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Die Erscheinungsformen des Bösen im

Volksmärchen

Motivgeschichtliche Untersuchungen anhand


ausgewählter Beispiele aus Märchen der
Gebrüder Grimm und anderen europäischen
Volksmärchen

Vorwissenschaftliche Arbeit verfasst von

Gabriel Pantillon

8A, 2014/15

Betreuer: Harald Gruber

Abgabedatum: 11.02.2015

BG18 Klostergasse

1180 Wien, Klostergasse 25


Abstract

Diese Arbeit ist einer zeitlosen Gattung der Literatur gewidmet: dem Märchen. Im Kon-
kreten befasst sie sich mit der Stellung des Bösen und seinen Erscheinungsformen im
europäischen Volksmärchen. Im Zentrum der Untersuchungen stehen die Grimm´schen
Märchen im Vergleich zu anderen europäischen Volksmärchen.

Eingangs werden die Polarität von Gut und Böse und speziell die Stellung des Bösen im
Märchen behandelt. Für die Erscheinungsformen des Bösen wurden drei typische Moti-
ve ausgewählt, denen die nachfolgenden Analysen gewidmet sind. Es geht um die Hexe,
die Stiefmutter und die Stiefmutterhexe. Den Analysen dieser Motive bei Grimm folgt
in den ersten beiden Fällen jeweils der Vergleich mit anderen europäischen Volksmär-
chen; die Resultate dieser vergleichenden Untersuchungen gelten ebenso für die Misch-
form der Stiefmutterhexe.

Im Laufe der Motiv-Analysen und der vergleichenden Untersuchungen wird bereits auf
viele für den entsprechenden Kontext relevante Märchen verwiesen. Den letzten Teil
jedes Großkapitels bildet die genaue Analyse einzelner Märchen, das jeweilige Motiv
betreffend. Damit werden alle diese Erscheinungsformen des Bösen wieder in ihren
ursprünglichen Kontext gestellt und dadurch in der Vielfältigkeit ihres Rollenbildes
verständlich.

2
Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung ................................................................................................................. 5

2 Stellung und Gestalt des Bösen im Märchen ........................................................ 6

2.1 Märchen brauchen Gut und Böse ....................................................................... 6

2.2 Die Bedeutung des Bösen in verschiedenen Märchentypen .............................. 6

2.3 Erscheinungsformen des Bösen im eigentlichen Märchen ................................ 8

2.4 Hexe und Stiefmutter als variantenreiche Motive .............................................. 9

3 Die Märchenhexe ................................................................................................... 10

3.1 Die „klassische“ Hexe in den Grimm-Märchen ............................................... 10

3.2 Andere Erscheinungsformen der Hexe bei Grimm .......................................... 12

3.3 Die Hexe in anderen europäischen Volksmärchen .......................................... 13

3.3.1 Die Hexe in Nord-, Mittel- und Westeuropa ............................................ 13

3.3.2 Die Hexe im russischen Märchen und die Baba Jaga ............................... 13

3.4 Das Besiegen der Hexe .................................................................................... 16

3.5 Funktionen der Hexe im Märchen.................................................................... 17

3.6 Einzelanalysen.................................................................................................. 18

3.6.1 Die Hexe in „Hänsel und Gretel“ ............................................................. 18

3.6.2 Die Hexe in „Der Trommler“ ................................................................... 19

3.6.3 Der Hexenmeister in „Fitchers Vogel“ ..................................................... 20

4 Die Stiefmutter ....................................................................................................... 22

4.1 Die Stiefmutter bei Grimm............................................................................... 22

4.2 Darstellungen der Stiefmutter in anderen europäischen Volksmärchen .......... 23

4.3 Das Ende der Stiefmutter ................................................................................. 24

4.4 Die Rolle der Stiefmutter in verschiedenen „Aschenputtel“-Versionen .......... 25

5 Die Stiefmutterhexe ............................................................................................... 27

5.1 Die Vereinigung von Hexe und Stiefmutter..................................................... 27

5.2 Die Stiefmutterhexe in „Brüderchen und Schwesterchen“ .............................. 27

3
6 Zusammenfassung ................................................................................................. 29

Literaturverzeichnis ..................................................................................................... 31

4
1 Einleitung

Märchen sind in unserer Kultur Allgemeingut. Daher lohnt es sich, den Fragen nach den
elementaren Lebenserfahrungen, die dieser Volksliteratur zugrundeliegen, nachzugehen.
Ich befasse mich in dieser Arbeit im Besonderen mit den Erscheinungsformen des Bö-
sen in verschiedenen europäischen Volksmärchen. Dieser Ansatz konkretisiert sich in
meinen beiden Forschungsfragen:

In welchen Zusammenhängen repräsentieren welche Motive das Böse?

Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede ergeben sich dabei zwischen Grimm-


Märchen und anderen europäischen Volksmärchen?

Meine Untersuchungen für diese Literaturarbeit stützen sich zuerst einmal auf die Kin-
der- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm 1 sowie auf Märchen aus Russland 2,
Schweden 3, England 4 und Portugal 5. Als sekundärliterarisches Werk ist für mich vor
allem Winfried Freunds „Deutsche Märchen“ maßgeblich. Weiters haben mich beson-
ders die Forschungsergebnisse von Bruno Bettelheim und Ursula Wodiczka beeinflusst.

Das Ziel meiner Arbeit ist es, die Erscheinungsformen des Bösen bei Grimm am Bei-
spiel von konkreten Motiven zu beleuchten und mit denen anderer europäischer Volks-
märchen zu vergleichen. Dazu definiere ich zuerst die Bedeutung des Bösen im Volks-
märchen, um danach die einzelnen Motive genauer zu analysieren und mit Beispielen
aus verschiedenen Märchen zu belegen.

Leider würde es den Rahmen dieser Arbeit sprengen, der Frage nach der Entstehung
und Verbreitung von Volksmärchen nachzugehen. Die Forschungsarbeit Elisabeth
Frenzels, die sich unter anderem mit der Gegenüberstellung von Wandertheorien wie
der Finnischen Schule und Polygenesen, wie sie schon die Gebrüder Grimm formuliert
haben, auseinandersetzt, erscheint mir als ein interessanter Hintergrund zu Vergleichen
von Motiven und Aussagen in Märchen. 6 Leider kann ich diesem Aspekt in meinen
Ausführungen kein Kapitel widmen.

1
vgl. Grimm, 1997
2
vgl. Afanasjew, 1985
3
vgl. Glossmann, 2007
4
vgl. Jacobs, 2012
5
vgl. Tomkowiak; Marzolph, 1996
6
vgl. Frenzel, 1966, S. 61ff.
5
2 Stellung und Gestalt des Bösen im Märchen

2.1 Märchen brauchen Gut und Böse

Das Volksmärchen zeigt bekanntermaßen eine klare Einteilung in Gut und Böse. Diese
absolute, kaum differenzierte moralische Sicht wird den Märchen oft zum Vorwurf ge-
macht. Allerdings ist diese Gliederung in Schwarz und Weiß im Märchen durchaus es-
sentiell und lässt die entscheidenden Konflikte überhaupt erst entstehen. Nur eine über-
zeichnete, durch und durch böse Stiefmutter würde mit ihrem Stiefkind so herz- und
erbarmungslos umgehen, wie es in den Märchen der Gebrüder Grimm oder anderen
Volksmärchensammlungen so oft erzählt wird. Auch dürfen andere Verkörperungen des
Bösen, wie zum Beispiel die Hexe, kein Mitgefühl zu ihren Opfern entwickeln, da sonst
der Schuldige nicht klar genug bezeichnet wäre und somit keine gerechtfertigte Strafe
mehr verhängt werden könnte. Und gerade diese Bestrafung am Ende unterstreicht noch
einmal die Botschaft des Märchens: Wer tugendhaft und sozial handelt, behält zuletzt
die Oberhand. Dafür sollte jener, der sich egoistisch verhält und die Gefühle anderer
missachtet, büßen, auch wenn das schlussendlich nicht immer der Fall ist. Dafür ist na-
türlich ein sehr starkes Bild des Bösen von Nöten. Diese Verkörperung des Bösen, die
ja zutiefst unsympathisch agieren und allem Guten widersprechen muss, stellt aber für
uns trotzdem immer wieder das Faszinierende im Märchen dar. Diese Faszination rührt
wohl gerade von einer solch unerhörten Bosheit her. Durch sie bekommt das Märchen
erst seinen Sinn, der in der Gegenüberstellung von Gut und Böse, dem Konflikt zwi-
schen diesen beiden Polen und der abschließenden moralischen Belehrung besteht.

2.2 Die Bedeutung des Bösen in verschiedenen Märchentypen

Trotz alledem spielt das Böse nicht in allen Arten des Volksmärchens eine Rolle. Ket-
tenmärchen zum Beispiel, die auf einer skurrilen Verkettung von Kausalitäten basieren,
wie das Grimm´sche Märchen „Das Birnli will nit fallen“, können auf das Feindbild
verzichten, da hier ein humorvoller Zugang gewählt wird und keine ernsten Themen
behandelt werden. Auch andere humorvolle Märchen, sogenannte Schwankmärchen,
wie „Bruder Lustig“ handeln meist von der Schlauheit und den Listen des Hauptcharak-
ters, der sich dabei manchmal durchaus auf moralisch zwielichtigem Terrain bewegen
6
darf. Ausgeschlossen sind hier zwar keine bösen Gestalten wie die der kleinen Teufel in
Grimms „Bruder Lustig“, eine entscheidende Rolle spielen sie aber nicht. Ein anderes
Schwankmärchen bei Grimm, „Der gescheite Hans“, handelt hingegen von dem genau-
en Gegenteil, nämlich keinem besonders listigen Protagonisten, sondern von seiner un-
endlichen Dummheit. Hier erkennt man bereits am ironischen Titel des Märchens, dass
es sich um ein humorvolles handelt. Tatsächlich aber ergibt sich der amüsante Charakter
dieser Märchen gerade durch die Abwesenheit eines Feindbildes. Im Märchen „Das
kluge Gretel“, ebenfalls von Grimm, tut die Listige so, als ob ihr Herr ein Mörder sei,
wodurch sie dessen Gäste verscheucht, um ihnen den Raub der gebratenen Hühner, die
inzwischen sie selbst verspeist hat, anzuhängen. In diesem Fall wird sich sogar über das
Böse und die Angst davor lustig gemacht und ein Vorteil daraus gezogen.

Eine Ausnahme bilden die Märchen, die den personifizierten Tod miteinbeziehen. Die-
ser ist nämlich, entgegen der naheliegendsten Annahme, keine Feindgestalt, sondern
erfüllt sozusagen nur seine Pflicht. Solche Märchen handeln eher von der Überheblich-
keit der Menschen, die den Tod zu täuschen versuchen oder sich vor ihm sicher fühlen.
Märchen dieser Art sind allerdings selten und sollen hier weiter nicht behandelt werden.

In Tiermärchen erscheinen die Gestalten des Bösen meist etwas anders. Hier werden
keine einheitlichen Motive, wie das der Hexe, verwendet. Stattdessen wechseln sich die
Motive unter den Tieren ab. Oftmals wird auch der Mensch im Allgemeinen als Feind
angesehen. Trotzdem entstehen in Tiermärchen keine so klaren Figuren, wie wir sie aus
den eigentlichen Märchen kennen. Diese uns sonst so bekannten Personifikationen des
Bösen bleiben in solchen Märchen aus. Viel eher wird der Mensch als natürlicher Feind
angesehen, was er aus biologischer Sicht ja auch ist. Manchmal tritt er sozusagen als
Vollstrecker auf, indem er das überhebliche oder dumme Tier bestraft; das aber tut er
natürlich nicht aus moralischen Gründen, sondern nur, um sich oder seine Besitztümer
und Vorräte zu schützen.

7
2.3 Erscheinungsformen des Bösen im eigentlichen Märchen

Im eigentlichen Märchen hingegen, das laut Antti Aarne und Stith Thompson Zauber-
und Wundermärchen, legendenartige Märchen, novellenartige Märchen und Märchen
von Riesen und Teufel einschließt, 7 spielen Feindbilder eine entscheidende Rolle. Diese
können aber in ganz unterschiedlichen Gestalten auftreten und weisen, obwohl sie letzt-
lich allesamt denselben Zweck erfüllen, jeweils typische Eigenschaften und Attribute
auf. So gilt der Riese zum Beispiel als dumm, dafür aber groß und sehr stark. Dieses
bedrohliche Bild wird durch die Tatsache, dass er meistens kannibalisch veranlagt ist,
verstärkt. Andere berühmte Motive des Bösen stellen die Hexe, die Stiefmutter, der
Teufel, der Wolf, die böse Fee, der Drache oder der neidische Marschall beziehungs-
weise ein sonstiger Untergebener wie die Dienstmagd dar.

Eine besondere Vorgangsweise, die in Märchen gerne vom Bösen eingesetzt wird, ist
die Verstellung. Viele Personifikationen des Bösen wenden sie an; ausgenommen sind
nur zu dumme Wesen wie der Riese oder Figuren, die diese Hinterlist nicht benötigen,
um ihre Ziele zu erreichen, zum Beispiel der Teufel oder der Drache. Der Grund, aus
dem die Verstellung im Märchen meistens mit dem Bösen assoziiert wird, liegt wohl
daran, dass ihr die Lüge zugrunde liegt. Diese wird natürlich im Märchen nicht toleriert,
da sie fast immer zu egoistischen Zwecken gebraucht wird. Ein Beispiel dafür wäre das
Grimm´sche Märchen „Die zwei Brüder“, in dem der Marschall behauptet, er hätte den
Drachen getötet, nur um die Königstochter heiraten zu dürfen. Allerdings ist die Ver-
stellung als Selbstschutz durchaus zulässig, wenn auch selten. Im Märchen „Allerlei-
rauh“ der Gebrüder Grimm versteckt und verkleidet sich die Königstochter, um ihren
Vater nicht heiraten zu müssen. Trotzdem kennen wir die Verstellung primär als Mittel
des Bösen. Berühmtestes Beispiel dürfte wohl der Wolf in „Der Wolf und die sieben
jungen Geißlein“ sein. Hier perfektioniert der Wolf seine Technik, indem er bei jedem
Versuch eine umfassendere Verkleidung verwendet. Dies aber bildet eher eine Aus-
nahme, denn in „Sneewittchen“ zum Beispiel, und den meisten anderen Märchen mit
solchen Täuschungen, ist die Qualität der Verkleidung überhaupt nicht entscheidend.
Sobald man verkleidet ist, ist man unkenntlich, selbst für die eigene Stieftochter. Weiter
muss das nicht veranschaulicht werden. 8 Einfacher ist die Verstellung ohne Verklei-
dung. Bestes Beispiel dafür wäre wahrscheinlich die Hexe in „Hänsel und Gretel“. Zu-

7
vgl. Freund, 1996, S. 182
8
vgl. von Matt, 2006, S. 60
8
erst bietet sie den Kindern Nahrung und Obdach an, dann erst zeigt sie ihr wahres Ge-
sicht.

2.4 Hexe und Stiefmutter als variantenreiche Motive

Diese beiden Motive, die später einzeln noch genauer analysiert werden, sind in den
Märchen der Gebrüder Grimm und anderen europäischen Volksmärchen häufig anzu-
treffen. Dadurch ergibt sich natürlich eine große Bandbreite an Charakterisierungen und
Abwandelungen. Das wiederum ermöglicht es, ein detaillierteres Bild dieser Motive zu
schaffen und zu bearbeiten. Besonders interessant aber sind Variationen der Motive
selbst, und nicht nur ihrer Eigenschaften. So erscheint im Märchen „Fitchers Vogel“ der
Gebrüder Grimm ein Hexenmeister anstatt einer Hexe. In den Märchen anderer Länder
ist diese manchmal unter anderen Bezeichnungen zu finden oder erhält dort sogar einen
Eigennamen, wie die „Baba Jaga“ in ostslawischen aber vor allem russischen Märchen. 9
Die Stiefmutter wird öfters auch als Hexe dargestellt, oder zumindest mit magischen
Kräften, die sie zu bösen Zwecken einsetzt. Darüber hinaus ist bei der Stiefmutter vor
allem auf die generelle Familienlage zu achten. So sind die Beziehungen zwischen den
Kindern in verschiedenen Ausgangslagen unterschiedlich. Weiters ist die Bezeichnung
der Stiefmutter nicht immer von der der Mutter zu trennen, da es sich dabei oft viel
eher um eine Charaktereigenschaft als einen Ausdruck für die Verwandtschaftsverhält-
nisse in der Familie handelt.

Trotz all dieser Variationen bleiben die Grundintention und Funktion von Hexe und
Stiefmutter gleich. Beide gelten als der Inbegriff des Bösen und verkörpern den puren
Egoismus, der im Märchen angeprangert wird. Somit sind sie der perfekte Gegenspieler
für den Helden, der ja, ausgenommen in Schwankmärchen, per Definition das Gute
repräsentieren muss. Durch diesen enormen Gegensatz wird dann meist ein großer Kon-
flikt ausgelöst, der nicht selten lebensbedrohlich ist.

Aufgrund der Häufigkeit ihres Erscheinens in der Märchenliteratur und des daraus re-
sultierenden Variantenreichtums eignen sich diese beiden Motive besonders für eine
genauere Analyse und einen Vergleich.

9
vgl. Hofmann, 2009, S. 49
9
3 Die Märchenhexe

3.1 Die „klassische“ Hexe in den Grimm-Märchen

Die Hexe in Volksmärchen stellt eines der Motive dar, das am häufigsten überhaupt
vorkommt und wohl am genauesten charakterisiert wird. Außerdem ist interessant, dass
sie überall sehr ähnlich beschrieben wird.

Das Aussehen der Hexe ist in den Grimm Märchen oft ausführlicher geschildert als das
anderer Personen. Dabei wird sie als hässliche alte Frau bezeichnet, die mit einer Krü-
cke herumschleicht. Weiters wird öfters erwähnt, dass sie ein braunes Gesicht, dürre
Finger und eine lange Nase hat. Mit ihren roten Augen kann sie nicht weit sehen, wes-
halb sie manchmal eine Brille trägt, dafür verfügt sie über eine feine Witterung, mit der
sie Menschen ausfindig machen kann. Bei dieser Beschreibung ist vor allem auffällig,
dass die Hexe zwar an sich ein Mensch ist, ihre Attribute aber jenen eines Raubtiers
ähneln. 10 Es wird also bereits bei der äußerlichen Darstellung eine Entmenschlichung
vollzogen, die sich dann durch die Taten der Hexe bestätigt. Das wiederum ist ein sehr
typischer Vorgang in Märchen. Oft geht nämlich das Aussehen eines Menschen einher
mit seinen Charaktereigenschaften. So ist die schöne Person meist auch gut und fleißig,
während die hässliche faul und böse ist.

Der Charakter der Hexe ist zu aller erst einmal böse. Zusätzlich überschätzt sie sich
selbst und unterschätzt andere. Daraus entwickelt sich der Hohn, der für Hexen so ty-
pisch ist. Besonders wichtig für ihr Wesen ist die Tatsache, dass sie Zauberkräfte be-
sitzt. Hier entsteht eine interessante Verbindung zur Religion, die in einigen wenigen
Märchen auftaucht. In „Hänsel und Gretel“ zum Beispiel reagiert die Hexe auf die Ge-
bete des Mädchens mit den Worten: „Spar nur dein Geplärre […] es hilft dir alles
nichts.“ 11. Daraus geht hervor, dass Gott offenbar keine Macht gegen die Hexe hat. Im
Märchen „Die weiße und die schwarze Braut“ allerdings bestraft „der liebe Gott“ die
Stiefmutter, die eine Hexe ist, indem er sie und ihre leibliche Tochter schwarz und häss-
lich werden lässt. Dies tut er allerdings, nachdem er selbst, verkleidet als armer Mann,
auf seine Frage nach dem Weg von den beiden abgewiesen worden ist; es ist die „gute“
Stieftochter, die ihm dann zu Hilfe kommt. In die eigentliche Handlung des Märchens,
10
vgl. Freund, 1996, S. 44
11
Grimm, 1997, S. 106
10
die im Betrug durch die Stiefmutter zugunsten der eigenen Tochter und der Unterdrü-
ckung der Stieftochter besteht, greift Gott jedoch nicht ein. Auch wenn das zuerst unlo-
gisch erscheinen mag, wird dadurch doch eine wichtige „Regel“ des Märchens befolgt,
nämlich dass der Märchenheld nur als Tatmensch reüssieren kann. 12 Zwar belohnt Gott
die Guten und bestraft die Bösen, er hilft ihnen aber nicht in ihren Schwierigkeiten.
Somit kann der Märchenheld durch eigenes Handeln das Böse besiegen.

Interessanterweise werden in den Märchen der Gebrüder Grimm die Intentionen der
Hexe nicht immer deutlich. Im extremsten Fall, wie in „Hänsel und Gretel“, tut die He-
xe Böses, um ihre kannibalischen Gelüste zu befriedigen, wofür sie aber offensichtlich
nur Kinder brauchen kann. Ansonst vollbringt die Hexe ihre bösen Taten, um ihre Über-
legenheit zu beweisen. Beispielsweise sitzt die Hexe im Märchen „Die zwei Brüder“ im
Baum und tut so, als wäre sie eine alte, hilflose Frau. Daraufhin berührt sie die Perso-
nen, die ihr zu nahe kommen, mit einer Rute und verwandelt sie damit in Steine. Einen
Nutzen zieht die Hexe offensichtlich nicht daraus. Sie scheint nur an der Unterdrückung
und Demütigung der Menschen interessiert zu seine. Eine weitere Vorgehensweise der
Hexe ist die Gefangennahme eines Mädchens, das sie sich dann als Sklavin hält. Diese
Kinder, die oft einem Fluch unterliegen, lassen sich aber meist durch bestimmte Rituale
oder magische „Tricks“ erlösen und befreien.

Die Hexe wird mit bestimmten Örtlichkeiten assoziiert. So trifft man sie häufig in dunk-
len, unbekannten Wäldern an, in denen man sich leicht verirren kann. Dieser Umstand
wird zwar meist nicht näher erläutert, es liegt aber nahe, dass die Hexe durch ihre Zau-
berkräfte Grund dafür ist. Im Märchen „Die Alte im Wald“ beeinflusst die Hexe den
Wald ganz bewusst, indem sie einen Prinzen mitsamt seinem Gefolge in Bäume ver-
wandelt. Die Hexe scheint außerdem Macht über die Tiere des Waldes oder zumindest
einige davon zu besitzen. So ist es in „Hänsel und Gretel“ ein weißer Vogel, der die
Kinder erst zum Hexenhaus lockt. Ebenso kann die Hexe im Märchen „Jorinde und Jo-
ringel“ das Wild und die Vögel aus dem Wald anlocken, um sie dann schlachten und
essen zu können. Von einem Haus im geheimnisvollen Wald ist in vielen Märchen die
Rede. Das Lebkuchenhaus, wie es in „Hänsel und Gretel“ auftaucht, ist bei Grimm aber
einzigartig. Normalerweise wird nur ein kleines, einsames Haus genannt, das aber meis-
tens einen Raum hat, in dem die Hexe ihre Schätze oder verwandelte Menschen in ver-
schiedensten Formen aufbewahrt.

12
vgl. Freund, 1996, S. 46
11
3.2 Andere Erscheinungsformen der Hexe bei Grimm

Trotz der genauen Charakterisierung der Hexe in den Märchen der Gebrüder Grimm,
gibt es immer wieder Ausnahmen, die starke Unterschiede zur herkömmlichen Be-
schreibung dieses Motivs aufzeigen. Während beispielsweise in anderen Märchen-
sammlungen das Bild der Hexe mit Familie durchaus gängig ist, kommt es bei Grimm
nur sehr selten vor. Ein Beispiel dafür ist das Märchen „Die sechs Schwäne“. Hier hei-
ratet ein König die Tochter einer Hexe. Diese Tochter, die die Hexerei ebenfalls be-
herrscht, ist aber, im Gegensatz zur klassischen Märchenhexe, sowohl jung als auch
sehr schön. Viel häufiger erscheint das Bild der Hexe mit Familie, wenn es sich um eine
Stiefmutter-Hexe handelt. Auch hier verändert sich die Beschreibung der Hexe massiv.
Dieses Thema wird später in einem eigenen Kapitel behandelt. Interessant ist die Be-
zeichnung der Hexe als Erzzauberin im Märchen „Jorinde und Joringel“. Aus der Be-
schreibung geht allerdings klar hervor, dass es sich um eine solche handelt. Selbst wenn
die Hexe äußerlich genau geschildert wird, ist es vor allem ihr Charakter, der sie als
Hexe kennzeichnet. So lebt im Märchen „Die Gänsehirtin am Brunnen“ eine alte, ein-
same Frau in einem abgelegenen Haus. Wie man am Ende erst erfährt, besitzt sie Zau-
berkräfte. Doch trotz all dieser für Hexen so typischer Merkmale wird im Märchen
selbst noch einmal klargestellt, dass es sich nicht um eine solche handelt, da sie gute
Absichten hat. Stattdessen wird sie als weise Frau bezeichnet. Dieser Ausdruck er-
scheint wiederum in „Dornröschen“, wo es 13 weise Frauen gibt, von denen eine nicht
zum Fest eingeladen wird, da zu wenige Teller vorhanden sind. Diese zeigt sich belei-
digt und verflucht die Tochter des Königspaars. Aber man kann wohl auch hier nicht
von einer Hexe sprechen, da die dreizehnte weise Frau nicht grundsätzlich böse ist, son-
dern sich nur in dieser bestimmten Situation rächen will.

Eine äußerst seltene Figur in den Grimm´schen Märchen ist der Hexenmeister. Er er-
scheint ausschließlich im Märchen „Fitchers Vogel“ und stellt die männliche Form einer
Hexe dar. Auf dieses Märchen wird später noch genauer eingegangen.

Ein einziges Mal wird in den Märchen der Gebrüder Grimm die Verbindung zwischen
Hexe und Teufel deutlich gemacht. Im Märchen „Frau Trude“ erblickt nämlich ein klei-
nes Mädchen im Haus der Frau Trude den Teufel. Diese antwortet darauf mit den Wor-

12
ten: „Oho […] so hast du die Hexe in ihrem rechten Schmuck gesehen“ 13. Sie bezeich-
net sich also selbst als Hexe, scheint aber in Wahrheit der oder ein Teufel zu sein.

3.3 Die Hexe in anderen europäischen Volksmärchen

3.3.1 Die Hexe in Nord-, Mittel- und Westeuropa


Wie in den Grimm-Märchen erfüllt die Hexe auch in anderen Ländern die Aufgabe des
puren Bösen. Dabei können aber Unterschiede in der Beschreibung oder der Namens-
gebung aufgrund regionaler Eigenheiten auftauchen. So wird in schwedischen Märchen
die Hexe entweder als Trollhexe oder nur als Trollweib bezeichnet. Die Zauberkünste
heißen dementsprechend Trollkünste. Der Begriff des Trolls scheint hier in Märchen
also eine wichtige Rolle zu spielen und verkörpert Eigenschaften, die wir mit der Hexe
verbinden, nämlich den Besitz „böser“ Zauberkräfte. Oft wird sie dort mit einer Familie
dargestellt, sogar mit einem Ehemann, der bei Grimm niemals erwähnt wird. Interessant
ist die Bezeichnung „henwife“ für die Hexe im englischen Märchen „Kate Cracker-
nuts“. Dieser Begriff bezeichnet nämlich eine Frau, die Hühner hält. Hier wird also der
Hexe eine Art Beruf oder zumindest eine Beschäftigung zugeschrieben, die sie in ande-
ren Märchen normalerweise nicht hat.

Vom Aussehen her unterscheidet sich das Bild der Hexe grundsätzlich nicht von dem in
den Grimm´schen Märchen. Manche Details werden allerdings teilweise noch verstärkt.
So wird die Tatsache, dass die Hexe schlecht sieht, im portugiesischen Märchen „Die
verirrten Kinder“ durch Einäugigkeit unterstrichen.

3.3.2 Die Hexe im russischen Märchen und die Baba Jaga


In russischen Volksmärchen spielen Hexen eine wohl ebenso wichtige Rolle wie in den
Grimm´schen Märchen. Interessant ist, dass sie dabei oft einen Eigennamen besitzen,
nicht wie in den meisten anderen Volksmärchen, wo sie einfach nur Hexen genannt
werden. Der bekannteste und wohl häufigste Name ist Baba Jaga. Die Baba Jaga ent-
stammt den ostslawischen, insbesondere den russischen Märchen. Der erste schriftliche
Beleg dieser Figur geht auf das 18. Jahrhundert zurück. 14 Der Name selbst ist schwer
zuzuordnen. Der Begriff baba ist in allen slawischen Sprachen vorhanden. Die Bedeu-
tungen reichen von Großmutter über alte Frau und verheiratete Frau bis zu Hebamme,

13
Grimm, 1997, S.227
14
vgl. Hofmann, 2009, S. 49-52
13
Wahrsagerin oder Hexe. Das Wort jaga hingegen birgt größere Schwierigkeiten und
kann nicht eindeutig zugeordnet werden. Es werden ihm in den verschiedenen slawi-
schen Sprachen unterschiedliche Bedeutungen zugeschrieben. So assoziiert man den
Begriff im Serbischen und Kroatischen mit Grusel oder Schauder, im Polnischen mit
Hexe oder böser Frau und im Slowenischen mit Wut. 15 Insgesamt sind die Übersetzun-
gen beider Begriffe zwar durchaus unterschiedlich, der Ausdruck Baba Jaga deckt sich
aber ziemlich genau mit den Beschreibungen der Hexe in den Märchen der Gebrüder
Grimm.

Beschrieben wird die Baba Jaga als sehr schillernd, seltsam und übernatürlich begabt.
Während nämlich die Grimm´sche Hexe meist einfach eine alte, böse Frau mit Zauber-
kräften ist, zeigt die Baba Jaga weit mehr Details, die wunderlich erscheinen. So wird
manchmal erwähnt, dass ihr Haus, das meist auf einer Lichtung in einem dichten Wald
liegt, auf Tierbeinen steht. Dadurch ist es der Hütte möglich sich zu drehen. 16 Umzäunt
ist diese mit Menschenknochen, auf denen Menschenschädel stecken, deren Augen im
Dunkeln leuchten. Auch Pfosten, Riegel und Türschlösser sind aus menschlichen Kör-
perteilen gefertigt. Im Märchen „Die wunderschöne Wassilissa“ hat die Baba Jaga sogar
Macht über Tag, Nacht und die Sonne, die in Form von Reitern dargestellt werden.

Sie selbst wird meist als Vielfraß bezeichnet, der so viel essen kann wie zwölf Perso-
nen. In manchen Märchen zernagt sie sogar ganze Bäume, allerdings, um sie zu fällen.
Oft wird sie als grausame Kannibalin beschrieben, die alle frisst, die ihrem Haus zu na-
he kommen. Allerdings geht es in den Märchenhandlungen selbst meist nur um Kinder
oder Jugendliche, wie bei Grimm. Oft hat die Baba Jaga selber Töchter, wobei die An-
zahl variieren kann, im Märchen „Die Baba Jaga und der Mickerling“ hat sie sogar 41.
In diesem Märchen lebt die Baba Jaga nicht in einer Hütte im Wald, sondern in einem
prächtigen Palast. Hier wird wieder deutlich, wie verschieden die einzelnen Beschrei-
bungen eines Motivs ausfallen können. Wenn sie keine Töchter hat, hilft ihr meist eine
Magd, in „Die wunderschöne Wassilissa“ sind es sogar nur drei paar Hände, die die
Arbeiten im Haus verrichten. Die Art ihrer Fortbewegung ist ebenfalls typisch. Dabei
fährt sie in einem Mörser, den sie mit dem Stößel antreibt. Ihre Spur verwischt sie mit
einem Ofenbesen. Interessanterweise wird die Baba Jaga nur selten als Hexe bezeichnet,
sie scheint fast schon als eigenes Motiv in die russischen Märchen einzugehen. Das er-

15
vgl. ebd. S. 51
16
vgl. ebd. S. 49
14
kennt man auch daran, dass sie nicht in allen Fällen über Zauberkräfte verfügt oder die-
se zumindest nicht immer einsetzt.

Daher gibt es wohl auch andere Figuren, die ebenfalls mit der Hexe aus den Grimm-
Märchen gleichzusetzen sind. Im Märchen „Tereschetschka“ zum Beispiel ist von einer
Hexe namens Tschuwilicha die Rede. Allerdings gleicht dieses Märchen einem anderen,
„Lutonja und die Baba Jaga“, so sehr und Tschuwilichas Beschreibung jener der Baba
Jaga so genau, dass man kaum von zwei verschiedenen Figuren reden kann. Dafür sind
die Kennzeichen anderer Hexen umso unterschiedlicher. So ist die Hexe in „Die Hexe
und der Sonne Schwester“ die Schwester des Helden, Iwan Zarewitsch. Hier wird sie
nicht als alte Frau beschrieben, stattdessen wird Iwan noch vor der Geburt seiner
Schwester vor ihr gewarnt. Sie wird nämlich sowohl ihre Eltern als auch das Gesinde
und ihn, wenn er nicht flieht, verschlingen. Der kannibalische Drang beschränkt sich
hier also nicht nur auf Kinder, sondern einfach auf alle Menschen. Ähnlich wie die Ba-
ba Jaga verfügt auch sie über die Fähigkeit, Bäume zu zernagen. Allerdings hat sie kei-
ne offensichtlichen Zauberkräfte, sie kann sich nur schneller fortbewegen als andere.
Wie sie das tut, wird aber nicht beschrieben. Im Märchen „Die Hexe“ finden wir wie-
derum eine interessante Verbindung zum Thema Religion. Hier klopft eine Hexe in der
Nacht an Haustüren, worauf alle Bewohner versterben. Die Hexe aber ist die Tochter
des Kirchendieners und keineswegs eine alte Frau mit Zauberkräften. Außerdem ver-
körpert sie hier eigentlich den Tod, und das, obwohl ihr Vater offenbar religiös ist. Die
Baba Jaga hingegen hat keine Vollmacht über Leben und Tod. So kann sie im Märchen
„Die wunderschöne Wassilissa“ diese letzten Endes nicht töten, weil sie von ihrer Mut-
ter gesegnet ist. Also gibt es für die Baba Jaga Grenzen, die für andere russische Hexen
nicht existieren. Im eben genannten Märchen lässt sie ihre Gefangene sogar frei und
gibt ihr das Feuer, um das diese ursprünglich gebeten hat. Die Baba Jaga scheint dem-
nach ihre Opfer nicht in jedem Fall wahllos zu quälen, wie es in den Grimm´schen Mär-
chen der Fall ist.

Zusammenfassend kann man sagen, dass die Hexe in russischen Volksmärchen nicht
genau mit der Hexe aus den Märchen der Gebrüder Grimm übereinstimmt. Während sie
dort nämlich durch ihre Zauberkräfte auffällt, scheinen diese hier nicht so von Bedeu-
tung zu sein. Viel mehr repräsentiert der Begriff der Hexe in den russischen Märchen
das maßlos Grausame, das vor allem durch unbändigen Kannibalismus zum Vorschein
kommt.

15
3.4 Das Besiegen der Hexe

Um die Hexe zu besiegen oder zu töten, gibt es in jedem Märchen andere Möglichkei-
ten. Gleich bleibt allerdings, dass der Held es selbst durchführt, meist durch eine List.
Dabei macht er sich manchmal bestimmte Schwächen der Hexe zu Nutze. Diese können
sehr unterschiedlich ausfallen. So kann die im Baum sitzende Hexe im Grimm´schen
Märchen „Die zwei Brüder“ von Bleikugeln nicht verletzt werden. Als der Held aber
mit silbernen Knöpfen von seinem Rock auf sie schießt, fällt sie sogleich hinunter. Die-
se Schwachstelle im Kontakt mit silbernen Gegenständen wird sonst bei Grimm niemals
erwähnt. Ein ähnlich seltener Schwachpunkt der Hexe wird im schwedischen Märchen
„Prinz Wilhelm“ erwähnt. Dort ist ihre Macht nämlich gebrochen, wenn sie in der Son-
ne steht. Eine Form der Tötung einer Hexe, die häufiger vorkommt, ist die Verbren-
nung. Diese geht wohl auf die Ketzer- und Hexenverbrennung zurück. 17 Für den Um-
gang mit diesem Thema gibt es im Märchen verschiedenste Möglichkeiten. Die ein-
fachste kommt in „Hänsel und Gretel“ vor und beschreibt die Tötung der Hexe durch
eine List, bei der Gretel so tut, als ob sie nicht in den Ofen kriechen könnte, um die
Temperatur festzustellen. In dem Augenblick, da die Hexe es ihr dann vorzeigt, stößt
Gretel sie hinein. Komplizierter wird die Verbrennung im Märchen „Der Trommler“ der
Gebrüder Grimm. Hier bekommt der Held, um eine Prinzessin zu befreien, von der He-
xe drei Aufgaben gestellt, deren Erfüllung schier unmöglich ist. Die Prinzessin erledigt
diese an seiner Stelle und gibt ihm dabei ganz konkrete Ratschläge zur Vernichtung der
Hexe. Im schwedischen Märchen „Der Löwe“ wiederum wird die Hexe öffentlich bei
lebendigem Leibe verbrannt. Hier ist die Parallele zur Hexenverbrennung sehr auffällig.
Ebenso von historischen Tatsachen inspiriert ist wohl die Hinrichtung der Hexe durch
Ertränken, wie es im russischen Märchen „Die Hexe“ vollzogen wird. Allerdings lässt
sich die Hexe nicht nur durch Feuer oder Wasser töten. So ist es in manchen Märchen
auch möglich, ihr einfach den Kopf mit einem Schwert abzuschlagen. Durch die Tötung
der Hexe werden gleichzeitig alle ihre Zauberkräfte vernichtet. So findet der Held da-
nach problemlos aus dem Wald, der plötzlich hell statt düster und unheimlich erscheint.
Eine interessante Art, die Hexe zu besiegen, findet sich in einigen anderen russischen
Märchen. Dort reicht es nämlich, die Hexe einfach in einer Verfolgungsjagd abzuhän-
gen. Dabei kann sich der Held Objekte mit Zauberkräften zunutze mache, wie zum Bei-
spiel einen Kamm, der einen dichten Wald hinter ihm entstehen lässt, durch den die

17
vgl. Freund, 1996, S. 124
16
Hexe nicht mehr hindurch kommt. Hat man sie also einmal besiegt, kann sie einem of-
fenbar nicht mehr gefährlich werden. Diese Lösung ohne eine Bestrafung der Hexe,
wäre in Grimm-Märchen unvorstellbar. Spielt dort nämlich das Böse in Form einer He-
xe eine entscheidende Rolle, wird sie schlussendlich auf irgendeine Art bestraft. Diese
Bestrafungen, die sich nicht auf Hexen beschränken, sind oftmals sehr grausam geschil-
dert. Allerdings wird nicht in erster Linie die Person selbst hingerichtet, sondern viel
mehr das Böse an sich, wodurch solche Tötungsszenen an konkreter Wirkung verlie-
ren. 18 Das zeigt sich auch in der Reaktion der anderen Märchenfiguren auf den Tod des
Bösewichts. So verspüren die Kinder in „Hänsel und Gretel“ keinerlei Mitleid mit der
Hexe, nachdem sie sie getötet haben. Sie sind viel eher schadenfroh, weil die Hexe das
bekommen hat, was sie verdient. 19

Oftmals ist es aber gar nicht notwendig, gegen die Hexe selbst zu kämpfen. Stattdessen
versucht ein Held einen Fluch aufzuheben, der meist in der Verwandlung eines Prinzen,
oft noch mit Schloss und/oder seiner Gefolgschaft, besteht. Dafür gibt es, nach der Lo-
gik des Märchens, immer eine Möglichkeit. Zweierlei Fälle sind hier typisch. Entweder
macht der Verwünschte, der sich manchmal für eine kurze Zeit am Tag zurück- oder in
ein anderes Wesen verwandeln kann, dem Helden auf irgendeine Weise klar, was dieser
zu tun hat, oder der Retter entdeckt die Lösung durch Zufall. Dabei muss er soziales
Handeln gegenüber dem unkenntlich Verwandelten beweisen. Die Schwachstelle des
Hexenzaubers ist also das wahre Gute im Menschen. Durch das Brechen des Zaubers
wird die Hexe, zumindest für den Sieger, unschädlich gemacht und kommt nicht wieder,
um sich zu rächen. So lässt sich eine Parallele zu den russischen Märchen aufzeigen, bei
denen die erfolgreiche Flucht vor der Hexe reicht, um sie zu besiegen.

3.5 Funktionen der Hexe im Märchen

Die Hexe erfüllt im Märchen zwar immer eine ähnliche Rolle, aber nicht immer densel-
ben Zweck. Dennoch ist eine ihrer Funktionen besonders typisch, nämlich die des direk-
ten Feindes. Berühmtestes Beispiel dürfte wieder einmal „Hänsel und Gretel“ sein, wo
die Hexe die zu besiegende Person darstellt. Oft spielt sie aber gar keine zentrale Rolle
im Märchen. Stattdessen wird sie als eine Art Katalysator gebraucht, so wie im

18
vgl. Freund, 1996, S. 190
19
vgl. ebd. S. 46
17
Grimm´schen Märchen „Das Waldhaus“. Hier erklärt ein Verwünschter, nachdem der
Zauber gebrochen wurde, dass es eine böse Hexe war, die ihn verwandelt oder verzau-
bert hat. Mehr Bedeutung wird ihr aber in der Geschichte nicht zuteil. Eine sehr seltene
Funktion der Hexe wird im Märchen „Frau Trude“ von den Gebrüdern Grimm deutlich.
Hier verwandelt die Hexe das unartige Kind in einen Holzblock und wirft ihn ins Feuer.
Bei diesem Märchen scheint es sich aber eher um eine Art Lehrmärchen zu halten, in
dem die Hexe als Kinderschreck fungiert. Eine wichtige Aufgabe, die die Hexe in man-
chen Märchen ausführt, ist die der Verbündeten der Stiefmutter. So schickt diese ihr
verhasstes Stiefkind im englischen Märchen „Kate Crackernuts“ zu einer Hexe, die ihr
einen Trank verabreichen soll, der sie hässlich werden lässt. Etwas anders, aber grund-
sätzlich nach demselben Prinzip, gestaltet sich die Handlung im russischen Märchen
„Baba Jaga“. Hier schickt die Stiefmutter ihr Kind zur Hexe Baba Jaga in der Hoffnung,
dass diese es auffressen werde. Die Baba Jaga ist in dem Fall natürlich nicht bewusst
die Verbündete der Stiefmutter, trotzdem versucht sie unabsichtlich deren Plan zu voll-
strecken. Die Verschmelzung von Stiefmutter und Hexe zu einer Person ist die extrems-
te Form dieser Idee. Dieses Phänomen wird später noch genauer durchleuchtet.

3.6 Einzelanalysen

3.6.1 Die Hexe in „Hänsel und Gretel“


In „Hänsel und Gretel“ findet man die wohl typischste und bekannteste Hexe aller
Grimm´schen Märchen. Daher wird sie hier genauer untersucht.

Die Handlung mit der Hexe beginnt bereits, bevor die Kinder zum Häuschen gelangen.
Sie werden nämlich von einem weißen Vogel dorthin gelockt. Hier ergeben sich zwei
Parallelen zum Märchen „Jorinde und Joringel“. Dort wird nämlich erwähnt, dass die
Erzzauberin die Macht über die Tiere des Waldes hat. Interessant ist aber vor allem eine
andere Begebenheit in diesem Märchen. Es wird nämlich beschrieben, dass sich die
Erzzauberin oder Hexe tagsüber in eine Katze oder eine Nachteule verwandelt. Man
könnte also vermuten, dass es sich beim weißen Vogel aus „Hänsel und Gretel“ auch
um eine verwandelte Form der Hexe handeln könnte. Dieser Vogel führt die Kinder
dann zum Knusperhaus aus Brot, Kuchen und Zucker. Bei Grimm findet man so ein
Haus ansonst nicht, dafür im schwedischen Märchen „Die Riesenhütte, deren Dach aus
lauter Würsten bestand“. Wie der Name schon verrät, handelt es sich dabei zwar nicht

18
um dieselben Nahrungsmittel, die Funktion verändert sich aber nicht. Allerdings wird in
„Hänsel und Gretel“ noch erwähnt, dass die Hexe die Hütte aus Brot nur gebaut hat, um
Kinder anzulocken, diese Erklärung fehlt im schwedischen Märchen. Das ist ein typi-
sches Beispiel für die Verstellung, die das Böse oftmals anwendet, um seine Opfer zu
täuschen. Als die Hexe die Kinder entdeckt, stellt sie anfangs eine Mutterfigur dar, da
sie den Kindern zu essen gibt. 20 Diese enge Verbindung zur Mutter wird am Schluss
noch einmal offenbar, als diese nach dem Tod der Hexe ebenfalls plötzlich verstirbt.
Sobald die Hexe die Kinder in ihrer Gewalt hat, kann sie ihr wahres Gesicht zeigen und
verschleiert ihre Absichten nicht mehr. Das will sie wohl auch gar nicht, da sie sich ja
am Leid und den Tränen der Kinder erfreut. Dem liegt ihre maßlose Selbstüberschät-
zung zu Grunde, die ihr später zum Verhängnis wird. Denn trotz ihrer großen Macht hat
die Hexe einige Schwachstellen. Die erste, die von Hänsel ausgenützt wird, ist das
schlechte Sehvermögen der Hexe. Ihr größter Schwachpunkt ist aber die Unterschät-
zung der Kinder, durch die sie die List Gretels nicht erkennt und schließlich selbst in
den Ofen gestoßen wird. Diese Unterschätzung des Gegners, die fast schon an Dumm-
heit grenzt, findet sich auch in einigen russischen Märchen. Ebenso bleibt die List, die
zum Tod der Hexe führt, dort dieselbe. Allerdings werden in den russischen Märchen
meist die Töchter der Hexe oder der Baba Jaga auf diese Art getötet, die Hexe selbst
stirbt nicht immer. Durch den Tod der Hexe in „Hänsel und Gretel“ wird die Welt sozu-
sagen wieder zurechtgerückt, was man am anschließenden Tod der Stiefmutter er-
kennt. 21 Als die Kinder dann mit den Schätzen der Hexe heimkehren und diese teilen,
wird noch einmal ein Gegensatz zum Egoismus der Hexe und der Stiefmutter deutlich. 22

3.6.2 Die Hexe in „Der Trommler“


Im Grimm´schen Märchen „Der Trommler“ geht es um einen Trommler, dem eine Kö-
nigstochter erscheint, die von einer Hexe auf dem Glasberg gefangen gehalten wird.
Daraufhin macht er sich auf und erreicht trotz einiger Hindernisse die Hexenhütte. Dort
trägt ihm die Hexe drei völlig unmögliche Aufgaben auf, die aber die Königstochter mit
einem Wunschring für ihn erledigt. Nach der letzten wirft der Trommler die Hexe ins
Feuer, wo diese verbrennt. Die weitere Handlung des Märchens ist für das Motiv der
Hexe uninteressant.

20
vgl. Bettelheim, 2008, S. 187
21
vgl. Freund, 1996, S. 46
22
vgl. ebd. S. 47
19
In diesem Märchen erscheint eine weitaus mystischere Hexe als in „Hänsel und Gretel“.
Allein schon ihre Behausung auf dem Glasberg unterstreicht das. Den Glasberg kann
man nämlich nicht besteigen, da er zu rutschig ist. Man muss sich in diesem Fall durch
einen Zaubersattel hinauf wünschen. Dieser Glasberg wird noch in einigen anderen
Märchen erwähnt und stellt immer eine große Herausforderung dar. Dadurch ergibt sich
ein großer Unterschied zur Hexe aus „Hänsel und Gretel“. Während diese nämlich Kin-
dern auflauert und versucht sie anzulocken, scheint die Hexe in „Der Trommler“ eher
ungestört bleiben zu wollen. Hier muss der Held die Hexe mühsam aufsuchen und gerät
nicht zufällig in ihre Nähe. Die darauffolgende Handlung erinnert sehr stark an das
schwedische Märchen „Prinz Wilhelm“. Zwar wird hier, im Gegensatz zum Grimm-
Märchen, der Prinz noch von der Hexe selbst entführt, daraufhin werden ihm aber ähn-
lich schwere Aufgaben aufgetragen. Dabei hilft ihm die jüngste Tochter der Hexe, die
es wie die meisten jüngsten Kinder im Märchen gut mit dem Prinzen meint und nichts
Böses im Sinn hat. In „Der Trommler“ werden allerdings noch einige Besonderheiten
zum Besiegen der Hexe genannt. So muss zum Beispiel der Trommler, nachdem die
Königstochter den Teich statt ihm, der ihn mit einem Fingerhut hätte ausschöpfen müs-
sen, geleert und die Fische für ihn sortiert hat, den letzten übriggebliebenen Fisch der
Hexe mit den Worten: „Der soll für dich sein, alte Hexe.“ 23 ins Gesicht werfen. Ähnli-
che Ratschläge erhält er von der Gefangenen bei den anderen Aufgaben, im Zuge deren
letzter er die Hexe ins Feuer wirft. Es sind also einige Schritte notwendig, um diese He-
xe zu töten. Eine wichtige Voraussetzung für den Trommler, die genannt wird, ist die
Furchtlosigkeit, mit der er der Hexe gegenübertreten soll. So ist diese offenbar machtlos
gegen ihn. In „Prinz Wilhelm“ hingegen wird die Hexe nicht getötet. Es findet stattdes-
sen eine Verfolgungsjagd, ganz ähnlich der in „Brüderchen und Schwesterchen“, statt,
die in der Durchbrechung der Macht der Hexe durch die Morgensonne endet.

3.6.3 Der Hexenmeister in „Fitchers Vogel“


„Fitchers Vogel“ beschreibt einen Hexenmeister, der, als armer Mann verkleidet, junge
Frauen mitnimmt, um sie letzten Endes zu töten. Nachdem er in einer Familie bereits
zwei Schwestern ermordet hat, versucht er sich an der dritten. Diese aber ist schlau und
fällt nicht auf seinen Trick herein. Sattdessen fügt sie die Leichenteile ihrer Schwestern
wieder zusammen, sodass sie wieder zum Leben erweckt werden, und kündigt eine

23
Grimm, 1997, S. 814
20
Hochzeit mit dem Hexenmeister an. Diesen lockt sie dann mitsamt seinen Gästen ins
Haus, wo diese dann alle verbrennen.

Dieses Märchen erinnert sehr stark an den „Blaubart“-Stoff. Die älteste Version geht
aber auf die „Legende vom heiligen Gildas“ von Père Albert le Grand aus dem sechsten
Jahrhundert zurück, die dann häufig bearbeitet wurde, unter anderem von Perrault im
17. Jahrhundert. 24 In „Fitchers Vogel“ wird allerdings der reiche Mann oder der König,
wie es in den anderen Versionen heißt, durch einen Hexenmeister ersetzt. Dadurch ent-
steht eine Dämonisierung, die diese Figur noch schrecklicher und übermächtiger er-
scheinen lässt. Interessant ist die Stellung des Mannes gegenüber seinen Frauen. Er
scheint ihnen vollkommen überlegen zu sein, so wie es in manchen Märchen die Stief-
mutter ihrem Mann ist. Während die Frauen bei ihm sind, reden sie nicht einmal, nur er
selbst spricht. Das erscheint wie eine Gefangenschaft, auch wenn er selbst so tut, als
wolle er mit den Frauen ein gemeinsames Leben führen und sie heiraten. Die Tatsache,
dass er seine Zauberkräfte einsetzt, um Frauen zu bekommen, gibt ihm noch mehr Kon-
trolle über diese. Man könnte diese Stellung durchaus auf die Gesellschaft früherer
Jahrhunderte beziehen, in der der Mann der Frau eindeutig überlegen war. Dementspre-
chend würde der Sieg der Frau am Ende des Märchens eine Gleichstellung der Ge-
schlechter bedeuten. 25 Dass der Hexenmeister seine Frauen alle grausam tötet, scheint
wieder eine Demonstration seiner Macht zu sein. Eine klare Verbindung zur klassischen
Hexe findet man in der großen Selbstüberschätzung des Hexenmeisters. Die schließli-
che Verbrennung steht wohl symbolisch für eine Ketzer- oder Hexenverbrennung.

24
vgl. Freund, 1996, S. 117
25
vgl. ebd. S. 119
21
4 Die Stiefmutter

4.1 Die Stiefmutter bei Grimm

Die Stiefmutter ist ein weiteres häufig vorkommendes Motiv in den Grimm´schen Mär-
chen. Dabei nimmt sie allerdings immer die Rolle der Gegenspielerin ein. Oft füllt sie
dabei wie in „Hänsel und Gretel“ oder „Aschenputtel“ die komplett dominierende Rolle
in der Familie aus. Der Vater schließt sich ihr entweder an oder wird vollkommen un-
terdrückt, wenn er Zweifel an den Entscheidungen seiner Frau hat. Diese Unterwürfig-
keit des Mannes ist besonders bei „Hänsel und Gretel“ stark zu spüren. Der Grund für
die Dominanz der Stiefmutter könnte dort die Tatsache sein, dass der Familienvater
aufgrund seiner Unfähigkeit die Familie zu ernähren sein Mitspracherecht verloren
hat. 26 Diese Dominanz nützt sie dann, um ihre Stiefkinder zu quälen. Eine andere Rolle
nimmt die Stiefmutter ein, wenn sie nicht der dominierende Part der Familie ist, zum
Beispiel als Frau eines Königs. In diesem Fall muss sie ihre Bösartigkeit verdecken,
indem sie entweder ihre Untaten hinter dem Rücken des Ehemanns ausführt oder die-
sem Lügen erzählt, um ihr Verhalten zu rechtfertigen.

Es muss vorausgeschickt werden, dass in früheren Jahrhunderten aufgrund der hohen


Frauensterblichkeit eine zweite Ehe des Vaters durchaus gängig war. 27 Trotzdem ist die
Bezeichnung Stiefmutter im Märchen nicht immer wörtlich zu verstehen. Vielmehr wird
durch sie ein stiefmütterliches Verhalten beschrieben. So wird die Stiefmutter in „Hän-
sel und Gretel“ anfangs zwar als solche bezeichnet, später wird sie aber einmal Mutter
genannt. Ähnlich stellt sich die Situation im Märchen „Die zwölf Brüder“ dar, wo die
Schwiegermutter als Stiefmutter bezeichnet wird. 28 Im Märchen „Einäuglein, Zwei-
äuglein und Dreiäuglein“ wird dann die Bezeichnung als Stiefmutter völlig weggelas-
sen. Das Quälen des Zweiäugleins durch die Mutter beruht dort nicht auf dem Ver-
wandschaftsgrad, sondern nur auf Neid. Dieser steht in enger Verbindung mit der Riva-
lität zwischen den meist hässlichen und bösen Stiefgeschwistern, die häufig gemeinsam
mit der sogenannten Stiefmutter auftreten, wobei die Anzahl variiert. Bei den hieraus
resultierenden Konflikten schlägt sich diese auf die Seite der bösen Geschwister und
quält mit ihnen zusammen die Heldin. Diese Geschwisterrivalität scheint aber nur unter
26
vgl. ebd. S. 42f.
27
vgl. ebd. S. 65
28
vgl. Wodiczka, 1992, S. 23ff.
22
mehreren Mädchen auszubrechen. Wenn ein Bub und ein Mädchen vorkommen, verste-
hen sich diese sehr gut. In diesem Fall ist die Stiefmutter das alleinige Feindbild.

Äußerlich wird die Stiefmutter meist nicht beschrieben; sie wird nur als sehr bösartig
und ungerecht dargestellt. Ihre leiblichen Töchter werden oft als hässlich bezeichnet,
wobei sie die Charaktereigenschaften der Mutter übernehmen, während die Stieftochter
meist schön ist, wodurch die Rivalität noch verstärkt wird. „Sneewittchen“ stellt dabei
den Konflikt zwischen Stiefmutter und Stieftochter dar, wohingegen bei „Aschenputtel“
die Rivalität unter den jungen Mädchen im Vordergrund steht.

Die Intentionen der Stiefmutter sind im Gegensatz zu denen der Hexe oft durchaus
nachvollziehbar, wenn auch stark übertrieben. So beneidet sie in vielen Fällen ihre
Stieftochter um deren Schönheit, da ihre eigene Tochter hässlich ist. In anderen Fällen
will sie durch ihre leiblichen Kinder mehr Macht erlangen, indem sie diese zum Bei-
spiel mit Königssöhnen zu vermählen versucht. Die Stieftochter stellt dabei eine direkte
Konkurrentin dar. Interessant ist die Motivation der Stiefmutter in „Von dem Machan-
delboom“, wo das Böse sie zum Mord am Kind verleitet 29: „do gaf ehr de Böse in“. 30
Ihre Ziele verfolgt die Stiefmutter in vielen Märchen mit ähnlichen Mitteln: Vor allem
versucht sie das Stiefkind soweit wie möglich zu demütigen und zu unterdrücken, in-
dem es zum Beispiel zum „Aschenputtel“ degradiert wird oder ihm unlösbare Aufgaben
erteilt werden. In extremeren Fällen ist das Ziel der Stiefmutter, ihr Stiefkind aus dem
Weg zu räumen. Das tut sie, indem sie dieses entweder als Konkurrent für das eigene
Kind ausschaltet wie zum Beispiel in „Aschenputtel“, wo es in Staub und Schmutz
schlafen muss, oder tatsächlich einen Plan schmiedet, um das Kind zu töten, was aber in
den wenigsten Fällen gelingt.

4.2 Darstellungen der Stiefmutter in anderen europäischen Volks-


märchen

Die Stiefmutter wird in den meisten europäischen Märchen ähnlich wie bei Grimm be-
schrieben. Dabei tauchen mitunter eher untypische Handlungsverläufe wieder auf; zum
Beispiel ist die Handlung in „Von dem Machandelboom“ fast ident mit der des schwe-
dischen Märchens „Der schöne Vogel“.

29
vgl. ebd. S. 104
30
Grimm, 1997, S. 241, Übesetzung: „da gab ihr das Böse ein“
23
Auch im russischen Märchen existiert das Motiv der Stiefmutter quasi unverändert. Die
Stiefmutter und ihre Töchter werden als ähnlich bösartig beschrieben wie bei Grimm.
Auffallend ist dennoch, dass besonders ein Handlungsschema deutlich häufiger auftritt
als andere. Die Märchen „Der Frost“ und „Die Tochter und die Stiefmutter“ sind Bei-
spiele für diesen Typus. Hier handelt es sich im Prinzip um dieselbe Geschichte wie bei
„Frau Holle“, nur in etwas drastischerer Form. Das Stiefkind wird in die Wildnis ge-
schickt, in der Hoffnung, es würde dort umkommen (zum Beispiel durch den Frost). Da
das Kind aber unschuldig ist, wird es verschont und mit Geschenken und Schätzen zu-
rückgeschickt. Daraufhin bringt die Stiefmutter aus lauter Gier ihre eigene Tochter zum
selben Ort, hoffend, dass diese ähnlich reich belohnt werde. Sie wird aber nicht ver-
schont und kommt um.

Eine wirkliche Bestrafung der Stiefmutter wird im russischen Märchen oftmals nicht
erwähnt, da der Verlust der leiblichen Tochter wohl schon als solche zählt. Ansonst
wird manchmal noch der Tod der Stiefmutter beschrieben, sei es ein natürlicher Tod
oder ein Tod als Bestrafung, der oft ebenfalls ihre leiblichen Töchter trifft.

Interessanterweise existiert im russischen Märchen auch eine Form der Stiefmutter, die
bei Grimm überhaupt nicht auftaucht. Es wird hier nämlich geschildert, dass die böse
Stiefmutter, nachdem sie die Tochter weggeschickt hat, Reue empfindet und bei ihrer
Heimkehr plötzlich freundlich wird.

4.3 Das Ende der Stiefmutter

Die Stiefmutter wird scheinbar entgegen der Logik des Märchens manchmal nicht be-
straft. In diesen Fällen müssen aber zumindest ihre leiblichen Töchter für ihr Verhalten
büßen. Da sowohl diese als auch die Stiefmutter selbst nur Beispiele für Verkörperun-
gen des Schlechten sind, ist es unwichtig, ob auch sie bestraft wird. 31 In einigen weni-
gen Märchen fehlt die Bestrafung vollkommen. Ansonst werden ähnlich grausame Hin-
richtungen wie in vielen anderen Märchen geschildert. Beispielsweise wird die Stief-
mutter in Grimms „Die drei Männlein im Walde“ in ein Fass gesteckt, das mit Nägeln
ausgeschlagen ist. Danach lässt man das Fass einen Berg hinunterrollen. Interessant an
den Bestrafungen der Stiefmutter ist, dass sie sie meist selbst auswählt. Da sie nämlich,

31
vgl. Freund, 1996, S. 80
24
im Gegensatz zur Hexe, ein Teil der Familie und Gesellschaft ist, muss sie ihre Intrigen
einerseits gut verbergen, ahnt es andererseits aber nicht, wenn andere Personen diese
aufdecken und sieht sie daher nicht als Feinde an. Deshalb lässt sie sich oft in dieselbe
Falle locken: Ihr werden ihre eigenen Untaten vorgetragen, und sie muss für die Schul-
dige eine passende Strafe auswählen, ohne zu wissen, dass es um sie selbst geht. Eine
interessante Strafe wird im Grimm´schen Märchen „Von dem Machandelboom“ er-
wähnt. Dort wird die böse Stiefmutter nämlich zuletzt von einem Mühlstein erschlagen,
den der ermordete Stiefsohn, der die Gestalt eines Vogels angenommen hat, herabwirft.

4.4 Die Rolle der Stiefmutter in verschiedenen „Aschenputtel“-


Versionen

„Aschenputtel“ ist wohl das bekannteste Märchen, das die typische Stiefmutter be-
schreibt. Umso interessanter ist es, dass in der ersten Version des Märchens bei Grimm
aus 1812 vor allem die Stiefschwestern gegen Aschenputtel intrigieren, nicht die Stief-
mutter. 32 Auch sind sie es, die am Schluss bestraft werden. Das wiederum zeigt, welch
wichtige Rolle in diesem Märchen die Geschwisterrivalität spielt. Bei Grimm ist des-
halb eine klare Einteilung in Gut und Böse zu erkennen. Aschenputtel ist sozial und
bescheiden, erfüllt also das Idealbild im Märchen, während seine Stiefschwestern als
„garstig und schwarz von Herzen“ 33 beschrieben werden. Interessanterweise sind sie
nicht hässlich, sondern sogar „schön und weiß von Angesicht“ 34, was relativ untypisch
für böse Motive im Märchen ist. Ganz gegensätzlich dazu erscheint das Märchen „La
Gatta Cenerentola“ bei Giambattista Basile, der noch vor den Gebrüdern Grimm lebte.
Hier kommt es kaum zu Konflikten unter den Geschwistern. Auch die Erniedrigungen
durch die zweite Stiefmutter beschränken sich darauf, dass die Stieftochter, die Aschen-
katze genannt wird, zerlumpte Kleider tragen muss. Allerdings besteht hier nicht das
Bild der unschuldigen Heldin, da diese ihre erste Stiefmutter umgebracht hat. Mögli-
cherweise handelt es sich bei der ersten Stiefmutter sogar um die echte Mutter, da man
sonst nichts über diese erfährt. 35 So einen Mord durch das Stiefkind findet man auch im
süditalienischen Märchen „La Mala Matrè“ wieder. Dort sind es mehrere Kinder, die

32
vgl. Wodiczka, 1992, S. 60
33
Grimm, 1997, S. 137
34
ebd. S. 137
35
vgl. Bettelheim, 2008, S. 283-287
25
ihre böse Mutter töten, da die Lehrerin es ihnen rät. 36 In vielen anderen europäischen
Märchen, in denen ein „Aschenputtel“ vorkommt, ist aber gar keine Stiefmutter vorhan-
den. Entweder flieht dort das Mädchen vor dem Vater, da dieser sie heiraten will oder
sie wird von ihm verstoßen, weil er an ihrer kindlichen Liebe zweifelt. Erst nach der
Flucht oder Trennung vom Vater wird das Mädchen in der Fremde zum „Aschenput-
tel“. 37 Die beiden eben genannten Handlungsvarianten erscheinen übrigens auch bei
Grimm, etwa in „Allerleirauh“ und „Prinzessin Mäusehaut“, allerdings ohne den
„Aschenputtel“-Aspekt. In Deutschland wiederum gibt es einige Geschichten über einen
„Aschenjungen“, der später König wird. 38

So unterschiedlich diese verschiedenen Märchen auch sein mögen, überschneiden sie


sich doch alle, was die Erniedrigung besonders durch Asche betrifft. Durch das Leben
in und mit der Asche wird das Kind erstens schmutzig und unattraktiv und zweitens
stark gedemütigt, da es eigentlich die Aufgaben einer Magd übernehmen muss. Bei
Grimms „Aschenputtel“ sieht Freund in der Verhängung unlösbarer Aufgaben Selbst-
herrlichkeit und Menschenverachtung der Stiefmutter, die außerdem volle Kontrolle
über ihr Stiefkind auszuüben versucht, indem sie es nicht aus dem Haus lässt. 39 Das
Märchen kann natürlich in allen diesen Versionen nicht einmal annähernd gleich enden.
Kommen aber Stiefmutter und Stiefgeschwister vor, werden meist nur Zweitere bestraft.
Bei den Gebrüdern Grimm werden ihnen die Augen von Vögeln ausgehackt. Die daraus
folgende Blindheit könnte man als Symbol für deren Egoismus und Ichsucht sehen. 40

36
vgl. ebd. S. 285
37
vgl. ebd. S. 286
38
vgl. ebd. S. 275
39
vgl. Freund, 1996, S. 68
40
vgl. ebd. S. 71
26
5 Die Stiefmutterhexe

5.1 Die Vereinigung von Hexe und Stiefmutter

Bei der Stiefmutterhexe verschmelzen die beiden vorher besprochenen Motive zu ein
und derselben Person. Sie kommt in den Grimm´schen Märchen relativ häufig vor. Da-
bei entspricht die Handlung im Großen der eines typischen Stiefmuttermärchens. Der
einzige Unterschied beruht darauf, dass die Stiefmutter durch die Fähigkeit des Zau-
berns noch mehr Möglichkeiten hat das Stiefkind zu quälen; darüberhinaus ist sie nicht
mehr auf die Hilfe anderer Hexen angewiesen wie noch zum Beispiel im englischen
Märchen „Kate Crackernuts“. Dadurch, dass die Stiefmutter als Hexe bezeichnet wird,
ändern sich allerdings auch ihre Ziele. Während die normale Stiefmutter meist nur ver-
sucht, das Stiefkind zu demütigen und zu benachteiligen, trachtet die Stiefmutterhexe
jener nach dem Leben. Diese Form der Unmenschlichkeit findet sich sonst nur bei He-
xen. Dementsprechend werden Stiefmutterhexen zum Schluss des Märchens oft wie
Hexen durch Verbrennen oder Ertränken hingerichtet. Vor allem aber wird das Motiv
der Stiefmutter durch die zusätzliche Bezeichnung als Hexe noch böser und schreckli-
cher gestaltet. Dabei muss eine Stiefmutterhexe keineswegs alle Merkmale einer Hexe
aufweisen. So wird die Stiefmutter in „Sneewittchen“ als äußerst schön bezeichnet, was
Hexen ja niemals sind. Außerdem sind Stiefmutterhexen im Gegensatz zur Hexe in die
Gesellschaft integriert. Die Opferwahl ist genau dieselbe wie bei der Stiefmutter und
weist nicht die Willkür, die bei der Hexe gängig ist, auf. Schließlich lässt sich sagen,
dass die Stiefmutterhexe eine Verstärkung des Stiefmuttermotivs ist, wodurch ein ge-
fährlicheres und grausameres Motiv als das der Stiefmutter allein entsteht.

5.2 Die Stiefmutterhexe in „Brüderchen und Schwesterchen“

Dieses Grimm´sche Märchen beginnt mit dem Entschluss von Brüderchen und Schwes-
terchen das Heim zu verlassen, um der schlechten Behandlung durch die Stiefmutter zu
entgehen. Daraufhin entpuppt diese sich als Hexe, die den Kindern Fallen stellt. Jedes
Brünnlein, von dem sie trinken, würde sie nämlich in wilde Tiere verwandeln. Anfangs
können sich die Kinder noch beherrschen, doch schließlich trinkt das Brüderchen aus
einem Brunnen und verwandelt sich in ein Reh. Das Schwesterchen bleibt dennoch treu
27
an seiner Seite und wird eines Tages vom König im Wald entdeckt, der sie sofort heira-
tet und ein Kind mit ihr bekommt. Da die Stiefmutter die Kinder schon für tot gehalten
hat, ist sie umso aufgebrachter über das Glück des Schwesterchens und nimmt die Ges-
talt der Kammerfrau an. Sie sperrt das Schwesterchen ins Badezimmer ein und legt ein
Feuer, sodass diese erstickt. An Schwesterchens Stelle legt die Stiefmutter ihre eigene
Tochter ins Bett und behauptet, sie sei krank, damit der König nicht sieht, dass diese nur
ein Auge hat. Schwesterchen kehrt aber in der Nacht zurück und sieht nach ihrem Kind
und dem Reh, bis der König sie entdeckt und sie dadurch wieder zum Leben erweckt
wird. Die Stiefmutter wird daraufhin verbrannt, wodurch das Brüderchen seine echte
Gestalt wiederbekommt, und ihre leibliche Tochter schleppt man in den Wald, wo sie
von wilden Tieren zerrissen wird.

Der Anfang des Märchens gleicht dem Grimm´schen Märchen „Der liebste Roland“.
Dort stirbt die Stiefmutterhexe aber bereits bei der Verfolgung der Kinder. In „Brüder-
chen und Schwesterchen“ glaubt diese, das Schwesterchen würde von wilden Tieren
getötet und das Brüderchen bei der Jagd erlegt. Es ist also eindeutig die Absicht, die
Kinder zu töten, zu erkennen. Die Stiefmutterhexe taucht dann erst wieder auf, als sie
erfährt, wie gut es den Kindern geht. Das erfüllt sie mit Missgunst, und sie nützt dies-
mal ihre Zauberkräfte, um sich am Hof einzuschleusen. Verwandlungen, wie sie das
Brüderchen getroffen haben, kommen relativ häufig in Märchen mit Stiefmutterhexen
vor. 41 Speziell typisch für den Stiefmutteraspekt in der Stiefmutterhexe ist aber der Ver-
such, die eigene, hässliche Tochter unbemerkt einzuschleusen. Auch diese verwandelt
sie so weit, dass sie der echten Königin gleicht, nur ein zweites Auge bekommt sie
nicht. Die Grausamkeit der Stiefmutterhexe zeigt sich dann wieder bei der Ermordung
des Schwesterchens, das sie im Bad ersticken lässt. Aber selbst nach diesem herben
Rückschlag für das Gute kann dieses im Märchen immer noch siegen. Die Tatsache,
dass tote Personen in der Nacht erscheinen und sogar wieder zum Leben erweckt wer-
den können, zeigt, dass es nach Märchenlogik immer einen Ausweg gibt, selbst aus den
misslichsten Lagen und dem Tod. Die Bestrafungen am Ende des Märchens sind wie-
derum nicht willkürlich gewählt. Während die Stiefmutter, wie es für Hexen üblich ist,
verbrannt wird, stirbt ihre Tochter den Tod, der ursprünglich für das Schwesterchen
gedacht war.

41
vgl. Wodiczka, 1992, S.123
28
6 Zusammenfassung

Ich habe mich bemüht, in meine Recherchen einen anschaulichen Querschnitt europäi-
scher Volksmärchen einzubeziehen. Selbstverständlich war es nicht möglich, der Ge-
samtheit aller europäischen Volksmärchen gerecht zu werden. Bei den Märchen der
Gebrüder Grimm allerdings konnte ich von meiner persönlichen Lektüre jedes einzel-
nen Märchens ausgehen.

In den vorliegenden Untersuchungen haben sich Wesen und Handlungsumfeld der drei
von mir ausgewählten Motive, die für das Böse im Volksmärchen typisch sind, klar
herauskristallisiert. Die Hexe stellt dabei die extremste Erscheinungsform des Bösen
dar, grausam, entmenschlicht, in manchen Fällen sogar kannibalisch. Ihre Intentionen
sind von Grund auf böse und benötigen keine menschlich nachvollziehbaren Beweg-
gründe. Die Stiefmutter hingegen handelt sehr wohl aus menschlichen Gefühlen heraus
böse. Ihre Taten dienen ihrem persönlichen Vorteil oder dem ihrer leiblichen Nach-
kommen. In der Stiefmutterhexe wird durch die formellen und inhaltlichen Attribute
einer Hexe das Böse einer menschlichen Person übersteigert und erreicht diabolische
Ausmaße. Handlungsumfeld und Zusammenhänge, in denen eines dieser Motive auf-
tritt, entsprechen seinem Charakter und seiner sozialen Stellung. Da die Hexe aus der
menschlichen Gesellschaft ausgeschlossen ist, begegnet man ihr ausschließlich an abge-
legenen Orten, für die sie aufgrund ihrer übernatürlichen Fähigkeiten selbst die Spielre-
geln geschaffen hat. Typische Handlungszusammenhänge, in denen die Hexe auftritt,
sind Notsituationen von Menschen, häufig das Verirren im Wald, manchmal der Zufall,
bisweilen der Plan, eine Person zu befreien, die sich schon in der Gewalt der Hexe be-
findet. Die Stiefmutter und ebenso die Stiefmutterhexe agieren in einem durchaus übli-
chen gesellschaftlichen Kontext. Die spezielle Konstellation Stiefmutter-Stiefkinder
führt zum Konflikt.

Die Frage nach Unterschieden beziehungsweise Gemeinsamkeiten zwischen Grimms


Märchen und anderen europäischen Volksmärchen lässt sich nach vorliegenden Recher-
chen eher zu Gunsten der Gemeinsamkeiten beantworten. Die Stiefmutter und manch-
mal ihre Weiterentwicklung zur Stiefmutterhexe sind in allen europäischen Volksmär-
chen häufige Verkörperungen des Bösen und zeigen überall mehr oder weniger diesel-
ben Grundcharakteristika. Die Hexe erscheint variantenreicher. Besonders sticht dabei
die russische Baba Jaga ins Auge. Ihre Erscheinung ist vor allem skurril, fantastisch und

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unmenschlich, sodass sie mit der alten Frau im Wald wie bei Grimm nicht mehr viel
gemein hat. Ansonst betreffen die Unterschiede zwischen den verschiedenen Hexendar-
stellungen oftmals nur die Bezeichnung oder kleine spezifische Varianten und wirken
sich nicht entscheidend auf das Wesen der Hexe aus.

Obwohl Volksmärchen im Allgemeinen als simplifizierend angesehen werden, zeigt


eine genauere Auseinandersetzung mit ihnen doch, dass ihre Motive komplex und viel-
schichtig sind. Die Kategorien Gut und Böse treten zwar in einer scheinbar überzeichne-
ten Eindeutigkeit hervor, durch diese erhält das Märchen aber erst seine Dynamik und
seine Aussage.

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Literaturverzeichnis

Afanasjew, Alexander Nikolajewitsch: Russiche Volksmärchen. Berlin: Artemis &


Winkler, 2014, Nachdr.

Bettelheim, Bruno: Kinder brauchen Märchen. München: Deutscher Taschenbuch Ver-


lag, 28 2008

Frenzel, Elisabeth: Stoff- und Motivgeschichte. Berlin: Erich Schmidt, 1966

Freund, Winfried: Deutsche Märchen. Eine Einführung. München: Fink, 1996

Glossmann, Erik: Schwedische Märchen. Krummwisch bei Kiel: Königsfurt, 2007

Grimm, Jacob; Grimm, Wilhelm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand. Mit
einem Anhang sämtlicher nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen. Hrsg.: Röl-
leke, Heinz. Stuttgart: Reclam, 1997

Hofmann, Denise: Die Hexe in ausgewählten Märchen der Brüder Grimm. München:
GRIN Verlag Gmbh

Jacobs, Joseph: English Fairy Tale. Englische Märchen. München: Deutscher Taschen-
buch Verlag, 12 2012

Tomkowiak, Ingrid; Marzolph, Ulrich: Grimms Märchen International. Zehn der be-
kanntesten Grimmschen Märchen und ihre europäischen und außereuropäischen Ver-
wandten. Bd. 1. Texte. Paderborn; München; Wien; Zürich: Schöningh, 1996

von Matt, Peter: Die Intrige. Theorie und Praxis der Hinterlist. München; Wien: Hanser,
2006

Wodiczka, Ursula: Das Motiv der Stiefmutter in den Kinder- und Hausmärchen der
Brüder Grimm. Diplomarbeit. Universität Wien, 1992

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Selbstständigkeitserklärung VwA

Name: Gabriel Pantillon

Selbstständigkeitserklärung

Ich erkläre, dass ich diese vorwissenschaftliche Arbeit eigenständig angefertigt und nur
die im Literaturverzeichnis angeführten Quellen und Hilfsmittel benutzt habe.

Wien, 11.02.2015

Ort, Datum Unterschrift

Zustimmung zur Aufstellung in der Schulbibliothek

Ich gebe mein Einverständnis, dass ein Exemplar meiner vorwissenschaftlichen Arbeit
in der Schulbibliothek meiner Schule aufgestellt wird.

Wien, 11.02.2015

Ort, Datum Unterschrift

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