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Metonymie und lynehdoche in der Darstellung

Fontaniers, Esnqults und üleyers

Sprachwissenschaftliches Semina r
Heidelberg
Wintersemester I 999 12000
Seminar: Metonymien und
Synekdochen
Leiter: Professor Kub czak
Referent: Michael Schiffmann
Metonymie und Synekdoche in der Darstellung Fontaniers,
Esnaults und Meyers

Im folgenden sollen drei Darstellungen zur Theorie der Metonymie und der Sy-
nekdoche besprochen werden, die im Verlauf von mehr als eineinhalb Jahrhun-
derten entstanden sind, nämlich die von Pierre Fontanier, die von Gaston Es-
nault und die von Bernard Meyer.
Die erste dieser Darstellungen entstammt dem zuerst I82I erschienenen Ma-
nuel classique pour I'etude des tropes, das vom Autor dieses Werks, Pierre Fon-
tanier, 1827 durch einen zweiten Band, dem Traitö gönöral des figures du dis-
cours autres que les tropes ztJ der Gesamtdarstellung Les figures du discours
ergänzt wurde.
Die zweite Darstellung bildet, zusammen mit einer Behandlung der Metapher,
einen Abschnitt in Gaston Esnaults Mötaphores occidentales von 1925.
Die dritte Arbeit schließlich stammt von Bernard Meyer und erschien unter
dem Titel'ol-es synecdoques traditionelles sont-elles de tropes in Nr. l-311993
der Zeitschrift Verbum, die dem Thema "Rhetoriques et sciences du langage"
gewidmet ist.

I. Pierre Fontanier

Für Fontanier fallen Metonymie und Synekdoche ebenso wie die Metapher unter
die ,,Tropen in einem Wort, oder Tropen im eigentlichen Sinn" (p. 79).Unter
diesen wiederum unterscheidet er solche, die tatsächlich einen figurativen Sinn
haben und solche, die eine rein extensive Erweiterung des Sinns vornehmen.
Letzteres sind die Katachresen, über die Fontanier ausgehend von der griechi-
schen Etymologie des Wortes (,,mißbräuchliche Verwendung") sagt, daß
schließlich auch die Ausdehnung des Sinnes als ,,eine Art Mißbrauch" bezeich-
net werden könne.
Zunächst muß mit Fontanier auf eine wichtige Unterscheidung hingewiesen
werden, die Grundlage für alles folgende bildet: die Unterscheidung zwischen
dem wörtlichen, oder in unserer Schriftkultur, dem buchstäblichen Sinn eines
Ausdrucks, den er auch als den ursprünglichen, natürlichen oder eigentlichen
Sinn nennt, und dem abgeleiteten, tropologischen Sinn.
Fontanier schreibt: ,,Aber Tropen werden verwendet, entweder aus Notwen-
digkeit oder durch Extension, um das Fehlen von Worten für gewisse Ideen in
einer Sprach e wettzumachen, oder willkürlich und figurativ, um Ideen mittels
lebendigerer und beeindruckenderer Bilder darzustellen als durch ihre eigentli-
chen Zeichen Von daher gibt es zwei Arten des tropologischen Sinnes: den ex-
tensiven tropologischen Sinn und den figurativen tropologischen Sinn. Wie man
sieht, ist ersterer in der Mitte zwischen dem ursprüngliche Sinn und dem figura-
tiven Sinn angesiedelt und kann eigentlich fast nur als eine besondere Art des
eigentlichen Sinnes angesehen werden". (p. 57158)
Auch hier haben wir also das Thema der Katachresen als ,,uneigentlicher Tro-
pen". Noch interessanter ist aber, wie Fontanier an dieser Stelle beschreibt, wie
sich der extensive Sinn in einen eigentlichen Sinn verwandeln kann: Cap vom
lateinischen caput bedeutete ursprünglich im Französischen dasselbe wie im La-
teinischen, nämlich Kopf; dann wurde der Sinn des Wortes auf ins Meer ragende
Felsen in Form eines Kopfes ausgedehnt, und schließlich blieb das Wort Cap
ausschließlich an diesem Sinn haften; der tropologische Sinn ging verloren und
ein neuer eigentlicher Sinn trat an seine Stelle.
Das Spannungsfeld zwischen dem ungewöhnlichen, ,,aus der Rolle fallenden"
Charakter figurativer Rede und der Redeweise in ursprünglicher, ,,eigentlicher"
Bedeutung wird hier besonders deutlich.
Unter den Tropen in einem Wort unterscheidet Fontanier die Tropen durch
Korrespondenz, die Tropen durch Konnexion und die Tropen durch Ahnlicnkeit:
Metonymie, Synekdochen und Metaphern. Die ersten beiden dieser Formen sol-
len jetzt ein wenig näher beleuchtet werden.

1. Metonymien

Sie bestehen laut Fontanier ,,in der Bezeichnung eines Gegenstandes durch den
Namen eines anderen Gegenstandes, der ebenso wie er selbst ein abgegrenztes
Ganzes bildet, zu dem er aber- oder der zt ihm - in einer mehr oder weniger en-
gen Beziehung steht, die entweder seine Existenz oder die spezifische Form sei-
ner Existenz verursacht." Und weiter:
,,Man nennt sie Metonymien, das heißt, Veränderung der Namen, oder Namen
für andere Namen." (p.79).
Unter diesen macht er neun verschiedene Erscheinungsforrnen aus, die ich als
nächstes mit einigen Beispielen kurz skizzieren werde.

1. Metonymie d.er Ursache:

Dabei wird der ,,Name" der Ursache einer Sache, eines Sachverhalts oder einer
Person anstelle der Benennung gebraucht, die für diese norrnalerweise gebraucht
werden. Diese Ursache kann göttlicher, geistig-moralischer, instrumenteller, ob-
jektiver, physischer oder abstrakter Natur sein.
An den folgenden Beispielen kann man gleich etwas sehen, was mir für Fon-
taniers Behandlung des Themas typisch zu sein scheint: Sie ist rein deskriptiv,
die Begriffe haben wenig Trennschärfe, und die Kategorien, die er außtellt ü-
berlappen sich sehr häufig. Das ist weniger als Kritik denn als Tatsachenfeststel-
lung gemeint; man kann Fontaniers Werk als Versuch einer vorläufigen Be-
schreibung und Klassifizierung von Phänomenen sehen, die ihrer Natur nach
höchst schwierig zu fassen sind, auch wenn ich bezweifle, daß er das selbst so
verstanden hätte.
Nehmen als zunächst die Metonymie der instrumentellen Ursache. Als Bei-
spiel bringt F. einen Autor, der ,,eine brillante Feder hat". Hier ist der Unter-
schied zur nächsten Kategorie der Metonymie, der Metonymie des Instruments,
für die Fontanier wieder die ,,brillante Feder" verwendet, klar, denn hier rsl der
Autor eine ,,brillante Feder"; er selbst wird mit dem Instrument, dass er verwen-
det, metonymisch identifi ziert.
Als nächstes Beispiel (Metonymie der objektiven Ursache) bringt er jedoch
den Namen der Helden literarischer Werke, die dann für diese Werke selbst ste-
hen: ,Jonas, unbekannt, verdorrt unterm Staub" (vermutlich in einer Biblio-
thek). Aber den Protagonisten eines literarischen Werks als dessen Urs ache zu
bezeichnen, scheint doch sehr weit hergeholt.
Sehr überzeugen sind dagegen seine Beispiele für die Metonymien des natür-
lichen und des abstrakten Grundes: ,,avoir des lunes" flir ,,verrückt spiele", sich
verrückt verhalt€fl'., wofür der Mond als {Jrsache angesehen wird, oder die ,,Un-
gerechtigkeit", mit der in Wirklichkeit häufig, wenn nicht sogar in der Regel
Akte bezeichnet werden, die der Sprecher als ungerecht betrachtet.
Nicht nur der Vollständigkeit halber möchte ich hier noch seine Beispiele für
die Metonymien der göttlichen und der geistig-moralischen Ursache anführen:

Leur flotte impörieuse, asservissant Neptune... (Voltaire)


Ihre gebieterische Flotte, die Neptun unterjochte...

Die Flotte unterjochte natürlich nicht Neptun, sondern das Meer, dessen Gott
und mithin Ursache Neptun ist. Beispiele wie die fiir die Metonymie des geistig-
moralischen Grundes sind natürlich enorm verbreitet:

Lä, prös d'un Guarini, Törence tombe ä terre;


Lä, Xönophon, dans l'air, heurte contre un La Serre. (Boileau)
Dort, nächst einem Guarini, ftillt T6rence zu Boden
Dort in der Luft stößt Xenophon La Serre.

Der Autor steht für das Werk, das er geschrieben hat, so wie in dem Beispiel
flir die

2. Metonlzmie deq Instruments

über das ich bereits gesprochen habe, das Instrument, dessen sich der Autor be-
dient, für diesen selber steht. Ein weiteres Beispiel ist ,,ötre une bonne, fine la-
me", ,,eine gute Klinge sein'., für jemanden der zu fechten versteht. Aber auch
hier finden wir die Überschneidung mit der Metonymie de instrumentellen Ur-
sache; im Langenscheid-Wörterbuch zum Beispiel wird der Ausdruck mit ,,eine
gute Klinge fähren" übers etfr., und natürlich ist es auch hier nicht die Klinge
selbst, die gut ist, sondern die Art, wie sie eingesetzt wird.

3. Metonymie der Wirkung

Die Metonymie der Wirkung verhält sich symmetrisch zur Metonymie der Ursa-
che, wie wir an folgendem Beispiel sehen können:

O mon fils! ö majoie! öl'honneur des mes jours! (Racine)


Oh mein Sohn! Oh meine Freude! Oh Zierde meiner Tage!

In den beide letzten Sätzen wird die Wirkung anstelle der Ursache, die sie her-
vorruft, genannt. Hierauf folgen dann bei F. zwei Kategorien, die man als räum-
liche Metonymien bezeichnen könnte, nämlich die Metonymie des Behälters
und die Metonymie des Ortes.

4. Metonymie des Behälters

Die Vase, die Sch ale, der Kelch für die Flüssigkeit, die darin ist, die Erde, Euro-
pa, Afrika, Frankreich, Spanien oder der Name dieser oder jener Stadt für die
Menschen, die dort leben, der Himmel als Sitz Gottes und die Hölle als Wohn-
statt sämtlicher Mächte des Bösen - bei all dem handelt es sich laut Fontanier
um Metonymien des Behälters oder Geftißes oder genauer, dessen, was etwas
anderes enthält:

Pleure, Jörusalem, pleure, citö perfide...


Weine Jerusalem, weine, treulose Stadt...

Wir sehen hier auch deutlich einen Punkt, der im Seminar angesprochen wurde:
Zwischen dem Verb ,,weinen" und den Nomina ,,Jerusalem" und ,,Stadt" besteht
keine semantische Kongruenz. Im Fall der Metonymie des Gefüßes ziehen wir
offensichtlich den Schluß, daß es in Jerusaleffi, in der Stadt etwas bzw.jeman-
den geben muß, das bzw. der weinen kann, nämlich die Bewohner der Stadt Je-
rusalem. Semantisch inkongruent ist natürlich auch das Adjektiv ,,treulosoo, das
uns einen weiteren Hinweis darauf gibt, wie die Metonymie ,,Stadt" und damit
auch Jerusal€ffi, von dem wir ja wissen, das es eine Stadt ist, zu interpretieren
ist.

5. Metonymie des Ortes

Diese liegt vor, wenn man ,,einer Sache den Namen des Ortes gibt, von wo sie
stammt oder dem sie zugehört" (p. S2): so etwa ein Perser, der ein Teppich ist,
der aus Persien stammt. Auch an diesem Beispiel kann man meines Erachtens
sehen, wie komplex die Sache wirklich ist. Mit einem ,,Perser" meinen wir in

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der Regel einen Teppich, der ursprünglich, als Gattung, einmal aus Persien zu
uns kam; ob der Perser, von dem wir gerade sprechen, in Hongkong, Vietnam
oder Deutschland hergestellt wurde, ob überhaupt Perser an der Herstellung be-
teiligt sind etc. ist für die Frage, ob es sich um einen ,,Perser" handelt, nicht
mehr relevant. Ab wann hört dieser Begriff auf, eine Metonymie zu sein und
verwandelt sich in ein Lexem? Haben wir, wenn wir mit einem ,,Perser" einen
Teppich meinen, der irgendwie ,,auf persische Art" hergestellt worden ist, im-
mer noch eine Metonymie vor uns, sagen wir einmal, eine Metonymie des Mo-
dus?
Diese Komplexität zeigt sich auch an dem hübschen Beispiel aus einen Ge-
dicht von Jean-Jacques Rousseau, das Fontanier bringt:

Je ne döcide point entre Genäve et Rome.


Ich wähle weder Genf noch Rom.

Fontanier kommentiert: ,,Genf für den Calvinismus und Rom für den Katholi-
zismus, dessen Zentrum es ist. Tatsächlich scheint es sich hier um eine ver-
schachtelte Metonymie zu handeln: Rom und Genf könnten auch für die Men-
schen stehen, die dort leben (Metonymie des Gefiißes), die ihrerseits als Ursache
oder Herkunft von Phänomenen wie dem Calvinismus und dem Katholizismus
angesehen werden könnten (Metonymie der Ursache).

6. Metonymie des Zeichens

Auch diese Metonymie ist sehr verbreitet: mit Thron, Krone, Zepter, Kreuz (den
Beispielen, die Fontanier bringt) sind oft nicht die entsprechenden Gegenstände
gemeint, sondern das, wofür sie als Zeichen stehen: Personen, Institutionen, be-
stimmte Sachverhalte etc. Die klassische Metonymie des Zeichens ist natürlich
das sprachlich e Zeichen, das Fontanier aber an dieser Stelle merkwürdigerweise
nicht erwähnt.

7. Metonymie des Körperlichen

Hier werden laut Fontanier ,,Gefühle, Empfindungen, Gewohnheiten und ganz


allgemein geistig-moralische Eigenschaften durch die Namen der Körperteile
bezeichnet, die wir gewohnheitsmäßig mit ihnen assoziieren und von denen wir
annehmen, sie brächten sie hervor oder seien ihr Sitz".

Rodrigue; as-tu du ceur?...


Ornonne; que veux-tu? Tout mon cnur et toi.
Rodrigo! Hast du Mut?
Befiehl, was willst du? Mein ganzer Mut (oder mein ganzes Herz) ist dein.
,,Herz" kann hier, wie ma sieht, für mehrere Dinge stehen: entweder für physi-
schen oder moralischen Mut oder für Zuneigung. Ätrntich verwendet werden
,,Kopf' und ,,Gehirn", wobei der Kopf zunächst einmal für das steht, was er ent-
hält, nämlich das Gehirn, und dieses wiederum für die Dinge, die zu tun es in
der Lage ist.
Interessant ist auch folgendes Beispiel aus Fontanier

Ventre affamö n'a point d'oreilles...


Ein hungriger Bauch hat keine Ohren...

In dem zwei Metonymien miteinander verbunden sind: der Bauch als Körperteil,
an dem der Hunger spürbar ist, und die Ohren als Körperteil, von dem wir wis-
sen, daß er zum Hören verwendet wird. Auch hier wieder eine Überlappung,
nämlich mit der Metonymie des Ortes; der physische Ort eines Vorgangs oder
Zustands wird fiir diese selbst verwendet. Hieran zeigt sich meines Erachtens
auch noch etwas anderes: Das Prädikat ,,hat keine Ohren" würde fiir sich ge-
nommen nicht unbedingt metonymisch verstanden werden. ,,X hat keine Ohren"
kann ohne weiteres rein physisch verstanden werden und würde dann bedeuten:
,,X ist ein jemand oder ein etwas ohne Ohrmuscheln". Metonymie wird also
nicht nur durch ein Subjekt signalisiert, dem ein semantisch kongruentes Prädi-
kat fehlt - was hier ja in Bezug auf ventre affimö der Fall ist, da ein Bauch oh-
nehin keine Ohren hat, sondern der metonymische Charakter eines Objektes er-
gibt sich ebenfalls aus der Satzumgebung.

8. Metonymie von Herr und Meister

Hier nennt Fontanier vor allem die Bezeichnungen von Kirchen wie Saint-Roch,
Saint-Eustache und Saint-Sulpice, die nach den jeweiligen Heiligen wie etwa
dem Hl. Sepulcrus benannt sind und bei denen es sich also um so etwas wie Me-
tonymien des Schirmherrn handelt.
Zu diesen Metonymien macht Fontanier die Anmerkung, daß er sie streng ge-
nommen als Katachresen betrachtet, und daß sie ferner ebensogut als Metony-
mien der Ursache klassifiziert werden könnten. Hier macht Fontanier also selbst
auf das Phänomen der Überlappung aufmerksam.

9. Metorlymie der Sache

Diese könnte man auch Metonymie des Besitzes oder Eigentums nennen, da es
sich hierbei um die Bezeichnung eines Lebewesens durch etwas, was diesem
Lebewesen gehört, handelt. ,,Hüte", ,,Hauben" (,,sans doute pour des femmes",
wie Fontanier schreibt", ,,Perückefl", sie alle sind zu gewissen Zeiten verwendet
worden, uffi ihre jeweiligen Träger zu benennen, meist im Zusalnmenhang mit
einer Zahl oder der Verwendung des Plural; im selben Sinn sprechen manche
heute noch etwa von ,,zweihundert Seelen" o.ä. Interessant scheint mir hier die

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pluralische oder numerische Verwendung zu sein, von der die negative Variante:
,,not a soul", ,,keine Menschenseele" nur eine Abart ist. Aber auch diese Frage
ist sehr verwickelt; so kann ich etwa sage: ,,In dem Dorf lebten zweihundert Se-
len", aber nicht ,,Dort lebte eine Seele", während generische Verwendungen wie
o,eine Seele" oder ,,eine Seele von Mensch'o im Sinne von ,,ein Mensch mit dem
richtigen Typu^r von Seeleoo keine Probleme aufivirft.

2. Synekdochen

Unter Synekdochen versteht Fontanier ,,die Bezeichnung eines Gegenstandes


durch den Namen eines anderen Gegenstandes, mit dem er eine Einheit, ein
Ganzes physischer oder metaphysischer Natur bildet, wobei die Idee des einen
in der Existenz oder Idee des anderen einbegriffen ist". Auch hier beruft er sich
auf die Etymologie, denn Synekdoche ist das griechische Wort für Einbegrffin-
sein (p. 36). Aber in den acht Unterkategorien der Synekdoche, die er im fol-
genden aufstellt, und in den Beispiele, die er dafür gibt, scheint er mir den Beg-
riff so weit und auch so ungenau zu fassen, daß oft nicht nur kaum auszumachen
ist, worin denn die Synekdoche sich von der Metonymie unterscheidet, sondern
daß auch eine klare Festlegung darüber, inwieweit sich beide Begriffe vielleicht
überschneiden, schwer möglich ist.
Die vielleicht klarste Festlegung ist die folgende: Eine Synekdoche ist ,,eine
Trope, mittels derer man das mehr durch das weniger oder das weniger durch
das mehr bezeichnet" (p. 86).
Hier nun die verschiedenen Varianten der Synekdoche, die Fontanier aufzähIt:

1. Synekdoche des Teils

Sie ist vielleicht der Prototyp und zugleich der am leichtesten zu erfassende Typ
der Synekdoche: pors pro toto. Fontanier unterscheidet sechs Unterkategorien.
Erstens, die Anwendung bei Lebewesen, wenn zumBeispiel das Herz, die Seele,
der Geist, der Körper für den ganzen Menschen genommen werden . Hierzu ein
Beispiel von Racine:

Laissez parler, Seigneur, des bouches si timide...


Laßt reden, Herr, der Münder, die so schüchtern sind...

Zweitens die Pars-pro-toto-Beziehung zwischen den Benennungen von Ge-


genständen rein physischer Art: Dach für Haus, Segel für Schiff oder Boot und
anderes mehr. Bereits hier macht Fontanier darauf aufmerksam, daß zum Bei-
spiel Segel auch katachretisch gebraucht werden kann, das heißt, nicht, um mit
dem Segel ein Boot als Ganzes nt kennzeichnen, sondern etwa, uffi das betref-
fende Boot von einem Ruderboot zu unterscheiden.
Drittens: ein geographischer Teil wird verwendet, um ein geographisches
Ganzes zubezeichnen, etwa London für England oder Großbritannien, Paris für

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Frankreich, der Tiber fiir Italien oder Südeuropa. Auch hier ist wieder deutlich,
daß die konkrete Interpretation der Synekdoche in starkem Maß von dem Ge-
samtzusammenhang abhängig ist, in dem sie verwendet wird. Fontanier macht
auch darauf aufmerksam, daß hier eine Doppelung von Metonymie und Synek-
doche vorliegen kann: in der Synekdoche wird die Stadt fi.ir ein Land oder Ge-
biet verwendet, während gleichzeitig vom Standpunkt einer metonymischen
Verwendung aus der Name der Stadt für ihre Einwohner steht.
Viertens: ein einzelnes Individuum aus einer Menge von Menschen oder
sonstigen Lebewesen wird verwendet, um die gesamte Menge zur bezeichnen. So
in der Heiligen Schrift:

Benjamin est sans force, et Juda sans vertu...


Benjamin fehlt es an Kraft, Juda an Tugend...

Die Namen der Stammesbegründer werden hier verwendet, um die Mitglieder


des ganzen Stammes zu bezeichnen.
Fünftens: in einem metaphysischen oder abstrakten Sinn; so etwa, wenn von
jemandem gesagt wird, sein Alter betrage fünfzig Winter. Der Teil des Jahres,
der mit Winter bezeichnet wird, wird hier für das ganze Jahr genommen.
Sechstens und letztens die Verwendung im Bereich von Wesen geistiger Na-
tur: Gott, Seele etc. Wenn wir sagen: ,,Die Vorsehung wacht über alle Kreatu-
ren: die göttliche Gerechtigkeit sieht alles", meinen wir mit der Vorsehung und
der göttlichen Gerechtigkeit Gott selbst, zumindest, wenn wir die Metaphysik
Fontaniers teilen, in der Gott ein unteilbares Wesen ist.

2. Synekdoche des Ganzen

Aus Gründen, die mir nicht ganz verständlich sind, behauptet Fontanier, diese
sei höchst selten und existiere eigentlich gar nicht; er verweist alles, was unter
diese Kategorie fallen könnte, in die

3. Synekdoche des Stoffes

Diese liegt vor, wenn eine Sache durch den Namen des Stoffes bezeichnet wird,
aus dem sie besteht oder gemacht ist:

Je crois voir deux forgat, I'un sur I'autre acharnds,


Se battre avec lesfers dont ils sont enchain6s.
Ich glaube, zwei Sträflinge nr sehen, gekettet aneinander,
Die kämpfen mit den Eisen, die sie fesseln.

Hier bezeichnet Eisen die Ketten, in die man die Sträflinge gelegt hat. Man kann
also behaupten, daß mit dem Namen für alles Eisen der Welt nur dieses eine Ei-
sen bezeichnet wird, aus dem die Ketten der Sträflinge gemacht sind.

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In einer Verwendung wie in ,,Ganz Rom liegt in Eisen" wird Eisen gleichzeitig
als Synekdoche, Metonymie und, wie Fontanier meint, vielleicht sogar als Me-
tapher gebraucht: Eisen für Ketten, Ketten als Zeichen der Sklaverei...; aber
auch hier wird wieder deutlich, wie unklar die Begriffe bei Fontanier sind.

4. Svnekdoche der Zahl

Hier gibt es zwei Unterarten: erstens, der Singular für den Plural, wenn wir ,,der
Mensch" sagen und damit ,,die Menschen" meinen, zweitens, wenn von be-
stimmten Individuen im Plural geredet wird und dabei doch sie selbst gemeint
sind: ,,die Hitlers, Stalins, Kissingers..."

5. Synekdoche der Gattung

Da die Art der Gattung untergeordnet und ein Bestandteil von ihr ist, haben wir
es eigentlich auch hier mit einer Synekdoche des Ganzen zu tun. Die Synekdo-
che der Gattung wird oft in Erzählungen verwendet, um stilistische Abwechs-
lung zu erreichen; so zum Beispiel, wenn La Fontaine (S. 92) von ,,dem Vier-
beiner" spricht, uffi einen Löwen zu bezeichnen, oder wenn wir zuerst von ei-
nem Spatzen sprechen und dann im weiteren von ,,dem Vogel" sprechen.

6. Synekdoche der Art

Hier ist genau das Umgekehrte der Fall: Wir sprechen, sicher auch metapho-
risch, von ,,Brot und Spielen", was aber das Brot betrifft, steht in dieser Meta-
pher das Brot für alle Lebensmittel. Fontanier zitiert noch ein weiteres Beispiel
aus Boileaus Satire auf den Menschen, wo Ietzterer von ,,den Bären und Pan-
thern" spricht, uffi die wilden Tiere insgesamt zu bezeichnen. Auch wenn wir
von Orten sprechen, wo ,,Fuchs und Hase sich gute Nacht sagen", sprechen wir
nicht nur metaphorisch von einem verlassenen Ort, sondern meinen mit Fuchs
und Hase zugleich die anderen freilebenden Tiere unserer Fauna. Dort, wo sie,
und nicht nur Fuchs und Hase leben, ist es unserer Ansicht nach verlassen und
einsam.

7. Synekdoche der Abstraktion

,,Sie besteht darin, das Abstrakte für das Konkrete zu nehmen... Man kann hier
die Synekdoche der relativen Abstraktion und die Synekdoche der absoluten
Abstraktion unterscheiden." (p. 93) Der erste Fall liegt nach Fontanier zum Bei-
spiel dann vor, wenn man vom ,,Elfenbein ihrer Zähne" spricht statt von ,,ihren
elfenbeinernen Zähnen'o; die abstrakte Eigenschaft, aus Elfenbein zu sein, wird
verwendet, um den konkreten Gegenstand zu bezeichnen. Absolute Abstraktion
liegt dagegen in Fällen vor, wo Begriffe wie ,,die Jugend" für ,,die jungen Leu-

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te", ,,das Alter" für ,,die Alten", ,,die Magistratur" für ,,die Ratsherren", ,,der
Adel" für ,,die Adligen" verwendet werden. Den [Jnterschied zwischen beiden
charakterisiert Fontanier (S. 93194) folgendermaßen: ,,Die erste Form bezieht
sich auf diesen oder jenen bestimmten Gegenstand und stellt die Existenz der
fraglichen Eigenschaft als von diesem Gegenstand abhängig dar; die zweite hat
keinen Bezug zu irgend einem bestimmten Gegenstand und stellt die Eigen-
schaft als für sich existierend und unabhängig von all den verschiedenen Ge-
genständen dar, denen sie gemeinsam ist."

8. Synekdoche des Individuums oder Antonomasie

Sie kann laut Fontanier auf viererlei Art verwendet werden: 1. um einem Indivi-
duum den Namen der Art oder Gruppe, der es angehört, beizulegen: so wird A-
näas von Vergil als ,,der Troyaner" bezeichnet, oder, bei diversem Historiker,
Hannibal als der Karthager und Alexander der Große als ,,der König''. 2. In der
Verwendung eines Eigennamens für einen Gattungsnamen: ,,eine Penelope" o-
der ,,eine Lukre zia" für eine keusche Frau, ,,ein Einstein" für einen klugen Men-
schen. 3. In Form eines Eigennamens fiir einen anderen Eigennamen: so etwa
Voltaire für Friedrich den Zweiten:

Socrate est sur le tröne, et la Vdritö rögne.


Sokrates ist auf dem Thron, und es regiert die Wahrheit.

Schließlich 4. ,,Ein Gattungsname wird ebenso für den Eigennamen des Indivi-
duums wie für den Gattungsnamen der Gattung, der es in Wirklichkeit angehört,
verwendet, um das, was der eigentliche Gattungsname für das fragliche Indivi-
duum nur unvollkommen ausdrücken könnte, kraftvoller und mit größerem
Reichtum an Bedeutung zu sagen." (p. 97) Dann kommen einige berüchtigte
Beispiele, die in die Kategorie des Stereotyps fallen: ,,Jude", für Personen, die
Wucher treiben und überhöhte Preise verlangen, ,,Araber", für solche, die un-
barmherzig einfordern, was man ihnen schuldig ist, ,,Türke", ein grober, rück-
sichtsloser Mensch, der kein Mitleid kennt etc.
Zu den Antonomasien bemerkt Fontanier dann noch, daß es sich bei ihnen
meist auch um Metaphern handelt; sie machten oft von Anspielungen Gebrauch,
die manchmal sogar mythologischer Natur seien.

In dem, was ich über die Behandlung von Metonymie und Synekdoche durch
Fontanier gesagt habe, ist schwer ein roter Faden zu erkennen. Ich denke indes
nicht, daß das wirklich ein Mangel ist, denn bei dem, was Fontanier in diesem
Bereich vorlegt, handelt es sich eigentlich nicht um eine Theorie. Was man da-
gegen vor sich hat, ist eine reich mit Beispielen illustrierte Phänomenologie der
Erscheinungen; er steckt einen weiten Rahmen von Phänomenen ab, die eine
Theorie von Metapher und Synekdoche aufjeden Fall zu berücksichtigen hätte.

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II. Gaston Esnault

G. Esnault unternimmt seine Bemühung um eine Kategorisierung der verschie-


denen Arten von Mertonymien und Synekdochen im Rahmen der theoretischen
Grundlegung einer Beschreibung der rhetorischen Figuren in verschiedenen
französischen Dialekten (Essai sur les valeurs imaginative concrötes dufranqais
parlö en Basse-Bretagne comparö avec les patois, parlers techniques et argots
frangais lautet der Untertitel seines Buches).
E. geht von der [Jrsprungsbedeutung der Ausdrücke Metapher, Metonymie
und Synekdoche aus, die er als Übertragung, Veränderung (der Benennung) und
Besetzung wiedergibt, um allerdings sofort anz;lmerken, daß diese sehr unpräzi-
se sind.
Im folgenden gibt er seine eigenen Definitionen für diese Termini, die m. E.
gegenüber Fontanier nichts wesentlich neues bringen, hier aber dennoch aufge-
führt seien. Da er alle drei Formen in einem Abschnitt behandelt, gebe ich auch
die Definition der Metapher wieder:
,,Bei der Schöpfung einer Metapher handelt es sich zunächst um einen neuen
geistigen Eindruck von einem Gegenstand; da, um diesen Eindruck zum Aus-
druck zu bringeo, jedoch nur bereits bekannte Worte zur Verfligung stehen, wird
im Resultat ein altes Wort quasi an die neue Intuition geheftet, mit ihr verbun-
den und ihr einverleibt." (S. 30)
Metonymie und Synekdoche spricht er den schöpferischen, ,,poetischen" (S.
3 1) Charakter der Metapher ab, was nicht Wunder nimmt, da doch traditionell
davon gesprochen wird, daß es sich hier um ,,objektive" Beziehungen handelt,
die dem neuen Zusammenhang zwischen Ausdruck und Bezeichnetem zugrun-
deliegen.
Die Metonymie kürzt gegenüber der Metapher ,,die Distanz" (zwischen Aus-
druck und Bezeichnetem) ,,&b, um das rapide Erfassen bereits bekannter
Gegenstände zu erleichtern".
Metonymie und Synekdoche unterscheidet E. folgendermaßen:
,,Synekdoche und Metonymie haben in der Tat gemeinsam, daß sie den
,Kosmos', die gleichbleibende Ordnung der natürlichen Phänomene respektie-
ren, während sie sich darin voneinander unterscheiden und einander entgegenge-
setzt sind, daß die Synekdoche die Dinge unter dem Gesichtspunkt ihrer Klassi-
fikation, ihrer ,Extension' erfaßt, während die Metonymie sie durch ihre Aktivi-
tät, das 'Miteinbegriffene' erfaßt." (S. 35)
Man könnte also davon sprechen, daß es Esnault zufolge bei der Metonymie
um qualitative objektive und bei der Synekdoche um quantitative objektive Be-
ziehungen zwischen Ausdruck und Bezeichnetem geht.
Nachdem wir bei Fontanier in aller Ausführlichkeit gesehen haben welche
Klassifikationen und Unterklassifikationen man bei Metonymie und Synekdoche
vornehmen kann, werde ich nur surnmarisch aufführen, welche Klassifikationen
E. vornimmt, und möchte nur auf eine durchgängige Besonderheit aufmerksam

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machen: bei sämtlichen Beziehungen zwischen Ausdruck und Bezeichnetem
nennt E. jeweils auch die umgekehrte Beziehung, so daß wir in dieser Hinsicht
eine strenge Symmetrie vor uns haben.

Bei der Metonymie haben wir folgende Beziehungen, die jeweils umgekehrt
werden können

- InhaltlBehälter
- Produkt/(Herkunfts-Ort
- Ursache/Wirkung
- Vorausgehendes/Folgendes
- Organ/Funktion
- Autor/Werk
- ZeitlSache
- SachelZeichen
- Mensch/Gebräuche und Praktiken
- Besitz/Besitzer
- GegenstandlN4aterial
- GegenstandlForrn
- Gegenstand/Quantität
Gegenstand/Qualität
- MittellZweck
- Abstraktes/Konkretes
- Subjekt/Objekt
Ganzes/Teil
- Zusammengesetztes/Ingredienz

Nach dieser langen Aufführung weist E. dann anhand einiger Beispiel noch dar-
auf hin, daß dieser Katalog keineswegs erschöpfend ist. Auffüllig ist hier, daß E.
hier die TeillGanzes-Beziehung unter Metonymie faßt; dies geht aus seiner De-
finition von Metonymie und Synekdoche logisch hervor. Nur wenn es sich bei
dieser Beziehung um eine quantitative Beziehung oder eine Beziehung der Ex-
tension handelt, spricht er von Synekdoche. Hier schrumpft der Katalog dann
aufgrund E.s Definition der Synekdoche gegenüber Fontanier beträchtlich zu-
sammen, wobei die bei den Metonymien gegebenen Symmetrie erhalten bleibt:

- Gattung/Art
- Gruppe/Individuum
- BestimmtesÄJnbestimmtes

t2
ilI. Bernard Meyer
Bernard Meyer befaßt sich in seinem Aufs atz ausschließlich mit den Synekdo-
chen. Dabei nimmt er explizit auf die traditionelle Behandlung und Auflistung
dieser Figur von Cicero bis Fontanier Bezug, um diese ,,traditionellen Synekdo-
chen" schließlich auf ganz neue Afi zu analysieren.
,,Handelt es sich bei traditionellen den Synekdochen überhaupt um Tropen?",
fragt Meyer. Nach einem Überblick über die traditionellen Definitionen des
Begriffs der Trop€il, für die wir hier beispielhaft diejenige Fontaniers (p. 260)
nehmen können: Die Trope ,,ist ein Verfahren, durch die man den Sinn eines
Wortes in einen anderen Sinn abändert, wodurch man einem Wort mit einem
ursprünglichen Sinn einen neuen Sinn gibt.",
gibt er eine eigene, präzisere Definition, die ihm bei der Lösung seiner Frage als
Ausgangspunkt dient:
,,Es handelt sich um eine Trope, wenn ein Wort oder ein Ausdruck, dem von der
Lexik ein bestimmter Sinn gegeben wird und das bzw. der daher dant bestimmt
ist, einen gegebenen Referenten zu bezeichnen, in einem bestimmten Kontext
dazu verwendet wird, einen anderen Referenten (der indes mit dem ersten in ei-
ner Beziehung steht) zu bezeichnen und so eine situationsbezogene andere Be-
deutung erhält."
Wir sehen, daß hier gegenüber der traditionellen Definition 1.die Lexik, 2. der
Kontext und 3. die Beziehuilg, die zrvischen beiden Bedeutungen bestehen muß
hinzukommen.
Zur Beantwortung seiner Frage konstruiert Meyer dann ein Viereck, das aus
den Elementen:

Kodierter (buchstäblicher) Sinn Tropischer oder figurativer Sinn

Virtueller Referent Tatsächlicher Referent

besteht. Nur, wenn wir in diesem Viereck insgesamt nach rechts wandern, haben
wir es tatsächlich mit einer Trope zu tun, aber eine solche Verschiebung gibt es
laut Meyer bei der S. gar nicht; ihm zufolge haben wir es 1. mit lexikalisierten
Tropen, 2. mit grammatikalisierten, 3. mit charakterisierenen Bezeichnungen,
deren Charakter als solche aus dem pragmatischen Zusammenhang hervorgeht
zu tun.
Meyer untersucht im folgenden sieben verschiedene Synekdochen und ordnet
sie jeweils in diese Kategorien ein.
Das vorangeschickteFazit: M. spricht von den traditionellen S., wobei er sich
lose an der Klassifizierung Fs orientiert. Manchen gesteht er tropischen Charak-
ter zur, anderen nicht.

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l. Synekdoche des Teils fiir das Ganze:

Cependant l'humble toit devient temple, et ses murs


Changent leurs fiöle enduit aux marbres les plus durs (La Fontaine)
Wenn das bescheidene Dach zum Tempel wird, und seine Mauern
Zuhartem Marmor werden, statt aus dünnem Putz zu sein.

Meyer argumentiert, daß es sich hier um eine lexikalisierte Trope handelt, denn
unter Dach sei hier keineswegs der First des Hauses zu verstehen, sondern viel-
mehr das Haus selbst: ,,Der Kontext zwingt uns, den lexikalischen Sinn des
Wortes den Gegebenheiten anzupassen."

2. Synekdoche des Ganzen:

Hier bringt Meyer zwei verschiedene Beispiele, die er auch verschieden einord-
net. Man sieht also, daß Meyers Klassifizierung teilweise nicht nur einfacher ist
als die traditionellen Klassifizierungen, sondern teilweise auch quer zu ihnen
verläuft.

Le ciel est dans son yeux,l'enfer est dans son ccur. (Voltaire
In ihren Augen der Himmel, in ihrem Herzen die Hölle.

Er kommentiert: Das neue Verständnis sei ,,in die Sprache übergegangen, und
die Veränderung des Sinnes tendiert dazu, sich als sekundäre Wahl zu lexikali-
sieren". Da Meyer selbst von ,,sekundärer Wahl" spricht, haben wir es m. E. mit
nichts anderem zu tun als mit einem markierten Gebrauch.
Ein anderer Prozeß liegt vor, wenn etwa gesagt wird: ,,Au dessert, je prendrai
la tarte"l,,ZumNachtisch hätte ich gerne Kuchen." Hier, so Meyer, hat ganz ein-
fach der bestimmte Artikel la den partitiven Artikel de la ersetzt; es handele sich
daher um eine grammatikalisierte Trope. ,,Während also die lexikalische Trope
die gebräuchli che Denotatio,,n (Hervorhebung MS) eines Lexems verändert, ver-
ändert die grammatikalische Trope ... eine Modalität der Einsetzung [des Aus-
drucksl in den Diskurs." (S. 135)
Ebenso wie bei der lexikalisierten Trope bleibt anzumerken, daß es sich hier
immer noch um einen markierten,, sekundären Gebrauch handelt, denn ansons-
ten würde man ja überhaupt nicht von einer Trope sprechen.

3. Synekdoche der absoluten Abstraktion

Beispiel:

Les vainqueurs ont parl6 . L'esclavage en silence/Obdit ä leur voix dans cette ville immense.
Die Sieger haben gesprochen. Das Sklaventum gehorcht... (Voltaire)

Auch diese Synekdoche wird von Meyer als lexikalisierte Trope aufgefaßt.

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4. Synekdoche, der Art:

Auch hier bringt Meyer wieder ein Beispiel von Voltaire: ,,Ich sah, wie er ... Ra-
cine einen Platz, Crdbillion selbst Brot verweigerte."
Meyer argumentiert, ,,Brot" sei hier ganz wörtlich zu verstehen, als unmittel-
bare Evokation eines Bildes, nämlich des Brotes als einfachsten Nahrungsmit-
tels; die Erweiterung des Sinnes werde dagegen pragmatisch vorgenommen.

5. Anlo4omasie des Eigen-/ des Gemeinna{nens:

Ersteren will M. zwar den Charakter als Trope, nicht aber den der Synekdoche
zugestehen; es handele sich bei Beispielen wie ,,Ein Augustzs kann leicht Vergi-
le heworbringeo", bei den Referenten gar nicht um historische Personen, son-
dern um Personen, die mit den historischen Figuren dieses Namens gewisse
Gemeinsamkeiten aufiviesen. Sie sind in gewisser Hinsicht wie Augustus etc.;
insofern würde es sich um Metaphern handeln, auch wenn Meyer nicht von Me-
taphern spricht. Auf der lexikalischen Seite wandele sich der Sinn solcher Be-
zeichnungen von einem sehr dürftigen Sinn (ein X, das Y heißt) zu einem rei-
cheren Sinn (ein weiser Kaiserlein großer Dichter), auf der anderen Seite hande-
le es sich um grammatikalisierte Tropen, signalisiert durch die Verwendung des
unbestimmten Artikel im Falle des Augustus, durch die Verwendung des Plurals
im Falle des Vergil.
Bei Antonomasien des Gemeinnamens wie ,,der Messiaso' handele es sich da-
gegen ohnehin nur dann um Tropen, wenn der Gemeinname noch nicht aus-
schließlich zur Bezeichnung eines ganz bestimmten Individuums dient.

6. Svnekdoche des Plurals für den Singular und umqekehrt:

Bei ersterer handelt es sich Meyer zufolge ein weiteres Mal um eine grammati-
kalisierte Trope, wie bei Voltaires Satz: ,,Wißt ihr überhaupt, was es die Condös,
die Sullys, die Colberfs, die Turennes gekostet hat...", die genau denselben Sinn
hat wie die singularische Verwendung der Eigennamen und sich von diesen nur
durch das Plural-s unterscheidet.
Im umgekehrten Fall, wie in ,,Ein sc4twarzes Auge betrachtet dich", finden wir
dasselbe vor, während Meyer Beispiele wie

Le marchand,l'ouvrier,le prätre etle soldat


Sont tous dgalement les membres de I'Etat
Kaufmann, Arbeiter, Priester und Soldat
Gehören alle mit dazuzvm Staat

einfach als generische Verwendungen betrachtet und gar nicht als Trope ,,Nur
nicht generische Außerungen können also Synekdochen des Singulars darstel-
len." (S. 137)

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7. Synekdochen der Gattung:

Hier schließt sich Meyer im wesentlichen der Auffassung Michel Le Guerns an,
derzufolge es sich auch hier nicht um Tropen handelt. ,,Es muß zugegeben wer-
den, daß in der Mehrzahl der in der Tradition für diese Kategorie angefiihnen
Beispiele nicht ein Gegenstand durch de Namen eines anderen Gegenstandes
bezeichnet wird, sondern durch einen anderen Namen für denselben Gegens-
tand. ...In dem Maß, wie ein Gegenstand tatsächlich Teil der durch diesen Na-
men definierten Klasse ist, muß der Ausdruck wörtlich genommen werden." (S.
T37l13S). Das gilt nach Meyer auch für viele Antonomasien des Gemeinnamens.
Daß der betrachtete Gegenstand präziser bezeichnet werden könnte als in dem
verwendeten Ausdruck, ändert oft nichts daran, daß im entsprechenden Diskurs
eben gerade das Allgemeine gemeint ist; es kommt also auf die pragmatischen
Rahmenbedingungen an.

Am Schluß faßt Meyer noch einmal zusammen (S. 139):

,,Lexikalische Trope, grammatikalische Trope, charakterisierende Bezeichnung"


(also genau das, was wir in den letrten Beispielen hatten): ,,,die traditionellen
Synekdochen fallen in die eine oder andere dieser drei Kategorien. Grob gesagt
gehören die Synekdochen des Teils und der Materie zur ersten Kategorie, eben-
so die Synekdochen der absoluten Abstraktion; die Synekdochen der Zahl und
die Antonomasien des Hervorstechenden zur zweiten; die Synekdochen des
Ganzen und der Gattung manchmal zur ersten und manchmal zur zweiten; der
größte Teil der Synekdochen der Gattung und die Synekdochen des Gemeinna-
mens zur dritten."

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