Sie sind auf Seite 1von 14

© Hartmut Krauss Berlin 1998

"Bedingtheitsdiskurs" versus "Begründungsdiskurs".


Zum konzeptionellen Kern des Widerstreits zwischen traditioneller und Kritischer Psychologie
Klaus Holzkamp zum Gedenken

Kennzeichnend für die Kritische Psychologie (KP) als eine besondere Ausarbeitungsvariante materialistisch-
dialektisch orientierter Subjektwissenschaft ist von Beginn an ihre einzelwissenschaftliche Ausrichtung als
intradiziplinäre Alternative zur traditionellen "mainstream"-Psycholgie gewesen. Um diesem Selbstanspruch zu
genügen, reichte es nicht aus, die theoretischen, kategorialen und methodischen Bornierungen, versteckten
weltanschaulichen Prämissen, konzeptionell bedingten Ausblendungen etc. der traditionellen Psychologie
'ideologiekritisch' aufzudecken - also die "herrschende" Psychologie als "Psychologie der Herrschenden" zu
entlarven -, sondern es ging darüberhinaus insbesondere um den Auf- und Ausbau einer grundlegend
andersartigen, nämlich "kritisch-emanzipatorischen" Psychologie.
Diese Einheit von Kritik und eigenständig-alternativer Gegenstandserschließung als konstitutives
Bewegungsprinzip der KP kann im folgenden nicht chronologisch-detailliert, etwa anhand der Rekapitulation der
wichtigsten Veröffentlichungen, nachgezeichnet werden. Herausgearbeitet werden soll aber im folgenden der
konzeptionelle Wesenskern im Widerspruchsverhältnis von traditioneller und KP. Im Anschluß daran werde ich
einige Überlegungen zur Vertiefung/Präzisierung des "Begründungsdiskurses" zur Diskussion stellen.

Grundcharakteristika der traditionell-psychologischen Gegenstandsverfehlung

Die Entstehung der KP selbst ist als das Produkt einer spezifischen Widerspruchskonstellation mit folgenden
elementaren "Seiten" anzusehen, nämlich: a) dem Zustand der im westdeutschen bürgerlichen
Wissenschaftsbetrieb institutionalisierten akademischen Psycholgie Mitte der 60er bis Anfang der 70er Jahre;
b) den Herausforderungen der systemoppositionellen Studentenbewegung an das "wissenschaftliche
Establishment" einschließlich der "Hochschul-psychologen" und c) der individuell-standortspezifischen
Verarbeitung dieser Kollision seitens ihres Begründers Klaus Holzkamp (vgl. Holzkamp 1972). Gewissermaßen
als entwicklungslogische Prämisse in diese Ausgangssituation "eingelagert", besaß die kritische
Auseinandersetzung mit den bestimmenden theoretischen und methodischen Inhalten der institutionell
dominanten traditionellen Psychologie einen herausragenden Stellenwert während der Konstituierungsphase
der KP(1). Zunächst sollen deshalb jene Züge der "frühen" kritisch-psychologischen Fach-Kritik knapp skizziert
werden, die als "über-greifende" Fundierungen auch der späteren Fokussierung der traditionellen Psychologie
im "Bedingtheitsdiskurs" anzusehen sind.
Als erstes hervorstechendes Grundmerkmal der traditionellen Psychologie ist zunächst deren
Konzeptualisierung und methodische Reproduktion des individuellen Subjekts als abstrakt-isoliertes Individuum
anzuführen. So wird in den gängigen psychologischen Theorien der einzelne Mensch vermittels einer
"unverständigen Abstraktion" aus seiner komplexen Einbindung in die jeweils konkret-historisch geformten
gesellschaftlichen Verhältnisse herausgelöst und damit im Prinzip als "gesellschaftliches Individuum" begrifflich
ausgelöscht. D.h.: Gerade der seiner elementaren gesellschaftlichen Vermitteltheit/Sozial-bezüglichkeit
entkleidete Mensch, das "a-soziale" Individuum, wird in der herkömmlichen "bürgerlichen Psychologie"(2) als
das "eigentliche", "konkrete" Individuum "als solches" vorgestellt. Holzkamp hat diesen Sachverhalt als
"Verkehrung von Konkretheit und Abstraktheit menschlicher Verhältnisse in der bürgerlichen Psychologie"
akzentuiert und darauf hingewiesen, daß dieser "a-sozial" konzipierte Mensch "zwar als konkreter Gegenstand
der empirisch-psychologischen Forschung erscheint" (1972b, S.103), tatsächlich aber eben nicht als der
wirkliche lebendige Mensch in je konkreter gesellschaftlich-historischer Lage begriffen werden kann, also als
etwas "empirisch" Gegebenes, sondern als bloßes Gedankending zu fassen ist. "Die Menschen, über die die
Psychologie Aussagen macht, sind natürlich tatsächlich konkrete, historische Individuen, nur wird, sofern sie
zum Gegenstand der Psychologie werden, weitgehend von dem abgesehen, was ihre Eigenart als Menschen in
einer bestimmten gesellschaftlich-historischen Situation ausmacht" (ebenda, S.103f.).
Die Verfehlung der Eigenart des gesellschaftlichen Menschen als Subjekt seines konkret-historisch bestimmten
Lebensprozesses ist in der Grundstruktur des nomothetischen Selbstverständnisses der traditionell-
psychologischen Forschung systematisch angelegt. Kernaspekt der nomothetischen Wissenschaft ist die
Formulierung von Gesetzesaussagen auf der Grundlage experimentell festgestellter Verknüpfungen zwischen
(vom Experimentator) festgelegten Bedingungen und dadurch hervorgerufenen Wirkungen, "wobei die
Ausgangsbedingungen' unabhängige Variable' oder in der Psychologie auch 'Predikatoren', die
Effekte'abhängige Variablen' bzw. 'Kriterien' genannt werden" (Holzkamp 1972a, S.48). Um zu möglichst
"reinen" Gesetzesaussagen/Zusammenhangs-feststellun-gen zu gelangen, ist der nomothetische
Forschungssprozeß in besonderem Maße auf die möglichst weitgehende Ausschaltung von unkontrollierten
Störbedingungen ausgerichtet. Die Zusammenhangs-Behauptungen sind deshalb "konditional" zu formulieren:
"Bestimmte Ausgangsbedingungen führen zu bestimmten Effekten, sofern keine störenden Bedingungen
vorliegen" (ebenda, S.48f.). Daraus ergibt sich der dominant bedingungsanalytische Charakter der

1
nomothetischen Psychologie. Worin liegen nun die systematischen Gegenstandsverfehlungen der
nomothetischen Experimentalpsychologie im einzelnen?

(1) Die theoretische Ausblendung der gesellschaftlichen Einbindung/Ver-mitteltheit des Individuums wird
experimentell "blind" reproduziert. Die Einheitlichkeit, Konsistenz , "Gesetzmäßigkeit" etc. der traditionellen
Psychologie trotz der vielschichtigen Heterogenität/Individualtät der konkret-empirischen Menschen erweist sich
als trügerischer Schein. Denn: "Sie erforscht die Menschen nicht unter den verschiedenartigen und
uneinheitlichen Bedingungen, unter denen sie tatsächlich im Alltag leben, sondern sie schafft im Experiment
künstlich einheitliche Bedingungen, in die die Menschen als "Versuchspersonen" gestellt sind" (ebenda, S.50).

(2) Die für das traditionell-psychologische Experiment charakteristische künstliche Setzung einheitlich-
realitätsabstrakter Bedingungen impliziert zugleich die "nachhaltige" Entsubjektivierung der Versuchsperson
bzw. deren Degradierung zum bloßen Forschungsobjekt. Herauszuheben ist hier nämlich der Umstand, daß die
Versuchsperson den vom Experimentator fremdgesetzten Bedingungen insofern passiv ausgeliefert ist, als sie
ja nur auf dessen Vorgaben "bedingungsmechanistisch" reagieren kann und soll; sich andernfalls aber "nicht
gemäß der Instruktionen" verhalten und entsprechend aus der Datenauswertung ausgeschlossen würde. Die
experimentalpsychologische Konstellation läßt sich demnach aus der Perspektive der entsubjektivierten
Versuchsperson als "hermetische Entfremdungssituation" aufschlüsseln: Sie ist fremdgesetzten,damit kaum
durchschaubaren und unveränderlichen Bedingungen ausgesetzt, über die sie in einem freien, rationalen
symmetrischen Dialog nicht mitentscheiden/-verfügen kann.

(3) Die versuchsstrukturelle Suspendierung der Gesellschaftlichkeit und b) der Subjekthaftigkeit des
Individuums sowie dessen "Zurechtstutzung" zu einer Norm-Versuchsperson (Norm-Vp) bedeutet de facto eine
Reduzierung des gesellschaftlich-historischen Menschen auf einen ahistorisch-reflexhaften Organismus. Das
Konzept der "Norm-Vp" besitzt damit eine verborgene anthropologische Qualität. "Wenn man", so Holzkamp
(1972a, S.54f.), "Lebewesen, die eine Geschichte haben, die - der Möglichkeit nach - auf reflektierte Weise
Subjekte dieser Geschichte sein können, die - ebenfalls der Möglichkeit nach - sich bewußt eine ihren
Bedürfnissen gemäße, nicht entfremdete Welt schaffen können und die schließlich in freiem, symmetrischen
Dialog vernünftig ihre Interessen vertreten können, als "Menschen" bezeichnet, wenn man andererseits
Lebewesen, die in einer fremden, naturhaften Umgebung stehen, die keine "Geschichte" haben, die auf
bestimmte Stimuli lediglich mit festgelegten begrenzten Verhaltensweisen reagieren können, "Organismen"
nennen will, so kann man feststellen, daß im Konzept der Norm-Vp. restriktive Bestimmungen enthalten sind,
durch welche Individuen, die in der außerexperimentellen Realität sich - der Möglichkeit nach - wie "Menschen"
verhalten können, im Experiment dazu gebracht werden sollen, sich wie "Organismen" zu verhalten."
Dem abstrakt-individualistischen und "organismischen" Menschenbild der traditionellen Psychologie
korrespondiert als zweites Grundmerkmal eine naturalistische Gesellschaftsauffassung. In dieser Sichtweise
wird 'Gesellschaft' als historisch gewordene und durch menschliche Tätigkeit hergestellte/veränderbare
Wirklichkeit auf naturhaft vorgegebene 'Umwelt' verkürzt, der gegenüber das Subjekt schicksalhaft ausgeliefert
erscheint. Indem so die vernünftige Gestaltbarkeit der als naturhaft-unhistorisch mißdeuteten 'Umwelt' radikal
ausgemerzt wird, erfährt die Entsubjektivierung der gesellschaftlichen Individuen eine weitere
"gesellschaftstheoretische" Ergänzung. Hinzu kommt die systematische Ausblendung der konkreten
herrschaftsstrukturellen Zusammenhänge und Widerspruchskonstellationen. Auf diese Weise bleibt in der
traditionell-psychologischen Forschung die dem Subjekt vorgegebene, "übergreifende" Beschaffenheit der
objektiven Lebensbedingungen außerhalb der Betrachtung;; "man schafft sich Hilfskonstruktionen , um auf
verschiedene Weise die objektiven unabhängigen Realitätsbeschaffenheiten aus der Psychologie 'heraushalten'
zu können (man spricht höchstens in quasi 'inoffizieller' Alltagssprache o.ä. von der außerpsychologischen
Lebenswirklichkeit des Individuums" (Holzkamp 1978a, S.167).
Die undialektische Konfrontation des abstrakt-isolierten Individuums mit der als naturhaft-ahistorisch
mißdeuteten gesellschaftlichen Lebensumwelt verbindet die traditionelle Psychologie mit der Einnahme eines
fiktiven pseudoneutralen Standpunkts "außerhalb" von Gesellschaft und Geschichte. Damit wird aber implizit
geleugnet, daß das erkennende Subjekt nicht kraft voluntaristischer Entscheidung seine eigenen
gesellschaftlichen Einbindungen abzustreifen vermag, sondern stets (kognitiv, mental und intentional
verankerter) Teil der zu erkennenden Wirklichkeit bleibt. "Aber der Mensch", so Marx (MEW 1, S.378), "das ist
kein abstraktes, außer der Welt hockendes Wesen. Der Mensch, das ist die Welt des Menschen, Staat,
Sozietät." Die selbstvergessene/unreflektierte Parteilichkeit der traditionellen Psychologie ist demgegenüber
bereits in der inadäquaten Weise ihrer Gegenstandsauffassung angelegt. Sie "unterliegt nämlich, indem sie
durch Verkürzung und Verkehrung menschlicher Lebenstätigkeit auf 'private' Beziehungen in einer naturhaften
Umwelt in der bürgerlichen Ideologie befangen ist, zwangsläufig, und ob sie das nun merkt und will, oder nicht,
dem Interesse des Kapitals an der Erhaltung der bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse" (Holzkamp
1978b, S.204).

2
Zur kritisch-psychologischen Gegenstandserschließung: Die funktional-historische Analyse als
alternativer Forschungsansatz

Vermittels ihrer integralen Wesenszüge (Konfrontation des abstrakt-isolierten, "organismischen" Individuums


mit einer naturhaft-ahistorischen Lebensumwelt vom Standpunkt "außerhalb) ontologisiert die traditionelle
Psychologie im Prinzip die existenzielle Grundsituation der Menschen im Kontext der bürgerlich-kapitalistischen
Lebensverhältnisse. D.h. die formationsspezifische Fremdbestimmung und konkurrenzförmige
Entgegensetzung/Isolierung der Menschen als Resultat ihres Ausschlusses von der bewußten Regelung des
gesamtgesellschaftlichen Lebensprozesses wird als "allgemein-menschliche" bzw. "natürliche"
Daseinsbestimmung fehluniversalisiert.
Um fortan aber einer tautologischen Entlarvung der "Bürgerlichkeit" der bürgerlichen Psychologie ad infinitum
zu entgehen, wurde es erforderlich, das Stadium der "bloßen" Ideologiekritik zu überwinden und ein eigenes
kategorial-methodisches Konzept zur wissenschaftlichen Erfasssung der menschlichen Subjektivität zu
entwickeln. Als tragfähiger Ansatz erwies sich hierbei die von Marx im Kapital 'paradigmatisch' angewandte
logisch-historische Methode, die es nun auf die einzelwissenschaftliche Spezifik des psychologischen
Erkenntnisgegenstandes zu übertragen galt(3). Aufgrund der doppelten Bestimmtheit des konkreten
individuellen Menschen als zugleich natürliches und gesellschaftliches Wesen, wurde es erforderlich, "das
Verhältnis zwischen seiner Natürlichkeit und seiner Gesellschaftlichkeit im Hinblick auf verschiedene Momente
der Lebenstätigkeit als innerer Zusmmenhang logisch-historisch herauszuanalysieren. Also muß(te) auch
biologisches, ethologisches, anthropologisches, ethnologisches Material durchgearbeitet werden, um das
Mensch-Welt-Verhältnis aus seiner biologischen Gewordenheit zu erfassen" (Holzkamp 1978c, S.252). In
Anlehnung an A.N. Leontjews "historisches Herangehen an die Untersuchung der menschlichen Psyche" (vgl.
Leontjew 1980), das sich im näheren als innere Einheit von a) naturgeschichtlicher, b) gesellschaftlich-
historischer und c) individualgeschichtlicher Analyse beschreiben läßt, gelangte die KP zur funktional-
historischen Analyse als für sie charakteristisches methodologisches Verfahren. Mit Blick auf die elementare
Geschichtlichkeit des psychologischen Erkenntnisgegenstands ( menschliche Psyche) stellte Holzkamp (1979,
S.45) fest: "Menschliche Individuen in ihrer Subjektivität sind doppelt historisch bestimmt: Bestimmt durch die
formations-, klassen- und standortspezifischen gesellschaftlichen Realisierungsbedingungen ihrer
Individualentwicklung und bestimmt durch ihre 'artspezifischen' Möglichkeiten zur individuellen
Vergesellschaftung" (alle Sperrungen entfernt, H.K.). Angesichts dieser forschungsstrategischen Prämissen
galt es nun folgende Problemebenen zu vermitteln:

1) Die Rekonstruktion der Gewordenheit des menschlichen Bewußtseins aus naturhistorischen


Entwicklungsprozessen; d.h. insbesondere die Erfassung der Herausbildung der psychischen
Tätigkeitsregulation auf menschlichem Spezifitätsniveau aus tierischen (bzw. subhumanen) Vorformen.

2) Die präzise Herausarbeitung der allgemeinen menschlichen Spezifika des Bewußtseins- und
Tätigkeitsniveaus; damit gleichzeitig die wissenschaftliche Erfassung des Qualitätsumschlags biologisch-
naturgeschichtlicher Entwicklungsprozesse in menschlich-gesellschaftliche Entwicklungsprozesse.

3) Die wissenschaftliche Durchdringung der Formations-, Klassen- und Standortspezifik der objektiv-
gesellschaftlichen Verhältnisse und Strukturen in ihrer Gewordenheit und in ihrer jeweils spezifischen
bewußtseinsstrukturierenden und -formierenden Bedeutung.

4) Das wissenschaftliche Begreifen der individualgeschichtlichen Hineinentwicklung in die konkret-historischen


gesellschaftlichen Verhältnisse auf der Basis des erarbeiteten Verständnisses bezüglich der genetisch fixierten
(artspezifischen), nicht mehr unterschreitbaren, spezifisch-menschlichen Möglichkeiten zur individuellen
Vergesellschaftung.
Im Rahmen der konkreten Forschungen zur historischen Gewordenheit und Entwicklung des menschlichen
Bewußtseins- und damit korrespondierenden Tätigkeitsniveaus(4) sind seitens der KP insbesondere zwei
herausragende Wendepunkte hervorgehoben worden: a) das Tier-Mensch-Übergangsfeld (Beginn vor ca. 10
Millionen Jahren bis zur Ausbildung erster konsistenter steinzeitlicher Kulturepochen in Europa vor ca. 40.000
Jahren) und b) die Entstehung von Klassengesellschaften (hier insbesondere die Genese der bürgerlich-
kapitalistischen Klassengesellschaft).
Die Spezifizierung der logisch-historischen Methode zur funktional-historischen Analyse bildet das Basisprinzip
der wissenschaftlichen Rekonstruktion der widerspruchsvermittelten Gewordenheit und
Selbstbewegungsdynamik des Psychischen: Die Genese psychischer Teilfunktionen bzw. die niveaurelevante
Umstrukturierung (Veränderung) der psychischen Tätigkeitsregulation wird aus
Entwicklungsnotwendigkeiten(5), d.h. not-wendig progressiv zu lösenden Entwicklungswidersprüchen,
abgeleitet. Entwicklungswider-sprüche treten immer dann auf, wenn das historisch gewordene und sich
verändernde Verhältnis zwischen psychisch regulierter Lebenstätigkeit des Subjekts und (über)lebensre-
levanten Umweltbedingungen sich in einer Weise diskrepant entwickelt, so daß die Aufrecherhaltung des
erreichten Niveaus der Lebenstätigkeit gefährdet wird: Höherentwicklung wird zurVoraussetzung für die
Aufrechterhaltung bzw. Verbesserung der Lebenstätigkeit. Eine solche Auffassung objektiver

3
Entwicklungsprozesse schließt ein, daß "'Entwicklungsnotwendigkeit' kein teleologischer Begriff ist und auch
keine kausale historische Zwangsläufigkeit voraussetzt, sondern lediglich 'konditional' die Bedingungen
benennt, die erfüllt sein müssen, sofern Entwicklung und nicht Stagnation und Verfall eintritt" (Holzkamp-
Osterkamp 1975, S.352).
Im Hinblick auf die Rekonstruktion qualitativer Umbrüche und daraus hervorgehender Prozesse der
Höherentwicklung der psychischen Tätigkeitsregulation in der Phylogenese hat Holzkamp in seiner
"Grundlegung der Psychologie" in verallgemeinernder Perspektive fünf Analyse-Schritte herausgearbeitet:

1) Feststellung der konkret-elementaren "Ausgangsbeschaffenheit" der zu untersuchenden psychischen


Dimension/Teilfunktion. "Es soll...genau die 'Position' bestimmt werden, die beim qualitativen Umschlag
dialektisch 'negiert' wird (Holzkamp 1983, S.79).

2) Bestimmung der objektiven Umweltveränderungen in ihrer Bedeutung als Entwicklungsanforderung für das
lebendige Tätigkeitsubjekt ('Übersetzung des 'äußerlichen' Umwelt-Organismus-Widerspruchs in einen inneren
Entwicklungswiderspruchs des psychischen Tätigkeitssubjekts).

3) Aufweis des Wechsels der Ausgangsfunktion von Merkmalen, wie sie im ersten Schritt erfaßt wurden und
sich nun im Kontext der aktiven Verarbeitung des Entwicklungswiderspruchs neugestalten/umbilden. "Von
größter Wichtigkeit ist dabei, daß bei dem qualitativen Sprung durch Funktionswechsel die dialektische
Negation nur im Bereich einer - der bestimmenden Funktion der früheren Stufe noch untergeordneten -
Partialfunktion erfolgt, quasi im Dienste der besseren Systemerhaltung auf dieser Stufe steht, daß also die
qualitativ spezifische Funktion hier noch nicht für den Gesamtprozeß bestimmend geworden ist" (ebenda).

4) Aufdeckung des Dominanzwechsels zwischen der alten und neuen Funktion, "womit durch einen zweiten
qualitativen Sprung die qualitativ spezifische Funktion auch die für die gesamte Systemerhaltung bestimmende
Funktion wird" (ebenda, S.80).

5) Feststellung der Umstrukturierung und qualitativen Veränderung des (lebendigen) Systems in seiner
Gesamtheit. "Hier ist sowohl zu zeigen, welche älteren Dimensionen im neuen Zusammenhang funktionslos
werden, als auch, wie sich die Funktion früherer Dimensionen neu bestimmt, und wie sich unter der neuen
Leitfunktion spezifische strukturelle und funktionale Differenzierungen in der weiteren Entwicklung ergeben"
(ebenda).

Grenzen der funktional-historischen Analyse und die "phänomenologische Wende" der KP

Im selbstreflektierenden Rückblick zeigte sich, daß mit Hilfe der funktional-historischen Analyse zwar die
naturgeschichtliche Entwicklung des Psychischen bis zur Herausbildung des gesellschaftlich-historischen
Spezifitätsniveau der psychischen Tätigkeitsregulation angemessen rekonstruierbar war, mit Erreichen der
Dominanz dieser neuen Niveaustufe aber eine kategorialanalytisch-methodologische Erweiterung
vorgenommen werden mußte. So ist es, wie Holzkamp (1984, S.36) ausdrücklich hervorgehoben hat, "falsch,
die funktional-historisch gewinnbaren psychischen Qualifizierungen der gesellschaftlichen Natur des Menschen
mit den gesellschaftlichen Allgemeinbestimmungen des Psychischen gleichzusetzen." Der Kern des Problems
liegt hier in der qualitativ andersartigen Vermittlung zwischen gesellschaftlicher und individueller Reproduktion
vor und nach dem Dominanzwechsel von der phylogenetischen zur gesellschaftlich-historischen Entwicklung.
Innerhalb des anthropogenetischen Prozesses vor dem Dominanzwechsels blieb zunächst die natürliche
Lebensgewinnungsform bestimmend; die Anfänge gesellschaftlicher Lebensgewinnung vermittels kooperativer
Mittelherstellung/-benutzung als Basis vorsorgender Realitätskontrolle verharrten noch im Zustand marginaler
"Inseln" der Existenzerhaltung. D.h. eine den Individuen gegenüber sich vollziehende Verselbständigung
übergreifender gesellschaftlicher Strukturen fand noch nicht statt und insofern ist hier auch von einer subjektiv
transparenten (ein-deutig/unmittelbaren) Einheit zwischen kooperativ-gesellschaftlichen und individuellen
Lebensnotwendigkeiten auszugehen. Ein qualitativ neues Verhältnis zwischen gesellschaftlicher und
individueller Lebensgewinnung entstand dann nach dem Dominanzwechsel: Einerseits ist der evolutionär-
biologische Konstituierungsprozeß der 'gesellschaftlichen Natur' des Menschen als Potenz zur individuellen
Vergesellschaftung.(Aneignungskompetenz) abgeschlossen, andererseits kommt es nun zur Verselbständigung
der gesellschaftlichen Strukturen gegenüber den Individuen vermittels der gleichzeitigen Ausdifferenzierung und
Verdichtung von Arbeitsteilungsprozessen sowie der damit korrespondierenden gesamtgesellschaftlichen
Synthese von zunehmend komplexer werdenden Bedeutungsstrukturen. Infolgedessen ist eine grundlegende
Durchbrechung der ein-deutig/unmittelbaren Beziehung zwischen individueller und gesellschaftlicher
Reproduktion zu konstatieren: "'Gesellschaft-lichkeit'als dominante Lebensgewinnungsform ist also ein den
jeweils individuellen bzw. vom Individuum überschaubaren sozial-kooperativ Zusammenhang nach allen Seiten
raumzeitlich weit überschreitendes 'in sich' lebensfähiges 'Erhaltungssystem', das zwar global, durchschnittlich
o.ä., durch die Beiträge der Gesellschaftsmitglieder reproduziert wird, wobei aber keineswegs mehr ein
eindeutiger Zusammenhang zwischen dem jeweils aktuellen Beitrag des einzelnen und der Systemerhaltung
des gesellschaftlichen Ganzen besteht" (ebenda S.38; alle Sperrungen entfernt .H.K.). Die

4
gesamtgesellschaftliche Vermitteltheit der individuellen Lebenstätigkeit wird auf diese Weise - aufgrund der
Inkongruenz des gesamtgesellschaftlichen Zusammenhangs mit der unmittelbaren Lebenswelt des individuellen
Subjekts - zu einer von vornherein nichttransparenten (mehr-deutigen) Problemkonstellation.
Um hier nun zu einer weiterführenden Gegenstandserschließung zu gelangen, ist an dieser Stelle das
kategorialanalytisch-methodologische Verfahren der KP phänomenologisch bzw. phänomenanalytisch zu
ergänzen. Was ist hierunter zu verstehen? Im Zentrum der phänomenologischen Analyse steht die abstraktive
("überhistorische") Herausarbeitung der existenziellen Grundstruktur des Mensch-Welt-Zusammenhangs in
Absehung von formationsspezifischen, sozialstrukturellen, kulturellen u.ä. inhaltlichen Charakteristika. Als
strukturelles Kernmoment ist in dieser Perspektive die durchgängige Intentionalität subjektiver Existenz
herausgearbeitet worden. 'Intentionalität' bedeutet Gerichtetheit des Subjekts "auf etwas, das als vom
jeweiligen Gerichtetsein unabhängig gemeint wird" (Graumann 1985, S.41). Dieses konstitutive
Intentionalitätsverhältnis impliziert nun folgende subjektwissenschaftlich relevante Aspekte:

a) Intentionalität ist aktives Verhalten des raumzeitlich situierten Subjekts zur äußeren, ausschnitthaft
gegebenen Welt.

b) Das Subjekt ist als aktiv sich verhaltendes 'Intentionalitätszentrum' mit anderen (mit-menschlichen)
Subjekten/'Intentionalitätszentren' konfrontiert, so daß sich eine elementare, jeweils konkret situierte
subjekthaft-intentionale Reziprozität ergibt. "Durch diese reziproke Struktur ist unsere Erfahrung genuin 'sozial',
genauer 'intersubjektiv' konstituiert" (Holzkamp 1984, S.8).

c) Intentionalität und intersubjektive Reziprozität sind auch als Selbstbezüglichkeit realisierbar: Ich kann mich
selbst zum Gegenstand von Veränderungsaktivitäten machen sowie mich als intentionales Subjekt reflektieren.
"In dieser Rückbezogenheit und Dezentrierung bedeutet Intentionalität also immer auch die 'Reflexivität '
unserer intersubjektiven Welt- und Selbstbeziehung" (ebenda).

d) Zwar "übersteigt" die objektive Realität stets den ja nur nur subjektiv-ausschnitthaft gegebenen unmittelbaren
Erfahrungs- und potentiellen Intentionalitätsraum und insofern sind die intentionalen Handlungsmöglichkeiten
grundsätzlich beschränkt, d.h. die Realität wird unhintergehbar immer auch in ihren Widerständigkeiten
erfahren. Innerhalb dieses standortspezifisch-situativ begegnenden Weltausschnitts mit seinen konkreten
(kognitiv-praktischen) Erfahrungs- und Handlungsräumen aber "ist die Intentionalität eine
Möglichkeitsbeziehung zur Welt und zu mir selbst, in welcher die Dimensionen und die Reichweite meiner
Handlungsalternativen zwar durch den situativen Möglichkeitsraum selegiert bzw. begrenzt sind, in der ich aber
im 'Verhalten Zu' notwendig Alternativen habe und in diesem Sinne 'frei' bin" (ebenda).

e) Durch das der "intentionalen Möglichkeitsbeziehung zur Welt, zu anderen und zu mir selbst" innewohnende
Moment der Zeitlichkeit erhält die "Selbsterfahrung den Grundzug der phänomenalen 'Geschichtlichkeit', in
welcher mir meine Vergangenheit als Inbegriff realisierter oder vertaner Möglichkeiten und meine Zukunft als
Inbegriff (mehr oder weniger) offener Möglichkeiten gegeben sind" (ebenda, S.9).

'Bedingtheitsdiskurs' vs. 'Begründungsdiskurs': Zur Entfaltung der kritisch-psychologischen


Grundbegrifflichkeit

Vermittels der kategorialanalytischen Einarbeitung dieser phänomenologischen Einsichten in die elementaren


Konstituenten der subjektiven Welt- und Selbsterfahrung (die gewissermaßen das Grundgerüst der
unreduzierbaren 'Eigensinnigkeit' des menschlichen Subjekts bilden) sieht sich die KP in der Lage, a) die
Wesensmerkmale der Vermittlung zwischen gesamtgesellschaftlicher Reproduktion und individueller
Lebenstätigkeit adäquat aufzuschlüsseln und somit b) die 'mechanische' bzw. linear-deterministische 'Ableitung'
individueller Subjektivitätsmerkmale aus "äußeren" (gesamtgesellschaftlichen) Struktur- und
Prozeßcharakteristika zu vermeiden. Damit ist auch der Status erreicht, von dem aus das Verhältnis der KP zur
traditionellen Psychologie als Konfrontation von 'Bedingheitsdisurs' und 'Begründungsdiskurs' reformuliert
werden kann.
Der 'Bedingheits-Diskurs', der als theoretisch-forschungsstrategisches Paradigma der traditionellen
Psychologie zugrunde liegt, kann als einzelwissenschaftliche Spezifikation der mechanistisch-deterministischen
Auffassung des Mensch-Welt-Zusammenhangs angesehen werden. Danach wird das individuelle Subjekt -
unter Ausklammerung zentraler Vermittlungsebenen - grundsätzlich als von den äußeren Bedingungen in
Bewegung gesetzte und "ausgerichtete" abhängige Größe (Variable) betrachtet. D.h. die äußeren Einwirkungen
konstituieren die bloß "reaktiv" aufgefaßte Lebenstätigkeit des Individuums. "Das Subjekt selbst in seinen
Intentionen, Handlungsentwürfen, Arten des Weltzugangs, etc....hat innerhalb solcher Vorstellungen keinen
Platz" (Holzkamp 1996, S.53). In der Perspektive dieser radikalen Entsubjektivierung des individuellen
Menschen gerät die Hypothesenbildung über empirische Bedingungs-Ereignis/Ver-haltens-Zusammenhänge in
Form von Wenn-dann-Aussagen zum Fokus traditionell-psychologischer Wissenschaft. Hervorzuheben ist
zudem, daß die für die traditionell-psychologische Experimentalsituation typische Fremdsetzung von
Bedingungen (unter Ausschaltung der Möglichkeit der Bedingungsherstellung durch die Individuen selber) als

5
strukturelle Entsprechung zur Erfahrung von Herrschaft unter bürgerlich-kapitalistischen Lebensverhältnissen
zu dechiffrieren ist. "So gesehen stünde der Forscher als von den Versuchspersonen als bloßen 'Objekten'
getrenntes 'Subjekt' der Verfügung über die Bedingung anderer hier damit strukturell auf der Seite der
herrschenden Klasse, das 'Ich' oder das 'Man' des Forschers wäre mithin eine Besonderung und Mystifizierung
des Standpunkts der Herrschenden" (Holzkamp 1983, S.529).
Während also die traditionelle Psychologie die Weltbeziehungen von Individuen als linear-deterministische
Bedingungs-Verhaltens/Ereignis-Zusammen-hänge modelliert, begreift die KP das Subjekt-Tätigkeit-
Wirklichkeit-Verhältnis als Bedeutungs-Begründungszusammenhang. Für diese Sichtweise sind zunächst
folgende Aspekte fundamental:
1.Das individuelle Subjekt ist nicht "bedingter" Re-Akteur, sondern aktiv-selbstregulativer Konstrukteur seiner
Beziehungen zur "äußeren" Welt/Wirklichkeit.
2.Die individuellen Wirklichkeitsbezüge sind nicht linear-deterministisch festgelegt, sondern als relativ offene
Möglichkeitsbeziehungen zu erfassen (s.o.).
Die vom Subjekt 'objektiv' vorgefundene gesellschaftliche Realität ist demnach nicht als kausal-mechanisch
'einwirkender' Bedingungszusammenhang zu verstehen, sondern als Ensemble von Bedeutungen in ihrer
Eigenschaft als kognitiv-praktische Vergegenständlichungen vorangegangener Lebenstätigkeit zu begreifen.
Vom Standpunkt des Subjekts aus betrachtet sind die gesellschaftlich-historisch erarbeiteten
Bedeutungskonfigurationen (produzierte Gegenstände, Handlungsnormen, Theorien, Informationssysteme etc.)
potentielle Gebrauchswerte bzw. verallgemeinerte Handlungsmöglichkeiten, die realisiert oder auch desavouiert
werden können. Folglich findet keine unmittelbare Determination der individuellen Lebenstätigkeit durch die
"bedeutungshaften" gesellschaftlichen Lebensbedingungen statt; diese fungieren vielmehr als "Prämissen"
innerhalb von subjektiv konstruierten Begründungszusammenhängen. D.h. es ist stets das individuelle Subjekt
selbst, daß "in Verfolgung seiner Lebensinteressen einen für es selber funktionalen Zusammenhang zwischen
subjektiv relevanten Lebensumständen ("Prämissen") und Handlungsintentionen herstellt" (Markard 1994,
S.63). Für die damit als Kernbereich einer kritisch-psychologischen Subjekttheorie ausgewiesene Dimension
der "Prämissen-Gründe-Zusammen-hänge"(6) lassen sich darüberhinaus folgende Wesenszüge herausheben:

1) Die 'subjektiven Handlungsgründe', die immer in "erster Person" "je meine" Gründe darstellen, sind stets
inhaltlich bzw. funktional rückgebunden an die grundlegenden Lebensinteressen und Bedürfnisse des Subjekts
nach erweiteter Realitätskontrolle bzw. nach Optimierung der Lebensqualität durch Verfügung über die dazu
erforderlichen Bedingungen. Zwar "kann ich mit der Handlung (...) im Widerspruch zu meinen objektiven
Lebensinteressen stehen, nicht aber im Widerspruch zu meinen menschlichen Bedürfnissen und
Lebensinteressen, wie ich sie als meine Situation erfahre. In dem Satz, daß der Mensch sich nicht bewußt
schaden kann, liegt sozusagen das einzige materiale Apriori der Individualwissenschaft" (Holzkamp 1983,
S.350).

2) Wenn menschliches Handeln für die KP prinzipiell nicht 'bedingt', sondern in soeben skizziertem Sinn
subjektiv begründet' und 'funktional' ist, dann resultieren die interindividuellen Unterschiede/Diskrepanzen der
psychischen Konstitution aus der Unterschiedlichkeit/Diskrepanz der 'Prämissen', die den differierenden
Begründungszusammenhängen zugrunde liegen. Dabei sind die 'Prämissen' im näheren zu bestimmen als die
gesellschaftlich-historisch konstituierten, "lage- und positionsspezifischen Lebensbedingungen der Individuen"
(ebenda, S 352f.). Als Prämissen sind aber nicht nur a) die konkreten äußeren Lebensbedingungen zu
betrachten, sondern ebenso b) die personalen Bedingungen, wie sie als 'realbiographisches'
Entwicklungsresultat aus früheren Auseinandersetzungen mit den äußeren Lebensbedingungen
hervorgegangen sind. Hinzu tritt c) als weiterer 'phänomenaler' Aspekt der Umstand, daß die 'äußeren' und
'personalen' Lebensbedingungen nicht in ihrem "bloßen" So-Sein die subjektive
Befindlichkeit/Handlungsfähigkeit bestimmen, sondern "vom Subjekt als seine 'Situation', seine persönlichen
Eigenschaften und Fähigkeiten, sein Vergangenheits- und Zukunftsbezug etc. erfahren, emotional bewertet, in
motivierte oder erzwungene Handlungen umgesetzt werden" (ebenda, S.353). Damit ergeben sich aufgrund der
Komplexität und virtuellen Widersprüchlichkeit zwischen den "Systemkomponenten" im 'Prämissen-Gründe-
Zusammenhang (intentions- und bedürfnisfundierte Handlungsgründe einerseits/Binnenverhältnis zwischen
äußeren, personalen und phänomenalen Aspekten der Lebensbedingungen andererseits) potentiell gravierende
Probleme bzw. Einschränkungen bezüglich der Konstitution von Handlungsmöglichkeiten.

3) Da das Verhältnis der Individuen zur standortspezifisch vorgegebenen Bedeutungsstruktur/Prämissenlage


grundsätzlich als Möglichkeitsbeziehung zu begreifen ist, die in der menschlich-spezifischen Fähigkeit zu
bewußtem Verhalten zur Welt, zu anderen und zu sich selbst gründet, ist die elementare Alternativität
menschlicher Handlungslogik zu akzentuieren: "Auch noch so eingeschränkte Handlungsalternativen bleiben
immer noch Alternativen, und zu noch so gravierenden Unterdrückungsverhältnissen, objektiver
Scheinhaftigkeit, ideologischer Beeinflussung etc. kann sich das Individuum als Subjekt bewußt 'verhalten'. Die
totale Eliminierung dieser Möglichkeiten ist gleichbedeutend mit der Auslöschung der menschlichen Existenz"
(ebenda, S.345). Diese radikale Alternativität menschlicher Handlungsbegründung verknüpft Holzkamp mit
einer spezifischen Gewichtung des Freiheitsbegriffs: "'Frei' ist ein Individuum in dem Grade, wie es an der
vorsorgenden gesellschaftlichen Verfügung über seine Lebensbedingungen teilhat, damit seine Bedürfnisse in

6
'menschlicher' Qualität befriedigen kann" (ebenda, S.354). Es ergibt sich somit für das Individuum grundsätzlich
eine doppelte Möglichkeitskonstellation, die sich im Kern auf eine polare Entscheidungssituation zuspitzt:
Entweder begnügt es sich mit der Nutzung der gewährten/eingeschränkten Handlungsspielräume unter den
bestehenden (Herrschafts-)Verhältnissen in ihrer standortspezifischen Besonderung, oder es realisiert in
begründeten Handlungen die zweite Möglichkeit der Verfügungserweiterung, "wobei die damit erreichbaren
Erweiterungen 'menschlicher' Bedürfnisbefriedigung und Daseinserfüllung, nicht in ihrer absoluten Ausprägung,
sondern als Richtungsbestimmungen der Verbesserung meiner Befindlichkeit über den gegebenen Zustand
hinaus, die inhaltliche Basis der Handlungsbegründungen bleiben" (ebenda, S.355). Egal, für welche der beiden
Alternativen sich der Einzelne unter einer jeweils konkret-historischen Prämissenkonstellation entscheidet, er
bleibt immer als Subjekt für seine Handlungen verantwortlich.

4) In Abhängigkeit von der gewählten Alternative angesichts der subjektiv relevant gewordenen "doppelten
Möglichkeit" sind nun von Holzkamp zwei Grundkategorien ausgearbeitet worden, um die daraus
hervorgehenden divergierenden Gestaltungsformen des Psychischen begrifflich zu differenzieren: 'restriktive
Handlungsfähigkeit' als psychischer Funktionskomplex im Rahmen der Nutzung bestehender (herrschaftlich
gewährter und damit prinipiell beschränkter) Handlungsspielräume, und 'verallgemeinerte Handlungsfähigkeit'
als psychischer Funktionskomplex im Rahmen der aktiven Verfügungserweiterung bestehender
Handlungsspielräume (was die konflikthafte Auseinandersetzung mit herrschenden Instanzen "gesetzmäßig"
impliziert). Im folgenden wird ein skizzenhafter Überblick über die wesentlichen Funktionsaspekte dieser beiden
alternativen Gestaltungsvarianten psychisch regulierter Lebenstätigkeit unter bürgerlich-kapitalistischen
Herrschaftsverhältnissen gegeben:

RESTRIKTIVE HANDLUNGSFÄHIGKEIT

Kognitiver Funktionsaspekt: "Deuten"

Durch die Fixierung auf die unmittelbare Lebenslage/-praxis wird die reale gesamtgesellschaftliche
Vermitteltheit der individuellen Existenz im Denken eliminiert/negiert. Die Möglichkeit der
Verfügungserweiterung durch aktive Veränderung der Lebensumstände bleibt ausgeblendet. Mit der
'Unmittelbarkeitsfixierung' einher geht die Verselbständigung der Wahrnehmungsebene im 'deutenden'
Erkenntnisprozeß. Daraus resultiert ein Verhaftetbleiben im sinnlich-"unmittelbaren" Oberflächenschein der
Dinge/Verhältnisse/Gegebenheiten. Als unmittelbarkeitsfixiertes, anschauliches Denken ist das Deuten
geschichtsloses und statisches Denken; als erscheinungsfixiertes Denken erweist es sich als
zusammenhangsblind bzw. pseudokonkret: das unmittelbar Erfahrene wird als "das Ganze" fehluniversalisiert.
Zu konstatieren ist eine inhaltlich-strukturelle Konvergenz des individuellen Denkens mit den herrschenden
(bürgerlichen-ideologischen) Denkformen.

Emotional-motivationaler Funktionsapekt: dissoziierte Emotionalität; innerer Zwang

Essentieller Widerspruch zwischen kognitiver (deutender) und emotionaler Weltbegegnung/Realitätsbeziehung


als Grund für die aktive Abspaltung/Ver-drängung von "gefährlichen" emotionalen Wertungen, die das
oberflächlich-unmittelbarkeitsfixierte Realitätsbild konterkarieren und somit 'Unbehagen' signalisieren. "Aus
dieser 'Dynamik' der 'Entschärfung' der Emotionalität durch subjektive Verkennung ihres realen Charakters als
Handlungsbereitschaft resultiert einerseits eine scheinhafte Verinnerlichung der Emotionalität als von den
realen Lebensbedingungen isolierter,bloß 'subjektiver' Zustand des je einzelnen Individuums und andererseits
eine 'Entemotionalisierung', d.h. Zurückgenommenheit und Unengagiertheit des Handelns" (Holzkamp 1983,
S.404). Die mit der Anpassung an gesellschaftliche Herrschaftsverhältnisse stets implizierte subjektive
Übernahme/Umsetzung selbstnegierender Herrschaftsinteressen muß im Rahmen der Stabilitätswahrung
restriktiver Handlungsfähigkeit 'aktiv' verleugnet werden, "d.h. daß die äußeren Zwänge in ihrer 'Verinnerli-
chung'... für das Subjekt von motiviert verfolgbaren Anforderungen nicht mehr unterscheidbar sein dürfen. Der
so als Moment des 'Unbewußten' sich herausbildende 'innere Zwang' ist mithin eine 'motivationsförmige'
subjektive Mystifizierung der Tatsache der Unterdrückung durch die herrschenden Verhältnisse, durch deren
Akzeptieren man an der eigenen Unterdrückung aktiv beteiligt ist" (ebenda, S.413).

Selbstreflexiver Funktionsaspekt: verdrängte Selbstfeindschaft

Indem das Individuum durch das Arrangement mit den Herrschenden/Mächtigen seine Handlungsfähigkeit
abzusichern bestrebt ist, verletzt es damit 'objektiv' zugleich aber immer auch seine eigenen Lebensinteressen.
Die Begründung einer solchen Handlungsweise gegenüber sich selbst und anderen impliziert dann allerdings -
aufgrund des Ausschlusses bewußt selbstschädigenden Verhaltens - notwendig die Verdrängung, Verleugnung,
Rationalisierung etc. der Mitverantwortung an der selbstnegierenden Handlungsweise.

7
Sozialregulativer Funktionsaspekt: 'Instrumentalität' zwischenmenschlicher Beziehungen

Der Verzicht auf die Überwindung herrschaftlich gesetzter Handlungsbeschränkungen, der immer auch als
Preisgabe von kollektiven Gegenmachterfahrungen in widerständigen Gemeinschaftsformen zu sehen ist,
schließt die Zurückgeworfenheit des Subjekts auf seine subordinierte 'Privatexistenz', also seine relative
Vereinzelung, ein. Aufgrund dieses Verzichts auf gemeinsame Verfügungserweiterung im allgemeinen
Interesse der Verbesserung der menschlichen Lebensmöglichkeiten erscheint dann im individualistischen
Nützlichkeitshorizont bestenfalls die Verbündung von Partialinteressen gegen die Partialinteressen anderer als
"vernünftig". Indem darüberhinaus das Arrangement mit den Herrschenden als Zentralmoment der restriktiven
Handlungsfähigkeit immer auch die Durchsetzung der eigenen Partialinteressen auf Kosten anderer bedeutet,
sind folglich "die Beziehungen zu anderen Menschen durch die wechselseitige Instrumentalisierung des jeweils
anderen für die eigenen Interessen charakterisiert" (ebenda, S.375).

VERALLGEMEINERTE HANDLUNGSFÄHIGKEIT

Kognitiver Funtionsapekt: "Begreifen"

Die "erscheinende" Alltagsrealität wird in ihrer Bestimmtheit durch die bürgerlich-kapitalistischen


Klassenverhältnisse erfaßt. Die gesellschaftlichen Lebensbedingungen werden in ihrem historischen Charakter
als gewordene und veränderbare Strukturen erkannt. Die Durchbrechung der "erscheinenden Unmittelbarkeit"
der Lebenslage sowie die 'alltagsdialektische' Realisierung des Gesellschaftlich-Allge-meinen im Besonderen
der individuellen Lebensumstände fundiert ein 'begreifendes Möglichkeitsdenken' in Verbindung mit der Einsicht
in die Einbezogenheit der eigenen Existenz und ihres 'Standpunkts' in den gesellschaftlich-historischen Prozeß.
Kennzeichnend ist eine inhaltlich-strukturelle Konvergenz des individuellen Denkens mit gesellschaftskritisch-
emanzipatorischen Denkformen.

Emotional-motivationaler Funktionsaspekt: (re-)integrierte Emotionalitä; verallgemeinerte Motivation

Durchbrechung der tendenziellen Gegensätzlichkeit von 'Gefühl' und 'Verstand' und damit Überwindung der
bloßen 'Innerlichkeit' der Emotionalität vermittels der Nutzung/Wiedergewinnung der eigenen Emotionen als
Erkenntnisquelle sowie "Erfassung der in den emotionalen Wertungen liegenden subjektiven
Handlungsnotwendigkeiten in Richtung auf die gemeinsame Verfügungserweiterung" (Holzkamp 1983, S.410).
Das schließt ein die "Gewinnung von Entschiedenheit, Fülle und Angstfreiheit gegenwärtiger Emotionalität"
(ebenda). Aufgrund der Kognizierung der Möglichkeit zur Verfügungserweiterung im gemeinsamen Kampf mit
anderen gegen bestehende Handlungsrestriktionen und der in diesem Kontext vollziehbaren (Re-)Integration
der Emotinalität gelingt dem Einzelnen die motivierte Übernahme von zugleich überindividuell und subjektiv
bedeutsamen Zielen in Form einer 'verallgemeinerten Motivation'.

Selbstreflexiver Funktionsaspekt: begreifende Selbsterkenntnis

Das individuelle Subjekt erlangt mit der Erkenntnis der historischen Gewordenheit und Veränderbarkeit der
objektiven gesellschaftlichen Strukturen zugleich auch Einsichten in die Eingebundenheit/Geprägtheit des
eigenen Selbst in die/durch die zu erkennende Wirklichkeit. Auf diese Weise gewinnt es "eine ne-ue
Perspektive auf sich selbst als gestalt- und entwickelbare, zur 'Selbstüber-schreitung' potentiell befähigte
Persönlichkeit. Begreifende Selbsterkenntnis impliziert somit immer auch die Einsicht in die
'Selbsthervorbringungskom-petenz' des individuellen gesellschaftlichen Menschen" (Krauss 1996, S.129).

Sozialregulativer Funktionsaspekt: 'Intersubjektivität' zwischenmenschlicher Beziehungen

Da die subjektive Realisierung der Möglichkeit der Verfügungserweiterung stets den kooperativen (wenn auch
oftmals nur rudimentären und konflikthaften) Zusammenschluß mit anderen zwecks Herstellung kollektiver
Gegenmachtstrukturen beinhaltet, werden hier prinzipiell die Grenzen der individuellen Subjektivität
überschritten bzw. die Schranken der "Privatexistenz" durchbrochen. Diese Assoziierung mit anderen im
Interesse der Durchsetzung/Verallgemeinerung der Verfügung über die gesellschaftlichen Lebensbedingungen
birgt auch die Möglichkeit der strukturellen 'Entfeindung' bzw. 'Entinstrumentalisierung' des Mit-Menschen sowie
dessen Anerkennung als gleichraniges, von mir unterschiedenes, aber über gemeinsame Interessen
verbundenes Subjekt, dessen Höherentwicklung/Fähigkeitserweiterung unsere "gemeinsame Sache" befördert.
In seinen letzten, erst posthum veröffentlichen Arbeiten hat Klaus Holzkamp die 'alltägliche Lebensführung' als
subjektwissenschaftlich relevantes Forschungsfeld bestimmt, auf dem die kritisch-psychologischen Kategorien
empirisch zu vermitteln und weiter auszudifferenzieren sind. Im Gegensatz zur traditionellen Psychologie, in
deren 'Standardversuchsanordnung' der alltägliche Weltbezug des Individuums ausgemerzt ist, und das als
Versuchsperson zurechtgestutzte Subjekt einem verstümmelten Torso gleicht, "dessen Erfahrungs- und
Handlungsmöglichkeiten in der realen Welt quasi gekappt worden sind" (Holzkamp 1996, S.18), rückt Holzkamp
das individuelle Subjekt "innerhalb einer bestimmten Scene seiner .alltägliche Lebensführung" ins analytische

8
Zentrum der Psychologie. Auch von sozialwissenschaftlicher Seite, so vom (ehemaligen) Münchner
Forschungsprojekt "Flexibilisierte Arbeitsverhältnisse und die Organisation der individuellen Lebensführung" ist
die alltägliche Lebensführung bereits als eine aktive Bewältigungsleistung des Individuums hervorgehoben
worden, die darin besteht, die unterschiedlichen (insbesondere reproduktionsnotwendigen)
Tätigkeitsanforderungen zeitlich zu koordinieren und zu einem subjektiv sinnvollen und relativ harmonischen
Ganzen zu synthetisieren. Diese subjektive Bewältigungsleistung muß als ein fragiles, d.h. stets aktiv zu
modifizierendes 'Fließgleichgewicht' angesehen werden, das es beständig gegen Störungen verschiedenster
Art abzusichern gilt. Im einzelnen sind hier folgende Anforderungsebenen zu unterscheiden:

a) die "Ebene der zeitlichen Organisation des Alltags als Synchronisations-, Koordinations- und
Planungsleistung"; b) die "Ebene der sachlich-arbeitsteiligen Organisation des Alltags als Abstimmungs- und
Aushandlungsleistung bezüglich der individuellen Optionen wie der Verteilung von Aufgaben und Ressourcen";
sowie c) die "Ebene der sozialen Organisation des Alltags als Aushandlungs- und Abstimmungsleistung zur
Regulierung von Beziehungen und sozialen Kontakten" (Holzkamp 1995, S.822).
Entscheidend ist nun allerdings, daß die soziologische Subjektorientierung (vgl. hierzu Holzkamp 1995,
S.831ff.) bei aller Bezugnahme auf die Subjektivität der Individuen (hier: der Interviewten) prinzipiell nicht den
"Standpunkt dritter Person" verläßt. Dh.: "Der Standpunkt/die Perspektive der Subjekte kommen als
selbständige begriffliche und methodologische Instanz nicht vor" (Holzkamp 1996,S.67). Die Realitätssicht der
Betroffenen wird so in soziologischer Sichtweise, wenn überhaupt, in Termini der Sozialstruktur, bestenfalls
noch in Termini der Bedeutungsstruktur erfaßt; ausgeblendet bleibt aber in jedem Fall die Dimension der
'subjektiven Handlungsgründe' als zweiter grundlegender Vermittlungsebene zwischen Individuum und
Gesellschaft (s.u.). "Daraus ergibt sich nun für uns, daß erst mit unserer Explikation der Vermittlungsebene der
subjektiven Handlungsgründe(7) die 'alltägliche Lebensführung' tatsächlich als eine Aktivität vom Standort und
aus der Perspektive der Subjekte in ihrer Vermittlung mit der Gesellschaftsstruktur wissenschaftlich aufweisbar
und analysierbar ist. Dies bedeutet aber, daß das Konzept der 'alltäglichen Lebensführung', wenn man es
adäquat entwickelt, sich als eine spezifisch psychologische Grundkategorie verdeutlicht" (ebenda, S.68).
Anmerkungen zum Status und zum theoretischen Kern der KP als materialistisch-dialektisch orientierter
Subjektwissenschaft
Die KP repräsentiert eine einzelwissenschaftliche Ausarbeitungsvariante materialistisch-dialektisch orientierter
Subjekttheorie, die mit dem Anspruch auftritt, erst die kategorialen und methodologischen Grundlagen für eine
genuin wissenschaftliche Psychologie im Entwicklungsinteresse der Menschen geschaffen zu haben. Obwohl
nun in der Tat der 'elaborierte', d.h. grundbegrifflich und methodologisch systematisch entfaltete Charakter des
kritisch-psychologischen Theorieaufbaus besticht und die KP m.E. - neben und im Kontext mit der
Kulturhistorischen Schule der früheren sowjetischen Tätigkeitspsychologie - den differenziertesten
subjektwissenschaftlichen Ansatz verkörpert, sind doch folgende 'konstitutionellen' bzw. statusbedingten
Grenzen zu reflektieren:

1) 'Naturgemäß' fungiert die traditionelle Psychologie mit ihren charakteristischen Bornierungen,


Ausblendungen, Einseitigkeiten, verdeckten ideologischen Implikationen, wissenschaftsinstitutionellen Zwängen
etc. als herausragendes negatorisches/reinterpetatives Bezugssystem der KP. Da aber, wie Holzkamp (1983,
S.345) richtig bemerkt, das Problem des Verhältnisses zwischen der Determination/'Bedingtheit' und der
Subjektivität/Freiheit der menschlichen Lebenstätigkeit ein disziplinübergreifendes human- und
gesellschaftswissenschaftliches Kernproblem darstellt, ist die einzelwissenschaftliche "Fixierung" auf die
traditionelle Psychologie grundsätzlich zu problematisieren. Nimmt man nämlich die Trivialität traditionell-
psychologischer Theorien sowie deren weitgehende Mißachtung der 'Subjekthaftigkeit' menschlicher
Lebenstätigkeit zum Maßstab, dann ist zu fragen, ob nicht die kritisch-reinterpretative Auseinandersetung z.B.
mit philosophischen und geschichtswissenschaftlichen Diskursen über die Stellung und die
Handlungsmöglichkeiten des Menschen in der Welt ein lohnenderes bzw. mindestens ebenbürtig relevantes
'Geschäft' ist. Die Entwicklung einer Kritischen Psychologie wäre in dieser Perspektive als eine kontingent und
vorläufig anzusehende Realisierungsform materialistischer-dialektischer Subjektwissenschaft unter der zeit- und
standortspezifischen Prämissenlage ihrer InitiatorInnen zu betrachten. Allein aber angesichts der
gegenstandsspezifischen Komplexität erscheint es mir zukünftig angemessener zu sein, die
einzelwissenschaftliche Fixierung in Richtung auf die Inangriffnahme einer interdisziplinär orientierten und
fundierten 'Kritischen Subjektwissenschaft' zu überwinden, wobei der gesamte Fonds an kritisch-
psychologischen Erkenntnissen in unreduzierter Form einzubringen bzw. zu rezipieren wäre.
2) Die KP begreift sich zum einen als marxistisch orientierte Wissenschaft, wobei sie "von der inneren Einheit
und Vereinbarkeit sowie der wechselseitigen Durchdringung der verschiedenen Bestandteile des Marxismus
ausgeh(t). Wir heben uns damit eindeutig ab von...Auffassungen, in welchen LENINS Beitrag zur
Weiterentwicklung der marxistischen Theorie geleugnet wird, weiterhin unvereinbare Divergenzen der
Positionen von MARX und ENGELS behauptet werden und in der Konsequenz allein MARX, speziell der MARX
der Kritik der politischen Ökonomie im 'Kapital' als legitime Grundlage anerkannt und die interpretierende
Durchdringung des Textes von MARX' 'Kritik' als hinreichende Voraussetzung für die Lösung aller relevanten
Probleme betrachtet wird" (Holzkamp 1983, S.33). Zum anderen sieht Holzkamp die KP "als Beitrag in die
philosophisch-gesellschaftstheoretische Ebene materialistischer Dialektik hinein" (ebenda). Insofern wäre sie

9
"der Versuch eines inneren Ausbaus der materialistischen Dialektik in Richtung auf eine mit deren Mitteln
empirisch forschende marxistische Individualwissenschaft" (ebenda, S.34). Neuerdings hat Markard (1997,
S.71) insbesondere drei Bezüge der KP auf die von Marx begründete Theorie hervorgehoben:

1.die Spezifizierung und Anwendung des logisch-historischen Verfahrens zur Fundierung psychologischer
Grundbegriffe, 'Kategorien'

2.der Bezug auf die Resultate Marxscher und marxistisch gesellschaftstheoretischer Analysen, d.h. die Nutzung
und Konkretisierung gesellschaftstheoretischer Erkenntnisse für die Aufschlüsselung individueller Erfahrungen,
und 3.die Nutzung und Konkretisierung v.a. in der Warenanalyse enthaltener psychologischer
Bedeutungsmomente wie 'objektive Gedankenformen'."
Auffällig ist in diesem 'grundlagentheoretischen' Kontext nun allerdings der vollständige Verzicht der KP auf
eine explizite Kritik an der "parteimarxisti-schen" Verflachung, Deformierung und legitimationsideologischen
Instrumentalisierung der theoretischen Konzepte von Marx, Engels und Lenin, wie sie insbesondere innerhalb
der "kommunistischen Weltbewegung" einschließlich der "realsozialistischen Staatsparteien" zu konstatieren
war(8). Als Kehrseite dieser Selbstbeschränkung fehlt zudem eine inhaltliche Auseinandersetzung der KP mit
jenen marxistischen TheoretikerInnen, die vom "Parteimarxismus" marginalisiert und/oder verfemt waren ,
deren Werke (z.B. Lukács und Gramsci) aber gerade subjekttheoretisch relevante Ideen enthalten (vgl. hierzu
Krauss 1998).

3) Mit der von der KP begrifflich als "doppelte Möglichkeit" gefaßten elementaren Alternativität menschlicher
Lebensgestaltung unter antagonistischen Gesellschaftsbedingungen rückt konsequenterweise die Frage nach
der subjektiven Entscheidungslogik (angesichts der bipolaren Möglichkeitskonstellation) ins Zentrum der
subjektwissenschaftlichen Theoriebildung. Warum (aus welchen Gründen) verwirft oder realisiert das konkret-
historisch positionierte Individuum die Möglichkeit der Verfügungserweiterung? Die KP hat hierauf im
wesentlichen mit ihrem Konzept des 'Motivationswiderspruchs' geantwortet. Danach ist Motivation als der
emotional-antizipatorische Aspekt der Handlungsplanung und -ausführung prinzipiell dadurch charakterisiert,
"daß in die antizipatorische Wertung der zu erreichenden zukünftigen Situation hier notwendig zwei
widersprüchliche Bestimmungen eingehen, die Wertung der zukünftigen Lebensqualität und die Wertung der
auf dem Weg dorthin'erwarteten' Anstrengungen und Risiken: Nur soweit sich bei der kognitiv-emotionalen
Verarbeitung dieser widersprüchlichen Bestimmungsmomente im Ganzen eine positive Wertigkeit der
antizipierten Aktivität ergibt, die die Wertigkeit der gegenwärtigen Situation übersteigt, kann die Aktivität
tatsächlich 'motiviert' vollzogen werden" (Holzkamp 1983, S.300; alle Sperrungen entfernt, H.K.) Unter
antagonistischen Lebensverhältnissen manifestiert sich dieser allgemeine Motivationswiderspruch im
Widerstreit zweier sich ausschließender Wertungen: a) der positiv-antizipato-rischen Wertung der mit der
angestrebten Verfügungserweiterung in Aussicht stehenden Erhöhung/Verbesserung der Lebensqualität
(Optimierungsantizipati-on) und b) der negativ-antizipatorischen Wertung der erwarteten aggressiven Abwehr-
und Gegenmaßnahmen der verfügungsbehindernden Herrschaftsinstanzen (Risikoantizipation). Dem so
gefaßten 'Motivationswiderspruch' liegt innerhalb der kritisch-psychologischen Theorieentwicklung Ute
Osterkamps 'Kon-fliktmodell' zugrunde(9). Danach "müssen Konflikte in ihrer 'menschlichen' Spezifik generell
im Prozeß der Erlangung und Gefährdung von Handlungsfähigkeit in der Teilhabe und Kontrolle der
allgemeinen und damit individuellen Lebensbedingungen entstehen und bewältigt werden" (Holzkamp-
Osterkamp 1978, S.277). Die Pole menschlicher Konflikte werden generell so gekennzeichnet: "Auf der einen
Seite bestimmte emotionale Handlungsbereitschaften, die durch die Kognition und Bewertung von
Möglichkeiten zur in der Erfüllung gesellschaftlicher Anforderungen erreichbaren langfristigen
Lebensverbesserung entstanden sind; auf der anderen Seite die emotional bewertete Antizipation von durch die
Realisierung dieser Handlungsbereitschaften drohendem Verlust der Handlungsfähigkeit und
Existenzsicherung" (ebenda, S.280.) Innerhalb bürgerlich-kapitalistischer Verhältnisse"muß sich der Mensch in
Abhängigkeit von seiner konkreten Lebenslage objektiv entscheiden, wieweit er die aus Einsicht in
allgemeingesellschaftliche Notwendigkeiten entstandene emotionale Bereitschaft zu einem Beitrag zur
Erhöhung gesellschaftlicher Realitätskontrolle und damit Verbesserung der Kontrolle über seine eigenen
Lebensbedingungen tatsächlich in Handlungen realisieren oder aufgrund des Risikos des Entzugs seiner
Existenzgrundlage durch die herrschende Klasse oder ihrer Agenten auf diesen Beitrag verzichten soll"
(ebenda, S.279).
Obwohl nun das 'Konfliktmodell' sowie das Konzept des 'Motivations-widerspruchs' subtile Einsichten in
psychische Regulierungszusammenhänge der antagonistisch vergesellschafteten Menschen beinhalten, so sind
doch m.E. folgende Einseitigkeiten, Reduktionen und Erklärungsmängel zu konstatieren:

a) Im Kontext des 'Konfliktmodells' und des 'Motivationswiderspruchs' wird der Prozeß der Gewinnung
adäquater Einsichten in die subjektiv relevanten gesellschaftlichen Zusammenhänge angesichts eines in sich
antagonistisch strukturierten Ensembles von "ideologischen" Bedeutungen (Ideen, Theorien, Programme,
Erklärungen, Handlungsaufforderungen etc.) auf eigentümliche Weise entproblematisiert. D.h. es wird
unterstellt, daß das individuelle Subjekt bereits über hinreichende Kognitionen/Einsichten in
allgemeingesellschaftliche Notwendigkeiten, Herrschaftszusammenhänge, Widerspruchkonstellationen etc

10
verfüge, um sodann vermittels dieser unterstellten kognitiven "Ausrüstung" zu entscheiden, ob es kämpft (sich
auflehnt, protestiert etc.) oder sich anpaßt bzw. in Unterwerfung verharrt .Der Einzelne imponiert somit als
"wissender Risikoabwäger" bzw. - im Falle des Verzichts auf Verfügungserweiterung - als "aufgeklärter
Feigling"(10).

b) Die "Entwichtigung" des Prozesses der Gewinnung adäquater Einsichten ist m.E. einerseits
"reinterpretationsbedingt": In dem Maße, wie die Freudsche Psychoanalyse in ihrer Fixierung auf "unbewußte
Triebimpulse" u.ä. den kognitiven (rationalen) Funktionskomplex des Psychischen ausblendet, schlägt diese
"Einseitigkeit" in spezifischer Form auf das kritisch-psychologische Konfliktmodell durch. Zum anderen wäre
aber auch das kritisch-psychologische Bedeutungskonzept - z.T. im Rekurs auf Leontjew - folgendermaßen zu
erweitern bzw. zu präzisieren:
Bedeutungen sind nicht nur gesellschaftlich erarbeitete Vergegenständlichungen von Handlungs- und
Denkmöglichkeiten, sondern auch Verkörperungs- bzw. Ausdrucksmöglichkeiten von persönlichem Sinn. Eine
elementare Dimension von ("ideologischen") Bedeutungen bilden je-ne "Funktionseinheiten" von intern
korrespondierenden Aussagen, Werturtei-len und Normen (Handlungsaufforderungen), die sich in
antagonistisch strukturierten Gesellschaften wechselseitig negieren/konterkarrieren. Angesichts der
antagonistischen Prägung der gesellschaftlichen Bedeutungssysteme ist die reale Kompliziertheit der Suche
nach adäquaten Bedeutungen als untrennbar-durchgängiger Aspekt der 'Konfliktbewältigung' herauszuheben:
"Der persönliche Sinn...kann unter diesen Bedingungen keine ihn adäquat verkörpernden objektiven
Bedeutungen finden und beginnt dann gleichsam in fremder Kleidung zu leben ...Dies schafft auch die
Möglichkeit, in sein Bewußtsein entstellte oder phantastische Vorstellungen und Ideen hineinzutragen,...die in
der realen praktischen Lebenserfahrung keinerlei realen Boden haben" (Leontjew 1982, S.149).

c) Die subjektive Wertung des erlebten Widerspruchs zwischen individuellem Streben nach verbesserter
Realitätskontrolle und der Erfahrung herrschaftlicher Restriktion kann man nicht auf - sekundär vermittelte -
"Sanktionsangst" im Falle der Realisierung von Aktivitäten gegen die verfügungsbehindernden Instanzen
reduzieren bzw. zentrieren. Vielmehr ist hier die ganze Palette negativer Emotionsqualitäten wie Zorn, Wut,
Empörung etc. in ihrer tätigkeitsregulierenden (darin eingeschlossen: Angst kompensierenden bzw.
neutralisierenden) Funktion im Kontext des relativ offenen und "reversiblen" Suchprozesses nach adäquaten
("widerspruchslösenden") Bedeutungen in Rechnung zu stellen (vgl. Krauss 1996, S.120ff.).

d) Die im kritisch-psychologischen 'Konfliktmodell'/'Motivationswider-spruch' (über-)akzentuierten


Zusammenhänge sind m.E. angemessener als Teilmomente der "übergreifenden" subjektiven Verarbeitung des
antagonistischen Entwicklungswiderspruchs der Persönlichkeit zu begreifen. In diesem Konzept der subjektiven
Widerspruchsverarbeitung habe ich versucht, wesentliche Einsichten/Kategorien der kulturhistorischen
Tätigkeitspsychologie sowie der KP zu integrieren und im Hinblick auf die subjektive "Entscheidungslogik" unter
antagonistischen Lebensbedingungen zu fokussieren (vgl. Krauss 1996). An Stelle einer ausgefalteten
Rekapitulierung meines Konzepts möchte ich hier lediglich folgendes Schema einfügen:

Antagonistischer Entwicklungswiderspruch der Persönlichkeit und allgemeine Zusammenhänge der subjektiven


Widerspruchsverarbeitung

4) Wie in den vorangegangenen Ausführungen aufgezeigt wurde, wird im 'Bedingtheitsdiskurs' der


traditionellen Psychologie das subjektive Verhalten als durch äußere Einflüsse unmittelbar verursacht
angesehen, d.h. als von außen kausal-mechanisch determiniert betrachtet. Demgegenüber insistiert der
kritisch-psychologische 'Begründungsdiskurs' darauf, "daß Handeln in seiner menschlichen Besonderheit nicht
unmittelbar durch die Lebensumstände bedingt ist, sondern durch mentale Aktivitäten und Intentionsprozesse,
wie inneres Sprechen, Selbstkommentare etc. vermittelt, in welchen man sich zu seinen widersprüchlichen
Erfahrungen wiederum bewußt verhalten kann, um so sein Handeln und seine Interessen, wie man sie jeweils
wahrnimmt, zu begründen" (Holzkamp 1994, S.13).
Auch im Interesse der Entwicklung einer Psychologie, die den Subjektstandpunkt nicht nur nicht ausblendet,
sondern im Gegenteil ins Zentrum rückt, kann man freilich - übrigens im Sinne der "Durchhaltung" einer
kritischen Perspektive auch gegenüber dem Subjekt - den 'Außenstandpunkt nicht vollständig desavouieren.
Erstens ist der 'Außenstandpunkt' ontologisch nicht transzendierbar. Zwar kann ich mich systematisch darum
bemühen, den Standpunkt/die Prämissenlage sowie die subjektiven Handlungsgründe des Anderen zu
rekonstruieren bzw. verstehend nachzuvollziehen. Aber ich vermag natürlich nie gänzlich mich in den Anderen
"hineinzuversetzen" und meinen eigenen Standpunkt außerhalb des Anderen aufzugeben. Es verbleibt somit
immer eine unaufhebbare Erfahrungs- und Erlebnisdifferenz zwischen mir und dem /den Anderen.
Zweitens ist der 'Außenstandpunkt' auch als Artikulation des Subjektstandpunkts des Anderen mir gegenüber
zu begreifen. Mit seinem "Standpunkt außerhalb" signalisiert mir der Andere seine Beschaffenheit als
eigensinniges Intentionalitätszentrum, das ich als abgrenzungs- und auseinandersetzungsfähige Einheit in
Rechnung zu stellen habe; wobei dieser zwischenmenschlich-intentionale "Aufprall" überhaupt erst - nämlich im
Falle der zumindest partiellen wechselseitigen Anerkennung - die Möglichkeit für die Herstellung eines 'inter-
subjektiven Beziehungsmodus' zu stiften vermag.

11
Wie bereits angesprochen, liegt nach Holzkamp das einzige materiale Apriori der Individualwissenschaft darin,
"daß der Mensch sich nicht bewußt schaden kann" (1983, S.350). Desweiteren wird der notwendige soziale
Bezug der subjektiven Handlungsgründe auf den 'verallgemeinerten Anderen" betont. "Da ich mich...aufgrund
der Strukturen der gesellschaftlichen Denkformen in deren Aneignung/Realisierung niemals anders denn als
'Fall von' verallgemeinertem Anderen (verallgemeinertem Nutzer/Produzenten) denken kann...unterliegen auch
'meine' Handlungsgründe dem eigenen Anspruch nach ihrer Verallgemeinerbarkeit, sind also subjektiv-
intersubjektive Handlungsgründe. Sofern also meine Handlungen für mich tatsächlich 'begründet' sind, müssen
diese Gründe prinzipiell auch 'für Andere' einsehbar, also intersubjektiv verständlich sein" (ebenda/alle
Sperrungen entfernt, H.K.).Und weiter heißt es: "'Unverständlich-keit ' bedeutet damit lediglich, daß für mich die
'Prämissen', aus denen sich die Verständlichkeit, Begründetheit, subjektive Funktionalität der Handlungen
ergeben würden, nicht bekannt, verborgen etc. sind, was einschließt, daß, wenn ich diese Prämissen kennen
würde, die faktische Verständlichkeit/Begründetheit der Handlungen auch für mich einsehbar wäre (ebenda,
S.351).
M.E. greift dieser kritisch-psychologische Teildiskurs bezüglich der intersubjektiven
'Nachvollziehbarkeit'/'Verständlichkeit' von subjektiven Handlungsgründen im Kontext antagonistischer
Lebensverhältnisse zu kurz. Zum einen ist nämlich in aller Deutlichkeit darauf zu verweisen, daß der individuelle
Mensch zwar nicht sich selbst, wohl aber anderen (Mit-)Menschen bewußt schaden kann bzw. seine
gesellschaftlich durchformte Bedürftigkeit/Sinnhaftigkeit oftmals auf Kosten, zu Lasten und zum Schaden
anderer realisiert. Andererseits ist der auf der Erscheinungsebene zwar "unvernünftig", "irrational",
"unerklärlich" etc. anmutende, aber im Hinblick auf die "binnenlogische" Schlüssigkeit durchaus "rationale"
Charakter jener reaktionär-antihumanen Bedeutungmomente (Ideologeme) zu berücksichtigen, die von
konkreten Individuen als Handlungsprämissen selegiert worden sind(11). Von elementarer Relevanz wäre es
deshalb, eine radikale begriffliche Unterscheidung zwischen "verstehendem"/"ratio-nalem" Nachvollziehen von
Handlungsgründen im Lichte der Rekonstruktion der (ja stets mehrere alternative Handlungsmöglichkeiten
implizierenden) subjektiven Prämissenlage und dem moralischen Akzeptieren jener rekonstruierten
Handlungsgründe vorzunehmen. Auf diese Weise könnte auch der prinzipielle Subjektstandpunkt mit einer
subjektkritischen (hinterfragenden) Perspektive verbunden werden. Die begriffliche Differenzierung zwischen
'rationalem Verstehen' und ' moralischem Akzeptieren' ist dabei als notwendiges Implikat einer intersubjektiven
Beziehungsform zu sehen, in welcher das Verhältnis zwischen mir und dem/den Anderen im Spiegel des
Allgemeininteresses(12) reflektiert und begründbar reguliert wird. Als Teilaspekt einer progressiven
Widerspruchsverarbeitung schließt dieser Beziehungsmodus folglich die kritische Konfrontation des Subjekts
mit dem Maß der humanen Verallgemeinerbarkeit von Handlungsgründen im Sinne des Marxschen
kategorischen Imperativs ein, alle unmittelbaren Verhaltensweisen/Handlungen zu unterlassen, die zur
Konstituierung/Stabilisierung/Perpetuierung von Verhältnissen beitragen, "in denen der Mensch ein erniedrigtes,
ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist" (Marx 1988, S.385).

Anmerkungen

1 Aus meiner Sicht lassen sich rückblickend drei Entwicklungsabschnitte der KP unterscheiden: Erstens die
Konstituierungsphase (1967-1973), in der die wissenschafttstheoretisch-ideologiekritische Auseinandersetzung
mit der traditionellen Psychologie bestimmend war (vgl. Holzkamp 1972); zweitens die erste
Ausarbeitungsphase der KP (1973-1983), vom Erscheinen der "Sinnlichen Erkenntnis" bis zur "Grundlegung
der Psychologie" und drittens die zweite Ausarbeitungsphase (1983 bis heute), in der die kategorial-
methodischen Prinzipien der "Grundlegung" auf konkrete Problemfelder wie 'Lernen',
'Rassismus/Diskriminierung', 'psychologische Praxis', und 'alltägliche Lebensführung' angewendet werden.

2 "Als 'bürgerlich' wird Sozialwissenschaft dann bezeichnet, wenn sie die kapitalistische Gesellschaft nicht als
qualitativ spezifisch, aus einer strukturell anderen Gesellschaftsform historisch entstanden und in bestimmten
prinzipiellen Antagonismen und Begrenztheiten nur durch Transformation in eine strukturell andere
Gesellschaftsform aufhebbar begreift, sondern die bürgerliche Gesellschaft insofern mit 'Gesellschaft
überhaupt' identifiziert, als sie ihre Übel als quasi naturgegeben hinnimmt bzw. die Möglichkeit ihrer optimalen
Entwicklung ohne qualitativ-strukturelle Veränderungen voraussetzt" (Holzkamp 1972c, S.199).

3 "Es handelt sich hier nicht um eine Übertragung des Marxschen Vorgehens auf ein anderes, diesem fremdes
und äußerliches Gebiet. Die Methodik der Erforschung von Entwicklungsprozessen konkreter Individuen, da
diese Entwicklungen Teilmoment gesellschaftlicher Entwicklung sind, kann nur eine Spezifizierung der
allgemeinen gesellschaftsanalytischen Methodik sein, und zwar deswegen, weil sie im Prinzip den gleichen
Gegenstand, die gesellschaftliche Entwicklung, hat, der hier nur in einem bestimmten, quasi mikroskopischen
Aspekt thematisiert ist (Holzkamp 1978c, S.255).

4 Hervorzuheben sind insbesondere folgende Veröffentlichungen: Klaus Holzkamps "Sinliche Erkenntnis -


Historischer Ursprung und gesellschaftliche Funktion der Wahrnehmung"; Ute Holzkamp-Osterkamps
zweibändige "Grundlagen der Motivationsforschung" und Volker Schurigs zweibändige "Naturgeschichte des
Psychischen" sowie sein Buch "Die Entstehung des Bewußtseins"

12
5 "Die historische Methode unter den Prämissen des historischen und dialektischen Materialismus begreift
ihren Erkenntnisgegenstand in seiner Entstehung aus den objektiven Notwendigkeiten des wirklichen
materiellen Lebensprozesses: unter naturgeschichtlichem Aspekt den Notwendigkeiten der organismischen
Lebenserhaltung, unter gesellschaftlich-historischem Aspekt den Notwendigkeiten der Erhaltung und Entfaltung
des gesamtgesellschaftlichen Lebens und unter individualgeschichtlichem Aspekt den Notwedigkeiten der
Lebenserhaltung und-entfaltung des individuellen gesellschaftlichen Menschen" (Holzkamp/Schurig 1980,
S.XXVI).

6 Entscheidend ist hierbei, daß 'Bedingungen/Prämissen' und 'Gründe' nicht dichotomisch gegenübergestellt,
sondern als vom Subjekt aktiv vermittelt begriffen werden: "Menschliche Handlungen/Befindlichkeiten sind also
weder bloß unmittelbar-äußerlich 'bedingt', noch sind sie Resultat bloß 'subjektiver' Bedeutungsstiftungen o.ä.,
sondern sie sind in den Lebensbedingungen 'begründet'" (Holzkamp 1983, S.348).

7 Für die Konstituierung der 'subjektiven Handlungsgründe' ist die 'phänomenale' Gegebenheit des
permanenten inneren Zwiegesprächs als wesentliches Merkmal menschlicher Subjektivität von fundamentaler
Bedeutung. Dieser "innere Selbstumgang ist sozusagen das Medium, das den Hintergrund und Kontext für
meine gesamte Lebenstätigkeit bildet - wobei die Veräußerlichung und Vergegenständlichung meines inneren
Sprechens in lauten Sprachäußerungen nur eine - wenn auch zentrale - Funktion des inneren Sprechens
darstellt" (Holzkamp 1996, S.63).

8 Ökonomistische und mechanistische ("außendeterministische") Positionen, wie sie Holzkamp exemplarisch-


kritisch gegenüber dem ehemaligen "Projekt Klassenanalyse" herausgearbeitet hat, waren im kommunistischen
"Parteimarxismus" (z.B der DKP und SEW) - übrigens auf deutlich niedrigerem Niveau als bei Bischoff u. a. -
dominante Einstellungsmuster.

9 Zum Stellenwert des 'Konfliktmodells' für die Entfaltung der KP vgl. Holzkamp 1984, S.29ff.

10 Hätte der Einzelne die gesellschaftliche Realität in ihrer antagonistischen Strukturiertheit, Gewordenheit

11 Hätte der Einzelne die gesellschaftliche Realität in ihrer antagonistischen Strukturiertheit, Gewordenheit,
Aufhebungsnotwendigkeit und -möglichkeit wirklich begreifend durchdrungen und daraus hervorgehend zudem
ein neues handlungsstrategisches Wissensniveau erreicht, dann würde sich auch seine vormals "kleinmütige"
Risikoeinschätzung bezüglich der aggressiven Resistenz der Herrschenden qualitativ ermäßigen. "Wissen,
Erkenntnis, die - wenngleich auch nur partiell - helfen, den Alltag, die Vergangenheit, die absehbare Zukunft
mitsamt den Bedrohungen und den Ursachen der Bedrohungen zu durchschauen, zu begreifen, damit allererst
gestaltbar zu machen, sind immer auch psychische Gratifikationen, weil sie jenen utopischen "Kern" in der
aufklärungsresistenten psychischen Struktur anrühren, der trotz aller Deformationen eher ahnt, denn davon
weiß, daß die Welt zu erkennen und zu gestalten besser ist als bloßes Erleiden" (Ahlheim 1993, S.227).

12 Zur Verdeutlichung verweise ich exemplarisch auf jene säkularen und religiösen Bedeutungen als
"Generatoren" subjektiver Begründungsmuster, in denen die Gleichwertigkeit menschlicher Lebensrechte
grundlegend negiert und die Unversehrtheit des Anderen auf z.T. grausame Weise 'begründet' mißachtet wird.
So fungieren rechtsextremistisch-rassistische ebenso wie islamistisch-fundamentalistische
Bedeutungsvarianten als Prämissen in sich schlüssiger ("vernünftiger") Begründungmuster für die Ermordung
angeblich "fremdrassiger", "ungläubiger" etc. in jedem Falle aber "minderwertiger" Menschen (vgl. Krauss
1992.und Krauss 1997). Auch die im Kontext der spätkapitalistischen "Konsum- und Ellenbogengesellschaft"
nahegelegten Normen der Lebensführung und Selbstpräsentation initiieren massenhaft die Reproduktion jener
hedonistisch-egozentrischen Begründungsmuster (einschließlich delinquentem Erlangen von 'Statussymolen'),
die in sich schlüssig den/die Anderen in seiner/ihrer Eigenwertigkeit und Subjekthaftigkeit/Leidensfähigkeit gar
nicht mehr wahrzunehmen vermögen. Nicht nachgiebig-"verstehende" Akzeptanz, sondern massive
(Re-)Konfrontation mit der Eigensinnigkeit der negierten/verletzten Mitmenschen scheint mir hier die adäquate
Interventionstrategie zu sein (vgl. Huisken 1996 und Norddeutsche Antifagruppen.o.J.).

13 "Das Allgemeininteresse bestimmt sich generell dadurch, daß es als allgemeines nicht gegen die Interessen
bestimmter Personen oder Gruppen gerichtet sein kann. Das Allgemeininteresse ist damit immer - gleichviel
wie es sich näher konkretisiert - ein Interesse an der Überwindung der Unterdrückung des Menschen durch den
Menschen, d.h. gerichtet auf die Verfügung der Menschen über ihre eigenen Angelegenheiten, die damit sich
nicht fremden konträren Interessen unterwerfen und der Willkür der Mächtigen ausliefern wollen" (Holzkamp
1980, S.210).

13
Literatur:

Ahlheim, Klaus: Wider den sozialpädagogischen Gestus - Rechtsextremismus als Herausforderung an die Pädagogik. In:
Argumente gegen den Haß. Über Vorurteile, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus. Band II: Textsammlung.
Ausgewählt von: Klaus Ahlheim, Bardo Heger, Thomas Kuchinke. Herausgegeben von der Bundeszentrale für politische
Bildung und der Hessischen Landeszentrale für politische Bildung, Bonn 1993, S.221-227.
Graumann, Carl Friedrich: Phänomenologische Analytikund experimentelle Methodik in der Psychologie - das Problem der
Vermittlung. In:Braun, Karl-Heinz, Holzkamp, Klaus: Subjektivitätals Problem psychologischer Methodik. 3. Internationaler
Kongreß kritische Psychologie, Marburg 1984, Frankfurt; New York 1984, S.38-59.
Holzkamp, Klaus: Kritische Psychologie. Vorbereitende Arbeiten. Frankfurt am Main 1972.
Holzkamp, Klaus: Verborgene anthropologische Voraussetzungen der allgemeinen Psychologie (1972a). In: Holzkamp
1972, S.35-73.
Holzkamp, Klaus: Die kritisch-emanzipatorische Wendung des Konstruktivismus (1972b). In: Holzkamp 1972, S.99-146.
Holzkamp, Klaus: Kritischer Rationalismus als blinder Kritizismus (1972c). In: Holzkamp 1972, S.173-205.
Holzkamp, Klaus: Die Überwindung der wissenschaftlichen Beliebigkeit psychologischer Theorien durch die Kritische
Psychologie. In: Holzkamp, Klaus: Gesellschaftlichkeit des Individuums. Aufsätze 1974-1977. Köln 1978a, S.129-201.
Holzkamp, Klaus: Kann es im Rahmen der marxistischen Theorie eine Kritische Psychologie geben? In: Holzkamp, Klaus:
Gesellschaftlichkeit des Individuums. Aufsätze 1974-1977. Köln 1978b, S.202-230.
Holzkamp, Klaus: Das Marxsche "Kapital" als Grundlage der Verwissenschaftlichung psychologischer Forschung. In:
Holzkamp, Klaus: Gesellschaftlichkeit des Individuums. Aufsätze 1974-1977. Köln 1978c, S.245-255.
Holzkamp, Klaus: Zur kritisch-pschologischen Theorie der Subjektivität I. Das Verhältnis von Subjektivität und
Gesellschaftlichkeit in der traditionellen Sozialwissenschaft und im Wissenschaftlichen Sozialismus. In: Forum Kritische
Psychologie 4 (Argument-Sonderband AS 34), Berlin 1979, S.10-54.
Holzkamp, Klaus: Individuum und Organisation. In: Forum Kritische Psychologie 7 (Argument-Sonderband AS 59), Berlin
1980, S.208-225.
Holzkamp, Klaus: Grundlegung der Psychologie, Frankfurt/Main; New York 1983.
Holzkamp, Klaus: Kritische Psychologie und phänomenologische Psychologie. Der Weg der Kritischen Psychologie zur
Subjektwissenschaft. In: Forum Kritische Psychologie 14 (Argument Sonderband AS 114), Berlin 1984, S.5-55.
Holzkamp, Klaus: Verborgene Begründungsmuster in traditionellen Lerntheorien? In: Forum Kritische Psychologie 34,
Berlin; Hamburg 1994, S.13-17.
Holzkamp, Klaus: Alltägliche Lebensführung als subjektwissenschaftliches Grundkonzept. In: Das Argument. Zeitschrift für
Philosophie und Sozialwissenschaften 212, Berlin; Hamburg 1995, S.817-846.
Holzkamp, Klaus: Manuskripte zum Arbeitsprojekt "Lebensführung". In: Forum Kritische Psychologie 36, Berlin; Hamburg
1996, S.7-112.
Holzkamp, Klaus, Schurig, Volker: Zur Einführung in A.N. Leontjews "Probleme der Entwicklung des Psychischen". In:
Leontjew 1980, S.XI-LII.
Holzkamp-Osterkamp, Ute: Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung 1, 2. korr. u. um e. Reg. erg. Aufl.,
Frankfurt am Main und New York 1975.
Holzkamp-Osterkamp, Ute: Grundlagen der psychologischen Motivationsforschung 2. Die Besonderheit menschlicher
Bedürfnisse - Problematik und Erkenntnisgehalt der Psychoanalyse. 2. korr. Aufl. Frankfurt am Main und New York 1978.
Huisken, Freerk: Jugendgewalt. Der Kult des Selbstbewußtseins und seine unerwünschten Früchtchen, Hamburg 1996.
Krauss, Hartmut: (Neo-)Faschismus und 'triumphierender' Kapitalismus. Wesensgehalt und subjektive Funktionalität
(neo-)faschistischer Ideologie. In: HINTERGRUND. Marxistische Zeitschrift für Gesellschaftstheorie und Politik. Osnabrück
II-92, S.35-48.
Krauss, Hartmut: Das umkämpfte Subjekt. Widerspruchsverarbeitung im 'modernen Kapitalismus'. Berlin 1996.
Krauss, Hartmut: Faschismus und Fundamentalismus. Varianten totalitärer Bewegung im Spannungsfeld zwischen
prämodernem Traditionalismus und kapitalistischer "Moderne". In: HINTERGRUND. Marxistische Zeitschrift für
Gesellschaftstheorie und Politik. Osnabrück III/96, S.26-42; IV/96, S.18-51; I/97, S.18-35.
Leontjew, Alexej Nikolajewitsch: Probleme der Entwicklung des Psychischen, Königstein/Ts. 1980.
Leontjew, Alexej Nikolajewitsch: Tätigkeit, Bewußtsein, Persönlichkeit, Köln 1982.
Markard, Morus: Zum Empiriebezug von "Begründungsmustern" als "implikativen" Zusammenhangsaussagen. In: Forum
Kritische Psychologie 34, Berlin; Hamburg 1994, S.61-66.
Markard, Morus: Kritische Psychologie muß marxistisch sein! In: Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung Heft 30, Frankfurt
am Main 1997, S.69-81.
Marx, Karl: Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einleitung. MEW Band 1. Berlin 1988, S.378-391.
Norddeutsche Antifagruppen (Hrsg.): "Rosen auf den Weg gestreut...". Kritik an der "Akzeptierenden Jugendarbeit mit
rechten Jugendcliquen". Bremen; Hamburg o.J

14