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Das Goldene Tor 201

ALEXANDRA BIRKERT

Das Goldene Tor


Alfred Döblins Nachkriegszeitschrift
(Rahmenbedingungen, Zielsetzung, Entwicklung)

Inhalt

1 Einleitung 2.3 Rahmenbedingungen der Literatur-


Themenstellung, Forschungs- und vermittlung in den ersten Nach-
Materiallage, methodischer Ansatz .. 202 kriegsjahren: Beobachtungen zur
Praxis einer Zeitschriftenredaktion .. 240
2 Vorgeschichte und Kontexte 2.3.1 Ausländische Literatur 240
Modellstudie der Rahmen- 2.3.2 Literatur aus Deutschland 242
bedingungen einer literarischen 2.3.3 Exilliteratur 245
Nachkriegszeitschrift 208
2.1 Spezifische Möglichkeiten und 3 Programmpunkte und zentrale
Schwierigkeiten: Die exponierte Themen 248
Stellung des Herausgebers 208 3.0 Exkurs:»Rückblick und Ausblick«:
2.1.1 Alfred Döblins kulturpolitisches Alfred Döblins Programm der
Engagement im Berlin der Weimarer »re-education« 248
Republik 208 3.1 Literaturprogrammatische Tendenzen 251
2.1.2 Alfred Döblin im Exil 210 3.1.1 Präsentation ausländischer Literatur . 251
2.1.3 Alfred Döblins Rückkehr 3.1.2 »Herstellung und Befestigung einer
aus dem Exil 218 literarischen Tradition« 256
2.1.4 Im Dienst der Kulturbehörde 3.1.3 Kontaktaufnahme mit Exilliteraten . 261
der französischen Besatzungszone . . . 220 3.1.4 Bestandsaufnahme und Förderung:
2.1.5 inoffizielle« kulturpolitische »Was man hier im Lande zu lesen
Aktivitäten nach 1945 225 bekommt...« 267
2.2 Der äußere Rahmen der Zeitschrift.. 229 3.1.4.1 Sichtung der »im Inland erzeugten
2.2.1 Zur Gründung der Zeitschrift: Literatur« 267
Initiative, Lizenz und Kontrolle 3.1.4.2 »Inokulieren frischer Keime« 273
durch die französische Besatzungs- 3.2 Zentrale Themen 277
behörde 229 3.2.1 Einführung: »>Aufklärungs<feldzug«
2.2.2 Die Redakteure: Anton Betzner, im Gefolge Lessings 277
Herbert Wendt, Wolfgang Lohmeyer 2 31 3.2.2 Auseinandersetzung mit dem
2.2.3 Verlag, Vertrieb und Verbreitung: Nationalsozialismus 280
»... die Zeit der großen soliden 3.2.2.1 Die Diskussion der Frage
Verlage ist vorbei 233 »Wie kam es zum Nazismus?«
2.2.4 Auflage, Erscheinungsweise - ein Weg in die Sackgasse? 280
und Absatz 235 3.2.2.2 »Der deutsche Idealismus
2.2.5 Das Ende: Planung einer Zeitschrift vor Gericht« 282
der Literaturklasse der »Mainzer 3.2.2.3 »Bilanz und Lehre der Weimarer
Akademie der Wissenschaften Republik« 282
und der Literatur« 238 3.2.2.4 »Die Schuldfrage« 283

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202 Alexandra Birkert

3.2.2.5 »Das verhängnisvolle Mißverständnis 5.1 Tabellen 294


der Technik 284 5.2 Quellentexte zum Goldenen Tor 295
3.2.3 Ein »christlicher« Weg 285 5.3 Fünf Zensurgutachten Alfred Döblins 296
3.2.3.1 >Christliche Centrierung. 5.4 Alphabetisches Verzeichnis
der Literaturzeitschrift ab 1948 285 der Autoren und Übersetzer
3.2.3.2 »Der Christ und die Dichtung des Goldenen Tors 297
der Zeit« 286 5.5 Abkürzungsverzeichnis 304
3.2.3.3 Z u m Verhältnis von Dichtung 5.6 Verzeichnis der Standorte der
und Religion 287 zitierten unveröffentlichten Quellen
3.2.4 Im Zeichen der Völkerverständigung 288 (mit Siglen) 305
3.2.4.1 Der Zeitschriftentitel 288 5.7 Verzeichnis der ungedruckten
3.2.4.2 Vermittlung zwischen Siegern Materialien 305
und Besiegten 289 5.8 Verzeichnis der Beiträge, Schriften
3.2.4.3 Vermittlung zwischen Ost und West 290 und Werke Alfred Döblins 306
5.8.1 Beiträge im Goldenen Tor 306
4 Schlußbetrachtungen 292 5.8.2 Zitierte Schriften und Werke 307
5.9 Verzeichnis der zitierten Literatur . . . 308
5 Anhang 294 5.10 Quellennachweis der Abbildungen . . 313

1 Einleitung*

Themenstellung, Forschungs- und Materiallage, methodischer Ansatz

Im November 1945 ist der Berliner Schriftsteller einen auf die jahrelange Abwertung und Vernach-
Alfred Döblin nach zwölf Jahren des Exils in der lässigung des gesamten Spätwerkes Alfred Döblins
Schweiz, in Frankreich und in den USA nach zurückzuführen sein.1 Zur Abqualifizierung des
Deutschland zurückgekehrt. Döblin ist der einzige
prominente deutsche Autor der 20er und 30er Jahre * Die vorliegende Arbeit ist im Februar 1987 von der Neuphi-
und des Exils, der sich unmittelbar nach Kriegsende lologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen
als Dissertation angenommen worden. Die Druckfassung wurde
in einer der westlichen Besatzungszonen Deutsch- in einigen wenigen Punkten aktualisiert und leicht überarbeitet.
lands niedergelassen hat: als französischer Staats- Mein besonderer Dank gilt: Herrn Professor Dr. Wilfried Barner,
bürger und Angestellter der französischen Besat- der die Arbeit angeregt, mit großer Geduld betreut und konstruk-
zungsbehörde gründete er in Baden-Baden, damals tiv-kritisch beraten hat; Herrn Professor Dr. Dr. h.c. Bernhard
Zeller, der die Ausarbeitung der Dissertation im Deutschen
Sitz der französischen Militärregierung in Deutsch-
Literaturarchiv in Marbach a. N. verfolgt und ein anregendes
land, eine »Monatsschrift für Literatur und Kunst« Zweitgutachten verfaßt hat; den Mitarbeiterinnen und Mitarbei-
mit dem Titel Das Goldene Tor, deren erstes Heft im tern des Deutschen Literaturarchivs für rege Hilfe und zahlreiche
Oktober 1946 erschienen ist. Mit Hilfe französi- Hinweise; Herrn Claude Doblin, dem bevollmächtigten Vertre-
scher Subventionen konnte die Zeitschrift über die ter der Erbengemeinschaft Alfred Döblin, für die Erlaubnis, den
als Depositum der Erbengemeinschaft im Deutschen Literatur-
Währungsreform und die Gründung der Bundesre- archiv verwahrten Nachlaß Alfred Döblins auswerten sowie auch
publik Deutschland hinaus bis zum April 1951 anderweitig erhaltene Handschriften, Typoskripte und Materia-
fortgeführt werden. lien Alfred Döblins zitieren zu dürfen; Herrn Professor Dr.
Anthony W. Riley (Kingston/Kanada), Generalherausgeber von
Doch blieb der - nach zeitgenössischem Maßstab Alfred Döblins »Ausgewählten Werken in Einzelbänden«, für
- langlebigen Zeitschrift Alfred Döblins der dauer- fachkundigen Rat und freundschaftliche Hilfe in Sachen Döblin;
hafte Erfolg versagt. Im Bewußtsein einer literarisch der »Stiftung Wissenschaft und Presse« (Hamburg) für ein
interessierten Öffentlichkeit ist die herausgeberi- anderthalbjähriges Stipendium, ohne das die intensive Quellen-
arbeit in verschiedenen Archiven nicht möglich gewesen wäre;
sche Leistung des Autors nahezu in Vergessenheit dem Walter-Verlag (Olten/Freiburg i. Br.) für die Genehmigung
geraten. Döblins Nachkriegszeitschrift hat, wie zum Abdruck unveröffentlichter Döblin-Zitate.
überhaupt seine gesamte publizistische Tätigkeit
1 Vgl. den ausführlichen Forschungsbericht bei Kiesel: Lite-
nach 1945, bisher auch wenig Aufmerksamkeit in rarische Trauerarbeit (1986) S. 1 - 1 7 . - Die vollständigen Titel der
der Forschungsliteratur gefunden. Dies dürfte zum zitierten Schriften sind im Literaturverzeichnis aufgeführt.

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Das Goldene Tor 203

Goldenen Tors im speziellen dürfte aber auch der behörde sowie seine zahlreichen kulturpolitischen
sogenannte kulturpolitische Feldzug entscheidend Bemühungen nach 1945, mit denen er konsequent
beigetragen haben, den Döblin in seiner Zeitschrift an seine Vorstellungen, Aktivitäten und Erfahrun-
gegen Thomas Mann geführt hat; dies zeigt ein Blick gen vor 1933 anknüpfte, im besonderen beleuchtet
in die einführenden Darstellungen2 zu Döblins werden. Ferner werden die sogenannten >äußeren<
Leben und Werk, in denen Döblins Herausgabe des Daten der Zeitschrift im Verlauf der einzelnen
Goldenen Tors meist nur kurz - und zwar mit dem Jahrgänge nicht nur als informative Fakten aufgeli-
Hinweis auf die Thomas Mann-Affäre - gestreift stet, wie dies beispielsweise bei Stankowskis Analyse
wird. der Frankfurter Hefte der Fall ist,5 sondern im
Unter dem Aspekt Alfred Döblin als Journalist einzelnen auch auf ihre Relevanz für die inhaltliche
hat Wolf-Ulrich Zeller in einer Magisterarbeit aus Gestaltung und Entwicklung der Zeitschrift befragt.
dem Jahr 1968 schwerpunktmäßig die Diktion von Schließlich wird in einem letzten Abschnitt des
Döblins eigenen Beiträgen im Goldenen Tor analy- ersten Hauptkapitels der Versuch unternommen,
siert und mit Döblins journalistischer Tätigkeit vor unter dem Aspekt >Literaturvermittlung< exempla-
1945 verglichen. Denselben Ansatz - »Döblin als risch die konkreten Arbeitsbedingungen der Redak-
Journalist« - wählte Elisabeth Endres in ihrem tion einer literarischen Nachkriegszeitschrift von
Aufsatz für den Text + Kritik-Band über Alfred 1946 bis 1951 aufzuzeigen und zu dokumentieren,
Döblin ( 2 1972). Zeller sieht in Döblins zu Wider- wobei die spezifische Sonderstellung des Herausge-
sprüchen neigendem journalistischen Stil der Nach- bers zugleich im Auge behalten und mitreflektiert
kriegsjahre einen entscheidenden Grund für Döb- wird.
lins ausbleibenden Erfolg und seine zunehmende Die Ermittlung der genannten >Kontexte< des
Isolation nach 1945. 3 Goldenen Tors, die im einzelnen auch aufeinander
Jochen Meyer hat sich in dem zum 100. Geburts- bezogen werden, dient nicht nur als >Vorab<-Hinter-
tag des Autors (1978) in Zusammenarbeit mit Ute grundinformation zur Untersuchung des Zeitschrif-
Doster verfaßten Ausstellungskatalog des Deut- teninhaltes, wie dies die Gliederung der Arbeit in die
schen Literaturarchivs (Marbach a. N.) Döblins Zeit- beiden, auf den ersten Blick eher unvermittelt
schrift bisher am ausführlichsten gewidmet. Meyer nebeneinanderstehenden Blöcke »Vorgeschichte
stellt in dem Kapitel »Alfred Döblin als französi- und Kontexte« und »Programmpunkte und zentrale
scher Kulturoffizier« Döblins Herausgabe des Gol- Themen« vermuten lassen könnte. Die Einteilung
denen Tors in den Kontext der kulturpolitischen der Untersuchung in diese beiden Hauptkapitel
Aktivitäten des Autors nach dem Zweiten Welt- wurde gewählt, um der breiten, differenzierten und
krieg, deren Forum die Zeitschrift gewesen sei.4 weitgehend unbekannten Materialgrundlage, die
Die vorliegende literaturwissenschaftliche Un- zur Deskription und Dokumentation zwang,
tersuchung greift Meyers Ansatz auf. Sie analysiert gerecht zu werden und damit auch den zweiten
die Zeitschrift Das Goldene Tor als Beitrag ihres >interpretatorischen< Teil der Arbeit zu entlasten.
Herausgebers Alfred Döblin zum geistig-kulturel- Die Untersuchung ist jedoch darauf bedacht,
len Wiederaufbau im Deutschland der ersten Nach- wesentlich detaillierter und umfangreicher als in
kriegsjahre. Die leitende Fragestellung lautet, inwie- bisher vorliegenden vergleichbaren Zeitschriften-
weit Döblins vielzitierte Programmpunkte für Die analysen zur Nachkriegszeit6 die Kontextanalyse in
literarische Situation im Nachkriegsdeutschland die Interpretation der Zeitschrift einzubeziehen
überhaupt realisierbar waren und inwieweit er sie und den zum Teil unmittelbaren Einfluß der Rah-
mit seinem Goldenen Tor eingelöst hat. menbedingungen auf die inhaltliche Gestaltung
Die Analyse und Interpretation aller Jahrgänge dieses >Umerziehungsorgans< zu erhellen. Ziel der
der Zeitschrift nach verschiedenen Kategorien Arbeit ist ein - erst aus dem Gesamtkontext heraus
(»Programmpunkte und zentrale Themen«) ist dabei
eingeflochten in eine detaillierte Untersuchung der
2 Vgl. u . a . Schröter: Döblin ( 1 9 7 8 ) S. 130; Links: Döblin
»Vorgeschichte und Kontexte« der Zeitschrift:
(1981) S. 2 1 6 - 2 1 8 ; Prangel: Döblin ( 2 1 9 8 7 ) S. 1 0 4 / 1 0 5 . -
Angesprochen werden die spezifischen Möglichkei- Signifikant ist auch Hans Mayers Rezension der Jubiläumsaus-
ten, aber auch Schwierigkeiten, die die exponierte gabe in der F A Z vom 13. 12. 1977.
Stellung des Herausgebers nach 1945 für die Redak- 3 Vgl. Zeller: Döblin als Journalist S. 1.
tion der Zeitschrift mit sich brachte, wobei Döblins 4 Vgl. Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 4 2 6 - 4 4 6 .
Beziehungen und Kontakte zu Schriftstellerkolle- 5 Stankowski: Linkskatholizismus nach 1 9 4 5 (1976).
6 Vgl. außer der Arbeit von Stankowski die Ansätze bei
gen der Weimarer Republik-Zeit und des Exils,
Baerns: Ost und W e s t ( 1 9 6 8 ) ; Vaillant: Der Ruf (1978); Schlüter:
seine Stellung innerhalb der französischen Kultur- Die »Fähre/Literarische Revue« (1983).

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204 Alexandra Birkert

und im Wechselspiel der Analyse von Kontext und die Erforschung der französischen Kulturpolitik in
Inhalt der Zeitschrift mögliches - adäquates Ver- Deutschland sind. Gerade Alfred Döblin, deutscher
ständnis der Nachkriegszeitschrift Alfred Döblins Schriftsteller und französischer Kulturoffizier in
und ihrer Leistung für die Neukonstituierung eines einer Person, verkörpert ein zentrales Problem
literarischen Lebens nach 1945. französischer Besatzungspolitik, das zunehmend in
Als einschlägige Quelle für die Modellstudie der den Brennpunkt des Forschungsinteresses verschie-
Rahmenbedingungen einer literarischen Zeitschrift dener Fachbereiche gerückt ist: die Frage, ob in der
in den ersten Nachkriegsjahren diente Alfred Döb- frühen französischen Besatzungspolitik »neben der
lins Korrespondenz aus den Jahren 1945 bis 1952, Politik der Ausbeutung und politischen Kontrolle«
womit allerdings eine Reihe von Problemen ver- Ansätze einer »Politik der Kooperation und Inter-
knüpft war: Die >Redaktionskorrespondenz< des dependenz« aufzufinden sind.10
Goldenen Tors ist nicht geschlossen erhalten 7 und Trotz intensiver Nachforschungen konnte in
bisher nicht vollständig zu ermitteln. 8 Von einer Colmar wegen der mangelhaften Materialbeschrei-
Beschränkung auf >reine< Redaktionsbriefe wurde bung angeblich kilometerlanger Aktenbestände
im übrigen abgesehen, da sich wertvolle Hinweise nicht geklärt werden, ob sich Teile der Redaktions-
zu den Arbeitsbedingungen und zur Konzeption korrespondenz in den »Archives de l'Occupation
der Zeitschrift auch in anderen Briefen Döblins aus Fran^aise en Allemagne« befinden.
dieser Zeit finden lassen. Insgesamt konnten für den
Zur Erschließung der in Colmar aufbewahrten Bestände
genannten Zeitraum rund 350 Briefe von Döblin stehen Findlisten zur Verfügung, die mehrere hundert Seiten
(davon sind rund 150 Briefe veröffentlicht) und umfassen und die Bestellsignaturen verzeichnen. Bis Anfang
knapp 300 Briefe an Döblin (davon sind nur rund 20 1986 war eine Einsichtnahme und Bearbeitung ausschließlich
Briefe veröffentlicht) erfaßt werden. Ein großer Teil in Paris im »Ministere des Relations Exterieures de la Republi-
que Fran^aise· möglich. Die Findlisten, die Döblins Tätigkeit
davon ist im Deutschen Literaturarchiv in Marbach bei der .Direction de l'Education Publique« des »Gouverne-
a. N. zugänglich, insbesondere im dort deponierten ment Militaire Franjaise en Zone d'Occupation« (1945-1949)
Nachlaß von Döblin, aber auch in anderen verwahr- und bei der »Direction Generale des Affaires Culturelles« des
ten Nachlässen von Mitarbeitern der Zeitschrift »Haut Commissariat de la Republique Franfaise en Allema-
gne« (1949-1951) betreffen, laufen alle unter der Bezeichnung
(ζ. B. Wilhelm Lehmann, Ernst Kreuder). Weitere
der letztgenannten Institution. Dabei folgen die einzelnen
Briefe Döblins konnten in anderen Archiven und Listen in etwa (!) der Bezeichnung bzw. Ablage der einzelnen
Bibliotheken sowie bei noch lebenden Mitarbeitern Unterabteilungen der »Direction Generale des Affaires Cultu-
ermittelt werden. 9 Da der überwiegende Teil der relles«. Die Akten der »Direction de l'Education Publique« und
der »Direction de ['Information« aus der Militärregierungszeit
Korrespondenz unveröffentlicht ist, mußten in vie-
sind, oft ohne Angabe des jeweiligen Ressorts, in die verschie-
len Fällen Autoren- und Verlagsrechte berücksich- denen, anders organisierten und zum Teil mit anderen Kom-
tigt und die Einsichtnahme und Auswertung geneh- petenzen betrauten Abteilungsarchive der »Direction Gene-
migt werden, was in einigen wenigen Fällen nicht rale des Affaires Culturelles« beim Französischen Hohen
gelungen ist. Insgesamt gesehen bietet das herange- Kommissariat übernommen worden. Da zudem die Findlisten
eine präzise und aussagekräftige Inhaltsbeschreibung der
zogene veröffentlichte und unveröffentlichte Brief-
material eine schmale, aber fruchtbare Quellenbasis
für die Untersuchung der Rahmenbedingungen der
Zeitschrift. 7 So finden sich im Nachlaß Alfred Döblins Briefe von
Mitarbeitern der Zeitschrift, nicht hingegen die Durchschläge
Mit der Öffnung des französischen Besatzungs- der Redaktionsbriefe, die Döblin anfertigen ließ, wie mir sein
archivs in Colmar Ende 1982 konnte die Material- Sekretär Friedrich Sonntag mitteilte. Doch auch bei den Briefen
grundlage für das erste Kapitel entscheidend, wenn an Döblin sind empfindliche Lücken festzustellen.
8 Ferner war die für diese Fragestellung vermutlich recht
auch nicht lückenlos, erweitert werden. Hier fanden
aufschlußreiche und umfangreiche Nachkriegskorrespondenz
sich wertvolle Hinweise zur Gründungsphase und Döblins mit dem befreundeten französischen Germanisten
zu den >technischen< Daten der Zeitschrift. Mit Robert Minder nicht einsehbar. Frau Irene Minder sei an dieser
Hilfe des Colmarer Materials ließ sich insbesondere Stelle für das Pariser Gespräch im Mai 1984 gedankt.
aber auch Döblins Aufgaben- und Einflußbereich 9 Vgl. das »Verzeichnis der Standorte der zitierten unveröf-
fentlichten Quellen« im Anhang. Einzeln aufgelistet im »Ver-
innerhalb der »Direction de l'Education Publique«
zeichnis der ungedruckten Materialien« sind lediglich die zitier-
präziser erfassen. So konnte auch weitgehend ten Briefe, die sich in Privatbesitz befinden.
geklärt werden, inwieweit Döblin bei der Heraus- 10 Vgl. den Forschungsbericht von Hudemann: Französische
gabe der Zeitschrift von der französischen Besat- Besatzungszone (1983),insbes. S. 237-247 (Zitate: S. 209); ders.:
zungsbehörde >dirigiert<, aber auch >gefördert< Kulturpolitik und Deutschlandpolitik (1987); Heinemann:
Bildung, Wissenschaft und Sozialpolitik (1987) sowie die Einlei-
wurde - Gesichtspunkte, die über die biographische
tung zu dem Sammelband: Frankreichs Kulturpolitik (1987)
Grundlagenforschung hinaus auch von Relevanz für S. IX-XV.

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Das Goldene Tor 205

einzelnen Bestände vermissen lassen, ist es sehr zeit- und gramm zum geistig-kulturellen Wiederaufbau im
arbeitsaufwendig, die entsprechenden Dossiers zu Döblins Nachkriegsdeutschland verwirklichen konnte und
verschiedenen Funktionen in den Jahren 1945 bis 1951 (als
inwieweit dabei, analog zu den sich wandelnden
Zeitschriftenherausgeber, Autor, Lektor, Zensor und Mitbe-
gründer der Mainzer Akademie) herauszufinden. So entpuppte äußeren Umständen und zum zeitgeschichtlichen
sich ζ. B. der aufgrund meiner schriftlichen Anfrage von der Kontext, wesentliche Veränderungen auszumachen
zuständigen Sachbearbeiterin bereitgestellte - weil so ver- sind.
zeichnete - Bestand Das Goldene Tor nicht, wie erhofft, als In einem einleitenden Exkurs werden, noch
Redaktionsarchiv, sondern lediglich als ein Dossier aus der
Ablage der für die Verteilung der Lizenzen zuständigen einmal zusammenfassend, Grundlinien in Alfred
»Direction de l'Information«, mit der Döblin nur mittelbar zu Döblins Programm der »re-education« erörtert und
tun hatte. mit der programmatischen Position und politischen
Praxis von Raymond Schmittlein, dem Leiter der
Aus arbeitsökonomischen Gründen konnte fer- französischen Kulturabteilung in Baden-Baden, ver-
ner einschlägiges Material zur Steuerung des Publi- glichen. Raymond Schmittlein hat nicht nur das
kationswesens in der französischen Besatzungszone Profil der französischen Kulturpolitik in Theorie
- etwa durch Verlags- und Buchlizenzen, Regelung und Praxis wesentlich geprägt,14 es gibt auch Hin-
des Devisenverkehrs und der Urheber- und Uber- weise dafür, daß Döblin und sein Vorgesetzter,
setzungsrechte etc. - nur punktuell, nicht systema- insbesondere anfangs, ihre beiderseitigen Vorstel-
tisch ausgewertet werden. Teilaspekte davon - wie lungen auf persönlicher Gesprächsebene abge-
die Pressepolitik und in vielversprechenden Ansät- stimmt haben. In dem Exkurs wird der Versuch
zen auch die Buch- und Verlagspolitik - sind parallel unternommen, für die Zeitschrift relevante ge-
zur vorliegenden Arbeit untersucht worden.11 Da meinsame und unterschiedliche Prämissen zu
der Forschungsschwerpunkt jedoch trotz der stän- markieren.
dig wachsenden Fachliteratur zur französischen Auskunft über die Vorstellungen, die der Kul-
Kulturpolitik in Deutschland nach wie vor neben turoffizier Alfred Döblin mit der Heraus-
der (Zeitungs-)Presse- und Rundfunkpolitik auf gabe der Zeitschrift im einzelnen verbunden
dem Erziehungswesen (Inhalte der »re-education«, hat, geben Lizenzantrag und Geleitwort der Zeit-
Schulreform, Hochschulpolitik etc.) liegt12 und schrift, Redaktionskorrespondenzen, Presseinter-
zudem die Quellenlage zum Goldenen Tor lücken- views, theoretische und autobiographische Schrif-
haft bleiben mußte, kann es sich bei den vorgestell-
ten Beobachtungen zur Praxis einer Zeitschriften-
redaktion in den ersten Nachkriegsjahren nur um 11 Schölzel: Pressepolitik (1986): Zeitschriften blieben dabei
unberücksichtigt, Schölzel konzentrierte sich auf die Tages- und
erste Ansätze handeln. Wochenzeitungen; Mombert: Jeunesse Allemande et Reeduca-
Die Ergebnisse bestätigen jedoch die Dringlich- tion (1985); vgl. auch die Kurzfassung von Schölzels Dissertation
und den Beitrag von Mombert: Buch- und Verlagspolitik, beides
keit empirischer Exemplaranalysen. Vor dem Hin- in dem Sammelband: Frankreichs Kulturpolitik (1987). Vgl.
tergrund zentraler Rahmenrichtlinien der einzel- ferner Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels (1978), der auch
nen Militärregierungen zum Publikationswesen auf Fragen der Nachrichtenkontrolle, des Verlags- und Zeit-
und Interzonenverkehr konnten in der Praxis einige schriftenwesens und des interzonalen Austausches von Drucker-
zeugnissen eingeht. Unberücksichtigt blieben diese Detailfragen
markante - und nicht auf Alfred Döblins Sonder-
bei Gilmore: France's Postwar Cultural Policies (1973), sowie in
stellung zurückzuführende - Abweichungen nach- dem Sammelband: Französische Kulturpolitik(1984; frz. u. d.T.:
gewiesen werden, die nicht zuletzt belegen, wie La denazification par les vainqueurs (1981) mit geringfügigen
notwendig es ist, bei der Untersuchung und Darstel- Abweichungen). - Zur Steuerung des Publikationswesens in der
lung der alliierten Kulturpolitik und Literaturpoli- amerikanischen Zone vgl. v. a. Gehring: Amerikanische Litera-
turpolitik (1976); zur Steuerung in Österreich vgl. Sieder:
tik in Deutschland zwischen theoretischem Alliierte Zensurmaßnahmen (1983).
Anspruch auf der einen und praktischer Umsetzung 12 Vgl. den konzisen Überblick bei Hudemann: Französische
auf der anderen Seite scharf zu unterscheiden.13 Besatzungszone (1983) S. 237-247; ders.: Kulturpolitik und
Das zweite Hauptkapitel der Arbeit, »Programm- Deutschlandpolitik (1987), insbes. S. 27/28 mit einschlägigen
Literaturhinweisen.
punkte und zentrale Themen« überschrieben, wid-
13 Vgl. hierzu bereits Henke: Politische Säuberung (1981)
met sich der Analyse des Zeitschrifteninhaltes, S. 10; ders.: Politik der Widersprüche (1983); vgl. ferner:
wobei zwischen literaturprogrammatischen Ten- Frankreichs Kulturpolitik (1987) S. XIII/XIV.
denzen und zentralen Themen des Goldenen Tors 14 Vgl. Gilmore: France's Postwar Cultural Policies (1973)
unterschieden wird. Die Untersuchung wird von der S. 285; Hudemann: Französische Besatzungszone (1983) S. 238;
zur neuerdings (wieder) umstrittenen Rolle und Bedeutung
Fragestellung geleitet, in welcher Weise Döblin Schmittleins vgl. die (Diskussions-)Beiträge in dem Sammel-
unter den gegebenen spezifischen und allgemeinen band: Frankreichs Kulturpolitik (1987), u. a. S. 32, 53/54, 135/
Rahmenbedingungen der Zeitschrift sein Pro- 136, 261/262.

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ten dieser Jahre sowie im besonderen auch Döblins hohe Arbeitsaufwand für die Ermittlung dieser
Zensurgutachten für die französische Kulturbehör- literatursoziologischen Angaben gerechtfertigt und
de, die im Colmarer Archiv erhalten sind.15 Damit notwendig, denn es war Döblins Absicht, in seiner
Wiederholungen vermieden und komplexe Korre- Zeitschrift gerade auch jungen und/oder unbekann-
lationen zwischen Intention und Realisation präzi- ten Autoren eine Chance zu geben. Da die »unbe-
ser erfaßt werden können, erfolgt eine detaillierte kannteren< Mitarbeiter entscheidend das Erschei-
Beschreibung von Döblins Programmpunkten nungsbild der Zeitschrift prägten und es sich dabei
jeweils zu Beginn des entsprechenden Analyseab- keineswegs um eine »quantite negligeable« handelt,
schnittes. Sie werden hier nur kurz benannt, um auf kann eine Auflistung und Berücksichtigung ledig-
einige grundsätzliche methodologische Probleme lich der renommierten »Favoriten«, wie dies häufig in
hinzuweisen. Zeitschriftenmonographien vorzufinden ist, dem
Die Analyse der literaturprogrammatischen Ten- eigentlichen Charakter der Zeitschrift nicht gerecht
denzen untersucht in Anlehnung an Döblins litera- werden. Dies belegt auch eine Statistik der Beitrags-
risches >Vier-Punkte-Programm<, in welchem Um- häufigkeit im Goldenen Tor : von den 405 Autoren
fangund nach welchen Kriterien sich der Herausge- und Übersetzern sind 64 % nur mit einem Beitrag
ber in seiner Zeitschrift für die Vermittlung der vertreten. Unter ihnen befinden sich nicht nur die
ausländischen Literatur, der sogenannten literari- Mehrzahl der »Unbekannten«, sondern auch so
schen Tradition, der Exilliteratur und der zeitgenös- »repräsentative« Namen wie Louis Aragon, Wolf-
sischen Literatur aus Deutschland eingesetzt hat. gang Borchert, Theodor Däubler, Lion Feuchtwan-
Für die Umfangbestimmung in den einzelnen ger, Otto Flake, Stefan George, Oskar Maria Graf,
Jahrgängen wurden Häufigkeitsauszählungen, die Ricarda Huch, Hermann Kasack, Martin Kessel,
einfachste Form eines inhaltsanalytischen Modells, Hermann Kesten, Karl Krolow, Else Lasker-Schü-
angewandt.16 Schwierigkeiten waren dabei nicht nur ler, Rudolf Leonhard, Gotthold Ephraim Lessing,
mit der Eindeutigkeit der Kategorien und der Frage Ferdinand Lion, Vladimir Majakovskij, W. Somerset
der Zuordnung, sondern auch mit der Bestimmung Maugham, Hans Mayer, Robert Minder, Walter von
der Untersuchungseinheiten verbunden. Aus- Molo, Robert Musil, Ezra Pound, Peter Rühmkorf,
schlaggebend für die >Kategorisierung< eines Autors Albrecht Schaeffer, Lothar Schreyer, Algernon Ch.
waren grundsätzlich Döblins Kriterien: So gehören Swinburne, Max Tau, Giuseppe Ungaretti, Paul
beispielsweise viele der sogenannten »Verscholle- Verlaine, Evelyn Waugh und Alfred Wolfenstein.
nen und Vergessenen« - für die Döblin im Rahmen Weitere 19 % der Mitarbeiter sind mit zwei Beiträ-
der Mainzer Akademie eine Schriftenreihe initiiert gen,19 7 % mit drei und nur 10 % mit vier und mehr
hat - Döblins Generation an und sind im Exil Beiträgen an der Zeitschrift beteiligt: neben Döblin
gestorben: gerade bei ihnen ging es Döblin aber um und den Mitgliedern der Redaktion Anton Betzner,
die Herstellung und Befestigung einer literarischen
Tradition. Auch der Begriff »Exilliteratur« ist von
15 Döblins Lizenzantrag und fünf seiner Zensurgutachten
Döblin keineswegs eindeutig definiert und konse- sind im Anhang dieser Arbeit abgedruckt. - Im Colmarer Archiv
quent angewandt worden.17 konnten insgesamt 4 4 3 Gutachten von Döblin aus der Zeit von
November 1 9 4 5 bis Anfang Februar 1 9 4 7 registriert werden
Doch nicht allein die Definition und gegenseitige
(c. N ° 6 7 3 p. 1 - 3 : Licences d'edition N° 5 0 0 - 2 7 8 3 ) . Von Döblins
Abgrenzung der vier Autorengruppen, sondern Gutachten sind, mit freundlicher Unterstützung des Deutschen
auch schon die Identifizierung der Autoren und Literaturarchivs, Microfilme angefertigt worden, die nun in
Übersetzer brachte Probleme für die Kategorisie- Marbach leicht zugänglich sind. Die Gutachten, die Döblin
rung der Beiträge. Von den 405 Autoren und darüberhinaus bis zum Ausscheiden aus dem »Bureau des
Lettres« im April 1 9 4 8 verfaßt hat, bleiben im ungeordneten
Übersetzern18 der Zeitschrift konnten keineswegs
Colmarer Archiv noch zu »entdecken«.
alle >ermittelt< werden: >ermittelnswerte< Angaben 16 Vgl. dazu im einzelnen Lisch/Kriz: Inhaltsanalyse
waren neben Lebensdaten und Nationalität Tätig- S. 1 2 4 - 1 2 7 .
keit und Veröffentlichungen, Fachkompetenz bzw. 17 Vgl. dazu ausführlicher unten Kap. 3.1.3.
Qualifikation, Art der Kontaktaufnahme und der 18 Vgl. hierzu im Anhang das »Alphabetische Verzeichnis der
Autoren und Ubersetzer«, das über Lebensdaten (soweit diese zu
Beziehung zu Döblin, Exklusivität des Beitrages
ermitteln waren), »Zuordnung« und Beitragsjahr(e) informiert.
und bei deutschen Autoren die Lebensumstände in 19 U. a. Charles Baudelaire, Johannes R. Becher, Bertolt
den Jahren 1933 bis 1945 sowie der Aufenthaltsort Brecht, Paul Claudel, Thomas S. Eliot, Erich Fried, Andre Gide,
zur Zeit der Mitarbeit (Ausland bzw. Exil, Besat- Stephan Hermlin, Max Herrmann-Neiße, Hans Henny Jahnn,
zungszone). Wenn auch jeder Anspruch auf Voll- Georg Kaiser, Horst Krüger, Wilhelm Lehmann, Oskar Loerke,
ständigkeit dieser Informationen von vornherein Stephane Mallarme, Heinrich Mann, Ludwig Marcuse, Eugenio
Montale, Arthur Rimbaud, Christina Rossetti, Carlo Schmid,
ausgeschlossen war, so erschien der ungewöhnlich Jules Supervielle.

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Das Goldene Tor 207

Wolfgang Lohmeyer und Herbert Wendt handelt es Mit dem vorgestellten Quantifizierungsverfahren
sich beim engsten Mitarbeiterkreis um Joseph Baur, ist indessen nicht die Intensität von Einstellungsäu-
Joachim-Ernst Berendt, Trudel Bertsch, Elisabeth ßerungen zu den einzelnen Autorengruppen meß-
(Steil-)Beuerle, Hermann Bodeck, Wilhelm Boeck, bar, sondern nur die Intensität der Vermittlung
Hans Broemser, Hellmut Draws-Tychsen, Albert einer Autorengruppe im Vergleich zu den anderen
Ehrenstein, Nino Erne, I. Karin Franz, Wolfgang Gruppen jahrgangsweise erfaßbar. Zur Veranschau-
Grothe, Anton Servais Helling, Friedrich Hirth, lichung der Ergebnisse finden sich im Anhang der
Arno Holz, Friedhelm Kemp, Kurt Kersten, Arbeit Tabellen.
Annette Kolb, Ilse Langner, Paul Ε. H. Lüth, Erwin Ergänzend dazu werden für alle vier Autoren-
K. Münz, Eckart Peterich, Hans von Savigny, Kurt gruppen exemplarische Einzelanalysen vorgelegt,
Scheid, Gustav Schenk, Emil Schering, Ulrich Seel- die Döblins Kriterien bei der Vermittlung der
mann-Eggebert, Dora Tatjana Söllner, Heinrich ausländischen Literatur, der sogenannten literari-
Stammler, Helena Strassova, Erwin Sylvanus, schen Tradition, der Exilliteratur und der zeitgenös-
Gabriele Tergit, Egon Vietta, Norbert Welkoborsky, sischen Literatur aus Deutschland in der Diachronie
Ingeborg Wendt, Paul Wilhelm Wenger, Wolfgang der Jahre 1946 bis 1951 kenntlich machen sollen,
Weyrauch und Martin Winkler. die zugleich aber auch die jeweiligen Intentionen
Ein >inhaltsanalytisches< Problem bestand ferner des Herausgebers und die spezifischen Rahmenbe-
auch in der Definition der Untersuchungseinheiten: dingungen der Zeitschrift mitreflektieren.
Der umfassende Hauptteil eines Zeitschriftenheftes Hier nun wird deutlich, in wie vielen und in
mit Gedichten, erzählender Prosa, Schauspielsze- welchen konkreten Punkten Döblins Vorstellungen
nen, Essays, wissenschaftlichen Abhandlungen, nicht realisierbar waren, wie und in welchem Aus-
Reiseberichten etc. und die schon durch den zwei- maß sie sich den unterschiedlichsten Gegebenhei-
spaltigen Umbruch abgesetzte Rubrik »Chronik ten anpassen mußten und im Kontext wandelten.
und Kritik« mit Kurzberichten, Glossen und Rezen- Die aus dem Gesamtvolumen ausgewählten Bei-
sionen sind zwei in ihrer inneren und äußeren spiele - Einzelbeiträge und ganze Heftkompositio-
Struktur völlig verschiedene Untersuchungsgegen- nen - sollen dabei einen repräsentativen Quer-
stände. Dieser Gesichtspunkt mußte bei einem schnitt bieten und damit charakteristische Grund-
Quantifizierungsverfahren in Rechnung gestellt züge der Zeitschrift verdeutlichen.
werden. In einem letzten Untersuchungsabschnitt wer-
Bei den nach Autorengruppen ausgezählten Bei- den schließlich drei zentrale Themenkomplexe auf-
trägen des Hauptteils wurden nicht nur literarische gegriffen und markanter profiliert, die sich bei der
Texte im engeren Sinn, also fiktionale Texte, son- Analyse der literaturprogrammatischen Tendenzen
dern auch expositorische Beiträge (Essays, Reisebe- wiederholt herauskristallisiert haben, die Döblin
richte, Kritiken etc.) berücksichtigt. Da Döblin, zudem programmatisch formuliert hat und die sich
entgegen der allgemeinen Tendenz, anstelle von unter dem - für Döblins publizistische und literari-
»Betrachtungen« 20 »am liebsten [...] nur Belletri- sche Arbeit nach 1945 - grundlegenden Begriff
stik«21 veröffentlichen wollte, erschien auch eine »Aufklärung« subsumieren lassen: Auseinanderset-
entsprechende Quantifizierung der literarischen zung mit dem Nationalsozialismus, Bekehrung des
Gattungen sinnvoll, die deutlich zeigt, daß er diesen deutschen Lesers zum christlichen Glauben und
Vorsatz nicht in die Tat umsetzen konnte. Döblins Vermittlung zwischen den Völkern. Dies waren die
>Literatur<-Verständnis, auf das im einzelnen noch drei zentralen Anliegen des Kulturpolitikers und
einzugehen sein wird, schließt in diesem Punkt Schriftstellers Alfred Döblin nach dem Krieg, auf
Hans Mathias Kepplingers Interpretationsprämisse die sich die Untersuchung zum Abschluß konzen-
aus, daß die »Publikation von Essays, Kritiken und
Reden [...] als Ausdruck der theoretischen Beschäf-
tigung mit der gesellschaftlichen Realität und als 20 Döblin an H. Kesten, 20. 11. 1946, in: Deutsche Literatur
Indikator für ein direktes gesellschaftliches Engage- im Exil S. 232.
ment der Schriftsteller [zu] betrachten« 22 sei. Dieser 21 Briefe S. 343 (an Paul Ε. H. Lüth, 6. 5. 1946). - Bei Zitaten
aus Alfred Döblins veröffentlichten Briefen, Schriften und
wichtige, wenn nicht fundamental entscheidende
Werken, die im Literaturverzeichnis gesondert aufgeführt sind,
Unterschied zwischen Döblins Literaturzeitschrift wird auf die Nennung des Autors verzichtet. Zitiert wird - soweit
und der Mehrzahl der sogenannten »kulturpoliti- möglich und nicht anders vermerkt - nach der Ausgabe der leicht
schen« oder >literarisch-politischen< Publikationsor- zugänglichen •Ausgewählten Werke Alfred Döblins in Einzel-
gane der ersten Nachkriegszeit muß im Auge behal- bänden« im Walter-Verlag (Olten/Freiburg i. Br. I960 ff.).
22 Kepplinger: Realkultur und Medienkultur S. 80. - Ä h n l i c h
ten werden.
Stankowski: Linkskatholizismus nach 1945, S. 89.

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208 Alexandra Birkert

triert, ohne daß damit der Anspruch erhoben wäre, haben. Auch in diesem letzten Abschnitt wird
das inhaltliche Spektrum und den Themenreich- deutlich, wie schwer sich Döblin tat, seine Intentio-
tum der Zeitschrift erschöpfend behandelt zu nen zu verwirklichen.

2 Vorgeschichte und Kontexte

Modellstudie der Rahmenbedingungen einer literarischen Nachkriegszeitschrift

2.1 Spezifische Möglichkeiten und Döblin in der Weimarer Republik zunehmend


Schwierigkeiten: Die exponierte Stellung evident, mit der Exilzeit eklatant und in der Nach-
des Herausgebers kriegszeit in neuer Form akut wurde: die Vereinbar-
keit der postulierten Freiheit, sprich Unabhängig-
2.1.1 Alfred Döblins kulturpolitisches keit des Schriftstellers, der einzig an »die Verpflich-
tung zum Abwägen, Vergleichen, zur Gerechtig-
Engagement im Berlin der Weimarer
keit«7 gebunden ist, mit der Forderung nach Wirk-
Republik
samkeit, sprich staatlich gewährter und geschützter
Alfred Döblins Engagement im literarischen Leben Einflußmöglichkeit.
der Weimarer Republik war wesentlich bestimmt Dieses Grundkonzept und die sich darin abzeich-
durch seine Vorstellungen von der gesellschaftli- nende Problematik erhellt denn auch die innere
chen Funktion der Literatur, die er im Mai 1921 auf Logik und Konsequenz in Döblins Engagement, das
der Generalversammlung des »Schutzverbandes er im literarischen Leben Berlins entfaltet hat. Aus
Deutscher Schriftsteller« (SDS) in seinem Grund- der langen und auf den ersten Blick oft widersprüch-
satzreferat Der Schriftsteller und der Staat1 ideal- lich erscheinenden Reihe von »Aktivitäten« sollen
typisch postuliert hatte. Das darin entwickelte hier nur stichwortartig die wichtigsten Punkte
Konzept, Staat und Schriftsteller auf eine in Döblins erwähnt werden.
Augen unerläßliche Symbiose einzuschwören, Zu Beginn der 20er Jahre engagierte sich Döblin
resultierte aus der Überzeugung, daß der >sich neu aktiv in der Standespolitik der Schriftsteller: 1920
gestaltende Staat«2 auf die »Leistung« der »Geistigen wurde er Vorstandsmitglied, 1924 Erster Vorsitzen-
in Deutschland, besonders der Schriftsteller«3 ange- der (Zweiter Vorsitzender war damals Theodor
wiesen sei und ihnen daher »ein Optimum an Heuss)im SDS. 8 Diese damals größte Interessenver-
Wirkensbedingungen«4 einräumen müsse. Die »Lei- tretung der Schriftsteller war bereits im Kaiserreich
stung« der Schriftsteller bestehe darin, konstitutiv als Berufsstandesorganisation gegründet worden
bei der Etablierung der »bürgerlichen Republik« und verfolgte in erster Linie wirtschaftliche und
mitzuwirken, indem sie die stärkste elementare rechtliche Interessen. Vom neuen republikanischen
Kraft im Menschen förderten: die Kraft, »zusam- Staat, auf den sich der Schutzverband stark ausrich-
menzuhalten mit den Menschen, die Gemeinschaft tete,9 wobei Döblin, wie sein Referat als Vorstands-
zu pflegen, die sittlichen Triebe als unvergleichlich mitglied auf der Generalversammlung vom Mai
wichtig zu fühlen.«5 Um diese »Leistung« erbringen 1921 zeigt, eine nicht unerhebliche Rolle gespielt
zu können, müsse der Staat dem Schriftsteller haben dürfte, erwarteten die Schriftsteller »eine
Unabhängigkeit, Einflußmöglichkeit und »Ach- Hebung ihrer gesellschaftlichen Stellung und in
tung«6 einräumen. diesem Zusammenhang auch eine grundsätzliche
Döblins Konzept vom engagierten Schriftsteller Lösung ihrer Berufsprobleme, wie sie aus eigener
war und blieb in der Weimarer Republik positiv auf
den »sich neu gestaltenden Staat« orientiert, und
zwar trotz der zunehmend repressiven Tendenzen, 1 Döblins Vortrag ist »offenbar als so bedeutend eingeschätzt
wie sie sich etwa in der staatlichen Zensurpolitik worden, daß er als selbständige Broschüre aufgelegt wurde« :Ernst
Fischer: Schutzverband Sp. 3 4 9 A n m . 26.
ausdrückten. Noch 1931 versuchte Döblin, zusam-
2 Schriftsteller und Staat S. 53.
men mit Heinrich Mann, die »Sektion für Dicht- 3 Schriftsteller und Staat S. 52.
kunst« der Preußischen Akademie der Künste zu 4 Schriftsteller und Staat S. 53.
einem Bekenntnis zum neuen Republik-Staat zu 5 Schriftsteller und Staat S. 5 4 / 5 5 .
bewegen. 6 Schriftsteller und Staat S. 61.
7 Schriftsteller und Staat S. 56.
Im Kern enthält Döblins Symbiose-Konzept 8 Vgl. Ernst Fischer: Schutzverband Sp. 2 4 8 - 2 5 1 .
vom Staat und Schriftsteller ein Dilemma, das für 9 Vgl. Ernst Fischer: Schutzverband Sp. 349.

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Das Goldene Tor 209

Kraft bisher nicht gelungen war.«10 Nach seinem von ihm kritisierten »repräsentativen« Charakter
Amtsjahr, in dem Kritik an seiner Amtsführung laut und Einfluß für seine Vorstellungen zu »aktivie-
geworden war, hat sich Döblin vermutlich »im Groll ren« :19 Zu denken ist hierbei an die von ihm initiierte
vom SDS getrennt«. 11 Ausschlaggebend dürfte Kooperation der »Sektion für Dichtkunst« mit der
dabei auch die Politisierung des SDS gewesen sein, Berliner Universität (im Wintersemester 1928/
die bereits zu Beginn von Döblins Amtsperiode zum 1929), wobei mit Vorlesungen und Seminaren von
Ausbruch gekommen war, als bekannt wurde, daß Akademiemitgliedern »die Diskrepanz zwischen
sich in der Berliner Ortsgruppe eine »Arbeitsge- literarischer Theorie und schriftstellerischer Pra-
meinschaft kommunistischer Schriftsteller im SDS« xis«20 überwunden werden sollte, oder etwa an den
gebildet hatte. »republikanischen« Schullesebuch-Entwurf, 21 der in
Neues Forum seines Engagements wurde darauf- Verbindung mit dem preußischen Kultusminister
hin die »Gruppe 1925«, eine »Schriftstellergemein- Adolf Grimme und in Zusammenarbeit mit Hein-
schaft« linksbürgerlicher und proletarisch-revolu- rich Mann im März 1931 in Angriff genommen
tionärer Schriftsteller, deren erklärte Absicht es war, worden ist. Zu denken ist dabei aber auch an die - so
»durch den kameradschaftlichen Zusammen- Oskar Loerke in seinem Tagebuch - »sehr ausfälli-
schluß« der »modernen geistesradikalen Bewegung« ge«22 und Aufsehen erregende »Repräsentanz« der
aus ihrer »Isolierung« heraus zu »Repräsentanz« zu »Sektion für Dichtkunst« bei der Beerdigung von
verhelfen. 12 Insgesamt waren »in der einen oder Arno Holz (1929)23 oder an die Hartnäckigkeit, mit
anderen Form«13 39 Autoren an der Gruppe betei- der Döblin als Vertreter der Preußischen Akademie
ligt, unter anderen Johannes R. Becher, Bertolt im Frankfurter Goethepreis-Kuratorium 1930 sein
Brecht, Georg Kaiser, Hermann Kasack, Oskar Votum für Sigmund Freud schließlich durchsetzen
Loerke, Walter Mehring, Alfred Wolfenstein und konnte. 24
Rudolf Leonhard, der als maßgeblicher Organisator Signifikant für Döblins »literarisches Autoritäts-
und Schriftführer der Gruppe fungierte. Döblin war profil« im Berlin der 20er Jahre ist schließlich auch
dabei einer, wenn nicht überhaupt der eifrigste seine Jurorentätigkeit. Erinnert sei hier namentlich
Besucher der Zusammenkünfte. 14 an seine Wahl zum - satzungsgemäß allein entschei-
Parallel dazu setzte sich Döblin als Vorstandsmit- denden - »Vertrauensmann« der Kleist-Stiftung für
glied in der »Aktionsgemeinschaft für geistige Frei- das Jahr 1923: Unter den »aufstrebenden und wenig
heit« gegen das im Dezember 1926 wirksam gewor- bemittelten Dichtern deutscher Sprache« hat Döb-
dene »Gesetz zur Bewahrung der Jugend vor lin diesen wichtigsten Literaturpreis der Weimarer
Schund- und Schmutzschriften« 15 ein. Auch wenn Republik Wilhelm Lehmann und Robert Musil
es in Döblins Augen »nicht genug Organisationen
dafür geben« 16 konnte, um die »geistige Freiheit« zu
verteidigen, sprach er sich 1929 auf der anderen 10 Ernst Fischer: Schutzverband Sp. 348. Der SDS stützte
sich dabei v. a. auf den Artikel 158 der Weimarer Verfassung.
Seite dennoch prinzipiell und provokativ in seinem 11 Ernst Fischer: Schutzverband Sp. 251.
Artikel »Kunst ist nicht frei, sondern wirksam: Ars 12 Zit. n. Petersen: Gruppe 1925, S. 207.
militans« für staatliche Zensur aus, sah gar »eine 13 Petersen: Gruppe 1925, S. 15.
Beleidigung der Kunst« darin, »zu sagen, sie sei 14 Vgl. das »Diagramm zur Beteiligung der zur Gruppe
gehörigen Schriftsteller« (Mindestwerte) bei Petersen: Gruppe
heilig, und die Kunstwerke kaltzustellen, indem
1925, S. 206.
man behauptet, der Staat müsse zu ihnen stillhal- 15 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 18.
ten.«17 16 [Aktionsgemeinschaft für geistige Freiheit] S. 240.
Mit dem Zerfall der »Gruppe 1925«, der in engem 17 Kunst ist nicht frei, sondern wirksam S. 99-
18 Vgl. u. a. Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 83/84.
Zusammenhang mit der zunehmenden Polarisie-
19 Vgl. ζ. B. Döblins Artikel »Die repräsentative und die
rung zwischen linksbürgerlichen und proletarisch- aktive Akademie«. Vgl. auch Meyer/Doster: Döblin-Katalog
revolutionären Schriftstellern und der Gründung S. 316.
des »Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftstel- 20 Jens: DichterS. 160.
ler« im Oktober 1928 zu sehen ist,18 fand Döblin, 21 Vgl. Jens: Dichter S. 164-172. Vgl. ferner Kap. 3.1.2.
22 Vgl. Loerke: Tagebücher S. 209.
anders als der nach Paris »emigrierende« Rudolf
23 Vgl. dazu Döblins »Grabrede auf Arno Holz« vom 30. 10.
Leonhard, in der »Preußischen Akademie der Kün- 1929.
ste« ein neues Aktionsfeld. Die 1926 gegründete 24 Döblins Stellungnahme für Sigmund Freud in der Kurato-
»Sektion für Dichtkunst« wurde nach Döblins - riums-Sitzung vom 29. 4. 1930 ist, zitiert nach dem Sitzungspro-
nicht ohne Widerstände erfolgter - Zuwahl im tokoll im Frankfurter Stadtarchiv, erstmals veröffentlicht bei
Schivelbusch: Intellektuellendämmerung S. 83-85. Zu Döblins
Januar 1928 zunehmend zum Instrument seiner »ambivalentem« Verhältnis zu Freud vgl. Kiesel: Literarische
kulturpolitischen Ambitionen. Döblin suchte ihren Trauerarbeit S. 71-81.

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210 Alexandra Birkert

zugesprochen.25 Sechs Jahre später, im Jahr 1929, ist Besatzungszonen der Rückstrom der Exilautoren
Döblin seinerseits von Herbert Ihering als »der nur sehr zögernd eingesetzt hat. Auf der anderen
einzige deutsche Kandidat für den Nobelpreis«26 Seite hat aber auch die Erinnerung an den agilen und
vorgeschlagen worden - den dann Thomas Mann kampflustigen linksbürgerlichen Autor der Weima-
erhalten sollte. rer Republik die Erwartungshaltung im Nachkriegs-
Ferner engagierte sich Döblin in >privaten< Zir- deutschland entscheidend mitgeprägt und in man-
keln, etwa in der Theater-Arbeitsgruppe mit Bertolt chem Fall die >Enttäuschung< über den verwandel-
Brecht, Erwin Piscator, Fritz Sternberg u. a. (1929), tem Heimkehrer verstärkt, worauf in der Fachlitera-
oder aber in der Diskussionsrunde mit Schriftstel- tur schon mehrfach hingewiesen worden ist.33
lern, Journalisten und Verlegern, die sich im
Anschluß an seine - bewußt zum Gespräch unter
den Intellektuellen verschiedener politischer Prove-
2.1.2 Alfred Döblin im Exil
nienz provozierende - Schrift Wissen und Verän-
dern! ab Mai 1931 donnerstags (und mit Unterbre- Nach der Machtübernahme Hitlers und dem
chungen bis zum Februar 1933) in seiner Wohnung Reichstagsbrand in Berlin verließ Döblin, von meh-
traf.27 reren Seiten gewarnt, 34 am 28. Februar 1933 Berlin,
Zu streifen sind schließlich noch Döblins litera- wobei er - wie sehr viele andere Emigranten auch -
risch-politische Publizistik in namhaften Zeitschrif- davon ausging, daß es sich nur um eine vorüberge-
ten und Zeitungen {Neue Rundschau, Neuer Merkur, hende Vorsichtsmaßnahme handle.35 In den ersten
Vossische Zeitung, Prager Tagblatt, Frankfurter Zei- Märztagen erreichte er Zürich, wo er schon seit
tung, Berliner Tagblatt u. a.), seine, wenn auch nur längerer Zeit Vorträge und Lesungen geplant
sehr kurzfristige, Mitarbeit in der Redaktion der hatte.36 Nachdem sich die Hoffnung, bald nach
Neuen Rundschau (Oktober 1919 bis April 1920), Berlin zurückkehren zu können, zerschlagen
aus der er bezeichnenderweise wieder ausgeschie- hatte,37 und Döblin für einen langfristigen Aufent-
den ist, weil er angeblich nichts erreichen konnte, 28 halt verschiedene Möglichkeiten (Zürich, Straß-
sowie auch seine frühe Rundfunktätigkeit.29 Mit burg, Paris, London) gegeneinander abgewogen
seinem Roman Berlin Alexanderplatz ist Döblin hatte,38 entschied er sich schließlich für die »He-
dann der Durchbruch zu internationalem Renom- ringsstadt« Paris, ohne »darüber 1 0 0 % glücklich« zu
mee gelungen.
Festzuhalten bleibt, daß Alfred Döblin in der 25 Vgl. Kleist-Preis S. 8 3 / 8 4 (Zitat: S. 16).
Weimarer Republik »ein mehr als respektables Maß 2 6 Zit. n. Meyer: Döblin-Chronik S. 20.
an Aktivitäten entfaltete, um die gesellschaftliche 27 Vgl. dazu Kreutzer: Döblin S. 1 4 8 - 1 6 2 .
Bedeutung der Literatur zu steigern und deutlicher 2 8 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S.20; Grothe: Die Neue
Rundschau Sp. 2 2 3 1 / 2 2 3 2 .
werden zu lassen«.30 Immer wieder versuchte er auf
29 Döblins Rundfunkbeiträge bis 1 9 3 3 sind vollständig ver-
verschiedenen Ebenen, die in seinen Augen so
zeichnet bei Huguet: Bibliographie S. 1 3 6 - 1 4 4 . - V g l . fernerden
notwendige »geistige Zentrierung«, »intensive Dis- knappen, instruktiven Uberblick in dem von Kleinschmidt hrsg.
kussion« und sichtbare »Repräsentanz«31 der deut- Döblin-Band »Drama/Hörspiel/Film« S. 6 4 1 - 6 5 0 .
schen Schriftsteller aktiv voranzutreiben. Er hat 3 0 Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 37.
31 Briefe S. 136 (an E. Faktor und H. Ihering, Dezember
dabei nicht nur zunehmend an Prominenz und -
1927).
wenn auch keineswegs unumstrittenem - Ansehen 32 So lautet der Titel der Schriftenreihe, die Döblin im
gewonnen, sondern nicht zuletzt auch durch seine Rahmen der Mainzer Akademie der Wissenschaften und der
Flexibilität und unermüdliche Bereitschaft zur Aus- Literatur gegründet hat.
einandersetzung mit literarischen wie politisch- 3 3 Vgl. Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 1 - 1 7 . - Vielzitier-
tes prägnantes Beispiel ist Günther Weisenborns >Augenzeugen-
ideologischen Sympathisanten und Gegnern vielfäl- bericht< »Alfred Döblins Rückkehr«.
tigste Kontakte geknüpft. Auch wenn dieses >Bezie- 3 4 Vgl. Abschied und Wiederkehr S. 265. Alfred Döblins
hungsnetz< durch die Exil- und Kriegszeit zerrissen Sohn Claude Doblin verdanke ich den Hinweis, daß sein Vater
wurde, so ist sein Erfahrungs- und vor allem auch von einem jungen Polizisten, den er bei den Vorarbeiten zu
»Berlin Alexanderplatz« kennengelernt hatte, gewarnt worden
sein Erinnerungswert für Döblins spätere Herausge-
ist.
bertätigkeit in Baden-Baden nicht zu unterschät-
35 Vgl. Abschied und Wiederkehr S. 2 6 5 - 2 6 7 sowie Döblins
zen: die persönliche Bekanntschaft und auch Briefe vom März 1933. - Die »subjektive A n n a h m e einer
Freundschaft mit verschollenen und vergessenen^ 2 Kurzfristigkeit der Trennung« ist charakteristisch für die >frühen<
Autoren dürfte Döblins Selbstbewußtsein und Ver- Emigranten. Vgl. dazu Lacina: Emigration 1 9 3 3 - 1 9 4 5 , S. 27.
3 6 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 2 3 / 2 4 .
antwortungsgefühl geschärft haben, >Traditionsträ-
37 Vgl. Briefe S. 174, S. 177 u. S. 178.
ger< in persona zu sein, zumal da in die westlichen 38 Vgl. Briefe S. 1 7 9 (an F. Lion, 28. 4. 1933).

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Das Goldene Tor 211

sein. 39 Familiäre Rücksichtnahmen (Ausbildungs- nahme und Diskussion mit französischen - nicht
und Arbeitsaussichten für seine Söhne, Präferenzen deutsch-sprechenden - Schriftstellern: Mit wenig
seiner Frau), wirtschaftliche Gründe und - den Weg Erfolg versuchte der französische Germanist Robert
ebnende - Beziehungen dürften wohl in erster Linie Minder, dessen Bekanntschaft im Frühsommer
den Ausschlag gegeben haben, die Schweiz als 1937 für Döblin einschneidend wurde, den Berliner
bevorzugtes, da deutschsprachiges Exilland zu ver- Autor mit zeitgenössischen französischen Intellek-
lassen und im September 1933 nach Paris überzusie- tuellen ins Gespräch zu bringen, wie etwa mit dem
deln. 40 Hier, am Aufenthaltsort »a la longue«, 41 Philosophen und Kierkegaard-Spezialisten Jean
verschärfte sich für Döblin die Situation des Exils in Wahl oder mit den damals noch unbekannten
mehrfacher Hinsicht: dem >eingefleischten< 55jähri- Schriftstellern Simone de Beauvoir und Jean Paul
gen Berliner, der wie kaum ein anderer auf das Sartre. Döblin reagierte mit Zurückhaltung, »ver-
Fluidum der Großstadt Berlin angewiesen war,42 krümelte sich, schwieg.« 56
machte die fremde Millionenstadt besonders schwer Trotz - oder aber auch gerade angesichts - der
zu schaffen 4 3 Döblins ambivalentes Verhältnis zur eigenen erheblichen Sprachschwierigkeiten warnte
Großstadt Paris äußert sich denn auch in seinem Döblin die deutschen Schriftsteller im Exil vor einer
Wohnungswechsel: »ich fürchte mich vor der Stadt,
sie ist zu sehr für mich >die Fremde«·, 44 schrieb
Döblin am 23. November 1933 an die Freunde
Elvira und Arthur Rosin und begründete damit 39 Briefe S. 180 (an E. u. A. Rosin, 4. 7. 1933).
seinen Umzug in ein kleines Haus im Vorort 40 Vgl. Briefe S. 181, S. 182, S. 200 u. S. 208; [Bergel:] Inter-
Maissons-Laffite, das er jedoch ein Jahr später v i e w m i t D ö b l i n , 3 1 . 3 . 1 9 4 6 , B l . 2 . - V g l . d a z u u . a. Müller-Salget:
Döblin und Frankreich S. 328.
wieder mit einer kleinen Stadtwohnung tauschte,
41 Briefe S. 178.
wobei neben den finanziellen Gründen 4 5 die »Schat- 42 Vgl. ζ. B. Döblins Glosse »Berlin und die Künstler« von
tenseiten« vom »Draußenwohnen« 46 durchaus auch 1922. Vgl. ferner Minders einfühlsame Beschreibung in: Begeg-
eine Rolle gespielt haben dürften - zu häufig klagte nungen mit Döblin S. 58.
Döblin in seinen Briefen über die Isolation und das 43 Vgl. Minder: Begegnungen mit Döblin S. 58; Auer: Exil
vor der Vertreibung S. 168.
zurückgezogene Leben »hier draußen ä la Campa-
44 Briefe S. 182 (an E. u. A. Rosin, 23. 11. 1933).
gne«. 47 Hinzu kam, daß Döblin schmerzlich den 45 Vgl. Briefe S. 208. - Vgl. ferner Prangel: Döblin S. 8 3 ;
Verlust der Arztpraxis empfand, die ihm, abgesehen Meyer: Döblin-Chronik S. 25.
vom Umgang mit vielen Menschen, die Möglichkeit 46 Briefe S. 191 (an E. u. A. Rosin, 23. 3. 1934).
zur täglich praktizierten Hilfeleistung und damit 47 Briefe S. 184. Vgl. ferner Briefe S. 186, S. 190 u. S. 191. -
>Isolierung< ist ein Schlüsselwort in Döblins SWF-Interview mit
»die Ausgeglichenheit zum literarischen Schaffen« 48
Bergel v o m 3 1 . 3 . 1946, in dem Döblin Fragen zu seiner Emigra-
gegeben hatte. Im Ausland ohne Approbation sah tion beantwortet hat.
sich Döblin nunmehr »zur blossen Schriftstellerei 48 Auer: Exil vor der Vertreibung S. 169. Z u m Legitimations-
verurteilt«. 49 Entscheidend vertieft wurde Döblins bedürfnis Döblins vgl. auch Kiesel: Literarische Trauerarbeit
Gefühl der Isolation durch die fremde Sprache, die S. 3 6 - 3 8 .
49 S o lautet Döblins Formulierung in dem Interview mit
für ihn ein nicht zu unterschätzendes Handicap
Bergel vom 31. 3. 1946, Bl. 3.
darstellte. 50 Trotz intensiven Sprachunterrichts 50 In der Fachliteratur ist bereits mehrfach auf Döblins
blieb die aktive und passive Beherrschung der Sprachschwierigkeiten und deren isolierende Wirkung hinge-
gesprochenen Sprache für Döblin »ein ganz saurer wiesen worden. Vgl. u. a. Martini: Döblin S. 375/376; Minder:
Apfel«. 51 Begegnungen mit Döblin S. 59; Müller-Salget: Döblin S. 371/
3 72; Auer: Exil vor der Vertreibung S. 168; Beyer: Döblin S. 159;
Müller-Salget: Döblin im Exil S. 128; Kiesel: Literarische Trau-
Gerade der >Asphaltliterat< litt unter dem Infor- erarbeitS. 138/139; Müller-Salget: Döblin und Frankreich S. 328
mationsdefizit, dem er anfangs in der fremdsprachi- u. a. - Z u m Phänomen Sprachlosigkeit im Exil< vgl. die Uber-
gen Umgebung ausgesetzt war. Und wie viele andere blicksdarstellung von Maimann: Sprachlosigkeit. Nach Maimann
Exilautoren sah er sich durch den Zwiespalt zwi- war Döblin von der Sprachisolation besonders stark betroffen
(vgl. S. 34-36).
schen Literatursprache und Gebrauchssprache 5 2 in
51 Briefe S. 201 (an B. Brecht, 28. 1. 1935); vgl. ferner Briefe
seiner schriftstellerischen Arbeit gefährdet, 53 die
S. 186, S. 190, S. 193 u. a.
nun - wider Willen - zu seinem Hauptberuf 52 Vgl. Maimann: Sprachlosigkeit S. 34/35.
geworden war. Wie diejenigen Schriftsteller, »die ein 53 Vgl. u. a. Briefe S. 182.
unverkennbares Idiom und einen unbestreitbaren 54 Anders: Die Schrift an der Wand S. 89- Anders dachte
Sprachrang erarbeitet hatten«, 54 zögerte Döblin in dabei insbes. an Th. Mann und B. Brecht.
55 Minder: Begegnungen mit Döblin S. 59.
besonderem Maße, sich in der fremden Sprache
56 Minder: Begegnungen mit Döblin S. 59. - Vgl. dazu auch
»unter dem eigenen Niveau« 55 auszudrücken. Dies Müller-Salget: Döblin und Frankreich S. 330; Prangel: Döblin
hinderte ihn nicht zuletzt auch an der Kontaktauf- S. 89.

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212 Alexandra Birkert

zu starken Absonderung in »Landsmannschaften«.57 Beziehungen anbahnten, ermöglichte es Döblin,


Er forderte sie nachdrücklich dazu auf, in »Bezie- eine Reihe von Vorträgen an französischen Univer-
hungen« zur französischen Sprache, Literatur und sitäten zu halten. 70 Für das »Lehrjahr 37/38« wurde
Gesellschaft zu treten,58 um »der abstrahierenden Döblins Roman Berlin Alexanderplatz auf »das
Kraft des weißen Papiers [zu] entgehen«59 und nicht Programm der Lehramtsprüfung an den französi-
den Kontakt zur Realität und zur Gegenwart zu schen) Universitäten gesetzt«.71 Mit Hilfe Robert
verlieren. Minders gelang es Döblin schließlich auch, nach
Konnte der intensive Sprachunterricht, dem Kriegsausbruch Mitarbeiter im sogenannten »Infor-
Döblin sich unterzog, auch nicht die Barriere der mationsministerium« zu werden, einer von dem
gesprochenen Sprache überwinden, so ermöglichte Schriftsteller Jean Giraudoux geleiteten Abteilung
er Döblin doch verhältnismäßig rasch das Lesen für Gegenpropaganda des französischen Außenmi-
französischer Literatur in der Originalsprache. Die nisteriums. Döblin konnte sich damit »auf seinen
Lektüre namentlich von Pascal, Corneille, Stendhal, Wunsch« 72 aktiv an der französischen »Propaganda
Laclos und Voltaire 60 vertiefte Döblins Einblick in nach Deutschland hinein«73 beteiligen. Zum enge-
»die französische Schreib- und Denkweise«61 und
intensivierte seine »werdende Haltung zum Franzö-
sischen, zur Latinität«, die Anfang der 30er Jahre
57 Historie und kein Ende S. 195. Vgl. dazu u. a. auch Prangel:
durch die Lektüre von Balzacs Verlorenen Illusionen, Döblin S. 84.
insbesondere aber »durch ein paar Romanseiten von 58 Vgl. Historie und kein Ende S. 195.
Proust«62 den früheren Eindruck der »intensivefn] 59 D e r 2 7 . S e p t e m b e r 1 9 3 5 , S . 2 3 0 . - Ä h n l i c h i n : H i s t o r i e u n d
Fremdheit«63 und Oberflächlichkeit abgelöst hatte. kein Ende S. 195.
6 0 Vgl. Historie und kein Ende S. 195; Briefe S. 194 u.
Im französischen Exil, »auf dieser Studienreise wider S. 2 0 4 .
Willen«, sollten die deutschen Autoren vom franzö- 61 Mit dem Blick zur Latinität S. 189.
sischen Gesellschaftsroman eines Flaubert und Zola 6 2 Mit dem Blick zur Latinität S. 191.
»lernen«.64 Bei ihnen sah Döblin das verwirklicht, 6 3 Ferien in Frankreich ( 1 9 2 7 ) S. 70. - Vgl. dazu im einzelnen
Müller-Saget: Döblin und Frankreich S. 3 2 3 - 3 2 8 .
was er in der Exildebatte um den »historischen
6 4 Historie und kein Ende S. 196. - Ähnlich in: Der histo-
Roman« von jedem »guten« Roman forderte: über rische R o m a n und wir S. 175.
»die Tiefengeschichte, die der Einzelpersonen und 6 5 Der historische Roman und wir S. 176.
gesellschaftlichen Zustände, die sie umgeben«,65 zu 6 6 »Zur Integration der deutschen Emigranten in Frankreich
berichten. 1 9 3 3 - 1 9 4 5 « vgl. den so betitelten wissenschaftlich fundierten
Erfahrungsbericht« von Fabian mit weiterführenden Literatur-
Entscheidend unterstützt wurde die von Döblin hinweisen.
angestrebte Integration in Frankreich 66 auch durch 67 Vgl. Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 3 4 2 / 3 4 3 u. S. 3 4 9 ;
Andre Frangois-Poncet, der von 1931 an französi- Müller-Salget: Döblin und Frankreich S. 3 2 9 / 3 3 0 .
6 8 Die Zusprechung der französischen Staatsbürgerschaft
scher Botschafter in Berlin gewesen war und von
war Ermessenssache, die Bewerber hatten keinen Rechtsan-
daher Döblin persönlich kannte und schätzte. spruch darauf. Bedingung war der dreijährige Aufenthalt in
Durch dessen Fürsprache insbesondere und ange- Frankreich, ein Existenzmittel-Nachweis und Leumundszeug-
sichts der Tauglichkeit zweier Söhne Döblins zum nisse. Außerdem bestand eine zehnjährige Bewährungsfrist. Die
erforderliche Aufenthaltsfrist konnte »in eng umgrenzten Fällen«
Militärdienst erhielt der Schriftsteller mit seiner
auf ein Jahr verkürzt werden, »wenn der Antragsteller dem Lande
Familie am 16. Oktober 1936 die französische wichtige Dienste geleistet hatte, im französischen Staats- oder
Staatsbürgerschaft.67 Dies war, nach dreijährigem Militärdienst stand.« Vgl. Walter: Asylpraxis S. 2 2 - 2 9 (Zitate:
Aufenthalt in Frankreich, der frühest mögliche S. 23).
Zeitpunkt. 68 Das Privileg der französischen Staats- 6 9 Vgl. Walter: Asylpraxis S. 2 4 / 2 5 : Walter sind insgesamt
bürgerschaft wurde außerdem nur ganz wenigen fünf Exilierte bekannt, die mit ihren Familienangehörigen in den
Vorkriegsjahren in Frankreich eingebürgert worden sind: neben
deutschen Flüchtlingen zuerkannt.69 Es ermög-
Döblin ( 1 9 3 6 ) Annette Kolb (1936), Bruno Walter (1938),
lichte Döblin die rasche Rückkehr unmittelbar nach Friedrich Wilhelm Foerster ( 1 9 3 8 ) und Siegfried Trebitsch
Kriegsende in die französische Besatzungszone in (1939).
Deutschland. 7 0 Im Dezember 1937 an der Sorbonne, im Mai 1938 in
Nancy und Straßburg, im Februar 1 9 3 9 erneut an der Sorbonne;
Wesentlich für Döblins spätere Anstellung bei vgl. Minder: Begegnungen mit Döblin S. 5 9 / 6 0 ; Meyer: Döblin-
den französischen Besatzungsbehörden wurde auch Chronik S. 2 7 / 2 8 .
sein Kontakt mit französischen Germanistenkrei- 71 BriefeS. 217.
sen, den ihm Robert Minder - mit weit mehr Erfolg 72 Minder: Begegnungen mit Döblin S. 57.
73 Hinweise und Vorschläge für die Propaganda nach
als bei den französischen Schriftstellerkollegen -
Deutschland hinein (entstanden 1940, unvollständig erhalten,
vermittelt hatte. Minder, der damals in Nancy lehrte erstmals veröffentl. in: Schriften zur Politik und Gesellschaft
und mit dem sich sehr rasch freundschaftliche S. 4 0 4 - 4 1 6 ) .

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Das Goldene Tor 213

ren Mitarbeiterkreis, der zum Teil in »einer Art von In der Identifizierung und Solidarisierung mit
Kollektiwerfahren«74 Flugblätter, die satirische dem jüdischen Schicksal und seinem Engagement
Zeitschrift Fliegende Blätter, einen getarnten für den jüdischen Territorialismus - wodurch er
Taschenkalender für Soldaten sowie Schallplatten75 unter anderem auch wieder in das Schußfeuer der
für die »Front« und das »Hinterland«76 produzierte, kommunistischen Linken geriet84 - ist sicherlich ein
zählten neben Döblin und Minder die französischen wesentlicher, wenn auch keineswegs der allein
Germanisten Edmond Vermeil und Ernest Tonne- ausschlaggebende Grund für Döblins anfängliche
lat aus Paris, Albert Fuchs aus Straßburg sowie Zurückgezogenheit vom literarischen Leben<
später auch Pierre Bertaux.77 Damit aber hatte deutschsprachiger Exilkreise in Paris zu sehen.
Döblin Zugang zu den französischen Germanisten- Entscheidend spielte hier auch noch ein anderes
kreisen gefunden, die nach Kriegsende die französi- Moment mit, das Döblin im Mai 1935 und nicht
sche Kulturpolitik im besetzten Deutschland mit-
gestalten sollten. 74 Minder: Begegnungen mit Döblin S. 63.
Auffallend - und angesichts seines Engagements 75 Zur Quellenlage vgl. Minder: Begegnungen mit Döblin
in der Weimarer Republik geradezu demonstrativ - S. 63. - In Döblins Nachlaß sind die Typoskripte zu vier »Disques
pour le front« erhalten, veröffentl. in: Schriften zur Politik und
reserviert verhielt sich Döblin zunächst gegenüber Gesellschaft S. 4 1 6 - 4 1 8 .
den verschiedenen deutschen Schriftstellerorgani- 76 Hinweise und Vorschläge für die Propaganda nach
sationen im Exil. Da Döblins Stellung und Rolle Deutschland hinein S. 404.
innerhalb der deutschen Emigrantenkreise für seine 77 Vgl. Minder: Begegnungen mit Döblin S. 62.
78 Links:DöblinS. 153;Müller-Salget:DöblinimExilS. 129.
Vermittlertätigkeit in Deutschland nach 1945 von
Vgl. dag. Müller-Salget: Döblin und Frankreich S. 328/329: hier
zentraler Relevanz ist, muß hier ausführlicher darauf unterscheidet Müller-Salget Döblins anfängliche »Reserve«
eingegangen werden, zumal da ihre Einschätzung gegenüber »den diversen Zusammenschlüssen der deutschen
und Bewertung in der Fachliteratur durchaus kon- Exilanten« von den späteren »Annäherungen«.
trovers ausfällt: Während beispielsweise Roland 79 Betz: Exil und Engagement S. 84; Prangel: Döblin S. 90.
Links Döblin attestiert, daß er »vor allem in der Kiesel kommt zu dem Schluß, Döblin habe, »was die Organisa-
tion des Exils in Frankreich angeht, keine herausragenden
zweiten Hälfte der dreißiger Jahre aktiv zur Heraus- Aktivitäten entfaltet«. Vgl. Kiesel: Literarische Trauerarbeit
bildung einer antifaschistischen Einheit unter den S. 138 mit Anm. 65.
emigrierten deutschsprachigen Schriftstellern« bei- 80 Döblin hat sich, nach seinem Austritt aus der Berliner
getragen habe und Klaus Müller-Salget auf Döblins jüdischen Gemeinde 1912, in den 20er Jahren kritisch mit der
»jüdisch-nationalen Bewegung< auseinandergesetzt und sich ins-
»ungeschmälertes Ansehen« und die »glanzvollen
besondere - zumal nach seiner »Reise in Polen« im Herbst 1924 -
Feiern aus Anlaß seines 60. Geburtstages« verweist,78 für die nationale Autonomie der polnischen Juden eingesetzt und
sprechen Albrecht Betz und Matthias Prangel von sich mit ostjüdischer Literatur und Kultur beschäftigt: vgl. im
Döblins »eigenbrötlerischer Abkapselung« und einzelnen Weyembergh-Boussart: Döblin S. 1 9 1 - 2 0 4 ; Auer: Exil
vor der Vertreibung S. 1 7 5 - 1 7 7 ; Carmely: Identitätsproblem
»Abgeschiedenheit« in den Pariser Exiljahren.79
jüdischer Autoren S. 1 0 1 - 1 1 4 ; Bayerdörfer: »Ghettokunst« sowie
Demgegenüber erscheint es mir notwendig, meh- die umsichtig ausgewählte Dokumentation bei Meyer/Doster:
rere Phasen zu unterscheiden. Döblin-Katalog S. 3 5 7 - 3 7 5 .

Ausführlich dargestellt ist in der Fachliteratur 81 Briefe S. 207 (an Th. Mann, 23. 5. 1935).
82 Vgl. Lacina: Emigration 1 9 3 3 - 1 9 4 5 , S. 41.
Döblins intensives Engagement für die Bewegung
83 »Ich versichere Dich, es hängt nicht mit meinem >Namen<
des jüdischen Territorialismus in den ersten Jahren zusammen [...] es geht eben auf rassemäßige Ausschaltung, und
des Exils, wobei sicherlich auch das - mit dem wer kann für seine Geburt? [...] Die Dinge, die sich ereignet
Verlust der Arztpraxis gesteigerte - Bedürfnis, haben, haben mir selbst auch mehr als früher die Augen über die
Lage des Volkes, dem ich entstamme, des jüdischen, geöffnet.«
anderen zu helfen, eine Rolle gespielt hat. Aus-
Döblin an den Sohn Bodo Kuhnke, 7. 7. 1933, zit. n. Meyer/
schlaggebend für Döblins erneutes80 und tatkräfti- Doster: Döblin-Katalog S. 340/341. - Lacina kannte diesen Brief
ges Interesse an der »Judenfrage«, die er noch im Mai Döblins offenbar nicht, da sie schreibt: »Die rassische Frage war
1935 als sein »tägliches Arbeitsgebiet«81 bezeichnet für diesen Emigrationsschub zweitrangig, gleichgültig, ob es sich
hat, war Döblins Selbstverständnis der Exilsitua- um Arier [...] oder um Nichtarier wie [...] Döblin handelte.«
(Lacina: Emigration 1 9 3 3 - 1 9 4 5 , S. 41). Daneben gibt es zahlrei-
tion, das durchaus atypisch auch für die jüdischen che andere Belege für Döblins anfangs primär >jüdisches< Emigra-
Intellektuellen in der ersten großen, primär poli- tionsverständnis: vgl. u. a. Briefe S. 1 7 4 - 1 7 6 , S. 179, S. 186, S. 190,
tisch bedingten Emigrationswelle des Jahres 1933 S. 204, S. 205.
ist, die nach dem Reichstagsbrand einsetzte und in 84 So ζ. B. von Lazar: Die Infektion des Doktor Döblin
der die rassische Frage noch zweitrangig war:82 S. 3 8 0 - 3 8 2 . Lazar warf gerade Döblin, »um ein Beispiel von vielen
Döblin fühlte sich in erster Linie nicht als Intellek- anzuführen, weil es wohl auch das wichtigste ist«, die »Infektion«
mit dem »faschistische[n] Bazillus« vor und sagte ihm den Kampf
tueller, sondern als Jude aus Deutschland vertrie- an: »Sein Wahnsinn ist gefährlicher als der geschmeidige Kon-
ben.83 junkturismus der Mit- und Uberläufer.«

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214 Alexandra Birkert

zufällig gerade in seinen Briefen an Thomas Mann staltungen und Schriftstellervereinigungen im Exil,
mit besonderer Spitze, aber ausdrücklich auch an die die demonstrativ darum bemüht waren, die im
eigene Adresse formuliert hat: die mit der »Stand- Ausland nur zwar >freie<, aber im Inland kaum mehr
ortverschiebung«85 geschärfte Skepsis gegenüber >wirksame< deutsche Literatur zu >repräsentieren<,
der deutschen >Dichtung< vor 1933 und das Einge- bereits im Ansatz verfehlt erscheinen.
ständnis ihrer gesellschaftspolitischen Pseudorolle, Von vielen Zeit- und Leidensgenossen wurde
wie sie sich beispielsweise im gescheiterten Lese- Döblins anfangs reservierte Haltung und seine
buch-Entwurf der »Preußischen Akademie der Distanzierung von ausdrücklich antifaschistisch
Künste« artikuliert hätte:»[...] was nicht da war, war ausgerichteten Organisationen einem ganz anderen
die kämpfende Moral, das nationale Gewissen, die - eigennützigen - Motiv zugeschrieben, als er sich,
Träger der Freiheit und (verstaubtes Wort) der wie auch Thomas Mann und Rene Schickele, auf
Menschenwürde.«86 Döblin zog aus dem Selbstvor- Drängen seines Verlegers Gottfried Bermann
wurf, moralisch an der »Situation heute« mitverant- Fischer im Oktober 1933 von Klaus Manns pro-
wortlich zu sein, offenbar für seine eigene Person grammatisch antifaschistischer Sammlung distan-
rigoros die Konsequenz: zierte, um den ohnehin eingeschränkten Vertrieb
seiner alten Bücher in Deutschland, aber auch die
Ich finde (ich nehme mich nicht aus): wir haben unsere Pflicht
versäumt. Man hat mich hier neulich aufgefordert, zum
Abreise seines Sohnes Peter aus Berlin nicht zu
10. Mai, Tag des »verbrannten Buchs«, irgendwo zu sprechen; gefährden.91 Dieser Schritt wurde Döblin nicht nur
ich lehnte ab mit der Begründung: jedenfalls meine Bücher von der marxistischen Linken übelgenommen 92
sind mit Recht verbrannt. Ich klage uns nicht zu bitter an, denn und mag ihm, der sich zudem durch manche
ich weiß, wir waren gänzlich ohne Schutz und Hilfe. Der Staat unverhohlen geäußerte Animosität und impulsive
sabotierte dauernd seine Selbstrettung. 8 7

Die Symbiose von Staat und Schriftsteller war in


Döblins Augen gescheitert, beide Parteien hatten 8 5 Briefe S. 2 0 4 (4. 5. 1935).
8 6 Briefe S. 2 0 6 (an Th. Mann, 23. 5. 1935).
versagt, waren dem von Döblin gesetzten Leistungs-
8 7 Briefe S. 2 0 6 / 2 0 7 . - Auf dieses Verdikt Döblins ist in der
anspruch nicht gerecht geworden: der Staat, indem Fachliteratur bereits mehrfach hingewiesen worden, allerdings
er nicht »ein Optimum an Wirkensbedingungen« ausschließlich im Zusammenhang mit Döblins entschiedenerer
eingeräumt hatte, die Schriftsteller, da ihre »kämp- politischen Ausrichtung seiner literarischen Schriften im Exil.
fende Moral« nicht stark genug gewesen war. Es ist Vgl. u. a. A u e r : Exil vor der Vertreibung S. 3 8 - 4 1 u. S. 1 6 8 - 1 7 1 ;
Müller-Salget: Döblin im Exil S. 1 1 8 - 1 3 9 ; Kiesel: Literarische
nur konsequent, daß Döblin, der bereits in der
Trauerarbeit S. 1 3 2 - 1 3 5 .
gesellschaftlich-politischen Krisensituation am 8 8 Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 87.
Ende der Weimarer Republik in seiner Artikelserie 8 9 In Döblins Briefen aus den ersten Exiljahren (bis etwa
Wissen und Verändern!den Versuch unternommen Mitte 1935) finden sich mehrfach Äußerungen, aus denen
hatte, »ein Gespräch unter den Intellektuellen der hervorgeht, daß er versucht hat, das T h e m a bzw. den Namen
>Deutschland< zu verdrängen (vgl. Briefe S. 179, S. 186, S. 193,
verschiedenen Parteien [...] zu provozieren und
S. 196), und darauf bedacht war, vor einer öffentlichen Stellung-
entgegen der immer stärker werdenden Tendenz nahme zuerst »sich selbst zu reinigen« (Briefe S. 1 8 6 ; vgl. auch:
zum Aktionismus und Dezisionismus auf eine Historie und kein Ende S. 194). Beides - Verdrängungsversuche
erneute Reflektion der politischen Werte, Ziele und und >purgatio<-Gedanke - spricht für ein tiefsitzendes Gefühl der
Optionsmöglichkeiten zu drängen«,88 nun seiner- Mitschuld an der Entwicklung Deutschlands. - Denkbar ist auch,
daß hinter der Generalabrechnung im Brief an Th. Mann v o m
seits - potenziert durch den Schock der völlig
23. 5. 1 9 3 5 das Denkmodell der ästhetischen und ethischen
unerwarteten Exilsituation - in eine selbstkritische Existenzstufe von Kierkegaard steht, in den sich Döblin seit 1 9 3 5
>Besinnungsphase< fiel.89 hineingelesen hatte: vgl. hierzu Kiesel: Literarische Trauerarbeit
S. 4 3 8 - 4 4 2 .
Döblin mied den angeprangerten >Aktionismus<
9 0 Der Schriftsteller und der Staat S. 52.
aber auch, da die von vornherein besser organisier- 91 Vgl. Huguet: Chronologie S. 1 1 0 ; Meyer: Döblin-Chronik
ten kommunistischen Exilschriftsteller im Pariser S. 24. - Döblins >Erklärung< wurde im »Börsenblatt für den
Exil sehr schnell federführend wurden. Vor allem Deutschen Buchhandel« (Jg. 1 0 0 Nr. 2 4 0 v o m 1 4 . 1 0 . 1 9 3 3 , S. 7 8 7 )
aber war Döblin mit der Auflösung des Weimarer veröffentlicht. Die Formulierung zeigt, daß es sich bei der
Veröffentlichung nicht u m eine Indiskretion von Seiten des
Republik-Staates und der Vertreibung ins Ausland,
Verlages gehandelt hat, wie Stephan: Deutsche Exilliteratur
das heißt ins gesellschaftliche Abseits, grundsätzlich S. 9 1 / 9 2 meint.
der Boden entzogen, in seinem Sinne als Schriftstel- 9 2 Vgl. dazu den Redaktionsbeitrag in den »Neuen Deutschen
ler »im Staat auf seine ureigene Art lebendig und so Blättern« Jg. 1 Nr. 3 v o m 1 5 . 1 1 . 1 9 3 3 , S. 1 2 9 - 1 3 9 (u. d. T.: »Briefe,
politisch«90 zu werden. Allein aus dieser Perspektive die den W e g beleuchten«). Vgl. ferner Kantorowicz: Politik und
Literatur im Exil, der darauf bezeichnenderweise in seinem
mußten Döblin - einmal ganz abgesehen von
Kapitel »Einzelgänger ohne Kontakte zum Schutzverband«
politischen Vorbehalten - Kundgebungen, Veran- eingeht (S. 175).

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Das Goldene Tor 215

Ausfälligkeit Antipathien zugezogen hat,93 den der Moskauer Volksfrontzeitschrift Das Wort ver-
Start in Paris nicht eben erleichtert haben, disqua- öffentlicht wurde. Im September 1936 beteiligte
lifiziert/ hatte er sich damit zunächst zumindest für sich Döblin als Redner an einer Veranstaltung des
die Wahrnehmung repräsentativen Funktionen im SDS, die sich gegen die Nürnberger Kulturerlasse
Exil, mit denen Heinrich Mann geradezu über- richtete, und im November 1936 sprach er auf einer
schüttet wurde.94 Im Juli und Oktober 1934 hat Kundgebung zum Abschluß der Ausstellung »Das
Döblin allerdings bereits wieder in der Sammlung Freie Deutsche Buch«.106 Im Januar 1938 hielt
veröffentlicht, obwohl seine alten Bücher noch Döblin erneut im SDS eine Rede, diesmal über
zu diesem Zeitpunkt - mit gewissen Einschränkun-
gen - in Deutschland ausgeliefert werden konn-
ten.95 93 Erinnert sei hier ζ. B. an den Empfang des französischen
PEN-Clubs, der Döblin angeblich durch die Anwesenheit von
Döblins Briefe an Thomas Mann vom Mai 1935 Alfred Kerr und Jules Romains >vergällt< wurde (vgl. Minder:
verweisen nicht nur auf die selbstkritische, zurück- Begegnungen mit Döblin S. 59), und an die ständig neu aufflak-
gezogene Besinnungsphase in den ersten Jahren des kernden Kontroversen mit Ferdinand Lion Anfang 1935 und
Pariser Exils, sie deuten zugleich auch eine >Wende< 1938 (vgl. Briefe S. 205, S. 224/225, S. 229) und mit dem
»trostlosen[...] Mannschen Familienkreis« (Briefe S. 229). Beson-
zur Aktion an, die aus einer »deutlichen Neubewer-
ders eindringlich beschrieben sind Döblins »Zornausbrüche« in
tung der Literatur als Medium einer politischen den Erinnerungen von Manes Sperber: Bis man mir Scherben auf
Aufklärungsarbeit«96 resultierte: »Aber vielleicht die Augen legt S. 221.
kann man doch mehr, auf geistige, moralische 94 Im Oktober 1933 wurde H. Mann zum Ehrenvorsitzenden
Weise, seine Politik in der Schrift unterbringen, des neugegründeten S D S in Paris berufen, im Mai 1934 zum
Präsidenten der »Deutschen Freiheitsbibliothek« und im glei-
schärfer härter offener als früher.«97 Nach wie vor
chen Jahr zum 1. Präsidenten des in Glasgow auf dem PEN-
1933 warnte Döblin allerdings vor einem »Kurz- Kongreß gegründeten selbständigen PEN-Zentrums der deut-
schluß« der Schriftsteller »in die Tages- und Partei- schen emigrierten Schriftsteller gewählt. H. Mann war ferner
politik«,98 wollte stattdessen mit seinem dichteri- einer der Präsidenten des »Internationalen Schriftstellerkongres-
schen Werk »auf längere Sicht«99 wirken, genauer ses zur Verteidigung der Kultur« in Paris im Juni 1935, Vorsitzen-
der des »Ausschusses zur Vorbereitung einer deutschen Volks-
gesagt, angesichts »dieses schrecklichen, stürmi-
front« (Frühjahr 1936), Präsident des Volksfrontkomitees und
schen und offensichtlich verruchten heutigen einziges deutsches Vorstandsmitglied des »Weltkomitees gegen
Daseins«100 dazu beitragen, den einzelnen Men- Krieg und Faschismus«. Im Dezember 1937 wurde unter seinem
schen »in der Tiefe zu verwurzeln, um gegen den Vorsitz der »Bund Freiheitlicher Sozialisten« gegründet. Vgl.
Sturm standhalten zu können.«101 Dies in der Ver- Pawek: Heinrich Manns Kampf S. 3 8 - 4 1 ; Menges: Geist und
Macht.
gangenheit versäumt oder zumindest nicht »schär-
95 Vgl. dazu im einzelnen Meyer/Doster: Döblin-Katalog
fer härter offener« verfolgt zu haben, machte Döblin S. 344/345; Briefe S. 205 m. Anm. S. 566; S. 1 8 4 - 1 8 8 ; Stroth-
sich und den deutschen Schriftstellern zum Vor- mann: Nationalsozialistische Literaturpolitik S. 74/75 u. S. 2 2 9 -
wurf, hierin gründet und konkretisiert sich seine 232.
spezifische Art der »deutlichen Neubewertung der 96 Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 134.
97 Briefe S. 207 (an Th. Mann, 23. 5. 1935).
Literatur als Medium einer politischen Aufklä-
98 Die deutsche Literatur S. 28.
rungsarbeit« im Exil. 99 Die deutsche Literatur S. 20.
Parallel zur »Pragmatisierung«102 der literarischen 100 Der Ernst des Lebens S. 38.
101 Der Ernst des Lebens S. 38.
Arbeit trat Döblin nun langsam aus seiner Reserve 102 Auer: Exil vor der Vertreibung S. 11, S. 38, S. 168; vgl.
in das literarische Leben des deutschsprachigen auch Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 134/135.
Exils und schaltete sich zunehmend in die literatur- 103 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 26. Nur Huguet: Chrono-
programmatische Diskussion ein. logie S. 115 belegt (mit einem >Irrläufer<), daß Döblin eine Rede
gehalten habe. Kantorowicz, der als Augenzeuge detailliert über
Im Juni 1935 nahm Döblin an den neun Sitzun-
den Kongreß berichtet hat, erwähnt Döblin nicht unter den
gen des »Internationalen Kongresses zur Verteidi- Rednern. Er weist hingegen ausdrücklich darauf hin, daß Döblin,
gung der Kultur« in Paris teil.103 Im gleichen Monat wie viele andere der sogenannten .Ersten Garnitur<, nicht zum
reiste er - wenn auch noch halbherzig - als Ehren- Schriftstellerkongreß nach Moskau (1934) eingeladen worden
gast des PEN-Clubs nach London.104 Dem PEN- ist. Vgl. Kantorowicz: Politik und Literatur im Exil S. 201 u.
S. 2 0 5 - 2 2 4 .
Zentrum deutschsprachiger Autoren war Döblin
104 Vgl. Briefe S. 208/209 (an E. u. A. Rosin, 25. 5. 1935).
erst nach mehrmaliger, von Heinrich Mann initiier- 105 Das genaue Eintrittsdatum konnte nicht ermittelt wer-
ter Aufforderung durch den Sekretär Rudolf Olden den. Vgl. dazu: Der deutsche PEN-Club im Exil S. 91 u. S. 98;
beigetreten.105 Ein Jahr später, im Juni 1936, hielt demnach wurde Döblin brieflich am 23. 4. 1934 zum Beitritt
Döblin im »Schutzverband Deutscher Schriftstel- aufgefordert, hat aber, laut R. Olden in einem Brief an H. Mann
vom 16. 6. 1934, »auf mehrere Zuschriften nicht geantwortet.«
ler« (SDS) seinen resonanzreichen Vortrag »Der
(S. 98).
historische Roman und wir«, der im Oktober 1936 in 106 Vgl. Betz: Exil und Engagement S. 303.

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216 Alexandra Birkert

»Neuerscheinungen der Emigrationsliteratur«. Mit Arthur Koestler und Manes Sperber traf sich
Auch diese Rede wurde kurz darauf als selbständige Döblin, nach deren Bruch mit der kommunisti-
Broschüre unter dem Titel Die deutsche Literatur (im schen Partei, von 1938 an wöchentlich in seiner
Ausland seit 1933). Ein Dialog zwischen Politik und Wohnung zu einem Gesprächskreis, in dem »die
Kunst in Paris verlegt. Döblins SDS-Vorträge sind sozialistischen Theorien« angesichts »der Entwick-
sicherlich überinterpretiert, wollte man - wie Dieter lung des Sowjetstaats« und »des Zusammenbruchs
Schiller und Roland Links - ihnen die Bedeutung der Linksbewegung in Deutschland« erneut reflek-
zumessen, sie hätten maßgeblich im Pariser Exil zur tiert werden sollten.115
»Sammlung der Kräfte«107 gegen den Faschismus Döblin war ferner Mitglied der von Willi Mün-
beigetragen. Weder dies noch die These, Döblin zenberg nach dessen Trennung von der KPD
habe im Exil den >Rückzug in die Innerlichkeit< initiierten Organisationen für die Leser, Mitarbeiter
angetreten,108 läßt sich überzeugend belegen. Cha- und Freunde seiner Wochenschrift Die Zukunft
rakteristisch ist vielmehr auch hier seine >Zwischen- (Oktober 1938 - Mai 1940): dem »Freundeskreis der
stellung<. Döblin, der - wie Helmuth Kiesel schlüs- Zukunft« und der »Deutsch-Französischen Union /
sig nachgewiesen hat - »sehr darauf bedacht [war], Union Franco-Allemande«.116 Neben dem Pariser
die >Auswanderung< vom Ruf einer >Linksbewe- Tageblatt und dem Neuen Tage-Buch Leopold
gung< zu befreien«,109 lehnte eine Sammlung und Schwarzschilds, in denen Döblin seit Ende 1935
Mobilisierung der deutschen Schriftsteller im Aus- zunehmend publizierte, wurde die Zukunft, deren
land unter der gemeinsamen politischen Formel des Feuilletonchef Ludwig Marcuse war, insbesondere
Antifaschismus aus poetologischen wie weltan- 1939 für Döblin ein wichtiges Publikationsorgan.
schaulich-politischen Gründen entschieden ab. Auf Dort erschien auch, als »Fortsetzungsroman«, Döb-
der anderen Seite verurteilte er jedoch auch aufs lins November 1918 in Auszügen.117 Im »Freundes-
schärfste die unverantwortliche gegenseitige Hetz- kreis der Zukunft« berichtete Döblin auch im Juni
jagd« unter den Verfolgten, das >Cliquenwesen< und 1939 über seinen Besuch des PEN-Kongresses in
die >Literatenkämpfe< unter den deutschen Autoren New York.118 Die »Deutsch-Französische Union«,
im Exil.110 Beidem, dem primär in parteipolitischen zu deren Mitgliedern unter anderen auch Edmond
Kategorien gedachten Programm einer antifaschi- Vermeil, Rene Schickele, Annette Kolb, Franz
stischen Einheitsfront und der Zersplitterung und Werfel, Fritz von Unruh und Willi Münzenberg
Frontenbildung innerhalb der Exilgruppen, setzte zählten, suchte angesichts der Kriegsgefahr nach
er - wie übrigens auch Ludwig Marcuse, mit dem
Döblin auf dem Pariser Internationalen Schriftstel-
lerkongreß 1935 Adressen ausgetauscht hatte und 107 Vgl. Schiller: Gemeinsamkeiten und Differenzen; Links:
Döblin S. 153.
der auch später für Döblin, im kalifornischen Exil 108 So Stephan: Deutsche Exilliteratur S. 178/179.
wie im Nachkriegsdeutschland, einer der wenigen 109 Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 141.
Gesprächs- und Briefpartner blieb - die Konzeption 110 Vgl. u. a. Der 27. September 1935, S. 228; Die deutsche
von der Solidarität der Einzelnen gegenüber,111 die Literatur S. 2 8 - 3 0 .
an seine Vorstellung anknüpfte, eine gesellschaftli- 111 Vgl. Der 27. September 1935, S. 228; Persönliches und
Unpersönliches S. 241/242 (erstmals veröffentl. in: Die Zukunft
che Erneuerung in Deutschland sei nur über eine Jg. 1 Nr. 1 vom 12. 10. 1938, S. 9). - Vgl. auch L. Marcuse: Der
Erneuerung des menschlichen Individuums zu Einzelne. In: Die Zukunft Jg. 1 Nr. 1 vom 12.10.1938, S. 6/7. Vgl.
erreichen. Hierin gründen letztlich Döblins spezifi- dazu: Exil in Frankreich S. 351.
sche >Solidarisierungsversuche< im Exil. Im Sommer 112 Zit. n. dem Statuten-Exzerpt, das Schwarzschilds Brief an
Klaus Mann vom 3. 6. 1937 beigefügt war, in: Mann: Briefe und
1937 trat Döblin dem »Bund Freie Presse und
Antworten S. 398.
Literatur« bei, der maßgeblich von Leopold 113 Vgl. Schiller: Gemeinsamkeiten und Differenzen S. 17
Schwarzschild initiiert worden war und sich insbe- sowie Heinrich Manns Brief an Klaus Mann vom 26. 7. 1937, in:
sondere für die »Geistes- und Meinungsfreiheit in Mann: Briefe und Antworten S. 308/309.
der Heimat«, aber auch »innerhalb der deutschen 114 Vgl. Betz: Exil und Engagement S. 308.
Emigration« einsetzen wollte, sich ausdrücklich von 115 Vgl. Döblins Brief an Arthur Koestler (Paris 1938) S. 375;
vgl. ferner Sperber: Bis man mir Scherben auf die Augen legt
»partei-politische[n] Zielefn]«112 distanzierte und S. 220/221.
von Heinrich Mann als Gegenbewegung zu dem von 116 Zum Umkreis der »Zukunft· vgl. Presse im Exil
ihm geleiteten »Ausschuß zur Bildung einer Deut- S. 165-180.
schen Volksfront« verstanden wurde.113 Im Oktober 117 Döblins Beiträge im »Pariser Tageblatt« (später: »Pariser
Tageszeitung«) und im »Neuen Tage-Buch« sind aufgelistet bei
1937 hielt Döblin vor dem »Bund Freie Presse und
Huguet: Bibliographie S. 1 1 7 - 1 2 3 . In der »Zukunft« finden sich
Literatur« einen Vortrag über »Die weltgeschichtli- Beiträge von Döblin (überwiegend Auszüge aus »November
che Situation des heutigen Europa«.114 1918«) in: Jg. 1 Nr. 1; Jg. 2 Nr. 8 - 1 2 , 14-22, 24, 25, 27.
118 Vgl. Die Zukunft Jg. 2 Nr. 26 vom 30. 6. 1939, S. 456.

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Das Goldene Tor 217

dem Einmarsch deutscher Truppen in die Tsche- seine finanzielle Abhängigkeit von anderen und die
choslowakei »im Bekenntnis zu den Ideen des weiträumige Anlage der Stadt Los Angeles schränk-
Friedens, der Freiheit und der Demokratie alle die ten seine Mobilität nachhaltig ein. Verstärkt wurde
Vertreter der Politik und des Geistesleben aus das Gefühl der Isolation durch die fehlenden Publi-
Frankreich und Deutschland zu einigen [ . . . ] , die kationsmöglichkeiten; abgebrochen waren auch,
mit den ihnen zu Gebote stehenden Kräften danach von wenigen Ausnahmen abgesehen, Döblins brief-
streben werden, den Krieg zu verhindern, ihn, wenn liche Kontakte. Aus dem Kreis der Schriftsteller des
das Unheil unvermeidlich sein sollte, nach Möglich- kalifornischen Exils hatte Döblin lediglich mit
keit abzukürzen und in einer besseren Zukunft die Bertolt Brecht, Heinrich Mann und Ludwig Mar-
Aufgabe der deutsch-französischen Verständigung cuse engeren Kontakt. Außerdem stand er mit Lion
auf einer neuen Basis, der Zusammenarbeit an der Feuchtwanger und schriftlich mit den in New York
Organisation Europas wieder in Angriff zu neh- lebenden Autoren Hermann Kesten und Iwan Göll
men.«119 In seiner im Herbst 1939 aufgenommenen in loser Verbindung, gelegentlich auch mit Thomas
Tätigkeit im französischen Informationsministe- Mann. Ohne bemerkenswerte Verbindung blieb
rium dürfte Döblin eine Möglichkeit gesehen Döblin auch zu amerikanischen Schriftstellerkolle-
haben, dieses >Bekenntnis< in die Tat umzusetzen. gen; die kulturelle Fremdheit des Landes, einseitig,
Im Zuge der Evakuierung der Pariser Behörden aber drastisch in Hollywood erfahren, ließ ihm
im Juni 1940 floh Döblin zunächst mit seiner Amerika nur zum Asylland werden.124
Dienststelle vor den vordringenden deutschen Von entscheidender Bedeutung für Döblins ame-
Truppen, nahm dann jedoch seinen Abschied, um rikanische Exilzeit wurde die im November 1941
seiner Familie auf der Flucht folgen zu können. 120 vollzogene und eine langjährige weltanschaulich-
Diese führte ihn über Mende, Toulouse und Mar- religiöse Entwicklung 125 zu einem markanten
seille nach Spanien und schließlich nach Portugal. Abschluß bringende Konversion zum Christentum
Mit Hilfe des »Emergency Rescue Committee« und katholischer Konfession, die er jedoch bis zum
hier vor allem aufgrund der Initiative von Hermann Kriegsende »aus Solidarität mit den verfolgten
Kesten konnte Döblin im September 1940 mit Juden geheimzuhalten versucht«126 hatte. Der Kon-
seiner Frau und seinem jüngsten Sohn Stefan nach version vorausgegangen waren intensive Gespräche
New York übersetzen. Ebenfalls durch die Vermitt- mit zwei deutschsprechenden Jesuitenpatres in Los
lung von Freunden erhielt er einen einjährigen Angeles, die Döblin ähnlich stark wie das Engage-
Arbeitsvertrag bei der Filmgesellschaft »Metro- ment für die jüdische Frage in den ersten Pariser
Goldwyn-Mayer« in Hollywood, wo er sich nieder- Exiljahren beschäftigt haben. Die Konversion
ließ.121 Nachdem Döblins Vertrag, trotz der Fürspra- bedeutete für Döblin »nicht nur die Möglichkeit
che von Thomas Mann, der dem »Emergency einer geistigen Integration in eine weltweite, über-
Rescue Committee« angehörte, nicht verlängert nationale Glaubensgemeinschaft, sondern auch die
wurde, lebte Döblin ab Oktober 1941 von Arbeitslo- wahrscheinlich einzige intensive Verbindung mit
senunterstütztung, Zuschüssen aus dem sogenann- einer spezifisch amerikanischen Gemeinde«. 127 Das
ten »Writers Fund«, der von besser verdienenden Unverständnis, auf das Döblins Konversion zum
Kollegen wie Lion Feuchtwanger und Thomas christlichen Glauben, von ihm angedeutet bei der
Mann unterhalten wurde, wie auch von privaten Feier zu seinem 65. Geburtstag in Santa Monica,
Spenden unter anderem von seinem Sohn Peter und
dem Berliner Bankier und Freund Arthur Rosin. 122
119 Die Zukunft Jg. 2 Nr. 17 vom 28. 4. 1939, S. 1.
Daß Döblin im amerikanischen Exil, anders als in 120 Vgl. Minder: Begegnungen mit Döblin S. 63.
Frankreich, weder gesellschaftlich noch kulturell 121 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 2 9 / 3 0 .
noch literarisch als Autor eine >Integration< auch nur 122 Vgl. Weissenberger: Döblins Exil in Amerika S. 6 5 / 6 6 .
123 Verwiesen sei insbes. auf den Aufsatz von Weissenberger:
annähernd gelungen ist, dies ist in der Forschungsli-
Döblins Exil in Amerika, dem die folgenden knappen Angaben
teratur bereits ausführlich erörtert worden, weshalb e n t n o m m e n sind.
hier wenige Stichworte genügen mögen. 123 124 «Für mich ist Amerika weder Immigration noch einfache
Emigration, sondern selbstverständlich Asylland eines Exilier-
Angesichts der weitgehend als gelungen zu ten. W o d u r c h Exil? Durch die völlige Unmöglichkeit, (für mich
bezeichnenden Integration in Frankreich - wobei wie für viele andere) hier Fuß zu fassen, oder gar Wurzel zu
französische Kreise eine bedeutendere Rolle spiel- schlagen.« Briefe S. 2 9 6 (an E. u. A. Rosin, 4. 10. 1943).
ten als deutsche Emigrantengruppen - dürfte Döb- 125 Vgl. dazu im einzelnen Weyembergh-Boussart: Döblin;
Solle: Einübung ins Christentum; Kiesel: Literarische Trauerar-
lin, wie beispielsweise auch Heinrich Mann, die
beit S. 1 4 5 - 2 7 0 .
wiederholte >Entwurzelung< besonders hart getrof- 1 2 6 Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 376.
fen haben. Döblins erneute Sprachschwierigkeiten, 127 Riley: Christentum und Revolution S. 9 1 .

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218 Alexandra Birkert

gerade auch im Kreis der deutschen Schriftsteller- finden, eine Anstellung im Bildungsressort der
kollegen stieß,128 mag - neben dem ohnmächtigen französischen Besatzungsbehörden anzunehmen,
Gefühl, zu den erfolg- und wirkungslosen unter den wobei zunächst an den Universitäts- und Schulbe-
deutschen Exilschriftstellern zu zählen - entschei- reich gedacht war:
dend zur Desintegration des Autors im kaliforni- Le service auquel je songerais pour vous est celui qui a ä
schen Exil beigetragen haben. s'occuper de l'enseignement (Universites, gymnases, ecoles
elementaires). [ . . . ] Je ne sais pas en juste quelles fonctions
pourraient vous etre confiees. On rien est d'ailleurs qu'a la
periode d'organisation; les ecoles ne seront ouvertes qu'au
2.1.3 Alfred Döblins Rückkehr aus dem Exil
mois d'octobre. Mais d'une fajon generale on peut dire qu'il
Während seiner Exilzeit in Kalifornien äußerte s'agit de contröler l'enseignement qui sera desormais donne
par les Lehrer de toutes categories. 137
Döblin wiederholt den Wunsch, so schnell wie
möglich »nach drüben« zurückzukehren: Tonnelat hatte auch schon den ihm gut bekann-
[...] ich bleibe nicht hier, das ist selbstverständlich. Ich kann ten Leiter der »Direction de l'Education Publique«
nicht hier bleiben. Es wäre anders, wenn ich mich hier gewinnen können: den mit de Gaulle befreundeten
ernähren könnte. Ich werde freiwillig keine Minute länger hier Resistance-General und Germanisten Raymond
von charity leben. So wie ich, denken bis auf Ausnahmen alle
anderen Schriftsteller, die hier keinen Boden finden können;
Schmittlein, der bereits Anfang 1945 beauftragt
[...] Daß wir also nach Europa zurückgehen, hat der Junge oft worden war, »Pläne für die Bildungspolitik in einer
gehört [...] Ich brauche dir nicht zu sagen, wie Mamma wegen noch hypothetischen Französischen Zone auszu-
der beiden Brüder nach drüben drängt. 129 arbeiten und das dafür geeignete Personal zu rekru-
tieren.«138
Die kulturelle Fremdheit des Landes, familiäre
Am 3 l.Juli 1945 bot Tonnelat Döblin im Auftrag
Gesichtspunkte - zwei Söhne waren in Frankreich
Schmittleins einen Posten in der »Direction de
geblieben - und vor allem auch finanzielle Gründe -
l'Education Publique« an, dessen Aufgabenfeld
Hand in Hand mit der völligen Resonanzlosigkeit
jedoch erst in einem gemeinsamen persönlichen
seines literarischen Werkes in Amerika - drängten
Gespräch abgestimmt werden könnte und sollte:
Döblin zu einer raschen Rückkehr aus dem Exil.
Unmittelbar nach der Kapitulation Deutschlands
wandte sich Döblin brieflich an seine »alten guten
128 Vgl. Weissenberger: Döblins Exil in Amerika S. 70. - Zu
Bekannten in Paris«,130 mit denen er zuletzt im
den »Reaktionen: Thomas Mann und Bertolt Brecht« vgl. Kiesel:
französischen Informationsministerium zusam- Literarische Trauerarbeit S. 1 8 8 - 1 9 2 .
mengearbeitet hatte, um sich bei ihnen »nach 129 Briefe S. 308 (an Peter Döblin, Januar 1945). - Vgl. ferner
Möglichkeiten einer Anstellung, die ihm und seiner Briefe S. 323.
Frau die Rückkehr erlauben«131 sollten, zu erkundi- 130 Briefe S. 322 (an E. u. A. Rosin, 1. 9. 1945).
gen. In Verbindung trat er namentlich mit Robert 131 Meyer: Döblin-Chronik S. 33.
132 Vgl. Schicksalsreise S. 360; vgl. ferner Tonnelats Brief an
Minder und Ernest Tonnelat.132 Döblin vom 1.7.1945, im Auszug zit. bei Meyer/Doster: Döblin-
Während Döblin nun in einem Brief an das Katalog S. 428.
befreundete Ehepaar Rosin schrieb, er selbst habe 133 Briefe S. 322 (an E. u. A. Rosin, 1. 9. 1945).
sich »um einen Posten für die reeducation etc. in der 134 «Je sais par mes enfants, qui ont re^u recemment une
lettre de vous, et par (Robert) Minder, que vous envisagez l'idee de
besetzten Zone bemüht«,133 geht aus einem Ant- reveniren France [...]« E. Tonnelat an Döblin, 1 . 7 . 1 9 4 5 (DLA*);
wortschreiben von Ernest Tonnelat vom l.Juli 1945 zit. n. Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 428. - In einem Brief
hervor, daß Döblin ursprünglich nach Frankreich Tonnelats an Döblin vom 24. 4. 1945 ist noch nicht von
zurückkehren wollte.134 Für diese Version spricht Rückreiseplänen Döblins die Rede (DLA*). - Zitierte unveröf-
auch Erna Döblins entschiedene Abneigung, deut- fentlichte Quellen sind mit Siglen markiert, die im »Verzeichnis
der Standorte der zitierten unveröffentlichten Quellen« aufgelöst
schen Boden wieder zu betreten, zumal nachdem sie werden. Lediglich im Fall der nicht katalogisierten Bestände des
die Nachricht vom Tod ihres Sohnes Wolfgang französischen Besatzungsarchivs in Colmar werden auch die
erhalten hatte, der als französischer Soldat gegen die genauen Bestellsignaturen (aus den Findlisten) angeführt.
Deutschen gekämpft hatte.135 Daß Döblin aller- 135 Vgl. Schicksalsreise S. 360/361.
dings von Frankreich aus an einem geistig-kulturel- 136 Briefe S. 318 (an I. u. C. Göll, 30. 6. 1945).
137 Der Abschnitt »Je ne sais pas . . . categories.« ist nicht bei
len Wiederaufbau Europas mitwirken wollte, »wobei Meyer/Doster abgedruckt. Hervorheb. im Original. - Bei Zitaten
Deutsch unter keinen Umständen fehlen wird«,136 aus unveröffentlichtem Material wurden Orthographie und
ist durchaus denkbar. Interpunktion der Originale weitgehend beibehalten. Nur offen-
sichtliche Schreibfehler und für den Sinn erforderliche Korrek-
Es war Tonnelat, der Döblin in seinem Brief vom
turen in der Zeichensetzung wurden stillschweigend berichtigt,
l.Juli 1945 vorschlug, da es in Frankreich zu diesem ss in ß sowie Umlaute normalisiert.
Zeitpunkt schwierig sein dürfte, etwas Passendes zu 138 Cheval: Bildungspolitik S. 193.

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Das Goldene Tor 219

Ce que pourraient etre vos fonctions, il n'est naturellement pas seine Tätigkeit innerhalb der französischen Kultur-
possible de le determiner des maintenant, en votre absence; behörde nehmen konnte.
mais on pense que vous pourriez, par exemple, faire partie
d'une commission chargee d'etudier, soit en Allemagne meme, Robert Minder riet dem Freund noch in Paris
soit en France, les questions tres diverses que pose, dansl'ordre dringend davon ab, »ein neues Experiment mit einer
de l'enseignement et des lettres, l'administration directe des pays französischen Kulturbehörde zu unternehmen«. 152
allemands. De toute fa^on, leposte qui vous serait confie serait Er selbst hatte das ihm im Sommer 1945 angebo-
relativement important et fixe d'accord avec vous.1,9 tene Hochschulressort abgelehnt,153 wobei nicht
Das Beispiel belegt zugleich, daß die französische nur sachliche Argumente, 154 sondern auch persönli-
Besatzungsmacht mit keinem festen bildungspoli- che Aversionen gegen den >Vorgesetzten< Schmitt-
tischen Konzept nach Deutschland gekommen lein, eines in seinen Augen »aktionsbesessenen
ist: Improvisation war in den ersten Jahren groß und selbstüberzeugten Studienrates«,155 eine Rolle
geschrieben und Schmittlein, der selbst außeror- gespielt haben mögen. Dementsprechend voreinge-
dentlich viel Handlungsfreiheit hatte, 140 ließ »seinen nommen (gegen die französische Kulturbehörde in
Mitarbeitern genügend Raum für Privatinitiati- Baden-Baden) ist denn auch der Tenor in Minders
ven«.141 Darstellungen, die insgesamt ein zu negatives Licht
Döblin hat dieses Angebot postwendend ange- auf Döblins Baden-Badener Tätigkeit (»ohne irgend-
nommen: 142 bereits am 21. August erhielten er und welche Machtbefugnisse«) und sein Verhältnis zur
seine Frau vom französischen Konsulat in San französischen Besatzungsbehörde (der er angeblich
Francisco die Visa für die Rückreise nach Frank- »nicht ganz geheuer« gewesen sein soll) werfen.156
reich. 143 Um Döblins Ausreise zu beschleunigen,
setzte sich Schmittlein mit der französischen Bot-
139 Zit. n. Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 428 (Hervorheb.
schaft direkt in Verbindung. 144 Für das Rückreise- v. d. Verf.).
geld mußte Döblin allerdings selbst aufkommen. 140 Vgl. Cheval: Bildungspolitik S. 193.
Nur mir großer Mühe konnte der Betrag aus priva- 141 Cheval: Bildungspolitik S. 193.
ten Spenden finanziert werden.145 142 Vgl. Briefe S. 322 (an E. u. A. Rosin, 1. 9. 1945).
143 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 33.
Denkbar ist, daß Döblin auch durch die Nach- 144 Vgl. Tonnelats Brief an Erna Döblin vom 13. 9. 1945
richt von der Rückkehr einiger Autoren in die (DLA*).
sowjetische Besatzungszone - worüber er sich in 145 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 33 und Briefe S. 323 (an
seinem Brief an das befreundete Ehepaar Rosin am A. Rosin, September 1945).
146 Vgl. Briefe S. 320.
15. August 1945 äußerte146 - motiviert wurde, nach
147 Vgl. ζ. B. Döblins bereits zitierten Brief an I. u. C. Göll
Deutschland zurückzukehren. Ohne Zweifel hatte vom 30. 6. 1945; in: Briefe S. 318/319.
Döblin während des Exils reges Interesse am Wie- 148 Vgl. Briefe S. 278 (an A. Rosin, 22. 7. 1942).
deraufbau des europäischen Geisteslebens und hier 149 »Ich soll, wie ich Ihnen schon drüben sagte, hier in der
vor allem der deutschen Kultur gezeigt.147 Und französischen Zone eine literarische Zeitschrift [...] auf die Beine
stellen.« Döblin an H. Kesten, 24. 11. 1945; zit. n. Deutsche
bereits im Sommer 1942 hatte er sich über das Literatur im Exil S. 200. - Bei seinem Zwischenaufenthalt in Paris
mangelnde Engagement der >Exil-Demokraten<, zu informierte Döblin auch Rudolf Leonhard über den Zeitschrif-
denen er sich selbst zählte, im Vergleich zu den tenplan. Vgl. hierzu Döblins Briefe an R. Leonhard vom 29. 10.
weitaus aktiveren >Exil-Marxisten< beklagt.148 1945 und vom 20. 11. 1945 (b). - Ein einschlägiger Briefwechsel
Döblins von Amerika aus mit den französischen Behörden
Trotz der vagen Aufgabenbeschreibung muß konnte nicht ausfindig gemacht werden.
Döblin noch in Amerika erfahren haben, daß er in 150 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 33.
Deutschland eine literarische Zeitschrift herausge- 151 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 33; vgl. ferner Briefe
ben sollte: Auf der im September angetretenen S. 324.
Rückreise, die ihn Anfang Oktober über New York 152 Minder: Begegnungen mit Döblin S. 64; vgl. ferner ders.:
Döblin zwischen Osten und Westen S. 208; ders.: Beitrag zur
führte, hat er Hermann Kesten bereits von dieser authentischen Lebensgeschichte S. 95. - Es bleibt zu vermuten,
Aufgabe erzählt.149 daß der Briefwechsel Döblin/Minder aus den Jahren 1945 ff.
Am 16. Oktober 1945 betrat Döblin in Le Havre gerade zu dieser Kontroverse auch Aufschlußreiches bietet.
wieder europäischen Boden. 150 Zwei Tage später traf 153 Vgl. Minder: Deutsche Kultur S. 83/84.
154 »Es fehlte mir jegliche Lust, die Kräfte aufzureiben in
er in Paris ein, wo er im »Ministere de l'Education ständigem Kampf mit französischen wie deutschen Instanzen.
Nationale« zum ersten Mal mit Raymond Schmitt- Auch schien mir der felsenfeste Glaube Schmittleins >Wir sind
lein zusammenkam. 151 In diesem ersten Dienstge- für 25 Jahre hier< von einer entwaffnenden Naivität.« Minder:
spräch dürfte Döblins zukünftiger Aufgabenbereich Deutsche Kultur S. 83.
zumindest in groben Zügen abgesteckt worden sein, 155 Minder: Deutsche Kultur S. 83.
156 Minder: Döblin zwischen Osten und Westen S. 209. - Im
wobei sich schwerlich nachweisen läßt, ob und, September 1945 schrieb Döblin noch an A. Rosin: »Keiner sagt
wenn ja, inwieweit Döblin hier (noch) Einfluß auf mir, ich solle nicht zugreifen [...]« Zit. n. Briefe S. 323.

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220 Alexandra Birkert

Die Umstände, die zu Döblins Rückkehr aus dem tecture und 6. Spectacles et Musiques. Leiter der
Exil und zu seinem Eintritt in den Dienst der »Sous-Direction Beaux-Arts« und damit direkter
französischen Besatzungsbehörde geführt haben, Vorgesetzter Döblins war Michel Francois, 166 zu
zeigen, daß Döblin nicht gezielt von der französi- dem er offenbar keinen näheren Kontakt hatte.
schen Regierung zurückgerufen worden ist,157 wie Döblin, der in der französischen Amtssprache
dies mancherorts in der damaligen Presse zu lesen den Titel eines »Charge de Mission aupres du
war. 158 Döblin verdankte seine Einstellung in den Gouvernement en Allemagne (Direction de l'Edu-
französischen Dienst, die ihm die materielle Grund- cation Publique)« 167 innehatte und Offiziersuniform
lage für seine Rückkehr nach Europa schuf, seiner trug, war also nur einer unter vielen in der Hierar-
französischen Staatsbürgerschaft, den Beziehungen chie der französischen Kulturbehörde. Dennoch
zu französischen Germanistenkreisen und nicht sah er sich wiederholt dazu veranlaßt, das Bild vom
zuletzt seiner ehemaligen antifaschistischen Propa-
gandatätigkeit im französischen Informationsmini- 1 5 7 Ganz anders, gerade auch in finanzieller Hinsicht, wurde
sterium unter Jean Giraudoux. Festgehalten werden dagegen die Rückkehr deutscher Emigranten in die sowjetische
muß zum anderen aber auch, daß Döblin seinerseits Besatzungszone gehandhabt. Vgl. u. a. Stephan: Deutsche Exil-
keineswegs gezielt den Dienst in der französischen literatur S. 228.
Kulturbehörde angestrebt hat, seine Mitarbeit 1 5 8 »Alfred Döblin [...] ist von den Besatzungsbehörden aus
Amerika zurückberufen worden«. In: Schwäbische Zeitung,
daher auch nicht dementsprechend >idealisiert< wer- Friedrichshafen, Ausgabe Leutkirch.Jg. 1 Nr. 5 v o m 1 8 . 1 2 . 1 9 4 5 ,
den kann, wie dies nicht selten in der Forschungsli- S. 4. - Ähnlich lautete eine Pressenotiz in der »Neuen Zeitung«,
teratur geschehen ist. 159 Döblin gelangte vielmehr München, Jg. 1 Nr. 11 C v o m 23. 1 1 . 1 9 4 5 , Feuilleton- und
>auf Umwegen< nach Baden-Baden, wobei mehrere Kunstbeilage: »Alfred Döblin soll zurückkehren. New York. -
W i e die Zeitung >Aufbau< meldet, ist Alfred Döblin [...] aufgefor-
Faktoren zusammenspielten.
dert worden, nach Frankreich zurückzukehren, um in der
Dies schließt jedoch nicht aus, daß sich Döblin französisch besetzten Zone in Deutschland am Wiederaufbau
mitzuarbeiten.«
mit seiner Rolle als französischer >Kulturoffizier<
1 5 9 Vgl. ζ. B. Muschg: Ein Flüchtling S. 1 3 4 : »Das Heimweh
identifiziert und seine Arbeit in Baden-Baden mit
und der Wille, zu helfen und gutzumachen, trieben ihn schon
großem >Aufbau<-Idealismus aufgenommen hat, der 1 9 4 5 als einen der Ersten nach Deutschland zurück.« - Links:
wiederum in hohem Maße in seiner neu gefestigten Döblin S. 2 1 6 : »Er war einer der ersten deutschen Emigranten,
christlichen Weltanschauung wurzelte. die freiwillig heimkehrten. [ . . . ] Weil es ihm ernst war mit der
Umerziehung und demokratischen Erneuerung, weil er sein
Christentum nicht nur predigen wollte, stellte er sich der
2.1.4 Im Dienst der Kulturbehörde der französischen Militärregierung zur Verfügung [...].«
1 6 0 Zur Behördenorganisation der französischen Militärre-
französischen Besatzungszone gierung in Deutschland vgl. Winkeler: Schulpolitik S. 13/14;
Frankreichs Kulturpolitik S. 4 0 6 - 4 0 9 .
A m 9. November 1945 fuhr Döblin von Paris nach
1 6 1 Vgl. Winkeler: Schulpolitik S. 13; Cheval: Bildungspoli-
Baden-Baden, dem Sitz des »Gouvernement Mili- tik S. 193.
taire de la Zone Frangaise d'Occupation«, dem seine 162 Dieses letzte, für die Buchzensur zuständige Ressort, auf
neue Dienststelle, die von Raymond Schmittlein das im folgenden noch ausführlicher eingegangen wird, blieb in
geleitete »Direction de l'Education Publique«, der offiziellen Selbstdarstellung der »Direction de l'Education
Publique«, der mehrfach aufgelegten Broschüre »L'CEuvre cultu-
unterstellt war. 160 Diese Behörde, die für die gesamte
relle fran^aise en Allemagne« ( 1 9 4 6 ff.), unerwähnt.
Bildungs- und Kulturpolitik in der französischen 1 6 3 Die Angaben zum genauen Termin seiner Einstellung
Besatzungszone zuständig und seit Juni 1945 in ( 1 5 . 1 0 . 1 9 4 5 , 1 . 1 1 . 1 9 4 5 , 1 5 . 1 1 . 1 9 4 5 ) und seiner Dienstgrader-
Baden-Baden tätig war, 161 setzte sich aus den folgen- n e n n u n g ( 1 5 . 1 0 . 1 9 4 5 , 1 . 1 1 . 1 9 4 5 , 1 . 4 . 1946) divergieren in den
den Ressorts (»Sous-Directions«, oft auch nur »Ser- verschiedenen »Bescheinigungen der französischen Behörden für
Alfred und Erna Döblin, 1 9 4 5 - 1 9 5 2 « , die im Nachlaß Döblins
vices« genannt) zusammen: 1. Enseignements (Un-
erhalten sind (DLA*).
terrichtswesen), 2. Universites et Recherche Scien- 1 6 4 Im August hatte Döblin auch den französischen Behör-
tifique (Universitäten und Forschung), 3. Sports et den seine Zusage erteilt.
Jeunesse (Sport und Jugend), 4. Beaux-Arts (Schöne 1 6 5 Diese Gliederung ergibt sich aus den Rechenschaftsbe-
Künste) und 5. Etudes et Documentation. 162 Döb- richten der »Sous-Direction Beaux-Arts« (Colmar: c.N° 4 6 2 8 p. 3
»Beaux-Arts«). Unberücksichtigt bleibt das »Bureau des Lettres«
lins »Bureau des Lettres«, das er von November
in den Organisationsschemata bei Gilmore: France's Postwar
I9451« Ende März 1 9 4 8 leitete, war der »Sous- Cultural Policies S. 3 0 1 - 3 0 5 und bei Vaillant in den Sammelbän-
Direction Beaux-Arts« unterstellt, die bereits im den : Französische Kulturpolitik S. 15 und Frankreichs Kulturpo-
August 1945 1 6 4 gegründet worden war und die sich litik S. 408/409.
ihrerseits in die folgenden »Bureaux« gliederte: 165 1. 1 6 6 Uber Michel Francois gibt es bisher erstaunlich wenige
Informationen.
Archives et Bibliotheques, 2. Lettres, 3. Musees et
1 6 7 Vgl. das Konvolut »Bescheinigungen der französischen
Expositions, 4. Recuperation Artistique, 5. Archi- Behörden« im Nachlaß Döblins.

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Das Goldene Tor 221

>Kulturberater< in verantwortlicher« Stellung zu auch Auflagenhöhe und Prioritätszensuren (abwer-


revidieren und auf seine durchaus »begrenzte Aufga- tend gestuft von Ά bis 4A)179 vorschlug. Die letzte
be«168 hinzuweisen. Diese bestand in erster Linie in Entscheidung (»decision«) über Streichungen, Li-
der Herausgabe der Monatsschrift für Literatur und zenzverweigerung, Auflagenhöhe und Druckpriori-
Kunst Das Goldene Tor und in der Begutachtung tät behielt sich Raymond Schmittlein - zumindest
zum Druck vorgelegter Buchmanuskripte. anfangs180 - selbst vor, wobei er sich durchaus auch
Anhand der Gutachten, die im französischen einmal über ein oder gar beide Gutachten hinweg-
Besatzungsarchiv in Colmar >lagern<,169 läßt sich setzte.181 In den überwiegenden Fällen sind jedoch
Döblins Einfluß auf den Zensurprozeß der französi- Döblins Vorschläge aufgegriffen worden, wenn er
schen Kulturbehörde genauer rekonstruieren.170 auch - insgesamt betrachtet - wesentlich großzügi-
Die Vorzensur des Buchwesens wurde in der franzö- ger und milder als die »Sous-Direction Etudes et
sischen Zone bis zum Sommer 1948 ausgeübt.171
Zuständig für die Kontrolle der zu veröffentlichen- 168 Schicksalsreise S. 372.
den Bücher war die »Direction de l'Education 169 Vgl. dazu bereits Kap. 1.
Publique«, die Vorzensur der Zeitungen und Zeit- 170 Vgl. dazu bisher Huguet: Chronologie S. 164; Mombert:
schriften wurde von einer anderen Abteilung, der Buch- und Verlagspolitik S. 233.
171 Vgl. Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 107;
»Direction de l'Information«, geleistet.172 Die »Di- Mombert: Buch- und Verlagspolitik S. 2 2 8 - 2 3 1 . Grundlegend
rection de l'Education Publique« sichtete nicht nur war das »Circulaire concernant l'Edition« der französischen
»livres scolaires« und »manuscrits d'auteurs alle- Militärregierung vom 2 7 . 1 0 . 1 9 4 5 (leicht zugänglich bei Umlauff
mands«,173 sondern grundsätzlich alle Buchmanu- Sp. 1527-1534). - Zur Beschleunigung des Vorzensur-Verfah-
rens wurde ab 1. 12. 1946 eine Einteilung der Lizenzanträge in
skripte: hiervon hat Döblin - bis zu seinem Aus-
drei Klassen vorgenommen: 1. in »Veröffentlichungen, für die
scheiden im April 1948 - rund ein Fünftel bestrit- eine Textzensur selbst nicht nötig ist«, wie »Klassiker-Ausgaben,
ten. Er hatte dabei nicht nur - wie seine autobiogra- Ausgaben berühmter lebender Dichter, die in Deutschland vor
phischen Erinnerungen vermuten lassen - »Werke der Nazizeit oder im Ausland erschienen sind«, 2. in »Ausgaben,
der Belletristik, Lyrik, Epik und Dramatik«174 zu für die die Zensur zu beschleunigen ist und die in keinem Fall
anfechtbare Texte enthalten«, wie »Technische Bücher, Kinder-
lesen und seine »Ansicht über ihren ästhetischen bücher, Kunstbücher, Wörterbücher, Ubersetzungen französi-
Wert, auch ihre Haltung, in größerer oder geringerer scher Werke« und 3. in »Veröffentlichungen, für die eine Zensur
Ausführlichkeit, am besten kurz niederzulegen.«175 des gesamten Werkes für notwendig gehalten wird.« Bekanntma-
Darüber hinaus mußte er auch Sachbücher unter- chung der »Direction de l'Information« in den MfBFZJg. 1 Nr. 10
(1. 12. 1946) S. 158.
schiedlichster Fachbereiche (Philosophie, Theolo-
gie, Politik, Geschichte, Kunstgeschichte, Technik, 172 Zur Vorzensur der Tages- und Wochenzeitungen, die im
Oktober 1946 durch die Nachzensur abgelöst wurde, vgl. im
Musik, Medizin u. a.) beurteilen. Döblin war also einzelnen Schölzel: Pressepolitik S. 7 8 - 9 0 u. S. 105-120.
nicht nur »Lektor für Belletristik«176 und sichtete 173 Huguet: Chronologie S. 164.
auch nicht nur »das aus dem tausendjährigen 174 Schicksalsreise S. 372. Vgl. auch Journal S. 391.
Reich< überkommene Schrifttum«,177 sondern hatte 175 Schicksalsreise S. 372.
demnach einen weit umfassenderen Zensurbereich 176 Weyembergh-Boussart: Döblin S. 269.
177 Links: Döblin S. 216.
als bisher angenommen. Daraus resultiert auch, daß
178 Diese Gutachten sind ζ. T. vom Leiter der Abteilung
ein nicht unerheblicher Teil seiner Arbeitszeit »Etudes et Documentation«, Louis Marechal, oder von seinem
fachfremd ausgefüllt war und er sich deshalb nicht Stellvertreter, Jean George Kirchheimer, handschriftlich verfaßt
ausschließlich und nicht mit voller Konzentration und in wenigen Fällen auch namentlich signiert.
der >Literatur< im engeren Sinne widmen konnte. 179 »L'ordre de priorite des ouvrages acceptes, destines ä etre
publies, est determine par la censure, qui les cöte de 1 a 4. Ces
Seine Gutachten eröffnete Döblin in der Regel diverses cötes ont les significations suivantes:
Ά = publication urgente.
mit einer kurzen Inhaltsangabe (zum Teil unter 2A = ouvrage tres bon.
besonderer Berücksichtigung der weltanschauli- 3A = bon.
chen und ethischen Haltung), er gab dann eine 4A = ouvrage sans interet, mais dont on ne peut
knappe Beurteilung des literarischen bzw. fachli- legitimement interdire la publication.«
chen Niveaus sowie eine Einschätzung der Wirkung Le Directeur de l'Education Publique (p.o. Le Directeur-Adjoint,
I. Giron): Note au sujet de l'Edition, 1 9 . 9 . 1 9 4 7 . 2 B l . T s . (Colmar:
auf die deutsche Leserschaft ab und äußerte, so c.N° 707 p. 6 d. L79). Bl. 2.
vorhanden, Bedenken gegen politische Pointen. 180 Da die Prioritätszensuren später meist ohne Schriftkürzel
Döblin stand jedoch keine letzte Entscheidungs- und/oder handschriftliche Zusätze unter die Gutachten gesetzt
befugnis zu. Auf seinen Kommentar aufbauend wurden, ist eine eindeutige Zuordnung nicht immer gesichert. In
einzelnen Fällen zeichneten I. Giron, L. Marechal,J. G. Kirchhei-
wurden meistens Zweitgutachten unter primär mer namentlich verantwortlich.
politischen Gesichtspunkten von der »Sous-Direc- 181 Vgl. ζ. B. die Zensurgutachten N° 877, N° 879, N° 910,
tion Etudes et Documentation«178 angefertigt, die N° 973.

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222 Alexandra Birkert

Documentation« urteilte.182 Die Resonanz auf Döb- die »Direction de l'Education Publique« mit einem
lins Gutachten zeigt im übrigen auch, daß Döblin eigenen Papierkontingent unabhängig von der
nicht »nur das fünfte Rad am Wagen, ohne irgend- Informationsabteilung gestalten.188 In den Akten
welche Machtbefugnisse«183 war. Beachtung bei den der »Direction de l'Education Publique« häuften
französischen Kollegen fand insbesondere Döblins sich indessen zunehmend Schmittleins Klagen über
Einschätzung der Wirkung eines Buches auf die die mangelhafte Fachqualifikation des Personals der
deutsche Leserschaft, gerade auch bei ausländischen »Direction de l'Information« und ihre extrem linke
Werken. Amüsantes Beispiel einer solchen Ein- Ausrichtung.189 Am 31. Juli 1947 wurde schließlich
schätzung ist Döblins Gutachten zum Lizenzantrag eine »Commission de l'Edition« bei der »Direction
für die Neuveröffentlichung von Guy de Maupas- Generale des Affaires Administratives« eingerichtet,
sants Novelle Die Erbschaft: die unter anderem die Arbeit der beiden Abteilun-
gen koordinieren sollte.190 Das »Bureau des Lettres«
Man könnte sagen: Geschichten wie diese vermehren und
stützen die deutsche Auffassung von der »französischen
war in dieser »Commission de l'Edition« nicht
Frivolität«. Man wird aber erstens nicht massenhaft solche vertreten, was denn auch Michel Franfois in seinem
Lektüre haben, zweitens nicht Maupassant dem gebildeten Abteilungsbericht für Schmittlein am 30. Januar
Leser vorenthalten wollen. 1 8 4 1948 monierte.191
Raymond Schmittleins »decision« wurde schließ- Nicht in Döblins Bereich fiel, auch dies ist
lich an die »Direction de l'Information« weitergelei- festzustellen, die Vorzensur der Schul(lese)bü-
tet, die dann »dans les limites du contingent de cher.192 Bedenkt man Döblins Interesse und Enga-
papier dont eile etait porteur«185 die Lizenz erteilte.
Ausdrücklich aufmerksam gemacht sei an dieser
182 Auf charakteristische Abweichungen werde ich noch an
Stelle auf das anhaltend angespannte Verhältnis und anderer Stelle zu sprechen kommen: vgl. unten Kap. 3.1.4.2
die Kompetenzstreitigkeiten, die es zwischen der u. Kap. 3.2.2.1.
»Direction de l'Education Publique« und der »Direc- 183 Minder: Begegnungen mit Döblin S. 64.
tion de l'Information« gegeben hat.186 Beide Abtei- 184 Zensurgutachten N° 1178 (vollständiger Text im
Anhang).
lungen waren, wenn auch mit verschieden gelager-
185 R. Schmittlein: Note succincte sur l'Edition en Z.F.O., 29.
ten Schwerpunkten, für die Öffentlichkeitsarbeit187 5 . 1 9 4 8 . 4 Bl. Ts. (Colmar: c.N° 4627 p. 6 d. .Edition 1947/1949«).
in der französischen Besatzungszone zuständig und Bl. 1.
dabei in vielen Punkten aufeinander angewiesen: 186 Einschlägig hierzu ist das eben zitierte Papier, in dem R.
Die »Direction de l'Information« (Leiter: Jean Schmittlein, mit Blick auf «la concentration de l'Edition entre des
mains uniques« (Bl. 4), die Kompetenzen der beiden Abteilungen
Arnaud), die in der - jungen - Tradition des knapp umreißt und problematisiert. Zu den folgenden Ausfüh-
französischen Informationsministeriums stand, war rungen vgl. außerdem R. Schmittlein: Note sur l'Information,
primär für die Nachrichtenkontrolle und die (politi- 30. 1. 1948. 4 Bl. Ts. (Colmar: c.N° 4627 p. 3 d. .Education
sche) Informationspolitik in der französischen Zone Publique (Generalites) 1945/1949·). - Vgl. ferner Mombert:
Buch- und Verlagspolitik S. 229; Schölzel: Pressepolitik S. 39.
verantwortlich. Ihr oblag die Kontrolle (Lizenz und
187 Vgl. dazu Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels
Zensur) der Tageszeitungen, Zeitschriften und poli- Sp. 69/70. - Zum Aufbau und Tätigkeitsfeld der .Direction de
tischen Broschüren. Darüber hinaus sammelte und Tlnformation« vgl. auch Schölzel: Pressepolitik S. 3 6 - 4 1 .
lieferte sie Informationen über Autoren und Verle- 188 Auch in der britischen und amerikanischen Zone wurden
ger, erteilte Verlagslizenzen, leitete Anträge für die Schulbücher von der Erziehungsabteilung der Militärregie-
rung, nicht von der Nachrichtenkontrollabteilung beaufsichtigt,
Buchlizenzen zur Zensur an die »Direction de
und die Papierversorgung erfolgte auch hier aus einem Sonder-
l'Education Publique« weiter und fungierte als kontingent. Vgl. Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels
Anlauf- und Koordinationsstelle für alle techni- Sp. 446.
schen Fragen des Editionswesens (Papierzuteilung, 189 Vgl. hierzu im Colmarer Archiv c.N° 4627 p. 3 d.
Druckereien, Ubersetzungsrechte, Devisen etc.), »Education Publique (Generalites) 1945/1949« und davon insbes.
R. Schmittleins »Note surl'Information« (30. 1. 1948).
wodurch sie einen erheblichen Einfluß auf die
190 Vgl. I. Giron: Note au sujet de l'Edition (19 9.1947). - Vgl.
Kulturpolitik in der französischen Zone gewann. hierzu im einzelnen Mombert: Jeunesse Allemande et Reeduca-
Die Arbeit der »Direction de l'Education Publique«, tion S. 1 5 4 - 1 5 9 ; dies.: Buch- und Verlagspolitik S. 2 3 1 - 2 3 3 .
deren Personal sich vornehmlich aus ehemaligen 191 »Je demande, ä cette occasion, que le bureau des Lettres
Angehörigen des »Ministere de l'Education Natio- soit represente ä la Commission du Livre qui siege ä B. Baden.« M.
Francois: Rapport presente ä Monsieur Le Directeur de l'Educa-
nale« zusammensetzte, konzentrierte sich in erster
tion Publique sur les activites de la S/Direction des Beaux-Arts
Linie auf die Bildungspolitik. Die Herausgabe und pour l'annee 1948.8 Bl. Ts. (Colmar: c.N°4628 p. 3 .Beaux-Arts«).
Kontrolle der Schulbücher sowie einzelner ausge- Bl. 6.
wählter Periodika ihres Interessenbereiches (En- 192 Überschneidungen ergaben sich hier insbes. bei
seignement, Jeunesse, Sports, Beaux-Arts) konnte Klassikerausgaben. Vgl. ζ. B. Döblins Zensurgutachten N°910/L
vom 23. 2. 1946 über den geplanten Sammelband »Lyrische

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Das Goldene Tor 223

Abb. 1: Alfred Döblin. Photo von Μ. A. Gräfin zu Dohna aus dem Jahr 1947 (1)

gement für das Lesebuch, dessen entscheidenden auch in Döblins «Bureau des Lettres« im Kurhotel
Einfluß auf die Bildung demokratischen Bewußt- Stephanie, in dem sich die französische Kulturver-
seins er bereits in der Weimarer Republik erkannt
und >tatkräftig< verfolgt hatte, 193 bleibt dieses Fak-
tum bemerkenswert; es relativiert zudem, ange- Gedichte«: »Eine vorzügliche Idee die besten Gedichte der
großen Lyriker (d. h. Goethe, Heine, Eichendorff) so handlich
sichts der absoluten Priorität, die die französische
und billig als Lesehefte für die Jugend zu drucken; es ist sicher,
Kulturbehörde dem Schulbereich einräumte, 194 daß sich auch viele Erwachsene in den Besitz solcher Hefte setzen
durchaus Döblins >Stellenwert< im Rahmen der werden.« (Vollständiger Text im Anhang). Schmittleins knapper
«Education Publique«. Kommentar hierzu lautete: «Refuse. Tous les livres scolaires
seront edites par la Direction. Les classiques allemands suivant un
Auf der anderen Seite dürfte Raymond Schmitt-
programme.«
lein mit sicherem Blick erkannt haben, daß Döblin, 193 Vgl. Kap. 2.1.1 und Kap. 3.1.2.
der über ein außerordentliches Reservoir an Bezie- 194 Vgl. u. a. Winkeler: Schulpolitik S. 6 - 9 ; Vaillant: Was tun
hungen und Erfahrungen verfügte, weit effektiver mit Deutschland? S. 207.
noch als treibende Kraft und Integrationsfigur eines 195 Zur langfristigen (bis 1949) wie autoritären Handhabung
neu zu organisierenden literarischen Lebens einge- der Verlagslizenzierung in der französischen Zone vgl. Umlauff:
Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 8 9 - 9 2 ; Mombert: Jeunesse
setzt werden konnte: >Vermittlungs<-Gespräche mit Allemande et Reeducation S. 110-180; dies.: Buch- und Verlags-
deutschen Autoren und Verlegern 1 9 5 erfolgten denn politik S. 228-240.

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224 Alexandra Birkert

waltung installiert hatte. 196 Döblins Einzimmerbü- 196 Döblin war zuerst kurze Zeit »in der Stadt in einem
Hotel« (Badischer Hof) untergebracht: »später hauste ich mehr
ro, das er mit zwei »Gehilfen«,197 einem Redakteur
komfortabel und praktisch und bequem i[m] >Ste[ph]ani· mit den
und einem Sekretär, teilte, entwickelte sich sehr andern zusammen.« Journal S. 385. Vgl. auch: Tagebuch S. 259
schnell zum »Taubenschlag«,198 in dem die Petenten m. Anm. 9.
ein und aus gingen. 199 Manches wurde dabei im 197 Schicksalsreise S. 373. Vgl. dazu ausführlich unter
persönlichen Gespräch oder am (Wand-)Telefon des Kap. 2.2.2.
198 So beschrieb es Döblins Sekretär Friedrich Sonntag, der
Hotelzimmers geregelt und ist damit oft nicht
von November 1946 bis Oktober 1948 mit Döblin zusammenge-
aktenkundig geworden. 200 Zudem fällt es schwer, da arbeitet hat. Ihm sei an dieser Stelle ausdrücklich für seine
keine >Stellenbeschreibung< zu Döblins Posten im Hilfsbereitschaft gedankt. Friedrich Sonntags Eindruck wurde
»Bureau des Lettres« ausfindig gemacht werden mir von einigen Mitarbeitern der Zeitschrift bestätigt.
konnte, »amtliche Tätigkeit« 201 immer exakt von 199 Vgl. auch Briefe S. 334 (an L. Marcuse, 26. 1.1946).
200 Konkrete Einzelfälle konnte mir Friedrich Sonntag nicht
Döblins privaten, >inoffiziellen< kulturpolitischen
mehr nennen.
Aktivitäten zu trennen. 201 Briefe S. 343 (an Ρ. Ε. H. Lüth, 6. 5. 1946).
Neben seiner Lektorentätigkeit bestand Döblins 202 Briefe S. 328 (an L. Feuchtwanger, 2 5 . 1 1 . 1 9 4 5 ) ; vgl. auch
S. 326. Ähnlich äußerte sich Döblin in einem Interview mit
»erste Arbeit« 202 im Dienst der Kulturbehörde darin,
H. Feist in den »Schweizer Annalen« (Juli 1947) S. 671. - Diese
eine Monatsschrift für Literatur und Kunst heraus- Stellen geben Döblins Selbsteinschätzung wieder. Ob von Seiten
zugeben. Diese Aufgabe führte er auch nach dem der französischen Kulturbehörde dieselben Prioritäten gesetzt
1. April 1948 weiter, als er »wegen der Altersgren- wurden, muß offenbleiben, da hier kein einschlägiges Material in
ze« 203 (jedoch ohne Pensionsanspruch) aus seinem Colmar gefunden werden konnte.
203 Briefe S. 393 (an E. u. A. Rosin, 30. 9. 1948).
bisherigen Dienstverhältnis als »Chef du Bureau des
204 Döblin hat sich wiederholt über das Lesepensum beklagt,
Lettres« in der Kulturverwaltung ausscheiden muß- das für seine ohnehin schlechten Augen mehr als schädlich war.
te. Dies kam Döblin durchaus entgegen, da sich sein Bereits im August 1947 hat er in diesem Zusammenhang darauf
Gesundheitszustand zunehmend verschlechtert hingewiesen, im nächsten Jahr, mit 70 Jahren, aus dem Dienst
hatte. 204 Im April 1948 waren zudem bereits Vor- auszuscheiden. Vgl. seinen Brief an H. Gorski vom 11.8.1947(m).
- Es gibt keinen Anhaltspunkt dafür, daß noch andere Gründe für
schläge zur Lockerung der bisher praktizierten
Döblins Ausscheiden aus dem »Bureau des Lettres« vorlagen. Die
Vorzensur im Gespräch, 205 die dann im Sommer Vermutung, daß sich die »Direction de l'Education Publique« mit
1948 bis auf wenige Ausnahmen (Schulbücher, diesem Schritt von Döblins Zeitschrift und seiner Aufsehen
Geschichtswerke, politische Werke) abgeschafft erregenden >Kampagne< gegen Thomas Mann im Jg. 2 H. 8/9
(August/September 1947) distanzieren wollte, die u. a. Paul Rillas
wurde. 206 Damit entfiel ohnedies »das Gros sämtli-
berühmte Streitschrift »Literatur und Lüth« hervorrief (erschie-
cher Werke und Manuskripte, die durch [Döblins] nen in Berlin im März 1948), läßt sich kaum erhärten. Der Anstoß
Büro liefen«.207 dürfte, wenn nicht gar von Döblin selbst, von der Personalabtei-
lung ausgegangen sein: Döblins Arbeitsvertrag als »Charge de
In den folgenden Jahren war Döblin - »als
Mission« datierte vom 1 . 4 . 1 9 4 6 . Vermutlich ist im Zusammen-
Zivilperson« 208 und nur noch halbtags - in der hang mit der Verlängerung des Vertrages von der Verwaltung
Funktion eines »Redacteur en Chef de la Revue Das festgestellt worden, daß Döblin, der am 10. 8. 1948 seinen 70.
goldene Tor«209 bei der »Direction de l'Education Geburtstag feiern sollte, das zulässige Dienstalter bereits über-
schritten hatte. Vgl. ferner Briefe S. 386.
Publique« angestellt, die seit der Umorganisation
der Zonenverwaltung 210 im Frühjahr 1948 den 205 Vgl. MfBFZ Jg. 3 Nr. 6 (18. 6. 1948) S. 168/169.
Namen »Division de l'Education Publique« trug. 206 Vgl. Umlauft: Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 108.
207 Briefe S. 389 (an W. Hausenstein, 18. 8. 1948).
Charakteristischerweise hatte Döblin nun keinen
208 Briefe S. 386 (an die Wochenzeitung »Sonntag«, Mai
Anspruch mehr darauf, im Hotel Stephanie, dem 1948).
Dienstgebäude der französischen (Militär-)Kultur- 209 Vgl. das Konvolut »Bescheinigungen der französischen
verwaltung, zu residieren. Das Schreiben, mit dem Behörden« im Nachlaß Döblins.
die »Division de l'Education Publique« im Novem- 210 Vgl. dazu im einzelnen Willis: The French S. 90; Schölzel:
Pressepolitik S. 3 9 . - M i t Wirkung vom 1 4 . 6 . 1 9 4 8 fand auch eine
ber 1948 für die Redaktion der Zeitschrift eine Umstrukturierung der »Division de l'Education Publique« statt,
Zwei-Zimmer-Wohnung in Baden-Baden suchte, die »Sous-Directions. wurden aufgehoben, an ihre Stelle traten
formulierte Döblins neuen Status entsprechend zwei »Services«: der »Service du Contröle« war für das Erziehungs-
vage: wesen, der »Service de l'Action Culturelle« für die Kulturarbeit im
weiteren Sinne zuständig und in die folgenden »bureaux« geglie-
dert: le bureau de l'edition et du livre, le bureau de l'expansion
Travaillant en liaison directe avec la Division de l'Education artistique, le bureau de la diffusion de la langue fran^aise, le
Publique, cette revue, publiee par Monsieur DOBLIN, ex bureau de Taction pedagogique, le bureau de la culture populaire.
administrateur de mon Service, mene desormais une existence Vgl. R. Schmittlein: Note de Service, 1 2 . 6 . 1 9 4 8 . 1 Bl. Durchschi.
civile autonome, que ne justifie pas son maintien dans les lieux (Colmar: c.N° 712 p. 5 »Relations culturelles Franco-Alleman-
officiels precedemment occupes a la Villa Stephanie. 2 1 1 des«).
211 Le Chef de la Division de l'Education Publique (p. o. Irene
Döblin ist dann wohl doch nicht aus dem »Ste- Giron) ä Monsieur le Delegue pour le Gouvernement Militaire du

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Das Goldene Tor 225

phanie« ausgezogen,212 er blieb in engem Kontakt Döblin eine hohe Abfindungssumme vom französi-
mit der »Division de l'Education Publique« und schen Staat.221 Auch nach Aufgabe der Zeitschrift
engagierte sich auch nach seinem offiziellen Aus- ging Döblin noch regelmäßig ins »Bureau«222 und
scheiden aus dem »Bureau des Lettres« für die konzentrierte sich nunmehr ganz auf seine Tätigkeit
französische Kulturbehörde: Er machte sie auch bei der Mainzer Akademie der Wissenschaften und
weiterhin auf Buchmanuskripte aufmerksam, die er der Literatur.223 Bis zum Verlassen Deutschlands im
im Rahmen seiner Redaktionsarbeit kennenlernte, April 1953 blieb er außerdem Angehöriger der
so etwa auf Ernst Kreuders Roman Die Unauffind- Alliierten Hohen Kommission für Deutschland.224
baren, aus dem er im Goldenen Tor Auszüge vorab-
gedruckt hatte.213 Auch bei der Planung und Grün-
dung der Mainzer Akademie der Wissenschaften 2.1.5 >Inoffizielle< kulturpolitische
und der Literatur (9. 7. 1949), die von der französi- Aktivitätennach 1945
schen Kulturbehörde maßgeblich unterstützt wur-
de, zog Raymond Schmittlein Döblin hinzu.214 Neben seiner Zensorentätigkeit (von November
1945 bis Ende März 1948) und der Vorbereitung
Mit dem Inkrafttreten des interalliierten Besat-
und Herausgabe der Zeitschrift Das Goldene Tor
zungsstatuts für Westdeutschland (21.9. 1949) und
der Ablösung der westlichen Militärregierungen
durch die Alliierten Hohen Kommissare im Zuge
der Gründung der Bundesrepublik Deutschland Cercle de Baden-Baden, 3. 11. 1948. 1 Bl. Ts. (Colmar: c . N ° 4 5 9 6
p.3 »Bureau des Lettres«).
verzichteten die Besatzungsmächte auf die Verfü-
212 Der Redakteur Wolfgang Lohmeyer konnte sich nicht an
gungsgewalt im Kultusbereich, behielten sich aller-
ein anderes Domizil in Baden-Baden erinnern.
dings bestimmte Kontrollbefugnisse auch hier 2 1 3 Vgl. hierzu den Brief von Rene Montigny an [?] Quilici.
vor.215 Dies hatte für Schmittleins Kulturpolitik in 7. 1 0 . 1 9 4 8 . 1 Bl. Ts. (Colmar: c . N ° 4 5 9 6 p. 1 d. »Listes des ecrivains
Deutschland nicht nur konzeptionell, sondern auch 1 9 4 6 / 1 9 5 0 « ) . - Die Ausschnitte aus Kreuders Roman finden sich
im Jg. 2 Η. 1, S. 4 0 - 5 0 u. H. 8 / 9 , S. 8 0 9 - 8 1 8 .
institutionell tiefgreifende Folgen.216 Die »Division
2 1 4 Vgl. unten Kap. 2.1.5.
de l'Education Publique«, die der französischen
2 1 5 Vgl. dazu im einzelnen Umlauff: Wiederaufbau des
Militärregierung unterstellt war, wurde im Oktober Buchhandels Sp. 77.
1949 aufgelöst. An ihre Stelle trat in Mainz die 2 1 6 Z u m folgenden vgl. Gilmore: France's Postwar Cultural
»Direction Generale des Affaires Culturelles«.217 Sie Policies S. 2 2 1 - 2 4 1 .
wurde bis zum Sommer 1951 von Raymond 2 1 7 Bis zur erneuten »reorganisation« im Jahr 1952 gliederte
sich die »Direction Generale des Affaires Culturelles« in die
Schmittlein geleitet, der wiederum dem Französi-
Abteilungen: »Enseignement et oeuvres«, »Spectacles«, »Docu-
schen Hohen Kommissar Andre Fran9ois-Poncet mentation« und »Rencontres Internationales«. Vgl. Gilmore:
verantwortlich war. France's Postwar Cultural Policies S. 2 2 3 A n m . 12/13.
2 1 8 Briefe S. 6 2 9 . - Erna Döblin hingegen drängte schon seit
Trotz des eingeschränkten Kulturbudgets der geraumer Zeit auf eine Ubersiedlung nach Frankreich. Vgl. Briefe
»Direction Generale des Affaires Culturelles« S. 3 9 4 (Döblin an E. u. A. Rosin, 30. 9. 1948).
konnte Döblin das Goldene Tor wunschgemäß fort- 2 1 9 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 36.
setzen. Wie sehr ihm daran gelegen war, geht aus 2 2 0 Vgl. ausführlicher unten Kap. 2.2.5 - A u c h die subventio-
einem Brief seiner Frau Erna an den Sohn Peter nierten Zeitschriften »Lancelot«, »Aussprache« und »Schola«
(Fortsetzung u.d.T. »Lebendige Schule«) mußten 1 9 5 1 / 1 9 5 2 ihr
(27. 10. 1949) hervor: Erscheinen einstellen. - Die »Direction Generale des Affaires
[...] father insists to continue this work. W e would have money Culturelles« wurde noch nicht zu diesem Zeitpunkt, sondern erst
enough to live modestly without this bureau and revue-work, 1 9 5 5 mit der Aufhebung des Besatzungsregimes aufgelöst bzw.
he is old enough, to retire, but he wishes and wants to keep dem kulturellen Dienst der französischen Botschaft einverleibt.
[sic!]. 2 1 8 Vgl. Gilmore: France's Postwar Cultural Policies S. 230. Vgl. dag.
Döblins mißverständliche Darstellung in seinem Brief an R.
Im Oktober 1949 zog Döblin mit der Redaktion Neumann vom 28. 7. 1 9 5 1 : »[...] der französische kulturelle
der Zeitschrift nach Mainz, wo sich zudem auch der Dienst hier unter Schmittlein wird eben aufgelöst und wir sind
nur noch Restbestände.« Zit. n. Briefe S. 4 2 7 . - Z u Schmittleins
Sitz der Mainzer Akademie befand. Sein Büro lag in
Rückkehr nach Frankreich 1951 vgl. unten Kap. 2.2.5.
Mainz-Gonsenheim im »Centre Mangin«, dem
2 2 1 Vgl. Minder: Begegnungen mit Döblin S. 6 4 / 6 5 . Vgl.
Dienstgebäude der »Direction Generale des Affaires ferner Huguet: Chronologie S. 1 8 0 und Meyer: Döblin-Chronik
Culturelles«.219 S. 37.
Erst mit der erneuten Reduzierung der französi- 2 2 2 Journal S. 345. - Die französischen Behörden wechselten
schen Gelder, der generell die Subventionen für später in die Zitadelle in der Mainzer Innenstadt über.
2 2 3 Vgl. z . B . Briefe S. 4 2 8 / 4 2 9 (an Peter Döblin, 11. 8.
Zeitschriften zum Opfer fielen, mußte das Goldene
1951).
Torim Mai 1951 sein Erscheinen einstellen.220 Auf 2 2 4 Vgl. das Konvolut »Bescheinigungen der französischen
Vermittlung von Andre Fran^ois-Poncet erhielt Behörden« im Nachlaß Döblins.

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226 Alexandra Birkert

(von November 1945 bis April 1951) im Dienst der Flake anzumelden: »der Verband will die Berufsin-
französischen Kulturbehörde hat Döblin - trotz teressen der Autoren vertreten und am kulturellen
seines sich zunehmend verschlechternden Gesund- Aufbau mitwirken«, hieß es in der kurzen Notiz, die
heitszustandes - eine bemerkenswerte Reihe weite- zudem ausdrücklich erwähnte, daß »ein Komitee
rer kulturpolitischer Aktivitäten entfaltet, die hier von Schriftstellern« die Gründung in die Hand
nur in ihren wesentlichsten Grundzügen skizziert genommen hätte.234 Otto Flake legte allerdings
werden sollen. Nicht immer läßt sich dabei »amtli- kurze Zeit später seinen Vorsitz im Gründungsko-
che Tätigkeit«225 exakt von privater Initiative tren- mitee unter dem Eindruck der französischen Presse-
nen, auch nicht, nachdem Döblin offiziell aus dem zensur nieder, sein Nachfolger wurde Heinrich Berl.
»Bureau des Lettres« ausgeschieden war. Gerade Der Verband Südwestdeutscher Autoren wurde
darin aber ist ein grundlegendes Charakteristikum schließlich am 29-/30. April 1947 in Lahr »im
für Raymond Schmittleins Kulturpolitik zu sehen. Beisein von Vertretern der Besatzungsmacht mit
Prägnantes Beispiel für eine solche von Schmitt- einer Ansprache Döblins«235 ins Leben gerufen.
lein geförderte Verquickung dienstlicher und priva- Erster Vorsitzender wurde Heinrich Berl. Die
ter Tätigkeiten und Ambitionen ist Döblins Initi- Verbandsmitglieder erhielten die »carte de protec-
ierung226 des Verbandes Südwestdeutscher Autoren
(VSA), der als einziger Schriftstellerverband in der
französischen Besatzungszone zugelassen worden 225 Briefes. 343.
ist. Dies entsprach nicht nur dem zentralistischen 2 2 6 Vgl. hierzu auch die Darstellung von Otto Flake: Es wird
kulturpolitischen Kurs Schmittleins, sondern Abend S. 5 6 1 : Flakes Erinnerungen implizieren, daß Döblin von
französischer Seite beauftragt war, den Autorenverband ins
durchaus auch Döblins Vorstellungen, zentrale und Leben zu rufen.
damit wirkungsstarke Institutionen zu schaffen. Die 2 2 7 S. 3 9 1 - 3 9 5 : dieser Abschnitt konnte von Buergel-Good-
Vorgeschichte dieser Verbandsgründung, die Döb- win in ihrer Arbeit über »Die Reorganisation der westdeutschen
lin in seinem Journal 1952/53 ausführlich beschrie- Schriftstellerverbände 1 9 4 5 - 1 9 5 2 « ( 1 9 7 7 ) noch nicht berück-
ben hat,227 zeigt, daß es ihm ursprünglich weniger sichtigt werden, da Döblins «Journal 1 9 5 2 / 5 3 « erstmals 1 9 7 7
veröffentlicht worden ist. - Zur Klärung weiterer Details der
um einen literarisch-gewerkschaftlichen Interes- Gründungs- und Verbandsgeschichte sei hier auf das Colmarer
senverband als vielmehr darum ging, unter den Material verwiesen, das im Rahmen dieser Arbeit nicht im
deutschen Schriftstellern »Helfershelfer« zu finden einzelnen ausgewertet werden konnte (c. N° 4 5 9 6 p. 1 d. »Listes
und eine »Aufklärungsgruppe«228 zu organisieren, des ecrivains 1 9 4 6 / 1 9 5 0 « : i n diesem Dossier findet sich u. a.auch
»um mit ihr gegen die herrschende Indifferenz und ein handschriftlicher Notizzettel Döblins mit den Namen der
folgenden Mitarbeiter der Zeitschrift: Maximilian Letsch, Götz
gegen die gefährlichen Rückstände zu kämpfen.«229 von Niebelschütz, Felix Riemkasten, Julius Steinhardt). - Aus
Döblins Versuch, Mitte Januar 1946, zunächst in der einem der Entwürfe zum »Journal 1 9 5 2 / 5 3 · (J3 in dem von
Universitätsstadt Freiburg230, eine »Aufklärungs- Kleinschmidt hrsg. Döblin-Band »Schriften zu Leben und
gruppe« zu gründen, scheiterte: Werk«; vgl. S. 6 9 3 u. S. 7 2 0 A n m . 2 3 2 ) g e h t hervor, daß Döblin für
Schmittlein »ein genaues Protokoll« des Januar-Treffens angefer-
W ä h r e n d das ganze Volk taubstumm dalag, sollten sich die tigt hat, das bisher im Colmarer Bestand nicht ausfindig gemacht
Träger des Bewußtseins, eben Leute von der Art, wie ich sie werden konnte.
eingeladen hatte, nicht kompromittierte Leute[J zusammen- 2 2 8 Journal S. 3 9 3 / 3 9 4 .
tun und zunächst miteinander sprechen. W a s ich tat, sollte nur 2 2 9 Journal S. 3 9 1 .
die Initiative sein. Bei unserer Zusammenkunft sprach dann 2 3 0 Ein Mitglied der Gruppe war vermutlich der gebürtige
widerwillig einer nach dem anderen, einzeln gebeten sich zu Elsässer und in Freiburg lebende Lyriker und Erzähler Oskar
äußern, und was sie mit Umschreibungen vorbrachten, war nur Wöhrle ( 1 8 9 0 - 1 9 4 6 ) : vgl. Schriften zu Leben und W e r k S. 7 2 0
nein. Sie wollten nicht zu einer Gruppe zusammentreten, - A n m . 234. Vgl. auch unten Kap. 2.3.2.
welche mit Franzosen kollaborierte. 2 2 3 1 Journal S. 3 9 2 .
2 3 2 Der »Kulturrat« war Ende Juli 1 9 4 5 aus einer »Kommis-
Nach diesem Fehlschlag, den Döblin auf die
sion« hervorgegangen, »die beauftragt war, die Buchhandlungen
mangelnde Bereitschaft deutscher Autoren, mit und die Stadtbibliothek von der Naziliteratur zu säubern.« Diese
einem französischen Kulturoffizier zusammenzuar- Kommission bestand ursprünglich aus vier Mitgliedern (dem
beiten, zurückführte, betraute er bei seinem näch- Verleger Herbert Stuffer, dem Schriftsteller Heinrich Berl, dem
sten Versuch ein deutsches Gremium, den Kultur- Buchhändler Dr. Moser und dem Schriftsteller Paul van der
Hurk) und wurde schrittweise erweitert: Ende Juli 1 9 4 5 trat Otto
rat der Stadt Baden-Baden,232 mit der Gründung
Flake hinzu, dann der Maler Kuhn, der Architekt Herrmann und
eines Schriftstellerverbandes. Unter dem Vorsitzen- der Verleger Woldemar Klein. Vgl. hierzu Flake: Es wird Abend
den Otto Flake wurde im September 1946 ein S. 5 4 6 / 5 4 7 (Zitat: S. 546). - Vgl. ferner Buergel-Goodwin:
Gründungs-Komitee gebildet.233 Am 1. Oktober Schriftstellerverbände Sp. 4 0 3 .
1946 wurden die Autoren der französischen Besat- 2 3 3 Z u m folgenden vgl. Buergel-Goodwin: Schriftstellerver-
bände Sp. 4 0 3 / 4 0 4 .
zungszone in den Mitteilungen für den Buchhandel
2 3 4 M f B F Z Jg. 1 Nr. 8 (1. 10. 1946) S. 123.
in der Französischen Zone eingeladen, sich bei Otto 2 3 5 Buergel-Goodwin: Schriftstellerverbände Sp. 4 0 4 .

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Das Goldene Tor 227

tion«. 236 Döblin hat die weitere Entwicklung des schen, sondern auch des literarischen und kulturel-
Verbandes mit zunehmender Skepsis verfolgt: die- len Lebens genommen, als dies in seiner Monats-
ser blieb in seinen Augen wohl oder übel »provin- schrift geschehen ist. Diese hat dadurch teilweise an
ziell«, und seine Veranstaltungen behielten >reprä- präziser Aussagekraft verloren. So hat Döblin bei-
sentativen< Charakter. 237 Von dem ursprünglichen spielsweise zu dem in anderen Zeitschriften 246
Ziel, »eine Aufklärungsgruppe, eine Kampfposition
gegen das nazistische Übel, das okkult im Lande
236 Vgl. Colmar: c. N° 4596 p. 1 d. »Cartes de Protection«.
wütete«, 238 zu kreieren, war man weit entfernt. 237 Vgl. Journal S. 3 9 3 - 3 9 5 .
Eine breite Öffentlichkeit über die nazistischen 238 Journal S. 394.
Verbrechen aufklären wollte Döblin auch mit seiner 239 Vgl. Journal S. 386/387. Vgl. ferner Meyer: Döblin-
Chronik S. 34; Schweikert: Nürnberger Lehrprozeß. - Meyer und
kleinen Broschüre Der Nürnberger Lehrprozeß. Sie
Schweikert datieren den Veröffentlichungstermin, vermutlich
erschien im Februar 1946 in einer Massenauflage Döblins »Journal« folgend, auf Ende 1946. Vgl. dag. Anm. 240.
von 2 0 0 0 0 0 Exemplaren unter dem - deutschen - 240 Le Directeur de l'Education Publique (p. o. Irene Giron):
Pseudonym Hans Fiedeler 239 und fand die Unter- Note pour Monsieur Mougin. 27. 2. 1946. 1 Bl. Ts. (Colmar: c.
stützung der »Direction de l'Education Publique«, N° 4627 p. 6 d. »Edition 1947/1949«): »Veuillez trouver ci-joint
12 exemplaires de la brochure O e r Nürnberger Lehrprozeß«.
die sich für eine Pressekampagne in den deutschen
J'estime qu'il serait utile de provoquer des comptes-rendus dans
Tageszeitungen der Zone einsetzte. 240 les journaux allemands de la zone d'occupation fran$aise efin de
Auf ein breiteres Publikum abgestimmt war auch donner une publicite aussi large que possible a cette brochure. J e
Döblins Rundfunkreihe »Kritik der Zeit«, die er, vous serais tres reconnaissante de bien vouloir me faire adresser
par vos services deux coupures de chaque compte-rendu
»eingeladen von dem Intendanten«, beim Südwest-
publie.«
funk Baden-Baden von Oktober 1946 bis April 241 Journal S. 390.
1951, das heißt auf den Monat genau parallel zum 242 Journal S. 390.
Erscheinen seiner Zeitschrift, »im Beginn alle zwei 243 Vgl. die »Programm-Nachweisungen« im Manuskript-
Wochen, später mehr unregelmäßig«,241 bestritten archiv des Südwestfunks Baden-Baden. - 1951/1952 beteiligte
sich Döblin außerdem acht Mal an der Sendereihe »Aus Literatur
hat. Döblins viertelstündige Sendung, mit der er
und Wissenschaft»: hier sind 6 Sendetyposkripte erhalten. Hinzu
dem Zwang der Serie unterworfen war und in der kommen noch einige wenige Vorträge, Lesungen und Interviews.
er »Politisches, Literarisches und allerhand vom 244 Vgl. dazu im einzelnen meinen Kolloquiums-Beitrag
Tage« 242 kommentiert hat, unterstand der Abteilung »Kritik der Zeit« (1946-1951) S. 76/77 u. S. 86/87. - Aufgrund der
»Literatur« und wurde in der Regel am frühen erweiterten Materiallage ist nun innerhalb der »Ausgewählten
Werke Alfred Döblins« im Walter-Verlag (Ölten) der Band
Sonntagabend zwischen 17 und 20 Uhr (nicht selten
»Kritik der Zeit: Rundfunkbeiträge (1946-1952). in Vorberei-
in einer Konzertpause), also zu einer recht günstigen tung, der 1990 erscheinen soll.
Sendezeit, ausgestrahlt. 243 In der Forschungslitera- 245 Von den insgesamt 83 geplanten »Kritik der Zeit«-
tur ist Döblins Tätigkeit beim Südwestfunk bisher Sendungen sind 6 9 Beiträge gesendet worden und 14 ausgefallen.
wenig beachtet worden, nicht zuletzt auch aufgrund Chronologisch betrachtet ergibt sich dabei folgendes Bild: Von
der unzulänglichen Dokumentation der Quellen- Oktober 1946 bis März 1949 hat Döblin, von einzelnen Reisen
abgesehen, mit ziemlicher Regelmäßigkeit alle vierzehn Tage
situation. Bei Recherchen im Manuskriptarchiv des
seine »Kritik« gesprochen. Im Laufe des Jahres 1949 meldete sich
Südwestfunks 244 konnten im April 1984 zu den Döblin nur noch alle drei bis vier Wochen zu Wort. Im Jahr 1950
bisher bekannten 32 Sendetyposkripten 18 weitere finden sich nur noch sechs Sendungen, von denen die letzte, für
ausfindig gemacht werden, die nahezu alle aus den den 26. 11. 1950 geplante, »aus polit. Gründen nicht gesendet«
Jahren 1946 bis 1948 stammen. Wenn auch eine wurde, wie in Döblins Honorarkartei vermerkt ist. Ein Sendety-
poskript mit dem Datum des 2 6 . 1 1 . 1 9 5 0 ist nicht erhalten. 1951
vollständige Dokumentation zu Döblins Südwest-
ist Döblin schließlich nur noch mit zwei Sendungen vertreten.
funkbeiträgen nicht möglich ist, da die Archivablage Vermutlich hat er selbst auf eine Fortsetzung der Sendereihe
in den Anfangsjahren des Südwestfunks noch nicht verzichtet, nachdem der Intendant Friedrich Bischoff im April
konsequent verfolgt worden ist und auch die soge- 1951 Döblins Sendereihe »in Zukunft auf die Spätabendzeit«
nannten Sendefahrpläne und Programm-Nachwei- verlegen wollte; vgl. Bischoffs Brief an den Leiter der Abteilung
»Kulturelles Wort«, Herbert Bahlinger, vom 4. 4. 1951 (e).
sungen für die einzelnen Sendetage und Sendungen
Nachdem auch Döblins geplanter Beitrag für die Sendung »Aus
nicht lückenlos sind, lassen sich doch immerhin Literatur und Wissenschaft« vom 13. 7. 1952 aus politischen
insgesamt 83 geplante »Kritik der Zeit«-Sendungen Gründen abgesetzt wurde, beschloß die Leitung des Südwest-
nachweisen. 245 Für die inhaltliche Konzeption sei- funks, »zunächst Herrn Dr. Döblin nicht mehr für die Reihe >Aus
ner Literaturzeitschrift ist Döblins »Kritik«-Sen- Literatur und Wissenschaft. auf[zu]fordern«; vgl. Herbert Bah-
linger: Aktennotiz betr. »Döblin« vom 21. 8. 1952 (e).
dung nicht ohne Bedeutung gewesen: Nicht selten
246 Die Zeitschrift »Ost und West« beispielsweise widmete
hat Döblin in der Rundfunksendung wesentlich ihr4. Heft des Jahrganges 1947 dem Kongreß und veröffentlichte
ausführlicher und dezidierter Stellung zu zentralen darin die einschlägigen Referate von Ricarda Huch, Günther
Themen und aktuellen Fragen nicht nur des politi- Weisenborn, Elisabeth Langgässer, Axel Eggebrecht und Alfred
Kantorowicz.

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228 Alexandra Birkert

vieldiskutierten Ersten Schriftstellerkongreß 1947 Berliner Zentralsitz verloren hatte, hinzuzuzie-


seinen eigenen Standpunkt pointiert nur in der hen.«252 Döblin »plädierte lebhaft für das Projekt«
Rundfunksendung formuliert. Hier äußerte er sein und wurde »mit der ersten Formierung der Litera-
Mißfallen über den »sogenannten 1. deutschen turabteilung befaßt«,253 wobei er nach kurzer Zeit
Schriftstellerkongreß«, der vom 4. bis 8. Oktober den ehemaligen Vorsitzenden der alten Sektion für
1947 in Berlin stattgefunden hatte, da dieser auf Dichtkunst, Walter von Molo, heranzog.
Initiative und Einladung des Berliner Schutzverban- Bis zum Jahr 1953, unter Döblins Vorsitz, gehör-
des Deutscher Autoren in Ostberlin eigenmächtig ten der Literaturklasse neben Walter von Molo - in
einberufen worden sei - »ohne Befragung und der Reihenfolge ihres Eintretens254 - Wilhelm
Einvernehmen mit den anderen Verbänden«.247 Hausenstein, Manfred Hausmann, Hans Henny
Döblin sprach dem Kongreß, bei dem die Vertreter Jahnn, Hermann Kasack, Bernhard Kellermann,
aus der sowjetischen Besatzungszone in der Über- Annette Kolb, Wilhelm Schmidtbonn, Wilhelm
zahl waren, denn auch das Attribut »allgemeiner« Speyer, Ernst Kreuder, Werner Milch, Hans Erich
Schriftstellerkongreß ab. Er monierte ferner, daß Nossack, Reinhold Schneider, Martin Kessel, Elisa-
nur ein einziger »Beobachter« aus der französischen beth Langgässer, Ernst Penzoldt, Friedrich Bischoff,
Besatzungszone teilgenommen habe, Heinrich Berl, Erich Kästner, Horst Lange, Friedrich Schnack,
der zugleich Vorsitzender des neugegründeten Ver- Frank Thieß, Albrecht Schaeffer und Wilhelm Leh-
bandes Südwestdeutscher Autoren war. In seiner mann an.
Zeitschrift veröffentlichte Döblin in unmittelbarem In seinem Bericht für das Jahrbuch 19 5 0255 der
Anschluß an einen von Wolfgang Grothe verfaßten Mainzer Akademie hat Döblin, der im Frühjahr
instruktiven kurzen »Bericht vom I. Deutschen 1950 auf zwei Jahre zum Vorsitzenden der Klasse
Schriftsteller-Kongreß« (II 11/12, S. 1118-1120) 248 der Literatur und damit zum Vizepräsidenten der
- dem ein Briefwechsel vorausgegangen war, in dem Akademie gewählt worden war, den Aufgabenkata-
Döblin seine Ansicht über den Kongreß klargelegt log der Literaturklasse in fünf Punkten knapp
hatte - demonstrativ seinen Bericht über die »Erste skizziert, die im wesentlichen seine Handschrift
Tagung des »Verbandes südwestdeutscher Au- tragen und die - zum Teil ausdrücklich - an die
toren.« (II 11/12, S. 1120-1122), die vom 7.-9. kulturpolitischen Aktivitäten der Sektion für
November 1947 in Lahr stattgefunden hatte. Dabei Dichtkunst anknüpfen: Mit der Schriftenreihe Ver-
streifte er zu Beginn nur in einem kurzen »Seiten- schollene und Vergessene sollten »einige bedeutende
hieb« die Berliner und »ihren selbsternannten »allge- Dichter der vergangenen Jahrzehnte, die infolge
meinen Schriftstellerkongreß««.
In seiner Südwestfunkreihe, die er völlig unab-
hängig von der Mitarbeit anderer Autoren gestalten
konnte, ist Döblin die angestrebte »präzise Linie«249 2 4 7 Kritik der Zeit vom 19. 10. 1947. 6 Bl. Ts. (e). Bl. 1.
2 4 8 Bei Zitaten aus der Zeitschrift »Das Goldene Tor« sind die
weit eher als in seiner Zeitschrift gelungen. Die Jahrgangs-, Heft- und Seitenzahlen in runden Klammern in den
Rundfunktexte bieten demzufolge eine aufschluß- laufenden T e x t eingefügt, u m den Anmerkungsapparat zu
reiche und kontrastreiche Begleitlektüre zum Gol- entlasten und zugleich eine rasche Orientierung über den
denen Tor. Zeitpunkt einer Veröffentlichung zu ermöglichen. Die einzelnen
Jahrgänge werden dabei durch römische, die Heftnummern
Auch mit der Gründung der Literaturklasse der durch arabische Ziffern wiedergegeben.
Mainzer Akademie der Wissenschaften und der 2 4 9 BriefeS. 3 5 1 .
Literatur, die am 9-Juli 1949 in Worms ins Leben 2 5 0 Vgl. hierzu wie zum folgenden Meyer/Doster: Döblin-
gerufen und von französischer Seite maßgeblich Katalog S. 51 u. S. 4 6 9 / 4 7 0 . - Das von Carl August E m g e
unterzeichnete und den französischen Behörden vorgelegte
unterstützt wurde,250 verfolgte Döblin ursprünglich
Papier »Erste Gedanken zur Gründung einer Akademie der
das Ziel, eine Institution zu schaffen, die »an die Wissenschaften« datiert vom 2 7 . 4 . 1 9 4 9 (Colmar: c. N° 4 6 2 9 p. 4
Öffentlichkeit treten« und zur »Beeinflussung der d. »Academie des Sciences et Lettres«). In den umfangreichen
deutschen Mentalität«251 beitragen sollte: Döblin, zu Colmarer Dossiers zur Mainzer Akademie konnten leider im
diesem Zeitpunkt bereits aus dem »Bureau des Rahmen dieser Arbeit konkrete Spuren und Belege von Döblins
»Mitspräche« nicht gesichtet und gesichert werden.
Lettres« ausgeschieden, war von Raymond Schmitt-
251 Journal S. 4 0 8 .
lein bei den Vorverhandlungen mit ehemaligen 2 5 2 Journal S. 406.
Mitgliedern der Preußischen Akademie der Wissen- 2 5 3 Journal S. 4 0 6 .
schaften um das Projekt einer in den Westzonen 2 5 4 Vgl. die Mitgliederverzeichnisse in den Jahrbüchern
neuzugründenden Akademie der Wissenschaften der Mainzer Akademie. Vgl. Meyer/Doster: Döblin-Katalog
S. 4 6 9 / 4 7 0 .
herangezogen worden, als der Plan auftauchte,
2 5 5 Akademie der Wissenschaften und der Literatur. Jahr-
»vielleicht auch die Literatur, die ebenfalls ihren buch 1950, S. 7 2 - 7 5 .

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Das Goldene Tor 229

der Zeitverhältnisse zu Unrecht in Vergessenheit formulieren und durchsetzen konnte, läßt sich nicht
geraten sind, der Öffentlichkeit, vor allem der mehr rekonstruieren. Schriftlich fixiert sind
Jugend«, 256 anempfohlen werden. Ein Teil der Auf- Schmittleins Vorstellungen zu dem Zeitschriften-
lage sollte daher an Universitäten, Volkshochschu- projekt lediglich in einem knapp einseitigen Gut-
len und »ähnlichen Einrichtungen« 257 verteilt und achten, 265 das er im Mai 1946 für Döblins »Demande
damit die »Herstellung und Befestigung einer litera- de Licence d'Edition« bei der »Direction de l'Infor-
rischen Tradition«258 gefördert werden. Zweitens mation« erstellt hat und das in allen wesentlichen
sollte mit Hilfe von Vortragsreihen »der Kontakt Punkten mit Döblins Geleitwort zum ersten Heft
der Schriftsteller zu der geistig regsamen Jugend der Zeitschrift übereinstimmt. 266
und dem interessierten Publikum lebendiger gestal- Sieht man von der Abstimmung der beiderseiti-
tet, vor allem aber auch die Verbindung zwischen gen Vorstellungen auf persönlicher Gesprächsebene
Literatur und Wissenschaft gefördert werden.«259 einmal ab, so dürfte Döblin, allen weiteren Anzei-
Des weiteren sollten Dichter-Nachlässe verwahrt chen nach, weitgehend unabhängig bei der Heraus-
und verwaltet, Preise und Arbeitsstipendien bei gabe der Zeitschrift gewesen sein. Er mußte zwar,
»aussichtsreichen literarischen Arbeiten« gewährt diese Regel galt grundsätzlich für jede Veröffentli-
und die »stark beeinträchtigten Beziehungen der chung und damit auch für die französischen Mitglie-
deutschen Literatur zum Ausland*260 durch die Wahl der des »Gouvernement Militaire en Zone Frangaise
korrespondierender Mitglieder sowie durch Aus- d'Occupation«, einen Antrag auf Druckgenehmi-
landsreisen gestärkt werden. gung (»Demande d'Edition«)267 bei der »Direction de
Döblin selbst hat nach 1945 zahlreiche Vortrags- l'lnformation« einreichen (5. Juni 1946). Bei der
reisen in Deutschland unternommen, die ihn im Erteilung der Lizenz 268 am 16. Juli 1946 wurde
Sommer 1947 zum ersten Mal nach dem Zweiten
Weltkrieg auch wieder nach Berlin geführt haben.261
Nicht zuletzt hat er sich auch um die Veranstaltung 2 5 6 Jahrbuch 1950, S. 73.
257 Jahrbuch 1950, S. 73.
deutsch-französischer Gesellschaftsabende in Ba-
2 5 8 Vornotiz zum Arno Holz-Band S. 5.
den-Baden bemüht, um zwischen > Siegern und 2 5 9 Jahrbuch 1950, S. 7 4 (Hervorheb. im Original).
Besiegten* zu vermitteln. 2 6 0 Jahrbuch 1950, S. 7 5 (Hervorheb. im Original).
Die Vielzahl und Ausrichtung von Döblins >inof- 261 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 34.
262 Prangel: Döblin S. 106.
fiziellen< kulturpolitischen Aktivitäten zeigen nicht
2 6 3 Vgl. oben Kap. 2.1.3.
nur, »wie wenig er auch im Alter willens war, sich im 2 6 4 Vgl. Briefe S. 324.
deutschen literarischen Leben mit einer Rolle im 2 6 5 Note pour Monsieur le Directeur de l'Infornation. 1 Bl.
Hintergrund zu bescheiden«.262 Sie sind vielmehr Durchschi. m. hs. Zusatz . 2 8 mai 4 6 . (Colmar: c. N° 4 5 8 0 p. 3 d.
vor allem auch Ausdruck davon, wie sehr sich »Das Goldene Tor«), Text im Anhang.
2 6 6 Ob Döblins Geleitwort zu diesem Zeitpunkt (28. 5 . 1 9 4 6 )
Döblin mit seiner >beruflichen< Rolle in der Umer-
bereits vorlag, bleibt fraglich. Der Titel der Zeitschrift, auf den
ziehungs- und geistigen Wiederaufbau-Arbeit in Döblins Einleitung Bezug nimmt, stand Anfang April fest. Das
Deutschland identifiziert hat. Manuskript des 1. Heftes ist von Döblin am 22. 6. 1 9 4 6 an den
Verlag geschickt worden. Vgl. Briefe S. 3 4 1 / 6 1 0 ; Deutsche
Literatur im Exil S. 2 0 7 ; Meyer: Döblin-Chronik S. 34.
2.2 D e r äußere R a h m e n der Zeitschrift 2 6 7 In den Colmarer Akten findet sich das von Döblin am
5. 6. 1 9 4 6 handschriftlich in Französisch ausgefüllte zweispra-
2.2.1 Z u r Gründung der Zeitschrift: chige Formular N ° 4 der »Direction de l'lnformation« (»Rensei-
gnements desires Sur chaque Auteur presentant une Demande
Initiative, Lizenz und Kontrolle durch
d'Edition«) in zwei, nur leicht voneinander abweichenden Fas-
die französische Besatzungsbehörde sungen (c. N ° 4 5 8 0 p. 3 d. »Das Goldene Tor«). Text im Anhang. -
Neben Döblin mußten auch der Redakteur Anton Betzner(29. 5.
Wie schon erwähnt, hat Döblin bereits in Amerika 1946) und der Verleger Wilhelm Dreecken ( 1 1 . 6 . 1946) die
erfahren, daß er in der französischen Besatzungs- »Licence d'Edition« beantragen.
zone in Deutschland eine literarische Zeitschrift 2 6 8 Le Directeur de l'lnformation (ρ. ο. Le Chef de la Section
herausgeben sollte: 263 die Initiative zur Gründung de Presse, C. Loutre) a Monsieur Wilhelm Dreecken / Moritz
Schauenburg Verlag, 16. 7. 1946. 1 Bl. Durchschi. (Colmar: c.
des Goldenen Tors erfolgte demnach von französi-
N ° 4 5 8 0 p. 3 d. »Das Goldene Tor«). - Die »Licence d'Edition«
scher Seite, ist vermutlich Raymond Schmittlein enthält keine V i s u m - N u m m e r der »Direction de l'lnformation«.
zuzuschreiben. Die Grundzüge der geplanten Zeit- Auch im Impressum der Einzelhefte findet sich kein Sichtver-
schrift dürften allerdings erst in späteren Gesprä- merk. Dies läßt allerdings nicht unbedingt auf den Sonderstatus
chen zwischen Döblin und Raymond Schmittlein in der Zeitschrift schließen, da die Angabe der Lizenz-Nummer im
Impressum der Einzelhefte offenbar für Zeitschriften in der
Paris und Baden-Baden abgesteckt worden sein.264
französischen Z o n e nicht obligatorisch war. - Mit den Colmarer
Inwieweit Döblin hierbei eigene Konzeptionen Unterlagen nicht übereinstimmend ist die Angabe im »Hand-

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230 Alexandra Birkert

COMMANDEMEMl I N C H I f F R A N ^ A I S EN A t t t M A & N E

SJUIK'W
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Abb. 2: Alfred Döblins Lizenzantrag für »Das Goldene Tor« vom 5. Juni 1946
(Text siehe Anhang) (2)

allerdings die Vorzensur und Papierzuteilung für die buch der Lizenzen deutscher Verlage« (1947), wonach Wilhelm
Einzelhefte nicht wie sonst im allgemeinen bei Dreecken für das »Goldene Tor« die Lizenz-Nr. 1444 bereits am
19. 1. 1946 erhalten hat.
Zeitschriften und Zeitungen in der französischen
269 Auch hier gab es allerdings bemerkenswerte Ausnahmen.
Zone der »Direction de l'Information«,269 sondern So begutachtete Döblin mehrmals Beiträge (z.B.Julius Merkl:
ausdrücklich der »Direction de l'Education Publi- Baustile des modernen Staates) für die Zeitschrift »Universitas«,
que« überantwortet.270 Das Goldene Tor steht damit deren Schriftleitung in Tübingen saß, die aber mit amerikanischer
in der schmalen Reihe der Zeitschriften, die von Lizenz in Stuttgart verlegt wurde. Außerdem wurde seine
Meinung bei Lizenzanträgen anderer literarischer Zeitschriften
Schmittleins Behörde »de fa$on autonome«271 publi-
eingeholt (»Die Brücke«, »Pandora«, »Bucht der Stille«). Dies mag
ziert wurden, wie etwa die Schola, Das Kunstwerk darin begründet gewesen sein, daß Döblins »Bureau des Lettres«
und Die Aussprache.212 Auch ließen sich in den die fachliche Kompetenz für Veröffentlichungen aus dem
französischen Besatzungsarchiven keinerlei An- Bereich der Belletristik und der Wissenschaft zugeschrieben
haltspunkte dafür finden, daß Döblins Zeitschrift wurde. Vgl. hierzu Döblins Zensurgutachten N° 1172, 1434,
1435, 1597, 1706, 1707, 2061, 2063. Siehe auch die im Anhang
von einer Abteilung der »Direction de l'Education
abgedruckten Zensurgutachten zu »Pandora« und »Bucht der
Publique«, etwa der »Sous-Direction Etudes et Stille«.
Documentation«, kontrolliert worden wäre. 270 »La censure devra en entre exercee par la Direction
Für eine weitgehend freie Hand bei der Heraus- de l'Education Publique qui vous fournira en meme temps
l'attribution de papier.« - Bei der Erhöhung der Auflage im
gabe der Zeitschrift spricht auch, daß weder Titel-
Sommer 1947 wurde die »Direction de l'Information« lediglich
blatt und Impressum noch das Geleitwort den der Form halber um ihre Zustimmung gebeten. Vgl. hierzu den
dahinterstehenden Auftraggeber erwähnen. Op- Schriftwechsel in Colmar (c. N° 4 5 8 0 p. 3d. »Das Goldene
tisch hervorgehoben wurde auf dem Titelblatt viel- Tor«),
mehr der Herausgeber Alfred Döblin. Schmittlein 271 R. Schmittlein: Note (29. 5. 1948) Bl. 1.
272 Zu unterscheiden sind also nicht nur »die Zeitschriften,
setzte offensichtlich auf den zugkräftigen Namen
die von der Militärregierung herausgebracht oder auch nur
des Autors. unterstützt wurden« und »jene Zeitschriften, die auf persönliche

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Das Goldene Tor 231

Liest man in Döblins autobiographischen Schrif- ist,281 vor allem deutsche Autoren des Inlandes zu
ten die entsprechenden Passagen zur Gründung der Wort: Hanns Braun, Wilhelm Hausenstein, Carlo
Zeitschrift, 273 so gewinnt man den Eindruck, das Schmid, Otto Feger, Paul Ε. H. Lüth, Friedhelm
Goldene Tor gehe auf Döblins eigene Initiative Kemp, Wilhelm Boeck und Dora Tatjana Söllner
zurück: die französischen Behörden werden im (neben den Exilautoren Heinrich Mann, Albert
Kontext der Zeitschrift mit keinem Wort erwähnt. Ehrenstein und Döblin).
Nicht zuletzt zeugt dies für das Selbstverständnis Betzner, der bis zum Sommer 1949 in der
Döblins als Herausgeber des Goldenen Tors, und dies Redaktion des Goldenen Tow geblieben ist und dann
ist als ein weiteres Indiz dafür zu lesen, daß Döblin in zum Südwestfunk Baden-Baden wechselte, ist im
der Redaktion der Zeitschrift weitgehend freie Impressum der Zeitschrift mit keinem Wort
Hand hatte. erwähnt; hingegen wurde er in den Akten der
französischen Besatzungsbehörden, namentlich in
der »Licence d'Edition«, neben Döblin als »Redac-
teur en Chef« geführt. Auch Raymond Schmittlein
2.2.2 Die Redakteure: Anton Betzner, spricht in seinem Gutachten zum Lizenzantrag von
Herbert Wendt, Wolfgang Lohmeyer der »intention des auteurs«. Und wie Döblin hatte
Wenige Tage nach seiner Ankunft in Baden-Baden auch Betzner eigens bei der »Direction de l'Informa-
begann Döblin bereits mit der Redaktionskorre- tion« eine »Demande d'Edition« 282 einzureichen, in
spondenz. Forciert wurde insbesondere die zeitauf- der er die folgenden Angaben zur Person machte:
wendige Kontaktaufnahme mit den Emigranten.
Bis Ende März 1946 saß Döblin allerdings noch Initiativen zurückzuführen waren« (Vaillant: Die Zeitschriften
»solo im >bureau des lettres<« und mußte »eigenhän- S. 141). Finanziell subventioniert und/oder mit Papier (aus dem
dig (weil ohne Stenodactylo) ein Dutzend Briefe Kontingent der .Direction de l'Education Publique«!) ganz oder
schreiben«.274 Erst im April 1946 - das erste Probe- teilweise unterstützt wurden auch Zeitschriften, die einer Privat-
initiative entsprungen waren, so ζ. B. »Lancelot« oder •Dokumen-
heft war bereits im Satz275 - bekam Döblin einen
te«. Festzuhalten bleibt ferner, daß beide Abteilungen, die
Sekretär gestellt, den Maschinenschlosser Kirst.276 »Direction de l'Education Publique« wie die »Direction de
Zur gleichen Zeit ist auch Anton Betzner (1895- l'Information«, über eigene Subventionsmittel (Gelder, Papier-
1976) als Redakteur für die Zeitschrift eingestellt kontingent) verfügten, die sie unabhängig voneinander einsetzen
worden. 277 Döblin kannte ihn bereits aus den Berli- konnten. Vgl. hierzu auch Schmittleins Klagen über die Unter-
stützung der >kommunistischen< Zeitschrift »Umschau« durch
n e r j a h r e n : im Jahr 1927 hatte Döblin im Rahmen
die »Direction de Pinformation« in seiner »Note sur l'Informa-
eines Nachwuchswettbewerbs der Literarischen tion« (30. 1. 1948) Bl. 3.
Welt u. a. für Anton Betzner und seinen Roman 273 Vgl. Schicksalsreise S. 372-374; Journal S. 396-399.
Antäus votiert. 278 Wie der Kontakt nach 1945 274 Briefe S. 339 (an H. Kasack, 25. 3. 1946). - Für die
zustandegekommen ist, ob Döblin Betzner als Quellenlage bedeutet dies, daß gerade die programmatischen
Redakteur vorschlagen konnte, bleibt fraglich, wenn Briefe der ersten Zeit nur im Original (nicht in Durchschlägen)
existieren und daher beim jeweiligen Briefempfänger zu suchen
auch zu vermuten. Den ursprünglichen Plan, Paul sind (was bei den Exilautoren mit besonderen Schwierigkeiten
Ε. H. Lüth (1921-1986) als Redakteur heranzuzie- verbunden ist).
hen, hatte Döblin wieder fallengelassen, da dieser 275 Vgl. Briefe S. 341 (an R. Leonhard, 2. 4. 1946).
»offenbar viel zu selbständig [war], um irgendwo nur 276 Diesen Hinweis verdanke ich Friedrich Sonntag, der den
>mitwirken< zu wollen. [...] Worauf ich persönlich Sekretär Kirst im November 1946 abgelöst hat.
277 Frau Helen Betzner (Javea/Alicante) sei an dieser Stelle
aus war, war: einen Redakteur zu haben, der zusam- für ihre Hinweise und Auskünfte gedankt. - Vgl. auch Briefe
men mit mir die Zeitschrift macht, deren Grund- S. 343.
züge, allgemeinen und besondern Plan ich schon 278 Vgl. BriefeS. 343 (an Ρ. Ε. H. Lüth,6. 5.1946).-Vgl. auch
festgelegt hatte.«279 Anton Betzner dürfte Döblin - Meyer: Döblin-Chronik S. 34.
einmal ganz abgesehen vom ständig wachsenden 279 BriefeS. 343.
280 Im Colmarer Archiv erhalten ist ein 42 Seiten starkes,
Arbeitsanfall im »Bureau des Lettres« - als Verbin- geklammertes Umbruch-Exemplar der ersten Nummer (Jg. 1
dungsmann zu den in Deutschland gebliebenen Nr. 1: April 1946), in dem noch einige Seiten leer geblieben sind
Autoren wichtig gewesen sein. Waren im ersten, von (c. N° 4580 p. 3 d. »Das Goldene Tor«),
Döblin noch allein redigierten Probeheft vom April 281 Vgl. den Brief des Moritz Schauenburg Verlages
1946280 überwiegend deutsche Exilautoren vertre- (W. Dreecken) an die Direction de l'Information / Section de
Presse (C. Loutre) vom 28. 11.1946.1 Bl. Ts. (Colmar: c. N° 4580
ten (Bertolt Brecht, Heinrich Mann, Ludwig Marcu- p. 3 d . »Das Goldene Tor«).
se, Döblin), so kamen in der endgültigen Fassung der 282 Betzners Antrag vom 29. 5. 1946 liegt eine Schreibma-
ersten Nummer, die schließlich im Oktober 1946 schinenabschrift des von Döblin verwendeten, üblichen Formu-
- mit dem Impressum »September« - erschienen lars zugrunde. 2 Bl. Ts. (Colmar: c. N° 4580 p. 3 d. »Das Goldene
Tor«),

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232 Alexandra Birkert

Nom et prenom Anton Betzner


Lieu et date de naissance 13.1. 1895, Köln a. Rh.
Nature des etudes Gymnasium, Kompositionsstudium
Adresse actuelle Baden-Baden, Müllenbach 90
Professions successives Freier Schriftsteller
Adhesion ou opposition au Parti (192. - 1 9 4 5 ) Nicht Mitglied der Partei oder einer Formation gewesen. Gegnerische
Beiträge in der Frankfurter Zeitung. Die Romane: Antäus und Die
Gebundenen wurden auf Befehl der Gestapo eingestampft.
Activites civiles ou militaires (1940-1945) Freier Schriftsteller im Auftrag der Frankfurter Zeitung. Nach Verbot
der Zeitung Arbeit und Lektorat für den Societäts-Verlag.
Activites litteraires, scientifiques, artistiques, ou culturelles Romane, Novellen, viele Berichte und Essays in der Frankfurter
dans le passe ou le present Zeitung, vor 1933 in der Neuen Bücherschau, ferner Hörspiele und
Hörberichte.
Productions anterieures dans ces domaines (ouvrages ou Romane, Novellen, Berichte.
travaux)

Mit Anton Betzner saß also ein deutscher Autor hatte dort die Chefredaktion der Halbmonatsschrift
in der Redaktion der Zeitschrift, der selbst zwar kein Weltpresse289 angetreten, die jedoch ihr Erscheinen
>eigenwilliges< Profil zeigte, der aber auf der anderen mit der Währungsreform hatte einstellen müssen.
Seite aus dem Umkreis der renommierten Frank- Wendt traf darauf in Döblins Redaktion ein und
furter Zeitung und des ihr nahestehenden Societäts- blieb bis kurz vor Döblins Umzug nach Mainz im
Verlages stammte. Bis zum Verbot im August 1943 Oktober 1949 Redaktionsmitglied. Er widmete sich
hatte sich die Frankfurter Zeitung gerade auch in vor allem dem »Chronik und Kritik«-Teil der Zeit-
ihrem >Kulturteil< zum Markenzeichen bürgerlich- schrift.
liberaler Opposition gegen das nationalsozialisti- Die Nachfolge von Anton Betzner und Herbert
sche Regime entwickelt;283 neben Wilhelm Hausen- Wendt, zwischen denen sich im Laufe der gemein-
stein, der seit April 1934 das »Literaturblatt« der samen Redaktionsarbeit ein freundschaftliches Ver-
Frankfurter Zeitung geleitet hatte284 und der seiner- hältnis entwickelt hatte, trat schließlich in der
seits nach 1945 offenbar wichtige Vermittlerdienste zweiten Hälfte des Jahres 1949 Wolfgang Lohmeyer
für Döblins Zeitschrift leistete,285 hatten dort Elisa- (geb. 1919) an.290 Döblin war bereits Ende 1946 bei
beth Langgässer, Isolde Kurz, Werner Bergengruen,
Hermann Hesse, Horst Lange, Stefan Andres,
Annette Kolb, Marie Luise Kaschnitz u. a. veröf- 283 Vgl. Hepp: Der geistige Widerstand S. 187; Werber:
»Frankfurter Zeitung«.
fentlicht.
284 Vgl. Hepp: Der geistige Widerstand S. 110-131.
Anton Betzners Charakterisierung des Zeitschrif- 285 Vgl. u. a. den Brief von Walter Schmiele an W. Hausen-
tenprojektes in seiner »Demande d'Edition« (»Na- stein vom 31. 3. 1946 (DLA): »Dieser Tage lud mich Herr Dr.
ture du manuscrit presente. But propose. Tendance Döblin zur Mitarbeit an seiner neuen Zeitschrift ein und berief
sich dabei auf Sie.«
general«) folgt nahezu wörtlich Döblins französi-
286 Vgl. oben Kap. 2.2.1.
scher Fassung;286 diese datiert zwar erst vom 5. Juni 287 Döblin: »Une Revue litteraire intitulee [ . . . ] ayant pour
1946, während Betzners Antrag das Datum des but au moyen [...]«. Betzner: »Eine literarische Revue betitelt [... ]
29. Mai trägt, einige Formulierungen287 lassen Sie plant vermittels [...]«.
jedoch darauf schließen, daß Döblin der Autor 288 Die folgenden Angaben verdanke ich seiner Frau Inge-
borg Wendt (Baden-Baden) sowie Frau Helen Betzner. - Fried-
dieser Projektbeschreibung war. Döblin bestimmte
rich Sonntag, bis Oktober 1948 Döblins Sekretär, konnte sich
offenbar die Grundzüge der Zeitschrift und zeich- nicht erinnern, daß Herbert Wendt vor seinem Ausscheiden in
nete auch allein mit seinem Namen verantwort- die Redaktion eingetreten ist.
lich. 289 Weltpresse. Politik. Wirtschaft. Kultur. Pressestimmen
der Welt. Die deutsche Meinung. Ein Halbmonatsblatt. Chefre-
Nach der Währungsreform im Juni 1948 trat daktion : Herbert Wendt. Jg. 1 (1947) - 2 (1948) Nr. 8. Metzingen:
außerdem Herbert Wendt (1914-1979) 2 8 8 in die Weltpresse-Verlag.
Redaktion des Goldenen Tors ein. Wendt, der Ger- 290 W. Lohmeyer, dem an dieser Stelle für ein ausführliches
manistik und Naturwissenschaften studiert hatte Gespräch in München und umfangreiche wie bereitwillig erteilte
und sich später einen Namen als Tierbuchautor schriftliche Auskünfte gedankt sei, konnte den genauen Einstel-
lungstermin nicht mehr rekonstruieren (2. Hälfte 1949). Auf
machte, war im Herbst 1947 von Berlin nach jeden Fall war er noch in Baden-Baden kurze Zeit tätig und
Baden-Baden (Kappelrodeck) übergesiedelt und bereitete den Umzug nach Mainz im Oktober 1949 mit vor.

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Das Goldene Tor 233

der Zensurlektüre auf Lohmeyer aufmerksam daß vielversprechende Alternativen zu diesem Zeit-
geworden und hatte erwogen, einige Gedichte von punkt kaum geboten waren. Führende Verlagshäu-
ihm im Goldenen Tor zu veröffentlichen. 291 Auch ser der Weimarer Republik (ζ. B. S. Fischer, Insel,
Lohmeyer konnte bereits redaktionelle Erfahrun- Rowohlt) waren entweder noch im Exil oder aber in
gen nachweisen. Nachdem er noch vor dem Krieg einer der anderen Besatzungszonen niedergelassen
einige Fachsemester Germanistik hatte studieren und damit für Döblins Zeitschriftenprojekt >uner-
können, war er nach seiner Entlassung aus amerika- reichbar<. Immerhin meldeten Peter Suhrkamp, 299
nischer Kriegsgefangenschaft in Frankreich als der Treuhänder des S. Fischer Verlages, der im
Theaterkritiker und Redakteur beim Süd- West-Echo britischen Sektor Berlins am 26. Oktober 1945 die
und Badener Tagblatt in Baden-Baden tätig gewe- erste Lizenz für einen belletristischen Verlag erhal-
sen. Lohmeyer, der halbtags angestellt war, besorgte ten hatte, wie auch Heinrich Maria Ledig-
die redaktionelle Tagesarbeit und traf eine Voraus- Rowohlt 300 in Stuttgart im Frühjahr 1946 ihr verle-
wahl für Döblin, dem er zudem einen Großteil der gerisches Interesse an Döblins Werken an. Für die
Manuskripte vorlesen mußte.292 Die endgültige im Dienst der französischen Kulturbehörde heraus-
Auswahl und letzte Entscheidung behielt sich Döb- gegebene Zeitschrift dürfte jedoch ein Verlag außer-
lin auch jetzt noch selbst vor, ließ offenbar jedoch halb der eigenen Zone indiskutabel gewesen sein,
»mit sich reden«.293 Lohmeyer mußte schließlich und dies nicht nur aus technischen Erwägungen.
nach Streichung der französischen Subventionen Schmittlein mag vielmehr gehofft haben, gerade
im Juli 1951 entlassen werden. durch Döblins Beziehungen und seine Herausge-
bertätigkeit bedeutende zeitgenössische deutsche
(Exil-)Autoren und Verleger für seine Zone gewin-
nen« zu können. 301 Verhandlungen, die Hans
2.2.3 Verlag, Vertrieb und Verbreitung:
»... die Zeit der großen soliden Verlage
ist vorbei ...«294 Lohmeyer übernahm auf Döblins Bitte die Redaktion, als
Betzner - im Guten - ausschied. Z u m auch weiterhin guten
Ob Döblin selbst oder aber die französischen Behör- Verhältnis zwischen Döblin und Betzner vgl. ζ. B. Briefe S. 4 4 8
den die Verlagsverhandlungen für die Zeitschrift (an A . Betzner, 1 1 . 3. 1952).
geführt haben, ließ sich nicht mehr ermitteln. 295 2 9 1 Vgl. Döblins Brief an W . Lohmeyer, 4. 12. 1 9 4 6 (1).
Vermutlich waren es primär technische Gründe, die 292 Vorlesearbeiten für den extrem kurzsichtigen Döblin
haben auch Herbert W e n d t und Döblins Mainzer Sekretärin
für die Wahl des alteingesessenen Verlages Moritz
Marianne Sorsky (gest. I 9 6 0 in Mainz) übernommen.
Schauenburg (gegründet 1792) im nahegelegenen 2 9 3 »Die Auswahl traf Döblin selber. Manchmal war ich über
Lahr sprachen, der über eine hauseigene Druckerei die A r t der Zusammenstellung etwas verwundert. Er ließ darüber
und Buchbinderei verfügte und damit auf eine natürlich mit sich reden - aber die Entscheidung behielt er sich
verhältnismäßig zügige Herstellung hoffen lassen selbst vor.« W . Lohmeyer in einem Brief an die Verfasserin, 26. 8.
1980.
konnte. Das Verlagsprogramm des »Buch-, Zei- 2 9 4 Briefe S. 3 4 7 (an A . u. E. Rosin, 13. 6. 1946).
tungs-, Zeitschriften-, Musikalien-Verlages«, wie er 2 9 5 Im Archiv des Verlages Moritz Schauenburg sind keiner-
sich im Briefbogenkopf auswies, konzentrierte sich lei Unterlagen zu Döblins Zeitschrift mehr erhalten.
auf Musikalien, Kinderbücher, Romane, Kalender 2 9 6 Vgl. Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 1 7 1 8 . -
Die Verlagslizenz war W i l h e l m Dreecken bereits am 19. 1. 1 9 4 6
und Sprachlehre. 296 Dem Trend der Zeit entspre-
erteilt worden. W i e aus Umlauffs Liste der Verlagslizenzen
chend finden sich in der Produktion der ersten (Sp. 1 6 8 3 - 1 7 2 0 ) zu ersehen ist, wurden in der französischen
Nachkriegsjahre auch >populäre< Klassiker der Zone zunächst v. a. religiöse Verlage sowie Kinder- und Jugend-
Weltliteratur wie Schiller (Gedichte), Heine (Buch buchverlage zugelassen.
der Lieder), Andersen (Märchen) u. a.297 Mit renom- 2 9 7 Vgl. MfBFZ Jg. 1 Nr. 1 0 (1. 12. 1 9 4 6 ) S. 164.
2 9 8 »L'intention des auteurs est de creer une revue litteraire
mierten zeitgenössischen > Hausautoren« konnte der
serieuse du genre de l'ancienne >Neue Rundschau« ou de la
Verlag freilich nicht aufwarten. >Nouvelle Revue Fran^aise«.« R. Schmittlein: Note (28. 5. 1946).
Mit der Entscheidung für das Haus Schauenburg, 2 9 9 Vgl. Suhrkamps Brief an Döblin vom 2 1 . 5. 1946. In:
S. Fischer-Katalog S. 6 8 7 ; eine A n t w o r t Döblins ist danach nicht
in dessen Verlagsprogramm eine anspruchsvolle
nachzuweisen.
Zeitschrift für Literatur und Kunst ein Kuriosum 3 0 0 Vgl. Ledig-Rowohlts Brief an Döblin vom 9. 2. 1 9 4 6
bleiben mußte, war eine wichtige Weiche gestellt: (DLA*).-Vgl. ferner Döblins Brief an G.Tergitvom 2 5 . 1 0 . 1 9 4 6 :
Zur Verlegerzeitschrift, wie sie die von Raymond »Sie schreiben von Verlagen, Fischer und Rowohlt. Fischer
Schmittlein zum Vorbild deklarierte Neue Rund- existierte in Stockholm und ging dann nach Amerika, und sein
Nachfolger Suhrkamp arbeitet nicht aus Papiermangel. A u s dem
schau Samuel Fischers gewesen ist,298 konnte sich Rowohltverlag werde ich noch nicht klug.· Zit. n. Glauert:
das Goldene Tor unter diesen Umständen nicht Radioessay S. 12.
entwickeln, wobei man aber nicht übersehen darf, 3 0 1 Vgl. unten Kap. 2.3.3.

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234 Alexandra Birkert

Paeschke im Winter 1945/1946 mit Döblin und Berlin, Kritik anklingt am pompösen Kulturpro-
dem britischen Kulturoffizier Peter de Mendels- gramm im »Haus der Kultur der Sowjetunion« in
sohn wegen einer Verlagslizenz für Suhrkamp in der Berlin.312
französischen Zone führte, blieben vorerst ergebnis- Mit der Auslieferung der Zeitschrift in der franzö-
los.302 Zudem distanzierte sich aber auch Peter sischen, amerikanischen und britischen Besatzungs-
Suhrkamp, der ursprünglich selbst eine Zeitschrif- zone war die Kommissionsbuchhandlung Georg
tengründung in Berlin beabsichtigt hatte303 und Lingenbrink in Rastatt beauftragt.313 Vorüberge-
ferner Rücksicht auf die im Stockholmer Exil hende Transportschwierigkeiten nach Berlin in der
bereits im Juni 1945 mit einem Thomas Mann- 1. Hälfte des Jahres 1949 (beim Austausch mit der
Sonderheft wieder ins Leben gerufene Neue Rund- Zeitschrift Der Monat) konnten intern gelöst wer-
schau nehmen wollte, prinzipiell von Zeitschriften- den.314
projekten in Deutschland.304
Doch auch in der französischen Zone gab es eine
ganze Reihe kleinerer und mittlerer Verlage, deren 3 0 2 Vgl. S. Fischer-Katalog S. 6 7 9 / 6 8 0 .
Schwerpunkt auf Belletristik, Kunst und Wissen- 3 0 3 Vgl. Als der Krieg zu Ende war S. 1 2 8 / 1 2 9 .
3 0 4 Vergeblich suchte H. Paeschke die Neugründung der
schaft lag und mit denen ein Vertragsabschluß nicht »Neuen Rundschau« innerhalb Deutschlands anzuregen. Suhr-
nur denkbar, sondern auch fruchtbar hätte sein kamp wies wegen der Exilzeitschrift auch Paeschkes späteren
können: in Baden-Baden Woldemar Klein, Keppler Plan zurück, den »Merkur« in der geplanten französisch lizenzier-
und Bühler, in Tübingen Siebeck und Wunderlich. ten Zweigstelle des »Suhrkamp Verlages vorm. S. Fischer« zu
Bemerkenswert bleibt ferner, daß Döblin die Zeit- verlegen. Vgl. S. Fischer-Katalog S. 6 7 9 - 6 8 2 .
3 0 5 Im Verlag Woldemar Klein in Baden-Baden wurde die
schrift nicht in einem ausgesprochen christlichen
Zeitschrift »Das Kunstwerk« veröffentlicht, die Zeitschrift
Verlag (Herder oder Matthias Grünewald) ediert »Dokumente« wurde in der Herder-Druckerei in Freiburg i. Br.
hat.305 gedruckt.
In welcher Höhe die französischen Behörden das 3 0 6 Im »Etat des depenses extraordinaires prevues pour
Taction culturelle en 1 9 4 9 - 1 9 5 0 « der »Division de l'Education
Goldene Torm den Anfangsjahren306 subventioniert
Publique« v o m 18. 9. 1 9 4 9 ist das »Goldene Tor« mit D M 2 4 0 0 0
haben, konnte nicht mehr exakt ermittelt werden. ausgewiesen. Z u m Vergleich: »Aussprache«: D M 2 4 0 0 0 . »Scho-
Die breitgefächerte Anzeigenwirtschaft (Buchan- la«: D M 3 0 0 0 0 . »Lancelot«: D M 3 6 0 0 0 . »Documents«:
zeigen, Markenartikel, Privatannoncen)307 in den DM 12 0 0 0 . »Dokumente«: D M 6 0 0 0 . (1 Bl. Ts. Colmar:
Heften der ersten beiden Jahrgänge läßt darauf c.N° 4 6 2 7 p. 3 d. »Education Publique (Generalites) 1 9 4 5 /
1949«).
schließen, daß der Verlag zumindest einen Teil der
3 0 7 Der Umfang der A n n o n c e n schwankte zwischen einer
Kosten (Herstellung und Autorenhonorare?) selbst und zwölf Seiten pro Heft.
trug; die Aufwendungen für die Angestellten der 3 0 8 Nach der Währungsreform, also auch nach Döblins
Redaktion wurden hingegen von französischer Seite Ausscheiden aus dem »Bureau des Lettres«, erhielt Döblin
bestritten.308 monatlich F F 1 5 0 0 und D M 3 0 0 - 4 0 0 (je nach Umfang der
eigenen Beiträge). Vgl. dazu die Honoraraufstellungen in Colmar
Es muß als Annahme dahingestellt bleiben, daß (c.N° 4 5 8 0 p. 1 d. »Alfred Döblin«),
das Goldene Tor, wie die sogenannten buchhandels- 3 0 9 Vgl. Umlauft: Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 1 4 1 0 -
gängigen Zeitschriften überhaupt, vor der Wäh- 1417. Konkrete Angaben konnten hierzu nicht ermittelt wer-
rungsreform in der Regel in allen vier Besatzungszo- den.
3 1 0 Vgl. Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 1 2 0 6 /
nen verbreitet werden konnte und auch verbreitet
1207.
worden ist.309 Das 1. Heft des 3. Jahrganges (1948) 311 Vgl. L. Marechal: Compte-rendu du 2 e m e trimestre de
wurde allerdings in der sowjetischen Besatzungs- 1948. 13. 7. 1948. 5 Bl. Ts. (Colmar: c.N° 4 6 2 7 p. 6 d. »Edition
zone beschlagnahmt und verboten, eine Maßnahme, 1 9 4 7 / 1 9 4 9 « ) : »La revue >DAS G O L D E N E TOR< vient d'entrer
die Anfang 1948 auch bei anderen Publikationsor- dans sa troisieme annee. Son dernier numero dont une large part
etait consacree au B E R L I N d'hier et d'aujourd'hui, n'a pas eu
ganen wiederholt vorkam310 und wohl im Zusam-
l'heur de plaire aux autorites russes de Berlin qui l'ont fait saisir; la
menhang mit der Zuspitzung des Ost-West-Kon- raison de cette mesure n'apparait pas.« Bl. 3.
fliktes im Zuge der westalliierten Beschlüsse auf der 312 »Die ehemalige Singakademie hat ein neues Gesicht
Londoner Konferenz (23. 2.-7. 6. 1948) und der bekommen. Festliche Hallen, Prachtgemälde, glitzernde Kron-
Auflösung des Alliierten Kontrollrates (20. 3.1948) leuchter. [...] Ich sitze auf einmal in prunkvollem Saale [...] Alles
ist wie ein Traum. In der Pause lustwandeln in Festlichkeit und
zu sehen ist. Das Verbot des Goldenen Tor-Heftes,
Reichtum: das beste Bier wird ausgeschenkt. Gibt es denn
das mit einem umfangreichen Berlin-Teil eröffnet Menschen, die kein Brot haben auf der Welt?« (S. 29).
wurde, erfolgte ohne Begründung311 und wurde 3 1 3 Lingenbrink lieferte u. a. auch die Zeitschriften »Lance-
vermutlich durch den Beitrag von Herta Beuss »Die lot«, »Merkur« und »Das Kunstwerk« aus. Vgl. M f B F Z Jg. 2 Nr. 4
Sphinx an der Spree« (III 1, S. 25-30) veranlaßt, in ( 1 . 4 . 1947) S. 6 3 .
3 1 4 Vgl. die Postkarte der Redaktion »Der Monat« an Döblin,
dem, angesichts der zahlreichen Hungertoten in
Berlin-Dahlem, 4. 10. 1 9 4 9 (DLA*).

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Das Goldene Tor 235

Auslandssendungen wurden nach anfänglichen reform, marktbedingt wie bei nahezu allen Zeit-
Schwierigkeiten von Frankreich aus verschickt 315 - schriften, Absatz und Auflage rapide, im Mai 1949
erfolgreich, wie es scheint, bedenkt man, daß auch lag die Auflage bei 2 000 Exemplaren. 331 Im Ver-
Karl Wolfskehl in Auckland (Neuseeland) »ganz gleich zum Lancelot (französische Zone) und zur
gelegentlich [ . . . ] ein Goldenes Tor zu Gesicht« 316 Fähre (amerikanische Zone) schnitt das Goldene Tor
bekam. verhältnismäßig schlecht ab:

2.2.4 Auflage, Erscheinungsweise 315 Vgl. Döblins Brief an Gabriele Tergit vom 10. 1. 1947 (n),
im Auszug zit. bei Glauert: Briefe S. 3.
und Absatz 3 1 6 K . Wolfskehl an Herbert Steiner, 28. 4. 1947 (DLA).
317 Vgl. die Lizenzanträge von Döblin, A. Betzner u n a
Die von Verleger und Herausgeber beantragte Auf- W . Dreecken.
lage von 10 0 0 0 - 1 5 000 Exemplaren 317 wurde bei 318 Die Angaben zur Auflagenhöhe schwanken z.T. be-
der Erteilung der Lizenz von der »Direction de trächtlich in den einschlägigen Pressehandbüchern der Zeit.
Die Angaben zur Auflagenhöhe der «Schola« und der »Universi-
l'Information« auf 20 000 erhöht und damit einer
tas« stimmen in »Sperlings Zeitschriften- und Zeitungsadreß-
Auflagenhöhe 318 angenähert, die in der französi- buch« (1947) und im »Handbuch der Lizenzen deutscher Verlage«
schen Zone bei Kulturzeitschriften mit fachspezifi- (1947) überein, »Das Kunstwerk« ist nur bei Sperling aufge-
scher Ausrichtung üblich war: 319 zu denken ist hier führt.
an die Monatsschrift für Erziehung und Bildung 3 1 9 Die vollständigen bibliographischen Angaben der im
folgenden angesprochenen Zeitschriften finden sich im Litera-
Schola (20 000), an Das Kunstwerk, eine Monats-
turverzeichnis.
schrift über alle Gebiete der Bildenden Kunst 3 2 0 Vgl. Steinbeck: »Lancelot« S. 293 A n m . 10; vgl. dag.
(25 000) oder auch an die Zeitschrift für Wissen- Handbuch der Lizenzen S. 61 (30 000); W a c k e n h e i m : Creation
schaft, Kunst und Literatur Universitas(15 000), die S. 3 9 0 u. 397 (95 000).
zwar mit amerikanischer Lizenz in Stuttgart verlegt 3 2 1 Vgl. Sperling S. 63.
322 Vgl. Sperling S. 106; Handbuch der Lizenzen S. 62.
wurde, deren Schriftleitung und Druckerei aber in
323 Vgl. Sperling S. 30; vgl. ferner Wintzen: Private Initiati-
der französischen Zone ansässig war. ven; Menudier: La Revue »Documents«.
Wesentlich höher lag dagegen die monatliche 3 2 4 Vgl. Handbuch der Lizenzen S. 72. - Nicht zu ermitteln
war die Auflagenhöhe der Zeitschriften »Die Erzählung« und
Auflage vergleichbarer literarisch und/oder kultur-
»Vision«. - Z u m Vergleich seien hier noch einige andere
politisch ausgerichteter Zeitschriften in der franzö- Literatur- und Kulturzeitschriften aus den anderen Besatzungs-
sischen Besatzungszone, so beim Lancelot320 (1946: zonen mit ihrer Auflagenhöhe angeführt (Stand 1947): »Hoch-
120 000; 1947: 80 000), beim Merkur321 (1947: land«: 18 0 0 0 , »Die Wandlung«: 35 0 0 0 , »Die Fähre«: 20 0 0 0 ,
40 000), bei der Umschau322 (1947: 55 000) und bei »Der Ruf«: 50 0 0 0 , »Frankfurter Hefte«: 3 0 0 0 0 , »Aufbau«:
100 000.
den Dokumenten*23 (1941:50 000). Die kulturpoliti-
325 »II y aurait peut-etre lieu de donner ä SCHAUENBURG un
sche Halbmonatsschrift Die Gegenwart324 erreichte ordre tres strict visant a accorder une priorite absolue pour
gar eine Auflage von 200 000 Exemplaren. l'impression et le brochage du >GOLDENE TOR< sur tous les autres
Das Papier für die Drucklegung, die nach Anwei- travaux, a l'exception du journal [>DAS NEUE BADEN<; A n m . d.
Verf.]«. La Direction de l'Education Publique (p. o. J . G. Kirchhei-
sung der französischen Behörden von der hauseige-
mer): Compte-rendu ä Le Secretaire d'Etat aux Affaires Alleman-
nen Druckerei des Verlages Moritz Schauenburg des et Autrichiennes, 24. 3 . 1 9 4 8 . 1 Bl. Durchschl. (Colmar: c. N°
bevorzugt gehandhabt werden sollte,325 bezog das 4 5 8 0 p. 3 d. »Das Goldene Tor«).
Goldene Tor aus einem Sonderkontingent der »Di- 3 2 6 Vgl. Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 4 6 9 -
rection de l'Education Publique«. Letztere bewil- 472.
327 Le Directeur de l'Education Publique (p. o. L. Marechal) a
ligte auch noch im Juni 1947 - ungeachtet der
W . Dreecken, 10. 6 . 1 9 4 7 . 1 Bl. Durchschl. m.hs. Zusatz (Colmar:
wachsenden Schwierigkeiten in der Papierversor- c. N° 4 5 8 0 p. 3 d. «Das Goldene Tor«), - Die »Direction de
gung 326 - Döblins Antrag, die Auflage auf 25 000 l'Information« erklärte sich einverstanden.
Exemplare zu erhöhen. 327 Trotz dieser Begünstigun- 328 Briefe S. 371 (an A. Kutscher, 27. 5. 1947). - Vgl. dag.
gen blieb jedoch auch das Goldene Tor nicht von den Zeller: Döblin als Journalist S. 6 4 ; Huguet: Chronologie S. 164:
beide registrieren ausdrücklich keine Schwierigkeiten bei der
»grauenhaften Papier- und Druckverhälnissefn]«328
Papierbeschaffung des »Goldenen Tors«; Zeller beruft sich auf
verschont. In der 2. Hälfte des Jahres 1947 mußten eine entsprechende Auskunft des Verlages Moritz Schauenburg,
gleich zwei Doppelhefte mit gekürztem Umfang Huguet verweist auf Döblins Position.
erscheinen: das 1. Heft des 3. Jahrganges (1948) 329 Döblin an H. Gorski, 18. 5. 1948 (m).
erschien »faktisch erst Anfang April«,329 das letzte 3 3 0 Vgl. Döblins Brief an H. Gorski, 6. 2. 1950 (m).
3 3 1 Für die ersten Monate nach der Währungsreform fehlen
Heft des 4. Jahrganges (1949) kam erst im Februar
im Colmarer Dossier »Das Goldene Tor« (c. N° 4 5 8 0 p. 3) genaue
1950 heraus. 330 Zudem sanken nach der Währungs- Zahlen.

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236 Alexandra Birkert

HERAUSGEBER.
ALFRED DUBLIN

D A S G O L D E N E TOR

Herausgeber: Alfred Döblin

MONATSSCHRIFT
ELISABETH GROSSWBNDT. Ricard» Hoch, Ü b e n «ad Werk
FÜR LITERATUR
G J U R O EBEL:
WOLFGANG KAEMPFER. .
Kroetucti· Tragödie
. D i · fi«ni«ch« Sirkk·, E m h l u o g
U N D KUNST
WALTE* BECKER,
ARNO HOLZ:
Dm k e l r i o r a i « * « Tr»u«
Der Kindnikreunug
4.JAHRG.1949
KARL VOM RATHi Schwei«« BiId«boe«i

V l « I «
Jahrgang

6 > 0 «
J

« O l l l i S C H A U E N B U R G in L A H R
t
Abb. 3: Das Titelblatt der Zeitschrift von 1946 Abb. 4: Das Titelblatt im Jahrgang 1949
bis 1948

Lancelot332 Die Fähre333 Der Preis der Einzelhefte dürfte beim Absatz
1946 120 000 1946 15 000 kaum eine Rolle gespielt haben: mit RM 2 und DM
1947-Juni 1948 80 000 1947 20 000 1,50 nach der Währungsreform bewegte er sich
Juli 1948-1951 20 000 1948 (vor Juni) 12 000 durchaus im Bereich des Üblichen. 336
1948 (nach Juni) 8 000 Wenige Monate nach Aufhebung der Papierzu-
1949 3 000 teilung in der französischen Zone mußte das
Goldene Tor mangels Absatz erneut eine erhebliche
Die Heftanzahl des Goldenen Tors mußte 1948 auf Reduzierung der Auflage von 2 000 auf 1 000
8 Nummern, im Jahr 1949 auf 6 Nummern be- Exemplare hinnehmen, von denen im November
schränkt werden. Auflagenhöhe, Umfang und 1949 nurmehr 600 Exemplare fest abgenommen
Erscheinungsweise sind in der französischen Besat-
zungszone jedoch auch nach der Währungsreform
332 Vgl. Steinbeck: »Lancelot« S. 293 Anm. 10.
noch kein eindeutiger Gradmesser für den realen 333 Vgl. Schlüter: Die »Fähre/Literarische Revue« Sp. 1331/
Absatz einer Zeitschrift. Denn das Papierzutei- 1332. - Steinbeck und Schlüter stützen sich auf mündliche
lungsverfahren wurde hier nicht - wie in der Auskünfte.
Bizone - im Zuge der Währungsreform zum 1. Juli 334 Vgl. Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 471;
MfBFZ Jg. 4 Nr. 9 (1. 5. 1949) S. 303.
1948, sondern erst zum 1. April 1949 aufgehoben.334
335 Vgl. unten Kap. 2.3.2.
Die Kürzung des Publikationsraumes und die Ver- 336 Der Preis des ersten Heftes nach der Währungsreform
zögerungen im Ausdruck des Goldenen Tors blieben (Jg. 3 H. 5) wurde noch im Umtauschverhältnis 1:10 angesetzt,
nicht ohne negative Auswirkungen auf die Zusam- das Heft kostete also DM 2,- (zum Vergleich: »Lancelot«: RM
menarbeit mit Autoren, Übersetzern und Rezen- 1,50/2,-/1,80 und DM 1 , 8 0 / 1 - und »Die Fähre«: RM 1,80 und
DM 1,50. Im November 1948 machte der Verlag auf die seit
senten, worauf an anderer Stelle noch ausführlicher
Oktober bestehende Preissenkung aufmerksam. Vgl. MfBFZ
einzugehen sein wird.335 Jg. 3 Nr. 11(1.11. 1948) S. 432.

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Das Goldene Tor 237

HERAUS6EBER.
ALFRED DUBLIN
i
ZWEIMONAT//CHRIFT fUR UTERATUR UND KUN/T
« ^ Μ Ι δ β Β Β Β ζ ALFRED DQBUh/

Au* dem Inhalt.

fftmiia» i'.tf.-r · Ute Maimer Akademie


Ans de* iuhatt P m a M Jurthat: Dec A b f h r ü vor der MaihemMIk
K*rl Hm» ßühncr: Lesiong, der Kritiker ΛIfrmt / J e t o » ; Die Dichtung, ihr« Natur öire Heile
Arm Ibtx: UnvcröifenUlehte Gedichte Aart h'P Ebeli im „Dürren Ast"
Gostm* < ohm Zum von Paul Volfrv Gwtjat Stlmtk: Khythmen im Wassertropfen (mit Bildern)
4 « W tiMr.· Um Wert und Würde Mmttrkf Tafsca,- über riss Irreeile
Hrtmuth S ä u m M : Architektur in Letetnamerika «mit BUdernl Otsv fhtwi' Die Rache i«: saß
Pedro Antonio de Alante: Ein Zwiegespräch in der Alhambra
MUM Feh*r&gge: £H* Geige des Hiob
Nachklang «um Goethejahr

V E R L A G FOR KUNST UND


1WISSlNSCHAfT . BAOtNBADlN
VEW.«ireuKÜSST UND WISSENSCHAFT BADEN-BADEN

Abb. 5: Das neue Titelblatt der Zweimonatsschrift nach dem Verlagswechsel


a) 1950 Heft 1 b) 1950 Heft 2 bis 1951

wurden. Da der Verlag unter diesen Umständen die Z u r Steigerung des Absatzes unterbreitete der
Herstellungskosten nicht mehr decken konnte, Verleger im Juni 1 9 5 0 Döblin die folgenden ein-
kündigte er zum 1. Januar 1950. 3 3 7 Neuer Verleger
in Mainz wurde Bruno Grimm 3 3 8 mit seinem Verlag
für Kunst und Wissenschaft, der, neben dem 337 Vgl. hierzu im Colmarer Dossier »Das Goldene Tor« (c.
Lehrmittel-Verlag in Offenburg, hauptsächlich N° 4580 p. 3) den Briefwechsel des Verlages Moritz Schauenburg
für die französische Besatzungsbehörde gearbeitet mit dem »Service Information, Delegation Superieure du Bade«
in Freiburg i. Br. aus dem Jahr 1949. Vgl. ferner das Kündigungs-
hatte. 3 3 9 schreiben des Verlags an Döblin, 2.11. 1949.1 Bl. Ts. (Colmar: c.
Das Goldene Tor erschien von nun an ausdrück- N° 4629 p. 1 d. .Revues - Divers 1949/1955«).
lich zweimonatlich mit 8 0 Seiten Umfang und 338 Der Schweizer Bruno Grimm hatte am 11.9. 1946 in
neuem Titelblatt, das mit attraktiven Beiträgen »Aus Baden-Baden die Verlagslizenz erhalten. Vgl. Umlauft: Wieder-
aufbau des Buchhandels Sp. 1719.
dem Inhalt« und vier farbigen Kunstdruckbeilagen
339 Vgl. Ruge-Schatz: Umerziehung und Schulpolitik S. 120.
warb. Trotz der massiven Werbeaktionen 3 4 0 bei 340 Zum folgenden vgl. B. Grimm: Aktennotiz für Herrn
Zeitungen und Buchhändlern, deren »persönliche Dr. Döblin, 15. 6. 1950. 2 Bl. Durchschi. m. hs. Zusatz »Copie a
Bearbeitung« Bruno Grimm forcierte, konnte der Monsieur Schmittlein« (Colmar: c. N° 4629 p. 1 d. »Revues -
Verkauf nicht gesteigert und damit die finanzielle Divers 1949/1955«).
341 Die Auflagenhöhe dieses Heftes konnte nicht ermittelt
Situation der Zeitschrift, »ein vollständiges Fiasko«, werden.
nicht gebessert werden. V o m 1. Heft des 5. Jahrgan- 342 Im Colmarer Material findet sich eine undatierte Liste zur
ges (1950), das an 3 5 0 0 Buchhandlungen und 2 5 0 »Diffusion« des »Goldenen Tors« in Frankreich, in der namentlich
Zeitungen verschickt wurde, konnten nur 269, vom 29 französische Abonnenten aufgeführt sind: neben den Kultur-
stellen in der französischen Zone handelt es sich vor allem um die
2. Heft nur noch 2 4 7 Bestellungen verbucht wer-
Professoren der »Facultes des Lettres« an französischen Universi-
den. 341 Jeweils 3 5 Exemplare gingen dabei an franzö- täten (Paris, Caen, Strasbourg, Nancy etc.). (Colmar: c. N° 4596
sische Abonnenten. 3 4 2 p. 2d. »Listes des correspondents 1945/1952«. N° 13).

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238 Alexandra Birkert

schneidenden redaktionellen Änderungsvorschlä- wissenschaftlichen Klasse. So veröffentlichte Döb-


g e ; 343
lin beispielsweise eine Rezension des Mediziners
Meines Erachtens wäre es nicht unnütz, auf das Titelblatt die
Paul Diepgen über neue historische Forschungsar-
Zeile zu setzen »Die westdeutsche Literaturzeitschrift·. beiten »zum Leben und Sterben Jesu Christi« (V 5,
Sodann müßte unbedingt danach getrachtet werden, daß in S. 397-399), einen Essay des Physikers Pascual
jeder Nummer, wie das in N u m m e r 3 jetzt geschieht, ein Jordan über »Das Schöpferische in der Natur« (V 6,
unveröffentlichter Beitrag eines namhaften Dichters oder eine
S. 409-417) und einen Vortrag des Humangeneti-
Erstübersetzung aus dem W e r k eines fremdsprachlichen
Dichters erscheint. Auf diese Weise wären zumindesten die
kers und Anthropologen Otmar von Verschuer
literarischen von Berufs wegen interessierten Kreise gezwun- »Zum Vererbungsproblem beim Menschen« (V 6,
gen, das Goldene Tor zu abonnieren. Im weiteren wäre darauf S. 417-421).
zu achten, daß in vermehrtem Maße wirkliche Größen aus
Döblins Interesse an einer engeren Zusammenar-
Literatur und Kunst zur Mitarbeit herangezogen werden.
Endlich könnte die Zeitschrift eine größere Resonanz finden, beit der Zeitschrift mit der Mainzer Akademie
wenn als Herausgeber einige Leute mit bekannten und gründete vermutlich in der Hoffnung, durch eine
anerkannten Namen zeichnen würden. Das soll natürlich bei institutionelle Rückgratverstärkung< den Verlag
weitem nicht etwa eine Kritik an Ihrer Tätigkeit oder Ihrem und Absatz der Zeitschrift zu sichern. Die Ubernah-
Namen sein, sondern lediglich ein Versuch, auch die letzten
meverhandlungen mit der Literaturklasse der Main-
Möglichkeiten auszuschöpfen, um der Zeitschrift eine größere
Verbreitung zu sichern. zer Akademie und damit auch die letzten Monate
der Zeitschrift im einzelnen nachzuzeichnen, ist zur
Treffsicher hat Bruno Grimm damit die grundle- Zeit noch nicht möglich, da das entsprechende
genden Unterschiede von Döblins Zeitschriften- Material, insbesondere einschlägige Korresponden-
konzeption zu anderen >gängigen< Literaturzeit- zen, noch nicht zugänglich sind. Aus den mir
schriften hervorgehoben. Mit dem Heranziehen freundlicherweise zur Verfügung gestellten Auszü-
weiterer Mitherausgeber wollte der Verlag aus- gen aus Sitzungsprotokollen der Literaturklasse und
drücklich der in Buchhändlerkreisen vorherrschen- ihres Arbeitsausschusses347 läßt sich vorläufig fol-
den und den Absatz angeblich erschwerenden gendes Bild skizzieren:
Ansicht entgegenwirken, »das Goldene Tor sei eine
Eine erste verbindliche Absprache über eine
französische Angelegenheit«.344 Dieser >Negativbe-
engere Zusammenarbeit der Literaturklasse der
fund<, der an Raymond Schmittlein weitergeleitet
Mainzer Akademie mit der Zeitschrift findet sich -
wurde,345 hinderte indessen die französische Kultur-
noch vor Streichung der französischen Gelder - im
behörde nicht, die Zeitschrift weiterhin zu subven-
Protokoll zur Nachmittagssitzung des Arbeitsaus-
tionieren. Döblin seinerseits sah einen wirksamen
schusses der Literaturklasse am 12. Januar 1951. Der
Ausweg darin, die Mitglieder der »Mainzer Akade-
Arbeitsausschuß, der sich zu dieser Zeit aus Hans
mie der Wissenschaften und der Literatur« stärker
Henny Jahnn, Hermann Kasack, Ernst Kreuder und
zur Mitarbeit an seiner Zeitschrift heranzuziehen.
Döblin zusammensetzte - Walter von Molo war
krankheitshalber verhindert - beschloß einstimmig,
»der Zeitschrift Das Goldene Tor regelmäßig Bei-
träge und Mitteilungen zur Verfügung zu stellen.«
2.2.5 Das Ende: Planung einer Zeitschrift der
Interesse an einer derartigen Zusammenarbeit
Literaturklasse der »Mainzer Akademie
dürfte damals durchaus auch von selten der Litera-
der Wissenschaften und der Literatur« turklasse der Mainzer Akademie bestanden haben,
Seit der Gründung der »Mainzer Akademie der
Wissenschaften und der Literatur« und der Wahl
3 4 3 B. G r i m m : Aktennotiz, 15. 6. 1950, Bl. 2.
zum Vizepräsidenten und Vorsitzenden der Litera- 3 4 4 B. G r i m m : Aktennotiz, 15. 6. 1950, Bl. 2.
turklasse konzentrierte sich Döblin hauptsächlich 3 4 5 Vgl. den hs. Zusatz: »Copie ä Monsieur Schmittlein«.
auf diesen Arbeitsbereich.346 Das 2. Heft des 5. Jahr- 3 4 6 Symptomatisch ist beispielsweise auch, daß Döblin sei-
ganges (1950) seiner Zeitschrift ist zum großen Teil nen Redakteur W . Lohmeyer mit Aufgaben betraute, bei denen
es um Belange der Literaturklasse der Mainzer Akademie ging;
der Mainzer Akademie gewidmet. In der Folgezeit
vgl. etwa Döblins Brief an W . Lohmeyer vom 19. 7. 1 9 5 0 (1).
finden sich in Döblins Monatsschrift für Literatur 3 4 7 Dabei handelt es sich um Auszüge aus den Protokollen
und Kunst nicht nur Beiträge von Mitgliedern der der:
Literaturklasse (Annette Kolb, Walter von Molo, a) Sitzung des Arbeitsausschusses der Klasse der Literatur v o m
12. Januar 1951, nachmittags.
Ernst Kreuder, Martin Kessel, Hans Henny Jahnn),
b) Sitzung der Klasse der Literatur vom 1. März 1951, nachmit-
sondern auch von Angehörigen der beiden anderen tags.
Klassen der Mainzer Akademie, der mathematisch- c) Sitzung des Arbeitsausschusses der Klasse der Literatur v o m
naturwissenschaftlichen und der geistes- und sozial- 2. August 1951, vormittags.

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Das Goldene Tor 239

die in einer Zeitschrift ein geeignetes Mittel für Damit hatte das Goldene Tor sein Erscheinen
einen Leistungsnachweis sehen konnte, um der eingestellt, der Beschluß vom 1. März 1951, der
drohenden Kürzung des Klassenetats im Zuge der Zeitschrift monatlich einen Zuschuß in der Höhe
absehbaren Streichung der französischen Subven- von D M 5 0 0 , - zukommen zu lassen, wurde dement-
tionen wirksam entgegentreten zu können. In der sprechend in der Sitzung des Arbeitsausschusses
Nachmittagssitzung der Gesamtklasse der Literatur vom 2. August 1951 wieder aufgehoben. Über die
am 1. März 1951 wurde ein vorläufiges Redaktions- >neue Flagge« konnte sich die Literaturklasse und ihr
komitee gewählt (Jahnn, Kreuder, Nossack), »das bei Arbeitsausschuß offensichtlich nicht einigen. Die
der Herstellung der Hefte in einer noch festzustel- Diskussion um Titel und Themen des neuen Publi-
lenden Weise mitwirken« sollte. Ab Juni 1951 bis kationsorganes zeigt, daß hier im Grundsatz ganz
März 1952 sollte die Zeitschrift zudem von der verschiedene Vorstellungen aufeinandertrafen: 351
Akademie monatlich mit DM 5 0 0 , - unterstützt Döblin plädierte für eine allgemeinere, kulturpoliti-
werden, die an den Verleger gezahlt werden sollten. sche Ausrichtung der Zeitschrift, setzte sich für den
Die Zeitschrift sollte ferner ab der Juni-Nummer Titel Don Quichote oder Mainzer Beiträge ein und
den Aufdruck tragen: »Unter Mitwirkung der Klasse wollte den Untertitel »Kundgebungen der Litera-
der Literatur herausgegeben von Alfred Döblin«. turklasse zur Kultur und Literatur unserer Zeit«
Wurden hier die Details der Mitwirkung noch durchsetzen, wohingegen Ernst Kreuder, Redak-
offengelassen und lediglich »ein vorläufiges Redak- teur des 1. Heftes der geplanten Zeitschrift, das
tionskomitee« gewählt, so läßt dies vermuten, daß unter das Thema »Europa« gestellt worden war, sich
eine effektive Zusammenarbeit ab März 1951 noch für eine Einengung des Themas auf die »Funktion
nicht gewährleistet war. Eine Absprache und und Existenz der Literatur in Europa« ausgespro-
Abstimmung der gegenseitigen Vorstellungen chen hatte und mit der Begründung, das Thema
dürfte allein auch schon durch die räumliche Entfer- »Europa« sei ihm »zu allgemein und unbestimmt«,
nung der Mitglieder untereinander erschwert gewe- die Redaktion des 1. Heftes niederlegte.
sen sein, die eine zügige Abwicklung verhinderte. Diese wenigen Streiflichter zu den letzten Mona-
Im Juni 1951 trat zudem eine grundlegende ten der Zeitschrift deuten an, daß das Ende des
Änderung der Situation ein. Im Zuge der erneuten Goldenen Tors nicht nur im Zusammenhang mit der
Lockerung der Besatzungsverhältnisse nahm Ray- schrittweisen Auflösung der französischen Kultur-
mond Schmittlein in Baden-Baden seinen Ab- behörde in Deutschland und der Streichung der
schied, das französische Budget wurde erneut stark französischen Subventionen zu sehen ist. Döblin
gekürzt, die Subventionen für Zeitschriften gestri- mußte das Erscheinen der Zeitschrift offenbar auch
chen: 3 4 8 deswegen einstellen, da die Übernahmeverhand-
lungen mit den Mitgliedern der Literaturklasse
Für die Zeitschrift Das Goldene 7orist ein einmaliger größerer der Mainzer Akademie nicht zuletzt auch an prinzi-
Betrag zur Verfügung gestellt worden, der dazu dienen soll, die
Zeitschrift entweder bis zum April 1952 weiter zu führen oder
piell unterschiedlichen Vorstellungen über Aus-
der in ähnlicher Weise ausgenützt werden könnte. 3 4 9 richtung und Zielgruppe eines Publikationsorganes
zu Beginn der 50er Jahre scheiterten. 352
In Anbetracht der bisher erfolglosen Suche nach
einem Verleger entschied sich Döblin für die letzt-
genannte Möglichkeit und wandte sich in einem
Rundschreiben Mitte Juni 1951 »An die Mitglieder
des erweiterten Arbeitsausschusses die HH. Jahnn,
Kasack, Kessel, Kreuder, v. Molo, Nossack« mit dem
folgenden Fragenkatalog: 348 In der Folgezeit mußten auch die Zeitschriften »Lance-
lot« und »Aussprache« ihr Erscheinen einstellen. Die »Schola«
Was nun den zur Verfügung stehenden Betrag, der einschließ- wurde ab Jg. 7 (1952) u.d.T. »Lebendige Schule« von der
lich Honorar für den Herausgeber sich auf etwa DM 15 0 0 0 , - Arbeitsgemeinschaft »Schola e.V.« herausgegeben.
beläuft, anlangt, so möchte ich ihn, natürlich unter einer neuen 349 Briefe S. 422/423.
Flagge, einem neuen Namen, unserer Literaturklasse zur 350 Zit. n. Briefe S. 423 (an Η. H. Jahnn, 18. 6. 1951).
Verfügung stellen für die Ankurbelung einer literarischen 351 Vgl. zum folgenden Döblins Brief an Ernst Kreuder vom
Zeitschrift unserer Klasse. Es wäre dazu 1. die Zustimmung 11. 10. 1951; zit. n. Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 479/480.
der Klasse selber erforderlich, 2. die Bildung eines Redaktions- 352 Eine nicht unerhebliche Rolle dürften auch persönliche
komitees und 3. hauptsächlich die Planung dieser Zeitschrift. Differenzen und Unstimmigkeiten gespielt haben, wie der
Hinzu kommt die Festsetzung eines Betrages, mit dem die >gereizte< Tonfall des zitierten Döblin-Briefes, aber auch die
Klasse weiterhin ihre Zeitschrift zu halten und durchzuführen Unzugänglichkeit einschlägiger Korrespondenzen vermuten
beabsichtigt. 350 läßt.

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240 Alexandra Birkert

2.3 Rahmenbedingungen der im 1. Heft des Merkur zu folgender Glosse Ȇber


Literaturvermittlung in den ersten den Nachdruck«:
Nachkriegsjahren: Beobachtungen zur Es scheint, daß die Zonengrenzen im Begriff stehen, heute
Praxis einer Zeitschriftenredaktion auch Grenzen der öffentlichen Moral zu werden. Soll das ζ. B.
heißen, daß es durchaus möglich sei, in einer Zone Autoren
anderer Zonen zu übersetzen und zu drucken, ohne sich um
2.3.1 Ausländische Literatur irgendwelche Rechte zu kümmern? Wohlgemerkt handelt es
sich dabei nicht um deutsche Autoren, sondern um die
Döblins Vorsatz, »das Fenster nach dem Ausland
Dichter und Schriftsteller der anderen Besatzungsmacht. 361
weit [zu] öffnen« ( I i , S. 6), war an mancherlei
Hindernisse gebunden, solange die Einfuhr von Auch Döblin sah sich mit diesem Problem kon-
ausländischen Druckerzeugnissen von den Besat- frontiert. A m 5. Juli 1947 appellierte er an die im
zungsmächten nicht freigegeben wurde. Der Nach- Londoner Exil lebende Gabriele Tergit:
holbedarf des deutschen Lesers war angesichts der Die Stücke, die ich für unsere Zeitschrift zurückbehalten habe
nationalsozialistischen Verbotspolitik gerade auch [ . . . ] können Sie nicht zugleich anderen Zeitungen anbieten.
bei zeitgenössischen ausländischen Autoren groß. 353 Es ist nicht richtig, daß die einzelnen Zonen derart völlig
Dennoch wurden die verlegerischen Übersetzungs- voneinander abgeschnitten sind, vielmehr druckt eine Zone
nach, was die andere bringt, und manchmal sogar ohne
programme auch weiterhin von den Militärregie-
Genehmigung [.. .]. 362
rungen gesteuert. Wie in der amerikanischen so
wurden auch in der französischen Besatzungszone
353 Am 15. 12. 1939 war der Vertrieb und die Auslieferung
bis 1949 die Verhandlungen mit ausländischen von schöngeistiger Literatur aus Frankreich und England unter-
Verlegern und die Vergabe deutscher Überset- sagt worden. Nach dem Kriegseintritt der USA im Dezember
zungsrechte zentral, d. h. ausschließlich von der 1941 wurde auch die nordamerikanische Literatur einer umfas-
senden >Säuberungswelle< durch das deutsche Propagandamini-
»Direction de l'Information (Section des Relations
sterium unterzogen, am 5. 1. 1942 die Auslieferung und der
Intellectuelles et du Livre)«, besorgt. 354 Nur über ihr Handel mit nordamerikanischer Literatur verboten. Im »Ver-
Konto konnte zudem mit Hilfe eines beschränkten zeichnis englischer und nordamerikanischer Schriftsteller« von
Valuta-Kredites der Transfer abgewickelt werden. 355 1942 waren allerdings insgesamt 106 >klassische< (d. h. vor dem
Dabei sollten die in der französischen Zone ansässi- Stichjahr 1904 geborene) Autoren freigegeben. In einer unveröf-
fentlichten Sonderregelung erhielten außerdem bestimmte
gen Verlage bevorzugt behandelt werden. 356 Daß es
Werke der indizierten Autoren einen Vermerk, der die Überset-
nicht nur in der amerikanischen, 357 sondern auch in zung ausdrücklich gestattete: dabei handelte es sich, wie z . B . bei
der französischen Besatzungszone ein festgelegtes John Steinbecks »Früchte des Zorns«, um Werke, die die
Übersetzungsprogramm gegeben hat, ergibt sich amerikanischen Zustände kritisierten und die somit propagan-
aus einer »Mahnung«, die die »Section des Relations distisch ausgenutzt werden konnten. Am 19. 1. 1942 wurde die
Verbreitung der gesamten russisch-sowjetischen (inkl. klassi-
Intellectuelles et du Livre (Bureau Edition)« der schen^ Literatur untersagt. Vgl. Strothmann: Nationalsozialisti-
»Direction de l'Information« am 1. Oktober 1947 in sche Literaturpolitik S. 199/200 u. S. 2 2 5 - 2 2 7 .
den Mitteilungen für den Buchhandel in der Franzö- 354 Vgl. MfBFZJg. 3 Nr. 11 ( 1 5 . 1 0 . 1 9 4 8 ) S . 403 u.Jg. 4 Nr. 15
sischen Zone bekannt gegeben hat: (1. 8. 1949) S. 447, sowie das Colmarer Material (c.N° 673 p. 5
cl. 14 »Editeurs Etrangers«).
Es gehört zu den Obliegenheiten dieser Dienststelle, festzu- 355 Vgl. M f B F Z J g . 1 Nr. 9 (1. 11. 1946) S. 136; Jg. 3 Nr. 1
stellen, ob die beantragten Ubersetzungen französischer (1. 1. 1948) S. 7 u. a.
Werke bereits in dem durch die Militärregierung festgelegten 356 Vgl. M f B F Z J g . 3 Nr. 1 (1. 1. 1948) S. 5 - 7 .
Programm enthalten sind. 3 5 8 357 Von 1945 bis 1949 waren alle deutschen Verleger
gezwungen, die deutschen Ubersetzungsrechte an amerikani-
Die »Direction de l'Information« sah sich aller- schen Werken über die »Book Translation Unit« bei der »Infor-
mation Control Division« zu beschaffen, die ein Übersetzungs-
dings wiederholt dazu veranlaßt, in den Mitteilungen
programm ausgearbeitet hatte. Vgl. Gehring: Amerikanische
für den Buchhandel darauf aufmerksam zu machen, Literaturpolitik S. 3 7 - 4 2 .
daß es den deutschen Verlegern bei strenger Strafe 358 M f B F Z J g . 2 Nr. 10 S. 232. - Zum Aufgabenkatalog der
verboten sei, »unmittelbar an ausländische Verlage am 31. 7. 1947 gegründeten »Commission de l'Edition« gehörte
zu schreiben, ganz besonders an französische Verla- u. a., sich mit einem Ubersetzungsprogramm zu befassen. Vgl.
Mombert: Buch- und Verlagspolitik S. 232. - Statistisch gesehen
ge.« 359 Auch beim Nachdruck aus ausländischen
stieg die Zahl der bewilligten Übersetzungsverträge von 2 5 (1946)
Zeitschriften mußte das Copyright im Prinzip über auf 74 (1947) und 130(1948). Vgl. MfBFZJg. 4 Nr. 8(15. 4 . 1 9 4 9 )
die »Direction de l'Information« eingeholt wer- S. 265.
den. 360 Ob und wie dies allerdings in der Praxis der 359 M f B F Z J g . 3 Nr. 1 (1. 1. 1948) S. 7; vgl. ferner Jg. 1 Nr. 9
Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen gehand- (1. 11. 1946) S. 136; Jg. 2 Nr. 10 (1. 10. 1947) S. 232 u. a.
habt wurde, bleibt fraglich. Die offensichtlich weit- 360 Dies ergibt sich aus dem Colmarer Material. Vgl. insbes.
c. N° 673 p. 5 cl. 14 »Editeurs Etrangers«.
verbreitete >Unsitte< des interzonalen >Raubdruk-
361 S. 158.
kes< veranlaßte jedenfalls Hans Paeschke noch 1947 362 Zit. n. Glauert: Briefe S. 3.

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Das Goldene Tor 241

Im Falle Döblins, dessen Zeitschrift ja nicht der schen Materials eine besondere Rolle zugeschrieben
»Direction de l'Information« verantwortlich war hatte. Bei der Suche nach Beiträgen für eine Ameri-
und damit eine Ausnahme darstellte,363 gibt es zwei ka-Nummer der Zeitschrift wandte sich Döblin ab
markante Beispiele dafür, daß er sich als Herausge- Sommer 1946 wiederholt und mit wenig Erfolg an
ber zunächst nicht oder nicht rechtzeitig um die deutsche Exilschriftsteller an der West- und Ostkü-
Ubersetzungsrechte gekümmert hat. So veröffent- ste Amerikas (Wieland Herzfelde, Ludwig Marcuse,
lichte er im 1. Heft des Goldenen Tors, das im Hermann Kesten),373 da er in Baden-Baden »quasi
Oktober 1946 erschienen ist, ein Gedicht des abgeschnitten« sei, wobei er ausdrücklich um Stücke
amerikanischen Lyrikers Robert Frost364 in der bat,
Übersetzung von Friedhelm Kemp, obwohl Frost
die schon drüben irgendwie publiziert sind und verdienen
erst gut ein Jahr später, Ende Oktober 1947, der reproduziert zu werden. [...] Meines Erachtens könnte es
amerikanischen »Information Control Division« das angesichts der Fülle des vorliegenden Materials für jemanden
Copyright für Deutschland erteilt hat.365 Und im der in Amerika lebt nicht so schwer sein, so Geeignetes für
etwa 1 0 0 Druckseiten zusammenzuschaffen. [...] Die Uberset-
Falle Paul Valerys geriet Döblin mit dem Pariser
zung würden wir hier besorgen. Die Autorisationen würden
Verlag Gallimard in Konflikt, da er im 1. Heft des entweder wir hier erbitten oder sie könnten an Ort und Stelle
2. Jahrganges einen Paul Valery-Beitrag366 in nicht- nachgesucht werden. Da wir unverändert nur in R M honorie-
autorisierter deutscher Ubersetzung veröffentlicht ren können, bleibt für den amerikanischen Autor und Verleger
hatte.367 Von nun an achtete Döblin allerdings nur der Hinweis auf den wichtigen kulturellen Zweck, der
Vorführung amerikanischen Denkens und amerikanischer
darauf, rechtzeitig den Namen des jeweiligen aus- Literatur auf deutschem Boden. [...] Das Heft würde natürlich
ländischen Verlegers zu erfahren, um die Rechtsfra-
gen klären zu können. 368 Die Frage der Honorierung
ausländischer Autoren blieb zunächst allerdings
3 6 3 Auf Anfrage des .Secretaire d'Etat aux Affaires Alleman-
problematisch. Noch im März 1947 schrieb Döblin des et Autrichiennes« v o m 17. 3. 1948 mußte die -Direction de
im Falle Valerys: »Die endgültige Verrechnung und PEducation Publique« Rechenschaft ablegen über wichtige Rah-
Abgrenzung von Autoren- und Ubersetzeranteil menbedingungen der Zeitschrift, u. a. auch über die Praxis des
Übersetzungs- und Transferverfahrens (Colmar: c. N° 4 6 2 7 p. 6
wollen wir uns noch vorbehalten.«369 Demnach
d. »Edition 1 9 4 7 / 1 9 4 9 « ) . Das sicherlich sehr aufschlußreiche
stand ihm, zumindest anfangs, nicht einmal bei Antwortschreiben konnte leider nicht ausfindig gemacht wer-
französischen Autoren ein Sonderkontingent an den. Die angeforderte Auskunft gerade auch über die Uberset-
Valuta zur Verfügung, um »die durch die Währung zungspraxis des »Goldenen Tors« läßt vermuten, daß diese von
bedingte Absperrung vom Ausland«370 zu überwin- der >Norm< abwich bzw. nicht bekannt war.

den. Dennoch ist anzunehmen, daß gerade bei 3 6 4 Rast im Winterwald (S. 58/59).
3 6 5 Vgl. Gehring: Amerikanische Literaturpolitik S. 4 0 m.
französischen Werken, deren Ubersetzung und
A n m . 23.
Buchverlag in der französischen Zone vorzugsweise 3 6 6 Rhumbs (S. 5 8 - 6 4 ; Ubersetzung: Trudel Bertsch).
gefördert wurde und deren Herstellung Döblin 3 6 7 Diesen Hinweis verdanke ich Gertrud (Trudel) Bertsch
während seiner Lektorentätigkeit verfolgen konnte, (Heilbronn), die mir freundlicherweise drei unveröffentlichte
die Erlangung und Begleichung von Vorabdrucks- Redaktionsbriefe Döblins in Kopie überlassen hat. Erst als das
Heft bereits in Druck war, fragte Döblin am 21. 1. 1 9 4 7 bei der
wie Nachdrucksrechten weniger problematisch ge- Übersetzerin an, »ob dieses Stück schon in irgendeinem Buch von
wesen ist. Valery publiziert ist?«
3 6 8 Vgl. Döblins Brief an T. Bertsch v o m 18. 3. 1 9 4 7 : »Noch
Die beiden angeführten Beispiele aus Döblins dringlicher wird diese Frage in der Angelegenheit Paul Claudel,
Redaktion machen zugleich auch auf die Rolle das Sommergedicht, das auch von Ihnen übersetzt ist. W e r ist der
>inländischer< Ubersetzer bei der Vermittlung aus- Verleger? Teilen Sie mir das umgehend mit, denn ich habe Ihre
Ubersetzung für die nächste N u m m e r bereits in den Satz
ländischer Literatur aufmerksam. Eine direkte Kon-
gegeben. Man wird keine Schwierigkeiten dabei haben, aber es
taktaufnahme Döblins mit dem >Originalautor< muß doch Ordnung sein.« (h)
sucht man vergebens,371 und dies, obwohl der 3 6 9 Brief an T. Bertsch, 18. 3. 1 9 4 7 (h).
Briefwechsel mit dem Ausland Döblin als französi- 3 7 0 Briefe S. 3 7 5 / 3 7 6 (an E. u. A. Rosin, 8. 10. 1947).
schem Staatsbürger und Angehörigem der französi- 3 7 1 Vgl. hierzu die im Nachlaß Döblins erhaltene Redak-
schen Militärregierung in Baden-Baden erlaubt war. tionskorrespondenz (DLA*). Die Gegenprobe in den Nachlässen
ausländischer Autoren konnte allerdings aus arbeitstechnischen
Mit dazu beigetragen haben mag - neben Döblins Gründen nicht geleistet werden.
fehlenden Beziehungen zu französischen und ame- 3 7 2 Ein gutes Beispiel dafür ist Döblins Briefwechsel mit der
rikanischen Kollegen in seiner sprachisolierten Agenzia Letteraria Internazionale Mailand (insbes. aus dem Jahr
Exilzeit - auch der schleppende und unzuverlässige 1947) im Nachlaß Döblins (DLA*).

Postverkehr.372 Dieser wirkte sich auch auf die 3 7 3 Vgl. Briefe S. 3 5 4 (an W . Herzfelde, 3. 8. 1946); Briefe von
und an L. Marcuse S . 4 1 u . S . 4 3 (Döblin an Marcuse,15. 10. 1 9 4 6
Kontaktpflege mit deutschen Exilautoren negativ und 6. 2. 1947); Deutsche Literatur im Exil S. 2 3 2 (Döblin an
aus, denen Döblin bei der Beschaffung ausländi- Kesten, 20. 11. 1946).

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242 Alexandra Birkert

bezeichnet werden als zustande g e k o m m e n unter Mitwirkung sich mehr und mehr ausschließlich gegen Erzeug-
von dem und d e m . 3 7 4
nisse der Sowjetzone, in dem Maße, in dem die
Die Reaktion blieb mehr als bescheiden, worüber politischen Gegensätze zwischen West und Ost sich
sich Döblin am 8. Oktober 1947 in dem bereits verhärteten.« 383
zitierten Brief an das befreundete Ehepaar Rosin
beklagte:
2.3.2 Literatur aus Deutschland
Mit einigen drüben steh ich noch in Correpondenz; aber sonst
höre und sehe ich hier nichts von drüben; keine Zeitungen Die Situation »der verrückten Zonenabsperrung« 384
(oder sehr selten) oder Zeitschriften, geschweige denn sonst wirkte sich nicht nur negativ auf die Präsentation
Literarisches. 3 7 5 ausländischer Literatur aus, zumal da sich jede
Besatzungsmacht in ihrer Zone vorzugsweise für die
Döblin setzte auch seine persönlichen Beziehun-
Verbreitung der eigenen Nationalliteratur einsetzte,
gen zu deutschen Exilautoren in der sowjetischen
die Zonengrenzen erschwerten auch die Vermitt-
Besatzungszone ein, namentlich zu Johannes R.
lung der jeweils im anderen Besatzungsgebiet ver-
Becher und Paul Wiegler, die ihm bei der Vermitt-
legten Produktionen deutscher inländischer und
lung sowjetisch-russischer Werke behilflich sein
exilierter Autoren. Döblins Klagen zeigen, daß es an
sollten. A m 28. Februar 1946 unterbreitete er
einer praktischen Umsetzung der alliierten K o n -
Wiegler den Vorschlag, mit der Zeitschrift Aufbau
trollrats-Direktive Nr. 55 nicht nur in der sowjeti-
in »ein Austauschverhältnis zu treten«, da ihm »an
schen und amerikanischen Zone im Zuge der
solcher Liaison nach dort herüber« 376 lag. Gut ein
Verschlechterung der Ost-West-Beziehung in der
J a h r später, am 11. März 1947, erinnerte Döblin
2. Hälfte des Jahres 1947 fehlte, sondern durchaus
Becher erneut nachdrücklich an sein Anliegen:
auch im französischen und britischen Besatzungsge-
Ich schrieb Ihnen vor langer Zeit bereits, daß mir viel daran biet. 385 Mitte 1948 glossierte Döblin die Situation
liegen würde, auch russische Autoren in Ubersetzung zu folgendermaßen:
bringen. Sie sind nicht darauf eingegangen. Ich weiß eigentlich
nicht warum. W a r u m soll es nicht nützlich und gut sein, gute
russische Autoren, die hier so unbekannt sind, ebenso vorzu- 3 7 4 Döblin an Kesten, 2 0 . 1 1 . 1 9 4 6 , zit. n. Deutsche Literatur
stellen, wie westliche? Sie haben gewiß in Berlin genug im Exil S. 232.
Gelegenheit, oder von Ihrem russischen Aufenthalt her, mit 3 7 5 BriefeS. 3 7 5 .
russischen Autoren in Fühlung zu treten oder in Fühlung zu 3 7 6 Briefe S. 337. Vgl. auch Döblins ersten Brief an P. Wiegler
sein. Wollen Sie da nicht einiges vermitteln? 3 7 7 vom 14. 1. 1946, in: Briefe S. 3 3 3 .
3 7 7 BriefeS. 368.
Mit der Bitte, ihm Proben »von guten lebenden 3 7 8 Brief an G. Tergit, 1 0 . 1 . 1 9 4 7 (n). Vgl. auch Döblins Brief
englischen Autoren« zugänglich zu machen, wandte vom 2 1 . 3 . 1 9 4 7 : -Es freut mich zu hören, daß Sie mir bald etwas
sich Döblin an Gabriele Tergit in London: »Viel- von einem erstklassigen englischen Schriftsteller schicken wol-
len.« (n). Vgl. ferner seinen Brief vom 2 . 4 . 1 9 4 7 : »Ich bin furchtbar
leicht wissen Sie da einen Weg«, schrieb er hilfesu-
ungebildet und weiß nicht wer der Robert Lynk[!] vom New
chend noch im Januar 1947 an die Berliner Schrift- Statmann[!] ist, der Ihnen die Übersetzungsrechte für die franzö-
stellerin, die seit 1938 in London lebte. 378 sische Z o n e übertragen hat. Sie kennen die Zeitschrift jetzt. Ist
unter den Sachen Lynks etwas, was für eine hauptsächlich
Döblin hat demnach auch nicht - trotz seiner
literarisch und kulturpolitisch eingestellte Zeitschrift geeignet
exponierten Stellung - mit den Kulturbehörden der wäre?« (n)
anderen Besatzungsmächte in Deutschland zusam-
3 7 9 Detaillierte Angaben zur Frage, inwieweit die alliierten
mengearbeitet*, 379 um an ausländisches Material zu Besatzungsbehörden überhaupt bei Urheber-, Übersetzungs-
kommen. Vielmehr klagte der Herausgeber des und Nachdrucksfragen zusammengearbeitet haben, finden sich
Goldenen Tors kontinuierlich über den interzonalen auch nicht bei Gehring: Amerikanische Literaturpolitik.
3 8 0 Vgl. u. a. Deutsche Literatur im Exil S. 2 3 2 (Döblin an
Austausch von Druckerzeugnissen, 3 8 0 dessen Regle-
Kesten, 2 0 . 1 1 . 1946); Briefe S. 3 7 5 (an E. u. A. Rosin, 8 . 1 0 . 1 9 4 7 )
mentierung »sich zwischen generellen Einfuhrver- u. S. 3 9 4 (an E. u. A. Rosin, 30. 9. 1948).
boten für literarische Erzeugnisse aus anderen 3 8 1 Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 76.
Zonen und zeitweiligen Auflockerungen sowie der 3 8 2 Der Wortlaut der Direktive ist leicht zugänglich bei
Zensur der Druckschriften, die ein Zonen-Bewoh- Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 1 5 0 7 - 1 5 1 0 .
3 8 3 Umlauff: Wiederaufbau des Buchhandels Sp. 76. - Z u m
ner aus einer anderen Zone einführen wollte, oder
Auseinanderklaffen von Theorie und Praxis vgl. bei Umlauff auch
auch namentliche[n] Verbote[n] einzelner Druck- Sp. 1 1 9 4 / 1 1 9 5 ; 1 6 4 7 / 1 6 4 8 ; vgl. ferner M f B F Z Jg. 1 Nr. 2 (1. 4.
schriften« 381 bewegte. Die ständig wechselnden 1946) S. 2 1 ; Jg. 1 Nr. 7 (1. 9. 1946) S. 1 0 4 ; J g . 3 Nr. 3 (1. 3. 1948)
Maßnahmen, unter denen die alliierte Kontrollrats- S. 63.
Direktive Nr. 55 vom 25.Juni 1947 (freier Austausch 3 8 4 Briefe S. 3 7 5 (an E. u. A. Rosin, 8. 10. 1947).
3 8 5 Z u r Auswirkung des politischen Klimawechsels auf die
von Druckschriften und Filmen im Interzonenver-
Literaturpolitik in der amerikanischen und sowjetischen Z o n e
kehr) 382 »nur eine Episode« bedeutete, »richteten vgl. Gehring: Amerikanische Literaturpolitik S. 7 4 - 7 9 .

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Das Goldene Tor 243

[...] wer weiß noch, was 50 Meilen entfernt von ihm gedruckt nen sollte«.393 Verärgert über die Zensur faßte Flake
wird? [...] Die Literatur schrumpft auf Landschaften zusam-
dann aber Anfang 1947 den Entschluß, »keine
men: weniger als Föderalismus, schon beinah Separatismus
und Zerfall. Das ist in keiner Hinsicht gut. In Berlin hat eine Artikel mehr in der französischen Zone zu veröf-
Zeitschrift Athena [britische Lizenz; Anm. d. Verf.], die ich fentlichen« und legte auch, wie bereits erwähnt, den
jetzt zum ersten Male zu Gesicht bekam, eine Umfrage Vorsitz im geplanten Schriftstellerverband Süd-
angestellt: welche Autoren am meisten gelesen und geschätzt westdeutscher Autoren nieder. 394 Auslöser dieses
würden. In den Listen finde ich Namen, von denen ich, der auf
rigorosen Rückzuges war der Zusammenstoß mit
deutschem Boden lebt, nie gehört habe. Sie werden drüben viel
gelesen. Man müßte einmal eine Expedition in diese antarkti- der französischen Zensur anläßlich Otto Flakes
schen Gegenden ausrüsten. Sie müßten Sendboten zu uns Beitrag »Etwas zur Schuldfrage« im 1. Heft des
schicken, damit wir von einander erfahren. Man redet von Merkur (1947), 395 der dem Herausgeber Hans
Weltorganisation; wer organisiert die Verbindung mit der Paeschke einen zornigen Anruf Döblins einge-
Nachbarschaft? (III 3, S. 296/297)
bracht hatte und angeblich beinahe zum Verbot der
Aus Angst vor Repressalien wegen der »Verbin- Zeitschrift geführt hätte. 396
dung< mit einem (ehemaligen) Angehörigen der
französischen Militärregierung ließ sich der im
Ostsektor Berlins wohnhafte Lyriker Carl Guesmer
386 Vgl. Döblins Briefe an C. Guesmer vom 5 .1.1950 und 3.6.
Döblins Redaktionsbriefe 1950 schließlich »postla- 1950 (i). Diesen Hinweis verdanke ich Carl Guesmer, dem an
gernd« nach West-Berlin zustellen.386 Er ist einer der dieser Stelle für das ausführliche Gespräch in Karlsruhe im Januar
ohnehin ganz wenigen in der sowjetischen Besat- 1984 gedankt sei.
zungszone bzw. der Deutschen Demokratischen 387 Vgl. ζ. B. Döblins Brief vom 10. 10. 1947 an Wolfgang
Grothe in Göttingen (DLA) und an Wilhelm Lehmann vom
Republik ansässigen Mitarbeiter des Goldenen Tors,
10. 12. 1946 in Eckernförde (DLA). Vgl. dazu auch Lehmanns
der den Kontakt mit Döblin trotz des sich verschär- Tagebuch-Eintrag vom 18. 12. 1946: »Brief von Döblin, der mir
fenden Ost-West-Konfliktes bis Anfang der 50er schon mal geschrieben hat, was ich leider nicht erhalten habe.
Jahre aufrecht erhalten hat. Lädt mich zur Mitarbeit am »Goldenen Tor· ein. [...] Man muß
damit rechnen, daß Post manchmal nicht anlangt [...].«Journal
Erschwert war die »Verbindung mit der Nachbar-
Weihnachten 1945 - 30. September 1947 (DLA).
schaft« auch durch den schleppenden und unzuver- 388 Vgl. Warburg: Deutschland S. 63; Heinz-Dietrich
lässigen Postverkehr, 387 wobei die geographische Fischer: Parteien und Presse S. 66.
Situation der >zusammengestückelten< französi- 389 Vgl. Henze: Unbarmherziger Augenblick S. 4. Die
schen Besatzungszone noch in besonderem Maße Namen der anderen Teilnehmer, die die damals in Freiburg
die verkehrstechnischen Probleme verschärfte.388 lebende Schriftstellerin Helene Henze (* 1910) nicht kannte (»mir
waren alle fremd. [...] Nur daß wir am Ort waren, konnte die
Ferner kam bei der Vermittlung deutscher inlän- Versammlung bestimmt haben.«), konnten nicht ermittelt wer-
discher Autoren ein Problem zum Tragen, das recht den; vgl. auch Schriften zu Leben und Werk S. 720 Anm. 232;
typisch für Döblins damalige Situation in Deutsch- Zeller: Döblin als Journalist S. 22.
land sein dürfte: Anfang Mai 1946 lehnten Reinhold 390 Henze: Unbarmherziger Augenblick S. 4.
391 I 3, S. 211-223; ferner II 3/4, S. 343/344 und III 1,
Schneider und mit ihm rund ein Dutzend weiterer
S. 62-65. Schneider - wohnhaft in der französischen Zone -
Autoren 389 in Freiburg eine Mitarbeit am Goldenen veröffentlichte ansonsten 1946 und 1947 hauptsächlich in
Tor rundweg ab, nachdem Döblin Schneiders »ent- Zeitschriften der amerikanischen und britischen Zone (»Die
scheidende Frage: die Beiträge würden der Zensur Fähre«, »Neue Auslese«, »Deutsche Rundschau«, »Die Lücke«,
unterworfen?«390 mit der Bitte um Verständnis »Der Standpunkt«, »Frankfurter Hefte«, »Horizont«, »Neubau«,
»Hamburger Akademische Rundschau«, »Hochland«, »Neues
bejaht hatte. Es ist durchaus denkbar, daß dieser
Abendland«). In der französischen Zone findet sich sein Name
alarmierende >Boykott< mit dazu beigetragen hat, außer im »Goldenen Tor« nur im »Freiburger Katholischen
daß die französischen Behörden bei der Lizenzie- Kirchenblatt· und in der Zeitschrift »Caritas«. - Ein Briefwechsel
rung der Zeitschrift im Juli 1946 die Zensur der zwischen Schneider und Döblin liegt leider erst für die Zeit ab
»Direction de l'Education Publique« und damit 1947 vor.
392 I 3, S. 238-243: Ethel auf Guernsey (aus: Fortunat.
wohl dem Zensor-Herausgeber Döblin selbst über-
Bd. 2).
antwortet haben. Reinhold Schneider jedenfalls, 393 Flake: Es wird AbendS. 555.
auch dies spricht für den zensorischen Sonderstatus 394 Flake gab außerdem seine Mitarbeit am »Badener Tag-
der Zeitschrift, zählte noch im 1. Jahrgang zu den blatt« auf. Vgl. Flake: Es wird Abend S. 555 u. S. 568.
Mitarbeitern des Goldenen Tors.391 395 S. 140-143. Vgl. auch Flake: Es wird Abend S. 567/568.
396 So Paeschke in einem Gespräch anläßlich eines Autoren-
Etwas anders gelagert war der Fall Otto Flakes, abends im Deutschen Literaturarchiv in Marbach a. N. im April
den Döblin ebenfalls im Jahr 1946 als Autor gewin- 1983: dies war angeblich der einzige Zwischenfall mit der
französischen Zensur, deren (individuell?) lockere Handhabung
nen konnte, 392 wohingegen Flake eine Mitarbeit am
Paeschke betonte. Als Herausgeber mußte er nicht einmal mehr
Lancelot abgelehnt hatte, da diese Zeitschrift »offen- den Umbruch vorlegen, ein Telefonanruf habe genügt. - Vgl.
bar der Verbreitung der Französischen Kultur die- ferner die Darstellung bei Flake: Es wird Abend S. 568.

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244 Alexandra Birkert

Mit diesen beiden Verhaltensmustern zweier angenommener Arbeiten mit großen Verzögerun-
renommierter inländischer Autoren kann und soll gen oder aber überhaupt nicht mehr unterbringen
lediglich auf die Bandbreite der Reaktionen auf- zu können. 405
merksam gemacht werden, denen der Zensor Döb- Die Ungewißheit der Autoren wurde noch
lin in geradezu paradoxer Weise ausgesetzt war: dadurch verstärkt, daß Döblin keineswegs immer
Während Döblin als Zeitschriftenherausgeber von den Eingang von Manuskripten bestätigte,406 wohl
anderen Zensurstellen unabhängig war, verfügte er eine Folge der Überlastung, denkt man an Döblins
bei der - gewichtigeren - Buchzensur nicht über den wiederholte Klagen über den Arbeitsanfall im »Bu-
maßgeblichen Einfluß, der ihm hierbei von vielen reau des Lettres«.407 Der Trend, den Elisabeth
Zeitgenossen zugeschrieben wurde.397 »Döblin Langgässer in einem Brief an Herbert Burgmüller
konnte verzeihen und strafen«;398 dies war unter offen beim Namen nannte - seit Juni 1948 »arbeitet
anderem auch die Überzeugung von Max Nieder- man ja notgedrungen mehr für Zeitungen, weil man
mayer, dem Leiter des Limes-Verlages, in dem es sich nach der Währungsumstellung nicht leisten
Gottfried Benn sein »come-back« feierte. Gerade im kann, wochenlang auf Honorare zu warten« -, 4 0 8
Falle Benns 399 sollte diese Überzeugung Literaturge- machte sich auch in Döblins Monatsschrift bemerk-
schichte machen:»[...] später erfuhr ich, daß Döblin bar: so etwa im »Chronik und Kritik«-Teil des
dem Verleger Johannes Weyl in Konstanz ein Goldenen Tors, der auf Aktualität angewiesen war.
Zeitschriftenprojekt ablehnte, weil ein Beitrag Hier schrumpfte der Rezensentenstab auf den Kern
Benns vorgesehen war.«400 Diese Auffassung Max der Redaktionsmannschaft zusammen (Döblin,
Niedermayers teilte auch der Verleger Weyl, der Wolfgang Lohmeyer, Herbert und Ingeborg
Gottfried Benn im Herbst 1946 dementsprechend Wendt):
informierte. 401 Zumindest in den beiden - wenn
auch sehr skeptischen - Gutachten, die Döblin für
die »Direction de l'Information« über die in Weyls
Südverlag in Konstanz geplanten Zeitschriftenpro- 397 Mit Zensursorgen wandten sich hilfesuchend an Döblin
jekte Bucht der Stille und Pandora. Deutsche Beiträge u. a. A. Kutscher (vgl. Briefe S. 371), W. Hausenstein (vgl. Briefe
zum geistigen Bestand am 4. Juli 1946 erstellt hat,402 S. 389) und P. Wiegler (vgl. Wieglers Brief an Döblin vom 2 1 . 5 .
1948 (b): Kopie im DLA).
findet sich keinerlei Hinweis auf Benn, obwohl 398 Niedermayer: Pariser Hof S. 34.
Döblin auf das jeweilige Mitarbeiterteam eingegan- 399 Zu Döblins »eher von Mitgefühl als von Kritik oder
gen ist.403 Häme bestimmten Einschätzung der Situation Benns« im Jahr
1938 und zum Verhältnis zwischen Döblin und Benn nach 1945
Aber nicht nur die tatsächliche und vermeintli- vgl. im einzelnen Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 137. u.
che Zensurpraxis Döblins brachte Probleme für den S. 5 0 6 - 5 0 8 . Vgl. ferner die Dokumentation im Benn-Katalog
Zeitschriftenherausgeber. Auch bei der Honorie- S. 160-164.
400 Niedermayer: Pariser Hof S. 35.
rung der inländischen Mitarbeiter bestanden
401 Vgl. hierzu G. Benns Antwortschreiben vom 5. 10. 1946,
Schwierigkeiten, etwa mit den Geldüberweisungen in: Benn: Lyrik und Prosa S. 1 6 3 - 1 6 8 .
in die sowjetische Zone und nach Berlin, die sich 402 Vgl. Döblins Zensurgutachten N° 1706 und N° 1707
bereits im Vorfeld der Währungsreform zuspitzten. (s. Anhang).
So schrieb Döblin am 18. Mai 1948 an Wolfgang 403 Lediglich in dem Zweitgutachten der Abteilung »Etudes
et Documentation« zur Zeitschrift »Pandora« wird G. Benn kurz
Kaempfer, der damals in Berlin-Friedenau (amerika-
erwähnt: .Releve sur la liste noire sovietique G. Benn avec deux
nischer Sektor) lebte: titres.« (N° 1707).
404 Unveröffentl. Brief (k). - Ähnliche Schwierigkeiten belegt
Was das Honorar [...] anlangt, so bitten wir Sie uns eine
Döblins Briefwechsel mit G. Tergit (London), die ihr nicht
Adresse in den Westzonen zu nennen, an die wir das Geld
transferierbares Honorar an eine Adresse im britischen Sektor
schicken können, da ja der Geldverkehr mit der russischen
Berlins schicken lassen wollte (n).
Zone und Berlin nicht möglich ist. Wir können Ihnen auch das
405 So erschien ζ. B. der Beitrag von Alfred Focke über
Geld auf Ihre eigene Verantwortung und Ihren ausdrücklichen
G. Trakl, für den sich Döblin in einem Brief an den Vermittler
Wunsch in einem Einschreibebrief zusenden 4 0 4
H. Gorski am 6 . 2 . 1 9 5 0 bedankte (m), erst über ein Jahr später im
April-Heft 1951. Vgl. auch den Briefwechsel Döblins u. a. mit
Da die Honorierung der Mitarbeiter, wie weithin
W. Grothe (DLA und DLA*), Kurt Scheid (DLA'), Herbert
üblich, erst nach dem Erscheinen einer Nummer Tjadens (DLA) u. a.
erfolgte, ergaben sich mit der Währungsreform 406 »[...] ich schickte ihm einfach die beiden Aufsätze [...],
durch die auftretende Verknappung des Publika- bekam nie von ihm eine Antwort, sondern einfach nach ein paar
tionsraumes und die Verzögerungen im Ausdruck Monaten die Belegexemplare und ein Honorar.« Η. H. Holz in
einem Brief an die Verfasserin, 15. 1. 1983.
weitere Probleme: Döblin sah sich - als Zeitschrif-
407 Vgl. ζ. B. Briefe S. 373 (an E. u. A. Rosin, 8. 10. 1947).
tenherausgeber keineswegs allein - in der unange- 408 E. Langgässers Brief datiert vom 18. 7. 1948, zit. n.
nehmen Lage, eine ganze Reihe bestellter bzw. Hoffmann: Briefwechsel Langgässer/Broch S. 306.

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Das Goldene Tor 245

1947: 42 Beiträge von 25 Autoren (4 Beiträge von Kesten 415 und der Verleger Wieland Herzfelde416
Döblin und Betzner) (New York). Letzterer sollte Döblin den Kontakt zu
1948: 49 Beiträge von 20 Autoren (7 Beiträge von den Autoren vermitteln, die 1944 zusammen mit
Döblin, Betzner, H. Wendt) Döblin in New York den Aurora-Verlag gegründet
1949: 35 Beiträge von 18 Autoren (10 Beiträge von hatten, namentlich Ernst Bloch, Hermann Broch,
Döblin, Betzner, Lohmeyer, H. u. I. Wendt) Ferdinand Bruckner, Oskar Maria Graf und Franz
1950: 31 Beiträge von 10 Autoren (19 Beiträge von Carl Weiskopf.417 Wichtige Kontaktperson für die
Döblin, Lohmeyer, H. u. I. Wendt) in Frankreich gebliebenen deutschen Emigranten
1951 409 : 19 Beiträge von 8 Autoren (9 Beiträge von war Rudolf Leonhard418 in Paris, mit dem sich
Döblin, Lohmeyer, I. Wendt) Döblin bereits auf seiner Rückreise beim Zwischen-
Im Jahr 1947 stammten also nur etwa ein Zehntel aufenthalt in Paris getroffen hatte419 und der Döblin
der »Chronik und Kritik«-Beiträge aus der Feder der auf dessen Bitte eine Autorenliste zugesandt
Redaktion, 1949 fast ein Drittel und 1950 sogar zwei hatte.420 Durch Leonhard kam Döblin beispiels-
Drittel. weise mit Salomo Friedländer (Mynona) in Paris in
Zu erwähnen bleibt schließlich noch ein nach- Kontakt. 421
denkenswerter >Fall<, bei dem Döblin trotz günsti- Im Dezember 1945 stand Döblin auch bereits
ger >Rahmenbedingungen< nicht zu einer erfolgrei- wieder mit der deutschen P.E.N.-Gruppe in London
chen Zusammenarbeit gelangen konnte: im Golde-
nen Tor ist nie eine Zeile von Elisabeth Langgässer
erschienen, obwohl ihr Verleger Eugen Ciaassen
4 0 9 Da im Jahr 1951 nur noch 2 Hefte erschienen sind und
vom Goverts-Verlag Döblin die Adresse vermittelt Döblin offensichtlich versucht hat, bereits lange angenommene
und Elisabeth Langgässer mit der Einsendung meh- Arbeiten noch unterzubringen, fällt dieser Jahrgang aus der
rerer Manuskripte auf Döblins Anfrage vom März Reihe.
1946 reagiert hatte.410 Woran dieser vielverspre- 4 1 0 Vgl. Döblins Briefe an E. Langgässer vom 19. 3 . 1 9 4 6 und
vom 11. 4. 1946, in: Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 4 4 0 / 4 4 1 .
chende Ansatz einer Zusammenarbeit zweier
4 1 1 Es ist unwahrscheinlich, daß der Grund in einer Verstim-
Autoren, deren literarische und christlich-weltan- mung E. Langgässers über Döblins .gestörtes« Verhältnis zu
schauliche Positionen reizvolle Parallelen aufwei- Hermann Broch zu suchen ist (vgl. unten Kap. 3.1.3), mit dem sie
sen, letztlich gescheitert ist, konnte leider nicht in freundschaftlichem Briefwechsel stand. - E. Langgässer gab im
mehr eruiert werden 411 übrigen Horst Krüger die Anregung, für Döblins »Goldenes Tor«
eine Rezension ihres Romans »Das unauslöschliche Siegel« zu
schreiben. Vgl. Krügers Brief an die Verfasserin vom 8 . 1 1 . 1983.
Vgl. ferner Krüger: Spötterdämmerung S. 3 1 7 ; ders.: Tiefer
deutscher Traum S. 3 5 5 / 3 5 6 . Vgl. auch unten Kap. 3.1.4.1.
2.3.3 Exilliteratur 4 1 2 Vgl. dazu im einzelnen unten Kap. 3.1.3.
4 1 3 Vgl. Briefe S. 3 2 8 - 3 3 0 (an B. Brecht, 25. 11. 1945);
Mit dem Goldenen Tor beabsichtigte Döblin auch, S. 3 2 7 / 3 2 8 ( a n L. Feuchtwanger, 2 5 . 1 1 . 1 9 4 5 ) ; S . 3 2 8 u.S. 3 5 5 (an
den deutschen Exilautoren im Ausland ein Publika- H. Mann, 14. 10. 1946); S. 3 3 3 - 3 3 5 (an L. Marcuse, 26. 1. 1946).
tionsorgan in Deutschland zu schaffen, einerseits, Vgl. ferner Deutsche Literatur im Exil S. 2 0 0 (Döblin an Kesten,
um ihnen - man denke an Döblins eigene Publika- 24. 11. 1945).
4 1 4 Vgl. Briefe S. 3 3 3 (26. 1. 1946); Briefe von und an
tionsschwierigkeiten im amerikanischen Exil - eine
L. Marcuse S. 4 3 (Döblin an Marcuse, 6. 2. 1 9 4 7 ) u. a.
Möglichkeit zur Veröffentlichung zu geben, andrer- 4 1 5 Döblin hatte bereits im April 1 9 4 5 »die ganz eingeschla-
seits aber auch, um dem deutschen Leser die fene Korrespondenz« mit H. Kesten wieder aufgenommen. Vgl.
Exilliteratur zugänglich zu machen.412 Deutsche Literatur im Exil S. 1 9 2 / 1 9 3 u. S. 200.
Bei der Kontaktaufnahme mit deutschen Exilau- 4 1 6 Vgl. Briefe S. 3 3 0 - 3 3 2 u. S. 3 3 8 / 3 3 9 ( 2 5 . 1 2 . 1 9 4 5 u. 2. 3.
1946).
toren konnte Döblin, wenn auch in begrenztem
4 1 7 Drei weiteren der insgesamt elf Gründungsmitgliedern,
Umfang, an persönliche Beziehungen aus seiner B. Brecht, L. Feuchtwanger und H. Mann, hatte Döblin bereits
Exilzeit anknüpfen. Die Einladung zur Mitarbeit am direkt geschrieben.
Goldenen Tor erfolgte zum Teil in direkten Schrei- 4 1 8 Vgl. BriefeS. 332 und S. 3 4 0 ( 1 2 . 1 . 1 9 4 6 u. 2 [recte: 9]. 4.
ben an Autoren, über deren Adressen Döblin 1946). Vgl. insbes. auch Döblins Briefe an R. Leonhard v o m
29. 10. 1 9 4 5 (geschrieben in Paris), 20. 11. 1945, 25. 11. 1945,
verfügte (Bertolt Brecht, Lion Feuchtwanger, Hein-
7. 3. 1 9 4 6 (b).
rich Mann, Ludwig Marcuse, Hermann Kesten 4 1 9 Vgl. Döblins Briefe an R. Leonhard v o m 2 9 . 1 0 . 1 9 4 5 und
u. a.),413 häufig aber auch im sogenannten Schnee- v o m 20. 11. 1 9 4 5 (b).
ballsystem, d. h. über Mittelsmänner, auf deren 4 2 0 Vgl. Briefe S. 3 3 2 (Döblins Dankschreiben vom 12. 1.
engagierten Einsatz Döblin angewiesen war. Zu 1946).
4 2 1 Vgl. Döblins Brief an S. Friedländer vom 14. 3 . 1 9 4 6 (a). -
nennen sind hier in Nordamerika insbesondere
U m welche Namen es sich bei der Autorenliste ansonsten
Ludwig Marcuse414 (Kalifornien) sowie Hermann handelt, war leider nicht zu ermitteln.

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246 Alexandra Birkert

in Korrespondenz, 422 die ihm zu Ehren im Früh- erhalten, der als Vorrede für ein Schulbuch verwen-
sommer 1935 in London ein Ehrendinner gegeben det werden sollte. Schmittleins und Döblins Plan,
hatte. 423
Die Verbindung zu den zumeist aus der Sowjet- 422 Vgl. Briefe S. 331 (an W. Herzfelde, 25. 12. 1945).
union in die sowjetische Besatzungszone zurückge- 423 Vgl. Meyer: Döblin-Chronik S. 25.
424 Vgl. Briefe S. 333 (an P. Wiegler, 14. 1. 1946).
kehrten Exilautoren und hier namentlich zu Johan-
425 Vgl. Deutsche Literatur im Exil S. 207 (Döblin an
nes R. Becher, knüpfte Döblin über den ihm
H. Kesten, 11.4. 1946).
ebenfalls aus den Berliner Jahren gut bekannten 426 Vgl. Briefe S. 331/332, S. 338, S. 354.
/Iw/Zw «-Redakteur Paul Wiegler, dessen Adresse er 427 An H. Kesten schrieb Döblin anfangs sogar französisch,
»zufällig« im Januar 1946 in die Hände bekommen »um die Beförderung des Briefes zu erleichtern«, wie es in einem
hatte. 424 Brief vom 30. 12. 1945 heißt; zit. n. Deutsche Literatur im Exil
S. 202. - Vgl. ferner Döblins Briefe an L. Marcuse vom 6. 2. 1947
Wie bereits erwähnt, war es Döblin als Mitarbei- und vom 25. 9 . 1 9 4 7 [!], in: Briefe von und an L. Marcuse S. 42/43
ter der französischen Besatzungsmacht sogleich u. S. 4 5 - 4 7 ; an G. Tergit in London vom 25. 10. 1946 und vom
möglich, mit dem Ausland zu korrespondieren. 425 10. 1.1947 (n); seinen Brief an Sigmund Pollag in Zürich vom 26.
Anfängliche Schwierigkeiten bei der Einsendung 10. 1947 (DLA*) und seinen Briefwechsel mit der »Agenzia
Letteraria Internazionale« in Mailand (DLA*).
von Manuskripten (und Büchern) nach Deutschland
428 »Du meinst, man könne mit mir nicht korrespondieren,
hinein wurden behoben, indem diese Sendungen weil ich nicht antworte. Das verstehe ich nicht, denn in der Regel
über die Straßburger National- und Universitätsbi- antworte ich Zug um Zug, und unterhalte eine recht große Kor-
bliothek adressiert und von dort auf dem Dienstweg respondenz wie sich von selbst versteht. [...] Ich finde vielmehr,
an Döblin weitergeleitet wurden. 426 Hingegen war daß die Antworten ausbleiben oder unzulänglich sind.· Döblin
an L.Marcuse, 6 . 2 . 1 9 4 7 , in: Briefe von und an L.Marcuse S.42.
der Briefverkehr namentlich mit Amerika, England,
Vgl. auch Briefe S . 3 3 8 / 3 3 9 (an W.Herzfelde, 2.3.1946) u.a.
Italien und der Schweiz in den ersten Jahren alles 429 Vgl. Döblins Brief an L. Marcuse, 25. 9. 1947, in: Briefe
andere als zuverlässig:427 wochenlange Verzögerun- von und an L. Marcuse S. 45/46.
gen und das >Auf-der-Strecke-Bleiben< von Briefen 430 Nach der Währungsreform hat Döblin die noch ausste-
rief teilweise Mißverständnisse und den beiderseiti- henden Honorarzahlungen ζ. T. mit großen zeitlichen Verzöge-
rungen beglichen: an H. Kesten überwies er erst im November
gen Vorwurf der Schreibfaulheit und des Desinter-
1949 das Honorar für die genau drei Jahre zuvor erschienene
esses hervor 4 2 8 Letzteres führte Döblin schließlich Erzählung »Oberst Kock«. Vgl. Briefe S. 401.
auf die fehlende Zahlungskraft der Zeitschrift für 431 Von den 443 Gutachten, die Döblin zwischen November
die im Ausland lebenden Autoren zurück. 429 Vor der 1945 und Anfang Februar 1947 erstellt hat, entfallen nur 6
Währungsreform konnte die Honorierung der Mit- Gutachten (ca. 1,5%) auf Exilautoren (St. Zweig, J . R. Becher,
H. Strobel, St. Hermlin, E. Ludwig). Dieser Prozentsatz ent-
arbeiter nur in Reichsmark auf ein Inlandskonto
spricht dem Anteil der Exilliteratur (7 5 Titel) an den Neuerschei-
erfolgen, 430 von den französischen Behörden wurde nungen in Deutschland von Mitte 1945 bis Mitte 1947 (ca. 5000
kein Transferkredit für deutsche Exilautoren einge- Titel). Der weitaus größte Teil dieser 75 Titel ist allerdings in der
richtet. S B Z erschienen. Vgl. Roloff: Exilliteratur in der deutschen Presse
S. 221/222 Anm. 13. Roloff bezieht sich dabei auf einen Bericht
Ohne nennenswerten Erfolg blieben auch die von in der Manuskriptfassung des 2. Teils der »Humanistischen
Schmittleins Behörde unterstützten Versuche Döb- Front« von Berendsohn, der nicht in die Druckfassung von 1976
lins, für seine Zeitschrift wie für die Buchproduk- übernommen worden ist.
tion 431 in der französischen Zone mit namhaften 432 Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 346; vgl. auch Ste-
phan: Deutsche Exilliteratur S. 87.
deutschen Exilverlagen, denen der Import nach
433 »Ich schrieb an Landshoff Amsterdam; pas de reponse.«
Deutschland weiterhin versagt war, ins Gespräch zu Döblin an H. Kesten, 26. 2. 1946, in: Briefe S. 336. Fritz Helmut
kommen: Ohne Antwort blieb Döblin beim Que- Landshoff, ehemals Direktor des Gustav Kiepenheuer Verlages
rido-Verlag, dem bis 1940 »wohl bedeutendsten in Berlin, hatte bis zur Besetzung Hollands und seiner Flucht
literarischen Exilverlag« 432 in Amsterdam, in dem er nach New York im holländischen Querido-Verlag die deutsche
Abteilung zum führenden literarischen Exilverlag ausgebaut (vgl.
selbst den Großteil seiner Exilwerke veröffentlicht
Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 346). In New York war Lands-
hatte und der 1946 seine Produktion in Amsterdam hoff G. Bermann Fischers Partner in der 1941 gegründeten L. B.
wieder aufnehmen konnte. 433 Auch die Kontaktauf- Fischer Publishing Corporation (vgl. Stephan: Deutsche Exillite-
nahme mit Gottfried Bermann Fischer, dem die ratur S. 92). Landshoff kehrte Ende 1945 nach Amsterdam
Einreise nach Deutschland zunächst verweigert zurück und berichtete H. Kesten am 15.2. 1946 über die
überraschend schnell angelaufene Produktion des Querido-
wurde, gestaltete sich schwierig. 434 So depeschierte
Verlages (vgl. Deutsche Literatur im Exil S. 204). Vgl. ferner
Döblin etwa im Sommer 1946 im Auftrag der Bermann Fischer: Bedroht - Bewahrt S. 227 u. S. 233/234.
»Direction de l'Education Publique« mehrmals an 434 Die Verhandlungen G. Bermann Fischers und Peter
Bermann Fischer in New York, um von diesem »die Suhrkamps (dem Treuhänder des S. Fischer Verlages) mit den
Genehmigung für den Abdruck eines kleinen Auf- französischen Behörden sind bisher nur ansatzweise dokumen-
tiert: vgl. S. Fischer-Katalog S. 679/680.
satzes von Thomas Mann über Chamisso« 435 zu
435 Briefe S. 352 (an H. Kesten, 30. 7. 1946).

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Das Goldene Tor 247

sich »an eine Anzahl der Exilierten und noch im Exil l'Edition«, Maurice Sabatier, daß die einst verfolgten
lebenden Schriftsteller namentlich Heinrich Mann, Autoren nicht vorzugsweise bei der Papierzuteilung
Lion Feuchtwanger, Ludwig Marcuse, Bertolt behandelt würden:
Brecht zu wenden und sie zu fragen, ob sie dieses
[...] je ne dois pas simplement etre traite de la m e m e fafon que
oder jenes ihrer Werke, welche [...] nicht mehr im
les autres auteurs presentant un manuscrit, mais qui ont eu
Druck sind, bzw. auch neu erscheinen oder erschie- l'autorisation de publier sous le regime nazi et qui en ont
nensind,[...]zur Verfügung stellen wollen, um sie in profite.
normaler Weise zu den üblichen Prozenten [...] zu II m e semble qu'il y a la une question de justice et d'equite:
celui qui füt opprime par les nazis devrait avoir une priorite
verlegen, in einer Folge, die auf etwa 2 - 3 Jahre
dans la publication de ses ouvrages et egalement dans la
lizensiert [!] sein könnte«, 436 scheiterte: zum einen an
repartition du papier, lorsqu'il s'agit d'une reimpression.
der restriktiven Lizenzpolitik der «Direction de II est evident qu'une diffussion plus large de la litterature
l'lnformation«, die Exilverlegern die Einreise und jusqu'ici proscrite, c'est-a-dire de la litterature pacifique et
Zulassung in der französischen Zone versagte, 437 humaniste correspond aux interets de la reeducation du
pays. 4 4 «
und zum anderen auch an den Exilverlegern, die sich
weigerten, eine bestimmte - vorgeschriebene - In einer Bevorzugung der Exilliteratur im Nach-
Auswahl ihrer Autorenrechte an kleinere zugelas- kriegsdeutschland sah Döblin demnach nicht nur
sene inländische Verlage abzutreten. 438 einen Akt der ausgleichenden Gerechtigkeit -
Die restriktive Lizenzpolitik der «Direction de gewissermaßen eine Art Reparationsleistung an die
Pinformation« wurde indessen scharf vom Chef der ehemals verfolgten Autoren - , sondern auch einen
«Direction de l'Education Publique« kritisiert. In Beweis für die Glaubwürdigkeit und Seriosität einer
seiner »Note sur l'lnformation« vom 30. 1. 1948 französischen Kulturpolitik in Deutschland, die für
distanzierte sich Raymond Schmittlein vom >lin- sich in Anspruch nahm, für die Ideen des Friedens
ken< Kurs der »Direction de l'lnformation« und und der Humanität in Deutschland einzutreten.
einer Verlagspolitik, die Dreiviertel der großen
zeitgenössischen deutschen Autoren auch weiter-
hin aus Deutschland aussperre:

[...] un grand n o m b r e de petites maisons d'edition sans valeur,


qui ne subsistent qu'en revendant au marche noir le papier
qu'elles ont obtenu, tantis qu'aucune des grandes maisons
allemandes qui auraient desire travailler en zone franfaise n'a
4 3 6 Briefe S. 3 5 7 (an H. Mann, 14. 10. 1946). Vgl. ferner
ete jusqu'a present autorisee. II semble cependent qu'un grand
Döblins Brief an L. Marcuse vom 1 5 . 1 0 . 1946, in: Briefe von und
Organe rhenan sur lequel on aurait concentre tous les efforts,
an L. Marcuse S. 3 9 - 4 1 .
bien informe, bien ecrit, illustre, publie sur plusieurs pages, ou
4 3 7 So wurde ζ. B. G. Bermann Fischer bei seinem ersten
une grande maison d'edition telle que l'Inselverlag ou Ber-
m a n n Fischer (ces deux maisons possedent ä elles seules les Europabesuch im Februar/März 1 9 4 6 die Einreise nach Deutsch-
trois quarts des droits d'edition des grands auteurs allemands land verweigert. Z u r komplizierten Verlagslizenz-Geschichte
actuels) auraient ete dans nos mains des moyens d'action (Suhrkamp Verlag vorm. S. Fischer/Bermann Fischer Verlag) vgl.
irresistibles. Α cöte de cela, a quoi nous sort de donner vingt S. Fischer-Katalog S. 6 3 9 - 6 5 4 .
tonnes de papier par mois a la revue c o m m u n i s t e Umschau 4 3 8 Vgl. Bermann Fischer: Die Rolle des Buches S. 6 5 5 -
pour le plus grand bien de Μ. S P E R B E R , agent de Μ. 663.
C A N N A C , ou m e m e a Lancelot, bien redige certes, mais qui 4 3 9 Bl. 3. - Z u r Diskussion verschiedener französischer Kul-
est trop clairement c o n n u c o m m e propagande frangaise et turstellen um die Verlagslizenzpolitik in Deutschland vgl. M o m -
c o m m u n i s t e pour pouvoir se venire et toucher autre chose que bert: Buch- und Verlagspolitik S. 2 3 4 / 2 3 5 u. S. 2 3 9 .
ceux qui sont c o n v a i n c u s ? 4 3 9 4 4 0 Brief v o m 20. 1. 1 9 4 8 . 2 Bl. Ts. m. hs. Zusatz (Colmar:
c. N° 4 5 8 0 p. 1 d. »Alfred Döblin«). - Anlaß dieses Beschwerde-
briefes, der erfolglos blieb, war die A b l e h n u n g von Döblins
Auch Döblin monierte im Januar 1948 in einem
Lizenzantrag für eine 2. Auflage des »Wang-lun« durch die
Brief an den »Directeur General des Affaires Admi- »Direction de l'lnformation (Section des Relations Intellectuelles
nistratives« und »President de la Commission de et du Livre)·.

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248 Alexandra Birkert

3 Programmpunkte und zentrale Themen

3.0 Exkurs:»Rückblick und Ausblick«: allemand du XIX e siecle, de l'imperialisme bis-


Alfred Döblins Programm der marckien et de l'ecole national - socialiste«.7 Zu den
»re-education« spezifischen Merkmalen der deutschen Romantiker
und ihrer Schriften, die das Verhältnis der Deut-
In der Person Alfred Döblins ist ein zentrales
schen zur Alltagsrealität, ihre Urteils- und Empfin-
Problem französischer - wie überhaupt alliierter -
dungskraft entscheidend gemindert und den Prinzi-
»re-education.-Politik1 verkörpert: Döblin war
pien der Humanität und Aufklärung entgegenge-
deutscher Schriftsteller und französischer Kulturof-
wirkt hätten, zählte Schmittlein: 8 den Mythos von
fizier in einer Person. In besonderem Maße um die
einem deutschen Reich; den Glauben an ein unaus-
Vermittlung zwischen Siegern und Besiegten
weichliches Schicksal (»la fatalite»), der im Gegen-
bemüht, hat Döblin weit sensibler als seine französi-
satz zum Schicksalsglauben der Griechen menschli-
schen Kollegen deutsche Widerstände gegenüber
ches Bewußtsein und menschlichen Willen aus-
französischer Besatzungspolitik empfunden. Und
schalte; Todessehnsucht und damit nicht selten
weit sensibler hat er auch auf die mangelhafte
verbunden, wie das Liebestod-Motiv zeige, ein
Resonanz reagiert - er, der seine kulturpolitischen
gestörtes Verhältnis zur Sexualität oder, ins Patho-
Aufgaben in der Hoffnung angetreten war, »Helfers-
logische ausartend, »le goüt du sang«; schließlich die
helfer«2 unter den Deutschen zu gewinnen.
Faszination, die die Welt des Über-Natürlichen (»la
Döblin war sich mit dem Leiter der »Direction de supra-naturel«), des Wunderlichen ausübe.
l'Education Publique«, Raymond Schmittlein, und
Im Bismarck'schen Imperialismus setzte sich in
dem wohl überwiegenden Teil der französischen
Schmittleins Augen preußische Expansionspolitik
Kulturpolitiker3 darin einig, daß der Nationalsozia-
und preußischer Kasernendrill fort.9 In dieser
lismus in Deutschland, die Anfälligkeit der Deut-
Atmosphäre von Untertanengeist und Machtglau-
schen für »die aggressive Idee des Herrenvolkes«,4
be, Disziplinverherrlichung und Militarismus, Rea-
das »Produkt und Resultat« (I 3, S. 269) eines langen
litätsblindheit und nationaler Großmannssucht
historischen Prozesses sei, den er in seinem Grund-
konnte nach Schmittleins Ansicht die Philosophie
satzreferat über »Die deutsche Utopie von 1933 und
vom Ubermenschen eines Nietzsche und das
die Literatur« im 2. und 3. Heft seiner Zeitschrift
Führerideal eines Hitler auf fruchtbaren Boden
analysiert hat. »Ein oder zwei Jahrzehnte« (I 2,
fallen. Den entscheidenden Transmissionsriemen
S. 141) könnten daher auch wenig an der »deut-
sche^] Mentalität« (I 3, S. 264) ändern - wie er in
dem Abschnitt »Rückblick und Ausblick« (I 3,
S. 262-264) ausführte - , »wenn keine entschlossene 1 Einen instruktiven Uberblick über die verschiedenen Vor-
Korrektur, kein erzieherischer Eingriff vorgenom- stellungen, die von französischer und deutscher Seite mit dem
Begriff •re-education« verbunden wurden, gibt Mombert: Jeu-
men« (I 2, S. 141) würde. Wollte man den Frieden nesse Allemande et Reeducation S. 1 - 1 4 ; zum Inhalt der ersten
(und damit auch die Sicherheitsinteressen Frank- amtlichen »Note Sur les problemes de reeducation dans la Z.F.O.
reichs) schützen, so müßte - neben der materiellen en Allemagne« v o m 7. 11. 1 9 4 5 vgl. H u d e m a n n : Kulturpolitik
Demilitarisierung Deutschlands und langfristig und Deutschlandpolitik S. 2 2 - 2 4 .
2 Journal S. 3 9 3 .
gesehen in erster Linie - eine »geistige Umstellung«
3 Vgl. Vermeil: L'Allemagne S. 3 1 ; Schmittlein: La reeduca-
(I 3, S. 263) der Deutschen eingeleitet5 und das tion S. 1 4 0 ; ders.: Briser les chaines S. 18. - Vgl. dazu ferner
geistige Leben eine bestimmte Zeit lang nicht nur Willis: The French S. 9 5 ; Gilmore: France's Postwar Cultural
kontrolliert, sondern auch in »eine bestimmte Rich- Policies S. 7 2 ; Hudemann: Französische Besatzungszone S. 2 3 8 ;
tung« (I 3, S. 260) gesteuert werden.6 Welcher Kurs ders.: Kulturpolitik und Deutschlandpolitik S. 2 0 / 2 1 .
4 Die literarische Situation S. 39.
in dieser »re-education« der Deutschen einzuschla-
5 Ähnlich Schmittlein: La reeducation S. 1 3 9 - 1 4 1 u. a.
gen wäre, hing entscheidend davon ab, an welchen 6 »La denazification du peuple allemand devait etre essentiel-
Punkten man in der deutschen Vergangenheit lement une oeuvre positive [ . . .]·. Schmittlein: La reeducation
Fehlentwicklungen konstatierte. Döblin hat hier im S. 140.
Goldenen Tor den »historischen Rahmen« (13, 7 Schmittlein: La reeducation S. 1 4 0 ; vgl. ferner ders.: Briser
les chaines S. 18; ders.: Romantisme nationaliste ou humanisme
S. 268) erheblich weiter gespannt als sein Vorgesetz-
democratique S. 4 7 - 4 9 .
ter Raymond Schmittlein und ihn zudem religiös 8 Vgl. Schmittlein: L'influence des Romantiques allemands
interpretiert. S. 1 0 5 - 1 1 4 . Diese Charakteristika werden von Schmittlein
nicht historisch hergeleitet. Vgl. ferner ders.: La reeducation
Raymond Schmittlein sah in der >Nazifizierung< S. 1 4 7 / 1 4 8 ; ders.: Briser les chaines S. 18.
Deutschlands »le fruit de l'education du romantisme 9 Vgl. Schmittlein: Briser les chaines S. 18.

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Das Goldene Tor 249

zwischen Staat und Untertan stellte in Schmittleins Staatlichkeit«, wie sie ζ. B. die Pilgrimväter in
Augen dabei das autoritäre Bildungssystem dar.10 Amerika verwirklicht hätten, habe der Vorstoß »die
Dies ist, auf einen kurzen Nenner gebracht, despotischen Landesherren« (S. 265) gebracht. Un-
Schmittleins Erklärungsmodell für die Entwicklung ter den »Landesfürsten-Bischöfen« aber war dem
in Deutschland. Er konzentrierte sich demzufolge ursprünglich »energischen Willen zu selbständiger
hauptsächlich auf das Schulsystem (Schulreform, Verweltlichung« nun »der stärkste Stachel« gezogen,
Lehrerausbildung, Schulbücher). Als leitende Wert- es fehlte »der Anreiz zu einer besseren, richtigeren
vorstellungen sollten der heranwachsenden Jugend Verweltlichung, jetzt gegen und ohne die königli-
vermittelt werden: einerseits ein Humanismus, der chen Despoten« (S. 265). Revolutionäre Forderun-
auf dem Glauben an den Fortschritt der Menschheit gen wurden nun ȟberhaupt nicht mehr innerlich,
und die Vervollkommnung des Menschen basiere, geistig moralisch, religiös, sondern sachlich, poli-
und andererseits Demokratie, nicht nur als politi- tisch, praktisch, später offen antireligiös« (S. 265)
sche Staatsform, sondern auch als Grundeinstellung formuliert. Das Pendel des deutschen Verweltli-
und Geisteshaltung, die Urteilskraft, kritischen chungsprozesses schwang, über die bisherigen Pole
Sinn, Zivilcourage, Charakterfestigkeit, Freiheitslie- hinausgehend, nun zwischen extremer >Veräußer-
be, Toleranz sowie Gerechtigkeitssinn vorausset- lichung< und extremer >Verinnerlichung< - einer
ze.11 Dabei war sich Schmittlein durchaus über den »bewegungslosen«, >diffusen<, »mystischen« Inner-
Widerspruch zwischen diesem, im wörtlichen Sin- lichkeit, dem »religiösen Kurzschluß der Deutschen
ne, >positiven< Aspekt der »denazification« und der unter Vermeidung der Realität« (S. 267). Beide
Notwendigkeit einer langfristigen autoritären Be- Extreme förderten die Anfälligkeit der Deutschen
satzungs- und Erziehungspolitik im klaren.12 für den Nationalsozialismus mit seiner amoralisch-
machtpolitischen und seiner utopischen Kompo-
In dem bereits zitierten, 24seitigen Grundsatzre-
nente.
ferat über »Die deutsche Utopie von 1933 und die
Literatur« (I 2, S. 136-147 und I 3, S. 258-269) hat Trotz aller historischen Fehlentwicklung - dar-
Döblin den engeren literarischen und den weiteren über ließ Döblin keinen Zweifel - hätte der deut-
historischen Rahmen abgesteckt, in dem er die sche Weg nicht zwangsläufig in die Verbrechen des
entscheidenden Fehlentwicklungen in Deutsch- Dritten Reiches führen müssen.13 Wenn der Natio-
land verbucht hat. Nach Döblins Ansicht besaß die nalsozialismus auch von »kleinen Gruppen« voran-
Bewegung des Nationalsozialismus »einen utopi- getrieben, die Masse »beteiligt, mitgerissen oder
schen Kern«, der »formativ, plastisch an der Bildung mitgetrieben« wurde und »in diesem Stadium mehr
dieses Machtkörpers mitgewirkt« (S. 136) hatte: die oder weniger Objekt und Instrument« (S. 262) war,
biologische Idee Nietzsches »von dem zu schaffen- wenn die Deutschen auch »von ihrer militaristi-
den Ubermenschen«, die sich, degeneriert zur »Idee schen Herrenklasse in Schulen und Universitäten
des weißen arischen Menschen, des Herrenmen- über die Grundsätze des Zusammenlebens mit
schen«, nach dem Ersten Weltkrieg »mit der Revan- anderen Völkern im Unklaren gelassen oder böswil-
cheidee der Nationalisten« (S. 139) und »dem alten liggetäuscht« (S. 263) worden waren, so kam es doch
Pangermanismus« (S. 140) verbunden habe. »Uto- »zu dem rücksichtslosen Beiseitewerfen aller gülti-
pie« definierte er dabei in Abgrenzung zur »realisti- gen moralischen Werte; man billigte ungeheuerli-
schen Einsicht« der »Religion« als »das Bild eines che Brutalitäten und Grausamkeiten« (S. 262). »Mo-
historischen Vollkommenheitszustandes« (S. 136/ ral« aber, so heißt es in Döblins Broschüre Der
137). Nürnberger Lehrprozeß, »existiert nur im Singular«:
Die Entstehung der »deutschen Utopie von 1933«
und die Anfälligkeit der Deutschen dafür sah Döb- 10 Vgl. Schmittlein: Briser les chaines S. 1 8 ; ders.: La reeduca-
lin - »im historischen Rahmen« (S. 268) - als »eine tion S. 1 4 4 / 1 4 5 .
bestimmte Phase des deutschen Verweltlichungs- 11 »Leur montrer [.. .] l'optimisme de l'humanisme essentiel-
prozesses« (S. 269), der seit den beiden großen lement fonde sur la croyance dans le progres du genre humain et
la perfectibilite de l'homme; reconnaitre que la democratic, au
mißglückten deutschen »Revolutionen«, den Bau-
dela d'une forme politique de gouvernement, c'est une attitude de
ernkriegen und der Reformation, aus dem Gleichge- vue qui suppose chez l'etre humain du jugement, de l'esprit de
wicht geraten sei. In beiden Fällen hätten die tolerance, ainsi que la passion de la justice, voilä les points positifs
Deutschen »mit deutlich religiösem Einschlag« zu d'une reeducation.« Schmittlein: Briser les chaines S. 18.
»selbständiger Verweltlichung«, d. h. »weg von einer 12 Vgl. Schmittlein: La reeducation S. 139. - Z u r inneren
Widersprüchlichkeit dieser Konzeption vgl. u.a. Hudemann:
unverbindlichen, bloß gedachten und moralisch
Kulturp(Jlitik und Deutschlandpolitik S. 2 3 / 2 4 .
nicht verpflichtenden Metaphysik« (S. 265) ge- 13 Dies ist im übrigen ein häufig angeschnittenes T h e m a in
strebt. Doch »statt der gewollten freien christlichen Döblins Rundfunkreihe »Kritik der Zeit«.

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250 Alexandra Birkert

Nicht einer Theorie, hinter der sich »die persönliche chungsprozeß (sofern er überall dazu neigte, ein
Haftbarkeit und Verantwortung des Menschen für Veräußerlichungsprozeß zu werden und einseitig,
seine Taten, wo und unter welchen Umständen er beziehungslos, wirtschaftlich, technisch und poli-
sie auch verrichtete«, 14 leicht vergessen ließ, sondern tisch zu entarten) überall zu einem Verinnerli-
dem einzelnen Menschen sollte der Prozeß gemacht chungsprozeß zurück[zu]treiben« (S. 269). Damit
werden. 15 In diesem Punkt setzte Döblin nach 1945 aber ist in Döblins Konzept ein »missionarischer«
konsequent seinen »menschlichen Standpunkt«, Ansatz auch über Deutschland hinaus mit ange-
seine Vorstellungen von einem »ethischen Sozialis- legt, 26 der in seiner historischen Legitimierung
mus« 16 und der Notwendigkeit einer >inneren<, einer weiter zurückgreift als die von Döblin gerügte
»ethische[n] Revolution« 17 fort, die er bereits seit »mission allemande«, von der Reinhold Schneider in
Beginn der 20er Jahre entwickelt und gegenüber seinem von der Zensur zurückgewiesenen Vorwort
Klassen- und Parteientheorien verfochten hatte. 18 zu der Sammlung Das christliche Deutschland
Döblins Auffassung, daß die Massen »die wirklichen 1933-1945 gesprochen hatte. Was für den inneren
Verhinderer eines menschlichen Daseins« 19 seien, Emigranten Reinhold Schneider Resultat der natio-
galt nach wie vor 1933 und zieht sich in der nalsozialistischen Diktatur war, eine - für die Welt
Nachkriegszeit insbesondere auch durch seine beispielhafte - moralisch-geistige Fundierung der
Rundfunksendung »Kritik der Zeit«. 20 W e n n Döb- Deutschen im Zeichen Christi, konnte in Döblins
lin Ende 1932 in seiner Schrift Unser Dasein Augen erst durch eine langfristige »Umerziehung«
von der Notwendigkeit wie Vergeblichkeit einer nach dem Ende des Dritten Reiches erreicht wer-
»Rebellion« der »menschliche[n] Individuen« gegen den. Döblins Zensurgutachten 2 7 fiel denn auch sehr
die »Massenkonzentration« der Nationalstaaten kritisch aus:
sprach, 21 so mag er nach 1945, zu Beginn seiner
[...] l'auteur pretend qu'il y avait, pendant le temps du nazisme,
kulturpolitischen Arbeit im Nachkriegsdeutsch-
un grand approfondissement de la vie spirituelle et surtout
land, zumindest vorübergehend auf eine Realisie- morale (en Allemagne), le peuple s'est transforme, des martyrs
rung dieser Idee gehofft haben. Das von Döblin in apparaissarent. »Die letzten Mauerreste der deutschen Bildung
einem SWF-Interview vom 31. März 1946 ange- stürzten ein und - die Umrisse der Kirche werden wieder
führte Beispiel, daß ihm auf seiner Flucht nach sichtbar.« II ajoute que: »das deutsche Volk hat der Welt ein
W o r t zu sagen - von der echten Einheit der Völker, die auf der
Lissabon von einem spanischen Faschisten, der Stiftung Christi ruht«. Esperons, que cet approfondissement
»anscheinend sogar eine führende Rolle spielte«, spirituel est une realite; mais pourquoi pas etre en ce m o m e n t
christliche Nächstenliebe widerfuhr - er »teilte mit modeste, tres modest, pourquoi toute de suite parier d'une
mir im Zug buchstäblich sein letztes Brot« - ging der mission allemande ? Toujours les »missions« allemandes! On en
a assez. On les connait deja.
französischen Zensur aber offensichtlich zu weit. Sie
strich den ausdrücklichen und für die eigentliche
Aussage entscheidenden Hinweis Döblins, daß es 14 Der Nürnberger Lehrprozeß S. 15.
sich bei seinem Helfer um einen spanischen Faschi- 15 »Es [das Nürnberger Gericht; A n m . d. Verf.] beginnt damit,
sten gehandelt habe. 22 daß es Personen aufruft, ja Personen, einzelne Individuen. Es
nennt gleich zu Beginn Namen und betitelt ihre Träger Ange-
»Re-education« bedeutete nun für Döblin im klagte. Es kümmert sich nicht um ihren früheren Rang. [ . . . ] Es
weitesten Sinne, den deutschen Verweltlichungs- zieht keine Theorie vor seine Schranken.« Der Nürnberger
Lehrprozeß S. 15.
prozeß wieder ins Lot zu bringen: indem - auf der
16 Republik S. 123.
einen, extremen Seite der >Veräußerlichung< - eine 17 Grundlinien S. 293.
»moralische Regeneration« eingeleitet und »feste 18 Vgl. dazu im einzelnen Kiesel: Literarische Trauerarbeit
Sicherungen, unantastbare Werte geschaffen wer- S. 8 3 - 9 5 .
den, die niemehr aufgegeben werden dürfen«; 23 und 19 W a s mir in dieser Zeit als Wichtigstes am Herzen liegt
S. 7. - Vgl. auch Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 314.
indem - auf der anderen, extremen Seite der
2 0 Vgl. u. a. die Sendungen v o m 12. 6. 1 9 4 9 u. 11. 6. 1950.
>Verinnerlichung< - der >Realitätssinn< gestärkt wer- 21 Unser DaseinS. 4 5 1 / 4 5 2 .
de. 24 Die Neugestaltung eines freiheitlichen, demo- 22 Vgl. [Bergel]: Interview mit Döblin, 3 1 . 3 . 1946, Bl. 9.
kratischen, friedlichen Staates 25 konnte in Döblins 23 [Bergel]: Interview mit Döblin, 31. 3. 1946, Bl. 12.
Augen nur Hand in Hand mit einer politisch 2 4 Vgl. Die deutsche Utopie (I 3, S. 2 6 7 - 2 6 9 ) ; Geleitwort
(I 1, S. 5) u. a.
verbindlichen, moralisch verpflichtenden Metaphy-
2 5 Vgl. insbes. Döblins Einleitung zur Rubrik »Veranstaltun-
sik gelingen. Die Demokratisierung Deutschlands gen und Kundgebungen« (I 1, S. 94).
müßte »mit deutlich religiösem Einschlag« (S. 265) 2 6 »[...] und wieder einmal wird im deutschen Rahmen das
erfolgen, wobei die »zurückgebliebene deutsche Geheimnis dieser W e l t und der menschlichen Existenz eine
Stufe« (S. 269) besondere Energien berge, die mobi- führende, formende Rolle spielen.« Die deutsche Utopie
(I 3, S. 268).
lisiert werden müßten, um generell »den Verweltli-
27 Zensurgutachten N ° 5 8 5 / R [ c a . 10. 1. 1946].

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Das Goldene Tor 251

Noch zwei weitere grundlegende Prämissen sind menschliche Herz hingewiesen hatte, das im Novem-
festzuhalten, in denen sich Döblins Zeitschrift ber 1946 erschienen ist: Der Dichter-Richter kann
bereits im Ansatz von Schmittleins Politik der den verstockten militaristischen Oberst weder in
»re-education« unterscheidet und die sein Pro- der intellektuellen Auseinandersetzung mit Argu-
gramm mitgestalteten: Das Goldene Tor war keine menten (ζ. B. in der Diskussion um das Völkerrecht)
Jugendzeitschrift, es konzentrierte sich nicht, wie noch durch mahnende Lehrbeispiele aus Literatur
Schmittleins Bildungspolitik, vorzugsweise auf die und Geschichte (ζ. B. durch die Sage von der
Schule als Bildungsinstitution und auf die Jugend Königin Niobe von Theben) »umkehren, erweichen,
unter 30 Jahren, deren geistiger Entwicklungspro- um bei ihm eine wirkliche Kapitulation zu errei-
zeß noch nicht abgeschlossen sei, die sich im Leben chen«. 31 Diese bleibt auf den Gnadenakt Gottes
noch nicht eingerichtet habe und somit noch angewiesen, muß andererseits aber auch vom einzel-
belehrbar sei. 28 Döblins Leserkreis dürfte sich viel- nen ernsthaft angestrengt werden.
mehr gerade aus der geistigen und künstlerischen Die aufgezeigten Akzentverschiebungen in Döb-
Elite rekrutiert haben, die Schmittlein weitgehend lins Programm der »re-education« sind also nicht
»abgeschrieben hatte und möglichst schnell durch nur auf seine spezifische Sonderstellung als deut-
junge Nachwuchskräfte auswechseln wollte. Und scher Schriftsteller und französischer Kulturoffizier
auch die Mitarbeiter der Zeitschrift, die »Helfershel- zurückzuführen, sie sind auch in seinem konse-
fer« für die »geistige Umstellung« der Deutschen - quent angewandten christlichen Glaubensverständ-
dies ist die zweite, vom generellen Kurs abwei- nis begründet.
chende Prämisse - sollten, so stand es auch in
Schmittleins Gutachten vom 28. Mai 1946, neben
ausländischen Autoren vorwiegend deutsche 3.1 Literaturprogrammatische Tendenzen
Schriftsteller sein: während Schmittlein vor allem 3.1.1 Präsentation ausländischer Literatur
deutsche Exilautoren im Auge hatte, war Döblin
zunehmend stärker um die Mitarbeit inländischer »Daß wir das Fenster nach dem Ausland weit öffnen,
Autoren bemüht. Spätestens Ende 1947 aber ging versteht sich von selbst. Man lebt weder in der
Schmittlein davon aus, daß alle Deutschen über 30 Gesellschaft noch unter Völkern allein; für die
Jahre, von einer quantite negligeable abgesehen, als Deutschen, die mehr übersetzten als andere, keine
unbelehrbar (»irreductible«) gelten müßten. Für ihn Neuigkeit.« (I 1, S. 6). D e m deutschen Leser die
war auch die gegenwärtige geistige und künstleri- unter dem nationalsozialistischen Regime ver-
sche Elite derart »infiziert«, daß man sie weder drängte und damit vor allem zeitgenössische auslän-
>umerziehen< (»l'elite actuelle allemande est irreduc- dische Literatur der Kriegsgegner in Übersetzungen
tible ä toute propagande«) noch als »Umerzieher« zugänglich zu machen, dieser Programmpunkt
einsetzen könnte. 2 9 Auch wenn Schmittlein dieses zählte auch für den Herausgeber des Goldenen Tors
rigorose Urteil zu einem Zeitpunkt fällte, als er um zu den Selbstverständlichkeiten kulturpolitischer
seinen Einfluß auf das deutsche Erziehungssystem Bestrebungen im Nachkriegsdeutschland. Doch
bangte 30 und demzufolge die Unfähigkeit der >ge- ging es Döblin, wie die Präzisierung seiner Vorstel-
genwärtigen deutschen Elite< nachzuweisen trach- lungen in dem Beitrag »Die deutsche Utopie von
tete, das deutsche Erziehungssystem selbst in die 1933 und die Literatur« (I 3, S. 260) zeigt, weder
Hände zu nehmen, so ist doch der Rigorismus seiner vornehmlich nur um die gegenwärtige ausländische
Äußerung durchaus bemerkenswert und erstaun- Literatur noch insbesondere um die Literatur der
lich: Schmittlein fällte hier ein vernichtendes Urteil Alliierten. Döblin wollte seine Leser vielmehr global
über eine Gruppe, aus der sich nicht nur die Leser-, orientieren. Auf das vielzitierte Schlagwort »Weltli-
sondern auch die Mitarbeiterschaft von Döblins teratur«32 hat der Herausgeber allerdings in diesem
Zeitschrift zum großen Teil zusammensetzte.

Im Vergleich hierzu war Döblins Konzeption 2 8 Vgl. Schmittlein: La reeducation S. 141 u. S. 1 5 1 / 1 5 2 .


auch in der Frage, wer das Werk der Umerziehung 2 9 Vgl. Schmittlein: La reeducation S. 141 u. S. 1 5 1 / 1 5 2 .
3 0 Vgl. Vaillant: Einleitung S. 1 8 / 1 9 .
leisten und an wen es sich richten könnte und sollte,
31 Z u den Beispielen vgl. S. 1 4 - 1 6 , S. 2 6 u. S. 106. Zitat:
stärker von einem christlich-religiösen Fundament S. 42.
getragen, das grundsätzlich jedem Menschen die 32 Aus der Fülle der Fachliteratur sei hier auf den Aufsatz von
Möglichkeit zur »Bekehrung« einräumte. Letztlich Bleicher: Weltliteratur in der Provinz - Mainz kurz nach 1 9 4 5
sah er genau hier aber auch die Grenzen jeder (mit einschlägigen Literaturhinweisen) verwiesen, der speziell auf
die kosmoliterarischen und komparatistischen Bestrebungen der
Umerziehungspolitik, auf die er besonders deutlich
französischen Besatzungsmacht eingeht. - Vgl. auch unten Kap.
in seinem Buch Der Oberst und der Dichter oder Das 3.2.4.1.

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252 Alexandra Birkert

Zusammenhang verzichtet, ließen sich unter dem rezensionen = 27 %). Hinzu kommen außerdem
unscharfen Begriff doch viele, unterschiedlich eine ganze Reihe von Autorenporträts und Über-
akzentuierte programmatische Ansätze subsumie- blicksdarstellungen, die sich mit dem literarischen
ren: >Weltliteratur< formuliert mit politisch-pro- Leben im Ausland beschäftigen.
grammatischem Akzent als Gegenbegriff zur ehe- Chronologisch betrachtet hat sich die Anzahl der
mals propagierten deutschen Nationalliteratur im Beiträge von ausländischen Autoren im Hauptteil
Sinne einer Gesamtheit aller Nationalliteraturen, der Zeitschrift in den Jahren 1946 bis 1951 von
ferner als Bezeichnung für einen weltweit anerkann- 2 8 % auf 3 8 % erhöht. Die Währungsreform im
ten Literaturkanon oder aber für die literarische Juni 1948 bildet dabei - auch wenn man die
Gestaltung >allgemein<-menschlicher Grundsitua- erheblichen Verzögerungen beim Ausdruck der
tionen und >allgemein<-gültiger Werte. Zeitschrift einkalkuliert - keinen markanten Ein-
Döblin sprach vorzugsweise von ausländischer schnitt, der den Anteil der Auslandsliteratur auf-
Literatur, wenn er den Begriff auch nicht immer grund der Transfermöglichkeiten deutlich in die
konsequent angewandt hat.33 Neben der deutsch- Höhe getrieben hätte, wie die Prozentzahlen zeigen
sprachigen Schweizer Produktion dachte er dabei (1946: 2 8 % , 1947: 2 3 % , 1948: 2 5 % , 1949 und
insbesondere an die fremdsprachige Literatur außer- 1950: 3 2 % , 1951: 3 8 % ) . Hier zeichnet sich viel-
halb der deutschen Reichsgrenzen (von 1938 und mehr die Tendenz einer linearen Verbesserung der
damit auch außerhalb Österreichs). Vermittlungsmöglichkeiten ab, wobei noch im ein-
Döblin verfolgte mit der Präsentation ausländi- zelnen angesichts der Frontenbildung zwischen
scher Literatur, wie er im Goldenen Tor(l 3, S. 260) >Ost< und >West< zu unterscheiden ist.
darlegte, drei Ziele: 1.) Nach jahrelanger Isolierung Döblin konnte für das Vorstellen ausländischer
sollte dem deutschen Leser die »Existenz starker Literatur durchaus namhafte Übersetzer und kom-
außerdeutscher Leistungen« wieder ins Bewußtsein petente Referenten gewinnen: als Übersetzer finden
gerufen und damit nationaler >Kulturdünkel< abge- sich u. a. Charlotte Birnbaum, Hermann Bodeck,
baut werden. 2.) »Kenntnis vom fremden Land und Werner Bukofzer, Gert Conitzer, Hellmut Draws-
Leuten« zu vermitteln, darin sah Döblin einen Tychsen, Elfriede Eckardt-Skalberg, Albert Ehren-
wesentlichen Beitrag zur internationalen Annähe- stein, Hans Fromm, Johannes von Guenther, Wil-
rung und Völkerverständigung. 3.) In ausländischen helm Hausenstein, Hans Hennecke, Friedhelm
Literaturproben sollte ein »vollständigere^] Men- Kemp, Walter Küchler, Enno Littmann, Erwin
schenbild«, ein »komplettere[r] Menschentypus« Karl Münz, Eckart Peterich, Emil Schering, Karl
vorgestellt und damit eine »fürchterliche Neigung, Schwedhelm, Heinrich Stammler, Helena Strasso-
an der der Deutsche festhält, [...] erschüttert wer- va, Egon Vietta, Hermann Karl Weinert; als Refe-
den: den Einzelmenschen direkt zum Überirdi- renten Klara Blum (über China), Hermann Bodeck,
schen und zu Gott zu führen unter Ausschaltung der Wilhelm Hausenstein, Friedrich Hirth, Walter Tal-
ganzen dazwischenliegenden, kämpferisch und lei- mon-Gros (über französische Literatur), Alfredo
dend zu durchschreitenden [...] Realität.« Gerade in Cahn, Helmuth Schmolck, Paul Westheim (über
diesem letzten Punkt konnte und sollte in Döblins lateinamerikanische Literatur und Kultur), Stephan
Augen ausländische Literatur einen »Wachstums- Hermlin, Alfred H. Unger(über englische Literatur),
reiz« auf die »deutsche Rumpfliteratur« (S. 258) Hans Mayer, Martin Winkler (über russische Litera-
ausüben, um die es Döblin in erster Linie ging: tur und Kultur), Emil Schering (über August Strind-
»nicht zuviel«34 Übersetzungen für die Deutschen, berg), Egon Vietta (über italienische Literatur) u. a.
die ohnehin seit je »mehr übersetzten als andere« Nur wenige von ihnen zählten allerdings zum festen
(I 1, S. 6), lautete Döblins Devise, die er durchaus Kern der Mitarbeiter, sind in mehreren Jahrgängen
mit Raymond Schmittlein teilte.35
Wenn Döblin in der Vermittlung ausländischer
Literatur auch keineswegs die vordringlichste Auf-
gabe des Goldenen Tors sah, so handelt es sich doch 33 «Wir unterscheiden folgende Kategorien: erstens ausländi-
sche, zweitens inländische, also deutschsprachige Literatur.« (I 3,
immerhin bei gut einem Viertel der insgesamt 487 S. 260). Vgl. aber auch Döblins Argumentation in dem Interview
Beiträge36 im Hauptteil der Zeitschrift um Überset- mit Feist für die »Schweizer Annalen. (Juli 1947).
zungen (132 Beiträge = 27 %). Vier Beiträge stam- 3 4 Journal S. 398.
men von Schweizer Autoren ( = 1 %). Auch in der 35 Vgl. Schmittleins gutachterliche »Note« v o m 28. 5. 1 9 4 6 :
Sparte »Chronik und Kritik« bewegt sich der Pro- »[...] en donnant une part p r e p o n d e r a t e a la litterature de langue
allemande, il est prevu de faire figurer dans chaque numero
zentsatz der Exklusivrezensionen zur Überset-
quelques extraits d'auteurs etrangers traduits.«
zungsliteratur in dieser Höhe (41 von 151 Exklusiv- 3 6 Döblins Beiträge (13) blieben dabei unberücksichtigt.

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Das Goldene Tor 253

der Zeitschrift vertreten :37 der Ethnologe und Über- 37 Von den folgenden Mitarbeitern stammen mehr als drei
Beiträge in mindestens drei Jahrgängen.
setzer Hellmut Draws-Tychsen (1904-1973); 3 8 der
38 III 2, S. 132; IV 1, S. 6 0 - 6 8 ; IV 5, S. 410/411; V i ,
Komparatist, Mitarbeiter der »Direction de l'In- S. 4 1 - 4 9 .
formation (Section Presse)«, Gastprofessor und 39 I 2, S. 1 1 5 - 1 2 8 ; II 5, S. 4 0 8 - 4 2 1 ; II 11/12, S. 1 0 6 5 - 1 0 7 9 ;
ab Sommersemester 1949 Ordinarius des ersten IV 2, S. 171/172; IV 4, S. 2 5 9 - 2 6 7 ; IV 6, S. 4 9 1 / 4 9 2 ; V 2, S. 1 4 2 -
deutschen Lehrstuhls für Komparatistik nach 146; V 5, S. 3 8 3 - 3 8 7 ; VI 1,S. 7 7 / 7 8 . - V g l . auch Komparatistik in
der Provinz - Friedrich Hirth zum 100. Geburtstag. - Laut Irene
1945 (an der Universität Mainz) Friedrich Hirth
Giron war Hirth auf Wunsch von Andre Franfois-Poncet bei der
( 1 8 7 8 - 1 9 5 2 ) ; 3 9 ferner der in München ansässige »Direction Generale des Affaires Culturelles« eingestellt worden.
Lyriker und Übersetzer Friedhelm Kemp (geb. 40 11, S. 57/58; S. 58/59; II 3/4, S. 2 5 6 - 2 6 1 ; II 5, S. 393; III 4,
1915) aus dem Umkreis der Fähre/Literarischen S. 325; IV 3, S. 193. - Kemp, der damals für eine ganze Reihe von
Revue, auf den Döblin bei den Konstanzer Kultur- Zeitschriften übersetzte, kann sich nicht mehr an die Zusam-
menarbeit mit Döblin erinnern (hingegen an den intensiveren
wochen im Juni 1946 aufmerksam geworden war; 40
Kontakt zum »Merkur« und zur »Fähre«), Er vermutet, daß die
der Theaterwissenschaftler, Germanist, Romanist Ubersetzungen über einen Dritten, wahrscheinlich über den
und Claudel-Übersetzer Erwin Karl Münz (geb. befreundeten Hans Hennecke (1897-1977), an das »Goldene
1912), Mitglied der »Union Mondiale d'Ecrivains Tor« gelangt sind. Friedhelm Kemp sei an dieser Stelle für die
freundliche Auskunft im Deutschen Literaturarchiv im Septem-
Catholiques«; 41 der Nachlaßverwalter, Herausgeber
ber 1983 gedankt. - Vgl. ferner Döblins Bericht über die
und Übersetzer August Strindbergs, Emil Schering Konstanzer Kulturwochen (I 1, S. 95/96).
( 1 8 7 3 - 1 9 5 1 ) ; 4 2 die Übersetzerin (aus dem Französi- 41 I U I , S. 5 0 - 5 7 ; III 8, S. 7 2 5 - 7 2 7 ; S. 7 3 2 - 7 4 1 ; IV 4,
schen) Helena Strassova43 und schließlich Egon S. 2 8 3 - 2 8 6 ; V 4, S. 2 6 5 - 2 6 8 ; VI 1, S. 3 0 - 3 6 .
Vietta ( 1 9 0 3 - 1 9 5 9 ) , der sich 1947 als freier Schrift- 42 II 6, S. 5 1 7 - 5 2 2 ; IV 2, S. 9 9 - 1 0 6 ; V 3, S. 1 6 3 - 1 6 8 ; V 5,
steller in Stade niedergelassen hatte und der be- S. 340 u. 345; VI 2, S. 9 3 - 1 0 0 . - Schering sandte Döblin im
Frühjahr 1947 eine Strindberg-Ubersetzung. Vgl. Briefe S. 372
reits vor 1933 mit Döblin in Berlin Verbindung
(11.6. 1947).
hatte. 44 43 I 2 , S . 169/170; S. 171; II 2, S. 1 8 0 - 1 8 3 ; II 5, S. 4 2 5 - 4 2 7 ; II
Nachweislich wichtige Mittelsmänner im Aus- 7, S. 6 2 4 - 6 2 6 ; III 1,S. 5 8 - 6 1 ; III 4, S. 3 3 3 - 3 3 7 ; V 2, S. 1 3 5 - 1 3 9 ;
S. 140-142. - Bei allen Beiträgen handelt es sich um Übersetzun-
land waren zudem der in Paris wohnhafte österrei- gen aus dem Französischen, Quellen- und Copyrightangaben
chische >Georgianer< und Symbolismus-Spezialist, fehlen. Dies läßt vermuten, daß H. Strassova, die nicht zu
Hermann Bodeck ( 1 8 9 3 - 1 9 6 6 ) , der über Diploma- identifizieren« war, die Ubersetzungen eigens für das »Goldene
tenkreise der französischen Kulturbehörde in Tor« angefertigt hat.
Deutschland zur freien Mitarbeit empfohlen wor- 44 II 3/4, S. 355/356; II 7, S. 6 9 0 / 6 9 1 ; I I 8 / 9 , S. 7 5 2 - 7 5 5 ; III 3,
S. 2 1 3 - 2 2 3 ; S . 2 7 5 - 2 7 7 ; V 4 , S . 2 5 9 - 2 6 4 ; V I 2, S. 8 7 - 9 2 . - A m 8.9.
den war,45 sowie Döblins Literaturagent in Buenos 1947 schrieb Döblin über Vietta an H. Kesten: »Er schreibt
Aires, der gebürtige Schweizer, Übersetzer und übrigens sehr gut, ist ein kluger Bursche und in der nächsten
spätere Ordinarius für Germanistik an der Universi- Nummer der Zeitschrift bringe ich von ihm eine famose
tät Cordoba, Alfredo Cahn (1902-1975). 4 6 Besprechung über das traurige >Glasperlenspiel< von Hermann
Hesse.« Zit. n. Deutsche Literatur im Exil S. 261. - Es bleibt zu
Der Einfluß der genannten Übersetzer und Refe- vermuten, daß Döblin nach 1945 durch Viettas Rezension zu
renten auf die Auswahl und Präsentation ausländi- Döblins Werk »Der Oberst und der Dichter«, die am 3 0 . 1 . 1 9 4 7 in
scher Literatur im Goldenen Tor ist keineswegs zu der Wochenzeitung »Die Zeit« erschienen ist, auf ihn aufmerk-
sam geworden ist.
niedrig zu veranschlagen, wenn sich dies freilich
auch nicht mehr in jedem Fall rekonstruieren läßt 4 7 45 Diesen Hinweis verdanke ich seiner Frau Asta Bodeck
(Paris). - Bodeck zählte zu den sogenannten .jüngeren Freunden«
Die inhaltlich »präzise Linie«,48 die Döblin primär Stefan Georges. Vgl. Boehringer: Mein Bild von Stefan George
und nicht ohne erhebliche Schwierigkeiten auch S. 159. - Im Nachlaß von Hermann Bodeck (Paris) ist kein
mit der Vermittlung ausländischer Literatur zu Briefwechsel mit Döblin erhalten.
verfolgen suchte, ist daher gerade dort am ehesten 46 Der Kontakt war bereits 1944, vermutlich über Friederike
Zweig, zustandegekommen, die Cahn eine Liste der Werke
nachzuzeichnen, wo ihm ein relativ großes Angebot
Döblins zugeschickt hatte, deren Ubersetzungsrechte für Süd-
an Texten zur Verfügung stand. Hieraus läßt sich das amerika noch nicht vergeben waren. Vgl. den Briefwechsel aus
Übergewicht französischer Literatur im Goldenen den Jahren 1944/1945 (DLA"). Cahn engagierte sich stark für die
Tor erklären, auf die knapp die Hälfte aller Überset- Ubersetzung der Werke Döblins ins Portugiesische und Spani-
zungen entfällt. Die insgesamt 132 Übersetzungen sche, er schrieb Vorworte zu den spanischen Ubersetzungen von
»Die Fahrt ins Land ohne Tod« (Buenos Aires: Ed. Futuro 1945)
verteilen sich auf die Literaturen folgender Länder und »Der Blaue Tiger« (Buenos Aires: Ed. Futuro 1945). - Eine
bzw. Regionen: 49 Anfrage bei seinem Sohn Francisco Cahn (Buenos Aires), ob im
Nachlaß von Alfredo Cahn noch Briefe Döblins aus der Zeit-
Frankreich 43,5 %
schriftenzeit erhalten sind, blieb leider ohne Antwort. Für
Großbritannien (engl., nordirische Lit.) 11,5 % hilfreiche Auskünfte und Vermittlungsdienste sei an dieser Stelle
Nordamerika/Lateinamerika Lila B. de Esteves und Oscar Caeiro (Cordoba) gedankt.
(argent., bolivian., indian.) 9 % 47 Döblin hat keineswegs immer Textnachweise angeführt
Italien 9 % (Quelle, Ubersetzer, Copyright, Vorabdruck, Nachdruck etc.).

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254 Alexandra Birkert

Sowjetunion (russ., Sowjet.) 8 % Egon Vietta entscheidend mitgewirkt hatte,52


Osteuropa (ungar., tschech., kroat.) 3 % konnte eine beachtliche Anzahl zeitgenössischer
Baltikum (lett., litau., est.) 3 % Autoren mit Lyrik und Prosa in Übersetzung vorge-
Skandinavien (schwed., norweg.) 3 % stellt werden. Der deutsche Leser wurde zudem
Finnland 2 % über die Autoren (Alvaro, Cardarelli, Castelli, Mon-
Spanien 2 % tale, Moravia, Savinio, Ungaretti, Vittorini) in
China 2 % kurzen biographischen Einleitungen (III 3, S. 203/
Nordafrika (altägypt., abessin.) 1,5 % 204) und in einer ausführlichen Überblicksdarstel-
Niederlande unter 1 % lung von Egon Vietta über »Die moderne italieni-
Persien unter 1 % sche Literatur« (III 3, S. 213-223) informiert.
Das Übergewicht französischer Literatur nährte Exzeptionell ist ferner auch der rund 30seitige
freilich, einmal ganz abgesehen von Döblins Dienst- Sonderteil über »Das literarische Mittel- und Süd-
stellung, die Ansicht, »das Goldene Tor sei eine amerika«,53 dessen überdurchschnittlich hoher -
französische Angelegenheit.«50 Daß es Döblin hin- und für den deutschen Leser fast zu detaillierter -
gegen bei der Präsentation ausländischer Literatur Informationsgehalt auch in anderen Zeitschriften
eigentlich um ein möglichst weltweites und quanti- ohne Konkurrenz ist.54 In Textproben vorgestellt
tativ ausgewogenes Spektrum ging, ergibt sich nicht wurden darin auch die bolivianische Lyrikerin
nur aus der Redaktionskorrespondenz. Ansätze Yolanda Bedregal (geb. 1916) 55 und der argentini-
dazu lassen sich durchaus auch in der Konzeption sche Erzähler Pablo Rojas Paz.56 Es muß offenblei-
der Zeitschriften-Nummern erkennen. So grup- ben, warum Döblin die so günstige Verbindung zu
pierte Döblin gleich im 1. Heft hintereinander dem Literaturagenten Alfredo Cahn in Buenos
»Chinesische Lyrik«51 (drei Gedichte von Han Yü Aires nicht weiterhin ausgeschöpft hat, um
(8./9. Jh.) in der Übersetzung von Albert Ehrenstein) moderne lateinamerikanische Autoren in Deutsch-
und »Amerikanische Lyrik« (zwei Gedichte von land bekannt zu machen. 57
Robinson Jeffers und ein Gedicht von Robert Frost
in der Übersetzung von Friedhelm Kemp) und fügte
- gleichsam als redaktionellen Kommentar - zwei 4 8 Briefe S. 3 5 1 (an H. Kesten, 27. 6. 1946).
Lessing-Zitate an (S. 59), in denen sich Lessing 4 9 Da im folgenden die Präsentation ausländischer Literatur
gegen »die Vorurteile der Völkerschaft« und für den unter verschiedenen Aspekten beleuchtet wird, sind in der
»Weltbürger« aussprach. Die kleine Auswahl hatte nachstehenden Auflistung geographische, staatspolitische und
ethnische Gesichtspunkte berücksichtigt.
denn auch mehr demonstrativen als repräsentativen
5 0 B. G r i m m : Aktennotiz, 15. 6. 1950, Bl. 2.
Charakter. 51 So lautet der Titel auf dem Titelblatt und im Inhaltsver-
In späteren Heften verfolgte Döblin den Ansatz, zeichnis. Der Beitrag selbst (S. 5 3 - 5 6 ) ist überschrieben: »Aus
dem Chinesischen·.
einzelne Heftabschnitte anderen Nationalliteratu-
52 Die prägnanten, kenntnisreichen Kurzbiographien im
ren zu widmen, ein Verfahren, das im übrigen in der Vorspann stammen vermutlich aus der Feder Viettas. Sie sind
deutschen Zeitschriftenlandschaft der ersten Nach- genau auf die in Textproben vorgestellten Autoren und Viettas
kriegsjahre keineswegs selten war. In Döblins Zeit- Uberblicksdarstellung abgestimmt.
schrift finden sich die Sonderteile »Russische Lyrik« 53 Helmuth Schmolck: Mittelamerikanische Literatur. Spie-
gel einer Entwicklung (II 1 1 / 1 2 , S. 9 7 2 - 9 7 8 ) . - Alfredo Cahn:
(II 6, S. 535-541), »England« (II 10, S. 867-897), »Das
Großes Schweigen in Südamerika (III 1 1 / 1 2 , S. 9 7 9 - 9 8 3 ) .
literarische Mittel- und Südamerika« (II 11/12, 5 4 Z u m Vergleich sei auf den Beitrag von [Johann] Schlem-
S. 971-1000), »Abessinische Klagelieder« (II 11/12, minger über »Argentiniens Buchwesen. Zur Gegenwartslage
S. 1037/1038), »Italien« (III 3, S. 203-277), »Altindia- seines Verlages und Buchhandels« in den M f B F Z J g . 3 Nr. 6 ( 1 8 . 6 .
nische Kultur und Religion« (III 4, S. 338-366), 1948), S. 1 8 0 - 1 8 2 verwiesen. - Die Verleihung des Nobelpreises
für Literatur an die chilenische Autorin Gabriela Mistral hatte
»Altfranzösische Gedichte« (III 7, S. 702-705), »Das
zwar Ende 1 9 4 5 die Aufmerksamkeit auf die lateinamerikanische
Gesicht des neuen China« (III 8, S. 742-771), »Sinn- Literaturszene lenken können, im Deutschland der ersten Nach-
bildliche Dichtung Frankreichs« (IV 6, S. 4 1 9 - kriegsjahre waren jedoch die Kontaktmöglichkeiten mehr als
464), »Lettische Volkslieder« (VI 1, S. 63-65) und rar.
»Altfranzösische Liebeslyrik« (VI 2, S. 113/114). 55 Collar de nueve lunas hechas de sombra y canto. -
Vergeblich. - Getrunken hab ich . . . - Durst (II 1 1 / 1 2 ,
Hier zeigt sich, daß der Schwerpunkt bei der
S. 9 9 1 - 9 9 3 ) . Gedichte in der Übersetzung ihres Mannes Gert
Präsentation ausländischer Nationalliteraturen kei- Conitzer(geb. Berlin 1910), der 1939, nach Gestapo-Haft und K Z
neswegs auf der >Moderne< lag. Der Abdruck von Sachsenhausen, nach Bolivien emigriert war.
Textproben fiel gerade auch bei zeitgenössischen 5 6 Der Malambo des Windes. Erzählung. Ubers, v. A. Cahn
Autoren vergleichsweise >mager< aus. Nur im Falle (II 1 1 / 1 2 , S. 9 8 4 - 9 9 0 ) .
5 7 Bereits im 1. Heft des »Goldenen Tors« war ein Beitrag von
des »Italien«-Heftes, an dessen Zustandekommen
A . Cahn über »Gabriela Mistral. Die chilenische Nobelpreisträge-

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Das Goldene Tor 255

Ansonsten aber konnte Döblin seine Vorstellung, disch-europäischen Horizont hinaus Markierungs-
in Sonderteilen jeweils mehrere repräsentative zeit- punkte der Neuorientierung bieten.
genössische Autoren eines Landes zu Wort kom- Auch eine Auflistung der wichtigsten Über-
men zu lassen, nicht in die Tat umsetzen. Vergeblich blicksdarstellungen zur zeitgenössischen ausländi-
bemühte er sich um sowjetische Autoren, ohne schen Literatur belegt Döblins Bemühen, nach
Erfolg suchte er seiner Zeitschrift eine Reihe nord- Möglichkeit weit über den europäischen Rahmen
amerikanischer Beiträge zu sichern, und in seinem hinauszugreifen: Alfred H. Unger: Londoner Thea-
»England«-Heft (II 10) konnte er lediglich zwei terbrief (I 1 und 3),Jean Paul Samson: Französische
Zeitgenossen, W . Somerset Maugham und Harold Literatur (II 1), Joachim-Ernst Berendt: Neue Dich-
G. Nicolson, in Textproben vorstellen. 58 tung in [Nord-]Amerika (II 2), Philibert H. Lamberg
Gerade das »England«-Heft ist aber auch ein [d. i. vermutlich Herbert Schmidt-Lamberg]: Das
Beispiel dafür, daß es Döblin in seinen ausländi- Buch in China (II 2), Walter Talmon-Gros: Die
schen Sonderteilen nicht nur um die »Literatur an Erneuerung des französischen Theaters (II 10),
sich« (III 8, S. 723) zu tun war: Herbert Schmidt-Lamberg: Das Theater in China
(III 8), Ulrich Seelmann-Eggebert: Valentin Katajew
Die ersten 5 Stücke dieses Heftes werden durch den Namen und die Wandlungen der sowjetischen Literatur
England zusammengefaßt, Frau Gabriele Tergit beschreibt die (IV 2), Herbert Tjadens: Das japanische Kurzge-
englische Landschaft und dokumentiert die englische Idee.
dicht (V 3), Alfred H. Unger: Amerikanische Inva-
Darauf äußert sich Harold Nicolson über den »Englischen
Cant·. Das Schlußwort dieser Rubrik hat die Dichtung, sion. Londoner Theaterbrief (V 4) sowie die bereits
vertreten durch Somerset Maugham (Der griechische Torso) zitierten Beiträge von Helmuth Schmolck: Mittel-
und Shelley (Die Wolke). (II 10, S. 867). amerikanische Literatur (II 11/12), Alfredo Cahn:
Großes Schweigen in Südamerika (II 11/12) und
Egon Vietta: Die moderne italienische Literatur (III
Döblin sah vielmehr eine wesentliche Aufgabe
3). Dahinter stand für Döblin nicht so sehr die - für
und einen effektiven Beitrag zur Völkerverständi-
die Schulddebatte relevante - These vom geistigen
gung auch darin, eine möglichst breite deutsche
und moralischen Bankrott des Abendlandes, 61 von
Leserschaft anzusprechen und über Land und Leute
der »Passion abendländischer Hybris« (I 2, S. 193) 62
(»way of life«) fremdländischer Kulturkreise ins Bild
und von einem Europa, das »noch immer im
zu setzen: mit Reiseschilderungen, Korresponden-
nationalen Standpunkt verfangen« (II 3/4, S. 356) 6 3
tenberichten, Essays oder aber auch durch die
ist - auch wenn diese Positionen im einen oder
literarische Gestaltung von Reiseerlebnissen. 59
anderen Beitrag des Goldenen Tors vertreten sind.
Das Interesse an der Literatur und Kultur frem-
Entscheidend für Döblins forcierte Präsentation
der, in Deutschland wenig beachteter Nationen und
ethnischer Minderheiten teilte Döblin mit vielen
seiner Zeitgenossen. 6 0 Aus dem üblichen Rahmen
rin« erschienen (11, S. 8 6 - 8 8 ) . - Die .Umschau« hat im Jg. 2 ( 1 9 4 7 )
deutscher Nachkriegszeitschriften fällt allerdings zwei Gedichte dieser Autorin abgedruckt (S. 518). Parallel zu
Döblins Engagement für deren - ursprünglich A. Cahns Beitrag erschien dort auch im Oktober 1 9 4 6 ein Aufsatz
mündlich - überlieferte Volksdichtung. So finden von Paul Valery über die Nobelpreisträgerin (S. 1 6 5 - 1 7 1 ) . - Nach
sich im Goldenen Tor altchinesische Weisheitssprü- dem Mittel- und Südamerika-Sonderheft (II 1 1 / 1 2 ) ist weder
A. Cahn noch irgendein lateinamerikanischer Autor in Döblins
che aus dem Altbewährten Buch vom rechten Weg Zeitschrift vertreten.
und rechter Wesensart des Lao Dsi (II 8/9), Abessini-
58 W . Somerset Maugham: Der griechische Torso (II 10,
sche Klagelieder (II 11/12), Auszüge aus dem Popol S. 8 8 8 - 8 9 3 ) . Harold G. Nicolson: Englischer Cant (II 10,
Vuh, dem Buch der Gemeinschaft der Maya-Quiches, S. 8 8 2 - 8 8 7 ) . Vorabdruck aus: ders.: Begegnungen und Betrach-
einer indianischen Schöpfungsgeschichte (III 4), tungen. München: Desch 1947.
59 Vgl. dazu unten Kap. 3.2.4. - Im amerikanischen Überset-
Märchen aus Rußland und Litauen (V 3 und 6), ein
zungsprogramm rangierten die Werke, die über den »american
Lied auf den ägyptischen Nationalheiligen Ahmed way of life« der Gegenwart und der Vergangenheit informierten,
il-Bedawi (V 5), Lettische Volkslieder (VI 1) und ein an zweiter Stelle. Vgl. Gehring.Amerikanische Literaturpolitik S.
Auszug aus dem persischen Epos Leila und Madj- 40-42.
nun, der Bearbeitung eines beliebten altarabischen 6 0 Vgl. u. a. Schlüter: Die »Fähre/Literarische Revue«
Sp. 1 4 5 5 - 1 4 6 0 .
Themas durch den persischen Dichter Dschami aus
61 Vgl. hierzu Eberan: W e r war an Hitler schuld? S. 1 7 5 /
dem 15. Jahrhundert (VI 1) - all dies Ansätze zu 176.
einer >Demokratisierung der Literatur<? Doch soll- 6 2 A. Betzner [Rez.]: Konrad Algermissen: Nietzsche und das
ten diese Beiträge den deutschen Leser auch an die Dritte Reich. Celle: Giesel 1 9 4 6 (I 2, S. 1 9 3 / 1 9 4 ) .
literarisch-kulturelle Leistung ehemals führender 6 3 E. Vietta [Rez. über die Züricher Aufführung von]: Carl
Zuckmayer: Des Teufels General (II 3 / 4 , S. 3 5 5 / 3 5 6 ) . - Vgl. auch
Kulturvölker erinnern und ihm über den abendlän-
unten Kap. 3.2.2.

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256 Alexandra Birkert

außereuropäischer und hier vor allem fernöstlicher mie der Künste« mit ihrer »Sektion für Dichtkunst«.
Kulturbereiche war ein anderes Motiv. Bereits im Letztere sollte eine der gesellschaftlichen Kräfte
1. Jahrgang seiner Zeitschrift (13, S. 302/303) sprach werden, »die alte Urteile zulassen oder neu untersu-
sich Döblin gegen ein einseitiges, weil politisch in chen und revidieren.«66 Prägnantes Beispiel für den
der sich abzeichnenden Polarisierung ausspielbares, Versuch, diese Wunschvorstellung zu realisieren, ist
Bekenntnis zum abendländischen Geisteserbe aus, der bereits erwähnte Entwurf eines neuen Lese-
das einer politisch-ideologischen Teilung zwischen buches für die höheren Schulen in Preußen, den
Ost und West Vorschub leisten und damit dem Ziel Döblin zusammen mit Heinrich Mann im Auftrag
der Völkerverständigung massiv entgegenwirken der »Sektion für Dichtkunst« erarbeitet hat, nach-
könnte.64 dem er immer wieder in den Sitzungen der Sektion
Doch auch das gesteigerte Interesse am »Uber- »auf die im Statut aufgeführte Verpflichtung der
nationalen« barg Gefahren, die ebenfalls gleich im Sektion [...], Einfluß auf die Gestaltung von Schul-
1. Jahrgang der Zeitschrift angeschnitten wurden. büchern - in erster Linie auf Lese- und Geschichts-
In seinem Vorlesungsmanuskript über »Rilke als bücher- zu nehmen«,67 hingewiesen hatte. Prägnant
Europäer« warnte der französische Germanist, ehe- ist aber auch, daß dieser Entwurf, nach einer Unter-
malige Mitherausgeber der Etudes Germaniquesund redung mit dem preußischen Kultusminister und
Rektor der Saar-Universität, Joseph-Frangois An- Sozialdemokraten Adolf Grimme am 9- März 1931,
gelloz, davor, Rilkes »Weltbürgertum« als »Vernei- gerade von den beiden Sektionsmitgliedern in
nen des Nationalen« (I 3, S. 292) interpretieren zu Angriff genommen wurde, die zwei Monate zuvor,
wollen: am 12. Januar 1931, ein eindeutiges politisches
Bekenntnis der »Sektion für Dichtkunst« zur Wei-
Kosmopolitisch war er durch seine Freundschaften, seine
marer Republik gefordert hatten und mit diesem
Reisen, seine Bildung, seinen Ruhm, aber er war keiner dieser
Menschen, welche Länder wie Raritäten sammeln, oder sich Antrag gescheitert waren.68 Döblins Auseinander-
mit den Kunstwaren aller Länder umgeben, um aus sich selbst setzung mit dem >Kulturerbe< stand also in engem
herauszukommen, u m sich von einem ermüdeten Ich zu Zusammenhang mit der angestrebten geistigen
befreien. (S. 2 9 2 ) Konsolidierung der jungen demokratischen Repu-
Übertragen auf die deutsche Situation der Nach- blik. Mit ihrem Scheitern landete auch der Lese-
kriegszeit hieß dies aber, aus ausländischem Mund: buchentwurf »im Papierkorb [...] des Ministeriums
die Beschäftigung mit ausländischer Literatur und für Unterricht«.69
Kultur und die Besinnung auf die Ideen des Kosmo- Döblins bildungspolitische Richtlinien am Ende
politismus und Internationalismus dürfen nicht der Weimarer Republik könnte man, in mehrfa-
dazu verleiten, darüber die nationale Identität und chem Sinne, unter dem nach 1945 programmatisch
damit auch die nationale Verantwortung der Deut- formulierten Begriff »Demokratisierung der Litera-
schen zu vergessen. Das Bekenntnis zum Kosmopo- tur« (II 7, S. 597) zusammenfassen: Ziel war zum
litismus ersetzt nicht die notwendige Auseinander- einen die »Verbreiterung der Bildungsbasis durch
setzung mit der eigenen Vergangenheit und mit den Beseitigung des Bildungsmonopols« des gehobenen
eigenen geistigen Traditionen. Bürgertums, das »Hinwenden zur breiten Volksmas-
se«, was von seiten der Autoren durch eine »Senkung
des Gesamtniveaus der Literatur« geleistet werden
könnte.70 Ergänzend dazu galt es in Döblins Augen,
3.1.2 »Herstellung und Befestigung einer
einer Bildungsbürger-Tradition Paroli zu bieten, die
literarischen Tradition« »bloß Kulturerbe« und damit - willkürlich oder
Bereits in der Weimarer Republik und vornehmlich unwillkürlich - ausschließlich das Bild und die
in deren letzen Jahren hatte sich Döblin im Zuge Werte einer vergangenen, vom Obrigkeitsdenken
seines bildungspolitischen Engagements, »die Lite- bestimmten Welt vermittelte. Demgegenüber soll-
ratur aus ihrer gesellschaftlichen Isolierung heraus-
zuführen und ihre pädagogische Aufgabe im Raum
6 4 Vgl. dazu im einzelnen unten Kap. 3.2.4.
eines demokratischen Gemeinwesens sichtbar zu 6 5 J e n s : Dichter S. 160.
machen«,63 aktiv auch für eine Revision geistig- 6 6 Revision literarischer Urteile. Einleitung (II 3 / 4 , S. 211).
kultureller Tradition in Deutschland eingesetzt. 6 7 J e n s : D i c h t e r S . 164.
Döblins Interesse konzentrierte sich dabei auf die 6 8 Vgl. J e n s : Dichter S. 1 3 0 / 1 3 1 ; Meyer: Döblin-Chronik
Institutionen, denen er einen maßgeblichen Einfluß S. 22.
6 9 Zwei Akademien. Einleitung (II 7, S. 596).
auf Traditionsbildung und Traditionsvermittlung 7 0 V o m alten zum neuen Naturalismus S. 145 (Hervorheb. im
zuschrieb: der Schule und der »Preußischen Akade- Original).

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Das Goldene Tor 257

ten auch repräsentative Texte für die junge demo- überhaupt die Situation der Okkupation, bildeten
kratische Republik in den Literaturkanon aufge- denkbar schlechte Voraussetzungen dafür: sie
nommen werden und somit der Bezug zur gesell- konnten kaum den Eindruck einer demokrati-
schaftspolitischen Realität, zu den gegenwärtigen schem Traditionspflege vermitteln. Döblin plä-
Lebensverhältnissen hergestellt werden. Besonders dierte zwar auf der einen Seite in einem Schweizer
pointiert hat Döblin diese Gesichtspunkte 1936 im Interview 73 für eine »re-education« der Deutschen
Pariser Exil in einem Zeitungsartikel zur »Lektüre in »mit den Ideensystemen, die die Deutschen in
alten Schulbüchern« formuliert: früheren Jahrhunderten selbst geschaffen haben«,
wollte diese jedoch »von außen an sie herangetra-
Man braucht das Kulturerbe, und aus nichts entsteht nichts,
aber bloß Kulturerbe? Es sieht verdächtig aus, und ist, selbst gen« sehen, sprach gar von »bevormunden« und
wenn man es nicht meint und nicht will, gefährlich. [...] geriet damit in das Dilemma westalliierter Besat-
W e r diese Schulbücher passiert hat, weiß und hat und ist etwas zungspolitik, »Demokratie mit undemokratischen
vom gestrigen Deutschland, vom Kaiserreich, Mittelalter und Methoden verbreiten« 74 zu wollen.
Arnim. Die junge Republik, die Demokratie, die Arbeiter-
schaft, die neue W e l t wird er nicht kennen, sondern ableh- Angesichts der schwierigen Rahmenbedingun-
nen. 7 1 gen, ausländische Intellektuelle und deutsche Exil-
Döblins Interesse an einer kritischen, den Über- autoren zur Mitarbeit heranzuziehen, sind beide
lieferungsvorgang und den Überlieferungsinhalt Gruppen doch mit einem relativ hohen Prozentsatz
gleichermaßen reflektierenden Auseinanderset- (zusammen 42 % ) im Goldenen Tor an der »Herstel-
zung mit literarischer Tradition 72 ist also nach 1945 lung und Befestigung einer literarischen Tradi-
keineswegs neu. tion« 75 beteiligt. Nur einer der ausländischen Beiträ-
Im 2. Jahrgang seiner Zeitschrift eröffnete Döb- ge 7 6 (10 % ) ist allerdings exklusiv für Döblins Zeit-
lin eine Rubrik mit dem Titel »Revision literarischer schrift verfaßt worden. Johann Wolfgang von
Urteile«. Einleitend verwies er auf den funktionalen Goethe und Heinrich Heine, die neben Gotthold
Zusammenhang von gesellschaftlicher und literari- Ephraim Lessing wohl meistzitierten Favoriten in
scher Tradition und machte damit deutlich, daß es der kritischen wie normativen Diskussion der ersten
ihm, nach 1945, nicht nur um eine Rehabilitierung Nachkriegsjahre um das literarische Erbe, 77 sind,
in der NS-Zeit verdrängter Autoren, sondern gene- von einer wichtigen Ausnahme (Reinhold Schnei-
rell um eine Revision geistig-kultureller Tradition in der) 78 abgesehen, »von außen« beurteilt worden:
Deutschland ging: Friedrich Hirth, Ferdinand Lion und Ludwig Mar-

Geltung und Nichtgeltung (und die Grade von Verschattung


oder Belichtung einer literarischen Größe) hängen von der Zeit
und der gesellschaftlichen Situation ab, und das heißt von 71 S. 3 3 9 u . S . 342.
Kräften, die alte Urteile zulassen oder neu untersuchen und 72 Vgl. dazu Barner: Wirkungsgeschichte und Tradition S. 87.
re vidieren. 73 Feist: Interview mit Döblin S. 671.
W i r werden an dieser Stelle solche Revisionen vornehmen. 74 Gehring: Amerikanische Literaturpolitik S. 20.
(II 3 / 4 , S. 2 1 1 ) 75 Vornotiz zum Arno Holz-Band S. 5.
7 6 Joseph-Fransois Angelloz: Rilke als Europäer (I 3, S. 2 8 3 -
Problematisch war freilich die Frage, wer, welche 292). Albert Fuchs: Goethe. Ein Mensch und das Leben.
Einleitung zum Buchausschnitt (III 5, S. 4 4 0 - 4 4 4 ; Originalbei-
»Kräfte« in Döblins Zeitschrift »solche Revisionen
trag). Albert Fuchs: Goethe. Ein Mensch und das Leben (III 5,
vornehmen« sollten. Die französische Besatzungs-
S. 4 4 4 - 4 5 0 ) . George Santayana: Deutsche Freiheit (III 7,
macht? Deutsche Mitarbeiter der Zeitschrift? Nach S. 6 2 1 - 6 2 6 ) . Maurice Colleville: Nietzsche und der Doktor
wie vor stand Döblins »Kulturerbe«-Diskussion, wie Faustus von Thomas Mann (III 7, S. 6 4 4 - 6 4 8 ) . George Santayana:
u. a. seine Einleitung zum Akademie-Heft (II 7, Spuren von >Egotismus< bei Goethe (V 1, S. 6 3 - 6 5 ) .
77 Aus der Fülle der Fachliteratur zur Goethe-Rezeption
S. 5 9 6 / 5 9 7 ) zeigt, im Zeichen einer »Demokratisie-
nach 1 9 4 5 sei hier verwiesen auf Nutz: Restauration und Zukunft
rung der Literatur«, die darauf zielte, »im Literari-
des Humanen. - Zur Goethe-Diskussion in den Nachkriegszeit-
schen und Geistigen das im Land verbreitete Obrig- schriften vgl. die Quellenhinweise bei Eberan: W e r war an Hitler
keitsprinzip«, das »aus der politischen Sphäre in die schuld? S. 2 3 1 - 2 3 3 . - Z u r Heine-Rezeption nach 1 9 4 5 vgl. u. a.
literarische und künstlerische« hineingewirkt habe, Als der Krieg zu Ende war S. 3 1 - 3 3 u. S. 4 6 ; Reese: Z u r
Geschichte der sozialistischen Heine-Rezeption S. 2 2 3 - 3 7 5 .
abzubauen, indem sie »die Vielheit und Mannigfal-
7 8 Fausts Rettung ( 1 3 , S. 2 1 1 - 2 2 3 ) . Schneiders Essay, ein
tigkeit der Begabungen und Richtungen« zur Gel-
leicht abgewandelter Ausschnitt aus dem gleichnamigen, im
tung kommen lassen und dadurch nicht zuletzt »die August 1 9 4 6 bereits im Suhrkamp Verlag in Berlin erschienenen
Wirkung der Literatur« auf die »Masse des Volkes« Band, ist die erste Stellungnahme zu Goethe in Döblins Zeit-
erweitern wollte. Doch die exponierte Stellung des schrift. In der Zeitschriftenschau der .Universitas« 0 g . 2 Nr. 4,
S. 4 7 6 / 4 7 7 ) wurde auf den Artikel im »Goldenen Tor« hingewie-
Herausgebers, der zugleich Zensor und Kulturoffi-
sen. - Ein weiterer inländischen Beitrag zu Goethe stammt von
zier im Dienst französischer »re-education« war, wie
Ricarda H u c h : Rede bei der Verleihung des Goethe-Preises am

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258 Alexandra Birkert

cuse sympathisierten mit dem Schicksalsgenossen, Die »Herstellung und Befestigung einer literari-
dem Emigranten Heinrich Heine. 79 Goethe, dessen schen Tradition« empfahl Döblin indessen, wie er in
Faust in der Schulddebatte wiederholt bemüht seiner Einleitung zum Akademie-Heft (II 7, S. 5 9 5 -
worden ist, 80 wurde von dem Franzosen Albert 597) formulierte, einer - »nach Klärung der politi-
Fuchs und dem Amerikaner George Santayana schen Verhältnisse« - neuzugründenden »bessere[n]
sowie von den (zurückgekehrten) Emigranten Akademie« (S. 597) an. Diese sollte sich bei ihrer
Friedrich Hirth, Paul Wilhelm Wenger und Döblin Konstituierung nicht an der alten »Preußischen
unter die Lupe genommen. 8 1 Akademie der Künste« mit ihrer fachspezifischen
Und doch, der Leitaufsatz über Lessing (I 1) und Ausrichtung orientieren, sondern sich vielmehr die
die richtungsweisenden Revisionen literarischer »Academie Fran$aise« zum Vorbild nehmen, in der
Urteile< stammen von Autoren des Inlandes: der in sich neben »hervorragenden Schriftstellern«, Präla-
München lebende Theaterkritiker Hanns Braun ten, Generäle, Staatsmänner, Advokaten und Diplo-
(1893-1966), Mitarbeiter der Frankfurter Zeitung maten zu »einer Elite der Nation« (S. 595) versam-
und Freund Wilhelm Hausensteins, der vermutlich melt hätten. Hier wird im übrigen deutlich, warum
den Kontakt zu Döblin vermittelte, schrieb für das Döblin 1949 so begeistert auf das Projekt einer
Goldene 7brden programmatisch-einleitenden Bei- Akademie der Wissenschaften und der Literatur
trag über Lessing. Der Berliner Rudolf Adrian reagiert und warum er sich 1951 bei der Vorberei-
Dietrich ( 1 8 9 4 - 1 9 6 9 ) verfaßte die erste »Revision« tung einer Akademie-Zeitschrift gegen den Plan
(II 3/4), die Arno Holz gewidmet und wohl ebenfalls
eine Auftragsarbeit für Döblins Zeitschrift war.82
28. August 1931 (III 2, S. 1 0 1 - 1 0 4 ) . Der Nachdruck der Rede aus
Den Wedekind-Spezialisten Arthur Kutscher bat
dem Jahrbuch des Freien Deutschen Hochstifts Frankfurt a. M.
Döblin im Januar 1947 8 3 um eine Würdigung dieses von 1931 (S. 3 2 3 - 3 2 7 ) , die um die national angehauchten
»elementare[n] Dichter[s]«, den es, wie Arno Holz, Passagen der Einleitung und des Schlußwortes gekürzt wurde,
aus dem Schatten Gerhart Hauptmanns zu stellen war jedoch eine Verlegenheitslösung, da Döblin nicht die
gelte, so betonte Döblin in seiner Einleitung (II 6, gewünschten Texte von R. Huch erhalten konnte. Vgl. hierzu im
einzelnen unten Kap. 3. 1.4.1.
S. 488). Die folgenreichste »Revision literarischer
7 9 Ferdinand Lion: Fragment über Heine (I 2, S. 1 0 7 - 1 1 4 ) .
Urteile«, drei Stellungnahmen zu Thomas Mann Friedrich Hirth: George Sand und der charmante Gott (I 2,
(II 8/9), wurde, wie Döblin einleitend ausdrücklich S. 1 1 5 - 1 2 8 ) . Ludwig Marcuse: Die Geschichte des Heine-Denk-
festhielt (S. 741), von drei Autoren verfaßt, die mals in Deutschland (I 2, S. 1 2 9 - 1 3 5 ) . Friedrich Hirth: Heinrich
»während der Diktaturjahre in Deutschland gelebt« Heines letzte Liebe (II 5, S. 4 0 8 - 4 2 1 ) . Friedrich Hirth: Heinrich
Heine und Karl Marx. Z u m 150. Geburtstag des Dichters,
hatten: neben Egon Vietta (1903-1959) von zwei
13. Dezember 1 9 4 7 (II 1 1 / 1 2 , S. 1 0 6 5 - 1 0 7 9 ) . Friedrich Hirth:
Autoren, Paul Ε. H. Lüth ( 1 9 2 1 - 1 9 8 6 ) und Wolf- Wagner, Meyerbeer und Heine (V 5, S. 3 8 3 - 3 8 7 ) .
gang Grothe (geb. 1924), die »in dieser Zeit aufge- 8 0 Vgl. dazu Eberan: W e r war an Hitler schuld? S. 7 9 - 8 3 u.
wachsen« seien und »sich nun, nach 1945, mit der S. 1 2 4 - 1 2 8 .
verbotenen älteren Literatur auseinanderzusetzen« 81 Siehe A n m . 7 6 ; außerdem: Friedrich Hirth: Goethe und
Frankreich (IV 4, S. 2 5 9 - 2 6 7 ) . Paul Wilhelm W e n g e r : Faust -
hätten. 84 Döblins wiederholter Versuch, die Beurtei-
Ideal oder Idol? Ein großes deutsches Mißverständnis (IV 4,
lung »einer literarischen Größe« (II 3/4, S. 211) von S. 2 6 8 - 2 7 5 ) . Alfred Döblin: Goethe und Dostojewski (IV 4,
ganz jungen deutschen Lesern, von Schülern und S. 2 7 6 - 2 8 2 ) . Vgl. ferner Döblins Rezensionen: Die Launen des
Studenten »unvoreingenommen und ohne literari- Verliebten (über Goethe-Fachliteratur; V 1, S. 6 6 - 6 8 ) ; Einige
Gedichtbände (IV 5, S. 4 0 6 / 4 0 7 ) sowie die Glosse: W a r Goethe
schen Apparat« (IV 1, S. 3) vornehmen zu lassen,
christlich? (II 8 / 9 , S. 8 5 9 / 8 6 0 ) .
brachte ihm im Falle Thomas Manns den schwer-
82 [Rudolf Adrian] Dietrich: Arno Holz und die Literatur der
wiegenden Vorwurf ein, einen jungen Autor (Lüth) neuen Zeit (II 3 / 4 , S. 2 1 4 - 2 2 6 ) . - Im Nachlaß von R. A. Dietrich
»als das zu jedem Dienste erbötige Werkzeug« 83 sind keine Briefe von und an Döblin erhalten (DLA).
einzusetzen, um gegen den Kontrahenten Thomas 8 3 Vgl. Briefe S. 363.
Mann vorzugehen. Es liegt nahe, daß diese Angriffe 8 4 W . Grothes Beitrag war aus einem Proseminar-Referat
über die deutsche Novelle an der Universität Göttingen entstan-
des renommierten Literaturkritikers Paul Rilla den
den. Vgl. hierzu seine detaillierten Ausführungen in dem Radio-
Anstoß dazu gegeben haben, daß Döblin die Rubrik essay: »Bügelfaltenprosa« oder »Linien im Wasser«? S. 12.
»Revision literarischer Urteile« im gleichen Jahr- 8 5 Rilla: Literatur und Lüth S. 62.
gang wieder eingestellt hat. 86 Signifikantes Beispiel 8 6 1 9 4 8 erschien noch ein Beitrag von Reinhold Schneider:
dafür, daß er auch weiterhin junge Autoren literari- Hebbels Vermächtnis (III 1, S. 6 2 - 6 5 ) . Er wurde von Döblin
lediglich in der Hefteinleitung (S. 3) als »Revision eines literari-
sche Wertungen vornehmen ließ, ist der Aufsatz des schen Urteils« angekündigt, doch weder im Inhaltsverzeichnis
Primaners Siegfried Bahne (geb. 1928) 87 über Johan- noch im Rubrikentitel derart ausgewiesen.
nes R. Becher im Jahrgang 1949 der Zeitschrift 87 Siegfried Bahne, dem an dieser Stelle für freundlich erteilte
(IV 1, S. 50-55). Auskünfte gedankt sei, war damals Primaner in Reckling-
hausen.

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Das Goldene Tor 259

einer >reinen< Literaturzeitschrift ausgesprochen Kompensiert werden sollte zudem die von den
hatte. Nationalsozialisten »massenhaft« begünstigte »ab-
Wie stand es nun aber mit dem Uberlieferungs- seitige, harmlose, besonders kleinstädtische und
inhalt ? Welche Autoren, welche Epochen sind von dörfliche Literatur«, 92 wobei Döblin bei den Älteren
Döblin in seiner Zeitschrift >ins Licht gerückt< namentlich an Hebel, Mörike und Stifter dachte. 93
worden (um in seinem Bild zu bleiben)? Wollte Wesentlicher Programmpunkt Döblins war auch
Döblin überhaupt einen literarischen >Kanon< auf- die Rückbesinnung auf die »deutschen Klassiker«:
stellen, wo er doch eine wesentliche Leistung korrigieren wollte er hier eine restaurative, bildungs-
demokratischer Traditionspflege darin sah, »die bürgerliche Klassiker-Rezeption »der Ästheten und
Vielheit und Mannigfaltigkeit der Begabungen und politischen Leisetreter«, 94 die - teilweise »absicht-
Richtungen« zur Geltung kommen zu lassen? lich« - die deutschen Klassiker »ihrer kraftvollen
Angesichts der Situation nach 1945 stand für moralischen Würze« (I 3, S. 260) und damit ihrer
Döblin die Notwendigkeit einer Steuerung der politisch-ethischen Erziehungsfunktion und per-
Literatur außer Frage. 88 Nicht nur die angespannten manenten »Wirkungsmöglichkeit auf die Erwachse-
Papier- und Druckverhältnisse zwangen zur Festle- nen« auch »nach der Schulzeit« 95 beraubt hätten.
gung von Druckprioritäten, sondern auch zwölf Sinn und Zweck einer literarischen Tradition
Jahre einseitige nationalsozialistische Literaturpoli- bestand für Döblin aber gerade darin, die moralische
tik forderten in seinen Augen ausgleichende Gegen- Widerstandsfähigkeit der Deutschen gegen die »ge-
maßnahmen - auch bei der sogenannten >älteren< legentlich hereinbrechenden politischen Schlamm-
Literatur: fluten« 96 zu stärken. Dieser ethische Gesichtspunkt
ist eine weitere wesentliche Komponente in Döb-
Man hat [...] planmäßig die ältere Literatur durchzublicken
und eine Preferenzliste der jetzt wichtigen und notwendigen,
lins Konzept einer >lebendigen< literarischen Tradi-
das heißt »heilsamen« Autoren anzulegen. (I 3, S. 2 6 0 ) tionsbildung. Aus ihm vor allem definiert sich
Döblins »Klassiker<-Begriff, den er in seiner Zeit-
Eine ausführliche Namensliste, wie sie Döblin für
schrift als Epochenbezeichnung, d. h. für eine zeit-
die zeitgenössischen »verdrängten literarischen
lich begrenzte charakteristische (Geistes-)»Hal-
Autoren« vorgelegt hat, 89 sucht man hier allerdings
tung«, in Frage stellte, vielmehr als epocheübergrei-
vergebens, was seinerseits auf die Präferenzen
schließen läßt, die Döblin zwischen zeitgenössischer
und älterer Literatur gesetzt hat. Döblins »Revision
88 Vgl. u. a. Die deutsche Utopie (I 3, S. 2 5 9 - 2 6 2 ) .
literarischer Urteile« widmete sich bezeichnender-
8 9 Vgl. Die deutsche Utopie S. 2 6 1 / 2 6 2 (Zitat: S. 2 6 2 ) ; Die
weise ja auch, neben dem Zeitgenossen Thomas literarische Situation S. 36.
Mann, mit Arno Holz und Frank Wedekind 9 0 [Rudolf Adrian] Dietrich: Arno Holz und die Literatur der
Autoren der jüngsten Vergangenheit, ähnlich wie neuen Zeit (II 3 / 4 , S. 2 1 4 - 2 2 6 ) . Arno Holz: Aus „Phantasus" (II
3 / 4 , S. 2 2 7 - 2 3 5 ) . Arno Holz: Gedichte (II 6, S. 5 6 4 / 5 6 5 ) . Arno
auch die Schriftenreihe Verschollene und Vergessene,
Holz: Der Kinderkreuzug (III 2, S. 1 5 9 / 1 6 0 ) . Arno Holz:
in der überwiegend Döblins eigene Generation Gedichte (V 1, S. 1 2 - 1 8 ) . Vgl. ferner Döblins Rezension: Einige
vertreten ist: neben Arno Holz und Theodor Däub- Gedichtbände (IV 5, S. 405). Theodor Däubler: In Kairos U m g e -
ler ( 1 8 7 6 - 1 9 3 4 ) Else Lasker-Schüler ( 1 8 6 9 - 1 9 4 5 ) , bung (V 5, S. 3 5 9 - 3 6 3 ) . Mischka Kruse-Aust: Die Dichterin Else
Max Herrmann-Neiße ( 1 8 8 6 - 1 9 4 1 ) und Alfred Lasker-Schüler (IV 2, S. 1 0 7 - 1 1 6 ) . Max Herrmann-Neiße: Frag-
ment (IV 3, S. 2 0 2 - 2 0 6 ) . Max Herrmann-Neiße: Trost (IV 3,
Wolfenstein ( 1 8 8 3 - 1 9 4 5 ) , die alle auch im Goldenen
S. 234). Friedrich Grieger: Der Dichter Max Herrmann-Neiße
Tor gewürdigt wurden, 90 ferner Alfred Mombert (IV 5, S. 3 8 7 - 3 9 4 ) . Herbert Günther: Alfred Wolfenstein zum
( 1 8 7 2 - 1 9 4 2 ) , Karl Kraus ( 1 8 7 4 - 1 9 3 6 ) , Rudolf Bor- Gedächtnis (III 1, S. 3 4 - 3 8 ) . Alfred Wolfenstein: Der Gefangene
chardt ( 1 8 7 7 - 1 9 4 5 ) , Paul Scheerbarth ( 1 8 6 3 - 1 9 1 5 ) (III 1, S. 39).

u. a. 91 Vgl. Döblins Zensurgutachten N° 6 7 3 / 6 7 5 über »Hölder-


lin« (Zitate: Bl. 6 - 8 ) . Vgl. dazu auch Riley: »Alles Außen ist Innen«
Wichtige Anhaltspunkte für die von Döblin S. 2 1 3 / 2 1 4 A n m . 30.
angestrebten Auswahlkriterien bei der Durchsicht 92 Die literarische Situation S. 34. - Ähnlich in: Die deutsche
der älteren Literatur liefern vor allem seine Zensur- Utopie (I 3, S. 260).
93 Auf der anderen Seite vermißte Döblin aber auch in einer
gutachten für die französische Kulturbehörde: »ge-
Sammlung der »besten [deutschen] Gedichte der großen Lyriker«
wiß nicht zu >verbieten<«, jedoch »als nicht zeitge- gerade Mörike, Uhland, Novalis und Hölderlin. Vgl. Zensur-
mäß« bis »auf ein viel späteres Datum« zurückzustel- gutachten N ° 9 1 0 / L (Text im Anhang). - Die »Direction de
len, waren diejenigen Autoren, die vom National- l'Education Publique« hat Mörike in ihrer Reihe »Klassiker der
sozialismus ideologisch »ausgenutzt« worden waren, Weltliteratur« im ersten J a h r ( 1 9 4 6 ) gleich zweimal herausge-
bracht (»Gedichte«. »Mozart auf der Reise nach Prag«),
wie etwa der für das »deutsche Vaterland< und eine
9 4 Die literarische Situation S. 35.
»heldische Kriegshaltung< vereinnahmte Hölder- 95 Zensurgutachten N ° 8 7 4 über Schiller (Text im Anhang).
lin. 91 9 6 Vornotiz zum Arno Holz-Band S. 5.

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260 Alexandra Birkert

fenden Normbegriff (»Rangurteil«) verstanden wis-


sen wollte, wie er es in seiner Einleitung zu zwei
Aufsätzen über den jungen Wilhelm von Hum-
boldt97 und Novalis98 unter der Überschrift »Jenseits
von Klassik und Romantik« (II 8/9, S. 769) formu-
lierte. Die »Größe« eines Schiller, Kant, Heine,
Grabbe und frühen Hauptmann sah Döblin in de-
ren alleinigen Bindung an »die ethischen Gesetze
des >morgen<, des unvollziehbaren >morgen<, die
Gesetze der menschlichen Entwicklung und Ver-
vollkommnung.« (I 3, S. 302). Aus dieser Perspek-
tive konnte Döblin auch den Versuchen marxisti-
scher Literaturtheoretiker, insbesondere dem An-
satz von Georg Lukäcs, »den klassischen Humanis-
mus mit dem klassenkämpfenden Kommunismus
und Marxismus [zu] koppeln« durchaus »mehr als
einen Grad Wahrheit« (IV 4, S. 324) abgewinnen. Es
bleibt - in der Auseinandersetzung mit dem kultu-
rellen Erbe wie mit dem Realismus-Begriff - zu
bedauern, daß sich Döblin in seiner Zeitschrift
nicht, wie mehrfach angekündigt,99 detailliert mit
Georg Lukacs auseinandergesetzt hat, in dem er den
»literarische[n] Haupttheoretiker« (IV 4, S. 324) und
»Wortführer dieser Literatur drüben«100 erblickte. Abb. 6: Arno Holz.
Vergeblich suchte er auch Ludwig Marcuse für einen Druckgraphik von Max Liebermann aus dem Jahr 1922 (1)
kritischen Aufsatz über Lukacs zu gewinnen.101
Schlüsselfigur in Döblins Bemühen um eine 1929 unter dem Titel »Vom alten zum neuen
>progressive< Tradition war und blieb vor 1933 wie Naturalismus« gehalten hatte: hierin hatte Döblin
nach 1945 Arno Holz. Mit Arno Holz eröffnete weit schärfer in klassenspezifischen Kategorien die
Döblin 1947 seine Zeitschriften-Rubrik »Revision Stellung des Schriftstellers Arno Holz zwischen
literarischer Urteile« und 1951 im Rahmen der dem »Lager des gehobenen Bürgertums« mit seinem
Mainzer Akademie die Schriftenreihe Verschollene Bildungsmonopol und der »aufdrängende[n] Arbei-
und Vergessene. Bereits in seiner »Grabrede auf Arno terklasse«103 charakterisiert.
Holz«, die er als Vertreter der »Sektion für Dicht-
kunst« am 30. Oktober 1929 gehalten hatte, zog 97 Maximilian Letsch: Der junge Wilhelm von Humboldt
Döblin die Parallele »zu dem Fahnenträger des und die thüringischen Freunde. Mit unveröffentlichten Briefen
18. Jahrhunderts, dem Aufklärer und Vorwärtsfüh- der Zeit (II 8/9, S. 769-779). Der Aufsatz ist unter demselben
rer Lessing«, eine Gedankenverbindung, die durch- Titel 1947 im Schauenburg Verlag veröffentlicht worden.
98 Karl Kuehne: Novalis. Zu seinem 175. Geburtstag (II 8/9,
aus nicht nur im Lessing-Jahr 1929 ihren äußeren
S. 780-783). In einem »Kleine[n] Zusatz des Herausgebers« zu der
Anstoß gefunden haben dürfte. Beide Schriftsteller, überschwenglichen Würdigung v. a. des Lyrikers Novalis verwies
Arno Holz wie Lessing, leiteten in Döblins Augen Döblin auf den Mißbrauch des Schriftstellers in der NS-Zeit:
»in Deutschland den Bruch mit einer faulen und »Das angeführte fromme Lied >Wenn alle untreu werden, so
unechten Überlieferung« ein, indem sie gegen eine bleibe ich doch treu< diente in der Nazizeit als SS-Fahnenlied und
als Marschlied bei der Hitlerjugend [...]«(S. 783).
epigonale, nachahmende, ästhetisierende Kunst-
99 Vgl. Kleines Notizbuch (III 3, S. 300): »Lukacz kleines
sprache und für eine an den realen »Lebensverhält- Buch [»Fortschritt und Reaktion in der deutschen Literatur«.
nissen der Nation«102 orientierte Spracherneuerung Berlin: Aufbau-Verlag 1947; Anm. d. Verf.] ist gründlich, gedie-
in der Literatur kämpften. Kulturpädagogisch lei- gen und wirklich wichtig, es lohnt sich, mit ihm sich noch
steten sie damit einer Erweiterung des Wirkungs- besonders zu befassen.« - Vgl. ferner Döblins Brief an Sascha und
Ludwig Marcuse vom 22.12.1949 (in: Briefe S. 403/404), aus dem
kreises der Literatur und damit der Bildungsbasis hervorgeht, daß sich Döblin »schon Notizen und Bemerkungen«
auf die »Masse des Volkes« Vorschub. Es ist bezeich- über Lukacs' Realismus-Theorie gemacht hat, die leider im
nend, daß Döblin in seinem Arno Holz-Auswahl- Nachlaß Döblins nicht erhalten sind.
band von 1951 seine Grabrede und nicht die große 100 Briefe S. 404 (an S. u. L. Marcuse, 22. 12. 1949).
literaturprogrammatische Akademierede über Arno 101 Vgl. Briefe S. 404.
102 S. 136.
Holz aufgenommen hat, die er am 14. Dezember
103 S. 142.

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Das Goldene Tor 261

3.1.3 Kontaktaufnahme mit Exilliteraten tuellen eine führende Rolle beim geistig-kulturellen
Wiederaufbau Deutschlands zukomme. So schrieb
In seiner 1938 in Paris erschienenen Schrift Die Döblin zum Beispiel knapp ein Jahr nach seinem
deutsche Literatur (im A usland seit 1933) setzte sich Dienstantritt in Baden-Baden an Heinrich Mann:
Döblin kritisch mit dem Begriff »Emigrationslitera-
Die 12 Jahre Naziregierung wirken sich aus. Sie haben das
tur«, den er hier synonym mit dem Begriff »Exillite- allgemeine geistige Niveau sehr tief gesetzt [ . . . ] Wir müssen
ratur< verwendete, auseinander. Döblin hielt es nicht etwas dazutun, um dieses Niveau zu heben und besonders
für selbstverständlich, nur die deutsche Literatur andere geistige Produkte in das Land hereintragen. 109
außerhalb der reichsdeutschen Grenzen als »Emigra-
Diese »Führungs«-Funktion der Exilautoren im
tionsliteratur« zu bezeichnen. Da sich für Döblin in
Nachkriegsdeutschland hielt Döblin nicht für
Zeiten politischer Gleichschaltung wie auch im
unproblematisch. In zunehmendem Maße drückte
Krieg Literatur, die man als solche bezeichnen
er seine Besorgnis über die »Realitätsferne« der
könne, 104 und Emigration bedingten, gab es für ihn
Exilschriftsteller und die dadurch entstehende Wir-
»auch innerhalb der Reichsgrenzen Literatur nur in
kungslosigkeit ihrer im Exil verfaßten Werke in
Gestalt von Exilsliteratur, das heißt nur als ver-
Deutschland aus.110 In diesem Zusammenhang sind
steckte und illegale.«105 Mit dem Begriff »Emigra-
Döblins Appelle an die noch im Exil verbliebenen
tionsliteratur« beziehungsweise »Exilliteratur« wollte
Autoren zu verstehen, möglichst rasch nach
Döblin daher die Literatur bezeichnet wissen, die
Deutschland zurückzukehren.111 In Döblins Augen
»im 3. Reich verboten«106 war, unabhängig davon,
war eine direkte Auseinandersetzung der Exilauto-
ob sich der jeweilige Autor im In- oder Ausland
ren mit der aktuellen Situation im Lande notwen-
befand.
dig. Insofern sah Döblin im »Einlassen« nur der
In seinem Geleitwort zum Goldenen 7or verwen- Werke der Exilierten eine vorläufige Notlösung.
dete Döblin im Jahr 1946 den Begriff »Exilliteratur« Allerdings könnte »die doch leidlich kräftige Litera-
in einem ähnlichen Sinne: Döblin wollte »die tur der Emigrierten« im Vergleich zu der »völlig
Exilierten« einlassen, wobei er »die Kräfte, die man schwachen, fast erloschenen Literatur«112 des
zu tausenden einsperrte und ins Ausland jagte« (I 1, Inlands auf das geistige Klima in Deutschland
S. 6), meinte. Auch hier war für ihn die Tatsache der durchaus anregend wirken. Nicht »abseitige The-
Verfolgung eines Autors im Dritten Reich aus- men« und »entfernte Historie« charakterisierten in
schlaggebend. Im Jahr 1947 hingegen, vermutlich Döblins Augen die »kräftige Außenliteratur«, son-
unter dem verstärkten Eindruck der »Großen Kon- dern »Auseinandersetzung« mit den »deutschen
troverse« zwischen »äußerer« und »innerer« Emigra- Zustände[n]«, die - von einzelnen »windstille[n]
tion und aufgrund besserer Kenntnis der inländi- Positionen« abgesehen - »drüben scharf reflektiert«
schen Situation, sprach Döblin von »Exil« im Sinne wurden, »teils direkt, [...] teils in durchsichtigen
von »äußerem Exil« in bewußter Abgrenzung zur historischen Parallelen.« Aber auch die »kräftige«
Situation der Schriftsteller in Deutschland. So lau-
tete zum Beispiel in seiner Schrift Die literarische
Situation die Überschrift des 6. Kapitels »Die 104 »Freiheit gehört so sehr zum Wesen des Kunstschaffens
Schriftsteller im Land und die Exilierten«. An dieser, und der literarischen Produktion, dass bei ihrem Fortfall von
auch in der Exilforschung einschlägigen Bedeutung, Kunst oder Literatur eben nicht mehr die Rede sein kann.« Die
deutsche Literatur S. 14. Zitiert wird in diesem Fall ausnahms-
wird im folgenden festgehalten. Für die Autoren-
weise nach dem Erstdruck (1938), da Döblins Schrift nur in
gruppe, die Döblin 1938 mit dem Prädikat »Emi- Auszügen in den Band »Aufsätze zur Literatur« der Döblin-
granten« beziehungsweise »Exilierte« ausgezeichnet Werkausgabe aufgenommen worden ist.
hatte, prägte Döblin einen neuen Begriff: er sprach 105 Die deutsche Literatur S. 13.
nunmehr von einer Gruppe »verdrängter literari- 106 Die deutsche Literatur S. 14.
107 Die literarische Situation S. 36.
scher Autoren«.107
108 Vgl. ζ. B. Alfred Kantorowicz: verboten und verbrannt
Mit der Präsentation deutscher Exilliteratur im S. 9; vgl. ferner Müssener: Exil in Schweden S. 18.
Goldenen Tor verfolgte Döblin ursprünglich zwei- 109 BriefeS. 3 5 6 / 3 5 7 ( 1 4 . 10. 1 9 4 6 ) . - Ä h n l i c h schon in: Die
beiden deutschen Literaturen (25. 1. 1946).
erlei: den Exilierten ein Publikationsorgan in 110 Vgl. u. a. Die beiden deutschen Literaturen; Die deutsche
Deutschland zu schaffen und die Exilliteratur dem Utopie (I 3, S. 261); Die literarische Situation S. 28.
deutschen Leser zugänglich zu machen. Dahinter 111 Vgl. die genannten Schriften; Briefe S. 357/358 (an Fritz
stand die Vorstellung Döblins, die sich auch mit von Unruh, 18. 10. 1946): demnach blieb es nicht nur bei
Appellen, Döblin bot auch seine Einflußmöglichkeiten bei der
dem Selbstverständnis anderer Exilautoren deck-
französischen Kulturbehörde an, um Einreisebewilligungen bzw.
te,108 daß - neben den ausländischen - auch den Einladungen offizieller Art zu vermitteln.
emigrierten deutschen Schriftstellern und Intellek- 112 Briefe S. 353 (an H. Kesten, 30. 7. 1946).

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262 Alexandra Birkert

Emigrationsliteratur >litt< an einer »zunehmend eine Absage mit der Begründung, er sei beschäf-
geistigefn] Strangulierung« durch den »Eintritt in tigt.116 Döblin reagierte darauf äußerst empfindlich
die fremdsprachige Sphäre und infolge des Mangels und bat Hermann Kesten, in seinem geplanten
an Kontakt mit der Umwelt.«113 Bericht über die deutsche Emigrantenliteratur »den
Die bereits dokumentierten vielfältigen Bemü- aufgeblasenen Hermann Broch zu entlarven als
hungen Döblins, mit Exilautoren in Verbindung zu literarischen Höchststapler.«117
treten, zeigen, daß es Döblin anfangs nicht nur um Döblin beabsichtigte, Proben aus der laufenden,
die Mitarbeit ganz bestimmter Persönlichkeiten bisher ungedruckten beziehungsweise in Deutsch-
ging, sondern daß er Kontakt zu den verschieden- land noch unbekannten Produktion der Exilautoren
sten Exilzentren suchte. Es liegt allerdings nahe, daß zu veröffentlichen. Auch hier legte er besonderen
sich Döblin zuerst an die Autoren wandte, die er Wert auf erzählende Prosa (Romanausschnitt, Er-
persönlich kannte und über deren Adressen er zählung) und Lyrik, die ihm »wichtiger als Betrach-
verfügte. Deshalb richteten sich seine Anfragen tungen«118 waren.
zunächst vor allem nach Kalifornien und New Ferner wollte Döblin den deutschen Leser auch
York. über die »Schicksale« einzelner Exilautoren infor-
Im Goldenen Tor veröffentlichte Döblin in sei- mieren:
nem Aufsatz über »Die deutsche Utopie von 1933 denn hier erheben Typen wie Frank Thieß und andere frech
und die Literatur« Ende 1946 eine Liste »verdräng- ihre Stimmen und stellen sich als »Innere Emigration« vor und
ter literarischer Autoren« (I 3, S. 261/262), deren finden, wir hätten draußen das bequemere Leben gehabt - .
Werke, auch angesichts des Papiermangels und Helas; wenn die Toten reden könnten. 1 1 9

der Druckschwierigkeiten, vorzugsweise vermittelt Zu den literarischen Beiträgen der Exilautoren


werden sollten. Bei den meisten der genannten 34 sollte daher nach Möglichkeit auch Informations-
Autoren handelt es sich um Exilautoren: material über Leben, Werk und Entwicklung eines
J. R. Becher Th. Mann Autors geliefert werden.120 Hierbei war Döblin auf
B. Brecht A. Mombert die Vermittlung kompetenter Mitarbeiter ange-
M. Brod J. Roth wiesen.
A. Döblin C. Sternheim Schließlich beabsichtigte Döblin auch, übergrei-
A. Ehrenstein E. Toller fende Darstellungen zur Exilliteratur zu veröffent-
L. Feuchtwanger F. v. Unruh lichen, wobei sich allerdings innerhalb weniger
B. Frank J. Wassermann Monate aufschlußreiche Akzentverschiebungen
L. Frank E. Weiß ausmachen lassen. Unmittelbar nach seiner Rück-
Ο. M. Graf F. Werfel kehr aus dem Exil ging es Döblin - aus der
M. Herrmann-Neiße A. Wolfenstein Perspektive des Exilierten - noch vor allem darum,
G. Kaiser P. Zech den deutschen Leser über die Entwicklung der
E. Lasker-Schüler A. Zweig deutschen Exilliteratur zu informieren. Zum einen
H. Mann St. Zweig sollte in übergreifenden Darstellungen über die
Die Zusammenstellung dieser Autoren114 ist >litera- deutsche Exilliteratur in den verschiedenen Län-
risch< und >politisch< gesehen durchaus facetten- dern berichtet werden. Hier wandte sich Döblin
reich. Döblin begründete seine Autorenauswahl mit zum Beispiel an Rudolf Leonhard, der einen Bericht
der bewußtseinserweiternden, >aufklärerischen< und über die Emigrantenliteratur in Frankreich schrei-
für die inländische Literatur vorbildlichen Wirkung
ihrer Schriften:
113 Die beiden deutschen Literaturen. Dieser Artikel, der
Ihre Werke könnten die heutige deutsche Rumpfliteratur 1946 in mehreren Zeitungen veröffentlicht wurde (vgl. unten
komplettieren und ihr aus dem Kümmerzustand aufhelfen. In Kap. 3.1.4.1 Anm. 178), fand bisher wenig Beachtung in der
jedem Fall können sie aufklären, den Horizont erweitern und Döblin-Fachliteratur.
eine Reizwirkung haben. 1 1 5 114 Genannt werden ferner: P. Altenberg, H. Bahr, E. Blaß,
H. v. Hofmannsthal, F. Kafka, Klabund, A. Schnitzler, A.
Döblin hielt sich allerdings in seiner Zeitschrift
Stramm. Vgl. auch: Die literarische Situation S. 36: hier fehlen die
nicht konsequent an diesen >Literaturkanon<. Dies Autoren Herrmann-Neiße, Kaiser, Sternheim und Toller.
zeigt nicht nur die noch näher auszuführende 115 Die literarische Situation S. 36.
Kontroverse um Thomas Mann. Auch im Falle 116 Vgl. Briefe S. 338 (Döblin an W. Herzfelde, 2. 3. 1946).
Hermann Brochs verhielt sich Döblin inkonsequent 117 Briefe S. 3 5 3 / 3 5 4 ( 3 0 . 7. 1946).
118 Döblin an H. Kesten, 20. 11. 1946; zit. n. Deutsche
und ließ sich von persönlichen Stimmungen in
Literatur im Exil S. 232.
seiner Literaturpolitik leiten: Broch, um dessen 119 Briefe S. 332 (an R. Leonhard, 12. 1. 1946).
Mitarbeit sich Döblin bemüht hatte, erteilte diesem 120 Vgl. Briefe S. 353, S. 395 u. a.

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Das Goldene Tor 263

ben sollte. 121 Von Hermann Kesten erwartete Döb- eigenen Beiträgen ab - in den Jahren 1946 bis 1948
lin einen Überblick über die deutsche Exilliteratur kontinuierlich rund ein Sechstel der Beiträge, ein
in Amerika: 1 2 2 durchaus beachtliches Ergebnis, bedenkt man Döb-
lins Schwierigkeiten bei der Materialbeschaffung.
Die Leute hier wissen nichts-, Sie können also erzählen, was Sie
wollen. 123 Knapp die Hälfte dieser Beiträge (44 % ) ist aller-
dings publizistischen Genres zuzuschreiben. In den
Hier stand eindeutig das Aufklärungsbedürfnis Jahren 1949 und 1950 ging der Anteil der Exillitera-
des aus dem Exil zurückgekehrten Autors Döblin tur im Goldenen Tor leicht zurück (auf 1 4 % und
im Vordergrund, das sich auch an den Vorwürfen 13 % ) , im J a h r 1951 sank er auf 3 % .
einzelner Vertreter der sogenannten >inneren Emi-
In den ersten Heften der Zeitschrift sind vor
gration entzündete, die »draußen« hätten das beque-
allem diejenigen Exilautoren vertreten, mit denen
mere Leben gehabt.
Döblin während seines amerikanischen Exils per-
Außerdem bemühte sich Döblin um Aufsätze, die sönlich Kontakt gehabt hatte, wie Bertolt Brecht, 1 2 8
den deutschen Leser über die wichtigsten politisch- Lion Feuchtwanger, 129 Hermann Kesten, 1 3 0 Hein-
ideologischen Gruppierungen der Exilautoren sum- rich Mann 1 3 1 und Ludwig Marcuse. 132 Döblin
marisch informieren sollten. So bat er Hermann konnte diese Autoren, die während der Erschei-
Kesten im Sommer 1946, einen Abriß über nungszeit der Zeitschrift - mit Ausnahme Brechts -
die einzelnen großen Linien (also etwa die sozialistisch- in Amerika geblieben sind, jedoch nicht für eine
kommunistische und die unabhängige, die humanistische weitere Mitarbeit am Goldenen Tor gewinnen. Ein
etc) 124 Jahr nach Erscheinen des 1. Heftes klagte Döblin
zu geben. Dabei setzte Döblin in seiner »Anwei- bereits wiederholt 133 über die geringe Resonanz auf
sung« für Kesten jedoch bereits andere Akzente: seine Anfragen zur Mitarbeit bei den in New York
Kestens Darstellung über die Exilliteratur sollte und Kalifornien ansässigen Exilschriftstellern: zum
nicht nur informieren, sondern so angelegt sein, daß Teil bleibe es bei Versprechungen, wie im Falle
sie die »geistigen Kräfte« im Land anregen könnte. Theodor W . Adornos, 1 3 4 oder die Antworten ließen
Kestens Vorschlag, 125 Franz Carl Weiskopfs Abriß überhaupt auf sich warten. Auch kam es vor, daß sich
der deutschen Literatur im Exil Unter fremden Döblin dazu veranlaßt sah, Einsendungen »schleu-
Himmeln (New York 1947) in einem ausführlichen nigst weg[zu]tun«, weil er »solchen Mist« 135 nicht
Aufsatz im Goldenen Tor zu besprechen, stieß bei veröffentlichen wollte. Außerdem führte der in den
Döblin auf große Skepsis, weil er nicht wußte, ersten Jahren unzuverlässige Postverkehr zu den
welche Stellung Kesten zu den einzelnen vorgestell- bereits erwähnten Verzögerungen und Mißver-
ten Autoren einnehmen würde. ständnissen. Aus allen diesen Widrigkeiten, wobei
Döblin das ausbleibende Engagement vieler Exil-
Diese Akzentverschiebung erklärt sich aus Döb-
lins Perspektivenwechsel und seiner Position, die er
schließlich in der Auseinandersetzung zwischen der 121 Vgl. Briefe S. 332 (12. 1. 1946).
»inneren« und der »äußeren« Emigration bezogen hat. 122 Vgl. Deutsche Literatur im Exil S. 200.
Sah Döblin seine Aufgabe als Kulturpolitiker darin, 123 Briefe S. 336 (26. 2. 1946; Hervorheb. im Original).
die »schwachen« literarischen Kräfte im Land mit 124 BriefeS. 353(30. 7. 1946).
125 Zum folgenden vgl. Döblins Briefe an H. Kesten vom
Hilfe der Exilliteratur anzuregen, so mußte sein
27. 6. 1946 u. 30. 7. 1946, in: Briefe S. 350-354.
Konzept, über die »Schicksale« der Emigranten zu 126 Vgl. Die Große Kontroverse S. 6.
berichten, zunehmend im Umfeld der »Großen 127 Briefe S. 353 (30. 7. 1946).
Kontroverse«, die im Frühjahr 1946 ihren Höhe- 128 II 1, S. 6 8 - 7 6 : Der Mantel des Ketzers; III 1, S. 8 0 - 9 2 : Der
punkt erreicht hat, 126 problematisch werden. So Augsburger Kreidekreis.
129 II 2, S. 142-147: Der Schriftsteller im Exil.
modifizierte Döblin denn auch Ende Juli 1946
130 I 2, S. 148-161: Oberst Kock.
Kesten gegenüber seine Vorstellungen über den 131 I 1, S. 15-22: Abschied von Europa. Aus: Ein Zeitalter
geplanten Bericht zur Emigrantenliteratur in Ame- wird besichtigt.
rika: 132 I 2, S. 129-135: Die Geschichte des Heine-Denkmals in
Deutschland; II 2, S. 158-166: Die glückliche Gesellschaft.
Sie kennen natürlich die Atmosphäre hier nicht und die 133 Vgl. u. a. Döblins Briefe an H. Kesten vom 11. 4. 1946 u.
literarische Politik, die man unter den jetzigen Umständen 20.11.1946, in: Deutsche Literatur im Exil S. 207 u. S. 231/232;
einschlagen muß, und was drüben und überhaupt innerhalb vgl. ferner Döblins Brief an L. Marcuse vom 25. 9.1947, in: Briefe
der Emigration gut und richtig ist, kann hier ganz falsch von und an L. Marcuse S. 45/46.
klingen oder Falsches als Reaktion bewirken.127 134 Vgl. Briefe von und an L. Marcuse S. 43 (Döblin an
L. Marcuse, 6. 2. 1947).
Quantitativ gesehen bestreiten die Exilautoren 135 Briefe von und an L. Marcuse S. 46 (Döblin an L. Marcuse,
im Goldenen Tor - sieht man einmal von Döblins 25. 9. 1947).

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264 Alexandra Birkert

autoren vor der Währungsreform auf die fehlende gen« verkünde er »politische Prognosen«. Der Autor
Zahlungskraft der Zeitschrift für die im Ausland sei, ebenso wie Gerhart Hauptmann, >passiv< und
lebenden Autoren schob,136 zog Döblin Ende 1947 >unmetaphysisch<, doch fehle ihm im Unterschied
resignierend die Konsequenz: »Ich denke nicht zu diesem auch noch die Lebensnähe seiner Werke.
daran zu betteln, wenn die Herren nicht daran Es ist der Vorwurf des Epigonentums, den Döblin
interessiert sind.«137 Das rasch abnehmende Inter- implizit in diesen einleitenden Ausführungen Tho-
esse der genannten Autoren dürfte jedoch noch mas Mann machte: in diesem Sinne wollte Döblin
einen anderen Grund gehabt haben: die Art und die Neu- beziehungsweise Umwertung des Werkes
Weise, in der Döblin im Goldenen Tor seinen von Thomas Mann verstanden wissen.
kulturpolitischen >Feldzug< gegen Thomas Mann Die Gründe, die zu dieser Polemik Döblins gegen
führte beziehungsweise führen wollte. Hatte Döblin Thomas Mann geführt haben, sind äußerst komplex
im Dezember 1945 Thomas Mann noch ausdrück- und in der Fachliteratur bereits mehrfach ausführ-
lich zur Mitarbeit an seiner Zeitschrift eingeladen,138 lich erörtert worden. Neben »prinzipiellen literari-
so bat er im Februar 1946 Hermann Kesten, in schen Differenzen«,144 die bereits vor 1933 zu
seinem geplanten Emigrantenbericht »möglichst Spitzen Döblins gegen Thomas Manns Ästhetizis-
wenig über Th. Mann«139 zu schreiben. Noch deutli- mus geführt hatten,145 und neben der wachsenden
cher wurde Döblin in einem weiteren Brief an Verbitterung über den im amerikanischen Exil wie
Kesten vom 30. Juli 1946: »[...] ich akceptiere im Nachkriegsdeutschland erfolgreicheren Kolle-
keinerlei Glorifizierung von Thomas Mann, er ist gen,146 dürften vor allem auch die unterschiedlichen
das Musterbeispiel der großbürgerlichen Degenera- weltanschaulichen Positionen - Döblins eindeuti-
tion.«140 Daß Kesten seinerseits - abgesehen vom ges Bekenntnis zum Christentum und Thomas
Inhalt der Kritik - diese Wünsche Döblins nicht Manns diesbezüglicher »Relativismus<147 - eine
akzeptierte, liegt auf der Hand. Kesten, der in Rolle gespielt haben. Von zentraler Bedeutung
freundschaftlichem Briefwechsel mit Thomas Mann dürfte aber auch Thomas Manns moralischer Rigo-
stand, informierte diesen über Döblins Ansinnen.141 rismus und seine Ablehnung, nach Deutschland
Der geplante Bericht über die deutsche Emigran- zurückzukehren, gewesen sein, die Döblins kultur-
tenliteratur erschien nicht. politischen Konzeptionen diametral entgegenstan-
Es ist anzunehmen, daß diese >Affäre< in den den und zugleich in der Öffentlichkeit das grund-
kalifornischen Exilkreisen bekannt wurde und daß sätzliche Mißtrauen der Deutschen gegenüber den
sich Döblin dadurch manche Sympathie verscherzt Emigranten genährt haben - ein Punkt, den Ray-
hat. Dies würde beispielsweise auch erklären, warum mond Schmittlein Anfang 1948, offensichtlich
Heinrich Mann, der auf Döblins erste Anfrage
postwendend reagiert hatte, sich trotz erneuter
Aufforderung Döblins 142 nicht mehr am Goldenen
1 3 6 Vgl. Briefe von und an L. Marcuse S. 46.
Tor beteiligt hat. 137 Briefe von und an L. Marcuse S. 46.
Im 2. Jahrgang der Zeitschrift (II 8/9, S. 741-758) 138 Döblin hatte einem Brief an L. Marcuse ein Einladungs-
veröffentlichte Döblin, wie bereits erwähnt, unter schreiben an Th. Mann beigelegt, dessen Adresse er nicht besaß.
Vgl. Briefe S. 3 3 3 .
der Rubrik »Revision literarischer Urteile« drei
139 Brief an H. Kesten v o m 2 6 . 2 . 1 9 4 6 , in: Deutsche Literatur
Aufsätze,143 deren Ziel es sein sollte, Thomas Mann
im Exil S. 2 0 5 .
aus dem Reich der »Superlative« zu holen und 1 4 0 BriefeS. 353.
»seinen Ort in der deutschen zeitgenössischen 141 Dies geht aus einem Antwortschreiben Thomas Manns
Literatur« (S. 741) neu zu bestimmen, wie Döblin an Hermann Kesten vom 1 . 1 1 . 1 9 4 6 hervor: »Was er von Ihnen
einleitend betonte. In dieser Einleitung zitierte und verlangte (den Aufsatz, in dem ich nicht vorkommen sollte) wirkt
ja geradezu leidend.« Zit. n. Deutsche Literatur im Exil S. 230.
paraphrasierte Döblin die für ihn wichtigsten Passa-
Vgl. auch Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 4 2 1 .
gen aus diesen drei Aufsätzen: So wies Döblin unter 142 Vgl. Briefe S. 3 5 6 ( 1 4 . 1 0 . 1 9 4 6 ) . - Anläßlich des Todes von
anderem auf den rein reflektierenden Sprachstil H. Mann veröffentlichte Döblin 1 9 5 0 einen Nachdruck aus
Thomas Manns hin, der sich »aus dem »Schriftstil der dessen W e r k »Geist und Tat« (V 3, S. 2 1 1 - 2 1 7 ) .
Regierungskundgebungen, der Verhandlungen und 143 Vgl. oben Kap. 3.1.2.
144 Prangel: Döblin S. 105.
der Schriftsätze< entwickelt habe« und dem das
145 Vgl. Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 4 0 6 - 4 2 5 , hier
>Elementare< fehle. Er sei der »Romancier des Bür- insbes. S. 4 1 4 .
gertums und zwar ein solcher mit schlechtem 1 4 6 Vgl. Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 4 2 0 ; Weissen-
Gewissen<, der »die Gesellschaft der bürgerlichen berger: Döblins Exil in Amerika S. 6 8 / 6 9 .
Zivilisation«, eine »kränkelnde Form des Zusam- 147 Eine detaillierte Analyse ihrer unterschiedlichen weltan-
schaulichen Positionen nach 1 9 3 3 findet sich bei Riley: The
menlebens<, darstelle. Statt »menschlicher Lösun-
Professing Christian and the Ironie Humanist.

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Das Goldene Tor 265

Döblins negative Erfahrungen verallgemeinernd, lichem Kontakt vor 1933 gestanden hatte: Stefan
auf den Nenner brachte: George (IV 6), Jakob Haringer (IV 1 und 6), Max
On craint qu'ils ne reviennent pour se venger ou au moins pour
Herrmann-Neiße (IV 3), Georg Kaiser (II 1), Else
triompher et on les rejette en bloc avec le passe. 148 Lasker-Schüler (IV 2), Robert Musil (IV 2) und
Alfred Wolfenstein (III 1).
Stein des Anstoßes der Thomas Mann-»Revi- In den letzten beiden Jahrgängen sind mit eige-
sion«, auch dies ist schon mehrfach dargestellt nen literarischen Beiträgen vorwiegend zurückge-
worden, waren weniger der Inhalt als vielmehr die kehrte Emigranten vertreten, wie Iwan Göll (V 2),132
gewählten Mittel. 149 Zum einen ließ Döblin in seiner Hans Henny Jahnn (VI 2), Annette Kolb (V 2),
Zeitschrift überwiegend negative Kritiken zu. Zum Albrecht Schaeffer (V 5) und Karl Thieme (V 3).
anderen kam Paul Ε. H. Lüth, der Verfasser einer - Jahnn, Kolb und Schaeffer waren zudem Mitglieder
ebenfalls 1947 veröffentlichten - Literaturge- der Mainzer Akademie, Thieme war in Mainz an-
schichte zu Wort, in der Döblin im Gegensatz zu sässig.
Thomas Mann auf breitem Raum lobend gewürdigt Von den Exilautoren, die während des Zweiten
wurde.150 In seinem einführenden Kommentar zu Weltkrieges in Frankreich geblieben waren,153 sind
den Aufsätzen über Thomas Mann im Goldenen Tor lediglich Rudolf Leonhard, Salomo Friedlaender
wies Döblin darauf hin, daß es sich bei Lüths und Alfred Wolfenstein im Goldenen Tor mit je
Literaturgeschichte um »ein kluges, leicht lesbares einem Gedicht vertreten. Von einer besonders
und vorzüglich einführendes Buch« (II 8/9, S. 741) intensiven Zusammenarbeit mit den Exilautoren in
handle. Paul Rilla, der in seiner im März 1948 Frankreich kann man also nicht sprechen.
erschienenen Streitschrift unter dem Titel Literatur Eine Kontaktaufnahme mit deutschen Emigran-
und Lüth dieser Literaturgeschichte zahlreiche tenkreisen in England (Erich Fried, Hans Jaeger,
Nachlässigkeiten und vor allem das Ausschlachten Gabriele Tergit, Alfred H. Unger, Alexandra Wex-
eines älteren Werkes nachweisen konnte, äußerte ler) und in der Schweiz (Ernst Alker, Kurt Hirsch-
sich bei dieser Gelegenheit zugleich auch äußerst feld, Edwin Maria Landau, Herbert Lewandowski,
polemisch gegen Döblin und seine > Literaturpoli- Ferdinand Lion, Heinrich Meng, Willi Reich) gelang
tik.. ebenfalls. Vereinzelt ließen sich auch Verbindungen
Döblin selbst war im Goldenen Tor mit einer nach Norwegen (Max Tau), Schweden (Walther
ganzen Reihe von Beiträgen vertreten: er bestritt Eidlitz) und Finnland (Friedrich Ege) sowie Palä-
rund ein Sechstel aller Originalbeiträge der Exilau- stina (Werner Bukofzer), Guatemala (Wolfgang Cor-
toren. So veröffentlichte er zum Beispiel im 1. Heft dan), Bolivien (Gert Conitzer) und Mexiko (Paul
der Zeitschrift das Anfangskapitel aus seinem 1945 Westheim) herstellen.
in Kalifornien begonnenen und in Baden-Baden Von den in die sowjetische Besatzungszone
beendeten /fam/itf-Manuskript (I 1, S. 74-80). Im zurückgekehrten Exilautoren arbeitete bis ein-
2. Jahrgang brachte er sechs Ausschnitte aus seinem schließlich 1949 nur Johannes R. Becher (III 2, IV 1)
zwischen 1937 und 1943 im Exil entstandenen am Goldenen Tor mit. Bertolt Brecht (II 1 und III 1),
Romanwerk November 1918P1 Im Jahr 1948 hinge- Stephan Hermlin (II 2), Hans Mayer (II 6) und
gen hielt sich Döblin mit eigenen Beiträgen völlig Rudolf Leonhard (III 1) sind nach ihrer Übersied-
zurück, was wahrscheinlich auf die im Zusammen- lung in die sowjetische Besatzungszone beziehungs-
hang mit dem >Lüth-Skandal< erhobenen Vorwürfe weise Deutsche Demokratische Republik nicht
gegen ihn zurückzuführen ist, er bediene sich seiner mehr im Goldenen Tor vertreten. Doch ist auch
Zeitschrift auf taktlose Weise, um gegen seinen insgesamt gesehen die Beteiligung von Autoren aus
>Kontrahenten< Thomas Mann, von dem kein eige-
ner Beitrag im Goldenen Tor erschienen ist, vorzu-
148 Schmittlein: La reeducation S. 151.
gehen. 149 Vgl. Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 421; Prangel:
Nach dem »Ausfallen« der Exilautoren in New Döblin S. 105; Links: Döblin S. 217 u. a.
150 Lüth: Literatur als Geschichte. Deutsche Dichtung von
York und Kalifornien konzentrierte sich Döblin in
1885 bis 1 9 4 7 . 2 Bde. Wiesbaden: Limes 1947. Zu Döblin: Bd. 2,
den Jahren 1948 und 1949 zunehmend auf die S. 4 2 9 - 4 4 9 ; zu Thomas Mann: Bd. 1, S. 148-162. - Vgl. dazu im
sogenannten »Verschollenen«, das heißt auf die einzelnen Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 4 2 1 - 4 2 5 .
Autoren, die während des Exils im Ausland gestor- 151 II 5, S. 4 4 2 - 4 5 3 ; II 6, S. 5 6 8 - 5 7 9 ; II 7, S. 6 7 8 - 6 8 6 ; II 8/9,
ben waren und nun in Deutschland in Vergessen- S. 8 4 5 - 8 5 5 ; II 10, S. 9 5 5 - 9 6 1 ; II 11/12, S. 1107-1117. - Zur
Entstehung und komplizierten Veröffentlichungsgeschichte vgl.
heit zu geraten drohten. Nicht selten handelte es
Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 2 7 3 - 2 7 7 .
sich hierbei auch um Autoren seiner eigenen Gene- 152 Göll ist von New York nach Paris zurückgekehrt.
ration, mit denen Döblin zum Teil auch in persön- 153 Vgl. dazu Exil in Frankreich S. 3 7 3 - 4 5 9 .

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266 Alexandra Birkert

der SBZ/DDR so gering,154 daß Tendenzen - etwa knapp ein Jahr später (IV 1, S. 56/57) drei von sechs
eine abnehmende Beteiligung im Zuge des Kalten weiteren Gedichten, die ihm Becher zum Vorab-
Krieges - nicht auszumachen sind. Die minimale druck im Oktober 1948 geschickt hatte.162 Auffal-
Vertretung dieser Autoren steht in keinem Verhält- lend ist dabei die metaphysische Transparenz in den
nis zu Döblins Intention. In der Zeitschrift schlägt zur Veröffentlichung ausgewählten Gedichten: das
sich vielmehr die Aussichtslosigkeit seiner Bemü- Gedicht über den bekehrten Mathematiker und
hungen nieder, für eine geistig-kulturelle Einheit Apologeten des Christentums Blaise »Pascal«, das
Deutschlands einzutreten, wie er sie etwa Anfang »Kinderbildnis« und die Verse »Ohne Dich«. Auch
der 50er Jahre auch in der Auseinandersetzung um in dem einführenden Aufsatz des jungen Siegfried
das Deutsche P.E.N.-Zentrum und um die »inoffi- Bahne (IV 1, S. 50-55), der einen Überblick über
z i e l l Zusammenarbeit der Mainzer Akademie mit Bechers Werk skizzierte, wurde mehrfach ausdrück-
der Ost-Berliner Akademie der Künste vergeblich lich auf die metaphysische Komponente in einigen
verfochten hatte. Allerdings stand Döblins Anlie- von Bechers Arbeiten hingewiesen: Immer wieder
gen, gerade die persönlichen Beziehungen zwischen beschäftige sich der Autor mit der »jenseits des
Schriftstellern in Ost- und Westdeutschland zu Todes liegenden >Nichts-Unergründbarkeit<«. Die
pflegen, wofür er nach wie vor sein Goldenes Tor zur Antwort des Dichters auf die »großen, antworthei-
Verfügung stellen wollte, im Widerspruch zu sei- schenden Fragen des Daseins« sei »verheißend: >Es
nem Plan, die Literaturzeitschrift institutionell in führt ein Weg in ewig lichte Tage.<« (S. 53).163
der Mainzer Akademie zu verankern. Döblins Tätig- In religiösem Sinne auslegbar ist auch das ein Jahr
keit für die französische Besatzungsmacht ist zudem zuvor abgedruckte Gedicht von Becher »Der Blick«,
nicht gerade förderlich gewesen, ihm den Ruf eines aus dem Döblin die entsprechenden Verse in sei-
unabhängigen Mittlers zwischen Ost und West zu nem einleitenden Kommentar zitiert hat:
verschaffen.
Sah mit anderen Augen, sehend-klaren,
Signifikantes Beispiel für das auch im zunehmen- Und sein eigenes Leben stand im Zeichen
den Ost-West-Konflikt fortgesetzte Bemühen des Eines Wandels zum Unwandelbaren. (III 2, S. 158)
Herausgebers Alfred Döblin an der »Liaison nach Bei den von Becher veröffentlichten Gedichten
dort herüber«155 ist sein Interesse an dem Autor
Johannes R. Becher. Dieser stand, wie unter ande-
154 Eine nach Besatzungszonen gegliederte Ubersicht über
rem auch Gerhard Roloffs Untersuchung zur
den jeweiligen Wohnsitz der in Deutschland ansässigen Mitar-
Rezeption der Exilliteratur in der deutschen Presse beiter der Zeitschrift ergibt - soweit man bei den ermittelten
in den Jahren 1945 bis 1949 zeigt,156 von den Wohnsitzen von rund 150 Autoren von einem repräsentativen
»kommunistische[n] oder im Kommunismusver- Querschnitt sprechen kann - folgendes Bild: französische Zone:
dacht stehende[n] Autoren« in der westlichen Presse 4 3 % , amerikanische Zone: 3 1 % , britische Zone: 1 6 % ,
sowjetische Zone (inkl. Ostberlin): 5 % , Westberlin: 5 % .
allen anderen voran zunehmend »im Kreuzfeuer der
155 Briefe S. 337 (an P. Wiegler, 28. 2. 1946).
Polemik«, die ganz eindeutig in Korrelation zu den 156 Zum folgenden vgl. Roloff: Exilliteratur in der deutschen
Etappen des Kalten Krieges stand. Dabei blieb es Presse (Zitate: S. 155/156).
nicht nur bei verbalen Angriffen. Im November 157 Vgl. auch Engelbach/Krauss: Der Kulturbund S. 173.
1947 wurde Becher zum Beispiel von der US- 158 Vgl. Friedrich: Der Kulturbund S. 48; Schulmeister: Der
Kulturbund S. 169-181.
Militärregierung die Verlängerung seines Inter-
159 Vgl. Döblins Zensurgutachten N° 1 8 8 0 / L v o m 8 . 8 . 1 9 4 6
zonenpasses verweigert und der von ihm geführte über: Lob des Schwabenlandes. Schwaben in meinem Gedicht.
»Kulturbund zur demokratischen Erneuerung Konstanz/Leipzig: Asmus 1947; N° 2232/Dv vom 8. 10. 1946
Deutschlands« im amerikanischen und britischen über: Abschied. Eine deutsche Tragödie: 1 9 0 0 - 1 9 1 4 . Roman.
Sektor Berlins verboten.157 Die französische Militär- Konstanz: Asmus 1948. Vgl. ferner das Zensurgutachten
N° 1736/L von J. G. Kirchheimer über: Volk und Vaterland.
regierung hat sich dem Kulturbund-Verbot aller- Deutsche Lehre; dieser Lizenzantrag für die französische Zone
dings nicht angeschlossen.158 wurde von Schmittlein zurückgewiesen.
Döblin, der als Zensor mehrere Manuskripte von 160 Vgl. Briefe S. 368 (anj. R. Becher, 11. 3. 1947).
Johannes R. Becher begutachtet159 und ihn im 161 Dieses Gedicht ist im März 1948 in Bechers Anthologie
»Volk im Dunkel wandelnd« in Ost-Berlin erschienen.
Februar 1946 zur Mitarbeit am Goldenen Tor einge- 162 Bei den von Döblin >ausgeschlagenen< Gedichten handelt
laden hatte, stand dem deutsch-nationalen Ton der es sich um: »Fügung·, »Das Haus am Meer, und »Gras«. Vgl.
Heimkehr-Gedichte, die 1946 im Aufbau-Verlag in Becher: Gedichte 1949-1958, S. 573/574.
Berlin erschienen waren, zunächst sehr skeptisch 163 An anderer Stelle heißt es in diesem Aufsatz: »Becher litt
Jahrzehnte lang an diesem zu tiefst erlebten Zwiespalt [d. i. die
gegenüber.160 Im Frühjahr 1948 veröffentlichte
Haßliebe zu Gott; Anm. d. Verf.]; ja, vielleicht ist er, obwohl er es
Döblin erstmals im Goldenen Tor ein Gedicht nicht wahrhaben will, auch heute noch auf der Suche nach dem
Bechers mit dem Titel »Der Blick« (III 2, S. 161),161 ewigen Ziel seiner Dichtersehnsucht.« (S. 51).

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Das Goldene Tor 267

handelte es sich ausschließlich um Arbeiten, die 3.1.4 Bestandsaufnahme und Förderung:


nach dessen Rückkehr aus dem Exil entstanden »Was man hier im Lande zu lesen
waren.164 In seinen einleitenden Kommentaren wies bekommt...«
Döblin auf die >positive< Entwicklung des Lyrikers
Becher hin: der ehemals »ekstatische Expressionist« 3.1.4.1 Sichtung der »im Inland erzeugten
sei »reif geworden« aus dem sowjetischen Exil Literatur«
zurückgekehrt und schreibe »eine einfache volks-
tümliche, echte und fast naive Lyrik.« (IV 1, S. 39). Döblins Selbsteinschätzung des Exils (»Ich bin froh
Auch Siegfried Bahnes Aufsatz - im übrigen eines in einer wirklichen Fremde zu sein, es giebt da kein
der wenigen Einzelporträts im Goldenen Tor, die Identifizieren«170), der moralische Rigorismus, den
sich mit einem lebenden Exilautor befassen, was er auch sich selbst gegenüber im Exil an den Tag
auch auf die Bedeutung schließen läßt, die Döblin gelegt hatte (»jedenfalls meine Bücher sind mit
Becher zugemessen hat - stellte vor allem die Recht verbrannt«171), und die tiefsitzende Erfahrung
literarische Qualität von Bechers jüngsten Veröf- der »Vereinsamung« im Exil, die noch Jahre später
fentlichungen heraus. Bechers politisch-ideologi- im Goldenen Tor172 und im Journal 1952/53u}
sche Haltung nach 1945 blieb in diesem Aufsatz nachklingt in dem Vorwurf, daß der von ihm
nahezu unberücksichtigt; kritisiert wurde lediglich angestrebte Kontakt mit den in Deutschland geblie-
die >Tendenz< einiger Arbeiten,165 deren künstleri- benen Autoren und Freunden ohne Resonanz blieb
sche Qualität darunter leide, sowie die Tatsache, daß - all dies muß mitbedacht werden, will man Döblins
Becher Dichtung auch als »Mittel, Hilfsmittel in der Interesse an und Auseinandersetzung mit der »im
Politik« (IV 1, S. 52) einsetze.
Hingegen wurde Bechers dichterisches Engage-
ment für den geistigen Neuaufbau Deutschlands
hervorgehoben: Becher stehe auf dem Boden der
abendländischen Kultur und plädiere für eine Rück- 164 Das Gedicht »Der Blick« ist vermutlich zwischen Herbst
1946 und Herbst 1947, die Gedichte »Pascal«, »Kinderbildnis«
besinnung auf »die alten ewig gültigen Axiome der
und »Ohne Dich« sind ab Herbst 1947 entstanden. Vgl. Becher:
wahren Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Duld- Gedichte 1942-1948, S. 813; Gedichte 1 9 4 9 - 1 9 5 8 , S. 573/574.
samkeit, der Wahrheit und des Guten« (S. 53). 165 S. Bahne dachte dabei insbes. an Bechers »Romane in
Die Präsentation des Autors Johannes R. Becher Versen« (Berlin: Aufbau 1946). Vgl. IV 1, S. 54.
166 Das Phänomen >Exil< wird in den ersten Jahrgängen u. a.
im Goldenen Tor zeigt: im Mittelpunkt des Interes-
in den folgenden Beiträgen thematisiert: H. Mann: Abschied von
ses stand nicht der Exilautor Becher. Die Exilthema- Europa (I 1), A. Ehrenstein: Aus dem Chinesischen (I 1),
tik war, dies belegt auch eine Analyse der themati- H. Kesten: Oberst Kock (I 2), F. Lion: Fragment über Heine (I 2),
schen Schwerpunkte der im Goldenen Tor veröffent- L. Feuchtwanger: Der Schriftsteller im Exil (II 2), M. Beradt: Die
lichten Exilliteratur,166 im Jahr 1949 zurückgetre- Robe (II 6), A. Wolfenstein: Der Gefangene (III 1). - Ab 1948
finden sich zunehmend Beiträge, die in >religiösem< Sinne
ten. Die Kontroverse um die Spaltung der deut-
auslegbar sind: neben J. R. Bechers Lyrik E. Fried: Weihnachts-
schen Literatur in eine >innere< und eine >äußere< lied, Gebet für den Zenturio (III 2), W. Eidlitz: Der verlorene
Emigration war im Zuge des Kalten Krieges der Schlüssel (III 5), J. Haringer: Magie des Leids, Bitte um Glück
Diskussion um die Spaltung der deutschen Literatur (IV 1), G. Kaiser: Die große Kreuzigung (II 1) u. Anruf (IV 2), M.
in eine westdeutsche und eine ostdeutsche gewi- Herrmann-Neiße: Trost (IV 3), U. Birnbaum: Der Kopf des
Kanzlers, Nachher, Geträumtes Lied (IV 5), A. Kolb: Joseph von
chen. Döblin wollte Johannes R. Becher gegenüber
Ägypten (V 2), A. Schaeffer: Josef von Montfort an Renate von
eine »im Ideologischen begründete Gegner- Montfort (V 5), A. Döblin: Die Wiederherstellung des Menschen
schaft«167 nicht gelten lassen. In den »alten ewig (V 5).
gültigen Axiome[n]« der Humanität und Wahrheit 167 Briefe S. 391 (an J. R. Becher, 18. 9. 1948).
sah Döblin den gemeinsamen Nenner seiner christ- 168 Vgl. außer dem Aufsatz über J. R. Becher u. a. Döblins
Glosse »Fragen, Antworten und Fragen« (V 5, S. 391): »Ich las
lichen und Bechers sozialistischer >Aufbau<-Ideolo-
auch neulich merkwürdige Sätze, in denen christliche Vertreter
gie, worauf er andeutungsweise in seiner Zeit- des Westens darüber klagten, man habe den Östlichen keine
schrift,168 besonders deutlich aber auch in seiner entsprechende »Ideologie« entgegenzusetzen, eine erschütternde
»Kritik der Zeit«-Reihe aufmerksam gemacht hat: Bemerkung, mehr als erschütternd: zum Verzweifeln.«
Seine Sendung vom 10. April 1949, kurze Zeit nach 169 Bl. 5.
170 Briefe S. 196 (an E. u. A. Rosin, 18. 7. 1934).
dem Becher-Aufsatz im Goldenen Tor ausgestrahlt,
171 Briefe S. 207 (an Th. Mann, 23. 5. 1935).
beendete er mit dem nachdrücklichen Hinweis, daß 172 »Als ich 1933 nach Frankreich ging und dort lebte, hat
»die Quelle des Sozialismus [...] ja letzten Endes aus kein einziger meiner ehemaligen Akademiekollegen je ein Wort
einem humanistischen Boden, ja noch tiefer, aus an mich gelangen lassen, weder direkt noch indirekt. Aber
dem christlichen entspringt.«169 Ricarda Huch schrieb mir 1934 nach Paris [...]«(III 2, S. 100).
173 Vgl. u. a. S. 367.

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268 Alexandra Birkert

Inland erzeugte[n] Literatur«174 nach 1945 näher Land« und ihrer »Literatur während der zwölf Jahre«
unter die Lupe nehmen. festzustellen,183 war es Döblin doch »vom Ausland
Döblins Meinung von der literarischen Qualität her schwer möglich [gewesen], das Schicksal des in
der in Deutschland gebliebenen Autoren war nicht den Reichsgrenzen verbliebenen verkümmerten
eben hoch; er spricht vorzugsweise von der »deut- Teils der deutschen Literatur zu verfolgen.«184 In
schen Kümmerliteratur«175 oder »Rumpflitera- seiner Position bei der »Direction de l'Education
tur«,176 einer inhaltlich und formal »verstümmelten Publique« war Döblin die Möglichkeit gegeben, sich
und verkrüppelten Literatur«.177 »Was man hier im über biographische Daten einzelner Schriftsteller
Lande zu lesen bekommt«, konstatierte Döblin in und deren Veröffentlichungen in den Jahren 1933
einem Artikel, der gleich in mehreren Zeitungen, bis 1945 zu informieren. Als Zensor hatte er
dem Schwäbischen Tagblatt (Ausgabe Tübingen), Einblick in Personalbögen, wie er sie selbst, etwa bei
der Neuen Ze/Y«n^(München) und im Ä'wnVr(Berlin) seinem Antrag auf Druckgenehmigung für das
abgedruckt wurde,178 ist, einmal ganz abgesehen von Goldene Tor, hatte ausfüllen müssen. Daß Döblin
»der massenhaften Produktion der Hörigen«, in der darin, ob ein Autor in der NS-Zeit hatte publizieren
geistigen Haltung »schlaff und weich«, im Formalen können (oder, wie er es sah, hatte publizieren dürfen),
ohne »eigene Handschrift«, »rückwärts orientiert« auch eine Frage der ausgleichenden Gerechtigkeit
und >steckengelieben<, kurzum »nur (man muß es erblickte, die bei der Festsetzung der Druckpriori-
schon aussprechen) ein langweiliges, schöngeistiges täten berücksichtigt werden sollte, belegt der bereits
Schrifttum«. Döblins Verdikt basierte auf der nach oben zitierte Reklamationsbrief an den Verwal-
wie vor 1945 grundlegenden Vorstellung: »Freiheit tungschef der französischen Zone, Maurice Saba-
gehört so sehr zum Wesen des Kunstschaffens und tier.185
der literarischen Produktion, daß bei ihrem Fortfall Döblins zunehmende Kenntnis der Situation »im
[in Zeiten politischer Gleichschaltung wie auch im Inland« hat, so scheint es, sein Urteil gemildert, ihn
Krieg; Anm. d. Verf.] von Kunst oder Literatur eben zwischen kompromittierten und nicht kompromit-
nicht mehr die Rede sein kann.«179 tierten Autoren unterscheiden lassen: »Schweigend
Abgesehen von diesem pauschalen Vorbehalt hielten im Lande eine Anzahl Autoren durch«,186
gegenüber der deutschen »Rumpfliteratur« hat konstatierte Döblin 1947. In der früheren Fassung
Döblin im Einzelfall zudem politisch-moralische im Goldenen Tor fehlt dieser Passus über »Die
Maßstäbe an die in Deutschland gebliebenen
Autoren angelegt. Gerade die angestrebte »morali- 174 Die deutsche Utopie (I 3,S. 261). Da Döblin gelegentlich
sche Regeneration«180 der Deutschen ließ es ihm den Begriff inländische Literatur< in Abgrenzung zur ausländi-
»nicht nur literaturhistorisch, sondern allgemein schen Literatur für die gesamte deutschsprachige Literatur im
menschlich interessant« erscheinen, »an gewissen In- und Ausland verwendet hat (vgl. Die deutsche Utopie (I 3,
S. 260); Die literarische Situation S. 35), wurde hier auf diese
Fällen zu demonstrieren, wo der Bruch, die Schwä-
Bezeichnung verzichtet.
che und Anfälligkeit lag, wie jeden seine Veranla- 175 Die literarische Situation S. 33.
gung und sein Charakter disponierte, so oder so der 176 Die literarische Situation S. 32; Die deutsche Utopie (I 3,
Versuchung zu verfallen, gelockt oder gezwungen S.258).
zu werden.«181 Döblins Zensorentätigkeit mag seine 177 Die deutsche Utopie (I 3, S. 258).
178 Die beiden deutschen Literaturen. In: Schwäbisches
Neigung verstärkt haben, >moralische< Kriterien bei
Tagblatt, Ausgabe Tübingen, Nr. 7 vom 25. 1. 1946, S. 3. - Auch
der Sichtung der Literatur geltend zu machen,182 wie in: Die Neue Zeitung, München, Nr. 11 vom 8.2. 1946,
dies auch schon in seinem Pariser Vortrag über Die Feuilleton- und Kunst-Beilage. - Auszug auch in: Der Kurier,
deutsche Literatur (im Ausland seit 1933) zutagege- Berlin, Nr. 18 vom 8. 2. 1946, S. 3. - Zitiert wird im folgenden
treten ist: hier wie auch in den späteren Fassungen nach dem Schwäbischen Tagblatt.
179 Die deutsche Literatur S. 14.
dieser Literaturprogrammatik - »Die deutsche Uto-
180 Die literarische Situation S. 32.
pie von 1933 und die Literatur« (1946) und Die 181 Die literarische Situation S. 26.
literarische Situation (1947) - bildet das Jahr 1933 182 Vgl. ζ. B. Döblins Zensurgutachten N°1355/L vom 25. 5.
den entscheidenden Fixpunkt für die Periodisie- 1946 über Walter von Molos »Der Menschenfreund«, in dem
rung der deutschen Literatur. Döblin bemängelte: »Die ethische Haltung des Autors bleibt
unentschieden.« (Hervorheb. von Döblin).
Auf der anderen Seite ist bei Döblin aber auch 183 Vgl. hierzu die entsprechenden Kapitelüberschriften im
nach seiner Rückkehr nach Deutschland und mit Teil II der Schrift »Die literarische Situation« (S. 25), der in der
der Anstellung bei der »Direction de l'Education Fassung im »Goldenen Tor« fehlt.
184 Die deutsche Literatur S. 15.
Publique« schrittweise eine intensivere, kritisch-
185 Vgl. oben Kap. 2.3.3.
reflektierende und differenzierende Auseinander- 186 Die literarische Situation S. 28. Vgl. auch Meyer/Doster:
setzung mit der Situation der »Schriftsteller im Döblin-Katalog S. 419 u. S. 435.

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Das Goldene Tor 269

rierung der Literatur«189 für unmöglich hielt.


Ricarda Huch zählte in der alten Einteilung zur
Gruppe der Schriftsteller, die »in der Hauptsache
feudalistische Zeichen« tragen:
Das will sagen: sie schreiben einen Stil, benutzen Wendungen,
neigen zu Stoffen und zu Urteilen, welche wir gewohnt sind,
bei Schriftstellern der feudalistischen Epoche zu finden und
welche in der Regel auch faktisch übernommen werden von
Autoren jener Epoche - das ist in Deutschland die Zeit bis zum
Beginn des 19. Jahrhunderts. [ . . . ] Diese Autoren haben eine
Problematik und wählen Stoffe, welche bestimmt nicht aus
dem scharfen und nahen Heute stammen. 1 9 0

Durch ihre beispielhaft mutige, offen-kompro-


mißlose Haltung im Dritten Reich, mit ihrem
selbstlosen menschlichen Einsatz für Verfolgte,
ihrer Diskussionsbereitschaft und ihrer Zivilcou-
rage verkörperte Ricarda Huch in Döblins Augen
beispielhaft demokratische Prinzipien, war in die-
sem Sinne >progressiv< und »Repräsentantin des
geistigen Deutschlands« (III 2, S. 114),191 wie es
Abb. 7: Ricarda Huch. Döblin vorschwebte.
Photo von LeifGeiges aus dem Jahr 1944 (1) Zweites entscheidendes Kriterium bei Döblins
literarischer Bestandsaufnahme nach 1945 ist neben
dem >moralischen<, die Persönlichkeit eines Schrift-
Literatur während der zwölf Jahre«. Im 2. Heft des
stellers beurteilenden, Gesichtspunkt, das innovato-
Jahrganges 1948 nahm Döblin eine Würdigung der
rische, »progressive«192, Moment. Döblins Interesse
im November zuvor verstorbenen Schriftstellerin
an den - wie er es sah - »in ihr Inneres Emigrierten«
Ricarda Huch zum Anlaß, vor einer pauschalen
war von vornherein gering, deckte sich seiner
Verurteilung der in Deutschland gebliebenen
Ansicht nach doch ihre »Vergeistigung«, der Rück-
Autoren und ihrer Produktion in den Jahren 1933
zug »in ihre Mauselöcher«,193 ihre Flucht »in das
bis 1945 zu warnen:
Symbolische, Allegorische, in die Philosophie und
Es ist in dem letzten Jahrzehnt viel Schweres und Schlimmes die Mystik«194 mit der historisch begründeten Nei-
in dem Land geschehen, aber jede Verallgemeinerung muß
gung der Deutschen zur »Verinnerlichung«, der
Halt machen und ist momentan widerlegt durch die Figur
Ricarda Huchs. (III 2, S. 100)
Döblin einen Teil der Verantwortung für die Anfäl-
ligkeit der Deutschen für Hitler zugeschoben hat.
Döblin wollte ursprünglich in seiner Zeitschrift Die Bezeichnung >innere Emigration^ 95 hat Döblin
nicht nur »von irgendeiner Seite einen würdigen gezielt vermieden. >Emigrant< war für Döblin, wie
Aufsatz über Frau Huch bringen«, sondern auch bereits oben ausgeführt, wer »im 3. Reich verbo-
»möglichst ungedruckte Stücke von ihr aus dem
Nachlaß« veröffentlichen. Sein besonderes Interesse
galt dabei Ricarda Huchs jüngster, unvollendeter 187 Briefe S. 381 (an Hanns E. Eppelsheimer, 28. 11. 1947).
Arbeit, die »unbekannten Helden aus der Wider- 188 Die deutsche Utopie (I 3, S. 259).
standsbewegung«187 gewidmet war. Wäre Döblin 189 Die literarische Situation S. 33.
hier nach dem Tod Ricarda Huchs die gewünschte 190 Die literarische Situation S. 16.
191 Elisabeth Grosswendt: Ricarda Huch, Leben und Werk
Publikation geglückt, hätte dies zweifelsohne zu (III 2, S. 107-114).
einer wesentlichen Akzentverschiebung bei der 192 Zensurgutachten N° 1706 (Text im Anhang). - Vgl. auch:
Präsentation der »im Inland erzeugtefn] Literatur« Die literarische Situation S. 33: »Was sollte man jetzt .progressiv«
geführt. nennen?«
193 Journal S. 367.
Am Beispiel Ricarda Huchs läßt sich aber auch 194 Die literarische Situation S. 32.
nachvollziehen, in welcher Weise Döblin seine alte 195 Döblins Vorstellungen entsprechen in diesem Punkt
Gruppeneinteilung der deutschen »Vor-1933-Lite- Grimms Definitionsversuch, der »eine gleitende Skala [...], die
ratur«188 in einen konservativ-feudalistischen, einen vom aktiven Widerstand bis zur passiven Verweigerung reicht«,
vorschlägt, wobei er, ebenfalls am Beispiel Ricarda Huchs
liberal-humanistischen und einen progressiv-gei-
erläuternd, nur .eine Gegenhaltung, die erkennbar war«, einbezo-
stesrevolutionären Flügel »nach diesen Ereignissen« gen sehen will. Vgl. Grimm: Im Dickicht der inneren Emigration
für überholt und »eine einfach mechanische Restau- S. 411.

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270 Alexandra Birkert

ten«196 war. Döblins >Emigrations<-Begriff umfaßte hier als positives, »in der Zeit der inneren Emigra-
alles, was aktiv und passiv (indem es verboten war) tion« entstandenes Werk Elisabeth Langgässers
>anti-nazistisch< war, Schloß andererseits alles >bloß Roman Das unauslöschliche Siegel vor (II 5, S. 465/
nicht-nazistische< aus:197 denn mancher »Nicht- 466) - eine Rezension, die im Inhaltsverzeichnis
Nazi« 198 sei mit seiner Landschafts-, Volkstums- und hervorgehoben und im Anschluß an eine durchaus
Heimatliteratur »in der Nazi-Epoche von den Diri- kritische Besprechung des Exilautors Oskar Maria
genten dieser Bewegung dafür gelobt«199 worden. Graf (II 5, S. 463-465) veröffentlicht wurde: Das
Wer hierzu »still« hielt unter den »Stillen im Lan- unauslöschliche Siegel, das »in seinen Wurzeln erneut
de«,200 wie etwa der Goethepreisträger des Jahres ein religiöses und christliches« Werk der Autorin sei,
1938, Hans Carossa, dem konnte man in Döblins trage »auf eine besondere Weise zur Wiedergeburt
Augen »zwar keine laute [?] Zustimmung zu Hitler unseres Lebens bei«, da es sich, im Gegensatz zur
vorwerfen«, er »erwies« sich damit für Döblin aber »gängigen Romanliteratur«, nur »dem wiederholten,
auch »als bestimmt nicht Antinazi«.201 Carossa war selbstlosen Bemühen des Lesers« erschließe und
für den entschlossenen Antiästhetiker< Döblin ein damit eine »äußerste Haltung und Entscheidung des
Paradebeispiel, um die Vorstellung vom politisch Einzelnen« einfordere. Im Briefwechsel Döblins mit
harmlosen Ästhetizismus zu widerlegen, vor dem Elisabeth Langgässer vom Frühjahr 1946 spiegeln
Döblin wiederholt gewarnt hat. Die Hintergründe, sich deutlich Döblins vorgefaßte Einstellungskrite-
die zur Wahl Hans Carossas und zur Annahme des rien gegenüber der »im Inland erzeugte[n] Literatur«
Preises geführt hatten,202 dürften Döblin allerdings wieder. Publikationsverbot (das Elisabeth Langgäs-
unbekannt geblieben, sein moralischer Rigorismus ser als Halbjüdin 1936 von der Reichsschrifttums-
um so ungerechtfertigter erschienen sein. kammer erhielt) und literarische Qualität bedingten
sich in Döblins Augen:
Eine detaillierte, kritisch-programmatische Aus-
einandersetzung mit der sogenannten >inneren Herr Cla(a)ssen vom Govertsverlag teilt mir Ihre Adresse mit;
Emigration^ wie sie beispielsweise im Ruf geführt ich habe eine dunkle Erinnerung, als ob ich vor langen Jahren
wurde,203 oder auch eine Lion Feuchtwangers Bei- als Preisrichter in der »Kleiststiftung« einer Dame Ihres
Namens einen Preis zuerteilte; - waren Sie es? Cla(a)ssen
trag »Der Schriftsteller im Exil« (II 2, S. 142-147)
schreibt: Sie durften seit 3 5 nicht m e h r publizieren; das könnte
vergleichbare Darstellung sucht man vergebens. dazu s t i m m e n . 2 0 5
Die Position der Zeitschrift ist vielmehr nur
Auch der Leseeindruck, den Döblin nach der
indirekt aus der vorgestellten Literatur und der Art
Lektüre eingesandter Prosa und Lyrik Elisabeth
und Weise ihrer Präsentation (bzw. >Nicht-Präsenta-
Langgässers notierte, zeigt, daß er von einer Ver-
tion«) zu erschließen, sie gewinnt nur sporadisch im
kümmerung« und >Lähmung« ausgegangen war:
Rezensionsteil der Zeitschrift an pointierter Farbig-
keit. Die grundsätzlich für die Zeitschrift ange- W a s Sie mir schickten, sowohl Prosa wie Poesie, habe ich
empfangen und ist ausgezeichnet. Ich danke Ihnen schön-
strebte unverhüllte und offene Auseinandersetzung
ist auch hier nicht gelungen. So veröffentlichte
Döblin 1947 eine Rezension von Ernst Johann über 1 9 6 Die deutsche Literatur S. 14.
Lion Feuchtwangers Simone(II 3/4, S. 358/359), von 197 Vgl. hierzu insbes. Döblins Zensurgutachten N° 1 7 0 6 / L
(Text im Anhang).
deren Polemik sich Döblin später zwar brieflich,204
1 9 8 Die literarische Situation S. 33.
jedoch nicht öffentlich in seiner Zeitschrift distan- 1 9 9 Die deutsche Utopie (I 3, S. 259).
ziert hat. Johann stellte hierin Hans Carossa neben 2 0 0 In seiner Zeitschriftenschau (I 2, S. 2 0 3 ) hat Döblin einen
die Trivialautorin Hedwig Courths-Mahler, sprach Aufsatz von Heinz Stolz mit diesem Titel in der Zeitschrift »Welt
davon, daß man dieser »unverbindlichen Sorte« nur und Wort« (Jg. 1 Nr. 1 (Juni 1946), S. 2 - 5 ) kritisch besprochen
und diese Bezeichnung in der Folge vielfach in seinen Zensurgut-
»lauschen« könne, im Gegensatz zur »herzhaften
achten angewandt. Vgl. ferner IV 2, S. 172.
Haltung«, »Gesinnung« und »Leidenschaftlichkeit 201 Zensurgutachten N° 1 7 0 6 / L .
in der Verteidigung« des Emigranten Lion Feucht- 2 0 2 Vgl. Klassiker in finsteren Zeiten Bd. 2, S. 1 4 8 - 1 5 3 .
wanger. Die Existenz einer >Literatur< im Deutsch- 2 0 3 Vgl. Horst Lange: Bücher nach dem Kriege. Eine kriti-
land der NS-Zeit wird abgestritten: sche Betrachtung. In: Der Ruf Jg. 1 Nr. 10 v o m 1. 1. 1947,
S. 9 / 1 0 .
Nichts haben wir gehabt, ein Loch, eine große Pause, und die 2 0 4 Döblin an Clair Baier, 15. 7. 1 9 4 7 (DLA).
Weimarer Dichtertage und die Große[n] Münchener, und zwei 2 0 5 Döblin an E. Langgässer, 19. 3. 1946, zit. n. Meyer/
oder drei Ausnahmen. D. H. Lawrence hat Carossas Prosa Doster: Döblin-Katalog S. 4 4 0 / 4 4 1 . - Mit dem Kleist-Preis irrte
einmal mit Kartoffelbrei verglichen. Das war das zweithöchste sich Döblin. E r hatte E. Langgässer im Juni 1931 den Literatur-
unserer Gefühle. Das nächste war schon Ersatz-Kartoffelbrei. preis des Deutschen Staatsbürgerinnen-Verbandes, J e s s e n Preis-
richtergremium er angehörte, überreicht, nach E. Langgässers
Bereits im nächsten Heft war von einer der Darstellung allerdings mit großem Widerstand. Vgl. dazu Riley:
großen »Ausnahmen« zu lesen. Horst Krüger stellte »Alles Außen ist Innen. S. 192 u. S. 2 1 3 / 2 1 4 A n m . 30.

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Das Goldene Tor 271

stens. Sie haben also in der Zwischenzeit an Kraft nicht Oskar Loerke« (II 8/9, S. 726-732) ist bemüht, das
verloren, sondern gewonnen. Ich will beides bringen, mit Bild vom Ästheten Loerke, der sich in »Das unsicht-
Vergnügen. 2 0 6
bare Reich« der Dichtung und Musik, wie Loerke
Bemüht hat sich Döblin auch um Veröffentli- einen Aufsatz »Zum 250. Geburtstage Bachs« 1935
chungen zweier Autoren, die Elisabeth Langgässer überschrieben hatte,215 »in den elfenbeinernen
in ihrem Grundsatzreferat auf dem I. Schriftsteller- Turm weitabgewandter Gefühle« (S. 730) zurückge-
kongreß in Berlin im Oktober 1947 über die zogen und das lyrische Gedicht »als Abieiter für
»Schriftsteller unter der Hitler-Diktatur« nament- unverbindliche Stimmungen oder private Empfin-
lich hervorgehoben hatte: 207 Oskar Loerke und dungen« (S. 726/727) verstanden hätte, zu revidie-
Wilhelm Lehmann, die Döblin beide in den Berliner ren: «Das Gedicht ist für ihn die Sprache der
Jahren geschätzt und gefördert hatte.208 Grundgefühle, der Grundanschauungen und der
Noch vor Erscheinen des 1. Heftes bat Döblin Grundmächte des Daseins« (S. 727). Aus der »passi-
Oskar Loerkes Lebensgefährtin Clara Westphal um ven Verzweiflung« heraus habe Loerkes Lyrik nach
Gedichte aus dem Nachlaß des 1941 verstorbenen 1933 »einen nicht zu überhörenden politischen
Autors, fernerauch um »ein pa(a)r Angaben [...] über Hintersinn« (S. 729/730) bekommen, wobei er-
seine letzte Zeit« 209 für einen Nachruf, den er staunliche Beispiele noch in den Gedichtbänden
offenbar selbst verfassen wollte. Die Würdigung, die Der Silberdistelwald (1934) und Der Wald der Welt
schließlich erst im Doppelheft 8/9 des Jahrganges (1936) erscheinen konnten, vieles jedoch im Nach-
1947 erschienen ist (II 8/9, S. 726-732), 2 1 0 stammt laß zu finden und nicht mehr druckbar gewesen sei.
von Loerkes Freund, der zugleich sein Nachlaßver- Oskar Loerkes Tagebuchaufzeichnungen und sein
walter und Nachfolger im Lektorat des S. Fischer Testament »Letztwillige Bitten für den Fall meines
bzw. Suhrkamp-Verlages gewesen ist, Hermann Todes«, das vom 6. Februar 1940 datiert und in
Kasack. Dieser hatte sich bereits im Februar 1946 Döblins Zeitschrift veröffentlicht wurde (II 8/9,
erfreut an den zurückgekehrten Döblin gewandt.211 S. 733), legen »Rechenschaft« (S. 727) 216 ab von
Es ist bemerkenswert und läßt auf eine gewisse
Distanz schließen, daß Döblin nicht, wie etwa im
gleichen Heft bei Thomas Mann oder wenige Num- 2 0 6 Döblin an E. Langgässer, 1 1 . 4 . 1946, zit. n. Meyer/
mern später im Falle Ricarda Huchs, dem »Oskar Doster: Döblin-Katalog S. 4 4 1 . - W i e bereits erwähnt ist von E.
Loerke zum Gedächtnis« gewidmeten Heftteil Langgässer keine Zeile im »Goldenen Tor« erschienen. Rezen-
siert wurden außer dem »Unauslöschlichen Siegel« ihr Erzähl-
(II 8/9, S. 725-739) noch eine eigene, persönliche
band »Der Torso« (III 8, S. 8 1 9 / 8 2 0 ; von H. v. Savigny innerhalb
Stellungnahme vorangestellt hat, zählte doch der Sammelrezension »Kurzgeschichten«) und ihr Roman »Mär-
gerade Loerke zu den wenigen Mitgliedern der alten kische Argonautenfahrt« (V 6, S. 4 7 9 / 4 8 0 , von W . Lohmeyer).
»Sektion für Dichtkunst«, mit denen Döblin »Per- 2 0 7 Veröffentl. in: Ost und W e s t Jg. 1 ( 1 9 4 7 ) H. 4, S. 3 6 - 4 1 .
sönliches verband«, wie er sich noch Jahre später in 2 0 8 Vgl. u. a. Loerke: Tagebücher S. 2 5 2 . - W . Lehmann (und
Robert Musil) hat Döblin 1 9 2 3 den Kleist-Preis zugesprochen.
seinem »Journal 1952/53« 212 erinnerte. Gerade in
2 0 9 Briefe S. 341 (6. 4. 1946).
dieser autobiographischen, zu Lebzeiten Döblins 2 1 0 Der Aufsatz war bereits im März 1 9 4 7 in Satz gegangen.
unveröffentlichten Schrift klingt aber auch noch Vgl. Briefe S. 369.
Döblins Befremden, ja Verstörung nach über Loer- 211 »Und ich wollte Ihnen nur sagen: auch ich bin noch da - in
kes »Zwischenzustand«213 bei der Gleichschaltung keiner Sekunde dieser Zwischenzeit anders als früher. Nur müde,
nur bitter [ . . . ] « . H. Kasack an Döblin, 2 0 . 2 . 1946, zit. n.
der Dichterklasse 1933 und über die »Schwäche«,
Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 4 4 0 .
der »der Lyriker von einigen Graden« seiner Ansicht 212 Vgl. S. 3 6 6 - 3 7 0 (Zitat: S. 366).
nach erlegen sei: 2 1 3 S. 367.
2 1 4 S. 3 7 0 (Anm. d. Verf.). - Über Loerke als Sekretär der
Er arbeitete weiter in d e m alten [jüdischen] Verlag, den er den »Sektion für Dichtkunst« ( 1 9 2 8 - 1 9 3 3 ) schrieb Döblin in seinem
neuen Umständen »anpassen« wollte. Man erzählt, zu seiner Artikel »Die letzten Tage der Dichterakademie« im Pariser
Ehrenrettung, er sei buchstäblich an gebrochenem Herzen Tageblatt vom 31. 5. 1 9 3 6 (S. 3): »Wenn einer oder zwei einen
gestorben. Die tapfere Ricarda Huch wußte nichts von Protest über einen öffentlichen Vorgang [...] für nötig hielt,
solchem Herzen. 2 hielten zwei andere das Gegenteil für noch nötiger, und man
einigte sich schliesslich darauf [...], vom lyrischen Sekretär, einem
Um so beachtlicher ist es, daß Döblin in seiner gutmütigen Biedermann, eine in Wolken und Nebel verwickelte
Zeitschrift Loerke als exemplarische Stimme »aller Kundgebung verfassen zu lassen, die an die Ewigkeit rührte
geistig in Deutschland Geknebelten« darstellen und [...]«.
zu Wort kommen ließ, und dies zudem unmittelbar 2 1 5 In: Die neue Rundschau Jg. 4 6 der »Freien Bühne«, H. 3
(März 1935), S. 2 6 6 - 2 9 6 .
vor dem Sonderteil, der sich kritisch mit dem
2 1 6 Ausgesprochen kritisch hat sich an anderer Stelle im
Vertreter der deutschen Exilautoren, Thomas »Goldenen Tor« (IV 2, S. 172) Herbert W e n d t in seiner Rezension
Mann, auseinandersetzte. Kasacks »Erinnerung an zu Hermann Stahls Novellenband »Eine ganz alltägliche Stim-

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272 Alexandra Birkert

DAS GOLDENE TOR


Monatsschrift für Literatur und Kunst
VERLAG VON MORITZ SCHAUENBURG IN LAHR

BADEN-BADEN
Püjt/αώ den 2 . 1 2 . 1 9 4 7 .

DJB REDAKTION

Sehr g a o h r t s r Korr K'.s ck !

Sie haban vollkommen r o c h t . Wir leiden untsi


Druckfehlern. Ss-.hängt -uch damit zusn.orr.an, dass ich
s e l b e r , meiner Auger. r a g e n , w e n i g von !on Korrekturen
k o n t r o l l i e r e n kann und so geht v i o l e s durch. Bio von
Ihnen gewünschten Belegexemplare m e i Hes-ftork, Austrs
Ujgn nnd PajüLatina. worden abgäben. I h r Band » Sta£F*
h i n t s r dsn Strom " i s t , gut gebunden, h i e r ngekoa-
man unci Herr Bstzenr hat oc übernommen darüber zu
nchraiben. Ssstimmt, di.as ich i a J a n u a r vorhabe nach
B e r l i n zu kommen .-.uf Einladung dar Volksbühne zu a i r
nom Termin, den wir noch f e s t s e t z e n werden. Ich wer-
de v o r a u s s i c h t l i c h v o r l e s e n . Mit oinea Vortrsg möchte
ich in d i e s e s unsi here Gabiot ungern hineingehen.
Es g r ü s s t Sie schönstens.

Abb. 8: Redaktionsbrief von Alfred Döblin an Hermann Kasack vom 2. Dezember 1947 (1)

einem Autor, der dem jüdischen Verleger Samuel me« über die sogenannten Rechenschaftsberichte der >inneren
Fischer zuliebe das Treuegelöbnis für Hitler unter- Emigration« geäußert: »Wenige aus dem Kreise derjenigen
Autoren, denen heute die Bezeichnung der Stillen im Lande
schrieben 217 und »die tagtäglichen Demütigungen anhaftet, haben den Mut zu einem solchen Rechenschaftsbericht
der >Arisierung< der Firma« 218 mitgetragen und mit- gehabt, Ernst Wiechert, Horst Lange und Kasimir Edschmid
erlitten hatte, auch aus dem Bewußtsein heraus, im zählen zu ihnen, aber in weit einseitigerer, fast hochmütig
Lande >durchhalten< zu müssen. 219 »Alle meine wirkender Art, von der sich Stahl durchweg freihält [...]«.
Freunde wissen, daß ich nichts' was heilig ist auf 217 Vgl. Klassiker in finsteren Zeiten Bd. 1, S. 131/132.
218 Klassiker in finsteren Zeiten Bd. 2,S. 197/198; vgl. ferner
Erden, verraten habe« (II 8 / 9 , S. 733), beginnt
S. Fischer-Katalog S. 412-436.
Loerkes Testament, das einer Reihe von Gedichten 219 «Aber ich weiß noch immer nicht zu gehen: zu leicht will
des Autors vorangestellt wurde. Die in Döblins ich meinen Widersachern nicht jeden Triumph machen.«

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Das Goldene Tor 273

Zeitschrift aus dem Nachlaß publizierten Gedichte nicht bessere Literatur veröffentlichen als ihr aus
aus den Jahren 1939 bis 1941 (»Die Feinde«, »Wehr- dem Lande zufließt, - es ist hier seit 33 recht dünn
los«, »Eines Dichters Stimme«, »Der verfolgte Jün- geworden.«226 Und in einem Brief an den befreunde-
ger«, »Polarnacht«, »Meine alten Verse«, »Timur und ten Ludwig Marcuse, der vom 6. Februar 1947
die Seherin«, »Letzte Bitte an die Erde«, »Unsere datiert, heißt es geradezu entschuldigend: »Es treten
Schuhe«) formulieren mehr oder weniger offen den Namen auf, die Du nicht kennst, man muß sie zur
Widerstand, belegen die erkennbare Gegenhaltung, Kenntnis nehmen, es sind Begabungen dabei.«227
in dem Gedicht »Wehrlos« aber auch die Selbstan- Wolfgang Weyrauch (1907-1980) ist der einzige
klage des Autors: Vertreter der (von sich selbst) sogenannten >jungen<,
Wir sahen zu und haben nichts verteidigt. um einen radikalen sprachlichen Neuanfang
bemühten und einen »neuen Realismus« propagie-
Es toste ein Gewitter und wir schwiegen,
Als führen wir mitsamt in einem Nachen. renden Generation, 228 der kontinuierlich in den
Oh, wären wir trotzdem doch ausgestiegen! Jahren 1946 bis 1948 an Döblins Zeitschrift mitge-
Und unverzeihlich bleibt uns unser Lachen. (S. 734) 2 2 0 wirkt hat und mit Prosa, Lyrik, Essay und Rezension
>Nichts verraten<, aber auch >nichts verteidigt« zu vertreten ist.229 Weyrauch, der bereits als Student
haben, in der Anordnung dieser beiden zentralen
Aussagen Oskar Loerkes über sich selbst charakteri- O. Loerke an Hermann Stehr, [26. 11. 1933], zit. n. Loerke:
sierte Döblin genau den »Zwischenzustand«, der Tagebücher S. 306.
sich, zumal unter Döblins moralpädagogischem 220 Im Nachlaß Loerkes (DLA/D: Loerke und A: Loerke)
konnten zwei handschriftliche Fassungen ermittelt werden: eine
Vorzeichen nach 1945, nicht mit seiner Auffassung
handschriftliche Abschrift für W. Lehmann und eine Fassung in
von der »Würde«, »Verantwortung« und »Verpflich- dem Blindband »Atem der Erde«, der mit dem hs. Zusatz von
tung«221 des Dichters, wie sie in seinen Augen H. Kasack versehen ist »O. Loerke nachgelassene Gedichte« und
Ricarda Huch verkörpert hatte, vereinbaren ließ. der die im »Goldenen Tor« abgedruckten Gedichte »Die Feinde«,
Daß verschlüsselte Schreibweisen, die Technik der »Wehrlos«, »Der verfolgte Jünger«, »Polarnacht«, »Timur und die
Seherin« und »Letzte Bitte an die Erde« enthält. In den beiden
Camouflage, wie sie beispielsweise auch im Litera-
handschriftlichen Fassungen von »Wehrlos« sind folgende
turblatt der Frankfurter Zeitung oder in Rudolf Abweichungen von der Druckfassung im »Goldenen Tor« festzu-
Pecheis Deutscher Rundschau praktiziert worden halten: die Uberschrift schließt mit einem Punkt; »in einem
ist,222 Widerstand formulieren und damit auch den Nachen« (Hervorheb. im Original durch Unterstreichung); »O«
inneren Widerstand des Lesers, seine Resistenz statt »Oh«; »unverziehen« statt »unverzeihlich«. Flüchtigkeitsfeh-
ler auch beim Abdruck von »Timur und die Seherin« und bei
stärken ließ, dieser Auffassung mögen nicht nur die
Loerkes Testament, aber auch an anderen Stellen im »Goldenen
fehlende Erfahrung des Emigranten entgegenge- Tor«, zeigen, daß diese Druckfehler auf die Nachlässigkeit der
standen haben, sondern auch grundsätzliche Beden- Redaktion zurückzuführen sind, was dem wissenschaftlichen
ken des Autors, der 1935 im Exil für seine zukünf- Ruf< der Zeitschrift nicht eben zuträglich gewesen sein dürfte
tige schriftstellerische Arbeit das Fazit gezogen (vgl. auch Abb. 8).
221 E. Grosswendt: Ricarda Huch, Leben und Werk (III 2,
hatte: »schärfer härter offener als früher.«223
S. 107/108). Grosswendt unterstrich ihre Position mit einem
Auszug aus Hans Mayers Grabrede für Ricarda Huch.
222 Vgl. dazu u.a. Hepp: Der geistige Widerstand; Mirbt:
3.1.4.2 »Inokulieren frischer Keime« Methoden publizistischen Widerstandes.
223 BriefeS. 207.
Nachwuchsautoren eine Chance zu geben, dies war 224 Vgl. dazu Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 36-38.
ein Anliegen Döblins auch schon vor 1933. Die 225 Vgl. oben Kap. 3.0.
eigenen ersten, von Schuldgefühlen gegenüber sei- 226 BriefeS. 388.
nem dichterischen Schaffen belasteten Schreibver- 227 Briefe von und an L. Marcuse S. 42.
228 Genannt seien hier stellvertretend für viele die beiden
suche 224 dürften hier ein entscheidender treibender
einschlägigen programmatischen Artikel von Hans Werner
Motor gewesen sein, der nach 1945 im Kontext Richter: Warum schweigt die junge Generation ? In: Der Ruf Jg. 1
französischer, nachdrücklich auf die deutsche H. 2 vom 1. 9. 1946, S. 1/2. - Literatur im Interregnum. In: Der
Jugend orientierter Kulturpolitik neue Impulse Ruf Jg. 1 H. 15 vom 15. 3. 1947, S. 10. Zur Position W. Wey-
empfangen haben dürfte, wenn Döblin dabei auch, rauchs vgl. u. a. die »Bemerkungen des Herausgebers« in seiner
Anthologie: Die Pflugschar. Sammlung neuer deutscher Dich-
wie bereits ausgeführt, nicht gar zu streng und
tung. Berlin: Aufbau-Verlag 1947, S. 395-397. - Zur Diskrepanz
einseitig Präferenzen setzen wollte.225 Daß Döblin zwischen programmatischer Theorie und literarischer Praxis vgl.
selbst mit den im Goldenen Tor vorgestellten litera- Widmer: 1945 oder die »Neue Sprache«.
rischen Talentproben keineswegs zufrieden war, 229 I 3, S. 2 5 5 - 2 5 7 : Weihnachten 1945, Kirschbaumlegende
belegt manche Briefstelle. So schrieb er beispiels- (Gedichte). II 2, S. 195-200: Berliner Brief. II 3/4, S. 3 4 8 - 3 5 0 :
Berlin (Gedicht). III 1, S. 4 0 - 4 9 : Geschichte vom Herbert
weise an Edda Lindner am 24. Juni 1948 über seine
(Erzählung). III 6, S. 612/613: [Rez.] Vercors: Das Schweigen.
Zeitschrift: »[...] sie ist literarisch und kann leider III 8, S. 8 0 3 - 8 1 2 : Neue Lyrik.

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274 Alexandra Birkert

Ende der 20er, Anfang der 30er Jahre Döblin an der Goldene Tor nicht nur mit Weyrauch, sondern mit
Berliner Universität hatte sprechen hören und vielen Schriftstellern, die sich nach 1945 zum ersten
dessen Prosa- und Hörspielanfänge entscheidend Mal zu Wort meldeten. Wenn Weyrauch aber von
von Döblin beeinflußt wurden,230 war nach der »Kahlschlag« und Döblin vom »Inokulieren frischer
Entlassung aus russischer Kriegsgefangenschaft Keime« (I 3, S. 260) spricht, so veranschaulichen die
Redakteur und regelmäßiger Mitarbeiter der satiri- programmatisch gewählten Metaphern zugleich die
schen Zeitschrift für Literatur und Kunst Ulenspie- unterschiedliche Perspektive, die Hans von Savigny
gel, die in Berlin von Herbert Sandberg und Günther in seiner Rezension bewußt überspitzend und damit
Weisenborn herausgegeben wurde und bereits im zur Diskussion herausfordernd auf den Nenner
Dezember 1945 mitihrem 1. Heft erscheinen konn- brachte: »>Kahlschlag< - schön und gut; aber dann
te. Auch Döblin zählte zu den gelegentlichen auch >Neu-Anpflanzung<!«
Mitarbeitern des Ulenspiegel',2>l den er in seiner Als Vorbild und Anknüpfungspunkt beim >Ver-
»Zeitschriftenschau« als notwendiges »Scherz- und edlungsprozeß< der deutschen »Rumpfliteratur«
Spottblatt« (I 2, S. 198) begrüßte. Wolfgang Wey- sollte in Döblins Augen insbesondere Arno Holz
rauchs »Berliner Brief«, den er im Oktober 1946 dienen: »Arno Holz und die Literatur der neuen
verfaßt hatte und der mit erheblichen Verzögerun- Zeit« (II 3/4, S. 214-226) überschrieb Rudolf Adrian
gen erst im 2. Heft des Jahrganges 1947 erschienen Dietrich seine 13seitige »Revision eines literari-
ist (II 2,S. 195-200), wodurch er spürbar an Aktuali- schen Urteils«, die bemüht war, die Aktualität von
tät eingebüßt hat, ist, sechs ganze Seiten stark und Arno Holz für die deutsche Nachkriegszeit »nach
damit den üblichen Rahmen im zweispaltigen einem Interregnum des blechernen Propaganda-
»Chronik und Kritik«-Teil sprengend, an gegen- pathos« herauszustellen, und in ihm nicht nur den
wartsorientierter Fragestellung, engagiertem The- >Naturalisten< sehen wollte:
senreichtum und konzisem Informationsgehalt zur
Gerade weil wir heute aus unserem Gefühl den Nurhistori-
Literatur- und Kulturszene in Deutschland eine
schen, den Vergangenheitspathetikern den Rücken zuwen-
große Ausnahme in Döblins Literaturzeitschrift. den, um in unserer einzigen Gegenwart (dieser letzten Chance,
Hier erfährt der Leser etwas über den »vorbildlichen die uns noch gegeben ist) durch unsere Dichtung, unser
Spielplan« des Berliner Hebbeltheaters (Günther Geistesleben überhaupt uns die Zukunft zu erschließen,
Weisenborn: Die Illegalen; Friedrich Wolf: Professor bedeutet uns der N a m e Arno Holz heute von neuem etwas. E r
ist dann nicht nur der Mann, der um 1 9 0 0 eine Bewegung in
Mamlock; Bertolt Brecht: DerJasager, Die Gewehre der Literatur auslöste, die mit mancherlei Mißverständnis u m
der Frau Carrar; Thornton Wilder: Wir sind noch den Begriff des »Naturalismus· ging, sondern er ist für uns ein
einmal davongekommen; Maksim Gor'kij: Nacht- Vorbild, nachdem wir die letzte Blechschmiede überstanden
asyl; Friedrich Schiller: Die Räuber; Rudolf Leon- haben, nunmehr wenigstens wieder tapfer, unerbittlich und
kompromißlos von der Sprache aus uns unseres Wesens
hard: Die Geiseln; Günther Weisenborn: Babel),
jenseits alles inflationistischen Expansionsrummels geistiger
über den schreibenden Berliner »Nachwuchs« (An- Scheinwerte bewußt zu werden. (II 3 / 4 , S. 2 1 4 )
nemarie Bostroem, Rosemarie Koch, Heinz von
Cramer u. a.), über die Produktion des Aufbau- Arno Holzens vorbildliche assoziative Logik
Verlages und seine ideologische und personelle im »Sprachbildlichen« und »Sprachklanglichen«
Verknüpfung mit dem »Kulturbund zur demokrati- (S. 218) ermögliche zudem den Anschluß an die
schen Erneuerung Deutschlands«, den vom Kultur- moderne Weltliteratur, wobei Dietrich an die
bund >inaugurierten< Schriftstellerkongreß und vie- »Sprachkunst eines der heute besonders häufig
les andere. genannten Vertreter der gegenwärtigen Literatur
von Weltrang« (S. 219), James Joyce, erinnerte.
Hervorgetreten ist Wolfgang Weyrauch nach
1945 auch als profunder Kenner und engagierter
Herausgeber von Anthologien, die sich um Nach- 2 3 0 Vgl. W e y r a u c h : Verraten und verkauft S. 4 6 9 4 - 4 6 9 6 ;
wuchsautoren bemühten, wie Die Pflugschar (\9 Al) Riha: Weyrauch S. 2.
oder Tausend Gramm (1949). Hans von Savigny, 2 3 1 Im Jg. 1 Nr. 17 (August 1946), S. 2 erschien auf Anfrage
der Redaktion, die zum Geburtstag Döblins (10. 8. 1 9 4 6 ) einen
selbst in der Pflugschar mit einem Beitrag vertreten,
Beitrag des Autors veröffentlichen wollte, u.d.T. »Alfred Döblin
begrüßte in seiner im Goldenen Tor (V 2, S. 156) schreibt dem >Ulenspiegel·« eine kurze Glosse zum T h e m a
erschienenen Rezension der Anthologie Tausend Berlin-Provinz. Im Jg. 2 Nr. 5 (März 1947), S. 5 veröffentlichte die
Gramm Weyrauchs zum Schlagwort avancierende Zeitschrift einen Ausschnitt aus Döblins Schrift »Die deutsche
Forderung nach einem radikalen »Kahlschlag« in Utopie von 1 9 3 3 und die Literatur« u . d . T . »Forderungen Alfred
Döblins an die k o m m e n d e deutsche Literatur«. Im Jg. 2 Nr. 7
der nachkriegsdeutschen Literatur als notwendige
(April 1947), S. 2 erschien eine Stellungnahme Döblins (an erster
und anregende Provokation. Mißtrauischer Um- Stelle) zu der Umfrage »Was brauchen wir aus dem östlichen und
gang mit der Sprache, dieses Postulat teilte das aus d e m westlichen Kulturkreis?«

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Das Goldene Tor 275

Die »jungen Autoren«, denen Döblin im gleichen setzt235 ist der erste, immerhin 20 Seiten starke
Heft einen Sonderteil widmete (II 3/4, S. 265-309), Beitrag in Döblins Jugend-Sonderteil·, die Erzäh-
um sie »mit Proben ihrer Arbeit oder mit Berichten lung »Ländliches Fest« (II 3/4, S. 265-284) von
über ihr Werk« (S. 265) seinen Lesern vorzustellen, Erwin Damian (geb. 1912), der nach dem Krieg als
unterscheiden sich in vielen Punkten von der Gymnasiallehrer bei Neustadt a. d. Weinstraße lebte
»jungen Generation«, die Hans Werner Richter im und Döblin ein paar Arbeiten >aufs Geratewohl·
Ruf und in der »Gruppe 47« um sich gesammelt hat: eingeschickt hatte. Die Dreiecks-Liebesgeschichte
Namen wie Alfred Andersch, Walter Kolbenhoff, weist, nach Döblins Kategorien bemessen, »feudali-
Wolfdietrich Schnurre, Günter Eich und Wolfgang stische« Züge auf: sie spielt - zeitlos - in der
Bächler sucht man vergebens unter den Mitarbei- ländlichen Idylle eines Gutsbesitzer-Schlosses im
tern des Goldenen Tors, nur vereinzelt findet sich Taunus und erinnert stark an die von Döblin so oft
eine Rezension über sie.232 Döblins Jugend-Sonder- kritisierte >Abseitigkeit«.236
teil·, »Neue deutsche Romantik« überschrieben, ist Ein weiterer Prosa-Beitrag (II 3/4, S. 285-293)
durchaus charakteristisch für die Redaktion der stammt von Hans Broeijiser (1909-?), der zu dieser
Zeitschrift. Der Sonderteil versteht sich als literari- Zeit Lektor im Matthias-Grünewald-Verlag in
sche Bestandsaufnahme und weist in diesem Punkt Mainz gewesen ist. Der Auszug, ein Vorabdruck aus
Parallelen zu Wolfgang Weyrauchs Pflugschar- dem 1948 in diesem Verlag erschienenen Werk
Sammlung auf.233 Die Überschrift »Neue deutsche Florus oder Die tiefste Wirklichkeit, beschreibt Ein-
Romantik« ist daher auch weniger programmatisch- stellungsäußerungen und Gespräche deutscher Sol-
demonstrativ in Abgrenzung zu einer »antipoeti- daten bei der »Schanzarbeit für das unter furcht-
schen Gegenwartsliteratur«234 formuliert, sondern baren Gewittern zersplitternde Reich«:
vielmehr Zustandsbeschreibung. Die Zusammen-
Noch brannte die drohende Gefahr nicht jedem auf den
stellung hat denn auch mehr dokumentarischen als
Nägeln: Die Schrecken und der psychologische Aufbruch aus
literaturprogrammatischen Charakter. dem westlichen oder östlichen Rückzug wurden bei vielen
durch ein wohldosiertes, satanisch fein in seinen Mitteln
Typisch für Döblins Redaktion ist beispielsweise
arbeitendes Gerücht paralysiert. [...] geheimnisvoll wurde von
die Protektion eines völlig unbekannten, von »höf- neuen, fürchterlichen, meteorhaft wirkenden Vernichtungs-
lichkeitstriefenden Absagebriefe[n]« zur »Verzweif- mitteln gesprochen. Indessen war dieser Optimismus durch-
lung« getriebenen 16jährigen, der sich mit Proben aus oberflächlich; im Untergrund wurde eine heftige Ironie
spürbar, die ätzend alles angriff [...] Noch war die Manneszucht
an Döblin gewandt hatte, um »einen erfahrenen
Dichter [...] um ein Urteil« zu bitten, wie der
abgedruckte Brief an den Herausgeber verdeutlicht
(S. 294). Manches Beispiel im Nachlaß Döblins
spricht dafür, daß Döblin viele solche Talentproben 2 3 2 H. W e n d t : U m die Freiheit des Geistes. Gedanken über
den zweiten deutschen Schriftstellerkongreß in Frankfurt a. M.
erhalten hat, zumal in seiner mehrfachen Funktion
(III 6, S. 6 1 0 - 6 1 2 : darin u . a . über Walter Kolbenhoff). -
als Zensor, Zeitschriftenherausgeber und renom- W . Lohmeyer [Rez.]: Wolfgang Bächler: Die Zisterne. Gedichte.
mierter Autor. Die beiden veröffentlichten Prosa- Eßlingen: Bechtle 1 9 5 0 (V 2, S. 1 5 9 / 1 6 0 ) . - W . Lohmeyer [Rez.]:
stücke des 16jährigen Gerhard Hasler, der Döblin, Heinrich Boll: Der Z u g war pünktlich. Opladen: Middel-
vermutlich im Juli 1946, in Tübingen hatte lesen hauve 1 9 4 9 (V 1, S. 75). - W . Lohmeyer [Rez.]: Heinrich Boll:
Wanderer - k o m m s t du nach S p a . . . Opladen: Middelhauve
hören, thematisieren die Frage nach einer realisti- 1 9 5 0 (VI 1, S. 77).
s c h e r Schreibweise in der Trümmerwirklichkeit 2 3 3 »Der Herausgeber weiß, daß dieses Buch zum Teil den
Nachkriegsdeutschlands: »Sollte ich wirklich den genannten Voraussetzungen und Forderungen nicht entspricht.
Jammer der Zeit schildern?« (S. 294). Das »Nicht- E r wußte es und nahm trotzdem Beiträge des >Gemüts< und des
Schreiben-Können« (und damit >Schweigen<) des »Rosenstrauchs« auf. Es kam ihm dabei auf den Sachverhalt unsres
literarischen Bestands an. Er hofft, daß manche der »Feigenblatt-
Ich-Erzählers in dem Prosastück »Die Hoffnung«
mystiker« eines klärenden Tags anheben werden, in einem
(II 3/4, S. 294-298) resultiert nicht etwa aus der flammenden Pragmatismus zu arbeiten.· Weyrauch: Bemerkun-
Skepsis gegenüber einer »verbrauchten« Sprache, gen des Herausgebers. In: Die Pflugschar S. 397.
sondern aus der vergeblichen Suche »nach einem 2 3 4 Döblin an E. Kreuder, 25. 5. 1951, zit. n. Meyer/Doster:
brauchbaren Stoff« (S. 295). Die Antwort, die Döblin-Katalog S. 511.
2 3 5 Ζ . B.: »Eine Lerche schwang sich dicht vor ihm auf in den
schließlich gefunden wird, lautet: Der Schriftsteller
reinen Himmel, die Königin des Tages verkündend, die sich
solle den »mutlosen« Leser »nicht an Vergangenes gerade in der Ferne aus den Schleiern morgendlicher Dünste
oder Gegenwärtiges« erinnern, sondern ihm »die hob.. (S. 265).
Zukunft als einen Lichtblick« vor Augen führen 2 3 6 Vgl.z. B. Die beiden deutschen Literaturen; Die deutsche
(S. 297). Utopie (I 3, S. 260); Minotaurus S. 19. - Erwin Damian sei an
dieser Stelle für die freundlich erteilten Auskünfte in seinem
Mit zahlreichen Sprach- und Bildklischees durch- Brief v o m 28. 5. 1 9 8 8 gedankt.

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276 Alexandra Birkert

nicht gebrochen, noch feierte eine laute Geschäftigkeit [...] mit dem Stück Unsere kleine Stadt) verwirklicht
sogar ihre letzten Triumphe. Aber es ging wie ein Hauch von
hätten - eine Forderung, die an Joachim-Ernst
Anderem durch die Reihen, ein Gemisch von Müdigkeit,
Erschlaffung und Verzweifeln. Von eigenem Aufbruch, von
Berendts Beitrag über »Neue Dichtung in Amerika«
Drang nach Freiheit in der Meuterei war keine Spur. Nicht nur im vorangegangenen Heft (II 2, S. 151-157)
die Gehenkten des Sommers standen drohend vor eines jeden anknüpfte. Im sogenannten transzendenten Realis-
Augen, irgendwie hatte sie alle die Disziplin umkrallt, die in mus« der modernen amerikanischen Literatur in der
den meisten Seelen auf Verwandtes gestoßen war und sie nun
Nachfolge von Walt Whitman, der »das Göttliche,
leer, zu eigenem Tun und Denken unfähig zurückließ. (S. 2 8 5 /
286).
das Transzendente, das >Wesentliche< [...] gewisser-
maßen im Alltäglichen festzunageln« (S. 152) suche,
Gerade dieser Beitrag dürfte Döblin, ähnlich wie sah Berendt das entscheidende Angebot der moder-
die Briefe und Tagebuchaufzeichnungen Konrad nen amerikanischen Literatur (Wilder, Faulkner,
Deufels, von denen Döblin ursprünglich ebenfalls Ardrey, Hemingway, Steinbeck, Sinclair Lewis,
einen Vorabdruck im Goldenen Tor geplant hatte, Dreiser, Dos Passos, Wolfe u. a.) an die Deutschen in
als »dokumentarisch sehr interessantes« Zeugnis ihrer >sinn- und hoffnungslosem Situation, »die [...]
bedeutsam erschienen sein, »das einen Einblick in in die Mitte zwischen den Nihilismus des Ostens
die Mentalität eines jungen Menschen erlaubt, der und den Existentialismus des Westens gestellt sind,
Katholik ist und [...] Nazisoldat zugleich.«237 von denen [...] jener >nichts< und dieser >das Nichts«
Als Essayisten und Kritiker kamen in Döblins bietet.« (S. 151). Aus Berendts Feder stammt auch
>Jugend-Sonderteil< schließlich noch Nino Erne die Besprechung von Ernst Kreuders Erzählung Die
(geb. 1921) und Joachim-Ernst Berendt (geb. 1922) Gesellschaft vom Dachboden im Goldenen 7or(II 3/4,
zu Wort, beide mit Stellungnahmen zur deutschen S. 306-309), mit der Döblin seinen Jugend-Sonder-
Nachkriegsliteratur: Nino Erne formulierte unter teil< »Neue deutsche Romantik« abgeschlossen hat.
der programmatischen Überschrift »Schönheit des Döblin selbst hatte in seiner »Kritik der Zeit«-
Alltags« seine »Gedanken zur Forderung nach einer Sendung auf diese Arbeit »ausführlich [...] hingewie-
neuen Dramatik« (II 3/4, S. 301-305). Er wandte sen«,239 im Goldenen Tor die Rezension dieser von
sich darin einerseits gegen die >seichten<, der ihm »mit größter Aufmerksamkeit und sehr aufmer-
Alltagsrealität entfliehenden sogenannten »Sekt- kend«240 zur Kenntnis genommenen Erzählung
und Frackstücke« (S. 302), auf der anderen Seite aber aber einem anderen überlassen. Hervorgehoben
auch gegen die sogenannten »Zeitstücke«, »die es wurden von Berendt, dessen Besprechung Döblin
unternehmen, unser vergangenes Regime, Nazitum »jedenfalls im Prinzip«241 zustimmte, Kreuders
und Militarismus, uns und der Welt aufzuzeichnen« Kunst des >Fabulierens<, seine Tiefsinnsfeindschaft
und dabei vorzugsweise »SS-Männer und Sturm- und das ethische Programm des Geheimbundes der
bannführer«, nicht aber »den Menschen im Dritten Gesellschaft vom Dachboden, das zur >Renovie-
Reich und nichts als den Menschen zeigen, wie er
gelitten und gelogen hat, wie er tapfer und feige war,
wie er lebte und starb.« (S. 302). Dies allenfalls sei
bereits künstlerisch darstellbar, während man »noch 2 3 7 Zensurgutachten N° 1 3 6 4 / T h . - Döblin, der den literari-
viele Jahre warten« müsse, ehe »der große, klare und schen W e r t der Briefe und Tagebuchaufzeichnungen Konrad
kühne Dramatiker« komme, »der die Fäden des Deufels für »nicht groß« hielt, brachte schließlich in seiner »Kritik
der Zeit«-Sendung v o m 10. 5. 1 9 4 7 Auszüge aus dem Manu-
Ganzen überschaut und >Die Deutsche Tragödie< skript, das v o m Zweitgutachter Virrion scharf abgelehnt worden
schreibt.« (S. 303). Beispiele nannte Erne nicht, war und »mit der Begründung Papiermangel keine Lizenz«
weder die vieldiskutierten Stücke der Emigranten erhalten hatte. Das von Karl Becker u.d.T. »Geboren, u m
Bertolt Brecht, Friedrich Wolf und Carl Zuckmayer, sterbend zu leben. Konrad Deufel zum Gedächtnis« herausgege-
bene Buch wurde dann offenbar - o h n e Lizenz - als Privatdruck
die damals bereits an deutschen und schweizeri-
auf Kosten des Vaters von Konrad Deufel in der Oberbadischen
schen Bühnen aufgeführt waren, noch Günther Verlagsanstalt Merk in Konstanz verlegt. Vgl. dazu den Brief von
Weisenborns »Drama aus der deutschen Wider- Karl Becker an Abbe Virrion vom 9. 2. 1948, der den Zensur-
standsbewegung« (Die Illegalen) oder den Schweizer gutachten beigelegt ist. Der Privatdruck konnte nicht nach-
Max Frisch mit Nun singen sie wieder, um nur einige gewiesen werden.

wichtige Namen anzuführen.238 Nino Erne forderte 2 3 8 Vgl. die Zusammenstellung »Ur- und Erstaufführungen
an deutschen Bühnen der Jahre 1 9 4 5 - 1 9 4 7 « , in: Als der Krieg zu
eine gegenwartsorientierte, ein neues, positives Ende war S. 388.
Daseinsgefühl fördernde und »das Evangelium der 2 3 9 Döblin an E. Kreuder, 1 8 . 6 . 1947 (DLA). - Döblins
Liebe - gewonnen aus dem einfachen Leben« Besprechung befindet sich leider nicht in den erhaltenen Sende-
(S. 304) - verkündende Dramatik, wie sie die Vorbil- typoskripten.
der August Strindberg und Thornton Wilder (v. a. 2 4 0 Döblin an E. Kreuder, 18. 6. 1947 (DLA).
241 Döblin an E. Kreuder, 18. 6. 1 9 4 7 (DLA).

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Das Goldene Tor 277

rung< deutscher Denkart beitragen könne. Kreuder 3.2 Zentrale Themen


selbst kam insgesamt dreimal in Döblins Zeitschrift
3.2.1 Einführung: »>Aufklärungs<feldzug«
zu Wort: mit zwei Ausschnitten aus dem Roman
im Gefolge Lessings
Die Unauffindbaren (II 1, S. 40-50; II 8/9, S. 8 0 9 -
818) und einer »Episode (Aus einem entstehenden Im Nachkriegsdeutschland einen »neuen »Aufklä-
Roman)« (V 5, S. 337-340), vermutlich ein Vorent- rungs<feldzug«248 zu führen, auf diesen kurzen Nen-
wurf zum Anfang der Erzählung »Herein, ohne ner hatte Döblin am 9. April 1946 in einem Brief an
anzuklopfen«. Ein gekürzter Vorabdruck der Erzäh- Rudolf Leonhard seine inhaltlichen Vorstellungen,
lung »Schwebender Weg«, mit der Kreuder im die er mit der Herausgabe der Zeitschrift verband,
Goldenen Tordebütieren sollte, scheiterte daran, daß gebracht. In seinem Geleitwort verzichtete Döblin
diese Arbeit auch in der Fähre 1946 vorveröffent- allerdings auf den Begriff »Aufklärung«, wofür sich
licht wurde.242 Eine poetologische Diskussion um zwei Motive abzeichnen: zum einen hatte Döblin
die Frage nach dem Verhältnis von Literatur und »früher meist pejorativ« von »der Aufklärung als der
Wirklichkeit führten Ernst Kreuder und Döblin in im 18. Jahrhundert erstmals sich deutlich manife-
ihrer Redaktionskorrespondenz,243 im Goldenen Tor stierenden Säkularisierung des europäischen Den-
ist davon bezeichnenderweise nichts verlautbart kens«249 gesprochen und den aufklärerischen Ratio-
worden. Kreuder, der unter anderem auch von nalismus philosophisch wie politisch verurteilt.250
Alfred Andersch im Ruf als »die erste große Hoff- Zum anderen vermied Döblin, was der allgemeinen
nung der jungen deutschen Literatur nach dem Tendenz der Nachkriegszeitschriften durchaus ent-
Kriege«244 begrüßt wurde, ist im Goldenen Tor der spricht,251 programmatische »Schlagworte«, die
einzige Vertreter nachkriegsdeutscher Erzählprosa »dem Einzelnen das Nachdenken und die Entschei-
der sogenannten »jüngeren« Generation der Vierzig- dung« (11, S. 3) abnehmen. Gegen eine »Diktatur der
jährigen. Repräsentativer ist dagegen die Reihe Phrasen«, die zu »Sumpfdenken« führe, hatte sich
nachkriegsdeutscher Lyriker: Karl Krolow (II 1), Döblin auch schon früher vehement ausgespro-
Rosemarie Strebe (II 7, III 5, V 6), Carl Guesmer chen. 252
(IV 2, V 6) und schließlich Peter Rühmkorf, von
dem der allerletzte Beitrag im Goldenen Tor stammt
und der mit dieser Veröffentlichung von vier 2 4 2 Vgl. Döblins Brief an E. Kreuder, 12. 10. 1 9 4 6 (DLA).
Gedichten 245 nach eigenen Angaben seine eigentli- Der Vorabdruck erschien in der »Fähre« Jg. 1 (1946) H. 7,
che »Reifeprüfung«246 abgelegt hat, sind nur die S. 4 0 1 - 4 0 9 .
bekanntesten Namen. Von Döblin maßgeblich 2 4 3 Vgl. Döblins Brief an E. Kreuder, 7. 5. 1946, im Auszug
abgedruckt bei Meyer/Doster: Döblin-Katalog S. 509.
gefördert wurden auch Dora Tatjana Söllner (I 1,13,
2 4 4 Der Ruf Jg. 1 H. 13 v o m 15. 2. 1947, S. 14.
II 11/12, III 3, III 5, V 4) und Kurt Scheid247 (II 10, II 2 4 5 VI 2, S. 1 4 8 / 1 4 9 : Ich habe vor, Sie zu bessern; K e i m des
11/12, VI 2). K o m m e n d e n ; W a s überdauert; Das Geld.
2 4 6 Rühmkorf: Die Jahre, die ihr kennt S. 37.
Die meisten ganz jungen Talente hat Döblin in 2 4 7 Kurt Scheid ( 1 9 0 7 - 1 9 8 2 ) lebte nach dem Krieg bis 1951
seiner Literaturzeitschrift allerdings auf dem Gebiet in Baden-Baden. Er lernte Döblin dort durch Vermittlung Otto
des literaturkritischen Essays entdeckt: viele von Flakes und des Verlegers Keppler kennen. Döblin verfaßte ein
Vorwort zu Scheids erstem Lyrik-Band, der 1 9 4 7 u. d. T. »Unter
ihnen profilierten sich später als Literaturkritiker,
westlichen Himmeln« erscheinen sollte, jedoch Opfer der W ä h -
Publizisten oder Wissenschaftler, wie Siegfried rungsreform wurde. Die Gedichte und Döblins Vorwort wurden
Bahne, Joachim-Ernst Berendt, Nino Erne, Hans aufgenommen in den Band: K. Scheid: Schwerer fallen die
Fromm, Helmut Grosse, Georg Hensel, Hans Heinz Schatten der Zeit. Lyrik aus vier Jahrzehnten. Kehl: Mörstadt
Holz, Wolfgang Irtenkauf, Horst Krüger, Ulrich 1981. - Z u m ersten Vorstellungsgespräch Scheids beim »Kultur-
offizier« Döblin, das mit einem »regelrechte[n] Rausschmiß«
Seelmann-Eggebert, Friedrich A. Wagner u. a.
endete, vgl. im einzelnen die unveröffentlichten »Aufzeichnun-
Erwartungsgemäß ist die Gruppe der Autoren aus gen über die Jahre in Baden-Baden« von Kurt Scheid, Bl. 5 3 - 5 7
Deutschland am stärksten im Goldenen Tor vertre- (Zitat: Bl. 55). (o)
ten, sie stellte durchschnittlich gut die Hälfte aller 2 4 8 Briefe S. 3 4 0 (dort unter dem D a t u m : 2. 4. 1946).
Beiträge im Hauptteil der Zeitschrift (54%), mit 2 4 9 Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 193.
2 5 0 Vgl. Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 1 9 3 / 1 9 4 : Kiesel
Ausnahme des Jahres 1949, in dem sie zugunsten
verweist insbes. auf die Schriften »Unser Dasein«, »Prometheus
der ausländischen Autorengruppe unter die 50 % - und das Primitive« und auf den »Amazonas—Roman.
Marke fiel (47 %), ohne daß dafür ein ersichtlicher 251 Vgl. Paeschke: Kann keine Trauer sein S. 1 1 7 4 / 1 1 7 5 ;
Grund zu erkennen wäre. Eberan: W e r war an Hitler schuld? S. 4 5 .
2 5 2 So insbes. in »Wissen und Verändern!« ( 1 9 3 0 / 1 9 3 1 ) ; vgl.
ferner Politik und Seelengeographie ( 1 9 3 8 ; Zitate: S. 382). - Z u
Döblins >Schlagwort«-Kritik vgl. Kiesel: Literarische Trauerar-
beit S. 4 8 0 / 4 8 1 mit A n m . 356.

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278 Alexandra Birkert

Dementsprechend hat Döblin in seiner Zeit- deutseben Geistes auseinandergesetzt hat, wird deut-
schrift das programmatische Schlagwort Aufklä- lich, daß Döblin seinen »>Aufklärungs<feldzug« im
rung« nur angedeutet: in der Wahl des »freudigen«253 Gefolge Lessings 1946 nicht mit einem vernunftkri-
symbolischen Titels Das Goldene Tor (dem freilich tischen Vorzeichen versehen hat. Schneider kriti-
neben dieser »Charakterisierung einer bestimmten sierte in seinem Lessing-Kapitel, Lessing habe in
Gemütsbeschaffenheit«254 noch weitere Bedeu- Christus nicht den Erlöser, sondern den Lehrer der
tungsinhalte zugedacht waren), in der graphischen Menschheit gesehen. Lessings Unruhe, die den
Gestaltung des Titelblattes, die die ursprüngliche »Irrtum in Ewigkeit« einkalkuliere, ist nach Auffas-
meteorologische Bedeutung255 des >Aufklärungs<- sung Schneiders »nicht die Unruhe zu Gott«, son-
Begriffes anschaulich ins Bild setzte - durch einen dern »eine Art demütiger Vermessenheit«, die mit
Torbogen fallen die ersten, sich durch ein Wolken- Goethes »Faust«-Figur vergleichbar sei.260
band kämpfenden Sonnenstrahlen - und vor allem Erst im letzten Heft des 3. Jahrganges, also Ende
im Voranstellen Gotthold Ephraim Lessings, den 1948, hat sich Döblin in einer Art zweitem Geleit-
Döblin zur Leitfigur der Zeitschrift gewählt hatte. wort ausdrücklich zur christlichen Ausrichtung,
Auch darin bildet der Herausgeber des Goldenen zum christlichen Weg< der Zeitschrift bekannt.
Tors keine Ausnahme in der Zeitschriftenlandschaft Parallel dazu hat er in seiner Schicksalsreise, deren
nach 1945: Lessing ist damals für viele eine Zentral- Niederschrift 1948 beendet wurde, forciert ver-
gestalt der Neuorientierung gewesen, Aufsätze über nunftskritisch von einer »neuen besseren Aufklä-
ihn finden sich - im Osten und Westen Deutsch- rung«261 gesprochen, die nun eindeutig christlich-
lands - in den ersten Jahrgängen der Zeitschriften religiös orientiert war. Bis dahin aber, also in den
Aufbau, Die Sammlung, Lancelot, Aussaat-, und wie Jahren 1946 bis 1948, ist Döblins >Aufklärungs<-
das Goldene Tor stellte auch der Merkur Lessing Begriff facettenreicher und nicht nur als »eine
1947 an die Spitze des 1. Heftes.256 religiöse, christliche Aufklärung« zu verstehen, in
Die Charakterisierung Lessings, die Döblin in der »die Religion vernunftkritisch wirksam wer-
seinem Geleitwort (I 1, S. 3-5) vorgenommen hat, den«262 sollte. Von seinem »neuen >Aufklärungs<-
zeigt, welche Bedeutungsinhalte Döblin mit dem feldzug« und von Lessing sprach Döblin im Frühjahr
Begriff >Aufklärung<, welche Ziele er mit seinem 1946 bezeichnenderweise in einem ganz anderen
»neuen >Aufklärungs<feldzug« verbunden hat. Wenn Zusammenhang, nämlich als Rudolf Leonhard
Döblin dabei »das Bild eines Mannes, der es schwer Döblin den Vorschlag unterbreitete, für das Goldene
hatte« und dem »wenig erspart« (I 1, S. 3) blieb,
zeichnete, so schuf er damit - moralpädagogisch wie
psychologisch geschickt - eine Identifikationsmög- 2 5 3 Briefe S. 3 4 9 (an E. u. A. Rosin, 13. 6. 1946).
lichkeit für den deutschen Leser mit dem Vorbild. 2 5 4 Stucke: »Aufklärung. S. 247.
2 5 5 Vgl. Stucke: »Aufklärung« S. 247.
Verwies Döblin am Beispiel Lessings auf die konse-
2 5 6 Anstelle eines Geleitwortes veröffentlichte H. Paeschke
quente Anwendung des menschlichen Verstandes, im »Merkur« Jg. 1 ( 1 9 4 7 ) Η. 1, S. l - 7 : G o t t h o l d Ephraim Lessing:
auf Kritik- und Urteilsfähigkeit, begriffliche und Uber eine Aufgabe im »Teutschen Merkur« 1776.
gedankliche Schärfe, Nüchternheit und Logik, so 2 5 7 Stucke: »Aufklärung« S. 2 9 1 .
wird deutlich, daß Döblin >Aufklärung< - ähnlich 2 5 8 »Und mit d e m Kämpfen und Ringen identifizierte er
[Lessing; A n m . d. Verf.] sich so, daß er einmal erklärte, er wolle die
wie Lessing - als »noetische[n] Qualitätsbegriff«257
Wahrheit, wenn man sie ihm als Geschenk anböte, nicht einmal
verstanden hat. Doch nicht allein Lessings Verstan- aus der Hand des himmlischen Gottes entgegennehmen.« (I 1,
des->Waffen<, auch dessen >Kampfziele< wollte Döb- S. 3/4).
lin in seinem »neuen >Aufklärungs<feldzug« über- 2 5 9 Zensurgutachten N° 6 9 5 / P h [vor 4. 1. 1946].
nehmen: »Humanität und Wahrheit« (I 1 S. 3). Daß 2 6 0 Schneider: Die Heimkehr des deutschen Geistes. U b e r
das Bild Christi in der deutschen Philosophie des 19. Jahr-
es Döblin hier auch um die christliche Wahrheit
hunderts. Baden-Baden: Bühler 1946, S. 1 7 - 2 8 (Zitate: S. 18
ging, wird im Geleitwort und im anschließenden u. S. 20).
»Lessing«-Aufsatz von Hanns Braun durch den 261 »Einer neuen besseren Aufklärung entgegen« ist der
Hinweis auf Lessings Schrift Eine Duplik258 ledig- letzte Abschnitt der »Schicksalsreise« überschrieben (S. 4 2 3 -
lich angedeutet. Döblins christlicher Standpunkt 426). Z u r Entstehungszeit vgl. Schriften zu Leben und Werk,
S. 6 8 6 A n m . 13.
tritt im Geleitwort des Goldenen Tors ansonsten
2 6 2 Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 192. - Auch Riley, der
nicht explizit hervor. Gerade im Vergleich mit der Lessings »Duplik« seinem Nachwort zu den von ihm edierten
»dogmatisch strengen«259 Beurteilung Lessings Religionsgesprächen »Der unsterbliche Mensch« und »Der
durch Reinhold Schneider, mit der sich Döblin vor Kampf mit dem Engel« voranstellte, verweist auf den Zusam-
Abfassung seines Geleitwortes in einem Zensurgut- menhang zwischen Döblins - um die christliche Wahrheit
bemühten - Religionsgesprächen und der Lessing-Paraphrase in
achten über Schneiders Arbeit Die Heimkehr des
Döblins Zeitschriften-Geleitwort (vgl. S. 6 9 4 / 6 9 5 ) .

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Das Goldene Tor 279

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Abb. 9: Handschriftliches Zensurgutachten (N°695/Ph) von Alfred Döblin (vermutlich Anfangjanuar 1946):
Reinhold Schneider
„Die Heimkehr des Deutschen Geistes"
Manuscript; Hans Bühler jr. Verlag
Wieder ein Manuscript des unerschöpflichen Reinhold Schneider. Diesmal ein relativ kurzes Opus (43 Masch. Seit) mit 8 Abschnitten.
Die Geistesgeschichte der letzten 150Jahre (im deutschen Raum) werden geprüft und von eipem dogmatisch strengen Christen gemessen, also:
der deutsche Geist in seiner Beziehung zum Christentum währenjd der letzten 150 Jahre.
2. Kap. nach dem einführenden 1. Kapitel Auseinandersetzung mit Lessing (er hattf eine falsche Auffassung von der Wahrheit,
sah in Christus den Lehrer, nicht den Erlöser. Kritik dieser Auffassung)
3. Kap. Kant nannte das Beten ein „Fetischmachen, ein[e] unwürdige Handlung"; er rationalisiert die hlge Schrift etc.
Kritik seiner Conception von einer allmächtigen Vernunft
4. Kap. Fichte:„Zwischen Fichtes Ich und dem Nicht-Ich bleibt kein Raum für Gottes Welt/"]
5. Kap. Hegel dringt zur Geschichte durch. Nur das Bewußte ist wirklich, ist werdend, - so wird Gott selber ein Werdender,
was unerträglich ist. Konsequenzen dieses Irrtums
6. Kap. Schelling: Anfang einer neuen Periode, Versuch, Philosophie u. Offenbarung zu versöhnen
7. Kap. streift Hölderlin, bekämpft Nietzsche, der von der seltsamen u. kranken Welt der Evangelien" spricht. Analyse u. Widerlegung
einiger Gedanken [?] Nietzsches.
8. Kap. Abschluß: Über das falsche u das wahre Licht der Wahrheit. -
Conclusion Interessante geistesgeschichtl. Discussion (2)

Tor einen Beitrag »über das fehlende Verhältnis Lessingessay bestellt habe (sogar 2; einen für eine spätere
Deutschlands zur Realität« zu schreiben, worauf Nummer); Lessing als der Mann des Verstandes, der Kritik, der
Helle, der Nüchternheit, der Feind der Phrasen, der logische
Döblin ihn sogleich »festnageln« wollte:
Analytiker, - dazu der mutige einfache Kämpfer, und kein
Eine ganz ausgezeichnete Idee von Ihnen, auf die ich Sie aber Fürstendiener (wie gewisse Goethes). Ihr Essay würde außer-
festnageln möchte, ist der Vorschlag »über das fehlende ordentlich nützlich bei diesem neuen »Aufklärungs«feldzug
Verhältnis Deutschlands zur Realität« zu schreiben! Das sein. [...] Und bitte, falls Sie Marxist sind, nicht marxistisch
müßten sie unbedingt! Die Hauptidee dazu haben Sie sprechen, sondern in der Attacke marxistisch sein und den
bestimmt schon parat im Kopf. Wie sehr ich für diese Idee bin, Leuten keine bequeme Angriffsfläche bieten. 263
können Sie daraus sehen, daß ich aus demselben Gedanken
heraus für die 1. Nummer der Zeitsch(ri)ft an 1. Stelle einen 263 Briefe S. 340. [Hervorheb. im Original.]

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280 Alexandra Birkert

Auch in diesem Fall ist, wie so oft, der geplante verbreitete: die Idee der friedlichen Völkerverstän-
Beitrag nicht zustandegekommen, wobei lediglich digung (»la solidarite des peuples«) sollte aggressiv-
vermutet werden kann, daß sich Rudolf Leonhard nationalistischen Tendenzen, die Idee der Geistes-
>gemaßregelt< fühlte und seinen Beitrag nicht - freiheit (»la liberte spirituelle«) einem autoritäts-
ähnlich wie auch Hermann Kesten - in einer orientierten Denken entgegengesetzt werden. 265
bestimmten, vorgeschriebenen Weise verfassen Keineswegs eindeutig hat sich Döblin zum
wollte.264 Thema Vergangenheitsbewältigung im Geleitwort
Döblin selbst hat wenig später in seinem Geleit- seiner Zeitschrift (I 1, S. 6) geäußert: Mit den
wort den Gedanken vom »fehlende[n] Verhältnis »Instrumente[n] des Urteils und der Kritik« wollte
Deutschlands zur Realität« aufgegriffen. »Zur Reali- sich das Goldene Tor für »die Enttrümmerung und
tät hinziehen, die Wirklichkeit mit offenen Augen das Abräumen im Geistigen« einsetzen, eine schil-
ansehen« (S. 4), »den Realitätssinn im Lande [...] lernde Metapher, die das Programm konstruktiver
stärken« (S. 5) formulierte Döblin programmatisch Kritik ins Bild setzte und zugleich auch die enge
wie vage in seiner Einleitung und verband damit Verzahnung von historischem Erklärungsmodell
mehrere Vorstellungen und Ziele: und >Umerziehungs<-Programm veranschaulichte.
1. »Irrtümer [zu] beseitigen« und »verbreiteten, »Enttrümmerung« und »Abräumen im Geistigen«
geschichtlich überkommenen falschen Vorstel- implizierte dabei zweierlei: Beseitigung nationalso-
lungen« (13, S. 263) entgegenzuwirken, das heißt, zialistischer Tendenzen und Relikte im Denken wie
Abbau nationalsozialistischer Vorstellungen und in der Literatur im weiteren Sinne, die diese Vorstel-
Aufklärung über ihre ideellen Vorläufer. lungen verbreitete und förderte - wobei offenbleibt,
2. Hinzuweisen auf die »eine große Realität«, daß die wie weit Döblin hierbei >historisch< zurückgehen
Menschen »mehr als ein Stück Natur sind« (I 1, wollte - , und Rehabilitierung verdrängter Ideen
S. 5), da ihnen »Moral« und »Vernunft« von Gott und Haltungen, die allerdings kritisch auf ihren
mitgegeben seien; auf dieser Basis das Vertrauen Gegenwartswert überprüft werden sollten: »Wir
einer >autoritätsgläubigen Öffentlichkeit< in die wollen die guten Dinge, für die wir einstehen, und
eigene Kritik- und Urteilsfähigkeit zu stärken die entstellt und aus dem Gesichtskreis gerückt
und subalternes wie dogmatisches Denken abzu- waren, wieder an ihren Platz stellen und sind gewiß,
bauen, wie Hanns Braun in seinem einleitenden damit Spalten schließen zu helfen und zu stärken.«
»Lessing«-Aufsatz (I 1, S. 7-14) ausführte. Daß man bei Döblins Metapher von der »Ent-
3. Aufmerksam zu machen auf »die eine große trümmerung« und dem »Abräumen im Geistigen«
Realität, die uns als nächste Aufgabe zuge- nicht von Schönfärberei sprechen kann, hinter der
fallen ist [...]: für die menschliche Freiheit sich - im Geiste der >Großen Kontroverse< - die
und die Solidarität der Völker zu kämpfen« Absicht eines zurückgekehrten Emigranten zu
(I 1, S. 5). einer moralisch-rigorosen Abrechnung mit den
Deutschen und ihrer Vergangenheit versteckte, läßt
sich vielfach belegen. So hob Döblin beispielsweise
im »Chronik und Kritik«-Teil seiner Zeitschrift
3.2.2 Auseinandersetzung mit dem unter der Flut von Schriften, »die den Lesern den
Nationalsozialismus vergangenen Zustand vor Augen rücken und ihn
mehr oder weniger originell analysieren, die histo-
3.2.2.1 Die Diskussion der Frage
risch oder pathetisch das Regime anprangern«,
»Wie kam es zum Nazismus?« -
ein Weg in die Sackgasse?
264 Der zitierte Brief vom 9. 4. 1946 ist der letzte der im
Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialis- Rudolf Leonhard-Archiv der Akademie der Künste (b) erhalte-
mus, die Suche nach den Wurzeln der verhängnis- nen Briefe Alfred Döblins. Briefe von Leonhard an Döblin
vollen Entwicklung in Deutschland und - in unmit- konnten nicht eruiert werden. Ein Beitrag von Leonhard über das
.fehlende Verhältnis der Deutschen zur Realität« ist allerdings
telbarem Zusammenhang damit - die Frage nach
auch nicht - was bei einer Ablehnung von Seiten Döblins denkbar
der >Schuld< der Deutschen zählte nicht zu den gewesen wäre - in den Zeitschriften .Ost und West« oder
ausdrücklichen Aufgaben der Zeitschrift Das »Umschau« erschienen, in denen Leonhard eine Reihe von
Goldene Tor. Raymond Schmittlein hat davon in Arbeiten veröffentlicht hat. Im »Goldenen Tor« ist von Leonhard
seinem Gutachten nichts verlauten lassen, das lediglich ein Beitrag in der Berlin-Nummer (III 1, S. 18) ab-
gedruckt worden.
Goldene Tor sollte seiner Ansicht nach vielmehr
265 »Cette revue restera dans la ligne de la solidarite des
gerade dadurch in Deutschland wirken, indem es peuples et de la liberte spirituelle, ä l'oppose done des tendances
dem Nationalsozialismus konträre Vorstellungen nationales-socialistes.« R. Schmittlein: Note (28. 5. 1946).

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Das Goldene Tor 281

ausdrücklich auch die Arbeiten hervor, »die sich um nahm, so hatte dies vornehmlich andere Gründe.
Orientierung und Richtlinien bemühen« (11, S. 89), »[...] erstens: Aufräumungsarbeit leisten, Irrtümer
wie etwa Carlo Schmids Essayband Die Forderung beseitigen und zweitens: Wiedereinpflanzen der
des Tages.266 Aber auch in seinen Zensurgutachten alten echten zivilisatorischen Ideen« (13, S. 263), auf
plädierte Döblin, durchaus abweichend vom Kurs diesen kurzen Nenner hatte Döblin Ende 1946 in
der französischen Kollegen, die den sogenannten dem bereits mehrfach zitierten Grundsatzreferat
Aufklärungsschriften über den Nationalsozialis- über »Die deutsche Utopie von 1933 und die
mus, über seine Verbrechen und seine Wurzeln Literatur« sein Konzept für die »geistige Umstel-
hohe Priorität einräumten, mit Blick auf »die inner- lung« der Deutschen gebracht. Nicht nur in der
deutsche Atmosphäre« insbesondere für Arbeiten, Schule, sondern auch »bei der übrigen Masse des
die diese »in einem neuen und von uns gewünschten Volkes« sollten die »verbreiteten, geschichtlich
Sinne«267 verändern könnten, was sich durchaus mit überkommenen falschen Vorstellungen« korrigiert
der Position Raymond Schmittleins deckte. Gleich- werden, wenn dabei auch mit großen Schwierigkei-
wohl hat sich Döblin bei seiner Zensorentätigkeit ten zu rechnen sei. In der ausgearbeiteten Fassung
gegen nationalistische und militaristische Tenden- dieses Aufsatzes, die ein Jahr später, im November
zen gewandt. Und auch seine »Kritik der Zeit«- 1947, unter dem Titel Die literarische Situation
Kommentare im Südwestfunk Baden-Baden griffen erschienen ist, revidierte273 Döblin seine Auffassung
wiederholt Äußerungen von »Dunkelmännern« auf, von der »Behandlung des Leidens«, strich nunmehr
in denen er derartige Tendenzen sich fortsetzen sah: den Programmpunkt »Aufräumungsarbeit leisten,
so wandte er sich beispielsweise in seiner Sendung Irrtümer beseitigen« und riet stattdessen von »ratio-
vom 4. Mai 1947268 gegen die in seinen Augen nellefn] Belehrungen« ab. Und dies nicht etwa in der
tendenziöse deutsche Berichterstattung über die Annahme, daß eine Auseinandersetzung mit dem
Schleifung der Festung Helgoland, in der sich Nationalsozialismus und seinen Wurzeln nun über-
»schlechtefr] Patriotismus« demonstriere. In dersel- flüssig und überholt sei, sondern ausdrücklich »in
ben Sendung verurteilte er zudem aufs schärfste den der Erkenntnis, daß man vor einer Krankheit«, einer
Artikel »Preußens Ausgang«, den der Mitheraus- »Massenerkrankung paranoider Art« stehe, die dem
geber der mit französischer Lizenz erscheinenden Bereich der »Affektideen« zuzurechnen sei, »aus
Gegenwart, Bernhard Guttmann, am 31. März 1947 dem Rahmen der normalen Psychologie« heraus-
in dieser Zeitschrift veröffentlicht hatte269 und der falle und daher »logisch nicht korrigierbar und nicht
nach Ansicht Döblins zu einer Glorifizierung des widerlegbar« sei - und zwar unabhängig vom Alter
preußischen Staates, ohne den »der Nazismus [...] und intellektuellen Habitus des einzelnen.274 Nach
nicht zu denken« sei, beitrage. zweijähriger kulturpolitischer Tätigkeit in Deutsch-
land sah Döblin in der intellektuellen Aufarbeitung
Freilich: Das kritische Anprangern vermuteter
deutscher Vergangenheit, womit immer auch die
nationalistischer und militaristischer Relikte und
Frage nach der Schuld der Deutschen gestellt war,
die Diskussion und Beantwortung der Frage »Wie
mehr denn je die Gefahr, den Zustand der »schwe-
kam es zum Nazismus?«270 sind zweierlei, und
ren allgemeinen Depression« und »Lethargie«275 zu
Döblin hat hier durchaus unterschiedlich gewichtet.
Während er ersteres unermüdlich bis zu seiner
zweiten Emigration verfolgt hat, ist letzteres zuneh-
mend in den Hintergrund getreten. In dieser unter-
schiedlichen Entwicklung zeigt sich aber auch, daß 266 Reden und Aufsätze. Stuttgart: Klett 1946.
Döblins Motive für die Akzentverschiebung durch- 267 Zensurgutachten N° 1482/L vom 1. 7. 1946 über: Paul
aus anders gelagert waren, als dies der politische Alverdes: Die Pfeiferstube.
268 8 Bl. Ts. (SWF). Zitate: Bl. 6 u. 8.
Kontext der Ost-West-Spannung auf den ersten
269 Jg. 2 Nr. 5/6 vom 31. 3. 1947, S. 7 - 9 .
Blick vermuten lassen könnte: als »umworbenen 270 Der Nürnberger Lehrprozeß S. 23.
Partner«271 hat Döblin die Deutschen nicht erst im 271 Eberan: Wer war an Hitler schuld? S. 25.
Zuge des wachsenden Ost-West-Konfliktes behan- 272 Eberan: Wer war an Hitler schuld? S. 25.
delt. Die anglo-amerikanische These von der »fehl- 273 Vgl. Die literarische Situation S. 38/39.
274 »Man wird nicht auf den Einfall kommen, nachdem man
geleitete[n] Nation«,272 die sich im Kalten Krieg die Schädlinge auf diese und jene Weise eliminiert hat, die Masse,
gegen den Kommunismus durchsetzte, hat Döblin welche intoxiziert ist, von den Gelehrten herab bis zu den
nie stringent vertreten. Wenn Döblin sein Konzept Arbeitern und Schülern und Hausfrauen, verändern zu können
der »re-education« Ende 1947 änderte und von einer durch Vorwürfe, Anklagen und andere Heftigkeiten, die im
Normalen wirken. Auch rationelle Belehrungen und Predigten
konstruktiv-kritischen Auseinandersetzung mit führen zu nichts.« Die literarische Situation S. 39.
den Wurzeln des Nationalsozialismus Abstand 275 Die literarische Situation S. 32.

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282 Alexandra Birkert

vertiefen und zur »Verstockung«276 der Deutschen ein »Tabubezirk« (S. 28): denn mit Vorbedacht und
beizutragen. Erfolg sei »von nationalistischen Kreisen« das »Miß-
Dadurch aber würde die angestrebte »moralische verständnis« gehegt worden, »als handle es sich bei
Regeneration«277 von vorneherein blockiert, die an- der Philosophie des deutschen Idealismus um eine
gesichts der ideologischen Verhärtung der Fronten Wertlehre der ethischen >Ideale<«, die nicht nur
gerade forciert werden müßte. In diesem Punkt unantastbar und jeder Kritik entzogen, sondern
zeichnet sich eine bemerkenswerte Parallele zu auch Aushängeschild deutscher kultureller Größe
Döblins Hamlet-Roman ab, den er zwischen August sei: »In Wahrheit aber sind diese Ideale, soweit sie
1945 und Oktober 1946 geschrieben hat: Edward gültig sind, objektive Versetzungen, die im Natur-
schlägt seinem Vater Gordon Allison vor, den recht der christlichen und weitgehend auch der
»ewigen abstrakten Streit über Schuld und Verant- antiken Sittenlehre verwurzelt sind.« (S. 29). Wenger
wortlichkeit [zu] beenden« und stattdessen Erzähl- plädierte »infolge der fast unredlichen Mehrdeutig-
abende einzurichten, an denen »konkrete Fälle keit des Wortes >Idealismus<« für die Bezeichnung
vorgeführt werden«278 sollten: weil Erzählungen »Demiurgischer Intellektualismus«, die dem »be-
»das beste Mittel« seien, »etwas zu behaupten, ohne tont intellektualistischen und egozentrischen An-
den anderen zu verwunden. Wir reden, wir überzeu- satzpunkt« dieser »Denkrichtung« weit eher gerecht
gen, wir lernen.«279 werde, »deren verhängnisvoller Fehlansatz in dem,
Während nun in den ersten beiden Jahrgängen zunächst erkenntnistheoretisch und dann auch
des Goldenen Tors verhältnismäßig umfangreiche ethisch absolut und autonom gesetzten Einzel-ich
Beiträge zu finden sind, die verschiedene Aspekte bestand« (S. 30). Die entscheidenden politischen
der verhängnisvollen Entwicklung Deutschlands Auswirkungen, die Wenger der Identitätsphiloso-
analysieren, tritt die Fragestellung ab 1948 deutlich phie, der Identifizierung von Geist und Materie, von
in den Hintergrund, sieht man einmal von der Denken und Sein anlastete und die er besonders
»Faust«-Debatte ab, die im Goethe-Jahr 1949 und in hervorhob, waren »die Degradierung des Ethos
der wiederholten Auseinandersetzung mit Thomas durch den Erfolg« (S. 34), die »hinter der Fassade des
Mann und seinem Roman Doktor Faustus zur Idealismus« (S. 39) ablief, die unheilvolle Verabsolu-
Sprache kam. tierung und Isolierung des preußischen National-
staates, die ideologisch den Machtstaat und jede Art
Hatte Döblin selbst in den ersten Heften seiner
von Gewaltpolitik vorbereiteten und der »Anspruch
Zeitschrift den literarischen und historischen Rah-
der Unfehlbarkeit« (S. 34) in Theorie und Praxis, der
men der folgenreichen Entwicklung Deutschlands
im Zeichen »der postulierten Einheit von Denken
in groben Zügen abgesteckt, so wurden von ver-
und Sein« (S. 34) alle Formen von Terror legitimier-
schiedenen Mitarbeitern der Zeitschrift einzelne
te.
Aspekte ausführlicher behandelt.

3.2.2.2 »Der deutsche Idealismus vor Gericht« 3.2.2.3 »Bilanz und Lehre
Kritik am autonomen Menschentum und der - uto- der Weimarer Republik«
pischen - Illusion eines historischen Vollkommen-
Eingeleitet wurde die Diskussion um »die Schuld für
heitszustandes ist der Kernpunkt in der Auseinan-
das Hochkommen des Nationalsozialismus« bereits
dersetzung mit dem deutschen Idealismus, dem
im 1. Heft des Goldenen Tors mit einem Aufsatz des
Döblin gleich mehrere Darstellungen in seiner
Konstanzer Archivars Otto Feger über die »Bilanz
Zeitschrift widmen wollte. In seinem umfangrei-
und Lehre der Weimarer Republik« (I 1, S. 38-45), 281
chen Essay »Die Philosophie des deutschen Idealis-
mus im Gericht der Geschichte«, der zu Beginn des
2. Jahrganges erschien (II 1, S. 27-39) und dessen 276 Die literarische Situation S. 40.
Thema Döblin im Herbst desselben Jahres erneut 277 Die literarische Situation S. 32.
aufgriff - unter der Uberschrift »Der deutsche 278 HamletS. 38.
Idealismus vor Gericht« (II 8/9, S. 707-724) ver- 279 HamletS. 43.
280 Arthur Hübscher: Die Nachfolge Hegels. Die rechte und
öffentlichte er zwei weitere Aufsätze von Arthur die linke Schule (II 8/9, S. 708-716). Horst Krüger: Vom
Hübscher und Horst Krüger -, 2 8 0 ging Paul Wilhelm Irrationalismus zum Nationalsozialismus. Gedanken über den
Wenger der Frage nach, »ob die deutsche idealisti- deutschen Weg (II 8/9, S. 717-724).
sche Philosophie mit in der Ursachenreihe steht«, 281 Der Aufsatz ist ein stark gekürzter Auszug aus dem
die zum »deutsche[n] Zusammenbruch« geführt Kapitel »Weimarer Republik und alemannische Demokratie« aus
Otto Fegers Buch: Schwäbisch-Alemannische Demokratie. Auf-
habe - »nach den landläufigen nationalen Begriffen« ruf und Programm. Konstanz: Weiler 1946, S. 9 7 - 1 3 2 .

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Das Goldene Tor 283

einer »Epoche der deutschen Vergangenheit«, von einem verbrecherischen Regime ausgeliefert, Opfer
der in den Lizenzzeitschriften »auffallend wenig die eines neurotischen Abenteurers und Verbrechers
Rede« war, da hier »die meisten an der Schuld- geworden.287 Signifikant für die Position des Golde-
Debatte Beteiligten zu stark mit individuellen nen Tbrjist Karl Thiemes ausführliche Rezension zu
Erfahrungen verflochten waren, um eine emotions- Karl Jaspers ausgearbeitetem Vorlesungsskript über
freie Beurteilung zu erlauben«.282 Fegers Beitrag, der Die Schuldfrage, die im 1. Heft des 2. Jahrganges im
im Kontext einer Monatsschrift für Literatur und Rezensionsteil erschienen (II 1, S. 93-96) und im
Kunst auf den ersten Blick aus dem Rahmen fällt - Inhaltsverzeichnis hervorgehoben worden ist.
den >politischen< Kommentar hat Döblin seiner Thieme forderte als »wichtigste Aufgabe heute«, die
Rundfunkreihe »Kritik der Zeit« vorbehalten - , will erst die Voraussetzung für ein Schuldbewußtsein
jedoch gerade die enge Verflechtung, ja gegenseitige und für die Erörterung der Schuldfrage bilde, gerade
Bedingtheit von ideellem, geistig-sittlichem Versa- auch für die Jugend - an die sich Jaspers Vorlesung ja
gen und dem »Versagen des Weimarer Verfassungs- in erster Linie richte - , erst einmal »die trotz allem
instrumentes« (I 1, S. 38) aufzeigen: Trennenden gemeinsame Werttafel wieder heraus-
zuarbeiten, die von der abendländischen Völker-
Daß die Republik unter widrigen Umständen geboren wurde,
[...] war Schicksal. Daß sie in der Folge keinen festen Halt im
familie seit Jahrtausenden anerkannt« sei, denn:
deutschen Volk gewann, war eigenes Verschulden. So ist sie für »Wie soll ich mich der Verletzung einer Norm
ihren Untergang weitgehend selbst verantwortlich. Sie hat schuldig fühlen, die mir noch gar nicht als Norm klar
keine großen Anstrengungen unternommen, um moralische geworden ist?« (S. 94). Jaspers Bemühen um eine
Eroberungen zu machen; [...] sie hat vor allem keine eigene möglichst saubere Unterscheidung zwischen krimi-
Ideologie geschaffen, kein neues staatliches Ethos. Die alten
Ideologien der Vorkriegszeit konnten nur überwunden wer-
neller, politischer, moralischer und metaphysischer
den, wenn etwas Positives an ihre Stelle trat. Da dies nicht Schuld hielt Thieme indessen »mindestens tenden-
geschah, fehlte der Republik die moralische Unterbauung. ziell und als Denkhilfe« positiver Beachtung wert,
(S. 39) war damit doch der Weg zur »ernstesten Gewissens-
prüfung« freigelegt. Trotz der »Schwäche Jaspers in
Diese »Lehre« der Weimarer Republik ist kon-
allem Geschichtlichen»,288 stimmte Thieme »dem
struktiv-kritisch mit Blick auf »Neukonstruktionen«
sorgsam abgewogenen Endurteil« zu, das zwar »die
(S. 38) nach 1945 formuliert und entbehrt nicht der
größte Verantwortung« den Deutschen zuschrieb,
verhaltenen, da expressis verbis lediglich an die
zugleich aber auch »an die Schuldmöglichkeit in
Adresse der Deutschen gerichteten, Warnung vor
jedem Menschen« erinnerte, »mit Schrecken die
einer nur von außen, von den Militärregierungen
Gefühle der moralischen Überlegenheit« (S. 95)
aufgesetzten« Demokratie, die Gefahr laufe, wie
registrierte und »Deutschlands Schicksal« als mah-
damals nicht aus einer »inneren Notwendigkeit,
nendes Beispiel »für alle« (S. 96) verstanden wissen
sondern aus der Enttäuschung eines verlorenen
wollte. Thiemes Rezension, die bis in einzelne
Krieges und eines verlorenen Glaubens heraus, aus
Detailfragen hinein mit Döblins Position überein-
einer Stimmung, die grau war wie jene Novemberta-
stimmt, erhellt zugleich auch die Empörung des
ge« (S. 39), zu entstehen. Dies deckte sich durchaus
Kulturpolitikers über einen Artikel Otto Flakes, der
mit Döblins Vorstellungen und Befürchtungen.
zur gleichen Zeit im 1. Heft des Merkur unter dem
Und doch verfehlt Fegers Beitrag in einem zentralen
Titel »Etwas über die Schuldfrage« erschienen ist.289
Punkt Döblins »präzise Linie«,283 indem er die
Flake wandte sich darin entschieden gegen die
Weimarer Republik personifiziert und damit impli-
ziert, daß das »Verschulden« bei den politisch Ver-
antwortlichen lag, denen es nicht gelungen sei,
»moralische Eroberungen zu machen«. 282 Eberan: Wer war an Hitler schuld? S. 151.
283 BriefeS. 351.
284 K. Thieme [Rez.]: Karl Jaspers: Die Schuldfrage. Heidel-
berg: Lambert Schneider 1946 (II 1, S. 93-96).
3.2.2.4 »Die Schuldfrage« 285 A. Döblin: Fragen, Antworten und Fragen (V 5, S. 389-
395).
Worin liegt meine »höchst individuelle Schuld«?
286 N. Logau [Rez.]: Heinrich Berl: Napoleon III. München:
(II 1, S. 93),284 »Was habe ich versäumt?« (V 5, Callwey 1946 (II 8/9, S. 857-859). Logau zitiert hier Berl.
S. 3 92) 285 wird wiederholt im »Chronik und Kritik- 287 Vgl. u. a. E. Taupitz [Rez.]: Hermann Staudinger: Vom
Teil des Goldenen Tors gefragt, abgesehen von Aufstand der technischen Sklaven. Essen: Chamier 1947 (III 2,
einigen wenigen, gleichwohl bemerkenswerten S. 196/197). Α. H. Unger: Amerikanische Invasion (V 4, S. 3 0 7 -
314; S. 312).
Stimmen, die eher beiläufig am Rande einer Rezen-
288 Hervorheb. von K. Thieme.
sion den Tenor vertreten, das deutsche Volk sei 289 Jg. 1 (1947) Η. 1, S. 140-143. - Der Beitrag blieb in
»innerlich gesund« (II 8/9, S. 859) 286 und »lediglich« Eberans Dokumentation und Analyse unberücksichtigt.

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284 Alexandra Birkert

These der »moral insanity«, seiner Ansicht nach lag christliche Glaubensdogma gelockert hatte und die
dem deutschen Fehlverhalten »kein Defekt der religiöse Energie sich nun in säkularisierter Form
Moral, sondern einer der Intelligenz zu Grunde.« 290 mit ganzer Wucht als werktätiges Selbsterlösungs-
Den Deutschen hätte - ohne daß Flake dies histo- streben in technischen Erfindungen und Konstruk-
risch vertieft - »in einer bestimmten Lage« der Blick tionen zu entladen suchte. Aus dieser letztlich
»für das Mögliche und Erreichbare, für Einordnung religiösen Wurzel« leite sich »die explosionsartige
und Verständigung« gefehlt, sie hätten nicht »Ver- Entfaltung der modernen Technik seit der älteren
nunft und Verstand zu benützen« gewußt und Neuzeit im Abendland her«, mit der »auch alle jene
sich daher der nationalsozialistischen Ideologie verheerenden Folgen unlösbar« zusammenhingen,
»zu unkritisch« geöffnet. 291 Einmal aber »in den »deren letzte schauerliche Steigerung [...] im ver-
Mahlstrom des Ablaufs geraten«,292 hätten sie den gangenen Krieg« erfolgt sei (S. 232). An die Stelle des
Nationalsozialismus, ohne ihn zu billigen, »effektiv »utopischen Größenwahn[s] der Selbsterlösung«, der
als - übermächtige - Tatsache in Rechnung stel- sich in Technik und Philosophie gleichermaßen
len«293 müssen: »Hitler war für Hunderttausende »verhängnisvoll« ausgewirkt habe, müsse nun
force majeure«.294 Diese >fatalistische< Argumenta- »Selbstbescheidung und Selbstkritik« (S. 237) tre-
tionsweise, die den einzelnen der Verantwortung ten.
enthob, mußte Döblin um so mehr noch aufge- Döblin hat Brinkmanns Aufsatz unmittelbar
bracht haben, als Flake unter religiösem Vorzeichen nach Reinhold Schneiders Essay »Fausts Rettung«
einräumte, daß es »Menschenschicksal« sei, sich in unter der gemeinsamen, allerdings unkommentier-
Schuld zu verstricken: »es kann jedem zustoßen, ten, Überschrift »Faustischer Trieb« veröffentlicht
und der, dem es zustößt, übernimmt eine Rolle, zu und damit Brinkmanns Kritik am »utopischen
der einer sich hergeben muß.« Stellvertretend »für Selbsterlösungsstreben« (S. 236) des abendländi-
die anderen« Völker »unserer Kultur, der abendlän- schen Menschen speziell an die deutsche Adresse
dischen, humanistischen, christlichen«, deren Ent- gerichtet sehen wollen. Denn Goethes Faust - so
wicklung zwangsläufig in die »Krise« geführt, »den lautet eine zentrale These Reinhold Schneiders - ist
totalistischen Gedanken, den Massenmenschen, die Kritik am deutschen Volk; dem »nichtdeutschen
Verdiesseitigung« gezeitigt habe, hätten die Deut- Faust«, der Prospero-Gestalt in Shakespeares Sturm,
schen die Rolle des Bösen übernommen. Die darauf verweist Döblins einleitender Kommentar
»Schuld der Deutschen« sei in Wirklichkeit die »Zum Faustproblem« 298 einige Hefte später (II 3/4,
»Schuld des zu selbstbewußten Menschen«.295 S. 236/237), fehlt hingegen gerade »das Widergött-
Warum gerade Deutschland in der Kulturkrise des liche«: Prospero setze sein Zaubern ein, »um die
Abendlandes die Rolle des Bösen übernommen beleidigte sittliche Ordnung wieder herzustellen«,
habe, führte Flake nicht, wie andere Vertreter dieser wie Döblin in seiner Einleitung Hanns Braun zitiert,
These, 296 auf die herausragende kulturelle Stellung und entsage zuletzt den Zauberkünsten, um »sich
Deutschlands im Abendland zurück, in seiner Dar- in eine neue Kraftebene zu begeben, in die des
stellung ist die Rolle durchaus austauschbar und Gebets.« (S. 237).
sozusagen zufällig auf die Deutschen gefallen.

3.2.2.5 »Das verhängnisvolle Mißverständnis


der Technik« 290 Flake: Schuldfrage S. 140.
291 Flake: Schuldfrage S. 141.
Daß Döblin hier durchaus andere Akzente setzen 292 Flake: Schuldfrage S. 142.
wollte, zeigt auch der Beitrag des Schweizer Philoso- 293 Flake: Schuldfrage S. 143.
phen Donald Brinkmann über »Das verhängnisvolle 294 Flake: Schuldfrage S. 142.
Mißverständnis der Technik« (I 3, S. 223-237). 297 295 Flake: Schuldfrage S. 141.
296 Vgl. Eberan: Wer war an Hitler schuld? S. 7 3 / 7 4 u.
Brinkmann vertrat die These, daß der treibende
S. 175-177.
Motor für den >faustischen< »Glaube[n] an die tech- 297 Der Beitrag ist eine komprimierte Fassung der Kapitel
nische Selbsterlösung« (S. 237) des Menschen im »Das Wesen der Technik«, »Der technische Mensch« und der
Abendland letztlich nicht im profanen Machtstre- »Schlußbetrachtungen« aus D. Brinkmanns Buch: Mensch und
ben, sondern in der »christlichefn] Erlösungssehn- Technik. Grundzüge einer Philosophie der Technik. Bern:
Franke 1946.
sucht« (S. 232) zu suchen sei: Die moderne Technik 298 Wolfgang Martin Schede: Prospero - Versuch einer
habe sich »erst von dem Augenblick an so fieberhaft Deutung (II 3/4, S. 238-244). Hanns Braun: Z u Shakespeares
entwickeln« können, »wo sich die Bindung an das »Sturm. (II 3/4, S. 245-255).

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Das Goldene Tor 285

3.2.3 Ein »christlicher« Weg Heftkompositionen »Der Dichter und das Kreuz«
(III 5, S. 412-438), überschrieben nach dem Leitauf-
3.2.3.1 >Christliche Centrierung<
satz von Ignaz Zangerle (III 5, S. 413-426), 303 der das
der Literaturzeitschrift ab 1948 Verhältnis der Autoren Rainer Maria Rilke, Franz
»Die Zeitschrift will ich immer stärker in die Kafka und Georg Trakl zum Christentum unter-
christliche Linie führen. Die Auseinandersetzungen suchte, und die Zusammenstellung »Heil und Heil-
müssen langsam offener und unverhüllter werden.« losigkeit der Existenz« (III 6, S. 577-603) mit Bei-
So schrieb Döblin am 18. Mai 1948 an Pater Herbert trägen zu Hugo von Hofmannsthals Turm, Goethes
Gorski S. J., wenige Tage, nachdem er seinen Dienst Faust und Eugene O'Neills Trauer muß Elektra
als »Chef du Bureau des Lettres« quittiert hatte. Dies tragen.
legt den Gedanken nahe, daß Döblin die Zeitschrift, Im letzten Heft des 3. Jahrganges (1948) hat sich
deren Herausgabe er - finanziert von der französi- Döblin in einer Art zweitem Geleitwort eindeutig
schen Kulturbehörde - »als Zivilperson«299 fortsetz- für den christlichen Weg der Monatsschrift für
te, nun mehr denn ja als sein Werk ansah. Denkbar Literatur und Kunst ausgesprochen:
wäre, daß er sich nun flexibler und unabhängiger von
Es liegt uns in diesen Blättern, obwohl sie sich mit Literatur
der französischen Kulturpolitik fühlte, daß er das und Kunst befassen, nicht daran, irgend eine literarische und
Goldene Tor nicht mehr als Repräsentationsorgan künstlerische Richtung herauszustellen oder weiter zu treiben.
des »Bureau des Lettres« und damit der Behörde W i r blicken hinter die Literatur und die Kunst, und wir prüfen,
Schmittleins empfunden hat. Denn: Auch wenn was sich in ihnen auftut und äußert, und wie es sich äußert. W i r
haben, entschlossene Antiaesthetiker, die wir sind, keinerlei
Döblin allen Anzeichen nach von Anfang an weitge-
Interesse an einer Literatur an sich oder einer Kunst an sich.
hend freie Hand in der Redaktion der Zeitschrift Uns liegt in diesen Blättern an einer Bereicherung, Erweite-
hatte, so ist immerhin das psychologische Moment rung und Vertiefung des menschlichen Geistes. Und wir sind
der Loslösung von der Dienststelle gerade auch bei genug Irrwege gegangen, um zu wissen, welches der W e g ist,
Döblins ausgeprägtem Sinn für Institutionen nicht den wir zu gehen haben und auf d e m die Bereicherung,
Erweiterung und Vertiefung des Geistes gewonnen wird: der
zu unterschätzen.
christliche. (III 8, S. 7 2 3 )
Und doch muß dem entgegengehalten werden,
daß die >religiöse Zurückhaltung< in den ersten Hier lassen sich wiederum Parallelen zu Döblins
beiden Jahrgängen der Zeitschrift durchaus Döblins »Kritik der Zeit«-Sendung ziehen: zwischen No-
Intentionen entsprochen hat, keineswegs etwa von vember 1948 und Juni 1949 enden von elf Sendun-
französischer Seite >diktiert< war. Das belegen die gen allein zehn mit einem christlichen Thema, eine
bereits erörterten >Aufklärungs<-Bestrebungen, die Akzentverschiebung im »neuen >Aufklärungs<feld-
Döblin mit der Herausgabe der Zeitschrift verbun- zug« Döblins, die hier nachweislich im Kontext des
den hat. Kalten Krieges und Döblins enttäuschter Erwar-
tung steht, die er in die Organisation der Vereinten
Im 3. Jahrgang wie in den folgenden ist das
Nationen gesetzt hatte.304
Goldene Tor jedoch zunehmend »mit christlicher
Centrierung«300 redigiert - symptomatisch ist bei-
spielsweise auch Döblins Absicht, in einen Zeit-
schriftenaustausch mit der katholischen Kulturzeit-
schrift Hochland und der jesuitischen kulturpoliti-
schen Monatsschrift Stimmen der Zeit zu treten.301
Den Jahrgang 1948 eröffnete Döblin mit einem
unter christlichem Vorzeichen stehenden »Schuld
und Sühne«-Gedicht von Hans Gathmann (III 1, 2 9 9 BriefeS. 386.
3 0 0 Zensurgutachten N ° 1 1 3 4 / P h vom 5 . 4 . 1 9 4 6 über Rein-
S. 4-6). Im gleichen Heft erschien ein Beitrag von
hold Schneider: Das Erbe im Feuer. Freiburg i. Br.: Herder
Erwin K. Münz über »Andre Gide und Henri 1946.
Gheons Bekehrung« (III 1, S. 50-57). 302 Um das 3 0 1 Vgl. Döblins Brief an H. Gorski, 23. 12. 1 9 4 9 (m).
Thema Bekehrung kreiste auch der Heft-Sonder- 3 0 2 Dieser Beitrag ist, leicht variiert, kurz darauf auch im
teil »Drei moderne christliche Autoren« (III 4, »Hochland« Jg. 41 ( 1 9 4 8 / 1 9 4 9 ) , S. 2 5 3 - 2 5 8 erschienen.
3 0 3 Der Aufsatz ist ein leicht gekürzter Vorabdruck eines
S. 307-337), der über die zum katholischen Glauben
Kapitels (mit diesem Titel) aus dem Buch von Ignaz Zangerle:
konvertierten Schriftsteller Max Jacob und Gilbert Die Bestimmung des Dichters. Ein Versuch. Freiburg i. Br.:
Keith Chesterton berichtete und einen charakteri- Herder 1949, S. 4 5 - 7 4 . Gestrichen ist im «Goldenen Tor«
stischen Ausschnitt aus dem >Bekehrungs<-Schau- lediglich, wenn auch sehr bezeichnend, eine >abrechnende<
Passage über Thomas Mann und E m s t Jünger (S. 5 2 - 5 4 ) .
spiel »Der Schauspieler und die Gnade« von Henri
3 0 4 Vgl. dazu im einzelnen meinen Kolloquiums-Beitrag
Gheon veröffentlichte. Zu nennen sind ferner die »Kritik der Zeit« ( 1 9 4 6 - 1 9 5 1 ) S. 8 3 - 8 6 .

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286 Alexandra Birkert

3.2.3.2 »Der Christ und die Dichtung >aufständigen Katholiken< läßt sich eine gewisse
der Zeit« Parallele zu »der Gruppe elementarer Dichter« (II 6,
S. 488) ziehen, auf die Döblin in seinem Sonderteil
Wenn Döblin in unmittelbarem Anschluß an sein »Unterwelt - Oberwelt« (II 6, S. 488-534) hingewie-
»zweites Geleitwort Ende 1948 Albert Beguin sen hatte und zu denen er Frangois Villon, Georg
(1901-1957) über das Thema »Der Christ und die Büchner, Charles Baudelaire und Frank Wedekind
Dichtung der Zeit« (III 8, S. 725-727) zu Wort zählte (S. 488): einem Georges Bernanos und einem
kommen ließ und Beguins Aufsatztitel zum Rah- Frank Wedekind gemeinsam ist ihre Funktion, in
menthema dieses Heftteiles wählte, so setzte er der Gesellschaft »Ärgernis zu erregen« (II 6, S. 488),
damit Zeichen dafür, daß Literatur nun nicht etwa indem sie »das Böse« (III 8, S. 723), das »Untere,
»von einem dogmatisch strengen Christen gemes- jedoch Vorhandene und unehrlich Verheimlichte
sen« werden sollte, wie er knapp drei Jahre zuvor in und idealistisch Verkleidete in der Gesellschaft und
seinem Gutachten über Reinhold Schneiders Heim- im Bewußtsein« (II 6, S. 488) darstellen.
kehr des deutschen Geistes formuliert hatte.305 Albert Anschauliches Beispiel dafür, wie Döblin den
Beguins Beitrag, eine Übersetzung aus der Pariser Anspruch zu erfüllen suchte, seine Leser auf den
Zeitung Temoignage chretien vom Juli 1948,306 »christlichen Weg< zu führen und zugleich die
distanzierte sich vom Selbstverständnis christlicher »Dichtung der Zeit« zu vermitteln, ist der Vorab-
Erbauungsliteratur: »Es genügt nicht, die Mutter druck eines Ausschnittes aus dem 2. Teil von Hans
Gottes zu verherrlichen, um ein katholischer Dich- Henny Jahnns Romantrilogie Fluß ohne Ufer(YV 1,
ter zu sein.« (S. 725). Der katholische, christliche S. 43-49), der 1949 und 1950 in zwei Bänden im
Dichter müsse vielmehr, und hier erinnerte Beguin Weismann Verlag in München unter dem Titel Die
an zwei führende Vertreter des »renouveau catholi- Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er
que«, Charles Peguy und Paul Claudel, »Arbeiter neunundvierzig Jahre alt geworden war erschienen
unter anderen, vor anderen, an einer gewissen ist. Die von Döblin ausgewählten Abschnitte309 der
Revolutionierung in der geistigen Ordnung« (S. 725) Romantrilogie, zu deren antichristlichen Zügen
sein, die darin bestünde, daß man wieder »die sich Jahnn in den mit Werner Helwig ausgetausch-
Gerechtigkeit Gottes als eine Frage, die den Men- ten Briefe[n] um ein Werk?10 geäußert hatte, enden
schen angeht, entdeckt.« (S. 725/726).307 Dieser mit dem christlichen Bekenntnis der Mutter des
Aspekt entspricht durchaus Döblins »progressivem Gustav Anias Horn, sie glaube an die Auferstehung
Vorstellung von »einer besseren, richtigeren Ver- der Toten.
weltlichung« des Christentums, »weg von einer
Döblins primär weltanschaulich-religiöse Per-
unverbindlichen, bloß gedachten und moralisch
spektive ließ seine Literaturzeitschrift allerdings
nicht verpflichtenden Metaphysik« (I 3, S. 265), und
sollte, wie Döblin in der Einleitung zu Beguins
Aufsatz betonte, »die im Lande aufklären, welche 305 Zensurgutachten N° 695/Ph [vor 4. 1. 1946].
Religion und Christentum für stabilisierende Kräfte 306 Beguin: II ne suffit pas de celebrer la Sainte-Vierge pour
etre un poete catholique. In: Temoignage chretien, Paris, N° 209
halten.« (S. 723). Zustimmend >zitierte< Döblin auch vom 9. 7. 1948, S. 3.
in seiner Einleitung »das entlarvende Wort: >Mit 307 Beguin bezog sich dabei auf eine Formulierung von
Christen meine ich nicht Menschen christlicher Nikolaj Berdjaev (1878-1948).
Rede<«, wobei Döblin, wie so oft, frei zitierte,308 308 Vgl. Beguin (S. 726): »Wo sind die Christen, - ich will
wodurch deutlich wird, wie der Herausgeber den sagen, die Menschen christlicher Rede, - die vom Menschen und
der Erde ein ebenso wahres Bild geben ?«/ >Ou sont les >chretiens<,
Beitrag Beguins rezipiert wissen wollte: Der wahre - je veux dire les gens ä langage chretien, - qui donnent de
Christ ist >aufständig< und >aufsässig<, insofern er l'homme et de la terre une image aussi vraie?«
seinen christlichen Glauben in humanem Handeln 309 Vgl. hierzu Döblins Brief an den Freund und General-
zu verwirklichen sucht, eine Forderung, die im bevollmächtigten Hans Henny Jahnns in Deutschland, Hans
übrigen auch Döblins >Vorbild< Lessing forciert Richters, vom 2 6 . 1 0 . 1 9 4 8 (d). Wie aus Döblins Brief hervorgeht,
waren ursprünglich »etwa 12 Druckseiten hintereinander aus 2
vertreten hat und zugleich ein Thema, das wesentli- Partien« für das letzte Heft des Jahrganges 1948 (III 8) geplant. Bei
che Züge der Friedrich Becker-Gestalt in Döblins dem in IV 1 vorgestellten Ausschnitt handelt es sich um einen
Roman November 1918 bestimmt - so prägnant im zusammenhängenden Ausschnitt aus dem Kapitel ·5. Juli«; vgl.
übrigen, daß Döblin sich genötigt sah, das Thema Η. H. Jahnn: Fluss ohne Ufer. Roman in drei Teilen. Teil 2: Die
Niederschrift des Gustav Anias Horn, nachdem er neunundvier-
»Christentum und Revolution« in der katholischen
zig Jahre alt geworden war. Teilband 2. München: Weismann
Jugendzeitung Michael (am 18. Juni 1950) erneut zu 1950, S. 1 1 0 - 1 1 8 . - A u s demselben Band (S. 3 8 - 4 3 ; S. 148-151;
reflektieren und seine Absage an eine gewaltsame S. 55-59) sind im letzten Heft des Goldenen Tors(WI 2, S. 1 0 5 -
politische Revolution zu formulieren. Von den 112) drei Partien erschienen.
310 Helwig/Jahnn: Briefe um ein Werk S. 11 u. S. 13/14.

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Das Goldene Tor 287

auch an einschlägigen ausländischen, für die deut- fortgeschrieben, den Einfluß des Symbolismus auf
sche Nachkriegsliteratur wesentlichen literarischen den »renouveau catholique« und die Konversionen
Strömungen vorbeigehen: Eine fundierte Ausein- von Huysmans, Claudel und Peguy deutlich zu
andersetzung mit dem literarischen Existentialis- machen gesucht - »eine ausgezeichnete literarhisto-
mus und seinen führenden Vertretern Jean-Paul rische Studie«, auf die in der Zeitschriftenschau der
Sartre und Albert Camus sucht man vergebens; sie Universitas nachdrücklich aufmerksam gemacht
lieferten den christlich orientierten Rezensenten wurde.315 Münz ist bemüht, ein »rein menschliches,
Joseph Baur und Hans von Savigny - der übrigens ja theologisches« Anliegen des französischen Sym-
neben Döblin die meisten Beiträge zum »Chronik bolismus herauszustellen, »der alles andere als eine
und Kritik«-Teil der Zeitschrift verfaßte - lediglich rein >literarische< Bewegung« (S. 736) gewesen sei.
polemischen Zündstoff und ließen sie vor deren Die Darstellung des Lasters nicht um seiner selbst
negativem Einfluß auf die deutschen Nachkriegsau- willen, »sondern um durch Aufdecken desselben die
toren warnen. Deutlich wird dies etwa in Savignys Sehnsucht nach der ordo zu erwecken« (S. 741), war
Kommentar zum Paradegedicht der »Kahlschlag«- für Münz die eine, die »geheimen Beziehungen des
Parole, Günter Eichs »Inventur«: »Das nihilistisch- Menschen zum Kosmos, die >correspondances< [...]
existentialistische Gift Sartre'scher Prägung wirkt wiederherzustellen« (S. 733), die zweite große Auf-
sich bei manchem höchst begabten Schriftsteller gabe der Symbolisten. Entscheidende Impulse hät-
höchst gefährlich aus« (V 2, S. 156). Gleichermaßen ten sie dabei von Dostoevski]' empfangen, einen
traf aber auch den ausländischen Schriftsteller der bedeutenden Nachfolger im jüngst verstorbenen
Nihilismus-Vorwurf, der neben Sartre und Camus Romancier Georges Bernanos gefunden, dem Leo
den wohl nachhaltigsten Einfluß auf die deutsche Cavelti in demselben Heft einen Beitrag widmete
Nachkriegsliteratur ausgeübt hat, Ernest Heming- (S. 728-731) und der für Döblin,316 wie er einleitend
way.311 Während beispielsweise Dolf Sternberger in betonte, »auf großartige Weise zu den Aufsässigen
der Wandlung312 und Alfred Andersch im Hori-
gehört, von denen Beguin sprach« (S. 723):
zon,f313 Hemingway >Ovationen< entgegenbrachten,
blieb er im Goldenen Tor so gut wie unberück- Das Böse in seinen unabsehbaren Wirkungen darzustellen und
seine oft scheinbar harmlosen Erscheinungsformen aufzudek-
sichtigt.314 ken, war Bernanos' großer dichterischer Auftrag, und ist der
Inhalt der Botschaft seiner im tiefen Sinne so aktuellen Bücher.
Nichts schien diesem kämpferischen und glühenden Christen
mehr von Nöten zu sein, als dem Übel furchtlos in die Augen
3.2.3.3 Z u m Verhältnis von D i c h t u n g zu blicken. Auf diese Weise dem Übel begegnen, ihm die
Stirne bieten, »fair face«, so sagt er immer wieder, heißt jedoch,
u n d Religion bereits das Böse überwinden und das Gute möglich machen.
Albert Beguins Beitrag hatte auch für eine Rezep- (S. 728)

tion der modernen »Dichter des Menschen ohne Münz hat auch diesen Gedankengang von Leo
Gott« (S. 727) in der Nachfolge Arthur Rimbauds
Cavelti in seinem Aufsatz über die »Dämonie und
plädiert, deren Dichtung »Kenntnisnahme vom
Unheil des Menschen« (S. 726) sein wolle und gerade
durch die »Anspielung auf irgend eine verloren 311 Vgl. ζ. Β. H. v. Savigny [Rez.]: Bruno E. Werner: Die
gegangene Permanenz« (S. 727) im christlichen Galeere. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1949 (V 2, S. 158/159).
312 D. Sternberger: Gibt es eine nihilistische Literatur? In:
Sinne heilsam sein könne:
Die Wandlung Jg. 3 H. 6 (Okt. 1948), S. 538-551, insbes.
Sie gräbt eine Leere auf, und mit Recht, denn diese Leere ist da, S. 547-550.
im Herzen des Menschen von heute, inmitten einer Welt von 313 A. Andersch: »The real thing«. In: Horizont Jg. 3 H. 18
Realitäten, unter seinen unglückseligen Schritten. Ich kenne vom 26. 9. 1948, S. 4/5. - Vgl. dazu auch: Als der Krieg zu Ende
nichts Heilsameres als diese Klage und dieses unablässige war S. 317/318.
Mühen, etwas derart Ungreifbares zu ergreifen, da wenigstens, 314 Lediglich am Rande gestreift wurde E. Hemingway in
wo man es sucht! W o sind die »Christen«, - ich will sagen, die dem Beitrag von J.-E. Berendt »Neue Dichtung in Amerika«
Menschen christlicher Rede, - die vom Menschen und der (II 2, S. 154). Vgl. ferner E. Vietta: Das Gespräch Europa-Amerika
Erde ein ebenso wahres Bild geben? [...] Der Christ kann sich (VI 2, S. 87).
dieser Dichtung nicht verschließen, ohne sich von seiner Zeit 315 Universitas Jg. 4 H. 4 (April 1949), S. 482/483 (Zitat:
zu entfremden. (S. 726/727) S. 482).
316 Vgl. auch Döblins Nachruf, der, wenige Stunden nach
Erwin K. Münz, der Übersetzer des Beguin- dem überraschenden Tod von Georges Bernanos in einem Pariser
Beitrages und einer der engen Mitarbeiter der Krankenhaus, noch am selben Abend (5. 7. 1948) in der
»Bücherstunde« des SWF gesendet wurde. Vgl. ferner Döblins
Zeitschrift, hat diesen Gedankengang anschließend Stellungnahmen zu Bernanos in seinen »Kritik der Zeit«-
in seinem Aufsatz über die »Dämonie und Tragik Sendungen vom 11.7.1948 und vom 19.3.1950 (zu: »Dialogues
des französischen Symbolismus« (III 8, S. 732-741) des Carmelites«).

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288 Alexandra Birkert

Tragik des französischen Symbolismus« aufgegrif- verständigung zum Ausdruck bringen wollen: »The
fen und fortgeführt, das Verhältnis von Dichtung Golden Gate«, die Bezeichnung für die Meeresstra-
und Religion abgesteckt und ihre jeweilige Leistung ße, die in die Bucht von San Francisco führt, sollte
benannt. Er griff damit dem Grundsatzreferat über auch auf den Ort verweisen, an dem sich im Juni
»Die Dichtung, ihre Natur und ihre Rolle« vor, das 1945 die Organisation der Vereinten Nationen
Döblin im März 1950 in einer Gesamtsitzung der (UNO) konstituiert hatte, um die internationale
Mainzer Akademie gehalten und kurz darauf, im Zusammenarbeit zu fördern, den Weltfrieden zu
April-Heft des Goldenen Tors (V 2, S. 103-117) sichern und die Menschenrechte zu schützen. Ent-
veröffentlicht hat: »Satan kann nicht durch die sprechend wollte Döblin, der sich bei der Gründung
Literatur besiegt werden, höchstens entlarvt (das der UNO noch in Kalifornien aufgehalten hatte und
Lebensziel des gerade verstorbenen Georges Berna- diese sozusagen aus der Nähe hatte verfolgen kön-
nos!); nein, jeder einzelne muß ihn von sich absto- nen, den Titel Das Goldene Tor auch als »Symbol für
ßen« (S. 741). Diese Zeilen aus der Schlußpassage die menschliche Freiheit und die Solidarität der
von Münz' Aufsatz entsprechen der Auffassung des Völker« (I 1, S. 5) verstanden wissen. Das Zeitalter
Herausgebers, Dichtung könne Religion nicht der nationalen Freiheitskämpfe, an die die Freiheits-
ersetzen, sei bestenfalls eine Vorstufe, »insofern sie statue an der Ostküste Nordamerikas und das Grab
sozusagen den Vorschein von Erleuchtung und des Unbekannten Soldaten unter dem Triumph-
Erlösung vermittelt und dadurch die menschliche bogen in Paris erinnerten, ist - so der Gedankengang
Sehnsucht nach ihnen intensiviert.«317 Vor diesem Döblins in seinem Geleitwort - vorbei. Nach zwei
Hintergrund wird auch deutlich, warum die Zeit- Weltkriegen ist der Kampf für die menschliche
schrift Das Goldene 7orwiederholt Einspruch erho- Freiheit nur noch von den Vereinten Nationen
ben hat gegen die >Unsitte<, Bibeltexte - namentlich solidarisch zu führen. Es ist charakteristisch für
Psalmen - in Lyrik-Anthologien aufzunehmen.318 Döblin, daß er in seinem Geleitwort den Programm-
Döblins Dichtungsverständnis und Dichtungs- punkt, mit einer Literaturzeitschrift im geistig-
programm, das - von Helmuth Kiesel überzeugend kulturellen Bereich zur Völkerverständigung beizu-
auf die Formel »Poetik der >Erleuchtung<« ge- tragen, anhand einer politischen Institution entwik-
bracht319 - in den frühen wie späten poetologischen kelt und dafür nicht das vielzitierte Schlagwort
Schriften »von der transzendierenden Kraft und >Weltliteratur< bemüht hat. Vielmehr regte Döblin
erleuchtenden Wirkung der Dichtung«320 ausging Mitte 1947 an, »um auf eine neue wirksame Weise
und die »Affinität von künstlerischer Inspiration den Begriff > Weltliteratur zu realisieren«, sich »im
und religiöser Erfahrung«321 behauptete, dürfte, Rahmen der Unesco« um die »Bildung eines Gremi-
zumal nach der eigenen Konversion, das besondere ums« zu bemühen, »in welchem ausländische, euro-
Interesse des Herausgebers am literarischen Sym- päische und amerikanische Mitglieder mit deut-
bolismus französischer Provenienz mitbegründet schen Mitgliedern zusammen arbeiten und tagen«
haben. Die verhältnismäßig breite Vorstellung des (II 7, S. 597).323 Mit diesem Vorschlag formulierte
französischen Symbolismus im Goldenen Tor322 ist Döblin einen Gedanken, der nach Fritz Strichs 1946
also keineswegs nur auf die besondere Neigung in der Schweiz erschienener Untersuchung Goethe
engerer Mitarbeiter der Zeitschrift (Wilhelm Hau- und die Weltliteratur »ganz wesentlich zu der Goe-
senstein, Hermann Bodeck, Erwin K. Münz u. a.)
und auf die verhältnismäßig leichte Zugänglichkeit
und Verfügbarkeit französischer Textbeispiele
zurückzuführen. 3 1 7 Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 2 0 0 .
3 1 8 Vgl. III 6, S. 6 1 4 und IV 5, S. 4 0 4 : »König David ein
Erzlyriker? Die Bibel sieht ihn anders, und wir lesen ihn anders.
Psalme sind nicht lyrische Gedichte.« (Döblin).
3.2.4 Im Zeichen der Völkerverständigung 3 1 9 Vgl. Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 1 9 5 - 2 0 0 : dieses
Kapitel ist überschrieben »Döblins Poetik der »Erleuchtung«,
3.2.4.1 Der Zeitschriftentitel nach der Konversion christlich in Frage gestellt«.
3 2 0 Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 198.
Aggressiv-nationalistischen Vorstellungen mit der 3 2 1 Kiesel: Literarische Trauerarbeit S. 199.
Idee der Solidarität der Völker entgegenzutreten, 3 2 2 Vgl. u.a. I 1, S. 2 2 - 3 2 ; II 3 / 4 , S. 2 5 6 - 2 6 1 ; II 8 / 9 ,
war eine naheliegende und häufig zitierte Forderung S. 7 8 4 - 7 9 3 ; S. 8 0 4 / 8 0 5 ; IV 6, S. 4 2 0 - 4 6 4 (Thema: Sinnbild-
im Nachkriegsdeutschland, die programmatisch liche Dichtung Frankreichs); V 4, S. 3 0 0 ; V 5, S. 3 2 6 - 3 2 9 ;
allein schon in Zeitschriftentiteln wie Universitas V 6, S. 4 3 5 - 4 5 2 .
3 2 3 Im Juli/August-Heft der »Schola« war 1 9 4 7 ein informa-
und Ost und West anklingt. Auch Döblin hat mit der tiver Beitrag von Friedrich Klein über »Die Unesco« erschienen
Wahl seines Zeitschriftentitels die Idee der Völker- (Jg. 2 H. 7 / 8 , S. 5 5 0 - 5 5 6 ) .

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Das Goldene Tor 289

theschen Idee der Weltliteratur« gehörte, ja »viel- Für die Idee der Völkerverständigung einzutre-
leicht das eigentlich neue und das zutiefst frucht- ten, hieß für Döblin in der historischen Situation
bare Element in Goethes Idee« war: die Aufforde- nach 1945 konkret vor allem zweierlei: Vermittlung
rung zur persönlichen Begegnung und zum leben- zwischen Siegern und Besiegten, namentlich zwi-
digen Gedankenaustausch der sogenannten >Litera- schen Franzosen und Deutschen, und Vermittlung
toren<.324 zwischen Ost und West im Kontext des Kalten
Es ist wohl kein Zufall, wenn Döblin im unmittel- Krieges.
baren Kontext einen ungewöhnlich umfangreichen,
auf zwei Hefte (II 6 und 7) verteilten Beitrag von
I. Karin Franz mit dem Titel »Ein Kapitel amerika- 3.2.4.2 Vermittlung zwischen Siegern
nischer Geschichte« veröffentlicht hat, der mit und Besiegten
Abraham Lincolns Inaugurationsrede vom 4. März
1861, einem beschwörenden Appell an den Döblin hat in seiner Zeitschrift Das Goldene Tor
»Unions«-Gedanken und die friedensstiftende Ge- idealistisch-programmatisch und konstruktiv-kri-
sprächsbereitschaft verfeindeter Parteien, schließt tisch Stellung zur »re-education« der Deutschen
(II 7, S. 674). In dieser historischen Erzählung, die genommen. Er wollte zugleich als Sprachrohr fran-
eingangs die unveräußerlichen Menschenrechte aus zösischen Verständigungswillens und als deutsche
der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten kritische Instanz fungieren. Wiederholt wies Döblin
Staaten von Nordamerika zitiert (II 6, S. 551), wird darauf hin, wie »vorsichtig« das »Beeinflussungs-und
an den beispielhaften, wenn auch letztlich geschei- Umstimmungswerk« der Alliierten zu vollziehen sei
terten Versuch einer friedlichen Kompromißlösung - »ohne Erregung, ganz ohne Zorn«.327 Im Zeichen
in der Auseinandersetzung der Nord- und Südstaa- der Vermittlung zwischen Siegern und Besiegten
ten um die Sklavenfrage vor Ausbruch der Sezes- stand auch die Rubrik, die Döblin im ersten Heft der
sionskriege erinnert. Ins Gedächtnis gerufen wird Zeitschrift unter dem Motto »Der französische
auch die historische Leistung der jungen >verant- Wille zur Verständigung« eingerichtet und zurück-
wortungsbewußten« wie >selbstbewußten< amerika- haltend neutral mit dem Titel »Veranstaltungen und
nischen Nation, in die sich innerhalb von »einem Kundgebungen« überschrieben hat. In dieser Ru-
Menschenalter« das »bunt zusammengewürfelte brik sollte, so Döblin einleitend (I 1, S. 94), die
Völkergemisch aus aller Welt« (II 6, S. 551) verwan- »positive kulturelle Arbeit« der Besatzungsmacht
delt habe. Doch nicht das Thema des »melting pot«, gewürdigt und damit verdeutlicht werden, daß die
nicht der amerikanische Unabhängigkeitskrieg und französische Okkupationspolitik nicht nur auf »Be-
nicht der Sezessionskrieg - Themen, deren literari- strafung der Schuldigen« und »Wiedergutmachung«
sche Bearbeitung von der amerikanischen Literatur- hinauslaufe - wenn man dies der »Gerechtigkeit«
politik in Deutschland vorzugsweise als historische halber auch »akzeptieren, ja fordern« müsse. Im
Beispiele der Demokratisierung gefördert wurden325 Bereich der Kulturpolitik, wo die Interessen der
- stehen im Mittelpunkt dieses Beitrags. Karin Sicherheits- und Reparationspolitik nicht unmittel-
Franz geht es vielmehr darum, »von dem ein halbes bar tangiert wurden, konnte und sollte die Koopera-
Jahrhundert dauernden Drama« (II 6, S. 552) zu tionsbereitschaft der französischen Besatzungs-
erzählen, das dem Sezessionskrieg vorausging. macht signalisiert werden, deren »Ziel (das freiheit-
Gerade daran konnte und sollte der beispielhafte liche, demokratische, friedliche) mit dem immer
>demokratisch<-engagierte Umgang mit den vertretenen Ziel der Besten im Lande« zusammen-
Schwierigkeiten aufgezeigt werden, die mit der
Realisierung der verfassungsmäßig garantierten
unveräußerlichen Menschenrechte, den Prinzipien 324 Strich: Goethe und die Weltliteratur. Bern: Francke 1946.
der Freiheit und Gleichheit der Menschen, verbun- (Zitate: S. 20). - Es muß dahingestellt bleiben, ob Döblin die
den waren. Dieser >realistische< Ansatz dürfte Döb- Arbeit von Strich (oder eine ihrer Vorarbeiten) gekannt hat.
325 Vgl. Gehring: Amerikanische Literaturpolitik S. 46.
lin bewogen haben, dem Beitrag in seiner Zeitschrift
326 »Auf dem [!] zweirädrigen, mit einem oder zwei Pferden
Raum zu geben und über das Pathos mancher Stelle bespannten Buggies jagten die von den Wahlkomitees ernannten
hinwegzusehen,326 zumal da die Autorin in ihre Redner durch Dickicht und Sumpf bis in den Wilden Westen
historische Erzählung wiederholt Partien direkter und scheuten keine Strapaze, um auch die Hinterwäldler über die
Rede eingeschoben hat, um die Diskussion, das Pro Negerfrage aufzuklären. Der hinterste Hinterwäldler kam mit
Weib und Kind auf seinem Buggie stundenweit gefahren, um den
und Contra der einzelnen Stimmen, als Beispiel Redner aus dem Osten über die Negerfrage zu hören. In zugigen
praktizierter Demokratie und Verständigung dem Scheunen versammelten sie sich dort, oft unter freiem Himmel.
deutschen Leser plastisch vor Augen zu führen. Sie hielten aus bei Gewitter und Platzregen.« (II 6, S. 553).
327 Die literarische Situation S. 40.

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290 Alexandra Birkert

falle. Es ist kennzeichnend für die Generallinie des Übersetzung von Gjuro Ebel Fragmente einer aus
Goldenen Tors, daß Döblin diese grundsätzliche und dem 16. Jahrhundert stammenden kroatischen Tra-
sicherlich manchen Widerspruch provozierende gödie Smrt Ivana Krstitelja (Der Tod des Täufers),
Stellungnahme zur französischen Kulturpolitik in das Gedicht »Abend im Dorf« des tschechischen
Deutschland nicht an zentraler Stelle, im Geleit- Autors Frantisek Halas (1901-1949) und »Verse an
wort, sondern in dieser Rubrik im »Chronik und eine Weide« des Ungarn Bela Babicky neben einer in
Kritik«-Teil der Zeitschrift piaziert hat. Das Goldene Finnland spielenden Liebesgeschichte von Wolf-
Tor sollte gerade nicht den Eindruck vermitteln, in gang Kaempfer mit dem Titel »Die finnische Sirk-
französischen Diensten zu stehen, »eine französi- ka«, der Reiseerzählung von Walter G. Becker »Der
sche Angelegenheit« zu sein, sondern als Publika- kalifornische Traum« und einem »Schweizer Bilder-
tionsorgan von einem deutschen Schriftsteller für bogen« von Karl vom Rath. Wenn Döblin diese
deutsche Autoren gelten. Zusammenstellung im Frühjahr 1948, also zu einem
Die Rubrik »Veranstaltungen und Kundgebun- Zeitpunkt veröffentlichte, als die Sowjetunion
gen« beschränkte sich vor allem auf die Berichter- erfolgreich in Osteuropa (mit Ausnahme von Jugo-
stattung über Kunstausstellungen, die von französi- slawien) den Ausbau der Herrschaft der Kommuni-
scher Seite ausgerichtet wurden.328 Sie ist schon bald stischen Partei abschließen und damit ihren Einfluß
wieder, Anfang 1947, eingestellt worden. Berichtet entscheidend ausdehnen und festigen konnte, so
wurde auch nicht, wie vielversprechend von Döblin läßt dies auf die intendierte politische Funktion
in seiner Rubriken-Einleitung angekündigt, über dieser Heft-Komposition schließen, im geistig-
die Arbeit im »Schul- und Erziehungswesen«. kulturellen Bereich der Demarkationslinie zwi-
Gerade in der Bildungspolitik konnte von einer schen sowjetischem und amerikanischem Macht-
deutsch-französischen Zusammenarbeit kaum die
Rede sein. Die tiefgreifenden Schulreformen, die
sich an französischen Traditionen orientierten (No-
tensystem, Zentralabitur, Simultanschule, Abschaf- 328 Vgl. I 1, S. 9 4 - 1 0 2 ; I 2, S. 2 0 5 / 2 0 6 ; I 3, S. 3 0 5 - 3 0 7 ; II 1,
S. 99/100.
fung des Lateinunterrichts in der Unterstufe des 329 Vgl. Winkeler: Schulpolitik; Ruge-Schatz: Umerziehung
Gymnasiums), stießen auf schärfsten Widerstand und Schulpolitik; dies.: Besatzungsmacht - Kirche - Schul-
von deutscher, insbesondere auch katholischer politik; Hudemann: Französische Besatzungszone S. 238 m.
Seite.329 Vermutlich liegen hier auch die Gründe für Anm. 102.
die Einstellung der Rubrik. 330 Frantz Vossen: Pariser Tagebuchblätter (II 2,S. 184-187).
Reinhold Schneider: Lorettoberg (II 3/4, S. 211-223). Martin
Winkler: Moskau im Wandel der Zeiten (II 3/4, S. 310-324).
Gabriele Tergit: Kleine Stadt in Lancashire [Manchester] (II 3/4,
S. 345-347); dies.: Die Landschaft (II 10, S. 868-876). Christian
3.2.4.3 Vermittlung zwischen Ost und West Roll: Asiatisches Paris [Saigon] (III 5, S. 502-505). Hans Gath-
mann: Erinnerung und Sehnsucht [über französische Landschaf-
Wie bereits angedeutet, sah Döblin einen weiteren ten und Orte] (IV 1, S. 7 7 - 8 2 ) u. a.
effektiven Beitrag zur Völkerverständigung darin, 331 Walter G. Becker: Der kalifornische Traum (III 2,
den deutschen Leser in seiner Literaturzeitschrift S. 142-151). Karl vom Rath: Schweizer Bilderbogen (III 2,
S. 152-157). Luise Heuer: Im Tempel zu Talpa. Eindrücke von
über fremde Länder, Lebens- und Denkweisen zu
einer mexikanischen Wallfahrt (III 4, S. 356-362). Ilse Langner:
informieren, >aufzuklären<: Städte- und Land- Aus .Bambus im Wind«. China-Tagebuch (III 6, S. 6 0 4 - 6 0 9 und
schaftsbeschreibungen,330 Reiseschilderungen,331 III 8, S. 745-755). Norbert Voitländer: Bilder aus der Cyrenai-
kulturkritische Essays und die literarische Gestal-
332 ka (III 7, S. 688-693). Ilse Langner: Japan-Tagebuch (II 5,
tung von Reiseerlebnissen333 sind im Goldenen Tor S. 4 5 4 - 4 6 2 und V 1, S. 3 9 - 4 1 ) u. a. Die »Reiseschilderungen«
sind im Sachregister der Zeitschrift extra ausgewiesen.
häufiger als in mancher anderen Literaturzeitschrift
332 Harold Nicolson: Englischer Cant (II 10, S. 882-887).
dieserJahre anzutreffen, so daß der Eindruck entste- Kurt Kersten: Der Aufstieg der Kreolen (II 11/12, S. 994-997).
hen könnte, Döblin wollte damit das Manko kom- Helmuth Schmolck: Schrift und Schriften der Indianer (III 4,
pensieren, zeitgenössische Autoren des Auslandes S. 338-348). Klara Blum: Der Chinese und die Wirklichkeit
in Textproben vorstellen zu können. Andererseits (III 4, S. 742-744). Helmuth Schmolck: Architektur in Latein-
amerika (V 1, S. 35-39). Paul Westheim: Natur- und Kunstan-
entsprach dies aber auch seinem entschlossen schauung der altmexikanischen Völker (V 4, S. 277-284). Egon
antiästhetischen< Ansatz und dem Modell einer Vietta: Das Gespräch Europa-Amerika (VI 2, S. 8 7 - 9 2 ) u. a.
> Demokratisierung der Literatur^ Anschauliches 333 Wolfgang Kaempfer: Die finnische Sirkka (III 2,
Beispiel ist die Gruppierung unterschiedlichster S. 133-141). Kurt Kersten: Der Schuster von Balata (III 4,
Textgenres im 2. Heft des 3. Jahrganges (III 2, S. 363-366). Siegfried Walter Lenz: Nacht an der Biscaya (III 7,
S. 694-701). A. Suhl: Erste New Yorker Eindrücke (V 3,
S. 115-157): Unter der gemeinsamen Überschrift
S. 195/196). Gustav Schenk: Im Lichtgrund der Sargasso-See
»West-östliche Bilder« veröffentlichte Döblin in der (V 4, S. 2 8 4 - 2 9 0 ) u. a.

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Das Goldene Tor 291

block entgegenzuwirken. Dafür spricht auch die auch die Zeitschrift Universitas vertrete (I 3, S. 304),
Einbeziehung politisch blockfreier oder nicht strin- zu warnen:
gent einzuordnender Länder Jugoslawien, Finn- Man jagt uns jetzt mit dem dunklen W o r t »Abendland«; es
land, Schweiz) in Döblins geographisches Ost- wird politisiert. Ideell, kulturpolitisch wird ein »Westen« gegen
West-Koordinatensystem. 334 Und schließlich bleibt ein »Osten« konstruiert. Da spukt die freche Wertung aus der
zu bemerken, daß das »östliche Bild< nur durch Naziperiode von den minderwertigen »Ostvölkern« nach. Nun
gibt es notorisch riesenhafte Unterschiede unter den »West-
osteuropäische Länder vertreten wird und Döblin
völkern«, - welches ist eigentlich das Modell eines Westvolkes ?
mit der kroatischen Gestaltung eines christlichen W a s macht man für ein Geschrei von der Industrialisierung.
Stoffes auf die gemeinsame christlich-abendländi- W o h e r der H o c h m u t ? Es leben innerhalb der Westvölker noch
sche Tradition Gesamteuropas verweist. Auch Döb- ganze Schichten und Volksteile in einem vorindustriellen
Zustand; in Spanien, Italien, Balkan. U n d was für ein mensch-
lins Aufmerksamkeit für den russischen Schriftstel-
lich hohes Volk sind die Inder, und welche geistige und
ler Dostoevskij, der - wie ein im Goldenen Tor (IV 4, moralische H ö h e bei den Chinesen. Differenzen sind geogra-
S. 307-315) in deutscher Übersetzung erschienener phisch, ethnologisch und historisch bedingt. Oder will man
und von Vladimir Ermilov (1904-1965), einem der über der Betonung der Unterschiede das Eine, Gleiche,
führenden Theoretiker des Sozialistischen Realis- Nichtunterschiedene, den Menschen vergessen? Diese armse-
lige, geschlagene, gefallene, herrliche und erschütternde, ein-
mus, verfaßter Beitrag aus der Literaturnaja Gazeta zigartige Figur: im Osten und Westen, in England und
dokumentieren sollte - »aus der Reihe der bedeu- Rußland und Spanien und Indien überall die gleiche, das eine
tendsten realistischen Traditionen der russischen »Du«, geteilt in Mann und W e i b ! (I 3, S. 3 0 2 / 3 0 3 )
Literatur« (S. 315) ausgeschlossen worden war, sowie
die spezifische Art und Weise, in der Johannes Aufklärung über nationale Differenzen und
R. Becher im Goldenen Tor zur Vorstellung gebracht Aufklärung über das Allgemein-Menschliche mit
wurde, entsprangen einem zentralen Anliegen des dem Ziel, zur gegenseitigen Toleranz zu erziehen,
Herausgebers, das das Gesicht der Zeitschrift ent- diesen Anspruch, von Goethe als höchste Aufgabe
scheidend prägte: dem Eindruck entgegenzutreten einer Weltliteratur339 gesehen, hat Döblin mit seiner
- zumal im Zuge der Trennung von Ost- und Literaturzeitschrift wohl am erfolgreichsten und
Westdeutschland - , das Christentum sei ausschließ- überzeugendsten einlösen können, wie die zitierten
lich Religion der >westlichen< Welt. 335 In diesem Beiträge im Goldenen Tor- quantitativ und qualita-
Zusammenhang wird auch deutlich, warum Döblin tiv bemessen - belegen.
1949, im Jahr des Goethe-Jubiläums und der deut-
schen Teilung, seinen Aufsatz über »Goethe und
Dostojewski« erneut in überarbeiteter Fassung in
seiner Zeitschrift veröffentlicht hat (IV 4, S. 2 7 6 -
282) 336 und darin pointiert Goethes Fremdheit und
Außenseitertum in Europa und Deutschland plausi-
bel zu machen suchte, indem er dessen »Distanz zur 3 3 4 Daß Döblin nach 1 9 4 5 forciert idealistisch-programma-
Erregung und zu den Leidenschaften des europäi- tisch in geographischen Kategorien bei der Ost-West-Diskussion
argumentierte, belegen auch andere Stellen. Vgl. etwa Döblins
schen Alltags« (S. 282) aufzeigte, während er auf Brief an Paul E . H . Lüth v o m 6. 5 . 1 9 4 6 : »Osten und Westen gibt
der anderen Seite auf die Intensität und Dominanz es geographisch, aber nicht für das, was jetzt kulturell ist und gar,
des christlichen Schuld- und Sühnegedankens in was werden soll.« Zit. n. Briefe S. 343. - Vgl. ferner Döblins
Dostoevskijs Schriften verwies (S. 281/282). Antwort auf die Umfrage des »Ulenspiegel«: W a s brauchen wir
aus d e m östlichen und aus dem westlichen Kulturkreis? 0 g . 2
Nr. 7 (April 1947), S. 2).
Vor einer Politisierung des Schlagwortes »Abend-
3 3 5 Vgl. insbes. Döblins K o m m e n t a r e im »Goldenen Tor«
land<, seiner bewußten oder unbewußten Gleichset-
III 8, S. 7 2 4 u . V 5 , S . 391.
zung mit dem >Westen<, hatte Döblin bereits Ende 3 3 6 Die erste Fassung war erschienen in: Ganymed Jg. 3
1946 in seiner Zeitschrift gewarnt und damit vor- ( 1 9 2 1 ) S. 8 2 - 9 3 . - Als dritter Beitrag zu Dostoevskij erschien im
weggenommen, was Alfred Kantorowicz ein halbes gleichen Heft des »Goldenen Tors«, in dem auch die Aufsätze von
Jahr später programmatisch für seine im sowjeti- Döblin und Ermilov abgedruckt sind, eine Arbeit von Elisabeth
(Steil-) Beuerle: Die Dämonen. Dostojewskijs große politische
schen Sektor Berlins herausgegebene kulturpoliti- Karikatur (IV 4, S. 3 1 6 - 3 2 3 ) .
sche Zeitschrift Ost und West in der Einführung im 3 3 7 »Die Anführungszeichen, zwischen die >westlich< und
1. Heft formuliert hat.337 Döblin sah sich durch den >östlich< gesetzt sind, haben keinen polemischen Charakter; eher
Aufsatz von Walter Dirks »Das Abendland und der einen fragenden: wie denn etwa der Begriff »westliche Kultur<
Sozialismus« in den Frankfurter Heften5™ veranlaßt, heute zu definieren wäre? Es ist fraglich geworden, ob wir noch
wie bislang den Begriff der »westlichen Kultur< mit der euro-
vor einem im Ost-West-Konflikt politisch unbe- päischen gleichsetzen dürfen.« 0 g . 1 Η. 1 (Juli 1947), S. 3).
dachten und begrifflich unscharfen Bekenntnis zum 3 3 8 Jg. 1 ( 1 9 4 6 ) H. 3, S. 6 7 - 7 6 .
»abendländischen Geisteserbe<, wie es beispielsweise 3 3 9 Vgl. Strich: Goethe und die Weltliteratur S. 22.

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292 Alexandra Birkert

4 Schlußbetrachtungen

Helmut Heißenbüttel hat in seinem Aufsatz »Bun- kulturpolitische Ausrichtung der Zeitschrift, nun
desdeutsches Zeitschriftenpanorama 1945-1981« wiederum ganz im Gegensatz zu seinen Schriftstel-
Alfred Döblins Monatsschrift für Literatur und lerkollegen in der Mainzer Akademie.
Kunst als einzigartiges »Muster einer möglichen Als Beitrag zur >Demokratisierung< ist auch Döb-
literarischen und politischen Zeitschrift« dem lins Versuch - etwa in seiner Reihe »Revision
anempfohlen, der »in den achtziger Jahren Zeit- literarischer Urteile« - anzusehen, eine Literatur
schriften machen will«1, und dabei insbesondere an >Tradition< werden zu lassen, die in seinen Augen
das >entschiedene<, >bestimmte< Konzept Döblins das Demokratiebewußtsein des deutschen Lesers
erinnert. Beim Blättern in den einzelnen Jahrgängen schulen konnte: Lessing und Heine sind dabei die
der Zeitschrift gewinnt man weit mehr den Ein- durchaus zeitgemäßen Neuorientierungs-Gestal-
druck von einer sprunghaften, ja, in gewisser Weise ten, Arno Holz und Frank Wedekind die typisch
>launigen< Redaktion. Der Versuch, hinter die Kulis- Döblin'schen Exponenten in der literarischen Tra-
sen der Redaktion zu blicken, an Einzelbeispielen ditionspflege des Goldenen Tors, die, wie zu erwar-
Konzeption und Realisation des Zeitschriften- ten, von vorneherein durch Döblins - vermeintliche
inhalts einander gegenüberzustellen, ergab, daß und tatsächliche - Zensorrolle in französischen
Döblin seine eigentlichen Vorstellungen oft nicht Diensten unterlaufen wurde. Nicht zuletzt schei-
gezielt umsetzen konnte, schwankend zumal zwi- terte Döblin in diesem Punkt aber auch am persön-
schen dem Vorsatz, eine »präzise Linie« konsequent lichen Eklat mit Thomas Mann, der dazu beitrug,
zu verfolgen, und dem Anliegen, dem deutschen das ohnehin durch Konversion und französische
Lesernach 1945 eine literarische Bestandsaufnahme Staatsbürgerschaft >angekratzte< Bild des unparteili-
zu vermitteln und jungen Talenten eine Chance ein- chen und kraft seiner literarischen Autorität legiti-
zuräumen. mierten Kulturpolitikers endgültig zu kompromit-
Letzteres verstand Döblin als wesentlichen Bei- tieren.
trag zu einer >Demokratisierung< der Literatur - die Der weithin bekannte Vorwurf, Döblin habe sich
auffallend stark fluktuierende Mitarbeiterschaft des seiner Zeitschrift bedient, um in Deutschland gegen
Goldenen Tors ist durchaus auch in diesem Sinne zu seinen Kontrahenten Thomas Mann Stimmung zu
verstehen. Peter Rühmkorf ist wohl das bekannteste machen, ist im übrigen auch mitverantwortlich
Beispiel eines jungen Autors, der in Döblins Zeit- dafür, daß die ersten und vielversprechenden
schrift ein erstes, durch den Namen des Herausge- Ansätze zur Kontaktaufnahme mit Exilschrift-
bers renommiertes Publikationsorgan gefunden hat. stellern scheiterten, Heinrich Mann ist hier noch
Die meisten ganz jungen Talente hat Döblin aller- einmal als Paradebeispiel zu erinnern.
dings auf dem Gebiet des literaturkritischen Essays Döblins Versuche, die Spaltung der deutschen
>entdeckt<. Hier findet sich eine ganze Reihe von Literatur nach 1933 zu überwinden, wurden zudem
Mitarbeitern, die sich später einen Namen als sehr schnell abgelöst vom Problem der Spaltung der
Literaturkritiker, Publizisten und Wissenschaftler Literatur in eine ost- und westdeutsche. Nach der
gemacht haben. Zentrale kulturpolitische Essays, Währungsreform, die zwar theoretisch die wirt-
die die Diskussion der ersten Nachkriegsjahre präg- schaftliche Grundlage für eine breitangelegte Prä-
ten, wie beispielsweise die Arbeiten von Ernst sentation der Exilliteratur in Deutschland geschaf-
Robert Curtius (»Europäische Literatur und lateini- fen hatte, war auch für Döblin der »Kalte Krieg« von
sches Mittelalter«) oder von Thomas Stearns Eliot größerer Brisanz, rückte die Debatte zwischen soge-
(»Was ist ein Klassiker?«), wurden allerdings in der nannter >innerer< und >äußerer< Emigration in den
französischen Besatzungszone im Merkur vorveröf- Hintergrund.3 Die, wenn auch wenig aussichtsrei-
fentlicht,2 Döblins Zeitschrift galt als ausgespro- chen, wiederholten Anläufe Döblins, mit »ostdeut-
chen >literarisch< orientiert. Der Herausgeber be- schen« Schriftstellerkollegen, namentlich Johannes
mühte sich vorzugsweise um Lyrik und erzählende R. Becher und Arnold Zweig, im Gespräch und
Prosa, kulturpolitische und gesellschaftspolitische
Betrachtungen wurden hintangestellt. Döblin ist
1 Heißenbüttel: Zeitschriftenpanorama S. 43.
mit dieser Fvbnzeption des Goldenen Tors in den 2 Jg. 1 (1947) H. 4, S. 4 8 1 - 4 9 7 (Curtius im Auszug);Jg. 2 (1948)
Jahren 1946 bis 1951 gegen den Strom der Zeit- Η. 1, S. 1 - 2 1 (Eliot).
schriftenwelle geschwommen: erst Anfang der 50er 3 Anschauliches Beispiel ist die Glosse des Redakteurs Her-
Jahre plädierte er bei den Übernahmeverhandlun- bert Wendt »Um die Freiheit des Geistes. (Gedanken über den
zweiten deutschen Schriftstellerkongreß in Frankfurt a. M.)« im
gen mit der Mainzer Akademie für eine stärkere
»Goldenen Tor« (III 6, S. 610-612).

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Das Goldene Tor 293

Austausch zu bleiben, zeigen, daß die zurückge- ratur im Goldenen 7ornährte indessen die folgenrei-
hende Mitarbeit linksorientierter bzw. >links« einge- che Ansicht unter Lesern und Mitarbeitern, Döblins
stufter Exilautoren im Goldenen Tor nicht etwa Zeitschrift sei »eine französische Angelegenheit««.
politisch motiviert war. Wenn sich Hans Werner Richter in seinen jüng-
Mit größter Skepsis stand Döblin der literari- sten Ausführungen zur »Gruppe 47« gegen den
schen Produktion gegenüber, die in den Jahren des Vorwurf verteidigt, er sei mitverantwortlich, »daß
Nationalsozialismus in Deutschland entstanden die emigrierte Literatur keinen Anschluß mehr in
war. Hier sprechen die >Leerstellen< im Goldenen Tor der Bundesrepublik gefunden hätte«,4 indem er
ein deutliches Wort. So sind etwa, bei allem Engage- erstens auf die verständliche Zurückhaltung« der
ment Döblins für den christlichen Weg«, Autoren Emigranten, nach Deutschland zurückzukehren,
des französischen »renouveau catholique« weit häu- zweitens auf das Generationsproblem und drittens
figer in Döblins Zeitschrift anzutreffen als die auf die gruppenspezifische Form der Kritik ver-
christlichen Vertreter der sogenannten >inneren weist, die in dieser Unbefangenheit zwischen
Emigration«, die wiederum ihrerseits manchen Vor- renommierten älteren Emigranten und jungen, völ-
behalt gegenüber einer erneuten Zensur und Be- lig unbekannten Schriftstellern wohl kaum prakti-
vormundung hatten, wie das Beispiel Reinhold zierbar gewesen wäre, so sind damit drei wesentliche
Schneider gezeigt hat. Texte von Rudolf Alexander Aspekte angeschnitten, die den Wiederaufbau eines
Schröder, Jochen Klepper, Werner Bergengruen, literarischen Lebens nach 1945 mitbestimmt haben.
Ernst Wiechert und Gertrud von Le Fort sucht man Erinnert Hans Werner Richter in diesem Zusam-
vergebens in den Seiten des Goldenen Tors. menhang namentlich an die Emigranten Heinrich
Auch der leise kritische Unterton, mit dem und Thomas Mann, an Oskar Maria Graf und
Döblin Hermann Kasacks Würdigung von Oskar Hermann Kesten, läßt er den Namen Alfred Döblin
Loerkes Werk einleitete und der vom zeitgenössi- hingegen völlig außer acht, so ist dies wieder einmal
schen Leser weit sensibler aufgenommen worden mehr ein Beispiel für die Resonanzlosigkeit von
sein dürfte, ist symptomatisch für Döblins prinzi- Döblins kulturpolitischem Engagement in der
pielle Vorbehalte gegenüber den >Daheimgebliebe- Nachkriegszeit: war gerade Döblin doch einer der
nen<. Doch hätte die Zeitschrift auch hier deut- ganz wenigen, nach Westdeutschland zurückkeh-
lichere Akzente gesetzt, wäre es Döblin, um noch- renden Exilautoren, der zudem den Kontakt zur
mals zusammenfassend zwei wichtige Beispiele zu >jungen Generation« suchte und sich darüber hinaus
nennen, geglückt, Elisabeth Langgässers Mitarbeit in seiner Zeitschrift für eine »Revision literarischer
zu gewinnen oder aber, wie ebenfalls beabsichtigt, Urteile« einsetzte.
Ricarda Huchs Studien zum deutschen Widerstand Als schwere Hypothek für die Redaktion ent-
auszugsweise zu veröffentlichen. Gerade in diesem puppt sich ohne Zweifel Döblins Anstellung im
Punkt wird noch einmal der enge Zusammenhang Dienst der französischen Besatzungsmacht. Eine
von Rahmenbedingungen, Zielsetzung und Ent- Zusammenarbeit mit den Alliierten hat Hans Wer-
wicklung der Zeitschrift besonders deutlich. So ner Richter, der im Dritten Reich, als deutscher
mancher wichtige Programmpunkt war für Döblin Soldat und als Kriegsgefangener in Amerika ganz
nicht realisierbar, das Gesicht der Zeitschrift war andere Erfahrungen mit dem »diktatorischen Appa-
durchaus nicht immer von den Grundzügen rat« Hitlers und »der amerikanischen militärischen
geprägt, die Döblin angestrebt hatte, was sich Lagerverwaltung«5 mit nach Deutschland brachte
wiederum auch auf die Bereitschaft zur Mitarbeit an als der Emigrant und französische Staatsbürger
Döblins Zeitschrift ausgewirkt hat. Döblin, strikt abgelehnt, wie unter anderem die
Die Präsentation ausländischer Literatur, bei der Geschichte der Zeitschrift Der ^«/veranschaulicht.
Döblin nach Möglichkeit über den europäisch- > Bevormundung« und Zensur, von Döblin für not-
abendländischen Horizont hinausgegriffen hat, ist wendig erachtet und praktiziert, oder aber der
im großen und ganzen geglückt, wenn sich auch hier Nürnberger Prozeß, von Döblin als Lehrbeispiel
empfindliche Lücken und Mißerfolge nachweisen kommentiert, gegen beides hat Hans Werner Rich-
lassen. So bemühte sich Döblin, um nur einen ter wiederholt opponiert. 6 Döblins Bereitschaft, mit
wichtigen Aspekt nochmals aufzugreifen, nahezu
vergebens um die Vorstellung zeitgenössischer
sowjetischer Literatur, worin er einen wesentlichen 4 Richter: Im Etablissement der Schmetterlinge S. 282.
Beitrag zur Völkerverständigung und Vermittlung 5 Richter: Wie entstand und was war die Gruppe 47?
S. 45/46.
zwischen Ost und West gesehen hätte. Das erwar-
6 Vgl. Richter: Wie entstand und was war die Gruppe 47?
tungsgemäß große Ubergewicht französischer Lite- S. 46, S. 65/66 u. a.

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294 Alexandra Birkert

der französischen Besatzungsbehörde zusammen- Es bleibt schließlich ein reizvolles Gedankenspiel


zuarbeiten, mag nicht nur ihre Gründe in der sich vorzustellen, Döblin hätte das Goldene Tor im
persönlichen Situation des Schriftstellers gehabt Berlin der ersten Nachkriegsjahre herausgeben kön-
haben, dem mit der Anstellung die Rückkehr nach nen. »Wir werden nicht aufhören, ihn zu rufen«,
Deutschland möglich wurde und für den diese das schrieb Wolfgang Weyrauch im Oktober 1946
Ende einer jahrelangen finanziellen Abhängigkeit in seinem »Berliner Brief« im Goldenen Tor (II 2,
und Misere bedeutete. Von ganz entscheidender S. 200) - nicht ohne leisen Vorwurf an die Adresse
Bedeutung für Döblins kulturpolitisches Engage- des in Baden-Baden verweilenden Autors. Vermut-
ment in französischen Diensten dürfte auch die lich wäre Döblin in Berlin, ähnlich wie Alfred
Konzeption von der >Symbiose< zwischen Staat und Kantorowicz, die Kontaktaufnahme und Verbin-
Schriftsteller gewesen sein, die er in der Weima- dung mit Schriftstellern in »Ost und West« leich-
rer Republik entwickelt hatte und für die er nun, ter gefallen. Vermutlich wären hier aber auch, in
beim >Neuanfang< (wie er es sah), eine zweite Döblins alter >Metropole<, die weltanschaulich-
Realisierungschance erhoffte. Soweit eine erste, religiöse Entwicklung des Autors von Berlin
notgedrungen lückenhafte Einsichtnahme der Col- Alexanderplatz, seine Konversion zum Christen-
marer Akten Schlüsse zuläßt, bleibt festzuhalten, tum katholischer Konfession, insbesondere aber
daß der Chef der französischen Kulturbehörde, seine wirkliche und vermeintliche Stellung als >Kul-
Raymond Schmittlein, wie auch seine Stellvertrete- turberater< in französischen Diensten nicht so ekla-
rin Irene Giron, Döblin zunächst einen verhältnis- tant sichtbar und damit ausschlaggebend für die
mäßig großen Handlungsspielraum eingeräumt Rezeption des Autors und Herausgebers im Nach-
haben, der allerdings in der Bürokratie der Baden- kriegsdeutschland geworden wie in der > Metropole«
Badener Behörde untergegangen ist, dem durch die der französischen Militärregierung in Deutschland.
Arbeitsüberlastung Döblins verhältnismäßig enge Ob es in diesem Fall zu Döblins >zweiter Emigra-
Grenzen gesetzt waren und der - mehr als von tion« nach Frankreich im Jahr 1953, von Wolfgang
Döblin und Schmittlein erwartet - auf deutscher Weyrauch in seinem Aufsatz »Verraten und ver-
Seite auf Widerstände und den Vorwurf der Kolla- kauft« einfühlsam analysiert und beschrieben,7
boration gestoßen ist. gekommen wäre?

5 Anhang

5.1 Tabellen und Diagramme


Anzahl der Beiträge im Hauptteil nach Anzahl der Beiträge im Hauptteil nach
Autorengruppen (ohne Döblins Beiträge) Gattungen (ohne Döblins Beiträge)
Auslands- Tradition Exil- Literatur insg. Lyrik erzäh- Dramatik Betrach- insg.
literatur literatur aus (inkl. lende tungen
Deutsch- Prosa- Prosa
land gedicht)

1946 9 (28%) 1 (3%) 5 (16%) 17 ( 5 3 % ) 32 1946 9 (28%) 8 (25%) - 15 ( 4 7 % ) 32


1947 33 ( 2 3 % ) 4 (3%) 25 ( 1 7 % ) 81 ( 5 7 % ) 143 1947 40 (28%) 23 ( 1 6 % ) 1 (1%) 79 ( 5 5 % ) 143
1948 28 ( 2 5 % ) 2 (2%) 19(17%) 62 ( 5 6 % ) 111 1948 21 ( 1 9 % ) 29 (26%) 2 (2%) 59 (53%) 111
1949 25 ( 3 2 % ) 5 (6%) 11 ( 1 4 % ) 36 (47%) 77 1949 17 ( 2 2 % ) 22 ( 2 9 % ) 2 (3%) 36 (46%) 77
1950 29 ( 3 2 % ) 3 (3%) 12 ( 1 3 % ) 48 (52%) 92 1950 16 ( 1 7 % ) 27 ( 2 9 % ) 1 (1%) 48 (52%) 92
1951 12 ( 3 8 % ) 1 (3%) 1 ( 3%) 18 (56%) 32 1951 8 (25%) 7 (22%) 1 (3%) 16 (50%) 32
insg. 136 ( 2 8 % ) 16 (3%) 73 ( 1 5 % ) 2 6 2 (54%) 487 insg. 111(23%) 116(24%) 7(1%) 253 (52%) 487

7 In: Tribüne Jg. 11 (1972), S. 4 6 9 3 - 4 7 0 2 .

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Das Goldene Tor 295

5.2 Quellentexte zum Goldenen Tor


Alfred Döblin: Handschriftlicher Antrag auf Druckgenehmigung für die Zeitschrift Das Goldene Tor bei der »Direction de
l'Information« vom 5. Juni 1946."

Commandement en Chef F r a n c i s en Allemagne. Gouverne-


ment Militaire de la Zone Franjaise d'Occupation. Direction
Generale des Affaires Administratives. Direction de l'Informa-
tion. Formule N° 4 [zweisprachig]: Renseignements desires sur
chaque Auteur presentant une Demande d'Edition:

a) Nom et prenom Doeblin, Alfred


b) Lieu et date de naissance Stettin, 10 aout 1878
c) Nature des etudes medecine, philosophie; - Docteur en med.
d) Adresse actuelle Baden-Baden, Römerplatz 2
e) Professions successives Ecrivain, medecin.
f) Adhesion ou opposition au Parti (192..-1940) Emigre d'AUemagne fevrier 1933, en France jusqu'en 1940 -
pendant la guerre 1939/40 appartenait au ministere de l'Informa-
tion, Paris. A partir de 1940-1945 en Amerique (Los Angeles).
g) Activites civiles ou militaires (1940-1945) Ecrivain libre, sans attaches politiques.
h) Activites litteraires, scientifiques, artistiques, ou culturelles A ecrit une trentaine de livres: romans, drames, essais philoso-
dans le passe ou le present phiques, des critiques etc.
L'activite litteraire commencait 1905, - le travail continue, tous
les livres en langue allemande. L'auteur etait membre de
l'Academie d'Etat des beaux-arts (Poesie) jusqu'a 1933

i) Productions anterieures dans ces domaines (ouvrages ou


travaux)
j) Nature du manuscrit presente. But propose. Une Revue litteraire intitulee Das Goldene Tor en langue
Tendance generale allemande, ayant pour but au moyen d'oeuvres poetiques, artisti-
ques et d'articles litteraires, philosophiques et critiques, de
k) Analyse succincte propager les bonnes et vieilles idees de la solidarite des peuples, de
l'humanite et de la pensee libre (idees toujours surprenants pour
l'Allemagne) et de presenter les productions actuelles de la
litterature en Allemagne et a l'exterieur. La Revue donne des
parties de romans (de preference d'auteurs contemporains) des
vers, des essais esthetiques, philosophiques et historiques.
1) Tirage demande. Editeur propose 10-15 000; - Editeur Dreecken (Schauenburg) Lahr im Schwarz-
wild],
m) Ouvrages en cours ou en preparation
Date: 5 juin 1946
Signature: Alfred Doeblin

Orthographie und Zeichensetzung wurden nur berichtigt, wenn sie in der zweiten, nur leicht abweichenden handschriftlichen
Fassung Döblins ebenfalls korrigiert waren.

Rfaymond] S[chmittlein:] Chaque numero mensuel comprendra 110 a 120 imprimes:


extraits de romans, de nouvelles, essais philosophiques, articles
NOTE sur l'art, pointure, musique, poesie, litterature, critiques,
POUR recensions de litteratures etrangeres par des auteurs vivants de
Monsieur le Directeur de l'INFORMATION langue allemande.
28. 5. 1946 La premier numero commencera par un article sur LESSING,
(1 Bl. Durchschi. m. hs. Zusatz) invitation au realisme, a la critique, au courage, ä l'humanite.
Les articles artistiques seront illustres de reproductions en
Objet: Revue Das Goldene Tor deux couleurs.
L'intention des auteurs est de creer une revue litteraire serieuse Les contributions litteraires et artistiques doivent avoir pour
du genre de l'ancienne Neue Rundschau ou de la Nouvelle Revue but d'ouvrir de nouveau les frontieres qui ont ete fermees pendant
Franfaise. II n'existe rien d'analogue dans la zone franjaise l'epoque nazie et de laisser penetrer dans ces pays l'esprit des pays
d'occupation jusqu'a present. etrangers. C'est pourquoi tout en donnant une part preponde-
Cette revue restera dans la ligne de la solidarite des peuples et rante a la litterature de langue allemande, il est prevu de faire
de la liberte spirituelle, a Poppose done des tendances nationales- figurer dans chaque numero quelques extraits d'auteurs etrangers
socialistes. traduits.

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296 Alexandra Birkert

Le nom de la revue doit etre: DAS G O L D E N E TOR, N° 1178/L (2 Bl. Hs.) über:
Monatsschrift für Literatur und Kunst. Guy de Maupassant: Die Erbschaft.
Baden-Baden: Bühler
Le Directeur de l'EDUCATION PUBLIQUE Auflage: 20 000
signe SCHMITTLEIN
Bureau des lettres 9. IV [1946]

Eine der blendend geschriebenen Ministeriumsnovellen Mau-


passants; von dem Beamten, der schlecht avanciert, weil er
5.3 Fünf Zensurgutachten Alfred Döblins begütert ist bezw. dafür gilt, heiratet, in den Besitz einer
N° 874 (1 Bl. Hs.) über: bedingten großen Erbschaft, - sie gilt erst, wenn er innerhalb 3
Friedrich v. Schiller: Gedichte. Jahre in seiner Ehe ein Kind hat, - was bekannt wird, - ihm als er
Hrsg. v. [Wilhelm] Dreecken die Bedingung bisher nicht erfüllt, Spott einträgt, Duell, das
[Lahr:] Schauenburg abgeblasen wird, Empörung der unfruchtbaren Dame, ihre
Auflage: 5 000 oder 10 000 Bekanntschaft mit dem Duellgegner, etc. - zum Schluß die Taufe
und das Glück des Hahnreis.
[Vorderseite:] Man könnte sagen: Geschichten wie diese vermehren und
stärken die deutsche Auffassung von der »französischen Frivoli-
Kurze, wenig bedeutende Einleitung zu den Gedichten; eine tät«. Man wird aber erstens nicht massenhaft solche Lektüre
kurze Biographie wäre besser gewesen. haben, zweitens nicht Maupassant dem gebildeten Leser vorent-
halten wollen.
[Rückseite:]

26.1. [?] 46
N° 1706/L (2 Bl. Hs.) über:
Gute Sammlung der Gedichte Schillers, die uns auch wieder die Bucht der Stille'
unbekannteren (ζ. B. .Der Venuswagen«) vor Augen führt. Es ist Zeitschrift.
nützlich, in dem ideell verlotterten Deutschland den 200%igen Redakteur: L[udwig] E[manuel] Reindl
Idealisten und Humanisten Schiller zu propagieren. (Man sollte Konstanz: Südverlag
daran denken, die Klassiker sehr vorsichtig im Schulunterricht Erscheinungsweise: par mois
durchzunehmen, damit sie nicht nach der Schulzeit einfach Auflage: 50 000
ad acta gelegt werden und ihre Wirkungsmöglichkeit auf die
Bureau des lettres 4 VII 46
Erwachsenen einbüßen, - wie es der Fall in Deutschland war;
besonders bei Schiller). - Die Einleitung, sachlich, analysierend,
Die Zeitschrift will »Stille Literatur« bringen. Man muß in diesem
unterstreicht den rhetorischen, dramatischen und ethischen
Lande sehr darauf achten, was »stille Literatur« will und bedeutet.
Charakter der Gedichte. - Gute und nützliche Sammlung.
Sehr viel »stille« Autoren erwiesen sich als bestimmt nicht
Antinazi; auch Herr Carossa, der in der Mitarbeiterliste hier
genanntwird,gehörtdazu;er erhielt 1938einen Goethepreis. Die
N° 910/L (2 Bl. Hs.) über:
ganze ausgewählte Mitarbeitermannschaft ist »heimatgebun-
Lyrische Gedichte.
den«, Landschaftsdichter, denen man zwar keine laute[?] Zustim-
(Lesewerk für Jugend)
mung zu Hitler vorwerfen kann, (bei manchen steht sogar die
Hrsg.: F. J. Niemann passive Nichtbeteiligung fest), aber sie bildet kein progressives,
Freiburg: Bielefeld Verlag etwa demokratisches und uns freundlich zustimmendes Ele-
Auflage: 30 300 ment. Die Stücke der 1. Nummer sind vorsichtig ausgesucht;
Preis: RM 0,50 man hält sich scheinbar völlig an die »Stille«, die »das Wesen der
reifen Dinge« sei. Man druckt »Trostgedichte« (19) (also man
Sammelbericht für»Lyrische Gedichte» von Heine, Goethe, Eichen-
trauert, man bejammert etwas); man weist in alten Aphorismen
dorf [!], Morgenstern, Kf.J F/.J Meyer
darauf hin, daß: »Milde mehr erreicht als die Heftigkeit», »Verbote
wirken nichts« etc, »Die Gerechtigkeit besitzt nicht halb so viel
Eine vorzügliche Idee die besten Gedichte der großen Lyriker
Macht als die Milde«. (Eine Seite vor 47 ist ausgerissen)
(d. h. Goethe, Heine, Eichendorff) so handlich und billig als
Lesehefte*) für die Jugend zu drucken; es ist sicher, daß sich auch Sofern [?] eine solche scheinbar rein besinnliche und unter-
viele Erwachsene in den Besitz solcher Hefte setzen werden. Aber haltende Zeitschrift, die hinter ihrer Besinnlichkeit eine ganz
man muß fragen: warum neben diese 3 wirklichen Lyriker nun bestimmte Attitüde verbirgt, genehmigt [wird], wäre sie [!] zu
Christian Morgenstern (der einzigartig in den bekannten surrea- beachten daß man sie dauernd gut beobachtet.
listischen Grotesken ist), und K. F. Meyer, den ausgezeichneten
Schweizer Erzähler von Jörg Jenatsch etc setzen? Und zweitens: * Die Zeitschrift erschien ab Januar 1947 unter dem Titel
warum nicht Mörike und Uhland oder Novalis, Hölderlin? Aber Die Erzählung. Zeitschrift für Freunde guter Literatur, hrsg. v.
vielleicht steht die Sammlung erst im Beginn!
Ludwig Emanuel Reindl, Konstanz: Südverlag.
Die Auswahl ist geschmackvoll, obwohl der Kenner sowohl bei
Goethe wie bei Heine manche Perlen vermissen wird. Die
Einleitungen sind nur eine knappe Seite lang, geben ein vages,
N° 1707/L (2 Bl. Hs.) über:
aber leidlich richtiges Lebensbild des Autors.
Pandora. Deutsche Beiträge zum geistigen
23. II 46 Bestand'
Zeitschrift.
*) Korrigiert aus: »so handlich in billigen Ausgaben« (wobei das Redakteur: G[erhard] F. Hering
Wort »Ausgaben« versehentlich nicht gestrichen wurde). Konstanz: Südverlag

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Das Goldene Tor 297

Erscheinungsweise: zweimonatlich gewiß nicht in Gedanken an Hitler, sondern an die »Okkupan-


Auflage: 10 000 ten«. Gut ein Artikel von Jaspers über den Angriff der Nazis auf
die Wissenschaft; das Beste im Heft von Karl T[h]ylmann: Briefe
Bureau des lettres 4 VII 46 1914/16, ein Maler, der 1916 nach einer Verwundung starb; eine
Studie über Bachs Klavierspiel. - Die Zeitschrift will »das Giltige
Der [!] Mitarbeiter-team, den die erste Nummer vorstellt, ist, wie aller Zeiten sichtbar machen«; sie wird es mit einer bestimmten
ein Blick zeigt, politisch rechtsgerichtet; man hat ein Compli- Linie, in einer charakteristischen Auswahl tun; sie wird die Hefte
ment für die Juden zur Hand in Gestalt eines Kafkabeitrags, eines um ein hier noch nicht deutliches Zentrum herumkomponieren,
Aufsatzes von Ricarda Huch »über die Juden«, auch Börne - es gilt für Pandora dasselbe wie für Bucht der Stille: die Sache ist
kommt zu Worte (über Jean Paul); also man weist sich aus. Dann geschmackvoll, gewählt, oberflächlich gesehen harmlos, aber
Walter v. d. Vogelweide, Hölderlin (ein hymnisch ekstatisches noch zu beobachten; eine konservative aristokratische Haltung;
Stück aus dem Hyperion), Eichendorf[!]. Interessant daß man schade, daß die Republikaner und Demokraten im Lande nicht
Kants Ewigen Frieden bespricht, sein Programm »pacifistisch« ähnlich vorgehen. -
nennt; man weist auf die Sätze hin, in denen er Politik und Moral
konfrontiert: »Das Recht der Menschen muß heilig gehalten * Die Zeitschrift erschien ab April 1947 unter dem Titel Vision.
werden«, (und »republikanisch ist nicht demokratisch«), solche Beiträge zum geistigen Bestand, hrsg. v. Gerhard F. Hering und
Unterscheidung liest der Gebildete von heute in Deutschland Paul Wiegler, Konstanz: Südverlag.

5.4 Alphabetisches Verzeichnis der Autoren


und Übersetzer des Goldenen Tors

Erläuterungen:
Τ Autor der literarischen
Α ausländischer Autor Tradition« ohne Klammer Beitrag im Hauptteil
Ε Exilautor ( ) Beitrag im »Chronik und Übersetzer / Übersetzung
I Autor in Deutschland Kritik-Teil ein Beitrag

19 46 1947 1948 1949 1950 1951


Adolph, Rudolf (1900-1984) I X
Alarcon y Ariza,
Pedro Antonio de (1833-1891) A X
Alegiani, Adriano Conte [A] [2X]
Alker, Ernst (1895-1972) (Ε) (χ)
Alvaro, Corrado (1895-1956) A X
Amersdorffer, Alexander (1875-1947?) Τ X
Andertann, Hedwig (geb. 1911) [I] [2X]
Angelloz, Joseph-Fran^ois A X
Apollonio, Mario (1901-1971) A X
Aragon, Louis (1897-1982) A X
Babicky, Bela A X
Bahne, Siegfried (geb. 1928) I X
Baldus, Alexander [I] [x]
Banfe, Bruno I X
Basan, Walter (geb. 1920) I X
Baudelaire, Charles (1821-1867) A X X
Baur, Joseph (1901-1984) (I) (3x) (llx) (5x)
Beaurepaire, Ε A X
Becher, Johannes R. (1891-1958) Ε X X
Becker, Walter G. (1905-1985) I X
Bedregal de Conitzer, Yolanda (geb. 1916) A X
Beguin, Albert (1901-1957) A X
Belke, Helmut (I) (2X)
Beradt, Martin (1881-1949) Ε X
Berendt, Joachim-Ernst (geb. 1922) I 3χ
(x)
Bertrand, Aloysius (1807-1841) A X X
Bertsch, Gertrud (geb. 1905) [I] [3x] [2X]
j X 2X
Betzner, Anton (1895-1976) X
(2X) (X) (x) (χ)
I X X
Beuerle, Elisabeth Steil-
(2X) [x]
Beuss, Herta I X
Birnbaum, Charlotte (1900-1981) [I] [2X]

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298 Alexandra Birkert

1946 1947 1948 1949 1950 1951


Birnbaum, Uriel ( 1 8 9 4 - 1 9 5 6 ) Ε X
Bland, Gur [Pseud.] s. Erne, Nino
Blok, Alexander (1880-1921) A X
Blümner, Rudolf (1873-1945) Τ X
Blum, Klara ( 1 9 0 4 - 1 9 7 1 ) Ε 2X
X
Bodeck, Hermann (1893-1966) I [2X]
[7x]
Bo Djü-J (8./9. JH.) A X
Boeck, Wilhelm (geb. 1908) I X X χ X
Böschenstein, Bernhard (geb. 1931) [A] [2X]
Boppel, Karl I X
Bordiert, Wolfgang (1921-1947) I X
Braspart, Michel (A) (χ)
Braun, Hanns (1893-1966) I X X X
Brecht, Bertolt (1898-1956) Ε X X
Brinkmann, Donald (geb. 1909) A X
Brjusov, Valerij (1873-1924) A X
Brock, Erich (1889-1983?) A X
Broemser, Hans (1909-?) I 3χ [x]
Bühner, Karl Hans ( 1 9 0 4 - 1 9 7 8 ) I X
Bukofzer, Werner ( 1 9 0 3 - 1 9 8 5 ) [E] [x] [x]
X
Cahn, Alfredo (1902-1975) A (χ)
[x]
Calderon de la Barca, Pedro ( 1 6 0 0 - 1 6 8 1 ) A X
Cardarelli, Vincenzo (1887-1959) A X
Cassou, Jean (geb. 1897) A X X
Castelli, Enrico (geb. 1900) A X
Cavelti, Leo A X
Cayrol.Jean (geb. 1910) A X
Charasson, Henriette A X
Chesterton, Gilbert Keith ( 1 8 7 4 - 1 9 3 6 ) A X
Claudel, Paul ( 1 8 6 8 - 1 9 5 5 ) A X X
Cocteau, Jean ( 1 8 8 9 - 1 9 6 3 ) A X X X
Cohen, Gustave (1879-1958) A X
Coler, Christian I X
Colleville, Maurice (geb. 1894) A X
Conitzer, Gert (geb. 1910) [E] [x]
Cordan, Wolfgang ( 1 9 0 9 - 1 9 6 6 ) Ε X
Cramer, Heinz von (geb. 1924) I X

Däubler, Theodor (1876-1934) Τ X


Damian, Erwin (geb. 1912) I 3χ
Desbordes-Valmore, Marceline (1786-1859) A X
Diepgen, Paul Robert ( 1 8 7 8 - 1 9 6 6 ) (I) (χ)
Dietrich, Rudolf Adrian ( 1 8 9 4 - 1 9 6 9 ) I X
3χ 6 χ X 3χ
Döblin, Alfred ( 1 8 7 8 - 1 9 5 7 ) Ε (X) (2X)
(5x) (2X) (2X) (5x)
Dollinger, Margaret (1916-?) I X
Dovski, Lee van [Pseud.]
s. Lewandowski, Herbert
Draws-Tychsen, Hellmut (1904-1973) [(I)] [X]
[x] [x]
(χ)
Drews, Wolfgang ( 1 9 0 3 - 1 9 7 5 ) (I) (2X)
Drzic, Marin ( 1 5 0 8 - 1 5 6 7 ) A X
Dschami ( 1 4 1 4 - 1 4 9 2 ) A X
Du Bos, Charles ( 1 8 8 2 - 1 9 3 9 ) A X
Du FaurPibrac, Guy ( 1 5 2 9 - 1 5 8 4 ) A X
Dungern, Eleonore von (?-1966) I X
Duun,01av ( 1 8 7 6 - 1 9 3 9 ) A χ

Eastman, Max Forrester ( 1 8 8 3 - 1 9 6 9 ) A X


X
Ebel, Gjuro A
[x]
Ebel, Lilo I X
Eberhardt, Carl Johannes I X X

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Das Goldene Tor 299

1946 1947 1948 1949 1950 1951


Eckardt, Andre (1884-1974) (I) (x)
X
Eckardt-Skalberg, Elfriede ( 1 8 8 4 - 1 9 6 4 ) I [x]
IfxlJ
Eckert, Christian ( 1 8 7 4 - 1 9 5 2 ) I X
Edward, Georg (1869-1969) I X
Ege, Friedrich ( 1 8 9 9 - 1 9 7 2 ) [E] [x] [x]
Ehrenstein, Albert ( 1 8 8 6 - 1 9 5 0 ) [(E)] [x] [2x]
(x)
V/
Eidens, Friedel I X
Eidlitz, Walther ( 1 8 9 2 - 1 9 7 6 ) Ε X
Eliot, Thomas Stearns ( 1 8 8 8 - 1 9 6 5 ) A 2X
Elster, Hanns Martin ( 1 8 8 8 - 1 9 8 3 ) [I] [χ]
Emge, Carl August ( 1 8 8 6 - 1 9 7 0 ) I X
Emmaval (I) (2x)
Endler, Alfred (1897-?) I χ
Ermilov, Vladimir V. ( 1 9 0 4 - 1 9 6 5 ) A X
X
Erne, Nino (geb. 1921) I X [χ]
(2X)
Esenin, Sergej A. ( 1 8 9 5 - 1 9 2 5 ) A X
Eyvind, Till [Pseud.]
s. Lohmeyer, Wolfgang
Farrere, Claude (1876-1957) A X
Feger, Otto (1905-1968) I X
Fehrbrügge, Michael I X
Fehse, Willi Richard ( 1 9 0 6 - 1 9 7 7 ) I X
Feuchtwanger, Lion ( 1 8 8 4 - 1 9 5 8 ) Ε X
Fischer, Georg Alexander [I] [X]
Flake, Otto ( 1 8 8 2 - 1 9 6 3 ) I X
Focke, Alfred (1916-1982) I X
Franjois-Poncet, Andre ( 1 8 8 7 - 1 9 7 8 ) (A) (χ)
Frank, Josef ( 1 8 8 9 - 1 9 8 1 ) I X (x)
Franz, I. Karin I 2X X X
Fried, Erich ( 1 9 2 1 - 1 9 8 8 ) Ε X (χ)
Friedlaender, Salomo ( 1 8 7 1 - 1 9 4 6 ) (Ε) (X) (x)
Fromm, Hans (geb. 1919) [I] [x]
Frost, Robert ( 1 8 7 4 - 1 9 6 3 ) A X
Fuchs, Albert ( 1 8 9 6 - 1 9 8 3 ) A 2X
Fuhrmann, Ernst ( 1 8 8 7 - 1 9 5 6 ) (E) (2X)
Furreg, Herbert ( 1 8 9 7 - 1 9 5 8 ) [I] [X]
Fuss, Karl ( 1 8 9 3 - 1 9 6 2 ) I X X
Gabel, Richard ( 1 9 0 3 - 1 9 6 4 ) I X
Gathmann, Hans (1895-?) I X X
George, Stefan ( 1 8 6 8 - 1 9 3 3 ) τ X
Gerhard, Karl I
X
[2X]
Gerlach, Richard (1899-1973) I X X
Gheon, Henri ( 1 8 7 5 - 1 9 4 4 ) A X
Gide, Andre ( 1 8 6 9 - 1 9 5 1 ) A X X
Gnuva, Paul (I) (x)
Goethe, Johann Wolfgang von ( 1 7 4 9 - 1 8 3 2 ) Τ X
Göll, Claire (1891-1977) Ε X
Göll, Iwan ( 1 8 9 1 - 1 9 5 0 ) Ε X X X
Gollong, Heinz (1906-?) (I) (3x)
Gradaus, Hans [I] [2 X ]
Graf, Oskar Maria ( 1 8 9 4 - 1 9 6 7 ) Ε X
Grente A X
Grieger, Friedrich I X
Griesbeck, Ernst I X
Grivannes, Marcelle [A] [X]
Groddeck, Wolfram ( 1 8 9 9 - 1 9 7 9 ) I X
Grosse, Helmut (geb. 1917) I X
Grosswendt, Elisabeth I X

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300 Alexandra Birkert

1946 1947 1948 1949 1950 1951

Grothe, Wolfgang (geb. 1924) 2Χ


I (2 χ ) (2 χ )
( χ )/
V
Grothendieck, Hanka I χ
Grund, Hartmut (1917-?) I χ
Gstettner, Hans (1905-?) I χ
Günther, Herbert (1906-1978) I χ χ
Günther,Johannes von (1886-1973) [I] [2Χ] [χ]
Guerin, Maurice de (1810-1839) A χ
Guesmer, Carl (geb. 1929) I χ χ
Guggenmos, Josef (geb. 1922) I χ χ
Gurlitt, Wilibald (1889-1963) I χ
Halas, Frantisek (1901-1949) A χ
Han Yü (768-824) A X
Haringer, Jakob (1898-1948) Ε 2Χ
Hasler, Gerhard (geb. 1930) I Χ χ
2X
Hausenstein, Wilhelm (1882-1957) I
I χJ ι
Γ
Heftrich, Eckhard H. (geb. 1928) I χ

Helling, Anton Servais I [χ]
(2 Χ )
Helwig, Werner (1905-1985) Ε χ χ
Hennecke, Hans (1897-1977) [I] [χ]
Hensel, Georg (geb. 1923) I χ
Hering, Gerhard Friedrich (1908-?) I χ
Hermlin, Stephan (geb. 1915) Ε 2Χ
Herrlinger, Robert (geb. 1914) I χ
Herrmann, Hilde I χ
Herrmann-Neiße, Max (1886-1941) Τ 2Χ
Heuer, Luise (1897-?) Ε χ
χ
Hiemer, Wilhelm Theodor (1906-?) I
( χ )/
V
Hinzelmann, Hans-Heinz (1889-1970) I χ
Hirschfeld, Kurt (1902-1964) Ε χ (χ)
χ
Hirth, Friedrich (1878-1952) Ε χ 2Χ 2Χ (χ)
(2 Χ)
Holz, Arno (1863-1929) Τ 2Χ χ Χ
Holz, Hans Heinz (geb. 1927) I 2Χ
Huch, Ricarda (1864-1947) I χ
Hübscher, Arthur (1897-1985) I χ
Hund, Heinz (geb. 1919) I χ
Irtenkauf, Wolfgang (geb. 1928) I χ
Ivanov, Vjaceslav I. (1866-1949) A χ
Jacob, Max (1876-1944) A χ
Jaeger, Hans (1899-1975) (E) (Χ)
Jahn, Janheinz (1918-1973) [I] [2X]
Jahnn, Hans Henny (1894-1959) Ε χ χ
Jeffers, Robinson (1887-1962) A χ
Jessenin, Sergej A. s. Esenin, Sergej A.
Jobst, Franz I Χ
Johann, Ernst (1909-1980) (I) (Χ)
Johannet, Rene A Χ
Jordan, Pascual (1902-1980) I 2Χ
Kaempfer, Wolfgang (geb. 1923) I χ
Kaiser, Georg (1878-1945) Ε 2Χ
Kamenskij, Vasilij V. (1884-1961) A χ
Karl, Franz Ε χ
Kasack, Hermann (1896-1966) I χ
Keats,John (1795-1821) A χ
Kemp, Friedhelm (geb. 1915) [I] [2 Χ] [2 Χ] [Χ] [χ]
χ
Kersten, Kurt (1891-1962) Ε χ (Χ)
( χ )/
\
Kessel, Martin (geb. 1901) I Χ
Kesten, Hermann (geb. 1900) Ε χ

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Das Goldene Tor 301

1946 1947 1948 1949 1950 1951


Küchler, Walter (1908-1969) [I] [x] [2X]
Kipling, Rudyard (1865-1936) A X
Kleeborn, Hermen von (geb. 1908) [I]

X
Kleitsch, Franz (geb. 1916) (I) (x)
Knöller, Fritz (1898-1969)
I
Köhler, Willibald (1886-1976)

X X X X
I
Kolb, Annette (1870-1967) X X
Ε

X
Korolenko, Vladimir G. (1853-1921)
A
Koskenniemi, Veikko Antero (1885-1962)

X
A
Kreuder, Ernst (1903-1972) 2X

X
I
Krolow, Karl (geb. 1915) X
I
X
Krüger, Horst (geb. 1919) I
(χ)
Kruse-Aust, Mischka I

X
Kuehne, Karl Ε. H. (geb. 1922) I X
Kuhlmann, Eberhard (geb. 1904) I X
Kutscher, Arthur (1878-1960) I 2X
Lambeck, Alfred I X
Lamberg, Philibert H.
s. Schmidt-Lamberg, Herbert
Landau, Edwin Maria (geb. 1904) Ε 2X
Langner, Ilse (1899-1987) I X 2X X
Lao-Dsi A X
Lasker-Schüler, Else (1869-1945) Ε X
Lechter, Melchior (1865-1937) I X
Lecomte, Georges Charles (1867-1958) A X
Lehmann, Wilhelm (1882-1968) I 2X
Lenz, Siegfried Walter (1911-1963) I X
Leonhard, Rudolf (1889-1953) Ε X
Lessing, Gotthold Ephraim (1729-1781) Τ X
Letsch, Maximilian (geb. 1906) I X
Leuchten, Christa I X X
Lewandowski, Herbert (1896-?) Ε X (2x)
Lion, Ferdinand (1883-1965) Ε X
Littmann, Enno (1875-1958) [I] [x] [x]
Lober, Hermann (geb. 1914) I X X
Loerke, Oskar (1884-1941) I 2X
Logau, Nikolas [Pseud.]
s. Niebelschütz, Götz v.
2X
Lohmeyer, Wolfgang (geb. 1919) I (2X) (5x) (4x)
(7X)
Lüth, Paul Egon Heinrich (1921-1986) I 2X 2X
X
Luxemburg, Rosa (1871-1919) τ
[x]
Maack, Charlotte I (X)
MacNeice, Louis (1907-1963) A X
Majakovskij, Vladimir (1893-1930) A
Mallarme, Stephane (1842-1898) A
X
X
XX

Mann, Heinrich (1871-1950) Ε X


Manninen, Otto (1872-1950) A
Marcuse, Ludwig (1894-1971) Ε X
Massenbach, Sigrid von I
X X X X
X

Matheis, Franziska [I] [2X]


Mathi, Maria Schmid- (1889-1961) I X
X

Maugham, William Somerset (1874-1965) A


Maulnier, Thierry (1909-1988) A X
X

Mayer, Hans (geb. 1907) I


X

Meienburg, Κ. H. ti]
XX

Mencke, Otto (1876-1962?) I


Meng, Heinrich (1887-1972) Ε
X

Michel, Walter I X
Minder, Robert (1902-1980) (A)
X

Misevicius, Albinas [A]


X

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302 Alexandra Birkert

1946 1947 1948 1949 1950 1951


Molo, Walter von (1880-1958) I X
Molzahn, Ilse (1895-1981) I χ X
Montale, Eugenio (1896-1981) A χ χ
Moravia, Alberto (geb. 1907) A χ
Mühlberger, Josef ( 1 9 0 3 - 1 9 8 5 ) [I] [ x ]
Münsterer, Hanns Otto ( 1 9 0 0 - 1 9 7 4 ) I X
2X
Münz, Erwin Karl (geb. 1912) [x] [χ] X
[x]
Musil, Robert (1880-1942) X
Nagy, Livia [A]
Necker, Wilhelm (1897-1977) (Ε) (x)
Nerval, Gerard de ( 1 8 0 8 - 1 8 5 5 ) A X
Neumann, K. R. I
Nicolson, Harold George ( 1 8 8 6 - 1 9 6 8 ) A χ
Niebelschütz, Götz von I (x) X
Niemeyer, Wilhelm (1874-1960) I X
Noah, Heinz [I] [χ]
Oehlhey, H. R. I

Pähl, Günter I X
Paladini, Aldo A X
Pariser, Anton [E] [2X]
Peguy, Charles ( 1 8 7 3 - 1 9 1 4 ) A
Peter, Maria (geb. 1910) I X
2X
Peterich, Eckart (1900-1968) I [x]
fx]
Picard, Jakob ( 1 8 8 3 - 1 9 6 7 ) Ε X
Poe, Edgar Allan (1809-1849) A X 2X
Pohorilles, Noah Elieser [A]
Pound, Ezra ( 1 8 8 5 - 1 9 7 2 ) A X
Pustau, Erna von (1903-?) Ε
Quesnel, Maximilian I X
Ramon y Cajal, Santiago ( 1 8 5 2 - 1 9 3 4 ) A X
Rannit, Aleksis (geb. ?) A 2X
Rasche, Georg I
Rath, Karl vom I
Regnier, Henri Francois Joseph de (1864-1936) A X
Reich, Willi (1898-1980) Ε X
Riemkasten, Felix (1894-?) I
Rimbaud, Arthur ( 1 8 5 4 - 1 8 9 1 ) A 2X
Rochefoucauld, Edmee de la A X
Roemer, Hans Robert (geb. 1915) I X
Rohde, Hedwig (geb. 1908) I
Rojas Paz, Pablo A
Roll, Christian I 2X
Romains, Jules ( 1 8 8 5 - 1 9 7 2 ) A X
Ronsard, Pierre de (1525-1585) A X
Rossetti, Christina Georgina ( 1 8 3 0 - 1 8 9 4 ) A X
Rothacker, Erich ( 1 8 8 8 - 1 9 6 5 ) I X
Rühmkorf, Peter (geb. 1929) I X
Sackarndt, Paul I χ
Saint-Omer (A) (x)
Samson, Jean Paul A X
Sander, Ernst ( 1 8 9 8 - 1 9 7 6 ) fl] IXJ
Santayana, George ( 1 8 6 5 - 1 9 5 2 ) A X X
Sauer, Horst I X X
Savigny, Hans von (1900-?) X X X X
I (llx)
(3x) (4x) (3x) (3x)
Savinio, Alberto (1891-1952) A X
Schaaf, Paul ( 1 8 9 7 - 1 9 6 7 ) I
Schaefer, Oda (geb. 1900) X
I
[x]
Schaeffer, Albrecht ( 1 8 8 5 - 1 9 5 0 ) Ε X

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Das Goldene Tor 303

1946 1947 1948 1949 1950 1951

Schede, Wolfgang Martin ( 1 8 9 8 - 1 9 7 5 ) I X X


Scheffer, Thassilo von ( 1 8 7 3 - 1 9 5 1 ) I X
X
Scheid, Kurt (1907-1982) I X
(4x)
Schelzig, Alfred (geb. 1898) I X X
Schenk, Gustav ( 1 9 0 5 - 1 9 6 9 ) I X X 2X
Scherer, Peter I X (x) X
X
Schering, Emil (1873-1951) I [x] [x] X
[x]
Schierbeck, B e r t ( 1 9 1 8 - ? ) A X
Schmid, Carlo (1896-1979) 1 2X
Schmidt, Carl (1884-1947) I X
Schmidt, T. (I) (χ)
Schmidt-Lamberg, Herbert I X X X
Schmolck, Helmuth I X X X
Schneider, Reinhold ( 1 9 0 3 - 1 9 5 8 ) I X X X
Schoultz, Solveig Margareta von (geb. 1907) A X
Schreyer, Lothar ( 1 8 8 6 - 1 9 6 6 ) I X
Schroth, Ingeborg (I) (χ)
Schünemann-Killian, Lotte ( 1 8 9 8 - 1 9 7 5 ) I X
Schwedhelm, Karl ( 1 9 1 5 - 1 9 8 8 ) [I] [x]
Seckel, Dietrich (geb. 1910) I X
Seelmann-Eggebert, Ulrich (geb. 1919) I X 2 x X
Seewald, Hans (geb. 1931) I X
Semper, John Howard A X
Serelmann-Küchler, Elisabeth [I] [x]
Shelley, Percy Bysshe ( 1 7 9 2 - 1 8 2 2 ) A X
Söllner, Dora Tatjana (geb. 1920) I 2X X 2X X
Somin, Willy Oscar ( 1 8 9 8 - 1 9 6 1 ) (E) (χ)
Speyer, Wilhelm ( 1 8 8 7 - 1 9 5 2 ) Ε X
Stammler, Heinrich (geb. 1912) [I] [4x]
Steiger, Robert I X
Steinhardt, G. M. I X
Stephan, Toni [I] [X]
Stevenson, Robert Louis ( 1 8 5 0 - 1 8 9 4 ) A X
Stoessl, Otto (1875-1936) Τ X
Strassberger, Marta I X
Strassova, Helena [I] [2X] [3x] [2X] [2X]
Strebe, Rosemarie (geb. 1924) I X X X
Strindberg, August (1849-1912) A X X X
Strobel, Heinrich (1898-1970) Ε X
Suhl, A[braham?] Ε X
Supervielle, Jules ( 1 8 8 4 - 1 9 6 0 ) A 2X
Swinburne, Algernon Charles (1837-1909) A X
X
Sylvanus, Erwin ( 1 9 1 7 - 1 9 8 5 ) I (4x)
(5x)
Taeger, Dorothea I X
Talmon-Gros, Walter ( 1 9 1 1 - 1 9 7 3 ) I X
Tansman, Alexandre (geb. 1897) A X
Tau, Max ( 1 8 9 7 - 1 9 7 6 ) Ε X
Taupitz, Eberhard (geb. 1910) (I) (X)
Tergit, Gabriele ( 1 8 9 4 - 1 9 8 2 ) Ε (X) 3χ
Thieme, Karl ( 1 9 0 2 - 1 9 6 3 ) Ε (2X) X
Tholen, Wilhelm [I] [x]
Thyriot, Hans (1898-1949) I X X
Tjadens, Herbert ( 1 8 9 7 - 1 9 8 1 ) I X
Toesca, Maurice (1904-?) A X 2X

Ulbricht, Hans ( 1 9 0 5 - 1 9 7 2 ) I X
Ungaretti, Giuseppe ( 1 8 8 8 - 1 9 7 0 ) A X
Unger, Alfred Hermann (1902-?) Ε (2X) X
Valery, Paul ( 1 8 7 1 - 1 9 4 5 ) A 2X X
Vendome, Andre [Pseud.] A X
Ventadour, Bernart de (ca. 1 1 2 5 - 1 2 0 0 ) A X

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304 Alexandra Birkert

1946 1947 1948 1949 1950 1951


Verlaine, Paul (1844-1896) A
Verschuer, Otmar von (1896-1969) I
Vethake, Kurt (geb. 1919) I χ
χ χ
Vietta, Egon (1903-1959) [X]
(2X) [x]
Villiers de l'Isle-Adam,
Philippe-Auguste (1838-1889) A
Vischer, Melchior (1895-1975) I
Vittorini, Elio (1908-1966) A
Voitländer, Norbert I
Volosin, Maksimilian A. (1878-1932) A
Vossen, Frantz (1920-1983) I 2X
Vring, Georg von der (1889-1968) [I] [2X]
Wagenseil, Hans Beppo (1894-1975) [I] [2X]
Wagner, Friedrich A. (geb. 1914) X
I
Waugh, Evelyn (1903-1966) χ
A
Weiler, Karl
[I]
Weinert, Hermann Karl (1909-1974) [x]
Welkoborsky, Norbert [I]
(3x) (x)
(I) 2X
Wendt, Herbert (1914-1979) I (2X) 2X
(2X) (3x)
Wendt, Ingeborg (geb. 1917) (I) (X) (2X) (2X)
Wenger, Paul Wilhelm (1912-?) Ε (X) 2X X
Werner, Hans-Erich [I]
Westheim, Paul (1886-1963) Ε
Wexler, Alexandra (1902-1964) Ε 2X
X 2X
Weyrauch, Wolfgang (1907-1980)
(x) (x)
Wilhelm von Aquitanien (1071-1127)
X
Winkler, Martin (1893-1982) 2X
[x]
Winterhalter, Curt (1911?-1982) I X
Wolfenstein, Alfred (1883-1945) Τ (x)
Wortig, Kurt (1913-1979) (I) (x)
Wydenbruck, Nora (1894-?) [I]
[x]
Zahn, Leopold (1890-1970) (I) (X) (x)
Zangerle, Ignaz (geb. 1906) I
Zapp, Hanns Edgar I χ

Hinzu kommen folgende 6 Beiträge ohne A utor: geb. geboren


Abessinische Klagelieder (1947) gest. gestorben
Indianische Schöpfungsgeschichte (1948) H. Heft
Märchen aus Rußland (1950) Hervorheb. Hervorhebungen)
Lied auf den ägyptischen Nationalheiligen (1950) Hs. Handschrift
Märchen aus Litauen (1950) hs. handschriftlich
Lettische Volkslieder (1951) inkl. inklusive
insbes. insbesondere
Jg· Jahrgang
m. mit
MfBFZ Mitteilungen für den Buchhandel
5.5 Abkürzungsverzeichnis in der Französischen Zone
N° / Nr. Numero / Nummer
Anm. Anmerkung P· paquet
Bl. Blatt, Blätter p. 0. par ordre
c. caisse S. Seite(n)
cl. classeur Sp. Spalte(n)
d. dossier Ts. Typoskript
dag. dagegen u. und
ders. derselbe u.d.T. unter dem Titel
d.i. das ist v. a. vor allem
dies. dieselbe Verf. Verfasserin)
Durchschl. Durchschlag vgl. vergleiche

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Das Goldene Tor 305

5.6 Verzeichnis der Standorte der zitierten den Fassungen (c. N° 4580 p. 3 d. »Das Goldene
Tor«),
unveröffentlichten Quellen (mit Siglen)
- Giron, Irene: Note au sujet de l'Edition. 19. 9 . 1 9 4 7 . 2 Bl.
(DLA) Deutsches Literaturarchiv, Marbach a. N. Ts. (c. N° 707 p. 6 d. L79).
(DLA*) Deutsches Literaturarchiv, Marbach a. N.: - Grimm, Bruno: Aktennotiz für Herrn Dr. Döblin. 15. 6.
Nachlaß Alfred Döblin (Depositum der Erbenge- 1950. 2 Bl. Durchschi. m. hs. Zusatz »Copie ä
meinschaft Döblin) Monsieur Schmittlein« (c. N° 4 6 2 9 p. 1 d. »Revues -
(Colmar) Archives de l'Occupation Franjaise en Allemagne, Divers 1949/1955«).
Colmar: Haut Commissariat de Ia Republique Fran-
- Loutre, Camille: Licence d'Edition ä Monsieur Wilhelm
jaise en Allemagne. Direction Generale des Affaires
Dreecken/Moritz Schauenburg Verlag. 16. 7. 1946.
Culturelles.
1 Bl. Durchschi. (c. N° 4580 p. 3 d. «Das Goldene
Abkürzungen: c. caisse
Tor«).
p. paquet
cl. classeur - Marechal, Louis: Compte-rendu du 2 e m e trimestre de
d. dossier 1948.13. 7 . 1 9 4 8 . 5 Bl.Ts.(c.N° 4 6 2 7 p . 6 d.»Edition
(a) Akademie der Künste, Berlin 1947/1949«).
(b) Akademie der Künste der Deutschen Demokrati- - Schmittlein, Raymond: Note au sujet de l'Edition siehe
schen Republik, Abteilung Literaturarchive, Berlin Giron, Irene.
(c) Akademie der Wissenschaften und der Literatur,
- Schmittlein, Raymond: Note de Service. 12. 6. 1948.
Mainz
1 Bl. Durchschi. (c. N° 712 p. 5 »Relations culturelles
(d) Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg
Franco-Allemandes«),
(e) Südwestfunk, Historisches Archiv und Hörfunk-
archiv, Baden-Baden - Schmittlein, Raymond: Note pour Monsieur le Direc-
(f) Heinrich-Heine-Institut, Düsseldorf teur de l'Information. Objet: Revue »Das Goldene
(g) Leo Baeck Institute, New York, Ν. Y. Tor«. 28. 5. 1946. 1 Bl. Ts. m. hs. Zusatz (c. N° 4580
(h) Gertrud (Trudel) Bertsch, Heilbronn p. 3 d. »Das Goldene Tor«).
(i) Carl Guesmer, Marburg - Schmittlein, Raymond: Note sur l'Information. 30. 1.
(k) Wolfgang Kaempfer, Triest 1948. 4 Bl. Ts. (c. N° 4627 p. 3 d. .Education Publi-
(1) Menno Kohn, Hilversum (Fotokopien im DLA) que (Generalites) 1945/1949«).
(m) Standort der Originale unbekannt: zitiert mit Geneh-
- Schmittlein, Raymond: Note succincte sur l'Edition en
migung von Herrn Herbert Gorski (Leipzig) nach
Z.F.O. 29. 5. 1948. 4 Bl. Ts. (c. N° 4627 p. 6 d.
Fotokopien, die mir freundlicherweise Herr Prof. Dr.
»Edition 1947/1949«).
Anthony W . Riley (Kingston, Kanada) zur Verfügung
gestellt hat.
c) Weitere Materialien aus folgenden Konvoluten:
(n) Standort der Originale unbekannt: sie fehlen im
Nachlaß von Gabriele Tergit im DLA. Zitiert nach c. N° 673 p. 5 cl. 14 »Editeurs Etrangers«
Fotokopien, die Frau Tergit 1979 dem DLA zur c. N° 712 p. 5 »Relations culturelles Franco-Alle-
Verfügung gestellt hat. Die zitierten Passagen sind mandes«
nicht in den Arbeiten von Barbara Glauert (1972), die c. N° 4580 p. 1 d. »Alfred Döblin«
auszugsweise aus diesen Briefen zitiert, veröffent- c. N° 4580 p. 3 d. »Das Goldene Tor«
licht. c. N° 4596 p. 1 d. »Cartes de Protection - Correspon-
(o) Hedwig Scheid (Zell am Harmersbach) dence 1945/1950«
c. N° 4 5 9 6 p. 1 d. »Listes des ecrivains 1946/1950«
c. N° 4596 p. 2 d. »Listes des correspondants 1945/
1952«
c. N° 4596 p. 3 »Bureau des Lettres«
5.7 Verzeichnis der ungedruckten Materialien c. N° 4627 p. 3 d. »Education Publique (Generalites)
1945/1949«
1. Colmarer Bestände c. N° 4627 p. 6 d. »Edition 1947/1949«
a) Alfred Döblins Zensurgutachten: c. N° 4628 p. 3 »Beaux-Arts«
Caisse N° 673, paquets 1 - 3 : Licences d'edition N° 5 0 0 - c. N° 4629 p. 1 d. »Revues - Divers 1949/1955«
2783. Davon: 443 Gutachten von Alfred Döblin aus der c. N° 4629 p. 4 d. »Academie des Sciences et Let-
Zeit von Ende November 1945 bis Anfang Februar 1947, tres«
von denen mit freundlicher Unterstützung des Deutschen
Literaturarchivs, Marbach a. N., Microfilme hergestellt wor- 2. Südwestfunk Baden-Baden
den sind.
a) 50 Typoskripte von Alfred Döblins Sendereihe »Kritik der
b) Einzelschriften verschiedener Verfasser: Zeit« aus dem Zeitraum vom 20. 10. 1946 bis zum 8. 4.
- Betzner, Anton: Demande d'Edition. 29. 5. 1946. 2 Bl. 1951 (davon veröffentlicht: Typoskripte der Sendungen
Ts. (c. N° 4580 p. 3 d. »Das Goldene Tor«). vom 4. 5 . 1 9 4 7 und vom 24. 7. 1949).

- Döblin, Alfred: Brief an Maurice Sabatier. 20. 1. 1948.


b) Radioessays und Interviews:
2 Bl. Ts. m. hs. Zusatz (c. N° 4580 p. 1 d. »Alfred
- [Bergel, Violante:] Interview mit Alfred Döblin über
Döblin«). seine Emigration und sein Schaffen. 13 Bl. Ts. Sende-
- Döblin, Alfred: Demande d'Edition. 5. 6 . 1 9 4 6 . Formule datum: 31. 3. 1946.
N° 4 . 2 Bl. hs. in zwei leicht voneinander abweichen- - Glauert, Barbara: Golden strahlt das Tor. Uber unbe-

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306 Alexandra Birkert

kannte Briefe von Alfred Döblin. Radioessay. 20 Bl. Ts. II 5, S. 425: Die heutige Frau
Sendedatum: 14. 5. 1972. II 5, S. 442-453: Rosa (aus: November 1918)
II 6, S. 488: Unterwelt - Oberwelt. Revision litera-
3. Mainzer Akademie der Wissenschaften und der Literatur: rischer Urteile. [Frank Wedekind]
Auszüge aus Sitzungsprotokollen der Literaturklasse und II 6, S. 568-579: November 1918 [Auszug]
deren Arbeitsausschusses. II 7, S. 595-597: Zwei Akademien
II 7, S. 627: Porträts aus der Geniezeit
4. Zitierte Briefe von Alfred Döblin in Privatbesitz: II 7, S. 678-686: November 1918 [Auszug]
II 8/9, S. 707: Der deutsche Idealismus vor Gericht
- an Trudel Bertsch: 21. 1. 1947; 18. 3. 1947; 26. 11.
II 8/9, S. 741: Das Werk Thomas Manns
1947.
II 8/9, S. 769: Jenseits von Klassik und Romantik
- an Herbert Gorski: 11.8. 1947; 18. 5. 1948; 23. 12.
II 8/9, S. 834: Kunst im Abgrund
1949; 6. 2. 1950.
II 8/9, S. 845-855: November 1918 [Auszug]
- an Carl Guesmer: 6.7. 1948; 5.1. 1950; 3.6.
II 8/9, S. 859-860: War Goethe christlich?
1950. Berichtigungen und Zusätze"
II 8/9, S. 861:
- an Wolfgang Kaempfer: 30. 3. 1948; 18. 5. 1948. England
II 10, S. 867:
- an Wolfgang Lohmeyer: 4. 12. 1946; 19. 7. 1950. II 10, S. 898: Kunst an sich und als Symptom der
Zeit
5. Weitere hier nicht einzeln aufgelistete Korrespondenzen
II 10, S. 917/918: Nachwort [zu: Kunst an sich und als
Alfred Döblins aus den Jahren 1945 bis 1952 und Materialien
Symptom der Zeit]
in den genannten Archiven, Bibliotheken und Instituten
II 10, S. 955-961: November 1918 [Auszug]
(siehe Standortverzeichnis).
II 11/12, S. 971: [Heft-Einleitung]
II 11/12, S. 971: Das literarische Mittel- und Süd-
6. Österreichischer Rundfunk
amerika
- Grothe, Wolfgang: .Bügelfaltenprosa, oder »Linien im II 11/12, S. 1012: Drei Liederkomponisten
Wasser«? Die lebenslange Kontroverse Alfred Döblins II 11/12, S. 1039: Moderne Kunst und die Zeitströ-
gegen Thomas Mann. Radioessay. 64 Bl. Ts. Salzburger mungen
Nachtstudio. Sendedatum: 22. 8. 1984. II 11/12, S. 1080: Prosa und Lyrik junger Autoren
II 11/12, S. 1105: Stil, Horatio!
II 11/12, S. 1107-1117 November 1918 [Auszug]
II 11/12,S. 1120-1122 Erste Tagung des »Verbandes südwest-
deutscher Autoren.
5.8 Verzeichnis der Beiträge, Schriften und III 1,S. 3: [Heft-Einleitung]
Werke Alfred Döblins III 2, S. 99: [Heft-Einleitung]
III 2, S. 100: Für Ricarda Huch
5.8.1 Beiträge im Goldenen Tor* III 2, S. 115: West-östliche Bilder
(in chronologischer Reihenfolge) III 2, S. 158: Deutsche Lyrik
III 2, S. 174: Zweimal Südlandsehnsucht
I 1,S. 3-6: Geleitwort III 3, S. 203: [Heft-Einleitung]
I 1, S. 74-80: Die lange Nacht [aus: Hamlet] III 3, S. 296-300: Kleines Notizbuch
I 1, S. 89-94: Neue Bücher III 4, S. 307: [Heft-Einleitung]
I 1,S. 94: Veranstaltungen und Kundgebungen III 4, S. 307/308: Drei moderne christliche Autoren
I 1,S. 94/95: Frankreich - Baden. Eine Ausstellung [Max Jacob, Gilbert Keith Chesterton,
in Baden-Baden. Henri Glnon]
I 1,S. 95/96: Begegnung und Beginn. Nach der Kul- III 4, S. 338: Altindianische Kultur und Religion
turwoche in Konstanz. III 4, S. 398-403: Kleines Notizbuch
I 1, S. 96-102: Reise zur Mainzer Universität III 5,S. 411: [Heft-Einleitung]
I 2, S. 136-147: Die deutsche Utopie von 1933 und die III 5,S. 412: Der Dichter und das Kreuz
Literatur III 5, S. 439: (Drei Menschentypen)
I 2, S. 198-204: Zeitschriftenschau III 6, S. 515: [Heft-Einleitung]
13, S. 258-269: Die deutsche Utopie von 1933 und die III 6, S. 516-518: Vergnügte Gelehrsamkeit
Literatur (Schluß) III 6, S. 540: Tragisches und Komisches in Prosa
13, S. 299-304: Zeitschriftenschau III 6, S. 577/578: Heil und Heillosigkeit der Existenz
II 1, S. 3/4: Georg Kaiser [Einleitung] III 7, S. 619: [Heft-Einleitung]
II 1, S. 97/98: N. Pim [d.i. Alfred Döblin]: Unver- III 7,S. 619/620: Deutscher Geist gesund und krank
ständliche Geschichten: Der Ausbruch III 7,S. 649: Sternenglaube und Mittelmeer
des Vesuvs. Uber die Entstehung des III 8, S. 723/724: [Heft-Einleitung]
Kaviars.
II 2, S. 203: N. Pim [d. i. Alfred Döblin]: Die Biblio-
thek
II 3/4, S. 211: Revision literarischer Urteile * Nicht namentlich gezeichnete Beiträge stammen laut Aus-
II 3/4, S. 236/237: Z u m Faustproblem kunft des Redakteurs Wolfgang Lohmeyer von Alfred Döblin.
II 3/4, S. 265: Neue deutsche Romantik " Die »Berichtigungen« wurden vermutlich von Anton Betzner,
II 5, S. 371/372: [Heft-Einleitung] der Zusatz zur »Zeitschriftenschau« von Alfred Döblin verfaßt. -
II 5, S. 373: Die Frau als Mutter »Berichtigungen« der Redaktion sind ansonsten nicht in diese
II 5, S. 394: Die Frau in der Liebe Liste aufgenommen worden.

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Das Goldene Tor 307

III 8, S. 8 2 1 - 8 2 3 : Pintje, Uhle [d. i. Alfred Döblin]: Max Die Dichtung, ihre Natur und ihre Rolle. Mainz: Verlag der
III 8, S. 823: Pintje, Uhle [d. i. Alfred Döblin]: Akademie der Wissenschaften und der Literatur 1950 (Akademie
Was man unter Kuhkäse versteht der Wissenschaften und der Literatur. Abhandlungen der Klasse
I V 1 , S . 3: [Heft-Einleitung] der Literatur. 1). - Siehe auch: Das Goldene Tor Jg. 5 (1950) H. 2,
IV1,S. 3-5: Die christliche Gesellschaft S. 103-117 [Auszug],
IV 1,S. 39: Drei Dichter von heute [Hans Henny Disques pour le front. In: Schriften zur Politik und Gesellschaft
Jahnn, Johannes R. Becher, Jakob S. 416^418.
Haringer] Drama/Hörspiel/Film. Hrsg. von Erich Kleinschmidt. Ölten/
IV 3, S. 217: [Nachwort zu Charles Du Bos] Freiburg i. Br.: Walter 1983 (Ausgewählte Werke in Einzelbän-
IV 4, S. 2 7 6 - 2 8 2 Goethe und Dostojewski den).
IV 4, S. 3 2 4 - 3 3 1 Bücherschau
Epilog. In: Schriften zu Leben und Werk S. 287-321.
IV 5, S. 4 0 4 - 4 0 9 Einige Gedichtbände
IV 6, S. 419/420 (Sinnbildliche Dichtung Frankreichs) Der Ernst des Lebens. In: Der deutsche Schriftsteller, Sonderheft
V 1,S. 6 6 - 6 8 : Die Launen des Verliebten vom November 1938, S. 8.
V 2 , S. 83: [Heft-Einleitung] Ferien in Frankreich. In: Schriften zu Leben und Werk
V 2, S. 103-117: Die Dichtung, ihre Natur und ihre S. 6 7 - 7 5 .
Rolle Goethe und Dostojewski. In: Ganymed. Jahrbuch für die Kunst
V 3, S. 211: [Zu: Heinrich Mann: Geist und Tat] Jg. 3 (1921), S. 8 2 - 9 3 . - Siehe auch: Das Goldene Tor Jg. 4 (1949)
V 5, S. 340: [Zu: Melchior Lechter: Letzte Briefe
H. 4, S. 2 7 6 - 2 8 2 [in überarbeiteter Fassung].
(über Peladan)]
Grabrede auf Arno Holz. In: Aufsätze zur Literatur S. 133-138.
V 5, S. 3 5 4 - 3 5 9 : Die Wiederherstellung des Menschen
Grundlinien. In: Schriften zur Politik und Gesellschaft
[aus: Der unsterbliche Mensch; unver-
S. 292/293.
öffentlichte Manuskriptteile]
V 5, S. 3 8 9 - 3 9 5 : Fragen, Antworten und Fragen Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende. Roman. Hrsg. von
VI 1,S. 7 1 - 7 4 : Heiterkeit und Kostümkunde Walter Muschg. 2. Aufl., Olten/Freiburg i. Br.: Walter 1976
VI 2, S. 1 5 0 - 1 5 2 : [Rez.:] Rosa Luxemburg: Briefe an (Ausgewählte Werke in Einzelbänden).
Freunde Hinweise und Vorschläge für die Propaganda nach Deutschland
hinein. In: Schriften zur Politik und Gesellschaft S. 404-416.
Historie und kein Ende. In: Die Zeitlupe S. 193-196.
5.8.2 Zitierte Schriften und Werke Der historische Roman und wir. In: Aufsätze zur Literatur
S. 163-186.
Abschied und Wiederkehr. In: Schriften zu Leben und Werk Journal 1952/53. In: Schriften zu Leben und Werk S. 340-456.
S. 265-272.
Kunst ist nicht frei, sondern wirksam: Ars militans. In: Aufsätze
[Aktionsgemeinschaft für geistige Freiheit]. In: Schriften zur zur Literatur S. 9 7 - 1 0 2 .
Politik und Gesellschaft S. 240.
Lektüre in alten Schulbüchern. In: Aufsätze zur Literatur
Arno Holz. Die Revolution der Lyrik. Eine Einführung in sein S. 338-343.
Werk und eine Auswahl von Alfred Döblin. Wiesbaden: Steiner
Die letzten Tage der Dichterakademie. In: Pariser Tageblatt
1951 (Verschollene und Vergessene. 1).
Nr. 901 vom 31. 5.1936, Sonntags-Beilage, S. 3.
Aufsätze zur Literatur. Hrsg. von Walter Muschg. Olten/Freiburg
Die literarische Situation. Baden-Baden: Keppler 1947.
i. Br.: Walter 1963 (Ausgewählte Werke in Einzelbänden).
Minotaurus. Dichtung unter den Hufen von Staat und Industrie.
Autobiographische Schriften und letzte Aufzeichnungen. Hrsg.
Hrsg. von Alfred Döblin. Wiesbaden: Steiner [1953].
von Edgar Pässler. Olten/Freiburg i. Br.: Walter 1980 (Ausge-
wählte Werke in Einzelbänden). Mireille oder Zwischen Politik und Religion. In: Minotaurus
Die beiden deutschen Literaturen. In: S. 9 - 5 6 .

1.) Schwäbisches Tagblatt, Ausgabe Tübingen, Nr. 7 vom 25. 1. Mit dem Blick zur Latinität. In: Schriften zu Leben und Werk
1946, S. 3. S. 187-191.
2.) Die Neue Zeitung, München, Nr. 11 vom 8. 2. 1946, Feuille- November 1918. Eine deutsche Revolution. Vollständige Aus-
ton· und Kunst-Beilage. gabe in vier Bänden mit einem Nachwort von Heinz D. Osterle.
3.) Der Kurier, Berlin, Nr. 1 8 v o m 8 . 2.1946, S. 3 [Auszug u.d.T. München: Deutscher Taschenbuchverlag 1978.
»Wie sollen die Deutschen schreiben?·]. Der Nürnberger Lehrprozeß. Von Heinz Fiedeler [d. i. Alfred
Berlin und die Künstler. In: Schriften zu Leben und Werk Döblin], Baden-Baden: Neuer Bücherdienst 1946.
S. 37-39. Der Oberst und der Dichter oder Das menschliche Herz. Die
Brief an Arthur Koestler (Paris 1938). In: Schriften zur Politik Pilgerin Aetheria. Hrsg. von Anthony W. Riley. Olten/Freiburg
und Gesellschaft S. 374-379. i. Br.: Walter 1978 (Ausgewählte Werke in Einzelbänden).
Briefe. Hrsg. von Heinz Graber. Olten/Freiburg i. Br.: Walter Persönliches und Unpersönliches. In: Schriften zu Leben und
1970 (Ausgewählte Werke in Einzelbänden). Werk S. 238-242.
Christentum und Revolution. In: Aufsätze zur Literatur S. 3 7 9 - Politik und Seelengeographie. In: Schriften zur Politik und
383. Gesellschaft S. 379-383.
De Costers Tyll Ulenspiegel. In: Aufsätze zur Literatur S. 2 9 6 - Die repräsentative und die aktive Akademie. In: Berliner Börsen-
311. Courier Nr. 603 vom 25. 12. 1927, S. 9/10.
Die deutsche Literatur (im Ausland seit 1933). Ein Dialog Republik. In: Schriften zur Politik und Gesellschaft S. 1 Π -
zwischen Politik und Kunst. Paris: Science et Litterature 1938 Ι 26.
(Schriften zu dieser Zeit. 1). Schicksalsreise. In: Autobiographische Schriften S. 103-426.

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308 Alexandra Birkert

Schriften zu Leben und Werk. Hrsg. von Erich Kleinschmidt. Fronten. Zur politischen Funktion einer literarischen Zeit-
Olten/Freiburg i. Br.: Walter 1986 (Ausgewählte Werke in schrift in der Besatzungszeit (1945-1949). Münster: Fahle
Einzelbänden). 1968 (Studien zur Publizistik. Bremer Reihe. 10). Zugl. FU
Schriften zur Politik und Gesellschaft. Hrsg. von Heinz Graber. Berlin, Diss. 1967.
Olten/Freiburg i. Br.: Walter 1972 (Ausgewählte Werke in BARNER, Wilfried: Wirkungsgeschichte und Tradition. Ein Bei-
Einzelbänden). trag zur Methodologie der Rezeptionsforschung. In: L