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Axel Honneth

Anerkennung
Eine europàische
Ideengesch ichte

S u I rka m p
1 n h alt

Vorbemerkung 9
1. Ideengeschichte versus Begriffsgeschichte:
Methodische Vorüberiegungen 13
II. Von Rousseau zu Sartre: Anerkennung und
Selbstveriust 24
M. Von Hume zu Miii: Anerkennung und
Seibstkontroile 8i
IV. Von Kant zu Hegel: Anerkennung und
Seibstbestimmung 131
Bibliografsche Information der Deutschen Nationalbibliothek V. Anerkennung im ideengeschichtlichen
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pI
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ISBN 978-3-518-58713-3

a
Jürgen Habermas in Dankbarkeit gewidmet
Vorbemerku ng

Diese Studie verdankt sich einer Einladung des Cam-


bridge Centre for Political Thought, im Mai 2017 an der
University of Cambridge die alie zwei Jahre stattfinden-
denJohn Robert Seeley Lectures zu haiten. Ich muss zu-
geben, dass mich der enorme Ruf, der diesem Centre
schon seit langem ais einem Schmelztiegel der politi-
schen Ideengescliichte vorauseilt, ein wenig eingeschüch-
tert hat, weshalb ich mich zu einer Vorsichtsmaínahme
entschioss: Meine Vorlesungen oiiten sich ejnen The-
ma widmen, das zwar deutlich ideengeschichtliche Züge
tragen würde, für das ich aber gleichzeitig bereits eine
gewisse sachliche Autdrit.t beánspruchen konnte. So
ist aus dem Kalküi, mich zwar auf das Feld der politi-
schen Ideengeschichte vorzuwagen', dabei jedoch einen
mir schon philosophisch vertrauten Stoff zu behandeln,
dieldee zur Gçstaltung meiner Seeley-Lectures und da-
mit zu der folgenden Studie entstanden: Was sowohl die
sogenannte Cambridge School als auch die deutsche Tra-
dition der »Begriffsgeschichte« für eine Reihe von Schlüs-
selkategorien unseres politischen Se1bstverstndnisses
geieistet haben, also die Rekonstruktion dieser Katego-
rien entiang einer komplizierten, konflikthaften Geschich-
te, um uns über die historische Herkunft demokrati-
scher Leitbegriffe aufzuklãren, will ich im Folgenden
mit meinen bescheidenen Mitteln für den inzwischen
zu einiger Bedeutung gelangten Begriff der Anerken-
9
nung unternehmen. Es wird also in den fünf Kapiteln spezifischen Verwendung in den lokalen Bedeutungs-
meines Buches darum gehen, die ideengeschichtlichen kern des Begriffs eingeschlichen haben: Ob mit der An-
Wurzeln der heute für uns selbstverstãndlichen Vorstel- erkennung einer Person eher deren soziale Reputation
lung freizulegen, dass das Verhãltnis der Subjekte unter- gemeint ist oder doch etwas vom õffentiichen Ansehen
einander durch eine wechselseitige Abhàngigkeit von Unabhàngiges, eine tiefere Schicht Betreffendes, dürfte
der Wertschàtzung oder Anerkennung durch den oder am Ende einen groíen Unterschied für den theoretischen
die jeweils Anderen geprãgt ist. Gebrauch des Begriffs machen; von ebenso groíer Be-
Wie schwierig die Aufgabe ist, die ich mir damit vor- deutung in Hinblick auf die Verwendung des Ausdrucks
genommen habe, ist schon an dem Umstand zu erken- »Anerkennung« wird es sein, ob damit gedanklich eher
nen, dass .die Idee der Anerkennung heute in verschie- ein moraiischerkt verbiinden wird, eine Art von Res-
denen Kontexten ganz unterschiedliche Assoziationn pektbezeugung gegenüber anderen Personen, oder doch
weckt. Das eine Mal wird in der Abhãngigkeit des Em- viel stãrker ein epistemischer Vorgang, also eine Leis-
zeinen von der Anerkennung durch Andere die Quelie tung unserer Erkenntnis objektiver Sachverhalte. All
alier modernen, egalitãren Moral gesehen, das andere das - die Unterschiede im semantischen Gehalt des Aus-
Mal nur ein soziales Mittel, um das Individuum auf die drucks, seine verschiedenen Assoziationsketten in loka-
richtige Bahn eines gesellschaftsfõrderiichen Verhaitens len Zusammenhngen - sind Fragen, die eine groíe Rolie
zu ienken; und in einem wieder anderen Kontext wird in spielen müssen, wenn man die neuzeitliche Geschichte
derseiben Abhngigkeit die Wurzel einer fatalen Selbst- derIdee der Anerkennung rekonstruieren mõchte.
tàuschung des Individuums über die eigene, »authenti- Bevor ich aber diese Auf gabe selbst in Angriff nehme,
sche< Persiniichkeit vermutet, Anerkennung also ais mõchté ich zunãchst denjenigen danken, die mich durch
eine Gefàhrdung »wahrer< Individualitãt begriffen. Ei- ihre ehrenvolle Einladung überhaupt erst auf den Ge-
nige dieser Differenzen hàngen, wie sich noch zeigen danken einer soichen ideengeschichtlichen Untersu-
wird, mit semantischen Eigenarten des Anerkennungs- chung gebracht haben. Ailen voran gilt mein aufrichti-
begriffs in den jeweiligen nationalen Sprachkuituren zu- ger Dank John Robertson, der mich ais Direktor des
sammen. Wàhrend er im Franzisischen mit dem Wort Cambridge Centre for Politicai Thought eingeladen
reconnaissance und im Eng1ischen'mt recognition ausge- hat, die Seeley-Lectures 2017 in Cambridge zu haiten;
drückt wird, sprechen wir im Deutschen in deutlicher er hat mir durch seine groízügige Gastfreundschaft
Abgrenzung dazu nicht von Wieder-, sondern von An- nicht nur ermôglicht, meinen Aufenthalt an seiner Uni-
erkennung.' - Andere Ufiterscbiede ergeben sich aus versitàt sehr zu genieíen, sondern hat zudem durch sei-
den Assoziationsketten, die sich im Laufe seiner kultur- ne scharfsinnigen, aus tiefer Kenntnis der europãischen

i Vgl. dazu Paul Ricur, Wege der Anerkennung, übers. von Ulrike S. 19-42; Heikki Ikãheimo, Anerkennung, Berlin/Boston 2014,
Bokelmann und Barbara Heber-Schãrer, Frankfurt/M. 2006, v. a. Kap. 2.1.

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Aufklãrung gespeisten Rückfragen erheblich zur Ah-
rundung meiner Sicht auf die intellektuelle Entwicklung
der Idee der Anerkennung beigetragen; das Gleiche gilt
für John Dunn, Christopher Meckstroth und Michael Ideengeschichte versus Begriffsgeschichte:
Sonenscher, deren Kommentare und Einwnde mich Methodische Vorüberlegungen
ebenfalis vor alizu schnellen und unüberlegten Schluss-
folgerungen bewahrt haben; auch ihnen bin ich daher
zu gro1em Dank verpflichtet. Wichtige Anregungen und Es ist wichtig für unsere demokratische Kultur, so hatte
Hinweise in Hinblick auf das 4. Kapitel meiner Studie, ich schon in der Vorbemerkung angedeutet, sich die his-
das sich mit dem Anerkennungsdenken des Deutschen torischen Ursprünge und Entwicklungen derjenigen Ide-
Idealismus beschãftigt, habe ich sch1ieí1ich von Michael en oder Begriffe vor Augen zu führén, von denen unser
Nance erhalten, der ais Humboldt-Feliow zwei Semes- poiitisch-soziaies Zusammenleben bis heute nachhaltig
ter am Institut für Philosophie der Goethe-Universitt geprgt ist; denn nur im Spiegel einer soichen histori-
in Frankfurt verbracht hat; auch ihm mõchte ich für sei- schen Rückversicherung kõnnen wir gemeinsam erken-
ne Mithilfe herzlich danken. Die wesentlichen Impulse, nen, warum wir geworden sind, wer wir sind, und welche
aus meinen Vorlesungen zügig eine Monographie zu ma- normativen Ansprüche mit diesem geteilten Selbstver-
chen, verdanke ich Elizabeth Friend-Smith von der Cam- stndnis einhergehen. Auch der Begriff »Anerkennung«
bridge University Press und Eva Gilmer vom Suhrkamp verdient inzwischen eine derartige historische Rückbe-
Veriag, die beide durch sanften Druck und freundliche sinnung, weii er seit einigen Jahrzehnten ebenfalis zum
Mahnungen die relativ pünktliche Abgabe des Manu- Kernbestand unseres poiitisch-kulturelien Seibstver-
skripts bewirkt haben. Eva Gilmer mõchte ich darüber stãndnisses geworden ist; das zeigt sich in so unterschied-
hinaus in einer beinahe schon liebgewonnenen Gewohn- lichen Forderungen wie denen, sich wechselseitig ais
heit für die Durchsicht meines Manuskripts danken, die glçichberechtigte Mitglieder einer Kooperationsgemein-
sie auch diesmal wieder mit gro1er Sorgf alt und Akribie schaft zu achten,' der Eigenart des Anderen unbedingte
vorgenommen hat. Anerkennung zu gewhren2 oder den kuiturelien Mm-
derheiten im Sinne einer »Poiitik der Anerkennung« Wert-

x John Rawis, Gerechtigkeit ais FairneJ3. Ein Neuentwurf, übers.


von Joachim Schulte, Frankfurt/M. 2003, v. a. § 2.
2 Judith Butier, Kritik der ethischen Gew4lt. Adorno- Vorlesungen
2002, übers. von Reiner Ansén und Michael Adrian, Frankfurt/
M. 2007.

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schtzung entgegenzubringen.I Wenn es also im Folgen- Jean-Jacques Rousseau benutzte für diesen Tatbestand
den darum gehen sou, die neuzeitliche Geschichte der im Anschluss an die franzõsischen Moralisten den Be-
Idee der Anerkennung zu rekonstruieren, dann ist mit griff der amour propre, Adam Smith sprach vom nach
einem soichen Vorhaben die Hoffnung verknüpft, etwas Innen verlagerten »iu{eren Beobachter«, und erst Jo-
Ordnung in dieses Feld der Bedeutungen zu bringen und hann Gottlieb Fichte und Georg Wilhelm Friedrich He-
dadurch zur K1rung unseres heutigen politisch-kultu- gel benutzten dafür sch1ieí1ich die uns heute gelãufige
relien Se1bstverstndnisses beizutragen. Bevor ich mich Kategorie »Anerkennung«. Insofern lãsst sich die Gene-
allerdings direkt dieser Aufgabe zuwenden kann, sind se und Geschichte der zeitgenóssischen Idee der Aner-
zunichst einige Worte zur Art meines Vorgehens und kennung nicht anhand des gleichlautenden Ausdrucks
den damir verknüpften Zielen erforderlich, denn mit zurückverfolgen; man würde zu viele relevante Seiten-
dem Vorhaben, die Ursprünge unserer gegenwãrtigen strãnge, zu viele bedeutende Quellen und Anregungen
Vorstellung von Anerkennung freizulegen, kõnnen ja aus dem Blick verlieren, hielte man sich hei der histori-
Ansprüche und Erwartungen von ganz unterschied- schen Rekonstruktion nur an den einen Terminus. Um
licher Komp1exitt oder Raffinesse einhergehen. eine Begriffsgeschichte im engen Sinne kann es sich da-
Meinem Versuch, den Begriff der Anerkennung histo- her hei dem im Folgenden zu unternehmenden Versuch
risch nachzuvollziehen, sind aus unterschiedlichen Grün- nicht handein; verlangt ist vielmehr eine Art von Ideen-
den zwei enge Grenzen gezogen. Zum einen wãre es geschichte, in der ein konstitutiver Gedanke in seiner
hõchst irreführend, den Eindruck zu erwecken, es sei Entwicklung daraufhin nachverfolgt wird, welche Be-
dieser eine Ausdruck, um den es sich handein würde, deutungen entweder durch Korrekturen oder Anreiche-
wenn man die heute so zentrale Idee der Anerkennung rungen hinzugetreten sind. Mit der schwierigen Frage,
in ihrer historischen Genese freilegen wolite. Im Unter- ob es dabei so etwas wie eine Initialzündung, einen Punkt
schied zu anderen uns heute leitenden Begriffen - hei- des ersten Anstoíes gegeben hat, werde ich mich des-
spielsweise »Staat«, »Freiheit« oder »Souvernitãt« - hat haib schon gleich zu Beginn beschftigen müssen.
die Idee, die uns heute beflügelt, wenn wir von ,Aner- Nun làsst sich freilich auch das Vorhaben einer »Ide-
kennung- sprechen, in unserer Vergangenheit nicht in engeschichte« der Anerkennung methodisch auf die ver-
Form eines einzigen, feststehenden Terminus existiert; schiedenste Weise durchführen; bekanntlich haben Den-
vielmehr waren es áanz unterschiedliche Ausdrücke, mit ker wie Robin G. Coulingwood und Quentin Skinner,
denen im neuzeitlichen Denken auf den Sachverhalt ver- Micheu Foucault und Reinhart Koselueck, um nur einige
wiesen wurde, dass wir durch verschiedene Formen der wenige zu nennen, ganz unterschiedliche Vorsteulungen
Anerkennung stets schon aufeinander bezogen sind - davon entwickelt, was es heiít, die Ursprünge und Ge-
schichte eines bestimmten Gedankens historisch zu re-
Charles Taylor, Multzkulturalismus und die Politik der Anerken- konstruieren. Wenn ich hier jedoch die Genese unserer
nung, übers. von Reinhard Kaiser, Frankfurt/M. 2009. heutigen Idee der Anerkennung nachzuvollziehen ver-
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suche, verbinde ich damit nicht die Ansprüche einer reiche Bedeutungen angenommen hat. Ob diese dispara-
Ideengeschichte in einem soichen diszip1inren Sinn; we- ten Abkõmmlinge des einen Gedankens am Ende dann
der will noch kann ich mich der Mühe unterziehen, eine zusammenstimmen und ein einheitliches Bild ergeben
Antwort auf die vertrackte Frage zu geben, welches ge- oder doch blog unvereinbare Bruchstücke bilden, denen
schichtliche Kausa1verh.itnis zwischen einzelnen Ver- jeder innere Zusammenhang fehlt, wird eine Frage sem,
sionen ein und derselben, nur vage umrissenen Idee tat- mit der ich mich am Ende meiner historischen Rekonst-
sch1jch bestanden hat. Eine soiche »echte historische ruktionen beschftigen werde. Auf jeden Fali wird es
Untersuchung würde verlangen, um Michael Dummett um die Geschichte der argumentativen Weiterentwick-
zu paraphrasieren, Belege dafür anzugeben, dass be- lung eines Gedankens gehen, und nicht um die Geschich-
stimmte Denker von anderen Denkern wirklich beein- te der kausalen Sequenz des Einflusses eines Autors auf
flusst worden sind; und ein soicher Nachweis macht es den anderen. Es dürfen hier also keine Neuentdeckun-
Dummett zufolge weiter erforderiich, dass »Verõffent- gen zu intellektuellen Konstellationen oder Abh.ngig-
lichungsdaten überprüft, Tagebücher und Briefwechsel keiten erwartet werden, sondem, wenn überhaupt, eine
entziffert und sogar Bibliotheksverzeichnisse durch- vernderte Sicht auf bereits hin1.ng1ich bekanntes Mate-
forscht werden, um herauszubekommen, was bestimm- rial.
te Einzelpersonen gelesen haben oder h.tten lesen kôn- In einem Punkt hoffe ich allerdings dennoch, über die
nen«.4 Dazu sehe ich mich angesichts der Mittel, die mir schon vertrauten Ergebnisse der ideengeschichtlichen
aufgrund meiner eigenen akademischen Ausbildung zur Erforschung der Neuzeit hinausuge1angen. Ein beson-
Verfügung stehen, nicht in der Lage; ich habe es weder deres Augenmerk mbchte ich nãmlich auf die Frage le-
gelernt, bibliographische Recherchen zu unternehmen, gen, ob mõg1icerweise die soziokulturellen Bedingun-
noch bin ich darin geübt, inteliektuellen Einflüssen his- gen eines Landes mit dafür verantwortlich waren, dass
torisch auf den Grund zu gehen. Insofern muss hier mit die Idee der Anerkennung dort eine spezifische Einf.r-
einer »Ideengeschichte« vorliebgenommen werden, die bung angenommen hat. Angesichts der Vielzahl von Be-
viel geringere Ansprüche stelit ais die Disziplin, die her- deutungen, die die Vorstellung, wir seien stets schon
kõmmlicherweise unter diesem Titel firmiert; mich durch Anerkennungsbeziehungen aufeinander bezogen,
interessiert in den folgenden Untersuchungen, wie em im neuzeitlichen Denken angenommen hat, lasse ich
bestimmter Gedanke, nm1ich der der Anerkennung, mich mithin von der Hypothese leiten, dass diese Unter-
dadurch, dass er gewissermaíen »in der Luft lag«, in ver- schiede mit nationalen Eigenheiten der jeweiiigen Her-
schiedene Richtungen weiterentwickelt wurde und auf kunftskultur zusammenh.ngen. Diese zugegebenerma-
dem jeweils eingeschlagenen Weg immer neue, aufschluss- íen riskante Vermutung nõtigt mich freilich auch zu
einer besonderen Anlage meiner Ausführungen: Ich wer-
4 Michael Dummett, UrsprUnge der ana1ytischn Philosophie, übers. de mich nicht zuv6rderst â1 einzelnen Autoren orjentie-
von Joachim Schulte, Frankfurt/M. 1988, S. 9. ren kõnnen, um deren Werke dann in ihrer jeweiligen
Individualitãt hervortreten zu lassen, sondern muss viei- vorherrschen, weii dort institutionelie oder soziaie Vor-
mehr mehrere Autoren der gleichen nationalen Her- aussetzungen gegeben sind, die es von anderen Lãndern
kunft ais typische Vertreter einer ganzen Gruppe behan- deutiich unterscheidet.5 In diesem Sinn mõchte ich in
dein, in der gewisse theoretische Überzeugungen und den foigenden Untersuchungen der Vermutung nachge-
ethische Bewertungen geteilt werden. Das heiít, ich wer- hen, dass es nationale Besonderheiten in der geschichtli-
de mich darauf einlassen müssen, individuelie Werke ais chen Entwickiung waren, die der Idee der Anerkennung
Exemplare einer gemeinsamen Kultur zu betrachten; in- in den verschiedenen Lãndern eine jeweils spezifische
sofern solite man nicht überrascht sein, wenn ab jetzt die Fãrbung oder Tonart verliehen haben.
nationalen Besonderheiten im Verstãndnis dessen, was Ich bin gewiss nicht der Erste, dem es aufgefallen ist,
mit »Aneikennung« bezeichnet werden sou, den Leitfa- dass im franzõsischen Denken die Idee, dass wir wech-
den meiner Ausführungen bilden werden. selseitig auf die Anerkennung durch den je Anderen an-
Natürlich bin ich mir im Klaren darüber, dass ich gewiesen sind, hãufig mit einem negativen Vôrzeichen
mich mit einer soichen Redeweise in das gefãhrliche versehen wird; man vermutet in dieser Tradition, ange-
Fahrwasser einer Tradition begeben kônnte, in der ent- fangen spãtestens mit Rousseau bis hin zu Jean-Paul
weder unbesonnen oder sehr gezielt vom »Vo1ksgeist Sartre oder Jacques Lacan, dass unsere Abhãngigkeit
oder gar der »Seele« einer ganzen Nation gesprochen von sozialer Wertschãtzung und Zustimmung die Ge-
wurde; und wir soilten uns hüten - zumal, wenn wir fahr mit sich bringt, sich selbst in seiner eigenen, unem-
aus Deutschiand kommen -, soiche Ideen einer »natio- hoibaren Individualitãt zu verlieren. Wie immer dieser
nalen«, einem gesamten Staatsvolk zurechenbaren »Ge- Gedanke weiter ausbuchstabiert und im Einzelnen be-
sinnung« heute wieder naiv aufleben zu lassen. Daher griindet wird, seine rege1màíige Wiederkehr bei einer
soll hier im Folgenden auch keinesfalls von kollektiven Reihe von franzôsischen Autoren 1isst den Verdacht
»Geisteshaltungen«, nationalen Mentalitãten oder Áhn- aufkommen, dass dabei nicht der Zuf ali, sondem einige
lichem die Rede sem; wenn ich von den nationalen Be- Besonderheiten des Landes ihre Hãnde im Spiel hatten;
sonderheiten im Bedeutungsumfeld der Idee der Aner- und 50 beginnt man darüber nachzudenken, welche Ei-
kennung spreche, ist damit vielmehr gemeint, dass es genschaften der Sozial- oder Kulturgeschichte Frank-
mõglicherweise die soziokulturellen Gegebenheiten ei- reichs dazu geführt haben kõnnten, dass hier die Idee
nes bestimmten Landes waren, die eine Reihe von dort der Anerkennung von Anfang an typischerweise eine
beheimateten Denkern veranlasst haben, mit dieser Idee eher negative Bedeutung angenommen hat. Hat man
ungefãhr die gleichen Assoziationen zu verknüpfen.Was aber erst einm.al bpgonnen,TJberlegungen in eine soiche
ich also mit der genannten Hypothese vor Augen habe, Richtung anzustelïen, liegt es nahe, auch in anderen Làn-
ist in etwa das, was uns mit Recht fragen lãsst, ob nicht
in der philosophischen Tradition eines beliebigen Lan- Vgl. dazu meine Überlegungen in »Zwischen den Generatiotien,
des gewisse Motive, Themen oder Denkstile deswegen in: Merkur, 610 (z000), S. 147-152.

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dern nach Zusammenhãngen zwischen soziokulturellen in dieser deutlichen Bevorzugung nur der theoretische
Gegebenheiten und der dort beheimateten Idee von An- Imperialismus von drei spãter mãchtigen Nationen spie-
erkennung zu suchen. Von diesem Zwischenschritt aus gelt oder tats.ch1ich eine der Sache nach begründete
ist es dann nicht mehr weit zu der Hypothese, dass es Rangordnung, ist dann eine kaum zu vermeidende, sich
mõglicherweise die Erfahrungshorizonte verschiedener mit Macht aufdr.ngende Anschlussfrage.
philosophischer Kulturen waren, die dazu beigetragen Schon das b1ofe Aufwerfen dieses Problems gibt frei-
haben, dass die eine Idee der Anerkennung w'ãhrend ih- lich unmissverstãndlich zu erkennen, dass aiiein prag-
rer Entfaltung in den ietzten dreihundert Jahren sehr matische Gründe nicht ausreichen dürften, um meine
disparate Bedeutungen angenommen hat. Auswãhi zu rechtfertigen. Bliebe es bei dem bisiang Ge-
Damit ist aber noch nicht erklãrt, warum ich mich auf sagten, 50 würde n.m1ich den foigenden Betrachtungen
drei Under, nm1ich Frankreich, Groíbritannien und unweigeriich der Verdacht anhaften, nur die phiiosophi-
Deutschiand, konzentriere michte. Für diese Auswahi sche Perspektive der herrschenden Màchte in Europa
sprechen gewiss zunãchst erst einmai pragmatische Grün- wiederzugeben. Um derartige Bedenken entkr.ften zu
de, die sich daraus ergeben, dass diese drei Lànder im kõnnen, bedarf es mithin sfãrkerer Argumente ais soi-
Hinbiick auf die sich in ihnen seit Beginn der Neuzeit cher, die nur auf den Forschungsstand oder die wissen-
voiiziehenden Wandiungen im poiitischen Denken be- schaftiichen Gepflogenheiten einer Diszipiin abheben.
sonders gut erforscht sind; mit aliem, was sich dort Weiterheifen kann hier vieiieicht eine Überiegung, auf
jeweils in den ietzten rund vierhundertJahren an Neue- die ich zum ersten Mal in einem egriffsgeschicht1ichen
rungen im politisch-kuitureiien Se1bstverstndnis vou- Essay von Reinhart Koselieck gestoíen bin und die ich
zogen hat, sind wir weitaus besser vertraut ais mit den ansch1iefend in einer Reihe von weiteren Untersuchun-
zeitgleichen und wahrscheinlich ebenso relevanten Ver- gen wiedergefunden habe. Koselieck ist der Überzeu-
.nderungen in anderen Lãndern und Ku1turr.umen des gung, dass sich in den Entwicklungen, die Frankreich,
europãischen Kontinents. Mit dem Umstand, dass in un- Grofbritannien und Deutschiand seit dem 17. Jahrhun-
serem ideengeschichtiichen Bewusstsein die drei genann- dert genommen haben, exempiarisch drei Verlaufsmus-
ten Under eine Vorrangstellung eirmehmen, mag auch ter der bürgerlichen Geselischaft in der Neuzeit wider-
zusammenhngen, dass fast aussch1ieí1ich deren Auto- spiegeln; nicht nur habe das Bürgertum seine Roile und
ren inzwischen ais »Kiassiker« des poiitischen Denkens historische Lage in den drei L.ndern jeweiis anders ver-
betrachtet werden; mit nur ganz wenigen Ausnahmen - standen, wie sich an den Bedeutungsunterschieden zwi-
es faiien einem spontan Baruch de Spinoza und vielleicht schen dem »citoyen«, dem »Bürger< und den »middie
noch Francisco Suárez em - sind die politischen Gelehr- ciasses« zeigen 1iefe, sondern in diesen semantischen
ten, die heute unsere Lehrbücher füiien, entweder im Unterschieden seien auch die prinzipielien Alternativen
franzisischsprachigen, im engiischsprachigen oder im vorgezeichnet gewesen, die der neuen Geseilschaftsord-
deutschsprachigen Tell von Europa beheimatet. Ob sich nung ais typische Entwicklungspfade zur Verfügung ge-
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standen hãtten.6 Àhnlich argumentiert Jerroid Seigei in tiv erhalten hat, würden sich vieimehr die Bedeutungsva-
seiner materiaireichen Studie über Modernity and Social riationen wiederfinden, zu denen der Begriff im europã-
Life, in der er anhand der Unterschiede im Selbst- ischen Bewusstseinshorizont überhaupt in der Lage ge-
verstãndnis des Bürgertums untersucht, welchen Weg wesen ist. Aber selbst diese Überlegung klingt gewiss
der Modernisierung Frankreich, Groíbritannien und noch nach einer bloS angema&en Vormachtstellung, wes-
Deutschland jeweils eingeschlagen haben; wie Kosel- wegen ich sie noch einmal in einer vorsichtigeren For-
leck Isst er sich dabei von der Prãmisse leiten, dass mulierung wiederhoien mõchte: Trãfe es zu, dass in Frank-
mit diesen drei VergieichsfIien nicht einfach nur beije- reich, Groíbritannien und Deutschland im je anderen
bige, sondern die paradigmatischen Verlaufsmuster der Seibstverstándnis des Bürgertums die drei Varianten der
bürgerlichen Gesellschaft im modernen Europa zu er- Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft durchgespielt
fassen seien.7 Spinnen wir den damit angedeuteten Grund- worden wren, die für ganz Europa paradigmatischen
gedanken weiter, so tritt ein Argument zu Tage, das es Charakter besessen haben, so hãtte man mit einer histo-
vielleicht erlaubt, die Begrenzung meines ohnehin auf rischen Analyse der Wandlungen und Abschattierungen
Europa beschrãnkten Unternehmens auf die ideenge- der Idee der Anerkennung in diesen drei Lãndern deren
schichtliche Entwicklung in nur drei Lãndern auch sach- Bedeutungsreichtum auch schon weitgehend erschõpft.
iich zu rechtfertigen.Wenn es nmiich tatschiich so wã- Es ist dieser Grundgedanke, aus dem die nun foigen-
re, wie Koselieck und Seigei nahezulegen scheinen, dass de Untersuchung der Ursprünge und Entwicklungen der
sich in Frankreich, Groíbritannien und Deutschland im Idee der Anerkennung in der europãischen Neuzeit die
Verlauf der letzten Jahrhunderte jeweils gedankliche und Hoffnung bezieht, nicht nur eine sehr partikulare Sicht-
soziale Verãnderungen volizogen haben, die spter auch weise wiederugbén; es mag zwar sein, dass es in ande-
für den Rest Europas strukturbildend geworden sind, ren Sprachregionen Europas auch interessante, iliumi-
dann hãtte meine Beschrnkung auf diese drei Under nierende Spieiarten der Idee der Anerkennung gegeben
mehr ais nur beliebigen, rein pragmatischen Charakter; hat, aber diese besaíen eben nicht die Kraft, sich in le-
in den semantischen Einfãrbungen und Akzentuierun- bendigen Bedeutungskonnotationen niederzuschlagen,
gen, die dort die Idee der Anerkennung jeweils alterna- die bis heute wirksam sind. Aus Gründen, die schnell
deutlich werden dürften, m&hte ich meine ideenge-
6 Reinhart Koselieck, «Drei bürgerliche Welten? Zur vergleichen- schichtliche Analyse nun im franzôsischen Sprachraum
den Semantik der bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland, Eng- beginnen lassen; hier hat die Vorstellung, dass wir durch
land und Frankreich, in: ders., Begriffsgeschichten. Studien zur Verhãltnisse der wechselseitigen Anerkennung immer
Semantik und Pra gmatik der politischen und sozialen Sprache, schon aufeinander bezogen sind, zum ersten Mal gedank-
Frankfurt/M. 2006, S. 402-461.
7 Jerrold Seigel, Modernity and Bourgeois Life. Society, Politics, and
lich fruchtbare Wurzein geschlagen und zur Ausbiidung
Culture in England, France, and Germany since 1750, Cambridge einer sehr spezifischen, national eingefãrbten Konzep-
u.a. 2012. tion von Intersubjektivitãt beigetragen.
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in Commercicil Society die These vertreten hat, dass es
kein geringerer ais Thomas Hobbes gewesen sei, der
zum ersten Mal die überragende Bedeutung der Aner-
Von Rousseau zu Sartre: kennung für das menschiiche Zusammenieben unterstri-
Anerkennung und Selbstverlust chen habe; neu und bahnbrechend an dessen Werk sei
nim1ich die Einsicht gewesen, dass nicht so sehr »physi-
sche« Bedürfnisse, sondern primr das »psychologische«
Schon seit geraumer Zeit findet untergründig und weit Veriangen nach Auszeichnung und Ehre die Menschen
verzweigt eine Diskussion darüber statt, welchem Den- dazu motivierte, nach Geseiiigkeit mit Anderen zu stre-
ker der Neuzeit die Idee der Anerkennung wohl ihren ben und daher in sozialen Verbãnden zu ieben.2 An die-
ersten Anstog zu verdanken hat. Bestand vor dreiíigJah- sem Versuch, Hobbes zum Ahnherrn einer Theorie der
ren noch groíe Einigkeit darüber, dass es Fichte und Anerkennung zu machen, ist sicheriich so viel richtig,
Hegel waren, die gleichzeitig mit dem Begriff auch der dass der Autor des Levizthan in vielen seiner Schriften
ganzen Theorie den Weg bereitet haben, so hat sich die immer wieder hervorgehoben hat, wie sehr der Drang,
Lage inzwischen erheblich verindert; man übersch1gt in den Augen der Mitmenschen ais ehrenhaft und vor-
sich heute geradezu mit Vorschlãgen, die Geburtsstunde zügiich zu geiten, das individueile Subjekt erfüiit; star-
der Idee der Anerkennung doch weiter nach hinten zu ker ais seine Vorgãnger und Zeitgenossen ist er sich im
verlagern und bei philosophiehistorisch ãlteren Autoren Rahmen seiner politischen Anthropoiogie darüber im
nach ihren ursprünglichen Wurzeln zu suchen.I Den Kiaren, dass es der Wunsch nach dem Herausragen aus
kühnsten VórstoS in diesem Streit über philosophische der Menge, der Stolz und die Geitungssucht sind, die
Urheberschaft und gedankliche Herkunft hat bislang den Menschen den Kontakt mit seinesgleichen suchen
Istvan Hont unternommen, der in seinem Buch Politics lassen.3 Aber deswegen Hobbes gieich zum Stammvater
der gesamten neuzeitiichen Anerkemiungsiehre zu er-
Insbesondere Hobbes, Rousseau und Smith werden genannt von kiãren würde verlangen, auch im Kern seiner politischen
Istvan Hont, Poiitics in Commerciai Society. Jean-Jacques Rous- Philosophie das Fortwirken soicher »psychologischen«
seau and Adam Smith, Cambridge/Mass. 2015 (Hobbes); Frede-
rick Neuhouser, Pathoiogien der Seibstiiebe. Freiheit und Aner-
Strebungen des Menschen nachweisen zu kinnen. Da-
kennung bei Rousseau, übers. von Christian Heilbronn, Berlin
2012 (Rousseau); Stephen Darwall, -Smith über die Gleichheit 2 Hont, Poiitics in Commercial Society, a. a. O., S. ioff.
der Würde und den Standpunkt der 2. Person, in: Christel Fri- 3 VgI. ema: Thomas Hobbes, Vom Menschen. Vom Bürger (Ele-
cke/Hans-Peter Schütt (Hg.), Adam Smith ais Moraiphiiosoph, mente der Phiiosophie Ii und III), hg. von Günter Gawlick und
Berlin 2005, S. 178-189 (Smith).Vgl. zusátzlich den interessanten übers. von Max Frischeisen-KihIer, Hamburg 1959, S. 29-36;
Sammelband: Francesco Toto/Théophile Penigaud de Mourgues/ ders., Leviathan, oder Stoff, Form und Gewait eines kirchlichen
Emmanuel Renault (Hg.), Le reconnaissance avant Ia reconnais- und bürgerlichen Staates, hg. von Iring Fetscher und übers. von
sance. Archéoiogie d'une probiematique moderne, Lyon 2017. Walter Euchner, Frankfurt/M. 1984, 10. Kap. (S. 66-74).
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von aber kann, so weit ich es sebe, kaum die Rede sem: dern gleichsam -in der Luft« iag. In dem Maíe, in dem
Der Vertragsschiuss, zu dem Hobbes die Subjekte geme sich dank erster, noch zaghaf ter Modernisierungsschü.-
motiviert seben mbchte, kommt in seinen Augen zustan- be die alte Geseiischaftsordnung aufzulbsenbegann, wur-
de, weii jeder Einzeine im Naturzustand so massiv um den ab dem 17. Jahrhundert breitenwirksam auch die tra-
seine physische Sicherheit besorgt ist, dass er die gemem- ditióneiien Soziaibezüge und Kiassenzugehõrigkeiten
same Unterwerfung unter einen sicherheitsgarantieren- brüchig; je weniger das herrschende Schichtungsgefüge
den Herrscher ais Vorteil für sich seibst empfindet; und ais einfach von Gott gesetzt und gewoiit erfahren wer-
der Monarch, der auf diese Weise aus strategischem Kal- den konnte, desto stãrker musste der Einzeine sich mit
küi von der Menge der vereinzeiten Subjekte inthroni- der Frage beschãftigen, weichen Platz er aus weichen
siert wurde, hat sich Hobbes zufoige dann im Weiteren Gründen innerhalb der Geseiischaft einzunehmen hatte
vorrangig um die Gewãhrieistung poiitischer Stabiiitãt, oder einzunehmen gewiiit war. Es war, 50 kbnnte man
nichtaber um Vorkehrungen zur Befriedígung des Stre- zugespitzt sagen, der aiimãhiiche Übergang von der ai-
bens nach sozialer Anerkennung zu kümmern.4 Schon ten, feudalen Stãndeordnung mit ihren gruppenspezifi-
diese beiden entscheidenden Schachzüge im Leviathan s chen Verha1tensmafregein zur modernen Klassenge-
lassen es in meinen Augen ais wenig plausibei erschei- seiischaft, der die Frage nach der sozialen Anerkennung
nen, Hobbes zugutezubaiten, er habe in seiner politi- in weiten Teiien Europas überhaupt erst viruient werden
schen Philosophie ais Erster das volie Gewicht unseres 1ieí. Der Umstand, dass wir durch verschiedene Formen
Bedürfnisses nach soziaier Anerkennung zur Geitung ge- der Anerkennung stets schon aufeinander bezogen sind,
bracht; für viel überzeugender würde ich hingegen die wurde in derjenigen historischen Phase zum Thema von
These halten, im Werk des Autors bestünde eine emp- Philosophie und Literatur, ais unklar zu werden begann,
findliche Kiuft zwischen seinen psychoiogisch-anthro- wo das Individuum soziai hingehõrt und wie es sich
poiogischen Einsichten und seiner poiitischen Lehre, dementsprechend zu verhaiten habe. In Frankreich nun
in der sich von jenen kaum mehr Spurenelemente finden nimmt diese neue Probiematik im Lauf des 17. und
iassen. 18. Jahrhunderts nicht nur eine besondere Dringlich-
Ich werde daber einen anderen Weg einschlagen und keit, sondern auch eine sehr spezifische Tõnung an; hier
versuchen, die Ursprünge der Anerkennungstheorie bei entwickeit sich angesichts der Frage, auf was der Einzel-
Rousseau und seinen Vorgãngern im franzõsischen Mo- ne zukünftig seine Steiiung innerhaib der Gesellschaft
ralismus des 17. Jahrhunderts aufzuspüren - allerdings zu gründen vermag, recht schnell eine Art von »negati-
nicht ohne die Einschrãnkung vorauszuschicken, dass ver Anthropoiogie«, die dem Subjekt untersteiit, stets
der Gedanke, wir Menschen seien konstitutiv auf Aner-
kennung angewiesen, damais in vielen europãischen Lãn- Der Vorschiag, die Anthropoiogie der franzôsischen Moralisten
ais »negativ« zu verstehen, stammt von Kariheinz Stierie: ders.,
4 Ebd., 30. Kap. (S. 255-270). Montaigne und die Moralisten, Paderborn 2016.

26 27
ais »besser« oder »mehr« gelten zu woilen, ais es tatsch- sen fixen Antrieb belegt er fortan mit dem schwer zu
lich seiner ganzen Persõnlichkeit nach ist. Anerkennung übersetzenden Begriff der amour propre, der sich einer
musste damit ais em sehr riskantes Unternehmen be- sprachschõpferischen Übersetzungsieistung des jungen
trachtet werden, bei dem man fie sicher sein konnte, ob Michel de Montaigne verdankte und der mit »Geltungs-
es den Anderen in seinem »wahren« Wesen tatsãchlich drang« oder »Eitelkeit« nur mangelhaft wiedergegeben
trifft; und dieser untergründige Verdacht wird den Dis- wãre; auf jeden Fali wird aber die damit gemeinte Dispo-
kurs über Anerkennung in Frankreich bis heute, so iau- sition nun zum Dreh-und Angelpunkt der berühmten
tet meine These, wie ein b"ser Schatten begleiten. Réflexions ou Sentences et maximes morales von La
Der Begriff, der in Frankreich zum Trger der neuen Rochefoucauid. Darin schigt sich die neue Semantik in
soziaien Idee wurde, war der der amour propre. Noch der Weise nieder, dass hier alies Verhaiten, weiches den
bevor Rousseau diesen Terminus systematisch entfaiten Anschein von Tugendhaftigkeit, persõniicher Gre oder
solhe, um darauf seine ganz eigene Anerkennungslehre moralischer Vortreffiichkeit hat, unter den Generaiver-
zu gründen, dient er schon den Moralisten ais ein Mittei, dacht eines bioíen Vorgaukelns von nicht vorhandenen
um aithergebrachte Auffassungen vom Wesen des Men- Eigenschaften gesteiit wird; und was die Individuen bei
schen in Frage zu steilen; vor aliem der Herzog La einem soichen Vortuschen von soziai hoch geschtzten
Rochefoucauid ist es, der sich mit Biick auf die auffiiige Charakterzügen ietztiich antreiben, was sie dabei befeu-
Neigung seiner Zeitgenossen, sich &fentiich in einem ern sou, ist nach Meinung des Herzogs ebenjene amour
mõgiichst vorteiihaften Licht zu prãsentieren, daran- propre, das »ungestüme Veriangn« (»désir impétueux«),
macht, die Quelien solch eitien Gebarens zu identifizie- vor den Mitmenschen mustergültig und vortreffiich da-
ren. Die begriffliche Operation, der sich La Rochefou- 8

cauid zu diesem Zweck bedient, besteht in der sãkularen Was La Rochefoucauid an dieser natürlichen Leiden-
Umdeutung eines von Augustinus geprãgten Gegen- schaft des Menschen so stark beunruhigt, dass er ihr
satzpaares: War für den christiichen Theoiogen die su- mehr ais fünfhundert Aphorismen widmet, ist nicht
perbia dasjenige Laster gewesen, das der Tugend einer nur die kognitive Ungewissheit, in die sie uns dadurch
von Gott gewoilten, soziaivertrgiichen Seibstliebe ent- versem, dass wir nie sicher sein k6nnen, mit wem wir
gegenstand, so bleibt bei dem franzõsischen Moralisten
von diesem Dualismus nur die erste Gr6íe, der Hoch- 7 Vgl. dazu Hans-Jürgen Fuchs, Entfremdung und Narziflmus. Se-
mut oder die Seibstgef11igkeit, übrig, die er zudem nicht mantische Untersuchungen zur Geschichte der Seibstbezogenheit
lãnger ais ein ethisches Fehiverhaiten, sondern ais eine ais Vorgeschichte von franz5sisch 'amour propre, Stuttgart 1977,
naturgegebene Leidenschaft des Menschen versteht.6 Die- S.167-172.
8 La Rochefoucauld, Maximes et réflexions moraies/Maximen und
Reflexionen, zweisprachige Ausgabe, hg. und übers. von Jürgen
6 Paul Geyer, Die Entdec/eng des modernen Sub) e/ets. Anthropolo- von Stackelberg, Stuttgart 2012 (zu den »désirs impétueux« vgl.
gie von Descartes bis RoKsseau,Tübingen 1997, S. 64-68. ebd., S. 16).

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es bei unserem jeweiiigen Interaktionspartner tatsch- se Aperçus; ihm fehit sowohl der theoriegeschichtiiche
lich zu tun haben; mindestens ebenso sehr alarmiert Überblick ais auch die begriffiiche Przision, die es er-
ihn der Umstand, dass die amourpropre den Einzelnen mõgiicht htten, die Einsicht in die Wirkungsweise der
dazu verleiten kõnnte, bei ali dem Vortiuschen nicht amourpropre zum Schlüssei einer umfassenden Neube-
vorhandener Vortreffiichkeit am Ende zu vergessen, wer stimrnung der menschlichen Intersubjektivitait zu machen.
er selber seiner ganzen Persõniichkeit nach wirkiich ist. Alierdings ist es auch gar nicht die Absicht des Herzogs,
In der berühmten Maxime 119 heift es in diesem Sinne mit seinen Maximen zur Vertiefung unseres Wissens Um
kurz und bündig: »Wir gewõhnen uns so sehr daran, uns die Dynamik und Konfliktanfaiiiigkeit soziaier Inter-
vor den anderen zu verstelien, dass wir uns schiief1ich aktionen beizutragen; nicht Theoriebiidung, nicht wis-
vor uns seibst verstellen.<<9 Für La Rochefoucauid steiit senschaftliche Erkenntnis, sondern Entiarvung seiner
mithin die amourpropre einen menschlichen Grundtrieb Zeitgenossen ist das Ziei, das er sich mit seinen für den
dar, der Auswirkungen nach auíen wie nach innen, das geseiligen Gebrauch im Saion geschriebenen Betrach-
heiít in das Seibstverh1tnis jeder Person hinein, besitzt; tungen gesetzt hat. Enttiuscht über den Misserfoig der
nach aufen, gegenüber unseren Mitmenschen, spórnt Fronde, an deren Kmpfen gegen die poiitische Margi-
er uns an, diesen gegenüber bestimmte, sozial ais vor- nalisierung des Adeis durch Ludwig XIV. er auf vorders-
biidlich angesehene Charaktereigenschaften vorzutãu- tem Posten beteiiigt war, iegt La Rochefoucauid in sei-
schen, nach innen aber verführt er uns kraft der Gewõh- nen Maximen Zeugnis davon ab, wie seine ehemaligen
nung an eine soiche Vorspiegelung dazu, uns über unseren Mitstreiter sich vergebiich bemühen, durch Vortãuschung
»wahren«, tatsichiichen Charakter nachhaitig zu tu- hochgeschtzter Tugenden doch noch die Gunst des K5-
schen - und beide Versuchungen, die Tuschung der An- nigs zu eriangen. Die Geburtsstunde der franz5sischen
deren wie diejenige uns selbst gegenüber, nimmt der Her- Tradition einer Anerkennungsiehre schigt mithin in dem
zog deswegen ais hõchst bedenklich und für seine Zeit geschichtiichen Augenblick, ais die Mitgiieder des Adeis
bedrohlich wahr, weil sie uns zusammengenommen je- sich misstrauisch daraufhin zu beobachtenbeginnen, wei-
der Mõgiichkeit zur Selbstverfügung, unserer Fhigkeit che interaktiven Mittei des Gunsterwerbs und der per-
zur Autonomie, berauben kõnnten.b0 sõniichen Profiiierung beim Hof zum Einsatz gelangen.
Nun ist La Rochefoucauld weder Philosoph noch Ge- Für alies, was in den foigenden Jahrhunderten an
iehrter genug, um aus diesen scharfsinnigen Beobachtun- Theoriebiidung in Frankreich foigen wird, soilte diese
gen mehr zu machen ais teus vergnügiiche, teus bitterbõ- durch La Rochefoucauid vorbereitete Weichensteiiung
ailergrõfhe Bedeutung besitzen. Der Begriff der amour
propre, den er für das Studium zwischenmenschlicher
9 Beziehungen fruchtbar gemacht hatte, legte von Anbe-
10 Vgl. dazu:Jürgen von Stackelberg, >Nachwort, in: LaRochefou-
cauld, Maximes et réflexions morales/Maximen und Reflexionen, ginn das Augenmerk auf eine Dimension von Anerken-
a.a.O., S. 265-287, hier: S. 285f. nung, die ais soiche nicht unbedingt seibstverstind1ich
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war. Wie ich dargeiegt habe, wurde das, was spater mit kann für die bei ihm vorhandene Neigung, die wertende
dieser Kategorie bezeichnet werden solite, aus der Per- Beziehung zwischen, den Subjekten primar ais ein Pro-
spektive eines Subjekts gedacht, das von dem Drang be- biem der Erkenntnis vn Tatsachen zu beschreiben; was
herrscht wird, sich in den Augen seiner Mitsubjekte ais hingegen eine groíe Roiie gespielt haben mag, ist der
vortrefflich, ais überiegen oder ais hõherrangig zu er- Umstand, dass La Rochefoucauid seine Einsichten in
weisen; mit dem Ziel, eine derartige Anerkennung oder - die vergiftende Wirkung der amourpropre am Beispiei
besser - Wertschãtzung von Seiten der Anderen zu er- der Rãnkespieie am kõnigiichen Hof gewonnen hat, in
fahren, ist das betreffende Subjekt stndig mit Versu- denen es von entscheidender Bedeutung für den Erfoig
chen beschãftigt, über das hinaus, was es tatsichiich an jedes Einzelnen war, ermessen zu kónnen, ob der Ande-
Eigenschaften besitzt, den Anschein weiterer charakter- re Tugenden nur fingierte oder tatsch1ich besaí.
licher Merkmale zu erwecken, und zwar soicher, die in In keinem Land Europas war wàhrend des 17. Jahr-
seiner Kultur eine besondere Hochachtung genieíkn. hunderts, in dessen Mitte La Rochefoucauid seine Maxi-
Durch diese natürlich bewirkte Tendenz, õffentiich stets men schrieb, die reprsentative Dffent1ichkeit des Feu-
»mehr« aus uns zu machen, ais unsere Persõniichkeit daladeis so stark auf den kõniglichen Hof konzentriert
mõglicherweise hergibt, entsteht auf beiden Seiten, das wie in Frankreich»' Ihrer politisch-direktiven Macht
heiít bei der beurteilenden Õffentlichkeit und beim be- nach dem Scheitern des Aufstands der Fronde bereits
urteilten Subjekt, ein Probiem, das schon bei La Roche- wetgehend verlustig gegangen scharrten sich die nun
foucauld unübersehbar epistemoiogische Züge trgt: So- auf Sicherung ihrer verbiiebenen Priviiegien bedachten
wohi die richtende Instanz, die Anerkennung gewhrt, Adligen um den Monarchen und seine engsten Vertrau-
ais auch das nach Anerkennung strebende Individuum ten, um bei ihnen entweder durch Intrigen oder den Auf-
müssen jeweiis alsbald in Zweifel darüber geraten, ob weis vortreffiichen, der Etikette entsprechenden Verhai-
den prsentierten Vortreffiichkeiten in der Reaiitt per- tens vorteiihaften Einfluss zu erringen; erfülite das Erste,
sonaier Eigenschaften tatsch1ich etwas entspricht. Mit das hei& die strategischen Machenschaften und Winkei-
dieser Wendung ins Epistemische nimmt der Vorgang züge, nicht den gewünschten Dienst, so hing alies davon
der Anerkennung bei La Rochefoucauld eine Bedeutung ab, durch vorbiidliches Auftreten und das Vorführen ge-
an, die dem kognitiven Bestandteil der franzósischen re- schtzter Tugenden zu beweisen, dass man der Fürspra-
connaissance sehr stark entgegenkommt; es geht bei dem, che des Kõnigs und seines Hofes würdig war.12 Verste-
was in der Anerkennung oder Wertschãtzung einer Per
son auf dem Spiel steht, immer auch darum, zu er/eennen,
was objektiv der Fali ist. Nun verwendet aber der Her- xx Zur repràsentativen Offentlichkeit des Feudaladeis vgl.: Jürgen
Habermas, Strukturwan dei der Õffentlichkeit. Untersuchungen
zog den Begriff der Anerkennung noch gar nicht in sei-
zu einer Kategorie der bürgeriichen Geseiischaft, Frankfurt/M.
nen Schriften, weswegen die semantische Ambiguitãt 1990 (Neuausgabe), S. 8-69.
des Wortes im Franzõsischen auch nicht der Grund sem 12 Vgl. dazu vor aliem: Norbert Elias, Die hõfische Geseiischaft, Neu-

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hen wir nun die Schrift von La Rochefoucauld ais einen heit erzeugt, mit dem Verdacht der bioíen Vortãuschung
Versuch, mit Biick auf dieses Verhalten seiner adligen belegt, macht die Abhngigkeit von der skeptischen An-
Zeitgenossen zwischen Spreu und Weizen, zwischen thropoiogie seiner Vorgãnger überaus deutiich. Gewiss
bioíem Bluff und wahrer Gr6íe zu unterscheiden, so hatten sich in den einhundertJahren, die zwischen dem
lãsst sich der epistemische Zug in seinem Begriff der schriftstellerischen Wirken der Moraiisten und der Schaf-
amourpropre ieicht erklãren: Obwohi ais ein Mittel er- fensphase Rousseaus iagen, die poiitischen und sozio-
dacht, um ein aligemeines menschliches Begehren zu cha- kulturelien Verhãitnisse in Frankreich erheblich gewan-
rakterisieren, solite die Kategorie zunãchst einmai dem delt. Zwar war das Ancien Régime in seinen politischen
viei nãher liegenden Ziel dienen, die Mõglichkeit eines Grundfesten weiterhin unerschüttert, aber an dem Wett-
Vorspiegeins nicht vorhandener Persániichkeitseigen- streit um die Gunst des kõnigiichen Hofes beteiiigten
schaften denkbar zu machen. Die erkenntnistheoreti- sich inzwischen nicht mehr nur die Mitglieder der weit-
sche Schlagseite, die damit die Idee der Anerkennung gehend machtlos gewordenen Aristokratie, sondern auch
schon früh durch den Autor der Maximen erfahren hat, die der auf steigenden Bourgeoisie; durch den Aufschwung
wird sich im franzësischen Denken, wie wir sehenwer- von ;Handei und Kommerz in kurzer Zeit reich gewor-
den, fie mehr ganz verlieren. den, bestand auch für diese neu entstehende Klasse kaum
Schon bei Rousseau, der heute gern ais Ahnherr jeder ein anderer Weg, um zu politischem Einfluss, eintrãgli-
modernen Theorie der Anerkennung angesehen wird,13 chen Ãmtern und finanzielien Priviiegien zu gelangen,
bleibt die Idee der Abhãngigkeit des Einzelnen von der ais der, die Fürsprache des absolutistisch regierenden
Wertung durch Andere stets in einer eigentümlichen Monarchen zu erringen. Mit dem Aufstieg der Bour-
Schwebe zwischen eistemischen und moraiischen Be- geoisie hatten sich freiiich auch die kulturelien Mittel
zügen. Dass der Autor des Contrat Social von den Auto- verãndert, die dazu angetan waren, eine soiche Poiitik
ren des franzôsischen Moralismus, aiien voran von La des Erwerbs von Aufmerksamkeit und Wohlwoiien zu
Rochefoucauld und von Montaigne, stark beeinflusst initiieren; nicht mehr so sehr die Respektierung der alt-
war und von deren bissigen Betrachtungen zehrte, ist nicht hergebrachten, aristokratischen Anstands- und Tugend-
erst daran zu erkennen, dass in seinem Werk der Begriff vorschriften, sondern die Demonstration von gefãiiigem
der amourpropre ebenfalis eine Schiüsseistellung erhãit; Verhalten, Luxuskonsum und stets zeitgem.íer Kiei-
bereits der Umstahd, dass er von Beginri an alies mensch- dung galten am Hof mittlerweiie ais gunstbef6rdernde
liche Verhalten, weiches den Anschein einer gewissen Zeichen der Ehrerbietung, nachdem dort dank der
ethischen Vortrefflichkeit oder kognitiven Überiegen- schüchternen Anfãnge von Werbung und Massenkom-
munikation die Mode ihren Einzug gehalten hatte.'
wied 1969. Zustz1ich: Fuchs, Entfremdung und Narzifimus,
a.a.O., S. 29ff. 14 Vgl. dazu Jerrold S&igel, Modernity and Bourgeois Lzfe, a. a. O.,
1 3 Vgl. v. a. Neuhouser, Pathologien der Selbstliebe, a. a. O. S. 8 5-91 -

34 35
In den Zeitraum, ais dieser Wettstreit zwischen dem schneiien Verschiei1es ihrer jeweiligen Vergieichsma1-
Adel und der Bourgeoisie um die Gunst des Herrschers stãbe eine derart starke Dynamik, dass sie immer schrii-
in Paris und Versailles die sonderbarsten Blüten zu trei- lere Formen des Prestigegehabes und der Demonstration
ben beginnt, failen diejenigen Schriften von Jean-Jacques von sozialer Vorrangstellung hervortreibt. Den Raum
Rousseau, die gemeinhin ais »kuiturkritisch« bezeich- dafür biete das Theater, indem es durch die Verstellungs-
net werden: Im Jahre 1755 ver&fentlicht er seinen Zwei- künste der Schauspieler dem Publikum Vorlagen für die
ten Diskurs, in dem der giftigen Wirkung der amour Vorspiegelung sozial geschãtzter PersSn1ichkeitseigen-
propre eine zentrale Roiie bei der Erkirung des An- schaften iiefert, wohingegen die sozialstruktureilen Ef-
stiegs der sozialen Ungleichheit unter den Menschen fekte des dynamischen Wesen der Geltungssucht darin
zufã1lt; 5 und im Jahre 1758 folgt der berühmte Brief bestünden, dass das Gef.11e zwischen den Herrschenden
an D'Alembert, in dem Rousseau der Institution des und den niederen Kiassen unentwegt zunimm. Was sich
Theaters vorhãit, die poiitischen Sitten der Zeitgenossen in dieser frühen Zeitdiagnose Rousseaus andeutet, ist
dadurch zu gefâhrden, dass diese durch das gekonnte eine gegenüber La Rochefoucauld ungleich genauere,
Rolienspiel auf der Bühne mit dem Virus eines »b1ofen wesentlich tiefer ansetei-ide Bestimmung der Ligenarten
Scheinens« infiziert und mithin zum Vorgaukeln nicht der amour propre; sie soll deswegen einen so dynami-
vorhandener Charaktereigenschaften ermutigt werden )6 schen, sich seibst immer wieder erneuernden Charakter
Die gedankiiche Kiammer, die beide Schriften zusam- besitzen, weii sie auf Ma1stàbe der sozialer Wertschãt-
menhãlt und ihnen ihre systematische Schirfe verieiht, zung angewie.sen ist, die sich infõlge der Mõglichkeit ih-
besteht in einer These, die begrifflich zwar ihren Aus- rer massenhaften Nachahmung jeweils schnell verbrau-
gang von La Rochefoucauld nimmt, philosophisch aber chen. Zu diesen Einsichten gelangt Rousseau durch
doch weit über dessen blog kontemp1ativ-pdagogische einen begrifflichen Schritt, den seine moralistischen Vor-
Absichten hinausführt: Die amour propre, jene schon gnger gerade nicht unternommen hatten. Er bezieht
von dem franzõsischen Moralisten konstatierte Geitungs- sich nãmlich nun indirekt - ob bewusst oder eher biind
sucht des Menschen, besitzt für Rousseau aufgrund des mag hier dahingestellt bleiben - auf das von Augustinus
geprgte Gegensatzpaar von gottgewollter Selbstliebe
und iasterhafter Eitelkeit zurück, um mit Hilfe dieses
15 Jean-Jacques Rousseau, Diskurs über die Ungleichheit [i],
zweisprachige Ausgabe, hg. und übers. von Heinrich Meier, Pa- Kontrastes Genaueres über die wahre Natur der amour
derborn 62008. propre in Erfahrung zu bringen. Die Schrift, in der Rous-
16 Jean-Jacques Rousseau, »Brief an d'A1embertüher das Schauspie1< seau den damit umrissenen Schritt unternimmt, ist sem
[1758], übers. von Dietrich Feldhausen, in: ders., Schriften, Bd. i, bereits erwãhnter Zweiter Diskurs, die Abhandlung über
hg. von Henning Ritter, München/Wien 1978, S. VgI.
dazu auch die sehr erhellende Deutung von Juliane Rebentisch,
den Ursprung und die Grundiagen der Ungleichheit; in
Die Kunst der Freiheit. Zur Dialektik dernokratischer Existenz, ihr begründet er, was sich mit guten Gründen ais eine ne-
Berlin zoiz, Kap.V. gative Theorie der Anerkennung bezeichnen isst.
36 37
Auch wenn diese Abhandiung vordergründig dem und für diese Entgegensetzung verwendet er, darin of-
Thema der soziaien Ungleichheit gewidmet ist, biidet fenbar dem Sprachgebrauch seines Zeitgenossen Vau-
ihr theoretisches Kraftzentrum doch der Begriff der venargues foigend,18 das Begriffspaar amour de soi und
amour propre. Bei dem Versuch, sich zu erkiãren, was amour propre, womit er zugieich in sàkularer Form
die Zunahme künstlicher, also nicht physisch bedingter den alten Dualismus Augustinus' wiederaufleben lásst.
Rangordnungen zwischen den Menschen bewirkt haben In Anbetracht der groíen Bedeutung, diedieser be-
këimte, war Rousseau nm1ich aufgegangen, dass die Ur- griffliche Gegensatz damit für den Zweiten Diskurs er-
sache dafür nicht einfach die uns natüriich gegebenen hãlt, ist es alierdings erstaunlich, dass Rousseau ihm im
Antriebe, Gefühle und Leidenschaften sein konnten; die- Text seibst nur ganz wenige Zeilen widmet;19 alies, was
se bestanden aus seiner Sicht im Wesentiichen aus einem er dazu an Wesentiichem zu sagen hat, bringt er in einer
seibstbezügiichen Trieb zum Überieben, dazu aus der einzigen Fuínote unter, der Anmerkung XV, die freiiich
Intention, die für dieses Überieben nõtigen Fhigkeiten 50 ausführlich, dicht und substanzieli ausfàlit, dass gut
zu perfektionieren, und schlieílich aus tiefsitzenden zu erkennen ist, warum die beiden Strebungen oder Be-
Emotionen des Mitleids;'7 nichts davon konnte plausi- dürfnisse zwei ganz verschiedene Arten des mensch-
bel machen, warum Menschen beabsichtigen soilten, ge- lichen Se1bstverh1tnisses beinhalten sollen.20 Rousseau
genüber ihresgleichen nach einer Vorrangstellung oder leitet hier den Unterschied zwischen der amour de soi
Heraushebung zu streben. Um ebendiese Erkirungsiü- und der amourpropre daraus her, dass ihnen je verschie-
cke zu schiieíen, führt Rousseau in seiner Abhandiung dene Maístãbe zugrunde liegen, um die Angemessen-
die Leidenschaft der arnourpropre em, die für ihn das heit unseres Handelns zu beurteiien: Foigen wir unserer
erst im Laufe des historischen Prozesses entstandene Be- amour de soi, also jenem Bedürfnis, das wir von Natur
dürfnis repràsentiert, in den Augen der Mitmenschen ais aus besitzen, so beurteilen wir unser Tun anhand von
besonders wertvoii, überlegen und damit ht5herrangig Kriterien, die vollstãndig unserem eigenen Urteil ent-
geiten zu wolien. Ist damit bereits Mar geworden, dass springen und sici einem vitlen Gespür für das je mdi-
dieses seltsame Begehren, anders ais die Moraiisten ange- vidueli Gute und Richtige verdanken; iassen wir uns
nommen hatten, nicht zur ersten, sondern zur zweiten hingegen von unserer amour propre ieiten, von jenem
Natur menschiicher Wesen gehõrt - es ist kuitureii ent- Bedürfnis also, das wir erst infoige unserer Vergeseil-
standen und erst diirch Gewohnheitsbiidung zu unserer schaftung durch kultureiie Gewõhnung erworben ha-
natürlichen Ausstattung hinzugetreten -, so liegt es für ben, so machen wir unser Handeln vom Urteil Anderer
Rousseau nun nahe, sich dessen Eigenschaften durch
einen Vergleich mit dem ursprünglichen, blog selbstbe-
18 F.ichs, Entfremdung und NarziJ3mus, a.a.O., S. 287.
zügiichen Interesse am Überieben weiter zu erschiieíen; 19 Rousseau, Diskurs über die Ungleichheit, a.a.O., S. 141, S. 149,
S.193.
- 193-
17 Rousseau, Diskurs iber die Ungleichheit, a.a.O., v. a. S. ,36ff. 2o Ebd., Anm. XV, S. 368-373.
20

38 39
abhãngig, weii wir darauf erpicht sind, deren Zustim- überiegen j523 Also muss Rousseau ganz eigene Grün-
mung oder Anerkennung für unsere jeweiiigen Taten de für seine Annahme besitzen, dass eine soiche Anpas-
zu erhalten. Am pr'ágnantesten formuliert Rousseau die- sung des eigenen Verhaltens an den verinneriichten Richt-
sen Kontrast wohl an der Stelle seiner Anmerkung, wo spruch der uns beobachtenden Subjekte von schãdlicher
er unter Verwendung des Bildes vom »inneren Beobach- Wirkung ist, und zwar insofern, ais damit der Geitungs-
ter« sagt, dass das Subjekt in der Befriedigung seiner sucht und dem Streben nach sozialer Distinktion Vor-
amour de sol nur -sich selbst ais den einzigen Zuschau- schub geieistet wird. Am von auíen nach innen veriager-
er« kenne, wohingegen es in der Befriedigung seiner ten Beobachter nimmt der Genfer Phiiosoph ersichtiich
amourpropre die Mitmenschen ais »Richter« über sem võilig andere Eigenschaften wahr ais seine beiden schot-
Tun und Lassen betrachte.21 Das hier verwendetet Wort- tischen Zeitgenossen, wenn er davon ausgeht, dass eine
spiel verdankt sich mit ziemlicher Sicherheit einer Lek- derartige Orientierung von Übel fü die Menschen und
türe der moraltheoretischen Schriften David Humes, die Gesellschaft sei: Nicht eine Instanz der Kontrolie
mit dem Rousseau ja eine bizarre, gleichzeitig von Zu- und Korrektur eigener Urteiie, nicht eine fõrderliche
neigung und Zurückweisung gepr.gte Beziehung ver- Kraft der kognitiven und moralischen Objektivierung
band.22 Ist es aber tatsàchlich Hume, der bei der zitierten so11 für Rousseau der zum »Richter« gewordene Andere
Bemerkung Pate stand, so wird auch deutiich, wie wenig biiden, sondern eine st.ndige Queiie des Antriebs, sich
seibstverstãndlich es ist, das Urteil der Anderen über die ais überlegen gegenüber seinen Mitmenschen zu erwei-
Angemessenheit unseres Handeins für etwas derart Frag- sen.
würdiges oder gar Negatives zu halten, wie Rousseau es Diese auffãllige Diskrepanz ergibt sichdaraus, dass
tut, wenn er von der amourpropre spricht; denn Hume Rousseau dem sich von seiiien Mitmenschenbeobachtet
und ein wenig spter auch Adam Smith sind bekanntlich und beurteilt wissenden Subjekt ein Begehren unter-
beide der festen Überzeugung, wie wir noch sehen wer- stelit, das in den ãhnlich geiagerten Schiiderungen von
den, dass ein entiang der Bewertung durch die Mitmen- Hume und Smith wenn überhaupt, dann nur ganz am
schen gestaitetes 1-landein jegiichem bIoS seibstbezüg- Rande in Erscheinung tritt: Jenes einzeine Individuum,
lichen Tun an Umsicht, Reife und Angemessenheit weit das alie drei Philosophen vor Augen haben, ist bei Rous-
seau, sobald es den urteilenden Blick der Anderen auf

21 Ebd., S. 369. 23 Sehr 1esenswet dazu: Hina Nazar, -The Eyes of Others: Rous-
22 Zur Beziehung von Rousseau und David Hume vgl, den faszinie- seau and Adam Smith onJudgment and Autonomy«, in: Thomas
renden Bericht von Robert Zaretzky und John T. Scott, The Philo- Pfau/Vivasvan Soni (Hg.), Judgment and Action. Fragments To-
sophers' Quarrel. Rousseau, Hume, and the Limits ofHuman Un- ward a History, Chicago 2017, S. 113-141. Zum Verhaltnis von
derstanding, New Haven 2009; siehe auch Dennis C. Rasmussen, Rousseau und Adam Smith vgl. auch: Dennis C. Rasmussen, The
The Infidel and the Professor. David Hume, Adam Smith, and the Problems and Promise of C'ommercial Soczety. Adam Sirnth 's Res-
Friendship that Shaped Modern Thought, Princeton 2017, Kap. 7. ponse to Rousseau, University Park 2018, bes. S. 59-71.

40 41
sich verspürt, sofort dar-um bemüht, ais besser oder wert- »gut« oder kornpetent wie aile Anderen zu sem; wird, hin-
voiler dazustehen ais alie seine Mitbürger. Man kõnnte gegen veriangt,ein eigenes Kënnen, eine Leistung zu be-
es sich an dieser Stelle leicht machen und darüber speku- zeugen, muss zwangsiãufig ein vergieichender Maístab
lieren, ob diese markante Abweichung im Ausgangsbild zugrunde gelegt werden - denn ob eine Leistung wirk-
nicht einfach mit den kulturelien Unterschieden zusam- lich erbracht wird, ob die Durchführung eines Tuns tat-
menhngt, die damais im &fentlichen Leben Frankreichs sãchiich ausreicht, um ais »Kõnnen« gelten zu kënnen,
und Groíbritanniens vorherrschten: hier, im Paris des kann nur beurteiit werden, wenn dabei auf ein Kriterium
Jean-Jacques Rousseau, das eitle Treiben um die Gunst des Gelingens zurückgegriffen wird. Es scheint exakt
des pompõs regierenden Kõnigs, dort, im Edinburgh eín soiches Szenario zu sem, das Rousseau vor Augen
des David Hume und Adam Smith, die vergleichsweise hat, wenn er von der Gleichursprüngiichkeit von sozia-
unaufgeregte Betriebsamkeit eines pariamentarisch leid- ier Perspektivübernahme und Geltungssucht spricht:
iich kontroilierten Kõnigsreichs. Aber eine derartige Er- Der Einzeine fühit sich, sobaid er sein Handeln am vor-
klãrung wãre nicht nur historisch zu vordergründig, son- weggenommenen Urteii séiner Mitmenschen orientiert,
dem würde auch den Überiegungen nicht gerecht; die dazu genõtigt, sich aiien Anderen ais überiegen zu er-
Rousseau für seine Deutung der Wirkung der Seibstbe- weisen, weii er nur dadurch gegenüber diesem verinner-
obachtung aus der Perspektive eines verailgemeinerten lichten Richter seine Vortreffiichkeit mit Bezug auf die
Anderen geltend macht. Ein Grund für seine Überzeu- jeweiis vermuteten Leistungserwartungen demonstrieren
gung, allein schon mit der Übernahme dieser Perspekti- kann. Die soziale Anerkennung, die in der Einsteilung
ve entstünde zeitgleich auch die Geltungssucht, dürfte der amourpropre erstrebt wird, ist daher, wie Frederick
der sein, dass er im Gegensatz zu Hume und Smith giaubt, Neuhouser sehr schõn gezeigt hat, in einer doppelten
zur Prüfung stünden dabei nicht das individueile Wohi- Weise relational:24 Einerseits mi5chte man eine bestimm-
verhaiten, sondem die je persõnlichen Meriten und Ver- te Bevorzugung im Vergleich zur Position ailer reievan-
dienste; seines Erachtens müssen die Einzelnen ihren ais ten Anderen bewirken, andererseits ist das, woraufhin
Richter verinnerlichten Mitmenschen be'Veisen, dass sie diese Wertschàtzung gesucht wird, ein Kõnnen oder em
etwas »kõnnen«, dass sie imstande sind, eine Leistung Vermõgen, dessen Geiingen seibst nur im Vergleich mit
zu erbringen, nicht aber, dass sie die geteilten Normen
und Regeln einhaiten. Dieser Unterschied, so geringfü-
24 Neuhouser, Pathologien der Selbstliebe, a. a. O., S. 50-57.Vgl. auch
gig er zunãchst scheinen mag, ist gravierend, weil nur die Ausführungen zu den »positional goods«, die in der »inflamed
im ersten Fali, dem der Leistun 6der des Vermõgens, amourpropre- erstrebt werden, in: NicholasJ. H. Dent, Rousseau.
ein Mehr oder Weniger, ein Besser oder Schiechter, ins An Introduction to his Psychological, Social and Political Theory,
Oxford 1988, S. 62ff. Zum »Komparatismus« der amourpropre
Spiel kommt. Ginge es nur darum, dem beobachtenden
vgl. zusãtzlich die hochinteressante Interpretation von Barbara
Richte zu beweisen, das die geitenden Normen ange- Carnevali: Romantiism et Reconnaissance. Figures de Ia cons-
messen befoigt werden kõnnen, würde es genügen, so cience chez Rousseau, Genf 2012, S. 28-37.

42 43
sozial jeweils eingespielten Kriterien ermittelt werden scheinungen ist für Rousseau etwas ganz anderes, n.m-
kann. iich eine Foigewirkung, in deren Diagnose er erstaunli-
Mit dieser kurzen K1rung solhe umrissen werden, cherweise wieder mit La Rochefoucauld übereinstimmt:
warum Rousseau im Unterschied zu vielen anderen Je mehr der Einzelne darangeht, sich im Bedürfnis nach
Denkern seiner Zeit der Überzeugung ist, in der Orien- Wertschátzung bffentlich ais eine Person mit mëgiichst
tierung des eigenen Handeins am antizipierten Urteil vorteilhaften Attributen zu prsentieren, desto eher wird
der Mitmenschen stecke per se bereits der Keim eines er aus der Sicht Rousseaus in den Sog geraten, sich über
m5g1ichen Übels; für ihn verh1t es sich so, weil der Em- sein eigenes Wesen zu tãuschen; denn letztlich geht es
zeine durch eine soiche Perspektivübernahme in eine diesem Individuum, das seine amoltrpropre zu befriedi-
Art Konkurrenzsituation gedrngt wird; er soll sich da- gen sucht, ja nicht einfach darum, seine Mitmenschen
zu aufgefordert fühlen, sein Verm5gen relativ zu jeweils von seiner Vortrefflichkeit zu übeizeugen, sondern der
akzeptierten Wertstandards und im Vergleich mit den eigentiiche Adressat ist der internaiisierte Richter, aiso
Kompetenzen seiner Zeitgenossen unter Beweis zu stel- ein Teil seiner selbst; und daraus resultiert ein inneres
len, so dass er den Hang entwickeln muss, die entspre- Vexierbiid, angesichts dessen man am Ende nicht mehr
chenden Talente oder Fhigkeiten b1of vorzufãuschen. wei{, worin der Kern der eigenen Pers5niichkeit tat-
Die negative Weichenstellung, die Rousseau damit in Hin- sãchiich besteht. Nach meinem Dafürhalten ist das die
biick auf das Bedürfnis nach Anerkennung vornimmt, eigentliche Pointe der berühmten Formulierung, in der
ergibt sich insofern ganz wesentiich aus der kategori4ien Rousseau kurz vor dem Schhiss die Ergebnisse seiner
Vorentscheidung, die in der arnourpropre erstrebte Form Abhandiung zusammenzufassen versucht: «Der Wilde
von Anerkennung beinah aussch1iefiich ais die einer iebt in sich seibst, der soziabie Mensch weif, immer au-
Wertschtzung für Eigenschaften zu begreifen, die das fer sich, nur in der Meinung der anderen zu ieben; und
Subjekt aus der Menge herausheben. sozusagen aus ihrem Urteil allein bezieht er das Gefiihl
Nun ist es jedoch keineswegs so, dass Rousseau die seiner eigenen Existenz.«26
mit unserem Streben nach einer soichen sozialen Wert-
sch.tzung einhergehende Sucht, Eigenschaften oder davon, wie sehr der »arme Jean-Jacques« in Paris darunter leidet,
in den eitlen Kreisen des Adeis und des aufstrebenden Bürgertums
Fhigkeiten vorzuspiegeln, über die man nach eigener
mit seinen Fãhigkeiten g1ãnzen< zu müssen, um Aufmerksamkeit
Kenntnis seibst nicht verfügt, ais das Hauptübel ver- gewinnen zu k6nnen: Jean-Jacques Rousseau, Die Bekenntnisse,
steht; gewiss, das ist das Verhalten, welches er überall übers. von Alfred Semerau, München 1978, S. 7-646, besonders
um sich herum im Paris seiner Zeit in Gestalt von eitier eindrücklich etwa S. 285-290.
Prahlerei und biasiertem Getue auf dem Vormarsch 26 Rousseau, Diskurs über die'Unglekhheit, a. a. O., S. 269 .(»le sau-
vage vit en lui-même; l'homme sociable toújours hors de lui ne fait
sieht.11 Aber das eigentiich Fragwürdige an ali diesen Er- vivre que dans l'opinion des autres, et c'est, pour ainsi dire, de leur
seul jugement qu'il tire le sentiment de sa propre existence«;
25 So berichtet Rousseau in seinen »Bekenntnissen« immer wieder S. z68).

44 45
Alies, was Rousseau im Zweiten Diskurs über die so- Htte der Phiiosoph nun freiiich dieser Version seiner
zialen Pathoiogien seiner Zeit behauptet, hat nach seiner Anerkennungstheorie nicht noch eine weitere Wendung
festen Überzeugung in dieser aus der amozír propre er- gegeben, so stündeíi wix v rder Schwierigkeit, die Ernst
wachsenen Gefahr des Seibstveriustes seine Wurzein: Cassirer schon vor mehr ais achtzigJahren ais das »Rous-
Die Menschen sind in der bürgerlichen Geseiischaft rast- seau-Probiem« bezeichnet hat;29 wir wüssten dann nm-
los damit beschftigt, Attribute zu erlangen, die ihnen iich nicht, wie sich von der pessimistischen Zeitdiagnose
aus der Sicht ihres verinnerlichten Beobachters eine so- des Zweiten Diskurses aus eine Brücke zu den optimis-
ziale Position verleihen, die der der Mitbürger und Mit- tischen Prmissen des Contrat Social herstellen iie1e, in
bürgerinnen überlegen ist. Einmai in Gang gekommen, denen den Bürgern der Gegenwart doch gerade beschei-
kennt diese »ungestüme Aktivitãt unserer Eigenliebe« - nigt wird, zur individueiien Seibstbestimmung in der
die »pétuiante activité de nôtre amour propre« _,27 keine Lage zu sem. Vicie Autoren nach Cassirer haben sich
Grenzen mehr, weii sie aufgrund ihres b1of relativen an diesem scheinbaren Zwiespait des Werkes gerieben
Charakters jedes distinktionsverschaffende Merkmai und es hufig resigniert dabei beiassen, nur die Unverein-
schnell verbraucht sein 1sst und daher zu immer neuen barkeit zwischen den beiden Schriften hervorzuheben:
Anstrengungen nõtigt, die eigene Überlegenheit glaub- Hier, im kuiturkritischen Frühwerk, wird dem mder-
haft zu demonstrieren: Was gestern noch in Bezug auf nen Menschen eine bis zum Seibstveriust führende Ab-
Reichtum, Macht oder Schõnheit ais Zeichen einer mdi- hngigkeit von der õffentlichen Meinung attestiert, dort,
viduelien Exzelienz geiten konne; muss heute infolge imEntwurf eines Geseiischaftsvertrags, wird derseibe
seiner soziaien Verbreitung schon wieder übertrumpft Mensch ais ein zur Bestimmung seines eigenen Wiliens
werden, so dass auf alien Feidern der Statuskonkurrenz fihiges Wesen charakterisiert.° Mit dem Ziei, über die-
eine Tçndeiz zum stnçIigen Drehen an der Schraube sen unergiebigen Stand der Forschung hinauszugeian-
des Distinktionsgebarens herrht.28 Das Theater über- gen, hat der britische Rousseau-Experte Nicholas Dent
nimmt in diesem kulturellen Prozess, wie wir gesehen 1989 den Vorschlag gemacht, die Mõglichkeit ins Auge
haben, nur die verstãrkende Rolie einer Anstalt des Raf- zu fassen, dass der Phiiosoph zwischen exzessiven (in-
finements; es ist Rousseau deswegen so verhasst, weil flamed) und moderaten (ordinary) Formen der amor
die Bürgerinnen und Bürger hier Verhaitensweisen erier- propre unterschieden haben kõnnte: Komme im Zwei-
nen, mit denen sie Eigenschaften und Statusmerkmale ten Diskurs ausschiie11ich zur Sprache, weiche vergifte-
auf derart überzeugende Weise vortuschen kõnnen, dass
sie sch1ief1ich selbst nicht mehr sicher sein kõnnen, wer 29 Ernst Cassirer, »Das Problemjean-Jacques Rousseau- [1933], in:
ders./Jean Starobinski/Robert Darnton, Drei Vorschlãge, Rous-
sie ihrer wahren Natur nach eigentlich sind.
seau zu lesen, Frankfurt/M. 1989, S. 7-78.
-78-
30
3 0 Zu diesen Interpretationsschwierigkeiten vgl. auch: Jean Starobin-
27 EU., S. 192f. ski, Rousseau. Eine Welt von Widerstãnden, übers. von Ulrich
28 Vgl. Neuhouser, Pathologien der Seibstliebe, a. a. O., S. Io9f. Raulff, München/Wien 1988, bes. Kap. 2 (S. 39-5 5)-

46 47
ten Gestalten unser Bedürfnis nach Anerkennung dann senden Kindern beigebracht werden kinnte, in jedem
annimmt, wenn es unter hõchst ungünstigen Sozialbe- anderen Kind das gleiche um Anerkennung ringende We-
dingungen Befriedigung suchen muss, so schiidere der sen zu erkennen, um dadurch das Verlangen nach hõhe-
Contrat Social im Gegenzug, dass dasselbe Bedürfnis rem Ansehen und Status schon im Keim zu ersticken.11
unter republikanisch-egalitãren Bedingungen die gesun- Und erst recht ist natürlich der Contrat Social, gleich-
de Gestalt eines wechselseitigen Respekts besitze.' Wür- falis im Jahr 1762 verõffentlicht, em Beleg dafür, dass
den wir diesem Gedanken von Dent folgen, wie es seit- Rousseau von der Mõglichkeit ausgeht, die amour pro-
her eine Reihe von Autoren vonJohnRawls überJoshua pre kinne ihre Gestalt durch die je gegebene Geseil-
Cohen bis hin zu Frederick Neuhouser getan haben,32 schaftsordnung erheblich verãndern und unter Um-
dann ergábe sich eine gegenüber meiner bisherigen Dar- stànden sogar die Form eines Respekts unter Gieichen
stellung vollkommen verãnderte Deutung: Die amour annehmen; denn in dieser Schrift wird ia nicht nur die
propre besàíe dann für Rousseau, anders ais für seine ganze Konstruktion des Gesellschaftsvertrags, sondem
franzõsischen Vorgànger, eine psychologische Wandiungs- auch die ansch1ieíende Prozedur der Bildung des volon-
fàhigkeit oder Piastizitãt, die es ihr ermõglichen würde, té générale von der Bereitschaft der Subjekte abh'ángig
ihre Gestalt je nach soziokuitureiien Bedingungen zu gemacht, sich wechseiseitig in ihrer Autonomie anzuer-
'ándern; das bõse Begehren, ais hõherrangig oder beson- kennen, so dass jegliches Bedürfnis nach Distinktion zu-
ders vortrefflich wertgeschtzt zu werden, kõnnte sich mindest aufs Erste beseitigt scheint.11 Fassen wir die Ab-
in das sozialvertrãgiiche Bedürfnis nach wechselseitigem sichten beider Schriften zusammen, so ergibt sich in etwa
Respekt und Anerkennung der eigenen Autono mie ver- folgendes, erheblich komplexeres Bild: Rousseau meint
wandeln, sobald die Geseilschaft so eingerichtet ist, dass mit amourpropre das mit der Vergeseilschaftung des Men-
sich a11 ihre Mitgiieder auf Augenhõhe begegnen. Tat- schen entstandene Bedürfnis, im (verinnerlichten) Biick
sàchiich gibt es schon im Emile, den Rousseau sieben der anderen Gesellschaftsmitglieder ais jemand geiten
Jahre nach seinem Zweiten Diskurs verõffentlicht hat, zu kõnnen, der grundsãtziich Respekt verdient und in-
Hinweise auf pàdagogische Maínahmen, die eine soiche sofern über ein soziales Existenzrecht verfügt; dieses
Richtungsãnderung der arnourpropre bewirken kõnnen Verlangen, unschuldig, wie es ursprünglich ist, wird erst
solien; so ist dort etwa davon die Rede, dass heranwach-
33 Jean-Jacques Rousseau, Emil oder über die Erziehung [7.62],
31 Dent, Rousseau, a. a. O. ubers. von Ludwig Schmidts, Paderborn 0I998, S. 261.Vgl. dazu:
32 Joshua Cohen, Rousseau. A Free Comrnunity of Equals, Oxford 33-249.
Neuhouser, Pathologien der Selbstliebe, a.a.O., S. 233-249-
2010; Neuhouser, Pathologien der Selbstliebe, a. a. O. Vgl. zu bei- 34
34 Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grund-
den Neudeutungen von Rousseau auch meine Rezension: Axel sãtze des Staatsrechts [1762], übers. und hg. von Hans Brockard
Honneth, »Die Entgiftung des Jean-Jacques Rousseau. Neuere Li- und Eva Pietzcker, Stuttgart 2003. Vgl. dazu Cohen, Rousseau,
teratur zum Werk des Philosophen«, in: Deutsche Zeitschriftfür a. a. O., S. 32-59; Neuhouser, Pathologien der Selbstliebe, a. a. O.,
Philosophie, 4(2012), S. 611-632. S. 272-293.

48 49
dann zu einem giftigen Pfeil im Herzen der Menschen, zusteilen, den jedes Gesellschaftsmitglied je für sich in
wenn ihm durch gesellschaftliche Umstãnde oder fai- Form einer privaten Konversion voilzieht;36 50 sehr in
sche Erziehung die Aufmerksamkeit dafür genommen dem Text auch davor gewarnt wird, den Aligemein-
wird, dass sich jeder Andere in derselben Situation des wilien mit dem aufaddierten Wilien alier Einzeinen zu
Ringens um sozialen Respekt befindet; unter soichen verwechsein, 50 wenig wird doch darüber gesagt, auf
Bedingungen nãmlich mutiert der versõhnliche Wunsch welchen Wegen der Beratschiagung und der Perspektiv-
nach Anerkeimung in das heftige, j geradezu enthemmte übernahme eine tatsãchliche Vermittiung der je indivi-
Begehren, innerhalb der eigenen Gemeinschaft ais be- dueilen Wiilen vonstattengehen sou. Stattdessen finden
sonders verdienstvoil, ais in der éirlen oder anderen Hin- sich immer wieder Hinweise oder Randbemerkungen,
sicht vortreffiich zu geiten. Kurzum: Alies, was Rous- die den Eindruck erwecken, ais woile Rousseau verhin-
seau über die Gefahr des Selbstverlustes durch unsere dern, dass die Meinungsbiidung des einen in Abhãngig-
Abhtgigkeit vom Urt11 Anderer gesagt hatte, würde keit von der Meinungsbildung des Anderen geriete; das
nur auf diejenigen Gesellschaften zutreffen, in denen einzelne Subjekt soile sich seine Überzeugungen 50 weit
keine Mõglichkeiten der Befriedigung des eiementaren wie nur eben mõgiich im stiiien Kmmeriein biiden, weii
Bedürfnisses nach sozialer Teiihabe und Einbeziehung der Austausch mit den Mitmenschen bewirken kõnnte,
gegeben sind.11 sich über seine »wahren« Absichten und Zielsetzungen
Dass dem aber nicht so ist, dass Rousseau vieimehr zu tãuschen.11 Diese monoiogische Vorsteliung wird
seine Vorbehalte gegenüber der amourpropre zeitiebens dann, sobald es für Rousseau unvermeidiich ist, vom
nicht mehr abgelegt hat, will ich im letzten Schritt mei- Souverãn ais einem Koiiektiv zu sprechen, darauf über-
ner Auseinandersetzung mit seinem Werk zeigen. Dazu tragen, wie eine soiche Groígruppe eigentlich zu denken
bedarf es zunãchst eines erneuten, kurzen Blickes auf sei; auch deren Zusammensetzung wird nãmiich nun
den Contrat Social, der einige Gedankengãnge enthãit, nach dem Modeli eines einheitlichen Ichs konstruiert,38
die nach meinem Eindruck bereits durchblicken iassen, welches eine einzige Meinung besitzt, so dass alie ab-
dass der Autor sich seine im Zweiten Diskurs dargeiegte
Skepsis bezügiich des inzwischen zur »zweiten Natur«
gewordenen Bedürfnisses nach Anerkennung bewahrt 36 Vgl. die Formulierungen in: Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag
oder Grundsatze des Staatsrechts, a. a. O., Erstes Buch, Kap. 8
hat. Da ist zum einen die befremdliche Neigung Rous- (S. 22). Vgl. auch: Jürgen Habermas, Faktizitãt und Geltung. Bei-
seaus, sich das Verfahren der Einigung auf einen gemem- trige zur Diskurstheorie des Rechts und des demokratischen
samen Wilien, den volonté générale, ais einen Akt vor- Rechtsstaats, Frankfurt/M. 1992, S. 131-139.
37 Dazu geh5rt auch die Vorstellung Rousseaus, dass im Moment des
Gesellschaftsvertrags jeder »sozusagen mit sich selbst einen Ver-
35 So argumentieren zum Beispiel Joshua Cohen (in Rousseau, tràg zu sch1ieíen hat (Rousseau, Vorn Gesellschaftsvertrag oder
a. a. O.) und Frederick Neuhouser (in Pathologien der Selbstliebe, Grundsãtze des Staatsrechts, a.a.O., S. 19).
a.a.O.). 38 Rousseau spricht selbst vom »gemeinschaftlichen Ich: ebd., S. 18.

50 51
weichenden Stimmen nicht dazuzugehóren scheinen - mõglich sei, in den spten, autobiographisch gefrbten
charakteristiscli ist hier das Verbot, mit dem Rousseau Schriften Rousseaus die Themensteiiung wieder, die ihn
die Biidung von Fraktionen im Wiilensfindungsprozess unter anderen Vorzeichen schon im Zweiten Diskurs
belegt, weil er darin die Gefahr wittert, die Einheit des umgetrieben hatte: Wenn wir in den neueren Zeiten des-
Voikswiiiens aufzusplittern.31 Ali das besagt zunchst em- wegen, weii mittlerweiie die Leidenschaft der amour
mal nur, dass es wenig Anhaltspunkte für die Annahme propre zu unserer zweiten Natur geworden ist, bestn-
gibt, Rousseau sei von der epistemischen Fruchtbarkeit dig »nur in der Meinung der anderen ieben, wie soll es
des Meinungsaustauschs überzeugt gewesen; vieimehr dann mõgiich sem, dass wir jemais zu uns selbst, zu un-
gewinnt man den Eindruck, er sei nach wié vor der Über- serem je eigenen Persõniichkeitskern, zurückfinden?
zeugung, das einzelne Subjekt - ob nun ais Individuum Neu an der Weise, in der Rousseau jetzt sein aites Pro-
oder ais Koilektiv - sei besser beraten, sich bei der Er- biem formuliert, ist ailerdings, dass àessen epistemolo-
kundung des eigenen Wiilens nicht von Anderen abhn- gische Konnotationen inzwischen viel deutlicher in den
gig zu machen. Vordergrund getreten sind; blieb vorher in der Schwebe,
Verstrkt wird dieser Eindruck, wenn man hinzu- ob die Gefahr der Sucht nach sozialer Anerkennung eher
nimmt, womit Rousseau sich nach der Ver&fentlichung von moraiischer oder von kognitiver Art ist, so wird
des Contrat Social vor aliem beschftigt hat; es ist wohl nun kiar, dass es sich dabei vornehmiich um eine kogni-
nicht faisch, für die Zeit nach 1762 ZU behaupten, dass tive Schwierigkeit, um das Probiem der adquaten Er-
sich das aite Thema der Verschwisterung von Anerken- kenntnis unserer selbst, handein sou.
nungsstreben und Selbstveriust erneut deutlich in den Schon der Diaiog Rousseau jugé par Jean-Jacques,
Vordergrund geschoben hat.41 Wie fixiert scheint jetzt 1782 zum ersten Mal aus dem Nachlass des 1778 verstor-
der inzwischen immer sonderbarer wirkende Denker benen Phiiosophen verffentlicht,' ist bei ailer wüten-
auf die Frage, was es bedarf, um das unverf1scht Eigene den Abrechnung mit dem angebiich an ihm begangenen
an der eigenen Persôniichkeit in Erfahrung zu bringen; Rufmord über weite Strecken eine subtiie Auseinander-
und ais das gravierendste Hindernis bei einem soichen setzung mit dem Probiem, wie man im trügerischen
Unterfangen mutet ihm wie schon zuvor der Umstand Spiegel der vieien Meinungen über einen selbst noch in
an, dass wir es gewohnt sind, das individueiie Seibst der Lage sein soil, den eigenen Persõnlichkeitskern aus-
mit Vorliebe aus der Perspektive derjenigen zu betrach- findig zu machen; aufgrund unserer kulturell erworbe-
ten, die wir vorweg von unseren Vorzügen und wertvol- nen Disposition, das eigene Verhalten stets aus der Per-
ien Eigenschaften zu überzeugen versucht haben. So spektive der õffentlichen Meinung zu beurteilen, muss
kehrt darin mit der Frage, wie ein authentisches Leben
41 Jean-Jacques Rousseau, Rousseau richtet über Jean-Jacques, in;
39 Ebd., S. 31- ders., Schriften, Bd. 2, hg. von Henning Ritter, München/Wien
40 Starobinski, Rousseau, a.a.O., S. 268-298. 1978, S. 253-636.

52 53
es uns konstitutionell ausgesprochen schwer falien, die- liche Gefãhrdungen für unser Wohlergehen ausmachen:
se veiinnerlichten Fremdurteiie wieder abzustreifen und Es kônrite sich um den »politisch-moralischen« V1iss-
zu einer adquaten Identifikation unseres tatsãchiichen stand handein, dass Individuen ungerechtfertigterweise
Seibst zu gelangen. Das kognitive Probiem, das Rous- den falschen Platz in der sozialen Rangordnung zuge-
seau dabei vor Augen hat, besitzt für ihn je nach persn- wiesen erhalten, oder aber um das epistemische Pro-
licher Haltung zwei unterschiedliche Seiten: Entweder biém, den Schieier der &fentlichen Meinungen über die
hat man versucht, den Anderen Vortrefflichkeiten vor- miteinander um Ansehen konkurrierenden Individuen
zugaukein, über die man reaiiter gar nicht verfügt - dann nicht mehr durchbrechen zu kënnen, so dass deren
lãsst man sich in der eigenen Selbsterkundung ieicht »whrhaftes« Wesen dauerhaft dem Blick entzogen bieibt.
durch das Idealbild verführen, das man selbst zuvor von Gewiss, das sind abstrakte Alternativen, weil in der ge-
sich erzeugt hat; oder aber die óffentliche Meinung tãuscht sellschaftlichen Realitãt beides im Aligemeinen zusam-
sich von vornherein über die Attribute der eigenen Per- menhãngen wird, die ungerechtfertigte Statuszuweisung
son - dann kommt man von soichen Fehlurteilen deswe- sich also gewõhnlich aus der &fentlichen Fehleinschát-
gen kaum mehr los, weil man sich diese ja inzwischn zu zung der tatschiichen Leistungen einer Person ergeben
eigen gemacht hat und jenseits von ihnen keinen kogni- dürfte; aber je nach Erkenntnisinteresse und diagnosti-
tiven Halt mehr findet. In beiden Fãilen aber hat sich das scher Aufmerksamkeit wird man mal das Eine, mal das
Ich dermafen im Netz der fremden Zuschreibungen ver- Andere hervorheben knnen. Rousseau, anfãnglich noch
fangen, dass es zum Kern des eigenen Wesens nicht mehr im Zweifel darüber, welche der beiden Gefãhrdungen
vordringen kann; daIer der verzweifelte Seufzer Rous- ihm ais die grõíere erscheint, gelangt, je weiter er intel-
seaus schon gleich zu Beginn seines emotionsgeladenen lektuell heranreift, zu dem Schiuss, in dem epistemi-
Textes: »Soll er sich der Eigenschaften rühmen, die er wirk- schen Problem die stãrkere, die eigentiich dramatische
lich besitzt, die aber niemand an ihm erkennen will?«42 Herausforderung für uns Menschen zu sehen: Das, was
Was sich hier so deutlich ais ein epistemisches Pro- an unserer Abhãngigkeit von sozialer Anerkennung 50
blem der Selbsterkenntnis abzeichnet, lãsst im Rück- überaus schãdlich ist, dass es voliste philosophische Auf-
blick noch einmal gut erkennen, worin das Übel der merksamkeit verdient, ist die in ihrer Folge entstehende
amourpropre für Rousseau von Beginn an offensichtiich Ungewissheit darüber, wer wir als je Einzelne wirklich
primar bestanden hat. An dem Umstand, dass wir Men- sind. Damit hat Rousseau den aiten Verdacht der franzõ-
schen inzwischen von der Leidenschaft erfülit sind, ge- sischen Moraiisten, dass die Sucht nach Anerkennung
messen an den j eweils herrschenden Wertmaístãben mõg- stets in Seibstverkennung umzuschiagen droht, auf neu-
lichst »gut oder »vortrefflich vor unseren Mitmenschen er, theoretisch wesentlich fortgeschrittener Stufe bekrãf-
dazustehen, iie3en sich ja im Prinzip zwei unterschied- tigt; auch wenn er, ebenso wie La Rochefoucauld oder
Montaigne, den Begriff der -Anerkennung,, nicht aus-
42 Ebd., S. 50. drücklich verwendet, schwingt doch auch bei ihm die
54 55
Ambivalenz zwischen einer kognitiven und einer mora- Bevor ich das Schicksal der Idee der Anerkennung im
Iischen Aktivitt immer untergri.indig mit, die das fran- franzõsischen Kontext für die Zeit nach Rousseau theo-
zõsische Wort re-connaissance enthalt. riegeschichtlich weiterverfolge, will ich zur Vorberei-
Das Ende von Rousseaus lebensianger Beschãftigung tung noch einmal kurz die Ergebnisse des ersten Schrit-
mit der amourpropre ist im Grunde genommen schnell tes meiner Rekonstruktion zusammenfassen. Schon bei
erzh1t. In demselben Jahr, in dem Rosseu )ugé par La Rochefoucauld, viel stãrker aber noch bei Rousseau,
Jean-Jacques posthum publiziert wird, 1782, werden zeichnet sich ab, dass die mit der Leidenschaft der
auch Les rêveries du promeneur solitaire in Lausanne amourpropre einhergehende Abhãngigkeit von der Wert-
der 3ffentIichkeit zuging1ich gemacht. 3 Wie um zu- schitzung der Mitmenschen primr unter epistemologi-
sammenfassend das besonders GeHhrliche an unserem schen Gesichtspunkten für hochproblematisch gehalten
Bedürfnis nach Anerkennung noch einmal zu unterstrei- wird; wihrend der franzbsische Moralist glaubt, diese
chen, wird in diesem Text dem Leser mit Inbrunst emp- Abhãngigkeit bringe eine Neigung zum Vortiuschen
fohlen, den Weg zur Selbsterkenntnis in grtmóg1icher nicht vorhandener Tugenden hervor, in deren Folge wir
Isolation von jedweder menschlichen Gemeinschaft ±u alsbald zwischen unserer fingierten und unserer realen
beschreiten; nur wenn wir uns nicht mehr darum sche- Person nicht mehr hinreichend unterscheiden kõnnen,
ren, was die Mitmenschen von uns halten, welche Fãhig- setzt Rousseau bei seinen Bedenken viel tiefer an und
keiten sie uns zuschreiben, kónnen wir ohne Irritation fragt sich, was es überhaupt bedeuten kann, sich aus
durch fremde Urteile erkennen, worin uisere wahren der Perspektiye seiner Mitmenschen beurteilen zu ler-
Eigenschaften bestehen und welche Sorgen uns tatsch- nen. Zeitiebens tut er sich schwer damit, auf diese Frage
lich umtreiben. Konsequenterweise schildert Rousseau eine eindeutige Antwort zu geben, erblickt er doch ei-
im berühmten fünften Spaziergang seiner Trãumereien, nerseits in einer soichen Perspektivübernahme die Ge-
inwiefern die stille Beobachtung natürlicher Vorgãnge fahr eines Verlust der Gewissheit über das je für einen
die ideale Form ist, um zur ad1quaten Erkenntnis des ei-
genen, unverfi1schten Selbst zu gelangen: Weil die Na S. 92-702. Eine glànzende Ausdeutung dieses zentralen Kapiteis
tur nicht sprechen, kein Urteil über uns falien kann, ist liefert Heinrich Meier, Über das Glück desphilosophischen Lebens.
ihr gegenüber jeder Regung der amourpropre der Nhr- Reflexionen zu Rousseaus Rêveries in zwei Büchern, München
2011, Erstes Buch, Kap. IV. Zum gesamten Komplex des »stoi-
stoff entzogen, so dass wir unbekümmert um soziales
schen« Rückzugs Rousseaus aus der Geselischaft ais dem Austra-
Ansehen uns selbst zu erkennen vermõgen.44 gungsort der amourpropre vgl. zusãtziich: Starobinski, Rousseau,
a. a. O., bes. S. 5 6-74. Ein vergieichbarer Vorschiag, dass es für em
gefasstes, ruhiges Se1bstverh.1tnis von Vorteil sei, alie sozialen An-
43 Jean-Jacques Rousseau, Trdumereien eines einsamen Spaziergin- erkennungsverhãltnisse hinter sich zu lassen, findet sich auch, ai-
gers, überarbeitete Übers. von Henning Ritter, in: ders., Schriften, lerdings ohne Rückbezug auf Rousseau, bei Ernst Tugendhat,
Bd. z, a.a.O., S. 637-70. siehe ders., Egozentrizitãt und Mystik. Eine anthropologische Stu-
44 Rousseau, Tràumereien eines einsamen Spaziergãngers, a. a. O., die, München 2003.

56 57
selbst Richtige (amour de sol), andererseits aber stets chen leben, in deren Augen mõglichst vorteiihaft daste-
auch die Chance zur Gewinnung eines egaiitãren Be- hen und müssen uns daher daran orientieren, wie diese
wusstseins wechseiseitiger Abhãngigkeiten und Verpflich- unsere sich in unserem Handein offenbarenden Eigen-
tungen; in seinem Contrat Social scheint er sich dann zu- schaften bewerten.Was in diesem ersten Schritt behauptet
mindest temporãr zu der Überzeugung durchgerungen wird, reicht bereits aus, um Rousseau ais einen Theore-
zu haben, dass die mit dem kultureli eiitstandenen Be- tiker der Anerkennung zu qualifizieren; denn der verge-
dürfnis der amour propre einhergehende Dffnung für seiischaftete Mensch wird hier ais ein Wesen charakteri-
die Sichtweise alier anderen Mitsubjekte bei entsprechen- siert, das sich nur dann ais ein Subjekt mit bestimmten,
der Erziehung und Geselischaftsverfassung die Mõgiich- allein ihm zukommenden Attributen begreifen kann,
keit bietet, sich untereinander ais Gleiche unter Gieichen wenn es ais ein soiches von seinen Mitmenschen bestã-
zu respektieren. Am Ende jedoch siegt bei Rousseau tigt wird oder dafür eben deren Anerkennung findet. Ai-
schiieflich doch, wie ich zum Schiuss gezeigt habe, die Ierdings ist an dem damit umrissenen Ausgangsmodell
Skepsis hinsichtlich der Wirkungen unserer amourpro- noch unklar, was es nun heifen sou, hier von »Bestãti-
pre; je àiter er wird, desto entschiedener vertritt er wie- gung« oder »Anerkennung« zu sprechen. Normaierweise
der die schon im Zweiten Diskurs angelegte Auffassung, würden wir vieiieicht sagen, dass eine soiche bekràfti-
dass uns die zwanghafte Orientierung am Urteil, das An- gende oder bestãtigende Reaktion verlangt, dem aner-
dere über uns fãilen, daran hindert, zu einer wahrheits- kannten Subjekt gegenüber diese oder jene, auf jeden
gemãfen Erkenntnis unseres tatsãchiichen, je individuel- Fail die den bekrãftigten Eigenschaften gemãfe Ehrer-
len Pers5niichkeitskerns zu gelangen. Die Gründe, die bietung oder Reverenz zu bezeugen. Aber an dieser Stel-
Rousseau in seinem Spàtwerk für diese epistemologi- le schwankt Rousseau, wenn ich es richtig sehe, weii er
schen Bedenken iiefert, sind kompiex und ãuferst sub- sichnicht entscheiden kann, ob die besagte Anerken-
til; sie soilen hier gieichwohl noch einmal kurz zusam- nung eher ein kognitives »Für-richtig-Haiten« oder ei-
mengefasst werden, weil sich in ihnen bereits einige der nen moraiischen Respekt beinhalten sou; aus der Per-
Zweifel artikuiiert finden, die in anderer Gestait und un- spektive des betroffenen, aiso um seine Anerkennung
ter gãnziich verãnderten Prãmissen spãter im franzõsi- besorgten Subjekts stelit er den Vorgang jedenfaiis 50
schen Denken wiederkehren werden. dar, ais ginge es diesem Subjekt vornehmiich darum,
Wie wir gesehen haben, beschreibt Rousseau die Wir- dass seine von ihm entweder nur vorgetãuschten oder
kung des Bedürfnisses der amour propre zunãchst em- ais tatsãchiich vorhanden angenommenen Eigenschaf-
mal so, dass sie uns nõtigt oder gar zwingt, uns statt ten auch adãquat zur Kenntnis genommen, also nur kog-
aus der Binnenperspektive eines einsamen, aber selbstge- nitiv bestãtigt werden. Der permanente Kampf um An-
wissen Aktors aus der Perspektive der uns umgebenden erkennung, 50 1iefe sich auch sagen, den Rousseau seit
Mitmenschen zu beurteilen; wir wolien, sobald wir in der Entstehung der amour propre sich ziviiisationsge-
el-ner hinreichend groíen Gemeinschaft mit unseresgiei- schichtlich ausweiten sieht, besteht für ihn daher zu-
58 59
nchst und vor aliem in den gegeneinander gerichteten Fragwürdigkeit und Flüchtigkeit
' der individuelien Au-
Bemühungen der Subjekte darum, die jeweils Anderen thentizitãt - im Mitteipunkt gerade der spãten Schriften
von der faktischen Existenz ihrer vermeintiichen oder Rousseaus steht, hat es zun.chst nur wenig Aufmerk-
realen Attribute zu überzeugen; das, wofür die Einzei- samkeit gefunden.11 Ende des 18. Jahrhunderts hat der
nen kmpfen, ist demensprechend nicht, um es noch Begriff der amourpropre seine Funktion ais Schiüsseika-
deutiicher zu sagen, eine moralische Respektbezeugung, tegorie des Kuitur- und Geseiischaftslebens weitgehend
die Einr.umung eines »normativen Status, sondern die verioren; auch wenn die negative Bedeutung des Aus-
kognitive Begiaubigung oder Besttigung der von ihnen drucks noch eine Zeit iang erhaiten bieiben solhe, wie et-
3ffentiich pr.sentierten Eigenschaften. wa die hufige Verwendung von vanité und orgueil bei
Aufgrund dieser kognitivistischen Vereinseitigung des- Stendhai anzeigt, spielt er ais terminologisches Mittel
sen, worum es in der Orientierung am Urteil der Ande- der soziaien Selbstverst.ndigung schn bald 50 gut wie
ren geht, glaubt Rousseau sich nun im zweiten Schritt zu keine Rolie mehr in Frankreich.46 Vor aliem jedoch las-
den Schlussfolgerungen berechtigt, auf die ich in meiner sen die politischen Auseinandersetzungen im Vorfeld
Charakterisierung seiner Anerkennungsiehre vor aliem der Franzbsischen Revoiution ganz andere Bestandteiie
abgehoben habe: Weil die Subjekte kraft ihrer ainour
propre dazu getrieben werden, den jei1igen Mitmen- 45 Vgl. zur heutigen Bedeutung: Alessandro Ferrara, Modernity and
Authenticity A Study of the Social and Ethical Thought of Jean-
schen gegenüber die faktische Existenz ihrer Eigenschaf-
Jacques Rousseau, New York 1992.
ten unter Beweis zu stelien, geraten sie über kurz oder 46 Vgl. dazu erúeut Fuchs, Entfremdug und Narzij?mus, a.a.O.,
lang in die Verlegenheit, sich in sich selbst nicht mehr S. 293. In den geschichtsphilosophischen Schriften Kants wird ai-
auszukennen; denn es w.chst mit jedem Versuch einer lerdings Rousseaus Konzept der amourpropre, wenn auch nicht
soichen Bezeugung der eigenen Persona1itt die Unge- unter seiner franzbsischen Bezeichnung, am Ende des i8. Jahrhun-
derts noch einmal zu kurzer Blüte gelangen. Vgl. zur Bedeutung
wissheit darüber, wer nun die Autoritt über die Zu- der Idee der amourpropre für Kants Geschichtsphilosophie: Yir-
schreibung der ihnen zukommenden Attribute und F- miyahu Yovel, Kant and the Philosophy of History, Princeton 1989,
higkeiten tatsch1ich besitzt - die 6ffentiiche Meinung Teil II. Hinzuweisen wàre über Stendhal hinaus wohl auch auf Bal-
oder sie seiber, die sich doch gieichzeitig jener gegen- zac, der im ersten Teil seiner ansonsten recht schwülstigen Erzãh-
lung »Das M.dchen mit den Go1daugen eine ans Genialische
über zur Rechenschaft gezogen fühien. Aus diesem epis-
grenzende soziologische Analyse des von »Selbstsucht« getriebe-
temischen Verwirrspiei entwickelt Rousseau dann das nen Kampfes um "GeId, Ruhmund Vergnügen« in alien Schichten
innere Drama, das 50 groíen Raum in seinen spten, au- des Paris der i 83oer Jahre geliefert hat: Honoré de Balzac, »Das
tobiographisch getõnten Schriften einnimmt: Das em- Mdchen mit den Go1daugenc, übers. von Victor von Koczian,
zeine Subjekt, hin- und hergerissen zwischen der eige- in: ders., Das unbekannte Meisterwerk und andere Erzãhlungen,
Zürich 2007, S. 278-386, hier: S. 298; es finden sich dort im Ubri-
nen und der fremden Beurteilung seiner personalen gen auch direkte Verweise auf La Rochefoucauld (S. 296) und
Identitt, weifi am Ende nicht mehr, wer es wirklich ist. Rousseau (S. 309, S. 360), die zeigen, wie vertraut Balzac mit deren
Obwoh1 dieses Thema - das Ideal und doch auch die Werken gewesen ist.

60 61
des Werkes von Rousseau in den Vordergrund treten; von War somit das von Rousseau aufgeworfene Problem
nun an wird mindestens ein ganzes Jahrhundert lang der des zwischenmenschiichen Verhãitnisses über einen lan-
Contrit Social das Bild des Phiiosophen in der poiitischen gen Zeitraum hinweg im franzbsische Denken nicht von
und wissenschaftiichen Õffentlichkeit bestimmen. Über- grõíerem Gewicht, 50 kehrt es aiierdings mit Macht zu-
haupt ebbt wãhrend dieses Zeitraums das psychoiogische rück, ais sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts nach dem
Interesse an Verhàitnissen der zwischenmenschiichen Abflauen positivistischer und spiritualistischer Strõmun-
Anerkennung in der Philosophie Frankreichs deutiich gen mit der Phnomeno1ogie eine neue phiiosophische
ab; bedingt durch die Dominanz zunchst der demokra- Bewegung durchzusetzen beginnt; st.rker ais anderswo
tischen Herausforderung, dann der sozialen Frage gilt in Europa ist man im Lande Renê Descartes' schon nach
die Aufmerksamkeit jetzt vieimehr den groíen Themen wenigen Jahren dazu bereit, die von Edmund Husseri
der Gesellschaftspolitik, sei es in Gestait der Ordnungs- entwickelte Methode einer Beschreibung weltkonstitu-
iehre August Comtes, des Frühsoziaiismus oder der tiver Bewusstseinsleistungen für vieie Gebiete fruchtbar
durch Emile Durkheim begründeten Soziologie.47 Na- zu inachen, die der dort bislang vorherrschenden Philo-
türlich wre für diese Art von theoretischer Problem- sophie eher verschlossen geblieben waren.49 Nicht lange
stellung die Frage danach, wer wem welche Form von dauert es daher, bis auch die von Rousseau untersuchte
Anerkennung in der Geseiischaft schuldet und was das Beziehung des Subjekts zu seinen Mitmenschen in Frank-
wiederum für den Einzelnen bedeuten kõnnte, von Be- reich wieder zum Gegenstand der philosophischen For-
wandtnis gewesen; aber mit einer Ausnahme rolien die schung wird; neben Gabriel Marcel, der stark zum
führenden franz3sisdhen Denker dieser Zeit das Thema Katholizismus neigt, sind es vor aliem Maurice Mer-
der sozialen Integration entweder nur vom Staat her auf
oder verwenden dafür die Idee des Koilektivbewusst- zur Soziologie der Moral, übers. von Michael Bischoff, Frankfurt/
M. 1999. Natürlich st5ít dann Marcel Mauss' bahnbrechende Stu-
seins, ohne in beiden Fãilen den Zusammenhang mit die zur sozialen Gegenseitigkeit im Gabentausch (ders., Die Gabe.
der wechseiseitigen Anerkennung im aiitgiichen Um- Form und Funktion des Austauschs in archaischen Gesellschaften,
gang zu sehen; nur Durkheim ist durchaus bewusst, dass übers. von Ea Moldenhauer, Frankfurt/M. 1968) eine intellek-
die geselischaftiiche Integration ein ganzes Netzwerk tueile Entwicklung in Frankreich an, in deren Verlauf auch Fragen
der wechselseitigen Anerkennung direkt zum Thema werden: Vgl.
von jeweiis unterschiediich verfassten Anerkennungs-
dazu Marcel Hénaff, Der Preis der Wahrheit. Gabe, Geld und Phi-
verhãitnissen erfrderiich macht.48 losophie, übers. von Eva Moldenhauer, Frankfurt/M. 2009, v a.
Kap. 4. Dazu auch meine eigene Auseinandersetzung: Axel Hon-
47 Zu diesen groíflchigen Entwicklungen vgl. die interessanten neth, «Vom Gabentausch zur sozialen Anerkennung. Uns timmig-
Uberlegungen von Raymond Aron in »Die Soziologen und die keiten in der Sozialtheorie von Marcel Hénaff<, in: WestEnd, i
Revolution von 1848«, in: ders., Hauptstrõmungen des soziologi- (zoio), S. 99-101.
schen Denkens, übers. von Franz Becker, Bd. i, K1n 1971, 49 Zur Geschichte der franz6sischen Philosophie im 20. Jahrhundert
S.246-272. vgl. Gary Gutting, French Philosophy in the Twentieth Century,
48 Emile Durkheim, Physik der Sitten und des Rechts. Vorlesungen Çambridge 2001.

62 63
leau-Ponty und Jean-Paul Sartre, die sich in der Mitte oder Segen für unser Zusammenleben und den Einzei-
des Jahrhunderts der Frage annehmen, wie sich aus dem nen verursacht. Nichts aber liegt dem knapp zweihundert
phnomeno1ogischen Biickwinkei eines Ichs dessen Ver- Jahre spter geborenen Sartre ferner, ais noch einmai in
hãitnis zu einem anderen Subjekt verstehen lsst.° Aber einer solch objektivistischen Weise die Bedürfnisnatur
unter diesen drei Phiiosophen ist es schiieíiich nur Sar- des Menschen zu erforschen; beiehrt durch die kritische
tre, dem es mit seiner Phiiosophie geiingt, den Zeitgeist Wende der Phiiosophie undgro{ eworden mit der Ph.-
einer ganzen Epoche zu prgen und ihr mit dem Existen- nomenologie Husseris, ist er davon überzeugt, dass sich
zialismus ein neues Se1bstverstndnis zu verschaffen. Für über alies uns Zukommende und Mõgliche nur aus der
die enorme Wirkung, die Sartres Lehre dadurch in kür- Perspektive eines auf seine eigenen Bewusstseinsakte re-
zester Zeit entfaiten soilte, ist es nicht unerhebiich, dass flektierenden Subjekts Eerichten iãsst. Daher verfoigt
er ãhniich wie Rousseau unsere Abhãngigkeit vom An- Sartre in seinem Hauptwerk Das Sein ünd das Nichts, so-
deren in ein tiefschwarzes Licht taucht; die theoretischen baid er auf die Begegnung mit dem Anderen zu sprechen
Voraussetzungen jedoch, unter denen er diese negative kommt, auch eine ganz andere methodische Strategie ais
Sicht auf die Anerkennung entwickelt, sind derart ver- Rousseau; hier wird nicht ein menschiiches Bedürfnis
schieden von denen des Genfer Philosophen, dass es zu- auf seine mõgiichen Foigen für unser Leben hin befragt,
n.chst einer kurzen Erlãuterung bedarf, um die groíe sondern phnomenologisch untersucht, ob und inwie-
Kluft zu sch1ie{en. fern sich der existenzielie Zustand des Subjekts ãndert,
Rousseau war bei seinem lebensiangen Versuch, die wenn ihm in seiner Erfahrungsweit ein anderes Subjekt
Gefahren und Chancen der bürgerlichen Welt zu erkun- begegnet. Bei ali diesen deutiichen Differenzen ist es nun
den, noch ganz naiv von der Mdglichkeit ausgegangen, aber erstauniich und für unsere Zwecke entscheidend,
zwischen ursprüngiichen Anlagen und einer sekundãrén, dass Sartre in seiner Analyse der Intersubjektivitãt zwar
erst spter hinzugetretenen Leidenschaft des Menschén nicht zu demselben, aber zu einem ãhnlich gestimmten
unterscheiden zu kõnnen; und dieses zweite, kulturell Ergebnis wie Rousseau gelangt.
hervorgebrachte Bedürfnis, eben die amourpropre, die Sartre beginnt seine Schiiderung der Situation, in der
uns auf die Anerkennung des Andereu angewiesen sem das bisiang aiiein auf sich seibst bezogene Subjekt einem
iãsst, soilte dann nach Art einer philosophischen Anth- Mitmenschen in seiner Erfahrungsweit begegnet, mit ei-
ropoiogie daraufhin untersucht werden, ob sie eher Leid ner kurzen Erinnerung an die Ergebnisse der von ihm
zuvor gelieferten Anaiyse. Danach befindet sich ein Sub-
jekt, bevor es auf einen Anderen trifft, in einem ontolo-
50 Maurice Merleau-Ponty, Ph4nomeno1ogie der Wahrnehmung,
gischen Zustand, den Sartre »être pour sol<< - »Für-sich-
übers. von Rudolf Boehm, Berlin 1966, Kap. IV; Jean-Paul Sartre,
Das Sein und das Nichts. Versuch einerphãnomenologischen Onto- Sein« -, genannt hatte; gemeint ist damit, dass ein soiches
logie, übers. von Hans Schõneberg und Traugott K6nig, Reinbek Subjekt im Unterschied zu aliem Seienden, das in seinen
1993, insbes. Dritter Teu. Eigenschaften festgeiegt ist und daher ais undurchdring-
64 65
lich, -massiv<< und in sich geschlossen charakterisiert kannt weifi.14 Wohigemerkt, dieses ontologische Gewahr-
wurde (»être en sol<<)," stets über seinen je aktueiien werden, dass ich mit Anderen gemeinsam existiere und
Zustand hinaus auf eine in ihren Mõglichkeiten offene wir uns wechseiseitig jeweiis immer schon ais zur Frei-
Zukunft bezogen ist, gegenüber der es sich im Modus heit bestimmte Subjekte »anerkennen«, so11 nur in dem
der Wahl permanent neu bestimmen muss.52 Vieles an die- kurzen Moment stattfinden, bevor sich ereignet, was die-
ser Beschreibung der spezifisch menschiichen Freiheit, se erste Begegnung für ienes erste Ich eigentlich zurFo1-
des »Fürsich-Seins der Subjekte, ist der berühmten ge hat; denn dieses muss nun, sobaid es sich durch em
Daseinsanaiyse von Heideggers Sem und Zeit 53 geschul- anderes Subjekt bei irgendeiner, gieich weiche'r Tãtigkeit
det, auch wenn Sartre dies durch Hinzufügung mmi- beóbachtet fühit - Sartre wãhlt hier bekanntiich das Bei-
maler Korrekturen geiegentlich zu vertuschen versucht. spiéi des Durchs-Schiüsselloch-Guckens mit einem
Auf jeden Fali so11 ein soiches Subjekt nun, nachdem es Ml und gleichzeitig erleben, dass ihm ali sein »Für-sich-
der Autor zuvor in vielen Schattierungen die Erfahrung Sein« geraubt wird, weii der fremde Biick es unweiger-
seiner eigenen Existenz ais eines ununterbrochenen Neu- lich auf bestimmte Eigenschaften festlegt und damit
entwurfs von Mõglichkeiten hat machen lassen, zu Be- zum »An-sich, zum »être en soi« macht. So wie Sartre
ginn des dritten Teus des Buches auf ein anderes Subjekt es sieht, besteht das Drama des sich in seinen offenen
treffen, das nach dem bislang Gesagten natüriich eben- Mõglichkeiten ais frei eriebenden Subjekts darin, dass
falis die Eigenschaften des pour soi besitzen muss. Man es den Anderen seinerseits nur ais frei, unbestimmt und
kann daher bereits vage vorausahnen, worin em derar- zukunftsoffen erfahren kann, wenn es sich dabei rezip-
tiges Aufeinandertreffen bei Sartre münden sou, aber rok und simultan ais zu einem bioíen Ding geworden
davor findet nun ibm zufoige für den Bruchteii einer Se- sieht.
kunde etwas statt, wofür er im Anschluss an Hegei den Uns muss hier nicht weiter interessieren, dass Sartre
Begriff der Anerkennung verwendet: Das erste Subjekt, aus dieser ersten Begegnung den Schiuss eines perma-
mit dessen existenzieliem Zustand wir bisiang vertraut nenten Konfliktes unter den Subjekten zieht, der in der
gemacht wurden, muss in dem Augenblick, in dem es unendlichen Abfolge eines sich wechselseitigen Fixie-
sich passiv durch ein anderes Subjekt beobachtet fühit, rens auf bestimmte, den jeweils Anderen verdingiichende
pktzlich eine unumst3íiiche Gewissheit über sem »Mit- Eigenschaften beteht;56 zwar hat das damit angedeute-
sein-mit-Anderen« gewinnen, in der es zugleich sich te Geseilschaftsbild - für das Sartre in einem seiner Dra-
durch jenen Anderen wie auch diesen durch sich selbst men bekanntiich die Metapher verwendet, nach der -die
ais je individueli »für sich- existierende Wesen aner-

Sartre, Das Sein und das Nichts, a. a. O., Dritter Teu, Erstes Kapitel,
51 Ebd., S. Abschnitt IV (»Der Blick«), bes. S. 469-477-
52 Ebd., Zweiter Teu,. Erstes Kapitel (S. 163-210- 5 5 Ebd., S. 467ff.
5 Martin Heidegger, Sein und Zeit [1927],Tübingen 1967. 6 Ebd., Dritter Teu, Drittes Kapitel (S. 633-75 2).

66 67
andern« die »H611e« sind57 - viel zum schneilen Erfolg gar nicht ais auf sich gerichteten Blick verstehen, würde
von Das Sem und das Nichts beigetragen, aber für unse- es nicht simultan sich selbst und den Blickenden (oder
re Zwecke reicht bereits, wie darin das erste Aufeinan- Sprechenden) ais jeweiis intentionai handeinde und da-
dertreffen zwischen den beiden Subjekte geschiidert má freie Subjektivitten begreifen; in demseiben Augen-
wird. Ebenso wenig ist hier von Bedeutung, dass Sartre biick, in dem ail dies geschieht, soll aber ebenjenes er-
seine Darsteliung dieser Begegnung zustz1ich mit dem biickte Subjekt auch in Erfahrung bringen, dass es für
Anspruch ausstattet, für das alte Probiem der Skepsis den Anderen nur ein »An-sich« oder ein geschlossenes
bezüglich der Existenz des Fremdpsychischen die de- Seiendes ist, weil der Blick des Anderen es ja auf be-
finitive Lõsung gefunden zu haben;58 das ist zwar philà- stimmte Eigenschaften festlegt. Da die zwei Erfahrun-
sophiehistorisch durchaus von Belang und kann auch gen sich zeitgleich voliziehen soiien, zieht Sartre daraus
systematisch ais ein wegweisender Vorschiag gewertet dann den Schluss, dass jedes Erb1ick- oder Angespro-
werden, steuert indes kaum etwas dazu bei, die Spezifik chenwerden immer beides zugleich ist, Anerkennung
des hier verwendeten Anerkennungsbegriffs zu k1ren. und Verdinguichung, Bekr.ftigung des eigenen Für-sich-
Entscheidend dafür ist einzig und aliem, dass Sartre da- Seins und dessen Verkennung.
von ausgeht, die Erfahrung einer Anerkennung durch Damit sind wir an einen Punkt geiangt, an dem eine
den Anderen beinhalte im gleichen Moment und un- erste Verwandtschaft zwisàhen Sartres undRousseaiis
weigerlich auch die Erfahrung einer Verkennung des ei- Idee der Anerkennung bereits zu erkennen ist. Beide ge-
genen »Für-sich-Seins« und damit der vorgngig gege- hen, wenn auçh aus unterschiedllchen Gründen, davon
benen Freiheit. Das Argument, das im Text für diese aus, dass das Anerkannrvçerden eme negative, nicht wün-
überraschende These geliefert wird, hatten wir zwar so- schenswerte Konsequenz hat: bei Rousseau die einer Ver-
eben schon kennengeiernt, soll aber hier zur weiteren unsicherung über das eigene Selbst, bei Sartre die eines
Verdeutlichung noch einmal etwas anders wiedergege- Verlustes des Für-sich-Seins und damit der eigenen Frei-
ben werden: In dem Moment, in dem ein Subjekt die heit. Für den Philosophen aus Genf stelit sich die negative
Erfahrung macht, von einem anderen Subjekt erblickt Foige ein, weil uns die õffentliche Bekrftigung einiger
(oder, wie es spter heiit, angesprochen)19 zu werden, unserer vermeintiichen oder tats.chlichen Eigenschaf-
wird ihm, so glaubt Sartre, auch schlagartig Mar, dass ten in Ungewissheit darüber geraten liisst, weiche dieser
es em »Für-sich-Sein« unter vielen anderen ist; denn, Attribute wir nun wirkiich besitzen, für Sartre ergibt
so lsst sich er1uternd hinzufügen, es kënnte den Blick sich die negative Folge, weil der Blick oder die Anrede
des Anderen uns zwangs1ufig auf bestimmte Aspekte
unserer Persõnlichkeit festiegt und uns damit die Chan-
57 Jean-Paul Sartre, »Bei geschlossenen Türen«, übers. von Harry
Kahn, in: ders., Drei Dramen, Reinbek 1955, S. hier: S. 42.
ce des stndigen Neuentwurfs nimmt.Werden die schd-
58 Sartre, Das Sein und das Nichts, a. a. O., S. 408-424. lichen Konsequenzen, die beide Denker dem Anerkannt-
59 Ebd., S. 652ff. werden zuschreiben, auf diese Weise formuiiert, tritt
68 69
sogar noch eine zweite, tiefer reichende Verwandtschaft nung auf ein rein ontoiogisches Geschehen reduziert, in
zwischen ihren jeweiligen Ansãtzen in den Blick: So- dem ein Subjekt je nach seinem gegenw.rtigen Verhãlt-
wohl Rousseau ais auch Sartre fassen die Art der Aner- nis zum Anderen nur entweder ein »Für-sich« oder em
kennung, die dem Einzelnen zuteiiwerden sou, eher »An-sich< sein kann; und dementsprechend muss die
nach dem Muster eines propositionalen Feststellens Anerkennung, die zwischen diesen beiden Protagonis-
oder einer Tatsachenbehauptung auf ais nach dem einer ten in irgendeiner Weise stattfindet, stets die Form einer
moralischen Rücksichtnahme oder Respektbezeugung. Zuschreibung oder eines Feststeilens ontologischer Ei-
An Rousseaus impliziter Thematisierung der Anerken- genschaften besitzen. Das Anerkennen ist für Sartre -
nung hatte ich diese kognitivistische Verengung schon âhnlich wie für Rousseau, nur dass dieser mehr Spiel-
nachgewiesen, für Sartres Gebrauch des Begriffs muss raum für Variationen bietet - primr ein kognitives Kon-
sie erst noch aufgezeigt werden. Das ist aiierdings ieich- statieren von personalen Attributen und besitzt daher
ter, ais man denken mag, weil sich eine soiche Verengung keineriei moraiische Qua1itten.
schon an seiner Beschreibung des »Biicks< offenbart: Gewiss solite man sich durch diese erstauniichen Ge-
Dieser wird nicht, wie zu erwarten gewesen wãre, in ir- meinsamkeiten nicht dazu verleiten lassen, nun Rous-
gendeiner Weise normativ quaiifiziert, sei es ais »bise<, seaus und Sartres Zugang zum Phnomen der Anerken-
»ermutigend, »indifferent« oder » strafend, sondem nung in eins zu setzen. Zwischen den beiden Ans.tzen
nur ais ein bIoíes Feststellen der Existenz einer anderen liegen zweihundert Jahrç philosophisch grundstürzen-
Person charakterisiert - weiche dadurch ihres Für-sieh- der Verãnderungeii, die schon in den diametral entge-
Seins veriustig gehen sou. Am Biick oder am Anspre- gengesetzten Verfahrensweisen zum Ausdruck kommen:
chen z.hit für Sartre nur, dass sich dadurch em bislang Rousseau beschreibt, wie gesagt, die Anerkennung aus
pr.reflexiv auf sich bezogenes Individuum piõtziich ais der anthropoiogischen Perspektive eines Beobachters,
Adressat eines anderen intentionaien Wesens und daher der giaubt, daran bestimmte psychoiogische Regeim4ig-
ais ein Subjekt unter vielen begreifen muss; von keineriei keiten oder Auffãiiigkeiten feststelien zu kõnnen. Sartre
Bedeutung ist für ihn hingegen, ob sich dieses Indivi- hingegen versetzt sich in ein auf sich seibst reflektieren-
duum durch sein Erbiickt- oder Angesprochenwerden des Subjekt, um aus dessen Perspektive zu erkunden,
respektiert oder herabgewürdigt, moralisch geachtet oder was geschieht, wenn ihm in seinem Erlebnishorizont
verletzt fühlen kann. Das bestãtigt aber nur, was von cin anderes Subjekt begegnet. Aber hëchst bemerkens-
einigen Kommentatoren schon früher vermutet worden werç1 bieibt es gieichwohi, wie sehr die beiden Denker
war,611 dass Sartre nmiich die intersubjektive Begeg- in der These übereinstimmen, dass mit der intersubjekti-

6o Erste Andeutungen dieser Art finden sich bereits bei Merleau-


Ponty, Phdnomenologie der Wahrnehmrng, a.a.O., S. 496 ff.; vgl. logie der Gegenwart, Berlin/New York 1977, F,rster Teu, Kap. VI
aber v. a. Michae1Theunissen, Der Aniee. Stdien zurSozialonto- (S. 187-240)-

70 71
ven Begegnung zwangslàufig eine Art von Selbstver- deutungsschaffenden Leistungen voiiziehen.61 Wie sou-
Iust auf Seiten des anerkannten Subjekts einhergeht. te es im Rahmen eines derart radikal verãnderten Para-
Auch wenn zu diesem Befund noch hinzugenommen digmas noch mõgiich sem, der zwischenmenschiichen
wird, was ich zu Beginn über La Rochefoucauid gesagt Begegnung eine wesentliche, ja vieiieicht sogar die ent-
habe, darf aus ali dem natürlich noch lngst nicht auf scheidende Roile im Prozess der sozialen Reproduktion
einen Hang des franzõsischen Denkens zu einem nega- einzurumen? Die Frage Iõst sich auf, wenn man sich
tiven Verstndnis der Anerkennung geschlossen werden. kiarmacht, dass die Anerkennung nicht zwingend nur
Bisiang besitzen wir nicht mehr ais einige Indikatoren, ais eine konkrete Interaktion zwischen Subjekten auf-
die deutiich machen, dass sich in Frankreich seit dem gefasst werden muss, sondern sich auch ais cin Wirk-
17. Jahrhundert immer wieder prominente phiiosophi mechanismus ganzer Systeme denken lãsst; von »Aner-
sche Ansxze finden, die gewisse Zweifei hinsichtiich des kennung< zu sprechen bedeutet danh, ein Bündel von
ethischen Werts der Intersubjektivitt oder der zwischen- systemisch organisierten Praktiken vor Augen zu ha
menschlichen Kommunikation hegen. Ailerdings erh1t ben, durch die mit Hilfe von ausführenden Subjekten
dieses Zwischenergebnis nun weitere Unterstützung, einem Individrnim oder einer Gruppe bestimmte Attri-
wenn wir die theoretische Entwickiung nach Sartre wei bute zuerkannt werden. Auf Tendenzen einer soichen
terverfoigen und dabei unser Augenmerk erneut auf die stàrker anonymen oder strukturaiistischen Redeweise
Behandiung der Anerkennungsthematik richten; über sind wir schon bei Sartre gestofen, wenn er zum Beispiei
raschenderweise behãk nmiich nun die phiiosophische zu bedenken gibt, dass die Spraohe ais Ganze oder der
Strõmung, die im Frankreich der i96oerJahre gegen die voilkommen anonyme Blick des »Anderen« bereits die
Phnomenoiogie Sartres aufbegehren und deren Vor- Adressierung des Subjekts ais eines mit bestimmten Ei-
herrschaft schneii beenden soilte, der sogenannte Post- genschaften versehenen Individuums zu ieisten vermô-
strukturaiismus, die negative Akzentuierung der Aner- gen;2 und was sich im Poststrukturaiismus bei Autoren
kennung ungebrochen bei. wieLouis Aithusser oder Jacques Lacan voiizieht, die
Auf den ersten Biick muss es befremdiich kiingen, mit beide an zentraien Stelien ihres Werkes von der Idee
Bezug auf diese neue philosophische Bewegung über- der Anerkennung Gebrauch machen, ist nichts anderes
haupt von irgendeiner Anerkennungsthematik zu spre- ais eine nicht immer durchsíchtige Radikalisierung die
chen; denn immerhin waren die Vertreter des Poststruk
turalismus doch mit dem ausdrückiichen Ziei angetreten, 6i Vgl. dazu erneut Gutting, French Philosophy in the Twentieth Cen-
die in der zeitgenEssischen Phiiosophie noch immer vor tzøy, a.a.O., Teil III; und,zusãtzlich Vincent Descombes, Das
Selbe und das Andere. FinfundvierzigJahre Philosophie in Frank-
herrschende Idee eines durchsichtigen, weitkonstituie-
reich 1933-1878, übers. von Ulrich Raulff, Frankfurt/M. 1981.
renden Subjekts zu destruieren und durch die Vorstel- 62 Sartre, Das Seín und das Nichts, a.a.O., bes. S. 652-S. 654 (»Der
lung zu ersetzen, dass es anonym wirkende soziale oder Andere ist immer da, gegenwrtig und erfahren ais das, was der
kognitive Strukturen seien, die soiche konstitutiven, be- Sprache ihren Sinn gibt«; S. 654)-

72 73
ses Gedankens Sartres. Auf die damit angedeutete, letzte schen im Aligemeinen bereit sind, diejenigen Tãtigkei-
Wendung der Anerkennungsthematik im franzõsischen ten auszuführen, die die herrschende Geseiischaftsord-
Denken mõchte ich zum Schluss noch kurz zu sprechen nung ihnen zum Zweck der eigenen Reproduktion ab-
kommen. ver!angt; mëgiich soll diese »freiwillige Knechtschaft«
Der radikalisierende Schritt, durch den Althusser und sem, so iautet die Diagnose des Autors, weil eine Reihe
Lacan sich gleich zu Beginn ihrer jeweiligen Überlegun- von staatiichen Einrichtungen mit Hiife von ritueilen
gen von der Gedankenweit Sartres trennen, besteht ge- Praktiken dafür sorgen, dass die Geseilschaftsmitgiieder
mãí ihrer poststukturaiistischen Prãmissen natüriich ais genau die Art 'vdn Subi ekten »anerkannt werden, die
darin, die vorgãngige Existenz eines sich reflexiv auf sich sie gemãS der sozialen Herrschaftsordnung zu sem ha-
selbst beziehenden Subjekts grundsãtzlich zu bestrei- ben.63 Anerkennung hei& hier dementsprechend, durch
ten; wo Sartre phãnomenologisch nachzuvollziehen ver- ein Bündel von staatlich organisierten Ritualen ais em
suchte, was es für das von ihm in seinem »Für-sich-Sein« Subjekt mit bestimmten Eigenschaften 50 iange ange-
anaiysierte Subjekt bedeuten kann, sich eines anderen sprochen, aufgefordert und angemahnt zu werden, bis
Subjekts bewusst zu werden, verfahren seine beiden man sich die einem dadurch vermitteiten Eigenschaften
Nachfolger gewissermaíkn genau umgekehrt, indem sie irgendwie - wie genau, bieibt unkiar - zu eigen gemacht
sich fragen, wie em x-beliebiges Individuum durch die hat; und hat man diese Eigenschaften erst einmal ver-
»Anrufung« von Seiten des Anderen überhaupt erst zu innerlicht, 50 ist man aus der Sicht Althussers zu einem
einem an sich selbst glaubenden, von seiner eigenen Re- geseilschaftskonformen Subjekt geworden, welches von
flexivitãt überzeugten Subjekt wird. Insofern muss bei sich glaubt, die ibm abveriangten Aufgaben freiwillig
Althusser und Lacan die Anerkennung, von der sie ex- ausüben zu woilen. Es bedarf nicht viei, um zu reaiisie-
piizit im Anschiuss an Hegei sprechen, auch cine ganz ren, dass damit dem Begriff der Anerkennung nach ei-
andere Funktion übernehmen ais in all den anderen Theo- nem langen Prozess der Entleerung und Ausdünnung
rien franzësischer Herkunft, die,wir bislang kennenge- endgültig der ietzte Stachei eines moralischen Gesche-
lernt haben: Sie ist nicht mehr wie bei Rousseau die bens genommen worden ist; ia, was von dem komplexen
vom Subjekt erstrebte Wertschãtzung durch die Ande- und schillernden Begriff bei Althusser übrig geblieben
ren, nicht mehr wie bei Srtre die innere Erfahrung eines
Erkanntwerdens durch das Mitsubjekt, sondern ein Me- 63 Louis Althusser, Ideologie und ideologische Staatsapparate,
chanismus der zuschreibenden Adressierung, durch die x. Halbband, übers. von Peter Schiittler und Frieder Otto Wolf,
Subjektivitàt, also ein mit Seibstbewusstsein ausgestat- Hamburg zoxo, S. 71-Io2.Vgl. dazu die glãnzende Interpretation
tetes Subjekt, im sozialen Prozess überhaupt erst kon- von Kristina Lepold, der ich viel verdanke, der ich mich im Ergeb-
nis aber nicht ansch1iefen kann; Kristina Lepold, Ambivalente
stituiert werden sou. Bei Althusser nimmt diese Erkiã-
Anerkennung. Immanente Kritik und die Herausforderung ideo-
rungsabsicht bekanntlich die Form einer Theorie der logischer Anerkennungsverhi1tnisse (Diss. Goethe-Universitát
Ideologie an, die verstehbar machen sou, warum Men- Frankfurt/M. 2016), Kap. 4,

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scheint, ist nicht einmal mehr. die Komponente eines entgegen, dass sie dessen vitale Bedürfnisse mit Gesten,
kognitiven Feststellens oder Registrierens von persona- Gebrden und I-Iandlungen zu befriedigen versucht, in
len Attribut'en, sondern blog noch die eines herrschafts- denen sich unweigerlich die symbolische Ordnung ihrer
sichernden Zuschreibens von geforderten Eigenschaf- kuiturelien Umgebung spiegeit; dadurch aber wandert
ten. etwas Fremdes in die Triebformation des Kindes em,
Nicht anders sieht es bei Jacques Lacan aus, der sich was es fortan zwingt, sem eigenes Begehren nur noch
ebenfalis an einigen Stelien seiner psychoanaiytischen in derjenigen Sprache zu artikuiieren, mit der die Mutter
Theorie des Begriffs »Anerkennung« bedient, mit dem seine stiiien Forderungen symboiisiert hat; die Foige
er durch die berühmten Hegel-Vorlesungen Alexandre dieser frühen »Spaltung« der kindlichen Psyche in einen
Kojèves vertraut geworden war;64 auch bei Lacan ist mit kommunikationsfhigen und einen stumm bleibenden
diesem Begriff jedoch wenig mehr gemeint ais ein Zu- Teil ist eine ursprüngliche Seibstentfremdung, von der
schreiben von personalen Egenschaften, nur dass ais jeder Mensch in der gieichen Weise betroffen sein so11.66
Queile soicher Attribuierungen jetzt die jeweiis herr- Hier kiingt, alierdings unter ganz anderen phiiosophi-
schende Sprachordnung begriffen wird. Lacan entwi- schen Vorzeichen, das aite Motiv einer Gieichursprüng-
ckeit diesen Gedanken im Zusammenhang einer Erki- iichkeit von Anerkennung und Seibstveriust wieder an,
rung der sozialisatorischen Vorgnge, durch die das auf das wir im franzôsischen Denken schon bei Rous-
Kleinkind in die herrschende Gesellschaftsordnung in- seau gestoíkn waren: Das menschliche Subjekt, kon-
tegriert wird: Dem Begehren des Sugiings, »vom ande- stitutiv auf Anerkennung durch den Anderen angewie-
ren anerkannt zu werden«,65 kommt die Mutter dadurch sen, veriiert sich in dessen Zuschreibungen und muss
daher mit dem Schicksai einer »Spaitung« seines Ichs
64 Alexandre Kojève, Hegel. Eine Vergegenwirtigung seines Den- in einen bewusstseinsfhigen und einen dauerhaft unzu-
kens, übers. von Iring Fetscher und Gerhard Lehmbruch, Frank-
gng1ichen Teil ieben.
furt/M. 1975 (Orig.: Introduction à lá lecture de Hegel. Leçons
surlaphenomenology de l'esprit, Paris 1947). Zur Bedeutung des Zugleich machen Lacans Ausführungen zur kind-
Hegel'schen Anerkennungsdenkens für die Psychoanalyse-Deu- lichen Sozialisation aber auch deutlich, dass der Begriff
tung Lacans vgl.: Hermann Lang, Die Sprache und das Unbe- der Anerkennung in seinem Denken für nichts anderes
wufite. Jacques Lacans Grundiegung der Psychoanalyse, Frank- steht ais für einen Vorgang, in dem einem Subjekt be-
furt/M. 1973, Kap. 1 u. Kap. IV, Abschnitt 3.
65 Jacques Lacan, »Funktion und Feld des Sprechens und der Sprache
in der Psychoanalyse«, übers. von Klaus Laermann, in: ders., Stehlin, in: ebd., S. 61-70.V91. zu diesem Motiv auch den frühen
Schriften 1, Olten/Freiburg 1973, S. 71-169, hier: S. xo8. AIs Mo Aufsatz Althussers: -Freud und Lacan<, übers. von Hanns-Hen-
dellvorbild für diesen »Se1bstver1ust des Subjekts im Anderen, ning Ritter und Herbert Nagel, in: ders./Michel Tort, Freud und
auf dessen Anerkennung es freilich angewiesen ist, dient Lacan ai- Lacan. Freud und der historische Materialismus, Berlin 1976,
lerdings die Erfahrung des Kleinkindes angesichts des imaginren S.
Bildes seiner Einheit oder Ganzheit im Spiegel; siehe ders., »Das 66 Vgl. dam erneut Lang, Die Sprache und das Unbewufite, a. a. O.,
Spiegeistadium ais Biidner der Ichfunktion«, übers. von Peter Kap. V, Abschnitt 2.

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stimmte Attribute durch ein anderes Subjekt blog zuge- von der genannten Regel darstellen - Durkheim und
schrieben werden; den Handiungen, mit denen die Mut- Mauss, auf die ich seibst bereits verwiesen habe, aber
ter die Bedürfnisse ihres Kindes zu befriedigen versucht, auch Montesquieu wren hier zu nennen ._,67 aber im
scheint es in den Beschreibungen Lacans nicht nur an jeg- Groíkn und Ganzen wird man die Behauptung einer ge-
licher moralischer Komponente der liebevolien Rück- wissen kuiturelien Voreingenommenheit wohi vertreten
sichtnahme und der Resonanz für das je Individueile kõnnen. Bei dem Versuch, die Gründe für diese nega-
zu fehlen, sondern selbst noch an jedem kognitiven Be- tive Akzentuierung der Anerkennung im franzõsischen
mühen darum, die personalen Eigenschaften ihres kiei- Denken zu ermittein, war ich auf zwei Sachverhalte auf-
nen Gegenübers m5giichst genau zu erkennen - was hier merksam geworden, die jedoch nur mit gr5íter Vorsicht
am Ende »Anerkennung< heiít, auf die doch ais symbo- behandelt werden dürfen: Da war zum einen der sprâch-
iische Leistung der Mutter rekurriert wird, ist nur die iiche Befund, dass das franz5sische reconnaissance nicht
unwiiientliche Projektion von in der herrschenden Sym- Mar zwischen einem epistemischen und einem moraii-
bolordnung vorgezeichneten Attriuten auf das dem schn Voiizug unterscheidet - ein Tatbestand, der ailer-
hiif los ausgesetzte Kind.Wie schon bei Althusser, sobe- dings weder für La Rochefoucauid noch für Rousseau
deutet auch bei Lacan ,Anerkennung- kaum mehr ais irgendeine Bewandtnis haben konnte, weii beide den Be-
ein aktiver, an wiederholte Ausführung gebundener griff noch gar nicht. systematisch verwendet haben. Und
Modus der Zúschreibung von sóziaien Eigenschaften, da war zum zweiten die sozialgeschichtiiche Hypothe-
Charakteristika oder Merkmalen, die der Aufrechterhal- se, wonach in Frankreich der soziaie Konflikt um sym-
tung der gegebenen Ordnung dienen. bolische Distinktionen aufgrund der zentraiistischen
no
Ob diese abschiieíenden Bemerkungen zum Post- Organisation des Landes ein so ungewbhnlich starkes
strukturalismus das bisiang umrissene Biid hinreichend Gewicht für das gesamte Aiitagsleben besitzt und sich
genug abrunden kõnnen, um die Behauptung zu belegen, daraus die negative Tõnung der Abh.ngigkeit vom An-
dass im franzisischen Denken die zwischenmenschiiche deren ein Stück weit erkiãrt; denn wenn die õffentiichen
Anerkennung im Aiigemeinen mit stark negativen Vor-
zeichen versehen wird, sei dahingestelit. Auf jeden Fail
67 Bei Montesquieu heiít es geradezu in Umkehrung des Rousseau-
bin ich aber auf gerügend Indikatoren gestoíkn, um die
'schen Skeptizismus im Zweiten Diskurs: »Je mehr die Menschen
vorsichtigere These zu wagen, dass in der franzõsischen miteinander verkehren, desto leichter àndert sich ihr Wesen, weil
Phiiosophie seit der Zeit der Moralisten die Tendenz vor- jeder jedem neugierig zuschaut; man sieht dann deutlicher die Ei-
herrscht, in der Intersubjektivitãt eher ein Probiem denn genarten jedes einzelnen«; Montesquieu, Vom Geist der Gesetze
[1748], Bd. x,Tübingen 1992, S. 415. Zur komplizierten, der von
eine Chance für das individueiie Subjekt zu erbiicken;
La Rochefoucauld aber nicht ganz unãhnlichen Sicht auf die Aner-
gewiss, am Rande werden da und dort in der Rückschau kennung bei Montaigne vgl. die hilfreiche Studie: Olivier Guerrier,
immer wieder Denker in Frankreich auftauchen, die das Rencontre et reconnaissance. Les »Essais ou le jeu du hasard et de
ganz anders gesehen haben und daher eine Ausnahme lavérité, Paris 20 16, bes. S. 213-260.

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Insignien des Kleidungsstils, des Gebarens und des Kon-
sumverhaitens im Ganzen mit darüber zu entscheiden
haben, welchen Platz oder Rang man in der sozialen III.
Hierarchie der Gesamtgeseilschaft einnimrnt, so kõnnte Von Hume zu Miii:
es durchaus sein, dass infolgedessen wiederum perma- Anerkennung und Selbstkontrolle
nente Auseinandersetzungen über den rangverleihenden
Wert soicher ãuflerlichen Pr.sentationsmittel und da-
mit das Misstrauen in die symbolischen Absichten des Mit der Frage, wie im britischen Denken die Idee der
Anderen die soziale Regel waren. Mit Bezug auf soiche zwischenmenschlichen Anerkennung aufkam und wei-
mëgiichen Ursachen für die negative Besetzung der In- terentwickeit wurde, betreten wir nicht nur eine ganz
tersubjekthitt im franzõsischen Denken erhoffe ich neue ideengeschichtliche Landschaft, áondern auch einen
mir nun weitere Aufki.rung dadurch, dass ich mich im voilkommen anderen poiitisch-kuiturelien Raum. Mag
n.chsten Schritt dem Kontratfaii zuwenden werde, dem für das Frankreich des 17, und frühen 18. Jahrhunderts
britischen Kinigreich; denn hier wird die Idee der Aner- geiten, dass die dort beheimatete Sozialphiiosophie vor
kennung von Beginn an mit ganz anderen Assoziationen aliem mit dem Problem der soziaien Rangordnung und
versehen und nimmt einen erheblich anderen Verlauf ais den daraus resuitierenden Konflikten beschftigt war, so
in Frankreich. ist das in Groíbritannien whrend desselben Zeitraums
sicheriich nicht der Fali; wenn es hier überhaupt so etwas
wie eine zentrale gesellschaftiiche Herausforderung für
das soziaiphilosophische Denken gegeben hat, 50 war es
das al1mhliche Eindringen instrumenteli-õkonomischer
Verhaltensweisen in den bislang durch traditionelie Mo-
raiprinzipien geschützten Raum des õffentlichen Lebens.
Bis zu weichem AusmaS diese Erfahrung einer dro-
henden Kommerzialisierung der Geseilschaft von Bedeu-
tung für die englischsprachige Kultur der beginnenden
Neuzeit war, zeigt sehr schõn der breitgef.cherte Dis-
kurs, der dort in Literatur und Phiiosophie über dreiJahr-
hunderte hinweg über den neuen Menschenschiag emes
nur an seinem wirtschaftiichen Eigennutz interessierten
Subjekts geführt wurde.' Ihren Anfang nahm die Debat-

i Laurenz Volkmann, Honzo oeconomicus. Studien zur Modeilie-

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te nach einigen Vorlãufen im Eiisabethanischen Zeitai- citizen comedy eines Thomas Middieton oder William
ter, ais die engiischen Binnen- und Auíenmàrkte durch Rowley karikierte den neuen, profitorientierten Soziai-
vermehrten Zufluss von Kapital stark zu wachsen be- charakter bis hin zur Unkenntiichkeit, das bürgeriich-
gannen, 50 dass sich iandesweit eine kapitalistische Menta- moraiische Schauspiel eines Richard Steele oder Joseph
litãt breitzumachen schien; Anzeichen dafür gab es vie- Addison unternahm knapp hundert Jahre spãter hinge-
ie, sie reichten von der Umwandlung der traditioneilen gen vorsichtige Versuche seiner Verteidigung.3
Agrarwirtschaft in eine marktorientierte, auf erhõhte Den im Rückblick nachhaitigsten Niederschiag fin-
Produktivitát setzende Wirtschaftsform über die zuneh- det diese Debatte aber in der englischsprachigen Phiio-
mende Nutzung von Grund und Boden für industrielie sophie des 17. und 18. Jahrhunderts, die von kaum einer
Zwecke bis hin zur explosionsartigen Konzentration anderen Frage mehr beherrscht wird ais der nach den
des Welthandels in der Metropole London. In Schiüssel- Wurzeln aiier menschiichen Moral entweder im Eigenin-
fguren der Dramen von Christopher Mariowe,Wiiiiam teresse oder in einem uns angeborenen Gefühi für das
Shakespeare und Benjonson wurde dem besorgten Pub- Wohi unserer Mitmenschen. Auf der einen Seite der hef-
likum zum ersten Mal mit Mittein der symbolischen tig geführten Auseinandersetzung stehen diejenigen, die
Verdichtung vorgeführt, welche dramatischen Konse- ais Anhãnger des Thomas Hobbes gelten, weii sie wie
quenzen für Land und Leute mit dieser rapiden Auswei- ihr groíer Vordenker davon überzeugt sind, dass wir
tung kapitalistischer Wirtschaftsmethoden einherzuge- Menschen stets nur aus eigennützigen Motiven heraus
hendrohten;2 zu befürchten war, dass ein von krassem handein und daher keinerlei Anlage zum sozialen Wohl-
Egoismus und Eigennutz getriebener Pers5niichkeits- wolien besitzen; auf der anderen Seite des philosophi-
typ alie moraiischen Verbindlichkeiten, die bisiang den schen Streits fnden sich diejenigen, die Hugo Grotius
soziaien Verkehr geregeit hatten, über kurz oder iang darin folgen, dem Menschen ein soziaies Vermõgen zu
untergraben und durch bloS berechnende Verhaitens- untersteiien, weiches ihn zur moralischen Berücksichti-
formen ersetzen kënnte. Es dauerte nicht lange, bis sich gung der Beiange seiner Mitmenschen in die Lage ver-
diese erste Beunruhigung in einer hitzigen Diskussion setzt.4 Die Kontroverse erreicht ihren Hõhepunkf im
darüber entlud, ob ein soiches nur eigeninteressiertes Ver- Jahr 1723, ais Bernard Mandeviile die dritte, erweiterte
haiten im Ganzen nun eher von Vor- oder von Nachteii Auflage seiner Bienenfabel erscheinen lãsst, in der sich
für das geseilschaftliche Wohiergehen sein würde; die die berühmte Formei von den »private vices« und den

rung eines neuen Menschenbildes in der englischen Literatur vom Vgl. dazu Volkmann, Homo oeconomicus, a. a. O., Kap. 3.6 und 5.2.
Mittelalter bis zum 18. Jahrhundert, Heidelberg 2003. Vl. zu dieser Auseinandersetzung: David Fate Norton, »Hume,
z Vgl. Robert Weimann, Drama und Wirklichkeit in der Shakes- Human Nature, and the Foundation of Mora1ity, in: ders., The
pearezeit. Ein Beitrag zur Entwick lungsgeschichte des elis4betha- Carabridge Companion to Htrne, Cambridge 1993, S. 148-181,
nischen Theaters, Halie a.d. Saale 1958. bes. S. 149-155.

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»public benefits< findet; an dieser Streitschrift müssen tritt, dass der Mensch von Natur aus über einen geseili-
sich die Geister endgLiltig scheiden, hat ihr Autor darín gen Charakter verfügt, der ihn in stãndiger Sorge um das
doch mit vielen Seitenhieben gegen den Lord Shaftes- aligemeine Wohlergehen sein làsst; es ist dieser ange-
bury behauptet, dass sich die Steigerung des Aligemein- borene »sensus communis«, 50 ist der Earl in seiner Kri-
wohls einzig einem politisch geschickten Arrangement tik an Hobbes überzeugt, der uns mit einer moralischen
privategoistischer Nutzenkalküle verdanke. Es sind sol- Sensibi1itt für das Schicksal unserer Mitmenschen aus-
che Lobpreisungen der segensreichen Wirkungen unse- stattet und daher unsere Neigung zum Seibstinteresse
res Eigeninteresses, die im England des 18. Jahrhunderts dauerhaft im Zaum h1t.6 Wolite man einen kühnen Ver-
in Form einer philosophischen Gegenbewegung eine Idee gleich ansteilen, so lieíe sich sagen, dass Shaftesbury mit
der Anerkennung entstehen lassen, die dem franzõsi- dieser optimistischen Anthropologie der positiven Be-
schen Misstrauen gegenüber der menschlichen Intersub- handlung der Anerkennung in Groíbritannien ebenso
jektivitãt schroff entgegengesetzt ist; ihr Wegbereiter ist den Weg bereitet hat wie umgekehrt La Rochefoucauld
David Hume, ihr zentraler Autor solite Adam Smith ihrer negativen Thematisierung mit seiner skeptischen
werden und in John Stuart Miii wird sie einen spten li- Anthropologie in Frankreich. Denn schon kurz nach-
beralen Reprãsentanten finden. dem Mandevilie in seiner Bienenfabel den Earl aufgrund
Whrend im Frankreich des 17, und 18. Jahrhunderts seines naiven Optimismus mit Hohn überschüttet hat,
der Begriff der amour propre zum Trãger einer Besin- schwingt sich der schottische Aufklãrer Francis Hutche-
nung auf die menschliche Intersubjektivitãt wird, 50 ist son zu dessen Verteidigung auf und begründet damit
es in England wãhrend desselben Zeitraums zunchst die philosophische Bewegung, die spãter ais schottische
der Begriff der sympathy, der einen ãhnlichen Dienst Moralphiiosophie bezeichnet werden solite. Statt blank
ieistet; allerdings wird dieser Begriff auf der britischen mit anthropoiogischen Thesen aufzuwarten, michte
Insel von Beginn an so unzweideutig positiv, so frei von Hutcheson im Stil des aufkommenden Empirismus auf-
jeglicher Ambivalenz verwendet, dass schon daran der zeigen, dass unsere Reaktionen auf das soziale Verhalten
ganze Unterschied zwischen den beiden Lãndern in der anderer Personen gewihnlich von Beurteilungsmaístã-
Akzentuierung der Anerkennung sichtbar wird. Ihren ben getragen sind, die eine Bevorzugung von Gesinnun-
Ausgang nimmt die Aufwertung des Stellenwerts inter- gen und Einsteilungen offenbaren, welche dem ailgemei-
subjektiver Beziehungen in England von den Schriften nen WohI zugutekommen; aus einer Sammlung soicher
von Anthony Ashley-Cooper, dem 3. Earl of Shaftes-
bury, der gegen Ende des 17. Jahrhunderts dem rnora!li-
schen Skeptizismus seiner Zeit mit der These entgegen- 6 Anthony Earl Shaftesbury, »Sensus Communis. EM Versuch über
die Freiheit des Witzes und der Laune< [1709], in: ders., Der gesel-
lige Enthusiast. Philosophische Essays, übers. von Ludwig Hein-
5 Bernard Mandevilie, Die Bienenfabel, übers. von Friedrich Bas- rich Hblty und Johann Lorenz Benzier, hg. von KarI-Heinz
senge, eingeleitet von Walter Euchner, Frankfurt/M. 1968. Schwabe, München 1990, S. 321-379, bes. S. 350ff.

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Fakten unserer Erfahrungen im alltãgiichen Umgang reagieren, sondern er teiit auch dessen Prámisse, dass
glaubt er daher induktiv schlieíkn zu kõnnen, dass wir soiçhe Reaktionen primar unseren natüriichen Empfin-
einen angeborenen Sinn für das Wohlergehen unserer dungen und nicht etwa der rationalen Einsicht entsprin-
Mitmenschen besitzen, in dem alie Prinzipien unserer geri müssen. Aiierdings sieht Hume sich, kaum dass er
Morai begründet sein sollen.I Dieses durch Shaftesbury mit der empirischen Ausführung seiner auf diesen bei-
vorbereitete und von Hutcheson weiterentwickeite Kon- den Pfeiiern gegründeten Überlegungen begonnen hat,
zept eines »moralischen Sinns« stelit den Boden dar, auf auch schon zu ersten Revisionen der Annahmen Hutche-
dem dann binnen weniger Jahrzehnte und mit Hiife wei- sons gezwungen, die ihn am Ende in der Summe weit
terer Differenzierungen gedeihen kann, was sich als spe- über dessen Moraitheorie hinausgeiangen iassen.'° Von
zffisch britische Version der Idee der Anerkennung be- diesen vieien Korrekturen und Erweiterungen sind zwei
greifen lãsst; sie ist jener hobbesschen Tradition, die für uns von besonderer Bedeutung, weii sie direkt in das
von C. B. Macpherson mit einigem Recht als »besitzin- Zentrum von Humes Konzeption der zwischenmensch-
dividua1istisch< bezeichnet worden j5,8 diametral ent- iichen Anerkennung hineinführen. Die erste seiner Ver-
gegengesetzt. besserungen betrifft die von Hutcheson vertretene These,
Ais David Hume whrend des Jahres 1739 am dritten wonach wir die Charaktereigenschaften anderer Perso-
Band von A Treatise of Human Nature arbeitet, der sich nen anhand des Maístabs beurteiien, ob sie dem ailge-
mit der »Moral« beschãftigen so11,9 ist er sich seiner meinen Wohl einer Gemeinschaft entweder zugutekom-
theoretischen Abhãngigkeit von den Schriften Hutche- men oder ihm abtrãglich sind. Hume stimmt mit dieser
sons voilstàndig beusst; wie dieser will er nicht nur generelien Richtlinie zwar überein, sieht auch, dass die
das Phãnomen des Moraiischen in der Weise ersch1ieíen, entsprechenden Reaktionen der Biiiigung oder des Ta-
dass er anhand von Erfahrungstatsachen prüft, wie wir deis ietztiich auf natüriiche Gefühie der Lust oder Un-
Menschen wertend auf das Verhaiten anderer Personen iust zurüèkgehen müssen, aber er glaubt, dass Hutche-
son den Zusammenhang zwischen soichen reaktiven
Francis Hutcheson, Eine Untersuchung über den Ursprung unse- Gefühien und den moraiischen Beurteilungen nicht hin-
rer Ideen von Schônheit und Tugend. Über moralisch Gutes und reichend geklãrt hat; unkiar bieibt nãmiich, warum wir
Schlechtes [1725], hg. und übers. von Wolfgang Leithold, Ham- die mit Lust oder Unlust erlebten Verhaltensweisen an-
burg 1986.Vgl. dazu auch: Wolfgang H. Schrader, Ethik undAnth-
ropologie in der englischen Aufklãrung. Der Wandel der moral-
derer Menschen gleichzeitig auch ais moraiisch entwe-
sense-Theorie von Shaftesbury bis Hume, Hamburg 1984, bes. der lobens- oder tadelnswert erfahren. Eine Lãsung für
Kap. III.
8 C. B. Macpherson, Die politische Theorie des Besitzindividualis-
mies, übers. von Amo Wittekind, Frankfurt/M. 1990. ia Vgl. dam im Einzelnen: David Fate Norton, »Hume, Human Na-
David Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur in zwei Bcin- ture, and the Foundation of Morality«, a. a. O., S. 155ff.; vor aliem
den, Band II, Drittes Buch: Über Moral, übers. von Theodor aber: Stephen Darwall, The British Moraiists and the Internal
Lipps, Hamburg 1978- Oight: 7640-1740, C2flbridge i995 S. 24-288.

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dieses Problem, wie unsere Lust- und Unlustempfin- tiven Gefühisreaktionen und moraiischen Bewertun-
dungen intern mit moraiischen Bewertungen zusammen- gen so11 der Hinweis auf die sympathy nun insofern ge-
hãngen, giaubt Hume schiieíiich in einer besonderen ben, ais uns unser emotionales Miterieben mit dem
Disposition des Menschen gefunden zu haben, die er zu Anderen jeweils schnell ersch1ieíen lãsst, oh dieser em
Beginn des Dritten Teus seines Buches mit dem Begriff gegebenes Verbaiten ais wohituend oder ais schdiich
»sympathy« - »Mitgefühl« - beiegt; gemeint ist damit für sich empfindet: Wir tendieren Hume zufolge dazu,
eine uns alien von der Natur mitgegebene Fhigkeit, soiche Charaktereigenschaften im Aligemeinen mora-
die mentalen Zustnde anderer Personen zu erfassen Iisch zu biiiigen oder zu loben, die sich in einem Verhal-
und zugleich auch lii sich selbst nachzuerieben.h1 Um zu ten offenbaren, dessen wohltuende Wirkungen auf eine
eriãutern, warum diese synzpathy weder ein bioíer Af- andere Person wir kraft unseres Mitgefühls spontan mit-
fekt noch ein besonderes Bedürfnis des Menschen, son- eriebep kõnnen. Fassen wir diese erste 'Korrektur Humes
dern nur eine Art von unvernieidbarem Mitvollzug sem an der Konzeption Hutchesons zusammen, so besagt sie
sou, bemüht Hume an dieser Steiie das berühmte Biid mithin, dass uns ein unsichtbares Band des wechseiseiti-
von den zwei Saiten, deren eine die andere simultan in gen Miterlebens dazu bewegt, auf soiche menschlichen
Schwingung versetzt: »Sind zwei Saiten gleichgespannt, Eigenschaften intuitiv mit positiven Gefühien der Zu-
50 teilt sich die Bewegung der einen der anderen mit; stimmung zu reagieren, die wir ais nützlich für die von
in gleicher Weise gehen die Gemütsbewegungen leicht ihnen betroffene Person empfinden kõnnen.
von einer Person auf die andere über und erzeugen kor- Zu bebaupten, dass sich Hume bereits damit den Weg
respondierende Bewegungen in alien menschlichen We- zu irgendeiner Vorstellung der zwischenmenschlichen
sen. Wenn ich die Wirkung eines Affekts in der Stimme Anerkennung gebahnt htte, wre natüriich übertrieben;
und in den Geberden irgend einer Person wahrnehme, nach diesem ersten Schritt wissen wir über das Verhãit-
so geht mein Geist sofort von diesen Wirkungen zu ih- nis der Subjekte zueinander iediglich, dass es durch em
rer Ursache über und biidet sich eine so Iebhafte Vorstel- nahezu unwilikürliches Vermôgen des emotionalen Mit-
lung des Affekts, dass dieselbe sich alsbaid in den Affekt erielens gestiftet wird, weiches uns alie wechselseitig in
seiber verwandelt .« 12 die Lage versem, das Wohi und Web des jeweils Ande-
Eine Antwort auf die zuvor aufgeworfene Frage nach ren zu erfassen und nachzuempfinden. Zu einem Ver-
dem internen Zusammenhang zwischen bestimmten hàltnis, das sich begründet ais eines der Anerkennung
Charaktereigenschaften, positiven beziehungsweise nega- bezeichnen 1ieíe, fehlt mindestens noch das zustziiche
Moment, dem Anderen auch eine gewisse Autoritát em-
zurãumen, an die man sich seibst irgendwie gebunden
ii Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur in zwei Bãnden,
Band II, Drittes Buch: Über Moral, a.a.O., Dritter Teu, i. Ab- fühk - wie es Rousseau beschrieben hatte, ais er das Mit-
schnitt, S. 329-332. subj ekt in der Einsteiiung der amourpropre zum Richter
12 Ebd., S. 329. über die Vortreffiichkeit der eigenen Eigenschaften hat-
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te werden lassen. Von »Anerkennung« kann dort noch hig ist, die sich aus dem Grad des sozialen Abstands er-
nicht die Rede sein, wo der Andere bIoS ais ein Subjekt geben, in dem wir zu den von einem bestimmten Verhai-
eriebt wird, dessen emotionaie Befindiichkeiten man un- ten betroffenen Personen stehen: Je n.her und vertrauter
schwer in sich seibst nachempfinden kann; zwar mag em uns eine Person ist, desto stãrker werden wir die entwe-
soiches »affektives Einschwingen« (Ernst Tugendhat)13 der positiven oder negativen Wirkungen nachempfin-
eine notwendige Voraussetzung alier Anerkennung bii- den knnen, die die Handiungen einer anderen Person
den, weil es die Subjekthaftigkeit des Gegenübers über- auf deren Wohiergehen ausüben; und dementsprechend
haupt erst ersch1ieít,14 hinzutreten muss jedoch noch müssten wir eigentiich die Neigung besitzen, den sich
das Verspüren einer normativen Abhãngigkeit von die- im Handein offenbarenden Charakter dieser zweiten
sem Anderen, bevor von einer tatschiichen Anerken- Person umso strenger zu beurteiien, je enger die Bezie-
nung zwischen Menschen gesprochen werden darf. Den hung ist, die wir zu dem Menschen unterhaiten, der da-
Schritt hin zu einer derartigen Vorstellung volizieht von betroffen ist. Der Einwand, den Hume auf der Basis
Hume erst mit einer weiteren Verbesserung, die er an dieser Beobachtung fiktiv gegen sich seibst erhebt, 1atet
Hutchesons Konzept des moral sense vornimmt; und dann: »In der Tat haben wir mehr Mitgefühi mit Men-
frühestens diese zweite Korrektur wird es dann erlau- schen, die uns nahe stehen, ais mit fernstehenden Men-
ben, mit Biick auf seine Moraltheorie von den Anfãngen schn, mehr mit unseren Bekannten ais mit Fremden,
einer spezifisch britischen Idee der Anerkennung zu mit unseren Landsleuten ais mit Ausi.ndern. Aber trotz
sprechen. dieser Modifikationen unseres Mitgefühis zoiien wir den-
Nur wenige Seiten nachdem er in der sympathy die seiben sittiichen Eigenschaften unseren Beif ai!, in China
psychische Basis für unser Zusammenstimmen in der wie in Engiand. Sie erscheinen in gieichem Maíe tu-
moraiischen Beurteiiung von pers6nlichen Charakterei- gendhaft und gewinnen gieichm.íig die Achtung des ge-
genschaften ausgemacht hat, st6Lt Hume auf eine Kom- rechten Beobachters. Das Mitgefühi ãndert sich ohne
piizierung, die aus seiner Sicht die bisherigen Ausfüh- eine Ãnderung in unserer Achtung. Foiglich entspringt
rungen fragwürdig erscheinen iassen kõnnte.15 Ihm wird unsere Achtung nicht unserem Mitgefühi.«16 Um diesen
nmiich Mar, dass das unseren Lob oder Tadei begrün- Einwand gegen seine bisherige Argumentation zu ent-
dende Mitgefühi einer Vieizahi von Modifikationen fã- krften, strengt Hume nun eine Überiegung an, an deren
Ende sich die Umrisse einer eigensfándigen Idee der
13 Ernst Tugendhat, Vorlesungen über Ethile, Frankfurt/M. 1993, zwischenmenschlichen Anerkennung abzeichnen. Hume
S. 308. er6ffnet seinen Gedankengang mit der These, dass wir
14 Vgl. dazu meine Überlegungen in Verdinglichung. Eine anerleen- Menschen gew6lmlich über die kognitive Fãhigkeit und
nungstheoretische Studie (erweiterte Ausgabe), Berlin 201
den Wilien verfügen, Unregeim.íigkeiten in unserer mo-
Kap. III.
15 Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur in zwei Binden,
Band II, Drittes Buch: Über Moral, a.a.O., S. 334ff. 16 Ebd., S.

90 91
ralischen Beurteilung von personalen Charaktereigen- der Moralls zum Tragen, die er zws5lf Jahre spter ver-
schaften auszugleichen; sobald wir alsp ahnen, dass wir ôffentlicht und zeitiebens für das »unverg1eich1ichbes
uns bei unseren Wertungen von parteilichen Erwãgun- te« alier seiner Werke gehalten hat.19 Dort, in diesem
gen leiten lassen kõnnten, so ist er überzeugt, werden wir zweiten Buch zur Moraltheorie, ist an etlichen Stelien
uns sofort darum bemühen, dem durch Anstrengungen von der korrigierenden Rolie eines »Zuschauers« die Re-
der Objektivierung unserer Urteile entgegenzuwirken. de, der entweder ais eine reaie Person oder ais eine fik-
Von hier aus versucht Hume dann, das Mittei zu eruie- tive, ins Innere genommene Grs5íe beschrieben wird.21
ren, dessen wir uns zum Zweck einer soichen Neutrali- Der Gedanke ist dabei stets der gieiche und besagt, dass
sierung mõglicher Befangenheiten rege1míig bedienen; die Vorstellung des prüfend auf uns gerichteten Blicks
nach seiner Auffassung muss diese kognitive Operation eines soichen Beobachters jeden Einzelnen dazu nõtigt,
darin bestehen, sich von einem idealen oder »gerechten« die eigenen Werturteile von unIautereh Bevorzugungen
Beobachter darüber belehren zu lassen, wie ein angemes- zu reinigen und ihnen dadurch eine unparteiliche Koh.-
senes, nicht mehr an Ort und Zeit gebundenes Urteil renz zu verieihen. Hier stoíen wir mithin inmitten des
ausfalien würde: »Wir kõnnten aber gar nicht einigerma- britischen Empirismus auf dieseibe Figur eines von au-
íen vernünftig miteinander verkehren, wenn jeder von íen das eigene Tun observierenden Richters, die uns
uns Charaktere und Personen immer nur so betrachtete, schon bei Jean-Jacques Rousseau in seiner Abgrenzung
wie sie von seinem besonderen Standpunkt aus erschei- der amour propre von der amour de soi begegnet war;
nen. Dies tun wir denn auch nicht. Sondern wir schaffen nur, dass jetzt,. bei David Hume, diesem Richter die mo-
uns, um die fortdauernden Widersprüche, die sich dar- ralisch heilsame Funktion zugeschrieben wird, unsere
aus ergeben müíhen, zu vermeiden und eine konstantere Urteiisbildung von Inkonsistenzen und Bevorzugungen
Beurteiiung der Dinge zu ermõgiicheii; bestimmtefeste zu befreien.
und allgemeine Standpunkte der Betrachtung.«17 Gewiss, Hume kmpft zeitiebens damit, wie er den Sta-
Auch wenn hier die Idee eines »idealen« Beobachters tus çlieses »Beobachters< im Zusammenhang der indivi-
keine Erwãhnung findet, so steht sie doch Mar im Hin- duelien Urteilsfindung eigentlich genau verstehen sou. Si-
tergrund der Bemühungen Humes, dasjenige Verfah- cher ist er sich nur darüber, dass wir unsere moralischen
ren zu identifizieren, von dem wir seiner Ansicht nach Wertungen beinah reflexhaft an dem Gesichtspunkt über-
beim Versuch einer Objektivierung unserer moralischen prüfen, ob sie die Zustimmung eines soichen neutralen
Urteiisbiidung immer schon nahezu automatisch Ge-
brauch machen. Viel deutlicher ais in seinem Buch über
die »Moral« kommt dieser Gedanke eines neutralen Be- 18 David Hume, Eine Untersuchung über die menschliche Moral,
übers. von Manfred Kühn, Hamburg 2003.
obachters in seiner Untersuchung über die Prinzipien 19 David Hume, »My Own Life«, in: The Letters of DaoidHume, hg.
von JohnYT. Greig, 2 Bde., Oxford 1932, Bd. i, S. 3 -
17 Ebd., S. 2o Hume, Eine Untersuchung über die menschliche Moral, a. a. O.

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Beobachters finden kõnnten; aber in welcher Weise die- normative Autoritãt zugebilligt werden, durch die das
ser uns dabei entgegentritt, ob ais reaie Gemeinschaft je eigene Handeln, das je eigene Urteii maígeb1ich em-
prüfender Mitmenschen oder ais ein in unserem Inneren geschrãnkt wird. Indem Hume behauptet, ein unpar-
operierender, aiso imaginierter Richter, wird im Werk teiischer Betrachter sei unerlàsslich für die individueiie
Humes an keiner Stelle eindeutig beantwortet. Mal klingt Urteilsfindung, gesteht er gleichzeitig zu, dass jedes Sub-
es so, ais versuchten wir unseren nur partikuiaren Stand- jekt anderen Subjekten die Rolle eines Richters über die
punkt stãndig durch die Berücksichtigung der Perspekti- eigenen Absichten und Priferenzen einrãumt. Keine Per-
ve konkreter Anderer zu berichtigen, ein anderes Mal ist son entscheidet dann mehr je für sich, was zu tun und zu
von dieser korrigierenden Instanz die Rede, ais sei damit iassen wre, vieimehr formt eine jede ihre Überzeugun-
der internalisierte Biickwinkel eines generaiisierten An- gen und Wünsche stets nur aus einer Perspektive, in die
deren gemeint, und geiegentiich heift es sogar, »die Ver- andere Personen gleich weichen Reaiititsgrades konsti-
nunft verlang(e) ein soich unparteiisches Verhaiten«21 - tutiv mit einbezogen sind. Ein zwischenmenschliches
womit Hume dann alierdings seinem eigenen Internaiis- Verhiitnis jedoch, das dadurch gekennzeichnet ist, dass
mus widersprechen würde, demzufolge uns doch nur ein Ich dem Anderen die normative Autoritát zugesteht,
unser inneres Begehren und unsere Wünsche zum mora- über das eigene Verhalten zu richten, darf bedenkenlos
lischen Handein motivieren k3nnen.22 Schiieíen wir die- ais eines der einseitigen Anerkennung aufgefasst wer-
se ietzte MSglichkeit daher aus, die sich zudem in un- den. Und da Hume nun ferner davon ausgeht, dass wir
glaubwürdiger Nihe zur rationalistischen Pos ition Kants uns alle in einer soichen Einsteiiung begegnen, kann hier
befinden würde, so bleiben die ersten beiden Alternati- sogar von einem wenn auch nur reflexhaften Verhãitnis
ven übrig; und gleichgültig, welche der zwei Deutungen der wechselseitigen Anerkennung gesprochen werden.
bevorzugt wird, gemeinsam enthalten sie in unterschied- Es gibt eine Reihe von weiteren Elementen in der
lichen Versionen den Verweis auf eine notwendig zu er- Moraltheorie Humes, die die Lesart stützen, es handeie
bringende Anerkennung von anderen Personen. Denn sich bei seinen Überiegungen zum Prozedere der unpar-
ob nun der »gerechte Betrachter« ais eine Perspektive teiiichen Urteiisfindung um ein erstes Vortasten in den
von tatschiich anwesenden oder von gedanklich ideali- Bereich der zwischenmenschiichen Anerkennung. So
sierten Zuschauern begriffen wird, in beiden FJlen muss spricht er in der Untersuchung über die Prinzipien der
diesen Reprãsentanten einer fremden Subjektivitãt eine Moral davon, dass das Streben nach »einem Namen
und einer Reputation in der Welt« uns dazu motiviere,
21 Hume, Ein Traktat über die menschliche Natur in zwei Bãnden, stindig zu prüfen, wie wir -in den Augen der anderen
Band II, Drittes Buch: Über Moral, a.a.O., S. erscheinen, die uns ansprechen und betrachten«;23 liest
22 Vgl. zu dieser Spannung in Humes Moraltheorie: Herlinde Pauer-
Studer, »Kommentar«, in: David Hume, Über Moral, übers. von
Theodor Lipps, durchgesehen und überarbeitet von Herlinde 23 Hume, Eine Untersuchung über die menschliche Moral, a. a. O.,
Pauer-Studer, Frankfurt/M. 2007, S. 213-373, hier: S. 281f.

94 95
man weiter, so wird deutiich, dass Hume mit diesem wir auf diese Weise zu sozialem Ansehen in den Augen
Hinweis auf unser Veriangen nach sozialer »Reputation< unserer Mitmenschen gelangen. Diese Mutmaíung ver-
einen weiteren Beweggrund benennen michte, der uns tràgt sich bestens mit dem Internalismus Humes, da sie
immerfort dazu anhãit, unsere eigenen Urteile und »Un- besagt, unser Motiv für die Prüfung unserer, Absichten
ternehmungen« am Ma1stab ihrer gesellschaftlichen Zu- am Standpunkt eines neutralen Zuschauers stamme aus
stimmungsfhigkeit zu kontrollieren; es ist nicht nur dem Innersten unserer Wünsche und Begehrlichkeiten;
das Unbehagen, das wir empfinden, wenn wir in un- nicht irgendeine etablierte, uns oktroyierte Rege!, erst
seren moralischen Urteilen zu Bevorzugungen neigen, recht aber nicht die Vernunft, sondern nur das faktische
sondern auch unser Streben nach sozialem Ansehen, »Interesse für unseren Ruf<25 hãlt uns dazu an, unsere
weiches uns dazu motiviert, die antizipierten Stellung- Meinungen und Absichten auf unparteiiiche Zustim-
nahmen anderer Personen zu berücksichtigen. Ein ãhn- mungsfàhigkeit hin zu kontrollieren.
licher Gedanke findet sich auch im zwiten, den »Affek- Vergleichen wir diese absch1ieínde These Humes mit
ten« gewidmeten Buch des Traletats, wo es vom »Streben dem, was Rousseau zur amourpropre gesagt hat, so zei-
geachtet zu werden« hei&, es kinne vornehmlich da- gen sich zwei nahezu entgegengesetzte Auffassungen
durch befriedigt werden, dass man sein eigenes Handein der Funktion und Wirktmgsweise der zwischenmensch-
stets an den Erwartungshaltungen seiner Mitmenschen lichen Anerkennung: Wird der Mensch bei Rousseau
überprüf e.24 Die Stelien in beiden Biichern laufen mithin dadurch, dass er nach sozialer Wertschãtzung strebt, in
auf dieseibe These hinaus, die das bislang Gesagte noch einen unheilvolien Strudei des epistemischen Zweifeis
einmai in einem leicht anderen Licht erscheinen làsst; über sem eigenes Se!bst gerissen, so wird er bei Hume
jetzt scheint Hume nm1ich behaupten zu wolien, wir durch dasselbe Streben heilsam dazu angetrieben, seine
htten die Gewohnheit, unser moralisches Denken und Absichten fortan zugunsten des aligemeinen Woh!s
Handein am Richtspruch eines unparteilichen Beobach- dem Richtspruch eines unparteiiichen Beobachters zu
ters auszurichten, vor aliem deswegen entwickeit, weii unterziehen. Dort, bei Rousseau, bedeutet die Angewie-
senheit auf »Anerkennung«, sich der diktatorischen In-
stanz der iffent1ichen Meinung unterwerfen zu müssen,
24 David Hume, Ein Traktat über die rnenschliche Naturin zwei &in- hier, bei Hume, fo!gt daraus, den Anderen die normative
den, Band II, Zweites Buch: Über die Affekte, übers. von Theodor
Lipps, Hamburg 1978, S. 47-56, Im Zusammenhang dieses Kapi-
Autoritât einzurumen, die Richtung des eigenen Ver-
teis wird auch klar, dass Hume, anders ais Rousseau, giaubt, wir haltens mitzubestimmen. Um diese gro1en Differenzen
behielten auch im Falte einer grofen Wertschatzung durch unsere in der Thematisierung der Anerkennung zu erk1ren,
Mitmenschen stets die mentale Kontrolle darüber, welche Eign- muss man sich zunàchst auf die philosophischen Tradi-
schaften wir »wirklich« besitzeii: .»Das Lob ariderer gewhrt uns
keine grofe Freude, wenn es nicht mit unserer eigenen Schãtzung
übereinstimmt und [nicht, A. H.] diejenigen Eigenschaften preist, 25 Hume, Ein Traktat über die rnenschliche Natur in zwei Bãnden,
in denen wir wirklich hervorragen (ebd., S. 5 3). Band II, Drittes Buch: Über Moral, a.a.O., S. 245.

96 97
tionen besinnen, in deren Horizont die beiden Denker verstanden werden kann, den in Groíbritannien seit
in ihrer jeweiiigen Herkunftskuitur aufwuchsen: Rous- dem 17.Jahrhundert ais eine besonders groíe Herausfor-
seau wird inteilektuell, so hatten wir gesehen, im Schat- derung empfundenen Prozessen der Okonomisierung
ten des skeptischen Menschenbiides groí, das die fran- des sozialen Lebens mit philosophischen Mitein entge-
zôsischen Moralisten im Laufe des 16. Jahrhunderts in genzuwirken; einen Hinweis darauf, von weich eminen-
Frankreich verbreitet hatten, Hume hingegen kann an ter Bedeutung für die inteiiektueiie Kuitur Groíbritan-
die optimistische Anthropoiogie anknüpfen, die cin knap- niens die Wahrnehmung einer soichen Gefàhrdung war,
pes Jahrhundert spàter von Shaftesbury und Hutche- haten mir die dort beheimateten, weitverzweigten und
son auf der britischen Insei entwickelt wurde. Aber dass bis auf die Renaissance zurückgehenden Debatten um
Rousseau und Hume die theoretischen Anregungen ih- die soziale Roile des »homo oeconomicus« geliefert.27
rer jeweiligen Vorgãnger so bereitwiilig aufzunehmen Alies, was das Werk von Hume an Belegen enthalten
bereit waren und in dieselbe Richtung weiter zu entwi- mag, um diese These über die soziokuiturellen Wurzein
ckein versuchten, die diese ihnen vorgegeben hatten, der spezifisch britischen Sicht auf die Anerkennung zu
muss wohi mit anderen, tiefer liegenden Kontinuitten stützen, wird freiiich durch die Moraitheorie seines Nach-
im soziokuitureilen Mima Frankreichs beziehungswei- folgers Adam Smith weit in den Schatten gestelit; erst an
se Groíbritanniens erkiãrt werden. Mit Biick auf Rous- dessen Schriften tritt in voliem Umfang zu Tage, dass die
seau hatte ich angedeutet, dass ihn zu seiner skeptischen ãuíerst positive Besetzung der zwischenmenschlichen
Einschãtzung der sozialen Anerkennung wohlmõgiich Anerkennung im Groíbritannien des 18. Jahrhunderts
die historische Erfahrung des Ancien Régime hat gelan- ais eine philosophische Reaktion auf die aligemein ais
gen lassen, in dem der Adel und das frühe Bürgertum bedrohiich interpretierten Prozesse einer schieichenden
einen mit alien erdenkiichen Mittein der symbolischen Õkonomisierung der sozialen Sitten gedeutet werden
Distinktion geführten Kampf um die Eriangung kbnig- muss. Alierdings wr der Blick auf diesen engen Zusam-
licher Privilegien führten - bis heute spricht man on menhang von Ethik und Õkonomie bei Smith über ei-
dieser Epoche der franzbsischen Geschichte ais von ei- nen langen Zeitraum hinweg dadurch versteiit, dass man
nem Zeitaiter, in dem der Streit der herrschenden Kias- gewohnt *ar, sein Werk in zwei unvereinbare Teile auf-
sen um Rang und Namen das politische Geschehen des zuspalten; auf der einen Seite schien mit dem Buch über
Landes weitgehend diktierte.26 Und mit Biick auf Hume die moral sentiments eine moralphilosophische Studie
hatte ich in ãhnlicher Weise bereits durchbiicken lassen, zur Bedeutung des menschiichen Wohiwoiiens zu ste-
dass dessen positives Biid eines durch Anerkennung ge- hen, auf der anderen Seite mit The Wealth ofNations
stifteten Miteinanders mõgiicherweise ais cin Versuch eine wirtschaftstheoretische Abhandlung aiiein über den
Nutzen des menschiichen Seibstinteresses, ohne dass zwi-
26 Vgl. Fanny Cosandey, Le rang, Préséances et hierarchies dans Ia
France d'Ancien Régirne, Paris 2016. 27 Vgl. erneut Volkmann, Horno oeconornicus, a. a. O.

98 99
schen den beiden im Abstand von siebzehn Jahren er- in der Weiterverfolgung meines Themas nun den Ver-
schienenen Doktrinen irgendeine interne Verbindung such unternehmen mõchte, die Moraltheorie von Adam
gesehen wurde. Diese ungiückiiche Wirkungsgeschich- Smith ais eine erhebiich verbesserte und konsequentere
te begann sich erst zu ãndern, ais gegen Ende des 19. Jahr- Version der Anerkennungstheorie zu interpretieren, wel-
hunderts in der deutschen Debatte über das Werk des che wir in Grundzügen schon bei David Hume kennen-
Denkers das Wort vom »Adam Smith-Probiem« geprãgt geiernt haben; auf dem damit beschrittenen Weg hoffe
wurde, mit dem auf die Anomalie der bislang vorherr- ich dann zeigen zu kõnnen, worin die spezifisch briti-
schenden Entgegensetzung des Volkswirtschaftlers und sche Stimme in dem seit Beginn der Moderne europa-
des Moraiphilosophen hingewiesen werden sollte;28 in weit geführten Diskurs über die menschiiche Intersub-
einem bedeutenden Aufsatz machte damais der Natio- jektivitãt besteht.
nalõkonom August Oncken den Vorschiag, die Brücke Verdeutlichen lãsst sich der Umstãnd, dass die Dis-
zwischen den beiden Hauptwerken von Smith im Be- kussion über die Folgen unserer Abhãngigkeit von so-
griff des zwischenmenschlichen »Wohiwoiiens« zu su- ziaier Anerkennung in Europa tatsàchlichüber die natio-
chen, mit dem dieser ja sch1ieí1ich auch seine Vorsch1ge naien Grenzen hinweg geführt wurde, schlagiichtartig
zur Einschrnkung des privategoistischen Handeins in bereits an einem kleinen, interessanten Detail in Smith'
der Sph.re des Marktes begründet habe.29 Seither há Werk. Zu Beginn des zweiten Teus seines bereits genann-
sich der Biick auf den schottischen Phiiosophen weit- ten Aufsatzes über »Das Adam Smith-Probiem« er-
weit grundiegend gewandeit; so gut wie kein führender wãhnt Oncken eher beiiãufig, dass Smith in früheren
Interpret bezweifelt heute noch, dass Smith' Werk aus Ausgaben seiner Theory of Moral Sentiments stets ne-
einem Guss ist und The Wealth of Nations daher aus ben Mandeviiies Bienenfabel auch die Maximen von
der Perspektive der zuvor entwickeitenTheorie der mo- La Rochefoucauld zu deiimbraiphiiosophishen Schrif-
ralischen Gefühle gedeutet werden muss.30 Diese neue ten gezh1t habe, gegen die seine eigene Lebre maígeb-
Rezeptionsiage will ich mir zunutze machen, wenn ich lichgerichtet sei; sp.ter aber, nach einem Briefwechsel
mit einem Nachkommeii des Herzogs, habe Smith aus
Rücksicht auf dessen ihm wohigesonnene Famiiie den
28 Vgl. zu dieser Debatte: Keith Tribe, »Das Adam Smith Problem<
negativen Verweis auf die Maximen dann aber falienge-
and the Origins of Modern Smith Scholarship«, in: History of Eu-
ropean Ideas, 4(2008), S. 514-525-
lassen, so dass dieser in den heute gngigen Ausgaben
29 August Oncken, »Das Adam Smith-Problem«, in: Zeitschriftfür nicht mehr zu finden ist. Wie auch immer man zu einer
Sozialwissenschaft, i (188), S. 2 (1898), S. ioi-io8, sowie soichen Streichung aufgrund von persõnlichen Bezie-
4 088), S. 276-287. hungen stehen mag, sie erhellt aufs Schõnste, dass Adam
30 Vgl. etwa: Samuel Fleischacker, Adam Sniith 's Wealth of Na- Smith sich über seinen eigenen Piam in einem quer
tion. A Philosophical Companion, Princeton 2004; Charles
Griswold, Adam Smith and the Virtues of Enlightenment, Cam- durch Europa verlaufenden Streit über das Verhãltnis
bridge 1999. von Selbstbezüglichkeit und Intersubjektivitt voilends
100 101
im Klaren war: Auf der einen Seite standen für ihn dieje- hunderts die Idee der zwischenmenschljchen Anerken-
nigen Denker, die er wegen ihrer Betonung des mensch- nung ailmãhiich FuS zu fassen beginnt. Im Vordergrund
lichen Egoismus geme ais »Materiaiisten« bezeichnet hatte dabei Humes Überlegung gestanden, dass wir die
und zu denen er eben auch die franzõsische Liniedes Unrege1migkeiten und Befangenheiten unserer auf sym-
amourpropre-Gedankens rechnete, auf der anderen Sei- pathy gegründeten Werturteiie im Aiigemeinen durch Be-
te befanden sich hingegen diejenigen vornehmiich schot- mühungen zu korrigieren versuchen, uns in die Perspekti-
tischen Autoren, die wie er seibst vom Faktum einer vor- ve eines unparteiiichen Betrachters zu versetzen, um uns
gãngigen, in der Fãhigkeit zur sympathy begründeten mit deren Hiife über die Richtlinien eines angemessene-
Intersubjektivitãt des Menschen her denken. Ganz in ren, mõglichst objektiven Urteils informieren zu lassen.
diesem Sinne heiít es an einer zentralen Steiie der Theo- In diesem Schachzug Humes babe ich den Fingerzeig
ry of Moral Sentiments zusammenfassend über den »ma- auf eine originãre Idee der zwischenmenschiichen Aner-
teriaiistischen« Gegner, dass er das wahre Verhãltnis un- kennung erbl.ickt; denn damit wird faktisch zugestan-
ter den Menschen ganz grundsãtzlich missverstehe: »Jëne den, dass wir gewiiit sind, unsere Überzeugungen und
ganze Erklãrung der menschiichen Natur jedoch, wel- Absichten so weit einzuschrãnken, wie es ein von uns
che alie Empfindungen und Neigungen aus der Selbstlie- mit moraiischer Autoritãt ausgestatteter Reprãsentant
be ableitet, eine Erklãrung, die so viel Lãrm in der Welt unparteilicher Zuschauer für angemessen hãlt. Anerken-
gemacht hat, die aber, soviel ich weií, noch niemals voll- nen hei& hier, so lãsst sich sagen, einem anderen Subjekt
stándig und ganz Mar deutlich dargeiegt wurde, scheint den normativen Status einzurãumen, uns durch Biiii-
mir aus einem verworrenen Miíversfándnis des Sympa- gung oder Tadei über die moraiische Angemessenheit
thiesystems entsprungen zu sein.«3' Wiii man verstehen, unserer eigenen Verhaltensweisen zu beiehren. Allerdings
welche hõchst origineiien Vorsteilungen Smith in Bezug warbei Hume sehr unkiar gebiieben, so hatten wir eben-
auf die zwischenmenschliche Anerkennung entwickelt, fails schon gesehen, auf welchen Wegen sich ein soicher
so wird alles darauf ankommen, in Erfahtung zu brin- unparteiiicher Schiedsrichter im Geist oder in der Psy-
gen, was es für ihn heiít, einen von Missverstndnissen che des Einzelnen Piatz verschaffen kõnnen soil; zwar
gereinigten Einbiick in unser »Sympathiesystem« zu ge- glaubt Hume, dass wir durch das Bedürfnis nach õffent-
winnen. lichem Anseben und gutem Ruf dazu angebalten wer-
An der Moraikonzeption von David Hume hatte ich den, die normativen Erwartungen unserer Zeitgenos-
zuvor vor aliem diejenigen Bestndteile herausarbeiten sen zu erfüiien, aber das erkiãrt noch iange nicht, warum
wolien, die mir typisch für die Weise zu sein scheinen, wirdabei an einem unparteilichen, mõgiichst objektiven
in der auf der britischen Insel seit dem Ende des 17. Jahr- Urteii über unser eigenes Verbaiten interessiert sein sou-
ten: Sich im eigenén Verhalten vom Standpunkt der ei-
i Adam Smith, Theorie der moralischen Gefühle, übers. und hg. von genen moraiischen Bezugsgruppe leiten zu iassen bedeu-
Waither Eckstein, Hamburg 2004, S. 529. tet im Aligemeinen gerade nicht, die Perspektive eines
102 103
»gerechten«, unparteilichen Richters einzunehmen. Ler eigenen Erfahrungen nehmen, um uns auf deren Basis
»idea1e< Beobachter, den Hume vor Augen zu habén und mitteis unserer »Einbiidungskraft« (»imagination<)32
scheint, kommt daher wie em deus ex machina daher, auszumaien, wie sich die andere Person angesichts eines
ohne dass empirisch dargelegt würde, über welche Schrit- sie betreffenden Vorkommnisses wohl fühien müsste:
te er moralische Autoritt über uns gewinnen kõnnte. »Bei alien Affekten, deren das menschliche Gemüt fhig
Diese empfindliche Schwachstelle in Humes Konzep- ist, entsprechen die Gemütsbewegungen des Zuschauers
tion lsst deutlich werden, dass er hei seinem Versuch immer dem Bilde, das dieser sich von den Empfindun-
einer intersubjektivistischen Wideriegung des damais vor- gen des Leidenden macht, indem er sich in dessen Fali
herrschenden Individualismus auf haibem Wege stecken hineindenkt..31 Insofern ist bereits die Bedeutung, die
geblieben ist; erst Adam Smith wird das von ihm in An- Smith unserer Fãhigkeit zur sympathy verieiht, eine ganz
schiuss an Shaftesbury und Hutcheson verfolgte Proj ekt andere ais bei seinem Freund Hume; '&.hrend dieser dar-
erfoigreich zu Ende führen, indem er zeigt, wie wir un- in ein blog passives Vermõgen erblickt, sich von den Ge-
ser moralisches Verhalten schrittweise von immer um- fühlsempfindungen anderer Personen anstecken zu las-
fassenderen Formen der sozialen Anerkennung abhãn- sen, operiert jener mit der Vorsteilung, wir würden uns
gig zu machen lernen. kraft unserer Einbiidungskraft »projektiv« solche Ge-
Der Ausgangspunkt, von dem aus Smith das Feid des mütszustãnde zu eigen machen müssen.34 Darüber hin-
Moralischen zu ersch1ieien versucht, ist derselbe wie bei aus lãsst Smith keinen Zweifel daran, dass sympathy
Hutcheson und Hume; auch er fragt sich in typisch em- nicht etwa bedeuten kann, nur den »Kummer< oder
piristischer Manier, woran sich eigentlich die morali- das Leid des btroffenen Menschen nachempfinden zu
schen Urteile bemessen, die wir al1tglich über die Cha- kõnnen; wre es so, dann h.tten wir es ailein mit »Erbar-
raktereigenschaften und das soziale Verhalten anderer men« (»compassion«) oder »Mitleid« (»pity«) zu tun,
Personen flien. Von Hume übernimmt er dabei auch die in Frage stehende Disposition muss aber in dem wei-
die Prmisse, dass wir mit den von diesem Verhalten be-
troffenen Personen durch ein Band der sympathy emo- 32 Ebd., S. 2.
tional verbunden sind, das es uns erlaubt, deren affektive Ebd., S.4 -
Reaktionen in uns nachzuempfinden. Ober Hume hin- 34 Daher die heute übliche Auffassung, nach der Hume einen «conta-
gion-account« der »sympathyc besitzt, Smith hingegen einen »pro-
ausgehend warnt Smith an dieser frühen Stelle allerdings jection-account«: Dennis C. Rasmussen, The Infidel and the Pro-
vor dem Missverstndnis, die uns angeborene Fhigkeit fessor. D4vid Hume, Adam Smith, and the Friendship th4t Sh4ped
zur sympathy versetze uns in die Lage, die Empfindun- Modern Thought, Princeton 2017, Kap. 5, bes. S. 92; Samuel
gen der anderen betroffenen Personenexakt in der qua- Fkischacker, »Sympathy in Hume and Smith: A Contrast, Cri-
tique, and Reconstruction«, in: Christd Fricke/Dagfinn FøIIes-
litativen Weise nachzuerleben, wie diese sie verspürt ha-
dai, Intersubjectivity and Objectivity in Adam Smith and Ed-
ben müssen; wir besitzen nicht die Gabe der direkten mund Husseri. A Coliection of Ess4ys, Frankfurt/M. 2012,
Einfühlung, sondern müssen den Umweg über unsere S.273-311.

104 1 1 105
ten Sinn verstanden werden, dass sie zum Nachempfin- obachten«. Smith schiidert Dutzende von Beispieien,
den »jeder Art von Affekten« befãhigt. die beiegen soiien, dass wir im Aiitag unabhãngig da-
Nach diesen begrifflichen Vorklãrungen wendet sich von,wie nah oder fern uns eine Person steht, stets ein ho-
Smith dem Thema zu, das im Zentrum seiner Grundie- hes MaS an Wohigefaiien empfinden, wenn wir uns mit
gung einer Moraitheorie stehen sou; er fragt sich nun ihr angesichts bestimmter Vorkommnisse im affektiven
nãmiich, weiche moraiischen Haitungen und Tugenden Gleichklang befinden; der Freund hingegen, der nicht
auf der Basis unserer natür!ichen Bef.higung zur sym- lacht, wenn wir uns über cin uns widerfahrenes Ereignis
pathy in dem Sinn ais universaiistisch geboten gelten freuen, lõst bei uns ebenso Befremden oder Unbehagen
dürfen, dass sie aus der Perspektive alier Subjekte bei ai- aus wie die Person, die nicht mittrauert, wenn wir auf-
len Subjekten erwünscht sind.36 Die Argumentation, grund eines eriittenen Ungiücks Bekümmernis empfin-
die Smith zu diesem Zweck in seiner Theory of Moral den.38 Das alies soli zunãchst einmal nur dem Nachweis
Sentiments entwickelt, ist bei weitem zu kompiex, ais dienen, wie tief in der Natur des Menschen der Wunsch
dass sie hier auch nur annhernd voi1st.ndig wiederge- verankert ist, durch ein Band des emotionalen Überein-
geben werden k6nnte; stattdessen wiil ich mich, wie stimmens mit jedem anderen Mitmenschen verbunden
schon im Faiie von Humes Moralkonzept, auf eine Dar- zu sem.
steliung allein der Bestandteile seiner Theorie beschrãn- Freilich ist sich Smith auch darüber im Kiaren, dass
ken, die den Kern der darin angelegten Idee der zwi- die b1oíe Erwartung einer soichen Wechseiseitigkeit im
schenmenschlichen Anerkennun'g zu erkennen geben. emotionalen Erleben noch nichts dar-über besagt, wel-
Der erste Schritt, den Smith in diese Richtung unter- che Gebote wir mgiicherweise im Umgang miteinan-
nimmt, besteht in der empirischen Beobachtung, dass der zu berücksichtigen hàtten. Um sich diesem Kern ai-
unserer un'vi1ikürlichen Neigung, mit anderen Perso- ler Moral ein werlig weiter anzunãhern, wendet er sich
nen mitzufühlen, auf deren Seite reziprok der Wunsch im zweiten Schritt einigen Komplikationen im Prozess
entspricht, Andere mõgen mit ihnen mitempfinden; »si- des affektiven Aufeinandereinsteilens zu, von denen er
cher ist«, so heiít es daher gleich zu Beginn des 2. Kapi- sich genauere Auskunft über dessen Veriauf erhofft; auch
teis im ailerersten Abschnitt, -daS nichts unser Wohlge- dieses Vorgehen ãhnelt wiederum der Argumentation
falien mehr erweckt, ais einen Menschen zu sehen, der Humes, der ja ebenfalls einen Umweg über die Unre-
für alie Gemütsbwegungen unserer Brust Mitgefühl ge1migkeiten unserer morauischen Bewertungen ge-
empfindet, und daS uns nichts so sehr verdrieít, ais nommen hatte, um deren tatsãchuiche Beschaffenheit zu
wenn wir an einem Menschen kalte Gefühiiosigkeit be- erkunden, nur dass Smith dabei nun wesentiich weiter
ausholt und dementsprechend auch zu differenzierteren
Smith, Theorie der rnoralischen Gefühle, a. a. O., S. 4.-
3 6 Vgl, zu diesem Programm die Rekonstruktion von Ernst Tugend-
36 7 Smith, Theorie der rnoralischen Gefühle, a.a.O., S. 9.
hat in: ders., Vorlesungen über Ethik, a. a. O., S. 282-309- 38 Ebd., S.

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Ergebnissen geiangt. Zunchst führt er die auf den ers- zu erk1ren wáren, ist noch vollkommen undurchsich-
ten Blick irritierende Beobachtung an, dass wir auch tig.
dann etwa mit einer von einem Unglück betroffenen Per- Dem Versuch, diese Erkiãrungsiücke zu sch1ieíen,
son mitieiden, wenn diese keineriei Zeichen des Schmer- dient der nchste, dritte Schritt in Smith' Argumenta-
zes zu erkennen gibt; und umgekehrt werden wir, so tion, der freilich aus mehreren Stufen besteht und sich
fhrt Smith fort, dann nicht den Schmerz einer Person im Grunde über das ganze Buch erstreckt. Smith be-
nachempflndn kënnen, wenn uns dessen Anlass ais zu ginnt seinen Gedankengang mit der Feststeilung, dass
nichtig oder unbedeutend erscheint. 9 Werden zu derar- wir die Angemessenheit oder »Schicklichkeit« unserer
tigen Beispielen weitere hinzugefügt, so zeigt sich für eigenen emotionalen Reaktion im Aligemeinen danach
Smith, dass wir gemeinhin nicht einfach nur nachemp- beurteilen, ob ihr cin beliebiger Betrachter derseiben Si-
finden, was cine andere Person je aktueii an Gefühlsre- tuation zustimmen kinnte; das soll ztn.chst so viei hei-
gungen in ihrer Mimik oder Gestik zu erkennen gibt; íen wie, dass uns das Hineinversetzen in einen unbetei-
vieimehr beurteilen wir soiche wahrnehmbaren Affekte ligten Zuschauer darüber belehrt, in welcher Weise wir
kraft unseres Vorsteliungsvermõgens automatisch im- affektiv angemessen auf das einer anderen Person zu-
mer schon daraufhin, ob sie der gegebenen Situation an- gestoíene Ereignis zu reagieren htten. Allerdings giit
gemessen oder unangemessen sind. Der Begriff, den Smith zufolge dasselbe umgekehrt auch für die primár
Smith heranzieht, um sich diesen Umstand zunãchst betroffene Person; auch sie muss sich aus der Perspekti-
einmai zu erkiàren, lautet »propriety« oder »Schicklich- ve eines soichen unbeteiligten Betrachters fragen, wel-
keit«;° er soll besagen, dass wir uns in unserem Mit- che emotionale Reaktion auf das ihr zugestofene Ge-
empflnden wie se1bstverst.nd1ich von dem normativen schehen die angemessene wre.4' Insofern haben wir es
Gesichtspunkt ieiten iassen, ob ein wahrnehmbarer Af- bei dem Szenario, das hier skizziert wird, mit einer
fekt in einem »schicklichen.< oder angemessenen Verh.1t- Wechselseitigkeit nicht mehr nur im Wunsch nach emo-
nis zu der ihn auslõsenden Situation steht. Allerdings ist tionaler Gemeinsamkeit, sondern auch im Wunsch nach
Smith klug genug, um zu wissen, dass auch mit die- Billigung aus der Perspektive eines unbeteiligten Be-
ser vertieften Analyse unseres emotionalen Miterlebens obachters zu tun: Beide Subjekte, dasjenige, das eine Si-
noch nicht alizu viel gewonnen ist; zwar ist nun Mar, tuation emotional bewertet, ebenso wie dasjenige, das
dass wir nicht umhinkõnnen, im Mitempflnden impiizit von dieser affektiv betroffen ist, wünschen reziprok,
normative Kriterien anzuwenden, die sich auf die situa- dass ihre jeweilige Reaktion nicht nur einfach die Zu-
tive Angemessenheit einer Verhaltensreaktion beziehen, stimmung des Interaktionspartners, sondern auch die
aber woher diese Maísfábe stammen und wie sie mithin eines unbeteiligten Zuschauers finden kõnnte; vielleicht
1ieíe sich auch sagen, dass beide Subjekte jeweils darum
39 Ebd., S. 6f.
40 Ebd., S. 1 7f- 41 Ebd., S. 16f.

108 109
bemüht sein solien, ihr emotionales Aufeinanderein- nen isSt.46 Keinen Zweifei iãsst Adam Smith ebenfalis
stimmen zusãtzlich auch noch einmal aus der Perspekti- daran aufkommen, dass wir uns diesen generalisierten
ve eines soichen neutralen Betrachters zu regulieren. Zuschauer eher nach dem Muster einer inneren Stimme
Zwei weitere Elemente muss Smith zu cflesem Modeil des Gewissens ais nach dem eines ãuíerIich bleibenden
der emotionalen Wechselseitigkeit noch hinzufügen, be- Richters vorstellen müssen; so heiít es an einer Stelle,
vor er daraus die ethischen Tugenden herleiten kann, wiederum in erstaunlicher Vorwegnahme von ÜkerIe-
die er im Rahmen seiner naturalistischen Ethik für uni- gungen Kants, dass jede Person einen »Stellvertretex« je-
versalistisch rechtfertigbar hàlt. Zum einen ist noch nes »unparteiischen Zuschauers« in Gestalt eines »inne-
nicht hinreichend Mar, wie jener unbeteiligte Zuschauer rer Menschen in seiner eigenen Brust« trage.47
beschaffen seiri sou, von dem sich die beiden Beteiligten Ãber auch wenn diese Ausführungen Smith' unmiss-
jeweils die Billigung ihrer aufeinander bezogenen Ge- verstndiich zu erkennen geben, dass wir uns die emo-
fühlsreaktionen erhoffen. Dieer Betrachter muss Smith tionale Selbstkontroile der Beteiligten nach dem Muster
zufolge im Laufe des wechselseitigen Aufeinanderein- der Internalisierung eines schrittweise generalisierten
stellens immer abstraktere Formen annehmen, weil beide Anderen vorstelien müssen, der sch1ieí1ich die Stimmen
Beteiligte sukzessive genõtigt werden, stets weitere Stim- alier Mitmenschen umfasst, bleibt eine zweite Frage im-
men unbeteiligter Zuschauer in die normative Selbst- mer noch offen; denn volikommen ungekiãrt ist bisiang,
beurteilung der Angemessenheit ihres emotionalen Ver- woher der Einzeine überhaupt die Motivation beziehen
haltens einzubeziehen;42 und der Prozess einer soichen sou, sich einem soichen Prozess der Kontroiie seines
Generalisierung des b11igenden oder tadeinden Ande- affektiven Verhaitens zu unterwerfen. Dort, wo Smith
ren so11 sich, folgt man dem Autor über die verschie- dieses Problem am Rande streift, klingt es gelegentlich
denen Stufen seiner Darstellung, bis zu einem Punkt so, ais wiederhoie er nur die LEsung Humes; dann wür-
hinziehen, an dem dieser »alles sehende«, 3 »groík[n] den wir uns deswegen veranlasst fühlen, unsere emotio-
Richter[s] und Schiedsherr[n].14 sogar mit der »Ver- nalen Reaktionen sfãndig im Lichte des Richtspruchs
nunft«45 zusammenzufailen scheint - eine probiemati- eines generalisierten Zuschauers zu überprüfen, weil wir
sche Referenz im Kontext des Empirismus von Smith, dadurch zu &fentiichem Ruhm und sozialem Ansehen
die aber auf Schõnste dessen Bedeutung für Kant erah- zu gelangen hoffen.11 Dass Smith indes eine komplexere
Vorstellung unseres Motivationsgefüges besitzt, wird er-
42 Vgl. zu dieser schrittweisen Erweiterung der »circles of sympa-
thy: Foima Forman-Barzilai, Adam Smith and the Crc1es 0/Sy?n- 46 Vgl. dazu etwa die Beitrãge in: Christel Fricke/Hans-Peter Schütt
pathy. Cosniopolitanisni and Moral Theory, Cambridge zolo, (Hg.), Adam Smith ais Moraiphiiosoph, Berlin/New York 2005.
Kap. 5. Vgl. auch: Samuel Fleischacker, »Philosophy and Moral Practice:
3 Smith, Theorie der moraiischen Gefühie, a. a. O., S. 183. Kant and Adam Smith«, in: Kant-Studien, 3 (II), S. 249-269.
44 Ebd., S. 358. 7 Smith, Theorie der moraiischen Gefühie, a.a.O., S. 36 5-
5 Ebd., S. 532. 48 Vgl. etwa ebd., S. 71 f-
sichtlich, sobaid er sich expiizit der Thematik annimmt; Impiikationen zu erõrtern, die diese sich in Neuiand vor-
an soichen Stelien, deutiich etwa im 2. Kapitel des Drit- tastenden Ausführungen Smith' mit sich bringen, aber
ten Tei1s, 9 heiíh es nãmiich, dass wir in der normativen es liegt auf der Hand, dass er damit nichts Geringeres
Seibstkontroile unseres affektiven Verhaitens vorrangig behauptet, ais dass wir deswegen bereit sein soiien, unse-
nicht Lob und oder Zuneigung erstreben, sondem »Lo- re interpersoneiien Gefühie gemãS des verinneriichten
benswürdigkeit« oder »Zuneigungswürdigkeit«. Ge- Richtspruch eines generaisierten Anderen zu modeliie-
meint ist damit, dass uns b1oíes Lob oder einf ache u- ren, weii wir von Natur aiis an einem »berechtigten Ge-
neigung gewõhnlich nicht zufriedensteiienkõnnen, weii biiiigtwerden «51 em Interesse haben. Man mag, je nach
wir darüber hinaus immer auch wissen wolien, ob wir die- phiiosophischer Einsteiiung, in einer soichen These ent-
ses Lobs oder dieser Zuneigung auch würdig sind. Ge- weder einen kühnen Vorgriff auf Kant oder einen Rück-
mãí dieser von Smith hãufig wiederhoiten Formulierung faii hinter die methodischen Prãmissen des Empirismus
müssen wir uns also das Motiv, das uns zur normativen vermuten; auch lãsst sich fragen, ob Smith den Graben
Seibstkontroiie unseres Verhaltens antreibt, seinerseits zwischen unserem Bedürfnis nach sozialem Lob und un-
seibst ais »moraiisch« vorstellen; und demensprechend serem Interesse an gerechtfertigter Billigung hier even-
iautet dann auch der Satz, in dem er seine tJberlegungen tueil 50 tief gezogen hat, dass eine plausible Vermittlung
zusammenfasst, ganz so, ais wolle er unser Giück und beider Bestrebungen gar nicht mehr mõglich ist; gele-
unsere Zufriedenheit vom stàndigen Nachweis der Lo- gentiich hat es tatsãchiich den Anschein, ais sprche der
benswürdigkeit unserer Affektsteuerung abhãngig sem Autor bereits von den zwei »Naturen« des Menschen,
lassen: »Die Gerichtsbarkeit des >inneren< Menschen [ai-. der »empirischen« und der »inteliigiblen«.52 Aber unab-
so des internalisierten unparteilichen Beobachters, A. H.] hàngig von derartigen Rückfragen und Bedenken ver-
gründet sich ganz und gar auf den Wunsch, lobenswür- setzt uns die soeben zitierte Steiie nun in die Lage, in
dig zu sein und auf die Abneigung dagegen, tadelnswert Form eines zusammenfassenden Rückblicks die Frage
zu sem; diese Gerichtsbarkeit gründet sich auf den zu beantworten, auf welche Idee der sozialen Anerken-
Wunsch, iene Eigenschaften zu besitzen und iene Hand- nung Smith mit seiner Moraitheorie eigentiich zusteuert.
iungen zu voiibringen, die wir an anderen Menschen Deutlich geworden ist sicheriich, dass Anerkennung
lieben und bewundern, und auf die Furcht, iene Eigen- bei Adam Smith mehr an normativen Rücksichtnahmen,
schaften zu besitzen und iene Handiungen zu volibrin- mehr an moraiischen Dispositionen beinhalten muss ais
gen, die wir an anderen Menschen hassen und verach- bei David Hume. War dieser in seinen moraitheoreti-
ten.«5°
Es würde hier zu weit führen, ali die weitreichenden
x Tugendhat, Vorlesungen über Ethile, a. a. O., S. 311.
52 Vgl. etwa die Sãtze vor der soeben zitierten Stelle, in denen Smith
49 Ebd., S. 171-199. von den »zwei Menschen- in ein und derselben Person spricht:
5o Ebd., S. 194. Smith, Theorie der moralischen Gefühle, a. a. O., S. 194-

112 113
schen Überlegungen davon ausgegangen, dass wir aus rung mõglichst vieler anderer Blickwinkei in sich die
Gründen unseres egozentrischen Interesses an sozia- Stimme eines unparteilichen und wohlinformierten Rich-
lem Aiisehén, und Status bereit sind, einem unvoreinge- ters zu erzeugen, dem die Autoritãt zugestanden wird,
nommenen Zuschauer die Autoritãt einzuràumen,un- durch Billigung und Tadei die eigenen Gefühisregungen
ser Verhalten normativ zu regulieren, so wili Smith die sukzessive mit denen aiier Anderen zu harmonisieren. Ist
Voraussetzung eines soichen zunàchst auf seine eigenen die erste, emotionaie Form der Anerkennung direkt auf
Interessen bedachten Subjekts erst gar nicht akzeptieren; den anderen Menschen bezogen, dem dasselbe Bedürf-
er kann es auch nicht, denn für ihn reicht das uns emotio- nis nach einem kommunikativen Mitfühlen unterstellt
nal vereinigende Band der sympathy viel zu tief in die in- wird, so ist die zweite Form der Anerkennung nur mit-
dividueile Persõnlichkeit hinein, ais dass er zugestehen teis des generalisierten Anderen, also indirekt, auf den
kënnte, wir seien zunãchst isolierte Einzeiwesen, um Mitmenschen ausgerichtet; hier gilt die Anerkennung
dann erst sekundãr mit Hilfe der wechseiseitigen Orien- primãr der idealisierten Gemeinschaft alier Geseiischafts-
tierung an einem unparteilichen Richter vereinigt zu mitglieder, der ais dem nach innen veriagerten Richter
werden. Zwischenmenschiiche Anerkennung heiít da- die moralische Autoritãt eingerãumt wird, über die An-
her für Smith vorweg und ganz grundsãtzlich erst em- gemessenheit der eigenen Gefühle zu befinden und da-
mal, jeden anderen Menschen ais ein Wesen zu nehmen, mit den Charakter des individuelien Selbst zu formen.
mit dem man sich im Fühlen und Erieben verbunden Ob Smith gut daran getan hat, auch diese zweite Form
wissen mõchte. Aiierdings reicht diese elementare, gieich- der Anerkennung für eine Mitgift unserer ersten Natur
sam naturgegebene Aterkennung für Smith nicht aus, zu haiten, wiii ich hier offeniassen.5
um tatsãchiich ein soiches »affektives Kommunizieren<53 Nichts von dem, was ich bisiang über Smith' Idee der
zwischen alien Menschen sicherzusteiien; denn wir sind Anerkennung gesagt habe, rechtfertigt allerdings diezu-
aufgrund unserer j individuelien Vorlieben, kulturellen vor aufgestellte Behauptung, er habe damit genauso wie
Gewohnheiten und persõniichen Befangenheiten nicht Hume dem sich mit dem kapitalistischen Markt auswei-
automatisch dazu in der Lage, mit der anderen Person tendén Egozentrismus seiner englischen Landsleute vor-
50 mitzufühlen, wie es gemãí der Umstãnde angemes- beugen wolien.Was David Hume anbeiangt, 50 mag die-
sen wãre. Daher hãlt Smith gewissermafen eine zweite se These noch einigermafen piausibel kiingen, finden
Stufe der Anerkennung für erforderiich, deren Funktion sich in seinen Schriften doch genügend Beiege, die er-
es sein sou, das Fühien und Empfinden der getrennten hebiiche Zweifei an der Vorsteliung verraten, das Ge-
Subjekte stãrker einander anzunãhern; diese neue Form meinwohi lasse sich allein mittels einer gescbickten Koor-
der Anerkennung besteht darin, durch die Internalisie- dinierung von egozentrischen Interessen steigern. Zwar

Diesen Ansdruck verdanke ich Ernst Tngendhat, siehe ders., Vor- 4 Vgl. zu diesem Problemkomplex: Smith, Theorie der moralischen
lesungen über Ethik, a. a. O., S. 295. Gefühle, a. a. O., S. 311 f.

114 115
war Hume an der neuen Disziplin der Politischen Õko- Zusammenhang mit dem -Adam Smith-Problem«, hin-
nomie hõchst interessiert und versuchte sich selbst dar- gewiesen; je weiter die Bemühungen um die Interpreta-
an, 55 aber der Botschaft, der Markt funktioniere umso tion von Smith' Werk voranschreiten, 50 viel lsst sich
besser, je weniger moralische Rücksichtnahmen das heute mit einiger Sicherheit sagen, desto stàrker scheint
Eigeninteresse einschr.nken, stand er zeitiebens doch sich die gegenteilige Auffassung durchzusetzen, nach
hichst skeptisch gegenüber; gegen Mandeville vertei- der die von ihm entworfene Wirtschaftstheorie von sei-
digte er die Vorstellung, wie Mikko 1olonen jüngst sehr ner Moraiphiiosophie her gedeutet werden muss und da-
schin gezeigt hat, der Markt bedürfe einer eigenen »po- her nicht als eine simple Verteidigung des freien Marktes
litical sociabiiity«, also politisch gefõrderter Anstands- gelten darf.
regem, um seinen Aufgaben gerecht werden zu kënnen.56 In Folge dieses Einsteilungswandels werden mittler-
Mit Blick auf Adam Smith stelien sich diese Dinge aber weile Smith'Absichten in The WealthofNations mehr-
komplizierter dar, denn es wiii gewiss nicht ohne Weite- heitiich ganz anders verstanden, ais es der herrschen-
res einleuchten, dass sein philosophisches Werk prim.r den Laissez-faire-Ideoiogie !ieb sein kann. Folgt man
darauf gerichtet gewesen sein sol!, dem kapitalistischen etwa der Interpretation, die Samuel Fleischacker diesem
Markt mit seinen Zwàngen zur privaten Interessen- Buch gegeben hat, so woilte der Autor darin zeigen, dass
verfolgung entgegenzuwirken. Einer solchen Annahme der kapitalistische Markt nur in denjenigen seiner Ei-
steht die althergebrachte, bis heute weit verbreitete Vor- genschaften moraiisch zu rechtfertigen sei, die aus der
stel!ung entgegen, der schottische Philosoph sei vom ge- idealisierten Perspektive eines unparteiiichen und wohi-
se!lschaftlichen Nutzen des individuelien Eigeninteres- informierten Richters zu bii!igen wãren; und dement-
ses 50 überzeugt gewesen, dass er für eine mdg!ichst sprechend behauptet Fleischacker auch, Smith würde
weitgehende Entgrenzung des Marktes piàdiert habe, ai1 das am Kapitaiismus für tadeinswert und vie!!eicht so-
es sei also in seinem intellektueilen Schaffen vor allem gar abschaffungswürdig haiten, was einem soichen pro-
um eine Rechtfertigung des freien Marktes gegangen; zeduralen Kriterium widerspreche. Wird The Wealth
dabei stützt man sich allerdings ausschlieíllich auf die ofNations im Lichte einer derartigen Deutung gelesen,
Schrift The Wealth of Nations, blendet also alie Beitráge 50 failen daran sofort die vieien Elemente ins Auge, die
zur Moraiphi!osophie aus.57 Darauf, dass dieses Bild des keine andere Funktion zu haben scheinen, a!s dem Vor-
Phiiosophen abwegig ist, habe ich indes schon oben, im
Smith's Economics«, in: Knud Haakonssen (Hg.),The Cambridge
55 David Hume, »Über Handel«, in: ders., Politische und õkonomi- Companion to Adam Smith, Cambridge 2006, S. 3I9-36.
sche Essays, hg. von Udo Bermbach, Hamburg 1988, Bd. 2, 58 Fleischacker, Adam Smith 's Wea1th of Nation, a. a. O., v. a. S. 48-
S- 1 7S -I90- 7; vgl. zusátzlich die ãhnEch gelagerten Deutungen in Spencer
5 6 Mikko Tolonen, Mandevilie and Hume: Anatomists of Civil So- J. Pack, Capitalism as A Moral System. Adam Smith's Critique
ciety, Oxford 2013, v. a. Kap. 4. of the Free Market Economy, Aldershot 1991, SOwe Griswold,
57 Einen Überblick geben: Emma Rothschild/Amartya Sen, »Adam Adam Smith and the Virtues of Enlightenment, a. a. O.

116 117
dringen des ikonomischen Eigennutzes auf dem Markt ofJ')ations doch dem Versuch, nach geeigneten Instru-
einen Riegel vorzuschieben; so warnt Smith entschieden menten zur Eindãmmung egozentrischer Verhaitenswei-
vor den destruktiven Folgen, die die hemmungsiose sen :in der õkonomischen Sphàre zu suchen. Insofern
Ausnutzung der Arbeitskraft für den Geist und die'Psy- ma es dann doch gerechtfertigt sein, Smith durchgãn-
che der Fabrikarbeiter haben kõnnte,11 auíerdem emp- gig die philosophische Absicht zu untersteilen, mit der
fiehlt er, stets das Ziel einer Befreiung des Lohnabhàn- Herausarbeitung der uns immer schon verbindenden
gigen von Knechtschaft und persiniicher Abhàngigkeit Anerkerinungsbeziehungen dem Anwachsen kapitalisti-
im Blick zu haben,61 und unternimmt schlieíiich immer scher Gesinnungen entgegenzuwirken; wie Hume, aber
wieder Anstrengungen, eine gegebene wirtschaftiiche viei stãrker intersubjektivistisch denkend ais dieser, ist
Regelung aus der Perspektive alier von ihr Betroffenen er überzeugt davon, dass wir von Natur aus die Bereit-
zu bewerten.61 Gewiss, ali diese Einschrãnkungen und schaft besitzen, uns durch das Lob und den Tadel des ge-
Empfehlungen môgen schon damais nicht die besten neralisierten Anderen der Gemeinschaft ailer Menschen
Mittei gewesen sem, um den kapitalistischen Markt wir- zu einem dem Allgemeinwohl fõrderiichen Verhalten er-
kungsvoll zu begrenzen, aber sie geben andererseits auch ziehen zu lassen.
deutlich zu erkennen, dass Smith alies andere als ein glü- Dass diese spezifische Vorsteiiung über den Wert der
hender Verfechter des Glaubens an die Vorteile des wirt- zwischenmenschlichen Anerkennung keine isolierte Er-
schaftlichen Eigennutzes war; er wollte die Anerken- scheinung auf der britischen Insei gebiieben ist, aiso nicht
nung, die wir den anderen Menschen zolien, indem wir ein gedanklicher Spriss1ing aussch1ieíiich der schotti-
auf die Stimme unsees inneren Richters hëren, nicht schen Moralphiiosophie war, wird schiagend deutlich,
vor den Toren des neuen Wirtschaftssystems enden las- weim man achtzig Jahre verstreichen iàsst und das Werk
sen, sondern sie ganz im Gegenteil auch dort in Form von John Stuart Mili in Augenschein nimmt. Nach dem
von prozeduralen Auflagen und moralischen Rück- ersten Augenschein sicherlich kein intersubjektivistischer
sichtnahmen verankert wissen.62 Selbst wenn er dabei Denker und zutiefst überzeugt davon, dass jeder seines
nicht weit genug gegangen sein solite und sicherlich zë- eigenen Giückes Schmied ist, giaubt nàmlich auch Miii
gerte, staatliche Eingriffe in den Marktkreislauf zu er- an die moralische Macht von Lob und Tadei, von »praise«
wãgen, so galt sein zentrales Anhiegen in The Wealth und »biame«, die er sich wie Hume und Smith mit
dem Bedürfnis des Menschen nach sozialer Anerken-
59 Adam Smith, Untersuchung über Wesen und Ursachen des Reich- nung erkiãrt. Freiiich taucht dieser Gedanke, so ent-
tums der V61/eer [1776], übers. von Monika Streissler, hg. von scheidend er für Mills liberale Agenda auch sein solite,
Erich W. Streissler,Tübingen 2005, S. 747-750- erst an einer viei spãteren Stelle in seiner theoretischen
6o EM., S. 140-159 U. S. 75353-758.
-758-
6 1 Vgl. dazu v. a. und erneut: Fleischacker, Adam Smith's Wealth of
61
Argumentation auf ais bei den beiden schottischen Phi-
Nation, a. a. O., S. 49 ff. iosóphen: FUr Hume war, wie wir gesehen haben, un-
62 Vgl. u. a. Pack, Capitalism as A Moral System, a. a. O. ser Streben nach geselischaftiichem Ansehen das Mittel,
18
kraft dessen wir motivational genõtigt werden, durch Grundpfeiler seines Liberaiismus war der Autor gesto-
Seibstkontroiie soziale Befangenheiten in unseren Wert- íen, nachdem er sich mit dem Schrifttum der engiischen
urteilen zu beseitigen und uns um deren kognitive Ko- und deutschen Romantik beschâftigt hatte, das ihm eine
hãrenz zu bemühen; für Smith, so hatten wir ebenfalis gánziich neue Vorsteiiung über die Eigenart der mensch-
gesehen, war es sogar das Bedürfnis, mit alien Mitmen- lichen Individuiitàt vermitteite; in jeder Person, 50 war
schen im affektiven Gieichklang leben zu wolien, wel- er seither überzeugt, ist cin Keim an ureigenen Fãhig-
ches uns dazu antreibt, unser Verhaiten 50 einzurichten, keiten und Bestrebungen angelegt, den es im Laufe eines
dass es ais iobenswürdig in den Augen eines unpartei- Lebens nach dem Muster eines organischen Prozesses
lichen Richters geiten kann. Für Miii aber sind soiche sukzessive zu entfalten giit.65 Auf der Basis dieses Ideais
Erwãgungen über den Sitz und die Roile eines »generai- sah es Miii nun mehr und mehr ais die primàre Auf gabe
ized other« in unserem Motivationssystems nicht von einer liberalen Geseilschaftsordnung ah, für ali die recht-
vorrangiger Bedeutung; zwar widmet er sich im 3. Ka- lichen, ikonomischen und kuitureiien Voraussetzungen
pitel seine Buches Utilitarianism ganz im Geiste von zu sorgen, die es dem Einzelnen erm6giichen würden,
Smith der Frage, bis zu weichem Grade der Mensch «so- seine ihm in einzigartiger Weise zukommenden Anla-
ziale Gefühle« besitzt,63 aberihn interessiert das Verhãit- gen 50 ungezwungen wie nur eben mõgiich zu verwirk-
nis der Anerkennung doch vor a1iexn in seiner geseli- lichen. In der Schrift On Liberty, verõffentiicht im Jahr
schaftspolitischen Funktion. 1859, findet sich zum ersten Mal zusammengefasst, was
Der Ort, an dem Miii seine darauf gerichteten Über- das im Einzelnen mit Blick auf das geseilschaftiiche In-
iegungen maígebiich entwickelt, ist seine liberaie Streit- stitutionengefüge beinhaiten sollté: Vorgesehen ist hier
schrift On Liberty. Den gedanklichen Mittelpunkt die- ein Grundrecht auf Meinungs-, Gedanken- und Diskus-
ses Buches biidet bekanntiich die geseiischaftspoiitische sionsfreiheit, das nur in ganz wenigen Ausnahmefàiien
Forderung, jeden Einzeinen in die Lage zu versetzen, mig- eingeschrãnkt werden dar f,66 ferner eine staatiiche Ver-
iichst ungestõrt und ungezwungen zu verwirkiichen, antwortung für ein ausreichendes MaS an kuiturelier
was die Natur ihm und nur ihm ais Persbnlichkeitsan- Vielfa1t61 und schiieíiich die Bereitsteilung von Erzie-
1
lagen in die Wiege geiegt hat.64 Auf diesen ethischen hungsmethoden, die das Kind über das ganze Spektrum

63 John Stuart Miii, Utilitarismus [1863], übers. von Manfred Kühn,


Hamburg 2oo6. Vgi. in diesem Zusammenhang die sehr stark an 65 John Stuart Miii, Autobiographie [posthum 1873], Hamburg 2011,
Adam Smith erinnernde Steiie: »Das tief verwurzeite Verst.ndnis, S. zof. Der Gedanke findet sich entwickeit in: Miii, Über die Frei-
das jedes Individuum schon jetzt von sich ais soziaiem Wesen hat, heit, a.a.O., Kap. II (S. 77-102).Vgi. dazu auch: John Skorupski,
führt dazu, daS ihm die Harmonie seiner Gefühle und Zieie mit de- Why Reading Miii Today, London 2oo6, S.z4-3x.
nen seiner Mitmenschen ein natürliches Bedürfnis ist- (ebd., S. si). 66 Miii, Über die Freiheit, a. a. O., Kap. II; vgl. dazu auch erneut: Sko-
64 John Stuart Miii, Uber die Freiheit [1859], übers. von Bruno rupski, Why Reading Miii Today, a.a.O., S.4i-5x.
Lemke, hg. von Manfred Schlenke, Stuttgart 1988, Kap. III. 67 Miii, Überdie Freiheit, a.a.O., S. 87-102.

120 121
unterschiedlicher Lebens- und Denkweisen informiert matisieren,70 ist jedoch für unser Thema der Roile der
sein lassen soiien.68 Nimmt man die Studie Chapters on Anerkennung in seinem Denken ohne Beiang. Viei reie-
Socialism hinzu, die unvoiiendet biieb und von Helen vanter ist in dieser Hinsicht hingegen die ebenso hãufig
Taylor erst 1879 aus dem Nachlass ver6ffentiicht wur- diskutierte Frage, weiche Mittei der soziaien Kontroiie
de,69 so scheint Miii an seinem Lebensende darüber hin- Miil für den Faii vorgesehen hat, dass der institutioneii
aus zu der Überzeugung geiangt zu sein, dass zu die- zu f6rdernde Prozess der individuelien Seibstreaiisie-
sem Kranz liberaler Grundrechte und Einrichtungen rung der einen Person eine Richtung annimmt, in der
auch eine staatiiche Verpflichtung gehõren müsse, die Er- er mit den Absichten der Seibstreaiisierung einer ande-
probung neuer, den Belangen der Arbeiterschaft stãr- ren Person koiiidiert. Geregelt werden soiien derartige
ker entgegenkommender Wirts chaftsformen zu initiie- Konflikte, wie hiniãngiich bekannt ist, nach dem soge-
ren. nannten »harm principie«; dieses sieht vor, dass die Ãu-
Selbstverstãndlich wirft dieser geseiischaftspolitische íerungen oder Lebensstiie einer Person oder Gruppe
Forderungskataiog, wenn er derart ohne jede methodi- danri iegitimerweise unterdrückt werden dürfen, wenn
sche Rahmung prãsentiert wird, eine Reihe von Frgen sie ê,ine andere Person oder Gruppe in ihren paraiieien
auf, die uns hier aber nur am Rande beschãftigen müssen. Versuchen der Seibstrealisierung beeintrãchtigen oder
An vorderster Steiie wãre natürlich zu kiãren, ob Miii einschrnken kõnnten.71 Miii hat in seinem Werk viei
seine Reformvorschlãge eher utiiitaristisch oder perfek- Milhe darauf verwendet, exakt die normative Grenze
tionistisch zu begründen gedachte, 0b er sich diese aiso zu bestimmen, ab der eine derartige Schãdigung voriie-
ais Summe des gr6ítm6giichen Wohis aiiér oder ais ins- gen kinnte; in seinem Buch Utilitarianisrn spieit er mit
titutionelien Inbegriff einer auf keinerlei Nutzen abzie- dem Gedanken, dass jedes Individuum aufgrund des
lenden Konzeption des guten Lebens vorsteiien wolite; kuitureiien Fortschritts inzwischen über » moraiische
die damit angeschnittene, eher metaethische Frage, die Rechte« verfügt, die nicht verietzt werden dürften;72
ais Erster wohi Isaiah Beriin aufgeworfen hat, um die no- und auch in On Liberty tauchen diese Rechte wieder
torische Zurechnung Mills zum Utiiitarismus zu probie- auf, aber hier geht es Miii vor aliem darum, die genannte
Grenze so auszudehnen, dass m6giichst viei Freiraum
68 Ebd., S. 143-146.
69 John Stuart Miii, Über Sozialismus, in der Übersetzung von Sig- 70 Isaiah Berlin, »John Stuart Mil] and the Ends of Life<, in: ders.,
mund Freud hg. von Hubertus Buchstein und Sandra Seubert, Four Essays on Liberty, Oxford 1969, S. 173-206.
Hamburg 2016. Zur Entstehungsgeschichte und Absicht dieser 71 Formuliert findet sich dieses Prinzip in Kap. IV von On Liberty;
Studie vergleiche auch das Nachwort der 1-lerausgeber, ebd., siehe Miii, Über die Freiheit, a.a.O., S. 103-128.Zu den Anwen-
S. 123-174. Vgl, zu diesem Komplex des Verhãltnisses von Miii dungsschwierigkeiten des Prinzips vgi.: John Skorupski,John Stu-
zum Sozialismus ferner: C. L. Ten, »Democracy, Socialism, and art MUI, London 1989, S. 340-343-
the Working Classes«, in: John Skorupski (Hg.), The Cambridge 72 Miii, Utiiitarismus, a. a. O., Kap. S.Vgl. dazu auch: Skorupski, Why
Companion to Miii, Canibridge 1998, S. 372-395- Reading Miii Today, a.a.O., S. 8-

122 123
für das mit sich experimentierende, dabei auch Selbst- Den Grund dafür, dass das Mittei der moraiischen
sch.digungen in Kauf nehmende Individuum bestehen Missbiiiigung derart effektiv ist, scheint Miii nun aber
b1eibt. In beiden Büchern jedoch findet sich an jeweiis in einem Grundzug unserer Natur zu erbiicken, auf den
sehr zentraien Stelien der Hinweis, dass das geeignetste er in seinen Schriften immer wieder zurückkommt. An
Mittel zur frühzeitigen Vermeidung oder nachtrgiichen diesem spezifischen Punkt seiner geseiischaftspoiiti-
Schiichtung soicher Konflikte darin bestehe, die Subjek schen Überiegungen stoíéri wir dann endiich auf seine
te durch moraiisches Lob oder moraiischen Tadel zur eigene Verwendung der Idee der Anerkennung. Er ist
Rücksichtnahme auf die Interessen ihrer Mitmenschen nmiich davon überzeugt, dass wir uns deswegen durch
zu bewegen; nicht durch Androhung gesetziicher Stra- die bffentiiche Missbiil.igung so bereitwiiiig zur moraii-
fen, sondern durch &fentiiche Billigung oder Missbiiii- schen Rücksichtnahme auf Andere bewegen iassen, weii
gung, 50 ist Miii überzeugt, kann eine Geseiischaft am wir ein tiefsitzendes Bedürfnis haben, von unseren Mit-
ehesten und effektivsten darauf hinwirken, dass Kon- menschen soziai wertgeschtzt zu werden. Der Wunsch,
flikte zwischen unterschiediichen Wegen der individuei- ein anerkanntes Mitglied der eigenen Gemeinschaft zu
len Selbstreaiisierung bereits im Keim erstickt werden. sein, ist Miii zufoige die motivationaie Wirkkraft, die
Natüriich gibt Miii, wo er dieses soziaie Instrument das Instrument des ëffentiich gemachten Tadeis 50 er-
empfiehit, immer auch zugieich der Sorge Ausdruck, foigreich sein iãsst: Jede Person, die sich in dieser Weise
dadurch kõnne schneii eine »Tyrannei der Mehrheit< vor den Augen aiier ihrer Mitbürger zurechtgewiesen
entstehen, die einer »moraiischen Poiizei< gieich jeder sieht, muss befürchten, über kurz oder iang nicht mehr
Innovation unserer Lebensgewohnheiten den Atem zu dazuzugehëren - und wird daher schneii die Bereit-
nehmen droht;14 in einem soichen Fali fungiere die ëf- schaft entwickein, den angemahnten Normen zu foigen.
fentiiche Biiiigung oder Missbiiiigung nicht ais Stimu Für Miii ist das soziaie Band, das uns ais ein Gemeinwe-
ianz der moraiischen Seibstkontrolie, sondern ais Mittei sen zusammenhit, somit aus dem Stoff der wechseisei-
der Unterdrückung von kreativen Impuisen der sozia- tigen. Anerkennung gewebt, und entsprechend heiít es
ien Neugestaltung. Trotz dieser Bedenken bieibt Miii in Utilitarianism, es sei »die Furcht vor Miffaiien sei-
aber überzeugt davon, dass unter der Bedingung eines tens unserer Mitmenschen, die »uns dazu bring[t],
behutsamen, iiberaien Gebrauchs iffentiiches Lob und dem Wiiien der Gemeinschaft »auch ohne seibstsüchti-
ëffentiicher Tadel die vor1ufig besten Instrumente dar- ge Folgen<< zu gehorchen.
stelien, über die eine Gesellschaft verfügt, um Konflikte So kehrt aiso in den geseilschaftspoiitischen Überle-
zwischen sich ins Gehege kommenden Lebensweisen zu gungen John Stuart Mills ungefhr ebenjene Idee von
vermeiden. Anerkennung wieder, die uns bereits in psychoiogisch
gewiss raffinierterer Form bei David Hume und Adam
3 Miii, Über die Freiheit, a. a. O., Kap. IV.
74 Der Ausdruck »moralische Poiizei findet sich ebd., S. 117 U. S. 121. 75 Mil!, Uti1itarisrnts, a. a. O., S. 42.

124 125
Smith begegnet war. Der utilitaristische Denker - wenri Mitteln entgegenzuwirken, so meine These, haben sich
er denri ein soicher war - verzichtet zwar gnz1ich auf die britischen Denker des 17. und 18 Jahrhunderts be-
die Konstruktion eines unparteilichen Beobachters oder mü1igt gesehen, gegenüber dem seit Hobbes vorherr-
inneren Richters, glaubt aber doch wie seine beden schenden »Besitzindividuaiismus « die soziaie Natur
schottischen Vorgnger, dass wir Menschen um der des Menschen hervorzukehren. Das Beispiei John Stuart
Wertschtzung durch die soziale Gemeinschaft wilien Mills scheint mir diese Mutma1ung nun für das 19. Jahr-
bereit sind, unsere Motive oder Handiungsabsichten hundert zu besttigen: Auch Miii nimmt die Steigerung
einer Seibstrevision zu unterziehen, durch die sie mit von Seibstsucht, Profitgier und sozialer Rücksichtsio-
denen alier unserer Mitmenschen in moralische Über- sigkeit ais die bestimmenden Züge des Englands seiner
einstimmung gebracht werden. Auch wenn keiner der Zeit wahr, so dass er giaubt, dagegen mit Hiife einer
drei Phiiosophen den Begriff -Anerkennung- ausdrück- den Gemeinsinn hervorkehrenden Theorie ankmpfen
iich verwendet, so steht ihnen doch gemeinsam das, was zu müssen. Der Impuis des Denkers, sich im fortge-
damit der Sache nach gemeint ist, ais ein positives Gut schrittenen Aiter sympathisierend mit dem Frühsozia-
vor Augen: Für Miii - nicht anders ais für Hume bder lismus auseinanderzusetzen, verdankt sich unzweideu-
Smith - bedeutet die Abhngigkeit des Menschen vom tig genau dieser Motiviage; immer wieder ist in der
Urteii Anderer nmiich zunchst und vor ailem, sich Schrift vom bedrohiich schwachen »Gemeinsinn« und
genõtigt zu sehen, das eigene Verhaiten daraufhin zu von der wachsenden »Gier nach persõniicher Bereiche-
prüfen, oh es mit der normativen Erwartungshaitung rung« die Rede,78 denen gegenüber es gite, gemeinsam
der sei es ideaiisierte4, sei es reaien Gemëinschaft aiier mit den soziaiistischen Parteigngern nach Mittein der
Zeitgenossen ais vereinhar geiten kanri. 76 institutionelien Abhiife zu suchen.
Uber die Ursache für diesen Gleichkiang in der Idee Es bietet sich auf den ersten Biick an, die damit skiz
der Anerkennung auf der britischen Insel 1.sst sich nur zierte These über das spezifisch britische Verstndnis
spekulieren; gleich zu Beginri dieses Kapitels habe ich ver- von Anerkennung durch eine Würdigung des Neohege-
mutet, dass die im Vergieich mit den anderen Lãndern iianismus abzurunden, der im letzten Drittel des 19. Jahr-
Europas schneiiere Ausweitung kapitaiistischer Menta- hunderts die VorherrschaftMiiis in der engiischsprachi-
iitten hierfür nicht ohne Bedeutung gewesen seiri n1ag; gen Phiiosophie beendet.71 Und in der Tat drngt sich
um diesen kultureiien Tendenzen mit phiiosophischen die Vermutung auf, diese phiiosophisch-soziaie Bewe-

76 Es ist dieser britische, nicht der aus der deutschen Tradition 77 Macpherson, Die politische Theorie des Besitzindividualismus,
stammende Begriff der Anerkennung, den Peter Stemmer seiner a.a.O.
ontologischen Begründung der »Normativitãt« zugrunde Iegt: Pe- 78 MIII, Ü&er Sozialismus, a. a. O., S. 91 f.
ter Stemmer, Normativitãt Eine ontologische Untersuchung, Ber- 79 Vgl. dazu: Peter P. Nicholson, The Political Philosophy of the Bri-
lin 2008, V. a. § 8. tish Idealists, Cambridge 1990.

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gung wolle den bereits bei Hume, bei Smith und selbst Wird noch hinzugenommen, mit weich grofkr Vehemenz
bei Miii angeiegten Intersubjektivimus durch Anlei- man von Seiten der Bewegung gegen die Auswüchse des
hen beim Deutschen Idealismus nur noch einmal vertie- Manchesterkapitalismus aufbegehrt, so scheint tatsãch-
fen: An die Philosophie Kants und Hegeis knüpft man iich nichts gegendie Behauptung zu sprechen, dass alies,
an, weil deren Begriff der positiven Freiheit es erlauben was ich bisiang über die Verwendung der Idee der An-
sou, gegenüber dem in England grassierenden Indivi- erkennung bei Hume, Smith und Miii gesagt habe, in
dualismus die Angewiesenheit des Einzelnen auf eine noch viei stàrkerem Mafk auf den britischen Neohege-
unterstützende Gemeinschaft zu demonstrieren; jeder lianismus zutrifft. Allein, diese These hat einen gra-
Mensch, so argumentieren Thomas Hill Green und vierenden Haken, der eine solche Abrundung meiner
Francis Herbert Bradley, wird zu einer moralischen Per- Rekonstruktion unmëgiich macht: Bei den moraiphiio-
son nur dadurch, dass er innerhalb eines sozialen Ge- sophischen Entwürfen von Green, Brdley oder Bosan-
meinwesens iernt, sich gemãfi der dort jeweiis herrschen- quet handeit es sich so sehr um direkte gedankiiche Im-
den Regeln zu verhaiten und sich diese zu eigen zu porte aus der Ideenweit des Deutschen Ideaiismus, dass
machen;80 umgekehrt bedeutet das für beide Philoso- darin Züge eines spezifisch britischen Denkstiis kaum
phen aber auch, dass die Gemeinschaft ihrerseits eine mehr wiederzuentdecken sind.83 Im Neohegçlianismus
Verpflichtung besitzt, jedes ihrer Mitglieder mit den so- wird gerade nicht weiterentvickeit, was zuvor in 'der
zialen Voraussetzungen auszustatten, die es zum Erler- Tradition der schottischen Moralphilosophie mit Bezug
nen und zur Übernahme der gesellschaftlich bindenden auf die soziale Natur des Menschen entfaltet worden
Regeln überhaupt erst befãhigen.81 Insofern fãilt, wie al- war; vieimehr erschiieLrman, was die menschiiche Inter-
ie Anhãnger der neuen philosophischen Bewegung an- subjektivitãt ausmacht, im begriffiichen Horizont einer
nehmen, der Prozess der individueilen Selbstverwirk- Tradition, die ihre wesentiichen Impulse gerade aus der
lichung mit dem der ethischen Perfektionierung einer Entgegensetzung zu Strõmungen wie dem englischen
Gesellschaft zusammen; und politisch zieht man daraus Emprismus gewonnen hat.84 Daher unterscheidet sich
den Schiuss, wohlfahrtsstaatliche Reformen vorzuschla- die Idee der Anërkenriung, die implizit im britischen
gen, die dem Zweck der Integration der Arbeiterklas- Neohegeiianismus Verwendung findet, ganz wesentiich
se in den demokratischen Rechtsstaat dienen solien.82 von derjenigen, die ich bisiang ais typisch für den phiio-
sophischen Diskurs im GroLbritannien der entstehen-
8o Thomas H. Green, Prolegomena to Ethics {1883], hg. von
David O. Brink, Oxford 2003; Francis H. Bradley, EthicalStudiês,
Oxford 1876. 83 Sehr erhellend ist in diesem Zusammenhang die »Introduction'
8 i Vgl. z. B.: Thomas H. Green, Lectures on the Principies ofPolitical von David O. Brink in: Green, Prolegomena to Ethics, a. a. O.,
Obiigation, London 1924, S. 121-141. S. xiii-cx.
82 Melvin Richter, The Politics of Conscience. T H. Green and His 84 Vgl. dazu: John Skorupski, English-Language Phiiosophy 1750-
Age, London 1964. 1945, Oxford 1993, Kap. 3-

128 129
den Moderne beschrieben habe; was hier ais eine empi-
rische Grõíe gefasst wird, nãmlich unsere motivationale
Abhngigkeit von der Zustimmung oder Wertschãtzung IV.
durch Andere, gilt dort ais eine konstitutive Bedingung Von Kant zu Hegel:
unserer moraiischen Subjektivitãt. Wie tief die Kiuft Anerkennung und Selbstbestimmung
aber tatsãchiich ist, wird sich im nun foigenden Kapi-
tel zeigen, in dem ich die Entstehung und die Entwick-
iung der Idee der Anerkennung im Deutschiand der ent- Wir haben bisiang zwei sehr verschiedene Weisen ken-
stehenden Moderne nachvoiiziehen werde. nengelernt, wie in der entstehenden und sich im weite-
ren historischen Veriauf konsolidierenden Moderne un-
sere Abhngigkeit von der Anerkennung durch Andere
erschiossen wird. Whrend im franzõsischsprachigen
Denken der Neuzeit in dieser Abhãngigkeit sehr schneii
etwas Bedrohiiches vermutet wird, weii wir durch die
soziale Zuschreibung von persiniichen Eigenschaften
in die Gefahr geraten müssen, unser eigenes Seibst aus
dem Biick zu verlieren, sieht das engiischsprachige Den-
ken seit der dort stattfindenden Aufki.rung darin ten-
denzieli eher etwas Positives, geseiischaftiich Wertvoi-
les; denn sich in Abhngigkeit von der Wertschãtzung
durch Andere zu wissen, bedeutet bei Hume, Smith
oder Miii trotz ali ihrer Unterschiede immer, sich zur
Ausübung einer moralischen Selbstkontroiie genëtigt
zu sehen, die der Steigerung des Aiigemeinwohls zugu-
tekommt. In den beiden phiiosophischen Kuituren be-
deutet daher, was heute »Anerkennung« hei&, etwas ganz
und gar Verschiedenes: Im franzõsischsprachigen Kon-
text wird sie vornehnilich vom (entweder konkreten oder
genereiien) Anderen her gedacht und meint, einem Sub-
jekt bestimmte personelie Eigenschaften zuzubilligen
oder zuzuschreiben, im englischsprachigen Kontext wird
sie eher vom nach Anerkennung strebenden Subjekt her
konstruiert und soll bedeuten, einzelnen Anderen oder
130 131
der sozialen Gemeinschaft im Ganzen die normative pitaiistischer Gesinnungen der Vorteilnahme und des Ei-
Autoritt zuzubilligen, moralisch über das eigene Ver- gennutzes etwas entgegensetzen zu kónnen. In den Vor-
haiten zu richten. Selten aber wird die Anerkennung in stellungen, die in den beiden Lãndern alsbald über den
diesen Zusammenhàngen ais cin Geschehen simultaner Wert und die Verfasstheit zwischenmenschiicher Bezie-
Wechselseitigkeit zwischen zwei gleichgestellten Subjek- hungen zu zirkulieren beginnen, spiegeln sich diese so-
ten gedacht; das geschieht erst, wenn ich es richtig sehe, ziokuiturelien Eigenheiten in jeweils markanter Weise
im deutschen Kontext, in dem zugieich mit dem Begriff wieder: In Frankreich wird mit dem Begriff der amour
auch eine ganze Theorie der Anerkennung entsteht. propre, wie gesagt, ein eher negativ get6nter Begriff zum
Die soziokuitureiien Voraussetzungen, unter denen Trger der Idee der Anerkennung, wãhrend in Groíbri-
sich diese philosophische Entwickiung im Deutschland tannien schneli der positiv eingefàrte Begriff der sym-
der beginnenden Moderne Bahn brechen konnte, unter- pathy diese Rolie übernimmt. Im Rëmisch-Deutschen
schieden sich natürlich erheblich von denjenigen, die in Reich der beginnenden Moderne nun kann ais die ent-
demselben Zeitraum in Frankreich oder England vor- scheidende Herausforderung für das soziaiphilosophische
herrschten. In Frankreich des Ancien Régime, einer hoch- Denken weder das Eine noch das Andere geiten; das
zentralisierten, absoiutistischen Monarchie, spieiten sich Land, wie cin Flickenteppich poiitisch in etiiche Fürs-
die groíen Umwãizungen im Geseiischaftsgefüge vor- tentümer sowie einige wenige ,freie- Stãdte aufgespai-
dergründig vor aliem in Form eines Kampfes ab, den die ten und daher ohne jeglichen inneren Zusammenhalt,
herrschenden Schichten des Adeis und des frühen Bür- war nicht zentraiistisch genug, um schon 50 etwas wie
gertums mit alien erdenklichen Mittein der symbolischen einen übergreifenden Kampf sozialer Eliten um Vor-
Distinktion um Privilegien von Seiten des Kënigs führ- macht und Privilegien zu kennen; und es war wirtschaft-
ten; zum Schiüsseithema des sozialphiiosophischen Dis- iich nicht entwickelt genug, um vom Vordringen kapita-
kurses wurde dort daher über einen langen Zeitraum listischer Gesinnungen schon mehr ais bioí eine erste
hinweg, so hatte ich vermutet, we!che bedenkiichen Foi- Ahnung besitzen zu k5nnen. Das Bürgertum war auf-
gen cin soicher Kampf um Gunst und Ehre für diejeni- grund des langen Oberdauerns feudaler Herrschaftsstruk-
gen haben musste, die ihn zu führen gezwungen waren. turen auíerhaIb der freiehStàdtepolitisch ohne jegliche
In Gro3britannien hingegen wurden die gro3en Um- Macht geblieben, verfügte aber im Unterschied zu vielen
wãlzungen der Zeit weniger in Kategorien des sozialen anderen Lãndern Europas gesellschaftlich über hohes
Konfliktes ais in soichen der Gefãhrdung moraiisch ver- Ansehen, da es für die Yerwaltung, die Erziehung und
bindiicher Lebensformen wahrgenommen; zum Schiüs- das kultureiie Leben hohe Verantwortung besaS und da-
seithema des sozialphilosophischen Denkens wurde her ais unersetzbar galt.1 Es ist eine voiikommen berech-
hier, wie ich zu zeigen versucht habe, die Frage, ob un-
sere Natur über hinreichend Aniagen zur solidarischen x Jerrold Sei gel, Modernity and Borgeois Life. Society, Politics, and
Anteilnahme verfügt, um der drohenden Dominanz ka- Cdtre in Engl'and, France, and Germany since 1750, Cambridge

132 133
tigte Frage, ob es in den deutschen Lndern des 17. und wiesen, genoss dort h6chstes kulturelies Ansehen, besaí
18. Jahrhunderts unter derartigen Bedingungen einer aber weder vor Ort noch im weiteren Land irgendeinen
hochgradigen Zerspiitterung und nationalen Rückstãn- poiitischen Einfluss; in diesem Sinne waren Leibniz und
digkeit überhaupt so etwas geben konnte wie die eine ge- Goethe, die zwar auch Bürgers6hne waren, aber dank
sellschaftliche Herausforderung, mit der sich die dort diplomatischen Geschicks das Gehõr ihrer adeligen Vor-
beheimateten Denker alie in irgendweicher Weise aus- gesetzten finden konnten, tats.chlich Ausnahmen. Die
einanderzusetzen hatten; man kõnnte annehmen, dass Frage, die sich daher im deutschsprachigen Raum mit
hier an vielen Orten die stãndische Ordnung der Feudal- Blick auf das sozíale Interaktionsgefüge aisbald auftun
zeit noch viei zu intakt war, um die Fragwürdigkeit des musste, war die nach den Bedingungen einer Emanzipa-
geseiischaftiichen Anerkennungsgefüges überhaupt schon tion des Bürgertums durch Eriangung von poiitischer
zu einem Thema werden zu lassen. Dass dem aber nicht Gleichheit und Mitbestimmungsrechten; und insofern
so war, dass es im politisch zersplitterten Deutschland kann es nicht überraschen, dass im Deutschiand der be-
durchaus schon so etwas wie eine soziaiphiiosophische ginnenden Moderne die Idee der Anerkennung vor aliem
Schlüsseiproblematik gab, die kaum ein politisch orien- die Funktion übernahm, diesem Gedanken einer Gleich-
tierter Zeitgenosse einfach ignorieren konnte, ergab sich steilung alier Bürger (und Bürgerinnen) in einer philo-
aus der für das Land typischen Kluft zwischen der poli- sophisch h6chst eigenwiiligen Form Ausdruck zu ver-
tischen Bedeutungsiosigkeit des Bürgertums einerseits schaffen.
und seiner kulturell ãuíerst bedeutenden 1oiie anderer- Man mag versucht sein, die ersten Spuren einer sol-
seits. Im Unterschied vçr ailem zu Frankreich stammten chen Idee der Anerkennung schon bei den beiden grõí-
die wichtigsten Geiehrten, Philosophen und Künstler im ten deutschen Gelehrten des 17. Jahrhunderts zu suchen,
Aiten Reich gerade nicht aus den Schichten des Adeis, bei Samuel Pufendorf und Gottfried Wilhelm Leibniz;
sondem beinah ausnahmsios aus denen des mittieren, immerhin hatte der Erste der beiden mit seiner Annahme
bisweilen auch unteren Bürgertunisç man war ais Sohn2 einer natürlichen Geselligkeit und Gieichheit unter den
eines Handwerkers, Pfarrers, Lehrers oder Professors Menschen den Weg für das neuzeitiiche Naturrecht be-
auf eine Ansteliung an einer Universitãt, an einem fürst- reitet,3 der Zweite war nicht minder überzeugt von uns
lichen Hof oder ir einem adiien Privathaushalt ange- angeborenen Neigungen zur Soziaiitãt, nur dass er diese
zum Entwurf einer Gesellschaftsordnung nutzen woilte,
die von heute aus gesehen geradezu utilitaristische Züge
u.a. 2012, S. ii4ff. Zur besonderen Roile des Bürgertums im zer-
splitterten Deutschland vgl. auch: Helmuth Plessner, Die verspii-
tete Nation. Über diepolitische Verführbarkeit bürgerlichen Geis- Zur Rolie Pufendorfs bei der Vorbereitung der neuzeitlichen Idee
tes, Frankfurt/M. 1974, bes. Kap. 4, u. 6. der individuelien Selbstbestimmung vgl. Jerome B. Schneewind,
z Es handelt sich bei den Autoren, von denen hier die Rede ist, zeit- The Invention of Autonorny. A History of Modern Moral Philoso-
typisch fast ausnahmslos um Mànner. phy, Cambridge 1998, Kap. 7.

134 135
trãgt.4 Aber soiche Vorlàufer aufspüren zu wolien hiefe, Nachweis gegangen, dass ali unsere theoretische Erkennt-
die voiikommene Neuartigkeit der gedankiichen Vor- nis das Produkt einer Synthetisierung von fixen, ais
aussetzungen zu unterschãtzen, unter denen sich in transzendentai verstandenen Kategorien und sinnlichen
der zweiten Hã.Ifte des i8. Jahrhunderts die Idee der An- Eindrücken sein muss; an der Wirklichkeit kõnnen wir
erkennung in Deutschland Bahn bricht. In den rund drei nur erkennen, so iautete verkürzt die entsprechende For-
Generationen, die zwischen dem Schaffen von Leibniz muiierung, was wir daran kraft der spontanen Tãtigkeit
und der Biütezeit des Deutschen Idealismus lagen, hatte unseres Geistes mit Hilfe der ihm eigenen, invarianten
sich im-deutschen Denken eineRevolution volizogen, die Begriffe zu erschliefen vermõgen. Kant wolite mit die-
alies, was vorher philosophisch gedacht worden war, ais ser grundstürzenden These bekanntiich nicht nur die er-
veraitet erscheinen iief; mit Kant war ein Systemdenken kenntnistheoretischen Ansprüche des britischen Empi-
entstanden, weiches das Ganze der Welt in Kategorien rismus, sondern auch die der gesamten traditioneilen
einer tãtigen Vernunft zu erfassen suchte; und es ist die- Metaphysik in die Schranken weisen; wenn nãmlich ge-
ser systemische Rahmen des Vernunftidealismus, in dem zeigt werden konnte, dass ailes, was sich überhaupt über
nun die Idee der Anerkennung in Deutschland zur Ent- die Welt aussagen iãsst, mafgeblich eine Leistung unse-
faltung gelangt. Ihr Wegbereiter ist Immanuei Kant, ihr rer eigenen, menschiichen Vernunft ist, so durfte man
erster Denker solite Johann Gottiieb Fichte werden, und sich fortan bei der Begründung irgendeines Wissens we-
im Werk von Georg Wiihelm Friedrich Hegel wird sie der einfach auf die sinniiche Erfahrung noch aber auf
ihre Voilendung finden. irgendeine andere, hõherstuflge Form der Erkenntnis
War es in Frankreich die Kategorie der amourpropre berufen. Ailerdings veriangtedieser erste, erkenntnis-
und in Grofbritannien die der syrapathy, die den jewei- theoretischen Schritt von Kant, nun auch für alie ande-
ligen Ideen der Anerkennung zum Durchbruch verhol- ren Arten menschlichen Erkennens und Handeins den
fen hatten, so übernahm dieseibe Roile in Deutschland Nachweis anzutreten, dass sie sich ietztiich den konsti-
die Kategorie der Achtung. Kant hatte diesem Begriff tuierenden Leistuigen unserer Vernunft verdanken; nicht
eine sehr spezifische Aufgabe in seiner Moralphiloso- mehr nur für die kognitive Erschiiefung unserer natür-
phie zugewiesen, die sich aiiercLings überhaupt nur ver- lichen Umwelt, sondern auch für unser moraiisches
stehen làsst, wenn die theoretische Architektonik seiner Handein oder unsere ãsthetische Wahrnehmung musste
Vernunftkritik im Ganzen beriiksichtigt wird. In seiner demonstriert werden kõnnen, dass ihre wesentiichen Ge-
erstmais 1781 erschienenen K itik der reinen Vernunft setzmiigkeiten in irgendeiner Weise Produkte des im-
war es dem Kõnigsberger Philc sophen zunãchst um den mer schon tãtigen Geistes menschlicher Wesen waren.
Vergewissert man sich der Nõtigung, vor der Kant damit
stand, wird sofort ersichtlich, dass mit seiner Vernunft-
4 Gottfried Wilhelm Leibniz, »Über die &fcntliche Glückseligkeit«
[1677/78], in: ders., Politische Schriften II, hg. von Hans Heinz kritik cin so zuvor noch nicht dagewesener Zwang zur
Hoiz, Frankfurt/M,,Wien 1967, S. 134f. philosophischen Systembiidung entstand: Das Weitgan-
136 '137'
ze, verstanden ais Bereich all dessen, was unserer Er- wie wir uns das Verfahren einer soichen individueilen
kenntnis fihig ist, hatte sich ais cin stimmiges Gefüge Selbstgesetzgebung vorzustellen haben, so ist es nicht
der setzenden Leistungen unserer Vernunft zu erweisen. Rousseau, sondern Adam Smith gewesen, der Kant bei
Dieser Druck, die Philosophie ais em Unternehmen ver- seiner Lësung Pate gestanden hat, auch wenn das weni-
stehen zu müssen, welches die Vernünftigkeit der gesam- ger bekannt ist; der Kõnigsberger Philosoph borgt sich
ten Wirklichkeit systematisch darlegt, soilte für das nim1ich von dem schottischen Aufkiãrer die Idee, dass
deutsche Denken an der Schwelie zum 19. Jahrhundert moralische Selbstkontrolle nur bedeuten kann, sich in
überaus charakteristisch werden;' für Kaht aber bedeu- die Perspektive eines mõglichst unparteilichen Beobach-
tete die selbstgesetzte Aufgabe zunãchst einmai nur, ters zu versetzen, um von dort aus das eigene Tun zu be-
nun auch für den Bereich unseres moraiischen Handeins urteilen. Allerdings reicht auch eine Kombination dieser
beweisen zu müssen, dass er den Gesetzm.íigkeiten un- beiden phiiosophischen Einsichten noch iàngst nicht
serer Vernunft untersteht. aus, um zu der Behauptung gelangen zu kônnen, auf
Auch wenn Kant diese groflê Herausforderung am die Kant mit seiner 1788 publizierten Kritik der pra kti-
Ende auf vollkommen eigenstãndige Weise bewãltigen schen Vernunft doch eigentlich hinauswiil: Er mõchte
wird, bedient er sich auf dem Weg dorthin doch einer den Beweis antreten, dass unser moralisches Handein
Réihe von Einsichten seiner unmittelbaren Vorgánger. genauso wie unsere theoretische Erkenntnis wenn viel-
So übernimmt er von Rousseau den wegweisenden Vor- ieicht nicht aliem ,so doch maígeb1ich durch Leistungen
schlag, von einem moraiischen Handein überhaupt nur unserer Vernunft bestimmt ist. Um dies zu tun, bedarf es
dort sprechen zu wo11n, wo dessen Regein oder Bestim- alierdings noch eines zusitz1ichen Schrittes, der Kant
mungsgründe ais seibstgesetzt verstanden werden kin- weit über die Auffassungen sowohi Rousseaus ais auch
nen; wire es anders, würde etwa auch ein Handein aus Smith' hinausgelangen lãsst; denn er behauptet nun, dass
natürlichen Antrieben ais »moralisch« geiten kinnen, iene für die moralische Selbstgesetzgebung erforderli-
so hãtten wir erhebliche Schwierigkeiten, den Bereich che Übernahme der Perspektive eines unparteilichen Be-
des moraiisch Guten von dem der bioíen Bedürfnisbe- obachters nur dann angemessen und schlüssig gedacht
friedigung abzugrenzen.6 Was aber die Frage anbelangt, werden kann, wenn darin ein Akt der Unterwerfung un-
ter die Gebote unserer Vernunft gesehen wird.7 Ohne es
Vgl. u. a.: Eckart Fõrster, Die 25 Jahre der Philosophie. Eine syste-
matische Rekonstruktion, Frankfurt/M. 2011, bes. Teu 1; Martin (AA 389), wo es heiít, dass eine »Vorschrift, die sich auf b1oíe Er-
Heidegger, Schellings Abhandlung über das Wesen der mensch- fhrung gründet, und sogar eine in gewissem Betracht aligemeine
lichen Freiheit,Tübingen 199, bes. S. 27-51. Vrschrift, sofern sie sich dem mindesten Teile, vielleicht nur
6 Jean-Jacques Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag oder Grund- einem Beweggrund nach, auf empirische Gründe stützt, zwar eine
sàtze des Staatsrechts [1762], übers. und hg. von Hazis Brockard praktische Regel, niemais aber cin moralisches Gesetz heiíen kaxm«.
und Eva Pietzcker, Stuttgart 2003, S. 22; Immanuel Kant, Grund- Vgl. die berühmte Formulierungen Kants in: ders., Grundiegung
legwag zur Metaphysik der Sitten [1785], Hamburg 1965, S. zur Metaphysik der Sitten, a. a. O., S. 18 ff. (AA 400-402).

138 139
ausdrücklich zu erwhnen, macht Kant sich damit eine ten des Subjekts auch tatschIich entwickelt wird, ist
gedankliche Môglichkeit zu eigen, mit der bereits Smith vorlàufig noch restios ungek1rt. An dieser SteIle von
in seinen Überlegungen zur schrittweisen Erweiterung Kants moraiphiiosophischen Überlegungen kommt nun
des Standpunkts des unparteiiichen Beobachters ge- die von mir bereits erwhnte Kategorie der Achtung
spieit hat; denkt man sich diese Perspektive so umfas- zum Tragen; sie wird sich, wie ich bereits gesagt habe,
send, so hatte Smith gelegentlich vermutet, dass darin ais wegweisend für den spezifisch deutschen Beitrag
die Geschtspunkte alier Menschen enthaiten sind, dann zum modernen Diskurs über die Anerkennung erwei-
kõnne es kaum mehr einen Grund geben, sie nicht direkt sen. Bevor Kant in seiner Grundiegung zur Metaphysik
mit der Vernunft gleichzusetzen.8 Whrend Smith aber der Sitten jedoch auf das zuvor umrissene Motivations-
zõgerte, von seinen empiristschen Prmissen gebremst, probiem zu sprechen kommt, führt er die Kategorie der
diese Gleichsetzung zu voliziehen, wird sie von Kant Achtung zunãchst in einer Bedeutung ein, die für uns nur
ganz entschieden unternommen: Für ihn ist, was mora- von geringem Gewicht ist; er sagt nm1ich, dass das Ver-
lische Vernunft heiít, mit dem identisch, was aus der Sicht h1tnis des moralisch motivierten Subjekts zu dem ihm
alier denkbaren rationalen Wesen für moralisch richtig die Normen diktierenden Vernunftgesetz eines der »Ach-
gehalten werden kinnte. So geiangt Kant dann zum zen- tung« sein müsse;9 gemeint ist damit wenig Anderes ais
tralen Baustein des Teus seines ihm vor Augen stehen- das, was auch Hume oder Smith implizit voraussetzen
den Systems, der dem Vermõgen unserer praktischen Ver- mussten, ais sie ihren Subjekten untersteilten, sie wür-
nunft gewidmet sein sou; danach müssen wir uns die den dem Richtspruch des unparteilichen Beobachters
Wirkkraft des menschlichen Geistes in diesem Bereich stets die Anerkennung zukommen lassen, die erforder-
unseres Handeins so vorstellen, dass er uns die normati- lich ist, um zu einer Einschrãnkung ihres eigenen Egois-
ven Regeln oder »Maximen« diktiert, an die wir uns hai- mus bereit zu sem. Aber diese Verwendung von -Ach-
ten müssen, wenn wir uns gegenüber unseren Mitmen- tung- Iëst natürlich noch nicht das Probiem, wie der
schen moralisch richtig verhalten wolien. EinzIne die Bereitschaft zur Befolgung des Sittengeset-
Ailerdings weist nun dieser ietzte Konditionalsatz be- zes eigentlich entwickeln kõnnen sou; und hier, zuge-
reits auf ein Probiem hin, das Kant innerhaib seiner Mo- schnitten auf die Frage der Motivation zum moralischen
ralphilosophie erst noch zu lõsen hat; denn bislang hat er Handein, kommt nun die Achtung in einer etwas ande-
ia nur demonstrieren knnen, dass ein Subjekt dann den ren Bedeutung ins Spiel, für die auch das Verh1tnis zwi-
moralischen Vernunftgesetzen geborchen muss, wenn es schen den Subjekten von Relevanz ist.
dazu auch die innere Bereitschaft besitzt; wie es aber Kant hat an dieser Stelle etwas zu leisten, was den
mõgiich sein sou, dass eine derartige Motivation von Sei- Rahmen seines bisher entwickelten Systems eigentlich

8 Adam Smith, Theorie der moralischen Gefühle, übers. und hg. von Kant, Grundlegurig zur Metaphysik der Sitten, a.a.O., S. 18
Waither Eckstein, Hamburg 2004, S. 5 32. (AA 400).

140 141
sprengen würde; er muss nmiich, um einen soichen mo- durch Einflug empfangenes Gefühl, sondern durch
tivationalen Beweggrund benennen zu kõnnen, eine Ver- einen Vernunftbegriff sei bstgewirktes Gefühl und daher
bindung zwischen unserer emirischen, bedürftigen von allen Gefühlen der ersteren Art, die sich auf Nei-
Natur und jener geistigen Kraft hrsteilen, die er »Ver- gung oder Furcht bringen lassen, spezifisch unterschie-
nunft« genannt hatte. Bisiang hatte es ja so ausgesehen, deu. [ ...] Eigentiich ist Achtung die Vorsteliung von
ais wo1e Kant ali unser rnoralisches Handein allein durch einem Wert, der meiner Seibstiiebe Abbruch tut.«1° Die-
diese Vernunft bestimmt odèr konstituiert seiri lassen; ser1etzte Satz enth.1t in meinen Augen den Schiüssel,
nun aber muss er, wiii er etwas zur moralischen Motiva- um die einigermaíen rtselhafte Formulierung verste-
tion aussagen, den damit gesetzten Rahmen durchbre- heri zu kõnnen, nach der ein Gefühl durch die Vernunft
chen und eine irgendwie geartete Verbindung zwischen bewirkt sein soil; gemeint ist damit, kraft rationaler Em-
der natürlichen Kausa1it.t und dem Vernunftgebot schaf- sicht vom Wert eines beliebigen Gegenstandes so über-
fen. Die Auf gabe, die die Kategorie der Achtung in ihrer zeugt zu sein, dass dadurch im eigenen Gefühishaushait,
erweiterten Bedeutung liisen sou, ist genau diese; mit ih- aiso in der eigenen Bedürfnisnatur, etwas bewirkt wird,
rer Hilfe soll deutiich gemacht werden, dass wir deswe- nãmiich eine Einschr.nkung aiier egozentrischen Nei-
gen zur -Achtung- anderer Personen »geneigt« sind, weil gungen und Absichten. Was -Achtung- heiíen sou, ist
wir nicht umhinkõnnen, in ihnen jeweiis eine beispiel- dann zunchst nichts anderes, als genau eine soiche Vor-
hafte Verkirperung der Anstrengungen zu erblicken, steiiung vom Wert eines Gegenstandes zu besitzen, die
die ds Vernunftgebot ais solches von uns yeriangt. Kant einen dazu nõtigt, die eigenen, nur selbstbezüglichen In-
entwickeit diesen kühnen Gedanken in einer i.ngeren teressen hintanzusteiien, umjenern Wert gerecht zu wer-
Fuínote seiner Grundiegung zur Metaphysik der Sitten, den. Ailerdings ist damit noch nicht geki.rt, weicher
die in ihrer Bedeutung für seine Absichten kaum über- Gegenstand es sein sou, dessen Wert so unmitteibar em-
schàtzt werden kann. Zunchst findet sich hier der Ge- sehbar ist, dass er diese Einschr.nkung der egozentri-
danke, dass Achtung zwar natürlich ein Gefühl ist, aber schen Neigungen unserer Bedürfnisnatur bewirken kann;
eines von besonderer Machart; denn im Unterschied zu und hier kommt nun bei Kant im Begriff der Achtung
alien anderen Gefühien, zu denen wir durch unsere Be- ein Bezug auf den Mitmenschen zum Tragen, der zuvor
dürfnisnatur gleichsam gedr.ngt werden, so dass wir noch ausgespart gebiieben war.1' Zwar sagt Kant in der-
ihnen passiv ausgeliefert sind, soll Achtung ein Gefühl
sein, welches durch unsere Vernunft seibst, so heiít es, io Ebd., S. '9, Fn.
»bewirkt« wird: »Man k5nnte mir vorwerfen, ais suchte i Genau genommen müsste man an Kants Formulierungen zum
Achtungsbegriff in der besagten Fuínote sogar zwei Problem-
ich hinter dem Worte Achtung nur Zuflucht in einem
schichten unterscheiden: erstens die epistemologische Frage, wie
dunklen Gefühl, anstatt durch einen Begriff der Ver- wir uns kraft unserer Anschauung innerhalb der empirisch gege-
nunft in der Frage deutiiche Auskunft zu geben. Allein benen Welt eines Gegenstandes versichern kõnnen, der das Sitten-
wenn Achtung gleich ein Gefühl ist, so ist es doch kein gesetz verkõrpert, und zweitens die moralisch-praktische Frage,

142 143
selben FuLnote zunãchst wieder, dass der Gegenstand, genbringen, verdankt sich dem Umstand, dass er uns
der uns cine derartige Achtung abnôtigt, das moralischc wic alie Anderen ein iebendiges Beispiei für ali die An-
Vernunftgebot oder das Sittengesetz ci abr gicichzci- strengungen iiefert, die es kostet, den moraiischen Ge-
tig scheint er einrumcn zu wolien, dass ein soiches Ge- boten der Vernunft Folge zu leisten. Noch zugespitzter
sem kein irgendwic wahrnchmbarcr, in seinem Wcrt sinn- iieLe sich vielleicht sagen, dass uns an unseren Mitmen-
lich erfahrbarcr Gegenstand sein kann, weswcgcn er schen der Wert des Sittengesetzes deswegen sinnlich er-
fortfhrt, nun vom Mitmcnschcn ais der Vcrkõrperung fahrbar wird, weil wir deren Bcmühungen vergegenwãr-
jenes Gcsctzes zu sprechcn. Der berühmtc Satz in der tigen, ihm Gefolgschaft zu leisten; und zur Achtung
FuLnote lautet: »Allc Achtung für cine Person ist cigent- gegenüber diesen Mitmenschen fühien wir uns gen&igt,
lich nur Achtung für das Gcsctz [ ... ], wovon jene [aiso weii sie das ihnen jeweiis Mõgiiche unternehmen oder
die Person, A. H.] uns das Beispiel licfert.«12 leisten, um jenen moralischen Geboten der Vernunft in
Im Kern beinhaitet dieser kurzc Satz die Vorstcllung, ihrem alltãglichcn Handein gerecht zu werden. Zurück-
dass uns in der anderen Person in cxemplarischcr Gestait bezogen auf das Motivationsproblem, das ja der Anlass
vor Augen gcführt wird, wcichcn unbcdingtcn, unser für meine Hinwendung zu Kants Begriff der Achtung
Seibstinteresse cinschrãnkcndcn Wcrt das Sittengesetz war, ergibt sich daraus Folgendes: Kant glaubt, dass wir
besitzt; die Achtung, die wir dem Mitmcnschcn cntgc deswegen motiviert sind, uns dem Sittengesetz zu unter-
werfen, weil wir in unseren Mitmenschen einem Gegen-
wie das die Anschauung eines derartigen Gegenstandes begleiten-
stand in der sinniich erfahrbaren Welt begegnen, der uns
de »Gefühl der Achtung unser Vernunftvermõgen so tangieren zur »Vorstellung von einem Wert« n5tigt, die jegiicher
kõnnte, dass wir uns zum moralischen Handeln genbtigt sehen. »Selbstliebe Abbruch tut«)3 Was aiso das volikommcn
Auf das erste dieser beiden Probleme hat Fichte in seiner Natur- abstraktc, vernünftige Sittengesetz der menschlichen
rechtslehre direkt zu antworten versucht, indem er im mensch-
»Anschauung und dadurch dem Gefühl« nãherbringt,
lichen, durch geistige Bildung durchgestalteten »Gesicht< das
Anzeichen für einen respekteinflbíenden »Gegenstand< in der
Sinnenwelt zu erkennen glaubte (Johann Gottlieb Fichte, Grund- 13 Mit dieser Deutung gebe ich der Kantischen L"sung des Motiva-
lage des Naturrechts nach Principien der Wissenschaftslehre, in: tionsproblems natürlich eine Wendung ins Intersubjektivistische,
Fichtes Werke, hg. von Immanuel Hermann Fichte 1845/46, Neu- die in der Forschungsliteratur hoch umstritten ist; im Allgemeinen
di-uck Berlin 1971, Bd. III, S. 1-385, hier: S. 81-8). Von dieser wird die Auffassung vertreten, es sei für Kant die Achtung für die
Stelle aus haben dann einige Autoren, ob mit oder ohne Erfolg eigene Selbstzweckhaftigkeit, also der Selbstrespekt, der uns in
lasse ich hier dahingestelit, Verbindungen zum ethischen Werk ausreichendem Maíe zum moraiischen Handein motivieren wür-
von Emmanuel Levinas herzustelien versucht: Vgl. etwa Simon de. Will man aber, wie ich es hier versuche, Kants Begriff der Ach-
Lumsden, »Absolute Difference and Social Ontology: Levinas tung ais Wegbereiter zum Anerkennungsdenken Fichtes und
Face to Face with Buber and Fichte<, in: Hurnan Studies, 3 Hegels begreifen, so muss man an seiner Lësung des Motivations-
(2000), S. 227-241. (Diese Bemerkungen verdanken sich einem problems die intersubjektive, an die Begegnung mit dem Mitmen-
ausfiihrlichen Gesprãch mit Michael Nance.) schen geknüpfte Tendenz stark machen - und einige starke For-
12 Kant, Grundiegung zur Metaphysik der Sitten, a.a.O., S. 20, Fn. muliei-ungen Kants scheinen dies durchaus zu rechtfertigen.

144 145
wie es an einer schõnen Stelle in der Grundiegung zur schen empirischer und inteiligibier Welt ais auch die zwi-
Metaphysile der Sitten heiít,14 ist die unseren Sinnen zu- schen sinnlicher Wahrnehmung und theoretischer, ver-
gãngliche Erkenntnis, dass jeder Mensch exemplarisch nünftiger Erkenntnis. Eine motivationale Kraft kann die
einen Wert verkõrpert, der unsere Achtung verlangt moraiische Vernunft für Kant nur besitzen, wenn es in-
und uns daher auf die Realisierung unserer egozentri nerhaib der menschlichen Erfahrungsweit etwas gibt,
schen Absichten verzichten lãsst. was zwischen beidem, Natur und Geist, eine Brücke
Für die Idee der Anerkennung, die sich schon bald im schlãgt - und genau dies soll die Achtung leisten, von
Deutschen Idealismus breitmachen wird, besitzt diese der Kant glaubt, dass wir sie uns wechselseitig immer
Kantische Lõsung des Motivationsprobietns wegweisen- schon entgegenbringen, weii wir untereinander am je-
de Bedeutung. In zwei Hinsichten schlãgt der Begriff weiis Anderen die Bemühung um die Realisierung des
der Achtung, den Kant zum Zweck seiner L*sung heran- Sittengesetzes erkennen.
zieht, eine Brücke zwischen Teilbereichen seines Sys- In dieser brückenbiidenden Funktion ist Kants
tems, die ansonsten eher strikt getrennt hãtten bieiben Achtungsbegriff zum theoretischen Wegbereiter der in
müssen. Zum einen soll die Achtung gegenüber denMit- Deutschland vorherrschenden Idee der Anerkennung
menschen eine Erkenntnisieistung bilden, die weder rei- geworden. Denn die beiden Vertreter des Deutschen
ne, apriorische Vernunftleistung noch pure sinniiche Er- Idealismus, die nun den Begriff prãgen und ihm systema-
fahrung ist; vielmehr volizieht sich in ihr oder durch sie tisches Gewicht geben werden, Fichte und Hegel, knüp-
die Wahrnehmung einer empirischen Reprsentanz von fen nicht nur darin an Kant an, dass sie den zentralen
Vernünftigem in der Realitãt, 50 dass hier sinniiche An- Zug:aiier Anerkennung in genau jener Einschrãnkung
schauung und rationale Erkenntnis eigentümlich zusam- des Seibstinteresses erblicken, die ihr Vorgãnger ais cha-
menfalien. Zum anderen aber soll diese Art von intellek- rakteristisch für die zwischenmenschliche Achtung an-
tuelier Wahrnehmung, die jene Achtung damit ja für gesehen hat; vielmehr übernehmen sie von Kant auch
Kant in gewisser Weise darstelit, eine Wirkung auf unser die Vorsteilung, dass eine sol che Anerkennung oder Ach-
empirisches Motivationssystem ausüben, die darin be- tung insofern zwischen der menschlichen Natur und
steht, uns von unseren selbstbezüglichen Neigungen dem menschlichen Geist eine Vermittiung herstellen muss,
Abstand nehmen zu lassen; die Achtung des Anderen be- ais sie sowohl eine Art von »inteiiektueiier Anschauung«
wirkt dann einen Wandel in unserer Bedürfnisnatur, weil darstelit ais auch eine Wandlung unseres natürlichen Be-
sie uns nõtigt, den moralischen Geboten der Vernunft dürfnissystems bewirkt. Allerdings verpflanzen die bei-
Vorrang vor unseren egozentrischen Interessen zu ge- den Pbilosophen diese Bestimmungen der Anerkennung
ben. Insofern durchkreuzt der Begriff der Achtung, 50 in den Rahmen eines vernunftphi1osophischer Systems,
iãsst sich sagen, sowohi die scharfe Grenzziehung zwi- das sich von demjenigen Kants doch in vieien Hinsich-
ten gravierend unterscheidet.
14 Ebd., S. 6o (AA 436). Bevor ich auf die Herausbiidung dieses spezifisch
146 147
deutschen Beitrags zur Idee der Anerkennung zu sprç- Vernunft darf cin soich profaner, egozentrischer Antrieb
chen kommen kann, muss ich allerdings zunãchst Kants aus ieicht durchschaubaren, mit seinen Systemansprüchen
Begriff der Achtung noch in einer Hinsicht weiterverfol- zusammenhãngenden Gründen gar keine motivierende
gen; denn bislang haben wir daran noch gar nicht sehen Rolie spielen; denn es wãre aus seiner Sicht ja widersin-
kõnnen, inwiefern er dem Gedanken dienlich ist, dass ai- nig, die Geltung moraiischer Gebote aus irgendwelchen
le Bürger und Bürgerinnen untereinander prinzipieli Neigungen des bedürftigen Menschen hervorgehen las-
gleichgestellt sein solien. Dieser normative Zug im Kan- sen zu wolien, wo iene doch gerade aus vernünftiger
tischen Begriff der Achtung wird erst dann angemessen Einsicht die Beschrãnkung jeglichen Seibstinteresses er-
zu erkennen sein, wenn wir ihn mit den Auffassungen mõgiichen kõnnen soilen. Insofern ist das Anerkennungs-
von Anerkennung vergleichen, die wir zuvor im intel- motiv, das sich in Kants Begriff der Achtung schon rudi-
lektuèllen Kontext der entstehenden Moderne in Frank- mentãr verbirgt, von Anfang an ganz anders verfasst ais
reich und in Groíbritannien kennengelernt haben. dasjenige in den beiden anderen kultureilen Kontexten,
Was dabei zunbchst ins Auge springt, ist der Umstand, die wir bislang untersucht haben; es geht bei Kant, zu-
dass für Kant in seiner Moralphilosophie cin irgendwie mindest innerhalb des Rahmens seiner Moraltheorie,
geartetes Bedürfnis nach sozialer Wertschãtzung oder nicht um eine Anerkennung, die von einem bedürftigen
Anerkennung überhaupt keine Rolie spielt; er denkt, Subjekt erstrebt wird, sondern aussch1ieí1ich um eine
was er ,Achtung- nennt, stets nur von einem Subjekt Anerkennung, die wir den anderen Subjekten zubilligen
aus, das sich dazu gegenüber seinen Mitmenschen genõ- oder gar schulden; erst bei Hegei wrden wir wieder auf
tigt sieht, nicht aber von einem Subjekt aus, das danach so etwas stoíen wie ein »Bedürfnis« nach Anerkennung,
veriangt. Zwar rechnet Kant in bestimmten Teilen seines nur dass damit im Rahmen seiner Theorie im Unter-
Werkes durchaus mit einem soichen Begehren des Em- schied zur amour propre-Tradition nicht ein psychi-
zeinen nach sozialer Hõherstellung oder Bevorzugung; sches, sondern ein noch nãher zu erlãuterndes »geisti-
in seinen geschichtsphiiosophischen Schriften taucht bei- ges« Verlangen gemeint jSt.16
spieisweise an vielen Stelien die durch Rousseaus Kon- Kant auf jeden Fali môchte unter »Achtung« nur eine
zept der amourpropre beeinflusste Idee auf, dass wir hy- emotionale Einstellung verstanden wissen, die ihm na-
pothetisch von einem Fortschritt in der menschlichen hezu unvermeidlich scheint, sobald wir unser Urteils-
Kultur ausgehen kõnnen, wenn wir unterstellen, dass vermõgen gegenüber unseren Mitmenschen angemessen
das individuelie Streben nach sozialer Geltung immer zur Anwendung bringen: Begegnen wir einem Subjekt
wieder theoretische und moralische Neuerungen her- in einer soichen Weise, so müssen wir dieses mit einem
vorbringt.11 Aber für Kants Konzeption der praktischen
schichte«, in: ders., Pathologien der Vernunft. Geschichte und Ge-
15 Siehe dazu Axel Honneth, »Die Unhintergehbarkeit des Fort- genwart der Kritischen Theorie, Frankfurt/M. 2017, S. 9-27.
schritts. Kants Bestimmung des Verhãltnisses von Moral und Ge- 16 VgI. unten, S. 176-178-

148 149
gewisen Automatismus ais eine exemplarische Verkõr- dierzimmern, Universitàten und inteiiektueiien Zirkein
perung des Sittengesetzes begreifen, weswegen wir ihm wurde der kategorische Imperativ der Kritik der pra kti-
gegenüber augenblicklich zu einer Einschrnkung unse- schen Vernunft schon bald ais eine Aufforderung wahr-
res Seibstinteresses und damit zu einer respektvõiien genommen, sich endiich von der Vorherrschaft des
Haitung veraniasst sind. Alie zusãtziichen Bedeutun- Adeis zu emanzipieren, um die moralische Gleichheit ai-
gen, mit denen Kant nun im Weiteren seinen Begriff der ler Bürger zu erstreiten.17 Die berühmte Feststellung
Achtung auflãdt, verdanken sich im Grunde genommen von Karl Marx, nach der die Deutschen nur im Geiste fã-
bereits dieser Ausgangsbestimmung: Erstens ergibt sich hig gewesen seien, die Revolution durchzuführen, wel-
für ihn aus dem Umstand, dass wir alien Subjekten ge- che die Franzosen siegreich auf der Straíe ausgefochten
genüber zu einer derartigen Wahrnehmung genõtigt sind, hãtten,11 trifft auf Kant viei besser zu ais auf Hegei, auf
eine universelie Wechseiseitigkeit der gieichen Achtung; den sie eigentiich gemünzt war; denn bitmen weniger
jedem Mitmenschen müssen wir, sobald wir geiernt ha- Jahre hatte der Kônigsberger Phiiosoph eine Revolution
ben, in dem einen Subjekt die Wirkung des Sittengeset- der moralischen »Denkungsart« in Deutschiand bewirkt,
zes zu erkeimen, die gleiche Art von moralischer Ach- die es von nun an erlaubte, für die umstürzierische For-
tung entgegenbringen. Und zweitens bedeutet für Kant derung der gleichen Achtung alier Menschen eine in un-
diese Art von Achtung nichts anderes, ais dem anderen serem Vernunftvermõgen verankerte Begründung zu
Subi ekt die individueile Freiheit einzurãumen, sich seine iiefern. Aiierdings stand der Begriff der Achtung, der
Zwecke eigenstãndig setzen zu kõnnen und aiso sich die ãuíere, dem empirischen Subjekt zugewandte Seite
seibst zu bestimmen; denn mit einer soichen Achtung dieser Vernunftmoral bilden solite, auf ãuíerst tõnernen
sou ja automatisch eine Beschrànkung »meiner Selbstiie- Füíen; denn das damit gemeinte Gefühl war ersichtlich
be« einhergehen, so dass ich die eigenen Interessen hint- ein Zwitterwesen, haib empirische Tatsache, haib ratio-
ansteilen muss, um dem Anderen die Autonomie in der nai einsehbare Verpflichtung, ohne dass zwischen bei-
Bestimmung seiner Lebenszieie zu lassen. Aus beiden den ein einfach zu durchschauender Zusammehhang be-
Schiussfoigerungen zusammengenommen ergibt sich
dann die für Kants Moralphilosophie zentraie These, 17 Einen plastischen Eindruck von dieser befreienden Wirkung der
Ethik Kants vermittelt noch immer eindrücklich - wenn auch in
dass sich die Menschen ais inteiligible Wesen wechseisei-
einer uns heute eher fremden, biumigen Sprache - Hermann Au-
tig dazu verpflichtet sehen, sich in der ihnen alien zuste- gust Korff in seinem Monumentalwerk Der Geist der Goethezeit,
henden Autonomie zu respektieren. Bde., Leipzig 1927-1930, hier: Bd. 2, 202ff. Zu den neueren Dar-
Welche enorm befreiende Wirkung dieser Kern der stellungen vgl.: Frederick C. Beiser, Enlightenrnent, Revolution,
Vernunftmoral Kants auf das rückstãndige Deutschland and Romanticism. The Genesis of Modern German Politi cal
Thought 1790-1800, Cambridge/Mass. 1992, Kap. 2.
ausüben musste, ist schon daran zu erkennen, dass es A Karl Marx, »Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie. Einlei-
kaum einen jüngeren Geiehrten oder Phiiosophen gab, tung«, in: Karl Marx/Friedrich Engels,Werke (MEW), Bd. i;Ber-
der nicht von ihm zutiefst beeinflusst war; in alien Stu- HA 1970, S. 378-391-
r
150 151
standen htte; auf der einen Seite solite .sich die Achtung den Kantischen Vorsteiiuhn zur Motivatirn morali-
ja hei jedem Menschen wie se1bstverstndIich einsteilen, schen Handeins eine überzeugendere Alternative entge-
sobaid er nur einem anderen Subjekt begegnete; auf der genzuhaiten.
anderen Seite aber schien sie doch nur dann wirksam Im Prinzip htten demais für diejenigen, die Kants
werden zu kõnnen, wenn der Mitmensch dank des Ge- Mutmafungen über die motivierende Roile der Achtung
brauchs einer besonderen Form von Urteilskraft ais mo- ais unzureichend empfanden, zwei Wege der Korrektur
ralisches Wesen vorgestellt wurde.'9 Kaum einer der jün- offengestanden: Man konnte die Ambivalenz, in der
geren Philosophen, die damais für Kants Vernunftmoral Kant seinen Begriff der Achtung beiassen hatte, entweder
ins Schwrmen geraten waren, hat diese seltsame Ambi- zur empirischen oder zur inteliigiblen Seite hin auflõsen,
guitt nicht aisbald ais eine empfindiiche Schwachstelie aiso entweder den Weg der schottischen Moraiphiloso-
in dessen moraiphilosophischem Ansatz empfunden; der phie einschlagen oder aber nach einer ganz eigenstãn-
Versuch des bewunderten Denkers, den Sittengesetzen digen Lõsung im Geiste des neuen Systemdenkens su-
mit Hilfe des Gefühls der Achtung einen Halt im mensch- chen. Im ersten Faii htte man zunchst aus der Achtung
lichen Motivationssystem zu geben, wurde reihum ais einen Gegenstand alien menschlichen Strebens machen
ein hilfioses, unvermitteltes Schwanken zwischen empi- müssen, um dieses Veriangen dann ais faktische Quelie
rischer Behauptung und transzendentaler Spekulation des Wunsches nach moraiischer Übereinstimmung mit
begriffen.20 Der Begriff der Anerkennung, mit dem zu- den Mitmenschen zu begreifen; im zweiten Faii hingegen
nchst Fichte aufwartet und dann ein wenig spter He- wre man darauf angewiesen, einen irgendwie gearteten
gel, hat daher nicht zuietzt die Funktion, dieses gravie- vernünftigen Antrieb aufzufinden, der jeden Menschen
rende Defizit zu beheben; insofern wurzelt die deutsche zwangslãufig dazu anhJt, gewisse moralische Prinzipien
Idee der Anerkennung philosophisch in dem Bemühen, zu respektieren. Dass Fichte und Hegel wie selbstver-
stndiich den ersten Weg für sich ausschlossen und da-
her nur den zweiten Weg überhaupt für begehbar hielten,
19 Zur Problematik und Systematik von Kants Begriff der Achtung ergab sich aus ihrem grofen Einverstndnis mit der Pra-
vgl. die sehr erhellende Studie von Steffi Schadow, Achtung für misse des Kantischen Systems, wonach die gesamte Wirk-
das Gesetz. Moral und Motivation bei Kant (= Kantstudien-Er-
iichkeit ja ietztiich auf Vernünftigkeit gegründet sem
gãnzungshefte, Bd. 171), Berlin zoiz.
20 Zum Stellenwert dieses Motivationsproblems bei Kant vgl. auch: solhe; im Unterschied zu ihrem Vorgnger woliten die
Andreas Wildt, Autonomie und Anerkennung. Hegeis Moralitãts- beiden Jüngeren allerdings sogar, kaum waren sie intei-
leritile im Lichte seiner Fichte-Rezeption, Stuttgart 1982, S. 16 5 - iektueil seibstst.ndig geworden, den Nachweis antreten,
173; Dieter Henrich, »Die Deduktion des Sittengesetzes. Uber
dass eine soiche Vernünftigkeit des Wirklichen nicht
die Gründe der Dunkelheit des letzten Abschnitts von Kants
>Grundlegung zur Metaphysik der Sitten«, in: Alexander Schwan biof Produkt unserer rationaien Erkenntnisieistungen,
(Hg.), Denken im Schatten des Nihilismus. Festschrift für sondern ein reaier Sachverhait war, das Weitganze aiso
W Weischedel, Darmstadt 1975, S. 55-112. ais Resuitat der Aktivitt von Vernunft begriffen wer-
152 153
den musste.21 Daher war es für Fichte und Hegel von ner eigenen Vernunftleistungen in der Umarbeitung der
vornherein gànziich undenkbar, den schottischen Weg von ihm selbst geschaffene Materie stufenweise seine
einzuschlagen und nach sinnlich gegebenen, aus ihrer Autonomie zu verwirkiichen sucht. Uns müssen im Foi-
Sicht gewissermaíen prof anen Motiven zum moralischen genden weder die methodische Rechtfertigung noch die
Handein zu suchen; sie mussten vieimehr, woilten sie Durchführung des damit angedeuteten Programms wei-
die Kantische Lõsung des Motivationsproblems durch ter interessieren; von Beiang für unsere Fragesteilung ist
eine schiüssigere Alternative überbieten, Antriebe zur nur, an weichem Punkt seines Systems Fichte sichge-
Moral benennen, die unserer geistigen Aktivitt selbst zwungen sieht, von einer Pluralitãt menschiicher Indivi-
entspringen.22 Der Begriff der Anerkennung, den beide duen in der Weise zu sprechen, dass damit deren Verhãlt-
in ihren jeweiiigen Systemen alsbaid entwickein soilten, nis untereinander zum Thema wird. Ein soicher Punkt
hat die Aufgabe, genau dieses intrikate Probiem zu lõsen. ist in den Augen des Phiiosophen dann erreicht, wenn je-
Johann Gottlieb Fichte, acht Jahre ãiter ais Hegel, nestige Ich in seinen Anstrengungen, zur Autonomie
startet seine eigene Attacke auf Kant bekanntiich mit zu geiangen, vor die schwierige Aufgabe gestellt ist, von
der waghalsigen These, dass wir uns die Formung der ge- seiner eigenen, stets schon wirksamen »freien Tãtigkeit«
genstàndlichen Welt gerade nicht ais eine bloíe Erkennt- auch ein Bewusstsein zu gewirinen; diesen Schritt nãm-
nisleistung, sondern ais eine handfeste, praktische Leis- lich, so ist Fichte überzeugt, kann das bislang ais »abso-
tung eines immer schon tãtigen Ichs vorsteilen müssen; iut gedachte Subjekt nicht mehr nur für sich aiiein vou-
im Ausgang von diesem ideaiistischen Grundsatz, den ziehen, weil ihm die zuvor bearbeitete und umgeformte
er in seiner 1794 verõffent1ichten Wissenschaftslehre zum Materie keinerlei Anschauung davon iiefern würde, was
ersten Mal entwickeit,23 umreií.t er in seinem System es hei&, über die Fhigkeit zur freien Seibstfátigkeit zu
den Prozess, in dem cin soiches »absoiutes Ich kraft sei- verfügen. Insofern ist es an dieser Steile seines Systems
für Fichte erforderlich, von dem sich in seiner Vernunft
21 Vgl. dazu kurz und übersichtlich: Paul Guyer, »Absolute Idealism eigentãtig realisierenden Subjekt nicht mehr nur in der
and the Rejection of Kantian Dualism<, in: Karl Americks (Hg.), Einzahi, sondern in der Mehrzahl zu sprechen; ohne das
The Cambridge Companion to German Idealism, Cambridge Zusammentreffen mit anderen, ihm in seiner Subjektivi-
2000, S. 37-56. tãt ãhnlichen Wesen wãre es für das sich verwirklichen-
22 Einen eigenstãndigen Versuch, das Motivationsproblem Kants zu
lósen, unternimmt auch Friedrich Schiller in »Über Anmut und
de Subjekt unmôgiich, sich ein Bewusstsein der eigenen,
Würde (in: ders., Sãmtliche Werke, Bd.v, München 1984, freien Seibsttãtigkeit zu verschaffen. Dahingesteiit biei-
S. 43 3-488).Vgl. dazu: Wildt, Autonomie undAnerkennung, a. a. O., ben soll hier die sich sofort aufdrãngende Frage, ob Fich-
S. 157-162. te mit diesem Schritt hin zur Intersubjektivitãt einer
23 Johann Gottlieb Fichte, Grundiage der gesammten Wissenschafts-
Vieizahl von Individuentatschiich bezweckt hat, sei-
lehre 117941, in: Fichtes Werke, a.a.O., Bd.i, S. 83-328.Vgl. dazu
auch: Frederick Neuhouser, Fichte 's Theory of Subjectivity, Cam- nen Ausgang von einem einzigen, ais transzendentai zu
bridge 1990. denkendem Subjekt nachtràgiich zu revidieren; an der
154 155
Lôsung des damit aufgeworfenen Probiems entzweien keit von Seibstbewusstsein schrittweise f reizulegen.26
sich die Interpreten bis heute, ohne dass der Ausgang Den Einstieg in den für uns relevanten Schritt dieser De-
des Disputs von grôíerem Gewicht für das Verstãndnis duktion biidet die Beobachtung, dass ein Subjekt, das
des nun von Fichte dargeiegten Interaktionsgeschehens sich seiner eigenen »freien Seibstbestimmung zur Wirk-
wãre.24 Der Dariegung dieses Geschehens, also der Er- samkeit« bewusst werden will, enen soichen Akt der
fahrungen, die das bislang betrachtete Subjekt machen Seibsterkenntnis nicht vollziehen kann, solange es sich
müsste, wenn es in der ãuíkren Reaiitãt einem anderen nur ais der Materie gegenüberstehend versteht; denn die-
Subjekt begegnen würde, widmet Fichte im Grunde ge- ser Natur gegenüber kann es sich zwar Zwecke setzen,
nommen ein ganzes Buch; es trãgt den Titei Grundiage die es ihm eriauben, an ihr Eingriffe vorzunehmen und
des Naturrechts nach Principien der Wissenschaftslehre, sie dementsprechend gemãí'seinereigeen Vorsteiiungen
wird im Jahre 1796 verõffentiicht und kann ais Gri.in- umzuformen; aber nichts an diesem Entschiuss zur frei-
dungsdokument der spezifisch deutschen Idee von An- en, selbstbestimmten Wirksamkeit ermõgllcht es dem
erkennung gelten.25 Subjekt, sich von seiner eigenen, dabei volizogenen Wil-
Schon der Titel dieser einflussreichen Schrift gibt in ge- iensbestimmung selbst eine angemessene Anschauung
wisser Weise zu erkennen, dass die Argumentation von zu verschaffen. Daher, so schiieít Fichte, bedarf es eines
Fichte am Ende darauf hinauslaufen wird, die Beziehun- weiteren Schritts seitens des besagten Subjekts, um tat
gen der Subjekte untereinander ais soiche eines recht sch1ich zum Selbstbewusstsein im Sinne einer intellek-
lichen Verhàltnjsses darzustellen. Bevor der Autor ailer- tueilen Wahrnehmung seiner Fdiigkeit zum seibstbe-
dings bis zu dieser Schiussfolgerung vordringen kann, stimmten Handein zu geiangen.27 Hier, an diesem Punkt
muss er zunãchst darlegen, was sich im Bewusstsein des seiner Deduktion, verndert Fichte den Rahmen seiner
betrachteten Subjekts mutmaí1ich zutrgt, wenn es ei- Darsteiiung nun drastisch, indem er das Subjekt pRtz-
nem anderen Subjekt begegnet. Fichte verwendet dabei, lich in einen Kreis von weiteren Subjekten hineinver-
wie auch sonst meistens, die von Kant übernommene setzt sieht; kurz, er fragt sich ais beobachtender Philo-
Methode der transzendentalen Deduktion, nach der es soph, was sich an der Selbstwahrnehmung des Subjekts
m*5glich sein sol!, notwendige Bedingungen der Môgiich ndern würde, wenn es mit einem Mal die Anwesenheit
ihm àhnlicher Wesen vergegenwãrtigt. Die Weise, in der
dem Subjekt ein soiches anderes Subjekt begegnet, sou
24 Zum Stellenwert dieses Problems vgl.: Axel Honneth, »Die trans- bei Fichte die des Vernehmens einer »Aufforderung<
zendentale Notwendigkeit von Intersubjekdvitàt. Zum Zweiten
Lehrsatz in Fichtes Naturrechtsabhandlung<, in: ders., Unsicht-
bar/e eit. Stationen einer Theorie der Intersubje/etivztdt, Frank- 26 VgI. dazu erneut: Neuhouser, Fichte's Theory of Subjectivity,
furt/M. 2003, S. 28-48, hier: S. 47f. a.a.O., S. 93-102.
25 Fichte, Grundiage des Naturrechts nach Principien der Wissen- 27 Fichte, Grundiage des Naturrechts nach Principien der Wissen-
schaftslehre, a. a. O. schaftslehre, a.a.O., S. 30-39-

156 157
sem: Ein Individuum, bislang reflexiv mit seinem Ver- Aufforderung bereits ein Wissen um die Existenz eines
hitnis zu einem von ihm bearbeiteten Objekt beschàf- anderen vernünftigen, intentionai handeinden Subjekts
tigt, erfàhrt sich unvermittelt zu etwas »aufgefordert«, impliziert sein. Aber das angesprochene Subjekt hãtte
so dass es sich augenblicklich sicher sein kann, der Ad- noch nicht voliends verstanden, was eine Aufforderung
ressat einer irgendwie gearteten Àuíerung zu sem. zur Aufforderung macht, wenn es sich blog über die Ver-
Man darf den Begriff der Aufforderung, den Fichte nünftigkeit des Urhebers jener Ãuíerung im Kiaren wã-
hier verwendet, um dieses erste Auftreten des Anderen re; es muss gieichzeitig auch vergegenwãrtigen kõnnen,
zu charakterisieren, auf gar keinen Fali im Sinn einer wie Fichte behauptet, dass sein Interaktionspartner mit
Forderung oder gar eines Befehis verstehen; gemeint ist dem eigenen Sprechakt die Untersteiiung verknüpft, im
vom Autor vieimehr, wie jüngst wieder Alien Wood sehr adressierten Subjekt seinerseits ein vernünftiges Wesen
überzeugend gezeigt hat,28 die beliebige Einiadung eines vor sich zu haben, das zur Einsicht in Gründe fãhig ist
uns begegnenden Subjekts, etwas zu unternehmen, was und mithin aus Freiheit handein kann. Ais eine zweite
wir dann entweder tun oder unterlassen kõnnen. Was Bedingung des Verstehens einer »Aufforderung« sieht
Fichte nun zunãchst ins Zentrum seiner Analyse einer Fichte daher den Umstand an, dass sie von ihrem Adres-
soichen kommunikativen Situation rückt, sind die Inter- saten ais eine Àuíerung aufgefasst wird, die eine Reak-
pretationsleistungen, die dem adressierten Subjekt ab.- tioi aus Freiheit erwartet.30
verlangt werden, um die an es ergangene Aufforderung Bis zu diesem Punkt seiner transzendentalen Deduk-
ais eine derartige Einladung zum Handein verstehen zu tion ist bei Fichte aiierdings von einer wie auch immer
kõnnen. Ais eine erste, Bedingung dieser Art sieht Fichte gearteten Anerkennung noch gar nicht die Rede; daher
den Umstand an, dass der Adressat vom Zwang durch ist auch nicht zu sehen, warum es sich bei all dem um
Naturkausaiitãt diejenige Form einer Veraniassung un- eine verbesserte Lung .des Motivationsproblems han-
terscheiden kõnnen muss, die durch eine auffordernde dein sou, das Kantim Rahmen seiner Moraitheorie mit
Ãuíerung an ihn ergeht: Eine soiche zweite Kausaiitãt, Hiife der Einführung des Gefühis der Achtung hat kiã-
die nicht nach dem Schema von Ursache und Wirkung, ren wolien. Den Schritt hin zu einer soichen Lësung vou-
sondern mitteis des Appelis an den »Verstand« funktio- zieht Fichte erst, wenn er sich nun im nàchsten Schritt
niert, setzt ais ihre Quelie bereits »ein der Begriffe fã- fragt, was denn das aufgeforderte Subjekt über das bis-
higes Wesen 29 oraus; aiso muss im Verstehen einer 1angDargeste11te hinaus noch von dem anderen, bereits
ais vernünftig erkannten Wesen wissen kann. Die Ant-
wort des Phiiosophen fãiit kurz aus, soll aber aus seiner
28 Alien Wood, The Free Developnent of Each. Studies on Freedom, Sicht schon alies beinhaiten, was an Erkiãrung für die
Right, and Ethics in Classical German Philosophy, Oxford 2014,
S. 207. Motivierung moraiisch rücksichtsvoilen Handeins er-
29 Fichte, Grundiage des Naturrechts nach Przncipien der Wissen-
schaftslehre, a.a.O., S. 36. 30 Ebd.

158 159
forderlich ist: Das besagte Subjekt muss von dem Spre- íerung bezweckt hat, den Adressaten zum Handein aus
cher, durch den es aufgefordert wird, ebenfalis schon freien Stücken zu bewegen, muss dieser nun umgekehrt,
wissen, dass dieser sich aus freien Stücken in seiner eige- um zu signalisieren, dass er die Ãuíerung adãquat ver-
nen Freiheit hat beschrnken müssen; denn da mit der standen hat, seine eigene, private Freiheit ebenfalis aus
Aufforderung die Erwartung einer freien Reaktion von freien Stücken beschrnken. Und hier, an dieser Steiie,
Seiten des Adressaten verknüpft ist, muss der, der sie finden sich dann die berühmten Worte, mit denen Fichte
uíert, bereit sein, seine Seibstinteressen so weit einzu- die Idee der Anerkennung im deutschsprachigen Kon-
schrãnken, dass daneben zukünftig die potenzielien Inte- text terminoiogisch geprãgt hat: »Keines kann das ande-
ressen des von ihm Aufgeforderten Platz finden. Nicht re anerkennen, wenn nicht beide sich gegenseitig aner-
zufãllig verwendet Fichte an dieser Stelie gieich mehr- kennen: und keines kann das andere behandeln ais em
fach die Formulierung von der freiwilligen Se1bstbeschrn- freies Wesen, wenn nicht beide sich gegenseitig so behan-
kung der eigenen Freiheit;" mit deutiicher Anspielung deln.«33
auf Kant, der ja von der Achtung ais einem Gefühl ge- Dieser Satz kõnnte wie ein Motto über die in Deutsch-
sprochen hatte, das der eigenen »Selbstliebe Abbruch land seit Fichte und Hegel heimisch gewordene Vorstel-
tut«,32 soll hier die ,Aufforderung- nm1ich ais eine Âu- lung der Anerkennung stehen; auch in Zukunft wird es
íerung verstanden werden, mit der impiizit dem Adres- hier nm1ich immer wieder philosophische Versuche ge-
sierten bereits Achtung entgegengebracht wird: Jeman- ben, die Beziehung zwischen den Subjekten nach dem
den zu einer Handiung aufzufordern heiít immer auch, Muster einer.soichen Wechse1seiigkeit in der Anerken-
50 mchte Fichte sagen, die angesprochene Person zu nung ais »freie Wesen« zu.denken. Für Fichte stelit der
achten, weil die Ãu1erung voraussetzt, ihr gegenüber zitierte Satz freilich nur eine Art' von Zwischénresümee
auf die Durchsetzung der eigenen, privaten Freiheit zu dar, in dem festgehalten werden sou, was er bislang in
verzichten. Aiierdings ist auch das noch nicht der Punkt, seiner Deduktion der Bedingungen der Mõglichkeit von
an dem Fichte von »Anerkennung« spricht; dazu bedarf Seibstbewusstsein heiaúsgefunden hat; er wird daher
es in seiner Deduktion noch einer weiteren Wendung, in seiner Argumentation noch fortfahren, um im nãchs-
mit der der Blick nun auf das aufgeforderte Subjekt zu-
rückgelenkt wird. Auch dieses muss jetzt nmiich, 50
33 Grundiage des Naturrechts nach Principien der Wissen-
wie Fichte es sieht, eine Seibstbeschr.nkung seiner eige- schaftslehre, a. a3 O., S. 44. Aiicrdings ist an dieser SteIie auch zu se-
nen Freiheit vollziehen, wili es der Aufforderung ange- hen, dass Fichte von »Anerkennung< nicht, wie Kant hãufg von
messen Folge leisten; d.enn da der Andere mit seiner Ãu- der »Achtungc, ais von einem »Gefühl« spricht; für ihn, Fichte,
ist an dieser »Beschrinkungc des Seibstinteresses nur die »expres-
sive Seite wichtig, wãhrend er die Frage, ob damit auch ein be-
31 EU, S. stimmter Gefühiszustand verknüpft sein muss, vollkommen im
32 Kant, Grundiegung zur Metaphysik der Sztten, a.a.O., S.i9 Dunkeln Iãsst. (Auch diese Beobachtung verdanke ich Michael
(AA 401). Nance.)

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ten Schritt darzulegen, warum wir berechtigt sein solien, ãuíert, dem Adressaten gegenüber seiner »Selbstliebe Ab-
in einer derartigen Reziprozitãt der gleichen Anerken- br:ch tun« muss, weil es dabei nicht umhinkann, ihm
nung das Grundverhàltnis alier Rechtsbeziehungen zu die Freiheit einzurãumen, für sich zu bestimmen, wie er
erb1icken.14 Für unsere Zwecke aber reicht schon das zu reagieren wünscht; und Rir das aufgeforderte Subjekt
bis hierhin Dargestelite aus, um nachvollziehen zu kõn- behauptet Fichte im Prinzip dasseibe, auch dieses muss
nen, warum Fichte seine Idee der Anerkennung ais bes- seiner »Seibstiiebe Abbruch tun«, weil es dem Sprecher
sere Alternative zu Kants Lisung des Motivationsprob- riur signalisiereri kann, dass es die Aufforderurig verstan-
lems versteht. Blicken wir zusammenfassend zurück, so den hat, indem es ihm wiederum die Freiheit der Reak-
sah Fichte sich gezwungen, in seiner Analyse der Bedin- tion auf seine eigene Reaktion einrãumt. Nicht zufãilig
gungen von Selbstbewusstsein ein zweites Subjekt ins habe ich hier für die moralische Leistung, die Fichte zu-
Spiel zu bringen, weil ohne die Prãsenz eines soichen an- foige beide Subjekte erbringen müssen, um sich wechsei-
deren vernünftigen Wesens das zunãchst von ihm be- seitig angemèsseïi erstehen zu kënnen, bereits die Kan-
obachtete Subjekt nicht in der Lage sein solite, sich sei- tische Formei für die Achtung verwendet, nach der es
ner seibst in der eigenen geistigen Aktivitãt ansichtig sich dabei um eine Seibstbeschrãnkung der »eigenen
zu werden; die Frage, wie dieses nach Selbstbewusstsein Selbstiiebe« handelt; dadurch soll deutiich gemacht wer-
strebende Subjekt auf die Anwesenheit eines zweiten den, dass Fichte offenbar der Meinung ist, eine soiche
Subjekts aufmerksam wird, lõste Fichte mit dem Kunst- wechselseitige Achtung sei Bedingung der Mõglichkeit
griff der Behauptung einer intersubjektiven »Aufforde- des beiderseitigen Verstehens eines Sprechaktes der Auf-
rung«, womit ietztiichwoh1 nichts anderes gemeint ist forderung. Mithin ist der Schiuss berechtigt, Fichte sei es
ais das alitágliche Vorkommnis eines Sprechakts, durch in seiner Deduktion um den Nachweis gegangen, dass
den eine Person eine andere zu einer Handiung einiaden iene interpersonelie Achtung, die Kant zur Motivation
oder bewegen mõchte. Um die Bedingungen, die erfülit moraiischen Handeins herbeiziehen wolite, bereits not-
sein müssen, damit diese beiden Interaktionspartner wendige Voraussetzung des Verstehens einer kommuni-
sich angemessen verstehen, dreht sich nun im Weiteren kativen Ãuíerung ist.
die ganze Analyse Fichtes: Er ist der Überzeugung, dass Zurückbezogen auf die Frage, die Fichte ursprüng-
eine derartige Aufforderung eines Subjekts durch ein an- iich zur Einführung der kommunikativen Situation moti-
deres deswegen, weil sie wechseisetig verstanden werden viert hatte, ergibt sich ais Resuitat, dass die Übernahme
muss, einen Wandei in der Einsteliung beider Subjekte des Standpunktes der moraiischen Achtung für ihn Be-
mit sich bringt, der ihr Seibstverstãndnis jeweiis radikal dingung der Môgiichkeit von Selbstbewusstsein ist: Nur
verãndert. Für das auffordernde Subjekt behauptet Fich- wenn ein Subjekt sich in eine kommunikative Bezie-
te, dass es in dem Augenblick iii dem es den Sprechakt hung der wechseiseitigen Anerkennung hineinbegibt,
kann es sich spontan ais ein zugieich vernünftig tãtiges
34 Ebd., S. 41-56 (S 4, Dritter Lehrsatz). Wesen erfahren, weil es dann im Anderen spiegelbiidiich
162 163
seiner eigenen Aktivitt ansichtig wird. Bevor ich diese zur selbstbestimmten Reaktion angemessen verstanden
Idee der Anerkennung mit den bislang behandelten Vor- zu haben. Mithin bildet die Achtung, die Anerkennung
steiiungen von Intersubjektivitãt vergleiche, michte ich des Anderen ais eines »freien Wesens«, für Fichte em
kurz erlãutern, warum wir es dabei überhaupt mit einer Mitbringsel j eder sprachiich vermittelten Interaktion,
ernstzunehmenden Alternative zu Kants Lôsung des soweit sie den Charakter einer Ermunterung oder Einla-
Motivationsprobiems zu tun haben. Fichte war, wie em dung zur ungezwungenen, se1bstgewhiten Reaktion
wenig spter auch Hegel, der Überzeugung, so habe ich besitzt; kein irgendwie geartetes »Gefühl« muss hier
gesagt, dass Kant nicht richtig zu erkiãren vermocht hat, hinzutreten, damit der Angesprochene zur moraiischen
wieso die Menschen zur Befolgung der rational einseh- Achtung bewegt wird, es reicht bereits dessen geistige
baren Moralgebote motiviert sein soliten; ihnen beiden Anstrengung, den Sprechakt seines Gegenübers zu in-
war der Vorschlag suspekt, dazu auf ein Gefühl zu set- terpretieren, um zu einer derartigen Achtung motiviert
zen, das gemãí des Kantischen Systems eine eigentüm- zu sein. Gut einhundertfünfzig Jahre spãter wird dieser
liche Zwittersteliung zwischen natüriicher Kausaiitt und Gedanke Fichtes mit den Arbeiten von Kari-Otto Apel
vernünftiger Einsicht einnehmen musste. Fichte m&hte in der deutschsprachigen Philosophie eine Fortsetzung
diesen Zwiespait im Sinne seiner eigenen Systemvor- finden; auch die von Apel maígeb1ich vorbereitete und
steliungen auflisen, indem er auch die Motivation zum entwickeite Diskursethik ist in der Idee begründet, dass
moralischen Handein ganz in die Bestrebungen eines das intersubjektive Verstehen einer sprachlichen Àuíe-
Subjekts hineinverlagert, sich kraft seiner aktiven Ver- rung von den Beteiligten ietztiich bereits verlangt, sich
nunftleistungen in der selbstgeschaffenen Wirkiichkeit wechselseitig ais gleiche und freie Wesen anzuerken-
zu realisieren; zu einer soichen rationalen Seibstmotivie- nen.36
rung des Subjekts so11 es nach seiner Auffassung kommen, So groí, wie der Abstand zwischen der franzSsischen
wenn dieses mit einem Male vor die Auf gabe gestelit ist, und der britischen Vorstellung über die Bedeutung der
angemessen auf die Aufforderung eines anderen Sub- zwischenmenschlichen Begegnung war, 50 grog ist mm-
jekts, aiso auf die Anrede eines Mitmenschen, zu reagie- destens noch einmal der Abstand von Fichtes Begriff der
ren; dann nãmiich sieht sich das angesprochene Subjekt Anerkennung zu jenen beiden Vorstel!ungswelten. Na-
gen&igt, so glaubt Fichte, dem Sprecher gegenüber eine
Haitung der Achtung anzunehmen, weii es nur dadurch 36 Karl-Otto Apel, Diskurs und Verantwortung. Das Problem des
demonstrieren kann, die Ãuíerung ais eine Einladung Übergangs zur postkonventioel1en Moral, Frankfurt/M 1988;.
zu Fichte vgl. ebd., S. 44ff. Besonders lesenswert mit Blick auf
das Verhàltnis von Apel zu Fichte ist auch: Vittorio H6sle, Die
Zur genaueren Ausbuchstaberung dieser Bedingung von Selbst- Krise der Gegenwart und die Verantwortung der Philosophie,
bewusstsein vgl. Honneth, »Die transzendentale Notwendigkeit München 1977, bes. S. e29ff. Vgl. zusãtzlich Wolfgang Kuhl-
von Intersubjektivitãt«, a. a. O.; siehe auch Wildt, Autonomie mann, Reflexive Letztbegründung. Untersuchungen zur Trans-
undAnerkennung, a.a.O., Kap. 11.4. zendentalpragmatik, Freiburg 1985.

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tjjrljch ist diese tiefe Differenz zunchst und vor aliem die natüriiche Freiheit vernünftiger Wesen; sie besteht in
darin begründet, dass Fichte im Bestreben der Überbie- dem ungestüen Drang, die eigenen rationaien F-
tung Kants ein phiiosophisches System zu entwickeln higkeiten in einer(se1bsterzeugten) Wirklichkeit nach
versuchte, das das Weitganze ais ein Produkt der ver- M5giichkeit voiisfándig zu verwirkiichen; aber zu einer
nunftgeleiteten Aktivitten eines konstituierenden Sub- verbürgten Tatsache für unser Bewusstsein wird diese
jekts unter Beweis stelien sollte; daher mussten ihm die Freiheit erst dann, wenn wir sie in der Begegnung mit an-
Anstrengungen, die in Frarikreich mit psychoiogischeri deren, ebenso vernünftigen Wesen deswegen einschrãn-
und in Gro1britannien mit empiristischen Mittein un- ken müssen, weii wir ihnen gegenüber wiederum unsere
ternommen worden waren, um die Bedeutung der inter- Vernunftfãhigkeit unter Beweis stelien woilen. Aiso ist
subjektiven Begegnung zu entschiüssein, von vornherein für Fichte das, was die intersubjektive Begegnung der An-
ais zu oberflchiich, ais zu ieichtgewichtig erscheinen; erkennung bewirkt, die Transformation einer nur na-
jeder, der ernsthaft den Sinn der zwischenmenschiichen türlichen, spontanen Freiheit in die von aiien geteiite
Begegnung verstehen woiite, hatte das aus seiner Sicht in Wi4dichkeit gesicherter Ansprüche auf Seibstbestim-
einer Perspektive zu ieisten, die die totaiisierende Kraft mu1ig.
uns erer Vernunft angemessen zu Wort kommen iãsst. Mit Der Preis ailerdings, den Fichte für diese Auslegung
exakt dieser Absicht ist Fichte dann zu der Erkenntnis derzwischenmenschlichen Kommunikation zu zahlen
geiangt, dass wir uns deswegen immer schon reziprok hat,ist ziemiich hoch; denn im Unterschied zu den Tra-
ais -freie Wesen- anerkennen, weiPuns unsere »Vernunft« ditionen, die wir bisher kennengeiernt haben, vermag er
dazu anhãit, die auffordernde Ãuíerung des Gegenübers es nicht mehr 50 ohne Weiteres, sein Biid der Kommuni-
richtig zu verstehen; das nãmlich kõnnen wir aiiein dann, kation an die empirische Wirklichkeit anzupassen. Wa-
wenn 'ir uns vergegenwrtigen, dass wir überhaupt nur ren seine Vorgãnger, ob nun Rousseau, Hume oder Smith,
zum Handeln aufgefordert worden waren, weil uns eine stets von wahrnehmbaren Tatsachen a11tg1icher Inter-
freie, ungezwungene Reaktion zugemutet wurde. Mit aktionen ausgegangen, um darauf ihre j eweiiigen Analy-
diesem vernunftphilosophischen Schritt rückt Fichte sen zu stützen, so 1sst Fichte von soichen Interaktionen
eine Gr6íe ins Zentrum der Betrachtung von Intersub- zunchst nur den Teil übrig, der sich im Bewusstsein ra-
jektivitt, die in den bisher verfoigten Debatten 50 gut tionai handeinder Wesen htte abspieien kõnnen. Zwar
wie gar keine Roiie gespielt hatte: Nicht der soziaie Wert unternimmt er im Nachhinein immer wieder Anstren-
des Einzelnen steht auf dem Spiel, wenn er Anderen be- gungen, diese idealisierenden Bestimmungen der Aner-
gegnet, nicht seine Fhigkeit zur moralischen Seibstkon- kennung an iebensweitlichen Handiungsvoliziigen zu
trolie wird gefbrdert, wenn er nach sozialen Beziehun- plausibilisieren; 50 spricht er bekanntlich davon, dass
gen strebt, vielmehr wird seine Freiheit durch derartige sich in jedem Erziehungsprozess eine derartige Form
Kommunikationen in gewis ser Weise überhaupt erst her- der wechseiseitigen Anerkennung empirisch exempiifi-
vorgebracht. Zwar kennt Fichte natürlich so etwas wie ziert findet, weii der Erwachsene unvermeidiicherweise
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das noch unreife Kind ais ein bereits »freies Wesen« ad- nem Vorgnger geschilderten Geschehens der wechsei-
ressieren muss, um auf diese Weise dessen Potenzial zur seitigen Anerkennung.
Seibstbestimmung zu entbinden;37 zudem steilt sicher- Hegel nimmt die Anregungen, die er durch Fichtes
lich Fichtes Versuch, den »Staatsbürgervertrag« ais Nie- Studie zum »Naturrecht« erhaiten hat, in einem metho-
derschiag einer wechseiseitigen Anerkennung zwischen dischen Rahmen auf, der es ihm sogleich erlaubt, den zu-
Subjekten zu begreifen, einen weiteren Versuch dar, vor nur abstrakt bestimmten Voiizug der wechselseiti-
dem transzendentaien Geschehen strkere Haftung in gen Anerkennung mit konkretem Anschauungsmaterial
der geschichtlichen Wirklichkeit zu ver1eihen. Aber zu füllen; denn er weigert sich, die durch Kant angesto-
auch soiche Versuche der empirischen Konkretisierung fkne und von Fichte beibehaitene Trennung in eine »em-
heifen wenig, den Verdacht zu entkrften, dass sich Fich- pirische« und eine »inteiiigibie« Weit zu übernehmen,
tes Anerkennungsmodeii ietztiich nur auf Subjekte be- indem er sein eigenes System in Form âner Ph.nomeno-
zieht, die weder Fieisch noch Biut besitzen; seine Argu- logie des sich verwirklichenden Geistes zu entwickeln
mentation bewegt sich noch zu sehr in der Kantischen versucht. Hegel wiii nicht iãnger untersuchen, weiche tran-
Welt inteiligibier Wesen, ais dass sie die Wahrnehmung szendentaien Bedingungen erforderiich w.ren, um der
der Bedeutung intersubjektiver Beziehungen nachhaitig Vernunft im Menschen zur Seibstverwirklichung zu ver-
htte beeinflussen kënnen.39 Ja, vielleicht wren die we- heifen; vielmehr setzt er sich schon früh zum Ziel, »ph.-
nigen Bemerkungen Fichtes zur Wechselseitigkeit der nomenoiogisch« die Schritte nachzuvoiiziehen, durch
Anerkennung sogar in der deutschsprachigen Phiioso- die sich der Geist in seinem Entwicklungsprozess von
phie ohne jede Nachwirkung geblieben, h.tte sich nicht jeder natüriichen Bestimmung befreit, um vo11st.ndig
Hegel einigeJahre sp.ter durch sie anregen iassen, einen autonom zu werden; daher muss alies, wovon Hegeis
eigenen, nun aber empirisch wesentiich gehaitvoiieren System handeit, eine Entsprechung, ia eine Verkôrpe-
Begriff der Anerkennung zu entwickeln. Der Schritt rung in der realhistorischen Weit finden, da sich darin
von Fichte zu Hegel besteht, wie wir nun sehen werden, der Geist in der Reaiisierung seiner selbst vergegenst.nd-
in einer radikaien Detranzendentaiisierung des von sei- iichen sou. Aufgrund dieses grundiegenden Wandeis in
der Systemperspektive° versucht schon der junge Hegel
in seiner Jenaer Periode, sich das Anerkennungsmodeil
37 Fichte, Grndlage des Natrrechts nach Principien der Wissen-
Fichtes in einer Weise anzueignen, die es gestatten sol!,
schaftslehre, a. a. O., S. 39: »Die Aufforderung zur freien Selbst-
thãtigkeit ist das, was man Erziehung nennt.< darin die g.nziich weitiichen Züge eines für die Biidung
38 Ebd., S. 191-209 (ZweiterTheil, § 1 7)- des Geistes aiierdings konstitutiven Geschehens wieder-
39 Angesichts des starken Gewichts, das die menschiichen Bedürf-
nisse und überhaupt die Kõrperiichkeit des Menschen ais »end-
lichem Wesen< für Fichte in seiner Naturrechtsabhandlung be- 40 Vgl. zur Systemperspektive Hegeis: Dma Emundts/Roif-Peter
sitzt, kônnte diese Formulierung sehr unfair klingen; sie ist alier- Horstmann, G. W. F. Hegel. Eine Einführng, Stuttgart zooz, bes.
dings auch nur auf das Anerkennungsmodell Fichtes gemünzt. S. 32ff.

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zuerkennen; nach seiner Auffassung ist es die Liebe zwi- Frage iiefert seine berühmte Formuiierung, nach der es
schen Mann und Frau, in der sich im aiitgiichen Um- sich bei soichen Formen einer wechseiseitigen Anerken-
gangunterkonkretenMenschenspiegeit,was eshei{h, sich nung wie der Liebe um Weisen eines »Bei-sich-seibst-
wechselseitig ais »freie Wesen« anzuerkennen.41 Seins im Anderen«42 handein sou: Wenn der Wert, in
Bedienen wir uns einer Sprache, die uns heute nher- dem sich eine Person durch eine andere ais anerkannt
steht, so argumentiert Hegel an dieser Stelie seines frühen empfindet, nm1ich zugleich einen wichtigen Teil ihres
Systems etwa foigendermaíen: Eine Peron zu lieben eigenen Se1bstverstndnisses biidet, dann darf sie diese
hei{t, deren Wünsche und Interessen deswegen ais Grün- Anerkennung ais eine õffentiiche Bekrftigung ihres
de für eine Beschrnkung des eigenen Handeins gelten Selbstseins begreifen, welches damit in der objektiven
zu lassen, weii sie ais etwas zu Befiirderndes oder Unter- Welt eine normative Geltung erh1t. Insofern bedeutet
stützenswertes erfahren werden; teiien wir uns eine sol- »Anerkanntsein« für Hegel hier mit Bezug auf die Liebe,
che Form der moraiischen Se1bstbeschrnkung zuguns- die Erfahrung zu machen, sich in denjenigen Elementen
ten eines Anderen nun ais cin wechseiseitiges Geschehen der eigenen Subjektivitt in gesicherter, »gewusster Wei-
vor, wie es in der Liebe der Fali sein sou, so findenwir se »frei« bestimrnen zu kõnnen, die durch die Selbst-
darin in sozialer Gestait genati jeie Struktur einer rezip- beschrãnkung des Gegenüb ers nachgerade õffentliche
roken Anerkennung wieder, die Fichte zunchst nur sei- Wertschtzung erhaiten haben; und umgekehrt heiít
nen »transzendentalen« Figuren zu geschrieben hatte: Die »Anerkennen« dann dementsprechend, dem Geliebten
zwei Liebenden schrnken jeweils ihre eigenen Selbst- durch Seibstbeschrnkung der eigenen Seibstinteressen
interessen gegenüber dem Anderen ei, um dadurch an ausdrücklich die Freiheit einzurumen, sich in seinen
diesem dasjenige zu fõrdern, was ihn in ihren Augen lie- Bedürfnissen und Wünschen ungezwungen bestimmen
benswert macht. Damit ist ailerdings nur erk1rt, warum zu Onnen. Drei Bedingungen sind es mithin, die Hegel
der junge Hegel glaubt, dass in der Liebe auf geradezu zufoige erfülit sein müssen, damit die Anerkennung in
seibstverstndiiche Weise jene Art von Achtung bereits der genannten Weise individueile Freiheit hervorbrin-
wechselseitig in rudimentãrer Weise volizogen wird, de- gen kann: Sie muss wechselseitig erfoigen, sie muss in ei-
ren Deutung Kant so gro{e Mühe bereitet hatte; aber die ner komplementàren Seibstbeschrnkung bestehen und
Frage warum durch eine soiche reziproke Anerken-
nung in der Liebe ugieich auch die Freiheit des jeweiis
Anderen überhaupt erst hervorgebracht werden sou, ist 42 In der »Logik« der Hegel'schen »Enzyklopãdie« hei& es bekannt-
noch offen. Den Schlüssel zu Hegeis Antwort auf diese lich von der »Freiheit«, sie sei das -in seinem Anderen bei sich
s1bst zu sein<: G.W. F. Hegel, Enzy/elopãdie der philosophischen
Wissenschaften, Bd. 1, Frankfurt/M. 1970, S. 84. In abgewandelter
41 Zur systematischen Roile der »Liebe beim frühen Hegel vgl. Die- Gestalt findet sich diese Formulierung dann in vielen anderen Wer-
ter Henrich, »Hegel und Hë1der1in, in: ders., Hegel im Kontext, ken Hegeis, hãufig auch auf das Geschehen der wechselseitigen
Frankfurt/M. 1971, S. 9-40. Anerkennung angewendet.

170 171
sch1ieí1ich muss sie expressiven Charakter besitzen, ai- nicht also um Fragen wie die, ob jegliches Zusammen-
so aligemein zugnglich oder wahrnehmbar sem. treffen zwischen Menschen die ainourpropre mobiiisiert
Gewiss, das ist nicht die Sprache, die Hegei verwen- oder den »unparteiiichen Beobachter« in Aktion treten
det, wenn er in seinenJenaer Systementwürfen die Liebe 1sst.Was Hegei hingegen mit »Anerkennung« meint, sind
ais eine bereits existierende Gestait jener Form der wech- historisch gegebene, durch den Geist hervorgebrachte
seiseitigen Anerkennung zu deuten versucht, die Fichte Konfigurationen menschiicher Intersubjektivitãt, die je-
zunâchst nur im Reich inteiligibler Wesen beheimatet ne drei Bedingungen erfüiien, die soeben genannt wur-
gesehen hatte; aus der Birinenperspektive des jungen den: Es muss sich um institutioneil geronnene und in dem
Philosophen stelit sich seine Abkehr vom Transzenden- Sinn »wirkiiche« oder »objektive« Formen der mensch-
talismus Fichtes vieimehr ais ein Schritt in die Richtung iichen Kommunikation handein, in denen Subjekte ihre
dar, die Anerkennung nicht inger ais ein Geschehen jeweiligen Seibstinteressen kompiemeritâr einschrnken,
zwischen zwei Bewusstseinssubjekten zu interpretie- indem sie auch nach aufen »expressiv« kundtun, dass sie
ren, sondern ais Resultat der vereinigenden Macht. des sich wechseiseitig in ihrem Seibstsein oder in ihrer Seibst-
Geistes, dem es kraft der Liebe geiingt, Gegenstze auf- bestimmung ais Gieiche anerkennen.Wo soiche Verhãit-
zuliisen und dadurch ein lebendiges Aligemeines her- nisse gegeben sind, so scheint Hegei anzunehmen, besitzen
vorzubringen .41 Aber unabhngig davon, ob nun eine in- Sub jekte die Mõgiichkeit, ihre zuvor nur privat empfun-
terne oder eine externe Darsteiiungsweise gewhit wird, dene Freiheit ais einen aiigemein gebiiiigten, »objekti-
i.sst sich an diesen frühen Gedankengãngen Hegeis be- ven< Anspruch auf Seibstbestimrnung zu erfahren.
reits feststeiien, dass er die Idee der Anerkennung doch Schon der Hinweis darauf, dass Hegei zunchst nur in
sehr anders verwendet ais all die bisiang von mir behan- der »Liebe< eine soiche Reaiisierung von Anerkennung
deiten Denker: Whrend Rousseau und spter Sartre, zu erbiicken kõnnen giaubte, macht ailerdings deutiich,
Hume und Smith, ja selbst Fichte in transzendentaler Ma- dass er in seiner inteiiektuelien Entwicklung bei diesem
nier auf die eine oder andere Weise versuchen, normative Befund nicht stehen gebiieben ist; je weiter er mit seiner
Grundzüge freizuiegen, durch die jede zwischenmensch- Systembiidung voranschreitet, je deutiicher er sieht,
iiche Kommunikation geprgt sein sou, beschrânkt He- dass ein Erfassen der prozessualen Verwirkiichung des
gel seine Anaiyse von vornherein auf nur einige besonde- Geistes in Natur und Geschichte es verlangt, ganz ande-
re Gestaiten einer soichen Kommunikation, well er giaubt, re Wjrkijchkejtsbereiche in sein Unternehmen einzube-
nur darin trãge sich zu, was er -Anerkennung- nennt. ziehen, desto stárker reiativiert sich fürihn der objektive
Hegeis Begriff der Anerkennung ist, so iieíe sich auch sa- Steilenwert der Liebe.11 Eine neue Schweiie in der Aus-
gen, durch und durch normativ; es geht ihm nicht um ali- arbeitung seines Systems erreicht Hegei schiieíiich, ais
gemeine, invariante Strukturen der soziaien Interaktion,
44 Vgl. dazu Axel Honneth, Kampf um Anerkennung. Zur mora1i
43 Vgl. Henrich, »Hegel und H51der1in, a. a. O. schen Grammati/e sozialer Konflu/ete, Frankfurt/M. 1992, S. 65 f.

172 173
er sich an den Entwurf einer »Phiiosophie des objekti- Im Zuge seiner Einsicht in die institutioneiie Vermitt-
ven Geistes« macht, in der die Vewirk1ichung des Geis- lung aller Anerkennungsprozesse wàchst bei Hegei zwei-
tes auf der Stufe des institutioneli geregelten Zusammen- tens aber auch die Erkenntnis, dass soiche Akte der
lebens in Geseiischaften dargeiegt werden sou; infoige der wechseiseitigen Anerkennung immer dann den Zünd-
dadurch erforderlichen Neuerungen an seinen Grund- stoff zu sozialen Konflikten liefern k6nnen, wenn den
kategorien sieht Hegei sich gez•wungen, der freiheitsver- beteiiigten Subj ekten aufgrund der geseiischaftiichen
bürgenden Rolie der Anerkennung eine weitaus stàrkere Wertordnung normativ unterschiediich gewichtete Ei-
Wendung ins Geseiischaftstheoretische zu geben, ais ihm genschaften zugewiesen werden; dann nãmiich kann es
ma
das bislang vor Augen gestanden hat. Zwei Verànderun- aus seiner Sicht zu Kãmpfen unter den Gesellschaftsmit-
gen sind es vor aliem, die sich aus dieser gesellschafts- gliedern darüber kommen, weiche ihrer subjektiven Be-
theoretischen Erweiterung für Hegeis Bestimmung der fàhigungen tatsãchlich ais wertvoil und damit ais Gründe
Anerkennung ergeben: Zum einen geht er im Rahmen für die in der Anerkennung volizogene Beschrãnkung
seines Systems nun zunehmend davon aus, dass der des eigenen Handeins gelten solien. In dem berühmten
Wert, den das anerkennende Subjekt in seinem Gegen- Kapitel über »Herrschaft und Knechtschaft«, das in
über verkõrpert sieht, weniger eme blog individuelie Vor- der 18o6 abgeschlossenen Phãnomenologie des Geistes
liebe ais vielmehr die geseiischaftliche Pràferenzordnung direkt auf die erste Erwãhnung der wechseiseitigen An-
zum Ausdruck bringt, in der jene sich weçhseiseitig an- erkennung ais einer notwendigen Bedingung eines ob-
erkennenden Subjekte grog geworden sind; es ist der jektiv verbürgten Freiheitsbewusstseins folgt, hat Hegei
»objektive Geist«, das zur »zweiten Natur« gewordene dieser konflikttheoretischen Seite seiner Theorie zum
Institutionengefüge einer bestimmten Zeit, so 1ieíe sich ersten Mal systematisch Ausdruck verliehen; demnach
auch sagen, wodurch für Hegel jetzt entschieden wird, kõnnen der Herr und der Knecht deswegen nicht zu ei-
weiche Wünsche und Interessen die Einzeinen besitzen ner reziproken Bekrãftigung ihres j eweiiigen Seibstseins
und weiche Facetten von Subjektivitãt sie am Anderen geiangen, weil die geseiischaftiichen Normen, in deren
daher wertzuschàtzen lernen. lii der »Rechtsphiloso- Horizont sie agieren, ein soiches symmetrisches Sich-
phie« wird aus dieser »Soziologisierung« des Ansatzes
für die Geseilschaft der Moderne dann der Schiuss gezo-
gen, dass sie drei sittliche Sphãren (Familie, bürgerliche ziologie, dass sie die formative Rolie Hegeis für die sich im 19.Jahr-
Gesellschaft und Staat) beheimatet, in denen bei vernunft- hundert neu entwickelnde Disziplin nicht angemessen würdigt;
gemãíer Organisation j eweils spezifische Bedingungen im Aligemeinen werden zu den »philosophischen Vorlàufern«
der wechseiseitigen Anerkennung in dem genannten, nor- der Soziologie nur Montesquieu, Rousseau und Condorcet, Fer-
guson und Adam Smith, gelegentlich noch Herder gerechnet: Ro-
mativen Sinn gegeben sind.11 bert Bierstedt, »Sociological Thought in the Eighteenth Century<,
in: Tom Bottomore/Robert Nisbet (Hg.), A History of Sociologi-
5 Es bleibt weiterhin ein Defizit der Geschichtsschreibung der So- calAnalysis, London 1979, 5. 3 -38-

174 175
wiederfinden in den gesellschaftlich typisierten Eigen- der Phdnornenologie des Geistes oder der Grundlinien
schaften des jeweils Anderen nicht zulassen.46 der Philosophie des Rechts dabei nicht irgendeine empi-
Es sind soiche Zusammenhãnge, die es vielleicht er- rische Neigung, cin sinnliches Bedürfnis oder cin natür-
lauben, Hegel die These zu unterstellen, er-echne mit liches Verlangen vor Augen gehabt haben kann; zwar be-
einem »Bedürfnis« oder einem »Begehren« nach Aner- sitzen soiche faktischen Begehrlichkeiten durchaus eine
kennung, obwohl sich soicheFormu1iehinen'bei ihm Bedeutung für Hegeis Konstruktion des »objektiven
nicht, jedenfalis nicht w5rtiich, finden lassen; es war Geistes-, weil er der Überzeugung ist, dass jede geseil-
dann auch erst Alexandre Kojève, der in seinen berühm- schaftliche Ordnung immer auch die jeweils gegebenen,
ten Vorlesungen zur Phãnornenologie des Geistes einer historisch sich verfeinernden Bedürfnisse des Menschen
derartigen Redeweise zum Durchbruch verholfen hat, befriedigen kõnnen muss; aber was die Anerkennung
indem er im Kontext seiner Ausiegung des Kapitels über angeht, 50 darf es sich dabei gerade nicht um cin Objekt
»Herrschaft und Knechtschaft« die »Begierde« nach der des natürlichen, sinnlichen Strebens von Subjekten han-
»Begierde des anderen« ais cin humanspezifisches Be- dein, weil sie doch um der Verwirklichung unserer ver-
dürfnis nach Anerkennung interpretiert hat.47 Allerdings nünftigen Subjektivitãt wilien begehrt wird. Jede Asso-
bleibt es bei Kojève weitgehend unklar, was mit einem ziation mit dem, wovon bei Rousseau, Hume und Smith
derartigen »Bedürfnis« gemeint sein kõnnte;48 und so die Rede ist, wenn sie von einem Verlangen nach sozialer
tun es ihm bis heute viele Interpreten nach, die von ei- Geltung sprechen, wàre also irrefüFirend; wenn Hegel an-
nem solchen Begehren reden, ohne sich zu fragen, was deutet, dass es em »Bedürfnis< nch Anerkennung gibt,
Hegel, hàtte er den Ausdruck verwendet, damit gemeint hat er vielmehr cin Streben vor Augen, das viel tiefer in
haben kõnnte.49 Auf der Hand liegt ja, dass der Autor die geistige Verfassung der menschlichen Subjektivitt
hineinreichtund so etwas bedeuten muss wie das vernunft-
46 G.W.F. Hegel, Phiinomenologie des Geistes, Frankfurt 1970, B.IV. geleitete Verlangen, der eigenen Befàhigung zur freien
A, S. 1 45-155. Selbstbestimmung objektiv Ausdruck zu geben. Jedes
47 Alexandre Kojève, Hegel. Eine Vergegenwirtigung seines Den- menschliche Subjekt besitzt nicht nur sinnliche Neigun-
/eens, übers. von Iring Fetscher und Gerhard Lehmbruch, Frank- gen, so muss Hegel voraussetzen, sondern auch den tie-
furt/M. 197, S. zzff.
fer sitzenden Wunsch, ungezwungen in der àuíkren Welt
48 Vgl.Wildt, Autonomie undAnerleennung, a.a.O., S.
49 Judith Butier, die deutlich in der Nachfolge von Kojève steht die Freiheit verwirklichen zu kõnnen, die die innerste
(siehe ihr Buch Subjects of Desire. Hegelian Reflections in Twen-
tieth-Century France, New York 2012 [Neuausgabe], bes. Kap. z), Noch deutlicher fndet sich diese problematische Gleichsetzung
behilft sich an dieser Stelle gelegentiich mit einem Gedanken Spi- eines Hegel'schen »Bedürfnisses< nach Anerkennung mit Spino-
nozas, indem sie ais Quelie eines »Bedürfnisses« nach Anerken- zas Trieb zur Selbsterhaltung in ihrer Abhandlung »Aufer sich«,
nung den Trieb (»conatus<) nach soziaier Selbsterhaltung be- übers. von Karin Wôrdemann, in: dies., Die Macht der Geschlech-
nennt: Judith Butier, Psyche der Macht. Das Sub) ekt der Unterwer- ternormen und die Grenzen des Menschen, Frankfurt/M. 2011,
fung, übers. von Reiner Ansén, Frankfurt/M. 200 1, etwa: S. 31f. S. 3-69, hier: S. 56f.
176 177
Erfahrung seiner Subjektivitãt ausmacht; und um dieses er das tut, hat er dabei offensichtiich Bestrebungen histo-
Begehren befriedigen zu kõnnen, so muss Hegel darüber risch situierter Subjekte vor Augen, entweder die Sphãre
hinaus annehmen, bedarf es der institutioneli geregelten ihrer Seibstbestimmung zu erweitern oder in bereits ins-
Anerkennung durch Andere, die dadurch, dass sie sich titutioneil gegebene Anerkennungsverhãitnisse inkiu-
selbst in ihren egozentrischen Interessen beschrãnken, õf- diert zu werden. Aber gemeint ist damit dann doch stets
fentiich kundtun, ihr Gegenüber zum Vollzug des Sich- mehr, ais was gewõhniich mit soichen Ausdrücken be-
selbst-Bestimmens zu ermchtigen oder zii autorisieren. zeichnet wird: nicht blog das sinnlich erfahrbare Be-
So zeigt sich an der Steile, an der Hegel dem Anerken- dürfnis, von diesem oder jenem Hindernis zukünftig be-
nungsdenken der ihm vorausgehenden Traditionen am freit zu sei, sondern das uns von der Vernunft diktierte
stãrksten entgegenzukommen scheint, zugleich auch die Veriangen, die eigene Fãhigkeit zur Seibstbestimmung
grb{te Differenz zwischen ihm und ali seinen Vorlãu- so unbeschrãnkt und ungezwungenwie nur m5giich prak-
fern.Woliten Rousseau, Hume oder Smith das Bedürfnis tizieren zu kbnnen.
nach Anerkennung mit je eigenen Akzentsetzungen ais Auf diese Weise hat Hegel, inspiriert durch Fichte,
ein sinniiches Veriangen verstanden wissen, ais das àiso, dem Kantischen Begriff der Achtung eine Wendung so-
was Kant pauschai ais Inbegriff unserer »Neigungen« wohi ins Sozioiogische ais auch ins Historische gegeb:en:
begriffen hatte,51 so versucht Hegel, hier ganz Sprõssling Begegnen sich zwei Subjekte in den institutioneil gere-
des Deutschen Idealismus, darunter ein Interesse unse- geiten Anerkennungsverháitnissen, die sich in den moder-
rer Vernunft an sich seibst, an ihrer eigenen Verwirkii- nen Geseiischaften dank eines historischen Prozesses des
chung zu verstehen: Das »Bedürfnis« nach Anerkennung »Foitschritts im Bewusstsein der Freiheit« herausgebii-
ist für ihn das Veriangen, unsere auf freien Voiizug hin det haben, so bringen sie sich ailein schon deswegen je-
angelegte Fàhigkeit zur vernünftigen Selbstbestimmung weiis eirie je besondere Form der Achtung wechselseitig
zu realisieren. Natürlich muss auch Hegel zeigen, dass entgegen, weii sie es aufgrund ihrer Sozialisation geiernt
sich die kausaie Effektivitãt eines derartig »geistigen« haben, sich an die Normen zu haiten, die der jeweiiigen
Veriangens so weit empirisch plausibei machen iãsst, dass Sphàre zugrunde liegen; und werden diese gegebenen An-
es nicht zu einer bio{en Schimãre zu werden droht; da- erkennungsverhãitnisse einmai von den Subjekten ais zu
her finden sich inimer wieder Stelien, an denen er auf eng, ais zu einschnürend oder ais zu ungieich erfahren,
sinniiche Verkõrperungen dieses Bedürfnisses in der rea- 50 sorgt, wie Hegel überdies giaubt, die stete Kraft unse-
len Welt sozialer Begebenheiten verweist; und wo immer res vernünftigen Wiliens zur Seibstbestimmung dafür,
dass sich Kãmpfe für neue, erweiterte Formen der Aner-
kennung entiaden.
o Kant, Grundiegung zur Metaphysile der Sitten, a.a.O., S.
Nun wãre es sicheriich faisch, behaupten zu woiien,
(AA 413), Fn.: «Die Abhãngigkeit des Begehrungsvermigens
von Empfindungen heift Neigung, und diese beweist also jeder- in exakt dieser anspruchsvoiien Version wãren Hegeis
zeit cin Bedürfnis.« Vorsteiiungen zum Trãger einer spezifisch deutschen Idee
178 179
von Anerkennung geworden; weder die Soziologisie- selseitigen Anerkennung 'handeln müsse.52 Welche kom-
rung noch die Historisierung, die er, am Begriff der An- plexe Struktur Hegeis Theorie der Anerkennung aber
erkennung vorgenommen hatte, wurden in der deutsch- tats.ch1ich besitzt, wird sich im volien Umfang erst im
sprachigen Philosophie sofort angemessen verstanden, nchsten, abschIiefenden Kapitel zeigen, wenn ich aus
so dass bis in die I98oerJahre davon nur der schm.chti- der ideengeschiGhtlichen Rekonstruktion eine systema-
ge Rest der Behauptung eines menschlichen Verlangéns tische Bilanz zu ziehen versuche.
nach Anerkennung sowie eines aus dessen Scheitern re-
sultierenden Konfliktes bestehen blieb. Aber selbst in
dieser ãuflerst reduziertenForm ist Hegeis Anerkennungs-
denken von enormem Einfluss auf die intellektuelle Ent-
wicklung in Deutschland gewesen, hat das dramatische
Schaffen Bertolt Brechts ebenso beeinflusst wie die zu
Beginn des zo.Jahrhunderts entstandene Dialogphiloso-
phie;5' der führende Gedanke war dabei stets, dass jede
intersubjektive Begegnung zwischen Menschen von der
wechselseitigen Erwartung geprgt isj,sich alg Gleiche
unter Gleichen zu behandeln, weswegen bei einem mõg-
lichen Zuwiderhandeln zwangs1ufig em Konflikt ent-
stehen müsse; ja, selbst die Weise, in der hierzulande
über den Klassenkampf nachgedacht wurde, war nicht
selten von dem Gedanken beherrscht, dass es sich dabei
wie beim Drama zwischen Herr und Knecht um em sys-
temisch verzerrtes oder gestõrtes Verh1tnis der wech-

51 Exemplarisch: Bertolt Brecht, »Herr Puntila und sein Knecht


Matti«, in: ders., Gesammelte Werke, Bd. 4, Frankfurt/M. 1967,
S. 16o9-1717.Vgl. dazu Hans Mayer: »Hegels >Herr und Knecht,
in der modernen Literatur (Hofmannsthal - Brecht - Beckett)<,
in: Stuttgarter Hegel-Tage 1970. Vortrãge und Kolloquien des In-
ternationalen Hegel-Kongresses, hg. v. Hans-Georg Gadamer,
Bonn 1974,S. 53-78. Zur Dialogphilosophie vgl. Michael Theunis- 52 VgI. z. B. Hans Heinz Hoiz, Herr und Knecht bei Leibniz und He-
sen, Der Andere. Studien zur Sozialontologie der Gegenwart, Ber- gel. Zur Interpretation der Klassengesellschaft, Neuwied/ Berlin
lin/New York 1977, Zweiter Teu, bes. S. 473 f. 1968.

180 181
in den drei unterschiediichen Kontexten jeweils unter »An-
V. erkennung« genau verstanden und wie deren Wirkung
Anerkennung im ideengeschichtlichen auf die beteiligten Subjekte, also den Anerkennenden
Vergleich: und den Anerkannten, im Einzelnen gedeutet wird.
Versuch eines systematischen Resümees Schon die erste der beiden Teilfragen bringt erhebliche
Schwierigkeiten mit sich, weil es den Anschein hat, dass
in den drei Bedeutungskontexten jeweiis etwas anderes
In den drei nationalen Kulturen, die ich in nãheren Au- mit einer solchen Anerkennung gemeint ist. Im ersten
genschein genommen habe, wird die Abhãngigkeit eines Fail, dem des vornehmlich in der franz6sischen Kultur
jeden Subjekts von der Anerkennung durch seine Mit- beheimateten Denkens, ist Anerkennung etwas, wonach
menschen jeweiis sehr unterschiediich gedeutet: Im Frank- Subjekte streben, weil sie ein Bedürfnis besitzen, zur Wert-
reich der beginnenden Moderne wird von La Rochefou- schãtzung oder zumindest zu einer gesicherten Existenz
cauld bis Rousseau und spàter dann auch von Sartre und im Rahmen der Geselischaft zu geiangen, in der sie ie-
Althusser in dieser konstitutiven Abhãngigkeit vor aliem ben; teils zieit dieses Begehren darauf, Anderen gegen-
eine Gefãhrdung des »authentischen« Zugangs zum eige- über eine soziaie Vorrangsteiiung zu erringen, teus auch
nen Seibst gesehen; in Groíbritannien wird von Shaftes- nur darauf, überhaupt ais ein legitimes Mitglied der so-
bury über Hume und Smith bis hin zu John Stuart Miii ziaien Gemeinschaft geiten zu kõnnen. In der Schwebe
diese Abhãngigkeit vordringiich ais eine Chance zur bieibt dabei, ob die damit erstrebte Anerkennung einen
moraiischen Seibstkontroiie des Subjekts wahrgenom- eher kognitiven oder normativen Charakter beskzt, weil
men; und im Deutschland des ausgehenden IS. und be- es sich hufig nur um den Wunsch nach einer Zurkennt-
ginnenden 19. Jahrhunderts wird dieseibe Abhãngigkeit nisnahme der eigenen (prãsumtiven) Eigenschaften han-
sch1ieílich von Kant über Fichte bis zu Hegei ais Bedin- deit, es geiegentlich aber auch um eine moralische Aus-
gung der Migiichkeit von individuelier Selbstbestimmung zeichnung dieser Eigenschaften zu gehen scheint; was
verstanden. Bevor ich mich an die schwierige Frage heran- jeweiis gerneint ist, ergibt sich dann stets aus dem Kon-
wage, ob sich diese sehr unterschiediichen Bedeutungs- text, doch es überwiegen in dieser Tradition, wie wir ge-
assoziationen eher exkiusiv oder doch kompiementãr sehen haben, deutlich die epistemischen Konnotationen;
zueinander verhalten, ob sie sich also wechselseitig aus- damit hãngt auch zusammen, dass es hier relativ unklar
sch1ieíen oder zusammengenommen zu einer vertieften bieibt, ob die Anerkennung ihrerseits einer gradueilen
Einsicht in dasseibe Phãnomen beitragen, will ich die ge- Abstufung fhig ist, ob sie also in verschiedenen Graden
rade erwãhnten Unterschiede noch einmal in gr6íerer daherkommen kann. I)berwiegt die epistemische Kon-
Allgemeinheit und damit weitgehend in Unabhãngigkeit notaton, 50 scheint eine soiche Graduierung nicht mõg-
von den genannten Denkern zusammenzufassen versu- iich, weil es nur um die entweder richtige oder faische
chen. Ais Leitfaden soll mir dabei die Frage dienen, was »Erkenntnis< von »obj ektiven< Gegebenheiten gehen
182 183
kann, whrend bei der normativen Verwendung Abstu- meinsam in Wechselseitigkeit unserer Fhigkeit versichern
fungen durchaus mëgiich sind, wie Rousseaus Differen- kënnen, uns im Handeln statt von empirischen Beweg-
zierung zwischen gleichem Respekt und graduierbarer gründen von selbstgesetzten Normen leiten zu lassen;
Wertschtzung zu erkennen gibt. Ganz anders sieht es denn sich wechselseitig anzuerkennen heiít in diesem
im zweiten Fali aus, dem des vornehmlich britischen Kontext, dem Anderen gegenüber auf die Durchsetzung
Denkens; hier meint -Anerkennung- zwar auch etwas, eigener Antriebe so weit zu. verzichten, dass .sich darin
wonach Menschen im Aligemeinen aufgrund ihrer mo- unser Vermëgen zur Orientierung an für vernünftig ge-
tivationalen Natur streben, aber sie tun dies weniger, um haltene Normen bezeugt. Erst mit Hegel aber wird die-
dadurch irgendeine gesellschaftliche Vorrangstellung zu ses Geschehen so weit seines transzendentalen Charakters
erwerben, sondern vieimehr, um ein akzeptiertes Mitglied entkieidet und historiser't, dass es nun zustzlich auch
ihrer sozialen Gemeinschaft werden zu kõnnen; daher ais graduierbar erscheint: Es lassen sich nach seiner Über-
besitzt die erstrebte Anerkennung hier auch einen unzwei- zeugung geschichtiich verschiedene Realisationsformen
deutig normativen Charakter, da Zustimmung (praise) eines soichen Sich-wechselseitig-Anerkennens auffinden,
dafür erwartet wird, wie man sich im sozialen Umgang die schrittweise den Grad der ermëgiichten Seibstbe-
verhJt - ob man also die jeweils geltenden Normen an- stimmung erhëhen, weii immer mehr an Rücksichtnah-
gemessen beherrscht und im eigenen Verhalten adquat me auf den Anderen verlangt wird und sich damit der
zum Ausdruck bringt. Die Graduierung einer soichen Spieiraum für die Durchsetzung natürlicher Antriebe
Anerkennung scheint in dieser Tradition schon deswe- vermindert.
gen mõgiich, weii sich der Kreis der Mitmenschen, deren Alie diese zusammenfassenden Formulierungen sind
Zustimmung oder Lob erstrebt wird, sfándig erweitern freilich noch zu sehr mit Elementen der jeweiligen Aus-
kann: Je umfangreicher die Gruppe derer ist, die dem gangstheorien behaftet, ais dass sie es bereits erlauben
Verhaiten einer Person Anerkennung oder Lob zoilen, würden, zu drei deutiich voneinander unterschiedenen
desto grõf.er so11 die Gewhr dafür sem, dass sich diese Paradigmen des Verstndnisses unserer Angewiesenheit
tatschlich moralisch korrekt und angemessen verhit. auf soziale Anerkennung zu gelangen; daher bedarf es
Wieder anders ist es schlieílich um den. dri;ten. Fali be- noch eines weiteren Schritts der »ideaitypisierenden«
stelit, des vornehmlich im deutschen Kontext beheinu- Zuspitzung, um tatschiich in der Lage zu sein, soiche Dif-
teten Anerkennungsdenkens: Anerkennung bedeutet hier ferenzierungen kontrastreich genug vorzunehmen. Es
nicht etwas, wonach Subjekte aufgrund ihrer Bedürfnis- ist wohi nicht faisch, zu behaupten, dass im ersten Para-
natur streben, sondern stellt eine Bedingung dafür dar, digma das einzelne Subjekt tendenzieli ais jemand vorge-
überhaupt ein vernünftiges, sich selbst bestimmendes We- stelit wird, der aufgrund seines Begehrens nach sozialer
sen werden zu kbnnen; der Grund für diese Abhngig- Anerkennung dem Urteil der Geseilschaft hilf los ausge-
keit aller Menschen von der Anerkennung durch ihre setzt ist: Von dem Bedürfnis getrieben, vom generalisier-
Mitmenschen wird darin gesehen, dass wir uns nur ge- ten Anderen alier Gesellschaftsmitglieder Best.tigung
184 185
zu erlangen, muss der Einzelne versuchen, sich gemàí innerhaib der sozialen Gemeinschaft um seine Seibstbe-
der sozial etablierten Standards zu verhaiten, um derart stimmung ringende Subjekt: Der individuelie Akteur,
entweder durch besonderes Hervortun Bewunderung angetrieben vom Interesse, sich ais ein vernunftfãhiges
oder durch korrektes Verhalten Zustimmung zu erhai- Subjekt zu verwirkiichen, ist darauf angewiesen, an den
ten; dieses Veriangen ist gestilit, wenn dem Individuum Reaktionen seines Gegenübers in Erfahrung zu bringen,
õffentiich diejenigen Eigenschaften zugeschrieben wer- dass er zur Bestimmung seines Handeins aus Vernunft-
den, von denen es sich erhoffen kann, dass sie ihm die er- gründen tatsãchiich in der Lage ist; dazu aber ist er nur f-
sehnte Bestâtigung oder Auszeichnung verschaffen. ,An- hig, wenn er seinerseits gegenüber diesem Anderen auf
erkennung- hei& dann hier derjenige soziale Akt einer die Durchsetzung seiner natüriichen Antriebe ',erzichtet
Zuschreibung von personalen Eigenschaften, durch den und ibm derart moralische Rücksichtnahme entgegen-
ein Subjekt erwarten kann, geseilschaftliche Akzeptanz bringt. »Anerkennung« ist hier dementsprechend stets
oder sogar Bewunderung zu finden. Anders verhãlt es ein dyadischer Akt der moralischen Selbstbeschrãnkung,
sich im zweiten Paradigma, in dem das Individuum ge- den mindestens zwei Subjekte wechseiseitig voiiziehen
wiss nicht ais eine Geisei geseiischaftiicher Urteiie über kõnnen müssen, um einander ihre Vernunftfàhigkeit und
sein eigenes Verhalten, sondern ais ein Mitspieier in einer damit ihre Mitgiiedschaft in einer Gemeinschaft vernunft-
sozialen Gemeinschaft vorgesteiit wird: Der individuelie begabter Wesen zu besttigen.
Akteur, angetrieben vom Wunsch nach geseiischaftiicher Natüriich tauchen in diesen Charakterisierungen die
Akzeptanz, ist darum bemüht, sem eigenes Verhalten mo- spezifischen Fãrbungen, welche die einzelnen Autoren
ralisch 50 zu kontroilieren, dass er dafür im Lichte der dem Akt der Anerkennung jeweils verlieben haben, gar
herrschenden Normen soziale Zustimmung erfãhrt; sem nicht mehr auf; weder die gravierenden Unterschiede
Bedürfnis ist befriedigt, wenn er sich seibst anhand soicher zwischen Rousseaus Konzeption der amour propre und
positiven Reaktionen davon überzeugen kann, gerecht- der Intersubjektivittstheorie Sartres, die vieien Divergen-
fertigterweise ais ein Mitgiied der von ihm befürworteten zen zwischen Humes und Smith' Version des inneren
Gemeinschaft akzeptiert zu werden. »Anerkennung« Beobachters oder die massiven Differenzen zwischen
hei& daher hier derjenige soziale Akt einer moralischen Fichtes transzendentalem und Hegeis historisiertem Be-
Zustimmung zum eigenen Verhalten, den ein Subjekt in griff der Anerkennung finden hier noch angemessene
sich imaginieren kõnnen muss, um überzeugt zu sem, ais Berücksichtigung. Aber das ist bis zu einem gewissen Um-
legitimes Mitgiied seiner Bezugsgemeinschaft gelten zu fang auch beabsichtigt, weil es jetzt darum gehen sou,
dürfen. Wieder anders verhãlt es sich im dritten Paradig- aus den jeweiis kuiturspezifisch getõnten Charakterisie-
ma, in dem das Individuum sicher nicht ais eine Geisel rungen unserer Abhãngigkeit vom Anderen die auge-
der Beurteilung durch die Geseiischaft, aber auch nicht meinsten, genereil geteilten Züge herauszudestiiiieren,
einfach ais Mitspieier in einer sozialen Gemeinschaft vor- um auf diese Weise zur Unterscheidung von drei noch
gestelit wird.Was hier vielrnehr im Zentrum steht, ist das heute gebrãuchlichen Auslegungen der Anerkennung
186 187
zu gelangen; soiche »Paradigmen« beinhaiten dann je- nung auf das damit gemeinte Subjekt im Aiigemeinen ais
weiis cine der prinzipielien Mõgiichkeiten, sich auszu- positiv odersoziai fõrderiichbeschrieben: Em Individuum,
malen oder zu imaginieren, wie die Abhãngigkeit der dessen Wunsch nach soziaier Mitgiiedschaft nur dadurch
Subjekte voneinander grundsãtziich, das heiíh unabhãn- Befriedigung erfahren kann, dass es sein moraiisches
gig von konkreten Erfahrungsgehaiten, verfasst ist. Verhaiten und Urteiien im Lichte der verinneriichten Nor-
Soll mit Hilfe desseiben Abstraktionsverfahrens nun men seiner Bezugsgemeinschaft seibst gutheiíen kann,
auch die zweite Teilfrage beantwortet werden, nm1ich sieht sich dadurch permanent zu einer normativen Kon-
weiche Wirkungen die j eweiis unterschiediich interpretier- troiie der eigenen soziaien Praktiken angehaiten. Daher
te Anerkennung auf die Beteiigten haben sou, so geiangt wird in dieser Tradition mit dem Faktum der intersub-
man erneut zu drei sehr unterschiediichen Vorsteliun- jektiven Begegnung zwischen Subjekten beinah automa-
gen. Im ersten, im franzósischen Kulturkreis beheimate- tisch die positive Wirkungverknüpft, dass das Individuum
ten Paradigma wird der Effekt der ais Zuschreibung vo iernt, sich in seine Bezugsgemeinschaft einzupassen; die
personalen Eigenschaften gedachten Anerkennung auf Anerkennung, die em Subjekt bei soziai angemessenem
das dadurch kiassifizierte Subjekt genereil ais negativ Verhaiten von seinem »inneren«, die Geseiischaft repr-
oder gar destruktiv beschrieben: Ein Individuum, des- sentierenden Beobachter empfngt, steigert seine Bereit-
sen Wunsch nach sozialer Hõhersteiiung oder geseilschaft- schaft zur moraiischen Seibtkontro1ie. Noch einmal an-
iich gesicherter Existenz dadurch Befriedigung erfãhrt, ders ist es um diese Wirkungen der Anerkennung im
dass ibm óffentiich bestimmte Eigenschaften veriiehen dritten Paradigma bestelit, das aus der praktischen Phi-
werden, veriiert infoige einer soichen Festiegung die Fã- iosophie des Deutschen 'Ideaiismus hervorgegangen ist.
higkeit, seibst zu bestimmen oder zu erkunden, wer es Hier entfi1t in gewisser Weise die Unterscheidung zwi-
ist oder sein m&hte. Daher wird in dieser Tradition mit schen anerkennendem und anerkanntem Subjekt, weil
dem Faktum der intersubjektiven Begegnung zwischen aufgrund der vorausgesetzten Reziprozitt der Anerken-
Individuen stets nahezu reflexhaft die Gefahr des Selbst- nung das Subjekt stets beide Roiien gleichzeitig wahr-
veriustes oder der Spaitung des Subjekts assoziiert; die nehmen kinnen hiuss. Die Wirkungen einer soichen
Anerkennung, die hier ais geseiischaftiiche Zuschreibung wechseiseitigen Anerkennung, die ais cine Art von nor-
interpretiert wird, bringt für das anerkannte Subjekt das mativer Autorisierung zur Seibst- oder Mitbestimmung
Risiko mit sich, nicht mehr über die Autoritt der Ich- gedacht wird, besteben in einer simuitanen Freiheitsein-
Perspektive (first-person perspective) zu verfügen. Ganz schrnkung und Freiheitserweiterung auf beiden Seiten:
anders verh1t es sich mit der Wirkungen der Anerken- Das Individuum, dessen Bedürfnis nach Verwirklichung
nung wiederum im zweiten Paradigma, dessen Entste- seiner Vernünftigkeit nur dadurch Befriedigung erfhrt,
hung sich den Anregungen der schottischen Moraiphilo- dass es sich vor seinen Mitmenschen ais vernünftig er-
sophie verdankt. Hier wird der Effekt der ais moraiische weist, sieht sich zu diesem Zweck gen&igt, gegenüber
Beiobigung oder Zustimmutig verstandenen Anerken- seinen Interaktionspartnern auf die Durchsetzung sei-
188 189
ner bIoS egozentrischen Antriebe zu verzichten und ih- kontrolle und im deutschsprachigen Kontext aus der NS-
nen damit also eine seinen eigenen Handlungsspielraum tigung zur wechselseitigen Anerkennung die Mig1ichkeit
einschrãnkende Freiheit einzurãumen; weii nun aber der persõniichen Seibstbestimmung. Angesichts dieser
diese Interaktionspartner, um sich ihm gegenüber ihrer- massiven Differenzen im Besinnen auf das intersubjek-
seits ais vernünftig erweisen zu kinnen, seibst ebendiese tive Geschehen. drãngt sich nun aber die Frage auf, in
Freiheitseinschrãnkung voiiziehen kõnnen müssen, wird weichem Verhãitnis die drei Ansãtze zueinander stehen:
jenem Individuum gleichzeitig ein normativer Status zu- Tauchen sie ein und dasselbe Phãnomen, nãmiich das An-
gebilligt, der eine Steigerung seiner eigenen Freiheit zur erkennungsverhitnis zwischen Subjekten, nur jeweiis
Folge hat. Daher wird in dieser dritten Tradition das Ge- in ein anderes Licht oder erschiieíen sie daran kompie-
schehen der reziproken Anerkennung zwischen Subjek- mentãre Aspekte, so dass sie zusammengenommen em
ten stets ais Bedingung der Mëglichkeit von individuel- komplexeres Biid jener Vorgãnge ergeben? Dieselbe Fra-
ler Selbstbestimmung interpretiert; die Anerkennung, ge lãsst sich auch in der Weise formulieren, dass nun das
die sich die Individuen aus Gründen der Bezeugung ih- Augenmerk darauf gerichtet werden sou, welche Konse-
rer vernünftigen Subjektivitãt wechseiseitig zoilen, er- quenzen aus den zuvor rekonstruierten Traditionsbestãn-
mõgiicht ihnen, ihre Freiheit in einer von der sozialen den für die gegenwãrtigen Debatten um die Idee der An-
Gemeinschaft gebiiligten Weise auszuüben. erkennung zu ziehen sind. Ich wiii mich dieser nicht
Unschwer ist an diesem Versuch einer »idealtypisieren- ieicht zu beantwõrteiden Frae annàhern, indem ich zu-
den« Komprimierung der drei Anerkennungslehren zu nãchst einige die aktuelien Diskussionen beherrschende
erkennen, dass die in dn Kulturen Frankreichs, Gro{bri- Missverstàndnisse beiseiterãume, um dann Mõglichkei-
tanniens und Deutschlands jeweils entwickelten Vorstel- ten der theoretischen Vermittlung zwischen den drei
lungen über Sinn und Gehait der zwischenmenschiichen Modeiien zu erkunden.
Begegnung offenbar enorm weit voneinander entfernt Angesichts der massiven Differenzen sowohi im theo-
sind. Nicht nur in Hinbiick darauf, welche Erwartungen retischen Vorgehen ais auch im sachlichen Resultat, die
und Einsteiiungen sich die Subjekte typischerweise ent- ich speben noch einmai »idealtypisierend« zusammen-
gegenbringen, sondern auch in Hinbiick auf die Wir- zufassen versucht habe, iiegt die Mõglichkeit nahe, schlicht
kungen einer soichen Begegnung auf die Beteiiigten un- eine prinzipieile Unvertrãglichkeit der drei Modeile von
terscheiden sich die drei kulturspezifischen Paradigmen Anerkennung zu behaupten. Entgegen der heute weit
offensichtiich gravierend: Ist es im franzõsischen Kon- verbreiteten Meinung, es stünden sich auf dem Feld der
text die Gefahr des Seibstveriustes, die aus dem indivi- Anerkennungstheorie genereii em »positiver« und em
dueilen Streben nach sozialem Status oder geselischaft- »negativer« Ansatz gegenüber, die auf derselben Ebene
lich gesicherter Existenz resultiert, so folgt im britischen operieren und nur sehr verschiedene Akzente setzen,1
Kontext aus dem individueiien Beçlürfnis nach sozialer
Zustimmung die Bereitschaft zur moralischen Selbst- i Vgl. zuletzt: Rahel Jaeggi/Robin Celikates, Sozuilphilosophie.

190 191
müssen zunãchst eimnal die scheinbar unüberwindba- Handeins, verzichtet wird; mangelt es einer derartigen
ren Schwierigkeiten der Vergleichbarlçeit herausgestrichen Einstellung oder Handlungsweise aber an diesem zwei-
werden: Was in der geme ais »positiv« bezeichneten Tra- ten Element, also der moraiischen Seibstbindung von
dition:Fichtes und Hegeis ais »Anerkennung< bezeichnet Seiten des anerkennenden Subjekts, so darf sie aus der
wird,ist von dem, was die »negative<, heute bei Vernach- Sicht der auf Fichte und Hegei zurückgehenden Tradi-
1ssigung der intellektuellen Erbschaft eines Rousseau tion eben kaum »Anerkennung« genannt, sondem muss
oder Sartre vornehmiich mit Louis Aithusser oder Judith mit anderen Begriffen wie soziale »Zuschreibung« oder
Butier assoziierte Tradition darunter versteht, so verschie- »Klassifikation« belegt werden. An dieser sehr grundsãtz-
den, dass schlechterdings kaum von demselben Phãno- lichen Differenz àndert auch nichts, dass für die sogenann-
men die Rede sein kann. Ist hier nãmiich mit dem Begriff te negative, mit dem franzõsischen l7enken assoziierte
zunãchst nur ein Akt der gesellschaftiichen Zuschrei- Tradition behauptet wird, auch sie betrachte schiieíiich
bung von bestimmten (typisierten) Eigenschaften ge- ais das Resuitat der »Anerkennung« genanriten Hand-
meint, dem jegliche normative Komponente der »Selbst- iungsweisen die geseiischaftiiche Erzeugung eines »freien
beschrànkung« des zuschreibenden Akteurs fehit, so wird Wiilens« oder eines seiner seibst bewussten Subjekts; denri
dort mit demselben Begriff der Akt einer moralischen in den beiden Traditionen ist mit derselben Formulierung
Autorisierung eines anderen Subjekts bezeichnet, der etwas sehr Verschiedenes gemeint: das eine Mal die so-
zwangslãufig mit einer Selbstverpflichtung zur Beschr.n- zial verbürgte Befãhigung zur Selbstbestimmung, das
kung des eigenen Handeins einhergeht. Für Fichte, Hegel andere Mal die Fiktion einer solchen Selbstbestimmung,
und die auf beide zuriickgehende Tradition ist Anerken- die durch die geseiischaftlich auferiegten Bestimmungen
nung - hierin zutiefst dem Kantischen Erbe verpflich- immer schon hintertrieben wird.2
tet - eine Einsteliung und eine Handlungsweise gegen- So fatal, wie für die gegenwàrtige Diskussion die Ver-
über anderen Subjekten, die diese (mbglicherweise in mengung dieser beiden aus unterschiedlichen Traditio-
Graden) zur Ausübung ihrer Selbstbestimmung oder ih- nen stammenden Begrifflichkeiten ist, 50 nachteilig mag
res »freien Willens« ermàchtigt, indem (wiederum mâg- für sie auch die weitgehexde Ausblendung der von der
iicherweise in Graden) auf die Bettigung der »eigenen schottischen Moralphiiosophie geprãgten Anerken-
Selbstliebe« (Kant), also eines rein selbstbezüglichen nungsidee sem - die doch, wenn ich mich nicht tãusche,
unsere Ailtagssprache lãngst viei stãrker durchdrungen
Eine Einführung, München 2017, Kap. 5, bes. S. 69 ff. Ais Bezugs-
texte einer soichen »negativen< Tradition werden heute neben den
einschlãgigen Schriften von Jean-Paui Sartre, Louis Aithusser und 2 Vgi. etwa Louis Aithusser, Ideologie und ideologische Staatsappa-
Judith Butler (zwischen denen noch einmal methodisch gravie- rate, i. Halbband, übers. von Peter Schttler und Frieder Otto
rende Unterschiede bestehen) geme genannt: Patchen Markell, Wolf, Hamburg 2010, S. 98; und noch deutlicher: Judith Butier,
Bound by Recognition, Princeton 2003; Thomas Bedorf, Verken- Psyche der Macht. Das Sub) ekt der Unterwerfung, übers. von Rai-
nende Anerkennung. Über Identitãt und Politik, Berlin 2010. nçr Ansén, Frankfurt/M. 2001, S. 26.

192 193
hat ais die beiden anderen theoretischen Paradigmen. Dass Erwachsene sich wechseiseitig zur Verfoigung ehrgeizi-
»Anerkennung« umgangssprachlich zunchst einmal nur ger Vorstze motivieren. Aber erneut muss mit Blick auf
die soziale Auszeichnung und Würdigung des eigenen diese Redeweise natürlich festgehalten werden, dass mit
Wohiverhaitens bedeutet, die dann im Zuge ihrer steten ihr ein anderer sozialer Akt bezeichnet werden soll ais
Wiederholung auch verinneriicht und zur psychischen der, den die beiden anderen Verstãndnisweisen jeweiis
Instanz der Kontrolie des eigenen Tun und Lassens wer- thematisieren: Zwar wird hier im Unterschied zum »ne-
den kann, ist cine aus der Popu1.rpsycho1ogie kaum mehr gativen< Ansatz .ind in Übereinstimmung mit den aus
wegzudenkende Intuition, die ihre Spuren auch in dér dem Deutschen Idealismus stammenden Vorsteliungen
Moralphilosophie der Gegenwart hinterlassen hat; hier an der Anerkennung ebenfalis das normative Moment der
soilen im impliziten Anschluss an die empiristische Tra Zustimmung hervorgehoben, doch fehlt es an der zus.tz-
dition »Lob« und »Tadel« ais die bffentiich praktizier- iichen Komponente der simuitan damit einhergehenden
ten Sanktionsmittel geiten, mit deren Hilfe die Soilgel- moraiischen Seibstbindung; Lob und Auszeichnung sind
tung moraiischer Normen im Motivationshaushalt der anerkennende Reaktionen, aber sie erfordern nicht gieich-
Individuen geselischaftlich sichergestellt wird.3 Umso zeitig jene Beschrãnkung der eigenen Seibstbezüglich-
erstauniicher angesichts ihrer starken Verbreitung ist keit, die in der auf Kants Achtungsbegriff zurückgehen-
es dann aber, dass diese geiufige Vorsteiiung vom sozia- den Vorsteilung von Anerkennung stets mitgedacht wird.
ien Wert zwischenmenschiicher Besttigung und Zu- Man sieht mithin fürs Erste, dass die gegenwrtige Dis-
stimmung in den heutigen Debatten um die Bedeutung kussion von thematischen Einseitigkeiten und einer
und Wirkung sozialer Anerkennung so gut wie keine mangeinden Durchdringung begriffiicher Differenzen
Rolie spielt; nur selten ist dort davon die Rede, dass mit- geprãgt ist, so dass wir es mit einem grofen Durcheinan-
teis soicher elementaren, tagtãglich angewandten Mittel der von Intuitionen verschiedener Herkunft zu tun ha-
der anerkennenden Ermunterung Kinder erzogen wer- ben, von denen h6chst unklar ist, wie sie je ein geordne-
den, Jugendiiche Ich-Ideaie zu eiit*icke1n iernen und tes Ganzes ergeben kõnnen solien.
Wie aber nun soiien sich die drei divergierenden Aner
Vgl. hierzu, unter Verwendung des Anerkennungsbegriffs: Peter kennungsmodelie so aufeinander beziehen iassen, dass
Stemmer, Normativitãt. Eine ontologische Untersuchung, Berlin
sie nicht inger b1ôf ais sich wechseiseitig ausschiiefknd,
2008.Wie verworrer es allerdings uindie Rede von der Anerken-
nung in der gegenwirtigen Moralphilosophie bestellt ist, wird sondem ais sich produktiv ergãnzend gedacht werden
schlagartig daran deutlich, dass etwa David Wiggins seineri Ent- k6nnen? Lãsst sich, anders gesagt, ein Weg finden, die
wurf einer Ethik im Anschluss an Hume und Philippa Foot in verschiedenen, aus kulturspezifischen Erfahrungen ge-
der für unsere Lebensform charakteristischen »wechselseitigen An-
wonnenen Vorsteilungsmodeiie ais historisch geronne-
erkennung begründet sein lãsst, ohne dabei die Herkunft der ent-
sprechenden Idee von Fichte und Hegel auch nur zu erwãhnen: ne Einsichten in divergente Aspekte oder Reaiisatjàns-
David Wiggins, Ethics. Twelve Lectures on the Philosophy ofMo- formen ein und desseiben Vorgangs zu iesen - aiso in
rality, Cambridge/Mass. 2006, S. 243 ff. einerWeise, dass die drei Ansãtze zusammengenommen
194 195
zu einem ko.mpiexeren Verstindnis dessen beitragen, was erscheinen iassen, seinen Ansatz mit den anderen Beschrei-
es für uns Menschen hei&, von der Anerkennung durch bungsweisen der Anerkennung in Einklang zu bringen.
andere Subjekte abhngig zu sem? Ich will zum Schluss Das Beispiel Sartres macht freilich auch noch einmal deut-
meiner ideengeschichtlichen Studie zumindest in Um- Iich, wie schwierig es Ietztlich ist, nach Wegen einer theo-
rissen skizzieren, wie eine soiche Integration der drei An- retischen Versõhnung der drei unterschiedlichen Ideen
erkennungsmodelle aussehen kõnnte - und damit auch von Anerkennung zu suchen; derm es handeit sich ja
dem Eindruck vorbeugen, mir sei es hier im Wesentiichen nicht nur um scheinbare Unvertrgiichkeiten in der Be-
nur um den resignativen Befund gegangen, innerhalb Eu- stimmung dessen, was Anerkennung bedeuten und be-
ropas werde die Abhngigkeit vom Anderen j nach Land wirken sou, sondern auch um gravierende Differenzen
und Kultur philosophisch eben so unterschiedlich the- im methodischen Zugang; auf den erstçn Blick ist gar nicht
matisiert, dass sich daraus keine systematischen Lehren zu erkennen, wie es móglich sein sou, Anstze mitein-
ziehen 1ie{en. Es ist aber eine Sache, soiche divergieren- ander zu verknüpfen, die 50 unterschiedliche Begrün-
den Entwick1ungsver1ufe einer Idee historisch zu kon- dungsformen verwenden wie psychoiogisch-phno-
statieren, jedoch eine andere, systematisch nach deren menoiogische Beschreibungen, Schiüsse aus aiigemein
jeweiiiger Berechtigung zu fragen. wahrnehmbaren Erfahrungstatsachen, transzendentaie
Für mein Unterfangen wird es sich allerdings gelegent- Analysen oder geschichtsphiiosophische Argumentatio-
iich ais ratsam erweisen, die zuvor unterbreiteten Verali- nen. Eine Lõsung des damit aufgeworfenen Problems
gemeinerungen der drei kulturspezifischen Traditionen scheint mir darin zu liegen, zunchst einmal von diesen
zu übergreifenden »Paradigmen« wieder ein Stück weit methodischen Differenzen abzusehen und sich zu fra-
zurückzunehmen; es wird sich nm1ich zeigen, dass em- gen, welches der drei Modelie insofern den strksten An-
zeine Ansãtze aus den von mir behandeiten Denktradi- spruch steiit, ais es darum gehen sou, zu erk1ren, wie
tionen besser ais andere geeignet sind, sich mit dem Rest unsere geseiischaftiiche Lebensform überhaupt ais Gan-
zu einem stimmigen Biid unserer Abhngigkeit von so- zes verfasst ist; auf der Basis dieses gmndstziichsten, ge-
zialer Anerkennung zusammenzufügen. So wird man wisserma{en konstitutiven Verstndnisses von Anerken-
zum Beispiel gleich zu Beginn feststellen müssen, dass nung 1sst sich dann weiter fragen, was an dem dadurch
Sartres ontologische Analyse des zwangslâufigen Um- erzeugten BiId unseres gesellschaftlichen Zusammenle-
schlags jeder Erfahrung von Anerkennung in einen Zu- bens gegebenenfalis ge'.ndert, korrigiert oder erweitert
stand des dinghaften Festgelegtseins kaum tauglich ist, werden müsste, wenn man die beiden zuvor nicht be-
um mit pos itiven Beschreibungen der Wirkung eines in- rücksichtigten Anerkennungsmodeiie einbezieht. Kommt
terpersonalen Adressiertwerdens irgendeine Verbindung mittels eines soichen, zugegebenermaíen zunchst wili-
einzugehen; in diesem Fali sind es die sehr eigenwiliigen, küriich kiingenden Verfahrens ein komplexeres Ver-
schon hufig kritisierten Prãsuppositionen von Sartres
Begriff der menschlichen Subjektivitt, die es unmõglich VgI. oben, S. 70f.

196 17
stãndnis unserer wechselseitigen Abhàngigkeit von so- men stets mitentscheiden zu dürfen.5 Wir kõnnen uns
zialer Anerkennung zustande, so darf von der Mõgiich- mithin, so wolien Fichte und Hegel gieichermaíen sagen,
keit eines fruchtbaren Ergãnzungsverhãitnisses aller drei das gesellschaftliche Zusammenleben menschiicher Sub-
Modeile gesprochen werden. Erst im Nachhinein wird jekte nur verstãndlich machen, indem wir untersteiien,
sich dann freiiich zeigen, ob auf diese Weise auch die me- dass sich diese reziprok ais Wesen anerkennen, die über
thodischen Unterschiede zwischen den verschiedenen die Autoritãt verfügen, seibst darüber zu befinden ob
Modelien irgendwie überbrückt oder auf jeden Fali so die gemeinsam praktizierten Normen gutgeheiíen wer-
weit minimiert werden konnten, dass sie ener theoreti- den kõnnen. Dieses Verstãndnis von Anerkennung, das
schen Integration nicht inger in die Quere kommen - sicheiner intersubjektivistischen Umdeutung von Kants
denn bei aliem, was ich im Foigenden vorschlagen werde, Begriff der Achtung verdankt, darf nun deswegen ais
darf, wie gesagt, nicht übersehen werden, dass es eben grundlegender als die beiden anderen Verstàndniswei-
nicht nur begriffliche Differenzen im jeweiiigen Aner- sen gelten, weii es die kommunikativen Bedingungen be-
kennungsverstàndnis sind, die eine'derartige Verzahnung schreibt, unter denen überhaupt nur stattfinden kann,
der drei Modelie erhebiich erschweren, sondern auch was ansonsten noch ais Form von sozialer Anerkennung
massive Unterschiede in der jeweils zugrunde geiegten beschrieben wird: Ob ich, wie in der britischen Tradi-
Erkenntnismethode. tion, den Anderen.. ais eine Instanz wahrnehmen kann,
Es dürfte nun nach meinen ideengeschichtiichen Be- von deren Urteil über mein eigenes Verhaiten ich mich
trachtungen nicht eigentiich überraschen, wenn ich vor- in meinem Handeln kontrolliert weií, oder ob ich, wie
schiage, das aus der Tradition des Deutschen Idealismus in der auf Rousseau zurückgehenden Tradition, den An-
stammende Anerkennungsverstãndnis ais theoretischen deren ais diejenige Instanz empfinde, an deren Bewer-
Sockel der anvisierten Integration alier drei Modeile zu tung meiner Eigenschaften ich ein brennendes Interesse
verwenden. Die Gründe für diese Wahl werden durch- habe - in beiden Fãllen muss dem die Anerkennung des
sichtig, sob aid man sich kiarzumachen versucht, was Fich- Mitmenschen ais einer Person vorhergehen, die zur Mit-
te und Hegel mit ihren jeweiligen Konzeptionen von sprache über die Gestaitung unserer gemeinsamen Le-
Anerkennung auf der generelisten Ebene erklàren kn- benspraxis berechtigt ist. In diesem Sinne kann die von
nen woliten: Beiden geht es bei alien Unterschieden dar- Fichte und Hegel angestoíene Idee der Anerkennung,
um, plausibei zu machen, was es für uns Menschen heift, deren grundiegende Einsicht sich heute in verschiede-
in einer »geistigen Welt< zu leben, die primãr dadurch
charakterisiert ist, dass wir uns gemeinsam an geteilten Vgl. hierzu und zum Folgenden im Anschluss an den von ihm so
Normen orientieren; das nãmlich bedeutet für beide genarmten »deontologischen Neohegelianismus« (R. Brandom,
T. Pinkard, R. Pippin): Heikki Ikãheimo, Anerkennung, übers.
nichts anderes, ais sich wechseiseitig die Rolie zuzubiili- von Nadine Mooren, Berlin/Boston 2014, S. 168-171; zusãtzlich:
gen oder den normativen Status einzurãumen, über die Titus Stahi, Irnmanente Kritik. Elem ente einer Theorie sozialer
Angernessenheit und richtige Anwendung dieser Nor- Pr4ktiken, Frankfurt/M. 2o13, Kap. 4.7.

198 199
nen Versionen wiederfinden làsst,6 ais Fundament der rãume voneinander unterscheiden lassen.I Für die Ab-
beiden anderen Anerkennungsmodeiie geiten; was in die- sichten, die ich hier verfolge, ist es nun vorlãufig noch
sen ob im Positiven oder im Negativen beschrjeben wer- nicht von Bedeutung, dass Hegel diese Unterscheidungen
den sou, setzt bereits voraus, dass die Subjekte sich rezi- von verschiedenen Anerkennungsformationen natürlich
prok ais Koautoren der von ihnen praktizierten Normen auch normativ verstanden wissen wolite: Je weniger
anerkannt haben. durch àuíeren Zwang und natürliche Abhàngigkeiten
Allerdings wolite es Hegel, wie wir gesehen haben, beschrãnkt die Subjekte je für sich die Angemessenheit
nicht bei dem bioí »transzendentalen« Befund bewen- und Anwendung der von ihnen gemeinsam autorisier-
den lassen, dass für die moralisch verfasste Lebensform ten Normen überprüfen k5nnen, desto fortgeschritte-
der Menschen eine soiche wechselseitige Zurechnung ner ist ein soiches Anerkennungsgefüge in seinen Au-
von normativer Autoritãt konstitutiv ist; aufgrund seines gen.Von Relevanz ist an dieser Stelle zunãchst nur, dass
Vorschlags, diese »geistige Welt« ais ein sich historisch Hegel durch seine Historisierung der »geistigen WeIt
entfaltendes, seine inneren Potenziale erst allmãhlich den fundierenden Praktiken der reziproken Anerken-
freisetzendes Gebilde zu verstehen, sah er sich vielmehr nung eine empirische Gestalt verleiht, die den Abstand
dazu berechtigt, von einer Stufenfoige jeweils institutio- zu den anderen Anerkennungskonzepten viel geringer
neli sedimentierter, auf unterschiedlichen Normen ge-
gründeter Anerkennungsverh.Jtnisse auszugehen. Da-
7 Hier finden sich sehr enge Parailelen zu dem, was Jürgen Haber-
mit aber verliert jene gesellschaftliche Praxis, in der mas in seiner eigenen Theorieentwicklung »Kommunikations-«
wir uns gemeinsam an soziale Normen binden, indem oder »VerstàndigungsverhãJtnisse< genannt hat; auch diese solien
wir uns reziprok ein Mitspracherecht an deren Überprü- sich historisch wandeln kënnen und einer Tendenz zur wachsen-
fung und Ausiegung einrãumen, ihre geschichtslose 1w- den Rationalisierung unterliegen. Vgl. zum Stellenwert dieser
Schlüsselidee im Werk von Habermas: Dieter Henrich, »Kritik
varianz und existiert stattdessen in mehreren Formen, der VerstàndigungsverhàJtnisse, in: ders. /Jürgen Habermas, Zwei
die sich anhand der durch sie erõffneten Freiheitsspiel- Reden. Aus Anlafi des Hegel-Preises, Frankfurt/M. 1974, S. 9-22.
Im Übrigen stimme ich genau an diesem Punkt nicht mit der vor-
züglichen Einführung von Heikki Ikãheimo in das Anerkennungs-
6 Genannt seien hier neben dem bereits erwàhnten »deontologi- thema überein (ders., Anerkennung, a.a.0), weil er die These
schen NeohegeJianismus< nur die Arbeiten von Karl-Otto Apel vertritt, dass die unterschiedlichen Formen der Anerkennung
(siehe auch oben, Kap. IV, Fn. 37) und Jürgen Habermas (vgl. etwa: eigenstãndige, mit j eweils anderen moral ischen Herausforderun-
ders., »Wege der Detranszendentalisierung. Von Kant zu Hegel gen unserer Lebensform zusammenhãngende Typen dars telien
und zurück«, in: ders., Wahrheit und Rechtfertigung. Philosophi- (ebd., Kap. 7.2). Ich glaube hingegen mit Hegel die These verteidi-
sche Aufsãtze, Frankfurt/M. 1999, S. 186-229). Ebenfalls zu nen- gen zu kõnnen, dass sich diese unterschiedlichen Formen einer
nen wãre hier wohl, obwohl keinerlei Brückenschlag zur Tradi- Ausdifferenzierung des einen Geschehens der wechselseitigen Em-
tion Fichtes und Hegeis unternommen wird: Stephen Darwall, rãumung eines »normativen Status< verdanken, womit sich auch
The Second-Person Standpoint. Morality, Respect and Accountibi- jeweils die Art der zugelassenen Gründe und der Umfang der tPie-
lity, Cambridge/Mass. 2009. matisierbaren Persõnlichkeitsanteile wandeln.

200 201
erscheinen iãsst; obwohl auch für ihn, wie für Fichte, der Selbstsetzung der Normen nun anders ais Kant und in
Anstoí zu soichen Praktiken aus dem Verlangen der mdi- Übereinstimmung mit Fichte nicht ais einen individuei-
viduen stammt, ihre freie Subjektivitãt zu verwirklichen, len Akt der Unterwerfung unter ein bereits bestehendes,
so muss er diese Praktiken doch sb 'veit detranszenden- invariantes Sittengesetz, sondern ais ein kooperatives
talisieren und mit konkretem E rfahrungs material fülien, Unternehmen, in dem wir soiche Normen dadurch er-
dass sie in derseiben Weise wie in der britischen oder zeugen, dass wir uns wechseiseitig die Autoritt zuerken-
frarizõsischen Tradition zu lebensweitlichen Vorkomm- nen, über die Angemessenheit des Gehaits und der An-
nissen werden. Daher isst sich mit Bezug auf Hegeis - wendung der zwischen uns eingespielten Gebote und
nicht aber auf Fichtes - Verstndnis sozialer Anerkenriung Regeln zu wachen;8 insofern ist das, was Geseiischaften
sinnvoii die Frage stelien, ob und inwiefern die beiden ais »geistige Weken« konstituiert, eine Praxis, in der die
anderen Modelie etwas zur Abrundung oder Korrektur Subjekte sich wechselseitig in ihrer Rolie ais Koauto-
der von ihm gelieferten Theorie beitragen; denri würde r(inn)en der von ihnen gemeinsam verfolgten Normen
sich die Wechseiseitigkeit der Anerkenriung nur in einem anerkennen. In Unterschied zu Fichte war Hegel aller-
geistigen Raum abspieien, ohne Hait in der Wirkiichkeit dings davon überzeugt, dass eine derartige Praxis nicht
sozialer Praktiken und Institutionen, daim kõnnten die schon von Beginn an in der Form existiert, in der dies ih-
psychoiogischen oder empirischen Beobachtungen eines rem »Begriff« nach gefordert wãre; um tatsãchiich die
Rousseau, Hume oder Smith zur ihrer vertieften Analy- soziaien Bedingungen zu schaffen, unter denen alie Sub-
se kaum etwas beitragen. jekte g1eichermaíen in ihrer normativen Autoritãt aner-
Nicht alizu schwer Iürf te es aus meiner Sicht falien, kanrit würden, bedurfte es aus seiner Sicht eines langen
zwischen der Hegel'schen Anerkennungstheorie und historischen Prozesses, in demjeweiis eine institutióneli
der auf der britischen Insei entwickelten Vorsteliung einer sedimentierte, aber noch unzureichende Anerkennungs-
Kontrolifunktion des »inrieren Beobachters« eine Ver- ordnung durch eine ihrem Begriff nach bessere, also
knüpfung herzustelien. Um zu sehen, wie das mg1ich freiere und gerechtere, abgelEst würde. Damit hat Hegel,
sein sol!, muss man sich zunãchst noch einmal kurz vor wie ich zeigen wolite, die Wechselseitigkeit der normati-
Augen führen, was Hegel mit Hilfe seines Konzeptes der ven Autorisierung nicht nur ais eine konstitutive Bedin-
Anerkennung erk1ren wolite: Es ging ihm darum, plau- gung für die Existenz von sozialen Normen und damit
sibel zu machen, was es für uns Menschen heiít, in einer ais Voraussetzung jeglichen geseiischaftiichen Lebens
»geistigen Welt<< zu leben, in einer Welt also, die nicht erschiossen; sondern er hat durch seine Historisierung
durch natüriiche Bedingungen determiniert ist; mit Kant dieses basaien Anerkeimungsverhãitnisses zugleich auch
und Fichte setzte er voraus, dass das nur bedeuten kann,
uns in unserem Denken und Handein ais nicht von na- 8 Dazu mit alier wünschenswerten Klarheit: Robert B. Brandom,
türiichen Antrieben, sondern ais von seibstgesetzten Nor- Wiedererinnerter Idealismus, übers. von Faik Hamann und Aaron
men bestimmt sein zu lassen; ailerdings verstand er diese Shoichet, Berlin 2015, Kap. 2.4.

202 203
die Mógiichkeit geschaffen, darin eine iebensweitiich ais wie fruchtbar sich dieses Konzept inzwischen auch
ver wúrzelte und institutioneli gerahmte ]?raxis zu erbii- erwesen haben mag, für wie produktiv man heute seinen
cken, die von ieibhaftigen, durh morlische Sorgen und Einfluss speziell auch auf die Soziologiehaltenmag,'° es
Nite getriebenen Subjekten ausgeübt wird. Offen ge- lsst sowohi die innerpsychischen Vorgnge bei der mo-
biieben ist bei ali der erstaunlichen Wirkiichkeitsnhe raiischen Gewohnheitsbildung ais auch den Anstof da-
und -füile seines Ansatzes aber, wie wir uns nun genau zu eigentümiich im Dunkien; und auch für Hegel, der
vorzusteiien haben, dass jene soziai situierten Subjekte sich den aristoteiischen Gedanken in seiner Idee der
die gemeinsam kreierten und praktizierten Normen wie Zweitnaturhaftigkeit uns erer moralischen Sitten zu ei-
seibstverstnd1ich in weitgehender Ubereinstimmung be- gen gemacht hat,1' kann geiten, dass erüber die Beschaf-
folgen k nnen solien; und genau an dieser Stelie, an dem fenheit des Erlernens und Verinnerlichens sozialer Nor-
Punkt aiso, an dem es um die Erk1.rung der Verwand- men im Grunde genommen nicht alizu viel zu sagen hat.
lung der kooperativ erzeugten Normen in den Gieich- Das wãre anders gewesen, so meine ich, ware er nicht
klang soziaier Gewohnheiten geht, scheint mir das von einseitig den theoretischen Anregungen des Aristoteies
der schottischen Moralphilosophie geprgte Anerken- gefolgt, sondern htte zusàtzlich diejenigen der schotti-
nungsverstndnis eine die Hegel'sche Theorie erganzen- schen Aufk1rung in seine Überlegungen einflieíkn ias-
de Funktion übernehmen zu kõnnen. sen. Zwei groíe Vorteile htte es für Hegel mit sich ge-
Hegel versucht sich bekanntlich den Umstand, dass bracht, wre er an dieser Stelie besonnen genug gewesen,
die Geseilschaftsmitgiiederdie von ihnen gemeinsam »ver- auch die von Hume und Smith entwickeiten Überlegun-
walteten« Normen weitgehend auch in motivationaier gen zurFormation moralischer Gewohnheiten zu berück-
Gleichgesinntheit befoigen, mit Hiife des von Aristote- sichtigen: Ihm hãtte sich leichter erschlossen, sowohl
les für die Zwecke seiner Tugendlehre entwickelten Be- aufgrund weicher Motive als auch mit Hiife welcher in-
griffs des Habitus zu erkiren; danach bildet sich unser nerpsychischen Vorgnge die Individuen die gemeinsam
»charakterliches Gutsein« heraus, indem wir mitteis ge- inthronisierten Normen jeweils zu verinnerlichen ler-
eigneter Erziehungsmal3nahmen durch Wiederholung nen.Was den ersten Punkt anbelangt, die Motive, soh1t
tugendhafter Verhaltensmuster daran gewõhnt werden, Hegel zwar die mit Fichte geteilte Standardantwort be-
so lange bei den richtigen Anlssen Lust zu empfinden,
bis wir schliefiich eine dauerhafte Disposition zum lo Vgl. zur Wiederaufnahme des Habitus-Begriffs in der Soziologie:
ethisch angemessenen Verhalten entwickelt haben.9 Aber Perre Bourdieu, Entwurf einer Theorie der Praxis, übers. von
Cordula Pialoux und Bernd Schwibs, Frankfurt/M. 1976, S. 13
202.
9 Aristoteles, Nikornachische Ethik, übers. und hg. von Ursula WoIf, ii Dazu: Axel Honneth, »Zweite Natur - Untiefen eines philosophi-
Reinbek 2006, Zweites Buch, S. G.W.F. Hegel, Enzyklopã- schen SchIüsse1begriffs, in: Julia Christ/AxeI Honneth (Hg.),
die der philosophischen Wissenschaften III, Frankfurt/M. 1970, Zweite Natur. Internationaler Hegelkongress 2017, Frankfurt/M.
§S 409-411, S. 182-197. (i. E.).

204 205
reit, dass es das individueile Veriangen danach sei, sich zess der motivationaien Aneignung moraiischer Normen
praktisch ais ein vernünftiges Wesen zu behaupten, wei- so võrzusteilen, dass wir die Erwartungen der sozialen
ches ein Subjekt dazu bewegt, sich an die gemeinsam für Umwelt in unserem Inneren so iange zu reproduzieren
vernünftig gehaitenen Normen auch zu binden; aber an- lernen, bis sie von dort aus ais Stimme des eigenen Ge-
gesichts des konkreten historischen Gehalts, den er sei- wissens unser Verhalten erfoigreich zu kontroiiieren
ner Anerkennungstheorie verleihen wolite, mag diese vermõgen. Natüriich haftet der Redeweise vom »inne-
Lõsung nicht ausreichen, weil sie zu wenig über die em- ren Beobachter« oder »Richter« etwas ungut Metaphori-
pirisch tatsãchlich wirksamen Motive der Subjekte ver- sches an, weii sie dazu einIdt, sich darunter 50 etwas
rãt. Daher hãtte Hegei wohi besser daran getan, nicht auszumalen wie eine Person in der Person; gleichzeitig
vieileicht gerade David Hume, aber doch Adam Smith aber ist dieses BiId auch dazu angetan, eine konzeptuelle
darin zu folgen, ais die Triebfeder der individueilen Be- Brücke zu den soziaiisationstheoretischen Überiegun-
reitschaft zur Normbefoigung das Streben nach Mit- gen von Sigmund Freud herzusteilen, der die Biidung
giiedschaft in der sozialen Gemeinschaft zu begreifen - des moralischen Über-Ichs ais Niederschiag der positi-
cin Wunsch oder Bedürfnis, das Hegei unschwer als die ven Reaktionen der Eltern auf das Wohiverhaiten des
lebensweitiiche Seite seines »geistigen« Triebes nach Ver- Kindes in dessen psychischen Apparat gedeutet hat: Auch
wirkiichung der eigenen Vernünftigkeit htte verstehen hier, ganz wie bei Adam Smith, wirkt dann die nach in-
kënnen.Was die Individuen in der realen Welt ihres ali- nen genommene Anerkennung durch die Bezugsperso-
tgiichen Lebens dann dazu bewegen würde, sich die nen sch1iefIich ais Stimme im Erwachsenen fort, die
moralischen Normen ihrer sozialen Gemeinschaft moti- ihn beharriich an seine moraiischen Pflichten erinnert.12
vational anzueignen, wàre die subjektive Erwartung, da-
für die Zustimmung von deren Mitgiiedern zu erhalten
12 So lautet zumindest eine der beiden Versionen, die Freud entwi-
und sich derart ais einer der ihren empfinden zu kinnen. ckelt hat, um die Entstehung des Gewissens oder des Über-Ichs
Wichtiger noch ais dieser erste Punkt ist aber der zweite, zu erk1ren: Sigmund Freud, Das Unbehagen in der Ki4tr, in:
der die Frage berührt, wie der Prozess einer soichen mo- ders., Gesammelte Wer/ee, Bd. 14, Frankfurt/M. I99I, S. 419-506,
tivationalen Aneignung vonstattengeht.Wãhrend in der hier: S. 4 83 ff, (»Man heift diesen Zustand >schlechtes Gewissen<,
aber eigentlich verdient er diesen Namen nicht, denn auf dieser
aristotelischen Trdition des Begriffs des Habitus die in-
Stufe ist das Schu1dbewuftsein offenbar nur Angst vor dem Lie-
nerpsychischen Anteile an diesem Vorgang eher ausge- besverlust, sozia1e< Angst; S. 484). Zu den beiden konkurrieren-
biendet bieiben - hier herrscht noch die relativ mecha- den Versionen vgl.: John Deigh, »Remarks on Some Difficulties in
nistische Vorsteilung vor, es handie sich dabei um eine Freud's Theory of Moral Development«, in: ders., The Sorces of
Übersetzung von áuferen Anreizen in kõrpernahe Au- Moral Agency. Essays in Moral Psychology and Fredian Theory,
Cambridge 1996, S. 65-93. Zum Brückenschlag zwischen Smith'
tomatismen -, bietet das von Hume und Smith verwen- Moralphilosophie und der Lehre Freuds vgl.: David D. Raphael,
dete Bild eines »inneren Beobachters« eine wesentlich The Impartial Spect ator. Adam Smith's Moral Philosophy, Oxford
komplexere Erklãrung; danach haben wir uns den Pro- 2007, S. 48f.

206 207
A1!erdings bedarf es, um die Bedeutung der Theorie eines erst schrittweise »generaiisierten« Anderen. Die
Smith' für die Erkirung der Biidung moraiischer Ge- Leersteiie, die dadurch in seiner praktischen Phiioso-
wohnheiten zu belegen, nicht erst der Schützenhilfe phie entsteht - abstrakte Morai dort, sittiiche Gesinnung
durch die Konzeption Freuds; jene steht nicht nur auf ei- hier, ohne dass eine Brücke von hier nach dort führt -,
genen Füíen, sondern ist dieser an Deutungskraft wohl weifi er dann nur dadurch zu fülien, dass er mit Biick
sogar überlegen, weil sie mit der Mõglichkeit einer suk- auf die Biidung der Sitten oder ethischen Gewohnheiten
zessiven Verallgemeinerung der inneren Kontroiiinstanz einen Prozess der Umwandiung postuiiert, der aus ãu-
rechnet, die bis zur nahezu voi1stndigen Auslõschung Serlich anerzogenen Verhaitensroutinen reiativ stabile
alier persõnlichen Bevorzugungen reichen kinnen sou. Automatismen werden isst. Htte er stattdessen, wie ich
Auf jeden Fali dürften diese wenigen Erinnerungen an hier zu skizzieren versuche, seine basale Theorie der
die Theory of Moral Sentirnents genügen, um den Vor- Anerkennung durch Smith' Sozia1isaionsmodeii kom-
schiag zu rechtfertigen, die Anerkenriuxigsièhre der bri- piementiert oder erweitert, so wre ihm diese bruch-
tischen Tradition als eine sinnvoile Ergnzung zu Hegels stückhafte Lõsung erspart geblieben. Das individueile
Sichtweise der wechseiseitigen Anerkennung zu betrach- Gewissen, flexibler und pluraier gedacht ais bei Kant,
ten; die Idee eines »inneren Richters« erkirt besser, ais nmiich ais das Konzert der vieizãhligen Stimmen, die
Hegel es vermag, wie es den sich reziprok in ihrer nor- die moraiischen Reaktionshaitungen unterschiediicher
mativen Autoritt anerkennenden Subjekten gelingen Gruppen und institutioneiier Kreise in der eigenen Psy-
soli, die gemeinsam beglaubigten und etablierten Nor- che repr'ásentieren, würde auf jeder Lebensstation eines
men in aiitgiiche Handlungsgewohnheiten zu verwan- Subjekts dafür Sorge tragen, dass die gemeinsam autori-
deln; der Weg, auf dem das Smith zufolge mõglich sem sierten Normen auch tatschiich motivational wirksam
sou, ist der einer aiimhiichen Veriagerung der Perspek- werden.
tive der Zweiten Person in das eigene Seibst, wo diese dann Eine soiche Lõsung, hier nur kurz angedeutet, setzt
ais Gewissen mein Verhalten daraufhin kontrolliert, ob frei!ich voraus, dass die hõchst disparaten Anerkennungs-
es mit den sozialen Erwartungen einer immer umfang- begrifflichkeiten des Deutschen Idealismus und der em-
reicher werden Gemeinschaft vereinbar ist. Gewiss ver- piristischen Tradition Groíbritanniens an einem bestimm-
fügt auch Hegel über einen Begriff des persônlichen ten Punkt ais miteinander versõhnbar gedacht werden.
»Gewissens«, aber dieses wird von ihm sogleich als fixer Nach dem soeben skizzierten Bild würde sich das Ver-
Statthaiter der misstrauisch beáugten universaiistischen hãitnis zwischen den beiden Verstàndnisweisen in etwa
Moraiprinzipien Kants begriffen,13 und nicht etwa ais 50 darsteiien, dass Hegeis Begriff die eiementaren Bedin-

psychische Reprsentanz der moraiischen Reaktionen gungen einer wechseiseitigen Anerkennung bestimmt,

13 Daher auch fãllt bei Hegel die Behandlung des Gewissens in den G.W. F. Hegel, Grundlinien der Philosophie des R echts, Frankfurt/
der »Mora1itt< gewidmeten Teil seiner »Rechtsphi1osophie: M. 1970, § 136 (S. 254)-

208 209
unter denen eine sich stndig wandeinde Lebensweit über- iichen Geschehen der Anerkennung hervorhebt, der es
haupt ais normativ reguiiert aufgefasst werden kann, wãh- wert ist, in den Rahmen der Hegei'schen Theorie inte-
rend der auf Hume und Smith zurückgehende Begriff griert zu werden. Einem derartigen Unterfangen stelien
die Praktiken sozialer Zustimmung und Affirmation be- sich alierdings im Falie der franzõsischen Tradition un-
nennt, mit deren Hilfe jene kooperativ erzeugten Normen gleich gr6{ere Schwierigkeiten entgegen ais im Faiie
jeweiis im individuelien Motivationssystem verankert der britischen Tradition, weii bei jener, sobaid man die
werden. Im ersten Fali ist mit dem Terminus -Anerken- artifizieile Kiammer der die verschiedenen Ansãtze bün-
nung- die Praxis einer wechseiseitigen Autorisierung zur deinden Modeiie wieder aufiõst, doch ganz unterschied-
Normerzeugung und Normüberprüfung gemeint, im liche Intuitionen am Werk sind. Man iiegt gewiss nicht
zweiten Fail hingegen nur die affirmative Reaktion einer ganz faisch, wenn man feststelit, dass die soziale Wahr-
normativ bereits konstituierten Gemeinschaft auf das nehmung, die den negativen Anerkennungsbegriff Rous-
moraiische Wohlverhaiten des einzeinen Geselischafts- seaus angestacheit hat, sich doch erheblich von den kriti-
mitglieds. Es iiegen zwar Welten zwischen diesen zwei schen Beobachtungen unterscheidet, die in Butiers oder
Verwendungsweisen des Begriffs der Anerkennung, aber Althussers Vorstellung von der Funktionsweise sozialer
der Umstand, dass sie beide inzwischen unsere Umgangs- Anerkennung eingeflossen sind. Bislang habe ich zwar
sprache durchdrungen haben, soilte Aniass genug sem, bei4è Konzepte ein und demseiben Traditionszusammen-
sich über deren Verh.ltnis Rechenschaft abzuiegen. hang zugerechnet, weil sie die Umdeutung der Anerken-
Dasseibe giit nun sicherlich nicht für die aus der fran- nung in einen Akt der Zuschreibung sowie die Betonung
zõsischen Tradition erwachsene Vorstellung über Wert von dessen negativen Wirkungen auf das individueile
und Wirkung der zwischenmenschlichen Anerkennung; Selbstverhãitnis teiien; nun aber empfiehlt es sich, an
denn es 1sst sich kaum behaupten, dass in unserer Um- den beiden Anstzen doch wieder strker die Differen-
gangssprache mit der Erfahrung des Empfangs sozialer zen hervorzuheben, um deren je spezifisches Verh1tnis
Anerkennung im Ailgemeinen etwas Negatives assoziiert zum von Hegel entwickeiten Grundversfándnis der An-
würde, wie es im inteliektuelien Frankreich von Rousseau erkennung auszuioten. Ich beginne mit der Intuition, die
bis hin zu Sartre und Althusser immer wieder geschehen sich hinter Rousseaus negativer Konzeption verbirgt, um
ist. Die soziokulturellen Ursachen dafür sind, wie wir mich im zweiten Schritt dann der Vorstellungswelt Ju-
gesehen haben, speielier Natur und h.ngen meines Erach- dith Butiers und Louis Althussers zuzuwenden.
tens mit der hohen, nicht zuletzt im extremen Zentralis- Das negativeVerst.ndnis der Anerkennung hatte bei
mus des Landes begründeten Bedeutung symbolischer Rousseau, wie wir uns erinnern, seinen Ausgang von der
Distinktionen für das gesellschaftliche Leben zusam- Beobachtung genommen, dass mit der arnourpropre im
men. Gieichwohi muss nun auch ein solch negatives Ver- Menschen ein giftiges Streben danach erwacht sei, ge-
stãndnis von Anerkennung daraufhin befragt werden, genüber seinen Interaktionspartnern und in deren Au-
ob es mõgiicherweise einen Aspekt am zwischenmensch- gen ais jeweils hdherwertig zu gelten; um dieses neuarti-
210 211
ge Verlangen nãher analysieren zu kënnen, hatte der thoiogisch gesteigerte Formen eines an sich harmiosen
Genfer Philosoph die ihm aus den Schriften Humes ver- Drangs nach sozialer Akzep.t4nz und Geltung. Je stàrker,
traute Figur des »inneren Richters« in einen gestrengen eine soiche Deutung der Anerkennúngsiehre Rousseus
Beobachter umgedeutet, unter dessen Biick der Einzeine nun gemacht und damit zugieich eingekiammert wird,
sowohl sich se!bst ais auch seinen Mitmenschen gegen- dass seine spten Schriften doch eher wieder in eine ge-
über alies daransetzen musste, ais im Besitz von persónfr genlãufige Richtung weisn desto ieichter wird sich nach
lichen Eigenschaften zu gelten, die die erstrebte soziale meinem Eindruck eine hõchst fruchtbare Verknüpfung
Steiiung rechtfertigen. Was bei Rousseau daher »Aner- mit der Theorie Hegeis hersteilen lassen; denn auch der
kennung< genannt werden kënnte, ist die im Gegenüber Autor der Grundlinien der Philosophie des Rechts kennt
durch die eigene Zurschausteliung bewirkte Zuschrei- Fàlle einer Entgieisung der wechselseitigen Anerken-
bung von Attributen, weiche die ersehnte Steigerung nung, die er, nicht anders ais sem franzõsischer Voriãu-
des eigenen Ansehens in der Gesel!schaft bewirken fer, kausal mit soziaien Erscheinungen wie Geltungs-
würden; und infoige dieser Maskerade, so war Rousseau sucht und Affektiertheit in Verbindung bringt. Um zu
ebenfalis überzeugt gewesen, würde ein soiches Subjekt verstehen, an weichem Punkt sich hier die beiden Theo-
dann dauerhaft damit zu kãmpfen haben, überhaupt noch rien verschrãnken und produktiv ergnzen, müssen He-
angemessen zu verstehen, wer er oder sie seiner oder geis Ausführungen frei!ich noch ein Stiick weiter darge-
ihrer wahren Natur oder seinem innersten Wesen nach steiit werden, ais ich es bislang getan habe.
eigentiich seiber ist. Daher mein Vorschiag, Rousseau ais Hegel woilte die Wechseiseitigkeit der normativen
den Denker zu deuten, der die vornehmiich in Frank- Autorisierung nicht, so hatte ich schon geZeigt, ais em
reich beheimatete Idee begründet hat, die Kehrseite oder bIoS geistiges Geschehen im iuftleeren Raum verstan-
das Stiefkind alier sozialen Anerkennung. sei der indivi- den wisen, sondern ais eine sich geschichtiich erst ali-
dueile Seibstverlust. Nun finden sich jedoch bei Rous- mãhiich entfaltende Praxis unter ieibhaftigen Subjekten;
seau, worauf ich im Zusammenhang des Emile und des daher sah er sich genõtigt, jeweils die institutioneilen Ver-
Contrat Social hingewiesen habe,14 auch eine Reihe von hJtriisse zu identifizieren, in denen diese Praxis je nach
Stelien, die eine weniger negative Lesart seiner Anerken- Stufe der Reallsierung ihres eigenen Begriffs bereits Fuí
nungsiehre naheiegen; dort ist dann davon die Rede, die gefasst hatte. Durchgeführt aber hat er cine soiche »nor-
amourpropre lieíe sich auch in der heilsamen, sozial fõr- mative Rekonstruktion«' der sich wandeinden Aner-
derlichen Weise des gleichen Respekts füreinander be-
friedigen, so dass es plëtzlich den Anschein hat, die im
Zweiten Diskurs geschiiderten Phãnomene der Prahie- 15 meinem Vorschlag, das von Hegel selbst ais bIof »deskriptiv<
oder »anschauend vorgesteilte Verfahren in dieser Terminologie
rei und Protzerei seien nur aus dem Ruder gelaufene, pa- wiederzugeben, vgL: Axel Honneth, Das Recht der Freiheit. Grund-
rzj einer demokratischen Sittlichkeit, Berlin 2011, Einleitung, S. 14-
14 VgI. oben, S. 47-50. 31.

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kennungsformationen nur für die Gesellschaft seiner ei- dann zwangslãufig einstellen müssen, wenn ein Geseli-
genen Zeit, der entstehenden Moderne; das Resultat die- schaftsmitglied nicht hinreichend in eine institutionelie
ser Bemühungen stelit eben seine Rechtsphiiosophie dar, Sphãre der wechselseitigen Anerkennunginkiudiert ist.
in der er mit der modemen Familie, der kapitalistischen Das hebt nicht nur noch einmal eindrucksvoll hervor,
Marktgesellschaft und der konstitutionellen Monarchie wie stark Hegel im Unterschied zu Fichte die Subjekte
drei soiche institutionelien Sphren benannt hat, in de- oder Tràger jener Anerkennungsprozesse tatsãchlich ais
nen sich die Subjekte reziprok in jeweiis anderen Roilen Menschen aus Fieisch und Biut verstanden wissen woii-
zur Überprüfung der zwischen ihnen praktizierten Nor- te; in derTat sind ihm die Auftrennungen zwischen Phy-
men ermchtigen und damit in ihrer iebensweitiich ver- sis, Psyche und Geist voiikommen fremd. Für die hier
ankerten Autonomie bestãtigen. Von unmitteibarer Re- verfoigte Frage ist an diesen Bemerkungen aber noch
levanz für die Frage, die mich hier interessiert, ist nun viel wichtiger, dass sie belegen, wie sehr Hegel seine Ana-
aber, dass Hegel in diesem Zusammenhang auch immer lysen der institutionelien Rea1itt sozialer Anerkennungs-
wieder einen Blick auf psychologische Erscheinungen prozesse mit psychologischen Beobachtungen verquicken
wirft, die durch einen Ausschiuss bestimmter Individuen woiite, die mit denjenigen Rousseaus eine erstauniiche
oder Gruppen von den institutionalisierten Praktiken der Verwandtschaft aufweisen.
wechselseitigen Anerkennung bedingt scheinen; ais Bei- Gerade die zweite der von Hegel benannten Verhal-
spieie für Vorkommnisse soicher Art seien hier nur ei- tenspathoiogien, nicht also die des »Põbeis«, sondern die
nerseits -die Abwerfung der Scham und Ehre« bei der der nicht in eine Korporation einbezogenen Gewerbe-
dauerhaft erwerbslosen Schicht des »PÕbels«1 6 und die treibenden, lãsst diese erstaunliche Nhe zwischen He-
Tendenz zu b1oí »uíter1ichen Darlegungen« des eige- gel und Rousseau besonders deutlich hervortreten. Die
nen beruflichen Vermgens bei ali den »Gewerbetreiben- Ausdrücke, die Hegel verwendet, um die psychischen
den« genannt, die nicht Mitgiied einer »Korporation« Reaktionsbiidungen derjenigen zu schiidern, die vom
haben werden kõnnen.' Derartige psychoiogische Ph.- Anerkennungsgeschehen innerhaib der Korporatioen
nomene, von denen Hegel spricht, ais sei es ganz seibst- ausgeschiossen sind, kiingen aiiesamt so, ais seien sie di-
verstndiich, sie in einer dem Recht, der Morai und der rekt dem Zweiten Diskurs Rousseaus entnommen; da ist
Sittlichkeit gewidmeten Abhandlung zu erwhnen, be- dann davon die Rede, dass diese Gesellschaftsmitglieder
sitzen für ihn offehsichtlich mehr ais nur zuf1ligen Cha- aliem auf die »selbstsüchtige Seite< ihres Gewerbes zu-
rakter; er begreift sie vielmehr ais soziai produzierte Pa- rückgeworfen seien, dass sie zudem nicht anders kõnn-
thoiogien im individueiien Verhaiten, die sich immer ten, ais ihre »Ehre< durch prtentiõse Darbietungen ih-
res 0,eschiéks üntér Seweis zü steiien, kurz, dass sie, um
mit Rousseau zu sprechen, von einem »ungestümen< Hang
6 Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts, a.a.O., § 245,
S. 390. zur Prahlerei und Protzerei angetrieben seien. Fasst man
17 Ebd., § 253, S. diese Charakterisierungen zusammen, so bietet sich die
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These an, Hegel habe die übersteigerten, aus dem. Ruder hingegen ist das »Bedürfnis« nach sozialer Anerkennung
gelaufenen Gestalten der amor propre seines Vorgn- zunchst einmal, wie ich gezeigt habe, »geistig« moti-
gers Rousseau ais Resuitat einer psychischen Kompen- viert; es entstammt dem Drang, sich ais em vernünftiges
sation für vorenthaitene Anerkennung gedeutet; diejeni- Wesen zu verwirkiichen, was er dann geiegentiich seiber
gen, so scheint erüberzeugt, die aus institutionalisierten in das iebensweitiiche Motiv übersetzt, Mitgiied einer
AnerkennungsverhJtnissen ausgeschlossen bleiben und Gemeinschaft von sich an Normen orientierenden Sub-
sich daher in deren Geltungshorizont nicht ais mit nor- jekten werden zu wolien. Entsprechend grog sind auch
mativer Autoritt ausgestattet erfahren kënnen, müssen die Unterschiede zwischen den Anerkennungsbegriffen
zwangs1ufg Verha1tensauff11igkeiten entwickeln, die der beiden Denker: Rousseau deutet das, was das empi-
denen im Zweiten Diskurs geschiiderten aufs genaueste rische Begehren der amour propre zu befriedigen ver-
àhnein. Stimmt diese Interpretation, versteht Hegel also mag, ais eine Art von sozialer Zuschreibung entspre-
im Rahmen seiner Theorie die »entflammten« (Neuhou- chender Eigenschaften, sei es soicher, die alie Menschen
ser) Formen der amourpropre Rousseaus ais Symptome teilen, sei es soicher, kraft deren wir uns von unseren Mit-
einer Kompensation, so ist alierdings die Brücke zwi- menschen abheben uno uns ihnen gegenüber ais überie-
schen den Anerkennungsiehren der beiden Denker ge- gen empfinden k6nnen; für Hegel hingegen muss die so-
funden: Für den deutschen wie für den franzõsischen ziaie Reaktion, die unser Verlangen befriedigen kann, ais
Phiiosophen, deutet man den zweiten im vorher um- em vernünftiges Subjekt gelten zu kõnnen, stets in einem
rissenen Sinn, steiien Seibstsucht, Eiteikeit und Gei- Akt der Anerkennung bestehen, der zur Mitwirkung an
tungsdrang Reaktionsbildungen auf die Erfahrung dar, der gemeinsamei Normsetzung berechtigt und dement-
nicht in eine auf wechseiseitige Anerkennung oder giei- sprechend den Freiheitsspielraum der übrigen Teiineh-
chen Respekt gegründete Gemeinschaft einbezogen zu mer an einer soichen Praxis einschrànkt. Gieichwohi
sem. und trotz der massiven Differenzen in den systemati-
Natürlich bieibt es trotz dieser Mõgiichkeit, die Aner- schen Prmissen gibt es diesen einen Punkt der Diagno-
kennungslehren beider Autoren zu verzahnen, bei der se sozialer Pathologien, an dem sich die Vorsteiiungen
Tatsache, dass hier jeweiis sehr verschiedene Terminolo- von Rousseau und Hegel doch treffen: Beide scheinen
gien im Spiei sind, deren Differenzen nicht vergessen wer- die Idee zu teiien, dass Menschen im Aiigemeinen dazu
den dürfen. Rousseau versteht die amoír propre aus- neigen, auf die Vorenthaitung gieichen Respekts oder re-
schiieíiich ais ein empirisches Begehren des Menschen, ziproker Anerkennung mit pràtentiôsem Gehabe und
zu sozialer Geltung innerhaib der Geselischaft zu gelan- eitier .Zurschausteliung vermeintlicher Verdienste zu
gen - und daran würde sich auçh nichs ãndern,.wenner reagieren. Hier, an dieser Stelie, an der es um die Psycho-
tatsch1ich versucht hátte, zwischen heilsamen und vér- logie sozialer Anerkennung geht, Isst sich Hegeis Theo-
gifteten, sozialvertràgiichen und geseiischaftsfeindiichen rie um Einsichten Rousseaus erweitern.
Formen dieses Begehrens zu unterscheiden; für Hegel Die Frage ist nun, ob Ahniiches auch für den anderen
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Zweig der franzõsischen Tradition gezeigt werden kõnnte, ken innerhaib der durch Hegel in ihren Grundfesten er-
der in den Schriften Althussers gipfelt. Die Intuition, von richteten Theorie zu entfachen?
•der diese zweite Linie eines negativen Verst.ndnisses Ein Hinweis auf einen soichen Funken ist nun alier-
der Anerkennung ihren Ausgang nimmt, unterscheidet dings bereits in der Hegei'schen Rechtsphilosophie seibst
sich von derjenigen Rousseaus erhebiich, auch wenn sie zu inden. An einer in den letzten Jahren hufig kom-
beide am Ende in der Diagnose vom drohenden Selbst- mentierten Stelle in seinen Ausführungen zur »Famiiie«
verlust zusammenlaufen, die bei Rousseau durch die spriçht Hegel davon, dass die Frau im Eheverhltnis die
Wahrnehmung einer persõnlichkeitsveràndernden Wir- »Bestimmung« der »empfindenden Sinnlichkeit« habe,
kung und bei Aithusser (und Butier) durch die Regis- weswegen sie sich dem Gatten unterzuordnen und ihre
trierung einer herrschaftsstabiiisierenden Wirkung der Aufgabe im »Hauswesen< zu suchen h abe;18 und im sei-
sozialen Anerkennung motiviert ist. In meiner Beschf- ben Zusammenhang fhrt er schiimmer noch fort, dass
tigung mit diesem zweiten Sprõssiing des für Frankreich das »Weib in seiner Unfàhigkeit zum »Allgemeinen<
typischen Negativismus hat sich bereits offenbart, wie und »Ideaie[n]« der »Pflanze« ãhnele, whrend der Mann
tief die Kiuft ist, die zwischen dem darin angeiegtenund aufgrund seines »Kampfe[s]« und »der Arbeit mit der
dem auf Fichte und Hegel zurückgehenden Begriff der Natur« dem »Tier« vergleichbar sei." Besonders irritie-
Anerkennung ist: Im ersten Fali ist mit »Anerkennung« rend an diesen Formulierungen ist weniger das horrende
kaum mehr gemeint, ais dass vom Staat getragene Insti- Mafi an Frauenverachtung, das sich aus unserer heutigen
tutionen individueiie oder koiiektive Akteure mit sozial Sicht darin offenbart, ais vieimehr der Umstand, dass
typisierten Eigenschaften beiegen, wodurch iene auf ge- Hegel ein paar Zeilen spter dezidiert behauptet, der Mann
waltiose Weise zur Erfüllung der ihnen zugewiesenen »s011[e] nicht mehr gelten ais die Frau,,, ihnen beiden k-
Rolien veranlasst werden kënnen soilen; in der auf Kant me in der [modernen] Ehe cine »Dieseibigkeit der Rech-
zurückgehenden und durch Fichte und Hegel etab1ieren te und Pflichten« zu.2° Für Hegel scheint mithin kein
Tradition ist mit -Anerkennung- hingegen, um es ein letz- Widerspruch zu bestehen zwischen der wie selbstver-
tes Mal zu wiederhoien, eine Art von Achtung gemeint, stnd1ich geschiiderten Unterordnung der Frau im Ehe-
die sich Subjekte wechseiseitig dadurch entgegenbrin- verhitnis und ihrer auf wechseiseitige Anerkennung ge-
gen, dass sie sich einander zur Überprüfung und Inter- gründeten Beziehung zum Gatten; so, ais gehõre beides
pretation der genieinsam praktizierten Normen autori- unverbrüchiich zusammen, wird dieses Verh1tnis hier
sieren. Griíer also kõnnte der Unterschied kaum sem, ais eine institutionalisierte Anerkennungssphre darge-
der zwischen diesen beiden Verwendungsweisen des Be- stelit, in der sich Mann und Frau reziprok in ihrer Seibst-
griffs der Anerkennung besteht. Wo aber soil dann in
dem ideologietheoretischen, durch Althusser und Butler IS EM., §S 166/167, S. 3 19f-
evozierten Gebrauch des Begriffs der Fdnken stecken, 19 EM., § 166, S. 319.
der in der Lage wre, eine Irritation oder gar ein Umden- 20 EM., § 167, S. 321 (Zusatz).

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bestimmung achten - und die Frau gleichwohl den Kür- Einwnden oder Vorschlgen auf ali die Gründe rekur-
zeren zieht, da sie den Direktiven ihres Ehegatten unter- rieren, die im Horizont der von ihnen gemeinsam prak-
geordnet ist. Diese offensichtliche Unstimmigkeit in der tizierten Norm ais legitim erachtet werden kõnnen - im
Argumentation Hegeis lãsst sich offenbar nur aufksen, Falie der »gegenseitigen Liebe und Beihilfe« mithin auch
wenn erklãrt werden kann, warum er glaubt, die Frau auf subjektive Wünsche, emotionale Befindlichkeiten
müsse aus freien Stücken, nm1ich kraft der ihr einge- und übergreifende Lebensziele. Es ist ein soiches in sei-
rumten normativen Autoritt, ihrer eigenen Unterord- nen internen Regeln und Ab1ufen hõchst wandelbares,
nung im ehelichen Verhitnis zustimmen kõnnen; und weil diesbezüglich stets hinterfragbares Anerkennungs-
es ist der damit umrissene Punkt, an dem sich nach mei- verh1tnis, für das Hegel nun prinzipiell auszusch1ieíen
nem Lindruck zeigen wird, dass selbst noch ein Hegel 50 scheint, dass die Ehefrau, unzufrieden mit ihrer b1oí
fernstehendes Anerkennungsverstãndnis wie dasjenige subordinierten Rolie, je gegen die bislang vorherrschen-
Althussers etwas zur Lrweiterung und Abrundung von de Ausübung der gemeinsam für richtig gehaltenen Norm
dessen Theorie beitragen kann. Einwnde erhebt; dass sie das aus seiner Sicht nicht tut,
Um klarer zu sehen, wie das mõgiich sein sou, bedarf ia, auf unbestimmte Zeit auch nicht tun wird, muss für
es zunchst einer vertieften Darstellung des Anerken- ihn daher mit etwas zusammenhngen, was auíerhalb
nungsverhJtnisses, in das Hegel Mann und Frau in der der Norm und von deren Interpretationsspielraum Iiegt,
modernen, nicht mehr auf elterliche Arrangements, son- etwas, was das Verstãndnis und die Ausiegung der Norm
dern auf »Zuneigung« gegründeten Lhe hineinversetzt von vornherein 50 eingrenzt, dass sich die Mõgiichkeit
sieht. Die Norm, deren Anwendung die beiden Partner eines Linwands von Seiten der Frau nicht einmal in fer-
hier jeweils überprüfen und gegebenenfalis hinterfragen ner Zukunft abzuzeichnen vrmag. Dieses »Auíerha1b.«
kõnnen solien, weil sie sich dazu kraft ihrer wechselsei- ist für Hegel, wie im Ansatz schoi zu sehen war, nichts
tigen Anerkennung autorsert haben, ist die einer »ge- anderes ais die »Natur«. Ganz gegen seine generelie Über-
genseitigen Liebe und Beihiife«21 sowie einer wenn auch zeugung, nach der die Geschichte der Anerkennungsfor-
sittlich gezügelten »Befriedigung des Naturtriebs«, also mationen einer Linie der shrittweisen Überwindung und
der sexuelien Bedürfnisse;22 nach dem, was uns bislang Befreiung von Naturbestimmungen folgt, 1sst er an die-
über Hegeis Sichtweise vertraut ist, hat das zu bedeuten, ser einen Systemstelle, wo es um die inoderne Lhe geht,
dass Mann und Frau in der Lhe gieichermaíen berech- plitziich wieder ein Stück vollkommen unvermittelter
tigt sind, die Praktizierung dieser Norm durch den je- Natur in die geschichtlich am weitesten entwickelten An-
weils Anderen in Frage zu stelien und neue Formen ihrer erkennungsverh1tnisse hineinragen: Die Frau wird in
Anwendung vorzuschlagen; dabei dürfen sie bei ihren der Gegenwart und in alier Zukunft, so ist er überzeugt,
einer Auslegung des ehelichen Liebes- und Mithilfege-
zi Ebd.,x64,S.3i5. bots zustimmen wolien, die sie dem Gatten gegenüber
22 Ebd., § 163, S. 313f. (v. a. Zusatz). gãnzlich subordiniert sein lsst, weil sie darin eine Beru-
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fung ihrer weibiichen Natur erbiicken muss. Hier schmug- geteilten Normgestützt werden kann, wird nicht schon
gelt sich mithin in Hegeis Konstruktion der Ehe eine na- aiiein dadurch festgeiegt, dass sich die Beteiligten wech-
türiiche Bestimmung em, von der wir heute wissen, dass selseitig den gleichen Anspruch auf Stellungnahme und
sie b1ofer Schein, nicht aber hartes, unumstõf1iches Fak- Kritik zugestehen; über die Menge der dabei legitim vor-
tum ist; manche der Gründe und normativen Argumen- zubringenden Gründe, über das, was mithin bemãngelt,
te, deren sich Frauen mit Blick auf ihre Stellung in einer eingewandt oder hinterfragt werden kann, entscheiden
Ehe zu Recht bedienen, kommen Hegel gar nicht erst in vieimehr immer auch Weltbilder und Interpretationssys-.
den Sinn, weii diese gegen die Natur des Geschiechter- teme, die von auíen in das Anerkennungsverh1tnis hi-
verhitnisses verstoíen würden und damit ais morali- neinragen, indem sie daran Unverfügbares von Verãnder-
sche Gründe volikommen untauglich wãren. barem, Natur von Kultur unterscheiden; und je gr6íer
Bemerkenswert an diesem kleinen Detail der Hegel- der Bereich von Gegebenheiten in einem soichen Aner-
'schen Rechtsphilosophie ist gewiss nicht, dass es uns ver- kennungsverhãltn.is ist, die den Beteiligten aufgrund die-
rãt, wie konservativ, ja heilios rückwrtsgewandt ihr ser hinter ihrem Rücken wirksamen Unterscheidungen
Autor über die Ehe und die Familie gedacht hat; mit vie- ais natürlich und damit unvernderbar erscheinen, desto
len, wenn auch sicher nicht mit alien seiner phiiosophi- kieiner ist der Umfang der Gründe, von denen sie sinn-
schen Zeitgenossen teilt Hegel die Vorsteilung, die Frau voll Gebrauch machen kõnnen. Insofern ist jede gegebe-
gehõre aufgrund ihrer natüriichen Veraniagungen an ne Ànerkennungsordnung, wie schon das Beispiei der
den Herd oder die Wiege, nicht aber in die õffentliche Ehebei Hegel zeigt, stets auch daraufhin zu befragen,
Sphãre der Erwerbsarbeit und der politischen Bettigun- ob in ihr irrigerweise etwas ais Natur erfahren wird, was
gen. Nein, was daran für die hier verfolgten Zwecke em- bei genauerem Hinsehen ais Kuitur geiten muss; ist em
zig von Bedeutung ist, ergibt sich aus dem Umstand, dass soicher Nachweis aber einmal erbracht und haben sich
die wechseiseitige Autorisierung zur Prüfung des Ge- ihn zumindest einige der Beteiiigten zu eigen gemacht,
brauchs einer gemeinsam geteilten Norfn noch ingst so wird sich schiagartig der Raum der Gründe vergró-
nichts darüber besagt, weiche Gründe den Beteiligten da- íern, der ihnen bei ihrer priifenden Ttigkeit in iegitimer
bei tatsichlich zur Verfügung stehen; denn das, was in Weise zur Verfügung steht.
einem soichen Anerkennungsverhãitnis ais ein legitimer Es ist dieser blinde Fieck in der Anerkennungsiehre
Grund des Einspruchs vorgebracht werden kann, bemisst Hegeis, der sich nun, wie mir scheint, mit dem Arsenal
sich offensichtiich daran, was aus Sicht der Teilnehmer der von Althusser angestofknen Theorie der Anerken-
an ihrer Beziehung ais vernderbar oder ais unvernder- nung beheben isst; denn erkirt werden soli darin ja,
bar, was aiso ais soziai hervorgebracht oder was ais natur- warum Individuen personaie Eigenschaften, die ihnen
gémacht zu geiten hat. Der Umfang des Raums derjenigen zunãchst entweder gar nicht oder nur zufãliig zukom-
Gründe, auf die in einer beliebigen Anerkenriungsord- men, nach einer gewissen Dauer ais ihnen von Natur aus
nung ein Einwand gegen die praktizierte Deutung der gegeben, ais soiche unverinderbar und damit auch ais

222 223
nicht weiter hinterfragbar wahrnehmen müssen. Soiche te Anerkennung erzeugt wird, so müsste man fortfahren,
Vorgãnge einer »Naturalisierung« an sich kontingenter nàmiich der Schein fixierter, natüriicher Verhakensdis-
Verhaltenszüge dürfen hier freilich nicht in der Form vor- positionen, wirkt sich innerhaib der durch Hegel be-
gestelit werden, in der sie historisch zunchst vor alIem schriebenen Verhàknisse reziproker Anerkennung dann
gewirkt haben, nm1ich ais Rechtfertigung des Ausschius- in der Weise aus, dass aus dem Fundus mõgiicher Grün-
ses ganzer sozialer Kollektive von geseiischaftskonstitu- de für die Annahme oder Zurückweisung einer bislang
tiven Anerkennungsverhàltnissen überhaupt; derartige ausgeübten Praxis ein Sektor ausgeschlossen wird, weil
FãlIe kennt Hegel natürlich auch, er behandelt sie etwa er gegen die Natur der Beteiligten zu verstoíen scheint -
am Beispiel der Sklaven, aber auch an dem der bei gewis- die Anerkennungsbeziehung, eigentlich Garant von Herr-
sen »Võlkern« »in geringer Achtung« stehenden Frauen,23 schaftsfreiheit, perpetuiert dann Herrschaft, indem in
nur betreffen beide nicht jene Vorkommnisse der Unter- sie von oben ein Anerkennungsgeshehen anderer Art
minierung einer in geschichtlich fortgeschrittenen Aner- eingreift, welches die Beteiligten nótigt, an sich Eigen-
kennungsbeziehungen bereits bestehenden Gieichheit, schaften wahrzunehmen, die sie für unverànderbare Be-
die im vorliegenden Kontext j der Erklàrung bedürfen. standteile ibrer Natur halten müssen.
Berücksichtigt man diese Unterscheidung und versteht Alierdings muss dieser Versuch, die Anerkennungstheo-
das Anliegen der von Aithusser inspirierten Anerken- rie Hegels mit derjenigen von Aithusser iocker zu ver-
nungstheorie so, dass sie sich vorzüglich auf den zweiten knüpfen, ein wenig artifizieli anmuten, weii es für dessen
Fali bezieht, in dem naturalisierte Eigenschaften den Absichten, wie gesagt, der Anerkenriungsbegriffiichkeit
Raum potenzielier Gründe in einer Beziehung rezipro- eigentlich kaum bedürfte; man kõnnte dieselben Vorgãn-
ker Anerkennung einschrànken, dann lâsst sich die ge, die Althusser oderjudith Butier vor Augen haben, auch
von ibm und seinen Nachfolgern dafür gelieferte Erklii- mit Hilfe ganz anders verfasster, vielleicht sogar besser
rung etwa fo1gendermaíen wiedergeben: Dadurch, dass geeigneter Instrumentarien beschreiben. So iieíe sich etwa
in schuiischen Erziehungsprozessen, bei bürokratischen dic, individuelie Seibstzurechnung zu einer durch »na-
Vorgãngen, wàhrend kirchlicher Veranstaitungen oder türliche« Merkmaie definierten Gruppe, sei es des »Ge-
in Arbeitszusammenhãngen die Mitgiieder ein und des- schiechts& oder der »Rasse«, ais Looping-Effekt einer
selben Personenkreises wiederholt und in quasi ritueiler politisch instrumentierten und über einen gewissen Zeit-
Form mit immer denseiben, hochtypisierten Eigenschaf- raum hinweg ausgeübten Klassifikationspraxis begrei-
ten »angerufen« oder belegt werden, entwickeln jene eine fen;24 oder aber man kônnte darangeben, in stãrkerer
Tendenz, die auf sie gemünzten Eigenschaften schiieí- Entgegensetzung zum Staatszentrismus Alrhussers, der-
lich ais feste Bestandteile ibrer eigenen Natur zu begrei-
fen.Was derart durch staatiich getragene oder vermittei- 24 Zu den »Looping-Effekten« vgl.: lan Hacking, Was heiflt soziale
Konstruktion? Zur Kotzjznktur einer Kanzpfvokabel in den Wis-
23 Ebd., S 162 (Zusatz), S. 313. senschaften, übers. von Joachim Schulte, Frankfurt/M. 1999.

224 225
artige Prozesse der »Naturaiisierung zugeschriebener derum eine ganz anders verfasste Idee soziaier Anerken-
Eigenschaften ais subjektiven Niederschiag einer geseli- nung den Biick zu richten eriaubt - 50 dass an diesem
schaftiich hegemonialen Sprachpraxis aufzufassen, in der einen Punkt, derFortdauer von Herrschaft in bereits
im Interesse an der Bewahrung von sozialen und ëkono- etablierten Anerkennungsbeziehungen, sich die beiden
mischen Privilegien an ãugerliche Merkmaie (Hautfarbe/ ansonsten 50 weit auseinanderiiegenden Traditionen er-
Geschlecht) charakterliche Verhaltenszüge geheftet wer- staunlicherweise doch einander berühren, indem die zwei-
den, die die Fortdauer der Benachteiiigung der schlech- te, negative auf eine Schwche der ersten, grundstz1i-
tergesteliten Gruppen rechtfertigen kõnnen soilen.25 Bei- cheren aufmerksam macht. Nicht afies, was Hegel giaubt,
de Alternativen enthalten, so wird man sofort zugeben ais eine Beziehung wechseiseitiger Anerkennung .identi-
müssen, bessere Erk1àrungsanstze für das besagte Phd- fizieren zu kõnnen, ist allein deswegen schon ein von
nomen, ais sie die Anerkennungstheorien von Althusser Herrschaft, Abhngigkeit und Unterdrückung emanzi-
oder Butier zu iiefern imstande sind; es mag zwar viei- piertes Verhitnis; die Bedingungen der Soziaistruktur,
ieicht etwas für sich haben, die durch staatJiche Organe die die Anerkennungsbeziehung umgeben oder beein-
vorgenommene Zuschreibung typisierter Eigenschaf- flussen, kõnnen vielmehr derart beschaffen sein, dass
ten mit dem Begriff ,Anerkennung- zu beiegen, weii da- nicht alie daran Beteiligten im gleichen Maíe von der ih-
mit der Blick auf die Gleichzeitigkeit von Lockung und nen prinzipieli eingerumten Freiheit Gebrauch machen
Festiegung, von Anziehung und Einschnürung gerichtet kõnnen. Zwei soiche File, in denen sozialstrukturelle
wird, aber zu einem vertieften Verstndnis der beteilig- Gegebenheiten die Reaiisierung des normativen Poten-
ten Vorgnge trgt dise begriffliche Pointe eigentlich ziais von Anerkennungsbeziehungen verhindern, haben
kaum etwas bei - hier bieten die Vorsch1ge von lan Ha- wir im Zuge meiner Bilanzierung des europãischen Dis-
cking oder Saily Haslanger unzweideutig weitaus frucht- kurses über die menschiiche Abhngigkeit vom Anderen
barere Anha1ispunkte. kennengelernt. Im Kontext der Frage, ob sich zwischen
Der Grund, warum ich in meinen Versuch einer Inte- Roüsseaus amourpropre und Hegeis Idee der wechsel-
gration der ideengeschichtlichen Befunde den Ansatz seitigen Anerkennung irgendeine Verbindung hersteiien
von Althusser überhaupt einbezogen habe, war dann iieíe, war davon die Rede gewesen, dass der deutsche
auch ein anderer ais der, durch ihn Hinweise auf eine Phiiosoph offenbar seiber soiche psychischen Pathoio-
überzeugende Analyse der Bedingungen von mnn1icher gien zu kennen scheint, wie sie sein Vorgnger auf der
Herrschaft in Ehe und Familie zu erhalten; es soilte statt- anderen Rheinseite im Zweiten Diskurs beschrieben hat-
dessen gezeigt werden, dass Hegeis Theorie der Aner- te; immer dann, 50 war aus einigen Passagen der Rechts-
kennung eine empfindliche Lücke aufweist, auf die wie- phiIosophie Hegeis zu schiieíen, wenn Individuen kei-
nen Zugang zu Anerkennungsverhltnissen finden, die
25 Vgl. Saily Haslanger, Resisting Reality. Social Constrctzon and So- ihnen rechtmíig offenstehen soliten, tendieren sie da-
dai Critique, Oxford 2012. zu Verhaitenszüge zu entwickeln, die denen der ent-
226 227
hemmten amourpropre bei Rousseaus bis aufs Haar glei- tenzen, õffentiicher Autoritt und sonstigen Führungs-
chen. Es bietet sich an, diesen ersten Fali einer Obstruk- quaiitãten verheiíen, wird diese scheinbaren Tatsachen
tion des Potenziais von Anerkennungsbeziehungen mit stets als cin Argument verwenden kónnen, um weitere
Max Weber. ais »soziaie Schiieíung oder »Exkiusion Diskussionen zu unterbrechen und für sich die normati-
zu bezeichnen;26 gemeint ist damit das hufig anzutref- ve Definitionshoheit über die Beziehung zu reklamieren.
fende und eben schon von Hegel geschilderte Phãno- Das, was in diesem zweiten Fali das normative Potenzial
men, dass aus welchen Gründen immer einzelnen mdi- der wechselseitigen Anerkennung aushëhit, ist aiso die
viduen oder ganzen Gruppen verwehrt wird, an bereits Verkieinerung des Raums mõglicher Gründe dadurch,
etablierten Anerkennungsverhitnissen teiizunehmen, ob- dass Ausiegungen der geteilten Norm, die eigentiich hin-
wohi sie alie Voraussetzungen dafür besitzen würden - terfragbar wren, als naturgegeben erfahren oder ais sol-
wir erinnern uns daran, dass Hegei auch die Entstehung che prsentiert werden; mithin bietet és sich an, hier statt
des »Pibeis« ais Beispieisfaii eines soichen Ausschiusses von einer »soziaien< von einer »argumentativen Schlie-
erwãhnt hat, wenn auch bei diesem die psychischen Reak- gung<< eines Anerkennungsverhãitnisses zu sprechen.
tionen auf das eriittene Unrecht andere sein solien ais Damit dürften die soziaistruktureiien Umstãnde noch
soiche der Prâtention oder Geitungssucht. Der zweite nicht erschõpfend erfasst sein, die in einer institutionali-
Fali einer soziaistruktureiien Bedingung, die es verhindert, sierten Beziehung der wechseiseitigen Anerkennung da-
dass Anerkennungsbeziehungen ali ihre normativen Mõg- zu beitragen kõnnen, dass die beteiiigten Subjekte von
iichkeiten entfaiten kinnen, ist uns soeben in der Rück- der ihnen eingerãumten normativen Autoritt nicht an-
besinnung auf Aithussers eigenwiiiige, ebenfaiis dem gemessen Gebrauch zu machen verm3gen; nicht nur
franzósischen Negativismus entspringende Idee der An- die den Subjekten zugeschriebenen Eigenschaften, son-
erkennung begegnet; dieser Vorsteiiung zufolge, bezieht dern auch die institutioneiien Regelungen selber kônnen
man sie auf Hegeis Vorsteiiungswelt zurück, sind »ideo- etwa von den Beteiligten ais naturgegeben oder zumindest
iogische Konstruktionen der »natüriichen Eigenschaf- als auf absehbare Dauer unvernderbar wahrgenommen
ten bestimmter Koiiektive verantwortiich dafür, dass werden - auch das also ein Fali von »argumentativer
an sich gieichgesteiite, sich wechseiseitig anerkennende SchIieíung«.27 Dabei muss aiierdings berücksichtigt biei-
Personen doch über ungleiche Machtbefugnisse zur De- ben, dass soiche obstruktiven Bedingungen nicht em-
finition ihrer Beziehung verfügen; denn derjenige in fach in der Befugnis eines der Beteiiigten bestehen kõn-
einem derartigen Anerkennungsverhitnis, dem durch nen, den Anderen an seiner Stellungnahme zu hindern,
gieichsam ritueiie Zuschreibungen natürliche Attribute
veriiehen wurden, die ein Mehr an sachiichen Kompe-
27 Vgl. zur kulturelien Konstruktion von »Unvermeidbarkeiten
Barrington Moore, Ungerechtigkeit. Die sozialen Ursachen von
26 Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehen- Unterordnung und Widerstand, übers. von Detlev Puis, Frank-
den Soziologie,Tübingen 1976, S. 23ff. furt/M. 1982, Kap. 14 (S. 604-665).

228 229
weil die reziproke Zubiliigung eines Anspruchs darauf über das ewige Wechselspiei zwischen den sich abwech-
ja ais tatschiich gegeben vorauszusetzen ist - andem- seind objektivierenden Subjekten ailerdings aus den schon
falis würde es sich erst gar nicht um ein institutionalisier- genannten Griinden recht abwegig sind, ist Hegei der
tes Verhãitnis der Anerkennung handein. Der Versuch, einzige Denker im europischen Anerkennungsdiskurs,
hier einige Beispiele für die Mëglichkeit der Einschnü- der in unserer konstitutiven Abhãngigkeit vom Anderen
rung oder Unterminierung dieses normativen Freiraums auch den Zündstoff für kaum stillzustellende Konflikte
zu benennen, hatte im Übrigen auch nur den Sinn, erneut gesehen hat; zwar wird dieser konstitutive Zug aiier Ver-
auf eine überraschende Überlappung der im europ.- hãltnisse der Anerkennung von ihm nicht immer deut-
ischen Denken zirkuiierenden Vorsteilungen über Wert iich!genug hervorgehoben, ja, in seiner Rechtsphiloso-
und Wirkung der zwischenmenschiichen Anerkennung phie neigt er sogar dazu, ihn stark herunterzuspieien
aufmerksarn zu machen: Selbst ein der Ideenweit Hegeis und nur an den ãufersten Rndern durchbiicken zu ias-
so fërnstehender Anerkennutgsbegriff wie derjenige sen; aber im Grofen und Ganzen wird man wohi sagen
Aithussers, auch dieser ein geistiges Produkt des in Frank- müssen, dass er sich darüber voiistãndig im Klaren ge-
reich beheimateten Skeptizismus, spieit noch in dessen wesen ist.28 Der Grund für diese Anfãlligkeit der Aner-
Sozialtheorie der Anerkennung hinein, weil er dort eine kennungsbeziehungen, Konflikte unterschiedlichster Art
gravierende Lücke sichtbar werden lãsst. an sich zu ziehen oder heraufzubeschwõren, ist leicht zu
Führt man sich vor Augen, welche Konturen die Theo- erkennen und ergibt sich aus der Fragiiitãt des Stoffs, aus
rie Hegeis inzwischen auf dem Weg eines Abgleichs mit dem diese Beziehungen gezimmert sind: Wenn das, was
den anderen Traditionn angenommen hat, so kann es sie zusammenhit, nur soziai institutionalisierte Normen
nun nicht weiter überraschen, dass die von ihm geschil- sind, in Hinbiick auf deren Ausiegung und Anwendung
derten Anerkennungsverhãltnisse noch einen weiteren sich die Sibjekte wechselseitig ein Mitspracherecht em-
Zug besitzen, über dessen konstitutive Bedeutung er nur gerumt haben, dann kann sowohi über den Umfang ih-
wenig Zweifel gelassen hat: Soiche Beziehungen der wech- res Anwendungsfeides ais auch über den Kreis der Per-
seiseitigen Anerkennung müssen nicht nur ais stets schon sonen, die unter sie falien soiien, bestãndig neuer Streit
institutionaiisiert vorgestellt werden, weil sie zu verpflich- entstehen.Wohigemerkt, hier ist nicht von den Zwistig-
tender Geltung in der sozialen Wirklichkeit geiangt sem keiten die Rede, die stets daraus resuitieren kõnnen, dass
solien; ihre jeweiligen normativen Gehalte müssen zu- unterschiedlichen Auffassungen über die angemessene
dem nicht nur ais zu individueiien Gewohnheiten gewor- Ausiegung der gemeinsam geteiiten Norm voriiegen; sol-
dene Handiungsroutinen gedacht werden, die den beteilig-
ten Subjekten mithin in Fleisch und Biut übergegangen
28 Vgl. zu Deutungen, die in diese Richtung weisen: Axel Honneth,
sind, sondern sie müsen schiiefiich auch ais in ihrer kon- Kampf um Anerkennung, a.a.O.; Georg W. Bertram/Robin Celi-
kreten Gestalt stets umstritten, ais in sich konflikthaft kates, 'Towards a Conflict Theory of Recognition«, in: European
gedeutet werden. Neben Sartre, dessen Auffassungen JournalofPhilosophy, 4(2015), S. 838-861.

230 231
che Auseinandersetzungen gehõren gewissermaíkn zum schiossen werden muss,29 bin ich an das Ende meines
aiitgiichen Geschft in einem jeden Anerkennungsver- Versuchs gelangt, eine erste Ordnung in die Vieifait der
hitnis, machen sie doch die soziale Existenzweise derje seit dem Beginn der Moderne in einigen Undern Euro-
zugrunde liegenden Norm aus und kinnen daher noch pas entwickelten Vorstellungen über die Bedeutung der
nicht ais echte Konflikte bezeichnet werden. Von Kon soziaien Anerkennung zu bringen. Dass ich dabei gera-
flikten im eigentlichen Sinn kann vie1meh- erst dort ge de die Konzeption Hegeis ais theoretischen Schiüssei be-
sprochen werden, wo nicht die Ausiegung der Norm auf nutzt habe, um herauszufinden, wie die verschiedenen
einen kiar umgrenzten, von alien Beteiiigten dann auch Ideen trotz ali ihrer methodischen und inhaitlichen Dif-
befürworteten Anwendungsbereich umstritten ist, son ferenzen doch irgendwie zusammenhngen kinnten,
dern wo die sachiichen Grenzen dieses Bereichs seiber habe ich gleich zu Beginn meiner synthetisierenden Be-
und die Zahl der personeli Dazugehõrenden zur Debat- trachtungen zu begründen versucht; da ich aber nicht
te stehen; es ist ein groíer Unterschied, um beim vorher aussch1ieíen kann, dass weiterhin der Verdacht besteht,
behandelteri Beispiel zu bleiben, ob die Eltern im Lichte ich htte mich bei dieser Entscheidung nur von uneinge-
der Normen partnerschaftiichen Zusammenhaits darüber standenen phiiosophischen Prmissen oder, schiimmer
streiten, wer im Haushait wofür verantwortiich ist, oder noch, von ungenügend durchschauten Bindungen an die
sie darüber uneins sind, ob sie ihren Kindern ein Mit- eigene geistige Herkunftskultur leiten iassen, wiii ich
spracherecht über derartige Fragen einrumen und damit die beiden dort umrissenen Gründe noch einmal kurz
in ihre Partnerschaft einbeziehen solien. Was an diesem zusammenfassen. Die erste Überlegung war, dass Hegel
Beispiei im Kleinen sichtbar wird —der Unterschied zwi- und Fichte mit ihren jeweiiigen Anerkennungsbegriffen
schen alliiglichen, sozusagen hausgemachten Zwistig- nicht nur irgendein für das geseilschaftliche Zusammen
keiten über die konkrete Anwendung einer Norm auf ieben relevantes Phnomen benennen woiiten, sondem
der einen und Konflikten über den thematischen und die dafür überhaupt erst konstitutive Bedingung: Nur
personelien Umfang ihres Geitungsbereichs auf der an- dadurch, dass wir uns wechseiseitig ais Personen aner-
deren Seite -, nimmt im Groíen geseiischaftiicher Aus- kennen, denen die Autoritãt zukommt, je für sich über
einandersetzungen natürlich eine ganz andere, geschicht- die Legitimitãt der gemeinsam geteilten Normen mit be-
lich verndernde Bedeutung an; und es mag sein, dass
Hegel, wenn ihm nicht gerade der Weltgeist dabei vor 29 Ich habe auch bei den neueren Studien zur Hegel'schen Ge-
Augeri gestanden hat, sich soiche Konflikte im welthisto- schichtsphilosophie nicht den Eindruck, dass sie uns cine deutlich-
rischen AusmaS ais treibende Kraft bei der moraiischen ere Vorstellung der sozialen Prozesse vermitteln, über die sich der
Fortenrwickiung unserer Anerkennungsverhãitnisse aus- moralische Fortschritt unterhalb des Weltgeistes, also inmitten
und kraft der geschichtlich situierten Subjekte, nach Hegel volizie-
gemait hat. hen kõnnen sol!: Terry Pinkard, Does History Mke Sense? Hegel
Mit diesem vagen Ausblick auf ein Terrain der Hegel- on the Histori caJ Shpes ofJustice, Cambridge/Mass. 201 7;Joseph
'schen Anerkennungstheorie, das erst noch weiter er McCarney, Hegel on History, London 2000.

232 233
finden zu kõnnen, schaffen wir die Voraussetzung für eine tegriert werden konnten, ergab sich dann teus aus dem
normativ regulierte Koexistenz unter uns Menschen. An- insgesamt doch zu grofen Abstand zur Theorie Hegels,
sãtze einer soichen Hervorhebung der gesellschaftskon- teus aus den idiosynkratischen Beobachtungen, denen
stitutiven Roile der wechseiseiigen Anerkennung lassen sie sich verdankten. Gleichwohl meine ich, dass sich un-
sich zwar in der anderen Begrifflichkeit eines »inneren ser Bild von dem, was die konstitutive Roile der Aner-
Beobachters« auch in der schottischen Moralphilosophie, kennung für unser Zusammenleben ausmacht, durch den
zumal bei Adam Smith, beobachten, aber sie reichen Versuch einer Synthetisierung der verschiedenen euro-
nicht weit genug, um damit zugleich auch die Genese pãischen Traditionsstrãnge doch erheblich erweitert hat.
und Gegebenheitsweise von soziairegulativen Normen Wir wissen jetzt, dass eine von Hegel inspirierte Theorie
zu erklãren. Wird so viei an grundlegender Einsicht der der Anerkennung stets auch eine Diagnose stãndig mõg-
von Kant beeinflussten Tradition des Deutschen Idealis- licher Pathoiogien, eine Untersuchung der überail iauern-
mus zugestanden, dann bedarf es freilich noch eines weite- den Obstruktionen und, nicht zuletzt, eine Analyse der
ren Arguments, das plausibel macht, warum nicht beide, Konflikthaftigkeit der wechselseitigen Anerkennung mit
Fichte und Hegel, sondern nur der Zweite den Schlüssei beinhalten muss.
zu einem integralen Verstãndnis der sozialen Anerken-
nung in den Hãnden haiten sou. Den Gruxid dafür babe
ich darin gesehen, dass Hegel die von ibm gemeinsam mit
Fichte in ihrer soziaikonstitutiven Rolie erschlossene
Anerkennung aus dem Reich transzendentaler Vollzüge
herauslõst und in die soziale Wirklichkeit eines objektiv
gewordenen » Geistes « hineinverlagert, der institutionel-
le Gebilde, moralische Gewohnheiten und sich mit bei-
den abmühende, ieibhaftige Menschen umfast. Es war
dieser grofe Schritt über Fichte hinaus, und damit die
Entfaitung eines Sinns für die lebensweitiiche Existenz
der wechseiseitigen Anerkennung, die mich dazu be-
wogen hat, HegelsTheorie ais Leitfaden einer sozialen
Verortung der anderen Aspekte zu verwenden, welche
die hier zuvor behandelten Traditionen an unserer Ab-
hãngigkeit vom Anderen jeweils in den Mitteipunkt ge-
rückt haben; und dass dabei nicht alie diese Facetten
angemessen Berücksichtigung finden, nicht alie an der
Anerkennung anderenorts wahrgenommenen Züge in-
234
Hume, David 5, 40-42, 8i, Merleau-Ponty, Maurice 64,
83f., 86-99, 101-107, III, 70
113, iif., 1191 I2f., ,8f., Middleton, Thomas 83
131, 141, 167, 172, 177f., Mill,JohnStuart , 8,, 84, 119-
182, 187, 194, 202, 205f., 129, 131, 182
Namenregister 210, 212 Montaigne, Michel de 27, 29,
Husserl, Edmund 63, 6, 105 34, "'79
Hutcheson, Frarcis 8-87, Montesquieu, Charles-Louis
Addison, Joseph 83 Fichte,Johann Gottlieb 15,24, 89f.,98, 104 de Secondat, Baron de La
Althusser, Louis 73-75, 136, 144f., 147, 152-170, Brèdeetde 79, 175
182, 192f., z,of., 218, 220, 172, 179, ,82, 187, 192-194, Ikãheimo, Heikki ii, 199, 201
223-226, 228, 230 198-200, 202f., 2053 215, Neuhouser, Frederick 24, 34,
Apel, Karl-Otto 16, 200 218, z33f. Jonson, Ben 82 43, 46, 48-50, 154, 157,216
Aristoteles 2041. Fleischacker, Samuel 100, 1051
Augustinus von Hippo 28, 37, iii, ,if. Kant, Immanuel 5, 61, 94, Oncken, August loof.
39 Foot, Philippa 194 ,iof., 113, 128, 131, 136-
Foucault, Michel 15 154, 16, 159-164, 166, 168- Pufendorf, Samuel 1 3 5
Balzac, Honoré de 6i Freud, Sigmund 77, 96, 122, 170, 178f., 182, 192, 195,
Berlin, Isaiah 122f. 207f. ,99f., 202f., 208f., 218, 234 Rawls,John 13,48
Bosanquet, Bernard 129 Kojève, Alexandre 76, 176 Rousseau, Jean-Jacques 5, ,,
Bradley, Francis Herbert 128f. Goethe, Johann Wolfgang 13 Koselieck, Reinhart 15, 21 f. 191 24, 26, 28, 34-65, 69-74
Brecht, Bertolt do Green,Th6mãs Hill 128f. 74, 77, 79, 8, 93, 96-98,
Butler,Judith 13, 176, 192f., Grotius, Hugo 83 La Rochefoucauld, François 138f., 148, 167, 172, 175,
211, 218, 225f. VI. Duc de 28-32,34,36f., 177f., 182, 184, 187, 192,
Habermas,Jürgen 33, 51, 45, 55, 57,61, 72, 79, 8, lo,, 199, 2021 210-213, 215-218,
Cassirer, Ernst 47 200f. 182 227f.
Cohen,Joshua 48, 50 Hacking, lan 225 f. Lacan, Jacques 19,73f.,76-78 Rowley,William 83
Collingwood, Robin G. is Haslanger, SaIly 226 Leibniz, Gottfried Wil-
Comte, Auguste 62 Hegel, Georg Wilhelin Fried- helm 1 30., 181 Sartre, Jean-Paul 5, 19, 24, 64-
Condorcet, Marie Jean Antoi- rich 5, I, 24, 66, 74, 76, Levinas, Emmanuel '44 74, 172, 182, 187, 192, 196f.,
ne Nicolas de Caritat, Mar- 128, 134 136, 145, 147, 1491 Ludwig XIV. 31 20, 230
quis de 175 51-154, ,61, 164, 168-182, Schiller, Friedrich 154
18, 187, 192-194, 198-206, Macpherson, Crawford Seigel,Jerrold 22, 35, 133
Dent, Nicholas 43, 47f. 208f., 211, 213-228, 230- Brough 86,127 Shaftesbury, Anthony Ashley-
Descartes, Renê 28, 63 235 Mandevilie, Bernard 83 -8 5, Cooper, 3. EarI of 84-86,
Dummett, Michael 16 Heidegger, Martin 66, 138 lo,, ii6 98, 104, 182
Durkheim, Émile 62, 79 Herder, Johann Gottfried 175 Marcel, Gabriel 63 Shakespeare, William 82
Hobbes,Thomas 24-26,83, Marlowe, Christopher 82 Skinner, Quentin 15
Ferguson, Adam 175 85f., 127 Marx, Karl i Si
Hont, István 24f. Mauss, Marcel 63, 79

236 237
ao

Smith, Adam 15,24,40-42,84, Tolonen, Mikko ii6


99-102, 104-120, 126, 128f., Tugendhat, Ernst 57, 90, io6,
131, 139-141, 167, 172, 175, 113f.
177f., 182, 187, 202, 205-
210, 234 Vauvenargues, Luc de
Spinoza, Baruch de 20, 176f. Clapiers 39
Steele, Richard 83
Stendhal (Marie-Henri Bey- Weber, Max 228
le) 6i Wiggins, David 194
Suárez, Francisco 20 Wood, Alien 158

Taylor, Helen 14, 122