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Zur strafrechtlichen Behandlung des Containerns de lege lata und de lege ferenda

Von Dipl.-Jur. Jan Rennicke, Göttingen*

Der Beitrag befasst sich mit der im Jahr 2019 juristisch und fischen, die zwar entsorgt, aber noch genießbar sind. Contai-
politisch besonders virulent gewordenen Erscheinung des nern kommt zwar auch in anderen Formen, etwa der Suche
Containerns. Neben einer Beschreibung des sozialen Phäno- nach Altkleidern oder anderen verwertbaren Gegenständen
mens werden die strafrechtliche und prozessuale Rechtslage vor. Die Form als „Retten von Lebensmitteln“ dominiert
untersucht und politische Lösungsansätze diskutiert. Der jedoch die gesellschaftliche und politische Wahrnehmung des
Verfasser gelangt zu dem Ergebnis, dass eine Beurteilung als Containerns und soll daher auch allein Gegenstand der fol-
Diebstahl nicht nur nach gegenwärtigem Recht zutreffend ist, genden Ausführungen sein. Dem Containern nach Lebensmit-
sondern kriminalpolitisch auch in Zukunft beibehalten wer- teln können im Wesentlichen drei Motive zu Grunde liegen.
den sollte. Der Gesetzgeber wird jedoch dazu aufgerufen, Erstens kann das Containern ökonomisch schwachen Per-
eine außerstrafrechtliche Lösung für das zugrundeliegende sonen als Mittel zur Deckung ihres Nahrungsbedarfs dienen.
Problem der Lebensmittelverschwendung zu implementieren. Die Datenlage zu diesem Motiv ist allerdings wenig aktuell
und erwartungsgemäß dünn. Belastbare Zahlen lieferte zu-
The paper is concerned with the phenomenon of dumpster letzt eine in den USA durchgeführte Studie aus dem Jahr
diving, which has been the subject of much political as well 2005. Sie ergab, dass fast ein Fünftel der aus einem urbanen
as legal attention in 2019. Dumpster diving will be examined Umfeld stammenden befragten Personen einmal oder öfter
as a social phenomenon as well as a legal and political prob- containert hat.2 Dabei handelte es sich oft um ökonomisch
lem. The author will come to the conclusion that it is not only schwache Personen, die häufig auch auf Lebensmittelmarken
legally correct, but politically desirable to treat dumpster oder -spenden angewiesen waren.3 Ob die Mitnahme der
diving as an act of theft. However, the legislator is called Lebensmittel im Einzelfall legal war, etwa durch Duldung
upon to implement solutions to the food wastage problem des Eigentümers, wurde nicht erhoben. Aus Deutschland sind
outside the criminal law. keine vergleichbaren Zahlen bekannt. Es lässt sich zwar ver-
muten, dass auf Grund des engmaschigeren sozialen Netzes
I. Einleitung ein geringeres Bedürfnis für dieser Form von Nahrungsbe-
Das Phänomen des Containerns hat im Jahr 2019 Gesell- schaffung besteht als in den USA. Dennoch wird es auch hier
schaft und Gerichte in zuvor unbekanntem Ausmaß beschäf- Fälle geben, in denen Hunger das treibende Motiv zum Müll-
tigt. Zwar handelt es sich um keine eigentlich neue Erschei- tauchen ausmacht. Zweitens hat Containern häufig eine poli-
nung, sie stand jedoch noch nie so im Fokus von Justiz, Poli- tische Komponente und wird von den beteiligten Personen als
tik und Medien wie heute. Der folgende Beitrag wird sich mit Protestpraxis gegen Lebensmittelverschwendung verstanden.4
der Strafbarkeit und Strafwürdigkeit des Containerns ausei- Das politische Motiv kann durchaus mit dem Motiv des Hun-
nandersetzen. Dazu ist zunächst erforderlich, das Containern gerns zusammenfallen. Es ist nicht fernliegend, dass derjeni-
als soziales Phänomen zu beschreiben, wobei insbesondere ge, der sich zum Hungern gezwungen sieht, hieraus eine
die Motivlage der beteiligten Personen Berücksichtigung Forderung nach Änderung der Umstände herleitet. Schließ-
finden soll. Im Anschluss wird die Strafbarkeit und strafpro- lich sollte drittens nicht unterschätzt werden, dass Containern
zessuale Verfolgung des Containerns de lege lata untersucht den beteiligten Personen durchaus Spaß machen kann und, da
und auf gegen sie gerichtete Einwände eingegangen. Ab- es nicht selten in Gruppen ausgeübt wird, auch ein soziales
schließend soll die aktuell stattfindende kriminalpolitische Zugehörigkeitsgefühl vermittelt.5 Gerade dieser soziale Fak-
Diskussion um das Containern dargestellt und kritisch ge- tor dürfte mit der politischen Motivation in Verbindung ste-
würdigt werden. hen, denn das Containern ist häufig zugleich Teil der Ein-
gliederung in eine politische Subkultur.6
II. Beschreibung des Phänomens Containern wird von deutschen Behörden und Gerichten
regelmäßig als Diebstahl bewertet (inwieweit das zutreffend
Der Begriff „Containern“, auch „Dumpster Diving“ oder zu
ist, ist sogleich noch zu klären). Häufig kam es hier zu Ver-
Deutsch „Mülltauchen“ genannt, beschreibt das Heraussu-
fahrenseinstellungen. Bundesweite Aufmerksamkeit hat 2019
chen von noch verwendbaren Gegenständen aus Abfallbehäl-
jedoch das AG Fürstenfeldbruck erregt, dass zwei Studentin-
tern.1 Meist kommt es den beteiligten Personen darauf an, bei
nen wegen Diebstahls schuldig sprach, sie nach § 59 StGB
Supermärkten oder Fabriken Lebensmittel aus dem Müll zu
verwarnte und jeweils eine Geldstrafe von 15 Tagessätzen zu

* Der Autor ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl


2
für Strafrecht und Kriminologie (Prof. Dr. Katrin Höffler) an Eikenberry/Smith, Agriculture and Human Values 2005,
der Georg-August-Universität Göttingen. Er dankt stud. iur. 187 (191).
3
Juliane Greschenz für wertvolle Unterstützung. Der Beitrag Eikenberry/Smith, Agriculture and Human Values 2005,
wurde in gekürzter Form am 18.2.2020 beim deutsch-japani- 187 (192).
schen Symposium „Law and Behaviour“ an der Ludwig- 4
Lemke, Politik des Essens: Wovon die Welt von Morgen
Maximilians-Universität München vorgetragen. lebt, 2012, S. 258; Grewe (Fn. 1), S. 222 ff.
1 5
Grewe, Teilen, Reparieren, Mülltauchen. Kulturelle Strate- Grewe (Fn. 1), S. 208 f.
6
gien im Umgang mit Knappheit und Überfluss, 2017, S. 72. Grewe (Fn. 1), S. 205.
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15 € vorbehielt.7 Die hiergegen gerichtete Revision wurde und bringen zu diesem Zweck zum Teil Sicherheitsvorkeh-
vom BayObLG als unbegründet verworfen. 8 Mittlerweile rungen wie Schlösser oder Zäune an.12 Zwar wollen auch
haben die Studentinnen unter einiger medialer Aufmerksam- diese Eigentümer sich des Abfalls letztlich mittels eines Ent-
keit eine Verfassungsbeschwerde beim BVerfG anhängig sorgungsunternehmens entledigen. Sie bringen durch die
gemacht.9 Die Frage nach Strafbarkeit und Strafwürdigkeit Verwendung von Sicherheitsvorkehrungen jedoch zum Aus-
des Containerns wird Gesellschaft und Gerichte also auf druck, dass sie das Eigentum nicht pauschal, sondern nur und
absehbare Zeit weiterhin beschäftigten. erst zugunsten des zuständigen Entsorgungsunternehmens
aufgeben wollen.13 Bis der Entsorger den Abfall an sich
III. Die gegenwärtige Rechtslage nimmt, behält der Eigentümer den Willen, Eigentümer der
Bevor in die kriminalpolitische Debatte um die Legalisierung weggeworfenen Gegenstände zu bleiben, sodass eine Derelik-
des Containerns eingestiegen wird, ist zunächst die aktuelle tion nicht in Betracht kommt.14 Man mag diesen Schritt für
Rechtslage darzustellen. Sollte nämlich das Containern be- moralisch fragwürdig halten, nach der geltenden Eigentums-
reits durch Auslegung des geltenden Rechts straflos gestellt ordnung ist er aber hinzunehmen. Schon wegen der grund-
werden können, würde es sich in erster Linie um ein Problem rechtlichen Garantie des Eigentums in Art. 14 Abs. 1 GG und
der Strafrechtsdogmatik handeln. Zugleich kann nur durch dem daraus erwachsenen Vorbehalt des Gesetzes wäre es
eine Betrachtung der derzeitigen Lage der eigentliche politi- verfehlt, ohne legislatorische Entscheidung aus Billigkeits-
sche Diskussionsbedarf ermittelt werden. Dabei sind materi- gründen eine Dereliktion zu erzwingen.
ell-rechtliche und prozessuale Faktoren zu berücksichtigen. Teilweise wird insoweit erwogen, dass der Schutzzweck
des § 242 StGB es nicht erfordere, Sachen ohne jeden materi-
1. Materielles Strafrecht ellen oder immateriellen Wert zu schützen. 15 Daher sei unab-
hängig von der zivilrechtlichen Rechtslage eine teleologische
a) Tatbestände
Reduktion geboten, die das Containern straflos stelle.16 Dem
Werden Gegenstände aus den Abfallcontainern eines Super- ist zu widersprechen. § 242 StGB schützt das Eigentum.17
marktes entnommen, so kommt in erster Linie eine Strafbar- Der Ausschluss anderer von einer Sache in freier Entschei-
keit wegen Diebstahls in Betracht. Das setzt im objektiven dung und ohne sich dafür erklären zu müssen, gehört aber
Tatbestand bekanntlich die Wegnahme einer fremden beweg- gerade zum Wesen des zivilrechtlichen und verfassungsrecht-
lichen Sache voraus. Während die entsorgten Lebensmittel lichen Eigentumsrechts.18 Soweit der betroffene Lebensmit-
ohne weiteres bewegliche Sachen sind, ließe sich durchaus an telhändler also das Eigentum und die Kontrolle an den weg-
der Fremdheit zweifeln, dann nämlich, wenn der Akt des geworfenen Sachen behalten will, und sei es nur bis zum
Wegwerfens zugleich eine Dereliktion nach § 959 BGB be- Eintreffen des Entsorgungsunternehmens, ist das zu akzeptie-
inhalten würde. Voraussetzung wäre eine Besitzaufgabe in ren und es handelt sich weiterhin um fremde beweglich Sa-
der Absicht, das Eigentum aufzugeben. Erforderlich ist eine chen.
(nicht empfangsbedürftige) Willenserklärung mit dem Inhalt, Die Wegnahme als Bruch fremden und Begründung neu-
das Eigentum aufgeben zu wollen.10 Die reine Besitzaufgabe en Gewahrsams 19 muss für die Mitnahme der Lebensmittel
genügt also gerade nicht zur Dereliktion. Der erforderliche aus derselben Erwägung bejaht werden. Die Abfallbehälter
Wille zur Eigentumsaufgabe kann aus den Umständen des auf dem Grundstück des Lebensmittelhändlers oder der Fab-
Einzelfalles gefolgert werden, wobei es insbesondere darauf rik gehören noch zu deren Gewahrsamssphäre, sodass der
ankommt, ob der Eigentümer noch ein Interesse daran hat, Gewahrsam nicht mit dem Wegwerfen endet. Solange die
über das weitere Schicksal der Sache bestimmen zu können. Betreiber des Lebensmittelmarktes oder der Fabrik faktisch
Von einer Eigentumsaufgabe kann grundsätzlich ausgegan-
gen werden, wenn der Eigentümer eine Sache nur deswegen 12
wegwirft, weil er sich ihrer entledigen möchte.11 So liegt es Vgl. BayObLG BeckRS 2019, 24051 Rn. 7 ff.
13
an sich bei Supermärkten und Lebensmittelfabriken, die aus Schmitz, in: Joecks/Miebach (Hrsg.), Münchener Kommen-
der weggeworfenen Ware keinen Gewinn mehr schlagen tar zum Strafgesetzbuch, Bd. 4, 3. Aufl. 2017, § 242 Rn. 35;
können. Viele (wenn auch nicht alle) Eigentümer wollen Wittig, in: v. Heintschel-Heinegg (Hrsg.), Beck’scher Online-
dennoch den Zugriff Dritter auf die Lebensmittel unterbinden Kommentar, Strafgesetzbuch, Stand: 1.5.2020, § 242 Rn. 9.2.
14
Vgl. BayObLG BeckRS 2019, 24051 Rn. 9.
15
Bosch, in: Schönke/Schröder, Strafgesetzbuch, Kommen-
7
AG Fürstenfeldbruck, Urt. v. 30.1.2019 – 3 Cs 42 Js 26676/ tar, 30. Aufl. 2019, § 242 Rn. 7; Schiemann, KriPoZ 2019,
18. 231 (232).
8 16
BayObLG BeckRS 2019, 24051. Schiemann, KripoZ 2019, 231 (232).
9 17
Siehe etwa Spiegel Online v. 8.11.2019, abrufbar unter Schmitz (Fn. 13), § 242 Rn. 4; Kindhäuser, in: Kindhäuser/
https://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/containern- Neumann/Paeffgen (Hrsg.), Nomos Kommentar, Strafgesetz-
studentinnen-klagen-vor-bundesverfassungsgericht-a- buch, Bd. 3, 5. Aufl. 2017, § 242 Rn. 4.
18
1295502.html (1.7.2020). Wendt, in: Sachs (Hrsg.), Grundgesetz, Kommentar, 8. Aufl.
10
Oechsler, in: Säcker/Rixecker/Oetker/Limperg (Hrsg.), 2018, Art. 14 Rn. 41; Brückner, in: Säcker/Rixecker/Oetker/
Münchener Kommentar zum Bürgerlichen Gesetzbuch, Bd. 8, Limperg (Fn. 10), § 903 Rn. 24.
19
8. Aufl. 2020, § 959 Rn. 3. Vgl. Bosch (Fn. 15), § 242 Rn. 22. Krit. Rotsch, GA 2008,
11
Vgl. OLG Stuttgart JZ 1978, 691. 65.
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nicht mit der Mitnahme der Lebensmittel einverstanden sind, licher Warte nicht rettungsbedürftig. Der rechtfertigende
liegt darin ein Gewahrsamsbruch. Auch hieran ändert die Notstand dient dem Schutz von Rechtsgütern, nicht der
etwaige moralische Fragwürdigkeit des Anliegens nichts. So- Durchsetzung sonstiger Interessen.21 Gänzlich anders liegt
weit und solange der Eigentümer das Mülltauchen nicht ge- der Fall jedoch, wenn eine tatsächlich hungernde Person den
statten will, erfüllt es demnach den objektiven Tatbestand des Abfall nach Essbarem durchsucht. Mangelernährung stellt
Diebstahls. Der subjektive Tatbestand ist unproblematisch. eine Gefahr für die Gesundheit und körperliche Unversehrt-
Wer Lebensmittel mitnimmt, um sie zu verzehren, hat die heit des Hungernden und damit für notstandsfähige Rechtsgü-
Absicht, sie sich zuzueignen. Dabei ist den Tätern faktisch ter dar. Eine Notstandslage ist damit gegeben. Zur Abwehr
durchaus bewusst, rechtswidrig vorzugehen.20 Damit stehen dieser Gefahr muss nun das Containern als Notstandshand-
der Erfüllung des Diebstahlstatbestandes keine juristisch lung erforderlich sein und die Interessen des Täters müssen
tragfähigen Einwände entgegen. die des Eigentümers überwiegen. Für die Erforderlichkeit
Je nach der konkreten Ausgestaltung des Tatorts können kommt es darauf an, ob dem Hungernden kein für den Eigen-
auch noch weitere Tatbestände mitverwirklicht werden. So- tümer milderes Mittel zur Verfügung steht, um sich zu ernäh-
fern die Abfallbehälter eingezäunt sind und die Einzäunung ren.22 Ob das der Fall ist, ist Tatfrage. Als milderes Mittel
überwunden wird, liegt hierin noch ein Hausfriedensbruch kommt (neben der Lebensmittelbeschaffung aus eigenen
(§123 StGB) und je nach Vorgehensweise eine Sachbeschä- Mitteln, die hier zumeist nicht möglich sein wird) vor allem
digung (§ 303 StGB). Möglich ist dann zudem ein besonders die Nutzung kostenloser oder sehr günstiger Hilfsangebote,
schwerer Fall nach § 243 StGB. Auch wenn der Täter Regel- z.B. bei den Tafeln oder bei religiösen Einrichtungen in Be-
beispiele erfüllt, wird die Strafschärfung aber regelmäßig an tracht. Wer sich gegen die Nutzung solcher Einrichtungen
der Geringwertigkeitsklausel des § 243 Abs. 2 StGB schei- entscheidet, kann nicht gleichzeitig den Zugriff auf fremdes
tern. Eigentum beanspruchen. Können solche Hilfsangebote etwa
Bislang nicht praxisrelevant geworden, doch theoretisch wegen mangelnder Kapazitäten dagegen nicht genutzt wer-
möglich sind auch schwerere Eigentums- und Vermögensde- den, steht der Erforderlichkeit des Containerns nichts entge-
likte. Insbesondere ist an die §§ 249, 252, 253, 255 StGB zu gen. In der sodann vorzunehmenden Interessenabwägung
denken, etwa wenn es zu einer gewaltsamen Auseinanderset- überwiegen die Interessen des Hungernden die des Eigentü-
zung mit Sicherheitspersonal kommt. Allerdings wird die mers deutlich. Schon bei abstrakter Betrachtung sind körper-
praktische Bedeutung wohl weiterhin gering bleiben: Der liche Unversehrtheit und Gesundheit gewichtiger als das
Wert der Beute und auch die im Fall des Ertapptwerdens zu Eigentumsrecht.23 Daran ändert auch die konkrete Betrach-
befürchtenden Sanktionen sind so gering, dass die Anwen- tung nichts: Nahrung ist ein menschliches Grundbedürfnis
dung von Gewalt zu ihnen außer Verhältnis steht und von den und Hunger eine enorme Gefahr für die Gesundheit, während
Tätern vernünftigerweise nicht erwogen wird. das Eigentumsrecht des Eigentümers an den weggeworfenen
Lebensmitteln zwar fortbesteht, aber keinen wirtschaftlichen
b) Rechtfertigungsgründe Wert mehr verkörpert und daher zurücktreten muss.
Ist demnach regelmäßig der Tatbestand des § 242 Abs. 1 Problematisch könnte letztlich nur noch die nach § 34
StGB (ggf. als besonders schwerer Fall nach § 243 StGB) Abs. 1 S. 2 StGB erforderliche Angemessenheit des Verhal-
und sind eventuell auch die §§ 123 Abs. 1, 303 Abs. 1 StGB tens sein. Rechtsprechung und Teile der Literatur halten eine
verwirklicht, stellt sich die Frage nach etwaigen Rechtferti- Rechtfertigung zur Bekämpfung wirtschaftlicher Not für
gungsgründen. Die Vernichtung der einem Supermarkt gehö- ausgeschlossen.24 Auf den ersten Blick trifft das auch auf den
renden Lebensmittel durch den Supermarkt selbst stellt kei- Hungernden zu, der ja ebenfalls aus wirtschaftlicher Not
nen rechtswidrigen Angriff auf ein Individualrechtsgut dar, heraus hungert und deshalb stiehlt. Die angesprochene Fall-
sodass Notwehr gem. § 32 StGB nicht in Betracht kommt. gruppe betrifft allerdings in erster Linie Gesetzesverstöße, die
Denkbar wäre aber – abhängig von der Fallkonstellation – ein Unternehmer etwa zum Erhalt von Arbeitsplätzen oder
eine Rechtfertigung des Täters durch einen Notstand nach zur Abwendung anderer Notlagen für das Unternehmen
§ 34 Abs. 1 StGB. begeht. Hier ist ein Ausschluss der Rechtfertigung zutreffend:
Dafür müsste eine Gefahr für ein Rechtsgut vorliegen und Die Möglichkeit des Verlustes und letztlich des Untergangs
die Notstandshandlung zur Gefahrenabwehr erforderlich sein von Marktteilnehmern gehört zu den Grundbedingungen
sowie in einem angemessenen Verhältnis zur abzuwendenden einer Marktwirtschaft. Dürfte jeder in wirtschaftliche Not
Gefahr stehen. Damit ist zugleich klar, dass diejenigen Per- geratene Unternehmer die für ihn geltenden Regelungen
sonen, die im Containern lediglich ein politisches Statement brechen, um am Markt nicht unterzugehen, wäre die Wirt-
oder auch ein Vergnügen sehen, sich aber problemlos ander-
weitig ernähren können, sich nicht auf § 34 StGB berufen 21
Erb, in: Joecks/Miebach (Hrsg.), Münchener Kommentar
können. Wollen sie mit der Verschwendung von Lebensmit- zum Strafgesetzbuch, Bd. 1, 3. Aufl. 2017, § 34 Rn. 56 ff.
teln auch einen tatsächlich skandalösen Vorgang anprangern, 22
Vgl. BGH NStZ 2018, 226 (227); Perron, in: Schönke/
wenden sie hiermit doch keine Gefahr ab. Die Lebensmittel, Schröder (Fn. 15), § 34 Rn. 18.
die durch die Tat gerettet werden sollen, werden als Eigen- 23
Erb (Fn. 21), § 34 Rn. 112; Roxin/Greco, Strafrecht, All-
tum von ihrem Eigentümer zerstört und sind damit aus recht- gemeiner Teil, Bd. 1, 5. Aufl. 2020, § 16 Rn. 29 f.
24
BGH NStZ 1997, 189 (190); Erb (Fn. 21), § 34 Rn. 187;
20
Vgl. Grewe (Fn. 1), S. 208 Perron (Fn. 22), § 34 Rn. 35.
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schaft überhaupt nicht mehr effektiv regulierbar. Das ist aber IV. Der kriminalpolitische Diskussionsstand
nicht mit der Situation eines Hungernden vergleichbar, der Im Jahr 2019 gab es mehrere Initiativen zur Straflosstellung
um seine Gesundheit und letztlich sein Leben fürchten muss. des Containers. Allen voran ist der Vorstoß des Hamburger
Vor der Erfüllung dieser Grundbedürfnisse muss die Eigen- Justizsenators Steffen zu nennen, der sich auf der Justizminis-
tumsordnung im Einzelfall zurücktreten, ohne dass man dies terkonferenz (JuMiKo) im Juni 2019 nicht durchsetzen konn-
als unangemessen bezeichnen könnte. Im Ergebnis bleibt te.26 Die JuMiKo war der Ansicht, dass eine Entkriminalisie-
daher festzuhalten, dass derjenige (aber auch nur derjenige), rung oder zivilrechtliche Lösung der Frage nicht in Betracht
der Lebensmittel an sich nimmt, um nicht mehr hungern zu komme. Stattdessen wurde die Bundesregierung aufgefordert,
müssen oder anderen Hungernden zu helfen, nach § 34 StGB die freiwillige Abgabe von Lebensmitteln an Bedürftige zu
gerechtfertigt ist. erleichtern.
Auch der Deutsche Bundestag wurde mit zwei Initiativen
2. Strafprozessrecht zur Entkriminalisierung des Containerns befasst: einem An-
Während das Containern also meist de iure eine Straftat ist, trag der Fraktion Die Linke vom 11.4.201927 und einem der
solange damit keine wirkliche Not bekämpft werden soll, Fraktion Bündnis90/Die Grünen vom 23.10.201928. Der An-
folgt daraus natürlich noch nicht, dass jeder Täter einen Fall trag der Fraktion Die Linke fordert die Bundesregierung auf,
für den Strafrichter darstellt. Einerseits wird der Wert der einen Gesetzesentwurf vorzulegen, der das Containern ent-
Diebesbeute oft erheblich unter 50 € liegen, zumal der Wert kriminalisieren solle. Der Einsatz des Strafrechts als ultima
weggeworfener Lebensmittel noch geringer sein dürfte als ratio sei ungerecht, weil Containern einerseits kein sozial-
der Wert noch verkäuflicher Lebensmittel. Damit ist die schädliches, sondern gesellschaftlich höchst erwünschtes
Geringwertigkeitsschwelle des § 248a StGB unterschritten. Verhalten darstelle, das Teil einer Nachhaltigkeitsstrategie
Ein öffentliches Interesse an der Strafverfolgung zur Erset- werden könne.29 Andererseits würden so Personen kriminali-
zung des Strafantrags wird sich kaum bejahen lassen. Aller- siert, die zu arm seien um Lebensmittel zu kaufen. 30 Als
dings werden diejenigen Lebensmittelhändler, die das Con- Möglichkeit der Entkriminalisierung schlägt die Fraktion vor,
tainern unterbinden wollen, nicht die Mühen eines Strafan- weggeworfene Lebensmittel für herrenlos zu erklären. 31 Be-
trags scheuen, zumal sie durch die Anzeigen ubiquitärer reits hier soll angemerkt werden, dass eine Entkriminalisie-
Ladendiebstähle hierin Routine haben. Auch dann bleibt den rung damit allein gar nicht erreicht werden kann, weil in
Staatsanwaltschaften noch die Möglichkeit einer Verfahrens- vielen Fällen die Tatbestände der §§ 123 Abs. 1, 303 Abs. 1
einstellung nach den §§ 153, 153a StPO. In der Literatur wird StGB weiterhin erfüllt blieben.
oft gefordert, von dieser Möglichkeit umfassend Gebrauch zu Erheblich umfassender stellt sich der Antrag der Fraktion
machen, um dem Grundsatz der Verhältnismäßigkeit zu ge- Bündnis90/Die Grünen dar, der ein ganzes Maßnahmenpaket
nügen.25 Der eingangs erwähnte Fall der Studentinnen zeigt zur Bekämpfung von Lebensmittelverschwendungen vor-
aber, dass die Staatsanwaltschaften nicht zu einer solchen sieht. Neben einer Verpflichtung von Supermärkten, nicht
flächendeckenden faktischen Entkriminalisierung bereit sind. mehr verkäufliche, aber noch genießbare Lebensmittel ent-
So viel Sympathie man mit dem hinter der Tat stehenden sprechend der französischen Rechtslage zu spenden, 32 Ände-
Anliegen haben mag, aus der Warte der Staatsanwaltschaften rungen bei der Festlegung von Mindesthaltbarkeitsdaten und
handelt es sich dabei um die richtige Entscheidung. Contai- verstärkter Aufklärung der Verbraucher, soll auch die Straf-
nern ist de lege lata ein Diebstahl und es ist weder Zweck der verfolgung des Containerns unterbunden werden.33 Die Kri-
§§ 153, 153a StPO noch liegt es an den Staatsanwaltschaften, minalisierung des Containerns stehe in ethischem und rechtli-
einen ganzen Komplex von Diebstahlstaten de facto straffrei chem Widerspruch zur Bekämpfung der Lebensmittelver-
zu stellen und damit das – erneut: nach gegenwärtiger schwendung.34
Rechtslage berechtigte – Strafverfolgungsinteresse der Eigen- Langfristig soll die Entkriminalisierung durch eine gene-
tümer in jedem einzelnen Fall zurückzuweisen. Diese Erwä- relle Straflosstellung im StGB oder die Schaffung einer neu-
gung wird von einem Blick ins Betäubungsmittelstrafrecht en Möglichkeit des Absehens von Strafe erfolgen, kurzfristig
bestätigt: Dort war mit § 31a Abs. 1 S. 2 BtMG die Einfüh- durch eine Änderung der RiStBV, die die Staatsanwaltschaf-
rung einer als Soll-Norm ausgestalteten Diversionsvorschrift ten zum Absehen von der Strafverfolgung zwingt.35 Strafbar
für den Besitz geringer Mengen Betäubungsmittel zum Ei- sollen aber Fälle bleiben, in denen eine Sachbeschädigung
genverbrauch erforderlich, um diesen faktisch zu entkrimina-
lisieren. Die allgemeinen Diversionsvorschriften waren hier- 26
Frühjahrskonferenz der JuMiKo am 5. und 6. Juni 2019,
für gerade nicht ausreichend. Es bleibt festzuhalten, dass sich Beschluss zu TOP II. 11.
das Phänomen des Containerns zu einem hochpolitischen 27
BT-Drs. 19/9345.
Komplex entwickelt hat, der nicht durch rein prozessuale 28
BT-Drs. 19/14358.
Werkzeuge, sondern vom hierzu berufenen politischen Or- 29
BT-Drs. 19/9345, S. 1.
gan, dem Gesetzgeber, aufzulösen ist. 30
BT-Drs. 19/9345, S. 1.
31
BT-Drs. 19/9345, S. 2.
32
Siehe dazu noch ausführlich unter V. 2.
25 33
Vogel, in: Laufhütte/Tiedemann/Rissing-van Saan (Hrsg.), BT-Drs. 19/14358, S. 3.
34
Strafgesetzbuch, Leipziger Kommentar, Bd. 8, 12. Aufl. BT-Drs. 19/14358, S. 7.
35
2010, § 242 Rn. 45; Schliemann, KripoZ 2019, 231 (235). BT-Drs. 19/14358, S. 7.
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oder ein Hausfriedensbruch unter Überwindung erheblicher nicht dazu beitragen, die bestehende Verteilungsungerechtig-
Hindernisse vorliegen.36 Auch hiermit wäre also keine voll- keit in Bezug auf Lebensmittel zu beseitigen.38
ständige Entkriminalisierung erreicht. Insbesondere müssten Dagegen mag eingewandt werden, dass es Aktivisten gibt,
verfolgungswillige Lebensmittelhändler ihre Abfallbehälter die Lebensmittel nicht um ihrer selbst willen bergen, sondern
lediglich mit Zäunen und Schlössern sichern, um weiterhin um sie bedürftigen Personen zukommen zu lassen.39 Tatsäch-
eine strafrechtliche Verfolgung zu gewährleisten. lich entfällt in dieser Konstellation die Verteilungsungerech-
tigkeit. Zugleich stellt sich jedoch ein anderes Problem und
V. Lösungsvorschlag damit der dritte Einwand. Der Handel entsorgt nicht nur ge-
Abschließend bleibt zu klären, wie rechtspolitisch mit dem nießbare Lebensmittel, sondern auch verdorbene Ware, die
Phänomen Containern umgegangen werden soll, insbesonde- beim Verzehr eine Gesundheitsgefahr darstellt und daher mit
re ob und inwieweit den vorstehenden Reformvorschlägen Recht entsorgt wird. Dabei handelt es sich vor allem um
zuzustimmen ist. Als Möglichkeiten stehen die unveränderte Fleisch- und Milchprodukte und ähnlich leicht verderbliche
Beibehaltung der jetzigen Rechtslage, die schlichte Entkrimi- Lebensmittel. Bei solchen Lebensmitteln tritt nach Art. 24
nalisierung oder eine außerstrafrechtliche Lösung zur Aus- der maßgeblichen Lebensmittelinformationsverordnung40 ein
wahl. Verbrauchsdatum an die Stelle eines Mindesthaltbarkeitsda-
tums. Nach Ablauf dieses Verbrauchsdatums gelten die Pro-
1. Sollte Containern entkriminalisiert werden? dukte als nicht mehr sicher im Sinne des Art. 14 der Lebens-
mittel-Basis-Verordnung.41 Sie dürfen infolgedessen nicht
Zunächst ist also zu diskutieren, ob den im Raum stehenden
mehr in den Verkehr gebracht werden, weil das Lebensmittel-
Entkriminalisierungsforderungen zugestimmt werden kann.
recht in ihnen eine Gefahr für die Gesundheit sieht. Diese
Dagegen sprechen drei Erwägungen:
verdorbenen Lebensmittel müssen also vernichtet werden.
Erstens wäre eine Entkriminalisierung gar nicht geeignet,
Diese Gesundheitsschutzvorschriften würden unterminiert,
das Problem der Lebensmittelverschwendung zu beseitigen.
wenn es jedem Einzelnen erlaubt wäre, weggeworfene Le-
Nach Angaben des Umweltbundesamtes werden im Handel
bensmittel nach Belieben aus dem Abfall zu bergen. Solange
jährlich ca. 550.000 Tonnen Lebensmittel weggeworfen, in
die Ware nur zum Eigenverbrauch bestimmt ist, handelt es
der Industrie 1,85 Millionen Tonnen.37 Es wäre absurd zu
sich zwar um eine Selbstgefährdung, die noch zur Rechts-
glauben, die unkoordinierten Aktionen Einzelner wären ge-
sphäre des Einzelnen gehört.42 Sobald diese Lebensmittel
eignet, hieran in feststellbarem Maße etwas zu ändern. Auch
jedoch verteilt werden, wandelt sich dies zu einer rechtlich
bei einer Legalisierung würde sich das zwangsläufig mit dem
relevanten Fremdgefährdung. Natürlich ginge die Unterstel-
Umgang mit organischen Abfällen verbundene Containern
lung fehl, jemand würde absichtlich verdorbene Lebensmittel
schwerlich zum Massenphänomen entwickeln. Zwar kann
an bedürftige Personen verteilen wollen. Es wäre in einem
man sich auf den Standpunkt stellen, dass jedes verschwende-
solchen gesundheitskritischen Bereich aber ebenso verfehlt,
te Lebensmittel eines zu viel ist und daher jedes „gerettete“
auf den Sachverstand nicht näher bestimmbarer Personen, im
Lebensmittel schon ein Fortschritt. Dennoch wäre der ge-
Grunde auf den Sachverstand jedes beliebigen Mitbürgers zu
samtgesellschaftliche Effekt so gering, dass er nicht von
vertrauen. Wäre für jedermann leicht zu erkennen, wann ein
ausreichendem Gewicht wäre, um eine Zurückdrängung des
Lebensmittel verdorben und wann es noch genießbar ist,
Eigentumsschutzes zu begründen.
wären die strengen Vorschriften des Lebensmittelrechts über-
Zweitens würde eine Legalisierung des Containerns vo-
flüssig. Insoweit unterstützt die Strafbarkeit des Containerns
raussichtlich nicht dazu führen, dass die „geretteten“ Le-
als Reflex auch die gesundheitsschützende Intention des
bensmittel gerade denjenigen Personen zugute kämen, die
Lebensmittelrechts.
ökonomisch am dringendsten auf sie angewiesen wären.
Zusammengenommen führen diese drei Argumente dazu,
Profitieren würden in erster Linie diejenigen, die bereit sind,
dass das Interesse der Täter, straffrei auf fremdes Eigentum
ihre Interessen am robustesten gegen fremde Eigentumsinte-
zugreifen zu können, nicht gut genug begründbar ist, um sich
ressen durchzusetzen und buchstäblich kein Problem damit
gegen das grundrechtlich geschützte und fortbestehende Ei-
haben, sich die Hände schmutzig zu machen. Der natürliche
gentumsrecht des Lebensmittelhändlers durchsetzen zu kön-
Ekel davor, in fremdem Abfall zu tauchen, würde weiterhin
nen. Eine Entkriminalisierung sollte daher nicht weiter erwo-
die meisten Personen vom Containern abhalten, auch wenn
gen werden. Gleichzeitig sollte aber nicht aus den Augen
sie die Lebensmittel gut gebrauchen könnten. Auch nach
verloren werden, dass es sich trotz allem um Bagatellkrimina-
einer Entkriminalisierung stünde zu erwarten, dass Contai-
lität handelt. Regelmäßig (wenn auch nicht generell), wird
nern das Metier abenteuerlustiger Aktivisten bleibt und nicht
eine Verfahrenseinstellung nach §§ 153, 153a StPO die beste
zum Massenphänomen ökonomisch schwacher Personen
würde. Die Entkriminalisierung würde also wahrscheinlich
38
Dies gilt umso mehr, als bereits festgestellt wurde, dass
Personen, die akut hungern, gem. § 34 StGB ohnehin ge-
rechtfertigt sind und straffrei bleiben.
36 39
BT-Drs. 19/14358, S. 7. So die Fraktion Die Linke, BT-Drs. 19/9345, S. 1.
37 40
Daten abrufbar unter VO (EU) 1169/2011.
41
https://www.umweltbundesamt.de/themen/wider-die- VO (EG) 178/2002.
42
verschwendung (1.7.2020). Vgl. Duttge, in: Joecks/Miebach (Fn. 21), § 15 Rn. 152.
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Zeitschrift für Internationale Strafrechtsdogmatik – www.zis-online.com


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Jan Rennicke
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Lösung dieser Fälle sein. So die Täter angeklagt und verur- Ein solches Gesetz wäre natürlich ein Eingriff in das Ei-
teilt werden, dürften strafzumessungstechnisch die Verwar- gentumsrecht aus Art. 14 Abs. 1 GG. Dabei würde es sich um
nung mit Strafvorbehalt (§ 59 StGB) oder bei einschlägig eine Inhalts- und Schrankenbestimmung handeln, nicht um
Vorbestraften geringe Geldstrafen das Mittel der Wahl sein. eine Enteignung, weil der Staat nicht zur Güterbeschaffung
auf konkretisierte Eigentumsgegenstände zugreift.46 Diese
2. Außerstrafrechtliche Lösung Bestimmung ließe sich mit der Sozialbindungsklausel des
Damit ist aber nicht gesagt, dass der juristische status quo Art. 14 Abs. 2 GG rechtfertigen. Sie wäre auch nicht unver-
beizubehalten wäre. Die enorme Lebensmittelverschwendung hältnismäßig, weil die Eigentümerinteressen an den wegge-
führt zu erheblichen Belastungen für die Umwelt und die worfenen Lebensmitteln zwar fortbestehen, aber dadurch
natürlichen Lebensgrundlagen. Nach Angaben des Umwelt- minimiert werden, dass der Eigentümer aus ihnen keinen
bundesamtes werden für die Produktion von weggeworfenen wirtschaftlichen Wert mehr schlagen oder sie anderweitig
und verschwendeten Lebensmitteln weltweit jährlich verwenden möchte. Zugleich stünde mit dem Verfassungssatz
38.000.000 Tonnen Treibhausgase freigesetzt, 43.000 Quad- des Art. 20a GG ein schlagendes Argument für die Rechtfer-
ratkilometer landwirtschaftlicher Fläche sinnlos benutzt und tigung einer solchen Regelung zur Verfügung.
216.000.000 Liter Wasser verbraucht.43 Dass der Gesetzgeber Der Gesetzgeber ist damit dringend aufgefordert, ein der
dem im Rahmen des Möglichen entgegensteuern muss, ergibt französischen Regelung ähnliches Gesetz zu erlassen. Dabei
sich nicht nur aus dem Gebot sinnvollen Wirtschaftens mit handelt es sich nicht nur um ein verfassungsrechtliches Desi-
knappen Ressourcen, sondern auch aus der Verfassung. derat, sondern angesichts knapper Ressourcen um ein Gebot
Art. 20a GG verpflichtet den Gesetzgeber als Staatszielbe- der Vernunft. Zugleich würde hiermit dem politisch motivier-
stimmung dazu, die natürlichen Lebensgrundlagen im Rah- ten Containern die ideologische Überzeugungskraft entzogen,
men der verfassungsmäßigen Ordnung zu schützen. Dazu ist weil das altruistische Anliegen, Lebensmittelverschwendung
die Vermeidung der Entstehung von Treibhausgasen und der zu vermeiden, erfüllt würde. Damit dürfte ein Rückgang der
Verschwendung von Wasser und Landwirtschaftsfläche ge- Eigentumskriminalität in diesem Bereich einhergehen, zumal
eignet. Die Lösung sollte aber außerhalb des Strafrechts ge- kaum mehr genießbare Lebensmittel im Abfall gefunden
sucht werden, frei nach dem v. Lisztschen Diktum, dass eine werden könnten.
gute Sozialpolitik die beste Kriminalpolitik sei.44
Zum Vorbild könnte und sollte die französische Rechtsla- VI. Fazit
ge gemacht werden, die hier kurz skizziert werden soll.45 Das Containern ist regelmäßig als Diebstahl strafbar und sollte
dortige LOI n° 2016-138, bekannt als Gesetz gegen Lebens- dies auch bleiben. Dennoch ist das Grundanliegen derer, die
mittelverschwendung, verpflichtet Lebensmittelhändler mit das Containern als (auch) politische Aktion begreifen, begrü-
einer gewissen Verkaufsfläche, der Verschwendung von ßenswert. Die Welt, in der wir leben, ist endlich und damit
Lebensmitteln entgegenzuwirken. Dazu verfolgt es ein mehr- sind es auch die von ihr bereitgestellten Ressourcen. Diese
stufiges Konzept. In erster Linie sind Lebensmittelhändler Tatsache tritt im Zuge der Klimadebatte immer mehr in den
verpflichtet, schon die Entstehung von Lebensmittelabfällen öffentlichen Fokus. Mit Blick auf Art. 20a und 14 Abs. 2 GG
zu vermeiden. So sie dennoch anfallen, gibt es eine klare ist eine Regulierung verschwenderischer Praktiken auch
Hierarchie der Verwendungszwecke: Noch zum Verzehr gegen das Eigentumsrecht möglich. Zwingt man Lebensmit-
geeignete Lebensmittel müssen an zertifizierte Hilfseinrich- telmärkte gesetzlich dazu, noch genießbare Lebensmittel an
tungen für Bedürftige gespendet oder weiterverarbeitet wer- Hilfsorganisationen und ähnliche Einrichtungen zu überge-
den. Hierzu nicht geeignete Lebensmittel sollen als Tierfutter ben, statt sie zu entsorgen, würde nicht nur der Verschwen-
verwendet oder, wenn auch das nicht möglich ist, landwirt- dung Einhalt geboten. Die geretteten Ressourcen würden
schaftlich kompostiert oder in Biogasanlagen zur Energiege- auch denjenigen zugutekommen, die sie am dringendsten
winnung genutzt werden. Lebensmittelhändler, die sich nicht brauchen und nicht denjenigen, die ihre Interessen am robus-
darum bemühen, Vereinbarungen mit Hilfsorganisationen zu testen durchsetzen können. Zugleich würden sich die Fallzah-
schließen bzw. ihre Lebensmittel entsprechend des Gesetzes len des Containerns wohl erheblich reduzieren. Hierin – und
zu verwerten, müssen mit einem Bußgeld rechnen. Flankiert gerade nicht in einer Entkriminalisierung – liegt also die
wird dieses System der Lebensmittelverwertung von einem vorzugswürdige Lösung.
bußgeldbewehrten Verbot der Ungenießbarmachung von
Lebensmitteln, etwa durch den Einsatz von Bleiche.

43
Daten abrufbar unter
https://www.umweltbundesamt.de/themen/wider-die-
verschwendung (1.7.2020).
44
v. Liszt, Das Verbrechen als sozialpathologische Erschei-
nung, in: Strafrechtliche Aufsätze und Vorträge, Bd. 2, 1905,
S. 230 (246).
45 46
Siehe hierzu die Ausarbeitung des wissenschaftlichen Vgl. BVerfG NJW 1986, 2188 (2189); Wendt (Fn. 18),
Dienstes des Deutschen Bundestags WD 5 - 3000 - 095/18. Art. 14 Rn. 148.
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ZIS 7-8/2020
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