rathen könnte die Pia manchmal,
(nicht ?) übrigens auch, wo es sich um das Denkbar-
oder Antiquiertsein eines einzelnen Ausdrucks han-
delt, z. B. Romanelli (soweit man ihn da zuziehen
mag) der und Dante 's Sprache,
sein Italiänisch gut
die zu erklären ja sein Metier ist, von Grund aus
kennt. - Was das Publizieren in einer Revue angeht,
das Damerini aufmerksam anregt, so ist mirs natür-
Freundin, alles, was Sie je in
lich ein Stolz, liebe
dieserRichtung gestatten mögen, hat von vornher-
ein meine unbedingte Billigung. Aber besonders lieb
wäre mir der Gedanke daß wir eines Tages ein klei-
,

nes Buch erleben, das hätte eine besondere Art


Freude für sich und wäre irgendwde in der duineser
Tradition. Ah mon Dieu, quelle gloire.
Ich lese vieles durcheinander diese Tage, ein Leben
des Cervantes auf spanisch(als erstes Wagnis in die-

ser Richtung), meine Angela da Foligno, in der ich


nur langsam vorwärtskomme, abends eine alte
französische Ausgabe der Contes de Hoffmann, die
ich hier vorgefunden habe, aber am Meisten be-
schäftigt mich Fahre d'Olivet, von dem ich zwei
Sachen für einen Bekannten der Pia Valmarana ver-
schrieb; zufällig haben diese Bücher, die erst direkt
gehen sollten, den Weg über mich genommen, ich
konnte es nicht lassen hineinzusehen und das Hinein-
,

sehen geht ganze Seiten lang in Lesen über. Es hEin-


delt sich um eine merkwürdige Gestalt, die Aufgabe,
die dieser Mensch sich aufgetragen wußte, konnte er,

232
sozusagen, gar nicht antreten, seine Werke, (soweit
ichs überschaue) umfassen lauter Vor- Arbeit, aber
die Einführungen dazu, in denen das zu Wort
kommt wozu das alles hätte vielleicht leiten dürfen
,

wenn ein Menschenleben das Fünffache oder Zehn-


fache seiner Frist vorhielte — diese Einführungen
,

sind sehr überraschend und vielfach , wenn ich nicht


irre, auf eine so dauernde Art im Recht, daß man-
ches an die dort angegebenen Direktionen sich wird
anzuordnen haben. Zum ersten Mal hab ich den Ein-
druck, daß da jemand war, der den rechten Begriff
von den antiken Mysterien, dem Wesen ihrer Mit-
theilungen und Geheimnisse hatte, theils aus Intui-
tion, theils weil eine unbeschreibliche Einpassung
ihm nach und nach alle Sprachen, in denen die
ältesten Aufschlüsse sich erhalten, eröffnete, — mit
dem Arabischen beganns und dann springen, eins
nach dem andern, die Siegel, so daß der Mensch sich
zuhause fühlt wie ein Zeitgenosse derer, die vor dem
gewissen Thurmbau existierten, der mit der großen
Konfusion endete. Fähig, sich auf diese Weise an den
Quellen zu unterrichten, konnte Fahre daran denken,
eine Geschichte der Erde im weitesten Sinne sich
vorzunehmen - aber natürlich mußte er nun zurück
,

an die Vorbereitungen, von denen so gut wie keine


für ihn gethan worden war -, und über diesen Vor-
bereitungen, vielfach gestört, vielfach unterbrochen,
auch wohl in sich selber abgelenkt, - verging nun
sein Leben; ein Leben an dessen Bruchstellen die
Patina vieler Gerüchte sich — es
angesetzt hat,
scheint, daß man ihn mit durchstoßenem Herzen vor
dem Altar einer Religion gefunden hat, deren Or-

233
» .

ganisator er mehr und mehr geworden war; jeden-


falls stimmen Biographen darin überein,
alle seine

daß die wunderbarsten Kräfte sich an seinem Wesen


entzündeten: Bücher kamen durch die bloße Macht
seinesmagnetischen Willens von den Reihen her-
über an seinen Schreibtisch und war der Autor ver-
,

storben, so zwang er ihn, über unentschiedene Stel-


len Rede zu stehen und hatte lange Zwiesprache mit
dem Heraufbeschworenen
Interessant ist sein Weg über den Menschen als

historisch Existierenden, sich zu unterrichten: er


sagt, es kann für die entferntesten Dinge keine be-
deutendere Quelle geben, als die für heihggehalte-
nen Schriften der verschiedenen Völker, und nun
sucht er zu erfahren, wie es denkbar sei, einer
Wahrheit gegenüber, daß diese fundamentalen Bü-
cher mit einander in Widersprüchen stehen. So
kommt er dazu, die alten Kosmogonien der Inder,
der Chinesen, der Aegypter durchzugehen und zu
vergleichen, auf diesen Wegen sich nähernd, findet
er sich schließhch über der Genesis und macht nun
die Entdeckung, daß das wirkhche alte Hebräisch (das
er dann ausführlich rekonstruiert, indem er eine
Geschichte und eine Grammatik der hebräischen
Sprache herausgiebt) mit den bekannten Texten der
Genesis so gut wie nichts zu thun hat « et que Moise
ne disait presque pas un mot en hSbreu de ce qu^on lui
faisait dire en grec ou en latin». So scheint z.B. aus
den thatsächlichen Texten hervorzugehen, daß mit
Adam nicht ein Mensch, der erste Mensch, sondern,
gewissermaßen, schon die erste Menschheit, le pre-
mier « Regne homi?ml eine Dynastie menschlichen
,

234

J
Daseins etwa, begriffen werde; - auch kommt das
Wort «Tage», der Schöpfung gegenüber, bei Mose
nicht in Anwendung, der dort gebrauchte Ausdruck
«exprime une manifestation phenomenale; en sorte
qu'en le prenant dans le sens le plus restreint, on a pu
un jo u r mais ce sens est evidemment
Uli faire signifier :

forcS, et on ne peut se refuser d^y voir un pdriode de


temps inddtermine^ toujours relatif ä Vetre auquel ü
est appliqud. »

Kurz es stehen da merkwürdige und nachdenklichste


Dinge. Es ist nicht ausgeschlossen, daß Fahre d'OH-
vet, wenigstens ein Stück lang, auf einer alten via
Sacra vorwärtskam, in einer sehr direkten und bedeu-
tenden Richtung. Was
von der Musik sagt, ihrer
er
Rolle bei den alten Völkern mag auch im Recht sein
,

— daß das Stumme in der Musik, wie soll ich sagen,


ihre mathematische Rückseite, das durchaus lebens-
ordnende Element z.B. noch im chinesischen Reiche
war, wo der für das ganze Kaiserthum angenommene
Grundton (dem Fa entsprechend) die Großheit eines
obersten Gesetzes hatte, sosehr, daß das Rohr, das
diesenTon erzeugte, als Maaßeinheit, seine Fassungs-
menge als Raumeinheit u.s.w. ausgegeben wurde
und von Herrschaft zu Herrschaft in Geltung blieb.
Musik war jedenfalls in allen alten Reichen etwas
namenlos Verantwortliches und sehr Konservatives;
hier ist die Stelle, wo manches zu erfahren wäre, was
mit meinem Gefühl, Musik gegenüber, zu thun hat,
ich meine, diesem äußerst unberechtigten rudimen-
tären Gefühl eine Art nachträglichen Stammbaums
lieferte: daß diese wahrhaftige, ja diese einzige Ver-
führung, die die Musik ist, (nichts ver-führt doch

235
sonst im Grunde) nur so erlaubt sein darf, daß sie zur
Gesetzmäßigkeit verführe, zum Gesetz selbst.
Denn in ihr allein tritt der unerhörte Fall ein, daß
das Gesetz, das doch sonst immer befiehlt, flehentlich
wird, offen unendlich unser bedürftig. Hinter diesem
,

Vor- wand von Tönen nähert sich das All, auf der
einen Seite sind wir, auf der andern, durch nichts
von uns abgetrennt, als durch ein bischen gerührte
Luft, aufgeregt durch uns, zittert die Neigung der
Sterne. Darum besticht es mich so. Fahre d'Olivet
zu glauben, daß nicht allein das Hörbare in der
Musik entscheidend sei, denn es kann etwas angenehm
zu hören sein, ohne daß es wahr sei; mir, dem es
überaus wichtig ist, daß in allen Künsten nicht der
Anschein entscheidet, ihr «Wirken» (nicht das so-
genannte «Schöne»,) sondern die tiefste innerste
Ursache, das vergrabene Sein, das diesen Anschein,
der durchaus nicht gleich als Schönheit muß einsehbar
werden, hervorruft, - mir würde es verständlich sein,
daß man in den Mysterien eingeweiht wurde in die
Rückseite der Musik, in die seelige Zahl, die
und wieder zusammennimmt und
sich dort theilt aus
unendlichen Vielfachen in die Einheit zurückfällt,
und daß, wenn man das einmal wußte und ver-
schwieg, das Gefühl, so nahe am Untrübbaren hin-
zuleben, nicht wieder ganz zu vergessen war (wie
immer sich im Übrigen das Schicksal verhielt). -
Aber gute Nacht, liebe Fürstin, es wird spät und Sie
wissen, wie ichs mit dem Schlaf halte, besonders in
weniger guten Tagen. Viele Grüße den Mzellern,
und dem Fürsten und Ihnen alles Liebe.
Ihr D. S.

236
135. Marie Taxis an Rilke nach toledo
Lautschin 21-11-12 <Donnerstag>
Ihre Briefe, lieber Serafico, sind immer eine Wonne -
tausend Dank für den letzten - auch freut es mich
daß Sie mir Muth machen zu meinen Übersetzungen
die mich in einemfort beschäftigen — Indessen wer-
den Sie «La Cortigiana » erhalten haben — nur muß
ich Ihnen gleich sagen daß ich den Vers «Qiiella che
mai nessun ardor riscalda» - mit «Quella che mal
nessun ardor consuma» — geändert habe — es ist ge-
nauer so, finden Sie nicht? - Also ich muß Ihnen
erzälhlen daß ich den «Orpheus» fertig habe - d. h.
so weit daß alles da ist und daß ich noch fort daran
feile. Ob's gut ist ? ou plutöt möghch ?

Von der 2*^ Elegie ist noch immer nur der Engel-
hymnus im Anfang so ziemlich da —
Gestern waren die Erichs hier, und ich habe ihnen
aus dem Marienleben einiges gelesen - sie waren
ganz begeistert - und zwar besonders von der Präsen-
tation au temple (warum schreib ich es französisch ?)
die auch ich besonders liebe. -
Diese Tage war ich recht ängstlich denn das Ver-
hältniß zwischen Serbien und Österreich war recht
unheimlich - Gott gebe daß sich alles beruhigt wie
es heute in den Zeitungen behauptet wird. Ich fahre

heute nachmittags nach Wien, und die Erichs kom-


men mir morgen nach, sind aber die nächsten Tage
auf Gamsjagden in Wildalpen bei den Wilczeks -
Ich denke ungefähr eine Woche in Wien zu bleiben -
Ob Kassner schon dorten ist weiß ich nicht. Ich habe
schon eine Ewigkeit nichts von ihm gehört - außer
einer Karte vor wenigstens 14 Tagen. - Auch seine

257
!

Übersetzung habe ich nicht - er wollte mir sie vor-


lesen. Wenn nicht die ewigen Aufregungen wegen
dieser dummen PoHtik wäLren - so möchte ich die
große Ruhe und Einsamkeit hier sehr genießen -
Außer meiner « Aeroplan »thätigkeit ist noch die
Bibhothek da welche zusammen gerichtet wird - das
interessirt mich sehr; die Erichs kommen oft, und
wir lesen ein Buch über Isabella d'Este - da wir
Ferrara Mantua etc genau kennen ist es sehr unter-
haltend - nur werde ich rasend wenn ich die Be-
schreibungen der Bilder Statuen - Orfevrerien etc
lese wovon so wenig gebheben ist - Le grand Service
de table pour le mariage d'' Isabelle - en or et cristal^

decore de dauphins de griffons et de satyres - Sehen


Sie das , Serafico ! !

Pascha ist den großen Jagden für den


in Oroszvar bei
F^ranz) F<(erdinand) Er erzählt mir Wunder von
.

seiner Einrichtung in Duino — ich zittere ein wenig —


die Greenham soll, cameel-artig, herumgehen, sie ist
auf der Stiege gefallen und hat sich «Vosso sacro»^
angeschlagen ! 1 1

Zorzato heiratet weil er es sonst vor langer Weile


nicht aushalten könnte. - Niniche war krank, ist

wieder am Fleck —
Mein Herr und Gebieter fliegt in der ganzen Welt
herum, war in Graunden bei seiner Mutter, in Wien,
heute in Prag, morgen in Pardubitz Parforcejagd -
Samstag wieder Wien wo er am 25 eine große Fecht-
academie in seinem Unionclub haben wird, und selber
fechten wird natürlich. «Vos fäs doivent se reposer»
hat nnr Wolkoff höchst verständig gesagt -
1 OS sacrum, das Kreuzbein. AdH.

238
Lieber Serafico schreiben Sie mir bald wieder - und
indessen die allerherzlichsten Grüße
MT
\ 136. Rilke AN Marie Taxis nach lautschin
Sevilla, Hotel de Madrid,
am 4. Dezember 1912 <Mittwoch>
Vor ein paar Tagen, Fürstin, drei oder vier, hab ich
Ihnen wieder einen langen Brief in Gedanken ge-
schrieben einen ganzen Nachmittag lang mit wenig
,

Unterbrechungen, schade, daß nichts davon sich ab-


gebildet hat. Das war in Cordoba, — aber, da merk
ich, Sie wissen ja noch gar nicht, daß ich wieder un-
terwegs bin, und so muß ich mich erst bemerkbar
machen und rufen und winken, daß Sie mich, um
alles in der Welt, nicht verheren, Fürstin. Hier,

hier, Sevilla.
Genau vier Wochen war icb in Toledo, ich sahs zu-
ende gehen, konnte nichts dagegen thun; ähnlich
wie wenn ich als Kind Musik hörte und wünschte, es
möchte immer weiter dauern auf einmal fingen die
:

Geigen an, zu unterstreichen und das war nur noch


wie ein Ausholen zu dem einen starken Strich unter
das Ganze, hinter dems zu Ende war. So war auch
dort, alles, was man noch that und versuchte, ein
Unterstreichen, ich begriffs und ging herum und
lockerte mich Ein bischen wars
. ja die Kälte die den
,

Abschluß machte, das heißt, nicht als ob es an Sonne


gefehlt hätte, aber es war kein Verhältnis zwischen
ihr und dem spröden Stoff, aus dem die Luft bestand,
man konnte aus beidem zusammen keine Athmo-

259
,

Sphäre bilden, in der sich wohnen ließ. Ich fühlte


mich die ganze Zeit nicht besonders, so gab ich nach,
reiste, wir wollen sehen, wie weit das führt und
wozu.
Von Sevilla, offengestanden, hab
abgesehen von
ich,
Sonne, nichts erwartet, und mir auch weiter
es giebt

nichts wir haben einander nichts vorzuwerfen Schon


; .

Theophile Gautier fand, wie ich heute las, den ge-


wissen Reim «maravüla» sehr übertrieben und
wirkhch, zum ersten Mal in Spanien find ich es hier
durchaus nicht wunderbar sondern von ganz erklär-
licher Natur. Die Jahreszeit mag ja alledem eine Ver-
führung hinzufügen, die es auf den Winter zu nicht
hat, jeden Falls sind die Gärten jetzt, wie ein Tisch,
von dem man eben aufgestanden ist, und alles sieht
schlecht und kleinstädtisch aus und ist kommerzial
und voller Nebengedanken.
Toledo verwöhnt, und selbst Cordoba noch. Diese
Moschee; aber es ist ein Kummer, ein Gram, eine
Beschämung, was man daraus gemacht hat, diese in
das strähnige Innere hinein verfitzten Kirchen, man
möchte sie auskämmen wie Knoten aus schönem
Haar. Wie große Brocken sind die Kapellen der
Dunkelheit im Hals stecken gebheben, die darauf
angelegt war, Gott fortwährend mild zu verschluk-
ken wie Saft einer Frucht die zergeht. Noch jetzt

wars rein unerträglich, die Orgel und das Respon-


dieren der Chorherren in diesem Raum zu hören
(qui est comme le moide d''une montagne de Silence)

das Christenthum, dachte man unwillkürlich, schnei-


det Gott beständig an wie eine schöne Torte, Allah
aber ist ganz, Allah ist heil.

240
2. Brief Nr. Ö57, Seile «99:

Marie Taxis an Hilke, 16.2. 1922


r
Wann bekomm ich den Orfeus zu sehen, Fürstin?
"Wie sind Sie ins Arbeiten gekommen. Ich nehme ein,
Sie sind von Wien zurück, wenn nur die Politik Ruhe
giebt, ich sah gestern seit lange zum ersten Mal den

Figaro, konnte aber nicht klug werden; (las etwas


von Gerard d 'Houville über Konstantinopel —)
Genug, hebe Freundin, ich bin müde und dumm,
auch fällt mir ein, wie nah der achte Dezember ist:
zu dem möcht ich mit tausend Wünschen bei Ihnen
sein. (Vor einem Jahr an diesem Tag sangen Sie mir
den Pergolesi, der mich so an Greco denken Heß.)
Übrigens ja, ich sah noch viel Greco in Toledo, mit
immer mehr Einsicht und immer reinerer Ergriffen-
heit; ganz zum Schluß die Himmelfahrt in San Vin-
cente: ein großer Engel drängt schräg ins Bild hin-
ein, zwei Engel strecken sich nur, und aus dem Über-
schuß von alledem entsteht purer Aufstieg und kann
gar nicht anders. Das ist Physik des Himmels. Viele
viele Grüße
Ihr D. S.

137. Marie Taxis an Rilke nach Sevilla^


Lautschin 9-12-12 <Montag>

Also Sie sind in Sevilla - wie ich mir es dachte Dottor


Serafico -und daß S<(evilla)> Ihnen eine Enttäuschung
war wundert mich nicht - es ist mir gerade so ergan-
gen - der größte Eindruck dorten war mir die in blau
und violettem Sammt gekleidete Madonna mit den
accroche coeurs auf den Schläfen und dem Spitzen-
tüchel in der Hand und den vielen Lichtern silber- ,

1 Nachgesandt nach Konda. AdH.

i6 241
nen Vasen und duftenden Lilien — welche man zum
Besuch ihres Bambinos trug - aber freilich ich war
nur 2-5 Tage in Sevilla - und nach dem was ich
später gehört habe, glaube ich daß der geheime
Zauber in den patios sein muß, in den Gärten die
man nicht sieht oder wenigstens schwerlich. Bin
neugierig ob Sie darauf kommen -
Vielen Dank für Ihren sehr willkommenen Brief und
für die guten Wünsche - ach Dottor Serafico - ich
wünsche mir nur eins - Friede Friede - Es ist
entsetzlich in dieser Ungewissheit und Angst zu
leben —
Ich mache nichts anderes als Zeitungen lesen - c''est

vous dire daß ich verflixt wenig arbeite - Den Orpheus


möchte ich Ihnen noch nicht schicken - es ist noch
zu feilen — dafür glaube ich daß ich Ihnen ein oder
zwei andere Sachen schicke — wenn ich bis morgen
fertig bin damit. D. h. sie sind schon so ziemlich
fertig aber ich muß noch daran arbeiten —
nämlich
Die römische Fontäne — und Liebeslied — dann bin
ich im Kampf mit Abisag — schreckhch schwer - ich
habe es schon ein paar mal aufgeben wollen; beson-
ders das erste -^
Wenn diese acht Gedichte und der Orpheus in Ord-
nung wären glaube ich daß es genügend wäre für
eine Revue ? Was meinen Sie ? — Die I Elegie möchte
ich Ihnen zeigen - wäre so anxious Ihre Meinung zu
hören - aber die bis ich Sie sehe Die zweite ist noch
.

immer nur angefangen - ich hab eine Scheu davor


weiter zu gehen.
1 Siehe die Beilage Nr. 3. AdH.

242
Heute lebe ich in einem Zaubergarten alles ist aus
Silber - still und glänzend
Alex ist zu seiner Mutter - so ist auch das Haus ganz
still.

Ich schließe für heute - morgen mehr

ll-12<iMittvvoch>

Erst heute komme ich wieder - gestern war Gabrielle


und alle Ivinder da - wir fuhren im Wald — ein Mär-
chen aus Cristall- Heute erwarte ich diesen komi-
schen Maler Meditz von dem Ihnen erzählte — er
ich
kommt mit nur ganz
seiner Tochter wahrscheinhch
kurz - aber ich freue mich ihn zu sehen Seine Toch-
.

ter ist eine große Bewundererin von Ihnen Dottor


Serafico - vielleicht zeige ich ihnen die Elegien -
Ich habe einen Brief von Ihrer Frau erhalten - es
scheint daß alles in Ordnung ist mit Rodin; Ihre
Frau sagt mir einiges über mich / sehr aimable /
wie sie mich findet - Ach Gott ist denn diese Maske
so in meinem Gesicht angewachsen daß niemand nie-
mand mehr mich so sieht wie ich bin. Ich glaube
mein wirkliches Gesicht liegt begraben tief unterm
Schnee —
Wie schade daß Sie mir nicht Ihren Brief von Cordoba
schickten - aber auch mit dem Sevillaner bin ich sehr
zufrieden - war gerade so unglücklich und wüthend
wie Sie über die Moschee - die Heiligste vom westli-
chen Islam - der Eckel vor den Menschen welche
dieses Wunder vernichten wollten kann nur dadurch
gemildert werden daß es doch wieder Menschen wa-
ren die es geschaffen hatten -

243
Wo werden Sie jetzt wandern - finden Sie nicht das
Wort «Wandern» ist so zaubervoll — so voller Ge-
heimniß und Sehnsucht und Wunder und Wehmuth
-ich kann es nie aussprechen ohne ein<(en) Widerhall
zu hören, in dem viel mehr enthalten ist, viel mehr
und viel schöneres und traurigeres -Bin sehr gespannt
.

auf Ihren nächsten Brief - Ich bleibe vorderhand


noch hier. Titi Taxis kommt Freitag auf ein paar
Tage, und Pascha ist in Venedig wo es Fritz passabel

und
geht; er will aber Luft wechseln (Fritz nämlich)
Mein Herr und
ich glaube es wird gut für ihn sein.
Gebieter will Gemsen schießen und Erich ist auch
noch in Wien.
Die allerherzlichsten Grüße
MT

138. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Hotel Reina Victoria, Ronda, Spain.
Ronda, am 17. Dez. 1912. <Dienstag>

Ich sehne mich nach einem Brief von Ihnen, ver-


ehrte Freundin, Gott weiß, wo der herumgeht, -
und der den ich Ihnen schrieb, ist mir ganz
letzte,
unrecht in der Erinnerung; was darin durchaus le-
bendig war, war doch nur wie aufgewärmtes Essen
aus jenem in Cordoba nur in Gedanken geschriebe-
nen Brief, im Übrigen prägte sich nichts ab, als
meine Unzufriedenheit mit Sevilla, mit mir, mit mir
und zehnmal mit mir. Es gab wieder eine Reihe
recht verdrießlicher Tage, Schmerzen körperhch und
die Seele so wenig zum Aushalten gestimmt, wenn
ich zufälhg irgend ein[e] «Zuhause» hätte, ich wäre

244
unbedingt nachhause gefahren, denn zu jeder Reise,
zumal zu einer durch Spanien, brauchts ein gewis-
ses Gleichgewicht, die Gewißheit, sich auf sich ver-
lassen zukönnen, aber mir stürzt die Welt jeden Au-
genbhck völlig ein innen im Blut, und steht dann
draußen eine ganz fremde herum, so ist's eine Fremd-
heit über die Maaßen. Ich nehm mir vor, Fürstin,
ich muß dem Grund dieser Malaise auf die Spur kom-
men, die Quelle entdecken, aus der immer wieder
Übel nachkommt, kaum daß ich irgendwo ein klei-
nes Beet habe, schon steigt diese Trübnis und über-
schwemmts und läßts trostlos zurück. Und ich weiß,
daß da der Arzt helfen kann, nicht ich, wenns nur
der rechte wäre, - bei mir ist alles zusehr aus einem
Stück, als daß ich irgendwo leiden könnteund anders-
wo im Grunde so gar nicht wehfreu-
leisten, ich bin
dig, ein Schmerz nimmt mir die Welt, darum taug
ich auch so völlig nicht zum Heihgen und habe nicht
die mindeste Aussicht, je diesen guten Geruch zu
verbreiten. (Sie habens ja erkannt und ausgespro-
chen, es war unerschöpflich richtig.)
Übrigens müssen Sie wissen, Fürstin, ich bin seit

Cordoba von einer beinah rabiaten AntichristUchkeit,


ich leseden Koran, er nimmt mir, stellenweise, eine
Stimme an, in der ich so mit aller Kraft drinnen bin,
wie der Wind in der Orgel Hier meint man in einem
.

Christlichen Lande zu sein, nun auch hier ists längst


überstanden, christlich wars, solang man hundert
Schritte vor der Stadt den Muth hatte, umzubringen,
darüber gediehen die vielen anspruchslosen Stein-
kreuze, auf denen einfach steht: hier starb der und
der, - das war die hiesige Version Christenthums.

245
Jetzt ist hier eine Gleichgültigkeit ohne Grenzen,
leere Kirchen, vergessene Kirchen, Kapellen die ver-
hungern, - wirklich man soll sich länger nicht an
diesen abgegessenen Tisch setzen und die Finger-
schalen, die noch herumstehen, für Nahrung aus-
geben. Die Frucht ist ausgesogen, da heißts einfach,
grob gesprochen, die Schalen ausspucken. Und da
machen Protestanten und amerikanische Christen
immer noch wieder einen Aufguß mit diesem Thee-
grus, der zwei Jahrtausende gezogen hat. Moham-
med war auf alle Fälle das Nächste, wie ein Fluß
durch einUrgebirg, bricht er sich durch zu dem einen
Gott, mit dem sich so großartig reden läßt jeden Mor-
gen ohne das Telephon « Christus » in das fortwäh-
, ,

rend hineingerufen wird: Holla, wer dort?, und nie-


mand antwortet.
Nun stellen Sie sich vor, Fürstin, ich bin drei Stun-
den von Gibraltar, fünf, wenn gutes Wetter ist, von
Tanger — wie michs in dieser Stimmung versucht,
,

einmal hinüberzufahren zu den Mohren; anderer-


seits furcht ich, es legt sich dann eine Tünche von

Licht über das dunkle thonrothe Spanien — Vor der


, .

Hand bin ich hier in Ronda (seit einer Woche), ich


schickte Pascha gleich ein paar Abbildungen, so sehr
schien mirs wahrscheinlich, daß die unvergleichliche
Erscheinung dieser auf zwei steile Felsmassen, die die
enge tiefe Flußschlucht trennt, hinaufgehäuften
Stadt seinem Traumbild Recht gäbe; es ist unbe-
schreiblich, um das Ganze herum ein geräumiges
Thal, beschäftigt mit seinen Feldflächen, Steineichen
und Ölbäumen, und drüben entsteigt ihm wieder,
wie ausgeruht, das reine Gebirg, Berg hinter Berg,

246
und bildet die vornehmste Ferne. Was die Stadt selbst
angeht, so kann sie in diesen Verhältnissen nicht cin-

ders als eigen sein, steigend und fallend, da und dort


den Abgrund, daß gar kein Fenster hin-
so offen in
zuschauen wagt, - kleine Paläste hinter Krusten von
jährlicher Weiße, jeder mit farbig abgesetztem Por-
tal, und unterm Balkon das Wappen mit etwas ge-
drückter Helmzier, aber im Schild deuthch, aus-
führlich und voll wie ein Granatapfel.
Hier wäre nun freilich auch der Ort, recht spanisch
zu leben und zu wohnen, wäre nicht die Jahreszeit,
wäre nicht meine mühsähge Unlust, mich mit an-
dern Beschwerden den nöthigsten (angebornen
als

und — zum Über-


eifrig angeeigneten) einzulassen ,

fluß hat der Teufel den Engländern eingegeben,


hier ein wirkhch ausgezeichnetes Hotel zu bauen, in
dem ich natürHch nun wohne, neutral, theuer und
wie es sich der und jener wünschen würde, und da-
bei bin ich schamlos genug, zu verbreiten, daß ich
in Spanien reise.
Ich sage Ihnen, Fürstin, (nein, nein Sie müssen mirs
glauben) es muß mit mir anders werden von Grund ,

aus von Grund aus sonst sind alle Wunder der Welt
, ,

umsonst. Seh ich doch gleich hier wieder, wie viel an


mich verschwendet ist und rein weg, die Heilige An-
gela hat es ähnlich erfahren -, quand tous les sages
du monde — sagt sie - et tous les samts du paradis
m' accahleraient de leurs consolations et de leurs pro-
messes, et Dieu lui-memc de ses dons, sHl ne me
changeait pas moi-meme, s'il ne commencait aufond
de moi une nouvelle opdration, au Heu de me faire du
hien, les sages, les saints et Dieu exaspdraient au delä

247
de toute expression mon desespoir, mafureur, ma tris-
tesse, ma doideur mon aveuglement.^ Dies hab ich
et

vor einem Jahr im Buch angezeichnet, denn ichbegriffs


mit dem ganzen Gemüth und, ich kann mir nicht
helfen, es istnur noch gültiger geworden.
seither
Heute, da ich diese Berge sah, diese Hänge, aufge-
schlagen in der reinsten Luft, wie um daraus vorzu-
singen, da mußt ich mir sagen, zu welcher Freude
mich das noch vor drei Jahren angetrieben, wie es
mich in lauter pure Freude verwandelt hätte - nun ,

ists, alswäre mein Herz um Meilen hinausgerückt,


ich seh viele Dinge, die aufbrechen und die Richtung
nehmen darauf zu -, aber ich erfahre nicht, daß sie
ankommen. Ach ich bin nicht ganz drüber hinaus,
die «nouvelle opdration» von einem menschlichen
Eingriff zu erwarten, und doch wozu, da 's mein Loos
ist, gleichsam am Menschhchen vorbei, ans Äußerste

zu kommen, an den Rand der Erde, wie neulich in


Cordoba, wo eine kleine häßliche Hündin, im höch-
sten Grade vormutterschaftlich, zu mir kam, es war
kein rühmliches Thier, und sicher war sie voll zu-
fälliger Junge, von denen kein Aufhebens gemacht
worden kam, da wir ganz allein
sein wird, aber sie
waren, so schwer zu mir herüber und hob
es ihr fiel,
ihre von Sorge und Innerlichkeit vergrößerten Au-
gen auf und begehrte meinen Blick, - und in dem
ihren war wahrhaftig alles, was über den Einzelnen
hinausgeht, ich weiß nicht wohin, in die Zukunft
oder ins Unbegreif hohe ; es löste sich so, daß sie ein

1 Le livre des visions et Instructions de la Bienheureuse


Angele de Foligno. Traduit par Ernest Hello. 4^6 Edition.
Paris 1910. P. 73-74. AdH.

248
Stück Zucker von meineni Kaffee abbekam aber ne- ,

benbei, o so nebenbei, wir lasen gewissermaßen die


Messe zusammen, die Handlung war an sich nichts
als Geben und Annehmen, aber der Sinn und der
Ernst und unsere ganze Verständigung war grenzen-
los. Das kann doch nur auf Erden geschehn, es ist

auf alle Fälle gut, hier wilhg durchgegangen zu sein,


wennauch unsicher, wennauch schuldig, wennauch
ganz und gar nicht heldenhaft, - man wird am Ende
wunderbar auf götthche Verhältnisse vorbereitet
sein.
Wie mich die kleinste Vogelstimme draußen trifft
und angeht, lieber Gott, daß es Frühhng würde und
ich käme irgendwo mit allen Sinnen an die Natur, -
ich hab mir ein so seltsames Thal entdeckt, eine Art
I Jagdpark des Marques de Salvatierra, fast nicht an-
gelegt, nur
umgeordnet, daß die Hasen sich nicht
so
mehr ganz auskennen, wie aus einem Traum oder
wie aus den «Wahlvenvandtschaften» ich mache ,

weite weite Wege -,


aber am Meisten erkenn ich mich noch in der Fü-
gung der ersten Ausgänge an jedem Ort, - selbst in
Sevilla, wo sonst nichts stimmte, fing ich, weiß Gott
wieso, mit dem
Altmännerhospiz der Caritad an, es
war Morgen, den langen heiteren Sälen saßen die
in
Alten um das Kohlenbecken oder standen einfach
fertig herum wie Spielsachen, zwei lagen zu Bett
und ruhten vom Leben aus als hätten sie dazu den
Aufwand des Sterbens gar nicht nöthig, aber auf den
andern schöngemachten Betten, überall auf dersel-
ben Stelle der blumigen Bettdecken, lagen je zwei
von den riesigen blassen spanischen Weißbroten,

249
friedlich in ihrem augenscheinhchen Überfluß, die
pure Vergeltung und gar nicht raehr im Schweiß
des Angesichts zu essen.
Hier war die Kirche San Francisco, draußen in der
südhchen Vorstadt, das erste, was ich mir entdeckte,
davon erzähl ich Ihnen ein anderes Mal; es ist über-
haupt Zeit, daß ich schließe und gute Weihnachten
sage, ich werde viel zu Ihnen hindenken -, Zeitun-
gen seh ich nicht, aber hoffentlich haben Sie keine
Kriegsbedenken mehr, aus dem heben guten Brief
des Fürsten, der mich mit der ersten Post erreichte,
die mich in Ronda eingeholt hat, seh ich daß er Hoff-
nung hat und daß niemand recht einsieht, wozu ein
Krieg gut sein soll.
Wie wars in Wien ? Sahen Sie Kassner ? Wie gehts
der Gräfin Gegina ? Ich nehme mir fortwährend vor,
ihr zu schreiben, und ich verspreche, es kommt da-
zu denn es
, ist eine Schande , daß ich mich gar nicht
um sie kümmere.
Fürstin, Ihr Brief I Das heiß ich gerufen kommen.
Ich schreibe gleich weiter, ohne jetzt die Gedichte
zu lesen und zu besprechen (ich muß des deutschen
Textes erst in meinem Gedächtnis habhaft werden,
um vergleichen zu können), denn ich seh, daß Ihre
Zeilen (allerdings mit der kleinen Verzögerung in
Sevilla) sechs Tage gebraucht haben, und, festlich
oder nicht, so hab ich doch die Ambition, dieses
möchte Weihnachten bei Ihnen sein. Es ist schreck-
lich, daß die Kriegsgefahr immer noch nicht aus der
Luft ist, die Politik legts doch sonst darauf an, schnell
zu sein, es ist ein schlechter Spaß wenn sie langsam
wird wie der Hebe Gott.

250
Was Sevilla betrifft, so sind wir bis zuletzt nicht zu-
sammengekommen, garnicht, obwohl die Sevillaner
das Marienfest sehr persönlich nahmen und eine
ganze Oktave von Ceremonien bevorstand deren An- ,

fang ich gerade noch mitmachte. Mir war die Kathe-


drale so von Grund aus zuwider, ja feindlich, nir-
gends wirds Ernst, es ist etwas Vages, Ausweichen-
des in diesem ehrgeizig hinaufgebauten Dom, ein
Geist des Übertrumpfens , der auch Gott noch über-
trumpfen und ihn, gewissermaßen, von oben zu fas-
sen bekommen möchte. Und die infame Orgel
machte den Raum so süß mit ihrer verhätschelten
Stimme, daß den kolossalen Pfeilern ganz schwach
wurde, es war einem gleichgültig dieses Steinerwei-
chen, ein Kunststück, mochte es so weit gehen, wie
es wollte.

Sahen Sie Bücher, Fürstin ? Abends manchmal (der


Blutzudrang zu den Augen ist so stark, daß ich nicht
viel lesen kann) lese ich den Don Quichote in deut-
scher Übertragung und finde ihn eher kindisch;
künstlerisch verstanden, hat ja dieses Buch über-
haupt keine Grenzen, sondern etwa nur die, die
eine geistvolle erfinderische Verkleidung in Wirk-
lichkeit haben würde -, und die sind leichtsinnig
bei weitem überschritten. - Aber: Weihnachten,
Weihnachtsgrüße Ihnen, dem Fürsten, den Mzel-
lern von ganzem Herzen. Wissen Sie, daß gerade in
der Weihnachtsnacht Vollmond ist: wie wird das
Ihrer weißen Welt zu ihrem silbernen Kleide stehen.
Alles Liebe und Dankbare
Ihr
D.S.

251
139. Marie Taxis an Rilke nach ronda
Lautschin 3-1 <1913, Freitag)
Dottor Serafico carissimo —
Ich war inWien und bin jetzt am Sprung auf ein paar
Tage nach Berlin zu fahren / theilweise zu Ihrem
Bödeker / von wo ich dann direct nach Wien pour
de hon weiter radle oder vielmehr zurück radle -
Darum bin ich in großer Hetze und Packereien -
wenigstens bilde ich mir 's ein, und bin nicht dazu
gekommen Ihnen für Ihren lieben Brief aus Ronda
zu danken — und jetzt sind Sie womöghch wieder
wo anders —
Also vor allem wenn auch verspätet tausend gute
Wünsche zu Neujahr — Was mich anbelangt, so hoffe
ich doch Gott sei Dank und unberufen daß die In-
sanität eines Krieges nicht Platz greifen wird - diese
blöden Serben (ich sage blöd aus Wuth, eigentlich
sind sie jedenfalls gescheidter wie wir es waren -
pourquoi aufondest-ce que laparenthese est toujours

la chose vraie, la chose essentielle??) also zurück zu


den Serben - sie scheinen nachzugeben wenn es nur
;

dabei bleibt - wir haben so viele Überraschungen ge-


habt in der letzten Zeit, daß man kein Vertrauen
hat - und auch Rußland (wo wir entre nous soit dit
einen sehr netten und sehr schönen aber sehr hefti-
gen und par consequent ungeschickten Botschafter
haben) ist mir eher unheimlich. Lassen wir die Poli-

tik — ich habe Kassner gesehen und er hat mir sei-


nen «Indischen Gedanken» vorgelesen, nachdem
wir im Bristol ein sehr lustiges komisches d6jeuner
gehabt haben, Alex, ich, Kassner und eine «Suffra-
gette» (war eingesperrt bei Zwangsarbeit!!!) eine

252
Miss Ethel Smythe die nebenbei eine wirklich sehr
begabte Componistin ist, und außerordentlich ge-
scheidt, temperamentvoll scheußlich garstig und de-
cidirt. Sie hat uns fort über ihre Suffrage tte-schaft
erzähh, hat erklärt, daß sie jeden Tag wenn sie

wach wird unserm Herrgott dankt daß sie eine Frau


ist, daß sie, wenn sie nach England zurück ginge so-

fort wieder eine Bombe in ein Theater werfen würde,


oder ein Haus anzünden, oder ein<^en) Minister am
Parapluie aufspießen würde (darum bleibt sie jetzt

hübsch in Wien) - hat Alex über die Feigheit der


,

Männer, Dr. K<(assner> über ihre Dummheit vor-


lamentirt - kurz es war zum entrde zahlen - Dabei
ist sie wirklich eine exceptionelle interessante Frau -
,

(nur wie oft Engländerinnen, ganz instinctlos.)


Und abends ist Kassner zu mir gekommen und wir
haben eine andere Welt betreten - eine Welt von
Träumen die reeller sind als Wirkhchkeiten und von
Wirklichkeiten die subtiler sind als Träume - eine
Welt von Geistern und Chimären, in welcher der
«Gerechte» entlarvt wird, und endlich «der Hei-
lige » vor uns steht -
Ja aber gibt es diesen Heiligen ? ist er nicht eine Fata
Morgana - oder sucht K<[assner )> - dieser merkwürdige
Geist - in den tiefsten Tiefen des Menschen etwas das
wird oder etwas das zurückblieb — und reißt es zum
Licht empor und befiehlt dem Phantom zu leben -
SchheßUch war es vielleicht Franz von Assisi - und
endlich — theilweise - vielleicht er selbs t aber in einer
,

düstereren, härteren Tonart. Das ist wohl der Grund


daß er uns mit einem so geheimnißvollen Zauber
bannt - und doch etwas in sich hat, das unserer

253
Menschlichkeit fremd und unheimhch bleiben wird
— bleiben muß - iramer ....
Nein Dottor Serafico, Sie sind kein « Heiliger »- und
wenn Sie den ganzen Tag und die ganze Nacht auf
Ihre Knie (auf Ihre geistigen Knie bien entendu) her-
um rutschen. Und es ist gut so. - Ein Heiliger hätte
niemals die Elegien geschrieben -

8 - 1 . <Mittwoch>
Also jetzt ist schon wieder alles anders. Wir fahren
nicht nach Berlin. Ich war recht miserabel vor ei-

nigen Tagen, und gehe morgen nach Wien. Alex


auch Von Pia Valm<(arana) 's Unfall haben Sie wohl
.

gehört ? Gott sei Dank und unberufen scheint es nur


ganz leichter Natur zu sein - und die Pasteurisirung
mehr aus Vorsicht - ich hoffe also sie doch bald
in Wien zu haben - Fritz ist in S Remo wo Pascha
. .

ihm nächstens nachkommt. Wissen Sie zufällig ob


Ruth meine kleine Weihnachtssendung erhielt ?
Jaund die Übersetzungen — wie finden Sie sie ? Die
«Verbesserungen» von Damerini sind schauerlich,
unmöglich -
Ich muß schließen - hoffe bald wieder von Ihnen zu
hören, und beneide Sie doch in Spanien zu sein. -
Habe ich Ihnen ein glückliches Neues Jahr ge-
wünscht ? ? Ich thue es jetzt mit den allerherzhch-
sten Grüßen
MT

254
140. Rilke an Marie Taxis nach wien
Hotel Reina Victoria, Ronda, Spain.
Ronda, am 14. Jan. 1913 <Dienstag>

Meine liebe Fürstin selbst der verdünn-


, überdrüßig
ten blaßvioletten Klage-Weis meiner Missives ließ
' ,

ichs ganz und sank, mit einem Mühlstein Dumpf-


heit beschwert, auf den Grund des Schweigens unter
die Fische, die nur zuweilen den Mund (ich kann
nicht mehr Mund schreiben) Mund zu einem takt-
vollen Oh zusammenziehn, das man nicht hört. Wü-
thete höchstens in den Übersetzungen, wie Sie in
Beiliegendem sehen werden, sehen und, hoff ich,
verzeihen. Die Sch^vierigkeit war, daß mir der deut-
sche Wortlaut durchaus nicht genau sich einsteilen
wollte, besonders für die Abisag-Gedichte , die Sie
wundervoll erreicht haben und die, wenn Sie sie noch
einmal übergehn glänzen werden und spiegeln Die
,
.

Liebesklage muß auf die allereinfachsten Worte her-


abgesetzt werden wenn anders das itahänisch mög-
hch ohne gewollt prosaisch zu werden. Ich habe
ist

keine Ahnung wie weit das Wort toccare über das


Handgreifhchste hinaus sich verständlich machen
läßt habe ja überhaupt keine Ahnung von der Aequi-
,

valenz des ItaUänischen, darum ist meine Anmerke-


rey etwas sehr unverantwortliches: bitte, sie dem-
gemäß zu behandeln, trotzdem sie sich unverschämt
breit macht.
Aber, um des Himmels Willen, was
ist mit der Pia,

weiß von nichts — verstehe nur


ich begreife nichts, ,

aus Ihrem Briefe, daß sie wieder einer dringenden


Gefahr entkommen zu sein scheint, seltsam das
^ Siehe die Beilage Nr. 5. AdH.

255
zweite Mal in so kurzem. Wenn sie nur erst bei
Ihnen ist, Fürstin. Ich hatte gestern eine Karte
von der Grfn. Giustina, als Bestätigung eines Briefs
den ich ihr schrieb, aber ohne jede Erwähnung eines
Unfalls, (allerdings aus Rom.)
Vorgestern sandte ich dem Fürsten eine Copie des zu
Toledo in San Lucas, dereinst von den Engeln ge-
sungenen «Salve» -, bin gespannt, was Sie Beide
dazu meinen, bitte, versuchen Sie 's zu singen. Sie
waren nicht wohl, Fürstin, les ich mit Bedauern,
hoffenthch ists ganz überstanden und vergessen; ich
zog mich seitWeihnachten hin, wie in einer wirkh-
chen Krankheit und war tout ce qu'il y a de plus
maussade; wunderlich wie ich bei alledem mit mei-
ner Natur verkehre, sowenig ich zwischen mir und
Gott den Priester brauchen kann, sowenig wäre da
der Arzt möghch; ich steh körperhch zu meiner Na-
tur, wie seehsch zu Gott unendhch unmittelbar. Nur
ists schwerer so, aber genau, aber genau, auf Leben

und Tod.
Dank für die herrlichen Nachrichten von Kassner,
die ich sehr begriff, so wie Sie sie gaben. Wer
doch so in den Geist übersiedeln darf mit allem,
hinüber, hinüber. Ich war lesedurstig wie nicht seit

Jahren, hatte nichts; dann kam, verspätet, im De-


zember Rundschau-Heft der Schluß von Annette
Kolb's «Exemplar» und stillte und erquickte mich
aufs Innigste: er ist wunderbar dieser Schluß:
wun-der-bar. Gestern auch eine schöne Sendung
meines fürsorglichen Verlegers -darunter die Kriegs-
,

memoiren des Fürsten August Taxis (ist der Fürst zu-


frieden mit der Erscheinung des Buchs ?) und die vier

256
hübschen (von Hofmannsthal eingeleiteten und edier-
ten) Bände: Deutsche Erzähler, sodaß ich nun lesen
kann was Platz hat. Bei meinem großen Jens Peter
Jacobsen, der, wie Sie wissen von Fach Naturwissen-
schaftler war, las ich gestern ein Detail über die Pa-
viane, das hoffenthch ein Bild der jetzigen Kriegs-
lage abgiebt: sehr erzürnt, setzen sie sich, statt gleich
zu beißen, einander gegenüber und zeigen sich so-
viel als möglich von ihrem Vorrath Zähne: diese
übertriebene Muskelbewegung bringt sie schließlich

zum Gähnen und damit ist die Versöhnung von sel-

ber da.i

<15. 1. 1915, Mittwoch)


Für die Münchner muß ich wirklich um Verzeihung
bitten, siehaben keine Spur von Eintheilung, alles
was sein wächst ihnen über beide Köpfe, erst über
soll

den oberen Kopf, dann schUeßlich auch über den


Ruths, (weils mal so der Styl ist). Ich weiß nur, aus
einem Brief, der eben vor dem Fest geschrieben war,
daß von Ihnen eine Puppe angekommen sei mit
einem kleinen Paket an der Hand, freute mich,
konnte mir gleich denken, was das sei und hätte, wie
ich nun seh, sofort danken müssen, wissend, daß die
beiden Frauenzimmer sowas nicht leisten. Ich habe
gar nichts wieder von dort gehört (meiner Mutter,
der es immer ähnlich ergeht, ist das vollständig un-
begreifhch, cette nSgligence qui ne sHnquiete pas, la
met dans tous les etats) bin aber sicher, die Freude
,

war und ist die größte. Schade über dieses Nichts-


'Jens Peter Jacobsen, Sämtliche Werke (Leipzig, im Insel-
Verlag, 1912) Seite 1048. AdH.

«7 257
.

bewältigen, es ist ein Symptom, und Ordnung, Ord-


nung, Ordnung: man muß es schon dreimal sagen
und wünschen und heiligheißen.
Poststunde, ich schließe.
Viele, viele Grüße, natürlich auch Jahreswünsche,
alle erdenklichen, wenn die jetzt noch annehmbar
sind (am 15.) (denn dies Letzte schrieb ich einen Tag
später als die andern vier Seiten)
Ihr
D.S.

141. Rilke an Marie Taxis nach wien


Hotel Reina Victoria, Ronda, Spain.
Ronda, am 16. Januar 1913. ^Donnerstag)
Liebe Fürstin,
ich nehme schnell dieses Blatt, nur um zu konsta-
tieren, was mein gestern (an die wiener Adresse)
abgesandter Brief enthielt: Ihr italiänisches Manu-
script, verunstaltet durch meine vielen Anmerkungen
rechts und links, und zwei Briefbogen wie dieser:
ich merkte nämlich im letzten Augenblick, daß
das Couvert schlecht schloß und hatte nur eben
Zeit, dem die Post mitnehmenden Diener (Aus-
lands -Post geht nur alle vierundzwanzig Stunden)
aufzutragen, es nöthigenfalls noch besonders zu ver-
kleben -; das mir sonst so gewohnte Siegeln zwing
ich mich so viel als möglich zu unterlassen, weil, wie
es scheint, die spanischen Instinkte in jedem gesie-
gelten Brief Geld vermuthen und diese Vermuthung
sich leicht in ihre Hände schlägt, wofür täglich Bei-
spiele erzählt werden. Also ich hoffe, Sie haben gleich-
wohl alles Aufgeführte in dem Couvert gefunden, es

258
war der erste Brief seit so langer Zeit, mir liegt dar-
an, ihn heil in Ihren Händen zu wissen; (übrigens
ließ ich ihn einschreiben)
Ich brach so plötzlich ab, und wäre doch noch vieles—.
Haben Sie die Gedichte der Noailles {Revue de Paris
vom 15. Nov. und vom 1. Dez.) bemerkt? Schöne
Landschaftsempfindung da und dort, Stellen von
prachtvollem raccourci, zumal im Dezember-Heft.
Dort, sehr schön, ausholend und hinhaltend wie
Nachtigallenlied, die Strophen: wenn dies, dies, das
Leiseste, das Kühlste, das Unbegehrendste doch nur,
verstellt, jenes eine töthche Glühen ist der unaus-
weichlichen Lust -, dann Und doch cette vo-
luptd, ä lafin c''est un sentiment ßxe comme ü y a des
idees fixes; c''est un entetement du cceur. Immerhin die
sehr nahe Todes -Erfahrung, mit der das alles offenbar
vielfach zusammenhängt (der Tod Henri Frank 's ?),
wird doch möglicherweise eine neue Wirkhchkeit
für ihre Verse bedingen, (wenn sie da nur dem Tod
mehr zu Herzen ginge). Sie müßte abbrechen, ge-
nug, und ihren ganzen Sang dort von vorn anfan-
gen im Bereich des Todes die ganze Natur hinüber-
, ,

reißen, thun, als könnte man dort erst recht fühlend


sein; aber sie hat in sich die Einheit, Hiesigkeit des
Griechenthums, nur leider das helle Blatt stark ein-
gefaßt mit dem Trauerrand der Christlichkeit. (Ich
muß meinen kalten Füßen zu liebe rasch spazieren
gehen) Nochmals adieu und
. alle herzlichsten Grüße.
Ihr
D.S.

259
142. Marie Taxis an Rilke nach ronda
Wien 23-1 <1913, Donnerstag)
Sie haben ganz recht Dottor Serafico - aber ich glaube
daß das Liebeslied auf italienisch überhaupt nicht
zum wiedergeben ist Ich bin auch im Unklaren wie
!

ich «jungfräulich» übersetzen soll wenn Sie «virgi-


nale » nicht haben wollen —
werde noch mir ein ich
wenig den Kopf zerbrechen und Ihnen deutschen
Text und Übersetzung schicken. — Ich hatte das Ende
von Fontana romana nicht verstanden - bin froh daß
Sie mir es exphcirten — danke überhaupt sehr für die
Anmerkungen — alle so richtig!
Ja diearme Pia ist von einem Hund gebissen wor-
den, ganz leicht, aber doch - und dieser Hund war
seiner Zeitvon einem suspecten Hund auch gebis-
sen worden — und ist zwei Tage darauf gestorben -
er war also entschieden krank wollte weder essen
noch trinken Ein Hund von der Vera Brazz^ -
. . .

Sie können sich den Schrecken denken. Seitdem


macht sie eine sehr strenge Pasteur Kur mit — es
wird jeden Tag dreimal Serum eingespritzt — es ist

sehr schmerzlich glaube ich und noch mehr lang-


weilig. Aber Pia die mir zweimal schon selbst ge-
schrieben hat, scheint ganz beruhigt zu sein, und
kann es auch sein nach den Erfolgen der Pasteurisi-
rung überall. Nur die arme Giustina soll sehr auf-
geregt sein. Mit dem Herkommen wird es also noch
lange Wege haben -
Gestern bin ich mit Kassner in der neu arrangirten
Bildergalerie gewesen, welche wirklich enorm ge-
wonnen hat. Wir entdeckten einen wirklich ent-
zückenden Greco - eine adoration des mages - der

260
Raum mit den 7 Titian ein Märchen darunter das
!

kleine haby das ein^ Tamburin hält - ein Traum - !

Aber schimpfen Sie nicht über Ihre Münchener - ich


habe einen langen sehr lieben Brief von Ihrer Frau
erhalten, und hätte überhaupt nichts gefragt, wenn
nicht gerade zu Weihnachten ein anderes Packett
das ich schickte verloren gegangen wäre. - Sie ma-
chen mich auf den Schluß von Annette Kolb sehr
neugierig - wird es nicht in einem Buch erscheinen ?
- es wäre mir lieber es dann so zu haben. Ich habe
ein wenig gemalt und modelhrt in letzter Zeit, habe
auch viele Sorgen im Kopf und Herz - welche beide
mir manchmal recht schwer sind. -
Ich schließe da es spät ist, wollte Ihnen nur ein
Lebenszeichen geben - Die allerherzlichsten Grüße
,

MT
143. Marie Taxis an R^ilke nach ronda
Wien 31-1 <1913, Freitag)

Nur ein paar Worte in Eile, lieber Doct. Seraf. um


Sie nur folgendes zu fragen. Moissi kommt her am 20
- und ich habe eine halbe Idee - wenn es Ihnen recht
ist — ihm die Elegien (eventuell wenn er kann) vor-

lesen zu lassen - Habe davon mit Heller gesprochen,


der Feuer und Flamme wäre aber nicht weiß ob es
überhaupt M<(oissi)> möglich sein würde. Aber bevor
ich irgend etwas thuemöchte ich wissen ob es Ihnen
überhaupt passend wäre - bitte um sofortige ganz
aufrichtige Antwort, da ich es nur dann probiren
möchte wenn Sie absolut^ (und ohne Rest) einver-
* der an Hs.
* dreifach unterstrichen. AdH.

261
!

standen sind. Aber nur bitte schnell die Antwort.


Heller hatte die Eysolt vorgeschlagen die jetzt da ist
aber da hat Kassner protestirt und erklärt das wäre
unmöglich. Hoffe bald von Ihnen zu hören - Alex
ist in Petersburg, ich denke aber nicht auf lang.

In Eile alles HerzHche


MT
Sagen Sie mir ob Sie überhaupt etwas dagegen
hätten wenn Ihre Elegien und die Gedichte die ich
habe einmal vorgelesen würden — eventuell von
Hofmansthal ? das ist auch eine Idee von mir, aber ich
will nichts thun ohne Ihre Sanction Natürlich wenn
.

Sie sie vorlesen würden das wäre das allerbeste, aber


da Sie in Ronda sind wäre es höchstens per interna-
tionales Telephon möglich !

144. Rilke an Marie Taxis nach wien


Hotel Reina Victoria, Ronda, Spain.
Ronda, am 6. Februar 1913. <Donnerstag>
Liebe Fürstin,
von gestern abends (da Ihr Brief eintraf) zu heute
morgen hab ich mirs aufrichtig durch den Sinn
gehen lassen, - die Antwort aber kommt nun
doch drüber fort unmittelbar aus dem Herzen, wo
sie vom ersten Augenbhck an fertig war: wenn Ihnen

also das Aufgeben einer an sich ausgezeichneten


Idee nicht zu viel kostet, so bitte ich für die Elegieen,
daß sie in ihrem bisherigen Geborgensein weiter-
hin bleiben dürfen, eine Rezitation bei Heller wäre

262
schon nahezu eine Veröffentüchung , und ich habe
diesen Gedichten gegenüber immer noch
das Ge-
fühl,daß es durchaus genüge, daß sie daseien
und daß man ihre Bekanntmachung ruhig hinaus-
schieben mag, bis der Zustand, aus dem heraus
sie sich gebildet haben, völlig überstanden ist. Dann
erst werden sie jenen Grad von Selbständigkeit
und Abgelöstheit besitzen, der es gleichgültig er-
scheinen läßt, wie viele oder wie wenige damit in
Berührung kommen -, jetzt und vielleicht noch für
Jahre hinaus, ists mir um so lieber, je strenger und

eifersüchtiger Sie sie in Ihrem Besitz einschheßen;


das soll natürlich nur ein Wunsch sein, der Ihnen
die Anwendung Ihres Eigenthums in keiner Weise
beschränkt, halten Sie 's nur einfach wie mit einem
Bild, das Sie dem einen und anderen in der rechten
Stunde zeigen, aber um keinen Preis auf eine Aus-
stellung schicken mögen.
Denken Sie übrigens, daß (da schon davon die Rede
war) die Eysoldt mir für einen Vortrag dieser Ge-
dichte fast näher läge als Moissi; sie hätte unendlich
mehr Einfühlung und Einsicht, wennauch viel-
leicht einseitigere Mittel; sie hätte das frauliche Herz
und dazuhin eine Intelligenz, die diejenige Moissi 's
unvergleichlich übertrifft.
Ich schick Ihnen, Fürstin, (vermuthend daß Sie 's
nicht haben) das Februar-Heft der Rundschau: Se-
hen Sie darin Maeterlinck 's Aufsatz über die Erfah-
rungen der «Society for Psychical Research », er ist
eigentlich armsälig, aber vielleicht bringt er doch
irgend einen Hinweis, etwa im Anschluß an William
James, den Sie weiter verfolgen mögen.

263
Ich hätte längst geschrieben; doch erschien hier vo-
rige Woche ein Bruder des Grafen Vilallonga (der
Graf mit seiner zweiten Frau und vielen liebenswür-
digen und schönen Kindern wohnt hier irri Hotel,
ich w^eiß nicht ob ichs schon erzählte -) kurz der Bru-
der, in ähnlichen körperHchen Verhältnissen wie
Kassner und von ähnlicher Energie interessierte und
,

rührte mich so sehr, daß ich durch mehrere Tage


sehr viel sprach; Sie wissen, wie mir alle Intensität
Menschen gegenüber immer gleich zur enormen Aus-
gabe wird und mich beinah abzehrt, -; so bin ich
denn auch diesmal wieder fast ganz aufgegessen zu-
rückgeblieben und sage darum heute nur noch viele
viele Grüße.
Ihr
D.S.

145. Marie Taxis an Rilke nach ronda


Wien 11-2-1913 <Dienstag>
Ja, lieber Dottor Serafico, Sie haben ganz recht -
und ich war schon selbst von der Idee abgekom-
men -
Also die Elegien bleiben verborgen und werden nur
wenig Eingeweihten producirt.
Sie haben mir nichts gesagt gehabt vom G^^ Vilal-
longa und ich bin froh zu sehen daß Sie nicht ganz
in einsamer Herrlichkeit aufgehen — Ronda scheint
Ihnen sehr zu gefallen — es ist \delleicht doch die
Stadt die Pascha im Traume sah - oder hat «die Un-
bekannte» ungenau gezeichnet. Ich hoffe daß Pa-
scha bald herkommt und werde froh sein ihn da zu
haben. Alex war in Petersburg und fährt fleißig her-

264
um. Kassner sehe ich eigenthch nicht viel - er ist sehr
mondain — war auch nicht ganz wohl, wieder eine
caffe und the Vergiftung glaube ich. Ich bin sehr
vertieft in « Goethe » von Chamberlain - ein schwe-
res Buch aber das einem enorm viel bietet — Sie wis-
sen wie ich Goethe liebe, es mir ist also eine große
Freude. Wetter warm, regnerisch — Sie haben wohl
schon Frühling und ich beneide Sie -
Dottor Serafico Sie spüren daß ich verblödet bin —
also schheße ich - alles alles Herzliche
MT

265
V

VON RILKES RÜCKKEHR AUS SPANIEN


BIS ZUM AUSBRUCH DES KRIEGES
23. FEBRUAR 1913 BIS AUGUST 1914
146. Rilke an Marie Taxis nach wien
Hotel Lutetia
45, Boulevard Raspail,
Paris, am 27. Februar 1913. <Donnerstag>

Liebe Fürstin,
wie viel zu erzählen, aber ich bringe es, völlig
unausgepackt und vorläufig wie ich mich fühle,
nur eben zu der Nachricht, die Sie diesem abscheu-
lichen Papier und dieser unmöglichen Feder (mit
der ich ringe) schon angesehen haben: Paris: me
voilä. Ohne viel Vorbereitung brach ich von
Ronda auf, fühlte mich schlecht die letzte Zeit, was
ich bis zu einem gewissen Grade dem KHma zu-
schrieb: es war jeden Morgen Februar und gegen
Mittag mindestens August, meine Schmerzen und
Zustände woirden unleidhch, und seehsch (im Ver-
trauen gesagt) Stands noch schlechter, denn es war
etwas wie ein Arbeitsanfang im Herzen gewesen ein
paar Wochen vorher, und dann hat sichs so vereitelt
und verwischt und hat mich recht wie nach einer
fausse-couche (man muß es schon so rudement aus-
drücken), gemißbraucht in Hoffnung und Ehrfurcht,
zurückgelassen. HSlas.
Acht Tage war ich in Madrid, zwang mich dazu,
hatte aber zu nichts weiter Muth noch Entschluß.
Sah die Greco's im Prado mit Leidenschaft an, die
Goya 's mit Staunen, die Velazquez so höflich wie
möglich. Aber nun hab ich das Gefühl schwer von
einer Dummheit, die ich gleich schnell beichten will:
ich hielts für das Beste, Ihren Brief zunächst mit mei-
nen Karten beim Prinzen Ratibor abzugeben, was
womöglich irgendwie unpassend war ? Ich wählte

269
diesen ersten Schritt, weil es für beide Theile pein-
jemanden einzutreten, fast zugleich mit
lich ist, bei
einem Brief, den man überbringt; im Bewußtsein,
daß draußen gewartet wird hat der Betreffende den
,

Brief gewöhnlich schlecht gelesen und hat nun eine


ganz fremde, plötzlich gebildete Person wie eine Pi-
stolevor der Brust. Kurz ich gab Brief und Karten
ab und zog mich zurück -, es hat sich darauf nichts
weiter gerührt, das ist nicht schlimm, wenn ich nur
nicht was Thörichtes durch diese Art der Einfüh-
rung angerichtet habe. Ich werde immer unsicherer
in Sachen der bloßen Höflichkeit. Soll ichnun noch
etwas thun, meine Abreise anmelden, (das ist schwer,
unthunlich nichtwahr ?) oder darfs einfach beider-
seits im Schweigen bleiben, als wäre nichts passiert ?

Bitte, Fürstin, beruhigen Sie mich.


Danke für Ihren letzten guten Brief, der uns so
schön d'accord gemacht hat über die Elegieen -, wis-
sen Sie mein stärkster Impuls war, statt nach Paris,
erstnach Wien zu gehen zu Ihnen, liebe Freundin,
um Rückkehr zu haben, der Heim-
das Gefühl der
kehr, das nur bei Ihnen hätte entstehen können,
von wo ich ausgegangen war. Wäre mein Atelier
hier eingerichtet gewesen, hätt ichs womöglich ge-
than, aber mich bedrückt all dieses Einrichten, das
mich von dem Zustand trennt, irgendwo chez moi zu
sein. Heute, mi-careme, wollen die Leute nicht ar-
beiten, abermorgen bringt man meine Möbel aus
dem Zimmer machen mir den
Depot. Atelier und
erwünschten Eindruck, es müßte sich darin aus-
kommen lassen, und Paris war den ganzen gestrigen
Tag (mein erster hier) ein Fest der Übereinstim-

270
mung. Ich habe kurze Momente unbeschreibHcher
Hoffnung, wenngleich es mir scheint, als hätt ich in
Spanien etwas ausgelassen, was hätte kommen sol-

len. Alle die Kinder Vilallonga's waren von rührend-


ster Güte gegen mich und doch wars nicht das Rechte
menschlich. Ich brauche keine «Zerstreuung», die
die Menschen einem immer bereiten möchten, ach,
daß der käme, der mich zusammennähme wie ein
Brennglas die im Raum zerstreute Sonne. Fürstin,
ist die Pia bei Ihnen ? Ich hoffe und wünsche es ihr.
Ich habe schon wieder lange nicht von ihr gehört.
Sagen Sie ihr tausend Grüße.
Inzwischen ist das Buch von Maeterhnck da «La

Mort » aus dem die Stellen in der « Rundschau » (die


ich Ihnen sandte) vorübersetzt waren. Das Buch las
ich auf der Reise, kommt mir vor, es ist eine falsche
Ruhe darin, ein erzogenes Phlegma; und eins paßt
nicht zum anderen. Wußten Sie von diesen Versu-
chen des Obersten Rochas im hypnotischen Zustand
eine Seele zurückzuleiten durch ihre früheren Da-
seine und Daseins-Zwischenräume ? Aber wieviel
Neugierde ist in alledem und es beantwortet sich
genau wie Neugier mit ausweichendem Geschwätz.
Nicht ?

Dies ist kein Brief, Fürstin ich , murmele so vor mich


hin zu Ihnen hinüber, nur damit Sie hinter meinen
Thatsachen hier nicht zurückbleiben und unterrich-
tet sind.
Ich sitze in diesem albernen Hotel bis meine
Wohnung mich aufnehmen kann, aber meine
Adresse ist

17, rue Campagne- Premiere


271
.

bitte alles schon dorthin zu richten daß die Post sich


,

gewöhne
Und nun Adieu , das Herzlichste für den Fürsten für ,

Pascha, (wenn er bei Ihnen ist) und helfen Sie mir


in Gedanken zu diesem neuen Anfang, daß er recht
gut, daß er ganz neu sei.

dankbarer
D.S.

147. Marie Taxis an Rilke nach paris


Wien 9-3 <1915, Sonntag)
Also in Paris sind Sie — Dottor Serafico - und von
Marthe sagen Sie nichts - und doch - ich spüre sie in
Ihrem Brief und freue mich daß Sie sich zufrieden
fühlen und die Stadt der Städte genießen. Ich habe
viele Städte lieber - in Itahen allein wenigstens
ein halbes Dutzend — oh nein mehr, mehr - aber
keine glänzt und klingt so wie Paris - und ich kann
mir denken daß man dorten ein geheimes merkwür- ,

diges Leben leben könnte - dort irgendwo bei der


Place des Vosges — oder in der Nähe von der Tour
d'Argent — ich meine das kl. Restaurant woM' Fre-
deric so fabelhafte canards zubereiten konnte. Ich
war dorten mit Melanie Pourtales der großen Schön-
Empire - die noch so hübsch war hin-
heit des second
ter ihren Schleiern wie ihr eigenes sehr verblaßtes
Pastel - mit George Cain dem Conservator des Car-
navalet der uns alle Schrecken der Revolution in den
düstersten Ecken von dem alten Paris vorgezaubert
hatte — mit dem guten Louis Turenne der für sein
Cercle l'Union, die Rezepte der Chanoinessen von
Remiremont für königliche Besuche entdeckt hatte -

272
so können Sie sich denken daß wir fetirt wurden -
Aber das müssen Sie wieder nicht denken daß diese
cuhnarischen Erinnerungen mit meinem geträum-
ten Leben in Paris zu thun haben -
O Dottor Serafico ich beneide Sie Ich denke mir Sie
, !

sind der glückhchste IVIensch auf Gottes Erdboden


(Jetzt ärgern Sie sich wie eine Wanze — con rispetto
parlando — aber es ist doch so, — wenn diese merkwür-

digenAugen von Ihnen die Alles so merkwürdig so


anders sehen, einmal offen wären für Sie selbst.)
Also ich werde es Ihnen aufzählen:
Sie sind ein großer Dichter und wissen es ganz ge-
nau.
Sie sind verliebt (nicht raisonniren, Sie sind ver-
liebt und immer verliebt, wer wie und was , ist gleich
gühig)
Sie haben ein kleines Atelier in Paris - und es ist
März - der ganze wundervolle Frühling klopft an der
Thür -
Herein gerufen Dottor Serafico
!

Schauen Sie - ich bin eine Frau - und eine Frau in


meinem Alter, sollte jedes Mal wenn sie sich im
Spiegel anschaut sich jedes einzelne Haar ausreißen
und dann sich sofort am nächsten Strick aufhängen -
ich habe so viel Kummer und so viel Sorge in mei-
nem Leben gehabt daß mir manchmal eiskalt wird
wenn ich Maridi - (Gott behüte sie !) die mir so ähn-
lich sieht (und ich glaube nicht nur physisch,) an-
sehe - Und
doch ein blühender Obstbaum, ein gol-
dener Sonnenstrahl makc me wild with delight!
Aber andererseits wenn Sie nicht so desperat wären
würden Sie wahrsrhenilicli n\r\\\ so wuiiderbnr

2 1
'3
,

schreiben. Also seien Sie desperat! seien Sie sehr de-


sperat seien Sie noch desperater Aber über Ihre Vi-
1

site Madrid - ich meine Ihre Karte — trösten Sie


in
sich, denn es war ganz richtig und correct und ich
begreife meinen Vetter nicht - es muß eine Con-
fusion gewesen sein — oder war er vielleicht abwe-
send ? Jedenfalls wird er von mir beschimpft.
Nein Pia ist leider nicht da. Sie scheint erst jetzt ihre
außerordentlich lange und strenge Kur beendet zu
haben (es soll die ärgste Art von Tollwuth gewesen
seinund diese Trotteln von Ärzte sollen es ihr gesagt
haben) und kehrt nach Venedig zurück. Und jetzt
geht es mir nicht recht zusaramen mit dem Besuch
- Maridl kommt, und die Karwoche ist langweilig
und wir wollen nach Duino - Vielleicht ging es später
- auch im Sommer eventuell -
Im Sommer sind Sie jedenfalls in Lautschin nicht
wahr und leben wie Sie wollen das versteht sich
? ,

nur thun Sie 's dann nie.


Ich war miserabel, hatte Influenza - Gegina war
recht elend - machte mir Sorgen - um so mehr daß
sie fort Geheimnisse mit ihren Kuren erfindet und

ich manchmal recht beängstigt bin über diese Er-


findungen - Es geht ihr jetzt Gott sei Dank und un-
berufen viel besser. Auch Fritz war krank — erholt
sich in San Remo. Pascha ist in England, sieht seine
Kinder, wird aber in wenigen Tagen wieder in Duino
sein Alex kommt heute von Lautschin - die menage
.

Erich momentan hier.


Jetzt wissen Sie alle unsere Neuigkeiten -
Ja noch etwas! Miss Ethel Smythe - eine wirklich
sehr begabte Componistin (leider eine militante

274
S u f f r a g e 1 1 e ,) aber die talentirteste (da fehlt irgend-
wo ein T) Frau, (musikalisch) die ich kenne — stirbt
vor Sehnsucht Ihre « Judith » zu « vertonen » —
Was sagen Sie dazu ? Darf sie ?
Sie hatwirkhch schöne Sachen geschrieben, aber ich
habe ihr gesagt ich werde Ihnen schreiben und Sie
hätten das nicht gerne, und werden wahrscheinlich
nein sagen — also bitte um Antwort, Sie können
gleich abwinken.
A propos ich bin beleidigt wegen den Velasquez —
höfhch - mein Gott - Dottor Serafico wenn wir zu-
sammen gewesen wären, ich glaube ich hätte Sie
umgebracht
Und auf diese freundliche Bemerkung hin ziehe ich
mich bescheiden zurück mit den allerherzlichsten
Grüßen I

MT

148. Rilke an Marie Taxis nach duino^


Paris. 17, Rue Campagne-Premiere
Char-Freitag. <21. 3. 1913>
Meine liebe Fürstin
Ihr Brief war ein Lebens -Elexir, Ihr schöner Brief
(und danke für alle seine Nachrichten) , aber an mir
wirkt alles jetzt langsam, ich werd ihn oft wieder-
lesen, vor der Hand geh
ä quelques exceptions
ich,
pr^s, recht gedrückt herum, erstaunt irgendwie, daß
der neue Anfang, so neu er ist, so genau an das alte
Ende paßt auf dem anderthalb Jahre Fernseins sich
nur wie ein bischen Patina abgesetzt haben
1 IN achgesandt von Duino nach Wien. AdH.

275
Was, was müßte mir denn geschehen, damit ichs
spüre ?, Duino, Venedig, Toledo das mir so heftig
ans Herz griff, nun ists vorbei wie irgend eine Unter-
brechung, wie ein Stück tiefen Schlafs im Freien,
Gott weiß:liegts an der Stärke mit der Paris mich
wieder einnimmt, Besitz nimmt von mir, mich in sich
hineinsaugt in die Mitte seines Daseins; obwohl
traurig, obwohl verwirrt, obwohl nicht zu benei-
den, fühl ich draußen zuweilen im Gehen ein Lä-
cheln auf meinem Gesicht, einen Widerschein dieser
weiten offenen Luft, nicht anders als eines der Häu-
ser, das schimmert am Straßenausgang, hell hell,
ungeachtet vielleicht das Traurigste in ihm geschieht.
Welche Wirklichkeit in dieser Stadt, immer wieder
staun ichs an, wie steht der Schmerz da, das Elend,
das Grauen, jedes wie ein Strauch und blüht. Und
jeder Steinim Pflaster ist einem vertrauter als irgend-
wo ist ein Stein ganz und gar, hart
anders ein Kissen,
anzufühlen, aber doch wie abstammend von dem
Steine, den Jakob unter sein Haupt geschoben hat.
La mort du pauvre qui expire la tele sur une de ces
pierres est peut-etre douce quand-meme.
Sie fragen nach Marthe: ich habe sie erst zweimal ge-
sehen, das erste Mal allerdings eine ganze Nacht lang.
Es war mi-careme, zwei Tage nach meiner Ankunft,
ich fuhr hinaus nach Sceaux, Frau W<^oermann)> war
verreist, so ging ich in den Park und klopfte an das
Atelier des Russen. Er erschien selbst an der Thür,
ein kleiner blonder christushafter Bauer umgeben
von den vaguen Übermaßen seines schon dunkeln-
den Atelier 's, wir kannten uns nicht, ich sagte mei-
nen Namen, ein reines Lächeln kämpfte sich durch

276
meinen Namen athemlos in die
sein Gesicht, er rief
Höhe wie ein Vogel das Seine, ein hoher Vorhang
rechts wurde von innen gepackt und ungeduldig auf-
geschlagen, Marthe stürzte hervor, vorgeneigt wie
ein Reh, ein goldenes Stirnband um die Schläfe in
einem wunderlichen tanagrahaften Gewand -, aber
ganz verschlungen von der Größe ihrer eigenen Au-
gen — Es erwies sich, daß sie nach Paris wollte, tan-
.

zen; den ganzen Tag hatte sie nichts gethan als sich
waschen und kämmen und ankleiden und immer,
wie sie erzählte, im Vorgefühl, daß es nicht nur für
den Ball sei, für viel mehr. Die Nacht war traurig,
ich brachte sie zu BuUier, wir versäumten den letz-
ten Zug nach Sceaux, meine Wohnung war noch
nicht eingerichtet, so trieben wir uns bis an den Mor-
gen in den Straßen herum und in unwirtlichen Ca-
grausamer Umgebung (meine .Ungeschick-
harets, in ,

daß ich nichts Besseres wußte!). Sie hatte


lichkeit,
darauf bestanden, barfuß zu gehen in ihren San-
dalen , um recht griechisch zu sein : das gab ihr etwas
Unwahrscheinliches, Rührendes, (etwas wie von ei-

ner Bettlerin im Himmel) bei Bullier und auf der


Straße, wo sie, gewickelt und drapiert in ihre Tuni-
ka, mit seltsam kleinen Schritten über die wie far-
biger Schnee daliegenden und jagenden Confetti trat,
sah man sie befremdet an befangen je dirais niemc
,

avec une espece de respect timide. Tellement eile Stait

autre que tout ce monde ä Vamusement entetd etfacilc.


Parmi toutes ces filles plus ou nioins scabreuses eile
avait Vair d'une petite mourante qui scra une Sainte
quelques anndes apres sa mort. On la prenait comme
une « petite feinme » ^ ä peine osait-on ä Ven^ager,
;
.

eile itait comme tomhee (Tun nid tres haut et qu'elle


ne retrouvera jamais. Elle ne s'inquiStait pas beau-
coup de danser si peu, eile n'avait que le besoin de
parier et celid de manger infiniment. Elle avaitfaim,
eile mangeait avec peine et effort, avec desespoir comme
un revenant qid se materialise. Et en mime temps eile
voidait qidtter ce monde pour entrer completement
dans mes yeux et dans mes oreüles; eile se penchait
sur moi comme une petitefdle sur un lac desireuse d''y
trouver son Image mime au risque de s^y noyer. Elle
parlait beaucoup de sa vie, de sa vie tellement provi-
soire, tellement incomprehensible et qu^aucun ivene-
ment ne vient avancer. Elle vit aupres de ce Russe
comme une soßur, dit-elle, soulagie immensement de
ne pas Vaimer, car «la femme qui Vaimerait ü la
par
trainerait les cheveux». Cest un sauvage, un
Mordvine, un Sibirien, bon et terrible, et qui rend
difinitivement malheureux les personnes qü'ü aime.
La langue mordvine, sa langue ä lui, ne possede que
quelques mots pour les objets les plus elimentaires
parlant quelque peu le russe, il s''est cree depuis
quHl a du quitter son pays par des raisons politiques,
un melange de son idiome et de V Italien (ayant vecu
plusieurs anndes ä Milan) langue de fantaisie, dont
Marthe semble tres au courant. Son atelier vaste,
dont une partie sert de dortoir, est d^un desordre tel

que, Sans doute, on Vappelerait un paysage si par Ha-


sard cela se trouverait en plein-air. On dort sur des
grabats parmi un tas de choses eparpillees lä et oubli-
ies, — Marthe, toute füre, rn'a montri des bulbes
d'^hyacinthe qui ont commenci de pousser parmi les

couvertures ä la chaleur imwcenle de ses pauvres pieds

278
Pour le moment le Russe a quelques amateurs qui
sHuteressent ä ses travaux, (je me souviens (Vavoir vu
un Christ ä la Croix gigantesque, exprimant avec ce
trouble musicale que les Slaves introduisent dans la
sculpture, Vagonie finale —J, il a quelque argent,
mais sa honti et sa negligence fait disparaitre les de-
niers avec une rapidite d''eau qui coule, — les jours et
les nuits ort les emploie sans Organisation aucune^ on
dort de temps en temps, on mange rarement, seuLe-
ment luifume toujours, depuis qu'il vit ä Vetranger en
exil, - par nostalgie. Marthe tout en profitant de cette

irreguLarit6 qui doit lui sembler presque ideale s^aper- ,

coit tout de meme quHl est difficile de mar eher dans


la vase de la liherte. Je crois qu''elle souffre heaucoup,
qu^elle se consume^ aussi nia-t-elle dit qu'elle ne vou-
drait plus accompagner le Russe sHl va maintenant en
Italie comme il se le propose. Elle ne voit aucune exis-
tence pour soi-meme, pour le moment eile se promene
sur le dos de cette autre vie comme le petit heron
d''Egypte qui vit sur le dos des vaches. Ayant travaille
depuis sa quatrieme annee, faisant toutes les petites

hesognes qui tombent entre les fentes des metiers eile


ne se voit plus de travail ä entam.er et tous les chemins
lui semblent fermes par Vombre epais du «patron»
quHl faut traverser les yeux firmes si on veut arriver

ä des emplois profitants et durables .

Und weiß nichts zu ra-


ich, Sie begreifen, Fürstin,
then, kanns nur eben gehen lassen und von Zeit zu
Zeit hinsehen, ich bin weder der Erfahrene, der mit
Fassung hülfreich sein kann, noch der Liebende, über
den die Inspiration seines Herzens kommt. Ich bin gar
kein Liebender, mich ergreift's nur von außen, viel-

279
.

leicht weil mich nie jemand ganz und gar erschüttert


hat vielleicht weil ich meine Mutter nicht liebe Recht
, .

arm steh ich da vor diesem reichen kleinen Geschöpf,


an dem eine weniger vorsichtige und nicht gerade so
gefährdete Natur (wie ich es seit einer Weile bin) sich
hätte grenzenlos entzücken und bilden können Alle.

Liebe ist Anstrengung für inJch,'Leistung,surmenage,


nur Gott gegenüber hab ich einige Leichtigkeit, denn
Gott lieben heißt eintreten, gehen, stehen, ausruhen
und überall in der Liebe Gottes sein
Marthe ist da seit fünf Minuten es , klopfte leise, als
ob dieses von-ihr-Schreiben angezogen hätte; sie
sie

war krank, hat bei einer ihrer Schwestern irgendwo


gelegen, da bei Erzia niemand ihr zu essen giebt, sie
ist ganz ohne Stimme pretend que « le sang lui etait
,

monte ä la gorge». Ich habe den Eindruck, daß sie


recht krank war. Ich habe ihr Claudel « Annonce U
faite äMarie» in die Hand gegeben, sie liest, ganz
weit weg, wie immer wenn sie nach langer Zeit ein-
mal zu einem Buch kommt. Sie muß noch eine
Weile lesen, eh ich sie mitnehme zum Frühstück,
denn ich muß Ihnen schnell noch weitererzählen:
daß ich Montag mit meinem guten und großen Ver-
haeren und mit: Romain Rolland gefrühstückt habe,
- ich nahm an (ausnahmsweise) weil Verhaeren schon
fortgeht -, also Romain Rolland hat mir einen so
sympathischen und menschlich bedeutenden Ein-
druck gemacht, daß ich ihn sehr engagiert habe, Sie
einmal in Duino zu besuchen. Er geht gerade jetzt
wieder nach Italien, nach Rom, aber um zu arbei-
ten, will niemanden sehen, scheint es, diesmal also
wird es nichts, wenn nicht Placci (der ja auch gerade

280
in Rom ist und der R. R. natürlich kennt) einen Be-
such in Szene setzt. Man darf keinen Künstler er-
warten, aber mein würde, selbst ohne ihn genannt zu
bekommen, von diesem aus einer muthig errunge-
nen Innerlichkeit so rein aufschauenden Menschen
stark und besonders betroffen sein, w^o immer man
ihm begegnete Ich hatte den Eindruck einem uner-
.

müdlich Lesenden gegenüberzusitzen, dem Gott,


durch eine eigene Gnade, jedesmal w^enn sich seine
Gelehrtenaugen in den Büchern erschöpft und ab-
genutzt haben, den Blick neu mit dem pursten Blau
seiner Kindheit malte; wir gingen ziemhch eifrig
und neugierig auf einander ein Verhaeren w ar herr-
,

lich, es w^ar ein keinesw-egs überflüssiges Frühstük-


ken, Sie würden sich gefreut haben.
Nun muß ich schließen. Rodin ist augenblicklich
krank, sonst aber besser und die fürchterliche M™® de
Ch<(oiseul) ist nicht mehr vorhanden, leider war das
Ende von recht erbärmlichem Anlaß, ich hätte ge-
hofft es käme mehr von Innen und w^äre überzeu-
gender und wirklicher für ihn. Dieses phantastische
Paris, im Haus überall besteht die Meinung, diese
Amerikanerin hätte mit irgend einem Indianergift
operiert, miit dem sie Rodin die Milch würzig
machte! Nun Gott helfe, sie ist vorbei -.
Leben Sie wohl, Fürstin, und bringen Sie mich beim
Fürsten, bei Pascha u.s.w. herzlich in Erinnerung.
Ich höre heute und gestern alte italienische Musik
von den Sängern in der Kirche St. Gervais: Vittoria,
Palestrina, Ingegneri. . .

Ihr D.S.
Gute Ostern!

281
.

149. Rilke an Marie Taxis nach duino*


Paris. 17, Rue Campagne- Premiere
Dienstag nach Ostern. <25. 3. 1913>
Über Marthe 's Kommen neulich (sie hat inzwischen
Erzia mit einem Ruck verlassen, ich weiß nicht, was
sie vor hat, der arme Wilde weint wie ein trostloses

Kind) über Marthe 's unerwartetem Kommen ver-


gaß ich zu schreiben, daß es mit der Musik zur «Ju-
dith» ganz so gehalten sein soll, wie Sie mögen. Er-
laubnis ist keine dafür nöthig, höchstens Ihre, (da
Ihnen die Judith gehört) ich habe in keinem Fall
was dabei zu sagen, da die Komponisten immer alle
thun, was sie nicht lassen können, ohne sich um
irgend eine Zustimmung zu kümmern. Mag also Miss
Ethel Smyth freie Hand haben, wenn es Ihnen und
ihr gefällt. - Sind Sie wdrklich in Duino, Fürstin?
Was mag es herrlich sein. - Ich weiß nicht, ob Miss
Greenham noch in Amt und Würden ist, sonst würde
ich nicht Sie mit der Bitte bemühen, mir gelegent-
lich meine dortigen Bücher (Carlo hat sie in ein oder
zwei Kisten untergebracht) hersenden zu lassen.
Nicht den Ehrenkoffer und was etwa darin aufbe-
wahrt ist, nur alle Bücher, und es hat keinerlei
Eile. Dies als rasche Nachschrift zu meinen zwölf
Seiten neuHch. Was werden Sie dazu gesagt haben ?
Leben Sie herzhch wohl (Ich schrieb eben der Grfn
Gegina)
Ihr D. <S.

1 Nachgesandt nach Wien. AdH.

282
150. Rilke an Marie Taxis nach duino^
Paris, 17, Rue Campagne-Premiere
10. April 1913 <Donnerstag>
Es ist mir wie eine Art Strafe Fürstin solche Zeiten
, ,

ohne Nachricht zu sein, vielleicht verdien ich 's nicht


besser (was verdien ich überhaupt ?) aber es wäre
schön, Sie zu lesen und zu wissen, daß alles gut geht
und wo Sie sind Ich schrieb am 2 1 März ein paar
. . ,

Tage später schickte ich eine kleine Nachschrift nach:


beides nach Duino; aber sind Sie denn dort?
Hier treiben die Büsche und Bäume nicht mehr auf-
,

zuhalten, aber die Welt um sie herum ist wieder


trübsinnig geworden, es regnet, es trieft, man wun-
dert sich, daß es nicht Schnee ist, soviel Indifferenz
scheint im Himmel zu sein. Auf der Erde ist Früh-
ling und im Himmel Ablehnung, und ich übersetze
(endhch nun) die Briefe der Marianna Alcoforado.
Da ist dasselbe Verhältnis, Chamilly war der Him-

mel, aber Gott war ohne Zweifel gerade auf Erden


mitten in diesem unvergänglichen Herzen der por-
tugiesischen Nonne. Ich sehe, wasfür eine Schmach
die deutsche Übertragung war und mich von freuts,
den hinreißendsten Briefen, die je geschrieben wor-
den sind, eine persönliche und überzeugte Version
zu geben, Wasfür eine rücksichtslose Herrlichkeit,
aber wie furchtbar, Liebe zu entzünden, welcher
Brand, welches Unheil, welcher Untergang. Selbst
zu brennen freilich, wenn maus kann, ja das möchte
wohl des Lebens und des Todes werth sein. So ein
Verhältnis wie das der Nonne müßte an den Ausgang
aller Tage zu liegen kommen, diese Schreye und
'
Nachgesandt nach Wien. AdH.

285
dann nur noch eine kleine Stille, durchgehend, un
silence universell und dann gleich die Posaunen. Es
ist lächerlich, nach dieser Stimme, diesem Erlebnis,

das durch alle Grade des Herzens hindurchreicht,


noch v/eiter Liebe zu stümpern, ein bischen glück-
lich, nicht hinreichend unglücklich zu sein und mit
alledem Zeit zu verbringen, die gewissermaßen
schon verbracht ist, eh man sie anfängt.
Bei mir fängts endlich an, sich zu setzen und zu be-
ruhigen, in der Wohnung, meine ich. Aber am ersten
Tag, da ich mich zurücklehnte in meinem großen
Sorgensessel und mich umsah und sagen wollte:
« So - » , schaJEfte sich mein Nachbar ein Ciavier an das ,

mich möglicherweise töten wird. Es ist fürchterlich,


wie der stupide boshafte Zufall hinter mir her ist,

in Venedig die Kinder, in Duino die Luft, und hier


nun wieder dieses Schaf, das sich amüsieren wdll. Ich
lache mich selber aus, aber ich finde, daß es eineNoth
ist in der Welt, und Gott muß mir doch irgendwo

eine Stelle gernacht haben, er will doch nicht, daß


man solche Dinge in der Luft macht zwischen zwei
Winden, schnell -; ich bilde rair manchmal ein, ich
seh sie, diese Stelle, und
bekümmerlich leer
sie ist so

ohne mich. - Verschiedene Menschen stehen schon


wieder bevor, Durchreisende, auch meine Frau will
durchaus kommen, obwohl Rodin (wie ich voraus
sah) momentan nichts von der Büste hören will. —
Ich lese abends den Jean Christophe, Band 3., finde
ihn unaussprechlich dünn und mit Recht nach
Deutschland verlegt, von wegen Länge und Senti-
ment. Wie wenig ist doch in der Kunst erreicht,
ohne den Zorn des raccoiirci, nichts; aufzählen, sa-

284
gen: das und dann das und dann noch eins, es führt
nicht weiter und wenn man ein noch so gutes Herz
hat. Ich lese diese Litanei, weil mich Romain Rol-
land interessiert, er war bei mir vorgestern, sehr
sympathisch, sehr bemerkenswerth , wahrscheinlich
auch rührend; wie eine Allegorie des Winters in der
Provinz wenn er hereinkommt, so voller Überrock,
mit einem schwarzen gefütterten Gegenstand um
den Kragen, versehen mit allen Vorsichten der Klei-
dung. - Genug, liebe Freundin, ich habe das Gefühl,
eben in Ihrem Roudoir gewesen zu sein und eine
Menge gesprochen zu haben, zu viel wahrscheinlich,
wie immer. Jetzt begebe ich mich Romain Rolland
lesen , Kapitel « Sabine » hierauf Capitel Ada , schön
nach der Reihe.
Tausend Grüße (Herzhches für alle, die mit Ihnen
sind.)
Ihr D. S.

151. Marie Taxis an Rilke nach paris


Wien 6-4 <1913, Sonntag)

Dottor Serafico carissimo —


Ich fange zu schreiben an -und weiß daß ich kaum
werde - denn ich bin stupid
ein paar Zeilen schreiben
und faul - war miserabel und kann mich noch nicht
recht zusammenkrabbeln -

14-4 <1913, Montag)

Und heute erhalte ich Ihren Brief und bin tief


beschämt- Aber ich wollte immer eine ruhige Stunde
um Ihnen einen ordentlicluni I'riof zu sclireibon und

285
! -

Ihnen für Ihre Beiden die mich so sehr freuten und


interessirten zu danken - Und einmal war ich mise-
rabel, einmal war ich gestört - kurz u.s.w., u.s.w.
Diesesmal wird es nicht lang werden — ich habe um
12 Uhr einen Mann mit einer fabelhaften Stiche
Sammlung her bestellt - leider solche Preise daß
einem die Haare zu Berge stehen und man nichts
kaufen kann*. Dann bin ich wdeder auf dem Sprung
nach Lautschin wo ich einige Tage sein werde, mit
fürchterhch viel zu thun - et rien d'agreable - Über-
haupt ich habe eine bewegte Zeit hinter mir - und
ich fürchte auch noch vor mir, und bin ganz in Zif-
fern vergraben; darüber mündlich, wenn Sie wie
ich sehr hoffe heuer nach Lautschin kommen.
Nach Lautschin muß ich wieder her; dann Duino
aber nur auf kurz glaube ich. Heuer werde ich lei-

der kaum zu einer AutoReise kommen.


Über Ihren Klaviermann hätte ich gelacht, wenn ich
nicht aus Erfahrung wüßte wie entsetzlich das sein
kann. Schlagen Sie den Menschen tod. Nehmen Sie
sich une fronde, comme David, und bringen Sie den
Missethäter um. - Ja sprechen Sie denn portugie-
sisch ? ? ? Wie freue ich mich auf die Briefe auf die
übersetzten wenn man Ihnen nur die nöthige Ruhe
,

läßt und das scheint — (und auch nicht allein durch


das Clavier-Ungethüm) — nicht der Fall zu sein!
Schimpfen Sie auch nicht über Jean-Christophe - Es
mag sein wie es will, ich habe es mit so viel Freude
gelesen obwohl es gar kein raccourci hat — besonders
die ersten Bände - Ich weiß, auch der Dottor mistico
* habe doch einen Stich gekauft, bin der Versuchung un-
terlegen und fühle keine Reue !

286
verachtet mich deshalb aber ich bleibe dabei - denn
-
ich bin eine treue Seele
Das treueste Herz — sagte mir eine alte großartige
Frau — Die treuesten Augen - das sagte ein anderes
Wesen das längst zu « the greatmajority » entschwun-
den ist. Und wissen Sie was das größte Compliment
von Alex war, das er mir zweimal in meinem Leben
machte ?: Du bist halt ein echter Gentleman -
bezeichnend für ihn, nicht wahr? Aber über mich
reden ist langweilig und ich hätte gerne mehr von
Marthe gehört. Was geschieht jetzt mit ihr — ist sie
noch immer getrennt vom Russen ? Wie gerne
möchte ich dieses merkwürdige Wesen kennen
lernen. —
Und hier schneit es; zwei Winter in einem Jahre,
das ist zu viel des Guten -
und dieser blöde Nikita
schießt weiter auf Skutari,und der Papst stirbt und
den König von Spanien wdll man abkrageln - kurz
die Welt ist aus den Fugen man spielt Klavier neben
,

Ihrem Atelier, mein Atelier wird mir entrissen, die


Titi ist in der Hoffnung, die Gegina hat sich mit ihrer
Astrologin brouillirt und meine Schwiegermutter ist

wieder pumperlgesund. Sie sehen es geschehen Zei-


chen und Wunder - wir leben in einer unberechen-
baren Zeit. Sagen Sie Romain Rolland daß ich ihn
kennen lernen möchte - und verzeihen Sie diesen
blöden Brief. A rivederci, Dottor Serafico!
MT
Haben Sie noch schöne Musik gehört ? Ich brauche
es immer mehr. Letzthin das Forellen quintett von

Schubert - entzückend wiedergegeben - und so

287
wohlthuend, beruhigend, une paix si douce et si deli-
cieuse — et generalement pour moi la musique ce nest
pas du tout la paix - Beethoven p(^ar'y e(xenipley on
dir alt quHl me tord tout le cceur comme avec des mains
cruelles et adorees -

15-4 <1913, Dienstag)

Kassner war heute lange da - und es kam eine


reizende ganz junge Frau die er sehr bewundert (er
kannte sie aber noch nicht). Und da funkelten und
strahlten seine großen Augen ganz unheimlich. Ich
hatte Dürer Stiche, entzückende, bei mir. Er läßt
Ihnen sagen mir zu schreiben was Sie ihm über die
Melancholia sagten.

Und wo ist die « Unbekannte » ist sie ganz zurück in


,

ihrem Nichts - und auch dieser Traum zerronnen ?


Und ich denke an die schweren Schritte die Carlo
hörte und an unsere schwachen keiner Ausdauer fä-
higen Herzen.

1 52 . Rilke an Marie Taxis nach wien


Paris. 17, Rue Campagne- Premiere
am 17. April 1913. <Donnerstag>

Meine liebe Fürstin,


der rasche Brief neulich abends war eigentlich ganz
von der Besorgnis diktiert, daß es Ihnen nicht gut
gehe; leider sehe ich aus Ihren Zeilen eben, daß die-
ser Gefühls verdacht nichtganz umsonst gewesen ist;
aber Sie sprechen in der Vergangenheit das «mise-
rabel» aus, darauf verlaß ich mich -, und was die

288
andern Schwierigkeiten und Sorgen angeht, so wer-
den Sie sie schon mit dem rechten Griff einräumen,
wenn Sie nur w^ohl und im Innersten lebendig sind
Ich danke auf der Stelle für Ihre guten acht Seiten
die, während man sie las, immer noch voller wur-
den; ich komme mir über ganz Europa trefflich un-
terrichtet vor danach, nur von der Kriegsgefahr zwi-
schen Frankreichund Deutschland, mit der meine
femme Morgen den Besen durch
de mdnage jeden
meine Räume führt, thun Sie in Ihrem Bulletin
keine Erwähnung: so nehm ich an, daß es mit der
nicht so ernst aussieht, wie die gewöhnlichen Leute
hier sich zur Würze vorstellen.
Nein, was den Jean-Christophe angeht, so begehr ich
gar nicht mehr auf. (Sie haben ihn also ganz gelesen,
sammt Band zehn ?) Ich stehe nahe am Ausgang des
!

vierten, und je weiter ich komme, desto mehr Ge-


duld und Milde habe ich für dieses klein- und schlecht-
bedruckte Papier - ce n'est pas de Vessence de rose,
certainemerU^ mais c^est une tisane qui a eu le temps

d'infuser et qui, on la dig[o]uste avec lenteur et


si

abandon, arrive parfois ä vous rappeler la douce inti-


mitedela petitefleur bienheureuse Die verschiedenen
.

Frauenzimmer kommen recht unmittelbar und tüch-


tig an die Reih, und es giebt da jedesmal ein paar
reiche Momente, ehe sich die Erscheinung im Genre-
haften verbehaglicht. Die Episode, überschrieben
Sabine, war um ein Haar ein großes Kunstwerk ge-
worden (Band III, U
Adolescent Seite 71); so, wie sie
,

ist, hat sie immerhin die unbedingte und fesselnde

Anziehung gewisser Bildnisse (Siehe Galerie zu Bre-


.

scia, wo ich am Liebsten ganz und gar vor der einen

'0 289
alten Dame mit dem Hund, die hoch über einer Thür
hing, gebheben wäre.) Indessen hab ich Pvomain Rol-
land seinen Besuch erwiedert; war neulich abends
eine lange Stunde bei ihm, in dem kleinen Arbeits-
zimmer, au qiiatrieme, mit dem Ausblick über drei
alte Klostergärten. Es ist eng bei ihm, ein wenig alt-
jüngferlich (ich übertreibe, aber eine Spur nach die-
ser Richtung) und vorsichtig still. Wir sprachen ei-

gentlich wie Leute, die sich lange kennen, ohne erst


mit allen möglichen Bruchflächen uns an einander zu
versuchen Kamen auf Musik zu reden auf seinem
. ;

Pianino liegen eine Reihe kleiner schwarzer Hefte,


erfüllt, wie er mir zeigte, mit seiner eigenen reinli-
chen, fast japanisch leichten Notenschrift; er stellte
eines davon vor sich auf und spielte mir ein Stück an-
tiker Musik, ein Epitaph, voll sich im Großen aus-
gleichenden Betrauerns. Dann eine Frühlingsmelo-
die, aus einer gregorianischen Messe stammend,
ebenso kurz, ebenso einreihig, von keiner Übertrei-
bung wissend, aber etwas ganz Unendliches zurück-
leitend auf ein beruhigtes, vollzähliges Maaß (und
darin noch ganz in griechischer Tradition) Urtheilen .

Sie selbst, R. R. merkte, wie es mich ergriff, schickte

mir den nächsten Tag die Abschrift (die ich hier bei-
lege und bei Gelegenheit zurück erbitte*). Es wird
auch den Fürsten interessieren, Sie versuchens viel-
leicht mit ihm. Sagen Sie ihm alle meine Liebe. Hat
er übrigens je das «Salve» bekommen, das ich ihm von
Ronda aus schicken Heß ?, ich glaube, er war damals
grade in Petersburg. Er soll mir, bei Gott, nicht
schreiben, aber wenn er es hat, so freu ich mich, ein-
(* um ihretwillen laß ich den Brief einschreiben.)

290
mal beim Wiedersehen, seine Meinung darüber zu
hören Es scheint mir barbarischer als das Fragment
.

aus der Messe der heiligen Margarita von Cortona.


Montag aß ich bei Kessler in der «Tour d"* Argent»
wo er jetzt wohnt. (Es ist wunderlich, wie wenig er
sich auf die Ruhe seiner eigenen Einrichtung ver-
steht. Aus dem Grand-Hotel zieht er in ein Zimmer
über diesem Restaurant!). Und ja, viel Störung im-
mer wdeder. Des gens qui fönt Interruption chez moi,
autorises (ils le pretendent) par leur grand amour,
dont jeme sens infiniment coupable. II faut vraiment
que je m'arrange ä ecrire d^une facon qui me rend
ddtestable Ich weiß noch die
personnellement . . .

Stelle, wo von der Melancholia sprach


ich Kassner
(der Dürer 'sehen), kann aber nicht mehr präzisie-
ren, was ich ihm sagte. Es kommt vielleicht einmal
wieder
Tausend herzhchste Grüße
Ihres D. S.

P. S. : Bitte Sie geben mir einen Wink bei Gelegen-


heit, ob ich noch selbst nach Duino schreiben soll

um die dortige Bücherkiste, und ob die Greenham


noch da ist oder wers sonst besorgen könnte.

153. Marie Taxis an Rilke nach paris


<(\Vien> IV., Victorgasse 5^
23-4 <1913, Mittvvocli)
Lieber Seraficus
Ich schicke Ihnen nur schnell diese Noten zurück
damit sie nicht verläppert werden - Es scheint sehr

291
hübsch zu sein, aber aus einer Stinanae allein kann
man sich kein ordentliches Bild machen. Hat Ihnen
Alex nicht gedankt für die spanische Musik - es hat
ihm sehr gefallen -
In größter Eile, nächstens mehr
Herzhche Grüße
MT

154. Marie Taxis an Rilke nach paris


Duino 23-5 <1913, Freitag)
Was geschieht mit Ihnen Dottor Serafico ? Was ma-
,

chen Sie wo sind Sie ? ganz in der Ferne schwebend


,

kommt mir vor - sehr w^eit -


Und das ist mir nicht recht; Sie haben mir auch gar
nicht geantwortet ob wir auf Sie rechnen können für
den Sommer, und ich zittere daß Sie gar nicht mehr
daran denken I

Sie sehen wo ich bin. Ich schreibe Ihnen in mei-


nem kleinen Salon bei offenem Fenster - alles Blaue
,

vom Himmel und vom Meer kommt herein und da-


zu habe ich fabelhafte Rosen überall — so schön wie
heuer waren sie^ noch nie (dieRosen nämlich, Dot-
tor Serafico - sonst bei Ihrer bekannten Einbildung
denken Sie ich habe Sie auf magischem Wege soeben
erblickt.) -
Ich bin seit einer Woche hier, leider kann ich nur bis
anfangs Juni bleiben — fahre dann wahrscheinlich
nach Venedig und von dorten nach Lautschin Kassner .

kommt am Iten Juli wahrscheinlich auch Placci,


Titi, Vera, wie gewöhnlich. Ich habe recht mühsame
^ Gorrigiert aus : Sie. AdH.

292
Zeiten durchgemacht, vieles zu thun gehabt, das
alles erzähle ich Ihnen wenn wir Sie erwdschen Ihre .

Elegien habe ich einer sehr netten jungen Ungarin


schwärmt
(Gfin Festetics geb Gfin Karolyi) die für Sie
.

vorgelesen - eswar Kassner und noch ein paar Leute


dabei - großer Enthusiasmus -
Ich bin froh hier etwas Ruhe zu haben - seien Sie
nicht faul und schreiben Sie mir gleich Ihre Pro-
jecte - Tai une raison pour vous les demander.
Dottor Serafico gestern in Triest habe ich eine ent-
zückende kleine, signirte Federzeichnung von Do-
menico Tiepolo gefunden; ein Centaur mit einer
im Leben sind doch die
Faunin. Der einzige Trost
Antiquare.
In Eile die allerherzhchsten Grüße I

MT
Alex ist hier, läßt Ihnen alles Liebe sagen.

155. Rilke AN Marie Taxis nach duino


Bad Rippoldsau (Bad. Schwarzwald)
am 11. Juny 1913. <Mittwoch>
Niemals, liebe Fürstin, ist mir der Zufall, ja Unsinn
des räumlichen Entferntseins deutlicher geworden;
da neulich Ihr Brief eintraf und aus ihm, in einem
Zuge, Duino über mich kam, Ihr Boudoir, Ihre Ro-
sen und, im Widerschein von Meer und Meerluft,
das aus dem Fresko zurückgewendete Gesicht -: mein
Gott, Fürstin, da war nur eines ganz unmöglich: zu
schreiben , aber nichts , nichts auf der Welt wäre na-
türlicher, selbstverständlicher gewesen, als dort zu

293
,

sein, bei Ihnen, in dem gewissen Lederfauteuil, - zu


erzählen, was inzwischen alles sich ereignet hat: -
aber, da fällt mir ein, es wäre gar nicht verständlich
zu erzählen gewesen selbst nicht für Ihr Verstehen
,

denn die Dinge waren nicht fertig, gingen dann im-


mer noch weiter, gingen sogar recht weit seither, -
Sie sehen, liebe Freundin, wohin sie mich gebracht
haben. Ich sage «die Dinge» und meine damit, (es
ist schwer zu sagen, was alles,) was der May mir ge-

bracht hat, es war so viel an Menschen, Begegnun-


gen, Anforderungen, Fragen, Eindrücken, Einflüs-
sen, innigen und feindhchen, ja, ich hatte wohl recht,
während des still sich einarbeitenden April mich vor
dem nächsten Monat zu fürchten er war reichhaltig
,

wie eine Überschwemmung reichhaltig ist, mit de-


ren Wassern, das Unerwarteteste, das Unmöglichste
getrieben kommt. Wiegen und Stühle und Bruch-
stücke jedes Gebrauchs, ausgerissene Bäume und
blühende Sträucher. Und in alledem Konumen und
Gehen, Sehen und Wiedersehen, Rathen und Ur-
theilen zu fühlen, daß einem neue Einsichten auf-
kommen, lang erwartete, bei ihnen sein einen Au-
genblick und schon wieder fort und mit Menschen,
sprechend, anhörend, und immer wieder sprechend;
ich erinnere mich nur sprechend wenn ich zurück-
denke, einunddreißig Tage sprechend, Gott verzeih
mir.
Liebe Freundin, wundem Sie sich nicht, wenn Sie
nichts davon verstehen, es ist ein bischen viel über
mich gegangen, dem Ha-
ich bin wie das Gras nach
gel, ich liege, es macht einen konfusen Eindruck,
aber ich werde mich wieder aufrichten dazu bin ich ;

294

I
vor vier Tagen, mit plötzlichem Entschluß hierher
gereist, und die Müdigkeit des Luftwechsels, der er-
sten Kurtage, das vegetative In-Anspruchgenom-
mensein des primitiv beschäftigten Körpers, macht,
daß diese rasch geschriebenen Zeilen noch unver-
ständhcher sind als sonst nöthig wäre.
Erinnern Sie mich einmal daran, daß ich Ihnen von
Chartres erzähle, dort ist mir etwas sehr Wichtiges
widerfahren zwischen so manchen schweren Dingen
,

Wissen Sie denn, daß der gute Johannes Nadherny,


der ältere Bruder, am 28. May (dreißigjährig) ge-
storben ist? Sidie war in Paris, kam zu spät, für
sie ists gar nicht auszudenken, wie sie 's einordnen
soll. Er war für sie alles, durch ihn kam das zu ihr,
was dann zu ihrem Leben \\'urde, konnte nur durch
ihn kommen; gestern hatte ich eine Brief karte von
ihr, rührend wie sie nie sein konnte, ein gebrochener
und zugleich neuer Mensch, zum Schluß, statt ihres
Namens ein kleines kaum-gewordenes « S » als hätte
,

sie ihren Namen ausgeweint, ausgezehrt — Das arme .

schöne Janowdtz, wer \\ärd noch den Muth haben


dort zu sein ?

Liebe Fürstin, ichkomme, so wie die Dinge stehen,


wohl nicht nach Böhmen heuer, scheue mich auch,
Menschen zu sehen. Erst jetzt die Kur, 3 bis 4 Wo-
chen, dann weitersehen, am liebsten ginge ich nach
Paris zurück arbeiten. Ich hoffe dies hier schließt
mich Ihnen recht rasch wieder an, hätte nöthig von
Ihnen zu wissen. Wo sind Sie ?
Das «Marien- Leben» ist seit etwa zehn Tagen da,
aber ich brachte nicht die Ausgelassenheit auf, ein
einziges Exemplar zu versenden bisher. Das Ihre

295
kommt aber, so wie ich weiß, wohin ichs senden
kann.
Ihr D. S.

Alles Liebe für den Fürsten.

156. Marie Taxis an Rilke nach rippoldsau


Duino 17-6 <1913, Dienstag)

Dottor Serafico! Das Gras welches vom Hagel ge-


troffen wurde - und sich wieder aufrichtet - das sind
Sie — — Ich hätte Ihnen auch vieles
das bin auch ich
zu erzählen, weiß Gott - denn ich habe viel durch-
gemacht diesen Winter und Frühjahr - und Sie
möchten sich kaum denken wer mit der Meute ge-
gangen ist die uns hetzte - Sie würdens kaum glau-
ben meine Schwester Ich versichere Sie ich fange
: ! I

an zu glauben daß sie nicht ganz normal ist und daß


alle ihre so unendlich blöd aufgefaßten «Zaube-
reien» sie um den Verstand bringen. Sie hat jetzt
auf einmal auch den armen alten Fritz der den gan-
zen Winter krank war attakirt — und zwar mit einer
Rücksichtslosigkeit welche einem den Athem nimmt.
Wir können uns wehren, der arme Alte ist aber im-
mer zu gut gewesen. Er war hier ein paar Tage, ist

heute nach Venedig zurück. Alex auch hier undist

ich denke daß wir in einigen Tagen nach Lautschin


fahren, während Pascha zur Kieler Woche geht. -
Dottor Serafico was haben Sie alles angestellt, «im
wunderschönen Monat Mai ? » Daß wir Sie nicht
heuer in Lautschin haben werden, ist sehr betrü-

296
bend, aber Sie wissen ich begreife es vollkommen.
Et quand VEnfant prodigue reviendra nous tuerons
le veau gras tout de mime

Kassner kommt und die lieben Kleinen vom Pascha


wie gewöhnlich für Juli -August; dann die sonstigen
habituds — ich hoffe Placci der für mich nicht nur
eine geistige ressource, aber ein wirkhcher Freund ist.

Meine Schwiegermutter ist schon dorten -


Ja aber jetzt noch einiges; ich habe mitDamerini
meine Übersetzungen besprochen - seine Correctu-
ren meistentheils ihm ausgeredet - denn er hätte
mir den ganzen so mühsam angedeuteten Zauber
zerstört. Ein paar Sachen habe ich ihm zugegeben.
Wir sind dabei gebheben (wenn 's Ihnen recht ist)
folgendes von meinen Übersetzungen zu nehmen:

« La notte cresce cojne nera cittä »


La fanciidla
Giuditta (n ritorno di Giuditta)
Studio per un S. Giorgio
La Cortigiana
Fontana a Roma
Orfeo Euridice Hermes
Quesfe 7 desio — viver nella densa vita -^

Also acht Gedichte. Ich glaube Sie kennen alle Über-


setzungen mit Ausnahme von Orfeo - und das hätte
ich Ihnen so gerne vorgelesen -
1 „Die Nacht wächst wie eine schwarze Stadt. ." (W I .

358); Ein junges Mädchen; Rückkehr Judiths; Skizze zu


einem Sankt Georg (W III 379) Die Courtisane (W III 75)
;

Römische Fontäne (W III 79) Orpheus Eurydike Hermes


;

(W III 99) ;
„Das ist die Sehnsucht wohnen im Gewoge ..."
:

(WI255). AdH.

297
Auch bin ich eher stolz weil Damerini ganz ergriffen
davon war, und nicht ein Wort daran zu ändern
fand. Ich werde Ihnen, bis ich ruhig in Lautschin bin
die ganzen acht noch einmal schicken damit Sie mir
sagen ob Sie definitiv damit einverstanden sind. Sie
wissen daß Damerini einen großen Artikel damit
verbinden will - er möchte womöglich auch ein Bild
von Ihnen haben und alle möglichen Daten — was Sie
alles geschrieben haben etc. etc.

Ich habe in Venedig Giustina und Pia Valm<(arana)


gesehen. Letztere sehr en beautd, hat viel nach Ihnen
gefragt - Ich hoffe sehr sie im Herbst etwas mehr zu
sehen und hoffe und glaube auch daß die entsetzliche
Kur die sie durchgemacht hat, sie wirklich gerettet
hat. Der hübsche Andrea war auch da. Sonst habe ich
aber außer Amelie Wallis niemanden von Venezia-
nern gesehen. Auch nicht den «Sirenerich» -^
Dottor Serafico, ich habe noch immer nicht Ihre Ele-
gien Ihrer Frau geschickt Ist das nicht entsetzlich ?
!

Wo ist sie jetzt,, und was hören Sie von Ruth ?


Ich schreibe Ihnen noch nach dem Schwarzwald -
ach wie habe ich immer als Kind vom Schwarzwald -
geträumt - Schon der Name hatte so einen geheim-
nißvollen Zauber. . . .

Non e 7 mondän rumore altro che unfiato


Di vento, che or va quindi e or va qidnci^
E muta nome perche muta lato ^ .

Ich weiß nicht warum ich Ihnen das schreibe - ich

1 Wohl der Kunstsammler Cavaliere de Rosa. AdH.


2 Dante, PurgatorioXI 100-102. AdH.

298
köre diese Zeilen fort, ganz ohne Grund und habe
gefühlt ich muß sie niederschreiben.
Alles Liebe von uns allen
MT
Wie mir leid thut um den armen Nadherny und das
arme arme Mädel - Wollen Sie es ihr schreiben da
ich sie nicht kenne - und sie nicht mit einem Brief
sekiren will ?

157. Rilke an Marie Taxis nach duino


Bad Rippoldsau im badischen Schwarzwald,
am 20. Juny 1913. <Freitag>

Meine liebe Fürstin


eben kommt Ihr Brief, den ich mit Durst gelesen
habe, danke, Sie sind in Duino, so nehm ich nur
schnell das Marien-Leben^ daß Sie 's noch dort, an
bekommen. (Ein Exemplar für den
seiner Stelle,
Fürsten kommt
mit, und gleichzeitig sende ich eines
an Pascha und eines an die pssm Gabrielle nach
Mzell.) Und schreibe nächstens, bald, sowie Sie in
Lautschin sind, wenngleich so \del Wesentliches
zum Mündlichen bleiben wird, das ja doch nicht zu
entlegen sein darf. Meine Schreibkunst ist jetzt zu
gering und herabgesetzt, um den May zu schildern:
il y avait tant de choses, c^dtait toute une vie, et encore
la mienne^ ich möchte nach Paris zurück und kann
mir doch eigentlich gar nicht denken, wie ich dort
weiter soll.

Duino hat Ihnen sicher wohlgethan nach allem, was


ich aus Ihren Worten fühle \md verstehe -, ich

299
denke manchmal ists mir der leibhaftig-
so viel hin ,

ste Trost,daß ich noch einen langen Koffer und ein


hohes Stehpult dorten habe, einen wagrechten und
einen vertikalen Gegenstand, das ergiebt eine voll-
kommene symbohsche Beziehung. Und in das Mez-
zanino denk ich erst recht viel diese Tage, die alle
Jahrestage meines dortigen Wirtschaftens und mei-
ner vielen Rosen sind, meiner schönen Rosen.
Aber ich schreibe und kann nicht schreiben; genug
also. Freue mich auf die italiänischen Übertragun-

gen, nein, mir scheint, es sind mehrere dabei, die


ich nicht kenne. Nach Lautschin sende ich Ihnen
auch gleich Abschriften der Übertragungen, die ich
in dem noch stillen April und anfangs May in Paris
zustandegebracht habe; die liebUchen Sonette der
Louize Lab^ (1555) werden Sie freuen.
Placci thäte auch mir noth, wiederzusehen -
Leben Sie wohl, Fürstin, die «gemußten» Verse
sind sehr schön, der «Schwarzwald» ist es auch, ha-
ben Sie nur von ihm « geträumt » ihn nie gesehen ?
,

Sind Sie nie in Donaueschingen gewesen es ist nicht


,

weit von hier, alle die Wälder hier herum, herrliche


Wälder, gehören noch dazu.
Aber das lächerlichste Publikum, und Scheffel hat
hier Spuren hinterlassen, die peinlich sind, ist offen-
bar hier zu Kräften gekommen und hat sofort fürch-
terlich gereimt. Es giebt eine «Scheffelbank» und
(Sie merkens) mein Licht steht unter ihr und qualmt.
Tausend Grüße
Ihr D.S.

500
158. Marie Taxis an Rilke nach rippoldsau^
<(Telegrainm :>
18/7/1913 <Freitag>
Lautschin

Drahtantwort ob Ihr Herkomraen ganz ausgeschlos-


sen würden uns alle sehr freuen
Marie Taxis

159. Marie Taxis an Rilke nach Leipzig


Lautschin 24-7 <1913, Donnerstag)
Dottor Serafico Sie sind ein Monstrum! Hier sitzen
wir alle, Alex, ich, Pascha, Kassner, Placci, Titi etc.
und Sie sind zwei Schritte von uns und kommen
nicht 1 das ist eine Schcinde
Ich gestehe daß ich Ihnen außerdem noch sehr gerne
meine Übersetzungen gezeigt hätte bevor ich sie
Damerini schicke - Wie finden Sie das -

Quest^e 7 desio - viver nella densa vita


di patria privo in tempo fuggente
Questi son voti - cheti colloqui
d^ore diurne con eterno durar.

E quesV e la vita. — Finche da un ieri

sorge la piii solinga delVore. . .

Con altro sorriso che Valtre suore


davanti alV Eterno niuta sarä.
,

Natürlich ce nest pas taut äfait cela, aber ich glaube


es <(ist)> nicht zu schlecht ? Placci hat ein Drama von
Annette Kolb mit und wird es uns vorlesen. Ja mir
1 Nachgesandt nach Göttingen. AdH.

501
Man fühlt
hat auch «das Exemplar» riesig gefallen.
es sowahr. - Ich möchte A<nnette) K<olb) heuer
im Herbst in Duino haben und werde probiren ob
es geht.

Und Sie Dottor Serafico ? Wann wann wann sieht man


Sie wieder ? ? Damerini will einen langen Artikel
über Sie schreiben und fragt mich um Daten - ist es
Ihnen recht, und ist da etwas was Sie besonders ge-
sagt haben möchten ? Kassner hat mir sein letztes
Buch vorgelesen - es ist wieder wunderbar und ra-
send schwierig - Seien Sie nicht faul, schreiben Sie
und verzeihen Sie dieses Gekratz
Alles Herzliche von uns allen -
MT
Bitte grüßen Sie D^' Kiltenberger^ \delmals von mir

160. R.ILKE AN Marie Taxis nach lautschin


Ostseebad Heiligendamm
Grand Hotel, am 29. July. <1 9 13, Dienstag)

Glauben Sie nun nicht, Fürstin, daß es mir leicht war,


mein Telegramm^ zu schicken auf das Ihre, gute,
hin; es geschah, im Gegentheil, unter allen Anzei-
chen eines richtigen Heimwehs, daß ich aus verhält-
nismäßiger Nähe zu Ihnen hinübersah Den Tag
. . .

darauf sollte ich, so war es bestimmt, in eine Art lah-


mannsches Sanatorium im Riesengebirge, aber es
wurde noch ein wenig später, und schließlich bin ich,
1 Anton Kippenberg, bei dem Rilke damals in Leipzig zu
Gast war. AdH.
2 Nicht erhalten. AdH.

502
in einem heftigen Bedürfnis nach See-Wind und
See- Weite hierhergereist, Heihgendamm, das älte-
ste stillste der mecklenburgischen Bäder, wo der
mecklenburgische Hof sich aufhält, ein Kurhaus mit
Empirsäulenhalle , auf dem Giebel eine[r] Uhr mit
blauem Zifferblatt und abgebrauchtem blechernem
Schlagwerk, ein paar Villen, Buchenwälder -.
Ich w-ill sehen, ob der Instinkt recht hatte, ob See-
luft alles Nöthige an mir thut (es ist immer noch so
viel nöthig, ich bin unzufrieden mit mir, souffrant
toujours les memcs souffrances, dont je ne sais plus
tirer aucun profit -) ob ich den Kuraufenthalt im
Riesengebirge ganz aufgeben oder wenigstens sehr
abkürzen kann was mir in gewisser Weise erwünscht
,

wäre, da die Ärzte doch nur die andere Hälfte der


Rathlosigkeit haben dont on a la helle moitie, cela se
,

complete ä merveille — aber


; in den Kopf gesetzt hab
ich mirs imn mal, diesen Sommer meinen Quäle-
reien mit allen erdenklichen Mitteln Einspruch zu
thun, Rippoldsau hat mir nicht viel Gutes gethan,
oder doch nur den allerersten Anfang -. Dann war
ich acht Tage in Göttingen bei Lou Andreas
Salome, da hätte ich viel zu erzählen — das Wunder-
,

barste, wasfür Herrhchkeiten weiß diese Frau einzu-


sehen wie wendet sie sich alles was ihr Bücher und
, ,

Menschen im rechten Moment zutragen, zum soclig-


sten Verständnis begreift, liebt, geht furchtlos in den
,

glühendsten Geheimnissen umher, die ihr nichts


thun, die sie nur anstrahlen mit reinem Feuerschein.
Ich weiß und wußte seit jenen fernen Jahren, da sie
mir zuerst zu so unendlicher Bedeutung begegnet ist,
niemanden, der so das Leben auf seiner Seite hätte,

505
ira Sanftesten wie im Furchtbarsten die eine Kraft
erkennend, die sich verstellt, die aber immer, selbst
wo sie tötet noch, gebend sein will. . . Ich erzähle
einmal -
Die Übertragung Quesf e 7 desto. ist sehr schön,
. .

Fürstin, - wie gern hätt ich sie nun alle mit Ihnen
gelesen. Der gute Damerini, Daten kann ich ihm
ja nicht recht geben j^en ai de si incertaines .... Wenn
,

er deutsch lesen könnte, würde ich ihm die Bücher


schicken lassen, die man über meine Arbeiten publi-
ziert hat, es scheint es giebt einige, ich kenne sie
nicht, aber da wird wohl sogenanntes Thatsächhche
zusammengetragen sein. Nun liest er ja aber nicht
deutsch, nichtwahr?
Liebe Fürstin ich schicke Ihnen für den kleinen
, lie-

ben Kreis zum vorlesen meine Übertragungen der


24 Sonette der Louise Labbe damit ich doch mit et-
was mehr bei Ihnen sei. (Es ist mein Manuscript,
aber ich brauch es erst später wieder zum Druck.)
Für alle Ihren, den Fürsten, Pascha, Freund Placci,
Kassner, Prinzessin Titi nicht zu vergessen, alles, was
ich an herzlichsten Grüßen habe. Bald wieder und
mehr.
Ihr D. S.

(Mein Handkuß für die alte Fürstin.)


Von D^ Kippenberg sollte ich das Ergebenste ver-
melden.
JVo liebe Fürstin bekommt man eine solche kleine
, ,

Planchette ? Könnten Sie mir eine besorgen lassen ?


Oder sagen, wo man 's findet ? Mich drängts zur Un-
bekannten .

304
161. IVIarie Taxis an Rilke nach heiligendamm
Lautschin 10-8 <1913, Sonntag)
Hier, Dottor Serafico, die sämmtlichen Übersetzun-
gen die ich Damerini senden will - Ich möchte noch
Ihren endgültigen Segen dazu - ! ! !

Ich hätte Ihnen viel lieber selbst den Orfeo vorgele-


sen - und «Cavalca il cavalier in negro acciaio» ^ — aber
da hilft kein Weinen -
Ich habe noch ein paar andere, und die erste Elegie,
die ich aber nicht sende. Ich war sehr erfreut weil
Placci den wir hier hatten, sehr einverstanden war,
und über'n Orfeo speziell sehr ergriffen. Es war so
wunderbar daran zu arbeiten — Übrigens N! VII
habe ich jetzt geschrieben - bitte sagen Sie mir was
über den gehebten Orfeo.
Sie finden speziell
Tausend Dank für Ihre womderbaren Übersetzungen
von Louise Labbe - ich w^ßte nichts von ihr - aber
oh Dottor Serafico, wann kommt die dritte Elegie ?
Die muß kommen - die muß kommen! die muß
kommen
Ich denke in September wieder in Duino zu sein -
Vielleicht erscheinen Sie einmal ^vieder dorten -
das «Uralte Wehn vom Meer» ruft Sie zum alten
Felsennest.
Jetzt haben wir Ebbe hier gehabt - alles ist weg -
auch Kassner - er hat mir einen heben langen Brief
seitdem geschrieben - ebenso Placci der jetzt wohl
schon in St. Moritz ist. Bald verlassen uns auch die
lieben Kleinen, darum will ich dann gleich weg. -
Pascha spielt im Nebenzimmer melanchoüsche Wei-
» „Ritter" (Reitet der Ritter in schwarzem Stahl. . .) Ges.
\ Werken S.U. AdU.

20 305
sen - und dieser traurige meiancholische kalte Som-
mer ist bald auch vorüber. Das sind so die Tage wo
dieser Panzer von heiterer Lebensbejahung den ich
für die meisten Menschen trage, auf einmal Risse
kriegt - Aber man flickt sie wieder!'^
Ich wollte Ihnen erzählen daß, durch zwei Abende,
Pascha wieder zu schreiben probirte. Kassner stellte
ihm unbewußte Fragen und merkwürdig
/Pascha/
treffend, ironisch fast demüthigend waren die Ant-
worten - sie frappirten ihn sehr -
den nächsten Tag fragte er (wieder für sich) -

<^Bist Du derselbe wie gestern abends ?»


« Und Dein Herr »
lautete die Antwort.
Das übrige war durch Titi's und Maxens Anwesen-
heit eher gestört - obwohl auch da einiges merkwür-
diges kam. Dann hatte Pascha wieder solche Schmer-
zen im Arm daß er aufhören mußte - und es ist mir
lieber so.
Ich habe - wahrscheinlich von Blackwood selbst -
sein letztes Buch «A prisoner infairyland» - erhal-
ten - Und ich komme absolut nicht weiter, finde alle
Fehler von « Onkel Paul » ins zehnfache vergrößert -
ich kann nicht weiter kommen - wie schade \^
Ich lese soeben wieder Ihren Brief durch und sehe daß
Sie eine Planchette haben möchten - ich werde
schauen ob ich Ihnen eine aus England verschreiben

^ Die letzten Worte mit Bleistift hinzugefügt. AdH.


" Algemon Blackwood, The education of Uncle Paul (Lon-
don 1909) und : A Prisoner in Fairyland. The hook that Uncle
,

Paul' jurote (London 1913). AdH.

306
kann Meine kleine wurde mir geschenkt -
. ich weiß
also nicht wo man sie findet. Haben Sie in letzter Zeit
etwas von der « Unbekannten » gehört,! wonder ?!
Sie müssen mir dieses Schreibpapier verzeihen — Ich
war zu faul um mir ein anderes zu holen. -
Ich probire Ihnen dieß alles recommandirt zu schik-
ken, aber traue mir nicht das Manuscript der über-
setzten Sonette dazu zu thun . Bitte schreiben Sie mir
wohin Sie sie haben wollen.
Und alles Liebe Dottor Serafico von
, , allen Lautschi-
nern Hoffentlich auf baldiges Wiedersehen
.

MT
Ich habe doch Bl<(ackwood's)> Buch fertig gelesen -sehr
vieles poetisches darin - de bonnes intendons aber doch
nicht das Richtige - und wenn er seine Astral- Wesen
Purzelbäume machen läßt fühlt man keine Über-
zeugung! — et c^est ennuyeux par-dessus le rnarchd?-
!

162. Rilke AN Marie Taxis nach lautschin


Ostseebad Heiligendamrn,
am 14. August 1913 <Donnerstag>
Meine liebe Fürstin,
ich habe sofort gelesen, laut gelesen, lauter gelesen,
immer zuhörender dem ins Südliche hinein ver-
zauberten Grundton -, nun weiß ich nicht, was ich
Ihnen als das Schönste nennen soll: die Giuditta wäre
esunbedingt wäre nicht der Orpheus da ,- diese beiden
,

Gedichte sind ganz tief durch Ihr Wesen hin durchge-


'
Die Nachsclirift mit Bleistift hinzujrofüo-t. AdH.

307
staune, wie Sie im Orfeo das Herauftreten,
staltet, ich

den Gang der Gestalten die Klage - wie Sie das alles
, ,

erreicht und erworben haben die Sprache hatte gar


,

keine Wahl, sie mußte geben, was ein so erfülltes


und überzeugtes Gefühl ihr auftrug -, und sie gab mit
der ihr eigensten, sorglosen Großmuth. Ich bin, wie
ich es Ihnen damals gleich sagte, stolz auf meine Ar-
beiten, daß sie die Kraft hatten, in Ihnen die Inten-
sität hervorzurufen ohne die eine solche Umbildung
,

nicht denkbar ist.

Die Auswahl, die Damerini nun bekommt, ist recht


vielfältig; es ist gar nicht so wichtig, was er dazu
anmerkt; ich habe das Bewußtsein, daß Ihre Über-
tragung meine Gedichte rühmt und kenntlich macht,
und daß es da gar keines Interpreten bedarf. Auch
die andern sind mir lieb auch « Cavalca ü cavalier ...»,
,

aber Orfeo und die Giuditta müssen doch noch stär-


ker in Ihnen entstanden sein, sie stehn da wie Glok-
ken, in deren Klang es ja immer mitverstanden
bleibt, daß sie glühend in die Form hereinstürzten,
in der sie dauern.
Ich möchte Ihnen viel schreiben, Fürstin, ich bin in
Sorge, meinte, den Sommer so recht zu verwenden,
um allerhand halb körperhches, halb geistiges Übel
loszuwerden, und nun ists Tag um Tag, als tauschte
ich immer nur das eine gegen das andere ein, jeden-
falls werd ich meiner und meiner so reich erschlos-
senen Welt nicht froh. - Ich gehe in einigen Tagen
nach Berlin (zu meinem Zahnarzt) und dann wahr-
scheinlich doch noch weiter zu Di Ziegelroth ins
Riesengebirge. Darüberhinaus steht München auf
dem Programm und am Ende noch einmal Leipzig,

308
wenn ich das alles ausführe, so wird Deutschland
mich dieses Jahr noch recht lange beherbergen -;
die Aufführung von Claudel 's «Annonce faite ä
Marie» in Hellerau ist auf November aufgeschoben;
möglicherweise bin ich dann noch in Leipzig, und in
diesem Fall käme ich zu diesem Anlaß hinüber; hat-
ten Sie vor, sichs anzusehen ?

Schrieb ich Ihnen neulich wie sehr mich diese ganze


,

Zeit der junge Dichter beschäftigt, Franz Werfel, den


ich mir kürzhch entdeckt habe nur ihn,
?; ich lese fast
staunend, staunend; und schrieb ich Ihnen, wie ich,
durchreisend in Berlin, den dortigen Amenophis IV.
sah ?: das sind die beiden Centren meiner etwas
wehmüthig langgezogenen geistigen Ellypse. Lesen
Sie Tolstoi 's Briefwechsel mit der Gräfin Alexan-
drine Tolstoi, seiner Kousine, sehr viel mehr zu emp-
fehlen als Bl. Meine Adresse ist nur noch ein
. .

paar Tage diese, ich schreibe bald die künftige, sonst


erreicht mich immer auch alles durch den Insel- Ver-
lag in Leipzig; aber Louize Labbe behalten Sie, bitte,
noch bei sich, — es hat keine Eile.
Viele, viele herzliche Grüße,
Ihr D. S.

P.S. Beiliegende Verse, neulich im Wald aufge-


schrieben, mögen in Ihr kleines Buch gehören, falls

Sie Sympathie für sie haben.

^ Bei der — verschollenen — Beilage handelte es sich um das


Gedicht „Hinter den schnld-losen Bäumen . . (Ges. Werke
III 468). AdH.

309
163. Marie Taxis an Rilke nach heiligendamm^
Lautschin 17-8 <1913, Sonntag)
Dottor Serafico, ich war so unendlich stolz auf Ihren
Brief — wirklich comme un paon quifait la plus belle
roue du monde - und ich bin so froh daß Ihnen ge-
rade die zwei — Giuditta und Orfeo - am Besten ge-
fallen. Erinnern Sie sich unsere Fahrt von Saonara
nach Brescia — damals ist mir die Giuditta wie her-
gesagt worden — es war mir (lachen Sie mich nicht
aus) wie wenn der strahlende Himmel - die wunder-
bare Landschaft - der träumende blaue See mir die
Worte zugeflüstert hätten - die mir damals so natür-
lich kamen* - ja wirklich wie Sie sagen die Sprache
hatte keine Wahl - und ich dachte mir nur Gott sei
Dank daß ich es schnell schreibe — ein jeder müßte es
s o hören wie ich Und dann im stillen San Zeno dans
.

les Stalles unter dem großen Mantegna, Ihnen — dem

Dichter - es vorzusagen. War das nicht eigentlich


eine merkwürdige traumhafte Sache ? Wenn ich
nicht den Orfeo hier übersetzt hätte so müßte ich
glauben daß Ihre Nähe alles gemacht hatte. Den
Orfeo habe ich auch mit einer eigenthümlichen Be-
geisterung geschrieben -und liebe Ihr Gedicht mehr
als - Ich habe niemals von diesem
ich es sagen kann.
Dichter Franz Werfel gehört - ich werde an Heller
schreiben und mir seine Schriften kommen lassen -

* Ich sehe noch was ich im Vorüberfahren sah, ge-


rade als ich das «rigogliandomi in cuore» dachte, das
Dam<(erini) so frappirte - es war Wasser und Weiden
und Schilf - und über alles die Sonne -
1 Nachgesandt nach Berlin. AdH,

510
auch die Briefe von Tolstoi - was meinen Sie mit
dem « besser als Bl . . ? » Was ist Bl ? Ich zerbreche
mir den Kopf.
und ich friere! ich friere fort wie ein armer ge-
schorener Pudel - und ich habe solche Zahnschmer-
zen dazu — gewiß von dieser infamen feuchten Wit-
terung - es gießt Tag und Nacht. Ich habe fast Lust
auch nach Berlin zu Ihrem Zahnarzt - wenn er wirk-
lich nicht weh thut - nur wie heißt er ? Wann wer-
den Sie dorten sein D' Seraficus ? Ich könnte nur die
ersten Tage September dorten eintreffen - glaube aber
daß ich doch nach Wien fahren werde obwohl mir
die dortigen Zahnärzte gar nicht geheuer sind
Wie schön das Gedicht - wie schön — ich lese es im-
mer wieder —
Ich glaube es ginge zum Übersetzen -^

19-8 <1915, Dienstag)


Erst heute kann ich diesen Brief schließen, mit
tausend Dank noch für Ihre Zeilen, und den aller-
herzlichsten Grüßen von uns allen.
MT
164. Rilke an Marie Taxis nach lautschin
Berlin, Hospiz des Westens, IVIarburgerstr. 4.
am 21. August 1913.<(Donnerstag)

Liebe Fürstin,
nun bin ich in Berlin, mein Zahnarzt hat seine Arbeit

^ Eine Übersetzung des Gedichts „Hinter den schuld-losen


Bäumen. ." ins Italienische befindet sich unter den im
.

Dezember 1926 veröffentlichten IJbertragungen der Für-


stin. AdH,

511
begonnen und ich bin wieder ganz Bewunderung
für ihn. Er sei Ihnen nochmals bestens empfohlen,

und wie ich das ausspreche kommts über mich ob


, ,

Sie nicht jetzt, von Prag aus, herüberfahren könnten


zu diesem Nebenzweck, es wäre herrlich für mich der ,

ich noch bis zum 27. hier sitze. Wieviel zu erzählen,


liebe Fürstin wieviel zu fragen - wir könnten zu-
, ,

sammen den Amenophis sehen und einige andere


Großartigkeiten, nun er allein reicht schon aus;
regnen thuts überall mit der gleichen Ausdauer, und
für Duino kommt's doch genau auf den Tag nicht
an. Geben Sie zu, Fürstin, daß das eine meine<^r)>
besten Inspirationen ist, die mich dies schnell schrei-
ben heißt, kommen Sie herüber, D. Bödecker hat
in dieser Zeit weniger zu thun als im Winter, dazu
sind die Jahreszeiten, die so wenig auf sich halten,
noch vorhanden.
Wenn die Prinzessin Titi hier ist, \\äird ich sie gerne
sehen -
Sollten Sie nicht kommen, so muß ich Ihnen gleich
das eine Buch von Franz Werfel schicken, dem jun-
gen Dichter, von dem ich Ihnen schrieb, je mehr ichs
lese und vorlese, desto mehr erfüllt es mich mit
Überzeugung und mit glücklichster Freude.
Dem Fürsten alles Liebe und herzlichen Gruß an
Pascha. - Auf schnelles Jasagen herzlich gefaßt,
Ihr
D. S.

312
165. Marie Taxis an Rilke nach Berlin
<(Telegramm :>
Lautschin 22/8/1913 <Freitag>, 10.30 vorm.

Letzte Tage des Monats würde es sehr gut passen


bitte Antwort ob Sie unwiderruflich sieben und
zwanzigsten weg müssen
Marie Taxis

166. Rilke AN Marie Taxis nach lautschin


Berlin, Hospiz des Westens, Marbxrrgerstraße 4.
am 22. August 1913 <Freitag>

Liebe Fürstin,
wie völHg im gleichen Gedcinken haben sich unsre
Rriefe gekreuzt, als ob ichs gefühlt hätte; ich schrieb
Ihnen gestern, heute bekomme ich, über Heihgen-
damm, Ihre guten Zeilen. Aber Sie sagen anfang
September, das ist sehr sehr traurig für mich: ich
kann über den 27. hinaus nicht hier bleiben, da
eine Verabredung mich bindet, längstens am 12.
September in München zu sein und ich mindestens
vierzehn Tage für Krummhübel aussparen möchte,
auf das ich allerhand Hoffnungen setze. Gerade
diese Tage bin ich wieder recht unbrauchbar und
elend, und möchte eher einen Tag früher hin
als später, sowie ich hier fertig bin. Zu D! Bödecker

(D' Charlie Bödecker, - da es zwei Brüder sind,


bitte bei allen Anmeldungen und Anfragen, unter
Berufung auf mich, immer D' Charlie B. zu ver-
langen) rathe ich Ihnen auf alle Fälle, auch ohne
egoistischen Nebengedanken. Alle diesmaligen Er-
fahrungen bestätigen wieder auf das Beste, was ich
Ihnen von ihm erzählte. Die Adresse ist: Zahnarzt

513
D*^ Charlie Bödecker, 220, Kurfürstendamm, Tele-
phon: Amt Steinplatz 1219.
Ich habe eben anfragen lassen und erfahre durchs
Telephon, daß die Prinzessin Titi erst am 30. in
Berlin erwartet wird, schade, ich werde sie also nicht
sehen.
Das wunderbare Aufkommen der Giuditta auf der
Fahrt und ihr fast schon vollendetes Da-sein in San

Zeno ist auch mir unvergeßlich: ich habe daran ge-


dacht, als ich das Gedicht jetzt wiederlas, damals
schrieben Sie meinem Einfluß die Stärke dieser rei-

chen Eingebung zu, jetzt kam der Orfeo an den Tag,


Ihnen zu bew^eisen, wie sehr Sie selbst es sind, Ihr
Ergreifen und Ergriffensein.
Fürstin,wenn ich Sie hier nicht sehe, der Weg zum
Amenophis müßte auch für Sie, nach Bödecker, das
Wichtigste sein, er steht in dem Mittelraum der
aegyptischen Sammlung, wer 's verdient, denk ich
mir, der steht plötzlich vor ihm, auch wenn er ein-
fach so hineinirrt zwischen den großen Steinen. Ich
hätte Sie aber doch am Liebsten davorgeführt schon ,

damit Sie gar nichts vorher sehen müssen -.


Im Übrigen muß ich, unparteiisch, auch wieder zu-
geben, daß Sie anfang September mehr hier finden
werden, die Theater bereiten sich vor und ich höre,
daß das Kleine Theater (das nebenbei auch mein
Tägliches Lehen auf dem Programm hat) mit ein
paar interessanten Einaktern von Meli, Wildgans,
lauter jungen Wienern, sich eröffnen soll.
Alles Liebe, ich hoffe noch, aber nicht zu sehr, -
Ihr
D. S.

314
(Bl. . . bedeutete Blackwood, da Sie gerade von ihm
geschrieben hatten.)

167. Marie Taxis an Rilke nach berlin


<(Telegraniin :)>

Lautschin 24/8/1913 <Sonntag>

Werde sieben und zwanzigsten abends Hotel Espla-


nade eintreffen wenn ich auf ein paar Tage mit Ihnen
rechnen kann Bitte Ihren Zahnarzt avisiren da ziem-
.

Hch viel zu thun sein wird und eher pressirt


Marie Taxis

168. Marie Taxis an Rilke nach berlin


((Telegramm :>
Lautschin 27/8/1915, 11.50 h <xMittwoch>

Bin heute zehn Uhr abends Hotel Esplanade


M Taxis

169. Marie Taxis an Rilke nach berlin*


<(Ansichtspostkarte)>
Lautschin 5-9 <1913, Freitag)
Lieber D. S. Nur ein Wort falls Sie noch in
Berlin wären um Ihnen zu sagen daß ich Ihnen
die Elegien für Ihre Frau nach München fl<(6tcl)
Marienbad schicke.
In Eile herzlichst
MT
Xachgesandt nacli München, Hotel Marionbad. AdH.

315
! .

170. Marie Taxis an Bjlke nach München


Lautschin 5. 9. <1913, Freitag)

Hier Dottor Serafico Ihre Elegien mit der großen


Bitte sie Ihrer Frau zu senden, da ich ihre Adresse
nicht weiß. Sie muß nur verzeihen daß ich ihr ein
so zerknüttertes Exemplar schicke — ich wollte es im-
mer sauber abschreiben aber ich kam nicht mehr
dazu -
O und die 2te Elegie ist fertig ! 1 1 Natürlich wird noch
manches gefeilt werden müssen - aber sie ist da,

ganz da — Was werden Sie dazu sagen P!^


Ich kann Ihnen gar nicht sagen mit welchem wirk-
lichen Herzklopfen ich an die zwei Fragmente denken
muß und! wie froh ich war Sie wieder gesehen zu
haben, und auch, nach unserem letzten Abend, mit
einem ruhigeren Gefühl an Sie zu denken - denn ich
habe eingesehen daß Sie auf dem richtigen Wege
war anfangs etwas erschrocken,
sind; Sie wissen, ich
aber Ihre Elegien, wiedergelesen, haben mir die
richtige Beurtheilung eingegeben.
Also bis ich Sie wiedersehe Dottor Serafico rechne ich
darauf daß die Göttin Kah ein Kaninchen und der
Tazelwurm ein Waisenknabe neben Ihnen sein
werden
Morgen nachmittags fahren wir nach Duino - Wetter
prachtvoll - werde Ihnen von dorten schreiben
Indessen von Alex und mir, alles Erdenkliche!
MT
Ich vergesse nicht auf den Arzt.

1 Die Übertragung der Zweiten Elegie ins Italienische be-


findet sich im Nachlaß der Fürstin. AdH.

316
171. Rilke an Marie Taxis nach duino
Hotel Marienbad, München.
am 15. Sept<ember> 1913. <Montag>
Liebe Fürstin
ein mühsamer Umzug, Ruths Schulanfang -: meine
Frau wird kaum dazu kommen, Ihnen für die
Elegieen zu danken denn Sie können sich vorstellen
,

wie sie sich solche Veränderungen und Anfänge über


den Kopf wachsen sieht. Und auch mir wächst
wieder verschiedenes über das resigniert geduckte
Haupt, ich kam noch in die Tage des hiesigen psycho-
analythischen Congresses, was mir recht merkwür-
dige Begegnungen eintrug, eine mit dem Dichter
Frederik van Eeden (Holländer), dessen «Kleinen
Johannes» Sie wahrscheinlich kennen, die andere,
wichtigste, mit Df Bjerre, dem berühmten schwedi-
schen Arzt, den ich, da er den nächsten Tag schon
weiterreiste, nur wenig sah, aber da wir gegenseitig
auf einander gespannt waren und recht intensiv uns
berührten so ist die Freude auf künftige Briefe und
,

Beziehungen nicht ganz aus der Luft geholt.


Lou Andreas -Salome ist gleichfalls hier, wir lesen
und besprechen vieles zusammen, und diese Stun-
den sind für mich auch hier wieder die bedeutend-
sten und so recht eigentlich die, über die es weiter-
geht: wie ? wohin ? Wieweit ? Dio lo sa.
Aber wie überaus nothwendig wars, liebe Freundin,
daß wir einander begegnet sind, sonst müßte ich
hier, im Marienbad, immer an die vorjährige Be-
gegnung denken und rechtes Heimweh haben nach
Ihnen (hab es übrigens auch so). Das erste, was ich
hier vernahm war der Tod Gerhart Ourkama Knoop's

517
den wiederzusehen, immer eine gnte Seite meiner
münchner Tage war; die Toten dieses Jahres sind so
viele, aber ich glaube fast, ich kann Verlust nicht
mehr fühlen, selbst in diesem Entgehen liegt ja nur
ein eigener Zuwachs an Bezug, an Erfahrung, an
Freundschaft, und das argloseste Gefühl käme darauf,
sich zu freuen, daß es nun so große Kreise ins Unbe-
kannte hinein beschreiben darf.
Annette Kolb sah ich erst zweimal, soll von ihr das
Herzlichste melden, sie freut sich sehr erwartungsvoll
auf Duino, — aber es wird wohl eher später werden,
eh sie abkommt. Ist anfang November zu spät ?
Noch Eines, Fürstin, — ich habe davon abgesehen,
Ihnen den Echnaton zu bestellen, weil nämlich der
eben hier eingetroffene Abguß so dilettantisch und
schlecht bemalt ist, daß man ihn nicht behalten mag,
obwohl ich doch besonders sorgfältige Schritte für
seine Tönung in Berlin gethan habe und der Direk-
tor selbst diese Bestellung für mich besorgt hatte.
Ich seh, man muß sich der eigenen Erinnerung über-
lassen, die (sicher auch in Ihnen) rein unübertreff-
lich ist.
Alles Liebe und Herzhchste Fürstin Ihnen und den
, ,

Ihren und Grüße für das beziehungsvolle Duino.


Ihr
D. S.

172. Marie Taxis an Rilke nach Leipzig^


Duino 15 - 10 <1913, Mittwoch)
Ich weiß nicht wo Sie sind Dottor Serafico, und pro-
bire also diese Zeilen nach Leipzig zu schicken. Wie
1 Nachgesandt nach Paris. AdH.

318
Sie sehen bin ich wieder hier - seit dem 12'^". Ich
habe eine sehr hübsche Autofahrt in Toscana, Um-
brien gehabt - dann eine Woche Venedig. Jetzt bin
ich hiermit Alex und Pascha, und fahre, bis beide
abdampfen, wahrscheinlich nach Venedig zurück.
Meine kleine Wohnung dorten genieße ich wirklich
sehr - und ich habe den guten Padre Guignoni den
Sie ja auch kennen zum letzten Durchsehen von
meinen Übersetzungen enrolirt. Sie wissen daß er ein
großer Dante-Kenner und Forscher ist; par conse-
qiient auch was Sprache anbelangt impeccable -
darum Meinung — denn die journa-
wollte ich seine
hstischen Feinheiten und Modernitäten vom guten
Damerini passen mir nicht. Es war riesig interessant,
und ich habe auch eine große Freude gehabt, denn ä
part ein paar — sehr wenige — Kleinigkeiten hat
P. Guignoni gar nichts zu ändern gefunden, und
war speziell über den Orpheus ganz begeistert — er
frug mich fort ob ich wüßte wie schön es wäre - und
ich konnte ihm nur sagen von der Schönheit des
Originals welches sich nothwendiger Weise ein wenig
spiegeln mußte. Nach dem Orpheus gefiel ihm am
Besten die Cortigiana und die Fontaine. Die beiden
Elegien habe ich ihm auch gezeigt - über den Engel-
gesang war er ganz weg. Aber die müssen wir noch
zusammen durchnehmen. Ich war auch einen Tag in
Saonara wo man viel nach Ihnen gefragt hat. Pia
wohl und sehr en beautd. Ich hoffe sie heuer doch
etwas bei mir zu haben. - Ja die gute Annette Kolb
- CS ist mir spät, erst November - ich fürchte daß ich
dann nicht mehr hier bin — ich werde ihr selbst
schreiben - heuer ist alles confus und unbestimmt.

319
Ich bin sehr neugierig auf Ihre nächsten Pläne -
Seraficus I wo werden Sie jetzt wandern - ruhelos -
Erinnern Sie sich daß Duino und Lautschin Ihnen
immer offen sind. — Ich lese jetzt mit großem Inter-
esse das Buch von WoLkoff «Uä peu pres dans la cri-
tique» - es ist ein sehr genaues, ich möchte beinah
sagen ein nothwendiges Buch - und gibt den Kri-
tikern fürchterliche Hiebe - Natürlich bestätigt es
Ihre so richtige Bezeichnung: Un komme de science
fourvoye dans les arts — aber ich glaube man hat zu
viel in den Wolken gelebt, das Materielle muß
auch berücksichtigt werden in der bildenden Kunst.
Nur ist eben Wolkoff — so viel ich sagen kann da ich ,

das Buch noch lange nicht fertig gelesen habe - eben


nur Materie und verleugnet le mystere den er nicht
verstehen und seziren kann — wie ein jeder recht-
schaffener Gelehrter. — Sie hätten ihn hören sollen
dem armen entsetzten P. Guignoni auseinander
setzend daß Tolstoi rasend dumm w^ar — Das Wort
! I !

gdnie kommt in seinem Buch prinzipiell nicht vor.


On en a abusd, c^est sür, mais de lä ä le nier ou ä
Veliminer. Ich hoffe bald von Ihnen zu hören,
. .

lieber D.S. sagen Sie mir auch wie es Ihnen geht de


toutes les facons - indessen alles Herzliche von uns
allen — auch von «der Unbekannten». Haben Sie
kürzlich etwas von ihr gehört ?
MT

320
1 73 . Rilke an Marie Taxis nach duino ^
Paris, 17, Rue Campagne- Premiere
ce 21 Octobre <1913, Mardi>
Chere Amie,
c^est votre lettre qui m'attendait ici la premiere
(pourrais-je en tirer bonne augure !) , car me voilä
ä Paris depuis Samedi^ hdlas, je n^avais aucune
envie d'y rentrer, mais j'ai iti im peu partout
et iL ne me restait plus aucun prdtexte d' aller autre
part. Si je ne me trompe pas, je trouve la vie d^ici
terriblement triste et dSchue, je ne pourrai pas passer
ici ce que Von appelle «V hiver» — aussi avant de

monter dans le train, je combattai un fort desir


d'' aller chez vous et de continuer pour la Sicile — mais

c'aurait ete tellement au hasard, ici du moiiis il y a


mes livres {qui ne me disent rien) il y a mes meubles
(que je deteste) mais il y a tout de meme quelque
raison extirieure d'y etre, partout ailleurs on est un
peu de tropy ici je me
prSpare cette petita place
suis ^

tant decriee depuis par moi-meme^ mais il faut


manger la soupe que Von a mis aufeu. Si seuLement
toutes mes choses ne seraient pas pleines d^un passe que
je ne veux point continuer par le prdsent que voici;
hdlaSy combien ma vie a iti mauvaise ces dcrnieres
ajinies. J''ai envie de recommencer -, le pourrai-je?
Peut-etre que je me refugierai ä Duino ou ä Venise
au mois de Janvier, ou j'irai plus loin^ il y a Palerme
qui me promet quelque chose. En arrivant ici j^itais
si effrayi par ce que j^avais quitti, par ma chambre qui

faisait la meme mine, que je suis alli passer le Di-


manche ä Rouen, la Cathidrale nia consoli de ma
^ Nachgesandt nach Venedig. AdH.

21 321
!
.

calamite, c''est dröle que ces vüles de province sont


sympathiques en France^ tel petit hötel dos avec son
jardin me tenterait d''y passer le reste de mes j'ours.

A Ronen les vitraux fönt merveille^ quelle concentra-


tion, on sang des coideurs. Hier je nCenfus ä
voit le
Versailles^ mais tont cela est use use pour moi, je
n ^aime plus mime les admirables chiffonniers de Paris ,

rien que de petits evenements qui me vont encore, tel


que ce chat que j^ai observe hier Boulevard Montpar-
nasse, unefeuille tombait, (il (^y^y en a qui tombent) le
chat commencait ä jouer avec, puis il restait assis
coquettement ,
pleine d''attente en quetant Varbre de
son rond regard vert pour quHl lui envoie d^autres
feuilles, tout dispose de jouer avec Vautomne mem.e.
De mon voyage: helas depuis Berlin que de monde
Comme dans une Revue il passait devant moi presque
toutes les personnes que je connais. A Munich j^ai
beaucoup vu Annette Kolb, de mes projets d'exciter
les «esprits» en mafaveur, il n'^est resultS que fort
peu, les Esprits ne voulaient pas de moi ividemment.
A la fin j''etais chez une voyante qui regardait dans
une boule de verre, bonnefemme, qui me ddclarait en
possession d''un «Fluide» qui est le double du sien.
Elle m'' assurait que je parviendrai ä en faire usage
(Dieu me preserve) et que je pourrais ä tout moment,
Sans avoir besoin de personne, ecrire automatiquement
Sur cela Annette, ä qui j''avais raconte ce resultat,

faisait venir une tres aimable planchette de Londres —


nous avons fait un seuL essai ensemble, mais moi j^en
etais si degoütd, il me semble que jefais je ne sais quel
tort en pretant ma main ä ce manceuvre, que je ne
voulais plus recommencer Et pourtant,
. je voudrais

322
bien que «VInconnue» me parle. Apres c''itait

Dresde , He Her au .,1a representation deV« Annorwe »


de Claudel, un tas de monde, je vous dirai cela une
autre fois; puls fetais au Riesengebirge quelques
jours chez le Docteur qui voulait bien me garder dans
son Sanatorium, mais, ä coup sür, je n'aurais pas pu
y rester en ce mom.ent, V impatience me poussait ä
faire un grand bond libre et me voilä de nouveau sur
mes ruines.
J''ai vu ä Dresde la Lia Rosen, - imaginez-
petite

vous, son grand desir va : eile jouera «Die


s^ accomplir

Jungfrau von Orleans» au Lessingtheater ä Berlin


le 10 Novembre. J'aurais bien voulu y etre.

Dites, je vous prie, au pere Guignoni que je suis tres


fier de son assentiment, c'est un savant qui a le goüt
d''un vrai artiste. Et aux Valmarana: je vous supplie
de dire enorm^ment de choses. J'ecrirai ä la Pia dans
deux ou trois jours tranquillement j'ai egalement ,

quelques livres ä lui envoyer


Chere amie, pardonnez-moi cette lettre lamentable,
peut-etre d'un jour ä V autre tout va changer, le cceur

est une chosc dont personne ne saurait prevoir les

chemins, le mien marche loin en pelerin, peut-etre


aura-t-il son miracle ä son heure.
A Hellerau et ä Dresde j'ai beaucoup vu Franz Wer-
fel. Citait triste «ein Judenbub» sagte Sidie Nad-
y

herny (die von Janow^itz herübergekommen war,


ganz erschrocken) et eile n^avait pas complhement
tort. J'itais tout pripard d'ouvrir mes bras ä cet

adolescent, et au Heu de le faire, je les retenais sur


mon dos comme V indifferent qui se promene. Dix fois
par jours je me repdtais que c''cst lui qui avait pro-

323
,

duit toutes ces merveilles, en son absence je pouvais


encore rn' enflammer pour lui, mais quand iL fut lä,

fdtais geni jusqu* au point de ne pouvoir pas le regar-


der en face. Pourtant iL rietait point antipatLiique
extremement intelligent, trop intelligent peut-etre pour
sa poesie, qui perdait, si on La croyait toute rdßAchie,
et rdßechie finement, rusdment par un esprit juif qui
connait par trop La marchandise. Mais La valeur de
son Oeuvre est teile que sans doute iL me sera possihle,
un jour ou Vautre, rdtahlir un point de vue moins
rancuneux et plus valable que celui, oii je me trouve
actuellement. Tai senti La premierefois lafaussete de
la mentalite juive qui se sent digagee de tout ce qui,
nous tient et qui arrive d'en parier quand-meme,
nourrie d''une expirience quasi ndgative, cet esprit qui
penetre les choses pour ne pas les avoir eues, comme le

poison qui entre partout en se vengeant de ne pas faire


partie d''un orgardsme.
A Hellerau iL se passe bien de choses curieuses* , ce
Thedtre (s^ü n''amene pas un renouveau de la
scene abusde par tant de faiseurs et d''amuseurs et par
tous les malheureux devies qui fönt de Vart drama-
tique) dorme pourtant ä penser, par ses intentions ou
plutöt par sa liberte de vouloir tout, de comprendre
tout, d^accepter tout, ce qui probablement sera un peu

de trop ä la fin. Cest Wolf Dohrn, un des fils du


Directeur de V Aquarium de Naples, qui soutient ces
idees larges qui permettent un nombre presque üli-

mitd d'' expdriments et d'experiences. Mais de tout


cela une procimine fois. Le S Octobre iL y avait un
public tres select qui felicitait et fetait Claudel d'une
* (J''etais etonne et desenchante de ne pas y trouver Placci.)

324
facon bien delicate. Moi, j'avoue, que je rCai pas be-
soin de ses ceuvres, j^ai honte de le dire, pidsqü'il
rnassurait le contraire quant aux miennes, Mais
cVtait une politesse comme une autre, j^ espere. De
Prague iL y avait Ferdinand Lobkoivitz et sonfrere;
le premier joue, ä ce qid parait^ im grand röle parmi
les amis et les protecteurs de Hellerau. — Assez, assez,
voüä un Journal en raccourci. QuHl soit dos par tou-
tes les bonnes choses qui me viennent si je penseä vous.
Et je le fais tous les jours j^
Jl) . o.

Je vois par le Figaro que la C^^^ Gegina est ä Venise;


si vous la voyez, — rappelez-moi aupres d''elle

comme d''habitude.
Je vous enverrai le Insel Almanach ä quelques jours
d'ici.

174. Marie Taxis an Rilke nach paris


Venedig, San Vio, Palazzo Valmarana
26- 10 <1915, Sonntag)
Sie sehen wo ich bin Dottor Serafico, und wo ich
gestern Ihre Briefe erhalten habe. Wegen den Bü-
chern schicke ich gleich den Zettel^ an Pascha, der in
Duino ist, wo er Feste gibt ! 1 !

Daß Ihnen heuer Paris nicht zusagt thut mir schreck-


lich leid - und ich weiß nicht recht was ich Ihnen
sagen soll - Ihnen dem ruhelosen Wanderer -
^ Nicht erhalten enthielt offenbar die wiederholte Bitte
;

um Sendung der früher auf Duino zurückgelassenen Bücher.


AdH.

525
Merkwürdig war mir daß Sie sich mit Egypten be-
es

fassen, denn, wissen SieD.S. daß ich mich jetzt auch


mit Egypten befasse - es ist nämlich eine noch sehr
nebelhafte Möglichkeit daß wir nach Egypten heuer
fahren Alex und ich — wie wann noch unbestimmt
, ,

- auch mit wem wir vielleicht eine Dahabieh neh-


men würden um Cooklos den Nil zu befahren Wenn .

wir noch einen Platz darauf frei hätten (vielleicht


fahren wir auch allein) würden Sie die Idee als unser
Gast die Nilfahrt zu machen, ins Auge fassen? Ich
möchte am Liebsten nur wir zwei, Sie und vielleicht
die Pia V<(almarana)> - aber wie gesagt das alles ist
noch unklar — Nur der Zeitpunct wäre ungefähr Ende
Dezember auf zwei Monate die ganze Reise -
AntwortenSie mir gleich D.S. und bitte sagen Sie
niemandem etwas davon - Wie gesagt ich weiß noch
nicht ob Alex es irgendjemandem schon gesagt hat -,
er hatte eine Menage vor, von der ich aber nicht glau-
be daß siekommen werden. - Ich hoffe eigentlich
sie kommen nicht, denn es wäre herrlich Sie mitzu-

haben. Wir wollen eine kleine Dahabieh en cas que;


für 4 oder für 6. Bitte schreiben Sie mir was ich
über Egypten lesen sollte -
Vielleicht ist nur eine Fata Morgana - wie
das alles
so vieles in meinem Leben.
Gegina ist nicht hier. Ich sage Ihnen ganz aufrichtig
daß wir nicht auf einem guten Fuß sind, und wohl
niemehr sein werden. Ihre Undankbarkeit vis-ä-vis
von Alex dem sie alles verdankt kann ich wohl nie ver-
gessen. Gesundheitlich geht es ihr viel besser. -
Das Leben hier fließt ein wenig traumhaft vorbei. Ich
sehe Fritz sehr viel und bin sehr froh darüber. Fran-

326
chetti kommt und spielt mir vor; P<(adre)> Ghignoni,
Damerini, Bon - alle venetianer Freunde - Brown
ist gesternangekommen - Lange Gondelfahrten wie
in lebendig gewordenen Märchen - Antiquare -
kleine vergessene Kirchen - Letzthin eine merkwür-
dige Prozession vom Redentore zu S. Eufemia: eine
wunderhübsche außerordentlich « elegante » Madon-
na schien von unter ihrem goldenen Baldachin mit
ihren « devotus » zu coquettiren - Geistliche in Prunk-
gewändern und mit großen Barten Männer in rothen
,

weißen blauen Kitteln enorme rosenbekränzte Ker-


, ,

zen tragend folgten ihr. Alles das spiegelte sich in der


Lagune - und als sie weiter waren sah man nur in der
Dämmerung unzählige wandernde Sternlein.
Ich muß Tage an Annette Kolb schreiben. Sie
dieser
wird wohl nicht mehr kommen können und ich bin
auch zu unsicher mit meinen Plänen Ich habe leider .

den Maler Meditz in Duino verfehlt - Sie wissen die-


sen merkwürdigen Menschen der so vieles von
«Spirits» erzählt. Er wollte mir diessmal über das
« Reincarrifitionsthema » erzählen. Daß die «Un-
bekannte» nicht mehr kommt wundert mich nicht
- aber thun Sie sich ja nicht selbst damit befassen
D.S. ich glaube das wäre das Allergefährlichste und
Schlechteste für Sie. Überhaupt ist es mir leid daß
Sie nicht etwas länger bei dem Doctor der Sie behal-
ten wollte, geblieben sind. D. S.! bei aller Ihrer
Sanftmuth sind Sie doch stützig, stützig - je ne veux
pas dire comme quoi^ parce que je manquerais ahso-
lument au respcct quc Von doit aux pottcs.
Mais savez-vous quc je ne suis pas du tout, mais pas
du tout dtonnde de votrc ünpression sur Wcrfcl -j dtais''

327
!

süre qu'ü serait comme cela. Certes j^ai beaucoup


admire ce que vous rn avez dormA delui—mais ily avait
quelque chose qui par moment me rdpugnait - instinc-
tivement. Le menage Regnier — ils viennent
est ici

demain prendre le thd chez moi, et je voudrais leur


montrer Didno — seidement la semaine prochaine
Pacha donne une sauterie avec archiducs etc. — et
alors il vaut mieux attendre — pourvu que le temps
ne se gdte pas. —
Je voudrais causer avec vous, Dottor Serafico! Rn'y
a quavec vous que Von cause vraiment bien et cela
parce qu^l y a en vous une si extraordinaire compre-
hension — avec Kassner on cause parfois merveilleu-
sement, mais parfois de nouveau on le sent si loin,

si detachd - J''attends justement le Padre Ghignoni

pour relire les Elegies -je lui dirai ce que vous m^dcri-
vez - il sera enchante. - Que vous 7ie soyez pas fou
de Claudel me fait plaisir — ich komme nicht recht
weiter
Au revoir Doctor Seraficus — Peut-etre que, voyageant
cet hiver, nous trouverons votre cceur., «pelerin
passionnd» sur les routes lointaines - toutes ces routes
oii nous meurtrissons nos pieds ä la poursuite d''un
mirage qms''evanouit, renait, et s''evanouit de nouveau
- Sans cesse — jusquä la fin. Je suis triste en vous
dcrivant — je vous sens si inquiet, si angoisse, si

sombre . .
— Gott mit Ihnen I

MT

528
175. Rilke an Marie Taxis nach Venedig
Paris, 17, rue Campagne Premiere
am letzten Oktober 1913 <31. 10., Freitag)

Meine liebe Fürstin,


fände ich mich im Traum, in der beschriebenen
Vierzahl einbegriffen, auf einer Dahabieh zwischen
Alexandrien und Assuan, gleichviel wo: so würde
ich gewiß nichts wünschen, als daß dieser uner-
hörte unbegreifliche Zustand möglichst lange vor-
hielte. Denke an meinem Schreibtisch,
ich aber hier,
daran, daß auf natürlichem Wege dorthin zu streben
wäre zu einem, jetzt schon ungefähr abzuschätzenden
,

Termin so scheint mir das Wahnsinn oder Wahn- und


,

Leichtsinn oder etwas, was weder zu leisten noch zu


verantworten ist. D''abord: je suis epuise infiniment, et
je ne me pour quelque grande entre-
sens pas la force
peu rapporte,
prise (j'en ai fait tant, et elles ont si
chacune ne rrCa laisse que Vamertume d^avoir perdu
dHncomparables avantages^ —je rCose plus rn' exposer
ä ce risque -) ; dann offengestanden, ich muß versu-
,

chen diesen Winter mit einem Mindestmaaß von Mit-


,

teln durchzukommen, nun war ich freilich, wie Sie es


so gut und herzlich vors^phlagen , Ihr Gast, aber ich
weiß, ich ließe mich, einmal auf solchen Wegen, doch
zu Ausgaben verlocken, die durchaus unterbleiben
müssen. Drittens: sollte ich es irgend können, so wür-
de ich im Laufe dieses Winters das Scheidungsverfah-
ren seinen Gang nehmen lassen, und möglicherweise
wäre schon das ein Hindernis, mich so weit zu ent-
fernen. Das sind drei Gründe, verehrte Freundin,
que je vous peins sur lefond tdnAbreux de mon ä?ne —
dem gegenüber sehe ich eine einzige schwache Mög-

329
lichkeit, mich Ihnen vielleicht im letzten Moment
anzuschließen. Im November beginnen hier an der
Ecole des Hautes Etudes, an der Sorbonne, einige
Wochen später auch am College de France, verschie-
dene Course; ich habe daran gedacht, mich für Aegyp-
tologie , Arabisch und Ähnliches einzuschreiben , um
mich abgesehen von meiner schwierigen Innen-
so,

welt, arglos zu beschäftigen. Sollte ich Muth und


Fassung aufbringen, derartige Studien wirkhch an-
zugreifen, sollten sie mir gedeihen, mir Bücher und
Einblicke aufschließen, die weiterführen, und mich
soauf aegyptische Dinge in einer neuen Weise hin-
spannen und begierig machen, so hätte es allerdings
einen bescheidenen, aber durchaus haltbaren Sinn,
wenn ich dann, kurz entschlossen, in Ihre schönen
Pläne einspränge. Verzeihen Sie, Fürstin, wenn ich
auf diese herrliche Heimlichkeit so trist, so bedenk-
lich und bedingt eingehe, niemand weiß besser als
Sie, ^vie mir ums Herz ist und daß ich nichts leicht
zu nehmen vermag, weil eben alles jetzt schwer
ist.

In diesem Falle möchte doch Pascha, wenn er die Bü-


cher findet, sie Ihnea nach Venedig senden,
zuerst
mir kommt es gar nicht darauf an wann ich sie habe
,

und es ist manches dabei, w^as interessant ist für Sie.


(Moret vor allem, zwei Bände, wenn ich nicht irre,
und und Texte»: das
die «Altorientalischen Bilder
Sonnengebet des Amenophis-Echnaton, das Gespräch
des Lebensmüden mit seiner Seele, und die merk-
würdigen Sprüche aus dem Alten Reich). Sonst gilt
alsdie beste Vorbereitung Breasted's «Geschichte
Aegyptens», die englisch existiert und in einer an-

330
nehmbaren deutschen Übersetzung von D! Her-
nicinn Ranke. Also vielleicht kommt über uns Beide
ein großer Eifer der Aneignung -, und das Weitere
sei in Gottes Hand. Ich frage mich ob er je zugiebt,

daß einem Vogel das Herz so schwer wird, daß ers


mit seinen Flügeln nichtmehr heben kann ?; kaum,
oder man muß dann eben denken, daß es gar kein
Vogel war, was da flatterte und dann liegen blieb.
Wie immer aufs Herzlichste, Dankbarste
Ihr D. S.
Alles Herzliche in die Casetta Rossa!

176. Marie Taxis an Rilke nach paris


Duino 17-11 <1913, Montag)
Dottor Serafico - Ich sitze hier sehr gemüthlich mit
Mutter und Tochter Valmar<(ana) und wir lamentiren
fort Sie nicht da zu haben. Vielen Dank für Ihren
letzten Brief— der mich aber gar nicht freut erstens
weil Sie nicht kommen und zweitens weil Sie, wie
mir scheint, auch in Paris nicht die nöthige Ruhe
und Erholung finden - Wenn ich eine baguette ma-
gigue hätte möchte ich Sie nach Venedig transpor-
tiren D S in meiner kleinen Wohnung könnten Sie
!

mit der Gigietta ganz ruhig hausen, Fritz, Valmara-


nas, und Brown als eventuelle Zerstreuung - und an-
sonsten Niemanden zu retten haben Ich glaube das
!

wäre das Beste für Sie. Freilich sind die Valm<^aranas)>


und Browns in so ferne unsicher daß sie vielleicht
mit uns die Egypten Reise machen, aber das Ganze
ist noch unsicher und wäre so wie so nur bis unge-

331
fähr Mitte Februar. Ich kann noch nicht klar sehen, -
auch mit der Dahabeah sind Sch^\ierigkeiten wegen
dem enormen Verkehr - hoffe daß Alex diese Woche
herkommt und wir dann alles bestimmen. Auch Pa-
kommt aber morgen abends Er hat große
scha ist weg, .

Jagden in Ungarn gehabt.


Hier schicke ich Ihnen zwei merkwürdige ital<^ie-
nische) Gedichte von Brown. Er versichert mich daß
nicht er sie gedichtet hat, und sein italienisch ist auch
nicht darnach. Er hat das Gefühl sie wurden ihm
dictirt. Ich finde sie, besonders das eine {nembi)
wirkhch schön. Hier auch die Übersetzung der II
Elegie -
Es war schauerhch schwer, und ich war gezwungen,
um es lateinischen Köpfen verständlich zu machen,
etwas zu verlängern — ich meine nicht die wunder-
bare Knappheit beizubehalten besonders am Ende -
P<(adre)>Ghignoni Hebt beide Elegien und es war
erfreulich wie ihn einzelneDinge - gerade schöne
wichtige - frappirten. Wenn ich jemals länger in
Venedig bin werde ich mir ihn kommen lassen und
wir wollen zusammen die Episteln vom H. Paulus
lesen - Er übersetzt sie direct aus dem griechischen,
sagt die lateinische Übersetzung ist schandvoll. -
Wollen Sie also wirkhch Ihre Scheidung heuer durch-
führen ? eigentUch warum ? Ich fürchte es wird Ihnen
viele Seccaturen und Aufregungen verursachen. -
Ja ä propos so lange Pascha nicht da ist kann ich
nichts wegen den Büchern machen - ich weiß nicht
wo er sie hat. Ich werde Ihnen dann gleich darüber
schreiben. Miss Greenham sagt sie hätte Ihnen Ihre
Bücherkiste geschickt? Soeben, nach einigen argen

332
Sciroccotagen scheint die Sonne! Hurrah! Wie ver-
stehe ich den «Echnaton» - ich werde ihm eine
extra- Visite machen wenn ich wirkhch dazu komme
- Ich muß jetzt schheßen - im nächsten Brief kriegen
Sie eine Strafpredigt!
Die allerherzHchsten Grüße
MT

177 . Marie Taxis an Rilke nach paris^


Lautschin 10 - 12 <1915, iMittwocli)

Was geschieht mit Ihnen D.S.? Haben Sie meinen


Übersetzung der II Elegie, die Ge-
letzten Brief, die
dichte von Brown und Ihre sämmtlichen Bücher über
Egypten erhalten ?
Wie geht es Ihnen ?
Herzlichste Grüße von Alex und mir
MT

178. Rilke an Marie Taxis nach duino''


Paris. 17, Rue Campagne-Premiere. XIV^
am 16. Dezember 1913 <(Dienstag)>
Liebe Fürstin,
die kleine Kiste mit Büchern ist (danke) seit einer
Woche hier; ich hätte sie sofort, längst bestätigen
müssen. Und erst Ihren guten Brief mit seinen Bei-
lagen, der, miserum me, das Datum des 17.
6
November - Es «geschieht» nichts, als daß
trägt!
ich wieder einmal im Bestreben aufgelle, nnch auf
1 Ansichtspostkarte : «Dante-Fels beim Scliloß Duino.» y^rf//.

* Nachgesandt nacli Laulschin. Adli.

555
mich zu besinnen und in mich einzukehren darüber ,

verschlägt mir dann oft (Sie kennen das schon) aller


Ausdruck so völlig, daß der einfachste Brief ein Ding
der Unmöglichkeit wird. Andere Entschuldigung
(wenn dies nur eine wäre!) bringe ich keine auf
für mein unverschämtes Schweigen.
Damals als Sie schrieben, waren die Valmarana's bei
Ihnen, wieviel dachte ich hin -, nun zeigt mir Ihre
Karte vom 10., daß Sie noch immer in Duino sind
und daß der Fürst bei Ihnen ist, - was gab ich für
einen Thee im Boudoir, wirklich ich wäre imstande,
dazu hinzureisen und um zehn Uhr abends wieder
hierher zurück, nur, um zu sehen, daß es bei Ihnen
noch viel schöner ist, als ich mirs vorstelle. Ich wün-
sche Duino, daß Sie ihm über die Weihnachten blei-
ben und daß es einmal wieder dazu kommt, Ihnen
dieses Fest in seinen alten Mauern zu bereiten.
Die «Elegia II» ist schön im Anfang und unbe-
greiflich groß gelungen in der Engel-
Stelle, herrlich; im Weiteren bin ich nicht im-
mer einverstanden; wie Sie selbst fühlen, ist mir
manches zu sehr expliziert als übersetzt ein oder
. . ;

zwei Stellen vielleicht auch nicht ganz genau in


ihrem Sinne. So das pur siamo ancora für: wir sind 's
doch, das mehr meinen wollte: Lo siamo pure tutto
quello che se ne va . Ferner bin ich besorgt um
. .

den mir so lieben Ausdruck, die Liebenden betref-


fend:
«Ich weiß / ihr berührt euch so seelig, weil die
Liebkosung verhält/ weil die Stelle nicht schwin-
det, die ihr Zärtliche / zudeckt; weil ihr darunter
das reine / Dauern verspürt ...»

354
Dies ist so durchaus wörtlich gemeint, daß die Stelle,
auf die der Liebende seine Hand legt, dem Hin-
gehen, dem Altern, allem, was schon immer fast
Ver-Wesung ist unseres Wesentlichen, dadurch ent-
zogen sei, -einfach unter seiner Hand dauere, sei,—:
es müßte möghch sein, es ebenso wörtlich italie-

nisch verständlich zu machen, durch jede Umschrei-


bung geht es einfach verloren Nichtwahr ? Und ich
.

hänge an diesen Zeilen mit einer besonderen Freude,


sie haben formen zu können.

Von den Brown 'sehen Versen ist auch mir das «Nem-
bi e dubbii. . . » lieber; es ist erstaunlich, obgleich
man ihm den Zufall ansieht, jenen sehr nobeln Zu-
fall, Marmors in der
der die Adern eines gewissen
Ruinen erinnern läßt, der
geschliffenen Fläche an
den Wolken Ähnlichkeiten giebt, und irgend feuch-
ten Flecken Gesichter. . .

Liebe Fürstin, Sie dürfen nicht meinen, leider nicht,


daß aus meiner neuen Einkehr viel herauskommt,
ich versuche nur in meinen etwas hohlen vier Wän-
den etwa so zu leben als obs Duino wäre so hab ich
, ,

die meiste Aussicht, es gut zu machen, so gut ich


eben kann. Las jetzt den ganzen Kleist, vieles zum
ersten Mal, den herrlichen Prinzen von Homburg,
das sehr große Bruchstück vom Guiskard. Das hat
ja sein Gutes, daß die Umstände mich verhindert

haben, mir, wie es sonst jungen Leuten passiert,


die ganze Dichtung in zu frühen Jahren vorwegzu-
lesen; so steigt mir das Gewaltigste niegesehen her-
auf vor dem reifern Gemüth. »Schön und reizend
istAmphitryon von unvergleichlich erzogener Prosa
,

sind die Novellen, diese athemlos herunter- imd

335
hinauferzählte,Marquise von O...; ein Meister-
werk, das ich immer wieder anstaune, der Auf-
satz über das «Marionettentheater». Und hinter
dem allen - quelle ddtresse, — quel desespoir, quel
In wasfür einer Unglückserde graben wir
sacrifice.
Dichtermaulwürfe doch herum, nie wissend, wo
wir heraufstoßen und wer uns etwa dort gleich
frißt, wo wir die staubige Nase aus dem Erdreich
stecken.
Viel erwart ich mir, Sonntag, von der Rückkehr der
Monna Lisa-, sie ist doch die einzige Frau, mit der
ich hier umgehen kann.
Nichts von der Unbekannten ?

Haben Sie Schrenck-Notzing's Buch gesehen, über


das sich die Zeitungen in Deutschland, jetzt sogar
auch hier, aufregen: es heißt: Materialisations Phä-
nomene, (mit 150 Abbildungen und 30 Tafeln) ?
Und etwas ganz anderes Rabindranath Tagore ? Sein
:

Gitanjali, das er selbst ins Englische so merkwürdig


ausdrucksvoll soll übertragen haben; eine deutsche
Übersetzung ist schon da und die französische Andre
Gide 's, von der Gide neulich schöne Proben las, er-
scheint dieser Tage. (Überhaupt erscheinen Bücher,
was nur Platz hat, fast nur von mir keine, sonst von
allen Leuten.)
Die Düse soll, in Viareggio, recht leidend sein, hörten
Sie etwas ?

Aber leben Sie wohl, liebe verehrte Fürstin, und ver-


zeihen Sie mir diese lange schriftliche Abwesenheit.
Sagen Sie dem Fürsten alles Herzlichste, Ergebenste;
dem Pascha viele Grüße hoffentlich hat er mir nicht
,

zu sehr geflucht, wegen der Mühe mit den Büchern

536
(zu denen ich jetzt, wie das so geht, vielleicht gar
nicht komme.)
In tausend Gedanken,
dankbar
^^^
D.s.

P.S: Unsere kleine Lia Rosen hat wirkhch am


10. Nov. ihr großentschlossenes Herz durchgesetzt
und (in Berhn) die Jungfrau von Orleans gespielt; es
soll, sagen verläßliche Leute, manches ganz unerhört

herausgekommen sein.

Die Elegia II. und die Brown 'sehen Gedichte inlie-


gend retour.

179. Marie Taxis an Rilke nach paris


<( Ansichtspostkarte)
Lautschin 21-12 <1913, Sonntag)

Aber D S Was geschieht denn mit Ihnen ? Sind Sie


. !

noch in Paris ? ? Sind Sie noch immer desperat ? Kom-


men Sie her!l Sie finden uns allein; nur Kassner
kommt nach Weihnachten auf zwei Tage. Sollten
wir später weggehen so können Sie weiter hier
bleiben.
Glückliche Feiertage und ein glückliches Neues Jahr
wünschen wir Ihnen beide von ganzem Herzen
Marie Taxis

Lautschin 21-12 <1913, Sonntag)


Ich schicke Ihnen noch diese Karte, lieber Dottor Se-
rafico, damit Sie die Telepathie anerkennen. Ich

22 537
hatte sie gerade fertig geschrieben als Ihr Brief an-
kam, und danke Ihnen sehr. Daß Sie mit dem wei-
teren Theil der II Elegie nicht einverstanden sind
wundert mich Ihnen den ersten Ent-
nicht. Ich hätte
wurf schicken - und obwohl auch nicht ganz
sollen
das Richtige glaube ich daß es Ihnen besser gefallen
,

hätte Aber der gute P^adre) Ghignoni hat kein Wo r t


.

verstanden und mich fort versichert daß Niemand


ein Wort verstehen würde - da habe ich - ä mon
Corps d^.fendant - getrachtet klarer zu werden für
lateinische Ohren - Und es war ein Unsinn - Übri-
gens die Stelle: «Ich weiß Ihr berührt Euch so
selig» etc. ist auf italienisch glaube ich absolut nicht
zu geben. Ich lasse jetzt alles liegen. Wenn wir uns
einmal sehen, Sie Göttlicher Maulwurf mit der stau-
bigen Nase, werden wdr darüber reden können.
Sie sehen, hier sitze ich, — leider nicht in Duino zu
Weihnachten - und die Erichs sind in Lyssa. Zum
Xbaum fahren wir wohl hinüber. Heute ist alles

weiß, ein Wald von Silber und Cristall - und heute


ist der kürzeste Tag, und morgen, ja schon morgen

fängt es geheimnißvoll an sich gegen die Sonne zu


wenden - und der bloße Gedanke daran ist eine lei-
denschaftliche Wonne - Haben Sie das nicht in sich.
Göttlicher Maulwurf, und probiren Sie es nicht so
lange zu graben um Platz für einen seligen Purzel-
baum zu haben, wenn Sie unter der Erde dem ersten
treibenden Keim begegnen ? Morgen, wenn ich aus-
gehe, weiß ich daß ich den Frühling schon riechen
werde. - Unsere egyptischen Pläne haben wir ganz
aufgeben müssen; Alex hat äußerst complicirte Ge-
schäfte für Gegina in Ordnung zu bringen - er thut

358
es, in seiner großen Güte, obwohl er, weiß Gott, we-
nig Dank dafür erntet. Darum können wir auch
keine Projecte machen vorderhand — wer v/eiß, viel-
leicht erscheine icheinmal später in Paris und mache
der lieben Gioconda Concurrenz I

Natürlich habe ich das Buch von Schrenck-Notzing ge-


lesen - und zwar gestern gerade bin ich fertig gewor-,

den. Es ist das merkwürdigste, entsetzhchste, graus-


lichste, unwahrscheinlichste was ich je gelesen habe.
Momentan scheint es zu blöd und zu augenscheinlich
truquirt, und dann wieder cela vous casse hras et
jambes —
Wir dachten daran Alex und ich nach München zu
fahren und S<(chrenck-) N<^otzing)> zu interviewen -
Sie haben das Buch gelesen ? Cest ddgoütant ä vous
donner des nausees - mais si c''dtait vrai?? Den letz-

tenTag in Duino hatte Pascha große Lust zu schrei-


ben - aber leider hatten wir nicht die Planchette —
und so habe ich gar nichts von der « Unbekannten »
mehr gehört. Und Sie ? haben Sie probirt sich en rap-
port zu setzen ?

Wissen Sie was ich jetzt thue - und zwar Stunden-


lang im Tag - ich Beethoven - denken Sie
spiele
sich - ich die seit 30 Jahren und mehr das Ciavier
nicht berührte - Es ist wie eine Raserei über mich
gekommen - und daß schweren
ich diese entsetzlich
Sonaten überhaupt nur lesen kann - Alex steht da-
neben, kopfschüttelnd - übrigens haben wir eine
andere Auffassung von Beethoven - für nnch ist

er ein verheerender, unerbitlHcher wunderbarer


Orkan -
Le dicu , Ic dicu des ArniSes —

359
Gitanjali hatte ich bei den Berensons angefangen -
Kayserling war ganz verrückt darüber - ich habe
an Heller darum geschrieben. Von Kleist kenne ich
(ich fühle mich beschämt) nur das Käthchen von
Heilbronn - ich hörte es im alten Burgtheater und es
machte mir einen unauslöschlichen Eindruck - ich
war 17 Jahre und zwei verliebte Vetter sind hinter
mir gesessen.
Nochmals Dottor Serafico, die herzlichsten Wünsche
zu Weihnachten und 1914
MT
Denken Sie , Ihre Frau hat mir eine reizende Minia-
tur vom alten Radecky geschickt, zu lieb von ihr.
Bitte was sagen die Zeitungen vom Buch von
Schrenck-Notzing ? ?

180. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Paris. 17, Rue Campagne- Premiere. XIV^
am 27. De2<ember> <1913, Samstag)
Das wird sich kurios anhören, aber ich schreie gleich-
wohl: kommen Sie nicht, Fürstin, kommen Sie
nicht, und das ist nicht Eifersucht der Dame del
Giocondo, was mich so schreien macht (ich will sie

gar nicht sehen) -; aber ich habe Gelübde ge- ja ein

than niemanden anzuschauen nicht den Mund auf-


, ,

zuthun, außer nach innen -, wenn Sie kämen, so


müßte ich entweder diesen auferlegten Zustand ein-
halten (das wäre absurd) - oder wenn ich ihn doch
verließe, ich habe Angst, Fürstin, ich reise dann

340
auch schon gleich wieder oder spreche auch nocli zu
Anderen, sowie ich einmal eine einzige schöne
schöne Ausnahme mir erlaube . Ich bin in der Puppe
liebe Freundin, Altweibersommer in
es w^eht wie
meiner Stube herum, von alledem was ich tagsüber
und nachtsüber ausspinne mich einwickelnd, daß
ich schon nicht mehr kenntlich bin. Warten Sie,
bitte, bitte, auf den nächsten SchmetterHng, Sie ha-
ben im Herbst gesehen, in Berlin, wie trist und ab-
scheuhch die Raupe war, ein Greuel. Kommt kein
Schmetterling heraus, am
Ende, — auch gut, so
bleibe ich in dieser Filzerei stecken und träume so
still für mich von dem grandiosen Trauermantel, der
zu werden ich einstens etwas Aussicht hatte. Fheg
ich nicht aus so fliegt ein anderer, der liebe Gott will
,

nur, daß geflogen wird, w^er 's gerade besorgt, dafür


hat er nur ein ganz vorübergehendes Interesse.
Lachen Sie mich aus, Fürstin, oder schelten Sie
mich Thun Sie beides bitte ich bin ein empören-
. , ,

der Vogel, da sitz ich auf meiner Stange, ganz ent-


mausert und schäbig, die Federn fliegen mir in den
eigenen Schnabel und dieser unverschämte Schna-
bel schreit Ihnen: Kommen Sie nicht, kommen Sie
nicht, - als Neujahrsgruß . Natürlich ist auch ein
bischen Eitelkeit im Spiel, daß Sie mich so sehen soll-
ten. Der Kleist war schön sag , ich Ihnen, ach wenn
ich 'sIhnen doch sagen könnte; da ist unser einer
nichts dagegen, so ein Pipvogel, - jetzt haben Sie
sich den Geschmack verdorben für seine Herbheit
durch einen gewissen Dichter, den Sie übertragen,
aber einmal müssen Sie, ganz neu und nüchtern,
über den Prinzen von Homburg kommen, über das

541
Guiskard-Fragment — am Besten, wdr müßtens ein-
,

mal zusammen. Kennt ihn der Fürst nicht, etwas,


wie der Guiskard, müßte ihm hegen. Wunderschön
ist das alles und so blind und rein gekonnt, so aus

den Tiefen einer harten Natur herausgebrochen . . .

wenn einem nur einfällt, daß Fouque sein Zeit-


genosse war, sammt Frau von Fouque, («dieser Ga-
lanterie-Degen ohne Khnge», wie Bettina Arnim
sagen würde) so gehts einem erst über den Kopf hin-
aus auf, was das bedeutet, um die Wende 1800 her-
um, so ein Kerl zu sein.
Ich ging als junger Mensch immer gern an sein Grab,
damals wars noch eine Wildnis herum, obwohl die
Bahn nahe vorübergeht, ein Kranz von der Sorma
war dort, aber das Gitter rostete in Vergessenheit,
der Ruhm hatte nicht nöthig, sich darauf zu stüt-
zen; der stand frei. Zu jener Zeit schrieb ich, (noch
weiß ich 's oder weiß es wieder) in mein Taschen-
buch:
Wir sind keiner klüger oder blinder,
wir sind alle Suchende, du weißt, -
und so wurdest du vielleicht der Finder,
ungeduldiger und dunkler Kleist. . . .

Gott, ich kannte wenig von ihm und meinte seinen


Tod, den seltsamen, weil ich nur das Seltsame ver-
stand, jetzt aber meine ich sein Leben, weil ich
langsam anfange, vom Schönen einen Begriff zu ha-
ben und vom Großen, so daß mich der Tod bald
nichts mehr angeht.
Liebe Fürstin, hier ist so ein Zeitungsblatt mit einer
widerwärtigen Abbildung, - es ist das einzige, was
ich in Sachen Schrenck-Notzing gesehen habe und,

342
wahrlich, es ist schon degoutierhch genug. Das Buch
hab ich nicht kommen lassen , der Buchhändler mel-
dete mirs beim Erscheinen an, ich überlegte, — aber
für mich ist das alles doch nicht das Rechte. (Sie
können sich schon denken was das Rechte ist.) Ich will
,

gern jedem Geist Rede stehen, wenn er die Expansion


hat und die Noth in mein Leben einzubrechen dann
, ,

wird er auch was Vernünftiges zu sagen haben, wo-


für wir uns nicht beide schämen müssen; aber die-
sen Geisterzucker ausstreuen, damit Gott weiß wel-
ches abgelegte und drüben verpönte Gespensterge-
sindel heranschleicht und uns, genau wie die aus
Afrika hergeschleppten Wilden, Gebräuche und Ge-
heinmisse vormacht, die von keinerlei Welt sind,
das ist geschmacklos und trübt Diesseits und Jenseits
mit seinem Bodensatz. Sie fühlen, daß das nicht ge-
gen die «Unbekannte» geht, sie hatte Expansion,
und, wenn ich gleich nie wieder von ihr höre, so
bleibt sie mir doch ein Schwebendes irgendwo und
mit allem in uns, was sich schwebend hält, in Ver-
kehr. x\ber nicht einmal ihr gegenüber möchte ich
das Geringste unternehmen, sie anzuziehen -, flu-
thet nicht fortwährend unermeßlich viel Gelöstes in
unserem Geist, was verhindert sie, sich hinreißen zu
lassen in mein innerstes Gemüth, was, in diesem
hohen Räume am Abend unter dem Vorwand irgend
eines Geräusches einzutreten ? Hängt doch sogar die-
ses wunderlich lebhafte Frauenbildnis da, von dem

ich nicht weiß, wen es vorstellt, aus dessen schwärz-


lichem Hintergrund, der bei Tage stumpf und ver-
dorben ist, nachts immer neue Dunkelheit nachzu-
kommen scheint, das hohe Gemach speisend und

343
.

vertiefend ? - Nein , trotz der Betheuerungen der


Kugelleserin, ich mag dieses Mutier nicht, und werde
mich hüten, mein bischen Gewässer in jene zwei-
deutigen Kanäle zu leiten, damit es dort vielleicht
ganz zum Sumpf sich vermüßige und Blasen und Irr-
lichter in die schlechte Luft spiele
Sie aber, Fürstin, sind gefeit, denn Sie wissen et-
was von diesen Dingen, sind nicht auf Gefühle an-
gewiesen und lassen sich von keinem Geist was weiß
machen, weil Sie auch die Geister von Innen her
kennen und beurtheilen können, um wieviel einer,
der sich außen an uns versuchte, unbeholfener und
beschränkter sein darf. Ich könnte mir wohl vor-
stellen, daß es merkwürdig für Sie sein müßte, wenn
Sie, mit dem Fürsten, Schrenck aufsuchten, der,
früher wenigstens, eine nicht unbedeutende Figur
gewesen sein muß Obwohl die geringste eigene Er-
.

fahrung, v^renn man schon experimentieren will, un-


endlich viel mehr hülfe möchte ich glauben als was
, ,

auf einer so gereizten Stelle sich kunterbunt sensa-


tioniert.
Ist Kassner nun bei Ihnen ? Sagen Sie ihm doch alles

herzlich Liebe von mir.


Ich sehe keinen Menschen, es hat gefroren, es war
Glatteis, es regnet, es trieft, - das ist hier der Winter,
immer je drei Tage von jedem. Ich habe von Paris
über und über genug, es ist ein Ort der Verdammnis,

das hab ich immer <^ge)wußt, aber damals wurden


mir die Feinen der Verdammten von einem Engel
auseinandergesetzt, jetzt, da ich mir sie selbst erklären
soll, finde ich keine rühmliche Auslegung und bin in

Gefahr, mir das einmal groß Aufgefaßte nachträg-

344
[ lieh mesquin zu machen. Wenn Gott Einsehen hat,
so läßt er mich bald ein paar Räume auf dem Land
finden, wo ich ganz nach meiner Art wüthen kann
und wo die Elegieen aus mir den Mond anheulen
dürfen von allen Seiten, wie 's ihnen zu Muth ist.
Dazu gehört dann die Möglichkeit, weite einsame
Wege zu machen und eben der Mensch der schwester- ,

liche ! (ach ach) der dann das Haus besorgt und gar
! !

keine Liebe hat oder so viel, daß er nichts verlangt,


als, wirkend und verhütend, an der Grenze des Un-

sichtbaren dazusein Hier der Inbegriff meiner Wün-


.

sche für 1914, 15, 16, IZu.s.f.


Aber für Freundin, für den Fürsten hab
Sie, liebe
ich eine besondere Ecke des Herzens, die recht voll
ist, in Bereitschaft, möge der Himmel über das, was

dort an Wünschen ist, verfügen.


Ganz und gar
Ihr D. S.

Sagen Sie auch in Mzell allen von meinem Geden-


ken zu 1914; schreiben mag ich nicht, ein kleines
Wort vermehrt nur den Wust der Karten und ein
großes hat doch niemand Zeit zu lesen - außer
Ihnen.
(Der Radetzky ist meine Großtante,
derjenige, den
die Majorin Reiter, in Kremsier (anno 49 glaub ich)
von ihm selbst bekam.)

Montag, am 29. Dez.


Nachschrift,

Meine liebe Fürstin, diesen Brief hab ich nicht über-


lesen, er ist mir Samstag so aus der Feder geschossen,

545
! ,

läse ich ihn, am Ende schiene er mir zu konfus, so


daß ich ihn Ihnen unterschlüge. Gestern, Sonntag,
ist er liegen geblieben, weil mein nächstes Postamt

hier die Sonntage heilig hält, und ich ihn gerne « ein-
schreiben» lassen wollte. Diesen Morgen nun öffne
ich ihn nochmals ich erfahre eben auf Umwegen
: ,

(Sie wissen, Zeitungen lese ich nicht) den wirklich


unbegreiflich grausamen Schlag, der den Fürsten
Konrad Hohenlohe betroffen hat; wer weiß, was
dieser Knabe ihm war, der mags gar nicht weiter-
denken, daß es möglich sei. Lieber Gott, wozu,
wozu -, was ist Leben und Tod ungeheuer, wenn
man nicht beides immerfort in Einem sieht und fast
nicht unterscheidet. Aber das ist ja eben Sache der
Engel, das zu thun, nicht unsere, oder doch unsrig
nur ausnahmsweise für langsam erschmerzte Augen-
,

blicke.
Nochmals und immer wieder
Ihr D. S.

181. Marie Taxis an Rilke nach paris


Lautschin 3-1-14 <(Samstag)>

Dottor Serafico
Kassner und ich wir haben uns gekugelt über Ihren
Brief, aber wieder andererseits sehr gefreut denn
wir erwarten den Schmetterling! Beruhigen Sie
sich übrigens, vorderhand rühre ich mich gar nicht.
- Wie war einige Tage hier und
Sie sehen Kassner
ich habe es enorm genossen; er hat mir seine wun-
derbare Chimäre mit großer Leidenschaft vorge-
lesen. Er soll eine Vorlesung in Wien halten -

346
(Hofmannsthal hat ihn dran kriegt denn er ist ei-
genthch unglücklich) - am 10^^"" und ich habe Lust
hinzufahren
Gewiß ist jede eigene Erfahrung im Reiche der
«Unbekannten» mehr werth für einen selbst als
alle gelehrten Bücher darüber - und doch sind solche

gut und nützlich, entweder um etwas aufzubauen


oder um etwas zu zerstören - ich fürchte es muß
noch viel zerstört werden bevor man anfangt zu
bauen.
Ich bin ganz in der Musik drinnen - und benütze
diese Zeit hier um mich zu üben - Sie glauben nicht
wie komisch es ist daß ich wirklich vorwärts komme
nach 30 Jahren wo ich eigentlich nie spielte - und
jetzt bin ich tief in Beethoven vergraben — mit
unendlichem Genuß - und habe Kassner (der aus
dem Staunen und den Complimenten, stellen Sie
sich das vor! nicht heraus kam) fort vorspielen müs-
sen - Sie hätten die große göttliche «Pathetique»
hören sollen Natürlich ganz schlecht, aber ich glaube
!

mit dem richtigen Fühlen - Dottor Serafico was Sie


sichwünschen zu Neujahr ist eben das Seltsamste,
das Seltenste- die eine Seele die sich ganz hingibt
und nichts für sich verlangt - Schließlich haben Sie
ein Recht, der Sie so unendlich viel geben, unendlich
viel zu verlangen.
Ich wünsche es Ihnen also von Herzen für 1914 und
alle folgenden Jahre
MT

347
.

182. Rilke AN Marie Taxis nach lautschin


Paris. 17, Rue Campagne-Premiere. XIV^
am 21. Januar 1914 <Mittwoch>
Ein paar Worte nur, liebe Fürstin, um zwei Dinge
zu Ihnen hinzubegleiten, von denen ich nicht
möchte, daß Sie sie übersähen.
« Die weißen Blätter » ,
(die recht remarquable Zeit-
schrift, in der die, oft so unbegreifliche Jugend sich
ziemlich begreiflich und begrifflich benimmt) - we-
gen des Gedichtes das die Fürstin Lichnowsky darin
,

veröffentlicht: (schade, daß ich es Ihnen nicht lesen


kann). Sagen Sie mir, wie es sich Ihnen anpaßt, man
muß seinen Rhythmus finden, es hat, wie mir
scheint, einen ganz persönlichen und bestimmten
unter der scheinbaren Ndgligence
Das andere ist Marcel Proust, Du cotede chez Swann,
ein Buch von dem Sie vielleicht schon Gutes gehört
,

haben, möglicherweise sogar Ausgezeichnetes -. Ich


weiß nicht, was es verdient, aber ich empfehle Ihnen
den ganzen ersten Theil und den ganzen dritten und
bin gewiß, Sie werden ein vielfaches Vergnügen da-
ran haben. Das lange Mittelstück, Swann's Liebes
und Eifersuchtsgeschichte, möchte nicht besser und
nicht eben geringer sein, als derartige französische
Traktate zu sein pflegen, nur daß man sich wundert,
daß es nicht aufhört, sie zu geben und daß man Ta-
lent und Neigung verwendet, diese (für mein Gefühl
falschen Haare) immer noch weiter zu spalten.
Dagegen wünsch ich Ihnen für den ersten Theil die
rechte Stimmung und Behaglichkeit, er ist unge-
heuer amüsant und fast zu reich an seelischen Ana-
logieen und Gefühlseinfällen: das eine Kindheits-

348
ereignis, das alles trägt, (ob es zu dem abendlichen
vertrauten richtigen Gutenachtkuß der Mutter
kommt oder nicht) ist so trefflich als pivot dieses
Kindseins aufgefaßt, und es ist wundervoll und eine
psychoanalytische trouvaille, wenn später (p: 226)
davon behauptet wird: cette angoisse qid plus tard
Smigre dans Vamour. In jener Gegend, gegen Schluß
des ersten Theils stehen überhaupt ein paar pracht-
,

volle Sachen auch das erste Auftauchen der Produk-


,

tivität, (ebenvorher S^*^ 219 und die folgenden) an-

gesichts des Benehmens der drei Glockenthürme wird


Sie freuen (ich mußte an Ihren schönen, nach der

I Natur geschriebenen Sonnenaufgang über dem


Meere denken, der auch aus solchen inneren Ver-
pflichtungen entsprungen sein mag.) — Sehr schön
auch ist es, wie dem schon Erwachsenen die eine in
Thee getauchte «Madeleine» alles Vergangene
plötzlich zugänglich macht und wiederschenkt: tout
le temps perdu -, da setzt dann nur jener seltsamste
Fehler des Buches ein, daß die tausend so aufgereg-
ten Erinnerungen, nicht mit der Abnutzung jener
einen vom Gutenachtkuß heraufkommen, sondern
gleichsam wie zwar alte, aber von dem Erzähler nie
gebrauchte Dinge, so daß er gar nicht als ihr Eigen-
thümer im tiefsten Verstände, sondern höchstens als

ihr Collectionneur erscheint, wie auch die ja fast

übermäßige Fülle des Buches kein Lebendiges er-


giebt, sondern eben eine möglichst vollzählige Samm-
lung, in der jedes Stück Recht hat aber keines
eigentlich glücklich ist. Wichtig waren mir gegen
Ausgang des 2. Theils die Seiten über die kleine
musikalische Phrase in einer gewissen Sonate, Sie

349
werden das auch gern lesen, da Sie ja jetzt so
viel inMusik wohnen und sich dort im Größten zu-
hause fühlen, - was mich nicht wundert. (Wie gern
Waren Sie in Kassner 's
hörte ich in einer Ecke zu.)
Vortrag? Ich warte auf das Erscheinen der «Chi-
märe» mit rechter Sehnsucht, lese Romantiker und
staune die mir ganz unbekannte deutsche Littera-
tur an, abwechselnd zwischen Bewunderung und
Verwundern. Tausend Grüße, auch dem Fürsten
das Herzlichste.
Ihr
D.S.

183. Marie Taxis an Rilke nach paris


Lautschin 29-1-14 <(Donnerstag>

Ich habe einen ganz einsamen ruhigen Abend, Dot-


tor Serafico - einen Abend der mich an andere ein-
same Abende erinnert - long long ago - wo ich als
die Kinder - die drei Buben, - schlafen gegangen
waren, mich bis spät in der Nacht in die «Philoso-
phie der Mystik » von Du Prel vertiefte . Und wie da-
mals in der großen Stille glaube ich die Zeit rauschen
zu hören Erinnern Sie sich « die Zeiten rauschen wie
.

Wälder » ^ Ich habe das Gedicht von der Fürstin


. . . ,

Lichnowsky gelesen — ein merkwürdig herbes hartes


Gedicht - man liest es nicht gerne man erinnert sich ,

es nicht gerne - aber man muß es sich erinnern. Die

Frau ist sonderbar - anders als die anderen - sie


sollte nicht schreiben , sie sollte alle ihre Träume für
ihre Söhne aufsparen. Keine Frau die noch Söhne
haben kann sollte schreiben ....
1 Aus dem Protokoll der Seance vom 1. Oktober 1912. AdH.

350
Das Buch «Du cote de chez Swann» habe ich trotz
manchem ermüdenden nicht aus den Händen gege-
ben und wollte Ihnen erst schreiben bis ich es fertig
gelesen hatte. Alles in Allem habe ich es sehr sehr
genossen, und erwarte mit yngeduld die [zu] folgen-
den Theile[n] Sie haben ganz recht, es hält nicht recht
.

zusammen und der ganze zweite Theil - obwohl so un-


endhch treffende Beobachtungen darinnen sind - paßt
eigenthch nicht in der Sache — denn diese plötzliche
Vertiefung in einem anderen Ich läßt das erste Ich auf
,

einmal weniger wirkhch erscheinen. Vielleicht soll es


die Folge irgendwie besser hineinbringen -
Aber denken Sie sich D.S. wie mir zu Muthe war
als ich die Begebenheit mit dem Gutenachtkuß

von der Mutter las - denn genau dasselbe ist mir ge-
schehen — eine meiner allerfrühesten Erinnerungen
— ich muß noch kaum drei Jahre gewesen sein -
einen Abend in Sagrado wollte ich durchaus die
Mama haben, und man wollte sie mir nicht rufen
weil Leute waren - und da habe ich geweint wie
nur ein verzweifeltes Kind weinen kann. Dieser
ganze erste Theil ist wirklich herrlich voller wun-
derbaren Dingen -und diese Dinge sind beim Namen
genannt - schämen sich nicht, verkriechen sich nicht.
- Nur manchmal denkt man sich: Was bleibt, wenn
die letzte Hülle weg ist ? Haben Sie gemerkt daß
eigenthch niemand lebt in dem Buch. Können Sie
sich die Großmutter vorstellen - oder MI Swann -
den schon gar nicht - Eine Ausnahme ist die Fran-
(^oise - die ist lebendig, die sieht man. Vielleicht

kommt es daher daß er sich eben so sehr in die See-


len vertieft - und wir sehen ja nicht die Seelen, wir

351
!

kennen nicht das innere des Menschen — nur Äußer-


Hchkeiten geben uns ein Bild, geben uns die Emp-
findung daß ein Anderer lebt - Das soll nicht den
Werth des Buches herunter setzen, im Gegentheil.
Und diese « terra incognjta » ist es eben was uns reizt
und mir diese Art Bücher so unendhch bestrickend
macht. Auch hat es mich interessirt zu constatiren
wie in manchen Puncten die französische Seele von
unserer verschieden ist, unendlich verschieden. Sehr
schön alles über Musik, über «le clavier incommen-
surable, encore presqü' entierement inconnu» u.s.w.,
S. 428. - Ja ich spiele jetzt sehr viel - meistens
Beethoven - aber auch hie und da Mozart und
Schubert. Sonst nichts. Ein Rondo von Mozart ist
wie ein silberhelles Kinderlachen - nur einen Au-
genbhck zieht eine trübe Ahnung vorüber — Aber
gleichist das Lachen das sorglose zärtliche wieder

da. - Und Beethoven ist dunkle dunkle glühende


Leidenschaft. Bei Schubert ruht man sich eher aus
— aber er ist entzückend. Bis ich Sie seh, D.S. werde
ich Ihnen vorspielen so viel Sie wollen.
Der Vortrag von Kassner war gut besucht, und er
schien sehr zufrieden. Ich war es sehr mit dem er-
sten Theil - als zweites las er den Doppelgänger -
und ich finde daß gerade der zum Vorlesen nicht
paßt - Auch, Sie wissen wie er vorliest, manchmal
wunderschön und manchmal vergißt er ganz auf
sein Auditorium, liest ganz für sich und kein Mensch
versteht was. Den nächsten Tag hatte ich den The
bei ihm - es war eine hübsche sehr klug ausschau-
ende Frau da und , Max Meli - und fabelhafte gebra-
tene Castanien

352
noch unsere Familien recentissime
Jetzt aber schnell
Alex ist in Wien - kommt
in ein paar Tagen; die
Erichs sind in Mzell, der kleine Rudolf ist riesig
groß und hat eine Riesennase; die beiden Mädeln
Marie und Lolh sind in Wien bei den Groß-Eltern
Kinsky wo sie «trainirt» werden für Beichte und
Communion. Ob sie noch heuer diese Hindernisse neh-
men, ungewiß. Carola ist in Indien, sammelt Erin-
nerungen die sie Ihnen widmen wird. Pascha in Si-
zihen vorderhand. Die lieben lieben Kleinen von
Pascha in Brighton.
Jetzt wissen Sie Alles, und ich habe nur mehr Platz
für die herzhchsten Grüße.
Marie Taxis

184. Rilke an Marie Taxis nach lautschin


Paris. 17, Rue Campagne- Premiere. XIV^
am 2. Februar 1914. <iVIontag>

Wie schön, meine hebe Fürstin, daß der Proust so


passend kam, auch bei mir hat ers so getroffen, daß
ich geneigt war, Erinnerungen, der Stille, dem inne-
ren Spürsinn mich zu überlassen, allen den Umstän-
den, die ihm günstig sind. Freilich mein etwas hoh-
ler Raum hier weiß fast nichts von mir, ist nur eine
Schale um anderen Schalen, an denen ich,
alle die

unerschöpfliche Zwiebel, mich fühlsam zu Thränen


reize. - Ich sehe, wir sind über das Buch ganz cCac-
cord, hören Sie über den Autor: Er ist, erzählt man,
ebenso zartfühlend, wie reizbar, mit einem gewissen
Verleger, dem er seine Arbeit zuerst und mit aus-

23 353
.

drücklicher Vorliebe für jenen Verlag anbot, wäre


es um ein Haar zum Duell gekommen; man war
nämlich dort vielleicht ein wenig gegen P<(roust)>
vor-eingenommen, er hatte nur im Figaro einzelnes
veröffentlicht, ich weiß nicht wasfür Dinge, - man
nahm an es mit einer Art Abel Bonnard zu thun zu
,

haben und wurde in dieser Voreiligkeit vollends be-


stärkt, als der Verfasser des «Swann» erklärte, sein
Buch gerne bezahlen zu wollen wenn es nur erschiene
,

Das nahm die sehr litterarisch-unbestechlichen Her-


ren wider das Manuscript heftig ein, außerdem war
es schwer zu lesen, schien konfus -, sie lehnten es,
vielleichtmit einer Spur Ironie, ab: und so schlug
man sich fast, um sich nach einigen Aufklärungen
ganz zu umarmen. Aber fürs Buch wars zu spät,
und jener Verlag trauert ihm nun nach.
Schreibt man Proust über die Eindrücke, die er ei-
nem auf seinen vielen Seiten reichlich bereitet hat,
einen Brief, so kann es geschehen, daß er sorgsam,
gerührt und überaus ausführlich antwortet, es sind
richtige Correspondenzen so entstanden, wenn aber
am Ende, der, der den Anfang gemacht hat, sich, an-
geregt von dem wirklichen Schreibverkehr, hinrei-
ßen ließ, anzufragen, ob man, bei soviel gegenseiti-
gem Bedürfnis zur Mittheilung, nicht am Besten
thäte, sich einmal (bei ihm, Proust,) zu sehen -: so

wird dem Frager mit unbeschreiblicher Milde, wie-


der in einem langen Brief, angedeutet, daß solches
völlig unmöglich sei. Woher, unter diesen Umstän-
den, doch einige Erfahrungen über Proust's Inte-
rieur zustande gekommen sind, ist schwer zu sagen,
und sie möchten wohl mit Vorsicht hinzunehmen

354
sein. Mein weiß daß, er, zwar allem Lärm feind, doch
in einer recht lauten Gegend \Yohne, Boulevard
Haussmann, aber gegen solche Aufdringlichkeit der
Außenwelt sich dadurch geschützt halte, daß seine
Zimmer mit, übrigens durchaus sichtbaren, Kork-
platten verkleidet erscheinen, ja man geht so weit,
zu behaupten, daß er auch ohne mit der Zeit un-
sie

ter allerhand Schichten einer zunehmenden Laut-


losigkeit entgegenginge, indem es verboten ist, in
seiner Umgebung dem Ansetzen des Staubes irgend-
wie zuvorzukommen. So die Fabel; und in ihrer
Mitte hat man sich also jetzt den weiteren Sivann im
Werden vorzustellen, auch ich hoffe, daß die näch-
sten fünfhundert Seiten nicht zu lange werden auf
sich warten lassen.
Der zweite Theil bleibt doch wirklich recht störend;
so vieles was der Erzähler nicht als Kind kann erfah-
,

ren haben, ist drinnen verarbeitet, und doch tritt er


selbst immer noch als kleiner Knabe in den so gebil-
deten Zusammenhängen auf. Aber was sich ihm so
um die einzelnen Erfahrungen herum einstellt, das
kommt aus den seltensten Verstecken hervor, es ist
wie eine jener Ausstellungen, die die unzugänglich-
sten Privatleute mit ihren Erbstücken beschicken -,
was bekommt man alles zu sehen - .

Wieder ein Heft der «Weißen Blätter»^ erhalten Sie


nächstens, Fürstin, - diesmal um Werf eis willen:
es stehen von ihm ein paar wiederum herrliche
* in dem von neulich war (haben Sie's bemerkt?) auch
Schrenck-Notzings ßucli sehr vernünftig besproclicn. In-
zwischen, hörte ich, ist das Medium als Betrügerin bloß-
gestellt worden.

356
,

Gedichte^ drin, die mich alles, was in der persönli-


chen Begegnung Beirrendes, Einschränkendes war,
mit einem Ruck abschütteln lassen Kann man noch .

zweifeln, daß hier seine richtige überlebende Natur


sei und das Andere eben nur der zufällige junge

Mensch aus dem er sich heraufarbeitet ? Ich geh


,

schon wieder durch alle Feuer für ihn, wenn es dar-


auf ankommt. Das erste von den Gedichten «He-
kuba» (ich kann mich nicht halten) schreib ich Ih-
nen hier gleich ab, denn jenes Heft lasse ich Ihnen
vom münchner Buchhändler schicken, es möchten
ein paar Tage hingehn, eh ers besorgt. Auch in Wer-
feis Gedichten dringen Vergangenheiten (seine eige-
nen, und sonst auf dem allgemeinen Grunde lie-

gende) nach oben, treiben einem entgegen, vorbei,


ungeheuer, erschütternd, wehmüthig und über-
wahr. Manches, wovon ich immer Verdacht hatte,
daß es gerade in den seltsamen, im Unheimlichen
oft so zudringlichen prager Häusern stecke und stocke
stürzt, taumelt aus seinen Versen ins Bewußtsein,
(diesen kaum befestigten Versen, die wie schwache
Stege hängen über den Abgründen -), ich meine,
Sie müssens auch empfinden.
Bei alten Häusern: anfangs Januar trieb es mich ein-
mal unwiderstehlich nach der Ile Saint-Louis gegen ,

dieEcke des Hotel Lambert zu; ich ging den ganzen


1 „Die Weißen Blätter", ]!^rster Jahrgang;, Nr. 5 (Januar
1914), S. 433-441, enthielten von Franz Werfel„Neue Ge-
dichte" Hekuba, Eines allen Lehrers Stimme
: im Traum,
Die Prozession, Der Held, Der gfute Mensch, Das .Fenseits,
Ein Abendgesang. Tempel-Traum. Mitternachtsspruch
(sämtlich in: Einander. Oden/Lieder/Gestalten - 1913/
1914 -; Kurt Wolff Verlag München 1915). AdH.

356
Quai d'Anjou entlang, weiter, in die und jene Gasse
hinein, ergriffen, als trüg ich lauter Erinnerungen
mit mir entlang, die ich doch gar nicht habe, es war
ein so ^vunderlicher Nachmittag. Irgendwo an be-
sonders schweigsam verhängten hohen Fenstern
hob sich eine Spur der Vorhang^, da ich vorüber-
kam, ich meinte, es müsse mir gelten; ein Gefühl,
da und dort wieder, als hätte ich nur einzutreten, als
würde alles sich aufklären bis herunter zum Geruch
der einem entgegenschlägt, als wäre man so lange
erwartet gewesen, so lange entbehrt gewesen, als

müßte über alle diese verhaltenen Häuser eine Art


Erleichterung kommen, wenn man sich nur ent-
schlösse, einzutreten. . . Ein Treppenhaus, ein Vor-
saal, keinen Moment Zögerns, jene Thür ist es: Ah
c''est vous, enfin. . . sagt das jemand ?, gleichviel, es
liegt in der Luft, in der Dämmerung liegt es, das
Kannnfeuer weiß es alle Dinge sind überzeugt
, . . .

Fürstin, den nächsten Tag las ich in der Zeitung, daß


die Ile Saint-Louis geopfert wird Haus für Haus es , ,

soll so gut wie beschlossen sein. Sehen Sie, das ist

jetzt der Geist in Paris. -

Beiliegend ein Michelangelo*, — ich übersetze jetzt


manches von ihm pour le salut de mon Arne -, und,
damit Sie mir nicht vorwerfen, daß ich Ihnen lauter
fremde Gedichte schicke, auch ein meiniges, ein
Splitter, neulich früh ungewollt, unerwartet, vom
Herzen abgesprungen, ich weiß selber nicht, wie.
Den «Doppelgänger» hab ich mehrmals vorgelesen,
zum ersten Mal, - weiß ich noch -, in Tunis, um
^ Vorgang Hs.
* Diese zweite Beilage ist nicht erhahen. Adll.

357
, , ,

Weihnachten herum; ich bildete mir immer ein,


daß ich nichts, keine Prosa, besser vorlese, als ge-
rade ihn.
Leben Sie wohl, liebe Freundin, heute früh las ich
in den Gedichten Ihrer iXIntter, einzelne Strophen
sind wie zur Harfe gesagt, schwingen in einer Luft,
in der irgendwo Saiten gespannt sind. Rührende,
feine blumenhafte Bedingungen
, . . .

Den Mzellern gelegentlich mein herzlichstes Geden-


ken in alter Weise - dem Fürsten wenn er wieder-
, ,

kommt, alles Liebe.


Hier sind also drei Beilagen.
Ihr
D.S.
P.S:
Und die völlig meine Beilage, wenn sie Ihnen lieb
sein sollte, für Ihr kleines Buch, das wir nicht ganz
vergessen dürfen, zu späterer Eintragung.

^Erste Beilage .y

Hekuba
(von Franz Werfel)

Manchmal geht sie durch die Nacht der Erde,


sie, Herz der Erde,
das schwerste ärmste
wehet langsam unter Laub und Sternen
weht durch Weg und Thür und Athemwandern
Alte Mutter, elendste der Mütter

So viel Milch war einst in diesen Brüsten


so viel Söhne gab es zu betreuen.

558
Weh dahin! - Nun weht sie nachts auf Erden,
Alte Mutter, Kern der Welt, erloschen,
wie ein kalter Stern sich weiterwälzet.

unter Stern und Laub weht sie auf Erden


nachts durch tausend ausgelöschte Zimmer,
wo die Mütter schlafen, junge Weiber,
weht vorüber an den Gitterbetten
und dem hellen runden Schlaf der Kinder

Manchmal hält am Haupt sie eines Bettes


und sie sieht sich um mit solchem Wehe,
sie,ein dürftiger Wind, von Schmerz gestaltet,
daß der Schmerz in ihr Gestalt erst findet,
und das Licht in toten Lampen weinet.

Und die Frauen steigen aus den Betten,


wie sie fortweht - nackten schweren Schrittes . . .

an dem Schlaf der Kinder,


sitzen lange
schauen langsam in die Zimmertrübe
Thränen habend unbegriffnen Wehes.

<Dritte Beilage :>

Seit den wunderbaren Schöpfungstagen


I schläft der Gott: wir sind sein Schlaf,
hingenommen, stumpf von ihm ertragen
unter Sternen, die er übertraf.

Unser Handeln stockt ihm in geballter


schlafner Hand und kann nicht aus der Faust,

569
-

und so haben seit dem Helden-Alter


unsre dunklen Herzen ihn durchbraust.

Manchmal rührt er sich von unsrer Qual,


schmerzensähnlich zuckts durch seine Glieder,
aber immer überwiegt ihn wieder
seiner Welten heile Überzahl.

185. Marie Taxis an Rilke nach paris


San Remo, Hotel West End, Ital. Riviera
22-2-14 <Sonntag>

Sehen Sie wo ich bin Dottor Serafico - und hören Sie


wie es regnet ? Schwere Tropfen schlagen an den
Fensterscheiben, ungezählte, unaufhörlich — es ist
ein Rhythmus darin den ich immer zu fangen glaube
wie die Erinnerung an einen verschwundenen
Traum. - Die großen Palmen im Garten rauschen
mit einem härteren Klang als die anderen Bäume
und das alles hebt sich ab von einem dumpfen
Brausen -
« uraltes Wehn vom Meer ...»
Warum und wesshalb, das ist
ich hier bin, wieso
alles zu lang zu erzählen - ich bin hier, Fritz und
seine Frau sind hier und heute nachmittags kommt,
glaube ich, Pascha. Ich muß Ihnen vielmals danken
für Ihren Brief, und für die Gedichte — für Ihr
herrhches Gedicht, und für das herrliche Gedicht
von Werfel, das mir einen so tiefen Eindruck ge-
macht hat. Alex ist in Lautschin, hoffentlich kommt
er später her. Kassner habe ich in Wien gesehen; er

360
war wieder köstlich. Wir haben zusammen einen
Astronomen entdeckt, der ein Geisterseher ist und
mit dem wir von Aldebaraji / meinem geheimniss-
vollen Lieblingsstern / und von leuchtenden Schat-
ten, sprechen; auch zusammen die Große Messe von
Bach hörten — Ach das hätten Sie auch hören sollen,
Dottor Serafico, und das ganze Elend der Welten kla-
gen im Kyrie Eleison und dann - beim Sanctus - den
,

Gott kommen sehen - Schreiben Sie mir bald wie-


der, die Ile S' Louis, die zwei merkwürdigen Plätze
in Venedig (erinnern Sie sich) dann noch für mich
ein Wald bei Pisa und der Platz von Orvieto - wel-
che Geheimnisse werden uns da ganz leise ins Ohr
gesagt Dottor Serafico ? Wer soll es wissen wenn nicht
Sie ? - Alles Herzliche
MT
186. Rilke an Marie Taxis nach san remo
Paris. 17, Rue Gampag^ne- Premiere. XIV^
am 24. Februar 1914 <Dienstao;-)>

Liebe Fürstin, diesen Morgen brachte ein Brief Kass-


ner 's gute Nachrichten von Ihnen und dem Fürsten;
er schrieb, er hätte Sie vor einer Woche gesehen.
Ferner stand da: die Fürstin ist in San Remo-. und .

wie ich noch mit meinem sanftmüthigen Staunen


hierüber beschäftigt bin, trifft Ihr lieber Brief ein,
der mir wirkUch aus S. R. kommt!
Ich staune also
geradeaus weiter, — kann auch in solcher Kürze nicht
aufklären, weshalb ich heute nur eine Brief karte
nehme, doch das glauben Sie mir, hoff ich, daß es
nicht dermardi gras ist, d(jr mich von Mehrere
abhält. Was haben Sie für merkwürdige und ge-

361
.

heimnis volle Dinge mit Kassner erlebt, Sie schreiben


von Astronomie, er von Mathematik, ach ich armer
D . S .
, da soll ich noch mitkönnen - K^assner) 's Buch^
.

ist schön und natürlich wieder überaus wichtig für


mich persönlich. Wer hat je solche Bücher gemacht ?
Und was kann ein genialischer Mensch aus einer
simplen Aversion machen (die Knöpfe!), wenn er
nicht ihr, der Aversion, sondern einfach den Knöp-
fen auf den Grund geht. - Denken Sie, liebe Für-
stin, es giebt eine[r] sehr schöne Übersetzung ins
Italiänische vom Cornet Rilke, stellenweis pracht-
voll, von einem Di Braschi aus Mailand. Diese au-
guten Gewissens eine englische kommt
torisieren wir ;

eben auch, eine französische steht bevor, eine pol-


nische und eine ungarische haben wir eben als un-
zulänglich abgelehnt: kurz der Cornet ist lebendiger
als ich, immerzu.
Ihrem Bruder, Donna Zina und Pascha das Aller-
herzlichste, ich schreibe bald in Wirklichkeit, dies
ist nur mein Staunen über San Remo
Ihr D. S.

187. Marie Taxis an Rilke nach paris^


<(Ansiclitspostkarte3)> San Remo
1-3-14 <Sonntag>

Ich habe sehr gelacht über Ihr Staunen Dottor Sera-


fico ! Ich staune auch ! Warte auf den versprochenen
1 Rudolf Kassner, Die Chimäre. Der Aussätzige. Leipzig
1914, im Insel- Verlag. AdH.
2 Nachgesandt nach Berlin. AdH.
' Mit einem Bilde aus dem Lautschiner Park und der Be-
merkung (Das : ist aber Lautschin.) AdH.

562
Brief und freue mich indessen über die vielen Über-
setzungen, Unsere sollen, nach dem was Dame-
rini schreibt, in diesem Monat erscheinen. Ich
denke darüber nach, von hier aus eine Tournee,
Nimes Avignon etc. vielleicht bis Perpignan, zu ma-
chen. Vielleicht mit Pia V<(almarana)> Haben Sie .

keine Lust mitzukommen ?


Herzlichst
MT.

188. Marie Taxis an Rilke nach paris^


Grand Hotel West-End, San Remo
6-3-14 <Freitag>

Dottor Serafico - ich möchte nächste Woche - wenn


nichts dazwischen kommt - meine Tour nach
kleine
Avignon unternehmen — und zwar dorten wohnen,
und von dorten Nimes, Orange etc. anschauen. Jetzt
wenn Sie ein Held wären würden Sie hinkommen,
und mir alles zeigen, denn dieß alles ohne Sie sehen
ist sehr bitter. Aber ich sehe von hier Ihr entsetztes

Gesicht, und sage Ihnen nur daß Sie mir einiges


schreiben möchten — was ich besonders sehen
soll etc etc -

Von dorten werde ich per Auto wahrscheinlich, nach


Duino fahren, wo sich Kassner für die zweite Hälfte
April ansagt - und das wäre wieder ein Grund für
Sie hinzukommen, denn wirklich D. S. ich weiß
schon nicht mehr wie Sie ausschauen I

Von Duino will Kassner nach Rom, und ich glaube


den ganzen Sommer in Italien bleiben, was mir sehr
1 Nachgesandt nach Berlin. Adll.

363
leid ist, denn auf diese Art gehen mir alle meine
«lieben Getreuen» durch!
Bitte schreiben Sie mir bald über Avignon denn viel-
leicht fahre ich schon Mittwoch oder Donnerstag,
denke vier Tage dorten zu bleiben. Wird das ge-
nügen? n.iiifidfj )7 juS
In Eile, D. S., die allerherzlichsten Grüße
MT
Habe ich es geträumt oder haben Sie mir nicht
geschrieben daß Sie im Frühjahr von Paris weg
wollten ?

189. Rilke an Marie Taxis nach san remo


Berlin- Grunewald, Hubertusallee 16
am 10. März 1914 <Dienstag>
Liebe Fürstin,
seit ich hier bin, täglich wollte ich schreiben, wenig-
stens den Ruf ausstoßen: Berlin, Berlin, diesen
Wohllaut, ach, und seit Ihrer Karte brannte mirs
ordentlich in der Feder zu bekennen, wie weit ich
von Ihren jetzigen schönen Plänen örtlich entfernt
bin, - nun überholt Ihr gutes Telegramm^ meine
Absichten, und ich weiß gar nicht, wohin ich
Ihnen schreiben soll. Morgen telegraphiere ich auf
gut Glück nach Avignon, heute sende ich dies nach
San Remo. Sie sehen diesmal bin ich im Staunen-
machen groß und größer, ich sitze wirklich in Berlin,
(vielleicht wissen Sie 's inzwischen durch die Pia),
völlig unerwartet, gehe vielleicht noch München
1 Nicht erhalten. Adll.

364
und Leipzig -, wie schade, daß Sie jetzt gerade
nach Frankreich kommen, war ich in Paris ge-
wesen und nur irgend beweghch, ich wäre gewiß
Avignon mit Ihnen zu sehen: es scheint
herbeigeeilt,
dieser alte liebe Plan soll nicht gelingen.
Gestern sah ich, denken Sie, Ossip Schubin in einer
Probe Busoni's, was hat sie mirGroßmüthiges
alles

ins Gesicht gesagt, und ohne die minde-


ich rathlos,
ste Geistesgegenwart, - hernach fiel mir alles ein,
was ich hätte vor- und entgegenbringen können,
wirklich begegnete ich ihr drei Stunden später am
Nachmittage noch einmal, aber da ich meine Ein-
fälle anbringen wollte, hatte sie schon wieder einen

neuen Vorrath lobender Unwidersprechlichkeiten


und ich war wieder in derselben baffen Lage Dabei .

ist sie eine gute hülfreiche Person, thut hier viel


Freundliches mit Autorität und Überzeugung; daß
in ihrem Cantus ein paar besondere Strophen auf Sie
vorkamen von stärkster Inspiration, das werden Sie
sich vorstellen können.
Mittwoch frühstückte ich bei der Prinzessin Titi und
freute mich, sie so wohl und schön zu finden, nach
allem Guten und Bösen Überstandenen. Graf Thun
war da, wohl derselbe, von dem Sie mir im Herbst
sprachen, ich freute mich sehr, ihn zu sehen.
GiuHotta Mendelssohn sah ich Donnerstag, ruhig und
ausfiihrhch. Dann immer wieder die Aegyptcr, Ame-
no})his, - jetzt stehn alle dieneuen Wunder um ihn
herum, die kleine Kalksteinstatuette der Königin,
ein Kopf der Königin in warmchinkclbraunem Sand-
stein, bemalt, - dann vi(>le Gipsabgüsse, die für be-
arbeitete Abgüsse nach der Natur gehahen werden,

365
Gott weiß, was sie eigentlich damit meinten und vor-
hatten, - alles das zusammen ist fast verwirrend,
denn nun muß man sich anders damit einlassen, nun
drohts schon wieder, eine Wissenschaft zu werden
mit auf und ab und allen Ivomplikationen dem Ame- ,

nophis allein gegenüber hatte man nur die stille


Aufgabe, das Wunder hinzunehmen, die liegt mir
viel mehr. Nun steht alles um ihn herum in demsel-
ben Raum, Echtes und Abgüsse, das thut ihm nicht
Abbruch, aber uns, die wir nun einmal schon lose
Augen haben nach rechts und links, zerstreuts doch
bedenklich.
Leben Sie wohl für Mal, liebe verehrte
dies eilige
Freundin, ist mit Ihnen: alles Gute für sie;
die Pia
ich schreibe aus den anderen Etappen - nächste
Adresse, über die Briefe mich rasch finden: Mün-
chen, Hotel Marienbad.
Gute Reise, ich werde viel viel an Sie denken. Wie
weit werden Sie kommen ?
Ihr D. S.

190. Rilke an Marie Taxis nach san remo^


Hotel Marienbad, München
am 12. März 1914 <Donnerstag>
Meine liebe Fürstin,
komm ich zu spät ? Ich fürchte . Ach und dann ich
müßte doch dort sein , um wirklich rathen zu können,
denn das machts ja nicht, daß man die Dinge nennt,
sagt: diesund dies, - man muß
zusammen hin sich
versuchen und alles Unerwartete des Weges zum Er-

wartbaren hinzugeschenkt bekommen, damits ganz,


1 Nachgesandt nach Venedig. AdH.

366
damits heil, lebendig sei, nicht nur eine Voreinge-
nommenheit und Pedanterie. Straßennamen vergaß
ich auch ja sogar die Kirche fällt
,
mir nicht ein an der
,

man zunächst vom Hotel l'Europe vorüberkommt: es


bleibt vorzuschlagen; das Palais des Papes, darin, vor
allem, das Gemach in der Tour de la Garderobe mit
dem Fischweiher, der Jagd-; aber auch den schmalen
Weg rechts vor dem Palais nicht übersehen unter dem
,

hochgespannten Contrefort, das sich hinüber stützt


auf den Fels, durchgehen und langsam zurück. - . .

Geht man diesen Weg ganz weiter, kommt man


in leere Straßen, am Ende der einen die Kapelle
der Penitents {grisP ou noirs) — aber das läßt mich
gleich ans fast Wichtigste denken, mir Wichtigste,
die rue des Teinturiers, getheilt wie ein doppeltes
Fahnentuch in Wasser und Weg, alte Platanen an
der Steinbrüstung, vielleicht muß es Sommer sein,
damit man den Zauber jener Straße recht empfände:
das Grün der Platanen muß da sein, ihr durchschei-
nender Schatten -, und dann müssen die alten Was-
serräder, eines hinter dem anderen, (ihr wunder-
bares Sich-rühren, fast thierhaftes Aufstehen) die
Kühle des Baches gelassen heraufheben und ver-
theilen in den halbschattigen Sommertag. Dort liegt,
leicht zu finden, eine andere Penitenten-Kapelle,
drei dunkle Innenräume wie drei Beeren einer dunk-
,

len Traube zusammenhängend -.


Dann, dies: Blick auf Avignon. Über die Brücke ge-
gen Villencuve-les-Avignon fahren, an der Barthe-
lasse-Insel halten lassen, den kleinen ländlichen Fuß-
weg rechts den Fluß entlang nehmen, bis zur Stelle,
wo man das Brückenfragment in voller Verkürzung

367
gegenüber hat, aufgebäumt gegen sich und dahinter
lesrochers du Dome, die Stadt —
Und das andere müssen die Zufälle fügen Antiquare ,

werden sich finden; ja noch eins: die Fresquen im


Beffroi des Rathhauses in dem ehemaligen Violon
,

für die kleinen Diebe; wenns nicht zu viel wird, je


nach dem Wetter, bis zur Plattform des Thurmes
steigen, zu dem lustigen Glockenschlägerpaar. —
Und was mögen noch in Ihre Straße ein-
Sie sonst
beziehen ? und Beau-
-, ich rathe: Tarascon, bitte,
caire (dort ein alter schöner Palast, heute Mairie,)
dann Aix, Carpentras, bitte, wenn sichs thun
läßt: das Alteleutehospiz dort, von einem der Bi-
schöfe herrlich aufgebaut, mit lauter ganz klein ge-
wordenen alten Leuten, um die herum das Haus im-
mer größer wird -, eventuell auch die alte schöne
Synagoge dort — der Blick vom Balkon des Hospitals
;

auf den Ventoux und Les Baux


. . . aber hier
muß ich aufhören, denn mir scheint, der Brief muß
schnell schnell fort, wenn er wenigstens das ganz
Wenige wirken soll, das in seiner geringen Macht
steht, sonst erreicht er Sie auf dem Heimweg und
erweist sich als völlig unnütz. (Orange: das Theater;
das Triumphthor vor der Stadt, besonders wenn eine
Schaf heerde auf dem offenen Platz herum weidet:
zuletzt fuhr ich mit Pierro dort durch -)
Und nun Eines, liebe Fürstin. Sagen Sie mir: wann
sind Sie wieder in Duino ? Am Ende komme ich
wirklich rasch für ein paar Tage, ich hätte sovieles
zu sagen, was sich nicht schreiben läßt, ja sagen läßt
sichs diesmal auch nicht, aber ansehen müssen Sie
mir manches -, und gerade deshalb möchte ich kom-

368
k
^lU- f KU! f

CLf^P- Y>St ^U d. Ctu ,


^<*\

5. a) Ausschnitt aus Brief Nr. 70, Seite 104

b) Kosalba Carriera ?^, IJic hoili^^e Tlicrcsc von Avila


C/inn Bri.'f Nr. 15. Seite 16)
men. Nicht nur kommen: bitte lassen Sie mich Ih-
nen einen heben Menschen bringen, es ist für mein
Leben wdchtig, daß Sie ihn kennen -, mir fehlte es
schon alle diese Wochen, daß dies nicht der Fall ist -,
eine Freundin, Frau von Hattingberg, ich weiß sie
wird Ihnen sympathisch sein, und die Musik lebt in
ihr auf eine so große und wunderbare Art, wie ichs
nie für möglich hielt: ich glaube, durch sie kann ich
mich so an der Musik entwickeln und aufrichten wie
einst an Rodin's Skulptur. Ach liebe Freundin, sa-
gen kann ich diesmal nichts, nur, daß ich den einen
Wunsch habe, daß Sie diese Frau kennen, daß ich
ihr bei Ihnen che Elegieen lesen und ihr Duino zei-
gen darf, als denjenigen Ort, der doch gleichsam, im
Sichtbaren, der Gipfel ist meiner letzten steinigen
Jahre - Ginge es schon Ende dieses Monats oder an-
.

fangs April ? am Schönsten wärs wenn wir ein paar


Tage zu dreien allein hätten, mit Musik, Theestun-
den in Ihrem Boudoir, Abenden im rothen Salon -.
Ich habe Frau v. Hattingberg soviel von Ihnen ge-
sprochen, sie kann sich fast auch schon nichtmehr
anders denken, als daß sie Sie sehen darf in Kurzem.
Läßt sichs machen ?
Ich bin biszum 19. oder 20. hier, Hotel Marienbad,
vielleichthabe ich hier noch eine Nachricht von Ih-
nen, das wäre schön; wenn ich weitergehe (wahr-
scheinlich erst nach Innsbruck) lasse ich mir alles
nachsenden
Und bin liebe Fürstin jeden Tag mit vielen Gedan-
,
,

ken bei Ihrer Reise und bei Ihnen.


Ihr
D.S.

24 369
P.S. Ich habe mit Frau v. H. eben in BerHn den ita-
liänischen Cornet durchgearbeitet, das war sehr
schön, allerdings haben wir uns zu so viel Eingriffen
und Vorschlägen hinreißen lassen, daß ich dem
Übersetzer zu schreiben gedachte: nous venons de
faire votre traduction . . .

Schreiben Sie mir, ob die Pia mit Ihnen ist ?

191. Marie Taxis an Rilke nach paris


Duino 31-3-14 <Dienstag>
Also Dottor Serafico was geschieht denn mit Ihnen ?

haben Sie mein Telegramm^ erhalten ? Ich höre durch


Kassner daß Sie in Paris sind, und würde vor Wuth
aus der Haut fahren wenn Sie uns faux bona machen
würden Also verhüten Sie diese Catastrophe — Kass-
!

ner kommt um den 18., Titi und Max nach Ostern -


Alex zu Ostern — etc. Sind Sie nicht nach Innsbruck
und was ist mit Ihrer Freundin ? Ich habe Ihren Brief
vom 12. sammt Telegramm^ nach Avignon erst nach
dem 20**^° in Venedig erhalten - war gar nicht in der
Provence weil mir Pia im letzten Moment absagte
wegen Unwohlsein - es w^ar mir zu spät um noch Je-
manden netten zu finden. Ich bin über Mailand wo
ich mich zwei Tage aufhielt per Auto nach Venedig,
war dorten 8 Tage, machte die Bekanntschaft vom
deutschen Kaiser, kam dann mit Jo Wallis her, der
wieder sehr angenehm war, leider nur einen Tag
bleiben konnte Jetzt erwarte ich morgen Pascha der
.

1 Nicht mehr vorhanden. AdH.


2 Auch dieses Telegramm fehlt, ebenso wie der weiter
unten erwähnte Brief Rilkes. AdH.

570

ik:
auf ein paar Tage nach Wien mußte, und nächstens
den Erzherzog von Miramare her. Wetter vorder-
hand prachtvoll - die Riviera ganz übersäet mit Nar-
zissen, Daffodils, Anemonen, Tulpen - es ist wirkhch
reizend, erinnert an alte persische Miniaturen - ich
glaube ich habe eine hübsche kleine Schachtel in
diesem genre entdeckt - Pascha etablirt sich in den
unteren Zimmern von Fritz und es ist wieder alles

drunter und drüber -


Schreiben Sie mir bitte und sagen Sie sich an Herz-
, !

liche Grüße
MT
Soeben erhalte ich Ihren Briefe D. S. und ziehe
allemeine Beschimpfungen zurück - ich glaube wenn
Sie wie Kassner (eventuell mit seinem Freund Meli)
,

am oder um den 18^^° April kämen wäre es das Beste


- vielleicht ist Alex noch da, aber die Leute die sich
zu Ostern angesagt haben (außer den « Titis » noch
einige weniger passende Menschen welche auch viel
Platz brauchen) werden schon weg sein. Anfangs
Mai will Kassner glaube ich nach Rom, und ich hatte
die vague Idee von einer Motorfahrt hinunter - aber
das ist noch in der Luft und jedenfalls auf irgend
eine Art zu combiniren , wenn ich nicht faul bin und
lieber zu Hause mich sehr auf Frau
bleibe. Ich freue
von Hattingberg und ihre Musik - lasse mein Ciavier
herrichten, und auch das Clavecin.
Also auf baldiges Wiedersehen D.S. Antworten Sie
mir gleich und sagen Sie sich beide an!
MT.
Sielie vohg^e Anmerkung. AdH.

371
.

Tausend Dank für die Puppen freue mich riesig es


zu lesen . Pia V<(alniarana)> wird kommen um Sie zu
sehen, aber nur ganz kurz und die stört nicht.

192. Rilke an Marie Taxis nach duino


Paris. 17, Rue Campagne-Premi^re
am 7. April 1914. <Dienstag>

Endlich, liebe Fürstin, komme ich zu dieser Zeile


Schreibens, tausend Dank für Ihre Erwägung aller
Möglichkeiten und für die Voraussicht jener vortreff-
lichen: also, wenn nicht Unerwartetes dazwischen
kommt, so sind wir am 20. oder 21. bei Ihnen.
Heute nur diese Hauptsache, vielleicht schreibe ich
nächster Tage etwas ausführlicher oder ich lasse es
zum erzählen: da kommt dann allerdings vieles zu-
sammen, wären nicht Sie 's, niemand könnte sich
darin auskennen aber Sie werden schon die Ordnung
;

durchschauen, wenn überhaupt eine drinnen ist.


Gott, Fürstin, wenn Sie nicht da wären, und Duino
und (möglicherweise) die «Unbekannte» - und
wenn nicht in Ihren Händen die «Elegien » lägen ....
das sind diese «PFenn», an denen ich mich halte.
Sie sehen schon im Schreiben bin ich von einer aus-
sichtslosen Unklarheit -, auch liegt ein Stoß Briefe
da und wartet.
Nur noch daß ich diesen Morgen vier dichtgeschrie-
,

bene Seiten von Placci hatte, theils in einer Sache,


über die ich auch viel mit Ihnen sprechen möchte
Sonnabend hörten wir hier in der Schola Cantorum
das «Stabat Mater» von Pergolesi, - wie erkannt
ich ihn in den schmerzlichen Stellen. Frau v. Hat-

372
tingberg wundert sich sehr über die Art, wie die
Franzosen Musik machen, so überaus vorübergehend
und der Länge nach gar nicht nach einwärts
,

Gestern spielte sie mir einen wunderbaren ganz ein-


fachen Händel, das ist dann jedesmal eine «Insel in
der Luft».
Liebe Fürstin, was herrlich wäre, wenn es sich träfe,
daß, solange wir da sind, einmal das Triestiner Quar-
tettkäme, man könnte wunderbare Quintette hören,
wenn Frau v. H<(attingberg) mit ihnen spielte.
Leben Sie wohl. Ich hoffe so sehr den Fürsten auch
noch zu finden, - ich habe ihn eine Ewigkeit nicht
gesehen, und lang lang scheint mirs auch schon her
seit unseren berhner Stunden.
Von Meli hat mir Kassner gesprochen, - es scheint
jemand Lieber und Einfacher zu sein, auf den man
sich freuen darf.
Auf Wiedersehen dankbar,

Ihr D. S.

193. Rilke an Marie Taxis nach duino


Hotel du Grand Conde, Chantilly
am 16. April 1914. Donnerstag.
Liebe Fürstin,
Ihre gute schöne Karte^ und mein Brief haben sich
gekreuzt, Gott erwar so dumm, Sie werden ganz
ungeduldig geworden sein, über meine zunehmende
schriftliche Verdummung -; aber sie hat inzwischen
in einer Art Grippe, die die unfähigste Verfassung
über alle anderen Funktionen ausbreitete, ihre Auf-
klärung und (hoffentlich) Auflösung gefunden. -
» Nicht erhalten. AdH.

575
.

Heute erhole ich mich in Chantilly, - der Tag (stark


im Wind und linde im Licht) kam einem, kaum man
ihn draußen verließ, aus den Blättern des Livre
d^heure so unvermindert als derselbe entgegen dieser,

eigenste ewige Tag der ILe-de-France


Fürstin,nun will ich nur sagen, wir reisen Sonntag
abend und sind vierundzwanzig Stunden später bei
Ihnen. Ich telegraphiere noch die Stunde, sollten
wir in Monfalcone nicht abgeholt werden können,
so nehmen wir dann dorten den nächsten Zug bis
Duino. Wie wird es schön und seltsam sein, zur ho-
hen Einfahrt plötzlich aufzusehen. Grüßen Sie alle,
ich bin recht ungeduldig, bei Ihnen zu sein
Ihr
D.S.

Mit vielem innigen Danke und in wärmster Vorfreude


aufkommende Tage.
Magda Hatüngberg

194. Marie Taxis an Rilke nach paris


Duino 16-4-14 <Donnerstag>
Ich habe Ihnen eine Karte^ in der Schnelligkeit ge-
schickt Dottor Serafico - und Ihnen
finde daß ich
doch etwas länger schreiben soll um
Ihnen zu sagen
wie ich mich auf Sie freue - auf Kassner - auf die
unbekannte Musik - und vielleicht wieder auf die
andere « Unbekannte » - wird sie kommen ? Die
kleine Planchette liegt da neben mir - sieht ganz un-
schuldig, und wieder momentan rasend unheimhch
1 Siehe vorige Anmerkung. AdH.

374
aus Pascha hat sie nicht angerührt seit damals glaube
.

ich— Nein einmal wieder in Lautschin - wo sie Kass-


ner so merkwürdige Antworten gab. — Übrigens Ihr
Brief vom 7^"^, D. S., könnte auch von der Sphynx
geschrieben gewesen sein Sie werden mir le mot de
.

Venigme sagen bis ich Sie sehe. - Sie wissen mein


Gehirn ist schon hungrig und ich erwarte Euch Alle
wie etHche Messias - Momentan viele Menschen —
I

welche aber bald wieder abdampfen vor dem 20*^.


- Die Menage Titi - sie war letzthin wie ein
Bild, wie ein Hindumährchen - in einem Costumarti-
gen Gewand - Ein merkwürdiges Wesen mit ihrem,

schlanken Körper, den langen weichen Händen, dem


schmalen Gesicht der Asiaten — den schwühlen tragi-
schen Augen — und dem Kindergemüth — Die Me-
nage Ziegler: er, deutscher Cavallerieoffiziertypus -
ehrlich, wuchtig, sentimental — sie, seine große
Liebe, hat sich für ihn scheiden lassen - älter als er
und kränklich eine stille sympathische Frau, qui re-
garde Titi s''dtirer comme une cliatte, avec im peu
d"" inqiddtude cachde — Dann ein Diplomat — sieht
aus wie eine düstere dolch-bespickte Ballade und ist
eigentUch ein guter Kerll Carola retour des Indes ^

hat mir gestern so viel erzählt daß ich stehend ein-


geschlafen bin. Erschrecken Sie nicht — Sie geht in
3-4 Tagen nach Venedig. Alex hofft Sie noch zu
sehen, also tummeln Sie sich - das Quartett wird
kommen - die Claviere werden gerichtet - die Bora
bläst, die Sonne scheint, die Tulpen und Iris blühen,
die Elegien warten und wir miti Sagen Sie sich bal-
digst an Dottor Serafico
MT
375
.

195. Rilke an Marie Taxis in Venedig


Le Grand Hotel, Venise
< Anfang Mai 1914>

Liebe Fürstin,
wir kommen vielleicht eine Kleinigkeit später, ich
habe den ganzen Tag noch nichts zu essen bekom-
men (außer einen rettenden Thee bei Valmarana's),
- das muß nun hier erst gethan sein.
Wollen Sie nicht der Pia sagen lassen auch hinunter-
zukommen ? Sie würde Kassner sehr gerne sehen und
ich denke er hätte Freude an ihr, gerade so wie sie
heute ist.

A tout ä Vheure
D.S.

196. Marie Taxis an Rilke in Venedig


<^Venedig, San Vio
Palazzo Valmarana
5. 5. 1914, Dienstag)

Lieber Serafico
Ich komme heute abends um ^U auf 8 Sie und Frau
Hattingberg abholen.
Ich hoffe Sie dann morgen noch irgendwann zu
sehen denn Donnerstag fahr ich ab
,

Herzlichst
MT

197. Rilke AN Marie Taxis nach duino


Assisi, Hotel Subasio,
am 18. May 1914 <Montag>
Da kommt nun, mit größter Nachträg-
liebe Fürstin,
lichkeit ein Bericht über meine letzten zehn Tage;

576
früher etwas, das Mindeste, zu erzählen, war über
meine Mittel, jedes Atom in mir war aus einer schwe-
ren stumpfen Stummheit gemacht, — so war's auch
nichts mit der guten Zuflucht im Mezzanino; denn
ich hätte Valmarana's sehen müssen und durch sie
den und jenen, eine lebendige Außenseite fingieren,
sprechen, theilnahmsartig thun -, das war ganz über
meine Kraft. So ließ ich mich denn, als das schwere
starre Stück das ich war, gleich Freitag hierher rei-
sen, bin seit (vorvorigem) Sonnabend früh hier in
dieser guten Lieblichkeit, aber jedem Wohlthun,
Gott verzeih mir, so verschlossen und abgelehnt, daß
zwischen diesen umgänglichen Umgebungen und
mir kein Verkehr und keine Freude zustcinde kommt.
Ilfaut que je me remets, que je me retrouve, ce sera
long et je crois pas que cela se passer a ici -
Nein, wenn ich manchmal durch ein kleines Loch
in der Mauer meiner Apathie hinausschaue ins Wirk-
liche, einen Augenblick lang, - so staune ich, wie
weit ich vom «poverello » jetzt bin que nous Importe
le hon coeur de cette petite bourgade d'Ombrie, der hei-
lige Franz, das ist viel, aber uns umfaßt es nicht
mehr, die Armuth ist eines, handgreiflich wie ein
Stein und ebenso hart, aber seither ist das Geld gei-
stig geworden, weit über den greifbaren Besitz hin-
aus ein schwingendes, eindringliches, fast vom Be-
sitzenden unabhängiges Element, eine Athmosphäre,
die keinen Gegensatz mehr hat. Nun handelt sich 's
drum zu diesem neuen « Reichthum » die neue Ar-
muth zu finden, alles das hat sich ja weit ins Unsicht-
bare hinein zurückgezogen, nachahmen kann mans
freilich immer nocli außen, daß man arm sei, aber

377

L
die richtige Armuth muß wieder von neuem innen
in der Seele geboren werden und wird vielleicht gar
nicht franziskanisch sein. — Dies alles hier rührt uns
janoch, und vor zehn Jahren hätt ich, mit der Ein-
bildungsfreude der Jugend, es anempfunden, - jetzt,
Moment hier zuzustimmen, ist pure
auch nur einen
Nachahmung des Gefühls und im Tiefsten unfrucht-
bar. Ach lebte dies noch aus seiner eigenen Glut und
erhielte sich nicht nur von Herz zu Herz mühsam,
wie anders müßte die Spannung sein in der innigen
Unterkirche, in der die Giotto's eine unerschöpfliche
Nähe jenes Heiligenlebens unterhalten. Wie müßte
dort der nur Zuschauende, der Beschauer, sich be-
schämt und ausgeschlossen fühlen und so gar nicht
an seinem Platz, - indessen es geht ausgezeichnet,
herumzugehen und sich einfach kunstbetrachtend
anzustellen - merkwürdig wenig Erg<(r)>eifung liegt
,

in dieser grottigen Dunkelheit, - daß ichs nicht bin


möchte leicht an mir liegen, aber ich seh auch sonst
nur Neugierige um mich herum und, selbst wenn
mir nicht vor ihnen graute, würde ich Ausdrücken
wie «lovely» und «charming» keinen hohen inne-
ren Wärmegrad zuschreiben.
Liebe Fürstin, denken Sie zuweilen an mich, das
hilft sicher irgendwie, wenn Sie in Perugia etwas
besonders lieben, so schreiben Sie mirs, dorthin
komme ich sicher noch (bei sonst noch ganz unbe-
stimmten Plänen). Wie gehts in Duino, wer ist bei
Ihnen, ist Placci durchgereist? Grüße für Pascha
und für die Gfn Vera, entschuldigen Sie 's, bitte,
mit meiner schlechten Verfassung, daß ich damals
nicht auf die Karte hin schrieb Auch der Prinzessin
.

378
Carola meine Empfehlungen Bitte schreiben Sie ein
.

Wort, aus dem ein Guter Geist sich hier ausbreitet.


Ihr
D.S.

198. Marie Taxis an Rilke nach assisi^


Duino 27-5-14 <Mittwoch>
Dottor Serafico carissimo - ich schreibe Ihnen aus
meinem Bett — dieser entsetzliche Scirocco der seit
drei Tagen tobt, hat mich sehr hergenommen - und
obwohl es mir schon - unberufen - viel besser geht,
!

bin ich noch nicht ganz am Fleck. Mir ist es sehr leid
daß Sie sich doch nicht in Venedig aufgehalten ha-
ben - denn ich hatte die Empfindung daß es Ihnen
gut thun würde, und daß nach dem «zu viel» der
letzten Zeit, Sie nicht unmittelbar in die ganz große
Einsamkeit — in eine andere zu große Spannung sich
stürzen sollten - Schließlich kann man nirgends so gut
.

wie in Venedig f ü r s i ch leben und Pia V<(almarana)>


,

hätte es verstanden und Ihnen geholfen. Aber das ist

jetzt vorüber, Sie wissen nur daß das Mezzanino


Ihnen eventuell offen ist, wann immer. -
Wissen Sie D.S. ich glaube Sie sollten nicht an die
«povertä» noch an den «Poverello» zu viel denken.
Lassen Sie die wunderbare Natur auf Sie einwirken -
setzen Sie sich gegen Sonnenuntergang in den Chiostro
von Assisi und schauen Sie die violetten Schatten im
Tiberthal - gehen Sie zum CastellodeH'Abbate -ein
entzückendes Platzl- auf einem Hügel ein alter vier-
eckiger Thurm mit einer verlassenen Kirche, wo
wenn ich nicht irre noch Spuren von alten Fresken
1 Nachträglich umadressiert nach Paris. AdH.

379
zu sehen sind — daneben ein traumhafter kleiner
Chiostro, mit einer doppelten Reihe von romanischen
Säulen - jetzt müßte der kleineHof zu dem man
durch ein schönes monumentales Thor kommt, ganz
voller Rosen sein - Es war, wie ich dorten mich be-
fand, ganz einsam und unbekannt und ist in der
Nähe von Perugia - ich glaube ungefähr 20 Minuten
oder eine kleine Halbe Stund per Auto - D . S Sie sind
.

ein Instrument das sich immer von selbst stimmt -


thun Sie nicht gewaltsam da herum arbeiten es macht ,

sich von Meine kleine Nichte die noch da ist —


selbst.

Gott sei Dank, denn sie ist wie ein Sonnenschein im


Haus - behauptet daß Ihnen nichts so wohl gethan
hätte als noch lange mit ihr zusammen zu sein und ,

viele Geschichten vom «müden August» zu hören.


Dafür sind wir mit Indien bis zur Bewußtlosigkeit
gefüttert worden Aber gestern ist Carola weg und
!

heute abends kommt Alex —


Placci ist nicht durchgereist, und wir haben wenig
Gäste gehabt. Ich denke Fritz und Zina kommen
später — und gegen Ende Juni fahr ich hinauf — Viel-
leicht kommen Sie dann nach Lautschin, aber lassen
Sie mir tempo wissen wenn möglich, dainit wir
es a
Sie in Ruhe haben können. Wir haben, Pascha Vera
und ich, eine kleine Autotour gemacht die sehr ge-
lungen war. Von hier in einem Tag nach Trient,
dann Verona - wo Vera zum ersten Mal eine Arena
sah. Ich dachte viel an unseren Abend in der Arena -
dieses Mal war es auch herrlich - hunderte von
Schwalben kreisten über den wunderbaren Raum
und der Himmel mit leichten schimmernden Wolken
besät, schien dazu zu gehören, seine Vollendung zu

380
sein - Ich bin sehr lange dorten gesessen, wo wir da-
mals zusammen waren, während die Kinder herum-
krabbelten - Außer mir waren nur am anderen End
der Arena drei schwarze Geistliche im langen Talar,
und von Zeit zu Zeit drang aus der Ferne das fröh-
liche Lachen von Vera.
Dann kamen wir wieder nach Venedig, sahen die
Fritze, sahen den guten Brown der viel von Ihnen
und Kassner sprach, sahen Damerini der die Idee des
« Buches » fallen läßt und nach Ihren Wünschen
eine Revue suchen wird - Auch Wallis habe ich be-
gegnet, habe mit ihm die Blumenausstellung im
Pal<^azzo) Ducale angeschaut und viele Antiquare be-
sucht - leider - car le diable tenta la femme - et eile
succomba ä la tentation.
O Serafico wie höre ich noch immer klingen das
merkwürdige «und mir» von Ihrem spanischen
Gedicht -^
Auch Jacquel^ine) Pourtales hat noch davon mit
Ergriffenheit gesprochen
Das ist ein langer Brief geworden, ich schließe;
D. S., schauen Sie hinaus - jetzt nicht hinein.
Alles Herzliche von uns allen
MT
199. Marie Taxis an Rilke nach paris
Duino 28 - 5 - <1 9 14, Donnerstag)

Aber Dottor S. man bringt mir meinen Brief zurück


!

und sagt mir Sie hätten telegrafirt Ihnen nach Paris


Ihre Post zu senden I Und ich habe Lust Sie wirklich
1 Mit Bezug auf das erste Stück der „Spanischen Trilogie",
Gesammehe Werke III 446. AdH.

381
, !

zu verschimpfen ! Aber ich thue es nicht - vorder-


hand - und hoffe Sie schreiben mir ein paar Zeilen
In Eile herzlichst
MT
200. Rilke an Marie Taxis nach duino
Paris. 17, Rue Campagne- Premiere. XIV^
am 28. May 1914 < Donnerstag)

Meine liebe Fürstin


ich melde mich in Paris (wo es sehr kalt ist), Assisi
war nichts für mich, so auffallend wohlthuend, und
dann jeden Tag zu empfinden, daß man unfähig
ist, das mindeste Wohlthun hinzunehmen und zu

verwenden: das ist erst recht schlimm. Also sagt ich


mir nach vierzehn Tagen, mehr des Abwartens, als
des Erlebens, — genug: und bin vorgestern früh
hierangekommen. Ach, Fürstin, was für Monate
waren dasi Zurückschauen ist arg, vorwärtsschauen
nicht heiter, comme cela on reste cloid sur place
et on voudrait fermer yeux par une centaine de
les

paupieres Vune sur Vautre. - Fürstin, wie geht es


bei Ihnen, gut, hoff ich -, und nun kommen die
Kinder und werden alles froh beleben. Grüße für
den Pascha und die Gfn Vera falls sie noch bei Ihnen
,

ist. An der Post in Duino ist ein Paket, enthaltend

ein Tintenzeug, das meine Mutter beim Räumen


gefunden hat und «sehr alt» nennt. Sollte es Mühe
machen, das nachzuschicken (ich schrieb deswegen
der Postmeisterin) so bitte lassen Sie 's sich kommen,
packen Sie 's aus und heben Sie mirs in Duino auf!
Bald mehr.
JhrD.S.

582
201. Rilke an Marie Taxis nach duino
Paris. 17, Rue Campagne-Premiere
am 13. Juny 1914 <(Samstag>
Das war sehr gut von Ihnen Fürstin mir diesen klei-
, ,

nen Briefe aus dem frühmorgendlichsten Stehgreif


zu schreiben, - ich bin - wie Sie sich vorstellen
können, dem Gefühl nach, oft in Duino, da helfen
ein paar solche Zeilen auf das Herzlichste zur Ge-
nauigkeit meiner nachdenklichen und wehmüthigen
Imagination
Ich freue mich, daß Sie nun, von Montag an, die
Kinder da haben werden und in Lautschin wieder, -
nach dem, was Sie vom Scirocco schreiben, muß ich
annehmen, daß auch bei Ihnen der Juny dieses
wunderliche Benehmen zeigt, aus dem man nicht
klug wird, ich war nah am Heizen; dann versucht
sich auf einmal ein unverhältnismäßig strahlender
Tag, aber nur, um eine Regennacht und eine ein-
gedeckte gedrückte Schwüle nach sich zu ziehen -, das
ist das auf und ab dieser unkennthchen Jahreszeit. Ich
bin recht zufrieden, daß ich nicht in Italien bin und
dort experimentiere. Hier zwischen Schreibtisch und
Stehpult, wenn auch beide fast unbenutzt dastehn,
aufundabzugehen hat etwas Unscheinbares, Be-
,

scheidenes, wie es meinen inneren Verhältnissen am


Besten entspricht. Ich lese Bergson und freue mich,
daß ich seitenlang mitkomme, es ist schon etwas in
diesem Geiste, was wir alle brauchen können und
worauf wir eigenthch ganz dringend vorbereitet sind.
Aber die Lektüre, die mich am Meisten berührte in
den letzten Wochen war der Aufsatz Maeterlinck 's
1 Nicht erhahen. AdH.

583
,

über die elberfelder Pferde, mit allen den Beziehun-


gen, die Maeterlinck um seine Beobachtungen her-
um entwickelt -; ich sende Ihnen dieses Rundschau-
Heft wird Sie und auch den Pascha interessieren)
(es

- nur möcht ichs gerne bei Gelegenheit wiederhaben,


da ich die Jahrgänge der neuen Rundschau möglichst
vollzähhg aufbewahre. Sie finden (was ich zu behal-
ten bitte) im gleichen Paket die Nouvelle Revue
Francaise mit der ersten Fortsetzung des « Swann » ,

(die ich nicht gelesen habe) und den Artikel der


Madame Bulteau über Assisi, den Sie, da der «Fi-
garo» ausbleibt, nicht zu Gesicht bekommen haben
werden. Er berührt sich ziemlich mit meinen Ein-
drücken, soweit ich ohne Übertreibung behaupten
kann , solche dort gehabt zu haben ich war
; starr und
hart wie ein Stein und bin noch in dieser mineralogi-
schen Verfassung, weshalb ich mich überaus ein-
gehend mit dem Schlafen eingelassen habe, der
steinähnlichsten Beschäftigung. Aber Sie schreiben
gar nicht, ob und wie Ihnen Sidie Nadherny vorkam,
- ich habe keine rechte Vorstellung, wie es jetzt mit
ihr steht, kurz eh sie zu Ihnen fuhr, schrieb sie mir
aus Venedig und ich antwortete, aber das war seit
Weihnachten unsere einzige Verständigung.
Projekte ?: mein einziges, das einige Sicherheit ange-
nommen hat, ist Leipzig, wo mich mein Verleger un-
bedingt erwartet und wohin ich auf alle Fälle muß
um in die praktische Unordnung meiner Umstände
einige Aussicht zu bringen; doch kann man mich
dort nicht vor dem 15. July brauchen. Eine Kur, -
jadaran denk ich sehr, doch da müßte erst der Arzt
da sein, der die richtige einleitet oder zur richtigen

584
räth; ich werde alle Vorsicht aufwenden, meinen
Sommer, nicht wie den letzten, mit unnützen Auf-
enthalten und Kurversuchen hinzubringen -, Gott
helfe, liebe Fürstin, bei den Menschen ist keine.
Alles Liebe wie immer.
Ihr D. S.

Alles HerzHche für den Fürsten und Pascha, auch für


Ihren Bruder die aufrichtigsten Grüße.
Beihegend eine Abschrift wenigstens des einen Ge-
dichts aus dem Taschenbuch^

1 Die Beilage - wahrscheinlich das erste Stück der Spani-


schen Trilogie — hat sich nicht erhalten. AdH.

85 385
VI

VOM AUSBRUCH DES KRIEGES


BIS ZU RILKES EINBERUFUNG
AUGUST 1914 BIS ENDE 1915
202. Rilke an Marie Taxis nach lautschin
München, Hotel Marienbad
am 6. August 1914 <^ Donnerstag

Meine liebe verehrte Fürstin,


wenn Sie dieses erreicht, möge es Ihnen nur sagen,
wie sehr die jetzigen Umstände mich Ihnen nahe hal-
ten; ich bin vorläufig noch meinen Plänen gemäß in
München in ärztlicher Behandlung, aber eine eigen-
mächtige Existenz ist in diesen Tagen durchaus im Un-
recht-, sehen Sie einen Platz für mich, auf dem ich als

Schreiber oder Sanitäts gehülfe oder sonst mich nach


meinen Kräften im Allgemeinen anzuwenden ver-
möchte ? Vor der Hand hoffe ich schon hier etwas Ähn-
liches zu finden, später aber muß mein Platz naturge-
mäß doch in Oesterreich sein Schreiberarbeit läge mir
.

natürhch am Nächsten, vielleicht wissen Sie Rath.


Tausend Grüße Ihnen, hebe Fürstin, und allen den
Ihren.
Ihr
Rüke.

203. Marie Taxis an Rilke nach München


Lautschin 11-8 <1914, Dienstag)

Lieber D.S.- Ich danke tausendmal für Ihren Brief.


Sie werden vielleicht schon wissen daß meine beiden
Söhne eingerückt sind. Pascha ist in Bosnien, Erich
in Galizien. Mehr sage ich Ihnen nicht. Ich weiß Sie
fühlen mit uns - Ich habe Alex von Ihrem Wunsch
.

gesprochen — werde Ihnen eventuell schreiben, da


man verläßliche Leute immer brauchen kann - aber
so viel ich verstehe wollen Sie vorderhand inMünchen

389

\
.

bleiben ? Erinnern Sie sich daß Lautschin Ihnen im-


mer offen steht.
Gabrielle kommt heute von Wien zurück, sie zeigt
einen wunderbaren Muth. Alle Kinder sind da; ich
weiß nicht aber wie lange die 3 von Pascha blei-
ben da ihre Mutter in Böhmen sein soll. - Alles alles
Liebe von uns allen.
MT
Einige Tage vor Ausbruch des Krieges haben wir sehr
merkwürdige seancen mit Schriften gehabt, auch
von der « Unbekannten »

204. Rilke AN Marie Taxis nach lautschin^


Hotel Esplanade
Berlin W., Bellevuestraße
am 25. November 1914 <Mittwoch>
Liebe, liebe Fürstin,
denken Sie: ich bin Sonntag spät abend hier (hier:
in Berlin angekommen, Montag telephonierte ich
I)

die Prinzessin Titi an und erfuhr - — -, nun Sie


wissen, was ich erfuhr; ich kann Ihnen gar nicht
sagen, wde traurig ich bin, Sie zu sehen in dieser Zeit,
Fürstin, was wäre das gewesen und einmal wieder
ein angesammeltes Herz auszuschütten. Ich möchte
in Staub und Asche Buße dafür thun daß , ich Ihnen
nie geschrieben habe, wenigstens kurze Daten, aber
wirklich, ich bin für dieses Schweigen zu streng ge-
straft mit solchem solchem Verfehlen Ich frühstückte
.

1 Nachgesandt nach Wien. AdH.

390
eben bei der Prinzessin Titi und jainmerte immerzu
und konnte mich nicht beruhigen Ach liebe Fürstin
.

Sie können gewiß begreifen, daß mir die Schreib-


stimme versagt in diesen Monaten, (denn nun sinds
ja Monate und werden Monate sein -) auch jetzt
vermag ich nicht recht zu erzählen, mündhch ja,

wissen Sie es ist einfach heillos, Fürstin, daß Sie hier


waren und nicht hier sind, gar nicht gut zu
machen.
Ich habe viel erlebt innen, alles schien sich zu einer
seltsam glückhchen Ruhe zu gestalten, so daß ich
verkapselt gewesen wäre wider die unbeschreibhche
Zeit, zwei gute, mir sehr wohnliche Stuben in Mün-
chen, eine liebe Beziehung und Nachbarschaft, die
diesem Provisorium etwas Warmes Heimathhches
im letzten Augenblick, als das Ganze über
verlieh,
Abwarten und allerhand Schwierigkeiten sollte in
Gebrauch genommen werden, - brachs an äußeren
Hindernissen und Komplikationen zusammen; ich
gehe trotzdem wieder nach München zurück, denn
die Hauptsache, die mir wohlzuthun und zu helfen
versprach, besteht, - nur werde ich anderswo woh-
nen müssen Schreiben ist schwer, so seufz ich
noch einmal aus ganzem Herzen: Fürstin, was sind
Sie fortgereist!
Natürlich nütz ich den Aufenthalt wieder für den
Zahnarzt aus, aber auch der ist fort, - ich muß mich
von seinem Bruder behandeln lassen, was nicht das-
selbe ist, - fort, und zwar auch auf ein Haar bei
meinem Kommen, auch die Fürstin Lichnowsky
ist

also traurig. Ich bin seit etwa zehn Tagen auf


Reisen, dachte nicht an Berlin, - in Würzburg war

391
,

ich drei Tage, in Frankfurt sah ich den Phihpp


Schey (der gerade vom Stabe des Generals Dankl ge-
kommen war), der erzählte mir, Heymel wäre im
trostlosesten Sterben; obwohl schwerkrank, war er
hinausgegangen, nicht zu halten, fünf Wochen im
Feld gewann ers über die Krankheit, war voller
Kraft und Leistung, wie durch ein Wunder, und in
Charleroy umging ihn das Ende von rechts und links
um ihn hier so mürrisch und grausam aufzuzehren.
Tuberkeln — ich wollte ihn nochmal sehen, saß vor-
,

gestern eine unbeschreibliche Viertelstunde an die-


sem Sterbebett. Das Elend hat immer noch Zeit,
solche langsame Detailarbeit zu thun neben seinem
Massenbetrieb. . .

Fürstin, eine Zeile noch hierher,wenns geht, nur


daß ich einmal wieder Ihre Schrift sehe. Die herz-
lichsten Grüße dem Fürsten und Ihnen alles Liebe
wie immer.
Ihr
D. S.

205. Marie Taxis an Rilke nach Berlin


< Telegramm :>
Wien 2/12/14 <Mittwoch>
Heute erst Brief erhalten wo soll ich hinschreiben ?

Marie Taxis

206. Marie Taxis an Rilke nach Berlin


Wien 4/12/14 < Freitag)
Dottor Serafico ! war zu schade und auch ich
Ja das ,

- hätte Ihnen auch einiges


hätte Sie so gerne gesehen
von der « Unbekannten » erzählt - Ach D.S. was für

592
schwere Zeiten — ich sollte nicht klagen denn Erich
ist hier, und ich habe endlich (nach drei Wochen!)
Nachrichten von Pascha in Serbien - das istwohl die
Hauptsache -
Aber wie lange mein Gott, wie lange wird es noch
dauern - und was wird nachher Alex und ich wir
!

kommen aus den Sorgen nicht heraus -


Erich ist außer der Tour Rittmeister geworden -
Commandant sämmtlicher Autos der IV Armee - ist
außerordenthch brauchbar, und glaube ich sehr be-
liebt und geschätzt — merkwürdig wie das Soldaten-
blut in ihm zur Geltung kommt - wie ruhig er ist —
sagte mir zwischen andern von seinem durchrasen
eines Schlachtfeldes (ich glaube bei Komarow) ohne
der geringsten Nervenaufregung - Wir sind selig ihn
da zu haben er hat (da momentan etwas Ruhe ist)
,

einen Urlaub in Auto Angelegenheiten - Gabriele


ist gekommen und sie fahren nächstens zu den Kin-

dern - dann wird er zurück müssen, Gott beschütze


mir ihn - und Gott beschütze mir Pascha der seit
dem 28'^" Juli am südlichen Kampfplatz ist — mir
sehr interessante Briefe schreibt, auch sehr belobt
wurde und Oberleutnant geworden ist. Comme ^ai
faim et soifde lui - das können Sie sich denken -
Aber ich denke auch viel an Sie, lieber D. S. - und
nach Ihrem Brief fürchte ich daß Sie jetzt wieder
irgendwie in unangenehmen Verwickelungen hin-
eingekommen sind - ? Natürlich verstehe ich nicht
recht was los sein kann, aber, hätten Sie Ihr Herz
ausgeschüttet so hätte ich mein möglichstes gethan
um Sie wieder zu beruhigen - obwohl ich selbst -
aber von mir reden ist uninteressant.

393
Dafür werde ich Ihnen von Kassner und seiner Frau
erzählen — Ich bin mir noch nicht im Klaren was
ich davon sagen soll; er sieht gut aus, und sehr zu-
frieden — sie ist still so viel ich seh - eher hübsch,
macht einen distinguirten tactvollen Eindruck -

Schreiben Sie doch D. S. und geben Sie mir Ihre


Adresse in München warum kommen
, Sie nicht ein
bissl her ? Ich werde zwar nächstens auf ein paar
Tage nach Duino müssen.
Die allerherzlichsten Grüße
MT

207 . Marie Taxis an Rilke nach berlin


Wien 4-1-1915 < Montag)
Was geschieht mit Ihnen , Dottor Serafico ? Haben
Sie meinen letzten langen Brief erhalten ? Alex fährt
heute nach Berlin und ich probire ihm diese Zeilen
mitzugeben da mir Frau v. Hattingberg welche
vor ein paar Tagen hier war, sagte daß Sie noch
dorten sind.
Sie wissen daß Pascha hier war, avancirt außer-
tourlich und ganz speziell belobt. Auch in dieser
schrecklichen Zeit und in dem Milieu hat er sich sein
eigenes traumhaftes Wesen erhalten - dabei von
einer gleichgültigen stillen Tollkühnheit die an sei-

nen Vater erinnert. Ich weiß es nicht durch ihn der


von seinem eigenen Wirken gar nichts sagt, aber
durch Leute die mit ihm waren; dazu tragt er sich
den Schopenhauer, und ein Buddhabuch überall
mit. Gott beschütze mir ihn! -

394
Ich bin nicht sehr wohl diese letzte Zeit, und kein
Wunder. haben gar keine Intention herzukom-
Sie
men D.S.?- Wie sehr möchte ich einen Plausch mit
Ihnen haben!
Kassner sehe ich eigenthch wenig — sie ist ganz nett
- aber es erschwert doch.
Gabrielleist hier, erwartet ein siebentes Babyl

Schreiben Sie mir D. S., sein Sie nicht faul — wie


vieles hätten wir zu besprechen
Alles alles Herzliche und Gute für 1915, und für
immer.
MT

208. Rilke an Marie Taxis nach wien


Berhn W. 10, Bendlerstraße 6
am 5. Januar 1915 < Dienstag >

Wie oft,meine hebe Fürstin, hol ich allen Athem,


den es um
mich giebt, um wenigstens zu sagen: ich
bin noch da, noch in dieser unmöglichsten aller Wel-
ten, - aber die Luft, die man jetzt einzieht, zehrt in
den Lungen und reicht, wenn man sie gebrauchen
soll, nicht für den mindesten Satz. Weihnachten

war, das Jahr hat gewechselt, und so sehr man an


diesen Abschnitt glauben wollte, niemand, denk ich,
hat ihn empfunden, denn der Kalender ist wie fort,
das Kriegsjahr zählt und hat seine eigenen Jahres-
zeiten, sein Klima, seine Erde und seinen, hinter
Gewittern unkenntlichen Himmel.
Aber trotzdem, Fürstin, möge das natürliche Jahr
sich dahinter besinnen und ein gutes werden, möch-
ten wir uns bald hier heraus und dort hineinzufin-

395
den haben, in einen einfachen freien Frühling, in
eine Gottes weit — wie werden die Herzen alle die
,

jetzt unter Wasser sind, unter den Wassern der Noth,


aufsteigen, schweben, selbst die schmerzhaftesten
werden ins Steigen kommen, wenn der Druck
menschlicher Verhängnisse erst wieder aus der W^elt
genommen ist. Wann ? Wann ? Hat man etwas im
Herzen als diese Frage ?

Ihr lieber langer Brief, Fürstin, hat mir gut gethan,


thut es noch, denn ich lese ihn manchmal wieder,
habe meine Gedanken dabei; daß Sie jemanden ge-
funden haben, der «schreibt» ist wunderbar, ich
denke immer, wenn irgendwann, so müßte das
jetzt zu Ergebnissen führen, da soviel neue Tote da
sind, die nicht Zeit gehabt haben, das Leben abzu-
thun. Oder ist aber darüber mag man nicht schrei-
. . .

ben meine Vermuthung geht dahin daß man in den


, ,

Krieg ohne alles hinaus geht, ohne das bisherige


Herz, und draußen eines eingesetzt bekommt, ein
Entweder-Oder-Herz, mit nur zwei Kammern, darin
beides vorräthig ist, fertig, das zu lebende Leben,
der dortige Tod: manche leistens dann freilich, sich
beides anzueignen, das zugemuthete Kriegsherz mit
dem eigensten Blut zu erfüllen und zu einem äußer-
sten Dasein hinzureißen - und dies sind die Helden,
und es sind immer nur einige gewesen, aber un-
vergeßliche !

Liebe Fürstin, mir geht es äußerlich wie es besser

nicht könnte; Titi und Max Taxis erweisen mir die


herzlichste Freundschaft, wir sehen uns oft, öfters
auch bei Baby Friedlaender (Frau Mitford) der ich
auch meine schöne Wohnung verdanke (: in ihrem

396
leerstehenden kleinen entzückenden (von Messel ge-
bauten) Haus, hier, Bendlerstraße in , dem sie, außer
mir, FlüchtHng, nur noch einige stille ostpreußische
Flüchthnge untergebracht hat.) Sie ist ein wunder-
schönes Geschöpf, aus dem Kindsein, von dem sie

noch ganz dunkel ist, plötzhch durch einen Tropfen


Schicksal selbständig klar geworden durchsichtig
, bis
auf den Grund, alles in sich lösend. Sahen Sie
. . sie

jemals ? Jetzt hat sie in dem Elternhaus am pariser


Platz Wohnung und Leben ganz für sich, beides ist
schön und phantastisch, sehr gesichert im Ge-
schmack, man möchte sich die ganze kleine Person
ausgedacht haben und sie erzählen, hinter geschlos-
senen Augen; freihch, wer wüßte, wie 's weiter-
geht?
Äußerhch also hab ichs so; innen aber so schlecht und
schwer, hebste Fürstin, daß ich niemanden sehen
werde die nächste Zeit und mich sammeln - Duino-
Tage, das thäte mir noth, noth. Sie w^erdens nach-
fühlen Jeder Brief wäre Wohlthun für mich even-
. ,

tuell auch Nachricht, wenn beim «Schreiben» sich


etwas herausstellt, was mich anginge. Die «Unbe-
kannte » hat mich doch nicht aufgegeben ? Ach thun
Sie 's nur nicht, weil ich so langweilig und stumm
und weg bin
Ihr D. S.

Dem Fürsten alles Liebe und Herzliche und dasselbe


allen erreichbaren Ihrigen.

397
,

209. Marie Taxis an Rilke nach München


Wien 20-2-15 < Samstag)
Dottor Serafico carissimo
Endlich entdecke ich Ihre Adresse - und habe eigent-
hch vor, Ihnen eine Strafpredigt zu halten - Denn
was geschieht mit Ihnen ?Mel<[anie)>Metternich sagte
mir Sie wären cCun moment ä Vautre von Berlin aus-
geflogen, und gestern habe ich Frau v. Hattingberg
gesehen welche mir erzählt Sie wären wieder mise-
rabel. Aufrichtig gesprochen, D.S. ich glaube daß
diese gute Person wieder daran schuld ist - weiß ich
doch wie Sie unglücklich in Duino waren, voriges
Jahr — und ich möchte Sie wirklich auszanken daß
Sie immer den Leuten die Sie sekiren, nachgeben.
Sie brauchen mir nichts zu antworten wenn Sie lieber
nichts sagen wollen Erstens /e comprends ä demi-mot,
.

und zweitens will ich Sie auch nicht wieder sekiren


Sie armer geplagter Serafico — Aber ich hatte die
Empfindung daß Sie sich in Berhn ziemlich wohl be-
funden hatten - und daß man Sie nicht in Ruhe
gelassen hat - und das ärgert mich I

Aber jetzt zu etwas anderem - Wir möchten, wenn


Sie damit einverstanden sind, und es erlauben, Ihren
«Cornet» hier aufführen - es soll in Leipzig ein so
großer Erfolg gewesen sein — Mein Vetter Franzi
Auersperg gibt mir dazu seinen wunderbaren Saal
von rasenfarbenem Marmor (möchte Ihnen gefallen
D. Frau v<on) H<^attingberg) würde spielen,
S.I)
ein sehr guter Schauspieler sprechen — Es wäre für
das Rothe Kreuz oder Inval(iden) Dank oder so was -
,

und könnte Mitte März stattfinden. Dazu kommen


thun Sie natürlich nicht, wie ich Sie kenne D. S. ?

398
Erich ist hier und
ich habe einen guten Brief von
Pascha vom Dieß das Wichtigste für mich wie
16*"*.

Sie sich denken werden — sonst lebt man wie in einem


bösen Traum. Schreiben Sie mir wie es Ihnen geht,
ob Sie mit unserer Idee einverstanden sind -
Viele viele herzHche Grüße von uns allen
MT
210. Rilke an Marie Taxis nach wien
Irsclienhausen bei Ebenhaxisen, Isarthal
Landhaus Schönblick,
am 24. Febr. 1915. < Mittwoch)

Liebe Fürstin,
was soll ich sagen, ja, vous comprenez mime sans mot,
es ist wieder ein Verhängnis über mir, M<(agda)
v<^on) H<(attingberg)> hat keine Schuld (ich sah sie
nur wenig in Berhn und wir schreiben uns sogut wie
gar nicht), aber , ich Unverbesserlicher habs
seithernochmals mit dem Nicht-allein-bleiben ver-
sucht - und werde einmal viel zu erzählen haben,
oder nichts, denn was sagbar ist, wissen Sie, Fürstin,
durchschauens, und es ist ja auch dasselbe, Grau-
same: das unter dem Gewicht eines anderen Lebens
stehen, das sich doch wieder als ein fremdes erweist
und dasmir mit seinen Verstrickungen und Rath-
losigkeiten nur noch wieder zum Beispiel wird für
des Lebens Fast-unmöglichkeit, da und dort, in je-
dem, \md wie sehr in mir. Ich möchte helfen und
erwarte, daß mir geholfen wird, das ist der unaus-
schöpf liehe Irrthum, daß die Menschen mich für
einen Helfer halten, während ich sie doch geradezu
in die Falle meiner Scheinhülfe hereinlocke, um da-

399
bei Abhülfe für mich herauszuschlagen. Gott weiß,
was nun wird, - alles sah diesmal besser aus, leb-
barer, bis äußere Verhältnisse sich eindrängten,
nichts ist noch abzusehen, ich werde mich noch ein-
mal retten müssen, aber ich möchte nicht Zerstörung
und Unheil hinter mir lassen. Ach Fürstin, genug,
zu viel schon, Sie können sich vorstellen, was ich
durchmache und das in dieser Luft, vor diesem
Hintergrund, den man beinah gewöhnt, um sich
dann plötzlich zu besinnen, — es ist das Gegentheil
jenes Gefühls, mit dem man aus bangen Träumen
aufwacht, gewahrend, daß das stille Zimmer da ist
und die friedliche Nacht und alle Angst nicht wahr:
jetzt ists täglich, nächtlich, das Gegentheil, die
Nothträume sind wahr, erreichen kaum die Wirk-
lichkeit: man erwacht nur um zu sehen, wie der
Traum recht hat und steigt und alles überfluthet.
Welche Ordnung, Eintracht, Einsamlteit hätte man
in sich vorgebildet halten müssen, um diese Zeit zu
ertragen, — und Sie wissen, Fürstin, wie es in mir
aussah.
Oft hätt ich Ihnen geschrieben, aber mich kostet das
mindeste geschriebene Wort einen Aufwand, als sollt

ichsmit den Fingernägeln in Granit graben.


Am Tag, nachdem der Fürst bei mir in Berhn war
(wie gut hat mir diese Aussprache gethan !) bin ich auf

einen dringenden Ruf hin, nach München zurück-


gegangen, für zwei, drei Tage, wie ich meinte.
Möglicherweise aber gehe ich doch nächstens noch-
mal nach Berlin, meine meisten Sachen sind noch
dort, allerhand Absichten waren daran sich zu ver-
wirklichen, es ließ sich zuträglich an, wenngleich

400
Berlin an sich erschöpfend und widerspänstig ist, zu-
dringhch und unverschämt und durch seine rück-
Ausdehnung aufzehrend. (Was haben wir
sichtslose
uns doch damals,als ich hinkam, verfehlen müssen !)

Mit einem Wort, ich weiß nicht weiter, sitze vor der
Hand auf dem Land eine Stunde von München lasse
, ,

mich in Decken einwickeln und liege, sooft es geht,


auf dem Balkon, der Wintersonne ausgesetzt, ohne
einen heilen Gedanken und völlig ohne Gefühl,
nicht krank, aber so müde, daß ich gleichsam jen-
seits des Schlafs lebe. . Abends nehm ich mich zusam-
men und lese Flaubert, seine Correspondenz (merk-
,

würdig die Briefe von 70/71 wie man übereinstimmt


:

mit seiner damahgen inneren Verfassung), vorher


las ich viel Strindberg, der ein Koloß ist auf thöner-

nen Beinen, aber von härtestem Rumpfe.


Vor etwa acht Tagen, ehe ich wieder hier heraus-
ging, hatte ich in München eine sehr kuriose Stunde
bei Aretin; sollte ich noch in München bleiben,
würde ich ihn öfter sehen können Sie sich eine Vor-
:

stellung machen, wer er eigenthch ist, dieser Mensch,


der die BiograpJiie eines ihm gleichgültigen Sternes
achter Größe schreibt und unter diesem Vorwand
Beziehungen zu allen Sonnen unterhält, womit er
doch auf jeden Fall ganz andere Dinge vorhat.
Da schwätz ich mit dicker Tinte und verschreibe
mich, mehr als daß ich schreibe, und dabei wollt ich
Ihnen doch eigentlich nur danken, daß Sie mich,
Schweigling, nicht aufgegeben haben, und wegen
des «Cornets» antworten. Entre nous soit dit: mir
ist die allzu dringende Gethulichkeit der Frau v<(on)>

H<(attingberg) nicht ganz lieb, ich war froh, daß die

26 401
Leipziger Sache vorüber ist, aber offenbar ist ihr mit
solchen Veranstaltungen eine große (und im Grunde
unschuldige) Freude bereitet, so daß ich nicht zum
Hindernis ausfallen möchte; vielleicht ist ja auch im
Interesse des Herrn v. Paszthory eine weitere Auf-
führung wünschenswerth Kurz ich sage zu muß nur
. : ,

noch den Insel-Verlag davon verständigen, an den ich


insofern gebunden bin, als ich es ihm (um der eigenen
Ruhe willen) überlassen habe, in allen derartigen
Fällen einfach zu entscheiden. Nun wird ihm hier
was mir recht ist, so daß ich glaube,
sicher recht sein,
dieses hier mag unbedingt als meine Zustimmung
gelten können. Ein schöner Saal und soviel guter
Wille zur Darstellung, ich hätte nicht das Herz, nein
zu sagen, hoffe aber im Stillen, M<(agda) v<(on)
H<(attingberg)> läßt esdann bei diesen zwei Trium-
phen. Gespannt bin ich, welchen Eindruck Sie von
Paszthory 's Musik haben werden, sie ist sicher stellen-
weise schön, quoique parfois eile donne au texte une
interpretation quelque peu mollasse (z. B: wo sie den
Brief begleitet: «Meine gute Mutter. » u. s. f.);