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Forschung intensiv

Parteilichkeit
für Vernunft
Jürgen Habermas als Philosoph
und öffentlicher Intellektueller

von Stefan Müller-Doohm

Kein deutscher Gegenwartsphilosoph findet weltweit


eine solche Aufmerksamkeit wie Jürgen Habermas, der
am 18. Juni 80 Jahre alt wird und bis zu seiner Emeri-
tierung 1994 an der Goethe-Universität lehrte und
forschte. In seiner Doppelrolle als Wissenschaftler und
Intellektueller, als Gesellschaftstheoretiker und streit-
barer Diskutant hat er nicht nur das Modell der diskur-
siven Vernunft kreiert, er ist zugleich Praktiker dieser
Diskursivität und hat damit die intellektuellen Debat-
ten der vergangenen Jahrzehnte maßgeblich beein-
flusst – von der Reform der Hochschulen über Embryo-
nenforschung bis zur Zukunft Europas.

J ürgen Habermas hat jüngst offen bekannt, er sei


»ein polemisches Talent« und erklärend hinzu-
gefügt, die Auseinandersetzungen über das demo-
kratische Selbstverständnis dieses Landes seien »un-
ter unfriedlichen Prämissen geführt worden«./1/ Als
opponierender Geist innerhalb der politischen Öf-
fentlichkeit hat er so wenig Samthandschuhe an-
gezogen, wie ihn seine Gegner selten schonten. Ein
Beispiel für offensichtliche Anfeindungen war der
Aufmacher der Zeitschrift »Cicero«, eines »Maga-
zins für politische Kultur« vom November 2006
mit einer Parole propagandistischer Machart: »Ver-
gesst Habermas!« Das Heft selbst enthält einen Arti-
kel, in dem aus Anlass eines von Joachim Fest ver-
© Isolde Olhlbaum

breiteten infamen Gerüchts darüber fantasiert wird,


ob sich der zehnjährige Habermas als Mitglied der Hit-
ler-Jugend von den Nazi-Parolen verführen ließ. Un-
terstellungen dieser Art machen augenfällig, welchen

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Zur Person: Jürgen Habermas Forschung intensiv

Preis der linksorientierte Intellektuelle hierzulan- Politisches Engagement im Nebenberuf


de für sein politisches Engagement zu entrichten hat. Mit seiner Kritik an Heidegger von 1953 tritt Haber-
Dieser Erfahrung, der Auseinandersetzung mit der in- mas auf der Bühne des öffentlich ausgetragenen Dis-
haltlichen Position des kritischen Intellektuellen aus puts erstmals in Erscheinung. Sich auf »die Wächter-
dem Weg zu gehen, um ihn als Person zu diskredi- schaft der öffentlichen Kritik« berufend, hält er dem
tieren, steht die – in vielen ehrenvollen Auszeich- im Nachkriegsdeutschland geschätzten Fundamen-
nungen und renommierten Preisen bekundete – öf- talontologen vor, dass er seine Vorlesungen aus den
fentliche Anerkennung gegenüber, die Habermas als 1930er Jahren in unkommentierter Form wieder ver-
internationaler Autor wegweisender Bücher genießt. öffentlicht hat, in denen von der »inneren Wahrheit
»Das sind die kleinen Genugtuungen in einem Leben und Größe« der nationalsozialistischen Bewegung die
…, wo man nur mit Kritik leben muss«, so Habermas Rede ist. Die darauffolgende Intervention ist in den
in dem einzigen, an der amerikanischen Universität 1960er Jahren seine Forderung einer Hochschulre-
Stanford gedrehten Fernsehfilm, den es über ihn gibt. form; es sind dezidierte Beiträge, mit denen er sich am
Habermas ist der Gegenwartphilosoph, dem es in Kampf um die Demokratisierung der Universitäten so-
differenzierterer Weise als etwa dem Vorbildintellek- wie an der Umsetzung von Chancengleichheit im ge-
tuellen Jean-Paul Sartre gelungen ist, zwei bedeutsa- samten Bildungssystem beteiligt.
me Leben in einem zu führen: als produktiver Wissen- Während der weltweiten Studentenproteste hat sich
schaftler von internationalem Rang, der als Philosoph Habermas in der doppelten Rolle des Interpreten der
die »Diskursethik« kreiert und als Sozialtheoretiker politischen, kulturellen und sozialen Ursachen der Op-
die »kommunikative Vernunft« expliziert hat und an- positionsbewegung, ihrer Motive und Ziele exponiert
dererseits als öffentlicher Intellektueller, der seit Jahr- als auch als interner Kritiker eines zum Selbstzweck
zehnten das Wort ergreift, um mit seismografischem
Gespür die Gesellschaft auf ihre eigenen normativen
Vorgaben und deren Verletzung aufmerksam zu ma-
chen. Mit seinen Interventionen in Form von publizis-
tischen Stellungnahmen vorzugsweise in Printmedi-
en, offenen Briefen und Diskussionen von den frühen
1950er Jahren bis zum heutigen Tag hat Habermas die
Mentalitätsgeschichte der Bonner und Berliner Repu-
blik wesentlich mitgeprägt – durch Aufklärung. Dies
ist die übergeordnete Zielsetzung, die Habermas als
Gesellschaftstheoretiker und öffentlicher Intellektuel-
ler verfolgt.

» Ich bin der prototypische Alarmist der alten Bundesre-


publik. Und nicht nur ich, sondern viele meiner Gene-
ration, haben in der Angst – in den 50er und 60er
Jahren, und nach 68 in der Befürchtung – gelebt, daß
die Sache hier in Deutschland doch noch schief geht.
Natürlich nicht als Rückfall in den Faschismus, aber
in Form von politischen Mehrheiten, die alten Mentali-
täten, die in den 50er Jahren noch vollkommen unge-
brochen waren, sich wieder durchsetzen würden. Das
ist meine erwachsene politische Lebensgeschichte
gewesen. «/2/

Biografische Daten im Überblick


1929 – 1949 | Jugend 1950 1955 1960

1929: 18. Juni: Friedrich Ernst Jürgen 1949 – 1954: Nach Abitur Beginn des 1955: Hochzeit mit Ute Wesselhoeft. 1961 – 1964: Außerordentliche Profes-
Habermas wird als zweites von drei Studiums der Philosophie, Psycholo- 1956 – 1959: Assistenz am Institut für sur für Philosophie in Heidelberg. –
Kindern der Eheleute Grete und gie, Deutschen Literatur, Geschichte Sozialforschung in Frankfurt – Begeg- Begegnung mit Hans-Georg Gadamer,
Ernst Habermas in Düsseldorf geboren. und Ökonomie in Göttingen, Fortset- nung unter anderem mit Theodor W. Karl Löwith, Alexander und Margare-
Kindheit und Jugend verbringt er in zung für ein Semester in Zürich, ab Adorno und dessen Frau Gretel sowie te Mitscherlich. Kontroverse mit den
Gummersbach, besucht dort die 1951 in Bonn. – Freundschaft mit mit Ludwig von Friedeburg. Mitarbeit Philosophen Karl Popper und Hans Al-
Schule. Karl-Otto Apel, Wilfried Berghahn an verschiedenen empirischen For- bert über die Logik der Sozialwissen-
und Günter Rohrbach. 1954: Promoti- schungsprojekten wie der Studie »Stu- schaften: »Positivismusstreit«. 1963:
on in Bonn bei Erich Rothacker, The- dent und Politik«. 1956: Geburt von Veröffentlichung von »Theorie und
ma »Das Absolute und die Geschichte. Sohn Tilmann. 1959 – 1961: Habilita- Praxis. Sozialphilosophische Studien«.
Von der Zwiespältigkeit in Schellings tionsstipendium der DFG. Kündigung 1964: Habermas übernimmt ab dem
Denken«. 1954 – 1956: Tätigkeit als der Stelle am Institut für Sozialfor- Sommersemester als Ordentlicher Pro-
freier Journalist für verschiedene Tages- schung und Habilitation bei Wolfgang fessor für Philosophie und Soziologie
und Wochenzeitungen sowie Kultur- Abendroth in Marburg mit der Arbeit den Lehrstuhl von Max Horkheimer
zeitschriften. – Stipendium der Deut- »Strukturwandel der Öffentlichkeit«. an der Goethe-Universität Frankfurt.
schen Forschungsgemeinschaft (DFG). 1959: Geburt der Tochter Rebekka.

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Forschung intensiv Zur Person: Jürgen Habermas

Hochphase der Studentenunruhen – Juni 1968: In der Mensa


der Universität Frankfurt begrüßte Habermas während einer
Diskussionsveranstaltung der studentischen Oppositionsbewe-
gung die Versuche, die Öffentlichkeit durch neue Demonstra-
tionstechniken zu politisieren, und kritisierte die Annahme,
dass in Deutschland eine revolutionäre Situation existierte.
Gleichzeitig appellierte er an die Studierenden, die politische
Situation, die keineswegs latent faschistisch sei, realistisch
einzuschätzen – seine Ausführungen erschienen drei Tage
nach der Versammlung in der Frankfurter Rundschau unter
dem Titel »Die Scheinrevolution und ihre Kinder«.

men als rechte Gewalt. Mit Analysen zu den beiden


Irak-Kriegen sowie zum Kosovo-Krieg hat er eine La-
wine von Auseinandersetzungen bezüglich der Illegiti-
mität beziehungsweise Legitimität regional begrenzter
Kriege losgetreten.
Die Interventionen der letzten Jahre, die mit seinem
Namen verbunden sind, stehen bis heute im Zentrum
des öffentlichen Interesses: zum einen die Debatte über
die Zukunft Europas und seine politische Ordnung, zum
anderen die Debatte über die moralischen Dimensio-
nen von Gentechnik und Embryonenforschung [siehe

gewordenen Aktionismus. Im deutschen Herbst 1977,


als man medienwirksam einen Kausalzusammenhang
zwischen Terrorismus und kritischer Theorie herzu-
stellen versucht hat, war Habermas einer der weni-
gen Intellektuellen, die sich öffentlich gegen Diffamie-
rungen dieser Art gewehrt haben. Anfang der 1980er
Jahre erwägt die Regierung unter Helmut Schmidt, in
der Bundesrepublik Pershing-II-Raketen zu stationie-
ren; den massenhaften Widerstand gegen die Nachrüs-
tung deutet Habermas als legitimen Ausdruck »zivilen
Ungehorsams«.
Wenig später entfacht er mit einer vehementen Kri-
tik an der »Entsorgung der deutschen Vergangenheit«
den Historikerstreit, gefolgt von seiner nachdrückli-
chen Befürwortung von 1999, ein Denkmal für die er-
mordeten Juden Europas zu errichten: Er verteidigt
es als symbolischen Ausdruck für den Zivilisations- Treffpunkt im griechischen Lokal Dionysos in Frankfurt: Jürgen
Habermas 1986 mit dem Soziologen Rolf Meyersohn und dem
bruch. In der Euphorie der deutschen Wiedervereini-
Philosophen Richard J. Bernstein, den amerikanischen Freun-
gung warnt er vor einem »DM-Nationalismus« und den. Im gleichen Lokal in Bockenheim fanden die legendären
plädiert für einen Volksentscheid über die neue Ver- politischen Diskussionsrunden statt, an denen sich auch der spä-
fassung. In der Asyldebatte bezieht er Stellung gegen tere Außenminister Joschka Fischer und der spätere Europaabge-
den neuen Nationalismus und seine Erscheinungsfor- ordnete Daniel Cohn-Bendit beteiligt haben.

Biografische Daten im Überblick


1965 1968 1970 1975

1965: Erste Reise zu Studienzwecken 1968: Einsatz für eine grundlegende 1971: Veröffentlichung von »Philoso- 1975: Honorarprofessur für Philoso-
in die USA; dort Begegnung unter an- Demokratisierung der deutschen Uni- phisch-politische Profile« – Kontrover- phie an der Goethe-Universität.
derem mit Leo Löwenthal, Siegfried versitäten; Kontroverse mit Vertretern se mit Niklas Luhmann über System- 1976: Veröffentlichung von »Zur Re-
Kracauer und Herbert Marcuse. der Studentenbewegung. – Veröffentli- theorie und kritische konstruktion des historischen Materia-
1967: Geburt der Tochter Judith. – chung von »Technik und Wissenschaft Gesellschaftstheorie. – Direktor am lismus«. – Sigmund-Freud-Preis für
Herbst: Gastprofessur an der New als ›Ideologie‹« und »Erkenntnis und Starnberger Max-Planck-Institut zur wissenschaftliche Prosa der Deutschen
School for Social Research in New Interesse«. 1969: Veröffentlichung von Erforschung der Lebensbedingungen Akademie für Sprache und Dichtung
York (Theodor-Heuss-Lehrstuhl). Seit- »Protestbewegung und Hochschulre- der wissenschaftlich-technischen Welt. in Darmstadt. 1977: Kontroverse über
dem zahlreiche weitere Gastprofessu- form«. 1972: Erster Versuch einer sprachtheo- Terrorismus und Staatsnotstand. – Ers-
ren unter anderem Wesleyan Univer- retischen Fundierung der kritischen te Israel-Reise anlässlich des achtzigs-
sity, Princeton University, Cornell Theorie. 1973: Veröffentlichung von ten Geburtstages von Gershom Scho-
University, Harvard University, Uni- »Legitimationsprobleme im Spätkapi- lem.
versity of California, Berkeley und talismus«. 1974: Hegel-Preis der Stadt
St. Barbara, Collège de France, Paris. Stuttgart.

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Zur Person: Jürgen Habermas Forschung intensiv

In seinem Haus in Starnberg, wo Habermas noch heute mit sei-


ner Frau lebt. Als einer der Direktoren des neu gegründeten
Max-Planck-Instituts zur Erforschung der Lebensbedingungen
der wissenschaftlich-technischen Welt wechselte Habermas
1971 von Frankfurt nach Starnberg. Die Studentenzeitung »Dis-
kus« befürchtete, Habermas ziehe den Kopf aus der Schlinge
seiner eigenen reformerischen Neustrukturierung der Universität
und bekenne sich zur Trennung von Forschung und Lehre. Die
Zusammenarbeit mit dem Physiker und Philosophen Carl Fried-
rich von Weizsäcker am Max-Planck-Institut gestaltete sich trotz
großen gegenseitigen Respekts schwierig. Nach Weizsäckers
Ausscheiden 1980 sollte das Institut geschlossen werden und
Habermas mit einigen Mitarbeitern in ein neu strukturiertes Ins-
titut für Sozialwissenschaften nach München wechseln. Doch
als sich die Ludwig-Maximilians-Universität in München zum
zweiten Mal weigerte, für Habermas eine Honorarprofessur ein-
zurichten, und die politischen Fronten in Bayern sich verhärte-
ten, nahm Habermas trotz attraktiver Angebote aus den USA
einen erneuten Ruf an die Universität Frankfurt an.

auch Beitrag Anja Karnein, Seite 68] sowie über Deter- © Barbara Klemm

minismus und Willensfreiheit, schließlich die Debatte


über die Rolle der Religion in der »postsäkularen Gesell-
schaft« [siehe auch Beitrag Thomas Schmidt, Seite 64].

Merkmale des intellektuellen Denkstils


Für Habermas sind seine Eingriffe als öffentlicher In-
tellektueller eine Kritik an politischen Zuständen und
Entwicklungen, die im Lichte von moralischen Grund-
sätzen und demokratischen Normen beurteilt werden.
Dabei wendet er sich nicht von der Position des distan-
zierten Beobachters, sondern aus der Perspektive eines
Teilnehmers am politischen und gesellschaftlichen Ge-
schehen gegen ungerechtfertigte Formen von Macht.
Seine intellektuelle Praxis ist vom subjektiven Impuls
der Entrüstung getragen. Sie speist sich aus dem Ver-
trauen in das emanzipatorische Potenzial demokrati-
scher Institutionen, und sie zielt auf intersubjektives
Argumentieren. Das Infragestellen beruht darauf, argu-
mentierend gute Gründe vorzutragen, die an die Sensi-
bilität von Teilnehmern der öffentlichen Meinungs- und

1984 an der amerikanischen Cornell University: Seit 1965 ist


Jürgen Habermas regelmäßig zu Gastprofessuren und Vorträgen
in den USA. Seine Bücher liegen in zahlreichen Übersetzungen
vor und finden gerade auch in der angloamerikanischen Wis-
senschaftskultur breite Beachtung.

1980 1986 1990 ab 2000

1980: Januar bis April: Gastprofessur in 1986: Gottfried Wilhelm Leibniz-Preis 1992: Veröffentlichung von »Faktizität 2000: Professur für Global Law an der Law
Berkeley. – 11. September: Theodor-W.- der Deutschen Forschungsgemeinschaft, und Geltung«. 1994: 22. September: School der New York University. 2001: Frie-
Adorno-Preis der Stadt Frankfurt. – Eh- Durchführung von rechtstheoretischen Emeritierung. – »Permanent Visiting denspreis des Deutschen Buchhandels. 2003:
rendoktorwürde der New School for So- Forschungsprojekten mit finanzieller Professor« an der Northwestern Uni- Öffentliche Kritik am Irakkrieg der USA. –
cial Reserarch in New York. Später Förderung durch das Leibniz-Programm. versity, Evanston (bis 2000). Prinz-von-Asturien-Preis. 2004: Januar: Vor-
zahlreiche in- und ausländische Ehren- 1987: Veröffentlichung von »Eine Art 1995: Karl-Jaspers-Preis der Stadt Hei- trag und Diskussion in der Münchner Katholi-
doktorwürden. 1981: Frühjahr: Beendi- Schadensabwicklung« – Sonning-Preis delberg und Hessischer Kultur- schen Akademie mit Josef Kardinal Ratzinger.
gung der Leitung des Max-Planck-Insti- der Universität Kopenhagen. – Kontro- preis. – Ehrendoktorwürde der Univer- 2005: Veröffentlichung von »Zwischen Natu-
tuts. – Veröffentlichung des Hauptwerks verse mit Ernst Nolte, Michael Stürmer sität Tel Aviv. 1996: Veröffentlichung ralismus und Religion« – November: Kyoto-
»Theorie des kommunikativen Handelns«. über den Umgang mit der deutschen von »Die Einbeziehung des Anderen. Preis der Imanori-Stiftung. 2005: November:
1983: Rückkehr als Professor für Philoso- Vergangenheit: »Historikerstreit«. Studien zur politischen Theorie.«. Holberg-Preis in Bergen. 2006: März: Bruno-
phie an die Goethe-Universität. 1985: 1989: Veröffentlichung von »Nachmeta- 1998: Veröffentlichung von »Die post- Kreisky-Preis in Wien. – November: Staats-
Veröffentlichung von »Die neue Unüber- physisches Denken« – Ehrendoktorwür- nationale Konstellation«; 1999: Theo- preis des Landes Nordrhein-Westfalen.
sichtlichkeit« und »Der philosophische de der Hebräischen Universität Jerusa- dor-Heuss-Preis. – Veröffentlichung 2007: November: Diskussion mit dem Bundes-
Diskurs der Moderne«. – Geschwister- lem; 1989 / 90: Veröffentlichung von »Die von »Wahrheit und Rechtferti- außenminister Frank-Walter Steinmeier über
Scholl-Preis der Stadt München; Wilhelm- nachholende Revolution« – Kontroverse gung« – Kontroverse über den Koso- Europapolitik auf dem SPD-Kulturforum.
Leuschner-Medaille des Landes Hessen. über die deutsche Wiedervereinigung. vokrieg und Gentechnologie. 2008: Veröffentlichung von »Ach, Europa«.

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nutzt der Intellektuelle durchaus rhetorische Figuren,


Dramatisierungen, Polemiken, Ironie und Generalisie-
rung. Das linksintellektuelle Engagement von Haber-
mas ist sowohl Konsequenz des Prinzips seiner poli-
tischen Philosophie, in deren Mittelpunkt der Begriff
der Öffentlichkeit steht, als auch durch eigene politi-
sche Überzeugungen markiert, deren Fluchtpunkt die
Idee der partizipativen Demokratie ist.

Zähmung des Kapitalismus durch die Demokratie


Habermas hat in seinen Schriften darauf hingewie-
sen, dass die Schwächung der Demokratie, die daraus
resultiert, dass die Öffentlichkeit auf Plebiszite einge-
schränkt ist und ansonsten für private und politische
Partikularinteressen in Dienst genommen wird, stets
die Gefahr einer Expansion des Kapitalismus bezie-
hungsweise seiner Funktionsmechanismen mit sich
bringt. Das ohnehin immer prekäre Spannungsver-
hältnis von Kapitalismus und Demokratie verschiebt
sich dann zugunsten einer Ökonomie, die gemäß
der Wachstumslogik einer eigendynamischen Kapi-
Ute und Jürgen Habermas, 1995 in einer Kunstausstel- talakkumulation von sich aus zur Hegemoniebildung
lung – das Interesse für zeitgenössische moderne Malerei ver-
drängt. Für Habermas hat die Zielperspektive absolu-
band die beiden schon, als sie sich in den 1950er Jahren an
der Bonner Universität kennenlernten. In einem Interview sag- ten Vorrang, die Gesellschaft als real demokratische
te er Michael Funken/1/ jüngst: »Über die, wenn man so will, auszubauen. Nur eine dauerhaft stabile Demokratie
elementare Rolle meiner Frau würde ich gern etwas sagen; mit dem Kontrollorgan einer politischen Öffentlichkeit
aber was immer ich auch sagte, würde die Schwelle der häus- garantiert die Gegengewichte zu einem Kapitalismus,
lichen Zensur nicht passieren.« auf dessen Produktivität entwickelte Gesellschaften
für ihre materielle Reproduktion angewiesen sind. Ha-
Willensbildungsprozesse appellativ gerichtet sind. Sinn
und Zweck des öffentlichen Streits, den Habermas vom
Zaun bricht, besteht nicht zuletzt darin, ein Modell für
» Eine Gesellschaftstheorie, die der geschichtsphilo-
sophischen Selbstgewißheit entsagt hat, ohne den
den öffentlichen Gebrauch der Vernunft vorzuführen.
kritischen Anspruch aufzugeben, kann ihre politi-
Seinen Interpretationen, die danach fragen, was im
sche Rolle nur darin sehen, mit einigermaßen sen-
allgemeinen Interesse aller liegt, ist der Impuls zumin-
siblen Gegenwartsdiagnosen die Aufmerksam-
dest langfristiger praktischer Veränderung eigen: die Er-
wartung, dass bestehende Machtstrukturen, deren II- keit für die wesentlichen Ambivalenzen
legitimität aufgezeigt wird, auch gebrochen werden der zeitgenössischen Situation zu schärfen. « /4/
können. Habermas suggeriert keineswegs, dass seine
politischen Kritiken der privilegierten Einsicht in das bermas warnt davor, dass die Diskrepanzen zwischen
zu verdanken sind, was insgeheim das gesellschaftliche Kapitalismus und Demokratie umso mehr anwachsen,
Getriebe zusammenhält. Vielmehr setzt sich die Kritik, wie die Steuerungsmedien Geld und Macht die lebens-
wie er selbst festgestellt hat, im besonderen Maße dem weltlichen Verständigungspraktiken überformen.
Irrtumsrisiko aus. Als Intellektueller gibt Habermas kei- Die über die Öffentlichkeit gebildete kommunikative
ne letzten Antworten, weil seinem Verständnis nach Macht ist nicht nur ein Gegengift, damit sich die Inter-
die intellektuelle Praxis ein offener, fehlbarer, stets aufs essen des politischen Systems gegenüber den Bürgern
Neue durchzuführender Prozess des Argumentierens
ist. Er vertraut auf die Produktivkraft der Kommunika-
tion, indem er auf diskursive Rechtfertigung besteht.
Wenn sich Habermas als Intellektueller an die pub-
lizistischen Medien wendet, dann ist seine Kritik durch
konkrete Anlässe ausgelöst, also situativ bedingt und
zeitlich begrenzt; sie ist eine kontroverse Stellungnah-
me, die neue Sichtweisen zu erschließen vermag, auf
bislang Übersehenes aufmerksam machen will. Dazu

Beim Kulturforum der SPD im Willy-Brandt-Haus: Jürgen Ha-


bermas hat sich im Juni 1998 öffentlich für einen Regierungs-
wechsel ausgesprochen, schon aus dem einfachen Grunde,
weil das ja das erste Mal in der Bundesrepublik wäre, dass
eine Partei aus der Opposition an die Regierung käme. Als
Gerhard Schröder nach seiner Wahl zum Bundeskanzler ver-
suchte, Habermas als staatsphilosophisches Aushängeschild
seiner Regierung zu instrumentalisieren, hat sich dieser durch
seine Kritik an neoliberalen Tendenzen der Regierungspolitik
erfolgreich entzogen.

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Zur Person: Jürgen Habermas Forschung intensiv

»Die Lava des Gedankens im Fluß« – Jürgen Habermas. Eine Werkschau.

Z um 80. Geburtstag von Jürgen Habermas am 18. Juni 2009


laden die Goethe-Universität und die Deutsche Nationalbib-
liothek zu einer Annäherung an das Werk des Philosophen und
Intellektuellen ein. Die Ausstellung zeichnet die schriftstelleri-
sche Produktion von Habermas nach, sie wirft Schlaglichter auf
sein intellektuelles Engagement als Repräsentant der »vierten
Gewalt«, also des öffentlichen Diskurses, sie greift Schwerpunk-
te seiner Arbeit auf, sie zeigt seine Präsenz im akademischen
Leben der Goethe-Universität und deutet die weltweite Rezepti-
on seiner Schriften an.
Im Ausstellungssaal der Deutschen Nationalbibliothek an
der Adickesallee bildet die Geschichte von Habermas’ Büchern,
von der Dissertation »Das Absolute und die Geschichte. Von der
Zwiespältigkeit in Schellings Denken« (1954) bis zu »Ach, Europa«
(2008) den chronologischen Rahmen der Darstellung. Entlang
der gläsernen Außenwand der Halle werden in Vitrinen, um
das jeweilige Buch herum, Dokumente seiner Entstehung und
seiner Aufnahme gezeigt; dazu gehören die Korrespondenz mit
dem Verleger sowie Reaktionen aus der Presse.
Aus diesem »Gedankenfluss« treten Stichworte, Themen und
Gegenstände, in denen sich die praktische Komponente des
theoretischen Ansatzes von Habermas zeigt. Zu den Ausstel-
lungsstationen gehören:

Reform: Die Wirkung von Theorie am Ort ihrer Entstehung


zeigt die Spanne von der Untersuchung »Student und Politik« Jürgen Habermas 1956. In dieser Zeit wird er Assistent von Theodor W.
(1961) bis zu »Protestbewegung und Hochschulreform« (1969). Adorno am Institut für Sozialforschung. Für ihn hat Adorno »eine elektri-
sierende Rolle gespielt«. Adorno pflegte Habermas spontan in seinem Ar-
Theorie: Im November 1966 erscheint im Suhrkamp Verlag die beitszimmer aufzusuchen, um ihn mit Gedanken zu konfrontieren, die
Reihe Theorie, herausgegeben von Jürgen Habermas, Hans Blu- ihm gerade durch den Kopf gingen. Dagegen gestaltete sich das Verhält-
menberg, Dieter Henrich und Jacob Taubes. Die Planung der nis zum Institutsdirektor Max Horkheimer äußerst schwierig – in einem
Sammlung wird rekonstruiert; sie erscheint als wissenschaftliche Brief an Adorno schrieb Horkheimer 1958: »Wir dürfen durch die wahr-
Grundausstattung der Gesellschaft und spiegelt das »geschichtli- lich unbekümmerte Art dieses Assistenten das Institut nicht ruinieren las-
che Selbstbewusstsein der Moderne«. sen.« Horkheimer störte die unbekümmerte Art, mit der sich der 28-jähri-
ge Habermas bei einer Protestkundgebung auf dem Römerberg gegen die
Notstand: Am 28. Mai 1968 folgten circa 1000 Intellektuelle der atomare Wiederbewaffnung der Bundesrepublik aussprach, Horkheimer
Einladung des von Habermas mitinitiierten »Aktionskomitees bezeichnete ihn als »Propagandist der Anti-Atombewegung«.
Demokratie im Notstand« in den Großen Sendesaal des Hessi-
schen Rundfunks, auf dem Podium sprachen die Intellektuellen Ersteres wird versinnbildlicht durch seine Präsenz im aka-
ihrer Zeit. Die Veranstaltung gehört genauso zu den Wegmar- demischen Leben der Goethe-Universität, von Dokumenten
ken des Jahrs 1968 wie die ersten Junitage, als Habermas in der seiner Berufung 1964 auf die Professur von Max Horkheimer
Mensa der Goethe-Universität die studentische Rebellion mit bis zu den 134 Seminaren und Vorlesungen, mit denen er der
seinen sechs Thesen zur Protestbewegung begleitet. Frankfurter Philosophie und Soziologie seine geistige Signatur
Stichworte: Mit »Stichworte zur ›Geistigen Situation‹ der Zeit«, gab. Dieser lokalen Konzentration stellt die Ausstellung den
dem Doppelband 1000 der edition suhrkamp, knüpft Habermas buchstäblichen Zug um die Welt, auf dem sich seine Bücher
als Herausgeber 1979 an »Die geistige Situation der Zeit« an, befinden, gegenüber; die globale Rezeption eines Werks, das
dem Band 1000 der Sammlung Göschen von Karl Jaspers aus in 33 Sprachen erscheint. Weitere Stationen seines Wirkens,
dem Jahr 1931: Eine intellektuelle Bilanzierung der Gegenwart etwa seine Tätigkeit als Direktor am Max-Planck-Institut zur
durch 32 Autoren, die auf Habermas’ Einladung zu dem Unter- Erforschung der Lebensbedingungen der wissenschaftlich-tech-
nehmen reagieren. nischen Welt, werden gestreift, ohne dass die Ausstellung einen
biografischen Ansatz verfolgt. Sie begnügt sich mit dem Versuch,
Eine weitere Ausstellungsstation gilt der Rolle des öffentlichen das Zusammenspiel einer Theorie der »kommunikativen Ver-
Sprechers, in deren Ausübung Habermas die intellektuellen nunft« mit deren mannigfaltiger Praxis am Hauptwirkungsort
Diskurse (nicht allein) der Bundesrepublik prägt: Seine Aufsät- von Jürgen Habermas zu visualisieren.
ze gehören zu den Konstanten der Publizistik, sie erscheinen Die Ausstellung, die bis zum 8. Juli 2009 in der National-
in allen meinungsbildenden Zeitungen und einer Vielzahl von bibliothek zu sehen ist, wird unterstützt vom Kulturamt der
Zeitschriften. Ihrem Wesen des direkten Eingriffs in die Debat- Stadt Frankfurt am Main, der Vereinigung von Freunden und
te entsprechend, werden sie nicht im Schutz von Glasplatten Förderern der Universität und dem Suhrkamp Verlag; sie wur-
präsentiert. Sie liegen auf einem Schreibtisch, dem Besucher de kuratiert von Wolfgang Schopf, Archiv der Peter Suhrkamp
zugänglich, der in der Ausstellung zum Leser werden mag. Stiftung an der Goethe-Universität, unter Mitarbeit von Frieder
Im räumlichen Zentrum der Ausstellung steht die Verbrei- Vogelmann. Die Ausstellung wird im Anschluss auch in der
tung von Habermas’ universitärer Lehre und seiner Schriften. Landesbibliothek Oldenburg zu sehen sein.

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Forschung intensiv Zur Person: Jürgen Habermas

Im Dezember 1999 erhält Habermas den Hessischen Kultur-


preis zusammen mit dem Literaturkritiker Marcel Reich-Rani-
cki und dem Verleger Siegfried Unseld. Zur Verleihung meint
Habermas: »Drei ältere Herren bilden ein selbstreferenziell ge-
schlossenes System, indem sie füreinander Spiegel aufstellen,
um sich darin geistreich reflektiert zu sehen.« Das Verhältnis
zwischen Habermas und seinem Verleger Unseld war nicht im-
mer spannungsfrei: Ende der 1970er Jahre wirft Habermas
ihm vor, den ganzen Suhrkamp Verlag mit einem »Grauschlei-
er des Liberalkonservativen« zu umgeben.

Partizipation gesteuert werden kann. Hingegen besteht


er darauf, durch öffentliche Meinungs- und Willensbil-
dungsprozesse als deliberatives (beratendes) Verfahren
demokratischer Selbstbestimmung »die systemischen
Imperative eines interventionistischen Staatsappara-
tes ebenso wie die des Wirtschaftssystems in Schach zu
halten. Das ist eine defensiv formulierte Aufgabe, aber
diese defensive Umsteuerung wird ohne eine radikale
und in die Breite wirkende Demokratisierung nicht ge-
lingen können.«/3/

Weltinnenpolitik ohne Weltregierung


Das Postulat der Demokratisierung erhält für Haber-
mas angesichts der epochalen Dynamik einer Globalisie-
der Zivilgesellschaft nicht verselbstständigen. Vielmehr rung und Deregulierung des Kapitalismus umso mehr
haben die konsensuellen Entscheidungen, die in an- Gewicht. Parallel mit der Expansion der kapitalistischen
spruchsvollen Verfahren der Meinungs- und Willens- Ökonomie als weltweit verbreitete Wirtschaftswei-
bildung zustande gekommen sind, auch die Funktion se droht Demokratie erneut in die Defensive zu gera-
einer Richtgröße für das ökonomische System. Zwar ten, bedingt durch die politischen Konsequenzen des-
verabschiedet sich Habermas von dem Gedanken, dass sen, was Habermas die »postnationale Konstellation«
die Ökonomie von innen her demokratisiert, also durch nennt. Er kritisiert nachdrücklich »die Konzeption ei-
ner weltweiten Privatrechtsgesellschaft«, die »die legi-
timatorischen Anforderungen deflationiert«./5/ Nur eine
offensive Programmatik im Sinne einer kosmopoliti-
Der Autor schen Demokratie und kosmopolitischer Staatsbürger-
schaft auf der Grundlage einer globalen Rechtsordnung
Prof. Dr. Stefan Müller-Doohm, 66, lehrte von 1974 bis kann Habermas zufolge aus dem Dilemma der Globa-
2008 an der Carl von Ossietzky Universität in Olden-
burg Soziologie mit den Schwerpunkten Interaktions-
lisierungsprozesse heraushelfen. Das ist die Idee einer
und Kommunikationstheorie sowie Kultursoziologie. Von »Weltinnenpolitik ohne Weltregierung« beziehungs-
1962 bis 1966 hat er in Frankfurt noch bei Horkheimer
und Adorno studiert. Gastprofessuren führten ihn später
auch nach Zürich, Wien und Lissabon. Er hat die »Ador-
»Das Leben von Philosophen eignet sich nicht zu Hei-
no-Forschungsstelle« ins Leben gerufen und ist derzeit ligenlegenden. Was von ihnen bleibt, ist bestenfalls
Leiter der »Forschungsstelle Intellektuellensoziologie« ein neuer, eigenwillig formulierter und oft rätselhaf-
an der Universität Oldenburg. Die »Forschungsstelle In- ter Gedanke, an dem sich spätere Generationen ab-
tellektuellensoziologie« umfasst zwei Forschungsfelder: arbeiten.« /7/
zum einen ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt
zur intellektuellen Biografie von Jürgen Habermas, zum anderen die allgemeine
Soziologie des Intellektuellen. Im Anschluss an die Adorno-Forschungen schafft weise einer »Weltgesellschaft ohne Weltregierung«. Die
Müller-Doohm mit seiner Arbeitsgruppe nunmehr die Voraussetzungen, eine ers- Aufgaben einer supranationalen Weltorganisation be-
te wissenschaftlichen Ansprüchen genügende Biografie des Philosophen und stünden in erster Linie in einer global orientierten Po-
Soziologen Jürgen Habermas zu schreiben. Die notwendigen Archivrecherchen,
litik, die sich auf die Felder der Friedenssicherung, der
Interviews mit Zeitzeugen im In- und Ausland führt er zurzeit durch. Im Rah-
men der Habermas-Forschung wird zurzeit auch ein umfassendes Pressearchiv
Menschenrechte und der Umwelt konzentriert. Der pri-
erstellt, dies wird später auch öffentlich zugänglich sein. Der Oldenburger Pro- märe Funktionsbereich der Weltinnenpolitik besteht
fessor hat in den vergangenen Jahren zahlreiche auch für ein breiteres Publikum nach Habermas in Folgendem: »Einerseits das extreme
verständliche Publikationen veröffentlicht, zuletzt erschienen von ihm der mit Wohlstandsgefälle der stratifizierten Weltgesellschaft zu
Georg Kohler herausgegebene Band »Wozu Adorno? Beiträge zur Kritik und zum überwinden, ökologische Ungleichgewichte umzusteu-
Fortbestand einer Schlüsseltheorie des 20. Jahrhunderts« sowie der mit Thomas ern und kollektive Gefährdungen abzuwehren, ande-
Jung herausgegebene Band »Fliegende Fische. Eine Soziologie des Intellektu- rerseits eine interkulturelle Verständigung mit dem Ziel
ellen in 20 Porträts«. Bei Suhrkamp wurden unter anderem veröffentlicht: »Ad-
orno. Eine Biographie« (2003); »Adorno-Portraits. Erinnerungen von Zeitgenos-
einer effektiven Gleichberechtigung im Dialog der Welt-
sen« (2007); »Das Interesse der Vernunft. Rückblicke auf das Werk von Jürgen zivilisation herbeizuführen.«/6/
Habermas seit ›Erkenntnis und Interesse‹« (2000); »Jürgen Habermas. Leben,
Werk, Wirkung« (BasisBiographie 2008) [siehe Buchtipp, Seite 93]. Kritik und Gegenkritik
Die philosophische Idee kommunikativer Vernunft,
stefan.mueller.doohm@uni-oldenburg.de
der Anspruch von Habermas, eine kritische Gesell-
www.forschungsstelle-intellektuellensoziologie.uni-oldenburg.de/index.html
schaftstheorie zu entwickeln, die ihren eignen Maßstab

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Zur Person: Jürgen Habermas Forschung intensiv

Philosophische Texte in fünf Bänden

E ine systematische Auswahl von Texten hat Ha-


bermas in fünf Bänden zusammengestellt, die
jetzt in seinem Hausverlag Suhrkamp anlässlich
gen der Soziologie, noch zur formalpragmatischen
Konzeption von Sprache und Rationalität, noch zu
Diskursethik oder politischer Philosophie oder zum
seines 80. Geburtstags erscheinen. Einige Texte Status des nachmetaphysischen Denkens.
sind bislang unveröffentlicht, sie sollen insbeson- Dieser merkwürdige Umstand
dere den im engeren Sinn philosophischen Kern wird mir selbst erst aus
seines umfangreichen Werks freilegen und in ihrer der Retrospektive bewusst;
Gesamtheit an die Stelle ungeschriebener Mono- und ich weiß nicht, ob ich
grafien treten. Den fünf Bände, die auch einzeln ihn nur als Defizit betrach-
erhältlich sind und insgesamt etwa 1600 Seiten ten soll,« schreibt Haber-
umfassen, ist jeweils eine ausführliche Einleitung mas im Vorwort zu dieser
vorangestellt. In dieser Einleitung umreißt Haber- Studienausgabe.
mas die Grundzüge und Motive seines philosophi-
schen Denkens zu Themen wie Sprache und Wahr-
heit, Vernunft und Moral, Recht und Demokratie,
wie sie sich in Auseinandersetzung mit den Einzel-
wissenschaften herausgebildet haben. »Ich habe zu Die Kassette kostet
Themen, auf die sich meine im engeren Sinne phi- 78 Euro, die fünf
losophischen Interessen richten, keine Bücher ver- Einzelbände jeweils
fasst – weder zu den sprachtheoretischen Grundla- 19,80 Euro.

auszuweisen versucht, hat innerhalb der Sphäre der


Wissenschaft eine breite, seit Jahrzehnten laufende Dis-
kussion ausgelöst. In dieser bis heute lebhaften Debat-
te innerhalb der Scientific Community reflektiert sich
die Wirkungsgeschichte der Schriften des Philosophen
und Soziologen. Die zu unterschiedlichen Zeiten wech-
selnden Kontrahenten vermochten ihre jeweils eigenen
ideen- und wissenschaftspolitischen Positionen gerade
dadurch zu profilieren, dass sie kaum umhinkonnten,
sich mit Interpretationen von Habermas zu beschäfti-
gen, sich insbesondere auf eine Auseinandersetzung mit
seinen Zeitdiagnosen einzulassen. Für Habermas ent-
sprach es guter akademischer Sitte, diese Kontroversen
als Chancen zu nutzen, der selbst eingestandenen kog-
nitiven Provinzialität des endlichen Geistes entgegen-
zuwirken, indem er auf die zahlreichen kritischen Stel-
lungnahmen ausführliche Kritiken formuliert hat. Sich
mit erstaunlicher Rasanz und mit Intensität in Form
von Repliken auf seine Gegner argumentativ einzulas-
sen, sie in dieser Weise ernst zu nehmen und von ihren
Einwänden, soweit sie plausibel sind, Gebrauch zu ma-
Am 14. Oktober 2001 nahm Jürgen Habermas aus den Händen
chen, um die eigenen Theoriemodelle zu verbessern, ist
von Roland Ulmer, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen
nicht nur kennzeichnend für seine eigene wissenschaft- Buchhandels, in der Paulskirche den Friedenspreis des Deutschen
liche Arbeitsweise, sondern zweifellos ein wesentlicher Buchhandels entgegen. In seiner Dankesrede ging er auf die An-
Grund für die enorme Resonanz seines Werkes. schläge vom 11. September ein: »Die Spannung zwischen säku-
Habermas prüft auf dem Weg seiner systematisch larer Gesellschaft und Religion (ist) in einmaliger Weise explo-
ansetzenden, immanenten Analyse durchaus gegen- diert.« Er plädierte dafür, dass sich der Westen Rechenschaft
sätzliche Denkrichtungen für seine eigenen theore- über den eigenen Säkularisierungsprozess geben möge.
tisch ambitionierten Zwecke. Im expliziten Dialog mit
geistigen Strömungen, wie etwa dem Marxismus und Theoriekonstruktion versteht Habermas als Lern-
der philosophischen Hermeneutik, den kognitiven und prozess: als Arbeit an einem offenen und fehlbaren
moralischen Entwicklungstheorien, der Sprachphiloso- Projekt, das im Lichte neuer geschichtlicher und wis-
phie und dem Pragmatismus, die er weiter denkt und senschaftlicher Erfahrungen stets weiterzuschreiben
neuartig miteinander kombiniert, hat Habermas ein ei- ist. Gesellschaftstheorie verhält sich kritisch zu ihrem
genes Paradigma von Sprache und Vernunft, von Ethik Gegenstand. Sie ist damit zugleich verpflichtet, ihren
und Moral, von Handlung und Verständigung, von kritischen Maßstab auszuweisen und zu begründen.
Rechtsstaat und Demokratie, von Wissen und Glauben Der Maßstab, den Habermas für seine kritische Ge-
entfaltet. sellschaftstheorie in Anspruch nimmt, ist in allgemei-

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Forschung intensiv Zur Person: Jürgen Habermas

Im Januar 2004 debattiert der protestantisch erzogene Jürgen


Habermas mit Josef Kardinal Ratzinger in der Münchner Ka-
tholischen Akademie. Habermas dazu später in der ZEIT: »Ich
bin alt, aber nicht fromm geworden.« Religiöse Bürger müs-
sen, so argumentiert Habermas, vom Wissen geleitete Einstel-
lung gewinnen, und zwar zu konkurrierenden Weltanschauun-
gen, säkularen Wissensbeständen und zur politischen Praxis.

ner Perspektive ein Begriff kommunikativer Vernunft,


den er gegenüber dem instrumenteller Nützlichkeit ab-
grenzt. Mit der Entdeckung der Intersubjektivität von
Sprache beziehungsweise Rede als Ort der Vernunft
leitet Habermas die Abkehr von dem mentalistischen
Paradigma der Bewusstseinsphilosophie und den »lin-
guistic turn« der kritischen Gesellschaftstheorie ein.
Seitdem gilt kommunikative Freiheit als die entschei-
dende Voraussetzung für demokratische Selbstbestim-
mung in einer pluralen, multikulturellen Gesellschaft,
in der die vielfältigen Interessen und Lebensformen
zumindest annäherungsweise einen Ausgleich finden
können. Das ist alles andere als blinder Idealismus oder
utopische Fiktion. Weil sich Gesellschaft durch Kom-
munikation konstituiert, ist ihr die Idee einer vernünf-
Anzahl der Artikel
tigen und das heißt auf Argumente gestützten Begrün-
0 5 10 15 20 25
1952 dung ihrer Ordnung immer schon eingeschrieben.
1954 Ohne Zweifel muss der Theoretiker, dessen Reflexions-
1956 Journalistische Beiträge gegenstand die Gesellschaft dieser Epoche ist, zum un-
1958 zu unterschiedlichen
Themen
nachsichtigen Sozialkritiker werden, sobald er nachzu-
1060 weisen vermag, dass die Gestaltung des Sozialen hinter
1962 seinen eigenen kommunikativen Möglichkeiten, hinter
1964 seinen eigenen Gerechtigkeitsansprüchen zurückfällt.
1966 Studentenbewegung/ Zur Aufklärung jener Moderne beizutragen, die
1968 Hochschulreform nicht zwangsläufig den Menschen entgleiten muss,
1970 sondern ein unabgeschlossenes, offenes Projekt ist,
1972 dessen Schicksal in ihren Händen liegt, ist der intuitive
1974 Grundzug und das Hauptmotiv der theoretischen An-
1976 Deutscher Herbst
strengungen von Habermas. ◆
1978
1980
1982
1984 Historikerstreit
1988 Wiedervereinigung
1990 Asyldebatte Habermas versteht seine Kritiken, die er international verbrei-
teten Tages- und Wochenzeitungen vorträgt, als eine Beziehung
1992
zur sozialen Praxis, die im Lichte moralischer Grundsätze und
1994
Normen beurteilt wird und deren Zustimmungswürdigkeit
1996 selbst wieder kritisch zu hinterfragen ist. Er liefert mit seiner
1998 Bioethik kontinuierlichen Präsenz in den Medien genug Angriffsflä-
2000 Europa chen. Die Tatsache, dass er die Rolle jenes Igels wahrnimmt,
2002 Willensfreiheit der vor dem Hasen immer schon am Ziel zu sein versucht, ist
2004 Religion auch eine ungewöhnliche Leistung schriftstellerischer Selbst-
2006 disziplin und ein Zeichen eines Talents kluger publizistischer
Verwertung eigener Erzeugnisse.

Anmerkungen

/1/ fentlicher Intellektu- /5/ /6/ /7/


Michael Fun- Handeln Frankfurt Jürgen Haber- Jürgen Haber- Jürgen Haber-
ken (Hrsg.) Über eller – Der Sozial- am Main 1986, mas Eine politi- mas Eine politi- mas Öffentlicher
Habermas, Gesprä- philosoph und S. 393. sche Verfassung sche Verfassung Raum und politi-
che mit Zeitgenossen streitbare Demokrat für die pluralisti- für die pluralisti- sche Öffentlichkeit
Darmstadt 2008, Jürgen Habermas /4/ Jürgen Haber- sche Weltgesell- sche Weltgesell- In: Naturalismus
S. 181 ff.[siehe mas Entgegnung schaft? In: Zwi- schaft? In: Zwi- und Religion
/3/
auch Buchtipp, Jürgen Haber- In: Axel Honneth/ schen Naturalismus schen Naturalismus Frankfurt am
Seite 92]. mas Entgegnung Hans Joas (Hrsg.) und Religion. und Religion. Main 2005, S. 16.
In: Axel Honneth/ Kommunikatives Philosophische Philosophische
/2/ Hans Joas (Hrsg.)
Jürgen Haber- Handeln Frankfurt Aufsätze Frank- Aufsätze Frank-
mas, in: Thomas Kommunikatives am Main 1985, furt am Main furt am Main
Kleinspehn Ein öf- S. 391. 2005, S. 358. 2005, S. 346.

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