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Die Analyse englischer Infinitivsätze bei Greenbaum/Quirk

und in der generativen Grammatik Noam Chomskys

(17] Infiriiiwe Hr:ll Srrbject Clauses;

Si TokenSe+Jtt:ce

,,/"\ (a) Herikes hertovisrt


DP VP (b) She w'.ts Jotn b raft(tn her)

/,,,
/\/\ ,"/".,.
D NLfVP S Sit

[3P]l/ \ /' ,,\\


[-P1] | Au:c MV DP VP

l[.Pasi] | L\ i

li-*) I I MEF

lllrlt.\
| | | A*Lilv
ttttt
(u) Hs likes he; tü visn
( + -$hs r,ieik : denved Slserr'mce)

(b) Hei li-kes si to tisit


( {' Hs vieits : derivefl Si-s*Jrr:ce)
(c) Slha wsrts Joh to ralk

(+ ;ofo, tqk+ : dedvedS;-*ntarce)

(O Shti wa$t Ei tn talk

(.i} She, tr'ks :d+rivedSi-saCrcce)

Proseminar I: Practical Explorations into Syntax: Clause, Sentence, Text - Their Structure
and Funktion

Anglistisches S em inar Heidelberg

Sommersemester 2000

Leiterin: PD Dr. Sonja Kleinke

Referent: Michael Schiffmann


Inhalt

0. Einleitung

1. Die Analyse englischer Infinitivsätze bei Greenbaum und Quirk

2. Die Behandlung von Infinitivsätzen bei Robert F'reidin

3. Ku me Zusammenfassung

4.Literatur
Die Analyse von Infinitivsätren bei Greenbaum/Quirk
und in der generativen Grammatik Noam Chomskys

Die folgenden Skizze versucht, am Beispiel englischer Infinitivkonstruktionen zwei verschie-


dene Methoden syntaktischer Analyse zu illustrieren, n?imlich die von Sydney Greenbaum
und Randoph Quirk einerseits und die der generativen Grammatik Noam Chomskys anderer-
seits. Infinitivsätze nehmen im Englischen häufig eine andere Form an als im Deutschen, und
selbst dq wo es im Deutschen Entsprechungen zum englischen Gegensttick gibt, weisen diese
Entsprechungen im durchschnittlichen Sprachgebrauch neben anderen Unterschieden ganz
andere Häufigkeitsverteilungen auf. Ein Beispiel hierftir wären etwa die beiden Sätze:

(l) Bill wanted Mary to marry him.


(2) Wilhelm ließ Maria Brötchen holen.
,,Wilhelm veranlaßte, daß Maria Brötchen holte.*

Während (1) seiner Konstnrktion nach (die dem lateinischen Akkusativ mit Infinitiv A.c.I.
entspricht) ein vollkommen normaler und gebräuchlicher Satz ist, ist die zumindest teilweise
vergleichbare Konstruktion (2) im Deutschen im wesentlichen auf das Verb ,,lassenoo be-
schränkt.'
Es ist aber nicht die Thematik des Sprachvergleichs, die hier im Vordergrund stehen soll, auch
wenn das gerade im Bereich dieser Konstrrktionen sicher interessant wlire. Statt der Eigenarten
nxeier Einzelsprachen geht es hier um die Eigenarten ntteier Methoden sprachlicher Analyse.
Aber auch so werde,n einige charakteristische Merkrnale englischer Infinitivkonstruktionen deut-
lich werden. Ich werde mich dabei auf die Analyse abhängiger Infinitivsätze mit vollständigem
krfinitiv (das heißt, dem Infinitiv der Nennform wie zum Beispiel in ,,to do") beschränken
Das Werk Greenbaums und Quirks (im folgenden G/Q) war Grundlage des Seminars, aus
dem die vorliegende Arbeit hervorgeht und wird daher auch der Darstellung einer der beiden
Methoden der Infinitivanalyse zugrundegelegt, eine Wahl, die sich regelrecht auf<lrängt. Für
die generative Grammatik, die mittlerweile eine langjährige und vielftiltige Entwicklung hin-
ter sich hat, habe ich das Modell der achtziger Jahre ausgewählt, das unter dem Namen ,,Go-
vernment-Binding-Theor5/' (GBT) bekannt wurde. Bezugspunkt ist dabei die Darstellung in
dem Lehrbuch Foundations of Generative Syntm von Robert Freidin.
Ich werde zunächst die Infinitivanalyse von G/Q skizzieren, um ihr dann die Analyse der
GBT gegenüberzustellen.

1. Die Analyse englischer Infinitivsätzebei Greenbaum und Quirk

ln A Student Grammar of the English Language analysieren G/Q s€imtliche englischen Sätze
aufgrund der von ihnen postulierten grammatischen FunLrtionen Subjekt (S), Verb (V), Objekt
(O), Komplement (C, von,,complement*) und Adverbial (A). Diese Funktionen sind im Un-
terschied zur GBT nicht strukturell-syntaktisch definiert; was als Subjekt und was als Objekt
usw gilt, geht statt dessen aus einer recht umfassenden Beschreibung der semantischen Eigen-
schaften und des syntaktischen Verhaltens hervor.
Auf dieser Grundlage stellen sie fesL ,,Ein einfacher Satz besteht aus einem einzelnen unabhängi-
gen Satz, der einern von sieben Typen angehören kann Die Typen unterscheiden sich im Hinblick
daraufl ob ein oder mehrere Satzelemente nsiÄtz]ich zum Subjekt und Verb obligatorisch vorhan-
den sind. Das Element V ist in einem einfachen Satz immer eine finite Verbphrase." (G/Q S. 204)

t Wichtig ist hier die Bedeutungsglosse m (2), die zum Ausdruck bringt" daß ,,Mada" in der hier gemeinten In-
terpretation nur semantisches Subjekt des Infinitivsatzes is! nicht zugleich auch semantisches Objekt des über-
geordneten (oder Matrix-)Satzes.
Bei den angesprochenen sieben Typen einfacher Sätze handelt es sich um die
folgenden:

1. SV: Mary (S) is wavering (V).


2. SVO: Mary (S) marries (V) Bill (O).
3. SVC: Mary (S) is (V) hesitant (C).
4 SVA: Mary (S) is waiting (V) at the comer (A).
I SVOO:
SVOC:
Mary (S) sends (V) Bill (O) greetinss (O).
9 Mary (S) finds (V) Bill (O) stupid but loveable (C).
7. SVOA: (Mary (S) puts (V) the wedding ring (O) urvuy 1,A.;.

Eine hierarchische Struktur, die diese Satzelemente zueinander in Beziehung setzen


würde,
gibt es bei G/Q nicht; statt dessen befinden sich die Elemente in einer graptschen Darstel-
lung der Satzstruktur auf ein und derselben Ebene.2 Ein Beispiel daftiliä.ä fotg.nde
Struk-
tur:

(3) Satz
Satz

svo(c)
Eine Hierarchie von Elementen kommt erst dann ins Spiel, wenn man die Elemente,
aus de-
nen ein Satz besteht, ihrerseits analysiert.
Die Frage, die sich bei G/Qs Analyse von Sätzen in die Bestandteile S, V, O, C und (die
A in
den oben aufgelisteten Satztypen resultieren) stellt, ist nun folgende:
Wenn in einen Satz auch ein,,to-infinitive"-Satz eingebettet ist, welche Funktion bzrv.
Funk-
tionen erfüllt/erfüllen dann dieser Infinitivsatz bzw. die Elemente des Infinitivsatzes
innerhalb
des Gesamtsatzes?
Zunächst einmal können wir feststellen, daß im Englischen Sätze mit vollständigen
Infinitiven
Subjekte sein sowie von einem übergeordneten Verb oder Adjelrtiv abhängig sein
können.
Der Fall des Subjektsatzes ist ftir unsere Frage ohne weiter"s lote.".se,
deÄ'in diesem Fall
gilt: ,,to-Infinitiv": S, wie in

(a) To marry Bill (,,to-Infinitiv.,: S) might be (V) a good idea (C).


(5) For them to marry each other (,,to-Infinitiv : s) might be (v) a good idea (c).

Ich beschränke mich im weiteren auf den Fall der Abhtingigkeit vom Verb. Ftir den
,,to-
Infinitiv" kommen dann lediglich die syntaktischen Funktionen O, C und A in Betracht. Nach
der Analyse G/Qs hat der ,,to-lnfinitiv" ftir den Gesamtsatz immer nur Objekt-
und/oder
Komplementfunktion, nicht die Funktion eines Adverbials. Die simpelste Form ist die
Form
(6) svo,

illustriert durch so einfache Sätze wie die folgenden beiden mit subjektlosen Infinitiv:

(7) Bill (S) wanted (V) to marry Mary (O).


(8) Ruth (S) prefers (V) to go by bus (O).3

G_raphiken(die einzigen dieser Art in ihrem Buch) finden sich bei G/e auf S.
." ?i:..nopt^tlTnlq 284.
(E) ist aus G/Q, S. 348, wo er als Beispiel für,pichtfinite Sätze als direktes Objekf,angeftihrt
wird.
Das Adverbial ,,by bus" in Satz (8) ist hier für den übergeordneten Satz, für den sich die
:
Funktionsanalyse auf .Jo go by bus" O beschränkt, ,,unsichtbar". Ebenfalls Objekt ist der
oben bereits unter (l) angeftihrte Infinitivsatz mit Subjekt

(9) Bill (S) wanted (V) Mary to marry him (O).

Bei diesem Typus von Sätzen handelt es sich in der Termino um,,monotransiti-
ve Komplementierung" des Verbs.a ,,Monotransitive Kompl bedeutet nichts an-
deres, als daß der auf das Verb folgende ,,to'Infinitiv"-Satz ftir den Gesamtsatz die Funltion
eines Objekts hat. Im gegebenen Beispiel gibt es die Parallele

(10) Bill (S) wanted (v) Mary (O)


Solche Parallelen sind aber keineswegs immer vorhanden, wie die Beispiele mit subjektlosem
bzw. Infinitiv mit Subjekt

(11) ? Bill (S) missed (V) to call (O).


(12) * Bill (S) missed (V) Mary to call (O).
gegenüber

(13) Bill (S) missed (V) Mary (o)

zeigen. Daher ftihren G/Q ftir das Vorhandensein,,monohansitiver Komplementierung" eben-


so wie für das der beiden anderen von ihnen postulierten Formen der Verbkomplementierung
beim ,,to-Infinitif' eine Reihe syntaktischer Tests an, von denen ich zur Illustration zunächst
nur einen, nämlich den Pseudospaltsalztest anführe:

(14) What Bill wanted was for Mary to marry him.


Pseudospaltsätze wie dieser sind bei monotransitiver Komplementierung möglich, nicht dage-
gen bei ditransitiver Komplementierung, bei der der folgende Infinitivsatznach G/Q als zrvei
Objekte analysiert wird, also

(ls) svoo.
wie in

(16) Bill(S) persuaded (V) MarV (O1) to marryhim (O2).

Weder bei diesem noch bei vergleichbaren Sätzen dieses Typs sind Konsüuktionen möglich wie

(17) * What Bill persuaded was für Mary to many him.

Dafür erlauben Sätze mit OO-,,to-Infinitiv"-Struktur Passivierungen wie

(18) Mary was persuaded (by Bill) to marry him,

a
Die Ausführungen zur Komplementierung finden sich im Abschnitt,,Infinitivische Komplementierung: mono-
transitiv, ditransitiv, komplex-transitit'' auf S. 357 1358.
bei denen das erste Objekt zum Subjekt der Passivform des Mahixsatzes wird. Hier haben wir
einen zweiten Test zur Unterscheidung der verschiedenen Komplementierungstypen, denn die
Passivierung des monotransitiv komplementierten Satzes (9) mit dem Ergebnis

(19) * Mary was wanted (bV Bill) to marry him.

ist nicht zulässig. Dieser Unterschied wird sogleich noch einmal bedeutsam werden, denn
schließlich ftihren GIQ noch einen dritten Typus der Komplementierung an, ntimlich den
,,komplex-transitiven", dem eine firnktionale Analyse des Infinitivsatzes als OC entspricht:

(20) svoc.
Ein diesem Typ entsprechender Beispielsatz wäre etwa folgender (adaptiert von G/Q):

(2I) Bill(S) expected (V) Mary (O) to marry him (C).

Im Pseudospaltsatztest ebenso wie in den anderen, hier nicht aufgeftihrten Testverfahren ver-
h?ilt sich der SVOC-Typ ebenso wie der SVO-Typ. Der Unterschied zwischen ihnen liegt dar-
in, daß beim SVOC-Typ ebenso wie beim SVOO-Typ das auf das Verb folgende Objekt zum
Subjekt des passivierten Matrixsatzes gemacht werden kann:

(22) Marywas expectedto marryBill.

Es ist wohl sichtbar geworden, daß all diesen Unterscheidungen eine ziemlich komplexe Be-
schreibung des syntaktischen Verhaltens der fraglichen Satzelemente zugrundeliegt, auch
wenn ich diese Komplexität hier auf das notwendige Minimum reduziert habe. Generell han-
delt es sich bei dem Modell von G/Q um ein beschreibendes Modell, das mit heuristischen
Testverfahren arbeitet und der Analyse nur in geringem Maß abstrakte theoretische Leitsätze
und Entitäten zugrundelegt.
Das ist nicht verwunderlich und schon gar kein Kritikpunkt, handelt es sich doch bei A Stu-
dent's Grammar um ein Lehrbuch, nicht der Grammatikheorie, sondern of the English Lan-
g?rage. Ganz andere Ansprüche und Ziele hat schon immer die generative Grammatik Noam
Chomskys verfolgl, deren Behandlung von Infinitivsätzen in dem in etwa den Stand der acht-
ziger Jahre wiedergebenden Buch von Robert Freidin Foundations of Generative Syntmc ich
mich jetzt zuwenden möchte.

2. Die Behandlung von Infinitivsäfzen bei Robert Freidin

Die GG verfolgt ganz andere Ziele als Lehrgrammatiken vom Typus G/Q und arbeitet nicht
zulet deshalb mit gznz. anderen Methoden. Während es das Ziel von Lehrgrammatiken sein
muß, in einigennaßen konkreter und an der beobachtbaren sprachlichen Wirklichkeit orien-
tierter Form möglichst alle Phäinomene der zu unterrichtenden Sprache komplett abzudecken,
soweit diese von der Lemerin nicht ohnehin intuitiv verstanden werden, geht es bei der GG
darum, einen möglichst sparsamen und daher notgedrungen abstrakten theoretischen Apparat
zu entwickeln und an den diversen sprachlichen Phänomenen auf seine Richtigkeit zu über-
prüfen.
Ziel dabei ist gerade, das herauszuarbeiten, was ,,vom Lerner ohnehin verstanden wird",
m.a.W., was der Lemer jeder Sprache von sich aus an sprachlichem Wissen mitbringt. Die
Theorie soll daher nicht nur ftir das Englische, Deutsche usw. gtiltig sein, sondern für jede
Sprache, nicht gerade ein geringer Anspruch, der jedoch erkläiren hilft, warum das Instumen-
tarium dieser Theorie teilweise so abstrakt ist. Um die von der generativen Grammatik ange-
nommene ,,grundlegende Ahnlichkeif' zwischen uns so verschiedenen erscheinenden Spra-
chen \Mie etwa Englisch und Mohawk erkennen zu könneq muß man nattirlich erst einmal ei-
nige Schritte zurücktreten.
Ich behandle im folgenden denselben Bereich von Infinitivkonstruktionen, den ich bereits o-
ben abzustecken versucht habe. Dabei handelt es sich um eine vergröberte Version der Dar-
stellung im Buch Freidins, der den Infinitivsätzen ein eigenes Kapitel (Kapitel 7, S. 179-212)
widmet. Der erste Unterschied zur Analyse von G/Q ergibt sich gleich bei der Definition so
grundlegender Begriffe wie Subjekt und Objekt. Wie oben bereits erwähnt, werden diese Beg-
riffe in der GG rein strukturell-syntaktisch definiert. Im Gegensatz zum Satzmodell G/Qs ist
das Modell des einfachen Satzes in der GG stark hierarchisch stnrkturiert. Unter Außeracht-
lassung vieler Einzelheiten sieht es etwa folgendermaßen aus:

(23) Satz (Flexionsphrase FP)

Ft (: Zwischenstufe zu FP )
,/\
P (Verbalphrase

{
Dem könnte etwa ein Satz entsprechen wie

(24) Bill (S) will (F) marry ff) tvtary (O).

Fttr Sätze, bei denen ein flexionstragendes Auxiliar wie ,,will" etc. fehlt, wird eine Ae-
finite
wegung des Flexionselements zum Verb oder des Verbs zum Flexionselement postuliert. We-
gen der Posfulierung solcher Bewegungen wird die GG auch generative Transformations-
grammatik (GTG) genannt. Für die von uns hier untersuchten ,,to-Infinitiv"-Sätze wird ange-
nommen, daß die Satzposition Flexion von,,to" eingenommen wird
Entscheidend in dieser Struktur, die aus vorzugsweise binären hierarchischen Verzweigungen
besteht und hier nur grob angedeutet ist, ist erstens die Beziehung ,,Kopf von" und zweitens
die Beziehungen ,,Schwester von". Der Kopf einer Phrase ist ihr Kernelement; im Fall von
VP ist das V, im Fall des Satzes, der als Flexionsphrase FP gilt, F. Die Schwester eines Ele-
ments ist das Element, das sich auf derselben Ebene befindet, d.h., die Schwester von S ist F*,
die Schwester von Flexion ist VP, und die Schwester von V ist O.
Im folgenden gebe ich die strukturellen Definitionen von Subjekt und Objekt in der GG:

QS) Subjekt: Schwester von *


(26) Objekt: Schwester von V

Ebenso wie bei G/Q können in der GG ,,to-Infinitiv"-Sätze Subjekt eines Satzes sein. Der
gravierende Unterschied zwischen GG und G/p liegt in der Behandlung der Infinitivsätze, die
eine Komplementierung des Verbs darstellen.) Sie alle gelten, was ihre grammatische Funlcti-
on angeht, schlicht und einfach als Objekte des Verbs.
5
Ahnliches, aber im Detail nicht dasselbe gilt für die hier nicht behandelten Komplementierungen von Adjektiven
Wenn wir nun unsere Beispielsätze von oben einmal allesamt durchgehen, haben wir zunächst
folgenden Satz:

(27) Bill wanted {JOr"on* [topuion fmarry Maryl* ]r. ]r"r:su";]OdesMarrixsatzes


Die geschweiften Klammern stehen hier ftir ,,Objekt". Im Unterschied zu G/Q wird in der
syntaktischen Analyse von GG angenommen, daß es sich hier durchaus nicht um einen ,,sub-
jekllosen Infinitivsatz" handelt; es ist vielmehr so, daß das ,,mitverstandeneo' semantische
Subjekt von ,,marr5/' auch syntaktisch vorhanden ist und auf dieselbe Person referiert wie
,,Bil1".
Wann immer ein Verb (im Unterschied zum Beispiel zu dem Verb ,,seemo'eine derartige se-
mantische Subjekholle vergibt muß diese Rolle GG zufolge auch syntaktisch als Subjekt rep-
rEisentiert sein, auch wenn dieses Element, wie durch ,,A" angedeutet, ,,phonetisch leer" ist,
d.h. nicht ausgesprochen wird.
Der nächste Satz, der bei G/Q ebenfalls unter den Typ SVO fiele, ist folgender:

(28) Bill wanted { [ttury.*ren [top1"*1on fmarry him]vp lp* lrp (=s"t")] Odes Matrixsares

Dieser Satztypus ist insoferr - vor allem im Vergleich mit dem Deutschen - ungewöhnlich, als
das Subjekt des abhängigen Satzes im Akkusativ steht. Es handelt sich um die oben bereits
erwähnte A.c.I.-Konstruktion, die man in anderer Form auch im Lateinischen findet.
Ein allgemeines Postulat (oder ,,Pinzip") von GG besagt, daß phonetisch realisierte Nominal-
ausdrücke (also solche, die nicht wie die eben besprochenen ,,phonetisch leer" sind), einen
Kasus haben müssen (,,Kasusbedingung"). Das Gegenstück zu dieser Kasusbedingung ist die
Festlegung, daß ein,,phonetisch leerer" Nominalausdruck keinen Kasus haben darf.
Man geht dabei davon aus, daß finite Flexionselemente im Gegensatz nttrr infrniten Flexions-
element ,Jo" dem Subjekt des entsprechenden Satzes den Kasus Nominativ zuweisen, wäh-
rend das Verb seinem direkten Objekt (auf das wir uns hier beschräinken wollen) den Kasus
Akkusativ zuweist. Ferner können Präpositionen Nominalausdräcken den Dativ zuweisen.
Von daher gesehen erfüllen Sätze wie

Q9) Bill wanted Mary.

und

(30) Bill wanted that Marry would marry him.

die ,,Kasusbedingung, denn in (29) weist ,,wanted" ,,Mary" den Akkusativ n" wtlhrend in
dem finiten abhängigen Satz (30) das finite Flexionselement ,,Mary" den Nominativ zuweist
(,,wanted" kann,,Mary" nicht den Akkusativ zuweisen, weil es dazu direkt neben,,Mary" ste-
hen müßte - eine weitere Bedingung für Kasuszuweisung).
Aber was ist mit (28)? In (28) ist,,Mary" nicht Objekt des Matrixsatzeso denn diese Rolle ist
schon an den gesamten Infinitivsatz vergeben. Es muß also einen Grund geben, weshalb,,Ma-
ry" hier trotzdem Akkusativ erhält. Daß es diesen erhält, steht außer Zweifel, um das zu se-
hen, muß man,,Maryo'nur durch das entsprechende Personalpronomen,,her" ersetzen.
GG postuliert hier ftir das Englische eine Klasse von Verben mit ungewöhnlichen Eigenschaf-
ten der Kasuszuweisung, die sogenannten ,,Exceptional-Case-Marking"-Verbs oder kurz
ECM-Verben. Während Verben normalerweise nicht über eine Satzgrerue hinweg in den Satz
hinein Kasus zuweisen können, weichen diese Verben, metaphorisch gesprochen, die Satz-
grenze auf und können dem Subjekt des untergeordneten Satzes den Akkusativ zuweisen. Im
Falle des Verbs ,,warrt" hat dies allerdings die Konseqrrenz, daß hier zwei verschiedene,
gleichlautende Verben angenommen werden müssen: ein normales, das nicht in den Infinitiv-
satz, der sein Objekt ist, hinein Kasus zuweisen kann (denn sonst wäre in Satz Q7) die,$.nti-
kasusbedingung" für phonetisch leere Nominalausdrücke verletzt), und ein ECM-Verb, das
dies sehr wohl kann (denn sonst w?ire für (28) die,,Kasusbedingung" nicht erfüllt).
Zu den ECM-Verben gehört ganz eindeutig auch ,,expecfo, und dementsprechend werden
Konstruktionen des von G/Q als SVOC analysierten Typs innerhalb der GG zu den ECM-
Konstruktionen gerechnet. Satz (21) würde also folgendermaßen analysiert:

(3 1) Bill expecteA { Fufutr*ubjekr [toFbxion [marry h*]* lr* lrp (:sd') ] OMu,,iouo

Fär die Tatsache, daß ,,Maqf' n QD|QI) im Gegensatz zu (9y(28) zum Subjekt der Passiv-
form des Matrixsatzes ,,angehoben"o werden kann, müssen dann andere Gründe gefi,mden
werden.
Zu analysieren bleibt nun noch die GG-Entsprechung zum SVOO-Typ nach G/Q. Der oben
angeftihrte Beispielsatz ftir SVOO, (16), hat in GG die Form:

(32) Billpersuaded {Vf""r'}O16* {[A*rn*ltogoi-[marryhim]vplr-l*e-r*t]OMutio.,


also von den grammatischen Funktionen her gesehen ebenfalls SVOO.
,,MarY'hat in diesem Satz zwei verschiedene, jeweils von ,,persuade" und ,,marr7f' zugewie-
sene semantische Rollen, nämlich als semantisches Objekt von,persuade" und als semanti-
sches Subjekt von ,,many", die einem wichtigen Prinzip von GG zufolge beide syntaktisch re-
alisiert sein müssen.
Ein wichtiger Pun}t ist, daß bei solchen Konstruktionen das Verb des Matrixsatzes darüber
entscheidet, ob das ,phonetisch leere'o Subjekt des untergeordneten Satzes referenzgleich mit
dem Subjekt oder mit dem (nominalen) Objekt des Matrixsatzes ist.7 Im ersten Fatl spricht
man von,,subjektkontrolle", im zweiten - in (16y(32) vorliegenden - von,,Objektkontrolle".
Subjektkontrolle trotz Vorhandenseins eines nominalen Objekts im Matrixsatzläge zum Bei-
spiel vor in

(33) Bill promised {U^ty} O^r*". { [A*0,* [ton'"i* tmaray her]w lu- l* r**l] Or,aut ;o.

Nutzen wir abschließend all die grammatische Maschinerie, die wir bis jetzt installiert haben,
um noch einmal auf die oben zweimal kurz angesprochene Frage der infinitivischen Subjekt-
sätze zurvckzukommen. Wie kommt es, daß folgende Sätze richtig

(34) To keep to his syntactic errors was a mistake of Bill.


(35) For Bill to keep to his syntactic errors was a severe mistake.
(36) That Bill kept to his syntactic errors was a severe mistake,
die darauf folgenden Sätze aber falsch sind?

6 p-nglisch
,,raising"; der Ausdruck rührt daher, daß das Subjekt des Matrixsatzes in der von GG angenonrmenen
hierarchischen Struktur ,,höhef' liegt als das Subjekt des abhtingigen Satzes, das demzufolge ,,angehoben" wird,
wenn es in diese Position rückl.
t Zu
diesem Punkt siehe das Buch von Amim von Stechow und Wolfgang Stemefeld, Bausteine syntalrtischen
Wissens. Ein Lehrbuch der generativen Grammatik, S. 306/307.
(37) * Bill to keep to his syntactic errors was a severe mistake.
(38) * For to keep to his syntactic errors was a severe mistake of Bill.
(39) * That kept to his syntactic effors was a severe mistake of Bill.
Diese Verteilung korrekter und unzulässiger Konstrul$ionen läßt sich auf die sl<rzzierte Theo-
rie der Kasuszuweisung einschließlich der,,Kasus-" und,,Antikasusbedingung" zurückführen.
Das Osu6i.16 von (34) erh?ilt wie verlangt keinen Kasus, während dem Osu6i.L1im infiniten Satz
(38) durch die Präposition ,,for" und dem Os*j*rdes finiten Satzes (39) durch das finite Fle-
xionselement unzulässigerweise Kasus zugewiesen wird. Hier ist also die ,,Antikasusbedin-
gung" ftir phonetisch leere nominale Ausdräcke erfüllt bzw. verletzt; man wird leicht erken-
nen, daß es sich bei den Beispielen (35), (36) und (37) um die Erftillung bzw. Verletzung der
,,Kasusbedingung" handelt.

3. Kurze Zusammenfassung

Konzentrieren wir uns hier wieder auf den Vergleich der alternativen Formen der Analyse ab-
hängiger ,,to-Infinitive", finden wir, daß die beiden Herangehensweisen in Bezug auf ihre
Aussagen über die grammatischen Funktionen der betrachteten Satzelemente weitgehend ü-
bereinstimmen. Einzige Ausnahme ist der Satztyp SVOC bei G/Q, der in der GG nicht vorge-
sehen ist.
Interessant ist ferner, daß von der Anordnung der verbalen und nominalen Elemente her völlig
gleiche Sätze wie (9), (16) und (2I\ - Sätze der Anordnung NP Vr" NP to V NP - im Hinblick
auf die grammatischen Funltionen (G/Q und GG) und im Hinblick auf ihre syntaktische
Struktur (GG) so unterschiedlich analysiert werden können. Egal, ob man eine in erster Linie
funktionale Perspektive einnirnmt wie G/Q oder einen in erster Linie am formalen syntakti-
schen Aufbau orientierten Standpunkt bezieht wie die GG - Syntax ist in jedem Fall nicht nur
das, ,,was man siehf'.
Die GG nimmt eine weitaus differenziertere hierarchische Strukturgliederung des Satzes an,
zu der außerdem noch (ftir den Leser) ,,unsichtbare" b^N. (ftir den Hörer) ,,unhörbareo' Ele-
mente zählen, die aber nichtsdestoweniger nicht lediglich (wovon natürlich auch G/Q ausge-
hen) ,,mitverstanden'o werden, sondern auch in der syntahischen Strulaur vorhanden sind. Ei-
ne Reihe von Prinzipien (Kasusbedingung, Antikasusbedingung, syntaktische Repräisentation
semantischer Rollen, Form der Satzhierarchie, Mechanismen der Kasuszuweisung) wirkt zu-
saülmen, um über die zulässigen bzw. unzulässigen Forrnen von Sätzen zu bestimmen; dabei
ergibt sich die erklärende Kraft dieser Prinzipien erstens daraus, daß sie in abgewandelter
Form auch in anderen Sprachen gültig sind, und zweitens daraus, daß ihr Wirken sich nicht
auf den recht eng umschriebenen hier behandelten Bereich beschränkt ist, sondern sich auf al-
le grammatischen Formen und Konstruktionen erstreckt.
Am Schluß möchte ich noch einmal betonen, daß sich eine deskriptiv-funktionale und eine
theoretisch-formale Herangehensweise an Fragen der Grammatik nicht widersprechen oder
einander im Weg stehen müssen. Sie bearbeiten dasselbe Feld - von verschiedenen Polen aus.

4. Literatur

Robert Freidin, Foundations of Generative Syntm, Cambridge, MIT Press, 1992.


Sidney Greenbaum/Randoph Quirk, A Student'sGrammar of the Englßh Language,Hw-
low, Longman,1990.
Arrim von Stechow/Wolfgang Sternefeld, Bausteine syntaktischen Wissens. Ein Lehrbuch
der generativen Grammatik, Opladen, westdeutscher Verlag, 1988.