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Fachthemen

Volker Schmid DOI: 10.1002/stab.201101445


Jens Tandler

Konzentrierte Tangentialkrafteinleitung von Stahl


in Beton – Versuche zur Geometrie von Zahnleisten
Brücken- und Hochbauten werden aus technischen und wirtschaftlichen Gründen immer
häufiger als Mischkonstruktionen aus Stahl und Konstruktionsbeton geplant und realisiert.
Häufig müssen in diesen Konstruktionen hohe, konzentrierte Kräften aus Stahlbauteilen
in schlanke Betonbauteile eingeleitet werden. Diese Verbindungsproblematik gewinnt
durch die zunehmende Verwendung immer festerer Stähle und Betone und der damit
einhergehenden Reduktion der Bauteilabmessungen zunehmend an Bedeutung. Als ma-
terialgerechte Lösung für die konzentrierte Tangentialkrafteinleitung bieten sich Verbin-
dungen mit Zahnleisten an, die zudem einen hohen Ermüdungswiderstand erwarten las-
sen. Der Artikel beschreibt die Anwendungsmöglichkeiten von Zahnleisten, erläutert die
grundlegenden Tragprinzipien und beschreibt die an der TU Berlin durchgeführten Ver- Bild 2. Verankerung des Tragseils einer
suche zur Leistungsfähigkeit der Zahngeometrie. Fußgängerbrücke, Schlaich Bergermann
und Partner (© Paya Zaforteza, TU Berlin)
Concentrated shear transfer between steel and concrete – Testing of the saw tooth Fig. 2. Anchorage of suspension cable, pe-
connector. Due to technical and economical considerations, bridges and buildings are destrian bridge, Schlaich Bergermann und
increasingly designed and constructed as hybrid structures made of structural steel and Partner (© Paya Zaforteza, TU Berlin)
concrete. Frequently, concentrated loads from steel elements have to be transferred into
slender concrete elements. The connection aspect becomes even more important as ton eingeleitet. Die infolge der groß-
structural steel and concrete of increasingly higher strength with the resulting smaller flächigen Lasteinleitung im Vergleich
structural dimensions are used. A connection that is suitable for concentrated shear zu anderen Verbindungskonzepten ge-
transfer for these structures is the saw tooth connector. It is expected that this type ringeren Betondruckspannungen las-
of connection will have a high fatigue
strength as well. The article describes
where this connection can be used, ex-
plains the underlying structural principles
and the structural tests undertaken at the
TU Berlin to assess the saw tooth geo-
metry.

1 Die Anwendung von Zahnleisten

Die ersten Zahnleisten wurden vom


Ingenieurbüro Schlaich Bergermann
und Partner zur Verankerung von
Tragseilen an dünnen Brückendecks
(Bilder 1b und 2) entwickelt und ein-
gesetzt [1]. Diese Verbindungen mit
Zahnleisten sind besonders vorteil-
haft, wenn hohe, konzentrierte Tan-
gentialkräfte zu übertragen sind, wie
z. B. beim Anschluss der Stahlstreben
an den Betonkern im Projekt Metro-
pol Parasol in Sevilla (Bild 3). Bild 1. Bereiche konzentrierter Lasteinleitung von Stahlbauteilen in Konstruktions-
Dank der Stahlzähne wird die beton: a) Stahlstrebenanschluss, b) Seilverankerung, c) einfache Stabwerkmodelle
Druckstrebenkraft ohne Betonspan- für innenliegende und außenliegende Anschlüsse
nungsspitzen, gleichmäßig und mit ei- Fig. 1. Areas of concentrated load transfer between structural steel and concrete:
ner geringen Tiefe, die nur etwa der a) steel strut connections, b) suspension cable anchorage c) simple strut-and-tie
Betondeckung entspricht, in den Be- models for inner and outer connections

540 © Ernst & Sohn Verlag für Architektur und technische Wissenschaften GmbH & Co. KG, Berlin · Stahlbau 80 (2011), Heft 7
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erläutert Bild 4 das prinzipielle Trag-


verhalten einer Zahnleiste. Die einzu-
leitende Tangentialkraft FLd verteilt
sich entlang der Zahnleiste entspre-
chend der Elastizitätstheorie ungleich-
mäßig. Den Verlauf der Schubkraft pro
Meter vfd(x) entlang der Zahnleiste er-
hält man aus einer linear elastischen
Rechnung. Er hängt dabei u. a. ab vom
Steifigkeitsverhältnis zwischen Zahn-
leiste und Betonplatte, der Lage des
Bild 3. Druckstrebenanschluss mit Zahnleiste beim Projekt Metropol Parasol in Kraftangriffspunktes und der Längs-
Sevilla beanspruchung in der Betonscheibe,
Fig. 3. Compression strut connection for the project Metropol Parasol in Sevilla d. h. ob z. B. Längsdruck oder Längs-
zug in der Scheibe herrscht. Außer-
dem wird der Schubkraftverlauf mit
zunehmender Leistenlänge ungleich-
mäßiger. Die Schubkräfte werden mit
Hilfe der Verzahnung über einen ge-
neigten Druckfächer in die Betonplatte
eingeleitet. An die Zahnleiste ange-
schweißte Bewehrungsstäbe nehmen
die Zugkräfte aus dem Stabwerkmo-
dell senkrecht zur Leiste auf. Mit
Hilfe des Stabwerkmodells ist nach-
zuweisen, dass die Betondruckspan-
nungen σcd(x) = vfd(x)/hL · (sinθ · cosθ)
im Druckfächer vor der Zahnleiste
nirgendwo die Druckstrebenfestig-
keit von ν · α · fcd = 0,8 · 0,85 · fcd für
Druckfelder mit parallelen Rissen
überschreiten. Dabei ist hL die Höhe
der Zahnleiste.
Die Krafteinleitung erfolgt gleich-
mäßig und ohne nennenswerte Druck-
Bild 4. Bemessung einer außenliegenden Zahnleiste mit Hilfe eines Stabwerkmo- spannungsspitzen im Beton, wenn sich
dells (nur halbe Scheibe dargestellt) die Druckstreben immer rechtwinklig
Fig. 4. Strut-an-tie model for the structural design of an outer saw tooth connector auf einer Zahnflanke abstützen. Ent-
(symmetric half of system shown) sprechend der veränderlichen Druck-
strebenneigung im Druckfächer müsste
die Verzahnung demnach mit einer ent-
lang der Leiste veränderlichen Zahn-
neigung hergestellt werden. Um diese
Bild 5. Zahnleiste herstellungstechnisch ungünstige, ver-
mit einheitlicher
änderliche Zahngeometrie zu vermei-
Zahnneigung
Fig. 5. Saw tooth
den, wurde eine regelmäßige Geome-
connector with re- trie der Verzahnung entwickelt, mit
petitive saw tooth dem Ziel, die Druckstreben mit einen
arrangement Einfallswinkel θ zwischen ca. 20° an
der Leistenspitze und ca. 70° am Lei-
sen für diesen Verbindungstyp einen Zahnleisten [2], [3] führten zu einem stenende ohne eine Reduktion der
sehr hohen Widerstand gegenüber zy- ersten Vorschlag für ein Bemessungs- Druckstrebenfestigkeit abzustützen.
klischen Belastungen erwarten. Die konzept mit an der Elastizitätstheorie Die vorgeschlagene einheitliche Zahn-
Zahnleisten und die im Lasteinlei- orientierten Stabwerkmodellen (Bild 4) geometrie zeigt Bild 5. Vor der Ver-
tungsbereich erforderliche Bewehrung sowie für eine optimierte Zahngeo- zahnung stellen sich mehraxial bean-
werden mit Stabwerkmodellen be- metrie der Zahnleisten (Bild 5). spruchte Betonzwickel ein, mit deren
messen. Bild 1c zeigt zwei vereinfachte Hilfe die unterschiedlich geneigten
Stabwerkmodelle für die Lasteinlei- 2 Prinzipielle Funktionsweise Druckstreben vollflächig abgestützt
tung im Innern der Betonplatte und der Zahnleiste werden können (Bild 6).
für die Lasteinleitung am Rand der Bisher wurden diese Untersuchun-
Betonplatte. Erste analytische Unter- Anhand der Draufsicht auf eine Beton- gen ausschließlich analytisch durch-
suchungen zum Tragverhalten von platte mit außenliegender Zahnleiste geführt und mit physikalisch nichtli-

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geometrie, erfordert praktisch keine


Nachbearbeitung und ist wenig zeit-
aufwändig.

4 Versuche zur Prüfung der


Zahngeometrie
4.1 Versuchsaufbau

Geeignete Versuchsanordnungen zur


gleichmäßigen Tangentialkrafteinlei-
tung werden in der Forschung kon-
Bild 6. Wirkungsweise der einheitlichen Verzahnung bei unterschiedlich geneigten trovers diskutiert [4], [5]. Der hier ge-
Druckstreben wählte Versuchsaufbau hat das Ziel,
Fig. 6. Structural principles of the repetitive saw tooth arrangement ein möglichst gleichförmig verteiltes
und gleichgerichtetes Druckfeld vor der
Zahnleiste zu erzeugen. Dazu werden
in 20 cm dicke, gedrungene Betonpris-
men Zahnleisten mit drei unterschied-
lichen Neigungswinkeln einbetoniert
(Bilder 9 und 10).
Alle Versuchsprismen sind unbe-
wehrt, so dass die Versuchsergebnisse
Bild 7. Physikalisch nicht- einen unteren Grenzwert für die Trag-
lineare Berechnung zur Last- fähigkeit der Verzahnung liefern. Die
einleitung mit Zahnleiste Zahnleisten sind ca. 530 mm lang und
Fig. 7. Load transfer analysis 45 mm dick, mit einem Abstand der
of saw tooth connector using äußersten Zahnspitzen von 510 mm.
material nonlinearity Die 15 mm Zahnhöhe orientieren sich
am verwendeten Betongrößtkorn von
16 mm. Die Leistenneigungen zur Ver-
nearen ebenen FE-Rechnungen mit 3 Herstellung der Zahnleiste tikalen θ beträgt in den drei Versuchs-
dem Programm Sbeta abgeglichen. serien θ = 51°, 40° und 32°. Außerdem
Im Beispiel aus Bild 7 ist die Zahnlei- Die Zahnleiste selbst besteht aus ei- werden Referenzprismen mit H/B/T =
ste durch ein 45° geneigtes Druckfeld nem kräftigen Stahlblech (die Leiste) 886 mm/207 mm/200 mm getestet. Um
nahezu gleichmäßig beansprucht. Die zur Verteilung der Kräfte und aus den Exzentrizitäten aus der Lasteinleitung
auf Druck versagenden Elemente sind darauf angebrachten Zähnen zur Kraft- zu minimieren, werden die Lasten über
schwarz dargestellt. Elementen in de- einleitung. Für die Versuche wurden Kalottenlager eingeleitet. Zusätzlich
nen die Rissdehnung überschritten ist, die Zahnleisten mit Hilfe eines auto- kontrollieren Dehnmessstreifen auf
sind durch eine Linie parallel zur Riss- genen Brennschneideverfahrens von dem Versuchskörper die gleichmäßige
richtung markiert. Bewehrung ist in der Plauen Stahl Technologie GmbH Dehnungsverteilung.
diesem Beispiel nicht modelliert. Der direkt aus einem 100 mm dicken Blech Der Druckversuch wird wegge-
Tragmechanismus im Zahnbereich er- mit einer Streckgrenze von 350 N/mm2 steuert mit einer 5 MN Presse mit Ka-
fordert keine Reibung, die Kontaktfuge herausgeschnitten (Bild 8). Dieses Ver- lottenlagerung durchgeführt. Die Be-
zwischen Stahl und Beton überträgt fahren erlaubt eine freie und gleich- lastungsgeschwindigkeit wird in der
deshalb im FE-Modell nur Druckkräfte zeitig genaue Definition der Zahn- letzten Belastungsphase auf ca. 0,001
normal zur Stahloberfläche. Bei der
Bemessung des Verbindungsbereiches
mit Stabwerkmodellen wird eine rech-
nerische Festigkeit der Betondruck-
streben mit parallelen Rissen von ma-
ximal 0,8 · α · fck angesetzt. In den
nichtlinearen FE-Berechnungen mit
unterschiedlichen Druckstrebenwin-
keln zwischen 70° und 20° werden
diese maximalen rechnerischen Be-
tondruckspannungen immer erreicht
bzw. überschritten, ohne dass früh-
zeitiges Versagen im Bereich der Ver-
zahnung auftritt. Diese vielverspre- Bild 8. Beidseitige Zahnleisten unterschiedlicher Höhe und Dicke, Foto links:
chenden theoretischen Ergebnisse Plauen Stahl Technologie GmbH
sollen mit den im Folgenden darge- Fig. 8. Two sided saw tooth connectors of different heights and depths, photo left
stellten Versuchen geprüft werden. courtesy of Plauen Stahl Technologie GmbH

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Sekunden zu über die ganze Prismen-


länge reichenden Längsrissen, mit
sofort folgendem totalem Versagen
(Bild 11). Ähnlich wie in [6] wo über
zentrisch gedrückte Prismenversuche
mit ähnlicher Festigkeit, Geometrie
und Belastungsgeschwindigkeit be-
richtet wird, kann im Versuch keine
ausgeprägte Entfestigung nach der
maximalen Belastung festgestellt wer-
den.
Die Bruchlasten der Prismenver-
suche sind gegenüber der gemessenen
Zylinderfestigkeit um den Faktor α =
0,9 reduziert. Dies entspricht in etwa
dem geometrischen Formfaktor von
αF = 0,87 bis 0,92, der für die Um-
Bild 9. Prinzipieller Versuchsaufbau zur Prüfung der Leistungsfähigkeit der Zahn- rechnung der Zylinderdruckfestigkeit
geometrie auf die Prismenfestigkeit der Ver-
Fig. 9. Principle of the test setup for the saw tooth connector suchsprismen anzusetzen ist [7].

4.3 Zahnleistenprobekörper
4.3.1 Versuchsdurchführung

Es werden jeweils drei Probekörper


mit den drei verschiedenen Neigun-
gen geprüft. Dabei ergeben sich je-
weils ähnliche Versagensabläufe und
Bruchlasten. Die Zylinderfestigkeit des
Betons zum Zeitpunkt der Prüfung des
ersten Prismas mit steiler Zahnleiste be-
trägt fcm,cyl = 59,8 N/mm2. Vergleich-
bar dem Prisma zeigen sich bis zum
Versagen keine Risse oder Abplatzun-
Bild 10. Probekörper mit unterschiedlichen Neigungen θ der Zahnleiste und Refe- gen, weder im Bereich der Zähne noch
renzprisma im Bereich der Belastungsplatten. Wie
Fig. 10. Test specimen with different inclinations θ of the saw tooth connector für eine unbewehrte Druckprobe zu
and simple prism erwarten, erfolgt das Versagen ebenso
rapide wie beim Prisma. Risse zeigen
bis 0,002 mm/s Dehngeschwindigkeit prüften Prisma einer gleichmäßigen sich nur für die Dauer von ungefähr
reduziert. Diese Dehngeschwindigkeit Druckspannung von 50,0 N/mm2 ent- 1/30 einer Sekunde. Diese starten
entspricht ca. 0,04 bis 0,07 N/mm2/s spricht, kommt es innerhalb von 1/30 beim Prisma mit der steilen Leiste
vor dem Eintreten des Bruches. Der
Bruch aller Probekörper inklusive der
Referenzprismen erfolgt schlagartig,
eine eventuell vorhandene Entfesti-
gung kann im Versuch nicht nach-
vollzogen werden.

4.2 Versuchsergebnisse für das


Referenzprisma

Es werden drei Referenzprismen ge-


prüft. Die Zylinderfestigkeit des Be-
tons beträgt am Prüftag des ersten
Prismas fcm,cyl = 57,4 N/mm2. Im Ver-
such kann bis zum Erreichen der Ma-
ximallast keinerlei Rissbildung oder
Kantenabplatzung beobachtet werden,
nur eine geringe Abflachung der Kraft-
Verformungs-Linie ist erkennbar. Un- Bild 11. Versagensvorgang eines Referenzprismas
ter Maximallast, die beim ersten ge- Fig. 11. Behaviour during failure of the simple prism

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der Bruchlast P geteilt durch die Auf-


standsfläche b · t der Probekörper.
Die Bruchlasten der Referenzprismen
erreichen im Mittel 90 % der Zylin-
derdruckfestigkeit fcm,cyl. Die mittlere
äquivalente Bruchspannungen der
Prismen mit Leistenneigungen von θ =
40° und θ = 51° ist bei 89 % der Zylin-
derfestigkeit. Die Probekörper mit der
steilen Leiste mit θ = 32° erreichen im
Mittel eine äquivalente Spannung von
84 % der Zylinderfestigkeit.
Die mittleren äquivalenten Span-
nungen geben jedoch keine direkte
Auskunft über die Leistungsfähigkeit
der Verzahnung. Auch mit der ge-
wählten Versuchsanordnung sind die
Spannungsverläufe entlang der Leiste
nicht ganz gleichmäßig (vgl. Bild 15).
Über der rechten Hälfte der steilen,
mit 32° geneigten Leiste sind die aus
den Dehnungen errechneten Spannun-
gen zwischen 8 % und 5 % größer als
das Spannungsmittel im Schnitt 1-1.
Die ungleichmäßige Spannungsvertei-
lung entlang der steilen Zahnleiste
zeigt sich auch in der FE-Rechnung
(vgl. Bild 16). Mit diesem Spannungs-
anstieg von ca. 6 % lässt sich eine
mittlere äquivalente Bruchspannung
für den rechten Teilbereich der Zahn-
leiste ermitteln. Sie beträgt damit ca.
1,06 · 0,84 · fcm,cyl = 0,89 fcm,cyl und er-
reicht so ebenfalls die Werte der fla-
chen Leisten.

4.3.2 Bruchlasten

In Tabelle 2 sind die gemessenen


Bruchlasten dokumentiert und in
Bild 13 dargestellt.
Bild 12. Versagen eines Prismas mit 32° und mit 51° Leistenwinkel
Fig. 12. Failure of prisms with 32° and 51° connector inclination 4.3.3 Gemessene Dehnungsverteilung
im Versuchskörper
Tabelle 1. Verhältnis der mittleren äquivalenten Bruchspannungen zur Zylinder-
festigkeit Bild 14 zeigt die Lage der Dehnmess-
Table 1. Average ultimate pressures in relation to cylinder strength streifen und deren Messergebnisse an
Spannungsverhältnis  Referenzprisma Zahnleiste Zahnleiste Zahnleiste einem Probekörper mit steiler (θ = 32°)
mit 32° mit 40° mit 51° und mit flacher Zahnleiste (θ = 51°).
Die Messungen am Probekörper ZP2
mittlere äquivalente
Bruchspannung/fcm,cyl 0,90 0,84 0,89 0,89
mit der steilen Leiste (Bild 15 links)
zeigen am Belastungsanfang eine et-
was ungleiche Dehnungsverteilung.
näher zum kurzen Betonabschnitt hin. Erstrisses eher zur Prismenmitte hin Bei DMS4 auf der langen Seite des
Sofort folgt ein Abscheren oberhalb verschiebt. Der Erstriss ist jeweils oben oberen Prismateils sind sie am gering-
der Zähne und das Versagen des oder unten in eher zufälliger Lage zu sten und an der kurzen Seite bei
Probekörpers (Bild 11). Die äquiva- beobachten, jedoch immer wieder in DMS5 am größten. Mit zunehmender
lente Bruchspannung beträgt zum vertikaler Richtung. Belastung findet eine Vergleichmäßi-
Zeitpunkt des Versagens bei der ersten Zur Darstellung der Ergebnisse gung des Dehnungsverlaufs statt und
steilen Zahnleistenprobe 50,3 N/mm2. wird die Bruchlast der Proben auf eine die Dehnungen bei DMS4 steigen
Bild 12 zeigt, dass sich mit flacher wer- mittlere äquivalente Spannung um- überproportional an. Die Dehnungs-
dender Leistenneigung die Lage des gerechnet. Diese berechnet sich aus unterschiede werden jedoch nicht voll-

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Bild 13. Grafische Darstellung der Versuchsergebnisse


Fig. 13. Graphical illustration of the test results

ständig abgebaut. Die extremalen Deh- per mit der mittleren Zahnleistennei-
nungen treten vor allem weit außen gung zeigen ein Verhalten zwischen Bild 14. Lage der Dehnmessstreifen
am Prüfkörper auf. Im mittleren Be- den beiden vorher gezeigten Deh- Fig. 14. Strain gauge arrangement
reich sind die Dehnungen vergleichs- nungsverhalten.
weise homogen. Der Probekörper mit gramm Multiplas durchgeführt. Dem
der flachen Zahnleiste (Bild 15 rechts) 4.3.4 Berechnete Spannungsverteilung Berechnungsmodell liegt eine Zylin-
zeigt am Belastungsanfang ebenfalls und -richtung entlang der Leiste derdruckfestigkeit von 59,8 N/mm2
deutlich geringere Dehnungen von zu Grunde. Damit werden die Bruch-
DMS4. Diese erreichen jedoch im Zur Abschätzung der in Teilbereichen lasten der FE-Berechnung um bis zu
späteren Verlauf des Versuchs nahezu erhöhten Betondruckspannungen ent- 8 % größer errechnet als die gemesse-
dieselben Werte wie im mittleren lang der Leiste werden physikalisch nen Bruchlasten. Die Gründe dafür
Prismenbereich. Auffällig ist, dass nichtlineare dreidimensionale FE-Be- sind vor allem in der Unsicherheit bei
DMS5 zum Ende des Versuches am rechnungen mit dem Programm An- der Modellierung der Reibungsein-
wenigsten belastet ist. Die Probekör- sys in Kombination mit dem Pro- flüsse auf den Kontaktflächen der

Tabelle 2. Bruchlasten und äquivalente maximale Druckspannung der Versuche zur Zahngeometrie
Table 2. Ultimate loads and resulting equivalent pressures of tests for saw tooth geometry

Prüfungs- Probekör- Leistennei- Alter der Breite der Tiefe der Bela- Bruchlast äquivalente Zylinder-
Nr. perbezeich- gung zur Probe Grund- Grund- stungsge- P in kN Bruch- festigkeit
nung Vertikalen in d fläche fläche schwindig- spannung fcm,cyl
in ° b in mm t in mm keit P/(b · t) in N/mm2
in N/mm2/s in N/mm2
0 0,0
7 44,3
14 49,8
28 54,1*)
1 Prisma d – 56 207 200 0,07 2071 50,0 57,4*)
2 Prisma c – 95 207 200 0,04 2204 53,2 59,3*)
5 Prisma b – 126 207 200 0,04 2301 55,6 60,2*)

3 ZP1 32 112 207 200 0,04 2084 50,3 59,8*)


4 ZP2 32 122 207 200 0,04 2026 48,9 60,1*)
6 ZP3 32 131 207 200 0,04 2133 51,5 60,3*)
10 ZP4 40 200 269 200 0,06 2823 52,5 61,3*)
11 ZP5 40 201 269 200 0,06 2962 55,1 61,3*)
12 ZP6 40 203 269 200 0,06 3001 55,8 61,4*)
7 ZP7 51 139 351 200 0,05 3863 55,0 60,4*)
8 ZP8 51 188 351 200 0,05 3748 53,4 61,2*)
9 ZP9 51 194 351 200 0,05 3850 54,8 61,3*)
*) Betonfestigkeit durch Versuche geprüft; die Zwischenwerte werden entsprechend CEB-FIB Model Code MC90 interpoliert

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Bild 15. Dehnungsmes-


sungen über der Zahnleiste
Fig. 15. Measured strains
above connector

Zahnflächen und der Lasteinleitungs-


platten zu suchen. Trotzdem lassen
sich wichtige Schlüsse über die Span-
nungsverteilung und -richtung ziehen.
Dazu wird entlang eines Schnittes
40 mm über den Zähnen der Zahn-
leiste die vertikale Normalspannung
SY und die Hauptdruckspannung S3
errechnet. Die beiden anderen Haupt-
spannungen S2 und S1 sind notwen-
dig, um den dreiaxialen Spannungs-
zustand zu verstehen. Bild 16 zeigt die
Spannungsverteilung für zwei Pro-
bekörper mit θ = 32° und θ = 51° im
letzten Lastschritt der Berechnung,
vor dem rechnerischen Versagen. Bei
beiden Leistenanordnungen sind die
vertikalen Spannungen SY und die
Hauptdruckspannungen S3 praktisch
identisch sowie S1 und S2 sehr klein.
Es herrscht ein nahezu einachsiger,
vertikaler Spannungszustand vor der
Leiste. Bei der flachen Leistenanord-
nung mit θ = 51° ergibt sich eine na-
hezu konstanter Hauptdruckspan-
nungsverlauf entlang der Leiste, wäh-
rend bei der steilen Leiste mit θ = 32°
die Spannungen vor der rechten Lei-
stenhälfte deutlich ansteigen.

5 Tragfähigkeit der Verzahnung

Das Versagen der Verzahnung allein


durch ein Abscheren vor der Zahnlei-
Bild 16. Spannungsverteilungen im Schnitt über den Zahnleisten ste kann in den Versuchen nicht be-
Fig. 16. Presentation of stresses above connector obachtet werden. Entweder versagt der

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Beton im ungestörten Prismateil über mit Zahnleiste möglich, im Gegensatz und Wechselbeanspruchung scheinen
der Leiste, zu beobachten bei den Pro- zu den hier gewählten unbewehrten vielversprechend. Bauteilversuche mit
ben mit der flachen Leistenanordnung, Versuchskörpern. Diese müssen auf bewehrten Lasteinleitungsbereichen
oder es tritt ein kombiniertes Versa- Druck immer spröde versagen, wenn mit Zahnleiste wären geeignet das Be-
gen des Prismenoberteils bzw. -unter- die Verzahnung leistungsfähig genug messungskonzept zu überprüfen und
teils zusammen mit einem Abscheren ist. Infolge der geringen Anzahl der Aussagen zur Duktilität von Verbin-
entlang der Verzahnung auf, wie bei Versuche ist keine statistische Aus- dungen mit Zahnleiste zu gewinnen.
den Proben mit der steilen Zahnlei- wertung möglich. Es kann aber davon
stenlage. Ob beim Kombinationsver- ausgegangen werden, dass der cha-
sagen zuerst der Beton auf der freien rakteristische Wert der Tragfähigkeit Literatur
Länge des Prismas oder direkt vor der der Verzahnung vom Material Beton
Verzahnung überlastet ist, lässt sich und dessen statistischer Verteilung be- [1] Schlaich, J., Schmid, V., Schlaich, M.:
aufgrund der Geschwindigkeit des Vor- stimmt wird. Stahlverbundbrücken – neue Erfahrun-
gangs nicht sicher beurteilen. Die Ein- gen. Die Entwicklung von Verbindun-
zelaufnahmen der Versagensabfolge, 6 Zusammenfassung und Ausblick gen mit Zahnleisten. Bauingenieur 77
(2002), S. 95–107.
wie sie Bild 12 zeigt, legen die Vermu-
[2] Schmid, V.: Hochbelastete Verbindun-
tung nahe, dass das Versagen durch Zahnleisten sind besonders geeignet
gen mit Zahnleisten in Hybridtragwer-
einen Vertikalriss im Prismenunterteil für die konzentrierte Einleitung gro- ken aus Konstruktionsbeton und Stahl.
initiiert wird und sich dann entlang ßer Kräfte von Stahl in Betonbauteile, Stuttgart: Verlag Grauer 2000.
der Leiste fortsetzt. Die damit höhere z. B. zur Verankerung von Seilen und [3] Schmid, V.: Geometry, behaviour
Tragfähigkeit direkt vor der Verzah- dem konzentrierten Anschluss von and design of high capacity saw-tooth
nung lässt sich mit der günstigen Wir- Stahlstreben und Stahlfachwerken. Mit connections. In: Eligehausen, R. (Hrsg.):
kung aus der Querdehnungsbehinde- dem autogenen Brennschneideverfah- Connections between steel and concrete.
rung des Betons vor der Verzahnung ren können Zahnleisten schnell und Stuttgart, Germany, 10–12 September
begründen. genau aus dicken Blechen von mehr 2001. Cachan, France: RILEM Publi-
Berücksichtigt man, wie oben als 100 mm ausgeschnitten werden. cations (RILEM proceedings, 21) (2001),
pp. 1119–1128.
dargelegt, die etwas ungleiche Span- Die Bemessung von Verbindungen mit
[4] Glaser, R.: Zur Notwendigkeit der
nungsverteilung vor der Zahnleiste, so Zahnleiste erfolgt mit Stabwerkmo-
experimentellen Ermittlung des Kriech-
erträgt die Verzahnung im Versuch dellen, die auf einer linear-elastischen verhaltens von Schubverbindungsmit-
Betondruckspannungen von minde- Berechnung der Schubkraftverteilung teln in Holz-Beton-Verbundkonstruk-
stens 89 % der Zylinderfestigkeit, also entlang der Leiste beruhen. Zur Kraft- tionen. Bautechnik 86 (2009), S. 120–
0,89 fcm,cyl. Zusammen mit dem Dauer- einleitung wird eine einheitliche Zahn- 122.
standsbeiwert α ergibt sich somit der geometrie verwendet, obwohl sich die [5] Dehlinger, C.: Stählerne Verzahnungen
Bemessungswert der Betondruckfestig- Betondruckstreben mit wechselnden für Stahlbetonkonstruktionen. Shaker
keit zu 0,89 · α · fcd = 0,89 · 0,85 · fcd = Winkeln zwischen θ = 20° und 70° auf (Berichte aus dem Bauwesen), Aachen:
0,76 fcd. Die Tragfähigkeit der Verzah- die Verzahnung abstützen. Für die Ver- Shaker Verlag 2004
nung ist damit größer als die maxi- suche werden Zahnleisten mit einer [6] Rasch, C.: Spannungs-Dehnungs-Li-
nien das Betons und Spannungsvertei-
male Betondruckspannung im Druck- einheitlicher Zahngeometrie unter
lung in der Biegedruckzone bei kon-
felder mit parallelen Rissen, die mit Winkel von θ = 32°, 40° und 51° in un-
stanter Dehngeschwindigkeit: Deutscher
0,8 · α · fcd = 0,8 · 0,85 · fcd = 0,68 fcd bewehrte Prismen einbetoniert und Ausschuss für Stahlbeton Heft 154:
angesetzt wird. Die vorgeschlagene ein- einachsig bis zum Bruch belastet. Die Wilhelm Ernst & Sohn, 1962.
heitliche Zahngeometrie stützt somit Versuchsergebnisse zeigen, dass die [7] Grübl, P., Weigler, H., Karl, S., Kupfer,
die Betondruckstreben vor der Leiste Leistungsfähigkeit der vorgeschlagenen H.: Beton: Arten, Herstellung und Eigen-
sicher ab. Die Verzahnung wird für Verzahnung immer die im Stabwerk- schaften. Berlin: Ernst und Sohn Ver-
die Bemessung der Zahnleiste mit modell angesetzte Druckstrebenfestig- lag 2001.
Stabwerkmodellen nicht maßgebend. keit des Betons übersteigt und somit
Eine eventuell vorhandene, noch für die Bemessung der Zahnleiste nicht
Autoren dieses Beitrages:
höhere Tragfähigkeit im Bereich der maßgebend wird.
Prof. Dr.-Ing. Volker Schmid, Jens Tandler MSc
Verzahnung könnte nur mit bewehrten Aufbauend auf den positiven Ver- Fachgebiet Entwerfen und Konstruieren –
Bauteilversuchen nachgewiesen wer- suchsergebnissen sollten nun weitere Verbundstrukturen,
den. Damit wäre auch eine Abschät- Versuche durchgeführt werden. Ins- Gustav-Meyer-Allee 25, Gebäude 13b,
zung der Duktilität von Verbindungen besondere Versuche unter Schwell- 13355 Berlin

Stahlbau 80 (2011), Heft 7 547