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POSSESSIVKONSTRUKTIONEN

Prof. Dr. Eric Fuß, WS 2018/2019


Literatur
Weiß, Helmut. 2008. The Possessor That Appears Twice? Variation, Structure and
Function of Possessive Doubling in German. In: S. Barbiers et al. (hgg.):
Microvariation in Syntactic Doubling, 381-401. Emerald. [Syntax and
Semantics 36]
Koß, Gerhard. 1983. Realisierung von Kasusrelationen in den deutschen
Dialekten. In: W. Besch, U. Knoop, W. Putschke & H. E. Wieland (hgg.),
Dialektologie. Ein Handbuch zur deutschen und allgemeinen
Dialektforschung (2. Halbband), 1242-1250. Berlin: de Gruyter.
Einleitung
§ Beobachtung: Genitivschwund in den meisten Dialekten des Deutschen
§ Trad. Annahme: Verlust des Genitivs wird kompensiert durch Herausbildung
alternativer Possessivkonstruktionen, insbes. (s.u. für weitere Möglichkeiten):
§ NPposs+Poss.Prn.+Nomen (dem Peter sein Auto)
§ NP+PP (das Auto von/vom Peter)
Einleitung
§ Dialektale Variation:
§ Genitiv vorhanden?
§ Wahl der Possessivkonstruktion (Doppelpossessor-NP oder PP?)
§ Wenn beide Konstruktionen möglich sind: Verteilung der beiden
Konstruktionstypen? Belebtheit, Hervorhebung/Akzent etc.
§ Kasus der Possessor-NP (Genitiv, Dativ, Akk., Nom.?)
§ Wahl der Präposition bei PP-Possessoren (meist von)
NPposs+Possessivpronomen
§ Possessiver Dativ: In Dialekten und auch umgangssprachlichen Varianten des
Standarddeutschen (vgl. Zifonun 2003) weit verbreitet:

(1) a. dem Peter sein Auto


b. der Maria ihr Peter

(2) a. am Sepp sei Haus (Bairisch)


b. dem/'m Herberd sei Kolder (Hessisch)
Der possessive Dativ: Eigenschaften
§ Beschränkung auf 3. Person:
(3) a. EAM sei Haus.
b. *mir mei Haus.
c. *dir dei Haus.
§ Beschränkung gilt scheinbar nur für das Possessivpronomen, das direkt dem
Nomen vorangeht:
(4) a. meiner/deiner seiner
(Berlin; Schiepek 1899/1908: 221)
b. Ihnen ihr Haus (höfliche Anrede 2sg/2pl)

§ Die korrekte Generalisierung scheint also zu lauten:


(i) In einer Struktur NPposs+Poss.Prn.+Nomen muss das Poss.Prn. in der 3.
Person stehen.
(ii) Der initiale Possessor NPposs unterliegt nicht einer solcher Beschränkung.
Der possessive Dativ: Eigenschaften
§ Im Gegensatz zu pränominalen Genitivpossessoren können
Dativ/Doppelpossessoren iteriert werden:

(5) a. dem Peter seiner Mutter ihr Auto


b. ??Peters Mutters Auto
NPposs+Possessivpronomen: Eigenschaften
§ Kasus des Possessors (NPposs): In den meisten Varietäten scheint hier Dativ vorzuliegen
(wie in standardnahen umgangssprachlichen Varietäten):
(6) Dem Peter sein Auto (Dativ)

§ Variation in den Dialekten:

(6)‘ a. mein’s Vodas sa(n) lustigha Bou. (Genitiv)


(North Bavarian; Schiepek 1899/1908, p. 338)
b. an s fader sim blåts. (Genitiv+Dativ)
(Alsatian; Schirmunski 1962, p. 435)
c. unen bfara saena hüne. (Akkusativ)
(Thuringian; Sperschneider 1959, p. 23)
d. rik Lüd ehr Döchter und arm Lüd ehr Kalwer. (Keine Kasusmarkierung (Nom.))
(Low German; Johnson 1971, p. 508)
NPposs+Possessivpronomen: Eigenschaften
§ Weiss (2008): Die Wahl des Kasus, mit der der Possessor markiert wird, hängt
vom Kasussystem des jeweiligen Dialekts ab. Ist noch ein Genitiv vorhanden,
wird dieser genutzt, ansonsten der Dativ etc..
§ Die Wahl des Kasus von NPposs unterliegt also der folgenden Hierarchie:

(7) Genitiv > Dativ > Akkusativ > keine Markierung


NPposs+Possessivpron.: Areale Verteilung
§ (Vollständig) erhaltener Genitiv/keine "Doppelpossessoren" (nach Behaghel
1923): Züricher Oberland, Wallis, südl. des Monte Rosa, Graubünden,
Gottschee, schlesischer Norden von Mähren (Reste u.a. im Niederdeutschen)
§ s' Vaters sein Haus: Vor allem in schweizerischen Dialekten als parallele
Konstruktion zum reinen Genitiv
§ dem Vater sein Haus: U.a. mitteldeutsche (insbes. rhein-fränkische) Dialekte,
Bairisch; am weitesten verbreitet zur Bezeichnung persönlichen Besitzes und bei
Verwandtschaftsbeziehungen; v.a. im Schwäbischen auch für nicht-belebte/nicht-
menschliche Possessoren (dem Koffer seine Schnalle)
NPposs+Possessivpron.: Areale Verteilung
§ den Vater sein Haus: in Dialekten, in denen Dativ und Akk. zusammengefallen
sind; dabei ist manchmal eine Trennung von Maskulina und Feminina zu
beobachten:
§ den Vater sein Haus/der Frau ihr Sohn: Mask.: Akk, Fem.: Dat –
mitteldeutsche Dialekte (u.a. Thüringisch), Bairisch-Österreichische Varietäten
§ dem Vater sein Haus/die Frau ihr Sohn: Mask.: Dat, Fem.: Akk. –
Ripuarisch-Fränkisch
§ den Vater sein Haus/die Frau ihr Sohn: Mask.: Nom/Akk, Fem.: Nom/Akk –
in Varietäten, in denen der Dativ durch Akk. oder Nom. vollständig ersetzt
worden ist (v.a. Niederdeutsch)
§ de' Vater sein Haus: possessiver "Einheitskasus" (=Nom.?)
NPposs+Possessivpron vs. PP
§ In allen Dialekten ist die PP-Variante als alternative Possessivkonstruktionen
vorhanden.
§ Dabei wird i.d.R. die Präposition von als Possessivmarker verwendet; allerdings
ist in einigen Varietäten auch zu v.a. bei Verwandtschaftsbeziehungen
gebräuchlich (z.B. Oberhessisch): ein Vetter zu meinem Bruder; im
Schwäbischen findet sich hier auch mit
§ Gebrauch Doppelposs./PP – Einfluss des Faktors ±belebt/±menschlich: In vielen
Dialekten werden Doppelposs. bevorzugt für Personen/Lebewesen verwendet,
während PP-Konstruktionen auf Besitzverhältnisse für Sachen beschränkt sind
(meist bei einem partitiven Verhältnis (d.h., Teil/Ganzes-Beziehungen)).
NPposs+Possessivpronon.: Mischformen
§ Beobachtung: In einigen Dialekten haben sich auffällige Mischformen (meist
Gen./Dat., vgl. auch (4b)) entwickelt:
(8) a. dum tokxters wägeli.
(Freiburg; Schirmunski 1962: 435)
b. (aus) nochbers sim fenšter
(Basel; Schirmunski 1962: 435)
§ Weiß (2008): Kein Genitiv-s, sondern Possessivmarker analog zu engl. /-s/
§ Ähnliche Entwicklungen:
§ standardnahe Varietäten:
(10) Peter und Marias Koffer
(11) a. Meine Mamas Oma hat das auch so gemacht.
(Zugfahrt Leipzig-Frankfurt, 10.09.2010)
b. Von da an wusste ich, dass mein Lehrers Team hinter uns ist.
(http://freenet-homepage.de/kessy16/triathlon.html)
§ Reinterpretation ursprünglicher Genitivmarkierung als Plural (Alemannisch):
(12) s Nochbors ihre Katz
NPposs+Possessivpronon.: Weitere Typen
§ Weiß und Koß weisen auf weitere (seltenere) Konstruktionstypen hin:
§ NPposs+Artikel+Possessivpronomen (Weiß 2008: 384):
(13) a. am Schloβbauern a seinige Tochta.
b. der Matheisin den ihrigen
Doppelpossessoren: Funktion
§ Traditionell: Emphase, Hervorhebung des Possessors
§ Argumente gegen die traditionelle Auffassung:
§ Die Dopplung des Possessors ist in der Regel obligatorisch; sie kann also gar
keine verstärkende/emphatische Funktion haben.
§ Weiß (2008): syntaktische Markierung der Possessivrelation: Das
Possessivpronomen drückt nicht den Possessor aus (d.h. es hat keine
referentielle Funktion), sondern ist lediglich ein morposyntaktisches Mittel, um die
Relation zwischen dem Possessor (NPposs) und dem Kopfnomen der
Nominalphrase zu markieren (ähnlich engl. Poss. -s).
(14) [dem Peter]i seini [Auto]

§ Erklärung der Beschränkung auf 3. Person: Das Possessivpronomen ist ein rein
anaphorisches Element, das nicht selbständig referentiell ist; Pronomen der 1.
und 2. Person sind hingegen stets referentiell (Bezug auf unmittelbare
Diskursteilnehmer) und können daher nicht in der Doppelpossessivkonstruktion
auftreten.