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Sprechakt und Rede

Author(s): C. E. M. Struyker Boudier


Source: Phänomenologische Forschungen, Vol. 8, Studien zur Sprachphänomenologie (1979),
pp. 91-136
Published by: Felix Meiner Verlag GmbH
Stable URL: http://www.jstor.org/stable/24360134
Accessed: 02-04-2018 21:53 UTC

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Sprechakt und Rede

Von C. Ε. M. Struyker Boudier, Nijmegen

Ein systematischer Vergleich der Sprachphilosophie Mer


leau-Pontys und der ,linguistic phenomenology' von Au
stin und Searle steht noch aus. Zwar sind die Divergenzen
und Übereinstimmungen, die zwischen der Phänomeno
logie Husserls und den ersten Formen des logischen Posi
tivismus bestehen, untersucht worden, nicht jedoch jene
Veränderung der Gesichtspunkte in beiden Strömungen
hinsichtlich der Sprache, eine Veränderung, die hoffent
lich zu einer fruchtbaren Konfrontation führen wird.1
Das Ziel dieses Beitrages ist nun weniger, die Überein
stimmung bzw. die Differenzen beider Phänomenologien
zu bestimmen, als vielmehr die Einsicht in eine Reihe von
Aspekten der Sprache zu vertiefen, wie ζ. B. das Verhält
nis von Sprache (als Sprachsystem) zur gesprochenen
Sprache, die Beziehungen, die zwischen Sprechen, Den
ken, Handeln bestehen, das Verhältnis von Spontaneität
und Regelgebundenheit des sprachlichen Ausdrucks, das
Verhältnis der kommunikativen Funktion der Sprache zur
Realität und schließlich die Stellung der Sprache im Gan

1 Vgl. R. Lanigan: Speech Act Phenomenology, Den Haag 1977;


C. A. van Peursen: Phänomenologie und analytische Philosophie,
Stuttgart 1969; die Beiträge von Natanson, EdieundTillmanin: Interna
tional Philosophical Quarterly VII (1967) H. 1 ; die Beiträge von Spiegel
berg, Chappel, Turnbull et al. in: The Monist 49 (1965) H. 1; H. Spie
gelberg: Phenomenolgy, in: The New Encyclopaedia Britannica; Taylor
und Ayer: Phenomenology and Analysis, in: Aristotelian Society Sup
plement 33 (1959) 93-124.

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zen der Erfahrung von möglichem Sinn. Unterschiede in
der Optik zwischen beiden Phänomenologien schließen,
wie wir zu zeigen hoffen, frappante Ubereinstimmungen
nicht aus. Diese sind um so überraschender, als die beiden
phänomenologischen Entwürfe unabhängig voneinander
entwickelt worden sind. Merleau-Ponty war unbekannt
mit den phänomenologisch-linguistischen Arbeiten der
Angelsachsen, die ja zum großen Teil erst nach seinem
Tod erschienen sind; Austin und Searle ihrerseits geben
nirgendwo zu erkennen, daß sie mit der Sprachphiloso
phie von Merleau-Ponty (oder auch der von Husserl
selbst) in Kontakt gekommen wären.

Phänomenologie der Sprache

Die kontinentale Phänomenologie wird getrieben durch


den Willen zur Rückkehr zu den Sachen selbst. Die noch
stumme Erfahrung zum reinen Ausdruck ihres eigenen
Sinnes zu bringen, ist das Ideal, das Husserl und Merleau
Ponty vorschwebt. Merleau-Ponty will nicht bloß die Er
scheinungsweise der Sprache und der Rede in unserer er
lebten Erfahrung und in der Sprachwissenschaft zur Gel
tung bringen, sondern auch die Weise, wie Sprache und
Rede Sinn erschaffen. Er beschäftigt sich nicht mit logi
schen Analysen der Bedeutungen unserer sprachlichen
Ausdrücke, sondern mit dem Verstehen des expressiven
Aktes des Sprechens als solchem. Die linguistisch-phäno
menologische Analyse der Sprechakte geht ebenso von
„der lebendigen Gegenwart" unseres Sprechens aus, als
„langage vécu" (PM, 35-37). Die Zuwendung zur alltägli
chen Sprache gründet sich, gleich Merleau-Pontys Rück
kehr zur parole, auf die Tatsache, daß ich eine bestimmte
Sprache als Muttersprache habe (SA, 25); diese ist das

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Fundament der linguistischen Beschreibungen und Erklä
rungen. Beide Phänomenologien wollen so vorausset
zungslos wie möglich verfahren. Das bezeichnet keine
Abwendung von Theoriebildung, mit Ausnahme (viel
leicht) von Austin, sondern lediglich die Forderung,
Theorien auf der Grundlage einer möglichst exakten Be
schreibung der Erscheinungen zu errichten. Nicht wie die
Tatsachen bestimmten Einsichten und Definitionen zu
folge sein sollten, sondern die Analyse dieser Tatsachen in
einer auf sie zugeschnittenen Sprache ist der erste Grund
satz. Die Beschreibung dessen, was geschieht, wenn Men
schen sprechen, vergegenwärtigt den wahren „phänome
nologischen Positivismus".
Die Frage ist jetzt, wie beide Phänomenologien dieses
Programm realisieren wollen. Fangen wir an mit Mer
leau-Pontys Kritik am ältesten logischen Positivismus. Er
stellt seine Phänomenologie der „spontanéité enseignan
te" (SI, 121) einer Philosophie gegenüber, die in die Ana
lyse des schon Gesagten flieht. Der logische Positivismus
schließt, wie er schreibt, alle Ausdrücke aus, die keine
unmittelbar nachweisbare Bedeutung haben, und be
schränkt sich so auf die nur scheinbar klare Ganzheit der
eindeutigen Bedeutungen (SI, 198). Bei Ryle und Wittgen
stein zeigt sich für Merleau-Ponty die Unhaltbarkeit die
ser Konzeption: Eine nur begriffliche Sprachanalyse wird
dem tatsächlichen Geschehen unseres Sprechens nicht ge
recht. Zu Ryle's Unzufriedenheit2 macht Merleau-Ponty
aufmerksam auf Parallelen zwischen dessen Arbeit und
der Phänomenologie, wie etwa hinsichtlich der Entdek
kung des Gebrauchs und des Sinns solcher Worte, die sich

2 Cahiers de Royaumont. Philosophie IV: La philosophie analytique,


hrsg. von Minuit, Paris 1962, 93. Vgl. die Bemerkungen von Edie: Phe
nomenology as a rigorous science, a. a. Ο. 22n.

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einer rein begrifflichen Ubersetzung widersetzen. Oder
auch auf die Tatsache, daß die Analyse etwa der Einbil
dung sich nicht auf die Analyse des Wortes ,Einbildung'
zu beschränken scheint, sondern sich auch auf die noch
stumme Erfahrung des Phänomens stützt. Was Worte wie
,Bewußtsein' und ,Welt' sagen wollen, erklärt Merleau
Ponty schon eher gegen die „Wiener Schule", wissen wir
kraft der Erfahrung, die wir selbst von ihnen haben. In der
Verschwiegenheit des originären Bewußtseins kommt
nicht allein zur Erscheinung, was Worte besagen wollen,
sondern auch, was Dinge bedeuten wollen: der erste Be
deutungskern, um den alle Akte des Nennens und Aus
drucks sich organisieren (PW, 12). Das Niveau der,,spon
tanéité enseignante" ist die Welt des noch Ungesagten,
und sie ist der Ursprung der Welt des Gesagten. Von der
Erforschung dieser zweiten Welt ist nach Merleau-Ponty
nicht mehr zu erwarten als die reduzierte Welt unserer
Idealisierungen und die grammatikalischen Strukturen, in
denen diese sich ausdrücken (VIN, 138f.). Die Philoso
phie ist, wegen ihrer prinzipiellen lebensweltlichen Ab
hängigkeit, kein tête-à-tête eines absoluten Bewußtseins
mit reinen Wesenheiten (dies Husserl zum Trotz) oder mit
transparenten Wortbedeutungen (dies dem logischen Po
sitivismus zum Trotz), sondern sie verkörpert eben den
Versuch, diese Wesenheiten und Bedeutungen auf dem
Hintergrund ihrer Herkunft zu situieren, d. h. auf dem
Hintergrund der noch stummen Welt der Erfahrung
(VIN, 149). Der Irrtum der „semantischen Philosophien"
besteht darin, daß sie die Sprache abschließen, so als ob sie
nur von sich selbst spräche, während sie jedoch gerade von
der schweigenden Welt lebt. Merleau-Ponty gesteht zu,
daß unsere Erfahrungen selbst schon sprachlich vermittelt
sind (vgl. PW, 207-209; VIN, 169). Daß wir sie in Sprache
zum Ausdruck bringen, bedeutet nicht, wie Bergson

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meinte, daß die Sprache einen Schirm zwischen unseren
Erlebnissen und der Welt bildet. Im Gegenteil, Merleau
Ponty sieht in ihr eben eines der wertvollsten Zeugnisse
des Seins. Sie öffne uns für das Sein und vermittle dessen
Selbstoffenbarung. Daß unser Denken immer mit der
Sprache verwoben ist, bedeute nicht, daß es von der
Wahrheit abgeschnitten sei. Ebenso wie Heidegger akzen
tuiert Merleau-Ponty, daß wir erst in dem Akt des Selbst
ausdrucks uns selbst völlig erreichen und unsere Gedan
ken ihre Vollendung finden (PM, 25f.).
Die Beschränkung der Philosophie auf Sprachanalyse ver
kennt, woran Merleau-Ponty nachdrücklich festhält: daß
es auch eine Welt nicht-sprachlichen Sinnes gebe. Das
drückt sich kraft einer dem Bewußtsein immanenten ,,Te
leologie" (Husserl) in sprachlicher und ideeller Bedeutung
aus, diese ihrerseits jedoch bleibt mit ihrem sinnlichen Ur
sprung verbunden. Der sprachliche Ausdruck ist also nur
eine der Formen der allgemeinen Entfaltung von Sinn, die
wir sind (PW, 224; VIN, 225). Merleau-Ponty nennt die
Sprache aber auch unser Element (SI, 25). Wir sind mit
Rede und Vernunft begabte Wesen, wir leben in einer
durch Sprache geformten Welt und reden über sie in
sprachlicher Form. So ist die Sprache in ihrer konstituier
ten Gestalt für Merleau-Ponty ein regionales Problem der
Philosophie, ein Teil der Welt wie viele andere Teile. Die
sprechende Sprache' dagegen sieht er als das Thema der
Philosophie selbst, weil in ihr die Verschmelzung des
Sichtbaren, der Erlebnisse und der Gedanken mit den
Worten sich vollzieht (VIN, 203 f.).
Merleau-Pontys Phänomenologie sucht also eine Sprache,
die so adäquat wie möglich zum Ausdruck bringt, was die
Erfahrung (be)sagt, was die Phänomene bedeuten, und
nicht, was sie durch ihre Versprachlichung zu sagen ha
ben. Die Sprache sagt die Dinge und die Dinge machen

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verständlich, was die Sprache zu sagen hat. Wie reimt sich
dies mit der linguistischen Phänomenologie, die sich in
verschiedenen Hinsichten von demselben logischen Posi
tivismus absetzt, den Merleau-Ponty, wenn auch nur äu
ßerst summarisch, kritisiert. Fangen wir an mit Austin
(Phil. Pap., 133). Für ihn hat die Alltagssprache nicht das
letzte, aber wohl das erste Wort. Er spricht nicht über die
Sprache - wie Searle und Merleau-Ponty -, sondern über
bestimmte sprachliche Äußerungen. Hier kann nicht
allein deswegen von phänomenologischer Inspiration ge
sprochen werden, weil ein konkreter Akt zum Gegen
stand der Beschreibung wird, sondern auch deswegen,
weil diese Beschreibungen einen eidetischen Gehalt ha
ben. Dies ist impliziert in der für Austin so charakteristi
schen Frage: ,,What to say when?" Wir müssen uns meh
rere Situationen vorstellen, in denen bestimmte Sprech
akte vollzogen werden, und dann die dabei gebrauchten
Ausdrücke untersuchen. Zur Rechtfertigung seines An
satzes weist Austin darauf hin, daß Worte unsere Instru
mente seien und daß wir zumindest versuchen können,
saubere Instrumente zu gebrauchen. Husserl war, wie es
scheint, von dieser Auffassung tiefer durchdrungen als
Merleau-Ponty: Die Sorgfalt, mit der Husserl die Mehr
deutigkeit bestimmter Begriffe analysiert - nicht als
Selbstzweck, sondern im Hinblick auf die Entwicklung
einer reinen Logik - kontrastiert mit der Sorglosigkeit
Merleau-Pontys im Umgang sowohl mit tradierten als
auch mit von ihm selbst entwickelten Begriffen. Nicht sel
ten wird so die Sicht auf die Sache, die er zur Diskussion
stellt, getrübt. Im Geiste seiner phänomenologischen Phi
losophie ließe sich dazu natürlich feststellen, daß er gerade
das Prinzip fortdauernder Bedeutungsverschiebungen of
fenlegt, dem der Wortgebrauch unterliegt, und wodurch
völlige Klarheit ausgeschlossen bleibt. Eine Sprache kann

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nie völlig inventarisiert, ein Begriff oder eine Gedanken
welt nie vollständig expliziert werden. Weiter weist Mer
leau-Ponty darauf hin, daß die grundlegenden Begriffe
und Worte ihre weitere Bestimmung nur aus der Einsicht
in die Sache selbst bekämen. Und schließlich entfalte das
echte Denken gerade das im Gesagten noch Ungedachte,
wie Merleau-Ponty mit Heidegger bestätigt: die Aufgabe
und Fruchtbarkeit des echten Denkens liegt nicht in einer
buchstäblichen Wiederholung, sondern im ,,Weiter-Den
ken" (penser derechef).3
Worte sind also, wie Austin und Merleau-Ponty gleicher
maßen erkennen, keine bloße Fakten oder Dinge. Wenn
wir die Fehlerhaftigkeit und Willkürlichkeit der Worte
durchschaut haben, sagt Austin, können wir die Welt
ohne Scheuklappen und Staubbrille betrachten. Die Frage
nach dem Kriterium dieser Säuberungsoperation bleibt
m. E. unbeantwortet. Merleau-Pontys Vertrauen in die
Aussagekraft oder den Realitätswert der Worte scheint je
doch größer als sein durch ihre verzerrende Wirkung oder
ihren Zauber hervorgerufenes Mißtrauen. Austins Erklä
rung hinsichtlich der Öffnung zur Welt, die die Sprache
uns biete, ist der Phänomenologie natürlich aus dem Her
zen gesprochen. Wenn wir untersuchen, welche Worte
wir in welcher Situation verwenden müssen, dann achten
wir nicht nur auf die Worte, sondern auch auf die Sachver
halte, für die wir sie gebrauchen. Ein geschärftes Bewußt
sein der Worte könne, so Austin, unsere Wahrnehmung
der Phänomene schärfen, aber das mache sie noch nicht
zum endgültigen Schiedsrichter über die Phänomene.
Damit ist wohl das Ineinandergreifen von Sprache und

3 Eine ausführliche Analyse von Merleau-Pontys Hermeneutik findet


sich in meinem Beitrag: Genesis, Struktur und Sinn des Verstehens, in:
Tijdschrift voor filosofie 40 (1978), Nr. 1, 78-110.

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Welt anerkannt, doch ändert das nichts daran, daß Austin
von den Worten zu den Phänomenen und Merleau-Ponty
von den Phänomenen zu ihren Formulierungen geht.
Schade nur, daß Merleau-Ponty dabei zu sehr über die von
Austin völlig richtig erkannte Tatsache hinwegsieht, daß
der Wortschatz einer natürlichen Sprache eine Fülle von
Unterscheidungen, manchmal subtilster Art, enthält, die
durch Generationen von Sprechern allmählich entwickelt
wurden und die eine Erprobung in zahllosen Schwierig
keiten überdauert haben. Für verschiedene philosophische
Zwecke scheint sich hier eine Fundgrube aufschlußreichen
Materials aufzutun; aber Merleau-Ponty macht es sich ein
fach: „Welche Sinnverschiebungen auch immer es waren,
die endlich Wort und Begriff des Bewußtseins uns als
Spracherwerb überliefert haben, wir haben ein Mittel di
rekten Zugangs zu dem, was es heißt: wir haben die Erfah
rung von uns selbst, von dem Bewußtsein, das wir selber
sind, und an dieser Erfahrung müssen letzlich alle sprach
lichen Bedeutungen sich messen, denn sie ist es, der alles
Sprechen es verdankt, uns überhaupt etwas sagen zu kön
nen." (PW, 12) Merleau-Ponty, der doch ausdrücklich
anerkannt hat, daß Worte unsere Sicht der Welt entschei
dend bestimmen, schiebt hier zu bequem und zu schnell
die minutiösen linguistischen Untersuchungen der
„Sprachbelastetheit" unseres Geistes zur Seite. Er begibt
sich überdies der Möglichkeit, sich über dergleichen Un
tersuchungen den Selbstbegriff des Menschen zunutze zu
machen, wie er sich in den Worten niedergeschlagen hat.
, ,Eine Sprachbetrachtung ist nun eine phänomenologische,
wenn sie den sprachlichen Ausdruck von seiner Sinnstif
tung her bestimmt, d. h. von dem her bestimmt, was ge
genständliche Einheit möglich werden läßt, d. i. zur Er
scheinung - zum Phänomen - kommen läßt. Die phäno
menologische Sprachbetrachtung rekonstruiert daher das

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intentionale sprachliche (bzw. vorsprachliche) Verhalten,
das wir je schon vollziehen." Dies sagt Lothar Eley
(a. a. 0,146) in seinen Betrachtungen über die Sprachphi
losophie von Husserl und Searle. Weiter: „Ziel und Me
thode der Untersuchungen von Searle ist nicht, sprachli
che Ausdrücke von einer Sinnstiftung her zu bestimmen,
sondern umgekehrt von der linguistischen Charakterisie
rung der Sprache her Sinnstiftung als sprachlichen Hand
lungsvollzug aufzuweisen." Wenn die Phänomenologie
versucht, sprachliche Ausdrücke von ihrer semantischen
Funktion her zu charakterisieren, so müsse, nach Eley,
auch umgekehrt die Sinnstiftung sich von der sprachlichen
Äußerung her bestimmen lassen. Dies aufzuweisen be
mühe sich die Sprachphilosophie von Searle. Seine Recht
fertigung ist mit seiner Unterscheidung von Sprachwissen
schaft, linguistischer Philosophie und Philosophie der
Sprache gegeben (SA, 11 ff.). Die Sprachwissenschaft un
tersuche die aktuellen Strukturen natürlicher Sprachen.
Die linguistische Philosophie hingegen stelle einen Ver
such dar, philosophische Probleme (wie ζ. B. das des De
terminismus und des Skeptizismus) durch Analysen von
Wortbedeutungen und deren logischen Relationen in na
türlichen Sprachen zu lösen. Es gehe hier um eine be
stimmt Art begrifflicher Untersuchungen, die nicht von
traditionellen Formulierungen der Probleme ausgehen,
sondern die sich in kritischen Studien der Unterscheidun
gen und Klassifikationen, die in natürlichen Sprachen zur
Beschreibung der Welt benützt werden, mit bestimmten
Aspekten der Welt beschäftigen. Die Sprachphilosophie
schließlich stelle den Versuch dar, bestimmte allgemeine
Sprachmerkmale - wie ζ. B. Bedeutung, Referenz, Wahr
heit, Verifikation, Sprechhandlung - in philosophisch auf
schlußreicher Weise zu beschreiben. Zur Diskussion ste
hen hier Fragen ähnlich wie diese: Wie beziehen sich un

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sere Worte auf die Welt? Wie ist es möglich, daß beim
Sprechen und Hören geschieht, was da geschieht (das Pro
duzieren und Wahrnehmen von Bedeutungen, das Voll
ziehen und Verstehen unterschiedener Sprechhandlungen
u. ä.)? Wie verhält sich das Sprechen zu dem, was man be
absichtigt? Wie unterscheiden sich sinnvolle von sinnlee
ren Klanggebilden? Was bedeutet ,wahr', was ,falsch'?
Die Forschungsmethode einer solchen Sprachphilosophie
sieht Searle mehr empirisch und rational als apriorisch und
spekulativ. Obwohl sie sich nur gelegentlich mit individu
ellen Elementen bestimmter Sprachen beschäftigt, muß sie
doch immer die Tatsachen der natürlichen Sprachen genau
im Auge behalten. Die Daten der Sprachphilosophie
stammen also aus den natürlichen Sprachen; doch viele der
Schlüsse - ζ. B. im Bezug auf die Frage, was es heißt, et
was sei wahr oder stelle ein e Sprechhandlung dar-müßten
für jede Sprache gelten, in der Wahrheiten, Versprechun
gen oder Behauptungen vorkommen. Dies besagt, daß die
verschiedenen natürlichen Sprachen, insofern sie ineinan
der übersetzbar sind, als verschiedene Realisierungen der
selben zugrundeliegenden Regeln betrachtet werden kön
nen. Beeinflußt von Chomsky's generativer Grammatik -
wenn auch von diesem abweichend (vgl. seinen Beitrag
„Chomsky's Revolution in Linguistics", 1972) -, kommt
Searle hier in die Nähe dessen, was Husserl mit seinem
Entwurf einer reinen, allgemeinen, wenn auch aphoristi
schen Grammatik vorgeschwebt haben muß.
Bevor wir die kritische Stellungnahme Merleau-Pontys
hierzu erkunden, wollen wir uns erst noch der Frage zu
wenden, worin der Sinn einer Untersuchung gerade von
Sprechakten liegt (SA 16ff.). In keinerlei Weise möchten
Searle und Merleau-Ponty die Saussuresche Unterschei
dung zwischenp<zro/e und langue als unvermittelten Anta
gonismus sehen. Während Merleau-Ponty die langue auf

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hebt in die parole, neigt Searle dazu, das Umgekehrte zu
tun. Zu jeder sprachlichen Kommunikation, sagt er, gehö
ren konkrete sprachliche Akte (SA, 30). Die Einheit der
sprachlichen Kommunikation sei nicht das Symbol, das
Wort oder der Satz, oder auch die Zeichen, die für diese
stehen, „sondern die Produktion oder Hervorbringung
des Symbols oder Wortes oder Satzes im Vollzug des
Sprechaktes". Der Sprechakt bestehe aus Zeichen und sei
eine Form regelgeleiteten Verhaltens, was eine selbstän
dige Untersuchung dieses Zeichensystems an sich und
auch eine rein formale Untersuchung der Regeln ermögli
che. Aber der effektive Sinn der Zeichen und Regeln
leuchte erst auf und fange erst an zu wirken in der konkre
ten Sprachleistung. Jede rein formale Betrachtung sei
notwendigerweise unvollständig: das wäre so, als ob man
das Fußballspiel studiere und es nur als formales System
von Regeln oder Positionen und nicht als Spiel begriffe.
Searle behauptet nun, daß es sich bei der adäquaten Unter
suchung von Sprechakten um eine Untersuchung der
langue, nicht der parole handele. Er gibt dafür einen
Grund an, der mehr umfaßt als nur die Behauptung, daß
Kommunikation notwendigerweise Sprechakte ein
schließt. Er hält es nämlich für eine analytisch wahre Aus
sage in bezug auf die Sprache, daß man alles, was man mei
nen kann, auch sagen könne. Auf dieses Prinzip der Aus
drückbarkeit kommen wir später zurück; jetzt wollen wir
uns erst Searles These zuwenden, daß es nicht zwei prinzi
piell verschiedene semantische Untersuchungen gebe,
nämlich eine Untersuchung der Bedeutung von Sätzen
und eine des Vollzugs von Sprechakten. Es gehöre ebenso
zur Vorstellung der Bedeutung eines Satzes, daß eine auf
richtige Äußerung dieses Satzes mit dieser Bedeutung in
einem bestimmten Kontext den Vollzug eines bestimmten
Sprechaktes bedeutet, wie es zur Vorstellung eines

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Sprechaktes gehöre, daß es einen möglichen Satz (oder
mögliche Sätze) gibt, dessen (deren) Äußerung in einem
bestimmten Zusammenhang auf Grund seiner (ihrer) Be
deutung einen Vollzug dieses Sprechaktes konstituiert. Im
Gegensatz zu Husserls LU, aber in Ubereinstimmung mit
der Sprachphilosophie Merleau-Pontys, sind nach Searle
die Sprechakte, die mit der Äußerung eines Satzes vollzo
gen werden, allgemein eine Funktion der Bedeutung des
Satzes. Aus diesen Gründen ist die Untersuchung der Be
deutung von Sätzen nicht grundsätzlich verschieden von
einer Untersuchung der Sprechakte. Richtig verstanden
handelt es sich in beiden Fällen nicht um zwei voneinander
unabhängige Untersuchungen, sondern um eine Untersu
chung unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten. Eine
vollständige Sprachphilosophie muß schließlich auf die
(von Katz aufgeworfene) Frage Antwort geben, in welcher
Weise die Bedeutung der Satzelemente die Bedeutung des
ganzen Satzes bestimmt, und auf die von Austin aufge
worfene Frage, welche verschiedenen Sprechakte Sprecher
vollziehen, wenn sie Ausdrücke äußern. Beide Fragen sind
notwendig aufeinander bezogen, weil es für jeden mögli
chen Sprechakt einen möglichen Satz oder eine mögliche
Reihe von Sätzen gibt, dessen bzw. deren aufrichtige Äu
ßerung in einem bestimmten Kontext den Vollzug jenes
Sprechaktes darstellt (SA, 34).
So manifestiert sich im linguistisch-phänomenologischen
Ansatz ebenso wie in Merleau-Pontys Sprachphilosophie
die konkrete Einheit von Sprachstruktur, Sprechereignis
und sprachlichem Sinn. Die Analyse der Sprechakte
ebenso wie der parole kann, wenn wir die Sprache als ex
pressives und kommunikatives System ansehen, Einsicht
verschaffen in die Weise, in der Sprechen und Verstehen
einer Sprache funktionieren. Die Rekonstruktion dieser
an bestimmte Konventionen und Regeln gebundenen in

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tentionalen Abläufe kann Licht werfen auf die zwischen
menschliche Verständigung und damit auf'einen wichtigen
Teil der Intersubjektivität. Insofern jedoch die kontinen
tale Phänomenologie, wenn sie eine Antwort auf die Frage
sucht: „Was sehen wir, wenn wir ein bestimmtes Phäno
men wahrnehmen?", sich nicht auch beraten läßt durch die
Antworten auf die Frage: „Was genau meinen wir, wenn
wir etwas über ein bestimmtes Phänomen sagen?«, begibt
sie sich einer wichtigen Hilfe. Die intentionale Analyse
von Erlebnissen wie Denken, Wollen, Wahrnehmen,
Phantasieren, von Ausdrücken im allgemeinen und von
bestimmten Ausdrucksweisen (ζ. B. Fragen, Urteilen
usw.) insbesondere, kann erst beginnen, wenn man sich,
jedenfalls grosso modo, darüber einig ist, was als Denkakt
usw. gelten kann. Aber woher anders als vom alltäglichen,
lebensweltlichen Sprachgebrauch kann diese Erkenntnis
kommen? Wenn es in der kontinentalen Phänomenologie
um die Untersuchung derjenigen Weisen geht, in denen
bestimmte Gegenstände bzw. Gegenstandsbereiche
konstituiert werden, dann werden die Formen der Sinnge
bung mit ihren Korrelaten zu den Sachen selbst. Aber dann
müssen wir auch sagen, daß die Sachen selbst, um die es
den analytischen Philosophen und linguistischen Phäno
menologen geht, ebenfalls die logischen und sprachlichen
Formen der Sinngebung sind, und die Analyse des ihnen
immanenten Sinns der Gegenstand der Analyse ist. Und
wir müssen weiter sagen, daß sich offenbar beide Phäno
menologien der Regeln zu vergewissern suchen, die für ein
bestimmtes univers de discours konstitutiv sind.4 Wenn
man dem zustimmen kann, dann treffen beide Phänome

4 Vgl. Th. de Boer: Edmund Husserl, in: Filosofen van de 20e eeuw, As
sen/Amsterdam 1972, 94 in seinem Kommentar zu den Bemerkungen
von Findlay sub voce ,.Phenomenology" in: Encyclopaedia Britannica.

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nologien zusammen in der Beschreibung und Analyse der
Verwobenheit von Wesen und Existenz, von Rede und
Faktum, von Kontingenz und Notwendigkeit.

Wesen, Faktum, Regel

Vom Vorwort zur Phänomenologie der Wahrnehmung bis


zu den letzten Seiten von Le Visible et L'Invisible lehnt
Merleau-Ponty die Husserlsche Idee der Wesensschau ab,
die sich auf ein Feld reiner Wesenheiten bezieht, die das
wahre Sein und den einzig legitimen Sinn einem reinen Zu
schauer gegenüber repräsentieren würden. Es wird klar
sein, daß eine Philsophie der „spontanéité enseignante"
unseres leiblichen Zur-Welt-Seins solche idealen Gestal
ten nicht als ursprüngliche Gegebenheiten akzeptieren
kann, eben weil diese Wesenheiten und derjenige, der sie
anschaut, primär abhängige Größen sind. Nicht wie die
Welt und unsere Erfahrung dieser Welt aufgrund der ih
nen wesentlichen Strukturen sein müssen, soll untersucht
werden, sondern wie sie (gegeben) sind. Die Wesenheiten
stehen nicht wie eine eigene Welt selbständiger Positivitä
ten über der wirren Welt tatsächlicher Gegebenheiten,
sondern sie sind Konstruktionen aufgrund unserer Erfah
rung. Daß wir von dem uns „wesentlichen" Zur-Welt
Sein Abstand nehmen müssen, um dieses Faktum verste
hen zu können, legitimiert weder die Reduktion unserer
selbst zu einem weltlosen Kosmotheoros noch die Reduk
tion der Phänomene auf ihre wesentliche Gestalt. Übri
gens, ist Husserl selbst je zur definitiven Bestimmung ir
gendeiner Wesenheit gekommen?
In seiner Kritik des „Hirngespinsts einer reinen Sprache"
(PM, 7ff.) lehnt Merleau-Ponty den logischen Entwurf
einer reinen, allgemeinen und apriorischen Grammatik ab.

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Zunächst wird die traditionelle (auch für Husserl kenn
zeichnende) Vorliebe für apophantischen Sprachgebrauch
von Merleau-Ponty kritisiert: Man verkennt die eigenen
Verdienste um nicht-apophantischen Sprachgebrauch.
Daß indikative Äußerungen zum Modell für das Sprechen
überhaupt erhoben werden (Vorl. I, 58; PM, 7), scheint
nahezuliegen; jedenfalls scheint die Sprache auf ihrem
Höhepunkt und der Ausdruck am reinsten, wo Sachver
halte eindeutig designiert werden. In diesem Licht schei
nen literarischer Ausdruck und Dialog, Versprechen, Ge
bet, Bitte und Rhetorik für sinnlose Ausdrucksformen zu
stehen, außer vielleicht, wenn sie auf eine Variante der
Ausdrucksform des Urteils zurückgeführt werden kön
nen. Der Akt des Ausdrückens wird so reduziert auf eine
bloße Substitution von Wahrnehmungen oder Ideen
durch konventionelle Zeichen und Sprache auf ein kon
ventionelles System von Zeichen mit ihren Bedeutungen.
Dies hat die Scheidung von Denken und Sprechen zur Fol
ge. Merleau-Ponty wittert hier eine Empörung gegen die
Sprache, wie sie gegeben ist: man will nicht abhängig sein
von ihrer tatsächlichen Trübe und ihren historischen
Schicksalen und vergißt das eigentliche Funktionieren des
authentischen Ausdrucks. Daß diese Vorwürfe auf die lin
guistische Phänomenologie nicht mehr zutreffen, soll hier
nicht übersehen werden. Eben diese Absicht, die vieldeu
tige Situation eines Seienden, das das ist, wovon es spricht,
zu verlassen, also die Sprache zu untersuchen, als ob man
nicht darin involviert sei, diese Absicht sieht Merleau
Ponty in Husserls Entwurf einer reinen Grammatik reali
siert. In seinen LU (II/l, 338 f.) spricht Husserl von einem
„idealen Gerüst ..., das jede faktische Sprache, teils all
gemein menschlichen, teils zufällig wechselnden empiri
schen Motiven folgend, in verschiedener Weise mit empi
rischem Material ausfüllt und umkleidet. Wieviel vom tat

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sächlichen Inhalt der historischen Sprachen, sowie von ih
ren grammatischen Formen in dieser Weise empirisch be
stimmt sein mag, an dieses ideale Gerüst ist jede gebunden;
und so muß die theoretische Erforschung desselben eines
der Fundamente für die letzte wissenschaftliche Klärung
aller Sprache überhaupt ausmachen." Hier wird Mer
leau-Ponty zufolge auf platonistische Weise über die Spra
che gesprochen, so wie die Entwürfe künstlicher Sprachen
auf eine nominalistische Weise über sie sprechen. Was hier
fehlt, ist dieparole als Akt, wodurch die Sprache zum Le
ben und der Gedanke zur Vollendung kommt. Die reine
Grammatik und die formale Logik wollen ein System
schaffen, das das Unwiderrufliche in den natürlichen
Sprachen festhält, das Invariante, hinsichtlich dessen diese
nur noch „wie konfuse und zufällige Verwirklichungen
erscheinen können". Merleau-Ponty meint, daß von einer
auf sich selbst beruhenden Logik und Grammatik über
haupt keine Rede sein kann. Sie enthalte nicht die faktische
Sprache; im Gegenteil, die Grammatik sei in der Sprache
enthalten. Wenn Grammatik überhaupt etwas sagen wol
le, dann nur kraft des gesprochenen Wortes (PM, 24f.).
Wenn man die Sprache zu einem Ding reduzieren will, das
für das Denken transparent vorliegt, dann riskiert man,
etwas für das Wesen der Sprache zu halten, was eigentlich
nur eine der Weisen ist, auf die eine Sprache, und zunächst
einmal die eigene Sprache, das Sein zu erfassen versucht.
Die Sprachwissenschaft - „eine stärker variierte und auf
das Sprechen der anderen ausgerichtete Erfahrung der
Sprache" (PM, 38) - lehrt, daß andere Sprachen ganz an
dere Kategorien nennen als die unsere. Nach Merleau
Ponty gibt es keine grammatische Analyse, welche allen
Sprachen gemeinsame Elemente ans Licht bringen könnte.
Nicht jede Sprache hat notwendig Äquivalente aller Aus
drucksmodi unserer eigenen Sprache. Außerdem sind im

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lebendigen Sprachgebrauch lexikalische oder grammati
sche Bedeutungen nie mehr als „des à peu-près": sie sind
in stetem Wandel und können nie eindeutig mit ihren
Ausdrucksmitteln verbunden werden: dies besagt, daß sie
ihren Sinn aus dem gesamten Kontext erhalten, in dem sie
zu einem bestimmten Moment stehen (PM, 39; SI, 109).
Kurz, die Klarheit der Sprache liegt nicht hinter ihr, in ei
ner universellen Grammatik, über die wir verfügen wür
den, sondern vor ihr, in dem, was Buchstaben und Intona
tion am Horizont als ihren Sinn offenbaren (PM, 41).
Merleau-Ponty leugnet nicht, daß Sprachen als Systeme
mit einer intelligiblen Struktur gedacht werden können
(SI, 25). Dies bedeutet jedoch nicht, daß natürliche Spra
chen als konfuse Verwirklichungen bestimmter universel
ler Arten der Sinngebung erscheinen. Wenn man über
haupt etwas Universelles finden sollte, dann nicht auf dem
Weg über eine wesentliche Sprache, die die Grundlage je
der möglichen Sprache wäre, sondern über einen,,passage
oblique" von der Sprache, die ich spreche und die mich in
das Phänomen des Ausdrucks einweiht, zu der anderen
Sprache, die ich sprechen lerne und die den Ausdrucksakt
auf andere Weise ausführt (vgl. PW, 206ff.; PM, 182ff.).
Erst dann können beide, und dann immer mehr natürliche
oder historische Sprachen verglichen werden, jedoch ohne
daß man in ihnen gemeinschaftliche Elemente einer einzi
gen kategorialen Struktur würde erkennen können (SI,
109). Wenn man von der abstrakten Universalität einer
„grammaire raisonnée" absehen muß - ein Ansatz, an den
nicht nur Husserls „reine Grammatik", sondern auch
Chomsky's „Generative Grammatik" anschließt-, dann
deshalb, um so die konkrete Universalität einer sich immer
weiter entwickelnden Sprache wiederzufinden. Eben weil
die Sprache für das sprechende Subjekt weder eine Summe
von Fakten ist noch die Struktur, die die Sprachwissen

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schaft in ihrem Querschnitt tatsächlich gesprochener
Sprachen aufzeigt, noch das „ideale Gerüst" Husserls,
sondern ein Mittel, mich auszudrücken, kann ich in an
dere Ausdruckssysteme eintreten, indem ich sie erst als
Varianten meines Ausdruckssystems betrachte, sie dann in
mich aufnehmen und schließlich meine eigene Sprache als
eine Variante quasi dieser anderen verstehen lernen kann.
Die Einheit der natürlichen Sprache, aber auch die Uber
einstimmung und die Unterschiedenheit der Sprachen
können also nur unter Absehung von dem Gedanken eines
Wesens aller Einzelsprachen bzw. der natürlichen Sprache
gedacht werden. Sie brauchen nach Merleau-Ponty nur in
einer Dimension begriffen zu werden, die nicht die des
Begriffs oder Wesens ist, sondern die des Daseins (PM,
56). Wir stehen damit an der Grenze eines bestimmten Ra
tionalismus: die logische Konstruktion der Sprache kann
ebensowenig vollkommen verstanden werden, wie die
Wahrheit vollkommen in unserem Besitz sein kann: beide
werden erst transparent durch , ,1a logique brouillée d'un
système d'expressions qui porte les traces d'un autre passé
et les germes d'un autre avenir" (PM, 52 f.). Im Gegensatz
zu dem Husserl der LU sieht Merleau-Ponty die Sprache
nicht als einen der Gegenstände, die durch das Bewußtsein
souverän konstituiert werden können, sondern als eine
Totalität, in der wir situiert bleiben, auch in unserem Spre
chen über sie. Die Rückkehr zur Rede (parole) impliziert
eine Rückkehr zur Sprache, die ich spreche (SI, 106). Die
Philosophie ist kein autonomer Betrieb, der in der An
schauung von Wesensstrukturen den Schlüssel zu den
Fakten besäße, sondern die (Wieder-)Entdeckung meiner
Inhärenz in einem bestimmten „System der Rede", das
mir ebenso nahe ist wie mein Leib (SI, 128-130). Auch die
Sprachwissenschaft, sagt Merleau-Ponty, habe dies be
griffen; ebenso wie die Phänomenologie werfe sie Licht

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auf „cette parole qui se prononce en nous, et à laquelle, au
milieu même de notre travail scientifique, nous demeurons
attachés comme par un lien ombilical" (PM, 23 f.). Die
Sprache erscheine nicht als ein abgeschlossenes, unhistori
sches Ganzes, das erschöpfend inventarisiert werden
kann, sondern als System, dessen Elemente beitragen ,,à
un effort d'expression unique tourné vers le présent ou
l'avenir, et donc gouverné par une logique actuelle" (SI,
107, 130-132).
So wie die existentielle Phänomenologie sich von der „lo
gischen" und „idealistischen" Phänomenologie Husserls
losgemacht und dessen Wendung zur Lebenswelt - wenn
auch als Faktum, nicht als konstituierendes Element - auf
genommen und ausgearbeitet hat, so haben die späteren
analytischen Philosophen und auch die linguistischen
Phänomenologen sich aus dem engen Rahmen der logi
schen Positivisten gelöst. In der Diskussion um die Spra
che treffen sich beide Bewegungen in der einen Frage, wie
unsere Sprache de facto funktioniere und wie sinnvolle
Rede möglich sei. Das Interesse an der lebendigen Sprache
und ihrem Gebrauch, ihrer expressiven und kommunika
tiven Rolle, bezeichnet den Durchbruch von einer ge
schlossenen zu einer offenen Auffassung der Sprache. Die
Analyse bleibt nicht länger auf bloß logische oder semanti
sche Untersuchungen (ζ. B. nach der ,logischen Refe
renz') beschränkt: mehr noch, man sieht, daß die Sprache
nicht dazu verwendet wird, schon fertige Gedanken über
die Wirklichkeit zu publizieren, sie funktioniert vielmehr
als eine Form menschlichen Umgangs. Für die Bedeutung
und für das Verstehen dessen, was gesagt wird, ist nicht
allein wichtig, welche Gedanken oder Erlebnisinhalte
übersetzt werden, sondern auch die Rolle, die sie in Dialo
gen und Texten spielen. Mit der Aufmerksamkeit für
nichtapophantischen Sprachgebrauch ist zudem der

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Reichtum der Sprache für philosophische Erläuterungen
erschlossen, und zugleich ist anerkannt, daß die Bedeu
tung unserer Sprachäußerungen nicht völlig nach den
Prinzipien einer zweiwertigen Logik oder von einem
scharf geschliffenen Verifikationsprinzip aus verstanden
werden kann. Sie zeigt sich von ihrer Stellung im Ganzen
eines Diskurses und dem (sozio-kulturellen) Zusammen
hang des Diskurses abhängig. Wir sagen nicht nur Dinge
mit Worten, wir tun auch Dinge mit Worten, nicht allein
im engen Sinn von performativen Sprechakten, die Hand
lungen sind, sondern auch in dem weiten Sinn, daß sprach
liche Äußerungen als solche eine Tätigkeit sind.
Wie gesagt, Sprechen findet statt in der Gestalt von
Sprechakten, d. h. von ausgedrückten (verbalen) Tätig
keiten, die Regeln und eventuell auch Sanktionen inner
halb einer (sprachlich-kulturellen) Gemeinschaft unterlie
gen. Die Untersuchungen der linguistischen Phänomeno
logie beziehen sich nicht so sehr auf das ,, Wesen" dieser
als institutionalisierte expressiv-kommunikative Systeme
anzusehenden - symbolischen Ganzheiten, sondern zu
nächst auf die Regeln und Konventionen, auf denen der
Vollzug der verschiedenen Sprechakte beruht. M. a. W.,
man fragt, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit
eine bestimmte Äußerung als gelungen gelten kann. Wir
denken an Austins Analyse von weniger gelungenen oder
mißlungenen Sprechakten und erinnern daran, daß Mer
leau-Pontys Analysen pathologischen Sprachverhaltens
sich auf dem ganz anderen Niveau der Psycholinguistik
befinden, wie auch daran, daß Husserls logische Untersu
chung sinnloser Ausdrücke zu einer anderen Ordnung ge
hört als der, pragmatischen" von Austin und Searle. Nach
Austin nun verliert eine performative Äußerung ihre Gül
tigkeit, wenn der Sprecher zu der Handlung, die mit der
Äußerung verbunden ist, nicht befugt ist oder auch wenn

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die Situation keinen passenden Kontext für diesen Sprech
akt darstellt. Ebenso liefe Unaufrichtigkeit des Sprechers
auf Mißbrauch der Sprache hinaus. Und schließlich kann
von Wortbruch oder zumindest Inkonsistenz zwischen
dem Sprechakt und dem folgenden Verhalten die Rede
sein. Also nicht allein das Was, sondern auch das Wie,
nicht allein Inhalt und Intention, sondern auch Kontext
und Konvention konstituieren den Sinn unserer sprachli
chen Äußerungen. Es sind die Unregelmäßigkeiten, wel
che auf die Regeln Licht werfen, die das „Wesen" der ei
nen oder anderen Kategorie von Sprechakten bilden.
Searle spricht in diesem Zusammenhang von konstitutiven
Regeln (SA, 54 ff.). Während regulative Regeln bereits be
stehende oder unabhängig von ihnen existierende Verhal
tensformen regeln, erzeugen oder prägen konstitutive Re
geln neue Formen des Verhaltens. Regulative Regeln ha
ben die Form „Tue X" oder „Wenn Y, tue X", oder aber
sie lassen sich leicht durch eine solche paraphrasieren. In
Systemen konstitutiver Regeln sind einige Regeln eben
falls von dieser Form, andere haben die Form , ,X gilt als Y
im Kontext C". So kann man die Frage: „Wie kann dar
aus, daß ich ein Versprechen gebe, eine Verpflichtung ent
stehen?" dadurch beantworten, daß man eine Regel von
der Form: „X gilt als Y" angibt. Im Falle konstitutiver
Regeln kann die Verhaltensform, die einen Sprechakt bil
det, Gegenstand von Angaben oder Beschreibungen wer
den, die, wenn die Regeln nicht existierten, unzutreffend
wären. So kann man sagen, daß diese Regeln der Verhal
tensform ,wesentlich' sind. Sie haben, sagt Searle (SA, 59),
die Form imperativischer Regeln, und er schließt hiermit
an de Saussure an. Im Cours de linguistique générale (13)
will de Saussure Regeln angeben, mit denen korrekter von
inkorrektem Sprachgebrauch unterschieden werden kann.
Es handelt sich um eine normative Disziplin. Sehen wir

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ζ. Β. zu, was für das Fragen ,wesentlich' ist. In den uns
bekannten Sprachen drücken sie ein bestimmtes Nicht
Wissen (und das Wissen davon, wenn oft auch nur präre
flexiv) und ein Wissen-Wollen aus.5 Ist das nicht der Fall,
dann sind die Fragen nicht echt, auch wenn sie die gram
matische Form der Frage haben, die in der jeweiligen Spra
che vorgeschrieben' ist. M. a. W., ein Fragesatz kann
(u. a.) nur dann zum Vollzug eines gültigen Sprechakts
des Fragens verwendet werden, wenn die Bedingung: tat
sächliches Nicht-Wissen und eine Antwort-haben-Wollen
auf Seiten des Sprechers erfüllt ist. Daß bei Verletzung die
ser Regeln von offiziellen Sanktionen oft keine Rede ist -
abgesehen von inneren moralischen Sanktionen im Falle
von Unaufrichtigkeit, Wortbruch usw. - und daß wir uns
manchmal der Regeln, denen wir in unserem Sprachge
brauch folgen, nicht bewußt sind, soll nicht unbeachtet
bleiben; doch bleiben wir noch einen Moment bei der Tat
sache, daß Sprechakte wohl in dieser oder jener Sprache
eine bestimmte Ausdrucksform haben, doch nach ihrem
Sinn oder Wesen nicht an die eine oder andere Sprache ge
bunden erscheinen. Searle sagt, daß zwar die Sprachkon
ventionen dafür verantwortlich sind, daß z.B. Holländer
und Deutsche Fragen verschieden formulieren, doch die
Regel dafür, daß über diese sprachlichen Unterschiede
hinaus (überhaupt) gefragt wird, d. h. an zukünftige
Handlungen des Angesprochenen appelliert wird, Unwis
senheit und der Wunsch nach Wissen des Sprechers ausge
drückt wird, gilt für beide Sprachen. Dabei ist noch zu
bemerken, daß die unterschiedenen Sprachformen selbst
jeweils grammatischen Regeln bzw. Wohlgeformtheits

5 Ausführlicher dazu mein Beitrag: Elemente einer erotetischen Logik,


in: Algemeen nederlands tijdschrift voor wijsbegeerte, 70 (1978)
167-187.

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Bedingungen einer bestimmten Sprache entsprechen müs
sen, um überhaupt sinnvoll genannt werden zu können.
Aus alledem dürfen wir schließen, daß Sprechen ein krea
tiver Akt ist, der nach einer in mehrerlei Hinsicht regulier
ten Dynamik abläuft. Es gibt einen Sprecher, der in der
Produktion seiner Äußerungen eine verschiedenen Regeln
unterworfene Aktivität ausübt, wodurch sprachliche
Elemente, die für sich genommen in mehrerlei Zusam
menhängen auftreten könnten, zu einem Ganzen zusam
mengeschmolzen werden, das auf die aktuellen Bedürf
nisse und Situationen abgestimmt ist. Mit Searle können
wir sagen, daß die Beziehungen zwischen Wort und Welt
nicht in vacuo existieren, sondern von den Intentionen des
Sprechers getragen werden. Somit ist Sprechen der Ge
brauch von „conventional devices" (unseren Worten und
Sätzen) entsprechend einer Reihe von Regeln für den Ge
brauch dieser „devices" (Philosophy of Language, 6f.).
Die Rückkehr zur Sprechtätigkeit manifestiert die Not
wendigkeit von Kontingenzen und die Kontingenz gewis
ser Notwendigkeiten. Damit ist gemeint, daß (sinnvolles)
Sprechen einer Notwendigkeit syntaktischer, semanti
scher und pragmatischer Regelmäßigkeiten unterworfen
ist; diese konstituiert sich jedoch innerhalb der Kontin
genzen (Konventionen) der natürlichen Sprache. Umge
kehrt sind die notwendigen Kontingenzen der natürlichen
Sprachen, insofern sie gesprochen werden, der Nährbo
den unserer Einsicht in die Regelsysteme, die - so not
wendig sie für sinnvolles, intersubjektiv verständliches
Sprechen sind - anders hätten sein können, und vielleicht
auch nicht für alle Sprachen dieselben sind, in jedem Fall
nicht apriori ableitbar scheinen. Die Phänomenologie re
flektiert den symbolischen Sinn, den das Sprache gebrau
chende und das Sprache schaffende Subjekt entstehen läßt,
wie auch einige Regeln, die diese Aktivitäten und Symbole

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bestimmen. Wir werden jetzt untersuchen, in welchem
Sinn die Sprache die Sedimentierung der intentionalen Ak
tivität des Sprechens ist.

Intentionalität und Transzendentalität

Der Phänomenologie gilt es zu beschreiben, nicht zu ana


lysieren und zu erklären (PW, 4). Hiermit meint Mer
leau-Ponty nun bestimmt nicht, daß jede Form der Ana
lyse oder jeder Begriff apriori ausgeschlossen ist. Mer
leau-Pontys Philosophie der Sprache ζ. B. bezeugt, daß
Beschreiben selbst schon eine Form des Sagens, d. h. des
Auslegens ist. Er macht häufig Gebrauch von intentiona
len und existentiellen Analysen, und dies im Dienst eines
„phänomenologischen Verstehens" (PW, 12). Phänome
nologisches Verstehen ist nicht mit dem klassischen Be
griff der Einsicht - die allein die „wahre und unwandel
bare Natur" der Dinge sucht - identisch: er sucht die Ge
nesis und die einzigartige Totalität der Phänomene zu er
fassen. Ausgeschlossen werden die traditionelle „analyse
réelle" und die „analyse réflexive". Die erste charakteri
siert die über den empiristischen Leisten geschlagenen
Wissenschaften, die zweite kennzeichnet den rationalisti
schen Stil des Philosophierens. Die erste erkennt nur äuße
re, linear-kausale, mechanistisch interpretierte Beziehun
gen zwischen oder innerhalb der Erscheinungen an, die
wie Dinge definiert werden. Die zweite hat ein Auge nur
für bloß ideelle Verhältnisse, die einem unweltlichen Be
wußtsein in voller Klarheit vorgegeben sind oder durch ein
transzendentales Ich konstituiert sind. Beide übersehen
das Erscheinende als solches: sie pressen es in unabhängig
von den Phänomenen entworfene Begriffe.
Die Phänomenologie zielt, gleich der linguistischen Phä

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nomenologie, auf ein Verständnis sinnvoller Motivie
rungszusammenhänge. Merleau-Ponty spricht zumeist
undifferenziert über die Sprache als das Vermögen, be
stimmte physische und leibliche Mittel dem Erwerb und
der Artikulation von Bedeutungen dienen zu lassen, die
am Horizont der sinnlichen Welt vibrieren (PM, 199).
Austin und Searle beschäftigen sich fast ausschließlich mit
der Analyse spezifischer sprachlicher Verrichtungen und
insbesondere mit deren illokutionären Aspekten. In bei
den Fällen aber werden die drei Dimensionen eines jeden
Ausdrucks erkannt, d. h.: die Rückverweisung auf das
sich ausdrückende Subjekt, die Vorausverweisung auf ei
nen Sachverhalt, und die Beziehung auf den anderen, auf
den hin der Sprecher sich ausdrückt. Als solche ist die
Sprache weder Subjekt noch Objekt, sondern führt das
„Zwischendasein" einer von Intention und Konvention
durchzogenen Einheit, die der Unterscheidung in Subjekt
und Objekt vorhergeht und diese erst ermöglicht. Die
Sprache ist nicht selbst ein Ding oder eine Idee, da sie den
Kontakt mit den Dingen vermittelt und somit zugleich
verbindet und scheidet. Die Beschreibung von Sprechakt
und Rede macht es möglich, den klassischen Gegensatz
von Denken und Extension, von Subjekt und Objekt, von
Idee und Ding zu überwinden (PW, 203) und damit auch
die von dergleichen Dichotomien lebenden idealistischen,
rationalistischen und intellektualistischen Systeme einer
seits und Empirismus, Behaviorismus und Mechanismus
andererseits. Die Sprache als (differenzierte) Struktur und
das Sprechen als (sinnvoller) Akt ertragen keine Aufspal
tung in partes extra partes, aber auch keine rein logische
Rekonstruktion. Sprechen ist weder ein Prozeß in der
dritten Person, wie objektivistische und naturalistische
Erklärungen der Sprache meinen, noch ist sie ein rein gei
stiger Akt in der ersten Person, wie subjektivistische und

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idealistische Theorien suggerieren oder gar explizit fest
stellen. Sie erscheint vielmehr als eine typisch menschliche
Leistung. Das Subjekt, das in seiner Sprache in seinem
Element ist, ist kein weltloser Geist. Es ist eine an Regeln
und Konventionen gebundene Instanz. Sprechend reali
siert es zunächst und zumeist praktisch die mit der Sprache
gegebenen Strukturen und die Regeln für ihren Gebrauch:
wenn wir uns dem zuwenden, was unser Sprechen bedeu
tet, sind wir weder bei unseren Worten und Gedanken
noch bei den sie bestimmenden oder gar sie konstituieren
den Regeln.
Sprechen ist eine Tätigkeit (Wittgenstein). Searle und Au
stin reden nicht von intentionalen Leistungen eines Be
wußtseins oder eines sich aktiv verhaltenden Daseins, son
dern für sie erscheint ,,doing things with words" bzw. der
Vollzug von Sprechakten als der Ausdruck eines denken
den, intendierenden, glaubenden, hoffenden, fühlenden
und strebenden Subjekts. Auch Akt und Ausdrücke ihrer
seits, worüber die kontinentale Phänomenologie spricht,
sind „Tätigkeiten". Wir finden bei Husserl sogar eine
Sprechhandlung wie das Fragen beschrieben als „ein prak
tisches Verhalten".6 Die phänomenologischen Beschrei
bungen innerer Erlebnisse und mentaler Akte entfalten die
Implikationen ihrer Gegenstandsgerichtetheit, wie Find
lay (a. a. O. 702) sagt, doch dieselbe Möglichkeit bietet
äußerlich wahrnehmbares Verhalten, so daß große Stücke
der Phänomenologie allgemein, von Merleau-Ponty und
Sartre insbesondere, ihren Platz finden können in einer

6 EU, 373; Analysen zur passiven Synthesis, Hua XI, 32-64. Zu Hus
serls Lehre vom Fragen und ihrer Vorgeschichte in der Logik und Psy
chologie des XIX. Jahrhunderts wird in: Analecta Husserliana mein Bei
trag: Husserl's Contribution to the Logic and Genealogy of Questions,
erscheinen.

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Handlungstheorie. Searle will die Untersuchung von
Sprechakten ausdrücklich als Teil einer allgemeinen
Handlungstheorie verstehen (SA, 31). Doch eine Hand
lungstheorie ist keine Verhaltenslehre, wir haben es in kei
ner der beiden Phänomenologien mit einem Rückfall in
den Behaviorismus zu tun. Die Rolle des sprechenden
Subjekts mit seinen durchlebten Intentionalitäten bei Mer
leau-Ponty, die Untersuchung von Sprechakten als bedeu
tungstragende Verhaltensformen bei Searle zeigen deut
lich die Armut und die Widersprüchlichkeit der behaviori
stischen Konzeption (vgl. Chomsky's Revolution, 23). In
unserem Verhalten kommen nicht nur Intentionen zum
Ausdruck: Searle7 und ebenso Merleau-Ponty (SC, 135,
190) sehen die Möglichkeit, sich in theoretischem wie in
praktischem Sinn zu den eigenen Intentionen zu verhal
ten, als kennzeichnend für den Menschen.
Dieser Anti-Behaviorismus bedeutet ebensowenig einen
Rückfall in einen naiven Mentalismus wie der Anti-Natu
ralismus eine idealistische Rückkehr zum Bewußtsein
(vgl. PW, 5) impliziert. Phänomenologische Reflexion ist
keine Introspektion, denn nur in, auf oder an den inten
tionalen Verhältnissen selbst, so wie sie in unserem Aus
druck verkörpert sind, kann Einsicht in ihre Struktur und
Funktion gewonnen werden: der Sprachgebrauch selbst
zeigt, was er bedeutet. Wenn unter Reflexion die Rück
kehr zu einem absoluten, seiner selbst gewissen Bewußt
sein als Ursprung und Bedingung der Möglichkeit aller
Bedeutung, als dem rein aktiv konstituierenden und syn
thetisierenden Fundament der Erkenntnis, verstanden
wird, dann zeigt eben ein Phänomen wie das der Sprache
und des Sprachgebrauchs, wie sehr dies eine Fiktion ist.

7 Vgl. Stegmüller: Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie,


Bd. II, 79.

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Sprache und Sprachgebrauch weisen zurück auf ein kör
perliches und engagiertes Dasein, d. i. auf ein in seiner
Welt und seiner Sprache verkörpertes Subjekt. Auch das
Subjekt, das seine Sprache denkt, bleibt an sie gebunden;
selbst die Einsicht in diese Verhältnisse kann nichts an ih
nen ändern. Die Sprache ist ebenso da wie die Welt. Und
ebensowenig wie die Welt ist die Sprache ein Gegenstand,
von dem das Subjekt die ,,loi de constitution" besitzt,
denn es ist kein rein konstituierendes Vermögen. So erhält
die Frage nach den faktischen Bedingungen des ,,logos"
den Vorrang vor der Frage nach den Möglichkeitsbedin
gungen von Sprache und Rede.
Weniger als Merleau-Pontys Philosophie kann die lingui
stische Phänomenologie als eine reflexive Disziplin be
trachtet werden. Sie scheint sich überhaupt nicht einmal
dessen bewußt zu sein, daß jedes authentische Philoso
phieren für die Notwendigkeit steht, die phänomenologi
schen und linguistischen Beschreibungen der Sprachver
richtungen selbst zum Gegenstand der Reflexion zu ma
chen: nicht in dem Sinn, daß man nicht methodologisch
über das reflektiert, was man tut, sondern in der Ableh
nung jeder transzendentalen Reflexion. Das - durch Hus
serl auf Descartes zurückgeführte — „Motiv des Rückfra
gens nach der letzten Quelle aller Erkenntnisbildungen,
des Sichbesinnens des Erkennenden auf sich selbst und
sein erkennendes Leben, in welchem alle ihm geltenden
wissenschaftlichen Gebilde zwecktätig geschehen, als Er
werbe aufbewahrt und frei verfügbar geworden sind und
werden", fehlt völlig. Es geht um das Motiv der „rein aus
dieser Quelle begründeten, also letztbegründeten Univer
salphilosophie". Diese Quelle heißt „Ich selbst mit mei
nem gesamten wirklichen und vermöglichen Erkenntnis
leben, schließlich meinem konkreten Leben überhaupt"
(Hua VI, lOOf.).

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Dennoch ist es möglich, ein transzendentales Motiv in den
existentiellen und in den linguistischen Phänomenologien
zu entdecken. Wenigstens in seinen frühen Arbeiten sieht
Merleau-Ponty als die,letzte Quelle' das Leib-Subjekt mit
seiner fungierenden Intentionalität, „in der die natürliche
vorprädikative Einheit der Welt und unseres Lebens grün
det, die deutlicher als in objektiver Erkenntnis erscheint in
unserem Wünschen und Schätzen und in unserer Umwelt
und die gleichsam den Grundtext liefert, den unser Erken
nen in eine exakte Sprache zu übersetzen sucht" (PW, 15).
Eben diese Intentionalität ist primär wirksam in unserem
Sprechen, während die Akt-Intentionalität unser Denken
und Wollen kennzeichnet. Die Sprache ist so der Uber
schwang unserer Existenz über alles natürliche Sein (PW,
232), aber das will nicht sagen, daß das Subjekt dieses
Sprechens nach dem Prinzip der aktiven Genesis funktio
niert (vgl. Elua 1,111): dafür ist es zu sehr den Regeln und
Konventionen seiner Sprache unterworfen (subjectum).
Daß wir die Rede nicht unmittelbar als einen „erzeugen
den, konstituierenden Ich-Akt" verstehen können,
braucht ebensowenig zu dem Schluß der strukturalisti
schen Ideologie zu führen, die Rede als bloße Funktion
der (konstituierten) Sprache (parole parlée, langue) zu se
hen. Wie eine von Intentionen beseelte „instance de dis
cours" (Benveniste) wird das sprechende Subjekt getragen
durch eine „unterste Stufe vorgegebener Passivität". Seine
Sprachverrichtungen als Verkörperungen seiner Intentio
nen im weitesten Sinne des Wortes führen zwar ins Reich
der Wahrheit und Kultur, was ihnen eine auch von Mer
leau-Ponty - bisweilen zögernd - anerkannte Ursprüng
lichkeit gibt. Sie dürfen darum aber noch nicht von dieser
„letzten Quelle" losgemacht werden, die von Merleau
Ponty das „irrationale Vermögen der Bedeutungsschöp
fung und Bedeutungskommunikation" (PW, 224) genannt

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wird. Insoweit die linguistische Phänomenologie dazu
neigen würde, in der Sprache den Inbegriff aller Wirklich
keit zu sehen, jedenfalls insoweit sie in das Sprechen die
Vereinigung von Intention, Konvention und Regel hin
einverlegt, gibt sie damit eine „letzte Quelle" an, aus der
jeder Sinn verstanden wird. Lebenswelt und ordinary
language sind nicht das letzte, aber wohl das erste Wort:
Nährboden und Thema für Analyse und Reflexion, wenn
auch selbst nicht mehr zu fundieren oder zu reduzieren.

Sprache, Rede, Gedanke

In der Rede vollzieht sich die Vermittlung von Sprache


und Denken - doch was heißt das genau? In ihrer Kritik
empiristischer und idealistischer Auffassungen setzen
beide Phänomenologien andere Akzente; und die gilt es
jetzt zu referieren und zu durchdenken. In seinem Beitrag
über Chomsky vertritt Searle die Auffassung, daß die em
piristische Sichtweise der Beziehung zwischen Denken
und Sprechen keine Rechenschaft dafür geben könne, was
unsere Äußerungen zu spezifischen Sprachhandlungen
wie Urteilen, Fragen usw. macht. Aber auch die rationali
stische Theorie Chomsky's habe s. E. hierfür keine Lö
sung zu bieten. Sie geht zwar aus von der an sich richtigen
Voraussetzung, daß die Bedeutung eines Satzes durch die
Bedeutung seiner sinnvollen Komponenten und deren
syntaktische Kombination bestimmt wird, zeige aber kein
Verständnis des wesentlichen Zusammenhangs von Spra
che und Kommunikation, d. h. kein Verständnis der Be
deutung der Sprechhandlungen. So werden Sätze als ab
strakte Objekte angesehen, die unabhängig von ihrer Rolle
in der Kommunikation produziert und verstanden werden
(Chomsky's Revolution, 23). Wenn Chomsky Sprache als

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, ,a self-contained formal System used more or less inciden
tally for communication" (ebd.) auffaßt - eine Sichtweise,
die auch für Husserls LU zutrifft - stellt dem Searle expli
zit und Austin implizit die These gegenüber, daß Sprache
wesentlich ein System für Kommunikation sei. Merleau
Ponty würde sagen: Der Ausdruckswille ist gleich
ursprünglich mit dem Willen, verstanden zu werden
(u. ä.; Vorl. I, 43). Dies bedeutet, daß in den Begriff der
unterschiedenen Sprachverrichtungen ihre Rolle in der
Kommunikation, ihre Funktion als Verständnisphäno
men aufgenommen werden muß.
Nach Searle läuft Sprachbeherrschung, die sich im Spre
chen äußert, auf eins hinaus mit der Beherrschung der Re
geln, die für die einzelnen Sprechakte gelten (SA, 24). Mit
anderen Worten, das Verstehen der Bedeutung von Sätzen
besteht größtenteils in dem Wissen, wie sie verwendet
werden müssen, um Fragen zu stellen, Versprechungen zu
machen usw., selbstverständlich auch, wie sprachliche
Äußerungen anderer Leute verstanden werden müssen.
Hier steht also eine spezifische Kompetenz in Frage, d. h.
ein Vermögen, Sprechhandlungen zu vollziehen und zu
verstehen. Merleau-Ponty macht deutlich, daß bei be
stimmten Sprachstörungen diese Kompetenz angegriffen
wird: „Was der Normale besitzt und der Kranke verloren
hat, ist nicht ein bestimmter Wortvorrat, sondern eine be
stimmte Weise, sich dieses ,Vorrats' zu bedienen." (PW,
208) Im Zusammenhang seiner Kritik empiristischer Auf
fassungen verweist er darauf, daß hinter dem Wort eine es
bedingende Einstellung und Funktion des Sprechens ste
he. Er weist die empiristische Konzeption des Sprechens
nicht allein zurück, weil sie für die lebendige Erfahrung
und für bestimmte andere Tatsachen keine Rechenschaft
geben kann, sondern auch und vor allem, weil sie das Spre
chen auf einen Prozeß in der dritten Person reduziert.

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Ebenso wie dem Behaviorismus fehlt dem empiristischen
Ansatz die Idee eines sprechenden Subjekts mit seiner syn
taktischen, semantischen und pragmatischen Kompetenz
und mit seinen Intentionen. In der idealistischen Konzep
tion wird der Rede keine eigene Bedeutung zuerkannt,
weil die Worte, die Gedanken und die Rede fertige Ideen
nur übersetzen, so als ob diese ihrer Formulierung nichts
schuldig seien (PW, 205). Dies impliziert eine Kritik an
Husserl und an der alten Idee einer grammaire générale et
raisonnée. Für den Husserl der LU ist Sprachgebrauch ein
für Kommunikation zwar notwendiges, für das eigentli
che Denken als Sinngebung jedoch nur kontingentes Mit
tel. Merleau-Pontys Auffassung schließt an der Formalen
und Transzendentalen Logik an, wo der Gebrauch der
Sprache als ursprüngliche Weise des Intendierens und als
Verkörperung der Gedanken erscheint. Der Sinn beseelt
die Worte, die ihrerseits die Gedanken verleiblichen (SI,
106). Immer aufs neue stipuliert Merleau-Ponty, daß von
dem Verhältnis zwischen Wort und Gedanke dasselbe wie
von der Beziehung zwischen Leib und Seele gesagt werden
könne: sie haben keine Privilegien voreinander, sie stehen
nicht in einem Dienstverhältnis zueinander, doch haben
beide eine einzigartige Subjektivität (Sinn) und Objektivi
tät (Form), wodurch sie einander vollenden können.
Selbst der vertrauteste Gegenstand scheint noch unbe
stimmt, solange wir ihn nicht zu seinem Wort gebracht
haben; und das denkende Subjekt wird nur dann seiner
Gedanken inne, wenn es sie ausgedrückt hat. Wenn Na
mengebung und Wiedererkennen bis zu einem bestimm
ten Maß zusammenfallen, dann kann das Wort nicht län
ger als ein bloß äußeres Zeichen von Gedankenobjekten
betrachtet werden, sondern es wohnt in den Sachen und
trägt die Ideen (PW, 210 ff. ;VIN, 243 ff.). Die Sprache ist
unser „zweiter Leib", der auf dem Leib als „natürlichem

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Ausdruck", als noch „sprachlosem Symbolismus" fun
diert ist.
Wir müssen uns der Versuchung widersetzen, die Mög
lichkeiten, die Merleau-Pontys Phänomenologie bietet,
für weitere Explorationen nicht-verbaler Kommunikation
(d. h. der leiblichen Sprache) zu gebrauchen, um Raum
für seine Schlüsse freizuhalten. Er schreibt: „Wenn man
ein Mittel oder einen Code für das Denken aus ihr machen
will, zerbricht man die Sprache: man macht es sich un
möglich, noch zu begreifen, wie tief die Worte in uns ein
dringen, daß es ein Bedürfnis, eine Leidenschaft gibt, zu
sprechen, eine Notwendigkeit, sich auszusprechen, so
bald man denkt. Man sieht dann nicht, daß die Worte die
Fähigkeit haben, Gedanken zu erwecken und fortan un
entfremdbare ideelle Dimensionen in uns Wurzel fassen
zu lassen, daß sie uns Antworten in den Mund legen, die
wir uns selbst nicht zugetraut hätten, und daß sie uns, wie
Sartre sagt, über unser eigenes Denken auf dem laufenden
halten." Kurz, „jeder Gedanke hängt ab von Worten und
kehrt zu ihnen zurück, jedes Sprechen wird in Gedanken
geboren und endet in ihnen" (SI, 24f.).
Die Rede vollzieht sich im Medium der konstituierten, in
stituierten gesprochenen Sprache. Die Sprachen als bereits
konstituierte syntaktische und lexikale Systeme und als
empirisch vorhandene „Ausdrucksmittel" sind Sedimen
tationen des Sprechens, in denen der noch unformulierte
Sinn nicht nur ein Mittel äußerer Bekundung findet, son
dern überhaupt erst Dasein für sich selbst gewinnt, als
Sinn erst eigentlich geschaffen wird (PW, 232). Die spre
chende Sprache als denkende Sprache oder sprechender
Gedanke gibt also einerseits der gesprochenen Sprache das
Dasein, das als ein Ganzes von fortan zur Verfügung ste
henden Zeichen und ihren Bedeutungen weiterbesteht,
andererseits stützt sie sich darauf, um überhaupt verständ

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lieh zu sein und sich weiter entfalten zu können. Das er
obernde Sprechen macht die instituierte Sprache zugleich
möglich und wirklich: sie wird schließlich von der erober
ten und gesprochenen Sprache getragen. So muß die Wir
kung des schaffenden Sprechens verstanden werden „au
ßerhalb jeder instituierten Bedeutungszuschreibung als
der einzigartige Akt, durch den der sprechende Mensch
sich Gehör verschafft", als ein ursprüngliches, noch nie
dagewesenes, Grundlagen legendes Geschehen, das seinen
eigenen Sinn lehrt (PM, 196). Die Sprache, die in dem Au
genblick des Ausdrucks entsteht, macht einen erneuern
den Gebrauch von der schon zum Erbe gewordenen Spra
che (PM, 17, 20, 196, 199ff.). Diese erscheint wie eine se
kundäre, abgeleitete Form jener ursprünglichen Funk
tion, die in einer aus bestehenden Zeichen konstruierten
Sprachapparatur eine neue Bedeutung herstellt (Vorl. I,
58). Offenbar verwirklicht das Sprechen, a fortiori das au
thentische - „klassische" - literarische und philosophi
sche Sprechen, nicht allein die in einer bestimmten Sprache
vorhandenen Möglichkeiten, sondern schafft auch neue.
Dies gilt, wie ich meine, ganz besonders für Merleau-Pon
tys und Austins parole parlante.
Daß das Sprechen nicht nur die in einer gegebenen Sprache
vorhandenen Möglichkeiten realisiert, findet Merleau
Ponty bei de Saussure selbst wieder. Ob er de Saussure
hier richtig interpretiert, ist allerdings zweifelhaft; eine
andere Sache ist seine schon genannte Idee des „Weiter
Denkens", wodurch er die französische Finguistik auf
philosophische Ebene gebracht hat. Wenn man die institu
ierte Sprache betrachtet, ist es, als seien die Beziehungen
von Zeichen und Bedeutung ein für allemal festgelegt: be
trachtet man jedoch das Sprechen, dann ist das nicht mehr
der Fall. „Die berühmte Definition des Zeichens als dia
kritisches, gegensätzliches und negatives' bedeutet, daß

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die Sprache dem sprechenden Subjekt gegenwärtig ist als
ein System von Zwischenräumen (écarts) zwischen den
Zeichen und den Bedeutungen und daß die Rede in einem
einzigen Vollzug (geste) die Differenzierung beider Berei
che zustande bringt. Man kann somit die Unterscheidung
zwischen der res extensa und der res cogitans nicht mehr
auf unabgeschlossene Bedeutungen und Zeichen, die le
diglich in einem Bezug zueinander existieren, zur Anwen
dung bringen." (Vorl. I, 62) Das Sprechen hat eine positi
ve, erobernde Funktion. Das zentrale Phänomen der
Sprache ist,,l'acte commun du signifiant et du signifié":
wir würden dies entkräften, würden wir das Resultat der
expressiven Leistungen von vornherein in einem überirdi
schen Reich der Ideen realisieren. Wir würden ihren
Durchbruch von den schon verfügbaren Bedeutungen zu
den Bedeutungen, die wir uns bemühen zu erwerben oder
aufzubauen, aus unserem Blickfeld verlieren (SI, 119).
Die Sprache ist ein System von Differenzierungen, in dem
sich der Bezug des Subjekts zur Welt artikuliert. Es dient
nicht allein zum Ausdruck der uns schon vertrauten
Aspekte der Welt, sondern kann auch neue Perspektiven
auf die Welt in Umlauf bringen. Dies beinhaltet, daß die
schon zur Verfügung stehenden Ausdrucksmittel nicht
mehr als hinlänglich erfahren werden. Ein neues System
von Zeichen und Bedeutungen muß entwickelt werden,
das durch seine innere Ordnung die Landschaft einer Er
fahrung zur Sprache bringt (Vorl. I, 231 ff.). Sprechen ist
der Ausdruck und die Erfüllung einer „Bedeutungsinten
tion", wie Merleau-Ponty manchmal sagt: es ist,,l'excès
de ce que je veux dire sur ce qui est ou ce qui a été déjà dit"
(SI, 112). Dies heißt zunächst, daß die Bedeutungen der
parole wie Pole einer bestimmten Anzahl konvergierender
Ausdrucksakte sind, die das Sprechen polarisieren, ohne
als solche gegeben zu sein. Es bedeutet weiter, daß der

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Ausdruck niemals total ist: das grundlegende Faktum des
Ausdrucks ist die Überschreitung des Zeichens durch das
Bezeichnete, die durch das Zeichen ermöglicht wird. Es
bedeutet schließlich, daß der Ausdrucksakt - ,,cette jonc
tion par la transcendance du sens linguistique de la parole
et de la signification qu'elle vise" (ebd.) - für das Subjekt
keine sekundäre Operation ist, zu der es seine Zuflucht
nehmen muß, um anderen seine Gedanken mitzuteilen,
sondern das tatsächliche Sich-Zueigenmachen von Bedeu
tungen, die anders noch konfus und trübe blieben. Die
Thematisierung des Bezeichneten geht, wie Merleau
Ponty zuweilen sagt, nicht dem Sprechen voraus, sondern
ist eben sein Resultat.
Die Leere der signifikativen Intention fragt nach der Erfül
lung des Wortes: sie verkörpert und erkennt sich selbst,
indem sie in dem System der verfügbaren Bedeutungen
und Ausdrucksmittel der Sprache Änderungen herbei
führt. Es ist die „déformation cohérente" (Malraux) des
vorhandenen Materials, die ihm einen neuen Sinn gibt und
die für die Sprecher und Hörer, für Leser und Schreiber
entscheidend sind (SI, 113-115). Dieses ist selbstverständ
lich nicht so sehr die Frucht einer Denk-, sondern wohl
mehr einer Sprach-Leistung, d. h. einer Leistung des
Sprechers oder Schreibers, die in der „Deformation" sei
ner Sprache und auch durch sie eine neue Welt des Sinns
stiftet. Dies impliziert auch, daß die Sprache mehr ist als
nur ein Instrument, das dem, was sie bedeutet, durch
Konvention und Gewohnheit verbunden ist. Geboren aus
der Welt der Stille und der noch sprachlosen Kommunika
tion, entrückt das Sprechen dem ungeteilten Reich des
Nennbaren Bedeutungen wie unsere Gebärden dem Reich
des sinnlich Wahrnehmbaren (SI, 24). Aber dies ist nur
durch Vermittlung eines differenzierten Systems von Zei
chen und Bedeutungen möglich. Die Sprache ist ein gere

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geltes Vermögen, das die Wortketten gemäß den für die
betroffene Sprache charakteristischen Dimensionen diffe
renziert (PM, 161): aber sie öffnet uns auch für Bedeu
tung. Dies bedeutet nicht, daß sich das Sprechen mit der
Angabe von Gedanken begnügt, etwa so, wie eine be
stimmte Hausnummer angibt, wo mein Freund wohnt
(PM, 162) - Merleau-Ponty entlehnt diesen Gedanken
nicht Wittgenstein, sondern Paulhan. Vielmehr entsteht
Bedeutung ,,au bord des signes", ,,à l'intersection et
comme dans l'intervalle des mots" (SI, 51 ff.). Bedeutung
verbirgt sich sozusagen „in der Verbindung der Zeichen,
zugleich gebunden an ihre leibliche (fleischliche) Ordnung
und gleichsam geheim hinter ihnen aufblühend: sie bricht
über ihm auf und ist doch nicht mehr als ihr Zittern" (PM,
169). Was Merleau-Ponty mit diesen wohl mehr lyrischen
als deutlichen Worten sagen will, ist, daß die Bedeutung
die Zeichen nicht übersteigt wie der idealistischen Sprach
konzeption zufolge der Gedanke den sprachlichen Aus
druck übersteigt, aber auch ebensowenig mit einem be
stimmten, an sich gestellten Zeichen identisch ist. Wenn
das Zeichen nur insofern etwas ,sagen' kann, als es sich ge
gen andere Zeichen abzeichnet - so wie wir auch nur etwas
sehen können gegen einen Hintergrund: perzeptiver und
sprachlicher Sinn wird erst in und durch Differenzierung
möglich -, dann gestaltet das Ganze der Rede (des Gesag
ten, des Textes) nicht länger ohne weiteres ein davon los
gelöstes Gedankenleben, die natürliche „Umgebung"
desselben (SI, 54).
Für Wittgenstein und die linguistische Phänomenologie ist
die,,natürliche Umgebung" eines Wortes oder Ausdrucks
das Ganze der durch Gewohnheit und Konvention gere
gelten Verhaltensmodi. Das Funktionieren von sprachli
chen Ausdrücken wird verständlich aus den institutionali
sierten Zusammenhängen (Lebensformen), zu denen sie

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gehören. Diese Idee findet ihre Entsprechung bei Mer
leau-Ponty in seinem so oft wiederaufgenommenen Ge
danken, daß über den Sinn eines Wortes und einer Idee
durch den sprachlichen und historischen Zusammenhang,
in dem sie zu Hause sind, entschieden wird. Dies bedeutet
bei Merleau-Ponty und Searle keine schlichte Übernahme
des Prinzips „meaning is use". Searle (SA, 208) stipuliert,
daß jede Analyse der Bedeutung eines Wortes oder Mor
phems mit der Tatsache vereinbar sein muß, daß dasselbe
Wort oder Morphem in sämtlichen grammatisch verschie
denen Arten von Sätzen, in denen es vorkommen kann,
dasselbe bedeuten kann. Das Wort ,wahr' bedeutet das
selbe oder kann dasselbe bedeuten in interrogativen, indi
kativischen Sätzen usw. Wäre das nicht der Fall, dann
wäre etwa ,,Das ist wahr" keine Antwort auf die Frage
„Ist das wahr?" Wenn die Bedeutung von ,wahr' in Inter
rogativsätzen eine andere wäre als in Indikativsätzen (SA,
208), würde jedes Gespräch unmöglich. Wir gehen den
Nuancierungen Searles nicht weiter nach; uns geht es um
den Gedanken, daß „etwas" gesagt wird, daß eine Bedeu
tung - wie fließend auch immer - mit einem bestimmten
Zeichen - wie wechselfällig dies auch sein mag - intendiert
und geäußert wird. Merleau-Ponty will deutlich machen,
daß Sprechen mehr ist als die einfache Ubersetzung eines
bloß gedanklichen Textes (SI, 54). Nur der Gebrauch ei
ner schon geformten oder einer rein künstlichen Sprache
erlaubt uns die Illusion, die Symbole gäben von ihnen un
abhängige Bedeutungen oder schon fertige Gedanken an.
Namentlich die „expression primordiale" unterscheidet
sich von der abgeleiteten Leistung, die für das Ausge
drückte „des signes donnés par ailleurs avec leur sens et
leur règle d'emploi" substituiert. Es ist die „opération
primaire", die die Zeichen macht und dazu das Ausge
drückte in ihnen verkörpert, ,par la seule éloquence de leur

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arrangement et de leur configuration", und so einen Sinn
stiftet in etwas, was noch keinen Sinn hatte (SI, 84). Für
das Verständnis dieses Sinnes sind wir angewiesen auf die
Totalität von jemandes „Sprachwerk", das Ganze seines
Œuvres, wie auch auf seine Biographie und seine Zeit.
Wenn die Sprache über etwas etwas sagt, dann kommt das
nicht dadurch, daß jedes Zeichen seine definite Bedeutung
mit sich trägt, sondern weil Zeichen und Bedeutung zu
sammen anspielen auf eine „signification toujours en sur
sis, quand on les considère un à un, et vers laquelle je les
dépasse sans qu'ils la contiennent jamais" (SI, 110).
Schließen wir mit Searles „Prinzip der Ausdrückbarkeit"
(SA, 24ff.), das die schon behandelte Versöhnung zwi
schen langue und parole bewirken muß. Searle formuliert
ein Grundprinzip der Phänomenologie, wenn er sagt, daß
wir häufig mehr meinen, als wir in Wirklichkeit sagen.
Unsere Intentionen oder Gedanken finden nicht immer
ihren vollständigen Ausdruck in den Worten, die wir äu
ßern. Daß in dem Ausgedrückten ohmehr gesagt wird, als
wir meinen, ist wohl für Merleau-Ponty, nicht aber für
Searle ein Punkt der Erwägung. Sein Prinzip von Aus
drückbarkeit beinhaltet, daß es für den Sprecher immer
möglich sei, genau zu sagen, was er meint. Es ist möglich,
daß er eine Sprache nicht genügend kennt, um sich darin
adäquat auszudrücken, aber es kann auch sein, daß der
Sprache die Wörter oder andere Mittel fehlen, die nötig
wären, um in ihr das sagen zu können, was der Sprecher
meint. Er kann seine Kenntnis der betreffenden Sprache
erweitern oder die Sprache durch Einführung neuer Be
griffe oder anderer Mittel bereichern. Jede Sprache stellt
uns eine begrenzte Anzahl von Wörtern und Formen zur
Verfügung, um zu sagen, was wir meinen, aber bei jeder
Grenze, die eine Sprache der Ausdrückbarkeit setzt, bei
jeder Unmöglichkeit, einen Gedanken sprachlich auszu

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drücken, handelt es sich um eine kontingente Tatsache
und nicht um eine Notwendigkeit. Merleau-Ponty wird
nicht ausschließen, daß wir lernen können, uns besser aus
zudrücken, aber er glaubt nicht, daß es für jeden Gedan
ken oder Sinn irgendwo von vornherein schon einen idea
len Ausdruck gibt. Die Tatsache, daß in unserer Sprache
ein bestimmter Ausdruck als gelungen gilt oder erscheint,
schafft die Illusion, daß ein vollkommenes Sich-Ausdrük
ken möglich sei. Durch die unbeständigen Beziehungen
zwischen signifiants und signifiés, durch den fortdauern
den Sinn-im-Werden, der sich in Sprache und Geschichte
- durch Menschen vermittelt - vollzieht, wird die Idee ei
nes totalen Ausdrucks zu einem Hirngespinst. Das den
gegebenen Sinn und die Sprache umgestaltende schaffende
Sprechen wird zwar aus einem noch sprachlosen Aus
druckswillen geboren, aber es kann diese „Bedeutungsin
tention" nie völlig erfüllen. Unser Sprechen, da es Teil der
generellen Dynamik von Transzendenz ausmacht, die das
Dasein als solches kennzeichnet, kann nie fertig sein.
Sprechend können wir Wahrheit stiften, aber das Sehnen
nach Wahrheit, das unser Sprechen nährt und stützt und
das in uns erwacht, wenn wir das erste Mal die Augen öff
nen, wird durch dieses Sprechen ebensowenig wie durch
die Wahrnehmung je erschöpft. Von adäquatem Ausdruck
würde nur die Rede sein können, wenn signifiant und si
gnifié einander vollkommen entsprechen würden, wenn
wir schon unsere Gedanken fix und fertig in Sprache re
flektieren könnten (vgl. PM, 41 f.; SI, 25).
Searles Prinzip der Ausdrückbarkeit muß begründet wer
den in der parole parlante, die die Sprache bereichert, nicht
in der schon konstituierten Sprache, die die verfügbaren
Ausdrucksmittel (nur) anwendet. Die Idee der Ausdrück
barkeit verweist auf die Schöpfungsmacht des sprechen
den Subjekts: es erweist sich als nicht ganz und gar von der

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gegebenen Sprache abhängig. Merleau-Ponty erklärt dies
in seinem Lob der Philosophie (Vorl. I, 43), wo er die le
bendige Sprache beschreibt als eine schwer faßbare Kon
kretion des Geistes und des Dings, welche uns in die Lage
setzt, die Alternative von Ding und Bewußtsein zu über
winden. Im Akt des Sprechens, wie auch in Tonfall und
Stil, bekundet das Subjekt seine Autonomie, da ihm ja
nichts eigenwesentlicher ist; und doch ist es im selben Au
genblick widerspruchslos der Sprachgemeinschaft zuge
wandt und der Sprache selbst verpflichtet. Die Verbun
denheit des Willens zu sprechen mit dem Willen verstan
den zu werden gibt Einsicht in die Anwesenheit des Indi
viduums in der Institution und der Institution im Indivi
duum. Diese erhellt nicht allein den „Konservatismus"
einer Sprachwissenschaft und Sprachphilosophie, die sich
auf die Analyse der instituierten Sprache beschränkt, son
dern auch den Idealismus einer Sprachwissenschaft und
Sprachphilosophie, die die Schöpfung einer neuen Sprache
als das ganz autonome Geschäft eines von Regeln, Kon
ventionen und Institutionen freien Subjektes betrachtet.
Im Sprechen, deutlicher noch in dem Sprache entbinden
den und erneuernden Sprechen der großen Denker und
Schreiber, ist, wie Merleau-Ponty meint, ein „unbekann
tes Gesetz" wirksam. Daß die Gestaltung einer neuen
Sprache „hinter unserem Rücken" geschieht, heißt nicht,
daß sie ohne unser Zutun geschieht. Oft ist es die Tatsache,
daß ein bestimmtes Ausdrucksmittel verbraucht ist, die
die sprechenden Subjekte zu einer Erneuerung führt. Die
persistierende Notwendigkeit der Kommunikation, der
Ausdruckswille, führen uns zu einem neuen Gebrauch. Es
geht hier zwar nicht um eine souveräne Tat; aber doch ist
da ein gewisses System in diesem Geschehen, es ist nicht
bloß zufällig und irrational. Die kontingente Tatsache
wird aufgenommen durch den Willen zum Selbstausdruck

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der Subjekte, ein neues Ausdrucksmittel, das seinen Platz
und Sinn bekommt in der Geschichte dieser Sprache. Hier
gibt es eine Vernünftigkeit des Zufälligen, eine erlebte Lo
gik und eine Selbstkonstitution, welche jeden Empirismus
und Idealismus ausschließt. Die Änderungen sind zu zö
gernd, als daß irgendein sprachimmanenter Geist oder ir
gendein Dekret der sprechenden Subjekte dafür verant
wortlich gemacht werden könnte; aber sie sind auch zu sy
stematisch und weisen zu viele Verbindungen zwischen
Details auf, als daß sie auf eine Summe von Teil-Verände
rungen reduziert werden könnten (PM, 49). Kurzum, die
Erfindung eines neuen Ausdruckssystems wird getragen
durch den Antrieb (la poussée) der sprechenden Subjekte,
die sich verstehen wollen und die, wie eine neue Redewei
se, die obsolet gewordenen Bruchstücke (les débris usés)
einer anderen Ausdrucksweise aufnehmen (PM, 50).
Dieser Passus von Merleau-Ponty wirft nicht allein Licht
auf die Idee der Ausdrückbarkeit, sondern auch auf die
Regelgeleitetheit des Sprechens. Das Sprechen heißt die
dunkle Region, aus der das instituierte Licht entspringt, so
wie die noch sprachlose Rückbezogenheit des Leibes auf
sich selbst das ist, was wir das natürliche Licht nennen
(VIN, 202). Dieses spontane Leuchten lehrt das Subjekt,
was es nur durch und aus diesem spontanen Leuchten wis
sen kann (SI, 117). Es liegt der Sprache als Institution und
Konvention zugrunde, d. h. als einem Symbolsystem, das
von dem sprechenden Subjekt als Funktionsstil und ein
heitliche Gestaltung übernommen wird, ohne von ihm
konzipiert werden zu müssen (Vorl. I, 44). Wie gesagt,
Sprache ist kein Ding und keine Idee, sondern Vernunft
(Rede) und Zufall zugleich: kein expressives System, das
planmäßig Änderungen folgt, ebenso wie der schaffende
Sprecher selten einem in allen Details ausgeklügelten Plan
folgt. Ereignisse werden erst dann ein linguistisches In

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strument, wenn die Sprache ihnen dadurch die Würde ei
ner neuen Weise des Sprechens verliehen hat, daß sie sie
wie Anwendungsfälle einer zukünftigen Regel (!), welche
ihre Anwendung auf einen ganzen Sektor von Zeichen fin
den wird, behandelt. Weiter ist auch der Ausdruckswille
selbst mehrdeutig und enthält ein Ferment, das die Ände
rung des expressiv-symbolischen Systems bewirkt, denn
es ist der Forderung der Expressivität und Uniformität un
terworfen. Will die neue Ausdrucksweise verstanden wer
den können, dann muß sie sich einerseits auf die schon ver
fügbare Sprache stützen und andererseits so neu sein, daß
sie die bereits erworbene Sprache so weit hinter sich läßt,
daß sie fesselt (PM, 50f.). Wenn es die Funktion der Re
geln ist, Raum zu schaffen und einzuschränken, so daß
etwas Sinnvolles gesagt werden kann, das im Prinzip für
jeden verständlich ist, dann zeigt Merleau-Ponty, wie
diese Regeln selbst zustande kommen und sich ändern
können. Damit gibt er Antwort auf eine Frage, die Austin
und Searle sich nicht oder kaum stellen, die sich aber doch
aus ihrer linguistischen Philosophie ergibt.

Schluß

Viele, auch wichtige Punkte haben wir nicht behandelt,


ζ. B. die Frage der Intersubjektivität. Austins Untersu
chungen performativer Sprechakte, Searles Begriff von In
tention implizieren eine Philosophie der Fremderfahrung,
die größtenteils noch entwickelt werden muß. Nicht die
uninteressanteste Frage dabei ist, welche Möglichkeiten
hier für die linguistische Phänomenologie gegeben sind.
Eine der wichtigsten Eigentümlichkeiten von Merleau
Pontys Sprachphilosophie ist die Beschreibung dessen,
was geschieht, wenn Menschen einander begegnen und

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miteinander sprechen. Es handelt sich dabei nicht um eine
Analyse im Geiste von Searle, nämlich wie eine bestimmte
Intention, die einem bestimmten Sprechakt zugrunde
liegt, übermittelt und auch vom Angesprochenen verstan
den wird, sondern um die Frage nach der phänomenologi
schen Verwobenheit von Intentionalitäten, nach der
„Paarung" (Husserl), die sich in einem Dialog vollzieht.
Wir sind auch zu wenig auf Merleau-Pontys Fundierung
der Rede in dem leiblichen „Zur-Welt-Sein" des Subjekts
in seinen Frühschriften eingegangen, wie auch auf die In
terpretation von Sprache und Rede als zwei ausgezeichne
ten Gestalten der Selbstoffenbarung des Seins in seinen
späten Arbeiten. Diese Ansätze bieten m. E. gute Per
spektiven für eine philosophische Erhellung der nicht
sprachlichen Kommunikation einerseits, andererseits der
großen literarischen (Sprach-)Gebilde, die zum Bereich
der Hermeneutik gehören. Auch hier müssen wir fragen,
was dabei eine linguistische Phänomenologie zu bieten
hat. Wenn es uns aber gelungen ist, sehen zu lassen, daß
und wie mehrere Motive beider Phänomenologien in einer
mehr umfassenden anthropologischen Philosophie der
Sprache oder sprachphilosophischen Anthropologie zu
sammengedacht werden können, dann ist der erste Schritt
auf dem langen Weg zur fruchtbaren Auseinandersetzung
vollzogen.

Literaturverzeichnis

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