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Rechtswissenschaftliche Fakultät

Strafrecht Allgemeiner Teil I

§12 Das Fahrlässigkeitsdelikt

Prof. Dr. iur. Gunhild Godenzi, LL.M., RA

Vgl. DONATSCH/TAG, S. 332 ff.; STRATENWERTH, § 16, § 17


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Einführung

Im Skigebiet Melchsee-Frutt fuhr Frau S. Ski. Bei einer Abfahrt ins Tal
verliess sie die Piste und fuhr einige Meter neben dieser auf gut
befahrbarem, offenem Gelände abwärts. Nach etwa 70 Metern, 15 Meter
von der Piste entfernt, stürzte sie in eine schlecht sichtbare 5 Meter tiefe
Geländemulde. Sie brach sich das Genick und verstarb noch an der
Unfallstelle. Der Pisten-und Rettungschef für das Skigebiet wurde
verurteilt wegen fahrlässiger Tötung von Frau S. Er hatte den Pistenrand
ungenügend markiert. (vgl. BGE 122 IV 193)
Abwandlung:
Frau S. fuhr neben der Piste talabwärts, allerdings gut 30 Meter von der
Piste entfernt. Sie passiert die Mulde wegen der Streckenwahl
unbeschadet und gelangt unversehrt ins Tal. Strafbarkeit des Pisten- und
Rettungschefs?

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Einführung
Vorsatz: Planverwirklichung, bewusste Entscheidung gegen des Rechtsgut
Fahrlässigkeit: ungewollte Verletzung einer Sorgfaltspflicht , Unachtsamkeit, Leichtsinn

 Strafrechtliche Relevanz der Fahrlässigkeit: nur ausnahmsweise


und in aller Regel an den Eintritt des tatbestandlichen Erfolges
geknüpft. Ein versuchtes Fahrlässigkeitsdelikt gibt es nicht!
 Warum ist das so geregelt?
Unvorsichtigkeit «erschüttert» das Normvertrauen der Bürger erst
dann, wenn sie bekannt geworden ist.
 Ethisches Problem: Bestraft werden nur einige wenige
Unvorsichtige, die das «Pech» hatten, durch ihre Unvorsichtigkeit
einen tatbestandlichen Erfolg zu bewirken.
→ Gefährdungsdelikte: relativieren das Gerechtigkeitsproblem,
provozieren aber Beweisprobleme (ohne Taterfolg ist Gefährdung oft
nur schwer zu erkennen)
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Fahrlässigkeit (Art. 12 Abs. 1 und 3 StGB)


1Bestimmt es das Gesetz nicht ausdrücklich anders, so ist nur strafbar, keine ungeschriebene
wer ein Verbrechen oder Vergehen vorsätzlich begeht. […] Fahrlässigkeit

3Fahrlässig begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Folge seines
Fahrlässigkeit
Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf
nicht Rücksicht nimmt.

3Fahrlässig begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Folge seines
Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf unbewusste Fahrlässigkeit
nicht Rücksicht nimmt.

3Fahrlässig begeht ein Verbrechen oder Vergehen, wer die Folge seines
Verhaltens aus pflichtwidriger Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf bewusste Fahrlässigkeit
nicht Rücksicht nimmt.
20. Fahrlässigkeit 373
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Abgrenzung von Vorsatz und Fahrlässigkeit (vgl. Art. 12 StGB)

Vorstellungsbild des Wissenskomponente Willenskomponente


Täters in Bezug auf den (intellektuelles (voluntatives Element,
Erfolgseintritt Element, «Prognose») «Einstellung»)
direkter Vorsatz 1. Grades mind. als möglich anstreben
(Absicht) voraussehen
direkter Vorsatz 2. Grades für in Kauf nehmen
sicher, gewiss halten
Eventualvorsatz als möglich in Kauf nehmen
voraussehen Abgrenzung
bewusste Fahrlässigkeit als möglich auf Ausbleiben vertraut problematisch
voraussehen
unbewusste Fahrlässigkeit inexistent (blosse inexistent (mangels
Erkennbarkeit) Wissensgrundlage)

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Bewusste Fahrlässigkeit (Art. 12 Abs. 3 Satz 1 Alt. 2 StGB)

Täter handelt sorgfaltswidrig und vertraut in Kenntnis der Gefahr pflichtwidrig auf
das Ausbleiben des Erfolges

Beispiel: M ist Mutter eines Kleinkindes. Nach


dem Einkauf lässt sie für kurze Zeit eine Flasche
Unkrautvernichtungsmittel unbeaufsichtigt auf
dem Küchentisch stehen. Sie sieht zwar die
Möglichkeit, dass das Kind die Flasche erreichen
und daraus trinken könnte voraus, vertraut aber
leichtfertig darauf, dass es nicht dazu kommt.

Gefahrenlage erkannt – aber nicht gebannt!

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Unbewusste Fahrlässigkeit (Art. 12 Abs. 3 Satz 1 Alt. 1 StGB)


Täter handelt sorgfaltswidrig und bedenkt die Gefahr der Tatbestandsverwirklichung
dabei überhaupt nicht. Die Nichtvoraussicht beruht aber auf pflichtwidriger
Unvorsichtigkeit.
Beispiel: Im Hochsommer 2015 starb auf einem Campingplatz
im Tessin ein 6-jähriges Mädchen. Die Mutter hatte es nach
einem Ausflug bei 33 Grad Aussentemperatur im Auto schlafen
gelassen – und dann dort vergessen. Als die drei Schwestern
das Mädchen nach 3.5 Stunden entdecken, war es bereits tot.
Hat die Mutter die Gefährlichkeit ihres Tuns gar nicht in
Betracht gezogen, weil sie trotz öffentlicher Warnungen nicht
wusste, dass im geschlossenen Auto bei 33 Grad
Aussentemperatur bereits nach 30 Min. Lebensgefahr besteht,
dann hat sie den Tod der Tochter unbewusst fahrlässig
verursacht.

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Festlegung des möglicherweise strafbaren Verhaltens – zeitliche


Eingrenzung
Leitfrage: WER hat sich WODURCH WONACH strafbar gemacht?
WODURCH?
 bei Vorsatzdelikten: Bereich strafbaren Verhaltens beginnt grundsätzlich mit
dem Überschreiten der Schwelle zum Versuch
 bei Fahrlässigkeitsdelikten: gibt es eine solche zeitliche
Relevanzgrenze nicht; sie sind «nach vorne» offen. Wer irgendwann in der
Vergangenheit eine sorgfaltspflichtwidrige Handlung vorgenommen hat, wird
auch dann (z.B. aus Art. 125 StGB) strafbar, wenn erst lange danach aus
dieser Handlung ein straftatbestandlicher Erfolg entsteht, sofern dieser Erfolg
nur nach den allgemeinen Voraussetzungen des Fahrlässigkeitsdeliktes noch
zu jenem vergangenen Täterverhalten zurechenbar ist.

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Festlegung des möglicherweise strafbaren Verhaltens – Tun oder


Unterlassen?
Leitfrage: WER hat sich WODURCH WONACH strafbar gemacht?
WODURCH?
 Fahrlässigkeitstaten weisen per Definition das Element «Unterlassen der gebotenen
Sorgfalt» auf, betreffen also ein Verhalten, das Elemente aus beidem, Tun und
Unterlassen, enthält (sog. «doppelrelevantes Verhalten»)
 Beschränkt sich der Anteil des Unterlassens allein auf die Unterlassung der gebotenen
Sorgfalt, so liegt ein Tun vor, mit dem das Unterlassen «wesensnotwendig» verbunden ist.
Dieses Tun ist dann der primäre Anknüpfungspunkt für eine Fahrlässigkeitsstrafbarkeit
(instruktiv BGE 115 IV 203 f.). Die Abgrenzung kann aber schwierig sein!
Beispiele (fahrl. Begehungsdelikte): Betrieb eines Skiliftes ohne einen «Zielwächter» (abw. BGE
103 IV 289: UD); falsche Anweisungen an Baggerführer (abw. BGE 117 IV 130: UD); falsche
Bestätigung, das Hallenbaddach sei sicher (BGE 115 IV 203 f., abw. aber die Vorinstanz: UD)

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Prüfungsvorschlag für das fahrlässige Begehungsdelikt


I. Tatbestand
 Verursachung des tatbestandlichen Erfolgs
 Erfolg, Handlung (u.U. Abgrenzung Tun/Unterlassen), natürliche Kausalität
 Sorgfaltspflichtverletzung
 objektiver Sorgfaltspflichtmassstab («nach den Umständen» → Sorgfaltsnorm; beachten: erlaubte
Risiken, Vertrauensgrundsatz)
 subjektiver Sorgfaltspflichtmassstab («nach den persönlichen Verhältnissen»)
 individuelle Vorhersehbarkeit des erfolgsverursachenden Kausalverlaufs (Adäquanz)
 individuelle Vermeidbarkeit der Erfolgsherbeiführung (erfüllbares pflichtgemässes
Alternativverhalten)
 Pflichtwidrigkeitszusammenhang: Hätte pflichtgemässes Verhalten den Erfolg mit an Sicherheit
grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert? (Wahrscheinlichkeitstheorie; abw. Risikoerhöhungslehre)
 Schutzzweckzusammenhang: Liegt der Erfolg im Schutzbereich der verletzten Sorgfaltsnorm?
 ggfs. sonstige Kriterien der objektiven Zurechnung, z.B. Handeln des Opfers auf eigene Gefahr
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Prüfungsvorschlag für das fahrlässige Begehungsdelikt

II. Rechtswidrigkeit
 subjektive Rechtfertigungselemente sind nicht erforderlich
IV. Schuld

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Fallbeispiel: Tödlicher Unfall im Strassenverkehr

Autofahrer A fährt innerhalb einer geschlossenen Ortschaft 60


km/h. Als das Kind K zwischen zwei parkenden Wagen
hindurch auf die Fahrbahn läuft, kann A wegen seiner hohen
Geschwindigkeit nicht mehr rechtzeitig anhalten. K wird vom
Fahrzeug des A erfasst und tödlich verletzt.

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Fallbeispiel: Tödlicher Unfall im Strassenverkehr

Art. 117 StGB: Fahrlässige Tötung I. Tatbestand


Wer fahrlässig den Tod eines Menschen  Verursachung des tatbestandlichen Erfolgs
verursacht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu
drei Jahren oder Geldstrafe bestraft.  Erfolg?

+  Handlung?
Art. 12 Abs. 3 StGB: Fahrlässig begeht  natürliche Kausalität?
ein Verbrechen oder Vergehen, wer die
conditio-sine-qua-non-Formel: kausal ist jede
Folge seines Verhaltens aus pflichtwidriger
Bedingung, die nicht hinweggedacht werden
Unvorsichtigkeit nicht bedenkt oder darauf
kann, ohne dass der Erfolg in seiner konkreten
nicht Rücksicht nimmt.
Gestalt entfiele.
Pflichtwidrig ist die Unvorsichtigkeit, wenn
der Täter die Vorsicht nicht beachtet, zu
der er nach den Umständen und nach
seinen persönlichen Verhältnissen
verpflichtet ist.
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Sorgfaltspflichtverletzung

 Sorgfaltspflichtverletzung («pflichtwidrige
Art. 12 Abs. 3 Satz 2 StGB:
Unvorsichtigkeit»)
Pflichtwidrig ist die
Unvorsichtigkeit, wenn der Täter → Bestimmung der Sorgfaltspflicht erforderlich!
die Vorsicht nicht beachtet, zu  abstrakt-generelle Sorgfaltsnorm als Ausgangspunkt
der er nach den Umständen
und nach seinen persönlichen  Anpassung des Standards an die individuellen
Verhältnissen verpflichtet ist. Kenntnisse und Fähigkeiten des jeweiligen Täters. Mit
zu berücksichtigen sind daher:
Ratio: Das Recht kann von  individuelle Vorhersehbarkeit des
niemandem mehr verlangen, als
erfolgsverursachenden Kausalverlaufs (Adäquanz),
er zu leisten in der Lage ist; es
kann vom Einzelnen aber auch  individuelle Vermeidbarkeit der Erfolgsherbeiführung
genau das fordern, was er zu (erfüllbares pflichtgemässes Alternativverhalten)
leisten in der Lage ist.

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Sorgfaltsnorm
«Wo besondere Normen ein bestimmtes Verhalten gebieten, bestimmt sich das Mass der
zu beachtenden Sorgfalt in erster Linie nach diesen Vorschriften. Dies schliesst nicht aus,
dass der Vorwurf der Fahrlässigkeit auch auf allgemeine Rechtsgrundsätze wie etwa den
allgemeinen Gefahrensatz gestützt werden kann. […].» (BGE 135 IV 64)

Aus welchen Quellen können die Anforderungen abgeleitet werden, die an den Täter zu
stellen sind?
 aus gesetzlichen und untergesetzlichen Normen (soweit vorhanden)
 aus privaten Regelwerken der einschlägigen Fachkreise (soweit vorhanden)
 aus der anerkannten tatsächlichen Übung der einschlägigen Fachkreise
 aus allgemeinen Rechtsgrundsätzen wie dem «Gefahrensatz»:
«Wer eine Gefahr schafft, ist verpflichtet, alles Zumutbare vorzukehren, um zu
verhindern, dass die Gefahr sich realisiert; andernfalls hat er die Tätigkeit ganz zu
unterlassen.» (BGE 122 IV 148)
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Fallbeispiel: Tödlicher Unfall im Strassenverkehr – Sorgfaltsnormen

Art. 32 SVG Geschwindigkeit:


1 Die Geschwindigkeit ist stets den Umständen anzupassen […]. Wo das Fahrzeug den Verkehr
stören könnte, ist langsam zu fahren und nötigenfalls anzuhalten […].
2 Der Bundesrat beschränkt die Geschwindigkeit der Motorfahrzeuge auf allen Strassen.

Art. 4a VRV Allgemeine Höchstgeschwindigkeiten; Grundregel:


1Die allgemeine Höchstgeschwindigkeit für Fahrzeuge beträgt unter günstigen Strassen-, Verkehrs-
und Sichtverhältnissen:
a. 50 km/h in Ortschaften;

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individuelle Vorhersehbarkeit des erfolgsverursachenden


Kausalverlaufs (Adäquanz)

Grundvoraussetzung für das Bestehen einer Sorgfaltspflichtverletzung […] bildet die


Vorhersehbarkeit des Erfolgs. Die zum Erfolg führenden Geschehensabläufe müssen
für den konkreten Täter mindestens in ihren wesentlichen Zügen voraussehbar sein.
[…] [Es] gilt der Massstab der Adäquanz. Danach muss das Verhalten geeignet sein,
nach dem gewöhnlichen Lauf der Dinge und den Erfahrungen des Lebens einen Erfolg
wie den eingetretenen herbeizuführen oder mindestens zu begünstigen.»
BGE 135 IV 64

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individuelle Vorhersehbarkeit des erfolgsverursachenden


Kausalverlaufs (Adäquanz)

 individuelle Vorhersehbarkeit: bezogen auf den konkreten Täter zu beurteilen,


gegebenenfalls unter Einbezug seines Spezialwissens
 Vorhersehbarkeit: entscheidend ist, was für den Täter vorhersehBAR war (normative
Frage), hingegen ist nicht erforderlich, dass er den erfolgsverursachenden Kausalverlauf
tatsächlich vorhergesehen hat (auch unbewusste Fahrlässigkeit ist strafbar!)
 bei individuellem Unvermögen im Tatzeitpunkt: ist eine Verlagerung des Vorwurfs auf ein
zeitlich vorgelagertes Übernahmeverschulden in Betracht zu ziehen (dazu später)

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individuelle Vermeidbarkeit der Erfolgsherbeiführung

Grundgedanke: Das Recht kann von niemandem Unmögliches verlangen → der


Täter soll (nur) für diejenige Sorgfalt haften, die er nach seinen tatsächlichen
Kenntnissen und Fähigkeiten hätte aufwenden können
→ Anpassung des objektiven Sorgfaltspflichtmassstabs:
 individuelles Sonderwissen und besondere Fähigkeiten des Täters werden
sorgfaltspflichterhöhend berücksichtigt
 individuelles Minderwissen und unterdurchschnittliche Fähigkeiten des Täters
werden sorgfaltsmindernd berücksichtigt

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Übernahmeverschulden

In Fällen der Sorgfaltsminderung (Überforderung im Tatzeitpunkt) ist allerdings zu


beachten:
 Fahrlässigkeitsvorwurf kann dann vielfach auf ein zeitlich vorgelagertes
Übernahmeverschulden verlagert werden
 Übernahmeverschulden: wenn ein Täter eine Tätigkeit oder Verantwortung übernimmt,
der er – für ihn erkennbar – nicht gewachsen sein konnte
 individuelles Unvermögen entlastet daher im Ergebnis NICHT, wenn der Täter seine
Überforderung erkannt hat oder sie hätte erkennen können. Denn es gilt die Regel: Wer
etwas nicht weiss, muss sich informieren. Wer etwas nicht kann, muss es lassen.

HS 2016 Strafrecht AT I, Prof. Dr. iur. Gunhild Godenzi Folie 389


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Typische Sorgfaltspflichtverletzungen

 Ausführungsverschulden
 Übernahmeverschulden
 Kontroll- und Aufsichtsverschulden
 Informationsverschulden
 Auswahl- und Instruktionsverschulden
 Organisationsverschulden

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Erlaubte Risiken und Vertrauensgrundsatz

Gibt es Verhaltensweisen, die schlechthin


(immer) erlaubt sind?

Tankwart T tankt voll, Fahrer


A fährt
weiter und kurz danach das
Kind K tot. Strafbarkeit des T
wegen fahrlässiger Tötung?

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Erlaubte Risiken und Vertrauensgrundsatz

A fährt mit einer dem Strassenzustand und der Verkehrssituation angemessenen


Geschwindigkeit von 40 km/h.
Macht es einen Unterschied, ob A erkannt hat, dass K und andere Kinder am Strassenrand
spielen?

Art. 32 Abs. 1 SVG: Die Geschwindigkeit ist stets den


Umständen anzupassen […].

Art. 26 Abs. 2 SVG: Besondere Vorsicht ist geboten


gegenüber Kindern, Gebrechlichen und alten Leuten,
ebenso wenn Anzeichen dafür bestehen, dass sich ein
Strassenbenützer nicht richtig verhalten wird.

HS 2016 Strafrecht AT I, Prof. Dr. iur. Gunhild Godenzi Folie 392


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Erlaubte Risiken und Vertrauensgrundsatz

Vertrauensgrundsatz: jeder Strassenbenützer darf darauf vertrauen, dass sich die


anderen Verkehrsteilnehmer ordnungsgemäss verhalten
 wird auch ausserhalb des Strassenverkehrs angewendet im Falle des Zusammentreffens
bzw. Zusammenwirkens mehrerer Personen bei risikobehaftetem Tun (z.B. Operation in
einer Klinik)
 kein Vertrauen, sondern besondere Vorsicht:
 wenn Anzeichen für ein Fehlverhalten anderer bestehen
 gegenüber Kindern, Gebrechlichen und alten Leuten, unabhängig davon, ob
Anzeichen für ein Fehlverhalten dieser Personen vorliegen oder nicht

(vgl. BGE 115 IV 240; BGE 120 IV 252; BGE 129 IV 285)

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Pflichtwidrigkeitszusammenhang – Beispiel zu schnelles Fahren

A fährt mit 60 km/h, es kann jedoch


ausgeschlossen werden, dass er das
Überfahren des Kindes hätte verhindern
können, wenn er 40 km/h gefahren wäre.
Abwandlung:
Es kann nicht mit Sicherheit festgestellt
werden, ob A bei ordnungsgemässer
Geschwindigkeit das Überfahren des Kindes
hätte verhindern können.
?

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Pflichtwidrigkeitszusammenhang (PWZ)

 Grundgedanke: tatbestandlicher Erfolg muss auf der Nichteinhaltung der Sorgfaltspflicht


beruhen, sich also gerade als Verwirklichung der pflichtwidrig geschaffenen Gefahr
darstellen.
 Woher weiss man, ob ein Erfolg gerade auf dem pflichtwidrigen Element eines
(riskanten) Verhaltens beruht?
 Indem man das pflichtwidrige Verhalten per Gedankenspiel durch ein hypothetisches
pflichtgemässes ersetzt und fragt (gem.Wahrscheinlichkeitstheorie):
Hätte pflichtgemässes Verhalten den Erfolg mit an Sicherheit grenzender
Wahrscheinlichkeit verhindert? → wenn ja: Zurechnung des Erfolges

 abweichend die Risikoerhöhungstheorie: Erfolg ist zurechenbar, wenn feststeht, dass


das pflichtwidrige Verhalten das Risiko einer Rechtsgutsbeeinträchtigung erhöht hat

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Pflichtwidrigkeitszusammenhang – Beispiel zu schnelles Fahren

Erfolg muss gerade hierauf


beruhen: bei Nichtbeweisbarkeit
gilt in-dubio-Grundsatz!

Bremsweg bei 40 km/h

Erfolg
(z.B. Unfall)

Bremsweg bei 60 km/h

erlaubt geschaffene Gefahr unerlaubt geschaffene Gefahr


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Pflichtwidrigkeitszusammenhang – Beispiel zu schnelles Fahren

A fährt mit 60 km/h, es kann jedoch


ausgeschlossen werden, dass er Wahrscheinlich-
das Überfahren des Kindes hätte keitstheorie:
Erfolgszurechnung (-)
verhindern können, wenn er 40 Risikoerhöhungslehre:
km/h gefahren wäre. Erfolgszurechnung (-)
Abwandlung:
Es kann nicht mit Sicherheit Wahrscheinlich-
festgestellt werden, ob A bei keitstheorie:
ordnungsgemässer Geschwindigkeit
das Überfahren des Kindes hätte
? Erfolgszurechnung (-)
Risikoerhöhungs-
lehre:
verhindern können. Erfolgszurechnung (+)

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Schutzzweckzusammenhang – Beispiel zu schnelles Fahren

A fährt am Ortseingang mit überhöhter Geschwindigkeit. In der Ortsmitte, als er bereits mit
vorschriftsmässiger Geschwindigkeit fährt, springt ihm plötzlich K vor den Wagen.

 Sorgfaltspflichtverletzung: (+)
 Pflichtwidrigkeitszusammengang: (+), wäre A am Ortseingang mit vorschriftgemässer
Geschwindigkeit, also langsamer, gefahren, dann wäre er zu dem Zeitpunkt, als das Kind die
Strasse betreten hat, mit Sicherheit noch nicht an der fraglichen Stelle gewesen
 Schutzzweckzusammenhang: Liegt der Erfolg im Schutzbereich der verletzten Sorgfaltsnorm?
Also im Rahmen dessen, was durch die Einhaltung der verletzten Sorgfaltsnorm verhindert
werden soll?
→ Sollen Geschwindigkeitsregeln sicherstellen, dass sich der Fahrzeuglenker in einem bestimmten
Zeitpunkt (noch) nicht an einem bestimmten Ort (hier: in der Ortsmitte) befindet?

(vgl. DONATSCH/TAG, S. 348; BGE 94 IV 23 Fall Schafroth)


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Rechtfertigungsgründe beim Fahrlässigkeitsdelikt

Subjektives Rechtfertigungselement erforderlich?


 NEIN
 Herleitung:
 objektive Voraussetzungen einer Rechtfertigung erfüllt → tatbestandlicher Erfolgsunwert wird
kompensiert
 übrig bleibt: Handlungsunwert des fahrlässigen Verhaltens als solchem
 strukturell entspricht dies: folgenloser Fahrlässigkeit, die für sich allein in der Regel straflos ist.
 Hinweis: Rechtfertigungsgründe werden in der Lehre zum Teil im Rahmen der Sorgfaltspflicht mit
abgehandelt, dies ist aber nicht zwingend; zudem ändert sich durch den Prüfungsstandort nichts
an der Sachfrage, unter welchen Voraussetzungen Risiken, die normalerweise als unerlaubt
gelten, ausnahmsweise zulässig sein sollen.
(Vgl. DONATSCH/TAG, S. 338; STRATENWERTH, § 16 N 22 ff.)

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Das fahrlässige (unechte) Unterlassungsdelikt

Beispiele:
Die für die Sicherheit auf einer Bergstrasse verantwortlichen Personen geben im Winter
eine Passstrasse für den Verkehr frei. Auf den Berghängen liegt meterhoch Schnee. Im
Zeitpunkt der Freigabe besteht keine relevante Lawinengefahr. Infolge eines
Wetterumschwungs erhöht sich aber die Lawinengefahr, was die Verantwortlichen indes
nicht realisieren. Sie unterlassen daher die Sperrung der Strasse. Es geht eine Lawine ab,
die mehrere Fahrzeuge erfasst. Drei Insassen können nur noch tot geborgen werden.
Bei einem Unfall gerät ein Wagen in Brand. Die mitfahrende, bewusstlose Frau des
Lenkers verbrennt, weil der nicht an den mitgeführten Feuerlöscher denkt.

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Prüfungsvorschlag für das fahrlässige (unechte) Unterlassungsdelikt


I. Tatbestand
 Eintritt des tatbestandlichen Erfolgs
 «Verursachung» des Erfolgs durch ein Unterlassen
 Unterlassen einer physisch real möglichen (Abwendungs-) Handlung
 hypothetische Kausalität des Unterlassens für den Erfolg
 Garantenstellung des Täters
 Zumutbarkeit der erwarteten Handlung
 Sorgfaltspflichtwidrige Unterlassung der erwarteten Handlung
 objektiver Sorgfaltspflichtmassstab («nach den Umständen» → Sorgfaltsnorm; beachten:
erlaubte Risiken, Vertrauensgrundsatz)
 subjektiver Sorgfaltspflichtmassstab («nach den persönlichen Verhältnissen»)
 individuelle Vorhersehbarkeit des erfolgsverursachenden Kausalverlaufs (Adäquanz)
 individuelle Vermeidbarkeit der Erfolgsherbeiführung (erfüllbares pflichtgemässes
Alternativverhalten)
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Prüfungsvorschlag für das fahrlässige (unechte) Unterlassungsdelikt

 Pflichtwidrigkeitszusammenhang: Hätte pflichtgemässes Verhalten den Erfolg mit an Sicherheit


grenzender Wahrscheinlichkeit verhindert? (Wahrscheinlichkeitstheorie; abw. Risikoerhöhungstheorie)
 Schutzzweckzusammenhang: Liegt der Erfolg im Schutzbereich der verletzten Sorgfaltsnorm?
 ggfs. sonstige Kriterien der objektiven Zurechnung
 u.U. Gleichwertigkeit des pflichtwidrigen Unterlassens gegenüber dem aktiven pflichtwidrigen Tun
II. Rechtswidrigkeit
III. Schuld

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