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HISTORISCHE ENTWICKLUNG DES STRAFPROZESSES IN SERBIEN

1815 - 1865

I. Einleitung

Der Strafprozess hat eine außerordentlich große Bedeutung für das normale
Funktionieren des Rechtssystems eines jeden Staates. Damit der Schutz vor
unerwünschtem und die Gesellschaft gefährdendem Verhalten die erwarteten
Ergebnisse gewährleisten kann, genügt es nicht lediglich vorzuschreiben, was die
Rechtsordnung nicht zulässt, sondern man muss auch Regeln darüber aufzustellen, wie
festzustellen ist, wer der vermeintliche Täter einer bestimmten Straftat ist und welchem
Verfahren man ihn unterziehen wird. Von den Vorschriften zur Regelung des
Strafprozesses hängt vielmehr das weitere Schicksal der für die Begehung einer Straftat
beschuldigten Person ab. Die Antwort darauf, ob jemand als unschuldig von der
Anklage freigesprochen oder als Schuldiger verurteilt wird, kann in der modernen
Gesellschaft lediglich im Rahmen des Strafprozesses erhalten werden.
Auch der serbische Gesetzgeber war sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts der
grundlegenden Bedeutung der Strafprozessnormen bewusst. Aus diesem Grunde
verwundert es auch nicht, dass man nahezu gleich nach der Erlangung der faktischen
Autonomie von der Türkei im Jahre 1815 zu ihrer normativen Regelung übergegangen
ist. Anfangs nicht besonders zahlreich und lediglich rudimentär, stieg die Zahl dieser
Rechtsvorschriften allmählich an, sie wurden immer detaillierter und erhielten Umrisse
einer modernen Strafprozessordnung. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die
Verabschiedung des Gesetzbuches über Gerichtsverfahren in Strafsachen (im weiteren
Text = GGS, 1865), der ersten strafprozesslichen Kodifikation in Serbien.
Trotz seiner großen Bedeutung wurde die Entwicklung des serbischen
Strafprozesses niemals synthetisch behandelt. In der serbischen Rechtswissenschaft ist
dieser nur in Form von partiellen Studien vertreten, welche seine gesamte Entwicklung
nur in einem Teil des Zeitraums von 1815 bis 1865 verfolgen, oder aber lediglich als
Historie eines konkreten strafprozesslichen Instituts in einem längeren oder kürzeren
Zeitraum dargestellt sind.
Die Rechtsakte, die sich auf den Strafprozess beziehen, sind allumfassend in den
Sammelbändern der Gesetze und Verordnungen des Fürstentums Serbien dargestellt
(Im weiteren Text = Sammelband der Gesetze), der offiziellen Sammlung der zu jener

1
Zeit in Serbien verabschiedeten Rechtsvorschriften.1 Da dieser Sammelband jedoch
nicht die untergesetzlichen Akte des Justizministeriums enthält, mit denen eine
beträchtliche Anzahl von Fragen in Zusammenhang mit dem Strafprozess geregelt
wurde, ist als eine unumgängliche Quelle auch das Werk von Dj. Petrović mit dem Titel
Wörterbuch aller Gesetze, Verordnungen und Erlässe anzusehen, in dem auch diese Art
von Vorschriften enthalten ist.2
Nahezu alle strafprozessrechtlichen Vorschriften jener Zeit kann man in
verkürzter Fassung auch in dem Sammelband mit dem Titel Gesetzesquellen des
Strafrechts Serbiens und seine sowie die historische Entwicklung der
Strafrechtsprechung von 1804 bis 1865, welcher von T. Živanović herausgegeben
wurde.3 Einige der Normen können auch in dem zweibändigen Werk von V. und N.
Petrović Stoff für die Geschichte des Königreichs Serbien gefunden werden. Es gilt zu
erwähnen, dass der Gruppe von Dokumenten, die sich auf den Strafprozess beziehen,
eine theoretische Einführung vorangeht, in dem die Autoren die Geschichte dieses
Rechtszweigs in Serbien kurz darstellen, indem sie vor allem die für die Prozessführung
und Beweismittel zuständigen Organe behandeln.4
Die umfassendste geschichtliche Darstellung des Strafprozesses in Serbien
stammt von B. Marković und seinem Werk Lehrbuch des gerichtlichen Strafprozesses
im Königreich Jugoslawien. Da der Autor ein exzellenter Rechtswissenschaftler und ein
guter Kenner der Archivalien war, übersteigen der Umfang und die Struktur der
behandelten Materie bei Weitem das Niveau eines Lehrbuches. Marković stellte eine
überaus detaillierte Übersicht über alle wichtigen Vorschriften auf, die den Bereich des
Strafprozesses damals geregelt haben, er bearbeitete aber auch die damals gängigen
Beweismittel und ging des Weiteren auch auf die Versuche der Kodifikation des

1
Zbornici zakona (Sammelbänder der Gesetze) I-XIII, Belgrad 1840-1865.
2
Dj. Petrović, Rečnik sviju zakona, uredbi i uredbeni ukaza izdani u Knjaževstvu Srbiji od 1827. do
polovine 1854. godine (Wörterbuch aller Gesetze, Verordnungen und Erlässe, die im Fürstentum von
1827 bis Mitte 1854 verabschiedet wurden) (im weiteren Text = Wörterbuch), Belgrad 1856.
3
Z. Živanović, Zakonski izvori krivičnog prava Srbije i istorijski razvoj njegov i njenog krivičnog
pravosuđa od 1804 do 1865 (Gesetzesquellen des Strafrechts Serbiens und seine sowie die historische
Entwicklung der Strafrechtsprechung von 1804 bis 1865) (im weiteren Text = Gesetzesquellen), Belgrad
1967.
4
V. Petrović, N. Petrović, Građa za istoriju Kraljevine Srbije (Stoff für die Geschichte des Königreichs
Serbien) (im weiteren Text = Stoff) I, Belgrad 1882, 236-237, 248-253, 271-273; Stoff II, Belgrad 1884,
S. 471, 481.

2
Strafprozessrechtes in Serbien sowie auf die Entstehung des Strafprozessesgesetzbuches
ein.5
Von der Literatur, die konkrete Rechtsinstitute behandelt, gilt es an dieser Stelle
einige Titel zu erwähnen. Zu den bedeutendsten Werken zählt sicherlich die bisher nicht
genügend gewürdigte Monographie des Rechtsanwalts J. Milinković-Alavantić Kritik
des Strafprozessesgesetzbuches bei Straftaten. Dieses Werk ist, wie der Titel schon
selbst sagt, ein Kommentar des ersten serbischen Strafprozessesgesetzbuches, doch der
Autor geht in ihm nicht selten auch auf die Anwendung einzelner prozessualer Institute
in der Praxis vor der Verabschiedung des Strafprozessesgesetzbuches ein. Besonders
bedeutend sind die Ausführungen über die Vernehmung des Beschuldigten und die
Torturanwendung im Strafprozess.6
In seiner Studie Theorie der gerichtlichen Beweise in Strafsachen lieferte P. J.
Savić eine kurze Darstellung der Beweisaufnahmen vor der Einführung eines
einheitlichen Strafprozesses und der Arbeit an der Kodifizierung des gerichtlichen
Strafprozesses.7
Die Erkenntnisse über die historische Entwicklung des Strafprozesses in Serbien
in der Zeit zwischen 1815 und 1865 können selbstverständlich auch durch Archivalien
ergänzt werden. Wenn es sich um strafprozessliche Vorschriften handelt, sind die
umfassendsten und wertvollsten Angaben über die Motive, die den Gesetzgeber zu ihrer
Verabschiedung und zur Diskussion über ihre Bestimmungen bewegt haben, in den
Archivfonds Staatsrat und Fürstliche Kanzlei des Archivs Serbiens in Belgrad zu
finden.
Die besten Zeugen darüber, wie der Strafprozess aussah, sind sicherlich die
Prozesse, die vor den Kreisgerichten geführt wurden, so dass es sich für die Erlangung
eines vollständigen Bildes vom Gegenstand der vorliegenden Untersuchung empfehlen
würde, auch deren Unterlagen zu Rate zu ziehen.8
Bei der Untersuchung des Phänomens des Strafprozesses von 1815 bis 1865 darf
man zudem auch ein bisher fast gänzlich unbehandeltes Segment der
5
B. Marković, Udžbenik sudskog krivičnog postupka Kraljevine Jugoslavije (Lehrbuch des gerichtlichen
Strafprozesses im Königreich Jugoslawien), Belgrad 1930, S. 46-65.
6
J. Milinković Alavantić, Kritika na Zakonik o postupku sudskom u krivičnim delima (Kritik des
Strafprozessesgesetzbuches in Strafsachen), Belgrad 1883, S. 17-19, 23, 25, 45-46, 100.
7
P. J. Savić, Teorija sudskih dokaza u krivičnim delima (Theorie der gerichtlichen Beweise in
Strafsachen), Belgrad 1886, S. 63-74.
8
Im Archiv Serbiens existieren Fonds des Kreisgerichts Belgrad, des Kreisgerichts Kragujevac und des
Kreisgerichts Užice.

3
Strafrechtsprechung, nämlich die außerordentlichen Gerichte nicht außer Acht lassen.
Obwohl es sich hierbei um eine ziemlich häufige Erscheinung im Rahmen des
serbischen Rechtslebens der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts handelte, fanden diese
Gerichte keinen Eingang in die Literatur. Die fehlenden Angaben können durch die
Verwendung der Fonds Außerordentliches Gericht für Rebellen, Außerordentliche
Kommission, Standgericht für die Akteure des "Aufstands der Berittenen",
Außerordentliches Gericht für den Erlass von Urteilen in Klagen des Volkes gegen
Beamte, Geistliche, Lehrer und Fronherren sowie durch Unterlagen einzelner
Kreisgerichte ersetzt werden, die einen Teil der Archivalien über außerordentliche
Gerichte beherbergen.9

II. Strafprozess in Serbien vom Mittelalter bis 1815


1) Strafprozess im mittelalterlichen Serbien

Am Anfang der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft, aber auch in einem


längeren Zeitraum bis ins Mittelalter hinein, hatten Angriffe, die gegen die
Lebensinteressen des Einzelnen oder der Gesellschaft gerichtet waren, keine Reaktion
der staatlichen Organe zur Folge. Die Verfolgung des Straftäters hing einzig und allein
vom Willen des Geschädigten, bzw. der Familie des Opfers ab. Erst wenn diese
beschlossen, den Delinquenten zu verfolgen, wurde ein Verfahren gegen ihn
angestrengt.
Im Mittelalter änderte sich dann die Situation wesentlich. Der Staat übernahm
immer mehr die strafrechtliche Verfolgung, so dass es notwendig wurde zu bestimmen,
wie sie aussehen würde. Da der Staat dies auch tat, sind in vielen Rechtsdenkmälern aus
dem Mittelalter auch Angaben über Strafprozesse zu finden.
Auch die historische Entwicklung des Strafprozesses in Serbien vollzog sich auf
die gleiche Art und Weise. Anhand der mittelalterlichen Rechtsdenkmäler, die die
Selbstjustiz - eigenmächtige Gerechtigkeitsausübung verbieten, kann man den Schluss

9
Das Kreisgericht Užice wurde 1850 und 1861 zum Standgericht erklärt, wenn es sich um Prozesse
gegen die des Haidukentums bezichtigte Personen handelte. Gleiches galt auch 1863 für Prozesse wegen
Haidukentum, Raub, räuberische Erpressung, Diebstahl (außer Kleindiebstahl) und vorsätzliche
Brandstiftung. Das Kreisgericht Belgrad fällte Urteile als Standgericht im Zeitraum vom 7. Juni bis zum
27. September 1862 für Diebstahl, Raub, Haidukentum und Gewalt im Sinne der Kapitel 23. und 24. des
Strafgesetzbuches (es handelt sich um unterschiedliche Modalitäten der drei genannten Straftaten,
Unterschlagung, Nötigung und Unterstützung der Haiduken), sowie 1863 für die gleichen Straftaten wie
das Kreisgericht Užice.

4
ziehen, dass sie eine weit verbreitete Praxis war, der die Gesetzgebung nun Einhalt zu
gebieten versuchte. Außer dem Verbot der Selbstjustiz, regelten die partikulären
Rechtsvorschriften zudem eine ganze Reihe von Fragen aus dem Bereich des
Strafprozesses - Vorladung zum Gericht, sachliche Zuständigkeit, Beweismittel u. a.10
Der Strafprozess wurde allumfassender erst durch ein Rechtsdenkmal des
mittelalterlichen Serbien geregelt, das auf dem gesamten Territorium des Staates
Gültigkeit hatte, nämlich durch das Gesetzbuch des Zaren Dušan (im weiteren Text =
Gesetzbuch, 1349 und 1354). Das Gesetzbuch umfasste an einem Ort alle wichtigen
Belange des Strafprozesses - die sachliche Zuständigkeit unterschiedlicher Arten von
Gerichten, die Art und Weise der Vorladung zum Gericht, den Ablauf des Verfahrens,
die Beweismittel und die Vollstreckung des Urteils.11
Es bleibt jedoch unklar, in welchem Ausmaße die Bestimmungen des
Gesetzbuches in der Praxis angewandt wurden. Aus dem mittelalterlichen Serbien ist
nämlich bis zu den heutigen Tagen kein Gerichtsurteil erhalten geblieben. Eine
eventuelle Entdeckung eines der Urteile, was jedoch äußerst unwahrscheinlich
erscheint, würde diesen bisher in großem Maße ungeklärten Bereich erhellen können.

2) Strafprozess in Serbien während der türkischen Okkupation

Das mittelalterliche Serbien verlor im Jahre 1459 seine Staatlichkeit und fiel
unter türkische Herrschaft. Mit dem Ende der mittelalterlichen serbischen Staatlichkeit
hörte auch das serbische mittelalterliche Recht auf, angewendet zu werden. Im Bereich
des Strafprozesses als einem der Zweige des öffentlichen Rechts hatten die türkischen
Gerichte zu urteilen.12 Die Zuständigkeit für die Aburteilung der Straftaten oblag dem

10
Siehe T. Taranovski, Istorija srpskog prava u Nemanjićkoj državi (Geschichte des serbischen Rechts im
Staat der Nemanjiden), Belgrad 1998, S. 675-786.
11
A. Solovjev, Zakonik cara Stefana Dušana 1349. i 1354. (Gesetzbuch des Zaren Stefan Dušan 1349
und 1354), Belgrad 1980, S. 173, 181, 195-196; 198-199, 220, 235, 244-245, 251-252, 258-265, 296-301,
307, 318, 321, 329; A. Solovjev, Istorija slovenskih prava, Zakonodavstvo Stefana Dušana cara Srba i
Grka (Geschichte der slavischen Rechte, Gesetzbuch von Stefan Dušan, dem Zaren der Serben und
Griechen), Belgrad 1998, S. 515-526; S. Novaković, Zakonik Stefana Dušana, cara srpskog (Gesetzbuch
von Stefan Dušan, dem serbischen Zaren), Belgrad 2004, S. 152, 155, 160, 163, 180, 184, 196, 199, 206,
211, 236, 254, 262.
12
Gemäß den Grundsätzen des Korans konnten in zivilprozesslichen Sachen die nichtmuslimischen
Parteien Rechtsstreitigkeiten vor ihren eigenen Gerichten austragen. Siehe S. Šarkić, Istorija države i
prava Srbije (Geschichte des Staates und Rechts Serbiens), Novi Sad 2009, S. 38.

5
türkischen Staatsrichter (Kadi), wobei das Verfahren nach den Normen des türkischen
Prozessrechts durchgeführt wurde.13

3) Strafprozess zur Zeit des Ersten Serbischen Aufstand

Nach fast dreieinhalb Jahrhunderten türkischer Herrschaft brach 1804 der Erste
Serbische Aufstand unter der Führung von Djordje Petrović-Karadjordje aus, der die
Befreiung von der türkischen Herrschaft und die Schaffung eines unabhängigen
serbischen Staats zum Ziel hatte. Auf Initiative Russlands wurde 1805 der Große
serbische Volksrat (im weiteren Text = Volksrat) gegründet, der zusammen mit dem
Anführer des Aufstands, nämlich mit Karadjordje, über die schwersten Straftaten zu
urteilen hatte. Zwei Jahre später gab der Volksrat einen Erlass heraus, mit dem die
Einrichtung von Magistraten14 (Gerichten) in jeder Nahie (Verwaltungsbezirk) auferlegt
wurde, gegen deren Beschlüsse die mit dem Urteil unzufriedene Partei Beschwerde
einlegen konnte.
Eine solche Organisation des Gerichtswesens wurde 1811 zum Teil geändert, als
das Große Wilajetgericht als Gerichtsabteilung des Volksrates ins Leben gerufen wurde.
Durch dieses Gericht konnten Urteile sowohl in erster als auch in zweiter Instanz
ergehen. Die Rolle des erstinstanzlichen Gerichts übernahm es immer dann, wenn es
über die Woiwoden (die bedeutendsten Heerführer der Aufständischen) zu urteilen galt
und wenn es sich um Verfahren wegen schwerer Straftaten handelte. Als Gericht
zweiter Instanz verfuhr es bei Beschwerden gegen die Entscheidungen des Magistrats.
Die Gerichtsgewalt hatte zudem auch der Anführer des Aufstands, Karadjordje, doch es
lässt sich nur schwer feststellen, in welchen Sachen sie genau zur Anwendung kam, da
man aus den Quellen sehen kann, dass er Urteile in allen Sachen und in allen Phasen des
Strafprozesses gefällt hatte.15
13
Siehe M. Begović, Pregled šerijatskog krivičnog prava, Glas Srpske akademije nauka i umetnosti –
odeljenje istorijskih nauka (Übersicht des Scharia-Strafrechts, Die Stimme der Serbichen Akademie der
Wissenschaften und Künste, Abteilung der geshichtlichen Wissenschaften) CCCLX (1990), S. 9–13
14
Im Ersten Serbischen Aufstand, aber auch ab Anfang der 20-er bis Ende der 30-er Jahre des 19.
Jahrhunderts war mit Magistrat das Gericht gemeint, und zwar im Gegensatz zu Österreich (woher der
Begriff übernommen wurde), wo der Begriff für die Stadtverwaltung verwendet wurde.
15
S. Šarkić, D. Popоvić, D. Nikolić, Istorija srpskog pravosudja (XII-XV vek) (Geschichte der serbischen
Rechtsprechung (12. - 15. Jh.), Belgrad 1997, S. 45-48; Lj. Krkljuš, Pravna istorija srpskog naroda
(Rechtsgeschichte des serbischen Volkes), Novi Sad 2002, S. 192-198; D. Papazoglu, Krivično pravo i
pravosuđe u Srbiji 1804-1813 (Strafrecht und Rechtsprechung in Serbien 1804-1813), Belgrad 1954, S.
9-55.

6
Außer diesen Gerichten, die man bedingt auch als ordentliche Gerichte
bezeichnen kann, existierten zudem außerordentliche Ermittlungskommissionen.
Karadjordje griff auf sie in zwei Fällen zurück, als Klagen über einzelne Oberhäupter
eingereicht wurden, sie würden ihre Macht missbrauchen. Umfassendere Angaben über
die Wirkung dieser Kommissionen sind in den Quellen jedoch nicht erhalten
geblieben.16

II. Strafprozess in Serbien 1815-1865


1) Einleitung

Nach der Niederschlagung des Ersten Serbischen Aufstands im Jahre 1813


wurde die türkische Herrschaft im Belgrader Paschalik wieder hergestellt. 17 Da nach der
Niederschlagung des Aufstands der Terror gegen das serbische Volk erneut einsetzte,
griffen die Serben bereits 1815 erneut zu den Waffen, um dadurch die eigene Lage zu
verbessern. Dieses Ereignis ist in der Historiographie als der Zweite Serbische Aufstand
bekannt.
Sich dessen bewusst, dass er mit Waffengewalt nicht gegen das übermächtige
türkische Heer ankommen konnte, wandte sich der Anführer des Zweiten Serbischen
Aufstands, Miloš Obrenović, Verhandlungen mit den Türken zu. Diese Verhandlungen
sollten letztendlich am 25. Oktober 1815 zum Erfolg führen. 18 Miloš Obrenović schloss
eine mündliche Vereinbarung mit dem neu ernannten Belgrader Wesir 19 Marasli Ali
Pascha über die Einführung einer gemeinsamen serbisch-türkischen Verwaltung im
Belgrader Paschalik. Diese Vereinbarung ermöglichte die Gründung einzelner
serbischer Staatsorgane, die parallel zu den türkischen Organen existierten. Unter ihnen
befand sich auch die Volkskanzlei als Exekutivorgan und Gericht, das gemäß der
16
Delovodni protokol Karadjordja Petrovića (Verhandlungsprotokoll von Karadjordje Petrović)
(Redaktion I. Stojanović), Belgrad 1868, S. 169–170; V. B. Savić, Karadjordje-dokumenti III
(Karadjordje-Dokumente III.), Gornji Milanovac 1988, S. 955.
17
Paschalik, Beglerbeglik oder Wilajet war die größte verwaltungstechnisch-territoriale Einheit des
Osmanischen Reiches. Zu Beginn gab es lediglich zwei (Rumelien und Anadolien), während die Zahl am
Höhepunkt der türkischen Macht im 16. Jh. auf 40 stieg. Obwohl das Gebiet, in dem der Erste Serbische
Aufstand ausbrach, offiziell Sandschak von Smederevo hieß (türkisch sançak = Fahne, kleinere territoriale
Einheiten, in die das Paschalik unterteilt war), hat sich in der Literatur wegen des faktischen Sitzes des
Gebiets und des Titels, welchen sein Verwalter (Pascha) führte, die Bezeichnung Belgrader Paschalik
eingebürgert, so dass sie auch in der vorliegenden Arbeit verwendet werden wird.
18
Die Daten in der Arbeit sind nach dem Julianischen Kalender angegeben, der in Serbien bis 1919 galt.
19
Den Titel Wesir führten in der Türkei primär der Staatsdiener, der an der Spitze der Hohen Pforte (der
inoffiziellen türkischen Regierung) stand, doch als Wesire wurden auch Beamte bezeichnet, die einzelne
Beglerbeglike, ja sogar Flotten anführten. Siehe Šarkić, op. cit., S. 36.

7
getroffenen Absprache Serben für schwerere Straftaten zu verurteilen hatte. Zudem
vereinbarte man, dass in Fällen, in denen türkische Muselimi (Exekutivorgane des
Kadis) Prozesse gegen Serben führten, dem Verfahren auch ein serbischer Fürst
beiwohnen musste.20 Man kann sagen, dass die Gründung der Volkskanzlei der Beginn
der neuzeitlichen Entwicklung des Strafprozesses in Serbien war, die mit der Zeit
immer dynamischer verlaufen sollte.

2) Gerichtsarten und ihre sachliche Zuständigkeit

Die in Serbien eingeführten Gerichte lassen sich in ordentliche und


außerordentliche unterteilen. Zu den ordentlichen gehörten die Gerichte der allgemeinen
Zuständigkeit (Volkskanzlei, Bezirksälteste, Schlichtungsgerichte, Kreisgerichte,
Appellationsgericht, Oberster Gerichtshof, Fürst) sowie spezialisierte Gerichte
(Militärgerichte und bedingt auch Bezirks- und Kreisleiter 21 sowie die Verwaltung der
Stadt Belgrad22 als zuständige Organe für Gerichtsverfahren wegen polizeilicher
Vergehen, d.h. Ordnungswidrigkeiten). Außerordentliche Gerichte sind die ad hoc
eingerichteten Gerichte zwecks Führung von Verfahren im konkreten Fall, wobei das
dort geführte Verfahren vom ordentlichen Verfahren abwich. Am häufigsten traten sie
in Form von Standgerichten in Erscheinung, d.h. als Gerichte, gegen deren Urteile keine
Beschwerden eingelegt werden konnten.23 Wegen des an dieser Stelle begrenzt zur

20
Hinsichtlich der Vereinbarung siehe z. B. D. Janković, Istorija države i prava Srbije u XIX veku
(Geschichte des Staates und Rechts Serbiens im 19. Jh.), Belgrad 1955, S. 46.
21
Bezirks- und Kreisleiter wirkten als Expositur der zentralen Gewalt in kleineren und größeren
verwaltungstechnisch-territorialen Gebieten, in die Serbien unterteilt (Bezirke und Kreise) war, und zwar
mit verschiedenartigem Wirkungskreis, wobei die Sorge um Recht und Ordnung im Bezirk, bzw. dem
Kreis wohl die wichtigste Tätigkeit war. Siehe Sammelband der Gesetze I., Belgrad 1840, S. 78-83.
22
Die Verwaltung der Stadt Belgrad war eine Polizeidirektion, die 1841 mit der Aufgabe gegründet
wurde, für die Wahrung der gesellschaftlichen Ordnung in der Hauptstadt zu sorgen. Sammelband der
Gesetze II, Belgrad, S. 158-159.
23
Der serbische Begriff für Standgericht wurde aus dem deutschen Wort Standrecht abgeleitet. Dies wird
anhand von drei Quellen ersichtlich - der Eingabe des Innenministeriums an Fürst Mihailo aus dem Jahr
1840, mit der er darüber in Kenntnis gesetzt wurde, dass ein gewisser Förster Radovan bei einer
Verbrecherverfolgung ums Leben gekommen war, und man vorschlägt, dass seine Mörder standrechtlich
zum Tode verurteilt werden. Der Autor des in der Serbischen Volkszeitung veröffentlichten Artikels (die
Zeitung Serbske narodne novine erschien in Österreich), in dem über die Einberufung eines Standgerichts
nach dem Aufstand im Bezirk Mačva (1840) berichtet wurde, bezeichnete diese Einrichtung als
standrechtlich und fügte in Klammern eine Erklärung für diesen Begriff an. Und schließlich wurde im
Schreiben des Innenministeriums an Fürst Mihailo vom 16. Mai 1842 umgekehrt verfahren: man schlug
die Einberufung eines Standgerichts für Haiduken vor, die vom serbischen auf türkisches Gebiet
einfielen, wobei auch das deutsche Wort Standrecht verwendet wurde. Siehe Archiv Serbiens (im
weiteren Text = АS), Ministerium für Äussere Angelegenheiten – Innere Abteilung (im weiteren Text =
МАА-IA) III/69 (1840), Ministerium für Innere Angelegenheiten an Fürst Mihailo Nr. 3021, Kragujevac

8
Verfügung gestellten Raums werden in der vorliegenden Arbeit lediglich die
ordentlichen Gerichte behandelt werden, während bei einem anderen Anlass auf die
spezialisierten und außerordentlichen Gerichte eingegangen werden wird.
In der Entwicklung der ordentlichen Gerichtsbarkeit in Serbien bis zum Jahre
1865 lassen sich 3 Hauptphasen ausmachen. Die erste dauerte von 1815, als die
Volkskanzlei gegründet wurde, bis Anfang der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts, als die
ersten Kreisgerichte gegründet und Vorschriften erlassen wurden, die ihre Tätigkeit
regelten. Danach begann die zweite Phase, die bis zur Verabschiedung der sog.
Türkischen Verfassung (1838)24 andauerte. Ab dem Inkrafttreten dieser Verfassung
dauerte die dritte und zugleich letzte Phase bis zur Verabschiedung des
Strafprozessesgesetzbuches und der mit ihr einhergehenden Einrichtung von
Kreisgerichten, des Appellations- und Kassationsgerichts (1865).
Während der ersten Periode übten die gerichtliche Gewalt entsprechend der
getroffenen Vereinbarung über gemeinsame Verwaltung sowohl die serbischen, als auch
die türkischen Organe aus. Die Fürsten der Fürstentümer25 und Nahies26, die Belgrader
Volkskanzlei, die Allgemeine serbische Volkskanzlei in Kragujevac und schließlich
auch Fürst Miloš selbst gehörten zu den serbischen Organen, während zu den türkischen
die Muselimi und der Belgrader Pascha (Wesir) zählten. Interessant ist, dass die
gerichtliche Zuständigkeit der türkischen Organe in Serbien normativ auch vom Fürsten
Miloš geregelt wurde, was als Beleg für seine Bestrebungen anzusehen ist, sich als
unangefochtener Souverän auf dem von ihm beherrschten Gebiet aufzudrängen.
Dass die Fürsten der Fürstentümer und Nahies in jener Zeit das Recht hatten,
über andere zu urteilen, wird aus einigen von Fürst Miloš erlassenen Vorschriften
ersichtlich. Es lässt sich jedoch nicht leicht ermitteln, wie die Zuständigkeiten unter
ihnen aufgeteilt waren. Als er, zum Beispiel, Milutin Petrović zum Fürsten von

29. VI. 1840; MIA-IA III/180 (1842), Ministerium für Innere Angelegenheiten an Fürst Mihailo, Belgrad
16. Mai 1842; Serbske narodne novine, Nr. 89 von 7. November 1840, S. 357.
24
Die Verfassung Serbiens, die in Istanbul in Form eines vom Sultan handschriftlich verfassten Briefes
(Hatischerifs) am 10. Dezember 1838 erlassen wurde, nannte man später wegen der Form der
Verabschiedung in der Historiographie populär "Türkische Verfassung".
25
Fürstentümer (knežina) waren im Osmanischen Reich eine Form der faktischen territorialen
Selbstverwaltung der serbischen Bevölkerung, da die Macht der türkischen Organe lediglich bis zur
Ebene der Nahies reichte. Obwohl dieser Begriff auch eine zeitlang nach der Befreiung von den Türken
verwendet wurde, hat man ihn schon bald durch die Bezeichnung Bezirk abgelöst.
26
Nahie ist die Bezeichnung für die kleinste verwaltungstechnisch-territoriale Einheit des Türkischen
Reiches. Der Begriff wurde in Serbien auch nach der Befreiung verwendet, doch schon bald vom Begriff
Kreis verdrängt.

9
Homolje27 ernannte, befugte ihn der Herrscher, Strafen bis zu 25 Hieben mit einem
dünnen Stock auszusprechen. Unklar bleibt jedoch, ob auch die anderen Fürsten der
einzelnen Fürstentümer eine solche gerichtliche Zuständigkeit besaßen.28 Aus der
Urkunde, mit welcher der Herrscher seinen Bruder Jevrem Obrenović zum Fürsten der
Nahie von Valjevo29 ernannte, ist zu erfahren, dass zumindest in diesem Teil Serbiens
die Fürsten gemeinsam mit den Fronherren (Dorfherrschern) urteilten.30
Das, was man heute mit Sicherheit weiß, ist, dass die Reihenfolge der
Gerichtsinstanzen nicht einheitlich geregelt war. Laut Urkunde, mit der er Milutin
Petrović ins Amt hob, schrieb ihm Fürst Miloš vor, alle Sachen an die Volkskanzlei
weiterzuleiten, in denen eine schwerere Strafe auszusprechen war als 25 Stockhiebe.
Die Fürsten der Fürstentümer und die Fronherrn in der Nahie von Valjevo sollten
wiederum Sachen, in denen sie selbst keine Urteile aussprechen konnten, an Jevrem
Obrenović (den Fürsten der Nahie) leiten.31
Außer der bereits angeführten Urkunde über die Ernennung zum Fürsten der
Nahie von Valjevo, hatte der Fürst vorher am 10. Dezember 1815 den Dorfältesten in
der Nahie Vollmachten zum Urteilen erteilt, ohne jedoch dabei zu erwähnen, für welche
Straftaten sie zu gelten hatten.32 Ein Beispiel für die Umsetzung der zwischen Fürst
Miloš und Marasli Ali Pascha getroffenen mündlichen Vereinbarung über Prozesse
gegen Serben wegen begangener Straftaten findet man in der Nahie von Valjevo -
Jevrem Obrenović war nämlich nach Weisung seines Bruders verpflichtet, seine
Urteilssprüche dem Muselimi zur Genehmigung vorzulegen.33
Im Hinblick auf die Stellung der Volkskanzlei in Belgrad sind zwei
entgegengesetzte Bestrebungen von Fürst Miloš auszumachen. Er wollte die Kanzlei der
Verwaltungsgewalt berauben, doch gleichzeitig arbeitete er daran, sie zu einem
Gerichtsorgan zu machen. Ab 1817 trat die zweitgenannte Rolle der Kanzlei immer
mehr in den Vordergrund. Auch in der bereits erwähnten Urkunde, mit der Milutin
Petrović zum Fürsten von Homolje ernannt wurde, war vermerkt, dass für Urteile, die
25 Stockhiebe überstiegen, die Volkskanzlei zuständig sein wird.34
27
Kleine Region in Ostserbien (heute gehört sie fast gänzlich zur Gemeinde Žagubica).
28
Živanović, Gesetzesquellen, S. 50.
29
Stadt in Westserbien.
30
Živanović, Gesetzesquellen, S. 48.
31
Živanović, Gesetzesquellen, S. 50.
32
Živanović, Gesetzesquellen, S. 43.
33
Živanović, Gesetzesquellen, S. 48.
34
Živanović, Gesetzesquellen, S. 50.

10
Ein Organ namens Serbische Kanzlei (oder Serbische Volkskanzlei, Magistrat
von Kragujevac, Gericht Kragujevac) mit Sitz in Kragujevac35 wird in den Quellen
bereits im Jahre 1820 erwähnt. Die heute zur Verfügung stehenden Quellen belegen,
dass sie die Zuständigkeit einer ratione personae für Verfahren gegen Roma innehatte.
Fürst Miloš ermahnte den Eintreiber der Zigeunerkopfsteuer (einer Steuer, die Roma zu
entrichten hatten) zweimal, nämlich 1820 und 1821, dass er nicht über seine Mitbürger
urteilen kann, sondern sie vor das Gericht in Kragujevac schicken muss.36 Des Weiteren
wurden seine Zuständigkeiten durch einen Schriftsatz vom 29. September 1821
festgelegt, mit dem ihm Fürst Miloš die Urteilsfindung in allen weniger bedeutenden
Fällen anvertraute und ihn gleichzeitig dazu anhielt, dem Herrscher nur jene zukommen
zu lassen, die ihm "verdächtig" vorkommen.37
Die gerichtliche Zuständigkeit des Herrschers kann nicht einem genau
bestimmten Zeitraum zugeordnet werden. Absolut sicher ist, dass er alles daran setzte,
Delikte des Haidukentums selbst zu übernehmen, da er in drei Weisungen (aus den
Jahren 1815, 1821 und 1822) vorschrieb, dass sich Haiduken ausschließlich vor ihm zu
verantworten hätten (lediglich in der ersten Weisung ließ er die Möglichkeit zu, dass
über Haiduken auch die "Fürsten des Volkes", d.h. die Volkskanzlei urteilen könnte).
Für sich beanspruchte er auch die Entscheidung in Sachen der Majestätsbeleidigung,
und zwar sei es, dass diese von den Serben oder Türken begangen wurde; durch die
Proklamation vom 13. Juni 1821 befahl er, dass jeder, der sich gegen den Frieden
aussprach oder für das (türkische) Reich beleidigende Worte von sich gab, zum Fürsten
geschickt werden müsse. Vor ihm hatten sich auch all diejenigen zu verantworten, die
gegen die Vorschriften für Fährmänner vom 7. November 1821 verstießen, während in
der Weisung vom 10. Dezember 1815, mit der die gerichtliche Zuständigkeit der
türkischen Muselimi festgelegt wurde, auch die Möglichkeit erwähnt wird, dass er auch
über Mörder urteilen kann.38
All dem ist noch hinzuzufügen, dass Marasli Ali Pascha 1818 auf den Fürsten
Miloš das Recht übertrug, Todesstrafen39 aussprechen zu können, aber auch die bereits
erwähnte generelle Zuständigkeit des Fürsten, in allen wichtigeren Sachen entsprechend

35
Stadt in Zentralserbien, wirtschaftlicher und kultureller Sitz
36
Živanović, Gesetzesquellen, S. 53, 56.
37
M. Gavrilović, Miloš Obrenović II, Belgrad 1909, S. 312.
38
Živanović, Gesetzesquellen, S. 43, 55; V. Petrović, N. Petrović, Stoff II, Belgrad 1884, S. 471-473, 481.
39
Ausführlicher siehe bei M. Gavrilović, op. cit., S. 305.

11
der Weisung aus dem Jahr 1821 richten zu dürfen. Aus den Ausführungen geht
eindeutig hervor, dass dem Fürsten Straftaten vorbehalten waren, die für die
Gesellschaftsordnung am bedrohlichsten waren.
Mit Hilfe einiger Quellen kann man ein zumindest einigermaßen abgerundetes
Bild über die gerichtliche Zuständigkeit der türkischen Organe erhalten. Bereits am 10.
Dezember 1815 verschickte Fürst Miloš eine Weisung, in der er anführte, dass die
Muselimi über Serben für Straftaten zu richten hätten, die mit einer Strafe von bis zu 50
Groschen geahndet werden können, während bei anderen Taten, für die eine höhere
Strafe ausgesprochen werden konnte, die Entscheidung der Belgrader Wesir und der
Fürst zu treffen hätten. In einigen Quellen sind Hinweise auf Zuständigkeiten der
Muselimi zu finden, die bei Raub und Entführungen Urteile aussprachen. Wie bereits
angeführt, genehmigte in der Nahie von Valjevo der Muselimi die Urteile des
serbischen Fürsten der Nahie. Im Jahre 1819 richtete der Museilimi von Čačak40 immer
noch über die serbischen Bürger, was man auch anhand des Briefes von Fürst Miloš an
den dortigen Woiwoden41 Osman-Beg sehen kann, in dem er an ihn appellierte, gerecht
über Serben und Türken (unterstrichen von U. S.) zu richten.42
Der Belgrader Wesir war neben Fürst Miloš dafür zuständig, Urteile bei
Straftaten des Mordes zu fällen.43
Eine solche Abgrenzung der Zuständigkeiten sollte jedoch nicht vorbehaltlos
angenommen werden. Das immer noch nicht ausgebaute Bewusstsein darüber, dass es
notwendig ist, die Zuständigkeiten verschiedener Organe im Strafprozess voneinander
zu trennen und abzugrenzen, hatte zur Folge, dass nicht immer klar war, wer im
konkreten Fall das Urteil zu fällen hatte. So fragte zum Beispiel der Fürst des
Fürstentums Morava, Stefan Teodorović, am 29. März 1820 den Herrscher, ob über die
Strafe für den Mord an einem gewissen Fürsten Marinko er oder der Monarch zu
entscheiden hätten.44
Der zweite Zeitabschnitt in der Entwicklung des Gerichtswesens begann mit der
Gründung des Gerichts in Požarevac am 7. September 1821. Obwohl dies nicht das

40
Čačak ist eine Stadt im Westen Serbiens.
41
Bezeichnung, die man manchmal für die Muselimi verwendete. Siehe M. Gavrilović, op. cit., S. 300,
303.
42
Živanović, Gesetzesquellen, S. 48.
43
Ibidem.
44
O. Gavrilović, Ćuprijski okružni sud (Kreisgericht Ćuprija) (im weiteren Text = Gericht in Ćuprija),
Belgrad 1991, S. 109.

12
erste Gericht war, das im Lande eingerichtet wurde, stellte seine Gründung dennoch
einen Wendepunkt dar, da sie den Anstoß zur Gründung auch anderer Gerichte gab. Die
Gründung des Gerichts in Požarevac zog landesweit die Gründung neuer Gerichte nach
sich. Bereits im Jahre 1823 wurden Gerichte in Čačak, Jagodina45, Smederevo46,
Valjevo und Šabac47 gegründet. Im darauf folgenden Jahr erhielt auch Brusnica (heute
Gornji Milanovac48) ein eigenes Gericht. Der Kreis Kragujevac erhielt sein eigenes
Gericht 182649, während ein Jahr später auch das Gericht für die Belgrader Nahie
gegründet wurde, dessen Sitz sich im Dorf Rogača befand. 50 Die Einrichtung der ersten
Gerichte bedeutete jedoch keineswegs, dass es keine anderen Organe gab, die für die
Fällung von Urteilen in Strafprozessen zuständig waren. Hierbei handelte es sich um
Fronherr51, Fürsten der einzelnen Fürstentümer und Nahien, das Serbische Volksgericht
und den Fürsten Miloš.
Die Zuständigkeiten der Fronherrn und der Fürsten im Strafprozess sind nicht
genau bekannt. In den Vorschriften für die Magistrate (im weiteren Text = Vorschriften,
1825) und den Weisungen an alle Fürsten der Nahies (im weiteren Text = Weisungen,
1829) steht lediglich geschrieben, dass die Parteien sich zwecks Schutz der eigenen
Rechte zuerst an den Fronherrn (wenn sie aus dem gleichen Dorf sind) und den Fürsten
des jeweiligen Fürstentums (wenn sie aus unterschiedlichen Dörfern, aber aus dem
gleichen Fürstentum kommen) wenden müssen, um erst danach höhere
Gerichtsinstanzen anzurufen.52
Doch sie spielten auch bei den in den Magistraten geführten Prozessen eine
gewisse Rolle. So verpflichtete das Edikt des Fürsten Miloš für Magistratsmitglieder
(im weiteren Text = Edikt, 1828) die Richter, ihre Urteile in Absprache mit den Fürsten
ihrer Nahies (bzw. mit den Fürsten ihrer Fürstentümer, da das Wort im Plural verwendet
wurde) zu fällen. Gemäß der Weisung hatten sich an der Fällung von Urteilen für
45
Stadt in Zentralserbien.
46
An der Donau gelegene Stadt in Ostserbien.
47
Stadt im Westen von Serbien, wirtschaftlicher und kultureller Sitz der Region Mačva nahe der Grenze
zu Bosnien und Herzegowina.
48
Die Stadt liegt in Zentralserbien in der Region Šumadija.
49
Im Jahre 1823 wurde die Serbische Kanzlei zum Serbischen Volksgericht (siehe weiter im Text)
umgewandelt. Šarkić, Popović, Nikolić, op. cit., S. 50.
50
Ein Dorf in der Nähe von Belgrad, bekannt als Geburtsort von Janko Katić, einem der Woiwoden im
Ersten Serbischen Aufstand.
51
Das Wort kmet (vom Lateinischen comes = Graf) hat im Serbischen zwei Bedeutungen: es wird für den
Dorfältesten, aber auch für den abhängigen Bauern im Mittelalter verwendet.
52
M. Petrović, Finanzen und Einrichtungen des erneuerten Serbien (im weiteren Text = Finanzen) I,
Belgrad 1897, S. 606.

13
schwere Straftaten (z. B. bei Mord und schwerem Diebstahl) neben dem Richter auch
zwei Fronherren aus dem Dorf des Angeklagten, der Fürst des jeweiligen Fürstentums
und der jeweiligen Nahie zu beteiligen. Ihnen kam dabei eine zweifache Rolle zu -
einerseits sollten sie dem Gericht Informationen über die dem Beschuldigten zur Last
gelegte Straftat geben, andererseits hatten sie auch ihre Stellungnahme bei der Fällung
des Urteils abzugeben.53
Die sachliche Zuständigkeit des Fürsten der Nahie war relativ eng gefasst.
Entsprechend dem Wortlaut der Weisungen waren 25 Stockhiebe die maximale Strafe,
die er aussprechen konnte, woraus man schließen kann, dass sie nur bei leichteren
Straftaten zu urteilen hatten. Des Weiteren wurde ihm durch Artikel 14 der Weisungen
auferlegt, vor Beginn des Strafprozesses die durch Zeugenaussagen belegte Straftat zu
beschreiben, seine diesbezügliche Stellungnahme abzugeben und die Beschreibung an
das Magistrat zu leiten. Die Funktion des Fürsten im Rahmen des Strafprozesses war
also gar eine dreifache - er fällte Urteile bei leichteren Straftaten, nahm Aufgaben eines
Ermittlungsorgans und Richterhelfers wahr, wenn es sich um schwerere Straftaten
handelte.54
Welche Straftaten unter die sachliche Zuständigkeit des Magistrats fielen, lässt
sich aufgrund der drei erwähnten lapidaren Vorschriften nur mittelbar erschließen.
Wenn der Fürst der Nahie lediglich eine Höchststrafe von 25 Stockhieben verhängen
konnte und das Magistrat Täter, denen eine Strafe von mehr als 50 Stockhieben drohte,
an das Serbische Volksgericht zu schicken hatte, kann man schlussfolgern, dass das
Magistrat Strafen zwischen 25 und 50 Stockhieben aussprechen konnte. Artikel 7 der
Pflichten der Mitglieder der Nahiegerichte (im weiteren Text = Pflichten, 1833) sah
vor, dass Magistrate ohne Zustimmung des Serbischen Volksgerichts keine Strafen für
schwere Straftaten aussprechen konnten.55 Doch es konnte auch als erstinstanzliches
Gericht verfahren; seine Zuständigkeit erstreckte sich auf die Führung von
Strafprozessen gegen Fronherren und auf Sachen, die ihm Magistrate zur Entscheidung
geschickt hatten, weil unter ihren Richtern keine Einstimmigkeit bestand.56
53
Živanović, Gesetzesquellen, S. 71; Petrović, Finanzen, S. 601.
54
Živanović, Gesetzesquellen, S. 72; Petrović, Finanzen, S. 601.
55
J. Predić, Starina sudske arhive od 1833 (Das Altertum der gerichtlichen Archivalien von 1833), Branič
(Der Verteidiger) (1887), 832-836.
56
Živanović, Gesetzesquellen, S, 72, 85. Serbien wurden nach dem von Fürst Miloš entfachten Aufstand
1833 faktisch 6 Nahies angeschlossen, die im Ersten Serbischen Aufstand befreit wurden und deren
Einverleibung Fürst Miloš lange Zeit ohne Erfolg von der Türkei begehrt hatte; es handelte sich dabei um
die Nahies Krajina, Crna reka (Ostserbien), Paraćin, Kruševac (Zentralserbien), Stara Vlaška

14
Fürst Miloš konnte auch in dieser Zeit Urteile fällen, doch seine sachliche
Zuständigkeit war im Vergleich zu den anderen Gerichtsinstanzen noch weitaus
unbestimmter definiert. Die Vorschriften und Weisungen bestimmten nämlich, dass das
Magistrat Angelegenheiten, die "wichtig" und "verdächtig" waren, an den Fürsten zu
leiten hatte, wobei jedoch nirgends eine Erklärung zu finden ist, welche Prozesse
eigentlich unter diese zwei Kategorien fallen. Die Ordnung des Volksgerichts (im
weiteren Text = Ordnung, 1828) konnte diese Unklarheit teilweise beseitigen, da in ihr
angeführt wurde, dass jedes Urteil des Volksgerichts, mit dem eine Todesstrafe
verhängt wurde, vom Fürsten zu bestätigen ist. Seine Zuständigkeit wurde am
präzisesten im Erlass über die Gründung des Großen Gerichts aus dem Jahr 1837
erläutert; es wurde nämlich präzisiert, dass sein Wort in allen Prozessen, bei denen eine
Todesstrafe, lebenslängliche Kerker und Prügelstrafe bis zum Tode verhängt wurden,
das letzte sein wird.57
Eine solche Aufteilung sollte wegen des nicht in genügendem Maße
entwickelten Bewusstseins über das Bedürfnis der Abgrenzung der Tätigkeiten
keinesfalls verallgemeinert werden. So sind aus der Nahie von Valjevo Fälle bekannt, in
denen ihr Fürst Jevrem Obrenović dem Gericht Befehle erteilte, wie es in bestimmten
Strafprozess zu handeln hatte. So erteilte er am 12. Januar 1826 den Befehl, dass Obrad
Mitrović aus dem Dorf Dragodol gegen Bürgschaft aus der Haft zu entlassen ist,
während der Mitbeschuldigte Djukan Novković in Gewahrsam zu verbleiben habe. Eine
ähnliche Intervention nahm Obrenović auch am 28. Oktober 1827 vor, als er befahl,
dass eine junge Frau namens Smiljana zusammen mit dem Mitbeschuldigten in Haft zu
bleiben habe, ohne dabei jedoch anzuführen, um welche Straftat es sich handelte.58
Die Organisation des Gerichtswesens änderte sich zum Teil mit dem Erlass der
Verordnung über Pflichten der Militärkommandanten, Verwaltung, Bezirksältesten
(1836). Die Zuständigkeit des Bezirksältesten blieb dabei unverändert - er konnte
nämlich auch weiterhin Strafen bis maximal 25 Stockhieben verhängen. Eine Neuigkeit
war jedoch der Umstand, dass seinen Verhandlungen zwei Fronherren unbedingt
beiwohnen mussten. Präziser festgelegt wurde auch die Zuständigkeit der Verwaltung

(Südwestserbien) und Podrinje (Westserbien). Mehr darüber ist zu finden bei R. Ljušić, Kneževina Srbija
1830-1839 (Fürstentum Serbien 1830-1839), Belgrad 2004, S. 23-41.
57
Živanović, Gesetzesquellen, S. 62, 67, 69, 115.
58
O. Gavrilović, Okružni sud Valejvo 1815-1865 (Kreisgericht Valjevo 1815-1865) (im weiteren Text =
Gericht Valjevo), Belgrad 1973, S. 257, 251.

15
(was eigentlich eine neue Bezeichnung für die einstigen Gerichte der Nahies war), die
zwei Mal 25 Stockhiebe verhängen, dafür aber keine Gefängnisstrafen aussprechen
konnte. Gefängnisstrafen konnten ausschließlich vom Staatsrat verhängt werden.59
Im Jahre 1837 wurde eine weitere Gerichtsinstanz ins Leben gerufen, nämlich
das Große Gericht. Es war vorgesehen, dass es in Fällen zu urteilen hatte, die die
Zuständigkeit des Rates übertrafen.
Das Aussehen des Gerichtsnetzes änderte sich 1838 von Grund auf, was auch
der Beginn der dritten Phase in der Entwicklung des Gerichtswesens war. Diese
Verfassung sah nämlich vor, dass in Serbien drei Arten von Gerichten gegründet
werden sollen - Schlichtungs-, Kreis- und Appellationsgerichte, wobei durch die
Verfassung auch ihre Organisation und Zuständigkeit geregelt wurde. Die
Verfassungsbestimmungen wurden danach in drei "Ordnungen" wiederholt und ergänzt
- Vorübergehende Ordnung und Tätigkeitskreis der Schlichtungsgerichte (1839),
Ordnung der Kreisgerichte (weiter = OKG, 1840) und Ordnung des Großen oder
Appellationsgerichts (weiter = OAG, 1840).
Das Schlichtungsgericht konnte gemäß seiner Ordnung in Strafsachen Strafen
von bis zu 10 Stockhieben oder 3 Tagen Gefängnis verhängen. Durch Inkrafttreten der
Verordnung darüber, wie die Polizeigewalt mit Gesetzesbrechern umgehen und sie
bestrafen wird (1850, im weiteren Text = Polizeiverordnung) war das Gericht befugt,
auch Geldstrafen von bis zu 2 Talern60 auszusprechen.61 Daraus geht logischerweise

59
Zbornik zakona (Sammelband der Gesetze) XXX, Belgrad 1877, S. 134. Der Staatsrat war ein Organ,
welches 1826 entstanden ist; gegründet wurde er mit der Zielsetzung, ein Behelfsorgan von Fürst Miloš
bei der Regierung des Staates zu sein, wobei er 1835 zum Teil auch zum Gerichtsorgan wurde, das zur
Verhängung von Urteilen in dritter Instanz befugt war. Zusätzlich an Bedeutung gewann er 1838 und
1839, als die Türkische Verfassung und die Ordnung des Staatsrates verabschiedet wurden, nach denen er
die gesetzgebenden und ausführenden Gewalten mit dem Fürsten zu teilen hatte. Erst im Jahre 1869, als
die sog. Staathalters-Verfassung ausgerufen wurde, wurde er zum höchsten Verwaltungsgericht
herabgestuft, welches als Fachorgan Gesetzesentwürfe auszuarbeiten hatte. Siehe J. Prodanović, Istorija
političkih stranaka i struja u Srbiji (Geschichte der politischen Parteien und Strömungen in Serbien) (im
weiteren Text = Geschichte), Belgrad 1947, S. 59; Zbornik zakona (Sammelband der Gesetze I, S. 3-5,
16-28; Ustavi Kneževine i Kraljevine Srbije (Verfassungen des Fürstentums und Königtums Serbien) (im
weiteren Text = Verfassungen, Redakteur M. Jovičić), Belgrad 1988, S. 104-105.
60
Der Taler war seit 1566 die offizielle Währung des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation, die
über das benachbarte Österreich auch nach Serbien vorgedrungen war. Siehe den Eintrag Talir (Taler) in
Opća enciklopedija Jugoslavenskog leksikografskog zavoda (Allgemeine Enzyklopädie des
Jugoslawischen lexikographischen Instituts) VIII, Zagreb 1982, S. 123; B. Katić-Miljković, Poreska
politika ustavobranitelja (Steuerpolitik der Verfassungsschützer), Istorijski časopis (Historische
Zeitschrift), LVII (2008), S. 220.
61
Sammelband der Gesetze I, S. 238; Živanović, Gesetzesquellen, S. 214; M. Popović, Organizacija
sudstva u Kneževini Srbiji, 1838-1846 (Organisation des Gerichtswesens im Fürstentum Serbien 1838-
1846), Srpske studije (Serbische Studien) I/1 (2010), S. 167.

16
hervor, dass dieses Gericht auch für Straftaten zuständig war, für welche die
aufgeführten Strafen ausgesprochen werden konnten.
Die Zusammensetzung, die Zuständigkeit und das Verfahren der Kreisgerichte
waren in der OKG geregelt. Gemäß Artikel 9. der OKG war das Kreisgericht für
folgende Straftaten zuständige: Staatsverleumdung, Störung des allgemeinen Friedens
und der Staatsordnung, Amtsmissbrauch, Mord, Kindesverstoß, Brandstiftung,
Diebstahl, Raub, Entführung, Plünderung, Vergewaltigung, Entwendung, Unzucht,
Bigamie, Verstoß gegen die zwecks Verhinderung großen Übels erlassene Verordnung
(offensichtlich zwecks Gefährdung der öffentlichen Sicherheit) und Verletzung der
Moral.62 Die Liste der Straftaten, die das Kreisgericht zu ahnden hatte, wurde nur
beispielhaft angeführt, so dass es keine Hindernisse gab, dass es sich auch bei allen
anderen, die Gesellschaft gefährdenden Handlungen für zuständig erklären konnte.63
Appellationsgerichte wurden durch die Verabschiedung der OAG aus dem Jahr
1840 eingeführt. Das Gericht dritter Instanz, welches am 9. September 1846 gegründet
wurde, trug den Namen Oberster Gerichtshof (ab 1855 Oberster Gerichtshof und
Kassationsgericht sowie ab 1858 lediglich Kassationsgericht). Die Gerichtsgewalt hatte
auch der Fürst inne. Detaillierte Ausführungen über ihre Zuständigkeiten sind im
Kapitel über Gerichte höherer Instanzen zu finden.

3) Ermittlungen
a) Einleitung des Verfahrens

Angaben aus den bis heute erhalten gebliebenen Quellen belegen mittelbar, auf
wessen Initiative hin Strafprozesse eingeleitet wurden. Im Hinblick darauf, von wem
das Verfahren eingeleitet wurde, zeichnen sich deutlich zwei Phasen ab. Bis Anfang der
40er Jahre des 19. Jahrhunderts wurde die strafrechtliche Verfolgung in Serbien

62
Novine srbske (Serbische Zeitung) Nr. 5 vom 3. Februar 1840, S. 36. Es gilt zu betonen, dass dies nicht
der erste Versuch war, die Zuständigkeit der Kreisgerichte zu bestimmen. Das Justizministerium hatte
nämlich im Schreiben vom 25. Juni 1839 den Gerichten mitgeteilt, dass sie die Sorge dafür zu tragen
hätten, dass jegliche Angriffe, Widersprüche und negative Äußerungen über Verordnungen,
Gotteslästerung, Ungehorsam, Diebstahl, Raub, öffentliche Gewalt und jedwede "Ungezogenheit und
Verbrechen" unterbunden werden, was als Absteckung eines grundsätzlichen Rahmens für die wirklichen
Zuständigkeiten gedeutet werden kann. Petrović, Wörterbuch, S. 271.
63
Bis zur Verabschiedung des Strafgesetzbuches für das Fürstentum Serbien aus dem Jahr 1860 (im
weiteren Text = SG) galt in Serbien nicht der Grundsatz nullum crimen sine lege, was wiederum
bedeutete, dass es Sache des Gerichts war, einzuschätzen, ob eine die Gesellschaft gefährdende Handlung
eine Straftat war oder nicht.

17
überwiegend auf Antrag der Geschädigten eingeleitet. Danach setzte die zweite Phase
ein, in der die Staatsorgane die Einleitung von Strafprozessen in die eigenen Hände
nahmen. Dies bedeutete jedoch nicht, dass die private Initiative für die Verfolgung der
Beschuldigten gänzlich in den Hintergrund gedrängt wurde.64
Paradox ist, dass man gleich zu Beginn auf ein ernstzunehmendes Hindernis
stieß, nämlich die Unmöglichkeit, aufgrund der damaligen Vorschriften den Moment
der Ermittlungseinleitung zu bestimmen. Die Rechtsakte, mit denen der Strafprozess
geregelt war, verwiesen die Parteien lediglich auf die örtlich zuständigen
Gerichtsorgane und bestimmten die sachliche Zuständigkeit, doch sie enthielten keine
Angaben darüber, wann das strafrechtliche Vorverfahren endet und das
Ermittlungsverfahren beginnt.65
Die Angaben aus den heute zur Verfügung stehenden Quellen besagen, dass als
Grenzpunkt die Übergabe des Beschuldigten an das Gericht anzusehen ist. Obwohl auch
die OKG keine klare Antwort auf diese Frage gibt, ist dies aus ihren Bestimmungen
dennoch weitaus deutlicher ersichtlich als aus den Verordnungen, die zuvor erlassen
wurden. Es versteht sich von selbst, dass die Vernehmung vor Gericht bereits zum
Ermittlungsverfahren gehört, wobei die Bestimmung, die sich in der OKG darauf
bezieht, unmittelbar an die Norm über die Übergabe des Beschuldigten an das Gericht
anknüpft.66 Hieraus lässt sich ersehen, dass die OKG eine Lösung übernommen hatte,
nach der für die Durchführung von Ermittlungen gegen den Beschuldigten das Gericht
zuständig war. Diese Lösung ist auch heute in der Gesetzgebung der Republik Serbien
gegeben.67
Auch wenn sich die serbische strafprozessrechtliche Gesetzgebung hinsichtlich
des für die Durchführung des Ermittlungsverfahrens zuständigen Organs nicht von
einigen anderen modernen Gesetzgebungen unterscheidet, so ist die Art und Weise
seines Beginns dennoch anders. Präziser ausgedrückt, sind in den Quellen keine
Angaben darüber zu finden, dass ein in Schriftform verfasster Bescheid diesbezüglich

64
S. Maksimović, Sudjenja u Kneževini Srbiji pre pisanih zakona (Gerichtsprozesse im Fürstentum
Serbien vor den schriftlich verfassten Gesetzen), Požarevac 1898, S. 104 f; AS, Justizministerium (im
weiteren Text = ЈМ) 1/1842, O zakonoj sili svedočanstva (dokazatelstva) u dogadjajima krivičnim (Über
die Gesetzesgewalt der Bezeugungen (Beweise) in Strafsachen) (im weiteren Text = Schreiben über
Beweise)
65
Živanović, Gesetzesquellen, S. 61-63, 67-73, 83-85.
66
Novine srbske (Serbische Zeitung) Nr. 5 vom 3. Februar 1840, S. 36.
67
M. Škulić, Krivično procesno pravo (Strafprozessrecht), Belgrad 2011, S. 374-375.

18
notwendig war, was heute ein nicht wegzudenkender und obligatorischer Teil dieses
Verfahrenssegments ist.

b) Maßnahmen zur Sicherstellung der Präsenz des Beschuldigten

In der Zeit zwischen 1815 und 1865 existierten in Serbien zwei Mittel zur
Sicherstellung der Präsenz des Beschuldigten bei der Gerichtsverhandlung, nämlich die
Inhaftierung und die Bürgschaft. Historisch betrachtet, kamen beide bereits sehr früh
zur Anwendung, und zwar gleich zu Beginn der Entwicklung der Strafprozesse, wobei
sie jedoch mit der Zeit modernere Formen annahmen.
Die Inhaftierung hatte eine weitaus größere Bedeutung als in der heutigen
Gesetzgebung, da eine viel größere Anzahl der Beschuldigten in Haft dem Beginn der
Verhandlung entgegensah als heute. Und dennoch existierten in den Rechtsakten, die
den Strafprozess regelten, nur sture Angaben über die Haft. Warum dies der Fall war, ist
durchaus verständlich. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts überwog in Serbien
immer noch die Auffassung, dass der Gesetzgeber auf dem Papier nur das regeln sollte,
was nicht allgemein bekannt war, d.h. bestimmte Fragen, auf die das existierende
Gewohnheitsrecht keine Antwort bot. Dieses hatte zweifelsohne eine Antwort auf die
Frage der Inhaftierung, so dass eine diesbezügliche Einmischung des Gesetzgebers nicht
notwendig war. Wenn es den Beschuldigten zu inhaftieren galt, dann war dies etwas
vollkommen Selbstverständliches.
Die einzigen beiden Normen, die sich bis zur Verabschiedung der OKG auf die
Inhaftierung bezogen haben, waren der Befehl an die Gerichte der Nahies (im weiteren
Text = Befehl) vom 12. Mai 1828 und die Pflichten. Im ersten Akt stand geschrieben,
dass Frauen nur dann in Haft zu nehmen sind, wenn der Verdacht besteht, dass sie einen
Mord begangen haben, und zwar getrennt von den Männern und unter besseren
Haftbedingungen. Der zweite fügte dem hinzu, dass weibliche Personen, denen man
leichtere Straftaten zur Last legte, nicht inhaftiert werden sollen, sondern lediglich im
Haus des Fronherren oder in einem anderen Haus zu verweilen haben, bis das Urteil
gesprochen wird.68
Die Voraussetzungen für die Haft sollten sich durch die Verabschiedung der
OKG in großem Maße ändern. Auch sie enthielt zwar nur eine Bestimmung, die sich auf
68
Živanović, Gesetzesquellen, S. 69, 85.

19
diese Maßnahme der Sicherstellung der Präsenz des Beschuldigten bezog, doch dafür
hatte sie einen radikalen Schritt nach vorne zur Folge, der dieses Institut in Richtung
seines heutigen Aussehens lenkte. Artikel 13. der OKG schrieb nämlich vor, dass das
Gericht vor Beginn der Ermittlungen gegen den Beschuldigten darüber zu entscheiden
hatte, ob er sich in dieser Phase des Verfahrens auf freiem Fuß oder in Haft befinden
würde. Gemäß dieser Vorschrift konnte der Beschuldigte immer noch nicht Beschwerde
gegen seine Inhaftierung einlegen, doch dies wurde dann durch die Änderungen und
Ergänzungen der OKG aus dem Jahre 1858 möglich. Der Beschuldigte konnte binnen 3
Tagen Beschwerde gegen den Bescheid über seine Inhaftierung einlegen. Wenn das
Kreisgericht die Beschwerde abwies, musste die Sache vor das Kassationsgericht, das
darüber endgültig zu entscheiden hatte. Doch wenn durch das Kreisgericht der Bescheid
erging, dass der Beschuldigte bis zum Beginn des Prozesses auf freien Fuß gesetzt wird,
dann war diese Entscheidung unanfechtbar.69
So wie dies in der gegenwärtigen Prozessgesetzgebung üblich ist, wurde die in
Haft verbrachte Zeit in die Strafe mit eingerechnet, was aus den Gerichtsurteilen der
damaligen Zeit deutlich hervorgeht. Dieser Grundsatz war lange Zeit normativ nicht
geregelt, und zwar bis zur Verabschiedung des Gesetzes über den Tag der Berechnung
der Haftstrafen vom 17. April 1858, in dessen Artikel 2. die Miteinbeziehung der in
Haft verbrachten Zeit in die Gefängnisstrafe ausdrücklich angeführt war.70
Aus den Quellen ist zu ersehen, dass die Beschuldigten in der Haft oftmals in
Ketten gelegt wurden. Einige Vorschriften erlaubten es dem Gericht, den Inhaftierten
dann in Ketten zu legen, wenn er die Begehung der Straftat nicht eingestehen wollte.
Hierbei handelte sich um das Schreiben des Justizministeriums vom 12. Juli 1845, in
dem die Vorschrift erging, dass bei Beschuldigten, die offensichtlich lügen und das
Verhör "erschweren", der linke Fuß mit der rechten Hand und der rechte Fuß mit der
linken Hand für 12, 24 oder 48 Stunden mit Ketten verbunden wird.71
Dies waren selbstverständlich nicht die einzigen Fälle, in denen die
Beschuldigten im Laufe des Verfahrens in Ketten gelegt werden konnten. Doch es gab

69
Novine srbske (Serbische Zeitung) Nr. 5 vom 3. Februar 1840, S. 36; Sammelband der Gesetze XI,
Belgrad 1858, S. 7.
70
AS, Gericht des Kreises Kragujevac (im weiteren Text GKK) 2501/1844, Auszug aus dem Prozess in
Sachen des Vergehens von Jovanče Stojanović, Miloje Peterović, Živko Petrović und Neša Jovanović
Sušičan; GKK 935/1844, Auszug aus dem Prozess in Sachen des Vergehens von Lazar Pavlović aus
Gradac im Kreis Kragujevac; Živanović, Gesetzesquellen, S. 325.
71
Petrović, Wörterbuch, S. 212.

20
keine Vorschrift, die dezidiert aufgeführt hätte, um welche Fälle es sich dabei
handelte.72
Als Rechtsinstitut existierte die Bürgschaft in Serbien im Rahmen des
Strafprozesses bereits in den 20-er Jahren des 19. Jahrhunderts, doch sie war nicht
Mittel zur Sicherung der Präsenz des Beschuldigten im Verfahren, sondern vielmehr
Beweis für seine Unschuld. Die Fronherren bürgten für ihre Dorfbewohner, dass sie die
ihnen zur Last gelegten Taten nicht begangen haben, wonach diese von der Anklage
freigesprochen wurden. Ein solches Beispiel war im obigen Text zu sehen, da auf
Intervention von Jevrem Obrenović Obrad Mitrović aus Dragodol auf freien Fuß gesetzt
wurde, weil einige Fronherren für ihn gebürgt hatten. Die Natur der Bürgschaft blieb
auch Mitte der 40er Jahre des 19. Jahrhunderts unverändert. Darüber zeugt Artikel 2 der
Verordnung über die Bestrafung von Räubern und Dieben vom 22. Mai 1845, der
vorschrieb, dass die des Diebstahls bezichtigten Inhaftierten, gegen die es keine
Beweise gab, so lange nicht auf freien Fuß gesetzt werden können, bis gute und ehrbare
Bürger für sie gebürgt haben.73
Als sich dann der Strafprozess jedoch weiter entwickelte, konnte die Bürgschaft
nicht ihren alten Charakter beibehalten. Das Justizministerium wandte sich an den Rat
mit einem Anliegen, in dem angeführt wurde, dass es bei den vor dem Kreisgericht
Valjevo geführten Strafprozessen oftmals vorkam, dass die Haftdauer der Beschuldigten
für leichtere Straftaten länger als die Gefängnisstrafe ausfällt, zu der sie verurteilt
wurden. Aus diesem Grunde erging durch das Ministerium der Vorschlag, man solle die
Beschuldigten für leichtere Straftaten aufgrund der Bürgschaft der Fronherren oder
anderer angesehener Leute bis zum Beginn der Verhandlung auf freien Fuß setzen. Der
Rat nahm den Vorschlag des Ministeriums an und erließ am 20. Juli 1850 den Bescheid
über die Haftentlassung aufgrund von Bürgschaften. Durch die Änderungen und
Ergänzungen der OKG aus dem Jahr 1858 erhielten die Beschuldigten das Recht,
72
Anhand der Quellen ließ es sich nicht erschließen, welche Kriterien die gerichtliche Gewalt angewendet
hatte, als es darum ging zu entscheiden, welche Gefangenen in Ketten gelegt werden sollen und welche
nicht. So befahl zum Beispiel Fürst Miloš Milosav Zdravković Resavac, ihm den Jungen zu schicken, der
ihm einen Brief von einem gewissen Haiduken Filip überbracht hatte, damit er in Ketten gelegt wird.
Doch das gleiche Schicksal widerfuhr auch Stevan Živković aus Dupljaj bei Valjevo, den man der Straftat
der Unzucht bezichtigte, was zweifelsohne für die Gesellschaftsordnung weniger gefährlich war als die
Unterstützung der Haiduken. Ein gewisser Nikola und ein gewisser Stevan, die in den Stall von Ilija
Rogić eingebrochen waren, um etwas zu stehlen, wurden ebenfalls in Ketten gelegt. Siehe O. Gavrilović,
Valjevski sud (Gericht Valjevo), S. 248; O. Gavrilović, Ćuprijski sud (Gericht Ćuprija), S. 123;
Maksimović, op. cit., S. 125, 166.
73
Sammelband der Gesetze III, S. 48. Siehe auch Maksimović, op. cit., S. 104-105, 112, 124, 128, 164.

21
Beschwerde gegen den Beschluss des Gerichts einzulegen, mit dem ihr Antrag auf
Entlassung aus der Haft bis zum Beginn der Gerichtsverhandlung abgewiesen wurde. 74
Auf diese Weise erhielt dieses Prozessrechtsinstitut seine heutige Form.

c) Ermittlungsverlauf und Beweisaufnahme

Wegen fehlender Quellen kann man nicht wissen, ob zu Beginn der Entwicklung
des serbischen Strafprozesses alle Richter an der Durchführung des
Ermittlungsverfahrens beteiligt waren. Die Pflichten verweisen lediglich darauf, dass
die Vernehmung des Beschuldigten im Beisein aller Richter zu erfolgen hatte, dass aber
nur einer von ihnen das Verhör leitete (Art. 25 und 26). Den Angaben von J. Milinković
Alavantić zur Folge, beteiligte sich später das gesamte Gericht an der Vernehmung des
Beschuldigten, doch diese Praxis wurde mit der Zeit aufgegeben, so dass der
Beschuldigte von einem der Richter und seinem Schreiber vernommen wurde. Erst das
Schreiben des Justizministeriums vom 24. Januar 1846 verpflichtete das Gericht, die
Vernehmung der Beschuldigten und der Zeugen in voller Zusammensetzung
durchzuführen.75
Richter, die das Ermittlungsverfahren durchführten, waren auch an der Fällung
von Urteilen beteiligt, so dass trotz der proklamierten Unparteilichkeit der Richter die
reale Gefahr bestand, dass diese ihr im Vorhinein gefasstes Urteil über die Schuld (oder
Unschuld) des Beschuldigten auch in das nächste Stadium des Verfahrens mit
einbringen könnten.
Im Hinblick auf solche und ähnliche Situationen, in denen die Richter hätten
parteilich sein können, sah die Prozessordnung lange Zeit nicht die Möglichkeit vor,
einen Richter wegen Befangenheit abzulehnen.76 Sie wurde zum ersten Mal erst durch
die Ordnung des Kassationsgerichts (im weiteren Text = OKS) aus dem Jahr 1858
gesetzlich geregelt. Wenn jemand eine Ablehnung des Gerichts beantragte, konnte das
74
AS, Staatsrat (im weiteren Text = SR) 260/1850, Justizministerium an den Rat Nr. 2276, Belgrad 28.
Juni 1850; Sammelband der Gesetze V, Belgrad 1853, S. 262; Sammelband der Gesetze XI, S. 25.
75
Živanović, Gesetzesquellen, S. 85: J. Milinković Alavantić, Pogled na našu sudejsku struku (Blick auf
unsere Gerichtspraxis), Srbske novine (Serbische Zeitung), Nr. 32 vom 14. März 1859, S. 129; Petrović,
Wörterbuch, S. 281.
76
Diesbezüglich ist die Lösung zu nennen, der das Schreiben über Beweise Gesetzeskraft verlieh - das
Urteil hatte nämlich das Gericht zu fällen, das die Ermittlungen durchführte, es sei denn dass das
Appellationsgericht mit Zustimmung des Justizministeriums anders entscheidet. Nirgends wird jedoch das
Recht des Beschuldigten auf Beantragung der Ablehnung eines Richters wegen Befangenheit erwähnt.
Siehe AS, JM 1/1842, Schreiben über Beweise.

22
Kassationsgericht eine andere gerichtliche Instanz mit der Durchführung des Verfahrens
betrauen, wobei man nach Möglichkeit jene wählte, die der abgelehnten am nächsten
kam. Der genaue Zeitpunkt, wann eine Partei die Ablehnung eines Gerichts beantragen
konnte, war nicht präzise festgelegt, sondern man führte lediglich an, dass sie das zu
Beginn des Verfahrens (objektive Frist) oder binnen 8 Tagen nach Erhalt von
Erkenntnissen, dass Gründe für eine Ablehnung vorliegen (subjektive Frist), tun musste.
Im zweiten Fall musste die Partei nachweisen, dass sie im Verlauf des erstinstanzlichen
Verfahrens nichts von der Existenz dieser Gründe wusste. Das OAG aus dem Jahr 1860
erhielt eine wesentliche Ergänzung; der Antrag auf Befangenheitserklärung wurde bei
dem Gericht eingereicht, gegen das er gerichtet war, doch über ihn hatte das
Appellationsgericht zu entscheiden.77
Nach der Einleitung des Ermittlungsverfahrens gegen den Beschuldigten
erfolgte seine Vernehmung. Diese Praxis änderte sich nicht während der gesamten
fünfzigjährigen Entwicklung des Strafprozesses in diesem Zeitraum. Es änderte sich
aber die Art und Weise der Vernehmung.
Die ersten Vorschriften, mit denen einige Fragen des Strafprozesses geregelt
wurden, gingen nur selten auf die Form der Vernehmung ein, sondern sie enthielten nur
einige grundsätzliche Weisungen, wie die Richter dieser Pflicht nachzukommen hatten.
Die Weisungen verboten in Artikel 23, dass Beschuldigte, die die Begehung der Tat
bestreiten, durch Folter zur Abgabe eines Geständnisses bewegt werden. In den
Pflichten wird in Artikel 26 auf die Form der Vernehmung bei Strafprozessen
eingegangen; demnach sollte den Beschuldigten immer der Richter mit dem ruhigsten
Gemüt vernehmen.78 Wenn man von der Tatsache ausgeht, dass bei der gesetzlichen
Regelung einzelner Belange in Serbien in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer
noch der Grundsatz der römischen Juristen galt, dass man nur das zu Papier bringen
sollte, was in der Praxis am häufigsten geschieht (quod plerumque fit), ist es mehr als
sicher, dass solche Bestimmungen die Folge des Missbrauchs seitens der Fürsten bei der
Vernehmung waren.
In dem in relativ großem Umfang erhalten gebliebenen Archivmaterial der
Kreisgerichte aus dieser Anfangsphase sind zahlreiche Vernehmungsprotokolle zu
finden, die es ermöglichen, ein Bild darüber zu gewinnen, wie die Beschuldigten
77
Sammelband der Gesetze XI, S. 12-13; Sammelband der Gesetze XIII, Belgrad 1861, S. 15-16.
78
Živanović, Gesetzesquellen, S 72, 85.

23
vernommen wurden. Die Verhöre erfolgten auf zweierlei Art. Die eine und weitaus
häufigere war die, dass dem Beschuldigten ein Frage nach der anderen in
Zusammenhang mit der Begehung der Straftat gestellt wurde, während die andere es
dem Beschuldigten erlaubte, seine Aussage ohne jegliche Unterbrechung zu machen.79
Da das Geständnis das wichtigste Beweismittel war, waren die Gerichte immer
bemüht, um jeden Preis vom Beschuldigten ein Geständnis zu erhalten, dass er die
Straftat begangen habe. Dies versuchten sie entweder ohne Gewaltanwendung zu
erreichen, durch List bei der Vernehmung, oder aber mit Gewalt, indem man im Verlauf
des Verfahrens zur Tortur griff. Listigkeiten manifestierten sich in Form von
Fragestellungen, die Antworten suggerierten (suggestive Fragen), oder aber davon
ausgingen, dass der Sachverhalt, der noch zu ermitteln ist, bereits ermittelt wurde
(kaptiöse Fragen). Keine Seltenheit waren auch Fragen, mit denen das Gericht den
Beschuldigten eine mildere Strafe in Aussicht stellte, wenn er die Begehung der Tat
gesteht, bzw. ihm eine strengere Bestrafung androhte, wenn er sie abstreitet. 80 Eine
solche Stilisierung der Fragen sollte den ungebildeten Beschuldigten verwirren und ihn
auf Umwegen dazu bringen, etwas auszusagen, was ihn belasten würde.
Wenn suggestive und kapitöse Fragen nicht zu dem gewünschten Ergebnis
führten, griff das Gericht zur Folter. Da sie oftmals angewendet wurde, erhielt sie einen
wichtigen Stellenwert in den ersten Rechtsakten, die den Strafprozess regelten. Die
Folter war im Strafprozess zwar grundsätzlich verboten, doch es gab sehr viele
Ausnahmen, die die Tragweite dieses Verbots in großem Maße eingeschränkt haben.
Bereits im Befehl war es den Gerichten der Nahies untersagt, die Beschuldigten
mit Schlägen zum Geständnis zu bewegen, sondern lediglich mit Worten. In den
Weisungen hielt Fürst Miloš die Fürsten der Nahies dazu an, die Beschuldigten, die zu
keinem Geständnis bereit waren, nicht mit Gewalt zum Geständnis zu bewegen, sondern
sie ins Magistrat zu schicken, wo sie "besser vernommen werden können". Doch bereits
79
Siehe B. Peruničić, Beogradski sud (Das Gericht von Belgrad) 1819-1839, Belgrad 1964, S. 101-102;
O. Gavrilović, Valjevski sud (Gericht in Valjevo), S. 227-232, 233-235, 241, 242, 244-246, 248-251,
293-298, 316-317, 345-346; O. Gavrilović, Ćuprijski sud (Gericht in Ćuprija), S. 144, 148-150, 167-168.
80
Siehe z.B. O. Gavrilović, Gericht in Valjevo, S. 232; AS, Črezvičajni sud nad buntovnicima
(Außerordentliches Gericht für Aufständische) (im weiteren Text = AG) 65/1, Saslušanje Pavla
Srdanovića iz Komatičeva (Vernehmung von Pavle Srdanović aus Komatičevo), 6. Juni 1839; AS, GKK
1241/1844, Produženje ispita nad gorosečcima Komaričanima (Verlängerung der Vernehmung der
Baumfäller von Komaričani); GKK 1198/1844, Produženje ispita nad Markom Mijailovićem
Gorosečcem (Verlängerung der Vernehmung von Marko Mijailović dem Baumfäller); GKK 757/1844,
Ispit nad Filipom Tomićem iz Masloševa zbog toga što je žirorodnu goru sekao učinjen. (Vernehmung
von Filip Tomić aus Masloševo weil er die Eichelbäume abholzte).

24
die gleiche Vorschrift sah vor, dass bei einzelnen, weniger bedeutsamen Vergehen, wie
es der Diebstahl von Ferkeln und Lämmern war, dem Beschuldigten bis zu 25
Stockhiebe auferlegt werden könnten.81
Eine ähnliche Regelung, nämlich die Erwähnung des Folterverbots und danach
die Auflistung von Fällen, in denen sie erlaubt ist, findet man auch in der OKG. Artikel
15 dieser Vorschrift sieht vor, dass man den Beschuldigten menschlich behandeln muss,
oder genauer gesagt, dass man ihn nicht foltern dürfe, um ihn zum Geständnis zu
bewegen. Doch bereits im nächsten Artikel steht geschrieben, dass dieser für eine
offensichtliche und ihm nachgewiesene Lüge mit einer "entsprechenden Anzahl von
Hieben" bestraft werden könne.82
Auch nach der Verabschiedung der OKG blieben "Schläge" (als Bezeichnung
für körperliche Züchtigungen überhaupt) als Methode der Erzwingung von
Geständnissen erhalten. Einer der Hauptgründe für ihre Aufrechterhaltung war die
wohlwollende Einstellung der Staatsgewalt und der Gesellschaft überhaupt gegenüber
dieser Vorgehensweise. So suggerierte das Innenministerium dem Rat, indem es
Maßnahmen zur Unterbindung von immer häufiger vorkommenden Diebstählen
vorschlug, dass die dieser Taten bezichtigten Personen im Falle des Abstreitens der
Folter unterzogen werden, da die Praxis bewiesen habe, dass Geständnisse immer dann
ausbleiben, wenn die Polizei Milde walten lässt, während man wiederum zum
allumfassenden Beweis immer dann leicht kommt, wenn der Beschuldigte gefoltert
wird.83
Um welche Foltermethoden es da ging, präzisierte das Schreiben des
Justizministeriums vom 12. Juli 1845. Wenn der Beschuldigte die Begehung der Tat
nicht eingestehen wollte und keine anderen Beweise für seine Schuld vorlagen, konnte
das Gericht ihm gegenüber die "Knebel" anwenden. Diese Maßnahme bestand darin,
dass die linke Hand des Beschuldigten mit Handschellen an den rechten Fuß oder
umgekehrt geknebelt wurde und dieser in einer solchen Lage 12, 24 oder 48 Stunden zu
verbringen hatte.84

81
Živanović, Gesetzesquellen, S. 69, 72-73.
82
Novine Srbske (Serbische Zeitung), Nr. 5 vom 3. Februar 1840, S. 36.
83
AS, SR 237/1847, Ministerium für innere Angelegenheiten an den Rat Nr. 1835, Belgrad 28. April
1847.
84
Petrović, Wörterbuch, S. 212; Über andere, weniger übliche Modalitäten der "Knebel" siehe bei
Milinković Alavantić, Kritik, S. 18.

25
Auf der genau gleichen Linie liegen auch zwei andere Vorschriften, die zwecks
Eindämmung von Diebstählen erlassen wurden - Verordnung über die Bestrafung von
Stehlern und Dieben und Bestrafungsgesetz für Bauern und Diebstähle (1847). Gemäß
der ersten Vorschrift konnten die Ermittlungsbehörden, wenn der Beschuldigte die
Begehung eines schweren Diebstahls nicht eingestehen wollte und Beweise für seine
Verurteilung fehlten, ihn mit Hilfe von Nahrungsentzug (der Beschuldigte erhielt nur
Brot und Wasser) und verschärften Haftbedingungen zum Geständnis zwingen.
Artikel 6 des Bestrafungsgesetzes für Bauern und Diebstähle befugte die Polizei,
mit 10 Stockhieben jeden zu bestrafen, der bei der Vernehmung nachweislich lügt, nicht
das sagen will, was er offensichtlich weiß und die Tatwaffe, Zeichen oder Spuren der
verübten Straftat zu verbergen versucht. Bei Bedarf konnte das gleiche Verfahren mit
dem Beschuldigten einige Male wiederholt werden, wobei jedoch der Tortur auch die
"zuständigen" Fronherren (auf jeden Fall die aus dem Wohnort des Beschuldigten)
beiwohnen mussten, um bezeugen zu können, warum dieser gefoltert wurde. Die
Anwesenheit der Fronherren bei der Verabreichung von Schlägen sollte Klagen wegen
unmenschlichen Vorgehens der Polizei entgegenwirken, da das Dorf als Gemeinschaft,
die sich mit dem Beschuldigten solidarisch erklärte, davon überzeugt werden sollte,
dass er zu Recht der Folter ausgesetzt wurde. Sogar die Polizeiverordnung hielt die
Polizei dazu an, mit den Beschuldigten "rational und kaltblütig" zu verfahren, doch
gleichzeitig gestattete sie ihr, diese körperlich zu bestrafen, wenn sie die vernehmenden
Richter absichtlich in die Irre führen und die Vernehmung durch Lügen "belasten". 85
Dass diese strengen Normen auch angewendet wurden, belegt J. Milinković Alavantić,
der die unterschiedlichen Foltertechniken detailliert beschreibt.86
Es gibt ein überaus interessantes Detail in Zusammenhang mit der Folter, die der
Beschuldigte während der Ermittlungen zu erdulden hatte. Wenn er zu einer
körperlichen Strafe verurteilt wurde, rechnete man die Anzahl der Hiebe, die man dem
Beschuldigten bei dem Versuch verabreichte, ihn zum Geständnis zu zwingen, in die
Gesamtzahl der Stockhiebe, zu der er verurteilt wurde, mit ein.87 Eine solche
"Erleichterung" milderte zum Teil die Strenge der körperlichen Bestrafung und sie

85
Siehe Sammelband der Gesetze III, S. 48; Sammelband der Gesetze IV, S. 28-29; Sammelband der
Gesetze V, Belgrad 1853, S. 199.
86
Milinković Alavantić, Kritik, S. 17-19.
87
Siehe Peruničić, op. cit., S. 475-476; Maksimović, op. cit., S. 164.

26
spricht dafür, dass der Gesetzgeber zumindest in gewissem Maße dem Bedürfnis nach
der Humanisierung der strafrechtlichen Sanktionen Rechnung trug.
Die Anwendung von Folter im Rahmen des Strafprozesses wurde endgültig
durch das Gesetz über die Aufhebung von Pt. 16 der Ordnung der Kreisgerichte vom
26. Januar 1840, Pt. 6 und 7 des Strafgesetzes für Bauern und Diebstähle vom 26. Mai
1847 sowie Pt. 2 Buchstabe ž im § 33 der Polizeiverordnung vom 18. Mai 1850 (1858)
verboten.88
Im Hinblick auf die Ungebildetheit der meisten Beschuldigten stellt sich eine
logische Frage - konnten sie die fehlenden Rechtskenntnisse durch die Beauftragung
eines Prozessbevollmächtigten ersetzen? Oder genauer gesagt, war ihnen die
Möglichkeit gegeben, im Strafprozess einen Verteidiger zu engagieren?
D. Radović stellt die Behauptung auf, dass bei dieser Art von Verfahren daran
überhaupt nicht zu denken war.89 Die spärlichen Vorschriften belegen nur teilweise
seine Behauptung. Durch die Verordnung über das Verbot für die Beamten, sich mit der
Advokatur zu beschäftigen (1843) wurde allen Angestellten, die ihr Gehalt vom Staat
bezogen, strengstens untersagt, sich sowohl in zivil- als auch in strafprozessrechtlichen
Verfahren als Rechtsanwälte zu betätigen.
Die Polizeiverordnung besagt andererseits, dass Beschuldigte wegen
polizeilicher Vergehen nicht die Dienstleistungen von Verteidigern in dieser Art des
Verfahrens in Anspruch nehmen können (Art. 20). Durch Anwendung der Regel
argumentum a contrario kommt man zu dem Schluss, dass sie dies im Rahmen des
ordentlichen Strafprozesses tun konnten, da ja die Polizeiverordnung eigentlich ein lex
specialis war, welches Regelabweichungen regulierte. Im OKS aus dem Jahre 1858
wurde angeführt, dass das Gericht sein Urteil gegenüber dem Beschuldigten oder
seinem Vertreter verkünden wird, die dagegen Beschwerde einlegen können. Das
Gesetz über Rechtsvertreter hat diesbezüglich nicht endgültig Stellung genommen -
durch Artikel 21 überließ man es der künftigen Strafprozessordnung zu bestimmen, ob
88
Sammelband der Gesetze XI, S. 83. Es waren jedoch sogar 1861 bei der sog. Verklärungs-, bzw. 1864
bei der Maria-Himmelfahrts-Versammlung Vorschläge zu hören, dass man die Tortur wieder in das
Strafverfahren aufnehmen sollte, was dann aber nicht geschah. Siehe A. Jovanović, Dokazi u našem
starom kaznenom zakonodavstvu (Beweise in unserer alten Strafgesetzgebung), Belgrad 1898, S. 6; Savić,
op. cit., S. 73-74.
89
D. Radović, Teorija kaznenog postupka s pogledom na Zakonik o postupku sudskom u krivičnim delima
za Knjaževstvo Srbiju, od 10. aprila 1865 (Theorie des Strafprozesses mit Blick auf das
Gerichtsprozessgesetzbuch in Strafsachen für das Fürstentum Serbien vom 10. April 1865), Belgrad
1870, S. 112.

27
und unter welchen Voraussetzungen die Beauftragung von Bevollmächtigten in dieser
Art von Prozessen gestattet sein würde (1862).90
Die Vernehmung der Beschuldigten ist stets eng mit der Sicherstellung von
Beweisen verbunden, die ihre Schuld belegen sollen. Die Beschuldigten wurden vor
allem zwecks Erhalts des allumfassendsten aller Beweismittel vernommen, nämlich des
Geständnisses. Daneben wurden im Strafprozess auch folgende Beweismittel
verwendet: Zeugen, Aussagen der Mittäter, Dokumente, Sachverständige,
Zusammenhangsbeweise, Eid und Augenschein.
Im serbischen Strafprozessrecht der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das
Geständnis des Beschuldigten als wichtigstes Beweismittel angesehen. Für den Fall,
dass der Beschuldigte die Tat eingestand, war die Beweisaufnahme nicht notwendig.
Darin unterscheidet sich das alte Strafverfahren von dem heutigen, bei dem das
Geständnis des Angeklagten an und für sich kein Beweis für die Begehung der Straftat
ist. Ein solcher Unterschied ist die Folge zweier Faktoren - zum einen war es dem
damaligen Rechtsbewusstsein fremd, dass jemand, der keine Straftat begangen hatte,
deren Begehung eingestehen könnte, und zum anderen wurde das damalige
Strafverfahren gemäß den Inquisitionsgrundsätzen durchgeführt, deren imperatives und
grundsätzliches Ziel die Erzwingung des Geständnisses vom Beschuldigten war.
Die normative Regulierung von Geständnissen durchlief zwei Phasen - die erste,
in der es diesbezüglich überhaupt keine Vorschriften gab, und die zweite, als eine
Vorschrift erlassen wurde, mit der man bestimmte, wann das Geständnis gültig sein
würde. Die erste Phase dauerte von 1815 bis 1842 und die zweite von 1842 bis 1865.
Grenzstein der beiden Epochen war die Veröffentlichung des Schreibens über
Beweise.91
Gemäß den Bestimmungen dieses untergesetzlichen Aktes war für die Gültigkeit
des Geständnisses die vollumfängliche Erfüllung von insgesamt 6 Voraussetzungen
notwendig - dass der Beschuldigte die Begehung der Straftat vor dem zuständigen
Gericht eingestand oder das außerhalb des Gerichts abgegebene Geständnis bestätigte,
dass er zum Zeitpunkt der Abgabe des Geständnisses bei vollem Bewusstsein war, dass
er das Geständnis klar und unmissverständlich abgab, dass sich dieses nicht aus einer

90
Sammelband der Gesetze II, S. 260; Sammelband der Gesetze V, S. 194-195; Sammelband der Gesetze
XI, S. 25-26; Srbske novine (Serbische Zeitung) Nr. 29 vom 8. März 1862, S. 114.
91
AS, JM 1/1842, Schreiben über Beweise.

28
einfachen Antwort auf die dem Beschuldigten gestellte Frage zusammensetzte, dass
seine Aussage mit anderen, im Rahmen der Ermittlungen festgestellten Sachverhalten
bezüglich der Straftat übereinstimmte sowie dass er dazu nicht durch Versprechungen,
Drohungen, Gewalt oder sonstige illegale Mittel verleitet wurde. Damit ein solches
Geständnis vollgültig wird, war es nicht notwendig, alle Umstände in Zusammenhang
mit der begangenen Straftat zu erhellen, sondern lediglich einige von ihnen. Der
Beschuldigte konnte später sein Geständnis nicht mehr widerrufen.92 Das
Rundschreiben des Justizministeriums über Beweise im Strafprozess (im weiteren Text
= Rundschreiben) vom 16. März 1863, welches übrigens eine Übersetzung des Kapitels
XI. der Strafprozess-Ordnung für das Kaiserthum Österreich vom 29. Juli 185393 war,
relativierte zum Teil die Ungültigkeit des unter Zwang abgegebenen Geständnisses,
indem in ihm angeführt wurde, dass das Geständnis vor Gericht als Beweis akzeptiert
werden wird, falls der Beschuldigte es nachträglich abgegeben hat, ohne dass er dazu
durch Anwendung irgendwelchen gesetzeswidrigen Mittels gezwungen worden ist.94
Zur Beweisaufnahme ging man nur dann über, wenn kein Geständnis vorlag.
Das älteste und am weitesten verbreitete Beweismittel waren sicherlich Zeugen. Über
ihre Bedeutung im Rahmen der damaligen Strafprozesse spricht am besten die Tatsache,
dass in der Alltagssprache und der Rechtsterminologie der ersten Hälfte des 19.
Jahrhunderts der Begriff "belegt" (durch Zeugenaussagen bewiesen) ein Synonym für
bewiesen war, während das Wort "Zeugnis" (archaische Bezeichnung für Zeugen) die
Bedeutung von Beweisen überhaupt besaß.95
Das Gericht konnte den Beschuldigten unmittelbar vernehmen, doch es konnte
dies auch über das Institut der Rechtshilfe tun, indem es ein anderes Organ (die
Kreisverwaltung oder ein anderes Gericht) darum ersuchte, diese Handlung
vorzunehmen. Dabei wurde diesem anderen Organ eine genaue Auflistung der Fragen
zugestellt, die dem Beschuldigten gestellt werden sollten.96
92
AS, JM 1/1842, Schreiben über Beweise.
93
Siehe F. Rulf, Commentar zur Strafprozessordnung für das Kaiserthum Österreich II, Wien 1857, S.
54-140.
94
Živanović, Gesetzesquellen, S. 394.
95
Siehe zum Bespiel AS, Sud okruga beogradskog, nesredjena gradja za 1842 (Gericht des Kreises
Belgrad, nicht geordnete Materialien für das Jahr 1842) (im weiteren Text = GKB), Justizministerium an
Fürst Mihailo Nr. 3149, Topčider 17. August 1840; Urteil des Gerichts des Kreises Belgrad Nr. 277,
Belgrad 12. Februar 1842; Maksimović, op. cit., S. 132.
96
Siehe zum Beispiel AS, Črezvičajna komisija (Sonderkommission) (im weiteren Text = SK)
Črezvičajna komisija Sudu okruga šabačkog, Beograd 26. avgust 1840 (Sonderkommission des Gerichts
des Kreises Šabac, Belgrad 26. August 1840); AS, Ministarstvo unutrašnjih dela – policajno odeljenje

29
Die Praxis einzelner außerordentlicher Gerichte belegt, dass Zeugen nicht
unbedingt mündlich angehört werden mussten, sondern dass sie vielmehr auch eine
schriftliche Aussage zukommen lassen konnten. Ein solches Privileg gebührte jedoch
nur jenen Personen, die bestimmte öffentliche Funktionen ausübten, nicht aber
einfachen Bürgern.97 Die Gerichte wollten auf diese Weise jenen Personen, die wichtige
Staatsgeschäfte leiteten, Vergünstigungen gewähren, um ihre Aktivitäten nicht zu
stören, aber auch um ihnen die "Erniedrigung" der Vorladung zum Gericht zu ersparen,
und sei es auch lediglich zu Zwecken der Zeugenaussage.
Im Hinblick auf die notwendigen Qualitäten des Zeugen und seiner Aussagen
existierten bis 1842 nur wenige Vorschriften, was auch verständlich war, da es im
Gewohnheitsrecht zur Genüge bekannt war, wie sie auszusehen haben. Artikel 27 der
Pflichten führt lediglich an, dass der Zeuge ein ehrbarer, gottesfürchtiger und guter
Christ sein muss und dass diese Rolle nicht jene ausüben können, die ein Jahr lang nicht
die Eucharistie empfangen und keinen Geistlichen gehabt hatten.98
Das Schreiben über Beweise führte zu großen Veränderungen in der gesetzlichen
Regelung dieser Materie. Entsprechend der Bedeutung, die Zeugenaussagen als
Bewesmittel hatten, wurde diesem Rechtsakt große Beachtung geschenkt. Damit der
Beschuldigte aufgrund von Zeugenaussagen verurteilt werden konnte, mussten folgende
Voraussetzungen erfüllt sein: 1) dass er vor der Anhörung einen Eid geleistet hat; 2)
dass die Aussagen aus freiem Willen erfolgt, bzw. dass der Zeuge nicht durch Zahlung
von Bestechungsgeld verleitet sowie nicht durch Täuschung, Drohung oder Gewalt dazu
gezwungen wurde; 3) dass die Aussage klar und unmissverständlich sein musste; 4)
dass sie eine Folge der persönlichen Erkenntnisse des Zeugen und nicht dessen war, was

(Ministerium für Innere Angelegenheiten - Polizeiabteilung) (im weiteren Text = MIA-P) VII/88 (1840),
Dopis Črezvičajne komisije Ministarstvu unutrašnjih dela br. 56, Beograd 10. avgust 1840 (Schreiben
der Sonderkommission des Ministeriums für Innere Angelegenheiten Nr. 56, Belgrad 10. August 1840);
SK 5/6, Dopis Črezvičajne komisije Upravi varoši Beograda br. 56, Beograd 10. avgusta 1840
(Schreiben der Sonderkommission der Verwaltung der Kleinstadt Belgrad Nr. 56, Belgrad 10. August
1840).
97
Siehe zum Beispiel AS, АG 109/1; Črezvičajni sud za Jovanovu bunu majoru Jovanu Veljkoviću br.
248, Beograd 9. septembra 1839 (Sondergericht für den Jovan-Aufstand an Major Jovan Veljković Nr.
248, Belgrad 9. September 1839); Črezvičajni sud sudiji Apelacionog suda Janićiju Djuriću br. 56,
Beograd 3. avgust 1839 (Sondergericht an den Richter des Appellationsgerichts Janićije Djurić Nr. 56,
Belgrad 3. August 1839; AS, MIA-P VII/88 (1840), Dopis Črezvičajne komisije Ministarstvu unutrašnjih
dela br. 56, Beograd 10. avgust 1840 (Schreiben der Sonderkommission des Ministeriums für Innere
Angelegenheiten Nr. 56, Belgrad 10. August 1840); SK 5/6, Dopis Črezvičajne komisije Upravi varoši
Beograda br. 56, Beograd 10. avgusta 1840 (Schreiben der Sonderkommission der Verwaltung der
Kleinstadt Belgrad Nr. 56, Belgrad 10. August 1840).
98
Živanović, Gesetzesquellen, S. 85.

30
er von anderen gehört hatte; 5) dass es keine Zweifel an der Unparteilichkeit des Zeugen
gab; 6) dass die Aussage durch andere Beweise im Hinblick auf die wichtigsten
Umstände der Tatbegehung gestützt sein musste; 7) dass eine übereinstimmende
Aussage von mindestens zwei Zeugen abgegeben wurde, wobei jedoch drei Ausnahmen
erlaubt waren: a) wenn man nicht auf andere Weise zu Beweisen gelangen konnte, dann
konnte die Aussage der geschädigten Person nur als Beweis dafür dienen, dass die
Straftat begangen wurde, und zwar lediglich dann, wenn diese Person keinen
Strafantrag gegen den Täter gestellt hatte; b) die Summe des durch die Straftat
verursachten Schadens konnte durch die Aussage jener Person festgestellt werden,
welcher der Schaden zugefügt wurde, oder aber derjenigen Person, welche die
beschädigten Sachen verwahrt hatte; und c) wenn der Beschuldigte die Begehung der
Straftat teilweise gestanden hatte und seine Aussage von einem Zeugen bestätigt
wurde.99 Das Rundschreiben änderte diese Bestimmungen lediglich in geringem Maße -
der Inhalt der Aussage musste mit dem festgestellten Sachverhalt übereinstimmen, bzw.
durfte nicht im Widerspruch zu den wahrscheinlichen Umständen hinsichtlich der
Begehung der Straftat stehen. Zudem musste der Zeuge gemäß den Bestimmungen
dieser Vorschrift seine Aussage bei der Polizei oder vor Gericht machen, wobei die
Aussage eines Zeugen als legaler Beweis für die Existenz eventuell erschwerender
Umstände galt, wenn der Beschuldigte die Begehung der Straftat vorher gestanden
hatte. Zudem konnte in Fällen, in denen der Beschuldigte mehrere Straftaten
gleichzeitig begangen hatte, jede dieser Taten durch die Aussage eines Zeugen bewiesen
werden.100
Aussagen von Personen, die wegen der Begehung einer Straftat angeklagt oder
verurteilt waren, sowie von jenen Personen, die mangels Beweisen freigesprochen
wurden (absolutio ab instantia), hatten nicht die Kraft legaler Beweise, außer in
Situationen, in denen die Straftat nicht durch Aussagen anderer Zeugen nachgewiesen
werden konnte.101
Zeugen hatten ihre Aussagen auch vor der Veröffentlichung des Schreibens über
Beweise beeidet, und zwar obwohl dies durch keine bestehende Vorschrift vorgesehen

99
AS, JM 1/1842, Schreiben über Beweise.
100
Živanović, Gesetzesquellen, S. 394-395.
101
Ibidem.

31
war. Dieser Eid war jedoch nicht obligatorisch und er diente ausschließlich dazu, die
Aussage des Zeugen zu untermauern.102
Das Schreiben über Beweise bestimmte ausdrücklich, dass der Zeuge einen Eid
zu leisten hatte, was jedoch in den darauf folgenden Jahren nicht in die Praxis umgesetzt
wurde. Das Justizministerium hatte nämlich mit seinem Schreiben vom 5. November
1849 den Rat informiert, dass Zeugen in Strafprozessen oft nicht gewillt waren, einen
Eid zu leisten, was die Beweisung der Schuld des Angeklagten unmöglich machte, so
dass es den Vorschlag unterbreitetete, ein Gesetz zu verabschieden, mit dem man die
Zeugen dazu zwingen würde. Der Rat willigte ein und so erging am 24. Oktober 1850
ein Bescheid, mit dem vorgeschrieben wurde, dass Zeugen, die den Eid verweigern, in
Haft zu nehmen sind, um sie so zur Ablegung eines Eids zu zwingen. Der Bescheid
wurde dann am 29. November des gleichen Jahres dahingehend ergänzt, dass festgelegt
wurde, dass die Inhaftierung des ungebärdigen Zeugen 1 bis 3 Tage dauern kann, wobei
als alternative Strafe eine Geldbuße in Höhe von zwei bis sechs Taler eingeführt
wurde.103
Die Aussagen von Mittätern galten als Beweismittel, von dem die Gerichte
auch vor der Veröffentlichung des Schreibens über Beweise Gebrauch gemacht
hatten.104 Die Gültigkeit dieser Art von Beweisen war durch die Erfüllung folgender
Voraussetzungen bedingt: 1) mindestens zwei Mittäter bei der Begehung der Straftat
mussten eine identische Aussage machen, die sie dem Beschuldigten ins Gesicht zu
sagen und dann zu wiederholen hatten, wenn das Urteil im Prozess gegen sie verkündet
wurde; 2) wenn die Mittäter, die zum Tode verurteilt waren, unmittelbar vor der
Vollstreckung der Todesstrafe ihre Anklage gegen den Beschuldigten wiederholt hatten;
3) ihre Aussagen mussten den Anforderungen aus dem Schreiben über Beweise
hinsichtlich der Zeugenaussagen genügen (mit Ausnahme der Beeidigung); 4) während
der Vernehmung mussten den Mittätern in Zusammenhang mit der Straftat bestimmte
Fragen gestellt werden, die sie nicht erwartet haben, wobei sie auf diese Fragen die
gleichen Antworten geben mussten; 5) dass sie ihre Beteiligung an der Begehung der
102
Zeugenvereidigung siehe z.B. bei Maksimović, op. cit., S. 112, 143, 168.
103
AS, SR 361/1849, Minstarstvo pravde Savetu br. 3978, Beograd 5. novembar 1849 (Justizministerium
an den Rat Nr. 3978, Belgrad, 5. November 1849); Sammelband der Gesetze V, S. 294, 302.
104
Sie z.B. AS, АG 70/4-5, Sasslušanje pisara Miše Petrovića od 24. juna 1839 (Anhörung des
Schreibers Miša Petrović vom 24. Juni 1839); АG 56/12, Saslušanje Milutina Čole u Sudu okruga
kragujevačkog od 21. maja 1839 (Anhörung von Milutin Čola im Gericht des Kreises Kragujevac vom
21. Mai 1839); АG 56/18, Saslušanje Veselina Ilića od 23. maja 1839 (Anhörung von Veselin Ilić vom
23. Mai 1839); Maksimović, op. cit., S. 126.

32
Straftat eingestanden haben; 6) dass kein Umstand existierte, der Zweifel an ihren
Aussagen lassen würde und 7) wenn den Beschuldigten nur ein Mittäter belastete,
würde seine Aussage nur dann gelten, wenn sie durch die Aussage eines Zeugen
untermauert war. Das Rundschreiben ließ Punkt 2) aus und führte statt der Gestehung
der Mittäterschaft bei der Begehung der Straftat an, dass gegen sie ein solch belastender
Sachverhalt sprechen musste, dass man nicht an ihren früheren Aussagen zweifeln
kann.105
Dass Dokumente Beweismittel im Strafprozess sein konnten, ohne dass dies
gesetzlich geregelt war, versteht sich von selbst. Die Art und Weise der Prozessführung,
bei der das Urteil aufgrund des Vernehmungsprotokolls anstatt der Befragung des
Beschuldigten gefällt wurde, machte die Dokumente zum faktisch wichtigsten
Beweismittel im Strafprozess. Ein unmissverständlicher Beleg dafür sind die
Begründungen einiger Urteile, die im Archivmaterial zu finden sind.106
Die Bedeutung der Dokumente im Strafprozess fand jedoch im Schreiben über
Beweise keine entsprechende Würdigung. Sie waren im Kapitel über Zeugenaussagen
zu finden, wobei aber lediglich zwei Bestimmungen zu finden waren - die eine, nach der
das, was in einem Protokoll stand, als vollgültiger Beweis angesehen wird und die
andere, die besagte, dass Gleiches auch für jedes andere öffentliche Dokument gelten
wird, jedoch mit Ausnahme von Fällen, in denen der Beamte, der das Dokument
ausgestellt hatte, an der Begehung der Straftat beteiligt war.107
Hinsichtlich der Dokumente war das Rundschreiben da schon etwas
ausführlicher. Als Beweis vor Gericht galten schriftliche Dokumente, die eine Straftat
enthielten, gefälscht waren oder zur Ausübung von Straftaten anregten, wenn sie vom
beschuldigten angefertigt wurden. Für den Fall, dass das Dokument von einer
Drittperson stammte und dem Beschuldigten zugesandt wurde, würde der Richter es
entsprechend der Beweisregelung gewichten. Die Authentizität der Urkunde, an der
man zweifelte, musste nachgewiesen werden. Die Protokolle der Getauften, Vermählten
und Verstorbenen sowie andere Dokumente, die von öffentlichen Einrichtungen oder
105
AS, JM 1/1842, Schreiben über Beweise; Živanović, Gesetzesquellen, S. 395.
106
Siehe Maksimović, op. cit., S. 140; AS, Prekid sud za učesnike u Katanskoj buni (Standgericht für
Akteure des "Katan" Aufstandes) (im weiteren Text = KA) 58/5, Izvod sudjenja u prestupljeniju Alekse
Stefanovića iz Čajetine, okružja užičke, služivšeg u Loznici (Auszug aus dem Prozess wegen des
Vergehens von Aleksa Stefanović aus Čajetina, Kreis Užice, mit Dienst in Loznica); KA 60/5, Izvod
sudjenja u prestupljeniju Uroša Veselinovića iz Loznice (Auszug aus dem Prozess wegen des Vergehens
von Uroš Veselinović aus Loznica); Maksimović, op. cit., S. 307.
107
AS, JM 1/1842, Schreiben über Beweise.

33
beeidigten Beamten ausgestellt wurden, wurden als vollständiger Beweis im Hinblick
auf die darin angeführten Angaben angesehen, wenn keine berechtigten Zweifel an ihrer
Glaubwürdigkeit bestanden und wenn ihr Aussteller daraus irgendeinen Nutzen für sich
erwarten konnte.108
Die erste Erwähnung der Sachverständigen ist in einem Urteil des Gerichts des
Kreises Belgrad aus dem Jahr 1840 zu finden. 109 Das Schreiben über Beweise verleiht
der Aussage des Sachverständigen die Kraft eines gesetzlichen Beweises, doch es
differenziert nicht zwischen dem Befund und der Stellungnahme. Auch das
Rundschreiben ist diesbezüglich nicht ausführlicher - Sachverständige konnten von der
Polizei oder dem Gericht bestellt werden, wobei die Eigenschaft eines vollumfänglichen
Beweises diejenige Aussage hatte, mit der sie etwas unter Eid bestätigen würden.110
Für Indizien, Verdachtsmomente, Teilbeweise oder unvollständige Beweise
gab es in der frühern Phase der Strafprozessentwicklung keinen Platz, da die Existenz
überzeugender Beweismittel die Notwendigkeit ihrer Nutzung ausschloss. Seltene
Beispiele aus der Praxis des Kreisgerichts Požarevac zeigen, dass für die Verurteilung
des Beschuldigten auch ein einziges Verdachtsmoment genügtе.111 Eine Wende
bezüglich der Regelung der Beweisbestandteile trat nach der Verabschiedung des
Schreibens über Beweise ein. Die veränderte Behandlung von Indizien als Beweismittel
war so tief greifend, dass gerade sie von da an zum Beweismittel wurden, dem man in
der Gesetzgebung die meiste Beachtung schenkte. Teilbeweise wurden nach dem
Schreiben über Beweise in zwei Gruppen unterteilt: in Beweise, die für die Beweisung
der Straftaten des Mordes und der Körperverletzung dienten, sowie in Indizien, mit
denen andere Straftaten bewiesen werden. Das System der Formierung der Beweismittel
war überaus kompliziert.112
Durch das Rundschreiben wurde die Art und Weise des Erhalts von
Beweismitteln vereinfacht, doch dafür wurde die Indizieneinteilung zusätzlich
verzweigt. Hinsichtlich des Überzeugungsgrades unterteilte man sie in nähere und
fernere Verdachtsmomente, wobei die Erstgenannten mehr und die Zweitgenannten
weniger für die Schuld des Angeklagten sprachen. Abhängig davon, in welchen
108
Živanović, Gesetzesquellen, S. 396.
109
AS, GKB, nicht geordnete Materialien für das Jahr 1842, Presuda Suda okruga beogradskog br. 805,
Beograd 6. april 1840 (Urteil des Gerichts des Kreises Belgrad Nr. 805, Belgrad 6. April 1840).
110
AS, JM 1/1842, Schreiben über Beweise; Živanović, Gesetzesquellen, S. 393.
111
Maksimović, op. cit., S. 132, 133.
112
Alle Indizien sind in AS, JM 1/1842, Schreiben über Beweise angeführt.

34
Strafprozessen sie als Beweise verwendet werden konnten, teilte man sie in allgemeine,
die in allen Prozessen verwendet werden konnten, und in besondere Indizien, die bei
bestimmten Strafprozessen als Beweis herhalten konnten. Der zweiten Gruppe gehörten
die Teilbeweise an, die in Strafprozessen wegen Staats- oder Herrscherverrats, Mord,
Abtreibung oder Kindesverstoßung sowie bei Verbrechen und Vergehen zwecks
Vorteilsverschaffung angewendet wurden.113
Das Beeiden des Beschuldigten, die Straftat nicht begangen zu haben (sog.
purgatorischer Eid), welches zweifelsohne eine Reminiszenz an das Mittelalter
darstellt, war als Beweismittel in Serbien auch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
allgegenwärtig, was auch die verfügbaren Quellen belegen. Der Beschuldigte beeidete
seine Unschuld nur dann, wenn es im Strafprozess keine anderen Beweise gab. 114 Dieses
Relikt aus der Vergangenheit wurde von der gesetzgeberischen Gewalt toleriert, da sie
auf die patriarchalische Moral der Menschen baute, deren höchstes Ideal die
Aufrichtigkeit war. Das allmähliche Vordringen der Ware-Geld-Beziehungen schwächte
die Gewichtung der Moralnormen, so dass die Existenz einer solchen Beweisform
abgelebt war. Aus diesem Grunde wurde auch im OKG in Artikel 48 angemahnt, dass
sie lediglich mangels anderer Beweise anzuwenden ist, wonach das Schreiben des
Appellationsgerichts vom 16. September 1844 ihre Anwendung vollends untersagte.115
Der Augenschein, das zuverlässigste Beweismittel, ging in die Strafprozesse in
Serbien mit dem Rundschreiben ein. Um als vollgültiger Beweis zu gelten, musste der
Augenschein entweder von der Polizei oder von einem von Amts wegen bestellten
Richter vorgenommen werden.116
Was die Gewichtung der Beweise anbetrifft, so lassen sich aus den bisherigen
Ausführungen deutlich zwei Phasen abgrenzen. In der ersten war das Gericht an keine
Regeln der Beweisführung gebunden und fällte seine Urteil nach dem Grundsatz der
freien Beweisgewichtung. Die zweite Phase setzte 1842 ein, als das Schreiben über
Beweise verabschiedet wurde, in dem nach Vorbild der österreichischen

113
Živanović, Gesetzesquellen, S. 389-391; 396-397.
114
Maksimović, op. cit., S. 117, 130, 160, 169. Bezüglich der Form der Beeidigung siehe A. Jovanović,
Prinosci za istoriju starog srpskog prava (Beiträge zur Geschichte des alten serbischen Rechts), Belgrad
1900, S. 35.
115
Siehe M. Popović, Normativno regulisanje krivičnog postupka u Kneževini Srbiji 1838-1848
(Normative Regelung des Strafprozesses im Fürstentum Serbien 1838-1848) (Manuskript), S. 5; Petrović,
Wörterbuch, S. 212.
116
Živanović, op. cit., S. 393.

35
Strafprozessgesetzgebung das Prinzip der gesetzlichen Beweisgewichtung eingeführt
wurde.117

4) Urteilsfällung

Nach Abschluss der Beweisaufnahme erfolgte die Urteilsfällung, weil es im


Rahmen der serbischen Strafprozessordnung bis 1865 keine Hauptverhandlung gab. Da
jedes gerichtliche Verfahren zwecks Urteilsfällung geführt wird, verwundert es nicht,
dass bereits die ersten rudimentären strafprozessrechtlichen Vorschriften ihre Form
geregelt haben. So wurde im Edikt angeführt, dass die Mitglieder des Magistrats eine
Übereinstimmung mit den Fürsten ihrer Nahie bezüglich des Urteilsinhalts zu erzielen
hätten. Ein Jahr später wurden im Schreiben an die Magistrate die Gerichte darauf
hingewiesen, dass Urteile in Absprache mit den Fürsten der Nahien und der
Fürstentümer gefällt werden müssen. Wenn unter den Richtern keine Einstimmigkeit
bezüglich des Urteilsinhalts bestand, hatten sie die Entscheidungsfindung zu vertagen,
und wenn sie auch dann zu keiner gemeinsamen Entscheidung kommen konnten, war
die Sache an das Serbische Volksgericht zu übersenden (Artikel 22 der Pflichten). Die
Urteilsfällung hatte gemäß Artikel 25 der Pflichten geheim zu erfolgen.118
Die Bestimmungen über die Prozedur der Urteilsfällung enthielt auch die OKG.
Das Kreisgericht werde dann zur Urteilsfällung schreiten, nachdem alle Sachverhalte in
Zusammenhang mit der Straftat festgestellt wurden. Das Urteil war in voller Besetzung,
d.h. in Anwesenheit aller Richter auszusprechen. Die Entscheidung galt als gefallen,
wenn sich die Mehrheit der Richter für sie aussprach, wobei bei Stimmengleichheit die
Stimme des Gerichtspräsidenten den Ausschlag gab. Das Urteil musste binnen acht
Tagen ab dem Beginn der Ermittlungen verkündet werden, während bei komplexeren
Prozessen diese Frist bis auf dreißig Tage ausgedehnt werden konnte. Die Änderungen
und Ergänzungen der OKG aus dem Jahr 1858 sahen einen modernen Rechtsgrundsatz
hinsichtlich der Abstimmung über das Urteil vor - wenn nämlich mehrere Meinungen
im Hinblick auf seinen Inhalt existierten, hatte die Entscheidung mit relativer

117
Siehe Gesetzbuch über Verbrechen und Schwere Polizey-Übertretungen I, Wien 1815, S. 163-184; II,
S. 170-182; B. Marković, O dokazima u krivičnom postupku (Über Beweise im Strafprozess), Belgrad
1908, S. 84.
118
Živanović, Gesetzesquellen, S. 67, 70, 85.

36
Stimmenmehrheit gefällt zu werden, doch wenn auch sie nicht zu erzielen war, kam die
für den Beschuldigten mildeste Lösung zur Anwendung.119
Das Gericht konnte mit seinem Urteil den Beschuldigten für unschuldig
erklären, ihn mangels Beweisen freisprechen oder verurteilen. Der Beschuldigte wurde
für unschuldig erklärt, wenn alle Beweise gegen ihn widerlegt wurden. Im Falle, dass
ein solches Urteil erging, stand der von der Anklage freigesprochenen Person das Recht
zu, Schadenersatz wegen unbegründeter Aussetzung einem Strafprozess zu fordern.120
Wenn es nicht genügend Beweise gab, die den Beschuldigten belasteten, die in
ihnen enthaltenen Fakten aber Zweifel an seiner Unschuld zuließen, wurde das
Verfahren wegen Beweismangel vorübergehend ausgesetzt. Für den Fall, dass später
Beweise auftauchen sollten, die die Schuld der vorübergehend auf freien Fuß gesetzten
Person belegten, wurde das Verfahren wieder aufgenommen. Die vorübergehend auf
freien Fuß gesetzte Person war verpflichtet, die Kosten des Strafprozesses zu tragen.121
Letztendlich wurde der Beschuldigte schuldig gesprochen, wenn durch
Anwendung der Regelung über die gesetzliche Beweisgewichtung festgestellt wurde,
dass er die Straftat begangen hatte.122

5) Verfahren vor Gerichten höherer Instanz

Strafprozesse endeten nicht immer mit einem Urteil des Gerichts erster Instanz.
Es bestand nämlich die Möglichkeit, dass die Sache vor das Gericht zweiter oder gar
höherer Instanz kam, das eventuell die Mängel des erstinstanzlichen Urteils aufhob.
Darin unterscheiden sich die Strafprozesse in Serbien im Zeitraum von 1815 bis 1865
nicht von den heutigen. Das, was sie jedoch von den aktuellen Prozessen unterscheidet,
ist die Tatsache, dass die damaligen Vorschriften überhaupt nicht das Recht des
Verurteilten erwähnten, das Urteil durch Rechtsmittel anzufechten. Das Gericht
niedrigerer Instanz musste vielmehr ex officio die eigenen Entscheidungen der

119
Serbische Zeitung, Nr. 5 vom 3. Februar 1840, S. 36; AS, JM 1/1842, Schreiben über Beweise;
Sammelband der Gesetze XI, S. 25.
120
AS, JM 1/1842, Schreiben über Beweise.
121
Ibidem.
122
Ibidem.

37
nächsthöheren Gerichtsinstanz vorlegen.123 Erst gegen Ende dieser Periode sollte der
Verurteilte das Recht erhalten, Beschwerde gegen das Urteil einzulegen.
Von Verhandlungen vor höheren gerichtlichen Instanzen spricht erstmals die
Geschäftsordnung. Jedes Urteil, mit dem jemand zum Tode verurteilt wurde, musste das
Serbische Volksgericht an den Fürsten leiten. Artikel 7 der Pflichten sah vor, dass das
Magistrat seine Urteile wegen schwererer Straftaten, und insbesondere wegen Mord
solange nicht vollstrecken konnte, bis es die diesbezügliche Genehmigung des
Serbischen Volksgerichts erhalten hatte. Als am 28. September 1837 das Edikt über die
Gründung des Großen Gerichts erlassen wurde, schrieb man in ihm vor, dass das
Magistrat Urteile, die über das ihm gestattete Maß hinausgingen, an das Große Gericht
zu schicken habe. Sollte auch das Große Gericht dieses Urteil nicht aussprechen
können, wird es dieses an den Rat weiterleiten. Über schwerste Strafen, nämlich die
Todesstrafe, Prügelstrafe bis zum Tode und lebenslängliche Кerker, konnte
ausschließlich der Fürst entscheiden.124
Auch die in den 40er Jahren des 19. Jahrhunderts verabschiedeten Rechtsakte
räumten den Verurteilten nicht das Recht ein, Rechtsmittel im Laufe des Verfahrens
einzulegen. Gemäß Artikel 29 der OKG war das Kreisgericht verpflichtet, jedes Urteil,
das eine strengere Strafe als 3 Monate Haft oder 50 Stockhiebe vorsah, dem
Appellationsgericht zur Prüfung zuzusenden. Dieses musste nach Artikel 7 der OAG
prüfen, ob das Kreisgericht Ermittlungen in genügendem Ausmaße durchgeführt hatte
und ob die Beweise entsprechend gewürdigt worden waren. Wenn es keine formalen
Mängel gab, konnte das Appellationsgericht das Urteil entweder bestätigen oder
abändern.125
Am 9. September 1846 wurde ein Gericht dritter Instanz gegründet, nämlich der
Oberste Gerichtshof. Seine Zuständigkeit war, in dritter Instanz in Sachen zu
entscheiden, die bereits vor einem der Kreisgerichte und dem Appellationsgericht
verhandelt wurden. Dieses Gericht zweiter Instanz musste von Amts wegen dem
Obersten Gerichtshof alle Urteile zusenden, mit denen Todesstrafen, Haftstrafen von

123
Die Ausnahme bildete die einstweilige Ordnung der Kreisgerichte mit ihren 25 Artikeln, die das
Justizministerium 1839 erließ. In Artikel 14 Buchstabe l) dieses Rechtsakts stand geschrieben, dass das
Kreisgericht der nächsthöheren Gerichtsinstanz Urteile in Strafprozessen zukommen lassen wird, die es
alleine nicht vollstrecken kann, oder aber gegen die der Verurteile Beschwerde eingelegt hat. Siehe AS,
SR 263/1839, Ustrojenije sudova okružni (Ordnung der Kreisgerichte).
124
Živanović, Gesetzesquellen, S. 69, 84, 115.
125
Sammelband der Gesetze I, S. 197.

38
mehr als drei Jahren, Inhaftierungen sowie Rang- und Amtsenthebungen ausgesprochen
wurden. Das Appellationsgericht war auch verpflichtet, dem Obersten Gerichtshof alle
Urteile zur Prüfung vorzulegen, mit denen in erster Instanz verurteilte Personen für
unschuldig erklärt wurden. Falls der Oberste Gerichtshof in den Verfahren in erster oder
zweiter Instanz Mängel formaler Natur feststellte, schickte er die Urteile zur erneuten
Prüfung zurück.126 Falls das Urteil keine solchen Mängel enthielt, wurde das Urteil
genehmigt oder abgeändert. Obwohl der Oberste Gerichtshof gemäß der OOG als
Gericht dritter und letzter Instanz definiert war, war er es nicht, da der Fürst jedes
Urteil, das auf Todesstrafe, Kerker oder Haftstrafe von mehr als 6 Jahren sowie Rang-
und Amtsethebung lautete, absegnen musste.127
Da es in den 50er Jahren offensichtlich wurde, dass die bestehenden
Vorschriften über das Appellationsgericht und den Obersten Gerichtshof allzu dürftig
waren, drängte sich das Bedürfnis auf, neue Gesetze zu erlassen, die ihre Arbeit regeln
würden, was 1858 auch geschah. Verabschiedet wurden die Ordnung des
Kassationsgerichts128 und die Ordnung des Appellationsgerichts, die beide weitaus
ausführlicher waren als die vorangehenden, während gleichzeitig auch die OKG
geändert und ergänzt wurde. Die Neuerungen spiegelten sich darin wider, dass die
Zuständigkeiten dieser Gerichte zum Teil geändert wurden, dass man einige neue
prozessrechtliche Institute in den Strafprozess in Serbien einführte, sowie dass die
Stellung des Beschuldigten, bzw. des Verurteilten verbessert wurde.
Durch die Änderungen und Ergänzungen der OKG wurde dem Verurteilten zum
ersten Mal das Recht eingeräumt, durch Rechtsmittel das erstinstanzliche Urteil
anzufechten. Er konnte dies selbst oder über seinen Prozessbevollmächtigten binnen 3
Tagen ab der Urteilsverkündung tun, und zwar wenn er im Prozess zu einer Strafe von
weniger als 50 Stockhieben oder Kerker, Gefängnis oder Gehaltsentzug mit einer Dauer
von weniger als 3 Monaten verurteilt wurde. Zudem konnte er auch Beschwerde gegen
ein Urteil einlegen, mit dem er ausschließlich mangels Beweisen freigesprochen wurde.
126
Der Entwurf der OOG räumte dem Obersten Gerichtshof das Recht ein, Gerichtsurteile für nichtig zu
erklären, worauf die Kommission für die Prüfung des Projekts die Empfehlung gab, diese Bestimmung in
der endgültigen Textfassung auszulassen. Siehe AS, SR 158/1846, Komisija za pregled Savetu, Beograd
10. februar 1846 (Kommission für die Prüfung der OOG an den Rat, Belgrad 10. Februar 1846).
127
Sammelband der Gesetze III, S. 131, 151.
128
Der Oberste Gerichtshof wurde 1855 zuerst in Oberstes und Kassationsgericht sowie 1858 nur in
Kassationsgericht umbenannt wurde, das Gerichtsurteile für nichtig erklären konnte. Ausführlicher bei N.
Žutić, Vrhovni sud Srbije 1846-2006, 160 godina vladavine prava (Oberster Gerichtshof Serbiens 1846-
2006, 160 Jahre Rechtsanwendung), Belgrad 2006, S. 32-38.

39
Die Beschwerde war bei dem Gericht einzureichen, das in erster Instanz zu entscheiden
hatte, wobei über sie das Kassationsgericht zu entscheiden hatte.129
Aufgabe des Appellationsgerichts war es auch weiterhin, darauf zu achten, ob im
Prozessverlauf der Sachverhalt zur Genüge festgestellt wurde, doch im Gegensatz zur
vorherigen OAG schickte es nunmehr die Sache an das Kreisgericht nur zwecks
Vervollständigung der Ermittlungen zurück. Nachdem dieses dem nachgekommen war,
schickte es die Sache erneut an das Appellationsgericht, um eine Entscheidung zu
fällen. Urteile, mit denen die Angeklagten für unschuldig erklärt wurden, unterlagen
nunmehr keiner weiteren Überprüfung, doch dafür musste das Appellationsgericht ex
officio dem Kassationsgericht Urteile vorlegen, die auf Todesstrafe, Kerker, Haft,
Gefängnis von mehr als 5 Jahren, sechsmaliges Spießrutenlaufen, Rang oder
Amtsethebung und Dienstdegradierung lauteten.130
Die neue Ordnung des Kassationsgerichts präzisierte, was folgen würde, wenn
das Kassationsgericht das Urteil an das Gericht erster oder zweiter Instanz zur erneuten
Verhandlung zurückschickte. Zudem wurde dadurch auch der Kreis derjenigen Sachen
geändert, die in letzter Instanz dem Fürsten vorgelegt werden mussten. Wenn das
Kassationsgericht eine Sache an das Kreis- oder Appellationsgericht zwecks neuer
Verhandlung zurückschickte, konnten diese sich, mussten sich aber nicht mit den
Beanstandungen der dritten gerichtlichen Instanz einverstanden erklären. Für den Fall,
dass sie an ihrem ursprünglich gefällten Urteil festhielten, hatten das Kreis- oder
Appellationsgericht das Urteil erneut an das Kassationsgericht zu leiten. Wenn dieses
dann das Urteil zum zweiten Mal für nichtig erklären sollte, mussten die Gerichte der
niedrigeren Instanz gemäß den Beanstandungen verfahren. Auch in der neuen OKS war
die Beteiligung des Fürsten am gerichtlichen Strafprozess verankert, da das
Kassationsgericht verpflichtet war, ihm Urteile vorzulegen, die auf Todesstrafe, Kerker,
Haft, Gefängnis von mehr als 5 Jahren, sechsmaliges Spießrutenlaufen, Rang oder
Amtsethebung und Dienstdegradierung lauteten.131
Die letzte große Änderung im Rahmen der normativen Regelung des Verfahrens
vor höheren Gerichtsinstanzen war die Verabschiedung der neuen OAG aus dem Jahre
1860. Das Kassationsgericht wurde dadurch aufgelöst, während seine Zuständigkeiten

129
Sammelband der Gesetze XI, S. 26.
130
Sammelband der Gesetze XI, S. 21.
131
Sammelband der Gesetze XI, S. 10, 11.

40
vom Appellationsgericht übernommen wurden, so dass es von da an in Strafprozessen
anstatt vier nur noch drei gerichtliche Instanzen gab.132

III. FAZIT

Wie bereits im Text erwähnt wurde, ist es überaus schwierig, unterschiedliche


Elemente des Strafprozesses auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen. In diesem
Zusammenhang ist es noch weitaus schwieriger, einzelne Perioden im Rahmen der
Entwicklung des Strafprozesses in Serbien als Ganzes in der Zeit zwischen 1815 und
1865 abzugrenzen. Ohne den Anspruch auf absolute Exaktheit erheben zu wollen, soll
dennoch versucht werden, die gesamte Geschichte der in dieser Arbeit behandelten
Erscheinung in einige kleinere Einheiten zu unterteilen, deren Bindegewebe bestimmte
gemeinsame Merkmale ausmachen würden.
Demzufolge würde die erste Phase der Zeitraum zwischen 1815 und 1840
ausmachen. Ihn charakterisieren die Einrichtung der ersten, für die Durchführung von
Strafprozessen zuständigen Gerichte, die Erlassung der ersten rudimentären
strafprozesslichen Vorschriften, die Bestimmung der gegenständlichen und örtlichen
Zuständigkeit, die Normierung der wenigen Institute dieses Rechtszweigs sowie die
Ausprägung der Idee von der Kodifizierung des Strafprozesses. Diese Phase kann dann
wiederum abhängig vom Umfang der normativen Regulierung in zwei kleinere
Zeitabschnitte unterteilt werden - der erste von 1815 bis 1825, der durch die Errichtung
eines Gerichtsnetzes als Grundvoraussetzung für die Verabschiedung der
Prozessgesetzgebung gekennzeichnet ist, und der zweite von 1825 bis 1840, dessen
Hauptcharakteristik die Erlassung der ersten Rechtsakte mit etwas detaillierteren
Bestimmungen bezüglich der elementaren Institute des Strafprozesses ist.
Die Jahre 1840 und 1850 grenzen die zweite Phase ein. Als Kriterium für eine
solche Abgrenzung diente wiederum die Allumfassendheit der Regulierung des
Bereichs des Strafprozesses. Die OKG als Rechtsakt, der im Hinblick auf seinen Inhalt
einen großen, aber immer noch nicht ausreichenden Schritt nach vorne im Vergleich zur
vorherigen Gesetzgebung zur Folge hatte, ist als Beginn dieser Phase anzusehen. Die
weitaus umfassendere und gänzlich auf den Strafprozess ausgerichtete
Polizeiverordnung stellte ebenfalls eine bedeutende Weiterentwicklung hin zur

132
Sammelband der Gesetze XIII, S. 13-16.

41
absoluten Kodifikation und kann deshalb als das Ende dieser Phase charakterisiert
werden. Ihre wichtigsten Merkmale waren die Verordnungen und Schreiben, die als
Überbau der bereits existierenden Vorschriften anzusehen sind und die etwas
komplexere Fragen des Strafprozesses regelten, nämlich die Sicherstellung der Präsenz
des Beschuldigten im Rahmen der Prozessführung, Beweismittel u. a.
Nach 1850 setzt in der Entwicklung des Strafprozesses in Serbien die dritte
Phase ein, die bis 1865 dauerte. Dies war eine Zeit, in der immer noch partielle
strafprozessrechtliche Vorschriften erlassen wurden, die aber immer modernere und
komplexere Formen annahmen, so dass sie diesbezüglich bereits der heutigen
Gesetzgebung ähnelten. Zudem erwies sich die Verabschiedung der Polizeiverordnung
als Impuls für die weitere Kodifizierungsarbeit, so dass in diesem Zeitraum die
Versuche belebt und intensiviert wurden, eine einheitliche Strafprozessordnung zu
verabschieden, was letztendlich dann auch von Erfolg gekrönt wurde.
Die vorliegende Untersuchung liefert eine Retrospektive auf den Strafprozess in
Serbien im Zeitraum von 1815 bis 1865. Die dabei erhaltenen Ergebnisse wurden nach
den entsprechenden strafprozesslichen Instituten gruppiert, wodurch auch Rechtsakte
dargestellt wurden, welche sich in größerem oder geringerem Maße mit ihnen
beschäftigten. Damit die Präsentierung der Ergebnisse nicht auf eine simple Darstellung
des normativen Aspektes der untersuchten Erscheinungen reduziert wird, wurde
versucht, überall dort, wo dies möglich war, die Anwendung eines bestimmten Instituts
auch durch Beispiele aus der Praxis zu belegen. Wegen des Umfangs des Themas war
dies selbstverständlich nahezu unmöglich.
Die künftigen Untersuchungen zu diesem Thema sollten sich daher eingehender
mit denjenigen Faktoren befassen, die dazu beigetragen haben, dass die Vorschriften
eben einen solchen Inhalt hatten. Die Aufgabe ist nur scheinbar einfach - die Forscher
werden sich nämlich einer Fülle von Archivmaterialien aus der Gerichtspraxis
gegenübergestellt sehen, die sicherlich der bedeutendste Wegweiser dafür sind, was für
eine Gesetzgebung auszuarbeiten, bzw. wie sie zu ändern und zu ergänzen ist. Nicht
weniger bedeutende Wegweiser sind aber auch die Beziehungen innerhalb der
Gesellschaft. Mit ihnen sollte sich jeder Forscher bestens vertraut machen, falls er
beabsichtigt, eine Antwort auf die Frage zu liefern, welche konkreten Faktoren die
Verabschiedung der strafprozessrechtlichen Vorschriften bedingt haben.

42
Auch die Erforschung der Gesetzgebung anderer Staaten darf nicht außer Acht
gelassen werden. Anhand einiger Beispiele wurde ersichtlich, dass einzelne
Vorschriften in höherem oder geringerem Grad Lösungen der Gesetzbücher anderer
Länder rezipiert haben. Doch wenn es sicher ist, welche Normen als Modell für die
Bestimmungen der wichtigsten strafprozesslichen Verordnungen hergehalten haben, so
hat man nicht zur Genüge erforscht, was die Vorbilder für die Lösungen in denjenigen
Rechtsakten waren, die sich nur zum Teil auf den Strafprozess beziehen. Sie sollte man
in erster Linie in der österreichischen und danach auch in der Gesetzgebung anderer
deutscher Staaten suchen, da diese ohnehin den größten Einfluss auf die serbischen
strafrechtlichen und materiellen Gesetze ausgeübt haben.
Die Verbindung von Erkenntnissen, die man durch die Analyse dieser drei
Faktoren erhalten würde, welche die Lösungen des Strafprozesses in Serbien
entscheidend geprägt haben, würde das Bild des serbischen Rechts im 19. Jahrhundert
gänzlich abrunden.

43